<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>thriller</genre><genre>prose_history</genre><author><first-name>Martina</first-name><last-name>Andre</last-name></author><book-title>Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.</book-title><annotation><p><style name="font7">Sommer 2008. Hundert Jahre sind vergangen, seit in Sibirien eine verheerende Explosion stattgefunden hat. Viktoria Vandenberg versucht mit zwei anderen deutschen Forschern dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Hat es sich um den Einschlag eines Meteoriten gehandelt? Leo, ein junger Hirte, erz�hlt Viktoria von seiner neunzigj�hrigen Gro�mutter, deren Vater zu den ersten Wissenschaftlern vor Ort geh�rte. Die Alte beschw�rt Viktoria, ihre Nachforschungen einzustellen: Geister, b�se Schamanen seien am Werk. Als s�mtliche Stromgeneratoren ausfallen, scheinen die Prophezeiungen in Erf�llung zu gehen, erst recht als eine Serie von geheimnisvollen Todesf�llen �ber die Forschergruppe hereinbricht. Doch Viktoria gibt nicht auf. Sie begreift, dass Leo den Schl�ssel zu einer Wahrheit besitzt, die weitaus unglaublicher erscheint als ein Meteoriteneinschlag.</style></p><empty-line/></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><nickname>lange97</nickname></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2010-11-13">13 November 2010</date><id>94DA09F7-763C-4C17-87BA-AEE518F0C8A6</id><version>1.0</version><history><p>1.0 � &#x441;&#x43E;&#x437;&#x434;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x435; &#x444;&#x430;&#x439;&#x43B;&#x430;</p></history></document-info></description><body><section><empty-line/><image l:href="#1"/></section><section><title><p><style name="font9">Prolog</style></p></title><epigraph><p>�Einen ungl�ubigen Menschen von einem Wunder zu �berzeugen, ist immer eine schwierige Sache. Es geh�rt zu seiner Natur, dass er es selbst erlebt haben muss, bevor er es glauben kann.�</p><p>(Aslan Kondrashov, Physiker 1905)</p><empty-line/></epigraph><p><style name="font7">Am fr�hen Morgen des 30. Juni 1908 strich ein laues L�ftchen um meine Nase. Es roch nach Sommer und Frieden, und nichts deutete auf jene Katastrophe hin, die uns schon bald darauf heimsuchen sollte.</style></p><p><style name="font7">F�r einen Moment lie�en mich die warmen Strahlen der aufgehenden Sonne vergessen, dass ich nicht in Sankt Petersburg, sondern inmitten der sibirischen Taiga sa�. Bereits fr�h um f�nf kletterte ich auf den gut zwanzig Meter hohen Antennenmast, um die Sicht und die Wetterverh�ltnisse zu pr�fen. Der Himmel zeigte sich in reinstem Blau, und der Funkkontakt zum Luftschiff und zu meinen Kameraden in der Basisstation am Fu�e des Turms verlief entsprechend einwandfrei. Aslan, der unsere Mission zusammen mit Pjotr �berwachte, hatte mir mehrfach best�tigt, dass unser Experiment keinerlei Kurskorrektur bedurfte, um die Versuchsstrecke von sechshundert Werst in einem Rutsch zu bew�ltigen. Also stimmten meine Berechnungen, und dem zeitgerechten Empfang des silbernen Boliden w�rde nichts mehr entgegenstehen.</style></p><p><style name="font7">Das Szenario, das folgen sollte, war bis ins kleinste Detail geplant.</style></p><p><style name="font7">Vor der Detonation blieb f�r alle Beteiligten genug Zeit, um den Schutzraum auf dem Aussichtsh�gel aufzusuchen. Ich sollte den weiteren Ablauf des Experiments unterhalb davon im Bunker koordinieren.</style></p><p><style name="font7">Suchend blickte ich in die Ferne und stellte mir die Ankunft des gefl�gelten Feuerpferdes vor - wie Maganhir, der Schamane, unsere </style><style name="font7">waghalsige Konstruktion getauft hatte. Es sei ein Symbol der Kraft und werde den Schutz der Geister beschw�ren, verk�ndete er uns mit sonorer Stimme. Welche Geister das waren, verriet er uns nicht, und dass wir nicht danach fragten, sollte sich schon bald als nicht wiedergutzumachender Fehler erweisen .</style></p><p><emphasis>(Nachtrag aus dem Tagebuch des Leonard Schenkendorff, Mai 1909)</emphasis></p><empty-line/></section><section><title><p><style name="font7">1.</style></p><p><style name="font7">22. Januar 1905, Sankt Petersburg - Blutsonntag</style></p></title><p><style name="font7">Ein rhythmisches Kratzen weckte Leonard Schenkendorff unsanft aus einem traumlosen Schlaf. Blinzelnd kam er zu sich. Der Blick zum vergitterten Fenster schmerzte in seinen Augen, trotz der Eisblumen auf der Scheibe, die das fahle Winterlicht d�mpften. Jakov Eisenstein, ein alter Jude, dem das Haus geh�rte, in dessen winziger Kellerwohnung Leonard nicht nur wohnte, sondern auch experimentierte, befreite den Eingang wie beinahe jeden Morgen mit einem Reisigbesen vom frisch gefallenen Schnee.</style></p><p><style name="font7">Die Spiralfedern des Sofas �chzten, als Leonard sich streckte, und dabei dr�hnte sein Sch�del so arg, als ob er soeben einen Zusammensto� mit einer dreisp�nnigen Troika �berstanden h�tte. Schnaubend sog er die kalte Zimmerluft ein. Es stank nach abgestandenem Rauch und nach einer ganzen Wagenladung Wodka. Ein Betrunkener hatte ihm in der Nacht zuvor auf dem Nachhauseweg von einem der finstersten Viertel Sankt Petersburgs eine halbe Flasche des traditionellen Ges�ffs �ber seinen guten Wollmantel gekippt.</style></p><p><style name="font7">Jekatherina Alexejewa Davydova hatte keine Ruhe gegeben und ihn am Abend gegen seinen Willen in das Hinterzimmer einer schummerigen Hafenkneipe geschleppt - unten an der kleinen Newa und damit viel zu weit weg von Bohrmann und Conradi, den vornehmen Cafes am Newskji-Prospekt, wo man nur franz�sisch sprach und die meist adligen Studienkollegen seiner Verbindung mit den feinen Damen der Petersburger Gesellschaft bei einer Tasse Schokolade flirteten.</style></p><p><style name="font7">Katja, wie er seine grazile, aber zugleich dickk�pfige Freundin liebevoll nannte, z�hlte nicht zu dieser Sorte von Frauen. Sie stammte aus einfachen Verh�ltnissen; ihre Familie beherbergte mit einer ganzen Schar von politisch aufgeheizten Verwandten ein regelrechtes Rebellennest. Leonard sah es nur als eine Frage der Zeit, bis man den ersten ihrer zahlreichen Br�der an die Wand stellen w�rde.</style></p><p><style name="font7">Die Zeiten waren gef�hrlich; am Tag zuvor hatte eine Protestkund-gebung der aufst�ndischen Arbeiter die andere gejagt. Bis in die sp�ten Abendstunden hinein hatte die Umgebung von Sankt Petersburg regelrecht unter dem Ansturm marodierender Demonstranten gekocht. Polizisten und Kosaken streiften unabl�ssig durch die Viertel, und obwohl soweit alles ohne gr��ere Vorkommnisse zu verlaufen schien, war es hier und da zu Zusammenst��en und Verhaftungen gekommen. Es hie�, wegen des andauernden Generalstreiks h�tten bis zu einhundertf�nfzigtausend Menschen ihre Arbeit niedergelegt. Der Russisch-Japanische Krieg, der seit 1904 w�tete, b�rdete den Arbeitern immer weitere Belastungen auf - was nicht ohne Wirkung geblieben war.</style></p><p><style name="font7">Leonard hatte als Angeh�riger einer deutschen Minderheit und angesehener Student am Polytechnischen Institut der Universit�t von Sankt Petersburg kaum etwas mit den Arbeiteraufst�nden zu tun, dennoch war er Katja in der sch�tzenden Dunkelheit zu einer heimlichen Versammlung der Bolschewiki in dieses verlauste Kellerloch gefolgt.</style></p><p><style name="font7">Ihr Aussehen trug Schuld daran, dass er allem Anschein nach seinen Verstand verloren hatte, als er ihr vor Monaten zum ersten Mal begegnet war. Bei einer der �blichen, unangek�ndigten Passkontrollen vor dem Gostinnyj Dwor, dem gr��ten Handelskontor von Sankt Petersburg, hatte sie sich vergeblich gegen�ber einem finster dreinblicken-den Polizisten auszuweisen versucht. Als feststand, dass sie ohne Papiere unterwegs war, hatte Leonard sie kurzerhand als seine Ehefrau ausgegeben, bevor der Uniformierte sie zur Personenfeststellung ins n�chstbeste Reviergef�ngnis schleppen konnte. Seitdem hatte Katja ihn als ihren Schutzengel engagiert, und das schien auch n�tig, sympathisierte sie doch mit einem Verein revolutionierender Bolschewiki, deren Anf�hrer, ihr �ltester Bruder Alexej Alexejewitsch Davydov, vor keiner Provokation zur�ckschreckte. Im Gegensatz zu seiner zierlichen Schwester war er ein Mann von grobem Wuchs, der seine mitunter gewaltt�tige Abneigung gegen das Zarenreich bei jeder sich bietenden Gelegenheit kundtat, etwas, das ihn nicht nur seine Freiheit kosten konnte. Schlie�lich weilten seine eigentlichen Vorbilder nicht ohne Grund im sicheren Schweizer Exil.</style></p><p><style name="font7">Leonards Angst, dass seiner zarten Freundin im Gemenge all jener aufbrausenden M�nner etwas zusto�en k�nne, war fortan zu gro�, als dass er sie allein umherlaufen lie�. Zumal ihr stets betrunkener Bruder und seine nicht weniger fragw�rdigen Kumpane keinen guten Einfluss auf sie aus�bten.</style></p><p><style name="font7">Kaum jemand aus Leonards Kollegenkreis wusste von dieser Liaison, geschweige denn seine Eltern in K�nigsberg, die ihm nach wie vor nicht nur das Studium, sondern auch den Lebensunterhalt finanzierten und ihn selbstverst�ndlich auf dem Pfad der Tugend w�hnten.</style></p><p><style name="font7">Ein leiser Seufzer und eine zarte Regung unter der verschlissenen Daunendecke riefen ihm ins Bewusstsein, dass ihm das Bett an diesem Morgen nicht allein geh�rte.</style></p><p><style name="font7">Langsam wie eine Schlange bahnte sich Katjas kleine, geschickte Hand einen Weg zu seinem besten St�ck und erweckte den in sich zur�ckgezogenen Geist zu neuem Leben. Ein helles Kichern folgte, und das bl�hende, mit Sommersprossen �bers�te Gesicht einer kaum zwanzigj�hrigen Sch�nheit mit gro�en dunklen Augen und langem, tizianrotem Haar streckte sich ihm fordernd aus einem Wust von Kissen entgegen.</style></p><p><style name="font7">�K�ss mich, Leonard Michailowitsch Schenkendorff!� Ihr rosiger Mund wirkte unschuldig, w�hrend sie gleichzeitig sein anschwellendes Glied wie einen kampfbereiten Kosakens�bel umfasste. �Mir ist kalt, w�rme mich�, bettelte sie mit ihrer weichen einschmeichelnden Stimme. Dabei schmiegte sie sich nackt, wie sie war, so fest an seinen harten K�rper, dass ihm der Atem wegblieb. F�r einen Moment zog er sie mit einem Arm zu sich heran und liebkoste mit der anderen Hand ihre festen Br�ste, die ihn in Gr��e und Form an reife Zitronen erinnerten. Gen�sslich neigte er seinen Kopf zu ihnen hinab und saugte an den aufragenden Spitzen. Bereitwillig spreizte sie ihre Schenkel und gab ihm damit zu verstehen, dass sie l�ngst noch nicht genug von ihm hatte. Ein schneller Blick zur Kommode versicherte ihm, dass die dort liegende Schachtel mit den Zigaretten halb voll, die mit den teuren franz�sischen Kondomen dagegen l�ngst aufgebraucht war. Ihre Augen waren seinem Blick gefolgt, und ohne Kommentar zog sie ihn noch n�her zu sich hin, bis sein Glied ihre Scham ber�hrte.</style></p><p><style name="font7">�Wenn du mich schw�ngerst, wirst du mich endlich heiraten�, s�uselte sie. �Dann werde ich sp�ter einmal eine Frau Doktor sein. Glaubst du, meine Mutter w�re stolz auf mich?� Seine Antwort wartete sie nicht ab. Ihr Mund nahm von seinem Besitz, und ihre kleine Zunge schob sich zielsicher zwischen seine Lippen. Sie k�sste ihn so lange und gen�sslich, bis sie endlich Luft holen musste. �Wenn sie w�sste, was f�r ein Schwiegersohn auf sie wartet ...�, hauchte sie, und w�hrend sie sich ihm immer weiter entgegenpresste, verga� er alle guten Vors�tze.</style></p><p><style name="font7">�Katjuscha .� Es war mehr ein verzweifeltes Fl�stern als ernsthafte Gegenwehr, als er kraftvoll und gleichzeitig willenlos in sie eindrang. Zitternd fanden sie zu einem langsamen, aber stetigen Rhythmus, und Leonards ernsthaft gefasste Absicht, vorsichtig zu sein und sich rechtzeitig vom Ort des Geschehens zur�ckzuziehen, bevor ein Ungl�ck geschah, schwand von Minute zu Minute. Trotz ihrer zierlichen Gestalt entwickelte Katja eine erstaunliche Kraft, wenn sie etwas wollte, und so hielt sie seine Lenden fest mit ihren schmalen Schenkeln umklammert, als sie sp�rte, dass er sich nicht l�nger beherrschen konnte. Laut st�hnend entlud er sich in ihr zuckendes Fleisch, w�hrend sie ihm den R�cken zerkratzte und ihn mit spitzen, schluchzenden Schreien anfeuerte.</style></p><p><style name="font7">Was ihm blieb, war neben einer tiefen Befriedigung ein schlechtes Gewissen und eine Ahnung von aufrichtiger Liebe, der ein kr�nender Abschluss durch den heiligen Bund der Ehe verwehrt bleiben w�rde, ganz gleich, was noch folgen sollte.</style></p><p><style name="font7">W�hrend Leonard schwer atmend auf dem R�cken lag, erhob sich Katja mit Leichtigkeit und schl�pfte in seinen w�rmenden Hausmantel. Mit der Eleganz einer gro�en Dame z�ndete sie sich wenig sp�ter eine Papirossa an, die sie gekonnt auf ein langes Elfenbeinmundst�ck aufsetzte. Danach befeuerte sie, die Zigarette im rechten Mundwinkel wippend, mit ein paar Handgriffen den Bollerofen mit Kohlest�cken aus einem geflochtenen Weidenkorb - so lange bis ein wohliges Feuer prasselte. Wie selbstverst�ndlich setzte sie den Suppenkessel darauf und legte zwei trockene Weizenkringel zum R�sten auf die gusseiserne Ofenplatte. Barfu� durchstreifte sie die kleine Studentenbude, die mit einem dicken, abgewetzten roten Teppich ausgelegt und vollgestopft war mit allerlei technischem Ger�t, so dass kaum Platz zum Leben blieb. Neben dem Sofa und einem alten Nussbaumschrank mit zwei T�ren nahm ein langer Tisch, der mitten im Zimmer stand, den meisten Platz in Anspruch. Auf dessen gro�z�giger Arbeitsfl�che hielten sich unter einem sch�tzenden Leinentuch allerlei seltsame Dinge verborgen. Oszillatoren, Transformatoren, dazwischen Stromkreisregler - verbunden mit einer metallischen Kupferleitung, die unter dem Laken verbotenerweise nach drau�en f�hrte. Durch ein geheimes Rohr in der Wand zapfte sie der noch jungfr�ulichen elektrischen Stra�enbeleuchtung von Sankt Petersburg einen nicht unerheblichen Anteil von Strom ab.</style></p><p><style name="font7">�Nicht anfassen!�, rief Leonard beinahe panisch, als Katja sich anschickte, den Zipfel des Leinentuches an einer Ecke zu l�ften, und Teile der Konstruktionen gef�hrlich ins Wanken gerieten.</style></p><p><style name="font7">Trotzig stie� sie den Rauch zwischen ihren vollen Lippen heraus und sch�ttelte verst�ndnislos den Kopf. �Was soll das werden?�, fragte sie und l�chelte provokativ. �Alexej hat mich gefragt, ob du uns mit deinem Wissen eine Bombe bauen k�nntest. Eine, die den ganzen Zarenpalast hinwegfegt und die Peter-und-Pauls-Festung noch dazu.� Wieder lachte sie, kehlig und noch lauter, als sie Leonards erschrockene Miene registrierte.</style></p><p><style name="font7">�Sprich nicht so�, schalt er sie. �Eines Tages wird es mit deinem feinen Bruder noch ein schlimmes Ende nehmen.�</style></p><p><style name="font7">�Die Bolschewiki werden den Zaren erst lehren, was es hei�t, wenn man die N�te des Volkes ignoriert, wenn man Pasteten frisst, w�hrend die Kinder auf der Stra�e ihre Hungerb�uche vor sich herschieben.� Ihr Blick war herausfordernd. �Meine Mutter ist aus ihrer Anstellung entlassen worden und Alexej auch. Wusstest du das schon?�</style></p><p><style name="font7">Wieder zog sie hastig an ihrer Zigarette, w�hrend sie eine Hand in die Taille stemmte und provokativ eine ihrer H�ften soweit vorschob, bis ein nacktes, makelloses Bein aus dem Schlitz des Hausmantels hervorlugte. �Ich werde noch meine Haut verkaufen m�ssen, damit meine Familie satt wird.� Lasziv legte sie die Zigarette zur Seite und streifte den Mantel ab. Ohne Hemmung pr�sentierte sie Leonard ihren elfenbeinfarbenen K�rper und grinste frech, als sie sah, wie er auf ihr r�tlich gelocktes Schamhaar starrte. In der N�he des w�rmenden Ofens nahm sie sich alle Zeit der Welt, um sich anzukleiden, und legte dabei einen gekonnten Striptease hin - wenn auch umgekehrt. Zuerst die d�nnen, wollenen Str�mpfe, die sie sorgf�ltig bis zu den Oberschenkeln aufrollte, dann das Korsett, bei dessen Schn�rung sie Leonard anstandslos mit ihrer nackten, wei�en Kehrseite um Hilfe bat. Erst danach stieg sie - mit einem Blick des Bedauerns - in ihre langen Unterhosen und schl�pfte anschlie�end in ihr grobes, gebl�mtes Wollkleid.</style></p><p><style name="font7">�Das werde ich nicht zulassen�, stie� Leonard beinahe atemlos hervor, w�hrend er, halb in die Daunendecke eingeh�llt, auf dem Rand des Sofas kauerte und sie immer noch wie hypnotisiert anstarrte. Katja w�rde es kaum an williger Kundschaft mangeln, �berlegte er aufgebracht. �Notfalls lasse ich mein Abschlusssemester sausen und verlege es aufs n�chste Jahr. Mit dem gesparten Geld k�nnen wir eine Weile �berleben.�</style></p><p><style name="font7">�Hast du</style> wir<style name="font7"> gesagt?� Katja lie� die Hand, in der sie die Zigarette hielt, sinken und sah ihn ernst an. Dann dr�ckte sie den Stummel in einem herumstehenden Unterteller aus. Es roch verbrannt. Rasch nahm sie die ger�steten Baranki, bevor sie vollends verkohlten, vom Ofen und legte das runde Geb�ck mit spitzen Fingern in einen von jeweils zwei Suppentellern, die sie zuvor von einem Wandregal genommen hatte. Dann ergriff sie eine Kelle von einem Wandhaken und r�hrte solange in der Suppe herum, bis ein paar letzte, feste Brocken an die Oberfl�che wirbelten.</style></p><p><style name="font7">Vorsichtig f�llte sie die Teller mit dem dampfenden Sud und stellte sie zum Abk�hlen auf der Kommode ab. Mit einem Seufzer setzte sie sich zu Leonard auf die knarrende Bettstatt.</style></p><p><style name="font7">�Ich liebe dich�, fl�sterte sie und nahm sein b�rtiges Gesicht zwischen ihre warmen H�nde. Sie k�sste ihn z�rtlich und fuhr danach mit ihren Lippen �ber seine hellblonden, akkurat getrimmten Kinnhaare. �Ach, Leo, du bist ein echter Nemez�, s�uselte sie leise und l�chelte verkl�rt. �Deutsch bis ins Mark. Gro�, blond und blau�ugig, und wer sich in Not befindet, kann sich hundertprozentig auf dich verlassen.�</style></p><p><style name="font7">Nach dem sp�rlichen Fr�hst�ck, das aus halb verkohlten Baranki und drei Tage alter Gem�sebr�he bestand, folgte Leonard nur widerwillig Katjas Aufforderung zum Aufbruch, indem er sich ebenfalls anzog.</style></p><p><style name="font7">�Wir m�ssen los�, dr�ngte sie. �Alexej wartet auf mich.�</style></p><p><style name="font7">�Wir sollten hierbleiben und uns im Bett verkriechen, anstatt in diesen Wahnsinn hinauszuziehen�, erwiderte Leonard mit einem bitteren Zug um den Mund, w�hrend er seine winterliche Aufmachung mit Galoschen, M�tze und Schal komplettierte. Z�gernd griff er nach sei-nem stinkenden Mantel. Auch schon egal, dachte er. Dort, wo sie hinwollten, war Alkoholgestank das geringste �bel.</style></p><p><style name="font7">Dann hielt er einen Moment inne, w�hrend er in Katjas erwartungsfrohes Gesicht blickte. Ihr weiches, langes Haar hatte sie zu einem Knoten aufgesteckt, und dar�ber trug sie einen modischen, schwarzen Wollhut, der wie eine l�ngliche Pilzkappe ihr zartes Gesicht umrahmte. Ein L�cheln huschte �ber Leonards Lippen. Seine Augen glitten �ber ihre groben Handschuhe und den abgetragenen Pelzmantel. Zu gerne h�tte er ihr einen neuen spendiert, doch daf�r fehlte ihm leider das Geld.</style></p><p><style name="font7">�Beinahe h�tte ich es vergessen�, sagte er und drehte sich zu seinem Kleiderschrank um. Als er sich ihr erneut zuwandte, hielt er ihr ein braunes, knisterndes Paket entgegen.</style></p><p><style name="font7">�F�r mich?� Erstaunen lag in ihren braunen Augen. �Ich habe doch erst im M�rz Geburtstag.�</style></p><p><style name="font7">�Ich wei�, solange wollte ich aber nicht warten. Bis dahin k�nnte es zu sp�t sein.�</style></p><p><style name="font7">�Wie meinst du das?� Mit einem verunsicherten Blick �ffnete sie das Paket so vorsichtig, als bef�nde sich ein gef�hrliches Tier darin. In einer Hinsicht behielt sie Recht. Es war ein Tier - doch es konnte sich nicht mehr regen.</style></p><p><style name="font7">�Ein Handw�rmer aus schneewei�em Polarfuchs!� Z�rtlich strich Katja �ber den kostbaren Pelz. Leonard half ihr die gl�nzende, gedrehte Kordel um den Hals zu legen, an dem der Muff aufgeh�ngt nicht nur f�r warme H�nde sorgte, sondern jedem noch so alten �berkleid eine gewisse Eleganz verlieh.</style></p><p><style name="font7">�Leonard!� Atemlos fiel sie ihm um den Hals und k�sste ihn st�rmisch. Er r�usperte sich ger�hrt und entzog sich sanft ihrer Umarmung. Ohne ein Wort wandte sie sich schlie�lich zur T�r. Ihre Wangen gl�hten rosig vor Stolz, als sie die engen Stiegen in den eiskalten Flur vorausging.</style></p><p><style name="font7">Leonard folgte ihr mit einem unguten Gef�hl im Bauch. Pater Ge-orgi Gapon, die Galionsfigur des augenblicklichen Widerstandes, hatte zu einer Kundgebung vor dem Winterpalast des Zaren aufgerufen, und so wie es hie�, w�rden ihm Tausende, wenn vielleicht Hunderttausende folgen. Und Jekatherina Davydova w�rde eine von ihnen sein. Mit einem leisen Seufzer begleitete Leonard sie nach drau�en.</style></p><p><style name="font7">Vor der Haust�r empfing sie eine lausige K�lte. Die Schneedecke war dagegen f�r diese Jahreszeit erstaunlich d�nn. Ein undurchdringlicher Nebel zog von der Newa �ber die Stadt und machte es den Sonnenstrahlen unm�glich, den gefrorenen Boden aufzuweichen.</style></p><p><style name="font7">Jakov Eisenstein zog missbilligend eine seiner buschigen Brauen hoch, als er sah, dass Leonard in weiblicher Begleitung das dreist�ckige Mietshaus verlie� und sich anschickte, mit ihr die Sytninskaja Ulitsa hinunterzueilen. Mit einem Schnauben stellte er den Besen beiseite und r�ckte seinen Streimel, den obligatorischen pelzumrandeten Hut der orthodoxen Juden, zurecht, bevor er Leonards �rmel zu fassen bekam und ihn zwang, stehen zu bleiben.</style></p><p><style name="font7">�Wissen Ihre Eltern eigentlich, was Sie in Petersburg treiben?� Seine Stimme war alt und kr�chzend - aber nicht weniger schneidend. �Ich dulde es nicht, wenn man in meinem Haus Damenbesuch empf�ngt und schon gar nicht unter solch unmoralischen Umst�nden.�</style></p><p><style name="font7">Jekatherina r�mpfte ihr N�schen und ignorierte die Bemerkung des Alten geflissentlich. Leonard, an dessen Arm sie sich untergehakt hatte, war f�r einen Moment pflichtbewusst stehen geblieben. Dass ihn die �u�erungen des Alten peinlich ber�hrten, konnte man ihm m�helos ansehen.</style></p><p><style name="font7">�Ich denke, �ber dieses Thema sollten wir heute Abend, wenn ich zur�ck bin, unter vier Augen reden�, antwortete er Eisenstein leise. �Vielleicht sind Sie mit einer kleinen Mieterh�hung einverstanden?�</style></p><p><style name="font7">Der Alte lie� von ihm ab und wandte sich zeternd um. Verstehen konnte man ihn nicht. Nur an seinem bebenden wei�en Bart, der sich auf seiner Brust in zwei gespinstartige Spitzen teilte, war zu sehen, dass er kopfsch�ttelnd etwas in sich hineinmurmelte.</style></p><p><style name="font7">Es war erst Mittag; die Kundgebung sollte in den fr�hen Nachmittagsstunden auf dem weitl�ufigen Gel�nde vor dem Zarenpalast stattfinden.</style></p><p><style name="font7">Schon jetzt waren zahllose Menschen, junge und alte, auf den Beinen; Fahnen schwingend und mit Transparenten versehen; M�tter mit ihren Kindern, aber auch V�ter, in deren Gesichtern sich eine Mischung aus Furcht, Hoffnung und Verzweiflung spiegelte. Dazwischen dr�ngten sich Verk�ufer, die mit ihren beheizbaren Bauchl�den ger�stete Sonnenblumenkerne verkauften, und �ltere Frauen, die Baranki und W�rste feilboten, dazu Kwass, den traditionellen Brottrunk, den sie aus abgescheuerten Holzkannen ausschenkten.</style></p><p><style name="font7">�berall lagen Flugbl�tter auf den Stra�en, die eine Bittschrift enthielten, die Pater Gapon in Gegenwart des Zaren vorzubringen beabsichtigte: �Wir, die Arbeiter der Stadt Sankt Petersburg, unsere Frauen, Kinder und hilflosen alten Eltern, sind zu Dir, Herrscher, gekommen, um Gerechtigkeit und Schutz zu suchen. Wir sind verelendet, wir werden unterdr�ckt, �ber unsere Kraft mit Arbeit belastet, man verh�hnt uns, l�sst uns nicht als Menschen gelten. Man behandelt uns wie Sklaven. Wir duldeten all dies, aber man st��t uns immer weiter und weiter in den Pfuhl der Armut, der Rechtlosigkeit und der Unwissenheit. Despotismus und Willk�r w�rgen uns, und wir ersticken. Unsere Kr�fte versagen, Herrscher, unsere Geduld ist ersch�pft. Wir sind bei dem furchtbaren Augenblick angelangt, in dem der Tod willkommener ist als die Fortsetzung der unertr�glichen Qualen ...�</style></p><p><style name="font7">Angeblich sollte es eine friedliche Kundgebung werden, begleitet von frommen Ges�ngen und stetig dahin gemurmelten Gebeten. F�r mehr Rechte f�r die Bauern und um die Abschaffung der heimlichen Leibeigenschaft wollte man bitten. Denn offiziell erfreuten sich die Menschen in Russland einer unumst��lichen Freiheit, doch in Wahrheit waren die meisten von ihnen geknechtete Kreaturen, die jeden Tag mit ihrer H�nde Arbeit ums nackte �berleben k�mpften.</style></p><p><style name="font7">Leonard lie� sich von Katja in die entgegengesetzte Richtung mitziehen. Offenbar wusste sie, wo sie hinwollte. An hohen Mietskasernen und unz�hligen Teestuben vorbei ging es Richtung Wassiljewskij-Insel, dort, wo die alte Universit�t lag und die Stra�en keine Namen hatten, sondern in Linien unterteilt waren. An berittenen Kosaken vorbei dr�ngten sie sich �ber den Tutschkow-Most, eine verh�ltnism��ig breite Hebe-Br�cke, die �ber die kleine Newa f�hrte und die Petrograder Seite, auf der Leonard wohnte, mit der Universit�tsinsel verband.</style></p><p><style name="font7">Im Laufschritt eilten sie �ber den Malyj-Prospekt.</style></p><p><style name="font7">�Kannst du mir sagen, wo du hin willst?� Leonard f�hlte sich unbehaglich. Etwas Bedrohliches lag in der Luft. Vielleicht war es der Hauch der Revolution, vielleicht aber waren es auch die Ausd�nstungen von all den armen und heruntergekommenen Demonstranten, die sich ihnen abgemagert und zerlumpt entgegendr�ngten.</style></p><p><style name="font7">�Ich habe meinem Bruder versprochen, ihn am Friedhof hinter der Kirche der Heiligen Mutter zu treffen.�</style></p><p><style name="font7">�Sag mir, was er vorhat!� Leonard war stehen geblieben, seine H�nde gruben sich in Katjas schmale Oberarme. Er war ein ganzes St�ck gr��er als sie und beugte sich weit genug hinunter, bis sich ihre Atemw�lkchen vermischten. Sein Blick war so konzentriert auf ihre dunklen Augen gerichtet, als ob er sie beschw�ren wollte.</style></p><p><style name="font7">�Lass mich los!�, giftete sie ihn w�tend an. �Du tust mir weh. Und au�erdem geht es dich nicht mehr an als eine Ladung Pferdemist, was Alexej mit mir ausmacht. Solange wir nicht verheiratet sind, geh�rst du nicht zur Familie.�</style></p><p><style name="font7">Ihre Worte trafen ihn hart, und f�r einen Moment stellte sich Leonard die Frage, ob ihn diese Feststellung traurig oder zornig machte.</style></p><p><style name="font7">Mit einem Seufzer setzte er ihre Begleitung fort, als Katja in ihrem flatternden Mantel regelrecht davonstob, die kleinen F��e in den groben Stiefeln, so schnell wie der Kleine Muck in Hauffs M�rchen.</style></p><p><style name="font7">Doch es war keine M�rchenwelt, in die sie sich hineinbegab. Das wurde Leonard sp�testens klar, als sie ihr Ziel erreichten. Ein Mitglied der Davydov-Bande, wie Leonard Alexejs pers�nliche Schergen nannte, wartete bereits auf sie, genauer gesagt, auf Katja.</style></p><p><style name="font7">�Hast du die Pl�ne bei dir?�, fragte er.</style></p><p><style name="font7">Katja nickte kaum merklich und zog ein zerknittertes St�ck Papier aus ihrer Manteltasche. Leonard schnappte nach Luft, als er sah, dass es sich um eine ziemlich genaue Beschreibung der einzigen hier befindlichen Waffenwerkstatt handelte. Die Firma Schaff war ein deutsches Traditionsunternehmen, das unter deutscher Leitung nicht nur exzellente Lang- und Faustfeuerwaffen herstellte, sondern sie auch wartete und reparierte. Verteilt auf mehrere Geb�ude und Etagen gab es Lagerund Produktionshallen, alle umgeben von einer steinernen Mauer.</style></p><p><style name="font7">Eine kahle Platanenallee s�umte den Weg vom Friedhof zur Fabrik, und im Schutz der riesigen B�ume entschwand der Mittelsmann mit dem hastig �bergebenen Papier. Raben flogen kr�chzend auf und lie�en sich schutzsuchend in einem weiter entfernten Baum nieder.</style></p><p><style name="font7">�Sag nur, sie wollen in die Fabrik?� Leonard sp�rte, wie der Boden unter ihm wankte. War Katjas Bruder tats�chlich so verr�ckt, ein Waffenlager zu �berfallen? Und wenn ja, warum? Angst wallte in ihm auf.</style></p><p><style name="font7">Wenn Davydov und seine Anh�nger zu Gewehren und Pistolen griffen, w�rde es eine Katastrophe geben. Leonard ahnte, dass die Dritte Abteilung, der ber�chtigte Geheimdienst des Zaren und seine berittenen Kosaken bereits darauf warteten, dass auch nur einer von den Demonstranten die Nerven verlor. In den Gesichtern all jener bis an die Z�hne bewaffneten M�nner hatte er die Nervosit�t erkennen k�nnen, die ihnen innewohnte und die einen braven Familienvater ohne Probleme in einen b�sartigen D�mon verwandeln konnte.</style></p><p><style name="font7">Im Nu w�rde es ein Blutbad geben. Dass sich in der Menge viele Kinder und alte Menschen befanden, hatte Leonard auf dem Weg hierher ausmachen k�nnen.</style></p><p><style name="font7">�Wir m�ssen zu deinem Bruder�, herrschte er Katja an und zog sie mit sich. �Ich werde ihm die Sache ausreden.�</style></p><p><style name="font7">�Er wird sich von dir nichts sagen lassen�, keuchte sie atemlos, w�hrend sie die Stra�e entlang hasteten.</style></p><p><style name="font7">�Wenn er tut, was ich vermute, wird er sterben! Und nicht nur er!� Leonards Stimme dr�ckte seine ganze Verzweiflung aus. Nur noch ein paar Meter, und sie erreichten das h�lzerne Tor, welches in den Innenhof der Fabrik f�hrte. Leonard schrak j�h zur�ck. Der zust�ndige Wachmann, ein schm�chtiger alter Kerl in einer verblichenen Uniform, der normalerweise den Eingang sicherte, lag tot oder besinnungslos in seinem H�uschen. Holz splitterte, und von weitem konnte Leonard erkennen, dass ein ganzer Trupp M�nner mit einer Eisenbahnschwelle als Ramme das h�lzerne Eingangstor zum Hauptlager eroberte.</style></p><p><style name="font7">�Alexej!�, br�llte Leonard so laut, dass ihm beinahe die Stimme versagte. Er lie� Katja stehen und rannte auf die M�nner zu.</style></p><p><style name="font7">�Nicht! Leo! Bleib stehen!�, gellte es hinter ihm her, als er durch die hufeisenf�rmig angelegten Hallen wie durch einen Kessel lief.</style></p><p><style name="font7">Alexejs Leute, mindestens f�nfzig Mann, k�mmerten sich nicht um den br�llenden Deutschen und schon gar nicht um dessen Begleiterin. Zielstrebig, wie sie losst�rmten, wussten sie genau, was sie wollten. Und so tauchten sie nur Minuten sp�ter aus dem zerst�rten Eingang wieder auf - einer nach dem anderen, mit Gewehren und Pistolen in ihren schwieligen Arbeiterh�nden. Die M�tzen allesamt tief in die entschlossenen Gesichter gezogen, sahen sie aus wie Soldaten auf einem siegreichen Feldzug. Doch das gegnerische Heer lie� nicht lange auf sich warten. Berittene Polizisten, den Aufst�ndischen an Zahl mindestens ebenb�rtig, umkreisten die Waffenfabrik. Schneller als Leo sich orientieren konnte, er�ffneten sie das Feuer. Sein einziger Gedanke galt Katja. Wie angewurzelt stand sie v�llig frei in der Einfahrt des Hofes.</style></p><p><style name="font7">�Runter!�, schrie Leonard, doch seine Stimme war zu heiser, um noch eine Wirkung zu entfalten, und so blieben ihm nur seine vom vielen Laufen durchtrainierten Beine, um Katja rechtzeitig zu erreichen, bevor sie eine Kugel traf. Es zischte und krachte. Trommelfeuer ratterte �ber die leer gefegten Pl�tze.</style></p><p><style name="font7">Davydovs M�nner bewegten sich wie fl�chtende Ratten um Mauern und Ecken, w�hrend sie aus der Deckung heraus das Feuer der Polizisten erwiderten.</style></p><p><style name="font7">Leonards Herz klopfte zum Zerbersten, als er Katja endlich erreichte und sie zu Boden warf. Halb unter ihm begraben, lag sie wie hypnotisiert, unf�hig sich zu bewegen.</style></p><p><style name="font7">�Komm! Wir m�ssen hier verschwinden�, zischte er und packte sie an der Kapuze ihres Mantels. Auf Knien rutschten sie zum nahe gelegenen Wachh�uschen, w�hrend ihnen die Geschosse nur so um die Ohren pfiffen. Erst im Schutz der H�tte kamen sie wieder zu Atem. Der W�chter war tats�chlich tot. Er stierte sie aus leeren Augen an. Seine Jacke war auf H�he der Brust blutdurchtr�nkt.</style></p><p><style name="font7">Katja schluchzte auf und barg ihren Kopf an Leonards Schulter.</style></p><p><style name="font7">Unentwegt hallten Sch�sse von den Mauern wider. Energische M�nnerstimmen br�llten Befehle, dazu das Wiehern der Pferde, deren Hufe in dumpfem Galopp �ber die verschneiten Stra�en donnerten. Im Nu schien das ganze Geb�ude umstellt zu sein.</style></p><p><style name="font7">�Verdammt!�, stie� er hervor. �Wir m�ssen hier raus!�</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich huschte ein Schatten zur T�r hinein. Es war Alexej Davydov. In seiner Hand lag ein schwerer Trommelrevolver und in der anderen ein Schnellfeuergewehr.</style></p><p><style name="font7">�Los, los�, keuchte er. �Ich zeige euch einen Fluchtweg. Folgt mir!�</style></p><p><style name="font7">Leonard war f�r einen Moment unsicher. Nichts rechtfertigte ein noch so geringes Ma� an Vertrauen in diesen Taugenichts. Und doch blieb ihnen kaum etwas anderes �brig, um einen Ausweg aus diesem Chaos zu finden. Hinter einer dichten Hecke folgten sie Alexej in ge-ducktem Laufschritt in Richtung Nebereznaya Ulitsa, um unbeschadet zum Friedhof zu gelangen. Vielleicht konnten sie sich dort in der Kirche verstecken, hinter dem Altar oder darunter, ganz gleich wo. Hauptsache, sie waren in Sicherheit. Doch als sie die Stra�e �berqueren wollten, stellte sich ihnen ein �lterer, f�lliger Polizist in den Weg. Sekundenlang starrten sich Davydov und der alte Mann in die Augen, dann erhob der Polizist seine Waffe, um auf Katjas Bruder zu schie�en. Ein Schuss krachte. St�hnend brach der Uniformierte zusammen. Ein Bauchschuss hatte ihn niedergestreckt. Doch es war nicht Alexej, der geschossen hatte.</style></p><p><style name="font7">Katja hielt, wei� wie eine Wand, eine Pistole in H�nden, wo auch immer sie diese hergeholt hatte. F�r einen Moment stiegen kleine Rauchw�lkchen aus der M�ndung.</style></p><p><style name="font7">Im Nu waren Berittene im Anmarsch. Leonard dachte nicht nach und achtete auch nicht mehr auf Alexej, der sich ohnehin aus dem Staub gemacht hatte. Er zog das M�dchen von den F��en und rannte mit ihr davon. Quer �ber den Friedhof, zwischen mannshohen Marmorengeln und uralten B�umen konnten sie einen Vorsprung herauslaufen, doch ihre Verfolger blieben ihnen dicht auf den Fersen.</style></p><p><style name="font7">Sie liefen um ihr Leben. Die Kamskaya Ulitsa entlang, dann zwischen H�userreihen, im Schutz von Ladeneing�ngen und deren Vorbauten erk�mpften sie sich Meter um Meter. Kein Denken mehr daran, sich in irgendeiner Kirche zu verschanzen.</style></p><p><style name="font7">Einen Moment hielt Leonard inne. Das hechelnde M�dchen im Arm suchte er fieberhaft nach einem Ausweg, w�hrend er hinter einem Bretterverschlag hervorlugte. Nach Hause wollte er. Sie mussten es schaffen, unbemerkt zu seiner Wohnung zu gelangen. Im Keller des alten Eisenstein w�rde sie niemand vermuten - zumindest vorerst nicht.</style></p><p><style name="font7">Umgeben von einem Heer von Pilgern, die sich vor der Haseninsel, auf H�he der Peter- und-Paul-Kathedrale versammeln wollten, schoben sie sich zur�ck �ber den Tutschkow-Most. Beinahe erleichtert erreichten sie das gegen�berliegende Ufer.</style></p><p><style name="font7">Doch sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Kosaken bahnten sich S�bel schwingend den Weg �ber die Br�cke, und ihre unerschrockenen R�sser trampelten alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Ein Teeverk�ufer ging mit seinem Samowar zu Boden und schrie gellend auf, als ihn das �berschwappende hei�e Gebr�u verbr�hte. Frauen stie�en hysterische Schreie aus. M�nner fluchten, und Kinder begannen, lauthals zu weinen. Leonard trieb Katja abermals voran und mischte sich mit ihr unter eine Traube von fl�chtenden Menschen, die geradewegs in die falsche Richtung �ber den breiten Bol-schoi-Prospekt st�rmten. Hastig bogen er und seine v�llig ersch�pfte Begleiterin in die Wedenskaya Ulitsa ab. W�hrend die lauten Trillerpfeifen der Stra�enpolizisten in einem Echo von den H�userfassaden schrillten, erreichten Leonard und Katja mit hochroten K�pfen den Kronwerski-Prospekt. Nun waren es nur noch wenige Meter bis zu Leonards Wohnung. Er betete stumm, dass sie unerkannt im Haus verschwinden konnten. Doch auf der davor liegenden Kreuzung bot sich ihm ein abscheuliches Bild. Vier oder f�nf M�nner in heruntergekommenen M�nteln pr�gelten auf einen alten, ganz in Schwarz gekleideten Mann ein, der bereits wimmernd am Boden lag. Er hatte seinen Pelzhut verloren, und sein Gesicht war mit Blut besudelt. Der schmutzige, festgetretene Schnee unter seinem Kopf hatte sich rot gef�rbt.</style></p><p><style name="font7">�Schei�juden!�, br�llte einer der Angreifer und trat den Alten erbarmungslos in die Seite. Leonard verga� f�r einen Moment seine Flucht. Zweifellos war es Jakov Eisenstein, der sich dort schwer verletzt im Schnee kr�mmte. Um ihn hatte sich ein Kreis von Schaulustigen gebildet. Mit einer wilden Entschlossenheit durchbrach Leonard den Ring, packte den ersten Kontrahenten an dessen Jacke und riss ihn herum. Mit einem Fausthieb schlug er dem st�mmigen Mann die Nase blutig. Der Zweite, der wie die �brigen Kerle von Eisenstein abgelassen hatte, war aufgesprungen und riss Leonard am Kragen seines Mantels. Doch bevor er ihn treffen konnte, hatte Leonard erneut ausgeholt und den Mann mit einem Schwinger unter dem Kinn getroffen. R�chelnd ging der andere zu Boden. Jetzt machte es sich bezahlt, dass Leonard in seiner Studentenverbindung nicht nur den S�bel f�hrte, sondern auch regelm��ig am Faustkampf teilnahm.</style></p><p><style name="font7">Gespannt wie eine Bogensehne stand er da und wartete auf weiteren Widerstand, doch seine Gegner hatten offenbar die Lust an ihrem Opfer verloren und zogen sich fluchend zur�ck. Leonard ging auf die Knie und packte seinen kauzigen Vermieter vorsichtig bei den Schultern. Eisenstein r�hrte sich kaum noch, als Leonard dessen Kopf an-hob. Pl�tzlich sp�rte er die klebrige N�sse, die seine Lederhandschuhe durchtr�nkte. Der Sch�del des Alten war am Hinterkopf zerschmettert.</style></p><p><style name="font7">Katja kauerte neben ihm. Ihr Atem ging sto�weise, und ihre Augen waren geweitet vor Entsetzen. Geistesgegenw�rtig hatte sie sich ihres sibirischen Pelzmuffs entledigt und schob ihn dem schwer verletzten Juden unter den Kopf. Doch es n�tzte nichts mehr. Der wei�e Pelz tr�nkte sich stetig mit Blut, und hilflos mussten Leonard und Katja mit ansehen, wie unter einem letzten, heiseren Fl�stern der wasserblaue Blick des Jakov Eisenstein brach.</style></p><p><style name="font7">Mit einem Mal erhob sich eine laute, nach Atem ringende M�nnerstimme �ber ihnen.</style></p><p><style name="font7">�Waffen weg! Ihr Rebellenschweine!� Verwirrt schaute Leonard auf und sah, dass sie von Kosaken und Polizisten umstellt waren.</style></p><p><style name="font7">Die Peter-und-Paul-Festung war ein eindrucksvolles Bauwerk, breit wie mehrere H�userbl�cke, mit Mauern so dick, dass man glatt f�nf W�nde daraus h�tte errichten k�nnen. Leonard kannte dieses monumentale Geb�ude, das in seiner Gestalt einem unregelm��igen Sechseck glich, nur von au�en. Aus dessen Mitte ragte die russisch-orthodoxe Peter-und-Paul-Kathedrale hervor, deren schmaler Turm wie eine aufrecht stehende Nadel wirkte. Mit einem sieben Meter aufragenden Engel auf der Turmspitze war sie das h�chste Geb�ude von Sankt Petersburg, und bereits seit dem 18. Jahrhundert hatte man in ihrer Obhut die meisten Zaren begraben.</style></p><p><style name="font7">Eines Engels h�tte es auch bedurft, als man Leonard zusammen mit Jekatherina in einem geschlossenen Gefangenentransporter in das ber�chtigtste Gef�ngnis von ganz Russland verbrachte.</style></p><p><style name="font7">Die Trubezkoi-Bastion im S�dwesten der Festung geh�rte mit ihren 36 Einzelzellen auf zwei Etagen zu den meistgef�rchteten Einrichtungen des Zarenreiches.</style></p><p><style name="font7">Katja hatte die ganze Zeit �ber nicht aufgeh�rt zu weinen. Und nachdem man sie auf dem weitl�ufigen Innenhof von Leonard getrennt hatte, stie� sie einen markersch�tternden Schrei aus, der in mehrfachem Echo von den Mauern widerhallte. Leonard musste mit ansehen, dass sie sich wie eine Wilde geb�rdete. Ohnm�chtig verfolgte er, wie die Gef�ngnisw�rter mit unkontrollierten Schl�gen dem entw�rdigenden Schauspiel ein j�hes Ende bereiteten.</style></p><p><style name="font7">Er selbst landete - ohne die geringste Gelegenheit zur Verteidigung - im �rtlichen Untersuchungsgef�ngnis, einem finsteren, feuchten Ort, der sich weitaus schlimmer gestaltete als jeder andere Platz auf dieser abgeschlossenen Newa-Insel, die nur durch eine schmale Br�cke zu erreichen war.</style></p><p><style name="font7">Derbe H�nde stie�en ihn in das unwirtliche Loch und verfuhren mit ihm, wie es ihnen beliebte. Wie bet�ubt, an H�nden und F��en mit eisernen Ketten gefesselt, nahm er das Ger�usch einer zuschlagenden Eisent�r wahr.</style></p><p><style name="font7">Zitternd wartete er in der D�sternis zwischen kalten Steinen und schmutzigen Strohmatratzen auf sein weiteres Schicksal.</style></p><p><style name="font7">Die vergangenen Stunden erschienen ihm wie ein unwirklicher Alptraum. Er war nicht f�hig, einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn, eine Strategie zu entwickeln, wie er aus diesem Schlamassel wieder herauskommen sollte.</style></p><p><style name="font7">Man hatte die Waffe, mit der Katja den Polizisten erschossen hatte, in ihrer Manteltasche entdeckt. In all der Aufregung hatten sie vergessen, den Revolver in die Newa zu werfen. Man beschuldigte Leonard, den Juden erschlagen zu haben. Dabei h�tten Dutzende von Zeugen belegen k�nnen, dass ihn keine Schuld traf. Doch sie waren alle geflohen, nachdem pl�tzlich Polizei und Milit�r aufgetaucht waren.</style></p><p><style name="font7">Stunden vergingen, in denen unz�hlige Sch�sse die Luft zerrissen. Ahnungsvoll vernahm Leonard die Stimmen schreiender Menschen. Wie eine rasende, nicht aufzuhaltende Seuche hatte sich die Schie�erei im Waffenlager offenbar �ber die ganze Stadt verbreitet. Drau�en war es l�ngst dunkel geworden. Und so wie es aussah, war er nicht der einzige Neuzugang an diesem Tag. Das Weinen, Zetern und Fluchen wiederholte sich mehrmals, bis es schlie�lich verebbte und es wieder so still wie in einer Grabkammer war.</style></p><p><style name="font7">Sp�ter wurde irgendwann die T�r zu seinem Gef�ngnis aufgerissen, und die beiden grobschl�chtigen Gestalten, die ihn mit Kn�ppeln derb in die Rippen stie�en, damit er sich in Bewegung setzte, waren noch weitaus weniger Vertrauen erweckend als die d�stere Umgebung.</style></p><p><style name="font7">Sie trieben ihn, geduckt und viel zu schnell, in eine weitere unterirdische Zelle. Leonard wurde von der unseligen Gewissheit gepackt, dass es sich um so etwas wie eine Folterkammer handeln musste. Den Mantel hatte man ihm l�ngst genommen, als man ihn nach Waffen durchsucht hatte, und nun forderte man ihn mit knappen Worten auf, die Hosen herunterzuziehen.</style></p><p><style name="font7">Als er nicht sofort reagierte, traf ihn ein Kn�ppelschlag zwischen die Schulterbl�tter, der ihm den Atem nahm. Keuchend st�rzte er b�uchlings auf einen h�fthohen Tisch, an dessen Ende sich eine Aussparung in der Tischplatte befand, gerade so gro�, dass sein Gesicht hineinpasste. Einer der M�nner nutzte sein ungl�ubiges Erstaunen und zog ihm die zusammengeketteten H�nde nach vorn, w�hrend er seine Arme mit dicken Lederriemen an der Platte fixierte. Der Zweite machte kein langes Federlesen und riss ihm die Hosen herunter, ohne R�cksicht darauf, dass Kn�pfe absprangen. Den G�rtel hatte man ihm vorher bereits abgenommen. Zu oft kam es vor, dass sich verzweifelte H�ftlinge daran erh�ngten.</style></p><p><style name="font7">Halb nackt bis zu den Waden, lag er auf dem eiskalten Tisch. Den Hintern entbl��t, wie zuletzt vor beinahe f�nfzehn Jahren, als sein Vater ihn das letzte Mal �bers Knie gelegt hatte, um ihn mit blo�er Hand f�r einen gestohlenen Kuchen zu bestrafen. Doch diesmal ging es nicht um einen Kuchen, und es war auch keine Hand, die ihn schlug. Eine Weidenrute sauste auf ihn herab; der Schmerz war so grausam, dass Leonard das Atmen verga� und sich die Unterlippe aufbiss. Tr�nen schossen ihm in die Augen, aber viel schlimmer erschienen ihm die Scham und das Gef�hl der Unwirklichkeit, das ihn durchfuhr.</style></p><p><style name="font7">�Ich will einen Advokaten sprechen�, br�llte er wie besinnungslos. �Was ihr hier tut, widerspricht jeglichem Recht und Gesetz!�</style></p><p><style name="font7">Gr�lendes Gel�chter folgte, und der r�de Kerkergeselle dachte nicht daran, Leonards Protest zu erh�ren.</style></p><p><style name="font7">�Euch Terroristengesindel werden wir das Morden und Bomben schon austreiben�, grunzte er selbstzufrieden.</style></p><p><style name="font7">F�nf, sechs ... beim neunten Schlag hatte Leonard aufgeh�rt zu z�hlen. Vor lauter Pein sp�rte er gar nichts mehr. Die Haut �ber seinem Ges�� war aufgeplatzt, und das Blut lief ihm die H�ften hinunter.</style></p><p><style name="font7">Hin und wieder machte sein Peiniger eine Pause und stellte Leonard eine Besserung seiner Lage in Aussicht, wenn er die Namen seiner Hinterm�nner verraten w�rde.</style></p><p><style name="font7">Doch was sollte Leonard sagen? Dass Alexej Davydov hinter all ihrem Ungl�ck steckte? Dann h�tte er Jekatherina samt ihrer Familie nur noch weiter in den Abgrund gerissen.</style></p><p><style name="font7">Die T�r wurde pl�tzlich ge�ffnet; ein bulliger Kerl in den F�nfzigern trat ein. Seine prachtvolle Uniform lie� auf einen Oberst der Zarenarmee schlie�en, und seine blutunterlaufenen Augen verrieten ein Zuwenig an Schlaf und ein Zuviel an Wodka.</style></p><p><style name="font7">Er trat an den Tisch heran, seine kr�ftigen H�nde griffen in Leonards blonde Locken, wie in ein Schaffell, dessen Qualit�t er zu pr�fen gedachte. Barsch riss er dem v�llig ersch�pften Deutschen den Kopf in den Nacken und �berstreckte dessen Hals, bis der Adamsapfel unnat�rlich hervortrat. Ungewollt entwich Leonard ein angstvolles Keuchen, dabei weiteten sich seine Augen wie bei einem Stier, der zur Schlachtbank gef�hrt wird.</style></p><p><style name="font7">�Sieh an�, raunte der Offizier dunkel. �Ein deutscher Studiosus verb�ndet sich mit den Aufst�ndischen. Wer h�tte das gedacht?� Er lie� Leonards Kopf so schnell los, dass dessen Stirn auf die Tischplatte schlug. �Ich dachte immer, die Deutschen seien ein Vorbild an Moral und Ordnung? Sollte sich das vielleicht �ndern? Nicht auszudenken, wenn die Zarin davon erf�hrt. Es w�rde ihr das Herz brechen.�</style></p><p><style name="font7">�Ich will sofort einen Advokaten sprechen�, stie� Leonard noch einmal verzweifelt hervor. �Mein Vater ist ein angesehener Ingenieur in K�nigsberg. Er arbeitet f�r die AEG. Und ich bin ein unbescholtener Student am Polytechnischen Institut von Sankt Petersburg. Ich habe nichts Unrechtes getan. Ihr k�nnt mich nicht einfach festhalten und foltern. Das spricht gegen jegliches Recht!�</style></p><p><style name="font7">Die Lippen des Offiziers wurden von einem monstr�sen r�tlichen Schnauzbart verdeckt, der bereits von Silberf�den durchzogen war. Nur an seinen erheiterten Gesichtsz�gen konnte Leonard erkennen, dass er sich �ber ihn lustig machte.</style></p><p><style name="font7">�Mein lieber Junge�, begann der Offizier s�ffisant. �Du hast auf offener Stra�e einen Juden erschlagen. Und deine kleine Freundin hat einen tapferen Kameraden des Polizeiregiments auf dem Gewissen. Glaubst du ernsthaft, dass deine Herkunft oder deine Verbindungen dir unter diesen Umst�nden noch etwas n�tzen? Dein Vater wird w�nschen, dich niemals gezeugt zu haben, und deine Universit�t wird deinen Namen schneller aus den B�chern l�schen, als du denken kannst.�</style></p><p><style name="font7">Leonard schloss verzweifelt die Augen, und w�hrend erneut Tr�nen darin aufstiegen, biss er die Z�hne zusammen, um nicht aufzuschluchzen.</style></p><p><style name="font7">�In dieser Stadt hat es schon viel zu lange kein Todesurteil mehr gegeben�, bemerkte der Oberst kalt. �Und es wird Zeit, dass sich dieser Zustand grundlegend �ndert. Ich frage mich fortw�hrend, in welchem Zustand sich unsere Justiz befindet, wenn Terroristinnen heimt�ckische Attentate auf Gener�le ver�ben d�rfen und daf�r von einer v�llig entarteten Gerichtsbarkeit freigesprochen werden. Es dauert nicht lange, dann haben wir Zust�nde wie zu Zeiten Alexander II. Fehlt nur noch, dass ihr einen Tunnel zum Palast des Zaren buddelt und Dynamit hineinsteckt. Gro�f�rst Wladimir hatte Recht. Es war eine gute Entscheidung, den Zaren aus der Stadt in Sicherheit zu bringen.�</style></p><p><style name="font7">Leonard schluckte. Also war der Zar gar nicht anwesend, und die vielen Menschen, die er auf dem Weg zur Festung am Wegesrand gesehen hatte und die offenbar von �bernerv�sen Milit�rs erschossen worden waren, hatten ganz umsonst ihr Leben gelassen.</style></p><p><style name="font7">�Der Generalgouverneur h�chstselbst wird daf�r sorgen, dass man an dir und deiner kleinen Freundin ein Exempel statuiert�, fuhr der Oberst fort. �Noch in dieser Woche wird ein Milit�rtribunal dar�ber entscheiden, was mit euch beiden zu geschehen hat. Und seid gewiss, wir werden in dieser Angelegenheit nichts dem Zufall �berlassen. Die Bev�lkerung und vor allem die Aufst�ndischen werden erst von der Sache erfahren, wenn sie erledigt ist. Wenn ihr erst tot seid, werden sie schon merken, dass man sich nicht ohne Gefahr mit dem Zaren anlegt.�</style></p><p><style name="font7">Der Morgen war kalt und neblig, und die Verhandlung war schnell und ungerecht. Als gegen zw�lf die donnernde Festungskanone den Mittag bezeugte, war das Urteil gesprochen. Tod durch Erschie�en. Begr�ndung: Terroristische Umtriebe gegen die Monarchie. Dazu heimt�ckischer Mord an einem Mitglied der Staatsgewalt und T�tung eines j�dischen Kaufmanns aus niederen Trieben.</style></p><p><style name="font7">Die Vollstreckung hatte unverz�glich zu erfolgen.</style></p><p><style name="font7">Leonards Augen f�llten sich erneut mit Tr�nen, als ihm Jekatherina auf dem langen Gang nach drau�en begegnete. Abgef�hrt in Ketten, gekleidet in einen grauen Gef�ngniskittel, bot sie ein Bild des Jammers. Man hatte ihr den Kopf geschoren, und nur noch ein r�tlicher Flaum lie� die ehemals sch�nen tizianroten Haare erahnen. Ihre schmale Gestalt erschien ihm noch bleicher als je zuvor. Ihre Wangen waren eingefallen, Kinn und Stirn schimmerten dunkel, von blauen Flecken gezeichnet. Dabei wirkte ihr Blick so leer und hoffnungslos, dass es ihm wehtat. Und wenn er genauer hinsah, spiegelte sich darin einzig das Grauen, das sie in den letzten zwei Wochen hatte erdulden m�ssen. F�r einen winzigen Moment kamen sie einander nahe genug, um dem anderen etwas sagen zu k�nnen.</style></p><p><style name="font7">�Ich liebe dich�, entfuhr es Leonard mit erstickter Stimme. �Ich werde dich heiraten, und wenn es im Himmel sein wird.�</style></p><p><style name="font7">�Ljubimyj�, fl�sterte Katja. �Das wird nicht gehen. Es ist alles meine Schuld. Ich werde daf�r in der H�lle schmoren.�</style></p><p><style name="font7">Noch bevor er ihr widersprechen konnte, zerrte man ihn nach drau�en auf den Hof. An hastig aufgestellten Pf�hlen wurden sie angekettet, w�hrend ann�hernd zwanzig Soldaten bei dichtem Schneetreiben im Innenhof des Gef�ngnisgeb�udes trotz dicker M�ntel frierend auf den Schie�befehl warteten.</style></p><p><style name="font7">Leonard trug nur ein d�nnes Hemd und eine zerschlissene Anstaltshose. Doch die K�lte sp�rte er nicht mehr - erst recht nicht, als man ihm eine Augenbinde anlegte. Bis zuletzt hatte er Jekatherina angesehen. Dabei war ihm bewusst geworden, wie kostbar jeder einzelne Augenblick ihres Zusammenseins gewesen war. Nicht einmal an seine Mutter dachte er. Nur an dieses M�dchen.</style></p><p><style name="font7">�Achtung! Gewehr anlegen!�, br�llte eine befehlsgewohnte Stimme �ber den Hof. Das Knallen der Stiefelsohlen und das typische Durchladen der Karabiner hallten von den Mauern wider.</style></p><p><style name="font7">Leonards Gedanken �berschlugen sich. Er sprach ein letztes, hastiges Gebet, obwohl er als Protestant in diesen Dingen nie besonders beflissen gewesen war.</style></p><p><style name="font7">Nichts geschah. Banges Warten. Vielleicht war er schon tot, und merkte es nicht?</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich h�rte er Schritte. Jemand nahm ihm die Augenbinde ab.</style></p><p><style name="font7">Sein erster Gedanke galt Katja. Zusammengesunken hing sie am Pfahl, die Schultern schneebedeckt.</style></p><p><style name="font7">War sie tot? Doch er hatte keinen einzigen Schuss vernommen.</style></p><p><style name="font7">Ein gro� gewachsener Mann stand vor ihm, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Er trug keine Uniform, sondern einen gepflegten, dunkelblauen Wollmantel, der seine breiten Schultern mit einer Passe betonte. Sein Haar und sein Schnurbart waren so schwarz wie seine B�renfellm�tze, und sein strenges Gesicht erschien nicht �lter als vierzig.</style></p><p><style name="font7">�Leonard Michailowitsch Schenkendorff?�</style></p><p><style name="font7">�Ja�, antwortete Leonard zaghaft.</style></p><p><style name="font7">�Geheimrat Nikolaj Michajloff, Dritte Abteilung�, antwortete der Mann in akzentfreiem Deutsch. �Sie haben die Wahl. Wenn Sie mit uns zusammenarbeiten, wandeln wir das Todesurteil in eine Deportation in die sibirische Taiga um.�</style></p><p><style name="font7">Leonard glaubte, sich verh�rt zu haben. Sein Blick wanderte abermals zu Katja, der man ebenfalls die Augenbinde abgenommen hatte und die seinen Blick auffing, als ob er aus einer anderen Welt stammte.</style></p><p><style name="font7">�Das gilt auch f�r das M�dchen�, antwortete Michajloff schneidig.</style></p><p><style name="font7">�Es liegt also an Ihnen, ob sie leben wird!�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">2.</style></p><p><style name="font7">Juni 2008, Berlin/Tunguska (Sibirien) - Aufbruch</style></p></title><p><style name="font7">Das Telefon dudelte unbarmherzig die �Internationale�. Viktoria Van-derberg war beinahe dankbar, dass sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen wurde. Einen Moment lang hatte sie das Gef�hl gehabt, ertrunken zu sein. Hustend schnappte sie nach Luft und schluckte noch einmal, bevor sie im sp�rlichen Licht des Displays die Taste ihres Mobiltelefons bediente.</style></p><p><style name="font7">�Hallo?� Ihre Stimme klang heiser.</style></p><p><style name="font7">�Na, meine S��e, freust du dich schon?�</style></p><p><style name="font7">M�hsam richtete Viktoria sich auf. Mit einer fahrigen Handbewegung strich sie sich eine Haarstr�hne aus dem Gesicht und schaltete die Nachttischbeleuchtung an.</style></p><p><style name="font7">�Sven? Sag blo�, ich habe verschlafen?� Ein rascher Blick auf den Funkwecker versicherte ihr, dass die angegebene Zeit auf ihrem Handy stimmte. �Was willst du von mir?�, zischte sie w�tend. �Es ist erst halb zwei. Mir bleiben noch vier Stunden, bevor es losgeht!�</style></p><p><style name="font7">�Wunderbar�, best�tigte die fl�sternde M�nnerstimme am anderen Ende der Leitung. �Ich kann es kaum erwarten. Wir beide acht Wochen in der sibirischen Taiga. Das ist wie eine Hochzeitsreise ohne Limit. Findest du nicht?�</style></p><p><style name="font7">�Schon vergessen? Du bist bereits verheiratet, und das nicht mit mir�, erwiderte Viktoria �rgerlich. �Und wenn du nicht sofort auflegst, werde ich deiner besseren H�lfte bei n�chster Gelegenheit reinen Wein einschenken, welchen Fehlgriff sie vor f�nfzehn Jahren getan hat!�</style></p><p><style name="font7">�Uh�, raunte der Anrufer sp�ttisch, �Frau Doktor spielt mal wieder den Moralapostel. Warte ab, wenn du zwischen Rentierherden, M�ckenschw�rmen und betrunkenen Russen der Einsamkeit verf�llst, wirst du froh sein, wenn ich an deiner Zeltwand r�ttele ...�</style></p><p><style name="font7">Er lachte leise, und Viktoria betrachtete f�r einen Moment ungl�ubig ihr Mobiltelefon, bevor sie endg�ltig auflegte.</style></p><p><style name="font7">Sie beschloss, nicht weiter �ber den Anruf nachzudenken, und l�schte das Licht, um sich die verbliebene, viel zu kurze Zeit abermals in die Kissen zu schmiegen.</style></p><p><style name="font7">Sp�testens in sieben Stunden w�rde sie sich mit dem Problemfall Sven Theisen auseinandersetzen m�ssen, und zwar f�r ganze zwei Monate. Ungl�cklicherweise hatte sich Professor Doktor Gregor Rodius, der Leiter der geophysikalischen Fakult�t der Universit�t Leipzig, nicht dazu �berreden lassen, bei der bevorstehenden Expedition nach Sibirien auf Theisen zu verzichten. Als Spezialist auf dem Gebiet der elektromagnetischen Tiefenforschung war Sven bei der Untersuchung zum Niedergang eines gewaltigen Meteoriten vor ziemlich genau einhundert Jahren im Gebiet der steinigen Tunguska von gro�em Nutzen.</style></p><p><style name="font7">Dummerweise erschien Viktoria diese Expedition f�r ihre Karriere zu wichtig, um die Teilnahme allein wegen ihrer Abneigung gegen�ber Theisen abzulehnen. Obwohl er angeblich gl�cklich verheiratet war, stellte er ihr seit Monaten nach; mehr als einmal hatte sie ihm gedroht, wegen seiner Unversch�mtheiten bei Professor Rodius vorzusprechen.</style></p><p><style name="font7">Doch Theisen hatte nur gelacht und ihr vorgehalten, sie verstehe keinen Spa�.</style></p><p><style name="font7">Bei ihrer Ankunft am Flughafen Berlin/Sch�nefeld am n�chsten Morgen sollte sie eine Ahnung davon bekommen, wie aufsehenerregend die bevorstehende Expedition tats�chlich werden w�rde. Man schrieb den 22. Juni 2008; das Wetter an diesem Sonntag zeigte sich ausnahmsweise von seiner sch�nsten Seite.</style></p><p><style name="font7">W�hrend etliche Pressefotografen vor dem Flughafengeb�ude in der glei�enden Sonne auf besondere G�ste warteten, schlich Vicky, wie ihre Freunde und Kollegen sie nannten, an ihnen vorbei, um wie verabredet gegen zehn Uhr zum Treffpunkt der deutschen Delegation zu gelangen. Einer kleinen Gruppe von drei Geophysikern, die mit einer russischen Delegation von mindestens zehn Wissenschaftlern und Studenten in der Steinigen Tunguska Sibiriens zusammentreffen sollten, um den Einschlagskrater eines bisher nicht eindeutig nachgewiesenen Meteors zu ermitteln.</style></p><p><style name="font7">Wie gew�hnlich wurde Viktoria von Professor Doktor Rodius, ihrem Mentor und Vertrauten, mit einer freundschaftlichen Umarmung begr��t. Sie mochte den �lteren, grauhaarigen Mann, den sie beim Vornamen ansprechen durfte, nicht nur wegen seines fundierten Wissens, sondern auch, weil er ihr au�erhalb des Campus als v�terlicher Freund zur Seite stand.</style></p><p><style name="font7">Der Taxifahrer trug Viktorias Gep�ck, einen Koffer und eine Reisetasche, bis zum Abflugschalter. Nachdem sie die Rechnung bezahlt und sich ausufernd bedankt hatte, verabschiedete er sich mit einer Empfehlung und entschwand zwischen den Reihen wartender Menschen. Erst danach ersp�hte sie ihren Kollegen Sven Theisen, der gro�, blond und mit schwindendem Haupthaar aus der Gruppe von Touristen wie ein Leuchtturm herausragte.</style></p><p><style name="font7">Theisen verabschiedete sich mit einem b�hnenreifen Kuss von seiner h�bschen, dunkelhaarigen Ehefrau und den drei quirligen Kindern. Gleichzeitig scannten seine blassblauen Augen Viktorias zierlichen K�rper mit einem solch unverhohlenen Verlangen, dass sie sich in ihrer knappen Jeans und der �rmellosen Bluse pl�tzlich unwohl f�hlte. Missmutig sch�ttelte sie ihre br�nette, schulterlange M�hne und setzte sich wie zum Schutz eine Sonnenbrille auf, bevor sie sich entschlossen von ihm abwandte, um drau�en vor der Abflughalle noch ein wenig frische Luft zu schnappen.</style></p><p><style name="font7">Blitzlichtgewitter brandete auf, als mehrere schwarze Limousinen vorfuhren und der Wissenschaftssenator der Stadt Berlin und der russische Botschafter beinahe gleichzeitig einem der gl�nzenden Wagen entstiegen. Sie waren gekommen, um Professor Rodius und seinem Team alles Gute f�r die bevorstehende Mission zu w�nschen.</style></p><p><style name="font7">�Dies ist eine bedeutende Expedition, die f�r die gute Zusammenarbeit zwischen der Russischen F�deration und der Bundesrepublik Deutschland steht�, betonte der Wissenschaftssenator feierlich in eines der Mikrofone, die sich ihm zahlreich entgegenstreckten. Danach ging er auf den russischen Botschafter zu, der breitschultrig und gedrungen in einem korrekten dunkelblauen Anzug in die Menge l�chelte.</style></p><p><style name="font7">Der deutsche Politiker durchbrach den Ring von vier h�nenhaften russischen Bodyguards, die alle einen Kopf gr��er waren als er selbst und ausnahmslos nachtschwarze Sonnenbrillen trugen. Dann sch�ttelte er seinem glatzk�pfigen russischen Gegen�ber pressewirksam die behaarte Pranke.</style></p><p><style name="font7">�Unseren hervorragenden Beziehungen zum russischen Pr�sidenten und dem russischen Volk haben wir es zu verdanken�, f�hrte er weiter aus, w�hrend er nicht daran dachte, die Hand des Russen loszulassen �dass man uns an der Aufl�sung eines der spannendsten R�tsel der Menschheit beteiligt und damit deutschen Wissenschaftlern das Vertrauen schenkt, das ihnen offenkundig geb�hrt.�</style></p><p><style name="font7">Vereinzelter Beifall war zu h�ren, und manche Journalisten z�ckten hastig ihre Diktierger�te, um den darauf folgenden Dank und die Ansprache des Professors aufzuzeichnen.</style></p><p><style name="font7">��ber das Ereignis von Tunguska wurde in den vergangenen einhundert Jahren viel spekuliert�, hob Rodius mit seiner vortragsge�bten Stimme an, die gut zu seiner schlanken, grauhaarigen Erscheinung passte. Die getupfte Fliege, die statt einer Krawatte seinen Hemdskragen zierte, h�pfte jedes Mal, wenn sein Adamsapfel sich w�hrend des Sprechens bewegte. �Aber ich bin sicher, dass wir mit unseren abschlie�enden Untersuchungen dem vermeintlichen Geheimnis ein gutes St�ck n�her kommen und dabei den Beweis erbringen werden, dass es weder ein Angriff der Zylonen war.� Er l�chelte beeindruckend jungenhaft und pausierte einen Moment in seiner Rede, bis alle Reporter seine witzig gemeinte Bemerkung zum Thema �Au�erirdische� grinsend zu Kenntnis genommen hatten. �Noch, dass die verr�ckte Erfindung eines kroatischen Professors dahinter steckt, der zum vermeintlichen Zeitpunkt mit nicht n�her nachweisbaren Todesstrahlen zu experimentieren pflegte. Mein Team und ich sind der festen �berzeugung, dass es uns gelingen wird, unsere russischen Freunde darin zu unterst�tzen, endlich einen seri�sen Grund f�r die Katastrophe von Tunguska zu finden.�</style></p><p><style name="font7">Eine Flut von Fragen brach �ber Professor Rodius herein, an denen man ablesen konnte, dass seine Aussage die Meute der Sensationsjournalisten nicht zufriedenstellte.</style></p><p><style name="font7">�Was macht Sie so sicher, dass es keine Au�erirdischen waren, die in Tunguska ein fehlgeleitetes Landeman�ver versucht haben und dabei abgest�rzt sind?�, hallte es durch die Abfertigungshalle.</style></p><p><style name="font7">�Wer sagt Ihnen denn, dass es nicht doch eine Art Spiegelmaterie aus einem anderen Universum sein k�nnte, die das Ungl�ck verursacht hat?�, rief ein hagerer Reporter, der alle anderen Kollegen �berragte.</style></p><p><style name="font7">Rodius hatte sich jedoch bereits zusammen mit seinen Begleitern und seinem Team in Richtung Abflugschalter in Bewegung gesetzt. Dabei wurden sie von den Bodyguards des Wissenschaftssenators und des russischen Botschafters abgeschirmt.</style></p><p><style name="font7">Der Professor hatte Viktoria Vanderberg und Sven Theisen pers�nlich mit einer letzten �berpr�fung des technischen Equipments betraut, bevor Flughafenarbeiter die wertvollen Ger�tschaften in bruchsichere Transportkisten verstauten, die sie - vom Zoll verplombt - bis nach Sibirien begleiten w�rden. Ultraschall, Magnetometer, ein komplettes Labor f�r chemische und physikalische Untersuchungen, eine tragbare Solaranlage zum Aufladen von Batterien und einiges andere galt es auf Vollst�ndigkeit zu �berpr�fen, bevor alles in den Bauch eines Airbus A 320 der deutschen Lufthansa verladen werden konnte.</style></p><p><style name="font7">W�hrend Viktoria dem f�r die Fracht verantwortlichen Team letzte Angaben machte, stand Theisen reichlich nutzlos herum und verbrachte seine Zeit damit, ihr viel zu nah auf die Pelle zu r�cken und ab und an eine s�ffisante Bemerkung loszulassen.</style></p><p><style name="font7">Mitten in der Unterhaltung mit dem zust�ndigen Frachtmanager dudelte erneut Viktorias Mobiltelefon, doch diesmal war es nicht die �Internationale�, sondern ein kindlicher S�nger, der laut und eindringlich das Wort �Mama� tr�llerte - ein untr�gliches Zeichen daf�r, dass es sich um ihre verwitwete Mutter handelte, die ihr noch ein letztes Mal alles Gute zum Abschied w�nschen wollte, ganz so, wie sie es nun schon die letzten f�nf Abende zuvor getan hatte.</style></p><p><style name="font7">�Mutter!�, zischte Viktoria leise und wandte sich demonstrativ zu einem der vielen Gep�ckwagen hin, die direkt unter den Tragfl�chen des Airbusses standen. �Ich bin drei�ig Jahre alt und keine drei. Es ist gerade ganz schlecht. Wir sind in den Vorbereitungen zum Abflug.�</style></p><p><style name="font7">�Umso besser, Kindchen. Hinterher, wenn du erst in dieser Wildnis bist, kann ich dich doch nicht mehr erreichen. Ich wollte mich nur noch mal vergewissern, ob du auch deine warmen Pullover eingepackt hast und das M�ckenschutzmittel, das dir Doktor Almuth empfohlen hat.�</style></p><p><style name="font7">�Ja, doch, Mutsch�, antwortete Viktoria ungehalten, w�hrend sie aus einem Augenwinkel heraus das unversch�mte Grinsen ihres Kollegen streifte.</style></p><p><style name="font7">Wohnst du etwa noch bei Mutti? hatte Sven sie erst vor kurzem gefragt, nachdem ihre Mutter - wie beinahe jeden Tag - um die Mittagszeit angerufen hatte, um sich nach ihrem Wohlergehen zu erkundigen und ihr die obligatorische Frage zu stellen, ob sie auch was Anst�ndiges gegessen hatte. Schlie�lich litt die �ltere Frau unter Einsamkeit, und ihre einzige Tochter war alles, was ihr geblieben war. Auch wenn es Viktoria zunehmend l�stig erschien, plagte sie das schlechte Gewissen, wenn sie die viel zu h�ufigen Anrufe ihrer Mutter ignorierte.</style></p><p><style name="font7">�Ach, Vicky, Sibirien ist so unendlich weit weg�, jammerte ihre Mutter. �Freiwillig sollte man da schon gar nicht hingehen. Dein Gro�vater wurde 1945 dorthin deportiert. Zehn Jahre in Gefangenschaft - kannst du dir so etwas vorstellen? Er w�re beinahe daran gestorben. Wusstest du das?�</style></p><p><style name="font7">�Mutter!� Viktoria war reichlich entnervt. �Das ist eine wissenschaftliche Expedition und kein Archipel GULAG. In acht Wochen bin ich zur�ck.�</style></p><p><style name="font7">�Fahren wenigstens ein paar anst�ndige M�nner mit? Ich meine, passt da jemand auf dich auf?�</style></p><p><style name="font7">Viktorias Blick fiel auf Sven Theisen, der es offenbar nicht f�r n�tig befand, die entsprechende Diskretion zu wahren und mit einem Dauergrinsen interessiert ihrem Telefonat folgte.</style></p><p><style name="font7">�Mach dir keine Sorgen�, erwiderte sie knapp. �Ich bin nicht allein. Schlie�lich begleite ich Professor Doktor Rodius.�</style></p><p><style name="font7">�Ist er verheiratet?� Die Frage klang provozierend und sollte wie immer darauf hinauslaufen, ob es vielleicht unter ihren Kollegen jemanden gab, der sie endlich zum Traualtar f�hrte.</style></p><p><style name="font7">�Der Professor ist f�nfundsechzig.� Ihre Worte klangen wie ein abschlie�endes Amen, das der peinlichen Befragung ein Ende setzen sollte.</style></p><p><style name="font7">�Vati w�re auch f�nfundsechzig geworden in diesem Mai.�</style></p><p><style name="font7">�Ja, Mama. Ich muss los. Mach's gut. Ich melde mich �ber Satellitentelefon, wenn es m�glich ist.�</style></p><p><style name="font7">Hatte sie zum Beginn des Eincheckens noch geglaubt, Sven Theisen entfliehen zu k�nnen, so stellte sich nach der Sitzplatzverteilung heraus, dass er auf dem Flug bis Moskau direkt neben ihr sa�.</style></p><p><style name="font7">W�hrend er sich in einer unversch�mten Selbstverst�ndlichkeit in den benachbarten Sitz sinken lie�, stellte sich Viktoria zum x-ten Mal die Frage, wie sie es mit einem solchen Kollegen acht Wochen in der sibirischen Ein�de aushalten sollte und ob es unter der gegebenen Situation �berhaupt m�glich war, auf eine gedeihliche Zusammenarbeit zu hoffen.</style></p><p><style name="font7">�Und was machen wir�, fragte er in zehntausend Meter H�he, w�hrend er ihr eines der beiden Sektgl�ser in die Hand dr�ckte, die er ohne R�ckfrage beim Stewart bestellt hatte, �wenn es nun doch eine fliegende Untertasse war, die f�r die Katastrophe von Tunguska verantwortlich ist und wir deren �berreste finden?� Mit einem breiten Grinsen erhob Theisen sein Glas.</style></p><p><style name="font7">Viktoria schaute ihn f�r einen Moment fassungslos an. Doch dann besann sie sich und setzte ein s�ffisantes Grinsen auf.</style></p><p><style name="font7">�Das w�re ein ausgesprochener Gl�cksfall�, bemerkte sie und erhob gleichfalls ihr Glas, w�hrend sie ihm direkt in seine erwartungsfrohen Augen sah. �Dann w�rde ich h�chstpers�nlich daf�r sorgen, dass man das Raumschiff repariert, damit man Leute wie dich ohne Probleme auf den Mond schie�en kann. Na Sdorowje!�</style></p><p><style name="font7">Von Moskau aus ging es mit einer uralten Iljushin IL-20M nach Kras-nojarsk. Nach etlichen Problemen bei der Abfertigung am dortigen Flughafen und einer wenig erholsamen Nacht in einem nicht unbedingt komfortablen Mittelklassehotel flog die dreik�pfige Gruppe am n�chsten Morgen mit mehreren gecharterten MI-26 Helikoptern nach Vanavara, einer sumpfigen Kleinstadt mitten in der Steinigen Tunguska. Im Sommer versank man dort im Morast, und im Winter gefror alles zu Eis, was nicht �ber einen respektablen Ofen verf�gte. Mit seinen 3 300 Einwohnern und einem einzigen Supermarkt, der in einer besseren Bretterbude untergebracht war, hatte der unwirtliche Ort den Namen Stadt eigentlich nicht verdient.</style></p><p><style name="font7">Noch in Krasnojarsk hatte Viktoria sich umgezogen und Jeans und Bluse gegen ein robustes Trekking-Outfit gewechselt. Nun sa� sie bereits seit Stunden eingepfercht zwischen verschiedenen Gep�ckst�cken, Nase an Nase mit ihrem ungeliebten Kollegen und f�nf russischen Studenten, die man ebenfalls an Bord genommen hatte und die noch m�de von ihrer Anreise aus Moskau vor sich hin d�mmerten. Nicht weniger ersch�pft schaute Viktoria auf und warf einen Blick aus einem der runden Fenster des Helikopters hinaus auf die unter ihr liegende Taiga. Wie ein weiter dunkelgr�ner Teppich erschienen ihr die endlosen Tannenw�lder, unterbrochen von felsigen Abgr�nden und tiefblauen Fl�ssen. Der Anblick wiegte sie in eine Art Trance, w�hrend der Regen drau�en gegen die Scheiben klatschte und der Rotor einen so ohrenbet�ubenden Krach verursachte, dass das eigene Trommelfell sp�rbar vibrierte.</style></p><p><style name="font7">Nach der Landung auf dem provisorischen Flugplatz von Vanavara sprang sie aus dem Helikopter hinaus in die feuchte Luft und versank sogleich mit ihren wasserdichten Stiefeln kn�cheltief im aufgeweichten Boden.</style></p><p><style name="font7">Trotz des sibirischen Sommers zeigte das Thermometer kaum �ber 15 Grad Celsius, und obwohl der Empfang mit einem Komitee der �rtlichen Honoratioren im frisch herausgeputzten Rathaus geradezu pomp�s wirkte, glaubte Viktoria, nie einen trostloseren Ort gesehen zu haben. Daran konnte auch der h�chst gew�hnungsbed�rftige Cocktail aus zuckers��em Birkensaft und Wodka nichts �ndern, der, mit einer aufgespie�ten kandierten Kirsche versehen, von ein paar sichtlich unge�bten jugendlichen Kellnerinnen als Begr��ungstrunk serviert wurde.</style></p><p><style name="font7">Etwa vierzig Menschen bev�lkerten den spartanisch eingerichteten Raum. Ein �lterer Russe, f�llig und mit einem grauen Bart, begr��te Professor Rodius aufs Herzlichste. Bei n�herem Hinh�ren stellte er sich als Professor Vladimir Olguth vor; er war der wissenschaftliche Leiter der Gesandtschaft der Universit�t Moskau, mit deren Mitarbeitern, bestehend aus f�nf Wissenschaftlern und f�nf Studenten, man in den n�chsten Wochen eng zusammenarbeiten wollte. Dar�ber hinaus hatten sich auch einige Journalisten und gut zwanzig geladene Honoratioren der �rtlichen Bev�lkerung eingefunden.</style></p><p><style name="font7">Die eigentliche Ansprache hielt Uljan Uljanowitsch, der B�rgermeister von Vanavara. Von einem improvisierten Podium aus zwei hellen L�rchenholztischen, die man am Ende des Raumes aufgebaut hatte, sprach er viel zu hektisch zu den anwesenden G�sten, nur unterbrochen von einem nerv�sen L�cheln, das in einem eigent�mlichen Kontrast zu seinen d�steren Brauen und seinen strengen Gesichtsz�gen stand. Vor ihm hatte man die russische, die deutsche und die blauwei�-blaue Flagge der Ewenken mit ihrer leuchtend roten Sonne aufgestellt - ausgerechnet in einer leeren Wodkaflasche. In einer kurzen Zwischenbemerkung bedauerte Uljanowitsch, der selbst russischer Abstammung war, dass der gew�hlte Stammesvertreter der hier lebenden ewenkischen Urbev�lkerung leider verhindert sei.</style></p><p><style name="font7">Theisen konnte sich gegen�ber Viktoria w�hrend des ausgiebigen Begr��ungszeremoniells nicht zur�ckhalten. Immer wieder machte er leise, abf�llige Bemerkungen �ber das Wetter, �ber die schlechte Infrastruktur und die seiner Meinung nach altmodisch aufger�schte Gattin des B�rgermeisters. Auch die verschiedenen Getr�nke, die immer wieder herumgereicht wurden, schienen nicht seinem Geschmack zu entsprechen. Nachdem er sich f�r einen Moment zur Toilette verabschiedet hatte, nutzte Viktoria die Situation klammheimlich zur Flucht in eine abgeschiedene Ecke der kleinen Empfangshalle und angelte sich im Vorbeigehen ein Glas Granatapfelsaft von einem Tablett, des einzig antialkoholische Getr�nk.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich tauchte ein rothaariger Mann neben ihr auf. Er mochte kaum �lter als f�nfundzwanzig sein und war nicht das, was man als sch�n h�tte bezeichnen k�nnen. Seine gedrungene, breitschulterige Erscheinung glich der eines zu kurz geratenen Boxers. Jedoch sein Grinsen war schelmisch. Seine eckigen Z�hne standen auf L�cke, was ihm zusammen mit den vielen Sommersprossen in seinem pausb�ckigen Gesicht ein spitzb�bisches Aussehen verlieh. Er begann sofort auf Russisch auf sie einzureden; eine Sprache, die sie recht gut beherrschte, hatte sie doch nach ihrem Abitur ein paar Semester russische Literatur studiert.</style></p><p><style name="font7">�Mein Name ist Kolja Biborow�, stellte er sich kauend vor, nachdem er eines der angebotenen Kaviarschnittchen in einem St�ck in den Mund genommen hatte. �Ich bin euer Tourist-Guide�, erkl�rte er fr�hlich und benutzte tats�chlich dieses englische Wort. Dabei wusste Viktoria nur zu gut, dass die ihnen bevorstehende Arbeit wenig mit einem touristischen Vergn�gen gemein haben w�rde.</style></p><p><style name="font7">�Viktoria Vanderberg�, gab sie zur�ck und bot ihm zum Gru� ihren ehrlich gemeinten H�ndedruck an. �Du bist also f�r die Animation verantwortlich, wenn ich das richtig verstehe�, erg�nzte sie scherzend.</style></p><p><style name="font7">�Ich hoffe, da machst du dir nicht allzu viel Hoffnung� gab er am�siert zur�ck. �Animation bedeutet in Sibirien nicht mehr als Wodka plus Wodka. Das reicht uns, um lustig zu sein. Und um es gleich zu sagen�, f�gte er schmunzelnd hinzu, �ich habe f�r heute Abend ein Begr��ungs-Event organisiert. Wir haben die Party &gt;Fireball&lt; getauft, weil sie drau�en im Camp stattfindet und uns hoffentlich mehr einheizt als dieser langweilige Meteor, von dem niemand so genau wei�, ob es ihn wirklich gab.�</style></p><p><style name="font7">Na, das kann ja heiter werden, sinnierte Viktoria, und ob Professor Rodius von dieser Entwicklung begeistert sein w�rde, blieb abzuwarten.</style></p><p><style name="font7">Mit der anf�nglichen Euphorie des Professors, die er noch am Flughafen in Berlin aufgebracht hatte, schien es ohnehin bergab zu gehen -sp�testens als ein wei�er Helikopter landete und kurz darauf ein Tumult an der Eingangst�r der kleinen Halle entstand. Aus einem Pulk von vier durchtrainierten Leibw�chtern in Business-Anz�gen trat ein Mann heraus, der absolut nicht in diese k�rgliche Umgebung passte.</style></p><p><style name="font7">�Wer, zum Teufel, ist das?�, fl�sterte Viktoria ihrem russischen Animateur ins Ohr und bekam die verhaltene Antwort, dass es sich bei dem umschw�rmten Neuank�mmling um einen der reichsten M�nner</style></p><p><style name="font7">Russlands handelte, den man besonders zuvorkommend behandeln m�sse, da er die gesamte Expedition aus seiner millionenschweren Privatschatulle sponsere.</style></p><p><style name="font7">Sergej Sergejewitsch Bashtiri - wie er sich lautstark vorstellen lie� -trug einen weich schimmernden Mantel aus kostbarem Zobel, den er trotz der vergleichsweise warmen Witterung wie einen Umhang �ber dem teuren Ma�anzug drapiert hatte. Anfang f�nfzig, schlank, das Gesicht aalglatt rasiert und sonnengebr�unt, bewegte er sich wie ein Panther auf der Jagd - allerdings schien das sorgf�ltig zurechtgelegte schwarze Haar gef�rbt zu sein. Ein paar kostbare glitzernde Ringe schm�ckten seine manik�rten Finger, und eine protzige Uhr, besetzt mit Brillanten, tat ihr �briges, um den gesellschaftlichen Rang des Mannes herauszustellen.</style></p><p><style name="font7">�Warum ist ausgerechnet</style> er<style name="font7"> an unserer Expedition interessiert?�, fragte Viktoria, w�hrend sie mit einem ungl�ubigen Blick Bashtiris weibliche Eskorte be�ugte. Drei junge Frauen - die seine T�chter h�tten sein k�nnen, es aber gewiss nicht waren - staksten auf endlos langen Beinen wie auf einem Laufsteg hinter ihm her. Dabei wippten ihre langen Locken jeweils in Platinblond, Kupferrot und Blauschwarz im Takt ihrer ausladenden Schritte. In graziler Eintr�chtigkeit lie�en sie sich jeweils rechts und links neben Bashtiri nieder, nachdem dieser wie selbstverst�ndlich am Tisch der Ehreng�ste Platz genommen hatte.</style></p><p><style name="font7">Ihre Pelzm�ntel hatten sie vermutlich im Luxushelikopter ihres G�nners zur�ckgelassen. Viktoria ersp�hte durch ein seitliches Fenster den modernen, schneewei�en Helikopter, den der Pilot wie einen Schwan unter h�sslichen Entlein zwischen den beiden bulligen MI-26 Maschinen geparkt hatte.</style></p><p><style name="font7">Dass die Damen im Gegensatz zu Bashtiri froren, war unschwer zu erkennen. Unter dem silbernen Logo mit dem klangvollen Namen TAIMURO, das auf den viel zu d�nnen wei�en Overalls der Frauen prangte, hatten sich deren Brustwarzen gut sichtbar aufgestellt. Doch das schien die Betroffenen genauso wenig zu st�ren wie das geneigte m�nnliche Publikum. Gekonnt warfen die Damen ihr Haar zur�ck und sch�rzten dabei ihre gl�nzenden, frisch aufgespritzten Lippen.</style></p><p><style name="font7">Theisen blieb vor Staunen der Mund offen stehen - erst recht als eine der Damen den Rei�verschluss ihres Overalls ein wenig �ffnete und dem geneigten m�nnlichen Volk einen tiefen Ausblick auf ihre silikongepolsterten, leicht gebr�unten Br�ste pr�sentierte.</style></p><p><style name="font7">Professor Rodius wirkte irritiert, und Viktoria konnte beil�ufig beobachten, wie Olguth ihn offenbar zu beschwichtigen versuchte.</style></p><p><style name="font7">Kolja war Viktorias fragender Blick nicht entgangen. �TAIMURO ist eine Aktiengesellschaft�, murmelte er ihr verschw�rerisch zu. �Vorwiegend �l, aber auch Gas. Allerdings besitzt Bashtiri 95% der Aktien. Somit kann von demokratischer Verteilung nicht die Rede sein. Man munkelt, dass er auf ein neues Gasvorkommen unter dem Chekosee hofft. Seine Agenten sind schon seit l�ngerem in der steinigen Tun-guska unterwegs, um diverse Bohrungen zu unternehmen�, fuhr er leise fort. �Aber das Gebiet ist heiliges Land. Im Gegensatz zu der hier lebenden russischen Bev�lkerung, die sehns�chtig auf lukrativere Arbeitspl�tze hofft, sind die �rtlichen Ewenkenst�mme nicht unbedingt an einer Erschlie�ung der Vorkommen interessiert, zumal es nicht so aussieht, als ob man vorh�tte, sie am Erl�s zu beteiligen. Au�erdem ist die ganze Angelegenheit nicht ungef�hrlich. Sollte sich herausstellen, dass die Katastrophe von Tunguska durch pl�tzlich austretendes Erdgas verursacht wurde, bleibt Vorsicht angesagt. Wer will schon, dass ihm bei der Gasf�rderung ein prall gef�llter Dampfkessel mit der Kraft von mehreren Wasserstoffbomben um die Ohren fliegt?�</style></p><p><style name="font7">Der B�rgermeister war, nachdem er Bashtiri �berschw�nglich begr��t hatte, an sein Podium zur�ckgekehrt. Mit einigen �bertriebenen Gesten r�hmte er die au�erordentlichen Taten des neu hinzugekommenen Gastes. Im weiteren Verlauf der Laudatio, die sich nun nicht mehr mit den Wissenschaftlern besch�ftigte, sondern ausschlie�lich Bashtiri galt, kam zutage, dass Vanavara offenbar dringend auf dessen Mildt�tigkeit angewiesen war und auf eine Schule, ein Waisenhaus und eine moderne Krankenstation hoffte.</style></p><p><style name="font7">Viktoria hob eine Braue und bedachte den allseits bejubelten Oligar-chen mit einem argw�hnischen Blick. Genau in diesem Moment wurde Bashtiri auf sie aufmerksam und grinste ihr breit ins Gesicht. Mit einer knappen Geste befahl er einen seiner Bodyguards herbei und fl�sterte dem bulligen Mann, der sich seltsam devot zu ihm hinunterbeugte, etwas ins Ohr. Sekunden sp�ter baute sich der blonde Kleiderschrank vor Viktoria auf und sprach sie in gebrochenem Englisch an.</style></p><p><style name="font7">�Mr. Bashtiri m�chte wissen, wer die h�bsche Dame ist, die ihn unentwegt anschaut. Er will, dass Sie sich an seinen Tisch setzen und ein Glas Champagner mit ihm trinken.�</style></p><p><style name="font7">�Sie k�nnen russisch mit mir sprechen�, gab Viktoria unger�hrt zur�ck. �Sagen Sie Herrn Bashtiri, dass ich ihm f�r die Einladung danke. Bedauerlicherweise trinke ich so fr�h am Tag keinen Alkohol. Vielleicht ein anderes Mal.�</style></p><p><style name="font7">Der Mann blieb noch einen Moment verdutzt stehen. Mit einer Abfuhr hatte er augenscheinlich nicht gerechnet.</style></p><p><style name="font7">�Bist du wahnsinnig�, zischte Sven Theisen, der mittlerweile wieder neben ihr stand und die Frage des Mannes aufgeschnappt hatte. �Der Kerl bezahlt unseren gesamten Aufenthalt und nicht nur das.�</style></p><p><style name="font7">�Deshalb muss ich mich noch lange nicht prostituieren. Du kannst ja stellvertretend f�r mich zu ihm gehen�, erwiderte sie bissig. �Eine von seinen Gespielinnen ist bestimmt dein Typ. Allerdings solltest du deinen l�sternen Blick mildern, sonst wird er noch eifers�chtig.� Dann wandte sie sich Kolja zu, der die Unterhaltung mit Erstaunen verfolgt hatte. �Entschuldige mich�, sagte sie, �ich muss dringend an die frische Luft.�</style></p><p><style name="font7">Es war ihr ohnehin zwischen all den schwatzenden Menschen zu eng geworden, und die Ankunft Bashtiris hatte all ihre Klischees best�tigt, die sie �ber Russland und seine gesellschaftliche Entwicklung hegte. Zumindest Bashtiri schien f�r Geld alles zu bekommen. Er hatte seine Beziehungen, und waren sie nicht ausreichend, w�rde er sich neue beschaffen. Dabei spielte der Preis wohl eher eine untergeordnete Rolle.</style></p><p><style name="font7">Vor der Halle wehte ein frischer Wind. Die Wolken hingen immer noch tief, aber es hatte zu regnen aufgeh�rt. Vanavara war nach allem, was Viktoria wusste, eine uralte Handelsstadt f�r Pelzh�ndler und Abenteurer. Auf den schlecht ausgebauten Stra�en zwischen den verschachtelt stehenden Holzh�usern und Wellblechh�tten sah man kaum eine Menschenseele. Ab und an fuhr ein Auto vorbei, und ein Hund bellte.</style></p><p><style name="font7">Viktorias Blick fiel auf die drei Helikopter, die mit herunterh�ngenden Rotorbl�ttern am Rande eines provisorischen Fu�ballfeldes auf den n�chsten Start warteten. Ein St�ck entfernt stoben zwei Jungen in abgetragenen Hosen und lappigen Sweatshirts durch den Matsch einem zerbeulten Lederfu�ball hinterher. Sie mochten vielleicht acht und zehn Jahre alt sein, und ihre Gesichter hatten unzweifelhaft asiatische Z�ge: schr�g stehende Augen, schwarzes, kurz geschnittenes Haar und runde Wangen, die unter der Anstrengung geradezu gl�hten. Wenn sie lachten, zeigten sich ihre wei�en Z�hne, und ihre Augen verwandelten sich in kleine Schlitze, was ihre Begeisterung noch eindr�cklicher erscheinen lie�. Zusammen mit einem nassen, total verdreckten Hund rannten sie um die Wette, und es stand au�er Frage, wer den Ball zuerst erreichen w�rde. Der Hund hatte seine Z�hne bereits in das Leder geschlagen, als einer der Jungen auf ihn zulief, um ihm den Ball wieder abzunehmen. Das gro�e Tier duckte sich kampfbereit und knurrte gef�hrlich leise, w�hrend es augenscheinlich nicht bereit war, seine Beute wieder herzugeben. Bei n�herer Betrachtung fuhr Viktoria der Schreck in die Glieder. Das war kein Hund, sondern ein Wolf. Daran gab es nicht den geringsten Zweifel.</style></p><p><style name="font7">Dass es hier von W�lfen und B�ren nur so wimmelte, hatte sie des �fteren von besorgten Freunden zu h�ren bekommen, die mit einer Mischung aus Faszination und Ablehnung ihre Reisevorbereitungen verfolgt hatten.</style></p><p><style name="font7">Im Grunde genommen hatte Viktoria keine Angst vor Hunden, aber ein Wolf war kein Hund, und wer wusste schon, ob dieses Tier nicht die Tollwut hatte. Ihr Vater, ein ehemals passionierter J�ger, hatte ihr einmal erz�hlt, dass W�lfe niemals die Gegenwart des Menschen suchten. Es sei denn, sie waren krank oder hungrig.</style></p><p><style name="font7">Als der kleinere der beiden Jungs sich immer weiter dem Wolf n�herte, verga� Viktoria alle Angst, zumal kein anderer Erwachsener zu sehen war.</style></p><p><style name="font7">�Nicht anfassen! Komm sofort hierhin!�, schrie sie dem Kind zu.</style></p><p><style name="font7">Der Junge schaute sich �berrascht um, und auch der andere hielt im Gehen inne und setzte eine fragende Miene auf. Hatten die beiden sie verstanden, oder war ihr Russisch zu schlecht?</style></p><p><style name="font7">Der kleinere von beiden sch�ttelte den Kopf und lachte nur, dann setzte er sein Vorhaben, dem Tier den Fu�ball wieder abzunehmen, unbek�mmert fort.</style></p><p><style name="font7">Obschon ihre innere Stimme zur Vorsicht mahnte, begann Viktoria, quer �ber den Platz zu laufen, um das Kind vor dem Raubtier zu retten.</style></p><p><style name="font7">Der Wolf lie� sofort den Ball fallen und st�rmte pl�tzlich auf sie zu. Viktoria stoppte noch im Lauf und rutschte trotz der Profilsohlen auf dem glitschigen Boden der L�nge nach aus. Ihr Ellbogen bohrte sich in den weichen Untergrund, und ihre Kleidung hatte sich im Nu mit brauner Br�he vollgesaugt. Doch das war noch das geringere �bel. Der Wolf stand nun abwartend �ber ihr und hechelte ihr mit heraush�ngender Zunge seinen schlechten Atem ins Gesicht, die Z�hne bedrohlich sichtbar zwischen den rosigen Lefzen.</style></p><p><style name="font7">�Ajaci!Xu!C�hi!� Die Stimme klang dunkel und streng. Der Wolf schaute unterw�rfig auf, w�hrend ein langer Speichelfaden auf Viktorias Wange tropfte. Erst als das Tier von ihr ablie� und zur Seite sprang, wagte sie die nasse Stelle in ihrem Gesicht mit dem �rmel wegzuwischen.</style></p><p><style name="font7">�Es tut mir leid.� Die dunkle, raue Stimme hatte sich rasch gen�hert und war dabei �bergangslos vom Ewenkischen ins Russische gewechselt. �Haben Sie sich verletzt?�</style></p><p><style name="font7">Erst jetzt getraute sich Viktoria aufzuschauen. Die Augen des Mannes waren leicht schr�g gestellt. Dabei erschien ihr die Farbe der Iris so grau und gleichzeitig so intensiv wie der Blick des Wolfes. Der Mann mochte Anfang drei�ig sein, und dem Aussehen nach war er weder ein typischer Ewenke noch ein Russe. Die langen, tiefschwarzen Haare trug er zu einem losen Zopf im Nacken gebunden, und seine ausdrucksvollen Z�ge mit dem dunklen Dreitagebart kamen ihr reichlich verwegen vor. W�hrend Viktoria immer noch zu ihm aufsah, wirkte seine Gestalt geradezu riesig, und mit seinen muskelbepackten Schultern stand er den Kerlen in Sergejs S�ldnertruppe in nichts nach. Allerdings trug er keinen schicken Anzug, sondern eine verwaschene Armeehose und ein abgetragenes, h�ftlanges Lederhemd, an dem ein paar perlenverzierte Schn�re baumelten.</style></p><p><style name="font7">In seinen Mundwinkeln zeigte sich ein angedeutetes L�cheln, das den zun�chst strengen Eindruck seines markanten Gesichtes milderte. Auffordernd streckte er Viktoria seine gro�e Hand entgegen und zog sie mit einem Ruck auf die F��e, der sie beinahe schon wieder h�tte das Gleichgewicht verlieren lassen. F�r einen Moment hielt er sie am Ellbogen gefasst, damit sie zu einem festen Stand finden konnte, und dabei war es ihm offenbar gleichg�ltig, dass er sich an ihrer durchn�ssten Kleidung die Finger schmutzig machte.</style></p><p><style name="font7">�Danke�, murmelte Viktoria. Reichlich verdattert konnte sie sehen, wie sein interessierter Blick auf ihrem Gesicht ruhte.</style></p><p><style name="font7">�Ich glaube, Sie werden ein Bad nehmen m�ssen�, bemerkte er tonlos.</style></p><p><style name="font7">Tastend fuhr sie sich mit den Fingern �ber Wangen und Nase bis hin zu ihrem schulterlangen Haar. F�r einen Moment sah sie pr�fend an sich hinab. Ihre Kleidung starrte vor Dreck, und sie war bis auf die Haut durchn�sst.</style></p><p><style name="font7">�Kann ich etwas f�r Sie tun, oder Sie irgendwohin begleiten?� Obwohl es immer noch aussah, als ob er jeden Moment l�cheln w�rde, blieb seine Miene bemerkenswert neutral.</style></p><p><style name="font7">�Nein, danke�, entgegnete Viktoria. �Wir fliegen heute noch weiter. Unser Camp liegt rund sechzig Kilometer nordwestlich. Ich geh�re zu einer deutsch-russischen Wissenschaftsexpedition, die morgen am Chekosee ihre Arbeit aufnimmt.� Mit einem Nicken wies sie zu den Helikoptern hin.</style></p><p><style name="font7">�Aha�, sagte der Mann nur. �Na, dann viel Erfolg.� Er hob die Hand, wie zu einem abschlie�enden Gru� und stie� einen lang gezogenen Pfiff aus. Der Wolf, der zwischenzeitlich wieder mit den Jungen um den Ball gerungen hatte, folgte ihm auf dem Fu�.</style></p><p><style name="font7">Viktoria schaute den beiden Gestalten noch eine Weile nach, bis sie zwischen den windschiefen Holzh�usern verschwunden waren. Erst dann wurde ihr bewusst, dass ihr merkw�rdiger Retter den letzten Satz in Deutsch gesprochen hatte.</style></p><p><style name="font7">Am fr�hen Nachmittag machte sich die Expedition unter der Leitung von Professor Olguth endlich auf den Weg zum Chekosee, der mit einem Durchmesser von knapp f�nfhundert Metern auf Fotos eher wie ein gr��erer Teich wirkte. Mit einem ohrenbet�ubenden Dr�hnen hoben die Helikopter im Abstand von jeweils einer halben Stunde ab. Bashtiris Luxusgef�hrt setzte zuerst zum Abflug an. Zur �berraschung der meisten Anwesenden war er gewillt, das bescheidene Camp in den n�chsten Wochen mit den Wissenschaftlern zu teilen.</style></p><p><style name="font7">Beim Landeanflug auf die einzig befestigte Stelle am See wich die Verwunderung unter den Teilnehmern echtem Erstaunen. Bashtiris Voraustrupp hatte ganze Arbeit geleistet. Bereits seit Wochen hatten Ar-beiter von TAIMURO die sumpfigen Areale an einigen Uferstellen des Sees trockengelegt und nicht nur einen gr��eren Hubschrauberlandeplatz geschaffen, als man ihn von fr�heren Zeiten her kannte, sondern gleich ein ganzes Camp errichtet. Unterhalb eines stattlichen, bewaldeten H�gels schmiegten sich sechs in Reih und Glied aufgestellte moderne Flachbaubaracken in die dichte Baumlandschaft. Umrahmt von einem hohen Metallzaun mit einer geteilten Stacheldrahtkrone, glich die Anlage eher einem milit�rischem Lager als einem Wissenschaftscamp, wie Viktoria unangenehm ber�hrt feststellte. Unterstrichen wurde diese Vorstellung von einem mindestens f�nf Meter hohen Sendemast mit einer begehbaren Abschlussplattform, den man direkt neben dem Camp installiert hatte.</style></p><p><style name="font7">Kolja hingegen, der im Helikopter direkt neben Viktoria sa�, grinste zufrieden, als die Maschine zur Landung niederging.</style></p><p><style name="font7">�Wer Waisenh�user baut, kann sich auch eine vern�nftige Unterbringung inmitten der sibirischen Taiga leisten�, meinte er absch�tzend. �Es gibt hier sogar eine finnische Sauna�, f�gte er aufmunternd hinzu, als ob er Viktorias Unbehagen erraten h�tte.</style></p><p><style name="font7">Wie sich kurz darauf herausstellte, hatte man neben der Sauna sogar an eine Krankenstation gedacht. Eine h�nenhafte �rztin, die offenbar auf eine testosterongeschw�ngerte Karriere als Ringerin zur�ckblicken durfte, empfing sie mit strenger Miene.</style></p><p><style name="font7">Frau Doktor Elena Parlowa, wie die von Bashtiri engagierte �rztin zur Begr��ung vorgestellt wurde, war f�r medizinische Tests zust�ndig, die parallel zu den geophysikalischen Untersuchungen an freiwilligen Probanden durchgef�hrt werden sollten. Es kursierten Ger�chte, dass sich das Wachstum der B�ume durch die Explosion von Tunguska verlangsamt haben sollte, und auch die Ci4-Untersuchungen an diversen Moosteppichen hatten sich als irref�hrend erwiesen. Doch bisher hatten weder Botaniker noch Biologen die wahre Ursache f�r diese Ph�nomene herausfinden k�nnen.</style></p><p><style name="font7">Bevor jeder Einzelne aufbrach, um sein Quartier zu beziehen, gab Professor Olguth erste Anweisungen f�r den weiteren Verlauf der Expedition. Gegen sechzehn Uhr wollte man sich zu einem ersten Briefing in einem eigens erbauten Versammlungszentrum treffen. Dort, so erkl�rte Kolja, hatten Bashtiris Leute neben einer modernen Computer-anlage auch ein Satellitentelefon installiert, mit dem man im Notfall Kontakt zur Au�enwelt aufnehmen k�nne.</style></p><p><style name="font7">Mit einer gewissen Erleichterung bezog Viktoria anschlie�end ein eigenes Refugium von vielleicht zw�lf Quadratmetern Gr��e. In aller Eile hatte sie sich endlich ihrer schmutzigen Kleidung entledigt und sich Gesicht und Haare gewaschen. Das Wasser war kalt und kam aus Kanistern. F�nf Liter und eine gro�e Sch�ssel f�r jeden mussten f�rs Erste reichen. Wer mehr verlangte, durfte sich einer Gemeinschaftsdusche bedienen, deren Wasserversorgung man mittels Rohrleitungen und einer elektrischen Pumpe aus den Tiefen des nahe gelegenen Sees gesichert hatte.</style></p><p><style name="font7">�Einmal am Tag wird ein Durchlauferhitzer zugeschaltet, dann gibt es auch warmes Wasser�, hatte Kolja erkl�rt. �Aber vorher muss man sich in eine Liste eintragen.�</style></p><p><style name="font7">Nachdem Viktoria sich das schulterlange Haar nur mit einem Handtuch getrocknet, gek�mmt und zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, streifte sie sich eine olivenfarbene Hose und ein helles, lang�r-meliges Hemd �ber. Im Zimmer nebenan hatten zwei blassgesichtige Studentinnen aus Moskau Quartier bezogen, die kurz vor ihrem Examen in Geologie standen.</style></p><p><style name="font7">Kolja verteilte in Absprache mit Professor Olguth die Aufgaben. Ohne zu murren, nahmen die beiden M�dchen die Einteilung zum K�chendienst entgegen, zumal ihnen ein gleichaltriger russischer Kollege die Angelegenheit mit einem umwerfenden L�cheln zu vers��en schien.</style></p><p><style name="font7">F�r weiteres Personal hatte Bashtiri also nicht gesorgt.</style></p><p><style name="font7">W�hrend Viktoria zum Versammlungsraum eilte, warf sie einen Blick auf den achteckigen Pavillon ihres G�nners, den man in Schnellbauweise am Rande des Camps hochgezogen hatte. Umgeben von einem improvisierten Garten, vervollst�ndigt mit franz�sischen Putten und italienischen Sitzm�beln, garantierte der Platz einen grandiosen Ausblick auf den etwa f�nfhundert Meter langen See. Fehlten nur noch die Gartenzwerge, dachte Viktoria in einem Anflug von Ironie.</style></p><p><style name="font7">Offenbar hatte sich dieser reiche Spinner auf eine l�ngere Dauer seines Aufenthaltes eingerichtet. Blieb die Frage, warum er �berhaupt an der Expedition teilnehmen wollte. Vielleicht war es Romantik. Vielleicht aber auch eine keifende Ehefrau, die seine amour�sen Eskapaden nicht l�nger erduldete. Oder m�glicherweise war es einfach das Gef�hl, hier drau�en sein eigener K�nig zu sein, der sein Reich mit straffer Hand regierte, selbst wenn die Untertanen nicht gerade zahlreich waren.</style></p><p><style name="font7">Wie man sich schon kurz nach der Ankunft fl�sternd erz�hlte, verf�gte Bashtiri �ber einen eigenen Butler, der ihn nicht nur bekochte, sondern ihm und seinen Gespielinnen auch sonst jeden Wunsch von den Augen ablesen w�rde. Seine Bodyguards hausten indessen in stattlichen Milit�rzelten, die sie nicht weit von der Villa ihres Chefs aufgestellt hatten.</style></p><p><style name="font7">Nach einer kurzen Einweisung in die �rtlichkeiten und der Einteilung f�r den morgigen Tag f�hrte Kolja seine G�ste in einen kleinen Laden, den man eigens f�r die Expeditionsteilnehmer hatte herrichten lassen. Adnan, ein kasachischer Angestellter Bashtiris, betreute das Gesch�ft, in dem es wohl kaum zu Warteschlangen an der Kasse kommen w�rde.</style></p><p><style name="font7">�Kernseife und Klopapier�, frotzelte Viktoria lachend, w�hrend sie sich die Waren anschaute.</style></p><p><style name="font7">�Aber auch eingelegte gr�ne Tomaten�, f�gte Kolja mit einem Grinsen hinzu. Wer es etwas rustikaler w�nschte, konnte kistenweise russisches Bier erstehen, das, nach St�rke nummeriert, angeblich nach einer getrockneten Fischbeilage verlangte, wie Viktorias Begleiter mit einem Augenzwinkern bemerkte.</style></p><p><style name="font7">�Und wie isst man das?�, fragte sie arglos, w�hrend sie das mumienartige Gebilde von einem gut drei�ig Zentimeter langen, hart getrockneten Dorsch mit spitzen Fingern am Schwanzende anhob und demonstrativ damit hin und her wedelte.</style></p><p><style name="font7">�Das ist eine ged�rrte Wjalenaja Wobla.� Kolja nahm ihr den Fisch ab und schlug mit ihm auf eine Holzkiste ein. �Siehst du? Das macht man solange�, antwortete er mit treuem Blick und schlug dabei weiter auf die Holzkiste ein, �bis alle Schuppen abgefallen sind und der Fisch geschmeidig geworden ist, dann zupft man das getrocknete Fleisch mit den Fingern ab. Schmeckt besser als Erdn�sse und Chips.� Er grinste breit, doch �berzeugen konnte er sie nicht.</style></p><p><style name="font7">Gegen Abend hatte sich der Regen verzogen. Die glutrote Sonne versank hinter der spiegelglatten Oberfl�che des Sees wie in einem dunk-len, unergr�ndlichen Meer. In den wenigen zarten Schleierwolken �ber dem Horizont verfing sich eindrucksvoll das letzte Licht des Tages.</style></p><p><style name="font7">Kolja hatte mit drei Studenten und zwei weiteren russischen Wissenschaftlern in der N�he des Sees ein Lagerfeuer entfacht. Dort sa� man eintr�glich beisammen und lie� bei russischer Technomusik, die l�rmend aus einem Gettoblaster dr�hnte, die Wodkaflaschen kreisen, um die melancholische Stimmung zu vertreiben.</style></p><p><style name="font7">Sven Theisen hatte in der N�he von Bashtiris aufregenden Begleiterinnen Platz genommen und offenbar deren Aufmerksamkeit erregt, wie Viktoria mit einiger Genugtuung feststellen durfte. Doch nicht nur Theisen war an den tiefen Ausschnitten der Damen interessiert. Myriaden von M�cken bereiteten sich ger�uschvoll auf ein unverhofftes Abendmahl vor; ihre pausenlosen Angriffe erinnerten an japanische Kamikazeflieger. Daher dauerte es nicht lange, bis sich die Frauen genervt verabschiedeten und Theisen alleine am Feuer sa�. Dank Doktor Almuths Wundermittel blieb Viktoria von den blutsaugenden Plagegeistern weitgehend verschont. Nur Theisens anz�glichen Blicken vermochte die streng riechende Emulsion nichts entgegenzusetzen.</style></p><p><style name="font7">Professor Rodius, der weder �ber eine f�rsorgliche Mutter noch �ber ein entsprechendes Mittel verf�gte, schlug mit seinen langen Armen permanent um sich, w�hrend er sich an einer halbwegs ungest�rten Unterhaltung mit Professor Olguth versuchte.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich tauchte Bashtiri neben Viktoria auf. Sie ahnte, dass es f�r ihn ebenfalls kein wirksames Gegenmittel geben w�rde. Er kam direkt aus seinem luxuri�sen Domizil, in das die Frauen verschwunden waren, und trug einen seidenen Hausmantel, der so gar nicht in die rustikale Umgebung passen wollte. Mit ihm setzten sich zwei seiner Wachhunde auf Viktorias andere Seite. Somit war an Flucht nicht zu denken.</style></p><p><style name="font7">�Eine leibhaftige Geophysikerin aus Deutschland�, bemerkte Bash-tiri mit einem s�ffisanten L�cheln. �Dabei so sch�n und so stolz wie eine russische Tatarin.�</style></p><p><style name="font7">Wie auf Kommando reichte sein Butler, der lautlos hinzugetreten war, zwei halb volle Gl�ser Champagner auf einem silbernen Tablett.</style></p><p><style name="font7">�Trinken Sie jetzt etwas mit mir?� Bashtiri sah sie mit honigs��er Miene an. Nur die braunen Augen blieben kalt und berechnend. �Sie haben mich heute Morgen entt�uscht.� Sein Atem roch nach Alko-hol, als er ihr unvermittelt zu nahe kam. �Meine Freunde d�rfen mich Sergej nennen.� Etwas G�nnerhaftes schwang in seinem Angebot mit, und seine tastende Hand bewegte sich schleichend �ber Viktorias angewinkeltes Knie. �Die Frauen sagen Sergejewitsch.� Wieder entwich ihm ein aalglattes L�cheln.</style></p><p><style name="font7">Viktoria musste sich beherrschen, um nicht j�h zur�ckzuweichen.</style></p><p><style name="font7">�Vielen Dank f�r Ihre Gro�z�gigkeit�, erwiderte sie, um Diplomatie bem�ht, und nippte an ihrem Glas, in der vagen Hoffnung, dass ihr fragw�rdiger Verehrer nichts hineingekippt hatte, das sie ohnm�chtig werden lie� und damit seinen Schergen ein Alibi lieferte, um sie in dessen abgelegene Behausung zu tragen.</style></p><p><style name="font7">W�hrend die Champagnerperlen durchaus angenehm auf ihrer Zunge zerplatzten, sah Viktoria beil�ufig, wie Theisen voller Argwohn das Werben seines m�chtigen Konkurrenten beobachtete. Bereits jetzt �berlegte sie, wer von beiden - Bashtiri oder Theisen - das kleinere �bel sein w�rde.</style></p><p><style name="font7">Mit einer beil�ufigen Bewegung wischte sie Bashtiris Hand von ihrem Knie.</style></p><p><style name="font7">�Acht Wochen sind genug Zeit, um sich richtig kennen zu lernen�, murmelte er hartn�ckig und starrte dabei unentwegt auf ihre Oberweite. �Findest du nicht?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria verschluckte sich und begann augenblicklich zu husten. Bashtiri fasste wie selbstverst�ndlich ihr freies Handgelenk und hob ihren Arm an.</style></p><p><style name="font7">�Tief durchatmen�, sagte er mit der aufgesetzten Stimme eines f�rsorglichen Vaters, �dann ist es gleich vorbei.�</style></p><p><style name="font7">�Entschuldigen Sie mich bitte.� Viktoria kam wieder zu Atem und verdr�ngte das beklemmende Gef�hl, das sie unvermittelt empfand. Mit einem m�hsam gestellten L�cheln gab sie das kaum geleerte Glas an Bashtiri zur�ck. �Ich muss mal f�r kleine M�dchen.�</style></p><p><style name="font7">Ohne seine Antwort abzuwarten, stand sie auf und verlie� das Lagerfeuer in Richtung Waschhaus, wo auch die Toiletten zu finden waren. Im Gehen sp�rte sie nicht nur die Blicke des Oligarchen auf sich ruhen, sondern auch die seiner S�ldner.</style></p><p><style name="font7">Das ungute Gef�hl verst�rkte sich noch, als sie anschlie�end hinunter zum See schlich. Einem Kerl wie Theisen konnte sie Paroli bieten.</style></p><p><style name="font7">Bashtiri jedoch geh�rte zu jener Sorte von M�nnern, die sich holen w�rden, was sie begehrten.</style></p><p><style name="font7">Eigentlich wollte sie f�r einen Augenblick alleine sein. Immer noch spukte ihr der Kerl mit dem Wolf im Kopf herum. Ein Mann und ein Wolf. Wie romantisch. Zu gerne h�tte sie den Typen n�her kennen gelernt. Gleichzeitig musste sie schmunzeln. Das ganze Jahr �ber war sie zu besch�ftigt gewesen, um sich auch nur f�r einen einzigen Kerl zu interessieren, und ausgerechnet in dieser Ein�de, sozusagen am Ende der Welt, waren es nun gleich drei, die sie - wenn auch aus verschiedenen Gr�nden - in Unruhe versetzten.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich sah sie einen Schatten, der aus einem Geb�sch hervortrat. Erschrocken drehte sie sich um.</style></p><p><style name="font7">Es war Kolja, der ihr unaufgefordert gefolgt war.</style></p><p><style name="font7">�Vor Bashtiri musst du dich in acht nehmen�, bemerkte er raunend. �Er hat es auf dich abgesehen.�</style></p><p><style name="font7">�Was du nicht sagst�, sp�ttelte sie und lenkte ihren Blick �berrascht zum Himmel. �ber dem H�gel erhellten aufflackernde Lichter den Horizont, gefolgt von einem changierenden Schleier, der unvermittelt in einer Wellenbewegung am nachtblauen Firmament vor�berzog.</style></p><p><style name="font7">�Schau mal!�, sagte sie und warf Kolja einen fragenden Blick zu. �Was war das? Ein Gewitter?�</style></p><p><style name="font7">�Eine spezielle Form von Wetterleuchten, wie es nur in dieser Region vorkommt, kombiniert mit einer Art Nordlicht�, erwiderte er leise. �Weiter oben im Norden nennen sie es das Feuer der Schamanen�, f�gte er dunkel hinzu. �Es bedeutet, dass ein m�chtiger Schamane gerade sein Unwesen treibt und sich mit den Geistern der Unterwelt verb�ndet, um den Menschen Schaden zuzuf�gen. Nicht unbedingt ein gutes Omen.�</style></p><p><style name="font7">�Das ist nicht dein Ernst.� Viktoria sah ihn im Halbdunkel ungl�ubig an und lachte verhalten.</style></p><p><style name="font7">�Wer wei� ...�, antwortete Kolja ausweichend, dabei fuhr er sich mit der Rechten nerv�s durch die struppigen roten Haare. �Die Urbev�lkerung Sibiriens hat ihre eigene Wahrheit, die in weiten Teilen dieser Gegend immer noch Gesetz ist, auch wenn so mancher es lieber verdr�ngen m�chte.�</style></p></section><section><title><p><style name="font7">3.</style></p><p><style name="font7">Januar 1905, Sankt Petersburg - Deportation</style></p></title><p><style name="font7">Nach einer endlos lang erscheinenden Nacht, in der Leonard wie eingefroren zwischen den eisigen Mauern sa�, �ffnete sich v�llig unvermittelt die T�r zu seiner Zelle.</style></p><p><style name="font7">Seine vorl�ufige Behausung befand sich nun im allgemeinen Gefangenenblock, in dessen 36 Einzelzellen sich nur die Creme de la Creme der russischen Gesetzesbrecher tummelte. Aufr�hrer, Terroristen und M�rder. Ein Tisch, ein Bett, ein Stuhl und eine einzige Mahlzeit waren das, was man ihnen zugestand.</style></p><p><style name="font7">�Aufstehen, Schenkendorff!�, br�llte sein unangemeldeter Besuch, ein W�chter, der ihm mit linkischer Achtsamkeit die eisernen Fu�fesseln lockerte.</style></p><p><style name="font7">Leonard erhob sich m�hsam. Konnte man so schnell altern, nur weil man etwas Furchtbares erlebt hatte? Man konnte, dachte er n�chtern und folgte dem W�chter schleppend in einen lang gezogenen Flur. Mit seinen Gedanken war er bei Katja, und nichts w�nschte er sich sehnlicher, als sie noch einmal in seinen Armen zu halten.</style></p><p><style name="font7">Getrieben von seinem uniformierten Begleiter wanderte er auf wackeligen Beinen durch endlose G�nge, vorbei an Abzeichen und Wimpeln und einem Bildnis des Zaren und seiner angeblich unbesiegbaren Armee. Leonard kannte diesen Ort. Hier hatte man ihn in den letzten zwei Wochen wieder und wieder verh�rt. Nicht so brutal wie beim ersten Mal, doch an Grausamkeit hatten die subtilen Methoden der dritten Abteilung einer k�rperlichen Bestrafung in nichts nachgestanden.</style></p><p><style name="font7">Vor einer der hohen Fl�gelt�ren gebot ihm der Wachmann Einhalt. Halblaut klopfte der Uniformierte auf das wei� lackierte Holz, bis eine Stimme aus dem Innern des Zimmers Einlass gew�hrte. Der Mann schlug die Hacken zusammen, dann meldete er in einem schneidigen Tonfall die Ankunft des Gefangenen. Nach einer dahingemurmelten Best�tigung wandte er sich um und stie� Leonard mit einer ruppigen Geste in das ger�umige Verh�rzimmer. Die hohen Decken und das gl�nzende Parkett wirkten eher wie ein Ballsaal. �ber einem honigfarbenen Jugendstilschreibtisch hing ein weiteres �berdimensionales Standbild des Zaren und dessen Gemahlin, Alexandra Fjodorowna oder Alice von Hessen, wie sie vor ihrer Hochzeit gehei�en hatte.</style></p><p><style name="font7">Darunter stand in einer wartenden Haltung der Mann, der Leonard gestern in der Sekunde des Todes so unvermittelt den Weg in ein neues, wenn auch nicht gerade aussichtsreiches Leben offeriert hatte.</style></p><p><style name="font7">Geheimrat Nikolaj Michajloff musste ein Deutscher sein, oder zumindest war er deutscher Abstammung. Gewiss geh�rte er zu jenen Empork�mmlingen, die zugunsten der besseren Karrierem�glichkeiten versucht hatten, ihrer deutschen Herkunft zu entfliehen.</style></p><p><style name="font7">Ein kurzes L�cheln, das �ber die schmalen Lippen des Mannes huschte, best�rkte Leonard in seiner aberwitzigen Hoffnung, dass der ranghohe Beamte wegen ihrer gemeinsamen Wurzeln vielleicht Milde walten lie�. Erst recht als Michajloff ihm v�llig �berraschend einen Stuhl anbot und den W�rter, der ihn hierher gef�hrt hatte, mit einer ungeduldigen Geste nach drau�en entlie�.</style></p><p><style name="font7">Leonard hegte die vage Hoffnung, dass Michajloff ihm die M�glichkeit er�ffnete, seinen Vater zu benachrichtigen und so vielleicht doch einen Advokaten beauftragen zu k�nnen, der die ganze Angelegenheit in ein neues Licht r�cken w�rde. Danach w�rde er mit Sicherheit aus Russland ausgewiesen werden. Doch das w�re kein Ungl�ck, weil er dann mit dem Geld seines Vaters aus dem Ausland versuchen konnte, Katja freizukaufen.</style></p><p><style name="font7">�Wir haben Ihre Wohnung durchsucht�, begann Michajloff ohne Umschweife in Deutsch.</style></p><p><style name="font7">�Damit habe ich wohl rechnen m�ssen�, sagte Leonard leise, und beim Anblick von Michajloffs Miene, die sich schlagartig verd�sterte, sank seine Hoffnung auf eine baldige Freilassung. Gleichzeitig beschlich ihn eine hartn�ckige Furcht, dass man ihm weiteren Waffenbesitz oder Schlimmeres unterstellen konnte. Vielleicht war man sogar zu der Vermutung gelangt, dass er tats�chlich eine Bombe konstruierte und daf�r verbotenerweise den elektrischen Strom von Sankt Petersburg abzapfte.</style></p><p><style name="font7">�Dieser Umstand hat Ihnen das Leben gerettet. Haben Sie eine Vorstellung warum?� Michajloff wartete nicht auf eine Antwort, sondern begann, vor dem hoch aufragenden Fenster auf und ab zu wandern. Seinen Blick richtete er dabei nach drau�en, als ob er die gran-diose Aussicht auf die sonnen�berflutete Newa mit all ihren Lastk�hnen und Ausflugsdampfern genie�en wollte. Dann blieb er pl�tzlich stehen und rieb sich nachdenklich das bartlose Kinn, w�hrend sein durchdringender Blick auf Leonard ruhte.</style></p><p><style name="font7">�Was studieren Sie eigentlich genau?�</style></p><p><style name="font7">�Elektromechanik am Polytechnischen Institut�, antwortete Leonard. �Ich geh�rte zu den ersten Studenten, die 1902 dort immatrikuliert wurden.�</style></p><p><style name="font7">�Nach allem, was wir auf dem Esstisch Ihrer Wohnung entdeckt haben, pflegen sie anscheinend noch andere Leidenschaften, oder sehe ich das falsch?�</style></p><p><style name="font7">Leonard z�gerte einen Moment. Er stellte sich die Frage, worauf die Unterhaltung hinauslaufen w�rde, wenn er die Wahrheit sagte. Heimliche physikalische Experimente waren nicht erlaubt, schon gar nicht, wenn sie einen solch fragw�rdigen Charakter hatten. Doch dann beschloss er, die Flucht nach vorn zu ergreifen, weil er ohnehin nichts mehr zu verlieren hatte.</style></p><p><style name="font7">�Ich experimentiere mit der M�glichkeit drahtloser Kommunikation auf elektronischem Weg von einem Ort zu einem anderen�, gab er zu. �Nicht nur zwischen Menschen, sondern auch von Mensch zu Maschine. Au�erdem arbeite ich an Pl�nen zur automatischen Steuerung von bewegten Objekten.�</style></p><p><style name="font7">Michajloff sah ihn verwundert an. �Drahtlos�, wiederholte er mit gespielter Selbstverst�ndlichkeit in der Stimme. �Zwischen Mensch und Maschine. Dann folgen Sie also den Theorien von Nikola Tesla, oder irre ich mich?�</style></p><p><style name="font7">Schlagartig wurde Leonard bewusst, dass der Mann, dessen Blick ihn gerade durchbohrte, genau �ber seine Aktivit�ten Bescheid wusste. Und dessen gl�nzende Augen verrieten, dass er offenbar Leonards Begeisterung f�r Tesla teilte, den gro�en Erfinder, dem man die Genialit�t eines Albert Einstein nachsagte.</style></p><p><style name="font7">�Ich war ein Sch�ler Teslas�, antwortete Leonard mit einem gewissen Stolz in der Stimme. �Vor drei Jahren durfte ich ihn pers�nlich kennen lernen, und es wurde mir erlaubt, ein kurzfristiges Praktikum bei ihm zu absolvieren. Ich habe meinen Vater f�r ein halbes Jahr nach Amerika begleitet. W�hrend er sich in Pittsburgh mit Turbinentechnik besch�ftigte, konnte ich in Long Island Studien an Teslas Hochspannungsanlage betreiben. Es ging dort unter anderem um den Versuch, gro�e Mengen von Energie durch den �ther zu schicken. Ohne Kabel, versteht sich. Das war, bevor ich nach Sankt Petersburg kam, um hier meinen Ab-schluss als Ingenieur zu machen.� Leonard hoffte inbr�nstig, dass der Geheimrat von seinen Referenzen beeindruckt sein w�rde und dass ihn diese Tatsachen wieder in das Licht eines rechtschaffenen Studenten r�ckten, der es nicht fertigbringen w�rde, Juden zu erschlagen oder sich gegen den Zaren zu erheben.</style></p><p><style name="font7">Das Gesicht des Geheimdienstmannes dr�ckte in jedem Fall Zufriedenheit aus, und Leonard wunderte sich, warum man ihn erst jetzt nach seinem studentischen Werdegang befragte. Bisher hatte man nur fortw�hrend auf seinen angeblichen politischen Neigungen herumgehackt.</style></p><p><style name="font7">Michajloff kehrte unvermittelt an seinen Schreibtisch zur�ck und setzte sich in seinen Lehnstuhl.</style></p><p><style name="font7">�Ich will, dass Sie einen Brief an Ihre Eltern schreiben�, sagte er knapp und �ffnete eine seitliche Schublade, der er Papier und einen F�llfederhalter der Marke Soennecken entnahm, um es seinem verwirrten Gegen�ber hin zu schieben.</style></p><p><style name="font7">Endlich, dachte Leonard erleichtert. Bisher hatte man ihm jeglichen Kontakt zur Au�enwelt verwehrt. F�r einen Moment fiel alle Beschwernis von ihm ab. Innerlich dankte er Gott dem Herrn f�r seine Gnade, und er dankte auch Nikolaj Michajloff, der offenbar eingesehen hatte, dass es geradezu unm�glich war, einen intelligenten jungen Mann v�llig zu Unrecht in die Verbannung zu schicken, und das ohne vorherigen Kontakt zu seinen engsten Anverwandten.</style></p><p><style name="font7">Mit zitternden H�nden nahm Leonard den F�llfederhalter entgegen und �berlegte einen Moment, was er schreiben sollte.</style></p><p><style name="font7">�Moment�, warf Michajloff ein. �Ich diktiere Ihnen, was Sie zu Papier zu bringen haben.�</style></p><p><style name="font7">Leonard schluckte, bevor er aufsah und den Geheimrat mit einem ungl�ubigen Blick bedachte. Nun gut, sagte er zu sich selbst, Zensur war eine allt�gliche Sache im Zarenreich und erst recht in Sankt Petersburg. Keine deutsche Zeitung konnte behaupten, nicht zensiert zu werden. Vielleicht hatte Michajloff Bedenken, er w�rde von der an ihm ver�bten Folter schreiben oder gar von dem beinahe vollstreckten Todesurteil. Doch das h�tte Leonard ohnehin nicht gewagt. Und so wartete er geduldig, bis der Offizier von neuem das Wort ergriff.</style></p><p>�Lieber Vater, liebe Mutter�,<style name="font7"> begann Michajloff, und Leonard f�hrte die Feder in zunehmender Verwunderung �ber das Papier.</style></p><p>�Ich war Euch immer ein guter Sohn, und ich hoffe, dass ich Euch nicht zu arg entt�usche, wenn ich Euch hiermit gestehe, dass ich trotz all Eurer F�rsorge und Liebe vom Wege abgekommen bin ...�</p><p><style name="font7">Anders h�tte ich auch nicht begonnen, schoss es Leonard durch den Kopf. Schlie�lich schrieb er aus einem der ber�chtigtsten Gef�ngnisse Russlands, in dem Staatsfeinde seit 1872 festgesetzt und gleich darauf im ans�ssigen Gericht durch den Festungskommandanten verurteilt wurden.</style></p><p>�Denkt nicht, dass es Euch an Einfluss und Strenge gefehlt hat und Euch eine Schuld trifft, in welcher Weise auch immer, dass ich den Pfad der Tugend verlassen habe ...�<style name="font7"> Leonard musste an Eisenstein denken, der in weiser Voraussicht etwas �hnliches ge�u�ert und dessen Leben danach ein so j�hes, unvermutetes Ende genommen hatte.</style></p><p>�Ich habe gro�e Schuld auf mich geladen und einen Menschen get�tet .�</p><p><style name="font7">Leonard stutzte und hielt so unvermittelt inne, dass ein Klecks Tinte auf den Brief tropfte.</style></p><p><style name="font7">Michajloff reichte ihm L�schpapier und sah ihn auffordernd an.</style></p><p><style name="font7">�Weiter!� Seine Stimme klang hart.</style></p><p><style name="font7">Leonard atmete tief durch. Widerstand keimte in ihm auf.</style></p><p><style name="font7">�Ich habe Eisenstein nicht erschlagen, das sagte ich bereits.� F�r einen Moment kniff er die Lippen zusammen und sah dem Geheimrat fest in die Augen. �Ich werde meine Eltern nicht anl�gen. Ganz gleich, was Sie von mir verlangen und was das Gericht von mir denkt.�</style></p><p><style name="font7">Michajloffs Miene erstarrte zu Stein.</style></p><p><style name="font7">�Ihre kleine Freundin hat einen Polizisten erschossen�, res�mierte er kalt, �daf�r gibt es ein ganzes Bataillon von Zeugen, und ihr Bruder Alexej Davydov geh�rt ab sofort zu den meistgesuchten Terroristen Russlands. Und Sie und das M�dchen sind seine Komplizen. Oder wollen Sie das etwa immer noch leugnen? Denken Sie, wir lassen Sie beide so einfach davonkommen?�</style></p><p><style name="font7">Michajloff sch�ttelte mit einem ironisch klingenden Lachen den Kopf.</style></p><p><style name="font7">�Das hier, mein Lieber, wird ein Pakt mit dem Teufel ... oder ein Pakt mit dem Tod, ganz wie es Ihnen beliebt.�</style></p><p><style name="font7">Leonard war sprachlos. F�r einen Moment rang er nach Worten.</style></p><p><style name="font7">�Also gut�, sagte er leise, �was wollen Sie von mir?�</style></p><p><style name="font7">�Ich will, dass Sie einen Abschiedsbrief schreiben�, erwiderte der Geheimrat. Sein Blick war so harmlos, dass Leonard tats�chlich f�r einen Moment glaubte, es solle sich um einen gew�hnlichen Abschiedsbrief an seine Eltern handeln, in dem er ihnen von seiner Verhaftung und seiner anschlie�enden Deportation berichtete. Obschon er ahnte, dass M�nner wie Michajloff mit ihrer aufgesetzten G�te nur spielten. In Wirklichkeit waren sie grausame W�lfe, die nicht aus Hunger, sondern nur noch f�r Ruhm und Ehre auf die Jagd gingen.</style></p><p><style name="font7">�Ich will, dass Sie sich das Leben nehmen�, sagte er k�hl, und bevor Leonard begriff, was er mit dieser Ungeheuerlichkeit gemeint hatte, war er schon fortgefahren, um dieser unglaublichen Forderung noch etwas hinzuzuf�gen. �Nat�rlich nur auf dem Papier. Der Brief wird in einem offiziellen Schreiben an Ihre Eltern versandt, mit dem Hinweis, dass Sie sich in Ihrer Zelle vor Verzweiflung erh�ngt haben. Ihre Leiche haben wir anschlie�end in einem Massengrab beigesetzt. Leider l�sst sich den Unterlagen nicht mehr entnehmen, unter welcher Nummer die Beisetzung stattgefunden hat. Nachdem man Sie nun offiziell f�r tot erkl�rt hat, werden Sie in einem Spezialtransport der russischen Streitkr�fte nach Sibirien in ein geheimes Lager deportiert, dessen Existenz nur Eingeweihten bekannt ist. Bis dahin erhalten Sie keine weiteren Informationen, und es ist Ihnen auch nicht erlaubt, vor dieser Abreise mit irgendeinem Menschen Kontakt aufzunehmen. Habe ich mich klar ausgedr�ckt?�</style></p><p><style name="font7">Leonard wollte ansetzen, etwas zu entgegnen, doch seine Stimme drohte ihm den Dienst zu versagen.</style></p><p><style name="font7">�... das M�dchen�, stie� er atemlos hervor. �Sie haben gesagt, dass sie leben wird - genauso wie ich!� Tr�nen erstickten seine Stimme.</style></p><p><style name="font7">�Jekatherina Davydova kommt lebensl�nglich in ein Lager nach Tomsk. Auch ihr werden wir sagen, dass Sie sich umgebracht haben, und solange Sie gehorsam in unseren Diensten stehen, wird es ihr an nichts mangeln. Sollten Sie es sich anders �berlegen, k�nnen wir unsere Entscheidung zur Exekution jederzeit erneuern.� Michajloff �ffnete abermals eine Schublade und entnahm eine Pfeife und etwas Tabak, und w�hrend er in Seelenruhe seine Pfeife stopfte, verlor Leonard beinahe den Verstand.</style></p><p><style name="font7">�Und wie erfahre ich, ob es dem M�dchen gutgeht, ob sie lebt und bei Kr�ften ist? Denken Sie ernsthaft, ich lasse mich von Ihresgleichen versklaven, ohne zu wissen, ob Sie den Preis daf�r bezahlen werden? Nein!�, stie� er schnaubend hervor und sprang auf.</style></p><p><style name="font7">W�hrend er Michajloff mit wutverzerrtem Gesicht anstarrte, lehnte der Geheimrat sich in seinem blattgoldverzierten Sessel zur�ck und zog gen�sslich an seiner Pfeife. Seelenruhig stie� der Mann der Dritten Abteilung eine Rauchwolke aus. Dann grinste er s�ffisant.</style></p><p><style name="font7">�Auch daran haben wir gedacht�, antwortete der Geheimpolizist beinahe am�siert. �Der jungen Frau wird erlaubt werden, regelm��ig an ihre Mutter zu schreiben. Die Briefe werden jedoch nicht an die Frau Mutter versandt, sondern zu Ihnen ins Lager geschickt, unzen-siert, wie Sie sehen werden. Und somit sind Sie stets im Bilde, wie es ihr geht, und haben damit einen direkten Einfluss darauf, ob ihr nicht Unvorhergesehenes zust��t.�</style></p><p><style name="font7">Wie bet�ubt brachte Leonard unter den Anweisungen Michajloffs den Brief zu Ende, dabei hatte er das Gef�hl, auf die H�nde einer Marionette zu schauen, w�hrend die Feder �ber das Papier kratzte.</style></p><p><style name="font7">Danach f�hrte man ihn zur�ck in seine Zelle. Niemand hatte ihm gesagt, was man im Lager von ihm erwarten w�rde, noch wohin genau die Reise ging. Dass es etwas Wichtiges sein musste, konnte er sich denken. Hoffentlich war es wichtig genug, dass man ihn nicht bei n�chster Gelegenheit aus dem Weg r�umte. Tot war er nun schon - wem w�rde es auffallen, wenn ein Namenloser in der Newa schwamm? Oder in der sibirischen Steppe von W�lfen zerfleischt wurde. Aber er musste leben - nicht f�r sich, sondern f�r seine Eltern und in allererster Linie f�r Katja. Eines Tages w�rde er sie wieder in seine Arme schlie�en, und wenn er daf�r �ber Leichen gehen musste.</style></p><p><style name="font7">Am n�chsten Tag konnte er aus einem vergitterten Fenster im zweiten Stock Jekatherinas Abtransport beobachten. �ber Nacht hatte es geschneit. Ihre Schritte waren schleppend und hinterlie�en kaum Spuren. Ihr schmales Gesicht war von einer ohnm�chtigen Trauer gezeichnet. In einer kleinen Gruppe von aneinandergeketteten Frauen wurde sie im Schneeregen zu einem Leiterwagen geschoben, dabei brach sie immer wieder zusammen, offenbar unf�hig weiterzugehen. Eine �ltere, f�llige Frau half ihr auf und streichelte ihr �ber den Kopf. Unentwegt sprach sie auf das M�dchen ein.</style></p><p><style name="font7">Leonard versp�rte einen Klo� im Hals. Sollte er sich bemerkbar machen? Durch die eisernen Gitter nach drau�en schreien? Dass er noch lebte und sie niemals im Stich lassen w�rde? Doch was w�rden Michajloff und seine M�nner dann mit Katja anstellen? Nein, er durfte ihre Sicherheit nicht gef�hrden, selbst wenn es ihm schier das Herz zerbrach, zu sehen, wie sehr sie litt.</style></p><p><style name="font7">Von zwei zottigen Pferdchen gezogen, zuckelte der Wagen vom Hof, Richtung Moskauer Bahnhof, von wo aus sich die Transsibirische Eisenbahn mit Hunderten von Deportierten in Gang setzen w�rde.</style></p><p><style name="font7">Gelegentlich war er unfreiwilliger Beobachter beim Abtransport von Verurteilten gewesen. Immer hatte ihn spontanes Mitgef�hl gepackt, selbst wenn manchmal ganze Familien den Deportierten freiwillig in die Verbannung folgten. Seine Heimat zu verlieren, jegliche gesellschaftliche Anerkennung, mit der nicht gerade rosigen Aussicht, fortan in der Wildnis ein �rmliches, unfreies Dasein zu fristen - das war ihm barbarisch erschienen.</style></p><p><style name="font7">Drei Tage sp�ter war er selbst an der Reihe, verschleppt zu werden -oder verschickt, wie man es weitaus eleganter nannte. In eine unbekannte Region unter undurchsichtigen Umst�nden. Doch der Wagen, der ihn zum Bahnhof bringen w�rde, kam nicht tags�ber und war auch nicht offen. Eine geschlossene Kutsche transportierte ihn und einen weiteren Gefangenen am sp�ten Abend zum Moskauer Bahnhof im S�dosten von Sankt Petersburg. Oberleutnant Egor Stephano-witsch Subbota, ein rothaariger, hager wirkender Adjutant der Dritten Abteilung, und vier einfache Soldaten begleiteten ihre reibungslose Abreise.</style></p><p><style name="font7">In der Kutsche sprachen sie die ganze Zeit kein Wort. Leonard be�ugte mit unverhohlener Neugier seinen beleibten Leidensgenos-sen, der ihm gegen�ber, direkt neben dem verbissen dreinschauenden Offizier sa�.</style></p><p><style name="font7">Der andere Gefangene war ungef�hr so jung wie er, vielleicht dreiundzwanzig oder ein wenig �lter. Im Gegensatz zu Leonard, der einem drahtigen K�mpfer glich, wirkte er schwammig und war von kleinem Wuchs. Sein Haupthaar hatte bereits zu schwinden begonnen, und sein leerer Gesichtsausdruck vermittelte Leonard, dass er ebenso gelitten hatte wie er selbst. H�nde und F��e lagen in Ketten, die nur einen watschelnden Gang erlaubten und leise klirrten, wenn man sich hinter den Ohren kratzen musste. Dazu trug der Mann die gleichen grauen Anstaltskleider wie Leonard, zusammen mit einem w�rmenden Mantel, den man ihm wohl vor der Abreise �berlassen hatte. Wollhandschuhe und eine Schafspelzm�tze komplettierten das Bild.</style></p><p><style name="font7">Leonards Blick glitt zu Subbotas ausdrucksloser Miene hin�ber. Ob dessen Gleichmut ein gutes Zeichen war? Vielleicht wollte man nicht, dass die Gefangenen schon vor Erreichen des Ziels erfroren.</style></p><p><style name="font7">Bei Dunkelheit erreichten sie den Moskauer Bahnhof. Auf einem Sondergleis warteten bereits eine gr��ere Anzahl G�terwaggons und eine schwarze Lokomotive, die zur Begr��ung schnaubte wie ein feuerspuckender Drache. Auf Anweisung von Oberleutnant Subbota lockerte einer der Soldaten Leonard und seinem Mitgefangenen die Ketten. Dann f�hrte man sie zu einem separaten, geschlossenen Gef�ngniswagen, der von au�en einem gew�hnlichen Personenwaggon glich, mit dem Unterschied, dass man die Fenster vergittert hatte. Ein wahrer Luxus gegen�ber dem n�chsten Waggon, der einem zugigen Viehwagen glich und in den trotz der K�lte in Decken und M�ntel geh�llte M�nner und Frauen bugsiert wurden.</style></p><p><style name="font7">Das Innere des Waggons war karg, aber einigerma�en komfortabel, vor allem verf�gte er �ber einen kleinen Kanonenofen mit Abzug, der in einer Ecke des Raumes fest mit dem Fu�boden verankert war und in dessen Innerem bereits ein w�rmendes Feuerchen prasselte. Dazu war ein ausreichender Vorrat an Holz und Kohle in einer h�lzernen Kiste vorhanden. Zwei ausgebleichte Matratzen lagen auf dem Boden des Wagens, darauf ein paar fleckige Kissen und zwei verschlissene Wolldecken. Sogar einen Tisch mit zwei St�hlen gab es, und selbst an ein Nachtgeschirr und an eine Sch�ssel zum Waschen hatte man gedacht. Darin lagen ein St�ck Seife und ein paar graue Armeehandt�cher.</style></p><p><style name="font7">�Hier ist was zu essen f�r euch�, erkl�rte Subbota mit starrer Miene. �Und Wasser.� Er lie� eine Kiste mit Brot, getrocknetem Fisch und �pfeln in den Waggon heben und kurz darauf zwei eiserne Kannen, die mit einem abnehmbaren Deckel verschlossen waren. �Bis Moskau gibt es keinen Halt�, raunte er noch, bevor er ohne Ank�ndigung die T�r zuziehen lie� und sie mit einem schnarrenden Ger�usch von au�en verriegelt wurde.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich war es d�mmerig und still. Dann durchfuhr ein Ruck den gesamten Zug, und Leonard sp�rte, wie sich das schwere Gef�hrt unter stetigem Stampfen in Bewegung setzte.</style></p><p><style name="font7">Beil�ufig musterte er im Feuerschein das �ngstliche Gesicht seines Gegen�bers. Der junge Mann hatte sich in der N�he des Ofens in eine Ecke gekauert, als ob er der unertr�glichen Situation entfliehen wollte, indem er sich unsichtbar machte.</style></p><p><style name="font7">�Wer auch immer uns in die Verbannung schickt�, murmelte Leonard tr�stend, �will offenbar nicht, dass wir schon auf dem Weg dorthin verrecken.� Er hatte aufmunternd wirken wollen, doch seine Stimme klang eher fatalistisch.</style></p><p><style name="font7">�Wie ist dein Name�, fragte ihn sein Begleiter. Seine Stimme wirkte nerv�s, w�hrend der Feuerschein des Ofens die ansonsten weichen Z�ge des Mannes mit einer harten Maske aus Licht und Schatten �berzog.</style></p><p><style name="font7">�Leonard Michailowitsch Schenkendorff.�</style></p><p><style name="font7">�Und was hat dich hierher verschlagen?�</style></p><p><style name="font7">�Ein Mord, den ich nicht begangen habe, und angeblich soll ich die Bolschewiki bei ihrem Aufstand gegen den Zaren unterst�tzt haben.�</style></p><p><style name="font7">�Und hast du?�</style></p><p><style name="font7">�Nicht dass ich w�sste�, brummte Leonard und kniff die Augen zusammen, um sein Gegen�ber besser erkennen zu k�nnen. �Bis vor kurzem war ich noch rechtschaffener Student der Elektromechanik am Polytechnischen Institut und hatte mit der Politik soviel am Hut wie eine Kuh mit Eierlegen.�</style></p><p><style name="font7">�Polytechnisches Institut? Dann sind wir sozusagen Kollegen�, erwiderte die Stimme. �Mein Name ist Pjotr Antonowitsch Agollov. Ich studiere Luftschiffbau und Metallverarbeitung. Ich stand kurz vor dem Abschluss, bevor man mich verhaftet hat.�</style></p><p><style name="font7">�Hast du auch einen Juden erschlagen und die falschen Freunde gehabt?�</style></p><p><style name="font7">�Einen Juden erschlagen? Gott beh�te, wir haben selbst Juden in der Familie.� Pjotr Agollov kr�chzte vor Entr�stung. �Man hat mich einfach abgeholt, mitten in der Nacht. Auch ich soll angeblich die Bol-schewiki unterst�tzt haben.�</style></p><p><style name="font7">�Und hast du?� Leonards Frage hatte einen lakonischen Unterton.</style></p><p><style name="font7">�Eigentlich nicht. Ab und an habe ich an heimlichen Kundgebungen teilgenommen, weil mich die Ansichten von Trotzki und Lenin faszinierten�, antwortete Pjotr z�gernd. �Mein Vater war Ingenieur bei der Russisch-Baltischen Luftschifffahrtgesellschaft. Schon als kleiner Junge hat er mich manchmal mitgenommen, und ich konnte beobachten, wie die Arbeiter dort in Knechtschaft gehalten wurden. Nach seinem Tod hab ich mir geschworen, dass ich f�r den Fall, dass ich einmal seine Nachfolge antrete, f�r eine gerechtere Welt einstehen wollte.� Er schwieg einen Moment, als ob er sich sammeln m�sste.</style></p><p><style name="font7">�In meiner Freizeit entwerfe ich Konstruktionspl�ne f�r Luftschiffe, die Hunderte von Passagieren f�r wenig Geld zu weit entlegenen Orten bringen k�nnen�, fuhr er fort. �Es ist ein Traum von mir, dass so etwas eines Tages m�glich wird. Die Dritte Abteilung behauptet, das seien geheime Anleitungen f�r den Bau eines Kriegsschiffs, mit denen ich die Bolschewiki f�r einen Angriff auf den Zaren und seine Armee unterst�tzen w�rde.� Agollov schnaubte leise. �Ich habe meine alte Mutter zur�cklassen m�ssen. Sie ist fast gestorben vor Gram, als man mich abgef�hrt hat. Sp�ter lie� man mich meine Schuld in einem Brief bekennen. Ansonsten h�tte man sie nach meiner Verurteilung, die schon so gut wie beschlossene Sache war, enteignet und damit dem sicheren Hungertod �berlassen.�</style></p><p><style name="font7">�Konntest du dir keinen Advokaten leisten? Oder hast du keine Verwandten, die f�r dich einstehen k�nnen?�</style></p><p><style name="font7">�Ich bin der einzige Sohn meiner Eltern. All unsere Anverwandten leben in Riga. Mein Vater hat in fr�hen Jahren mit ihnen gebrochen, weil meine Mutter ihnen nicht standesgem�� erschien. Er ist nach langer Krankheit vor zwei Jahren gestorben und hat uns beinahe mittellos zur�ckgelassen. Ich durfte froh sein, dass wir mein Studium finanzieren konnten.� Er sch�ttelte mutlos den Kopf, bevor er von neuem ansetzte. �Advokaten sind teuer und korrupt dazu. Das wei� doch jeder halbwegs normal denkende Mensch. Und wer kann finanziell schon mit dem Zarenregime mithalten?�</style></p><p><style name="font7">�Ist das nicht merkw�rdig?� Leonard kratzte sich den Bart, in dem beunruhigenden Verdacht, dass sich darin bereits L�use eingenistet hatten. �Ausgerechnet zwei Studenten des Polytechnischen Instituts werden von der Ochrana verhaftet und in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in Richtung Sibirien verschickt.� Er schluckte und sah Pjotr direkt in die braunen Augen. F�r ein Moment hatte sein Blick eine starre Richtung angenommen, und er fixierte seinen unfreiwilligen Leidensgenossen fragend.</style></p><p><style name="font7">�Warum wir beide?�, bohrte Leonard weiter. �Was haben die mit uns vor?�</style></p><p><style name="font7">�Keine Ahnung�, fl�sterte Pjotr nachdenklich. �aber irgendetwas sagt mir, dass dies keine Vergn�gungsreise wird, auch wenn die Bedingungen nicht ganz so schlecht sind, wie ich bef�rchtet hatte.�</style></p><p><style name="font7">�Der Teufel kommt oft in goldenen Pantoffeln daher, damit man seinen Pferdefu� nicht sieht, hat meine Gro�mutter immer behauptet.� Leonard schloss f�r einen Moment m�de die Augen, bevor er aufblickte und seinen Mitreisenden mit einem ironischen Grinsen bedachte.</style></p><p><style name="font7">Pjotr kniff die Lippen zusammen, dann stie� er einen lang gezogenen Seufzer hervor. �Und was machen wir, wenn die alte Dame recht beh�lt?�</style></p><empty-line/></section><section><title><p><style name="font7">4.</style></p><p><style name="font7">Juni 2008, Tunguska - Im Rausch der Tiefe</style></p></title><p><style name="font7">Ein liebevoller Blick, und die faltige Hand von Vera Leonardowna Schirova streichelte z�rtlich �ber das schwarze, glatte Haar des schlafenden Mannes. Sanft fuhren die Finger der alten Frau weiter �ber die hohen Wangenknochen und dann �ber den weichen Stoppelbart, der das markante Kinn bedeckte. Ihre Gedanken kehrten zu jenem Tag zur�ck, an dem sie ihn zum ersten Mal im Arm gehalten hatte. Klein und verschrumpelt war er vor fast drei�ig Jahren mit zornigem Geschrei dem Scho� ihrer v�llig ersch�pften Tochter entschl�pft - nicht freiwillig, sondern nach tagelangem Ringen und nur mit roher Gewalt. Seine Mutter hatte es das Leben gekostet, und ihn selbst hatte dieser Umstand als Halbwaisen zur�ckgelassen. Ein denkbar schlechtes Omen, wie der alte Schamane am Totenbett der jungen Frau orakelt hatte. Ein b�ser Geist sei noch vor der Geburt in das Kind gefahren und habe es mit d�monischen Kr�ften beseelt.</style></p><p><style name="font7">�Ein neuer m�chtiger Schamane hat das Licht der Welt erblickt�, kr�chzte der Alte mit glasigen Augen und meinte damit das unschuldige B�rschchen, dessen Hunger zun�chst mit warmer Pferdemilch gestillt werden musste und nicht mit Blut, wie es der alte Mann geifernd verlangte. Das anschlie�ende, drei Tage andauernde Reinigungsritual - bestehend aus ununterbrochenem Getrommel und dem Ausr�uchern der H�tte - hatte die b�sen Geister zwar mit M�he vertrieben, aber daf�r das Kind nachhaltig geschw�cht. Nur mit viel Geduld und der Hilfe eines Gottes, auf den der alte Schamane mit Hochmut herabsah, hatte die Gro�mutter um das �berleben des Jungen gek�mpft. Die Rettung des Kleinen war jedoch - wie alles in der Geisterwelt der Tungusen -nicht umsonst zu bekommen gewesen. Acht �ltere Geschwister starben binnen kurzer Zeit an Kehlkopfdiphterie. Damit waren es neun Verwandte, die das Leben des Kindes gekostet hatte. Ein weiteres Zeichen, wie der alte Schamane d�ster bekannte. �Der Geist des wiedergeborenen Schamanen unterbricht den Weg, auf dem das Unheil zu ihm kommen kann. Ein anderer Geist, der ihm das Leben geschenkt hat, verlangt ein Opfer aus den Reihen der Sippenangeh�rigen.�</style></p><p><style name="font7">Eine Kuh, die neunmal gekalbt hatte, musste dran glauben. Das schreiende Baby wurde am ganzen K�rper mit ihrem Blut gezeichnet.</style></p><p><style name="font7">�Lasst ihn zum Mann reifen und die Geister der Unterwelt werden ihm zugetan sein�, prophezeite der Alte den �ngstlichen Gro�eltern, �und dabei wird er mehr Macht besitzen als all seine Vorfahren!�</style></p><p><style name="font7">Doch das Schicksal hatte es nicht ganz so schlecht mit dem winzigen S�ugling gemeint, wie zun�chst bef�rchtet. Wenigstens besa� er die liebevollsten Gro�eltern, die man sich vorstellen konnte. Und aller schlechten Vorzeichen zum Trotz wurde aus dem kleinen Jungen kein b�sartiger Gnom, sondern ein freundlicher Kerl mit einem angenehmen</style></p><p><style name="font7">Wesen, der die meisten M�nner der Sippe um mehr als Hauptesl�nge �berragte.</style></p><p><style name="font7">F�r einen Moment ruhte die Hand der alten Frau auf seiner m�chtigen Schulter, und ein L�cheln flog �ber ihr Gesicht, als sich die Lippen des Mannes kr�uselten und er mit geschlossenen Augen ein wohliges Brummen von sich gab.</style></p><p><style name="font7">�Wie sp�t ist es, Babuschka?� Blinzelnd �ffnete er die Augen und schaute sie fragend an.</style></p><p><style name="font7">�Hast du gut geschlafen, Wnutschok?� Sie �berging seine Frage und nannte ihn leise bei seinem Kosenamen, dann k�sste sie ihn leicht auf die Stirn, bevor sie sich seufzend erhob. Kurz darauf kehrte sie mit einem dampfenden Glas Tee zur�ck, das sie dem schmauchenden Samowar auf der alten Kommode entnommen hatte. Behutsam setzte sie das Glas samt Untertellerchen auf einem kleinen Tisch ab, bevor sie sich erneut zu der Kommode begab und einen trockenen Brotfladen mit Butterschmalz bestrich.</style></p><p><style name="font7">Auf einem weiteren Teller servierte sie ihrem einzigen Enkel den Fladen zum Tee.</style></p><p><style name="font7">�Du musst etwas essen�, bemerkte sie f�rsorglich und mit Blick auf seine ansehnlichen Arm- und Beinmuskeln, die er gen�sslich streckte und dehnte. Gesch�ftig ging sie zu ihrer �blichen Hausarbeit �ber, obwohl die Stube alles andere als unordentlich wirkte. Das Mobiliar in der ger�umigen H�tte war karg, und zu putzen gab es nicht viel. Vor knapp hundert Jahren hatten ihre Vorfahren das Haus aus Holz, Erde und Tierfellen erbaut. Makar Charitonowitsch, ihr Mann, hatte es sp�ter mehrmals renoviert. Zusammen mit neun anderen Jurten, den traditionellen H�usern der Ewenken, stand es zu einem kleinen Dorf vereint, das ein paar Kilometer abseits lag von Vanavara. Nur eine einzige holperige Stra�e f�hrte durch den beinahe undurchdringlichen Wald in die Stadt.</style></p><p><style name="font7">Im Innern der H�tte teilten sich zwei Betten, ein Sofa und ein Kleiderschrank den einzigen gro�en Raum. Den gestampften Boden hatte man mit bunten Teppichen ausgelegt, welche in �hnlicher Form, aber weitaus kostbarer die W�nde schm�ckten.</style></p><p><style name="font7">Hier und da fegte die alte Frau mit einem Strohbesen einige Kr�mel hinweg, dabei schob sie ein paar gro�e Kissen beiseite, mit denen man es sich auch noch als �lterer Mensch auf dem Boden bequem machen konnte. Doch setzen wollte sie sich nicht. Es war, als sei sie von einer andauernden Unruhe getrieben, und ihr g�tiges rundes Gesicht mit den vielen F�ltchen wirkte so sorgenvoll wie schon lange nicht mehr.</style></p><p><style name="font7">W�hrend ihr Enkel sich, nur mit Unterw�sche bekleidet, langsam aufrichtete und sich verschlafen die Augen rieb, betrat sein Gro�vater durch einen Vorhang aus Fellen das Innere der Jurte. Das ockerfarbene Lederhemd und die gleichfarbige Hose schlotterten um seine d�rre Gestalt, und die bunte M�tze auf seinem Kopf b�ndigte nur m�hsam das wei�e st�rrische Haar. Sein Gesicht war eingefallen, die Haut von Wind und Wetter gegerbt, und seine kleinen leuchtenden �uglein �ber der flachen, gebogenen Nase huschten in st�ndiger Aufmerksamkeit hin und her.</style></p><p><style name="font7">�Du bist sp�t dran, Leonid�, bemerkte er knapp und bedachte den J�ngeren mit einem kritischen Blick. Beil�ufig streichelte er dem Laika-R�den, der sich nicht weniger verschlafen von seinem Lager erhoben hatte, den Pelz. Das Tier streckte sich wie sein Herr - gen�sslich und mit einem lang gezogenen G�hnen. Anschlie�end sch�ttelte es sein frisch gereinigtes Fell.</style></p><p><style name="font7">�Ich dachte, du wolltest die Otterfallen oben am Kimchu kontrollieren?� Der Alte sah den J�ngeren vorwurfsvoll an.</style></p><p><style name="font7">�Tut mir leid, Dedka�, erwiderte Leonid mit einem bedauernden L�cheln, das seine aufrichtige Abbitte verriet. �Ist wohl ein bisschen sp�t geworden gestern Abend. Ich habe mit Taichin in uralten B�chern gebl�ttert. Er hat mal wieder vom Krieg erz�hlt und von der Zeit vor der gro�en Revolution.�</style></p><p><style name="font7">�Falls der verwirrte Narr auf die Idee kommen sollte, dich gegen meinen Willen zu seinem Nachfahren zu erheben, wird er sein blaues Wunder erleben. Lasst euch das gesagt sein!� Die Augen des Gro�vaters funkelten gef�hrlich.</style></p><p><style name="font7">�Das kann sowieso nicht geschehen�, bemerkte die Gro�mutter seufzend, und dabei nahmen ihre wachen, hellen Augen einen schwerm�tigen Ausdruck an. �Warum sollte Leonid so dumm sein, sich zum Schamanen ausbilden zu lassen? Wen sollte er heilen? Er kann sich ja noch nicht einmal eine Frau nehmen, solange er sich in den W�ldern versteckt halten muss, wie ein B�r auf der Flucht vor einer blutr�nstigen Hundemeute.�</style></p><p><style name="font7">�Offiziell ist er tot�, bemerkte der Alte m�rrisch. �Irgendwann werden die Russen vergessen haben, dass es ihn je gab, und dann f�ngt er unter einem neuen Namen einfach ein neues Leben an. Kaum jemand hier kennt seine wahre Herkunft. Nur die Alten, und die werden schweigen.�</style></p><p><style name="font7">�Wie sollten die Russen ihn je vergessen�, erwiderte die alte Frau leise. �Daf�r hat er viel zu viel gewusst. Ich sehe jetzt noch das Gesicht seines Oberen, als er uns die Nachricht von seinem Tod �berbrachte. Da war keine Spur von Trauer, erst recht nicht von Mitleid. Erleichterung w�re das richtige Wort. Der Junge kann von Gl�ck sagen, dass man an seiner Stelle einen anderen in die Grube geworfen hat.�</style></p><p><style name="font7">�Du machst dir zu viele Gedanken, Babuschka.� Leonid stand auf und zog seine Hose an. �Die Geister werden mich sch�tzen. So wie sie es bisher immer getan haben.� Er zog sein Hemd �ber und setzte ein unbek�mmertes Lachen auf. Dann nahm er seine Gro�mutter, die ihm gerade mal bis zur Brust ging, schwungvoll in die Arme und wirbelte sie herum, bis sie mit aufgesetzter Entr�stung lauthals protestierte.</style></p><p><style name="font7">Nachdem er sie wieder auf den Boden gestellt hatte, setzte er sich im Schneidersitz auf dem Sofa nieder und trank endlich seinen Tee. Schluck f�r Schluck, weil er immer noch hei� war. �Und warum sollte ich mich von Taichin zum Schamanen erheben lassen. Wir wissen doch beide, dass die Geister den Tod weiterer Angeh�riger fordern w�rden. Ihr seid alles, was ich noch habe. Meinst du, das w�rde ich wollen?� L�chelnd zwinkerte er seiner Gro�mutter zu. �Au�erdem ist er zu schwach in seinen F�higkeiten. Ein gro�er Schamane kann seine Initiationsriten nur von einem noch gr��eren empfangen.�</style></p><p><style name="font7">�Vers�ndige dich nicht vor den Geistern der Finsternis�, bemerkte der Alte tonlos. �Ich will mich nicht wiederholen. Es gibt da ein paar unselige Ahnen deines nicht weniger unseligen Vaters, die du mehr f�rchten solltest als die Russen.�</style></p><p><style name="font7">Leonid biss in sein Brot, und w�hrend er langsam kaute, folgte er mit aufmerksamen Blicken seinem Gro�vater, der in einem offenen Kamin ein kleines Feuer entz�ndete und magische Worte murmelte, w�hrend er ein B�ndel Kr�uter in die Flammen warf. Sofort stieg ein aromatischer Duft auf, der den ganzen Raum erf�llte.</style></p><p><style name="font7">Leonid zog es vor, nichts zu erwidern. Sein Gro�vater konnte Gedanken lesen. Taichin, der offiziell als Michail Leonardowitsch Schen-kov das Licht der Welt erblickt hatte, war Leonids Gro�onkel. Trotz seiner achtundachtzig Jahre strotzte der hochgewachsene schlanke Mann nur so vor Vitalit�t. Ihm hing seit nunmehr sechzig Jahren der Ruf eines bedeutenden Schamanen an - zun�chst nur heimlich. Die heiligen M�nner der sibirischen Taiga hatten in Zeiten Stalins noch weit mehr unter Verfolgung zu leiden als unter dem Zaren. Doch sp�ter, nach Glasnost und Perestroika, kamen die Leute in Scharen, um sich von Taichin von den seltsamsten Krankheiten befreien zu lassen. Taichin, der zeit seines Lebens ein listiger und unerschrockener Charakter war, bl�hte unter seinen entfesselten �berirdischen F�higkeiten, die ihn seit jeher begleiteten, regelrecht auf. Und er wusste darum, dass in seinem Neffen gewaltige F�higkeiten schlummerten, von denen der Junge nicht das Geringste ahnte. Fortw�hrend versuchte er Leonid auf die Probe zu stellen, indem er ihn in Abwesenheit des Gro�vaters mit all seinem schamanischen Wissen konfrontierte. Doch Leonid lag es fern, jemals Taichins Nachfolge anzutreten. Nach allem, was ihm bisher widerfahren war, konnte er sich kaum vorstellen, zwischen Menschen und Geistern zu vermitteln, geschweige denn mit letzteren �ber das Schicksal von Bittstellern zu verhandeln. Abgesehen davon hatte Dedka vollkommen Recht. Seine endg�ltige Berufung w�rde noch weitere Familienmitglieder das Leben kosten, und au�erdem w�re seine Tarnung dahin. Nein, der alte Taichin machte seine Sache immer noch ganz gut, und wenn m�glich, sollte es auch so bleiben, solange wie es eben ging.</style></p><p><style name="font7">Mit einem Seitenblick auf die Gro�mutter, die der gleichen Meinung war, beruhigte er sein schlechtes Gewissen. Taichin war ihr �lterer Bruder. Leonid wollte den alten Onkel nicht vor den Kopf sto�en, indem er dessen Lehre zur�ckwies. Nur deshalb hatte er eingewilligt, ihm zuzuh�ren - unter dem heiligen Versprechen, dass seine Gro�eltern es niemals erfahren w�rden.</style></p><p><style name="font7">�Wenn es tats�chlich nach den Gesetzen der Geister ginge, m�sste er auch ohne Taichins Hilfe l�ngst zum obersten aller Schamanen aufgestiegen sein�, gab die Gro�mutter mit einem sp�ttischen L�cheln zu bedenken. �Ich kenne kaum jemanden aus unserer Sippe, dem bereits mehr Leid widerfahren ist.� Dabei schaute sie den Alten mit einer verbitterten Miene an, die keinen Widerspruch duldete. �Wir brauchen uns nicht zu sorgen. Die G�tter wollen ihn gar nicht.�</style></p><p><style name="font7">�Am besten ist es, wenn du jetzt schweigst. Sonst verscherzt auch du es dir noch mit unseren Ahnen, Weib�, knurrte der Alte verhalten. Mit m�rrischer Miene goss er etwas Wasser in eine Sch�ssel, um sich gr�ndlich die H�nde zu waschen.</style></p><p><style name="font7">�Am Chekosee ist eine neue Expedition eingetroffen�, bemerkte Leonid beil�ufig und mit vollem Mund, um vom Thema abzulenken. �Russen und Deutsche.�</style></p><p><style name="font7">�Deutsche?� Seine Gro�mutter, die ein weiteres Glas mit Tee einschenkte, sah erstaunt auf. �Woher wei�t du das?�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe gestern zuf�llig drau�en auf dem Sportplatz in Vanavara eine Frau getroffen, die an der Expedition teilnimmt. Versehentlich hat sie die unerfreuliche Bekanntschaft mit Ajacis Temperament gemacht. Wegen ihm ist sie ausgerutscht und in den Dreck gefallen.�</style></p><p><style name="font7">�Du warst in Vanavara?� Die alte Frau sah ihn erschrocken an.</style></p><p><style name="font7">�Nur kurz. Auf dem Weg zu Taichin hab ich beobachtet, wie die Helikopter landeten - das hat mich neugierig gemacht.�</style></p><p><style name="font7">�Hat dich jemand gesehen?� Ihr �ngstlicher Blick streifte ihn nur.</style></p><p><style name="font7">�Nein, au�er ein paar Kindern und dieser Frau war niemand auf der Stra�e. Sie ist eine Deutsche. Ich habe mich sogar kurz mit ihr unterhalten.�</style></p><p><style name="font7">�Du hast Deutsch gesprochen?� Leonids Gro�mutter machte ein entsetztes Gesicht.</style></p><p><style name="font7">�Warum nicht? Du hast es mir schlie�lich beigebracht. Ich kann mich noch an alles erinnern.� Sein Blick verriet einen gewissen Stolz �ber das Erlernte. �Guten Tag, gute Nacht, auf Wiedersehen, wie geht es dir ... und ... ich liebe dich.� Er grinste breit.</style></p><p><style name="font7">Der ansonsten g�tige Gesichtsausdruck der alten Frau verfinsterte sich merklich. �Ich habe es dir beigebracht, weil es das Erbe deines Urgro�vaters ist. Ich wollte nie, dass du jemandem davon erz�hlst. Erst recht nicht irgendwelchen Fremden.�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe vom Eintreffen der Expedition geh�rt�, bemerkte der Gro�vater mit zusammengekniffenen Lidern. Er hatte sich ebenfalls ein Glas Tee genommen und setzte sich nun wieder zu seinem Enkel auf das Sofa.</style></p><p><style name="font7">�Bei drei riesigen Helikoptern, kein Wunder�, scherzte Leonid mit einem Augenzwinkern. �Sie waren so laut wie ein herannahender Orkan, als sie �ber die Stadt geflogen sind.�</style></p><p><style name="font7">�Ich hatte eine Einladung�, fuhr der Alte unger�hrt fort. �Als Stammes�ltester sollte ich an der Begr��ungsveranstaltung teilnehmen. Uljanowitsch wollte es so. Aber ich habe abgesagt.� Der Blick des Alten war nicht zu deuten.</style></p><p><style name="font7">�Warum?� Seine Frau sah ihn erstaunt an.</style></p><p><style name="font7">�Bashtiri hat bei der Sache seine Finger im Spiel, und ihr wisst, was das zu bedeuten hat. Ich will ihn hier nicht haben. Nicht nur wegen Leonid. Ich habe geh�rt, er will das Land oben am Chekosee aufrei�en und sich die feinsten St�cke f�r sein neues Gas-Imperium unter den Nagel rei�en. Er wird die gesamte Gegend zerst�ren, so wie sie schon einmal zerst�rt wurde, und auch diesmal werden die Geister den Menschen nicht wohlgesinnt sein. Wenn wir ihn nicht aufhalten, wird es zu einer weiteren Katastrophe kommen.�</style></p><p><style name="font7">�Bashtiri?� Die Augen der alten Frau waren voller Sorge. �Heilige Mutter, ausgerechnet Bashtiri.� Wieder lenkte sie ihren vorwurfsvollen Blick auf ihren Enkel. �Und du rennst auch noch durch die Stadt! Was w�re, wenn du ihm und seinen Leuten direkt in die Arme l�ufst?�</style></p><p><style name="font7">�Erstens rechnet er nicht mehr mit mir, und zweitens w�rde ich ihn dorthin schicken, wo seinesgleichen hingeh�rt!� Leonid grinste boshaft. �Geradewegs in die Unterwelt!�</style></p><p><style name="font7">Der Gro�vater sah Leonid von der Seite an. Seine Miene blieb undurchsichtig</style></p><p><style name="font7">�Denkst du, ich kann dich hinauf an den See schicken, damit du dich dort einmal umsiehst und mir sagen kannst, was Bashtiri und seine Schergen dort oben treiben. Ohne dass er dich sieht oder du ihn gleich massakrierst - wenn du verstehst, was ich meine.�</style></p><p><style name="font7">�Leonid? Bist du verr�ckt geworden?� Der entsetzte Blick der alten Frau wanderte zwischen ihrem Mann und dem erstaunt dreinschauenden Enkelsohn hin und her. �Als ob es niemanden anderen g�be. Das fehlte noch, dass dieser Hund auf ihn aufmerksam wird. Der Kerl geht mit dem russischen Pr�sidenten zur Jagd. Und wie du nur zu gut wei�t, sagt man ihm Verbindungen zu Geheimdienstkreisen nach. Wenn sie erfahren, dass Leonid noch am Leben ist, werden sie ihn an die Wand stellen! Als Vaterlandsverr�ter und was wei� ich sonst noch.�</style></p><p><style name="font7">�Dedka hat recht mit dem, was er sagt�, widersprach Leonid. �Ich bin kein kleiner Junge mehr, Babuschka.� Mit seiner Linken vollf�hrte er eine beschwichtigende Geste. �Weder Bashtiri noch dem FSB ist es gelungen, mich in Tschetschenien zu erwischen. Also warum sollte es ihnen ausgerechnet in meiner Heimat gelingen? Da, wo ich lebe, kommen sie nicht hin. Es ist ihnen zu ungem�tlich.�</style></p><p><style name="font7">�Tschetschenien!� Ihre Stimme klang verbittert, w�hrend sie langsam den Kopf sch�ttelte. �Was k�nnte ungem�tlicher sein. Mistkerle wie Bashtiri st�rt so etwas nicht. Deshalb verf�gen sie �ber M�nner wie dich, denen keine H�lle zu hei� ist. Sag blo�, du hast das schon vergessen?�</style></p><p><style name="font7">�Babuschka .� Leonids Stimme klang ungeduldig. �Ich lasse mich nicht erwischen.� Er l�chelte seine Gro�mutter herausfordernd an und zwinkerte ihr mit einem Auge zu. �Alles klar?�</style></p><p><style name="font7">�Gut�, sagte der Gro�vater und klopfte sich auf die Schenkel, w�hrend er seinen Enkel mit einem pr�fenden Blick bedachte. �Dann mach dich auf den Weg! Du kannst das Pferd nehmen. Ich brauche es nicht. W�re sch�n, wenn du in einer Woche wieder vorbeischauen und mir Bericht erstatten w�rdest.�</style></p><p><style name="font7">Gegen Mittag machte sich eine erste Gruppe von Wissenschaftlern zum See auf. Die Sonne spiegelte sich glei�end im Wasser; es war weit w�rmer als am Tag zuvor. Unter den interessierten Blicken von Sven Thei-sen sch�lte sich Viktoria in Ufern�he aus ihrem Jogginganzug und brachte einen schlichten blauen Sportbadeanzug zum Vorschein, der trotz seiner Einfachheit nicht nur die wohlwollenden Blicke ihres deutschen Kollegen hervorrief. Vitaly Jurenko, ein sportlich durchtrainierter Dozent aus Moskau, mit dem sie am Abend zuvor - auf sein hartn�ckiges Dr�ngen hin - ihren ersten Wodka auf Ex getrunken hatte, grinste verlegen, als sie ihn dabei erwischte, wie er seinen Blick an ihr Dekollete heftete.</style></p><p><style name="font7">Professor Olguth, der diesen Umstand nicht zu bemerken schien, hatte Viktoria bei der improvisierten Wodkataufe am Abend zuvor in sein Tauchteam aufgenommen. Zusammen mit Doktor Theisen und zwei weiteren russischen Experten sollte sie in Ufern�he in bis zu zehn Metern Tiefe Sedimentproben aufsammeln. Gleichzeitig w�rde ein Katamaran in der Mitte des Sees in etwa f�nfzig Meter Tiefe weitere Bohrungen vornehmen.</style></p><p><style name="font7">�Wenn hier vor einhundert Jahren ein Meteor niedergegangen ist�, res�mierte Professor Rodius, der mit einem Fernglas in Ufern�he stand, �muss ein Einschlagskrater zu finden sein.�</style></p><p><style name="font7">Rodius teilte Olguths �berzeugung, dass Reste dieses Kraters in diesem See zu finden waren. Erste Untersuchungen hatten magnetische Abweichungen im Gel�nde zutage gebracht, die verst�rkt auf Eisenanteile im Gestein zur�ckzuf�hren waren. Zudem wiesen die Sedimentablagerungen am Grunde des Sees, wie man bei Ultraschalluntersuchungen festgestellt hatte, verd�chtige Formen und eine ungew�hnliche Dichte auf. Mit einem Tauchboot hatte man bereits Reste umgest�rzter B�ume in etwa zwanzig Meter Tiefe entdeckt, ein Zeichen daf�r, dass der See vor der Explosion im Sommer 1908 in dieser Form noch nicht existiert hatte.</style></p><p><style name="font7">W�hrend Viktoria Zug um Zug den w�rmenden Taucheranzug anlegte, sinnierte sie dar�ber, ob die Theorien des Professors sich diesmal endg�ltig bewahrheiten sollten.</style></p><p><style name="font7">Dass hier am fr�hen Morgen des 30. Juni 1908 etwas niedergegangen war, dessen Auswirkung sich in kaum f�nf Tagen zum einhundertsten Mal j�hrte, stand au�er Frage. Noch Jahre nach dem katastrophalen Ereignis waren die verheerenden Folgen zu sehen gewesen: Tausende Quadratkilometer verw�stetes Land, siebzig Millionen umgeknickter B�ume. Ganz zu schweigen von den unmittelbaren Auswirkungen der bis heute ungekl�rten Explosion. Ganze Herden toter Rentiere und Tausende ver�ngstigter Menschen, Ewenken wie Russen, die das Spektakel aus 65 Kilometer Entfernung in Vanavara und Umgebung mitbekommen hatten. Vielleicht waren sogar einige von ihnen zu Tode gekommen, weil sie sich in unmittelbarer N�he des Ereignisses aufgehalten hatten. Gleichzeitig hatten mehrere Erdbeben die Oberfl�che des Planeten ersch�ttert. Ihre seismografischen Auswirkungen waren bis Sankt Petersburg zu sp�ren gewesen. Mit den einhergehenden seltsamen Lichterscheinungen war es an drei aufeinander folgenden N�chten sogar m�glich gewesen, nachts um zwei in ganz Europa die Zeitung zu lesen.</style></p><p><style name="font7">Viktoria lie� ihren Blick �ber den See schweifen. Ruhig und unverd�chtig lag er da. Umrahmt von einer ebenso harmlos erscheinenden Landschaft aus gr�nen B�schen und B�umen, erschien er ihr im Sonnenlicht wie ein glitzernder stahlblauer Diamant. Kaum vorstellbar, dass es ausgerechnet hier zu einer solchen Katastrophe gekommen sein sollte. Bisher gab es unz�hlige Theorien zur Ursache dieses au�ergew�hnlichen Ph�nomens.</style></p><p><style name="font7">Ob ihre neuerlichen Untersuchungen tats�chlich zur Aufkl�rung des R�tsels f�hren konnten, blieb abzuwarten.</style></p><p><style name="font7">Vitaly l�chelte hilfsbereit, bevor er ihr das Geschirr anlegte, an dem die Sauerstoffflasche befestigt war.</style></p><p><style name="font7">�Du kennst dich aus?� Seine Frage war eher rhetorisch gemeint, weil sie ihm bereits gestern hinreichend versichert hatte, dass sie auf jahrelange Taucherfahrung in s�mtlichen Weltmeeren und zahlreichen Alpenseen zur�ckblicken konnte.</style></p><p><style name="font7">�Au�er einem Riesenwels, der es auf zierliche Taucherinnen abgesehen hat, lauern hier keine Gefahren�, scherzte er und lachte, als sie eine entsetzte Miene aufsetzte. Dabei kam eine seitliche Zahnl�cke zum Vorschein, die ihn zusammen mit seinen ungest�men braunen Locken und dem struppigen Bart eher wie einen Piraten aussehen lie� und nicht wie einen ernst zu nehmenden Wissenschaftler.</style></p><p><style name="font7">Sven war gleichfalls in seinen sch�tzenden Neoprenanzug geschl�pft. Mit einiger Vorsicht schloss er den Rei�verschluss �ber seiner behaarten Brust. Dann zupfte er hier und da, bis alles an seiner richtigen Stelle sa�. Selbst in einem Taucheranzug stolzierte er wie ein Dandy umher, der sein �u�eres niemals dem Zufall �berlie�.</style></p><p><style name="font7">�Ich werde schon daf�r sorge, dass dir kein Riesenfisch in die Zehe bei�t�, bemerkte er und grinste Viktoria selbstgef�llig an.</style></p><p><style name="font7">Bevor sie zu viert das kleine motorisierte Schlauchboot bestiegen, warf Viktoria noch einen Blick zur�ck zum Ufer. Bashtiri hatte sich den ganzen Morgen noch nicht blicken lassen. Vielleicht lag es am Champagner, den er gleich kistenweise getrunken hatte - mit etlichen Gl�sern Wodka, eine noble und doch unselige Mischung, die ihm gewiss einen hartn�ckigen Kater beschert hatte. Wahrscheinlich lie� er sich just in diesem Moment von seinen Sch�nen die Schl�fen massieren. Seine Schergen waren dagegen schon fr�h auf den Beinen gewesen.</style></p><p><style name="font7">Attilo, der blonde Riese, der sie gestern in Vanavara an den Tisch seines Chefs gebeten hatte, war der vierte Taucher im Bunde. Bashtiri bestand darauf, dass s�mtliche Aktivit�ten - auch die unter Wasser -mit einer Kamera digital aufgezeichnet wurden.</style></p><p><style name="font7">Olguth dr�ckte Viktoria im Vorbeigehen einen engmaschigen Netzbeutel in die Hand, den sie an ihrem Bleig�rtel einhaken konnte.</style></p><p><style name="font7">Mit ein paar letzten Handgriffen �berpr�fte sie den Sitz ihrer Stirnlampe. Ab drei Meter Tiefe w�rde die Sicht extrem schwinden, hatte Vitaly ihr erkl�rt. Stufenweise wollte man bis in zehn Meter Tiefe vordringen, um im dortigen Sediment nach kleineren Gesteinsbrocken und abgestorbenen Pflanzen zu forschen, an denen man Hinweise zu finden hoffte, die endg�ltig den Niedergang eines Meteors beweisen w�rden. Schon zu fr�heren Zeiten hatte man in der Umgebung des Sees Millionen von glas�hnlichen K�gelchen gefunden, die - kleiner als Schrotkugeln - metallisch schimmerten. Dazu hatte man Kupfer, Kobalt, Nickel sowie Spuren von Germanium entdeckt, was nicht minder einen Hinweis auf einen k�nstlichen Ursprung von eventuell nachrichtentechnischem Ger�t gab, wie es auch in Flugzeugen fr�herer Entwicklungsphasen zu finden war. Iridium, welches man typischerweise bei anderen Impact-Ereignissen gefunden hatte, war hingegen kaum nachzuweisen gewesen. Erst gestern Abend hatte sich Sven Theisen zum wiederholten Male best�tigt gef�hlt, als einer der russischen Kollegen leicht wodkageschw�ngert die Theorie eines niedergegangenen au�erirdischen Raumschiffes zum Besten gegeben hatte.</style></p><p><style name="font7">In rasanter Fahrt schoss das kleine Motorboot �ber den See. Die Heckwellen schlugen hoch, als Vitaly mit einer eleganten Drehung nicht weit von der Stelle stoppte, wo der Kimchu einen nat�rlichen Abfluss bildete.</style></p><p><style name="font7">Ein letztes Mal �berpr�fte ein jeder seine Ausr�stung, bevor sich die Taucher einer nach dem anderen r�ckw�rts in den zehn Grad kalten See fallen lie�en. Viktoria folgte den drei M�nnern mit einer seltenen Mischung aus Freude und Aufregung, aber auch mit einer ungewissen Furcht, die sie in dieser Form bisher noch nie versp�rt hatte. Z�gig glitt sie in das dunkle Wasser und folgte ihren Vorg�ngern in die unw�gbare Tiefe.</style> Was soll schon geschehen?,<style name="font7"> beruhigte sie sich. Der See war zu klein, um sich darin zu verirren, und selbst in zehn Meter Tiefe konnte man immer noch die Oberfl�che erahnen. Au�erdem hatten sie ausgemacht, solange beisammenzubleiben, bis Vitaly das Zeichen zum Auftauchen geben w�rde. L�nger als f�nfzehn Minuten sollte der erste Tauchgang ohnehin nicht dauern.</style></p><p><style name="font7">Ab und an blubberten Bl�schen an Viktoria vorbei. Sie war nicht sicher, ob sie von den Sauerstoffmasken der Kollegen herr�hrten oder vom Boden des Sees aufstiegen, von dem Kolja behauptete, dass darunter ein riesiges Gasreservoir vermutet werden durfte.</style></p><p><style name="font7">Nach ein paar Metern unter Wasser konnte sie die ersten Baumst�mpfe erahnen. Wie die gestaffelten Reihen braver Zinnsoldaten schmiegten sie sich an die H�nge des Sees, und merkw�rdig genug, sie schienen auch noch nach einhundert Jahren in ihrer Substanz fast vollst�ndig erhalten zu sein. Sie waren lediglich mit Algen und undefinierbaren Ablagerungen �berwuchert, welche die Zwischenr�ume zu benachbarten St�mmen f�llten.</style></p><p><style name="font7">Mit einem pl�tzlichen flauen Gef�hl im Magen heftete sich Viktoria an die kanariengelben Flossen ihres deutschen Kollegen, die sie im zunehmend tr�ber werdenden Wasser nur noch erahnen konnte. Auch wenn sie ansonsten gerne auf Svens Schutz verzichten konnte, hatte sie im Moment nichts gegen seine Anwesenheit. Zu ihrem Erstaunen schlug er eine andere Richtung ein als Vitaly. Es war, als ob er etwas gesehen h�tte, das ihn interessierte. Entgegen der Abmachung begab er sich geradewegs zu einem vorstehenden Felsvorsprung, der bereits auf den Ultraschallbildern mit seiner eigenartigen Nase hervorgestochen hatte.</style></p><p><style name="font7">Viktoria folgte Theisen, unsicher, ob sie das Richtige tat. Nach einer Weile drehte er sich zu ihr um und gab ihr mit ein paar hektisch anmutenden Zeichen zu verstehen, dass sie n�her herankommen solle. Irgendetwas ragte aus dem Gestein heraus. Von weitem erschien es wie ein verbogener Eisentr�ger, doch er war nicht verrostet, und ein paar regelm��ige L�cher im Material zeigten, dass es sich tats�chlich um einen Gegenstand handelte, der nicht zuf�llig hier lag, sondern nach dem Ungl�ck hierher gelangt sein musste. Sven hatte die Stange, die offenbar aus Aluminium bestand, mit beiden H�nden gefasst und zerrte daran, in dem er sich mit seinen F��en am Felsen abst�tzte.</style></p><p><style name="font7">Sprudelnde Luftblasen, die seinem Atemger�t entwichen, lie�en seine starke Anstrengung erkennen. Doch er bem�hte sich vergeblich, den fremden Gegenstand oder wenigstens ein St�ck davon aus dem Stein zu befreien. Der Fund versetzte ihn in Aufregung. Mit ein paar hektischen Fingerzeichen gab er Viktoria zu verstehen, dass sie ihm behilflich sein sollte.</style></p><p><style name="font7">Sie konnte sich nicht erinnern, dass man bei vorangegangenen Tun-guska-Forschungen je ein solches Objekt entdeckt h�tte - schon gar nicht in diesem See. Es hatte lediglich Ger�chte um einen metallischen Block gegeben, den Rentierhirten Jahre nach der Katastrophe in dieser Gegend gefunden hatten. Angeblich handelte es sich um ein undefinierbares Artefakt, welches merkw�rdige Funken schlug, wenn man es zu Boden warf. Die Universit�t von Moskau hatte sich seiner Untersuchung angenommen. Doch genaue Ergebnisse waren nie publiziert worden, und so geh�rte auch dieses Ger�cht zu den vielen r�tselhaften Geheimnissen, die zu unseri�sen Spekulationen ermutigten.</style></p><p><style name="font7">Bei dieser Expedition hatte Professor Rodius jedoch von Beginn an darauf bestanden, dass es sich um eine seri�se Forschungsreise handelte, die selbstverst�ndlich jedwede UFO-Fantasterei au�er Acht lassen w�rde.</style></p><p><style name="font7">Mit ein paar kr�ftigen Z�gen n�herte sich Viktoria soweit Sven Thei-sen, bis sie ihn an der Schulter zu fassen bekam, um ihm Einhalt zu gebieten. Es hatte keinen Sinn, sich unn�tig zu verausgaben. Schlie�lich hatte man drau�en am Ufer schweres Ger�t, das man mit einer passenden Vorrichtung auch hier auf dem See einsetzen konnte. Au�erdem stand ihnen ein Mini-U-Boot zur Verf�gung.</style></p><p><style name="font7">Viktorias Kollege lie� sich aber nicht beirren. Mit einem unbezwingbaren Entdeckerdrang, der offenbar zu seinen bevorzugten Charaktereigenschaften geh�rte, zog und zerrte er wie von Sinnen an der verbogenen Aluminiumstange.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich sp�rte Viktoria ein leichtes Beben. Im ersten Moment dachte sie an eine Halluzination, doch dann sah sie, wie sich der Fels unter ihr und damit der ganze Hang in Bewegung setzte. In Zeitlupe rutschte der gesamte Untergrund St�ck f�r St�ck abw�rts. Sie hatte schreien wollen und dabei ganz vergessen, dass sie eine Sauerstoffmaske trug.</style></p><p><style name="font7">Sven schien ihre Panik nicht zu bemerken. Auf einmal hielt er ein</style></p><p><style name="font7">St�ck Metall in H�nden und war nun viel zu besch�ftigt mit seinem Erfolgserlebnis, als dass er realisierte, in welcher Gefahr sie sich befanden. Viktoria zerrte an seinem Arm, doch er dachte gar nicht daran, mit ihr aufzutauchen. Stattdessen weiteten sich seine Augen hinter der Tauchermaske, und er hielt Viktoria das Metallst�ck entgegen, als ob sie ihn daran hochziehen sollte.</style></p><p><style name="font7">Als sie registrierte, dass Sven trotz ihrer Unterst�tzung begann, in die Tiefe zu rutschen, lie� sie den metallischen Gegenstand fahren und stie� nach unten. Sven hing fest. Seine Flosse war mit der Spitze zwischen zwei Felsen verkeilt. Und so wie es aussah, konnte er sich unm�glich selbst befreien. Das unterirdische Dr�hnen war lauter geworden. Viktoria sah nur einen Ausweg: Sie musste Sven helfen, die Flosse abzustreifen, andernfalls w�rden ihn Schlamm und Ger�llmassen in f�nfzig Meter Tiefe ziehen und ihn wom�glich unter sich begraben.</style></p><p><style name="font7">Todesmutig tauchte sie noch tiefer hinab. Entschlossen entledigte sie sich ihrer Handschuhe und umklammerte Sven Theisens Kn�chel, um von dort aus mit Daumen und Zeigefinger unter den Rand der Flosse zu gelangen. Mit einem Ruck gelang es ihr, den festen Gummischuh von seinem Fu� abzustreifen. Das Beben wurde heftiger, und beim Blick in die Tiefe konnte sie pl�tzlich eine gro�e helle Wolke erkennen, die mit rasender Geschwindigkeit auf sie zuschnellte. Der unvermittelt auftretende Wirbel erfasste sie wie der Schleudergang einer Waschmaschine und riss sie von Theisens Unterschenkel los. Eine unb�ndige Kraft katapultierte sie gegen den n�chsten Ger�llhaufen.</style></p><p><style name="font7">Ohne einen Schmerz zu versp�ren, schlug sie mit dem Kopf auf. Mittelgro�e Steine schwirrten um sie herum und drohten sie zu erschlagen. Wie prasselnde Nadelstiche empfand sie die aufwallenden Ger�llmassen, die ohne Erbarmen ihren Neoprenanzug attackierten und mit denen sich ihr ungesch�tzter K�rper wie in einem Reigen drehte. Irgendwo konnte sie die gelbe Flosse von Sven sehen, die im Kreis rotierte. Trotz aufkommender Panik schaffte sie es, ihren Bleig�rtel zu l�sen, um schneller aufsteigen zu k�nnen.</style></p><p><style name="font7">Eine zweite Welle erfasste sie mit einem gewaltigen Ruck und schleuderte sie in Richtung Oberfl�che. Sie verlor ihr Mundst�ck und schluckte Unmengen an Wasser. Ihr K�rper schien wie gel�hmt. In einem Strudel sah sie �ber sich das Licht der Sonne, zwei, drei Meter entfernt, verquirlt zu einem kristallinen Kaleidoskop und doch unerreichbar. Sie w�rde sterben. Eine pl�tzliche Gewissheit lie� sie vollkommen ruhig werden, und w�hrend sie von einem Abw�rtssog erfasst wurde, verlor sie das Bewusstsein.</style></p></section><section><title><p><style name="font5">5.</style></p><p><style name="font7">Februar 1905, Sibirien - H�llenfahrt</style></p></title><p><style name="font7">Moskau lag f�nf Tage zur�ck, und bis auf wenige Zwischenstopps an ein paar zugigen Bahnh�fen - mit den bedeutungsvollen Namen Europa und Usia -, die den europ�ischen und den asiatischen Kontinent miteinander verbanden, hatten Leonard und Pjotr nur wenig Gelegenheit gehabt, sich ein wenig die Beine zu vertreten.</style></p><p><style name="font7">Die Aussicht aus dem vergitterten Fenster erm�glichte Leonard den Blick auf eine berauschend sch�ne Landschaft, die in keinem Verh�ltnis zur D�sternis ihrer eigentlichen Reise stand. Berge wechselten mit tiefen bewaldeten T�lern, die �ber und �ber bedeckt von pudrigem Schnee den Eindruck erweckten, als seien sie aus reinem, glitzerndem Zucker gegossen, nur hier und da durchbrochen von hell- und tiefblauen Schatten.</style></p><p><style name="font7">Bevor der Zug im Bahnhof von Krasnojarsk einfuhr, passierte er die erst k�rzlich errichtete, beinahe zwei Werst lange Eisenbahnbr�cke �ber den zugefrorenen Jenissei, der an dieser Stelle eine Stroml�nge von 4900 Werst erreichte und - soweit Leonard aus seinem Geologieunterricht wusste - in den Gebirgen der Mongolei entsprang. Unterhalb von Krasnojarsk hatte der Strom bereits zwei Werst an Breite erreicht, die sich bei seiner M�ndung ins n�rdliche Eismeer auf gut 40 Werst erweitern w�rde.</style></p><p><style name="font7">Allm�hlich d�mmerte es Leonard, was diese Deportation f�r ihn bedeutete. Aufgesogen vom ewigen Eis und Schnee der sibirischen Taiga, w�rde er seine Heimat nie wieder sehen, und doch war es nicht sein eigenes Schicksal, das ihn �ngstigte, sondern der Gedanke an Katja, der seine ganze Sorge galt. War es ihr gut ergangen? Hatte sie die K�lte bis hierher heil �berstanden? Noch am Morgen zuvor hatte die Lokomotive ihn mit dem quietschenden Ger�usch schleifender Bremsen aus einem elenden Schlaf gerissen. Tomsk. Ein Blick aus den vergitterten Fenstern gab ihm letzte Gewissheit. W�hrend die meisten Deportierten aufgefordert wurden, den Zug zu verlassen, hielt man ihn und seinen Kameraden regelrecht unter Verschluss. Sein Herz setzte f�r einen Moment aus, und er glaubte, es w�rde zerbrechen, als die Fahrt nach einer Stunde fortgesetzt wurde. Die Vorstellung, dass Katja ganz in der N�he in einem abgelegenen Lager ihr neues, grausames Leben fristete, nahm ihm schier den Atem.</style></p><p><style name="font7">Mit einem pfeifenden Signal und unter einem schmauchenden Stampfen fuhr der Zug nach einer knappen Woche endlich in Krasno-jarsk ein. Der Bahnhof war nicht mit den Bahnh�fen der Gro�st�dte zu vergleichen, und doch hatte er eine Bedeutung - auch wenn sie nicht gerade erfreulich erschien.</style></p><p><style name="font7">Die Aneinanderreihung von endlosen Schuppen und Lagerh�usern geh�rte zu einem Versorgungslager f�r den Russisch-Japanischen Krieg. Von hier aus zogen Soldaten zu den Schlachtfeldern im Osten des Landes, tauschten Pferde und Verpflegung, bevor sie in der grausamen Symphonie des Sperrfeuers ihr Leben verloren. Und von hier aus ging es f�r viele Deportierte, die nicht soviel Gl�ck hatten, in Tomsk zu landen, weiter nach Sachalin und zu den noch weit unzug�nglicheren Lagern in der Tiefe Sibiriens, die weder mit einem Zug noch mit einem gew�hnlichen Wagen zu erreichen waren. Rentierschlitten - im besten Fall - oder Pferdeschlitten waren die einzige M�glichkeit, relativ rasch und unversehrt am Ort des Geschehens einzutreffen.</style></p><p><style name="font7">Dass vom weiteren Verlauf der Reise nicht selten das Leben abh�ngen konnte, erfuhr Leonard von Aslan Kondrashow. Der magere, schwinds�chtig aussehende Turkmene hatte in einer beheizten Bahnhofsbaracke auf den Zug aus Moskau gewartet. Auch er war verschleppt worden und trug immer noch Ketten an H�nden und F��en. Er war Muslim, wie Leonard erfuhr, als er einen kurzen, heftigen Aufruhr beobachtete, weil die Kosaken Aslan das Beten auf dem Boden verwehrten. Aslan schlug um sich, und einer der Kosaken fuhr in seine dunklen Locken und stie� seinen Kopf an die Wand. Dabei bezeichnete er ihn als besserwisserisches Dschadidenschwein, das er aufschlitzen und ausweiden werde, sobald sich die Gelegenheit dazu ergebe. Aslan lief das Blut aus der Nase, und obwohl er taumelte, hatte sein Blick den Stolz eines verurteilten Revolution�rs, der selbst den Tod nicht scheut, um f�r seine �berzeugungen zu k�mpfen. Dass er etwas Besonderes sein musste, erkannte man an der dreisp�nnigen Troika, mit er, schwer bewacht wie ein leibhaftiger Zarenm�rder, aus dem S�den gekommen war.</style></p><p><style name="font7">Leutnant Egor Subbota, der Leonard und Pjotr bis hierher begleitet hatte, lie� sie nicht aus den Augen. Wie bei einem Wiesel auf Beutezug wanderte sein Blick hin und her, w�hrend er sich mit dem Anf�hrer der Kosaken �ber die Gefangenen beriet. Anschlie�end wurde ihnen Aslan als dritter Mann zugeteilt. Auch er war f�r ein Lager bestimmt, das keinen Namen hatte und dessen Weg dorthin auf keiner Karte verzeichnet war.</style></p><p><style name="font7">Obwohl man gew�hnlich auch zu Nachtzeiten fuhr, erschien es zu sp�t, um noch aufzubrechen. Bereits jetzt zeigte das Spiritusthermometer minus 33 Grad, und es fehlte zudem an billigem Pelzwerk, das man vor der Weiterreise an die Deportierten h�tte verteilen m�ssen. Au�erdem ben�tigte man entsprechende Schuhe, ebenfalls mit Pelz gef�ttert und wasserdicht. Die wenigsten besa�en die passende Ausr�stung, und es nutzte niemandem etwas, wenn den Deportierten die Zehen oder ganze F��e abfroren, noch bevor sie das Lager erreicht hatten.</style></p><p><style name="font7">Die Frau des �rtlichen Lagerverwalters, der ansonsten f�r die Ausgabe der Kleider zust�ndig war, lag in den letzten Wehen. Bereits am Nachmittag hatte ihr Mann den Weg nach Hause angetreten. Eine schwere Geburt stehe bevor, hie� es. Vor morgen fr�h wurde er nicht zur�ckerwartet. So blieb den Reisenden nichts anderes �brig, als in einer der sp�rlich beheizten Bahnhofsbaracken die Nacht zu verbringen.</style></p><p><style name="font7">Au�er Leonard und seinen beiden Kameraden, die weiterhin gesondert bewacht wurden, hielten sich noch gut zwanzig andere Deportierte in der karg m�blierten Stube auf. Die meisten von ihnen waren ersch�pft und hatten ver�ngstigte Gesichter.</style></p><p><style name="font7">�Gebt ihnen was zu essen!�, rief Subbota �ber Tische und B�nke dem P�chter der Gaststube zu. Ein Heer von hoffnungslosen Augen verfolgte den fettleibigen Wirt mit Blicken und wartete stoisch - auf was auch immer.</style></p><p><style name="font7">Mit der m�rrischen Miene und Beweglichkeit einer hundertj�hrigen Schildkr�te servierte der Mann schlie�lich den v�llig ausgehungerten</style></p><p><style name="font7">Menschen eine Suppe - Teller f�r Teller, w�hrend die Portionen immer geringer und zusehends d�nner ausfielen, bis die letzten Ungeduldigen sich lautstark beschwerten. Der dickb�uchige Kerl, dem etliche Z�hne fehlten, st�rte sich nicht daran. Wortlos spendierte er den hohen Herrn Milit�rs, die sich an Ente und Bratwurst labten, einen Wodka.</style></p><p><style name="font7">In einem kurzen, heimlich gef�hrten Gespr�ch erfuhr Leonard, dass man Ivan Ivanowitsch Wassiljoff, einen Schmied aus Wyborg, und dessen vierk�pfige Familie bis Tomsk in einen Viehwagen gepfercht hatte - zusammen mit achtunddrei�ig anderen Personen und deren Gep�ck, das aus rund sechzig Kisten bestand. Erst nachdem die H�lfte der Reisenden in Tomsk den Waggon verlassen hatte, war die Fahrt ertr�glicher geworden. Aber immer noch mussten zwanzig Gep�ckst�cke umgeladen werden. Wassiljoff fluchte leise, w�hrend seine eingesch�chterte Frau, eine rundliche Matrone mit welkem Gesicht, leise zu jammern begann. Ein etwa achtj�hriger Junge klammerte sich �ngstlich an ihren Rockzipfel. Er hustete immer wieder, und seine �lteste Schwester wischte ihm mit einem schmuddeligen Lappen stetig den Rotz von der Nase. Als sie aufschaute, wurde Leonard f�r einen Moment von ihren hellbraunen Augen gefesselt. Sie schenkte ihm ein kurzes, unauff�lliges L�cheln, das �ber ihren herzf�rmigen Mund flog, wie auf der Flucht vor ungebetenen Beobachtern. Ihr n�chster Blick galt ihrem immer noch zeternden Vater. Leonard konnte sich denken, dass er ein strenger Patriarch war, der trotz der pl�tzlichen Leibeigenschaft nicht auf den strikten Gehorsam seiner Familie verzichtete. Noch einmal trafen sich ihre Blicke, und Leonard l�chelte zur�ck, ebenso kurz und unauff�llig. Hastig schaute sie weg und strich sich eine rotbraune Str�hne unter die Haube, die ihr weiches, langes Haar b�ndigte. Dann gl�ttete sie mit beiden H�nden ihr dunkles Wollkleid, das trotz seiner Einfachheit ihre schlanke Figur und ihre hoch sitzenden Br�ste hinrei�end zur Geltung brachte. Wollte sie mit ihm flirten? Hier in dieser Ein�de und unter diesen unm�glichen Umst�nden? Leonard verscheuchte diesen Gedanken, weil er ihm ganz und gar ungeh�rig erschien. Nicht weil er diesen sch�chternen Ann�herungsversuch missbilligt h�tte, sondern wegen Katja. Sie w�rde ihm niemals mehr aus dem Kopf gehen; der Anblick des grazilen M�dchens lie� die Sehnsucht nach ihr nur noch heftiger aufbl�hen.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich dr�hnte das lautstarke Gebr�ll der Kosaken durch die Schankstube. Frauen und Kinder schauten erschrocken auf. Es war nicht bei einem Wodka geblieben, und es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis der erste Soldat ausfallend wurde. Jeder Einzelne dieser Kerle war bis an die Z�hne bewaffnet, und deren wilde, ungepflegte B�rte taten ihr �briges, um nicht nur die Frauen einzusch�chtern.</style></p><p><style name="font7">�He, ihr da!�, br�llte Subbota mit heiserer Stimme und bedachte Leonard und seine beiden Begleiter mit einem eindeutigen Blick. �Anstatt zu quatschen und Maulaffen feilzuhalten, k�nnt ihr euch n�tzlich machen.� Mit gro�en Schritten kam er auf sie zu, einen Schl�ssel in der Hand, und befreite sie wortlos von den Fu�fesseln. �Ihr k�nnt beim Ausladen des Gep�cks helfen�, erkl�rte er seine unverhoffte Mildt�tigkeit.</style></p><p><style name="font7">Die Gep�ckst�cke der Deportierten mussten in einen der vielen verfallenen Lagerschuppen getragen werden, von wo aus man sie am n�chsten Tag auf klapperige Frachtschlitten verladen w�rde.</style></p><p><style name="font7">W�hrend die ver�ngstigten Menschen aus Sicherheitsgr�nden im Gastraum der Sch�nke bleiben mussten, scheuchte man Leonard und seine Kameraden nach drau�en auf den verschneiten Bahnsteig. Vielleicht bef�rchtete man den ein oder anderen Fluchtversuch, wenn man die ganze Bande nach drau�en entlie�. Aber wer sollte hier schon fliehen und vor allem wohin?</style></p><p><style name="font7">Es d�mmerte bereits und war so kalt, dass Leonard beim Atmen der Schnurrbart gefror. Der Zug war abfahrbereit, nachdem sie auch die letzte Habe aller Anwesenden herausgeholt und auf dem Bahnsteig abgestellt hatten. Mit Blick auf das schummerig beleuchtete Bahnhofshaus blieb ihm die Frage, ob alle Reisenden die Nacht in einem einzigen Raum verbringen mussten, wom�glich auf Tischen und B�nken oder blank auf dem Boden, ohne jegliches Unterzeug.</style></p><p><style name="font7">Der Gasthof verf�gte nur �ber ein Dutzend Zimmer, das gewiss den wenigen verm�genden Passagieren und den beiden Offizieren vorbehalten war.</style></p><p><style name="font7">In der sich herabsenkenden Dunkelheit halfen Leonard und seine beiden Kameraden im Licht einer Petroleumlampe und unter Aufsicht eines jungen Soldaten beim Stapeln der Gep�ckst�cke im Lagerschuppen. Von ferne h�rten sie betrunkene M�nnerstimmen. Sicher die</style></p><p><style name="font7">Kosaken, die aufgeheizt von ein paar Flaschen Wodka ihre Pferde versorgten. Zwischen die Stimmen mischte sich ein helles Winseln, dessen Herkunft nicht eindeutig zuzuordnen war.</style></p><p><style name="font7">�Was ist das?�, fl�sterte Pjotr beunruhigt, w�hrend er innehielt und angestrengt horchte.</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht haben sie sich eine Katze zum Abendessen gefangen�, witzelte Aslan d�ster. �Oder ein paar Ratten. Kosaken fressen alles, wenn man sie nur l�sst.� Der schlaksige Kerl mit den dunklen Locken schien beileibe nicht dumm zu sein, wie Leonard recht schnell festgestellt hatte, aber seiner Art haftete etwas Linkisches an, das Leonard nicht sympathisch erschien. Angeblich konnte er sogar ein frisch abgeschlossenes Physikstudium an einer russischen Akademie vorweisen. Doch warum man ihn nach Sibirien deportierte, war ihm nicht zu entlocken gewesen, so sehr sich Leonard auch bem�ht hatte.</style></p><p><style name="font7">�Kein Wunder�, best�tigte Pjotr grinsend die Bemerkung seines ansonsten verschwiegenen Kameraden. �Hast du das Essen in dieser Sch�nke gesehen? Es ist verabscheuungsw�rdig. Entensuppe mit einer undefinierbaren Einlage. Vermutlich sind es �berreste von H�lsen, Schw�nzen und Fl�geln. Nicht zu genie�en. Wenn es so weitergeht, verwandele ich mich in k�rzester Zeit in ein Skelett.�</style></p><p><style name="font7">Mit einem hintergr�ndigen Grinsen setzte Aslan eine Hutschachtel wie die abschlie�ende Spitze eines Turmes auf eine Mauer von Koffern und Kisten. Schlie�lich entwich ihm ein sp�ttisches Lachen, als er sich umwandte und Pjotrs immer noch �ppige Figur betrachtete.</style></p><p><style name="font7">Wieder war dieses Winseln zu h�ren, dann ein helles, schluchzendes Ger�usch.</style></p><p><style name="font7">�Still�, zischte Leonard mit einem Seitenblick auf den jungen Soldaten, den man zu ihrer Bewachung abgestellt hatte. Er sa� vorn�bergebeugt auf einer der Kisten und war allem Anschein nach eingenickt. Dabei hielt er sein Gewehr wie einen schlummernden S�ugling im Arm. Leonard trat einen Schritt hervor und lugte im Halbdunkel durch einen schmalen Spalt in der Bretterwand, der ihm einen begrenzten Einblick in eine sich anschlie�ende Halle erm�glichte.</style></p><p><style name="font7">Was er dort sah, lie� ihm den Atem stocken. Eines der deportierten M�dchen hatte sich offenbar auf dem Weg zur Latrine verirrt. Anders konnte es nicht m�glich sein, dass sie schutzlos in diese verzweifelte</style></p><p><style name="font7">Lage geraten war. Im Halbschatten von zwei Petroleumlampen hatten zwei Uniformierte sie r�cklings auf eine Kiste mit M�rsergranaten gepresst. Einer der M�nner hielt ihr den Mund zu, damit sie nicht schrie. Trotz der eisigen K�lte hatte man ihr die drei oder vier R�cke bis zu den H�ften hochgeschoben. Die schmalen Schenkel des M�dchens eisern im Griff, stand der dritte im Bunde mit weit ge�ffnetem Pelzmantel vor ihr, w�hrend seine geplusterte Hose bis auf die polierten Stiefel herabhing. Unter dem rhythmischen Klirren seines S�bels stie� er in einem eindeutigen Rhythmus und immer schneller werdend vor und zur�ck, dabei entwichen dampfende Atemw�lkchen und ein stetiges Grunzen seiner wodkageschw�ngerten Kehle.</style></p><p><style name="font7">�Kosakenschweine!�, zischte Leonard d�ster. �Wem sonst k�nnte es einfallen, bei mehr als minus drei�ig Grad eine Frau zu vergewaltigen.�</style></p><p><style name="font7">�Wo willst du hin?�, rief Aslan leise, der ebenfalls einen Blick durch den Spalt riskiert hatte. Es gelang ihm nicht mehr, Leonard bei seinem Wollmantel zu packen, als dieser an ihm vorbei nach drau�en in die K�lte st�rmte. �Bleib hier, du Idiot!�, rief er verhalten. �Das geht uns nichts an!�</style></p><p><style name="font7">Ohne jede Warnung durchbrach Leonard das morsche Tor im Nachbarschuppen. Die Kosaken waren viel zu �berrascht, um rechtzeitig reagieren zu k�nnen. Die Handgelenke immer noch mit einer ellenlangen Kette verbunden, hatte Leonard von hinten kommend blitzschnell den Hals des Vergewaltigers umschlungen. Erbarmungslos verdrehte er die Kette zu einem strangulierenden Werkzeug und zog den r�chelnden Mann, der sich vergeblich an den Hals fasste, von dem M�dchen weg. W�hrend der Soldat ins Stolpern geriet und r�cklings mit Leonard auf dem gestampften Boden landete, ragte das noch steife Glied des Mannes grotesk aus dem offenen Mantel hervor.</style></p><p><style name="font7">Gurgelnd versuchte der Kosake sich zur Wehr zu setzen, doch Leonard zog so fest zu, dass der Soldat rot anlief und Zunge und Augen unnat�rlich aus seinem Gesicht hervorquollen. Einer der Kosaken wollte sich mit gezogenem S�bel auf Leonard st�rzen, doch der Deutsche blieb seltsam ruhig.</style></p><p><style name="font7">�Einen Schritt weiter�, stie� er schnaubend hervor, �und ich breche ihm das Genick!�</style></p><p><style name="font7">Im Schummerlicht der Petroleumlampen zog der zweite Kosake seine Pistole vom G�rtel und richtete sie mit einer ausladenden Geste direkt auf Leonards Kopf.</style></p><p><style name="font7">�Dann gehst du mit!�, br�llte er kehlig. �Lass ihn los, sofort!�</style></p><p><style name="font7">Als Leonard nicht reagierte, richtete er die Pistole ungeniert auf das M�dchen. Erst jetzt erkannte Leonard das Opfer. Es war die �lteste Tochter des Schmieds, die ihn vor einer Weile noch so verhei�ungsvoll angel�chelt hatte. Die Augen weit aufgerissen, wie ein K�lbchen, das zur Schlachtbank gef�hrt wird, verharrte sie halb nackt und zitternd auf der Kiste.</style></p><p><style name="font7">�Wenn du nicht spurst, wird sie zuerst dran glauben, und wir werden sagen, dass du es gewesen bist, und wir dich leider auf der Flucht erschie�en mussten!�</style></p><p><style name="font7">Leonard sa� in der Klemme, w�hrend seinem Opfer langsam die Luft ausging.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich flog die T�r auf, und Leutnant Subbota stand mitten im Schuppen. �Kann mir jemand sagen, was hier los ist?�, stie� er mit gezogener Pistole hervor. Zun�chst fiel sein Blick auf die beiden Kosaken, dann auf das M�dchen. Erst danach sah er seinen am Boden sitzenden Gefangenen, der anscheinend im Begriff war, ein angesehenes Mitglied des Zarenregimentes ins Jenseits zu bef�rdern.</style></p><p><style name="font7">R�cksichtslos versetzte er Leonard einen Tritt in die Niere, dass der Deutsche ein schmerzerf�lltes St�hnen von sich gab und sofort die Kette lockerte.</style></p><p><style name="font7">R�chelnd entwand sich der Kosake Leonards Zugriff. F�r einen Moment rieb er sich nach Atem ringend die Stelle, wo die Kette seine Kehle eingeschn�rt hatte. Dann wandte er sich noch auf Knien um und verpasste Leonard eine verzweifelte Rechte, aus der all seine Wut, aber auch seine Angst sprach, die er noch kurz zuvor empfunden hatte. Erst danach zog er sich die Hose hoch.</style></p><p><style name="font7">Leonard schmeckte Blut und sp�rte, wie seine Lippe anschwoll.</style></p><p><style name="font7">�Schluss jetzt, ihr Idioten!�, br�llte Subbota, als er sah, wie die beiden Kameraden des Kosaken auf Leonard zust�rzen wollten. Drohend fuchtelte der Leutnant mit seiner Pistole herum. �Ich k�nnte euch alle auspeitschen lassen�, rief er mit sich �berschlagender Stimme. �Nicht wegen des M�dchens, sondern wegen des offenen Feuers. Wenn die Baracke in Brand ger�t, fliegt ganz Krasnojarsk in die Luft. Ich werde eurem Kommandeur empfehlen, dass er euch auf halbe Ration setzen soll, damit ihr wisst, was es hei�t, seinen Verstand im Schwanz herumzutragen!�</style></p><p><style name="font7">�Dein verdammter Nemez ist schuld!�, fauchte der Vergewaltiger mit verwaschener Stimme, die verriet, wie ma�los er dem Wodka zugesprochen hatte. Trotzig kn�pfte er sich die Hose zu und r�ckte sich den S�bel zurecht, dabei lie� er den Leutnant nicht aus den Augen. �Die Ochrana hat offensichtlich ihre Gefangenen nicht im Griff. Man m�sste ihm eine Lektion erteilen! Wer wei�, was ihm sonst noch einf�llt.�</style></p><p><style name="font7">�Einerlei, was geschehen ist�, br�llte Subbota und richtete seine Waffe auf den offensichtlichen R�delsf�hrer. �Ihr werdet ihn nicht anr�hren. Meine Gefangenen sind im Auftrag des Zaren unterwegs. Und jeder, der auch nur einem von ihnen ein Haar kr�mmt, bekommt es mit mir zu tun! Haben wir uns verstanden?� Die Miene des Offiziers war so unmissverst�ndlich, dass die drei Kosaken darauf verzichteten, weiteren Protest einzulegen. Einer nach dem anderen wankte an Sub-bota vorbei, hinaus in die sternklare Nacht.</style></p><p><style name="font7">�Du kannst aufstehen�, blaffte Subbota und bedachte Leonard mit einem ver�rgerten Blick. Dann schaute er zu dem M�dchen, das ein wenig unbeholfen von der Kiste heruntergestiegen war und sich nun fahrig die R�cke sortierte. �K�mmere dich um sie�, befahl ihm der Leutnant. �Schlie�lich hat sie es dir zu verdanken, das sie noch Jungfrau ist.�</style></p><p><style name="font7">In diesem Punkt hatte Subbota unrecht. Die Jungfernschaft hatte sie unwiederbringlich verloren. Beil�ufig hatte Leonard bemerkt, dass am Glied des Kosaken nicht nur Sperma, sondern auch Blut geklebt hatte. Behutsam legte er einen Arm um die Schultern der viel kleineren, jungen Frau. Sie wagte es nicht, zu ihm aufzuschauen. Nur ein einziger unterdr�ckter Schluchzer entfuhr ihr, als sie mit dem Handr�cken eine Tr�ne wegwischte.</style></p><p><style name="font7">Subbota war den Kosaken gefolgt, um ein Vorh�ngeschloss zu beschaffen, damit die gef�hrliche Munition vor dem Zugriff Unbefugter gesch�tzt war. Pjotr lugte besorgt in den Schuppen hinein. Er war es gewesen, der den Leutnant gerufen hatte. Mit einem Nicken gab Leonard seinem Kameraden zu verstehen, dass er f�r einen Moment verschwinden solle. Gerade noch rechtzeitig, bevor das M�dchen erneut in Tr�nen ausbrach und bitterlich zu weinen begann. Leonard stockte das Herz, so leid tat sie ihm. Sanft nahm er sie in den Arm und dr�ckte sie an sich. Er dachte an Katja und streichelte mit einer Hand ihren R�cken. Beruhigend sprach er auf sie ein, w�hrend er mit der anderen Hand ihren Kopf an seiner Brust geborgen hielt.</style></p><p><style name="font7">�Hab keine Angst�, fl�sterte er. �Es ist vorbei. Sie werden nicht wiederkommen, und wenn doch, werde ich sie erschlagen und ihre Schw�nze zu Entensuppe verarbeiten!�</style></p><p><style name="font7">Das Weinen hatte aufgeh�rt, und ein Glucksen entwich ihrer Kehle. Hatte sie gelacht? Als sie zu ihm aufschaute, l�chelte sie tats�chlich, die langen Wimpern immer noch tr�nenverhangen.</style></p><p><style name="font7">Ein Zittern lief durch ihren K�rper - nicht wegen der K�lte, sondern wegen der nervlichen Anspannung, die nur langsam verebbte. Leonard erging es kaum besser. Doch er wollte sich nichts davon anmerken lassen. Immerzu musste er an Katja denken. Die Angst, dass es ihr �hnlich ergehen konnte und er nicht bei ihr war, um sie besch�tzen zu k�nnen, nagte an ihm. In anderen Lagern w�rde es kaum besser zugehen, wie er aus Erz�hlungen wusste. Auch dort lebten die Frauen wie Freiwild. Wenn der Kommandant eine Frau in seinem Bett haben wollte, dann holte er sie sich. Ganz zu schweigen von einer Vergewaltigung durch eine Handvoll grober Soldaten, denen die Ehre eines M�dchens soviel bedeutete wie ein Haufen getrockneter Pferdemist.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich stand Subbota in der T�r. �Los, schert euch raus!�, rief er barsch. �Ich muss hier abschlie�en, und euch erwarte ich in sp�testens f�nf Minuten im Bahnhofshaus. Dann wird zugesperrt!�</style></p><p><style name="font7">Immer noch den Arm um die Schulter des M�dchens gelegt, f�hrte Leonard die Kleine nach drau�en. Auf dem Bahnsteig entzog sie sich mit einem wehm�tigen L�cheln seiner F�rsorge.</style></p><p><style name="font7">�Tu mir einen Gefallen�, sagte sie und schaute mit einem Flehen zu ihm auf, das einen Stein h�tte erweichen k�nnen. �Sag nichts zu meiner Mutter - und erst recht nicht zu meinem Vater. Er w�rde die Kerle umbringen und mich gleich dazu.�</style></p><p><style name="font7">�Warum dich?� Leonard sah sie verst�ndnislos an. �Du tr�gst keinerlei Schuld.�</style></p><p><style name="font7">�Da irrst du dich.� Ihre Stimme klang angsterf�llt. �Er wird denken, dass ich den M�nnern sch�ne Augen gemacht und ihn damit entehrt habe. Ihm ist es wichtig, dass ich als Jungfrau in die Ehe gehe, falls nicht, w�rde er mich versto�en. Abgesehen davon, hast du nicht die geringste Ahnung, zu was er f�hig w�re, wenn er den drei Kosaken auf die Schliche k�me. Er w�rde sie t�ten, und wenn er daf�r an den Galgen k�me. Doch wir brauchen ihn. Meine Mutter ist krank. Sie hat die Schwindsucht. Und mein Bruder auch.� Das Flehen in ihren Augen wollte nicht weichen. �Versprichst du es mir?�</style></p><p><style name="font7">�Nat�rlich.�</style></p><p><style name="font7">�Wie ist dein Name?�, fragte sie leise.</style></p><p><style name="font7">�Leonard. Und wie hei�t du?�</style></p><p><style name="font7">�Jekatherina.�</style></p><p><style name="font7">Leonard musste unwillk�rlich schlucken und r�usperte sich vernehmlich. Warum ausgerechnet Jekatherina? fragte er sich. Gab es in diesem verdammten Land keine anderen Namen?</style></p><p><style name="font7">�Freunde d�rfen mich Kissanka nennen.� Ein sch�chternes L�cheln glitt �ber ihre Lippen.</style></p><p><style name="font7">Dem Himmel sei Dank, dachte Leonard. Wenigsten</style> dieses L�cheln <style name="font7">hatten ihr die Kosaken nicht nehmen k�nnen.</style></p><p><style name="font7">Die Mutter der jungen Frau schien zu ahnen, dass etwas Furchtbares vorgefallen war. Ihre Augen huschten ver�ngstigt zu Leonard und dann wieder zu ihrer Tochter, deren fleckiges Gesicht und rot ger�nderten Augen B�nde sprachen. Der Vater lag indes schlafend am Boden und schnarchte sich die Ersch�pfung des Tages aus dem Leib.</style></p><p><style name="font7">Im Weitergehen streifte Leonards Blick dessen grobschl�chtige Erscheinung. Der Schmied war ein riesiger, h�sslicher Kerl mit einem roten struppigen Bart, dessen Kr�fte durch die jahrelange Arbeit zu Urgewalten herangewachsen waren. Leonard konnte sich gut vorstellen, dass er sich jeden Einzelnen vorkn�pfen w�rde, der nachweislich die Unschuld seiner Tochter befleckt hatte. Und dabei w�re es ihm einerlei, ob es sich um blutr�nstige Kosaken oder einen harmlosen Studenten aus Sankt Petersburg handelte, der auf Befehl der geheimnisumwitterten Ochrana in die sibirische Taiga verschickt worden war.</style></p><p><style name="font7">Der Wirt hatte die Tische und B�nke zur Seite ger�ckt und Strohmatratzen auf dem Boden ausgelegt. Jede Familie wurde angewiesen, sich zwei Matratzen zu teilen. Leonard musste auf einer Matratze mit Pjotr liegen, dem die Aufregung der vergangenen Stunde noch anzusehen war. Aslan sch�ttelte ver�rgert den Kopf. Damit brachte er seine</style></p><p><style name="font7">Missbilligung zum Ausdruck, die er Pjotr und erst recht Leonard entgegenhielt, weil sie in seinen Augen so unvorsichtig gehandelt hatten.</style></p><p><style name="font7">Au�erdem knurrte sein Magen, weil sie das Abendessen wegen der Verladeaktion und des anschlie�enden Tumults verpasst hatten. Leonard gelang es schlie�lich auf Gehei� des Leutnants, noch ein paar Kanten Brot und einen Krug mit Bier zu beschaffen. Gierig verschlangen sie die harten St�cke und sp�lten sie mit ein paar hastigen Schlucken hinunter, die sie sich abwechselnd g�nnten. Als Leonard einen schrumpeligen Apfel aus der Tasche zauberte, um ihn mit Pjotr zu teilen, fiel sein Blick auf Kissanka und ihren kleinen Bruder. Vielleicht war es kein Zufall, dass sie ihr Lager direkt neben ihm aufgeschlagen hatten. Er sp�rte den fiebergl�nzenden, sehns�chtigen Blick des Jungen, der an dem Apfel haftete, als ob es ein Schatz w�re. Mit einem entschuldigenden Blick, den er Pjotr beil�ufig zuwarf, reichte Leonard den Apfel an das Kind weiter.</style></p><p><style name="font7">Der Junge bedankte sich zaghaft f�r das unverhoffte Geschenk, das er mit gro�en Augen entgegennahm.</style></p><p><style name="font7">�Du bist ein guter Kerl, Leonard�, fl�sterte Kissanka ihm zu. Mit einem verhuschten, �ngstlichen Seitenblick zu ihren schlafenden Eltern legte sie ihre kleine Hand auf seine viel gr��ere. Einen Moment verharrte sie dort, dann fiel ihr Blick auf die Ketten, die - obwohl Sub-bota sie f�r die Nacht gelockert hatte - ihn immer noch an H�nden und F��en gefesselt hielten.</style></p><p><style name="font7">�Was immer du auch angestellt hast�, sprach sie leise weiter, �Gott wird dir vergeben.� Ihre Fingerspitzen streichelten sacht die blonden H�rchen auf seinem Handr�cken, und anstatt sich ihnen zu entziehen, schloss er die Augen und genoss ihre Z�rtlichkeit. Er stellte sich vor, es w�re Katja und keine Fremde, die ihm f�r kurze Zeit ein Gef�hl der Liebe und Zuwendung gab.</style></p><p><style name="font7">�Gute Nacht�, murmelte er und rollte sich in seinen wollenen Mantel ein, bevor er sich an Pjotrs R�ckseite schmiegte, der wie die meisten M�nner im Raum schon schnarchte.</style></p><p><style name="font7">�Schlaf gut�, fl�sterte die Stimme im Hintergrund, und erst da sp�rte Leonard die Tr�nen, die unweigerlich in ihm aufstiegen.</style></p></section><section><title><p><style name="font7">6.</style></p><p><style name="font7">Juni 2008, Tunguska - Geisterbeschw�rung</style></p></title><p><style name="font7">Mit einen freundlichen �xok, xok, hy, hy�, auf Tungusisch, was soviel bedeutete wie �Los jetzt�, trieb Leonid den braunwei� gefleckten Hengst voran.</style></p><p><style name="font7">Sein Gro�vater hatte dem Tier den Namen Hirku gegeben; das Wort hie� �bersetzt �Fu�g�nger� und passte gut zum Charakter des st�rrischen Pferdes, weil es sich am liebsten im Schritttempo bewegte. Mehr recht als schlecht k�mpfte sich der zottige Hengst durch dicht stehende L�rchen und Birken. Ab und an schnaubte das Tier und sch�ttelte seine buschige M�hne, als wolle es seinen Unmut zum Ausdruck bringen, voranzutraben. Mit einem verst�ndnisvollen L�cheln t�tschelte Leonid ihm den Hals. �berall stie� man auf quer liegende Baumst�mme, mit einer harmlos erscheinenden Decke aus gr�nem Moos �berzogen, zwischen denen man sich m�helos ein Bein brechen konnte. Dazwischen lauerten t�ckische S�mpfe, in denen man rasch versank, wenn man nicht aufpasste. Es gab zwar einen angenehmeren Weg von Vanavara aus zu Leonids Waldh�tte, die weit im Nordosten in der N�he des Chekosees lag, doch diese Route hatte er nicht eingeschlagen, damit ihm niemand unbemerkt folgen konnte.</style></p><p><style name="font7">Und so hechelte nur Ajaci leichtf��ig und schwanzwedelnd hinter ihm her.</style></p><p><style name="font7">Nach beinahe vier Stunden erreichten sie zur Mittagszeit eine kleine bescheidene Holzh�tte. Versteckt zwischen aufragenden Tannen, L�rchen und halbhohen B�schen war das unscheinbare Geb�ude mit dem grasbedeckten Dach aus Erde und Steinen zun�chst nur f�r Eingeweihte zu erkennen. Ein Unwissender musste schon direkt davorstehen, damit die H�tte ihm nicht entging. In der N�he sprudelte ein breiter, klarer Bach, der zum drei Kilometer entfernten Abfluss des Cheko-sees f�hrte. Unter einem Knarren �ffnete Leonid die unverschlossene T�r und lud sein Gep�ck in der guten Stube ab. Mit einer gewissen Dankbarkeit im Herzen nahm er die frisch gewaschene W�sche aus einem gro�en Lederrucksack heraus und legte sie nacheinander auf sein selbst zusammengezimmertes Birkenholzbett, das �berfrachtet mit verschiedenen Fellen und Kissen eine rustikale Gem�tlichkeit verbreitete. Die Handt�cher und Unterhosen dufteten wie immer nach der Waschseife seiner Babuschka und erinnerten ihn augenblicklich an seine Jugend, die er bis zu seinem f�nfzehnten Lebensjahr bei seinen Gro�eltern verbringen durfte. Das war, bevor ihn sein ewig betrunkener Vater nach Krasnojarsk verschleppt hatte, weit genug weg von der l�ndlichen Idylle, hinein in die Slums der Kohle- und Stahlfabriken, weil er ihm zeigen wollte, wie hart das Leben sein konnte.</style></p><p><style name="font7">Mit Schaudern erinnerte sich Leonid an jene Zeit, die ihn erst dazu gebracht hatte, sich als Rekrut beim Milit�r zu melden. Ein Umstand, der f�r sich selbst sprach, wenn man wusste, wie rau und brutal es unter russischen Soldaten zuging. Erst recht f�r ein Halbblut, wie ihn sein Vater des �fteren ver�chtlich genannt hatte, weil er nicht nur das tungusische Blut eines ehemals verfeindeten Stammes, sondern zu allem �bel auch noch deutsches Blut in sich trug. Dabei h�tte sein Vater es eigentlich besser wissen m�ssen, als er im �berschwang der Gef�hle eine Frau aus einer ehemals verhassten Sippe w�hlte und ihr gleich neun Bastarde zeugte, wie er die Kinder sp�ter ver�chtlich bezeichnete, nachdem acht von ihnen gestorben waren. Warum Leo-nids Gro�eltern und auch seine Mutter dieser keinesfalls gl�cklichen Ehe �berhaupt zugestimmt hatten, blieb Leonid bis heute ein R�tsel.</style></p><p><style name="font7">Bevor Leonid sich aufmachte, um den Auftrag seines Gro�vaters auszuf�hren, packte er sich noch etwas ger�ucherten Fisch, einen Beutel mit Brot und eine Wasserflasche in seinen Rucksack ein. Es konnte eine Weile dauern, bis er in den Besitz brauchbarer Informationen �ber Bashtiri und die wahren Absichten der deutsch-russischen Expedition gelangte. Bashtiri war kein Wohlt�ter und erst recht kein Geldverschwender. Wenn er in etwas investierte, musste weit mehr dabei herausspringen, als er daf�r bezahlt hatte, sonst lie� er sich gar nicht erst darauf ein. Dass er dabei - wenn es sein musste - sogar �ber Leichen ging, wusste Leonid nur zu gut aus eigener Erfahrung. F�r sich hatte er gehofft, diesem D�mon nie wieder begegnen zu m�ssen. Doch der skrupellose Kaukasier glich einem achtarmigen Kraken, der sich �berall dort festsaugte, wo es etwas zu holen gab. Eigentlich h�tte Leonid ahnen k�nnen, dass ausgerechnet Sibirien mit seinen reichen</style></p><p><style name="font7">Bodensch�tzen der unsicherste Ort war, wenn man Typen wie Bashtiri aus dem Weg gehen wollte.</style></p><p><style name="font7">Ajaci lauerte mit sehns�chtigem Blick auf ein paar getrocknete Rentierst�cke, die Leonid mit schnalzender Zunge einem geschlossenen Korb entnahm.</style></p><p><style name="font7">�C�cil�lnal!�, rief er lachend - was soviel bedeutete wie �Mach M�nnchen!� Ajaci, dem die tungusische Sprache von Geburt an vertraut war, lie� sich nicht lange bitten und t�nzelte sekundenlang auf seinen Hinterpfoten. Erst als seine M�he mit einem z�hen St�ck Fleisch belohnt wurde, sackte er in sich zusammen und schenkte seine ganze Aufmerksamkeit der ledrigen K�stlichkeit, die f�r ihn das reinste Festmahl zu sein schien. Sein Herr schmunzelte zufrieden, w�hrend er seinem vierbeinigen Gef�hrten beim Kauen zusah.</style></p><p><style name="font7">Im Hinausgehen steckte sich Leonid selbst noch eine Handvoll Waldfr�chte in den Mund, die er auf dem Weg hierher gesammelt hatte. In einer Lederscheide an seinem G�rtel befestigt, befand sich zu seinem eigenen Schutz ein gro�es Messer, mit dem man im Notfall sogar einen B�ren erlegen konnte.</style></p><p><style name="font7">Mit Schwung schulterte er seinen Rucksack, der neben dem Proviant auch ein paar geheimnisvolle Gegenst�nde enthielt, die nicht nur Jagdgl�ck, sondern auch k�rperliche Unversehrtheit versprachen. Nachdem er die H�tte verlassen hatte, verriegelte er die T�r und machte sich leise pfeifend auf den Weg. Hirku blieb in einem geschlossenen Verschlag zur�ck, den Leonid an die H�tte angebaut hatte, um das Tier vor Angriffen von Wildtieren zu sch�tzen.</style></p><p><style name="font7">Ajaci war jedoch nicht bereit zur�ckzubleiben. Er folgte seinem Herrn auf Schritt und Tritt. Notfalls w�rde er mit ihm in die H�lle gehen, obwohl Leonid fest entschlossen war, nie wieder an einen solchen Ort zur�ckzukehren.</style></p><p><style name="font7">Die Sonne schien warm, doch seltsam genug war kein einziger Vogel zu h�ren. Mit seinen schwarzen geschn�rten Lederstiefeln, der einzigen Erinnerung, die ihm aus seiner Milit�rzeit geblieben war, stapfte er durch das schattige Dickicht, immer bem�ht, in keine der selbst ausgelegten Wildfallen zu treten, die er im Auftrag seines Gro�vaters betrieb.</style></p><p><style name="font7">Nach etwa drei Kilometern erreichte er den Kimchu, jenen Fluss, der den Chekosee wie eine Ader durchquerte. Bereits vor Minuten hatte Leonid ein leises Grollen vernommen, und Ajaci verhielt sich schon seit geraumer Zeit seltsam unruhig. Lautlos bewegte sich Leo-nid durch das morsche Unterholz, den Blick angestrengt in die Umgebung gerichtet. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Nur Wald und Wasser. Zu seiner Verwunderung schwoll das sonst so gem�chliche Fl�sschen mit einem Mal mehr und mehr an. Es schien, als h�tte man irgendwo einen Damm ge�ffnet. Von Ferne erkannte Leonid ungl�ubig, dass sich ihm eine riesige Welle entgegenwalzte. Es dauerte nur Sekunden, bis die gesamte B�schung �berflutet war. Zun�chst erwischte es nur seine F��e, doch rasch reichte die kalte Str�mung bis zu seinen Knien. Ajaci sprang aufgeregt zur Seite und lie� ein seltenes �Wuff� verlauten, als seine Pfoten die pl�tzliche N�sse zu sp�ren bekamen.</style></p><p><style name="font7">Leonid begriff, dass ihnen nur noch die Flucht in h�here Regionen blieb, um nicht mitgerissen zu werden.</style></p><p><style name="font7">Mit m�chtigen Schritten lief er eine Anh�he hinauf, w�hrend er sich versicherte, dass Ajaci in seiner N�he blieb. Aus den Augenwinkeln erkannte er unten im Fluss einen farbigen Gegenstand, der in einer unsteten Bewegung in den Fluten trieb und in sch�ner Regelm��igkeit auf- und wieder abtauchte. Leonid hielt im Laufen an einem Baum inne und kniff seine Lider zusammen, um das seltsame Treibgut besser erkennen zu k�nnen.</style></p><p><style name="font7">Bei n�herem Hinsehen begriff er, dass es sich um eine menschliche Gestalt handelte, deren Arme und Beine von den sprudelnden Wassermassen hin und her geschlagen wurden. Leonid rannte los. Er achtete nicht mehr auf seinen Hund, auch nicht darauf, dass er schwere Lederstiefel trug. Er warf seinen Rucksack zu einer trockenen Stelle hin und st�rzte an B�umen und Str�uchern vorbei bis zum Rand der Flut. Ohne nachzudenken, streckte er die Arme nach vorne und sprang mit einem Hechtsprung in die braune Br�he. Prustend hielt er seinen Kopf �ber Wasser und versuchte sich zu orientieren. Die eisigen Temperaturen war er gew�hnt, nicht aber die Kraft, die von dem ungeb�ndigten Element ausging. Der Mensch auf dem Wasser drohte an ihm vorbeizutreiben, und erst im letzten Moment bekam Leonid einen Arm zu fassen. Mit eisernem Griff umklammerte er das Hand-gelenk. Erstaunt bemerkte er, dass es ein Taucher war, den er aus den Fluten zu retten versuchte.</style></p><p><style name="font7">W�hrend Leonid wild mit seinen Beinen schlug, um sich und den Bewusstlosen �ber Wasser zu halten, schaffte er es, seinen Griff zu verst�rken und mit der anderen Hand den Sauerstofftank des Tauchers zu l�sen. Samt Mundst�ck, das der Taucher l�ngst ausgespuckt hatte, trieb das Geschirr in den Fluten davon. Trotz der Hektik entging Leonid nicht, dass die Lippen des Geretteten bl�ulich schimmerten. Mit unmenschlicher Anstrengung versuchte Leonid, das Ufer zu erreichen. Eisern hielt er die Brust des Tauchers umklammert und stellte �berrascht fest, dass es sich offenbar um eine Frau handelte. Gemeinsam mit ihr schwamm er in die Str�mung hinein, um Kraft zu sparen. Gleichzeitig bem�hte er sich, n�her und n�her an das Ufer des pl�tzlich doppelt so breiten Kimchu zu gelangen, um endlich festen Grund unter die F��e zu bekommen. Ajaci rannte die ganze Zeit am Ufer entlang und stie� ab und an ein lautes Geheul aus, doch sein Wolfsinstinkt hielt ihn davon ab, so unvern�nftig zu sein und seinem Herrn in die Fluten zu folgen.</style></p><p><style name="font7">Eine dicke Fichte war es schlie�lich, die Leonid samt seiner wertvollen Fracht aus der Str�mung riss. Schmerzhaft prallten sie gegen den Stamm. Leonid gelang es, sich gegen den Grund zu stemmen und Halt an dem aufrecht stehenden Baum zu finden.</style></p><p><style name="font7">Keuchend schleppte er die Frau an Land. Mit einer herrischen Geste scheuchte er Ajaci davon, dann legte er die Bewusstlose an einer sicheren Stelle auf den R�cken und nahm ihr die Taucherbrille ab. Er sprach sie an und schlug ihr leicht auf die Wangen, doch sie regte sich nicht. Als er ihr die Haube herunterzog, stellte er zu seinem Erstaunen fest, dass es die junge Frau war, die er gestern zuf�llig in Vanavara auf dem Sportplatz getroffen hatte. Hastig, wie um sich nochmals zu vergewissern, strich er ihr das br�nette Haar aus dem Gesicht.</style></p><p><style name="font7">Mit einer pl�tzlich aufwallenden Panik zog Leonid ihr den Anzug samt Flossen vom K�rper, bis sie schmal und zerbrechlich in einem dunkelblauen Badeanzug vor ihm lag. Seine Finger fuhren wissend �ber ihren Hals und ihr Herz. Sie atmete nicht mehr, und er hatte nicht die geringste Ahnung, wie lange ihr Herz schon stehengeblieben war.</style></p><p><style name="font7">Leonid versuchte es mit einer Herzmassage. Fast brutal ging er zu Werke. Abwechselnd beatmete er sie. Eins ... zwei ... drei ... Unselige Erinnerungen stiegen in ihm auf. Ein Bild von einer Achtzehnj�hrigen, die nicht weniger halb tot in seinen Armen gelegen hatte - mit dem Unterschied, dass er nichts mehr tun konnte, weil es eine russische Handgranate gewesen war, die ihr innerlich die Lunge zerfetzt hatte und sie an ihrem Blut ertrinken lie�.</style></p><p><style name="font7">Einer Eingebung folgend, hob er den zierlichen K�rper an und drehte ihn mit dem Kopf nach unten, dann walkte er den Brustkorb der Frau solange durch, bis sich ein Schwall von Wasser �ber seine Beine ergoss. Doch die Frau r�hrte sich immer noch nicht. Ihre Arme baumelten reglos zu Boden.</style></p><p><style name="font7">Als er sie anhob, kippte der Kopf kraftlos in den Nacken. Seine Hand lag auf dem Bauch der jungen Frau, als ob er sie durch blo�e Ber�hrung retten k�nnte, und wie in einer Vision sp�rte er pl�tzlich, dass ihre Seele sich auf und davon machen wollte, den K�rper zu verlassen.</style></p><p><style name="font7">Leonid begriff sofort, dass er das nicht zulassen durfte. Er dachte an Taichin und was er ihm raten w�rde zu tun.</style></p><p><style name="font7">Er konzentrierte sich kurz, wie er es von seinem Lehrmeister gelernt hatte, und schon befand er sich in dieser Welt aus Licht und Schatten, in die normalerweise nur ein initiierter Schamane Eintritt fand. Mit einem Mal wurde Leonid von einer eisigen K�lte umfangen, die ihn erschaudern lie�. Ein schwarzer Wirbelwind huschte �ber die B�schung. Er konnte ihn riechen, und wenn er die Augen schloss, konnte er ihn sogar sehen - ein boshafter Gnom, ein D�mon der Unterwelt, der wie ein Aasfresser auf die Seelen von schutzlosen Verstorbenen lauerte. Schleichend n�herte sich seine h�ssliche Fratze und seine Klauen erschienen sch�rfer als die eines Falken.</style></p><p><style name="font7">�Du bekommst sie nicht�, entschied Leonid mit d�sterer Miene. Er versp�rte keinerlei Angst, obwohl eine solch merkw�rdige Begegnung auch f�r ihn nicht allt�glich war. �Mach, dass du verschwindest!� Gedankenfetzen schwirrten ihm durch den Kopf. Was er nun zu tun gedachte, hatte er noch niemals zuvor getan, und im eigentlichen Sinne war es ihm auch verboten.</style></p><p><style name="font7">W�hrend er das sch�ne, bleiche Gesicht der Frau betrachtete, zog er sich eilig die Stiefel aus und riss sich die nasse Kleidung vom Leib, bis er vollkommen nackt war. In einer flie�enden Bewegung befreite er die Frau von ihrem Badeanzug.</style></p><p><style name="font7">Das schamanische Ritual schrieb ihm vor, dass er sich mit ihr vereinen musste, um sie in dieser Welt halten zu k�nnen. K�rperlich - wie es normalerweise unter Liebenden �blich war.</style></p><p><style name="font7">Nur so w�rde es ihm m�glich sein, ihre Seele vor dem sicheren Tod zu bewahren. F�r einen winzigen Moment stockte er, weil ihn die Vorstellung, sie gegen ihren Willen zu nehmen, zur�ckhielt. Kam so etwas nicht einer Vergewaltigung gleich? Und doch blieb ihm keine andere Wahl. Das letzte Mal hatte er vor Jahren mit einem M�dchen aus Liebe geschlafen. Und auch, wenn die meisten Menschen es nicht glauben wollten, so wusste er doch, dass die Seelen von Mann und Frau sich untrennbar miteinander verbanden, wenn sie sich k�rperlich so nahe gekommen waren. Diesmal hatte es nichts mit Liebe zu tun, wie sie unter M�nnern und Frauen �blich war und schon gar nicht mit Lust. Nein, es war vielmehr die reinste Form der menschlichen Zuwendung. Nur wenn die Seele der jungen Frau untrennbar mit seiner eigenen Seele verschmelzen w�rde, konnte er ihren Tod abwenden.</style></p><p><style name="font7">Wie durch einen Nebel nahm Leonid ihre festen Rundungen und den anmutigen K�rper wahr. In einer eigenartigen Routine, mit der er sich selbst die Aufregung nahm, schob er ihre schmalen Schenkel soweit zur Seite, bis er ihr Geschlecht sehen konnte. Dann kniete er sich vor sie hin und spuckte sich in die H�nde. Vier, f�nf Mal rieb er sein Glied, bis es hart genug war, um m�helos in sie eindringen zu k�nnen.</style></p><p><style name="font7">Sacht ber�hrte seine Brust die ihre, w�hrend seine Arme sch�tzend zwischen Bl�ttern und �sten neben ihrem Kopf ruhten. F�r einen Moment sp�rte er die Verzweiflung, falls sein Versuch misslingen sollte. Wange an Wange nahm er tief in ihrem Innern die t�dliche K�lte wahr. Seine Atmung kam sto�weise aus dem unteren Bauch heraus. Mit geschlossenen Augen legte er seinen Mund auf ihre halb ge�ffneten Lippen. Rascher und rascher fl��te er ihr seinen hei�en Atem ein. Konzentriert sammelte er all seine Energien in der Mitte seines K�rpers und murmelte unentwegt magische Worte, die er bisher nur aus den Lehren der Alten kannte.</style></p><p><style name="font7">Mit einem Ruck, der all seine Muskeln in Wellen durchlief, vermochte er zu sp�ren, wie seine Seele den K�rper verlie� und unvermittelt mit der Seele des M�dchens Kontakt aufnahm, die nur noch durch einen gespinstartigen Faden mit deren K�rper verbunden war. Aus einer merkw�rdig anmutenden Vogelperspektive konnte er sehen, wie er den zierlichen K�rper mit seiner eigenen, viel gr��eren Gestalt bedeckte, und er sah den D�mon in respektvollem Abstand. Dessen Miene war zu einer absto�enden Fratze erstarrt.</style></p><p><style name="font7">In einem glei�enden Lichtblitz riss Leonid die Seele der Frau mit sich, empor in eine andere Welt, die sie warm und freundlich empfing, flankiert von den Geistern seiner Ahnen. Eindringlich appellierte er an ihre Verpflichtung, ihm zu helfen. Es musste wohl seine eigene Mutter gewesen sein, die ihn schlie�lich mit der wunden Seele des M�dchens verband. Trotz des Triumphes versp�rte er einen unsagbar starken Schmerz in der Brust und die Gewissheit, dass er auf ewig mit dieser jungen Frau verschmelzen w�rde, wenn er sich nicht rechtzeitig zur�ckzog.</style></p><p><style name="font7">�Willst du das?�, echote eine ferne Stimme aus einem unendlichen Nichts und gleichzeitig erfasste Leonid die Gegenwart des B�sen und dass die Seele des M�dchens auf immer verloren sein k�nnte, falls er die Frage verneinen w�rde.</style></p><p><style name="font7">Kolja hatte seine Aufmerksamkeit auf den See gerichtet und glaubte f�r einen Moment an eine Halluzination - vielleicht eine wahrhaft erschreckende Auswirkung von zu viel Alkohol am Tag zuvor und einem heimlich gerauchten Joint.</style></p><p><style name="font7">Er kniff die Augen zu, um sich von der unglaublichen Vorstellung in seinem Hirn zu befreien, doch als er sie wieder �ffnete, rauschte ein gewaltiger Wasserberg auf ihn zu, der sich unter einem dumpfen Beben wie ein vorsintflutliches Ungeheuer aus der Mitte des Sees erhoben hatte.</style></p><p><style name="font7">Es blieb keine Zeit, zu br�llen oder �berhaupt irgendeine Warnung auszurufen. Der Katamaran, der eben noch auf der Mitte des Sees vor sich hinged�mpelt hatte, hielt wie ein gro�es Surfbrett auf einer sch�umenden Welle auf das Ufer zu. Von der Mannschaft war nichts mehr zu sehen. Ebenso war das kleine Schlauchboot hinter einer Wand aus Wasser verschwunden. S�mtliche wissenschaftlichen Mitarbeiter, die sich in der N�he des Ufers befunden hatten, versuchten verzweifelt, sich in Sicherheit zu bringen. Die beiden russischen Studentinnen liefen laut kreischend Richtung Camp, verfolgt von einer stetig steigenden Flut, die ihnen bereits nach kurzer Zeit bis zu den H�ften reichte. Kolja packte eine von ihnen bei der Hand, die zweite am Arm und zog beide mit sich fort, bis hin zu einem Baum, dessen tiefh�ngende �ste einen hastigen Aufstieg erm�glichten. Nacheinander half er den jungen Frauen in den Wipfel des Baumes hinauf, bevor er sich selbst in Sicherheit brachte.</style></p><p><style name="font7">Von hier oben konnte er sehen, wie die beiden Professoren um ihr Leben rannten und sich am Sendemast der gut f�nf Meter hohen Satelliteneinrichtung aus Stahl festklammerten. Bashtiris Luxusdomizil stand gut einen Meter unter Wasser; die Zelte seiner Bewacher hatten sich bereits aus ihrer Verankerung gel�st und schwammen wie aufgeplusterte Ballons mit Tarnfleckmuster umher. Die Bodyguards selbst hatten sich auf das Dach des provisorischen Ladens gerettet. Dort oben lie�en sie ihre beeindruckenden Armmuskeln spielen, um zuerst Bashtiris halb nackten Gespielinnen und dann ihrem v�llig entgeisterten Chef in seinem pitschnassen roten Hausanzug auf das Dach zu hieven. Zitternd kauerten die Frauen auf dem Dachsims. Mit ihren d�nnen �rmchen und Beinchen und der beinah durchsichtigen franz�sischen Seidenunterw�sche, die wie nasses Papier �ber ihren k�nstlichen Rundungen klebte, sahen sie aus wie drei klitschnasse Katzen.</style></p><p><style name="font7">Adnan, der kasachische Ladenbesitzer, klammerte sich verzweifelt an einen Dachvorsprung und verfolgte mit aufgerissenen Augen, wie Kisten mit Lebensmitteln und Getr�nken davonschwammen.</style></p><p><style name="font7">Die wertvollen elektronischen Ausr�stungsgegenst�nde waren zum Teil noch luftdicht in Alu-Kisten verpackt, und nun trieben sie herrenlos am Eingang des Lagers zwischen B�schen und B�umen umher.</style></p><p><style name="font7">Zur �berraschung aller zog sich das Wasser so rasch zur�ck, wie es gekommen war. Die Wellen, die noch ans Ufer sp�lten, verloren schnell an Kraft.</style></p><p><style name="font7">Wie ein Lotse in seinem Ausguck sa� Kolja im Baum und starrte ungl�ubig auf den See und all das Chaos, das entstanden war. �ber ihm leuchtete ein azurblauer Himmel, und die Sonne schien, als wenn nichts geschehen w�re.</style></p><p><style name="font7">Doktor Parlowa, die auf r�tselhafte Weise von der �berflutung unbehelligt geblieben war, fand als Erste ihre Sprache wieder. Wie ein General br�llte sie unentwegt Anweisungen, w�hrend sie in trockenen Jeans und Gummistiefeln durch die zur�ckweichende Flut watete. Je nachdem wohin die Studenten geflohen waren, forderte Parlowa sie auf, schleunigst ihren sicheren Hort zu verlassen, um zu helfen. Verletzte musste geborgen werden, und in einer ersten Bestandsaufnahme war festzustellen, ob niemand ertrunken war.</style></p><p><style name="font7">Kolja half den zitternden M�dchen vom Baum. Gemeinsam liefen sie zum Satellitenmast hin, wo Professor Rodius und Professor Ol-guth v�llig ersch�pft in einer riesigen Pf�tze sa�en. W�hrend Rodius noch eine Weile ben�tigte, um sich zu erholen, stellte sich Olguth mit Koljas Hilfe auf seine wackeligen Beine und schaute umher.</style></p><p><style name="font7">Ein penetranter Geruch nach Moder und Fisch lag in der Luft.</style></p><p><style name="font7">�Was zum Teufel, Herr Professor, war das?�, fragte Kolja atemlos.</style></p><p><style name="font7">�Gas�, gab Olguth warnend zur�ck, w�hrend seine ganze Sorge offenbar dem Team galt, das sich noch bis vor gut zehn Minuten auf dem See befunden hatte.</style></p><p><style name="font7">�Machen Sie Boote klar, Kolja, wir m�ssen auf den See hinaus, um nach �berlebenden zu suchen. Und sagen sie den anderen, sie d�rfen einstweilen kein Feuer entz�nden!�</style></p><p><style name="font7">Der D�mon hatte sich boshaft schimpfend zur�ckgezogen, und Leo-nids R�ckkehr in die materielle Welt war schmerzhaft - jedenfalls empfand er es so, als er, immer noch auf dem M�dchen liegend, in die Sonne blinzelte, wie ein Neugeborenes, das zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt. Sein Sch�tzling begann augenblicklich unter ihm zu husten.</style></p><p><style name="font7">Mit einem schmatzenden Ger�usch l�ste er sich rasch von der jungen Frau und zog sein halbsteifes Glied aus ihr heraus.</style></p><p><style name="font7">Auf allen vieren kroch er um sie herum und ging vor ihrem Oberk�rper auf die Knie. Behutsam nahm er sie bei den Schultern und st�tzte mit einer Hand ihren Kopf, um sie vorsichtig an seine Brust zu dr�cken.</style></p><p><style name="font7">Die unbekannte Taucherin hustete so heftig, dass Leonid f�r einen Moment das Gef�hl hatte, als k�me die halbe Lunge ans Tageslicht. Doch es war nur Wasser und Schleim und schlie�lich ein wenig Blut.</style></p><p><style name="font7">In einem verwirrenden Gef�hl von Z�rtlichkeit, das ihn regelrecht �berraschte, k�sste er ihren Scheitel und streichelte ihr �ber die Wange. Ein stilles Gl�ck stellte sich bei ihm ein, dass sie - obwohl noch immer nicht bei Bewusstsein - von den Toten zur�ckgekehrt war. And�chtig betrachtete er ihr ebenm��iges Gesicht und ihre festen Br�ste, die sich schwach aber stetig hoben und senkten. Sie atmete, und das allein z�hlte.</style></p><p><style name="font7">Leonid strich ihr die nassen Haare zur�ck und entfernte aus reiner Hilflosigkeit ein paar braune Bl�tter und Tannennadeln daraus. Wieder wanderte sein Blick �ber ihr schmales Gesicht, mit dem vollen, vielleicht etwas zu gro� geratenen Mund, den Sommersprossen auf ihren Wangen bis hin zu den sch�n geschwungenen Brauen. Was sollte er blo� mit ihr anstellen? Er konnte ja nicht ewig so sitzen bleiben, nackt und ratlos. Ajaci war es schlie�lich, der ihn mit kalter, feuchter Nase anstupste, als wolle er ihm sagen, dass er sich endlich etwas einfallen lassen sollte.</style></p><p><style name="font7">Es ergab keinen Sinn, ihr den Taucheranzug wieder anzuziehen. Auch der Badeanzug war nass. Es war nicht kalt, aber auch nicht so warm, als dass er die Frau stundenlang unbekleidet und ausgek�hlt liegen lassen konnte. Leonid entschied, sie in seine H�tte zu bringen, auch wenn alle Vernunft dagegen sprach. Er konnte sie nicht im Wald zur�cklassen und f�r ihn selbst war es zu gef�hrlich, wenn er mit ihr im Camp auftauchte. Er war nicht darauf aus, die Aufmerksamkeit eines Sergej Bashtiri auf sich zu lenken.</style></p><p><style name="font7">Um wenigstens seine eigene Scham zu bedecken, zog er seine feuchten Hosen an und schl�pfte mit einigem Widerwillen in die nassen Stiefel. Seine restliche Kleidung und den Badeanzug der jungen Frau wrang er gr�ndlich aus, bevor er sie in seinen Rucksack steckte. Routiniert hob er die Frau vom Boden auf und legte sie sich wie eines der jungen Rentiere �ber die Schulter, die er ab und an schleppen musste. Sein Herz schlug hart, und w�hrend er seinen Griff noch einmal festigte, blickte er in die Ferne und stellte sich erneut die Frage, was die pl�tzliche Flut ausgel�st haben konnte.</style></p><p><style name="font7">Im Camp war das Wasser so rasch zur�ckgegangen, wie es gekommen war. Olguth hatte sich mit Koljas Hilfe und der Unterst�tzung von Bashtiris M�nnern trotz eines mulmigen Gef�hls im Magen mit zwei</style></p><p><style name="font7">Motorschlauchbooten zur Mitte des Sees begeben. Ausgestattet mit Schwimmwesten und Rettungsringen, suchten sie nach der Besatzung des Katamarans und den vier Tauchern, von denen jedoch weit und breit nichts zu sehen war.</style></p><p><style name="font7">Bashtiri hatte einen seiner M�nner zu seinem Helikopter geschickt, damit man von dort aus Verbindung zu einem Rettungsdienst in Krasnojarsk aufnehmen konnte, der Verletzte und - was keiner laut auszusprechen wagte - auch Tote barg.</style></p><p><style name="font7">Professor Rodius hatte Tr�nen der Erleichterung in seinen Augen, als man in einem Schilfg�rtel Sven Theisen, ersch�pft, aber lebend aus den Fluten rettete.</style></p><p><style name="font7">�Wo ist Viktoria?� Seine Stimme versagte ihm beinahe den Dienst, so sehr zitterte sie.</style></p><p><style name="font7">�Ich wei� es nicht ...� Theisen brachte nur ein heiseres Fl�stern zustande. �Ich habe sie noch gesehen, als ...�</style></p><p><style name="font7">Mit erstaunlicher Kraft packte Rodius seinen deutschen Kollegen bei den Oberarmen und sch�ttelte ihn. �Verdammt Theisen, Sie sollten auf Viktoria aufpassen. An welcher Stelle waren Sie beide zuletzt, bevor das Ungl�ck geschah?�</style></p><p><style name="font7">Theisen, der Taucherbrille und Haube mit zittrigen H�nden abgenommen hatte und nun schwer atmend am Motorblock des Bootes lehnte, schn�uzte sich ger�uschvoll.</style></p><p><style name="font7">�Wir waren da unten�, brach es aus ihm hervor. �Sie hat mir das Leben gerettet. Es ist alles meine Schuld.�</style></p><p><style name="font7">�Was soll das hei�en? Es ist Ihre Schuld?� Rodius, der ihm gegen�bersa�, sah ihn verst�ndnislos an. �Vermutlich war es eine riesige Gasblase, die sich vom Grund des Sees gel�st hat. Daf�r k�nnen Sie doch nichts.�</style></p><p><style name="font7">�Nein�, stie� Theisen hervor. �Da war etwas anderes. Bevor die Blase emporschoss, habe ich einen seltsamen Gegenstand entdeckt. Er ragte aus einem Ger�llvorsprung empor. Es sah aus wie eine Aluminiumstange. Vielleicht ein Teil eines Ger�sttr�gers. Ich wollte die Stange unbedingt bergen. Als ich daran zog, geriet der Uferhang ins Rutschen.�</style></p><p><style name="font7">�Ein Ger�sttr�ger?� Rodius warf Olguth, der im Bug des Bootes kniete und immer noch Ausschau nach Vitaly hielt, einen fragenden Blick zu. Interessiert beobachtete der Russe, wie Bashtiris M�nner das zweite Boot zu einer Uferzone hinlenkten.</style></p><p><style name="font7">Olguth, der nur halb zugeh�rt hatte, zog ratlos die Schultern hoch. Offenbar lag ihm weit mehr am Schicksal seines Dozenten als an irgendeinem mysteri�sen Aluminiumteil.</style></p><p><style name="font7">�Da treibt etwas!� schrie Kolja pl�tzlich und fuchtelte so wild mit seinen Armen, dass das Schlauchboot gef�hrlich ins Wanken geriet.</style></p><p><style name="font7">Alle Augen wanderten zum Heck, doch es war nicht Vitaly oder gar Viktoria, die an der Wasseroberfl�che trieben. Von Ferne sah es vielmehr wie ein gro�es St�ck gegerbtes Leder aus. Olguth griff hastig zum Paddel und man�vrierte das Boot in Richtung des merkw�rdigen Gegenstands.</style></p><p><style name="font7">�Es sind zwei�, fl�sterte Kolja, nachdem das Boot n�her herangekommen war. Die Umrisse des seltsamen Fundes schienen eindeutig menschlich zu sein, auch wenn es aussah, als h�tte man ihnen die Haut gegerbt.</style></p><p><style name="font7">�Es sind Menschen�, stie� Rodius verbl�fft hervor.</style></p><p><style name="font7">�Es waren Menschen�, verbesserte ihn Olguth atemlos. �Jetzt sind es Mumien . oder Moorleichen .�</style></p><p><style name="font7">Mit dem Fu� entriegelte Leonid die T�r zu seiner H�tte. Mit einer Sanftheit, die man ihm aufgrund seiner riesenhaften Statur niemals zugetraut h�tte, legte er die junge Frau auf seinem Bett ab, dessen Matratze mit einer Decke aus Rentier- und Wolfsfellen �berzogen war. Ajaci sprang wie selbstverst�ndlich zum Fu�ende des Bettes, um es sich neben der Frau gem�tlich zu machen, und wurde sogleich wieder verscheucht. Beleidigt verzog er sich in die N�he des gemauerten Kamins und legte sich nieder, die Schnauze auf die Vorderpfoten gebettet. Mit beleidigter Miene verfolgte er jede kleine Regung seines Herrn.</style></p><p><style name="font7">Rasch holte Leonid ein dunkelgr�nes Sweatshirt aus seiner Kleiderkiste und eine Hose aus dem gleichen Stoff, die seinem unfreiwilligen Gast zwar viel zu gro� sein w�rde, sich aber mit einem Tunneldurchzug regulieren lie�. Behutsam trocknete er sie ab und streifte ihr schlie�lich die Kleidung �ber. Zwischendurch pr�fte er immer wieder ihren Puls.</style></p><p><style name="font7">Erstes Gebot: Sie durfte nicht frieren. Nachdem er ihr die Felldecke bis zur Nasenspitze gezogen und sie sorgsam darin eingeh�llt hatte, stand er auf und steckte einen Kienspan nach dem anderen in den selbst gemauerten Ofen, bis ein kleines Feuer prasselte. Dann setzte er in einem emaillierten Teekessel, der wohl noch aus dem letzten Jahrhundert stammte, Wasser auf.</style></p><p><style name="font7">Es war kein schwarzer Chinese, den er dem brodelnden Element hinzuf�gte, sondern eine spezielle Mischung aus sibirischen Kr�utern und Pilzen, deren geheime Rezeptur nur unter Schamanen Anwendung fand. Der Dampf sowie der Sud brachten den Kranken mit seiner eigenen inneren Wirklichkeit in Verbindung und machten es m�glich, einen Genesungsprozess einzuleiten, der von den guten Geistern in dessen Umgebung beg�nstigt wurde.</style></p><p><style name="font7">Mit einem leisen Seufzer setzte sich Leonid neben die bewusstlose Frau und bettete ihren Oberk�rper auf mehrere Kissen, sodass sie halb aufrecht zu sitzen kam. Dann nahm er mit einer Hand einen t�nernen Becher, den er zuvor auf einer alten Armeekiste abgestellt und mit dem Sud gef�llt hatte. Vorsichtig f�chelte er seiner Patientin mit der anderen Hand den Dampf unter die Nase. Leise murmelte er einen Spruch, den Taichin ihm vor einiger Zeit beigebracht hatte, um Kranke aus dem Zustand geistiger Umnachtung zur�ckzuholen.</style></p><p><style name="font7">Die Bitte um Unterst�tzung aus der Oberwelt schien zu funktionieren - auch ohne Trommeln und laute Beschw�rungsformeln. Die Augenlider der Frau begannen zu flattern, und dann sah sie ihn an. Ihre Augen waren beinah so gr�n wie das Gras auf der Lichtung, und obwohl ihr Blick getr�bt war, schien sie wach zu sein.</style></p><p><style name="font7">Leonid k�hlte den Sud, indem er mehrmals dar�ber blies, dann hob er mit einer Hand ihren Kopf an und half der jungen Frau, vorsichtig zu trinken. F�r einen Moment verzog sie das Gesicht, nicht weil der Trunk zu hei�, sondern weil er anscheinend zu bitter war. Kein Wort kam �ber ihre Lippen, obwohl sie ihn unentwegt anstarrte. Zug um Zug leerte sie den Becher. Leonid stellte den leeren Becher zur Seite und bettete ihren Kopf zur�ck auf das Kissen. Dann strich ihr z�rtlich die Haare aus dem Gesicht. Ihr Blick schien entr�ckt, als ob sie durch ihn hindurchsehen konnte. Sacht lie� er seine Hand auf ihrer Stirn ruhen, in der stummen Hoffnung, dass es nicht lange dauern konnte, bis sie endg�ltig zu sich kam. Sie war keine Ewenkin, doch warum sollte der Zauber bei ihr nicht wirken? Mittlerweile kamen etliche Russen aus der Stadt, die der Schulmedizin nicht vertrauten, um bei Krankheit Taichins Rat und Hilfe zu suchen.</style></p><p><style name="font7">Das Camp war vollkommen verw�stet. Von Viktoria Vanderberg fehlte jede Spur. Professor Rodius hatte bis zur Ersch�pfung nach ihr suchen lassen. Erst recht, nachdem man Vitalys Leichnam vor knapp zwei Stunden geborgen hatte. Nun lag der tote russische Wissenschaftler in einen Plastiksack geh�llt; darin sollte er nach Vanavara in eine K�hlkammer gebracht werden, in der man f�r gew�hnlich Fisch aufbewahrte. Erst �bermorgen w�rde er von dort aus seinen letzten Weg nach Moskau antreten k�nnen.</style></p><p><style name="font7">Seine Gef�hrten auf dem Katamaran waren mit dem Schrecken davongekommen. Attilo, der blonde H�ne mit den eisigen Augen und gleichzeitig Bashtiris bester Mann, hatte es mit einem verstauchten Arm ganz allein zum Ufer geschafft. Seine Unterwasserkamera war allerdings auf den Grund des Sees gesunken. Er selbst lag auf der provisorischen Krankenstation des Camps und wartete auf Doktor Parlowa, damit sie sich seinen verletzten Arm ansah.</style></p><p><style name="font7">Als sich der Abend �ber die improvisierten Holzh�tten herabsenkte, war die Stimmung nicht nur wegen Vitalys Tod gedr�ckt. Es konnte noch Tage dauern, bis man alles wieder in seinen urspr�nglichen Zustand versetzt haben w�rde, und eine vage Angst ging unter den Studenten umher, dass sich dieser Vorfall jederzeit wiederholen konnte.</style></p><p><style name="font7">Bashtiri fluchte, weil es immer noch kein Lebenszeichen von der deutschen Geophysikerin gab. Wenn sie nicht wieder lebend auftauchte, w�rde es international zu einer schlechten Presse kommen, und das wollte und konnte er sich vor der russischen Regierung, die an diesem Projekt, wenn auch aus anderen Gr�nden als er selbst, interessiert war, nicht leisten.</style></p><p><style name="font7">�Sie m�ssen etwas unternehmen!� Rodius blaffte den russischen Gasmogul aufgebracht an. In eine Decke geh�llt, sa� er neben Bashtiri an einem Lagerfeuer und ereiferte sich �ber die scheinbare Gleichg�ltigkeit des Oligarchen.</style></p><p><style name="font7">�Wir k�nnen die Suche nach Frau Doktor Vanderberg nicht einfach aufgeben, nur weil es dunkel ist. Vielleicht liegt sie da drau�en irgendwo im Schilf oder am Ufer des Kimchu und ben�tigt unsere Hilfe!� Seine Stimme �berschlug sich beinahe.</style></p><p><style name="font7">Bashtiri gab ein ungeduldiges Grunzen von sich und nahm einen weiteren Schluck Wodka aus einer Zweiliterflasche, die er seit zwei Stunden ununterbrochen in der Hand hielt.</style></p><p><style name="font7">�Ich muss dem Professor recht geben.� Sven Theisen war lautlos hinzugetreten, nachdem Doktor Parlowa ihm wegen eines verstauchten Ellbogens eine Schlinge verordnet hatte. �Wer au�er Ihnen hat die Mittel und die M�glichkeiten, eine solche Suche zu starten.� Seine Miene sprach B�nde. Er hatte Angst. Um Viktoria - aber auch, dass er dieses Ungl�ck verschuldet hatte.</style></p><p><style name="font7">�H�ren Sie mit Ihren verdammten Forderungen auf!�, fauchte Bashtiri und g�nnte sich einen weiteren Schluck Wodka. �Denken Sie, es macht mir Spa�, hier herumzusitzen und abzuwarten, was geschieht. In der Dunkelheit k�nnen wir nichts tun, was hilfreich w�re -das m�sste Ihnen beiden doch klar sein. Haben Sie sich einmal umgeschaut? Der See ist umgeben von t�ckischen S�mpfen. Vom Ufer aus dauert es eine Weile, bis man festen Boden unter den F��en hat. Normalerweise ben�tigt man einen Trapper, der einem sagt, wo es lang geht. Kolja kann das nicht leisten. Aber falls es Sie beide beruhigt: Ich habe GazCom mobilisiert. Ich habe das gesamte Einzugsgebiet vom Konzern gepachtet und somit untersteht es automatisch dessen Sicherheitsabteilung. Sie werden uns sp�testens morgen Vormittag Andrej Lebenov schicken. Er war Oberst der russischen Armee und ist nun der Sektionsleiter der konzerneigenen Sicherheitsarmee. Er und seine M�nner wurden extra von einem benachbarten Erdgasfeld abgezogen. Ich kenne ihn gut. Seine Leute sind unerschrockene Typen, die meisten von ihnen haben als Soldaten in Tschetschenien gek�mpft und sind mit einem sicheren Gesp�r f�r Gefahr ausgestattet. Sie werden uns helfen, Ihre Kollegin zu finden.�</style></p><p><style name="font7">�Und was geschieht mit den merkw�rdigen Leichenfunden? Wir m�ssen sie einer wissenschaftlichen Untersuchung zuf�hren.� Mit einem Seitenblick sah Professor Olguth zu einer fest verschlossenen Plastikplane hin, unter der zwei seltsame Gestalten verborgen lagen, die einem Alien-Fund in Roswell Area 51 in nichts nachstanden.</style></p><p><style name="font7">�Auch das werden wir GazCom �berlassen�, entschied Bashtiri.</style></p><p><style name="font7">�Wie Sie selbst wissen, verf�gt man bei GazCom �ber ein ganzes Heer von Biologen, Chemikern und selbst Anthropologen, f�r den Fall, dass man bei Bohrungen auf irgendwelche �berreste von fr�herem Leben st��t, das irgendeine wissenschaftliche Bedeutung haben k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">�Hat man da auch Ahnung von Au�erirdischen?�, sp�ttelte Thei-sen. Er hatte ja schon einiges �ber den russischen Gasmonopolisten geh�rt, aber dass die Jungs sich f�r sibirische Moorleichen interessierten, erschien ihm kaum vorstellbar. �Wer wei߫, fuhr er mit einem zweideutigen Grinsen fort, �vielleicht ist die Raumschifftheorie gar nicht so falsch, und wir haben, ohne es zu wissen, ET aus dem Wasser gefischt. Ich meine, wer sollte sonst diese seltsame Aluminiumstange in den Untergrund des Sees gesteckt haben.�</style></p><p><style name="font7">Theisen erntete einen verst�ndnislosen Blick von seinem Chef, doch er ignorierte ihn einfach und wandte sich erneut an Bashtiri. �Immerhin waren es Ihre Landsleute�, erkl�rte er, �die diese Theorie vor gut f�nfzig Jahren in Umlauf gebracht haben. Keine St�mper, sondern ernst zu nehmende Wissenschaftler.�</style></p><p><style name="font7">Bashtiri hatte kaum zugeh�rt, doch dann war sein Blick pl�tzlich �berraschend klar.</style></p><p><style name="font7">�Sie werden ohnehin eine Aussage machen m�ssen, Doktor�, sagte er zu Theisen, und sein durchdringender Blick erinnerte den Deutschen an die zahlreichen Geheimdienstverh�re, die er bisher nur im Kino erlebt hatte.</style></p><p><style name="font7">�Eine Aussage?� Theisen gab sich unbeeindruckt.</style></p><p><style name="font7">�Sie werden uns morgen genau berichten, was Sie im Fels entdeckt haben. Allem Anschein nach war das der Grund, warum es �berhaupt zu dem Unfall gekommen ist.�</style></p><p><style name="font7">Theisen schluckte und schwieg. Bashtiri hatte mit voller Absicht seinen wunden Punkt getroffen.</style></p><p><style name="font7">Rodius gab einen ersch�pften Laut von sich. Seine Augen jedoch glitzerten angriffslustig. �Falls nicht morgen fr�h weiter nach meiner verschollenen Mitarbeiterin gesucht wird, werde ich mich pers�nlich an Ihren Pr�sidenten wenden und ihm sagen, was das hier f�r ein Saustall ist! Habe ich mich klar genug ausgedr�ckt, Herr Bashtiri!�</style></p><p><style name="font7">War sie tot? Viktoria erinnerte sich schwach an eine abgrundtiefe Dunkelheit, die sie kalt und erbarmungslos verschlungen hatte. An mehr konnte sie sich nicht erinnern. Nein, da war noch etwas gewesen, aber es schien zu fantastisch, um daran glauben zu k�nnen. Wie durch einen Schleier fiel ihr Blick auf das markante Gesicht ihres Gegen�bers. Im Schein des flackernden Feuers kam der Mann ihr bekannt vor, jedoch keineswegs vertraut. Ein breitschultriger Kerl, zum Sterben sch�n, mit unergr�ndlichen grauen Augen, die so schr�g standen wie bei einer siamesischen Katze. Der sinnliche Mund war gepr�gt von schmerzlicher, unerf�llter Liebe. Vielleicht war er ein Engel, sinnierte sie tr�umerisch. Im K�rper eines Wrestlingk�mpfers. Doch wo verbarg er seine Fl�gel? Falls er tats�chlich welche besa�, mussten sie schwarz sein - so schwarz wie sein Haar, das ihm lang und seidig bis �ber den muskul�sen Nacken flutete.</style></p><p><style name="font7">Der Blick des Engels war z�rtlich, und er l�chelte, bevor er zu sprechen begann. Sie verstand kein einziges Wort, w�hrend sein Mund sich lautlos bewegte. Sie musste bekifft sein. Ja, so bekifft wie seit zw�lf Jahren nicht mehr, als sie auf einer Abi-Fete in Berlin-Kreuzberg den ersten und letzten Joint ihres Lebens geraucht hatte. Schon am n�chsten Morgen hatte sie geschworen, nie wieder im Leben ein solches Zeug anzur�hren. Und jetzt war es doch passiert. Aber wie? Egal. Eine wunderbare Gleichg�ltigkeit erfasste ihre Seele, und wenn das der Tod war, so fand sie ihn vollkommen in Ordnung.</style></p><p><style name="font7">Wie im Rausch schwebte sie dahin. Lachend streckte sie die Arme nach diesem halb nackten Kerl aus. Er war nicht der Typ Mann, den sie gew�hnlich bevorzugte. Weder feingliederig noch intellektuell, und doch �bte er einen geradezu magischen Reiz auf sie aus. Sacht kniff sie ihm in die Brustwarzen, um zu sehen, ob er tats�chlich echt sein konnte. Er grinste belustigt und kam ihr mit unverst�ndlichen Worten entgegen, so nah, dass seine Lippen die ihren ber�hrten.</style></p><p><style name="font7">Sie zog seinen Kopf zu sich herab und k�sste ihn gierig. Mit offenem Mund, sodass ihre Zungen sich kreisend ber�hrten. Danach rekelte sie sich wohlig auf einem Meer aus Tierfellen und gab ihm mit einem eindeutigen Fingerzeig zu verstehen, dass er unter ihre Bettdecke schl�pfen sollte.</style></p><p><style name="font7">Schon sp�rte sie, wie sich sein sehniger, blo�er Leib unter dem w�r-menden Pelz an sie dr�ngte. Ihre Finger tasteten sich bis hin zu seinem harten Geschlecht, das sie so vorsichtig ber�hrte, als ob es zerbrechlich w�re. St�hnend ergriff er mit seiner Linken eine ihrer Br�ste und liebkoste sie gef�hlvoll mit seiner gro�en Hand. Seine Lippen brannten auf ihrem Hals, und erst als ihr ein lang gezogener Seufzer entfuhr, wanderte sein Mund zu ihren aufrecht stehenden Brustwarzen. Abwechselnd saugte er an den rosigen Spitzen, so stark, dass es schmerzte, und doch konnte sie nicht genug davon bekommen. Bereitwillig �ffnete sie ihre Schenkel und dirigierte ihn direkt ins Zentrum ihrer Lust. Vielleicht war er gar kein Engel, sondern ein Teufel. Die Art, wie er in sie stie� und von ihrem Innern Besitz ergriff, lie� sie wohlig erschaudern. Halb auf ihr liegend, nur gest�tzt auf seine kr�ftigen H�nde, fixierte er ihre schmalen Handgelenke, wie bei einer Gefangenen. F�r einen Moment wollte sie Protest einlegen, sich wehren, doch an Widerstand war nicht zu denken. Seine H�ften hielten sie fest auf das Bett gepresst, und sein fordernder Mund verschloss ihre Lippen und erstickte jeglichen Laut mit seiner samtenen Zunge.</style></p><p><style name="font7">Berauscht von der Tiefe ihrer Empfindungen, die wie ein Orkan �ber sie hinwegfegten und in ihrem Unterleib ein wildes, prasselndes Feuer entfachten, gab sie sich wie ein vollkommen willenloses Gesch�pf diesem Fremden hin. Schwei�gebadet ging sie mit seinem heftiger werdenden Rhythmus einher, und das Gef�hl, mit ihm zu verschmelzen, gipfelte in einer sengenden Kontraktion all ihrer Muskeln und Nerven und durchfuhr sie gleichzeitig wie ein �berspringender elektrischer Schlag.</style></p><p><style name="font7">Dann kehrte pl�tzlich eine seltsame Stille ein, und sie schwebte davon. Hand in Hand mit diesem merkw�rdigen Himmelsboten, der ihr ein undurchsichtiges L�cheln schenkte, w�hrend sie gemeinsam von einem glei�enden Licht umfangen wurden.</style></p><p><style name="font7">Auch gut, schoss es ihr durch den Kopf, wenn sie also zuvor noch nicht tot gewesen war, dann war sie es jetzt.</style></p></section><section><title><p><style name="font5">7.</style></p><p><style name="font7">Februar</style><style name="font4"> 1905,</style><style name="font7"> Sibirien - Niemandsland</style></p></title><p><style name="font7">Am Morgen des</style><style name="font4"> 14.</style><style name="font7"> Februar</style><style name="font4"> 1905</style><style name="font7"> zeigte das Spiritusthermometer minus </style><style name="font4">40</style><style name="font7"> Grad. Im strahlenden Sonnenschein und trotz vollst�ndiger Windstille funkelten unz�hlige mikroskopisch kleine Eiskristalle in der Luft, die so kalt war, dass einem der Atem auf den Lippen gefror. Subbota und die insgesamt acht Kosaken stie�en einen Fluch nach dem anderen aus, weil die Vorbereitungen nicht wie geplant vorangingen. Pferde und Nar-ten, wie man die Schlitten hier nannte, standen l�ngst abmarschbereit. Nur den etwa zwanzig Deportierten, die mit ihnen eine Reise ins Unbekannte antreten sollten, fehlte es noch an w�rmender Zusatzkleidung.</style></p><p><style name="font7">Kissanka kauerte zusammen mit Mutter und Schwester auf einer brettharten Schneewehe. Den fieberkranken Jungen hatten sie sch�tzend in ihre Mitte genommen. Leonard l�chelte ihnen aufmunternd zu. Der alte Wassiljoff stand an einem der Pferdeschlitten und �berpr�fte die Ladung. Einer der Kosaken bot ihm einen Wodka an. Er lachte scheppernd, als der Alte die halbe Flasche mit einem Rutsch hinunterkippte, ohne zu wissen, was sein G�nner noch am Abend zuvor mit seiner Tochter angestellt hatte.</style></p><p><style name="font7">Leonard zog sich vor Wut und vor Hilflosigkeit der Magen zusammen. Ein Seitenblick versicherte ihm, dass Kissanka das Treiben ihres Vaters mit aufgew�hlter Miene verfolgte. Wie gerne w�re er zu ihr gegangen und h�tte sie beruhigt! Doch dann h�tte ihr Vater wahrscheinlich ihn selbst erschlagen und nicht den Kosaken.</style></p><p><style name="font7">Auch die anderen M�nner und Frauen hatten sich frierend zusammengefunden. Bereits um sechs Uhr in der Fr�he hatte der Bahnhofswirt sie hinauskomplimentiert, nachdem er ihnen bei stockfinsterer Nacht nur ein sp�rliches Fr�hst�ck aus trockenem Brot und mehrmals geseihtem Tee gebracht hatte. Der Lagerverwalter war eine Stunde zu sp�t erschienen. Seine Frau hatte in der Nacht eine Totgeburt und war dabei offenbar selbst nur knapp am Leben geblieben. Dass er nunmehr nicht ganz bei der Sache war, schien verst�ndlich, und daher gab er sich nur halbherzig der Ausgabe von M�nteln, Decken und grob geschusterten Stiefeln hin.</style></p><p><style name="font7">Nach einer weiteren Stunde des Frierens und Wartens war es endlich soweit. Leonard bestieg mit Pjotr und Aslan einen der ger�umigen Schlitten. In einen stinkenden Hammelfellmantel geh�llt und mit einem Schlafsack aus �hnlichem Pelz versehen, schien ihre Lage nun ein wenig ertr�glicher zu sein. Subbota gesellte sich zu ihnen - zwangsl�ufig, wie Leonid vermutete. Er besa� die Schl�ssel f�r ihre Ketten, die er ihnen selbst auf der Fahrt nicht abnehmen wollte. Auch er schien unter dem umherwehenden Schnee zu leiden, der in Augen und Nasenl�cher eindrang und selbst die Barthaare mit einem krustigen Eispanzer �berzog.</style></p><p><style name="font7">Nicht zum ersten Mal stellte sich Leonard die Frage, was der Offizier der Ochrana verbrochen haben musste, dass man ihn mit einer solchen Mission betraut hatte.</style></p><p><style name="font7">Unter lautem Gebr�ll und mit singender Peitsche trieben die J�mschtschiks, die Schlittenlenker, die Pferde an.</style></p><p><style name="font7">Sie wurden mit den Tieren von Station zu Station ausgewechselt. Zwei Pferde legten sich pro Wagen ins Geschirr, manchmal auch drei. Insgesamt acht gro�e Lastschlitten reihten sich zu einer Karawane zusammen, die sich, von schleifenden Ger�uschen begleitet, in schnellem Lauf �ber den hart gefrorenen Schnee entlang des Jenissei nach Norden bewegte.</style></p><p><style name="font7">Von weitem konnte Leonard sehen, dass Kissanka mit ihren Eltern und Geschwistern im zweiten Schlitten sa�. Eingeh�llt in einen viel zu gro�en Mantel, war sie kaum zu erkennen. Der Kosake, der sie gestern so brutal genommen hatte, ritt schnalzend an ihr vorbei. Frech gr��te er ihren Vater, und als der Schmied ihm den Kopf zuwandte, lachte und jauchzte er so laut, dass sich nicht nur die Pferde erschraken. Nat�rlich dachte der Soldat nicht daran, seine Tat zu bereuen. Warum auch? Sie war nur eine Verschickte, deren Leben kaum mehr etwas wert war.</style></p><p><style name="font7">Leonard entging nicht, dass Kissanka sich zu ihm umwandte, als h�tte sie seinen Blick im R�cken gesp�rt. Er wusste nicht, ob es mehr als Mitleid war, das er f�r sie empfand. Tief in seinem Innern hoffte er f�r sie beide, dass die Sache nicht weiterging, als sie durfte.</style></p><p><style name="font7">Am sp�ten Nachmittag schlief Oberleutnant Subbota ein, und auch Pjotr und Aslan d�sten vor sich hin. Leonard streckte von Zeit zu Zeit seine Glieder, um sicherzustellen, dass sie trotz der w�rmenden Verpackung nicht eingefroren waren. Nasimowsk, ein abgelegenes Nest, das J�gern und Goldsuchern auf der Reise in den Norden einen vor�bergehenden Unterschlupf bot, konnte nicht mehr weit sein. Etwa 50 Werst entfernt, wie der Kutscher versicherte. Dort wollten sie ihr erstes Nachtlager aufschlagen.</style></p><p><style name="font7">Mit lautem Gekl�ffe n�herten sich zwei Hundegespanne. Leonard hob den Kopf hinaus in die K�lte. Gleich dem Schatten einer blutgierigen Meute von H�llengesch�pfen flogen ihnen die Gespanne �ber die h�gelige Schneelandschaft entgegen, eingeh�llt in den Schein einer blutroten untergehenden Sonne. Dabei flatterten die Zungen der Tiere wie fleischgewordene Fahnen zwischen ihren geifernden, weit ge�ffneten Lefzen.</style></p><p><style name="font7">Ein heiseres Rollen, gefolgt von einem warnenden Knurren, erhob sich aus der Kehle des Leithundes. Das Tempo des Schlittens steigerte sich immer weiter. Bald fielen auch die anderen Hunde in das aggressiv klingende Gebell ihres Anf�hrers ein.</style></p><p><style name="font7">Leonard steckte seinen Kopf aus der Fellkapuze, um zu sehen, was da vor sich ging. Mit einem leichten Sto� weckte er seine Kameraden.</style></p><p><style name="font7">�Was ist los?�, murmelte Pjotr schl�frig. Seine runde Nase k�mpfte sich aus einem Wust von r�udigem Wolfsfell, das die Kapuze seines Mantels umrahmte.</style></p><p><style name="font7">�Schau dir das an!� Mit unheilschwangerer Miene nickte Leonard hinaus in die blauwei�e Wildnis. �Wenn das gutgeht, putze ich jedem von euch die Stiefel, und das ein Jahr lang.�</style></p><p><style name="font7">Tats�chlich verlor der Wagenlenker des entgegenkommenden Schlittens zusehends die Kontrolle �ber das stattliche Leittier.</style></p><p><style name="font7">Der J�mschtschik des ersten Pferdeschlittens, der den Treck der Deportierten anf�hrte, stie� in der aufkommenden D�mmerung einen kehligen Warnruf aus. Hastig z�gelte er die zottigen Pferde. Doch es n�tzte nicht viel. Das Gespann hielt direkt auf ihn zu, und die nachkommenden Pferdeschlitten hatten M�he, nicht aufzufahren.</style></p><p><style name="font7">Nun war auch Aslan aus seinem Halbschlaf erwacht.</style></p><p><style name="font7">�Spinnt der Kerl?� Alarmiert stie� er den schlafenden Oberleutnant in die Seite, der zusammengekauert neben ihm hockte. Subbota setzte sich unverz�glich auf. �Was? Wie?�, entfuhr es ihm. Wild schlug er den Kopf hin und her, um sich einen �berblick zu verschaffen und sah, dass ihr Schlitten in abenteuerlicher Fahrt die Richtung wechselte. �Pass doch auf, du Idiot!�, schrie er dem J�mschtschik zu.</style></p><p><style name="font7">Doch der junge Schlittenlenker konnte nichts weiter tun, als die Pferde hart zu z�geln, damit sie nicht in den n�chsten Schlitten hineinst�rmten. Im letzten Augenblick wollte es ihm gelingen, den Wagen zum Stehen zu bringen. Die anderen hatten nicht soviel Gl�ck.</style></p><p><style name="font7">Ein Chaos entstand, als die voranfahrenden J�mschtschiks versuchten, hinter ihrem jeweiligen Vordermann aufs freie Feld auszuweichen. Die ersten beiden Schlitten �berschlugen sich auf einem Abhang, den die laut wiehernden Tiere hinuntergest�rzt waren. Koffer und Kisten fielen �ber die eisige Fl�che, glitten noch weiter hinab und landeten nach einer l�ngeren Rutschpartie am zugefrorenen Flussufer. Auch M�nner, Frauen und Kinder st�rzten von den Schlitten. Schreiend prallten sie gegeneinander, wurden von schweren Gep�ckst�cken getroffen und rollten �ber den Schnee.</style></p><p><style name="font7">Die Hunde der entgegenkommenden Schlitten waren nun nicht mehr zu kontrollieren. Ohne auf die verzweifelten Rufe ihrer F�hrer zu achten, rissen die beiden Rudel ihre Gespanne soweit herum, bis sie unter einem berstenden Ger�usch zusammenkrachten. In hohem Bogen wurde einer der M�nner davon geschleudert. Einem zweiten erging es noch schlechter. Die Kufen der beiden Schlitten zermalmten den Sch�del des Mannes, als ob er nur eine Walnuss w�re. Blut spritzte in den Schnee und f�rbte ihn tiefrot.</style></p><p><style name="font7">Die Hunde brachte all das nicht zur Besinnung. Ihr r�uberischer Instinkt, der nun ungehemmt hervorbrach, trieb die nach Fleisch gierenden Tiere zu ihrer schutzlosen Beute hin. Wie rasende Bestien schlugen sie ihre scharfen Z�hne in die Leiber der wehrlosen Pferde, tranken das warme Blut und rissen ganze St�cke aus B�uchen und Schenkeln. Vor Angst und Schmerz halb wahnsinnig, schlugen die Tiere aus und zertr�mmerten ihre eigenen Gespanne, bevor sie sich losrei�en und mitsamt Z�geln und Joch das Weite suchen konnten.</style></p><p><style name="font7">Fassungslos beobachteten Leonard und seine Kameraden das grausige Schauspiel.</style></p><p><style name="font7">�Mach uns los!� Leonard hielt Subbota Hand- und Fu�ketten hin. �Wir m�ssen helfen!�</style></p><p><style name="font7">Der junge Offizier der Ochrana war bleich geworden. Mechanisch z�ckte er den Bund mit den eisernen Schl�sseln, den er Tag und Nacht an seinem breiten Lederg�rtel trug.</style></p><p><style name="font7">Mit einem nerv�sen Zucken im Gesicht �ffnete er die Kettenschl�sser. Leonard sprang als Erster von dem Schlitten. Atemlos versuchte er, sich zu orientieren. Seine Sorge galt vor allem Kissanka und ihrer Familie.</style></p><p><style name="font7">Schreie gellten durch die D�mmerung, und Sch�sse krachten, nachdem auch die Kosaken aus ihrer Erstarrung erwacht waren und ihre eigenen v�llig verst�rten Pferde zur R�son gebracht hatten. Wild um sich schie�end, stoben sie Hunden und Pferden hinterher, bis ihre Sch�sse pr�ziser wurden und das Jaulen und Bellen der getroffenen Kreaturen sich mit dem Wehklagen der verletzten Menschen vermischte.</style></p><p><style name="font7">Leonard st�rzte �ber den spiegelglatten Schnee zu den Verletzten hin. Pjotr und Aslan waren ihm dicht auf den Fersen. Subbota lie� auf sich warten, weil er unter all dem Gep�ck die Verbandskiste suchte.</style></p><p><style name="font7">Schon auf dem Weg zu den Tr�mmern konnte Leonard sehen, dass einige der M�nner und Frauen wie tot im Schnee lagen. Arme und Beine weit von sich gestreckt, r�hrten sie sich nicht. Der leere Blick einer Frau nahm ihm den Atem. Rasch zog er seine Fellhandschuhe aus. Den Kopf seltsam verrenkt, starrte sie ihn aus leblosen blauen Augen an. Es war Kissankas Mutter. Sie hatte ihre Haube verloren, und ihr blondes langes Haar hatte sich gel�st und bedeckte den Schnee.</style></p><p><style name="font7">Leonard kniete nieder und versuchte vergeblich, ihren Puls zu ertasten. Es kostete ihn einige �berwindung, ihr die Lider zuzudr�cken. �u�erlich unverletzt hatte sie sich offenbar beim Sturz das Genick gebrochen. Nicht weit von ihr entfernt, lag ihr kleiner Sohn. Ein m�chtiger Splitter aus Tannenholz steckte in seinem Oberschenkel. Leonard fasste nach seiner Hand und inspizierte die furchtbare Verletzung mit wenigen Blicken. Aussichtslos, sagte er zu sich selbst, als er die mit Blut getr�nkte Hose des Jungen zerriss. Der Splitter hatte offenbar eine wichtige Ader getroffen; der Junge w�rde verbluten, wenn er nicht auf der Stelle in ein Hospital eingeliefert werden w�rde. Aus gro�en Augen sah er Leonard an.</style></p><p><style name="font7">�Mama?�, fl�sterte er.</style></p><p><style name="font7">Leonard schluckte. �Sie kommt gleich zu dir.�</style></p><p><style name="font7">Vorsichtig und mit zitternden Fingern schob Leonard seinen Wollschal unter den Kopf des Jungen.</style></p><p><style name="font7">Subbota eilte keuchend heran. In der Hand hatte er eine Metallkiste mit Verbandsmaterial, Mullbinden und Kompressen. Das war genau das, was Leonard brauchte. Vielleicht konnte er doch den Kienspan entfernen. Doch was sollte dann werden? Es gab keinen Arzt, und die n�chste Poststation, bei der man den Rat eines Arztes h�tte einholen k�nnen, war zu weit entfernt.</style></p><p><style name="font7">�Haben wir �ther?� Leonard sah Subbota fordernd an.</style></p><p><style name="font7">�Sag blo�, du hast eine medizinische Ausbildung?� Die Stimme des Offiziers dr�ckte Verwunderung aus.</style></p><p><style name="font7">�Ich habe an der Hochschule eine Sanit�tsausbildung absolviert. Das geh�rt dazu, wenn man physikalische Versuche unternimmt.�</style></p><p><style name="font7">Ohne weitere Fragen zu stellen, �bergab ihm der Offizier eine br�unliche Flasche mit einem Glaskorken und eine Kompresse, damit er die Fl�ssigkeit darauf tr�ufeln konnte.</style></p><p><style name="font7">Er z�hlte die Tropfen und rechnete insgeheim, wie viel von dem Mittel der Junge wohl w�rde vertragen k�nnen. Vermutlich nicht viel - er war klein und d�nn.</style></p><p><style name="font7">Mit zitternden H�nden hielt er dem Jungen das streng riechende Medikament vor die Nase. Es bedurfte nur weniger Atemz�ge, bis das Kind das Bewusstsein verlor. Leonard verga� die Welt um sich herum und f�hlte sich wie eine Marionette, als er dem Jungen mit einem Stilett das Bein ein St�ck aufschnitt, um den Splitter sauber heraussch�len zu k�nnen. Das St�ck Holz war tief in das Bein des Jungen eingedrungen und hatte es beinahe durchbohrt. Ein Schwall von Blut folgte, als Leonard den Splitter mit �u�erster Umsicht entfernte.</style></p><p><style name="font7">�Jodtinktur�, sagte er zu Subbota und hielt dem Oberleutnant die blutverschmierte Hand entgegen, als ob er wie selbstverst�ndlich dessen Assistenz erwartete. Sorgf�ltig desinfizierte er die Stelle, so gut es eben ging, dabei musste er sich beeilen, weil selbst das Blut in dieser K�lte gefror. Um die Wunde zu vern�hen, blieb keine Zeit. Mit aller Kraft presste er die Wundr�nder zusammen und legte anschlie�end mehrere doppellagige Mullbinden darauf, bevor er das Ganze mit einem festen Verband versah.</style></p><p><style name="font7">�Mitja!� Ein entsetzter Aufschrei holte Leonard in die Wirklichkeit zur�ck. Kissanka beugte sich schluchzend �ber den Jungen. Ihr war offensichtlich nichts geschehen; ein paar Kratzer und eine Beule an der Stirn waren alles, was Leonard entdecken konnte. Noch hatte sie wohl nicht gesehen, dass ihre Mutter zu Tode gekommen war.</style></p><p><style name="font7">�Was tust du da?� Der Blick, den sie Leonard zuwarf, erschien ihm vorwurfsvoll, ja sogar anklagend.</style></p><p><style name="font7">�Ich versuche sein Leben zu retten�, erwiderte er mit erstickter Stimme. Unbeabsichtigt schaute er zu Kissankas Mutter hin, deren Gesicht er mit einem Schal bedeckt hatte. Erschrocken folgte Kis-sanka seinem Blick.</style></p><p><style name="font7">�Mutter?� Auf Knien rutschte sie zu der toten Frau hin und zog den Schal vom Gesicht. Dann brach sie hemmungslos weinend �ber ihr zusammen.</style></p><p><style name="font7">Leonard hatte das Gef�hl, sich teilen zu m�ssen. Kissanka brauchte ihn jetzt, aber auch der Junge war auf seine Hilfe angewiesen.</style></p><p><style name="font7">Pjotr kniete sprachlos neben ihm. �Press deine Hand weiter auf den Verband!�, befahl ihm Leonard. Dann fiel sein Blick auf Aslan, der hinter Pjotr hockte und die ganze Szenerie mit steinerner Miene verfolgte.</style></p><p><style name="font7">Leonard holte ihn mit lauter Stimme aus seiner Erstarrung. �Ihr m�sst den Kleinen zu unserem Schlitten bringen, damit er es warm hat!�</style></p><p><style name="font7">Subbota, der sich aufgerichtet hatte, um die Lage zu sondieren, widersprach nicht, als Aslan und Pjotr sich anschickten, Leonards Anweisungen zu befolgen.</style></p><p><style name="font7">Mit klopfendem Herzen wandte sich Leonard dem M�dchen zu. Zaghaft fasste er sie bei der Schulter.</style></p><p><style name="font7">�Sie hat nichts davon gesp�rt�, sagte er leise, obwohl er wusste, dass seine Worte ihr kaum Trost spenden w�rden.</style></p><p><style name="font7">Mit verweintem Gesicht richtete Kissanka sich auf. Ein bei�ender Wind lie� die Tr�nen auf ihren Wangen im Nu zu feinem Eis gefrieren. Leonard wusste, wie gef�hrlich das sein konnte. Sch�tzend nahm er sie in den Arm und trocknete ihr Gesicht.</style></p><p><style name="font7">Weiter unten fand Aslan, der sich von neuem auf die Suche nach �berlebenden gemacht hatte, ihren Vater. Ivan Ivanowitsch Wassiljoff hatte den Aufprall gegen einen morschen Baumstamm offenbar eini-germa�en schadlos �berstanden. Eine Prellung an der Stirn und ein gebrochenes Nasenbein waren alles, wor�ber er klagte. Leonard fragte sich �ngstlich, wie er dem vierschr�tigen Mann den Tod der Ehefrau beibringen sollte.</style></p><p><style name="font7">Der Blick des Alten schien gefasst, als er es erfuhr, doch seine bebenden Lippen verrieten, wie aufgew�hlt er war. Nadja, Kissankas j�ngere Schwester, hockte ein St�ck entfernt auf einer brettharten Schneewehe, sie hatte den Unfall mit ein paar blauen Flecken �berstanden. Der Tod ihrer Mutter hatte ihr die Sprache verschlagen und gleichzeitig die Kraft zum Weinen genommen.</style></p><p><style name="font7">Sieben Leichen und zehn Verletzte. Und eine weitere Katastrophe bahnte sich an, weil f�nf der acht Schlitten besch�digt waren und man drei Pferden wegen ihrer schweren Bisswunden den Gnadenschuss versetzte.</style></p><p><style name="font7">Gewehrl�ufe donnerten, und mit dem Gestank von Schwefel und Pulver brach die Nacht herein. Die Temperatur sank weiter. Der n�chste Ort war mindestens vier Stunden entfernt. Wenn kein Wunder geschah, drohten die �berlebenden dieser Katastrophe zu erfrieren.</style></p><p><style name="font7">�Die Leichen bleiben in jedem Fall hier�, beschloss der Kosakenf�hrer mit einem grimmigen Zucken seines v�llig vereisten Schnurrbartes.</style></p><p><style name="font7">�Ich werde meine Frau nicht den W�lfen �berlassen!� Die Stimme des alten Wassiljoff klang br�chig, aber fest. Auge in Auge stand er dem Kommandeur gegen�ber.</style></p><p><style name="font7">�Deine Frau ist in wenigen Stunden nicht mehr als ein gefrorener Brocken Fleisch�, h�hnte der Offizier. �Denkst du ernsthaft, ich w�rde wegen ihr auch nur einen �berlebenden im Stich lassen?�</style></p><p><style name="font7">Er kaute auf irgendetwas und spuckte es dann in den Schnee. �Schau dich doch um! Wir sind einundzwanzig Leute und haben nur noch drei Schlitten zur Verf�gung. Kannst du rechnen? Selbst wenn wir vor jeden Schlitten drei Pferde spannen, wird es eine Tortur f�r Mensch und Tier, bis wir Nasimowsk erreicht haben.�</style></p><p><style name="font7">�Dann will ich wenigstens, dass wir sie im Schnee beerdigen!�</style></p><p><style name="font7">�Wlas!�, schrie der Kommandeur �ber ein paar seiner M�nner hinweg zu einem der J�mschtschiks. �Bring uns zwei Schaufeln und hilf diesem Kerl, seine Frau zu begraben.�</style></p><p><style name="font7">Kissanka zitterte am ganzen Leib, nachdem sie sich ein letztes Mal von ihrer toten Mutter verabschiedet und Leonard sie zu seinem Schlitten geleitet hatte. Pjotr sa� dort, eng an den bewusstlosen Jungen gekauert, damit er es warm hatte.</style></p><p><style name="font7">�Er ist ganz hei� und st�hnt dauernd.� Hilflos strich er dem kleinen Kerl �ber die tief ins Gesicht gezogene Fellm�tze. �Wir brauchen einen Arzt.�</style></p><p><style name="font7">�Den haben wir aber nicht.� Leonard sah sich um, als ob dort drau�en in der hereinbrechenden Nacht eine L�sung zu finden sei.</style></p><p><style name="font7">�Wir k�nnen ihn zu meinem Stamm bringen.�</style></p><p><style name="font7">Leonard schaute auf. Der junge J�mschtschik, der ihren Schlitten gelenkt hatte, meldete sich �berraschend zu Wort. Er geh�rte anscheinend zu den Tungusen, jenen Ureinwohnern, die in dieser Gegend siedelten. Er hatte bereits vor einer Weile eine Fackel entz�ndet. Unnat�rlich funkelten seine schwarzen Augen im Schein des Feuers.</style></p><p><style name="font7">�Unser Dorf ist viel n�her als die n�chste Stadt�, f�gte er hinzu. �Nur etwa zehn Werst entfernt. Es liegt etwas abseits in einem Tal. Meine Leute sind gastfreundlich, sie werden euch f�r die Nacht aufnehmen.�</style></p><p><style name="font7">�Das geht nicht�, fuhr Subbota dazwischen. �Wir haben es eilig, und es ist uns nicht erlaubt, von der Strecke abzuweichen.�</style></p><p><style name="font7">�Wenn Sie ein Herz haben!�, flehte Kissanka.</style></p><p><style name="font7">Alle Augen waren auf den Mann der Ochrana gerichtet. Subbota f�hlte sich unbehaglich. Das konnte Leonard daran erkennen, wie er seinen Hals streckte, um dem zu eng gewickelten Wollschal zu entkommen.</style></p><p><style name="font7">�Es kann doch nicht im Interesse des Zaren liegen, dass man sein wertvolles Arbeitspotential einfach so krepieren l�sst�, bemerkte As-lan mit einer geh�rigen Portion Ironie in der Stimme.</style></p><p><style name="font7">Subbotas Lippen wurden noch schmaler.</style></p><p><style name="font7">�Geben Sie Ihrem Herzen einen Sto߫, sagte Leonard leise. �Wir werden schon nicht abhauen. Wohin sollten wir auch gehen? Wir w�ren schnell eine willkommene Mahlzeit f�r W�lfe und B�ren, die hier �berall herumstreifen.�</style></p><p><style name="font7">�Von mir aus�, knurrte Subbota. Dann wandte er sich um und richtete seinen Blick auf den jungen J�mschtschik. �Wie ist dein Name?�</style></p><p><style name="font7">�Tschirin.�</style></p><p><style name="font7">�Also gut, Tschirin, haben deine Leute Platz f�r all diese Menschen?�</style></p><p><style name="font7">Der junge Tunguse nickte beflissen. �Unserem Stammes�ltesten wird es eine Ehre sein, euch zu empfangen. Eure Kranken k�nnt ihr getrost unseren M�ttern anvertrauen. Sie verstehen sich auf die Heilkunst.�</style></p><p><style name="font7">In Kissankas Augen flackerte Hoffnung auf.</style></p><p><style name="font7">Subbota nickte m�rrisch, dann fluchte er, weil dieser unvorhergesehene Stopp seinen Auftrag in Gefahr brachte. Nach einer Absprache mit dem Oberhaupt der Kosaken stimmte er kurz darauf zu, dass die �berlebenden allesamt aufsitzen durften.</style></p><p><style name="font7">Tschirin lenkte den Schlitten geschickt zwischen hoch aufragenden Tannen durch die Dunkelheit, bis sie zu einer flachen Lichtung gelangten, die an einem zugefrorenen Fluss lag. Ihnen folgten die �brigen, noch fahrt�chtigen Schlitten und die Horde wilder Kosaken, deren Pferde heftig schnaubend durch den tiefen Schnee trabten.</style></p><p><style name="font7">Leonid hielt den Jungen im Arm. Sein Atem ging schnell, und sein kleines Gesicht gl�hte vom Fieber.</style></p><p><style name="font7">�Er wird sterben�, fl�sterte Kissanka verzweifelt. Sie sa� dicht neben Leonard gedr�ngt und streichelte immer wieder den Kopf ihres Bruders, w�hrend sie stumm betete.</style></p><p><style name="font7">Leonard schwieg. Ihm fehlten die tr�stenden Worte. Leicht wie ein Vogel lag der Junge in seinen Armen, und er musste an Eisenstein denken und an Katja und dass das Schicksal gnadenlos sein konnte.</style></p><p><style name="font7">Der Empfang der Tungusen fiel tats�chlich weit herzlicher aus, als Leonard angenommen hatte. Wer freute sich schon zu dieser Jahreszeit dar�ber, wenn pl�tzlich zwanzig Esser mehr am Tisch sa�en. Noch dazu Strafgefangene in Ketten und Kosaken, deren w�ste B�rte und martialische Bewaffnung alles andere als vertrauenerweckend wirkten. Eine �ltere Frau, in bunte Gew�nder geh�llt, f�hrte die Ank�mmlinge in ein gro�es Zelt, das inmitten von f�nf kleineren Zelten stand.</style></p><p><style name="font7">Bunte Teppiche und unz�hlige Felle von W�lfen, B�ren und Rentieren schm�ckten den einzigen Raum, in dessen Mitte ein w�rmendes Feuer prasselte.</style></p><p><style name="font7">Die Frau warf einen Blick auf Leonard, der das Kind ins Zelt getragen hatte und es immer noch in seinen Armen hielt. Dann nickte sie wissend und verschwand nach drau�en.</style></p><p><style name="font7">�Wo will sie hin?� Leonard schaute Tschirin fragend an. �Hast du nicht gesagt, dass eure Frauen uns helfen k�nnen?�</style></p><p><style name="font7">�Ihr habt ausgesprochenes Gl�ck.� Der junge Tunguse setzte eine and�chtige Miene auf. �Heute ist der Schamane mit seinem Gehilfen zugegen. Er wird einen Tanz auff�hren und die Geister der Ahnen beschw�ren. Er ist in der Lage, alle Krankheiten zu heilen, die du dir vorstellen kannst. Er kann sogar Tote erwecken. Es geht gleich los.�</style></p><p><style name="font7">Mit einer einladenden Geste forderte der junge Tunguse Leonard auf, Mitja auf ein B�renfell in der N�he des Feuers zu legen. Der Junge war immer noch nicht zu Bewusstsein gekommen.</style></p><p><style name="font7">�Was hat das zu bedeuten?� Kissanka dr�ngte sich an Leonards Schulter und sah ihn fragend an.</style></p><p><style name="font7">Er sp�rte ihre W�rme und ihre kleine Hand, die schutzsuchend in seiner Armbeuge ruhte. Ihr Vater be�ugte sie argw�hnisch, doch er war wohl zu sehr mit sich selbst besch�ftigt, um sie von Leonard fortzurei�en.</style></p><p><style name="font7">Tschirin verschwand f�r einen Moment nach drau�en. Wenig sp�ter kam er wieder herein, gefolgt von einem kleinw�chsigen, ganz in Fell gekleideten Tungusen. Er war der Helfer des angek�ndigten Schamanen und trug eine bunte Schale, aus der er mit einem Fuchsschwanz Figuren, die am Zeltrand verteilt standen, mit Rentierblut bespritzte.</style></p><p><style name="font7">�Frag mich nicht, was das zu bedeuten hat�, erwiderte Leonard leise. Ihm waren schon beim Eintritt ins Zelt die vielen seltsamen tierund menschen�hnlichen Figuren aufgefallen, die man �berall am Saum des Zeltes aufgestellt hatte. Gefertigt waren sie aus Elfenbein, Holz und Rhinozeroshorn, wie ihm Tschirin leise erkl�rte.</style></p><p><style name="font7">Gleich zu Beginn des Rituals belehrte der Stammes�lteste sie h�flich, dass die Figuren nicht ber�hrt werden durften. Vielleicht waren es die Figuren von Heiligen, dachte sich Leonard, wie bei ihnen zu Hause in den orthodoxen Kirchen.</style></p><p><style name="font7">Wieder schaute er auf das M�dchen herab - auf ihre rotbraunen Haare, das schmale Gesicht mit den dunklen Augen, die all das Leid widerspiegelten, das ihr in den vergangenen 24 Stunden widerfahren war. Alles wird gut, lag ihm auf den Lippen. Doch das wurde es nicht, ganz gleich, was geschah. Ihre Mutter war tot, und der Weg, auf dem sie zueinander gefunden hatten, f�hrte in eine kalte unwirtliche H�lle.</style></p><p><style name="font7">Statt ein Wort zu sagen, streichelte er ihre Hand und dr�ckte sie sanft.</style></p><p><style name="font7">Nachdem sich alle Anwesenden niedergesetzt hatten, reichte der Stammes�lteste, ein Mann mit einem sonnengegerbten Gesicht, reihum eine Schale mit einem Gebr�u aus gegorener Rentiermilch. Dazu verteilte ein junges M�dchen ger�stetes Fladenbrot mit angew�rmter Butter an die G�ste, die diese Gabe trotz ihrer Verwirrung mit Dankbarkeit entgegennahmen.</style></p><p><style name="font7">�ber einem Spie� brutzelte Fleisch. Man hatte ein Rentier geschlachtet, und erst jetzt bemerkte Leonard, wie sehr ihm der Magen knurrte. Doch statt das Fleisch zu verteilen, wurde der Spie� zur Seite gestellt, und eine der anwesenden Frauen legte ein paar harzige Wurzeln der L�rche in die schimmernde Glut.</style></p><p><style name="font7">Leonard und Kissanka hatten sich nicht weit von dem Jungen niedergelassen und starrten wie die meisten Anwesenden ersch�pft in die t�nzelnden Flammen, die einzige Lichtquelle des Raumes. Eine weitere Frau, die in mehrere Lagen bunter Gew�nder gekleidet war, trat hinzu und kniete neben Mitja nieder.</style></p><p><style name="font7">�Er braucht warmes Wasser�, sagte Kissanka, �damit wir ihm etwas zu trinken geben k�nnen, wenn er zu sich kommt.�</style></p><p><style name="font7">Die Frau �berh�rte die Worte des M�dchens, oder vielleicht hatte sie nicht verstanden. Kissankas Schwester sa� unweit entfernt zusammengekauert neben ihrem Vater. Der alte Wassiljoff hockte schweigend da und beobachtete argw�hnisch, was in der Mitte des Zeltes geschah.</style></p><p><style name="font7">Als die Frau begann, den Jungen zu entkleiden, erwachte der Vater aus seiner Lethargie. Sein Gesicht lief rot an, und seine wasserblauen Augen quollen leicht hervor, als er sich aufrichtete. �Was macht ihr mit meinem Kind?�, rief er. �Wollt ihr es umbringen?�</style></p><p><style name="font7">Die Frau sah verst�rt auf, w�hrend der Schmied zu ihr hinst�rmte, um sie davon abzuhalten, dass sie Mitja die Hose auszog. Leonard ging, ohne gro� nachzudenken, dazwischen und hielt den Alten an seiner Joppe zur�ck.</style></p><p><style name="font7">�Ich glaube, sie will ihm nur helfen. Wenn Sie keine bessere Idee haben, wie wir den Jungen ins Leben zur�ckholen k�nnen, sollten Sie die Frau gew�hren lassen!�</style></p><p><style name="font7">�Was verstehst du schon!�, erwiderte der Russe aufgebracht. �Oder bist du ein Doktor, der mit den Bolschewiki gemeinsame Sache gemacht hat?�</style></p><p><style name="font7">Kissanka kam Leonard zur Hilfe. �Vater, bitte lasst sie gew�hren. Wir haben sonst nichts, was Mitja noch helfen k�nnte.� Sie stand hinter Leonard, als ob sie Schutz vor ihrem j�hzornigen Vater suchte.</style></p><p><style name="font7">Der Alte starrte seine Tochter an. �Nimm dich in Acht!�, zischte er zornig. �Wenn ich dich mit einem Kerl wie dem da erwische, seid ihr beide tot. Nur deiner Mutter zuliebe, Gott hab sie selig, halte ich mich zur�ck.� Mit einem abf�lligen Blick auf Leonard setzte er sich nieder. Die Kosaken grinsten geh�ssig und schlugen dem Alten anerkennend auf die Schulter, als er sich wieder zu ihnen gesellte.</style></p><p><style name="font7">Unger�hrt hatte die Tungusin damit begonnen, den Verband des Jungen abzuwickeln.</style></p><p><style name="font7">�Was tut sie da?�, fl�sterte Pjotr. �Der Junge hat die Schwindsucht, und zwar im fortgeschrittenen Stadium. Wenn er kalt wird und sich die Grippe holt, ist ihm schon gar nicht mehr zu helfen.�</style></p><p><style name="font7">Aslan, der mit angewinkelten Knien neben Leonard sa�, schaute mit stoischer Miene zu ihm auf. �Sie wird den kleinen Kerl umbringen. Wenn die Blutung aufbricht, hat er es ohnehin �berstanden.�</style></p><p><style name="font7">Leonard war stehen geblieben, um sicherzugehen, dass der Schmied keinen weiteren �rger machte. Z�gernd setzte er sich zwischen Pjotr und Kissanka und verfolgte, was die tungusische Frau tat.</style></p><p><style name="font7">�Ich wei� nicht, was sie vorhat�, fl�sterte er, �aber es sieht aus, als w�sste sie, was zu tun ist.�</style></p><p><style name="font7">W�hrenddessen ging der Stammes�lteste herum und sammelte das Geschirr ein. Dann bat er seine G�ste, sich noch weiter zum Rand des Zeltes zur�ckzuziehen und den Platz um das Feuer frei zu machen.</style></p><p><style name="font7">Angespannte Stille machte sich breit. Mitja lag immer noch bewusstlos auf einem Rentierfell, nur noch mit seinem verschmutzten Leibchen bekleidet. Kissanka kniete neben Leonard und hielt die H�nde zum Gebet gefaltet. Unaufh�rlich murmelte sie vor sich hin.</style></p><p><style name="font7">�Heilige Mutter ...� Mehr konnte Leonard nicht verstehen, der Rest war nur ein raues, verzweifeltes Fl�stern.</style></p><p><style name="font7">Der Stammes�lteste legte weiteres Holz auf und etwas, das die Flamme kurzfristig zum Spr�hen brachte. Pl�tzlich �ffnete sich der</style></p><p><style name="font7">Vorhang zum Innern des Zeltes. Ein gro�er, schlanker Mann in einem seltsamen Kost�m glitt lautlos herein.</style></p><p><style name="font7">Es war ein Schamane, soviel wusste selbst Leonard, obwohl er einen solchen Menschen noch nie zuvor gesehen hatte. Tiefe Stille empfing den Mann. Dahinter huschte sein kleinw�chsiger Gehilfe in den Schatten seines Meisters.</style></p><p><style name="font7">Am Lederrock des Schamanen befanden sich unz�hlige Schn�re mit wei�en und bunten Glasperlen. Dazwischen hingen l�ngliche Eisenst�be und Messingglocken, die klirrend hin und her baumelten. Brust und R�cken waren mit Tier- und Vogelkrallen verziert. Die Kapuze, die er trug, war umrahmt vom Kopffell eines Polarfuchses, dessen Schnauze �ber die Stirn des Tr�gers hinausragte und dessen Ohren bei jeder Bewegung des Mannes auf und ab flatterten. Wenn der Anlass nicht so ernst gewesen w�re, h�tte Leonard beinahe lachen m�ssen, so komisch sah es aus. Nur das Gesicht des Mannes blieb frei. Die schwarzen Augen darin gl�hten wie ein Kohlefeuer.</style></p><p><style name="font7">Kissankas Mienenspiel nahm einen ver�ngstigten Ausdruck an. Auch ihrer Schwester war der Fremde nicht geheuer. Die meisten der Deportierten setzten eine unsichere Miene auf. Nur die Kosaken machten verhaltene Witzchen, und dem alten Wassiljoff war anzusehen, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis er vollends die Geduld verlor.</style></p><p><style name="font7">Doch als der Schamane seine Trommel z�ckte, auf der eine menschen�hnliche Fratze zu sehen war, und den ersten Schlag mit einem gebogenen H�mmerchen tat, verstummte jeglicher Protest. Die Gl�ck-chen t�nten leise, und die Z�hne an seiner exotischen Aufmachung klapperten im Rhythmus seiner Schritte. Unterbrochen wurden diese Kl�nge nur vom Zischen einer blauen Flamme, die entstand, wenn sein Gehilfe ein merkw�rdiges Pulver in die Glut warf.</style></p><p><style name="font7">Der Tanz des Schamanen wurde immer ekstatischer, und seine Bewegungen wurden fahriger und unkontrollierter.</style></p><p><style name="font7">�Er ruft Ogdy, den Gott des Donners, des Feuers und des Lichts, </style>der<style name="font7"> unser Leben bestimmt�, fl�sterte Tschirin erkl�rend. Die leuchtenden schwarzen Augen des jungen Tungusen und seine dem�tige Haltung dr�ckten die ganze Ehrfurcht aus, die er gegen�ber dem Mann empfand. �Wenn er in Trance f�llt�, erkl�rte er leise, �kann er seinen K�rper verlassen, um die Seele des Jungen zu retten.�</style></p><p><style name="font7">Fremdartige Laute klangen aus der Kehle des Mannes, die sich mit dem Zischen des Feuers vermischten. Der Gesang passte sich seinen schreitenden und manchmal huschenden Bewegungen an, bei denen er sich immerzu ums Feuer bewegte, den Blick konzentriert auf den bewusstlosen Jungen gerichtet. Bald war nur noch das Murmeln des Schamanen zu vernehmen, und die Trommel schlug leise den Rhythmus an, mit dem er geradezu um das Feuer herumzuschweben schien. Wie ein gro�er schwarzer Vogel, der seine Schwingen ausbreitet, lie� er sich �ber dem Kind nieder und bedeckte es mit seinem K�rper. Dann war er pl�tzlich still und r�hrte sich nicht mehr.</style></p><p><style name="font7">�Er hat seinen K�rper verlassen�, wisperte Tschirin, �um zu den Ahnen Kontakt aufzunehmen und sich mit der Seele des Kindes zu verbinden.�</style></p><p><style name="font7">Der alte Wassiljoff war halb aufgesprungen, doch ein paar der Deportierten hielten ihn eisern zur�ck. Instinktiv erfassten sie wohl, dass dem Jungen kaum noch anders zu helfen war. Nach einer Ewigkeit hob sich der Kopf des Schamanen, und sein Mund senkte sich auf die Beinverletzung des Jungen.</style></p><p><style name="font7">Kissanka und einige Frauen hielten den Atem an, w�hrend die Kosaken nach ihren S�beln griffen.</style></p><p><style name="font7">Die Sprache des Schamanen war nicht zu verstehen - ein Raunen, ein Glucksen, ein Kichern und ein Heulen in abwechselnder Reihenfolge, wie eine Kette aus verschiedenen Perlen. Der Gehilfe warf weiteres Pulver in die Glut, bis die Funken bl�ulich spr�hten und einen gespenstischen Lichtschein auf s�mtliche Gesichter der Anwesenden warfen.</style></p><p><style name="font7">�Schluss jetzt!�, br�llte Wassiljoff mit glasigen Augen. �Ich will, dass ihr meinen Sohn in Ruhe lasst und euer heidnisches Spiel beendet!�</style></p><p><style name="font7">Der Schamane blickte mit undurchdringlicher Miene auf. Es herrschte Totenstille. Selbst Wassiljoff hatte es pl�tzlich die Sprache verschlagen, als der Mann sich langsam erhob und dann wie eine Raubtier mit einer flie�enden Bewegung auf ihn zu schlich. Er fl�sterte unentwegt, und seine Stimme hatte einen unwirklichen Tonfall angenommen. Scheppernd und mit einem seltsamen Echo, wie aus einer anderen Welt, begann er zu sprechen. Den Blick hielt er dabei nicht auf Wassiljoff gerichtet, sondern auf Subbota, der neben ihm hockte. Leonard konnte sehen, wie der Offizier unter seinen Mantel fasste, dorthin, wo der Revolver sa�.</style></p><p><style name="font7">�Netel�lwe�, fauchte der Schamane, und seine Augen leuchteten bedrohlich in der herabbrennenden Glut des Feuers.</style></p><p><style name="font7">�Was hat er gesagt?� Pjotr warf Tschirin einen beunruhigten Blick zu.</style></p><p><style name="font7">�Er hat euren Offizier als Taugenichts beschimpft�, fl�sterte Tschi-rin kaum h�rbar. Man konnte sehen, dass ihn der Ausfall des Schamanen regelrecht �ngstigte.</style></p><p><style name="font7">Die Stimme des Schamanen steigerte sich in ein heiseres Fl�stern.</style></p><p><style name="font7">�Lolekeldu ... Xerunil ... tuye lokuC���ren ... Toyo ... Tjan��C�wC? ... Edikon d'�sa ... Xultond ... Xuydonelin ... x�mir�ldu ...�</style></p><p><style name="font7">�Nun sag schon, was will er von Subbota.� Aslan konnte sich vor Neugierde kaum noch halten, w�hrend nicht nur Subbota wie gebannt auf den Mann starrte, der sich wie ein D�mon vor ihm aufgebaut hatte.</style></p><p><style name="font7">�Er sagt, er soll sich f�rchten. Blitze werden kommen und Feuer spr�hen . Er und all die anderen M�nner sollen platt gedr�ckt daliegen.� Tschirin war anzusehen, wie schwer ihm die weitere �bersetzung fiel. �Er fragt, ob er und seine Leute wahnsinnig geworden sind, und spricht von Wind und Wetterleuchten . und dass die Echogeister widerhallen . dann beginnt das Blut zu str�men .�</style></p><p><style name="font7">Leonard entging nicht, das Tschirin aufgeregt schluckte.</style></p><p><style name="font7">Der Schamane zog sich langsam zur�ck. Wie eine Katze mit aufgerichtetem Buckel schlich er r�ckw�rts hinter das Feuer, an dem Jungen vorbei bis zum Ausgang. Bevor er das Zelt verlie�, warf er einen unvermittelten, mit Zorn erf�llten Blick auf Leonard und seine beiden Mitgefangenen.</style></p><p><style name="font7">�Ketovwaren!�, zischte er.</style></p><p><style name="font7">Ein Raunen ging durch die Reihen. Doch seltsamerweise griff niemand zu den Waffen. Selbst die Kosaken schienen wie erstarrt.</style></p><p><style name="font7">�Das war bestimmt keine Einladung zu einem weiteren Besuch�, bemerkte Aslan in einem lakonischen Tonfall.</style></p><p><style name="font7">�Was wollte er uns sagen?� Leonard nahm erneut Tschirin in die Pflicht.</style></p><p><style name="font7">�Es ist ein Fluch. Er sagte, ihr sollt zur�ckweichen, solange ihr noch k�nnt, und dass seine Worte euch eine Lehre sein sollen.�</style></p><p><style name="font7">�Wer ist dieser Spinner?� Pjotr versuchte sich gleichfalls an einem beschwichtigenden L�cheln, doch es wollte ihm nicht so recht gelingen.</style></p><p><style name="font7">�Er ist Tschutschana, einer der m�chtigsten Schamanen, die unsere Sippe je hervorgebracht hat.�</style></p><p><style name="font7">�Und du glaubst tats�chlich, was er sagt?� Aslan grinste h�misch.</style></p><p><style name="font7">Tschirin senkte den Blick. Offenbar empfand er die Frage des jungen Russen als Beleidigung.</style></p><p><style name="font7">Selbst als er wieder aufschaute, vermied er es, Aslan und seinen Kameraden ins Antlitz zu sehen. �Ich zolle ihm meinen allergr��ten Respekt - nicht nur weil er zu den wirklich gro�en Schamanen Sibiriens z�hlt.� Er hob den Kopf und setzte eine stolze Miene auf. �Zudem ist er mein Vater.�</style></p><p><style name="font7">�Seht nur!� Kissanka war aufgesprungen und rannte mit einem erstickten Schrei zu ihrem Bruder hin, dessen bedenklichen Zustand man in der ganzen Aufregung beinahe vergessen hatte.</style></p><p><style name="font7">Fassungslos stand sie vor dem Kind, das sie mit weit aufgerissenen Augen ansah. Kissanka sank auf die Knie und betastete das Bein des Jungen. Dort, wo soeben noch die schartenartige, rot geschwollene Wunde zu sehen gewesen war, zeichnete sich jetzt nur noch ein glatt verheilter, dunkler Streifen Haut ab.</style></p></section><section><title><p><style name="font5">8.</style></p><p><style name="font7">Juni 2008, Tunguska - Leichenschau</style></p></title><p><style name="font7">Die ganze Nacht hatte Leonid am Bett sitzend bei der jungen Frau verbracht. Nach dem Tee, den er ihr am Abend vorsichtig eingefl��t hatte, verlor sie erneut das Bewusstsein und warf sich - st�hnend und offenbar von Alptr�umen gesch�ttelt - immer wieder hin und her. Sie fieberte, der Schwei� stand in dicken Tropfen auf ihrer Stirn und durchtr�nkte ihr br�nettes, halblanges Haar bis in die Spitzen. Obwohl er wusste, dass diese Reaktion durchaus normal sein konnte, hatte er die leise Furcht, das Falsche getan zu haben.</style></p><p><style name="font7">In seiner Verzweiflung versetzte er sich abermals in Trance, indem er die Trommel schlug und einen monotonen Singsang vor sich hinsummte, w�hrend er vor dem flackernden Feuer im Ofen auf und ab h�pfte, um die guten Geister zu beschw�ren - solange bis selbst Ajaci die Geduld verlor und ihn unmissverst�ndlich anknurrte.</style></p><p><style name="font7">Es schien zu helfen, denn die junge Frau atmete zusehends ruhiger und regelm��iger. Bis zum Morgen gelang es ihm allerdings nicht, sie von ihrer Ohnmacht zu erl�sen. Selbst als er sie r�ttelte und mit lauter Stimme ansprach, reagierte sie nicht und blieb bewusstlos.</style></p><p><style name="font7">Leonid betastete vorsichtig ihre immer noch hei�e Stirn. Stumm betrachtete er ihr sch�nes Gesicht. Mit einem Gef�hl tiefer Zuneigung, die sein Herz mehr und mehr �bermannte, strich er ihr �ber die Wangen bis hinunter zu dem herzf�rmigen Kinn. Den Drang, sich an sie zu schmiegen, verscheuchte er aus seinem Kopf. Sie war und blieb eine Fremde, daran w�rde auch seine au�ergew�hnliche Rettungsaktion nichts �ndern.</style></p><p><style name="font7">Dabei war ihm �berhaupt nicht klar, was geschehen sollte, wenn die Frau tats�chlich wieder zu sich kam. Was sollte er ihr sagen? Hallo, ich bin Leonid Borisowitsch Aldanov, ich habe Sie aus einem rei�enden Fluss gezogen und anschlie�end vor einem lauernden D�mon besch�tzt, indem ich mich mit Ihnen k�rperlich und seelisch vereinigt habe? Nein, vielleicht war es g�nstiger, wenn sie noch eine Weile bewusstlos blieb und er sie bei n�chstbester Gelegenheit - heimlich und m�glichst unbeobachtet - in Bashtiris Camp zur�ckbrachte.</style></p><p><style name="font7">Als es drau�en heller wurde, beschloss er, sein Vorhaben so rasch wie m�glich und ohne R�cksicht auf sein eigenes Risiko in die Tat umzusetzen. Im Camp gab es bestimmt einen Arzt, und der ansonsten skrupellose Gas- und Waffenmogul verf�gte gewiss �ber einen Helikopter, der die Frau nach Krasnojarsk in ein Krankenhaus brachte. Von dort aus konnte man sie - wenn n�tig - mit einem Learjet nach Moskau in eine Privatklinik transportieren.</style></p><p><style name="font7">Doch so einfach wie gedacht war die Sache nicht. Leonid hatte mit dem durchtriebenen Kaukasier noch eine Rechnung offen, die er - wenn es nach Bashtiri und seinen hochrangigen Verb�ndeten ging - l�ngst mit ins Grab genommen hatte. Keiner von seinen Widersachern konnte auch nur ahnen, dass er noch lebte, und das sollte auch m�glichst so bleiben. Leonid schnalzte mit der Zunge, und sofort stand Ajaci an seiner Seite. Der treue Laika-R�de musste ihm helfen, die Frau unerkannt ins Camp zu bringen.</style></p><p><style name="font7">Nach einer nicht besonders geruhsamen Nacht am Lagerfeuer, bewacht von Bashtiris Schergen und attackiert von Myriaden von M�cken, machte sich Kolja zusammen mit den �brigen Studenten am fr�hen Morgen daran, das Lager aufzur�umen. Das Wetter spielte ausnahmsweise mit; der strahlend blaue Himmel ersparte den v�llig ersch�pften Campbewohnern einen neuerlichen Regenguss.</style></p><p><style name="font7">Professor Rodius und Professor Olguth hatten die Studenten angewiesen, die aufgefundenen Kisten mit dem technischen Material zu kontrollieren, die durch die Flutwelle hinweggeschwemmt worden waren. Bashtiris Butler bem�hte sich derweil redlich, die mit Schlamm und Unrat verschmutzte Behausung seines Auftraggebers wieder bewohnbar zu machen, w�hrend Bashtiris Gespielinnen sich auf die Abreise vorbereiteten, da sie die Ansicht vertraten, dass ihr G�nner ihnen unter diesen widrigen Umst�nden unm�glich die vereinbarten Liebesdienste abfordern konnte.</style></p><p><style name="font7">Sergej Bashtiri, der in einem Armeeoverall und mit einem Barett wie der Diktator eines afrikanischen Bananenstaates durch das Lager schritt, schien die Abreise seiner sch�nen Begleiterinnen nicht im Geringsten zu st�ren. Wie Kolja beil�ufig mitbekommen hatte, trieben den erfolgsgewohnten Mann ganz andere Sorgen. Sein Projekt war gef�hrdet. Obwohl die Gasf�rderung in diesem Gebiet durchaus Erfolg versprechend erschien, war es fraglich, zu welchem Preis sie zu haben war. Ein toter Wissenschaftler, der in einem Lagerschuppen auf seinen Abtransport in die Hauptstadt wartete, lieferte dem erfolgsgewohnten Firmenchef ein denkbar schlechtes Omen f�r den weiteren Verlauf der Aktion. Selbst wenn nach allem, was geschehen war, eine Menge an Fragen von seiten der Umweltverb�nde und der GazCom-Kon-zernleitung auf ihn niederprasseln w�rde, dachte er nicht daran aufzugeben. Wenn allerdings die deutsche Wissenschaftlerin verschollen blieb oder ihr Leichnam gefunden wurde, kam man in Moskau m�glicherweise zu dem Schluss, dass die ganze Angelegenheit f�r TAI-MURO eine Nummer zu gro� sein k�nnte. Wenn es ganz schlecht lief, musste Bashtiri seine Lizenzen f�r dieses Gebiet an die viel gr��ere Muttergesellschaft GazCom zur�ckgeben. Dass ihm daraus Millionenverluste entstehen konnten, bedurfte keiner n�heren Erkl�rung. Neben dem �l wollte er schon seit l�ngerem ins Gasgesch�ft einstei-gen, doch ohne das Wohlwollen und die Zustimmung des Pr�sidenten war an Profit erst gar nicht zu denken. Vielleicht war es ratsam, sich zumindest der deutschen Wissenschaftler zu entledigen, indem man sie zur Aufgabe des Projektes �berredete.</style></p><p><style name="font7">F�r den toten Angeh�rigen der Moskauer Universit�t hatte man fr�h am Morgen eine kleine Trauerfeier organisiert. Stumm und mit gefalteten H�nden hatten die Campbewohner ihm minutenlang die letzte Ehre erwiesen, indem sie vor der verh�llten Leiche Aufstellung genommen hatten. Dabei hatten sie kein Gebet gesprochen, sondern - wenn auch etwas schief - die russische Nationalhymne gesungen. Schlie�lich hatte man den Leichnam f�r seine letzte Reise in einen weiteren Plastiksack verpackt.</style></p><p><style name="font7">Rodius hatte darauf bestehen wollen, die Suche nach Viktoria Vander-berg bereits um sechs Uhr in der Fr�he fortzusetzen. Doch Bashtiri hatte elf Uhr angeordnet, weil er bis dahin die angek�ndigte Verst�rkung erwartete.</style></p><p><style name="font7">P�nktlich um neun landete zun�chst ein schneewei�er Helikopter mit dem Firmenlogo von TAIMURO auf dem teilweise besch�digten h�lzernen Landedeck. Die Rotorbl�tter verursachten ein ohrenbet�ubendes Ger�usch und wirbelten beiseite geschaffte Pappkartons umher.</style></p><p><style name="font7">Ein paar Arbeiter aus Bashtiris Firma entluden den Helikopter, der neben frischen Medikamenten und Decken auch Lebensmittel und Wasser in gro�en Kanistern an Bord hatte.</style></p><p><style name="font7">�Ich stelle es den hier anwesenden Wissenschaftlern frei�, erhob Bashtiri in einer kurzen Ansprache seine medienge�bte Stimme, �die Expedition zu beenden. Wer m�chte, kann noch heute den Weg nach Hause antreten. Es wird Tage dauern, bis wir den urspr�nglichen Zustand des Camps wiederhergestellt haben. Zudem hat mir Professor Olguth versichert, dass die �berschwemmung durchaus von einer riesigen Gasblase verursacht worden sein k�nnte, die pl�tzlich und aus noch unbekannten Gr�nden vom Boden des Sees aufgestiegen ist. So etwas kann jederzeit wieder geschehen. Wir befinden uns somit in dauernder Gefahr. Sie m�ssen also selbst entscheiden, ob Sie Ihre Untersuchungen fortsetzen wollen. Ich h�tte Verst�ndnis daf�r, wenn unsere deutschen G�sten unter den gegebenen Umst�nden den Heimweg antreten wollen.�</style></p><p><style name="font7">�Bevor Doktor Vanderberg nicht gefunden wird, werde ich diesen Ort nicht verlassen�, beschied Professor Rodius mit fester Stimme.</style></p><p><style name="font7">�Ich auch nicht�, warf Sven Theisen ein, obwohl ihm der Schock �ber die Geschehnisse immer noch ins Gesicht geschrieben stand und er seinen Arm in einer Schlinge hielt. �Wenn Sie nichts unternehmen, suchen wir Viktoria auf eigene Faust�, verk�ndete er mit entschlossener Miene.</style></p><p><style name="font7">Professor Olguth, der meist an der Seite seines deutschen Kollegen zu finden war, wandte sich erneut Sergej Bashtiri zu. �Au�erdem haben wir neben der geophysikalischen Untersuchung zu m�glichen Gasfeldern einen Auftrag der russischen Regierung zu erf�llen�, erkl�rte er. �In erster Linie wollen wir aufkl�ren, was hier vor gut einhundert Jahren geschehen ist. Und die Tatsache, dass eine nat�rliche Gasexplosion die Katastrophe von Tunguska verursacht haben k�nnte, macht die Angelegenheit nicht weniger dringlich.�</style></p><p><style name="font7">�Ganz recht�, stimmte ihm Rodius zu. Mit einem strengen Blick nahm er Bashtiri erneut in die Pflicht. �Worauf warten Sie?�, fragte er provozierend. �Wann k�nnen wir endlich aufbrechen.�</style></p><p><style name="font7">�In ein paar Minuten.� Bashtiri erlaubte sich ein knappes L�cheln, das keinen weiteren Widerspruch duldete. �Ich habe Kommandant Lebenov per Funk erreichen k�nnen. Er muss jeden Augenblick eintreffen. Seine Truppe eignet sich f�r die Suche nach vermissten Personen weit besser als meine eigenen M�nner.�</style></p><p><style name="font7">Leonid hatte den Weg mitten durch die Wildnis genommen. Der von Vanavara kommende, ohnehin versumpfte Hauptweg, den er unterwegs kreuzte, w�re zu auff�llig gewesen. Hirku zockelte trotz der vielen Hindernisse folgsam hinter ihm her. Dabei setzte der struppige Hengst so vorsichtig einen Huf vor den anderen, als ob er sich seiner wertvollen Fracht bewusst w�re. Ajaci lief indessen voraus, nicht weniger bedacht und voller Aufmerksamkeit, die er unentwegt auf seinen Herrn gerichtet hielt. Auch er schien zu sp�ren, dass er Teil einer ganz besonderen Mission war. Immer wieder versicherte sich Leonid, ob die bewusstlose Frau, die er auf einigen Decken und Fellen kopf�ber auf den R�cken des Pferdes gebettet hatte, noch atmete. Bequem war diese Position sicher nicht, doch etwas Besseres war ihm nicht einge-fallen, um die knapp sechs Kilometer zum Camp so angenehm wie m�glich zur�ckzulegen. Die letzten f�nfhundert Meter vor dem Ziel stoppte er das Pferd und band dessen Z�gel an einer L�rche fest. Von hier aus konnte er einen Teil des Seeufers und einige der erst k�rzlich errichteten H�tten des Camps einsehen. Auf den ersten Blick wirkte alles recht friedlich, aber auf den zweiten Blick erkannte er die Menschen, die aufgescheucht Unrat und Schmutz beseitigten. Also war es auch hier zu einer verheerenden �berschwemmung gekommen.</style></p><p><style name="font7">Leonid war neugierig, was dieses Ungl�ck ausgel�st haben konnte. Leider war es ihm nicht m�glich, einfach im Camp nachzufragen. Pl�tzlich wurde er auf das Ger�usch eines herannahenden Helikopters aufmerksam. Bevor er sich halbwegs in Deckung bringen konnte, donnerte auch schon eine Mil Mi-8 in Tarnfleckfarbe �ber ihn hinweg und setzte in unmittelbarer N�he zum Camp neben einem wei�en Helikopter aus Bashtiris Flotte zur Landung an. Bei dem landenden Helikopter handelte es sich nicht um russisches Milit�r, wie er zun�chst angenommen hatte, sondern um eine Maschine der k�rzlich aufgestellten Privatarmee des Energieriesen GazCom.</style></p><p><style name="font7">Ein Gef�hl der Unruhe erfasste Leonid. Seit jenen Tagen in Tschetschenien hatte er gegen�ber Helikoptern dieser Sorte eine Art Hassliebe entwickelt - erst recht, wenn sie eine milit�rische Tarnung trugen. Ihn begeisterte die Technik dieser fliegenden Kampfmaschinen, die er als ausgebildeter Milit�r-Pilot perfekt beherrschte, aber er hasste den Tod und das Elend, die sie zumeist �ber die Menschen brachten.</style></p><p><style name="font7">Trotz leiser Bedenken entschloss er sich, die Frau zun�chst aus ihrer unbequemen Lage zu befreien. Sie trug immer noch seine abgelegten Sachen; �rmel und Hosen hatte er umgekrempelt, damit sie ihr halbwegs passten. Ihr warmer K�rper schmiegte sich weich und willenlos in seine Arme, als er sie aufnahm. Der Kopf lag in seiner Armbeuge, und ihre Lippen erschienen ihm so verf�hrerisch, dass er sich w�nschte, sie einfach wach k�ssen zu k�nnen. Das hier war jedoch kein M�rchen, und er war alles andere als ein Prinz. Wieder ergriff ihn dieses seltsame Gef�hl der Verbundenheit, und ein leichter Widerstand keimte in ihm auf, dass er die Frau unm�glich der Natur �berlassen und darauf hoffen sollte, dass jemand sie fand.</style></p><p><style name="font7">Schritt f�r Schritt, in der sicheren Deckung von Dickicht und B�u-men, n�herte er sich den Baracken. Ajaci folgte ihm auch jetzt, doch der Hund blieb im Hintergrund. Er wusste immer, was sein Herr von ihm erwartete, und wenn Leonid sich besann, hatte Taichin recht. Das Tier war sein geistiger Bruder, der wie eine Zwillingsseele aufs engste mit ihm verkn�pft war.</style></p><p><style name="font7">Aus der Ferne konnte er sehen, wie sich einige Gestalten in Tarnanz�gen aus dem zweiten Helikopter schwangen. Dann folgten Kisten, die sie nacheinander ins Lager trugen. Vorsichtig ging Leonid mit seiner wertvollen Fracht in die Hocke und bog einen Birkenzweig zur Seite. Wenn er genau hinschaute, konnte er Sergej Sergejewitsch Bash-tiri erkennen, der mit einem breiten Grinsen vor einem Uniformierten salutierte, als w�re er selbst ein Soldat. Sein Gegen�ber war weitaus breitschultriger als der verschlagene Kaukasier. Der hochrangige Angeh�rige der GazCom-Sicherheitstruppe, der ihn mit einem Bruderkuss begr��te, hatte sch�tteres, grau meliertes Haar und war vielleicht f�nfzig Jahre alt. Er besa� ein grob geschnittenes Gesicht, das im entspannten Zustand zusammen mit den leblosen Augen eine gewisse Gef�hlsk�lte vermittelte. Leonid kannte diesen Mann, und er wusste, dass er m�helos �ber Leichen ging.</style></p><p><style name="font7">Der Mann hie� Andrej Semjonowitsch Lebenov und war ein ehemaliger Oberst des FSB und Bashtiris langj�hriger Weggef�hrte. Soweit Leonid wusste, hatten nicht wenige Offiziere nach ihrer R�ckkehr aus Tschetschenien eine zweite, wesentlich besser bezahlte Karriere bei dem Energiemonopolisten begonnen. Beinahe zeitgleich hatte man dort eine Privatarmee aufstellen lassen, die nicht nur die Pipelines, sondern auch die futuristisch anmutenden Glas- und Betonpal�ste der Gesch�ftszentralen vor terroristischen Anschl�gen sch�tzen sollte. Dass die neu eingerichteten Truppenverb�nde - mit einer Sondergenehmigung des Pr�sidenten und einem Freifahrtschein des FSB - rechtlich der russischen Polizei und Armee beinahe gleichgestellt waren und einen Staat im Staate bildeten, interessierte bis auf die wenig einflussreiche Opposition offenbar niemanden.</style></p><p><style name="font7">Leonid erschauerte bei dem Gedanken, dass Bashtiri und Lebenov nun einen Teil dieses neuen russischen Sonderreiches darstellten, dessen Grenzen noch lange nicht abzusehen waren. Seine Hoffnung, keinem der beiden M�nner je wieder begegnen zu m�ssen, bekam mit de-ren direkter Anwesenheit in seiner Heimat einen ordentlichen D�mpfer.</style></p><p><style name="font7">Alles in ihm str�ubte sich dagegen, das M�dchen ausgerechnet hier zur�ckzulassen. Ihr wird nichts geschehen, sagte er leise, wie um sich selbst zu beruhigen. Im Gegenteil, sie war eine Deutsche. Teilnehmerin einer offiziellen Delegation, und damit besa� sie eine Art diplomatischen Status. Bashtiri w�rde alles daran setzen, dass sie wieder gesund werden w�rde. Schlie�lich war er stets bestrebt, sein internationales Image aufzupolieren. Au�erdem hatte sie mit den Angelegenheiten des fragw�rdigen Oligarchen nicht das Geringste zu tun. Also warum sollte der Mogul sie in etwas hineinziehen, das sie nichts anging und das sie ohnehin nie begreifen w�rde.</style></p><p><style name="font7">Widerstrebend schlich Leonid weiter bis zu einer kleinen H�tte, die offenbar als Badehaus und Sauna errichtet worden war. Vorsichtig legte er die junge Frau auf einer kleinen h�lzernen Veranda ab.</style></p><p><style name="font7">Mit klopfendem Herzen erhob er sich, um in halbgeb�ckter Stellung davonzuschleichen. Ein letzter Blick auf ihr regloses Gesicht - und ein leises Gef�hl der Sehnsucht blieb ihm, bevor er z�gernd wieder im Wald verschwand.</style></p><p><style name="font7">Aus sicherer Entfernung schickte er Ajaci mit einem gemurmelten Befehl auf den Weg. Der Hund sollte hinunter zum Camp laufen und aufheulen, damit die Bewohner auf ihn und die Frau aufmerksam wurden.</style></p><p><style name="font7">Sven Theisen r�tselte noch, ob es sich um gedungene S�ldner oder echte Soldaten handelte, die dem riesigen Helikopter entsprungen waren. Ihr Anf�hrer hatte Bashtiri mit einem Bruderkuss begr��t, und dann hatte sich die Truppe zusammen mit Bashtiris Leuten endlich zu dem lang ersehnten Suchtrupp formiert. Ein Teil der Soldaten hatte Taucheranz�ge angelegt und suchte den See und die Uferzone ab. Ein zweiter Trupp Uniformierter sollte die Flussufer und den angrenzenden Wald absuchen. Nachdem die Leiche der Deutschen nicht aufgetaucht war, blieb die Hoffnung, dass sie sich irgendwo ans Ufer hatte retten k�nnen.</style></p><p><style name="font7">Etwas eiliger als sonst machte sich Theisen auf den Weg, um sich noch ein wenig Proviant und eine Wasserflasche einzupacken, bevor er sich den M�nnern anschlie�en wollte. In der N�he der Blockh�tte angekommen, die Toilette, Badehaus und Sauna beherbergte, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Ein Wolf versperrte ihm den Weg zu den Unterk�nften. Lauernd und mit gl�nzenden Augen, die Z�hne leise gefletscht, stand das Tier mit aufgestelltem grauem Nackenfell auf dem schlammigen Weg.</style></p><p><style name="font7">Theisen wagte nicht, sich zu r�hren, aus Angst, das Tier k�nnte ihn anfallen. Doch unwillk�rlich l�ste sich ein Schrei aus seiner Kehle, heiser und zitternd, jedoch laut genug, um einen von Bashtiris M�nnern auf ihn aufmerksam zu machen.</style></p><p><style name="font7">�Bleiben Sie stehen, wo Sie sind!�, rief der Uniformierte auf Russisch und z�ckte mit einem routinierten Grinsen seine MP-446 Viking.</style></p><p><style name="font7">�Chees iest kein Wolf�, erkl�rte er lachend in gebrochenem Deutsch. �Chees iest ein Chunt! Ein Laika-Chunt, sieht nur aus wie ein Wolf!�</style></p><p><style name="font7">Dem durchtrainierten Soldaten mit den harten Gesichtsz�gen war die Belustigung �ber Theisens Unwissenheit anzusehen. Er zielte auf das immer noch am Boden lauernde Tier.</style></p><p><style name="font7">�Nicht schie�en!�, rief Theisen, dem der K�ter mit einem Mal leid tat, und ohne gro� nachzudenken, riss er seine Rechte in die H�he und verscheuchte damit den Hund, der sich blitzschnell umwandte und mit einem leisen Kl�ffen im Geb�sch verschwand.</style></p><p><style name="font7">Ein Schuss krachte, und der Soldat setzte ungeachtet Theisens Proteste dem Tier mit gro�en Schritten hinterher, w�hrend er noch zweimal ins Dickicht schoss, wo Blattwerk zerstob und Baumrinde splitterte.</style></p><p><style name="font7">Theisen folgte dem Soldaten, ohne zu wissen, ob das klug war, aber der Russe ballerte so wild drauf los, dass er andere in Gefahr bringen konnte.</style></p><p><style name="font7">Auf H�he des Waschhauses hielt Theisen pl�tzlich inne, weil er aus dem Augenwinkel eine Gestalt wahrnahm, die zusammengekauert auf der h�lzernen Veranda lag. F�r einen Moment glaubte er, einer Halluzination zu erliegen. Doch dann ging er auf die Person zu und kniete neben ihrem Kopf nieder. Es war unzweifelhaft eine Frau, deren Gesicht von ihrem dichten br�netten Haar verdeckt wurde. Mit einer gewissen Scheu hob er ihren Kopf an.</style></p><p><style name="font7">�Viktoria�, fl�sterte er heiser. �Das ist nicht m�glich!� Sacht r�ttelte er an ihrer Schulter. �Kannst du mich h�ren?�</style></p><p><style name="font7">Seine Kollegin regte sich nicht, atmete jedoch ruhig ein und aus.</style></p><p><style name="font7">�Doktor Parlowa!�, schrie er au�er sich vor Sorge. Viktoria trug keinen Taucheranzug mehr, begriff er pl�tzlich, sondern viel zu gro�e M�nnerkleidung. Ein weiterer Schuss war zu h�ren und ein anschlie�endes Fluchen.</style></p><p><style name="font7">Im n�chsten Moment h�rte er leises Surren und einen gellenden, kehligen Schrei. Weitere Sch�sse krachten, begleitet von einem lautstarken R�cheln. Unentschlossen, was er tun sollte, sah Theisen sich um. Verdammt, wo blieben Bashtiris Leute? Obwohl sie ihm alles andere als sympathisch erschienen, h�tte er sie nun zu gerne in seiner N�he gehabt.</style></p><p><style name="font7">�Hilfe!� br�llte er noch einmal, so laut er konnte.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich standen drei der Soldaten direkt hinter ihm, mitten auf dem k�nstlich angelegten Weg.</style></p><p><style name="font7">�Glotzt nicht so bl�d!�, br�llte er ihnen auf Deutsch entgegen. Fordernd nickte er zwei �lteren K�mpfern zu. �Ihr da! Geht in den Wald und sucht euren Kameraden! Da stimmt was nicht! Und du ...�, er schaute einen jungen Soldaten an, �geh und hol Doktor Parlowa! Schnell!�</style></p><p><style name="font7">Wenige Minuten sp�ter kamen die beiden S�ldner zur�ck, die auf Theisens Anweisung ihrem Kameraden ins Dickicht gefolgt waren. Sie schleppten einen stattlichen, reglosen Mann hinter sich her. Augenscheinlich handelte es sich um den Soldaten, der den Hund hatte erschie�en wollen. Sein Kopf hing vorn�ber, und seine Beine schleiften �ber den Boden.</style></p><p><style name="font7">Seine Kameraden gestikulierten wild mit ihren Pistolen und stie�en lautstarke Fl�che aus. Theisen sah, dass die Kehle des Mannes von einem Pfeil durchbohrt worden war und dass ihm das Blut in Str�men den Hals hinunterlief.</style></p><p><style name="font7">�Verdammte Schei�e!�, br�llte einer der M�nner auf Russisch, die Augen weit aufgerissen, seinen entgegenkommenden Kameraden zu. �Holt einen Arzt! Er verreckt uns sonst!� Doch anstatt ihn niederzulegen und abzuwarten, st�rmten sie mitsamt dem Schwerverletzten an Theisen vorbei in Richtung Camp.</style></p><p><style name="font7">Frau Doktor Parlowa kam nun den Pfad hinauf und sah sich unversehens mit zwei Patienten konfrontiert. Rasch erteilte sie den uniformierten M�nnern Anweisungen, den Mann auf die Seite zu legen und ihre Tasche zu �ffnen, die sie stets bei sich trug, wenn sie zu einem Einsatz gerufen wurde. Mit geschlossenen Augen pr�fte sie den Puls. �Zange!�</style></p><p><style name="font7">Der junge Soldat an ihrer Seite machte ein hilfloses Gesicht, w�hrend der andere in ihrer Tasche herumkramte. Es schien Minuten zu dauern, bis endlich die Zange zum Vorschein kam. Doktor Parlowa kappte den h�lzernen Pfeil, der so konstruiert war, dass man ihn nicht einfach herausziehen konnte. Die gekerbte Spitze ragte eine Handbreit aus dem Nacken des Opfers heraus und hatte beim Austritt eine stark blutende Wunde hinterlassen.</style></p><p><style name="font7">Inzwischen waren auch Bashtiri und der Kommandeur der Truppe, ein etwa f�nfzigj�hriger Russe, am Ort des Geschehens eingetroffen.</style></p><p><style name="font7">�Machen Sie mir eine Infusion fertig!�, keuchte Parlowa, die dem F�nfzigj�hrigen eine solche Assistenz offenbar zutraute.</style></p><p><style name="font7">�Auf den R�cken!�, rief sie dann mit dumpfer Stimme, nachdem sie den Pfeil, der in der Kehle steckte, vorsichtig entfernt hatte. �Luftr�hrenschnitt, Herzmassage.� Den starren Blick auf das Gesicht des Mannes gerichtet, hielt sie ihre Hand offen zu den Soldaten hin. Einer von ihnen reichte ihr ein Skalpell. Ein rascher Schnitt und ein passend eingesetztes R�hrchen mussten die Atmung des Mannes ersetzen. Doch sein Herz stand schon eine Weile still, und Doktor Parlowa m�hte sich vergeblich, es wieder in Gang zu bringen.</style></p><p><style name="font7">Der Kommandeur, der immer noch die Infusion in H�nden hielt, sah sich suchend um. �M�nner!�, br�llte er einem Haufen von gaffenden Kerlen zu, die allesamt olivgr�ne Uniformen trugen. Auf ihren Brusttaschen hatten sie das GazCom-Emblem - eine dreiz�ngige Flamme �ber einem stilisierten G. Bis an die Z�hne mit Pistolen und MPs bewaffnet standen sie planlos herum.</style></p><p><style name="font7">�Was gafft ihr so, ihr Idioten!�, schrie er mit hochrotem Kopf. �Ausschw�rmen! Sucht das Gel�nde ab! Der T�ter kann nicht weit sein!�</style></p><p><style name="font7">�Es war eine Selbstschusswaffe alter Bauart, Chef�, bemerkte einer der Soldaten zaghaft. Er hatte den Toten, dessen Wiederbelebung man inzwischen aufgegeben hatte, unter den Str�uchern gefunden. �Eine tungusische Spezialit�t, so uralt wie die einheimischen St�mme selbst. Ein Holzbogen, gespannt mit einer Sehne und einer Rosshaarschnur, die den Bolzen l�st, wenn man versehentlich hineintritt. Normalerweise wird sie zur Jagd von Elchen und B�ren genutzt.�</style></p><p><style name="font7">�Die Jagdsaison hat noch nicht angefangen�, gab der Kommandeur ungeduldig zur�ck.</style></p><p><style name="font7">�Was ist mit Viktoria?�, rief Theisen dazwischen. Da der Soldat nicht mehr zu retten war, galt es nun, ihr zu helfen.</style></p><p><style name="font7">�Viktoria?� Doktor Parlowa schaute verwirrt auf. Da erst registrierte sie, dass die Deutsche auf der Veranda vor dem Waschhaus lag. Theisen hatte sie in eine stabile Seitenlage gebracht.</style></p><p><style name="font7">�Seit wann liegt sie dort?� Parlowa sah ihn fragend an.</style></p><p><style name="font7">�Keine Ahnung. Ich habe sie hier gefunden, nachdem dieser Wolf mich beinahe angegriffen h�tte.�</style></p><p><style name="font7">�Wolf?� Der Kommandeur schaute ihn pr�fend an, dann fiel sein Blick auf Viktoria. Doktor Parlowa war bereits bei ihr und tastete nach Puls und Herzschlag.</style></p><p><style name="font7">�Sie ist komat�s�, befand sie n�chtern.</style></p><p><style name="font7">�Sie kann unm�glich von alleine hierher gekommen sein�, bemerkte Bashtiri. �Au�erdem tr�gt sie fremde Kleidung.�</style></p><p><style name="font7">�Durchk�mmt den Wald!�, br�llte der Kommandeur seinen M�nnern noch einmal zu. �Jeden Zentimeter im Umkreis von f�nf Kilometern. Ich will wissen, wer diese Frau hierher gebracht hat und warum einer meiner besten M�nner sterben musste. Aber seht euch vor! Wer wei�, was dieses Ewenkenpack sonst noch auf Lager hat!�</style></p><p><style name="font7">�Viktoria muss sofort in die �rtliche Krankenstation nach Vanavara!� Die russische �rztin hatte sie nur kurz untersuchen m�ssen, um zu entscheiden, dass die kritische Verfassung der jungen Frau dringend nach einer Infusion verlangte.</style></p><p><style name="font7">�Ich lasse sie mit dem Helikopter nach Krasnojarsk fliegen�, erkl�rte Bashtiri.</style></p><p><style name="font7">Doktor Parlowa sch�ttelte den Kopf. �Krasnojarsk w�re in ihrem Zustand zu weit. Sie ben�tigt sofortige Hilfe.�</style></p><p><style name="font7">Leonids Herz h�mmerte wie fr�her, als er sich im Krieg und auf der Flucht befunden hatte. Das Verhalten der S�ldner machte ihn zornig. Beinahe h�tte Ajaci dran glauben m�ssen. Ohnm�chtig hatte er mit ansehen m�ssen, wie die Idioten auf den Hund geschossen hatten.</style></p><p><style name="font7">Dabei hatte eine der Kugeln ihn selbst nur knapp verfehlt. Doch dann war pl�tzlich Ruhe eingekehrt, nur noch ein R�cheln hatte den Wald durchdrungen.</style></p><p><style name="font7">Wenn ihn nicht alles t�uschte, hatte eine von Taichins Jagdfallen dem unseligen Treiben ein Ende gesetzt. Leonid hatte nicht sehen k�nnen, wer von dem Pfeil getroffen worden und wie schlimm die Verletzung war. Eigentlich galt ein landesweites Verbot, solche Waffen ohne Genehmigung aufzustellen. Doch Taichin war mehr als achtzig Jahre alt, flink wie ein Wiesel und hielt sich nicht an die russischen Gesetze. Tief in seinem Herzen verabscheute er die Zivilisation - oder das, was sich die modernen Ewenken darunter vorstellten.</style></p><p><style name="font7">Leonid stie� einen Pfiff aus, der jenseits des menschlichen H�rverm�gens lag, und Ajaci erschien schwanzwedelnd an seiner Seite.</style></p><p><style name="font7">�Komm, Junge�, fl�sterte er dem Hund ins gespitzte Ohr, �lass uns abhauen.�</style></p><p><style name="font7">Schleichend k�mpfte er sich durch dichtes Unterholz. Rechts und links ragte ein sch�tzender Wall von jungen Birken und L�rchen auf. Dazwischen befanden sich halbhohe B�sche. Nur noch f�nfhundert Meter bis zu dem Ort, wo Hirku angebunden an eine knorrige L�rche auf sie wartete. Doch daf�r musste er die Stra�e �berqueren. Zehn Meter ohne jegliche Deckung. Ahnungsvoll sp�hte Leonid nach Osten. Verdammt! Soldaten! Sechs an der Zahl verteilten sich im Wald, jeder im Besitz mehrerer Waffen. Wenn sie ihn erwischten, war es um ihn geschehen. Nicht nur, weil sie ihn verd�chtigen w�rden, das M�dchen entf�hrt zu haben - nein, ihr Befehlshaber und auch Bashtiri w�rden ihn sofort erkennen. Und damit w�rde sein Leben inoffiziell jenes Ende nehmen, das es offiziell schon vor l�ngerer Zeit genommen hatte.</style></p><p><style name="font7">Mit leisen Befehlen forderte er Ajaci auf, dicht an seiner Seite zu bleiben, w�hrend er den Wald hinauf schlich, um an einer anderen Stelle die Stra�e zu �berqueren.</style></p><p><style name="font7">In Gedanken betete er zu seinen Ahnen, dass die M�nner das Pferd nicht fanden. Hinter einem Baum wartete Leonid auf einen g�nstigen Augenblick, und als die M�nner hinter einigen B�schen verschwunden waren, nutzte er seine Chance.</style></p><p><style name="font7">Es gab eine M�glichkeit, an ihnen vorbeizukommen, doch diese kostete unglaublich viel Kraft und funktionierte nur, wenn er sich fest genug konzentrierte, was ihm nicht immer gelang.</style></p><p><style name="font7">Solange sein Herz so arg schlug, dass es zu zerspringen drohte, und er die Angst nicht besiegte, w�rde sein Vorhaben ohnehin nicht gelingen.</style></p><p><style name="font7">Etwa f�nfzig Meter entfernt konnte er h�ren, wie die Soldaten durchs Unterholz trampelten. Dabei hielten sie untr�glich auf Hirku zu. Es konnte nur Minuten dauern, bis sie das Pferd finden w�rden. Es trug eine Erkennungsmarke, und man w�rde sofort seinen Gro�vater verd�chtigen und vielleicht so auch auf Taichin kommen. Er war �berall in der Gegend bekannt daf�r, dass er die traditionelle Jagd pflegte.</style></p><p><style name="font7">Die Stimmen kamen n�her. Leonid zog es vor, sich auf den feuchten Boden zu legen. Auch Ajaci kroch mit ihm auf dem Bauch durch die Wasserl�cher.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich hallte eine Maschinengewehrsalve durch den Wald. Leonid zuckte gleichzeitig mit dem Hund zusammen, als ob man ihn geschlagen h�tte.</style></p><p><style name="font7">�Hierher!�, rief einer der M�nner. Die anderen brachen in schallendes Gel�chter aus. Offenbar hatte er versehentlich ein Kaninchen erschossen, das durch die lauten Ger�usche aus dem Unterholz aufgescheucht worden war.</style></p><p><style name="font7">Einer der M�nner packte den v�llig zerfetzten Kadaver bei den Ohren und schleuderte das blutige Etwas in Leonids Richtung. Wie der Zufall es wollte, landete das blutige Tier genau auf Ajacis R�cken.</style></p><p><style name="font7">Es war schier zu viel verlangt, dass der Hund dieses Ereignis einfach ignorierte. Es knackte und raschelte, als er aufsprang, um nach dem frischen Fleisch zu schnappen.</style></p><p><style name="font7">�Habt ihr das geh�rt?� Wie auf Kommando wandten sich die Soldaten in die Richtung, aus der das Ger�usch gekommen war. Leonid langte mit einem Arm nach Ajaci und dr�ckte den R�den mit einer solchen Gewalt auf den Boden, dass das Tier selbst kaum noch zu atmen vermochte.</style></p><p><style name="font7">Die M�nner kamen n�her. Einzig ein gro�er Ginsterbusch und eine Reihe von kleinw�chsigen Birken trennten ihn und den Hund von den Suchenden. Leonid verlangsamte seine Atmung und konzentrierte sich auf seine Mitte, so wie es Taichin ihm in unz�hligen �bungsstunden beigebracht hatte. �Ein Schamane kann sich unsichtbar machen, wenn er will, oder sich in eine Katze oder einen Vogel verwandeln, wenn es die Situation erfordert�, hatte ihm der alte weise Mann einmal gesagt.</style></p><p><style name="font7">Doch Leonid f�hlte sich nicht in der Lage, ein solches Unterfangen in die Tat umzusetzen. Die Vorstellung, als Kr�he davonzufliegen, empfand er als geradezu absurd. Wenn es ihm allerdings gelang, seine innere Energie konzentrisch zu verdichten, war es m�glich, dass er von seiner Umgebung nicht mehr wahrgenommen wurde. Den Hund halb unter sich begraben, gab er sich der Vorstellung hin, ein Stein zu sein. Den Kopf so flach auf den Boden gepresst, dass sein linkes Ohr die Vibration der Schritte wahrnehmen konnte, verharrte er samt Hund, als w�ren sie vollkommen erstarrt.</style></p><p><style name="font7">Sein K�rper strahlte nun keinerlei Energie mehr aus, und die Stiefel eines Soldaten stapften so nahe an ihm vorbei, dass sie fast Leonids Nase ber�hrten. Schlie�lich sah sich der Mann ratlos um und kehrte zu seinen Kameraden zur�ck.</style></p><p><style name="font7">�Hier ist nichts�, rief er laut.</style></p><p><style name="font7">Im n�chsten Moment erhob sich ein Schwarm junger Enten von einem nahe gelegenen Teich. Wieder schossen die M�nner in den Himmel und trafen ein paar der Tiere, deren Federn nur so flogen und deren blutige, leblose Kadaver der Reihe nach auf die Schotterpiste fielen. Wie alberne Jungs, die sich um die besten Pl�tze balgten, rannten sie hinunter zum Weg, um ihre Beute zu inspizieren.</style></p><p><style name="font7">Leonid atmete sp�rbar auf und rappelte sich auf die Knie. Immer noch geduckt, rannte er, von Ajaci gefolgt, zu Hirku hin und l�ste dessen Z�gel vom Baum.</style></p><p><style name="font7">Durch die Hektik im Lager fand Bashtiri erst sp�ter die Gelegenheit, den eingetroffenen Kommandeur den �brigen Bewohnern als einen ehemaligen Oberst der Sowjetarmee und besten Freund vorzustellen. Andrej Lebenov war der Sektionschef f�r Westsibirien in der Sicherheitsabteilung des Unternehmens GazCom.</style></p><p><style name="font7">Sven Theisen streifte ihn mit einem absch�tzenden Blick. Die vertraute Art, wie er und Bashtiri miteinander umgingen, erinnerte ihn an zwei Mafiosi, die schon jahrelang gemeinsam ihre Gesch�fte betrieben. Nachdem er mitgeholfen hatte, Viktoria auf einer Trage zur provisori-schen Krankenstation des Camps zu geleiten, wurde er Zeuge, wie gro� die Macht des Kommandeurs war. Beil�ufig beriet er sich mit Frau Doktor Parlowa, wie man mit der deutschen Forscherin verfahren sollte. Auf ein Fingerschnippen Lebenovs wurde der Helikopter gestartet. Rodius, der seine wissenschaftliche Assistentin in die Krankenstation von Vanavara begleiten wollte, wurde von Bashtiri zur�ckgehalten.</style></p><p><style name="font7">�Wir haben noch etwas zu besprechen, Professor�, erkl�rte der Kommandeur. �Frau Doktor Parlowa wird Frau Doktor Vanderberg ins Hospital begleiten. Das sollte reichen.�</style></p><p><style name="font7">Niemand wagte zu widersprechen.</style></p><p><style name="font7">�Einmal Vanavara hin und zur�ck�, rief Lebenov dem wartenden Co-Piloten zu.</style></p></section><section><title><p><style name="font7">9.</style></p><p><style name="font7">Februar 1905, Sibirien - Ogdy</style></p></title><p><style name="font7">Eingepfercht zwischen Tungusen und Kosaken lagen Leonard und die �brigen Deportierten R�cken an R�cken im Zelt. Der Boden war trotz der Felle und Teppiche eiskalt, und auch das Innere der traditionellen Behausung hatte sich merklich abgek�hlt. Was blieb, waren die Menschen, ganz gleich, ob Freund oder Feind, die sich gegenseitig ein wenig W�rme spendeten.</style></p><p><style name="font7">Das Feuer war beinahe heruntergebrannt, als Leonard endlich in einen unruhigen Schlaf fiel. Der Schamane spukte immer noch in seinem Hirn herum, und auch das wachsbleiche Gesicht der toten Frau des alten Wassiljoff wollte ihm keine Ruhe g�nnen. Ihre hellen Augen starrten ihn an, und ihr Mund bewegte sich, als ob sie ihm etwas Wichtiges zufl�stern wollte. Doch er konnte sie nicht verstehen. Pl�tzlich sp�rte er, wie ihn jemand am Kragen seines Pelzmantels zupfte.</style></p><p><style name="font7">�Leonard?� Kissanka war so leise, dass es auch das Wispern des Windes h�tte sein k�nnen. Kaum merklich wandte er sich um und drehte Pjotr, der leise schnarchte, den R�cken zu.</style></p><p><style name="font7">Das M�dchen hatte sich in der Dunkelheit - von ihrem j�hzornigen Vater unbemerkt - schon eine ganze Weile an Leonards R�cken geschmiegt, als ob sie selbst im Schlaf bei ihm Schutz suchen wollte.</style></p><p><style name="font7">Leonard lie� sie gew�hren. Sie musste den Tod ihrer Mutter verkraften und obendrein Schwester und Bruder tr�sten, die, dicht an sie gedr�ngt, vor Ersch�pfung zu einem tiefen Schlaf gefunden hatten. Bei ihrem Vater bewirkte der Wodka sein �briges - wie bei den meisten der M�nner, denen die Kosaken in seltener Gro�z�gigkeit ihre Proviantkisten ge�ffnet hatten.</style></p><p><style name="font7">�Ja?�, fl�sterte Leonard zur�ck. Dabei war er ihrem Gesicht so nahe, dass er ihren Atem auf seinen Lippen sp�ren konnte.</style></p><p><style name="font7">�Sag, warum bist du hier?�</style></p><p><style name="font7">Was sollte er darauf antworten? Er wusste ja selbst nicht einmal, warum ihm das Schicksal so grausam mitspielte.</style></p><p><style name="font7">�Ich wei� es nicht�, gestand er ehrlich.</style></p><p><style name="font7">�Du musst mir nichts verschweigen. Es ist nicht schlimm, solange es nichts ist, wof�r Gott der Herr dich bestrafen w�rde. Oder hast du jemanden umgebracht?� Das Fl�stern war atemlos geworden.</style></p><p><style name="font7">�Nein�, sagte Leonard mit heiserer Stimme. �Es sei denn, selbst Gott h�tte etwas gegen die Bolschewiki. Man wirft mir vor, mit den Widersachern des Zaren gemeinsame Sache gemacht zu haben.�</style></p><p><style name="font7">�Dann bist du also ein Terrorist?� Ihre Hand legte sich sanft auf sein Gesicht und streichelte �ber seinen Bart.</style></p><p><style name="font7">�Nein, das bin ich mit Gewissheit nicht�, sagte er fest und fragte sich, ob er ihr die n�heren Umst�nde seiner Verhaftung offenbaren sollte.</style></p><p><style name="font7">�Das macht mich froh�, fl�sterte sie, und pl�tzlich sp�rte er ihre Lippen auf seinem Mund. Es folgte ein lang anhaltender, unschuldiger Kuss in der Finsternis, der ihn in einer ganz und gar nicht unschuldigen Verfassung zur�cklie�.</style></p><p><style name="font7">Als Kissanka sich l�ste, schnappte er �berrascht nach Atem, und seine Hand wanderte zu seinem Schritt, um die D�monen dort in Schach zu halten.</style></p><p><style name="font7">�Kissanka�, stie� er leise hervor. �Das ist nicht gut, was du da tust.�</style></p><p><style name="font7">�Warum nicht?�, erwiderte sie mit einem naiven Unterton in der Stimme. �Es tr�stet mich �ber den Tod meiner Mutter hinweg und gibt mir die Sicherheit, dass ich nicht ganz verlassen auf dieser Welt zur�ckgeblieben bin.�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe nicht die ganze Geschichte erz�hlt�, begann Leonard vorsichtig. �Da ist eine Frau. Wegen ihr bin ich hierher deportiert wor-den. Ich liebe sie, und ich w�rde meinen rechten Arm daf�r geben, wenn ich mit ihr zusammen sein k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">�Denkst du, sie will dich noch, wenn dir der rechte Arm fehlt?�</style></p><p><style name="font7">Ihre Stimme klang hart, und Leonard fehlten f�r einen Moment die Worte. Wahrscheinlich war es nur seine Abfuhr, die das M�dchen nicht verschmerzen wollte und die sie geh�ssig werden lie�.</style></p><p><style name="font7">�Es tut mir leid�, schob sie rasch hinterher, �ich wollte dich nicht kr�nken.�</style></p><p><style name="font7">�Ich liebe sie, Kissanka, ganz gleich, ob ich sie je wiedersehe.� Seine Stimme war leise und verriet trotzdem seine Entschlossenheit. �Es ist besser, wenn du das wei�t.�</style></p><p><style name="font7">�Ja�, antwortete sie mit erstickter Stimme. �Ich habe verstanden. Falls es dich trotzdem mal nach einer Frau verlangt, sag mir Bescheid. Wenn wir in das gleiche Lager kommen, k�nnten wir uns heimlich treffen, und ich k�nnte dir zu Diensten sein.�</style></p><p><style name="font7">�Was redest du da?� Leonard war entsetzt. Eben noch das unschuldige Gesch�pf mit den gro�en Augen, sprach sie nun wie eine Hure.</style></p><p><style name="font7">�Meine Unschuld ist verloren, und ich liebe dich von Herzen. Das ist alles. Au�erdem sind wir Lebensl�ngliche�, sagte sie ruhig. �Falls einer von uns eine Familie gr�nden will, m�sste er es im Lager tun.�</style></p><p><style name="font7">�Was willst du mir damit sagen?� Leonards Stimme klang rau. Weder von der Art noch von der Dauer der Deportation hatte er sich bisher eine Vorstellung gemacht.</style></p><p><style name="font7">�Mein Vater hat in unserem Dorf den Sohn eines bedeutenden Adligen erstochen. Er hatte meiner Schwester nachgestellt. Daf�r wurde unsere gesamte Familie verbannt - ohne Aussicht auf R�ckkehr. Es gibt abgelegene, ganz furchtbare Lager, deren Existenz vor allen verschwiegen wird. Dort h�ten sie die wahren Geheimnisse des Zaren, sagt man. Einmal dort angekommen, wird man dort sterben - ohne einen Funken Hoffnung, die Heimat je wiederzusehen.�</style></p><p><style name="font7">�Schlaf jetzt�, erwiderte Leonard leise. Er versp�rte nicht die geringste Lust, seinen Alptr�umen noch einen weiteren hinzuzuf�gen. �Vielleicht hilft uns ein Wunder�, bemerkte er beschwichtigend. In der Not half der Glaube an Gott den meisten Menschen. Nur ihm selbst n�tzte es nichts, weil er sich normalerweise nicht zu den Menschen z�hlte, die auf einen unsichtbaren Gott vertrauten. Die Vorstellung des Schamanen jedoch hatte ihn �beraus nachdenklich gestimmt. Was w�re, wenn es doch etwas gab, das einer anderen Wirklichkeit entsprang und mit jeglicher Wissenschaft nicht zu erkl�ren war?</style></p><p><style name="font7">�Du hast gesehen, was mit Mitja passiert ist�, tr�stete er das M�dchen. �Selbst wenn es kein christlicher Priester, sondern nur ein Schamane war, der das Wunder vollbracht hat. Dein Bruder wird wieder gesund, und das ist das Wichtigste.�</style></p><p><style name="font7">Am n�chsten Morgen mussten sie in aller Fr�he ihre Habseligkeiten zusammenpacken. Beil�ufig beobachtete Leonard seine beiden Kameraden, den drahtigen, verschwiegenen Aslan und Pjotr, dessen ehemals rundes Gesicht bereits Spuren der Auszehrung zeigte. In seinen dunklen Augen haftete ein Alptraum, der offensichtlich nicht enden wollte.</style></p><p><style name="font7">�Willkommen in der H�lle�, murmelte Pjotr mit einem d�steren Blick, als ihm eine der tungusischen Frauen einen Krug warmer Pferdemilch anbot. Mit einem stummen Nicken nahm er das Getr�nk entgegen und setzte es mit einem Naser�mpfen an die Lippen. Dazu reichten die tungusischen Frauen wie am Abend zuvor frischgebackene Buchweizenfladen mit Butter.</style></p><p><style name="font7">Hier und da war ein verhaltenes L�cheln auf den Lippen der Deportierten zu sehen, das jedoch sofort wieder erlosch, als der Hauptmann der Kosaken die Gefangenen durchz�hlte. Auch denen, die nicht pers�nlich betroffen waren, kam schlagartig zu Bewusstsein, dass Sibirien erste Opfer unter ihnen gefordert hatte - und es w�rden vermutlich nicht die letzten sein.</style></p><p><style name="font7">Kissanka sollte recht behalten, schoss es Leonard durch den Kopf. Wenn er es sich genau �berlegte, h�tte er selbst l�ngst darauf kommen k�nnen. Warum sollte die Ochrana ihn einen Abschiedsbrief an seine Eltern schreiben lassen, in dem er hochoffiziell und freiwillig aus dem Leben schied, wenn man ihn irgendwann wieder nach St. Petersburg zur�ckkehren lassen wollte?</style></p><p><style name="font7">Tschirin hatte die Pferde eingespannt. Mit einem knappen Gru� und einem angedeuteten L�cheln versuchte er, die Stimmung ein wenig aufzumuntern.</style></p><p><style name="font7">Kissanka trat auf ihn zu, ihren Bruder an der Hand. Der Kleine machte mittlerweile einen recht stabilen Eindruck. Er konnte laufen, und das Fieber war auch verschwunden, von der schweren Verletzung, die noch gestern an seinem Bein zu sehen war, ganz zu schweigen.</style></p><p><style name="font7">�Sag deinem Vater, dass wir ihm auf ewig dankbar sein werden.�</style></p><p><style name="font7">Kissanka schenkte dem versch�chtert dreinblickenden Tungusen ein L�cheln, das er kaum merklich erwiderte, dabei streifte ihre Hand seinen rechten Arm und dr�ckte ihn sanft.</style></p><p><style name="font7">Tschirin brachte nur ein verlegenes R�uspern zustande, es fiel ihm offenbar schwer, ihren Blick zu erwidern.</style></p><p><style name="font7">�Er ist ein gro�er Schamane�, sagte er und schaute dabei zu Boden, �Wenn ihr krank seid und seine Unterst�tzung ben�tigt, lasst es mich wissen.�</style></p><p><style name="font7">�Wie sollte das gehen?� Aslan hatte Kissankas Worten mit sp�ttischer Miene gelauscht. �Das w�rde bedeuten, du wei�t, wo man uns hinbringt und kannst dort ein- und ausgehen?�</style></p><p><style name="font7">�Ich kenne jeden Winkel in dieser Gegend�, erwiderte Tschirin mit fester Stimme. Ihm war anzusehen, dass er die �u�erung Aslans missbilligte. �Und ja - ich wei�, wo man euch unterbringt. Ich bin jede Woche dort drau�en. Meine Br�der und ich arbeiten ausschlie�lich f�r den Zaren und seine Soldaten. Wir sind die einzigen Fremden, die das Lager betreten d�rfen. Wir bringen Menschen und Vorr�te und andere, merkw�rdige Dinge, deren Namen wir nicht kennen. Und glaubt mir, ihr werdet f�r jegliche Hilfe dankbar sein.�</style></p><p><style name="font7">�Schwatzt nicht herum!�, br�llte der Kosakenkommandeur von ferne. �Seht zu, dass ihr in die Schlitten kommt!�</style></p><p><style name="font7">�Vielen Dank f�r das gro�z�gige Angebot�, sagte Leonard und klopfte dem jungen Tungusen auf die Schulter.</style></p><p><style name="font7">Das Wetter war noch unwirtlicher als am Tage zuvor. Am Morgen hatte es zu schneien angefangen.</style></p><p><style name="font7">Subbota hatte Wassiljoff und seiner verbliebenen Familie mit strenger Miene erlaubt, in seinem Schlitten Platz zu nehmen. Den Blick, den er dem geheilten Jungen schenkte, war nicht zu deuten. Doch Leonard konnte beobachten, wie er einen Rosenkranz z�ckte und ihn betrachtete, als ob er sich dessen Anwesenheit versichern wollte, bevor er ihn wieder in die Manteltasche schob.</style></p><p><style name="font7">�Ein echtes Wunder�, bemerkte Pjotr, bevor er Tschirin, der abwartend neben seinem Schlitten stand, einen fragenden Blick zuwarf.</style></p><p><style name="font7">�Der Kleine hustet noch nicht einmal mehr. Bei allen Heiligen, sag mir, wie so etwas m�glich ist?�</style></p><p><style name="font7">Tschirin wandte sich l�chelnd zu ihm um, w�hrend er den Pferden die Futterbeutel abnahm. �Ich will mich ja nicht mit eurem Christengott anlegen, aber mein Vater kann sogar das Wetter beeinflussen und einen Blitz erzeugen, wenn es n�tig erscheint. Wie ich gestern schon sagte - er steht mit Ogdy, dem Gott des Lichts, im Bunde.�</style></p><p><style name="font7">�Dann bestell ihm einen sch�nen Gru�, er soll machen, dass das Thermometer mindestens drei�ig Grad in die H�he klettert�, witzelte Aslan mit ironischer Stimme. Demonstrativ zog er sich die Kapuze vor Mund und Nase, bevor er sich in den Schlitten setzte.</style></p><p><style name="font7">Die Tungusen hatten zwei zus�tzliche Rentierschlitten zur Verf�gung gestellt, damit man die verbliebenen entlasten konnte. Zudem musste man die zur�ckgebliebenen Leichen bergen, um sie nach Nasi-mowsk zu bringen, wo sp�testens mit einsetzendem Tauwetter ein christliches Begr�bnis auf sie warten w�rde.</style></p><p><style name="font7">Die alte Goldgr�berstadt war in wenigen Stunden erreicht. Der windige Ort bestand nur aus ein paar Blockh�tten, ein paar Tungusenzelten und einer h�lzernen Kirche. Dazu gab es ein Warenlager in einem abbruchreifen Schuppen, das angef�llt war mit Proviant f�r Abenteurer und Pelztierj�ger und deshalb au�erordentlich gut bewacht wurde. Den ganzen Tag �ber patrouillierten Bewaffnete um das Geb�ude herum.</style></p><p><style name="font7">�Ich m�chte der Frau des alten Wassiljoff die letzte Ehre erweisen und ihn und seine Familie in die Kirche begleiten.� Leonard richtete diese Bitte mit ausdrucksloser Miene an Subbota, der daraufhin mit einer unwirschen Geste die Ketten lockerte.</style></p><p><style name="font7">�Es wird wohl nicht lange dauern�, f�gte Leonard hinzu. �Und doch empfinde ich es als notwendig, den Trauernden beizustehen.�</style></p><p><style name="font7">�Was hast du vor?�, raunte ihm Aslan zu, als Subbota beiseite getreten war und zu den Schlitten ging. �Hast du es auf die Kleine abgesehen und willst sch�nes Wetter bei ihrem verr�ckten Vater machen? Ich glaube kaum, dass er sie dir freiwillig zur Frau gibt. Aber so, wie es aussieht, ist sie ein durchtriebenes Luder. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie den Kosaken zuf�llig in die Arme gelaufen ist. Wahrscheinlich hatte sie auch ihren Spa� dabei.�</style></p><p><style name="font7">�Halt die Klappe, du Idiot!�, zischte Leonard. Er versp�rte den Drang, dem Gef�hrten eine handfeste Lektion zu erteilen, unterdr�ckte diesen Impuls aber, auch weil Subbota in der N�he stand und eine Reitpeitsche in H�nden hielt.</style></p><p><style name="font7">In einem Nebenraum des kleinen Gotteshauses wurden die Leichen der Verungl�ckten aufgebahrt, unter denen sich auch Kissankas Mutter befand. Das Erdreich war zu dieser Jahreszeit bis in den Grund gefroren. Erst im n�chsten Sommer w�rde es m�glich sein, den Toten die letzte Ehre zu erweisen. Daher mussten eine hastig gelesene Messe und ein unaufger�umter Schuppen ausreichen, bevor die Seelen der Verstorbenen endlich ihre allerletzte Reise antreten konnten.</style></p></section><section><title><p><style name="font5">10.</style></p><p><style name="font7">Juni 2008, Tunguska - GazCom</style></p></title><p><style name="font7">Blinzelnd, wie durch einen dichten Nebel k�mpfte sich Viktoria an die Oberfl�che ihres Bewusstseins. Die Gestalt an ihrer Seite erschien ihr wie eine Figur, die von einem durchscheinenden Vorhang umgeben war. Das Atmen fiel ihr schwer, und ein heftiger Kopfschmerz setzte ein.</style></p><p><style name="font7">�Viktoria - k�nnen Sie mich h�ren?� Die Stimme war dunkel, und im ersten Moment wusste sie nicht, ob es ein Mann war oder eine Frau, die sie auf Russisch ansprach.</style></p><p><style name="font7">Unter gro�er Anstrengung versuchte Viktoria ihre Lider zu heben. Verschwommen erkannte sie die imposante Erscheinung von Doktor Parlowa.</style></p><p><style name="font7">�Kann ich etwas trinken?� Es war mehr ein Fl�stern, das Viktoria da zustande brachte. Sekunden sp�ter sp�rte sie eine Hand, die ihr den Kopf anhob und ein Glas Wasser an die Lippen setzte. Schluck f�r Schluck trank sie. Der Hals tat ihr weh, doch wenn sie sich recht besann, schmerzte ihr ganzer K�rper. �Wo bin ich?� Sie hielt die Augen lieber geschlossen. Das Licht machte das Pochen in ihrem Sch�del nur noch schlimmer.</style></p><p><style name="font7">�In Sicherheit�, sagte die �rztin und legte ihre gro�e, warme Hand auf Viktorias Rechte, die kraftlos auf der Bettdecke lag.</style></p><p><style name="font7">Das penetrante Parf�m der �rztin verursachte Viktoria �belkeit. Sie w�rgte, und im Nu hatte sie eine Brechschale unter dem Kinn und eine helfende Hand im R�cken, die sie st�tzte. Schwer atmend legte sie sich zur�ck in die Kissen. Doktor Parlowa gab ihr noch etwas Wasser.</style></p><p><style name="font7">�Was ist passiert?�, fragte Viktoria heiser. M�hsam versuchte sie, sich zu erinnern. Doch es waren nur grobe Fetzen, die sich erst St�ck f�r St�ck in ihrem Hirn zu einem Bild zusammensetzten. Von neuem �ffnete sie die Lider und blinzelte die �rztin an. �Wo ist Sven Thei-sen? Geht es ihm gut?�</style></p><p><style name="font7">�Er ist im Camp und wohlauf�, erkl�rte die �rztin mit freundlicher Stimme. �W�hrend ihres Tauchgangs hat es einen Unfall gegeben�, sprach sie weiter. �Eine riesige Gasblase hat sich vom Grund des Sees gel�st. Die anschlie�ende Welle ist wie ein Mini-Tsunami durch unser Camp gewirbelt und hat alles unter Wasser gesetzt. Professor Rodius versucht mit Professor Olguth und Sergej Bashtiris Leuten herauszufinden, warum es dazu kommen konnte.�</style></p><p><style name="font7">Parlowas Stimme nahm unvermittelt einen traurigen Tonfall an. �Vitaly Jurenko ist bei dem Unfall ums Leben gekommen. Wir dachten, Sie w�ren auch ertrunken. Gestern Morgen lagen sie pl�tzlich bewusstlos vor den Waschr�umen des Camps. Irgendjemand hat Sie in zu gro�e M�nnerkleidung gesteckt und dort abgelegt. Von ihrem Taucheranzug fehlt hingegen jede Spur.�</style></p><p><style name="font7">Allm�hlich d�mmerte Viktoria, was ihr seit jenem unseligen Tauchgang widerfahren war, doch es erschien ihr zu verr�ckt, um es vor der �rztin auszubreiten.</style></p><p><style name="font7">�K�nnen Sie sich an irgendetwas erinnern?�, bohrte Doktor Par-lowa weiter.</style></p><p><style name="font7">�Nein�, erwiderte Viktoria abwesend und stemmte sich mit beiden Armen auf die Kissen. Vorsichtig schaute sie sich um. Sie lag in einem wei� get�nchten Krankenzimmer. Die Fenster schm�ckten Gardinen mit einem orangefarbenen Druck im Stil der siebziger Jahre.</style></p><p><style name="font7">Regen prasselte gegen das Fenster. Der Blick auf die vereinzelten H�user und einen dahinterliegenden freien Platz erschien ihr trostlos.</style></p><p><style name="font7">�Sie befinden sich im Hospital von Vanavara.� Die �rztin ergriff erneut ihre Hand und streichelte sie. �Der Flug nach Krasnojarsk w�re zu anstrengend gewesen, und im Camp h�tte man Ihnen nicht helfen k�nnen. Deshalb mussten wir Sie zun�chst einmal hierhin bringen.�</style></p><p><style name="font7">Vitaly Jurenko ist tot, schoss es Viktoria durch den Kopf. Er war ein netter Kerl gewesen, witzig und schwerm�tig zugleich, ein typischer Russe eben.</style></p><p><style name="font7">Sie schluckte die Tr�nen hinunter und wandte sich Doktor Parlowa zu, mit einem kurzen Seitenblick auf den angeh�ngten Tropf neben ihrem Bett, dessen durchsichtiges Schlauchende in ihrer linken Handvene steckte. Dann sah sie der �rztin in die blauen Augen.</style></p><p><style name="font7">�Kann ich mit Ihnen reden? Ich meine, privat?�</style></p><p><style name="font7">�Selbstverst�ndlich, daf�r bin ich doch da.� Doktor Parlowa rang sich ein L�cheln ab, beinahe wie eine Mutter, die sich um ihre auf Abwege geratene Tochter sorgte. �Sprechen Sie sich ruhig aus.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria fragte sich, ob es richtig sein w�rde, diese so maskulin wirkende Frau - so freundlich sie ihr im Moment auch erschien - ins Vertrauen zu ziehen. Aber im Augenblick war die russische �rztin die Einzige, die ihr f�r ein Gespr�ch - von Frau zu Frau - zur Verf�gung stand.</style></p><p><style name="font7">�Da war ein Mann�, begann Viktoria unsicher. �Ich glaube, er hat mein Leben gerettet ...� Doktor Parlowa h�rte konzentriert zu und Viktoria sch�ttelte den Gedanken ab, dass die Russin sie f�r verr�ckt halten k�nnte. �Ich konnte sp�ren, wie ich meinen K�rper verlassen habe - irgendwie�, f�gte sie fl�sternd hinzu. �Es war, als ob ich in ein dunkles Loch gezogen wurde, und dann kam dieser Mann und hat mich auf r�tselhafte Weise wieder ans Licht geholt.�</style></p><p><style name="font7">Doktor Parlowa hob eine ihrer sorgsam gezupften Brauen, die wohl belegen sollten, zu welcher Kategorie Geschlecht sie geh�rte - ebenso wie der fliederfarbene Lippenstift, der den schmalen Strich betonte, zu dem sich ihr strenger Mund geformt hatte. �Und weiter?�, fragte sie dr�ngend.</style></p><p><style name="font7">�Es klingt vielleicht seltsam, aber ich bin mir fast sicher, dass er danach mit mir geschlafen hat.�</style></p><p><style name="font7">�Sind Sie vergewaltigt worden?� Parlowas unverbl�mte Frage verriet ihre Entr�stung.</style></p><p><style name="font7">�Nein, nein�, beeilte sich Viktoria zu sagen. �Ich kann alles nur schwer beschreiben. Es kam mir vor wie ein Rausch. Vollkommen un-wirklich. Er hat mir etwas zu trinken gegeben. Wir befanden uns in einer Art H�tte. Wir lagen auf Fellen. Wir waren beide nackt, und er .� Sie stockte und sp�rte gleichzeitig, wie ihr die Hitze den Hals hinauf schoss.</style></p><p><style name="font7">�Wie sah der Mann aus?� Doktor Parlowa gab sich alle M�he, sachlich zu bleiben.</style></p><p><style name="font7">�Er war recht gutaussehend�, bemerkte Viktoria verlegen. �Mindestens eins neunzig gro�. Er trug schwarzes, langes Haar, das ihm bis �ber die Schultern reichte, und er hatte ziemliche Muskeln. Dabei war er schlank und beweglich, wie ein russischer Zehnk�mpfer, falls Sie wissen, was ich meine.�</style></p><p><style name="font7">Die �rztin setzte sich mit einem R�uspern in ihrem Besucherstuhl auf. �Und . hat es Ihnen Spa� gemacht?�</style></p><p><style name="font7">�Wie soll ich das verstehen?� Viktoria wusste nicht, worauf die Frage hinauslaufen sollte.</style></p><p><style name="font7">�Na ja, wollten Sie es auch, oder war es Ihnen unangenehm?�</style></p><p><style name="font7">Der Anflug eines L�chelns auf den schmalen Lippen der �rztin stimmte Viktoria vers�hnlich. Offenbar war Parlowas Anteilnahme echt.</style></p><p><style name="font7">�Das ist ja das Verwirrende. Ich glaube, ich habe es genossen, dabei kenne ich den Kerl doch �berhaupt nicht.�</style></p><p><style name="font7">�H�ren Sie ...�, begann Doktor Parlowa z�gernd. �Ich bin nicht nur �rztin, sondern auch Psychoanalytikerin. Manchmal, wenn ein Mensch ein Nahtoderlebnis hat - und ich f�rchte, dass es sich bei Ihnen um ein solches gehandelt haben k�nnte -, spielt die Phantasie ihm einen Streich. Man sieht liebe Menschen, die l�ngst gestorben sind, oder befindet sich in Situationen, die man im wirklichen Leben nicht haben konnte. Ein berauschendes Gef�hl stellt sich ein. Die Psyche will uns damit den bevorstehenden Tod so angenehm wie m�glich gestalten .�</style></p><p><style name="font7">Viktoria glaubte f�r einen Moment, sich verh�rt zu haben. �Warum sollte</style> die<style name="font7"> Psyche so etwas tun?�, fragte sie spitz. �Schlie�lich hat sie doch gar nichts davon?�</style></p><p><style name="font7">�Verstehen Sie mich nicht falsch�, versuchte Parlowa einzulenken. �Es ist nicht so, als ob ich Ihnen nicht glauben w�rde. Nur wenn Sie mich fragen, war es eher eine Art intensiver Traum.�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe mein ganzes Leben noch nie von einem solchen Mann getr�umt�, setzte sich Viktoria zur Wehr. �Und wo sind meine Sachen abgeblieben? Schlie�lich hatte ich keinen Taucheranzug mehr an, als man mich fand. Oder habe ich Sie da falsch verstanden? Wer war es, der mich aus dem Wasser gezogen hat, und wo ist er jetzt?�</style></p><p><style name="font7">�Dar�ber k�nnen wir sp�ter noch sprechen. Sie ben�tigen erst einmal Ruhe�, erwiderte Doktor Parlowa beinahe streng und setzte dabei das Gesicht einer Gouvernante auf. �Oder m�chten Sie, dass ich Sie gyn�kologisch untersuche? Vielleicht war es doch eine Vergewaltigung, und Sie reden sich die Sache nur sch�n?�</style></p><p><style name="font7">�Nein, danke.� Viktoria sch�ttelte energisch den Kopf. Das Letzte, was sie sich vorstellen wollte, war eine gyn�kologische Untersuchung durch Frau Doktor Parlowa. �Da f�llt mir etwas ein�, f�gte sie einer pl�tzlichen Eingebung folgend hinzu, �das vielleicht interessant sein k�nnte. M�glicherweise habe ich den Mann schon einmal gesehen. Vor ein paar Tagen, als wir in Vanavara angekommen sind, ist mir drau�en auf dem Sportplatz ein Fremder begegnet, der ihm auf verbl�ffende Weise �hnlich sah. Er hatte einen Wolf bei sich.�</style></p><p><style name="font7">�Einen Wolf?� Doktor Parlowa runzelte die Stirn. �Seltsam! Nachdem Doktor Theisen Sie vor den Waschr�umen gefunden hat, ist einer von Bashtiris M�nnern einem Laikahund gefolgt, der ganz in der N�he knurrend am Boden lauerte. Bei dem Versuch, das Tier zu erschie�en, wurde der Soldat von einer tungusischen Selbstschusswaffe getroffen. Der Mann ist vor unseren Augen gestorben. Das alles kann zuf�llig geschehen sein, und doch ist eine merkw�rdige Sache. Wenn Sie erlauben, werde ich die Angelegenheit mit Sergej Bashtiri besprechen. �ber Ihre intime Beichte werde ich Stillschweigen bewahren�, f�gte sie rasch hinzu, als sie Viktorias verunsicherte Miene sah. �Die Beschreibung des Mannes, der anscheinend f�r Ihre Rettung verantwortlich ist, wird ihn sicher interessieren. Vielleicht wissen die Dorfbewohner, um wen es sich handeln k�nnte. Es erscheint mir ungew�hnlich, dass Ihr Retter Sie einfach im Camp abgelegt hat, ohne sich sehen zu lassen. Offenbar hat er etwas zu verbergen, und das ist es, was auch Bashtiri und seinen Leuten Sorgen macht.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria beschlich ein ungutes Gef�hl, als Frau Doktor Parlowa sich mit einem festen H�ndedruck von ihr verabschiedete.</style></p><p><style name="font7">�Denken Sie, der Mann hat etwas mit dem Tod von Bashtiris Helfer zu tun?�</style></p><p><style name="font7">�Wir wissen es nicht.� Parlowas Blick war mit einem Mal seltsam distanziert. �Ich bleibe mit Ihnen in Kontakt. Professor Rodius werde ich sagen, dass Sie wohlauf sind.� Doktor Parlowa bem�hte sich um ein zuversichtliches L�cheln. �Ich bin mir sicher, dass Sie die Krankenstation in ein paar Tagen wieder verlassen k�nnen.�</style></p><p><style name="font7">Sergej Bashtiri war ein Mann, der weder an Wunder noch an �bersinnliche Wahrnehmungen glaubte - und schon gar nicht an ein Leben au�erhalb unseres Planeten. Mit einem zweifelnden Blick beugte er sich �ber den seltsamen Leichenfund.</style></p><p><style name="font7">�Es handelt sich mit gro�er Wahrscheinlichkeit um menschliches Material�, sagte Doktor Parlowa und schaute von den beiden ledrigen, ineinander verschlungenen K�rpern auf, als habe sie soeben eine seltene Spezies entdeckt. Ihre leicht hervorstehenden Augen wirkten �ber dem Mundschutz noch gr��er. �Nat�rlich k�nnten es auch Au�erirdische sein�, bemerkte sie mit einem Anflug von trockenem Humor.</style></p><p><style name="font7">Au�er ihr, Bashtiri und Doktor Swerew, einem jungen Anthropologen der Universit�t von Irkutsk, der im Auftrag von GazCom am sp�ten Nachmittag per Helikopter eingeflogen war, hatte nur noch Andrej Lebenov bei der Untersuchung Zutritt gefunden. Der Sicherheitschef von GazCom stand an der T�r und sorgte mit vier S�ldnern seines Teams daf�r, dass niemand sonst Zutritt fand.</style></p><p><style name="font7">Professor Olguth hatte man ebenso den Zugang zum K�hlhaus des Camps verweigert wie seinem deutschen Kollegen Professor Rodius. Offiziell hatte man Platzprobleme als Grund angegeben. Im Vorraum des K�hlhauses, wo erste Untersuchungen auf einem improvisierten Esstisch durchgef�hrt wurden, war es tats�chlich so eng, dass selbst die vier Anwesenden das Tun von Doktor Swerew nicht uneingeschr�nkt beobachten konnten. Es war Lebenov gewesen, der Bashtiri zu diesem Vorgehen geraten hatte. Bevor nicht genau feststand, um was es sich bei dem Fund handelte, wollte man weder die russische Regierung ins Boot holen noch die obersten F�hrungskreise des Gasimperiums einweihen. Immerhin bestand die M�glichkeit, sich l�cher-lich zu machen oder etwas zu entdecken, das tats�chlich von herausragender Bedeutung sein konnte. Auf jeden Fall wollte man sich genug Zeit lassen, um zu entscheiden, ob man die Lorbeeren ernten und anschlie�end unter sich verteilen wollte oder ob man die gewonnenen Erkenntnisse - wie schon �fter geschehen - ohne Wissen der offiziellen Stellen f�r sich selbst in Anspruch nahm, indem man sie still und heimlich in bare M�nze umwandelte.</style></p><p><style name="font7">Es roch nach Moder und Fisch. Die kakaobraune, z�he Masse, die auch nach ihrem Auftauchen aus den Tiefen des Sees an den Mumien haften geblieben war, wirkte alles andere als appetitlich. In erster Linie wollte man feststellen, um wen es sich handelte und, falls dies vor Ort nicht m�glich war, wie der Weitertransport der K�rper in ein wissenschaftliches Institut nach Irkutsk organisiert werden konnte.</style></p><p><style name="font7">Doktor Swerew trug neben seinem Mundschutz eine Stirnlampe nebst Lupe und n�herte sich nun vorsichtig etwas, das wie ein Arm aussah. Die daran befindlichen Gliedma�en wirkten wie die gro�en F��e eines �berdimensionalen Frosches, den man aus dem tropischen Regenwald in die sibirische Taiga entf�hrt hatte.</style></p><p><style name="font7">Mit seiner rechten Hand, die in einem d�nnen Latexhandschuh steckte, f�hrte Swerew vorsichtig ein Skalpell an das Untersuchungsobjekt heran.</style></p><p><style name="font7">�Man muss sich wundern�, raunte er leise, w�hrend er die ledrigen Falten der Gliedma�en langsam anzuheben versuchte, �dass das Material sich am Grund des Sees solange gehalten hat. Wie es scheint, ist in den Gliedern kein einziger fester Knochen mehr zu finden - als h�tte man die K�rper gewalzt, gegerbt und anschlie�end wie eingelegte Gurken in einem Glas haltbar gemacht.�</style></p><p><style name="font7">�Wer sollte so etwas tun?� Bashtiri wirkte irritiert. Seine Vorurteile gegen�ber den hier lebenden Ureinwohnern bezogen sich in erster Linie auf deren Jagd- und Lebensgewohnheiten, die so gar keine R�cksicht auf die gesch�ftlichen Interessen eines Oligarchen nehmen wollten. Sogar per Gericht stritten sie gegen die Erschlie�ung weiterer �l- und Gasfelder. Dass sie sich - wann auch immer - dem Kannibalismus verschrieben haben sollten, konnte er sich allerdings nicht vorstellen.</style></p><p><style name="font7">�Ich sage ja nicht, dass es jemand getan hat�, verbesserte sich Swe-rew. �Ich sagte nur, dass es so aussieht.�</style></p><p><style name="font7">�K�nnen Sie feststellen, um was f�r Landsleute es sich handelt? Sind es Ewenken oder Russen?� Bashtiris Neugierde war geweckt. Sein Blick wanderte �ber die kaum mehr als ein Meter zwanzig langen Moorleichen hinweg bis zu den vermeintlichen K�pfen - zwei flache, rundliche Anh�ngsel, bei denen man nur noch erahnen konnte, dass es sich um Menschen handelte. Runzlig wie platt gedr�ckte, getrocknete Feigen durfte man inmitten all dieses Chaos zwei Nasenl�cher vermuten und einen Mund, der seiner Lippen beraubt worden war. Die Z�hne waren nur noch vereinzelt vorhanden und steckten wie gelbliche Scherben im braunen Fleisch.</style></p><p><style name="font7">�Denken Sie, es sind tats�chlich Menschen?� Bashtiri bedachte Frau Doktor Parlowa mit einem zweifelnden Blick. Wenn man es genau betrachtete, sahen diese K�rper aus wie die �berreste zweier kleiner gr�ner M�nnchen, die wie siamesische Zwillinge miteinander verbunden waren.</style></p><p><style name="font7">Parlowa schaute erstaunt auf. �An was dachten Sie?�</style></p><p><style name="font7">Bashtiri antwortete nicht, und Swerew nahm eine Pinzette, die in einer seitlichen Petrischale gelegen hatte. Mit ihr und einem Skalpell entfernte er ein St�ck vom vermeintlichen Arm, indem er einen sauberen Schnitt ins ledrige Fleisch f�hrte. Irgendetwas erregte seine besondere Aufmerksamkeit. Doktor Parlowa beugte sich interessiert so weit �ber die beiden K�rper, dass sie Bashtiri und Lebenov die Sicht versperrte.</style></p><p><style name="font7">�Was ist?�, rief Bashtiri aufgebracht. �Haben Sie etwas gefunden?� Pl�tzlich glaubte er einen Tentakel zu sehen, das diesen verschlungenen Haufen aus gesottenem Fleisch in seiner eher sp�rlichen Phantasie tats�chlich zu einem Marsbewohner mutieren lie�. Ein leises Ger�usch holte ihn in die Wirklichkeit zur�ck.</style></p><p><style name="font7">Swerew hatte einen metallischen Gegenstand in die Petrischale geworfen und sp�lte ihn mit einer Pipette ab. Dann nahm er das kleine Metallst�ck erneut auf und betrachtet es intensiv unter seiner Lupe.</style></p><p><style name="font7">�Sagen Sie schon�, bedr�ngte ihn Bashtiri. �Was ist es?�</style></p><p><style name="font7">�Es ist der Deckel einer Taschenuhr.� Swerew richtete sich halb auf und blickte abwechselnd in die erstaunten Gesichter von Bashtiri und Doktor Parlowa. Er setzte erneut seine Lupe auf und untersuchte das unscheinbare Objekt. �Er ist vergoldet�, stellte er sachlich fest, �und tr�gt auf der R�ckseite das Emblem der physikalischen Universit�t von Sankt Petersburg. Jahrgang 1902.�</style></p><p><style name="font7">Lebenov streckte sich und schaute �ber Bashtiri hinweg auf das kleine golden schimmernde Artefakt.</style></p><p><style name="font7">�Und was sind das jetzt f�r komische Gestalten?� Seine Frage entbehrte jeglichen Respekts vor den Toten. �Haben Sie schon eine Idee, wie sie in diesen See gekommen sind?�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe nicht die geringste Ahnung.� Swerew sch�ttelte langsam den Kopf. �Wir werden sie nach Irkutsk bringen m�ssen, um weitere anthropologische Untersuchungen vornehmen zu k�nnen, die Licht in die Angelegenheit bringen.�</style></p><p><style name="font7">Professor Rodius hatte sich mit Olguth und ein paar russischen Mitarbeitern in eine Wohnh�tte zur�ckgezogen. Nur Theisen fehlte. Er war zusammen mit Kolja in einem Gel�ndewagen nach Vanarava aufgebrochen, um sich pers�nlich nach Viktorias Wohlergehen zu erkundigen.</style></p><p><style name="font7">�Es ist eine Unversch�mtheit.� Mit grimmiger Miene, die Arme vor der Brust verschr�nkt, hockte Rodius auf seinem Campingstuhl und schaute absch�tzend in die Runde, bis sein Blick bei seinem russischen Kollegen innehielt. �Seit wann bestimmt ein Oligarch, wie wissenschaftliche Untersuchungen auszusehen haben und wer daran teilnehmen darf?�</style></p><p><style name="font7">�Beruhigen Sie sich�, mahnte Olguth mit verhaltener Stimme. Als ob es ungebetene Mith�rer geben k�nnte, stand er auf und verriegelte das einzige Fenster der Fertigbauh�tte, das zwar mit einem sch�tzenden Moskitonetz versehen war, aber bisher weit offen gestanden hatte. �In Russland ticken die Uhren ein wenig anders als im Westen. Das h�tte Ihnen und Ihren Leuten sp�testens klar sein d�rfen, nachdem Sie in Vanavara angekommen waren.�</style></p><p><style name="font7">Rodius stie� einen tiefen Seufzer aus. �Und jetzt? Was schlagen Sie vor? Sollen wir uns von diesem Empork�mmling vorschreiben lassen, wo und wie wir zu forschen haben?�</style></p><p><style name="font7">�So etwas in der Art�, erwiderte Olguth beschwichtigend. �Es macht doch nichts, wenn wir uns zun�chst einmal die Umgebung des Sees vornehmen, um den m�glichen Einschlagkrater des Meteors zu vermessen. Alles andere w�re ohnehin zu riskant.�</style></p><p><style name="font7">�Was ist mit den Mumien und dem Aluminium, das Theisen vor dem Unfall im See gesehen hat?� Rodius bedachte seinen russischen Kollegen mit einem fragenden Blick und l�chelte dann abf�llig. �Sagen Sie nur, Sie glauben auch an diese M�r von den Au�erirdischen?�</style></p><p><style name="font7">�Nat�rlich nicht�, bemerkte Olguth vers�hnlich. �Vielleicht war es eine fr�he Forschungsstation, die hier im See versunken ist. Etwa zwanzig Jahre nach der omin�sen Explosion hat es etliche Neugierige an diesen Ort verschlagen. Darunter auch seri�se Wissenschaftler, die die Meinung vertraten, dass die Katastrophe von einem au�erirdischen Raumschiff ausgel�st worden sein k�nnte. Mit solch abstrusen Thesen m�ssen wir uns nicht weiter besch�ftigen.�</style></p><p><style name="font7">�Unter uns sollten wir solchen Spekulationen von Beginn an entgegenwirken�, stie� Rodius �rgerlich hervor. �Sie f�hren nur in die falsche Richtung. In einem Punkt gebe ich Ihnen jedoch recht: Lassen sie Bashtiri seine Abenteuerspielchen spielen, und wir widmen uns in Ruhe unserem eigentlichen Projekt.�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">11.</style></p><p><style name="font7">Februar 1905, Sibirien - Tal ohne Wiederkehr</style></p></title><p><style name="font7">Nach einer recht ungem�tlichen Nacht im einzigen Wirtshaus der Stadt - wieder auf dem Boden und wieder eng aneinander geschmiegt -ging es am n�chsten Morgen zu den Pijaja-Bergen. Rastlos zogen die zottigen Pferde und die stoischen Rentiere die Schlitten auf zugefrorenen Fl�ssen durch endlose schattige T�ler, in denen es nicht nur bitterkalt war, sondern auch die Zeit stillzustehen schien.</style></p><p><style name="font7">Einzig von tief verschneiten W�ldern und Bergen umgeben, hatte Leonard das Gef�hl, in eine ferne, unwirkliche Eish�lle einzutauchen, deren Sch�nheit nicht �ber ihre Lebensfeindlichkeit hinwegzut�uschen vermochte.</style></p><p><style name="font7">Erst gegen Abend erreichten sie ihr Ziel. In einem weitl�ufigen Tal erhob sich ein eindrucksvolles Gefangenenlager. Das Zentrum des Lagers bildete eine riesige Konstruktionshalle, die Hunderte Meter lang war und mindestens drei�ig Meter in die H�he ragte. Die dahinter be-findlichen verschneiten D�cher von etwa f�nfzig in Reih und Glied angeordneten Baracken waren nur als solche zu erkennen, weil auf den meisten ein kleiner Kamin schmauchte. Vor der Halle befand sich ein gro�er Appellhofplatz, in dessen Mitte ein hoher Stahlturm aufragte, der - wenn auch erheblich kleiner - an den Eiffelturm in Paris erinnerte. Weiter hinten hatte man ein massives steinernes Geb�ude errichtet, das von ferne wie ein modernes Turbinenkraftwerk wirkte, wie Leonard es bisher nur in Amerika gesehen hatte. Aus den beiden majest�tisch wirkenden steinernen Schloten stieg dichter, dunkler Rauch auf, der in zwei langen unsteten Fahnen in Richtung Norden abzog.</style></p><p><style name="font7">�Himmelherr!� Pjotr stie� einen leisen Pfiff aus. �Was soll das denn darstellen?�</style></p><p><style name="font7">Die D�mmerung hatte die gesamte Umgebung in eine graublaue Farbe getaucht, die Licht und Schatten miteinander verschmelzen lie�, und doch entgingen Leonard und seinen Kameraden nicht die hohen Stacheldrahtz�une und Wacht�rme, die das gesamte Areal umgaben.</style></p><p><style name="font7">Niemand hatte sich bisher getraut, Subbota zu fragen, warum man sie hierher gebracht hatte. Der Offizier war vom Schlitten abgesprungen und ging zusammen mit dem Kommandeur der Kosaken ein St�ck zu Fu� zum Wachh�uschen. Die beiden Soldaten, die sie dort empfingen, salutierten, nachdem man sich zu erkennen gegeben hatte.</style></p><p><style name="font7">Nur die Kosaken l�rmten, wie man es von ihnen gewohnt war.</style></p><p><style name="font7">Ihre Pferde schnaubten und scharrten mit den Hufen, ebenso ungeduldig wie ihre Herren, denen es nicht schnell genug ging, bis ihr Kommandeur und der Offizier der Ochrana endlich die Formalit�ten gekl�rt hatten, auf dass man ihnen Einlass gew�hrte.</style></p><p><style name="font7">Igor Igorewitsch Lobow, ein russischer Offizier mit dem typisch finsteren Blick eines Lagerkommandanten, stand breitbeinig und mit verschr�nkten Armen vor einer Gruppe von Soldaten. Mit seiner turmhohen B�renfellm�tze und in seinem perfekt geschneiderten Uniformmantel bedachte er die Ank�mmlinge mit einem Ausdruck der Verachtung, die sie augenblicklich auf die niedrigste Stufe herabsinken lie�, auf die ein Lebewesen �berhaupt fallen konnte.</style></p><p><style name="font7">Subbota sorgte daf�r, dass Leonard und seine Leidensgenossen so rasch wie m�glich erfuhren, dass sie dem gestrengen Offizier, der im Traum nicht daran dachte, sich pers�nlich vorzustellen, strikten Gehorsam zu leisten hatten. Andernfalls w�rden sie ihre Zeit nicht in den beheizten Werkshallen verbringen, sondern in einem dunklen, kalten Loch. Zur Abschreckung der Deportierten hatte man es in der Mitte des Lagers in einem milden Sommer ausgehoben, um es im Winter nur mit einem Wellblech zu bedecken, wenn man einen ungehorsamen H�ftling in die zwei Meter tiefe Grube stie�. Dort hatte er dann Zeit, unter den Augen der t�glich vorbeistr�menden Mitgefangenen �ber seine Verfehlungen nachzudenken. Und als ob es einer Demonstration bedurft h�tte, wurde genau zu dem Zeitpunkt, als die Neuank�mmlinge �ber den Hof zu ihren bescheidenen Unterk�nften gescheucht wurden, eine Leiche, steif gefroren wie ein Brett, aus dem Loch gezogen. Im Vorbeigehen konnte Leonard sehen, wie Kissanka einen unterdr�ckten Schrei hervorpresste, als ihr Blick auf den Toten fiel. Den jungen Mann, kaum �lter als zwanzig, mit kahl geschorenem Kopf und bis auf die Knochen abgemagert, hatte man nur mit d�nner H�ftlingskleidung versehen in seinem Gef�ngnis regelrecht verenden lassen. Vermutlich hatte er nicht allzu lange in diesem Loch zubringen m�ssen. Bei Temperaturen von unter minus f�nfzig Grad reichte wahrscheinlich eine einzige Nacht, um zu erfrieren.</style></p><p><style name="font7">�Was machen die blo� mit uns?� Pjotr war die Panik anzusehen, die ihm schon seit l�ngerem zu schaffen machte.</style></p><p><style name="font7">�Rei� dich zusammen, du Memme!� Aslan versetzte Pjotr einen derben Sto� in die Rippen, bevor sie im G�nsemarsch eine der vielen Baracken erreichten.</style></p><p><style name="font7">Leonard erlaubte sich einen Blick in die Umgebung. Die Lagerlampen wurden offenbar nicht mit Gas, sondern mit Elektrizit�t betrieben. Und auch sonst wirkten die Bauten und deren Versorgung ungew�hnlich fortschrittlich. Oberirdische Elektrizit�tsleitungen, wohin man auch sehen konnte. Saubere, gepflasterte Wege, die alle zu jener riesigen Halle f�hrten, die ihn bereits bei der Anfahrt beeindruckt hatte.</style></p><p><style name="font7">Kissanka f�hrte man zusammen mit den anderen Frauen in einen abgeschlossenen Trakt, der nochmals von einem hohen Zaun umgeben war. Leonard hatte ihr einen letzten, mutmachenden Blick zu-werfen k�nnen und hoffte inst�ndig, dass man den Jungen bei ihr lie� und ihn nicht in ein M�nnerhaus zu ihrem unberechenbaren Vater steckte.</style></p><p><style name="font7">Wassiljoff und die �brigen Gefangenen hatte man ebenfalls in eine weiter entfernte Baracke gef�hrt. Selbst die Kosaken mitsamt ihren Pferden waren l�ngst in einem Verschlag verschwunden, gerade so, als h�tte sie die eisig glitzernde Umgebung regelrecht aufgesaugt.</style></p><p><style name="font7">Eine unheimliche Stille durchflutete das weite n�chtliche Tal, nur unterbrochen von einem stetigen Rauschen, das aus dem TurbinenKraftwerk gut dreihundert Meter entfernt zu ihnen drang.</style></p><p><style name="font7">Im Lichtkegel eines Laternenmastes blieben sie vor einem d�steren Flachbau stehen, bis einer der vier begleitenden Soldaten unter seinem Fellmantel nach einem gro�en Schl�sselbund fingerte. Mit einem quietschenden Ger�usch �ffnete er schlie�lich eine vergitterte T�r.</style></p><p><style name="font7">Pjotr zitterte am ganzen Leib - nicht wegen der K�lte, sondern weil er sich f�rchtete.</style></p><p><style name="font7">Leonard legte ihm eine Hand auf die Schulter, um ihn zu beruhigen.</style></p><p><style name="font7">Aslan, dem der Beistand des deutschen Leidensgenossen nicht entgangen war, grinste Pjotr herablassend an. �Warum auch immer - sie sind hier auf dich angewiesen, Angsthase�, fl�sterte er. �Nicht nur mein Instinkt sagt mir, dass dies kein normales Lager ist. Und wenn du tust, was sie von dir verlangen, wird dir niemand ein H�rchen kr�mmen, und man wird dich schon gar nicht in dieses grausige Loch stecken.�</style></p><p><style name="font7">Leonard hob eine Braue und sah Aslan fragend an, doch der hatte sich l�ngst aufgemacht und war noch vor Subbota, der ihnen selbst hier nicht von der Seite wich, in einem sp�rlich beleuchteten Gang verschwunden.</style></p><p><style name="font7">�Auf, meine Herren!�, pl�rrte Subbota ungehalten, als er bemerkte, wie Leonard und Pjotr z�gerten. �Oder wollt ihr hier drau�en erfrieren?�</style></p><p><style name="font7">Im Innern der Baracke brannte ein ged�mpftes Licht. Der Raum, in dem sie allesamt untergebracht wurden, war nicht so gro�. Es roch nach schmutziger Kleidung und nach feuchten W�nden. Und doch hatte die bescheidene Behausung einen un�bersehbaren Vorteil. Keine ellenlangen Bettenreihen, in denen unz�hlige Gefangene ihre zweifelhafte Ruhe finden sollten, sondern lediglich f�nf Schlafpl�tze, die auf vielleicht drei�ig Quadratmeter verteilt waren. Alles in allem spartanisch und doch funktional. In einer Ecke stand ein eiserner Ofen, in dem ein heimeliges Feuer knisterte. Nicht weit davon entfernt gab es sogar eine Kommode und eine Waschsch�ssel mit einem Krug. Dazu einen Samowar und ein Sammelsurium von Emaillebechern, Tellern und Besteck.</style></p><p><style name="font7">Eine huschende Bewegung fesselte die Aufmerksamkeit der Neuank�mmlinge. Ein �lterer Mann mit einem silbergrauen Bart, der ihm bis zur Brust reichte, erhob sich von seinem Bett und ging ihnen mit ausgestreckter Hand entgegen. Hinter seiner Nickelbrille, die ihm fast bis zum Ende seiner langen Nase gerutscht war, l�chelte er freundlich. Seine Lagerkleidung erschien viel zu weit, und �ber die Brillengl�ser hinweg suchte er den Blick seiner neuen Mitbewohner.</style></p><p><style name="font7">�Isaak Weinberg�, sagte er und streckte Leonard die Hand entgegen. �Willkommen im &gt;Tal ohne Wiederkehr&lt;.�</style></p><p><style name="font7">Subbota und sein uniformierter Begleiter be�ugten den kleinen gebeugten Mann mit misstrauischer Miene. Der Alte jedoch, dessen langer Bart nicht nur bei Leonard den Eindruck erweckte, man habe es mit einem biblischen Propheten zu tun, schien die abweisende Art des Offiziers nicht zu k�mmern. In aller Ruhe blickte er dem Offizier und den Wachsoldaten ebenso erwartungsvoll ins Gesicht wie den drei jungen Gefangenen.</style></p><p><style name="font7">�Das ist Professor Weinberg. Er ist Jude und Naturwissenschaftler�, stellte Subbota unmissverst�ndlich klar und blickte in die Runde. �Ich will, dass ihr ihn anst�ndig behandelt. Ihr werdet zusammen mit ihm hier wohnen. Er wird euch unter seine Fittiche nehmen und euch sagen, was zu tun ist. Au�erdem schreibt er die w�chentlichen Berichte an den Kommandeur, um den Gang und die Fortschritte eurer Arbeit zu belegen. Sollten irgendwelche Klagen kommen, wisst ihr, was mit euch geschieht.�</style></p><p><style name="font7">�Wie bitte?� Aslan hatte sich langsam zu Subbota umgedreht und sah ihn mit ver�rgerter Miene an. �Ich soll mich einem Juden unterordnen. Ja, sogar mit ihm in einer H�tte wohnen? Sind hier alle �bergeschnappt? Das kommt �berhaupt nicht in Frage! Meine Mutter pflegte immer zu sagen, Juden h�tten keinen Respekt vor dem Propheten, und au�erdem h�tten sie Jesus Christus auf den Gewissen.� Er zuckte mit den Schultern. �Man kann ihnen einfach nicht trauen.�</style></p><p><style name="font7">Subbota sah seinen renitenten Sch�tzling mit zusammengekniffenen Lidern an, bevor er ihn am Kragen des Mantels packte. �Kondra-shov�, zischte er. �Du hast hier weder Forderungen zu stellen, noch darfst du W�nsche �u�ern. Anscheinend geht es nicht in deinen Sch�del hinein, dass das Schicksal deiner verdammten Sippe allein von deinem Verhalten abh�ngig ist. Wenn du nicht gehorchst, werden wir jeden Einzelnen von ihnen aufkn�pfen und dir ihre Leichen als Geschenk �berbringen.� Subbotas Griff wurde noch ein wenig fester, w�hrend er dem erstaunlich ruhig gebliebenen Aslan in die kleinen dunklen Augen starrte. �Haben wir uns verstanden?�</style></p><p><style name="font7">�Jawohl, Herr Leutnant�, fl�sterte Aslan, wobei er es vermied, Sub-botas Blick zu begegnen.</style></p><p><style name="font7">Widerwillig lie� sich Aslan auf einem der Betten nieder, nachdem Subbota mit einem kurzen milit�rischen Abschied das Zimmer verlassen und sein Begleiter die T�r von au�en ger�uschvoll verschlossen hatte.</style></p><p><style name="font7">Weinberg blieb unbeeindruckt von der hasserf�llten Bekundung des schwarz gelockten Turkmenen. Mit einem schr�gen Blick sah er ihn an. �Wenn du willst, gebe ich dir eine handgekn�pfte Matte, die du f�r deine t�glichen Gebete nutzen kannst. Du betest doch f�nfmal am Tag, oder liege ich da falsch?�</style></p><p><style name="font7">�Ja�, knurrte Aslan. Ihm war anzusehen, dass Weinberg ihn �berrascht hatte.</style></p><p><style name="font7">�Nun gut�, sagte Weinberg leise. �Dann zieht euch mal die M�ntel aus.� Mit einer eleganten Drehung wandte er sich dem Bollerofen zu und setzte einen Wasserkessel auf die einzige Herdplatte des Ofens. Bevor er einen Essl�ffel Schwarztee und mehrere Teel�ffel braunen Zucker hinzuf�gte, stellte er vier Becher auf einen Tisch und einen Teller mit trockenem Brot hinzu. �Ein Zugest�ndnis der Lagerleitung�, stellte er unmissverst�ndlich klar. �F�r gute Leistungen.�</style></p><p><style name="font7">Leonard hatte sich auf ein Bett direkt neben dem Alten gesetzt. Er hatte nichts gegen Juden. Schlie�lich hatte er im Haus eines Juden gewohnt, auch wenn dieser ihm immer recht m�rrisch erschienen war.</style></p><p><style name="font7">Doch das war gewiss keine Frage des Glaubens gewesen, sondern war eher den schwierigen Umst�nden zuzuschreiben, in denen Eisenstein als Witwer und ohne Kinder auf seine alten Tage gelebt hatte. Jetzt war er tot und im Jenseits, falls es denn ein Jenseits gab, und wenn er besonders viel Gl�ck gehabt hatte, war er dort mit seiner geliebten Jenny vereint, die - wie er in melancholischen Augenblicken erkl�rt hatte - viel zu fr�h von ihm gegangen war.</style></p><p><style name="font7">Dankbar nahm Leonard den dampfenden Becher entgegen, der ihm von Weinberg gereicht wurde. Jeder Mensch hat ein Schicksal, hatte seine Gro�mutter immer gesagt, und damit meinte sie wohl, dass selten im Leben alles glatt verlief, selbst bei den Leuten, bei denen man es annehmen durfte. Weinberg geh�rte zu solchen Leuten. Immerhin war er Professor. Was mochte ihn in diese H�lle gef�hrt haben?</style></p><p><style name="font7">�Warum sind wir hier?�, fragte Leonard voller Anspannung. Er trank einen Schluck Tee, um seine Frage beil�ufig klingen zu lassen.</style></p><p><style name="font7">Weinberg, der inzwischen alle mit Tee versorgt hatte, setzte sich ihm gegen�ber und sah ihn mit funkelnden �uglein an. �Was wirft man euch vor?�, fragte er, statt zu antworten.</style></p><p><style name="font7">Der Reihe nach erz�hlten Leonard und Pjotr ihre Leidensgeschichte, meist leise und z�gernd, als ob sie es immer noch nicht glauben wollten. Nur Aslan verweigerte sich und tat, als sei er eingeschlafen.</style></p><p><style name="font7">Weinberg nickte, als sie ihre Erz�hlung beendet hatten. �Es ist immer wieder das gleiche Procedere, nur dass der Geheimdienst des Zaren diesmal besonders gr�ndlich vorgegangen ist.� Sein Blick wanderte von einem zum anderen. �Man hat euch in eine Falle gelockt. Ist euch das klar?�</style></p><p><style name="font7">�Warum?� Leonard sah den Alten noch verwirrter an als Pjotr, der augenscheinlich noch viel weniger verstand.</style></p><p><style name="font7">�Sie gucken sich die f�higsten K�pfe aus, und dann l�sst man sich etwas einfallen, damit sie das grausame Spiel, das dann folgt, mitspielen.�</style></p><p><style name="font7">�Was redest du da f�r einen Schwachsinn, Alter!� Der vermeintlich schlafende Aslan hatte sich abrupt aufgesetzt. �Ich habe nichts getan, wof�r man mich strafen k�nnte. Meinem Bruder haben sie vorgeworfen, mit den Bolschewiki kollaboriert zu haben. Am n�chsten Tag stand die Ochrana vor der T�r und hat unsere gesamte Sippe verhaftet.�</style></p><p><style name="font7">�Und du denkst, das war Zufall?�</style></p><p><style name="font7">�Willst du damit sagen, es ist meine Schuld, dass das passiert ist?�</style></p><p><style name="font7">Aslan sch�ttelte unwillig den Kopf.</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht haben sie bei der Durchsicht der Akten festgestellt, dass es jemanden in der Familie gibt, den sie f�r ihre Zwecke gebrauchen k�nnen? Vielleicht aber hat man deinen Bruder absichtlich in eine Falle gelockt und ihn zu dem angestiftet, was er getan hat.� Weinberg schaute Aslan herausfordernd an.</style></p><p><style name="font7">Leonard sp�rte die Unruhe, die in ihm aufflackerte. �Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass man mich absichtlich verhaften wollte. Der Bruder des M�dchens, mit dem ich zusammen war, geh�rt seit kurzem zu den meistgesuchten Terroristen von ganz Russland. Er wird daf�r verantwortlich gemacht, dass die friedliche Demonstration, zu der Pater Gapon am 9. Januar aufgerufen hat, in einem Blutbad endete. Glaubst du ernsthaft, die h�tten uns nicht schon viel fr�her geschnappt, wenn auch nur ein leiser Verdacht bestanden h�tte, dass er etwas im Schilde f�hrt und wir wom�glich dazu geh�ren?�</style></p><p><style name="font7">�Du verstehst es nicht�, erwiderte Weinberg mit ruhiger Stimme. �Sie hatten es auf dich abgesehen und haben nur auf einen g�nstigen Augenblick gewartet. Das M�dchen war gekauft. Selbst Pater Gapon geh�rt zur Ochrana, das wei� doch jeder, der einigerma�en Verstand im Kopf hat. Denkst du ernsthaft, der Aufstand von Sankt Petersburg hatte etwas mit heiligen Schw�ren und Gerechtigkeit zu tun? Gro�f�rst Wladimir Alexandrowitsch steckt dahinter, er und unser Kriegsminister, Alexei Nikolajewitsch Kuropatkin. Die beiden haben den Aufstand anzetteln lassen, um dem Zaren zu beweisen, dass das Land einer noch st�rkeren milit�rischen Hand bedarf. Der Gro�f�rst ist die graue Eminenz hinter dem Zaren. Von Anfang an hat er die heimliche Herrschaft �ber seinen naiven Neffen und dessen unbescholtene Gattin gef�hrt. Er will das Zarenreich zu einem der m�chtigsten Milit�rdiktaturen der Welt erheben, und wer wei�, vielleicht will er eines Tages seine eigenen Nachkommen an dessen Spitze sehen.�</style></p><p><style name="font7">Leonard sp�rte Wut in sich aufsteigen, doch nicht wegen Gro�f�rst Wladimir Alexandrowitsch und dem Kriegsminister, beide waren ihm ziemlich egal. Weinbergs �u�erungen lie�en ihn schier aus der Haut fahren. �Jekatherina ist keine Verr�terin. Sie w�re beinahe gestorben, drau�en auf dem Exekutionshof, mit mir zusammen!� �Warum w�re sie gestorben?�, erwiderte Weinberg leise. �Doch nur, weil sie dich von Anfang an belogen hat. Oder wusstest du etwa, was sie und ihr Bruder vorhatten? Dann w�rest du n�mlich zu recht hier!�</style></p><p><style name="font7">�Nein.� Leonards Stimme war heiser, und er schaute Weinberg nicht an.</style></p><p><style name="font7">�Siehst du, mein Junge, das ist es doch, was ich meine. Du kannst niemandem vertrauen, selbst wenn du dir absolut sicher bist.�</style></p><p><style name="font7">�Und warum hat man sich all die M�he gegeben und uns ausgerechnet hierher verschleppt?� Pjotr, der die ganze Unterhaltung mit wirren Blicken verfolgt hatte, hoffte anscheinend endlich eine Antwort zu erhalten, die er verstehen konnte.</style></p><p><style name="font7">Weinberg stie� einen tiefen Seufzer aus und regelte die Gaslampe herunter. �Schlaft jetzt�, sagte er. �Und qu�lt mich nicht weiter. Morgen fr�h ist noch Zeit genug, um euch in die Machenschaften des Satans und seiner Gehilfen einzuweihen.�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">12.</style></p><p><style name="font7">Juni 2008, Tunguska - Totenklage</style></p></title><p><style name="font7">Am n�chsten Morgen f�hlte sich Viktoria stark genug, um aufzustehen. Der Oberarzt des Hospitals, Doktor Buckow, ein �lterer, korpulenter Mann mit grauem Haar und einem vertrauensw�rdigen L�cheln, entfernte die Kan�le aus ihrem Handr�cken und versicherte ihr, dass sie keine inneren Verletzungen davongetragen hatte. Die Prellungen an Armen und Beinen w�rden rasch verheilen. Allerdings habe man bei einer routinem��igen Blutuntersuchung R�ckst�nde von Drogen in ihrem K�rper gefunden.</style></p><p><style name="font7">�Drogen?� Viktorias Blick verriet Erstaunen und Unsicherheit.</style></p><p><style name="font7">Buckow wirkte ein wenig verlegen. �Nehmen Sie vielleicht ab und an Ecstasy, oder haben Sie Erfahrung mit psychedelischen Substanzen?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria sah ihn entgeistert an. �Wie soll ich das verstehen?�</style></p><p><style name="font7">�So wie ich es sage�, fuhr er unger�hrt fort. �Nehmen Sie Drogen?�</style></p><p><style name="font7">�Nein!� Der Ton des Entsetzens spiegelte sich in Viktorias Miene.</style></p><p><style name="font7">�Dann muss ich eine andere Frage stellen.� Buckow l�chelte undurchsichtig. �Hatten Sie in letzter Zeit Kontakt zu Einheimischen?�</style></p><p><style name="font7">Der Chef der �rtlichen Krankenstation stand in seinem nicht mehr ganz wei�en Kittel vor ihrem Bett und schaute sie an, als w�re er ein Vater, der seine Tochter beim Kiffen erwischt hatte.</style></p><p><style name="font7">�Was meinen Sie mit Einheimischen?�</style></p><p><style name="font7">�Ewenken oder tungusische Ureinwohner. Man erkennt sie am asiatischen Einschlag. Manchmal bereiten ihre Schamanen spezielle Tees und Medikamente zu, die neben einer heilenden auch durchaus eine psychedelische Wirkung entfalten k�nnen. Mittlerweile gibt es auch jede Menge Russen und Europ�er, die es schick finden, sich ihrer traditionellen Medizin zu bedienen.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria hielt dem Blick des Arztes stand und schwieg. Nichts erschien ihr im Augenblick unpassender, als von diesem Fremden zu berichten, der durchaus ewenkischer Abstammung sein konnte und ihr ihrer Erinnerung nach einen Tee eingefl��t hatte. Es reichte vollkommen, dass sie den Fehler begangen hatte, Doktor Parlowa in dieser Angelegenheit ins Vertrauen zu ziehen.</style></p><p><style name="font7">�Nun gut.� Buckow hob eine Braue. �Dann bleiben wir uns also gegenseitig eine Erkl�rung schuldig. Was mich angeht, so sind Sie gesund und k�nnen die Krankenstation verlassen.�</style></p><p><style name="font7">Gegen zw�lf Uhr mittags rief Viktoria im Camp an und verk�ndete ihre Entlassung. Mit einer leichten Verwunderung nahm Doktor Parlowa am anderen Ende via Satellitentelefon zur Kenntnis, dass es offenbar ein Drogenproblem gab, von dem weder Viktoria noch sie selbst etwas geahnt hatten.</style></p><p><style name="font7">�H�ngen Sie es bitte nicht an die gro�e Glocke�, bat Viktoria. �Diese Frage m�chte ich selbst kl�ren, wenn wir endlich den omin�sen Fremden finden, der mich gerettet hat.�</style></p><p><style name="font7">Statt eines Helikopters, der sie abholen sollte, erschien Sven Theisen mit einem Gel�ndewagen der Firma TAIMURO. Theisen umarmte sie �berschw�nglich, als sie ihn in ihrem Krankenzimmer in Empfang nahm. Viktoria lie� es zu, dass er sie eine Weile an sich gedr�ckt hielt. Seine Freude �ber ihre Rettung beeindruckte sie, obwohl sie sich denken konnte, dass er ein schlechtes Gewissen hatte. Kolja befand sich in seiner Begleitung. Er hatte ihr ein paar undefinierbare S��igkeiten aus Adnans Laden mitgebracht, die die Flut �berstanden hatten.</style></p><p><style name="font7">Bereitwillig erl�uterte Theisen die neuesten Entwicklungen im Lager.</style></p><p><style name="font7">�Der See ist ab sofort gesperrt�, erkl�rte er s�uerlich. �Angeblich ist er zu gef�hrlich. Rodius ist der Ansicht, dass es besser w�re, wenn du von hier aus die R�ckreise nach Deutschland antreten w�rdest. Am Nachmittag wird ein Helikopter in der Stadt zwischenlanden, mit dem du nach Krasnojarsk fliegen kannst. Zudem ist Bashtiris Interesse an einer deutschen Forschungsbeteiligung rapide gesunken, nachdem man diese zwei mysteri�sen Leichen geborgen hat.�</style></p><p><style name="font7">�Leichen? Welche Leichen?� Viktoria sah ihre Besucher verst�ndnislos an. �Noch mehr tungusische Selbstschussanlagen?�</style></p><p><style name="font7">Theisen unterrichtete sie �ber die seltsamen Moorleichen, die nach der Flut an die Oberfl�che gesp�lt worden waren.</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht ist meine Theorie mit den Aliens doch nicht so verkehrt�, bemerkte er mit einem Zwinkern. �Dumm nur, dass Bashtiri uns den Zugang zu weiteren Untersuchungen verwehrt. Weder Ro-dius noch Olguth durften ein Auge auf die Leichen werfen. Gestern Nachmittag ist ein Helikopter mit einem Anthoprologen aus Irkutsk eingetroffen. Angeblich ein Wissenschaftler von GazCom. Au�er Doktor Parlowa, dem Wissenschaftler und Bashtiris Sicherheitsberater darf niemand den Vorratsschuppen betreten.�</style></p><p><style name="font7">�Interessant.� Viktoria schenkte ihrem Kollegen einen sp�ttischen Blick. �Denkst du ernsthaft, ich w�rde mich so einfach ausbooten lassen? Bevor ich nicht wei�, was hier l�uft und wem ich mein Leben zu verdanken habe, werde ich nirgendwo hinreisen - schon gar nicht nach Deutschland.�</style></p><p><style name="font7">Theisen begr��te ihre Meinung, und auch Kolja gratulierte Viktoria zu diesem Entschluss. Einzig die Frage, wer ihr Lebensretter gewesen war, schien die beiden nicht sonderlich zu interessieren.</style></p><p><style name="font7">�Was ist mit dieser merkw�rdigen Stange, die du unter Wasser entdeckt hast? Hat man mittlerweile herausfinden k�nnen, was es war?�</style></p><p><style name="font7">Sven Theisen rang sich ein bitteres L�cheln ab. �Wie denn, wenn niemand mehr abtauchen darf? Am liebsten w�re mir, ich h�tte dieses Teil nie entdeckt. Es ist allein meine Schuld, dass wir in diese vertrackte Lage gekommen sind. Vitaly ist gestorben, und dich h�tte es auch beinahe erwischt.�</style></p><p><style name="font7">�Red keinen Unsinn. Was sagen Rodius oder Olguth dazu? Haben die beiden eine Ahnung, was es gewesen sein k�nnte?�</style></p><p><style name="font7">�Still ruht der Cheko - im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn Bash-tiri uns nicht mehr am Grund des Sees forschen l�sst, werden wir es wohl nie erfahren.�</style></p><p><style name="font7">�Also gut. Dann werden wir andere Wege gehen m�ssen, um es herauszufinden.� Viktoria l�chelte. �Bevor ihr mich zur�ck zum Camp bringt, muss ich noch duschen.�</style></p><p><style name="font7">Wie selbstverst�ndlich beauftragte sie die beiden M�nner, im Supermarkt am Ort, der eher einem Tante-Emma-Laden glich, Kekse und Saft einzukaufen. Als die M�nner gegangen waren, legte sie im unbe-heizten Bad der Krankenstation ihren geliehenen Morgenmantel ab und stolzierte auf Zehenspitzen unter die lauwarme Dusche. Ein Luxus, weil es im Camp nur kaltes Wasser gab. Doktor Parlowa hatte ihr am Tag zuvor einiges an Kleidung aus ihrem Rucksack mitgebracht, der die gro�e Flut an einem Wandhaken unbeschadet �berstanden hatte.</style></p><p><style name="font7">Einigerma�en zufrieden rubbelte sie ihr Haar trocken und schl�pfte danach in ein olivgr�nes Trekking-Outfit. Ein paar B�rstenstriche unter einem uralten F�n mussten reichen, um ihre halblange M�hne zu b�ndigen.</style></p><p><style name="font7">Ins Krankenzimmer zur�ckgekehrt, packte Viktoria ihre Tasche zusammen, als sich mit einem Mal die Zimmert�r �ffnete. Zuerst dachte sie, ihre beiden Kollegen seien zur�ckgekehrt, doch es war ein Fremder, der eine Art milit�rischer Uniform trug und dessen grobe Gesichtsz�ge ihr alles andere als sympathisch erschienen.</style></p><p><style name="font7">�Sind Sie Viktoria Vanderberg?� Der Mann sprach in gebrochenem Deutsch.</style></p><p><style name="font7">Viktoria antwortete ihm auf Russisch - ein wenig unterk�hlt und mit sp�ttischem Blick.</style></p><p><style name="font7">�Darf ich fragen, wer Sie sind und was Sie ohne Aufforderung in meinem Krankenzimmer zu suchen haben?�</style></p><p><style name="font7">�Mein Name ist Andrej Lebenov�, sagte er mit einem unechten L�cheln, das einen blinkenden Goldzahn zum Vorschein brachte.</style></p><p><style name="font7">�Ich geh�re zur Sicherheitsabteilung des Unternehmens GazCom. Die Sonderregion Ewenkien f�llt in meine Zust�ndigkeit.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria betrachtete ihn beil�ufig. Bullig, mit breiten Schultern und einem Stiernacken, streckte er ihr herausfordernd seine flache, von einer wulstigen Narbe gezeichnete Stirn entgegen. Sein eckiger Brustkasten hob und senkte sich unter der viel zu engen Uniformjacke und drohte bei jedem weiteren Atemzug die silbernen Kn�pfe abzusprengen.</style></p><p><style name="font7">�Hat Bashtiri Sie beauftragt, mich aufzusuchen?� Bevor er antworten konnte, beschloss Viktoria, sich aufs Bett zu setzen, weil ihr immer noch ein wenig schwindelig war.</style></p><p><style name="font7">�Sagen wir, er hat unsere Sicherheitsabteilung um Hilfe gebeten, was die Aufkl�rung des Unfalls betrifft und noch ein paar andere Ungereimtheiten, die damit verbunden sind. Unter anderem Ihre Entf�hrung.�</style></p><p><style name="font7">�Es war keine Entf�hrung�, erwiderte Viktoria. �Irgendjemand hat mich gerettet. Ich w�rde dem Unbekannten gerne danken, wenn ich w�sste, um wen es sich handelt.�</style></p><p><style name="font7">�Einer unserer Suchtrupps hat Ihren Taucheranzug gefunden�, fuhr Lebenov unger�hrt fort, dabei hob er eine seiner buschigen Brauen und schaute sie an, als ob er von ihr eine Erkl�rung erwartete. �Einen Kilometer nordwestlich vom See, am Ufer des Kimchu.� Er verschr�nkte die Arme und nahm eine abwartende Haltung ein.</style></p><p><style name="font7">Viktoria entschied sich, ihrerseits Fragen zu stellen. �Und haben Sie auch meinen Badeanzug gefunden? Ich vermisse ihn.�</style></p><p><style name="font7">�Ich dachte,</style> Sie<style name="font7"> k�nnten mir etwas dazu sagen�, antwortete Lebe-nov mit einer Miene der Entt�uschung. Er nahm sich einen Stuhl und setzte sich so darauf, dass er seine H�nde auf der R�ckenlehne abst�tzen konnte. Dabei folgte sein lauernder Blick jeder ihrer Bewegungen.</style></p><p><style name="font7">Viktoria beschlich das Gef�hl, sich in einem Verh�r zu befinden. �Ich f�rchte, ich kann Ihnen nicht helfen. Ich wei� nur, dass der Mann, der mich offensichtlich gerettet hat, einen festen Platz in meinem Herzen behalten wird.�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe da eine Idee, wie wir Ihren Herzensmann in ein lebendiges Wesen verwandeln k�nnten �, erkl�rte Lebenov und taxierte ungeniert ihre Figur. �Doktor Parlowa hat mir von ihrer - wenn auch sp�rlichen - Personenbeschreibung berichtet. Soweit ich es beurteilen kann, m�sste es sich um einen Einheimischen handeln, dem Sie Ihr Leben zu verdanken haben. Ihre Beschreibung passt eher auf einen ewenkischen Stammesangeh�rigen als auf einen Russen. Wenn Sie einverstanden sind, begleiten Sie mich zum Stammes�ltesten von Vana-vara. Vielleicht kann er uns sagen, um wen es sich handeln k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria nickte z�gernd. Im Grunde genommen war es eine gute Idee. Weitaus lieber w�re sie allerdings ohne Lebenov zu diesem Stammes�ltesten gefahren. Doch der Sicherheitschef w�rde den Mann ohnehin aufsuchen, und wenn sie ihn begleitete, konnte sie einen gewissen Einfluss auf seine Fragen nehmen.</style></p><p><style name="font7">Kolja stand drau�en vor der T�r und wartete auf Theisen, der noch einmal zum Laden zur�ckgegangen war, weil er etwas vergessen hatte. Offenbar kannte der rothaarige Touristenf�hrer Viktorias ungeliebten neuen Besch�tzer. Er begr��te Lebenov jedoch eher beil�ufig und z�ndete sich eine Zigarette an.</style></p><p><style name="font7">Es hatte endlich zu regnen aufgeh�rt, doch der Himmel war noch immer grau und spiegelte sich trostlos in den vielen Pf�tzen auf der Stra�e.</style></p><p><style name="font7">Viktoria trug ihre wasserdichten Springerstiefel und einen dunkelblauen Windbreaker. Die Kapuze hatte sie tief ins Gesicht gezogen. Le-benov gab ihr zu verstehen, dass sie ihm zu seinem Wagen folgen sollte.</style></p><p><style name="font7">�Es w�re nicht schlecht, wenn Sie auch mitkommen!� Lebenov blickte Kolja mit fordernder Miene an.�Sie kennen sich in der Gegend aus, habe ich geh�rt.� Der junge Russe zuckte mit den Schultern und warf seine Zigarette auf den Boden, wo sie mit einem Zischen erlosch.</style></p><p><style name="font7">Viktoria versp�rte Erleichterung, weil sie Lebenov nicht alleine begleiten musste. Sie warf Kolja einen verschw�rerischen Blick zu. Le-benov musste nicht wissen, dass sie den Russen mochte und ihm weit mehr vertraute als dem GazCom-Mann und dessen Leuten. Kolja steckte rasch einen Zettel an den Gel�ndewagen, damit Theisen Bescheid wusste, wenn er zur�ckkam und auf sie warten w�rde.</style></p><p><style name="font7">Zuvorkommend und mit einem falschen L�cheln hielt Lebenov Viktoria die Wagent�r auf. Auf den T�ren und auf der Motorhaube des rustikalen UAZ prangte ein gro�es G mit einer dreiz�ngigen Flamme - das Emblem von GazCom.</style></p><p><style name="font7">Kolja rutschte neben ihr auf den R�cksitz und empfahl ihr nachdr�cklich, sich anzuschnallen. Die Stra�en hier hatten �berall riesige Schlagl�cher, da w�rden auch die Fahrk�nste von Lebenovs Chauffeur, einem schm�chtigen Kirgisen, nichts helfen. Kolja, der sich tats�chlich auszukennen schien, gab dem uniformierten Fahrer Anweisungen, wo es lang ging.</style></p><p><style name="font7">Dass die Kompetenzen Lebenovs der Macht der �rtlichen Polizei gleichzusetzen waren oder diese gar �bertrafen, erkannte Viktoria an dessen selbstbewusstem Auftreten und der Art, wie er seinen Fahrer �ber einen holperigen Weg in das drei Kilometer entfernte Jurtendorf dirigierte und zu h�herem Tempo antrieb.</style></p><p><style name="font7">Umgeben von riesigen Tannen waren neun kleinere und gr��ere H�tten aus Lehm, Holz und Fellen von den heimischen Bewohnern wie ein sch�tzendes Fort errichtet worden. Spielende Kinder wichen kreischend zur Seite, und ein paar erschrockene H�hner flogen auf, als der Gel�ndewagen sich einen Weg zur Mitte des Dorfes bahnte. Etliche magere Hunde schlichen umher und n�herten sich schnuppernd den Neuank�mmlingen. Lebenov verscheuchte sie mit Fu�tritten, nachdem er ausgestiegen war. Einige Tiere knurrten angriffslustig, w�hrend die �ngstlichen unter ihnen die Ruten zwischen die Hinterl�ufe einklemmten.</style></p><p><style name="font7">Kolja warf Viktoria einen abwehrenden Blick zu, als sie ihn fragend ansah. Zu gern h�tte sie gewusst, was sie von einer solchen Aktion zu halten hatte, doch der junge Russe wollte sich wohl in Lebenovs Gegenwart nicht den Mund verbrennen.</style></p><p><style name="font7">Mit einem Zeichen gab Lebenov zu verstehen, dass sie aussteigen und ihm folgen sollten. Die reglosen Gesichter der umherstehenden Dorfbewohner, die nach und nach mit furchtsamer Neugierde aus ihren H�usern hervortraten, n�hrten in Viktoria den Verdacht, dass irgendeine Art Vergeltungsaktion bevorstand. Auf dem Weg hatten Le-benov und sein Fahrer vom Tod jenes Mannes gesprochen, der in die tungusische Selbstschussanlage geraten war, von der Theisen ihr erz�hlt hatte. Hoffentlich machte Lebenov nicht zu viel Wind um die Sache. Den Gedanken, dass ihr Retter irgendetwas damit zu tun haben konnte, verdr�ngte sie.</style></p><p><style name="font7">Lebenov rief einen schlaksigen jungen Kerl zu sich heran, der allem Anschein nach nicht nach den alten Traditionen lebte. Seine viel zu weite Jeans entsprach westlicher Mode. Au�erdem fehlte ihm eine weitere traditionelle Eigenart der Tungusen: der Respekt vor dem Alter. Er allein hatte den Mut besessen, Lebenov ohne Begr��ung direkt in die Augen zu schauen.</style></p><p><style name="font7">�He, Bursche?�, fragte Lebenov barsch und ging auf den Jungen zu. �Wo finde ich hier den Dorf�ltesten?�</style></p><p><style name="font7">Der Junge wich instinktiv zur�ck. �Dort�, antwortete er verhalten und deutete auf eine Jurte am Ende des Dorfes, die halb versteckt im Wald lag.</style></p><p><style name="font7">Die meisten Ewenken, wie Viktoria von Kolja wusste, waren mittlerweile moderne Menschen. Nur wenige bevorzugten noch die traditionelle Behausung der alten tungusischen Steppenbev�lkerung.</style></p><p><style name="font7">�Der Eingang einer Jurte ist immer nach Osten gerichtet�, erkl�rte Kolja ihr leise. �Wenn der traditionelle Tunguse am Morgen hinaustritt, verneigt er sich vor der aufgehenden Sonne.�</style></p><p><style name="font7">Lebenov beachtete den Jungen nicht mehr, sondern wies Kolja und Viktoria an, ihm zu folgen. Mit milit�risch anmutenden Schritten strebte er auf den fellverhangenen Eingang zu, der tats�chlich nach Osten zeigte. Ohne anzuklopfen und ohne ein Wort der Erkl�rung, bahnte er sich den Weg ins Innere.</style></p><p><style name="font7">Viktoria und Kolja n�herten sich z�gernd dem Eingang, in dem Le-benov so pl�tzlich verschwunden war. Sein Fahrer war am Wagen stehen geblieben und hatte sich mit einem linkischen Rundumblick eine Zigarette angez�ndet. Wahrscheinlich hatte sein Chef genug Feinde, dass man jederzeit mit einem Angriff rechnen musste.</style></p><p><style name="font7">Eine grauhaarige alte Frau, die �ber ihrer traditionell bunten Kleidung eine moderne Kittelsch�rze trug, fuhr von ihrem steinernen Herd herum, als sie eintraten. F�r einen Moment hatte Viktoria den Eindruck, als wolle die Alte vor Lebenov fliehen. Doch dann wandte sie sich dem unangek�ndigten Besuch zu und lie� ihren Kochl�ffel sinken, wie eine Waffe, die sie einer Kapitulation gleich zu Boden richtete. Ihre hellen Augen leuchteten aufgeregt aus einem wettergegerbten Gesicht, dessen unz�hlige F�ltchen sich zu einem harmonischen Netz vereinten.</style></p><p><style name="font7">�Guten Morgen, M�tterchen�, erkl�rte Lebenov zur Begr��ung. Sein Blick schweifte selbstgef�llig durch die einfache Behausung. Wie ein Feudalherr stand er dort und scannte die wenigen, seltsamen Habseligkeiten der Hausbesitzer.</style></p><p><style name="font7">�Wie kann ich Ihnen helfen?�, erwiderte die Frau, die ihren Schreck offenbar noch nicht �berwunden hatte.</style></p><p><style name="font7">Lebenov z�ckte mit einer gewichtigen Geste seinen Konzernausweis. �Mein Name ist Andrej Semjonowitsch Lebenov. Ich bin Sicherheits-beauftragter von GazCom. Ich will den Stammes�ltesten sprechen.� Le-benov stemmte seine F�uste in die H�ften. �Ist er nicht da?�</style></p><p><style name="font7">�Mein Mann ist in den W�ldern unterwegs�, antwortete die alte Frau ausweichend, w�hrend ihre wachen Augen nerv�s umherhuschten, als erwarte sie noch jemand anderen. �Wenn Sie mir sagen, was er f�r Sie tun und wo er Sie erreichen kann, werde ich es ihm ausrichten, und er meldet sich sp�ter bei Ihnen.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria bem�hte sich, ihre Neugierde zu unterdr�cken. Nur aus den Augenwinkeln registrierte sie die ungewohnte Umgebung. Es gab vier kleine Fenster, die neben einem Rauchabzug an der Decke ein wenig Helligkeit ins Halbdunkel brachten. In einem offenen Kamin prasselte ein Feuer. Es roch nach Holzkohle, Tierfellen und gebackenem Brot. Dazu lag ein Geruch von Kr�utern in der Luft. �berall hingen getrocknete B�schel mit Blumen und Bl�ttern von der Holzbalkendecke herab, und etliche Teppiche schm�ckten die W�nde. Ein monstr�ses Sofa mit einer bunt bestickten Decke beherrschte den einzigen Raum, der Wohnzimmer, K�che und Schlafzimmer �berraschend harmonisch in sich vereinte. Auch auf dem Boden lagen �berall Teppiche. Beil�ufig registrierte Viktoria die Schlammspuren, die Le-benovs Stiefel auf dem Teppich hinterlassen hatten, und stellte sich dabei die Frage, wie man eine solche Behausung ohne Strom und flie�endes Wasser sauber hielt. �Wir suchen einen eurer Stammesangeh�rigen�, erkl�rte Lebenov k�hl. Pl�tzlich blickte er zu Viktoria hin. �Diese junge Frau hier ist eine Deutsche. Sie hatte einen Tauchunfall, oben im Chekosee. Sie war bewusstlos, und es sieht ganz danach aus, als w�re sie anschlie�end von einem Ewenken entf�hrt worden. Sie kann sich an kaum etwas erinnern, nur an einen Mann, der ihr vor Tagen hier in der Stadt begegnet ist und ihrem Entf�hrer �hnlich sieht. Nachdem der Mann sie geborgen hatte, hat er ihr etwas eingefl��t. Danach hat er sich ihr k�rperlich gen�hert, vielleicht hat er sie auch vergewaltigt. Sie war zu benommen, um es genau zu beschreiben.�</style></p><p><style name="font7">Verdammt, dachte Viktoria. Doktor Parlowa hatte ihr Versprechen, zu schweigen, nicht gehalten.</style></p><p><style name="font7">Der alten Frau war das Unbehagen anzusehen, das sie empfand.</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht, M�tterchen�, fuhr Lebenov respektlos fort, �kannst du uns helfen, den Mann zu finden. Soweit ich wei�, leben in Vanavara nur rund 300 Ureinwohner. Du kennst doch sicher all jene jungen Kerle, die hier herumlaufen und denen eine Frau fehlt, die ihnen das Bett w�rmt. Oder etwa nicht?�</style></p><p><style name="font7">�Was reden Sie da?�, widersprach Viktoria heftig. �Der Mann hat mich nicht entf�hrt.� Die Taktlosigkeit ihres Begleiters trieb ihr die R�te ins Gesicht - nicht aus Scham, sondern aus Wut. �Und schon gar nicht vergewaltigt!� Ver�rgert trat sie vor Lebenov, als wollte sie die alte Frau vor weiteren Unversch�mtheiten sch�tzen. �Wer immer es war - ich habe diesem Mann zu verdanken, dass ich noch lebe und nicht ertrunken bin.�</style></p><p><style name="font7">Lebenov gab sich unbeeindruckt. �Ich glaube nicht, dass Sie das beurteilen k�nnen. Immerhin wissen Sie noch nicht einmal genau, wie er ausgesehen hat. Und was tut ein Mann, der eine bewusstlose Frau zwei Tage bei sich beh�lt, statt sie in ein Krankenhaus oder zum Arzt zu bringen?� Lebenov schien das verwirrte Mienenspiel beider Frauen zu genie�en.</style></p><p><style name="font7">Kolja, der aus reiner H�flichkeit an der T�r stehen geblieben war, sah Viktoria mitf�hlend an.</style></p><p><style name="font7">Von oben herab betrachtete Lebenov die Alte mit jenem pr�fenden Blick, der Menschen schon verurteilt, bevor sie zu einer Verteidigung ansetzen k�nnen. �Wei�t du, wer hier f�r das Aufstellen der Fallen verantwortlich ist?�</style></p><p><style name="font7">�Das macht jeder einzelne Stamm unter sich selbst aus�, antwortete sie abwehrend. �Wir haben das Recht, das ganze Jahr �ber nach alter Tradition f�r unseren eigenen Bedarf zu jagen.�</style></p><p><style name="font7">�Einer meiner M�nner ist oben am Chekosee durch eine tungusische Selbstschusswaffe get�tet worden�, erkl�rte Lebenov d�ster. �Wir werden eine offizielle Untersuchung einleiten m�ssen.�</style></p><p><style name="font7">�Wir haben damit nichts zu tun�, erwiderte sie leise. �Das Land hinter dem Cheko geh�rt nicht zu unserem Jagdrevier, und die St�mme m�ssen sich untereinander keine Rechenschaft ablegen, wo und wie sie ihre Fallen aufstellen. �</style></p><p><style name="font7">�Und was ist, wenn es einen von euch trifft?�</style></p><p><style name="font7">�Unsere M�nner sind wachsam genug. Sie kennen die Jagdgewohnheiten ihrer Br�der. Hier ist noch nie etwas geschehen.� Lebenov wechselte unerwartet das Thema, indem er Viktoria aufforderte, den jungen Mann zu beschreiben, den sie gesehen zu haben glaubte.</style></p><p><style name="font7">Sie schluckte nerv�s. Die sch�nen, asiatisch anmutenden Augen des Mannes w�rde sie niemals vergessen. Den Rest konnte sie nur vage beschreiben. Schweigsam h�rte die alte Frau ihren stockenden Ausf�hrungen zu. Pl�tzlich fiel Viktorias Blick auf ein Foto, das in einem silbernen Rahmen auf einer Kommode stand und einen etwa f�nfzehnj�hrigen Jungen mit pechschwarzen, halblangen Haaren zeigte, der sich mit einem strahlenden L�cheln �ber einen riesigen, frisch gefangenen Fisch zu freuen schien.</style></p><p><style name="font7">Neben dem Foto standen eine dicke Kerze auf einem silbernen Fu� und ein massives Standkreuz christlich-orthodoxer Pr�gung. Ein k�nstlicher Strau� aus ehemals bunten Nelken, �ber die Jahre pastellig geworden, in einer braunen Vase komplettierte das Stillleben.</style></p><p><style name="font7">Die alte Frau war mit den Augen Viktorias Blick gefolgt. Nun musste sie offenbar nachdenken, um zu einer Antwort zu finden.</style></p><p><style name="font7">Lebenovs Brauen zogen sich missmutig zusammen, und ein muffiges Brummen entwich seiner Kehle.</style></p><p><style name="font7">Viktoria bef�rchtete, sich nicht klar genug ausgedr�ckt zu haben, schlie�lich war ihr Russisch zwar gut, aber l�ngst nicht perfekt. Mit zwei Schritten war sie bei dem Foto angelangt.</style></p><p><style name="font7">�Er sah ein bisschen so aus wie der Junge hier.� Sie bem�hte sich um ein unbek�mmertes L�cheln, w�hrend sie auf das leicht vergilbte Schwarz-Wei�-Foto zeigte. Insgeheim hoffte sie, dass es sich um den Gesuchten handelte. Sein Lachen auf dem Bild war so befreiend und gl�cklich, dass ihr ganz warm ums Herz wurde.</style></p><p><style name="font7">Lebenov richtete seine Aufmerksamkeit ebenfalls auf das Bild und nahm den Rahmen in die Hand. Interessiert betrachtete er das Gesicht des Jungen, ganz so, als ob es sich um einen alten Bekannten handeln w�rde.</style></p><p><style name="font7">�Ist das euer Sohn?�, fragte er und blickte zu der Alten hin.</style></p><p><style name="font7">Die Frau sch�ttelte energisch den Kopf. �Es zeigt unseren einzigen Enkel�, fl�sterte sie.</style></p><p><style name="font7">�Wo ist er jetzt?� Lebenovs Frage kam so schneidend wie in einem Verh�r.</style></p><p><style name="font7">�Er ist tot�, antwortete die Frau mit zitternder Stimme. Stolz hob sie den Kopf. �Im Herbst 2001 ist er in Tschetschenien gefallen - f�r unseren Pr�sidenten und zur Rettung der Russischen F�deration.�</style></p><p><style name="font7">Lebenov verengte seine Augen zu Schlitzen. �Wie war noch sein Name?�, fragte er bedeutungsvoll.</style></p><p><style name="font7">�Leonid Borisowitsch Aldanov�, antwortete die Frau kaum h�rbar. �Im Fr�hjahr 2002 hat er posthum die Heldenmedaille unseres Pr�sidenten erhalten.�</style></p><p><style name="font7">So langsam, wie sie sich gesetzt hatte, richtete sie sich nun auf und strich sich die Sch�rze glatt. Kaum einen Meter f�nfzig gro�, das graue Haar im Nacken zu einem dicken, h�ftlangen Zopf geflochten, strahlte sie eine beachtliche W�rde aus, als sie vor Lebenov trat und ihn von unten herauf anblickte, wie ein Kind, das seinem strengen Vater trotzt.</style></p><p><style name="font7">�Es tut mir leid�, sagte sie tonlos. �Ich f�rchte, ich kann Ihnen nicht helfen. Ich kenne niemanden, auf den diese Beschreibung zutreffen k�nnte. Aber es steht Ihnen nat�rlich frei, zur�ckzukehren und meinen Mann zu befragen.�</style></p><p><style name="font7">Lebenov zog eine Visitenkarte mit dem Emblem von GazCom aus seiner Brusttasche. Mit einem verst�rten Blick nahm die alte Frau die Karte entgegen und steckte sie achtlos in ihre Kitteltasche.</style></p><p><style name="font7">�Sag deinem Mann, er soll sich umgehend bei mir melden, sobald er zur�ck ist�, erkl�rte Lebenov.</style></p><p><style name="font7">Theisen stand am Eingangsportal des Hospitals, als Lebenovs Fahrer den UAZ mit laufendem Motor parkte.</style></p><p><style name="font7">�Ich fahre nicht mit Ihnen zum Camp�, erkl�rte Viktoria, nachdem Lebenov ihr das Angebot gemacht hatte, sie mitzunehmen.</style></p><p><style name="font7">�Doktor Theisen und Kolja sind extra gekommen, um mich abzuholen�, f�gte sie hinzu.</style></p><p><style name="font7">Es hatte erneut zu regnen begonnen. Sven Theisen machte ein verwundertes Gesicht, als Viktoria zusammen mit Kolja den Wagen verlie�. Er hatte sich �ber die Nachricht von Kolja gewundert und sich gefragt, wo die beiden solange geblieben waren. Lebenov nickte ihm mit einem milit�rischen Gru� zu, und dann setzte sein kirgisischer Chauffeur zur�ck und raste so schnell davon, dass der Schlamm von der Stra�e aufspritzte.</style></p><p><style name="font7">Theisen bedachte Kolja mit einem ebenso erstaunten Blick wie Viktoria, die sich angesichts des st�rker werdenden Regens unter das Vordach zur�ckgezogen hatte.</style></p><p><style name="font7">�War das nicht unser neuer Sicherheitschef? Der Typ hat's aber eilig�, bemerkte Theisen erstaunt. Auf seinem Arm trug er eine durchweichte Papiert�te, die allem Anschein nach seine Eink�ufe enthielt. �Was wollte er hier?� Sein Blick glitt von Viktoria zu Kolja, der seine Aufmerksamkeit immer noch auf die unasphaltierte Stra�e richtete und auf den Wagen, der in der Ferne am Horizont verschwand.</style></p><p><style name="font7">�Was ist Lebenov f�r ein Kerl?� Viktoria wollte genau wissen, was f�r einen seltsamen Vogel ihr Bashtiri an die Seite gestellt hatte. �Geh�rt er zu Bashtiris Mafia?� Sie sah Kolja mit einem herausfordernden sp�ttischen Blick an. �Du kannst ruhig sprechen, er ist weg! Oder hast du Angst vor ihm?�</style></p><p><style name="font7">Kolja fingerte nerv�s an seiner Hosentasche herum, bis er gefunden hatte, was er suchte, und z�ndete sich kurz darauf eine Zigarette an. Bevor er antwortete, nahm er einen tiefen Zug. �Er geh�rt zu jener Sorte von Kerlen, vor denen man durchaus Angst haben sollte�, erwiderte er mit einem nerv�sen Grinsen. �Lebenov war Angeh�riger des Russischen Inlandsgeheimdienstes. FSB, falls euch das etwas sagt. Er war als Soldat zusammen mit Bashtiri in Tschetschenien. Wobei Bash-tiri dort nur seine gesch�ftlichen Interessen vertreten hat.�</style></p><p><style name="font7">Sven Theisens Augen weiteten sich. �Was hat denn der russische Inlandsgeheimdienst mit unseren Forschungen zu tun?�</style></p><p><style name="font7">�Lebenov ist nicht mehr beim FSB. Es hat da irgendeinen Zwischenfall gegeben, �ber den niemand zu sprechen wagt. Man hat ihn quasi strafversetzt. Allerdings verdient er als verantwortlicher Sektionschef f�r die Sicherheit bei GazCom erheblich mehr als zu Milit�rzeiten, und seine Kompetenzen sind kaum geringer geworden.�</style></p><p><style name="font7">�Und was hat er mit Viktoria zu schaffen?�, wollte Theisen wissen.</style></p><p><style name="font7">�Ich wei� es nicht�, sagte Kolja ausweichend, �Ich nehme an, Bashtiri hat ihn gebeten, wegen Viktorias geheimnisvollem Verschwinden die Ermittlungen aufzunehmen. Der GazCom-Konzern will und kann es sich nicht leisten, �ber ein solches Ereignis hinwegzusehen. Und dann ist da noch die Sache mit dem tungusischen Selbstschusskatapult. Man wittert hinter s�mtlichen Ungereimtheiten einen terroristi-schen Anschlag. Leute wie Lebenov beziehen unter anderem ihre Daseinsberechtigung daraus, sich f�r alles und jeden zu interessieren. Solche Typen sind wie Blutsauger. Wenn sie sich einmal festgebissen haben, fallen sie nicht eher ab, bis sie satt sind.�</style></p><p><style name="font7">�Ich m�chte, dass du mich zur�ck zu dem Jurtendorf f�hrst�, sagte Viktoria und bedachte Kolja mit einem bittenden Blick. �Sven kann dir die Wagenschl�ssel geben.�</style></p><p><style name="font7">�Warum das?� Kolja sah sie verst�ndnislos an und warf seinen Zigarettenstummel zu Boden.</style></p><p>�Wo<style name="font7"> willst du hin?� Sven war nicht weniger erstaunt.</style></p><p><style name="font7">�Lebenov war mit uns in einem Ewenken-Dorf, etwa drei Kilometer entfernt. Ich m�chte mich noch mal mit der alten Frau unterhalten, die er dort angesprochen hat - ohne Lebenov. Der Begriff Blutsauger passt perfekt zu ihm. In dieser Jurte hatte ich die ganze Zeit das Gef�hl, als w�rde mir eine Zecke im Nacken sitzen. Und die Frau machte mir auch nicht den Eindruck, als ob sie Lebenov ins Vertrauen ziehen wollte. Ich habe da so ein Gef�hl, es k�nnte wichtig sein, mit ihr unter vier Augen zu reden.� Viktoria machte eine wegwerfende Bewegung. �Au�erdem m�chte ich mich bei der alten Dame f�r Lebenovs Verhalten entschuldigen. Ich fand es unm�glich, wie er sie behandelt hat.�</style></p><p><style name="font7">�Wie kam er �berhaupt darauf, mit dir dorthin zu fahren?� Sven sah Viktoria verst�ndnislos an.</style></p><p><style name="font7">�Lebenov wollte eigentlich den Dorf�ltesten befragen, ob er den Mann kennt, der mich gerettet hat. Aber wir haben nur dessen Frau angetroffen.�</style></p><p><style name="font7">�Sag blo�, Bashtiri wei�, wer dich zum Camp gebracht hat?�</style></p><p><style name="font7">�Wenn er es w�sste, h�tte er bestimmt nicht Lebenov geschickt�, erwiderte Viktoria. �Eher dessen Armee, die f�r die Festnahme des Mannes sorgt.�</style></p><p><style name="font7">Mit einem Murren verzog Sven Theisen sich auf den R�cksitz des Range Rovers, w�hrend er das Steuer Kolja �berlie�. Viktoria setzte sich auf den Beifahrersitz. Erneut wurden sie bei jedem Schlagloch kr�ftig durchgesch�ttelt. Nach qu�lenden zehn Minuten erreichten sie das Jurtendorf.</style></p><p><style name="font7">Mit einem seltsamen Herzklopfen eilte Viktoria zur Jurte der alten Frau, w�hrend die M�nner im Wagen warteten - nicht nur weil Viktoria sie darum gebeten hatte, sondern auch, weil es wie aus Eimern sch�ttete und der Dorfplatz im Matsch versank.</style></p><p><style name="font7">Anstatt einfach einzutreten, zog Viktoria vorsichtig die beiden Rentierfelle beiseite und machte sich mit einem R�uspern bemerkbar. Im Innern erhob sich ein un�berh�rbares Stimmengewirr. Sofort zog Viktoria sich ein wenig zur�ck. Ein Mann und eine Frau zeterten lautstark in einer Sprache, die sie nicht verstehen konnte. Wahrscheinlich sprachen sie Tungusisch.</style></p><p><style name="font7">F�r einen Moment �berlegte sie, ob sie zum Wagen zur�ckgehen sollte, bis der Streit beendet war, doch pl�tzlich wurde der Vorhang beiseite geschoben und ein junger, kr�ftiger Kerl st�rmte hinaus. Beinahe w�re sie mit ihm zusammengesto�en. Er blieb f�r einen Augenblick vor ihr stehen und schaute irritiert auf sie herab. Ihre Blicke trafen sich. Die Energie in den grauen Augen des Fremden durchfuhr Viktorias K�rper wie ein sengender Blitz. Ihr Herz schlug so heftig, dass ihr schwindelig wurde und sie sich einen Moment lang an der Jurte festhalten musste.</style></p><p><style name="font7">Bevor sie sich jedoch dar�ber klar wurde, was da geschah, war der Mann schon im Dickicht hinter dem Haus verschwunden. Ein wolfs�hnlicher Hund folgte ihm. Statt ihm hinterherzulaufen, blieb Viktoria stehen - stocksteif, als w�re sie erstarrt.</style></p><p><style name="font7">Im Haus war es pl�tzlich still.</style></p><p><style name="font7">�Hallo?� Viktorias Stimme klang zaghaft, w�hrend sie erneut den Vorhang beiseite schob. Vorsichtig steckte sie den Kopf hindurch.</style></p><p><style name="font7">Vera Leonardowna sa� wie verloren auf dem monstr�sen Sofa und hielt das Gesicht unter ihren H�nden verborgen, w�hrend ihre Schultern zuckten. Sie weinte.</style></p><p><style name="font7">Als sie Viktoria bemerkte, wischte sie sich hastig die Tr�nen mit ihrem �rmel ab und schn�uzte sich mit einem rot-wei� karierten Taschentuch, das sie aus ihrer Kittelsch�rze gezogen hatte. F�r einen Moment wirkte sie v�llig verst�rt.</style></p><p><style name="font7">�Entschuldigung�, sagte Viktoria auf Russisch. Ihre Stimme klang zaghaft. Sie versp�rte noch immer die Aufregung in ihrem Innern.</style></p><p><style name="font7">Ohne Aufforderung zog sie die v�llig verdreckten Schuhe aus und stellte sie an die Eingangst�r. Der Mann ging ihr nicht aus dem Kopf. Ob er hier wohnte? Aber warum hatte die Frau dann geschwiegen? Es war der Kerl, den sie auf dem Sportplatz getroffen hatte, und er war es auch gewesen, der ihr den Tee eingefl��t hatte. Aber vielleicht gab es einen guten Grund f�r die Alte zu schweigen, einen Grund, der in der Person Lebenovs lag - oder in der Person des Mannes, der ihr soeben an der T�r begegnet war.</style></p><p><style name="font7">�Ich wollte mich bei Ihnen entschuldigen.� Viktoria trat einen Schritt auf die Frau zu und war versucht, sie zu umarmen, weil sie ihr Mitleid erregte. �Ich habe mit Andrej Lebenov nichts zu schaffen.� Auf Str�mpfen machte sie eine Geste der Abbitte. �Ich bin Wissenschaftlerin. Aus Deutschland.�</style></p><p><style name="font7">Die Frau schaute auf ihre F��e, die in bunt geringelten Socken steckten. Dann wanderte ihr Blick zu ihr hoch. Mit einem leisen Seufzer stand sie auf und ging an Viktoria vorbei zum gemauerten Herd.</style></p><p><style name="font7">�M�chten Sie einen Tee?�</style></p><p><style name="font7">Erleichtert wandte sich Viktoria zu ihr um. �Wenn es Ihnen keine Umst�nde bereitet.�</style></p><p><style name="font7">�Dann setzen Sie sich.� Bed�chtig ging die Frau zu einem riesigen Samowar und stellte ein Glas samt Unterteller unter den messingfar-benen Kran.</style></p><p><style name="font7">Einen Augenblick sp�ter hielt Viktoria ein Glas Schwarztee in der Hand, der ein feines Aroma verstr�mte und genau die richtige Temperatur besa�. Sie nippte an dem Tee und fragte sich, wie sie anfangen sollte.</style></p><p><style name="font7">�H�ren Sie�, begann sie leise. �Dass Ihr Enkel tot ist, tut mir aufrichtig leid.� Sie war versucht, noch weiterzugehen und �ber den Mann zu sprechen, der soeben das Haus verlassen hatte. Doch die Alte kam ihr zuvor.</style></p><p><style name="font7">�Denken Sie nicht weiter dar�ber nach. Leute wie Sie k�nnen ja nichts daf�r, dass unser Land im Chaos versinkt und die Menschen das Menschsein vergessen.�</style></p><p><style name="font7">�Ich wei� nicht, ob Sie mich verstehen k�nnen�, setzte Viktoria erneut an. �Es gibt da jemandem, dem ich mein Leben verdanke, und obwohl er schon �lter ist als der Junge auf dem Bild, sieht er Ihrem Enkel recht �hnlich. Ich w�rde mich sehr freuen, wenn ich ihn treffen und ihm danken k�nnte. Vielleicht ist er mit Ihnen verwandt, und Sie wissen, wo ich ihn finden kann? Ich verspreche Ihnen, weder Lebenov noch Bash-tiri werden etwas davon erfahren.�</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich glitt der Vorhang beiseite, und ein Mann trat herein. Zuerst hatte Viktoria gehofft, es sei der Fremde von eben, doch obwohl der Mann eine �hnliche Kleidung trug, war er viel kleiner und �lter. Sein st�rrisches, silbriges Haar b�ndigte er mit einer bunten M�tze, sein Gang war gebeugt.</style></p><p><style name="font7">�Das ist mein Mann�, sagte die alte Frau leise. �Makar Charitono-witsch Schirov. Er ist unser Stammesf�hrer. Und ich bin Vera Leonar-dowa Schirova.�</style></p><p><style name="font7">Der Alte kam n�her und sah Viktoria pr�fend ins Gesicht, ganz so, als ob er bis zu ihrer Seele vordringen wollte. Auch er hatte �hnlichkeit mit ihrem Retter. Er hatte die gleichen schr�g stehenden Augen und eine ganz leicht nach unten gebogene Nase.</style></p><p><style name="font7">�Viktoria Vanderberg.� Ihre Stimme zitterte ein wenig. �Ich bin hier, um herauszufinden, wem ich mein Leben verdanke.� Sie wollte aufstehen, um ihm die Hand zu reichen, doch er bedeutete ihr mit einer Geste, sitzen zu bleiben.</style></p><p><style name="font7">�Wenn Sie uns etwas Gutes tun wollen, vergessen Sie diesen Mann!� Die Miene des Alten blieb v�llig neutral. �Er weilt nicht mehr unter uns, sondern ist vielmehr ein guter Geist, der manchmal an den Ort seiner Herkunft zur�ckkehrt, um Menschen wie Ihnen aus Not und Elend zu helfen.�</style></p><p><style name="font7">�Ein Geist?�, wiederholte Viktoria ungl�ubig. �Ich glaube nicht an Geister.� Sie stellte die Untertasse auf einem Beistelltischchen ab. �An Ihrer Stelle w�rde ich lieber an Geister glauben�, erwiderte der Mann und lie� sich neben ihr auf dem Sofa nieder. Wie selbstverst�ndlich nahm er Viktorias Hand in seine, die sich k�hl und trocken anf�hlten.</style></p><p><style name="font7">�Ich habe geh�rt, dass Sie drau�en am Chekosee arbeiten, Kindchen�, sagte er. �Es ist verfluchtes Land. Das sollten Sie wissen. Man kann dort seine Seele verlieren. Das Ungl�ck, von dem mir meine Frau erz�hlt hat, sollte Ihnen eine Warnung sein. Kehren Sie in ihre Heimat zur�ck und vergessen Sie, was Sie hier zu suchen gedachten.� Ganz sacht legte er seine wettergegerbte Hand auf Viktorias Schulter und sah ihr beschw�rend in die Augen. �Glauben Sie mir, niemand, der dort geforscht hat, hat je sein Gl�ck gefunden, geschweige denn, das wahre Geheimnis von Tunguska entdeckt.�</style></p><p><style name="font7">�Es gibt dort kein Geheimnis�, erwiderte Viktoria. Beinahe belei-digt, schob sie sich eine Str�hne aus dem Gesicht und r�ckte ein St�ck von dem Mann ab. Wie um sich eine Komplizin zu sichern, wandte sie sich seiner Frau zu, die den Ausf�hrungen des Alten gleichfalls gebannt gefolgt war. �Wir hoffen den Beweis erbringen zu k�nnen, dass es ein Meteor war, der vor genau einhundert Jahren an der Stelle eingeschlagen ist, wo sich heute der Chekosee befindet. Damit werden wir allen Spekulationen ein Ende setzen.�</style></p><p><style name="font7">�Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf?� Die Alte sah sie durchdringend an. �Glauben Sie nicht nur an das, was Sie sehen, und halten Sie sich von solchen Leuten wie Bashtiri und Lebenov fern.� Ihre Miene verd�sterte sich, als sie aufstand und Viktorias fragendes Gesicht betrachtete. �Erz�hlen Sie Ihnen nicht, dass ich das gesagt habe. Es k�nnte zu unserer aller Nachteil sein.� Dann ging sie zur Kommode und nahm das Bild ihres Enkels in die Hand. Ihr Blick war warm und wehm�tig, doch als sie aufschaute, spiegelte sich noch etwas anderes darin: ein seltsames Gl�hen, das auf Viktoria unheimlich und angsteinfl��end wirkte. Vielleicht war es Hass. Sie konnte es nur ahnen, als die alte Frau abermals ihre Stimme erhob. Leise und mit einem harten Zug um den Mund starrte sie ins Nichts.</style></p><p><style name="font7">�Menschen wie Sergej Bashtiri haben unseren Leonid auf dem Gewissen. Es sind keine ehrbaren M�nner.� Ihre Stimme war nur noch ein heiseres Fl�stern. Dann hob sie ihre Brauen und schaute Viktoria funkelnd an. �Es sind rei�ende W�lfe ...�</style></p><p><style name="font7">Ihr Blick fiel auf den Alten, der immer noch neben Viktoria auf dem Sofa sa� und die ganze Zeit �ber ihre Hand hielt. �Mein Mann k�nnte es ihnen best�tigen.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria beschloss, dass es Zeit wurde zu gehen. Sie wollte die Alten nicht weiter bel�stigen. Vielleicht hatten die beiden �ber den Tod ihres einzigen Enkels den Verstand verloren. Und nun kam eine dahergelaufene Deutsche und w�hlte in ihrer schmerzlichen Vergangenheit. Au�erdem war Viktoria sicher, dass sie mit ihrem Forscherdrang die Identit�t dieses Mannes selbst herausfinden w�rde. Daf�r w�rde sie weder dessen vermeintliche Gro�eltern noch Lebenov und Bashtiri brauchen. Mit einem schwachen H�ndedruck und einem kaum h�rbaren �Doswidan'ja� verabschiedete sie sich.</style></p><p><style name="font7">F�r einen Moment glaubte sie, der alte Mann wolle ihr noch etwas mit auf den Weg geben. Doch dann sch�ttelte er leise den Kopf und schwieg, w�hrend er Viktoria beobachtete, wie sie ihre Stiefel zuschn�rte und hinausging.</style></p><p><style name="font7">�Habt ihr den Typen gesehen, der mich beinahe umgerannt hat, als ich in die Jurte gehen wollte?� Fragend schaute sie von Sven zu Kolja, als sie zum Wagen zur�ckgekehrt war.</style></p><p><style name="font7">�Nein�, sagte Sven und sch�ttelte den Kopf.</style></p><p><style name="font7">�Welchen Typ?� Kolja schaute sie fragend an. �Meinst du den Alten, der nach dir in die H�tte gegangen ist?�</style></p><p><style name="font7">�Vergiss es!� Sie seufzte resigniert.</style></p><p><style name="font7">Mit fatalistischer Miene kletterte sie in den Rover und zog den Gurt fest. Theisen, der nun auf dem Beifahrersitz sa�, wandte sich zu ihr um und legte ihr seine Hand auf die Schulter.</style></p><p><style name="font7">�Was hat die Frau gesagt?�, fragte er. �Hast du etwas herausgefunden?�</style></p><p><style name="font7">�Nein.� Es war m��ig, das Gespr�ch vor den beiden zu wiederholen. �Wahrscheinlich war es nur eine fixe Idee, oder ich befinde mich immer noch auf einem Trip und merke es nicht.�</style></p><p><style name="font7">�Was soll das bedeuten?� Theisen sah sie �berrascht an.</style></p><p><style name="font7">�Vergiss es.�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">13.</style></p><p><style name="font7">Februar 1905, Sibirien - Pakt mit dem Teufel</style></p></title><p><style name="font7">Eine Druckluftsirene holte Leonard aus einem kurzen traumlosen Schlaf. F�r einen Moment hatte er tats�chlich geglaubt, im Haus des alten Eisenstein zu erwachen, als er die raue Stimme Isaak Weinbergs vernahm, der jeden Einzelnen von ihnen mit einem verschlafenen Sha-lom an der Schulter r�ttelte.</style></p><p><style name="font7">Bevor man sie zu einem kargen Fr�hst�ck in einen lang gezogenen Flachbau schickte, mussten etliche Formalit�ten erledigt werden. Anstaltskleidung war Vorschrift: eine Hose, ein Kittel, ein Satz Unterw�sche. Genug, um nicht entbl��t herumzulaufen, aber zu wenig, um nicht zu erfrieren, falls man so verr�ckt war, das Weite zu suchen.</style></p><p><style name="font7">Schweigend reihten sich die H�ftlinge in eine lange Schlange von Wartenden ein und nahmen sich einen Blechnapf und eine Tasse, bevor sie sich dem Ausschank zuwandten. Dort gab es einen schwarzen Tee und eine gut gef�llte Kelle mit Kascha - Buchweizengr�tze, s�� oder salzig. Der reinste Luxus, wie ein Mitgefangener hinter Leonard meinte. Er drehte sich fragend um. Der Mann setzte ein fatalistisches Grinsen auf.</style></p><p><style name="font7">�Frag mich! Ich wei�, wovon ich spreche. Bei der Armee gibt's die Pampe nur pur.�</style></p><p><style name="font7">Allein beim Anblick der Gr�tze drehte sich Leonard der Magen um. Aber was blieb ihm �brig? Hier gab es schnellere Arten zu sterben, als auf das Essen zu verzichten.</style></p><p><style name="font7">Er zuckte �berrascht zur�ck, als er das Gesicht des M�dchens erkannte, das ihm den dampfenden Tee in den Becher einschenkte. Es war Kissanka. Sie trug einen dunkelblauen Kittel, ein graues Kopftuch und sah v�llig ersch�pft aus. Hinter ihr keifte eine rundliche Vorarbeiterin, die ihr Anweisungen erteilte.</style></p><p><style name="font7">Errette mich, sagten die Augen des M�dchens, als sie zu Leonard aufblickte, doch mehr als ein kurzes, tr�stendes L�cheln brachte er nicht zustande.</style></p><p><style name="font7">Beim zweiten Klang der Sirene erschien Igor Lobow, der Kommandeur des Lagers, um seine besonderen Gefangenen am Eingang der Baracke pers�nlich in Empfang zu nehmen. Im Gleichschritt f�hrte der Offizier die drei Studenten und den Professor �ber den schneebedeckten, hart gefrorenen Boden zu einer riesigen Halle, die Leonard schon Tags zuvor aufgefallen war.</style></p><p><style name="font7">Das Innere des beeindruckenden Geb�udes, dessen H�he mindestens drei�ig Meter betrug, wurde von gigantischen h�lzernen Ger�sten und Rampen beherrscht, deren Funktion Leonard nicht genau einordnen konnte.</style></p><p><style name="font7">Pjotr kam ihm unvermittelt zur Hilfe. �Wenn mich nicht alles t�uscht, k�nnte man mit diesen Vorrichtungen spielend ein Luftschiff bauen�, sinnierte er fl�sternd. �Aluminium, in bester Qualit�t�, f�gte er staunend hinzu, w�hrend die Blicke aller auf die l�ngs gestapelten, matt gl�nzenden Platten fielen, die zahlreich und nach Gr��e sortiert in einem St�nderger�st lagerten.</style></p><p><style name="font7">Lobow lie� die Spekulationen seiner Neuzug�nge unkommentiert, ebenso wie Weinberg, der nur eine seiner wei�en buschigen Brauen hob.</style></p><p><style name="font7">�berall liefen Arbeiter zwischen den abenteuerlich wirkenden Aufbauten herum, und obwohl die Umgebung chaotisch wirkte, wusste anscheinend ein jeder von ihnen, was zu tun war.</style></p><p><style name="font7">Leonard war der Erste, der von der Halle durch eine T�r in eine angrenzende Baracke gef�hrt wurde. Darin befand sich ein improvisiertes B�ro, in dem Lobow hinter einem grob gezimmerten Schreibtisch Platz nahm. Bis auf Weinberg mussten die anderen drau�en warten, nachdem der Kommandant Leonard aufgefordert hatte, die T�r zu schlie�en.</style></p><p><style name="font7">�Wie gut kennen Sie sich mit elektrischen Fernsteuerungen aus?�, fragte Lobow.</style></p><p><style name="font7">Leonard war vollkommen �berrascht. Wusste man, dass ihm die M�glichkeiten und die Weiterentwicklung der Fernsteuerung seit seinem Aufenthalt in Amerika keine Ruhe mehr gelassen hatte? In Teslas Laboratorium hatte er Zeuge werden d�rfen, wie der geniale Meister der Elektrotechnik seinen gro�en Coup wiederholte, bei dem er 1898 auf der Weltausstellung in New York ein per Funkfeuer ferngesteuertes Schiffsmodell vorgef�hrt hatte. Leonard konnte sich noch gut daran erinnern, wie der schnauzb�rtige Kroate mit diebischer Freude das kleine Boot wie von Zauberhand in eine Gruppe von Enten gelenkt hatte, die er damit von einem Teich aufscheuchte.</style></p><p><style name="font7">�Teslas System ist in den USA patentiert�, stellte Leonard klar, ob-schon er ahnen konnte, dass dieser Umstand hier keine Rolle spielte.</style></p><p><style name="font7">�K�nnen Sie es nachbauen?� Lobow musterte ihn eindringlich.</style></p><p><style name="font7">�Ich denke schon�, erwiderte Leonard z�gernd. �Die Frage ist nur, f�r was Sie es gebrauchen wollen?�</style></p><p><style name="font7">�Wenn Ihnen gelingen sollte, dass wir damit ein Luftschiff ohne Besatzung steuern k�nnen, werden wir Ihre kleine Freundin von Tomsk hierher holen.�</style></p><p><style name="font7">Leonard traf es wie ein Schock. Wie sollte er das bewerkstelligen? Ein Modellboot war eine Sache, ein Luftschiff von mindestens einhundert Meter L�nge aber eine ganz andere. Die Aussicht, Katja wieder in seinen Armen zu halten, lie� ihn euphorisch werden. Er musste es schaffen, selbst wenn es einige Zeit dauern sollte.</style></p><p><style name="font7">�Ich wei� nicht�, sagte er ehrlich. �Es gibt vielleicht bessere L�sun-gen, als ein Luftschiff per Funk fernzusteuern. Sobald es sich au�er Reichweite der Funkanlage befindet, wird es wom�glich an einem Berg zerschellen. Bei einer Fernsteuerung ist man nicht nur auf solide Frequenzen angewiesen, sondern auch darauf, ob Tag oder Nacht herrscht, weil die Wellen je nachdem st�rker oder schw�cher von der Erdatmosph�re gespiegelt werden. Wenn Sie es ohne Personal navigieren wollen, sollten Sie eher eine automatische Steuerung ins Auge fassen. Haben Sie schon einmal dar�ber nachgedacht, das Schiff mit einem Automaten zu steuern, der sich nach einem eingebauten Kompass richtet?�</style></p><p><style name="font7">Leonards Bedenken interessierten Lobow offenbar nicht. �Um eine brauchbare L�sung zu entwickeln, hat man Ihnen das Leben geschenkt und Sie und Ihre Kameraden hierher gebracht. Denken Sie sich etwas aus, das uns zu einer unbemannten Mission verhelfen kann. Es liegt allein an Ihren F�higkeiten, ob Sie sich das Leben in diesem Lager angenehmer gestalten wollen, als es ohnehin schon ist.� In seiner Stimme lag eine geh�rige Portion Sarkasmus. �Gerade im Winter werden Sie gl�cklich sein, im Bett vom drallen Fleisch eines M�dchens gew�rmt zu werden. Noch besser, wenn es die Auserw�hlte ist.�</style></p><p><style name="font7">Leonard sp�rte Wut in sich aufsteigen. �Denken Sie tats�chlich, das allein reicht, um ein vorzeigbares Ergebnis zu garantieren? Ein Wissenschaftler ben�tigt weit mehr als einen Frauenhintern, um seine Arbeit anst�ndig ausf�hren zu k�nnen.�</style></p><p><style name="font7">�Es ist mir ganz gleich, wie Sie zu einem Ergebnis kommen. Sollten Sie es jedoch nicht schaffen, in ein paar Monaten Pl�ne f�r einen entsprechenden Mechanismus vorzulegen, wird das Urteil an Ihnen und Ihrer Freundin vollstreckt.�</style></p><p><style name="font7">Also nur ein paar Monate. Mehr Zeit blieb ihm nicht. Die Russen hatten es offenbar so eilig, dass sie notfalls �ber Leichen gingen.</style></p><p><style name="font7">Weinberg h�stelte verhalten, als er Leonard zur�ck in die Konstruktionshalle begleitete.</style></p><p><style name="font7">�Katja denkt, ich sei tot�, erkl�rte Leonard trotzig. �Was w�rde sie wohl sagen, wenn man sie hierher verlegt und sie mich sieht?�</style></p><p><style name="font7">�Und du denkst, die Russen holen sie tats�chlich hierher?� Die Stimme des Juden hatte einen sp�ttischen Unterton. Bevor Leonid etwas erwidern konnte, hatte Weinberg schon Pjotr am Arm gefasst und ihn in das B�ro des Obersten gezerrt.</style></p><p><style name="font7">Aslan sa� wartend auf einer Bank, als Leonard sich zu ihm gesellte. Hastig genehmigte der Turkmene sich eine Zigarette, die er von einem der Wachhabenden geschnorrt hatte. Er schien nerv�s, obwohl es augenscheinlich keinen Grund daf�r gab. Leonard setzte sich neben ihn und inhalierte unfreiwillig den Rauch. Katja erhob sich mit einem Mal so wirklich in seiner Erinnerung, als ob sie neben ihm st�nde.</style> Und du denkst, die Russen holen sie tats�chlich hierher?<style name="font7"> Diese Frage kreiste in seinem Kopf. Ja, was denn sonst? dachte er bitter. Lobow hatte es schlie�lich versprochen, wenn er tat, was man von ihm verlangte.</style></p><p><style name="font7">Mit einem Seufzer schaute er zu Aslan hin. �Was glaubst du: Was haben sie vor?�</style></p><p><style name="font7">Der Turkmene antwortete nicht sofort, sondern blies kleine Kringel in die Luft, einen nach dem anderen.</style></p><p><style name="font7">�Was wei� ich!�, stie� er nach einer Weile missmutig hervor und bedachte Leonard mit einem ungn�digen Blick. �Nichts Gutes - das kannst du dir doch denken.�</style></p><p><style name="font7">�Warum bist du hier? Was ist es, das du ihnen bieten kannst?� Leonard erhob sich von der Bank und baute sich anklagend vor Aslan auf. �Warum verr�tst du es nicht? Denkst du, du bist etwas Besseres als Pjotr und ich?�</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht�, antwortete Aslan und sah an ihm hoch. M�glicherweise wollte er absch�tzen, welche Chance er hatte, wenn der Deutsche ihn zu einem Faustkampf herausforderte. Seine schmalen Augen verwandelten sich in kleine Schlitze. �Ich bin gef�hrlicher als du und dein �ngstlicher Kamerad, Genosse Schenkendorff.� Er sog tief die Luft ein und spuckte Leonard neben die F��e. �Gef�hrlicher als ihr beide und all die anderen hier. Lass dir das gesagt sein! Und der Preis, den ich daf�r zu zahlen habe, ist h�her, als du es dir vorstellen kannst.�</style></p><p><style name="font7">Weinberg trat vor die T�r, Pjotr im Schlepptau, der reichlich verst�rt wirkte. �Der N�chste�, sagte er nur.</style></p><p><style name="font7">�Sie wollen, dass ich ihnen ein Luftschiff baue�, fl�sterte Pjotr so heiser, dass man ihn kaum verstehen konnte. Seufzend lie� er sich neben Leonard auf die h�lzerne Bank fallen. �Gr��er und stabiler, als man es je gesehen hat. Es soll komplett aus Aluminium bestehen. Sie wollen damit die Acht-Werst-Marke �bersteigen.�</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich konnte sich Leonard denken, warum sie eine automatische Steuerung ben�tigten.</style></p><p><style name="font7">�Sie sind verr�ckt�, fuhr Pjotr ungl�ubig fort. �Wer sollte es lenken? Jeder halbwegs vern�nftige Mensch wei� doch, dass die Luft da oben viel zu d�nn w�re und der Druck viel zu niedrig. Um das zu tun, m�sste man die Luftschifff�hrer in einer druckstabilen Kabine unterbringen und sie w�hrend des Fluges mit Sauerstoff versorgen.�</style></p><p><style name="font7">Leonard hob eine Braue. �Man will es mit einer automatischen Fernsteuerung lenken - ohne Besatzung.�</style></p><p><style name="font7">Pjotr pfiff leise durch die Z�hne. �Langsam schlie�t sich der Kreis. Aber das sagt uns noch immer nicht, was das Ganze f�r einen Nutzen bringen sollte.�</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht hat Aslan eine Antwort�, erwiderte Leonard. �Falls er eines Tages bereit ist zu plaudern.�</style></p><p><style name="font7">Die Miene des Turkmenen war noch d�sterer, als er mit Weinberg die Baracke des Kommandeurs verlie�.</style></p><p><style name="font7">�Sie werden von mir bekommen, was sie wollen�, murmelte er mit ver�chtlicher Miene. Dabei schaute er niemanden an. Es war, als ob er mit sich selbst redete. �Aber vielleicht wird es ihnen eines Tages noch leid tun�, f�gte er heiser hinzu und wechselte mit Weinberg einen seltsamen Blick.</style></p><p><style name="font7">Der Professor f�hrte sie schweigend durch die verschiedenen Abteilungen. Bevor sie mit ihrer Arbeit beginnen w�rden, sollten sie die einzelnen Arbeitsabl�ufe im Lager kennen lernen.</style></p><p><style name="font7">Weinberg zeigte ihnen die Schmiede. Gemeinsam betraten sie das gro�e ru�geschw�rzte Gem�uer, in dem der L�rm der H�mmer und Mei�el so arg war, dass nach einer Weile die Ohren schmerzten. Es war der einzige Raum, in dem es so warm war, dass man ins Schwitzen geriet. Die Feuer wurden von einem riesigen dampfbetriebenen Blasebalg am Leben erhalten.</style></p><p><style name="font7">�Hier wird das Werkzeug hergestellt�, bemerkte Weinberg mit lauter Stimme und deutete auf die vielen mit �l und Ru� verschmierten M�nner, die durchweg lederne Handschuhe und Sch�rzen trugen.</style></p><p><style name="font7">Leonards Blick fiel auf Ivan Ivanowitsch Wassiljoff, Kissankas Vater, der dabei war, einen Eisentr�ger zu vernieten. Seine Hammerschl�ge kamen rasch und heftig.</style></p><p><style name="font7">Wenig sp�ter verlie�en sie die Halle und gelangten �ber eine wei� gefrorene Trasse zu einem gigantischen Kraftwerk, das die Ausma�e einer Kathedrale besa�. Im Innern hatte man den Boden sorgf�ltig gekachelt und den Untergrund an gewissen Stellen mit Eisenplatten verst�rkt. Leonard geriet ins Staunen. Das Geb�ude erschien ihm beinahe futuristisch, so modern war es angelegt. Acht riesige dampfmaschinenbetriebene Drehstrom-Generatoren sorgten f�r eine Leistung von insgesamt 128 Megawatt. Leonard stellte sich die Frage, wof�r ein Gefangenenlager die Stromleistung einer Kleinstadt ben�tigte. Neben mehreren, mit Dampfmaschinen betriebenen Synchrongeneratoren sah man eine Reihe von mannshohen Drehzahlregulatoren mit einer verwirrenden Vielzahl an Gest�ngen und Kolben. Hier und dort liefen ein paar Lagerinsassen mit messingfarbenen �lk�nnchen umher und betr�ufelten Laufr�der und Scharniere. Es zischte, ratterte und summte, dass einem schier H�ren und Sehen verging.</style></p><p><style name="font7">�Luftgek�hlt�, erkl�rte Weinberg den Mechanismus zur W�rmedrosselung in den Magnetspulen. �In dieser Gegend kein Kunstst�ck�, bemerkte er l�chelnd mit einem Blick nach drau�en in die wei�blaue Eish�lle.</style></p><p><style name="font7">Erst als sich der Abend �ber das Lager senkte, kehrten sie in ihre Unterk�nfte zur�ck. Die Kammer, in der sie schliefen, war eiskalt. Weinberg befeuerte den kleinen Ofen mit Holzst�cken und Kohle, die er sich mit Lobows Erlaubnis aus der lagereigenen Meierei beschafft hatte. Das Abendessen nahmen sie gemeinsam in ihrer bescheidenen Behausung ein. Jeder H�ftling erhielt nur einmal am Tag ein warmes Essen in der Kantine. War er gehorsam, bekam er die �brigen Rationen an Brot, Tee und sonstigen Lebensmitteln, die ihm neben der Tagesverpflegung zur Verf�gung standen, sowie das n�tige Feuerholz. Doch wenn auch nur einer in der Gruppe nicht spurte, sa� die gesamte Mannschaft am Abend ohne Verpflegung vor einem kalten Ofen. Machte man seine Sache jedoch besonders gut, konnte die Lagerleitung auch eine Extraration verteilen.</style></p><p><style name="font7">Wortlos starrte Leonard in das flackernde Feuer. Aslan hatte sich l�ngst die Decke �ber den Kopf gezogen, nur Pjotr sa� noch da, vollst�ndig angezogen, und schaute ins Leere. Weinberg goss den dampfenden Tee in die Becher und gab sie an seine neuen Kameraden weiter.</style></p><p><style name="font7">�Sie wollen, dass wir ihnen eine neue Waffe bauen, um die Japaner zu besiegen.� Pjotr bedachte den Professor mit einem unsicheren Blick. �Habe ich recht?�</style></p><p><style name="font7">Weinberg sagte nichts, doch Leonard ergriff das Wort. In seiner Stimme lag ein Hauch von Ironie. �Wahrscheinlich soll sie gr��er und m�chtiger sein als alles, was die Welt bisher gesehen hat.�</style></p><p><style name="font7">�Eure Spekulationen sind nicht unbedingt falsch �, knurrte Weinberg so verhalten, als ob er Angst haben musste, dass sie belauscht w�rden. �Und es gibt einen entscheidenden Vorteil bei der Sache. Sobald wir dem Zaren und seinem Kriegsminister dazu verholfen haben, diese Welt zuverl�ssig in Schutt und Asche zu legen, wird nichts mehr existieren, wof�r es sich lohnt, uns gefangen zu halten.�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">14.</style></p><p><style name="font7">Juni</style><style name="font4"> 2008,</style><style name="font7"> Tunguska - Grosny</style></p></title><p><style name="font7">In Leonids Erinnerung hallten Maschinengewehrsalven durch ein Meer von zerbombten H�userfronten. �ber ihm flog ein Helikopter, dessen Suchscheinwerfer die aufragenden Ruinen absuchte. Wie ein Hase, der vor einer Meute von Hunden fl�chtet, rannte er durch die Bombentrichter und die t�ckischen Gr�ben, die sich unvermittelt entlang der zerst�rten Stra�en auftaten. Atemlos lauerte er hinter einem Mauervorsprung. Nie zuvor hatte er sich dringlicher gew�nscht, auf der Stelle unsichtbar werden zu k�nnen - trotz der D�mmerung und der Tatsache, dass die Stra�en von Grosny menschenleer schienen. Dieser Ruhe durfte man niemals vertrauen. Hastig inspizierte er seine Verwundungen: eine Platzwunde am Schienbein und eine riesige Prellung am Knie. Seine Stirn hatte auch etwas abbekommen. Das Blut lief ihm die Nase entlang hinunter zum Kinn. Gleich nach dem sein Helikopter unter Be-schuss geraten und auf dem Boden aufgeprallt war, hatte er seinen Helm verloren, und seine Uniform hatte Feuer gefangen, als er, durchtr�nkt mit Benzin, nur durch einen Hechtsprung der Explosion hatte entkommen k�nnen.</style></p><p><style name="font7">Wie zur Warnung heulten allenthalben Alarmsirenen, die keine Ret-tung brachten - ganz im Gegenteil. Noch vor dem Aufprall war Leo-nid klar gewesen, dass sein Tod l�ngst beschlossene Sache gewesen sein musste und dass die herannahenden Rettungskr�fte vermutlich nicht dazu eingesetzt wurden, sein Leben zu sch�tzen, sondern ihn zu t�ten - f�r den Fall, dass der Plan, ihn und die anderen zu vernichten, nicht aufgegangen war. Von nun an war jegliches Vertrauen lebensgef�hrlich. Irgendwo gab es einen Maulwurf in den eigenen Reihen, der eine Menge Einfluss hatte und nach seinen eigenen Regeln spielte. Die wachsende Gewissheit, um wen es sich dabei handeln k�nnte, beruhigte Leonid keinesfalls. Lebenovs Leute waren f�r den Abschuss der Regierungsdelegation verantwortlich. Die Beweise, die mit den f�nf Menschen in Flammen aufgegangen waren, erschienen ihm zu erdr�ckend, als dass irgendein anderer dahinter stecken konnte. Seine S�ldner w�rden herausfinden, dass es einen �berlebenden gab, und dann w�rden sie ihn aufsp�ren, falls ihm niemand half, unentdeckt die n�chste Nacht zu �berstehen. Doch wer sollte das sein? Die Menschen hier vergingen vor Angst in ihren demolierten Behausungen, und au�er ein wenig Tee und einem letzten Rest Zwieback besa�en sie selbst kaum mehr, um sich am Leben zu erhalten.</style></p><p><style name="font7">Ein leises Ger�usch lie� ihn zusammenfahren. Ein M�dchen stand reglos in einem der zerbombten Hauseing�nge und sah ihn mit gro�en Augen an. Sie hatte lange blonde Haare und war dem Gesicht nach bereits eine Frau, obwohl sie ihm viel zu d�nn erschien. Sie trug einen abgetragenen hellblauen Kittel und Plastikschuhe, die viel zu gro� f�r ihre zierlichen F��e waren. In der Hand hielt sie einen Eimer. Wahrscheinlich hatte sie sich nur hinausgewagt, um die Notdurft ihrer Familie zu entsorgen. Funktionst�chtige Sanit�ranlagen gab es hier schon lange nicht mehr. Die gesamte Kanalisation war zerst�rt.</style></p><p><style name="font7">Ein Milit�rwagen rauschte vorbei. �Duck dich!�, zischte Leonid dem M�dchen gerade noch rechtzeitig zu. Auf Knien kroch er zu ihr hin. Starr vor Schreck kauerte sie auf dem zersprungenen Pflaster. Der Eimer war umgefallen.</style></p><p><style name="font7">�Kannst du mir helfen?�, fl�sterte Leonid heiser. �Nur f�r ein paar Stunden.�</style></p><p><style name="font7">Ihre Augen verrieten ihre Angst, aber auch ihr Mitgef�hl, als sie seine Verwundungen registrierte.</style></p><p><style name="font7">�Mein Vater wird dich erschlagen�, murmelte sie unsicher. �Und mich dazu, wenn du ein russischer Spion bist.�</style></p><p><style name="font7">�Ich werde euch keine Schwierigkeiten bereiten�, versicherte Leo-nid mit flehendem Blick.</style></p><p><style name="font7">�Doch das wirst du�, erwiderte sie sachlich. �Aber es w�re kein Akt von N�chstenliebe, wenn ich dich hier sitzen lie�e ...�</style></p><p><style name="font7">Ein lautes Bellen riss Leonid aus seinen Erinnerungen und katapultierte ihn vom Jahre</style><style name="font4"> 2001</style><style name="font7"> in die Gegenwart. Er konnte nicht vergessen, was damals geschehen war; seine Erlebnisse erschienen ihm wie unerw�nschte Visionen, die ihn ohne Gnade verfolgten.</style></p><p><style name="font7">Zwischen hohen B�umen lief er dahin, und �ber ihm war kein Suchscheinwerfer, sondern eine helle Sonne, die sich ihren Weg durch dichte Wipfel bahnte. Taichin, sein Gro�onkel und v�terlicher Vertrauter, erwartete ihn bereits. Er lebte mitten im Wald, auf halber Strecke zwischen Leonids H�tte und dem Haus seiner Gro�eltern. Der Schamanenmeister war uralt, doch geistig und k�rperlich so wendig wie ein junger Rentierbock, ein heiliger Mann, dessen magische Kr�fte bei weitem alles �berstiegen, was die anderen Schamanen der Umgebung zu bieten hatten.</style></p><p><style name="font7">Obwohl Leonid kein Interesse zeigte, eines Tages in die Fu�stapfen seines Gro�onkels zu treten, bestand Taichin darauf, ihm die h�heren Weihen zu erteilen, wenn die Zeit gekommen war. In seinen Augen sprach alles daf�r, dass Leonid der Auserw�hlte war, der die Welt eines Tages vor einer Katastrophe bewahren w�rde. Sein Gro�vater hingegen bef�rchtete genau das Gegenteil, falls Leonid seiner vermeintlichen Bestimmung folgen sollte. Altm�nnergeschw�tz, urteilte seine Gro�mutter, wenn wieder einmal die Sprache darauf kam, was der alte Schamane vom Stamm seines Vaters bei seiner Geburt erkl�rt hatte. Lasst endlich die Geister der Ahnen ruhen, war stets ihre Devise; dabei weigerte sie sich hartn�ckig, von alten Zeiten zu erz�hlen.</style></p><p><style name="font7">Doch diesmal waren es nicht die h�heren Weihen, die ihn zu Taichin trieben, sondern etwas weitaus Beunruhigenderes.</style></p><p><style name="font7">Der alte Mann empfing ihn mit einem unbek�mmerten L�cheln. Das kleine Birkenholzpfeifchen wippte schmauchend im linken Mundwinkel. Mit einer vertrauten Geste legte der Alte seine tiefbraune, knochige</style></p><p><style name="font7">Hand auf Leonids breiten R�cken und schob ihn ohne ein Wort in seine Waldh�tte hinein. Dann gab er Ajaci etwas Wasser zu trinken. Er selbst genehmigte sich einen Schluck Wodka aus einer kleinen Feldflasche, die er immer bei sich trug. Zusammen mit dem Tabak hielt ihn der Wodka am Leben, wie er mit seinen mehr als achtzig Jahren immer wieder beteuerte.</style></p><p><style name="font7">F�r Leonid hielt er einen gro�en Becher Dolguksa bereit - den in Sibirien traditionellen Birkensaft. Leonid trank keinen Alkohol mehr, seid ihn sein stets betrunkener Vater im Rausch beinahe erstochen hatte.</style></p><p><style name="font7">�Was f�hrt dich zu mir, Junge?�, fragte Taichin leise, w�hrend er Leo-nid bedeutete, auf dem mit verschiedenen Fellen �bers�ten Boden Platz zu nehmen. �Ich kann dir ansehen, dass es dir diesmal nicht um weitere �bungen geht - also?� Im Schneidersitz setzte er sich direkt vor seinen Sch�tzling. Dem Alten entging nicht, dass Leonids Hand zitterte, als er den Becher zum Mund f�hrte. �Hat dich deine Seele verlassen?�</style></p><p><style name="font7">�Schlimmer�, sagte Leonid, bevor er, um sich zu beruhigen, noch einen Schluck trank.</style></p><p><style name="font7">�Ist es ein D�mon, der dir die Seele genommen hat?�</style></p><p><style name="font7">�Nein, eine Frau.� Leonid schmunzelte, w�hrend er Taichins entsetztes Gesicht betrachtete. �Und als ob das nicht schon misslich genug w�re, sind oben am Cheko meine schlimmsten Feinde aufgetaucht: Bashtiri und Lebenov. Ich glaube sie wollen ein neues Gasfeld erschlie�en, und die Frau, eine deutsche Wissenschaftlerin, hilft ihnen, es zu erkunden.�</style></p><p><style name="font7">�Das ist ja gef�hrlicher, als ich es mir dachte. Die Frau macht gemeinsame Sache mit deinen Feinden?�</style></p><p><style name="font7">�Nein, so ist es nicht. Sie arbeitet nur dort. Es geht vielmehr auch um dich. Eine deiner alten Fallen hat versehentlich einen von Bashtiris M�nnern get�tet, und nun versuchen sie zu ermitteln, wer hinter diesem Ungl�ck steckt. Kannst du dich an Lebenov erinnern?�</style></p><p><style name="font7">�Wer k�nnte ihn je vergessen?� Die Stimme des Alten klang ironisch, doch mehr sagte er nicht.</style></p><p><style name="font7">�Er arbeitet mittlerweile f�r das GazCom-Konsortium�, erkl�rte Leonid. �Er ist einer der Sektionsleiter in der neuen Sicherheitsabteilung. Heute Morgen hat er Babuschka im Auftrag Bashtiris einen Be-such abgestattet. Sie war vollkommen au�er sich vor Angst. Sie bef�rchtet, er k�nne mich finden. Und au�erdem ist sie in Sorge, dass er herausbekommt, dass die Falle von dir sein k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">�Bevor du mir nicht die ganze Geschichte erz�hlst, kann ich mir keinen Reim darauf machen�, bemerkte Taichin mit einem gleichm�tigen L�cheln. �Schlie�lich bin ich nicht mehr der J�ngste.�</style></p><p><style name="font7">Widerstrebend erz�hlte Leonid von der Rettung der Deutschen und dass er dabei - aus der Sicht eines erfahrenen Schamanen - zu unerlaubten Mitteln gegriffen hatte.</style></p><p><style name="font7">Taichin war die Besorgnis anzusehen. �Sie h�tte dich mitrei�en k�nnen in die andere Welt, Junge. War dir das nicht klar?�</style></p><p><style name="font7">�Es war mir gleichg�ltig. Ich konnte sie doch nicht sterben lassen.�</style></p><p><style name="font7">Der Alte nickte verst�ndnisvoll. �Und was hast du dann getan?�</style></p><p><style name="font7">Z�gernd berichtete Leonid von seinem weiteren Vorgehen. Dass er es nicht geschafft hatte, sie mit seinen eigenen Mitteln aus ihrer Ohnmacht zu erwecken, und dass, als er sie ins Camp brachte, nicht nur Ajaci, sondern auch er selbst beinahe get�tet worden w�re.</style></p><p><style name="font7">�Was sagt dein Herz?� Der Gro�onkel warf ihm einen tiefgr�ndigen Blick zu.</style></p><p><style name="font7">�Es ist krank.�</style></p><p><style name="font7">�Dachte ich's mir�, erwiderte der Alte mit einem ironischen Grinsen. �Was die Frau betrifft, so kann ich dir nicht helfen. Was die andere Sache betrifft, so denke ich, man sollte dem Spuk m�glichst bald ein Ende bereiten. Das Gebiet um den Cheko ist heiliges Land. Es fehlte uns gerade noch, dass GazCom den gesamten Boden umpfl�gt.�</style></p><p><style name="font7">�Wie meinst du das?�</style></p><p><style name="font7">�Lass das meine Sorge sein, Leonid. Es ist besser, wenn du nichts davon wei�t.�</style></p><p><style name="font7">�Ihr verschweigt mir etwas - du, Dedka und Babuschka.�</style></p><p><style name="font7">Taichin antwortete nicht. Er hatte die Augen geschlossen und wirkte nun wie in Trance versunken.</style></p><p><style name="font7">�Hat es etwas mit dem See zu tun und mit dem, was dort vor gut einhundert Jahren geschehen ist?�</style></p><p><style name="font7">�Es ist besser, mein Junge, wenn du die Geister ruhen l�sst. Falls du es nicht tust, erweckst du eine ganze D�monenarmee zum Leben, denen alle Schamanen der Welt nicht mehr Herr werden k�nnen.�</style></p><p><style name="font7">Der Alte �ffnete wieder die Augen, sein Blick wirkte d�ster, als w�rde er Unheil verk�nden. Leonid erschauerte. So hatte er Taichin noch nie erlebt.</style></p><p><style name="font7">�Geh nach Hause, in deine H�tte�, sagte der alte Schamane ruhig, �und reinige deine Gedanken! Ich werde daf�r sorgen, dass man dich und deine Babuschka in Ruhe l�sst.�</style></p><p><style name="font7">Andrej Lebenov geh�rte nicht zu den Leuten, die Freunde hatten. Wenn er sich genau besann, hatte er nie welche gehabt. Seilschaften machten seine sozialen Kontakte aus, die nicht das Geringste mit aufrichtiger Zuneigung zu tun hatten. Vielmehr spielten Ruhm und Ehre eine wichtige Rolle - Ruhm, um von den unteren R�ngen akzeptiert zu werden, und Ehre, weil es sich um eine Art Vertrag handelte, wenn man sich gegenseitig unter die Arme griff. Eine Hand w�scht die andere. Wie du mir so ich dir. Mitgefangen, mitgehangen. Das waren Losungen, die ihn und seine Kameraden zusammenhielten.</style></p><p><style name="font7">Bashtiri geh�rte auch zu diesen Seilschaften. Doch Lebenov und den Chef von TAIMURO verband noch etwas anderes, das sie ab und an in einem Meer von Champagner und Wodka ertr�nkten.</style></p><p><style name="font7">�Was gibt's Neues?�, fragte ihn Bashtiri mit einem erwartungsvollen Blick, als er Lebenov in seiner Behausung am Rande des Camps empfing. Seit dem mysteri�sen Tod des Sicherheitsangestellten befanden sich Bashtiris Bodyguards in st�ndiger Alarmbereitschaft und patrouillierten permanent auf und ab. �Wie geht es Doktor Vanderberg? Hat sie ihr Ged�chtnis endlich wiedergefunden?�</style></p><p><style name="font7">Bashtiri reichte Lebenov einen Whiskey und bat ihn mit einer Geste, in einem der bequemen Ledersessel Platz zu nehmen, die er eigens aus Moskau hatte hierher bringen lassen.</style></p><p><style name="font7">Lebenov konnte sich denken, dass sich Bashtiri am liebsten aller Forscher entledigt h�tte. Mit einem Mal empfand er die Vorstellung, dass sie die Geschehnisse zu sehr analysieren konnten, als l�stig. Wom�glich kamen sie dabei zu dem Schluss, dass seine Absicht, ein neues Gasfeld zu erschlie�en, zu Problemen f�hren konnte, deren Auswirkungen nicht abzusehen waren.</style></p><p><style name="font7">�Viktoria Vanderberg hat sich �berraschend schnell erholt�, erwiderte Lebenov nach kurzem Z�gern. �Offenbar denkt sie wie die an-deren auch nicht daran abzureisen. Im Gegenteil, sie ist gewillt, die Untersuchungen fortzusetzen. Aber es gibt da eine weitere Neuigkeit, die dich vielleicht interessieren k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">�Sag blo�, ihr habt den Fallensteller erwischt?� Bashtiri blickte ihn interessiert an.</style></p><p><style name="font7">�Nein, noch nicht. - Kannst du dich an Leonid Borisowitsch Alda-nov erinnern?�</style></p><p><style name="font7">Bashtiri kniff seine Lider zusammen. Dann nickte er kaum merklich. �Das war doch der junge Oberleutnant, dem unser Pr�sident posthum f�r seinen Einsatz in Grosny die Heldenmedaille verliehen hat?� Er sah Lebenov abwartend an und nippte an seinem Whiskey. �Hast du nicht daf�r gesorgt, dass er uns nicht mehr behelligen kann?�</style></p><p><style name="font7">�Meine Leute haben mir versichert, dass er tot auf dem Grund des Terek liegt.� Lebenov nahm einen Schluck und lie� ihn auf der Zunge zergehen. Dabei schaute er Bashtiri direkt in die Augen. �Angeblich war es nicht m�glich, seine Leiche zu bergen. Und das ist es, was mir pl�tzlich zu denken gibt.�</style></p><p><style name="font7">�Und was hat er mit deinem Einsatz heute in Vanavara zu tun?�</style></p><p><style name="font7">�Unsere h�bsche Geophysikerin will ihn angeblich erkannt haben. Heute Morgen war ich mit ihr zusammen beim Stammesf�hrer in Va-navara. Wusstest du, dass es sich bei dem Mann um Aldanovs Gro�vater handelt? Wir waren in seiner Jurte, und auf einem uralten Foto hat sie Aldanovs Gesicht erkannt. Sie meinte, er k�nne der Mann gewesen sein, der sie gerettet hat.�</style></p><p><style name="font7">Bashtiri war blass geworden und setzte das Glas auf einem Tischchen ab, bevor er unvermittelt aufstand und ans Fenster ging. �War sie sicher, dass er es gewesen ist, der sie gerettet hat?� Er wandte sich zu Lebenov um, die H�nde in seinen Hosentaschen vergraben. �Ich meine, vielleicht hat sie sich get�uscht. Du wei�t so gut wie ich, dass die Einheimischen in den Augen gew�hnlicher Europ�er alle gleich aussehen.�</style></p><p><style name="font7">�Sie schien sich recht sicher zu sein. Die Gro�mutter hat den Tod des Mannes nochmals bekr�ftigt. Sein Gro�vater war nicht zu Hause. Deshalb konnte ich ihn nicht befragen. Ich habe ein seltsames Gef�hl. Und du kennst meinen Instinkt. Er hat mich noch nie im Stich gelassen. Wir sollten an der Sache dran bleiben. Solange wir nicht wissen, wer der unbekannte Samariter war, halte ich die Sache ohnehin nicht f�r erledigt.�</style></p><p><style name="font7">�Ja, ja .� Bashtiris Blick wirkte abwesend. �Ich verlasse mich auf dich.�</style></p><p><style name="font7">�Gibt es etwas Neues aus Irkutsk? Wei� man endlich, wem die Taschenuhr geh�rte?� Lebenov versuchte sich an einem aufmunternden Grinsen, doch Bashtiri erwiderte es nicht. Er schenkte sich einen zweiten Whiskey ein und stie� einen Seufzer aus. �Das ist auch so eine merkw�rdige Sache. Unser Anthropologe hat eine Untersuchung der Taschenuhr vornehmen lassen. Das eingestanzte Zeichen konnte bei einer chemischen Analyse rekonstruiert werden. Es steht f�r eine Studentenverbindung, die sich</style><style name="font4"> 1902</style><style name="font7"> am Polytechnischen Institut von Sankt Petersburg gegr�ndet hat. Die Initialen geh�ren zu einem Mann, den Polizisten der Dritten Abteilung des Zaren am Sankt Petersburger Blutsonntag aus seinem Elternhaus abgeholt haben. Alte Unterlagen besagen, dass er mit den Bolschewiki gemeinsame Sache gemacht hat. Angeblich ist er w�hrend seiner Inhaftierung in Moskau an der roten Ruhr verstorben.�</style></p><p><style name="font7">�Und wie kommt die Uhr dann nach Sibirien?�</style></p><p><style name="font7">�Keine Ahnung.� Bashtiri kippte den Whiskey in einem Schluck hinunter. �Vielleicht hat man ihm nach seinem Tod die Uhr geklaut. Aber damit ist immer noch nicht gekl�rt, wie sie an die Hand ihres neuen Besitzers in den See gelangt ist und warum sich seine Leiche so gut erhalten hat .�</style></p><p><style name="font7">Noch am selben Nachmittag kehrte Viktoria mit Kolja und Theisen ins Camp zur�ck.</style></p><p><style name="font7">�Wir haben uns gro�e Sorgen gemacht.� Rodius erhob sich und umarmte sie herzlich. Ger�hrt nahm Viktoria die Erleichterung des Professors zur Kenntnis. Auch Professor Olguth und seinen Kollegen war anzumerken, dass sie froh �ber ihre R�ckkehr waren. Zusammen mit Rodius und Theisen begleitete Olguth sie zu ihrer Unterkunft. Vor dem Eingang der H�tte blieb Viktoria stehen, w�hrend Theisen ihre Tasche in ihr Zimmer trug.</style></p><p><style name="font7">�Was ist mit Bashtiri und seinen Schergen?� Viktoria blickte zu Professor Rodius auf. Es war nicht zu verkennen, dass sich das Camp der</style></p><p><style name="font7">Wissenschaftler in ein Milit�rlager verwandelt hatte. �berall patrouillierten Bewaffnete, und von weitem vermittelte es den Eindruck, als ob die Kollegen der Universit�t Moskau sibirische Zwangsarbeiter seien, die man bei Aufr�umarbeiten beaufsichtigte. Dabei hatten die russischen Kollegen offenbar ganze Arbeit geleistet. Nur ein paar feuchte Stellen hier und da zeugten noch von der Katastrophe.</style></p><p><style name="font7">�Psst .� Rodius legte den Zeigefinger auf die Lippen und sah seine Assistentin verschw�rerisch an. �Seit Neustem haben die W�nde Ohren�, bemerkte er leise. �Unser G�nner l�sst sich nicht in die Karten schauen. Er hat uns strikt untersagt, im See zu forschen. GazCom hat die Untersuchungen an sich genommen. Der Sicherheitschef hat unsere gesamten Ergebnisse eingefordert, einschlie�lich unserer computergest�tzten</style><style name="font4"> 3</style><style name="font7">D-Aufnahmen. Noch heute soll ein neuer Katamaran zu Wasser gelassen werden, der nach dem omin�sen Aluminiumteil sucht, das Theisen angeblich gefunden hat. Uns ist es lediglich erlaubt, au�erhalb des Gew�ssers Bodenproben zu nehmen.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria �berlegte einen Moment. �Wir sollten also keine Zeit verstreichen lassen. Ich m�chte mich ohnehin noch ein wenig umschauen.�</style></p><p><style name="font7">Professor Rodius stie� einen Seufzer aus. �Also gut�, sagte er und sah ihr in die Augen. �Da ich dich offensichtlich nicht �berzeugen konnte, nach Deutschland zur�ckzukehren, beauftrage ich dich offiziell, hinter dem Abfluss des Kimchu nach Eisenoxid zu suchen. Das ist es doch, was du m�chtest, nicht wahr?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria l�chelte. Rodius kannte sie besser als irgendjemand sonst an der Universit�t. Sie waren sehr vertraut miteinander, und in gewisser Weise ersetzte er ihr manchmal den Vater. Daher war ihm nicht entgangen, dass es Viktoria auf eigene Ermittlungen dr�ngte, was die Geschehnisse nach ihrem Verschwinden betraf.</style></p><p><style name="font7">�Nimm unseren russischen Touristenf�hrer mit�, f�gte der Professor hinzu, �dann kann ich Bashtiri sagen, dass du nicht allein unterwegs bist und es keiner begleitenden Soldaten bedarf.�</style></p><p><style name="font7">Theisen hatte sich bereits einer zweiten Gruppe angeschlossen, die verschiedene Baumgruppen auf Reste von Radioaktivit�t untersuchen sollte.</style></p><p><style name="font7">Kolja schien nicht sonderlich �berrascht zu sein, dass Viktoria ihn bei ihrer Exkursion dabei haben wollte. Wie selbstverst�ndlich steckte er neben Hartkeksen und einer Wasserflasche ein Funkger�t in seinen Rucksack. Verstohlen tastete er nach der Pistole, die er stets heimlich bei sich trug.</style></p><p><style name="font7">Wenig sp�ter steuerte der Russe das Schlauchboot, das Viktoria mit der notwendigen Ausr�stung beladen hatte, in Richtung Kimchu. Das Wetter hatte wider Erwarten aufgeklart, und Viktoria sch�tzte sich gl�cklich, dass ihr statt der Krankenhausluft der vergangenen Tage nun die frische Seeluft um die Nase wehte. Kolja wusste, wo man ihren Taucheranzug gefunden hatte, und so fuhr er bis zu der Stelle hinauf, wo Viktoria aller Wahrscheinlichkeit nach von dem Unbekannten aus dem Wasser gezogen worden war.</style></p><p><style name="font7">Hohe B�ume, zwitschernde V�gel. Wildnis, so weit das Auge reichte. Vergeblich versuchte Viktoria sich zu erinnern, w�hrend sie am Ufer entlang marschierte. Wieder war es nur das verschwommene Gesicht ihres Retters, das vor ihrem geistigen Auge auftauchte.</style></p><p><style name="font7">�Du suchst nach Spuren. Deshalb willst du ausgerechnet hier Proben entnehmen?� Kolja schaute sie neugierig an.</style></p><p><style name="font7">Viktoria f�hlte sich ertappt. �Reich mir mal den Magnetfeldmesser�, erwiderte sie, ohne auf Koljas Frage einzugehen. Fachm�nnisch legte sie das Messger�t und das dazugeh�rige Gest�nge an, mit dem man den Untergrund systematisch nach auff�lligen Bodenstrukturen absuchen konnte.</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht finden wir ja Abweichungen im Eisenoxidgehalt des Erdbodens�, f�gte sie hinzu und begann gleichzeitig entlang der Uferb�schung zwischen jungen L�rchen und Birken umherzuwandern. Dabei lie� sie ihren Blick schweifen, ob sie irgendwelche Spuren ihrer Rettung ausmachen konnte. �Sieht nicht so aus, als w�rden wir hier etwas finden�, sagte sie mehr zu sich selbst. �Vielleicht nehmen wir nur ein paar Bodenproben.�</style></p><p><style name="font7">Kolja hockte in der N�he des Schlauchbootes und drehte sich eine Zigarette. Er wirkte beinahe entt�uscht, als sie mit leeren H�nden zu ihm zur�ckkehrte.</style></p><p><style name="font7">Doch dann gab der Magnetfeldmesser pl�tzlich einen bemerkenswerten Ausschlag. Viktoria folgte der Messung und kam, nachdem sie das untersuchte Feld mehrmals abgegangen war, zu dem Schluss, dass sich unter der Erdoberfl�che eine geregelte Struktur befand, die von keinem nat�rlichen Ursprung herr�hren konnte. Es sah aus wie ein Schacht, umgeben von einer versch�tteten Mauer.</style></p><p><style name="font7">�Gib mir bitte den Handbohrer f�r die Bodenproben�, bat Viktoria ihren Begleiter. Routiniert schnallte sie den Magnetfeldmesser ab und legte ihn beiseite.</style></p><p><style name="font7">Kolja �bergab ihr mit hochgezogenen Brauen das Bohrger�t. �Irgendwas gefunden?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria stemmte den Bohrstab mit beiden H�nden in den weichen Waldboden. Nach gut einem halben Meter stie� der Bohrer �berraschend auf Widerstand. Viktoria versuchte es an einer anderen Stelle und erhielt das gleiche Ergebnis.</style></p><p><style name="font7">Sie schaute �berrascht auf. �Permafrost?�</style></p><p><style name="font7">Kolja sch�ttelte den Kopf. �Nicht zu dieser Jahreszeit. Da m�sstest du noch gut eineinhalb Meter tiefer bohren. Vielleicht ist es ein Fels?�</style></p><p><style name="font7">�Das kann nicht sein. Das hier ist ein Sumpfgebiet. Da liegen Millionen Jahre von pflanzlichen Ablagerungen im Boden.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria wischte sich den Schwei� von der Stirn und setzte sich auf einen umgekippten Baumstamm. Ihr war auf einmal schwindelig.</style></p><p><style name="font7">�Was ist?�, fragte Kolja. �Geht's dir nicht gut?�</style></p><p><style name="font7">�Nein, nein, es geht schon�, erwiderte sie schwach. �Ich schlage vor, du f�hrst zur�ck ins Camp und holst Verst�rkung. Sag unseren Kollegen, sie sollen Spaten mitbringen. Dann k�nnen wir feststellen, ob sich hinter dem Widerstand eine Struktur verbirgt, die f�r uns von Interesse sein k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">�Willst du nicht lieber mitkommen?� Kolja war das Unbehagen anzusehen, sie hier alleine zur�ckzulassen.</style></p><p><style name="font7">�Nein, ich ruhe mich eine Weile aus. Es kann ja nicht lange dauern, bis du zur�ck bist.�</style></p><p><style name="font7">Kolja war kaum au�er Sichtweite, als Viktoria sich erneut auf den Weg machte, um die Uferb�schung zu untersuchen. Sie hatte die Hoffnung, Spuren ihres Retters zu finden, noch nicht aufgegeben. Vielleicht gab es Fu�abdr�cke, abgeknickte �ste oder vergessene Gegenst�nde. Schlie�lich musste sie von hier aus irgendwie zu seiner H�tte gelangt sein. M�glicherweise war es Einbildung, aber die ganze Zeit �ber hatte sie sich beobachtet gef�hlt. Suchend schaute sie sich um. Trotz eines mulmigen Gef�hls im Bauch nutzte sie die Gelegenheit, allein in den Wald zu gehen.</style></p><p><style name="font7">Als sie nach einer Weile in Richtung Anlegestelle zur�ckblickte, dachte sie f�r einen Moment, sie w�rde halluzinieren, doch dann konnte sie ihn tats�chlich sehen. Er sa� in unwegsamem Gestr�pp auf einem Baumstumpf und regte sich nicht. In Tarnkleidung, die ihn wie einen Soldaten mit dem Wald verschmelzen lie�, war er kaum zu erkennen. Den Kopf in der Pose des Denkers auf seine Hand gest�tzt, sah er sie unentwegt mit seinen dunklen Augen an.</style></p><p><style name="font7">Ihr Herz schlug wie wahnsinnig. Sie war ganz allein, und der Kerl mit dem langen, schwarzen Zopf machte keinerlei Anstalten, aufzustehen und sich vorzustellen. Sie schluckte und nahm all ihren Mut zusammen. Dann ging sie langsam auf ihn zu.</style></p><p><style name="font7">�Hallo?� Einen Moment hatte sie das Gef�hl, dass er aufstehen und die Flucht ergreifen wollte. Doch dann l�chelte er und erhob sich in einer flie�enden Bewegung.</style></p><p><style name="font7">Ohne ein Wort schritt er ihr entgegen und blieb unmittelbar vor ihr stehen. Nun hatte sie keine Zweifel mehr, dass er der Mann war, der sie auf dem Sportplatz aus dem Dreck gezogen hatte und der sp�ter mit ihr in der H�tte gewesen war. Und er war es auch gewesen, mit dem sie gestern im Eingang der Jurte zusammengesto�en war.</style></p><p><style name="font7">Unvermittelt hob er seine Hand, und sie zuckte f�r einen Moment zur�ck, als er ihr in unangebrachter Vertrautheit eine Haarstr�hne aus dem Gesicht streichen wollte.</style></p><p><style name="font7">�Es tut mir leid�, sagte er mit entschuldigender Miene, �wenn ich dich erschreckt habe.�</style></p><p><style name="font7">F�r einen Moment hielt Viktoria den Atem an. Tr�umte sie schon wieder, oder sprach er tats�chlich Deutsch?</style></p><p><style name="font7">�Wer bist du? Wie ist dein Name?�, stotterte sie atemlos.</style></p><p><style name="font7">�Leonid.� Wieder l�chelte er, diesmal befreiter und offener. Jetzt sah er exakt so aus wie der Junge auf dem Foto.</style></p><p><style name="font7">�Und warum behauptet deine Gro�mutter, dass du tot bist?�</style></p><p><style name="font7">�Tut sie das?� Sein Gesicht dr�ckte Verwunderung aus, doch dann legte er eine Hand auf ihre Schulter und zog sie sanft herum. �Vielleicht weil sie nicht m�chte, dass man mich in Schwierigkeiten bringt.�</style></p><p><style name="font7">�Was f�r Schwierigkeiten?� Viktoria runzelte die Stirn und sah ihn unsicher an.</style></p><p><style name="font7">Er ging nicht auf ihre Frage ein. �Die Gelegenheit scheint g�nstig. Wollen wir ein St�ck den Fluss hinaufgehen?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria registrierte, wie er zur Anlegestelle sah. Offenbar wollte er nicht, dass man sie zusammen entdeckte. Das ungute Gef�hl wollte nicht weichen. Selbst wenn er ihr Leben gerettet hatte, so war er doch ein Fremder, von dem sie nicht wusste, was sie von ihm zu halten hatte. �Von mir aus�, sagte sie so gleichg�ltig wie irgendm�glich, dabei drohte ihr Herz zu zerspringen, w�hrend sie jede Bewegung des Mannes wahrnahm - seine ausladenden Schritte, die schwarzen, abgetragenen Springerstiefel, die gefleckte Armeehose und sein dunkles Lederhemd, das er wie eine Uniform zu tragen schien.</style></p><p><style name="font7">Vielleicht war er tats�chlich ein Spinner, dem man nicht vertrauen durfte und der nur darauf lauerte, eine hilflose Frau zu vergewaltigen.</style></p><p><style name="font7">Leonid legte zwei Finger an seine Lippen, es sah aus, als ob er einen lautlosen Pfiff aussto�en w�rde.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich war ein Rascheln zu vernehmen, und hatte sie sich bis eben noch gefragt, wo er seinen Wolf gelassen hatte, so kam das Tier mit einem gewaltigen Satz aus dem Geb�sch gest�rmt und lie� sich von seinem Herrn in freudiger Erregung den Hals t�tscheln. Die H�nde des Mannes wirkten kr�ftig und doch feingliederig, als er z�rtlich durch das dichte Fell des Tieres fuhr und etwas in einer, f�r Viktoria v�llig unbekannten Sprache murmelte.</style></p><p><style name="font7">�Wie viel Zeit haben wir?� Er sah sie fragend an.</style></p><p><style name="font7">�Nicht viel.� F�r einen Augenblick blickte sie angespannt zur Anlegestelle zur�ck. �Wenn mein Kollege zur�ckkommt und ich nicht hier bin, wird er die Soldaten im Camp alarmieren.�</style></p><p><style name="font7">Warum sagte sie das? Leonid sah ihr forschend in die Augen. Hatte sie Angst, dass er ihr etwas antun w�rde?</style></p><p><style name="font7">�Du warst es, der mir das Leben gerettet hat, nicht wahr?�</style></p><p><style name="font7">Leonid nickte verhalten und wich dabei ihrem forschenden Blick aus.</style></p><p><style name="font7">�Ich habe nur getan, was getan werden musste.�</style></p><p><style name="font7">Er wollte weitergehen, doch sie hielt ihn am Arm zur�ck. Als er ihr ins Gesicht sah, nahm sie all ihren Mut zusammen.</style></p><p><style name="font7">�Warum hast du mit mir geschlafen?�</style></p><p><style name="font7">Seine Miene dr�ckte Verbl�ffung aus. �Wie soll ich das verstehen?�, fragte er ausweichend. Um sicherzugehen, dass sie ihn nicht missverstanden hatte, war er wieder ins Russische gewechselt.</style></p><p><style name="font7">Viktoria z�gerte einen Moment. �Na, wie schon?�, antwortete sie ebenso ungeduldig auf Russisch. �Du hast mich ausgezogen und dann ...�</style></p><p><style name="font7">�Du kannst dich daran erinnern?�</style></p><p><style name="font7">�Mein Gott, wie sollte ich eine solche Begegnung vergessen k�nnen?�</style></p><p><style name="font7">�Es hatte nichts mit Leidenschaft zu tun�, entschuldigte er sich stotternd. �Es war ein uraltes schamanisches Ritual, um deine Seele zu sch�tzen und sie in deinen K�rper zur�ckzuf�hren.�</style></p><p><style name="font7">Fassungslos sch�ttelte Viktoria den Kopf und konnte sich doch ein L�cheln nicht verkneifen. �So hat mir das noch niemand erkl�rt. Betreibst du in deinem Bett �fter schamanische Rituale mit wildfremden Frauen?� Sein unschuldig verwirrter Blick hatte sie ermutigt, eine solch unversch�mte Frage zu stellen. Vielleicht war der Kerl wirklich verr�ckt, aber er machte ihr nicht den Eindruck, ein skrupelloser Vergewaltiger zu sein.</style></p><p><style name="font7">�Bett? Es ist hier auf dem Waldboden geschehen. Eigentlich h�tte ich es nicht tun d�rfen, aber es war die einzige M�glichkeit, dich von den Toten zur�ckzuholen.�</style></p><p><style name="font7">�Wir waren</style> nicht<style name="font7"> zusammen in deinem ... Bett?� Pl�tzlich war sie vollkommen verunsichert.</style></p><p><style name="font7">�Nein . du lagst alleine darin, nachdem ich dich in meine H�tte getragen hatte. Ajaci hat sich zu deinen F��en gelegt, wie er es von mir gewohnt ist.� Er warf einen kurzen, irritierten Blick auf seinen Hund. �Aber ich habe ihn sofort an den Ofen gescheucht.�</style></p><p><style name="font7">�Sag mir bitte, was genau passiert ist.� Selbst wenn es ihr peinlich war - sie wollte, dass er sie l�ckenlos �ber ihre Rettung aufkl�rte. Stockend begann er zu erz�hlen, und auch wenn sie das meiste davon �berhaupt nicht verstand, begriff sie, dass all ihre intimen Erinnerungen an diesen Mann nur ihrer Phantasie entsprungen sein mussten, wahrscheinlich eine Halluzination unter dem Einfluss dieses r�tselhaften Tees, den er ihr in seiner H�tte verabreicht hatte.</style></p><p><style name="font7">�Es gibt sicher unangenehmere Methoden�, scherzte Viktoria, �jemandem von den Toten zur�ckholen.�</style></p><p><style name="font7">�Das ist nicht lustig�, bemerkte Leonid ernst. Er war stehen geblieben. Sein Blick wirkte tadelnd.</style></p><p><style name="font7">�Was ist es dann?�, erwiderte Viktoria mit einem L�cheln. �M�glicherweise unanst�ndig?� Fragend hob sie eine Braue, doch Leonid antwortete nicht, sondern sah ihr nur in die Augen. F�r einen Moment f�hlte sie sich von einer seltsamen Macht ergriffen, die sie v�llig �berrumpelte. Ohne Ank�ndigung legte sie ihre Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich herab. Der Hund knurrte leise, doch das st�rte sie nicht weiter - zumal die Lippen des Mannes bereitwillig ihren Mund in Besitz nahmen und er ihren Kuss in einer Intensit�t erwiderte, die ihre Knie weich werden lie�en. Seine starken Arme schlossen sich um ihren K�rper, und sie sp�rte nicht nur seine W�rme, sondern auch seine Leidenschaft, als er sie voller Verlangen an sich presste. Fest umschlungen verga�en sie f�r einen Moment alles um sich herum. Erst als das Knattern des Motorbootes zu h�ren war, l�ste sich Viktoria abrupt und atemlos aus seiner Umarmung.</style></p><p><style name="font7">�Ich glaube, es ist besser, wenn du jetzt gehst.� Ihre Stimme klang gehetzt.</style></p><p><style name="font7">Er beugte sich nochmals zu ihr herab und vergrub f�r einen Moment seine Nase hinter ihrem Ohr. �Du wirst mich also nicht an Bashtiri und seine M�nner verraten?�, raunte er ihr ins Haar.</style></p><p><style name="font7">�Nein, nat�rlich nicht�, stie� sie hervor, w�hrend sein hei�er Atem ihr eine G�nsehaut �ber den Nacken jagte.</style></p><p><style name="font7">�Sehen wir uns wieder?�</style></p><p><style name="font7">�Wann und wo?� Irritiert schaute sie zu ihm auf.</style></p><p><style name="font7">�Bei Sonnenuntergang, vor dem Camp. Ich werde dich finden.�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">15.</style></p><p><style name="font7">Juni</style><style name="font4"> 1905,</style><style name="font7"> Sibirien - Schicksalsschl�ge</style></p></title><p><style name="font7">Der Sommer in Sibirien war kurz und hei�, und der angeblich rasche, leichte Krieg gegen Japan galt als endg�ltig verloren, auch wenn man sich das nur hinter vorgehaltener Hand eingestand. Die Stimmung des Lagerkommandanten und seiner Offiziere befand sich nicht nur wegen der unglaublich hohen Verluste auf einem Tiefpunkt. Auch der politische Druck, eine au�erordentliche Waffe zu entwickeln, stieg ins Unermessliche. Leutnant Subbota war kurzfristig in den Winterpalast beordert worden, um einen ersten Rapport zu liefern. Eine undankbare Aufgabe, denn au�er hochtrabenden Hirngespinsten konnte er kaum etwas vorweisen. Entsprechend hart gestaltete sich das Lagerleben. Bereits im Juni kippten die einfachen Arbeiter wegen der Hitze im Kohlekontor und in der Schmiede reihenweise um. Dazu kam eine ungeheure M�ckenplage, die das Leben f�r Leonard und seine Kameraden schier unertr�glich machte. W�hrend Pjotr und er sich meist in der Konstruktionshalle aufhielten, wurde Aslan zu geheimnisvollen Exkursionen abgeordnet, die ihn wochenlang vom Lagerleben erl�sten. Ob es ihm dabei besser erging, verriet der Turkmene nicht. Auch ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft im Pijaja-Gebirge hatte er nichts von seiner Schweigsamkeit verloren.</style></p><p><style name="font7">Anfang Juli befiel Leonard eine schwere Krankheit. Starkes Fieber, �belkeit, Kopf- und Gliederschmerzen, dann kam - mitten bei der Arbeit - ein totaler Zusammenbruch.</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht ist es die Grippe�, verk�ndete Doktor Primanov, der Lagerarzt, lapidar, nachdem er Leonards ermatteten K�rper einer eingehenden Begutachtung unterzogen hatte. Leonard hatte die Untersuchung stoisch �ber sich ergehen lassen; er hatte lediglich nach mehreren Decken verlangt, weil er trotz der Hitze fror. Dabei war er insgeheim froh, dass sich �berhaupt ein Arzt im Lager befand. Obendrein einer, der einst der besten Sankt Petersburger Gesellschaft angeh�rt hatte. Es hie�, Primanov sei der Leibarzt eines angesehenen Bankiers gewesen. Wie und warum er in Ungnade gefallen war, dar�ber gab es nicht einmal Ger�chte.</style></p><p><style name="font7">Ohne dass der Arzt sich �ber seine Erkrankung genauer auslie�, sp�rte Leonard, dass es ernst um ihn stand. Er f�hlte sich hundeelend, als zwei �ltere Lagerinsassen ihn am n�chsten Tag auf Befehl Prima-novs aus dem Lazarett trugen, um ihn in ein d�rftig ausgestattetes Einzelzimmer zu verlegen, das der Kommandantur normalerweise als Abstellkammer diente.</style></p><p><style name="font7">�Es ist nur eine Vorsichtsma�nahme�, bemerkte der Arzt mit einem gezwungenen L�cheln.</style></p><p><style name="font7">�Werde ich sterben?� Leonard sah den Arzt aus fiebrig gl�nzenden Augen an.</style></p><p><style name="font7">�Ich wei� es nicht�, seufzte Primanov schwer. �Aber Sie werden verstehen, dass ich die anderen Lagerinsassen nicht in Gefahr bringen darf.�</style></p><p><style name="font7">Leonard schloss f�r einen Moment die Augen. �Doktor, ich danke Ihnen f�r Ihre Ehrlichkeit�, fl�sterte er schwach.</style></p><p><style name="font7">In seinen Fiebertr�umen begegnete ihm Katja, von der er bisher noch keinen einzigen Brief erhalten hatte. Schon seit Monaten wartete er auf ein Lebenszeichen des M�dchens, das man ihm bei guter F�hrung versprochen hatte.</style></p><p><style name="font7">Als ein Bote des Kommandeurs dann unvermittelt mit einem Brief in seinem Krankenzimmer erschien, glaubte Leonard noch immer zu tr�umen. Doch der Brief war echt. Zumindest meinte er, Katjas Schrift zu erkennen. Die Zeilen waren tats�chlich, wie man es ihm gesagt hatte, an ihre Mutter gerichtet.</style></p><p><style name="font7">Mit zitternden H�nden nahm Leonard das Schreiben aus dem verschmutzten Kuvert. Einen Moment lang beschlich ihn ein schlechtes Gewissen. Schlie�lich hatte Katja das Schreiben im Glauben verfasst, dass es nur ihre Mutter lesen w�rde. Er z�gerte kurz, dann schob er seine Bedenken beiseite.</style></p><empty-line/><p><emphasis>Meine liebe Mutter,<style name="font7"> stand da. Katjas Handschrift war l�ngst nicht so sauber wie sonst.</style> Mir geht es gut. Ich hoffe, Dir und meinen Br�dern geht es auch gut und Ihr m�sst euch nicht allzugro�e Sorgen machen. Dabei solltet Ihr Euch keinesfalls schuldig f�hlen. Dass ich in diese verzwickte Lage gekommen bin, war ganz allein meine Schuld. Auch Leonard kann nichts daf�r. Ich habe seinen Tod zu verantworten, und das macht die Sache noch weit schlimmer, als ich es mir je h�tte vorstellen k�nnen. In Gedanken bin ich Tag und Nacht bei ihm, und er ist bei mir. Vor allem, weil ich sein Leben unter dem Herzen trage.<style name="font7"> Leonard schluckte und sp�rte Tr�nen in seinen Augen. Mit einem Mal wurde ihm das Herz schwer. Unfassbar! Sie war schwanger, und das Kind war von ihm.</style></emphasis></p><p><emphasis>Wenn es ein Junge wird, werde ich ihn Leonard nennen, und wenn er die sch�nen blauen Augen seines Vaters bekommt, werde ich eines Tages zu ihm aufschauen und denken, dass er zu mir zur�ckgekehrt ist. Wenn es ein M�dchen wird, werde ich es Viktoria nennen, damit es eine Siegerin wird und keine Verliererin wie seine Mutter. Ach Mamutschka - bald wirst Du eine Babuschka sein und Deinen Enkel noch nicht einmal in den Armen halten k�nnen. Verzeih Deiner ungezogenen Tochter, die immer soviel besser sein wollte als Deine S�hne, und es doch nicht geschafft hat. Ich wei�, dass Du Dir ein besseres Leben f�r mich ertr�umt hast, in der Hoffnung, dass Leonard mich eines Tages zur Frau nimmt. Aber er war ein Nemez und ein hochgestellter dazu. Seine Eltern h�tten niemals die Zustimmung zu unserer Hochzeit gegeben. Schlie�lich bin ich nur ein russisches M�dchen aus einfachen Verh�ltnissen und obendrein eine Kriminelle. Und doch bin ich seine Frau geworden, wenn auch nur mit dem Herzen, und dass ich sein Kind bekomme, bedeutet mir mehr, als Du Dir vorstellen kannst.</emphasis></p><p><emphasis>In Liebe Jekatherina</emphasis></p><empty-line/><p><style name="font7">Leonard sank zur�ck in sein Kissen und brach in Tr�nen aus. Katja liebte ihn nicht nur von ganzem Herzen - sie hatte tats�chlich darauf gehofft, seine Frau zu werden. Dabei hatte sie ihm immer vorgegaukelt, dass ihre Mutter nichts von ihrem Verh�ltnis wusste.</style></p><p><style name="font7">Wie gegei�elt lag er auf seinem Bett. Die Arme ausgestreckt, hielt er den Brief in der Linken und lie� ihn kraftlos in seiner Hand baumeln, bis er schlie�lich zu Boden fiel. Er f�hlte sich wie tot.</style></p><p><style name="font7">Sein Blick wanderte �ber die Zimmerdecke - zu den grau get�nchten Balken und Schindeln, hin zu einem Vogelnest, in das ein P�rchen Blaunachtigallen Einzug gehalten hatte. Die abwechselnd br�tenden Eltern waren neben dem Lagerarzt und einem Mitgefangenen, der ihm das Essen brachte, der einzige Besuch, den er seit Wochen erhielt.</style></p><p><style name="font7">Verdammt! Es ging ihm kaum besser, doch die Verpflichtung, gesund zu werden, lie� ihn nicht los. Nur bei erfolgreicher Arbeit, die den Kommandanten zufriedenstellen w�rde, durfte er darauf hoffen, Katja und auch das Kind zu sehen.</style></p><p><style name="font7">Ein paar Tage sp�ter �ffnete sich am Abend �berraschend die T�r zu seiner Kammer. Eine Frau huschte mit einer Petroleumleuchte herein und steckte noch einmal den Kopf nach drau�en, als ob sie sichergehen wollte, dass ihr niemand gefolgt war. Dann befreite sie ihren Kopf von dem gro�en Wolltuch und trat an sein Bett. Leonard hatte geschlafen, und im ersten Moment, als er sie durch die halb ge�ffneten Lider ansah, glaubte er an eine Erscheinung, so gro� empfand er die �hnlichkeit zu seiner Geliebten. Nur die Stimme war weitaus kindlicher.</style></p><p><style name="font7">�Leonard?� Fl�sternd beugte Kissanka sich zu ihm hinunter. Beil�ufig stellte sie eine Flasche mit einer dunklen Fl�ssigkeit auf den kleinen Tisch, der direkt neben dem Bett stand. �Blaubeersaft.� Ein L�cheln flog �ber ihr Gesicht. �Ich habe ihn aus der K�che gestohlen.� Ihre k�hle Hand streichelte seine b�rtige Wange.</style></p><p><style name="font7">�Kissanka, um Gottes willen, was tust du hier?� Leonard schaute sie erschrocken an. Seine Stimme war rau und br�chig. Das Fieber war zur�ckgegangen, doch sein K�rper war noch immer schwach. Nur sein Verstand war so klar wie eh und je. �Du k�nntest krank werden. Was ist, wenn du dich ansteckst?�</style></p><p><style name="font7">�Dann werde ich sterben�, sagte sie so leise, dass er es kaum verstand. �Jetzt ist es sowieso schon egal.�</style></p><p><style name="font7">�Was soll das hei�en?� Zitternd ergriff er ihre viel k�hlere Hand. Dabei versuchte er, sich ein wenig aufzurichten. Kissanka kam ihm entgegen und war versucht, ihn zu k�ssen, doch er wandte den Kopf ab.</style></p><p><style name="font7">�Bist du verr�ckt?�, zischte er. �Es ist mir ernst. Wenn du dich umbringen willst, nur zu, aber lass es nicht meine Schuld sein.�</style></p><p><style name="font7">�Du bist in jedem Fall daran schuld�, erwiderte sie trotzig. �Ganz gleich, wie es ausgeht.�</style></p><p><style name="font7">�Wie soll ich denn das verstehen?� Sein Blick war voller Verbl�ffung, als sie ihm half, das Kissen zu richten, um es ihm ein wenig bequemer zu machen.</style></p><p><style name="font7">�Ich bin schwanger, Leonard.� Sie sah ihn mit entwaffnender Ehrlichkeit an und legte eine Hand auf seine Brust.</style></p><p><style name="font7">Sein Blick blieb verwirrt.</style></p><p><style name="font7">�Glaubst du mir nicht?� Sie r�ckte ein St�ck von ihm ab und l�ftete ihre R�cke. Darunter trug sie keine Unterw�sche und pr�sentierte ihm schamlos ihre Bl��e. Sein erschrockener Blick wanderte fassungslos �ber ihren blanken, ansehnlich gew�lbten Bauch. �Sechster Monat - daran l�sst sich nichts mehr besch�nigen. Ich habe die ganze Zeit darauf gehofft, dass das Kind noch abgeht - aber es hat sich in mir festgesetzt wie eine Zecke in ihrem Wirt.�</style></p><p><style name="font7">�Sprich nicht so!� Leonard sah sie verst�ndnislos an und war versucht, ihr den Rock herunterzuziehen. �Es ist dein Kind, und es spielt keine Rolle, wer es gezeugt hat.�</style></p><p><style name="font7">�Irgendwie ist es auch dein Kind�, erwiderte sie leise und streichelte mit ihrer Hand �ber die W�lbung. Mit einem Seufzer lie� sie den Bauch wieder unter ihrem karierten Rock verschwinden.</style></p><p><style name="font7">Leonard sah sie verst�ndnislos an, doch in ihren Augen spiegelte sich nicht der geringste Zweifel.</style></p><p><style name="font7">�Bei allem Verst�ndnis f�r deine vertrackte Lage.� Er atmete kurz und heftig. �Ich bin nicht der Vater des Kindes, und das wei�t du sehr wohl.�</style></p><p><style name="font7">�Ja, ich wei�, der Kosak hat es gemacht�, erwiderte sie lapidar, �damals in der Scheune. Es w�re nicht geschehen, wenn du fr�her gekommen w�rest.� Sie senkte den Kopf und blickte versch�mt zu Boden. �Also trifft dich eine Mitschuld.�</style></p><p><style name="font7">Eine einzelne dicke Tr�ne rann �ber ihre Wange.</style></p><p><style name="font7">Leonard hatte das Gef�hl, ihm w�rde das Herz zerrei�en. Er hob die Hand, um sie zu tr�sten. Ja, sie hatte recht. Er hatte ein wenig gez�gert, bevor er sie aus den Klauen dieses L�stlings befreit hatte.</style></p><p><style name="font7">Er zog sie nun doch zu sich herunter und nahm sie in den Arm. Sie begann erneut zu weinen, und er streichelte aus reiner Hilflosigkeit ihren R�cken.</style></p><p><style name="font7">�Wenn mein Vater erf�hrt, dass ich es mit einem Kosaken getrieben habe, schl�gt er mich tot�, fl�sterte sie. �Die einzige Rettung w�re, wenn du die Verantwortung f�r das Kind �bernehmen k�nntest. Du bist ein anst�ndiger Kerl, und au�erdem bist du den Russen wichtig. Wir k�nnten vielleicht sogar heiraten. Das ist in anderen Lagern nichts Ungew�hnliches.� F�r einen Moment richtete sie sich auf und sah ihn flehend an. �Ich w�re dir eine gute Frau. Ich w�rde alles tun, was du von mir verlangst.�</style></p><p><style name="font7">Leonard wusste beim besten Willen nicht, was er darauf antworten sollte.</style></p><p><style name="font7">�Kissanka�, begann er vorsichtig. �Ich kann dich nicht heiraten. Ich habe schon eine Frau. Und sie erwartet auch ein Kind, genau wie du. Nur mit dem Unterschied, dass ich tats�chlich der Vater bin.�</style></p><p><style name="font7">Sie schaute ihn an, als ob er sie geschlagen h�tte. �Aber woher willst du das wissen? Du hast sie Monate nicht gesehen, und wer wei�, viel-leicht wurde sie auch vergewaltigt, und das Kind ist gar nicht von dir�, schrie sie ihn an. Dann fiel ihr Blick auf den Brief, und bevor Leonard es verhindern konnte, hatte sie ihn vom Boden aufgehoben und wanderte rastlos im Zimmer auf und ab, w�hrend sie zu lesen begann.</style></p><p><style name="font7">Zu matt, um aufzustehen, lie� Leonard sie gew�hren. Als sie alles gelesen hatte, sah Kissanka ihn mit ausdrucksloser Miene an. �Du wirst sie sowieso nicht wiedersehen, Leonard.� Ihre Stimme war kalt. �Sie ist eine Terroristin, sonst h�tte man sie nicht in Tomsk eingesperrt. Oder sie ist eine Hochstaplerin und hat dich an die Russen verkauft. Wenn man gewollt h�tte, dass ihr beide zusammenkommt, h�tte man euch doch hierher verschicken k�nnen.�</style></p><p><style name="font7">Mit der �berzeugungskraft einer Verzweifelten baute sie sich vor ihm auf und warf ihr langes rotbraunes Haar zur�ck. �Ich bin hier�, erkl�rte sie mit erstickter Stimme. �Und ich bin aus Fleisch und Blut. Ich liebe dich, Leonard, wie dich niemand sonst je lieben wird. Du kannst mich nicht einfach zur�ckweisen!�</style></p><p><style name="font7">Leonard sp�rte, wie sich ein winziger Funke des �rgers in ihm regte. Bei allem Verst�ndnis, das er Kissanka entgegenbrachte, war er nicht bereit, Katja und ihr Kind zu verleugnen, dass das Licht der Welt erst noch erblicken w�rde. Den �rger, den er sich einhandeln w�rde, wenn er sich zu dieser falschen Vaterschaft bekannte, war abzusehen. Nicht nur Katja w�rde entt�uscht sein, wenn sie eines Tages davon erfahren sollte. Wie Kommandeur Lobow auf diese Nachricht reagieren w�rde, war ebenso wenig zu erahnen. Nicht auszudenken, wenn er den Eindruck gewann, dass Katja nicht mehr das Druckmittel war, f�r das er sie hielt. Vielleicht w�rde er seine Boshaftigkeiten auf Kissanka �bertragen und Katja und ihr Kind im wahrsten Sinne des Wortes zum Abschuss freigeben.</style></p><p><style name="font7">�Es tut mir leid�, sagte er leise. �Ich kann bei deinem Vater F�rsprache halten und ihm erkl�ren, dass dich keine Schuld trifft.�</style></p><p><style name="font7">Wortlos schaute Kissanka ihn an und sch�ttelte den Kopf. Dann nahm sie ihr blaues Wolltuch, schlug es um ihre Schultern und ging ohne ein Wort des Abschieds hinaus.</style></p><p><style name="font7">Drei Wochen sp�ter hatte Leonard den Vorfall schon beinahe vergessen. Mittlerweile plagten ihn andere Sorgen. Nur halbwegs genesen war er an seinen Arbeitsplatz zur�ckgekehrt.</style></p><p><style name="font7">Trotz der widrigen Umst�nde hatte er seit Katjas Brief wieder Mut gefasst und meinte, dass sein Aufenthalt in dieser H�lle einen Sinn hatte.</style></p><p><style name="font7">Weinberg unterst�tzte ihn bei seinen wagemutigen �berlegungen, dass er eine automatische Steuerung entwickeln konnte, mit der man auch gr��ere Luftschiffe �ber eine sehr lange Strecke zu lenken vermochte.</style></p><p><style name="font7">�Auf die �bersetzung der Steuerungsruder kommt es an und auf den Motor�, sagte er, als ihm der Jude im Vorbeigehen in der gro�en Konstruktionshalle auf die Schulter klopfte.</style></p><p><style name="font7">�So wie ich dich kennengelernt habe, d�rfte die Umsetzung der Pl�ne f�r dich kein Problem darstellen�, erwiderte Weinberg. �Was den Antrieb betrifft, so lass dies nur meine Sorge sein. Ich habe eine Batterie entwickelt, die weit mehr Elektrizit�t speichern kann als alle bekannten Batterien. Kombiniert mit einem leistungsstarken Verbrennungsmotor, k�nnen wir damit bis Japan fliegen und den Schlitzaugen die H�lle hei� machen. Ganz so, wie es sich unser hochverehrter Gro�f�rst in den Kopf gesetzt hat.� Sein grauer zerzauster Bart hob sich unter einem breiten Grinsen und gab Leonard damit jene Hoffnung zur�ck, die ihn seit Monaten mehr und mehr zu verlassen schien. Isaak, wie er von seinen Kameraden genannt wurde, mochte recht behalten. Sie w�rden es schaffen, den Gro�f�rsten und damit den Zaren zufriedenzustellen, und vielleicht winkte ihnen am Ende tats�chlich die Freilassung.</style></p><p><style name="font7">Beschwingt machte sich Leonard zu seiner Unterkunft auf. In seinem kargen Zimmer hatte er einige Aufzeichnungen, die er in der vergangenen schlaflosen Nacht angefertigt hatte.</style></p><p><style name="font7">Ein k�hler Wind wehte durch das enge Gebirgstal; ein Duft nach Sommer und Freiheit schien in der Luft zu liegen - trotz der mannshohen Z�une und Wachmannschaften, die mit scharfen Hunden um das Gel�nde patrouillierten.</style></p><p><style name="font7">Wie Leonard es erwartet hatte, war die Kammer verwaist. Pjotr verbrachte wie Weinberg und er den ganzen Tag in der Konstruktionshalle, und Aslan wurde erst morgen zur�ckerwartet. Die Nachmittagssonne schien durch das einzige, halb blinde Fenster. Leonard ging zu seinem Bett und hob das kleine Kissen ein wenig an, darunter be-fand sich ein zerknitterter Zettel mit einer verwaschenen Bleistiftzeichnung, die ihm als Ged�chtnisst�tze diente.</style></p><p><style name="font7">Als er aufsah, fiel ein Schatten auf sein Gesicht, und im n�chsten Moment traf ihn ein harter Gegenstand an der Schl�fe. Der Schlag war so heftig, dass er taumelte und in eine Kiste mit den Holzvorr�ten fiel. Etwas Warmes lief �ber seinen Mund, und seine Zunge schmeckte Blut. Dann erst erkannte er den Angreifer. Es war Kissankas Vater - Ivan Ivanowitsch Wassiljoff, der ihm schnaubend wie ein w�tender Stier gegen�berstand. Vermutlich war der aufgebrachte Mann geradewegs aus der Schmiede hierher gelaufen. Er trug immer noch eine abgewetzte Ledersch�rze, und sein nackter, ru�geschw�rzter Oberk�rper gl�nzte vor Schwei� und Fett. W�hrend er den Sch�rhaken mit seiner Rechten im Takt eines Pendel schwang, wirkten seine m�chtigen Unterarme wie zwei riesige Keulen. Dabei hob und senkte sich sein breiter Brustkorb unter einem pfeifenden Ger�usch. Mit hochrotem Kopf starrte er Leonard aus kleinen, blauen Augen an.</style></p><p><style name="font7">�So, Nemez�, br�llte er au�er sich vor Zorn. �Nun wirst du daf�r b��en, was du meiner Tochter angetan hast. Aber denk nicht, dass ich dich sofort t�te. Nein, es wird ein langsamer qualvoller Tod, ganz so, wie ein Schwein von deiner Sorte es verdient hat. Ich werde dir jeden Knochen einzeln brechen, bevor ich dir den Hals umdrehe.�</style></p><p><style name="font7">Leonard �berlegte, ob er nur den Hauch einer Chance hatte, gegen den Schmied anzukommen. Doch das war g�nzlich unwahrscheinlich. Erst recht, weil er nach seiner Krankheit noch immer nicht zu Kr�ften gekommen war. Blieb ihm also nur zu reden.</style></p><p><style name="font7">�Es ist nicht so, wie du denkst, Ivan Ivanowitsch�, sagte Leonard hastig. �Ich habe deiner Tochter kein Haar gekr�mmt. Im Gegenteil, ich war es, der sie vor den Kosaken gerettet hat.�</style></p><p><style name="font7">Seine Erkl�rung reizte den bulligen Schmied nur noch mehr.</style></p><p><style name="font7">�Du Mistkr�te!�, br�llte er. �Jetzt willst du es auch noch auf andere schieben.� Er versuchte ihm einen Hieb auf das Knie zu versetzen, doch Leonard gelang es, sich aus der Kiste zu befreien und sich in die hintere Ecke des Raumes zur�ckzuziehen.</style></p><p><style name="font7">�Ivan Ivanowitsch, ich flehe dich an!� Seine Stimme klang panischer, als ihm lieb war. �Ich habe deine Tochter nicht angefasst. Ich schw�re es dir beim Leben meiner Mutter!�</style></p><p><style name="font7">Der Schmied zeigte sich vollkommen unbeeindruckt; er marschierte geradewegs auf Leonard zu, um ihm mit einem einzigen Schlag die Rippen zu brechen. Der Schlag streifte Leonard nur, doch der Schmerz war beinahe unertr�glich.</style></p><p><style name="font7">Leonard konnte kaum noch atmen, trotzdem schaffte er es, sich hinter den Ofen zu retten. Entschlossen packte er den gusseisernen Teekessel und schleuderte ihn auf Wassiljoff.</style></p><p><style name="font7">Der Schmied machte jedoch einen schnellen Schritt zur Seite, und der Kessel schlug gegen das einzige Fenster, das laut klirrend zu Bruch ging. Vielleicht, so hoffte Leonard, w�rde man nun auf seine verzweifelte Lage aufmerksam werden.</style></p><p><style name="font7">Wassiljoff kam wieder auf ihn zu, und Leonard packte in seiner Verzweiflung einen Reisigbesen. Er schlug zu, doch das Holz brach sofort, w�hrend der Schmied kaum mit den Wimpern zuckte.</style></p><p><style name="font7">Hilflos begann Leonard mit allem zu werfen, was ihm in die Finger fiel: Holzkl�tze, B�cher, ja sogar Stiefel und Schuhe. Doch es war nichts dabei, das Wassiljoff h�tte aufhalten k�nnen. In letzter Not fasste Leonard nach einem Stuhl. Todesmutig stellte er sich Wassiljoff entgegen, dabei f�hlte er sich nicht weniger unwohl, als wenn er auf einen undressierten B�r zugegangen w�re. Der Schmied jedoch grinste nur und zerschlug den Stuhl mit einer Faust. In seinen Augen glomm eine gespenstische Entschlossenheit.</style></p><p><style name="font7">Den n�chsten Schlag sp�rte Leonard noch schmerzhaft, doch dann schienen ihn seine Sinne zu verlassen. Er nahm nichts mehr wahr, versuchte nur noch instinktiv, seinen Kopf vor den niederprasselnden Schl�gen zu sch�tzen.</style></p><p><style name="font7">Dann h�rte er wie von ferne einen Schuss, bevor ihn Dunkelheit gn�dig umfing.</style></p></section><section><title><p><style name="font5">16.</style></p><p><style name="font7">Juni</style><style name="font4"> 2008,</style><style name="font7"> Tunguska - Ecstasy</style></p></title><empty-line/><p><style name="font7">Wanja Biborow wollte sich keinesfalls als Angsthasen bezeichnen lassen. Gro�, muskul�s und mit kahl geschorenem Kopf wirkte er bewaffnet und in Tarnfleckuniform auf seine Umgebung �beraus einsch�ch-ternd. Trotzdem f�hlte er sich unbehaglich, als ihn sein Kampfgenosse Istvan, ein dunkelhaariger, nicht minder entschlossen auftretender Ko-sake, in einen abgelegenen Teil des Waldes f�hrte, von wo aus das Camp nicht mehr zu sehen war. Die dicht gewachsenen hohen Tannen und das Gestr�pp darunter geh�rten zu jenem Abschnitt, den ihnen Andrej Le-benov f�r die Patrouille zugeteilt hatte. Seit gestern Morgen streiften sie in einem Radius von zwei Kilometern um das Lager von Sergej Bashtiri und seinen Wissenschaftlern. Ihr Kommandeur wollte sicherstellen, dass kein weiterer Campbewohner einer tungusischen Jagdwaffe zum Opfer fiel. Au�erdem hatte Lebenov Suchtrupps entsandt, die nach jenem geheimnisvollen Ewenken fahnden sollten, der die bewusstlose deutsche Geophysikerin unbeobachtet ins Lager zur�ckgebracht hatte.</style></p><p><style name="font7">Istvan schaute sich mit verschw�rerischer Miene um und machte ein Zeichen mit den Fingern, wie Wanja es nur aus kriegerischen Situationen in Tschetschenien kannte, wenn sie in der D�mmerung auf der Suche nach Aufst�ndischen durch die zerst�rten H�userfronten geschlichen waren.</style></p><p><style name="font7">�Was ist?�, zischte er heiser. �Hast du etwas gesehen?�</style></p><p><style name="font7">Istvan, der f�nf Meter vor ihm her lief, antwortete nicht - stattdessen legte er seinen rechten Zeigefinger auf die Lippen, was wohl so viel bedeuten sollte, dass Wanja Stillschweigen bewahrte, weil Istvan ganz in der N�he ein Ger�usch geh�rt hatte. Die Maschinenpistole noch fester im Anschlag als sonst marschierten sie synchron Schritt um Schritt voran. Wanja hatte seine Waffe entsichert und den Finger am Abzug, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, was es hier geben konnte, um eine solche Ma�nahme zu rechtfertigen.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich blieb Istvan stehen und gab ein undefinierbares Ger�usch von sich. Vielleicht war es ein Gurgeln oder ein R�cheln. Wanja konnte es nicht einordnen. Der schwarze Schatten, der zwischen den lichten B�umen hin und her huschte, versetzte ihn in h�chste Alarmbereitschaft.</style></p><p><style name="font7">�Istvan?� Seine Stimme verriet die aufkommende Panik. �Istvan?� Doch der Kamerad stand stocksteif da und wandte ihm dabei den R�cken zu.</style></p><p><style name="font7">Mit Herzklopfen n�herte sich Wanja seinem merkw�rdig gestimmten Kollegen, dabei sah er sich hastig um.</style></p><p><style name="font7">�Istvan!�, stie� er noch einmal hervor. �Du machst mich nerv�s! Sieh mich an - was ist los?� Atemlos fasste er nach der Schulter des Gef�hrten, um ihn herumzurei�en, damit er ihm ins Gesicht blicken konnte. In diesem Augenblick wandte sich Istvan in einer rasenden Geschwindigkeit von alleine um und glotzte ihn an. Doch es war nicht sein Kamerad, dessen Furcht einfl��ende Fratze sich ihm entgegen streckte. Es war eindeutig ein unbekanntes Wesen, das Wanja augenblicklich den Atem nahm. Die Augen schr�g gestellt und leuchtend rot, die Z�hne spitz wie die eines Hais, stie� dieses Monster ein echsenhaftes Zischen aus. Eine gespaltene bl�uliche Zunge schnellte hervor, so lang, dass sie beinahe sein Gesicht ber�hrt h�tte.</style></p><p><style name="font7">Angsterf�llt stolperte Wanja r�ckw�rts. Fassungslos starrte er in das maskenhafte Gesicht, nicht bereit, seinen v�llig verwirrten Sinnen zu vertrauen.</style></p><p><style name="font7">�Was ...?�, stie� er keuchend hervor, und w�hrend er weiter zur�ckwich, getraute er sich nicht, den Blick von diesem leibhaftigen D�mon abzuwenden. Wanjas Herz h�mmerte hart in der Brust, und seine Furcht steigerte sich ins Unermessliche, als dieses Etwas mit erhobener Waffe auf ihn zumarschierte.</style></p><p><style name="font7">�Bleib stehen!�, br�llte er, doch das unheimliche Wesen reagierte nicht. Er verfing sich mit seinem Stiefel in einer Wurzel, und bevor er das Gleichgewicht endg�ltig verlor, dr�ckte er ab. Noch im Fallen riss er seine Waffe nach oben und verschoss das gesamte Magazin in Richtung des Feindes. In einem endlos erscheinenden Stakkato entweihten die Sch�sse die Stille des Waldes.</style></p><p><style name="font7">Dann war es pl�tzlich ruhig, nur ein leises St�hnen drang in Wanjas Bewusstsein. F�r einen kurzen Augenblick dachte er, er w�rde selbst st�hnen. Im Fallen war sein Kopf an einen Baumstamm geschlagen. Langsam, wie ein uralter Mann mit schmerzenden Gliedern, rappelte er sich auf die Knie und richtete sich m�hsam auf, indem er, die Maschinenpistole im Anschlag, mit der freien Hand an einer Tanne Halt fand. Die Furcht sa� ihm immer noch im Nacken, und der zuckende blut�berstr�mte K�rper, der nur ein paar Schritte entfernt in einem mit gr�nlichem Wasser gef�llten Graben lag, vergr��erte seine Angst nur noch. Das Wesen schien noch zu leben. Wanja schluckte hart, w�hrend er wie in Trance das Magazin an seiner Waffe wechselte. Vor-sichtig setzte er einen Fu� vor den anderen, um zu sehen, wen oder was er da in Grund und Boden geschossen hatte.</style></p><p><style name="font7">Doch als er nahe genug herangekommen war, konnte er die schmerzverzerrten, v�llig verbl�fften Z�ge seines Kameraden erkennen.</style></p><p><style name="font7">�Wanja�, fl�sterte Istvan kraftlos, w�hrend ihm das Blut aus den Mundwinkeln rann. �Warum hast du das getan?�</style></p><p><style name="font7">Doch bevor Wanja eine Antwort hervorbringen konnte, brachen die Augen seines Kameraden, und sein Kopf sackte zur Seite. Er war tot. Wie vom Wahnsinn gepeinigt, suchte Wanja die Umgebung ab. Doch au�er ihm und Istvan war weit und breit niemand zu sehen. Wanja sp�rte, wie er den Boden verlor und seine Knie einknickten, dann brach er �ber Istvan zusammen und schrie, gesch�ttelt von Weinkr�mpfen, seine Verzweiflung hinaus.</style></p><p><style name="font7">Verunsichert blickte Viktoria zur�ck. Leonid war wie eine unwirkliche Erscheinung mit seinem Hund zwischen Str�uchern und B�umen verschwunden, ganz so, als ob die beiden mit der Vegetation verschmolzen w�ren. Ihr Herz pochte heftig, als sie Kolja und Sven Theisen am Ufer des Kimchu entgegenlief. Zu ihrer �berraschung waren die beiden ohne weitere Hilfe zur�ckgekehrt und hatten weder schweres Ger�t noch Schaufeln dabei.</style></p><p><style name="font7">Sven gestikulierte aufgebracht zu ihr her�ber, derweil Kolja den Motor des kleinen Bootes am Laufen hielt.</style></p><p><style name="font7">�Was ist los?� Aufgew�hlt schaute Viktoria zu Sven Theisen auf.</style></p><p><style name="font7">�Im Camp hat sich ein Zwischenfall ereignet�, stie� er atemlos hervor und fasste sie hart bei den Schultern. �Wir m�ssen unverz�glich zur�ckkehren. Anweisung von Bashtiri und seinem Sicherheitsoffizier.� Sven f�hrte Viktoria regelrecht ab, was sie sich vollkommen verbl�fft ohne Gegenwehr gefallen lie�.</style></p><p><style name="font7">�Ein Zwischenfall?� Bevor sie endg�ltig im Boot Platz nehmen konnte, fiel ihr Blick auf den Magnetfeldmesser, der herrenlos in der Uferb�schung lag. �Halt! Wir haben etwas vergessen!�</style></p><p><style name="font7">�Den Feldmesser holen wir sp�ter�, entschied Theisen, der ihren Blicken gefolgt war. Viktoria wollte protestieren, weil es sich um ein teueres Messger�t handelte und der tunguskische Wald offenbar nicht so menschenleer war, wie man allgemein angenommen hatte.</style></p><p><style name="font7">Doch Kolja hatte bereits abgelegt. Sven berichtete ihr in knappen Worten vom Tod des Soldaten.</style></p><p><style name="font7">�Angeblich war es ein Unfall�, erkl�rte er, w�hrend das Boot entlang des Schilffeldes an Fahrt zunahm. Seit dem Abgang der Gasblase war es ihnen nicht mehr erlaubt, den k�rzeren Weg mitten �ber den See zu nehmen.</style></p><p><style name="font7">Viktoria sch�ttelte verst�ndnislos den Kopf. Der feuchte Wind blies ihr die Haare aus dem Gesicht, und ihre H�nde krallten sich in die Seile, die an dem Boot angebracht waren.</style></p><p><style name="font7">�Abgesehen davon, dass es mir um den Soldaten leid tut�, sagte sie mit lauter Stimme, um das Ger�usch des Motors zu �bert�nen, �was hat das mit unserer Arbeit zu tun?�</style></p><p><style name="font7">Kolja drosselte die Geschwindigkeit. Von weitem konnte Viktoria sehen, dass im Camp eine besondere Gesch�ftigkeit ausgebrochen war. S�mtliche Soldaten und auch die weiteren Mitarbeiter Bashtiris waren auf dem kleinen improvisierten Innenhof zum Appell angetreten. Die verbliebenen S�ldner des Oligarchen und seines Freundes hatten sich in ihren olivgr�nen Uniformen in einer Reihe aufgestellt. Ihre martialische Bewaffnung bestand aus Maschinenpistolen und modernen Faustfeuerwaffen, die sie am G�rtelholster trugen. Bashtiris Bodyguards gesellten sich wortlos in ihren schwarzen Overalls dazu.</style></p><p><style name="font7">Olguth und Rodius verfolgten das Geschehen mit �berkreuzten Armen und zweifelnder Miene. Die �brigen russischen Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter hatten mit verunsicherten Gesichtern hinter ihnen Aufstellung genommen. Es hatte zu regnen angefangen, und am Horizont zogen weitere dunkle Wolken auf, als ob sie die d�stere Stimmung noch unterstreichen wollten.</style></p><p><style name="font7">Viktoria sprang aus dem Boot und lief zu Professor Rodius, der ihr in diesem Meer von Verr�ckten wie eine Insel der Vernunft erschien.</style></p><p><style name="font7">�Kannst du mir sagen, was w�hrend meiner Abwesenheit hier geschehen ist?� Viktoria erhoffte sich von ihrem Professor eine Einsch�tzung der Lage.</style></p><p><style name="font7">�Einer von Lebenovs Leuten hat einen eigenen Kameraden erschossen�, bemerkte Rodius leise. �So wie die Leiche aussah, haben die Sch�sse den Mann glatt durchsiebt. Es erinnerte an einen Amoklauf. Bisher wei� niemand, wie es dazu kommen konnte.�</style></p><p><style name="font7">�Na, wie wohl?� Viktoria gab sich keine M�he, den ironischen Unterton in ihrer Stimme zu unterdr�cken. �Wer mit dem Feuer spielt, wird darin umkommen, sagte schon mein Gro�vater. Schau dir doch all diese schie�w�tigen Idioten an! Kein Wunder, wenn da einer durchdreht. Also, ich f�hle mich keinen Deut sicherer, nur weil hier Soldaten mit einer Knarre umherlaufen.�</style></p><p><style name="font7">�Wem sagst du das�, murmelte Rodius, und mit einem Nicken mahnte er zur Aufmerksamkeit, weil nun Lebenov erschien.</style></p><p><style name="font7">�Heute Nachmittag hat es einen Schusswechsel gegeben, bei dem einer unserer Kameraden bedauerlicherweise den Tod gefunden hat�, erkl�rte er mit erhobener Stimme. �Bis die Ursachen f�r diesen Zwischenfall nicht genau gekl�rt sind, wird niemand dieses Camp verlassen. Wir haben mit dem betroffenen Kameraden des toten Kollegen ein intensives Gespr�ch gef�hrt, das wir noch auswerten m�ssen.� Le-benov schaute in die Runde, wobei ihm seine Ratlosigkeit durchaus anzusehen war.</style></p><p><style name="font7">Zwei Stunden zuvor hatten er und einige seiner Leute Biborow in die Mangel genommen, doch au�er dass der Kosake immer wieder in Tr�nen ausbrach, war nichts bei der Befragung herausgekommen.</style></p><p><style name="font7">�Da war etwas D�steres�, hatte Biborow unentwegt gestottert. �Ich habe im Wald einen Schatten gesehen, und Istvan hat es geh�rt. Er hat mir ein Zeichen gegeben.�</style></p><p><style name="font7">�Was war es genau? Verdammt, kannst du es nicht wenigstens beschreiben?� Lebenov war mit Biborow alles andere als zimperlich umgegangen, als er ihn in einer der Baracken, in der die Soldaten untergebracht waren, pers�nlich verh�rt hatte.</style></p><p><style name="font7">�Ich wei� es nicht!� Wieder hatte Biborow zu heulen begonnen, und Lebenov verga� sich vollkommen, indem er dem Soldaten mit voller Wucht in das rote, aufgequollene Gesicht schlug. Biborow protestierte nicht, sondern schaute auf, als ob er einen weiteren Schlag erwartete. F�r ihn war es nichts Ungew�hnliches, von seinen Vorgesetzten Pr�gel zu beziehen. Ja, es gab ihm sogar eine gewisse Sicherheit, die ihn in seine gewohnte Welt zur�ckkehren lie�.</style></p><p><style name="font7">�Da war ein Monster�, fl�sterte er tonlos und starrte Lebenov mit hellen, verwirrten Augen an, als ob er nicht ganz bei Trost sei. �Es hatte gl�hende Augen und rei�ende Z�hne und eine blaue gespaltene</style></p><p><style name="font7">Zunge . Es kam auf mich zu. Ich musste schie�en. Woher h�tte ich denn wissen sollen, dass es Istvan war?�</style></p><p><style name="font7">Lebenov erwiderte den Blick seines Soldaten, und dabei war er geneigt, seine Hand an den Abzug seiner Pistole zu legen, um den armen Irren hier und vor Ort zu erschie�en. Doch stattdessen atmete er tief durch und warf einen resignierten Blick zu Bashtiri, der nicht weniger schockiert neben ihm stand.</style></p><p><style name="font7">�Ich f�rchte, wir m�ssen Doktor Parlowa ein weiteres Mal bem�hen�, beschloss Lebenov in einem fatalistischen Tonfall, der jeden beunruhigen musste, der ihn n�her kannte, war es doch ein sicheres Zeichen daf�r, dass er kurz vor einem cholerischen Ausbruch stand. �Sie soll den Kerl unverz�glich sedieren.� Sein Blick fiel auf ein paar umherstehende Wachleute. �Legt ihm Plastikfesseln an, damit er keine weitere Gefahr darstellt. Doktor Parlowa soll unverz�glich eine Einweisung in die Psychiatrische Klinik von Krasnojarsk vorbereiten, und dann ab mit ihm in den Helikopter.�</style></p><p><style name="font7">Der Regen war st�rker geworden. Von ferne zuckten Blitze, und ein Donnergrollen rollte �ber den See. Lebenov schien das heraufziehende Unwetter nicht zu interessieren, weil er seine Ansprache unger�hrt fortsetzte, ohne darauf zu achten, dass die gesamte Besatzung des Camps bis auf die Haut durchn�sst werden w�rde, wenn sein Vortrag noch l�nger andauerte.</style></p><p><style name="font7">Viktoria straffte ihre Schultern und warf Rodius einen verst�ndnislosen Blick zu. �Das wird ja immer besser�, raunte sie w�tend. �Also doch Archipel Gulag. Meine Mutter hatte recht.�</style></p><p><style name="font7">Olguth versuchte die deutschen Kollegen zu beschwichtigen. �Bash-tiri denkt nur an unsere Sicherheit�, bemerkte er leise, doch seine Stimme klang wenig �berzeugend. �Er bef�rchtet wohl einen terroristischen Angriff. Wie ich geh�rt habe, gibt es hier in der Gegend Kr�fte, die ganz und gar nicht mit der Erschlie�ung eines neuen Gasfeldes einverstanden sind. Dazu kommen die merkw�rdigen Funde, die niemand zu erkl�ren vermag.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria sah ihn erstaunt an.</style></p><p><style name="font7">�Funde?� Theisen war hinter sie getreten und bedachte Olguth mit einem interessierten Blick. �Haben wir etwas verpasst?�</style></p><p><style name="font7">�Bashtiris Leute haben heute Nachmittag etwas auf dem Grund des Sees gefunden, das Ihrer Beobachtung kurz vor der Gaseruption sehr nahe kommt�, erkl�rte Olguth verhalten, w�hrend Lebenov erneut begonnen hatte, eine ganze Litanei von Verhaltensregeln herunterzu-beten. �Ich habe den Gegenstand nur fl�chtig zu Gesicht bekommen�, f�gte der russische Professor mit verschw�rerischer Miene hinzu. �Aber es sah ganz danach aus, als ob es sich tats�chlich um einen Aluminiumtr�ger handelte.�</style></p><p><style name="font7">�Haben Sie eine Ahnung, was mit dem Fund geschieht?� Rodius' fragender Blick lie� auf seinen Unmut schlie�en. Bashtiri und sein Team dachten anscheinend nicht daran, ihre Erkenntnisse mit den anwesenden Professoren zu teilen.</style></p><p><style name="font7">�Sie wollen das Metall in einem Labor von GazCom untersuchen lassen, soweit ich von Bashtiris Mitarbeitern geh�rt habe�, erl�uterte Olguth. �Angeblich soll dieser Fund keinen weiteren Einfluss auf unsere Arbeit haben.�</style></p><p><style name="font7">�Mir reicht's�, beschloss Viktoria mit einem zornigen Blick auf Ro-dius. Ohne Erkl�rung drehte sie sich um und verschwand in Richtung ihrer Baracke.</style></p><p><style name="font7">In ihrer Kammer angekommen, schloss sie die T�r hinter sich und setzte sich auf ihr Bett, um �ber Leonid nachzudenken. Sie musste ihn wiedertreffen - selbst wenn es der reine Wahnsinn war. Was wusste sie schon von ihm, au�er dass er aussah wie ein griechischer Gott - nein, wie ein asiatischer Gott, wenn man sein glattes schwarzes Haar und die schr�g stehenden Augen ber�cksichtigte. Vielleicht trug er die Verantwortung f�r all diese merkw�rdigen Geschehnisse; offenbar hatte er ein Problem mit Bashtiri und Bashtiri mit ihm. Schon allein deshalb w�rde es interessant sein, sich mit ihm zu unterhalten. Doch wie sollte das gehen? Drau�en wimmelte es nur so von Soldaten. Alle waren bis an die Z�hne bewaffnet. W�rden die M�nner es wagen zu schie�en, falls sie den Weg nach drau�en fand und den Wachen versehentlich in die Arme lief?</style></p><p><style name="font7">Entschlossen sprang Viktoria auf und entledigte sich ihrer Kleidung. Dann leerte sie den Wasserkanister in eine Sch�ssel, um sich zu waschen. Mit einem strengen Blick in den Spiegel b�rstete sie ihr Haar aus und b�ndigte es mit einem elastischen B�ndchen. Anschlie�end verteilte sie Doktor Almuths M�ckenschutzmittel auf Hals und Gesicht und betupfte die Lippen mit Citrusgloss. Pl�tzlich hielt sie inne. Was f�r eine absurde Geschichte! Ohne es zu bemerken, bereitete sie sich auf ein Rendezvous vor, dessen Vorzeichen schlechter nicht h�tten sein k�nnen.</style></p><p><style name="font7">Wenig sp�ter eilte sie in olivgr�ner Kleidung �ber den Hof. Um nicht unn�tig Aufsehen zu erregen, nahm sie mit den Kollegen in der K�chenbaracke das Abendessen ein.</style></p><p><style name="font7">Bashtiri hatte sich mit Lebenov zu weiteren Beratungen in seine Behausung zur�ckgezogen, nachdem man den jungen Soldaten unter starken Beruhigungsmitteln noch am Abend in Begleitung von Frau Doktor Parlowa nach Krasnojarsk ausgeflogen hatte.</style></p><p><style name="font7">�Was h�ltst du von der Sache?� Bashtiri fixierte Lebenov mit einem fragenden Blick, der seine ganze Beunruhigung offenbarte.</style></p><p><style name="font7">Lebenov lehnte den Wodka, der ihm von Antonov, Bashtiris Butler, auf einem silbernen Tablett serviert wurde, �berraschend ab. Unruhig wanderte er zwischen dem rasch hochgezogenen offenen Kamin und dem Liegesofa, das Bashtiri f�r sich eingenommen hatte, hin und her.</style></p><p><style name="font7">Anstatt zu antworten, z�ckte Lebenov einen Faxauszug aus seiner Uniformtasche und setzte eine gewichtige Miene auf.</style></p><p><style name="font7">�Es gibt Neuigkeiten�, erkl�rte er und setzte sich nun doch in einen der breiten Ledersessel auf der anderen Seite des flachen Teakholztisches, der zwischen ihm und Bashtiri stand. �Doktor Swerew hat Archive durchw�hlt und dabei herausgefunden, dass es im Februar</style><style name="font4"> 1905 </style><style name="font7">einen Gefangenentransport den Jenissei hinauf gab, bei dem unser Student, der angeblich an der roten Ruhr gestorben ist, dabei war. Sein Name lautete Pjotr Agollov, er geh�rte tats�chlich dem Polytechnischen Institut von Sankt Petersburg an. Aber das ist noch nicht alles. Er wurde von einem Leonard Michail Schenkendorff begleitet, der zuvor unter ebenso seltsamen Umst�nden aus Sankt Petersburg verschwunden ist. Laut den Gefangenenlisten der Peter-und-Paul-Festung war er dort inhaftiert und hat sich angeblich im Januar</style><style name="font4"> I905</style><style name="font7"> das Leben genommen. Sein Vater, ein deutscher Ingenieur, hat darauf beinahe eine diplomatische Krise heraufbeschworen, weil er behauptete, das Zarenregime habe seinen Sohn auf dem Gewissen. Per Petition hat er sich mit der Unterst�tzung deutscher Diplomaten an die Zarin gewandt und die Herausgabe der Leiche gefordert, die ihm jedoch niemand zeigen konnte. Kein Wunder! Nach den vorgefundenen Dokumenten zu urteilen, war Schenkendorff zu diesem Zeitpunkt noch am Leben.�</style></p><p><style name="font7">�Und?� Bashtiri schaute Lebenov verst�ndnislos an. Nicht nur weil der ehemalige Offizier des FSB ihm vom Schicksal zweier in seinen Augen v�llig uninteressanter Personen berichtete, fragte er sich, worauf Lebenov hinauswollte.</style></p><p><style name="font7">�Schenkendorff ist der Urgro�vater unseres Leonid Borisowitsch Aldanov. Einer meiner Leute hat die Abstammungsunterlagen von Aldanovs Familie durchgesehen. Aldanovs Gro�mutter ist eine geborene Schenkov. Sp�ter heiratete sie Makar Charitonowitsch Schirov, den jetzigen Stammes�ltesten dieser Gegend. Wie sich bei weiteren Nachforschungen herausstellte, hie� ihr Vater eigentlich Schenkendorff. Nach der Oktoberrevolution musste er sich</style><style name="font4"> I923</style><style name="font7"> registrieren lassen. Sein Name wurde in Schenkov ge�ndert. Also muss er noch gelebt haben, als er nach Sibirien deportiert wurde. Und er hat - obwohl er doch angeblich Selbstmord begangen hat - Jahre sp�ter eine Tochter und einen Sohn gezeugt, und zwar hier in dieser Region. Zudem kannte er offenbar den Besitzer der Taschenuhr.�</style></p><p><style name="font7">�Und wie sollte uns das helfen? Ich kann dir nicht folgen, oder liegt es daran, dass du beim FSB warst und ich nicht?�</style></p><p><style name="font7">�Irgendetwas ist faul an der Geschichte, Sergej. Um das zu erkennen, muss man nicht beim Geheimdienst gearbeitet zu haben. Ich habe die Aluminiumstange in unser Labor in Irkutsk �bersandt. Dort wird man herausfinden, wie lange sie schon in diesem See gelegen hat. Gleich morgen fr�h werde ich mir diesen Schirov vorkn�pfen. Schlie�lich war Schenkendorff sein Schwiegervater. Also muss er auch wissen, was dieser Kerl hier zu suchen hatte und wie dessen Kommilitone in den See gelangt ist. Au�erdem kann ich ihn ganz nebenbei zum Tod seines Enkels befragen.�</style></p><p><style name="font7">Mit dem Hinweis, dass sie sich nicht wohlf�hle und dringend schlafen m�sse, verabschiedete sich Viktoria zur Nacht. Theisen hatte gefragt, ob er sie zu ihrer Baracke begleiten solle, doch sie hatte br�sk abgelehnt.</style></p><p><style name="font7">Wenn �berhaupt h�tte sie sich noch gerne mit Kolja unterhalten, weil er der Einzige zu sein schien, der ihr etwas �ber Bashtiri und dessen Absichten erz�hlen konnte. Doch der Russe hatte beim Abendessen gefehlt, und auch das Fenster in seiner Baracke war dunkel. Vielleicht spielte er mit Lebenovs Soldaten Karten und half ihnen dabei, die schrecklichen Vorkommnisse des Tages im Wodka zu ertr�nken. Aus ihrer Baracke drangen lautstarke Stimmen, offenbar war eine heftige Diskussion dar�ber entbrannt, warum einer ihrer Kameraden einen anderen erschossen hatte.</style></p><p><style name="font7">W�hrend Viktoria in ihrem Zimmer die schweren Stiefel schn�rte, �berlegte sie, ob sie einen Rucksack mitnehmen sollte, doch dann verzichtete sie darauf. Stattdessen legte sie sich ein Handtuch �ber die Schulter und nahm eine Rolle Toilettenpapier in die Hand - geradeso, als ob sie zu den Waschr�umen schlendern wollte. Hinter dem Geb�ude gab es eine L�cke im Zaun, die zu einer Sickergrube f�hrte. Der Gestank, der von dort aus zum Camp hin�berwehte, war nicht gerade einladend, au�er ein paar blutr�nstigen Insekten w�rde sich kaum jemand dorthin verirren.</style></p><p><style name="font7">Sobald sie den Zaun �berwunden hatte, w�rde sie einen kleinen Abhang hinunter zum Ausgang des Camps gehen und darauf hoffen, dass sie niemand von den Soldaten bemerkte - und sie im Gegenzug wie verabredet auf Leonid stie�. Falls er nicht da sein sollte, w�rde sie versuchen, seine H�tte zu finden. Seine Behausung schien nicht allzu weit entfernt zu sein, ein paar Kilometer vielleicht. Viktoria besa� einen modernen GPS-Kompass und war in der Lage, ihn zu lesen. Der Regen und das Donnern hatten aufgeh�rt, doch �berall waren kleinere und gr��ere Pf�tzen zur�ckgeblieben. Im Zickzackkurs huschte Viktoria in der D�mmerung zwischen den Baracken hin und her und w�re dabei beinahe einem von Lebenovs S�ldnern in die Arme gelaufen, der wachsam das Gel�nde inspizierte. Bevor der Mann auf sie aufmerksam wurde, duckte sie sich rasch und kroch auf allen vieren hinter das Waschhaus. Aus dem schmalen Saunafenster drangen Stimmen, die Le-benov und Bashtiri geh�rten.</style></p><p><style name="font7">�Hast du eigentlich schon einmal dar�ber nachgedacht, dass die Katastrophe von Tunguska keinen nat�rlichen Ursprung haben k�nnte?� Es war Lebenov, der diese Frage stellte.</style></p><p><style name="font7">�Was willst du damit sagen?�, brummte Bashtiri mit ersch�pfter Stimme. �Denkst du etwa auch, dass wir Besuch von Au�erirdischen hatten?� Ein leises Lachen war zu vernehmen, das sich beinahe anh�rte wie das Meckern einer Ziege.</style></p><p><style name="font7">�Du kannst dich ruhig dar�ber am�sieren�, erwiderte Lebenov ernst. �Interessant ist in jedem Fall, dass in den Archiven von Moskau keinerlei Aufzeichnungen durch den Geheimdienst des Zaren zu diesem spektakul�ren Ereignis vorliegen. Und auch sonst existieren kaum Berichte vom Zeitpunkt der Katastrophe. Das ist doch merkw�rdig, nicht wahr? Da ersch�ttert ein riesiger Feuerball die halbe Welt, und au�er ein paar sp�rlichen Aussagen durch tungusische Einheimische ist dieses Geschehnis durch nichts dokumentiert. Normalerweise h�tte es den Zaren und seine Dritte Abteilung doch interessieren m�ssen, wenn eine solch gewaltige Explosion weite Teile des Landes verw�stet. Zumal sich die ausl�ndische Presse sehr wohl mit dem Erdbeben und den anschlie�enden Licht-Ph�nomenen besch�ftigt hat. Tatsache ist, dass die ersten russischen Forscher erst Ende der zwanziger Jahre hier aufgetaucht sind, um nach den Ursachen zu suchen. Und jetzt finden wir heraus, dass es hier au�er einem zweifelhaften mit Wasser gef�llten Krater noch merkw�rdige metallische R�ckst�nde gibt, die nicht zu erkl�ren sind. Dazu finden wir zwei seltsam entstellte Leichen, von denen mindestens eine im Jahre</style><style name="font4"> I902</style><style name="font7"> eine Verbindung zum Polytechnischen Institut von Sankt Petersburg hatte.�</style></p><p><style name="font7">Ein lautes Zischen erschreckte Viktoria so sehr, dass sie aufsprang. Ein Schwall piniengetr�nkter Luft dampfte aus dem L�ftungsschlitz der Sauna und lie� sie aufkeuchen. Bevor sie ein Hustenreiz �bermannte, legte sich eine Hand auf ihren Mund, und ein starker Arm verurteilte sie zur Reglosigkeit. Ihr Herz h�mmerte gegen die Brust, als jemand sie wortlos in ein Geb�sch in der N�he zog und sie zu Boden dr�ckte. Erst dann konnte sie sehen, dass es Leonid war, der sie anl�chelte. Im selben Augenblick wurde die hintere T�r des H�uschens ge�ffnet, und Lebenov taumelte hinaus, ein wei�es Handtuch um seine speckigen H�ften geschlungen, und pfiff einen seiner S�ldner heran. In Badeschuhen ging er dem Mann entgegen und wechselte ein paar Worte mit ihm.</style></p><p><style name="font7">�Das war knapp�, fl�sterte Viktoria, mit der Gewissheit, dass Lebe-nov und der Soldat sie weder h�ren noch sehen konnten.</style></p><p><style name="font7">Nachdem Lebenov wieder in der Sauna verschwunden war, fasste Leonid sie sanft bei der Hand und gab ihr mit einem stummen Fingerzeig zu verstehen, dass sie ihm folgen sollte.</style></p><p><style name="font7">�ber Wurzeln und niedrige Str�ucher stolperte Viktoria zwischen dicht stehenden L�rchen und Birken hinter ihrem Begleiter her. Leonid setzte seine Schritte in erstaunlicher Sicherheit, w�hrend er mit ihr durch eine unerwartet helle sibirische Nacht hastete.</style></p><p><style name="font7">Ab und an warf er einen Blick zur�ck. Seine Miene blieb angespannt, offenbar f�rchtete er, dass ihnen jemand folgen k�nnte. Dann l�chelte er kurz und zog sie weiter. Viktorias Blick glitt �ber seine zusammengebundenen pechschwarzen Haare, die ihm lang und glatt bis in den R�cken reichten. Ihr Augenmerk wanderte weiter �ber das aufgekrempelte Lederhemd zu den sehnigen Unterarmen, bis hin zu seinem muskul�sen Hinterteil, das sich durchaus beachtenswert unter seiner Tarnfleckhose abzeichnete. Irritiert nahm sie zur Kenntnis, dass ihr der Anblick gefiel. Bisher hatte sie Stein und Bein geschworen, bei einem Mann niemals auf solche �u�erlichkeiten zu achten.</style></p><p><style name="font7">Hier mitten in der sibirischen Taiga erschienen ihr solche Gedankenspiele noch absurder als je zuvor, und die Frage, was sie hier eigentlich tat, wurde immer dr�ngender.</style></p><p><style name="font7">Wenig sp�ter erreichten sie die Schotterpiste, die Lebenov und seine M�nnern nutzten, wenn sie, statt mit dem Helikopter zu fliegen, mit dem Gel�ndewagen nach Vanavara fahren mussten.</style></p><p><style name="font7">Leonid nahm eine geduckte Haltung an, als sie sich der Stra�e n�herten. Viktoria tat es ihm nach, wobei sie sich fragte, wer ihnen hier so sp�t am Abend begegnen sollte - au�er B�ren oder W�lfen, deren Heulen manchmal zu h�ren war.</style></p><p><style name="font7">�Warte�, fl�sterte sie und hielt f�r einen Moment inne.</style></p><p><style name="font7">Leonid blieb stehen und sah sie im Halbdunkel fragend an. In wenigen Worten berichtete sie ihm vom r�tselhaften Tod des Soldaten.</style></p><p><style name="font7">Er sah sie nur an und zuckte mit den Schultern. �Denkst du etwa, ich h�tte etwas damit zu tun?�</style></p><p><style name="font7">Der Kerl konnte Gedanken lesen, und doch sch�ttelte sie energisch den Kopf.</style></p><p><style name="font7">�Wo willst du �berhaupt hin?� Erneut keimten Zweifel in ihr auf. Sie musste verr�ckt sein. Was w�re, wenn er ihr, am Ziel angekommen, ohne mit der Wimper zu zucken, die Gurgel umdrehte - oder sie gefangen hielt, vergewaltigte und ihr anschlie�end einen qualvollen Tod bescherte? Im Camp w�rde niemand wissen, wo sie abgeblieben war.</style></p><p><style name="font7">Leonid schien ihr Z�gern zu bemerken.</style></p><p><style name="font7">�Du brauchst keine Angst zu haben�, antwortete er auf Deutsch. �Ich dachte, wir gehen in meine H�tte. Da ist es etwas gem�tlicher als hier mitten im Wald.�</style></p><p><style name="font7">Wenn er sie hatte verbl�ffen wollen, so war es ihm gelungen.</style></p><p><style name="font7">Langsam schlichen sie weiter. Als sie den Rand der Piste erreicht hatten, sah er sich suchend um, bevor er das Kommando gab, die freie Strecke im Laufschritt zu �berqueren.</style></p><p><style name="font7">�Wo ist dein Hund?�, fragte sie atemlos, nachdem sie erneut in den lichten Wald eingetaucht waren.</style></p><p><style name="font7">�Zuhause.� Mit einem angedeuteten L�cheln sah er auf sie herab. �Er hat Arrest. Bei unserer letzten Begegnung mit Lebenovs M�nnern h�tte uns sein un�berlegtes Verhalten beinahe das Leben gekostet. Deshalb wollte ich heute Abend kein Risiko eingehen.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria versp�rte eine neue aufflackernde Unruhe und erwiderte seinen Blick mit aufgerissenen Augen. �Was bedeutet, es hat euch beinahe das Leben gekostet?�</style></p><p><style name="font7">�Das ist eine l�ngere Geschichte�, erwiderte Leonid dunkel. �Wenn du willst, erz�hle ich sie dir, sobald wir angekommen sind.�</style></p><p><style name="font7">Gut eine Stunde waren sie durch das unwegsame Gestr�pp gelaufen, dann deutete Leonid in der D�mmerung auf einen Bach, der den Zugang zu seiner H�tte markierte. Viktoria warf ihre halblange M�hne zur�ck und nutzte die kleine Pause, um zu verschnaufen, als er unvermittelt stehen blieb, um sich zu vergewissern, ob er nicht zu schnell vorangegangen war.</style></p><p><style name="font7">Ihr ebenm��iges Gesicht mit den gro�en gr�nen Augen und den schwungvoll gebogenen Brauen erinnerte ihn an die Marienbilder, die seine Gro�mutter auf ihren vielen Ikonen verehrte. Viktoria war kein M�dchen, das Make-up ben�tigte, um gut auszusehen. Ihre Sch�nheit bereitete ihm schmerzhafte Erinnerungen an eine Zeit, die er lieber weit hinter sich gelassen h�tte. Es war noch nicht zu lange her, dass er ein �hnlich sch�nes Gesicht in seinen H�nden gehalten hatte: wei� und leblos, mit vollen Lippen, aus deren Mundwinkel das Blut geronnen war wie in einem schlechten Film �ber Vampire.</style></p><p><style name="font7">In der H�lle spielt die Sch�nheit keine Rolle, hatte Anna erwidert, als er ihr ein Kompliment gemacht hatte; sie hatte damit gemeint, dass es durchaus von Nachteil sein konnte, wenn man so sch�n war, dass man die Aufmerksamkeit der M�chtigen erregte, die sich manchmal daran erg�tzten, wenn sie etwas besonders Sch�nes zerst�ren konnten.</style></p><p><style name="font7">�Da vorne ist es�, sagte er schlicht, und dabei sah er Viktoria herausfordernd an, als ob er nochmals sicherstellen wollte, dass sie aus freien St�cken mit ihm kam.</style></p><p><style name="font7">�Wo?� Sie l�chelte unsicher, w�hrend sie versuchte, zwischen Str�uchern und B�umen etwas auszumachen, das einem Haus gleichkam. Eine pl�tzliche Furcht, ob sein Zuhause nicht doch zu bescheiden ausfiel, lie� sein Herz heftiger schlagen. Doch als sie an der H�tte angekommen war, entwich ihr ein Laut puren Erstaunens.</style></p><p><style name="font7">�Unglaublich!�, rief sie aus. �Das Haus ist wundersch�n, und man sieht es tats�chlich erst, wenn man kurz davor steht.�</style></p><p><style name="font7">�Darf ich bitten�, antwortete er galant und �ffnete mit einem Riegel die T�r, dabei verzichtete er darauf, ihr den Vortritt zu lassen, weil im Inneren des Hauses Ajaci offenbar sehns�chtig seine R�ckkehr erwartete. Bisher hatte er hier nur Familienangeh�rige empfangen, und man konnte nie wissen, wie der R�de auf den - in seinen Augen - ungebetenen Besuch reagierte.</style></p><p><style name="font7">Wie erwartet empfing der Hund Leonid mit einem lauten Winseln, und indem er immer wieder an ihm emporsprang, zeigte er seine pure Freude. Viktoria hingegen beschnupperte er nur, w�hrend sie dastand, als ob sie zu Stein erstarrt w�re.</style></p><p><style name="font7">�Er tut dir nichts�, beschwichtigte Leonid sie und schloss die T�r hinter ihr.</style></p><p><style name="font7">Z�gernd begann Viktoria das Fell des Hundes zu kraulen, und dabei machte sie sich schneller einen Freund als gedacht. Wie eine Katze schmiegte sich das sch�ne Tier an ihren Oberschenkel und stupste sie mit der Nase an, wenn sie mit dem Kraulen aufh�rte.</style></p><p><style name="font7">Leonid lachte und gab Ajaci einen Klaps. �He, Freund, das ist mein Besuch, damit wir uns da nicht missverstehen.�</style></p><p><style name="font7">Schnell entfachte er ein Feuer, und Viktoria kehrte in Gedanken zu ihrem seltsamen Traum zur�ck. Ihr Blick fiel auf das fellbezogene Bett, und sie sp�rte, wie sie unwillk�rlich err�tete. Dann wanderten ihre Augen weiter durch den gro�en quadratischen Raum, in dem sich weder ein Tisch noch St�hle befanden, sondern nur ein paar zerschlissene gro�e Sitzkissen und ein kleines quadratisches Holzbrett, das am Boden lag und offenbar einen Esstisch ersetzte. �berall an den W�nden hingen Tierfallen und archaische Waffen - anders konnte man die Ausr�stung aus einem gro�en Langbogen und einem K�cher mit Pfeilen wohl nicht nennen. Neben dem gemauerten Kamin stand ein Ofen mit einer gusseisernen Platte und einem Kochtopf mit Henkel und einer emaillierten Kanne darauf.</style></p><p><style name="font7">�M�chtest du einen Tee?� Leonid hielt einen Emaillebecher in die H�he. Er war wieder ins Russische verfallen. Eine r�hrende Unsicherheit zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.</style></p><p><style name="font7">�Gerne�, erwiderte sie und musste pl�tzlich die gleiche seltsame Befangenheit, die er offenbar empfand, an sich selbst feststellen.</style></p><p><style name="font7">�Setz dich doch�, sagte er mit einem fl�chtigen L�cheln, dabei zeigte er auf das ausladende Bett aus hellem Holz, das sie bereits in ihrem Fiebertraum gesehen hatte. Ajaci war mit einem Satz darauf gesprungen und machte es sich auf den Fellen gem�tlich. W�hrend Leo-nid einem Eimer Wasser entnahm, um es in dem Kessel zu kochen, starrte der Hund sie auffordernd und mit hechelnder Zunge an.</style></p><p><style name="font7">Sie z�gerte einen Moment, den Blick immer noch auf das Bett gerichtet.</style></p><p><style name="font7">�Es ist garantiert frei von Ungeziefer�, bemerkte Leonid l�chelnd und scheuchte den R�den mit einer entschlossenen Handbewegung auf seinen angestammten Platz am Kamin. Trotzdem konnte sie Leo-nid ansehen, dass auch er nicht ganz frei war von Bedenken.</style></p><p><style name="font7">�Was f�r ein Tee war das, den du mir eingefl��t hast?� Sie wich seinem Blick aus. �Er schmeckte bitter und hei�, aber er hat nicht nur meiner wunden Kehle gut getan.� Sie versuchte sich an einem L�cheln.</style></p><p><style name="font7">�Es muss dir nicht peinlich sein�, gab er schmunzelnd zur�ck. �Ich habe ihn nach den Originalrezepten meines alten Onkels gebraut.</style></p><p><style name="font7">Dieses Gebr�u aus Belena, Fliegenpilz und Liebst�ckel unterst�tzt den Schamanen nicht nur, wenn er einen Menschen ins Leben zur�ckholen will. In abgewandelter Dosierung dient es dazu, die Bereitschaft zur Zeugung neuen Lebens anzuspornen. Seine Wirkung auf Frauen ist erwiesen. Wenn sie diese Mischung vor ihrer Hochzeitsnacht zu sich nehmen, w�rden sie sich in der Not sogar mit einem Rentierhirsch paaren.� Er grinste breit. �Tut mir leid, ich habe in all der Aufregung um dein �berleben nicht daran gedacht.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria sah ihn fassungslos an. �Du bist also ein waschechter Schamane und hast mir ohne meine Zustimmung eine Droge verabreicht?� D�ster erinnerte sie sich an die Worte des Arztes in Vanavara.</style></p><p><style name="font7">�So �hnlich.� Leonid kniff die Lider zusammen, als ob er von ihrer Seite einen t�tlichen Angriff erwartete. �Bist du mir b�se?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria begann lauthals zu lachen, bis sie sich schlie�lich, immer noch von Lachsalven gesch�ttelt, auf seinem Bett niederlie� und zu ihm aufschaute. �Hast du noch was von dem Zeug? Dann sofort her damit.�</style></p><p><style name="font7">�Ich wusste es�, stie� sie atemlos hervor, �es geht auch ohne Tee.� Splitternackt lag sie in Leonids Armen. Sie hatten ein wenig herumgealbert, und dann hatte er sie pl�tzlich gek�sst. Ein Gef�hl, noch viel intensiver als am Morgen zuvor, hatte ihr jegliche Scham genommen. Sie l�ste seinen Zopf und strich �ber seine schwarz gl�nzenden Haare, w�hrend er unter die weiche Wolfsfelldecke abgetaucht war, um gen�sslich an ihren Brustwarzen zu saugen.</style></p><p><style name="font7">Ajaci lag am Kamin, den Kopf auf die ausgestreckten Pfoten gelegt, und dabei lie� er die fremde Frau und sein Herrchen nicht aus den Augen. Viktoria h�tte schw�ren k�nnen, dass sein Blick Missbilligung ausdr�ckte.</style></p><p><style name="font7">Ihre feuchte Haut rieb sich an Leonids Bauch, und an ihrem Oberschenkel konnte sie sp�ren, dass er, selbst nachdem er sie in einer seltsam anmutenden Hast genommen hatte, immer noch bereit war, es jederzeit wieder zu tun. Sie zog sein Gesicht in das d�mmerige Licht des Kaminfeuers zur�ck und bedeckte es mit K�ssen, w�hrend sie bereitwillig ihre Schenkel spreizte. Es musste reines Gl�ck sein, was sie empfand, als er behutsam in sie eindrang und er sie gleichzeitig lange und innig k�sste.</style></p><p><style name="font7">�Ich liebe dich�, hauchte er auf Deutsch, als er mit klopfendem Herzen neben ihr zu liegen kam. �Das war der erste Satz, den mir meine Gro�mutter auf Deutsch beigebracht hat. Das wollte ich immer schon einmal zu einer Frau sagen. Ich meine nicht einfach so, sondern aus voller �berzeugung. Nur wusste ich bisher leider nie zu wem.� Ihr Kopf lag auf seinem ausgestreckten Oberarm. Im Schein des Feuers schaute sie mit leicht ger�teten Wangen �berrascht zu ihm auf.</style></p><p><style name="font7">�Deine Gro�mutter ist Deutsche?�</style></p><p><style name="font7">�Sie hatte einen deutschen Vater, den sie sehr geliebt hat.�</style></p><p><style name="font7">Instinktiv sp�rte Viktoria, dass es keine Floskeln waren. Er meinte es tats�chlich ernst. Und das machte ihr Angst. Nicht etwa, weil sie etwas dagegen gehabt h�tte - ganz im Gegenteil.</style></p><p><style name="font7">�Was ist das mit uns, Leonid?� Ihr Blick verriet Ratlosigkeit, w�hrend sie ihm in die grauen Augen schaute. �So etwas habe ich noch nicht erlebt. Denkst du nicht, das geht alles viel zu schnell? Und dann all die merkw�rdigen Umst�nde?�</style></p><p><style name="font7">Sie stemmte sich auf ihren Ellbogen und schaute ihn beunruhigt an.</style></p><p><style name="font7">�So etwas gibt es im richtigen Leben eigentlich nicht. Ich habe noch f�r keinen Menschen soviel empfunden wie f�r dich und schon gar nicht nach so kurzer Zeit. Wir kennen uns doch kaum.�</style></p><p><style name="font7">�Wir sind in Sibirien�, sagte er ausweichend und l�chelte sie an. �Hier ticken die Uhren anders als im Westen. Hier sind Dinge m�glich, die nirgendwo sonst m�glich sind.�</style></p><p><style name="font7">�Was meinst du damit?� Sie hatte sich aufgerichtet und sa� aufrecht im Bett, den Blick immer noch auf Leonids am�siertes Gesicht gerichtet. Er hob seine schwielige Hand und spielte mit ihren Br�sten.</style></p><p><style name="font7">�Ich meine es ernst, Schamane�, sagte sie und fuhr mit ihren Fingern genussvoll durch sein langes, glattes Haar. �Du hast mich verhext. Gib es zu!� Sie lachte ihn an, und er lachte zur�ck, doch dann war sie wieder ernst. �Irgendwas stimmt hier nicht. Nicht nur die Sache zwischen uns. Kein Mensch wei� genau, was hier genau vor einhundert Jahren passiert ist. Es gibt unz�hlige Spekulationen. Dazu kommt, dass du offensichtlich ein Problem mit unserem Auftraggeber hast, und ich w�sste gerne warum.�</style></p><p><style name="font7">Hatte Leonid bisher vertr�umt mit ihren Br�sten gespielt, so horchte er nun auf und setzte sich ebenfalls aufrecht hin.</style></p><p><style name="font7">�Ich habe noch eine Rechnung mit Bashtiri und auch mit Lebenov zu begleichen. Das hei�t: Solange alle Welt denkt, dass ich bei einem Helikopterabsturz gestorben bin, werde ich ihnen tunlichst nicht �ber den Weg laufen. Es ist ein dummer Zufall, dass sie ausgerechnet hierher gekommen sind, um sich neue Jagdgr�nde zu erschlie�en.�</style></p><p><style name="font7">Er bedachte Viktoria mit einem ernsten Blick und k�sste sie dann auf den Mund. �Es hat nichts mit dir zu tun�, f�gte er leise hinzu. �Es ist eine alte Geschichte. Wir waren vor ein paar Jahren gemeinsam in Tschetschenien. Die beiden waren in dunkle Gesch�fte verwickelt. Es gab da jemanden, der ihnen in die Quere gekommen ist. Sie haben ihn und f�nf andere liquidieren lassen, bevor die russische Regierung davon Wind bekam. Dass ich zu den Toten geh�rte, war wohl nicht beabsichtigt. Viel weniger, dass ich den Anschlag �berlebt habe.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria sah ihn erschrocken an. �Aber ...�</style></p><p><style name="font7">�Russland.� Er strich ihr eine Str�hne aus dem Gesicht. �Hier ticken die Uhren anders�, wiederholte er mit einem entschuldigenden L�cheln.</style></p></section><section><title><p><style name="font5">17.</style></p><p><style name="font7">Juni</style><style name="font4"> 1905,</style><style name="font7"> Sibirien - Zwischenwelten</style></p></title><p><style name="font7">�Ist er tot?�</style></p><p><style name="font7">Die Stimme der Frau klang �ngstlich und schien Leonard aus gro�er Ferne zu kommen. Gerne h�tte er ihr geantwortet, doch so sehr er sich m�hte, es war ihm nicht m�glich, etwas zu sagen oder auch nur die Lider zu heben.</style></p><p><style name="font7">Allein mit seinen Gedanken und einer Flut von unertr�glichen Schmerzen, die seinen Sch�del durchzuckten, lag er da.</style></p><p><style name="font7">�Es ist allein meine Schuld�, jammerte die weibliche Stimme. �Ich h�tte nie .� Schluchzend verstummte sie.</style></p><p><style name="font7">Kissanka? Leonard r�tselte einen Moment, doch dann war er sich sicher. Es musste Kissanka sein, die neben ihm stand.</style></p><p><style name="font7">�Wenn er stirbt, werden sie meinen Vater zur Hinrichtung f�hren�, fl�sterte sie dumpf.</style></p><p><style name="font7">�Selbst wenn Leonard ins Leben zur�ckkehrt, wirst du daran nichts mehr �ndern k�nnen!�, zischte jemand in ver�chtlichem Ton. Dem harten Dialekt nach war es Aslan. Der Turkmene sagte nicht oft etwas, doch wenn, hatte es meist einen unfreundlichen Charakter.</style></p><p><style name="font7">�Wie meinst du das?� Das M�dchen klang erschrocken.</style></p><p><style name="font7">�So wie ich es sage, du hinterlistiges Luder�, knurrte Aslan.</style></p><p><style name="font7">�Nur weil du es nicht lassen konntest, den Kosaken sch�ne Augen zu machen, sitzt Leonard jetzt in der Schei�e. Und als wenn das noch nicht genug gewesen w�re, ziehst du auch noch deinen ewig besoffenen Vater in die Sache hinein. Ich habe Leonard damals gleich gesagt, er solle sich nicht einmischen und dich diesen Hurenb�cken �berlassen. Dann h�tten sie dich in aller Ruhe durchgev�gelt, und dein verr�ckter Vater h�tte es kaum gewagt, sich hinterher mit drei Kosaken gleichzeitig anzulegen.�</style></p><p><style name="font7">Dem M�dchen hatte es offenbar die Sprache verschlagen.</style></p><p><style name="font7">Aslan schnaubte ver�rgert. �Gesetzt den Fall, du w�rst bei der Wahrheit geblieben.�</style></p><p><style name="font7">Sie begann zu weinen, und es war wohl Pjotr, der sich um M��igung bem�hte.</style></p><p><style name="font7">�Aslan meint es nicht so�, sagte er leise. �Du wirst sehen, Leonard wird wieder gesund.�</style></p><p><style name="font7">�Ich meine es genauso, wie ich es sagte�, giftete der Turkmene. �Ihr werdet sehen, Leonard wird nicht wieder gesund!� Seine Stimme war lauter geworden. �Er liegt im Koma. Kapiert ihr das nicht? Sch�delbruch! Wenn er nicht bald wieder zu sich kommt, ist er am Ende gar schwachsinnig, oder er verhungert, und wenn Allah es gut mit ihm meint, w�re das noch die bessere L�sung. �</style></p><p><style name="font7">Niemand sagte ein Wort, nur Kissanka schluchzte unentwegt vor sich hin.</style></p><p><style name="font7">�Ich hoffe, dein Alter verreckt in seiner Arrestzelle�, ergriff Aslan wieder das Wort. �Er h�tte es verdient und du und dein Balg dazu!� Der Turkmene dachte nicht daran, endlich Ruhe zu geben.</style></p><p><style name="font7">�Es reicht jetzt!�, mischte sich Pjotr ein. �Indem du sie fertigmachst, wird es auch nicht besser. Und was soll Leonard von uns denken? Was ist, wenn er uns h�ren kann?�</style></p><p><style name="font7">Aslan stie� einen Seufzer aus. �Er ist so gut wie tot, Kamerad. Ein Geist in einer reglosen H�lle. Wenn er uns h�ren kann, fresse ich einen Besen mit Stiel.�</style></p><p><style name="font7">Eine T�r �ffnete sich mit einem leisen Knarzen. Zwei weitere Personen betraten die Kammer. Sie unterhielten sich kurz, und wieder glaubte Leonard, dass eine Frau dabei sein musste. Au�erdem waren schwere Schritte zu h�ren, wie von beschlagenen Stiefelsohlen.</style></p><p><style name="font7">�Meine Herrn, meine Dame�, sagte eine Stimme ungewohnt h�flich und doch in einem Befehlston. Es war Doktor Primanov. �Die Besuchszeit ist zu Ende. Wir m�ssen Verb�nde und Windeln wechseln. Au�erdem ist es bereits dunkel und an der Zeit, in ihre Baracken zur�ckzukehren.�</style></p><p><style name="font7">Windeln? Allein die Vorstellung vermittelte Leonard ein Gef�hl des Grauens. Ohne Frage musste es ihn schlimm erwischt haben. Er konnte sich jedoch nur bruchst�ckhaft erinnern, was tats�chlich mit ihm geschehen war.</style></p><p><style name="font7">�Was wird aus ihm, Herr Doktor, wenn er nicht wieder zu sich kommt?�, fragte Pjotr zaghaft.</style></p><p><style name="font7">�Wenn er nicht zu sich kommt�, erkl�rte Primanov tonlos, �wird er binnen der n�chsten zwei Wochen sterben. Vielleicht sogar fr�her, falls es uns nicht gelingt, seinen K�rper ausreichend mit Fl�ssigkeit zu versorgen.�</style></p><p><style name="font7">�Aber, mein Herr, Sie m�ssen doch irgendwas tun k�nnen!� In Kis-sankas Stimme war Verzweiflung zu h�ren.</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht ist es besser, wenn er stirbt�, mutma�te Primanov k�hl. �Sollte er je wieder zu sich kommen, ist er ohnehin zu nichts mehr zu gebrauchen.�</style></p><p><style name="font7">�Aber Sie k�nnten ihn doch operieren?� Kissanka wollte die Hoffnung nicht aufgeben.</style></p><p><style name="font7">�Und bei welchem K�rperteil, meine Liebe, sollte ich beginnen? Am Kopf, am R�cken, an den Armen oder Beinen?� Der Arzt r�usperte sich. �Abgesehen davon, dass ich noch nicht einmal die M�glichkeit habe, in diesem Lager �berhaupt zu operieren; es sei denn, es handelt sich um eine Amputation.�</style></p><p><style name="font7">Das M�dchen begann hemmungslos zu schluchzen, und wie gern h�tte Leonard gerufen: �Hier bin ich, ihr m�sst euch meinetwegen keine Sorgen machen.�</style></p><p><style name="font7">�Es tut mir leid, das sagen zu m�ssen�, lenkte der Arzt ein. �Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie schwer es um seine inneren Verletzun-gen steht. Schon gar nicht wei� ich, wie es in seinem Kopf aussieht. Er hat zweifellos ein Sch�delhirntrauma - allein das ist unter normalen Umst�nden und ohne vern�nftige Behandlung ein Todesurteil.�</style></p><p><style name="font7">�Und was wird aus unserem Projekt?� Diesmal war es Aslan, der verzweifelt nach einem Strohhalm griff. �Ohne Schenkendorff sind wir aufgeschmissen. Keiner von uns hat Ahnung von automatischen Fernsteuerungen, geschweige denn von Funk- oder Radiowellen.�</style></p><p><style name="font7">�Ich f�rchte, die Lagerleitung hat sich bereits auf eine Weiterentwicklung des Projekts ohne Herrn Schenkendorff eingestellt�, erwiderte der Arzt bedauernd. �Kommandeur Lobow hat Leutnant Subbota nach Krasnojarsk entsandt. Auch wenn es schwierig werden wird, ist er bereits auf der Suche nach einem Ersatz.�</style></p><p><style name="font7">�Hat es einen Sinn, wenn Weinberg noch einmal mit ihm spricht�, f�hrte Pjotr leise ins Feld. �Ich meine, wenn Leonard vielleicht doch wieder gesund werden w�rde . Er hat da ein M�dchen in Tomsk, sie ist von ihm schwanger, und in diesem Fall ist er tats�chlich der Vater .�</style></p><p><style name="font7">�Ich w�rde sagen, vergessen Sie es, aber wenn der Professor vorsprechen m�chte . Ich bin der Letzte, der Ihnen davon abraten m�chte.�</style></p><p><style name="font7">�Allah ist gro߫, murmelte Aslan. �Und manchmal gew�hrt er ein Wunder.�</style></p><p><style name="font7">�Ich w�nsche Ihnen allen einen guten Abend.� Primanovs Stimme verriet seine zunehmende Ungeduld. �Und nun gehen Sie bitte!�</style></p><p><style name="font7">Wieder h�rte Leonard Schritte, die sich entfernten, bis sich die T�r hinter ihnen schloss.</style></p><p><style name="font7">�Was wollen Sie tun?� In der Frage schwang ein banger Unterton, und es war wieder eine Frau, die sie stellte.</style></p><p><style name="font7">Primanov r�usperte sich leise, bevor er antwortete. �Wenn er weiterhin kein Lebenszeichen zeigt, werde ich ihm eine �berdosis Morphin injizieren, um ihn von seinem Leiden zu erl�sen.�</style></p><p><style name="font7">�Das k�nnen Sie nicht tun, Herr Doktor! Was w�rde der Pope dazu sagen? Es verst��t eindeutig gegen das f�nfte Gebot Gottes. &gt;Du sollst nicht t�ten!&lt;�</style></p><p><style name="font7">�Es ist das Beste f�r ihn, Schwester Maria�, verteidigte sich Prima-nov. �Mein Vater war als Divisionsarzt im siebziger Krieg, er hat nicht viel erz�hlt, aber soviel, dass es manchmal ein Akt der Gnade sei, ein Leiden zu verk�rzen. Gott kann nicht wollen, dass jemand elendig krepiert, der sowieso keine Chance hat, wieder gesund zu werden. Ich habe heute Nachmittag mit dem Kommandeur �ber das Thema gesprochen, und er hat mir zugestimmt. Wenn Schenkendorff nicht binnen der n�chsten zehn Tage zu sich kommt, hat er mir die Erlaubnis gegeben zu handeln.�</style></p><p><style name="font7">Es dauerte eine Weile, bis Leonard begriff, was dieses Urteil bedeutete und dass er sich offenbar in einer Art Zwischenwelt befand. Nicht tot, aber auch nicht lebendig. Er h�rte die Stimmen, wie sie seinen Zustand kommentierten, ihn bedauerten, seine Verletzungen mit hoffnungsloser Stimmlage beurteilten und sich w�hrenddessen an seinem K�rper zu schaffen machten. Sp�ren konnte er von alledem nichts. Er konnte nicht riechen, nicht schmecken, und als die Frau ihm offenbar etwas zu trinken einverleiben wollte, h�rte er nur ein gurgelndes Husten, welches augenscheinlich von ihm selbst stammte. Der Arzt meinte, man m�sse es mit einem Kautschukschlauch versuchen.</style></p><p><style name="font7">Dann gingen sie wieder, und Leonard blieb einsam zur�ck, gefangen in seinem Kopf und halb verr�ckt vor Angst.</style></p><p><style name="font7">Schweigend schlichen Pjotr, Aslan und Kissanka zur�ck zu den Unterk�nften. Kissanka erschauderte, als pl�tzlich ein kehliger, unmenschlicher Schrei �ber die D�cher des Lagers hallte. Gebeugt, das wollene Kopftuch tief ins Gesicht gezogen, weinte sie immer noch. Pjotr empfand tiefes Mitleid, obwohl Aslan die Wahrheit gesagt hatte. Sie trug eine Mitschuld am Ungl�ck des Kameraden und auch ihres Vaters. So wie es sich darstellte, hatte ihr Vater die Schwangerschaft bei ihr bemerkt und sie der Hurerei verd�chtigt. Anschlie�end hatte er sie windelweich gepr�gelt, und in ihrer Not hatte sie Leonards Namen herausgeschrien und ihn als Vater ihres Kindes genannt. In jener Nacht, in dem Tungusenzelt habe er sich ihr unsittlich gen�hert, und sie habe sich aus Dankbarkeit f�r die Rettung des Bruders verpflichtet gef�hlt, ihm zu Willen zu sein.</style></p><p><style name="font7">Kein Wunder, dass der alte Wassiljoff daraufhin durchgedreht hatte und zur Baracke der Wissenschaftler marschiert war, wo er Leonard ungl�cklicherweise allein vorgefunden hatte.</style></p><p><style name="font7">Nun sa� Wassiljoff splitternackt im Verlies, einem winzigen Gef�ngnis ohne Fenster, in das man gew�hnlich entflohene H�ftlinge sperrte, um sie zu l�utern. Ein erwachsener Mann konnte darin nur halb im Sitzen Platz finden. Verschlossen mit einer Eisent�r wirkte das Verlies auf den Delinquenten wie ein steinernes Grab, aus dem es kein Entrinnen gab. Einmal am Tag �ffnete sich ein Guckloch in der eisernen T�r, und ein W�rter reichte einen Napf mit Hafergr�tze hinein. Es stank f�rchterlich, weil der Gefangene w�hrend der ganzen Zeit in seinen eigenen Exkrementen sa�. L�nger als drei Tage hielt es kaum jemand darin aus, ohne den Verstand zu verlieren.</style></p><p><style name="font7">Wassiljoff hatte vielleicht nie einen Verstand besessen, oder vielleicht war er im Lager abhandengekommen. Anders war es nicht zu erkl�ren, dass er Leonard Schenkendorff beinahe totgeschlagen hatte und ihn dabei selbst der Warnschuss der W�chter nicht hatte aufhalten k�nnen. Wie ein tollw�tiger Hund war er anschlie�end durch das Lager gerannt und hatte auf alles eingeschlagen, was sich bewegte.</style></p><p><style name="font7">Erst ein gezielter Schuss in den Oberschenkel hatte ihn gestoppt. Sein Blick war wahnsinnig geblieben, und so wusste wohl niemand, was man anderes mit ihm anstellen sollte, als ihn in jene Arrestzelle f�r schwierige F�lle zu stecken. Dabei br�llte er immer noch wie ein Stier, und manchmal war seine Stimme bis zu den Wohnbaracken zu h�ren.</style></p><p><style name="font7">Pjotr hatte es auch geh�rt. Ein Schauer jagte ihm �ber den R�cken. Die Frage, was man mit Wassiljoff letztendlich anstellen w�rde, er�brigte sich. Deportiert war er schon, und nachdem er sich nun zum zweiten Mal aus niederen Gr�nden an einem Menschen vergriffen hatte, w�rde man bei der Lagerleitung zu dem Schluss kommen, dass er nichts anderes als den Tod verdient hatte. Fern von jeder Gerichtsbarkeit entschied einzig Kommandeur Lobow �ber das Schicksal der H�ftlinge. In den f�nf Monaten, in denen sie hier waren, hatte man bereits einen Mann aus einem weniger triftigen Grund hingerichtet. Alle H�ftlinge hatten drau�en antreten m�ssen, und eine Schwadron von Soldaten hatte sich aufgestellt, um einen etwa drei�igj�hrigen Mann, der in das B�ro des Kommandeurs eingebrochen war, durch Erschie�en vom Leben zum Tod zu bef�rdern.</style></p><p><style name="font7">Pjotr hatte der Anblick des sterbenden Mannes, der kurz zuvor noch alles hatte unter sich gehen lassen, unz�hlige schlaflose N�chte bereitet. Vor allem Leonard hatte ihm anschlie�end in langen, geduldigen Gespr�chen geholfen, dieses furchtbare Erlebnis zu �berwinden.</style></p><p><style name="font7">�Aslan, kannst du einen Augenblick auf mich warten?� Pjotr war bei einer Weggabelung stehen geblieben. Kissanka musste in eine andere Richtung gehen, und er wollte sie nicht ziehen lassen, ohne sich von ihr zu verabschieden. Der Turkmene drehte sich um, die H�nde in den Hosentaschen, und sah ihn finster an. Auch Kissanka war stehen geblieben, wobei sie den Blick des Turkmenen mied.</style></p><p><style name="font7">�Was haltet ihr davon�, begann Pjotr mit bebender Stimme, �wenn wir versuchen, den jungen J�mschtschik zu erreichen, der uns hierher gebracht hat. Wie hie� er noch gleich? Tschirin?�</style></p><p><style name="font7">�Ist das der Mann, dessen Vater Mitja gerettet hat?� Kissankas Augen leuchteten auf.</style></p><p><style name="font7">�Du willst doch nicht ernsthaft einen Schamanen hinzuziehen, um Leonard zu heilen?� Aslan sah ihn ungl�ubig an.</style></p><p><style name="font7">�Warum denn nicht?� Pjotr sah ihn kampflustig an. �Wenn wir sonst schon nichts f�r Leonard tun k�nnen? Ich meine, was k�nnte ein Schamane da noch kaputt machen? Leonard ist ohnehin dem Leben n�her als dem Tod.�</style></p><p><style name="font7">�Das wird Lobow nicht erlauben�, unkte Aslan wie gewohnt.</style></p><p><style name="font7">�Warum denn nicht?� Kissanka sah Pjotr hoffnungsvoll an. �Das ist eine wunderbare Idee. Ihr habt doch alle gesehen, wie es um meinen Bruder stand. Dass er noch lebt, haben wir alleine Tschirins Vater zu verdanken.�</style></p><p><style name="font7">�Ich gehe selbst zu Lobow und werde ihn darum bitten�, meinte Pjotr k�hn.</style></p><p><style name="font7">�Zur Sicherheit nimmst du besser noch Weinberg mit.� Dass dieser Vorschlag ausgerechnet von Aslan kam, wunderte Pjotr. Der alte Jude und der Turkmene respektierten sich mittlerweile, aber Freundschaft konnte man ihre Verbindung nicht nennen.</style></p><p><style name="font7">Mit dem heiligen Versprechen, Kissanka sofort zu benachrichtigen, falls Lobow der Idee zustimmen w�rde, verabschiedete sich Pjotr von dem M�dchen.</style></p><p><style name="font7">In der Baracke fanden er und Aslan den graub�rtigen Juden betend vor einem improvisierten Altar. Es war Donnerstagabend. Weinberg praktizierte wie jede Woche seine bescheidene Feier zum beginnenden Shabbat. Aslan und Pjotr st�rten ihn nicht, sondern setzten sich schweigend auf ihre Pritschen und verfolgten fasziniert die j�dischen</style></p><p><style name="font7">Rituale. Erst als Weinberg mit seinen Gebeten fertig war und mit ihnen das Brot brach, weihten sie ihn in ihre Pl�ne ein.</style></p><p><style name="font7">�Es gibt weit mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als wir zu glauben verm�gen�, sagte der Jude leise und trank einen Schluck vom billigen Wein, den er sich in all den Monaten seiner Anwesenheit hart erarbeitet hatte. Pjotr und Aslan lehnten dankend ab, als er ihnen einen Becher davon anbot.</style></p><p><style name="font7">�Wirst du uns helfen, Isaak, den Kommandeur zu �berzeugen?�</style></p><p><style name="font7">�Nat�rlich�, antwortete Weinberg mit der sonoren Stimme eines Priesters. �Obwohl es nicht leicht werden wird, einen orthodoxen Christen von der M�glichkeit eines solchen Wunders zu �berzeugen.�</style></p><p><style name="font7">�Einen ungl�ubigen Menschen von einem Wunder zu �berzeugen ist immer eine schwierige Sache�, bemerkte Aslan. �Es geh�rt zu seiner Natur, dass er es selbst erlebt haben muss, bevor er es glauben kann.�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">18.</style></p><p><style name="font7">Juni</style><style name="font4"> 2008,</style><style name="font7"> Tunguska - Permafrost</style></p></title><p><style name="font7">Durch die Ritzen des einzigen, verriegelten Fensters drang die Morgend�mmerung herein, und das Gezwitscher der V�gel ersetzte zuverl�ssig den schrillsten Wecker. Eine gro�e Hand tastete sich sanft zu Viktorias Br�sten hin, und eine Nasenspitze rieb sich z�rtlich an ihrem Ohr. Eine von Leonids langen schwarzen Haarstr�hnen versperrte Viktoria die Sicht, und im ersten Moment dachte sie, es w�re ein weiterer exotischer Traum, als seine weichen Lippen ihren Mund ber�hrten und seine kurzen Barthaare an ihrer Wange kratzten. Sein Kuss hingegen war unschuldig und ohne in irgendeiner Weise an das hei�e Verlangen anzukn�pfen, das sie die halbe Nacht und noch bis in den Schlaf hinein verfolgt hatte.</style></p><p><style name="font7">F�r einen Moment schenkte er ihr jenes strahlende L�cheln, das ihr Herz regelrecht dahinschmelzen lie�.</style></p><p><style name="font7">�Guten Morgen�, sagte er leise auf Deutsch. Bereits nach kurzer Zeit hatte es sich zu einer Art Spiel entwickelt, dass er nur noch Russisch sprach, wenn ihm eine Vokabel fehlte.</style></p><p><style name="font7">Zwischen seinen Liebkosungen hatte er immer wieder geduldig ihre zaghaften Fragen beantwortet, weil sie alles �ber ihn und seine Herkunft wissen wollte. Seine kleine, g�tige Gro�mutter, die Lebenov so mutig die Stirn geboten hatte, war deutscher Abstammung und hatte ihn zusammen mit seinem Gro�vater, einem einheimischen Ewenken, bis zu seinem f�nfzehnten Geburtstag aufgezogen. Leonids Mutter war bei seiner Geburt gestorben, daher hatte er sie kaum vermisst. �Mein Vater ist am Wodka krepiert�, gestand er ihr freim�tig. �Wir konnten nicht besonders miteinander. Ist noch nicht lange her. Als ich ein Jugendlicher war, holte er mich nach Krasnojarsk. Er hat sich nicht wirklich um mich gek�mmert. Mit knapp siebzehn bin ich von zu Hause ausgezogen. Ich glaube, er war froh, als ich zum Milit�r gegangen bin.�</style></p><p><style name="font7">�Du warst Soldat?�, fragte Viktoria weiter, obwohl sie von seiner Heldenmedaille wusste. Schlie�lich hatte er irgendetwas von Tschetschenien erz�hlt.</style></p><p><style name="font7">�Ich war Offizier.� Er lachte trocken. �Pilot. Ich habe einen Helikopter geflogen. Aber es hat mir kein Gl�ck gebracht. Ich bin da in eine dumme Sache hineingeraten. Lebenov und Bashtiri waren auch darin verwickelt.� Er sah Viktoria nachdenklich an. Sie erinnerte ihn an Anna, das M�dchen mit den Plastikschuhen, wie er seine Retterin in Grosny still f�r sich genannt hatte. Viktoria strahlte die gleiche Entschlossenheit aus und wirkte trotz ihrer burschikosen Art auf ihre Weise verletzlich. Vielleicht war es die zierliche Gestalt bei beiden Frauen, die seinen Besch�tzerinstinkt herausgefordert hatte. Dabei hatte er Anna nicht einmal besch�tzen k�nnen. Es war eher umgekehrt gewesen. Sie war es, die ihn vor patrouillierenden Soldaten gerettet und bereits in der gleichen Nacht vor seinem Bett gestanden hatte, w�hrend ihr Vater nur einen Sprung weit entfernt im Nebenzimmer schlief. Sie hatte sich einfach zu ihm gelegt und ihm mit ihrem ausgehungerten, mageren K�rper das gegeben, was er ein halbes Leben lang vermisst hatte.</style></p><p><style name="font7">�Danach bin ich desertiert�, f�gte er leise hinzu, �weil mir nichts anderes �brig blieb, als unterzutauchen.� Einen Moment �berlegte er, ob er ihr erz�hlen sollte, wie treffend dieser Begriff gewesen war und von Anna, die f�r seine Freiheit mit dem Leben bezahlt hatte, doch dann verzichtete er lieber darauf. Zu schwer waren die Erinnerungen an ihren gewaltsamen Tod.</style></p><p><style name="font7">�Wegen Bashtiri und Lebenov?�</style></p><p><style name="font7">Leonid nickte. �Sie dachten, ich sei tot. Zudem glaubte alle Welt, ich sei bei einem Helikopterabsturz ums Leben gekommen, von dem niemand wusste, dass es Lebenov und Bashtiri waren, die ihn initiiert hatten.�</style></p><p><style name="font7">�Mein Gott!� Viktoria schaute ihn entsetzt an. Sie sp�rte, wie ihr schwindlig wurde. Langsam begann sie zu ahnen, zu welchem Kaliber Bashtiri und Lebenov z�hlten.</style></p><p><style name="font7">�Und deine Familie? Wussten sie, dass du noch lebtest und was dir widerfahren war?�</style></p><p><style name="font7">�Nur meine Gro�eltern kannten die ganze Wahrheit. Ich habe mich hierher durchgeschlagen und im Wald versteckt. Der restlichen Familie haben sie verschwiegen, dass ich noch lebte, weil sie mich nicht nur vor meinen Feinden, sondern auch vor meinem Vater und seiner schwatzhaften Verwandtschaft sch�tzen wollten. Irgendwie schienen alle in seiner Sippe froh zu sein, als es hie�, ich sei im Krieg gefallen.�</style></p><p><style name="font7">�Aber warum? Waren sie nicht stolz auf dich?�</style></p><p><style name="font7">�Sie dachten, ich sei verflucht. Sie hatten zeit ihres Lebens Angst, dass ich ihnen gro�en Schaden zuf�gen k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">�Verflucht?� Viktoria betrachtete ihn nachdenklich. So wie er im Bett neben ihr lag, die Arme l�ssig hinter dem Kopf verschr�nkt und mit einem L�cheln, das ihr den Atem nahm, sah er ganz und gar nicht aus, als w�re er verflucht.</style></p><p><style name="font7">�Eine Prophezeiung besagt, dass es mir bestimmt sei, ein gro�er Schamane zu werden. Nach meiner Geburt sind neun Menschen gestorben. Meine Mutter und alle acht Geschwister. Ein alter Schamane aus dem Stamm meines Vaters behauptete, es sei ein Zeichen, dass die D�monen sich schon vor der Geburt meiner Seele bem�chtig h�tten. Irgendwann m�sste ich ihnen zur Verf�gung stehen und einen Tribut daf�r zahlen, der weit h�her ausfiele als der Tod meiner eigenen Familie. Die gesamte Sippe meines Vaters m�sse sterben, falls ich ihrem Ruf folgen w�rde - und erst recht, wenn ich es nicht t�te.�</style></p><p><style name="font7">�Und? Was wirst du tun? Oder hat sich dein Schicksal bereits erf�llt?� Viktoria hatte M�he, den richtigen Ton zu finden.</style></p><p><style name="font7">�Nein, mein Initiationsritus wurde noch nicht vollzogen. Ich wei� auch nicht, ob ich �berhaupt ein richtiger Schamane werden will. Selbst wenn ich Zweifel hege, dass die dunkle Seite unserer Welt soviel Macht �ber mich erringen k�nnte, will ich es nicht darauf ankommen lassen.�</style></p><p><style name="font7">�Wie muss ich mir einen solchen Ritus vorstellen?�</style></p><p><style name="font7">�Der Anw�rter geht durch eine lange Schule der Einweisung, danach, wenn er soweit ist und alles Wesentliche verinnerlicht hat, wird er zerst�ckelt. Dreimal von Kopf bis Fu� in seine Einzelteile zerlegt. Die Geister fangen w�hrenddessen sein Blut auf und essen sein Fleisch, s�ubern die Knochen und sortieren sie aus. Dann nehmen sie das Fleisch aus den Reihen der Angeh�rigen seiner V�tersippe und legen es um seine blanken Knochen. Danach wird er von ihnen zu einem neuen Menschen zusammengesetzt. Das ist auch der Grund, warum die Verwandten, die es betrifft, sterben m�ssen.�</style></p><p><style name="font7">�Das ist nicht dein Ernst?� Ein ungl�ubiges L�cheln huschte �ber ihr Gesicht. �Es h�rt sich an wie Kannibalismus. Und wie sollte so etwas funktionieren? Ich stelle mir vor, ich schlachte eine Kuh, mache einen Hamburger daraus, esse ihn auf und setze hinterher wieder alles zusammen?�</style></p><p><style name="font7">�Du verstehst es nicht.� Seine Stimme klang ein wenig gereizt.</style></p><p><style name="font7">�Es ist mehr theoretisch. Es geschieht in einer Art Trance - f�r Au�enstehende nicht zu sehen und zudem schwer zu erkl�ren.�</style></p><p><style name="font7">�Und du glaubst an so etwas?�</style></p><p><style name="font7">�Nat�rlich glaube ich daran. Ich wei� es sogar. Sonst l�gen wir nicht hier, und du w�rdest nicht atmen.� F�r einen Moment war sein Blick ernst geworden, so ernst, dass Viktoria die Unsicherheit nicht unterdr�cken konnte, die sie empfand. Vielleicht war er doch nicht ganz bei Trost und entpuppte sich im Nachhinein als Psychopath, der sie mit Drogen manipulierte, damit sie tat, was er wollte.</style></p><p><style name="font7">Leonid l�chelte und sah sie an, als ob er ahnte, was in ihrem Kopf vorging. �Die D�monen werden mich nicht bekommen - obwohl sie es schon versucht haben.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria sch�ttelte ungl�ubig den Kopf. �Du machst Scherze, oder?�</style></p><p><style name="font7">�Denk, was du willst�, erkl�rte er l�chelnd. �Ich kann gut verstehen, dass man solche Dinge dort, wo du aufgewachsen bist, nicht verstehen kann.�</style></p><p><style name="font7">�Du kennst dich also tats�chlich damit aus? Ich meine, wei�t du, was ein Schamane zu tun hat? Ist er so etwas wie ein Priester?�</style></p><p><style name="font7">�Wenn du es ganz genau wissen willst, fragst du besser meinen alten Onkel Taichin. Er ist ein ausgebildeter Schamane, der noch den alten Initiationsritus vollzogen hat. Er gibt mir ab und an heimlich Unterricht, obwohl meine Gro�eltern strikt dagegen sind. Sie bef�rchten, dass die falschen Geister von meiner Seele Besitz ergreifen, f�r den Fall, dass ich dem Ruf der Ahnen folge. Taichin ist genau der anderen Meinung. Er denkt, ich kann mich nur gegen die D�monen wehren, wenn ich stark genug bin, um ihnen die Stirn bieten zu k�nnen. Es ist nicht immer leicht, es den Dreien recht zu machen. Zusammen haben sie einen gro�en Einfluss auf mich�, f�gte er l�chelnd hinzu. �F�r uns Ewenken ist die Familie sehr wichtig. Ohne die Sippe oder den Stamm war man fr�her in der weiten Taiga verloren, und auf die Erfahrung der Alten konnte man nicht verzichten. Sie sind uns heilig, wie unsere Ahnen, die uns auch nach dem Tode noch beistehen.�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe nur meine Mutter�, stellte Viktoria mit einem Achselzucken klar. Gleichzeitig versp�rte sie ein schlechtes Gewissen. Von Heiligkeit konnte bei ihrer Mutter keine Rede sein. Manchmal war sie ihr mit ihren ewigen Ermahnungen l�stig, die verrieten, dass sie nicht loslassen konnte, obwohl ihre Tochter l�ngst auf eigenen F��en stand. Andererseits h�tte sie zu gerne gewusst, was ihre Mutter wohl dazu sagen w�rde, wenn sie sich tot geglaubt und von allen ge�chtet in einem endlosen Wald verstecken m�sste.</style></p><p><style name="font7">�Auch du hast deine Ahnen�, bemerkte Leonid und schenkte ihr einen Blick, als ob er sie tr�sten wollte. Dann zwinkerte er ihr aufmunternd zu. Sie sah ihn nur an - schweigend, weil sie nicht wusste, was sie als �berzeugte Atheistin auf eine solche Bemerkung erwidern sollte. Unvermittelt nahm er ihre Hand und k�sste sie, dann schaute er ihr tief in die Augen. �Und wenn du willst, hast du jetzt mich.�</style></p><p><style name="font7">Ein flaues Gef�hl beschlich Viktoria, als Leonid sich erhob, um Wasser von einer Quelle zu holen, die hinter dem Haus sprudelte. Als er hinausging, sah sie ihm nach. Er hatte ihr einen chinesischen Tee versprochen, der nichts weiter erweckte als ihre Lebensgeister, und das auf eine harmlose Weise.</style></p><p><style name="font7">Sie streckte sich unter der warmen Decke und vergrub ihre Nase in dem Fell, das l�ngst Leonids Geruch angenommen hatte. Es f�hlte sich tats�chlich an wie ein Traum, von dem sie nicht wusste, ob sie ihn ernst nehmen sollte. Aber vielleicht wirkte die Droge noch nach.</style></p><p><style name="font7">Erst ein Blick auf ihre Armbanduhr holte sie in die reale Welt zur�ck und best�tigte ihr, dass es h�chste Zeit war, sich auf den R�ckweg zu machen. In knapp drei Stunden wurde sie zum gemeinsamen Fr�hst�ck im Camp erwartet; falls sie nicht p�nktlich erschien, w�rden nicht nur Rodius und Theisen sie vermissen.</style></p><p><style name="font7">Nachdem Leonid sich ausgiebig am Bach gewaschen hatte, stand er, die feuchten Haare zu seinem Zopf gebunden, barfu� und nur mit einem grauen Tr�gerhemd und einer Armeehose bekleidet in der T�r. Er sah einfach umwerfend aus, und am liebsten w�re Viktoria gleich bei ihm eingezogen - wenn die Welt ein wenig unkomplizierter gewesen w�re.</style></p><p><style name="font7">�Das Wasser ist herrlich frisch�, schw�rmte er. �Du solltest es auch einmal versuchen.�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe mein M�ckenschutzmittel vergessen�, erkl�rte sie abwehrend.</style></p><p><style name="font7">Leonid l�chelte. �Hier ist es nicht so schlimm wie drau�en am See.�</style></p><p><style name="font7">Er ging zum Ofen, setzte den alten Wasserkessel auf und r�stete Fladenbrot. Dann entnahm er einem selbst gezimmerten Birkenholz-schr�nkchen einen irdenen Topf. Mit seinem Jagdmesser verteilte er die Butter, die sich darin befand, auf dem noch warmen Brot. Immer wieder schaute er auf und beobachtete Viktoria, w�hrend sie in ihre Kleidung stieg. Nachdem sie ihre olivfarbene Cargohose geg�rtet hatte, zog sie ihre Socken �ber und schl�pfte in die kn�chelhohen Trekkingstiefel. Danach hob sie den Kopf und entwirrte mit den Fingern ihr Haar. Als sie aufsah, begegnete sie Leonids Blick.</style></p><p><style name="font7">�Du siehst unglaublich sch�n aus�, sagte er leise. Beil�ufig goss er das hei�e Wasser in zwei blaue Emaillebecher, in die er zuvor l�ffelweise den Tee hineingegeben hatte.</style></p><p><style name="font7">�Danke.� Verlegen nahm sie den dampfenden Tee entgegen und lehnte im gleichen Atemzug das Brot ab, das er ihr anbot. �Ich m�chte nichts essen. Nur etwas trinken. Wir sind sp�t. Ich muss mich beeilen.� Ajaci lauerte schon, und Leonid gab ihm Viktorias Anteil, den er hei�hungrig verschlang. In Wahrheit h�tte sie ohnehin nichts hinun-terbekommen, weil der Abschied, der bevorstand, ihr die Kehle zuschn�rte, doch das wollte sie sich nicht anmerken lassen.</style></p><p><style name="font7">Schweigend gingen sie Hand in Hand den Kimchu entlang. Ajaci wich seinem Herrn nicht von der Seite.</style></p><p><style name="font7">Viktoria genoss die Gegenwart Leonids. Immer wieder schaute sie zu ihm auf. Ab und an l�chelte er gl�cklich. Der Duft der Taiga stieg aus Bl�ttern und Moos mit dem Fr�hnebel empor, und pl�tzlich erschien ihr das Leben intensiver als je zuvor.</style></p><p><style name="font7">Auch Leonid versp�rte ein flaues Gef�hl. Viktoria hatte ihm genug von sich selbst erz�hlt, um ihm deutlich zu machen, dass im wahrsten Sinne des Wortes Welten zwischen ihnen lagen. An eine gemeinsame Zukunft mit einer solchen Frau war �berhaupt nicht zu denken.</style></p><p><style name="font7">Als sie die Stelle erreichten, wo er sie aus dem Wasser gezogen hatte, hielt Viktoria inne und zwang ihn ebenfalls stehen zu bleiben. �Warte�, sagte sie leise mit einem warnenden Unterton in der Stimme.</style></p><p><style name="font7">�Was ist?� Leonid warf ihr einen alarmierten Blick zu und zog sie hinter eine dicke L�rche.</style></p><p><style name="font7">Im Fl�sterton erz�hlte sie ihm von ihrer Entdeckung am Tag zuvor, die sie mit dem Magnetfeldmesser gemacht hatte. Jetzt sah es ganz danach aus, als ob zwischenzeitlich jemand zur�ckgekehrt war und nicht nur den Magnetfeldmesser an eine andere Stelle gelegt, sondern auch eine erste Grabung unternommen hatte.</style></p><p><style name="font7">�Ich gehe nachsehen�, beschied Leonid. Bevor sie Protest einlegen konnte, war er in geducktem Laufschritt zu jener Stelle gehuscht, wo sich wie von Geisterhand geschaufelt ein H�gel aus dunklem, fettem Erdreich erhob. Von ferne sah es aus, als sei ein riesiger Maulwurf am Werk gewesen. Einen Moment lang verharrte Leonid �ber dem H�gel, dann sah er sich noch einmal gr�ndlich um. Die einzige Bewegung weit und breit war ein Eisvogelpaar, das dicht auf dicht �ber den Kimchu davonstob, w�hrend der Fluss mit seinem gr�nlichen Wasser tr�ge nach Westen pl�tscherte. Aufrecht schaute Leonid in Viktorias Richtung und deutete mit einem Handzeichen an, dass sie ihm folgen sollte. Ajaci war seinem Herrn l�ngst hinterher gelaufen, als er sie zusammen mit Leonid am Rand eines dunklen Schachtes erwartete, der mindestens vier Meter in die Tiefe reichte. Eingemauerte Eisenstiegen erm�glichten einen Einstieg.</style></p><p><style name="font7">�Was k�nnte das sein?� Viktoria sah Leonid fragend an, nachdem sie einen Blick in die g�hnende Tiefe geworfen hatte.</style></p><p><style name="font7">�Du bist hier die Geophysikerin�, antwortete er mit einer leichten Ironie in der Stimme.</style></p><p><style name="font7">Viktoria blickte pr�fend auf einen offenstehenden verrosteten Eisendeckel von der Gr��e eines Autoreifens, der, wie es schien, nach ewiger Zeit erneut das Licht der Welt erblickt hatte und nun die Einsicht in eine r�hrenartige Finsternis freigab. Sie beugte sich weiter dar�ber, um den Grund des Lochs sehen zu k�nnen. Ein modriger Geruch schlug ihr entgegen.</style></p><p><style name="font7">�Das hat nichts mit Geophysik zu tun�, bemerkte sie tonlos. Ihr Blick war ernst, w�hrend sie Leonid besorgt anschaute. �Das ist ein Zugang. Siehst du die Eisenstiegen, die man in den felsigen Untergrund getrieben hat? Sie f�hren vermutlich in einen Stollen oder einen Bunker. Als Einheimischer m�sstest du eher als ich wissen, dass hier ein Bunker existiert und wohin er f�hren k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">Leonid sch�ttelte den Kopf und umrundete die merkw�rdige �ffnung. �Ich habe noch nie etwas von einem Bunker geh�rt. Wer sollte sich eine solche M�he machen - hier in dieser Abgeschiedenheit? Normalerweise ist der Boden in dieser Gegend das ganze Jahr �ber gefroren - Permafrost.� Er schaute sie auffordernd an. �Soll ich hinuntergehen?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria war unbehaglich zumute. Au�er Kolja und vielleicht noch Sven Theisen hatte niemand von ihrer Entdeckung gewusst.</style></p><p><style name="font7">�Da unten ist es stockdunkel�, wandte sie ein. �Und wir haben keine Taschenlampe. �</style></p><p><style name="font7">�Haben wir doch�, erwiderte Leonid triumphierend und zog aus seinem Rucksack eine LED-Leuchte. Er schaltete sie ein, und sofort bahnte sich der taghelle Strahl einen Weg in die Dunkelheit und best�tigte Viktorias Vermutung. Die Stiegen reichten bis etwa zehn Meter in die Tiefe.</style></p><p><style name="font7">�Ich wei� nicht.� Z�gernd sah sie sich noch einmal um. �Was machen wir, wenn es Lebenows oder Bashtiris Leute waren, die den Einstieg ge�ffnet haben und sie noch da unten sind?�</style></p><p><style name="font7">�Wir werden es nicht erfahren, wenn wir nicht hinuntergehen.�</style></p><p><style name="font7">�Du bist wahnsinnig.�</style></p><p><style name="font7">�Manchmal�, erwiderte er lakonisch. �Doch in erster Linie bin ich ein neugieriger Mensch. Ich will wissen, wohin dieser Einstieg f�hrt.�</style></p><p><style name="font7">Leonid befahl Ajaci, hinter einem dicken Baum Platz zu nehmen und auf ihn zu warten. Der Hund trat ungeduldig auf der Stelle und gab ein leises Winseln von sich, als sein Herrchen in dem d�steren Schacht verschwand. Viktoria konnte das Tier nur zu gut verstehen, ihr war die Sache auch nicht geheuer.</style></p><p><style name="font7">�Hier unten kann man aufrecht stehen, und es gibt einen Gang, der weiter ins Innere des Berges f�hrt.� Leonids Stimme hallte an den steinernen W�nden empor.</style></p><p><style name="font7">Beim Abstieg registrierte Viktoria, dass der Abgang nach wenigen Metern gefrorener Erde in schiefergrauen Fels �berging. Unten angekommen, hatte sie tats�chlich genug Platz, um neben Leonid aufrecht stehen zu k�nnen, w�hrend ein breiter Gang in eine weitere Kammer f�hrte. An der Decke hatte man eine Stromleitung festgenietet. Daran befestigt fand sich alle f�nf Meter ein kreisrunder Lampenschirm, aus dessen metallischem Teller eine zerborstene Gl�hbirne herausragte.</style></p><p><style name="font7">�Wer baut so etwas, mitten in der sibirischen Ein�de?�, fl�sterte sie beinahe ehrf�rchtig, w�hrend sie Leonid z�gernd folgte. Er zeigte keinerlei Furcht.</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht hat es etwas mit den Goldgr�bern zu tun, die in dieser Gegend jahrhundertelang Abbau betrieben haben�, bemerkte er sachkundig und legte ihr wie zur Beruhigung seine gro�e, warme Hand auf die Schulter.</style></p><p><style name="font7">Viktoria dr�ngte sich n�her an ihn heran, w�hrend er sie wie selbstverst�ndlich mit sich zog.</style></p><p><style name="font7">�Ich habe da gestern ein Gespr�ch belauscht�, erkl�rte sie leise. �Zwischen Lebenov und Bashtiri. Nachdem es zu der Flut gekommen war, sind zwei merkw�rdig entstellte Leichen gefunden worden.�</style></p><p><style name="font7">�Leichen?� Leonid war stehen geblieben und sah sie fragend an.</style></p><p><style name="font7">�Laut Lebenov gibt es Hinweise, dass sie im Jahre</style><style name="font4"> 1902</style><style name="font7"> eine Verbindung zum Polytechnischen Institut von Sankt Petersburg hatten. Wenn mein Kollege Sven Theisen recht h�tte, stammen sie vermutlich von der Wega. Er hat sie kurz gesehen. Ihr Erscheinungsbild �hnelte wohl nicht unbedingt menschlichen Wesen.� Ein sp�ttisches L�cheln flog �ber ihre Lippen �Mein deutscher Kollege verfolgt da eine nicht ganz ernst zu nehmende Theorie, dass es m�glicherweise Au�erirdische waren, die mit einer Bruchlandung ihres Raumschiffs die Explosion von Tunguska verursacht haben k�nnten.�</style></p><p><style name="font7">Leonid erwiderte nichts, sondern lauschte konzentriert ihren Worten, ganz so, als ob er grunds�tzlich nichts f�r unm�glich hielt.</style></p><p><style name="font7">�Bevor die Gasblase im See aufgestiegen ist, hat Theisen eine Aluminiumstange entdeckt�, fuhr sie fort, �die seine Phantasie in Sachen Science Fiction noch weiter befl�gelt hat. Bei dem anschlie�enden Erdrutsch ist die Stange in der Tiefe des Sees verschwunden. Gestern Nachmittag hat Bashtiris Team Theisens Entdeckung am Grund des Sees aufgesp�rt, doch sie verweigern sogar den anwesenden Professoren die M�glichkeit, die Angelegenheit zu untersuchen. Offenbar gibt der Fund tats�chlich ein paar R�tsel auf.�</style></p><p><style name="font7">�Und du denkst, es k�nnte etwas mit dieser H�hle zu tun haben?� Leonid rieb sich den Stoppelbart, bevor er abermals in die Umgebung leuchtete. Drei weitere Ausg�nge f�hrten in verschiedene Richtungen.</style></p><p><style name="font7">�Keine Ahnung.� Viktoria fr�stelte. Die glatten Felsw�nde glitzerten wie funkelnde Diamanten, als das Licht darauf fiel.</style></p><p><style name="font7">Sechs Grad unter null war es hier unten, wie Leonid ihr beil�ufig erkl�rte - eine konstante Temperatur, die in unterirdischen Gew�lben in Sibirien sommers wie winters gemessen wurde. �Hier f�hlt man sich wie in einem Gefrierschrank. Ich frage mich ernsthaft, wozu ein solcher Ort n�tzlich sein sollte.�</style></p><p><style name="font7">Leonid sp�rte Viktorias Unbehagen.</style></p><p><style name="font7">�Komm, ich bringe dich an die Oberfl�che zur�ck�, sagte er schlie�lich. �Ich kann sp�ter selbst noch einmal herkommen und nachschauen, welchen Zweck dieser Ort erf�llt haben k�nnte. Au�erdem kann ich meinen Gro�vater oder Taichin, meinen Onkel, fragen. Vielleicht hat einer von beiden eine Idee, wer sich hier verewigen wollte.�</style></p><p><style name="font7">�Nicht n�tig�, entgegnete sie fest, dabei straffte sie ihre schmalen Schultern und blickte ihm entschlossen ins Gesicht, als ob sie sich selbst Mut machen wollte. �Mich interessiert nicht weniger als dich, was das hier zu bedeuten hat. Die Explosion von Tunguska ist ein einziges R�tsel, dessen L�sung zu wichtig ist, als dass man ein solches Indiz au�er Acht lassen k�nnte. Vielleicht ist das hier eine fr�he For-schungsstation. M�glicherweise gibt es sogar Hinweise auf den Meteoriten.�</style></p><p><style name="font7">�Dann gehen wir also weiter.� Spontan entschied er sich f�r einen breiten Gang, der nach links f�hrte. Ihre Schritte hallten in die Dunkelheit. Nach gut einhundert Metern erreichten sie eine weitere rechtwinkelige Kammer.</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht sollten wir an den W�nden irgendwelche Zeichen anbringen, damit wir zur�ckfinden?� Viktorias Stimme zitterte leicht. �Ich muss gestehen, ich habe in Deutschland schon Stunden damit verbracht, in totaler Hektik �ber mehrere Etagen einer Tiefgarage zu laufen und mein geparktes Auto zu suchen.�</style></p><p><style name="font7">�Keine Angst.� Leonid nickte ihr mit einem beruhigenden L�cheln zu. �Hier gibt es keine verwirrenden Parkdecks, und ich habe einen Orientierungssinn wie eine Fledermaus.�</style></p><p><style name="font7">Immer noch zaudernd folgte ihm Viktoria um die n�chste Ecke herum in eine quadratisch angelegte kleine Halle.</style></p><p><style name="font7">�O mein Gott!� Fassungslos starrte sie auf ein Gebilde, das wie eine Schrankwand aussah und sich etwa zwei mal drei Meter gro� an der seitlichen Felswand erhob.</style></p><p><style name="font7">Leonid hatte den Strahler darauf gerichtet und beleuchtete zahlreiche Kn�pfe und Hebel, dazu halbkreisf�rmige Messregler mit geschwungenen messingfarbenen Zeigern und viktorianisch verschn�rkelten Zahlen. S�mtliches Glas, das die handtellergro�en Messuhren sch�tzte, war zerbrochen und tr�be. Das dunkle Metall wies Spuren von gr�nlicher Oxidation auf. Kabel und Dr�hte ragten wie die Arme eines Kraken daraus hervor.</style></p><p><style name="font7">�Also, wenn ich es nicht besser w�sste�, bemerkte Viktoria staunend, �w�rde ich denken, wir sind bei K�pten Nemo auf der &gt;Nauti-lus&lt; gelandet.� Mit einem Finger rieb sie vorsichtig den Frost von der gl�sernen Umh�llung eines Voltmessers. �AEG K�nigsberg,</style><style name="font4"> 1889.�</style></p><p><style name="font7">�Das war lange vor der Katastrophe von</style><style name="font4"> 1908�,</style><style name="font7"> stellte Leonid n�chtern fest.</style></p><p><style name="font7">Viktoria untersuchte die �brigen Anzeiger und Regler. Dabei stie� sie auf ein weiteres Metallschild, das an der merkw�rdigen Apparatur angebracht war und R�ckschl�sse auf den Hersteller zulie�. Sie ging in die Hocke, hauchte auf das Messingschild und polierte es mit ihrem �rmel.</style></p><p><style name="font7">�Marconi, London,</style><style name="font4"> 1906.�</style><style name="font7"> Sie stand auf, w�hrend Leonid sich zu dem seltsamen Kasten hinunterbeugte und ihn n�her beleuchtete.</style></p><p><style name="font7">�Das ist ein vorsintflutliches Funkger�t�, befand er fachm�nnisch.</style></p><p><style name="font7">�Die Firma Marconi war Anfang des Jahrhunderts ein Monopolist in der noch jungen Branche der Funksystemhersteller.� Leonid unterzog das Ger�t einer genaueren Betrachtung.</style></p><p><style name="font7">�Du kennst dich damit aus?� Viktorias Gesicht verriet die Verbl�ffung, die sie empfand.</style></p><p><style name="font7">�Auch wenn ich dir wie ein Waldschrat vorkommen muss�, erwiderte er mit einem s�uerlichen L�cheln, �in meinem letzten Leben geh�rte der Umgang mit Funkger�ten zu meinem Gesch�ft.�</style></p><p><style name="font7">Bevor Viktoria eine Bemerkung loswerden konnte, glaubte sie ein Poltern geh�rt zu haben und ein entferntes Fluchen, als ob jemand gestolpert w�re. F�r einen Moment stand sie wie erstarrt da. Leonid senkte instinktiv das Licht und zog sie hinter die Maschine in eine Nische, die genug Raum f�r sie beide bot.</style></p><p><style name="font7">�Was war das?� Ihr Fl�stern klang erstickt. Leonid legte einen Zeigefinger auf die Lippen und sah sie mit einem schweigenden Kopfsch�tteln an. Schritte! Es waren Schritte, kein Zweifel. Leonid hob seinen Zeigefinger ein zweites Mal, was wohl bedeuten sollte, dass es sich um eine einzige Person handelte. Dann l�schte er das Licht und zog Viktoria in einen nat�rlichen Erker, direkt neben der Maschine. Sie kniete an seiner Seite. Er hatte einen Arm um sie gelegt, ihr Herz pochte unter seiner sch�tzenden Hand, w�hrend die Schritte stetig n�her kamen. Von ferne war ein schwacher Lichtschein zu erkennen, der aus einem der weitverzweigten G�nge heraus leuchtete. Jemand hustete. Es folgte ein gepresstes R�uspern.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich brach der Lichtschein aus dem Dunkeln hervor und beleuchtete die Maschine. Leonid hielt Viktoria eng umfasst; es war seltsam, f�r einen Moment f�hlte sie sich, als ob ein Stromsto� durch sie hindurchfahren w�rde, und dann sp�rte sie pl�tzlich Leonids Hand nicht mehr - und auch ihr K�rper erschien ihr wie unsichtbar. Es war ihr, als ob sie sich mit ihm zusammen in Luft aufgel�st h�tte. Der Lichtschein traf sie im gleichen Moment mitten ins Gesicht, und eigentlich h�tte ihr Gegen�ber sofort ihre Anwesenheit bemerken m�ssen. Doch wer immer es auch war - er r�hrte sich nicht. Allem An-schein nach konnte er sie nicht sehen. Erst als der Lichtschein eine andere Richtung nahm, sah sie, dass es Kolja war, der hier alleine durch die Hallen schlich. Der Russe verschwand hinter der Maschine, und Viktoria gab Leonid ein Zeichen, dass er sie loslassen sollte.</style></p><p><style name="font7">�Ich kenne ihn�, fl�sterte sie. Keinesfalls wollte sie riskieren, dass Kolja auf Leonid aufmerksam wurde. Sein Verh�ltnis zu Bashtiri war ihr von Beginn an nicht klar gewesen. Und wer wusste es schon - vielleicht lungerten Lebenovs Wachhunde in den �brigen G�ngen oder dort drau�en vor der T�r? Ihr lief es hei� den Nacken hinab, was w�re, wenn sie Ajaci entdeckten? Sie musste etwas unternehmen und die Aufmerksamkeit von Leonid ablenken. Mit einem Ruck entzog sie sich Leonids Griff - so schnell, dass er sie nicht halten konnte.</style></p><p><style name="font7">Kolja schnellte herum. Ein erstickter Schrei entfuhr seiner Kehle. Leonid, der bereits sein Messer gezogen hatte, beobachtete die Szene mit einer l�hmenden Unentschlossenheit. Falls es ein Scherge aus Lebe-novs Truppe war, w�rde es eine Menge Probleme geben, wenn er den Mann angreifen und es zu einem Kampf kommen w�rde.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich konnte Viktoria sehen, dass Kolja nicht nur eine Taschenlampe in H�nden hielt. Mit der anderen Hand umklammerte er eine Pistole, die er bedrohlich auf sie gerichtet hielt.</style></p><p><style name="font7">�Kolja, mein Gott! Nicht schie�en, ich bin es, Viktoria!�</style></p><p><style name="font7">Leonid blieb das Herz stehen; beinahe h�tte er sich zu erkennen gegeben.</style></p><p><style name="font7">�Blja, was tust du hier?� Ein Schwall russischer Schimpfworte prasselte auf sie herab.</style></p><p><style name="font7">�Dasselbe k�nnte ich dich fragen!� W�hrend sie Kolja fordernd anschaute, entspannte sie sich ein wenig. Leonid war ihr nicht gefolgt, und sie konnte nur hoffen, dass er ihre Absicht erahnte. Kolja von ihm abzulenken war das Wichtigste, an das sie im Moment denken konnte. Sie musste es schaffen, den Russen davon abzuhalten, sich allzu gr�ndlich umzuschauen, und sie wollte ihn unbedingt m�glichst schnell nach drau�en locken. Obwohl er die Waffe nur z�gernd sinken lie�, tat sie einen Schritt nach vorn und fasste Kolja am Arm.</style></p><p><style name="font7">�Bist du allein hier unten?� Das war die entscheidende Frage. Was w�rde es n�tzen, ihn nach drau�en zu lotsen, wenn es ansonsten hier unten von Soldaten nur so wimmelte?</style></p><p><style name="font7">�Ja�, best�tigte er heiser. �Ich bin allein.� Dabei schaute er sich noch einmal gr�ndlich um, als ob er sich selbst vergewissern musste, dass au�er ihm und Viktoria niemand hier unten war.</style></p><p><style name="font7">Viktoria sp�hte in die Dunkelheit. Leonid war nicht zu sehen. Ihr war aber, als ob sie tief in ihrem Bewusstsein seine Stimme vernahm. </style>Geh mit ihm hinaus,<style name="font7"> sagte er,</style> und mach dir keine Sorgen, ich werde dir folgen.</p><p><style name="font7">�Lass uns ans Tageslicht gehen, Kolja. Ich habe mich hier unten verlaufen und m�chte nur noch nach oben. Wir k�nnen hierher zur�ckkehren, zusammen mit meinen Kollegen und Olguths Team, um weitere Untersuchungen vorzunehmen. F�r einen alleine ist das hier unten zu un�bersichtlich.�</style></p><p><style name="font7">Ihr Blick wirkte allem Anschein nach so flehend, dass Kolja einwilligte, obwohl seine Aufmerksamkeit immer noch von der seltsamen Maschine gefangen wurde. Dabei schien ihm nicht aufzufallen, dass Viktoria gar keine Taschenlampe bei sich trug.</style></p><p><style name="font7">�In Ordnung�, sagte er und lenkte den Strahler seiner eigenen Lampe in die entgegengesetzte Richtung. Viktoria hakte sich bei ihm unter und zog ihn regelrecht in Richtung Ausstieg.</style></p><p><style name="font7">Leonid folgte den beiden in sicherem Abstand. Es erleichterte ihn zu h�ren, dass sie sich zwanglos unterhielten - �ber das Ausma� des Bunkers und warum man ihn erbaut haben k�nnte. Viktoria redete wie ein Wasserfall, w�hrend der Kerl an ihrer Seite einsilbig blieb oder nickte.</style></p><p><style name="font7">Leonid erschien es wie eine Ewigkeit, bis Viktoria und der Fremde endlich hinaufgeklettert waren. In einer Nische am Fu�e des Einstiegs wollte er warten, dass sie sich endlich entfernten, bevor er selbst ans Tageslicht zur�ckgelangen konnte.</style></p><p><style name="font7">Gierig atmete Viktoria die feuchte Waldluft ein; es erschien ihr wie eine Erl�sung, als sie die Morgensonne von neuem begr��te. Ajaci wartete immer noch brav hinter dem Baum. Erst als er sah, dass sie mit einem fremden Mann aus dem Loch hinausgeklettert kam, sprang er auf und brach in ein unkontrolliertes Heulen aus, das in ein b�sartiges Knurren �berging, als Kolja unvermittelt auf ihn zutrat.</style></p><p><style name="font7">�Das ist doch der K�ter, den wir im Lager gesehen haben�, stellte der Russe unger�hrt fest.</style></p><p><style name="font7">�Keine Ahnung�, versuchte Viktoria die Situation zu retten. �Vielleicht l�uft er hinter mir her.�</style></p><p><style name="font7">Kolja zog seine Pistole, und schneller als Viktoria zu reagieren vermochte, hatte er die Waffe auf Ajaci gerichtet.</style></p><p><style name="font7">Viktoria riss ihm geistesgegenw�rtig den Arm hoch. Die Waffe hatte einen Schalld�mpfer, daher war der Schuss in die Baumwipfel kaum zu h�ren.</style></p><p><style name="font7">Sie schluckte, als sie in Koljas w�tendes Gesicht blickte.</style></p><p><style name="font7">�Was hast du vor?� Viktoria fl�sterte beinahe, als er auf sie zutrat, die Waffe im Anschlag.</style></p><p><style name="font7">�Mach das nicht noch mal!�, zischte er. �Einer von uns h�tte dabei draufgehen k�nnen.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria war f�r einen Moment sprachlos, als Kolja einen Stein in die Hand nahm und ihn auf Ajaci schleuderte, um ihn endg�ltig zu verscheuchen. Ein kurzes, schmerzhaftes Aufheulen des Hundes verriet, dass er ihn getroffen hatte. Dann steckte Kolja die Pistole unter seinen G�rtel und schickte sich an, den Deckel des Abgangs zu schlie�en.</style></p><p><style name="font7">�Wieso l�sst du den Eingang nicht offen?�, fragte Viktoria mit banger Stimme.</style></p><p><style name="font7">�Warum sollte ich das tun? Nachher f�llt noch jemand hinein. Oder ein B�r verwechselt den Einstieg mit seinem Bau.� Er grinste verhalten. �Es sei denn, dort unten ist noch jemand, auf den wir warten m�ssten?� Er drehte sich herum, als suche er nach Ajaci. Als sein Blick zu Viktoria zur�ckkehrte, hob er fragend eine Braue.</style></p><p><style name="font7">�Nein, da ist niemand�, beeilte sie sich zu sagen. �Mir hat es vollkommen ausgereicht, dass du pl�tzlich hier aufgetaucht bist.Was machst du �berhaupt hier?�</style></p><p><style name="font7">�Das Gleiche k�nnte ich dich fragen� gab er entnervt zur�ck. �Bashtiri hat doch allen Campbewohnern eine Ausgangssperre verordnet. Aber ich h�tte mir denken k�nnen, dass du dich nicht daran h�ltst. Schon als ich dich zum ersten Mal sah, wusste ich, dass du nicht zu den Frauen geh�rst, die sich an Vorschriften halten, schon gar nicht, wenn sie von so einem Typen wie Bashtiri kommen.�</style></p><p><style name="font7">�Dann stehst du nicht auf seiner Seite?� Viktoria sah Kolja verwundert an, gleichzeitig keimte Hoffnung in ihr auf, dass sie ihn in ihre Begegnung mit Leonid einweihen konnte.</style></p><p><style name="font7">�Nein - nicht unbedingt�, erwiderte Kolja mit einem ironischen Unterton in der Stimme.</style></p><p><style name="font7">�Geh�rst du zu Lebenovs Leuten?� Sie musste sichergehen, bevor sie ihm die Wahrheit erz�hlte.</style></p><p><style name="font7">�Gott bewahre!� Wieder nahm Kolja seinen Spaten zur Hand, und Viktoria musste sich mit aller Kraft zwingen, keinen Protest einzulegen, als er das Loch �ber der verschlossenen Einstiegsluke sorgf�ltig mit Erde bedeckte. Nun war Leonid lebendig begraben, und sie die Einzige, die davon wusste. Also w�rde sie wiederkommen m�ssen - so schnell es nur ging.</style></p><p><style name="font7">Kolja klopfte mit den Spaten die Erde fest und verteilte Laub und �ste darauf, als ob er den Einstieg in den Schacht nicht nur verschlie�en, sondern g�nzlich unkenntlich machen wollte, damit ihn auch sonst niemand fand.</style></p><p><style name="font7">�Warum verschlie�t du die Stelle so sorgf�ltig?� Viktoria wirkte verst�rt. �Ich dachte, wir wollen noch einmal zur�ckkommen?�</style></p><p><style name="font7">�Vorerst nicht�, sagte Kolja mit Bestimmtheit. �Niemand sollte erfahren, was wir beide dort unten gesehen haben. Hast du mich verstanden? Weder deine Kollegen noch Olguth und sein Team. Schon gar nicht Lebenov und Bashtiri.�</style></p><p><style name="font7">�Und kannst du mir auch einen Grund daf�r nennen?�</style></p><p><style name="font7">�Es ist eine Regierungsangelegenheit�, fuhr Kolja unmissverst�ndlich fort. �Klar?� Er schaute sie durchdringend an.</style></p><p><style name="font7">�Wer bist du?� Allm�hlich d�mmerte Viktoria, dass ihr harmlos humorvoller Tourist-Guide nicht der war, f�r den sie ihn die ganze Zeit gehalten hatte.</style></p><p><style name="font7">Ein unfrohes Grinsen flog �ber seine Lippen, und Viktoria ahnte, dass er es bitter ernst meinte. �Es tut mir leid, junge Frau. Ich darf nicht dar�ber sprechen, und du solltest es auch nicht tun, ansonsten k�nnte es f�r uns beide gef�hrlich werden.� Obwohl er in seiner verwaschenen Jeans und seinem Trekkingparka mit den unz�hligen bunten Aufn�hern nicht wie ein Soldat wirkte, nahm er pl�tzlich eine milit�rische Haltung an. Ein Seitenblick verriet ihr, dass er ohne Boot hierhergekommen war. Sie war also auf Gedeih und Verderb auf ihn angewiesen. Eine Flucht, wohin auch immer, erschien ihr unm�glich.</style></p><p><style name="font7">�Ich finde das nicht lustig.� Ihr L�cheln fiel reichlich gequ�lt aus.</style></p><p><style name="font7">�Ich auch nicht�, antwortete Kolja m�rrisch. Dann sah er ihr direkt ins Gesicht. �Ich bin Mitarbeiter der russischen Regierung. Man hat mich beauftragt, eure wissenschaftlichen Arbeiten zu �berwachen und daf�r zu sorgen, dass ihr nicht in Gegenden forscht, die nicht zu dem vereinbarten Untersuchungsradius geh�ren. Ganz nebenbei wurde ich angewiesen, Bashtiri und seinem Herzensbruder Lebenov auf die Finger zu schauen. Sie sind anscheinend l�ngst nicht so honorig, wie sie sich geben.�</style></p><p><style name="font7">�Du machst Witze!� Viktoria sah ihn ungl�ubig an. �Wir werden �berwacht? Zusammen mit Bashtiri und Lebenov?� Dass die beiden alles andere als seri�s waren, wusste sie mittlerweile.</style></p><p><style name="font7">Jedoch h�tte sie nicht damit gerechnet, nach allem was Leonid ihr erz�hlt hatte, dass man ihnen auch von offizieller Seite misstraute. �Warum? Wir machen hier nur unsere Arbeit, und das nicht nur mit Genehmigung der russischen Beh�rden, sondern auf deren ausdr�cklichen Wunsch.�</style></p><p><style name="font7">Kolja antwortete nicht direkt, sondern krallte seine kr�ftigen Finger schmerzhaft in ihre Oberarme. Hatte sie noch bis vor kurzem gedacht, er w�re ein Schw�chling, so wurde sie jetzt eines Besseren belehrt. Der Versuch, sich ihm zu entwinden, scheiterte kl�glich.</style></p><p><style name="font7">�H�r zu, M�dchen�, zischte er ihr in einem verschw�rerischen Ton zu, �die russische Regierung hat nicht das geringste Interesse daran, dass bei dieser Untersuchung etwas anderes zutage kommt als der Einschlag eines gigantischen Meteoriten. Alles andere w�rde nur unn�tige Fragen aufwerfen und die Pl�ne zu einem geplanten Meteo-ritenabwehrsystem durchkreuzen.�</style></p><p><style name="font7">Viktorias Miene verriet Erstaunen. �Meteoritenabwehrsystem?�</style></p><p><style name="font7">Es dauerte einen Moment, bis sie begriff. �Kann es sein, dass dieses Meteoritenabwehrsystem ein hervorragendes Alibi f�r die weitere Aufr�stung des Landes liefert? In Wahrheit geht es Russland gar nicht um die nat�rliche Bedrohung aus dem All, sondern um eine nukleare, deren Abwehr sich hinter einer wissenschaftlichen Argumentation verbirgt. Wenn ein deutscher Professor die Notwendigkeit eines Meteoritenab-wehrsystems unterstreicht, wird die internationale V�lkergemeinschaft keinen Protest einlegen, weil niemand daran zweifelt, dass man es f�r etwas anderes einsetzen w�rde als zur Abwehr von Meteoriten. Ist es so?�</style></p><p><style name="font7">�Das hier ist kein Spiel�, erwiderte Kolja ungeduldig. �Also, wenn du so dumm sein solltest, die Klappe aufzurei�en und deine Kollegen oder unsere Gastgeber �ber unsere Entdeckung oder meinen Auftrag zu informieren, kann es nicht nur meinen Kopf kosten.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria nickte wie bet�ubt. Offenbar waren Koljas Auftraggeber einzig und allein daran interessiert, dass ihnen niemand bei der Verwirklichung ihrer Pl�ne in die Quere kam. Ganz einerlei, ob es sich dabei um einen windigen Oligarchen oder einen ambitionierten Professor handelte. Unter diesen Umst�nden war es klug gewesen, Leonids Existenz vor Kolja geheim zu halten.</style></p><p><style name="font7">�Kein Wort�, sagte Kolja, als ob er ihre Gedanken gelesen h�tte. Dann zog er sie einen H�gel hinauf zu einem morastigen Rentierpfad, auf dem man den See zu Fu� umrunden konnte.</style></p><p><style name="font7">�Verstanden�, hauchte Viktoria atemlos und sah f�r einen Moment zur�ck auf die Stelle, wo Leonid in einem finsteren Grab festsa�. �Du kannst dich auf mich verlassen.�</style></p></section><section><title><p><style name="font7">19.</style></p><p><style name="font7">Juli</style><style name="font4"> 1905,</style><style name="font7"> Sibirien - Baum der Erkenntnis</style></p></title><p><style name="font7">Der n�chste Tag war ein Freitag, und Professor Isaak Weinberg plagte das erste Mal, seit man ihn in dieses Lager verschleppt hatte, kein schlechtes Gewissen, weil er mit seiner Arbeit die Gesetze des Shab-bats missachtete. Nachdem er sich ausgiebig gewaschen hatte, klopfte er Pjotr, der sich sorgf�ltig die Haare k�mmte, aufmunternd auf die Schulter.</style></p><p><style name="font7">Pjotr beobachtete, wie Weinberg eine saubere Joppe vom B�gel nahm und hineinschl�pfte, bevor er noch eine Minute vor seinem improvisierten Altar verbrachte. Der junge Russe war im Gegensatz zu dem viel �lteren Juden im Glauben der christlich-orthodoxen Lehre erzogen worden, und obwohl er nie ein flei�iger Kirchg�nger gewesen war, versp�rte er pl�tzlich ein mulmiges Gef�hl.</style></p><p><style name="font7">�Denkst du, Isaak, Gott wird es verstehen, wenn wir sozusagen bei seiner Konkurrenz um Hilfe ersuchen�, fragte er seinen grauhaarigen Mitgefangenen leise.</style></p><p><style name="font7">�Gott wird uns erh�ren, ganz gleich, durch wen oder was wir ihn darum bitten�, antwortete der Professor mit einem zuversichtlichen L�cheln. �Selbst wenn das, was wir vorhaben, nicht unbedingt in sein Konzept zu passen scheint. In meinem Glauben gibt es nur einen Gott, und warum sollte es schaden, ihn mit der Hilfe der Einheimischen um etwas zu bitten?�</style></p><p><style name="font7">Aslan hatte sich von seiner Gebetsmatte erhoben.</style></p><p><style name="font7">�Allah ist gro߫, erkl�rte der Muslim. �Und seine G�te ist noch weit gr��er, als ein einzelner Mensch es ermessen k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">Punkt sechs in der Fr�he sa�en sie in der Kantine und l�ffelten hastiger als sonst ihren Brei, und noch bevor sie den Dienst in der Konstruktionshalle antraten, scherten Pjotr und Weinberg aus und baten um eine Audienz in der Baracke des Kommandeurs.</style></p><p><style name="font7">Igor Igorewitsch Lobow sa� in seinem B�ro hinter einem monstr�sen Schreibtisch und sch�lte sich einen Apfel, als sein Adjutant das Ansinnen der beiden Wissenschaftler vortrug.</style></p><p><style name="font7">�Sie wollen ein Gespr�ch und behaupten, es sei dringend�, erkl�rte der junge Soldat mit einer Miene der Rechtfertigung.</style></p><p><style name="font7">Lobow war kein Unmensch, und in seinen Augen konnte es nur gut sein, wenn sich die Laune seiner Chefkonstrukteure nicht nachhaltig verschlechterte. Es reichte vollkommen, dass man sie unter Zwang hierher gebracht und gewisserma�en zu Leibeigenen gemacht hatte. Dabei gab es f�r ihn nur zwei M�glichkeiten, mit denen man sie sich auf Dauer gef�gig machen konnte: Angst oder Freude.</style></p><p><style name="font7">�Sollen reinkommen�, br�llte Lobow knapp, und gleichzeitig lie� er das Messer und den Apfel in einer Schublade verschwinden.</style></p><p><style name="font7">Die Arme hinter dem R�cken verschr�nkt, nahmen die beiden Bittsteller vor dem Schreibtisch des Kommandeurs Aufstellung - ganz so, wie es die Regeln des Lagers verlangten.</style></p><p><style name="font7">�Was kann ich f�r euch tun?� Lobow setzte die Miene eines g�tigen Vaters auf und faltete die H�nde.</style></p><p><style name="font7">Weinberg r�usperte sich kurz, bevor er zu sprechen begann. �Es geht um Leonard Schenkendorff.� Er z�gerte einen Moment. �Wir sehen noch eine M�glichkeit, wie er wieder gesund werden k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">Lobow sah ihn eine Weile nachdenklich an, dann erhob er sich von seinem Stuhl und ging zum Fenster.</style></p><p><style name="font7">�Schenkendorff�, wiederholte er tonlos und kehrte seinen Besuchern den R�cken zu. �Ich kann mir nicht vorstellen, was ihm noch helfen sollte.� Er wandte sich um und sah Weinberg mit entwaffnender Ehrlichkeit an. �Ich habe Doktor Primanov den Auftrag erteilt, dass er ihm eine �berdosis Morphium verabreichen kann, wenn feststeht, dass er im Koma verbleibt.�</style></p><p><style name="font7">Pjotr hatte f�r einen Moment das Gef�hl, dass ihm jemand mit der Faust in den Magen schlug. Weinberg hingegen erhob seine Stimme erneut.</style></p><p><style name="font7">�Schenkendorffs Kameraden haben mir von einer wundersamen Heilung erz�hlt, die ausgerechnet dem Sohn des alten Wassiljoff zuteilgeworden sein soll, bevor er mit seiner verbliebenen Familie das Lager erreichte. Ein Schamane hat ihm nach dem furchtbaren Schlittenunfall nicht nur das Bein vollst�ndig geheilt, sondern ihn zugleich von seiner Schwindsucht befreit und ihn ins Leben zur�ckgeholt.�</style></p><p><style name="font7">�Hat dieser Schamane einen Namen, oder existiert er nur in den Hirnen von einigen verwirrten Gefangenen?� Lobow war der Spott anzusehen, den er bei Weinbergs Ausf�hrungen empfand.</style></p><p><style name="font7">�Sein Name ist Tschutschana oder so �hnlich�, antwortete Pjotr mit fester Stimme. �Er ist der Vater des jungen J�mschtschiks, der uns mit seinem Schlitten hierher gebracht hat. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie er das Wunder vollbracht hat. Das Bein des Jungen war gebrochen, ein Holzsplitter hatte den Oberschenkel durchbohrt. Wir sa�en alle in dem gro�en Tungusenzelt, und vor unseren Augen hat der Schamane seltsame Gebete gesprochen und sich in Trance getanzt. Dann ist er �ber dem Kind zusammengebrochen, und als er aufstand, war der Kleine geheilt. Am n�chsten Morgen konnte Mitja m�helos laufen, und dort, wo zuvor eine tiefe, h�ssliche Wunde klaffte, war alles verheilt. Nur eine einzige feine wei�e Narbe war an der Stelle geblieben. Wenn Sie es nicht glauben k�nnen, lassen Sie den Jungen holen und schauen sich das Bein an.�</style></p><p><style name="font7">�Und Weinberg? Sie sind der Wissenschaftler. Haben Sie eine Erkl�rung daf�r, wie so etwas vonstattengehen kann?�</style></p><p><style name="font7">�Nein, Igor Igorewitsch, ich wei� es nicht�, gab der Jude ehrlich zu, wobei er es tunlichst vermied, seinen Glauben ins Spiel zu bringen. �Aber gerade das macht die Sache f�r mich interessant. Wenn es dem</style></p><p><style name="font7">Mann gelingen w�rde, Schenkendorff zu heilen, w�rde ich den Vorgang aus der Sicht eines Naturwissenschaftlers protokollieren, und damit bek�men wir vielleicht eine Ahnung, wie es funktioniert.�</style></p><p><style name="font7">�Und wenn es nicht funktioniert?�</style></p><p><style name="font7">Weinberg atmete tief durch und bedachte den Lagerkommandanten mit einem durchdringenden Blick. �Dann k�nnen wir wenigstens sagen, dass wir nichts unversucht gelassen haben.�</style></p><p><style name="font7">Drei weitere qu�lende Tage gingen ins Land, bis Tschirin, der junge Tunguse, mit einer Ladung Holz ins Lager kam. Er hockte auf einem pr�chtigen Rentier und f�hrte einen langen Zug von gut zwanzig anderen Rentieren an. Im Sommer war es unm�glich, auf den eingefahrenen Wegen einen Wagen statt eines Schlittens zu benutzen. Knietiefer Morast und unz�hlige Schlagl�cher h�tten jede Achse gebrochen. Jenseits der �blichen Lagerregeln durfte Pjotr den jungen Tungusen am Eingangsportal begr��en. Tschirin erkannte ihn sofort und sprang von seinem Rentier ab. Er trug eine bunt verzierte tungusische Lederhose und ein Hemd, an dem Perlen und Federn baumelten. Das schwarze Haar hatte er zu einem Zopf gebunden. Seine wei�en Z�hne leuchteten in seinem sonnengebr�unten Gesicht, als er den Mund zu einem breiten Grinsen verzog.</style></p><p><style name="font7">Als Pjotr ihn im Beisein von zwei Wachleuten umarmte, konnte er sp�ren, dass der Tunguse sich aufrichtig freute, ihn bei guter Gesundheit zu sehen. Umso entsetzter war Tschirin, als Pjotr ihm von Leonards Schicksal berichtete.</style></p><p><style name="font7">�Ich kann nicht f�r meinen Vater sprechen, ob er bereit ist, einem Russen zu helfen. Zumal er in diesem Lager lebt. Aber ich werde versuchen, ihn von eurer Rechtschaffenheit zu �berzeugen, damit er die Geister, die von Leonards Seele Besitz ergriffen haben, wieder vertreibt. Schlie�lich habe ich es euch versprochen.�</style></p><p><style name="font7">Pjotr sp�rte Verzweiflung in sich aufsteigen. �Leonard ist kein Russe, sondern ein Deutscher, und ich bitte dich inst�ndig, bei deinem Vater ein gutes Wort f�r ihn einzulegen�, beschwor er den jungen J�mschtschik. �Wenn er uns nicht helfen will, ist Leonard verloren. Es geht hier nicht um den Fortschritt unserer Arbeit, sondern vor allem um Leonards �berleben. Er hat eine Frau, die er liebt und die sein</style></p><p><style name="font7">Kind unter dem Herzen tr�gt. Sie lebt in einem Lager in Tomsk, und man wird sie vermutlich t�ten, wenn er dem Zaren nicht mehr n�tzlich sein kann. Tschirin, es ist sehr wichtig. Wir haben sogar den Lagerkommandanten dazu �berreden k�nnen, dass er uns die Erlaubnis erteilt hat, deinen Vater in der Sache zu empfangen.�</style></p><p><style name="font7">Tschirin �berlegte nicht lange. �Gut�, sagte er leise. �Ich werde tun, was in meiner Macht steht.�</style></p><p><style name="font7">Es dauerte noch einen Tag und eine Nacht, bis Tschutschana, einer der m�chtigsten Schamanen Sibiriens, mit gro�em Gefolge im Tal ohne Wiederkehr erschien. Bereits von weitem waren die Gl�ckchen der Rentiere zu h�ren, als die bunte Truppe gegen Nachmittag das Lager erreichte. Tschutschana hatte nicht nur seinen pers�nlichen Gehilfen mitgebracht, sondern neben seinem einzigen Sohn weitere zw�lf M�nner seiner Sippe, die ihm Kraft und Schutz verleihen sollten.</style></p><p><style name="font7">Lobow empfing den in Kreisen der Tungusen hochgestellten Mann mit diplomatischen Ehren. Er lie� die Wachmannschaften in Zweierreihen antreten und behandelte seinen ungew�hnlichen Gast mit �u�erster H�flichkeit, obwohl ihm der Kerl mit den ausgemergelten dunklen Gesichtsz�gen mehr als seltsam erschien. Seine stechend grauen Augen wirkten unheimlich, und seine Aufmachung - ein Lederumhang aus Rentierhaut mit etlichen Knochen und Federn - tat ihr �briges. Auf dem Kopf trug er eine Art ledernen Helm mit einer Wolfsschnauze daran, die auf H�he der Stirn �ber sein Gesicht herausragte und mit seiner hervorspringenden Falkennase in Konkurrenz trat. An der Seite wippten zwei Wolfsohren bei seinen schnellen Schritten um die Wette. Lobow fragte sich ernsthaft, wie der Mann an Schenkendorffs Zustand etwas �ndern sollte. Laut Primanov wurde der Zustand des jungen Deutschen immer kritischer; es w�rde nur noch eine Frage der Zeit sein, bis er endg�ltig verstarb.</style></p><p><style name="font7">Tschutschana begab sich wie ein K�nig mit seinem Gefolge quer durch das Lager hin zu der Baracke, wo man Leonard isoliert von allen �brigen Insassen untergebracht hatte. Obwohl ihm niemand gesagt hatte, wo der Patient zu finden sei, blieb der Schamane auf Anhieb vor der richtigen H�tte stehen. Ein Zeichen, wie Pjotr hoffnungsvoll best�tigte, als Weinberg ihn fragend anschaute.</style></p><p><style name="font7">Tschutschanas M�nner bildeten vor dem Eingang der Baracke einen Halbkreis und z�ndeten aus einem Vorrat von mitgef�hrtem Tannenholz ein Feuer an. Lobow, der kein offenes Feuer im Lager duldete, war nahe dran zu protestieren, doch Primanov hielt ihn zur�ck.</style></p><p><style name="font7">�Darf unser Arzt die Zeremonie begleiten?�</style></p><p><style name="font7">Lobows Frage war t�richt, wie Pjotr befand. Er konnte sich denken, dass ein Schamane sich nicht in die Karten schauen lie�. Sein Gehilfe sch�ttelte wie erwartet den Kopf.</style></p><p><style name="font7">�Dies ist ein schwerer Fall�, verk�ndete Tschutschanas kleinw�chsiger Begleiter mit hochn�siger Stimme. �Es kann sein, dass die Geister und D�monen ein Opfer fordern. Deshalb rate ich niemandem, den Kreis der Zw�lf zu durchbrechen, bevor unser Meister sein Werk vollendet hat.�</style></p><p><style name="font7">Tschutschana sah sich nicht um, als er ganz allein das Geb�ude betrat. In seiner Hand befanden sich lediglich eine Trommel und ein qualmender Tannenzweig, an dem das Feuer erloschen war. Die T�r schloss sich hinter dem weisen Mann, und sofort trat ein Raunen unter den Zuschauern ein, das auf ein zorniges Zeichen seines Gehilfen sofort wieder verstummte.</style></p><p><style name="font7">�Jetzt hei�t es beten�, fl�sterte Aslan, der in einer Traube von Menschen hinter dem Kreis der zw�lf M�nner die R�ckkehr des weisen Mannes erwartete.</style></p><p><style name="font7">Leonard schwebte seit Tagen im Raum. Das hatte zumindest den Vorteil, dass er keine Schmerzen mehr versp�rte und sein geistiges Augenlicht einwandfrei funktionierte und er alles von oben betrachten konnte: den Arzt, wie er sich m�hte, ihn ins Leben zur�ckzuholen; die Krankenschwester, die regelm��ig die Windeln wechselte und ihm mit einem Gummischlauch Tee einfl��te; Pjotr, Weinberg und Aslan, die ihn t�glich besuchten - und ja, auch Kissanka, die ihm allabendlich ein Klagelied sang. Wie gerne h�tte er sie in den Arm genommen und getr�stet! Er hatte ihr verziehen, ihr und ihrem gewaltt�tigen Vater, dessen Geist ihm immer h�ufiger Gesellschaft leistete, weil auch dessen Leib kein sicherer Hort mehr zu sein schien. Manchmal schwebten sie gemeinsam �ber das Lager, bis hoch zu den H�ngen des Pijaja-Gebirges, zusammen mit den Adlern, die den Abendwind nutzten, um ihre Kreise zu drehen.</style></p><p><style name="font7">Dann stellte sich ein Gef�hl des vollkommenen Friedens ein, und weder Leonard noch der alte Wassiljoff konnten verstehen, warum die Welt so verr�ckt war, sich selbst zu zerst�ren, warum Menschen andere Menschen hassten, ja sie sogar t�teten und warum sie es zulie�en, dass ihre Seelen, vom Neid vergiftet, das eigene Herz zerfra�en, bis es aufh�rte zu schlagen - und warum niemand die wahre Sch�nheit des Lebens erkannte, die weit jenseits der irdischen Sch�nheit lag.</style></p><p><style name="font7">Dieser Zustand h�tte ewig so andauern k�nnen. Leonard versp�rte nicht die geringste Lust, jemals wieder etwas daran zu �ndern.</style></p><p><style name="font7">Vielleicht �berkam ihn deshalb eine leichte Beunruhigung, als er von seiner sicheren Zimmerdecke aus den seltsam anmutenden Mann erblickte, der sich im Gegensatz zu den anderen Besuchern nicht f�r seinen Leib interessierte, sondern direkt zu ihm aufschaute. Schlagartig wusste Leonard, wen er vor sich hatte: Tschutschana, den Vater des jungen Tschirin. Der Schamane verzog das Gesicht zu einer missmutigen Grimasse, und wenn sich Leonard richtig erinnerte, hatte er damals in der Jurte nicht anders ausgesehen.</style></p><p><style name="font7">�Komm darunter!�, forderte der Schamane ihn barsch auf. �Du hast dort nichts verloren. Deine Zeit ist noch nicht gekommen.�</style></p><p><style name="font7">Leonard sch�ttelte im Geiste den Kopf. �Ich will nicht�, antwortete er wie ein trotziges Kind.</style></p><p><style name="font7">�Also gut�, sprach der Schamane und setzte sich im Schneidersitz auf den Boden. Dann begann er seine Trommel zu schlagen, erst leise und dann immer lauter, w�hrend er seinen Oberk�rper in einer tranceartigen Ekstase wiegte, solange bis er augenscheinlich das Bewusstsein verlor und sich r�cklings auf den Boden legte. Kraft seiner neu erworbenen F�higkeiten war es Leonard m�glich zuzusehen, wie der Geist des Schamanen den K�rper verlie�. Erst waagerecht in der gleichen Form, wie er den physischen K�rper ausgef�llt hatte, dann rollte er sich in einem atemberaubenden Tempo zu einer nebul�sen, dunklen Kugel zusammen und drang blitzartig in Leonards K�rper ein. Ein Ruck ging durch seinen Leib, und seine Augen �ffneten sich so weit, dass es den Anschein machte, als w�rden sie herausquellen.</style></p><p><style name="font7">�He!�, konnte er noch rufen, dann schnellte ein Lichtstrahl zu ihm hin und stellte eine Verbindung her. So verr�ckt es Leonard auch erschien: Die Seele des Schamanen umwickelte Leonards Seele wie mit einem Gespinst und zwang ihn dorthin zur�ckzukehren, wo er hergekommen war. Der Aufprall war m�rderisch. Von einer Sekunde zur n�chsten erf�llte ihn ein wahnsinniger brennender Schmerz. Er schrie um sein Leben, doch seine Lippen blieben stumm. Es war wie ein heftiger Kampf, weil seine Seele sich mit aller Macht str�ubte, doch der Geist des Schamanen schien st�rker zu sein, und er war nicht allein. Unz�hlige hilfreiche H�nde, die wie aus dem Nichts auftauchten, zerrten an seinen Muskeln und Sehnen, schnitten ihm das Fleisch und die Knochen entzwei und setzten anschlie�end alles wieder zusammen.</style></p><p><style name="font7">Als ein merkw�rdiger Kobold begann, seinen Kopf zu bearbeiten, war es schiere Panik, die Leonard durchfuhr. Alles Schreien und Br�llen war nutzlos. Der Kopf wurde abges�gt, und mit Hammer und Mei�el solange bearbeitet, bis man ihn wieder aufsetzen konnte.</style></p><p><style name="font7">Zum Schluss blieb ihm nur noch zu kapitulieren und zu warten, bis das Brennen und Klopfen unter seiner Haut nachgelassen hatte. M�hsam �ffnete er die Augen. Es war Nacht, und nur das Licht des Mondes schien zu ihnen herein.</style></p><p><style name="font7">Tschutschana sa� in seiner leiblichen H�lle an Leonards Bett und murmelte sonore Beschw�rungsformeln. Als er sah, dass Leonard die Augen ge�ffnet hatte, lachte er scheppernd.</style></p><p><style name="font7">�Hast du wirklich geglaubt, du kannst dem gro�en Tschutschana entwischen?�</style></p><p><style name="font7">�Ich ha ... habe Durst�, stotterte Leonard. Nur langsam begriff er, dass er ins Leben zur�ckgekehrt war.</style></p><p><style name="font7">Tschutschana reichte ihm einen Krug mit Wasser.</style></p><p><style name="font7">Leonard trank in einem Zug den ganzen Becher leer. Er f�hlte sich noch schwach, als er den Becher selbstst�ndig auf einem Tischchen absetzte, doch zugleich f�hlte er sich besser als je zuvor in seinem Leben.</style></p><p><style name="font7">�Ich danke dir�, sagte er leise und packte Tschutschana am Arm.</style></p><p><style name="font7">�Alles hat seinen Preis�, erwiderte der Schamane mit gewohnt d�sterem Blick.</style></p><p><style name="font7">�Was willst du mir damit sagen?� Leonard hoffte, dass der Alte vielleicht zu einem Scherz aufgelegt war.</style></p><p><style name="font7">�Die Geister meiner Ahnen haben dich nicht umsonst gerettet. Du schuldest ihnen was. Eines Tages werden sie kommen und sich ein Kind von dir holen.�</style></p><p><style name="font7">�Ein Kind? Welches Kind?� Er war verwirrt. Woher wusste Tschu-tschana von Katja und ihrer Schwangerschaft?</style></p><p><style name="font7">�Nicht dieses Kind�, kr�chzte Tschutschana mit ungeduldiger Miene und bewies damit, dass er auch Gedanken lesen konnte. �Von heute an bist du mit mir und meinem Stamm auf ewig verbunden. Du wirst uns ein Kind schenken, und dieses Kind wird wieder einem Kind das Leben schenken. Und im neunten Kind dieses Kindes wird ein gro�er Schamane das Licht der Welt erblicken. Er wird viel Ungl�ck �ber seine Familie bringen, doch er wird st�rker sein als alle seine Vorfahren zusammen.�</style></p><p><style name="font7">Als Leonard noch immer nicht zu verstehen schien, machte Tschu-tschana eine weit schweifende Geste und lie� mitten im Zimmer einen imagin�ren Baum entstehen, dessen Zweige bis in den Himmel reichten.</style></p><p><style name="font7">�Siehst du dort in den h�chsten Wipfeln die Nester?�</style></p><p><style name="font7">Leonard nickte schwach. Er hatte es aufgegeben, begreifen zu wollen, was um ihn geschah.</style></p><p><style name="font7">�In ihnen wachsen die Seelen der n�chsten Schamanen heran. Im obersten aller Nester liegt die Seele unseres j�ngsten Schamanen. Seine Zeit wird kommen, in ferner Zukunft - dann, wenn unser beider Zeit l�ngst vor�bergegangen ist.�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">20.</style></p><p><style name="font7">Juni</style><style name="font4"> 2008,</style><style name="font7"> Tunguska - Blutzoll</style></p></title><p><style name="font7">Als Lebenovs M�nner die kleinste Baracke des Camps st�rmten, in der Polina Petrowa, eine junge Geologiestudentin aus Sankt Petersburg, ihr provisorisches Sommerlager aufgeschlagen hatte, war es bereits zu sp�t. Splitternackt und blut�berstr�mt lag sie in ihrem Bett, �ber sich den halb angezogenen Leichnam eines ebenso jungen Soldaten.</style></p><p><style name="font7">Lebenov, der hinzukam, nachdem zwei seiner Leute den Raum gesichert hatten, r�tselte einen Moment lang, ob das Paar gemeinsam einen Selbstmordversuch begangen hatte. Das dunkelhaarige M�dchen hielt die Waffe immer noch in der rechten Hand, als w�re sie zu Stein erstarrt. Erst als die Wachleute hinzutraten und sie von dem massigen Mann befreiten, �ffnete sie die Augen einen Spalt weit und gab ein Wimmern von sich. Mehrere Sch�sse in Brust und Hals hatten den zweiundzwanzigj�hrigen Kirill Solotow das Leben gekostet.</style></p><p><style name="font7">Einer seiner Kameraden versuchte, die in sich verkrallten Finger des M�dchens zu �ffnen, um an die Pistole zu gelangen, die Kirill noch gestern Abend am G�rtelholster getragen hatte. Ein anderer hielt eine Maschinenpistole auf das M�dchen gerichtet, f�r den Fall, dass sie erneut zu schie�en begann.</style></p><p><style name="font7">Nachdem es dem Kameraden endlich gelungen war, die Waffe an sich zu nehmen, erhielt Sergej Bashtiri die Erlaubnis, eintreten zu d�rfen. Flankiert von seinen Bodyguards erschien er in einem dunkelroten Kaschmirhausmantel und ledernen Pantoffeln. Die Verwirrung war ihm anzusehen.</style></p><p><style name="font7">�Was ist denn hier passiert?� Sein ausdrucksloser Blick richtete sich auf den bleichen, mit Blut verschmierten K�rper des M�dchens. Einer der ausgebildeten Sanit�ter des GazCom-Teams h�llte sie sorgsam in eine goldene W�rmefolie, nachdem er sie untersucht und ihr stellvertretend eine Beruhigungsspritze gesetzt hatte, weil Doktor Parlowa erst am Nachmittag mit dem Helikopter aus Krasnojarsk zur�ckerwartet wurde.</style></p><p><style name="font7">�Keine Ahnung, was in sie gefahren ist�, brummte Lebenov. �Bringt sie in die Lazarett-Baracke! Wascht ihr das Blut ab und lasst sie nicht allein!� Beil�ufig schaute er sich um. �berall lagen Kleidungsst�cke. Auf einem Tischchen stand ein halb voller Parf�mflakon mit dem Namen eines bekannten russischen Models, und hinter dem Bettpfosten klemmte ein abgewetzter Pl�schhase mit zerzaustem br�unlichem Fell. Neben dem Bett standen mehrere leere Wodkaflaschen und eine halb volle Flasche Krimsekt.</style></p><p><style name="font7">�Sobald sie ansprechbar ist, will ich sie verh�ren. In der Zwischenzeit verlange ich eine Aussage all jener, die mit Solotow den Abend verbracht haben. Ich will wissen, wie er in das Bett dieser kleinen Schlampe geraten ist und warum er so dumm war, sie im Vollrausch mit entsicherter Waffe zu bumsen.�</style></p><p><style name="font7">Professor Olguth war unbemerkt hinzugetreten. Ihm war anzusehen, wie sehr ihn das Schicksal seiner Studentin entsetzte.</style></p><p><style name="font7">�Paulina ist keine Schlampe�, verteidigte er seinen Sch�tzling mit gefasster Stimme.</style></p><p><style name="font7">Zwei M�nner trugen das M�dchen auf einer Trage hinaus. Ihre langen Locken hingen von Blut verklebt �ber den Rand der Trage herab. Olguth streichelte ihr im Vorbeigehen beruhigend den Kopf. Sie starrte ins Leere, die Lippen so wei� wie das �brige Gesicht, das �bers�t war von feinen r�tlichen Blutspritzern, die sich wie Sommersprossen �ber Hals und Brust zogen. Mit einer bestimmenden Geste wies der Professor eine weitere Studentin an, die wie erstarrt im T�rrahmen stand, sich um das M�dchen zu k�mmern.</style></p><p><style name="font7">Lebenov hob eine Braue, als sich der Professor aus Moskau erneut an ihn wandte. Er �berragte Olguth um Hauptesl�nge. Trotzdem dachte der viel kleinere Professor nicht daran zur�ckzuweichen.</style></p><p><style name="font7">�Falls Ihnen das entgangen sein sollte: Paulina ist die Tochter eines Bergbauingenieurs, der bereits seit Jahren f�r Ihre Firma arbeitet. Sie ist eine meiner besten Sch�lerinnen. Aus meiner Sicht hat einer Ihrer Leute versucht, sie zu vergewaltigen. Wie h�tte es sonst zu diesem Ungl�ck kommen k�nnen?�</style></p><p><style name="font7">�Sie ist freiwillig mit ihm gegangen.� Akim Rebrov, ein Kamerad Kirills, mischte sich ein, ohne zuvor von Lebenov die Erlaubnis zum Sprechen erhalten zu haben. Lebenov lie� ihn gew�hren.</style></p><p><style name="font7">�Sag uns, was du gesehen hast�, befahl er in der vagen Hoffnung, dass der unerschrockene Kerl Licht in die Angelegenheit bringen konnte.</style></p><p><style name="font7">�Die Studentin Paulina war bei uns im Zelt, gestern Abend, nachdem die Wachabl�sung beendet war. Kirill hat sie auf einen Wodka eingeladen. Sie hatte ihm sch�ne Augen gemacht, kaum dass wir angekommen waren, und welcher halbwegs gesunde Kerl l�sst sich eine solche Chance entgehen?�</style></p><p><style name="font7">�Das tut nichts zur Sache�, warf Lebenov ungeduldig ein. �Ihr wisst, dass ihr nichts mit Frauen anfangen d�rft, solange ihr euch im Einsatz befindet. Schon gar nicht, wenn es sich um Schutzbefohlene handelt. Wie also ging es weiter?�</style></p><p><style name="font7">�Sie hat mindestens soviel Wodka getrunken wie Kirill. Sie sa� neben ihm auf einer Bank, und nach dem vierten Glas Wodka haben sie sich unter dem Tisch begrapscht. Sie hat ihm in die Hose gefasst, und er hat an ihr herumgespielt - bis ihre Augen glasig wurden und sie ihn aufforderte, mit ihr aufs Zimmer zu kommen. Ich h�rte, wie sie sagte, sie wolle mit ihm Russisch Roulette spielen.�</style></p><p><style name="font7">�Russisch Roulette?� Olguth sah den Soldaten entsetzt an. �Mit einer Waffe?�</style></p><p><style name="font7">Akim grinste mitleidig. �Nein, Alterchen�, antwortete er respektlos. �Das nennt man so, wenn man mit einer Braut v�gelt, die Verh�tungsmittel ablehnt. Wird trotz dieser bl�dsinnigen AIDS-Geschichte immer beliebter. Besonders die Frauen stehen drauf. Man sollte es kaum glauben.�</style></p><p><style name="font7">Olguth sch�ttelte fassungslos den Kopf. �Das kann ich mir bei Paulina nicht vorstellen. Sie ist intelligent, kommt aus gutem Hause und hat das ganze Leben noch vor sich. Warum sollte sie sich mit einem solchen Trottel abgegeben und obendrein eine Schwangerschaft riskieren?�</style></p><p><style name="font7">�Die d�mmsten Trottel haben oft die dicksten Schw�nze, Alterchen. Darauf stehen die Frauen, oder denkst du vielleicht, ein bisschen Grips in der Birne w�rde ausreichen, um den Weibern einen passablen Orgasmus zu bescheren?�</style></p><p><style name="font7">Olguths anklagender Blick wanderte zu Lebenov. �Was sind das nur f�r Leute, die f�r Sie arbeiten?� Dann wandte er sich ab, um hinauszugehen. �Wir sollten die Eltern des M�dchens anrufen.�</style></p><p><style name="font7">�Das hat noch Zeit, Professor�, stellte Lebenov n�chtern fest. �Und die �ffentlichkeit wird erst informiert, wenn Ihre Studentin eine Aussage zum Hergang des Abends gemacht hat.�</style></p><p><style name="font7">�Sie haben keinerlei polizeiliche Rechte�, erkl�rte Olguth. Er war am Ausgang der Baracke stehen geblieben. �Das M�dchen hat Anspruch auf einen Anwalt, und zwar bevor sie von Ihnen befragt wird.�</style></p><p><style name="font7">�Wir befinden uns auf GazCom-Land�, erkl�rte Bashtiri aus dem Hintergrund. �Schon vergessen? Das GazCom-Konsortium hat eigene Rechte, verliehen durch den Pr�sidenten der Russischen F�deration. Unabh�ngig von Polizei und Justiz ist das Unternehmen bef�higt, Ermittlungen anzustellen, solange es um die Sicherheitsbelange des Konzerns geht.�</style></p><p><style name="font7">Es dauerte eine Weile, bis Leonid begriff, dass er in dem merkw�rdigen Bunker in der Falle sa�. W�tend setzte er sich im Schneidersitz auf den gefrorenen Boden. Er machte sich Sorgen - nicht um sich selbst, sondern um Viktoria. Er f�rchtete, dass sie da in etwas hineingeriet, dass sie nicht einsch�tzen und dem sie erst recht nicht Herr werden konnte.</style></p><p><style name="font7">Um zu erkennen, dass hier unten etwas verborgen lag, das nicht nur Geophysiker interessieren w�rde, bedurfte es keinerlei schamanischer F�higkeiten. Er war neugierig, ob Taichin und seine Gro�eltern von diesem Bunker gewusst hatten. Bisher jedenfalls hatten sie kein Sterbensw�rtchen davon erw�hnt.</style></p><p><style name="font7">Mit geschlossenen Augen versuchte Leonid, telepathischen Kontakt zu seinem Onkel aufzunehmen. Im Nachhinein musste er dem alternden Taichin dankbar sein, dass er ihm als erste Lektion seiner Schamanenschule die Anwendung telepathischer F�higkeiten beigebracht hatte. Nur ob es ihm �ber diese Distanz und aus einem mehr als zehn Meter tiefen Erdloch gelingen w�rde, auf sich aufmerksam zu machen, blieb fraglich.</style></p><p><style name="font7">Kolja machte es sich zunutze, dass es im Lager erneut einen Tumult gegeben hatte. Zusammen mit Viktoria schlich er an zwei Wachhabenden vorbei, die sich ein heftiges Wortgefecht lieferten. Es ging darum, wer am vergangenen Abend wie viel getrunken hatte und ob es jemanden in der Truppe gab, der f�r kleines Geld sogenannte Nachbrenner verteilte. Kolja wusste, dass damit Designerdrogen gemeint waren, die selbst in Kreisen der Sicherheitsbranche immer beliebter wurden.</style></p><p><style name="font7">�Was ist denn hier los?� Von ferne konnte Viktoria sehen, dass Sven Theisen in T-Shirt und Jogginghose am Einkaufsladen des Kasachen lehnte und sich mit Rodius aufgeregt unterhielt.</style></p><p><style name="font7">Zusammen mit Kolja gesellte sie sich zu den deutschen Kollegen, um herauszufinden, warum Bashtiris Leute und Lebenovs Soldaten in hektischer Betriebsamkeit zwischen den Baracken hin und her liefen.</style></p><p><style name="font7">�Es hat einen weiteren Toten geben.� Rodius klang merkw�rdig ruhig, und Viktoria dachte f�r einen Moment, er mache einen Scherz.</style></p><p><style name="font7">Theisen sorgte f�r Aufkl�rung. �Eine von Olguths Studentinnen hat einen von Lebenovs S�ldnern erschossen.�</style></p><p><style name="font7">�Wei� man warum?� Kolja runzelte die Stirn.</style></p><p><style name="font7">Unwillk�rlich musste Viktoria daran denken, dass auch er eine Pistole besa�. Offenbar waren hier alle im Begriff, verr�ckt zu werden.</style></p><p><style name="font7">�Nein�, antwortete Theisen. �Man verh�rt sie noch. Sie haben sie in die Lazarettbaracke gebracht. Man wartet auf Doktor Parlowa.� Er schaute demonstrativ auf seine Taucheruhr. �Kann nicht mehr lange dauern, bis sie aus Krasnojarsk zur�ck ist.� Viktoria sp�rte, wie er sie beil�ufig musterte. �Wo warst du? Ich habe vorhin an deine T�r geklopft. Es hat niemand geantwortet.�</style></p><p><style name="font7">�Sie hat mit mir einen Morgenspaziergang am See unternommen.� Kolja sprang ihr bei, bevor Viktoria sich eine Antwort ausdenken konnte.</style></p><p><style name="font7">Theisen war anzusehen, dass er dieses Vorgehen missbilligte. Viktoria bemerkte eine l�cherliche Eifersucht in seiner Miene, als er Kolja regelrecht mit seinen Blicken durchbohrte.</style></p><p><style name="font7">�Aha�, sagte der Deutsche nur. �Dann h�ttet ihr die Sch�sse eigentlich h�ren m�ssen.� Er hob eine Braue und wandte sich erneut Professor Rodius zu. �Und wie bewertest du nun die Lage? Ich denke, wir sollten Kontakt zur deutschen Botschaft in Moskau aufnehmen.�</style></p><p><style name="font7">Der Professor sah ihn von der Seite an, dann fiel sein Blick auf Viktoria. �Du hast recht. Langsam wird mir die Sache zu anstrengend. Es kommt mir vor, als ob ein Fluch auf unserer Mission liegt. Wenn es so weitergeht, schlage ich vor, wir packen tats�chlich unsere Sachen und fliegen nach Hause.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria h�tte liebend gerne etwas gesagt - �ber Koljas Einsch�tzung, dass die russische Regierung ihre Arbeit f�r ihre ureigensten Zwecke nutzte, oder �ber den Bunker und letztendlich �ber Leonid, der vermutlich sehns�chtig auf seine Befreiung wartete. Doch Kolja stand direkt hinter ihr.</style></p><p><style name="font7">Unruhig lie� sie ihren Blick �ber das Wasser schweifen. Wie gerne h�tte sie sich einfach in eines der Motorboote gesetzt und w�re zu Leonid zur�ckgekehrt, um ihn aus diesem Loch zu befreien.</style></p><p><style name="font7">Der ohrenbet�ubende L�rm eines Helikopters k�ndigte wenig sp�ter die R�ckkehr von Doktor Parlowa an.</style></p><p><style name="font7">Die �rztin mit dem K�rperbau eines Ringers machte ihrem Aussehen alle Ehre, als sie sich den Weg zu der v�llig apathischen Studentin bahnte und alle Umherstehenden mit einer barschen Bemerkung hinaus auf den Hof scheuchte - bis auf Bashtiri und Lebenov, die mit gekreuzten Armen neben dem Bett des M�dchens standen. Unbarmherzig setzte die �rztin der jungen Frau eine Spritze, die ein ausgesprochen wirksames Wahrheitsserum erhielt. Bisher hatte die neu entwickelte</style></p><p><style name="font7">Substanz jeden noch so widerspenstigen Rebellen zum Sprechen gebracht. Lebenov hatte darauf bestanden, nachdem die Studentin auf ihrem Krankenlager endg�ltig verstummt war. Sie starrte nur noch geradeaus, als habe sie sich in eine Puppe verwandelt.</style></p><p><style name="font7">Parlowa nahm noch zwei Ampullen Blut ab, um sie ins Labor nach Vanavara bringen zu lassen, damit man sie einer Untersuchung auf Drogeneinnahme unterzog.</style></p><p><style name="font7">�Das trifft sich gut�, raunte Lebenov und rief mit einem Wink seinen kirgisischen Fahrer heran. �Nimm zwei von den Jungs mit, und bring mir diesen ewenkischen Stammes�ltesten hierher. Ich habe schon mit dem B�rgermeister gesprochen. Er hat einen Boten ausgesandt, damit sich der Alte in seinem H�ttendorf bereith�lt.�</style></p><p><style name="font7">�Denken Sie tats�chlich, es sind Drogen im Spiel?� Bashtiri stand nun wieder im Outfit eines selbst ernannten Diktators der �rztin gegen�ber.</style></p><p><style name="font7">Doktor Parlowa musterte ihn unauff�llig und dachte sich ihren Teil. Als fr�here Olympiateilnehmerin war sie mit der Einnahme von lei-stungssteigernden Substanzen bestens vertraut, und auch beim Einsatz psychogener Drogen machte ihr so schnell keiner was vor.</style></p><p><style name="font7">Doch in diesem Fall war es f�r eine Prognose zu fr�h.</style></p><p><style name="font7">�Keine Ahnung�, erkl�rte sie. Mit sicherer Hand gab sie die Ampullen an einen der Sanit�ter weiter, der sie in eine Styroporkiste verpackte und dann nach drau�en eilte.</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht Ecstasy�, bemerkte Parlowa leise, nachdem sich die T�r hinter dem Mann wieder geschlossen hatte. �Wir m�ssen abwarten, wie sie auf das Serum reagiert.� Routiniert klatschte sie dem M�dchen rechts und links mit der flachen Hand auf die bleichen Wangen, als ob sie zu sich kommen sollte. �Mal sehen, was sie sagt. Warten wir noch einen Moment.�</style></p><p><style name="font7">Die Augen des M�dchens ver�nderten sich von lethargischer Gleichg�ltigkeit hin zu einem gehetzten Blick. Doktor Parlowa stellte die Fragen, weil sie trotz aller H�rte immer noch einf�hlsamer wirkte als die beiden M�nner, die mit finsteren Mienen hinter ihr warteten.</style></p><p><style name="font7">Schwei� trat auf die Stirn des M�dchens, und sie wurde zusehends unruhiger, bis sie schlie�lich von ganz alleine zu sprechen begann.</style></p><p><style name="font7">�Wir haben ... miteinander geschlafen�, erz�hlte sie stockend. �Ich habe Kirill gesagt, er solle seine Uniform anlassen.� Wieder stockte sie, dabei starrte sie mit aufgerissenen Augen an die Decke, als ob dort oben ein Film ablaufen w�rde. �Ich hatte noch nie mit einem Soldaten . und ich fand es aufregend. Er hat mich ausgezogen, und ich habe nur seinen Hosenschlitz aufgekn�pft und seinen ...�, sie schluckte, �... herausgeholt. Er war riesig, und als er mich schlie�lich gev�gelt hat, haben wir gelacht, weil es so lustig war.�</style></p><p><style name="font7">�Habt ihr vorher etwas eingenommen - au�er Wodka, Tabletten, Kokain oder Pilze?�</style></p><p><style name="font7">�Nein.� Die Antwort kam schnell und klar. �Ich hatte noch eine Flasche Krimsekt, und nachdem es uns ... gekommen war, haben wir einen Sekt getrunken - auf eine gute Nacht. Danach sind wir irgendwann eingeschlafen. Gegen Morgen ist Kirill neben mir aufgewacht. Er wollte noch mal, und ich hatte nichts dagegen.� Einen Moment schien sie �berlegen zu m�ssen, wie es weitergegangen war, doch dann fuhr sie fort.</style></p><p><style name="font7">�W�hrend er in mich eindrang, glaubte ich einen huschenden Schatten zu sehen, und dann sp�rte ich, wie Kirill etwas durchfuhr. Ein Ruck ging durch seinen K�rper, und er verdrehte die Augen. Ich dachte zuerst, er mache einen Scherz. Doch dann breitete sich ein h�llischer Schmerz in meinem Unterleib aus, und ich bettelte ihn an, er solle damit aufh�ren. Aber er dachte nicht daran. Sein Schwanz erschien mir wie ein Speer, an dem sich Widerhaken befanden. Ich habe ihn angebr�llt und dabei in seine Augen geschaut. Ein seltsames Gl�hen lag in seinen Pupillen und machte mir h�llische Angst. Ich konnte nichts tun. Er hielt mich fest und beugte sich laut st�hnend �ber mich. Dann schnellte seine Zunge hervor, wie die Zunge eines Warans, blau und gespalten. Ich hatte das Gef�hl zu ersticken, als er sie in meinen Rachen stie�. Ich habe ger�chelt und versucht, um Hilfe zu schreien, doch es ging nicht. Es war, als ob sich Zunge und Schwanz durch all meine Eingeweide hindurchbohren w�rden und er mir damit s�mtliche Organe herausrei�en wollte. In meiner Not habe ich nach seiner Waffe gegriffen. Sie lag neben dem Bett, weil er mir noch in der Nacht gezeigt hatte, wie man sie lud und entsicherte.� Sie stockte abermals, und ihr Gesicht verwandelte sich in eine verzweifelte Grimasse. �Ich musste ihn t�ten, er war ein Monster. Er h�tte mich umgebracht!�</style></p><p><style name="font7">Ein Schluchzen entfuhr ihrer heiseren Kehle. Sie drehte sich zur Seite und versteckte ihr Gesicht hinter einem Kissen, das sie mit verkrampften F�usten vors Gesicht presste, w�hrend sie laut zu weinen begann.</style></p><p><style name="font7">Doktor Parlowa zeigte so etwas wie Mitgef�hl und nahm ihr vorsichtig das Kissen ab. Mit der Hilfe eines Sanit�ters, den Lebenov hinzurufen lie�, spritzte sie ein Gegenmittel in die bl�ulich hervortretende Vene, das Polina zur Ruhe kommen lie�. Dann schickte sie die M�nner f�r eine Weile hinaus, um das M�dchen weiter zu untersuchen.</style></p><p><style name="font7">�Die gyn�kologische Untersuchung hat keinen Befund ergeben�, erkl�rte die �rztin wenig sp�ter drau�en vor der Baracke auf einer kleinen Veranda. Dabei wandte sie sich ihren beiden Auftraggebern zu und d�mpfte f�r einen Moment ihre Stimme. �Au�er dem Sperma des Soldaten haben wir nichts Ungew�hnliches feststellen k�nnen. Allerdings �hnelt die Beobachtung des M�dchens den Aussagen von Wanja Biborow�, gab sie mit einem Seufzer zu bedenken. �Angeblich hat sich sein Kamerad ebenfalls in ein Monster verwandelt, das beinahe genauso aussah.�</style></p><p><style name="font7">Doktor Parlowa sah Lebenov und Bashtiri abwechselnd an. �Es klingt vielleicht verr�ckt, aber auf dem Flug nach Krasnojarsk hat er �ber nichts anderes geredet.�</style></p><p><style name="font7">Lebenov schaute teilnahmslos auf die T�r, hinter der sich das M�dchen in einem erl�senden Schlaf befand. �Wir sollten sie f�rs Erste in eine geschlossene Anstalt einweisen lassen, genau wie Biborow. Vielleicht kann man dort herausfinden, was diesen psychotischen Schub ausgel�st hat. Und dann muss man die Blutproben untersuchen. M�glicherweise haben sie doch etwas eingeworfen, bevor es zur Sache ging.�</style></p><p><style name="font7">�Ich kann es nicht ausschlie�en�, best�tigte Doktor Parlowa mit einem langsamen Nicken. �Allerdings habe ich noch von keiner Droge geh�rt, die ein spezielles, gleich aussehendes Monster im Hirn erzeugt.�</style></p><p><style name="font7">F�r einen Moment schreckte Leonid auf, obwohl er glaubte, die N�he des Alten gesp�rt zu haben. Geduckt, hinter seinem Felsvorsprung blinzelte der junge Ewenke in das grelle Licht, das wie ein Scheinwerfer von oben in sein d�steres Gef�ngnis herein fiel. Ajaci bellte kurz auf, dann stie� er ein lang gezogenes Heulen aus, als Leonid pl�tzlich und unerwartet aus dem unheimlichen Loch herauskletterte. Taichin, der in einer geb�ckten Haltung vor dem Einstieg stand, atmete schwer, w�hrend er Leonid seine faltige Hand entgegenstreckte, um ihm heraufzuhelfen. Leonid schlug das Angebot seines Gro�onkels mit einem dankbaren L�cheln aus und richtete sich zu voller Gr��e auf.</style></p><p><style name="font7">Taichin war nur wenig kleiner als er selbst - eine Seltenheit unter den alten Tungusen, weil die meisten der einheimischen J�ger und Sammler eher von kleinem Wuchs waren. Die schr�g stehenden blauen Augen leuchteten stechend aus dem gebr�unten, faltigen Gesicht des Alten heraus.</style></p><p><style name="font7">�Hast du meine innere Stimme h�ren k�nnen?� Leonid schaute seinem Schamanenmeister forschend ins Gesicht.</style></p><p><style name="font7">�Du kannst froh sein, dass dein Hund nicht auf den Kopf gefallen ist�, erwiderte der Alte schmunzelnd. �Er hat mich zu dir gef�hrt. Wenn es nach deinen telepathischen F�higkeiten ginge, w�rdest du noch n�chste Woche in diesem Loch sitzen. Du musst lernen, deine Energie besser zu b�ndeln. Wie bist du �berhaupt in diese missliche Lage geraten?�</style></p><p><style name="font7">�Ich kann nichts daf�r, Onkelchen. Ich habe diesen Eingang heute Morgen entdeckt - oder sagen wir lieber, meine neue Freundin hat ihn entdeckt.� Leonid dachte nicht daran, auf die abwertende Bemerkung seines Lehrmeisters einzugehen. Er schw�rmte stattdessen von Viktoria und erkl�rte, dass sie keine Schuld an seiner misslichen Lage traf und dass er ihr vollkommen vertraute. �Was ist das f�r ein Bunker?�, f�gte er hinzu. �Ich kann mir nicht vorstellen, dass du dar�ber nichts wei�t.�</style></p><p><style name="font7">Taichin ging nicht auf seine Frage ein. �Wir sollten sofort verschwinden�, bemerkte er mit regloser Miene. �Diese Frau wird bestimmt zur�ckkommen, um dich zu befreien, oder denkst du nicht? M�glicherweise ist sie dabei nicht allein.�</style></p><p><style name="font7">�Sollte ich ihr nicht ein Zeichen hinterlassen, dass man mich l�ngst gerettet hat? Oder vielleicht w�re es besser, das Loch offen zu lassen, damit sie wei�, dass es mir gelungen ist, mich selbst zu befreien.�</style></p><p><style name="font7">�Keine gute Idee�, befand Taichin. �Wir sollten dieses Loch wieder schlie�en, damit niemand bemerkt, dass wir uns daran zu schaffen gemacht haben. Sie wird schon sehen, wenn du nicht mehr dort unten bist.�</style></p><p><style name="font7">Wortlos nahm Leonid die am Boden liegende Schaufel in die Hand, nachdem sein Onkel mit bemerkenswertem Geschick den Deckel verschlossen hatte.</style></p><p><style name="font7">W�hrend eine Ladung Erde nach der anderen den Eingang begrub, setzte Leonid von neuem an. Er versuchte seinem Onkel zu erkl�ren, was er dort unten vorgefunden hatte.</style></p><p><style name="font7">�Es ist besser, wir lassen die Geister ruhen�, fl�sterte der Alte, nachdem sie den Weg zur�ck zu Leonids H�tte angetreten hatten.</style></p><p><style name="font7">�Die Geister sind l�ngst erwacht�, erwiderte Leonid und sah seinen Onkel mit einer gewissen Missbilligung an. �Ich will, dass du mir sagst, was hier los war. Der Kerl, der Viktoria nach drau�en begleitet hat, arbeitet f�r die russische Regierung. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der FSB hier auftaucht. Viktoria hat mir erz�hlt, dass man vor wenigen Tagen eine r�tselhafte Aluminiumstange am Grund des Sees gefunden hat. Dazu fand man zwei mumifizierte Leichen, die offenbar einen Hinweis auf das Polytechnische Institut von Sankt Petersburg im Jahre</style><style name="font4"> 1902</style><style name="font7"> geben.�</style></p><p><style name="font7">Taichin, der leicht gebeugt neben ihm hergegangen war, blieb stehen und sah ihn mit zusammengekniffenen Lippen an.</style></p><p><style name="font7">�Es ist also so weit�, fl�sterte der Alte heiser. �Die D�monen kommen tats�chlich zur�ck, um ihren Blutzoll zu fordern.�</style></p><p><style name="font7">Leonid warf dem Alten einen fragenden Blick zu.</style></p><p><style name="font7">�Lass uns zu meiner H�tte gehen, Junge, dann sollst du wissen, was du wissen musst.�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">21.</style></p><p><style name="font7">Juli</style><style name="font4"> 1907,</style><style name="font7"> Sibirien - T�dliche Entscheidung</style></p></title><p><style name="font7">Weinberg schnarchte, und Pjotr, der kaum den Anstrengungen des Tages gewachsen war, schlief tief und fest. Nur der Turkmene war wie so oft noch wach.</style></p><p><style name="font7">�Ich war drau�en, Aslan. Ich schw�re es dir beim Leben meiner Mutter. Ich habe meinen K�rper verlassen und bin zusammen mit dem alten Wassiljoff �ber die Berge geflogen.� Leonard hatte leise gesprochen.</style></p><p><style name="font7">�Ausgerechnet Wassiljoff.� Im fahlen Licht des Vollmondes setzte Aslan ein ironisches L�cheln auf. Seine schwarzen Augen gl�nzten, w�hrend er auf seinem Bett sa� und sich eine Zigarette drehte.</style></p><p><style name="font7">Leonard wandte sich zu seinem muslimischen Kameraden hin und sah ihn im Halbdunkel absch�tzend an. �Du glaubst mir nicht?�</style></p><p><style name="font7">Aslan seufzte leise und fuhr ein letztes Mal mit der Zungenspitze �ber das Papier, bevor er die Zigarette zu einem krummen wei�en St�bchen rollte. �Du erz�hlst mir die Geschichte nun schon seit beinahe zwei Jahren. L�sst sie dich denn niemals los?�</style></p><p><style name="font7">Aslan steckte sich das St�bchen zwischen die Lippen und z�ndete es mit einem Streichholz an. F�r einen Moment waren seine ausgemergelten Z�ge im Licht des Feuers zu sehen.</style></p><p><style name="font7">Leonard legte sich auf den R�cken und faltete die H�nde �ber seinem Bauch. Aslan zog gierig an der Zigarette und blies einen wei�en Schwaden in Leonards Richtung.</style></p><p><style name="font7">Leonard wedelte den Rauch in eine andere Richtung. �Ich sa� k�rperlos oben unter der Zimmerdecke und habe gesehen, wie du bei Pri-manov f�r mich und mein Leben gebettelt hast, Bruder. Wie sollte ich das vergessen?�</style></p><p><style name="font7">Aslan schluckte. Ihn besch�mte die Dankbarkeit, die Leonard ihm seit jenen Tagen entgegenbrachte, und die Tatsache, dass sich der deutsche Kamerad an alles genau erinnern konnte, was ihm w�hrend der Bewusstlosigkeit widerfahren war, lie� ihn erschauern.</style></p><p><style name="font7">�Du warst so gut wie tot�, sagte der Turkmene. �Ich h�tte das auch f�r jeden anderen getan.�</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht war ich wirklich tot, und niemand hat es bemerkt�, erwiderte Leonard, und dabei erinnerte er sich an die pl�tzliche Anwesenheit des Schamanen und seiner mysteri�sen Helfer. Bisher hatte er niemandem erz�hlt, wie sie seinen K�rper zerschnitten und wieder zusammengesetzt hatten. Es war zu gespenstisch. Wie h�tten die anderen ihm glauben sollen?</style></p><p><style name="font7">�Der alte Wassiljoff hatte nicht soviel Gl�ck�, bemerkte er dunkel. �Er ist drei Tage nach meiner Rettung gestorben. Manchmal kann ich sein Gesicht im Schlaf sehen. Dann l�chelt er und winkt mir zu. Es ist, als ob man ihn von allen Leiden erl�st h�tte. Es gibt Tage, da beneide ich ihn um die Freiheit, die er offensichtlich erlangt hat.�</style></p><p><style name="font7">�Leonard, was redest du da?� Aslan zog gierig an seiner Zigarette. Ein Glimmen, und dann fiel die Asche zu Boden. �Sag blo�, du wolltest ihm folgen?�</style></p><p><style name="font7">�Manchmal.� Leonard schaute gegen die obere Bretterwand, wo sich Licht und Schatten vereinten. �Manchmal denke ich dar�ber nach, wie anders mein Leben verlaufen w�re, wenn ich mit Katja an jenem verdammten Sonntag im Bett geblieben w�re, anstatt zu dieser verteufelten Kundgebung zu gehen.�</style></p><p><style name="font7">�Du vermisst sie sehr, nicht wahr? Obwohl ihr euch nicht versprochen wart.�</style></p><p><style name="font7">Leonard wandte sich Aslan erneut zu und l�chelte schwach. �Es ist Liebe, Aslan. Das hat nichts mit Versprechungen zu tun. Ich w�rde meine rechte Hand daf�r geben, wenn sie und das Kind endlich bei mir sein k�nnten. Schon alleine deshalb w�rde ich nie auf eine solche Idee kommen, meinem Leben einfach ein Ende zu bereiten - nicht solange es noch einen Sinn hat.�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe mich oft gefragt, worin der Sinn des Lebens besteht, aber eine Antwort, Allah m�ge mir verzeihen, habe ich nicht gefunden.�</style></p><p><style name="font7">�Irgendeinen Grund wird unser Dasein schon haben. Ich habe am eigenen Leib erfahren, dass alle physikalischen Berechnungen nur eine Farce sind und etwas v�llig anderes hinter der Welt steckt, als man allgemein vermuten w�rde, etwas, das sich nicht mit mathematischen Formeln ausdr�cken l�sst.�</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht hat Allah mit Hilfe von Tschutschana ein Wunder vollbracht. Und Wunder lassen sich nun mal nicht wissenschaftlich erkl�ren.�</style></p><p><style name="font7">�Das sagt ausgerechnet ein Physiker deines Kalibers?� Leonard lachte leise.</style></p><p><style name="font7">�Ein gl�ubiger Physiker�, erg�nzte Aslan.</style></p><p><style name="font7">�Du hast mir nie den wahren Grund deiner Deportation verraten.� Leonard erkannte die Gunst der Stunde, tiefer in Aslans Gem�t eindringen zu k�nnen als je zuvor.</style></p><p><style name="font7">Der Turkmene sah ihn nachdenklich an, als z�gerte er einen Moment, doch dann entspannte sich seine Miene, und er setzte zu einer Antwort an.</style></p><p><style name="font7">�Meine Familie z�hlt sich zu den Dschadiden. Wir sind strenggl�u-bige Muslime. Trotzdem oder gerade deshalb verfolgen wir eine rationalistische Interpretation der religi�sen Schriften. Schon unsere Vorv�ter waren fasziniert vom Fortschritt und der Technologie, was nicht dagegen spricht, sein Volk auf den Pfad des Islams zu f�hren.�</style></p><p><style name="font7">�Seid ihr deshalb verfolgt worden? Deine Familie und du?�</style></p><p><style name="font7">�Mein Bruder war der Meinung, die Bolschewiki w�rden auch uns eine bessere Zukunft versprechen. Er organisierte Protestkundgebungen gegen den russischen Imperialismus, wie er es nannte. Es kam zu Unruhen. Menschen starben im Kugelhagel der Milizen. Er wollte, dass ich ihm helfe, eine Bombe zu bauen, um damit die gesamte Kom-mandatur von A+gabat in die Luft zu sprengen.�</style></p><p><style name="font7">Mit einem Ruck hob Leonard seinen Kopf und sah ihn gebannt an.</style></p><p><style name="font7">�Und habt ihr es getan?�</style></p><p><style name="font7">�Nicht wir. Ich habe nur die Pl�ne geliefert. Mein Bruder und seine Kommilitonen wurden in einem geheimen Keller erwischt, w�hrend sie sich an den Nachbau gemacht hatten. Ich hatte gleich kein gutes Gef�hl bei der Sache. Unter den Studenten gab es etliche Spione, die f�r ein paar Rubelchen sogar ihre eigene Gro�mutter verkauft h�tten.�</style></p><p><style name="font7">�Und was ist dann geschehen?�</style></p><p><style name="font7">�Man hat sie als Terroristen und Kollaborateure abgeurteilt und aufgeh�ngt. Noch am gleichen Tag. An einer riesigen Linde mitten in der Stadt. Ein einziger dicker Ast, der sich unter der Last von sechs leblosen K�rpern bog.�</style></p><p><style name="font7">Aslan schluckte heftig, bevor er weitersprechen konnte.</style></p><p><style name="font7">�Mein Vater hat den Henker auf Knien angebettelt, meinen Bruder herunterschneiden zu d�rfen. Doch man verwehrte ihm die Erlaubnis. Erst nach einer Woche durften die Leichen beerdigt werden. Du kannst dir vorstellen, welche Qual dies - neben dem Verlust eines Sohnes - f�r einen gl�ubigen Muslim bedeutet. Bei uns muss ein Toter noch vor Sonnenuntergang in die Erde gebracht werden, so verlangt es das Gesetz.�</style></p><p><style name="font7">�Und was war mit dir? Haben sie herausgefunden, dass du etwas mit der Sache zu tun hattest?�</style></p><p><style name="font7">�Nein. Aber das mussten sie auch gar nicht. Unsere ganze Familie wurde verhaftet. Und mich hat man anschlie�end auserkoren, sie zu retten.� Aslan lachte sp�ttisch. �Wenn ich nicht tue, was der Zar von mir verlangt, werden sie allesamt elendig in diesem verdammten Kerker vor die Hunde gehen.�</style></p><p><style name="font7">Er schwieg einen Moment, w�hrend Leonard dar�ber nachdachte, dass nicht nur</style> er<style name="font7"> ein Schicksal zu bew�ltigen hatte, das ihm ein Mehr an Verantwortung abverlangte, als er zu tragen vermochte.</style></p><p><style name="font7">�Ich habe Angst, dass ich den Zaren und seine Schergen entt�uschen werde�, f�gte Aslan leise hinzu.</style></p><p><style name="font7">�Mit dieser Furcht bist du nicht alleine�, fl�sterte Leonard grimmig. �Lobow verspricht mir seit zwei Jahren, dass er Katja und das Kind in unser Lager nachkommen l�sst, wenn unsere Ergebnisse stimmen.� Er kniff die Lippen zusammen, bevor er weitersprach. �Bisher waren wir wohl nicht gut genug.�</style></p><p><style name="font7">�Was schl�gst du vor?� Der Turkmene sah ihn mit tr�ber Miene an.</style></p><p><style name="font7">�Manchmal denke ich, wir sollten den Schamanen um Hilfe bitten. Er wei� soviel mehr �ber den Gang der Dinge. Du hast mit eigenen Augen gesehen, welches Wunder er an meinem K�rper vollbracht hat. Er ist besser als der beste Naturwissenschaftler. Wir erforschen Menschen wie ihn, und wir kommen uns dabei so schlau und erhaben vor. Wir bel�cheln seine F�higkeiten und stehen doch wie staunende Kinder vor seinen Mysterien, ohne eine vern�nftige Erkl�rung daf�r finden zu k�nnen. Es ist auf seine Weise erb�rmlich, wie sehr wir uns einreden, die Welt m�sse erkl�rbar sein, und alles andere z�hlt einfach nicht.�</style></p><p><style name="font7">�Ob du es glaubst oder nicht, die Idee ist mir auch schon gekommen. Ich h�nge seit Monaten in meiner Arbeit fest.�</style></p><p><style name="font7">Leonard hatte sich beunruhigt in seinem Bett aufgerichtet. �Ich dachte, wenigstens du kommst mit deinen Versuchen voran. Weinberg lobt dich �ber den gr�nen Klee, ohne dass er je etwas �ber deine genaue Arbeit gesagt hat.�</style></p><p><style name="font7">�Du kennst nur die halbe Wahrheit. Lobow und seine Leute setzen in der Tat gro�e Hoffnungen in mich. Aber hast du eine Ahnung, um was es hier wirklich geht?�</style></p><p><style name="font7">�Wenn du mich so fragst�, fl�sterte Leonard und schlug die Decke zur�ck, um aufzustehen und sich einen Becher Wasser zu holen. Danach setzte er sich zu Aslan aufs Bett, damit er noch leiser sprechen konnte, um die anderen nicht zu wecken. �Ich dachte immer, du experimentierst mit Sprengstoff - Dynamit. Das packen wir dann in das Luftschiff und schicken das Ganze nach Japan, wo mein Automat daf�r sorgt, dass die Ladung an einem vorher festgelegten Ort gez�ndet wird!�</style></p><p><style name="font7">�Ich experimentiere nicht mit Sprengstoff, Leonard. Ich experimentiere mit Uran.�</style></p><p><style name="font7">�Pechblende?� Leonards Stimme klang ungl�ubig. �Was sollte daran so gef�hrlich sein?�</style></p><p><style name="font7">�Wenn du es mit schwerem Wasser kombinierst und noch ein paar weitere Kleinigkeiten ber�cksichtigst, kann es zur gef�hrlichsten Sache der Welt werden. Das Einzige, was mir bisher fehlt, ist ein hochenergetischer Z�nder.�</style></p><p><style name="font7">Leonard schaute auf seinen Becher, bevor er den Inhalt mit einem Schluck hinunterkippte.</style></p><p><style name="font7">�Schweres Wasser�, fl�sterte er, nachdem er sich mit dem �rmel seines Unterhemdes die Lippen abgewischt hatte. �Ist das der Grund, warum man die riesigen Bottiche in der Halle hinter dem Kraftwerk aufgestellt hat?� Leonard fragte sich, was er sonst noch alles nicht wusste. Geheimhaltung hatte im Lager oberste Priorit�t; jeder durfte nur soviel erfahren, wie es f�r seine Arbeit erforderlich war.</style></p><p><style name="font7">�Es ist umgekehrt. Das Kraftwerk wurde gebaut, damit es die gewaltigen Strommengen erzeugt, die wir f�r die Elektrolyse ben�tigen. Ich besch�ftige mich seit ein paar Jahren mit Radioaktivit�t. Weinberg hat mir die Unterlagen zu Albert Einsteins spezieller Relativit�tstheorie von</style><style name="font4"> 1905</style><style name="font7"> beschafft.Bereits ab</style><style name="font4"> 1897</style><style name="font7"> beobachteten Becquerel und Marie Curie, dass Kernreaktionen sehr viel energiereicher sind als chemische Reaktionen. Mit Einsteins Gleichung E=mc<sup>2</sup> kann man diese Energie an den unterschiedlichen Kernmassen ablesen. Seither wei� man, dass bei Spaltung schwerer Atomkerne millionenfach mehr Energie frei wird als bei der Explosion einer gleichen Menge Sprengstoff. Aber die Gleichung sagt nicht, wie man diese Spaltung in Gang setzt.</style></p><p><style name="font7">Ich habe inzwischen ein eigenes Atommodell entwickeln k�nnen, das ich bis heute noch niemandem vorgestellt habe.� Aslan erhob sich rasch und ging auf leisen Sohlen zu seiner Kiste, der er Papier und einen Stift entnahm. Ebenso leise z�ndete er die Petroleumleuchte an.</style></p><p><style name="font7">Leonard beugte sich interessiert zu ihm hinunter, als der Turkmene wieder auf der Pritsche Platz nahm.</style></p><p><style name="font7">�Ich gebe es zu�, fl�sterte Leonard verhalten, �ich habe keine gro�e Ahnung, was du mir zeigen willst. Obwohl mein Interesse an Physik und Chemie naturgem�� sehr ausgepr�gt ist�, fuhr er fort, w�hrend Aslan den Stift ansetzte und zu zeichnen begann. �Trotzdem erscheinen mir deine Ausf�hrungen wie b�hmische D�rfer.�</style></p><p><style name="font7">�Also�, begann Aslan und l�chelte ihn an. Er hatte einen Kreis gezeichnet, den er mit weiteren Kreisen komplettierte. Darauf setzte er Zug um Zug kleinere Punkte, die er mit verschiedenen Bezeichnungen versah. �Mit den Atomen verh�lt es sich wie bei einem Planeten, in dessen Umlaufbahn sich mehrere Monde befinden. Ich habe mittels eines Massenspektrometers die Isotopenzusammensetzung des Wasserstoffs untersucht. Einfacher Wasserstoff besitzt nur ein Proton im Atomkern, schweres Wasser hingegen besitzt ein Proton und ein Neutron. Dementsprechend ist die Molek�lmasse und auch Dichte des schweren Wassers etwas h�her als die von normalem Wasser. Wird das Wasser nun einer Elektrolyse ausgesetzt, bleibt das schwere Wasser eher unzersetzt zur�ck, w�hrend leichtes Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten wird. Wenn man nun fl�ssigen Wasserstoff l�ngere Zeit verdampfen l�sst, bleibt das schwere Wasser am Boden des Bottichs erhalten. Wenn du es nun mit Lithiumoxid kombinierst und beides mit einem speziell angereicherten Uran in Verbindung bringst und die Sache wiederum einer Energiezufuhr aussetzt, ergibt sich eine exotherme Kettenreaktion. Ich bin noch nicht ganz hinter die Zusammenh�nge gekommen. Aber meinen Berechnungen nach k�nnte man das Ergebnis nicht nur zur W�rmeerzeugung nutzen, sondern in gr��eren Mengen zum Bau einer Bombe verwenden, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.�</style></p><p><style name="font7">�Die Welt braucht keine neue Bombe�, erwiderte Leonard lakonisch. �Die Welt braucht mehr Verstand.�</style></p><p><style name="font7">�Die Welt vielleicht nicht.� Aslans Stimme klang entschlossen. �Aber wir brauchen die Bombe - oder ich brauche sie. Wenn ich dem Zaren und seinem Kriegsminister nicht binnen eines Jahres liefern kann, was er sich w�nscht, werden sie meine gesamte Sippe umbringen. Es sind siebenundzwanzig Menschen, deren Leben einzig in meiner Hand liegt.�</style></p><p><style name="font7">�Was sind siebenundzwanzig gegen Tausende von Opfern?�</style></p><p><style name="font7">�W�rdest du Katja opfern und deine Tochter, wenn du das Leben Tausender Unbekannter damit retten k�nntest?�</style></p><p><style name="font7">Leonard stie� einen tiefen Seufzer aus. Katja. Wenn er sich recht besann, w�rde er sogar �ber Leichen gehen, um sie und die Kleine endlich in seine Arme schlie�en zu k�nnen.</style></p><p><style name="font7">�Du hast recht�, sagte er schlie�lich. �Man muss Priorit�ten setzen. Also, was k�nnte der Schamane f�r uns tun?�</style></p><p><style name="font7">�Hat Tschirin nicht gesagt, sein Vater k�nne das Wetter beeinflussen?�</style></p><p><style name="font7">�Soll Tschutschana etwa einen Regentanz auff�hren?� Leonard bedachte Aslan mit einem ungl�ubigen Blick.</style></p><p><style name="font7">�Dummkopf�, zischte der Turkmene und verpasste Leonard einen leichten Sto� zwischen die Rippen. �Kein Regentanz, eher ein Blitzlichtgewitter, aber eines von der allerfeinsten Sorte.�</style></p><p><style name="font7">Leonard sch�ttelte ungl�ubig den Kopf. �Ich kann mir kaum vorstellen, dass er uns f�r solche Spielchen zur Verf�gung steht, geschweige denn, was uns das n�tzen sollte.�</style></p><p><style name="font7">�Lass das nur meine Sorge sein.� Aslan setzte ein diabolisches Grinsen auf.</style></p><p><style name="font7">�Was soll das bedeuten?� Leonard schaute den Turkmenen mit schmalen Lidern an.</style></p><p><style name="font7">�F�r die Rettung meiner Familie ist mir kein Preis zu hoch.�</style></p><p><style name="font7">Mit einem unguten Gef�hl legte sich Leonard zur�ck auf seine Pritsche.</style></p><p><style name="font7">�Aslan�, fl�sterte er.</style></p><p><style name="font7">�Ja?� Die Antwort klang ersch�pft.</style></p><p><style name="font7">�Das, was du da herausgefunden hast ... die Sache mit dem schweren Wasser und dem Atommodell.�</style></p><p><style name="font7">�Ja?�</style></p><p><style name="font7">�Klingt nobelpreisverd�chtig.�</style></p><p><style name="font7">�Ich wei�.� Aus der Stimme des Turkmenen war ein L�cheln herauszuh�ren. �Und jetzt schlaf, Nemez.�</style></p><p><style name="font7">Leonard hielt f�r einen Moment den Atem an. Nemez, so hatte Katja ihn immer genannt. Es war der russische Spitzname f�r einen Deutschen.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich war ihr Gesicht so dicht vor ihm, dass er nur die Lippen sch�rzen musste, um sie zu k�ssen. Aslan hatte recht: F�r die Rettung der Familie war kein Preis zu hoch.</style></p></section><section><title><p><style name="font5">22.</style></p><p><style name="font7">Juni</style><style name="font4"> 2008,</style><style name="font7"> Tunguska - Alte Rechnungen</style></p></title><p><style name="font7">Makar Charitonowitsch Schirov warf seiner Frau einen wissenden Blick zu, als Lebenovs M�nner ohne Ank�ndigung den Vorhang zu seiner H�tte zur Seite schoben, um ihn abzuholen und in das Camp des kaukasischen �lbarons zu bringen.</style></p><p><style name="font7">�Kommandant Lebenov erwartet dich in Sergej Bashtiris Lager oben am Chekosee, Alterchen.� Nicht nur die Anrede des jungen Wachmanns war respektlos, auch dessen Tonfall verriet, dass er dem Stammesf�hrer der Ewenken keine Achtung entgegenbrachte.</style></p><p><style name="font7">Schirov reagierte nicht sofort, sondern schenkte sich aus dem Samowar einen Tee nach. Dann setzte er sich auf das ausladende Sofa und schl�rfte das golden schimmernde Gebr�u in aller Ruhe. Erst nachdem er das Glas wieder abgesetzt hatte, ergriff er das Wort.</style></p><p><style name="font7">�Darf ich zun�chst den Grund dieser �beraus freundlichen Einladung erfahren?� Das faltige Gesicht des Ewenken verzog sich zu einem aufgesetzten L�cheln.</style></p><p><style name="font7">Der �ltere der beiden Soldaten r�usperte sich und nahm beinahe Haltung an, w�hrend der j�ngere Schirov ratlos anglotzte.</style></p><p><style name="font7">�Soweit uns bekannt ist, sucht man immer noch nach dem Entf�hrer der deutschen Geophysikerin. Au�erdem haben sich in den vergangenen Tagen drei mysteri�se Todesf�lle im Camp ereignet. Unser Kommandant will, dass du ihm Rede und Antwort stehst und ihm hilfst, die Ursachen zu finden.�</style></p><p><style name="font7">Schirov klopfte sich auf die Schenkel und erhob sich wie in Zeitlupe. Sein eindringlicher Blick traf erneut auf die �ngstlichen Augen seiner Frau, was nichts anderes zu bedeuten hatte, als dass sie ihren gemeinsamen Enkel umgehend warnen sollte. Es ging nicht nur darum, dass Leonid sich in Vanavara und Umgebung nicht mehr blicken lie�. Am besten w�rde er f�r eine Weile ganz aus der Gegend verschwinden - so lange bis oben am Cheko wieder Ruhe eingekehrt war.</style></p><p><style name="font7">Vielleicht war es gut, wenn der Junge nach Krasnojarsk ging - dort hatte Schirov ein paar zuverl�ssige Freunde - oder nach Jakutsk, wo Schirovs unverheiratete Schwester als K�chin in einem abgelegenen christlich-orthodoxen Kloster arbeitete. Die frommen Br�der waren f�r den Zuwachs junger M�nner dankbar; selbst wenn sie sich nicht f�r einen endg�ltigen Beitritt als M�nch entschieden, boten sie dem Orden wenigstens Unterst�tzung bei einfachen und schweren Arbeiten.</style></p><p><style name="font7">Makar Schirov konnte sich indes nicht vorstellen, welches Interesse Lebenov an seinem Erscheinen am Chekosee hatte und warum er nicht selbst nach Vanavara kam, um mit ihm, dem Stammes�ltesten, vor Ort und vielleicht sogar im Beisein des B�rgermeisters zu sprechen.</style></p><p><style name="font7">Stoisch ertrug er das Rumpeln des Gel�ndewagens, w�hrend er auf dem R�cksitz sa� und ihn bei jedem Schlagloch s�mtliche Knochen schmerzten. Das ungute Gef�hl, dass die Sache einen gewaltigen Haken hatte, wollte ihn dabei nicht verlassen.</style></p><p><style name="font7">Als sie das Camp nach gut anderthalb Stunden bei strahlendem Sonnenschein erreichten, f�hlte er sich in seinen Bef�rchtungen best�tigt, als ihm zun�chst die deutsche Geophysikerin �ber den Weg lief. Sie befand sich in Begleitung eines hochgewachsenen, blonden Mannes und strich sich nerv�s ein paar dunkelblonde Haarstr�hnen aus dem Gesicht, w�hrend sie ihm entgegenging. F�r einen Moment �berkam Schirov die Furcht, sie k�nne stehen bleiben und ihn auf ihre gemeinsame Unterhaltung vor ein paar Tagen ansprechen. Doch sie ging ohne Gru� an ihm vorbei und sah ihm dabei direkt in die Augen - lange genug, um ihn erkennen zu lassen, dass sie nicht gegen ihn spielte und dass sie Leonid inzwischen begegnet sein musste.</style></p><p><style name="font7">Gemeinsam mit Theisen machte sich Viktoria auf den Weg in den kleinen provisorischen Laden des Kasachen. Wie beinahe jeden Tag wollten sie sich mit ein paar Flaschen Wasser eindecken. Dabei war ihr nicht entgangen, dass man Leonids Gro�vater geholt hatte. Flankiert von zwei jungen Wachleuten wurde er zu Bashtiris Luxush�tte geleitet -nicht wie ein Besucher, dem man den n�tigen Respekt entgegenbrachte, sondern wie ein Gefangener, dem gar nichts anderes �brigblieb, als den Anweisungen seiner Begleiter zu folgen. Die Sache wurde immer obskurer, und Viktoria fasste, noch bevor sie die Eingangst�r des Ladens erreichten, einen Entschluss. Wenn sie versuchen w�rde, Leonid im Alleingang aus dem Bunker zu befreien und ihr dabei etwas zusto�en sollte, w�rde er dort unten lebendig begraben bleiben. Die Vorstellung, dass er verdurstete oder erfror, wenn sie ihm nicht rechtzeitig in die Freiheit verhalf, jagte ihr einen Schauer des Entsetzens �ber den R�cken. W�rde sie Theisen jedoch davon �berzeugen k�nnen, ihr unauff�llig zur Seite zu stehen, w�rde sie sich sicherer f�hlen. Mit der Unterst�tzung von Theisen und Rodius w�rde es viel leichter sein, einen wissenschaftlich fundierten Grund f�r ihre unerlaubte Exkursion zu finden, zumindest solange sich Leonid nicht in ihrer Begleitung befand. Dass Theisen ganz nebenbei von dem Bunker erfuhr, konnte ihr nur recht sein. Sie war jetzt schon gespannt, wie er auf die Entdeckung reagieren w�rde. Dass er auf diese Weise auch von der Existenz Leonids erfuhr, war eine andere Sache, aber dieses Risiko musste sie eingehen.</style></p><p><style name="font7">�Sven, ich muss mit dir reden.�</style></p><p><style name="font7">Theisen blieb kurz vor der Ladent�r stehen, um einem von Olguths Mitarbeitern den Vortritt zu lassen, dabei schaute er �berrascht zur�ck, auch weil Viktoria ihn vertrauensvoll am Arm gefasst hielt.</style></p><p><style name="font7">Mit leichtem Nachdruck f�hrte sie ihn zu einer Stelle neben der H�tte, wo sie sich unbeobachtet glaubte.</style></p><p><style name="font7">�Schie� los�, sagte er nur und kam ihr dabei so nahe wie schon seit Tagen nicht mehr.</style></p><p><style name="font7">So leise, dass er sie kaum verstand, erz�hlte sie ihm von Leonid, wie sie ihn im Wald getroffen und sich am gestrigen Abend mit ihm verabredet hatte. Dabei vermied sie es, auf intime Einzelheiten einzugehen. Theisen schien nicht zu bemerken, dass sie ihm den wahren zeitlichen Ablauf unterschlug und die Geschichte so geschickt einf�delte, dass bei ihm zweifelsfrei der Eindruck entstand, sie habe die vergangene Nacht allein und bis zum fr�hen Morgen im Camp verbracht. Noch einmal warf sie einen raschen Blick in die Umgebung, um zu pr�fen, ob Kolja sich nicht in der N�he befand.</style></p><p><style name="font7">�Gegen vier Uhr fr�h heute Morgen habe ich unbemerkt das Camp verlassen�, log sie. �Die Sache mit der Magnetfeldmessung vom Tag zuvor ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Zusammen mit Leonid wollte ich herausfinden, um was es sich handelte, bevor Bashtiri und seine Leute die Spur aufnehmen konnten. Mir lag nicht daran, ein weiteres Forschungsverbot zu riskieren. Es reicht vollkommen, wenn unser Oligarch den See f�r sich beansprucht.�</style></p><p><style name="font7">�Und dann seid ihr tats�chlich auf diesen omin�sen Bunker gesto�en?� Die Sache mit der Katakombe schien Theisen weit mehr zu interessieren als das Auftauchen des unbekannten Ewenken. Dabei hatte er nicht auf den Klang seiner Stimme geachtet und viel zu laut gesprochen.</style></p><p><style name="font7">Mit einem lang gezogenen �Sch...� legte Viktoria ihm den Zeigefinger auf die Lippen, damit er schwieg oder wenigstens leiser sprach.</style></p><p><style name="font7">�Kolja wei� auch davon�, fuhr sie fl�sternd fort. �Er war schlie�lich dabei, als ich am Tag zuvor die Magnetfeldmessung vorgenommen habe. Wie sich sp�ter herausstellte, hatte er sich schon vor uns ans Werk gemacht und den Einstieg ausgegraben.�</style></p><p><style name="font7">Theisen h�rte angespannt zu, w�hrend sie beim weiteren Verlauf der Geschichte weitgehend bei der Wahrheit blieb. Mit wenigen Worten erz�hlte sie von der unvorhergesehenen Begegnung mit Kolja und dessen �berraschendem Bekenntnis, im Auftrag der russischen Regierung zu arbeiten.</style></p><p><style name="font7">�Er will keinesfalls, dass irgendjemand sonst von dem Bunker erf�hrt. Noch nicht einmal Bashtiri und Lebenov sollen eingeweiht werden.�</style></p><p><style name="font7">Theisen sch�ttelte verst�ndnislos den Kopf. �Kolja arbeitet also f�r die Regierung?� Er l�chelte abf�llig. �Was hat das schon zu bedeuten! Tun das hierzulande nicht alle irgendwie? Fr�her hat der Kommunismus die Leute zusammengehalten, heute tun es die gro�en Staatskonzerne, von denen kein Einziger ohne das Wohlwollen des Pr�sidenten existieren kann.�</style></p><p><style name="font7">�Du hast mich nicht verstanden�, zischte Viktoria. �Er arbeitet</style> im Auftrag der Regierung<style name="font7"> - unerkannt. Zudem trug er eine Pistole mit Schalld�mpfer und machte damit eine ziemlich professionelle Figur.�</style></p><p><style name="font7">Theisen zog eine Braue hoch und stie� einen leisen Pfiff aus. �Vielleicht ist er Angeh�riger des FSB?� Er grinste wissend.</style></p><p><style name="font7">�FSB? Du meinst den russischen Inlandsgeheimdienst?�</style></p><p><style name="font7">�Ja! Allerdings hat der Federalnaja Slushba Besopasnosti oder auch F�deraler Sicherheitsdienst, wie er sich nennt, mittlerweile sogar Befugnisse, im Ausland t�tig zu werden. Ich h�tte es mir beinahe denken k�nnen. Es ist also immer noch so, dass kein westlicher Wissenschaftler sich in der Russischen F�deration bewegen kann, ohne observiert zu werden.�</style></p><p><style name="font7">�Woher wei�t du das? Kolja hat mir tats�chlich gestanden, dass er unsere Arbeit �berwachen soll. So wie es scheint, hat man Professor Ro-dius nur engagiert, um die Meteoritentheorie vor internationalem Publikum zu untermauern. In Wahrheit geht es wohl um etwas anderes.�</style></p><p><style name="font7">Theisen setzte eine sp�ttische Miene auf. �Ich kann mir denken, um was es den Russen geht. Sie brauchen den Meteor, damit sie das neue Abwehrsystem problemlos an den bestehenden Abr�stungsvertr�gen mit den USA vorbeiman�vrieren k�nnen. Dass man damit auch m�helos einer nuklearen Bedrohung entgegenwirken kann, wird somit unter den Tisch gekehrt. Star Wars l�sst gr��en.� Er schnitt eine ver�chtliche Grimasse und sch�ttelte den Kopf. �Und dein neuer Freund? Dieser sibirische Tarzan. Was hat er mit der Sache zu tun?�</style></p><p><style name="font7">�Im Grunde genommen nichts. Allem Anschein nach ist er ein netter Kerl. Ich wollte nicht, dass er in Schwierigkeiten ger�t, weil Bash-tiri und Lebenov denken, dass er f�r den Tod des Soldaten verantwortlich ist.�</style></p><p><style name="font7">Theisen l�chelte matt, offenbar unschl�ssig, wie er all diese neuen Erkenntnisse einordnen sollte.</style></p><p><style name="font7">�H�ttest du Kolja nicht sagen k�nnen, dass dein Lebensretter noch unten im Bunker sitzt? Zumal er als Mann der Regierung nicht auf Bashtiris Seite zu stehen scheint.�</style></p><p><style name="font7">�Um Himmels willen! Leonid ist desertiert. Er war als Offizier im Tschetschenienkrieg. Alle denken, er sei tot. Das war auch der Grund, warum er sich im Camp nicht blicken lassen konnte, nachdem er mich gerettet hatte. Wenn irgendjemand von offizieller Seite erf�hrt, dass er noch lebt, k�nnte das einen ziemlichen �rger f�r ihn und seine Familie bedeuten.�</style></p><p><style name="font7">�Und wenn du ihn da unten sitzen l�sst, geht er drauf. Habe ich recht?�</style></p><p><style name="font7">�Du bist ein schlaues Kerlchen.� Viktoria seufzte genervt.</style></p><p><style name="font7">�Und was springt f�r mich dabei heraus?�</style></p><p><style name="font7">�Sven, hast du immer noch nicht begriffen? Wir haben da etwas gefunden, das Licht in all unsere R�tsel bringen k�nnte! Da waren jede Menge merkw�rdige Apparaturen. Vielleicht ist deine Au�erirdischentheorie ja gar nicht so falsch?� Viktoria wusste, dass sie Theisen mit solchen Vermutungen locken konnte. Obwohl er wie sie Geophysik studiert hatte, war ihm die Theorie �ber einen Meteor, der vor einhundert Jahren die Erde gestreift haben sollte, viel zu profan, um bei ihm Begeisterung auszul�sen. Insgeheim hatte er schon bei der Abreise aus Deutschland auf eine Sensation gehofft, irgendetwas, das ihn aus seinem wissenschaftlichen Alltag herausrei�en w�rde. Schlie�lich hatte noch im Sommer</style><style name="font4"> 2004</style><style name="font7"> eine russische Expedition stattgefunden, die allen Ernstes behauptete, entlang der steinigen Tunguska Teile eines abgest�rzten au�erirdischen Raumschiffes gefunden zu haben. Angeblich wurde der Fund in einem Labor in Krasnojarsk untersucht. Doch dann war die Meldung irgendwo versickert.</style></p><p><style name="font7">Theisen warf einen argw�hnischen Blick in die Umgebung. W�hrend die Mittagssonne glitzernd auf der glatten Oberfl�che des Sees ruhte, war im Camp eine hektische Betriebsamkeit zu verzeichnen. Lebenov hatte die verbliebenen Wachleute angewiesen, doppelt Streife zu laufen. Unter den momentanen Umst�nden war an eine vern�nftige Forschungsarbeit �berhaupt nicht mehr zu denken. Viktoria war sich dar�ber im Klaren, dass sie von ihrer au�erplanm��igen Exkursion sp�testens am Nachmittag zur�ck sein mussten. Und bis dahin ben�tigten sie in Absprache mit Rodius eine vern�nftige Ausrede, um sich unbehelligt vom Lager entfernen zu k�nnen.</style></p><p><style name="font7">Doch pl�tzlich baute sich ein gro�er, finster drein blickender Bursche vor ihr auf: Fjodor, einer von Bashtiris Bodyguards. Mit seinem schwarzen Kampfanzug, einer besonders dunklen Sonnenbrille und dem kurz geschorenen Sch�del machte er dem Klischee seiner Berufsgruppe alle Ehre.</style></p><p><style name="font7">�Mein Chef m�chte Sie sprechen�, verk�ndete er verh�ltnism��ig h�flich auf Russisch. �Sofort, in seinem Privatdomizil.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria warf Theisen einen fragenden Blick zu.</style></p><p><style name="font7">�Ich gehe und hole Rodius�, sagte Theisen und wandte sich in Richtung der Baracke, wo er den Professor vermutete.</style></p><p><style name="font7">�Das wird nicht n�tig sein�, erkl�rte Fjodor. �Es handelt sich um eine private Unterredung, zu der niemand sonst zugelassen ist.�</style></p><p><style name="font7">Theisen bedachte den Bodyguard mit einem ungl�ubigen Blick. �Das wird ja immer besser. Was bildet sich ihr Boss eigentlich ein? Wir sind hier in einem Wissenschaftscamp und nicht in Geiselhaft.�</style></p><p><style name="font7">�Sven .� Viktoria fasste ihn beschwichtigend am Arm. �Er kann nicht viel von mir wollen. Ich bin gleich zur�ck. Geh zu Rodius und sag ihm, was wir besprochen haben.�</style></p><p><style name="font7">Nur z�gernd lie� Theisen es zu, dass man seine Kollegin regelrecht abf�hrte.</style></p><p><style name="font7">Bashtiris Wohnzimmer war weit weniger komfortabel eingerichtet, als Viktoria es sich vorgestellt hatte. Die �berschwemmung hatte die H�lfte des Mobiliars zerst�rt.</style></p><p><style name="font7">Lebenov und zwei seiner S�ldner sa�en auf einem goldfarbenen Sofa, das links und rechts an den ausladenden Armlehnen mit �berdimensionalen Troddeln versehen war. Bashtiri hockte mit �bereinandergeschla-genen Beinen in einem modernen braunen Ledersessel mit Stahlrohrgest�nge neben einem verh�ltnism��ig bescheidenen Schreibtisch. Anstatt der �blichen Milit�rkleidung trug er einen hellen Anzug, der so gar nicht in diese Wildnis passte, und braune Lederslipper. In seiner linken Hand hielt er einen Wodka.</style></p><p><style name="font7">Seit Leonid ihr diese furchtbare Geschichte erz�hlt hatte, war ihre Abneigung gegen�ber dem Oligarchen und seinem Freund Lebenov ins Unermessliche gestiegen, und es kostete sie einige M�he, ihre Gef�hle zu verbergen.</style></p><p><style name="font7">Leonids Gro�vater, dessen Kleidung traditionell ewenkisch war und Viktoria an das Outfit eines Indianers erinnerte, hatte man in der Mitte des Zimmers auf einem gew�hnlichen Stuhl platziert, was dem Ganzen erst recht den Anschein eines Verh�rs verlieh. Ob man ihm auch etwas zu trinken angeboten hatte, konnte Viktoria nicht erkennen. Er hatte weder ein Glas vor sich stehen, noch hielt er etwas in H�nden.</style></p><p><style name="font7">�Champagner?� Bashtiris Frage kam ihr wie eine Verh�hnung vor.</style></p><p><style name="font7">�Weder die Tageszeit noch der Anlass erscheinen mir passend�, erwiderte Viktoria mit Nachdruck in der Stimme.</style></p><p><style name="font7">Lebenov hatte seinen Wodka schon ausgetrunken, das leere Glas stand vor ihm auf einem flachen Teakholztisch, eine halb volle Flasche daneben. Die beiden S�ldner, die rechts und links von ihm sa�en, hielten ihre Maschinenpistolen in den Armen, als ob es ihre Kinder w�ren.</style></p><p><style name="font7">�Setzen Sie sich doch�, forderte Bashtiri seinen einzigen weiblichen Gast mit gespielter Freundlichkeit auf.</style></p><p><style name="font7">�Es w�re sch�n, wenn Sie mir zun�chst den Grund meines Erscheinens nennen k�nnten.� Viktoria hob eine Braue und sah ihrem Gastgeber in die kalten Augen. �Sie m�ssen verzeihen, aber irgendwie sieht das hier nicht nach einer Einladung zu einem Drink aus, und wenn doch, muss ich mich fragen, warum nur ich zu dieser Ehre gelange und meine anderen Kollegen nicht.�</style></p><p><style name="font7">�Warum sind Sie so ungehalten, Frau Doktor Vanderberg?� Bashtiri warf ihr ein falsches L�cheln zu. �Wie Sie wissen, gab es ein paar unsch�ne Momente in den letzen Tagen, die nicht nur unsere, sondern auch Ihre Pl�ne empfindlich behindert haben. Es geht uns nun darum, aufzukl�ren, wie es dazu kommen konnte und welche Vorkehrungen wir f�r die Zukunft treffen m�ssen, damit wir beruhigt zum Tagesgesch�ft �bergehen k�nnen. Also? Wollen Sie uns dabei helfen?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria straffte ihre Schultern und begab sich zum einzigen noch freien Sessel. Mit einem lauen Gef�hl im Magen nahm sie Platz.</style></p><p><style name="font7">�Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ausgerechnet ich Ihnen helfen k�nnte?�</style></p><p><style name="font7">Lebenov erhob sich von seinem Sofa und postierte sich hinter Leo-nids Gro�vater, der weitaus schm�chtiger erschien als der bullige Sicherheitsoffizier. F�r einen Moment trafen sich die Blicke des alten Mannes mit denen Viktorias, und sie glaubte, trotz aller Gelassenheit, die er ausstrahlte, Unruhe in seinen Augen zu erkennen. Sie nickte kaum merklich, um ihm nochmals zu versichern, dass sie nichts sagen w�rde, was ihn und seinen Enkel in Schwierigkeiten bringen k�nnte.</style></p><p><style name="font7">�Das hier ist Makar Charitonowitsch Schirov.� Lebenov konnte nicht ahnen, dass sie den wei�haarigen Ewenken bereits kannte. �Er ist der Stammes�lteste der Ewenken von Vanavara. Sie erinnern sich gewiss, dass wir vor ein paar Tagen in seinem Haus waren, als wir seine Frau besuchten und Sie ein Foto entdeckten, das seinen Enkelsohn zeigt, und dass Sie uns gesagt haben, das sei wom�glich der Mann, der Sie gerettet hat.�</style></p><p><style name="font7">Lebenov sah sie erwartungsvoll an, doch Viktoria schwieg, w�hrend sie sp�rte, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich.</style></p><p><style name="font7">Wieder schaute er auffordernd auf sie herab. �Sagten Sie nicht, er sehe ihm recht �hnlich? Vielleicht k�nnten Sie ihre Beobachtungen in Anwesenheit unseres Gastes noch einmal konkretisieren?�</style></p><p><style name="font7">F�r einen Moment schwindelte ihr, und sie �berlegte fieberhaft, wie sie aus dieser Situation herauskommen konnte.</style></p><p><style name="font7">�Ich erinnere mich, dass die alte Dame sagte, der Junge auf dem Foto sei tot. Also kann ich mich nur geirrt haben. Au�erdem habe ich noch mal nachgedacht. Im Nachhinein glaube ich nicht mehr, dass meine Erinnerung tats�chlich real war. Ich denke, Frau Doktor Par-lowa hat vollkommen recht. Ich stand immer noch unter Schock, als ich meine Aussage gemacht habe. Ich habe ein Trugbild entwickelt. Es kann gar nicht anders sein.�</style></p><p><style name="font7">Lebenov verzog keine Miene, doch der Ausdruck seiner Augen zeigte, dass ihn die Aussage nicht zufriedenstellte. Ohne ein Wort ging er nach drau�en und schloss f�r einen Moment die T�r hinter sich. Stimmen waren zu h�ren, und Lebenovs befehlsgewohnter Bass erhob sich hier und da. Leider konnte sie nicht verstehen, was er genau sagte.</style></p><p><style name="font7">Viktoria wechselte einen Blick mit Bashtiri, der seine Lippen zu einem schmalen Strich verzog.</style></p><p><style name="font7">�Ich meine�, fuhr sie mit fester Stimme fort, �es ist uns sicher nicht geholfen, wenn man einem Phantom hinterher jagt, das nur in meiner Phantasie existiert hat.�</style></p><p><style name="font7">�Gut�, befand Bashtiri mit einem s�uerlichen L�cheln und kippte den Wodka in einem Schluck hinunter. �Sie k�nnen gehen. Ich danke Ihnen.�</style></p><p><style name="font7">Nachdem Viktoria den Raum verlassen hatte, trat Lebenov an ihr vorbei, um zu Bashtiri und Leonids Gro�vater zur�ckzukehren. Dabei warf er ihr einen finsteren Blick zu. Die T�r fiel hinter ihm ins Schloss, und Viktoria blieb allein in dem kleinen Flur zur�ck. Anscheinend hatte niemand ein Interesse daran, sie hinauszugeleiten. Das gab ihr die Gelegenheit, noch f�r einen Moment stehen zu bleiben und dem weiteren Gespr�ch zu lauschen.</style></p><p><style name="font7">�Also gut, Alterchen.� Lebenov erhob seine Stimme in der gleichen respektlosen Weise wie vor ein paar Tagen in der H�tte von Leonids</style></p><p><style name="font7">Gro�eltern. �Dein Enkel ist also tot, aber deine Frau lebt noch, und sie ist die Tochter eines gewissen Leonard Michailowitsch Schenkendorff und einer Ewenkin mit dem Namen Irina Ivanovna. Dieser Schenkendorff war, wie mir zu Ohren gekommen ist, deutscher Abstammung. Was hatte er vor gut einhundert Jahren in dieser Gegend zu suchen?�</style></p><p><style name="font7">�Sie m�ssen entschuldigen, Andrej Semjonowitsch�, erwiderte Schi-rov nach einem kurzen Z�gern. �Ich verstehe Ihre Frage nicht ganz. Was soll der Vater meiner Frau mit Ihren derzeitigen Problemen zu tun haben?�</style></p><p><style name="font7">�Ich stelle hier die Fragen!�, rief Lebenov erz�rnt. �Also?�</style></p><p><style name="font7">�Es tut mir leid�, wiederholte sich Schirov, nicht weniger ungeduldig. �Ich wei� nicht, worauf Sie hinaus wollen. Au�erdem habe ich nicht die geringste Ahnung, wie mein Schwiegervater hierhergekommen ist. Als ich meine Frau kennenlernte, war er bereits verstorben, und das Einzige, was die Familie �ber ihn erz�hlte, war, dass er sich als treuer Bolschewik bezeichnen durfte und daf�r vom Zaren zur Zwangsarbeit verurteilt worden war.�</style></p><p><style name="font7">�Nun gut.� Lebenov schien ruhiger zu werden. �Es gibt also keine Aufzeichnungen, und deine Frau hat nie dar�ber gesprochen, welcher Besch�ftigung ihr Vater w�hrend seiner Zeit im Lager nachgegangen ist?�</style></p><p><style name="font7">�Soweit ich wei�, war er Goldw�scher�, erwiderte Schirov. �Vor der Katastrophe von Tunguska hat er als Deportierter f�r eine staatliche Firma gearbeitet. W�hrend des Ungl�cks wurde er gegen einen Fels geschleudert und hat das Ged�chtnis verloren. Es dauerte Jahre, bis er wieder klar denken konnte. Die Familie meiner Frau hat ihn aufgenommen und gesundgepflegt.�</style></p><p><style name="font7">�Er war also bei dem gro�en Big Bang vor genau einhundert Jahren dabei?�, ergriff Bashtiri das Wort. �Hatte er eine Ahnung, wie es dazu gekommen ist?�</style></p><p><style name="font7">Schirov antwortete: �Bei allem Respekt - warum sollte er? Tausende haben diese Katastrophe aus n�chster N�he erlebt. Niemand konnte bisher genau sagen, was an jenem Junimorgen</style><style name="font4"> 1908</style><style name="font7"> hier in dieser Gegend vor sich gegangen ist. Glauben Sie ernsthaft, es g�be so viele Theorien, wenn auch nur eine davon zu belegen w�re?�</style></p><p><style name="font7">�Aber es gibt Legenden?�</style></p><p><style name="font7">�Ja�, best�tigte Schirov, �die gibt es. Aber es bleiben Legenden.�</style></p><p><style name="font7">�Also gut. Du kannst gehen�, erkl�rte Lebenov kurz angebunden.</style></p><p><style name="font7">Viktoria hatte genug geh�rt. Allem Anschein nach hatten die Entdeckungen im See bei Bashtiri und seinen Verb�ndeten die gleichen Fragen aufgeworfen, die sie und ihre Kollegen interessierten, und es war offenkundig geworden, dass sie nicht nur ihr, sondern auch Leo-nids Gro�vater offenbar misstrauten. Sie musste so schnell wie m�glich zu Leonid und ihn aus diesem Loch zu befreien. Danach war es wohl besser, wenn er sich f�r eine Weile versteckte.</style></p><p><style name="font7">Leonid folgte Taichin in geb�hrendem Abstand. Ajaci, der instinktiv sp�rte, dass etwas nicht in Ordnung war, wich ihm nicht von der Seite. Die H�tte des Alten lag tiefer im Wald als die Behausung von Leonid. Hierher verirrten sich gew�hnlich keine Fremden, nur Eingeweihte kannten den Weg zwischen L�rchen, Birken und den ausgedehnten S�mpfen. In der Mittagssonne fielen die flirrenden Schatten der B�ume auf unz�hlige Pf�tzen und kleinere T�mpel, �ber denen die M�cken im glei�enden Licht tanzten. Doch die Idylle t�uschte: Das Refugium des eigensinnigen Schamanen war umgeben von t�ckischen Fallen, die einen Unwissenden leicht das Leben kosten konnten.</style></p><p><style name="font7">�Guter Junge�, sagte Leonid leise und t�tschelte Ajaci den Kopf. Dabei schob er den Gedanken beiseite, dass der treue R�de leicht ein Opfer der zahlreichen Wildfallen h�tte werden k�nnen.</style></p><p><style name="font7">Die T�r zur H�tte seines Gro�onkels stand weit offen. F�r gew�hnlich war sie zwar nicht verschlossen, aber zumindest angelehnt.</style></p><p><style name="font7">Der alte Schamane blickte aufmerksam in die Umgebung; ihn erfasste jedoch keinerlei Unruhe. Erst als ein Pferd hinter dem Haus wieherte, schaute er auf und entdeckte im Eingang seiner H�tte eine kleine Gestalt, die sich mit einer hektischen Geste das silberfarbene Haar aus dem wettergegerbten Gesichtchen strich.</style></p><p><style name="font7">�Es ist Vera�, sagte er zu Leonid, noch bevor dessen Gro�mutter auf sie zueilte. Sie wirkte aufgeregt, ihre Augen waren dunkel und voller Unruhe.</style></p><p><style name="font7">�Was ist geschehen?�, fragte Taichin eher beil�ufig, obwohl er l�ngst ahnen konnte, dass seine Schwester mit ihren achtzig Jahren nicht aus</style></p><p><style name="font7">Vergn�gen den beschwerlichen Weg von Vanavara hierher unternommen hatte.</style></p><p><style name="font7">�Sie haben Dedka abgeholt�, sagte sie mehr an Leonid gerichtet.</style></p><p><style name="font7">�Wer hat ihn mitgenommen?� Leonid sp�rte, wie sein Herz hart gegen die Brust schlug.</style></p><p><style name="font7">�Lebenov und seine Leute�, erwiderte seine Gro�mutter matt. �Ich wei� nicht, was sie von ihm wollen. Aber ich habe Angst um ihn - und auch um dich.�</style></p><p><style name="font7">�Haben sie ihm etwas angetan?� Leonid wusste, dass Lebenov zu allem f�hig war.</style></p><p><style name="font7">�Das w�rden sie nicht wagen�, stellte Taichin unger�hrt fest. �Es gibt nichts, was ein solches Vorgehen rechtfertigen w�rde, und ich glaube nicht, dass Bashtiri den Protest der Ewenken-Verb�nde auf sich ziehen will.�</style></p><p><style name="font7">�Was k�nnen sie von ihm wollen?� Leonid zweifelte nicht daran, dass es einen besonderen Grund geben musste, seinen Gro�vater in Bashtiris Camp einzubestellen.</style></p><p><style name="font7">�Da ist noch etwas�, stie� seine Gro�mutter mit kr�chzender Stimme hervor. Vor lauter Anspannung vermochte sie kaum zu atmen.</style></p><p><style name="font7">Leonid nahm sie fest in den Arm. �Babuschka, so beruhige dich doch. Es wird alles gut. Du wirst sehen.�</style></p><p><style name="font7">�Nichts wird gut�, keuchte die Alte. �Nachdem sie Dedka geholt hatten, dauerte es nicht lange, und ein weiterer Wagen tauchte vor unserer Haust�r auf: die st�dtische Polizei - Kapitan Josephowitsch mit seinem Sergeanten und zwei M�nnern aus Lebenovs Garde. Sie sagten, sie h�tten einen Durchsuchungsbefehl. Es sei anzunehmen, wir w�ssten, wer die Deutsche nach ihrem Unfall verschleppt habe und wer f�r den Tod des Sicherheitsbeamten verantwortlich sei.� Sie stockte einen Moment und sah ihrem Bruder, der abwartend am Eingang der H�tte stand, forschend ins Gesicht.</style></p><p><style name="font7">Leonid hielt seinen Arm um ihre Schulter gelegt und wollte etwas sagen, doch sie gebot ihm mit einer hastigen Geste zu schweigen.</style></p><p><style name="font7">�Sie haben alles durchw�hlt�, erkl�rte sie zornig. �Sogar das Bett haben sie umgesto�en. Dabei haben sie das Depot unter dem Teppich gefunden. Ich war mir sicher, dass ich es zuverl�ssig verschlossen hatte. Doch der Hund des Sergeanten schlug an. In meinem geheimen</style></p><p><style name="font7">Versteck befanden sich heilige Knochen. Sie sind uralt, und doch muss der bl�de K�ter sie gewittert haben.�</style></p><p><style name="font7">�Und?� Leonid sah sie fragend an. �Was konnten sie darin schon finden? Wir besitzen doch nichts, was von Wert w�re.�</style></p><p><style name="font7">�Hast du eine Ahnung, mein Junge! Und du kannst noch nicht einmal etwas daf�r!� Tr�nen standen in ihren Augen. Sie schluckte verkrampft, um nicht weinen zu m�ssen. �Sie haben das Buch unseres Vaters mitgenommen, Taichin.� Sie sprach so leise, als st�nde sie kurz vor einem Zusammenbruch.</style></p><p><style name="font7">Taichin ging auf sie zu und streckte die Hand nach ihr aus, um sie zu beruhigen. �Ich dachte, du h�ttest es verbrannt? Aber was soll's! Leonid h�tte es sowieso irgendwann mal erfahren.�</style></p><p><style name="font7">�Hast du mir nicht zugeh�rt!� Sie schrie ihren Bruder so heftig an, dass Leonid vor �berraschung zur�ckwich. �Es geht dabei nicht um Leonid, sondern um Lebenov und seine M�nner. Wenn sie herausbekommen, was es damals mit der ganzen Sache auf sich hatte und sie erfahren, dass Leonid noch lebt, werden sie ihn jagen, und dagegen ist seine Mitwisserschaft im Tschetschenienkrieg eine Kleinigkeit.�</style></p><p><style name="font7">�Kann mir jemand sagen, um was es hier geht?� Leonid blickte verst�ndnislos zwischen den zwei wei�haarigen Gestalten hin und her.</style></p><p><style name="font7">�Um Aufzeichnungen�, stie� Vera seufzend hervor. �Eine Art Tagebuch. Dein Urgro�vater hat es einst verfasst. Ich h�tte es vernichten sollen, aber ich habe es nicht �ber mich gebracht. Es ist das Einzige, was von ihm geblieben ist. Ich habe ihn einfach zu sehr geliebt, um es dem Feuer zu �berlassen.� Sie fl�sterte nur noch und sah Leonid mit ihren traurigen blauen Augen an. �So wie ich dich liebe, Wnutschok. Auch wenn du meinem Vater nur in Gestalt �hnlich siehst - du hast die gleiche Stimme und die gleiche Art, wenn du dich bewegst, es ist, als ob ich ihn direkt vor mir stehen sehe. Und wenn die Geister es schlecht mit uns meinen, wirst du f�r meine Liebe zu euch beiden bezahlen.�</style></p><p><style name="font7">�Was kann an einem Tagebuch so schlimm sein, dass man deshalb schier verzweifeln k�nnte?� Leonid strich ihr aufmunternd �ber die wirren Haare.</style></p><p><style name="font7">�Es ist kein gew�hnliches Tagebuch.� Sie sah zu Boden, als ob sie sich sch�men m�sste. �Dazu kommt die deutsche Frau, die mir nicht weniger Sorgen macht. Sie wei� von dir. Was ist, wenn sie Bashtiri er-z�hlt, dass du es warst, der sie gerettet hat und wo du zu finden sein k�nntest?�</style></p><p><style name="font7">�Warum sollte sie das tun?�</style></p><p><style name="font7">�Sie war bei uns in der H�tte und hat dich auf dem Foto erkannt.� Vera Leonardownas Stimme war die Verzweiflung anzuh�ren.</style></p><p><style name="font7">�Das wird sie nicht�, sagte Leonid fl�sternd und dr�ckte sie sanft an sich. �Sie ist eine anst�ndige Frau.�</style></p><p><style name="font7">�Woher willst du das wissen?� In ihrer Stimme lag Protest, aber auch Verwirrung, weil Leonid keinerlei Argwohn hegte.</style></p><p><style name="font7">�Weil er letzte Nacht mit ihr geschlafen hat�, warf Taichin unger�hrt ein. Dann nahm er seinen Rucksack ab und forderte mit einer Geste sowohl seine v�llig verst�rte Schwester als auch Leonid auf, endlich mit ins Haus zu kommen.</style></p><p><style name="font7">Vera hatte sich mit einem entsetzten Blick aus Leonids Umarmung gel�st und folgte ihrem Bruder wutschnaubend ins Haus.</style></p><p><style name="font7">�O Leonid!�, rief sie laut, dass selbst Ajaci den Schwanz einzog und sich winselnd hinterm Ofen verkroch. �Wie konntest du so etwas tun? Hast du den Verstand verloren?�</style></p><p><style name="font7">Leonid war seiner Gro�mutter mit einigem Erstaunen gefolgt. Sie stand in der Mitte des Raumes und sah ihn mit aufgerissenen Augen an.</style></p><p><style name="font7">Taichin rang sich ein L�cheln ab. �Er ist ein Mann, Vera, kein Gott, vergiss das nicht.� In aller Ruhe z�ndete er sich eine Birkenholzpfeife an und lie� sich auf dem Boden nieder.</style></p><p><style name="font7">�Kann mir einer erz�hlen, was in euch gefahren ist?� Leonid wurde die Sache langsam zu bunt. �Und wenn es hier darum geht, Rechenschaft abzulegen, seid ihr beide noch vor mir dran.</style></p><p><style name="font7">Was hat diese Geheimniskr�merei zu bedeuten? Warum hat mir nie jemand etwas von diesem Bunker drau�en am Kimchu erz�hlt?�</style></p><p><style name="font7">Vera wollte von neuem ansetzen, doch Taichin hob die Hand. Dann wandte er sich mit einer freundlichen Miene an seinen Gro�neffen, doch statt eine Antwort zu geben, brummte er: �Mach uns Feuer, Junge, und einen Tee. Ich glaube, wir k�nnen alle etwas Aufmunterung gebrauchen.�</style></p><p><style name="font7">Wieder nickte er seiner Schwester zu, w�hrend sich Leonid gehorsam ans Werk machte, in der vagen Hoffnung, dass sich seine Gro�mutter endlich beruhigen w�rde.</style></p><p><style name="font7">�Es wird Zeit�, Taichin nahm einen kr�ftigen Zug aus seiner Pfeife, �dass der Junge erf�hrt, woher er kommt und wohin er gehen wird. Du kannst sein Schicksal nicht aufhalten, auch wenn du es noch so gerne m�chtest.�</style></p><p><style name="font7">Die Welt sah nach Untergang aus, als der wei�e Helikopter mit Doktor Parlowa, Professor Olguth und der sedierten Studentin abhob, um sie in ein Krankenhaus in Krasnojarsk einzuliefern. Olguth hatte sich angeboten, mit einer weiteren Studentin seines Teams den Transport zu begleiten. Das glaubte er, dem M�dchen und ihren Eltern schuldig zu sein. Zudem misstraute er Lebenov und seinen Leuten. In Krasno-jarsk angekommen, wollte er sich umgehend um einen Anwalt bem�hen, der die Interessen der Familie vertreten sollte.</style></p><p><style name="font7">�Wenn es so weitergeht�, frotzelte Theisen, �kann Bashtiri bald einen Shuttle-Service einrichten.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria schaute kurz zu ihm auf, w�hrend sie zusammen zum See hinuntergingen.</style></p><p><style name="font7">�Hat doch prima geklappt�, erkl�rte sie. �Bei dem ganzen Tumult ist wenigstens niemandem aufgefallen, dass wir das Camp verlassen haben.�</style></p><p><style name="font7">Die Sonne verschwand hinter ein paar unglaublich schwarzen Wolken, und von ferne war ein Donnergrollen zu vernehmen. Viktoria schaute zum Himmel.</style></p><p><style name="font7">�Sieht trotzdem nicht gut aus�, bemerkte Theisen mit einem fatalistischen Grinsen. �Da braut sich ein ziemliches Unwetter zusammen.�</style></p><p><style name="font7">�Merkw�rdig, vor einer Stunde war der Himmel noch strahlend blau.�</style></p><p><style name="font7">Trotz der ung�nstigen Voraussetzungen f�r einen l�ngeren Marsch atmete Viktoria auf. Wie befreit bahnte sie sich einen Weg durch das dichte Schilf, hin zu einem verborgenen Weg, auf dem sie am Morgen zusammen mit Kolja zum Camp zur�ckgelangt war. Rodius hatte, wenn auch nur z�gernd, ihrem Vorhaben zugestimmt, als Theisen ihn bat, ihnen ein Alibi zu liefern, f�r den Fall, dass sie im Camp vermisst wurden.</style></p><p><style name="font7">Wie es aussah, w�rde ihr Plan funktionieren.</style></p><p><style name="font7">�Und was wollte Bashtiri von dir?� Theisen, der auf ihr kurzes Verh�r in der Luxus-Baracke des Oligarchen anspielte, sah sie neugierig an.</style></p><p><style name="font7">�Nichts von Bedeutung.� Viktoria machte eine wegwerfende Handbewegung �Sie wollten wieder einmal wissen, wie der Mann ausgesehen haben k�nnte, der mich gerettet hat.�</style></p><p><style name="font7">�Und? Hast du es ihnen gesagt?�</style></p><p><style name="font7">�Bist du wahnsinnig? Sein Gro�vater sa� mir gegen�ber. Stell dir vor, ich h�tte ihn und seine Familie verraten!�</style></p><p><style name="font7">�Was w�re dann?� Theisen sah sie forschend an.</style></p><p><style name="font7">F�r einen Moment �berlegte Viktoria, ob sie Theisen die ganze Geschichte erz�hlen sollte - dass Bashtiri und Lebenov versucht hatten, Leonid umbringen zu lassen. Doch dann entschied sie, dass es besser war, wenn er nicht die ganze Wahrheit erfuhr.</style></p><p><style name="font7">�Ich habe es doch schon gesagt: Er ist desertiert. Vielleicht gibt es in der Russischen F�deration noch die Todesstrafe, f�r den Fall, dass sie ihn erwischen.�</style></p><p><style name="font7">�Keine Sorge. Offiziell wurde die letzte Hinrichtung in Russland </style><style name="font4">1999</style><style name="font7"> vollzogen. Und so weit ich wei�, hat man Deserteure im Tschetschenienkrieg nur zu langj�hrigen Haftstrafen verurteilt, was hierzulande allerdings nicht unbedingt eine Gnade ist.� Theisen verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, w�hrend er ein paar �ste zur Seite bog, damit sie weitergehen konnten. �Selbst wenn es uns gelingt, ihn aus dem Loch zu befreien, sollten wir vorsichtig sein�, f�gte er hinzu.</style></p><p><style name="font7">Viktoria war stehen geblieben. �Was willst du damit sagen?�</style></p><p><style name="font7">Theisen wandte sich �berrascht um. �Du kennst diesen Vogel �berhaupt nicht richtig, und dass er dich aus dem Fluss gefischt hat, macht ihn nicht automatisch zu einem Engel. Vielleicht hat er etwas auf dem Kerbholz, von dem wir nichts wissen.�</style></p><p><style name="font7">�Er hat nichts auf dem Kerbholz�, stie� sie aufgebracht hervor. �Er ist ein hilfsbereiter Kerl. Ohne ihn w�rde ich nicht mehr leben.�</style></p><p><style name="font7">�Ach ja�, presste Theisen hervor. �Ich verga�. Und mich allein tr�fe die Schuld.�</style></p><p><style name="font7">Schnaubend setzte Theisen seinen Weg fort. Beil�ufig warf er einen Blick auf den Kompass, den er in seiner Rechten trug. �Da entlang�, sagte er nur und deutete mit ausgestrecktem Arm auf eine H�gelkuppe, hinter der er den Fluss vermutete.</style></p><p><style name="font7">�Hier stimmt was nicht�, bemerkte Viktoria, als sie die Stelle erreichten, wo sich der Abgang zum Bunker befinden musste.</style></p><p><style name="font7">Viktoria beschlich das Gef�hl, als ob nach ihrem Verschwinden am Morgen jemand hier gewesen war und gegraben hatte. Die Schaufel lag nicht dort, wo Kolja sie abgelegt hatte, sondern hinter einem Baumstamm.</style></p><p><style name="font7">�Du machst mich neugierig�, meinte Theisen, w�hrend er bereitwillig die Schaufel schwang. �Auf die seltsamen Maschinen, von denen du mir erz�hlt hast, und nat�rlich auf deinen Retter. Ist er wenigstens attraktiv?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria ersparte sich selbst und Theisen eine Antwort, doch ihrem Kollegen entging nicht, als er den Deckel des Bunkers freilegte, dass sie err�tet war.</style></p><p><style name="font7">Leonid hatte den Samowar angeheizt und den Ofen befeuert. Ein angenehmer Duft nach Holz und Rauch erf�llte den Raum. Er schob noch ein wenig Reisig und ein trockenes Birkenst�ck nach, bis es wohlig zu knistern begann.</style></p><p><style name="font7">Mit ruhiger Hand servierte er den Tee, so dass jeder bald ein dampfendes Glas vor sich stehen hatte.</style></p><p><style name="font7">�Setz dich, Junge.� Taichin nahm dankend den Tee entgegen und wies Leonid einen Platz auf dem Teppich zu.</style></p><p><style name="font7">�Was hast du vor?� Vera Leonardowna wischte sich mit dem Handr�cken eine Tr�ne aus den Augenwinkeln und betrachtete ihren Bruder mit einer Mischung aus Angst und Argwohn.</style></p><p><style name="font7">Leonid kreuzte seine langen Beine und sah seinen Onkel erwartungsvoll an. �Ich h�re.�</style></p><p><style name="font7">�Wie du wei�t, gehen deine Vorfahren m�tterlicher- und v�terlicherseits auf zwei m�chtige Schamanenfamilien zur�ck�, begann Taichin. �Die Familie deines Vaters geh�rte zur Sippe des gewaltigen Maganhir und die deiner Mutter zur Sippe des m�chtigen Tschutschana. Es ist keine Legende, dass beide Sippen nicht unbedingt das waren, was man als friedlich bezeichnen w�rde. Vor exakt einhundert Jahren beschloss unser Gott Ogdy, dem unseligen Treiben der beiden ein Ende zu setzen und ihnen endg�ltig zu zeigen, was es hei�t, wenn man f�r seine Macht jegliche Menschlichkeit opfert. Er k�ndigte den m�chtigen D�-monen, die die Leiber der beiden beseelten, den Kampf an - und nicht nur ihnen. Noch etliche, weit weniger m�chtige D�monen waren �ber das Land gezogen und hatten das Seelenheil unz�hliger guter M�nner verw�stet, die bis dahin nicht einmal in ihren finstersten Tr�umen daran gedacht hatten, dass sie eines Tages zur Vernichtung der gesamten Menschheit beitragen k�nnten.�</style></p><p><style name="font7">Leonid sah besorgt zu seiner Gro�mutter hin, die bebend vor Aufregung das Glas an ihre Lippen setzte.</style></p><p><style name="font7">�Ich habe gedacht, das sei nur eine Legende�, bemerkte er an seinen Onkel gerichtet.</style></p><p><style name="font7">�Dein Urgro�vater Leonard, unser Vater, geh�rte zu diesen guten M�nnern�, fuhr Taichin unger�hrt fort. �Er befand sich zur falschen Zeit am falschen Ort, und er hatte sein tapferes Herz an die falsche Frau verschenkt.�</style></p><p><style name="font7">�Soll das eine Anspielung sein?� Leonid l�chelte ein wenig ironisch.</style></p><p><style name="font7">�Nein, mein Junge�, erwiderte Taichin ernst und zog gen�sslich an seiner Pfeife. �Soweit w�rde ich nicht gehen - obwohl euer Schicksal gewisse Parallelen aufzeigt. Es war die Ochrana, die ber�chtigte Dritte Abteilung des Zaren, die ihn im Februar</style><style name="font4"> 1905</style><style name="font7"> zusammen mit zwei Studenten nach Sibirien deportierte. In einem streng bewachten Lager, weiter unten im Pijaja-Gebirge, zwangen sie die jungen M�nner, f�r die grausamen Zwecke der Regierung zu arbeiten. Dabei setzten sie deinen Urgro�vater und seine Leidensgenossen auf brutale Weise unter Druck. Falls sie sich den Befehlen der Kommandeure widersetzten, so erkl�rte man ihnen, m�ssten ihre Familienangeh�rigen daf�r b��en. Lange Zeit hatte dein Urgro�vater keine Ahnung, f�r welche Absichten des Zaren er sein Wissen einsetzte, bis er und seine Kameraden eines Tages den wahren Grund ihrer Deportation erfuhren.�</style></p><p><style name="font7">Leise und eindringlich erz�hlte Taichin - von der Gier des Gro�f�rsten Wladimir Alexandrowitsch und des damaligen Kriegsministers Alexei Nikolajewitsch Kuropatkin und von zwei m�chtigen Schamanen, Tschutschana und Maganhir, wie sie gegens�tzlicher nicht h�tten sein k�nnen.</style></p><p><style name="font7">�Sie waren es, die letztendlich dem Traum des Zaren zur Wirklichkeit verhelfen sollten�, fl�sterte Taichin heiser.</style></p><p><style name="font7">Leonid nahm einen Schluck Tee, bevor er eine Frage stellte. �Waren es diese M�nner um meinen Urgro�vater, die den Bunker am Kimchu anlegen lie�en?�</style></p><p><style name="font7">�Ja�, antwortete Taichin bed�chtig. �Es waren Zwangsarbeiter, die sich unter der Aufsicht gedungener Schergen des Zarenreiches die H�nde blutig gruben.�</style></p><p><style name="font7">In der H�tte herrschte f�r einen Moment absolute Ruhe, nur das Knistern des Feuers war zu h�ren.</style></p><p><style name="font7">�Und welche Rolle spielten die Schamanen bei der Katastrophe von Tunguska?�</style></p><p><style name="font7">Leonid sah seinem Gro�onkel direkt in die Augen.</style></p><p><style name="font7">�Es war Ogdy, mein Junge, der letztendlich das Schicksal aller besiegelte. Nachdem Tschutschana dem Zaren die Unterst�tzung verweigert hatte, erschuf Maganhir an seiner Stelle ein gewaltiges Feuer, das den Forschern eine k�nstliche Explosion bescherte, wie sie sich in der Geschichte der Menschheit noch nicht ereignet hatte. Hinzu kam, dass das Ungl�ck direkt �ber einem Gasfeld geschah, was niemand wissen konnte.�</style></p><p><style name="font7">�Und Leonard? Wie konnte er dem Inferno entkommen?�</style></p><p><style name="font7">�Tschirin, der Sohn Tschutschanas, hat ihm das Leben gerettet. Jahre sp�ter gab er Leonard als Vertrauensbeweis seine Tochter zur Frau. Deine Gro�mutter und ich wurden geboren, und dein Urgro�vater hat nie mehr �ber jene Tage gesprochen. Erst auf dem Sterbebett �bergab er deiner Gro�mutter dieses Buch, von dem schon die Rede war.�</style></p><p><style name="font7">�Warum wei� bis heute niemand, was wirklich geschehen ist?�</style></p><p><style name="font7">�Als am Ende der zwanziger Jahre die ersten Wissenschaftler in diese Gegend kamen, war im wahrsten Sinne des Wortes l�ngst Gras �ber die Sache gewachsen. Niemand hat die Idee geheimer Experimente verfolgt. Schon gar nicht unter Einfluss der Schamanen. Unser Wirken war nach der Machtergreifung der Bolschewiki bei Todesstrafe verboten, und wir wurden weitaus gr�ndlicher verfolgt als je zuvor.�</style></p><p><style name="font7">Leonids Blick wechselte zu seiner Gro�mutter, die ihn schweigend beobachtete.</style></p><p><style name="font7">�Abgesehen davon, dass es eine fast unglaubliche Geschichte ist. Was hat es mit mir zu tun?�</style></p><p><style name="font7">�Beide Schamanen sind deine direkten Vorfahren. Ich kann es dir nicht erkl�ren.� Taichin sah ihn mit merkw�rdig leuchtenden Augen an. �Ich will es dir zeigen.�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">23.</style></p><p><style name="font7">Januar</style><style name="font4"> 1908,</style><style name="font7"> Sibirien - Machtspiele</style></p></title><p><style name="font7">Viel sp�ter hatte sich Leonard immer wieder die Frage gestellt, wie gro� seine Mitschuld an den unseligen Geschehnissen tats�chlich gewesen war. Eine Antwort jedoch hatte er bis zu seinem Lebensende nicht gefunden, wenn ihm auch die �berlebenden des Ungl�cks verziehen hatten, allen voran Tschirin, der guten Grund gehabt h�tte, ihn zu hassen.</style></p><p><style name="font7">Wie jeden Mittwoch war der junge J�mschtschik mit seinem Pferdeschlitten ins Tal ohne Wiederkehr gekommen, um Lebensmittel und Holz ins Lager zu bringen, als ein Bote des Kommandeurs erschien und ihm einen wichtigen Brief �bergab, den er unverz�glich an Tschutschana, seinen Vater, weiterzuleiten hatte. Es war eine Einladung, wie er erst sp�ter erfuhr, als er zu seinem Stamm zur�ckkehrte und dem Vater den Brief mit dem Siegel des Zaren �bergab.</style></p><p><style name="font7">Tschirin war im Grunde nicht neugierig, und doch interessierte es ihn, warum die ungeliebten Russen ein offizielles Schreiben an seinen Vater gerichtet hatten. W�hrend er Pferde und Rentiere mit Heu versorgte, rief sein Vater ihn in die Jurte des �ltesten. Die strenge, ausgemergelte Miene des Schamanen war finster, und nicht nur Tschirin versp�rte jenes unwohle Gef�hl, das ihn immer befiel, wenn das Familienoberhaupt eines seiner Kinder zu sich rief. Auch Tschirins Mutter wirkte �ngstlich und scheuchte den Rest der Sippe aus dem Zelt heraus, damit sich Vater und Sohn unter vier Augen unterhalten konnten.</style></p><p><style name="font7">Tschutschana stand aufrecht mit verschr�nkten Armen da und bedachte seinen J�ngsten mit einem absch�tzenden Blick.</style></p><p><style name="font7">�Hast</style> du<style name="font7"> ihnen erz�hlt, dass ich das Wetter beeinflussen kann?�</style></p><p><style name="font7">Tschirin senkte schuldbewusst den Blick. �Ja�, best�tigte er kleinlaut. �Ich dachte, es wei� doch ohnehin jeder in der Gegend, wie m�chtig du bist. Sie haben es doch sp�testens erkannt, als du den Deutschen ins Leben zur�ckgeholt hast.�</style></p><p><style name="font7">�Hast</style> du<style name="font7"> ihnen gesagt, dass ich Blitze erzeugen kann?�</style></p><p><style name="font7">�Was war daran falsch?� Zum ersten Mal wagte Tschirin, zu seinem Vater aufzuschauen.</style></p><p><style name="font7">�Xutekerwe!� Die Stimme des Vaters wirkte bedrohlich, und wenn er ihn trotz seiner Gr��e und seines Alters �S�hnchen� nannte, so hatte das nichts Gutes zu verhei�en. �Was hast du dir nur dabei gedacht? Es gibt zurzeit nur zwei Schamanen in ganz Sibirien, die diese F�higkeit in sich tragen. Der eine ist Maganhir, unser Erzfeind, und der andere bin ich.�</style></p><p><style name="font7">�Es tut mir leid�, murmelte Tschirin zerknirscht. �Ich war einfach stolz darauf, einen so ber�hmten Schamanen zum Vater zu haben, der sogar den Geist eines Menschen aus dem Reich der Ahnen zur�ckholen kann. Ich habe die Augen der Russen gesehen - ihre ver�chtlichen Blicke, als du in der Jurte vor allen Anwesenden damit begonnen hast, zu schamanisieren. Es war mir eine tiefe Genugtuung, als ich, nachdem du das Kind vollkommen geheilt hattest, die Angst und die Ehrfurcht vor deinen Taten in ihren Augen erblicken konnte.� Er sch�ttelte dem�tig den gesenkten Kopf, bevor er seinem Vater erneut in die Augen blickte und eine Hand auf sein Herz legte. �Es soll nicht wieder vorkommen, Vater. Ich verspreche es bei meinen Ahnen.�</style></p><p><style name="font7">�Es ist zu sp�t�, raunte der Alte. �Sie wollen, dass ich meine F�higkeiten erneut unter Beweis stelle. Falls ich es nicht tue, drohen sie mit einem empfindlichen �bel.�</style></p><p><style name="font7">�Was hat das zu bedeuten?� Tschirin war blass geworden. �K�nntest du nicht einfach sagen, ich h�tte mich geirrt, es l�ge gar nicht in deiner Macht, einen Blitz zu erzeugen?�</style></p><p><style name="font7">�Das w�re gelogen, was niemand besser wei� als Maganhir. Wenn er Wind von der Sache bekommt, wird er sich den Russen freiwillig zur Verf�gung stellen, und sei es nur, um uns und unserem Stamm zu schaden.�</style></p><p><style name="font7">�Was haben sie denn �berhaupt mit dir vor? Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, wie du denkst. Du lieferst ihnen den Blitz, den sie wollen, und damit sind sie zufrieden.� Tschirins Stimme klang hoffnungsvoll.</style></p><p><style name="font7">�Nein, mein Sohn.� Tschutschana sch�ttelte missbilligend den Kopf. �Sie haben sich etwas weitaus Schlimmeres ausgedacht. Die Geister haben es mir zugefl�stert, in jener Nacht, als ich den Jungen geheilt habe. Sie haben mich vor diesen M�nnern gewarnt. Sie werden die Welt zerst�ren, so wie unsere V�ter sie gekannt haben. Eines Tages werden sie soviel Macht besitzen, wie noch kein Mensch auf der Erde zuvor, und sie werden alles in Grund und Boden vernichten, was uns Mayin, der h�chste aller G�tter, geschenkt hat.�</style></p><p><style name="font7">�Denkst du wirklich, Mayin w�rde das zulassen?�</style></p><p><style name="font7">�Es gibt Geister, die so d�ster und gef�hrlich sind, dass selbst Mayin vor ihnen zur�ckschreckt.�</style></p><p><style name="font7">�Ich dachte immer, er sei allm�chtig?�</style></p><p><style name="font7">�Das ist er auch�, fl�sterte Tschutschana. �Er sorgt daf�r, dass die Welt im Gleichgewicht bleibt. Gut und B�se, Himmel und H�lle, ewiges Eis und nie enden wollende W�ste. Aber das hei�t nicht, dass dieses Gleichgewicht nicht kippen k�nnte - zur einen oder anderen Seite.�</style></p><p><style name="font7">�Was willst du tun?�</style></p><p><style name="font7">�Ich werde mich weigern, den Russen zu helfen. Dann m�ssen wir abwarten, was passiert.�</style></p><p><style name="font7">Am fr�hen Morgen schlitterte Leonard im Dunkeln �ber den weitl�ufigen Hof, um zur Kantine zu gelangen. Erst gestern hatte es wieder geschneit. Durch die eisige Nacht war der Schnee binnen k�rzester Zeit zu einer spiegelglatten Fl�che erstarrt, bei der man selbst mit eisenbeschlagenen Fellstiefeln jederzeit auf dem Hosenboden landen konnte. Leonard war fr�her aufgestanden als sonst, weil er Kissanka einen Besuch abstatten wollte. Trotz der unsch�nen Vorkommnisse vor knapp zwei Jahren f�hlte er sich immer noch freundschaftlich zu ihr hingezogen. Zumal sie einen hohen Preis f�r ihr Vergehen bezahlt hatte. Ihr Vater war wegen ihrer L�gengeschichte gestorben, und das Kind des Kosaken hatte sie wenig sp�ter bei einer Fr�hgeburt verloren. Einzig Bruder und Schwester waren ihr geblieben. Leonard empfand Mitleid f�r ihr hartes Schicksal, auch wenn sie mittlerweile in der Lagerhierarchie zur K�chenaufseherin emporgestiegen war. Sie schickte ein paar neu angekommene M�dchen, die ihr zur Hand gehen mussten, nach vorne in den Ausschank, w�hrend sie selbst mit Leonard im hin-teren Teil der K�che Platz nahm. Ihr Gesicht war reifer geworden, was ihrer Sch�nheit keinen Abbruch tat.</style></p><p><style name="font7">Mit einem L�cheln schenkte sie ihm eine Tasse hei�en Tee ein und gab ordentlich Zucker dazu. Dann legte sie eine extra Scheibe Brot und ein St�ck Butter auf einen Holzteller und schob ihn zu ihm hin. Sie wusste nur zu gut, dass er den allmorgendlichen Buchweizenbrei verabscheute und dass dies auch ein Grund war, warum er es vorzog, in ihrer Gesellschaft zu fr�hst�cken.</style></p><p><style name="font7">�Wenn du mich willst, kannst du mich jederzeit haben�, fl�sterte sie mit einem Seitenblick auf die M�dchen, die drau�en die Soldaten und Lagerinsassen bedienten. �Du kannst mir nicht erz�hlen, dass ein Mann von deinem Format keinerlei Bed�rfnisse hat.� Ihre Augen blitzten herausfordernd.</style></p><p><style name="font7">Leonard f�hlte sich geschmeichelt, wie jedes Mal, wenn er sie dabei erwischte, wie sie ihn eingehend betrachtete.</style></p><p><style name="font7">�Wir k�nnten uns nach Feierabend unten im Schuppen treffen, Leonard�, fuhr sie unger�hrt fort. �Es gibt dort immer noch einen Tisch und ein Bett. Niemand w�rde es bemerken, und selbst wenn du mich schw�ngerst, h�tte es keinerlei Konsequenzen. Mein Vater ist tot, und sonst interessiert es niemanden, wessen Kind hier geboren wird.�</style></p><p><style name="font7">Leonard lie� sich durch diese handfesten Avancen nicht aus der Ruhe bringen und biss in sein Brot. .</style></p><p><style name="font7">�Ich w�nsche mir nichts sehnlicher als ein Kind�, sagte sie leise und entfernte ihr Halstuch, um ihm einen gef�lligen Ausblick auf ihr �ppiges Dekollete zu g�nnen. �Und es w�re sch�n, wenn es deine blauen Augen h�tte.�</style></p><p><style name="font7">�Du willst anscheinend nicht aufgeben�, entgegnete er mit sanfter Stimme. �Und das Angebot ist wirklich verlockend. Aber die Konkurrenz ist zu gro�.�</style></p><p><style name="font7">�Du hoffst also immer noch darauf, dass Lobow dein M�dchen mit eurem Kind zu uns holt?�</style></p><p><style name="font7">Leonard stie� einen Seufzer aus. �Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Die beiden wissen ja noch nicht einmal, dass ich noch lebe.�</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht ist es besser so. Hast du daran schon einmal gedacht?�</style></p><p><style name="font7">Leonard sah sie aus schmalen Lidern an. �Wie kommst du darauf?�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe so was l�uten h�ren.� Kissanka nippte an ihrem Malzkaffee, als ob es feinste Schokolade w�re.</style></p><p><style name="font7">�Was hast du l�uten h�ren?� Leonard ergriff ihre linke Hand. Im Lichte der tr�ben elektrischen Deckenbeleuchtung sah er sie durchdringend an.</style></p><p><style name="font7">�Man munkelt, dass wir hier nie wieder wegkommen, schon gar nicht, wenn euer Projekt erst mal fertiggestellt ist.� Ihre unruhigen Augen verrieten, dass sie tats�chlich Angst hatte.</style></p><p><style name="font7">�Wer sagt so etwas?�</style></p><p><style name="font7">�Das tut doch nichts zur Sache, Leonard�, erwiderte sie gereizt. �Wichtig ist doch einzig und allein, ob derjenige, der es sagt, Recht behalten k�nnte. Es hei�t, eure Arbeit sei so geheim, dass niemand au�erhalb des Lagers etwas davon wissen d�rfe, und du siehst selbst, wie streng wir bewacht werden. Keine Maus kommt hier herein oder heraus, ohne dass Lobow davon Kenntnis h�tte. In anderen Lagern k�nnen die Insassen frei herumspazieren, ganz wie es ihnen passt. Nur hier nicht. Hast du dich je gefragt, warum das so ist?�</style></p><p><style name="font7">�Weil sie nirgendwo sonst eine Aufgabe haben, die �ber das Heuernten und das Reparieren von Landmaschinen hinausgeht.�</style></p><p><style name="font7">�Siehst du, daf�r w�rde es sich auch nicht lohnen, einen einzigen Menschen bis an sein Lebensende in einem Lager zu halten. Aber das hier, Leonard, ist etwas ganz anderes. Entweder m�ssen wir bis zum Tod in dieser H�lle schmoren, weil sichergestellt werden muss, dass wir niemandem etwas verraten, oder diese H�lle wird eines Tages dem Erdboden gleichgemacht, sobald sie ihren Sinn erf�llt hat.�</style></p><p><style name="font7">�Solange es in dieser H�lle Engel wie dich gibt, die mir Brot und Butter zum Fr�hst�ck beschaffen und mir dar�ber hinaus den Himmel auf Erden versprechen, ist es halbwegs ertr�glich.� Leonard stand auf und l�chelte. Dann nahm er noch einen letzten Schluck Tee und beugte sich zu ihr hinab, um ihr einen sanften Kuss auf die Wange zu dr�cken.</style></p><p><style name="font7">Mit leicht federndem Gang spazierte er hinaus. Kissanka presste indessen ihre Hand auf die Wange, als ob sie einen Schatz h�ten wollte.</style></p><p><style name="font7">�Du glaubst mir nicht, Leonard Schenkendorff, und das ist ein gro�er Fehler�, rief sie ihm hinterher.</style></p><p><style name="font7">Die Tage in der Konstruktionshalle waren hektischer geworden. Jeder der Anwesenden konnte Pjotrs Leistungen bestaunen. Gleich zwei riesige Luftschiffe, bei denen nicht nur das Skelett, sondern die gesamte H�lle aus spezialgeh�rtetem Aluminium bestand, waren beinahe bereit zum Auslaufen. Sp�testens im Fr�hjahr w�rde der erste der beiden silbergl�nzenden Giganten zu einer Jungfernfahrt ins achthundert Werst entfernte Irkutsk aufbrechen, und im Sommer wollte man das geheime Experiment mit einem zweiten Luftschiff zum Ab-schluss bringen.</style></p><p><style name="font7">Aslans Arbeit hingegen fand in einer abgeschiedenen Baracke statt, die so gro� wie ein Tanzsaal war und deren Fenster bei Tag verhangen wurden, damit niemand hineinsehen konnte. Des Nachts stellte man doppelte Wachen auf, so dass kein Unbefugter die hoch komplizierten technischen Aufbauten ausspionieren oder gar zerst�ren konnte. Lo-bow hatte gleich zu Beginn der Arbeiten die Weisung erteilt, dass niemand au�er Kondrashov und Weinberg unangemeldet das Geb�ude betreten durfte. Daher wusste auch nur Weinberg, der Aslans Arbeiten fortw�hrend protokollierte, dass dem geheimen Experiment noch eine entscheidende Komponente fehlte, um die vom Gro�f�rsten gestellte Aufgabe erfolgreich realisieren zu k�nnen. Seit etwa einem Jahr besch�ftigte sich der Turkmene mit Einsteins neuester Theorie �ber die �quivalenz von Masse und Energie und mit der �berlegung, dass bei der Spaltung schwerer Atomkerne sehr viel mehr Energie freigesetzt wurde als bei der Explosion von Sprengstoff. Was ihm jedoch fehlte, war der entscheidende Ansatz, wie man diese Spaltung in Gang setzen konnte.</style></p><p><style name="font7">Obwohl Isaak Weinberg die Fortschritte seines jungen Kollegen bemerkenswert fand, beunruhigten ihn dessen Verzweiflung �ber das noch fehlende Element zur Fertigstellung seines Experiments und die gleichzeitige Suche nach - wie er es nannte - unseri�sen L�sungen.</style></p><p><style name="font7">Erst am Morgen hatte Weinberg erfahren, dass man den Schamanen, der Leonard Schenkendorff von den Toten auferweckt hatte, hinzuziehen wollte. Mit seinen telekinetischen F�higkeiten sollte er einen Energiestrahl erzeugen, der das unter Aslans Anleitung hergestellte Lithium-Uran-Gemisch zur Explosion brachte.</style></p><p><style name="font7">�Es tut mir leid, Aslan�, bemerkte Weinberg mit einem ironischen</style></p><p><style name="font7">Kopfsch�tteln, �wenn ich dir nicht ganz folgen kann. Selbst wenn der Zauberer mitspielen und tats�chlich in der Lage sein sollte, ein solches Wunder zu vollbringen, kannst du ihn wohl schlecht mit einem Luftschiff nach Japan schicken, damit er dort eine Bombe entz�ndet. Ich dachte, das Flugobjekt soll unbemannt und in gro�er H�he fliegen. Wenn du einen Schamanen in die Kanzel setzt, kannst du auch gleich einen Piloten dazusetzen. Warum sollte sich Leonard dann die M�he mit einer automatischen Steuerung machen?�</style></p><p><style name="font7">�Weinberg, du kapierst es nicht!� Der Turkmene sah seinen j�dischen Mitstreiter aufgebracht an. �Es ist nur ein Versuch. Bei Leonards Genesung durfte jeder von uns miterleben, �ber welch au�ergew�hnliche F�higkeiten der Tunguse verf�gt.</style></p><p><style name="font7">Sein Sohn behauptet, er k�nne sogar auf Kommando einen Blitz erzeugen. Wenn es uns gelingt, die Sprengladung mit Hilfe einer elektrischen Funkenentladung in einer Feldst�rke von vier bis f�nf Millionen Volt pro Meter zu z�nden, und das bei einer Stromst�rke von vielleicht zweihunderttausend Ampere, wei� ich wenigstens, ob die Energie zur Z�ndung ausreichen kann oder nicht. Unser Leben und das unserer Angeh�rigen h�ngt davon ab, ob wir den Gro�f�rsten und seinen Neffen mit diesem Theater beeindrucken k�nnen. Danach bleibt immer noch Zeit, nach Alternativen zu suchen. Im Augenblick habe ich leider keine Idee, wie ich unter den bekannten physikalischen Gesetzen etwas erzeugen sollte, das eine h�here elektrische Ladung besitzt als ein Blitz und in der Lage ist, die vorhandenen Komponenten derart zu fusionieren, dass es zu einer Kaskade von Explosionen kommt, die alles bisher da Gewesene in den Schatten stellt.�</style></p><p><style name="font7">Weinberg runzelte die Stirn und warf einen fragenden Blick auf die Aufzeichnungen, die auf Aslans Arbeitstisch lagen.</style></p><p><style name="font7">Der Turkmene bemerkte die Skepsis im Blick des Professors.</style></p><p><style name="font7">�Und was sagt Kommandeur Lobow dazu? Immerhin m�sste er seine Erlaubnis zu einem solchen Experiment geben.�</style></p><p><style name="font7">�Kommandeur Lobow hat bereits seine Zustimmung erteilt. Er meinte, der Zar sei solchen Ma�nahmen gegen�ber aufgeschlossen. Man habe sich erst k�rzlich mit einem gewissen Grigori Jefimowitsch Rasputin einen begabten Geistheiler an den Hof geholt, der wahre Wunder vollbringe und in allerh�chsten Kreisen gesch�tzt werde. Du siehst also, sogar in Regierungskreisen vertraut man auf �bersinnliche Kr�fte. Also warum nicht auch wir?� Aslan setzte ein entwaffnendes L�cheln auf, dem Weinberg nichts entgegenzusetzen hatte.</style></p><p><style name="font7">�Und was geschieht, wenn deine �berlegungen zutreffen und die Explosion st�rker ist als erwartet?�</style></p><p><style name="font7">�Wir werden uns absichern m�ssen. Aber bis dahin ist es noch ein harter Weg. Mir ist klar, dass ich bei Lobow und seinen Leuten einiges an �berzeugungsarbeit leisten muss. Immerhin haben sie den Schamanen noch einmal ins Lager eingeladen.�</style></p><p><style name="font7">Am n�chsten Mittwoch kam Tschirin, der junge Tunguse, um die Antwort seines Vaters zu �berbringen. Lobow hatte ihn - neben Weinberg und Aslan - in sein B�ro beordert, um die weitere Vorgehensweise zu besprechen.</style></p><p><style name="font7">Mit schmalen Lidern lie� der Kommandant sein Augenmerk �ber den Brief schweifen. Offenbar war die Antwort negativ ausgefallen, wie die Anwesenden aus seiner d�steren Miene herauslesen konnten. Als er aufsah, traf sein Blick den hochgewachsenen, schlaksigen Tun-gusen.</style></p><p><style name="font7">Die dunklen Augen Tschirins ruhten furchtsam auf den groben H�nden des Kommandeurs, der die ganze Zeit �ber einen Bleistift in seinen H�nden gerollt hatte und ihn nun mit nur zwei Fingern in der Mitte zerbrach.</style></p><p><style name="font7">Lobow winkte einen der zwei Soldaten heran, die an der T�r Wache gestanden hatten, und fl�sterte ihm etwas ins Ohr.</style></p><p><style name="font7">Einen Moment sp�ter wurde Tschirin von zwei Soldaten �berw�ltigt, um ihm Handfesseln anzulegen. Aslan und Weinberg waren �berrascht zur Seite getreten und verfolgten fassungslos, wie Lobows Schergen den jungen Tungusen zu fesseln versuchten. Obwohl Tschirins Glieder schlank und grazil erschienen, war er kein Schw�chling. Breitschultrig wie sein Vater und ge�bt im Schlittenlenken und Holzhacken, verf�gte er �ber eine nat�rliche Kraft, die es nicht zu untersch�tzen galt. Daher k�mpfte er nach einem kurzen Moment der �berraschung wie ein Berserker, und es gelang ihm, sich den Soldaten zu entwinden. Doch im Lager warteten f�nfzig weitere Soldaten auf ihren Einsatz, und so str�mten andere nach, als Tschirin aus der Ba-racke st�rmte, nachdem er seine beiden Widersacher hinter sich gelassen hatte.</style></p><p><style name="font7">Mehrere M�nner warfen sich auf den verzweifelten Tungusen, als Lobow zu seiner Trillerpfeife griff, die allen Offizieren zur Verf�gung stand, um augenblicklich Alarm auszul�sen. Grobschl�chtige Finger rissen an Tschirins Felljacke. Jemand schlug ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Er schmeckte Blut, und in seiner Panik riss er seinen Dolch vom G�rtel und stie� zu. Die Klinge durchbohrte eine dicke Filzjacke und drang in weiches Fleisch ein.</style></p><p><style name="font7">�Das Tungusenschwein hat ein Messer!�, br�llte jemand.</style></p><p><style name="font7">Im Nu lie� man von ihm ab. Tschirin kam keuchend auf die F��e. Alles drehte sich um ihn herum - die Baracken, die blau gewandeten M�nner, die Pelzm�tzen der Soldaten, die sie ihm Gerangel verloren hatten und die um ihn herum auf dem schmutzigen Schnee lagen wie tote Kaninchen. Aus dem Augenwinkel heraus sah er einen Soldaten, der sich die linke Seite hielt und davonhumpelte. Gleichzeitig ert�nten das Ladeger�usch unz�hliger Gewehre und die Aufforderung, sich sofort zu ergeben, andernfalls w�rde man ihn auf der Stelle erschie�en.</style></p><p><style name="font7">Das halbe Lager war unruhig zusammengelaufen, und auch Leonard war auf den Tumult aufmerksam geworden. Zusammen mit Pjotr trat er nach drau�en. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, wen man da gefangen genommen hatte. Wie bet�ubt beobachtete er, wie man Tschirin den Pelzmantel herunterriss und an seiner Lederkleidung zerrte, bis man ihn bis auf den Lendenschurz entkleidet hatte. Fast nackt und zitternd stand der Tunguse da. Das lange schwarze Haar hatte sich aus dem Zopf gel�st und bedeckte notd�rftig seinen entbl��ten R�cken.</style></p><p><style name="font7">Lobow, der mit seinen Offizieren hinzugetreten war, rieb sich nachdenklich das Kinn, dann br�llte er: �Bringt ihn in die Arrestzelle!�</style></p><p><style name="font7">Leonard sprang nach vorne und rannte auf dem glatten Schnee zu Lobow hin. Vor dem Kommandeur rutschte er regelrecht auf die Knie. �Warum tun Sie so etwas?� Er schrie beinahe und umfasste die Beine des Kommandeurs. Sofort waren dessen Schergen zur Stelle und schlugen mit dem Gewehrkolben auf ihn ein.</style></p><p><style name="font7">Leonard st�rzte und hielt sich die aufgeplatzte Wange, w�hrend das warme Blut durch seine Finger rann und sofort gefror. �Was hat er getan, dass Sie ihn so behandeln?�</style></p><p><style name="font7">�Das geht Sie nichts an, Schenkendorff�, erwiderte Lobow mit aller Sch�rfe. �Wenn Sie mit mir �ber die Fortschritte Ihrer Arbeit sprechen wollen, lassen Sie sich von Doktor Primanov verarzten und kommen in meine Baracke. Ihre Kollegen sollen sich ebenfalls dort einfinden. Vielleicht werden Sie meine Ma�nahme dann verstehen.�</style></p><p><style name="font7">Atemlos und vollkommen verwirrt, beobachtete Leonard, wie man Tschirin in das finsterste Loch im ganzen Lager f�hrte. Hier war Was-siljoff gestorben - halb verhungert, wahnsinnig vor Angst und mit aufgebissenen Pulsadern.</style></p><p><style name="font7">Mit h�ngenden Schultern fanden sich Leonard und seine Kameraden wenig sp�ter bei Kommandant Lobow ein. Die Hoffnung, Tschi-rin aus seiner verzweifelten Lage befreien zu k�nnen, war bei Leonard gesunken, nachdem Aslan ihm gesagt hatte, was der Grund f�r dessen Festnahme gewesen sein k�nnte.</style></p><p><style name="font7">Lobow verzichtete darauf, ihnen einen Platz anzubieten.</style></p><p><style name="font7">�Der Tunguse hat einen meiner Leute mit dem Messer angegriffen�, erkl�rte er mit harter Stimme, so dass es beinahe wie eine Anklage klang.</style></p><p><style name="font7">�Mit Verlaub, Herr Kommandeur�, begann Aslan vorsichtig. �Denken Sie ernsthaft, der Schamane wird uns helfen, wenn wir seinen Sohn gefangen halten?�</style></p><p><style name="font7">�Ihr Schamane hat uns mit einer lapidaren Erkl�rung abgesagt.�</style></p><p><style name="font7">Lobow kniff die Lippen zusammen. �Es wird uns nichts anderes �brig bleiben, als zu drastischen Mitteln zu greifen. Wo soll es hinf�hren, wenn nicht einmal dieses Tungusenpack begreift, dass es wie alles in diesem Land der Macht des Zaren untersteht und sich dieser Macht zu f�gen hat? Auch ein Tschutschana wird einsehen m�ssen, dass seine F�higkeiten nicht unersch�pflich sind. Entweder hilft er uns, oder sein Sohn wird ziemlich bald einen qualvollen Tod sterben.�</style></p><p><style name="font7">Weinberg r�usperte sich leise, bevor er zu sprechen begann. �Bei allem Respekt, Herr Kommandeur, der Junge hat doch niemandem etwas getan. Warum muss er sterben, nur weil sein Vater an notorischer Sturheit leidet? Gibt es wirklich keine andere L�sung?�</style></p><p><style name="font7">Lobow zog seine Brauen missmutig zusammen. �Der Junge hat einen meiner M�nner ernsthaft mit dem Messer verletzt. Es ist eine grunds�tzliche Angelegenheit. Wenn wir nachgeben, tanzen uns die Tungusenst�mme auf der Nase herum - und nicht nur sie. Unsere Schw�che wird sich wie ein Lauffeuer unter den Nomaden Sibiriens herumsprechen.� Er schlug mit der Faust auf seinen Schreibtisch. �Nein, entweder der Tunguse tut, was wir von ihm verlangen, oder ich werfe ihm h�chstpers�nlich den Leichnam seines Sohnes vor die F��e.�</style></p><p><style name="font7">Leonard konnte sich kaum halten vor Entsetzen. Unvermittelt trat er vor. �Ich mache da nicht mit. Wenn Sie Tschirin umbringen, werde ich Ihnen nicht weiter zur Verf�gung stehen.� Er pokerte hoch, doch er wusste genau, dass ohne sein automatisches Navigationssystem das ganze Projekt hinf�llig wurde.</style></p><p><style name="font7">Lobow sah ihn schweigend an, w�hrend seine Kameraden den Atem anhielten.</style></p><p><style name="font7">�Schenkendorff.� Der Kommandeur setzte ein falsches L�cheln auf. �Haben Sie schon die Post aus Tomsk erhalten?�</style></p><p><style name="font7">Leonard z�gerte. �Sie versprechen mir schon seit Jahren, dass Sie meine Freundin mit unserem Kind hierherholen wollen. Bisher wei� sie noch nicht einmal, dass ich lebe�, erwiderte er trotzig. Er wusste nicht, welcher Teufel ihn ritt, als er zu einem aussichtslosen Gegenschlag ansetzte. �Auch meine Geduld hat irgendwann ein Ende. Wir schuften hier wie Tiere. Nur damit Russland sich eines Tages zur Weltmacht erheben kann. Und was haben wir davon? Nichts als hei�e Luft. Und genau das wird der Zar auch bekommen, wenn er weiterhin mit uns in dieser Weise verf�hrt.�</style></p><p><style name="font7">Lobows Augen verwandelten sich in schmale Schlitze. F�r einen Moment h�tte man eine Stecknadel fallen h�ren k�nnen.</style></p><p><style name="font7">Weinberg hatte sich als Erster gefasst. �Er meint es nicht so�, stie� er hervor. �Es sind die Nerven. So ist es immer, wenn man bei seinen Forschungen kurz vor dem Durchbruch steht.</style></p><p><style name="font7">�Ich meine es genauso, wie ich es gesagt habe�, fauchte Leonard.</style></p><p><style name="font7">�Du kannst nicht f�r uns alle reden, Leonard!� Es war Aslan, der ihm erwartungsgem�� in den R�cken fiel. �Ohne den Schamanen sehe ich im Moment keine M�glichkeit, mein Experiment zu Ende zu f�hren. Und wenn dir deine Familie gleichg�ltig ist - meine ist es mir nicht.�</style></p><p><style name="font7">�Was soll die Aufregung, meine Herren?� Lobows L�cheln beunruhigte Leonard mehr als ein m�glicher Befehl, ihn abf�hren und zu Tschirin stecken zu lassen.</style></p><p><style name="font7">Mit einer huldvollen Miene hob der Kommandeur den Kopf und sah Leonard direkt ins Gesicht. �Ihre kleine Freundin und das Kind, das Sie ihr ohne den Segen der Kirche gezeugt haben, k�nnen jederzeit hier eintreffen. Sollten Sie inzwischen Ihr Interesse an dem M�dchen verloren haben, so wird dies Konsequenzen nach sich ziehen. Es w�rde mir leid tun - nicht nur f�r Sie, sondern auch f�r Ihren Nachwuchs.� Er l�chelte teuflisch. �Ich erwarte Ihre absolute Loyalit�t, Schenkendorff. Habe ich mich klar genug ausgedr�ckt?�</style></p><p><style name="font7">�J... ja�, stammelte Leonard. Sein Hals war auf einmal wie zugeschn�rt, und f�r einen Moment glaubte er, ersticken zu m�ssen.</style></p><empty-line/></section><section><title><p><style name="font7">24.</style></p><p><style name="font7">Juni</style><style name="font4"> 2008,</style><style name="font7"> Tunguska - Schamanenfeuer</style></p></title><p><style name="font7">Theisen kletterte als Erster in das Loch hinab. Das war er seiner Mannesehre schuldig, obwohl er bei der ganzen Aktion nicht unbedingt Begeisterung versp�rte. Vergeblich hatte Viktoria nach Leonid gerufen und, nachdem sie den Zugang ge�ffnet hatten und er sich nicht gemeldet hatte, die Vermutung angestellt, dass er vielleicht zur�ck in die Katakomben gelaufen war, um einen anderen Ausweg zu finden.</style></p><p><style name="font7">W�hrend sie einen Fu� vor den anderen auf die schmalen Eisentritte setzte, um ins Innere des Bunkers zu gelangen, dachte sie dar�ber nach, ob Leonid damit gerechnet hatte, dass sie ihn im Stich lassen w�rde.</style></p><p><style name="font7">�Heiliger Schwan�, stie� Theisen hervor, als sie am Grund des Einstiegs angekommen waren und er den tunnelartigen Gang mit seiner Mag-Lite ausleuchtete. �Was soll das denn darstellen?�</style></p><p><style name="font7">�Lass uns zur Haupthalle gehen.� Viktorias Stimme verriet keinerlei Zweifel. Sie packte ihren Kollegen am Arm und zog ihn auf dem vereisten Untergrund mit sich.</style></p><p><style name="font7">�Du wei�t, wo du hinwillst?� Theisen starrte sie ungl�ubig an, nicht sicher, ob er es wagen konnte, ihrer Aufforderung zu folgen. Doch er wollte sich nicht den Anschein der Feigheit geben, und so standen sie schon nach zehn Minuten vor dem seltsamen Konstrukt aus Metall, Glas und verschiedenen Dr�hten, das wie die Basis einer vorsintflutlichen Raumstation wirkte.</style></p><p><style name="font7">Nicht weniger fachkundig als zuvor Leonid untersuchte Theisen die ungew�hnliche Apparatur.</style></p><p><style name="font7">�Sieht aus wie eine archaische Funkzentrale�, meinte er mit einem absch�tzigen L�cheln.</style></p><p><style name="font7">�Denkst du, es k�nnte tats�chlich etwas mit der Katastrophe von Tunguska zu tun haben?�</style></p><p><style name="font7">�M�glich.� Theisen neigte den Kopf �ber ein verrostetes Ventil, an dessen Seite eine Plakette mit einer Jahreszahl angebracht war.</style> Letzte �berpr�fung Oktober 1907<style name="font7"> entzifferte er den russischen Schriftzug. �Das sieht mir nicht nach dem Besuch einer fernen Galaxie aus. Stellt sich nur die Frage, f�r was ben�tigte man diese Apparatur?�</style></p><p><style name="font7">Ohne auf Theisen zu achten, leuchtete Viktoria mit ihrer Taschenlampe in einen weiteren Gang hinein, aus dem ein seltsames Ger�usch zu h�ren war.</style></p><p><style name="font7">�Leonid!� Ihre Stimme klang heiser und hallte unheilvoll von den W�nden wider.</style></p><p><style name="font7">Taichin war aufgestanden und hatte sich an einem niedrigen Schr�nk-chen zu schaffen gemacht, hinter dessen T�ren sich eine Reihe von Blechdosen befand, alle verschlossen mit einem luftdichten Schraub-verschluss, der zuverl�ssig Feuchtigkeit und Insekten fernhielt.</style></p><p><style name="font7">Als er wieder zu dem Platz zur�ckkehrte, an dem Leonid immer noch in seiner meditativen Haltung sa�, sein halb volles Teeglas in H�nden, blieb er stehen und kippte seinem verdutzten Gro�neffen einen Essl�ffel gelblichen Pulvers in die restliche Fl�ssigkeit, die er dann umr�hrte, bis ein milchiger Brei entstand.</style></p><p><style name="font7">Leonid lie� ihn gew�hren, w�hrend er fragend zu seinem Lehrmeister aufblickte. Taichin hatte ihn schon mit einigen bewusstseinserweiternden Drogen bekannt gemacht, von denen etliche eine recht angenehme Wirkung entfaltet hatten. Die sch�nste Erfahrung war ein Flug �ber die Weiten der Taiga gewesen und der Kontakt zum Geist seiner Mutter, die ihn mit Liebe und Sehnsucht empfing - ein Gef�hl unvergleichlicher W�rme, das er nur zu gerne noch l�nger ausgekostet h�tte. Doch es gab auch die andere Seite: Furcht einfl��ende Dunkelheit, eisige K�lte, die Ahnung von etwas B�sem, dem man sich nur mit �u�erster Vorsicht und gewappnet mit dem Schutz der Ahnen n�hern durfte, ein Lehrst�ck in Sachen Verteidigung, wenn man den b�sen Geist aus dem K�rper eines Kranken verjagen wollte.</style></p><p><style name="font7">Dieses Pulver hatte Taichin bisher noch nicht an ihm ausprobiert.</style></p><p><style name="font7">�Trink!�, befahl er mit ruhiger Stimme.</style></p><p><style name="font7">Leonid sah ihn ungl�ubig an, doch dann hob er das Glas und setzte es an die Lippen.</style></p><p><style name="font7">Vera Leonardowna hatte alles mit angesehen und bis zu diesem Zeitpunkt kein Wort verloren. Doch pl�tzlich sprang sie auf und st�rzte auf Leonid zu.</style></p><p><style name="font7">�Nicht!�, schrie sie. �Tu's nicht, Junge, es wird dich umbringen!�</style></p><p><style name="font7">Taichin fing sie ab, wie ein Raubvogel, der einem ersch�pften Kaninchen auflauert, dabei betrachtete er seine Schwester mit einem mitleidigen Blick.</style></p><p><style name="font7">�Misch dich nicht ein, Vera�, raunte er dunkel. �Er muss erfahren, was in ihm steckt, damit er lernt, es f�r sich und auch f�r die Sache zu nutzen.�</style></p><p><style name="font7">Leonid war verwirrt, so hatte er weder seinen Gro�onkel noch seine Babuschka bisher erlebt. Dass sie ab und an miteinander stritten, war er gewohnt. Dass Taichin gegen�ber seiner j�ngeren Schwester jedoch handgreiflich wurde, war ihm neu.</style></p><p><style name="font7">�Trink jetzt!�, wiederholte Taichin streng. �Oder willst du nie erfahren, was das wahre Geheimnis deiner Vorfahren ist und warum dich dein Vater von jeher verachtet hat?�</style></p><p><style name="font7">Leonid schluckte. Das Geheimnis seiner Vorfahren interessierte ihn, doch nichts wollte er dringender erfahren als die Wahrheit �ber seinen Vater. Die Erinnerung an ihn schmerzte immer noch. Schon als kleiner Junge hatte er die Abneigung seines Vaters gesp�rt, und obwohl er sich immer bem�ht hatte, dem meist betrunkenen Grobian zu Gefallen zu sein, war es unm�glich gewesen, dessen Liebe zu gewinnen. M�glicherweise hatte es daran gelegen, dass der Schamane, den man ans Bett seiner Mutter gerufen hatte, von Beginn an behauptet hatte, das Neugeborene sei schuld an ihrem Tod und am Tod all seiner Geschwister. Aber vielleicht lag der Grund auch in einem noch d�steren Geheimnis, das niemand begreifen konnte, der nicht darum wusste.</style></p><p><style name="font7">Leonid kippte den bitteren Trank hinunter und fuhr sich mit der Zunge �ber die Lippen, um auch noch den letzten Rest zu erwischen.</style></p><p><style name="font7">Taichin stellte sich hinter ihn und legte seine runzeligen H�nde auf Leonids Kopf, dann begann er zu summen - erst leise, dann immer lauter in einem rhythmischen Auf und Ab, das Leonid zusammen mit dem magischen Gebr�u in eine tiefe Trance versetzte. Nach einer Weile klopfte der Schamane ihm anerkennend auf die Schulter und forderte Leonid wie durch einen Nebel auf, mit ihm nach drau�en zu gehen.</style></p><p><style name="font7">Flie�end und seltsam k�rperlos erhob Leonid sich von dem alten Teppich. Taumelnd sah er sich um. Seine Gro�mutter lag zusammengekauert zu seinen F��en und weinte. Obwohl sie ihm unendlich leid tat, sp�rte er einen eigent�mlichen Schwindel, der es ihm unm�glich machte, sich zu ihr hinunterzubeugen und sich um sie zu k�mmern. Ein Ruck schien durch ihn zu gehen, und mit einem Mal empfand er eine bleierne Gleichg�ltigkeit allem und jedem gegen�ber. Die weinende Vera Leonardowna, die fassungslos zu ihm aufblickte, das Schicksal seines Gro�vaters, der sich mit Lebenovs Willk�r auseinandersetzen musste, ja sogar seine Liebe zu Viktoria, die er tief in seinem Herzen verborgen hielt - all das bedeutete ihm �berhaupt nichts mehr. Wie ein gef�hlskalter Robotnik marschierte er hinter Taichin her, bis sie vor der H�tte angelangt waren. Dort blieb er abrupt stehen und starrte in den eisblauen Himmel, der sich mehr und mehr �ber ihm verfinsterte.</style></p><p><style name="font7">Gleichzeitig nahm etwas Dunkles von seiner Seele Besitz.</style></p><p><style name="font7">�Konzentrier dich!� Nur von ferne h�rte er die Stimme seines Lehrmeisters.</style></p><p><style name="font7">Hitze stieg pl�tzlich in seinem K�rper auf und drohte ihn zu verbrennen, und ein Sausen um seinen Kopf herum steigerte sich zu einem tosenden Orkan, der jeden klaren Gedanken verdr�ngte. Die gesamte Energie seines Daseins pulsierte durch seine Adern, wie ein Meer von Str�men, die sich in seiner Mitte zu einem einzigen Strom vereinten. Unwillk�rlich presste er seine flache Rechte auf seine K�rpermitte und st�hnte laut und unkontrolliert, als ihn ein stechender Schmerz durchfuhr und seinen Bauchnabel nach au�en w�lbte.</style></p><p><style name="font7">�Und nun lass es hinaus!�, br�llte sein Onkel, so laut und mit einem Echo, als ob er sich auf einer weit entfernten Klippe bef�nde. �Richte es gegen den Horizont, und gib ihm freien Lauf!�</style></p><p><style name="font7">Leonid sp�rte den glei�enden Ball, der sich aus seiner Mitte erhob, und wie er ihn mit aller Kraft von sich fortschleuderte.</style></p><p><style name="font7">Ein gewaltiger Blitz durchzuckte den Himmel und ging krachend hernieder. Der Boden bebte, und das Licht war so hell, dass Leonid unwillk�rlich die Lider schloss. In einem k�hnen Sprung wich er zur�ck, als eine zwanzig Meter hohe Tanne zu Boden ging. In der Mitte sauber gespalten, landete sie mit der Spitze nur knapp vor seinen Stiefeln. Schwer atmend zog er sich in sich selbst zur�ck. Sein Leib schmerzte immer noch, und in seinem Kopf h�mmerte es. Sein rasendes Herz beruhigte sich nur z�gernd, w�hrend sein Puls langsam zu seinem nat�rlichen Rhythmus fand.</style></p><p><style name="font7">�F�r den Anfang war das gar nicht so schlecht�, bemerkte Taichin mit leichter Ironie in der Stimme.</style></p><p><style name="font7">�Was hast du mit mir angestellt?� Leonid sch�ttelte sich wie eine nasse Katze und warf einen irritierten Blick um sich, w�hrend der Himmel immer noch d�ster wirkte.</style></p><p><style name="font7">�Das war eine Art Kugelblitz, nur viel st�rker�, antwortete Taichin wie selbstverst�ndlich. �Wenn du ein wenig �bst, wirst du die Energie auch ohne meine Unterst�tzung soweit steigern k�nnen, bis sie sich in ihr Gegenteil verkehrt. Wer wei�? Eines Tages vermagst du mit deinen F�higkeiten vielleicht jede konventionelle Nuklearwaffe in den Schatten zu stellen.�</style></p><p><style name="font7">�Bei Ogdy�, begann Leonid vorsichtig. �Hast du wirklich eine Ahnung, Taichin, von was du da redest? Trotz aller Verehrung, die ich dir entgegenbringe - das h�rt sich zu verr�ckt an, um wahr zu sein.� Leonid, der sich f�r einen Moment im Gras niedergelassen hatte, weil er eine pl�tzliche Schw�che versp�rte, sah seinen Gro�onkel von unten herauf ungl�ubig an.</style></p><p><style name="font7">Taichin l�chelte geheimnisvoll. �Ich w�nschte, es w�re so, mein Junge, aber es entspricht leider den Tatsachen. Du bist der Auserw�hlte und derzeit der einzig lebende Mensch, der ein solches Wunder vollbringen k�nnte. Dein Geist besitzt von Geburt an die F�higkeit, uns umgebende kosmische Energien anzuziehen und in eine spezielle Form von telekinetischer Energie - nennen wir es Antimaterie - umzuwandeln. Dein K�rper wirkt dabei wie ein Verst�rker und gleichzeitig wie ein Projektor, der die Energien sammelt, b�ndelt und sie millionenfach verst�rkt an die Umgebung zur�ckgeben kann. Es mag sich seltsam anh�ren, aber du solltest dich damit abfinden.�</style></p><p><style name="font7">�Warum hast du das nur getan?� Eine heisere Frauenstimme erhob sich aus dem Hintergrund. Vera Leonardowna schleppte sich in geb�cktem Gang zu Taichin hin. Ihr Blick war anklagend, und erst jetzt fiel Leonid auf, dass sie im Gegensatz zu ihrem Bruder wie eine alte, gebeugte Frau daherkam. �Die D�monen werden ihm keine Ruhe lassen, und wenn die Falschen erfahren, welche Kr�fte er in sich vereint, werden sie ihn jagen - entweder um ihn f�r ihre Zwecke zu missbrauchen oder um ihn zu t�ten, weil er ihnen gef�hrlich werden k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">�So kann er sich und unsere Traditionen wenigstens sch�tzen, wenn ich eines Tages nicht mehr bin�, erkl�rte Taichin mit fester Stimme.</style></p><p><style name="font7">�Und was ist, wenn sie ihn trotzdem holen?� Die Stimme der Gro�mutter verriet ihre Abscheu. �Soll er sie alle t�ten? Ein Blutbad nach dem anderen anrichten? Denkst du, dadurch w�rde seine Seele erl�st? Du wei�t doch selbst am besten, was es f�r eine B�rde ist, ein Schamane zu sein, noch dazu einer, der den D�monen der Unterwelt geweiht ist, und das wird er sein, je weiter er seine unseligen Kr�fte entwickelt.�</style></p><p><style name="font7">Sie schnaubte ver�chtlich. �Nein, Junge, wenn du mich je geliebt hast, wirst du noch heute eine Tasche packen und diese Gegend verlassen. Wir treffen uns, wenn es dunkel ist, am Ortsausgang von Va-navara, dort, wo die alte Rentierstation liegt. Ich habe in weiser Voraussicht einen Wagen organisiert, der dich nach Jakutsk bringen wird. Dort bist du zun�chst in Sicherheit. Wenn das Tagebuch in die falschen H�nde ger�t, werden Bashtiri und Lebenov zuerst bei uns anklopfen und dann bei den �brigen Dorfbewohnern. Fr�her oder sp�ter werden sie zu reden beginnen. Da wird es auch nicht helfen, dass wir dich bei deinen gelegentlichen Besuchen als deinen j�ngeren Cousin ausgegeben haben. Und wenn sie einen Hinweis auf den Bunker bekommen, werden sie die ganze Gegend durchk�mmen.�</style></p><p><style name="font7">Sie atmete noch einmal tief ein und sah ihren Bruder an, der schweigend im T�rrahmen stand und zu Leonids �berraschung nicht widersprach. �Er muss hier verschwinden - so schnell wie m�glich. Ich hoffe, Bruder, du behinderst uns nicht. Makar vertritt die gleiche Meinung wie ich. Schlie�lich waren wir es, die ihn aufgezogen haben. Wenn es nach dem Schamanen gegangen w�re, h�tte er bereits die erste Woche nach seiner Geburt nicht �berlebt. Ich habe mir zeit meines Lebens genug Sorgen um ihn gemacht und werde es nicht dulden, dass ihm auch nur ein Haar gekr�mmt wird. Geht das in deinen Dicksch�del hinein?�</style></p><p><style name="font7">�Was war das?�, fl�sterte Viktoria. Die Erde hatte f�r einen Moment gebebt, und dann war ein einziger lauter Donnerhall zu h�ren gewesen.</style></p><p><style name="font7">Theisen hielt inne und leuchtete suchend in die Finsternis hinein. Ratlos wandte er sich um. �H�rte sich wie eine Sprengung an. Oder vielleicht war es ein Erdbeben?�</style></p><p><style name="font7">�Erdbeben? Mach keine Witze.� Viktoria fr�stelte. Was sollte sie tun? Weiter in den Stollen hinunterlaufen, um Leonid zu suchen, und die Gefahr eingehen, versch�ttet zu werden? Oder sollten sie den Weg nach drau�en antreten, ohne zu wissen, ob ihr Geliebter sich noch im Innern der Katakomben befand? �Wir m�ssen ihn finden�, sagte sie laut und lief mit einem flauen Gef�hl im Magen los, bevor Theisen noch auf die Idee kam, sie aufzuhalten.</style></p><p><style name="font7">�Viktoria!�, br�llte er so laut, dass es von den W�nden hallte. �Komm zur�ck! Verdammt! Du wei�t doch gar nicht, wo es dort hingeht!�</style></p><p><style name="font7">Sie hatte das Gef�hl, immer tiefer in den seltsamen Bunker vorzudringen, w�hrend der schneidende Lichtschein ihrer Taschenlampe die W�nde zum Glitzern brachte und einen Blick auf die Kabel erm�glichte, die quer verlegt an den W�nden wie ein Wegweiser fungierten. Weiter hinter sich vernahm sie die stampfenden Schritte und den keuchenden Atem ihres Kollegen.</style></p><p><style name="font7">�Leonid!� Ihre Stimme klang schon eine Spur verzweifelter, als sie vor sich unvermittelt eine Ger�llwand entdeckte. �Ende der Fahnenstange�, sagte sie mehr zu sich selbst und erinnerte sich an eine eiserne T�r, die sie beil�ufig auf ihrem Weg hierher gesehen hatte. Vielleicht ging es von dort aus nach oben und zu einem Ausgang aus dem Bunker.</style></p><p><style name="font7">Sven Theisen stellte sich ihr in den Weg und leuchtete ihr in die Augen.</style></p><p><style name="font7">�Kannst du mir sagen, was das soll?�, knurrte er. �Du siehst doch, dass hier niemand mehr ist.�</style></p><p><style name="font7">Unbeeindruckt deutete sie auf die verrostete T�r. �Vielleicht hat er dort einen Weg nach drau�en gesucht.�</style></p><p><style name="font7">Theisen schaute sie kurz w�tend an und machte sich einen Moment sp�ter daran, die T�r zu �ffnen. Erstaunlicherweise gelang es ihm. Mit einem quietschenden Ger�usch schwang sie auf. Hinter ihr kam in der Dunkelheit eine eiserne Treppe zum Vorschein. Er leuchtete den Schacht aus und konnte sehen, dass die Gitterstufen sowohl nach oben als auch �ber einen tiefer liegenden Treppenabsatz weiter nach unten f�hrten.</style></p><p><style name="font7">�K�nnte doch sein, dass du recht hast�, bemerkte er dumpf und setzte einen Fu� auf die erste Treppenstufe.</style></p><p><style name="font7">Es folgte ein knarrendes Ger�usch und ein Scheppern, dann ein gellender Schrei. Schlie�lich trat abrupt Stille ein.</style></p><p><style name="font7">�Um Gottes willen!�, schrie Viktoria und leuchtete mit zitternden H�nden in die Dunkelheit. Da, wo eben noch die Treppe gewesen war, tat sich ein Loch auf. Feuchte, modrige Luft drang zu ihr herauf - und ein lang gezogenes St�hnen.</style></p><p><style name="font7">Theisen war mit der ganzen Treppe abgest�rzt. Er lag ein Stockwerk tiefer auf dem Boden und r�hrte sich nicht. Die verrostete Eisenkonstruktion war allem Anschein nach in verschiedene Teile auseinandergebrochen und unter dem Gewicht des st�mmigen Deutschen auf die n�chste Plattform gest�rzt.</style></p><p><style name="font7">�Alles in Ordnung?� Viktorias Stimme klang kl�glich.</style></p><p><style name="font7">�Was f�r eine Frage!�, zischte Theisen von unten herauf. �Ich habe mir wahrscheinlich alles gebrochen, was man sich brechen kann. Aber du kannst dich beruhigen�, stie� er gequ�lt hervor. �Jetzt sind wir quitt.�</style></p><p><style name="font7">Vergeblich versuchte Viktoria herauszufinden, wie schwer seine Verletzungen tats�chlich waren, indem sie ihn vom Kopf bis zu den Schuhen ableuchtete. Er lag auf dem R�cken und konnte von Gl�ck sagen, dass das abgebrochene Treppenst�ck nicht auf, sondern neben ihm gelandet war.</style></p><p><style name="font7">Zwischen ihnen lagen gut und gerne drei Meter. Von weiter unten drang ein schwacher Lichtschein herauf. Offenbar hatte Theisen seine Lampe verloren, die ein oder zwei Etagen tiefer gelandet war.</style></p><p><style name="font7">�Kannst du aufstehen?�</style></p><p><style name="font7">�Wo denkst du hin? Ich kann kaum meine Finger r�hren, geschweige denn mein linkes Bein. Vielleicht habe ich mir s�mtliche Rippen und das R�ckgrat gebrochen. Ich kriege kaum noch Luft, so sehr schmerzt mein Brustkorb. Verdammte Schei�e!�</style></p><p><style name="font7">�Ich werde Hilfe rufen!�</style></p><p><style name="font7">�Wen denn? Ich denke, Bashtiri und Konsorten sollen nicht wissen, dass es diesen Bunker gibt.�</style></p><p><style name="font7">�Lass das meine Sorge sein�, rief Viktoria tapfer. �Ich bin bald zur�ck.�</style></p><p><style name="font7">�Viktoria�, br�llte Theisen, als sie die T�r ins Schloss fallen lie�.</style></p><p><style name="font7">�Es geht nun mal nicht anders�, fl�sterte sie vor sich hin.</style></p><p><style name="font7">Leonid hatte sich Einsamkeit ausbedungen, als er den Weg zur�ck zu seiner H�tte antrat. Nur Ajaci durfte ihn begleiten. Egal, wohin die Reise auch gehen sollte, auf seinen Hund w�rde er niemals verzichten.</style></p><p><style name="font7">Taichin erkl�rte sich bereit, Vera Leonardowna nach Hause zu bringen, obwohl sie sich widerspenstig gab und eigentlich nie wieder mit ihrem Bruder sprechen wollte - allein schon, weil er Leonid jahrelang ohne ihr Wissen und gegen ihren und den erkl�rten Willen ihres Mannes zum Schamanen ausgebildet hatte. Auch Leonid hatte sein Fett weg bekommen, wenn auch nicht ganz so heftig wie Taichin.</style></p><p><style name="font7">In Gedanken flog er zu Viktoria, die er aller Wahrscheinlichkeit nie wiedersehen w�rde. Falls sie �berhaupt zu dem Bunker zur�ckkehrte, um ihn zu befreien, w�rde sie feststellen, dass er allein entkommen war. Genauer betrachtet war es auch besser so. Was sollte sie mit einem ge�chteten und mittellosen Schamanenlehrling anfangen, der nicht einmal selbst wusste, wie es um seine Zukunft stand? Au�erdem w�rde sie nur weitere Fragen stellen, die er nun nicht mehr wahrheitsgem�� beantworten durfte.</style></p><p><style name="font7">Seine Gro�eltern w�rden ihr auch nicht weiterhelfen und jedem, der es h�ren wollte, zu Protokoll geben, dass er verstorben sei und sie jede andere Vermutung als piet�tlos und ehrverletzend empfinden w�rden.</style></p><p><style name="font7">Es hatte zu regnen begonnen, von Osten zog ein m�chtiges Gewitter auf. Leonid stellte sich die Frage, ob dies ein weiteres Zeichen der Geister war, wie sein Gro�onkel immer gerne behauptete, um ihn an seine neuen Verpflichtungen zu erinnern.</style></p><p><style name="font7">Leonid k�mmerte es nicht, dass er und sein Hund in k�rzester Zeit aussahen, als w�ren sie unter eine Dusche geraten.</style></p><p><style name="font7">In Gedanken ging er durch, was er an Habseligkeiten mitnehmen wollte, bevor er sich auf den Weg nach Jakutsk machte. Wenn er jetzt ging, dann tat er es seiner Gro�mutter zuliebe. Sie und seinen Gro�vater in Gefahr zu bringen war so ziemlich das Schlimmste, was er sich vorstellen konnte.</style></p><p><style name="font7">F�nfzig Meter vor Leonids H�tte begann Ajaci leise zu knurren. Gleichzeitig stellte sich das lange Fell in seinem Nacken auf. Leonid blieb abrupt stehen und zog sich mit seinem Hund hinter einen Busch zur�ck. Lauernd, einen Arm um Ajacis K�rper geschlungen, beobachtete er den Eingang seines Hauses. Die T�r stand offen. Nach allem, was er in den letzten Tagen gesehen und geh�rt hatte, war es gut m�glich, dass sich Lebenovs M�nner endlich den Kimchu hinaufgewagt hatten, um nach ihm zu suchen. Vielleicht war es sogar Viktoria selbst gewesen, die aus lauter Verzweiflung seine Existenz preisgegeben hatte, nur um ihn aus dem Bunker zu befreien.</style></p><p><style name="font7">Doch au�er dem Pl�tschern des Baches waren allein der Regen zu h�ren und das ferne Grollen des Donners. Vielleicht war es nur ein B�r, der nach Nahrung suchte. Es w�re nicht das erste Mal gewesen, dass ein solches Tier vor seiner Haust�r auftauchte. Obwohl es zu dieser Jahreszeit genug in den W�ldern und Fl�ssen zu fressen gab, wurden B�ren manchmal durch die Fische angelockt, die Leonid zum R�uchern aufh�ngte.</style></p><p><style name="font7">Langsam stand er auf und legte dabei eine Hand an sein Jagdmesser. Die Klinge war stets gesch�rft und so lang wie sein halber Unterarm.</style></p><p><style name="font7">Vorsichtig, einen Fu� vor den anderen setzend, n�herte er sich dem Eingang. Ajaci folgte ihm z�gernd, die Ohren immer noch angelegt und die Z�hne gebleckt.</style></p><p><style name="font7">Leonid hielt das Messer fest in der Hand, w�hrend er sich mit dem R�cken zur Wand zum Eingang vorarbeitete. Mit der Linken strich er sich eine feuchte Str�hne aus dem Gesicht, bevor er vorsichtig um die</style></p><p><style name="font7">Ecke sp�hte. Pl�tzlich vernahm er ein merkw�rdiges Ger�usch - ein leises, abgehacktes Wimmern. Mit einem Ruck wirbelte er herum und warf einen raschen Blick in das einzige Zimmer.</style></p><p><style name="font7">Viktoria sa� auf seinem Bett und hielt den Kopf in beide H�nde gest�tzt. Ihr br�nettes Haar fiel �ber ihr Gesicht, und ihre Schultern zuckten. Sie war v�llig durchn�sst und schien ihn �berhaupt nicht zu bemerken.</style></p><p><style name="font7">�Viktoria? Was machst du hier?�</style></p><p><style name="font7">Sie hob den Kopf und sah ihn �berrascht an. Ihr Gesicht war voller Tr�nen und verriet ihre Ersch�pfung.</style></p><p><style name="font7">�Das Gleiche k�nnte ich dich fragen�, stie� sie anklagend hervor. �Wie kommt es, dass du hier bist und nicht da unten, wo ich dich zur�ckgelassen habe?�</style></p><p><style name="font7">Ajaci knurrte leise, als Leonid sich neben sie setzte und fest an sich dr�ckte.</style></p><p><style name="font7">�Es tut mir leid.� Er k�sste sie auf die Stirn. �Sag blo�, du bist ganz allein zur�ckgekommen, um mich zu befreien?�</style></p><p><style name="font7">�Nicht ganz�, murmelte sie, abgelenkt von seinen K�ssen, mit denen er ihre Wangen bedeckte.</style></p><p><style name="font7">�Hast du etwa deinen russischen Begleiter mitgebracht?� Leonid hielt inne und schaute alarmiert auf.</style></p><p><style name="font7">�Kolja?� Viktoria sch�ttelte den Kopf. �Wo denkst du hin? Theisen meint, er arbeitet f�r den FSB. Allerdings wissen anscheinend noch nicht einmal Lebenov und Bashtiri etwas davon. Trotzdem kann ich nicht einsch�tzen, auf wessen Seite er steht. Das war auch der Grund, warum ich ihm nichts von dir erz�hlen wollte und warum er das Erdloch so sorgf�ltig verschlossen hat.�</style></p><p><style name="font7">Leonid nickte und wirkte f�r einen Moment abwesend, als ob er Viktorias Aussage erst einmal f�r sich durchdenken musste. Dann schaute er sie unvermittelt an und l�chelte.</style></p><p><style name="font7">�Mein Onkel hat mich gefunden�, fl�sterte er, �nachdem Ajaci ihn zum Bunkereingang geleitet hatte.�</style></p><p><style name="font7">�Ich bin froh, dass es dir gutgeht. Aber wir k�nnen uns hier nicht aufhalten�, bemerkte sie mit einem leicht gehetzten Blick. �Es gibt da ein Problem. Ich musste meinen deutschen Kollegen, Sven Theisen, um Hilfe bitten, weil ich sichergehen wollte, dass ich dich ohne Pro-bleme dort unten herausholen konnte, dabei ist er im Innern des Bunkers verungl�ckt. Wegen der ganzen Ungereimtheiten konnte ich nicht einfach zum Lager zur�ckgehen und Hilfe holen. Au�erdem lag deine H�tte viel n�her, und ich hatte gehofft, hier wenigstens irgendjeman-den zu finden, der uns hilft. Sven liegt in einem uralten Treppenschacht. Allein kann ich ihn nicht bergen.�</style></p><p><style name="font7">Leonid lie� von ihr ab und erhob sich rasch. �Warum sagst du das nicht gleich? Worauf warten wir noch?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria warf einen Blick auf den Hund, der immer noch leise knurrte. �Er ist w�tend auf mich.�</style></p><p><style name="font7">�Ajaci?� Leonid hob eine Braue. �Warum?�</style></p><p><style name="font7">�Weil Kolja in meinem Beisein auf ihn geschossen hat. Ich konnte nichts daf�r.�</style></p><p><style name="font7">�Ich werde es ihm erkl�ren.� Leonid l�chelte sie an und k�sste sie abermals.</style></p><p><style name="font7">Nachdem ihm Viktoria die Lage ihres Kollegen noch einmal eingehender geschildert hatte, packte er Verbandmaterial, ein paar Seile und ein Ger�t zum Abseilen in einen Rucksack. Dann machten sie sich auf den Weg.</style></p><p><style name="font7">Der Marsch zum Bunker war l�ngst nicht so sch�n wie am Morgen zuvor. Kein Vogel zwitscherte, der Himmel erschien so d�ster wie kurz vor einem Weltuntergang. Viktoria hielt Leonids Hand umklammert, w�hrend sie durch den trostlos wirkenden Wald stiefelten. Sie war verkrampft und hatte Angst, das konnte er sp�ren. Ein Grund mehr, sie nicht mit der Wahrheit �ber ihn und sein Schicksal zu belasten.</style></p><p><style name="font7">�Wenn wir das hier erledigt haben�, sagte er leise, �werde ich f�r eine Weile weggehen m�ssen. Familienangelegenheiten. Ich hoffe, du kannst das verstehen. Bestimmt werden wir uns irgendwann einmal wieder begegnen.�</style></p><p><style name="font7">�Ich denke auch, dass es tats�chlich besser ist, wenn du eine Zeitlang verschwindest.�</style></p><p><style name="font7">�Warum sagst du das?� Zwischen zwei ausladenden Tannen blieb er stehen und schaute Viktoria durchdringend in die gr�nen Augen.</style></p><p><style name="font7">�Lebenov hat mich heute Mittag verh�rt - in Anwesenheit deines Gro�vaters� erkl�rte sie ruhig. �Ich habe ihm und seinen Leuten gesagt, dass ich mich wohl geirrt habe, als ich glaubte, dich auf dem Foto in dessen Haus erkannt zu haben.� Sie sah ihn mit zweifelnder Miene an. �Ich wei� zwar nicht, was du in Tschetschenien ausgefressen hast, aber es scheint zu gen�gen, damit du besser ein toter Mann bleibst.�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe nichts ausgefressen�, gab er heftig zur�ck. �Ich war dabei, als man herausgefunden hat, dass Bashtiri und auch Lebenov s�mtliche Kriegsparteien mit Waffen belieferten, um den Krieg zu verl�ngern und ihre eigenen Profite zu machen - der eine als H�ndler, der andere als Drahtzieher. Die Beweise befanden sich in einer einzigen Akte. Doch bevor die verantwortliche Delegation diese Beweismittel nach Moskau �berbringen konnte, wurde unser Helikopter von einer Granate gestreift. Angeblich waren es feindliche Terroristen. Zu dumm nur, dass das gesamte Terrain bei unserem Start von der Armee in einem Radius von mehreren Kilometern bestens gesch�tzt war. Keine Kakerlake h�tte hindurchschl�pfen k�nnen. Wir st�rzten aus einhundert Meter H�he ab. Ich habe den Vogel noch halbwegs abfangen k�nnen, und eine defekte Elektroleitung hat den Aufprall zudem gemildert. Doch wir hatten vollgetankt, so dass es sofort eine Explosion gab. Ich wurde als Pilot aus dem Wrack geschleudert, weil ich noch nicht angeschnallt war. Alle anderen sind verbrannt. Sie hatten keine Chance zu entkommen.� F�r einen Moment wandte Leonid sich ab, w�hrend er voller Schmerz das Gesicht verzog.</style></p><p><style name="font7">Als sein Blick zu ihr zur�ckkehrte, nahm sie die Trauer in seinen Augen wahr. �Verletzt und v�llig mittellos ist es mir mit der Hilfe von selbstlosen Einheimischen gelungen, das Land zu verlassen. Doch Le-benov ist mir auf die Schliche gekommen. An der Grenze zu Dagestan haben seine Leute mich erwischt und versucht, mich im Terek zu ertr�nken. Wie durch ein Wunder konnte ich mich von den Fesseln befreien und habe �berlebt. Wenn Lebenov herausfindet, dass ich noch lebe, wird er alles tun, um mich endg�ltig zu erledigen. Ich wei� einfach zu viel. In diesem Fall bedeutete Wissen nicht Macht, sondern den Tod.�</style></p><p><style name="font7">�Und es ist nicht m�glich, den beiden nachtr�glich irgendeine Schuld nachzuweisen? Kannst du nicht zur Polizei gehen und sagen, wie es wirklich war?�</style></p><p><style name="font7">Leonid l�chelte unfroh. �Wir sind hier nicht in Deutschland. Es gab Zeugenaussagen, Videob�nder und schriftliches Material. Alles ist bei dem Ungl�ck verbrannt. Die vermeintlichen Zeugen waren kurze Zeit sp�ter entweder wie vom Erdboden verschluckt oder im wahrsten Sinne des Wortes mundtot gemacht worden. Ich vermag nicht zu sagen, wer sonst noch in der Angelegenheit drin steckt.� Leonid stapfte weiter in die D�mmerung hinein. Viktoria folgte ihm mit gesenktem Kopf.</style></p><p><style name="font7">Je mehr sie sich dem Einstieg n�herten, desto schweigsamer wurden sie. Trotz Viktorias Aussage, dass au�er Kolja niemand �ber den Bunker Bescheid wusste, misstraute er der Sache. Lebenov war ein alter Fuchs, und es wunderte ihn, dass er Koljas geheime Mission noch nicht entlarvt hatte.</style></p><p><style name="font7">Unsicher f�hrte ihn Viktoria zu der Stelle, wo sie Theisen vermutete.</style></p><p><style name="font7">Als Leonid die Eisent�r zum Abgrund �ffnete, betete sie stumm, dass Sven Theisen noch am Leben sein m�ge und es ihn nicht so schlimm erwischt hatte, wie zun�chst bef�rchtet.</style></p><p><style name="font7">�Sven!� Viktoria rief so laut sie konnte, doch nur ein leises St�hnen folgte. �Sven, wie geht es dir?�</style></p><p><style name="font7">�Ich dachte schon, du h�ttest mich vergessen�, stie� Theisen hervor. �Oder ein Wolf w�re �ber dich hergefallen.�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe jemanden mitgebracht, der uns helfen wird, dich nach oben zu holen!�</style></p><p><style name="font7">Theisen antwortete nicht, sondern st�hnte nur gequ�lt.</style></p><p><style name="font7">�Blja!� fluchte Leonid, was soviel wie �Schei�e� bedeutete. �Die Treppe ist zusammengebrochen�, murmelte er mehr zu sich selbst, w�hrend er mit der LED-Leuchte den Abgrund inspizierte. �Ich muss mich tats�chlich abseilen. Dabei darf ich mich auf keinen Fall ganz auf die Plattform hinunterlassen. Sonst brechen wir beide weiter nach unten durch.�</style></p><p><style name="font7">�Du kannst ihn doch retten, nicht wahr?� Viktorias Stimme klang �ngstlich.</style></p><p><style name="font7">�Nat�rlich�, meinte Leonid beschwichtigend. �Ich tue, was in meiner Macht steht.� Wie m�chtig er dabei war, w�rde sich erst noch herausstellen. Immerhin konnte er sp�ren, dass der Deutsche schwer verletzt sein musste.</style></p><p><style name="font7">Nachdem er eine Stelle gefunden hatte, wo er den Karabiner einhaken konnte, legte er sich das Gurtgeschirr um und zog Handschuhe �ber. Dann schwang er sich in die Dunkelheit.</style></p><p><style name="font7">�Pass blo� auf dich auf�, fl�sterte Viktoria.</style></p><p><style name="font7">Langsam lie� Leonid sich zu Theisen hinab.</style></p><p><style name="font7">�Kannst du dich bewegen, Mann?�</style></p><p><style name="font7">�Ich wei� es nicht�, stie� Theisen ungeduldig hervor. �Ich habe h�llische Schmerzen, aber vor allem habe ich Angst, dass der Boden unter mir nachgeben k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">�Wo tut es weh?� Leonid hing dicht �ber ihm. Die Springerstiefel immer noch an die Wand gestemmt, streckte er einen Arm zu ihm hinunter und ber�hrte Theisens Rippenbogen mit seinen Fingerspitzen. Wie mit Ultraschall fuhr er spielend leicht �ber die einzelnen Erhebungen. �Es sind nur Prellungen, keine Br�che�, bemerkte er fachkundig.</style></p><p><style name="font7">�Woher willst du das wissen?�, zischte Theisen ver�rgert.</style></p><p><style name="font7">Leonid antwortete nicht, sondern lie� nun ein Seil zu dem Deutschen hinab. �Hier! Versuch dir das um die Taille zu legen und festzuzurren.�</style></p><p><style name="font7">�Ich kann nicht�, murrte Theisen beleidigt.</style></p><p><style name="font7">�Dann wirst du hier unten verrecken m�ssen, verdammt!� In solchen Situationen verstand Leonid �berhaupt keinen Spa�. Er hatte im Krieg schon etliche Kameraden aus brenzligen Lagen befreit, aber immer war er auf deren Hilfe angewiesen gewesen.</style></p><p><style name="font7">Mit Anspannung beobachtete Viktoria, wie Leonid sich noch weiter hinunterlie� und das Seil, an dem er hing, bedrohlich zu schwingen begann. Ein Blick auf den verrosteten T�rrahmen, an dessen Eisenriegel er die Schlinge befestigt hatte, lie� sie Schlimmes vermuten. Das Material war l�ngst marode und w�rde ihn nicht ewig halten.</style></p><p><style name="font7">�Komm schon, Kamerad�, stie� Leonid hervor. �Hilf ein wenig mit!�</style></p><p><style name="font7">Theisen hob m�hsam den Kopf an und st�hnte sofort, als er versuchte, sich auf dem maroden Rost auf die Ellbogen zu st�tzen. Er knickte ein, und die gesamte Konstruktion geriet so sehr ins Wanken, dass er abzust�rzen drohte.</style></p><p><style name="font7">�Schei�e�, zischte er.</style></p><p><style name="font7">�Kannst du wenigstens einen Arm anheben?� Leonid versuchte sich in Geduld zu �ben.</style></p><p><style name="font7">�Nur den rechten.�</style></p><p><style name="font7">Vorsichtig hob Theisen den Arm, und Leonid legte das Seil wie ein Lasso darum und schob das Seil hoch bis zur Schulter.</style></p><p><style name="font7">�So, jetzt der Kopf.�</style></p><p><style name="font7">Keuchend hob Theisen seinen Kopf, und Leonid half ihm durch die Schlaufe hindurch, bis das Seil halbwegs die Brust umspannte.</style></p><p><style name="font7">�Versuch die Schlaufe mit der unverletzten Hand �ber den anderen Arm zu schieben.�</style></p><p><style name="font7">Theisen grummelte etwas in sich hinein, w�hrend Viktoria beobachten konnte, wie er sich abm�hte, das Seil vollends um die Brust zu winden. Dabei gelang es ihm nur unter gr��ter Anstrengung, die Schlinge wenigstens vollst�ndig um den anderen Arm zu legen. Keine Sekunde zu fr�h. Mit einem Ruck sauste der marode untere Treppenabsatz in die Tiefe und zerschellte in seine Einzelteile, die Theisen und auch Leonid unweigerlich aufgespie�t h�tten, falls das Seil, an dem Leonid hing, nicht auch den Deutschen gehalten h�tte.</style></p><p><style name="font7">Theisen br�llte wie ein Stier, w�hrend sein gesamter K�rper �ber der Tiefe baumelte. Leonid war rot angelaufen vor Anstrengung, w�hrend er versuchte, das Seil, an dem der Deutsche hing, �ber seinen Schultern zu fixieren, um ihn und sich selbst an der Steilwand zu stabilisieren.</style></p><p><style name="font7">Viktoria hielt den Atem an. �Kann ich euch irgendwie helfen?�, rief sie kl�glich.</style></p><p><style name="font7">�Njet!�, stie� Leonid mit zusammengebissenen Z�hnen hervor, derweil der Deutsche immer lauter zu wimmern begann, weil das Seil tief in sein Fleisch schnitt. Die Fu�sohlen fest an der Wand, das Seil, an dem Theisens K�rper hing, um Brust und Taille geknotet, stemmte Leonid sich Schritt f�r Schritt empor.</style></p><p><style name="font7">Mit jeder Bewegung schnitt das F�hrungsseil tiefer und tiefer in den Rost hinein. Noch paar Zentimeter, und der Holm, an dem das Abseilger�t befestigt war, w�rde brechen.</style></p><p><style name="font7">Mit einer Hand hatte Leonid schon den Einstieg erreicht, als ein knarzendes Ger�usch seine ganze Aufmerksamkeit einforderte. Bevor er ein Bein �ber den T�rpfosten hinausschwingen konnte, verbog sich die Halterung endg�ltig und riss entzwei. Keuchend krallte er sich an der vergleichsweise winzigen Erhebung des T�rrahmens fest, w�hrend Viktoria an seinen Kleidern zog.</style></p><p><style name="font7">�Das Seil�, stie� er hervor.</style></p><p><style name="font7">Viktoria dachte nicht lange nach und legte die Lampe auf den Boden. Dann griff sie an Leonid vorbei und erfasste die lose nach unten baumelnde Halterung. In Panik brachte sie das Ende in Sicherheit und hielt Ausschau nach etwas, an dem sie den Haken fixieren konnte.</style></p><p><style name="font7">Leonid drohte trotz aller Anstrengungen nach unten hin abzurutschen. Theisen wog gut und gerne neunzig Kilo.</style></p><p><style name="font7">�Du musst dich an</style> mir<style name="font7"> festhalten�, stie� Viktoria atemlos hervor, w�hrend sie auf die Knie ging und ihm ihre Arme entgegenstreckte. �Ich kann nichts finden, woran ich das Seil befestigen k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">F�r einen Moment schloss Leonid gequ�lt die Augen. In einer solchen Situation konnten ihm all seine F�higkeiten nicht helfen. Viktoria w�rde unweigerlich mit in den Abgrund gerissen, wenn er auch nur den Versuch unternahm, sich an ihr hochzuziehen.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich wurde es hell, obwohl Viktoria die Lampe beiseitegelegt hatte.</style></p><p><style name="font7">�Geiler Arsch�, bemerkte eine schneidende Stimme. �Eine Einladung zum V�geln.�</style></p><p><style name="font7">�Zieh ihr die Hose runter�, gr�lte ein anderer.</style></p><p><style name="font7">�Das ist doch die deutsche Hure aus unserem Camp?�</style></p><p><style name="font7">�Gurkenkopf! Hast du's auch schon bemerkt?�</style></p><p><style name="font7">�K�nnen wir helfen? Pisdjenka?� Gr�lendes Gel�chter hallte von den H�hlenw�nden wider.</style></p><p><style name="font7">Viktoria sah sich ungl�ubig um und beleuchtete die Gesichter von vier M�nnern, die allesamt uniformiert und bewaffnet waren. Bei n�herer Betrachtung erkannte sie die Kerle: Es waren Lebenovs Leute.</style></p></section><section><title><p><style name="font5">25.</style></p><p><style name="font7">Januar</style><style name="font4"> 1908,</style><style name="font7"> Sibirien - Maganhir</style></p></title><p><style name="font7">Noch in der Nacht schlich Leonard zum Gefangenenblock I. Dort befand sich die Arrestzelle, in die man Tschirin eingesperrt hatte. Die Wachen lie�en sich mit zwei P�ckchen Zigaretten bestechen, von denen Aslan bei seinem letzten Au�eneinsatz gleich eine ganze Kiste mitgebracht hatte. Mit zitternden Fingern hob Leonard das Licht an das Guckloch heran und schob die eiserne Plakette zur Seite. �Tschirin�, zischte er leise. �Ich bin es, Leonard. Wie geht's dir?� Der Gestank nach Kot und Urin nahm ihm den Atem. �Kannst du die Wachen dazu bringen, dass sie mir wenigstens etwas zu trinken geben?� Die Stimme klang erstickt. �Ich muss hier raus, sonst werde ich noch meinen Verstand verlieren.�</style></p><p><style name="font7">�Ich kann dich nicht herausholen, aber dein Vater k�nnte es, wenn er uns helfen w�rde.�</style></p><p><style name="font7">�Wenn es so ist, werde ich meine Familie niemals wiedersehen.� Die Stimme des jungen Tungusen verriet, in welcher aussichtslosen Lage er sich sah. �Mein Vater wird den Russen niemals helfen. Er wird sich h�chstens r�chen, und dann ist alles, woran euer Herz h�ngt, verloren.�</style></p><p><style name="font7">�Gibt es denn nichts, womit wir ihn umstimmen k�nnten?�</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht gibt es etwas�, erwiderte Tschirin mit br�chiger Stimme.</style></p><p><style name="font7">�Ich sollte es dir nicht sagen, aber ich habe eine Frau und eine kleine Tochter. Ich will nicht sterben. Ich m�chte sehen, wie sie aufw�chst. Kannst du das verstehen?�</style></p><p><style name="font7">Leonard r�usperte sich, um antworten zu k�nnen. �Glaub mir, niemand wei� besser als ich, wovon du sprichst. Also sag schon, ich werde es pers�nlich an Kommandeur Lobow weitergeben und mich daf�r einsetzen, dass er dich danach auf freien Fu� setzt.�</style></p><p><style name="font7">�Sagt meinem Vater, dass ihr an seiner Stelle den gro�en Maganhir um Hilfe bitten werdet, wenn er selbst nicht bereit ist, euch zu helfen.�</style></p><p><style name="font7">�Maganhir? Wer, zum Teufel, ist Maganhir?�</style></p><p><style name="font7">�Er geh�rt zum Stamm der Yanagir. Seine Sippe lebt an der oberen Taimura. Er besitzt �hnliche F�higkeiten wie mein Vater und ist der einzige Schamane weit und breit, der sich mit ihm messen k�nnte. Die beiden stehen in st�ndiger Fehde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es meinem Vater gleichg�ltig ist, wenn euer Kommandant Maganhir den Vorzug gibt.�</style></p><p><style name="font7">Maganhir ausfindig zu machen war nicht so schwierig wie gedacht. Jedoch erschien die Reise zu ihm wie eine H�llenfahrt. Ein heftiger Schneesturm ersch�tterte die Region und t�tete auf geheimnisvolle Weise sechs von Lobows Soldaten, die sich unter Leitung eines Kosakenkommandeurs mit zehn weiteren Kameraden vom Lager aus auf den Weg gemacht hatten. Zeugen berichteten, sie h�tten die Orientierung verloren und sich im Schneegest�ber gegenseitig erschossen, auf halbem Weg, bevor sie ihr Ziel erreicht hatten.</style></p><p><style name="font7">Maganhir empfing die verbliebene Truppe mit offenen Armen, nachdem er erfahren hatte, in wessen Auftrag sie unterwegs waren und was sie von ihm begehrten. Er gab Tschutschana die Schuld an den Wetterkapriolen und an dem merkw�rdigen Tod der Soldaten. Der verfeindete Schamane dr�cke damit die Wut �ber die Verhaftung seines Sohnes aus, nur er, Maganhir, k�nne etwas gegen Tschutschanas finstere Machenschaften ausrichten, verk�ndete er gro�spurig.</style></p><p><style name="font7">Eine Woche sp�ter erschien Maganhir mit kleinem Gefolge im Lager und wurde Weinberg und seinen Kollegen vorgestellt. Im Gegensatz zu Tschutschana war er laut und kleinw�chsig, nur seine schr�g stehenden �uglein leuchteten genauso hinterlistig. Auch seine Kleidung unterschied sich kaum von der Tschutschanas. Allerdings zierte keine Wolfsschnauze seinen seltsamen Hut, sondern ein Rentiergeweih.</style></p><p><style name="font7">Aslan tat sich schwer, ihn auf seine au�ergew�hnlichen F�higkeiten anzusprechen. Nachdem er ihm genau erkl�rt hatte, worauf seine Hilfe hinauslaufen sollte, begann der Schamane lauthals zu lachen. F�r ihn stelle es keine gr��ere Herausforderung dar, eine elektrische Ladung von gr��eren Ausma�en zu provozieren, prahlte er. Blitze zu erzeugen geh�re sozusagen zum Repertoire eines wahren Schamanen. Man m�sse nur mit Gott Ogdy und den richtigen Geistern im Bunde stehen. Ob es tats�chlich die richtigen waren, bezweifelte nicht nur Leonard. Auch Aslan hatte mit angespannter Miene beobachtet, wie Maganhir bei einer Einladung des Kommandeurs am folgenden Abend gleich mehrere Flaschen Wodka in sich hineinkippte, als ob es Wasser w�re. Anders als die Kosaken sank er danach sturzbesoffen danieder und fiel regelrecht ins Koma.</style></p><p><style name="font7">Am n�chsten Vormittag sollte der Schamane die erste Kostprobe seines K�nnens liefern. Maganhir machte nicht den Eindruck, als ob ihm der Alkoholexzess etwas ausgemacht h�tte. Sein Blick war stolz, als er aufrecht, gefolgt von ein paar Getreuen und einer kleinen Gruppe von russischen Beobachtern, durch das Lager schritt. An einem abgeschiedenen Platz hinter dem Kraftwerk hatte man auf einer Felsnase eine Zielvorrichtung eingezeichnet - f�nf runde Kreise in wei�er Farbe, die wegen der K�lte sofort zu Eis erstarrt war. Der Schamane begab sich mit Trommelschl�gen und Tanzeinlagen vor der Lagerleitung und den anwesenden Wissenschaftlern in Trance, nachdem er aus einer h�lzernen Flasche einen speziellen Trunk zu sich genommen hatte.</style></p><p><style name="font7">�Bestimmt ist es H�hnersuppe�, frotzelte Pjotr. �Das hat meine Mutter mir immer gegeben, wenn ich mit meiner Studentenverbindung mal wieder �ber die Str�nge geschlagen hatte. Es bewirkt Wunder.�</style></p><p><style name="font7">Aslan runzelte unter seiner schwarzen Fellm�tze die Stirn. �Sei still�, zischte er. �Wenn es nicht klappt, sind wir geliefert.�</style></p><p><style name="font7">Kommandeur Lobow beobachtete die Ver�nderung in den Gesichtsz�gen des Schamanen mit Spannung. Dass ihm die Sache nicht ganz geheuer erschien, konnte man daran erkennen, dass er doppelte Wachen hatte aufstellen lassen. Unvermittelt h�rten die schamanischen Ges�nge auf. Maganhir stellte sich breitbeinig mit dem R�cken zu seinem Publikum. F�r einen Moment wirkte er wie versteinert.</style></p><p><style name="font7">Leonard und seine Kameraden hatten unentwegt den Himmel beobachtet, weil sie damit rechneten, dass irgendwo Gewitterwolken am klaren Januarhimmel aufziehen w�rden. Nirgendwo war jedoch ein W�lkchen zu sehen. Im Gegenteil, die glitzernde Morgensonne kroch �ber die Bergspitzen und blendete sie, als Maganhir ein keuchendes Ger�usch von sich gab.</style></p><p><style name="font7">Ein ohrenbet�ubender Knall zerriss die morgendliche Stille und hallte von den Bergw�nden wider. S�mtliche Anwesenden zuckten zusammen und gingen sofort in Deckung, selbst die Soldaten, die eigentlich f�r den Schutz des Kommandeurs abgestellt waren. Steine sprangen auf, und ein scharfer, hei�er Wind brachte den Schnee an der Stelle zum Schmelzen, wo etwas aufgetroffen war, das man im Entferntesten mit einer gro�en wabernden Seifenblase h�tte vergleichen k�nnen.</style></p><p><style name="font7">Aslan hatte die Erscheinung gesehen. Er stand etwas abseits im Schatten einer Mauer und hatte beobachten k�nnen, wie sich in Sekundenbruchteilen ein diffuser, scheinbar gl�serner Ball aus der Mitte des Schamanen gel�st hatte, der dann auf eine Felsnase getroffen war und den Stein regelrecht hatte zerbersten lassen.</style></p><p><style name="font7">Lobow schaute als Erster auf. Seine Soldaten waren sogleich pflichtschuldig an seiner Seite. Man konnte ihnen ansehen, dass sie eingesch�chtert waren, als sie mit ihm zusammen zu jener Stelle schritten, die von der geheimnisvollen Energie des Schamanen getroffen worden war. Maganhir war unterdessen in die Knie gegangen. Er machte einen ersch�pften Eindruck. Lobow kniete ebenfalls nieder, aber nicht aus Ersch�pfung, sondern aus purer Begeisterung. Beinahe z�rtlich strich er �ber den abgesprengten Felsbrocken.</style></p><p><style name="font7">�Lasst den Tungusen frei!�, verk�ndete er knapp. �Er soll nach Hause in sein Dorf gehen und seinem Alten sagen, dass wir gerne auf ihn verzichten.�</style></p><p><style name="font7">Es war Leonard, der den jungen Tungusen mit Lobows Einverst�ndnis aus dem stinkenden Loch befreite. Halb erfroren und schmutzig wankte Tschirin in Decken geh�llt zur einzigen Waschkaue des Lagers, in der ein paar Frauen auf Anweisung Kissankas hei�es Wasser bereitet hatten. Der Blick des Tungusen war leer, als Leonard ihn in einem gro�en Holzbottich vor einem Kanonenofen zu waschen begann.</style></p><p><style name="font7">�Mein Vater wird mich und meine Familie verbannen�, sagte Tschirin so leise, dass Leonard ihn kaum verstand. Er seifte die verklebten Haare des Tungusen ein und kippte aus einer Blechschale warmes Wasser dar�ber.</style></p><p><style name="font7">�Warum? Du kannst doch nichts daf�r, dass man dich hier eingesperrt hat.�</style></p><p><style name="font7">�Das ist es nicht�, murmelte Tschirin. �Ich war es, der die geheimen Kr�fte meines Vaters an die Russen verraten hat, und ich war es auch, der ihnen den Hinweis auf Maganhir gegeben hat.�</style></p><p><style name="font7">Leonard half Tschirin aus dem Holzbottich. Die Frauen waren gegangen und hatten ihn mit dem Tungusen allein gelassen. Wie selbstverst�ndlich trocknete er ihn ab und reichte ihm die inzwischen geflickte Kleidung. Kissanka hatte ihm hei�e Milch und eine Graupensuppe hingestellt, die er wortlos und mit zitterndem L�ffel verzehrte. Sie warteten noch eine Weile, bis die Haare des Tungusen getrocknet waren. Danach stieg er in seine Fellstiefel und den dicken Mantel.</style></p><p><style name="font7">Zum Abschied umarmte er Leonard fest.</style></p><p><style name="font7">�Danke, Bruder�, fl�sterte Tschirin. �Was immer kommen mag -ich stehe in deiner Schuld.�</style></p><p><style name="font7">Leonard sch�ttelte verlegen den Kopf. �Nein, Tschirin, was meine Kameraden und ich hier tun, ist nicht recht, und allein dein Vater wei� darum. Aber manchmal l�sst einem das Schicksal keine Wahl.�</style></p><p><style name="font7">�Ich wei�.� Tschirin nickte, bevor er sich zu seinem Schlitten und dem zottigen Pferdchen begab und ohne einen Gru� durch das eiserne Lagertor davonfuhr.</style></p><p><style name="font7">Die Arbeiten mit dem Schamanen gingen indessen gut voran.</style></p><p><style name="font7">�Wenn es so weitergeht, zerschie�t er mir s�mtliche Messger�te�, fluchte Aslan am Abend, als er mit Weinberg, Pjotr und Leonard in ihrer Baracke zusammenkam. �Die Kraft seiner Einschl�ge ist bereits jetzt st�rker als bei einem gew�hnlichen Blitz.�</style></p><p><style name="font7">�Hast du eine physikalische Erkl�rung daf�r, wie er es macht?� Pjotr sa� in seiner langen Unterw�sche auf seinem Bett und trank einen Tee, den Weinberg in guter Tradition f�r sie alle bereitet hatte. �Wie bringt er es fertig, eine solche massive Energie zu erzeugen? Er ist nur ein Mensch.�</style></p><p><style name="font7">Aslan sch�ttelte nachdenklich den Kopf. �Keine Ahnung, Pjotr. Primanov hat ihn untersucht. Der Doktor kam zu der gleichen Auffassung wie du. Ich wei� nur soviel, dass seine Blitze keine wirklichen Blitze sind und dass ihre Kraft sich von Versuch zu Versuch steigert. Es erscheint mir wie reine Energie, die er aus seiner Umgebung zapft und mittels Geist und K�rper zu einem unsichtbaren Geschoss transformiert. Wenn es so weitergeht, werde ich in der kommenden Woche mit seiner Hilfe meinen ersten kleinen Sprengsatz z�nden k�nnen.�</style></p><p><style name="font7">Weinberg entfachte eine Petroleumlampe und gesellte sich zu seinen jungen Kollegen.</style></p><p><style name="font7">�Alles ist wissenschaftlich erkl�rbar�, brummte er vor sich hin, �irgendwann. Und bis es soweit ist, nennt man es Hokuspokus, weil die Wissenschaftler es nicht ertragen k�nnen, dass es Ph�nomene gibt, die nicht zu erkl�ren sind. In mancherlei Hinsicht sind uns die Schamanen voraus, weil sie keine h�here Mathematik ben�tigen, um zu wissen, dass es Kr�fte zwischen Himmel und Erde gibt, die weit m�chtiger sind als alles, was wir zu wissen glauben.�</style></p><p><style name="font7">Leonard sa� auf seinem Bett und h�rte kaum zu. Er hielt einen Brief von Katja in H�nden, in denen sie ihrer Mutter die kleine Enkelin beschrieb: ein pr�chtiges M�dchen mit blonden Z�pfen und lustigen Gr�bchen. Sie kommt ganz auf ihren Vater, schrieb sie weiter. Ich bin m�chtig stolz auf sie.</style></p><p><style name="font7">Leonard schluckte. Lobow hatte ihm die �bersiedlung der beiden schon lange versprochen, doch bisher nicht erf�llt. Er musste immer wieder an die Worte von Kissanka denken: Was w�rde die beiden hier drau�en erwarten au�er lebenslanger Gefangenschaft? In Tomsk konn-ten sie sich wenigstens halbwegs frei bewegen. Vielleicht war es besser, wenn er Lobow erst gar nicht mehr an sein Versprechen erinnerte.</style></p><p><style name="font7">In den n�chsten Tagen ersch�tterten mehrere Explosionen das Lager. Aslan hatte seine Versuche mit dem Schamanen ausgeweitet, und schlie�lich war man zu der �berzeugung gekommen, dass die Heftigkeit der Ersch�tterungen das Kraftwerk und auch Pjotrs Fortschritte beim Bau der Luftschiffe gef�hrden k�nnten. Also war man mit mehreren Trupps von Arbeitern und Soldaten in das hundert Werst nord�stlich gelegene Gebiet der Steinigen Tunguska ausgewichen. Leonard arbeitete Tag und Nacht an einer drahtlosen Funkverbindung, die ein Areal von mehreren hundert Werst abdecken sollte. Im kommenden Fr�hjahr sollten insgesamt f�nfzehn Relaisstationen mit riesigen Antennenmasten im Abstand von vierzig Werst entlang der Steinigen Tun-guska errichtet werden, die bis ins s�d�stlich gelegene Kirensk reichen w�rden, um w�hrend der Testphase einen reibungslosen Funkverkehr zu garantieren. Es war das erste Mal seit drei Jahren, dass Leonard - wenn auch streng bewacht - das Lager verlassen durfte. Auf Pferdeschlitten ging es �ber eine Strecke von knapp vierhundert Werst, um die Markierungen festzulegen. Sp�ter wollte man hier die automatische Steuerung des ersten Luftschiffes auf Tauglichkeit pr�fen. Leonard fieberte diesem Tag regelrecht entgegen. Erst dann w�rde sich zeigen, ob seine Konstruktionen im Sinne Nicola Teslas etwas taugten oder ob er den Zorn des Zaren auf sich lud, falls die Sache fehlschlug und das ganz aus Aluminium bestehende Luftschiff an einer Bergkuppe zerschellte.</style></p><p><style name="font7">Es war ein Dienstag, an dem er aus den Weiten des sibirischen Winters zur�ckkehrte.</style></p><p><style name="font7">Vor dem Lagertor standen ein paar tungusische Rentiergespanne. Leonard hoffte f�r einen Moment, dass Tschirin bei den wartenden J�mschtschiks dabei sein w�rde. Seit Monaten hatte er nichts mehr von dem jungen Tungusen geh�rt; es ging das Ger�cht herum, dass sein Vater ihn samt seiner kleinen Familie aus dem Stamm verbannt hatte.</style></p><p><style name="font7">Leonard sprang vom Schlitten, als sie das Tor erreichten, und lief auf einen der Wagenlenker zu, um nach Tschirin zu fragen.</style></p><p><style name="font7">�Er ist als Goldw�scher nach Vanavara gegangen�, erkl�rte einer der Wagenlenker, �um sich bei einer russischen Firma zu verdingen.�</style></p><p><style name="font7">�Ein schweres Los�, f�gte ein anderer hinzu. �Die Bezahlung ist schlecht und das Leben hart. Viele Familien sterben, noch bevor sie sich eingerichtet haben.�</style></p><p><style name="font7">Schweren Herzens passierte Leonard das Tor, vorbei an den Wachsoldaten, die vor den nachfolgenden Offizieren salutierten.</style></p><p><style name="font7">Einer der M�nner trat hervor und machte Meldung.</style></p><p><style name="font7">�Der Gefangene Leonard Schenkendorff soll sich unverz�glich beim Kommandeur melden, sobald er ins Lager zur�ckgekehrt ist.�</style></p><p><style name="font7">Mit einem unguten Gef�hl begab sich Leonard zur Offiziersbaracke. Es kam nicht oft vor, dass der Lagerkommandant einen H�ftling zu sich rief. Meistens hatte man etwas ausgefressen oder einen gravierenden Fehler gemacht. Leonard r�tselte immer noch, was er angestellt haben k�nnte, als ihm von der K�chenbaracke kommend Kis-sanka �ber den Weg lief.</style></p><p><style name="font7">Eingeh�llt in einen dicken Mantel und ein wollenes Tuch musste er zweimal hinschauen, um sie zu erkennen. Sie trug einen Korb in der Hand und war offenbar auf dem Weg zum H�hnerhaus. Ihr Gesicht war ernst, und sie begr��te ihn l�ngst nicht so �berschw�nglich, wie sie es gew�hnlich tat. Nur ein Nicken, dann war sie auch schon vorbeigeeilt.</style></p><p><style name="font7">�Was ist denn das f�r ein Empfang?�, rief er ihr mit einem L�cheln hinterher. �Begr��t man so einen alten Freund, der drei Wochen fort war?�</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich blieb Kissanka stehen und wandte sich um, dann kam sie langsam auf ihn zu. �Nun hast du ja, was du wolltest. Ich hoffe, du wirst gl�cklich mit deiner Wahl. Ich f�r meinen Teil w�nsche euch alles Gute und dass niemals eintritt, was ich bef�rchte.�</style></p><p><style name="font7">�Wovon redest du?�</style></p><p><style name="font7">�Ach, du wei�t es noch gar nicht?� Ihre Stimme klang spitz. �Na, dann will ich dir die �berraschung nicht nehmen.� Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich um und hastete davon.</style></p><p><style name="font7">Eine Ahnung beschlich Leonard. Sein Blick wanderte hinaus zu den J�mschtschiks. Schon am Tor hatte er sich die Frage gestellt, warum sie einen Tag zu fr�h angekommen waren.</style></p><p><style name="font7">Er beschleunigte seine Schritte, lief vorbei an der Baracke, in der er mit seinen drei Kameraden wohnte und schlief. Vorbei an einem Trupp Soldaten, die sich in der Wachabl�sung befanden. Vorbei an W�scherinnen, die mit Weidenk�rben aus der Waschkaue str�mten.</style></p><p><style name="font7">Sein Blick galt einzig der Offiziersbaracke, die direkt an die Konstruktionshalle angrenzte und in der sich das B�ro von Lobow befand.</style></p><p><style name="font7">In seiner Aufregung �bersah er den Wachsoldaten vor der T�r und w�re beinahe, ohne anzuklopfen, in das Zimmer des Kommandeurs gest�rmt. Der junge Soldat reagierte schnell und packte ihn am Arm seines Fellmantels, bevor er die T�r aufsto�en konnte.</style></p><p><style name="font7">�Bist du angemeldet?� An die Respektlosigkeit der Rekruten hatte Leonard sich l�ngst gew�hnt, nicht aber, dass man ihn t�tlich angriff. Er entwand sich dem Griff des Wachmanns und stie� ihn zu Boden. Dann st�rmte er in das B�ro des Obersten.</style></p><p><style name="font7">�Wo ist sie?�, rief er.</style></p><p><style name="font7">Lobow sah ihn �berrascht an, w�hrend sein Wachmann fluchend und mit gezogener Waffe hinter Leonard herpolterte, um ihn aufzuhalten. �K�nnen Sie sich nicht benehmen, meine Herren? Ich habe Damenbesuch, da wird man doch wohl ein Mindestma� an Etikette erwarten d�rfen!�</style></p><p><style name="font7">Der Wachmann schlug die Hacken zusammen und murmelte eine Entschuldigung.</style></p><p><style name="font7">Leonard k�mmerte sich weder um Lobow noch um den Soldaten. Sie sa� in einer Ecke hinter der T�r, direkt unter dem Kleiderhaken, an dem Lobow gew�hnlich seinen Mantel aufh�ngte. Ihr tizianrotes Haar hatte sie zu einem strengen Knoten hochgesteckt. Schmal war sie geworden, aber noch genauso h�bsch, wie er sie Tag f�r Tag in seinem Herzen trug.</style></p><p><style name="font7">F�r einen Moment begegneten sich ihre Blicke, und als er das kleine M�dchen sah, das von Kopf bis Fu� eingeh�llt in einen grauen Kaninchenpelz neben ihr auf dem Boden kauerte, hatte er das Gef�hl, den Boden unter den F��en zu verlieren.</style></p><p><style name="font7">�Katja�, fl�sterte er mit erstickter Stimme.</style></p><p><style name="font7">Sie war aufgestanden und hatte den Mantel ausgezogen, um ihn �ber einen Stuhl zu legen. Darunter trug sie ein schlichtes blaues Wollkleid, das ihre Sch�nheit auf wunderbare Weise zur Geltung brachte. Vorsichtig ging sie auf ihn zu und hob ihre schmale Hand, um �ber seinen gestutzten Bart zu streicheln, als ob sie pr�fen wollte, dass er keine Erscheinung war. Tr�nen f�llten ihre Augen. Er hatte sie viel gr��er in Erinnerung, und als sie in seinen Armen versank, glaubte er f�r einen Moment, sein Herz w�rde aussetzen. Sie schluchzte hemmungslos in sein grobes B�renfell hinein, und er hielt sie hilflos im Arm, bem�ht, weder vor Lobow noch vor dem Kind zu weinen, das ihn aus gro�en blauen Augen fragend anschaute.</style></p><p><style name="font7">�Ich habe beschlossen, Ihnen und Ihrer Familie das Zimmer im Kontor zu �berlassen�, erhob Lobow seine befehlsgewohnte Stimme. �Sie wissen schon, dort, wo man Sie w�hrend Ihrer Krankheit untergebracht hat. Ihre Frau wird eine Arbeit in der Kantine erhalten. Das Kind bringen wir tags�ber in der �rtlichen Erziehungsanstalt unter.�</style></p><p><style name="font7">Ihre Frau! Erst jetzt realisierte Leonard, dass Lobow sie kurzerhand zu Mann und Frau erkl�rt hatte, obwohl der Kommandant Katja all die Jahre zuvor immer als seine kleine Freundin bezeichnet hatte.</style></p><p><style name="font7">�Ich hoffe, die Anwesenheit Ihrer Familie wird Sie in Ihrer Arbeit f�r den Zaren weiterhin befl�geln.�</style></p><p><style name="font7">Leonard nickte wie bet�ubt. Soviel Gl�ck auf einmal hatte er zuletzt an seinem zehnten Geburtstag empfunden, als sein Vater ihm eine kleine Dampfmaschine geschenkt hatte.</style></p><p><style name="font7">Zusammen mit dem Kind gingen sie zu Leonards Baracke. Immer noch sprachlos hielt er die Kleine an der Hand. �Ihr Name ist Viktoria.� Der Satz hallte in seinen Gedanken nach. F�r einen Moment war er versucht zu sagen �Ich wei߫, aber dann verzichtete er darauf, weil es einer l�ngeren Erkl�rung bedurft h�tte, warum er dieses Wissen besa�.</style></p><p><style name="font7">�Die Kleine braucht eine hei�e Milch�, sagte Katja. �Sie ist noch ganz durchgefroren von der langen Fahrt.� Leonard nickte stumm und steuerte auf die Kantinenbaracke zu. Er w�rde Kissanka oder eines der M�dchen bitten, seiner Frau und dem Kind etwas zu essen und zu trinken zu geben.</style></p><p><style name="font7">Die Mittagszeit war l�ngst vor�ber, und doch herrschte noch Betrieb in der K�che. Kissanka und die M�dchen sp�lten rund einhundert Blechn�pfe und Tassen. Ihr Blick war nicht zu deuten, als Leonard ihr seine Familie vorstellte. Er h�tte gern etwas mehr dazu gesagt, als einfach nur ihre Namen zu erw�hnen, doch ihm fehlten die Worte.</style></p><p><style name="font7">Viktoria trank auf Bitten ihrer Mutter vorsichtig von der hei�en Milch. Kissanka hatte ihr ein Scheibe Brot mit Butter bestrichen, die das Kind gierig a�. �Es kommt auf seinen Vater, was?� Sie l�chelte anz�glich und fing Katjas irritierten Blick auf.</style></p><p><style name="font7">Leonard verw�nschte Kissanka f�r einen Augenblick. Sie w�rde es ihm und seiner kleinen Familie nicht leichtmachen, soviel stand fest. Immerhin war sie so freundlich, nicht nur dem Kind, sondern auch Leonard und Katja einen Teller Eintopf zu geben, der vom Mittagessen �brig geblieben war. Leonard beobachtete, wie Mutter und Tochter ihre Suppen l�ffelten. Er konnte sich an Katja und seiner Tochter gar nicht sattsehen. Immer wieder verglich er ihre beiden puppenhaften Gesichter und suchte nach �hnlichkeiten.</style></p><p><style name="font7">Nach dem Essen erhielt er den Schl�ssel f�rs Kontor. Ein weiterer Vertrauensbeweis des Kommandanten. Im Schuppen neben dem leer stehenden Zimmer des Verwalters stapelten sich alle Dinge des t�glichen Bedarfs, die man im Lager ben�tigte. Katja begann sofort damit, den Ofen einzuheizen und die Stube zu fegen. Ein einfaches Bett und ein Sofa standen in dem Zimmer. Dazu ein Tisch und ein zweit�riger Kleiderschrank. Waschsch�ssel und Nachttopf befanden sich auf einer einfachen Kommode. Leonard dachte daran, dass er saubere Bettw�sche organisieren musste, um die schmutzige Matratze und die Kissen und Decken zu beziehen, und dass sie Handt�cher brauchten und einen gusseisernen Topf, um Tee zu kochen, und dass er von nun an nicht mehr mit Weinberg und seinen Kameraden leben w�rde, sondern die Verantwortung f�r das Wohl einer Familie trug. Es �berraschte ihn, wie schwer diese Erkenntnis trotz aller Freude auf ihm lastete. Er hatte immer Angst um Katja und ihr Kind gehabt. Doch jetzt war diese Angst noch viel gr��er, weil er die beiden t�glich bei sich haben w�rde.</style></p><p><style name="font7">Als er bei Einbruch der Dunkelheit zu seinen Kameraden zur�ckkehrte, um sich mit dem N�tigsten wie Brot, Tee und Zucker einzudecken, fand er erfreute Gesichter vor. Aslan hielt einen Brief mit einem Foto seiner Familie in H�nden. Man hatte sie aus der Haft entlassen. Sie standen zwar noch unter Hausarrest, durften sich aber in ihren eigenen vier W�nden aufhalten. Pjotrs Mutter hatte man einen gr��eren Geldbetrag zur Verf�gung gestellt, damit sie ihre Schulden bezahlen und das Haus in Sankt Petersburg erhalten konnte.</style></p><p><style name="font7">Weinberg schwieg, und Leonard konnte sich des Triumphes nicht erwehren, dass der Jude Unrecht gehabt hatte. Katja war keine Spionin der Ochrana. Welche Frau nahm ein solches Schicksal auf sich, nur um dem Zaren zu dienen? Dabei fiel ihm auf, dass Weinberg nie dar�ber gesprochen hatte, unter welchen Umst�nden man ihn hierher gebracht hatte.</style></p><p><style name="font7">Schweigend packte Leonard ein paar Sachen in eine leere Munitionskiste, darunter all seine Pl�ne, die er nachts in einsamen Stunden gezeichnet hatte. Ob er jetzt noch dazu kommen w�rde, au�erhalb der Konstruktionshalle etwas zu zeichnen, erschien ihm fraglich. Trotz aller Vorbehalte gegen Katja zeigte sich Weinberg gro�z�gig und wies ihm einen gr��eren Anteil an den Lebensmittelvorr�ten zu, als ihm eigentlich zustand.</style></p><p><style name="font7">�Ich werde dein Schnarchen vermissen, Nemez.� Aslan grinste breit. Ihm war die Erleichterung �ber die verbesserten Lebensbedingungen seiner Familie anzusehen.</style></p><p><style name="font7">�Warum tun die das?�, fragte Pjotr argw�hnisch.</style></p><p><style name="font7">�Warum tun die was?� Der Turkmene sah ihn verst�ndnislos an.</style></p><p><style name="font7">�Warum sind sie so gut zu uns? Ich meine, sie m�ssten doch nicht so gut zu uns sein. Arbeiten m�ssen wir auch ohne all die Gef�lligkeiten.�</style></p><p><style name="font7">�Gef�lligkeiten nennst du das?� Aslan lachte bitter. �Das, was</style> wir <style name="font7">tun, sind Gef�lligkeiten, und damit diese Gef�lligkeiten nicht nachlassen, serviert man uns scheibchenweise l�ngst f�llige Selbstverst�ndlichkeiten. Kapiert? Der Teufel schenkt uns einen Ausblick aufs Paradies, wenn wir ihm daf�r unsere Seele verkaufen.�</style></p><p><style name="font7">�Frag nicht lange, Pjotr�, erkl�rte Leonard. Er nahm seine Kiste und wandte sich zum Ausgang. �Man muss die Dinge nehmen, wie sie sind, sagte meine Gro�mutter immer, wenn ich mal wieder mit meinem Schicksal haderte. Freu dich einfach, dass es deiner Mutter gutgeht.�</style></p><p><style name="font7">Leonard atmete die eisige Nachtluft ein, als er zum Kontor zur�ckkehrte. Er fragte sich pl�tzlich, wie es wohl sein w�rde, nach so langer Zeit wieder eine Frau im Arm zu haben, die einen w�rmte.</style></p><p><style name="font7">Das Kind schlief schon, als er zur�ckkehrte. Katja k�mmte sich im sp�rlichen Licht des Ofenfeuers das lange Haar. Sie trug ein dickes Flanellnachthemd und Wollstr�mpfe. Er war �berzeugt davon, dass er nie in seinem Leben eine sch�nere Frau gesehen hatte.</style></p><p><style name="font7">�M�chtest du einen Tee?� Er stellte die Kiste neben dem Ofen ab und sch�ttelte den Frost aus seinem B�renfellmantel. Mit Bedacht hing er ihn an einen Haken neben der T�r. Immer noch schweigend f�llte er zwei Becher mit Tee und Zucker und setzte den Kessel, den er mitgebracht hatte, mit Wasser gef�llt auf die gl�hende Ofenplatte. Es dauerte keine f�nf Minuten, und er hielt Katja einen dampfenden Becher entgegen. Die ganze Zeit �ber hatte sie ihn beobachtet. Anstatt zu trinken, setzte sie den Becher auf einem Tisch ab. �Komm her zu mir�, fl�sterte sie.</style></p><p><style name="font7">Leonard gehorchte z�gernd. Pl�tzlich versp�rte er Angst. W�rde noch alles so sein wie fr�her, oder hatte die Zeit und die Furcht sie beide so sehr ver�ndert, dass sie es gar nicht mehr miteinander aushalten k�nnten? Katja fuhr mit ihren schmalen H�nden unter seine Anstaltsjoppe und nahm ihm s�mtliche Bedenken mit einem einzigen Kuss. Er st�hnte laut, als sie ihm das Hemd �ber die Schultern schob und schlie�lich ganz �ber den Kopf zog.</style></p><p><style name="font7">�Zieh deine Stiefel und die Hose aus!�, keuchte sie rau.</style></p><p><style name="font7">Er tat, was sie verlangte. Doch erst, als sie ihr Nachthemd bis zum Hals hochschob und ihm nicht nur ihre Scham, sondern auch ihre gro�en, vollen Br�ste pr�sentierte, wagte er es, von ihrem K�rper Besitz zu ergreifen. Ihre Lippen �ffneten sich, damit ihre Zungen sich endlich finden konnten. Sie st�hnte schrill, als er hart in ihre feuchte Spalte dr�ngte. Trotz aller guten Vors�tze hatte er sich nicht mehr unter Kontrolle. Wie ein wildes Tier stie� er wieder und wieder zu. Ihre Finger krallten sich in seinen R�cken, und ihr hemmungsloses Keuchen verriet ihm, dass sie ihn nicht nur mit dem Herzen vermisst hatte.</style></p><p><style name="font7">Schwer atmend lie� er wenig sp�ter von ihr ab und legte sich neben sie. Von der Seite blickte er in ihr ger�tetes Gesicht. Immer noch streichelte er mit einer Hand �ber ihre aufgerichteten Brustwarzen.</style></p><p><style name="font7">�Sosehr hast du mich vermisst�, hauchte sie ihm ins Ohr.</style></p><p><style name="font7">Er schluckte ein paar Tr�nen hinunter, die er bisher unterdr�ckt hatte, doch nun war es um ihn geschehen. Weinend vergrub er sich an ihrer Schulter. Sie streichelte seinen dichten, kurz geschnittenen Blondschopf, der den M�nnern im Lager alle drei Monate bis auf die Kopfhaut rasiert wurde.</style></p><p><style name="font7">�Sie sagten mir, du w�rest tot.� Ihre Stimme klang erstickt.</style></p><p><style name="font7">�Das war ich auch - ohne dich�, stie� er hervor und wischte sich mit dem Handr�cken die Tr�nen aus den Augen. �Als ich von meinen Gef�ngnisgittern aus gesehen habe, dass man dich unten im Hof abtransportierte, glaubte ich zu sterben.�</style></p><p><style name="font7">�Das Leben will uns noch mal eine Chance geben�, fl�sterte Katja und strich ihm z�rtlich �ber die b�rtige Wange.</style></p><p><style name="font7">�Nicht das Leben�, entgegnete er. �Der Zar und seine Schergen. Aber sie tun es nicht umsonst, soviel solltest du wissen. Sie wollen, dass wir ihnen eine Waffe konstruieren, die t�dlicher ist als alles, was es bisher gegeben hat.�</style></p><p><style name="font7">�Und? Werdet ihr sie zufriedenstellen k�nnen?�</style></p><p><style name="font7">�Was denkst du denn? Es sieht doch ganz danach aus.� Sein Mund suchte wieder ihre Lippen.</style></p><p><style name="font7">�Nemez�, schalt sie ihn mit einem L�cheln. �Sag blo�, du willst mich noch mal?�</style></p><p><style name="font7">Seine Mundwinkel hoben sich zu einem seligen L�cheln.</style></p><p><style name="font7">�Warst du es nicht, die soeben von einer zweiten Chance gesprochen hat?�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">26.</style></p><p><style name="font7">Juni</style><style name="font4"> 2008,</style><style name="font7"> Tunguska - Alptr�ume</style></p></title><p><style name="font7">Akim Rebrov stand in sicherer Entfernung, die Maschinenpistole im Anschlag, und gab weitere Anweisungen, nachdem man den h�nenhaften Ewenken und den verletzten deutschen Wissenschaftler mit vereinten Kr�ften nach oben bef�rdert hatte.</style></p><p><style name="font7">Einen Moment lang schien er zu �berlegen, ob er zwischen den drei Geretteten einen Unterschied machen sollte, was die weitere Behandlung betraf.</style></p><p><style name="font7">�Durchsucht sie!�, befahl er. Schlie�lich befanden sich die Aufgegriffenen au�erhalb des Camps. Nach Lebenovs Anweisungen h�tten sie es eigentlich nicht verlassen d�rfen. Dar�ber hinaus passte das Aussehen des Ewenken - bis auf die langen Haare - exakt zu den Beschreibungen, die ihnen Lebenov mit auf den Weg gegeben hatte.</style></p><p><style name="font7">�Was soll das?�, st�hnte Theisen ver�rgert, als man begann, ihn zu durchsuchen.</style></p><p><style name="font7">�Das gesamte Camp stand unter einer Ausgangssperre�, erkl�rte Rebrov mit unnachgiebiger Miene. �Also m�ssen wir uns die Frage stellen, was Sie hier verloren haben?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria warf ihm einen aufgebrachten Blick zu. �Sagen Sie nur, Lebe-nov kontrolliert tats�chlich, ob wir uns an seine Anweisungen halten?�</style></p><p><style name="font7">�Was denkst du, Sch�tzchen? Meinst du, wir sind zuf�llig auf diesen Bunker gesto�en?� Einer von Rebrovs Kameraden grinste anz�glich.</style></p><p><style name="font7">�L�sst er uns etwa observieren?� Theisen starrte Rebrov trotz seiner Schmerzen ungl�ubig an.</style></p><p><style name="font7">�Nicht ganz�, erwiderte Rebrov k�hl. �Wir haben die Gegend durchsucht, und dabei ist uns die charmante deutsche Kollegin in Begleitung eines Unbekannten aufgefallen, und wir haben beobachtet, wie sie zusammen in dieses Loch hinabgestiegen sind.�</style></p><p><style name="font7">Leonids Finger zuckten kurz, als einer der Soldaten mit einem l�sternen Grinsen auf Viktoria zuging, um sie abzutasten.</style></p><p><style name="font7">�Eine falsche Bewegung, oder du bekommst �rger�, zischte Rebrov, w�hrend er den Ewenken durchdringend ansah.</style></p><p><style name="font7">Viktoria war es vollkommen gleichg�ltig, dass die groben Finger des Soldaten sie viel zu intensiv und an Stellen ber�hrten, wo definitiv nichts zu finden war. Ihre Sorge galt einzig und allein Leonid, der dort stand, wie eine Eiche und sich nicht bewegte. Ihm war die Anspannung anzusehen, mit der er das unw�rdige Schauspiel verfolgte. Hoffentlich macht er keine Dummheiten, schoss es ihr durch den Kopf.</style></p><p><style name="font7">�Legt ihm Handfesseln an!�, rief Rebrov seinen M�nnern zu und deutete auf Leonid, der diese Ma�nahme erstaunlich gelassen �ber sich ergehen lie�.</style></p><p><style name="font7">Die vier Gestalten in Uniform bedrohten nicht nur ihn mit entsicherten Waffen, sondern auch Viktoria und ihren am Boden liegenden Kollegen. Lebhaft stand Leonid noch vor Augen, was mit ihm und den anderen geschehen w�rde, wenn er sich zur Wehr setzte. In seiner Erinnerung an jenen verregneten Morgen im September</style><style name="font4"> 2001</style><style name="font7"> st�rmten Bewaffnete das kleine verfallene Haus am Rande von Grosny, in dem er sich seit Tagen versteckt gehalten hatte. Innerhalb von Minuten l�schten sie eine vierk�pfige Familie aus, noch bevor es Leonid gelang, einen der M�nner zu entwaffnen und drei weitere zu erschie�en. Der vierte wehrte sich hartn�ckig; noch immer sp�rte Leonid dessen Blut an seinen Fingern, als er ihn in einem regelrechten Rausch nur mit dem Messer t�tete. Anna hatte schwer verletzt am Boden gelegen. Eine Handgranate hatte ihr den Unterschenkel abgerissen, und allem Anschein nach hatte die Druckwelle ihre Lunge zerfetzt. Halb am Bo-den liegend, den Kopf an die Zimmerwand gelehnt, r�chelte sie r�tlichen Schaum. Leonid hatte noch versucht, ihr mit seinem G�rtel das Bein abzubinden, dabei fl�sterte sie seinen Namen und sah ihn aus halbgeschlossenen Lidern an. Noch am Tag zuvor hatte er ihre langen blonden Wimpern bewundert und die Augen, die ihm so blau erschienen wie der Himmel im Juni. Er sah, wie sie brachen. Verzweifelt hatte er sich an die heilenden F�higkeiten seines Onkels erinnert, die angeblich auch in ihm selbst schlummerten. Doch es war zu sp�t. Anna starb in seinen Armen, und schon damals konnte er sp�ren, wie ihre Seele den K�rper verlie�, w�hrend er ihre blutigen Lippen k�sste.</style></p><p><style name="font7">Leonid schluckte, als man ihm Handfesseln anlegte, sagte jedoch kein Wort. Theisen jammerte lautstark, als Rebrovs M�nner versuchten, ihm auf die Beine zu helfen.</style></p><p><style name="font7">�Los!�, knurrte Rebrov und gab Leonid mit einer unwirschen Geste zu verstehen, dass er trotz Fesseln einem der S�ldner zu Hilfe gehen sollte. In einer Seilschlinge, die beide M�nner an jeweils einer Seite geschultert hielten, versuchte man Theisen sitzend zu tragen. Laufen konnte er nicht, weil er sich allem Anschein nach das Wadenbein sowie den linken Arm gebrochen hatte, den Viktoria ihm mit seinem G�rtel fest an den K�rper gebunden hatte.</style></p><p><style name="font7">�Ich werde mich noch heute Abend an die deutsche Botschaft in Moskau wenden und mich �ber Sie beschweren�, grunzte Theisen, w�hrend er sein Gesicht vor Schmerzen verzog.</style></p><p><style name="font7">Rebrov schien diese Aussage nicht verstanden zu haben, und Viktoria sch�ttelte langsam den Kopf, um Theisen von weiteren Unmutsbekundungen abzuhalten. Solange sie sich in der Gewalt von Lebenovs Leuten befanden, hielt sie es f�r besser, diese nicht auch noch zu reizen.</style></p><p><style name="font7">Theisen an die Oberfl�che zu bef�rdern, erwies sich als so schwierig, dass Leonid nochmals mithelfen musste. W�hrend sich seine Muskeln unter dem Lederhemd anspannten, lie� Rebrov ihn nicht aus den Augen.</style></p><p><style name="font7">Als sie es endlich geschafft hatten, sahen sie, dass der Himmel d�ster war, obwohl es in dieser Gegend im Sommer gew�hnlich lange hell blieb.</style></p><p><style name="font7">Viktoria fiel sofort auf, dass Ajaci verschwunden war. Inbr�nstig hoffte sie, dass die Soldaten ihn nicht erschossen hatten. Auch Leonid warf einen forschenden Blick in die Umgebung, dabei dachte er allerdings mehr an seine Gro�mutter und dass sie nun vergeblich am Ortsausgang von Vanavara auf ihn warten w�rde.</style></p><p><style name="font7">Lebenov stand aufrecht in seiner Baracke und hielt das uralte, in Leder gebundene Notizbuch ein St�ck weit von sich entfernt, um die sch�n geschwungene, aber f�r seine Verh�ltnisse viel zu klein geschriebene Handschrift lesen zu k�nnen.</style></p><p>Gott der Herr ist mein Zeuge,<style name="font7"> stand dort,</style> dass ich nie zuvor etwas Vergleichbares gesehen habe und dass ich es allein seiner Gnade zu verdanken habe, mit dem Leben davongekommen zu sein. Obwohl ich nie ein gl�ubiger Mensch war, bin ich mir sicher, dass in jenen Tagen das J�ngste Gericht gekommen ist, um uns einen Ausblick auf jene H�lle zu bescheren, die Menschen zu erschaffen imstande sind, wenn sie sich auf die Unterst�tzung von D�monen verlassen. Und so bete ich inbr�nstig daf�r, dass die Prophezeiung des alten Schamanen niemals in Erf�llung geht und meine Sippe verschont bleiben wird von jenem neunten Kind, das neun Seelen verschlingt und den Geist seiner unseligen Vorv�ter in sich vereint, noch bevor es das Licht der Welt erblickt.</p><p><style name="font7">Lebenov hielt einen Moment inne, dann klappte er das Buch zu und klopfte dem Soldaten, der es ihm �berbracht hatte, auf die Schulter.</style></p><p><style name="font7">�Gut gemacht�, lobte Lebenov mit markiger Stimme. Dann blickte er fragend auf und sah, dass der Mann abwartend in sein Gesicht schaute. �Sonst noch was?�</style></p><p><style name="font7">�Drau�en steht einer von den Einheimischen. Ich habe ihn auf Empfehlung des Kapitans von Vanavara hergebracht. Er meinte, f�r ein paar Rubel sei der Mann bereit, uns ein Geheimnis preiszugeben.�</style></p><p><style name="font7">�Er soll hereinkommen�, schnaubte Lebenov. Die Sache gestaltete sich derart undurchsichtig, dass er jeden Hinweis dankbar entgegennahm.</style></p><p><style name="font7">Der Mann war Mitte f�nfzig und geh�rte zu den ewenkischen Ureinwohnern. Er trug keinerlei traditionelle Kleidung, und so wie er aussah, ungepflegt und vom Alkohol gezeichnet, geh�rte er nicht unbedingt zur Oberschicht.</style></p><p><style name="font7">�Wie ist dein Name?�</style></p><p><style name="font7">�Adam Adamowitsch.�</style></p><p><style name="font7">Lebenov wies ihm einen Platz an seinem Esstisch zu, nachdem er ihm einen Stuhl hingeschoben hatte, und setzte sich ebenfalls. Drau�en vor der T�r hatte er zwei Wachen postiert. Auch wenn von dem Mann keine Gefahr auszugehen schien, so machte diese Ma�nahme Eindruck und zeigte seinem Gast, dass er im Zweifel nicht zu Sp��en aufgelegt war.</style></p><p><style name="font7">�Also, Adam Adamowitsch, warum glaubst du, dass du uns hilfreich sein kannst?�</style></p><p><style name="font7">Den d�rren, krank aussehenden Ewenken mit dem str�hnigen Haar hatte man aus der Stammesgemeinschaft ausgesto�en, wie Lebenov bald erfuhr, weil er vor Jahren ein kleines M�dchen bel�stigt hatte und auch sonst nicht zu den Leuten z�hlte, die man als zuverl�ssig bezeichnen durfte. Daher zog er durch das Land, wie ein Wolf, der sein Rudel verloren hatte, immer auf der Suche nach ein paar Almosen und einem billigen Wodka.</style></p><p><style name="font7">Lebenov z�gerte nicht lange und zeigte ihm ein Foto von Leonid Aldanov. �Hast du diesen Mann schon mal gesehen?�</style></p><p><style name="font7">Der Mann starrte auf das Bild und sagte erst nichts, bis Lebenov ihm einen Wodka anbot, den er mit einem Schluck hinunterkippte, den Blick immer noch abwartend auf das leere Glas gerichtet, als ob er ein gewisses Pensum ben�tigte, um �berhaupt etwas sagen zu k�nnen. Lebenov stellte ihm gleich eine ganze Flasche auf den Tisch, bevor er ihm nochmals das Foto hinhielt.</style></p><p><style name="font7">�Ich kenne ihn�, sagte er so pl�tzlich, dass Lebenov verdutzt aufschaute. �Er ist der Sohn einer fr�heren Klassenkameradin. Seinen Vater habe ich auch gekannt. Ein armer Teufel! Hat alles verloren, so wie ich. Aber bei ihm war es schlimmer, weil er nichts daf�r konnte.�</style></p><p><style name="font7">�Was soll das hei�en?� Lebenov sah den Mann abwartend an.</style></p><p><style name="font7">�Auf der Familie lag ein Fluch. Sie sind alle krepiert - bis auf den einen da, und der ist dann auch noch im Krieg gefallen.�</style></p><p><style name="font7">�Ist er in letzter Zeit vielleicht noch hier herumgelaufen?�</style></p><p><style name="font7">Der Ewenke sah ihn mit zusammengekniffenen Lidern an. Dann nahm er einen weiteren Schluck Wodka und sch�ttelte sich wie ein nasser Hund.</style></p><p><style name="font7">�Was?�, stammelte er. �Herumgelaufen? Ich denke, er ist tot? Also, ich bin vielleicht ein S�ufer, aber nicht besoffen genug, um die Geister von Verstorbenen zu sehen. Das hei�t ...� Nachdenklich betrachtete er das Foto. �Nach allem, was man sich von ihm und seiner Familie erz�hlt, w�re es gut m�glich, dass er immer noch als Untoter durch die W�lder streift.�</style></p><p><style name="font7">�Was hat man sich denn erz�hlt?� Lebenov g�hnte gelangweilt, vielleicht weil er ahnte, dass der Kerl ihn nur aufs Glatteis f�hren w�rde, als er von einem gro�en Geheimnis sprach, das er zu l�ften bereit sei. In Wahrheit hatte er nicht die geringste Ahnung, was von ihm erwartet wurde, sondern war nur ein mittelloser Informant, der dem Kapitan und seinem Sergeanten im Ort ab und an wertlose Neuigkeiten �berbrachte und daf�r einen Napf mit Suppe und eine Flasche Schnaps erhielt.</style></p><p><style name="font7">�Seine Vorfahren sollen an der Katastrophe von Tunguska schuld gewesen sein.�</style></p><p><style name="font7">Lebenov hob abrupt den Kopf und horchte f�r einen Moment auf.</style></p><p><style name="font7">Adam Adamowitsch sah das Interesse in den Augen des Offiziers aufflackern und f�hlte sich best�rkt, in seinen Ausf�hrungen fortzufahren.</style></p><p><style name="font7">�Angeblich waren es zwei m�chtige Schamanen aus zwei verschiedenen Familien, die den Gott Ogdy erz�rnt haben. Deshalb ist es vor hundert Jahren zu dieser gewaltigen Explosion gekommen.�</style></p><p><style name="font7">�Ich denke, es sei ein Meteor gewesen?� Lebenov hob eine Braue.</style></p><p><style name="font7">�Ach, Unsinn.� Adamowitsch setzte eine verschw�rerische Miene auf. �Hier, dieser junge Kerl ... wie hie� er noch gleich? ... Ach, Leonid war sein Name. Er war der einzige Sohn des Boris Ivanowitsch Aldanov, und er soll die Kr�fte dieser beiden Schamanen in sich vereint haben. Es waren seine Ururgro�v�ter. Man sagt, er habe die au�ergew�hnlichen F�higkeiten seiner Ahnen in sich getragen, und wenn er nicht im Krieg gefallen und stattdessen zum Schamanen ausgebildet worden w�re, h�tte er jederzeit die Katastrophe von Tun-guska allein kraft seines Geistes wiederholen k�nnen.�</style></p><p><style name="font7">Lebenov stie� einen Seufzer aus. Also hatte der Kerl doch sein Gehirn versoffen! �Danke, das reicht�, sagte er voller Spott und erhob sich von seinem Stuhl. �Ich sage meinem Fahrer Bescheid. Er soll dich zur�ck in die Stadt bringen.�</style></p><p><style name="font7">�Und was ist mit meinem Geld?� Adamowitsch sprang emp�rt auf.</style></p><p><style name="font7">�Welches Geld?� Lebenov sah ihn mitleidig an. �Daf�r, dass du mir einen solchen Unsinn erz�hlst?�</style></p><p><style name="font7">�Das ist kein Unsinn�, giftete Adamowitsch zur�ck. �Und au�erdem gibt es da noch etwas, das ich noch nicht erz�hlt habe.�</style></p><p><style name="font7">Lebenov sah ihn fragend an. �Der Kapitan sagt, ihr sucht einen Kerl, der aussieht wie dieser hier auf dem Bild.�</style></p><p><style name="font7">�Und?�</style></p><p><style name="font7">�Einen solchen Mann habe ich manchmal gesehen - nur dass er lange Haare hat. Angeblich ist er ein Cousin des Verstorbenen. Soweit ich geh�rt habe, ist er gelegentlich beim Stammes�ltesten von Vanavara zu Besuch. Was er da treibt, kann ich allerdings nicht sagen. Makar Charitonowitsch spricht nicht mehr mit mir seit der Sache mit dem M�dchen.�</style></p><p><style name="font7">Der Chekosee lag glitzernd im sanften Licht der Abendsonne, die sich einen Weg durch Gewitterwolken bahnte. Ein paar V�gel zwitscherten, und alles in allem hatte man nicht den Eindruck, als k�nnte sich hier bald eine Katastrophe ereignen. Ein Blick auf Leonid reichte Viktoria jedoch vollkommen aus, um das Schlimmste zu bef�rchten. Flankiert von zwei bewaffneten Soldaten, trug er Theisen mit einem dritten S�ldner �ber einen unebenen, matschigen Weg. Kein Wort der Klage kam �ber seine Lippen, obwohl er sich mit seinen Plastikfesseln viel schwerer tat als der Mann auf der anderen Seite. Von allen unbemerkt, den Kopf gesenkt, zwinkerte Leonid ihr durch die Str�hnen seiner langen Haare aufmunternd zu. Er wollte ihr Mut machen, damit sie sich nicht allzu sehr sorgte. Im Angesicht von vier Maschinenpistolen zeigte dieses L�cheln bei Viktoria aber nicht die erhoffte Wirkung.</style></p><p><style name="font7">Fieberhaft �berlegte sie, ob Rodius seinen Einfluss als international anerkannter Professor gelten machen konnte, damit man Leonid halbwegs anst�ndig behandelte.</style></p><p><style name="font7">Zwei von Lebenovs Wachen, junge Burschen, die kaum zwanzig Jahre alt waren, salutierten, als Rebrov mit seinen Gefolgsleuten den Eingang zum Lager passierte.</style></p><p><style name="font7">�Los, hol den Kommandeur!�, befahl Rebrov barsch, �Sag ihm, es ist dringend.�</style></p><p><style name="font7">Ohne Absprache sorgte Rebrov daf�r, dass man Theisen ins CampLazarett verfrachtete. Viktoria w�re zu gerne losgelaufen, um Rodius aus seiner Baracke zu holen, doch sie wollte zuerst wissen, was man mit Leonid zu tun gedachte. Nachdem man ihn von seiner Last befreit und den auf einem Bein humpelnden Theisen in ein Krankenbett gebracht hatte, stand Leonid regungslos da und beobachtete aufmerksam die Umgebung, als ob er nach etwas suchen w�rde. In dem behelfsm��igen Hangar standen die zwei verbliebenen Helikopter. Der dritte, mit dem Doktor Parlowa und Professor Olguth nach Krasno-jarsk aufgebrochen waren, wurde erst im Verlauf des n�chsten Tages zur�ckerwartet. �berhaupt wirkte das Camp wie ausgestorben.</style></p><p><style name="font7">Wenig sp�ter trat Lebenov auf den Hof. Bashtiri folgte in einem Abstand von f�nf Metern, begleitet von seinen Bodyguards. Zwei von ihnen hatten die Hand demonstrativ an ihren Waffen, die sie am G�r-telholster trugen.</style></p><p><style name="font7">Lebenov nickte nur einmal kurz, dann war Leonid von Soldaten umringt. Der Sicherheitsoffizier von GazCom marschierte einmal um ihn herum, mit einem Blick, als ob er ein seltenes Tier betrachten w�rde. Dann blieb er stehen, und zwei seiner M�nner traten zur Seite, damit er so dicht an Leonid herankommen konnte, bis der Ewenke seinen Atem sp�rte.</style></p><p><style name="font7">�Aldanov�, zischte er leise, doch nicht leise genug, dass Viktoria ihn nicht verstehen konnte. �Du siehst nicht nur aus wie eine zu gro� geratene Katze, du scheinst auch genauso viele Leben zu haben. Wenn du nicht so leibhaftig w�rest, w�rde ich denken, du w�rest ein Geist.�</style></p><p><style name="font7">Leonid antwortete nicht. Er hielt seine Schultern gestrafft und seinen Kopf leicht angehoben, wie ein stolzer Krieger, der nicht daran dachte, vor seinem Feind zur�ckzuweichen.</style></p><p><style name="font7">Bashtiri kam langsam heran. Trotz der hereinbrechenden D�mmerung konnte Viktoria erkennen, dass er bleich geworden war. Er blieb abwartend stehen und wechselte einen wissenden Blick mit seinem Verb�ndeten. Dann blickte er Viktoria an. Pl�tzlich wusste sie, dass nicht nur Leonid in Gefahr war.</style></p><p><style name="font7">�Bringt den Gefangenen in mein Quartier!�, befahl Lebenov seinen M�nnern.</style></p><p><style name="font7">Noch bevor Viktoria irgendetwas dazu sagen konnte, wurde Leonid abgef�hrt. Er sah sich noch nicht einmal nach ihr um, und Viktoria konnte sich denken, warum er das tat. Er wollte sie auf keinen Fall in dieses Desaster mit einbeziehen.</style></p><p><style name="font7">Inzwischen war Rodius auf den Tumult aufmerksam geworden. Mit entschlossener Miene begab er sich zum Zentralplatz des Camps. Dann schien er zu bemerken, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.</style></p><p><style name="font7">�Was ist denn hier los?�, raunte er Viktoria zu. �Und wo ist Thei-sen?�</style></p><p><style name="font7">�Gut, dass Sie hinzukommen, Professor Rodius�, begann Bashtiri mit einem �ligen L�cheln, w�hrend Lebenov mit seinem Gefolge in der Baracke verschwand, in die man Leonid gebracht hatte.</style></p><p><style name="font7">�Wie es scheint, haben wir den Mann, der ihre Kollegin nach dem Unfall entf�hrt hat, dingfest machen k�nnen. Wir werden ihn �ber Nacht in unserer Obhut behalten und ihn morgen fr�h an die Polizei von Vanavara ausliefern, damit er nicht noch mehr Unheil anrichten kann.�</style></p><p><style name="font7">�Wie k�nnen Sie annehmen, dass er der Schuldige ist?�, stie� Viktoria hervor. �Ich habe dazu keine Aussage gemacht. Im �brigen hat der Mann mir �berhaupt nichts getan!�</style></p><p><style name="font7">�Man nennt das wohl das &gt;Stockholmsyndrom&lt;, wenn sich Geisel und T�ter zusammentun.� Bashtiri l�chelte sp�ttisch.</style></p><p><style name="font7">�Was wird hier eigentlich gespielt?� Rodius bedachte Bashtiri mit einem argw�hnischen Blick. �Von meiner Assistentin habe ich erfahren, dass man dort, wo der Kimchu aus dem See austritt, einen Bunker gefunden hat; etwas, was man offensichtlich vor uns geheimhalten will.�</style></p><p><style name="font7">�Einen Bunker? Davon wei� ich nichts�, entgegnete Bashtiri scheinheilig. �Aber wenn es so w�re, m�sste zun�chst die russische Regierung entscheiden, ob wir ihnen Zutritt gew�hren d�rfen.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria biss sich auf die Lippe und hoffte, dass Rodius nicht noch mehr ins Detail ging und noch ihre Quelle verriet. Zumal Kolja gerade um die Ecke bog. Anscheinend hatte er geschlafen und von dem ganzen Spektakel nichts mitbekommen.</style></p><p><style name="font7">�Sie werden verzeihen, Professor Rodius, aber ich halte es in der momentanen Situation f�r das Beste, wenn Sie und Ihr Team die Sachen packen und die R�ckreise nach Deutschland antreten. Aus meiner Sicht sind die Bedingungen zu schlecht, um weiter zu forschen. Und schlie�lich bin ich es, der die ganze Angelegenheit finanziert. Ich habe bereits veranlasst, dass sich unsere Sanit�ter um Ihren Kollegen k�mmern. Je nachdem wie sich sein Zustand entwickelt, werden wir ihn noch heute Abend nach Vanavara ins Hospital transportieren m�ssen. Ich gehe davon aus, Sie sind damit einverstanden.�</style></p><p><style name="font7">Das war ein glatter Rausschmiss, doch Rodius nickte. �Sie haben vollkommen recht. Unter den gegeben Umst�nden halte ich Ihren Vorschlag f�r sinnvoll.�</style></p><p><style name="font7">Bashtiri verabschiedete sich mit einem falschen L�cheln und wandte sich seinem Domizil zu, um kurze Zeit sp�ter mitsamt seinen Leibw�chtern darin zu verschwinden. Es dauerte eine Weile, bis sich Viktoria aus ihrer Erstarrung gel�st hatte und ihren Chef voller Verzweiflung anblickte.</style></p><p><style name="font7">�Wir k�nnen unm�glich einfach abhauen und Leonid hier zur�cklassen�, bemerkte sie leise. �Sie werden ihn umbringen.�</style></p><p><style name="font7">�Selbst wenn es so w�re, es geht uns nichts an, Viktoria.� Rodius legte die Stirn in Falten und wandte sich der Baracke zu, wo man Thei-sen untergebracht hatte.</style></p><p><style name="font7">Viktoria folgte ihm. Aufzugeben war nicht ihre Sache.</style></p><p><style name="font7">Rodius jedoch lie� sich nicht beeindrucken. �Wir m�ssen jetzt an uns selbst denken�, raunte er ihr zu. �Wir k�nnen froh sein, wenn es hier nicht noch mehr �rger gibt. Vielleicht ist es m�glich, irgendwann einmal zur�ckzukehren und die Sache zu Ende bringen. Ich habe kein Interesse daran, f�r diplomatische Verwicklungen zwischen Russland und Deutschland verantwortlich zu sein.�</style></p><p><style name="font7">�Gregor, das kann doch nicht dein Ernst sein?�</style></p><p><style name="font7">�Geh packen! Das ist mein letztes Wort.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria blieb stehen und sah dem Professor ungl�ubig hinterher.</style></p><p><style name="font7">Kolja, der die ganze Szene aus einiger Entfernung mitverfolgt hatte, trat an Viktoria heran.</style></p><p><style name="font7">�Wer, zum Teufel, ist Leonid?� Seine Frage klang arglos, doch Viktoria wusste l�ngst, dass sie auch bei ihm vorsichtig sein musste.</style></p><p><style name="font7">�Nicht hier�, fl�sterte sie und zog den Russen zu ihrer Baracke, w�hrend sie Rodius allein zu Theisens Unterkunft gehen lie�.</style></p><p><style name="font7">In ihrem Zimmer erz�hlte sie dem angeblichen Geheimagenten der russischen Regierung im Fl�sterton die ganze Geschichte. Dabei setzte sie alles auf eine Karte. Entweder er vertraute ihr und w�rde ihr helfen - oder er steckte mit Lebenov und Bashtiri unter einer Decke.</style></p><p><style name="font7">Schlimmer jedoch konnte es in ihren Augen ohnehin kaum noch kommen.</style></p><p><style name="font7">�Wie sollte ich dir helfen?� Kolja sah sie ungl�ubig an. �Ich bin ganz allein hier. Bis wir Hilfe aus Krasnojarsk oder Irkutsk erwarten k�nnen, haben Lebenov und seine Leute uns l�ngst an die Wand gestellt.�</style></p><p><style name="font7">�Du k�nntest die Polizei von Vanavara alarmieren�, schlug sie vor. �Dir glauben sie eher als mir.�</style></p><p><style name="font7">Kolja schnaubte belustigt. �Ich arbeite verdeckt. Naturgem�� habe ich nichts dabei, was mich als einen Agenten der Russischen F�deration ausweisen k�nnte, au�er einer Waffe f�r den Notfall, die ich bisher verstecken konnte. Selbst wenn ich versuchen w�rde, die beiden zu stellen, h�tte ich nichts gegen sie in der Hand. Nur meine Operation w�re enttarnt. Au�erdem sind sie in der �bermacht.�</style></p><p><style name="font7">�Und wenn du Leonid nicht hilfst, fehlt deinem Geheimdienst ein wertvoller Informant, der alles, was die beiden jemals getan haben, aufdecken k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">Diese Bemerkung schien Kolja einzuleuchten. Trotzdem sch�ttelte er den Kopf. �Nach meiner Erfahrung wird er die Nacht ohnehin kaum �berleben�, erkl�rte er leise. �Es sei denn, sie h�tten irgendein Interesse an ihm, das �ber die alten Geschichten hinausgeht.�</style></p><p><style name="font7">Akim Rebrov f�hrte Leonid auf Anweisung Lebenovs in eine leer stehende Baracke, in der er sich bis auf die Unterhose ausziehen musste. Anschlie�end wurde er auf ein Stahlrohrbett gesetzt und in Handschellen daran festgekettet. Als Rebrov ging, lie� er zwei Soldaten als Bewachung zur�ck.</style></p><p><style name="font7">Leonid war sich im Klaren dar�ber, was ihn erwartete. Bashtiri kannte er nur vom Sehen, aber Lebenov war ihm von dem Moment ein Begriff, als er die Offiziersschule besucht hatte. Schon bald war sein Respekt f�r den h�hergestellten Mann in Verachtung umgeschlagen, weil bei ihm nur derjenige vorankommen konnte, der ihm in den Hintern kroch oder der die richtigen politischen Beziehungen hatte. Leistung spielte in diesem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle, und so hatte Leonid froh sein d�rfen, dass er trotz guter Pr�fungsergebnisse nicht allzu unangenehm aufgefallen war. Doch immer wieder war ihm der grobschl�chtige Offizier in die Quere gekommen und hatte versucht, ihn in seinem Fortkommen zu bremsen, bis Leonid es schlie�lich geschafft hatte, in jene Flugstaffel zu gelangen, die ausschlie�lich f�r den Transport wichtiger Regierungsdelegationen zust�ndig war. Dann war er in ein Ermittlungsverfahren eingeweiht worden, in dem man Lebenov unter strengster Geheimhaltung des illegalen Waffenhandels verd�chtigte, w�hrend man seinen Mittelsm�nnern bereits auf den Fersen war. Leonids Freundschaft zum ermittelnden Generalleutnant, einem gewissenhaften jungen Mann, hatte ein �briges getan, um seine �berzeugung zu festigen, dass es sich bei Lebenov um einen wahrhaftigen Teufel handeln musste, dem man leider nur schwer auf die Schliche kommen konnte.</style></p><p><style name="font7">Als die T�r wenig sp�ter erneut aufging, war es eben jener Teufel, mit dem er nun ganz allein sein w�rde. Bashtiri hatte allem Anschein nach kein Interesse, ihre Gesellschaft zu teilen. Leonid hatte sich, so gut es ging, aufgerichtet und auf das Bett gesetzt. Lebenovs Blick strich �ber Leonids Oberk�rper. Mit einem knappen Befehl wies er die beiden Wachsoldaten an, sich in Rufweite drau�en an der T�r zu postieren.</style></p><p><style name="font7">�Was denkst du dir eigentlich dabei, Aldanov�, begann er leise, �einfach so hier aufzutauchen? Nicht auszudenken, wenn unser gesch�tzter Pr�sident w�sste, dass er deinen Angeh�rigen die ehrenvolle Medaille anl�sslich deines Todes ganz umsonst hat �berbringen lassen.�</style></p><p><style name="font7">Leonid verzog keine Miene. �Wenn er w�sste, dass ich noch lebe, w�rde er mich gewiss zu sich bitten�, erwiderte er genauso leise. �Und bei dieser Gelegenheit w�rde ich ihm eine interessante Geschichte erz�hlen.�</style></p><p><style name="font7">�Sehr gut�, gab Lebenov mit einem ironischen Grinsen zur�ck. �Deshalb m�ssen wir daf�r sorgen, dass unser Staatsoberhaupt niemals erf�hrt, welch gro�e Entt�uschung du f�r unser Land warst, Leo-nid Borisowitsch Aldanov.�</style></p><p><style name="font7">�Dann bring es hinter dich.� Leonid lachte trocken. �Worauf wartest du noch? Oder willst du dir die Finger nicht selbst schmutzig machen? Dann hole doch einen von deinen Killern, einen, der meine Leiche anschlie�end mit einem Betonklotz am Grund des Cheko versenkt!�</style></p><p><style name="font7">Lebenov trat blitzschnell an ihn heran und dr�ckte ihm den X</style><style name="font4">26</style><style name="font7"> Ta-ser in den Scho�, den er die ganze Zeit zur Sicherheit in seiner Jackentasche verborgen gehalten hatte. Ein sengender Schlag von</style><style name="font4"> 50000</style><style name="font7"> Volt traf Leonids Geschlechtsteil. Im Bruchteil einer Sekunde zog sich sein gesamter Unterleib unter einem f�rchterlichen Schmerz spastisch zusammen. Ohne es zu wollen, schrie er auf und kr�mmte sich auf dem Stahlrohrgestell. Dann sank er in sich zusammen und stie� nur noch ein schmerzerf�lltes Keuchen aus.</style></p><p><style name="font7">Lebenov fasste ihm in die Haare und riss seinen Kopf in den Nacken. �Nicht so schnell, Soldat!�, zischte er ihm ins Ohr. �Zuvor werden wir noch kl�ren, wer sonst noch von dir und deinen Heldentaten wei�.� Er stie� Leonids Kopf von sich und bedachte ihn mit einem Blick, der Genugtuung verriet. �Deine Alten waren mir gleich suspekt. Es machte nicht den Eindruck, als ob sie von deinem Tod �berzeugt w�ren. Au�erdem hat mir eine zuverl�ssige Quelle verraten, dass sie wussten, dass du nicht tot warst.�</style></p><p><style name="font7">Immer noch beinahe bewegungsunf�hig vor Schmerzen, starrte Leonid zu seinem Peiniger auf. Es dauerte eine Weile, bis er f�hig war zu sprechen.</style></p><p><style name="font7">�Lass gef�lligst meine Familie aus dem Spiel�, stie� er mit zusammengebissenen Z�hnen hervor, w�hrend ihm Tr�nen aus den Augenwinkeln rannen. �Sie wissen von nichts und haben nicht das Geringste mit dir und deinen schmutzigen Gesch�ften zu tun.�</style></p><p><style name="font7">Lebenov schmunzelte �berlegen. �Und doch verheimlichen sie uns etwas.� Dann zog er ein in Leder gebundenes kleines Buch aus seiner Tasche. �Kennst du das?�</style></p><p><style name="font7">Leonid sch�ttelte den Kopf; er ahnte jedoch, dass es das Tagebuch sein musste, von dem seine Gro�mutter gesprochen hatte.</style></p><p><style name="font7">�Aber den Bunker, drau�en am Kimchu, den kanntest du? Wie sonst h�tten wir dich und die Deutschen dort finden k�nnen?�</style></p><p><style name="font7">�Es war Zufall, dass ich dort war, als sie den Bunker entdeckt haben�, log Leonid. �Der Mann war verungl�ckt, und die Frau bat mich zu helfen.�</style></p><p><style name="font7">�Und es war auch Zufall, dass du die Frau zuvor an derselben Stelle aus dem Wasser gefischt hast?�</style></p><p><style name="font7">Leonid �berlegte kurz. Dass dies wirklich ein Zufall war, w�rde Le-benov ihm nicht glauben. Also war es sinnlos, etwas dazu zu sagen.</style></p><p><style name="font7">�Ich wei� nicht, wovon du sprichst. Ich habe die Frau nie zuvor gesehen.�</style></p><p><style name="font7">�Aha?� Lebenov z�ckte erneut den Taser und ging langsam auf Leo-nid zu. �Und wieso hat die h�bsche Deutsche mir dann im Haus deiner Gro�mutter erz�hlt, dass ihr Retter dir so verdammt �hnlich sieht?�</style></p><p><style name="font7">�Keine Ahnung! Sie wird sich get�uscht haben.�</style></p><p><style name="font7">�Wir k�nnen sie holen. Dann erz�hle ich ihr, was f�r ein feines B�rschchen sie sich da eingefangen hat. Vielleicht ist sie daran interessiert, zu erfahren, dass du in Grosny den Tod von vier meiner M�nner zu verantworten hast.�</style></p><p><style name="font7">Leonid riss vor Erstaunen den Mund auf. Woher wusste Lebenov von der Sache mit den Soldaten? Es hatte keine Zeugen gegeben.</style></p><p><style name="font7">�Gott sieht alles!� Lebenov l�chelte. �Denkst du ernsthaft, mir w�rde irgendetwas entgehen?�</style></p><p><style name="font7">�Wenn du dich schon mit Gott vergleichst, Andrej Semjonowitsch�, entgegnete Leonid sp�ttisch, �h�ttest du wissen m�ssen, dass mir die Flucht nach Sibirien gegl�ckt ist.�</style></p><p><style name="font7">Lebenovs Blick verd�sterte sich. �Nicht alle sind so zuverl�ssig, wie man es sich w�nscht. Die Truppe, die dich umbringen sollte, hat behauptet, die Sache w�re erledigt. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.�</style></p><p><style name="font7">Wieder bl�tterte Lebenov in dem abgegriffenen Buch. �Hier steht, dass dein Urgro�vater im Auftrag des Zaren unterwegs war und dass die Explosion von Tunguska nicht das war, wof�r sie allgemein gehalten wird.� Lebenov hob drohend den Taser. �Also, was hast du mit der Sache zu tun?�</style></p><p><style name="font7">�Was sollte ich damit zu tun haben? Bist du verr�ckt geworden? Das ist einhundert Jahre her. Kein Mensch wei�, was damals genau geschehen ist. Es gibt unz�hlige Theorien. Woher sollte ausgerechnet</style> ich <style name="font7">wissen, welche die richtige ist?�</style></p><p><style name="font7">�Weil du das neunte Kind deiner Eltern warst und deine Geburt das Leben von neun Angeh�rigen gekostet hat. Acht Geschwister inklusive deiner armen Mutter. Gott hab sie selig.� Lebenovs Anteilnahme war aufgesetzt, und sein Lachen klang h�misch.</style></p><p><style name="font7">Leonid antwortete nicht, sondern schaute seinen Widersacher nur an.</style></p><p><style name="font7">�Wenn</style> du<style name="font7"> nicht reden willst, werde ich deine kleine Babuschka einfliegen lassen, damit sie mir Rede und Antwort steht. Als Tochter des alten Schenkendorff und H�terin seiner tiefsten Geheimnisse muss sie doch wissen, worum es hier geht, nicht wahr?�</style></p><p><style name="font7">�Nein�, stie� Leonid hervor. �Lass meine Babuschka aus dem Spiel. Ich sage, was du h�ren willst.� Im Stillen dachte Leonid, dass ihn Le-benov ohnehin f�r verr�ckt erkl�ren w�rde. Wer war schon so t�richt an einen Schamanen zu glauben, der Blitze erzeugen konnte, welche die Kraft einer Nuklearexplosion hatten?</style></p><p><style name="font7">Also erz�hlte er Lebenov die ganze Geschichte - alles, was er von Taichin wusste. Selbst seine eigene Berufung zum m�chtigsten aller Schamanen lie� er nicht aus.</style></p><p><style name="font7">Lebenov betrachtete ihn eingehend, aber er lachte nicht, ein Umstand, der auf Leonid nicht unbedingt beruhigend wirkte.</style></p><p><style name="font7">�Bringt ihm einen Eimer, damit er seine Notdurft verrichten kann, und lasst ihn nicht aus den Augen!�, befahl er k�hl. Die Soldaten taten, was Lebenov von ihnen verlangte.</style></p><p><style name="font7">Lebenov selbst drehte sich auf dem Absatz um und ging ohne ein Wort der Erkl�rung.</style></p><p><style name="font7">Viktoria konnte kaum atmen vor Angst. Der Gedanke, nichts f�r Leo-nid tun zu k�nnen, machte sie schier wahnsinnig. Zu allem �berfluss hatte Rodius ihre Unterredung mit Kolja gest�rt und sie zu einem Gespr�ch in Theisens Krankenzimmer gebeten. Nachdem der zust�ndige Sanit�ter f�r einen Moment das Zimmer verlassen hatte, setzte sich Rodius auf das Fu�ende von Theisens Bett und bedachte Viktoria mit einem durchdringenden Blick. Offensichtlich hatte er schon mit Thei-sen gesprochen.</style></p><p><style name="font7">�Sven wird noch heute Abend nach Vanavara ausgeflogen. Wir werden ihn begleiten, und von dort aus werden wir morgen unsere Heimreise nach Deutschland antreten.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria sch�ttelte den Kopf. �Das k�nnen wir nicht tun�, widersprach sie mit erstickter Stimme. �Wenn wir Leonid Aldanov hier zur�cklassen, wird Lebenov ihn umbringen. Kolja ist der gleichen Meinung wie ich.�</style></p><p><style name="font7">�Verdammt, Viktoria�, zischte Theisen. �Dann soll er etwas f�r ihn tun!� Mit aufgebrachter Miene sa� er in seinem Bett, den linken Arm in einer Schiene, das rechte Bein notd�rftig eingegipst.</style></p><p><style name="font7">�Du hast keine Ahnung, was du da redest�, giftete sie zur�ck. �Kolja sind die H�nde gebunden.�</style></p><p><style name="font7">Theisen schaute den Professor an und nickte. Dann sagte er: �Gregor hat vollkommen recht. Wir sollten so schnell wie m�glich von hier verschwinden. Ich habe kein Interesse, mich in nationale Angelegenheiten einzumischen. Die Sache wird zunehmend unseri�ser.�</style></p><p><style name="font7">�Was hei�t denn hier unseri�ser?� Viktoria wich irritiert zur�ck. �Du warst doch selbst mit mir in dem Bunker.� Ihr Blick fiel wieder auf den Professor. �Bevor wir hier verschwinden, Gregor, musst du dir das unbedingt ansehen. Wer wei�, vielleicht liegen wir ja alle falsch mit unseren ganzen Theorien, und hier ist etwas geschehen, das �berhaupt nichts mit einem Meteor oder einem Kometen zu tun hat.</style></p><p><style name="font7">Schon alleine deshalb sollten wir die deutsche Botschaft informieren - �ber das, was hier vorgefallen ist, und �ber die Machenschaften unseres Finanziers.�</style></p><p><style name="font7">Rodius sah sie schweigend an. Auch Theisen war pl�tzlich still geworden.</style></p><p><style name="font7">�Was ist? Hat es euch die Sprache verschlagen?�</style></p><p><style name="font7">�Viktoria!� Rodius fasste sie sanft bei der Schulter. �Sven hat mir von der Sache erz�hlt. Auch von Kolja und Aldanov. Und ich habe beschlossen, dass es zu gef�hrlich ist, wenn wir uns in Dinge einmischen, die uns nichts angehen. Au�erdem habe ich den Auftrag nicht angenommen, um nach einem UFO zu suchen oder irgendwelchem Schamanenzauber nachzugehen. Ich bin von meiner Theorie, dass hier vor einhundert Jahren ein Meteor niedergegangen ist, nach wie vor �berzeugt. Alles andere interessiert mich nicht.�</style></p><p><style name="font7">�Aha�, sagte sie nur. �Daher weht der Wind. Selbst wenn ein Mutterschiff der Zylonen vor deinen F��en gelandet w�re, best�nde kein Grund f�r dich, von deiner Meteoritentheorie abzuweichen. Professorenehre nennt man so etwas wohl. Und das nur, damit unsere russischen Kollegen in aller Ruhe ihr Meteoritenabwehrsystem legitimieren k�nnen.� Sie kniff f�r einen Moment ihre Lippen zusammen. �Und so jemand z�hlt sich stolz zu den</style><style name="font4"> 68</style><style name="font7">ern. Anti-Vietnam-Kundgebungen. Sammeln f�r Amnesty International. Sternm�rsche f�r den Weltfrieden. Ich bin entt�uscht, Gregor.� Sie schaute ihm direkt in die Augen. �Ich dachte immer, du seiest ein Mann, der kein Problem da-mit hat, wenn er seine Forschungen eines Tages wegen neuer Erkenntnisse in Frage stellen m�sste. So kann frau sich t�uschen.�</style></p><p><style name="font7">�Ich will, dass du deine Sachen packst.� Rodius gab sich stur und kehrte den Chef heraus. �In einer Stunde sind wir bereit zur Abreise. Ich habe das mit Bashtiri besprochen.�</style></p><p><style name="font7">�Nur �ber meine Leiche.� Viktoria bot ihm trotzig die Stirn.</style></p><p><style name="font7">�Das kannst du vielleicht schneller haben, als du denkst�, warf Thei-sen ein. �Was ist, wenn Lebenov Verdacht sch�pft, dass wir irgendetwas wissen k�nnten, das ihm nicht in den Kram passt, oder wenn er glaubt, dass du mit diesem Halbwilden unter einer Decke steckst. Meinst du ernsthaft, er h�tte es dann nur auf dich abgesehen? Verdammt, Viktoria! Dass hier etwas nicht stimmt, sieht ein Blinder mit Kr�ckstock. Aber ich habe keine Lust wegen dir und deiner romantischen Anwandlungen f�r diesen sibirischen Tarzan in irgendeine russische Geheimdienstsache verwickelt zu werden. Ich habe Frau und Kinder! Verstanden?�</style></p><p><style name="font7">�In Ordnung.� Viktoria lachte trocken. Es hatte keinen Sinn, Sven Theisen von etwas zu �berzeugen, dass er nicht begreifen wollte. Schon gar nicht, wenn offenkundig Eifersucht im Spiel war. �Erstaunlich, dass du dich pl�tzlich an deine Familie erinnerst�, bemerkte sie spitz. �Aber wenn das so ist, packe ich eben meine Sachen und bin in einer Stunde bei euch. Ich will schlie�lich nicht an einer Familientrag�die schuld sein.�</style></p><p><style name="font7">Gegen zweiundzwanzig Uhr hob Bashtiris Helikopter in Richtung Vanavara ab. Es war immer noch hell genug, um beim Start einen grandiosen Ausblick auf den See und das Camp erhaschen zu k�nnen. Viktoria glaubte beinahe zu ersticken, sosehr schlug ihr das Herz beim Anblick der Baracke, in der sie Leonid vermutete. Kolja hatte ihr kurz vor der Abreise best�tigt, dass er noch lebte. Aber der Gedanke, dass Lebenov ihn jederzeit t�ten konnte, machte sie schier wahnsinnig.</style></p><p><style name="font7">Sie musste sich etwas einfallen lassen, selbst wenn die Lage noch so aussichtslos erschien.</style></p><p><style name="font7">Theisen schien froh zu sein, dass er diesem Irrsinn entronnen war. Und auch Rodius' Gesichtsz�ge entspannten sich zusehends auf dem Flug in die sechzig Kilometer entfernte Stadt. Bashtiri hatte daf�r gesorgt, dass der Professor und Viktoria bis zum n�chsten Morgen zwei</style></p><p><style name="font7">Zimmer in einem G�stehaus beziehen konnten und Theisen bis zur geplanten Abreise nach Krasnojarsk eine medizinische Versorgung im Hospital zuteil wurde. Auch der Hubschrauber und die beiden dazugeh�rigen Piloten sollten �ber Nacht in Vanavara bleiben.</style></p><p><style name="font7">Dem Schein nach bezog Viktoria ihr spartanisch eingerichtetes Zimmer, doch kaum waren die anderen G�ste und das Personal des Hauses zu Bett gegangen, �ffnete sie das im Parterre liegende Fenster und stieg hinaus auf die menschenleere Stra�e. Es musste kurz vor Mitternacht sein, als sie sich mit einer Kapuzenjacke bekleidet in die Ortsmitte von Vanavara aufmachte, um nach einem Taxi Ausschau zu halten. Gott sei Dank regnete es ausnahmsweise einmal nicht, so dass die Stra�en halbwegs trocken waren. Im sp�rlichen Licht einer Stra�enlaterne blieb sie stehen, um sich zu orientieren. Ihrem Plan nach wollte sie Leonids Gro�eltern aufsuchen und ihnen von der Gefangennahme ihres Enkels berichten. Nur sie konnten noch etwas unternehmen, um Leonids Leben zu retten. Vielleicht war es m�glich, dass der Gro�vater seinen Stamm zur Hilfe rief und man einen Protestmarsch ins Camp organisierte. Lebenov w�rde nicht so irrsinnig sein und allesamt �ber den Haufen schie�en.</style></p><p><style name="font7">Bei einer Kneipe machte sie Halt. Der Gastraum war von Zigarettenqualm ganz vernebelt, und �berall sa�en betrunkene M�nner, die bei ihrem Anblick in reine Verz�ckung gerieten. Immer wieder musste sie H�nde und Arme abwehren, bis sie sich zu einer chromblitzenden Bar einen Weg gebahnt hatte. Ein paar laszive Sch�nheiten im hautengen Tigerlook be�ugten Viktoria argw�hnisch, und auf ihre Frage nach einem Taxi erntete sie nur Gel�chter. Wer h�tte hier noch fahren sollen? Und wohin? Der n�chste Ort lag kilometerweit entfernt, und eine Busverbindung gab es zu dieser Zeit nicht mehr, wie sie schlie�lich von einem halbwegs n�chternen Lkw-Fahrer erfuhr. Mit einem unsympathischen Grinsen bot er ihr an, sie mitzunehmen, doch eine innere Stimme riet ihr, lieber zu Fu� zu gehen, als solch ein Angebot anzunehmen.</style></p><p><style name="font7">Unverrichteter Dinge stolperte sie aus dem zweifelhaften Etablissement heraus und stand erneut auf der Stra�e, versehen mit dem vagen Hinweis, wie sie in das Dorf der Ewenken gelangen konnte. Ein Marsch durch den Wald, drei Kilometer bei absoluter Finsternis. Doch was blieb ihr anderes �brig, um Leonids Leben zu retten? Lebenov und seine Mannen erschienen ihr weitaus gef�hrlicher als ein paar W�lfe und B�ren.</style></p><p><style name="font7">Ein Wind fuhr ihr durchs Haar, und sie fr�stelte, als sie den Ortsausgang von Vanavara erreichte. Ihre Taschenlampe hatte sie in der Aufregung vergessen.</style></p><p><style name="font7">Die Nacht war zum Gl�ck noch hell genug, um den Weg zu erkennen. Im festen Glauben, dass einzig Richtige zu tun, setzte sie einen Fu� vor den anderen. Pl�tzlich fiel ein Lichtschein zwischen die B�ume, und ein Wagen n�herte sich ihr von hinten. Viktoria sprang zur Seite, um nicht erfasst zu werden. Nach etwa f�nfzig Metern hielt der Wagen an. Viktoria schlug das Herz bis zum Hals. Hatte man sie entdeckt? Vielleicht war es die Polizei, die hier des Nachts patrouillierte - oder, was noch schlimmer w�re, Lebenovs Leute.</style></p><p><style name="font7">Langsam ging sie voran, w�hrend der Wagen mit laufendem Motor auf sie wartete.</style></p><p><style name="font7">In sicherem Abstand blieb sie stehen, und als der Fahrer bemerkte, dass sie nicht gewillt war, weiterzugehen, stie� jemand die Beifahrert�r auf und setzte ein Bein hinaus.</style></p><p><style name="font7">�K�nnen wir dich irgendwohin mitnehmen, Sch�tzchen?�, fragte eine �ltere Frau. Viktoria glaubte, sie zu kennen. Dann sah sie, dass es Vera Leonardowna war, Leonids Gro�mutter, die sie vor einer Weile in ihrer Jurte aufgesucht hatte. Sie trug Hosen und festes Schuhwerk. Dar�ber eine bunte Kittelsch�rze, als ob man sie geradewegs vom Herd weggeholt hatte.</style></p><p><style name="font7">�Sie schickt der Himmel�, stie� Viktoria erleichtert hervor.</style></p><p><style name="font7">Die alte Frau sah sie �berrascht an, doch dann verd�sterte sich ihr Blick. �Was ist mit Leonid? Ist ihm was zugesto�en?�</style></p><p><style name="font7">Offenbar wusste Vera Leonardowna von ihrer Verbindung zu Leo-nid. Ohne eine Antwort abzuwarten, kletterte die Alte aus dem Wagen und �ffnete die hintere T�r. Mit einem Nicken wies sie Viktoria an, Platz zu nehmen. Am Steuer des Wagens sa� eine zweite Frau, die wesentlich j�nger war. Dem Aussehen nach h�tte sie Leonids Mutter sein k�nnen.</style></p><p><style name="font7">�Bashtiri und Lebenov halten ihn gefangen�, stie� Viktoria hervor. �Am Cheko, im Camp. Deshalb war ich auf dem Weg zu Ihnen. Niemand au�er Ihnen kann ihm noch helfen.�</style></p><p><style name="font7">�Du bist den ganzen weiten Weg gelaufen, Kind? Nur um sein Leben zu retten?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria erz�hlte die ganze Geschichte, w�hrend der Wagen auf Anweisung von Leonids Gro�mutter seinen Weg ins Jurtendorf fortsetzte.</style></p><p><style name="font7">�Was werden sie mit ihm anstellen?� Viktorias Stimme war angsterf�llt, und doch war sie froh, endlich eine Verb�ndete gefunden zu haben.</style></p><p><style name="font7">�Wir m�ssen Makar benachrichtigen�, beschloss Leonids Gro�mutter und gab der Fahrerin zu verstehen, dass sie schneller fahren sollte. �Wir wollten uns mit Leonid treffen�, erkl�rte sie weiter. �Der Wagen sollte ihn nach Jakutsk bringen. Wir haben auf ihn gewartet, und als er nicht kam, habe ich beschlossen, ins Dorf zur�ckzufahren.�</style></p><p><style name="font7">Als sie am Jurtendorf angekommen waren, hatten sich etliche Bewohner vor der Jurte des Stammes�ltesten versammelt.</style></p><p><style name="font7">Viktoria beschlich ein ungutes Gef�hl. Die Gesichter wirkten entsetzt, als Leonids Gro�mutter aus dem Wagen stieg. Entweder waren Lebenovs Leute erneut hier eingefallen, oder irgendetwas anderes war geschehen, das alle aufgeschreckt hatte.</style></p><p><style name="font7">Als sie sich dem Menschenauflauf n�herten, l�sten sich ein paar �ltere Frauen aus dem Pulk und liefen Leonids Gro�mutter mit besorgten Gesichtern entgegen. Viktoria konnte nicht verstehen, was sie sagten, doch das Gesicht der alten Frau war mit einem Mal wie versteinert.</style></p><p><style name="font7">Viktoria sp�rte, wie sie den Boden unter den F��en verlor. Vielleicht gab es Nachricht von Leonid - schlechte Nachrichten, wie sie unschwer im Licht einzelner Taschenlampen und brennender Kerzen in den traurigen Mienen erkennen konnte.</style></p><p><style name="font7">�Was ist?� Viktoria schrie beinahe, als sie den Arm von Leonids Gro�mutter erfasste.</style></p><p><style name="font7">Die Frau befreite sich jedoch sanft von ihrer Hand und ging ohne ein Wort in die Jurte.</style></p><p><style name="font7">Wie bet�ubt blieb Viktoria zur�ck und wandte sich in ihrer Verzweiflung an die Fahrerin des Wagens.</style></p><p><style name="font7">�Makar Charitonowitsch Schirov ist tot�, antwortete die Frau tonlos. �Sie haben ihn vor einer Stunde gefunden, nachdem ein paar vermummte M�nner die H�tte verlassen hatten. Vermutlich hat man ihn umgebracht.�</style></p></section><section><title><p><style name="font7">27.</style></p><p><style name="font7">Mai</style><style name="font4"> 1908,</style><style name="font7"> Sibirien - Tunguska</style></p></title><p><style name="font7">Ein Hauch von Fr�hling lag in der Luft, als Leonard am Morgen um sieben zur Konstruktionshalle aufbrach. Der Himmel war klar und der Schnee im Tal und an den H�ngen �berwiegend geschmolzen. Auf dem Weg vorbei an den �brigen Baracken traf er auf Aslan, der ihn angrinste.</style></p><p><style name="font7">�Na, wie l�uft's?� Ganz offensichtlich galt die Frage des Turkmenen nicht Leonards Arbeit, sondern bezog sich auf die Tatsache, dass er mit Frau und Kind zusammenleben durfte.</style></p><p><style name="font7">�Schlecht.� Leonard hatte es l�ngst aufgegeben, seine Gem�tsverfassung gegen�ber den Kameraden zu verschleiern. Daf�r kannten sie ihn mittlerweile zu gut, und ihre Zusammenarbeit wurde von Tag zu Tag intensiver, je n�her sie sich dem Abschluss ihres Projektes n�herten.</style></p><p><style name="font7">�Willst du dar�ber sprechen?� Aslan verlangsamte seine Schritte und blieb stehen, als sie bei dem drei�ig Meter hohen Antennenmast angekommen waren. Auffordernd blickte er dem deutschen Kameraden ins Gesicht. Leonard blieb ebenfalls stehen und gab einen Seufzer von sich.</style></p><p><style name="font7">Rasch zog er Aslan hinter eine Bretterwand und sah sich aufmerksam um, ob sie auch niemand beobachtete. Es war nicht erlaubt, auf offener Stra�e l�nger als ein paar Sekunden mit anderen Lagerinsassen zu verharren und zu sprechen.</style></p><p><style name="font7">�Katja beklagt sich t�glich �ber Kissanka. Die beiden Frauen sind schlimmer als Katze und Maus. Wenn ich nicht achtgebe, werden sie sich heute oder morgen die Augen auskratzen. Katja f�hlt sich von Kissanka schikaniert. Sie l�sst sie nur die schweren Arbeiten machen, obwohl sie wei�, dass Katja wieder schwanger ist. Ich werde zu Lo-bow gehen m�ssen. Entweder enthebt er Kissanka von ihrem Posten als Vorarbeiterin in der Kantine, oder er gibt Katja eine andere Besch�ftigung. Allerdings bliebe nur noch die W�scherei oder das Krankenlager. Beides T�tigkeiten, die weitaus schwerer und unangenehmer sind als die K�che.�</style></p><p><style name="font7">Der Turkmene sch�ttelte schmunzelnd den Kopf. �Sosehr ich dich um dein Gl�ck und besonders die erneute Vaterschaft beneide�, begann er vorsichtig. �mir scheint, seit deine Frau und euer Kind in dieses Lager verlegt wurden, sind deine Probleme nicht kleiner, sondern gr��er geworden. Dabei haben wir ganz andere Sorgen. Lobow war gestern Abend in unserer Baracke und hat verk�ndet, dass Mitte des Monats eine Delegation des Zaren erwartet wird, die unsere Versuchsreihen beobachten will. Danach sollen wir im Beisein von Vertretern des Kriegsministers und hohen Offizieren der Ochrana am</style><style name="font4"> 30.</style><style name="font7"> Juni an der Steinigen Tunguska mit unserem &gt;Feuerpferd&lt; den ersten Vollversuch starten. Bis dahin muss das Sprengmaterial der Bombe in ihre Uranummante-lung gepresst und an Bord des LS</style><style name="font4"> 1</style><style name="font7"> montiert werden. Allerdings bleibt fraglich, ob das Material auf die Bem�hungen unseres Schamanen reagiert. Die bisherigen Ergebnisse waren eher laut als spektakul�r, und unter echten Bedingungen konnte ich seine F�higkeiten noch nicht erproben. Das Material ist zu teuer und zu aufwendig in der Herstellung, als dass ich es einfach verschwenden k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">�Feuerpferd?� Leonard hob eine Braue und sah Aslan verbl�fft ins Gesicht. �Wer hat sich das ausgedacht?�</style></p><p><style name="font7">�Pjotr.� Aslan grinste breit. �Er hat sich den Namen f�r LS</style><style name="font4"> 1</style><style name="font7"> ausgedacht, nachdem ihm unser Schamane geraten hatte, ein schwarzes gefl�geltes Pferd auf den Rumpf des Luftschiffes zu malen, das in eine runde glei�ende Sonne fliegt. Es soll die Geister beeindrucken. Au�erdem ist es ein Zeichen der Kraft, das den Gott Ogdy gn�dig stimmen wird und die Ahnen bes�nftigen soll.�</style></p><p><style name="font7">Leonard zweifelte nicht an den �bersinnlichen F�higkeiten des Schamanen. Er hatte selbst erleben d�rfen, wie viel Unerkl�rliches in den weisen M�nnern steckte. Ob diese F�higkeiten sich allerdings zum Bombenbau eigneten, wagte er immer noch zu bezweifeln. Aslan behauptete hingegen, dass die pyrokinetische Energie des Schamanen be�ngstigend sei, und Professor Weinberg �u�erte gar, es sei ein Ph�nomen f�r sich selbst, dass es dringend zu erforschen gelte.</style></p><p><style name="font7">Als sie die Konstruktionshalle betraten, herrschte dort Hochbetrieb. Zwei fast fertige Luftschiffe warteten auf ihren Einsatz.</style></p><p><style name="font7">�Wir sind den Deutschen im Luftschiffbau eindeutig voraus�, frohlockte Pjotr, als er sich Weinberg und Leonard anschloss, die den Einbau der Navigationsger�te abschlie�end begleiteten. Noch hingen die beiden silbernen Boliden hintereinander verankert jeweils in einem eigenen tragf�higen Ger�st, solange bis man die isolierten Treibstoff-tanks des LS</style><style name="font4"> 1,</style><style name="font7"> wie der Prototyp offiziell genannt wurde, mit einem ann�hernd</style><style name="font4"> 30000</style><style name="font7"> Kubikmeter Gemisch aus Wasserstoff und Helium gef�llt hatte.</style></p><p><style name="font7">�Die Heliumbeimischung ist zwar teuer, und wir mussten sie �ber Umwege aus Amerika einf�hren�, erkl�rte Pjotr eifrig, �aber sie besitzt im Gegensatz zum Wasserstoff eine sehr geringe thermische Leitf�higkeit, die eine Gefahr durch nat�rliche Blitze, die nicht von unserem Schamanen geschaffen sind, bis auf ein Minimum herabsetzt. Schlie�lich wollen wir das Experiment nicht durch eine ungeplante Fehlentladung gef�hrden.�</style></p><p><style name="font7">Lobow war unbemerkt hinzugetreten und klopfte Weinberg in ungewohnter Vertrautheit auf die Schulter. �Allein daf�r wird uns der Zar eine Medaille verleihen.� Sein Blick wanderte �ber das erste von zwei Luftschiffen. Einhundertf�nfzig Meter feinstes Aluminiumblech, aus denen der Schiffsk�rper des LS</style><style name="font4">i</style><style name="font7"> zur G�nze bestand.</style></p><p><style name="font7">�Das Innenleben wurde entsprechend isoliert�, erkl�rte Pjotr voller Stolz. �Wir k�nnen bis in sieben Werst H�he aufsteigen. Das bedeutet, bis auf den Mount Everest verm�gen wir s�mtliche Gebirgsketten m�helos zu �berwinden.�</style></p><p><style name="font7">�Und Schenkendorff?�, rief Lobow �ber die lauten Hallenger�usche hinweg. �Wie stets mit der Navigation? Kommt unser Kind auch an, wo es ankommen soll, oder verirrt es sich gleich bei dem ersten Windsto�?�</style></p><p><style name="font7">�Wenn Sie mir folgen wollen�, presste Leonard beleidigt hervor. Lobow war in seinen Augen ein einf�ltiger Tropf - ein typischer Milit�rsch�del, der als Kind nur mit Zinnsoldaten gespielt hatte und dem au�er K�mpfen und Erobern nichts im Kopf herumging. Solange es solche Menschen gab, w�rde es Kriege geben. Erst wenn der Teufel sie aussterben lie�, w�rde das Paradies auf die Erde zur�ckkehren.</style></p><p><style name="font7">Leonard kletterte die Stahlrohrtreppe zur Gondel empor, die unter dem Luftschiff und neben einem Fracht- und Maschinenraum angebracht war und welche die eigentliche F�hrungskanzel beherbergte. Lobow folgte schweratmend und mit hochrotem Kopf. Seine Leibesf�lle machte ihm zu schaffen. Wie ein Elefant in einem Porzellanladen bahnte er sich zwischen all den filigranen und kostbaren Messger�ten r�cksichtslos einen Weg.</style></p><p><style name="font7">�Machen Sie's kurz und verst�ndlich, Schenkendorff�, grunzte er. �Wie Sie wissen, habe ich nicht viel Ahnung von der Sache.�</style></p><p><style name="font7">Leonard �ffnete den Deckel einer metallenen Kiste und deutete auf ein Gewirr an Kabeln und Sicherungen. �Das Hirn unseres Luftschiffes besteht in erster Linie aus Kupfer-Germanium-Halbleitern, die eine Verbindung zwischen einem Kurskreiselkompass, der unabh�ngig vom Magnetfeld der Erde agiert, und der Hauptsteuerung im Heck des Schiffes herstellen. So wird das Schiff auch ohne Pilot automatisch auf Kurs gehalten, ganz gleich, wie weit es vom Wind abgetrieben wird. Au�erdem sind wir auf diese Weise in der Lage, den gesamten Kurs vorab zu bestimmen. Von hier aus bis - wenn Sie wollen - Nagasaki. Dort angekommen, gibt ein automatisches Funkfeuer, das von einem mechanischen Z�hler ausgel�st wird, den Startschuss zur Z�ndung der Bombe.�</style></p><p><style name="font7">Lobow nickte anerkennend und bewies damit seine Unwissenheit. Auch wenn allein die Tatsache, ein Luftschiff als automatisch gelenktes Kriegsschiff nutzen zu k�nnen, schon ein Erfolg f�r sich darstellte, so reichte es l�ngst nicht, um eine alles zerst�rende Waffe zu produzieren, deren explosives Niveau - ferngelenkt nach Japan - noch bis Moskau zu sp�ren gewesen w�re.</style></p><p><style name="font7">Lobow nickte erneut. �Sie sind ein Genie, Schenkendorff. Sie alle sind Genies ...�, sagte er und weitete seine Lobeshymne auf Pjotr und Weinberg aus, die ihnen in die Steuerungsgondel gefolgt waren.</style></p><p><style name="font7">�Es w�re wirklich schade gewesen, wenn man M�nner wie euch einfach erschossen h�tte .�</style></p><p><style name="font7">Am</style><style name="font4"> 14.</style><style name="font7"> Juni</style><style name="font4"> 1908</style><style name="font7"> zeigte sich das Wetter abermals von seiner freundlichen Seite. Dem Start des Prototyps LS</style><style name="font4">i</style><style name="font7"> stand nichts mehr im Wege. Am n�chsten Morgen wollte man in aller Fr�he beginnen, das erste der beiden Luftschiffe aus der Halle zu bef�rdern. Den ganzen Tag zuvor hatte man die Tanks mit einem Wasserstoff-Heliumgemisch bef�llt, und nun schwebte es leicht wie eine Feder in f�nf Meter H�he �ber dem Boden. Lobow hatte in der Nacht zuvor die Wachen verst�rkt, damit auch ja niemand auf die Idee kam, das Vorhaben in letzter Minute zu sabotieren.</style></p><p><style name="font7">Leonard hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan und am Morgen die verbliebene Zeit genutzt, indem er Katja mit der �blichen Auf-merksamkeit begl�ckte. Obwohl ihm eigentlich nicht der Sinn danach stand, weckte er sie aus einem unruhigen Schlaf und gab ihr mit ein paar st�rmischen K�ssen zu verstehen, dass er sie wollte. Leise zeternd gab sie ihm nach und zog ihre Schenkel an, damit er tief in sie eindringen konnte.</style></p><p><style name="font7">W�hrend sie sich gen�sslich unter ihm rekelte, bewegte er sich behutsam in ihr und raunte ihr Z�rtlichkeiten zu - nicht nur, weil er sie liebte und sie sich einer fortgeschrittenen Schwangerschaft erfreute, nein - weil er Angst hatte, h�llische Angst, dass es das letzte Mal sein konnte, dass er bei ihr lag. Doch er sagte kein Wort, sondern st�hnte laut und hingebungsvoll, als wenn es nichts anders gab, an das er denken konnte.</style></p><p><style name="font7">Lobow hatte wie selbstverst�ndlich erwartet, dass Leonard Schenkendorff als einer der verantwortlichen Ingenieure den Jungfernflug des LS</style><style name="font4">i</style><style name="font7"> pers�nlich begleitete. Schlie�lich war der Deutsche f�r die �berwachung der Steuerungsautomatik, des Funkverkehrs und der Navigationsger�te verantwortlich. Zusammen mit Pjotr und Weinberg, der f�r die</style><style name="font4"> 800</style><style name="font7"> PS starken Motoren zust�ndig war, w�rde er s�mtliche Ergebnisse der Testfahrt protokollieren. Sp�ter wollte man die Leistung der Maschinen noch steigern, nicht nur um einen H�henrekord zu erreichen, sondern auch um einen Streckenrekord aufzustellen. Bis hierher hatte Leonard seine wissenschaftliche Arbeiten mit Enthusiasmus verfolgt, dabei hatte er niemals daran gedacht, eines Tages selbst fliegen zu m�ssen.</style></p><p><style name="font7">�Es hei�t Fahren ... nicht Fliegen ... �, hatte Pjotr ihn lachend getr�stet. �Es ist l�ngst nicht so gef�hrlich, wie du glaubst. Es sei denn, dein automatischer Navigator steuert uns in die falsche Richtung und wir zerschellen an einem Berg - aber notfalls kann ich auf manuelle Steuerung umschalten, und wir kommen mit dem Leben davon.�</style></p><p><style name="font7">Was h�tte er dazu schon sagen sollen? Sicher nicht, dass er Angst vorm Fliegen hatte und dass ihm die Arbeiten in der l�ngst nicht so hohen Gondel in der Konstruktionshalle von Beginn an Probleme bereitet hatten.</style></p><p><style name="font7">Das ganze Lager war auf den Beinen, als sich das riesige Luftschiff unter einem leisen Rauschen in die L�fte erhob. Unz�hlige M�nner an Seilen sorgten daf�r, dass das Schiff sich in die richtige Richtung schob, um die gut drei�ig Meter hohe Konstruktionshalle verlassen zu k�nnen. Pjotr sa� laut pfeifend in der F�hrungskanzel wie der Kapit�n auf der Br�cke seines Schiffs, und Weinberg rannte im Maschinenraum umher, w�hrend Leonard ein paar Pl�ne zurechtlegte und den Kompass justierte. Insgeheim beneidete er Aslan, der sicher unten am Boden stand, seine Bombe fertig konstruierte und ein paar abschlie�ende Experimente mit dem Schamanen durchf�hrte.</style></p><p><style name="font7">�Irkutsk hin und zur�ck�, pl�rrte Pjotr ihm fr�hlich ins Ohr, als die Nase des leicht schwankenden Luftschiffs sich neugierig zum Tor hinausstreckte.</style></p><p><style name="font7">Die Sonne prallte mit unvermittelter Kraft auf das silberne Aluminiumblech und blendete nicht nur die �brigen Lagerinsassen, die sich mit der au�erordentlichen Erlaubnis des Kommandeurs versammelt hatten, um das seltene Schauspiel zu betrachten. Einem der Techniker, der daf�r zu sorgen hatte, dass das Luftschiff ohne Schrammen aus dem Schuppen bef�rdert wurde, lie� es f�r einen winzigen Moment an Aufmerksamkeit mangeln, und er gab die falschen Signale. Ein furchtbarer Schrei durchschnitt die erwartungsfrohe Stille. Ein metallisches �chzen folgte und ein langes schleifendes Ger�usch, das nicht nur Leonard zu Tode erschreckte. M�nner schrien durcheinander, und ein St�hnen erklang.</style></p><p><style name="font7">Der Gigant geriet ins Schlingern, und f�r einen Moment sah es so aus, als ob er aus dem Gleichgewicht geraten w�rde. Lobow, der das ganze Man�ver wie gebannt verfolgt hatte, br�llte hektisch Befehle. Soldaten schw�rmten aus und dr�ngten die vor Angst fl�chtenden Arbeiter zur�ck in ihre Positionen.</style></p><p><style name="font7">Dann kehrte pl�tzlich eine seltsame Stille ein, und als der Gigant sich in die L�fte erhob, verunzierte eine lange, blutige Spur die Unterseite des ansonsten makellosen Schiffsk�rpers.</style></p><p><style name="font7">�Heilige Maria Mutter Gottes�, fl�sterte Katja, die am Rande des Lagers stand und ihr T�chterchen fest bei der Hand hielt. Sie war nicht sehr gl�ubig, und doch bekreuzigte sie sich, als sie sah, dass das Luftschiff beim Auslaufen drei Menschen regelrecht zerquetscht hatte.</style></p><p><style name="font7">�Das ist kein gutes Omen�, murmelte Katja d�ster und sah Aslan an.</style></p><p><style name="font7">�Denkst du, sie kommen heil zur�ck?�</style></p><p><style name="font7">Der Turkmene konnte die Angst in Katjas Augen sehen. �Ja, sicher.� Er l�chelte zuversichtlich. �Allah wird mit ihnen sein ...�</style></p></section><section><title><p><style name="font7">28.</style></p><p><style name="font7">Juni</style><style name="font4"> 2008,</style><style name="font7"> Tunguska - Tanz der D�monen</style></p></title><p><style name="font7">�Rebrov soll mit Attilo in den Wald gehen und den Ewenken erschie�en.� Bashtiri klang heiser, als er seinem Verb�ndeten und Weggef�hrten seine d�stere Absicht unterbreitete. Er wollte kein Risiko eingehen. Leonid Aldanov verschwinden zu lassen war die zuverl�ssigste Methode, nicht noch einmal ins Visier des FSB zu geraten. Offiziell war der Ewenke tot - niemand w�rde ihn vermissen. Au�er vielleicht seine Angeh�rigen, aber wie sollten die erkl�ren, dass er noch lebte - ohne selbst unglaubw�rdig zu wirken?</style></p><p><style name="font7">�Wir k�nnen ihn nicht umbringen, Sergej.� Lebenovs Stimme war tonlos. Nachdenklich lie� er sich den schottischen Whiskey auf der Zunge zergehen, den Bashtiris Butler f�rsorglich eingeschenkt hatte, bevor er sich mit devoter Miene zur�ckzog.</style></p><p><style name="font7">�Warum?� Bashtiri sah ihn zweifelnd an. �Wieso sollten wir uns Probleme schaffen, die wir beim besten Willen nicht gebrauchen k�nnen?�</style></p><p><style name="font7">�Hast du mal in dieses Buch hinein geschaut, das meine M�nner im Haus des alten Schirov gefunden haben?� Lebenov z�ckte einen abgegriffenen, schwarzen Einband aus seiner Tasche, kaum gr��er als ein Notizbuch, und hielt ihn Bashtiri entgegen, der jedoch nicht daran dachte, dieses schmuddelige Heft entgegen zu nehmen.</style></p><p><style name="font7">�Was soll das sein? Eine Schatzkarte?� Bashtiri sch�ttelte den Kopf und lachte ironisch.</style></p><p><style name="font7">�Etwas �hnliches.� Lebenov bl�tterte demonstrativ in den vergilbten Seiten. �Es handelt sich um Schenkendorffs Tagebuch und birgt die Aufl�sung all unserer R�tsel. Wenn ich es richtig gelesen habe, behauptet Aldanovs Urgro�vater darin, dass es Schamanen waren, die </style><style name="font4">i908</style><style name="font7"> die Katastrophe von Tunguska verursacht haben, und so wie er deren Wirken beschreibt, klingt es nicht so schwachsinnig, wie man auf den ersten Blick meinen m�chte.� Lebenov blickte auf und versicherte sich der Aufmerksamkeit seines Gegen�bers.</style></p><p><style name="font7">�Tats�chlich wurden Schenkendorff und zwei weitere Studenten seinerzeit deportiert. Man n�tigte sie, im Auftrag des Zaren eine</style></p><p><style name="font7">Geheimwaffe zu konstruieren. Doch ihnen fehlte das notwendige Wissen, um die Sache zu Ende zu bringen. Um die sogenannte ZarBombe experimentell z�nden zu k�nnen, bedienten sie sich des sogenannten Schamanenfeuers.�</style></p><p><style name="font7">�Zar-Bombe?�, fragte Bashtiri verwundert. �Ist</style><style name="font4"> 1908</style><style name="font7"> nicht ein bisschen fr�h? Soweit ich wei�, hat man erst</style><style name="font4"> i96i</style><style name="font7"> einer Wasserstoffbombe diesen Namen gegeben, nachdem sie von einem Team um den Physiker Andrej Sacharow konstruiert worden war? Au�erdem leuchtet mir nicht ein, was dieser Schamenenhokuspokus damit zu tun haben sollte.�</style></p><p><style name="font7">�Vor noch nicht allzu langer Zeit habe ich von einer Theorie geh�rt�, fuhr Lebenov fort, �die besagt, dass die freie Energie im Universum unersch�pflich ist. Wir m�ssen nur den richtigen Mechanismus finden, um sie zu erschlie�en, dann werden wir in Zukunft keinerlei fossile Brennstoffe mehr ben�tigen, sondern k�nnen unsere Energie sozusagen aus Luft und Wasser gewinnen.�</style></p><p><style name="font7">�Das w�re aber schlecht f�rs Gesch�ft.� Bashtiri stand der Spott ins Gesicht geschrieben.</style></p><p><style name="font7">�Keine Ahnung, was das f�r Auswirkungen h�tte. Vielleicht k�nnte man sich das dazu passende System patentieren lassen?�</style></p><p><style name="font7">�Und was hat das Ganze mit Leonid Aldanov und seiner Sippe zu tun?�</style></p><p><style name="font7">�Wenn man dem Tagebuch glauben schenken kann, ist er ein Nachfahre jener besonderen Rasse von tungusischen Schamanen, die das sogenannte Schamanenfeuer entfachen konnten. Nach einer sibirischen Legende, die im Zusammenhang mit dieser Theorie der Energiegewinnung erw�hnt wurde, soll es schon den Schamanen in der Steinzeit m�glich gewesen sein, allein kraft ihrer Gedanken gewaltige Blitze zu erzeugen. Damit konnten sie ihrem Stamm das Feuer sichern - in Zeiten, in denen unsere Vorfahren noch keine Ahnung hatten, wie man es selbst entfacht. Manchmal setzten die weisen M�nner ihre F�higkeiten aber auch als Waffe gegen einen anderen Stamm ein.�</style></p><p><style name="font7">�Und was w�re daran heute so gef�hrlich? Mittlerweile existieren Waffen, die weitaus f�rchterlicher sind als ein Blitzschlag.�</style></p><p><style name="font7">�In dem Artikel ging es um die m�gliche Herstellung von Antimaterie durch nat�rliche Ph�nomene. Nur ein paar Gramm davon k�nnten die Welt zerst�ren. Bisher ist es internationalen Forschern nur in Teil-chenbeschleunigern gelungen, etwas Vergleichbares zu reproduzieren. Aber die Mengen reichen nicht aus, und au�erdem h�lt sich die Substanz nicht lange genug, um sie tats�chlich nutzbar zu machen. Wenn man Schenkendorffs Ausf�hrungen glauben darf, scheint es sich bei diesem omin�sen Schamanenfeuer um eine �hnlich gef�hrliche Energie zu handeln. Nur dass man es nicht als solche bezeichnete. Er geht soweit zu behaupten, dass die Explosion von Tunguska ihren Ursprung in eben dieser Macht der Schamanen hatte. Nach dem Glauben dieser Leute hat der Feuer- und Donnergott Ogdy eine Warnung ausgesto�en, um Unbotm��igkeiten zu bestrafen, und die beiden Schamanen, die als Einzige in der Lage waren, ein solches Wunder zu vollbringen, samt Helfer get�tet. Aber angeblich sollte nach ein paar Generationen ein neuer Schamane geboren werden, der die Macht besitzt, nicht nur Blitze zu erzeugen, sondern deren helle Energie in dunkle zu wandeln, um damit den D�monen der Unterwelt zu neuer Macht zu verhelfen. Also, das mag sich vielleicht verr�ckt anh�ren, aber ich denke, wir sollten der Sache nachgehen.�</style></p><p><style name="font7">�Und warum h�ren wir erst jetzt etwas davon? Du warst Angeh�riger des Geheimdienstes. Deine Leute h�tten doch wissen m�ssen, ob man hier vor gut einhundert Jahren eine Bombe gez�ndet hat?�</style></p><p><style name="font7">�Kuropatkins Pl�ne, eine au�ergew�hnliche Bombe zu bauen, waren allgemein bekannt. Offiziell ist es ihm allerdings nie gelungen. Das war sicher einer der Gr�nde, warum man ein halbes Jahrhundert sp�ter der gr��ten Wasserstoffbombe aller Zeiten den Namen &gt;Zar-Bombe&lt; verlieh. Wenn man dem Tagebuch Glauben schenken darf, ist der erste Versuch, eine fr�he Form der Bombe im Jahre</style><style name="font4"> i908</style><style name="font7"> zu konstruieren, gr�ndlich daneben gegangen, und wer l�sst sich in einer solchen Situation schon gern in die Karten schauen? Der Kriegsminister hat in seinem eigenen Interesse und im Auftrag des Zaren s�mtliche Hinweise vernichten lassen, damit die durchaus brauchbaren Ans�tze nicht in die H�nde der Feinde Russlands gerieten. Ganz zu schweigen von dem seltsamen Mysterium, das die Angelegenheit umgab. Die Schamanen sind bei dem Ungl�ck ums Leben gekommen, und die beteiligten Wissenschaftler waren tot, oder man hat sie liquidiert, um zu vermeiden, dass sie mit ihren Erkenntnissen ins Lager der Bolschewiki wechseln konnten. Schenkendorff selbst galt als vermisst. Dass er bei einer tun-gusischen Familie Unterschlupf erhalten hatte und nachher dort einheiratete, entging den Beh�rden dann in den Wirren der Revolution.�</style></p><p><style name="font7">�Und du denkst tats�chlich, dass Leonid Aldanov ein Nachfahre dieser geheimnisvollen Schamanen ist?� Bashtiri seufzte. �Wie kommst du auf so einen Unsinn? Wenn Aldanov wirklich so au�ergew�hnliche Kr�fte besitzt, warum hat er sie nicht l�ngst angewandt? Wieso sitzt er dann dr�ben in der Baracke und r�hrt sich nicht?�</style></p><p><style name="font7">Lebenov grinste ironisch. �Vielleicht wei� er nichts von seinem Gl�ck. Zudem habe ich ihm eine Ladung mit dem Taser verpasst. Das sollte seine Energien f�rs Erste gedrosselt haben.�</style></p><p><style name="font7">�Besser h�ttest du ihn gleich ins Jenseits geschickt. Er ist dir schon zweimal entwischt. Eine dritte Chance bekommst du vielleicht nicht.�</style></p><p><style name="font7">Lebenovs Miene wurde sofort wieder ernst. �Zun�chst musst du dich wohl fragen, warum er �berhaupt noch am Leben ist. Schlie�lich haben meine Leute alles unternommen, um ihn und die Delegation des Pr�sidenten zu liquidieren.�</style></p><p><style name="font7">�War es nicht so, dass Aldanov zun�chst entkommen konnte und es vier</style> deiner<style name="font7"> M�nner den Hals gekostet hat?�</style></p><p><style name="font7">�Danach habe ich meine besten Leute auf ihn angesetzt�, rechtfertigte sich Lebenov. �Sie haben mir bei ihrem Leben und ihrer Ehre versichert, dass sie ihn eigenh�ndig im Terek ertr�nkt haben.�</style></p><p><style name="font7">�Und jetzt denkst du, er ist eine Katze und hat neun Leben.� Bash-tiri l�chelte boshaft. �Wenn es nach seinem Aussehen geht, k�nntest du recht behalten.� Er schenkte sich einen weiteren Whiskey ein und z�gerte einen Moment, als Lebenov ihm abwartend das leere Glas entgegenhielt. Mit einem leisen Schnauben goss er ihm nach.</style></p><p><style name="font7">�Was willst du von mir, Andrej?� Bashtiri wirkte sichtlich genervt. �Soll ich Superman den roten Teppich ausrollen, anstatt ihn in die ewigen Jagdgr�nde zu schicken? Ich halte das f�r keine gute Idee. Wenn wir offizielle Stellen einschalten, haben wir den FSB am Hals, und das ist das Letzte, was ich uns im Augenblick w�nsche. Schaff ihn endlich weg, und wir haben unsere Ruhe.�</style></p><p><style name="font7">�Nein, bevor wir Aldanov kaltstellen, werden wir Doktor Swerew hinzuziehen. Er ist ein renommierter Wissenschaftler, der schon seit Jahren auf der Gehaltsliste unseres Unternehmens steht. Au�erdem hat er nichts dagegen, sich etwas dazu zu verdienen. Er hat bereits die beiden Leichen untersucht, die wir im See gefunden haben. Sein Team kennt sich aus. Soweit ich wei�, hat er sich lange vor dieser Zeit im Auftrag der F�deration mit parapsychologischen Ph�nomenen besch�ftigt und wie man sie f�r milit�rische Zwecke nutzen k�nnte. Ich werde ihm noch heute Abend eine Kopie des Tagebuches per E-Mail zukommen lassen. Au�erdem hat Rebrov mir einen Bericht �ber den Bunker hereingegeben, der auf interessante Informationen hoffen l�sst. Ich werde Swerew auffordern, hierherzukommen, damit er sich das Ding einmal anschauen kann.�</style></p><p><style name="font7">�Und was sollte das bringen?�, wollte Bashtiri wissen.</style></p><p><style name="font7">�Sergej, kapierst du es nicht? Wenn an der Sache etwas dran ist und Aldanov uns das Konzept dieser Waffe verr�t, sind wir gemachte Leute. Der Pr�sident der Russischen F�deration wird uns nicht nur mit Lob �bersch�tten, sondern auch mit den dazu geh�rigen finanziellen Mitteln ausstatten.�</style></p><p><style name="font7">�Und was wird, wenn er es nicht tut?�</style></p><p><style name="font7">�Falls kein Interesse besteht, k�nnen wir Aldanov immer noch zur Strecke bringen, und man wird uns ehren, weil wir das Land von einem gef�hrlichen Terroristen befreit haben.�</style></p><p><style name="font7">Mit weichen Knien folgte Viktoria den Frauen in die abgedunkelte Jurte. �berall hatten die Dorfbewohner Kerzen aufgestellt. In dem einzigen Zimmer herrschte das reinste Chaos. Die M�bel standen nicht mehr an ihrem Platz, die Teppiche hatte jemand von den W�nden gerissen, und das wenige, was an Dekorationsgegenst�nden vorhanden gewesen war, lag verstreut auf dem Fu�boden. Viktoria hob Leonids Bild auf und stellte es zur�ck auf die Kommode. Inmitten all dieser Unordnung lag der Leichnam des Makar Schirov aufgebahrt auf dem gro�en Sofa und bot ein Bild des Friedens. �u�erlich schien er unverletzt, und seine Gesichtsz�ge waren so entspannt, dass man h�tte meinen k�nnen, er schliefe nur.</style></p><p><style name="font7">Leonids Gro�mutter beugte sich mit gefasster Miene �ber ihren Mann und k�sste ihm die Stirn, dann machte sie ein Kreuzzeichen. Ganz langsam erhob sie sich und sah in die Runde, bis sie Viktoria entdeckte. Durch ein Spalier von schweigsamen Dorfbewohnern ging sie auf die Deutsche zu und forderte sie auf, sich zu ihr hinunterzubeugen.</style></p><p><style name="font7">Viktoria sah sie aufgebracht an. �Sie m�ssen die Polizei einschalten, Vera Leonardowna. Wenn es ein Mord war, k�nnen Sie es nicht auf sich beruhen lassen. Was ist, wenn es Lebenovs M�nner waren?�</style></p><p><style name="font7">Leonids Gro�mutter ging auf ihren Vorschlag nicht ein.</style></p><p><style name="font7">�K�nnen Sie einen Wagen fahren, Kind?�, fl�sterte sie heiser.</style></p><p><style name="font7">Viktoria nickte verst�rt.</style></p><p><style name="font7">�Dann fahren wir beide jetzt zum Chekosee. Hier k�nnen wir ohnehin nichts mehr tun. Dort m�ssen wir ein Leben retten. Wir haben keine Zeit zu verlieren.�</style></p><p><style name="font7">Wie ein alter Traktor holperte der Lada durch die Nacht. Vera Leonar-downa sa� schweigsam auf dem Beifahrersitz, und obwohl Viktoria </style><style name="font4">i00i</style><style name="font7"> Fragen an sie gehabt h�tte, getraute sie sich nicht, auch nur eine davon zu stellen.</style></p><p><style name="font7">�Sag Babuschka zu mir, Kind�, sagte die Gro�mutter aus heiterem Himmel.</style></p><p><style name="font7">�Gerne�, antwortete Viktoria. Ihre Stimme war belegt, und sie wagte es kaum, der alten Frau in die Augen zu sehen.</style></p><p><style name="font7">�Er hatte seine Seele verloren, als er aus Tschetschenien zur�ckgekommen ist�, begann Vera Leonardowna mit einem Mal von ganz alleine. �Er war abgemagert bis auf die Knochen, und seine Augen waren stumpf. Es lag kein Funken Glanz mehr in ihnen. Er hat Tag und Nacht geweint und war drogenabh�ngig. Anders konnte er das Erlebte nicht verarbeiten. Es hat zwei Jahre gedauert, bis Makar und ich ihn davon abbringen konnten, st�ndig irgendwelches Kraut zu rauchen oder selbstgemischte Mixturen aus Pilzen und Pflanzen zu sich zu nehmen. Nicht, dass das unter angehenden Schamanen nicht �blich w�re, aber er tat es nicht, um die Geister zu rufen, sondern um sie zu vertreiben. Ein Grund mehr, warum wir nicht wollten, dass sein Onkel ihn zu einem heiligen Mann ausbildete. Ein weiterer war, dass er nicht auffallen durfte. Die Leute im Dorf hatten ihn jahrelang nicht gesehen. Weil er sich auch �u�erlich ver�ndert hatte, konnten wir ihn als einen entfernten Cousin unseres verstorbenen Enkels ausgeben, der gelegentlich zu uns zu Besuch kam. Ich wusste, dass er geflohen war und dass er sich in Lebensgefahr befand, wenn es die falschen Leute herausfinden w�rden. Kannst du dir vorstellen, Kind, wie furchtbar das ist, wenn du jemanden sosehr liebst und st�ndig Angst um sein Leben haben musst.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria nickte und sp�rte gleichzeitig, wie sich ihr die Kehle zuschn�rte. Nicht f�hig, etwas zu antworten, richtete sie ihren Blick auf die Stra�e, die allein wegen der vielen Schlagl�cher den Namen kaum verdiente.</style></p><p><style name="font7">�Und was hast du jetzt vor, Babuschka? Wir k�nnen doch nicht einfach in das Camp einmarschieren und die Herausgabe der Geisel fordern.� Sie sah Vera Leonardowna kurz an und bemerkte, dass die Alte etwas aus ihrer Sch�rzentasche fischte, das sie zuallerletzt in den H�nden einer russischen Gro�mutter vermutet h�tte.</style></p><p><style name="font7">�Eine Makarov PM, Kaliber</style><style name="font4"> 9</style><style name="font7"> x</style><style name="font4"> 18,</style><style name="font7"> mit einem</style><style name="font4"> 12</style><style name="font7">er Magazin�, erkl�rte die alte Frau unger�hrt und hielt die Faustfeuerwaffe demonstrativ in die H�he, damit Viktoria sie auch richtig sehen konnte.</style></p><p><style name="font7">Abrupt trat Viktoria auf die Bremse und verlangsamte das Tempo, bis der Wagen schlie�lich zum Stehen kam.</style></p><p><style name="font7">�Was willst du mit dem Ding? Wo hast du diese Waffe �berhaupt her?�, fragte sie voller Entsetzen. �Soweit ich wei�, ist es Privatpersonen in Russland verboten, eine solche Waffe zu besitzen.�</style></p><p><style name="font7">�Fahr weiter, Kind!� Die alte Frau sah sie mit schmalen Lidern an, dabei hielt sie die Pistole so, dass Viktoria mit einem Mal das Gef�hl beschlich, gekidnappt zu werden. Mit zitternden Knien setzte sie die Fahrt fort.</style></p><p><style name="font7">�Wenn es n�tig wird, werden sie alle dran glauben m�ssen�, knurrte Vera Leonardowna d�ster. �Lebenov, Bashtiri und die ganze verdammte Bande. Bevor sie Leonid etwas antun k�nnen, werde ich sie alle zu den D�monen der Unterwelt schicken. Diese Teufel haben mir meinen Mann genommen, und ich werde nicht zulassen, dass sie mir auch noch meinen einzigen Enkel nehmen.�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe Angst. Nicht nur um Leonid, sondern auch um dich, Ba-buschka. Du wei�t doch bestimmt nicht, wie man mit so einem Ding umgeht. Was ist, wenn Lebenovs Leute uns entdecken und zuerst schie�en?�</style></p><p><style name="font7">�Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich war im Krieg und schon mit f�nfzehn im Widerstand. Ich habe mehr Menschen auf dem Gewissen, als Gott der Herr mir verzeihen k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">�Haben wir einen Plan?� Viktoria konnte immer noch nicht glauben, was Vera gesagt hatte. �Wie sollen wir es schaffen, Leonid zu retten, bevor uns jemand bemerkt?�</style></p><p><style name="font7">�Unser Herz wird uns lenken, Kind. Mich und dich erst recht. Leo-nid hat dir das Leben gerettet. Du bist mit ihm auf ewig verbunden, du wei�t es vielleicht nur noch nicht.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria atmete tief durch. Ja, sie wusste, dass sie mit Leonid auf eine eigent�mliche, intensive Weise verbunden war. Sie hatte es gewusst, seit sie im Krankenhaus von Vanavara erwacht war. Nur wie es so rasch dazu kommen konnte, war ihr immer noch schleierhaft. Aber f�r die wahre, gro�e Liebe gab es in den seltensten F�llen eine Erkl�rung.</style></p><p><style name="font7">Nach �ber einer Stunde Fahrt gelangten sie in jenen Teil des Waldes, den Viktoria nach ihrem heimlichen Treffen im Camp bereits mit Leo-nid zu Fu� durchquert hatte.</style></p><p><style name="font7">�Die Stra�e f�hrt nicht bis zum See�, erkl�rte Viktoria der alten Frau mit unsicherer Miene. �Wir m�ssen den Wagen hier abstellen und ein ganzes St�ck gehen. Der Weg f�hrt �ber eine alte Br�cke �ber den Kimchu. Wir m�ssen verdammt aufpassen, damit man uns nicht entdeckt.�</style></p><p><style name="font7">�Ich wei�, Kind.� Die Gro�mutter l�chelte sie an. �Schlie�lich bin ich hier zu Hause.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria parkte den Lada zwischen zwei Baumriesen in einer nat�rlichen Schneise. Der Gedanke, mit einer alten Frau mitten in der Nacht durch einen unwegsamen Wald zu schleichen, beunruhigte sie beinahe so sehr wie der Gedanke an das, was noch folgen konnte. Was w�rde geschehen, wenn Vera Leonardowna st�rzte und sich ein Bein brach?</style></p><p><style name="font7">Doch die alte Partisanin hatte vorgesorgt. Mit einem triumphierenden L�cheln z�ckte sie eine moderne LED-Taschenlampe.</style></p><p><style name="font7">�Denk nicht, Kindchen, dass ich hinter dem Mond lebe�, erkl�rte sie v�llig ruhig. �berhaupt war sie f�r eine Frau, deren Mann soeben verstorben war und deren Enkel in Lebensgefahr schwebte, be�ngstigend gefasst.</style></p><p><style name="font7">Lautlos pirschten sie �ber einen ausgetrampelten Pfad zu jener h�lzernen Br�cke hin, die den Kimchu �berquerte. Geb�ckt huschten sie �ber die Planken und tauchten am anderen Ende wieder in den dichten</style></p><p><style name="font7">Nadelwald. Vera Leonardowna hielt die Lampe halb verdeckt zu Boden gerichtet, damit man sie von weitem nicht erkennen konnte. In der N�he des Camps machte sie halt und ging f�r eine Achtzigj�hrige erstaunlich flink in die Hocke. Dabei packte sie Viktoria am �rmel ihrer Jacke und zog sie mit nach unten. Die Umgebung der Baracken war hell erleuchtet. Zwei Wachen standen vor dem Geb�ude, in dem man Leonid am Nachmittag festgesetzt hatte. Die uniformierten M�nner rauchten und unterhielten sich angeregt. Dabei galt ihre Aufmerksamkeit kaum der Umgebung und schon gar nicht dem Ausgang von Leonids Gef�ngnis. Weiter hinten, in Bashtiris Behausung brannte ebenfalls noch Licht. Offenbar hatte er sich mit seinen Leuten zur Beratung zur�ckgezogen. Jedenfalls stand - anders als sonst - keiner der Bodyguards drau�en und bewachte den Eingang zur Unterkunft des Oligarchen.</style></p><p><style name="font7">�Was ist, wenn sie Leonid etwas angetan haben?� Viktorias Stimme zitterte, weil sie kaum auszusprechen wagte, wovor sie sich am meisten f�rchtete.</style></p><p><style name="font7">�Wenn er tot w�re�, sinnierte Leonids Gro�mutter k�hl, �w�rden die beiden wohl kaum da drau�en stehen und Wache halten. Oder gibt es einen weiteren Gefangenen?�</style></p><p><style name="font7">�Nein. Soweit ich wei�, nicht.� Viktoria seufzte erleichtert. � Aber wie sollen wir da hineinkommen, ohne dass uns jemand bemerkt, und wie sollen wir Leonid dort herausholen? Und selbst wenn wir es schaffen w�rden, an den Wachen vorbeizukommen - wo sollten wir anschlie�end hingehen, damit man uns nicht findet?�</style></p><p><style name="font7">Die Augen der Gro�mutter funkelten angriffslustig, w�hrend sie die Pistole entsicherte. �Das ist das geringste Problem, mein Kind.�</style></p><p><style name="font7">In einem Vorraum von Bashtiris B�ro stand das gesamte nachrichtentechnische Equipment des Camps, streng bewacht von einem Bodyguard. Der Mann sorgte daf�r, dass ankommende E-Mails unverz�glich ausgedruckt und geheftet an seinen Chef weitergeleitet wurden.</style></p><p><style name="font7">Andrej Lebenov hatte - gleich nach Erhalt - das Tagebuch des Schenkendorff fotokopiert, eingescannt und per E-Mail nach Irkutsk �bersandt. Doktor Swerew, ehemaliger Dozent an der Universit�t von Moskau und nun wissenschaftlicher Leiter im biologischen Forschungsinstitut von GazCom, geh�rte zu der Sorte Menschen, f�r die es keinen Feierabend gab. Daher verwunderte es Lebenov nicht, dass er bereits eine Stunde nach seiner Anfrage an Swerew dessen Analyse in H�nden hielt.</style></p><p><style name="font7">Er bl�tterte noch in den einzelnen Seiten, w�hrend er Bashtiris Privatgem�cher betrat.</style></p><p><style name="font7">�Swerew schreibt etwas von kalter Fusion und nat�rlicher Kernspaltung�, erkl�rte Lebenov mit Blick auf Bashtiri. �Er ist der Auffassung, dass Schenkendorffs Hinweis ein bemerkenswertes Zeugnis daf�r liefert, was hier wirklich vor einhundert Jahren geschehen sein k�nnte. Er will sich noch heute auf den Weg machen, um sich die Sache hier vor Ort anzusehen. Er h�lt eine intensive Untersuchung des Bunkers und auch des Sees und seiner Umgebung f�r unabdingbar. Au�erdem ist er sehr interessiert an unserem Ewenken. Seiner Meinung nach k�nnte der Mann bemerkenswerte pyrokinetische F�higkeiten besitzen, wenn Schenkendorffs �u�erungen zutreffen.�</style></p><p><style name="font7">Bashtiri, der in seinem bequemen Sessel sa� und gerade dabei war, ein paar Zahlen in seinem Laptop zu sch�nen, schaute erstaunt auf. �Und was sagt er sonst noch?�</style></p><p><style name="font7">�Sollten sich seine Vermutungen bewahrheiten, r�t Swerew, unverz�glich den Pr�sidenten zu informieren.�</style></p><p><style name="font7">Bashtiri bedachte Lebenov mit einem �berraschten Blick.</style></p><p><style name="font7">�Wann wird Swerew hier eintreffen?�</style></p><p><style name="font7">�Morgen Mittag.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria stand kurz davor, sich vor Aufregung zu �bergeben, als sie der alten Frau durch die Dunkelheit folgte. Vera Leonardowna hielt die Makarov fest in ihrer von Altersflecken �bers�ten Hand.</style></p><p>Lieber Gott,<style name="font7"> betete Viktoria stumm, obwohl sie sich nicht als gl�ubig bezeichnen durfte,</style> wenn es zu einer Schie�erei kommen sollte, lass uns bitte nicht sterben.<style name="font7"> Sie dachte an ihre Mutter, deren einzige Sorge bei ihrer Abreise dem passenden M�ckenschutzmittel gegolten hatte und dass sie nicht in schlechte, m�nnliche Gesellschaft geriet. Mit beiden Bef�rchtungen hatte sie in fataler Weise recht behalten. Viktoria versuchte sich vorzustellen, wie es w�re, wenn ihre Mutter jemals das ganze Ausma� der Geschichte erfahren sollte.</style></p><p><style name="font7">Sie dachte an Leonid und an seinen Gro�vater, der nicht mehr zu retten war und aufgebahrt in der Jurte lag. Schlie�lich an Theisen und Rodius, die sicher schon in ihren weichen Betten schliefen und sie bis zum n�chsten Morgen nicht vermissen w�rden.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich stupste sie etwas an, als sie sich unmittelbar vor dem Absperrzaun befanden: eine kalte Nase, die zwischen zwei Str�uchern hervorlugte. Nur knapp gelang es Viktoria, nicht loszuschreien. Im Zwielicht der Lagerbeleuchtung sah sie das Fell des Hundes.</style></p><p><style name="font7">�Ajaci�, fl�sterte sie atemlos, und vor lauter Freude kraulte sie dem gef�hrlich aussehenden Hund vorsichtig den Hals.</style></p><p><style name="font7">Leonids Gro�mutter hatte das Tier ebenfalls bemerkt und machte ein hastiges Kreuzzeichen. Doch dann wurde ihre Miene pl�tzlich unruhig, und ihre Bewegungen wurden fahriger. Sie kniete sich auf den Waldboden und schaute aufmerksam in die Umgebung.</style></p><p><style name="font7">�Er ist hier�, sagte sie so leise, dass es sich wie ein heiseres R�cheln anh�rte.</style></p><p><style name="font7">�Wer?� Viktoria verstand gar nichts mehr.</style></p><p><style name="font7">�Mein Bruder. Ich kann ihn sp�ren. Er muss irgendwo da drau�en sein.�</style></p><p><style name="font7">�Was hat das zu bedeuten?� Viktoria sch�pfte neue Hoffnung. Selbst wenn der Bruder von Vera Leonardowna kein junger Spund mehr sein konnte, so war er doch ein Mann, der sich mit solchen Situationen sicher besser auskannte als eine zierliche, grauhaarige Frau, die man eher in der Obhut eines Altersheimes vermuten durfte als schwer bewaffnet in einem sibirischen Wald.</style></p><p><style name="font7">�Wird er uns helfen?� Viktoria r�ckte ganz nahe an Vera heran.</style></p><p><style name="font7">�Ich bef�rchte, er wird alles nur noch schlimmer machen.� F�r einen Moment kniff Vera Leonardowna ihre ohnehin schmalen Lippen zusammen, immer noch bem�ht, eine Gestalt im Dunkel der Nacht auszumachen.</style></p><p><style name="font7">Viktoria konnte unterdessen beobachten, wie die beiden Soldaten abrupt ihr Gespr�ch unterbrochen hatten. Dann sah sie einen pl�tzlich huschenden Schatten, wie ein Vogel, der kurz durch das Sonnenlicht flog. Einer der beiden redete auf den anderen ein, doch sein Kamerad antwortete nicht. Es war merkw�rdig, er wirkte von einer Sekunde zur n�chsten erstarrt. Dann konnte Viktoria sehen, wie er in einer unnat�rlichen Haltung blitzschnell seinen Dolch zog und auf den v�llig �berrumpelten Gef�hrten einstach. Der andere z�ckte mit schmerzverzerrtem Gesicht seine Pistole, doch er brach blut�berstr�mt zusammen, noch bevor ein Schuss fiel. Dann marschierte der zweite Soldat mit eigent�mlich anmutenden Schritten wie eine Marionette in Richtung Wald und verschwand lautlos zwischen den B�umen.</style></p><p><style name="font7">�O mein Gott�, stie� Viktoria hervor und krallte ihre Finger in den Oberarm der alten Frau. �Warum hat er das gemacht, und wo ist er hin?�</style></p><p><style name="font7">�Komm, Sch�tzchen�, forderte die alte Ewenkin sie auf, �wer zu viel fragt, erh�lt verwirrende Antworten. Eine bessere Gelegenheit, Leo-nid zu befreien, kriegen wir nicht.�</style></p><p><style name="font7">In geb�ckter Haltung rannte Viktoria hinter Vera Leonardowna her. Der Achtzigj�hrigen schien die Distanz von knapp zweihundert Metern �berhaupt nichts auszumachen. Viktoria konnte kaum Schritt halten, zumal sich noch der Hund mit hechelnder Zunge zwischen sie beide gedr�ngt hatte.</style></p><p><style name="font7">Die Baracke, in der man Leonid gefangen hielt, lag etwas abseits, und es kam einem Wunder gleich, dass niemand sonst dort herumlief. Als sie endlich von der R�ckseite in die N�he des Geb�udes gelangten, l�ste sich ein weiterer Schatten aus dem Nachbargeb�ude. Viktoria hielt Vera Leonardowna geistesgegenw�rtig zur�ck, damit der Mann sie nicht sehen konnte. Es war Kolja. Er wirkte wie ein verfolgter Spion und sah sich nach allen Seiten um, bevor er sich b�ckte und dem leblosen Soldaten den Puls f�hlte. Nachdem er augenscheinlich befunden hatte, dass der Mann tot war, stand er auf und warf einen Blick auf Bashtiris Domizil, bevor er in der Baracke verschwand, in der Leo-nid vermutet werden durfte.</style></p><p><style name="font7">�Wer war das?�, zischte Leonids Gro�mutter, die Pistole noch entschlossener gefasst als zuvor.</style></p><p><style name="font7">�Soweit ich wei�, geh�rt er der russischen Regierung an�, formulierte Viktoria vorsichtig. �Aber er steht nicht auf der Seite Bashtiris. Er geh�rt wohl zum FSB und hat seinen eigenen Auftrag.�</style></p><p><style name="font7">�Jesus Christ�, fl�sterte Viktoria Leonardowna. �Wir werden ihn t�ten m�ssen, bevor er Leonid etwas antun kann.�</style></p><p><style name="font7">Leonid hatte versucht, sich die Chancen auf eine Flucht auszurechnen. Solange er jedoch nicht wusste, was Lebenov mit Viktoria und ihren Kollegen angestellt hatte, war er sich nicht dar�ber im Klaren, ob ein zu fr�her Fluchtversuch nicht alles nur noch schlimmer machte. Trotz der starken Schmerzen, die Lebenov ihm beigebracht hatte, war er nach einer Weile in eine Art Tiefschlaf gefallen. Wie in einem Spiel aus Licht und Schatten stand pl�tzlich sein Gro�onkel vor ihm, so wirklich und echt wie aus Fleisch und Blut.</style></p><p><style name="font7">�Was machst du hier, Taichin?�, fl�sterte Leonid mit br�chiger Stimme.</style></p><p><style name="font7">�Ich bin hier, um dir zu helfen, Junge�, sagte der alte Schamane leise. �Deine Babuschka und ich, wir werden dich nicht nochmal im Stich lassen.�</style></p><p><style name="font7">Die Erscheinung verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Einen Moment sp�ter vernahm Leonid ein seltsames Ger�usch vor der Barackent�r und ein St�hnen, dann trat wieder Ruhe ein.</style></p><p><style name="font7">Aufmerksam beobachtete er den Eingang. Nicht lange danach sp�hte ein Rotschopf um die Ecke. Es war Kolja, der junge Russe, den er zusammen mit Viktoria im Bunker gesehen hatte. In der rechten Hand hielt er eine Pistole Bes'schumnyj - auch die �Lautlose� genannt. Leonid bef�rchtete, dass der Russe ihn t�ten w�rde, weil er die M�ndung des Schalld�mpfers direkt auf ihn gerichtet hielt.</style></p><p><style name="font7">�Leonid Aldanov?� Kolja sah ihn fragend an.</style></p><p><style name="font7">�Was willst du von mir?�, erwiderte Leonid mit fester Stimme.</style></p><p><style name="font7">Der andere ging auf ihn zu und stellte sich hinter ihn. Leonid schloss f�r einen Moment die Lider, und als er den ged�mpften Schuss vernahm, rechnete er schon damit, sich unvermittelt in der Anderwelt wiederzufinden. Doch Kolja hatte nur die Kette der Handschellen zerschossen, sodass Leonid von dem Eisenbett befreit war, an das man ihn gekettet hatte.</style></p><p><style name="font7">�Komm schon!�, fl�sterte Kolja gehetzt. �Wir sollten schleunigst von hier verschwinden.�</style></p><p><style name="font7">�Was ist mit den Wachen?� Leonid wusste, dass drau�en zwei M�nner gestanden hatten.</style></p><p><style name="font7">�Einer von denen ist tot, aber ich habe ihn nicht get�tet. Der andere ist wohl abgehauen, er k�nnte jederzeit wiederkommen.�</style></p><p><style name="font7">Vera Leonardowna war auf dem Weg zur Baracke, als pl�tzlich Attilo auftauchte. Offenbar kam der Bodyguard aus dem Haus seines Chefs und wollte sich unweit des Eingangs im Gras erleichtern. Die alte Frau bemerkte er nicht, doch pl�tzlich fiel sein Blick auf die Baracke, in der man den Ewenken gefangen hielt. Viktoria gelang es gerade noch rechtzeitig, Vera Leonardowna zur�ckzuhalten und hinter die r�ckw�rtige Wand des Geb�udes zu zerren. Gebannt beobachteten die beiden Frauen, wie der blonde Riese zu dem am Boden liegenden Mann ging. Die Pistole im Anschlag trat er zur T�r, die nur angelehnt war, und sah sich nach allen Seiten um, bevor er sie schlie�lich aufstie�.</style></p><p><style name="font7">Ein kurzes Rumpeln und dann ein Poltern zeugten davon, dass er auf Widerstand stie�. Dann h�rte man wieder nur dieses leise, verr�terische Plopp. Kurz darauf lief Kolja nach drau�en, gefolgt von Leonid, der nur mit einer schwarzen Unterhose bekleidet war und immer noch Handschellen trug, die allerdings nicht mehr miteinander verbunden waren.</style></p><p><style name="font7">Ajaci war nicht zu halten und rannte los, bevor Viktoria etwas unternehmen konnte. Voll unb�ndiger Freude sprang der Hund an seinem �berraschten Herrn hoch und begann lauthals zu heulen. Leonid versuchte ihn zu beruhigen, doch die verbliebenen S�ldner des Camps waren l�ngst alarmiert. Auch Lebenov selbst stand kurze Zeit sp�ter im Innenhof. Er hatte eine Pistole in der Hand und richtete sie auf die beiden jungen M�nner.</style></p><p><style name="font7">Viktoria hielt vor Entsetzen den Atem an, sosehr �ngstigte sie sich um Leonid und Kolja, der nun als sein unverhoffter Besch�tzer auftrat. Der bisher eher harmlos wirkende Russe zeigte pl�tzlich sein wahres Gesicht, indem er etwas rief, das soviel wie �H�nde hoch, oder ich schie�e� bedeutete, und mit grimmiger Miene auf Lebenov zielte. Von irgendwoher fiel ein Schuss, und Kolja erwiderte ohne Z�gern das Feuer. Lebenov sank getroffen zu Boden, noch bevor sich aus seiner eigenen Waffe ein Schuss l�sen konnte. Wenig sp�ter jedoch war die kurze abgehackte Salve einer Maschinenpistole zu h�ren. Kolja fiel blutend zu Boden. Einer von Lebenovs M�nnern, die ihrem Kommandeur mit Leib und Leben dienten, hatte aus einem Hinterhalt heraus auf ihn geschossen. Mit einem leisen St�hnen fiel der Kopf des vermeintlichen Agenten der russischen Regierung zur Seite. Er ist tot, dachte Viktoria und unterdr�ckte den Schrei, der aus ihr herausbre-chen wollte. Ihr Blick fiel auf Leonid, der unbewaffnet mitten im Hof stand und wohl der n�chste sein w�rde, den es erwischte.</style></p><p><style name="font7">Leonids Gro�mutter zielte mit absolut ruhiger Hand auf ein Stromkabel. Ein Schuss krachte, und dann fiel das Licht aus. Maschinenpistolensalven leuchteten wie ein ratterndes Blitzlichtgewitter und erhellten f�r Sekunden den Hof. In Panik tastete Viktoria den Boden ab. Falls man Vera Leonardowna erschossen hatte, musste sie hier irgendwo liegen. Weitere Sch�sse krachten, und etwas streifte ihre Jacke. Einen Moment lang setzte ihr Herz aus, weil sie glaubte, es habe sie selbst erwischt. Doch ein paar starke Arme packten sie und zogen sie auf die F��e. Irgendjemand f�hrte sie entschlossen in die finstere Nacht hinaus.</style></p><p><style name="font7">Der Generator hatte aufgeh�rt zu summen. Viktorias Augen gew�hnten sich rasch an die Dunkelheit.</style></p><p><style name="font7">�Bist du verletzt?� Leonids Stimme klang wie eine Erl�sung.</style></p><p><style name="font7">�Nein, ich glaube nicht.� Mit gro�en Schritten folgte sie ihm in die Dunkelheit, vorbei am Seeufer - hin zum Landeplatz der Helikopter. �Was ist mit deiner Gro�mutter?�, rief sie gehetzt. �Wir k�nnen sie doch nicht einfach zur�cklassen!� Nur vage konnte sie Leonids Umrisse erkennen.</style></p><p><style name="font7">�Mach dir keine Sorgen, sie ist entkommen und kennt sich besser in unseren W�ldern aus als jeder Holzf�ller.�</style></p><p><style name="font7">Hinter ihnen explodierte ein regelrechtes Feuerwerk. Leuchtraketen erhellten den Himmel. Leonid achtete jedoch nicht darauf, er schien genau zu wissen, wo er hin wollte.</style></p><p><style name="font7">In atemberaubender Hast �ffnete er die Seitent�r des einzigen noch zur Verf�gung stehenden Helikopters und half Viktoria auf den Sitz des Copiloten.</style></p><p><style name="font7">�berraschend sprang Ajaci auf ihren Scho�. Offenbar war er ihnen im Kugelhagel gefolgt und wartete nun mit hechelnder Zunge auf das, was noch kommen sollte. Wie selbstverst�ndlich lie� sich Leonid neben ihnen in den Sitz fallen und startete den Helikopter. Die m�chtigen Rotorbl�tter erhoben sich unter einem ohrenbet�ubenden Rattern, und w�hrend sie immer schneller wurden, schraubte sich der schwere Vogel schwankend in die L�fte.</style></p><p><style name="font7">�Festhalten!�, br�llte Leonid �ber den L�rm hinweg, w�hrend Viktoria den am ganzen Leib zitternden Hund auf dem Scho� hielt.</style></p><p><style name="font7">Der Helikopter gewann schnell an H�he, und die Frage, ob Leonid ein solches Gef�hrt fliegen konnte, er�brigte sich, als er mit souver�ner Miene den Steuerkn�ppel bediente, als ob es der Joystick eines Computerspiels w�re. Sch�sse prallten an der robusten Au�enhaut ab, und Funken stoben auf, doch die todbringenden Geschosse drangen nicht in das Innere des Helikopters ein.</style></p><p><style name="font7">Fasziniert beobachtete Viktoria, dass Leonid sich nicht nur mit der Steuerung dieses Vehikels auskannte, sondern auch mit den unz�hligen Kontrollleuchten keine Probleme zu haben schien.</style></p><p><style name="font7">Routiniert schob er den Steuerkn�ppel nach rechts, und im n�chsten Augenblick wurde sie gegen die Au�ent�r gedr�ckt. Der Helikopter kippte sanft zur Seite, um eine elegante, kraftvolle Rechtskurve zu fliegen. Die Wange an das Glas gedr�ckt, konnte Viktoria sehen, dass die im Camp verbliebenen S�ldner es noch nicht aufgegeben hatten, auf sie zu schie�en.</style></p><p><style name="font7">Der Helikopter schwebte durch die dunkle sibirische Nacht. In der Ferne sah man ein Wetterleuchten, das in kurzen Intervallen den Blick auf eine gespenstische Mondlandschaft freigab. Kurz darauf �berflogen sie Vanavara. Wie Perlen in einem finsteren Ozean leuchteten die Stra�enlaternen f�r einen Moment auf, bevor sie wieder verschwanden.</style></p><p><style name="font7">�Wo fliegen wir hin?� Viktoria sah zu Leonid hin�ber. Das gr�nliche Licht, das seine markanten Z�ge maskenhaft wirken lie�, machte die ganze Situation noch viel unwirklicher.</style></p><p><style name="font7">�Krasnojarsk�, sagte er. Dann l�chelte er m�de. �Wenn man uns l�sst. Wir sind jetzt auf einer Sicherheitsh�he von</style><style name="font4"> 1000</style><style name="font7"> Metern - das m�sste reichen, um nicht versehentlich gegen einen Berg zu prallen. Zudem habe ich auf Autopilot geschaltet. Der Sprit sollte auch reichen.� Leonid schaltete die Innenbeleuchtung ein und studierte ein Handbuch, das offenbar Auskunft �ber die technischen Daten der Maschine gab. �Sei so gut und schau im Passagierraum nach, ob du dort etwas zum Anziehen f�r mich findest�, bemerkte er beil�ufig.</style></p><p><style name="font7">Wie bet�ubt schob Viktoria den Hund zur Seite, der sich daraufhin im Fu�raum verkroch. Mit unsicherem Blick und hechelnder Zunge verfolgte er jede ihrer Bewegungen, als sie in den r�ckw�rtigen Teil des Gro�raumhubschraubers vordrang. Zwischen den l�ngs angebrachten Sitzreihen fand sie tats�chlich nicht nur einen dunkelblauen</style></p><p><style name="font7">Pullover, der auf Brusth�he mit einem GazCom-Emblem versehen war, sondern auch eine Cargo-Hose und ein Paar schwarze Springerstiefel der Gr��e</style><style name="font4"> 45.</style><style name="font7"> Dazu eine Kiste mit Lebensmitteln, in der sie auf den ersten Blick eine Packung Kekse, eine Flasche Wodka und zwei Flaschen Orangensaft entdeckte. Mit weichen Knien stieg sie zur�ck ins Cockpit.</style></p><p><style name="font7">�Meine Ausbeute war erfolgreich�, meldete sie mit einem angedeuteten Salut. Leonid nahm die Hand vom Steuer und fasste in ihr langes Haar, als sie nahe genug herangekommen war. Sanft zog er sie zu sich hin und k�sste sie ausgiebig. Doch Viktoria konnte den Kuss nicht genie�en, weil sie von der Angst beherrscht wurde, er k�nne trotz Autopilot die Kontrolle �ber den Helikopter verlieren.</style></p><p><style name="font7">Etwas umst�ndlich half sie Leonid in den engen Pullover. Die Hose war zu gro�, und die Schuhe waren eine halbe Nummer zu klein, doch Leonid hatte andere Sorgen.</style></p><p><style name="font7">Aus dem Kopfh�rer, den er um den Hals h�ngen hatte, dr�hnten die englischen Anweisungen eines Fluglotsen. Nur der starke russische Akzent war herauszuh�ren, ansonsten konnte Viktoria nicht verstehen, was gesagt wurde. Routiniert r�ckte Leonid das Mikrofon mit der rechten Hand n�her an seine Lippen heran und antwortete in nicht weniger abgehackten S�tzen, wobei sein Englisch nicht besser war als das des Lotsen. Dabei gab er Position und H�he an, als ob es die selbstverst�ndlichste Sache der Welt w�re, dass sie mit einem Transporthelikopter von GazCom durch die sibirische Nacht flogen.</style></p><p><style name="font7">�Sie werden uns finden, nicht wahr?� Viktoria bekam vor Angst kaum ein Wort �ber die Lippen. �Ich meine, die werden doch bemerken, dass wir mit dem Helikopter nicht hier sein sollten, oder?�</style></p><p><style name="font7">Leonid l�chelte, um Zuversicht bem�ht, und streichelte ihre Wange.</style></p><p><style name="font7">�Solange ich mich als Angeh�riger von GazCom ausgebe und Bash-tiris Leute es nicht fertigbringen, offizielle Stellen zu informieren, sind wir sicher. S�mtliche Fl�ge m�ssen normalerweise bei der Flugsicherheit angemeldet werden, aber bei regierungsnahen Organisationen machen sie schon mal eine Ausnahme. Wenn Bashtiris Leute es nicht schaffen, den Generator in Gang zu bringen, werden sie nicht telefonieren k�nnen, und mit dem Wagen braucht man mindestens eine Stunde bis Vanavara.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria bem�hte sich, durch Leonids Worte neuen Mut zu fassen, doch die Zweifel blieben. �Wie viel Zeit bleibt uns, wenn sie die Luftsicherheit alarmieren?�</style></p><p><style name="font7">Er zuckte mit den Schultern. �Eine Stunde oder zwei. Ich versuche in jedem Fall, bis Krasnojarsk zu fliegen. Das sind etwas mehr als siebenhundert Kilometer. Der Helikopter hat Zusatztanks, anders k�nnte man die weiten Strecken gar nicht bew�ltigen.� Er zwinkerte ihr aufmunternd zu. �Lass uns erst einmal ankommen. Dann sehen wir weiter.�</style></p><p><style name="font7">Eine Weile sagte niemand etwas, und das Ger�usch des Rotors wirkte beinahe einschl�fernd. Viktoria beobachtete Leonid, wie er die Instrumente �berpr�fte und sich offensichtlich mit der Navigation besch�ftigte. Als er den Kopfh�rer f�r einen Moment abnahm, um etwas zu trinken, brach sie das Schweigen.</style></p><p><style name="font7">�Warum hast du das getan?�</style></p><p><style name="font7">�Was getan?� Er schaute sie durchdringend an, die dunklen Katzenaugen unergr�ndlich und regungslos.</style></p><p><style name="font7">�Du hast dich nur um mich gek�mmert anstatt um deine Gro�mutter.�</style></p><p><style name="font7">�Sie war nicht mehr da, als wir geflohen sind. Sie mag alt sein, aber sie ist ein tapferes M�dchen.� Er l�chelte schwach.</style></p><p><style name="font7">�Dein Gro�vater ist tot ...� Ihre Stimme war belegt, und im Halbdunkel der Kontrollleuchten konnte Leonid den feuchten Schimmer in ihren Augen sehen.</style></p><p><style name="font7">�Woher wei�t du ...?� Er fl�sterte beinahe, sodass sie ihn eigentlich bei dem L�rm, den die Rotorbl�tter verursachten, gar nicht h�ren konnte.</style></p><p><style name="font7">Stockend erz�hlte sie von ihrer Odyssee, nachdem sie das Camp verlassen hatte, und dass wahrscheinlich Lebenovs M�nner beim Tod seines Gro�vaters eine finstere, wenn auch noch nicht vollends gekl�rte Rolle spielten.</style></p><p><style name="font7">Leonid kniff f�r einen Moment die Lippen zusammen.</style></p><p><style name="font7">�Taichin ist mir im Traum erschienen�, erkl�rte er unvermittelt. �Ich war eingenickt, und auf einmal habe ich ihn vor mir gesehen -strahlend und so wirklich, als w�rde er tats�chlich vor mir stehen. Er hat mir angek�ndigt, dass er mir helfen w�rde. Von da an hatte ich keine ruhige Minute mehr. Als Kolja dann zu mir kam, dachte ich erst, jetzt ist es vorbei. Doch dann offenbarte er mir seine Absichten und sagte mir, dass du mit ihm geredet hast. Er meinte, er wolle Bashtiri und Lebenov ihrer Taten �berf�hren und dazu ben�tige er dringend meine Aussage.�</style></p><p><style name="font7">�Kolja ist auch tot.� Viktoria sp�rte, dass sie es immer noch nicht begreifen konnte, und doch war es die Wahrheit.</style></p><p><style name="font7">�Und damit ist auch die M�glichkeit gestorben, Licht in die Angelegenheit zu bringen.�</style></p><p><style name="font7">�Lebenov ist ebenfalls tot�, sagte Viktoria heiser. �Denkst du, er hat deinen Gro�vater wirklich umbringen lassen?�</style></p><p><style name="font7">�Und wenn schon! Was kann das jetzt noch �ndern?� Leonid verzog seinen Mund zu einem ironischen L�cheln. �Bashtiri lebt, das ist viel schlimmer. Er wird versuchen, alle zu liquidieren, die ihm gef�hrlich werden k�nnen. Gegen�ber der Polizei und dem FSB wird er behaupten, dass ich all diese Menschen auf dem Gewissen habe. Wie er �berhaupt mir die Schuld f�r das gesamte Desaster geben wird.�</style></p><p><style name="font7">�Deine Gro�mutter sagte, sie habe ihren Bruder gesp�rt. Danach haben wir beobachten m�ssen, wie einer der Wachsoldaten vor der Baracke ohne erkennbaren Grund auf seinen Kameraden eingestochen hat. Dann ist der Mann weggegangen, wie ein Roboter. Es war gespenstisch.�</style></p><p><style name="font7">�Du hast es mit angesehen?� Leonid schien �berrascht zu sein. �Und Taichin? Habt ihr ihn auch gesehen?�</style></p><p><style name="font7">�Wie sieht er denn aus?�</style></p><p><style name="font7">�Gro�. Hager. Grauhaarig.�</style></p><p><style name="font7">�Nein. Ich glaubte, einen Schatten gesehen zu haben. Wie ein Vogel, der durch ein Licht fliegt. Aber da war niemand.�</style></p><p><style name="font7">�Ich wusste es�, murmelte er. �Es war Taichin. Bestimmt hat Ajaci ihn zu mir gef�hrt.� Leonids Blick fiel auf den treuen Laika-R�den, der beinahe regungslos im Fu�raum lag und mit einem Mal zu ihm aufschaute, als er seinen Namen h�rte.</style></p><p><style name="font7">�Was hat das zu bedeuten?�</style></p><p><style name="font7">�Wie ich dir schon sagte, Taichin ist ein initiierter Schamane. Auf seine Weise ist er gef�hrlich. Ich h�tte mir denken k�nnen, dass er die Angelegenheit nicht auf sich beruhen l�sst.� W�hrend Viktoria noch r�tselte, was er damit gemeint haben k�nnte, dachte Leonid dar�ber nach, dass seine Gro�mutter recht gehabt hatte. Taichin k�mpfte seinen eigenen Kampf, und vielleicht war sein Geist weit mehr von D�monen beseelt, als Bashtiri und Lebenov es je h�tten sein k�nnen. Doch nun war es zu sp�t, um daran etwas �ndern zu k�nnen.</style></p><p><style name="font7">�Wie kann dein Gro�onkel die Schuld am Tod des Soldaten tragen? Ich habe niemanden au�er den beiden gesehen. Somit konnte er ihn schlie�lich nicht selbst erstechen.�</style></p><p><style name="font7">�Er besitzt die Gabe der Beschw�rung. Er kann in die K�pfe der Menschen eindringen und sie manipulieren, wenn sie schwach genug sind.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria hatte immer noch M�he, an so etwas zu glauben, aber dann dachte sie an die merkw�rdigen Todesf�lle im Camp.</style></p><p><style name="font7">�Du meinst, er kann einen Menschen dazu bringen, dass er einen anderen t�tet?� Ihr Blick schwankte zwischen Erstaunen und Entsetzen.</style></p><p><style name="font7">�Wenn der Betroffene genug dunkles Gedankenpotential in sich tr�gt und sich nicht zu sch�tzen wei� - dann kann es funktionieren.�</style></p><p><style name="font7">�Und was ist mit dir? Sag nur, du kannst das auch?� Mit leiser Abscheu sah sie ihn pr�fend von der Seite her an.</style></p><p><style name="font7">�Selbst wenn ich es k�nnte�, erwiderte er mit fester Stimme, �es k�me mir nicht in den Sinn, eine solche F�higkeit anzuwenden.�</style></p><p><style name="font7">�Hast du schon einmal jemanden get�tet?� Viktoria bereute die Frage bereits, noch bevor sie ausgesprochen war.</style></p><p><style name="font7">Leonid warf ihr einen langen, nachdenklichen Blick zu, w�hrend der Helikopter ruhig durch die Nacht flog.</style></p><p><style name="font7">�Wenn du es genau wissen willst. Ja, auch mich haben die D�monen bereits heimgesucht. Aber es war mir eine Lehre, es niemals wieder zu tun. Sie fressen deine Seele, St�ck f�r St�ck, wenn du dich erst einmal mit ihnen eingelassen hast.�</style></p><p><style name="font7">Sergej Bashtiri verging beinahe vor Angst, obwohl ihm immer noch drei seiner Bodyguards zur Verf�gung standen. Die pl�tzliche Finsternis, der Geruch von Blut und all die Toten waren nichts f�r sein verweichlichtes Gem�t. Auch wenn er schon unz�hlige Male den Tod eines anderen Menschen befohlen hatte, war es etwas ganz anderes, wenn es einen selbst zu erwischen drohte.</style></p><p><style name="font7">Akim Rebrov, der Anf�hrer von Lebenovs Truppe, kam viel zu sp�t aus seiner Baracke gest�rmt. Er hatte den Angriff schlichtweg verschlafen und stie� ein paar unkontrollierte Fl�che aus, als er im Lichtkegel seiner Taschenlampe die Leiche seines Chefs inspizierte. Lebe-nov war tot, wie der einzige noch vor Ort befindliche Sanit�ter n�chtern feststellte. Die Kugel hatte seinen Sch�del aufgeschlagen wie ein rohes Ei. Ein Soldat lag erstochen am Boden. Beunruhigt lie� Rebrov nach dem Kameraden suchen, der zusammen mit dem get�teten Soldaten Wache geschoben hatte, doch der Mann war nirgends zu finden.</style></p><p><style name="font7">�Was ist mit dem Kerl?�, fragte er und deutete auf Kolja, der ebenfalls leblos am Boden lag. Die Brust des toten Russen war durchl�chert; eine riesige Blutlache hatte den Boden durchtr�nkt.</style></p><p><style name="font7">�Keine Ahnung�, erwiderte einer von Bashtiris Leuten. �Er kam aus der Gefangenenbaracke herausgelaufen und er�ffnete das Feuer auf Kommandant Lebenov, dann wurde er von euren Leuten erschossen. Ich wei� nicht, was in ihn gefahren ist. Er war als Gel�ndef�hrer f�r die Wissenschaftler engagiert worden. Niemand h�tte ihm so etwas zugetraut.�</style></p><p><style name="font7">�Zieh ihm die Kleider aus und untersucht sein Zimmer.� Bashtiri riss das Kommando an sich, obwohl er es eigentlich nicht gewohnt war, lautstark Befehle zu erteilen. F�r solche Dinge besch�ftigte er seine Leute. �Ich will, dass man mir jede Auff�lligkeit meldet.� Beil�ufig musterte er die drei russischen Studenten, die in Abwesenheit von Professor Olguth im Camp zur�ckgeblieben waren und nun zitternd und mit verschr�nkten Armen am Rand des Geschehens standen und �beraus verloren wirkten.</style></p><p><style name="font7">�Wisst ihr N�heres �ber ihn?�, blaffte Bashtiri sie an.</style></p><p><style name="font7">Stumm sch�ttelten sie den Kopf.</style></p><p><style name="font7">�Er verstand was vom Feiern�, stotterte einer der jungen M�nner. �Er hatte immer die neusten Musik-CDs auf Lager, und wir haben manchmal Karten gespielt.�</style></p><p><style name="font7">�Wei� jemand, wer das Stromkabel zerschossen hat?� Die Stimme des Oligarchen hatte einen scharfen Unterton angenommen.</style></p><p><style name="font7">�Ich bin mir sicher, dass ich eine alte Frau gesehen habe.� Einer seiner Schergen f�hrte den Sucher der LED-Leuchte �ber den gestampften Boden. �Sie hatte eine Makarov.�</style></p><p><style name="font7">�Ja�, best�tigte ein Zweiter, �es war die Deutsche, ich habe sie genau gesehen. Sie war es auch, die sich mit dem Ewenken aus dem Staub gemacht hat.�</style></p><p><style name="font7">�Was soll der Unsinn?� Bashtiri sp�rte Wut in sich aufsteigen. �Die Deutsche ist nicht alt, und wie sollte sie an eine Waffe gekommen sein?� Er hatte selbst f�r einen Moment geglaubt, sie gesehen zu haben, doch dann hatte er gemeint zu halluzinieren, weil er es f�r unm�glich hielt, dass sie zur�ckgekommen war.</style></p><p><style name="font7">�Ich habe sie trotzdem gesehen�, best�tigte Fjodor leidenschaftlich. �Sie sa� im Cockpit, als der Ewenke den Helikopter gestartet hat.�</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich fuhr der Oligarch erschreckt zur�ck, als sich direkt vor seinen Augen zwei gro�e pechschwarze Rabenv�gel mit kr�ftigen Fl�gelschl�gen in die mondlose Nacht erhoben.</style></p><p><style name="font7">�Was war das?�, fragte Bashtiri erschrocken und leuchtete dem S�ldner vor ihm direkt ins Gesicht.</style></p><p><style name="font7">�Attilo ist tot.� Einer seiner Bodyguards kam herangest�rmt, um die n�chste Hiobsbotschaft zu verk�nden.</style></p><p><style name="font7">�Verdammt!� Bashtiri wirkte ersch�ttert. �Funktioniert das Satellitentelefon?� Seine Stimme klang hektisch.</style></p><p><style name="font7">�Leider nein�, meldete der Butler. �Die Batterien sind leer, und zu allem �berfluss ist der Generator ausgefallen. Er l�sst sich nicht wieder starten. Ich habe es mehrmals versucht.�</style></p><p><style name="font7">�Verfluchter Mist! Ich will, dass wir sofort nach Vanavara aufbrechen.� Mit nerv�ser Stimme wandte sich Bashtiri an Rebrov und seine verbliebenen Soldaten. �Noch diese Nacht.�</style></p><p><style name="font7">�Wir haben keinen Helikopter zur Verf�gung, Chef.�</style></p><p><style name="font7">Akim Rebrov hatte sich aufgerichtet und sah Sergej Bashtiri mit zweifelnder Miene an.</style></p><p><style name="font7">�Dann nehmen wir eben die beiden Gel�ndewagen.� Mit einer herrischen Geste befahl der Oligarch seinem Butler, die wichtigsten Dinge zusammenzupacken.</style></p><p><style name="font7">Wenig sp�ter brachte man die Leichen ins K�hlhaus, damit das Blut keine wilden Tiere anlockte. Danach durfte jeder das N�tigste mitnehmen, und der verbliebene Trupp, der aus sieben Sicherheitskr�ften, Bashtiri, seinem Butler und den drei Studenten bestand, machte sich schweigend auf den Weg zu jener Stelle, wo man, ein St�ck entfernt vom Schotterweg, die beiden Gel�ndewagen abgestellt hatte.</style></p><p><style name="font7">Vergeblich versuchten Rebrov und seine M�nner die Wagen zu starten. Ein Blick unter die Motorhaube zeigte, warum die Motoren nicht ansprangen. Irgendjemand hatte alle Kabel herausgerissen.</style></p><p><style name="font7">Rebrov fluchte erneut. �Wir werden uns wohl zu Fu� auf den Weg machen m�ssen�, befand er mit d�sterer Miene.</style></p><p><style name="font7">�Wie viel Zeit ben�tigen wir, um nach Vanavara zu kommen?� Bashtiri bem�hte sich, gelassen zu klingen.</style></p><p><style name="font7">Rebrov legte nachdenklich den Kopf schief und leuchtete absch�tzend in die Runde. �Vier bis f�nf Stunden, wenn wir z�gig marschieren.� Dann fiel sein Blick auf den Butler, einen �lteren Mann, der nur Halbschuhe trug. �Wenn es schlecht l�uft, auch l�nger�, f�gte er tonlos hinzu.</style></p></section><section><title><p><style name="font7">29.</style></p><p><style name="font7">Juni</style><style name="font4"> 1908,</style><style name="font7"> Sibirien - Vanavara</style></p></title><p><style name="font7">Zwei Wochen waren vergangen, nachdem Leonard zusammen mit Pjotr und Weinberg die Jungfernfahrt des LS</style><style name="font4"> 1</style><style name="font7"> absolviert hatte. Mit dem �Feuerpferd�, wie man das Versuchsluftschiff nun allgemein nannte, waren sie bis nach Irkutsk gefahren. Pjotr hatte unterwegs die einwandfreie Flugtauglichkeit des silbernen Boliden festgestellt. Die automatische Steuerung funktionierte ebenfalls reibungslos, und so hatte man das Luftschiff ins</style><style name="font4"> 400</style><style name="font7"> Werst s�d�stlich gelegene Kirensk zur�ckgef�hrt. Anschlie�end wurde es, von Bodentechnikern betreut, in einer geheimen Halle verborgen, bis es zu seinem eigentlichen Einsatz kommen sollte. Drei Wochen sp�ter sollte es erneut an den Start gehen, doch diesmal ohne Besatzung. Im wahrsten Sinne des Wortes automatisch musste es mittels elektromechanischer Steuerung seinen </style><style name="font4">400</style><style name="font7"> Werst nordwestlich gelegenen Zielpunkt an der oberen steinigen Tunguska finden. Noch in Kirensk hatte Aslan die einhundert Kilogramm schwere Bombe installiert, die im weiteren Versuchsverlauf mittels pyrokinetischer F�higkeiten von Maganhir gez�ndet werden sollte. Bis es soweit war, w�rde der Schamane in rituellen Vorbereitungen versunken auf einem heiligen Berg auf die Ankunft des �Feuerpferdes� warten.</style></p><p><style name="font7">Leonard und seine Kameraden waren nach Abschluss der Vorbereitungen zu Pferd aus Kirensk ins Lager zur�ckgereist, um von dort aus zwei Wochen sp�ter mit einer ranghohen Delegation des Zaren und einem Trupp Kosaken erneut nach Vanavara aufzubrechen, um das vorerst letzte Kapitel ihrer Forschungen zu beenden.</style></p><p><style name="font7">Leonard konnte sein Gl�ck kaum fassen, als er Katja und seine kleine Tochter nach seiner R�ckkehr aus Kirensk in die Arme schlie�en durfte. Alles w�rde gut werden, das wusste er. Lobow und seine Offiziere waren hoch zufrieden.</style></p><p><style name="font7">Am Tag der Abreise nach Vanavara genoss Leonard die letzten Stunden im warmen Bett mit seiner Frau, bevor er mit seinen Kameraden und Lobows Soldaten zum zweiten Teil der Mission aufbrechen musste. Dabei war er froh, in kein Luftschiff steigen zu m�ssen, weil er seine Flugangst trotz der passablen Aussicht, die er aus der F�hrungskanzel heraus genie�en durfte, nicht �berwinden konnte.</style></p><p><style name="font7">Katja hatte ihm ihre blo�e Kehrseite entgegengestreckt. Ihr Nachthemd war hochgerutscht, und es erregte ihn, dass ihr nacktes Ges�� sein Geschlecht ber�hrte. Entschlossen zog er seine zierliche Frau an sich und fuhr ihr mit seiner warmen Rechten �ber den schwangeren Leib.</style></p><p><style name="font7">�Es bewegt sich�, fl�sterte Katja und tastete unter der Bettdecke nach Leonards Hand. Sachte f�hrte sie ihn zu der Stelle, an der sich ein winziger Fu� offenbar Platz verschaffte. Ein leises Zucken unter ihrer Haut forderte seine ganze Aufmerksamkeit.</style></p><p><style name="font7">�Kannst du es sp�ren?� Ihr sanfter Blick in der Morgend�mmerung und ihre Stimme waren and�chtig.</style></p><p><style name="font7">�Ja�, best�tigte er mit erstickter Stimme, doch pl�tzlich konnte man die Entt�uschung aus seinen Worten herauszuh�ren. �Es hat aufgeh�rt.�</style></p><p><style name="font7">Sie l�chelte und streichelte seine b�rtige Wange. �Bis es zur�ckkommt, kannst du dich mit seiner Mutter besch�ftigen.�</style></p><p><style name="font7">Leonard folgte gehorsam ihren Anweisungen. Nachdem er sich auf den R�cken gerollt hatte, sa� sie auf und lie� sein hartes Glied in ihr Inneres gleiten. Er st�hnte leise, als sie sich sacht hin und her zu wiegen begann und ihm dabei direkt in die Augen schaute. Schlie�lich beugte sie sich zu ihm hinab, soweit es ihr gew�lbter Leib zulie�, und versuchte ihn zu k�ssen. Er schob ihr das Haar aus dem Gesicht und kam ihr mit halb ge�ffneten Lippen entgegen.</style></p><p><style name="font7">�Ganz gleich, was geschieht�, stie� er hervor, nachdem sie gemeinsam zum H�hepunkt gelangt waren, �solange ich bei dir liegen kann und unsere Kinder bei uns sind, bin ich der gl�cklichste Mann auf der Welt.�</style></p><p><style name="font7">�Au�er unserer Liebe werden wir ihnen nicht viel geben k�nnen, Leonard. Sie werden als leibeigene Lagerinsassen geboren und werden es bleiben, selbst wenn wir l�ngst gestorben sind. Hast du dar�ber schon nachgedacht?�</style></p><p><style name="font7">�Rede nicht so, Katja! Wenn wir mit unserer Sache erfolgreich sind, wird uns der Zar begnadigen.�</style></p><p><style name="font7">�Es w�re sch�n, wenn du recht behalten w�rdest. Wie lange wirst du wegbleiben?�</style></p><p><style name="font7">�Zwei Wochen, wenn alles glattgeht. Danach werden wir weitersehen.�</style></p><p><style name="font7">�Ich werde die Tage z�hlen, bis du zur�ckkommst, Leonard. Jede Minute in diesem Lager ist ohne dich eine Qual.�</style></p><p><style name="font7">�Wegen Kissanka?�</style></p><p><style name="font7">Katja nickte nur und hielt den Kopf gesenkt. �Sie schikaniert mich, wo sie nur kann, und wenn du nicht da bist, ist es noch schlimmer. Ich glaube nicht, dass es irgendwann aufh�ren wird.�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe bei Lobow vorgesprochen. Er wollte Kissanka verwarnen.�</style></p><p><style name="font7">�Anscheinend hat es nichts gen�tzt.� Katjas Stimme zitterte. �Sie l�sst sich nicht einsch�chtern. Ich w�sste zu gerne den Grund, warum sie mich so hasst.�</style></p><p><style name="font7">�Weil sie mich will.�</style></p><p><style name="font7">�Sie will dich?� Katja sah ihn ungl�ubig an. �Ist sie verr�ckt? Was bildet sie sich ein?�</style></p><p><style name="font7">Es war ihm so herausgerutscht, und schon tat es ihm leid. Bisher hatte er nie �ber Kissankas Avancen gesprochen. Vielleicht weil er der Sache nicht zu viel Gewicht verleihen wollte. Vielleicht weil es ihm peinlich war, dar�ber zu sprechen.</style></p><p><style name="font7">�Willst du sie auch? Oder hattest du was mit ihr, dass sie sich Hoffnungen macht?� Katja klang argw�hnisch.</style></p><p><style name="font7">�Wo denkst du hin? Sie ist mir v�llig gleichg�ltig. Vor ein paar Jahren hat ihr Alter mich beinahe totgeschlagen, weil sie behauptet hat, dass ich der Vater ihres Kindes w�re.�</style></p><p><style name="font7">�Und? Warst du es?� Katjas Miene verfinsterte sich.</style></p><p><style name="font7">�Bist du �bergeschnappt?� Leonard hatte nicht so hart reagieren wollen, doch allein die Tatsache, dass Katja ihm so etwas zutraute, brachte ihn in Rage. �Jeden verdammten Tag habe ich nur an dich und das Kind gedacht. Wie h�tte ich mich da mit einer anderen Frau einlassen k�nnen?�</style></p><p><style name="font7">�Kind?� Katja sah ihn verst�ndnislos an. �Wie konntest du davon wissen?�</style></p><p><style name="font7">Leonard stockte einen Moment, doch dann entschied er sich, die Wahrheit zu sagen. �Ich habe deine Briefe gelesen. Ich wusste, dass du schwanger warst.�</style></p><p><style name="font7">�Du hast meine Briefe gelesen? Welche Briefe?�</style></p><p><style name="font7">�Die du an deine Mutter gerichtet hast.�</style></p><p><style name="font7">�Wieso hast du meine Briefe lesen k�nnen?� Die Verwirrung stand ihr ins Gesicht geschrieben.</style></p><p><style name="font7">�Lobow hat mich damit beruhigt, dass es dir gutgeht, indem er die Briefe an deine Mutter zu mir schicken lie�. Es war eine Bedingung, sonst h�tte ich bei seinen Pl�nen nicht mitgespielt.�</style></p><p><style name="font7">F�r einen Moment schien Katja sprachlos zu sein. Sie setzte sich aufrecht ins Bett und sah ihn durchdringend an. �Bedeutet das, meine Mutter hat meine Briefe nie erhalten?�</style></p><p><style name="font7">�Vermutlich.�</style></p><p><style name="font7">�Und warum sagst du mir das erst jetzt?�</style></p><p><style name="font7">�Ich dachte, es w�re nicht so wichtig.�</style></p><p><style name="font7">�Nicht so wichtig?� Ihre Stimme war lauter geworden, und Viktoria erwachte in ihrem Kinderbettchen. Katja k�mmerte sich nicht darum. Wie eine Racheg�ttin sa� sie da und starrte ihn w�tend an. �Ich frage mich seit drei Jahren, warum meine Mutter nicht antwortet�, erkl�rte sie mit erstickter Stimme. �Ich dachte, sie liebt mich nicht mehr oder sie ist vielleicht tot. Und jetzt das.�</style></p><p><style name="font7">Leonard war versucht, sie in die Arme zu nehmen, weil sie auf einmal zu weinen begann, doch sie stie� ihn weg.</style></p><p><style name="font7">�Typisch Kerl�, schimpfte sie. �Wer wei�, was du mir noch alles un-terschlagen hast. Vielleicht hat das kleine Flittchen ja einen Grund, mich zu hassen. Wom�glich hast du ihr sch�ne Augen gemacht und vielleicht auch noch mehr.�</style></p><p><style name="font7">�Das ist ungerecht�, versuchte Leonard sich zu verteidigen. �Was sollte ich denn machen? Man hat mich hierher verschleppt, und ich hatte keine Wahl, irgendetwas zu entscheiden. Ich wollte nur �berleben, damit ich dich eines Tages wiedersehen kann.�</style></p><p><style name="font7">�Und bis dahin v�gelst du mit einer anderen!� Katja funkelte ihn unter Tr�nen w�tend an.</style></p><p><style name="font7">�Verdammt!� Das war einfach zu viel. Wie gehetzt sprang er aus dem gemeinsamen Bett. �Wie kannst du so etwas nur behaupten! Schlie�lich haben wir es dir zu verdanken, dass wir in dieser Schei�e sitzen. Wenn du ehrlich zu mir gewesen w�rest und mir gleich von den Pl�nen deines Bruders erz�hlt h�ttest, w�re es nie soweit gekommen! Du warst es, die mich zuerst betrogen hat, und das alles wegen dieses l�cherlichen Aufstandes, der ohnehin von deinem ach so hei� verehrten Pater Gapon inszeniert worden war. Wusstest du, dass er ein gedungener Vertrauensmann der Ochrana war?�</style></p><p><style name="font7">�Du l�gst!� Ihre Augen spr�hten vor Hass.</style></p><p><style name="font7">�Ich l�ge? Wer wei� das schon? Weinberg meinte sogar, du selbst seist eine Spionin. Wem, frage ich mich, kann man denn hierzulande noch vertrauen?�</style></p><p><style name="font7">�Raus!� Katja war aufgesprungen und mit zwei Schritten bei seiner Kleiderkiste. Wutentbrannt packte sie Hose und Jacke und schleuderte ihm beides vor die F��e. W�hrend er sich fassungslos b�ckte, um die Sachen aufzuheben, warf sie ihm einzeln die schweren Stiefel an den Kopf.</style></p><p><style name="font7">Schweigend zog Leonard sich an. Katja besch�ftigte sich unterdessen mit dem weinenden M�dchen.</style></p><p><style name="font7">�Ich werde jetzt gehen�, erkl�rte er mit fester Stimme. Insgeheim hoffte er, sie w�rde einlenken. Immerhin hatte er eine riskante Reise vor sich, und sie w�rden sich mindestens zwei Wochen nicht sehen.</style></p><p><style name="font7">Doch Katja hatte ihm den R�cken zugedreht und tr�stete die kleine Viktoria. Wenigstens von dem M�dchen wollte er sich mit einem Kuss verabschieden.</style></p><p><style name="font7">�Komm uns ja nicht zu nahe�, giftete Katja ihn an. �Es ist gut, dass du fort bist. So habe ich zwei Wochen Zeit, um herauszufinden, ob es wirklich Liebe ist, was uns verbindet. Oder nur ein gemeinsames Schicksal, an dem ich ja anscheinend die alleinige Schuld trage.�</style></p><p><style name="font7">Mit einem tiefen Seufzer wandte sich Leonard zur T�r. �Du machst einen Fehler�, stie� er verzweifelt hervor.</style></p><p><style name="font7">�Das geh�rt zu meiner Natur�, erwiderte sie bissig. �Du hast es selbst gesagt.�</style></p><p><style name="font7">Schweren Herzens nahm er seinen Mantel und schulterte seinen Seesack, in dem sich alles befand, was er f�r die n�chsten zwei Wochen ben�tigte. Dann ging er wortlos nach drau�en.</style></p><p><style name="font7">Ein Blick in den Himmel verhie� nichts Gutes. Ein leichter S�dostwind brachte feuchte Luft heran. LS</style><style name="font4">i</style><style name="font7"> sollte am</style><style name="font4"> 30.</style><style name="font7"> Juni</style><style name="font4"> 1908</style><style name="font7"> das Versuchsareal erreichen, doch ein Sturm oder ein Unwetter w�rde die ganze Planung in Frage stellen.</style></p><p><style name="font7">Knapp einhundertf�nfzig Werst mussten sie zu Pferd bis zur Versuchsstation zur�cklegen, die gut sechzig Werst nordwestlich von Va-navara entfernt lag. Die Arbeiter des Lagers hatten dort im vergangenen Sommer nach den Pl�nen der Lagerleitung eine Versuchsstation errichtet, die nicht nur den Anspr�chen der Wissenschaftler gen�gte. Auf einem knapp f�nfhundert Meter hohen H�gel oberhalb eines Flusses hatte man eine gewaltige Antenne installiert. Darunter, am Fu� des H�gels hatte man tief im Erdreich einen Bunker angelegt, der s�mtliches technisches Ger�t beherbergte. Gleichzeitig bildete die unterirdische Anlage die Schalt- und Kommandozentrale der Station und sollte aufgrund der versteckten Lage vor der Aussp�hung durch ausl�ndische Spione sch�tzen.</style></p><p><style name="font7">Aufgebracht nach dem heftigen Streit mit Katja, kontrollierte Leonard die letzten Funkberichte f�r einen reibungslosen Versuchsablauf, bevor er mit Pjotr und Weinberg zu den Pferden marschierte und sein Gep�ck auflud. Mit ann�hernd f�nfzig Reitern w�rde es durch die endlos erscheinenden W�lder der Taiga zum eigentlichen Einsatzgebiet gehen. Neben einer hochrangigen Abordnung des Kriegsministers war es Kommandeur Lobow, der die Truppe anf�hrte. Begleitet wurden sie von drei�ig schwer bewaffneten Kosaken, die zu ihrem Schutz abgestellt waren. Pjotr und Weinberg, die M�he hatten, den Anschluss zu behalten, taten sich schwer mit den Pferden, im Gegensatz zu Leonard hatten sie nie Reitunterricht erhalten. Aslan war mit</style></p><p><style name="font7">Maganhir, dem Schamanen, und einem Vorauskommando schon vor Tagen am Ort des Tests eingetroffen.</style></p><p><style name="font7">Beim Verlassen des Lagers blickte Leonard zur�ck, in dem seltsamen Gef�hl, etwas vergessen zu haben. Es war, als ob ihn ein unsichtbares Band zur�ckhalten wollte. Erst recht, als er Katja und seine kleine Tochter sah. Sie standen mitten auf dem Appellhofplatz. Zaghaft hob Katja ihre Hand und winkte in seine Richtung. Dann animierte sie das M�dchen, es ihr nachzutun.</style></p><p><style name="font7">Leonard winkte zur�ck. �Und Abmarsch�, br�llte der Kosakenf�hrer, worauf sich der Tross endg�ltig in Bewegung setzte.</style></p><p><style name="font7">Am darauffolgenden Tag erreichten sie gegen Abend Vanavara, eine bescheidene Handelsstation, die genauso trostlos war wie Nasimowsk. Die Bretterbuden der Pelzh�ndler und Goldgr�berl�den, in denen man neben Schaufeln und Gewehren alles kaufen konnte, was man in der Taiga zum �berleben ben�tigte, waren allesamt windschief und wenig einladend. Nachdem die Arbeiter die Pferde versorgt und die Kosaken die Zelte aufgeschlagen hatten, f�hrten Lobow und seine Offiziere die Regierungsdelegation, die aus f�nf gut gekleideten M�nnern bestand, in das einzige Gasthaus der Stadt. Leonard und seine Kameraden durften sich ausnahmsweise anschlie�en. Lautes Frauenlachen und das unb�ndige Gegr�le betrunkener Kerle hallten ihnen entgegen, als sie die Schankstube betraten. Zwei Musiker spielten Akkordeon. Ein angetrunkenes P�rchen tanzte dazu. An etlichen Tischen sa�en M�nner und spielten Karten oder am�sierten sich mit leicht bekleideten Damen. Als er seine neuen G�ste bemerkte, r�umte der Wirt sofort einen ganzen Tisch. Er witterte ein gutes Gesch�ft, sah er doch, dass es keine gew�hnlichen Goldw�scher waren, die seine bescheidenen Gastr�ume aufsuchten. Sie sa�en noch nicht ganz, da hatte jeder bereits eine Flasche Wodka vor sich stehen und - wer wollte - eine Dirne auf seinem Scho�.</style></p><p><style name="font7">Angewidert beobachtete Leonard, wie ein hoch dekorierter Offizier des Zarenregiments die Brust eines vielleicht f�nfzehnj�hrigen M�dchens betatschte. Halbwegs kokett hatte sie auf seinem Scho� Platz genommen, die Br�ste beinahe entbl��t, und ungeniert seinen Mund gek�sst, der sich unter einem gewaltigen Bart versteckte. Klaglos lie� sie es geschehen, dass dieser Kretin ihre wei�e Pracht g�nzlich zutage f�rderte und vor den Augen aller begann, an den rosigen Warzen zu saugen. Das M�dchen quietschte gek�nstelt und stie� dann einen echten Schmerzensschrei aus, weil der unfl�tige Kerl sie gebissen hatte. Der Wirt schaute irritiert und kam an den Tisch, w�hrend das M�dchen, eine junge Tungusin, sich die r�tliche Stelle oberhalb ihrer linken Brustwarze rieb. Niemand sagte etwas, am allerwenigsten Lobow, der stumm seinen Wodka genoss.</style></p><p><style name="font7">�Es kostet nicht viel, wenn du mit ihr aufs Zimmer gehst�, erkl�rte der Wirt. �Wenn du sie allerdings bei�en oder schlagen willst, verlange ich ein paar Rubel mehr.�</style></p><p><style name="font7">�Wenn du mir zeigst, wo ich die Kleine ungest�rt vernaschen kann, nur zu.� Der Offizier mit den Orden am Revers stand auf und schlug die Hacken zusammen. �Meine Herren�, meinte er mit einem anz�glichen Grinsen, �Sie haben sicher nichts dagegen, wenn ich mich kurz ins Vergn�gen st�rze.�</style></p><p><style name="font7">Fassungslos beobachtete Leonard, wie er das halb nackte M�dchen die Treppe hinaufschob. Dann bemerkte er, wie es eine d�rre, schwinds�chtig aussehende Hure vor allen Augen mit einem v�llig betrunkenen Pelzj�ger an der Bar auf einem Stuhl trieb.</style></p><p><style name="font7">�Ein teuflischer Ort�, fl�sterte Weinberg, der nur an seinem Wodka nippte.</style></p><p><style name="font7">�Ein teuflischer Ort f�r ein teuflisches Experiment�, f�gte Pjotr leise hinzu.�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">30.</style></p><p><style name="font7">Juni</style><style name="font4"> 2008,</style><style name="font7"> Tunguska - Transsibirien</style></p></title><p><style name="font7">Wie die anderen auch stapfte Bashtiri im Lichtkegel der Taschenlampen die Stra�e entlang. Flankiert von seinen verbliebenen Bodyguards, Jurij, Mischa und Fjodor, h�tte er sich eigentlich sicher f�hlen k�nnen. Trotzdem beschlich ihn ein ungutes Gef�hl. Mehr als sechzig Kilometer mussten sie zu Fu� zur�ckzulegen, um an ihr Ziel zu gelangen. Die Stra�e war durch den Gewitterguss am Nachmittag v�llig durchweicht. Immer wieder versank er bis zum Kn�chel im Schlamm.</style></p><p><style name="font7">Es herrschte eine gespenstische Stille. Rebrov, der Anf�hrer von Le-benovs �brig gebliebener Truppe, darunter zwei Helikopterpiloten, ging voran. Die Maschinenpistole im Anschlag richtete er seinen missmutigen Blick nach vorne in den Kegel der LED-Leuchte. Nicht nur, dass Lebenov zu Tode gekommen war, auch seine eigene Truppe hatte sich bis auf drei M�nner dezimiert.</style></p><p><style name="font7">Hinter ihnen gingen die drei Studenten. Antonov, der Butler, folgte zum Schluss. Er kam am schlechtesten von allen voran und wurde am meisten von den M�cken geplagt, die durch das Licht angezogen wurden.</style></p><p><style name="font7">Nach gut drei Stunden Marsch glaubte Sergej Bashtiri ein merkw�rdiges Ger�usch zu h�ren. Seltsamerweise schien er der Einzige zu sein, der das leise Gurgeln vernahm. Ein Blick zur Seite, best�tigte ihm, dass die �brigen M�nner stur in die Nacht hinausstarrten. Als er sich umdrehte, war niemand mehr da, der ihm den R�cken h�tte decken k�nnen.</style></p><p><style name="font7">�Rebrov!�, rief Bashtiri kr�chzend. Er vermisste seinen Butler. �Da stimmt was nicht. Antonov ist verschwunden.�</style></p><p><style name="font7">Akim Rebrov blieb abrupt stehen und leuchtete in die Dunkelheit. Tats�chlich fehlte von dem �lteren Mann jede Spur.</style></p><p><style name="font7">�Sammeln!�, befahl Rebrov streng und schickte sich an, den Weg zur�ckzugehen. Wortlos folgten ihm zwei seiner M�nner. Die Waffe im Anschlag richteten sie ihre volle Aufmerksamkeit auf die dicht bewaldete Umgebung. Bashtiris Leute sicherten den verbliebenen Trupp.</style></p><p><style name="font7">Es dauerte etwa zehn Minuten, bis Rebrov den Vermissten endlich fand. Hinter einem Geb�sch hatte der Butler sich offenbar erleichtern wollen und dabei einen Schw�cheanfall erlitten. Bewusstlos lag er am Boden und r�hrte sich nicht. Rebrov pr�fte seinen Puls und brachte ihn mit Hilfe eines zweiten Soldaten in eine stabile Seitenlage.</style></p><p><style name="font7">�Was machen wir jetzt?� Erregt wandte sich Bashtiri an seine Besch�tzer. �Wenn ihr auf ihn nicht aufpassen konntet, wie wollt ihr es bei mir fertigbringen?�</style></p><p><style name="font7">Rebrov schnaubte ver�rgert. �Der Mann ist nicht transportf�hig�, stellte er n�chtern fest. �Schon gar nicht wird er laufen k�nnen.�</style></p><p><style name="font7">Bashtiri warf einen Blick auf Antonov und dann auf die Taschen, die er getragen hatte. �Wir m�ssen schnellstens nach Vanavara�, erkl�rte er d�ster. �Wenn wir nicht bald die Sicherheitskr�fte informieren, wird</style></p><p><style name="font7">Aldanov auf Nimmerwiedersehen verschwunden sein. Und wer wei�, auf was f�r Gedanken er noch kommt? Immerhin ist er mit einem Helikopter von GazCom unterwegs und hat die Deutsche entf�hrt.�</style></p><p><style name="font7">�Er hat sie entf�hrt?� Rebrov sah ihn ungl�ubig an. Soweit er sich erinnern konnte, hatte man die deutsche Wissenschaftlerin und deren Kollegen am Nachmittag nach Vanavara ausgeflogen. Wusste der Teufel, wie sie sp�ter zur�ck ins Camp gelangt war, aber bestimmt nicht auf Aldanovs Betreiben - der hatte schlie�lich die ganze Zeit �ber angekettet in der Baracke gesessen.</style></p><p><style name="font7">Der Oligarch beantwortete seine Frage nicht. Mit einer knappen Kopfbewegung wies Bashtiri zwei seiner Besch�tzer an, dem Butler beizustehen. �Mischa und Fjodor sollen bei Antonov bleiben, bis wir Hilfe organisiert haben.� Aus seiner Tasche fischte er zwei Flaschen Wasser und gab sie an Fjodor weiter.</style></p><p><style name="font7">Rebrov �berlie� dem glatzk�pfigen Bodyguard eine Maschinenpistole und zwei der Taschenlampen, dazu die Erste-Hilfe-Ausr�stung und eine leichte Decke.�Das m�sste reichen�, bemerkte er abschlie�end. �In ein paar Stunden sind wir zur�ck.�</style></p><p><style name="font7">Bashtiri war nicht wohl bei dem Gedanken, dass man die drei M�nner im Wald zur�cklie�. Nicht dass er Mitleid mit ihnen gehabt h�tte. Soweit reichte seine Anteilnahme am Schicksal anderer nicht. Eher war es ein Gef�hl der Schutzlosigkeit, das sich auf ihn selbst �bertrug. Dabei versp�rte er einen beklemmenden, merkw�rdigen Druck in der Brust, der ihn schon im Camp des �fteren heimgesucht hatte.</style></p><p><style name="font7">Schweigsam schritt die restliche Truppe voran. Der Wind rauschte durch die B�ume, deren Umrisse in der beginnenden Morgend�mmerung nun deutlicher zu erkennen waren.</style></p><p><style name="font7">Nach einer Weile glaubte Bashtiri das Kr�chzen eines Raben zu h�ren. Es klang wie ein Zeichen. �H�rt ihr das auch?� Er hob den Kopf und warf einen pr�fenden Blick in die Baumwipfel.</style></p><p><style name="font7">�Was?� Rebrov sah ihn fragend an.</style></p><p><style name="font7">�Die V�gel!�</style></p><p><style name="font7">�Welche V�gel?� Der S�ldner schien das Gekr�chze tats�chlich nicht zu h�ren.</style></p><p><style name="font7">Ein Blick auf Jurij best�tigte Bashtiri, dass sein letzter verbliebener Bodyguard ebenso aufmerksam die Baumreihen inspizierte. Seine rechte Hand lag einsatzbereit an der Makarov. Bashtiri zuckte zusammen, weil er einen pl�tzlichen Schatten zu sehen glaubte, der zwischen L�rchen und Tannen umherhuschte.</style></p><p><style name="font7">�Was war das?�, rief er alarmiert.</style></p><p><style name="font7">Jurij sah ihn fragend an und sch�ttelte den Kopf, weil er offenkundig nichts bemerkt hatte.</style></p><p><style name="font7">Rebrov blieb stehen und drehte sich einmal um die eigene Achse, die M�ndung seiner Bison PP</style><style name="font4">-19</style><style name="font7"> Maschinenpistole immer auf den Wald gerichtet.</style></p><p><style name="font7">Auch die anderen M�nner waren stehen geblieben und sp�hten in die Dunkelheit.</style></p><p><style name="font7">�Rebrov?� Bashtiri warf dem S�ldner einen unmissverst�ndlichen Blick zu. �Ich will, dass Sie mir Ihre Handfeuerwaffe geben.�</style></p><p><style name="font7">Rebrov verzog das Gesicht. �Wir sind zu Ihrem Schutz da, Sergej Sergejewitsch. Denken Sie, wir k�nnen unsere Aufgabe nicht meistern? Was sollte denn hier passieren? Au�er einem Elch oder einem B�ren kann uns hier nichts �ber den Weg laufen, das uns in Gefahr bringt.�</style></p><p><style name="font7">�Tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe!� Bashtiri streckte fordernd die Hand aus</style></p><p><style name="font7">Wortlos schob Rebrov seine Bison beiseite, die er an einem Gurt �ber der Schulter trug. Dann machte er sich an seinem G�rtelholster zu schaffen. Ohne Kommentar �berlie� er dem finster dreinblicken-den Oligarchen seine Pistole. Eine MP</style><style name="font4">-446</style><style name="font7"> Viking mit</style><style name="font4"> 18</style><style name="font7"> Schuss Munition. Obwohl es ihm widerstrebte, seine Waffe abzugeben, beruhigte er sich mit dem Gedanken, dass seine Bison mit</style><style name="font4"> 64</style><style name="font7"> Schuss Magazin ohnehin effektiver war. Und was sollte Bashtiri schon anrichten k�nnen? Er war schlie�lich selbst im Waffengesch�ft, also w�rde er sich wohl ein wenig auskennen.</style></p><p><style name="font7">Schweigend gingen sie schlie�lich weiter. Alles war still; nur die �ste unter ihren Stiefel knisterten und knackten bei jedem ihrer Schritte.</style></p><p><style name="font7">Bashtiri, der im Umgang mit Waffen bestens ge�bt war, jedoch selten selbst eine trug, hielt die entsicherte Pistole schussbereit in der Hand.</style></p><p><style name="font7">Obwohl niemand sonst etwas zu bemerken schien, f�hlte er sich verfolgt.</style></p><p><style name="font7">Wenn er die Augen schloss, sah er pl�tzlich aufleuchtende Blitze, und wenn er sie �ffnete, pulsierte die Dunkelheit vor seinen Augen im Takt seines Herzens.</style></p><p><style name="font7">Stumm marschierte er voran, w�hrend seine Beine immer schwerer wurden.</style></p><p><style name="font7">�Wie lange dauert es noch, bis wir da sind?�, fragte Bashtiri mit lauter Stimme.</style></p><p><style name="font7">Rebrov beantwortete die Frage in einem Tonfall, der seine Ungeduld mit dem Oligarchen verriet. �Dem GPS nach d�rften es noch etwa drei�ig Kilometer sein.� Wie zum Beweis checkte er sein Armbandnavigationsger�t, das die Route nach Vanavara nicht nur der Stra�e nach, sondern auch querfeldein berechnet hatte und s�mtliche H�hen und Tiefen abbildete. Nach einer Weile schaute er auf und runzelte die Stirn. �Ich denke, wir sollten eine Abk�rzung nehmen.�</style></p><p><style name="font7">Niemand schien etwas dagegen zu haben, als Rebrov die Schotterpiste verlie� und sich einen Weg durch das Unterholz bahnte. Der Gedanke, auf diese Weise schneller ans Ziel zu gelangen, war zu verlockend.</style></p><p><style name="font7">Der Druck, den Bashtiri in seiner Brust sp�rte, wurde immer bedrohlicher. Obwohl es langsam heller wurde, verzogen sich Rebrovs kantige Gesichtsz�ge f�r ihn zu einer breiigen Masse, aus der sich wie bei einem Computer-Morphing etwas Neues zu formen schien. Erschrocken kniff Bashtiri die Augen zusammen. Die Ger�usche, die ihr Marsch im dichten Wald verursachte, drangen immer lauter an sein Ohr. Oder h�rte er gar Stimmen? Vergebens versuchte er, verst�ndliche Worte wahrzunehmen. Angespannt blickte er in die Runde.</style></p><p><style name="font7">Die M�nner gingen weiterhin stoisch voran, konzentriert darauf, den Anschluss an ihren Vordermann nicht zu verlieren.</style></p><p><style name="font7">Bashtiri sch�ttelte den Kopf, als ob er sich von etwas befreien wollte. Doch es n�tzte nicht viel. Die Stimme dachte nicht daran, aus seinem Hirn zu verschwinden, sie wurde lauter und befahl ihm zu handeln.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich tauchte ein schwarzer Schatten zwischen den B�umen auf und st�rzte sich auf Rebrov. Keiner der �brigen M�nner schien etwas zu bemerken, doch Bashtiri reagierte sofort. Er hob die Waffe und schoss auf die schattenhafte Gestalt.</style></p><p><style name="font7">Rebrov wirbelte herum, die M�ndung seiner MP zeigte auf Bashtiri. Der Oligarch zuckte entsetzt zur�ck. Das Gesicht des Soldaten war nur noch eine fremde, ferne Grimasse mit einem verzerrten Mund, aus dem die blaue gespaltene Zunge eines Warans hervorschnellte. Bashtiri �berlegte nicht. Mit einem gezielten Schuss streckte er Rebrov nieder, der mitten ins Herz getroffen lautlos zu Boden fiel. Mit jeweils drei weiteren Sch�ssen machte Bashtiri dessen verbliebene Kameraden unsch�dlich. Die drei M�nner starben auf der Stelle.</style></p><p><style name="font7">Jurij brachte es nicht �ber sich, auf seinen anscheinend verr�ckt gewordenen Chef zu schie�en. Er hatte sich wie die Studenten auf den Boden geworfen und dann versucht, hinter einem Baum Schutz zu suchen.</style></p><p><style name="font7">Bashtiri nahm seine kriechenden Bewegungen wie durch einen fernen Nebel wahr. Er musste die Schlange t�ten, bevor sie ihn angreifen konnte.</style></p><p><style name="font7">In stummer Verzweiflung bewegte Jurij seine Lippen, um seinen Boss zur Vernunft zu bringen. Der Mann schien keinerlei Einsehen zu haben.</style></p><p><style name="font7">Dann fiel ein Schuss, und Bashtiri versp�rte einen brennenden Schmerz. Seine Waffe wurde regelrecht weggeschleudert. Blut spritzte ihm ins Gesicht. Die Schlange hatte ihn in die rechte Hand gebissen. F�r einen Moment konnte er nichts mehr sehen. Schwankend verlor er das Gleichgewicht und sank zu Boden.</style></p><p><style name="font7">Als er wieder zu sich kam, waren die drei Studenten hinter einem Busch verschwunden. An seiner Rechten sah er zwei blutig zerfetzte Finger.</style></p><p><style name="font7">Jurij sa� im Nu neben ihm und machte sich daran, ihm Handfesseln anzulegen. Erst danach versorgte er Bashtiris Finger mit einem Druckverband.</style></p><p><style name="font7">Der Oligarch war au�er sich vor Entr�stung. Dabei hatte er das Gef�hl, noch Gl�ck gehabt zu haben. Um ihn herum lagen vier Leichen: Rebrov und seine M�nner.</style></p><p><style name="font7">�Sind sie tot? Warum liegen sie da?� In Bashtiris Blick lauerte der Wahnsinn.</style></p><p><style name="font7">Jurij starrte ihn aus weit ge�ffneten blauen Augen an.</style> �Sie<style name="font7"> haben sie alle erschossen, Sergej Sergejewitsch. Warum, in Gottes Namen, haben Sie das getan?�</style></p><p><style name="font7">Bashtiri konnte sich an absolut nichts erinnern - au�er, dass er etwas Seltsames gesehen hatte, das er nicht beschreiben konnte.</style></p><p><style name="font7">�Der Rucksack�, stie� er gepeinigt von Schmerzen hervor.</style></p><p><style name="font7">Jurij sah sich suchend um. Die Tasche war allem Anschein nach verschwunden. �Ich kann sie nicht finden.�</style></p><p><style name="font7">�Verdammte Schei�e!�, entfuhr es Bashtiri.</style></p><p><style name="font7">�War etwas Wertvolles darin?�</style></p><p><style name="font7">�Das Tagebuch.� Der Oligarch spuckte ver�chtlich aus. Ihm war �bel. Einzig der Gedanke, dass Doktor Swerew eine Kopie des Buches besa�, bes�nftigte ihn ein wenig. Au�erdem bewies der Diebstahl, dass jemand hier gewesen sein musste, der den Rucksack gestohlen hatte. Also war er doch nicht so verr�ckt, wie er glaubte.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich begann der Boden zu zittern. Dann brachen �ste, und ein lautes Rumpeln versetzte die verbliebenen M�nner in Angst und Schrecken. Scheinwerfer leuchteten auf. Wie aus dem Nichts stand ein riesiger Bulldozer vor ihnen. Hektische M�nnerstimmen wurden laut. Sibirische Holzf�ller - f�nf urw�chsige Kerle. Einer von ihnen hielt ein Gewehr in der Hand. Ungl�ubig betrachtete er das angerichtete Blutbad. Sein fragender Blick fiel auf Jurij.</style></p><p><style name="font7">�Was ist denn hier geschehen?� Die Stimme des Mannes klang dumpf.</style></p><p><style name="font7">�Wir sind �berfallen worden�, antwortete Jurij mit zitternder Stimme. Er trat einen Schritt vor, um die Handschellen seines Chefs unbemerkt �ffnen zu k�nnen. �Wir ben�tigen dringend Hilfe. K�nnen Sie uns schnellstens nach Vanavara bringen?�</style></p><p><style name="font7">Im Morgengrauen �berquerte der Helikopter eine H�gelkette. Viktoria sa� wortlos im Sitz des Copiloten und atmete tief ein. Trotz der bleiernen M�digkeit hatte sie kein Auge zugetan - auch aus Solidarit�t mit Leonid, der den gro�en Helikopter elegant zwischen den gr�n bewaldeten Bergh�ngen hindurchsteuerte. Unter den Schleiern des aufsteigenden Fr�hnebels konnte man die Silhouette der Stadt erkennen und den Jenissei, der Krasnojarsk wie ein breites silbernes Band zerteilte.</style></p><p><style name="font7">Die Tankanzeige der Mi</style><style name="font4">-8</style><style name="font7"> MT neigte sich gef�hrlich dem Ende zu. Schon alleine deshalb war es notwendig, an eine Landung zu denken.</style></p><p><style name="font7">Au�erdem grenzte es an ein Wunder, dass bisher weder Polizei noch Milit�r versucht hatten, sie vom Himmel zu holen.</style></p><p><style name="font7">Der Fluglotse im Tower des Flughafens von Krasnojarsk erteilte ihnen eine Landeerlaubnis, nachdem Leonid alle Anfragen mit erstaunlicher Kaltbl�tigkeit beantwortet hatte.</style></p><p><style name="font7">Allerdings dachte er nicht im Traum daran, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Reichlich unerschrocken setzte er in einem Vorort der Stadt zur Landung an - mitten in einem Maisfeld.</style></p><p><style name="font7">Der Wind der Rotorbl�tter knickte die jungen Halme zu einem mystischen Kornkreis, und bevor der Rotor endg�ltig zur Ruhe kam, hatte er f�r eine glatte Fl�che gesorgt, die wie ein Pr�sentierteller wirkte. Viktoria warf einen Blick auf ihre Uhr. Kurz vor sechs Uhr morgens. Die ersten Sonnenstrahlen durchbrachen den Fr�hnebel. Auf den Stra�en herrschte schon reger Betrieb, wie sie vom Hubschrauber aus hatte erkennen k�nnen. Knapp eine Million Menschen lebte in dieser Stadt, ein gro�er Anteil davon Stahlwerker, die entweder zur Arbeit fuhren oder ihre Nachtschicht beendet hatten.</style></p><p><style name="font7">�Komm�, sagte Leonid. Er sprang heraus und �ffnete Viktoria die Ausstiegsluke des Helikopters, damit sie herausklettern konnte. Er stie� einen kurzen Pfiff aus, und Ajaci, der abwartend im T�rrahmen gestanden hatte, folgte ihnen, gl�cklich dar�ber, wieder festen Boden unter den Pfoten zu haben.</style></p><p><style name="font7">Viktoria f�hlte sich ersch�pft und wacklig auf den Beinen, Als Leo-nid ihr seine Hand hinstreckte, griff sie zu und sp�rte seine Kraft, die wie ein Stromsto� durch sie hindurchfuhr. Den widrigen Umst�nden zum Trotz l�chelte er sie an.</style></p><p><style name="font7">�Hast du eine Idee, wo wir hingehen k�nnen?� Ihre Stimme war zaghaft.</style></p><p><style name="font7">�Ja.� Er nickte zuversichtlich. �Wenn du Geld bei dir hast, k�nnen wir mit dem Bus fahren. Ansonsten m�ssen wir trampen.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria hatte eine Master-Card mit einem Limit von f�nfzigtausend Rubel pro Tag und rund zehntausend Rubel in bar. Das sollte f�r das Erste reichen, sofern sie nicht im Hilton �bernachten wollten. Doch Leonid hatte ohnehin andere Pl�ne. Er kannte sich aus, schlie�lich hatte er jahrelang in Krasnojarsk gelebt.</style></p><p><style name="font7">Die Gegend, in die sie mit einem Bus fuhren, war nicht unbedingt das, was man ein Nobelviertel nennen konnte: heruntergekommene Wohnblocks, kaputte Autos, Wandschmierereien. Zwischen den H�usern war es verh�ltnism��ig ruhig, bis auf ein Kind, das irgendwo weinte, und einen Mann, der das kl�gliche Jammern niederbr�llte.</style></p><p><style name="font7">Ein paar abgerissene Gestalten lungerten hinter M�lltonnen herum. Der Rasen zwischen den H�usern war kaum mehr als ein Dreckhaufen mit ein paar gr�nen Halmen darauf.</style></p><p><style name="font7">Leonid ignorierte die sch�bige Kulisse und zog Viktoria in einen der vielen Hauseing�nge. Es stank f�rchterlich, und bei genauem Hinsehen konnte man erkennen, dass die Klingelleisten allesamt mit Hundekot beschmiert waren. Ajaci hob den Kopf und schnupperte daran, doch Leonid wies ihn mit w�sten tungusischen Beschimpfungen zurecht. Die Eingangst�r des Hauses stand auf. Leonid erwartete anscheinend nicht, dass ihnen jemand Einlass gebot. Schweigend stiegen sie in den f�nften Stock hinauf und machten vor einer fleckigen Wohnungst�r halt, die einen Spion besa� und offenbar von innen mit einer Kette verschlossen war. Nach mehrmaligem Klopfen wurde ihnen ge�ffnet.</style></p><p><style name="font7">Eine etwa f�nfundvierzigj�hrige, immer noch h�bsche Frau mit blondiertem, zerzaustem Haar steckte ihre kleine Nase durch den Spalt und stie� ein atemloses �O mein Gott� aus.</style></p><p><style name="font7">Dann wurde die T�r wieder geschlossen, und f�r einen Moment machte es den Eindruck, als ob sie sich nicht wieder �ffnen sollte.</style></p><p><style name="font7">Viktoria schaute Leonid fragend an. Er zuckte mit den Schultern und wollte gerade noch einmal klopfen, als sich die T�r wieder �ffnete. Zaghaft trat die Frau in den Flur, dabei betrachtete sie Leonid mit einem ungl�ubigen Blick, ganz so, als ob er ein Gespenst w�re. Viktoria hatte Zeit genug, sie ihrerseits zu betrachten. Sie war zierlich und trug ein cremefarbenes Neglige unter einem zerschlissenen rosafarbenen Morgenmantel. Ihre Br�ste reckten sich unnat�rlich drall in die H�he, als sie pl�tzlich die Arme hob, um Leonid mit unvermuteter Inbrunst um den Hals zu fallen. Danach legte sie ihren Kopf an seine breite Brust und begann herzzerrei�end zu schluchzen. Sie weinte minutenlang, und Leonid dr�ckte sie die ganze Zeit mit hilfloser Miene an sich.</style></p><p><style name="font7">�Matruschka�, murmelte er leise. �H�r auf zu weinen, ich bin's doch nur.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria stand daneben und schluckte ihre Verlegenheit hinunter.</style></p><p><style name="font7">�Bist du allein?� Leonid schaute fragend in die kleine Wohnung hinein.</style></p><p><style name="font7">Die Frau grub in der Tasche ihres Morgenmantels nach einem Taschentuch und putzte sich fl�chtig die Nase.</style></p><p><style name="font7">�Seit du weg bist, ist niemand mehr hier eingezogen. Kommt rein!�, sagte sie und bedachte nun auch Viktoria mit einem unsicheren L�cheln.</style></p><p><style name="font7">In der engen K�che forderte die Frau sie auf, an einem Tischchen Platz zu nehmen, an dem zwei St�hle standen. Sie selbst kochte auf einer Gasflamme einen Filterkaffee, nachdem die beiden das Angebot etwas zu trinken, dankbar angenommen hatten. Viktoria erschienen ihre Bewegungen beim Kaffeekochen wie ein Ritual, das nur an ganz hohen Feiertagen praktiziert wurde.</style></p><p><style name="font7">Ajaci bekam eine Sch�ssel mit Wasser und einen Napf mit Katzenfutter. Eine graue Tigerkatze machte einen f�rchterlichen Buckel und stob fauchend davon, als der Laika-R�de nur kurz, aber bestimmt die Z�hne fletschte.</style></p><p><style name="font7">Danach stellte die Frau Brot, Butter und Wurst auf den Tisch und forderte ihren Besuch mit erstickter Stimme auf, kr�ftig zuzulangen.</style></p><p><style name="font7">Die Frau war immer noch ganz aufgel�st. Sie hie� Svetlana und kannte Leonid seit seiner Jugend, wie sich bald darauf im Gespr�ch herausstellte, und hatte ihn wie ein eigenes Kind geliebt. Leonids Vater war eine kurze Zeit lang ihr Liebhaber gewesen. Einmal hatte sie ihn geistesgegenw�rtig von hinten mit einer gusseisernen Bratpfanne bewusstlos geschlagen, als er im Vollrausch versucht hatte, seinen einzigen Sohn mit einem Brotmesser zu erstechen. Danach war sie ausgezogen und hatte Leonid kurzerhand mitgenommen. Daraufhin hatte sein Vater geschworen, sie beide umzubringen. Leonid hatte noch eine ganze Weile bei ihr gewohnt, immer in der Sorge, dass der Alte sein Versprechen wahrmachen k�nnte. Doch wenig sp�ter hatte sein Vater einen Schlaganfall erlitten, und Leonid hatte sich zur Armee gemeldet. Svetlana w�re beinahe geplatzt vor Stolz �ber seine Berufswahl. Als sie jedoch von seinem pl�tzlichen Tod erfahren hatte, w�re sie vor Schmerz fast gestorben, so gro� war ihre Trauer gewesen.</style></p><p><style name="font7">Wie die meisten anderen Familienangeh�rigen war Svetlana nicht in</style></p><p><style name="font7">Leonids wahres Schicksal eingeweiht gewesen und hatte ihn f�r tot gehalten.</style></p><p><style name="font7">Mehr oder minder emotionslos erkl�rte ihr Leonid, dass sie in gro�er Gefahr schweben w�rden, wenn er und Viktoria sich nicht wenigstens bis zum Abend hier verstecken durften. Erst dann ging der Nachtzug nach Moskau. Ein Ziel, �ber das er und Viktoria noch gar nicht gesprochen hatten.</style></p><p><style name="font7">Svetlana und Leonid redeten noch eine ganze Weile. Leonid erz�hlte ihr wenig �ber die Gr�nde seiner Flucht. Davon, dass es Tote gegeben hatte und er in einem Helikopter von GazCom entkommen war, sagte er gar nichts.</style></p><p><style name="font7">Ab und an stellte Svetlana eine Frage an Viktoria, die Leonid ebenso knapp und stellvertretend f�r sie beantwortete. Sie sei eine Freundin, erkl�rte er karg. Offenbar wollte er nicht, dass Svetlana mehr �ber sie erfuhr als unbedingt notwendig. Und obwohl sie nicht den Eindruck vermittelte, dass sie Leonids Antworten zufriedenstellten, bot sie ihm und Viktoria wenig sp�ter ihr Schlafzimmer an, damit sie sich nach einer durchwachten Nacht bis zum Abend erholen konnten. W�hrend die beiden noch in der K�che sa�en, ging sie daran, das Bettzeug frisch zu beziehen.</style></p><p><style name="font7">�Was hast du vor?�, fragte Viktoria fl�sternd, als sie sich einen Moment lang unbeobachtet glaubte.</style></p><p><style name="font7">�Wir werden dir heute Abend eine Fahrkarte nach Moskau kaufen. Es ist sicherer, mit dem Zug zu reisen. Die Kontrollen sind l�ngst nicht so scharf wie auf den Flugh�fen. Wenn du in Moskau angekommen bist, kannst du zu deiner Botschaft gehen und deine Ausreise organisieren. Deine Leute werden dich besch�tzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der FSB es wagen wird, auf deiner Auslieferung zu bestehen, sobald du diplomatisches Terrain betreten hast.�</style></p><p><style name="font7">�Auslieferung?� Viktoria schauderte.</style></p><p><style name="font7">�Du befindest dich auf der Flucht�, erkl�rte er lapidar. �Mit einem gesuchten Terroristen. Glaubst du ernsthaft, Bashtiri w�rde den Sicherheitskr�ften die Wahrheit erz�hlen? Entweder wird er behaupten, dass ich dich abermals entf�hrt habe - oder er wird dich der Mitt�terschaft beschuldigen.�</style></p><p><style name="font7">An das, was geschehen w�rde, wenn sie selbst in die H�nde der rus-sischen Polizei fiel, hatte Viktoria noch �berhaupt nicht gedacht. Ihre einzige Sorge galt Leonid.</style></p><p><style name="font7">�Und was ist mit dir?� Ihre Hand tastete nach seiner Hand.</style></p><p><style name="font7">�Ich werde in den Untergrund gehen und mich durchschlagen. Nichts anderes habe ich bisher gemacht.�</style></p><p><style name="font7">�Aber was ist, wenn sie dich doch schnappen?� Sie schluckte. �Deine Gro�eltern k�nnen dir nicht mehr helfen, und du hast kein Geld und niemanden, der dich verteidigen k�nnte. Ich werde dich nie wieder sehen, und vielleicht wird man dich umbringen. Ich habe Angst, Leonid. Ich kann das nicht, h�rst du?�</style></p><p><style name="font7">�Denk einfach nicht dran.� Er streichelte ihre Wange und beugte sich vor, um sie zu k�ssen.</style></p><p><style name="font7">Svetlana betrat unvermittelt die K�che und r�usperte sich. �Ihr k�nnt euch jetzt zur Ruhe begeben. Ich werde euch nicht st�ren. Neben meiner Arbeit in einem Sch�nheitssalon habe ich noch eine Putzstelle in der Stadt und bin erst am Nachmittag zur�ck. Sp�ter k�nnen wir einen Tee trinken, bevor ihr aufbrechen m�sst.�</style></p><p><style name="font7">Sie trug helle Pumps und ein rosafarbenes Kost�m, das schon bessere Zeiten gesehen hatte. Mit ein paar ge�bten Handgriffen ordnete sie sich das Haar. Sie zwinkerte Leonid zu und zeigte Viktoria kurz, wo das Bad und die Toilette zu finden waren.</style></p><p><style name="font7">Als die T�r ins Schlo� fiel, ging Leonid hin und verriegelte sie von innen. Viktoria stand hinter ihm und schaute ihm zu. Sie f�hlte sich pl�tzlich ersch�pft und irgendwie schmutzig. �Ich w�rde mich gerne waschen, wenn es m�glich ist.�</style></p><p><style name="font7">Wortlos schob Leonid sie ins Bad und drehte den Duschkopf auf. Dann begann er sich vor ihren Augen komplett auszuziehen und schl�pfte mit einem L�cheln unter den dampfenden Strahl. Er streckte ihr die Hand entgegen und sah sie aufmunternd an. Gleichzeitig begann er mit der anderen Hand seinen muskul�sen Bauch einzuseifen. Viktoria l�chelte kopfsch�ttelnd und zog sich rasch aus. Danach stieg sie zu ihm hinter den Duschvorhang und umarmte ihn mit einem leisen Seufzer. Ihre Br�ste dr�ckten sich an ihn, w�hrend das warme Wasser wie eine Liebkosung �ber ihre K�rper lief. Er b�ndigte sein feuchtes Haar im Nacken, bevor er sie besitzergreifend umarmte und sich zu ihr hinabbeugte. Sie k�ssten sich lange und leidenschaftlich, und w�hrend seine Zunge mit ihrer spielte, verteilten seine H�nde den Seifenschaum auf ihrer samtweichen Haut. Sie sp�rte sein hartes, aufgerichtetes Glied an ihrem Bauch und st�hnte kehlig, als er mit seinen gro�en, feuchten H�nden ihre Pobacken und Schenkel massierte.</style></p><p><style name="font7">�Dreh dich um�, raunte er heiser, doch als er seinen n�chsten Gedanken verwirklichen wollte, �ffnete sie hinter seinem R�cken den Hahn f�r das kalte Wasser.</style></p><p><style name="font7">Leonid stie� einen erstickten Laut aus und schnappte nach Luft, bevor er Abstand nahm und sie mit gespielter Entr�stung ansah.</style></p><p><style name="font7">�Lass uns ins Bett gehen�, fl�sterte sie sanft und zog noch einmal seinen Kopf zu sich herunter, um ihn zu k�ssen.</style></p><p><style name="font7">Halb abgetrocknet schl�pften sie auf dem ausgezogenen Sofa unter das knisternde Laken. Es roch nach billigem Waschpulver, aber das war Viktoria vollkommen gleichg�ltig. Nichts auf der Welt h�tte sie im Augenblick davon abhalten k�nnen, sich diesem Mann hinzugeben. Sie dachte nicht an die Toten und nicht an Bashtiri, auch nicht daran, in welcher Gefahr sie sich befanden. Leonid schien es �hnlich zu ergehen, als er mit seinem Knie behutsam ihre Schenkel spreizte, um mit einem tiefen Aufst�hnen in sie einzudringen. Er bewegte sich langsam und kraftvoll in ihr. Ihre H�nde zerw�hlten sein Haar und krallten sich vor Lust in seinen breiten R�cken. Seine Lippen liebkosten ihren Hals hinauf bis zum Ohr, und ein Schauer durchlief ihren K�rper, als er ihren Namen fl�sterte und abermals �Ich liebe dich� hauchte.</style></p><p><style name="font7">Das fahle Mittagslicht fiel durch eine halb ge�ffnete Jalousie, unten vom Hof drangen ged�mpft die Ger�usche aus den umliegenden Wohnblocks herein. Leonid lag auf dem R�cken und war tats�chlich eingeschlafen, nachdem er zuvor kaum genug von ihr hatte bekommen k�nnen. Ein H�hepunkt hatte den n�chsten gejagt, und Viktoria hatte sich gefragt, wie es sein konnte, dass sie ausgerechnet in einer solchen Situation die sch�rfste Erotik und das intensivste Gef�hl von Liebe erlebte, das sie jemals empfunden hatte.</style></p><p><style name="font7">Sie drehte sich zu Leonid hin und legte ein Bein �ber seines. Ihre Hand tastete sich unter der Wolldecke nach seinem entspannten Glied, um es sanft zu streicheln. Er brummte selig und l�chelte im Schlaf, und sie fragte sich, warum das Schicksal so grausam sein konnte, ihr diesen Mann wieder zu nehmen, noch bevor sie ihn richtig kennengelernt hatte.</style></p><p><style name="font7">Mindestens eine Stunde sah sie ihn ununterbrochen an, pr�gte sich seine hohen Wangenknochen ein und die dunklen Wimpern, dazu die schmale, lange Nase und den vollen Mund. Als er die Augen aufschlug, sah er sie lange an. Die schr�g stehenden grauen Wolfsaugen erschienen ihr dabei so unergr�ndlich wie seine Vergangenheit.</style></p><p><style name="font7">�Was ist?�, fl�sterte er l�chelnd. �Fragst du dich gerade, was das f�r ein Kerl ist, der da neben dir im Bett liegt? Oder denkst du dar�ber nach, ob er es schafft, dich ein weiteres Mal gl�cklich zu machen?�</style></p><p><style name="font7">�Letzteres�, erwiderte sie l�chelnd, obwohl es nicht stimmte. Sie h�tte Ersteres sagen m�ssen. Aber so musste er nicht Rede und Antwort stehen und konnte noch mal den Beweis seiner Manneskraft antreten, was ihm vermutlich leichter fiel, als sein ganzes Leben vor ihr auszubreiten.</style></p><p><style name="font7">Leonid setzte sich auf und forderte sie mit einer sanften Geste auf, sich auf seinem Scho� niederzulassen. Mit einem wohligen Seufzer sank sie auf ihm nieder und streckte ihm aufreizend ihre Br�ste entgegen. Er nahm ihre rosigen Spitzen abwechselnd in den Mund und saugte daran, w�hrend sie sich ganz langsam und sachte auf ihm bewegte. Solange, bis sie es beide nicht mehr aushalten konnten und sie in einen keuchenden Rhythmus verfiel, der sie beide zum H�hepunkt brachte.</style></p><p><style name="font7">Viktoria sah ihn mit einem leisen L�cheln an, als sie kurz darauf in seinen Armen lag.</style></p><p><style name="font7">�Hattest du etwas mit ihr?�</style></p><p><style name="font7">�Mit Svetlana?� Er wusste genau, worauf sie anspielte. �Wie kommst du darauf? Sie ist f�nfzehn Jahre �lter als ich.�</style></p><p><style name="font7">�Sie sieht dich so seltsam an - als w�re sie deine Mutter, und gleichzeitig ist da so ein heimliches Verlangen in ihrem Blick.�</style></p><p><style name="font7">�Ist es so deutlich?� Er lachte. �Du hast recht. Sie hat mir in Sachen Liebe alles beigebracht, was man einem jungen Kerl beibringen kann. Ich war sechzehn, als sie mich zum ersten Mal verf�hrte. Eines Tages, als ich von der Schule nach Hause kam, machte sie mir die T�r in einem durchsichtigen, rosefarbenen Nachthemd auf. Von da an verbrachten wir jeden Nachmittag im alten Ehebett meiner Eltern. Wir konnten nicht genug voneinander bekommen und trieben es bis zum Abend, bevor mein Vater vollkommen betrunken aus der Kneipe nach Hause kam. Sp�testens dann sa� ich an meinen Hausaufgaben, als ob ich kein W�sserchen tr�ben konnte, und Svetlana bereitete bieder gekleidet in der K�che das Essen vor.�</style></p><p><style name="font7">�Hattest du kein schlechtes Gewissen?�</style></p><p><style name="font7">�Nein. Mein Vater hat mit Sicherheit etwas geahnt, aber ich empfand ihre Liebe als eine Art ausgleichender Gerechtigkeit gegen�ber seiner Brutalit�t, die er regelm��ig an uns beiden auslie�. Wir haben uns gegenseitig getr�stet - das war es wohl.�</style></p><p><style name="font7">Die Schmerzen, die Bashtiri empfand, als man ihn in das Hospital von Vanavara einlieferte, waren beinahe unertr�glich. Doch noch mehr als die Verletzung seiner Finger schmerzte ihn die Erkenntnis, dass er auf Lebenov h�tte h�ren sollen. Dass mit Aldanov und seiner Sippe etwas nicht stimmte, konnte selbst ein Blinder erkennen.</style></p><p><style name="font7">�Wir m�ssen Sie operieren�, beschloss der behandelnde Arzt. �Die R�nder der Wunde m�ssen ges�ubert und die Knochensplitter dringend entfernt werden, damit es nicht zu einer Infektion kommt.�</style></p><p><style name="font7">�Nicht jetzt, Doktor�, stie� Bashtiri mit zusammengebissenen Z�hnen hervor, w�hrend der Mann im wei�en Kittel ihm eine Tetanusspritze in den Oberschenkel jagte. �Geben Sie mir lieber eine Morphiumspritze und packen Sie einen Verband darum. Ich muss dringend mit der Polizei sprechen. Oder noch besser: Sie geben mir ein Telefon, damit ich den FSB verst�ndige.�</style></p><p><style name="font7">�Sie sollten sich schonen.� Der Arzt sah ihn zur�ckhaltend an.</style></p><p><style name="font7">�Was geht Sie das an?�, fauchte Bashtiri. �Wollen Sie Ihren Posten verlieren?�</style></p><p><style name="font7">�Na gut�, erkl�rte der Arzt kleinlaut. �Wie Sie w�nschen.�</style></p><p><style name="font7">Ein paar Minuten sp�ter hielt Bashtiri ein Mobiltelefon in der Hand und rief in Moskau an. Mit wenigen Worten erkl�rte er dem diensthabenden Offizier im Innenministerium, was ihm widerfahren war. Nat�rlich musste er die wahre Geschichte ein wenig �ndern. In seiner Version war Leonid Aldanov ein gef�hrlicher M�rder und Hochstapler, der sich seit Jahren in einem sibirischen Wald versteckt hielt, um im Geheimen seine terroristischen Aktivit�ten gegen das russische Volk und seinen Pr�sidenten zu planen. Dieser Aldanov hatte einen leitenden Sicherheitschef von GazCom auf dem Gewissen sowie etli-che seiner S�ldner und einen jungen Touristenf�hrer, dessen eindeutige Identit�t noch nicht gekl�rt war. Au�erdem musste er Komplizen haben. Wer sonst h�tte im Wald die Verfolgung aufnehmen k�nnen und die S�ldner von GazCom erschie�en k�nnen?</style></p><p><style name="font7">Zu allem �bel habe dieser Aldanov vermutlich ein weiteres Mal die deutsche Wissenschaftlerin entf�hrt, fuhr Bashtiri am Telefon fort. Naturgem�� gebe es noch keine Forderungen, doch das k�nne sich jederzeit �ndern, und dann seien selbst internationale Verwicklungen nicht auszuschlie�en.</style></p><p><style name="font7">Man verst�ndigte sich darauf, eine landesweite Fahndung in Gang zu setzen und ein Team des FSB nach Vanavara zu schicken, das sich der Sache umgehend annehmen sollte.</style></p><p><style name="font7">Dass Aldanov und seine Leute im Besitz einer gef�hrlichen Waffe zu sein schienen, die nicht nur das Gehirn anderer Menschen manipulieren konnte, sondern zudem in der Lage war, eine Explosion hervorzurufen, verschwieg er geflissentlich. Zun�chst wollte er Doktor Swe-rew zu Rate ziehen und abwarten, ob die Agenten des FSB ihn ins Vertrauen zogen. Irgendwie erschien ihm die Sache mit Kolja zu heikel. Bashtiri bef�rchtete, dass der Russe durchaus ein Angeh�riger des FSB gewesen sein konnte. Die Art, wie er mit der Waffe umgegangen war, deutete auf eine milit�rische Ausbildung hin, und dass er sich auf die Seite von Aldanov geschlagen hatte, verhie� nichts Gutes.</style></p><p><style name="font7">Bashtiris n�chster Anruf galt Doktor Swerew. Der Anthropologe hatte inzwischen die Kopien des Tagebuches ausgewertet und best�tigte Lebenovs Annahme erneut, dass es sich offenbar um einen au�ergew�hnlichen Fund handelte, der von hoher politischer und wissenschaftlicher Sprengkraft sein konnte. Kurz und knapp berichtete der Oligarch dem Wissenschaftler, was in der letzten Nacht vorgefallen war. Swerew bestand jedoch trotz aller Bedenken Bashtiris darauf, dass man die gewonnenen Erkenntnisse der russischen Regierung zur Verf�gung stellen m�sste.</style></p><p><style name="font7">�Der Mann ist gef�hrlich�, beschwor er Bashtiri. �Wenn er die im Tagebuch erw�hnten F�higkeiten tats�chlich besitzt, kann er alles M�gliche damit anstellen.�</style></p><p><style name="font7">Bashtiri lie� keinen Zweifel aufkommen, dass die Aufkl�rung der offiziellen Stellen nur in einer Weise geschehen durfte, die keinerlei</style></p><p><style name="font7">R�ckschl�sse zulie�, dass er und Lebenov bereits eigenm�chtig Untersuchungen eingeleitet hatten, und zwar, ohne den russischen Pr�sidenten oder die Leitung des GazCom-Konzerns zu beteiligen.</style></p><p><style name="font7">Doktor Swerew k�ndigte seine Anreise f�r den Abend an.</style></p><p><style name="font7">Ein Helikopter w�rde ihn von Irkutsk nach Vanavara bringen. Solange Swerew in die Untersuchungen eingebunden war, konnte Bash-tiri getrost damit rechnen, dass er ihn weiterhin auf dem Laufenden halten w�rde, selbst wenn der Fall an Regierungsstellen abgegeben werden musste.</style></p><p><style name="font7">Kaum hatte er aufgelegt, erschien der Polizeichef von Vanavara, Ka-pitan Josephowitsch. Der hagere, ausgezehrt wirkende Mann, dem man seinen regelm��igen Wodkakonsum ansehen konnte, wurde von einem �lteren, sportlich wirkenden Mann begleitet, der um einiges gepflegter wirkte und der Bashtiri bestens bekannt war.</style></p><p><style name="font7">Professor Rodius machte vor Bashtiri Halt und blickte nur kurz auf dessen verbundene Hand, ohne jedoch ein Wort des Bedauerns zu �u�ern. �Meine Kollegin wird seit dem Morgengrauen vermisst. Sie ist nicht zum Fr�hst�ck erschienen�, blaffte er, als ob er wie selbstverst�ndlich davon ausging, dass Bashtiri Schuld daran haben musste.</style></p><p><style name="font7">Der behandelnde Arzt trat hinzu und zog Rodius zur�ck, indem er ihn am Arm fasste. �Der Patient bedarf �u�erster Schonung�, bestimmte er streng. �Ich kann nicht zulassen, dass Sie ihn derart attackieren.�</style></p><p><style name="font7">Mit einer unwirschen Geste befreite sich Rodius vom Griff des Arztes, dabei trat er demonstrativ einen Schritt von dem Oligarchen zur�ck.</style></p><p><style name="font7">�Lassen Sie nur�, beschwichtigte Bashtiri den Arzt. �Der Mann ist aufgeregt, und das hat seinen Grund. Ich kenne ihn.� Mit wenigen Worten erkl�rte Bashtiri dem deutschen Professor die schreckliche Lage. �Aldanov ist entflohen. Vermutlich hat er Ihre Kollegin ein weiteres Mal entf�hrt. Er hatte sie bei sich, als er den Helikopter startete.� Er setzte eine Miene scheinbar ehrlicher Anteilnahme auf. �Es tut mir wirklich leid, Ihnen das sagen zu m�ssen�, fuhr er fort. �Aber Ihre Kollegin befindet sich in h�chster Gefahr. Noch heute wird ein Sicherheitsteam der Regierung eintreffen und den Fall �bernehmen. Am besten halten Sie die Mobiltelefonnummer und die Bankdaten von Frau Dok-tor Vanderberg f�r die Polizei bereit, damit man sehen kann, ob der T�ter sich ihres Telefons und ihrer Kreditkarten bedient.�</style></p><p><style name="font7">�Und wie soll sie an den Chekosee zur�ckgekommen sein?� Rodius sah ihn entgeistert an. Er vermochte nicht zu glauben, was Bashtiri berichtet hatte.</style></p><p><style name="font7">�Was fragen Sie mich das?�, entgegnete Bashtiri unwirsch.</style></p><p><style name="font7">�Wie soll es Ihrer Meinung nach jetzt weitergehen?� Rodius sp�rte die Verzweiflung angesichts der Tatsache, dass Viktoria zum zweiten Mal unter �u�erst mysteri�sen Umst�nden verschwunden war - noch dazu in Begleitung eines fragw�rdigen Mannes, dessen Name in einem Atemzug mit einem terroristischen Akt genannt wurde.</style></p><p><style name="font7">�Fliegen Sie wie geplant nach Moskau�, riet ihm Bashtiri, �und warten Sie in Ihrer Botschaft ab, was geschieht. Sie k�nnen hier nichts tun. Die Regierung ist informiert. Man wird sich der Sache annehmen. Sobald man etwas wei�, erhalten Sie Nachricht.�</style></p><p><style name="font7">Der Professor schluckte seine Emp�rung herunter. Ob er wollte oder nicht - er musste Bashtiri recht geben. Die Einzigen, die Viktoria in dieser Sache helfen konnten, waren die deutsche Botschaft und das Ausw�rtige Amt.</style></p><p><style name="font7">Der Nachmittag war bereits fortgeschritten, als Svetlana nach Hause zur�ckkehrte. Leonid und Viktoria sa�en - vollst�ndig angekleidet und �hnlich brav wie Leonid nach seinen jugendlichen Eskapaden - in der K�che und tranken Kaffee.</style></p><p><style name="font7">Svetlana wirkte v�llig aufgel�st. In dem Haushalt, wo sie am Nachmittag arbeitete, lief st�ndig der Fernseher, und so hatte ihr gar nicht entgehen k�nnen, dass man nach Leonid und Viktoria eine landesweite Fahndung eingeleitet hatte.</style></p><p><style name="font7">�Was hast du getan, Wuntschok?� rief sie au�er sich vor Entsetzen, als sie Leonid v�llig unvermittelt gegen�bertrat.</style></p><p><style name="font7">Er stand langsam auf und blickte verst�ndnislos auf sie herab.</style></p><p><style name="font7">�Was meinst du damit?�</style></p><p><style name="font7">�Die sagen, du h�ttest einen hochgestellten Offizier der GazCom umgebracht - dazu einen harmlosen Touristenf�hrer und noch zwei weitere Menschen! Au�erdem haben deine Komplizen vier Sicherheitskr�fte von GazCom auf dem Gewissen, die man in einem Wald in der</style></p><p><style name="font7">N�he von Vanavara gefunden hat.� Svetlana schrie fast und sah ihn so ver�chtlich an, als ob sie jeden Moment vor ihm ausspucken wollte.</style></p><p><style name="font7">Er fasste sie hart bei der Schulter und zwang sie, ihm ins Gesicht zu schauen.</style></p><p>�Wer<style name="font7"> sagt so etwas?�, fuhr er sie an.</style></p><p><style name="font7">Tr�nen standen in ihren Augen, bevor sie sich anschickte zu antworten.</style></p><p><style name="font7">�Im Fernsehen haben sie es in den Nachrichten gesagt. Sie haben Fotos von dir und dem M�dchen gezeigt und haben gemeint, du h�ttest sie mit einem Helikopter entf�hrt.� Ein Seitenblick auf Viktoria sollte ihr wohl versichern, dass sie sich zu irren hoffte. �Sie suchen in ganz Russland nach euch! Den Helikopter haben sie drau�en vor der Stadt sichergestellt. Die gesamte Gegend wurde abgesperrt, und nun kontrollieren sie den Flughafen und alle Bahnh�fe im Umkreis.�</style></p><p><style name="font7">�Setz dich!� Es war ein Befehl, und allein Leonids h�nenhafte Gestalt machte ihrer aufgebrachten Gastgeberin klar, dass sie ihm zuh�ren musste, bis sie alles verstanden hatte. Ruhig und geduldig erkl�rte er ihr, was tats�chlich vorgefallen war. Vielleicht lag es an der Zuneigung, die Svetlana ihm zweifellos entgegenbrachte, dass er sie zunehmend davon �berzeugen konnte, kein Verbrecher zu sein.</style></p><p><style name="font7">�Denkst du, sie haben deiner Babuschka etwas angetan?� Svetlana wagte diese Frage kaum zu stellen.</style></p><p><style name="font7">�Sie lebt�, behauptete Leonid hartn�ckig. �Und sie kennt sich gut genug aus, um sich im Wald zu verstecken, und dann ist da auch noch mein Gro�onkel. Er wird sie nicht im Stich lassen.�</style></p><p><style name="font7">Svetlana sah ihn fassungslos an. �Ich mache mich strafbar�, fl�sterte sie, �wenn ich euch zur Flucht verhelfe, aber mein Gewissen verlangt es von mir. Ich kenne da jemanden, der euch kurzfristig P�sse beschaffen kann. Es wird etwas kosten, aber ich habe gespart.� Sie stie� einen schweren Seufzer aus und bekreuzigte sich.</style></p><p><style name="font7">Leonid hielt ihre Hand und k�sste dann ihre Wange, viel z�rtlicher, als man es bei einer einfachen Freundin erwarten durfte.</style></p><p><style name="font7">Svetlana sah ihn pr�fend an und strich �ber sein Haar. Dann schaute sie zu Viktoria hin. �Ihr k�nnt so nicht bleiben�, stellte sie tonlos fest. �Wir m�ssen wenigstens etwas mit euren Haaren anstellen.�</style></p><p><style name="font7">Wenig sp�ter kehrte sie mit einer silbernen Beuteltasche zur�ck.</style></p><p><style name="font7">�Ich bin gelernte Friseurin�, stellte sie vor Viktoria klar. �Ich werde euch jetzt die Haare schneiden und f�rben, damit euch niemand erkennt, wenn ihr zum Bahnhof geht.�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">31.</style></p><p><style name="font7">Juni</style><style name="font4"> 1908,</style><style name="font7"> Sibirien - Versuchsstation</style></p></title><p><style name="font7">Bereits gegen vier Uhr morgens war Leonard auf den Beinen. Er hatte die halbe Nacht kein Auge zugetan. Vielleicht lag es an Pjotr und Weinberg, die mit ihm eine Kammer teilten und deren Schnarchen er nicht mehr ertragen konnte. Vielleicht lag der Grund aber auch in der jungen Prostituierten von gestern Abend. Nachdem sie den ersten hochgestellten Freier bedient hatte, folgten vier weitere, die allesamt nicht weniger pervers waren als ihr geschniegelter Kamerad. Deren Keuchen und Grunzen, das Klatschen einer Peitsche, die erstickten Schreie des M�dchens und das anschlie�ende Wimmern hatte er mehrmals in der Nacht �ber den angrenzenden Flur h�ren k�nnen.</style></p><p><style name="font7">W�tend hatte Leonard die Z�hne zusammengebissen, in dem Bewusstsein, gegen diese brutalen Kerle nichts ausrichten zu k�nnen, weil sie sich scheinheilig hinter hochdekorierten Uniformen verbargen.</style></p><p><style name="font7">Der Morgen war klar, und die V�gel zwitscherten, als Leonard endlich nach drau�en gelangte, um sich hinter ein paar B�schen zu erleichtern. Einige Kosaken hielten vor ihren Zelten Wache. Sie sa�en am Feuer, rauchten und tranken Malzkaffee.</style></p><p><style name="font7">Ein Treck von Arbeitern wanderte vorbei und fesselte Leonards Aufmerksamkeit. Pl�tzlich h�rte er seinen Namen, und ein blendend wei�es L�cheln erhellte die D�sternis zwischen den Tannen.</style></p><p><style name="font7">�Tschirin?� Er konnte es kaum fassen und fiel dem Tungusen mit klopfendem Herzen in die Arme. Minutenlang hielt er den ehemaligen J�mschtschik an sich gedr�ckt. �Es ist sch�n, dich zu sehen�, sagte er schlie�lich. �Ich bef�rchtete schon, es g�be dich nicht mehr.�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe Arbeit gefunden�, erkl�rte ihm Tschirin atemlos, �und meine Frau erwartet das dritte Kind.� �Dann geht es dir gut?� Leonard freute sich aufrichtig, dass es den freundlichen Tungusen nicht schlimmer erwischt hatte.</style></p><p><style name="font7">�Es ist so gekommen, wie ich gesagt habe. Mein Vater hat mich aus der Sippe verbannt. Und du?� Er hob seine Brauen und sah ihn erwartungsvoll an.</style></p><p><style name="font7">Mit wenigen Worten erz�hlte Leonard von seinem unverhofften Gl�ck - von einer Frau, einem Kind und dass das Warten auf das zweite bald schon ein Ende haben w�rde.</style></p><p><style name="font7">�Das Schicksal der meisten M�nner wird nicht durch die Geister bestimmt, das Schicksal der meisten M�nner bestimmt eine Frau�, erkl�rte Tschirin ihm lachend. �Und was machst du hier drau�en?�</style></p><p><style name="font7">Mit ged�mpfter Stimme erinnerte ihn Leonard an das geheime Experiment. �In wenigen Tagen ist es soweit�, erkl�rte er fl�sternd, �bis dahin bauen wir unsere Zelte hinter dem Fluss Kimchu auf.�</style></p><p><style name="font7">�Dann hat Maganhir also Wort gehalten?�</style></p><p><style name="font7">�Es sieht ganz danach aus.�</style></p><p><style name="font7">�H�tet euch vor meinem Vater.� Tschirin sah ihn durchdringend an. �Wenn er davon erf�hrt, wird seine Rache f�rchterlich sein.�</style></p><p><style name="font7">�Wie sollte er davon erfahren, es sei denn, du sagst es ihm.�</style></p><p><style name="font7">�Ich?� Tschirin machte eine abwehrende Geste. �Ich habe keinerlei Verbindung mehr zu ihm, aber du darfst nie vergessen, er ist ein Schamane, er besitzt die F�higkeit, Gedanken zu lesen, auch �ber viele Werst entfernt.�</style></p><p><style name="font7">�Maganhir ist auch ein Schamane�, erinnerte ihn Leonard beschwichtigend. �Wenn beide tats�chlich so m�chtig sind, wie du sagst, werden sie sich gegenseitig in Schach halten.�</style></p><p><style name="font7">�Sehe ich dich irgendwann wieder, Bruder?� Tschirin hatte eine Hand auf Leonards Schulter gelegt.</style></p><p><style name="font7">�Wenn das Experiment gelingt, bestimmt. Ich hoffe, dass man uns die Freiheit schenkt, wenn wir liefern, was man von uns verlangt.�</style></p><p><style name="font7">�Die Ahnen sollen mit dir sein.� Tschirin umarmte ihn noch einmal, bevor er sich umdrehte und seinen Mitstreitern im Laufschritt folgte, bis er mit ihnen im Wald verschwunden war.</style></p><p><style name="font7">Der Weg bis zum Kimchu war �beraus beschwerlich. B�ume so weit das Auge reichte, dazwischen t�ckische S�mpfe, brackiges Wasser und</style></p><p><style name="font7">Myriaden von Stechm�cken. Leonard empfand Erleichterung, als er von weitem auf einem H�gel den drei�ig Meter hohen Antennenmast sehen konnte. Von dort aus wurden die eingehenden Signale des Luftschiffes in die Haupteinsatzzentrale weiter unten am Fluss gefunkt. Unterhalb des H�gels hatten die Arbeiter einen Bunker in den steinigen Untergrund getrieben. Mit Isoliermaterial ausgekleidet und vollkommen verputzt, wirkte der sichere Unterschlupf in einer Tiefe von zw�lf Meter und einem Ausma� von ungef�hr f�nfhundert Quadratmeter wie ein weit verzweigter Kaninchenbau. In sicherer Entfernung zum eigentlichen Schauplatz wollte man hier den Fortgang des Experimentes koordinieren. Etwa zehn Werst s�d�stlich w�rde die Bombe regelrecht platzen - oder auch nicht, falls Maganhir nicht hielt, was er versprochen hatte. Von einem Hochplateau aus w�rde er seine Kr�fte auf eine Weise einsetzen, die ausschlie�lich Aslan und Weinberg bekannt war. Es schien niemanden zu k�mmern, dass man nicht Genaueres �ber die F�higkeiten des Mannes mit den listigen Augen erfuhr. Trotz aller Untersuchungen war es weder Primanov noch Weinberg gelungen, hinter das wahre Geheimnis des tungusischen Schamanen zu kommen. Fest stand, dass er in der Lage war, glei�ende Kugelblitze zu erzeugen, denen er sogar eine Richtung verleihen konnte. Aslan schw�rmte unentwegt, dass die elektrischen Kr�fte, die dabei freigesetzt wurden, tats�chlich gigantisch waren. Die Energie, die der Schamane auf das Versuchsluftschiff richten sollte, w�rde noch st�rker sein als alles, was er bisher zustande gebracht hatte. Einzige Bedingung war, dass ihn kein Russe auf den ausgesuchten Berg begleiten durfte. Um mit einem Gott zu verhandeln, bedurfte es keiner Zeugen, sie w�rden die Zeremonie nur st�ren.</style></p><p><style name="font7">Leonard war bei aller Begeisterung skeptisch. �Habt ihr euch �berlegt, was geschieht, wenn er versagt?�, fl�sterte er Weinberg zu, nachdem sie die hypermoderne Schaltzentrale unten im Bunker mit einem Gl�schen Wodka eingeweiht hatten. Weinberg hob eine Braue und antwortete nicht sofort. Hinter ihm besichtigte die Delegation des Zaren das Neueste, was man an Funktechnik auf dem Markt finden konnte.</style></p><p><style name="font7">�Marconi�, murmelte einer der Offiziere anerkennend, als er mit hinter dem R�cken verschr�nkten H�nden den gro�en Schaltschrank inspizierte. �Wie haben Sie das alles hierher bekommen?�</style></p><p><style name="font7">Lobow grinste stolz. �Wir haben es nach den Vorschl�gen der anwesenden Wissenschaftler beschafft und mit Rentier-Schlitten in die Taiga transportiert. Das meiste davon im Winter, weil es einfacher war.�</style></p><p><style name="font7">�Wenn die Sache danebengeht, k�nnen wir uns warm anziehen�, murmelte Pjotr, der den Enthusiasmus Lobows gegen�ber der Zarendelegation mit gemischten Gef�hlen verfolgte.</style></p><p><style name="font7">Leonard stie� einen Seufzer aus. �Wei� unser hoher Besuch eigentlich, was wir genau vorhaben?�</style></p><p><style name="font7">Weinberg entrollte einen Gebietsplan und sch�ttelte kaum merklich den Kopf. �Soweit mir bekannt ist, hat Lobow davon Abstand genommen, bei seinen Erl�uterungen ins Detail zu gehen. Entweder weil er es selbst nicht ganz verstanden hat - oder weil er dachte, wenn es nicht funktioniert, k�nnte man die ganze Sache als kleines Malheur vertuschen und die Aufmerksamkeit der Beobachter auf bereits bestehende Errungenschaften lenken.�</style></p><p><style name="font7">Leonard wandte sich mit einem unguten Gef�hl ab und k�mmerte sich um die Funksignale, die nun pausenlos hereinkamen. Sie zeigten ihm, dass das Luftschiff immer noch auf Kurs war, und zwar auf vier Werst H�he. Am sp�ten Nachmittag war es in Kirensk gestartet; von dort aus sollte es einem Zickzackkurs folgen, und am n�chsten Morgen wurde es mit einer Sinkgeschwindigkeit von einhundert Werst in der Stunde am vereinbarten Treffpunkt erwartet. Maganhir richtete sich nicht nach einer Uhr, sondern nach dem Stand der Sonne. Der Wetterbericht f�r die n�chsten Tage schien g�nstig. Ein zuverl�ssiges Hochdruckgebiet �berlagerte die gesamte steinige Tunguska, und somit w�rde im entscheidenden Augenblick Sichtkontakt bestehen.</style></p><p><style name="font7">In der Nacht bereitete sich Maganhir auf eine besondere Begegnung vor. Auf einem H�gel, dessen Kuppe das gesamte Flusstal �berragte, wollte er Ogdy, den Gott des Donners und des Lichtes, um die Steigerung seiner au�erordentlichen Kr�fte bitten. Am Fu� des Berges hatte er Wachen aufgestellt, damit niemand seine heiligen Kreise st�rte. W�lfe heulten in die mondlose Nacht, und nur die Sterne am Firmament erleuchteten den nicht gar so dunklen Junihimmel.</style></p><p><style name="font7">Der Gehilfe reichte dem Schamanen einen besonderen Trunk und schlug vor einem knisternden Lagerfeuer leise die Trommel, solange, bis sein Meister im Aufleuchten der Flammen in eine tiefe Trance versunken war.</style></p><p><style name="font7">Bis zum fr�hen Morgen erwachte er nicht aus seinem allumfassenden Traum; erst mit dem Aufgang der Sonne �ffneten sich seine schmalen Lider.</style></p><p><style name="font7">Unruhe war in seinen Augen zu erkennen, erst recht als er sich erhob, um in die Ferne zu schauen. Obwohl das gro�e, silberne Objekt noch nicht zu sehen war, konnte er es sp�ren. Der Himmel war klar, und mit der zunehmenden Kraft der Sonne sp�rte er die Kraft in seinem Innern. Sie w�rde stark genug sein, um nicht nur die W�nsche der Russen, sondern auch seine eigenen zu erf�llen.</style></p><p><style name="font7">Bereits jetzt sp�rte er, wie das Licht seinen K�rper durchdrang und sich in seiner Mitte sammelte.</style></p><p><style name="font7">Seine Konzentration steigert sich, bis unvermittelt ein huschender Schatten die W�rme verdeckte. Er meinte, den Fl�gelschlag eines Raben gesehen zu haben, und fuhr erschrocken herum. Der Wind fegte durch sein Haar, und sein Gehilfe war mit einem Mal verschwunden.</style></p><p><style name="font7">Statt seiner baute sich eine gro�e, hagere Gestalt vor ihm auf. Mit der Nase eines Falken und den gl�henden Augen eines D�mons sah ihm Tschutschana direkt ins Gesicht.</style></p><p><style name="font7">�Du bist etwas vorschnell, Bruder. Dachtest du wirklich, ich lasse mir dein Vorgehen einfach so gefallen?�</style></p><p><style name="font7">Gegen vier Uhr in der Fr�he trat Leonard seinen Dienst im Bunker an.</style> 30. Juni 1908,<style name="font7"> schrieb er in eine Art Logbuch, in dem der Ablauf der Versuchsreihe minuti�s protokolliert werden musste. W�hrend die Feder �ber das Papier kratzte, wurde ihm bewusst, an was sie alles hatten denken m�ssen, bevor der St�tzpunkt �berhaupt seine Einsatzbereitschaft melden konnte. Einsam und von niemandem behelligt, �berpr�fte er in der gro�en Halle den Hauptgenerator, der mit einem Benzinmotor betrieben wurde und dessen Abgase durch einen schmalen Kamin nach drau�en gelangten. Dann kontrollierte er die Funkarmaturen und seismographischen Aufzeichnungsger�te, bevor er sich nach drau�en begab, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Die Sonne erhob sich strahlend im S�dosten, und auf einer kleinen</style></p><p><style name="font7">Anh�he genoss er den Blick auf den glitzernden Fluss. Eingeschlossen von hoch aufragenden Tannen, wirkte er wie ein goldenes Band in einem tiefgr�nen Bett.</style></p><p><style name="font7">Ein R�uspern holte Leonard aus seinen Gedanken. Pjotr machte sich bereit, um mit Aslan auf den etwa zweihundert Saschen hohen Beobachtungsh�gel zu steigen, der sich etwa zwei Werst entfernt �ber dem Flu� erhob. In seiner Hand hielt er eine silberne Taschenuhr, die sein Vater ihm einst geschenkt hatte und deren weiteren Besitzer er gegen�ber der Ochrana mit dem Argument verteidigt hatte, dass er als Wissenschaftler auf genaue chronologische Messungen angewiesen sei.</style></p><p><style name="font7">�Schlummern die G�nstlinge des Zaren noch?�, unkte Leonard boshaft.</style></p><p><style name="font7">�Weinberg hat in der Offiziersmesse echten Kaffee gekocht und Ba-ranki ger�stet, da wird es nicht lange auf sich warten lassen, bis die hohen Herren zum Fr�hst�ck erscheinen.�</style></p><p><style name="font7">Neben Kontroll- und Maschinenraum bot der Bunker einen bescheidenen Luxus. Obwohl nur im Sommer bewohnbar, weil es ansonsten zu eisig geworden w�re, hatte man sogar an einen beheizten Schlafraum gedacht.</style></p><p><style name="font7">W�hrend Aslan und Pjotr schon vorausgegangen waren, machte sich Leonard zusammen mit Weinberg und den zaristischen Kontrolleuren erst gegen f�nf zum H�gel auf.</style></p><p><style name="font7">Das Luftschiff wurde um kurz vor sieben erwartet, und so hatten sie noch ein wenig Zeit, die technischen Ger�tschaften und das Experiment zu erl�utern, insofern es der Sachverstand der hohen Herren aus Sankt Petersburg zulie�. Kurz bevor die Bombe offiziell gez�ndet werden sollte, w�rde Leonard allein zum Bunker zur�ckkehren, um den reibungslosen Einsatz der Funkger�te vor Ort zu garantieren. Ein bisschen bedauerte er, nicht n�her dabei sein zu k�nnen, aber wenn man Aslan Glauben schenken konnte, w�rde au�er einem Lichtblitz, einem ohrenbet�ubenden Knall und einem leichten Beben ohnehin kaum etwas zu sp�ren sein.</style></p><p><style name="font7">Lobow folgte wenig sp�ter mit einem Trupp Kosaken, die den Ausguck bewachen sollte. Obwohl sich Leonard kaum vorzustellen vermochte, wer oder was sie hier angreifen sollte, geh�rte es zu Lobows</style></p><p><style name="font7">Gewohnheiten, nie ohne milit�rischen Schutz durch die W�lder zu streifen.</style></p><p><style name="font7">Ein laues L�ftchen wehte um Leonards Nase, als er zusammen mit den anderen M�nnern den Ausguck erreichte. Trotz eines leichten Unbehagens, das durch die H�he verursacht wurde, kletterte er als Erster mutig auf den beinahe zehn Saschen hohen Sendeturm. Oben im Kr�hennest angekommen, einer kleinen mit Gittern ummantelten Aluminiumplattform, blickte er auf die beiden Antennen, die sich unter ihm waagerecht ausbreiteten. Es roch nach Sommer und Frieden, und f�r einen Moment lie�en ihn die warmen Strahlen der aufgehenden Sonne vergessen, dass er nicht in Sankt Petersburg in einem Cafe an der Newa sa�, sondern inmitten der sibirischen Taiga. Der Himmel zeigte sich in reinstem Blau, und der Funkkontakt zum Luftschiff und zur Basisstation am Fu�e des Turms verlief einwandfrei. Aslan, der die Mission zusammen mit Pjotr �berwachte, hatte ihm mehrfach best�tigt, dass es keinerlei Kurskorrekturen bedurfte, um die Versuchsstrecke von f�nfhundert Werst zu bew�ltigen. Also stimmten Leonards Berechnungen; dem zeitgerechten Empfang des silbernen �Feuerpferdes� w�rde nichts mehr entgegenstehen.</style></p><p><style name="font7">�Verschwinde!�, fauchte Maganhir boshaft, als er unvermittelt Tschutschana gewahrte. �Das hier geht dich nichts an.� Mit seinem sch�rfsten Konkurrenten hatte er auf dem heiligen Berg seiner Ahnen am allerwenigsten gerechnet.</style></p><p><style name="font7">�Ach ja? Es geht mich nichts an?� Tschutschanas Augen funkelten kampflustig. �Und ob es mich etwas angeht! F�r ein paar Rubel verkaufst du nicht nur deine eigene W�rde, sondern die aller Tungusen. Du verr�tst unsere tiefsten Geheimnisse. Du hilfst den Russen, unser Land zu zerst�ren, beschmutzt unsere heiligen St�tten und missbrauchst die Gunst unserer G�tter!�</style></p><p><style name="font7">Maganhir setzte eine hasserf�llte Miene auf, bevor er zum Gegenschlag ausholte. �Es war dein Sohn, der die Russen �ber unsere geheimen Gaben aufgekl�rt hat! Deine Sippe ging mit schlechtem Beispiel voran. Ansonsten w�ren der Zar und seine Getreuen wohl kaum auf die Idee gekommen, mich rufen zu lassen.�</style></p><p><style name="font7">�Kehr um, Maganhir!�, stie� Tschutschana hervor. Die Sonne im</style></p><p><style name="font7">R�cken, starrte er seinen Widersacher zornig an. �Oder ich muss dich lehren, wer von uns beiden der St�rkere ist.�</style></p><p><style name="font7">�Versuche es!�, zischte der viel kleinere Maganhir, dabei plusterte er sich auf wie ein Vogel im Winter. �Und ich werde dich t�ten. Es macht mir nichts aus, ich h�tte es schon viel fr�her tun sollen.�</style></p><p><style name="font7">Tschutschana begann zu lachen, doch pl�tzlich flog wie aus dem Nichts ein faustgro�er Stein gegen seine Schl�fe und lie� den hageren Schamanen ein St�ck den Abhang hinuntertaumeln. Blut rann �ber sein Gesicht. Mit verzerrter Miene zog er einen Bogen und einen Pfeil, beides unsichtbar, und richtete es auf Maganhir. Ein leises Zischen zerschnitt die morgendliche Stille, dann ging der kleine Schamane mit einem Aufst�hnen zu Boden und hielt sich den Arm. Er verharrte nur kurz, bevor er sich geschickt zur Seite rollte. Hinter seinem R�cken erschien ein z�hnefletschender gl�serner Wolf. Blutr�nstig st�rzte er sich auf Tschutschana, der versuchte, den Angriff abzuwehren, doch die bl�uliche Feuerkugel, die er von sich schleuderte, verfehlte ihr Ziel. Der Gehilfe aus der Unterwelt verbiss sich in Tschutschanas Arm.</style></p><p><style name="font7">In seiner Not rief Tschutschana eine Horde von Hilfsgeistern herbei, die dem D�mon die Kraft raubten, bis er sich schlie�lich in Nichts aufl�ste. Die h�llischen Schmerzen im Arm blieben jedoch.</style></p><p><style name="font7">�Hast du genug?�, h�hnte Maganhir h�misch. �Oder verlangst du nach dem Tod?�</style></p><p><style name="font7">Tschutschana k�mpfte sich auf die F��e und hielt sich keuchend den Arm. Es kostete ihn einiges an Kraft, dennoch vermochte er sich zu konzentrieren. Maganhir durfte nicht siegen - und wenn es ihn selbst das Leben kosten w�rde. Mit aller Kraft bem�hte er sich, dem verhassten Feind den Atem zu nehmen. Maganhir sp�rte, wie sich eine unsichtbare Schlinge um seinen Hals legte. Er r�chelte, seine Zunge quoll unnat�rlich hervor. Mit einer fahrigen Bewegung zog er sein magisches Messer und schickte es auf eine d�monische Reise.</style></p><p><style name="font7">Ein glei�ender Lichtstrahl blendete seinen Gegner. Hoch am Himmel war urpl�tzlich ein gl�nzender Zylinder erschienen, auf dessen silbriger Haut sich die Sonne spiegelte. Tschutschana sank schreiend zu Boden und hielt sich die Brust, dort, wo f�r gew�hnlich das Herz sa�. Ungl�ubig starrte er in Richtung des riesigen Boliden, der in einer stetigen Geschwindigkeit talw�rts schwebte.</style></p><p><style name="font7">Maganhir war indessen aufgesprungen und brachte sich in Position.</style></p><p><style name="font7">�Nicht!�, keuchte Tschutschana heiser und kroch auf seinen Feind zu. Er hatte ihn beinahe erreicht, da h�rte er ein brodelndes Ger�usch.</style></p><p><style name="font7">Maganhir stand breitbeinig da und sammelte sich. Tschutschana zog sich auf die Knie. Er wusste, dass er Maganhir nicht mehr gef�hrlich werden konnte. Ihm blieb nur, zu versuchen, die Flugbahn seines Lichtk�rpers zu st�ren.</style></p><p><style name="font7">Mit einem Ruck l�ste sich eine Kugel aus der K�rpermitte des viel kleineren Schamanen. Die wabernde Gestalt der Kugel erinnerte an die flimmernde Hitze des Sommers. Maganhir war zu benommen, um Tschutschanas Wirken zu bemerken, und so lie� er ihn gew�hren, als er seinen unversehrten Arm in Richtung der davonschie�enden Kugel ausstreckte. Ein zweiter Ball l�ste sich aus der Hand des im Staub liegenden Schamanen, viel kleiner, aber auch viel schneller. M�helos holte er die gr��ere Kugel ein, doch anstatt sie vom Kurs abzubringen, vereinte der Ball sich mit der ersten Kugel zu einem noch m�chtigeren Geschoss. Hilflos musste Tschutschana mit ansehen, wie die unsichtbare Energie auf die silberne Flugmaschine prallte und sie nicht sogleich zerst�rte, sondern sich ihren Weg in das Innere suchte.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich zerriss ein gewaltiger Donner die Stille, und ein spr�hender Schweif schob den gigantischen Zylinder in atemberaubender Geschwindigkeit �ber den n�chsten H�gel. Weitere Explosionen folgten, Detonation auf Detonation, und bevor Tschutschana seinen Kopf einziehen konnte, erschien ein riesiger Wolkenpilz �ber dem Horizont, und ein nie zuvor gesehener Blitz tauchte die Landschaft in gespenstische Schatten. Dann verbreitete sich eine unglaubliche Hitze �ber das Land, und dem hei�en Wind, der Maganhir von den F��en hob und an Tschutschana vorbei �ber den Abhang schleuderte, folgte eine gigantische Feuerwand, die alles in Asche verwandelte, was sich ihr in den Weg stellte. Die B�ume vergl�hten, und das Wasser der Fl�sse verdampfte zu Nebel. Mit der Druckwelle galoppierten Millionen von D�monen �ber die Taiga, und wie Heuschrecken fra�en sie Tschu-tschana und Maganhir das Fleisch von den Knochen, bis nur noch wei�e Skelette �brig waren.</style></p></section><section><title><p><style name="font7">32.</style></p><p><style name="font7">Juni</style><style name="font4"> 2008,</style><style name="font7"> Tunguska - Countdown</style></p></title><p><style name="font7">Svetlana verstand etwas von ihrem Handwerk. Es sah aus, als ob die Schere regelrecht �ber Leonids Kopf tanzen w�rde; eine schwarze Str�hne nach der anderen fiel auf den K�chenboden. Ajaci knurrte leise. Offenbar war ihm die ganze Angelegenheit nicht geheuer. Dabei wich er seinem Herrchen nicht von der Seite. Leonid hingegen verzog keine Miene, als Svetlana ihn vor einem aufstellbaren Tischspiegel im Handumdrehen von einem Indianer in einen Gentleman verwandelte. Seine Frisur war kurz und modisch, aber nicht so raspelkurz, dass er dem Konterfei in seinem Armeepass glich, welches zusammen mit Viktorias Foto st�ndlich �ber den Bildschirm flimmerte. Leonids Portr�t war schwarz-wei� und zeigte ihn blass und um einiges j�nger in seiner schmucken Offiziersuniform. Viktoria erkannte ihr aktuelles Passfoto, das sie bei der Beantragung des Visums �ber das Ministerium f�r Wissenschaft und Technologie in der Russischen F�deration abgeben musste.</style></p><p><style name="font7">Schlie�lich fuhr Svetlana mit dem Zeigefinger �ber Leonids verwegenen Dreitagebart, der Viktoria auf Anhieb ins Auge gefallen war und den sie so mochte.</style></p><p><style name="font7">�Den muss ich dir abnehmen�, bestimmte Svetlana mit rigoroser Entschlossenheit, �damit du nicht aussiehst wie ein entflohener Str�fling. So etwas merken sich die Leute.�</style></p><p><style name="font7">Leonid nickte stumm, und wenig sp�ter strich Svetlana gen�sslich �ber seine glatten Wangen. �So gef�llst du mir ohnehin besser�, sagte sie und zwinkerte ihm zu.</style></p><p><style name="font7">Bei Viktoria gestaltete sich die Sache schwieriger. Es dauerte eine geschlagene Stunde, bis Svetlana ihr br�nettes Haar in ein MarilynMonroe-verd�chtiges Platinblond ver�ndert hatte. Dabei wagte Viktoria es nicht, in den Spiegel zu schauen, w�hrend Svetlana in das auf Kinnl�nge verk�rzte Haar gro�e rosafarbene Lockenwickler eindrehte und sie anschlie�end mit einem s��lich riechenden Haarfestiger bespr�hte.</style></p><p><style name="font7">Leonid l�chelte beide Frauen aufmunternd an. Die ganze Zeit �ber hielt er Viktorias Hand, als ob er ihr bei einer Operation beistehen m�sste.</style></p><p><style name="font7">�Du siehst wunderbar aus�, fl�sterte er ihr zu und k�sste sie hastig, als Svetlana f�r kurze Zeit im Schlafzimmer verschwand, um Viktoria passende Kleidung herauszusuchen.</style></p><p><style name="font7">�Wahrscheinlich falle ich in dieser Aufmachung weit mehr auf als vorher�, meinte Viktoria d�ster, als Svetlana mit einem giftgr�nen Kost�m auftauchte, das sie alternativ zu ihren Trekkinghosen tragen sollte. Dazu offerierte die modebewusste Russin der eher rustikal eingestellten Deutschen ein paar hochhackige schwarze Pumps, die ihr von der Gr��e her passen mussten. Perfekt geschminkt, fehlte nicht viel und Viktoria h�tte als Svetlanas j�ngeres Double auftreten k�nnen. Erst als Svetlana ihr einen noch bis zum Jahr</style><style name="font4"> 2010</style><style name="font7"> g�ltigen Reisepass in die Hand dr�ckte, wusste Viktoria, worauf die ganze Aktion hinauslaufen sollte.</style></p><p><style name="font7">�Ich benutze seit Jahr und Tag dasselbe Bild�, meinte Leonids �ltere Freundin beinahe entschuldigend. �Ich bin einfach zu eitel, um ein neues Foto zu nehmen. Ein paar Rubel reichen, und die Frau auf der Passstelle zeigt jedes Mal volles Verst�ndnis. Welche Frau will schon ein Ausweisfoto haben, auf dem sie zehn Jahre �lter ausschaut, als sie sich f�hlt?�</style></p><p><style name="font7">�Soll das etwa bedeuten�, stammelte Viktoria und warf Leonid einen fassungslosen Blick zu, �ich soll mich Ihres Passes bedienen, um unerkannt nach Moskau zu gelangen?�</style></p><p><style name="font7">�Ja, warum nicht?� Svetlana zeigte keinerlei Skrupel. �Wenn du heil in deiner Botschaft angekommen bist, schickst du mir den Pass an meine Adresse zur�ck.�</style></p><p><style name="font7">�Und was wird aus Leonid?� Viktoria sah zu ihm auf.</style></p><p><style name="font7">Svetlana kam ihm mit einer Antwort zuvor. �Das werden wir anschlie�end regeln.� Sie entschwand erneut in ihr Schlafzimmer und kam kurz darauf in einem atemberaubend knappen roten Kost�m zur�ck. Mit aufgestecktem Haar und blutroten Lippen setzte sie ein verf�hrerisches L�cheln auf. Unter ihrer rotwei�en P�nktchenbluse trug sie einen Push-up-BH, der ihre prallen Vorz�ge noch eindrucksvoller zu Geltung brachte. Sie hatte sich unzweifelhaft aufgedonnert. Doch f�r wen? Diese Frage stellte sich Viktoria unentwegt, w�hrend Svetlanas Abs�tze �ber den K�chenboden klackten.</style></p><p><style name="font7">�Ihr m�sst mir nur versprechen�, begann sie mir ernster Miene, �dass Leonid in der deutschen Botschaft um Asyl bittet. Ich m�chte mir nicht vorstellen, dass er in die H�nde unseres Geheimdienstes ger�t. Selbst wenn es hier keine Todesstrafe mehr gibt, w�rde er eine Haftstrafe kaum �berleben.�</style></p><p><style name="font7">�Woher wei�t du das alles? Ich meine, du scheinst dich ja ziemlich gut in solchen Dingen auszukennen.� Viktoria wunderte sich, mit welcher Souver�nit�t Svetlana an die Sache heranging.</style></p><p><style name="font7">�Krasnojarsk war bis vor wenigen Jahren Hauptsitz der russischen R�stungsindustrie. Ich habe eine Weile f�r den KGB gearbeitet, bevor ich Leonids Vater kennenlernte. Ich war S�ngerin in einer Bar und habe im Auftrag des Geheimdienstes westliche Gesch�ftsleute und Politiker verf�hrt.� Sie lachte unfroh, als sie Viktorias irritierten Blick aufnahm. �W�hrend wir uns vergn�gten, wurden sie heimlich fotografiert. Hinterher konfrontierte man sie mit den Bildern. Danach waren sie in ihren Verhandlungen mit staatlichen Gesch�ftspartnern zu recht gro�en Zugest�ndnissen bereit.�</style></p><p><style name="font7">Ihr Blick streifte abermals Leonid, dem ihre Offenheit peinlich zu sein schien. Sie fuhr ihm durch die dichten schwarzen Haare, als ob sie tats�chlich seine Mutter w�re, und seufzte.</style></p><p><style name="font7">�Ich kenne s�mtliche Abgr�nde in diesem Land. Deshalb wei� ich nur zu gut, wie gef�hrlich es ist, ins Visier von Polizei und Geheimdienst zu geraten.�</style></p><p><style name="font7">Leonid stand auf und rang sich ein L�cheln ab. �Mach dir nicht zu viele Sorgen, Matruschka. Das Wichtigste ist, dass Viktoria heil nach Hause kommt. Alles andere wird sich finden.� Spontan b�ckte er sich zu Svetlana hinab und nahm die zierliche Frau in die Arme. �In jedem Fall danke ich dir schon jetzt f�r deine Hilfe.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria blickte irritiert zu Boden, als die viel �ltere Frau zu ihm aufschaute, als ob er ein Gott w�re, und er daraufhin behutsam ihren Mund k�sste, um ihren Lippenstift nicht zu verwischen. Ein Strahlen huschte �ber Svetlanas Gesicht, bevor sie sich mit einer Miene des Bedauerns aus seiner Umarmung befreite.</style></p><p><style name="font7">�Kommt!�, sagte sie aufgeregt. �Lukaschek, ein alter Freund von mir, wartet auf uns. Wir haben keine Zeit zu verlieren.�</style></p><p><style name="font7">Gemeinsam ging es zu einem verrosteten Lada, der auf einem Park-platz vor dem Haus parkte. Mit einer eleganten Bewegung, als ob es sich um eine teure Limousine handelte, �ffnete Svetlana die Fahrert�r und nahm hinter dem Steuer Platz. Leonid �ffnete Viktoria zuvorkommend die T�r zum Fonds des Wagens, w�hrend er selbst auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Viktoria rutschte hinter die Fahrerin, gefolgt von Ajaci, der wie selbstverst�ndlich hinter Leonid sprang und ihm mit sabbernder Zunge in den Nacken hechelte.</style></p><p><style name="font7">Es war immer noch hei�, und die Stra�en waren so staubig, dass der Wagen beim Anfahren eine r�tliche Wolke hinter sich lie�. In Krasno-jarsk herrschte Feierabendgesch�ftigkeit, als sie auf Schleichwegen zu jenem Lukaschek fuhren, dessen omin�se Existenz Leonid bekannt zu sein schien. Jedenfalls stellte er keine Fragen und protestierte auch nicht, als Svetlana den Mann per Mobiltelefon anrief, um ihm vorab ein paar Anweisungen zu geben.</style></p><p><style name="font7">Vertieft in einen russischen Wortschwall, der wie ein Maschinenge-wehrstakkato �ber ihre Lippen ratterte, �bersah Svetlana eine Polizeisperre, die in etwa zweihundert Metern einen Stau verursachte.</style></p><p><style name="font7">Leonid zog noch im Fahren die Handbremse an, was den Wagen unweigerlich ins Schleudern brachte und in die entgegengesetzte Fahrtrichtung katapultierte. Viktoria kollidierte mit Ajaci, der jaulend in den Fu�raum schlitterte, und Svetlana lie� vor Schreck das Telefon fallen. Leonid br�llte einen kurzen Befehl, und schon waren beide ausgestiegen. Svetlana �berlie� ihm das Steuer, w�hrend sie seinen Platz einnahm. Leonid lenkte den Wagen durch etliche Seitengassen, dann fuhr er auf eine breite Stra�e ein St�ck weit am Jenissei entlang bis zu einer Hochhaussiedlung.</style></p><p><style name="font7">Dort angekommen, �ffnete er Viktoria den Wagenschlag und streckte ihr seine gro�e Hand entgegen. Mit einem leichten Ruck zog er sie aus dem durchgesessenen Kunstlederpolster. Viktoria war froh, dass er ihr anschlie�end seinen starken Arm reichte, damit sie sich auf dem unebenen Pflaster mit ihren hochhackigen Pumps nicht den Kn�chel brach.</style></p><p><style name="font7">Mit einem klapprigen Fahrstuhl, in den Ajaci zun�chst nicht hineingehen wollte, fuhren sie in den zehnten Stock hinauf.</style></p><p><style name="font7">�Was machen wir hier?� Viktoria sah Leonid von unten herauf an. Sie hatte leise und Deutsch gesprochen. Svetlana stand vor ihm und hatte ihm den R�cken zugewandt. Sie duftete wie ein Parf�mladen. Viktoria ahnte, dass Lukaschek jemand sein musste, der auf diese Aufmachung abfuhr, und dass Svetlana sich einen Vorteil davon versprach.</style></p><p><style name="font7">Ein riesiger glatzk�pfiger Kerl in einem ehemals wei�en Unterhemd �ffnete misstrauisch die T�r, nachdem Svetlana mehrfach gel�utet hatte.</style></p><p><style name="font7">Lukaschek roch nach Schwei� und Alkohol. Sein ganzer Oberk�rper war bis zu seinem Stiernacken dicht behaart. Ein paar Goldz�hne leuchteten, als er Svetlana erkannte. Sie fiel ihm ungeniert um den Hals und k�sste links und rechts seine speckige Wange.</style></p><p><style name="font7">Mit einer rudernden Geste trieb Lukaschek seine G�ste in seine bescheidene Behausung. Danach ging alles erstaunlich schnell. Luka-schek fotografierte Leonid mit einer hochaufl�senden Digitalkamera, und wenig sp�ter hielt er ein perfektes Passfoto in H�nden. Anschlie�end eilte Lukaschek nach nebenan, in ein weiteres Zimmer, in das ihm niemand folgen durfte.</style></p><p><style name="font7">In Lukascheks Wohnzimmer lief pausenlos der Fernseher; auch hier flimmerten immer wieder Fahndungsbilder von Leonid und Viktoria �ber den Schirm. Es hie�, Leonid sei ein Sympathisant tschetschenischer Rebellen und habe mindestens vier Menschen get�tet und einen Helikopter von GazCom gekapert, um in Begleitung seiner deutschen Geisel die Flucht in den S�den des Landes anzutreten.</style></p><p><style name="font7">Nach einer halben Stunde, in der niemand ein Wort sprach, z�ckte Svetlana ihre wei�e Handtasche. F�nfzehntausend Rubel wechselten den Besitzer. Daf�r dr�ckte der Passf�lscher Leonid eine original russische ID-Karte in die Hand, dazu z�ckte er wie aus dem Nichts eine �ltere Makarov, die Leonid dankend ablehnte.</style></p><p><style name="font7">�Es reicht, dass ich einen Helikopter gekapert und eine Deutsche entf�hrt habe�, meinte er scherzhaft zu Lukaschek, �deshalb muss ich noch lange nicht unseren Weg nach Moskau mit Toten pflastern.�</style></p><p><style name="font7">Svetlana schien sich nicht sicher zu sein, ob es klug war, ohne Waffe zu reisen. �Wenn unsere Tarnung funktioniert�, meinte sie schlie�lich, �wird euch hoffentlich niemand behelligen.�</style></p><p><style name="font7">Sie bat, Leonid den GazCom-Pullover und die unbequemen Springerstiefel ausziehen, um sich von Lukaschek neu einkleiden zu lassen. Viktoria hob zweifelnd eine Braue, als Leonid wenig sp�ter in einem leicht vergilbten Nylonhemd mit blaurot gestreifter Krawatte er-schien. Dazu trug er ein Paar helle Slipper, die ihm zwar besser passten, jedoch in Kombination mit der weiten dunkelblauen Cargohose und einem viel zu gro�en olivgr�nen Jackett ziemlich gew�hnungsbed�rftig aussahen.</style></p><p><style name="font7">�Wenn wir auf diese Weise nicht auffallen, fresse ich einen Igel mit Stacheln�, fl�sterte Viktoria resigniert.</style></p><p><style name="font7">�Mach dir keine Gedanken!�, erkl�rte Leonid l�chelnd. �F�r hiesige Verh�ltnisse ist das vollkommen in Ordnung.�</style></p><p><style name="font7">Er schaute Svetlana fragend an, als sie zum Auto zur�ckkehrten.</style></p><p><style name="font7">�Wie kann ich das wiedergutmachen?</style></p><p><style name="font7">�Gar nicht. Erstens habe ich mit Lukaschek einen Sonderpreis ausgehandelt, und zweitens gibt es kaum jemanden, dem ich lieber aus der Patsche helfe als dir.�</style></p><p><style name="font7">Ihre Augen schimmerten feucht, als er ihr die Wagent�r aufhielt. Viktoria konnte beim Einsteigen sehen, wie Leonid seine ehemalige Lehrmeisterin wehm�tig anl�chelte.</style></p><p><style name="font7">Eine Fahrkarte mit dem Nachtzug von Krasnojarsk nach Moskau kostete neuntausend Rubel pro Person, der Hund kam extra. Viktoria wehrte sich dagegen, dass Svetlana erneut alles bezahlte.</style></p><p><style name="font7">Leonid besa� keinen einzigen Rubel, aber auch er hatte seine eigenen Vorstellungen.</style></p><p><style name="font7">�Ich werde mich bei dir melden, sobald ich Viktoria bei der deutschen Botschaft abgeliefert habe�, versprach er Svetlana leise, w�hrend er den Wagen in der N�he des Hauptbahnhofs parkte. �Und dann komme ich zur�ck und werde dir s�mtliche Auslagen erstatten.�</style></p><p><style name="font7">�Bist du wahnsinnig?�, wetterte Svetlana ungeniert. �Ich will, dass du das M�dchen nimmst und mit ihr gl�cklich wirst, ganz gleich wo, von mir aus auf dem Mars, nur nicht hier. Hast du mich verstanden?�</style></p><p><style name="font7">Die beiden stritten sich noch, als Viktoria eine Filiale der Raiffeisen-International-Bank in der N�he des Bahnhofs betrat und ihre deutsche Kreditkarte z�ckte. Beinahe h�tte sie den falschen Pass aus ihrer geliehenen Lackledertasche gezogen, um das notwendige Geld abheben zu k�nnen. Der Kassierer war so sehr von ihrer Aufmachung fasziniert, dass er gar nicht auf ihren Pass achtete und ihr ohne Z�gern die Scheine vorz�hlte, wobei er ihren tiefen Ausschnitt nicht aus den Augen lie�.</style></p><p><style name="font7">Noch w�hrend sie das Geld in ihrer Handtasche verstaute, dudelte ihr Mobiltelefon eine Ode an alle M�tter der Welt - �Mama�.</style></p><p><style name="font7">Ungl�ubig starrte sie auf das Display.</style></p><p><style name="font7">�Hallo?� Sie ging ein St�ck vom Schalter weg.</style></p><p><style name="font7">�Vicky, mein Schatz. Gott sei Dank. Wo bist du nur? Seit Tagen versuche ich, dich zu erreichen!�</style></p><p><style name="font7">�Mutter?� Viktoria konnte es kaum glauben. �Was willst du denn?�</style></p><p><style name="font7">�Begr��t man so seine Mutter? Ich sitze hier am Kulkwitzer See und vergehe fast vor Sorgen. Warum meldest du dich nicht!�</style></p><p><style name="font7">�Das ist nicht so einfach. Kein Empfang in Sibirien - das habe ich dir doch schon gesagt.�</style></p><p><style name="font7">�Und warum hast du jetzt Empfang? Ich halte das f�r eine Ausrede. Du willst mich nicht sprechen, das ist alles.�</style></p><p><style name="font7">�Es hat andere Gr�nde.�</style></p><p><style name="font7">�Was denn f�r andere Gr�nde? Geht es dir nicht gut? Es ist doch nicht gef�hrlich, dort, wo du bist, oder?�</style></p><p><style name="font7">�Nein, Mutter!� Sie seufzte entnervt. �Es ist nicht gef�hrlich.�</style></p><p><style name="font7">Was sollte sie auch sonst sagen?</style></p><p>Ich sehe nur gerade aus wie eine Dame vom horizontalen Gewerbe, in meiner Handtasche steckt ein falscher Pass, und ich befinde mich in Begleitung eines vermeintlichen Terroristen, und wir werden per Fernsehfahndung von der russischen Justiz gesucht. Aber sonst geht's mir gut.</p><p><style name="font7">�Hast du etwas gesagt, Kind?�</style></p><p><style name="font7">�Nein, nein - ich habe nichts gesagt. Ich muss auflegen. Ich melde mich sp�ter noch mal.�</style></p><p><style name="font7">Schwungvoll klappte sie ihr Mobiltelefon zu. Irgendjemand tippte ihr auf die Schulter. F�r einen Moment schaute sie auf und blickte in das Gesicht einer �u�erst maskulinen Frau.</style></p><p><style name="font7">�Frau Doktor Vanderberg?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria sp�rte, wie ihre Knie nachgaben und das Blut in ihr Gesicht schoss. Voller Panik riss sie sich los und ergriff auf ihren schwarzen High Heels die Flucht �ber das helle Marmormosaik hin zu einer gl�sernen Dreht�r, bei der nur jeweils eine Person hindurchgehen konnte.</style></p><p><style name="font7">�Frau Doktor Vanderberg!?� Die Stimme von Doktor Parlowa hallte bis zum Ausgang hinter ihr her.</style></p><p><style name="font7">Verdammt, wieso lief ihr die russische �rztin ausgerechnet hier</style></p><p><style name="font7">�ber den Weg? War sie nicht mit Professor Olguth nach Krasnojarsk geflogen, um die verr�ckt gewordene Studentin in ein Hospital zu begleiten?</style></p><p><style name="font7">�Was ist los?� Leonid sp�rte sofort, dass etwas nicht in Ordnung sein konnte, als Viktoria aus dem Bankgeb�ude st�rmte, als ob man sie dort �berfallen h�tte. Sie war bleich, und das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als er sie in den Arm nahm.</style></p><p><style name="font7">�Lass uns direkt zum Bahnhof gehen und die Fahrkarten kaufen�, stie� sie atemlos hervor. Sie wollte Leonid nichts von der Begegnung mit der �rztin sagen. Er kannte die Frau ohnehin nicht, und warum sollte sie ihn beunruhigen? Der Gedanke, dass Doktor Parlowa die Polizei verst�ndigen w�rde, lie� Viktoria indessen nicht zur Ruhe kommen.</style></p><p><style name="font7">Gleich zwei MI</style><style name="font4">-24</style><style name="font7"> Kampfhubschrauber der russischen Armee landeten bei Sonnenuntergang auf dem Sportplatz von Vanavara.</style></p><p><style name="font7">Der �rtliche Polizeikommandant und Bashtiri warteten am Rande des Fu�ballfeldes auf die Neuank�mmlinge. Au�erdem gesellte sich Fjodor hinzu, einer von den beiden Bodyguards, die Bashtiri zur Bewachung des Butlers zur�ckgelassen hatte. Im Laufe des Vormittags hatte man die drei M�nner weitgehend unversehrt aufnehmen k�nnen. Antonov, den Butler, hatte man zu den drei v�llig verst�rten Studenten in die Krankenstation eingeliefert.</style></p><p><style name="font7">Der dortige Chefarzt, Doktor Buckow, hatte Bashtiri dazu �berreden k�nnen, seine Finger bis zum Nachmittag ambulant operieren zu lassen, weil er sonst einen Wundbrand bef�rchtete. Bashtiri trug seine eingegipste Hand wie ein Mahnmal des Schreckens vor sich her, als er Oberst Bogdan Bogdanowitsch Pokrovskij, den abgesandten Ermittlungsf�hrer des FSB, mit offenen Armen empfing.</style></p><p><style name="font7">Oberst Pokrovskij, ein durchtrainierter Rotschopf mit kantigem Gesicht, wirkte reichlich reserviert. Er begr��te Bashtiri mit einem Nicken und nicht mit dem sonst �blichen Bruderkuss. �Hier geht es ja zu wie auf einem Bahnhof�, scherzte er, als die Rotorbl�tter des zweiten Helikopters zum Stillstand gekommen waren. Beil�ufig stellte er sein Ermittlungsteam vor, das aus drei jungen, dynamisch erscheinenden Offizieren bestand. Ein weiteres Team war zum Chekosee unterwegs, um die Leichen zu bergen und Spuren zu sichern.</style></p><p><style name="font7">Dem zweiten Helikopter entstieg Doktor Swerew. Der hochgewachsene Wissenschaftler, dessen Erscheinen Bashtiri bereits sehns�chtig erwartet hatte, gesellte sich mit gro�en Schritten und einer schwarzen Laptop-Tasche hinzu.</style></p><p><style name="font7">Nach einer kurzen Begr��ung stellte Kapitan Josep Josephowitsch den drei M�nnern den einzigen schalldichten Verh�rraum seines Reviers zur Verf�gung, damit sie sich unbeobachtet und vor allem abh�rsicher beraten konnten. Pokrovskijs Mitarbeiter und Bashtiris verbliebene Bodyguards warteten indes im B�ro des Kapitans auf die Ergebnisse der Besprechung.</style></p><p><style name="font7">Stockend berichtete Bashtiri von den Vorkommnissen. Er lie� keinen Zweifel daran, dass die vier Soldaten auf ihrem gemeinsamen Weg durch den Wald ermordet worden waren und niemanden der Anwesenden - schon gar nicht ihn selbst - irgendeine Schuld traf. Au�erdem sorgte er daf�r, dass man seine drei verbliebenen Bodyguards Fjodor, Mischa und Jurij nicht befragte �Sie haben nichts gesehen, weil sie bei meinem Butler geblieben sind�, erkl�rte der Oligarch dreist - ebenso wie die drei Studenten, die unter starken Beruhigungsmitteln standen und als nicht vernehmungsf�hig galten. In Lebenovs Team gab es ohnehin nur noch einen vermeintlich �berlebenden. Der zweite Mann, der die Baracke bewacht hatte, in der man Aldanov gefangen hielt, und dann spurlos verschwunden war.</style></p><p><style name="font7">�Denken Sie, der vermisste Soldat k�nnte f�r die Anschl�ge verantwortlich sein?� Pokrovskij warf Bashtiri einen fragenden Blick zu. �Wer sagt denn, dass er es nicht war, der den Kameraden erstochen hat?�</style></p><p><style name="font7">�Auf gar keinen Fall!�, erwiderte Bashtiri, als Pokrovskij begann, seine Fragen zu stellen. �Warum sollte der Mann so etwas tun? Alda-nov ist f�r die Sache verantwortlich oder einer seiner Sympathisanten. Er hat Verb�ndete unter den Ewenken. Sonst h�tte er nicht solange Zeit untertauchen k�nnen. Angeblich ist er in Grosny bei einem Attentat gegen eine Regierungsdelegation ums Leben gekommen. Unser hochverehrter Pr�sident hat ihm sogar posthum die Heldenmedaille verliehen. Dabei h�pft er gesund und munter in den sibirischen W�ldern herum. Dass da was nicht stimmen kann, ist doch sonnenklar.� Bashtiri setzte eine abgekl�rte Miene auf. �Der Kerl hat Dreck am Stecken. Vielleicht war er es sogar selbst, der den Helikopter zum Ab-sturz brachte und damit die Regierungsdelegation auf den Gewissen hat.�</style></p><p><style name="font7">Er rechnete nicht damit, dass der Oberst anderer Meinung sein k�nnte.</style></p><p><style name="font7">W�hrend Pokrovskij die Unterlagen �ber die Familie des Leonid Aldanov studierte, schob ihm Swerew die Kopien des Tagebuchs hin.</style></p><p><style name="font7">�Da w�re noch etwas, Herr Oberst, etwas, das die russische Regierung brennend interessieren d�rfte. Wir haben Hinweise auf den wahren Grund der Katastrophe von Tunguska gefunden. Ob es etwas mit Aldanov zu tun hat, kann ich nicht sagen, aber seine Familie ist in jedem Fall in die Sache involviert.�</style></p><p><style name="font7">Z�gernd nahm der Oberst die Buchkopien an sich und bl�tterte darin, dann blickte er auf und bedachte Swerew mit einem pr�fenden Blick. �Wollen Sie damit sagen, die Familie Schenkov hatte einen Anteil an der Katastrophe vor genau einhundert Jahren?�</style></p><p><style name="font7">�Ich behaupte es nicht�, versicherte Swerew mit selbstbewusster Miene. �Wenn Sie den Text gelesen haben, werden Sie wissen, dass der angebliche Meteoreinschlag von Tunguska im Juni</style><style name="font4"> 1908</style><style name="font7"> von Menschenhand verursacht wurde. Neben dem f�r sich gesehen spektakul�ren Versuch, eine fr�he Wasserstoffbombe zu konstruieren, steckte wohl eine bis dahin noch unbekannte pyrokinetische Kraft dahinter, dass es zu einer solch gewaltigen Explosion kommen konnte. Es waren direkte Vorfahren von Leonid Aldanov, die dieses Ph�nomen allem Anschein nach beherrschten. Dessen milit�risches Potential darf keinesfalls untersch�tzt werden. Wenn man bedenkt, dass Aldanov ebenfalls �ber besagte pyrokinetische F�higkeiten verf�gen k�nnte, sollte man seine Festnahme mit allen Mitteln vorantreiben.�</style></p><p><style name="font7">Pokrovskij hob eine seiner buschigen Brauen. �Und wo steckt dieser Kerl jetzt?�</style></p><p><style name="font7">Doktor Swerew zuckte mit den Schultern. Bashtiri kam ihm zur Hilfe.</style></p><p><style name="font7">�Ist es nicht Aufgabe des FSB, das herauszufinden? Ich dachte immer, unser Inlandsgeheimdienst geh�rt zu den besten der Welt? Wenn man den Fernsehberichten glauben darf, wurde der Helikopter am Rande von Krasnojarsk sichergestellt.� Bashtiris Stimme klang spitz. �Mich wundert's, dass Sie ihn noch nicht geschnappt haben, zumal er die deutsche Wissenschaftlerin entf�hrt hat. In Anbetracht all dieser neuen Erkenntnisse ist es f�r unsere Regierung sicher nicht von Vorteil, wenn sich die Sache zu einem Politikum ausw�chst.�</style></p><p><style name="font7">Pokrovskij sah den Oligarchen aus schmalen Lidern an. �Machen Sie sich keine Sorgen, Sergej Sergejewitsch�, bemerkte er mit einem ironischen Unterton in der Stimme. �Wenn wir Aldanov erst gefasst haben, wird sich f�r unseren Pr�sidenten so manches Geheimnis l�ften, sicher nicht nur das von Tunguska.�</style></p><p><style name="font7">Die letzten Worte des Offiziers versetzte Bashtiri einigerma�en in Unruhe.</style></p><p><style name="font7">W�hrend Pokrovskij mit seinen Begleitern einen Besuch im Dorf der Ewenken ank�ndigte, um die Einwohner zu verh�ren, mietete Bashtiri noch vor Einbruch der Dunkelheit f�r sich und seine Sicherheitsbegleiter die einzig wirklich komfortable Hotelsuite des Ortes. Nach einer weiteren Schmerztablette, die seine verletzten Finger bet�uben sollte, wanderte er rastlos auf und ab. Was konnte er unternehmen, damit der FSB Aldanov nicht lebend erwischte? Die Sache mit der Explosion von Tunguska und der merkw�rdigen Gabe der tungusischen Schamanen waren ihm ziemlich gleichg�ltig. Ganz und gar nicht gleichg�ltig erschien ihm jedoch die Tatsache, dass Aldanov bestens �ber ihn und seine gesch�ftlichen Verbindungen in Tschetschenien informiert war.</style></p><p><style name="font7">Er schrak regelrecht zusammen, als das Mobiltelefon die Schicksalsmelodie pl�rrte und Fjodor den Anruf entgegen nahm.</style></p><p><style name="font7">�Es ist Doktor Parlowa�, erkl�rte der Bodyguard tonlos und hielt ihm das Telefon entgegen. �Sie sagt, es sei dringend.�</style></p><p><style name="font7">Aufgeregt berichtete Doktor Parlowa von ihrem Erlebnis in der Filiale einer europ�ischen Bank in Krasnojarsk. Erst kurz zuvor hatte sie aus den Medien erfahren, was inzwischen im Camp geschehen war.</style></p><p><style name="font7">�Es war Doktor Vanderberg, da bin ich mir sicher. Sie hat ihr �u�eres vollkommen ver�ndert�, berichtete sie stockend. �Sie sieht aus wie Marilyn Monroe, aber ich habe sie trotzdem erkannt. Sie hat telefoniert und sprach Deutsch. Als sie mich gesehen hat, ist sie davongelaufen. Ich bin ihr unbemerkt bis in den Bahnhof gefolgt. Sie hatte einen gro�en, dunkelhaarigen Mann an ihrer Seite. Au�erdem begleitete die beiden dieser Hund, der aussieht wie ein Wolf.�</style></p><p><style name="font7">�Und wo wollten die beiden hin?� Diese Frage erschien Bashtiri weit wichtiger als alles andere.</style></p><p><style name="font7">�Sie standen am Schalter f�r den Nachtzug nach Moskau.�</style></p><p><style name="font7">�Dann sind sie knapp drei Tage unterwegs�, murmelte Bashtiri mehr zu sich selbst. �Danke, Elena, es war gut, dass Sie sich gemeldet haben. Ich m�chte Sie bitten, mit niemandem �ber Ihre Beobachtung zu sprechen. Vor einer Stunde ist ein Untersuchungsteam des FSB hier in Vanavara eingetroffen. Ich werde den zust�ndigen Oberst pers�nlich unterrichten.�</style></p><p><style name="font7">Bashtiri kniff die Lippen zusammen und gr�belte noch einen Moment, nachdem die �rztin aufgelegt hatte. Also steckte die Wissenschaftlerin mit Aldanov unter einer Decke. Vermutlich w�rde sie den Ewenken bei einem Verh�r entlasten, etwas, das er ganz und gar nicht hinnehmen konnte.</style></p><p><style name="font7">�Fjodor�, sagte er so leise, als ob er bef�rchtete, abgeh�rt zu werden. �Stell eine sichere Leitung zu meinem B�ro in Moskau her und finde heraus, wann der Achtuhrzug aus Krasnojarsk dort eintrifft. Jurij, Mischa, macht alles klar f�r unsere Abreise. W�hrend ich nach Moskau fliege, k�mmert ihr euch um die beiden Ausrei�er.� Ein boshaftes Grinsen flog �ber seine Lippen. �Wir werden unserem Gaunerp�rchen einen geb�hrenden Empfang bereiten, und zwar noch bevor der FSB Wind von der Sache bekommt.�</style></p><p><style name="font7">Im Bahnhof von Krasnojarsk wimmelte es von Polizisten. �Das schaffen wir nie�, fl�sterte Viktoria, als Leonid zielstrebig auf den Fahrkartenschalter zuhielt. Svetlana hatte sich bereits vor dem Bahnhof verabschiedet. Sie wollte nicht Gefahr laufen, mit den beiden zusammen in eine Passkontrolle zu geraten, wie sie in der Russischen F�deration allzeit �blich sein konnte. Das Aufkommen von Uniformierten erschien Leonid weit st�rker als bei gew�hnlichen Sicherheitskontrollen.</style></p><p><style name="font7">Viktoria blieb das Herz stehen, als ein dickb�uchiger Polizist Leo-nid am �rmel festhielt.</style></p><p><style name="font7">�Auf dem Bahnhofsgel�nde m�ssen Sie den Hund anleinen�, raunte er m�rrisch. Ajaci knurrte leise, als der Mann ihn eingehend begutachtete. �Noch dazu, weil es ein Laika ist. Die Touristen k�nnten denken, es handelt sich um einen Wolf.�</style></p><p><style name="font7">�Geht in Ordnung, Kapitan.� Leonid bedachte den Offizier mit einem milit�rischen Gru�.</style></p><p><style name="font7">Viktoria glaubte f�r einen Moment zu ersticken vor Angst - auch als der Mann l�ngst weitergegangen war.</style></p><p><style name="font7">Leonid entledigte sich seiner gestreiften Krawatte und machte eine Leine daraus, die er Ajaci mit ein paar beruhigenden Worten um den Hals legte. Ajaci wehrte sich, indem er daran zerrte und sich unentwegt sch�ttelte. Doch Leonid blieb standhaft. Er kniete sich zu dem Hund hinunter und fl�sterte ihm etwas ins Ohr. Danach beruhigte sich das Tier erstaunlicherweise.</style></p><p><style name="font7">�Was hast du ihm gesagt?� Viktoria sah Leonid verbl�fft an, w�hrend die beiden sich an einer Menschenschlange anstellten, um Fahrkarten nach Moskau zu kaufen.</style></p><p><style name="font7">�Ich habe ihm angedroht, dass ich ihn bei Svetlana lasse, wenn er nicht gehorcht.�</style></p><p><style name="font7">�Das w�rdest du nicht, oder?�</style></p><p><style name="font7">�Nein.� Leonid sch�ttelte schmunzelnd den Kopf. �Er geh�rt zu mir, wie mein Herzschlag. Er ist meine Zwillingsseele. Jeder Schamane hat ein Tier, mit dem er sich tief verbunden f�hlt. Taichin hat ihn mir als Welpen geschenkt, nachdem ich aus Tschetschenien zur�ckgekehrt war. Er sagte, er sei mein Bruder. Solange er lebt, w�rde ich auch leben.�</style></p><p><style name="font7">�Hunde leben aber nicht besonders lange.� Viktoria r�ckte ein St�ck in der Schlange vor.</style></p><p><style name="font7">�Schamanen gew�hnlich auch nicht�, erwiderte er trocken.</style></p><p><style name="font7">�Aber du bist doch gar kein richtiger Schamane, oder habe ich da etwas falsch verstanden?�</style></p><p><style name="font7">�Nein, und einer der Gr�nde ist, dass ich mindestens so alt wie mein Gro�onkel werden m�chte.�</style></p><p><style name="font7">Die Frau am Schalter verlangte tats�chlich ihre P�sse. Viktorias H�nde zitterten, als sie ihr Svetlanas Pass vor die Nase legte. Die Frau achtete jedoch gar nicht auf das Dokument. Sie stempelte routinem��ig die Fahrkarten ab und h�mmerte mit ihren rot lackierten Fingern�geln auf die Computertastatur ein. Dann gab sie Viktoria den Pass zusammen mit einem Faltplan zur�ck, bei dem man die einzelnen Stationen entnehmen konnte.</style></p><p><style name="font7">In einem kleinen Laden erstand Viktoria f�r sich und Leonid Zahnb�rsten und Waschzeug, dazu drei Dosen Hundefutter f�r Ajaci.</style></p><p><style name="font7">Leonid neckte sie grinsend, als sie den Bahnsteig erreichten. �Man merkt, dass du aus Deutschland stammst.�,</style></p><p><style name="font7">�Was willst du damit sagen?�</style></p><p><style name="font7">�So wie es mir scheint, bist du ziemlich durchorganisiert und �berl�sst nichts dem Zufall.�</style></p><p><style name="font7">�Ist das ein Fehler?�</style></p><p><style name="font7">�Im Prinzip nicht - wenn du nicht etwas vergessen h�ttest.�</style></p><p><style name="font7">�Was denn?�</style></p><p><style name="font7">Mit einem triumphierenden L�cheln hob er seine Hand und pr�sentierte ihr einen Dosen�ffner.</style></p><p><style name="font7">�Wo hast du denn den her?� Erst da fiel ihr auf, dass sie ihm gar kein Geld gegeben hatte. So wie es aussah, hatte er das Teil einfach geklaut.</style></p><p><style name="font7">�Sagen wir, ich dachte, es f�llt sowieso niemandem auf, wenn das Ding im Regal fehlt.�</style></p><p><style name="font7">�Oh, Leonid!� Sie senkte besch�mt den Kopf und z�ckte dreitausend Rubel, die sie ihm mit einer Miene des Bedauerns entgegenhielt.</style></p><p><style name="font7">Er lachte leise und strich ihr, anstatt das Geld entgegenzunehmen, �ber die Wange. �Danke, das brauche ich nicht. Zumindest solange, wie ich dich in meiner N�he wei�.�</style></p><p><style name="font7">Auch auf dem Bahnsteig gab es Kontrollen, doch wie durch ein Wunder blieben Viktoria und Leonid unbehelligt.</style></p><p><style name="font7">Schon wieder dudelte das Telefon. Eine russische Nummer.</style></p><p><style name="font7">Doch bevor sie den Anruf entgegennehmen konnte, riss Leonid ihr das Telefon aus der Hand und schaltete es ab.</style></p><p><style name="font7">�Auf diese Weise kann der FSB sofort feststellen, wo wir sind. Ein Anruf, und sie haben dich geortet.�</style></p><p><style name="font7">� Aber .. � Mit einem mulmigen Gef�hl im Bauch dachte sie an den Anruf ihrer Mutter. �Woher haben die denn meine Nummer?�</style></p><p><style name="font7">�Hast du ein Einreiseformular ausgef�llt?�</style></p><p><style name="font7">�Ja.� Sie sah ihn irritiert an.</style></p><p><style name="font7">�Wurde dort nach deiner Adresse und deiner Telefonnummer gefragt?�</style></p><p><style name="font7">�Ja, aber .�</style></p><p><style name="font7">Leonid sch�ttelte den Kopf. �Sie wissen alles �ber dich, und normaler-weise bleibt kein Schritt, den du in diesem Land machst, unbeobachtet. Du hast es bei Kolja gesehen. Niemand im Camp schien davon zu wissen. Bashtiri und Lebenov dachten wahrscheinlich, dass der russische Professor oder einer seiner Assistenten die Aufgabe des Aufpassers �bernehmen w�rde.�</style></p><p><style name="font7">�Kolja hatte noch andere Aufgaben.� Viktorias Blick verriet Resignation. �Aber selbst das spielt jetzt wohl keine Rolle mehr.�</style></p><p><style name="font7">Rasch kam sie zu dem Schluss, dass sie Leonid nichts vom Anruf ihrer Mutter erz�hlen w�rde. Im Nachhinein hoffte sie, dass der anscheinend allgegenw�rtige russische Geheimdienst nichts davon mitbekommen hatte. Leonid hielt sie bestimmt f�r naiv, weil sie von solchen Dingen nicht die geringste Ahnung hatte.</style></p><p><style name="font7">Wenig sp�ter richteten sie sich in ihrem Abteil ein, das sie gl�cklicherweise f�r sich ganz alleine beziehen konnten.</style></p><p><style name="font7">Eine Schaffnerin mit einer �berdimensionalen Turmfrisur verteilte Bettlaken und Bez�ge an die Reisenden, und nachdem sich jeder h�uslich eingerichtet hatte, karrte sie ein W�gelchen mit einem schmauchenden Samowar durch den Gang, aus dem sie schwarzen Tee anbot. Au�erdem hatte sie Kuchen und gef�llte Pasteten zu verkaufen.</style></p><p><style name="font7">Nachdem sie sich mit Tee und Geb�ck eingedeckt hatten, servierte Viktoria ihrem vierbeinigen Begleiter voller Vorfreude das Hundefutter in einer �brig gebliebenen Pappschachtel .</style></p><p><style name="font7">Ajaci r�mpfte die Nase, und Leonid sch�ttelte lachend den Kopf.</style></p><p><style name="font7">�Das kennt er nicht. Am liebsten frisst er getrockneten Fisch. Manchmal bef�rchte ich, er denkt, er sei eine Katze.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria hielt dem Hund ein St�ck Lachspastete hin, die sie bei der Schaffnerin erstanden hatte. Vor lauter Aufregung versp�rte sie keinen Hunger. Mit einem Biss war die Pastete verschwunden. Ajaci leckte sich ausgiebig die Schnauze, bevor er sich wieder hinsetzte und seine G�nnerin mit schr�g gelegtem Kopf erwartungsvoll anschaute. �Denk nur nicht, du kannst sie mir abspenstig machen!� Leonid bedachte den R�den mit einem strafenden Blick, doch dann l�chelte er und nahm Viktoria in die Arme.</style></p><p><style name="font7">Sein lang anhaltender Kuss raubte ihr den Atem, und er l�ste sich erst wieder von ihr, als der Zug langsam anfuhr und im Abendlicht den r�tlich glitzernden Jenissei �berquerte.</style></p><p><style name="font7">Oberst Pokrovskij war �berrascht, als er im Ewenkendorf auf eine Bestattungsprozession stie�. Etwa dreihundert Menschen hatten sich mit Kerzen und Fackeln eingefunden, um dem Stammes�ltesten Ma-kar Charitonowitsch Schirov an einem geheimen heiligen Platz die letzte Ehre zu erweisen.</style></p><p><style name="font7">�Sind Sie die Gattin des Verstorbenen?�, sprach der Oberst die alte Frau an der Spitze der Prozession an.</style></p><p><style name="font7">Vera Leonardowna nickte stumm. An ihrer Seite ging ein noch �lterer Mann, dessen Gesichtsz�ge gewisse �hnlichkeiten zu ihr aufwiesen. �Es tut mir leid. Ich muss Sie sprechen, sobald die Zeremonie beendet ist�, erkl�rte der Oberst.</style></p><p><style name="font7">Der Alte nickte beil�ufig. �Sie m�ssen Geduld haben�, sagte er nur.</style></p><p><style name="font7">Seltsam ber�hrt beobachtete Pokrovskij den Auftritt des Mannes, wie er wenig sp�ter um ein gro�es Lagerfeuer tanzte und die Trommel schlug. Dabei machte er tierisch anmutende Laute, und immer wieder umrundete er den Sarg des Toten. Die �brigen Trauerg�ste, ausnahmslos Einheimische, verfolgten in stummer Faszination das Geschehen.</style></p><p><style name="font7">Pokrovskij blickte, umringt von seinen M�nnern, ins flackernde Feuer, und bei hereinbrechender Dunkelheit verwandelten sich die Flammen vor seinen Augen in tanzende Gestalten mit d�monischen Fratzen. Verwirrt sch�ttelte er seinen Kopf. Ein Blick in die Runde lie� die Gesichter der Anwesenden zu Masken erstarren, die ihn aus dunklen, gl�nzenden H�hlen anschauten. Gehetzt schaute er auf, um sich seiner Begleiter zu versichern, die wie hypnotisiert das Geschehen verfolgten. Er gab einem unheimlichen Drang nach, den Kreis zu verlassen und zum Wagen des Kapitans zur�ckzukehren, den er leihweise �bernommen hatte. Im Handschuhfach hatte er eine kleine Metallflasche mit Wodka entdeckt. Gierig genehmigte er sich einen gro�en Schluck und stieg erst wieder aus, als das Feuer nach einer guten Stunde heruntergebrannt und die Trauergesellschaft mit dem Leichnam im Wald verschwunden war.</style></p><p><style name="font7">Pokrovskij wartete geduldig auf die R�ckkehr der alten Frau und ihrer Begleiter. Ein Dorfbewohner hatte ihm erkl�rt, dass der Stammes�lteste und Ehemann von Vera Leonardowna �berraschend verstorben war und dass die einheimischen Ewenken ihre Toten an geheimen Pl�tzen beerdigten, die meist im Wald versteckt lagen und zu denen kein Unbefugter Zutritt erhielt. Nachdem Vera Leonardowna Schirova eine gute Stunde sp�ter wieder an ihrer Jurte aufgetaucht war, lie� sich Pokrovskij in ihre H�tte bitten. Der alte Mann an ihrer Seite, Taichin Schenkov, war nicht nur ihr Bruder, sondern allem Anschein nach der Mann, der sich mit schamanischen Riten auskannte.</style></p><p><style name="font7">�Wissen Sie, dass Ihr Enkel noch lebt?�</style></p><p><style name="font7">Die alte Frau bedachte Pokrovskij mit einem verst�rten Blick. �Es d�rfte Ihnen nicht entgangen sein, dass wir soeben meinen Mann beerdigt haben.� Ihre Stimme klang bitter. �Wie k�nnen Sie es wagen, mein Herz mit einer solch ungeheuerlichen Behauptung zu belasten. Ich bin achtzig, keine achtzehn, Herr Offizier.�</style></p><p><style name="font7">�Es tut mir leid�, sagte er mit einem ehrlichen Ausdruck des Bedauerns in seinen hellen Augen. �Ich muss Sie zum Verh�r mitnehmen -alle beide. Ich lasse Sie morgen fr�h gegen halb neun mit einem Wagen abholen. Danach fliegen wir mit dem Helikopter nach Krasnojarsk, und um zw�lf geht es mit einem Flugzeug nach Moskau. Dort werden wir uns am Nachmittag im Hauptquartier des FSB zu einem Gespr�ch mit meinem vorgesetzten Offizier einfinden. Packen Sie ein paar Sachen zusammen und halten Sie sich bereit.�</style></p><p><style name="font7">Im Hotel, in dem Pokrovskij sich selbst und seine Leute einquartiert hatte, suchte er Professor Rodius auf. Von dem Deutschen wusste er, dass er sich ebenfalls an die Polizei von Vanavara gewandt hatte, weil er seit gestern seine Kollegin Doktor Vanderberg vermisste. So wie es aussah, hielt Aldanov sie in seiner Gewalt.</style></p><p><style name="font7">Der Professor war nicht alleine in seiner Suite. Doktor Sven Thei-sen, ein gro�er blonder Mann, den er als seinen Assistenten vorstellte, sa� reichlich derangiert neben ihm. Erst am Nachmittag hatte man ihn aus der Krankenstation entlassen; ein Arm und ein Bein waren eingegipst.</style></p><p><style name="font7">�Wie ist das passiert?� Pokrovskij sah ihn fragend an.</style></p><p><style name="font7">Theisen erz�hlte etwas von einem geheimnisvollen Bunker und einem Schacht, in den er hineingefallen sei. �Ich wei� nicht, was hier gespielt wird�, erkl�rte der Deutsche aufgebracht, �aber ich muss kein Angeh�riger des Geheimdienstes sein, um eine Ahnung zu haben, dass hier irgendetwas ganz und gar nicht stimmt.�</style></p><p><style name="font7">�Wir werden uns der Sache annehmen�, erwiderte Oberst Pokrovskij k�hl. �Ich schlage vor, Sie begleiten uns morgen nach Moskau. Wir werden Sie dort der deutschen Botschaft �berstellen. Ihr Projekt wurde von offizieller Seite gestoppt. Unter den gegebenen Umst�nden hat es im Moment keinen Sinn, weiterzuforschen.�</style></p><p><style name="font7">Rodius erhob seine Stimme, um Protest einzulegen, doch Pokrov-skij kam ihm zuvor.</style></p><p><style name="font7">�Sparen Sie sich Ihren Unmut f�r einen sp�teren Zeitpunkt auf. Ich bin nur ausf�hrendes Organ. Alles Weitere wird Ihnen der deutsche Milit�rattache mitteilen.�</style></p><p><style name="font7">�Leonid?� In ihrer dunklen Schlafkoje war nur das Rattern der Eisenbahnr�der zu h�ren. Eine gro�e Hand tastete sich unter der Decke zu ihren Br�sten hin und streichelte sie sacht. Dann k�sste Leonid voller Z�rtlichkeit ihren Nacken und bereitete ihr damit eine wohlige G�nsehaut, die ihren gesamten K�rper erfasste.</style></p><p><style name="font7">�Ja?�</style></p><p><style name="font7">�Was ist wirklich geschehen, damals in Tunguska? Du wei�t es doch, oder?�</style></p><p><style name="font7">�Das ist eine l�ngere Geschichte�, antwortete er leise. �Und sie ist kompliziert.�</style></p><p><style name="font7">�Wir haben drei Tage Zeit.� Viktoria l�chelte. �Und ich brenne darauf, es zu erfahren.�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">33.</style></p><p><style name="font7">Juli</style><style name="font4"> 1908,</style><style name="font7"> Sibirien - Totes Land</style></p></title><p><style name="font7">Sp�ter w�rde sich Leonard daran erinnern, dass er den Berg hinuntergeritten war. Dass er Pjotr, Aslan, Weinberg und die Gesandten des Zaren auf dem H�gel in dem Ausguck zur�ckgelassen hatte. Dass kein Abschied stattfand, weil er sp�t dran war und sich beeilen musste, in den Bunker zur�ckzukehren. Dass er von einer Kosakeneskorte hinunter ins Tal begleitet worden war.</style></p><p><style name="font7">�ber einen oberirdischen Einstieg war er in den Bunker geklettert. Hastig widmete er sich seinen Aufzeichnungen und �berzeugte sich vom ordnungsgem��en Kurs des Luftschiffs. Ein letztes Mal schaute er auf die Uhr.</style><style name="font4"> 7.15</style><style name="font7"> Uhr.</style></p><p><style name="font7">Ein leichtes Zittern lie� Leonard aufhorchen und auf den Seismographen schauen. Der n�chste Ausschlag war so unglaublich, dass er erschrak, und bevor er sich wundern konnte, zerriss ein gewaltiger Schlag die Stille. Er sp�rte, wie es in seinen Ohren dr�hnte und es ihn von den F��en hob; er sp�rte die Hitze, die Haare und Haut versengte und den Staub in gl�henden Atem verwandelte. Dann folgte ein Grollen und Poltern, als der Bunker Risse bekam und einbrach. Und immer wieder bebte die Erde, erzitterten die W�nde und Mauern und sch�ttelte ihn durch, als w�re er ein hilfloser K�fer, der auf dem R�cken lag.</style></p><p><style name="font7">Leonard wollte aufstehen und fliehen, doch eine gesteigerte Erdanziehungskraft hielt ihn fest am Boden. Zur k�rperlichen Ohnmacht gesellte sich eine be�ngstigende Aufl�sung des Geistes, die er schon kannte und weit angenehmer in Erinnerung hatte. Wie ein rei�ender Fluss umsp�lte der rasende Lauf der Zeit seine Sinne. Dabei ging es nicht vorw�rts, sondern r�ckw�rts. Stimmen hallten in seinem Ged�chtnis von l�ngst verstorbenen Menschen. Die Gesichter seiner Gro�eltern tauchten auf, und die von l�ngst verstorbenen Onkeln und Tanten, dann das Bild eines fr�hen Freundes, der vor seinen Augen unter den R�dern eines Pferdefuhrwerkes zermalmt worden war. Von ferne h�rte Leonard die Stimme seiner Mutter, wie sie ihn zum Essen rief, und die seines Vater, der ihn zu besseren Leistungen ermahnte. Und er sah Katja, ihr Puppengesicht, ihre herzf�rmigen Lippen, wie sie ihn mit politischen Parolen beschwatzte, die sie selbst nicht verstand, wie sie lachte, wenn er ihr seinen Unmut dar�ber zeigte, wie sie ihn anschlie�end verf�hrte und k�sste, ganz zart, als ob sie kein W�sserchen tr�ben k�nnte. Er sp�rte die K�lte an jenem Morgen in der Peter-und-Pauls-Festung, die Dunkelheit, und er h�rte das ratschende Ger�usch, das entstand, als die Gewehre geladen wurden. Angst und Ohnmacht sp�rte er gleicherma�en und das unbeschreibliche Gl�ck, als Katja das H�ndchen seiner kleinen Tochter in seine viel gr��eren H�nde legte.</style></p><p><style name="font7">Das Atmen fiel ihm schwer, und w�hrend �ber ihm ein Tosen zu h�ren war, f�hlte er, wie es Nacht um ihn wurde.</style></p><p><style name="font7">Drei Sekunden dauerte der Blitz, drei Minuten der Donner, drei Stunden der Sturm und drei Tage das Feuer. So erz�hlten sich sp�ter die Alten.</style></p><p><style name="font7">Tschirin stand unweit von Vanavara am Rand eines Baches und wusch wie jeden Tag den Sand in der Pfanne, als es geschah. Ein Umstand, der ihm das Leben rettete. Im Nu brannten die Kleider auf seinem Leib, und nur ein Sprung ins kalte Wasser konnte verhindern, dass er bei lebendigem Leib verbrannte.</style></p><p><style name="font7">Als er auftauchte, riss ihn ein fortw�hrendes Beben erneut von den F��en und lie� ihn ins Wasser st�rzen. �berall lagen Tierkadaver; der Gestank von versengtem Fell und verbranntem Fleisch war schier unertr�glich.</style></p><p><style name="font7">Zwischen den Tieren, am Ufer verstreut, lagen einige Menschen. Kleider und Haare verbrannt, st�hnten sie laut oder jammerten in einem fort; andere gaben keinen Laut mehr von sich. Offenbar waren sie tot. Tschirins einzige Sorge galt seiner Familie. Halb nackt rannte er ins nahegelegene Dorf. Ein paar schmutzige Zelte, zwei Jurten war alles, was er sein neues Zuhause nannte. Doch selbst das hatte der Sturm hinweggefegt. Die H�hner waren verbrannt, die Rentiere verendet. Katzen und Hunde kamen aus L�chern hervorgekrochen - unversehrt. Es war, als ob sie die Katastrophe vorausgeahnt h�tten.</style></p><p><style name="font7">Hinter einem Busch sa� seine f�nfj�hrige Tochter und hielt den einj�hrigen Bruder im Arm. Ihre Gesichter waren mit Ru� beschmiert, und die Spuren ihrer Tr�nen hatten unregelm��ige Muster auf ihre pausb�ckigen Wangen gezeichnet. Tschirin st�rzte auf die Kinder zu und rutschte vor ihnen auf die Knie. Er packte sie und dr�ckte sie an sich.</style></p><p><style name="font7">�Wo ist eure Mutter?� Seine Stimme war lauter als beabsichtigt. Der Kleine fing an zu weinen, und die Tochter deutete auf eine zerst�rte H�tte. Tschirin sah, dass dort fast alle Frauen des Dorfes versammelt waren. Wie eine Traube knieten sie um eine weitere, am Boden liegende Frau. Seine Frau - sie lag in den Wehen. Das Kind kam zu fr�h.</style></p><p><style name="font7">Die Geburt verlief blutig und rasch. Der kleine Junge �berlebte noch nicht einmal den n�chsten Tag. Tschirins Frau weinte nicht, und er hatte Angst, dass sie auch sterben k�nnte, denn sie redete nicht. Die alten Frauen des Dorfes k�mmerten sich aufopfernd um sie und die Kinder. Ein paar starke M�nner hatten in k�rzester Zeit die zerst�rten</style></p><p><style name="font7">Zelte aufgerichtet, und so bekam das menschliche Leben im Dorf recht schnell jene Routine, die es vor der Katastrophe gehabt hatte. Die menschlichen Verluste waren bis auf das Kind gering. Die toten Tiere stellten hingegen einen herben Verlust dar. Es w�rde dauern, bis die Menschen ihren bescheidenen Wohlstand wiedererlangt hatten. Spekulationen bl�hten. Gott Ogdy hatte st�hlerne Donnerv�gel zur Erde geschickt, um den Menschen eine Lektion zu erteilen. Zwei bedeutende Schamanen wurden vermisst. Dabei hatte niemand auch nur die leiseste Ahnung, was wirklich geschehen war. Niemand - bis auf Tschirin.</style></p><p><style name="font7">Am vierten Tag nach der Katastrophe sattelte er ein Rentier, und obwohl ihm alle davon abrieten, nicht nur weil der Zustand seiner Frau mehr als beklagenswert war, brach er auf, um nach Leonard und seinen Kameraden zu suchen. Im Traum hatte er Leonard in einer H�hle liegen gesehen. Au�erdem war ihm Tschutschana erschienen. Also war er tot. Anders konnte sich Tschirin die Erscheinung, die so echt gewesen war, als h�tte ihm der Vater gegen�bergesessen, nicht erkl�ren. Er hatte in den Reihen der Ahnen gestanden und ihn um Verzeihung gebeten und ihm dabei angek�ndigt, dass aus seiner Familie schon bald ein neuer Schamane hervorgehen w�rde. Weder Leonard noch seine Begleiter waren in die Stadt zur�ckgekommen, obwohl das Hinterland lichterloh gebrannt hatte. Wenn Leonard immer noch in der Versuchsstation am Kimchu war, w�rde er ihn finden.</style></p><p><style name="font7">Tschirin glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er mit dem braven Rentier �ber das tote Land ritt. Es gab keine B�ume mehr. So weit das Auge reichte, lagen die St�mme am Boden oder waren umgeknickt wie Grashalme, gebrochen vom Wind. Ihre verkohlten Reste streckten sich wie mahnende Finger zum Himmel. �berall lagen Tierkadaver. B�ren, Elche, Luchse, W�lfe. Zerschmettert, verkohlt und mit aufgebrochenen Leibern. Der Gestank des Todes war beinahe unertr�glich.</style></p><p><style name="font7">Vereinzelt begegneten ihm lebendige Exemplare, die verst�rt, mit verbranntem Fell zwischen noch gl�hendem Holz umherstreunten. Ihre Seelen waren geflohen, und D�monen bev�lkerten ihre schutzlosen Leiber, wie Tschirin an ihren stumpfen Augen erkennen konnte.</style></p><p><style name="font7">Als er den Fluss unterhalb des H�gels endlich erreichte, bot sich ihm ein weiteres Bild des Grauens. Der Kimchu hatte sein Flussbett ver�ndert. Dort, wo zuvor eine sanfte Biegung den H�gel umrundete, klaffte ein schlammiges Loch, in dem sich ein kleiner See gestaut hatte. Ganz in der N�he fand Tschirin die Leichen von sieben Kosaken. Ihre K�rper waren so schwarz und aufgedunsen wie die ihrer Pferde, die unweit entfernt lagen. Hier musste es sein. Oben auf dem H�gel hatte einmal ein Bauwerk gestanden. Die Kuppe samt Hang war abgerutscht und lag nun am Ufer des Sees. Teile eines ehemaligen Antennenmastes, wie Tschirin ihn aus dem Tal ohne Wiederkehr kannte, lagen umgest�rzt und abgeknickt halb im Wasser.</style></p><p><style name="font7">Immer wieder wurde Tschirin von Hustenattacken gesch�ttelt, und selbst sein Rentier atmete schwer. Es roch nach Schwefel und Rauch, und die Luft war so dick, dass man sie h�tte schneiden k�nnen.</style></p><p><style name="font7">Tschirin schloss vor Verzweiflung die Augen und betete zu Mayin. </style>Bitte, gro�er Gott, lass Leonard leben. Ihn und seine Kameraden.<style name="font7"> Als er aufschaute, fiel sein Blick auf einen kleinen H�gel jenseits des Flusses. Von dort oben hatte man einen guten Ausblick �ber den See.</style></p><p><style name="font7">Dort angekommen, z�gelte er sein Rentier und stieg ab. Nach einer Weile des Umherstreifens fand er eine abgebrochene Fahnenstange mit der verkohlten Flagge des Zaren und daneben einen versch�tteten Einstieg.</style></p><p><style name="font7">Der Weg durch den Bunker war schaurig. Hier und da ein lebloser K�rper - Arbeiter aus dem Lager und auch der eine oder andere Kosake.</style></p><p><style name="font7">Leonard hier lebend zu finden w�rde an ein Wunder grenzen. Jedoch - Wunder konnten durchaus geschehen, man musste nur fest genug daran glauben.</style></p><p><style name="font7">Als er eine Art Haupthalle erreichte, sah er den hochgewachsenen Deutschen am Boden liegen. Zusammengekr�mmt und reglos kauerte er zwischen den Tr�mmern eines merkw�rdig anmutenden metallischen Aufbaus.</style></p><p><style name="font7">Tschirin kniete nieder und z�ckte die Wasserflasche. Erst dann streckte er die Hand aus, um die Stirn des Mannes zu ber�hren. Sie war k�hl, aber nicht so k�hl, als ob der Tod bereits Einzug gehalten h�tte. Tschirin hob den Kopf des Bewusstlosen an und legte ihn in seinen Scho�. Er benetzte das ausdruckslose Gesicht mit Wasser und sprach leise tungusische Worte. Dann setzte er die Flasche an die ausgetrockneten Lippen, und Leonard begann erst zaghaft, dann immer gieriger mit geschlossenen Augen zu trinken.</style></p><p><style name="font7">Tschirin strich ihm vorsichtig �ber die verbrannten Haare, die nur noch in Stoppeln von Kopf und Kinn abstanden. �Wo bin ich?� Die Stimme war schwach.</style></p><p><style name="font7">�Keine Sorge�, fl�sterte Tschirin von Tr�nen ger�hrt. �Ich bin's, Tschirin. Ich bringe dich nach Hause.�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">34.</style></p><p><style name="font7">Juni</style><style name="font4"> 2008,</style><style name="font7"> Tunguska - Enth�llungen</style></p></title><p><style name="font7">Gegen vier Uhr morgens hatten Leonid und Viktoria immer noch nicht in den Schlaf gefunden. Ajaci hatte sich wie selbstverst�ndlich auf das gegen�berliegende Bett verzogen und schnarchte leise.</style></p><p><style name="font7">Die beiden lagen unterdessen eng umschlungen auf der anderen Pritsche des Eisenbahnabteils und waren sich dabei so nah, dass ihre Nasen sich beinahe ber�hrten. Mit ruhigen Worten hatte Leonid die Geschichte aus dem Tagebuch seines Urgro�vaters wiedergegeben, so wie Taichin sie ihm vor wenigen Tagen erz�hlt hatte. Viktoria schaute ihm unentwegt in die dunklen Augen.</style></p><p><style name="font7">�Leonid, wei�t du, was du mir da erz�hlst?� Ihre Stimme verriet ihr ungl�ubiges Staunen. �Bei der Explosion wurden</style><style name="font4"> 2200</style><style name="font7"> Quadratkilometer Land verw�stet und Millionen von B�umen umgeknickt. Die St�rke der Detonation war bis Sankt Petersburg zu sp�ren und verursachte �ber halb Europa drei helle N�chte. Wie sollte ein einzelner Schamane so etwas bewerkstelligen?�</style></p><p><style name="font7">�Es war kein einzelner Schamane� entgegnete Leonid. �Es waren zwei. Dazu kam ein missgl�cktes Waffenexperiment. Irgendjemand aus der Truppe meines Urgro�vaters hatte eine Ahnung davon, wie man eine fr�he Form der Wasserstoffbombe herstellen konnte. Nur mit dem Z�nder haperte es. In sp�teren Untersuchungen hat man am Ungl�cksort zweifelsfrei Spuren einer Atomexplosion festgestellt. Soviel ist sogar mir bekannt.�</style></p><p><style name="font7">�Es klingt ziemlich fantastisch, jedoch wenn man es genau betrachtet, ist es nicht so abwegig, wie es sich anh�rt. Unter anderem vermuteten die Wissenschaftler einen Kometen als Ursache f�r die Explo-sion, dessen Kern aus Wasserstoff, Ammoniak und fl�ssigen Helium bestand. Helium in der dreifachen Verbindung mit Wasserstoff und Ammoniak speichert automatisch Energie. Bei ihrer Freisetzung erzielt diese Energie bis zu hundertmal soviel Wirkung wie normaler Sprengstoff. Kommt sehr hoher Druck hinzu, kann die Temperatur auf mehrere Millionen Grad Celsius ansteigen - genug, um schweren Wasserstoff zur Explosion zu bringen.�</style></p><p><style name="font7">�Ammoniakwasser wurde bei fr�heren Luftschiffen zur Motorenk�hlung und der damit verbundenen Ballastwassergewinnung aus Abgasen verwendet�, bemerkte Leonid nachdenklich. �Mitunter setzte man auch Lithiumhydroxid in Verbindung mit Kristallwasser ein. Im Rahmen meiner Pilotenausbildung habe ich etwas dar�ber gelesen.�</style></p><p><style name="font7">�Also, dann haben wir doch alles zusammen.� Viktoria konnte kaum ihre Aufregung unterdr�cken. �Ein starres Luftschiff, gasf�rmiger Wasserstoff, Helium, dazu Ammoniak, Lithium, schwerer Wasserstoff, Uran und eine gewaltige Energiezufuhr. Alles, was man f�r eine Wasserstoffbombe ben�tigt.�</style></p><p><style name="font7">�Nicht alleine die Bestandteile, sondern die Kombination derselben spielt eine Rolle�, gab Leonid zu bedenken.</style></p><p><style name="font7">�Offensichtlich hat es gepasst�, bemerkte Viktoria n�chtern. �Und nicht nur die technischen Aufbauten im Luftschiff w�rden die sp�teren Funde von Aluminium, Germanium und Kupfer belegen, auch die ellipsenf�rmige Ausstrahlung der Explosion w�re erkl�rt.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria stie� einen Seufzer aus. �Rodius vertritt die Auffassung, dass der von ihm angenommene Meteor ein Gasfeld entz�ndet haben k�nnte, das auf breiter Fl�che explodiert ist und die Staubteilchen nach oben gewirbelt hat. Nach der Gaseruption im See war ich der �berzeugung, dass seine Theorie richtig sein k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">�Es gibt Hunderte von Theorien, und so wie es sich darstellt, war es von allem etwas�, f�gte Leonid leise hinzu. �Auf die Variante meiner Vorfahren w�re ich selbst allerdings nicht gekommen.�</style></p><p><style name="font7">�Theisen meinte, es k�nnte ebenso gut ein UFO gewesen sein. Ich glaube, er hat die ganze Zeit �ber gehofft, dass wir entsprechende Beweise finden.�</style></p><p><style name="font7">�Da ist er nicht der Einzige. Es haben sich schon eine Menge Leute in unsere Gegend verirrt, die so etwas vermuteten. Meist wurden sie ausgelacht. Dabei gab es eine Reihe von renommierten russischen Wissenschaftlern, die diese These vertreten haben�</style></p><p><style name="font7">Viktoria kicherte. �Wenn er erf�hrt, was es wirklich war, f�llt er vom Glauben ab. Und erst Rodius. Er wird die Sache nicht akzeptieren. F�r ihn war es ein Meteor, und das wird es auch bleiben. Unter den gegebenen Umst�nden w�rde ich das Gebiet zu gerne noch einmal aus der Sicht einer Geophysikerin untersuchen. Wenn man wei�, wonach man sucht, ist die Sache um einiges einfacher.�</style></p><p><style name="font7">�Es w�re besser, wenn du schweigst.� Im Halbdunkel konnte sie Leonids ernste Miene verfolgen. �Lass sie in dem Glauben, dass es ein Meteor war.�</style></p><p><style name="font7">�Wieso sollte ich das tun?� Viktoria sah ihn verst�ndnislos an. �Thei-sen ist mit mir der Meinung, dass die russische Regierung nur deshalb auf die Meteoritentheorie abf�hrt, weil sie damit ein neues Raketenabwehrsystem etablieren k�nnen, unter dem Deckmantel, dass es sich eigentlich um ein Meteoritenabwehrsystem handelt. In Wahrheit ist es nat�rlich umgekehrt, und Rodius und unser Team wurden nur benutzt, um diese Theorie als Fakt zu best�tigen. Warum also sollten wir sie bei einem solchen Vorhaben unterst�tzen, zumal es gar kein Meteorit gewesen ist? �</style></p><p><style name="font7">�W�rde das einen Unterschied machen?�</style></p><p><style name="font7">�Dass es in Wahrheit ein paar verzweifelte Forscher waren und zwei verr�ckte Schamanen? Nat�rlich, was denkst du denn! Es w�re eine Sensation und w�rde die Russen ganz sch�n in Verlegenheit bringen. Schlie�lich ist es doch sehr fraglich, warum sie nicht selbst l�ngst darauf gekommen sind.�</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht sind sie es ja, und niemand wollte die Sache breit treten, weil man nicht aller Informationen habhaft werden konnte, und es w�re schwer, eine solche Begebenheit bis in die letzte Instanz zu beweisen.�</style></p><p><style name="font7">�Man kann eine solche Erkenntnis doch nicht einfach unter den Teppich kehren.�</style></p><p><style name="font7">�Reicht es dir nicht, dass die Forscher damals die Angelegenheit mit ihrem Leben bezahlt haben? Wenn nun die Sache mit den Schamanen ans Licht kommt, wird es nicht dabei bleiben. Und auch mich w�rde es betreffen.� Seine Stimme klang aufgebracht.</style></p><p><style name="font7">Viktoria f�hlte sich missverstanden. �Was hat es mit dir zu tun? Die</style></p><p><style name="font7">Sache ist l�ngst abgehakt. Heutzutage gibt es Atombomben, die weitaus zerst�rerischer sein k�nnen.�</style></p><p><style name="font7">Leonid antwortete nicht sofort. Er seufzte leise. �Diese F�higkeiten der beiden get�teten Schamanen nennt man in unseren Kreisen das unsichtbare Feuer oder auch Schamanenfeuer. Der Schamane kann es mit seinem Geist entfachen. Es besitzt die vernichtende Kraft von Antimaterie. In den falschen H�nden und unter ungl�cklichen Umst�nden kann es zu einer weit gr��eren Katastrophe f�hren als die in der steinigen Tunguska vor einhundert Jahren. Selbst wenn es sich f�r dich als Wissenschaftlerin v�llig verr�ckt anh�rt - es kommt direkt von Ogdy, dem Gott des Feuers und des Donners. Die Legende besagt, er habe es einigen Auserw�hlten vor langer Zeit geschenkt, damit sie den Menschen im Angesicht ihrer Feinde das �berleben sichern konnten. Heutzutage gibt es angeblich niemanden mehr, der so etwas zuwege bringen k�nnte. Mit einer Ausnahme .�</style></p><p><style name="font7">�Was willst du damit sagen?�</style></p><p><style name="font7">�Denk doch mal nach! Warum haben meine Gro�eltern mir die Sache mit dem Tagebuch solange vorenthalten? Und warum wollten sie nicht, dass ich in die Fu�stapfen meines Gro�onkels trete?�</style></p><p><style name="font7">�Du stammst von diesen beiden Schamanen ab und hast ihre F�higkeiten geerbt? Hei�t das, du bist tats�chlich in der Lage, kraft deiner Gedanken einen massiven Einfluss auf physikalische Gesetzm��igkeiten zu nehmen?� Als Physikerin erschien es ihr kaum vorstellbar, dass so etwas m�glich sein sollte. Aber im Zeitalter von Genforschung und Quantenphysik war es durchaus angebracht, die Angelegenheit nicht einfach abzutun, sondern ihr auf den Grund zu gehen. Und dass russische Wissenschaftler auf eine �hnliche Idee kommen k�nnten, wenn ihnen das Tagebuch in die H�nde fiel, erschien ihr pl�tzlich einleuchtend.</style></p><p><style name="font7">Leonid atmete tief ein und aus. �Ich f�rchte ja. Und niemand, wirklich niemand sollte davon erfahren.�</style></p><p><style name="font7">�Man k�nnte dich doch nicht zwingen, deine F�higkeiten unter Beweis zu stellen, solange du es nicht willst?�</style></p><p><style name="font7">�Man kann jeden Menschen zwingen, die unm�glichsten Dinge zu tun, solange es jemanden gibt, den er liebt und dessen k�rperliche Unversehrtheit ihm am Herzen liegt.� Er strich ihr Haar zur Seite und k�sste sie auf die blo�e Schulter. �Was denkst du, warum ich nicht zum Kreml gelaufen bin, nachdem ich aus Tschetschenien fliehen konnte? Und warum ich darauf verzichtet habe, Bashtiri und seine ganze verdammte Bande ans Messer zu liefern?�</style></p><p><style name="font7">�Weil du Angst hattest?�</style></p><p><style name="font7">�Ja.� Er lachte unfroh. �Angst ist das richtige Wort. Aber nicht um mich und mein mickriges Leben. Nein, ich hatte Angst, dass Lebe-novs Leute Vera Leonardowna auf ihre alten Tage den Hals aufschneiden oder meinen Dedka im Chekosee ertr�nken w�rden, wenn sie herausbekommen sollten, dass ihr einziger Enkel noch lebt und dem FSB ein paar nette Geschichten geliefert hat.�</style></p><p><style name="font7">�Aber wenn es stimmt, was dein Gro�onkel �ber deine F�higkeiten sagt, k�nntest du deine Widersacher alle mit einem Schlag vernichten. Hast du daran schon einmal gedacht?�</style></p><p><style name="font7">�Vika ...� Es war das erste Mal, dass er sie so nannte. �Und wenn ich es wollte, was w�rde das bringen? Bin ich Superman? Soll ich die ganze Welt ausradieren? Es wimmelt �berall nur so von Korruption und unseligen Machenschaften. Das ist wie ein Krake, der sich st�ndig erneuert. Schl�gst du einen Arm ab, w�chst ein anderer nach. Sogar unsere Politiker machen da keine Ausnahme. Es m�sste ein Wunder geschehen, wenn Hass, Rivalit�t und die Gier nach Macht von heute auf morgen verschwinden sollten. Und was das Schlimmste ist: Selbst im Jenseits gibt es eine Ober- und eine Unterwelt. Ich wei�, wovon ich spreche, ich war schon dort.�</style></p><p><style name="font7">�Deine Gro�mutter sagte mir, dass du drogenabh�ngig warst, als du aus Tschetschenien zur�ckgekehrt bist. Stimmt das?� Viktoria konnte sich unter seinem schr�gen Bekenntnis nichts anderes vorstellen, als dass er von einem LSD-Trip sprach.</style></p><p><style name="font7">Er lachte leise. �Was wei�t du noch von mir? Dass ich mit drei Jahren immer noch in die Hosen geschissen habe?�</style></p><p><style name="font7">�Es tut mir leid. Ich glaube nicht, dass sie wollte, dass ich es dir erz�hle.�</style></p><p><style name="font7">�Du kannst es ruhig wissen�, beruhigte er sie und wurde gleich wieder ernst. �Es hat Jahre gedauert, bis ich mit meinen Kriegserlebnissen klargekommen bin. All die Toten und Verletzten. Die himmelschreiende Ungerechtigkeit und das fortw�hrende Leid. Und dann die Ge-wissheit, nichts, aber auch absolut gar nichts daran �ndern zu k�nnen. Selbst Taichin konnte mir zu Anfang nicht helfen. Erst mit der Zeit habe ich nach L�sungen gesucht und sie in meinem Glauben gefunden.�</style></p><p><style name="font7">�Denkst du, es gibt eine gemeinsame Zukunft f�r uns, Leonid? Ich meine ... f�r dich und mich?�</style></p><p><style name="font7">F�r einen Moment war er sprachlos. Er r�usperte sich erst, bevor er zu einer Antwort ansetzte. �Es w�re zu sch�n, um wahr zu sein, oder?�</style></p><p><style name="font7">Sie drehte sich zu ihm hin und umarmte ihn fest. �Aber was w�re, wenn ich dich liebe und nicht mehr ohne dich leben will? Denkst du, wir k�nnten irgendwohin gehen, wo uns Bashtiri und der FSB nicht finden?�</style></p><p><style name="font7">Leonid k�sste sie z�rtlich und sagte nichts. Sie sp�rte seinen bebenden Atem. �Ich w�rde es mir w�nschen�, fl�sterte er schlie�lich.</style> Jedoch bef�rchte ich, dass das kaum m�glich sein wird.<style name="font7"> Aber das dachte er nur und sprach es nicht aus.</style></p><p><style name="font7">Am fr�hen Morgen waren zwei Helikopter nach Krasnojarsk gestartet. Zusammen mit Oberst Pokrovskij und seinen Leuten befanden sich noch Doktor Swerew, Taichin Schenkov und Vera Leonardowna Schirova sowie die beiden deutschen Wissenschaftler, Sven Theisen und Gregor Rodius, an Bord.</style></p><p><style name="font7">Sergej Sergejewitsch Bashtiri hatte es vorgezogen, in Begleitung seiner Bodyguards mit dem firmeneigenen Helikopter bis nach Tomsk zu fliegen. Von dort aus ging es mit einem privaten Learjet direkt nach Moskau. Er hatte es eilig, galt es doch in seinem zentralen Firmenb�ro nahe dem Kreml ganz pers�nliche F�den zu spinnen.</style></p><p><style name="font7">Am Flughafen von Krasnojarsk schob Rodius den Rollstuhl, in dem Theisen sa�, in Richtung Gate B. An ihrer Seite f�hrte Oberst Pokrov-skij ein Telefonat mit seinem Mobiltelefon. Seine Mitarbeiter waren mit Gro�mutter Schirova und Gro�onkel Schenkov in einem Nebenraum verschwunden, um die gesonderte Abfertigung vorzubereiten. Der Oberst sprach leise und diszipliniert, und als er auflegte, l�chelte er Rodius aufmunternd an.</style></p><p><style name="font7">�Ihre Kollegin hat hier in Krasnojarsk Geld abgehoben. Bei einer europ�ischen Bank�, verk�ndete er s�ffisant. �Au�erdem hat sie mit ihrer Mutter telefoniert. Ich halte das f�r ein gutes Zeichen. Allem Anschein nach behandelt ihr Geiselnehmer sie anst�ndig und erlaubt ihr gewisse Freiheiten.�</style></p><p><style name="font7">Theisen bedachte den deutschen Professor mit einem fragenden Blick.</style></p><p><style name="font7">�Darf man erfahren, woher Sie das so schnell wissen k�nnen? Ich meine, in Deutschland gibt es ein Bankgeheimnis. Schlie�lich hat sich Doktor Vanderberg keines Verbrechens schuldig gemacht.�</style></p><p><style name="font7">�In Russland hat niemand Geheimnisse�, erkl�rte Pokrovskij mit abgekl�rter Miene. �Es sei denn, es handelt sich um die Regierung selbst.�</style></p><p><style name="font7">�Und?�, fragte Rodius ungeduldig. �Wei� man, wo sie sich aufh�lt?�</style></p><p><style name="font7">�Nein, leider nicht�, gab Pokrovskij mit einem Seufzer zu. �Nur dass sie ihr Haar platinblond gef�rbt hat und selbst f�r westliche Verh�ltnisse recht gewagte Kleidung tr�gt.� Er grinste. �Das war es jedenfalls, was dem Bankbediensteten in Erinnerung geblieben ist. Wir haben unsere Fahndung daher neu ausgerichtet. Alle Bahnh�fe und die Flugh�fen werden weiterhin �berwacht.�</style></p><p><style name="font7">�Platinblond?� Theisen konnte es kaum fassen.</style></p><p><style name="font7">�Ja ...�, erwiderte Pokrovskij mit einem Blick des Bedauerns, �es mag bedeuten, dass sie mit dem Entf�hrer unter einer Decke steckt.�</style></p><p><style name="font7">�Es k�nnte doch durchaus sein, dass er sie dazu gezwungen hat, ihr Haar zu f�rben und sich umzuziehen�, verteidigte Rodius seine Assistentin. Gleichzeitig beschlich ihn ein mulmiges Gef�hl. War Viktoria nicht von Beginn an f�r diesen merkw�rdigen langhaarigen Kerl eingetreten? Was w�re, wenn sie es selbst war, die ihm zur Flucht verhol-fen hatte? Er sch�ttelte den Kopf, als ob er einen solch abwegigen Gedanken umgehend loswerden wollte.</style></p><p><style name="font7">�Sollte es sich bei dieser Dame tats�chlich um Doktor Vanderberg handeln�, fuhr er mit leidenschaftlicher Stimme fort, �kann es sich nur um das sogenannte Stockholmsyndrom handeln. Sie wissen schon, diese Geschichte, wenn die Geisel unfreiwillig ein emotionales Gef�hl f�r den Geiselnehmer entwickelt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie aus freien St�cken einem Terroristen zur Flucht verhelfen w�rde.�</style></p><p><style name="font7">�Auf solch fragw�rdige Ph�nomene nimmt die russische Justiz keine R�cksicht�, erwiderte Pokrovskij unmissverst�ndlich. �Sollte sich herausstellen, dass ihre Kollegin mit Aldanov gemeinsame Sache gemacht hat, k�nnte sie ernste Probleme bekommen.�</style></p><p><style name="font7">Mit einer Zeitverschiebung von vier Stunden traf Sergej Bashtiri am fr�hen Nachmittag in Moskau ein. Begleitet von Fjodor lie� der Olig-arch sich in einem gepanzerten Mercedes von seinem Fahrer am Flughafen abholen und zu seinem Luxuspenthouse im sechsten Stock eines Geb�udes unweit des Kremls bringen. Eine Stunde sp�ter sa� er in seinem Jacuzzi und genoss mit einem Wodka-Martini in der Hand den fabelhaften Ausblick �ber die Moskwa. Doch die rechte Entspannung wollte sich in dem warmen, sprudelnden Wasser nicht einstellen. Erstens fehlte es ihm in seiner �berdimensionalen Badewanne an weiblicher Gesellschaft, und zweitens waren seine Probleme l�ngst noch nicht vollkommen gel�st. Mischa und Jurij hatten auf seine Anweisung hin eine Propellermaschine nach Omsk genommen. Er hatte ihnen den Auftrag erteilt, in Omsk den Fernzug N</style><style name="font4">055</style><style name="font7"> von Krasnojarsk nach Moskau zu besteigen und nach Aldanov und seiner deutschen Freundin zu suchen. F�r den Fall, dass sie die beiden fanden, hatten sie die Freigabe erhalten, sie leise und vor allem spurlos zu beseitigen.</style></p><p><style name="font7">Oberst Pokrovskij kehrte erst gegen achtzehn Uhr in sein B�ro am Lubjanskaja Ploschtschad Nr.</style><style name="font4"> 2</style><style name="font7"> zur�ck, dorthin, wo das Hauptquartier des ber�chtigten FSB lag. Zuvor hatte er Vera Leonardowna Schirova und ihren Bruder Michail Leornardowitsch Schenkov, den sie nur Taichin nannte, in einem Mittelklassehotel in der N�he des Gorki Parks untergebracht. Bevor er die beiden am n�chsten Vormittag zu einem Verh�r vorladen wollte, musste er sich nochmals mit Doktor Swerew beraten.</style></p><p><style name="font7">Was ihm der Wissenschaftler von GazCom zur Tunguska-Explo-sion berichtet hatte, klang mehr als bemerkenswert. Aber noch interessanter erschienen ihm die m�glichen F�higkeiten von Leonid Alda-nov.</style></p><p><style name="font7">�Sobald wir seiner habhaft werden, m�ssen wir ihn einer intensiven Untersuchung unterziehen�, erkl�rte Pokrovskij bestimmt, nachdem</style></p><p><style name="font7">Doktor Swerew zu weiteren Gespr�chen in seinem B�ro Platz genommen hatte. �Ich habe meine Vorgesetzten bereits �ber Ihre Forschungen informiert. Ein Team von Spezialisten ist auf dem Weg nach Vanavara, um den Bunker und die Umgebung des Sees zu inspizieren. Selbstverst�ndlich werden wir auch nach Spuren des Lagers im Pijaja-Gebirge suchen. Meinen Sie, die beiden Alten k�nnten ein wenig mehr Licht in die Angelegenheit bringen?�</style></p><p><style name="font7">Doktor Swerew setzte zu einer Antwort an, w�hrend eine Sekret�rin Kaffee servierte. Erst als sie die T�r hinter sich geschlossen hatte, ergriff er das Wort. �Soweit ich wei�, streitet die alte Frau jedes Wissen ab. Obwohl sie die Tochter Schenkendorffs ist, will sie von dem vergrabenen Tagebuch angeblich nie etwas geh�rt haben. Dumm ist, dass es keine weiteren noch lebenden Augenzeugen gibt.�</style></p><p><style name="font7">�Das Ereignis j�hrt sich dieses Jahr zum einhundertsten Mal�, gab Pokrovskij zu bedenken. �Wen wollen Sie da noch gro� fragen?�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe in Krasnojarsk noch alte Unterlagen gefunden.� Swerew zuckte ratlos mit den Achseln. �Reise- und Inventarlisten aus dieser Zeit, die der Vernichtung durch die Ochrana kurz vor der Revolution entgangen sind. Vielleicht forschen Sie in Ihren Archiven selbst einmal nach. M�glicherweise finden Sie Spuren eines fr�hen Waffenexperimentes.�</style></p><p><style name="font7">Pokrovskij sah den Wissenschaftler erstaunt an. �Interessante Empfehlung. Wenn ich ehrlich bin, habe ich bisher noch nicht dar�ber nachgedacht.�</style></p><p><style name="font7">Gegen Mittag hielt der Fernzug N</style><style name="font4">055</style><style name="font7"> f�r eine Stunde in Omsk.</style></p><p><style name="font7">�Wenn du mir Geld gibst�, erkl�rte Leonid schmunzelnd, �kaufe ich uns etwas Warmes zum Essen, das weit besser schmeckt als die Verpflegung im Zug. Au�erdem m�chte ich mir eine Zeitung besorgen, um zu sehen, ob sich die Fahndung nach uns schon auf ganz Russland erstreckt.�</style></p><p><style name="font7">�Was w�rde das f�r einen Unterschied machen?� Viktoria sah ihn verst�ndnislos an.</style></p><p><style name="font7">�Wir k�nnten ruhiger schlafen, wenn es nicht so w�re.� Leonid schenkte ihr ein unverwechselbares L�cheln.</style></p><p><style name="font7">�Mein Alptraum w�re es, wenn dieser Zug ohne dich abfahren w�rde. Also egal, was geschieht, sei bitte rechtzeitig zur�ck, h�rst du?�</style></p><p><style name="font7">�Ich lasse dir Ajaci hier, dann f�hlst du dich nicht so alleine.� Er klopfte zum Abschied auf den h�lzernen T�rrahmen und verschwand dann in den Durchgang zum Ausstieg. Der Hund reagierte unruhig, als Viktoria ihn an der behelfsm��igen Leine zur�ckhielt. Auf zwei Beinen stemmte er sich gegen die Waggont�r.</style></p><p><style name="font7">Viktoria zog den Hund zur�ck und lie� sich in den Sitz fallen. Was h�tte sie darum gegeben zu wissen, wie die Geschichte enden w�rde. Die Vorstellung, Leonid mit dem Hund in die deutsche Botschaft zu schleppen, erschien ihr absurd. Was sollte sie sagen, wenn sie erst dort angekommen waren? Man w�rde Leonid ohne Umschweife an die Russen ausliefern, dessen war sie sich beinahe sicher.</style></p><p><style name="font7">In der Bahnhofshalle schlugen Leonid unz�hlige Ger�che entgegen. Von frischen Blinis �ber Eintopf bis hin zu hei�en Pasteten war auf den Bahnsteigen fast alles zu haben. Er entschied sich f�r handliche Nahrung in Form von gef�llten Piroggen, die nach gebratenem Fleisch und ged�nsteten Zwiebeln dufteten. Zum Nachtisch erstand er frische Erdbeeren, eine K�stlichkeit, die er zuletzt vor vielen Jahren gegessen hatte. Eine Frau verpackte den Einkauf in Plastikt�ten. Auf dem Weg zur�ck schlenderte ihm eine Polizeistreife entgegen. Leonid wich geistesgegenw�rtig in die Herrentoilette aus, damit sie nicht auf die Idee kamen, ihn zu kontrollieren. W�hrend er die T�ten abstellte und sich die H�nde wusch, sp�rte er pl�tzlich die M�ndung einer Pistole an seiner Schl�fe. Es fehlte an einem Spiegel, und so konnte er im ersten Moment nicht sehen, ob es ein Polizist war, der ihn bedrohte. Ohne Aufforderung hob er die H�nde. Viktoria w�rde auch ohne ihn nach Moskau kommen. Wenn die Polizei ihn jetzt stellte, gab es unter Umst�nden eine M�glichkeit, mit dem FSB zu verhandeln. Wenn er ihnen die Wahrheit �ber Lebenov und Bashtiri erz�hlte, w�rde man ihm vielleicht auch ohne Beweise glauben.</style></p><p><style name="font7">�So, mein Freund�, zischte sein Hintermann, �jetzt sag uns nur noch, in welchem Abteil deine Freundin sitzt.� Die Pistolenm�ndung wanderte zum Genick und presste sich auf seinen frisch ausrasierten Nacken. Leonid kamen ernste Zweifel, dass es sich bei dem Mann um einen Ordnungsh�ter handelte. Au�erdem glaubte er, die Stimme des</style></p><p><style name="font7">Mannes zu kennen. Er hatte sie in Bashtiris Camp geh�rt. Vorsichtig nahm er die H�nde herunter.</style></p><p><style name="font7">�Oben lassen, du Bastard�, grunzte der Kerl und schlug ihm den Pistolenknauf gegen den Sch�del.</style></p><p><style name="font7">Leonid ahnte, dass der Mann alleine war, erst recht, als er mit einer Hand sein Mobiltelefon bediente.</style></p><p><style name="font7">�Mischa�, erkl�rte er eilig. �Ich habe ihn. Auf dem Schei�haus ist er mir geradezu in die Arme gelaufen. Die Frau muss noch im Zug sein. Lauf einfach durch! Wenn der Zug weiterf�hrt, bleibst du drin und erledigst sie, sobald du sie findest.�</style></p><p><style name="font7">Leonid konzentrierte sich und schnellte herum. Mit einer flie�enden Bewegung schlug er dem Mann die Pistole aus der Hand. Der n�chste Schlag traf seinen Angreifer in den Unterleib. Keuchend klappte der Mann zusammen, und beinahe gleichzeitig zog er ein Messer. Leonid wich dem Stich geschickt aus und versetzte dem durchtrainierten Angreifer einen Tritt gegen das Knie, so dass er das Gleichgewicht verlor und taumelnd zu Boden ging. Hastig ergriff Leonid die Flucht, indem er die T�ren zur Bahnhofsvorhalle aufriss. Abrupt blieb er stehen und sammelte sich. Die Polizisten standen in der N�he der T�r. Sein unvermittelter Auftritt f�hrte dazu, dass sie auf ihn aufmerksam wurden und ihn festhielten. Mit scheinbarer Ruhe z�ckte er seine Papiere. Jetzt w�rde sich zeigen, was Lukascheks Dokumente wert waren.</style></p><p><style name="font7">W�hrend der Polizist seine ID-Karte pr�fend in Augenschein nahm, torkelte Leonids Widersacher aus der Toilette heraus. Doch anstatt die Polizisten darauf aufmerksam zu machen, dass Leonid gesucht wurde, eilte er mit einem boshaften L�cheln in Richtung Zug.</style></p><p><style name="font7">Leonids Herz drohte zu zerbersten. Es mussten Bashtiris Leute sein. Wenn die M�nner den Zug erreichten, bevor Leonid ihnen folgen konnte, war Viktoria verloren. Man w�rde sie kaltbl�tig umbringen, damit sie vor den Beh�rden schwieg, und danach w�rden sie ihm die Sache anh�ngen, falls sie ihn zuvor nicht selbst erwischten.</style></p><p><style name="font7">Es kostete ihn eine unmenschliche �berwindung, vor den Polizisten nicht ungeduldig zu wirken.</style></p><p><style name="font7">�Sie k�nnen gehen.� Leonid h�rte die Stimme des Beamten kaum, und beinahe h�tte er seine ID-Karte zur�ckgelassen.</style></p><p><style name="font7">Mit angehaltenem Atem rannte er �ber mehrere Treppen in Richtung Bahnsteig und erst�rmte den N</style><style name="font4">055</style><style name="font7"> im Sprung. Als er Viktorias Abteil erreichte, glaubte er schon, er habe es geschafft, doch dann sah er Bashtiris Schergen, wie sie ein paar Waggons weiter vorne einstiegen.</style></p><p><style name="font7">�Wir m�ssen raus hier!�, stie� er hervor. �Nimm deine Sachen und lass uns verschwinden.�</style></p><p><style name="font7">�Leonid!� Viktoria str�ubte sich, als er sie am Handgelenk packte und zu sich hinzog.</style></p><p><style name="font7">Schon sah er durch die Glast�r, wie sich Bashtiris Leute n�herten.</style></p><p><style name="font7">�Verdammt, Viktoria! Bashtiris S�ldner sind hinter uns her. Einer von beiden h�tte mich gerade beinahe get�tet. Wir m�ssen abhauen, so schnell es geht.�</style></p><p><style name="font7">V�llig verwirrt sprang Viktoria auf. Sie packte ihre Handtasche und Ajaci an der Leine und zog ihn mit sich.</style></p><p><style name="font7">Drau�en angekommen, schafften sie es gerade noch, den Zug zu verlassen. Eine dralle Bahnw�rterin hob demonstrativ das F�hnchen zur Abfahrt.</style></p><p><style name="font7">�Und jetzt?� Viktoria sah ihn verzweifelt an. �Wo willst du denn hin?�</style></p><p><style name="font7">�Das wei� ich noch nicht�, rief Leonid und schaute sich gehetzt um. Bashtiris Leute befanden sich offenbar noch im Zug. �Au�erdem habe ich nicht die geringste Ahnung, ob die beiden die Einzigen sind, die uns verfolgen. Bashtiri befehligt wie Lebenov ein ganzes Bataillon von Arschl�chern, denen es nicht das Geringste ausmacht, jemanden auf Befehl zu t�ten.�</style></p><p><style name="font7">Kaum hatte er seine Bef�rchtung ausgesprochen, konnte er sie sehen. Die beiden Verfolger hatten den Zug ebenfalls noch verlassen k�nnen und schauten sich hektisch auf dem Bahnsteig um. Leonid kam die Idee, im hinteren Teil des Zuges wieder einzusteigen, doch im n�chsten Moment schlossen sich die T�ren, und der Zug setzte sich in Bewegung. Gleichzeitig wurden ihre beiden Verfolger auf sie aufmerksam.</style></p><p><style name="font7">�Lauf!� rief er Viktoria zu und zog sie im gleichen Augenblick mit sich, quer �ber den Bahnsteig, gefolgt von Ajaci, dem einzigen Hund weit und breit, der eine gestreifte Krawatte trug.</style></p><p><style name="font7">Der Bahnsteig hatte sich geleert. Die M�nner z�ckten ihre Pistolen, dann nahmen sie die Verfolgung auf. Viktoria stolperte mit ihren schwarzen Pumps, als Leonid beschloss, �ber die Gleise zu fliehen. Ein beinahe lautloser Schuss zischte an ihrem Ohr vorbei und zersplitterte ein Brett an einer verblichenen h�lzernen Waggont�r. Viktoria schrak zur�ck und blieb mit einem Absatz in den Schienen stecken. Anstatt den Schuh einfach zur�ckzulassen, zerrte sie wie wild daran und achtete nicht auf den G�terzug, der auf dem Gegengleis herannahte. In allerletzter Sekunde traf sie Leonids schwerer K�rper und riss sie mit Wucht auf das Schotterbett neben dem Gleis, wo er erbarmungslos auf ihr landete. Tonnenschwere Eisenr�der ratterten unmittelbar an ihrem Gesicht vorbei.</style></p><p><style name="font7">�Autsch!� Sie heulte auf, weil sich spitze Steine in ihren R�cken bohrten. Gleichzeitig sp�rte sie Leonids Herz, das mit ihrem um die Wette raste.</style></p><p><style name="font7">�Ich bin angehender Schamane und kein Schutzengel, verdammt�, keuchte Leonid. Danach sprang er blitzschnell auf und half ihr auf die F��e. In der anderen Hand hielt er ihren Schuh, den sie mit zitternder Hand �ber ihren Fu� streifte. Bashtiris Killer waren vor dem G�terzug aufgehalten worden, doch nun machten die beiden M�nner sich erneut an die Verfolgung. Immer wieder zischten Sch�sse. Zwischen G�terwaggons und ausrangierten Personenz�gen ging es holpernd voran. Leonid nahm keine R�cksicht mehr auf Viktorias Abs�tze. Eisern hielt er sie an der Hand gefasst und zog sie gnadenlos mit sich.</style></p><p><style name="font7">�Nicht umdrehen!�, br�llte er ihr zwischen dem Rattern vorbeirumpelnder Z�ge zu.</style></p><p><style name="font7">Sein Ziel schien ein G�terzug zu sein, der sich in Richtung Moskau in Bewegung gesetzt hatte. Bashtiris Schergen waren f�r einen Moment hinter einem vorbeifahrenden Kranwagen verschwunden, und Leonid nutzte die Gelegenheit, auf den �berstand eines Viehtransporters zu springen, der im Anfahren begriffen war. Mit erstaunlicher Kraft wurde Viktoria hochgerissen und fand sich dann auf dem Abtritt des Wagens wieder. Ajaci folgte ihnen laut jaulend, und Leonid bedeutete ihm mit einem Pfiff, aufzuspringen. Er fing den fliegenden Hund fast wie einen Basketball auf, schwankte kurz und setzte das verst�rte Tier auf den Waggonabsatz. Der Zug hatte mittlerweile an Fahrt gewonnen. Der</style></p><p><style name="font7">Wind fuhr Viktoria durch ihr schwei�nasses Haar. Kraftvoll �ffnete Leonid die T�r zum Transporter. Ajaci stie� ein freudiges Geheul aus, das von einem panischen Gebl�ke erwidert wurde.</style></p><p><style name="font7">�Schafe?� Viktoria blinzelte ungl�ubig.</style></p><p><style name="font7">Leonid z�gerte nicht lange und dr�ngte sie und den Hund in ein Meer von stinkender Wolle.</style></p><p><style name="font7">Hinter ihnen schloss er die T�r. W�hrend Ajaci die Schafsmeute auf Abstand hielt, sp�hte Leonid durch die L�ftungsschlitze hinaus auf die Gleise. Zufrieden stellte er fest, dass ihre Verfolger noch immer suchend umherirrten.</style></p><p><style name="font7">�Die w�ren wir los�, seufzte er erleichtert. �Und hier findet uns bestimmt niemand.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria sank zu Boden und setzte sich ins schmutzige Stroh.</style></p><p><style name="font7">�Bist du nicht ausgestiegen, damit wir besseres Essen und angenehmere N�chte haben?� Ihr Blick war anklagend.</style></p><p><style name="font7">�Was willst du mehr?�, fragte er l�chelnd. �Es ist warm, es ist weich, und frische Schafsmilch ist eine Delikatesse.�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">35.</style></p><p><style name="font7">Mai</style><style name="font4"> 1909,</style><style name="font7"> Sibirien - Vermisst</style></p></title><p><style name="font7">Den ganzen Winter �ber hatte die Seele des Leonard Schenkendorff seinen K�rper verlassen, und kein Schamane konnte sie zur�ck in die H�lle des Kranken locken. Erst als das Fr�hjahr kam und der Schnee zu schmelzen begann, kehrte sein altes Leben zur�ck und mit ihm die Sehnsucht nach seiner wahren Familie.</style></p><p><style name="font7">�Katja�, war das erste Wort, das er sprach.</style></p><p><style name="font7">Tschirin und seine Frau schauten sich �ngstlich an. Sie w�rde es ihm nicht sagen k�nnen, und wenn doch, w�rde er es nicht glauben wollen, und so war es einerlei, wann sie nach S�den aufbrachen, um Leonard etwas zu zeigen, dessen Auswirkung auf sein Gem�t noch nicht absehbar war.</style></p><p><style name="font7">�Nimm zwei starke M�nner aus deinem Dorf, wenn du mit ihm ins Pijaja-Gebirge reitest�, riet Tschirins Frau, als er sich anschickte, den</style></p><p><style name="font7">Wunsch seines Freundes zu erf�llen. �Damit er sich nicht das Leben nimmt, wenn er erf�hrt, was wirklich geschehen ist.�</style></p><p><style name="font7">Tschirin selbst war l�ngst dort gewesen. Im Herbst, nachdem er Leonard als einzigen �berlebenden des Experimentes gerettet hatte, war er zu seinem alten Stamm aufgebrochen. Er wollte nicht nur wissen, was mit seinem Vater geschehen war, er wollte versuchen, mit Hilfe seiner Verwandten Leonards Familie aus den Klauen des Zaren zu retten - eine Frau und ein Kind, von denen er noch nicht einmal eine Beschreibung hatte.</style></p><p><style name="font7">Als der erste Schnee das verwundete Land bedeckte, war Tschirin von Vanavara aus mit dem Rentierschlitten, begleitet von zwei Freunden, aufgebrochen, um ins Tal ohne Wiederkehr zu gelangen.</style></p><p><style name="font7">Der Anblick, der sich ihm dort bot, lie� ihm den Atem stocken. Die Baracken hatte man zerst�rt, und der gro�e Antennenmast war demontiert worden. Die h�lzerne Konstruktionshalle war g�nzlich verschwunden, und das majest�tische Kraftwerk hatte man bis auf die Grundmauern abgebrochen. Kein Rauch lag �ber dem Tal, und die Menschen, die hier gelebt hatten, schienen wie vom Erdboden verschluckt zu sein.</style></p><p><style name="font7">�Wage es nicht, noch einmal dorthin zu gehen�, hatte ihm seine Mutter geraten, die ihm auch den Tod des Vaters best�tigt hatte. �Die D�monen ziehen immer noch �ber das Land und rei�en die Seelen eines jeden mit, der unvorsichtig genug ist, es mit ihnen aufzunehmen. Kaum nachdem das Ungl�ck geschehen war, haben die geheimen Schergen des Zaren damit begonnen, das Gefangenenlager niederzurei�en. Man erz�hlt sich, dass alle erwachsenen Insassen vorher get�tet und ihre Kinder verschleppt wurden. Glaub mir!�, fl�sterte sie. �Wenn ihre M�rder erfahren sollten, dass wir auch nur das Geringste dar�ber wissen, werden sie auch uns t�ten und unsere Zelte dem Erdboden gleichmachen. Deshalb bitte ich dich, kehre zu deiner Familie zur�ck! Sag niemandem auch nur ein Sterbenswort. Vergiss, was du wei�t! H�rst du?�</style></p><p><style name="font7">Das war einfacher gesagt als getan, und so brach Tschirin am Morgen des</style><style name="font4"> 9.</style><style name="font7"> Mai</style><style name="font4"> 1909</style><style name="font7"> erneut auf, um von Vanavara aus eine Reise ins Land der D�monen anzutreten.</style></p><p><style name="font7">Leonard war so schwach, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte, und so sa� er eingeh�llt in ein dichtes Fell auf dem Schlitten und schaute unentwegt in die milchige Sonne. Seine Miene blieb starr. Seit seiner Rettung konnte er nicht mehr lachen und nicht mehr weinen.</style></p><p><style name="font7">Als sie das Tal erreichten, in dem er und seine Familie im gr��ten Ungl�ck ein paar gl�ckliche Wochen verbracht hatten, traf es ihn mit unvermuteter Wucht. Der Anblick des v�llig zerst�rten Lagers lie� alles aus ihm herausbrechen, was er seit Monaten zur�ckgehalten hatte. Bevor Tschirin ihn aufhalten konnte, rannte er auf seinen d�rren Beinen, getragen von einer unheimlichen Kraft, durch das unbewachte Tor hinunter zur ehemaligen Kantine.</style></p><p><style name="font7">�Leonard!� In ohnm�chtiger Angst rief Tschirin hinter ihm her, w�hrend er ihm atemlos folgte. Falls Truppen des Zaren postiert waren, die den Auftrag hatten, die zerst�rten Anlagen zu bewachen, befanden sie sich in h�chster Gefahr.</style></p><p><style name="font7">�Katja!� Leonard rannte und br�llte, stolperte im Schnee, rutschte ein St�ck den Weg hinunter, bis er sich wieder aufrappelte und �ber den ehemaligen Appellhof lief.</style></p><p><style name="font7">Wie erstarrt blieb er stehen. Fassungslos stierte er �ber die Berge von Tr�mmern zu jenem Platz, auf dem einst das Versorgungsmagazin und damit ihre Wohnung gestanden hatte. Ein alter Mann in einem schmuddeligen Pelz kam ihm entgegen. In seinen gichtigen Fingern trug er eine Friedhofsschaufel. Tschirin, der Leonard dicht gefolgt war, hielt f�r einen Moment den Atem an, als weitere Arbeiter aus der einzig noch vorhandenen, windschiefen Baracke auftauchten.</style></p><p><style name="font7">�Was habt ihr hier zu suchen?�, blaffte der Alte und be�ugte sie misstrauisch. Der Mann war Leonard unbekannt, und auch die anderen hatte er nie zuvor gesehen.</style></p><p><style name="font7">�Wo sind die Baracken und die Menschen, die in ihnen gewohnt haben?�</style></p><p><style name="font7">�Warum willst du das wissen?� Der Alte kratzte sich den grauen Bart und sah ihn pr�fend an.</style></p><p><style name="font7">�Ich suche eine Frau und ein Kind. Sie haben vor nicht allzu langer Zeit hier gelebt. Dort dr�ben.� Leonard hob seinen Arm und zeigte auf einen leeren verschneiten Platz, an dem sich nur noch das steinerne Fundament des ehemaligen Versorgungsmagazins abzeichnete.</style></p><p><style name="font7">�Sie sind fort�, sagte der Mann mit leiser, vorsichtiger Stimme.</style></p><p><style name="font7">�Fort? Wo hat man sie hingebracht?� Leonard kr�chzte mehr, als er sprach. F�r einen kurzen Moment keimte Hoffnung in ihm auf. �Hat man sie freigelassen?�</style></p><p><style name="font7">Tschirin war hinter ihn getreten und legte ihm eine Hand auf die Schulter, um ihn zum Umkehren zu bewegen. Doch Leonard ignorierte ihn.</style></p><p><style name="font7">�Es kommt darauf an, was du unter Freiheit verstehst, mein Junge.� Der Alte sah ihn mitleidig an, und Leonard verfolgte den Blick des Alten mit ungl�ubigem Entsetzen, als er zu einem Erdh�gel wanderte, der mindestens f�nfzig Meter lang und schneebedeckt war.</style></p><p><style name="font7">Lautlos fiel er auf die Knie und faltete die H�nde wie zum Gebet. �Und die Kinder? Wo sind die Kinder?� Seine Stimme war nur noch ein heiseres Fl�stern, und seine Augen brannten sich in das versteinerte Gesicht des Alten.</style></p><p><style name="font7">�Soweit ich wei�, hat man einige von ihnen nach Tomsk gebracht�, erkl�rte der Alte leise. �Und nun h�r auf, mich zu fragen! Ich habe ohnehin schon weit mehr gesagt, als ich d�rfte.�</style></p><p><style name="font7">Leonard war zusammengesunken und schluchzte nur noch. Die Trauer war so �berw�ltigend, dass er glaubte, auf der Stelle sterben zu m�ssen.</style></p><p><style name="font7">�Seht zu, dass ihr verschwindet�, raunte der Alte ver�rgert. �Ihr habt hier nichts verloren.�</style></p><p><style name="font7">�Da t�uschst du dich, Alterchen�, gab Tschirin d�ster zur�ck. �Wir haben unsere Seelen verloren, genau hier und in diesem Augenblick.�</style></p></section><section><title><p><style name="font5">36.</style></p><p><style name="font7">Juni</style><style name="font4"> 2008,</style><style name="font7"> Moskau - Jacuzzi</style></p></title><p><style name="font7">Den ganzen vergangenen Tag �ber hatte Oberst Pokrovskij versucht, die beiden Alten aus Vanavara �ber ihren Vater und ihren Enkel zu befragen. Doch herausgekommen war dabei nichts. Vera Leonardowna und ihr Bruder hatten immer wieder die gleichen stoischen Antworten gegeben. Dass sie nichts weiter �ber den Vater w�ssten, als dass er ein rechtschaffener Mann gewesen sei, und der Enkel sei tot, gefallen im</style></p><p><style name="font7">Glanze der Russischen F�deration, f�r Pr�sident und Vaterland. Schlie�lich habe er posthum die Heldenmedaille erhalten - und �berhaupt, man frage sich, warum zwei alte Leute, die im</style><style name="font4"> 2.</style><style name="font7"> Weltkrieg im Widerstand gegen die Deutschen gek�mpft hatten, �berhaupt eine derartige Prozedur �ber sich ergehen lassen mussten.</style></p><p><style name="font7">�Woher soll eine alte Frau wie ich wissen, wer die M�nner im Wald auf dem Gewissen hat?�, zeterte Vera Leonardowna. �Denken Sie, ich habe es getan?� Demonstrativ stand sie auf und drehte sich erstaunlich flink einmal im Kreis. �Schauen sie mich an! Ich bin achtzig Jahre alt. Mein Bruder ist noch �lter. Wie sollten wir bei v�lliger Dunkelheit vier kampferprobte Soldaten t�ten? Was w�ren das f�r K�mpfer, wenn sie sich von einer Babuschka oder einem Dedka erschie�en lassen wie die Hasen?� Sie r�usperte sich mit entr�steter Miene, bevor sie sich in ihren Sessel fallen lie�. �Und was das Tagebuch betrifft: Ich habe es niemals zuvor gesehen. Ich wusste ja noch nicht einmal, wer es unter dem Bett vergraben hat. Wie sollte ich wissen, auf welche Weise es Sergej Bashtiri abhanden gekommen sein k�nnte? Oder, Taichin, was sagst du dazu?�</style></p><p><style name="font7">Sie warf dem alten Mann einen auffordernden Blick zu. Nur langsam drehte er den Kopf in Pokrovskijs Richtung und schwieg. Die ganze Zeit �ber hatte er mit gesenkten Lidern neben seiner Schwester gesessen und nichts gesagt. Augenscheinlich war er schwerh�rig und zeigte leichte Anfl�ge von Altersdemenz.</style></p><p><style name="font7">Genau das war der Grund, warum Pokrovskij darauf verzichtete, den beiden ein Serum zu verabreichen, das die vermeintliche Wahrheit ans Licht brachte. Sie waren zu alt und erinnerten ihn zu sehr an seine eigenen, senilen Gro�eltern, als dass er ihre Gesundheit aufs Spiel setzen wollte. Also bestellte er sie erneut f�r den n�chsten Morgen ein. Bis dahin hatte die Verwaltung der wissenschaftlich-technischen Sicherstellung, die der Leitung des FSB direkt unterstellt war, die Auswertung der Kopie des Tagebuchs versprochen, und das</style><style name="font4"> 7.</style><style name="font7"> Department w�rde den Bericht �ber den Bunker am Chekosee liefern. Ob die beiden Alten dazu etwas beisteuern konnten, blieb fraglich. Jedoch w�rde man der Einsch�tzung der Angelegenheit insgesamt ein ganzes St�ck n�her kommen, und vor allem zeichnete sich ab, dass Aldanov in jedem Fall lebend gefasst werden musste, um herauszufinden, welche</style></p><p><style name="font7">F�higkeiten er in Wahrheit besa�. Bisher hatte sich die Spur des Mannes und seiner Begleiterin verloren. Und doch waren Pokrovskij und seine Kollegen davon �berzeugt, dass zumindest die Deutsche sp�testens morgen fr�h in Moskau eintreffen w�rde - mit oder ohne Alda-nov. Bis dahin wurden die Bahnh�fe und auch die Flugh�fen rund um die Uhr observiert. Mittlerweile war die gesamte Moskauer Metro mit �berwachungskameras ausgestattet, deren Aufnahmen in die n�chstgelegene Polizeistation �berspielt wurden. Niemand konnte diesem elektronischen Sp�rhund entwischen. Zudem hatte man Aldanovs und Vanderbergs biometrische Daten l�ngst ins System eingespeist.</style></p><p><style name="font7">Bashtiri stie� einen leisen Fluch aus, als Fjodor ihn ausgerechnet bei seiner nachmitt�glichen Entspannungsmassage st�rte. Mit einem Mobiltelefon in der Hand betrat der ganz in Schwarz gekleidete Bodyguard den luxuri�sen Wellnessbereich im Penthouse seines Chefs. In diesem Traum in Gold und wei�em Marmor herrschte ged�mpftes Licht. Es duftete nach Moschus und Ambra, eine leise tantrische Musik erf�llte den Raum. Die Luxusliege, auf der Bashtiri seitlich gebettet und vollkommen nackt zur Ruhe gefunden hatte, war mit wei�em Hermelin �berzogen. Zwei sp�rlich verh�llte Damen, in skurrilen Krankenschwesternkost�men, mit kurzem Rock und viel zu gro� geratenem Ausschnitt, k�mmerten sich nicht nur um seine verspannte Nackenmuskulatur. W�hrend die dralle Blondine mit flinken Fingern sein bestes St�ck massierte, liebkoste eine schlanke Schwarzhaarige seine muskul�se Hinterseite. Leider waren die vermeintlichen Schwestern nicht in der Lage, den Gips an Bashtiris rechter Hand zu erneuern, dessen kratzendes Futteral ihn seit geraumer Zeit unangenehm zwickte.</style></p><p><style name="font7">�Was gibt's?� raunte der Oligarch ungehalten, als er die ungebetene St�rung bemerkte. �Habt ihr sie erwischt?�</style></p><p><style name="font7">Fjodor verzog das Gesicht zu einer entschuldigenden Miene. �Leider nicht. Aldanov und seine Begleiterin konnten entkommen. Nachdem Jurij den Ewenken im Bahnhof gestellt hatte, wurden seine Bem�hungen von einer Polizeistreife gest�rt. Aldanov hat die Gelegenheit zur Flucht genutzt. Danach konnten Jurij und Mischa ihn und die Deutsche nicht mehr aufsp�ren.�</style></p><p><style name="font7">�Wof�r bezahle ich euch eigentlich?�, st�hnte Bashtiri. �Sag den beiden Holzk�pfen, sie sollen sich aus dem �blichen Kontingent f�r besondere Aufgaben bedienen und s�mtliche Bahnh�fe mit Observa-tionskr�ften besetzen. Und Watzek soll sich um die �berwachungskameras k�mmern. Er geh�rt schlie�lich zu den Cleversten, die es in der IT-Branche in Moskau gibt. Sag ihm, ab morgen Mittag zw�lf Uhr ben�tigen wir einen Ausfall in der Metro.�</style></p><p><style name="font7">�Wird gemacht, Chef.� Fjodor wandte sich zum Gehen, w�hrend Bashtiri einen wohligen Seufzer von sich gab.</style></p><p><style name="font7">�Und �brigens�, rief er Fjodor noch hinterher. �Sag ihnen, dass ich ihnen die Eier abschneiden und in Aspik einlegen lasse, wenn sie ihre Sache nicht auftragsgem�� erledigen.�</style></p><p><style name="font7">Die Rettung hie� Sverdlowsk - jedenfalls hegte Viktoria diese Hoffnung, als der Zug dort im G�terbahnhof anhielt und einfach stehen blieb. Endstation - zumindest, was die Schafe betraf, und auch Leonid machte sich Gedanken, wie sie weiterkommen konnten, ohne bemerkt zu werden..</style></p><p><style name="font7">Es war sp�ter Nachmittag, als Leonid ihr rasch aus dem widerw�rtig stinkenden Waggon half, noch bevor sich einige Arbeiter n�herten, um die Tiere auf einen Lastwagen umzuladen. Er trug Viktoria �ber den Schotter, um ihre zarten Fu�sohlen vor den spitzen Steinen zu bewahren, weil sie seit Omsk ihre Pumps vermisste. Im Bahnhof von Sverdlowsk erstand sie ein Paar pinkfarbene Flipflops, damit sie nicht weiter barfu� laufen musste.</style></p><p><style name="font7">Doch das Wichtigste waren zwei Fahrkarten, die sie mit dem n�chsten Eilzug nach Moskau bringen w�rden.</style></p><p><style name="font7">�Leider gibt es keine Platzkarten mehr�, erkl�rte die Schalterbeamtin mit einem bedauernden Augenaufschlag. Leonard nickte und machte eine wegwerfende Handbewegung.</style></p><p><style name="font7">�Bedeutet das etwa - wir m�ssen die letzten tausend Kilometer im Stehen zur�cklegen?� Viktoria runzelte fragend die Stirn.</style></p><p><style name="font7">Leonid hob schnuppernd seine gro�e Nase. �Ich denke, wir haben Gl�ck�, scherzte er. �Wir werden ohne Worte jeden Fahrgast vertreiben, ganz gleich, wo wir hingehen.�</style></p><p><style name="font7">�Stinke ich etwa?� Viktorias Blick dr�ckte pures Entsetzen aus.</style></p><p><style name="font7">�Nein ...� Leonid sch�ttelte treuherzig den Kopf. �Du riechst nur ein bisschen.�</style></p><p><style name="font7">Bevor sie etwas erwidern konnte, lief der Zug ein. Die Waggont�ren �ffneten sich automatisch. Leonid half ihr beim Einsteigen und lie� Ajaci den Vortritt, dann folgte er den beiden in den engen Gang.</style></p><p><style name="font7">Tats�chlich waren alle Abteile besetzt, und mit dem Hund durften sie nicht in den Speisewagen. Schlie�lich fanden sie einen Waggon mit zwei �lteren Damen.</style></p><p><style name="font7">�D�rfen wir uns zu Ihnen setzen?� Leonid lie� seinen ganzen Charme spielen, was keine besondere Kunst war, weil er ein strahlendes L�cheln besa�, das nicht nur Viktoria schwach werden lie�.</style></p><p><style name="font7">Die Frauen nickten erfreut, sie hofften wohl auf etwas Abwechslung bei ihrer eint�nigen Bahnfahrt.</style></p><p><style name="font7">�Was f�r ein sch�nes Tier!�, rief eine der beiden wei�haarigen Frauen, als sie Ajaci erblickte. Sie streckte ihre schlanken H�nde aus und kraulte mit ihren kostbar beringten Fingern das Fell des Laika-R�den.</style></p><p><style name="font7">�Wollen Sie auch nach Moskau?�, fragte die andere Frau. Auch sie war wei�haarig, jedoch draller und viel kleiner als ihre Gef�hrtin. Ihre neugierigen, kleinen Augen scannten Viktoria und Leonid regelrecht ab.</style></p><p><style name="font7">Leonid nickte freundlich. �Wir sind auf der Hochzeitsreise�, log er ungeniert und zog Viktoria, nachdem sie sich beide auf der gegen�berliegenden Sitzbank niedergelassen hatten, zu sich hin, um ihr einen Kuss auf die Wange zu dr�cken.</style></p><p><style name="font7">�Wie romantisch!� Die Hagere konnte sich kaum einkriegen vor Begeisterung. �Wo kommen sie beide denn her? Aus Sverdlowsk? Ich hatte mal einen Onkel in Sverdlowsk. Er war ein hohes Tier in der Partei. Wir verbrachten als Kinder unsere Ferien .�</style></p><p><style name="font7">Viktoria h�rte nicht mehr zu. W�hrend die Alte endlos zu erz�hlen begann, nickte sie ein.</style></p><p><style name="font7">�Und was machen Sie beide beruflich?� Diese Frage lie� Viktoria aus ihrem Halbschlaf hochschrecken.</style></p><p><style name="font7">�Ich bin Sch�fer�, antwortete Leonid mit der allergr��ten Selbstverst�ndlichkeit. �Meine Frau hilft mir. Unsere Familie besitzt eine gro�e Herde in Krasnojarsk und einen entsprechenden Hof.�</style></p><p><style name="font7">�Ah, ich hatte gleich so eine Idee, als sie zu uns hereinkamen. Daher auch der Hund.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria musste ein Grinsen unterdr�cken und fragte sich, warum Leonid eine solch krude Geschichte erfand. In jedem Fall lie� sich damit wunderbar der strenge Geruch begr�nden, den sie sicher immer noch verbreiteten und der auch den beiden �lteren Damen nicht entgangen sein konnte. Doch dann sah sie die Zeitung neben der hageren Frau liegen. Sie war zusammengefaltet, trotzdem konnte sie m�helos das Phantombild auf der Titelseite erkennen. Es war eine Fotomontage von ihr mit hellblonden, kinnlang geschnittenen Haaren. Dazu das Bild von Leonid als geschniegelter Offizier, dem er mit seinem Dreitagebart und den ungek�mmten Haaren nicht mehr sonderlich �hnlich sah.</style></p><p><style name="font7">Wenn man nun Leonids Geschichte und den Gestank zusammennahm, w�rden die Frauen nicht auf die Idee kommen, sie mit den Gesuchten zu vergleichen.</style></p><p><style name="font7">Die Nacht im Zug verlief nicht so ganz romantisch, wie die �lteren Damen es Leonid und Viktoria wohl geg�nnt h�tten - auch weil die beiden in die Jahre gekommenen Frauen mit Ajaci um die Wette schnarchten.</style></p><p><style name="font7">�Ich frage mich, woher man wei�, dass du inzwischen deine Haare gef�rbt hast?�, fl�sterte Leonid mit einem vorsichtigen Blick auf die �lteren Damen.</style></p><p><style name="font7">Viktoria �berlegte einen Moment. �Ich habe in der Bank in Krasno-jarsk Doktor Parlowa getroffen�, gestand sie kleinlaut. �Sie war die leitende �rztin im Camp und geh�rt zu Bashtiris Mannschaft.�</style></p><p><style name="font7">�Du hast was?� Leonids Kopf schnellte herum.</style></p><p><style name="font7">�Ich wollte es dir sagen, aber ich habe gedacht, dass es nicht so wichtig ist ... Au�erdem wollte ich dich nicht beunruhigen. Doktor Parlowa hat mich angesprochen, aber ich habe ihr nicht geantwortet und bin gleich hinausgelaufen, in der Hoffnung, dass sie mich vielleicht doch nicht erkannt hat.�</style></p><p><style name="font7">Er seufzte leise. �M�glicherweise hat sie ihre Beobachtung gleich an die richtigen Stellen weitergegeben.�</style></p><p><style name="font7">�Da ist noch was, das ich dir h�tte sagen sollen.�</style></p><p><style name="font7">�Was denn noch?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria Stimme klang schuldbewusst. �Ich habe mit meiner Mutter telefoniert - nur ganz kurz. Es war, bevor du das Handy abgeschaltet hast. Ich wusste ja nicht, dass es gef�hrlich sein k�nnte.�</style></p><p><style name="font7">�In Russland haben die W�nde seit jeher Augen und Ohren�, stellte Leonid klar. �Merk dir das f�r die Zukunft! Ich bin schon gespannt, wer uns alles in Moskau erwartet.�</style></p><p><style name="font7">Als sie in Moskau am Jaroslawler Bahnhof ankamen, beschlich Viktoria ein ungutes Gef�hl.</style></p><p><style name="font7">Leonid sagte nichts, aber die Art, wie er in dem Jugendstilpalast aus feinstem Marmor von Rundbogen zu Rundbogen und von S�ule zu S�ule hastete, gefiel ihr nicht. Immer wieder hielt er inne und schaute sich um. Es wimmelte geradezu von Menschen, und Viktoria konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wer sie in diesem Gewusel finden sollte.</style></p><p><style name="font7">�Lass uns einfach hinausspazieren! Wir nehmen ein Taxi, dann sind wir in zwanzig Minuten bei der deutschen Botschaft�, schlug sie vor.</style></p><p><style name="font7">�Zwanzig Minuten?� Leonid grinste belustigt, w�hrend er sie und den Hund erbarmungslos voranzog. �Du kennst den Moskauer Verkehr anscheinend nicht. Die Boulevards sind st�ndig verstopft, besonders am Morgen. Mit der Metro sind wir um einiges schneller. Au�erdem arbeiten die meisten Taxifahrer nebenbei f�r den Geheimdienst. Ihnen werden wir die Geschichte mit den Schafen nicht verkaufen k�nnen. Wenn wir Pech haben und uns einer der Fahrer erkennt, f�hrt er uns geradewegs zum Hauptquartier des FSB.�</style></p><p><style name="font7">In der ganzen Aufregung hatte Viktoria beinahe vergessen, dass ihnen nicht nur Bashtiri, sondern auch die russische Polizei auf den Fersen war. Gehorsam folgte sie Leonid �ber den weitl�ufigen Komsomolskaja-Platz zum U-Bahn-Verteiler, dessen oberirdisches Geb�ude an einen griechischen Tempel erinnerte. Der Blick in den klaren, eisblauen Morgenhimmel versprach einen au�ergew�hnlich sch�nen Sommertag. Obwohl Leonid hier nicht zu Hause war, bewegte er sich, als w�rde er sich bestens auskennen. Am Fahrkartenschalter stutzte er einen Augenblick. �Ich brauche Geld.� Er schaute sie leicht sp�ttisch an und hielt seine rechte Hand auf.</style></p><p><style name="font7">Hastig suchte Viktoria in ihrer wei�en Lackledertasche, die sie seit Krasnojarsk nicht aus den H�nden gelegt und in der Nacht als Kopfkissen genutzt hatte, nach ein paar Scheinen und M�nzen.</style></p><p><style name="font7">�Wo m�ssen wir �berhaupt hin?� Interessiert beobachtete sie ihn, wie er die Preise studierte.</style></p><p><style name="font7">�Das fragst du mich?� Erstaunt drehte er sich um.</style></p><p><style name="font7">�Zur deutschen Botschaft, denke ich.� Viktoria sah ihn treuherzig an.</style></p><p><style name="font7">�Und wo befindet die sich?�</style></p><p><style name="font7">�Keine Ahnung, aber ich k�nnte anrufen. Ich habe bei meiner Visabeantragung eine Servicenummer erhalten, die ich in mein Mobiltelefon eingespeichert habe. Ich meine�, schob sie entschuldigend hinterher, w�hrend sie ihr Handy z�ckte, �so schlimm kann es doch nicht sein, wenn ich mal telefoniere, oder?�</style></p><p><style name="font7">�Fass dich kurz�, raunte Leonid ihr zu. �Solange ich dich nicht heil dort abgeliefert habe, sind wir nirgendwo sicher.� Nach etwa f�nf Minuten wusste Viktoria nicht nur die Adresse. Die freundliche Dame am Telefon informierte sie beil�ufig, dass gestern Nachmittag zwei deutsche Kollegen im Hause eingetroffen seien.</style></p><p><style name="font7">�Wir m�ssen uns beeilen�, erkl�rte Viktoria, nachdem sie aufgelegt hatte. �Rodius und Theisen sitzen bereits in der Botschaft.�</style></p><p><style name="font7">�Verdammt�, entfuhr es Leonid. �Wahrscheinlich wei� der FSB l�ngst, dass wir hier sind.� Im Eilschritt hastete er mit ihr mehrere Treppenabg�nge hinunter, immer darauf bedacht, dass Ajaci den Anschluss behielt. F�r den Hund schien die Verwirrung perfekt, wahrscheinlich waren ihm nie zuvor so viele verschiedene Ger�che begegnet.</style></p><p><style name="font7">Das Klingeln seines Mobiltelefons st�rte Oberst Pokrovskij in einer wichtigen Besprechung. Seit dem fr�hen Morgen waren die Kameras in den Metrostationen ausgefallen, so dass verst�rkt Sicherheitskontrollen auf Pl�tzen und Bahnh�fen durchgef�hrt werden mussten.</style></p><p><style name="font7">�Die Deutsche hat telefoniert�, sagte die Stimme. Pokrovskij wusste sofort, wer gemeint war. �Vor ungef�hr f�nf Minuten. Mit der deutschen Botschaft. Es sieht ganz danach aus, als wollte sie dorthin. Es war in der Metrostation am Komsomolskaja-Platz. Allem Anschein nach ist sie in die Metro eingestiegen und f�hrt Richtung Moskwa. �</style></p><p><style name="font7">�Ist Aldanov bei ihr?�</style></p><p><style name="font7">�Keine Ahnung. Wir hatten noch keinen Sichtkontakt.�</style></p><p><style name="font7">�Ihr m�sst sie vorher erwischen. Sie ist eine wertvolle Zeugin. Wenn es ihr gelingt, auf das Botschaftsgel�nde zu fliehen, kriegen wir sie nicht mehr. Verstanden?�</style></p><p><style name="font7">�Zu Befehl, Bogdan Bogdanowitsch. Die Jungs werden dich nicht entt�uschen.�</style></p><p><style name="font7">Unweit des Kremls �berbrachte ein wei� behandschuhter Butler das Telefon an Sergej Bashtiri, der sich in diesem Moment zwischen den willigen Schenkeln einer zwanzigj�hrigen Edelhure vergn�gte. Nach seinem spartanischen Aufenthalt in den sibirischen W�ldern hatte er einiges nachzuholen. Zumal seine drei Gespielinnen, die er f�r den vermeintlichen Abenteuerurlaub im besten Etablissement Moskaus gebucht hatte, sich nicht an die Vereinbarungen gehalten hatten und nach der Flut im Camp abgereist waren. Als Angebot zur G�te hatte ihm die Managerin des ber�chtigten �Moskwa-Doll-House� die feurige Tatjana geschickt. Gleich eine ganze Woche und dazu kostenfrei sollte ihm die junge, schwarzhaarige Dirne mit den riesigen Naturbr�sten rund um die Uhr zur Verf�gung stehen.</style></p><p><style name="font7">Da Antonov immer noch nicht auf den Beinen war, hatte er f�r seinen Butler einen Ersatz engagieren m�ssen. Josephowitsch, ein �lterer Mann mit sch�tterem Haar, z�gerte; er war es nicht gewohnt, seinen Chef beim V�geln zu st�ren.</style></p><p><style name="font7">Schwer atmend nahm Bashtiri den Telefonh�rer entgegen, w�hrend er mit nicht nachlassender Intensit�t in Tatjana stie�.</style></p><p><style name="font7">�Wir haben sie aufgesp�rt�, erkl�rte ihm Jurij mit freudiger Stimme. �Sie sind in die Metro gestiegen. Ich bin mit Mischa an ihnen dran und habe bei Fjodor Verst�rkung angefordert, falls sie zur deutschen Botschaft wollen.�</style></p><p><style name="font7">�Ich sagte doch�, br�llte Bashtiri mit keuchendem Atem, �sobald ihr sie habt, z�gert nicht. Gebt ihnen den Rest, bevor es ihnen gelingt, sicheres Terrain zu erreichen. Und - macht eure Sache diesmal ordentlich!�</style></p><p><style name="font7">Missmutig warf Bashtiri dem Butler das Telefon zu, bevor er bei der laut st�hnenden Frau zum Endspurt ansetzte.</style></p><p><style name="font7">Menschen an Menschen dr�ngten sich in der Metro. Mittlerweile hatte Leonid herausgefunden, dass sie zum Ochotny Rjad mussten und dann �ber die Stationen Arbatskaja und Smolenskaja unter der Moskwa hindurch bis zur Kiewskaja.</style></p><p><style name="font7">Die Fahrg�ste sa�en in L�ngsreihen im Zug, junge und alte, ein buntes V�lkergemisch, und auch die G�nge waren so voll, dass man sich kaum r�hren konnte. Leonid hatte Jurij l�ngst gesehen, bevor der massige Russe sie suchenden Auges entdeckte.</style></p><p><style name="font7">�Verfluchte Schei�e�, murmelte Leonid und dr�ngte Viktoria an einer Frau mit einem Kinderwagen vorbei zum n�chsten Ausgang hin.</style></p><p><style name="font7">�Was ist?�</style></p><p><style name="font7">�Du h�ttest nicht telefonieren d�rfen.�</style></p><p><style name="font7">�Warum sagst du das?� Ihr Blick war �ngstlich. Leonid stellte sich sch�tzend vor sie.</style></p><p><style name="font7">W�rden Bashtiris M�nner es wagen zu schie�en, obwohl die Metro voll besetzt war? Er wusste es nicht.</style></p><p><style name="font7">�N�chster Halt - Tschechovskaja�, t�nte die blecherne Stimme aus dem Lautsprecher.</style></p><p><style name="font7">�Lass uns aussteigen�, murmelte Leonid.</style></p><p><style name="font7">�Aussteigen? Sind wir schon da?�</style></p><p><style name="font7">�Nein! Tu, was ich dir sage!� Mit Kraft schob Leonid sie durch die schimpfenden Menschen. Pl�tzlich sah sie, warum er es tat. Jurij hatte sie entdeckt und seine kalten Husky-Augen auf sie gerichtet. Am ganzen Leib zitternd trat sie vor den Zug und rannte mit Leonid und Ajaci �ber den Bahnsteig nach vorne zum F�hrerhaus. Mit einem hastigen Sprung zog er sie und den Hund durch die offene Waggont�r und stie� einen erl�senden Seufzer aus, als die T�r sich hinter den beiden schloss. Auch hier war es jedoch nicht besser. Jurij blieb ihnen auf den Fersen, aber er war einen Waggon zu fr�h wieder zugestiegen.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich sp�rte Viktoria einen harten Gegenstand in ihrem R�cken, und eine dunkle Stimme raunte Leonid zu. �Bei der n�chsten Station bitte aussteigen, oder ich erschie�e das M�uschen. W�re doch schade um sie!�</style></p><p><style name="font7">Viktoria drehte sich langsam um. Es war Mischa. Einer von Bashti-ris M�nnern, den sie im Camp - �hnlich wie Kolja - f�lschlicherweise f�r einen harmlosen Burschen gehalten hatte. Leonid starrte ihm einen langen Moment in die eng zusammenstehenden Augen, und zu Viktorias grenzenloser �berraschung lie� Mischa pl�tzlich die Waffe sinken. Blitzschnell hatte Leonid ihn entwaffnet. Ajaci biss den Killer obendrein in die Wade. Frauen schrien, als sie die Pistole sahen, und M�nner wichen entsetzt zur Seite, als Leonid dem keifenden, viel kleineren Kerl den Pistolenknauf �ber den Sch�del zog. W�hrend Ajaci mit steigender Begeisterung dessen Bein traktierte, schlug Leonid noch einmal zu, um ganz sicherzugehen, dass Mischa bewusstlos am Boden des Zuges liegen blieb.</style></p><p><style name="font7">�Sie haben ihn umgebracht!�, kreischte eine Frau.</style></p><p><style name="font7">�Moment mal!�, rief ein �lterer Fahrgast und riss seine Zeitung hoch. �Das sind doch die, nach denen hier gesucht wird!�</style></p><p><style name="font7">�Halt's Maul, Alterchen!� Leonid bedrohte ihn halb verdeckt mit Mischas Waffe. Jegliche Freundlichkeit war aus seinem Gesicht gewichen, und f�r einen Moment fragte sich Viktoria, ob es tats�chlich der Leonid war, den sie zu kennen glaubte.</style></p><p><style name="font7">�Ochotny Rjad�, erkl�rte die mechanische Stimme aus dem Lautsprecher.</style></p><p><style name="font7">Leonid reagierte blitzschnell. Er riss Viktoria mit sich, gab dem Hund einen Sto� und sprang aus dem Zug. Dann rannte er mit ihr an der Hand auf den n�chsten Bahnsteig, der ein Stockwerk tiefer lag. Hier jedoch schien ein Heer von Polizisten alarmiert worden zu sein, das geradewegs auf sie zusteuerte.</style></p><p><style name="font7">Leonid sprang mit Viktoria von der Plattform und lief mit ihr �ber die Gleise. Niemand traute sich, ihnen zu folgen. Viktoria verlor erneut ihre Schuhe. Barfu� folgte sie Leonid in die Dunkelheit. Dass die Sache lebensgef�hrlich war, begriff sie sp�testens, als ihnen aus einem stockfinsteren Tunnel eine Metro mit riesigen Scheinwerfern entgegenraste. Im letzten Moment wurde Viktoria von Leonid gepackt und zusammen mit Ajaci in eine Nische gesto�en. Schwer atmend und mit ausgebreiteten Armen blieb er vor ihnen stehen, w�hrend im Abstand von einem halben Meter der Zug an ihnen vorbeiraste. Zitternd folgte Viktoria ihm im Schutz des letzten Waggons auf den Bahnsteig. Hunderte von Menschen stiegen aus und wechselten die Z�ge. Leonid schob Viktoria und den v�llig verst�rten Hund in das letzte Abteil. Dort fanden sie sogar einen Sitzplatz. Er zog Viktoria auf seinen Scho� und umarmte sie fest. Sie klammerte sich regelrecht an ihn und verbarg ihr Gesicht an seiner pulsierenden Halsbeuge, w�hrend ihr</style></p><p><style name="font7">Herz im gleichen Takt dahinraste. Den Hund dirigierte er zwischen seine Beine, wo er ganz ruhig sitzen blieb.</style></p><p><style name="font7">�Sie werden uns finden, nicht wahr?� Ihr Fl�stern war atemlos.</style></p><p><style name="font7">�Sei ganz still und vertrau mir�, sagte er leise. �Ich muss mich nur konzentrieren.�</style></p><p><style name="font7">Was er genau tat, wusste sie nicht, aber es war wie damals in dem Bunker. Pl�tzlich f�hlte sie sich seltsam k�rperlos, und als der Trupp von Polizisten vorbeimarschierte, war es, als w�rden die M�nner sie nicht sehen. Selbst als sie Fotos herumzeigten, auf denen ihre Gesichter eindeutig zu erkennen waren, reagierten die �brigen Fahrg�ste nicht. Viktoria erschien es, als ob sie f�r die Umgebung unsichtbar geworden w�ren.</style></p><p><style name="font7">�Was war das?�, fl�sterte sie, als die Polizisten den Zug wieder verlassen hatten. �Warum wollten sie nichts von uns wissen?�</style></p><p><style name="font7">�Ein Geheimnis der alten Schamanen�, raunte Leonid l�chelnd.</style></p><p><style name="font7">Sie k�sste ihn sanft, und f�r einen Moment gewann sie die �berzeugung, in seinen Armen in absoluter Sicherheit zu sein.</style></p><p><style name="font7">Erst als sie an der Kiewskaja ausstiegen, richtete sich die Aufmerksamkeit der �brigen Fahrg�ste wieder auf sie, doch bevor jemand auf die Idee kommen konnte, in ihnen den fl�chtenden Terroristen und seine Geisel zu erkennen, waren sie bereits ausgestiegen.</style></p><p><style name="font7">�Ganz in der N�he flie�t die Moskwa�, erkl�rte Leonid, als sie sich aus einem Gewirr von Tunneln und Treppen an die Oberfl�che k�mpften. Immer wieder schaute er sich um. �Lass uns ein Wassertaxi nehmen. Nicht weit von der Metrostation gibt es einen Bootsanleger.�</style></p><p><style name="font7">�Sie sind an der Kiewskaja-Metrostation ausgestiegen�, rief Fjodor in sein Mobiltelefon. Er sa� im Lagezentrum von Bashtiris eigener Sicherheitszentrale, im Keller des Stadthauses.</style></p><p><style name="font7">�Mischa hat's erwischt�, erwiderte Jurji atemlos. �Aldanov hat ihn zusammengeschlagen, und er wurde vom Hund gebissen.� Der drahtige Bodyguard aus Bashtiris Team war der Metro gefolgt, hatte aber auf H�he der Station Ochotny Rjad den Anschluss verloren.</style></p><p><style name="font7">�Du kannst dich beruhigen�, rief Fjodor ins Telefon. �Mischa war so schlau und hat dem M�dchen einen Sender verpasst. Ich habe die anderen Jungs runter zur Kiewskaja geschickt. Wir sind an ihnen dran.�</style></p><p><style name="font7">�Sag ihnen, sie sollen vorsichtig sein. Aldanov hat Mischas Pistole.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria und Leonid liefen Hand in Hand die Berezhkovskaya Nabe-rezhnaya entlang, um zur Bootsanlegestelle zu kommen. Mehrere wei�e Schnellboote schaukelten friedlich auf der Moskwa.</style></p><p><style name="font7">�Wohin soll's gehen?�, fragte der wei�haarige Schiffer arglos und r�ckte seine M�tze zurecht, bevor er Viktoria bereitwillig an Bord half.</style></p><p><style name="font7">�Deutsche Botschaft�, antwortete Leonid an ihrer Stelle.</style></p><p><style name="font7">�Die haben aber keinen Anleger�, erkl�rte der Kapit�n. �Das Geb�ude liegt ein ganzes St�ck weit vom Ufer entfernt.�</style></p><p><style name="font7">�Dann lassen sie uns so nahe wie m�glich aussteigen. Den Rest erledigen wir zu Fu�.�</style></p><p><style name="font7">Mit einem Seitenblick auf Viktorias F��e, die schwarze Tritte auf dem hellen Schiffsboden hinterlie�en, begab sich der Schiffer auf die kleine Br�cke. Das Boot war vielleicht zehn Meter lang und bot Platz f�r etwa drei�ig Passagiere, doch au�er einem �lteren P�rchen, das unentwegt fotografierte, war niemand an Bord.</style></p><p><style name="font7">�Fahren Sie los!�, rief Leonid ungeduldig.</style></p><p><style name="font7">�Wir wollen noch einen Moment warten�, entgegnete ihm der Schiffer mit einem um Verst�ndnis heischenden L�cheln. �Vielleicht kommen noch weitere Passagiere.�</style></p><p><style name="font7">Vier M�nner fesselten Leonids Aufmerksamkeit. In etwa dreihundert Meter Entfernung kamen sie heran und hielten im Laufschritt auf das Boot zu.</style></p><p><style name="font7">�Fahren Sie!�, befahl Leonid streng. Als der Mann ihn verwirrt anschaute, hob er Mischas Pistole und richtete sie auf die Brust des Kapit�ns. �Jetzt!�</style></p><p><style name="font7">Der Mann eilte zum Steuer. Wenig sp�ter heulten die Motoren auf, das Schiff machte einen gewaltigen Satz, so dass nicht nur Viktoria den Halt verlor. Auch die beiden Touristen, die anscheinend aus Frankreich kamen, w�ren beinahe �ber Bord gegangen. Selbst Ajaci rutschte quer durch die Stuhlreihen. Einzig Leonid konnte sich rechtzeitig halten.</style></p><p><style name="font7">Mit der Waffe in der Hand trieb er den Schiffer zu einer wahren H�chstleistung an, aber auch ihre Verfolger hatten sich ein Boot beschafft. Es war kleiner und schien wesentlich schneller zu sein. In rasendem Tempo pfl�gte die elegante Spitze des Bootes die tiefblaue Moskwa auf.</style></p><p><style name="font7">Den ersten Schuss h�tte Viktoria �berh�rt, wenn die Franz�sin nicht lauthals um Hilfe geschrien h�tte. Die Kugel schlug in einen kleinen Tisch ein, der auf Deck installiert war. Der Fahrtwind fegte Viktoria f�r einen Moment den Geruch von verbranntem Plastik entgegen. Dann pfiff ihr der zweite Schuss um die Ohren.</style></p><p><style name="font7">Das Boot ihrer Verfolger schob sich immer n�her an sie heran. Viktoria konnte vier schwarze Gestalten mit Sonnenbrillen sehen - sie hatten Maschinenpistolen gez�ckt und begannen gnadenlos zu feuern.</style></p><p><style name="font7">�Runter!� br�llte Leonid, und Viktoria warf sich instinktiv auf den Bauch. Die Geschosse zerschnitten die Luft. Ein wei�er Kakadu, der touristengerecht in einem schwingenden K�fig neben dem Steuerrad gehockt hatte, war das erste Opfer. Federn stoben auf, als der blutige Kadaver mit Macht aus seinem K�fig auf das mittlere Bootsdeck gesprengt wurde. Ein Biss, und Ajaci hatte das zerfetzte Tier trotz der Schie�erei verschlungen.</style></p><p><style name="font7">Leonid hatte das Steuer in dem offenen F�hrerhaus �bernommen.</style></p><p><style name="font7">Der Kapit�n lag am Boden und r�hrte sich nicht. Er hatte sich den Kopf angeschlagen und das Bewusstsein verloren. Leonid erwiderte aus der Deckung heraus das Feuer auf die Angreifer, doch es sah nicht so aus, als ob sich die Verfolger dadurch einsch�chtern lie�en.</style></p><p><style name="font7">�Komm her!�, br�llte er Viktoria zu. �Aber bleib unten!�</style></p><p><style name="font7">Robbend k�mpfte sie sich zu Leonid hin. Dabei war das andere Schiff so nahe gekommen, dass man glauben konnte, es w�ren feindliche Piraten, die sich zum Entern bereit machten.</style></p><p><style name="font7">Leonid dr�ckte Viktoria zu ihrem Entsetzen das Steuer in die Hand. Das Boot h�pfte und schlingerte, als sie eine winzige Bewegung nach links machte. �Gerade halten�, befahl Leonid und korrigierte sie rasch. �Ganz gleich, was geschieht.�</style></p><p><style name="font7">�Wo willst du hin?�, rief sie verzweifelt, als er sich auf das vordere Sonnendeck zur�ckzog. Das Schiff mit den schwarzen M�nnern an Bord war f�r einen Moment zur�ckgefallen. Sch�sse hallten erneut und trafen die Aufbauten. Einer schlug dicht neben Ajaci ein. Mit einem winselnden Aufjaulen fl�chtete der Hund unter eine Sitzbank.</style></p><p><style name="font7">Die Franzosen hatten sich l�ngst in den kleinen Fahrgastraum unter Deck zur�ckgezogen. Leonid stand unterdessen auf dem Vorderdeck -mit geschlossenen Augen, als ob er sich in Trance begeben wollte.</style></p><p><style name="font7">In geduckter Haltung versuchte Viktoria das Boot auf Kurs zu halten, w�hrend eine tiefh�ngende Br�cke unaufhaltsam auf sie zuzura-sen schien.</style></p><p><style name="font7">Leonid fiel pl�tzlich auf die Knie und hockte mit gespreizten Beinen mitten auf dem Schiffsboden. War der Kerl wahnsinnig? So wie er da sa�, musste er eine lebendige Zielscheibe f�r ihre Widersacher abgeben.</style></p><p><style name="font7">Als weitere MP-Salven in das Boot einschlugen, ging ein Ruck durch Leonids K�rper, und im ersten Moment dachte Viktoria, er sei getroffen worden. Fassungslos beobachtete sie, wie sich aus seiner Mitte etwas l�ste, eine Art wabernder Ball, der an eine Luftspiegelung erinnerte, die durch eine gro�e Hitze erzeugt wird. Das Ph�nomen war langsam genug, dass sie es mit Blicken verfolgen konnte. Es prallte auf das Boot ihrer Verfolger und warf es mit einer solchen Wucht herum, dass es sich von der Wasseroberfl�che erhob und sich dann spektakul�r �berschlug.</style></p><p><style name="font7">Eine Moment sp�ter jedoch huschte eine dunkle Gestalt �ber das Deck. Offenbar war es einem ihrer Verfolger gelungen, noch vor der Kollision auf das Schiff zu springen. In der Hand hielt er eine Pistole, die er auf Viktoria richtete.</style></p><p><style name="font7">Vor Schreck verriss sie das Steuer und hielt auf eine Br�cke zu. Das Schiff schwankte heftig, und der Mann verlor seinen Halt. Viktoria nutzte die Gelegenheit und suchte hinter einer Holzwand Schutz. Leonid war aus seiner Trance erwacht. Sofort er�ffnete er das Feuer, w�hrend sein Widersacher sich hinter dem Abgang zum Laderaum verschanzte und ebenfalls schoss.</style></p><p><style name="font7">Viktoria sah aus einem Blickwinkel, wie der Mann sein leer geschossenes Magazin wegwarf und dann ein Messer von seinem G�rtel zog. Offenbar hatte er keine Munition mehr. Leonid schien es nicht besser zu ergehen. Auch er warf seine Waffe �ber Bord, allerdings besa� er kein Messer.</style></p><p><style name="font7">�Bring das Boot auf Kurs!�, br�llte er ihr zu und st�rzte an ihr vorbei, um ihr den Angreifer vom Hals zu halten.</style></p><p><style name="font7">In letzter Sekunde gelang es Viktoria, eine Kollision mit einem Betonpfeiler zu vermeiden. Weil sie gleichzeitig Gas gab, schossen sie regelrecht unter der Br�cke hindurch. Wasser spritzte auf, und das Boot neigte sich gef�hrlich nach rechts. Leonid verlor das Gleichgewicht und st�rzte mit seinem Gegner quer �ber den Mittelsteg, der die Sitzreihen voneinander trennte.</style></p><p><style name="font7">Atemlos verfolgte Viktoria das Geschehen, so dass sie gar nicht bemerkte, dass �ber ihnen ein Helikopter aufgetaucht war.</style></p><p><style name="font7">�Achtung! Achtung! Federalnaja Slushba Besopasnosti! Stoppen Sie sofort die Motoren, oder wir schie�en!� Die m�nnliche Stimme aus dem Megafon hallte quer �ber die Moskwa.</style></p><p><style name="font7">Wie gebannt schaute Viktoria nach oben. Auf der Helikopterkufe sa�en M�nner in schwarzen Overalls, die mit Maschinenpistolen bewaffnet waren.</style></p><p><style name="font7">W�hrend Viktoria vor lauter Panik einen Brechreiz versp�rte, achtete Leonid nicht auf diese neue Bedrohung. Ajaci war aus seinem Versteck hervorgekommen und sprang um Leonid und seinen Gegner herum, unschl�ssig, in welches Bein er sich verbei�en sollte.</style></p><p><style name="font7">Leonid gelang es, seinen Widersacher zum Heck zu dr�ngen, um ihn �ber Bord zu werfen.</style></p><p><style name="font7">Pl�tzlich sprang Ajaci vor und jagte seine F�nge in den Oberschenkel des Angreifers. W�hrend der Mann taumelte, gab Leonid ihm einen Sto�, so dass er bei voller Fahrt ins Wasser fiel. Mit ihm st�rzte Ajaci in die Moskwa, weil er sich in das Bein des Mannes verbissen hatte.</style></p><p><style name="font7">Leonid blieb wie erstarrt stehen. Wie aus dem Nichts war ein Ausflugsdampfer unter der n�chsten Br�cke aufgetaucht, den Leonid in all der Hektik nicht bemerkt hatte und der nun direkt auf den Gangster und Ajaci zusteuerte. Der Kapit�n setzte warnend seine Hupe ein, weil es l�ngst zu sp�t war, den Kurs zu �ndern. Mit einem Satz sprang Leonid in die Fluten, um Ajaci zu retten.</style></p><p><style name="font7">Viktoria blieb das Herz stehen. Verzweifelt versuchte sie, das Boot zu stoppen. Doch es blieb ihr nur, vom Gas zu gehen und mit anzusehen, wie der Ausflugsdampfer nicht nur den Angreifer, sondern auch Leonid und den Hund regelrecht �berrollte.</style></p><p><style name="font7">�Leonid!� Der Schrei erstickte ihre Kehle. Zu ihren F��en r�hrte sich etwas. Der Kapit�n war zu sich gekommen.</style></p><p><style name="font7">Von oben pl�rrte immer noch die Helikopterstimme.</style></p><p><style name="font7">�Achtung! Federalnaja Slushba Besopasnosti! Stoppen Sie sofort die Motoren!�</style></p><p><style name="font7">Der Kapit�n zog sich m�hsam am Steuerrad hoch und tat, was man von ihm verlangte. Viktoria �berlegte nicht lange. Sie riss sich die Kost�mjacke samt Rock vom Leib und nahm Anlauf. Obwohl sie keine Rettungsschwimmerin war, sprang sie in Slip und BH in das eiskalte Wasser und kraulte in blinder Angst hinter dem Ausflugsdampfer her. Verzweifelt warf sie den Kopf herum. Von Leonid war weit und breit nichts zu sehen, und auch sein Widersacher tauchte nicht auf. Daf�r h�rte sie nicht weit entfernt ein leises Fiepen. Wie eine nasse Katze m�hte sich Ajaci, den Kopf �ber Wasser zu halten, dabei rang er r�chelnd nach Atem, weil er offenbar Wasser geschluckt hatte. Sofort schwamm sie zu ihm hin und versuchte ihn zu halten, damit er nicht ertrank.</style></p><p><style name="font7">Der Kapit�n des Schiffs hatte das Boot inzwischen gewendet und zog sie und den Hund mit einiger M�he an Bord. Er legte ihr eine Decke um und befolgte dann den Befehl von oben, an das rechte Ufer zu steuern und dort auf weitere Anweisungen zu warten. Viktoria sa� zusammen mit Ajaci zitternd auf einer Bank. Das franz�sische Ehepaar war v�llig verst�rt aus seiner Zuflucht unter Deck wieder aufgetaucht.</style></p><p><style name="font7">�Ihre Handtasche�, sagte die Frau und hielt ihr Svetlanas wei�e Lackledertasche hin. �Ich habe sie unter dem Tisch gefunden.� Viktoria bedankte sich mit einem Nicken. Geistesgegenw�rtig nahm sie Svetlanas Pass heraus und lie� ihn ins Wasser fallen. Mit klopfendem Herzen beobachtete sie, wie er in den Fluten versank.</style></p><p><style name="font7">Kurz darauf seilten sich vier M�nner in dunklen Overalls aus dem Helikopter ab und landeten neben dem Anleger. Zwei Limousinen fuhren vor. Ein gro�er, sportlicher Mann mit kurz geschorenen roten Haaren stieg aus. Er trug Zivilkleidung und stellte sich Viktoria, die immer noch in die Decken geh�llt war, in aller Form vor.</style></p><p><style name="font7">�Oberst Pokrovskij, FSB. Frau Viktoria Vanderberg?�</style></p><p><style name="font7">Sie nickte schwach.</style></p><p><style name="font7">�Ich h�tte da ein paar Fragen an Sie. Wenn sie uns bitte begleiten w�rden?�</style></p><p><style name="font7">Eine junge Frau hatte Viktoria eine Hose und einen Kittel gegeben. Bleich und apathisch sa� sie in einem kleinen Verh�rzimmer. Immer wieder hatte der Oberst versucht, etwas �ber den Hergang ihrer Reise herauszufinden.</style></p><p><style name="font7">�Ich sage nichts ohne einen Anwalt �, lautete ihre permanente Antwort. Tausendmal war ihr dieser Spruch schon bei diversen Vorabendkrimis im Fernsehen begegnet. Nie h�tte sie vermutet, ihn eines Tages aus ihrem eigenen Mund zu h�ren. �Au�erdem m�chte ich unverz�glich einen Vertreter meiner Botschaft sprechen.�</style></p><p><style name="font7">Pokrovskij war anzusehen, wie wenig ihm diese Haltung gefiel.</style></p><p><style name="font7">Er beugte sich vor und versuchte sich an einem charmanten L�cheln, was ihm jedoch nicht gelang. �Verraten Sie uns wenigstens, ob der Mann, der sich in Ihrer Begleitung befand, etwas an sich hatte, das Ihnen ungew�hnlich erschien.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria musste unwillk�rlich schmunzeln, obwohl sie die Tatsache, dass Leonid nicht wieder aufgetaucht war, zur Verzweiflung brachte. �Ich w�sste gar nicht, wo ich anfangen sollte, um diese Frage zu beantworten.�</style></p><p><style name="font7">Pokrovskij z�ckte ein weiteres Foto. Es zeigte Leonid in Uniform vor einem riesigen Armeehelikopter.</style></p><p><style name="font7">�Ist das der Mann, der Sie entf�hrt hat?�</style></p><p><style name="font7">�Ich wei� es nicht� Sie zuckte mit den Schultern. �Er sieht ihm �hnlich, aber er trug keine Uniform.�</style></p><p><style name="font7">�Hat er Ihnen gesagt, wer er ist? Seinen Namen. Seine Herkunft?�</style></p><p><style name="font7">�Nein.�</style></p><p><style name="font7">�Ist Ihnen sonst etwas aufgefallen. Ich meine, hatte er besondere F�higkeiten, die Ihnen merkw�rdig erschienen?�</style></p><p><style name="font7">�Nein.�</style></p><p><style name="font7">�Hat er Ihnen vielleicht erz�hlt, dass er als Soldat in Tschetschenien war?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria schwieg.</style></p><p><style name="font7">�H�ren Sie�, sagte sie dann. �Ich wei� nicht, was hier gespielt wird und schon gar nicht, was Sie mir vorwerfen. Ich habe nichts anderes getan, als einem mir unbekannten Mann zu folgen, nachdem ich in eine gef�hrliche Situation geraten war und er mich davor bewahrt hatte, erschossen zu werden. Mehr kann und will ich dazu nicht sagen.�</style></p><p><style name="font7">Pokrovskijs Assistent kam herein. Er murmelte etwas, dann ging er wieder hinaus.</style></p><p><style name="font7">�Ich habe soeben die Nachricht erhalten, dass man Ihren Begleiter gefunden hat.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria sp�rte, wie ihr Herz zu rasen begann.</style></p><p><style name="font7">�Er ist tot�, erkl�rte Pokrovskij n�chtern. �Offenbar ist er in die Schiffsschraube geraten. Man fand seine zerst�ckelten Leichenteile in einem Wehr, unterhalb des Hafens.�</style></p><p><style name="font7">�Tot? Das kann nicht sein�, murmelte sie fassungslos.</style></p><p><style name="font7">Pokrovskij musterte sie argw�hnisch. �Ich dachte, Sie kennen ihn nicht. Warum ersch�ttert sein Tod Sie sosehr?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria sah den Geheimdienstmann nicht an. �Mich ber�hrt der Tod jedes Menschen�, erwiderte sie tonlos. �Dass es bei Ihnen offensichtlich nicht so ist, k�nnte man wohl als Berufskrankheit bezeichnen.�</style></p><p><style name="font7">Pokrovskij entgegnete nichts darauf. Das Telefon klingelte, und er wechselte ein paar hastige, unverst�ndliche Worte mit seinem Gegen�ber. Nachdem er aufgelegt hatte, sah der Oberst Viktoria durchdringend an.</style></p><p><style name="font7">�Sie k�nnen gehen�, sagte er k�hl. �Drau�en wartet ein Mitarbeiter des deutschen Milit�rattaches auf sie. Anscheinend hat man sich von allerh�chster Stelle f�r Ihre Freilassung eingesetzt.�</style></p><p><style name="font7">�Was ist mit dem Hund?� Pl�tzlich war Ajaci ihr wichtiger als alles andere auf der Welt. Hatte Leonid nicht gesagt, sein Leben hinge vom Leben des Hundes ab? �Wo haben Sie ihn hingebracht? Ich will ihn mitnehmen.�</style></p><p><style name="font7">Der Oberst nickte nur. �Haben Sie in Deutschland nicht genug Hunde?�</style></p><p><style name="font7">�Nicht so einen.�</style></p><p><style name="font7">Der Concierge in Bashtiris Stadthaus schaute erstaunt auf, als am sp�ten Nachmittag eine alte Frau an der Hintert�r l�utete. Sie trug Gummistiefel, graue Str�mpfe und einen dicken Kittel, dazu ein buntes Kopftuch, das ihre grauen Haare verdeckte.</style></p><p><style name="font7">�Na, M�tterchen, hast du dich verlaufen?�, fragte er grinsend.</style></p><p><style name="font7">Vera Leonardowna l�chelte ihn an, und auf eine seltsame Weise f�hlte er sich von ihren leuchtend blauen Augen gefangen.</style></p><p><style name="font7">�Ich bin die neue Putzfrau�, kr�chzte sie forsch. �Man sagte mir, ich solle mich hier melden.�</style></p><p><style name="font7">F�r einen Moment sah der Mann sie ungl�ubig an. Im Hause Bash-tiri waren die Putzfrauen gew�hnlich weit j�nger und h�bscher.</style></p><p><style name="font7">�Es musste wohl schnell gehen, weil die �bliche Kollegin aus meiner Kolonne ausgefallen ist�, f�gte Vera Leonardowna hastig hinzu. �Und ich kann nur heute, ab morgen kommt jemand anderes.�</style></p><p><style name="font7">Der Wachmann nickte und scannte sie mit dem Metalldetektor nach Waffen ab.</style></p><p><style name="font7">�Du kannst dich im ersten Stock melden, M�tterchen�, erkl�rte er ihr in respektlosem Ton, den man in seinen Kreisen alten Menschen ohne Rang und Titel entgegenbrachte. �Dort entlang�, f�hrte er weiter aus und zeigte auf eine vergoldete Aufzugst�r. �Dann auf die Eins dr�cken.�</style></p><p><style name="font7">Vera Leonardowna bedankte sich unterw�rfig und durchquerte die pomp�se Empfangshalle, die ganz mit apricotfarbenem Marmor verkleidet war. Doch anstatt der Eins dr�ckte sie die Sieben. Im Geheimen hatte sie sich mit den �rtlichkeiten vertraut gemacht. Als sich die T�r �ffnete, h�tte sie nicht gedacht, dass es so leicht sein w�rde, in das Reich von Sergej Sergejewitsch Bashtiri vorzudringen.</style></p><p><style name="font7">Sie h�rte Stimmen, als sie den langen Flur entlangschlich. Auch hier war alles in Marmor gehalten - Decke, W�nde und B�den, ganz in Wei� mit goldenen Ornamenten versehen. Als sie an einem gro�en Barockspiegel vorbeikam, wurde ihr bewusst, wie sie in dieser luxuri�sen Umgebung wirken musste. Doch das machte ihr nichts aus. Bei dem, was sie vorhatte, spielte ihr Aussehen nur eine untergeordnete Rolle. Wobei sie nicht sagen konnte, dass es gar keine spielte.</style></p><p><style name="font7">�Das Boot ist gekentert. Zwei von unseren M�nnern hat es erwischt�, erkl�rte eine d�stere M�nnerstimme. �Die beiden anderen konnten sich unerkannt retten. Keine Ahnung, wie das geschehen konnte.�</style></p><p><style name="font7">�Und Aldanov? Seid ihr sicher, dass er tot ist?� Bashtiri versp�rte eine gewisse Anspannung. Es w�rde schwierig werden, die Aktion vor dem FSB zu begr�nden. Zum Gl�ck hatte er selbst den ganzen Tag �ber das Haus nicht verlassen.</style></p><p><style name="font7">�Er ist in eine Schiffsschraube geraten�, f�hrte sein Gegen�ber weiter aus. �Ich habe unseren Informanten beim FSB abgesch�pft.�</style></p><p><style name="font7">Vera Leonardowna erschauerte. Die B�sartigkeit des Oligarchen war grenzenlos. Doch was immer auch geschehen war - sie w�rde Leonid und auch seinen Gro�vater r�chen.</style></p><p><style name="font7">�Ist man sicher, dass er es war?� Es war Bashtiri, der diese Frage stellte. �Lebenovs Leute haben ihn schon einmal angeblich ertr�nkt, und dann ist er pl�tzlich wieder aufgetaucht. Putzmunter und Tausende Kilometer entfernt im sibirischen Wald.�</style></p><p><style name="font7">�Diesmal gibt es eine einhundertprozentige Sicherheit. Unser Informant beim FSB sagte, sie haben eine DNA-Probe genommen. Es ist seine Leiche, da gibt es nicht den geringsten Zweifel.�</style></p><p><style name="font7">�Was ist mit der Frau? Wir m�ssen sicherstellen, dass sie nicht plaudert, falls er ihr etwas �ber unsere Arbeit verraten hat.�</style></p><p><style name="font7">�Pokrovskij hat sie offenbar gehen lassen, und nun sitzt sie in der deutschen Botschaft. An sie kommen wir vorerst nicht heran. Aber ich habe ihre deutsche Adresse checken lassen. Es d�rfte kein gro�es Problem sein, sie im Ausland zu stellen - irgendwann, wenn niemand mehr daran denkt.�</style></p><p><style name="font7">�Ich will wissen, ob sie bei Oberst Pokrovskij eine Aussage gemacht hat.�</style></p><p><style name="font7">�Unser Informant wusste es nicht, aber er sagt, es sei nicht zu vermuten. Andernfalls w�ren Pokrovskij und seine Leute l�ngst hier, wenn sie gegen uns ausgesagt h�tte.�</style></p><p><style name="font7">�Und die beiden Alten? Soweit ich wei�, hat der Oberst Aldanovs klapprige Verwandtschaft einfliegen lassen.�</style></p><p><style name="font7">�Auch negativ. Ihr Verh�r hat nichts gebracht. Sie waren zu senil, um dem Oberst helfen zu k�nnen.�</style></p><p><style name="font7">�Es ist besser, wir schaffen klare Verh�ltnisse. Nehmt euch die Alten vor. Macht es wie bei Schirov. Lasst es wie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall aussehen.�</style></p><p><style name="font7">Vera Leonardownas Blick wurde grimmig - alle Zweifel waren mit einem Mal wie hinweggefegt.</style></p><p><style name="font7">W�hrend sie in Richtung des Zimmers schlich, aus der die Gespr�che gekommen waren, versetzte sie sich in eine tiefere Konzentration.</style></p><p><style name="font7">Die drei M�nner waren so mit sich selbst besch�ftigt, dass sie gar nicht zu bemerken schienen, wer oder was sich ihnen n�herte. Bashtiri sa� an einem wei�en Schreibtisch, auf dem sich nur ein ultraflacher Laptop befand. Hinter seinem R�cken hatte man durch ein riesiges Panoramafenster freie Sicht auf die Moskwa. Als Vera Leonardowna um die Ecke sp�hte, konnte sie den R�cken der beiden schwarz gekleideten M�nner sehen, die breitbeinig vor dem Schreibtisch standen. Wie gew�hnlich trugen sie Pistolen in ihren G�rtelholstern.</style></p><p><style name="font7">�F�r heute seid ihr entlassen.� Bashtiri stie� ein Seufzen aus. Er dachte an die beiden M�nner, die er bei dem Einsatz verloren hatte. Es w�rde schwierig werden, bei polizeilichen Ermittlungen ein klares Bild abzugeben, warum seine Leute in die Sache mit Aldanov und der Deutschen verwickelt waren. Er w�rde behaupten m�ssen, dass sie seinen M�nnern zuf�llig �ber den Weg gelaufen waren und man nur eines im Sinn hatte: die deutsche Wissenschaftlerin zu retten und einen entflohenen Terroristen zu stellen.</style></p><p><style name="font7">Vera Leonardowna hatte sich blitzschnell in eine kleine Teek�che zur�ckgezogen, als die M�nner �ber den breiten Flur in Richtung Ausgang eilten. Als die Schwarzgekleideten verschwunden waren, folgte sie Bashtiri unbemerkt durch die halbe Wohnung. Sie konnte h�ren, wie er seinem Butler frei gab, um sich in den Jacuzzi zur�ckzuziehen.</style></p><p><style name="font7">Durch die Milchglasscheibe sah der Oligarch, dass er nicht allein sein w�rde. Es musste Tatjana sein. Eigentlich stand ihm im Augenblick nicht der Sinn nach Frauen, schon gar nicht nach k�uflichen. Pl�tzlich hatte das Leben einen schalen Geschmack. Die Ereignisse der vergangenen Tage waren nicht spurlos an ihm vor�bergegangen.</style></p><p><style name="font7">Daher war seine Freude ged�mpft, als die grazile Sch�ne mit der stattlichen Oberweite tats�chlich im sprudelnden Wasser auf ihn zu warten schien.</style></p><p><style name="font7">Wie eine Schlange machte sich Tatjana an ihn heran. Splitternackt kroch sie an ihm empor, ihre H�nde fassten nach seinem besten St�ck und rieben es mit einer Intensit�t, die ihm unangenehm war.</style></p><p><style name="font7">�Lass das!�, zischte er, worauf das M�dchen zun�chst mit R�ckzug reagierte. Doch dann setzte sie sich rittlings auf seinen Scho�. Er reagierte nicht. Seine Aufmerksamkeit wurde von einem Schatten gefesselt, der wie ein Lichtreflex durch das Zimmer huschte. Von leichter Panik ergriffen, stie� er in das M�dchen hinein, nur um sich abzulenken. Sie �ffnete ihre verf�hrerischen Lippen und lie� ihre Zunge f�r einen Augenblick in seinem Mund kreisen. Er schloss die Augen und versuchte sich zu entspannen. Die Zunge wurde dr�ngender und schob sich auf widerw�rtige Weise in seinen Rachen hinein. Bashtiri w�rgte und riss gleichzeitig die Lider auf. Statt der zwanzigj�hrigen Sch�nen sa� eine uralte Frau auf seinem Scho�. Er glaubte ihre welken Br�ste an seiner Brust zu sp�ren, und ihre Augen leuchteten in einer unnat�rlichen Glut. Ihre bl�uliche, lange Zunge drang tief in sein Innerstes und drohte ihn zu ersticken. In Panik versuchte er, sie von sich zu sto�en, doch er f�hlte sich wie gel�hmt. Ihr Gesicht hatte sich zu jener schaurigen Maske verzogen, die ihm drau�en im sibirischen Wald schon einmal begegnet war.</style></p><p><style name="font7">Gurgelnd versuchte er, zu schreien, doch es gelang ihm nicht. Die Luft wurde ihm knapp, und die Zunge verhakte sich in seinen Eingeweiden. Ein rasender Schmerz und eine enorme Hitze breiteten sich in seinem Innern aus, und ihm war, als w�rde er vergl�hen.</style></p><p><style name="font7">Die hellen Augen der Frau waren den seinen so nah, dass ihr Blick sich in sein Hirn zu bohren schien. Er glaubte, eine Stimme zu h�ren. Der Wahnsinn schien ihn endg�ltig zu �bermannen.</style></p><p><style name="font7">Die Alte kicherte leise, w�hrend er mit dem Tode rang.</style></p><p>Du hast schwere Schuld auf dich genommen, Sergej Sergejewitsch, <style name="font7">sagte die Stimme,</style> ich befreie deine Seele von den D�monen der Finsternis, damit sie frei wird und in ein neues Leben eintauchen kann.<style name="font7"> Dann sprach sie nur noch in Tungusisch.</style></p><p><style name="font7">Tatjana stie� einen gellenden Schrei aus, als sie splitternackt auf die rundum verglaste Dachterrasse kam, um ihrem Kunden im Jacuzzi Gesellschaft zu leisten. Bashtiri trieb auf dem Bauch, das Gesicht unter Wasser, Arme und Beine weit von sich gestreckt.</style></p><p><style name="font7">Es dauerte nicht lange, und Fjodor stand neben ihr. Gemeinsam hoben sie den leblosen K�rper des Oligarchen aus dem Wasser.</style></p><p><style name="font7">�Wir m�ssen einen Arzt rufen!� Tatjana hatte sich einen Seidenmantel umgelegt und ihr Mobiltelefon gez�ckt.</style></p><p><style name="font7">�Nichts mehr zu machen�, sinnierte der Bodyguard leise, nachdem er Puls und Herzschlag gepr�ft hatte. �Er ist tot. Keinerlei Einwirkung von Gewalt. Vermutlich ein Kreislaufversagen.�</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht hat ihn doch jemand umgebracht?� Tatjana bedachte Fjodor mit einem entsetzten Blick.</style></p><p><style name="font7">�Nein�, sagte Fjodor mit fester Stimme. �Hier kommt niemand herein, der nicht hereinkommen soll, und du willst doch bestimmt nicht, dass der Verdacht auf uns gelenkt wird?�</style></p><p><style name="font7">Schweigend sch�ttelte sie den Kopf.</style></p><p><style name="font7">�Also?� Fjodor hob eine Braue.</style></p><p><style name="font7">�Schwesterchen.� Taichin sa� in ihrer vergleichsweise bescheidenen Touristenklause im Hotel Gorki-Park und bl�tterte in der Bibel. Erst seit ein paar Jahren geh�rte dieses Buch in Russland zum Inventar europ�isch ausgerichteter Hotels. �Wo warst du? Ich habe mir Sorgen gemacht. Der Oberst hat angerufen und gemeint, er brauche uns nicht mehr. Wir k�nnten schon morgen nach Hause fliegen.�</style></p><p><style name="font7">Vera Leonardowna setzte sich auf das Sofa und seufzte erleichtert.</style></p><p><style name="font7">�Ich war meinem Mann und meinem einzigen Enkel noch etwas schuldig�, bemerkte sie ruhig. �Jetzt sind beide frei, und die D�monen k�nnen endlich ruhen.�</style></p><p><style name="font7">�Du warst es also, die diesen Rachefeldzug initiiert hat.� Taichin sah sie mit ausdruckslosen Augen an. �Ich war mir nie dar�ber im Klaren, wie stark deine Kr�fte sind, aber so wie es aussieht, sind sie st�rker als meine.�</style></p><p><style name="font7">Sie l�chelte leise. �Solange ich die eigenen D�monen noch b�ndigen kann, ist es nicht weiter schlimm.�</style></p><p><style name="font7">Am n�chsten Morgen sa� Viktoria in der G�stelounge der deutschen Botschaft in Moskau. Ihr Gesicht war aufgequollen vom vielen Weinen. Geschlafen hatte sie nicht. Leonid war ihr im Traum erschienen. Er hatte sie gek�sst und gesagt, sie solle sich keine Sorgen machen. </style>Alles wird gut.<style name="font7"> Was f�r ein dummer Spruch! Nichts in ihrem Leben w�rde jemals wieder so sein, wie es gewesen war.</style></p><p><style name="font7">Theisen und Rodius sa�en ihr gegen�ber. In drei Stunden ging der Flieger nach Berlin. Den Hund hatte man schon abgeholt. Mit einer Sondergenehmigung durfte er in einer speziellen Kiste im Frachtraum reisen. Irgendwann in der n�chsten Stunde w�rde ein Fahrer der Botschaft sie zum Flughafen bringen. Ihre beiden Kollegen lasen in aller Ruhe die Komsomolskaja Prawda.</style></p><p><emphasis>Leichenteile des tschetschenischen Terroristen aus Moskwa geborgen</emphasis>,<style name="font7"> lautete die �berschrift eines kleinen Artikels. Dar�ber in gro�en Lettern:</style></p><p><emphasis>Geiselnahme beendet. 30j�hrige Deutsche unter Einsatz von Spezialkr�ften aus den H�nden eines Terroristen befreit.</emphasis></p><p><style name="font7">In der unteren rechten Ecke des Titelblattes befand sich ein weiterer Artikel, der selbst Theisen aus der Reserve lockte.</style></p><p><style name="font7">�Die spinnen, die Russen�, rief er lauthals. ��berreste des Meteors von Tunguska entdeckt!�, las er vor. �Deutsche und russische Wissenschaftler best�tigen, dass das Ph�nomen von Tunguska einem gigantischen Meteoriteneinschlag zuzuschreiben ist. In den n�chsten Wochen wird das russische Parlament einem neuen Meteoritenabwehrsystem zustimmen, dem nunmehr auch unsere au�ereurop�ischen Partner nichts mehr entgegensetzen k�nnen.� Mit einem ironischen Grinsen schaute er auf. �Man muss nicht unter die Hellseher gehen, um zu wissen, welche Absichten die Russen mit einer solchen Meldung verfolgen.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria glaubte sich verh�rt zu haben und bat Theisen, ihr den Artikel zu geben. Rodius schwieg seltsam verhalten und widmete sich dem Sportteil.</style></p><p><style name="font7">�Hast du davon gewusst, Gregor?�, fragte Viktoria mit schneidender Stimme.</style></p><p><style name="font7">�Olguth hat mich gestern angerufen�, gab er z�gernd zu. �Er hat mich gebeten, diesen Vorsto� trotz aller Ungereimtheiten zu unterst�tzen, damit er weitere Gelder und ein neues Forschungsprojekt bewilligt bekommt, an dem er mich teilhaben lassen m�chte. Ich habe zugestimmt. Obwohl uns keine n�heren Fakten vorliegen, halte ich an meiner Theorie fest.�</style></p><p><style name="font7">Fassungslos starrte Viktoria ihn an. Sie sprang auf und ging hinaus. Sie wollte nicht, dass er sah, wie sie in Tr�nen ausbrach.</style></p><p><style name="font7">Auf H�he der Rezeption kam ihr eine Bedienstete der Botschaft entgegen.</style></p><p><style name="font7">�Frau Doktor Vanderberg?� Die Frau hielt etwas in H�nden. Ein flaches P�ckchen, eingewickelt in braunes Papier. �Das ist soeben f�r Sie abgegeben worden. Es kam mit einem Fahrradkurier. Sie k�nnen es ruhig aufmachen. Wir haben es gescannt. Es ist sicher.�</style></p><p><style name="font7">Mit zitternden H�nden nahm Viktoria das P�ckchen entgegen. In einem abgeschiedenen Winkel des Empfangs setzte sie sich in einen gr�nen Polstersessel. Hastig riss sie das Papier auf und h�tte beinahe den kleinen Zettel �bersehen.</style></p><p>Bei Dir wei� ich, dass es sicher aufgehoben ist. Du liebst ihn, und deshalb wirst Du weder ihn noch die Sache verraten. Leb wohl. Babuschka. <style name="font7">Es war ein uraltes Schulheft, schwarz mit kartoniertem Deckel. </style><emphasis>Tagebuch des Leonard Schenkendorff</emphasis>,<style name="font7"> stand darauf. Und darunter ... </style><emphasis>F�r Viktoria</emphasis> ...</p></section><section><title><p><style name="font9">Epilog</style></p></title><epigraph><p>Das Schicksal der meisten M�nner wird nicht durch die Geister bestimmt, das Schicksal der meisten M�nner bestimmt eine Frau.</p><p>(Tschirin, Sohn des gro�en Tschutschana, 1908)</p><empty-line/></epigraph><p><style name="font7">Mit einem erstickten St�hnen �ffnete Viktoria die Haust�r.</style></p><p><style name="font7">Die Hebamme schaute besorgt.�Sind Sie ganz alleine?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria nickte. Mit einer Hand hielt sie sich den hochschwangeren Bauch, w�hrend sie die Hebamme in das ansonsten menschenleere Wochenendhaus f�hrte. Die gesamte Schwangerschaft hatte sie abseits vom st�dtischen Trubel in dem kleinen blauen Ferienhaus ihrer Mutter verbracht, drau�en am Kulkwitzer See unweit von Leipzig.</style></p><p><style name="font7">Drei Monate, nachdem sie erfahren hatte, dass sie schwanger war, hatte sie sich an der Universit�t ohne Angabe von Gr�nden beurlauben lassen. Sie wollte allein sein, niemanden sehen, schon gar nicht ihre Kollegen. Es reichte ihr v�llig, wenn ihre Mutter sie permanent mit Fragen bombardierte.</style></p><p><style name="font7">�Wie konnte das passieren? Wer ist der Vater? Doch nicht der Professor oder irgendein verheirateter Mann? Was ist in Sibirien wirklich geschehen? Warum bist du so apathisch, und was ist das f�r ein schrecklicher Hund, den du von dort mitgebracht hast?�</style></p><p><style name="font7">Ajaci strich Viktoria um die Beine und schaute sie aus schr�gen grauen Augen an. Vielleicht war es falsch, nach so langer Zeit an ein Wunder zu glauben, aber hatte Leonid nicht gesagt, der Hund sei seine Zwillingsseele?</style></p><p><style name="font7">Vielleicht wird er in dem Kind wiedergeboren, dachte sie. Vielleicht ist der Hund deshalb noch am Leben - nicht wegen Leonid, sondern wegen des Kindes.</style></p><p><style name="font7">�Ich glaube, die Fruchtblase ist geplatzt�, keuchte Viktoria, w�hrend die n�chste Wehe in einer gewaltigen Welle �ber ihren gew�lbten</style></p><p><style name="font7">Leib rollte. Wenn sie �berhaupt noch leben wollte, dann f�r dieses Kind, das nun unmissverst�ndlich ans Licht dr�ngte.</style></p><p><style name="font7">�Vielleicht sollten wir doch in ein Krankenhaus wechseln�, meinte die Hebamme vorsichtig und sah sich im Schlafzimmer um. �berall Unordnung. Flaschen, Pizzaschachteln und Berge von B�chern -Bildb�nde �ber Sibirien, antiquarische B�cher �ber Schamanen und mittendrin, wie eine Insel, ein unordentliches Bett.</style></p><p><style name="font7">�Ich will keinen Arzt�, erkl�rte Viktoria fest. �Schon gar nicht will ich in ein Krankenhaus, deshalb habe ich sie hierher gerufen.�</style></p><p><style name="font7">�Gibt es denn jemanden, der sie anschlie�end versorgt?�</style></p><p><style name="font7">�Nein. Ich komme schon zurecht. Meine Mutter musste nach M�nchen. Eine Beerdigung. Meine Tante ist �berraschend verstorben.� Viktoria keuchte erneut und hielt sich den Bauch, dann setzte sie sich schwankend aufs Bett.</style></p><p><style name="font7">Der Hebamme konnte man ansehen, dass sie allergr��te Zweifel hegte, ob Viktoria nach der Geburt des Kindes allein zurechtkommen w�rde. Sie trug einen verwaschenen Jogginganzug und sah bei n�herer Betrachtung reichlich verwahrlost aus. Das dunkelblonde, halblange Haar hing ihr in Str�hnen ins bleiche Gesicht, und sie schien abgemagert zu sein. Mit einem ermutigenden L�cheln half die Hebamme Viktoria, sich auszuziehen. Dann ging sie hinaus und kehrte wenig sp�ter mit einem transportablen Wehenschreiber zur�ck.</style></p><p><style name="font7">�Die Geburt ist schon fortgeschritten� bemerkte sie nachdenklich und untersuchte anschlie�end den Muttermund. �F�nf Zentimeter�, bemerkte sie knapp. �Ich lasse Ihnen eine Wanne mit warmem Wasser ein.�</style></p><p><style name="font7">Ohne Viktorias Antwort abzuwarten, verschwand sie im Badezimmer. Ajaci hatte sich dicht neben Viktoria gelegt und sah sie treuherzig an. Er schien zu sp�ren, dass sie nicht nur gegen die starken Wehen k�mpfte.</style></p><p><style name="font7">�Mir geht es nicht gut�, hauchte Viktoria, als sie mit Hilfe der Hebamme in das hei�e Wasser glitt. Pl�tzlich drehte sich alles um sie, und zu den Schmerzen im Bauch kam eine beklemmende Atemnot. Dann wurde es kalt und dunkel, als h�tte jemand das Licht ausgeschaltet. Von ferne rief jemand ihren Namen. �Frau Vanderberg?�</style></p><p><style name="font7">Eine entspannte Gleichg�ltigkeit nahm von ihrer Seele Besitz, und sie sp�rte das angenehme Gef�hl zu schweben. Von oben konnte sie sehen, wie die Hebamme sich bem�hte, ihren K�rper aus der Wanne zu hieven, was ihr aber nicht gelang. Schlie�lich griff die Frau in gr��ter Hektik zum Telefon.</style></p><p><style name="font7">�Schicken Sie sofort einen Notarztwagen�, erkl�rte sie mit schriller Stimme und nannte Stra�e und Hausnummer. Nichtssagende Worte, wie Viktoria befand. Eine helle glei�ende Stra�e lud sie ein, in eine vollkommen andere Richtung zu gehen, und dann sah sie ihn. Er stand am Eingang, umrahmt von diesem hellen Licht, gerade so, wie er ihr in unz�hligen Visionen begegnet war. Gro�, muskul�s und mit verschr�nkten Armen versperrte er ihr den Zugang zu einem leuchtenden Tor. Er l�chelte, und dass er es wirklich war, erkannte sie nicht nur an seinen Augen, sondern auch an dem lackschwarzen, schulterlangen Haar.</style></p><p><style name="font7">Leonid! Eine unglaubliche Liebe durchflutete sie. Wie kommst du hierher? Diese stumme Frage war vollkommen �berfl�ssig - sie war tot, und er war bei ihr. Doch anstatt mit ihr hin�berzugleiten, hielt er sie auf und umarmte sie fest, bis sie mit ihm in sengender Hitze verschmolz. Ihr Ich l�ste sich auf, eine samtene Dunkelheit h�llte sie ein.</style></p><p><style name="font7">�Frau Vanderberg? Frau Vanderberg!� Jemand klatschte ihr ins Gesicht.</style></p><p><style name="font7">�Sie kommt zur�ck�, sagte eine m�nnliche Stimme.</style></p><p><style name="font7">�Frau Vanderberg.� Eine andere Stimme mischte sich ein - weiblich und unangenehm laut. �Wir haben Sie soeben von einem gesunden Jungen entbunden. Wollen Sie ihn sehen?�</style></p><p><style name="font7">Eine junge Frau hielt ihr ein schreiendes B�ndel hin. Es hatte schr�g stehende dunkle Augen und pechschwarzes Haar. Ein L�cheln huschte �ber Viktorias Lippen, gepaart mit einem bitters��en Schmerz. Das Kind lag warm und schwer auf ihrem Bauch. Ein Arzt versorgte sie mit Sauerstoff, und eine Krankenschwester half dem Kind an die Brust. Der Saugreflex war au�erordentlich stark und holte Viktoria augenblicklich in die Wirklichkeit zur�ck.</style></p><p><style name="font7">�Alles ist bestens�, versicherte ihr die Hebamme. �Sie sind im Elisabeth-Krankenhaus. Wir mussten Sie hierhin bringen. Akutes Kreislaufversagen. Aber es ist noch mal gut gegangen. Wie durch ein Wunder sind Sie zu uns zur�ckgekommen.�</style></p><p><style name="font7">�Ich habe im Traum einen Mann gesehen�, fl�sterte Viktoria. �Er hat mich aufgehalten. Wenn er nicht gewesen w�re, h�tte ich noch nicht einmal an das Kind gedacht.�</style></p><p><style name="font7">�Wenn er nicht gewesen w�re, l�gen Sie jetzt nicht hier.� Die Hebamme l�chelte unsicher. �Noch bevor Krankenwagen und Notarzt eintreffen konnten, stand er pl�tzlich in der T�r und hat sie wiederbelebt. Jetzt sitzt er drau�en auf dem Flur, zusammen mit ihrem Hund. M�chten Sie, dass wir ihn hereinlassen?�</style></p><p><style name="font7">Viktoria nickte. Immer noch glaubte sie zu tr�umen, und als sich die T�r zum Entbindungszimmer �ffnete, f�hlte sie sich erst recht am Rande einer anderen Wirklichkeit.</style></p><p><style name="font7">�Leonid ...� Mehr als ein ersticktes Fl�stern brachte sie nicht zustande. Wie ein Berg stand er da und starrte sie an. Sein b�rtiges Gesicht war regungslos. Nur die grauen Augen schimmerten feucht. Erst als er sich zu ihr hinunterbeugte und sie ganz zart k�sste und dann mit fassungsloser Miene �ber den schwarzen Schopf seines winzigen Sohnes strich, wusste sie, dass er keine Erscheinung war.</style></p><p><style name="font7">Die Hebamme l�chelte stumm, als sie die T�r hinter sich schloss, um die jungen Eltern mit ihrem Gl�ck allein zu lassen.</style></p><p><style name="font7">Viktoria wollte keine Fragen stellen, und doch konnte sie nicht umhin, es zu tun. �Man sagte mir, du w�rest tot. Sie h�tten deine Leiche zerst�ckelt in der Moskwa gefunden.� Ihre Stimme versagte.</style></p><p><style name="font7">Leonid l�chelte beschwichtigend und wiegte sie und das Kind sanft in seinen Armen. �Ich bin ein angehender Schamane. Schon vergessen? Zerst�ckelung geh�rt bei uns zum Gesch�ft.�</style></p><p><style name="font7">�O Leonid!� Sie wusste nicht, ob sie sich �ber seine Antwort �rgern oder freuen sollte.</style></p><p><style name="font7">�Es tut mir leid�, sagte er schlie�lich, �dass ich dich so lange im Ungewissen gelassen habe, aber ich musste einige Dinge kl�ren, bevor ich mich aufmachen konnte, dich zu suchen, und der Weg hierher war ziemlich lang.�</style></p><p><style name="font7">Ajaci hatte sich kurzerhand erlaubt, auf das Bettende zu springen, und machte es sich an Viktorias F��en gem�tlich.</style></p><p><style name="font7">�Was soll's�, fl�sterte sie selig. �Hauptsache, du bist hier und wirst bei uns bleiben.�</style></p><p><style name="font7">Einen Moment sp�ter wurden sie abrupt gest�rt, als der Krankenhauspfarrer die T�r aufriss und mit ernster Miene ins Zimmer schritt.</style></p><p><style name="font7">�Frau Vanderberg, so leid es mir tut, ich muss Ihnen eine traurige Mitteilung machen. Sie sind die einzige Anverwandte, die man erreichen konnte. Gott der Herr wird Ihnen beistehen in dieser dunklen Stunde.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria schaute �berrascht auf.</style></p><p><style name="font7">�Vor drei Stunden hat sich vor M�nchen ein schreckliches Busungl�ck ereignet. Ein gechartertes Fahrzeug mit Ihrer gesamten Verwandtschaft ist aus noch ungekl�rter Ursache ins Schleudern geraten. Es gab neun Tote, darunter Ihre Mutter. Wenn Sie seelischen Beistand ben�tigen, stehe ich Ihnen Tag und Nacht zur Verf�gung, und wenn Sie m�chten, k�mmere ich mich auch um die notwendigen Formalit�ten.�</style></p><p><style name="font7">Viktoria antwortete nicht. Zusammen mit Leonid, der das meiste verstanden hatte, starrte sie nur auf das schlafende Kind.</style></p><p><style name="font7">�Ich hatte es bef�rchtet�, sagte er leise.</style></p><p><style name="font7">Viktoria nickte wissend. �Wir sollten ihn Leo nennen.�</style></p></section><section><title><p><style name="font9">Personenverzeichnis</style></p></title><subtitle><style name="font7">Historischer Teil</style></subtitle><p>Agollov, Pjotr Antonowitsch<style name="font7"> - deportierter Student aus Sankt Petersburg</style></p><p>Davydova, Jekatherina Alexejewa<style name="font7"> - genannt Katja; Freundin und sp�tere Frau des Leonard Schenkendorff, Mutter seiner Tochter Viktoria </style>Eisenstein, Jakov<style name="font7"> - Leonard Schenkendorffs Vermieter in Sankt Petersburg</style></p><p>Gapon, Georgi<style name="font7"> - Pater, wichtige Figur in den Anf�ngen der russischen Revolution</style></p><p>Kondrashow, Aslan<style name="font7"> - deportierter turkmenischer Physiker </style>Lobow, Igor Igorewitsch<style name="font7"> - russischer Lagerkommandant </style>Maganhir<style name="font7"> - Schamane vom Stamm der Yanagir </style>Michajloff, Nikolaj<style name="font7"> - Geheimrat der Dritten Abteilung </style>Primanov<style name="font7"> - Doktor, der Lagerarzt im Tal ohne Wiederkehr </style>Schenkendorff, Leonard Michael<style name="font7"> - deutscher Student der Elektro-mechanik in Sankt Petersburg, genannt Leonard Michailowitsch Schenkendorff, sp�ter Leonard Michailowitsch Schenkov </style>Subbota, Egor Stephanowitsch<style name="font7"> - Oberleutnant, Adjutant der Dritten Abteilung und Offizier der Lageraufsicht im Tal ohne Wiederkehr </style>Tschirin<style name="font7"> - der junge J�mschtschik (Schlittenf�hrer), Sohn des Tschu-</style></p><p><style name="font7">tschana und sp�terer Schwiegervater Leonard Schenkendorffs </style>Tschutschana<style name="font7"> - der Schamane vom Stamm der Ilimpan und Vater von Tschirin</style></p><p>Wassiljoff, Ivan Ivanowitsch<style name="font7"> - ein Schmied aus Wyborg </style>Wassiljoff, Jekatherina<style name="font7"> - genannt Kissanka; die �lteste Tochter des Schmieds</style></p><p>Weinberg, Isaak<style name="font7"> - Professor, Lagerinsasse und Projektleiter</style></p><subtitle><style name="font7">Gegenwart</style></subtitle><p>Ajaci<style name="font7"> - ein wolfs�hnlich aussehender Laikahund</style></p><p>Aldanov, Leonid Borisowitsch<style name="font7"> - angehender Schamane und ehemaliger</style></p><p><style name="font7">Offizier der russischen Armee,Helikopterpilot und Deserteur </style>Bashtiri, Sergej Sergejewitsch<style name="font7"> - schwer reicher Oligarch und Chef der</style></p><p><style name="font7">Firma TAIMURO </style>Biborow, Kolja<style name="font7"> - Tourist-Guide im Auftrag der russischen Regierung </style>Lebenov, Andrej Semjonowitsch<style name="font7"> - ehemaliger Oberst des FSB und Bashtiris langj�hriger Weggef�hrte, Sicherheitschef der GazCom Sektion Ewenkien </style>Olguth, Vladimir<style name="font7"> - Professor, wissenschaftliche Leiter der Abgesandtschaft der Universit�t Moskau </style>Parlowa, Elena<style name="font7"> - russische �rztin und Mitarbeiterin Bashtiris </style>Rodius, Gregor<style name="font7"> - Professor, Leiter der geophysikalischen Fakult�t der</style></p><p><style name="font7">Universit�t Leipzig </style>Theisen, Sven<style name="font7"> - Geophysiker der Universit�t Leipzig </style>Schenkov, Michail Leonardowitsch<style name="font7"> - Taichin genannt, geweihter Schamane, Gro�onkel von Leonid, Sohn von Leonard Michailowitsch Schenkendorff, Bruder von Vera Leonardovna Schirova; Schwager von Makar Charitonowitsch Schirov </style>Schirov, Makar Charitonowitsch<style name="font7"> - Stammes�ltester der tungusischen Ewenken von Vanavara, Gro�vater von Leonid und Ehemann von Vera Leonardovna Schirova, Schwager von �Taichin� Michail Leonardowitsch Schenkov und Schwiegersohn von Leonard Michailowitsch Schenkendorff (nach der russischen Revolution umbenannt in Schenkov)</style></p><p>Schirova, Vera Leonardowna<style name="font7"> - Leonids Gro�mutter und Tochter von Leonard Michailowitsch Schenkendorff; Ehefrau von Makar Charitonowitsch Schirov und Schwester von �Taichin� Michail Leonardowitsch Schenkov </style>Vanderberg, Viktoria<style name="font7"> - Geophysikerin der Universit�t Leipzig</style></p></section><section><title><p><style name="font9">Begriffserkl�rung</style></p></title><p>Baranka/Baranki (Plural)<style name="font7"> - russisches Rundgeb�ck </style>Blja (phon.)<style name="font7"> - ein �u�erst unanst�ndiges russisches Schimpfwort </style>Dolguksa<style name="font7"> - traditioneller, sibirischer Birkensaft (w�ssrig, leicht s��) </style>FSB<style name="font7"> - Federalnaja Slushba Besopasnosti (F�deraler Sicherheitsdienst; Inlandsnachrichten/Geheimdienst der heutigen Russischen F�deration)</style></p><p>J�mschtschik<style name="font7"> - Bezeichnung f�r Schlittenf�hrer</style></p><p>Kascha<style name="font7"> - jegliche Art von Gr�tze (z. B. Buchweizengr�tze)</style></p><p>Narten<style name="font7"> - Sibirische Schlittenart</style></p><p>Nemez<style name="font7"> - (den Stummen, der Sprache nicht m�chtigen Fremden) altes</style></p><p><style name="font7">russisches Wort f�r einen Deutschen </style>Ochrana<style name="font7"> - Oberbegriff f�r die verschiedenen Geheimdienste und die</style></p><p><style name="font7">Geheimpolizei im zaristischen Russland </style>Pisdjenka (phon.)<style name="font7"> - unanst�ndiges, russisches Schimpfwort </style>Werst<style name="font7"> - altes L�ngenma� im zaristischen Russland, entsprach 1.066,8 Metern</style></p><p>Wjalenaja Wobla<style name="font7"> - russische Fischspezialit�t</style></p></section><section><title><p><style name="font9">Nachwort - Danksagung</style></p></title><p><style name="font7">Handlung und Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Namen, Orte/geographische Gegebenheiten und Institutionen in Deutschland und in Teilen der Russischen F�deration wurden von der Autorin im Sinne der schriftstellerischen Freiheit entsprechend ver�ndert.</style></p><p><style name="font7">Diese Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit. Am</style><style name="font4"> 30.</style><style name="font7"> Juni </style><style name="font4">1908</style><style name="font7"> ereignete sich im Gebiet der Steinigen Tunguska, einem Flusslauf in der Mitte Sibiriens, eine gewaltige Detonation, deren St�rke alle bis heute gez�ndeten Nuklearexplosionen �bertraf. Obwohl in der Folgezeit etliche Expeditionen in das betroffene Gebiet unternommen wurden, ist es bis heute nicht gelungen, eine eindeutige Erkl�rung zu den Ereignissen vor genau</style><style name="font4"> 100</style><style name="font7"> Jahren zu finden.</style></p><p><style name="font7">W�hrend meiner Recherche stie� ich auf einige interessante Sachb�cher, die sich umfassend mit dem Thema �Tunguska� besch�ftigten und damit meine Phantasie zu einer ganz eigenen �berlegung befl�gelten. In den meisten Abhandlungen wird die r�tselhafte Explosion anhand von zahlreichen Theorien beleuchtet, die von einem vermeintlichen Meteoriteneinschlag bis hin zu einer UFO-Havarie mit nuklearem Fallout reichen. Stellvertretend f�r alle Sachb�cher zum Thema �Tunguska-Ereignis von</style><style name="font4"> 1908�</style><style name="font7"> m�chte ich das Buch �Tunguska - das r�tselhafte Jahrhundertereignis� von Peter Krassa hervorheben.</style></p><p><style name="font7">Im Rahmen meiner Rechercheerl�uterungen m�chte ich zudem ausdr�cklich klarstellen, dass die in meiner Geschichte vermittelten Inhalte zum sibirischen Schamanentum in gro�en Teilen meiner schriftstellerischen Phantasie entspringen und keinen ausreichenden Einblick in die Traditionen der sibirischen Schamanen gew�hrleisten k�nnen. Wer sich �ber Schamanen und deren religi�ses Wirken informieren m�chte, dem empfehle ich Sachb�cher, z. B. von Dr. Hans Findeisen, oder antiquarische B�cher aus der Zeit um</style><style name="font4"> 1905,</style><style name="font7"> die man mitunter in Universit�tsoder Landesbibliotheken findet, mit Hinweisen zu den Sitten, Gebr�uchen und der Sprache der Ewenki-Tungusen.</style></p><p><style name="font7">Mein besonderer Dank gilt, stellvertretend f�r alle andere Recherchehelfer:</style></p><p><style name="font7">Viktoria N., einer russischen Historikerin und lieben Freundin, ohne die ich dieses Buch nicht h�tte schreiben k�nnen. In unerm�dlichem Interesse half sie mir die komplizierten politischen Verh�ltnisse der russischen Vorrevolution zwischen</style><style name="font4"> 1905</style><style name="font7"> und</style><style name="font4"> 1917</style><style name="font7"> zu entwirren. Dar�ber hinaus vermittelte sie mir einen interessanten Einblick in die moderne russische Gesellschaft - nach Glasnost und Perestrojka. Als besonders am�sant empfand ich unsere Ausfl�ge in die russischen Ess- und Trinkgewohnheiten, bei denen ich zum ersten Mal Birkensaft probierte und nun wei�, wie man eine ged�rrte Wjalenaja Wobla zu sich nimmt. Au�erdem habe ich es Viktoria zu verdanken, dass die Fahrpl�ne der Moskauer Metro f�r mich kein Buch mit sieben Siegeln mehr sind und Russland mir insgesamt ein ganzes St�ck n�hergekommen ist.</style></p><p><style name="font7">Herrn Dr. Scholz, einem Experten f�r Kernenergie und Strahlenschutz, verdanke ich fundierte Einblicke in Albert Einsteins spezielle Relativit�tstheorie von</style><style name="font4"> 1905.</style><style name="font7"> Dar�ber hinaus erkl�rte er mir mit viel Geduld, was bei einer Kernfusion geschieht und was es mit angereichertem Uran und schwerem Wasser in der Kernforschung auf sich hat. Ob sich mit diesen und anderen im Buch genannten Ingredienzien eine fr�he, von Menschenhand gesteuerte Nuklearexplosion erkl�ren l�sst, �berlasse ich meinem kritischen Publikum. Sollte ich jedoch - trotz gr�ndlicher Recherche - hier und da nicht ganz den wissenschaftlichen Kern getroffen haben, so liegt dies an mir und der mystischen Komponente dieser Geschichte, aber ganz gewiss nicht an meinem kompetenten Hinweisgeber.</style></p><p><style name="font7">Meiner lieben Freundin Monika Korn danke ich stellvertretend f�r alle Probeleser, auf die man als Autorin geradezu angewiesen ist, weil es mit jeder �berarbeitung des Textes schwieriger wird, eigene Fehler herauszufischen.</style></p><p><style name="font7">Last, but not least m�chte ich meinem Mann und meinem Sohn danken, f�r ihre Unterst�tzung beim Lesen, Kartenerstellen, f�r zahlreiche Tipps zu Equipment und geographischen Gegebenheiten und nicht zuletzt f�r das Verst�ndnis, das sie mir w�hrend des Schreibens entgegenbringen.</style></p></section></body><binary id="cover" 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