<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><author><first-name>Larsson,</first-name><middle-name/><last-name>Stieg</last-name></author><book-title>Verblendung - M�n Som Hatar Kvinnor (Millennium 1)</book-title></title-info><document-info><program-used>calibre - 0.7.24, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info></description><body><section><image l:href="#5"/><a id="calibre_link-0"/><p><a id="calibre_link-1"/></p><p><image l:href="#1.jpg"/></p><a id="calibre_link-2"/><p><a id="calibre_link-3"/></p><p><strong>Inhaltsverzeichnis</strong></p><p><emphasis><a l:href="#calibre_link-4">Das Buch</a></emphasis></p><p><emphasis><a l:href="#calibre_link-5">Der Autor</a></emphasis></p><p><emphasis><a l:href="#calibre_link-6">Prolog</a></emphasis></p><p><a l:href="#calibre_link-7">Teil I - Reizmittel</a></p><p><a l:href="#calibre_link-8">1. Kapitel - Freitag, 20. Dezember</a></p><p><a l:href="#calibre_link-9">Kapitel 2 - Freitag, 20. Dezember</a></p><p><a l:href="#calibre_link-10">3. Kapitel - Freitag, 20. Dezember - Samstag, 21. Dezember</a></p><p><a l:href="#calibre_link-11">4. Kapitel - Montag, 23. Dezember - Donnerstag, 26. Dezember</a></p><p><a l:href="#calibre_link-12">5. Kapitel - Donnerstag, 26. Dezember</a></p><p><a l:href="#calibre_link-13">6. Kapitel - Donnerstag, 26. Dezember</a></p><p><a l:href="#calibre_link-14">7. Kapitel - Freitag, 3. Januar</a></p><p><a l:href="#calibre_link-15">Teil II - Konsequenzanalyse</a></p><p><a l:href="#calibre_link-16">8. Kapitel - Freitag, 3. Januar - Sonntag, 5. Januar</a></p><p><a l:href="#calibre_link-17">9. Kapitel - Montag, 6. Januar - Mittwoch, 8. Januar</a></p><p><a l:href="#calibre_link-18">10. Kapitel - Donnerstag, 9. Januar - Freitag, 31. Januar</a></p><p><a l:href="#calibre_link-19">11. Kapitel - Samstag, 1. Februar - Dienstag, 18. Februar</a></p><p><a l:href="#calibre_link-20">12. Kapitel - Mittwoch, 19. Februar</a></p><p><a l:href="#calibre_link-21">13. Kapitel - Donnerstag, 20. Februar - Freitag, 7. M�rz</a></p><p><a l:href="#calibre_link-22">14. Kapitel - Samstag, 8. M�rz - Montag, 17. M�rz</a></p><p><a l:href="#calibre_link-23">Teil III - Fusionen</a></p><p><a l:href="#calibre_link-24">15. Kapitel - Freitag, 16. Mai - Samstag, 31. Mai</a></p><p><a l:href="#calibre_link-25">16. Kapitel - Sonntag, 1. Juni - Dienstag, 10. Juni</a></p><p><a l:href="#calibre_link-26">17. Kapitel - Mittwoch, 11. Juni - Samstag, 14. Juni</a></p><p><a l:href="#calibre_link-27">18. Kapitel - Mittwoch, 18. Juni</a></p><p><a l:href="#calibre_link-28">19. Kapitel - Donnerstag, 19. Juni - Sonntag, 29. Juni</a></p><p><a l:href="#calibre_link-29">20. Kapitel - Dienstag, 1. Juli - Mittwoch, 2. Juli</a></p><p><a l:href="#calibre_link-30">21. Kapitel - Donnerstag, 3. Juli - Donnerstag, 10. Juli</a></p><p><a l:href="#calibre_link-31">22. Kapitel - Donnerstag, 10. Juli</a></p><p><a l:href="#calibre_link-32">23. Kapitel - Freitag, 11. Juli</a></p><p><a l:href="#calibre_link-33">Teil IV - Feindliche �bernahme</a></p><p><a l:href="#calibre_link-34">24. Kapitel - Freitag, 11. Juli - Samstag, 12. Juli</a></p><p><a l:href="#calibre_link-35">25. Kapitel - Samstag, 12. Juli - Montag, 14. Juli</a></p><p><a l:href="#calibre_link-36">26. Kapitel - Dienstag, 15. Juli - Donnerstag, 17. Juli</a></p><p><a l:href="#calibre_link-37">27. Kapitel - Samstag, 26. Juli - Montag, 28. Juli</a></p><p><a l:href="#calibre_link-38">28. Kapitel - Dienstag, 29. Juli - Freitag, 24. Oktober</a></p><p><a l:href="#calibre_link-39">29. Kapitel - Samstag, 1. November - Dienstag, 25. November</a></p><p><emphasis><a l:href="#calibre_link-40">EPILOG: REVISION</a></emphasis></p><p><emphasis><a l:href="#calibre_link-41">Vorschau</a></emphasis></p><p><emphasis><a l:href="#calibre_link-42">Copyright</a></emphasis></p><a id="calibre_link-43"/><p><a id="calibre_link-44"/></p><p>Das Buch</p><p>An seinem 82. Geburtstag erh�lt der einflussreiche Industrielle Henrik Vanger per Post anonym ein Geschenk. Das Paket enth�lt eine gepresste Bl�te hinter Glas, genau wie in den 43 Jahren zuvor. Vangers Lieblingsnichte Harriet hatte ihm 1958 zum ersten Mal dieses Geschenk gemacht, doch dann verschwand sie spurlos. Ihr Leichnam wurde nie gefunden.</p><p>In einer letzten Anstrengung beschlie�t Vanger herauszufinden, was dem geliebten M�dchen tats�chlich zustie�. Er engagiert den Journalisten Mikael Blomkvist, der, getarnt als Biograf, bald auf erste Spuren st��t. Unterst�tzt wird er von der jungen Ermittlerin Lisbeth Salander, einem virtuosen Computergenie mit messerscharfem Verstand. Je tiefer Blomkvist und Salander in der Vangerschen Familiengeschichte graben, desto grauenvoller sind die Enth�llungen.</p><p>�Brillante Unterhaltung f�r anspruchsvolle Krimifans.� <emphasis>M�nchner Merkur</emphasis></p><p>�Stieg Larsson verquickt raffiniert die Erz�hlstr�nge, dass man der Aufl�sung f�rmlich entgegenfiebert.� <emphasis>TV Spielfilm</emphasis></p><p>�Einer der spannendsten Skandinavien-Krimis, die derzeit auf dem Markt sind.� <emphasis>Westfalenpost</emphasis></p><a id="calibre_link-45"/><p><a id="calibre_link-46"/></p><p>Der Autor</p><p>Stieg Larsson, 1954 in Ume�, Schweden, geboren, war Journalist und Herausgeber des Magazins EXPO. 2004 starb er an den Folgen eines Herzinfarkts. Er galt als einer der weltweit f�hrenden Experten f�r Rechtsextremismus und Neonazismus. 2006 wurde er postum mit dem Skandinavischen Krimipreis als bester Krimiautor Skandinaviens geehrt. Sein Deb�troman  <emphasis>Verblendung</emphasis> wurde vom schwedischen Buchhandel zum besten Buch des Jahres 2005 gew�hlt. Es ist der erste Band einer Trilogie, die der Autor vor seinem Tod vollenden konnte und die bei Heyne erscheint.</p><a id="calibre_link-47"/><p><a id="calibre_link-48"/></p><p><strong>Prolog</strong></p><p><strong>Freitag, 1. November</strong></p><p>Es wiederholte sich allj�hrlich. Der Empf�nger der Blume feierte seinen zweiundachtzigsten Geburtstag. Sowie die Blume bei ihm angekommen war, �ffnete er das Paket und entfernte das Geschenkpapier. Danach griff er zum Telefonh�rer und w�hlte die Nummer eines ehemaligen Kriminalkommissars, der sich nach seiner Pensionierung am Siljan-See niedergelassen hatte. Die beiden M�nner waren nicht nur gleich alt, sie waren sogar am selben Tag geboren, was in diesem Zusammenhang nicht einer gewissen Ironie entbehrte. Der Kommissar wusste, dass der Anruf um elf Uhr morgens nach der Postzustellung eingehen w�rde, und trank Kaffee, w�hrend er wartete. Dieses Jahr klingelte das Telefon bereits um halb elf. Er nahm den H�rer ab und sagte hallo, ohne sich mit Namen zu melden.</p><p>�Sie ist angekommen.�</p><p>�Was f�r eine ist es dieses Jahr?�</p><p>�Keine Ahnung, was das f�r eine Blume ist. Ich werde sie bestimmen lassen. Wei� ist sie.�</p><p>�Kein Brief, nehme ich mal an?�</p><p>�Nein. Nur die Blume, sonst nichts. Der Rahmen ist derselbe wie letztes Jahr. So ein Billigrahmen zum Selberzusammenbauen.�</p><p>�Poststempel?�</p><p>�Stockholm.�</p><p>�Handschrift?�</p><p>�Wie immer, alles in Gro�buchstaben. Gerade, ordentliche Buchstaben.�</p><p>Damit war das Thema ersch�pft, und ein paar Minuten sa�en die beiden schweigend am jeweiligen Ende der Leitung. Der pensionierte Kommissar lehnte sich am K�chentisch zur�ck und zog an seiner Pfeife. Er wusste jedoch, dass von ihm keine erl�sende oder bestechend intelligente Frage mehr erwartet wurde, die ein neues Licht auf diese Angelegenheit h�tte werfen k�nnen. Diese Zeiten waren seit vielen Jahren vorbei, und das Gespr�ch der beiden alternden M�nner hatte beinahe schon den Charakter eines Rituals - eines Rituals um ein Mysterium, dessen L�sung keinen anderen Menschen auf der ganzen Welt interessierte.</p><p>Ihr lateinischer Name lautete <emphasis>Leptosperum (Myrtyceae) Rubinette</emphasis>. Ein wenig imposantes Strauchgew�chs mit kleinen, heidekraut�hnlichen Bl�ttern und einer zwei Zentimeter gro�en wei�en Bl�te mit f�nf Kronenbl�ttern. Sie war ungef�hr zw�lf Zentimeter hoch.</p><p>Das Gew�chs stammte urspr�nglich aus den australischen Busch- und Gebirgsgegenden, wo es in kr�ftigen B�scheln wuchs. In Australien nannte man es <emphasis>desert snow</emphasis>. Sp�ter sollte eine Expertin von einem botanischen Garten in Uppsala feststellen, dass es sich um eine ungew�hnliche Pflanze handelte, die nur selten in Schweden gezogen wurde. In ihrem Gutachten schrieb die Botanikerin, dass die <emphasis>Rubinette</emphasis> mit der Rosenmyrte verwandt war und oft mit ihrer viel h�ufiger auftretenden Cousine, <emphasis>Leptospermum Scoparium</emphasis>, verwechselt wurde, die in Neuseeland sehr verbreitet war. Wie sie erkl�rte, bestand der Unterschied darin, dass die <emphasis>Rubinette</emphasis> ein paar mikroskopisch kleine rosa Punkte an der Spitze der Kronenbl�tter aufwies, was ihnen einen leichten Rosaschimmer verlieh.</p><p>Die <emphasis>Rubinette</emphasis> war im Gro�en und Ganzen eine verbl�ffend anspruchslose Blume. Wirtschaftlichen Wert hatte sie �berhaupt nicht. Soviel man wusste, besa� sie keine Heilkr�fte und enthielt auch keine halluzinogenen Substanzen. Man konnte sie weder essen noch als Gew�rz verwenden, und f�r die Erzeugung pflanzlicher Farbstoffe war sie ebenfalls wertlos. F�r die australischen Ureinwohner, die Aborigines, hatte sie hingegen eine gewisse Bedeutung, da diese das Gebiet und die Flora rund um den Ayers Rock traditionell als heilig betrachteten. Der einzige Daseinszweck dieser Blume schien also darin zu bestehen, ihre Umgebung mit ihrer unbest�ndigen Sch�nheit zu erfreuen.</p><p>In ihrem Gutachten schrieb die Botanikerin, dass der <emphasis>desert snow</emphasis> in Australien schon ungew�hnlich war, in Skandinavien aber geradezu eine Rarit�t. Sie selbst hatte noch nie ein Exemplar zu Gesicht bekommen, doch als sie Kollegen zurate zog, erfuhr sie, dass man versucht hatte, diese Pflanze in einem Garten in G�teborg einzuf�hren, und dass es denkbar war, dass sie hie und da privat angepflanzt wurde, von Blumenliebhabern und Amateurbotanikern in ihren eigenen kleinen Gew�chsh�usern. Die Blume war in Schweden nur schwer zu ziehen, weil sie ein mildes und trockenes Klima ben�tigte und w�hrend des Winterhalbjahres in einem geschlossenen Raum stehen musste. F�r kalkhaltigen Boden war sie ungeeignet. Das Wasser musste ihr von unten her zugef�hrt werden, direkt an die Wurzeln. Man musste schon ein H�ndchen f�r sie haben.</p><p>Dass diese Blume in Schweden derart selten war, h�tte die Suche nach ihrer Herkunft theoretisch erleichtern m�ssen, aber praktisch gesehen war das eine unl�sbare Aufgabe. Man konnte weder in Registern nachschlagen noch Lizenzen �berpr�fen. Niemand wusste, wie viele private Blumenz�chter sich �berhaupt darum bem�ht hatten, eine so schwer zu kultivierende Blume zu ziehen - alles war m�glich, von einem einzelnen bis hin zu mehreren hundert Blumenfans, die Zugang zu Samen oder Pflanzen hatten. Die konnten entweder privat gekauft oder �ber den Postweg von einem anderen Z�chter oder jedem beliebigen botanischen Garten in Europa bestellt werden. Man konnte sie sogar direkt von einer Australienreise mitbringen. Mit anderen Worten: Unter den Millionen von Schweden, die ein kleines Gew�chshaus oder auch nur einen Blumentopf im Wohnzimmerfenster hatten, ausgerechnet diesen einen Z�chter herauszufinden, war ein hoffnungsloses Unterfangen.</p><p>Diese Blume war nur eines der vielen r�tselhaften Exemplare, die jedes Jahr am 1. November in einem gef�tterten Umschlag eintrafen. Jedes Jahr war es eine andere Art, aber es waren stets sch�ne und meistens relativ seltene Blumen. Wie immer war die Blume gepresst, sorgf�ltig auf Aquarellpapier gelegt und hinter Glas in einem einfachen Rahmen mit dem Format 29 x 16 Zentimeter befestigt worden.</p><p>Das Geheimnis um die Blumen war den Massenmedien oder der Allgemeinheit nie bekannt geworden, sondern nur einem ausgew�hlten Kreis. Vor drei Jahrzehnten war das j�hrliche Eintreffen der Blume Gegenstand von Analysen des Staatlichen Kriminaltechnischen Laboratoriums gewesen; Experten f�r Fingerabdr�cke und Grafologen, Ermittler und ein paar Verwandte und Freunde des Empf�ngers hatten sich mit dem R�tsel besch�ftigt. Nun bestand der Kreis der Akteure nur mehr aus drei Personen: dem alternden Geburtstagskind, dem pensionierten Polizisten und nat�rlich dem Unbekannten, der das Geschenk geschickt hatte. Da sich zumindest die beiden Erstgenannten bereits in einem so respektablen Alter befanden, dass es Zeit wurde, sich auf das Unausweichliche vorzubereiten, w�rde sich der Kreis der Interessierten bald noch verkleinern.</p><p>Der pensionierte Polizist war ein mit allen Wassern gewaschener Veteran. Er w�rde niemals seinen ersten Einsatz vergessen, bei dem er einen gewaltt�tigen und schwer betrunkenen Anlagenmechaniker festgenommen hatte, bevor dieser sich selbst oder anderen weiteren Schaden zuf�gen konnte. Im Laufe seiner Karriere hatte er Wilderer, pr�gelnde Ehem�nner, Betr�ger, Autodiebe und anges�uselte Autofahrer eingesperrt. Er war Einbrechern, R�ubern, Dealern, Sexualverbrechern und mindestens einem mehr oder weniger geisteskranken Sprengstoffattent�ter begegnet. An neun Ermittlungen in Mord- beziehungsweise Totschlagsf�llen war er beteiligt gewesen. Davon waren f�nf so verlaufen, dass der T�ter selbst die Polizei angerufen und voller Reue gestanden hatte, er habe seine Frau oder seinen Bruder oder einen anderen ihm nahe stehenden Menschen get�tet. Von den Morden wurden zwei nach ein paar Tagen aufgekl�rt und einer nach zwei Jahren mit Hilfe der Reichskrimininalbeh�rde.</p><p>Der neunte Fall war aus polizeilicher Sicht gel�st, sprich, die Ermittler kannten den M�rder, aber die Beweislage war so unsicher, dass der Staatsanwalt beschlossen hatte, den Fall ruhen zu lassen. Die Angelegenheit wurde dann zur Erbitterung des Kommissars f�r verj�hrt erkl�rt. Aber im Gro�en und Ganzen konnte er auf eine erfolgreiche Karriere zur�ckblicken und h�tte mit seiner Arbeit zufrieden sein k�nnen.</p><p>Doch er war alles andere als zufrieden.</p><p>F�r den Kommissar steckte <emphasis>Der Fall mit den Gepressten Blumen</emphasis> in seinem Berufsleben wie ein kleiner Stachel, den er einfach nie hatte entfernen k�nnen - ein frustrierender Fall, dessen L�sung immer noch ausstand, obwohl er ihm, verglichen mit anderen F�llen, doch am meisten Zeit gewidmet hatte.</p><p>Die Situation war umso komplizierter, da er nach buchst�blich Tausenden von durchgr�belten Stunden w�hrend und  au�erhalb seiner Dienstzeiten nicht einmal mit Sicherheit sagen konnte, ob �berhaupt ein Verbrechen begangen worden war.</p><p>Wie die beiden M�nner wussten, hatte die Person, die die Blumen gepresst und gerahmt hatte, Handschuhe getragen, denn weder auf dem Rahmen noch auf dem Glas waren Fingerabdr�cke zu finden. Sie wussten, dass es unm�glich war, den Absender aufzusp�ren. Sie wussten, dass man solche Rahmen in Fotol�den oder Schreibwarengesch�ften auf der ganzen Welt kaufen konnte. Es gab einfach keine Spur, der die Ermittler h�tten folgen k�nnen. Und die Poststempel wechselten st�ndig: Meistens kamen sie aus Stockholm, je zweimal aus Paris und Kopenhagen, je einmal aus Madrid, Bonn sowie - was sicherlich das gr��te R�tsel war - aus Pensacola, USA. Im Gegensatz zu den anderen Namen war Pensacola so unbekannt, dass der Kommissar die Stadt in einem Atlas nachschlagen musste.</p><p>Nachdem sie sich verabschiedet hatten, blieb der zweiundachtzigj�hrige Jubilar eine Weile ganz still sitzen und betrachtete die sch�ne, aber bedeutungslose Blume, von der er noch nicht einmal den Namen kannte. Dann hob er den Blick zur Wand �ber seinem Schreibtisch. Dort hingen dreiundvierzig gepresste Blumen hinter Glas in ihren Rahmen; vier Reihen mit jeweils zehn Blumen und eine noch nicht abgeschlossene Reihe mit f�nf. In der obersten Reihe fehlte eine. Platz Nummer zehn war ebenfalls leer. <emphasis>Desert Snow</emphasis> w�rde die Nummer vierundvierzig werden.</p><p>Zum ersten Mal geschah aber etwas, was das Muster der fr�heren Jahre durchbrach. Ganz pl�tzlich und ohne jede Vorwarnung begann er zu weinen. Er wunderte sich selbst �ber diesen j�hen Gef�hlsausbruch nach fast vierzig Jahren.</p><a id="calibre_link-49"/><p><a id="calibre_link-50"/></p><p><strong>Teil I</strong></p><p><strong>Reizmittel</strong></p><p><strong>20. Dezember bis 3. Januar</strong></p><p>18% aller schwedischen Frauen �ber f�nfzehn sind schon einmal von einem Mann bedroht worden.</p><a id="calibre_link-51"/><p><a id="calibre_link-52"/></p><p><strong>1. Kapitel</strong></p><p><strong>Freitag, 20. Dezember</strong></p><p>Der Prozess war unbestreitbar vor�ber, und alles, was es zu sagen gab, war bereits gesagt worden. Er hatte keine Sekunde daran gezweifelt, dass er verurteilt werden w�rde. Das schriftliche Urteil war am Freitagmorgen um zehn Uhr ergangen, und nun stand nur noch der abschlie�ende Bericht der Reporter aus, die im Korridor vor dem Gerichtssaal warteten.</p><p>Mikael Blomkvist sah sie durch die ge�ffnete T�r und z�gerte kurz. Er wollte den Urteilsspruch, der gerade �ber ihn verh�ngt worden war, nicht diskutieren, aber die Fragen waren unvermeidlich, und wenn irgendjemand wusste, dass sie gestellt und beantwortet werden mussten, dann er. So f�hlt es sich also an, ein Verbrecher zu sein, dachte er. Auf der falschen Seite des Mikrofons zu stehen. Er streckte sich verlegen und versuchte, sich ein L�cheln abzuringen. Die Reporter l�chelten zur�ck und nickten ihm freundlich, fast ein wenig versch�mt zu.</p><p>�Mal sehen � <emphasis>Aftonbladet</emphasis>, <emphasis>Expressen</emphasis>, <emphasis>TT, TV4</emphasis> und � wo bist du denn her � ach ja, <emphasis>Dagens Industri</emphasis>. Ich muss ber�hmt geworden sein�, stellte Mikael Blomkvist fest.</p><p>�Geben Sie uns ein Statement, <emphasis>Kalle Blomkvist</emphasis>�, sagte der Reporter der einen Abendzeitung.</p><p>Mikael Blomkvist, dessen vollst�ndiger Name Carl Mikael Blomkvist lautete, unterdr�ckte den Impuls, die Augen zu verdrehen, wie immer, wenn er seinen Spitznamen h�rte. Vor zwanzig Jahren, als er im Alter von dreiundzwanzig gerade seine Journalistenkarriere mit einer ersten Vertretung begann, hatte Mikael Blomkvist - eigentlich ohne eigenes Verdienst - eine Bankr�uberbande hochgehen lassen, die innerhalb von zwei Jahren f�nf aufsehenerregende Dinger gedreht hatte. Dass es in allen F�llen dieselbe Bande war, stand v�llig au�er Zweifel; ihre Spezialit�t bestand n�mlich darin, in kleinen Gemeinden aufzutauchen und dort mit milit�rischer Pr�zision eine oder zwei Banken auf einmal zu �berfallen. S�mtliche Beteiligte trugen Walt-Disney-Masken aus Gummi und wurden mit nicht ganz abwegiger Polizeilogik auf den Namen �Donald Duck-Bande� getauft. Die Zeitungen �nderten diesen Namen in �Die Panzerknacker�, was ein bisschen ernsthafter klang und dem Umstand Rechnung trug, dass die Bande bei zwei �berf�llen planlos und ohne jede R�cksicht Warnsch�sse abgefeuert und Passanten oder neugierige Gaffer mit der Waffe bedroht hatte.</p><p>Den siebten Coup landete sie in �sterg�tland mitten im Hochsommer. Ein Reporter vom Lokalradio hatte sich rein zuf�llig in der Bank aufgehalten, als der �berfall stattfand, und zeigte eine Reaktion wie aus dem Diensthandbuch f�r Journalisten. Sowie die T�ter die Bank verlassen hatten, ging er zu einer Telefonzelle vor der Bank, rief seinen Sender an und gab die Nachricht live durch.</p><p>Mikael Blomkvist hatte damals eine Weile als Vertretung bei einer Lokalzeitung gearbeitet und verbrachte gerade mehrere Tage mit einer weiblichen Bekannten im Sommerh�uschen ihrer Eltern in der N�he von Katrineholm. Wie er eigentlich auf die Querverbindung zwischen seinen Beobachtungen und dem Fall gekommen war, konnte er selbst nicht sagen, als ihn die Polizei befragte. Aber als er die Nachrichten h�rte, fielen ihm sofort die vier Typen ein, die in einem zirka hundert Meter entfernten Sommerh�uschen wohnten. Ein paar Tage  zuvor, als er auf dem Weg zum Eis-Kiosk mit seiner Freundin bei ihnen vorbeigegangen war, hatte er sie im Garten Federball spielen sehen.</p><p>Alles, was er gesehen hatte, waren vier blonde, durchtrainierte junge M�nner in Shorts mit nacktem Oberk�rper gewesen. Ganz offensichtlich betrieben sie Bodybuilding, und irgendetwas an diesem Bild mit den vier Federball spielenden jungen M�nnern hatte ihn ein zweites Mal hinsehen lassen - vielleicht, weil sie sich ihr Match in gnadenloser Sonnenglut lieferten, mit einer gewaltsam konzentrierten Energie, wie er fand. Irgendwie sah das Ganze nicht nach harmlosem Zeitvertreib aus.</p><p>Es gab keinen rationalen Grund, sie f�r Bankr�uber zu halten, aber trotzdem war er zu einen Spaziergang aufgebrochen und hatte sich auf einen H�gel gekauert, von dem aus er ihre H�tte im Blick hatte. Nach ungef�hr vierzig Minuten kam die Clique in einem Volvo angefahren und parkte den Wagen auf dem Grundst�ck. Sie schienen es eilig zu haben, und jeder von ihnen schleppte eine Sporttasche, was an und f�r sich nichts bedeuten musste, denn sie konnten ja genauso gut irgendwo beim Baden gewesen sein. Aber einer von ihnen ging noch einmal zum Auto zur�ck und holte einen Gegenstand heraus, den er schnell mit einer Sportjacke verh�llte. Sogar von seinem relativ weit entfernten Beobachtungsposten aus konnte Mikael feststellen, dass es sich um eine ziemlich alte AK4 handelte, genau den Typ Gewehr, der vor nicht allzu langer Zeit w�hrend des einj�hrigen Wehrdienstes sein st�ndiger Begleiter gewesen war. Er rief also die Polizei an und erz�hlte ihnen von seiner Beobachtung. Das war der Auftakt zu einer drei Tage dauernden, von den Medien intensiv verfolgten Belagerung des Sommerh�uschens gewesen. Mikael stand im Rampenlicht und erhielt ein gro�z�gig bemessenes Freelancer-Honorar von einer der beiden Abendzeitungen. Die Polizei richtete ihr Hauptquartier n�mlich in einem Wohnwagen ein, der auf dem  Grundst�ck des Sommerh�uschens stand, in dem Mikael wohnte.</p><p>Der Fall mit den �Panzerknackern� verschaffte Mikael genau den Starstatus, den er als junger Journalist in der Branche ben�tigte. Die Kehrseite des Ruhmes war, dass die andere Abendzeitung es sich nicht verkneifen konnte, mit �Kalle Blomkvist hat den Fall gel�st� zu titeln. Der sp�ttische Text stammte von einer �ltlichen Kolumnistin und enthielt ein Dutzend Verweise auf Astrid Lindgrens kleinen Detektiv. Obendrein hatten sie noch ein grobk�rniges Foto abgedruckt, auf dem es so aussah, als w�rde Mikael einem uniformierten Polizisten mit erhobenem Zeigefinger irgendwelche Anweisungen erteilen. Dabei hatte er ihm nur den Weg zum Plumpsklo beschrieben.</p><p>Es spielte keine Rolle, dass Mikael Blomkvist seinen ersten Namen, Carl, niemals verwendet und auch keinen Artikel jemals mit Carl Blomkvist unterzeichnet hatte. Von diesem Moment an war er zu seiner Verzweiflung bei den Kollegen als  <emphasis>Kalle Blomkvist</emphasis> bekannt - ein Spitzname, den man sp�ttisch stichelnd benutzte, nicht unfreundlich, aber auch nicht wirklich freundlich. Nichts gegen Astrid Lindgren - er liebte ihre B�cher, aber er hasste seinen Spitznamen. Es brauchte mehrere Jahre und weitaus gewichtigere journalistische Verdienste, bis sein Spitzname langsam in Vergessenheit geriet. Trotzdem zuckte er immer noch zusammen, wenn dieser Name in seiner Anwesenheit fiel. So wie in diesem Moment.</p><p>Er zwang sich zu einem L�cheln und sah dem Reporter der Abendzeitung in die Augen, der sagte: �Ach, komm, denk dir doch einfach was aus. Du dichtest dir deine Texte doch immer zusammen.�</p><p>Der Ton war nicht unfreundlich. Sie waren ja alle mehr oder weniger miteinander bekannt, und au�erdem waren Mikaels schlimmste Kritiker gar nicht erst aufgetaucht. Mit einem von  ihnen hatte er fr�her zusammengearbeitet, und auf einem Fest vor ein paar Jahren w�re es ihm beinahe gelungen, eine andere aufzurei�en - eine Mitarbeiterin von <emphasis>TV4.</emphasis></p><p>�Sie haben ja ganz sch�n was auf die Nase bekommen da drinnen�, kam es von <emphasis>Dagens Industri</emphasis> - ganz offensichtlich hatten sie eine junge Sommeraushilfe geschickt.</p><p>�Tja, das muss man wohl so sagen�, gab Mikael zu. Etwas anderes konnte er schlecht behaupten.</p><p>�Wie f�hlt sich das an?�</p><p>Trotz der ernsten Lage konnten es sich weder Mikael noch die �lteren Journalisten verkneifen, bei dieser Frage den Mund zu verziehen. Mikael tauschte einen Blick mit <emphasis>TV4. Wie f�hlt sich das an?</emphasis> Das war nach der einhelligen Meinung aller seri�ser Journalisten die Standardfrage, die bescheuerte Sportreporter hinter der Ziellinie atemlosen Sportlern stellten. Aber dann wurde er gleich wieder ernst.</p><p>�Ich kann nat�rlich nur bedauern, dass das Gericht nicht zu einem anderen Urteil gekommen ist�, antwortete er f�rmlich.</p><p>�Drei Monate Haft und 150 000 Kronen Schadenersatz sind eine empfindliche Strafe�, sagte die Journalistin von <emphasis>TV4.</emphasis></p><p>�Ich werd�s �berleben.�</p><p>�Werden Sie Wennerstr�m um Entschuldigung bitten? Ihm die Hand geben?�</p><p>�Nein, das glaube ich kaum. Meine Meinung zu Herrn Wennerstr�ms Gesch�ftsmoral hat sich nicht nennenswert ge�ndert.�</p><p>�Wollen Sie damit sagen, dass Sie ihn immer noch f�r einen Schurken halten?�, fragte <emphasis>Dagens Industri</emphasis> schnell.</p><p>Diese Frage legte eine Antwort nahe, die leicht in eine verheerende Schlagzeile m�nden konnte, und Mikael h�tte nur zu leicht auf dieser Bananenschale ausrutschen k�nnen, wenn ihm der Reporter sein Mikrofon nicht gar so �bereifrig vors Gesicht geschoben h�tte. Er �berlegte sich seine Antwort ein paar Sekunden.</p><p>Das Gericht hatte gerade festgestellt, dass Mikael Blomkvist den Industriellen Hans-Erik Wennerstr�m in seiner Ehre verletzt hatte. Mikael war wegen �bler Nachrede verurteilt worden. Die Verhandlung war abgeschlossen, und er hatte auch nicht vor, Berufung einzulegen. Aber was w�rde passieren, wenn er seine Behauptungen unvorsichtigerweise schon auf der Treppe vor dem Gericht wiederholte? Er beschloss, die entsprechende Antwort zu umgehen.</p><p>�Ich fand, dass ich gute Gr�nde hatte, meine Angaben zu ver�ffentlichen. Das Gericht hat das anders gesehen, und ich muss selbstverst�ndlich akzeptieren, dass der Prozess der Rechtsfindung damit abgeschlossen ist. Jetzt werden wir in der Redaktion das Urteil gr�ndlich diskutieren, bevor wir beschlie�en, wie wir weiter verfahren. Mehr kann ich dazu momentan nicht sagen.�</p><p>�Aber Sie haben au�er Acht gelassen, dass man als Journalist seine Behauptungen auch beweisen k�nnen muss�, sagte die Mitarbeiterin von <emphasis>TV4</emphasis> mit einem scharfen Unterton in der Stimme. Dieser Bemerkung konnte er nichts entgegensetzen. Sie waren gute Freunde gewesen. Ihr Gesichtsausdruck war neutral, aber Mikael glaubte einen Hauch von Entt�uschung und Missbilligung in ihren Augen auszumachen.</p><p>Mikael Blomkvist blieb stehen und beantwortete noch ein paar qu�lende Minuten lang weitere Fragen. Die Frage, die unausgesprochen in der Luft lag und die kein Reporter zu stellen wagte - vielleicht wegen der Peinlichkeit und Unverst�ndlichkeit der gesamten Situation -, war die, wie Mikael nur einen Text hatte schreiben k�nnen, der jeder Substanz entbehrte. Die Reporter vor Ort, die Urlaubsvertretung von <emphasis>Dagens Industri</emphasis> mal ausgenommen, waren allesamt gestandene Journalisten. Die Antwort auf diese Frage lag f�r sie jenseits der Grenzen des Begreiflichen.</p><p>Die Kollegin von <emphasis>TV4</emphasis> bat ihn, sich vor die T�r des Amtsgerichts zu stellen, und interviewte ihn separat vor der Kamera.  Sie war freundlicher, als er es verdient hatte, und er gab gen�gend brauchbare Statements ab, um alle Reporter zufriedenzustellen. Die Story w�rde in die Schlagzeilen kommen - das war unvermeidbar -, aber er rief sich in Erinnerung, dass es sich hier nicht wirklich um ein spektakul�res Medienereignis handelte. Die Reporter waren bald zufrieden und zogen sich in ihre Redaktionen zur�ck.</p><p>Zun�chst hatte er nur vorgehabt, spazieren zu gehen, aber es war ein windiger Dezembertag, und nach dem Interview war ihm schon kalt genug. Erst als er alleine auf der Treppe vorm Amtsgericht stand, hob er den Blick und sah William Borg aus einem Auto steigen, in dem er w�hrend des Interviews gesessen hatte. Borg l�chelte, als ihre Blicke sich trafen.</p><p>�Allein, um dich mit diesem Zettel in der Hand da stehen zu sehen, h�tte sich das Herkommen schon gelohnt.�</p><p>Mikael antwortete nicht. William Borg und Mikael Blomkvist kannten sich seit f�nfzehn Jahren. Sie hatten fr�her gemeinsam als Vertretung f�r den Wirtschaftsteil einer Morgenzeitung gearbeitet. Vielleicht h�tte man einfach sagen k�nnen, dass die Chemie zwischen den beiden nicht stimmte. Auf jeden Fall war damals der Grundstein zu einer lebenslangen Feindschaft gelegt worden. Borg war in Mikaels Augen ein erb�rmlicher Reporter und ein unangenehmer, kleinlicher, rachs�chtiger Mensch, der seine Umwelt mit d�mlichen Witzen drangsalierte und sich abf�llig �ber �ltere und erfahrenere Reporter �u�erte. Gegen �ltere Journalistinnen schien er eine ganz besondere Abneigung zu hegen. Mikael und er hatten einen ersten Streit gehabt, gefolgt von weiterem unerfreulichem Hin und Her, bis ihre Gegnerschaft schlie�lich zu einer pers�nlichen Angelegenheit geworden war.</p><p>�ber die Jahre hinweg waren Mikael und William Borg regelm��ig aneinandergeraten, aber erst gegen Ende der neunziger Jahre richtige Feinde geworden. Mikael hatte ein Buch  �ber Wirtschaftsjournalismus verfasst und flei�ig aus einer Anzahl d�mmlicher Artikel zitiert, f�r die Borg verantwortlich zeichnete. Mikael stellte Borg als Wichtigtuer dar, der die meisten Fakten in den falschen Hals kriegte und Lobeshymnen auf Dotcom-Firmen schrieb, mit denen es dann schnurstracks den Bach runterging. Borg hatte keinen Gefallen an Mikaels Analyse gefunden, und bei einem zuf�lligen Zusammentreffen in einer Kneipe in S�der war es beinahe zu Handgreiflichkeiten gekommen. Ungef�hr zur gleichen Zeit kehrte Borg dem Journalismus den R�cken und arbeitete nun zu wesentlich h�herem Lohn als Pressesprecher f�r ein Unternehmen, das obendrein zu Hans-Erik Wennerstr�ms gesch�ftlichem Interessengebiet geh�rte.</p><p>Sie musterten sich eine Weile, bevor Mikael auf dem Absatz kehrtmachte und davonging. Typisch Borg, zum Amtsgericht fahren, blo� um sich hinzustellen und ihn auszulachen.</p><p>Der 40er-Bus hielt gerade, und Mikael stieg zu, um von diesem Ort zu verschwinden. Am Fridhelmsplan stieg er aus und blieb unentschlossen an der Haltestelle stehen, sein schriftliches Urteil immer noch in der Hand. Zu guter Letzt beschloss er, zum Caf� Anna hin�berzugehen, das in der N�he der Garageneinfahrt des Polizeigeb�udes lag.</p><p>Keine drei�ig Sekunden nachdem er sich einen Caf� latte und ein belegtes Br�tchen bestellt hatte, begannen die Zw�lf-Uhr-Nachrichten im Radio. Die Story kam an dritter Stelle, nach dem Selbstmordattent�ter in Jerusalem und der Meldung, dass die Regierung eine Kommission eingesetzt hatte, um eine neue angebliche Kartellbildung in der Bauindustrie zu untersuchen.</p><p><emphasis>�Der Journalist Mikael Blomkvist von der Zeitschrift</emphasis>  Millennium <emphasis>wurde am Donnerstagmorgen zu drei Monaten Haft wegen b�swilliger Verleumdung des Industriellen Hans-Erik Wennerstr�m verurteilt. In einem viel beachteten Artikel �ber die sogenannte Minos-Aff�re hatte Blomkvist behauptet, dass Wennerstr�m staatliche Mittel, die f�r Investitionen in Polen genehmigt worden waren, stattdessen f�r Waffengesch�fte veruntreut habe. Mikael Blomkvist wurde zu Schadenersatzzahlungen in H�he von 150 000 Kronen verurteilt. In einem Kommentar sagte Wennerstr�ms Anwalt, Bertil Camnermarker, sein Mandant sei mit dem Urteil zufrieden. Seiner Meinung nach handele es sich in diesem Fall um eine au�erordentlich b�swillige Verleumdung.�</emphasis></p><p>Auf dem Papier war das Urteil sechsundzwanzig Seiten lang. Es erl�uterte den sachlichen Grund, warum er in f�nfzehn Punkten der b�swilligen Verleumdung des Gesch�ftsmannes Hans-Erik Wennerstr�m f�r schuldig befunden worden war. Mikael stellte fest, dass ihn jeder dieser Punkte 10 000 Kronen und sechs Tage Gef�ngnis kostete. Abgesehen von den Kosten des Verfahrens und dem Honorar f�r seinen eigenen Anwalt. Er konnte sich nicht ansatzweise ausmalen, wie die Gesamtrechnung aussehen w�rde, musste jedoch zugeben, dass es auch schlimmer h�tte kommen k�nnen; immerhin hatte sich das Gericht in sieben Punkten entschlossen, ihn freizusprechen.</p><p>Je l�nger er die Formulierungen des Urteils las, umso deutlicher braute sich in seiner Magengegend ein unangenehmes Gef�hl zusammen. Dieses Gef�hl �berraschte ihn. Bereits zu Beginn der Verhandlung war ihm klar gewesen, dass er verurteilt werden w�rde, wenn nicht ein Wunder geschah. Er hatte die zwei Verhandlungstage relativ unbek�mmert abgesessen und anschlie�end noch elf Tage gewartet, bis das hohe Gericht zu Ende �berlegt und den Text formuliert hatte, den er jetzt in H�nden hielt, ohne das Geringste dabei zu empfinden. Erst jetzt, da der Prozess vorbei war, befiel ihn Unbehagen.</p><p>Als er ein St�ck von seinem Br�tchen abgebissen hatte, schien der Bissen in seinem Mund pl�tzlich aufzuquellen. Er konnte kaum noch schlucken und schob das Br�tchen schlie�lich beiseite.</p><p>Es war das erste Mal, dass Mikael Blomkvist verurteilt worden war - �berhaupt das erste Mal, dass man ihn eines Vergehens verd�chtigt und angeklagt hatte. Eigentlich handelte es sich um eine vergleichsweise harmlose Verfehlung. Es ging ja nicht um bewaffneten Raub�berfall, Mord oder Vergewaltigung. Finanziell gesehen traf ihn das Urteil freilich empfindlich. <emphasis>Millennium</emphasis> war nicht gerade das Flaggschiff der Medienwelt - das Magazin lebte mehr schlecht als recht von seiner Gewinnspanne -, aber das hier war auch nicht wirklich eine Katastrophe. Dummerweise war Mikael gleichzeitig Teilhaber, Journalist und verantwortlicher Herausgeber der Zeitschrift. Die Schadenersatzforderung, 150 000 Kronen, gedachte er aus eigener Tasche zu begleichen, was seine Ersparnisse nahezu vollst�ndig aufzehren w�rde. Die Zeitschrift �bernahm die Gerichtskosten. Wenn man klug mit dem Geld wirtschaftete, w�rde es schon wieder in Ordnung kommen.</p><p>Er �berlegte, sein Wohnrecht zu verkaufen, aber das w�rde ihm ganz sch�n wehtun. Gegen Ende der unbek�mmerten achtziger Jahre, in einer Phase, als er �ber eine feste Anstellung und ein relativ gutes Einkommen verf�gte, hatte er sich nach einer Eigentumswohnung umgesehen. Er war zu zahlreichen Wohnungsbesichtigungen gerannt und hatte das meiste abgelehnt, bis er �ber eine Mansardenwohnung mit f�nfundsechzig Quadratmetern stolperte, die genau an der Ecke zur Bellmansgata lag. Der vorherige Besitzer hatte bereits angefangen, sie gem�tlich auszubauen, dann jedoch pl�tzlich einen Job in einer Dotcom-Firma im Ausland bekommen, und so konnte Mikael das Renovierungsobjekt spottbillig kaufen.</p><p>Michael hatte die Skizzen des Innenarchitekten verworfen und den Ausbau selbst �bernommen. Er steckte einiges an Geld in die Renovierung des Badezimmers und der K�che und pfiff auf den Rest. Statt Parkett zu verlegen und Zwischenw�nde einzuziehen, um die geplante Zweizimmerwohnung zu schaffen, schliff er die Dachbalken ab und strich Kalkfarbe direkt auf die Originalw�nde. �ber die schlimmsten Schadstellen h�ngte er ein paar Aquarelle von Emanuel Bernstone. Das Ergebnis war ein v�llig offener Raum mit einer Schlafnische hinter einem B�cherregal und einem kombinierten Ess- und Wohnzimmer mit einer kleinen K�che, wie in einer Bar. Die Wohnung hatte zwei Mansarden- und ein Giebelfenster mit Ausblick �ber die D�cher in Richtung Riddarfj�rden und der Altstadt Gamla Stan. Er konnte einen schmalen Streifen Wasser und das Rathaus sehen. Heutzutage w�rde er sich eine solche Wohnung nicht mehr leisten k�nnen, und er wollte sie gerne behalten.</p><p>Aber er riskierte ja nicht nur den Verlust seiner Wohnung. Viel schlimmer war, dass sein berufliches Ansehen gelitten hatte. Es w�rde lange dauern, bis es wiederhergestellt war. Falls dies �berhaupt je der Fall sein w�rde.</p><p>Es ging um Vertrauen. In der n�chsten Zeit w�rden viele Redakteure erst mal z�gern, einen Artikel von ihm zu drucken. Er hatte immer noch gen�gend Freunde in der Branche, die akzeptieren w�rden, dass er einfach Opfer ungl�cklicher Zuf�lle gewesen war, aber ab jetzt konnte er sich keinen Fehler mehr leisten.</p><p>Am meisten schmerzte allerdings die Dem�tigung.</p><p>Er hatte alle Tr�mpfe in der Hand gehabt und dann doch verloren, gegen einen Gangster im Armani-Anzug. Einen Schweinehund von einem B�rsenhai. Einen Yuppie mit einem Promi-Anwalt, der sich durch den ganzen Prozess gegrinst hatte.</p><p><emphasis>Wie zum Teufel hatte alles nur so schiefgehen k�nnen?</emphasis></p><p>Die Wennerstr�m-Aff�re hatte so vielversprechend begonnen, hinter dem Steuer seines Bootes, einer gelben M�lar-30, an einem Mittsommerabend vor achtzehn Monaten. Ein ehemaliger Journalistenkollege, mittlerweile Pressebeauftragter beim Provinziallandtag, hatte seiner neuen Freundin imponieren wollen und unbedachterweise ein Boot gemietet, eine Scampi, mit der sie ein paar Tage ebenso planlos wie romantisch durch die Sch�ren segeln wollten. Seine Freundin, die f�r ihr Studium gerade erst von Hallstahammar nach Stockholm gezogen war, hatte zun�chst ein bisschen Widerstand geleistet, sich dann aber �berreden lassen, allerdings unter der Bedingung, dass ihre Schwester und deren Freund mitkommen durften. Das Problem war nur, dass der Angestellte des Landtags mehr Enthusiasmus als Segelerfahrung vorweisen konnte. Drei Tage bevor sie ablegen wollten, hatte er Mikael verzweifelt angerufen und ihn �berredet, sich ihnen als f�nftes und navigationskundiges Besatzungsmitglied anzuschlie�en.</p><p>Mikael hatte zuerst rundheraus abgelehnt, sich dann aber von dem Versprechen verf�hren lassen, dass man sich in den Sch�ren ein paar Tage bei gutem Essen in guter Gesellschaft entspannen w�rde. Aus diesem Versprechen wurde allerdings �berhaupt nichts, und der Segelt�rn hatte sich zu einer weit gr��eren Katastrophe ausgewachsen, als er sich h�tte tr�umen lassen. Obwohl sie die sch�ne, aber wenig dramatische Strecke ab Bulland� �ber die Furusund-Route eingeschlagen hatten, war die neue Freundin sofort seekrank geworden. Ihre Schwester hatte angefangen, mit ihrem Freund zu streiten, und keiner von ihnen zeigte auch nur das geringste Interesse daran, ein paar Segelkenntnisse zu erwerben. Wie sich bald herausstellte, erwartete man von Mikael, dass er sich um das Boot k�mmerte, w�hrend ihm die anderen gute, aber gr��tenteils nutzlose Ratschl�ge gaben. Nach der ersten �bernachtung auf �ngs� war er so weit, dass er in Furusund anlegen und den ersten Bus nach Hause nehmen wollte. Nur das verzweifelte Flehen seines Freundes hatte ihn bewogen, an Bord zu bleiben.</p><p>Am n�chsten Tag gegen zw�lf Uhr, fr�h genug, um noch ein paar freie Pl�tze zu finden, hatten sie das Boot auf Arholma an der Anlegestelle f�r Besucher festgemacht. Sie hatten gerade zu Mittag gegessen, als Mikael eine gelbe M-30 bemerkte, die nur das Gro�segel gesetzt hatte und langsam in die Bucht glitt. Das Boot machte eine ruhige Drehung nach Luv, w�hrend der Skipper nach einem Platz an der Landungsbr�cke Ausschau hielt. Mikael sah sich um und stellte fest, dass der Platz zwischen ihrer Scampi und einem H-Boot auf der Steuerbordseite vermutlich die einzige verbliebene L�cke war. Die schmale M-30 w�rde dort gerade noch hineinpassen. Er stand auf und gab ein Zeichen; der Skipper der M-30 hob die Hand, um sich bei ihm zu bedanken, und hielt auf die Landungsbr�cke zu. Ein Einhandsegler, der sich nicht die M�he machen wollte, den Motor anzuwerfen, sagte sich Mikael. Er h�rte das Rasseln der Ankerkette, und wenige Sekunden sp�ter wurde das Gro�segel eingeholt, w�hrend der Skipper nur so hin und her flitzte, um gleichzeitig das Ruder gerade zu richten und am Vordersteven ein Tau f�r das Anlegeman�ver vorzubereiten.</p><p>Mikael kletterte auf die Reling und streckte eine Hand aus, um zu signalisieren, dass er das Tau entgegennehmen konnte. Der Neuank�mmling nahm eine letzte Kurs�nderung vor und glitt perfekt, in ganz langsamer Fahrt, ans Heck der Scampi heran. Erst als der Skipper Mikael den Tampen zuwarf, erkannten sie einander und brachen in lautes Gel�chter aus.</p><p>�Hallo, Robban!�, rief Mikael. �Warum schmei�t du nicht den Motor an, dann schrammst du nicht allen Booten im Hafen den Lack ab.�</p><p>�Hallo, Micke! Dachte ich mir doch, dass du mir irgendwie bekannt vorkommst. Und den Motor w�rde ich ja gerne anmachen, wenn ich ihn in Gang kriegen k�nnte. Das Biest ist mir vor zwei Tagen bei R�dl�ga endg�ltig abgestorben.�</p><p>Sie sch�ttelten sich �ber die Reling hinweg die Hand.</p><p>Vor ewigen Zeiten, in den siebziger Jahren, waren Mikael Blomkvist und Robert Lindberg am Kungsholmer Gymnasium Freunde gewesen, sogar sehr gute Freunde. Doch wie es so oft mit alten Schulkameraden geht, war die Freundschaft nach den Abschlusspr�fungen zu Ende. Sie waren getrennte Wege gegangen und hatten sich in den letzten zwanzig Jahren h�chstens f�nf oder sechs Mal getroffen. Als sie sich unerwartet auf der Landungsbr�cke von Arholma begegneten, hatten sie sich schon mindestens sieben oder acht Jahre nicht mehr gesehen. Jetzt musterten sie einander neugierig. Robert war braun gebrannt, sein Haar war verfilzt, und wie man an den Bartstoppeln sehen konnte, hatte er sich seit Wochen nicht mehr rasiert.</p><p>Mikaels Laune hellte sich pl�tzlich bedeutend auf. Als der Pressetyp und sein einf�ltiges Gefolge aufbrachen, um beim Kaufladen auf der anderen Seite der Insel um den Maibaum zu tanzen, war er bei Hering und Schnaps auf der M-30 geblieben, um mit seinem Schulkameraden �ber Gott und die Welt zu quatschen.</p><p>Irgendwann im Laufe des Abends, als sie den Kampf gegen die ber�chtigten M�cken von Arholma aufgegeben hatten und in die Kaj�te gegangen waren, hatte sich das Gespr�ch nach einer betr�chtlichen Anzahl von Schn�psen in eine freundschaftliche Kabbelei �ber Moral und Ethik in der Gesch�ftswelt verwandelt. Beide hatten sich f�r Karrieren entschieden, die irgendwie mit der schwedischen Finanzwelt zu tun hatten. Robert Lindberg war nach dem Abitur auf die Handelshochschule gegangen und danach ins Bankgesch�ft eingestiegen. Mikael Blomkvist war auf der Journalistenschule gelandet und hatte einen Gro�teil seines Berufslebens darauf verwandt, dubiose Gesch�fte in der Finanzwelt aufzukl�ren. Das Gespr�ch begann um die Frage nach der moralischen Korrektheit  gewisser Abfindungspraktiken zu kreisen, die in den neunziger Jahren bekannt geworden waren. Nachdem er so manchen Manager verteidigt hatte, stellte Lindberg sein Glas ab und r�umte widerwillig ein, dass sich in der Gesch�ftswelt trotz allem der eine oder andere Schweinehund versteckte. Pl�tzlich hatte er Mikael ganz ernst angesehen.</p><p>�Du geh�rst doch zu den Journalisten, die in Sachen Wirtschaftskriminalit�t recherchieren - warum schreibst du nicht �ber Hans-Erik Wennerstr�m?�</p><p>�Ich wusste nicht, dass es �ber den was zu schreiben gibt.�</p><p>�Dann fang an zu w�hlen. Fang in Dreiteufelsnamen an zu w�hlen. Wie viel wei�t du �ber das SIB-Programm?�</p><p>�Tja, das war eine Art F�rderprogramm in den neunziger Jahren, mit dem man der Industrie in den ehemaligen Ostblockstaaten auf die F��e helfen wollte. Vor ein paar Jahren wurde es dann eingestellt. Ich hab nie irgendetwas dar�ber geschrieben.�</p><p>�SIB, das Industrief�rderungsprogramm - das war ein von der Regierung gef�rdertes Projekt unter der Leitung von Repr�sentanten einiger gro�er schwedischer Unternehmen. SIB bekam staatliche Garantien f�r eine ganze Reihe von Projekten zugesichert, die in Abstimmung mit den Regierungen von Polen und den baltischen Staaten verabschiedet wurden. Der Schwedische Gewerkschaftsbund war ebenfalls mit von der Partie, um sicherzustellen, dass auch die Gewerkschaften im Osten nach schwedischem Modell gest�rkt w�rden. Offiziell war das Ganze ein F�rderprogramm nach dem Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe, das den Regierungen im Osten eine M�glichkeit er�ffnen wollte, ihre Wirtschaft zu sanieren. In der Praxis ging es aber darum, dass schwedische Unternehmen staatliche Subventionen einstrichen, um sich damit als Teilhaber in osteurop�ische Unternehmen einzukaufen. Dieser verdammte heuchlerische Minister war ein treuer Anh�nger des SIB. Man wollte eine Papierfabrik in Krakau bauen, die Metallindustrie  in Riga auf Vordermann bringen, eine Zementfabrik in Tallinn errichten und so weiter. Die Gelder wurden von den Vorst�nden des SIB verteilt, lauter einflussreichen Pers�nlichkeiten aus der Welt der Banken und der Gro�industrie.�</p><p>�Steuergelder also?�</p><p>�Ungef�hr 50 % staatliche Zusch�sse, den Rest steuerten die Banken und die Unternehmen selbst bei. Aber weniger aus ideellen Gr�nden. Sie rechneten damit, eine ordentliche Stange Geld einzustreichen. Sonst h�tten sie keinen Pfifferling daf�r gegeben.�</p><p>�Von wie viel Geld sprechen wir denn da?�</p><p>�Beim SIB ging es haupts�chlich um schwedische Unternehmen, die sich auf dem osteurop�ischen Markt etablieren wollten. Hochkar�tige Unternehmen wie <emphasis>ABB</emphasis> und <emphasis>Skanska</emphasis> und so. Mit anderen Worten also, keine Spekulanten.�</p><p>�Willst du etwa behaupten, dass <emphasis>Skanska</emphasis> nicht spekuliert? Deren Gesch�ftsf�hrer war es doch, der gefeuert wurde, als er einen von seinen Jungs eine halbe Milliarde mit irgendwelchen Day Tradings versenken lie�? Und was ist mit ihren Immobiliengesch�ften in London und Oslo?�</p><p>�Sicher, Idioten gibt es in jedem Unternehmen dieser Welt, aber du wei�t schon, was ich meine. Das sind auf jeden Fall Firmen, die etwas produzieren. Das R�ckgrat der schwedischen Industrie.�</p><p>�Und was hat Wennerstr�m jetzt damit zu tun?�</p><p>�Wennerstr�m ist der Joker in diesem Spiel. Also, da kommt ein Typ von irgendwoher, er hat keinen gro�artigen industriellen Hintergrund und auf dieser B�hne eigentlich �berhaupt nichts zu suchen. Aber er hat sich an der B�rse ein enormes Verm�gen erworben und es in sichere Unternehmen investiert. Er ist sozusagen durch die Hintert�r dazugesto�en.�</p><p>Mikael Blomkvist hatte sein Glas mit �Reimersholmer Schnaps� aufgef�llt, sich in der Kaj�te zur�ckgelehnt und  nachgedacht, was er alles �ber Wennerstr�m wusste. Und das war eigentlich nicht besonders viel. Geboren irgendwo in Norrland, wo er irgendwann in den siebziger Jahren ein Investmentunternehmen gr�ndete. Er verdiente gutes Geld und ging nach Stockholm, um in den goldenen achtziger Jahren eine kometenhafte Karriere hinzulegen. Er hatte die Wennerstr�m-Gruppe gegr�ndet, sp�ter umbenannt in <emphasis>The Wennerstroem Group</emphasis>, als in London und New York Dependancen er�ffnet wurden, die in den Zeitungen bald in einem Atemzug mit Beijer genannt wurden. Er handelte mit Aktien und Optionen und steckte Geld in Day Tradings. Er kam in die Klatschpresse als einer unserer zahlreichen neuen Milliard�re - ein Penthouse am Strandv�gen, ein gro�artiges Sommerhaus auf V�rmd� und eine dreiundzwanzig Meter lange Motoryacht, die er einem ehemaligen, Pleite gegangenen Tennisstar abkaufte. Eigentlich hatte er immer nur gut rechnen k�nnen, aber die achtziger Jahre waren nun mal das Jahrzehnt der Rechner und Immobilienspekulanten, und Wennerstr�m hatte sich nicht mehr hervorgetan als die anderen. Eher im Gegenteil, unter all den Big Boys hielt er sich ein bisschen im Hintergrund. Mit Immobilien wollte er nichts zu tun haben; stattdessen investierte er in gro�em Stil im ehemaligen Ostblock. Als in den neunziger Jahren langsam die Luft raus war und ein Manager nach dem anderen zwangsweise seine Abfindung einforderte, war Wennerstr�ms Unternehmen �berraschend gut davongekommen. Nicht einmal die Spur eines Skandals.  <emphasis>Eine schwedische Erfolgsstory</emphasis>, so hatte die <emphasis>Financial Times</emphasis> es zusammengefasst.</p><p>�Es geschah 1992. Wennerstr�m meldete sich pl�tzlich beim SIB und teilte mit, dass er Geld wollte. Offenbar unterst�tzt von in Polen ans�ssigen Interessenten, legte er einen Plan vor, wie man eine Fabrik aufbauen k�nnte, die Verpackungsmaterial f�r die Lebensmittelindustrie produzierte.�</p><p>�Eine Fabrik f�r Konservendosen?�</p><p>�Nicht ganz, aber so was in der Art. Ich habe keine Ahnung, wen er beim SIB kannte, aber er konnte ohne Weiteres sechzig Millionen Kronen abstauben.�</p><p>�Das klingt ja langsam spannend. Lass mich raten: Danach hat man von diesem Geld nichts mehr gesehen.�</p><p>�Falsch�, sagte Robert Lindberg. Er lachte, bevor er sich mit einem weiteren Schnaps st�rkte.</p><p>�Was dann geschah, ist ein klassisches Beispiel f�r betriebswirtschaftliche Rechenk�nste. Wennerstr�m baute wirklich eine Verpackungsindustrie in Polen auf, in Lodz, um genau zu sein. Das Unternehmen hie� <emphasis>Minos</emphasis>. 1993 erhielt das SIB ein paar enthusiastische Gesch�ftsberichte, danach Schweigen. 1994 brach <emphasis>Minos</emphasis> pl�tzlich zusammen.�</p><p>Robert Lindberg hatte das leere Schnapsglas mit einem kr�ftigen Rums auf dem Tisch abgestellt, um zu illustrieren, wie die Firma zusammengebrochen war.</p><p>�Das Problem mit dem SIB war, dass es keine festen Regeln daf�r gab, wie die Rechenschaftsberichte f�r die Projekte auszusehen hatten. Du wei�t, wie das in diesen Zeiten war. Alle waren derart optimistisch, als die Mauer fiel. Die Demokratie wurde eingef�hrt, die Gefahr eines Atomkrieges war gebannt, und die Bolschewiken sollten �ber Nacht Kapitalisten werden. Die Regierungen wollten die Demokratie im Osten st�rken. Jeder Unternehmer wollte dabei sein und beim Aufbau des neuen Europa mithelfen.�</p><p>�Ich wusste ja gar nicht, dass Unternehmer so eine Schw�che f�r wohlt�tige Werke haben.�</p><p>�Glaub mir, das war der feuchte Traum eines jeden Unternehmers. Russland und die ehemaligen Ostblockstaaten sind so ungef�hr der gr��te noch zu erschlie�ende Markt nach China. Die Industrie hatte kein Problem damit, der Regierung beizuspringen, vor allem, weil die Unternehmen nur f�r einen Bruchteil der Ausgaben einstehen mussten. Insgesamt verschlang das SIB knapp drei�ig Millionen Kronen an Steuergeldern. Das Geld sollte in Form zuk�nftiger Gewinne zur�ckflie�en. Offiziell war das SIB eine Initiative der Regierung gewesen, aber der Einfluss der Industrie war so gro�, dass der Vorstand praktisch selbstst�ndig arbeitete.�</p><p>�Verstehe. Steckt dahinter auch noch irgendeine Story?�</p><p>�Gedulde dich. Als das Projekt anlief, gab es keinerlei Probleme mit der Finanzierung. Schweden war noch nicht vom Rentenschock heimgesucht worden. Die Regierung war zufrieden, weil sie mit dem SIB zeigen konnte, wie gro� das schwedische Engagement im Osten war.�</p><p>�Das geschah alles unter der b�rgerlichen Regierung?�</p><p>�Die politische Richtung spielt doch keine Rolle. Es geht um Geld, und da ist es schei�egal, ob die Sozis oder die Konservativen die Minister stellen. Also volle Kraft voraus, aber dann kam das Valutaproblem, und danach meldeten sich ein paar d�mliche Neue Demokraten - erinnerst du dich noch an die Neuen Demokraten, diese Populistenpartei? - und fingen an zu n�rgeln, dass man nicht gen�gend Einblick in die T�tigkeiten des SIB habe. Einer von diesen Wichteln hatte SIB mit SIDA verwechselt und glaubte, es handele sich um irgendein Entwicklungshilfe-Programm, wie das in Tansania. Im Fr�hjahr 1994 wurde eine Untersuchungskommission gegr�ndet, die das SIB unter die Lupe nehmen sollte. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits Beanstandungen bei mehreren Projekten, aber eines der ersten, das man sich vornahm, war <emphasis>Minos</emphasis>.�</p><p>�Und Wennerstr�m konnte nicht nachweisen, wof�r die Gelder verwendet worden waren.�</p><p>�Im Gegenteil. Wennerstr�m konnte einen ganz ausgezeichneten Rechenschaftsbericht vorlegen, der nachwies, dass knapp vierundf�nfzig Millionen Kronen in <emphasis>Minos</emphasis> investiert worden waren. Dann h�tten sich aber die strukturellen Probleme im zur�ckgebliebenen Polen als zu gro� herausgestellt, als dass eine moderne Verpackungsindustrie h�tte funktionieren k�nnen. Ihre Fabrik sei von einem �hnlichen deutschen Projekt praktisch verdr�ngt worden. Die Deutschen waren gerade dabei, den ganzen Ostblock aufzukaufen.�</p><p>�Du hast gesagt, er habe sechzig Millionen Kronen bekommen.�</p><p>�Stimmt genau. Die SIB-Gelder waren quasi ein zinsfreies Darlehen. Der Hintergedanke war nat�rlich der, dass die Unternehmen einen Teil der Gelder nach ein paar Jahren zur�ckzahlen sollten. Aber <emphasis>Minos</emphasis> war baden gegangen und das Projekt missgl�ckt, wof�r man Wennerstr�m schlecht verantwortlich machen konnte. Hier traten die staatlichen Garantien in Kraft, und Wennerstr�m musste die Gelder, die mit dem Konkurs von <emphasis>Minos</emphasis> verloren gegangen waren, einfach nicht zur�ckzahlen. Er konnte nachweisen, dass er eine entsprechende Summe eigenen Geldes verloren hatte.�</p><p>�Warte mal, ich will sichergehen, dass ich das alles richtig verstanden habe. Die Regierung hielt die Steuermillionen bereit und stellte die Diplomaten, die die entsprechenden T�ren �ffneten. Die Industrie bekam das Geld und verwendete es f�r Investitionen in Joint Ventures, mit denen dann Rekordgewinne erzielt wurden. Also das �bliche Spiel. Die einen gewinnen, und die anderen bezahlen die Rechnungen, und wir wissen, wer welche Rolle spielt.�</p><p>�Du bist ein Zyniker. Das Darlehen sollte dem Staat zur�ckgezahlt werden.�</p><p>�Die Darlehen waren zinslos, hast du gesagt. Das bedeutet, die Steuerzahler bekamen keine Zinsen daf�r, dass sie ihre Kohle zur Verf�gung stellten. Wennerstr�m hat sechzig Millionen eingesackt, von denen vierundf�nfzig investiert wurden. Was ist mit den restlichen sechs Millionen passiert?�</p><p>�Als klar wurde, dass sein SIB-Projekt genauer untersucht werden w�rde, schickte Wennerstr�m einen Scheck �ber sechs Millionen ans SIB, mit dem er den Differenzbetrag beglich. Damit war die Sache, rein juristisch betrachtet, aus der Welt.�  Robert Lindberg verstummte und warf Mikael einen herausfordernden Blick zu.</p><p>�Klingt ganz so, als h�tte Wennerstr�m SIB-Gelder in den Sand gesetzt, aber verglichen mit der halben Milliarde, die bei  <emphasis>Skanska</emphasis> verschwunden ist, oder mit der Story von diesem  <emphasis>ABB</emphasis>-Manager, der eine knappe Milliarde Abfindung bekam - das hat die Leute wirklich aufgebracht! -, scheint das hier nicht gerade viel Stoff zu bieten�, meinte Mikael. �Die Leser haben die Artikel �ber unf�hige Spekulanten mittlerweile satt, auch wenn dabei Steuergelder im Spiel sind. Steckt noch mehr hinter dieser Story?�</p><p>�Sie wird noch besser.�</p><p>�Woher wei�t du all diese Dinge �ber Wennerstr�ms Gesch�fte in Polen?�</p><p>�In den neunziger Jahren habe ich in der Handelsbank gearbeitet. Rate mal, wer die Berichte f�r den Vertreter unserer Bank im SIB erstellt hat?�</p><p>�Alles klar. Erz�hl weiter.�</p><p>�Also � um das Ganze jetzt mal zusammenzufassen: Das SIB erhielt eine Erkl�rung von Wennerstr�m. Papier ging hin und her. Ausstehende Gelder wurden zur�ckgezahlt. Dass er die sechs Millionen zur�ckzahlte, war ziemlich schlau. Wenn dir jemand freiwillig eine Tasche voller Geld geben will, dann bist du doch geneigt zu glauben, dass er eine reine Weste hat.�</p><p>�Komm zur Sache.�</p><p>�Aber mein lieber Blomkvist, das hier ist bereits die Sache. Das SIB war mit Wennerstr�ms Bericht zufrieden. Die Investition war zum Teufel gegangen, aber an der Durchf�hrung des Projekts fand man nichts auszusetzen. Wir haben jede Fakturierung, jeden Transfer und s�mtliche Papiere durchgesehen. Alles war penibel abgerechnet. Ich habe es geglaubt. Mein Chef hat es geglaubt. Das SIB hat es geglaubt, und die Regierung hatte dem nichts hinzuzuf�gen.�</p><p>�Wo ist der Haken?�</p><p>�Tja, jetzt wird die Geschichte langsam brisant�, sagte Lindberg und sah auf einmal verbl�ffend n�chtern aus. �Du bist Journalist, also betrachte alles, was jetzt kommt, als <emphasis>off the record</emphasis>.�</p><p>�Jetzt mach aber mal halblang! Du kannst mir nicht solche Sachen erz�hlen und hinterher damit ankommen, dass ich nichts davon weitergeben darf.�</p><p>�Und ob ich das kann. Alles, was ich bis jetzt erz�hlt habe, ist der �ffentlichkeit bekannt. Du kannst sogar den Bericht einsehen, wenn du willst. �ber den Rest der Story - das, was ich noch nicht erz�hlt habe - kannst du gerne was schreiben, aber du musst mich als anonyme Quelle behandeln.�</p><p>�Aha. Aber nach der g�ngigen Terminologie bedeutet <emphasis>off the record</emphasis>, dass man mir im Vertrauen etwas erz�hlt, ich aber nichts dr�ber schreiben darf.�</p><p>�Ich schei� auf die Terminologie. Schreib, was du willst, aber lass mich dabei aus dem Spiel, okay?�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Mikael.</p><p><emphasis>Was, im Nachhinein betrachtet, ein Fehler gewesen war.</emphasis></p><p>�Na dann. Diese Story mit <emphasis>Minos</emphasis> spielte sich also vor zehn Jahren ab, direkt nach dem Mauerfall, als die Bolschewiken langsam anst�ndige Kapitalisten wurden. Ich geh�rte zu dem Personenkreis, der Wennerstr�ms Gesch�fte untersuchte, und ich dachte mir die ganze Zeit, dass irgendwas an dieser Story verdammt faul war.�</p><p>�Warum hast du w�hrend der Untersuchung nichts gesagt?�</p><p>�Ich habe es mit meinem Chef durchgesprochen. Aber letztlich hatten wir keine Handhabe. Die Papiere waren in Ordnung. Ich musste den Untersuchungsbericht abzeichnen. Doch jedes Mal, wenn ich in der Presse auf Wennerstr�ms Namen stie�, habe ich an <emphasis>Minos</emphasis> gedacht.�</p><p>�Mhm.�</p><p>�Die Sache war allerdings die, dass meine Bank Mitte der neunziger Jahre ein paar Gesch�fte mit Wennerstr�m machte.  Gro�e Gesch�fte, bei denen er nicht den besten Eindruck hinterlie�.�</p><p>�Er hat euch um euer Geld gebracht?�</p><p>�Nein, nein, beide Seiten haben an diesen Gesch�ften verdient. Es war eher so, dass � Ich wei� nicht recht, wie ich dir das erkl�ren soll. Ich rede hier gerade �ber meinen eigenen Arbeitgeber, was mir etwas unangenehm ist. Aber der Gesamteindruck, den ich von Wennerstr�m gewann, war kein guter. Er hat ja in den Medien das Image des gro�en Machers. Davon lebt er. Das ist sein Vertrauenskapital.�</p><p>�Ich wei�, was du meinst.�</p><p>�Ich hatte den Eindruck, dass der Kerl ganz einfach ein riesengro�er Bluff ist. Er ist �berhaupt kein besonders begabter Betriebswirtschaftler. Im Gegenteil. Ich konnte feststellen, dass seine Kenntnisse in manchen Dingen wahnsinnig oberfl�chlich sind. Er hatte ein paar wirklich hochintelligente  <emphasis>young warriors</emphasis> als Berater, aber ich verabscheute ihn eben von ganzem Herzen.�</p><p>�Okay.�</p><p>�Vor ein paar Jahren war ich in einer ganz anderen Angelegenheit in Polen. Unsere Gesellschaft traf sich zu einem Gesch�ftsessen mit ein paar Investoren in Lodz, und ich landete zuf�llig mit dem B�rgermeister am selbem Tisch. Wir sprachen unter anderem dar�ber, wie schwierig es doch ist, Polens Wirtschaft in die G�nge zu bekommen, und als Beleg daf�r erw�hnte ich das <emphasis>Minos</emphasis>-Projekt. Der B�rgermeister blickte einen Moment lang v�llig verst�ndnislos drein - als h�tte er noch nie von <emphasis>Minos</emphasis> geh�rt -, schien sich dann jedoch an so ein kleines Pipifax-Unternehmen erinnern zu k�nnen, das nie so richtig auf die F��e gekommen war. Er wischte es mit einem Lachen vom Tisch und sagte - ich zitiere w�rtlich -, wenn das alles w�re, was schwedische Investoren zustande br�chten, dann m�sste Schweden demn�chst zusammenbrechen. Kannst du mir folgen?�</p><p>�Dieser Ausspruch l�sst vermuten, dass der B�rgermeister von Lodz ein kluges Kerlchen ist, aber erz�hl weiter.�</p><p>�Dieser Satz blieb bei mir h�ngen und spukte mir unabl�ssig im Hinterkopf herum. Am n�chsten Morgen hatte ich einen Gesch�ftstermin, aber den Rest des Tages hatte ich frei. Mich ritt der Teufel, ich fuhr hinaus und sah mir die stillgelegte <emphasis>Minos</emphasis>-Fabrik an. Sie befand sich in einem kleinen Dorf au�erhalb von Lodz, mit einer Kneipe in einer Scheune und Plumpsklos im Hof. Die gro�e <emphasis>Minos</emphasis>-Fabrik war eine bauf�llige Bruchbude. Ein altes Lagergeb�ude aus Wellblech, das die Rote Armee in den f�nfziger Jahren errichtet hatte. Auf dem Grundst�ck traf ich einen W�chter, der ein bisschen Deutsch sprach, und erfuhr, dass eine seiner Kusinen bei <emphasis>Minos</emphasis> gearbeitet hatte. Diese Kusine wohnte ganz in der N�he, und wir gingen zu ihr. Der W�chter �bersetzte. M�chtest du wissen, was er gesagt hat?�</p><p>�Ich kann kaum noch an mich halten.�</p><p>�<emphasis>Minos</emphasis> nahm 1992 den Betrieb auf. Es gab maximal f�nfzehn Angestellte, die meisten von ihnen waren irgendwelche alten Weiblein. Der Lohn lag bei knapp hundertf�nfzig Kronen im Monat. Am Anfang waren gar keine Maschinen da, und die Angestellten mussten erst einmal diese Bruchbude in Ordnung bringen. Anfang Oktober trafen dann drei Kartonmaschinen aus Portugal ein. Sie waren abgenutzt und v�llig veraltet. Der Schrottwert kann sich allenfalls auf ein paar Tausender belaufen haben. Zwar funktionierten die Maschinen, aber sie gingen pausenlos kaputt. Ersatzteile fehlten nat�rlich, also litt <emphasis>Minos</emphasis> unter st�ndigen Produktionsstopps. Oft sprang einer der Angestellten ein und reparierte die Maschinen provisorisch.�</p><p>�Was wurde bei <emphasis>Minos</emphasis> denn eigentlich hergestellt?�</p><p>�1992 und das erste Halbjahr 1993 stellten sie ganz normale Pappkartons f�r Sp�lmaschinen-Tabs her und Eierkartons und so. Danach produzierten sie Papiert�ten. Aber es  fehlte der Fabrik permanent an den n�tigen Rohstoffen, und so richtig gro� war das Produktionsvolumen eigentlich nie.�</p><p>�Klingt alles nicht gerade nach der Rieseninvestition.�</p><p>�Ich habe es nachgerechnet. Die gesamte Miete f�r zwei Jahre belief sich auf 15 000 Kronen. F�r die L�hne k�nnen maximal 150 000 draufgegangen sein, und da bin ich sogar noch gro�z�gig. Die Anschaffungskosten f�r die Maschinen und den Transporter � einen Kastenwagen, der die Eierkartons auslieferte � sch�tzungsweise 200 000. Leg noch Bearbeitungsgeb�hren f�r Genehmigungen drauf und ein paar Reisekosten - offenbar hat nur eine einzige Person aus Schweden das Dorf ein paarmal besucht. Tja, sagen wir mal, das ganze Unterfangen spielte sich unter der Millionengrenze ab. Eines Tages im Sommer 1993 teilte der Vorarbeiter mit, dass die Fabrik stillgelegt sei. Und wenig sp�ter kam ein ungarischer Lastwagen und holte den Maschinenpark ab. Exit  <emphasis>Minos</emphasis>.�</p><p>W�hrend der Gerichtsverhandlung hatte Mikael oft an jenen Mittsommerabend zur�ckgedacht. Ihre Unterhaltung war teilweise eine freundschaftlich Kabbelei gewesen, genau wie zu ihrer Schulzeit. Als Teenager hatten sie Sorgen und N�te miteinander geteilt. Als Erwachsene waren sie einander eigentlich fremd, im Grunde waren sie sehr unterschiedliche Menschen. Im Laufe des Abends hatte Mikael �berlegt, dass er sich eigentlich nicht recht erinnern konnte, was sie in ihrer Gymnasialzeit zu so guten Freunden gemacht hatte. Er erinnerte sich an Robert als an einen stillen und zur�ckhaltenden Jungen, unglaublich sch�chtern im Umgang mit M�dchen. Als Erwachsener war er ein erfolgreicher � tja, ein richtiger Aufsteiger im Bankwesen geworden. Mikael zweifelte keinen Augenblick daran, dass sein alter Schulfreund Ansichten hegte, die seinem eigenen Weltbild v�llig zuwiderliefen.</p><p>Mikael betrank sich nur selten, aber ihre zuf�llige Begegnung hatte einen missgl�ckten Segelausflug in einen angenehmen Abend verwandelt, und die Schnapsflasche leerte sich zusehends. Gerade weil das Gespr�ch in einem so sch�lerhaften Ton verlaufen war, hatte er Roberts Bericht �ber Wennerstr�m zun�chst nicht ernst genommen, aber zu guter Letzt war sein journalistischer Instinkt erwacht. Pl�tzlich hatte er aufmerksam gelauscht, und dabei waren ihm auch einige logische Einw�nde eingefallen.</p><p>�Warte mal kurz�, hatte Mikael gebeten. �Wennerstr�m ist ein Top-Name unter den B�rsenhaien. Wenn ich mich nicht v�llig t�usche, ist er doch wohl Milliard�r ��</p><p>�Die <emphasis>Wennerstroem Group</emphasis> verf�gt sch�tzungsweise �ber 200 Milliarden. Dir liegt wahrscheinlich die Frage auf der Zunge, warum ein Milliard�r sich �berhaupt damit aufhalten sollte, ein Taschengeld von lumpigen 50 Millionen zu erschwindeln.�</p><p>�Vor allem, warum er alles durch einen offensichtlichen Betrug aufs Spiel setzt.�</p><p>�Ich wei� nicht, ob man behaupten kann, dass dieser Betrug so offensichtlich ist; der SIB-Vorstand, die Banker, die Regierung und die Finanzexperten des Reichstages haben Wennerstr�ms Rechenschaftsbericht schlie�lich abgesegnet.�</p><p>�Es geht jedenfalls um eine l�cherliche Summe.�</p><p>�Allerdings. Aber denk noch mal nach: Die <emphasis>Wennerstroem Group</emphasis> ist ein Investmentunternehmen, das mit allem M�glichen handelt<strong>,</strong> womit man schnell gute Gesch�fte machen kann - Wertpapiere, Optionen, Valuta � <emphasis>you name it</emphasis>. Wennerstr�m hat 1992 mit dem SIB Kontakt aufgenommen, zu einer Zeit, als der Finanzmarkt ins Bodenlose abst�rzte. Kannst du dich an den Herbst 1992 erinnern?�</p><p>�Und ob ich das kann. Ich hatte einen Kredit mit Tagesgeldzinssatz auf meine Wohnung aufgenommen, und dann schoss der Refinanzierungssatz der Reichsbank im Oktober  auf 500 % hoch. Sodass ich ein Jahr lang 19 % Zinsen zahlen musste.�</p><p>�Mmh, das waren vielleicht Zeiten�, sagte Robert l�chelnd. �Und Hans-Erik Wennerstr�m rang - genau wie alle anderen Akteure auf dem Markt - mit demselben Problem. Das Unternehmen hatte Milliarden in verschiedenen Papieren fest angelegt, aber verbl�ffend wenig liquide Mittel. Von einem Tag auf den anderen konnte es sich keine Fantasiebetr�ge mehr leihen. Normalerweise w�rde man in so einer Situation ein paar Immobilien verschachern und sich nach dem Verlust die Wunden lecken - aber 1992 wollte pl�tzlich kein Schwein mehr Immobilien kaufen.�</p><p>�Ein Cashflow-Problem.�</p><p>�Genau. Und mit solchen Problemen stand Wennerstr�m nicht alleine da. Jeder Gesch�ftsmann ��</p><p>�Keine Gesch�ftsm�nner. Nenn sie, wie du willst, aber solche Leute Gesch�ftsm�nner zu nennen, kommt der Verunglimpfung eines seri�sen Berufsstandes gleich.�</p><p>�� also von mir aus die B�rsenhaie, die hatten Cashflow-Probleme. Du musst es mal so betrachten: Wennerstr�m hat sechzig Millionen Kronen bekommen. Sechs Millionen hat er zur�ckgezahlt, aber erst nach drei Jahren. Die Ausgaben f�r  <emphasis>Minos</emphasis> k�nnen eine Million nicht �berstiegen haben. Allein die Zinsen f�r sechzig Millionen �ber drei Jahre hinweg bedeuten schon einen ordentlichen Gewinn. Je nachdem, wie er das Geld investiert hat, kann er die SIB-Gelder verdoppelt oder verzehnfacht haben. Und dann reden wir nicht mehr von Bagatellbetr�gen. Prost �brigens.�</p><a id="calibre_link-53"/><p><a id="calibre_link-54"/></p><p><strong>Kapitel 2</strong></p><p><strong>Freitag, 20. Dezember</strong></p><p>Dragan Armanskij war sechsundf�nfzig Jahre alt und in Kroatien geboren. Sein Vater war ein armenischer Jude aus Wei�russland, seine Mutter eine bosnische Muslima mit griechischem Blut in den Adern. Sie war f�r seine Erziehung verantwortlich gewesen, und so war er als Erwachsener Teil der gro�en, vielschichtigen Gruppe, die von den Massenmedien als �Muslime� bezeichnet wird. Die Einwanderungsbeh�rde f�hrte ihn in ihren Listen seltsamerweise als Serben. Sein Pass bewies, dass er schwedischer Staatsb�rger war, und das Passfoto zeigte ein viereckiges Gesicht mit einer ausgepr�gten Kieferpartie, dunklem Bart und grauen Schl�fen. Er wurde oft �Araber� genannt, obwohl es nicht den geringsten arabischen Einschlag in seiner Familie gab. Hingegen war er eine genetische Mischung, die Dummk�pfe mit einem Faible f�r Rassenbiologie mit gro�er Wahrscheinlichkeit als minderwertiges Menschenmaterial bezeichnen w�rden.</p><p>Sein Aussehen erinnerte entfernt an das Stereotyp eines kleinen Bandenf�hrers in einem amerikanischen Gangsterfilm. In Wirklichkeit war er weder Rauschgiftschmuggler noch Schutzgeldeintreiber f�r die Mafia. Er war ein scharfsinniger Betriebswirtschaftler, der Anfang der siebziger Jahre als kaufm�nnischer Assistent bei der Sicherheitsfirma Milton Security  angefangen hatte und drei Jahrzehnte sp�ter zum Gesch�ftsf�hrer dieses Unternehmens aufgestiegen war.</p><p>Sein Interesse an Sicherheitsfragen war im Nachhinein gewachsen und hatte sich mit der Zeit in Faszination verwandelt. Es war wie ein Strategiespiel - Gefahren erkennen, Verteidigungsstrategien entwickeln und Industriespionen, Erpressern und Dieben das Handwerk legen. Es begann damit, dass er entdeckte, wie ein Kunde durch kreative Buchf�hrung sehr geschickt betrogen worden war. Er konnte nachweisen, wer aus einer Gruppe von zw�lf Leuten dahintersteckte, und noch drei�ig Jahre sp�ter erinnerte er sich, wie �berrascht er gewesen war, als ihm aufging, dass diese Unterschlagung nur deswegen m�glich gewesen war, weil es das betreffende Unternehmen vers�umt hatte, ein paar einfache L�cken in seinem Sicherheitssystem zu schlie�en. Er selbst wurde vom kleinen Buchhalter zu einem der Verantwortlichen f�r die Weiterentwicklung der Firma und zum Experten f�r Wirtschaftsbetrug. Nach f�nf Jahren stieg er in den F�hrungskreis auf, und nach weiteren zehn Jahren wurde er - nicht ganz ohne Gegenstimmen - Gesch�ftsf�hrer. Doch die kritischen Stimmen waren seit Langem verstummt. In all den Jahren hatte er Milton Security zu einer der kompetentesten und gefragtesten Beratungsfirmen f�r Sicherheitsthemen gemacht.</p><p>Milton Security hatte dreihundertachtzig Vollzeitangestellte und knapp dreihundert zuverl�ssige freie Mitarbeiter, die nach ihrem jeweiligen Einsatz bezahlt wurden. Verglichen mit Falck oder dem Schwedischen �berwachungsdienst war es also ein kleines Unternehmen. Als Armanskij in der Firma anfing, hie� sie immer noch Johan Fredrik Miltons Allgemeine Bewachungs-AG, und ihr Kundenkreis bestand aus Einkaufszentren, die Ladendetektive und muskelbepackte Wachm�nner brauchten. Unter seiner F�hrung hatte das Unternehmen seinen Namen gegen das international gangbarere Milton Security ausgetauscht und auf Spitzentechnologien gesetzt. Das  Personal, bis dato eher abgehalfterte Nachtw�chter, Uniformfetischisten und jobbende Gymnasiasten, war durch wirklich kompetente Mitarbeiter ersetzt worden. Armanskij stellte ein paar ehemalige Polizisten als operative F�hrungskr�fte ein, des Weiteren Staatswissenschaftler, die sich mit internationalem Terrorismus, Personenschutz und Wirtschaftsspionage auskannten, und vor allem Telekommunikationstechniker und EDV-Experten. Das Unternehmen war von Solna in standesgem��ere R�umlichkeiten in der N�he des Slussen mitten in Stockholm umgezogen.</p><p>Mit Beginn der neunziger Jahre war Milton Security in der Lage, eine ganz neue Art von Sicherheitsdienst f�r eine exklusive Gruppe von Kunden anzubieten - haupts�chlich mittelgro�e Unternehmen mit hohem Umsatz oder gut situierte Privatpersonen, neureiche Rockstars, B�rsenhaie und Dotcom-Unternehmer. Meistenteils ging es um Bodyguards oder Sicherheitsl�sungen f�r schwedische Firmen im Ausland, vor allem in Nahost. Diese T�tigkeiten machten mittlerweile an die 70 Prozent des Firmenumsatzes aus. Unter Armanskijs �gide war der Umsatz von knapp 40 Millionen j�hrlich auf nahezu zwei Milliarden gestiegen. Sicherheit zu verkaufen war ein extrem lukratives Gesch�ft.</p><p>Die Firma hatte drei Bet�tigungsfelder: die <emphasis>Sicherheitsberatung</emphasis>, durch die potenzielle Gefahren identifiziert wurden; die  <emphasis>Gegenma�nahmen</emphasis>, f�r gew�hnlich die Installation teurer �berwachungskameras, Einbruchs- oder Feueralarmanlagen, elektronischer Schlie�anlagen und Computerausr�stung, und zu guter Letzt der <emphasis>Personenschutz</emphasis> f�r Privatpersonen oder Firmen, die einer tats�chlichen oder eingebildeten Bedrohung ausgesetzt waren. Letzterer Markt hatte sich innerhalb von zehn Jahren um das Vierzigfache vergr��ert, und im Laufe der letzten Jahre war ein neuer Kundenkreis entstanden, der sich aus wohlhabenden Damen zusammensetzte, die vor ehemaligen Freunden und Ehem�nnern oder auch vor unbekannten  fanatischen Verehrern besch�tzt werden wollten, die sich im Fernsehen auf die engen Tops oder die Lippenstiftfarbe ihres Stars fixiert hatten. Milton Security arbeitete au�erdem mit Partnerunternehmen im europ�ischen Ausland und in den USA zusammen und war f�r die Sicherheit internationaler G�ste w�hrend ihres Besuchs in Schweden zust�ndig. So gab es zum Beispiel eine amerikanische Schauspielerin, die zwei Monate in einem Film in Trollh�ttan mitgespielt hatte und deren Agent der Meinung war, ihr Status erfordere Bodyguards f�r ihre seltenen Spazierg�nge ums Hotel.</p><p>Ein viertes, bedeutend kleineres Bet�tigungsfeld war das sogenannte PU oder P-Unt, im internen Sprachgebrauch <emphasis>Punts</emphasis>  genannt, was nichts anderes bedeutete als Personen-Untersuchung, also eine Studie �ber die pers�nlichen Verh�ltnisse eines Objekts.</p><p>Armanskij war nicht allzu begeistert von diesem Aufgabenbereich. Er war weniger lukrativ und zudem ein beschwerliches Gesch�ft, das von den Mitarbeitern eher Urteilsverm�gen und Kompetenz verlangte als Kenntnisse in der Telekommunikationstechnik oder der Installation diskreter �berwachungsanlagen. Nachforschungen zu den pers�nlichen Verh�ltnissen eines Menschen waren akzeptabel, wenn es um einfache Kreditausk�nfte ging, um Hintergrundinformationen vor der Einstellung eines neuen Mitarbeiters oder wenn ein Angestellter verd�chtigt wurde, vertrauliche Informationen weiterzugeben oder anderweitig kriminelle Handlungen gegen seinen Arbeitgeber begangen zu haben. In solchen F�llen geh�rten die  <emphasis>Punts</emphasis> zu den operativen T�tigkeiten.</p><p>Aber allzu oft kamen seine Firmenkunden auch mit privaten Problemen, die die ungute Tendenz hatten, Schwierigkeiten nach sich zu ziehen. <emphasis>Ich will wissen, mit was f�r einem verlotterten Kerl meine Tochter da verkehrt � Ich glaube, meine Frau betr�gt mich � Er ist eigentlich ein guter Junge, aber er ist in schlechte Gesellschaft geraten � Ich werde erpresst �</emphasis></p><p>Armanskij lehnte oftmals rundweg ab. Wenn die Tochter erwachsen war, hatte sie das Recht, nach Belieben mit verlotterten Kerlen zu verkehren, und er fand, dass Untreue etwas war, was Eheleute untereinander regeln sollten. Hinter derartigen Anfragen versteckten sich unz�hlige Fallgruben, die nur zu leicht Skandale ausl�sen und juristische Konflikte f�r Milton Security nach sich ziehen konnten. Dragan Armanskij hielt daher ein wachsames Auge auf diese Auftr�ge, auch wenn sie keinen nennenswerten Gewinn abwarfen.</p><p>Leider stand an diesem Morgen ausgerechnet eine solche Nachforschung zu pers�nlichen Verh�ltnissen auf der Tagesordnung. Dragan Armanskij zupfte sich die B�gelfalten zurecht, bevor er sich in seinem bequemen B�rosessel zur�cklehnte. Argw�hnisch musterte er seine zweiunddrei�ig Jahre j�ngere Mitarbeiterin Lisbeth Salander. Zum tausendsten Mal stellte er fest, dass in einem renommierten Sicherheitsunternehmen wohl kaum ein Mensch so augenf�llig fehl am Platze sein konnte wie sie. Doch f�r Armanskij war Lisbeth Salander die f�higste Ermittlerin, die er in dieser Branche je kennengelernt hatte. W�hrend der vier Jahre ihrer Zusammenarbeit mit ihm hatte sie weder bei einem Auftrag geschludert noch einen einzigen mittelm��igen Bericht abgegeben - ihre Arbeit war eine Klasse f�r sich. Armanskij war �berzeugt, dass Lisbeth Salander �ber ein einmaliges Talent verf�gte. Jeder konnte Kreditausk�nfte einholen oder beim Gerichtsvollzieher nachfragen, aber Salander besa� Phantasie und legte immer v�llig unerwartete Ergebnisse vor. Wie sie das anstellte, hatte er nie verstanden, und bisweilen schien ihre F�higkeit, Informationen ans Licht zu holen, die reine Magie zu sein. Sie war aufs Beste vertraut mit allen m�glichen b�rokratischen Archiven und konnte die zwielichtigsten Existenzen ausfindig machen. Vor allem besa� sie die F�higkeit, sich in die Person hineinzuversetzen, die sie gerade untersuchte. Wenn da irgendetwas  faul war, das ans Tageslicht geholt werden musste, schoss sie so treffsicher auf ihr Ziel zu wie ein programmiertes Cruisemissile.</p><p>Dieses Talent hatte sie wohl schon immer gehabt.</p><p>Ihre Berichte konnten f�r den Menschen, der auf ihren Radarschirm geraten war, allerdings eine Katastrophe ausl�sen. Armanskij brach immer noch der Schwei� aus, wenn er daran dachte, wie er ihr einmal den Auftrag erteilt hatte, vor einer Firmen�bernahme einen Lebensmittelchemiker einer Routinekontrolle zu unterziehen. F�r diesen Job war eine Woche angesetzt gewesen, aber er zog sich dann doch in die L�nge. Nach vier Wochen Schweigen und mehreren Nachfragen, die sie einfach ignoriert hatte, legte sie einen Bericht vor, in dem sie nachwies, dass das betreffende Objekt p�dophil war und in mindestens zwei F�llen Sex mit einer Dreizehnj�hrigen vom Babystrich in Tallinn gehabt hatte. Au�erdem deuteten gewisse Anzeichen darauf hin, dass er obendrein ein unziemliches Interesse f�r die Tochter seiner damaligen Lebensgef�hrtin hegte.</p><p>Salander hatte Eigenschaften, die Armanskij manchmal an den Rand der Verzweiflung trieben. Nachdem sie entdeckt hatte, dass der Mann p�dophil war, hatte sie nicht zum H�rer gegriffen und Armanskij alarmiert und war auch nicht in sein B�ro geplatzt, um ihn um eine Unterredung zu bitten. Im Gegenteil - ohne im Mindesten anzudeuten, dass ihr Bericht Sprengstoff von geradezu nuklearen Ausma�en enthielt, hatte sie ihn eines Abends stillschweigend auf seinen Schreibtisch gelegt. Er hatte den Bericht mit nach Hause genommen und ihn erst sp�tabends aufgeschlagen, als er sich vor dem Fernseher im Wohnzimmer seiner Villa in Liding� gerade ganz entspannt eine Flasche Wein mit seiner Frau teilte.</p><p>Der Bericht war wie immer n�chtern geschrieben und mit fast wissenschaftlicher Sorgfalt erstellt, inklusive Fu�noten, Zitaten und exakten Quellenangaben. Die ersten Seiten referierten den Hintergrund des Objekts, seine Ausbildung, Karriere und finanzielle Situation. Erst auf Seite 24, unter einer Zwischen�berschrift, hatte Salander die Bombe mit seinen Ausfl�gen nach Tallinn platzen lassen, allerdings in demselben sachlichen Ton, mit dem sie auch von seiner Villa in Sollentuna und seinem blauen Volvo berichtet hatte. Um ihre Behauptungen zu belegen, verwies sie auf den umfangreichen Anhang, in dem sich auch Fotos fanden, die das dreizehnj�hrige M�dchen zusammen mit dem Objekt zeigten. Eines der Bilder war in einem Hotelflur in Tallinn entstanden; er hatte seine Hand unter ihr Oberteil geschoben. Irgendwie hatte Lisbeth Salander auch noch das betreffende M�dchen ausfindig machen k�nnen und sie dazu gebracht, einen detaillierten Bericht auf Tonband zu sprechen.</p><p>Dieser Bericht l�ste genau die Art von Chaos aus, die Armanskij gerne vermieden h�tte. Zun�chst einmal musste er ein paar von den Magentabletten schlucken, die ihm sein Arzt verschrieben hatte. Danach bestellte er die Auftraggeber unverz�glich zu einem unangenehmen Gespr�ch ein. Schlie�lich sah er sich - trotz ihres spontanen Protests - gezwungen, das ganze Material der Polizei zu �bergeben. Was wiederum bedeutete, dass Milton Security riskierte, in einen einzigen Zirkus von Anklagen und Gegenanklagen verwickelt zu werden. Falls das Beweismaterial des Berichts nicht stichhaltig war oder der Mann freigesprochen wurde, konnte das Unternehmen durchaus wegen �bler Nachrede belangt werden. Es war wirklich ein Elend.</p><p>Dabei war es nicht einmal Lisbeth Salanders bemerkenswerter Mangel an Emotionen, der ihn am meisten st�rte. Es ging ums Image. Miltons Image war konservative Stabilit�t. Salander passte in dieses Bild ungef�hr so gut wie ein Schaufelbagger in eine Bootsausstellung.</p><p>Armanskij konnte sich nur schwer mit dem Gedanken vers�hnen, dass seine Star-Ermittlerin ein bleiches, anorektisch  mageres M�dchen war, das stoppelkurzes Haar und Piercings in Nase und Augenbrauen hatte. Auf ihren Hals war eine zwei Zentimeter gro�e Wespe t�towiert, und um den Bizeps des linken Armes sowie um einen Kn�chel wand sich je ein weiteres Tattoo. Als sie einmal ein Top trug, hatte Armanskij au�erdem feststellen k�nnen, dass ihr Schulterblatt noch ein gr��eres Tattoo in Gestalt eines Drachen zierte. Sie war eigentlich rothaarig, hatte ihr Haar jedoch pechschwarz gef�rbt. Sie sah aus, als w�re sie gerade nach einer einw�chigen Orgie mit einer Hardrockgang aufgewacht.</p><p>Sie hatte - da war sich Armanskij ganz sicher - keine richtigen Essst�rungen, vielmehr schien sie ein Fall von Junkfood zu sein. Sie war ganz einfach d�nn geboren und hatte diesen leichten Knochenbau, der sie m�dchenhaft und feingliedrig aussehen lie�, mit kleinen H�nden, schmalen Handgelenken und Br�sten, die man unter ihrer Kleidung kaum ausmachen konnte. Sie war vierundzwanzig, sah aber aus wie vierzehn.</p><p>Sie hatte einen breiten Mund, eine kleine Nase und hohe Wangenknochen, die ihrem Aussehen einen leicht orientalischen Touch verliehen. Ihre Bewegungen waren rasch und spinnenartig, und wenn sie am Computer arbeitete, flogen ihre Finger geradezu manisch �ber die Tastatur. Ihr K�rper war v�llig ungeeignet f�r eine Karriere als Model, doch mit dem richtigen Make-up h�tte eine Nahaufnahme ihres ungleichm��igen Gesichts jedes Werbeplakat zieren k�nnen. Unter ihrer Schminke - manchmal trug sie dazu noch einen absto�enden schwarzen Lippenstift -, ihren Tattoos und den Piercings in Nase und Augenbrauen war sie durchaus anziehend. Auf eine ganz unbegreifliche Art und Weise.</p><p>Dass Lisbeth Salander �berhaupt f�r Dragan Armanskij arbeitete, war an und f�r sich schon verbl�ffend. Sie war nicht die Art Frau, mit der Armanskij f�r gew�hnlich in Kontakt kam, von einem Jobangebot ganz zu schweigen.</p><p>Sie hatte eine B�rostelle als M�dchen f�r alles gehabt, als Holger Palmgren, ein kurz vor der Pensionierung stehender Rechtsanwalt, der sich um die pers�nlichen Angelegenheiten des alten J. F. Milton k�mmerte, Armanskij pl�tzlich darauf hinwies, dass Lisbeth Salander <emphasis>ein ziemlich cleveres M�dchen</emphasis>  w�re<emphasis>, das nur ein bisschen schwierig im Auftreten</emphasis> sei. Palmgren bat Armanskij, ihr eine Chance zu geben, was dieser ihm widerwillig versprochen hatte. Palmgren geh�rte zu der Sorte Mann, die ein Nein als Ansporn betrachten w�rden, ihre Anstrengungen zu verdoppeln; da war es einfacher, gleich Ja zu sagen. Armanskij wusste, dass Palmgren eine Schw�che f�r schwierige Jugendliche und �hnlichen Sozialquatsch hatte, aber trotz allem ein gutes Urteilsverm�gen besa�.</p><p>Er bereute seinen Entschluss sofort, als er Lisbeth Salander zum ersten Mal begegnete. Sie wirkte nicht nur schwierig - in seinen Augen war sie die Verk�rperung dieses Wortes. Sie hatte schulisch auf der ganzen Linie versagt, niemals einen Fu� ins Gymnasium gesetzt und keine Art h�herer Bildung genossen.</p><p>W�hrend der ersten Monate hatte sie Vollzeit gearbeitet, na ja, beinahe Vollzeit, jedenfalls war sie hie und da an ihrem Arbeitsplatz aufgetaucht. Sie hatte Kaffee gekocht, die Post geholt und sich um den Kopierer gek�mmert. Das Problem war, dass sie sich keinen Deut um normale B�rozeiten oder Arbeitsabl�ufe scherte.</p><p>Hingegen hatte sie ein gro�es Talent, die anderen Mitarbeiter vor den Kopf zu sto�en. Sie wurde �das neue M�dchen mit den zwei Gehirnzellen� genannt, �eine f�rs Atmen und eine f�r den aufrechten Gang�. Sie sprach nie �ber sich selbst. Kollegen, die mit ihr ins Gespr�ch zu kommen versuchten, stie�en kaum auf Resonanz und gaben schnell auf.</p><p>Au�erdem sagte man ihr nach, ihre Stimmung k�nne abrupt umschlagen, wenn sie merkte, dass jemand sie aufzog, obwohl das durchaus zum allgemeinen Umgangston am Arbeitsplatz geh�rte. Ihr Auftreten weckte weder Vertrauen, noch lud es zu Freundschaften ein, und bald wurde sie zu einer seltsamen Erscheinung, die wie eine herrenlose Katze durch die Korridore von Miltons strich. Sie galt als hoffnungsloser Fall.</p><p>Schon nach einem Monat unausgesetzter Scherereien hatte Armanskij sie zu sich ins B�ro rufen lassen, in der Absicht, sie zu entlassen. Sie hatte seinen Ausf�hrungen �ber ihre Vergehen reglos zugeh�rt, ohne etwas einzuwenden oder auch nur eine Augenbraue zu heben. Erst als er ihre �allgemeine Einstellung� bem�ngelte und ihr gerade empfehlen wollte, sich eine andere Firma zu suchen, die �Ihre Kompetenzen besser zu nutzen� w�sste, hatte sie ihn mitten im Satz unterbrochen. Zum ersten Mal �u�erte sie sich mit mehr als nur ein paar einzelnen W�rtern.</p><p>�H�ren Sie mal, wenn Sie einen f�r die Poststelle wollen, dann holen Sie sich doch einfach jemand vom Arbeitsamt. Ich kann Ihnen jede Information �ber jede x-beliebige Person verschaffen, und wenn Sie keine andere Verwendung f�r mich finden, als mich die Post sortieren zu lassen, dann sind Sie echt ein Idiot.�</p><p>Armanskij erinnerte sich noch heute, wie er sprachlos vor Wut dasa�, w�hrend sie unbek�mmert fortfuhr: �Sie besch�ftigen einen Typen, der drei Wochen braucht, um einen v�llig nutzlosen Bericht �ber diesen Yuppie zu schreiben, den sie in dieser Dotcom-Firma zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates machen wollen. Ich hab den Schei�bericht gestern Abend f�r ihn kopiert und sehe gerade, dass das Ding vor Ihnen auf dem Schreibtisch liegt.�</p><p>Armanskijs w�tender Blick irrte �ber den Tisch, bis er den Bericht fand. Ausnahmsweise hob er die Stimme.</p><p>�Sie d�rfen keine vertraulichen Berichte lesen.�</p><p>�Wahrscheinlich nicht, aber die Sicherheitsvorkehrungen in Ihrem Unternehmen sind stellenweise ein wenig l�ckenhaft. Nach Ihren Vorgaben muss er so etwas selbst kopieren, aber er  hat mir den Bericht gestern reingeschmissen, bevor er in die Kneipe ging. Au�erdem hab ich seinen vorherigen Bericht vor ein paar Wochen in der Kantine gefunden.�</p><p>�Sie haben was?�, entfuhr es Armanskij schockiert.</p><p>�Beruhigen Sie sich. Ich hab ihn in seinen Safe gelegt.�</p><p>�Hat er Ihnen etwa die Kombination f�r seinen pers�nlichen Safe gegeben?�, keuchte Armanskij.</p><p>�Nein, nicht direkt. Aber er hat sie auf einem Zettel notiert, der unter seiner Schreibtischunterlage liegt, zusammen mit dem Passwort f�r seinen Computer. Der eigentliche Skandal ist jedoch, dass Ihr St�mper von Privatdetektiv einen v�llig wertlosen Untersuchungsbericht erstellt hat. Es ist ihm leider entgangen, dass der Typ wahnsinnige Spielschulden hat und Kokain schnupft wie ein Staubsauger und zudem seine Freundin im Frauenhaus Zuflucht gesucht hat, nachdem er sie gr�n und blau gepr�gelt hat.�</p><p>Sie verstummte. Armanskij sa� ein paar Minuten ganz still und bl�tterte den neuesten Bericht durch. Er war kompetent ausgearbeitet, in verst�ndlicher Sprache abgefasst und voller Quellenangaben und Urteile von Freunden und Bekannten des Zielobjekts. Schlie�lich hatte er den Blick gehoben und drei Worte gesagt: �Beweisen Sie das!�</p><p>�Wie viel Zeit bekomme ich?�</p><p>�Drei Tage. Wenn Sie Ihre Behauptungen nicht bis Freitag Nachmittag beweisen k�nnen, sind Sie gefeuert.�</p><p>Drei Tage sp�ter hatte sie wortlos einen Bericht eingereicht, der mit ebenso ausf�hrlichen Quellenangaben den scheinbar so angenehmen Yuppie in einen unzuverl�ssigen Schei�kerl verwandelte. Armanskij hatte ihren Bericht �bers Wochenende mehrmals durchgelesen und am Montag halbherzig einige ihrer Behauptungen �berpr�ft. Doch schon bevor er damit anfing, wusste er, dass sich ihre Informationen als korrekt herausstellen w�rden.</p><p>Armanskij war verbl�fft und w�tend auf sich selbst, weil er sie offenkundig so falsch eingesch�tzt hatte. Er hatte sie als dumm, wenn nicht sogar zur�ckgeblieben eingestuft. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ein M�dchen ohne richtigen Schulabschluss einen Bericht schreiben k�nnte, der nicht nur sprachlich korrekt war, sondern auch noch Beobachtungen und Informationen enthielt, deren Herkunft er sich nicht erkl�ren konnte.</p><p>Er war �berzeugt, dass kein anderer Mitarbeiter von Milton Security in der Lage gewesen w�re, sich von einem Frauenhaus einen Auszug aus einem vertraulichen Arztbericht zu beschaffen. Als er sie fragte, wie sie das fertiggebracht hatte, bekam er nur ausweichende Antworten. Sie wollte es sich nicht mit ihren Quellen verderben, behauptete sie. Allm�hlich d�mmerte es Armanskij, dass Lisbeth Salander ihre Arbeitsmethoden weder mit ihm noch mit irgendjemand sonst zu diskutieren gedachte. Das beunruhigte ihn - doch nicht genug, um der Versuchung zu widerstehen, es mit ihr zu probieren.</p><p>Er �berlegte sich das Ganze ein paar Tage und rief sich die Worte Holger Palmgrens ins Ged�chtnis: �Alle Menschen verdienen eine Chance.� Er dachte an seine muslimische Erziehung, die ihn gelehrt hatte, dass es seine Pflicht vor Gott sei, den Ausgesto�enen zu helfen. Er glaubte zwar nicht an Gott und hatte keine Moschee mehr besucht, seit er ein Teenager war, aber Lisbeth Salander wirkte auf ihn wie ein Mensch, der handfeste Hilfe n�tig hatte. Und in den vergangenen Jahrzehnten hatte er sich wei� Gott nicht viele derartige Verdienste erworben.</p><p>Anstatt sie zu feuern, hatte er Lisbeth Salander zu einer privaten Unterredung bestellt, in der er herauszufinden versuchte, wie dieses anstrengende M�dchen eigentlich tickte. Er wurde in seiner �berzeugung best�rkt, dass Lisbeth Salander unter einer ernsten St�rung litt, aber er begann auch zu entdecken,  dass sich hinter ihrem komplizierten Wesen ein intelligenter Mensch verbarg. Er fand sie labil und irritierend, stellte jedoch zu seiner gro�en Verwunderung fest, dass er eine gewisse Sympathie f�r sie empfand.</p><p>W�hrend der folgenden Monate nahm Armanskij sie unter seine Fittiche. Wenn er ganz ehrlich mit sich war, betrachtete er sie als sein kleines soziales Hobbyprojekt. Er stellte ihr einfache Rechercheaufgaben und versuchte ihr Tipps zu geben, wie sie vorgehen sollte. Sie h�rte ihm geduldig zu und zog dann los, um seine Auftr�ge ganz nach ihren eigenen Vorstellungen auszuf�hren. Er bat den Chef der technischen Abteilung, ihr einen Computer-Grundkurs zu geben. Salander dr�ckte also einen ganzen Nachmittag lang folgsam die Schulbank, bevor der Informatikexperte erstaunt vermeldete, dass sie bereits bessere Grundkenntnisse zu haben schien als die meisten ihrer Kollegen.</p><p>Doch Armanskij wurde bald klar, dass Lisbeth Salander trotz vertraulicher Mitarbeitergespr�che, Fortbildungsangebote und gewisser Privilegien nicht vorhatte, sich den normalen B�rogepflogenheiten bei Miltons anzupassen. Das stellte ihn vor ein echtes Dilemma.</p><p>Einerseits war sie ein st�ndiger Stein des Ansto�es f�r ihre Kollegen. Armanskij war sich bewusst, dass er keinem anderen Mitarbeiter erlaubt h�tte, zu kommen und zu gehen, wie es ihm passte, sondern ihm in jedem anderen Fall ein Ultimatum gestellt h�tte, sein Verhalten zu �ndern. Er ahnte auch, dass Lisbeth Salander auf ein Ultimatum oder K�ndigungsdrohungen nur mit einem Achselzucken reagieren w�rde. Er war also gezwungen, sie entweder loszuwerden oder zu akzeptieren, dass sie eben nicht so funktionierte wie andere Menschen.</p><p>Ein noch gr��eres Problem f�r Armanskij bestand darin, dass er aus seinen eigenen Gef�hlen f�r die junge Frau nicht schlau wurde. Sie war wie ein unangenehmer Juckreiz, st�rend, aber  auch verlockend. Es war keine sexuelle Anziehung, zumindest sah Armanskij das so. Die Frauen, denen er nachlief, waren blond und kurvig und hatten volle Lippen, die seine Fantasie befl�gelten. Au�erdem war er seit zwanzig Jahren mit einer Finnin verheiratet, die auch noch in ihren mittleren Jahren all diese Bed�rfnisse mehr als erf�llte. Er war niemals untreu gewesen, na ja, vielleicht hatte es da mal ein, zwei Situationen gegeben, die seine Frau h�tte missverstehen k�nnen, aber ihre Ehe war gl�cklich, und er hatte zwei T�chter in Salanders Alter. Jedenfalls war er nicht interessiert an flachbr�stigen M�dchen, die man von Weitem mit schm�chtigen Jungs verwechseln konnte. Das entsprach nicht seinem Stil.</p><p>Trotzdem hatte er angefangen, sich bei ungeh�rigen Tagtr�umen zu ertappen, und er musste sich eingestehen, dass ihn ihre Gegenwart nicht ganz kaltlie�. Aber die eigentliche Anziehungskraft lag Armanskijs Meinung nach darin, dass Salander wie ein fremdes Wesen f�r ihn war. Er h�tte sich genauso gut in ein Gem�lde oder in eine Nymphe aus einer griechischen Sage verlieben k�nnen. Salander stand f�r ein unwirkliches Leben, das ihn faszinierte, aber das er nicht teilen konnte - und das mit ihr zu teilen sie ihm verbot.</p><p>Einmal sa� Armanskij in einem Stra�encaf� auf dem Stortorget in Gamla Stan, als Lisbeth Salander heranschlenderte und sich an einen Tisch am entgegengesetzten Ende der Terrasse setzte. Sie war in Begleitung dreier M�dchen und eines Jungen, die alle �hnlich gekleidet waren. Armanskij hatte sie neugierig betrachtet. Sie schien genauso reserviert wie im B�ro, lachte jedoch tats�chlich �ber eine Bemerkung, die ein M�dchen mit purpurfarbenen Haaren gemacht hatte.</p><p>Armanskij fragte sich, wie Salander reagieren w�rde, wenn er eines Tages mit gr�nen Haaren zur Arbeit erschien, in Baggie-Pants und einer beschmierten nietenbesetzten Lederjacke.  W�rde sie ihn als ihresgleichen betrachten? Vielleicht - sie schien ihre ganze Umgebung mit der Einstellung �not my business� zu akzeptieren. Wahrscheinlicher war jedoch, dass sie ihn einfach auslachen w�rde.</p><p>Sie hatte mit dem R�cken zu ihm gesessen, hatte sich nicht ein einziges Mal umgedreht und war sich seiner Anwesenheit anscheinend gar nicht bewusst gewesen. Er f�hlte sich von ihrer Gegenwart au�erordentlich irritiert, und als er nach einer Weile aufgestanden war, um sich unbemerkt fortzuschleichen, hatte sie sich pl�tzlich umgedreht und ihn angesehen, als h�tte sie ihn schon die ganze Zeit auf ihrem Radarschirm gehabt. Ihr Blick traf ihn so unvermutet, dass er sich fast wie ein Angriff anf�hlte. Armanskij hatte so getan, als h�tte er sie nicht gesehen, und raschen Schrittes das Lokal verlassen. Sie folgte ihm mit den Augen, und erst als er um die n�chste Ecke gebogen war, brannte ihm ihr Blick nicht mehr auf dem R�cken.</p><p>Sie lachte so gut wie nie. Dennoch glaubte Armanskij eine wachsende Ungezwungenheit in ihrem Verhalten zu bemerken. Sie hatte, gelinde gesagt, einen trockenen Humor, der manchmal in ein schiefes ironisches L�cheln m�ndete.</p><p>Zuweilen f�hlte Armanskij sich von ihrem Mangel an emotionalem Feedback so provoziert, dass er sie packen und sch�tteln wollte, mit Gewalt unter ihre Schale dringen und sich ihre Freundschaft oder zumindest ihren Respekt erwerben wollte.</p><p>Einmal - sie arbeitete seit neun Monaten f�r ihn - hatte er versucht, mit ihr �ber diese Gef�hle zu sprechen. Das war auf der Weihnachtsfeier an einem Dezemberabend, und ausnahmsweise war er nicht mehr ganz n�chtern gewesen. Es war nichts Ungeh�riges vorgefallen, er hatte ihr nur zu sagen versucht, dass er sie wirklich mochte. Vor allem hatte er ihr erkl�ren wollen, dass sie den Besch�tzerinstinkt in ihm weckte und sich, sollte sie einmal Hilfe brauchen, stets vertrauensvoll  an ihn wenden konnte. Er hatte sogar Anstalten gemacht, sie zu umarmen. In aller Freundschaft, versteht sich.</p><p>Sie hatte sich aus seiner unbeholfenen Umarmung befreit und das Fest verlassen. Danach war sie nicht mehr zur Arbeit erschienen und hatte auch nicht auf Anrufe reagiert. Armanskij empfand ihre Abwesenheit als Qual, fast wie eine pers�nliche Bestrafung. Er konnte mit niemandem �ber seine Gef�hle sprechen, mit seiner Frau am allerwenigsten, und zum ersten Mal war ihm mit erschreckender Klarheit aufgegangen, was f�r eine verst�rende Macht Lisbeth Salander �ber ihn gewonnen hatte.</p><p>Drei Wochen sp�ter, als Armanskij an einem Januarabend zu fortgeschrittener Stunde �berstunden schob, um den Jahresabschlussbericht durchzusehen, war Salander zur�ckgekehrt. Leise wie ein Gespenst kam sie in sein B�ro, und pl�tzlich wurde er gewahr, dass sie im Dunkeln bei der T�r stand und ihn musterte. Er hatte keinen Schimmer, wie lange sie schon dort gestanden hatte.</p><p>�M�chten Sie einen Kaffee?�, fragte sie. Sie zog die T�r hinter sich zu und hielt ihm eine Tasse Kaffee von der Espressomaschine in der Kantine entgegen. Stumm nahm er die Tasse entgegen und versp�rte sowohl Erleichterung als auch Angst, als sie sich in den Besuchersessel setzte und ihm in die Augen sah. Dann stellte sie die verbotene Frage, und zwar so, dass er sie weder spa�haft abtun noch ausweichen konnte.</p><p>�Dragan, sind Sie scharf auf mich?�</p><p>Armanskij sa� wie gel�hmt da, w�hrend er verzweifelt nach einer Antwort suchte. Zun�chst hatte er alles abstreiten wollen. Aber dann hatte er ihren Blick gesehen und begriffen, dass sie zum allerersten Mal eine pers�nliche Frage stellte. Eine ernst gemeinte, und wenn er sie abtat, k�me das f�r Salander einer pers�nlichen Beleidigung gleich. Sie wollte mit ihm sprechen, und er fragte sich, wie lange sie gebraucht hatte, um den  Mut daf�r aufzubringen. Er legte seinen F�ller langsam aus der Hand und lehnte sich in seinem Stuhl zur�ck. Schlie�lich entspannte er sich.</p><p>�Wie kommen Sie darauf?�, fragte er.</p><p>�Ihre Art, mich anzuschauen, und Ihre Art, mich nicht anzuschauen. Und die Gelegenheiten, wenn Sie fast schon die Hand ausstrecken und mich anfassen wollten, sich dann aber doch zur�ckhielten.�</p><p>Er l�chelte sie pl�tzlich an.</p><p>�Ich hatte immer den Eindruck, Sie w�rden mir die Hand abbei�en, wenn ich Sie auch nur leicht ber�hren w�rde.�</p><p>Sie l�chelte nicht. Sie wartete.</p><p>�Lisbeth, ich bin Ihr Chef, und selbst wenn ich Sie attraktiv f�nde, w�rde ich niemals weiter gehen.�</p><p>Sie wartete immer noch.</p><p>�Unter uns � ja, es gab Momente, da f�hlte ich mich zu Ihnen hingezogen. Ich kann es nicht erkl�ren, aber es ist so. Aus irgendeinem Grund, den ich selber nicht verstehe, mag ich Sie sehr gerne. Aber ich bin nicht scharf auf Sie.�</p><p>�Gut. Denn da wird im Leben nichts laufen.�</p><p>Armanskij lachte auf. Salander hatte zum ersten Mal etwas Pers�nliches zu ihm gesagt, wenn es auch eine definitive Abfuhr war. Er versuchte, die passenden Worte zu finden.</p><p>�Lisbeth, mir ist schon klar, dass Sie sich nicht f�r einen Mann �ber f�nfzig interessieren.�</p><p>�Ich interessiere mich nicht f�r einen Mann �ber f�nfzig,  <emphasis>der mein Chef ist</emphasis>.� Sie hob eine Hand. �Moment, lassen Sie mich ausreden. Sie sind manchmal d�mlich und aufreizend b�rokratisch, aber Sie sind wirklich ein attraktiver Mann, und � meine Gef�hle k�nnten auch � Aber Sie sind mein Chef, und ich habe Ihre Frau kennengelernt, und ich will meinen Job bei Ihnen behalten, und das Bl�deste, was ich tun k�nnte, w�re, mich mit Ihnen einzulassen.�</p><p>Armanskij sa� ganz still da und wagte kaum zu atmen.</p><p>�Es ist mir nicht entgangen, was Sie f�r mich getan haben�, sagte sie, �und ich bin nicht undankbar. Ich wei� es zu sch�tzen, dass Sie sich �ber Ihre Vorurteile hinweggesetzt haben und mir hier eine Chance gegeben haben. Aber ich will Sie nicht als Liebhaber, und Sie sind auch nicht mein Vater.�</p><p>Sie verstummte. Nach einer Weile stie� Armanskij einen hilflosen Seufzer aus. �Was wollen Sie eigentlich von mir?�</p><p>�Ich will weiter f�r Sie arbeiten. Wenn das f�r Sie okay ist.�</p><p>Er nickte und antwortete ihr dann so ehrlich, wie er konnte: �Ich m�chte furchtbar gerne, dass Sie f�r mich arbeiten. Aber ich m�chte auch, dass Sie mir irgendwie Freundschaft und Vertrauen entgegenbringen.�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Sie sind nicht gerade der Typ Mensch f�r freundschaftliche Ann�herungen�, stie� er pl�tzlich hervor. Ihr Gesicht verfinsterte sich ein wenig, aber er fuhr unbeirrt fort: �Ich hab schon verstanden, Sie wollen nicht, dass sich jemand in Ihr Leben einmischt, und ich werde mir M�he geben, das auch nicht zu tun. Aber ist es in Ordnung, wenn ich Sie trotzdem weiterhin gern habe?�</p><p>Salander hatte lange �berlegt. Dann antwortete sie, indem sie aufstand, um den Tisch herumging und ihn umarmte. Er sa� da wie gel�hmt. Erst, als sie ihn wieder loslie�, konnte er nach ihrer Hand greifen.</p><p>�K�nnen wir Freunde sein?�, fragte er.</p><p>Sie nickte erneut.</p><p>Das war das einzige Mal gewesen, dass sie ein gewisses Ma� an Gef�hl gezeigt hatte. Ein Augenblick, an den sich Armanskij heute noch mit W�rme erinnerte.</p><p>Noch nach vier Jahren hatte sie Armanskij kaum etwas �ber ihr Privatleben oder ihren pers�nlichen Hintergrund verraten. Er hatte einmal seine eigenen P-Unt-F�higkeiten bei ihr angewandt und ein langes Gespr�ch mit Holger Palmgren gef�hrt, der gar nicht verwundert schien, ihn zu sehen. Was er schlie�lich in Erfahrung brachte, trug nicht dazu bei, sein Vertrauen in sie zu st�rken. Er hatte ihr gegen�ber nat�rlich nicht erw�hnt, dass er in ihrem Privatleben herumgeschn�ffelt hatte. Stattdessen versteckte er seine Besorgnis und erh�hte seine Wachsamkeit.</p><p>Noch bevor der denkw�rdige Abend vor�ber war, hatten Salander und Armanskij eine �bereinkunft getroffen. In Zukunft sollte sie als freie Mitarbeiterin Rechercheauftr�ge f�r ihn durchf�hren. Sie bekam ein bescheidenes Festgehalt, doch den wesentlichen Teil ihres Einkommens machte das aus, was sie Armanskij f�r seine Auftr�ge in Rechnung stellte. Sie konnte arbeiten, wie es ihr passte, und verpflichtete sich im Gegenzug, nichts zu tun, was ihn oder Milton Security jemals in Verlegenheit bringen k�nnte.</p><p>F�r Armanskij war das eine praktische L�sung, die ihm, dem Unternehmen und Salander selbst gleicherma�en zugute kam. Er reduzierte die l�stige PU-Abteilung auf einen einzigen fest angestellten Mitarbeiter, einen �lteren Mann, der Routinearbeiten verrichtete und Kreditausk�nfte einholte.</p><p>Alle heiklen Auftr�ge �berlie� er Salander und ein paar anderen freien Mitarbeitern, die - sollte es wirklich einmal Schwierigkeiten geben - praktisch selbstst�ndige Unternehmer waren, f�r die Milton Security keine Verantwortung �bernahm. Da er sie oft konsultierte, kam sie auf ein sehr anst�ndiges Gehalt. Es h�tte noch wesentlich h�her ausfallen k�nnen, aber sie arbeitete nur, wenn sie Lust dazu hatte, und vertrat den Standpunkt, dass Armanskij sie ja jederzeit rauswerfen konnte, wenn ihm das nicht passte.</p><p>Armanskij akzeptierte sie, wie sie war, hielt sie aber von den Kunden fern.</p><p>Ausnahmen waren selten. Leider war das heutige Thema so eine Ausnahme.</p><p>Lisbeth Salander trug ein schwarzes T-Shirt, auf dem ein Bild von E. T. mit Fangz�hnen und der Schriftzug <emphasis>I am also an alien</emphasis>  zu sehen waren. Au�erdem trug sie einen schwarzen Rock mit ausgefranstem Saum, eine kurze, schwarze, abgewetzte Lederjacke, einen Nieteng�rtel, klobige Doc-Marten�s-Stiefel und Kniestr�mpfe mit rot-gr�nen Querstreifen. Sie hatte Make-up aufgelegt, dessen Farbskala die Vermutung nahelegte, sie sei farbenblind. Mit anderen Worten, sie hatte sich ungew�hnlich h�bsch zurechtgemacht.</p><p>Armanskij lie� den Blick seufzend zu der dritten Person im Raum schweifen, dem konservativ gekleideten Besucher mit der dicken Brille. Der Rechtsanwalt Dirch Frode war achtundsechzig Jahre alt und hatte darauf bestanden, die Mitarbeiterin, die den Bericht erstellt hatte, pers�nlich zu treffen, um ihr Fragen stellen zu k�nnen. Armanskij hatte versucht, dieses Treffen mit allen m�glichen Ausfl�chten abzuwenden: Sie sei erk�ltet, auf Reisen oder bis �ber beide Ohren mit anderer Arbeit eingedeckt. Frode hatte leichthin geantwortet, das mache ihm nichts aus; die Angelegenheit sei ja nicht dringend, und er k�nne gut und gerne ein paar Tage warten. Armanskij hatte innerlich geflucht, aber zu guter Letzt keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als das Gespr�ch zu arrangieren. Somit sa� Rechtsanwalt Frode nun hier und betrachtete Lisbeth Salander mit halb geschlossenen Augen und offensichtlicher Faszination. Salander hingegen schoss Blicke auf ihn ab, die verrieten, dass sie keine allzu warmen Gef�hle hegte.</p><p>Armanskij seufzte nochmals und betrachtete die Mappe auf seinem Schreibtisch, die mit CARL MIKAEL BLOMKVIST und einem fein s�uberlich notierten Personenkennzeichen beschriftet war. Er sprach den Namen laut aus. Rechtsanwalt Frode erwachte aus seiner Verzauberung und wandte seinen Blick Armanskij zu. �Also, das ist Fr�ulein Salander, die den Bericht verfasst hat.� Armanskij z�gerte eine Sekunde und  fuhr mit einem L�cheln, das vertraulich aussehen sollte, aber hilflos entschuldigend wirkte, fort: �Lassen Sie sich von ihrer Jugend nicht t�uschen. Sie ist unbestritten unsere beste Ermittlerin.�</p><p>�Davon bin ich �berzeugt�, entgegnete Frode mit d�rrer Stimme, die seine Aussage L�gen strafte. �Erz�hlen Sie mir, was sie herausgefunden hat.�</p><p>Offensichtlich wusste Rechtsanwalt Frode nicht, wie er sich Lisbeth Salander gegen�ber verhalten sollte, und blieb auf sicherem Terrain, indem er seine Frage an Armanskij richtete. Salander ergriff die Gelegenheit und machte eine gro�e Blase mit ihrem Kaugummi. Bevor Armanskij etwas sagen konnte, wandte sie sich an ihren Chef, als w�re Frode gar nicht anwesend.</p><p>�K�nnen Sie den Kunden fragen, ob er eine lange oder eine kurze Version h�ren m�chte?�</p><p>Rechtsanwalt Frode begriff augenblicklich, dass er einen Fauxpas begangen hatte. Es folgte ein peinliches Schweigen, worauf er sich an Lisbeth Salander wandte und den Schaden wiedergutzumachen versuchte, indem er einen freundlich jovialen Ton anschlug.</p><p>�Ich w�rde mich freuen, wenn das Fr�ulein mir eine m�ndliche Zusammenfassung dessen geben k�nnte, was Sie herausgefunden haben.�</p><p>Salander sah aus wie ein t�ckisches nubisches Raubtier, das �berlegte, ob es Dirch Frode zum Mittagessen verzehren sollte. Ihr Blick war so hasserf�llt, dass es Frode kalt den R�cken hinunterlief. Doch im n�chsten Moment hatten sich ihre Gesichtsz�ge wieder entspannt. Frode fragte sich, ob er sich das Ganze nur eingebildet hatte. Als sie anfing zu sprechen, klang sie wie ein Staatsbediensteter.</p><p>�Lassen Sie mich vorausschicken, dass dieser Auftrag nicht sonderlich kompliziert war, wenn man von der vagen Auftragsbeschreibung absieht. Sie wollten �alles wissen, was man  �ber ihn in Erfahrung bringen kann�, haben jedoch nicht angedeutet, ob Sie dabei etwas Bestimmtes im Sinn hatten. Deshalb ist quasi eine Unmenge von Fakten aus seinem gesamten Leben zusammengetragen worden. Der Bericht ist 193 Seiten lang, aber knapp 120 davon bestehen nur aus Kopien von Artikeln, die er verfasst hat, oder aus Presseausschnitten von Artikeln, in denen er selbst vorkam. Blomkvist ist eine Pers�nlichkeit des �ffentlichen Lebens mit wenigen Geheimnissen, der nicht viel zu verbergen hat.�</p><p>�Demnach hat er aber doch das eine oder andere zu verbergen?�, erkundigte sich Frode.</p><p>�Jeder Mensch hat Geheimnisse�, antwortete sie neutral. �Man muss nur herausfinden, was f�r welche.�</p><p>�Lassen Sie h�ren.�</p><p>�Mikael Blomkvist wurde am 18. Januar 1960 geboren, ist jetzt also dreiundvierzig Jahre alt. Er wurde in Borl�nge geboren, wo er aber nie gewohnt hat. Seine Eltern, Kurt und Anita Blomkvist, waren Mitte drei�ig, als sie Kinder bekamen. Mittlerweile sind sie beide verstorben. Sein Vater war Maschineninstallateur und viel unterwegs. Seine Mutter war, soviel ich in Erfahrung bringen konnte, immer nur Hausfrau. Die Familie zog nach Stockholm, als Mikael in die Schule kam. Er hat eine drei Jahre j�ngere Schwester namens Annika, eine Rechtsanw�ltin. Au�erdem hat er auch noch ein paar Onkel und Kusinen. Wollen Sie uns einen Kaffee einschenken?�</p><p>Der letzte Satz galt Armanskij, der hastig die Thermoskanne aufschraubte, die er f�r das Meeting bestellt hatte. Mit einer Geste bat er sie fortzufahren.</p><p>�1966 zog die Familie also nach Stockholm. Sie wohnten in Lilla Essingen. Blomkvist ging zuerst in Bromma zur Schule und dann aufs Gymnasium von Kungsholm. Er hatte ein ausgesprochen gutes Abschlusszeugnis; die Kopien liegen in der Mappe. W�hrend seiner Gymnasialzeit hat er sich viel mit Musik besch�ftigt und spielte Bass in einer Rockband namens  <emphasis>Bootstrap</emphasis>. Sie haben sogar eine Single rausgebracht, die im Sommer 1979 im Radio lief. Nach dem Gymnasium jobbte er als Fahrkartenkontrolleur in der U-Bahn, sparte sich Geld zusammen und reiste ins Ausland. Er war ein Jahr unterwegs und hat sich anscheinend die meiste Zeit in Asien rumgetrieben - Indien, Thailand und ein Abstecher nach Australien. Mit einundzwanzig begann er, in Stockholm Journalistik zu studieren, brach sein Studium aber nach dem ersten Jahr ab, um in Kiruna seinen Wehrdienst als Feldj�ger abzuleisten. Ein ziemlicher Machoverein, den er mit 10-9-9 verlie� - eine sehr gute Note. Nach dem Milit�r schloss er seine Ausbildung zum Journalisten ab und hat seitdem gearbeitet. Wie detailliert soll ich werden?�</p><p>�Erz�hlen Sie einfach das, was Sie f�r wesentlich halten.�</p><p>�Okay. Er sieht mir aus wie ein rechter Streber. Bis heute war er ein erfolgreicher Journalist. In den achtziger Jahren hatte er viele Vertretungsjobs, erst in der Lokalpresse und danach in Stockholm. Eine Liste liegt bei. Den Durchbruch schaffte er mit der Story von der sogenannten Panzerknackerbande - diese Bankr�ubergang, die er �berf�hrte.�</p><p>�Kalle Blomkvist.�</p><p>�Er hasst diesen Spitznamen, was auch verst�ndlich ist. Wenn mich jemand in seiner Schlagzeile <emphasis>Pippi Langstrumpf</emphasis>  nennen w�rde, k�nnte er sich auf was gefasst machen.�</p><p>Sie warf Armanskij einen finsteren Blick zu. Er schluckte, denn mehr als einmal hatte er Lisbeth Salander im Stillen Pippi Langstrumpf genannt, und jetzt war er froh, dass er klug genug gewesen war, nie einen Witz in dieser Richtung gemacht zu haben. Er wedelte mit dem Zeigefinger, zum Zeichen, dass sie fortfahren sollte.</p><p>�Eine meiner Quellen gibt an, dass er bis dahin Kriminalreporter hatte werden wollen - als solcher hatte er auch eine Vertretung bei einer Abendzeitung -, aber was ihn eigentlich bekannt gemacht hat, ist seine Arbeit als politischer Berichterstatter und Wirtschaftsjournalist. Er hat haupts�chlich als Freelancer gearbeitet und hatte nur eine einzige Festanstellung bei einer Abendzeitung, das war Ende der achtziger Jahre. Dort k�ndigte er 1990 und wurde dann eines der Gr�ndungsmitglieder des monatlich erscheinenden Magazins <emphasis>Millennium</emphasis>. Die Zeitschrift ging als totaler Au�enseiter ins Rennen und hatte keinen starken Verlag im R�cken, der ihr unter die Arme greifen konnte. Aber die Auflage ist stetig gestiegen und liegt heute bei 21 000 Exemplaren. Die Redaktion ist in der G�tgata, nur ein paar Bl�cke von hier entfernt.�</p><p>�Ein linkes Blatt.�</p><p>�Kommt drauf an, wie man links definiert. <emphasis>Millennium</emphasis>  geht wohl im Allgemeinen als gesellschaftskritisch durch, aber vermutlich betrachten die Anarchisten die Zeitschrift als spie�iges Schei�blatt im Stile von <emphasis>Arena</emphasis> oder <emphasis>Ordfront</emphasis>. Und der rechtskonservative Studentenverband denkt h�chstwahrscheinlich, dass sich die Redaktion aus Bolschewisten zusammensetzt. Nichts deutet darauf hin, dass Blomkvist irgendwann politisch aktiv gewesen w�re, nicht einmal w�hrend der linken Welle zu seiner Gymnasialzeit. Als er an der Hochschule f�r Journalisten studierte, wohnte er mit einem M�dchen zusammen, das damals bei den Gewerkschaftsanh�ngern aktiv war und heute f�r die Linkspartei im Reichstag sitzt. Es scheint mir ganz so, als h�tte er sich seinen Stempel als Linker eher deswegen weggeholt, weil er sich als Wirtschaftsjournalist auf Enth�llungsreportagen �ber Korruption in der Businesswelt spezialisiert hat. Er hat vernichtende Artikel �ber den einen oder anderen Manager oder Politiker ver�ffentlicht, die sicher mehr als berechtigt waren, und hat einige R�cktritte und so manches juristische Nachspiel erzwungen. Am bekanntesten war die Aboga-Aff�re, die damit endete, dass ein konservativer Politiker zur�cktreten musste und ein ehemaliger Gemeindek�mmerer zu einem Jahr Gef�ngnis wegen Veruntreuung von Gemeindegeldern verurteilt wurde. Aber Verbrechen anzuprangern kann man wohl kaum als Ausdruck von linker Gesinnung bezeichnen.�</p><p>�Ich verstehe, was Sie sagen wollen. Was sonst noch?�</p><p>�Er hat zwei B�cher geschrieben. Eines �ber die Aboga-Aff�re und eines �ber Wirtschaftsjournalismus mit dem Titel <emphasis>Die Tempelritter</emphasis>, das vor drei Jahren erschienen ist. Ich habe es nicht gelesen, aber den Rezensionen zufolge scheint es recht kontrovers gewesen zu sein. Es hat so einige Debatten in den Medien ausgel�st.�</p><p>�Wie steht es um seine Finanzen?�, fragte Frode.</p><p>�Er ist nicht reich, aber er nagt auch nicht am Hungertuch. Seine Steuererkl�rungen sind dem Bericht beigef�gt. Er hat knapp 250 000 Kronen in Anleihen und Fonds angelegt. Sein Kontostand betr�gt ungef�hr 100 000 Kronen, damit deckt er seine laufenden Ausgaben, Reisen und �hnliches. Er hat das Wohnrecht f�r seine Wohnung gekauft und fertig abbezahlt - 65 Quadratmeter in der Bellmansgata - und ist mit keinen Krediten oder Schulden belastet.�</p><p>Salander streckte einen Finger in die Luft.</p><p>�Er besitzt noch einen weiteren Verm�genswert - eine Immobilie auf der Sch�reninsel Sandhamn. Eine H�tte, 30 Quadratmeter gro�, als Ferienh�uschen eingerichtet und direkt am Wasser gelegen, an einem der attraktivsten Flecken von Sandhamn. Offensichtlich hat einer seiner Onkel die Immobilie in den vierziger Jahren erworben, als das f�r Normalsterbliche noch m�glich war, und Blomkvist hat sie schlie�lich geerbt. Sie haben es so aufgeteilt, dass seine Schwester die Wohnung der Eltern in Lilla Essingen bekam und Mikael das Sommerh�uschen. Ich wei� nicht, was so was heute wert ist - sicher ein paar Millionen Kronen -, aber andererseits sieht es nicht so aus, als wollte er das H�uschen verkaufen. Er ist ziemlich oft in Sandhamn.�</p><p>�Was machen seine Eink�nfte?�</p><p>�Er ist wie gesagt Miteigner von <emphasis>Millennium</emphasis>, bezieht aber nur ein Gehalt von knapp 12 000 Kronen im Monat. Den Rest  erwirtschaftet er sich durch seine Arbeit als Freelancer, die Eink�nfte schwanken. Vor drei Jahren erzielte er ein Spitzenergebnis, als er von diversen Medien Auftr�ge bekam und fast 450 000 Kronen einnahm. Voriges Jahr hat er mit seiner freien Arbeit nur 120 000 Kronen eingenommen.�</p><p>�Er muss 150 000 Kronen Schadenersatz bezahlen, au�erdem das Honorar f�r seinen Anwalt etc.�, stellte Frode fest. �Wir k�nnen davon ausgehen, dass er insgesamt eine ziemlich hohe Summe aufbringen muss und au�erdem Eink�nfte einb��t, w�hrend er seine Gef�ngnisstrafe absitzt.�</p><p>�Das bedeutet, dass er ziemlich abgebrannt aus dieser ganzen Geschichte rauskommt�, merkte Salander an.</p><p>�Halten Sie ihn f�r integer?�, fragte Dirch Frode.</p><p>�Seine Integrit�t ist sein Vertrauenskapital. Er hat das Image des unbestechlichen W�chters �ber die Moral der Gesch�ftswelt. Man l�dt ihn ziemlich oft als Kommentator ins Fernsehen ein.�</p><p>�Von diesem Kapital ist nach dem heutigen Urteil wohl nicht mehr viel �brig�, sagte Frode nachdenklich.</p><p>�Ich kann nicht behaupten, dass ich w�sste, welche Anforderungen ein Journalist genau erf�llen muss, aber nach diesem Schlag d�rfte es wohl ein bisschen dauern, bis der Meisterdetektiv Blomkvist den Gro�en Journalistenpreis verliehen bekommt. Er hat sich ganz sch�n ins Aus katapultiert�, stellte Salander n�chtern fest. �Wenn ich eine pers�nliche �berlegung anf�gen darf ��</p><p>Armanskij riss die Augen auf. In all den Jahren, in denen Lisbeth Salander f�r ihn t�tig war, hatte sie noch nie eine pers�nliche �berlegung zu einem Zielobjekt verlauten lassen. F�r sie galten nur die staubtrockenen Fakten.</p><p>�Es geh�rte nicht zu meinem Auftrag, die Wennerstr�m-Aff�re sachlich zu durchleuchten, aber ich habe den Prozess verfolgt und muss zugeben, ich war v�llig verbl�fft. Das Ganze sieht so falsch aus, und es ist so v�llig � <emphasis>out of character</emphasis> f�r  einen Mikael Blomkvist, etwas zu ver�ffentlichen, das dann geradewegs in die Binsen geht.�</p><p>Salander kratzte sich am Hals. Frode wartete geduldig. Armanskij fragte sich, ob er sich t�uschte oder ob Salander wirklich unschl�ssig war, wie sie weitermachen sollte. Die Salander, die er kannte, war nie unschl�ssig oder unsicher. Zu guter Letzt schien sie sich entschieden zu haben.</p><p>�Mal ganz inoffiziell gesprochen � Ich hab mich nicht gr�ndlich mit der Wennerstr�m-Aff�re befasst, aber ich glaube tats�chlich, dass man Kalle Blomkvist � Entschuldigung, Mikael Blomkvist, geleimt hat. Ich glaube, hinter der Story steckt etwas ganz anderes, als das Urteil ahnen l�sst.�</p><p>Jetzt war es an Dirch Frode, sich in seinem Stuhl aufzurichten. Der Rechtsanwalt musterte Salander mit forschendem Blick, und Armanskij bemerkte, dass ihr Auftraggeber zum ersten Mal, seit sie ihren Bericht begonnen hatte, mehr als nur h�fliches Interesse an den Tag legte. Er registrierte auch, dass die Wennerstr�m-Aff�re f�r Frode offensichtlich von gewissem Interesse war. Stimmt nicht, dachte Armanskij im n�chsten Moment, Frode interessierte sich nicht f�r die Wennerstr�m-Aff�re - er hat erst reagiert, als Salander andeutete, dass Blomkvist hinters Licht gef�hrt worden ist.</p><p>�Was wollen Sie damit sagen?�, fragte Frode interessiert.</p><p>�Das ist nur eine Spekulation meinerseits, aber ich bin ziemlich sicher, dass ihn jemand reingelegt hat.�</p><p>�Und wie kommen Sie darauf?�</p><p>�Alles weist darauf hin, dass er stets ein sehr umsichtiger Reporter war. Alle anderen heiklen Enth�llungsstorys, die er davor gebracht hat, waren immer aufs Beste dokumentiert. Ich war an einem der Verhandlungstage dabei und habe zugeh�rt. Er brachte �berhaupt keine Gegenargumente und schien sich kampflos zu ergeben. Nur, das passt so gar nicht zu seinem Charakter. Wenn wir dem Gericht Glauben schenken wollen, dann hat er eine Geschichte �ber Wennerstr�m  zusammenfantasiert, ohne die geringste Spur eines Beweises zu haben, und hat sie dann quasi als journalistisches Selbstmordattentat ver�ffentlicht - das ist einfach nicht Blomkvists Stil.�</p><p>�Was ist also Ihrer Meinung nach passiert?�</p><p>�Ich kann nur eine Vermutung anstellen. Blomkvist glaubte an seine Story, aber dann ist irgendetwas passiert, und seine Information stellte sich als falsch heraus. Das bedeutet wiederum, dass seine Quelle entweder jemand war, dem er blind vertraute, oder dass ihn jemand vors�tzlich mit falschen Informationen versorgte - was wenig wahrscheinlich ist. Die Alternative w�re die, dass man ihn so ernsthaft bedroht hat, dass er das Handtuch warf und sich lieber als unf�higen Idioten hinstellen lie�, als den Kampf aufzunehmen. Aber wie gesagt, ich spekuliere nur.�</p><p>Als Salander ansetzte, mit ihrem Bericht fortzufahren, hob Dirch Frode die Hand. Er schwieg eine Weile und trommelte mit den Fingern nachdenklich auf die Lehne, bevor er wieder das Wort an sie richtete.</p><p>�Wenn wir Sie damit beauftragen w�rden, in der Wennerstr�m-Aff�re zu recherchieren � wie gro� w�ren die Chancen, dass Sie etwas herausfinden?�</p><p>�Das kann ich nicht beantworten. Vielleicht gibt es gar nichts herauszufinden.�</p><p>�Aber Sie w�rden sich bereit erkl�ren, es zu versuchen?�</p><p>Sie zuckte mit den Achseln. �Dar�ber habe nicht ich zu bestimmen. Ich arbeite f�r Dragan Armanskij; er entscheidet, welche Auftr�ge er mir zuteilen will. Und dann kommt es noch darauf an, welche Art Information Sie haben wollen.�</p><p>�Lassen Sie es mich so formulieren � Ich kann doch davon ausgehen, dass dieses Gespr�ch vertraulich behandelt wird?�</p><p>Armanskij nickte. �Ich wei� nichts �ber diese Aff�re, aber ich wei� ohne jeden Zweifel, dass Wennerstr�m bei anderen  Gelegenheiten unehrlich gewesen ist. Die Wennerstr�m-Aff�re hat Mikael Blomkvists Leben in h�chstem Ma�e beeinflusst, und ich will wissen, ob etwas an Ihren Spekulationen dran ist.�</p><p>Das Gespr�ch hatte eine unerwartete Wendung genommen, und Armanskij war sofort hellwach. Frodes Anliegen bedeutete, dass Milton Security weitere Untersuchungen in einer bereits ad acta gelegten Strafsache anstellen sollte, w�hrend deren Verhandlung Mikael Blomkvist m�glicherweise rechtswidrig bedroht worden war. Mit so etwas lief Milton potenziell Gefahr, mit Wennerstr�ms Rechtsanwaltsimperium aneinanderzugeraten. Die Vorstellung, Salander in so einer Angelegenheit wie ein unkontrollierbares Cruisemissile loszulassen, fand Armanskij nicht unbedingt am�sant.</p><p>Das hatte nicht nur mit seiner Sorge um die Firma zu tun. Salander hatte hinreichend deutlich gemacht, dass ihr Armanskij in der Rolle des beunruhigten Stiefpapas �berhaupt nicht zusagte, und nachdem sie dar�ber einig gewesen waren, hatte er sorgf�ltig darauf geachtet, nicht als solcher aufzutreten. Innerlich konnte er allerdings nie aufh�ren, sich um sie zu sorgen. Manchmal ertappte er sich dabei, wie er Salander mit seinen eigenen T�chtern verglich. Er hielt sich f�r einen guten Vater, der sich nicht �bertrieben ins Privatleben seiner T�chter einmischte, aber ihm war auch klar, dass er es niemals akzeptieren w�rde, wenn sie sich wie Lisbeth Salander benehmen oder ihre Art Leben f�hren w�rden.</p><p>In den Tiefen seines serbischen - vielleicht auch bosnischen oder armenischen - Herzens war er die �berzeugung nie losgeworden, dass Salanders Leben in voller Fahrt auf eine Katastrophe zusteuerte. Seiner Meinung nach bot sie sich als geradezu perfektes Opfer f�r jemanden an, der ihr �bel wollte, und ihm graute vor dem Morgen, an dem er mit der Neuigkeit geweckt werden w�rde, dass ihr jemand Schaden zugef�gt hatte.</p><p>�Eine solche Untersuchung kann ziemlich teuer werden�, unternahm Armanskij einen vorsichtigen Abschreckungsversuch, um zu sondieren, wie ernst es Frode mit seiner Anfrage war.</p><p>�Wir m�ssen freilich eine Obergrenze festlegen�, erwiderte Frode n�chtern. �Ich verlange nichts Unm�gliches von Ihnen, aber es ist ganz offensichtlich, wie Sie mir ja selbst versicherten, dass Ihre Mitarbeiterin �u�erst kompetent ist.�</p><p>�Salander?�, fragte Armanskij mit hochgezogenen Augenbrauen.</p><p>�Ich habe gerade nichts anderes laufen�, sagte sie.</p><p>�Okay. Aber ich h�tte gerne, dass wir uns �ber die Bedingungen dieses Auftrages einig sind. Lassen Sie uns noch den Rest Ihres Berichtes h�ren.�</p><p>�Nur noch ein paar Details aus seinem Privatleben. 1988 heiratete er eine Frau namens Monica Abrahamsson, und im selben Jahr bekamen sie eine Tochter, Pernilla. Sie ist heute sechzehn. Die Ehe hielt nicht lange, die beiden wurden 1991 geschieden. Frau Abrahamsson hat wieder geheiratet, aber die zwei sind offensichtlich immer noch befreundet. Die Tochter wohnt bei ihrer Mutter und trifft ihren Vater nicht sonderlich oft.�</p><p>Frode bat um einen weiteren Kaffee aus der Thermoskanne und wandte sich dann wieder an Salander.</p><p>�Zu Beginn haben Sie angedeutet, dass jeder Mensch Geheimnisse hat. Haben Sie welche gefunden?�</p><p>�Damit wollte ich sagen, dass jeder Mensch gewisse Dinge hat, die er als privat betrachtet und die er nicht unbedingt �ffentlich macht. Blomkvist ist ein Frauentyp. Er hat mehrere Aff�ren und jede Menge Zufallsbekanntschaften gehabt. Um es kurz zu machen - er hat ein buntes Sexleben. Eine Person taucht jedoch seit vielen Jahren immer wieder in seinem Leben auf, und das ist ein ziemlich ungew�hnliches Verh�ltnis.�</p><p>�Inwiefern?�</p><p>�Er unterh�lt eine sexuelle Beziehung zu Erika Berger, der Chefredakteurin von <emphasis>Millennium</emphasis>; Tochter aus guten Hause, schwedische Mutter, belgischer Vater mit Wohnsitz in Schweden. Berger und Blomkvist kennen sich seit dem Journalistikstudium und haben seitdem immer wieder ein Verh�ltnis gehabt.�</p><p>�Das ist doch nichts Ungew�hnliches�, meinte Frode.</p><p>�Nein, das nicht. Aber Erika Berger ist mit dem K�nstler Greger Beckman verheiratet - so ein B-Promi, der in �ffentlichen R�umen jede Menge schauderhaftes Zeug ausgestellt hat.�</p><p>�Sie ist ihm untreu?�</p><p>�Nein. Beckman wei� von ihrem Verh�ltnis. Eine <emphasis>m�nage � trois</emphasis>, die anscheinend von allen drei Beteiligten akzeptiert wird. Mal schl�ft sie bei Blomkvist, mal bei ihrem Mann. Ich wei� nicht wirklich, wie das funktioniert, aber es geh�rte auf jeden Fall zu den Gr�nden, aus denen die Ehe mit Monica Abrahamsson in die Br�che ging.�</p><a id="calibre_link-55"/><p><a id="calibre_link-56"/></p><p><strong>3. Kapitel</strong></p><p><strong>Freitag, 20. Dezember - Samstag, 21. Dezember</strong></p><p>Erika Berger hob die Augenbrauen, als ein offensichtlich v�llig durchgefrorener Mikael Blomkvist am sp�ten Nachmittag in die Redaktion kam. Die <emphasis>Millennium</emphasis>-Redaktion lag mitten auf dem h�chsten Punkt der G�tgata, eine Etage �ber der <emphasis>Greenpeace</emphasis>-Niederlassung. Die Miete war eigentlich ein wenig zu hoch f�r die Zeitung, aber Erika, Mikael und Christer waren sich einig gewesen, dass sie die R�ume halten wollten.</p><p>Erika warf einen verstohlenen Blick auf die Uhr. Es war zehn nach f�nf, und schon l�ngst hatte sich die Dunkelheit �ber Stockholm gelegt. Sie hatte ihn eigentlich bereits gegen Mittag zur�ckerwartet.</p><p>�Entschuldige�, sagte er zur Begr��ung, bevor sie zu Wort kam. �Ich bin noch sitzen geblieben, hab das Urteil gelesen und hatte keine Lust zu reden. Hab einen langen Spaziergang gemacht und nachgedacht.�</p><p>�Ich hab im Radio von dem Urteil geh�rt. Die von <emphasis>TV4</emphasis> hat mich angerufen und wollte einen Kommentar von mir.�</p><p>�Was hast du gesagt?�</p><p>�In etwa das, was wir abgesprochen hatten: Wir werden das Urteil sorgf�ltig pr�fen, bevor wir uns dazu �u�ern. Ich habe also gar nichts gesagt. Und ich bin immer noch derselben  Meinung - ich glaube, dass das die falsche Strategie ist. Wir sehen schwach aus und verlieren unseren R�ckhalt in den Medien. Wir m�ssen damit rechnen, dass sie heute Abend was im Fernsehen bringen.�</p><p>Blomkvist nickte und sah finster drein.</p><p>�Wie geht es dir?�</p><p>Mikael Blomkvist zuckte mit den Achseln und setzte sich in seinen Lieblingssessel, der in Erikas Zimmer am Fenster stand. Ihr Arbeitszimmer war spartanisch eingerichtet: ein Schreibtisch, zweckdienliche B�cherregale und billige B�rom�bel. Alle M�bel waren von IKEA, abgesehen von den zwei bequemen und extravaganten Sesseln und einem kleinen Beistelltischchen - ein Zugest�ndnis an meine Herkunft, pflegte sie zu scherzen. Sie sa� meistens mit angezogenen Beinen in einem der Sessel und las, wenn sie einmal eine Pause vom Schreibtisch brauchte. Mikael blickte auf die G�tgata hinunter, auf der die Menschen in der Dunkelheit vorbeihasteten. Das Weihnachtsgesch�ft setzte zum Endspurt an.</p><p>�Ich sch�tze, das geht auch wieder vorbei�, sagte er. �Aber im Moment f�hl ich mich, als h�tte ich gerade eine Tracht Pr�gel bezogen.�</p><p>�Das geht uns doch allen so. Janne Dahlman ist heute Fr�h nach Hause gegangen.�</p><p>�Ich nehme an, er war nicht sonderlich begeistert vom Urteil.�</p><p>�Er ist ja ohnehin nicht gerade der positivste Mensch.�</p><p>Mikael sch�ttelte den Kopf. Janne Dahlman war seit neun Monaten Redaktionsassistent bei <emphasis>Millennium</emphasis>. Er hatte genau zu dem Zeitpunkt bei ihnen angefangen, als die Wennerstr�m-Aff�re in Gang kam. Mikael versuchte sich zu erinnern, wie Erika und er �ber Dahlmans Bewerbung diskutiert hatten. Er war in der Tat kompetent und hatte als Springer bei der Nachrichtenagentur <emphasis>TT</emphasis>, verschiedenen Abendzeitungen und <emphasis>Ekot</emphasis>  gearbeitet. Aber er war ganz offensichtlich niemand, der mit  schwierigen Umst�nden zurechtkam. Im letzten Jahr hatte Mikael oft genug bereut, dass sie Dahlman angestellt hatten, der ein enervierendes Talent besa�, alles so negativ wie nur irgend m�glich zu betrachten.</p><p>�Hast du von Christer geh�rt?�, fragte Mikael, ohne den Blick von der Stra�e zu wenden.</p><p>Christer Malm war Chef der Bildredaktion und Layouter bei <emphasis>Millennium</emphasis> und neben Erika und Mikael der dritte Teilhaber des Magazins. Momentan befand er sich mit seinem Freund auf Auslandsreise.</p><p>�Er hat angerufen. Sch�ne Gr��e.�</p><p>�Ist wohl das Beste, wenn er meine Stelle als verantwortlicher Herausgeber �bernimmt.�</p><p>�Ach, komm, Micke, als verantwortlicher Herausgeber musst du damit rechnen, dass du ab und zu ordentlich was auf die Nase kriegst. Das steht so in der Stellenbeschreibung.�</p><p>�Ja, stimmt. Aber ich war nun mal derjenige, der diesen Text verfasst hat, der in dem Magazin ver�ffentlicht wurde, bei dem ich auch verantwortlicher Herausgeber bin. Damit sieht die Sache schon wieder ganz anders aus. Da geht es dann ganz einfach um mangelndes Urteilsverm�gen.�</p><p>Erika Berger merkte, wie die Sorge, die sie den ganzen Tag mit sich herumgetragen hatte, vollends die Oberhand gewann. In den letzten Wochen vor dem Prozess war Mikael Blomkvist herumgelaufen, als w�re er von einer finsteren Wolke umgeben, aber selbst damals hatte sie ihn nicht als so d�ster und resigniert empfunden, wie er ihr nun in seiner Niederlage vorkam. Sie umrundete ihren Schreibtisch, setzte sich rittlings auf ihn und schlang ihm die Arme um den Hals.</p><p>�Mikael, h�r mal zu. Wir wissen beide ganz genau, was hier passiert ist. Ich bin genauso verantwortlich wie du. Wir m�ssen das gemeinsam durchstehen.�</p><p>�Da gibt es nichts durchzustehen. Das Urteil bedeutet f�r mich den medialen Genickschuss. Ich kann nicht als verantwortlicher Herausgeber bei <emphasis>Millennium</emphasis> bleiben. Es geht einfach um die Glaubw�rdigkeit dieses Magazins. Um Schadensbegrenzung. Das wei�t du doch genauso gut wie ich.�</p><p>�Wenn du denkst, dass ich dich die Schuld ganz alleine tragen lasse, dann hast du in all den Jahren wirklich noch gar nichts �ber mich gelernt.�</p><p>�Ich wei� genau, was in dir vorgeht, Ricky. Du bist auf eine einf�ltige Art und Weise loyal zu deinen Mitarbeitern. Wenn du die Wahl hast, dann streitest du dich mit Wennerstr�ms Rechtsanw�lten rum, bis auch deine Glaubw�rdigkeit ruiniert ist. Das k�nnen wir uns nicht leisten.�</p><p>�Und du h�ltst es also f�r einen klugen Plan, bei <emphasis>Millennium</emphasis> auszusteigen und es so aussehen zu lassen, als h�tte ich dich gefeuert?�</p><p>�Wir haben das doch schon hundertmal durchgesprochen. Wenn <emphasis>Millennium</emphasis> �berleben soll, kommt es jetzt ganz auf dich an. Christer ist ein richtig guter Kerl, der alles M�gliche �ber Bilder und Layout wei�, aber von Machtk�mpfen mit Milliard�ren hat er keinen Schimmer. Das ist nicht sein Ding. Ich muss <emphasis>Millennium</emphasis> bald den R�cken kehren, als Herausgeber, Reporter und F�hrungsmitglied; meinen Anteil �bernimmst du. Wennerstr�m wei�, dass ich wei�, was er getan hat, und ich bin �berzeugt, solange er wei�, dass ich mich in der N�he von <emphasis>Millennium</emphasis> aufhalte, wird er nichts unversucht lassen, um das Magazin in die Knie zu zwingen.�</p><p>�Aber warum willst du nicht mit den Fakten an die �ffentlichkeit gehen - auf Biegen und Brechen!�</p><p>�Weil wir nicht das Geringste beweisen k�nnen, und weil ich derzeit nicht die mindeste Glaubw�rdigkeit besitze. Diese Runde hat Wennerstr�m gewonnen. Vorbei. Gib es auf.�</p><p>�Okay, du bist also gefeuert. Was wirst du stattdessen machen?�</p><p>�Ich brauche ganz einfach eine Pause. Ich f�hle mich total ausgebrannt und bin kurz davor, an meine Belastungsgrenze  zu sto�en. Ich werde mich ein Weilchen um mich selbst k�mmern. Dann sehen wir weiter.�</p><p>Erika umarmte Mikael und zog seinen Kopf an ihre Brust. Sie dr�ckte ihn fest an sich. Schweigend und ungl�cklich blieben sie ein paar Minuten so sitzen.</p><p>�Soll ich heute Abend bei dir bleiben?�, fragte sie.</p><p>Mikael Blomkvist nickte.</p><p>�Gut. Ich habe Greger schon angerufen und ihm Bescheid gesagt, dass ich heute Nacht bei dir schlafe.�</p><p>Die einzige Lichtquelle im Zimmer war die Stra�enlaterne, die vom Fenstersturz reflektiert wurde. Als Erika irgendwann nach zwei Uhr morgens einschlief, lag Mikael wach und betrachtete im Halbdunkel ihr Profil. Sie war nur bis zur Taille zugedeckt, und er sah zu, wie sich ihre Brust langsam hob und senkte. Er war entspannt, und der angsterf�llte Knoten in seinem Zwerchfell hatte sich gel�st. Erika hatte diese Wirkung auf ihn. Sie hatte sie schon immer gehabt. Und er wusste, dass er dieselbe Wirkung auf sie hatte.</p><p>Zwanzig Jahre, dachte er. So lange hatten Erika und er schon ein Verh�ltnis. Wenn es nach ihm ging, konnten sie auch die n�chsten zwanzig Jahre noch miteinander Sex haben. Mindestens. Sie hatten nie ernsthaft versucht, ihr Verh�ltnis zu verbergen, wenngleich sich dadurch ungeheuer heikle Situationen in ihren Beziehungen zu anderen Menschen ergeben hatten. Er wusste, dass man in ihrem Bekanntenkreis �ber sie sprach, und dass die Leute sich fragten, was f�r eine Art Verh�ltnis die beiden eigentlich verband. Erika und er gaben r�tselhafte Antworten und ignorierten die Kommentare.</p><p>Sie hatten sich auf einem Fest bei gemeinsamen Freunden kennengelernt. Sie studierten beide im zweiten Jahr Journalistik und lebten jeweils in einer festen Beziehung. Im Laufe des Abends hatten sie sich gegenseitig mehr provoziert, als gut f�r sie war. Ihr Flirt hatte vielleicht als Scherz begonnen - er war  sich da nicht ganz sicher -, doch bevor sie auseinandergingen, tauschten sie Telefonnummern. Sie wussten, dass sie miteinander im Bett landen w�rden, und innerhalb einer Woche hatten sie dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt, hinter dem R�cken ihrer jeweiligen Partner.</p><p>Mikael war sich sicher, dass es hierbei nicht um Liebe ging - zumindest nicht um Liebe im traditionellen Sinne, die in eine gemeinsame Wohnung, gemeinsame Ratenzahlungen, Weihnachtsb�ume und Kinder m�ndet. In den achtziger Jahren hatten sie ein paarmal �berlegt zusammenzuziehen, als sie gerade keine Beziehungen hatten, auf die sie h�tten R�cksicht nehmen m�ssen. Er wollte. Aber Erika hatte immer im letzten Moment einen R�ckzieher gemacht. Sie sagte, es w�rde nicht funktionieren, und sie sollten ihre Beziehung nicht aufs Spiel setzen, indem sie sich jetzt auch noch verliebten.</p><p>Sie waren sich einig, dass es bei ihrer Beziehung um Sex ging - vielleicht sogar um sexuellen Irrsinn -, und Mikael hatte sich oft gefragt, ob er f�r eine andere Frau je so eine wahnsinnige Begierde empfinden k�nne wie f�r Erika. Sie funktionierten einfach perfekt miteinander. Sie hatten ein Verh�ltnis, das nicht weniger abh�ngig machte als Heroin.</p><p>In gewissen Phasen trafen sie sich so h�ufig, dass sie sich fast wie ein Paar f�hlten; manchmal konnten Wochen und Monate zwischen ihren Treffen verstreichen. Doch so wie der Alkoholiker nach einer abstinenten Phase stets wieder loszieht und sich neuen Schnaps besorgt, kehrten auch die beiden immer wieder zueinander zur�ck, um sich eine neue Dosis zu holen.</p><p>Das konnte freilich nicht auf Dauer funktionieren. Ein derartiges Verh�ltnis musste fr�her oder sp�ter Schmerzen verursachen. Erika und er hatten gebrochene Versprechen und Beziehungen r�cksichtslos hinter sich gelassen - seine eigene Ehe war daran gescheitert, dass er sich nicht von Erika fernhalten konnte. Er hatte seine Frau Monica in Sachen Erika nie belogen, doch Monica hatte geglaubt, die Aff�re w�rde mit ihrer  Heirat und der Geburt ihrer Tochter ein Ende nehmen, zumal Erika beinahe gleichzeitig die Ehe mit Greger Beckman einging. Er glaubte das auch und hatte Erika in den ersten Jahren seiner Ehe nur rein beruflich getroffen. Dann hatten sie <emphasis>Millennium</emphasis> gegr�ndet, und innerhalb von ein paar Wochen waren alle Vors�tze den Bach runtergegangen, und eines Abends hatten sie heftigen Sex auf ihrem Schreibtisch gehabt. Das war der Beginn einer qu�lenden Zeit gewesen, in der Mikael einerseits bei seiner Familie sein und seine Tochter aufwachsen sehen wollte, sich andererseits aber mit solcher Kraft zu Erika hingezogen f�hlte, dass er seine Handlungen nicht mehr kontrollieren konnte. Wie Lisbeth ganz richtig vermutete, hatte seine st�ndige Untreue dazu gef�hrt, dass Monica ihn verlie�.</p><p>Seltsamerweise schien Greger Beckman ihr Verh�ltnis v�llig zu akzeptieren. Erika hatte ihr Verh�ltnis mit Mikael nie verheimlicht und es ihrem Mann auch sofort erz�hlt, als sie die Aff�re wieder aufnahmen. Vielleicht lag es an seiner K�nstlerseele, die derart mit ihren Schaffensprozessen (oder auch nur mit sich selbst) besch�ftigt war, dass er so gar nicht darauf reagierte, als Erika mit einem anderen Mann schlief. Er teilte sogar die Ferien so auf, dass sie ab und an eine Woche mit ihrem Liebhaber in dessen Sommerh�uschen in Sandhamn verbringen konnte. Mikael mochte Greger nicht besonders und hatte nie begreifen k�nnen, warum Erika ihn liebte. Aber er war froh, dass Greger es hinnahm, dass sie zwei M�nner gleichzeitig liebte.</p><p>Au�erdem hatte er Greger im Verdacht, dass er die Untreue seiner Frau als W�rze ihrer Ehe betrachtete. Doch dar�ber hatten sie nie gesprochen.</p><p>Mikael fand keinen Schlaf, und gegen vier gab er auf und setzte sich in die K�che, um das Urteil noch einmal von Anfang bis Ende durchzulesen. Mit diesem Resultat in der Hand konnte er sp�ren, dass die Begegnung in Arholma fast schon  schicksalhaft gewesen war. Er wurde sich jedoch einfach nicht klar dar�ber, ob Robert Lindberg Wennerstr�ms Betrug enth�llt hatte, weil er ihm auf seinem Boot eine gute Geschichte erz�hlen wollte, oder ob er wirklich gewollt hatte, dass alles an die �ffentlichkeit kam.</p><p>Spontan tendierte Mikael zur ersten Alternative, aber es war genauso gut m�glich, dass Robert aus h�chst privaten oder gesch�ftlichen Gr�nden Wennerstr�m schaden wollte und einfach die Gelegenheit beim Schopf ergriff, als er einen harmlosen Journalisten an Bord hatte. Robert war nicht gerade n�chtern gewesen, als er im entscheidenden Augenblick seiner Geschichte Mikael fixiert hatte und ihm die magischen Worte entlockte, die ihn von einer Klatschtante in eine anonyme Quelle verwandelten. Auf diese Art spielte es f�r Robert keine Rolle, was er erz�hlte, denn Mikael w�rde ihn nie als Urheber dieser Aussagen nennen k�nnen.</p><p>�ber eines war sich Mikael jedoch vollkommen im Klaren: Wenn das Treffen in Arholma wirklich von einem Verschw�rer inszeniert worden w�re, mit der Absicht, seine Aufmerksamkeit zu erregen, h�tte Robert seine Sache kaum besser machen k�nnen. Aber das Treffen in Arholma war reiner Zufall gewesen.</p><p>Robert wusste gar nicht, wie gro� Mikaels Verachtung f�r M�nner wie Hans-Erik Wennerstr�m war. Nach langj�hrigen Studien auf diesem Gebiet war Mikael �berzeugt davon, dass es keinen einzigen Bankdirektor oder bekannten Gesch�ftsf�hrer gab, der nicht gleichzeitig ein Schweinehund war.</p><p>Mikael hatte noch nie von Lisbeth Salander geh�rt und wusste nichts von dem Bericht, den sie vor einigen Stunden abgeliefert hatte. Doch h�tte er ihr zugestimmt, dass seine ausgesprochene Abscheu gegen allzu gewitzt rechnende Betriebswirtschaftler kein Zeichen f�r politischen Linksradikalismus war. Mikael war nicht uninteressiert an Politik, aber er betrachtete politische Ismen mit gr��tem Misstrauen. Bei der  einzigen Reichstagswahl, bei der er jemals seine Stimme abgegeben hatte - 1982 -, hatte er die Sozialdemokraten gew�hlt, wenn auch weniger aus �berzeugung als ganz einfach deswegen, weil in seinen Augen nichts schlimmer sein konnte als weitere drei Jahre mit G�sta Bohman als Finanzminister und Thorbj�rn F�lldin oder am Ende gar Ola Ullsten als Ministerpr�sident. Also hatte er ohne allzu gro�en Enthusiasmus f�r Olof Palme gestimmt, um sp�ter die Ermordung des Ministerpr�sidenten sowie Bofors und Ebbe Carlsson erleben zu m�ssen.</p><p>Mikaels Verachtung vieler Wirtschaftsjournalisten beruhte auf deren zweifelhafter Moral. In seinen Augen war die Gleichung ganz einfach:</p><p>Ein Bankdirektor, der hundert Millionen durch kopflose Spekulationen verschleudert, darf nicht auf seinem Posten bleiben. Ein Gesch�ftsf�hrer, der krumme Dinger mit Mantelgesellschaften dreht, geh�rt hinter Gitter. Ein Immobilienbesitzer, der jungen Leuten f�r eine Einzimmerwohnung mit Toilette unter der Hand noch einmal Geld abkn�pft, sollte �ffentlich vorgef�hrt werden.</p><p>Mikael Blomkvist fand ganz einfach, dass es Aufgabe der Wirtschaftsjournalisten war, diejenigen Finanzhaie zu kontrollieren, die Zinskrisen verursachten und das Geld von Kleinanlegern durch leichtfertige Spekulationen aufs Spiel setzten. Seiner Meinung nach bestand der Auftrag dieser Journalisten darin, Wirtschaftsmanager mit demselben unbarmherzigen Eifer zu verfolgen, mit dem politische Berichterstatter die geringsten Fehltritte von Ministern und Reichstagsabgeordneten verurteilten. Den politischen Journalisten w�rde es nie einfallen, einen Parteivorsitzenden zur Ikone zur erheben, und Mikael konnte beim besten Willen nicht verstehen, warum die Wirtschaftsjournalisten der wichtigsten Massenmedien des Landes die mediokren J�nglinge in der Finanzwelt wie Rockstars behandelten.</p><p>Diese unter Wirtschaftsjournalisten etwas eigensinnige Haltung hatte ein ums andere Mal zu lautstarken Auseinandersetzungen mit Kollegen in der Medienbranche gef�hrt, von denen nicht zuletzt William Borg zum unvers�hnlichen Feind geworden war. Mikael hatte gewagt, seinen Kollegen vorzuhalten, sie dr�ckten sich um ihre eigentliche Aufgabe und dienten stattdessen den Interessen der finanzpolitischen Gr�nschn�bel. Seine Rolle als Gesellschaftskritiker hatte ihm zwar einen gewissen Status verliehen und ihn zu einem unbequemen Gast auf den Sofas politischer Fernsehsendungen gemacht - wenn ein Manager mal wieder eine millionenschwere Abfindung kassierte, bat man ihn stets um einen Kommentar -, aber das hatte ihm auch eine treue Schar erbitterter Feinde beschert.</p><p>Mikael konnte sich lebhaft vorstellen, dass im Laufe des Abends in ein paar Redaktionen die Champagnerkorken geknallt hatten.</p><p>Erika teilte seine Ansichten �ber die Rolle des Journalisten, und es hatte ihnen schon w�hrend des Studiums Vergn�gen bereitet, sich gemeinsam eine Zeitung mit entsprechendem Profil auszumalen.</p><p>Erika war die beste Chefin, die Mikael sich denken konnte. Sie konnte gut organisieren und pflegte einen warmherzigen und vertrauensvollen F�hrungsstil. Gleichzeitig scheute sie sich nicht, Konfrontationen einzugehen und, wenn n�tig, hart durchzugreifen. Vor allem aber besa� sie ein unbestechliches Fingerspitzengef�hl, wenn es darum ging, �ber den Inhalt der n�chsten Nummer zu entscheiden. Sie und Mikael hatten oftmals unterschiedliche Meinungen und konnten sich lebhaft streiten, aber sie hatten auch unersch�tterliches Vertrauen zueinander und bildeten ein unschlagbares Team. Er war der Mann f�rs Grobe, der die Story an Land zog; sie sorgte f�r ihre Verpackung und Vermarktung.</p><p>Das Projekt <emphasis>Millennium</emphasis> hatten sie zu zweit auf die Beine gestellt, aber es h�tte nie realisiert werden k�nnen ohne ihre F�higkeit, immer wieder neue Wege der Finanzierung zu finden. Der Arbeiterjunge und die h�here Tochter als Erfolgsduo. Erika kam aus einer wohlhabenden Familie. Sie selbst hatte die finanzielle Grundlage geschaffen und sowohl ihren Vater als auch ihre Bekannten �berredet, ansehnliche Betr�ge zu investieren.</p><p>Mikael hatte oft �berlegt, warum Erika auf <emphasis>Millennium</emphasis> gesetzt hatte. Freilich, sie war dadurch Teilhaberin - sogar mehrheitliche Anteilseignerin - und Chefredakteurin ihrer eigenen Zeitschrift geworden, was ihr ein Prestige und eine publizistische Freiheit gab, die sie an einem anderen Arbeitplatz kaum h�tte erreichen k�nnen. Im Gegensatz zu Mikael hatte sie sich nach dem Studium zun�chst f�rs Fernsehen entschieden. Sie war tough, sah auf dem Bildschirm unversch�mt gut aus und konnte sich gegen die Konkurrenz behaupten. Au�erdem hatte sie beste Kontakte innerhalb des b�rokratischen Apparats. W�re sie beim Fernsehen geblieben, h�tte sie zweifellos eine bedeutend besser bezahlte F�hrungsposition bei irgendeinem Sender bekommen. Stattdessen hatte sie sich bewusst f�r den Ausstieg und das Engagement f�r <emphasis>Millennium</emphasis> entschieden, ein h�chst riskantes Projekt, das in einem engen, heruntergekommenen B�ro in einem Keller im Vorort Midsommarkransen startete, dann aber so viel Erfolg hatte, dass man Mitte der neunziger Jahre in ger�umigere und angenehmere B�ror�ume in der G�tgata in S�dermalm ziehen konnte.</p><p>Au�erdem hatte Erika auch noch Christer Malm �berredet, Teilhaber am Magazin zu werden - einen exhibitionistischen Promischwulen, der ab und zu mit seinem Freund f�r Homestorys posierte und regelm��ig auf den Klatsch- und Lifestyle-Seiten auftauchte. Das Medieninteresse verdankte er der Tatsache, dass er mit Arnold Magnusson, genannt Arn, zusammengezogen war, einem Schauspieler vom <emphasis>Dramaten</emphasis>,  dem K�niglichen Theater in Stockholm, der seinen richtigen Durchbruch erst erlebt hatte, als er sich in einer Dokusoap selbst spielte. Seit damals waren Christer und Arn eine Art Fortsetzungsroman f�r die Medien geworden.</p><p>Im Alter von sechsunddrei�ig Jahren war Christer Malm ein begehrter Berufsfotograf und Designer, der <emphasis>Millennium</emphasis>  einen modernen und attraktiven grafischen Auftritt verlieh. Sein eigenes Unternehmen befand sich auf derselben Etage wie die Redaktion des Magazins, um dessen Layout er sich eine Woche im Monat auf Teilzeitbasis k�mmerte.</p><p>Dar�ber hinaus gab es noch zwei Vollzeitangestellte, einen st�ndigen Praktikanten und drei Teilzeitmitarbeiter. <emphasis>Millennium</emphasis> geh�rte zu der Art Zeitschriften, die wenig rentabel waren, daf�r aber Prestige besa�en, und bei denen die Angestellten sehr gerne arbeiteten.</p><p><emphasis>Millennium</emphasis> war nicht lukrativ, aber immer in der Lage, seine Kosten zu decken, und sowohl Auflage wie auch Anzeigeneinnahmen waren konstant gestiegen. Bis auf den heutigen Tag stand das Magazin in dem Ruf, mutig und beharrlich die Wahrheit auszusprechen.</p><p>Nun w�rde sich die Situation mit gro�er Wahrscheinlichkeit ver�ndern. Mikael las die kurze Pressemitteilung durch, die Erika und er am Abend zuvor verfasst hatten und die rasch in ein Telegramm f�r die Nachrichtenagenturen umformuliert worden war, das bereits auf der Website des <emphasis>Aftonbladet</emphasis> zu lesen war:</p><p><emphasis>Verurteilter Reporter verl�sst</emphasis> Millennium</p><p><emphasis>Stockholm (TT). Wie Chefredakteurin und Haupteignerin des Magazins</emphasis> Millennium<emphasis>, Erika Berger, bekannt gab, wird Mikael Blomkvist seinen Posten als verantwortlicher Herausgeber aufgeben.</emphasis></p><p><emphasis>�Mikael Blomkvist verl�sst</emphasis> Millennium <emphasis>auf eigenen Wunsch. Er ist von den Strapazen der letzten Wochen sehr  mitgenommen und braucht eine Auszeit�, sagt Erika Berger, die die Aufgaben des verantwortlichen Herausgebers selbst �bernehmen wird.</emphasis></p><p><emphasis>Mikael Blomkvist war 1989 einer der Gr�nder des Magazins. Erika Berger glaubt nicht, dass die sogenannte Wennerstr�m-Aff�re Einfluss auf die Zukunft der Zeitschrift haben wird.</emphasis></p><p><emphasis>�</emphasis>Millennium <emphasis>wird wie gewohnt n�chsten Monat erscheinen�, sagt Erika Berger. �Mikael Blomkvist hat eine gro�e Rolle bei der Entwicklung des Magazins gespielt, doch nun beginnt ein neues Kapitel.�</emphasis></p><p><emphasis>Erika Berger gibt an, dass sie die Wennerstr�m-Aff�re als eine Verkettung ung�nstiger Zust�nde betrachtet. Sie bedauert die Ungelegenheiten, die Hans-Erik Wennerstr�m bereitet wurden. Mikael Blomkvist war f�r einen Kommentar nicht zu erreichen.</emphasis></p><p>�Ich finde das schrecklich�, hatte Erika gesagt, als die Pressemitteilung rausging. �Die meisten werden die Schlussfolgerung ziehen, dass du ein unf�higer Idiot bist und ich ein eiskaltes Mistst�ck, das die erstbeste Gelegenheit ergreift, dir den Genickschuss zu verpassen.�</p><p>�Wenn man bedenkt, was f�r Ger�chte �ber uns schon im Umlauf sind, hat unser Freundeskreis jetzt jedenfalls was Neues zum Klatschen�, versuchte Mikael zu scherzen. Sie fand das �berhaupt nicht lustig.</p><p>�Ich habe keinen Plan B, aber ich glaube, wir begehen hier einen Fehler.�</p><p>�Es ist die einzige L�sung�, erwiderte Mikael. �Wenn das Magazin zugrunde geht, war die ganze M�he umsonst. Du wei�t, dass wir bereits viele Einbu�en hatten. Was ist �brigens mit dieser Computerfirma geworden?�</p><p>Sie seufzte. �Tja, sie haben heute Morgen mitgeteilt, dass sie nicht in der Januarnummer inserieren wollen.�</p><p>�Wennerstr�m hat bei denen einen betr�chtlichen Aktienanteil. Das kann doch kein Zufall sein.�</p><p>�Nein, aber wir k�nnen neue Anzeigenkunden an Land ziehen. Wennerstr�m mag ja ein Finanzmogul sein, aber ihm geh�rt nicht die ganze Welt, und wir haben unsere eigenen Kontakte.�</p><p>Mikael umarmte Erika und dr�ckte sie an sich.</p><p>�Eines Tages werden wir Hans-Erik Wennerstr�m derma�en eins �berziehen, dass die Wall Street bebt. Aber nicht heute. <emphasis>Millennium</emphasis> muss erst mal aus der Schusslinie. Wir d�rfen nicht riskieren, dass das Vertrauen in unsere Zeitung v�llig kaputtgemacht wird.�</p><p>�Ich wei� das alles, aber ich sehe aus wie ein verdammtes Luder, und du ger�tst in eine abscheuliche Lage, wenn wir so tun, als w�ren wir geschiedene Leute.�</p><p>�Ricky, solange wir uns aufeinander verlassen k�nnen, haben wir auch eine Chance. Wir m�ssen unserer Intuition vertrauen, und momentan ist einfach R�ckzug angesagt.�</p><p>Widerwillig hatte sie zugegeben, dass seine Schlussfolgerungen einer bedr�ckenden Logik folgten.</p><a id="calibre_link-57"/><p><a id="calibre_link-58"/></p><p><strong>4. Kapitel</strong></p><p><strong>Montag, 23. Dezember - Donnerstag, 26. Dezember</strong></p><p>Erika war �bers Wochenende bei Mikael Blomkvist geblieben. Im Gro�en und Ganzen hatten sie das Bett nur f�r Toilettenbesuche und zum Essenkochen verlassen. Doch hatten sie sich nicht nur geliebt, sondern auch stundenlang Kopf an Fu� im Bett gelegen und �ber ihre Zukunft diskutiert, Konsequenzen, M�glichkeiten und Wahrscheinlichkeiten gegeneinander abgew�gt. Als der Montagmorgen graute, war es ein Tag vor Heiligabend. Erika hatte ihm einen Abschiedskuss gegeben -  <emphasis>until the next time</emphasis> - und war nach Hause zu ihrem Mann gefahren.</p><p>Mikael verbrachte den Montag damit, erst einmal abzuwaschen und die Wohnung sauber zu machen. Danach ging er in die Redaktion, um sein B�ro auszur�umen. Er hatte keinen Augenblick ernsthaft vor, mit der Zeitschrift zu brechen, aber er hatte Erika zu guter Letzt davon �berzeugt, dass es in absehbarer Zukunft wichtig war, den Namen Mikael Blomkvist von dem des Magazins deutlich abzugrenzen. Bis auf Weiteres wollte er von seiner Wohnung in der Bellmangata aus arbeiten.</p><p>Er war allein in der Redaktion, denn �ber Weihnachten hatten alle Mitarbeiter frei. Er verstaute gerade Papiere und B�cher in einem Umzugskarton, als pl�tzlich das Telefon klingelte.</p><p>�Ich w�rde gerne Mikael Blomkvist sprechen�, sagte eine hoffnungsvolle, aber unbekannte Stimme am anderen Ende.</p><p>�Am Apparat.�</p><p>�Entschuldigen Sie, dass ich Sie so einfach einen Tag vor Weihnachten st�re. Mein Name ist Dirch Frode.� Mikael notierte sich automatisch Namen und Uhrzeit. �Ich bin Anwalt und vertrete einen Mandanten, der sich sehr gerne mit Ihnen unterhalten w�rde.�</p><p>�Na ja, dann bitten Sie Ihren Mandanten doch einfach, mich anzurufen.�</p><p>�Ich wollte damit sagen, dass er Sie pers�nlich treffen m�chte.�</p><p>�In Ordnung, lassen Sie sich einen Termin geben und schicken Sie ihn in die Redaktion. Aber Sie m�ssen sich beeilen, ich r�ume gerade meinen Schreibtisch aus.�</p><p>�Mein Mandant h�tte furchtbar gerne, dass Sie ihn besuchen. Er wohnt in Hedestad, das w�ren nur drei Stunden mit dem Zug.�</p><p>Mikael hielt im Papiersortieren inne. Die Massenmedien haben ein Talent daf�r, die gest�rtesten Menschen anzuziehen, die dann mit den verr�cktesten Tipps anrufen. Jede Zeitungsredaktion auf der Welt bekommt Anrufe von Ufologen, Grafologen, Scientologen, Paranoikern und Verschw�rungstheoretikern.</p><p>Mikael hatte einmal einen Vortrag angeh�rt, den der Schriftsteller Karl Alvar Nilsson anl�sslich des Jahrestages des Mordes an Ministerpr�sident Olof Palme hielt. Der Vortrag war v�llig seri�s, und im Publikum sa�en Lennart Bodstr�m und andere alte Freunde von Palme. Aber es hatte sich auch eine verbl�ffend gro�e Zahl Privatdetektive eingefunden. Einer von ihnen, eine ungef�hr vierzigj�hrige Frau, hatte w�hrend der obligatorischen Fragerunde das Mikrofon ergriffen und ihre Stimme zu einem kaum h�rbaren Fl�stern gesenkt. Schon dieses Benehmen sicherte ihr die allgemeine Aufmerksamkeit, und niemand war sonderlich �berrascht, als die Frau ihren Beitrag mit der Behauptung begann: �Ich wei�, wer Olof Palme ermordet hat.� Aus dem Publikum kam, leicht ironisch, der Vorschlag, wenn sie denn diese h�chst dramatische Information besitze, m�ge sie die Palme-Ermittlungskommission doch davon in Kenntnis setzen. Hastig, in kaum h�rbarem Fl�sterton, hatte sie geantwortet: �Das kann ich nicht � das ist zu gef�hrlich!�</p><p>Mikael fragte sich, ob Dirch Frode auch zu diesem Heer von beseelten K�ndern der Wahrheit geh�rte, die das geheime psychiatrische Krankenhaus enttarnen wollten, in dem die schwedische Sicherheitspolizei ihre Versuche zur Hirnkontrolle anstellte.</p><p>�Ich mache keine Hausbesuche�, sagte er kurz angebunden.</p><p>�Dann hoffe ich, Sie �berreden zu k�nnen, hier eine Ausnahme zu machen. Mein Mandant ist achtzig Jahre alt, f�r ihn ist die Fahrt nach Stockholm eine anstrengende Reise. Wenn Sie darauf bestehen, k�nnen wir sicher etwas arrangieren, aber um ehrlich zu sein, es w�re sch�n, wenn Sie die Freundlichkeit bes��en ��</p><p>�Wer ist Ihr Mandant?�</p><p>�Eine Person, von der Sie durch Ihre Arbeit schon geh�rt haben, nehme ich an. Henrik Vanger.�</p><p>Mikael lehnte sich verbl�fft zur�ck. Henrik Vanger - nat�rlich hatte er schon von ihm geh�rt. Der Gro�industrielle und Gesch�ftsf�hrer des Vanger-Konzerns, fr�her Synonym f�r S�gewerke, Wald, Gruben, Stahl, Schwerindustrie, Textilien, Produktion und Export. Henrik Vanger hatte zu seiner Zeit den Ruf eines ehrenhaften, altmodischen Patriarchen gehabt, der nicht so schnell klein beigab, wenn der Wind von vorne kam. Er war aus dem schwedischen Wirtschaftsleben nicht wegzudenken; eine Koryph�e wie ein Matts Carlgren von  <emphasis>MoDo</emphasis> oder Hans Werth�n, damals bei <emphasis>Electrolux</emphasis>. Das R�ckgrat der heimischen Industrie und so weiter und so fort.</p><p>Aber der Vanger-Konzern, bis auf den heutigen Tag ein Familienunternehmen, war in den letzten f�nfundzwanzig Jahren durch verheerende Rationalisierungen und Umstrukturierungen, B�rsenkrisen, Zinskrisen, Konkurrenz aus Fernost, sinkende Exportzahlen und andere Unbill gebeutelt worden. All das hatte den Namen Vanger in Misskredit und die Firma in Schwierigkeiten gebracht. Das Unternehmen wurde heute von Martin Vanger gef�hrt, den Mikael als pummeligen Mann mit buschigem Haar kannte, der ab und zu �ber den Bildschirm flimmerte, �ber den er ansonsten aber nur wenig wusste. Henrik Vanger war seit f�nfundzwanzig Jahren von der Bildfl�che verschwunden, und Mikael war sich nicht einmal sicher gewesen, ob er noch lebte.</p><p>�Warum will Henrik Vanger mich treffen?�, war seine logische n�chste Frage.</p><p>�Es tut mir leid, ich bin seit vielen Jahren Henrik Vangers Anwalt, aber er muss Ihnen selbst erz�hlen, was er von Ihnen will. Ich kann Ihnen allerdings verraten, dass Henrik Vanger �ber eine eventuelle Zusammenarbeit mit Ihnen sprechen will.�</p><p>�Zusammenarbeit? Ich habe nicht die geringste Absicht, f�r das Unternehmen Vanger zu arbeiten. Brauchen Sie einen Pressesprecher?�</p><p>�Nicht diese Art von Arbeit, Herr Blomkvist. Ich wei� nicht, wie ich es anders formulieren soll, aber Herrn Vanger liegt �u�erst viel daran, Sie zu treffen und in einer privaten Angelegenheit zurate zu ziehen.�</p><p>�Sie dr�cken sich etwas r�tselhaft aus.�</p><p>�Ich bitte um Entschuldigung. Aber gibt es irgendeine M�glichkeit, Sie zu einem Besuch in Hedestad zu �berreden? Wir bezahlen Ihnen selbstverst�ndlich die Fahrt und ein angemessenes Honorar.�</p><p>�Sie rufen zu einem ung�nstigen Zeitpunkt an. Ich habe momentan sehr viel zu tun und � ich sch�tze, Sie haben in den letzten Tagen auch die Schlagzeilen �ber mich gelesen.�</p><p>�Die Wennerstr�m-Aff�re?� Pl�tzlich gluckste Dirch Frode vergn�gt am anderen Ende der Leitung. �Aber ja, das hatte schon einen gewissen Unterhaltungswert. Um die Wahrheit zu sagen, ist Henrik Vanger durch das Aufsehen, das dieser Prozess erregt hat, auf Sie aufmerksam geworden.�</p><p>�Ach, tats�chlich? Und wann h�tte Herr Vanger gerne, dass ich ihn besuche?�, fragte Mikael.</p><p>�So bald wie m�glich. Morgen ist Heiligabend, ich denke, da wollen Sie freihaben. Aber was w�rden Sie zum zweiten Weihnachtsfeiertag sagen? Oder zwischen den Jahren?�</p><p>�Sie haben es ja furchtbar eilig. Tut mir leid, aber wenn ich keinen konkreten Anhaltspunkt bekomme, worum es bei diesem Besuch gehen soll, dann ��</p><p>�Bitte, Herr Blomkvist, ich versichere Ihnen, dass es sich um ein vollkommen seri�ses Angebot handelt. Vanger will Sie und keinen anderen um Rat bitten. Falls Sie interessiert sind, m�chte er Ihnen einen Freelancer-Auftrag erteilen. Ich bin nur der Vermittler. Worum es geht, muss er Ihnen selbst erkl�ren.�</p><p>�Das ist eines der seltsamsten Telefonate, das ich seit Langem gef�hrt habe. Lassen Sie mich dr�ber nachdenken. Wie kann ich Sie erreichen?�</p><p>Nachdem Mikael aufgelegt hatte, blieb er erst mal sitzen und betrachtete das Chaos auf seinem Schreibtisch. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum Henrik Vanger ihn treffen wollte. Er hatte eigentlich kein gro�es Interesse, nach Hedestad zu fahren, aber Rechtsanwalt Frode hatte es doch geschafft, ihn neugierig zu machen.</p><p>Er schaltete seinen PowerMac G4 ein, gab �<a l:href="http://www.google">www.google</a>. com� ein und suchte nach dem Vanger-Konzern. Er bekam mehrere hundert Treffer - das Unternehmen war in Schwierigkeiten, tauchte aber immer noch fast t�glich in den Nachrichten auf. Er speicherte ein Dutzend Artikel, in denen die Firma analysiert wurde, und suchte dann der Reihe nach Informationen �ber Dirch Frode, Henrik Vanger und Martin Vanger.</p><p>Martin Vanger wurde h�ufig in seiner Eigenschaft als derzeitiger Gesch�ftsf�hrer des Unternehmens genannt. Der Rechtsanwalt trat weniger in Erscheinung, er war Vorstandsmitglied des Golfclubs Hedestad und wurde in Zusammenhang mit Rotary erw�hnt. Henrik Vanger kam mit einer Ausnahme nur in Texten mit Hintergrundinformationen zum Vanger-Konzern vor. Der <emphasis>Hedestads-Kuriren</emphasis> hatte dem ehemaligen Industriemagnaten allerdings ein Kurzportr�t gewidmet, als er vor zwei Jahren seinen achtzigsten Geburtstag feierte. Mikael druckte die Texte aus, die ihm Substanz zu haben schienen, und stellte eine Mappe mit ungef�hr f�nfzig Seiten zusammen. Anschlie�end r�umte er seinen Schreibtisch weiter auf, packte seine Umzugskartons und ging dann nach Hause. Er war nicht sicher, wann oder ob er zur�ckkehren w�rde.</p><p>Lisbeth Salander verbrachte Heiligabend im Krankenhaus von �ppelvik in Upplands-V�sby. Sie hatte Geschenke gekauft, ein Eau de Toilette von Dior und einen englischen Weihnachtskuchen von �hl�ns. Sie trank Kaffee und beobachtete die sechsundvierzigj�hrige Frau, die mit ungeschickten Fingern versuchte, den Knoten des Geschenkbandes zu l�sen. In Salanders Blicken lag Z�rtlichkeit, aber sie konnte nie aufh�ren, sich dar�ber zu wundern, dass die fremde Frau, die ihr gegen�bersa�, ihre Mutter war. Sosehr sie sich auch bem�hte, sie konnte nicht die geringste �hnlichkeit feststellen, weder im Aussehen noch in der Pers�nlichkeit.</p><p>Schlie�lich gab ihre Mutter auf und sah das Paket hilflos an. Es war nicht gerade einer ihrer guten Tage. Lisbeth Salander schob ihr die Schere hin�ber, die gut sichtbar auf dem Tisch gelegen hatte, worauf sich das Gesicht der Mutter aufhellte, als w�re sie pl�tzlich zu sich gekommen.</p><p>�Du musst mich f�r schrecklich dumm halten.�</p><p>�Nein, Mama. Du bist nicht dumm. Aber das Leben ist ungerecht.�</p><p>�Hast du deine Schwester getroffen?�</p><p>�Schon l�nger nicht mehr.�</p><p>�Sie besucht mich nie.�</p><p>�Ich wei�, Mama. Mich besucht sie auch nicht.�</p><p>�Arbeitest du?�</p><p>�Ja, Mama. Ich komme gut zurecht.�</p><p>�Wo wohnst du denn? Ich wei� nicht mal, wo du wohnst.�</p><p>�Ich wohne in deiner alten Wohnung in der Lundagata. Da wohne ich schon seit ein paar Jahren. Ich konnte den Vertrag �bernehmen.�</p><p>�Im n�chsten Sommer kann ich dich vielleicht einmal besuchen.�</p><p>�Nat�rlich. N�chsten Sommer.�</p><p>Zu guter Letzt hatte ihre Mutter das Geschenk auspacken k�nnen und schnupperte entz�ckt. �Danke, Camilla�, sagte sie.</p><p>�Ich bin Lisbeth. Camilla ist meine Schwester.�</p><p>Die Mutter wirkte besch�mt. Lisbeth Salander schlug vor, zusammen in den Fernsehraum zu gehen.</p><p>Mikael Blomkvist verbrachte den Nachmittag des 24. Dezember mit der traditionellen Donald-Duck-Sendung zusammen mit seiner Tochter Pernilla, die bei seiner Exfrau Monica und deren neuem Mann in einem Einfamilienhaus in Sollentuna wohnte. Nachdem er die Sache mit Monica besprochen hatte, hatten sie sich geeinigt, dass er seiner Tochter einen iPod schenkte, einen MP3-Player, der nicht wesentlich gr��er war als eine Streichholzschachtel, aber Pernillas gesamte CD-Sammlung speichern konnte. Und die war ziemlich umfangreich. Ein ganz sch�n teures Geschenk.</p><p>Vater und Tochter verbrachten gemeinsam eine Stunde in ihrem Zimmer im Obergeschoss. Mikael und Pernillas Mutter  hatten sich scheiden lassen, als sie erst f�nf war, und im Alter von sieben Jahren hatte sie einen neuen Vater bekommen. Es war nicht so, dass Mikael den Kontakt vermieden h�tte - Pernilla hatte ihn ein paarmal im Monat besucht und wochenlang Ferien in seinem H�uschen in Sandhamn gemacht. Monica hatte nie versucht, den Kontakt zu verhindern, und Pernilla f�hlte sich nicht unwohl bei ihrem Vater, im Gegenteil. Wenn sie ein paar Wochen Urlaub miteinander verbrachten, hatten sie sich immer gut verstanden. Aber Mikael lie� seine Tochter selbst bestimmen, wie viel Kontakt sie mit ihm haben wollte, besonders, seitdem Monica wieder geheiratet hatte. Als Pernilla ins Teenageralter kam, war der Kontakt fast ganz zum Erliegen gekommen, und erst in den letzten zwei Jahren hatte sie ihn wieder �fter treffen wollen.</p><p>Pernilla hatte den Prozess gegen ihren Vater in der festen �berzeugung verfolgt, dass es so war, wie er beteuerte: Er war unschuldig, konnte es aber nicht beweisen.</p><p>Sie erz�hlte von einem Jungen aus der Parallelklasse, auf den sie ein Auge geworfen hatte, und er�ffnete ihrem �berraschten Vater, dass sie einer Kirchengemeinde im Ort beigetreten war und sich als gl�ubig betrachtete. Er gab keinen Kommentar dazu ab.</p><p>Sie luden ihn ein, zum Abendessen zu bleiben, doch er lehnte ab. Er hatte bereits verabredet, dass er Heiligabend bei seiner Schwester und ihrer Familie in ihrer Villa im Yuppie-Reservat bei St�ket verbringen w�rde.</p><p>Am Morgen hatte er �berdies die Einladung bekommen, Weihnachten mit Erika und ihrem Mann auf der Sch�reninsel Saltsj�baden zu feiern. Er hatte mit dem Hinweis abgelehnt, auch Greger Beckmans wohlwollende Einstellung zu aufregenden Dreiecksbeziehungen m�sse doch eine Grenze haben, und er habe keine Lust auszuloten, wo diese Grenze verlaufe. Erika wandte ein, ihr Mann selbst habe diese Einladung vorgeschlagen, und zog Mikael damit auf, dass er zu einem richtigen  Dreier wohl doch nicht bereit sei. Er lachte - Erika wusste um seine unersch�tterliche Heterosexualit�t -, aber von seinem Beschluss, Heiligabend nicht in Gesellschaft des Ehemanns seiner Geliebten zu verbringen, war er nicht abzubringen.</p><p>Also klopfte er stattdessen bei seiner Schwester Annika Blomkvist, verheiratete Giannini an, die gemeinsam mit ihrem italienischst�mmigen Mann, ihren zwei Kindern und einem ganzen Heer von Verwandten ihres Mannes gerade den Weihnachtsschinken anschnitt. W�hrend des Abendessens beantwortete er Fragen zu seinem Prozess und bekam unz�hlige wohlmeinende, aber v�llig nutzlose Ratschl�ge.</p><p>Mikaels Schwester war die Einzige, die das Urteil nicht kommentierte - andererseits war sie aber auch die einzige anwesende Anw�ltin. Annika hatte im Eiltempo ihr Jurastudium absolviert und mehrere Jahre als Referendarin und stellvertretende Staatsanw�ltin gearbeitet, bevor sie mit ein paar Freunden eine eigene Rechtsanwaltskanzlei in Kungsholm aufmachte. Sie spezialisierte sich auf Familienrecht, und bevor Mikael es sich versah, war seine kleine Schwester immer �fter als bekannte Feministin und Anw�ltin f�r die Rechte der Frauen in Zeitungen und Talkshows aufgetaucht. Sie vertrat oft Frauen, die von ihren Ehem�nnern oder Exfreunden bedroht oder verfolgt wurden.</p><p>Als Mikael ihr half, den Kaffeetisch zu decken, legte sie ihm die Hand auf den Arm und fragte, wie es ihm ginge. Er erkl�rte, er f�hle sich wie ein Haufen Schei�e.</p><p>�Nimm dir das n�chste Mal einen richtigen Anwalt�, sagte sie.</p><p>�In diesem Fall h�tte das wohl auch nichts geholfen, ganz egal, was f�r einen Anwalt ich gehabt h�tte.�</p><p>�Was ist da eigentlich passiert?�</p><p>�Lass uns ein andermal dar�ber sprechen, Schwesterherz.�</p><p>Sie umarmte ihn und k�sste ihn auf die Wange, bevor sie mit dem Kuchen und den Kaffeetassen ins Zimmer gingen.</p><p>Gegen sieben Uhr abends entschuldigte sich Mikael und bat, das Telefon in der K�che benutzen zu d�rfen. Er rief Dirch Frode an und konnte im Hintergrund Stimmengewirr h�ren.</p><p>�Frohe Weihnachten�, w�nschte Frode. �Haben Sie sich entschieden?�</p><p>�Ich habe ansonsten nichts vor, und es ist Ihnen gelungen, meine Neugier zu wecken. Ich komme am zweiten Weihnachtsfeiertag, wenn Ihnen das recht ist.�</p><p>�Ausgezeichnet! Wenn Sie w�ssten, wie froh ich �ber Ihre Nachricht bin. Entschuldigen Sie bitte, ich habe Kinder und Enkel zu Besuch und kann kaum verstehen, was Sie sagen. Darf ich Sie morgen anrufen, damit wir eine Zeit ausmachen k�nnen?�</p><p>Mikael Blomkvist bereute seinen Entschluss noch am selben Abend, doch schien es ihm schlecht m�glich, seine Zusage noch zur�ckzuziehen. Am Morgen des 26. Dezember sa� er im Zug Richtung Norden. Mikael besa� zwar einen F�hrerschein, hatte es aber nie f�r n�tig befunden, sich ein Auto zuzulegen.</p><p>Frode hatte recht gehabt, die Fahrt dauerte nicht lang. Er fuhr an Uppsala vorbei und passierte danach eine Reihe kleiner Industriest�dte, die sich wie an einer Schnur die norrl�ndische K�ste entlangzogen. Hedestad war einer der kleineren Orte, wenig mehr als eine Stunde n�rdlich von G�vle gelegen.</p><p>In der Nacht zum 26. hatte es heftig geschneit, doch als er am Bahnhof ausstieg, war es ganz klar und die Luft eiskalt. Mikael begriff, dass er f�r das Winterwetter in Norrland v�llig falsch angezogen war, aber Dirch Frode erkannte ihn sofort, empfing ihn freundlich auf dem Bahnsteig und brachte ihn rasch in die wohlige W�rme eines Mercedes. In Hedestad selbst waren die R�umfahrzeuge gerade bei der Arbeit, und Frode steuerte das Auto vorsichtig zwischen den hohen  Schneebergen am Fahrbahnrand hindurch. Der Schnee wirkte wie ein exotischer Kontrast zu Stockholm, fast wie eine fremde Welt. Und doch war er kaum mehr als drei Stunden von der Hauptstadt entfernt. Mikael warf einen verstohlenen Blick auf den Anwalt: ein kantiges Gesicht, sch�tteres wei�es Stoppelhaar und eine dicke Brille auf der kr�ftigen Nase.</p><p>�Zum ersten Mal in Hedestad?�, fragte Frode.</p><p>Mikael nickte.</p><p>�Alte Industriestadt mit Hafen. Nicht gro�, gerade mal 24 000 Einwohner. Aber den Leuten gef�llt es hier. Henrik wohnt in Gamla Hedeby, das liegt genau am s�dlichen Stadtrand.�</p><p>�Wohnen Sie auch hier?�</p><p>�Das hat sich so ergeben. Ich bin in Sk�ne geboren, habe aber direkt nach meinem Examen 1962 angefangen, f�r Vanger zu arbeiten. Ich bin Wirtschaftsjurist, und Henrik und ich wurden mit der Zeit Freunde. Heute bin ich eigentlich schon im Ruhestand, nur Henrik ist mein Mandant geblieben. Mittlerweile ist er nat�rlich auch pensioniert und ben�tigt meine Dienste nicht mehr so oft.�</p><p>�Nur, um Reporter mit angeschlagenem Ruf aufzutreiben.�</p><p>�Untersch�tzen Sie sich nicht. Sie sind nicht der Einzige, der ein Match gegen Wennerstr�m verloren hat.�</p><p>Mikael warf Frode einen verstohlenen Blick zu, unsicher, wie er dessen Antwort deuten sollte.</p><p>�Hat diese Einladung hier irgendetwas mit Wennerstr�m zu tun?�, fragte er.</p><p>�Nein�, antwortete Frode. �Aber Henrik Vanger geh�rt nicht gerade zu Wennerstr�ms Freundeskreis und hat den Prozess mit Interesse verfolgt. Sie will er jedoch in einer ganz anderen Angelegenheit treffen.�</p><p>�Von der Sie mir nichts erz�hlen wollen.�</p><p>�Von der zu erz�hlen nicht meine Sache ist. Wir haben f�r Sie eine �bernachtung in Henrik Vangers Haus arrangiert.  Wenn Sie das nicht wollen, k�nnen wir Ihnen auch ein Zimmer im Stora Hotel in der Stadt buchen.�</p><p>�Ach, ich denke, ich nehme wahrscheinlich den Abendzug zur�ck nach Stockholm.�</p><p>In Gamla-Hedeby war noch nicht ger�umt, und Frode bewegte das Auto m�hsam durch die gefrorenen Reifenspuren vorw�rts. Es gab einen Ortskern mit alten Arbeiterreihenh�usern aus Holz entlang dem Bottnischen Meerbusen. Rundherum standen modernere und gr��ere H�user. Die Stadt begann auf dem Festland und setzte sich dann �ber eine Br�cke auf eine h�gelige Insel fort. Auf der Festlandseite stand eine kleine wei�e Steinkirche direkt an der Br�cke<strong>,</strong> und gegen�ber befand sich eine altmodische Leuchtreklame mit der Aufschrift <emphasis>Susannes Br�cken-Caf� und B�ckerei</emphasis>. Frode fuhr noch ungef�hr hundert Meter weiter geradeaus und bog dann links ab auf einen frisch ger�umten Platz vor einem Steinhaus. Der Hof war zu klein, um ihn als Herrenhof zu bezeichnen, aber deutlich gr��er als die �brigen H�user und verriet unzweifelhaft, dass hier der Hausherr wohnte.</p><p>�Das hier ist das Vangersche Anwesen�, sagte Frode. �Fr�her einmal war es voller Leben, heute wohnen nur noch Henrik und eine Haush�lterin darin. Es gibt jede Menge G�stezimmer.�</p><p>Sie stiegen aus dem Auto. Frode zeigte nach Norden.</p><p>�Hier pflegten die Gesch�ftsf�hrer des Vanger-Konzerns zu wohnen, aber Martin Vanger wollte etwas Moderneres und hat sich unten auf der Landzunge eine Villa gebaut.�</p><p>Mikael sah sich um und fragte sich, aus welchem verr�ckten Impuls heraus er Frodes Einladung angenommen hatte. Er beschloss, nach M�glichkeit schon am Abend nach Stockholm zur�ckzufahren. Eine Steintreppe f�hrte zum Eingang, aber bevor sie dort waren, �ffnete sich schon die T�r. Mikael erkannte Henrik Vanger nach den Bildern im Internet sofort wieder.</p><p>Auf diesen Bildern war er j�nger gewesen, aber f�r seine zweiundachtzig Jahre sah er �berraschend kr�ftig aus. Ein sehniger K�rper mit einem markanten, wettergegerbten Gesicht und dichten grauen, nach hinten gek�mmten Haaren, die vermuten lie�en, dass seine Gene nicht zur Kahlk�pfigkeit tendierten. Er trug eine sorgf�ltig geb�gelte schwarze Hose, ein wei�es Hemd und eine abgetragene braune Strickjacke. Er hatte einen schmalen Schnurrbart und eine d�nne Brille mit Stahlrahmen.</p><p>�Ich bin Henrik Vanger�, sagte er zur Begr��ung. �Danke, dass Sie den langen Weg auf sich genommen haben.�</p><p>�Guten Tag. Das war eine ziemlich �berraschende Einladung.�</p><p>�Kommen Sie doch herein, drinnen ist es sch�n warm. Ich habe ein G�stezimmer vorbereiten lassen. Wollen Sie sich kurz frisch machen? Wir essen nachher zu Abend. Das hier ist Anna Nygren, die sich um mich k�mmert.�</p><p>Mikael sch�ttelte kurz die Hand einer kleinen Frau um die sechzig, die ihm die Jacke abnahm und sie an eine Garderobe h�ngte. Zum Schutz vor der K�lte, die vom Fu�boden aufstieg, bot sie Mikael Pantoffeln an.</p><p>Mikael bedankte sich und wandte sich dann direkt an Henrik Vanger. �Ich bin nicht sicher, ob ich bis zum Abendessen bleibe. Das kommt ganz darauf an, worauf dieses Spielchen hier hinausl�uft.�</p><p>Henrik Vanger tauschte einen kurzen Blick mit Dirch Frode. Zwischen den beiden M�nnern gab es ein stummes Einverst�ndnis, das Mikael nicht deuten konnte.</p><p>�Ich glaube, ich werde mich bei dieser Gelegenheit von Ihnen verabschieden�, sagte Dirch Frode. �Ich muss heimfahren und nach meinen Enkeln sehen, bevor sie mir das Haus zerlegen.�</p><p>Er wandte sich an Mikael.</p><p>�Ich wohne rechter Hand auf der anderen Seite der Br�cke. Dort k�nnen Sie in f�nf Minuten zu Fu� hin�berspazieren, es  ist das dritte Haus am Wasser, neben der Konditorei. Und wenn Sie mich brauchen, m�ssen Sie mich nur anrufen.�</p><p>Mikael nutzte die Gelegenheit, um seine Hand in die Jackentasche zu stecken und ein Diktierger�t einzuschalten. <emphasis>Paranoid, ich?</emphasis> Mikael hatte keine Ahnung, was Henrik Vanger von ihm wollte, aber nach den Scherereien, die er dieses Jahr mit Wennerstr�m gehabt hatte, wollte er eine exakte Dokumentation aller seltsamen Ereignisse in seiner Umgebung. Und eine pl�tzliche Einladung nach Hedestad geh�rte definitiv in diese Kategorie.</p><p>Der ehemalige Gro�industrielle klopfte Dirch Frode zum Abschied auf die Schulter und zog die T�r zu, bevor er seine ganze Aufmerksamkeit auf Mikael richtete.</p><p>�Lassen Sie mich gleich zur Sache kommen. Das hier ist kein Spiel. Was ich Ihnen zu sagen habe, erfordert ein l�ngeres Gespr�ch. Ich bitte Sie also, mir in Ruhe zuzuh�ren, und erst danach zu entscheiden. Sie sind Journalist, und ich w�rde Ihnen gerne einen freiberuflichen Auftrag erteilen. Anna hat in meinem Arbeitszimmer im Obergeschoss Kaffee vorbereitet.�</p><p>Henrik Vanger ging voraus, und Mikael folgte ihm. Sie betraten ein l�ngliches, an die 40 Quadratmeter gro�es Zimmer an der Giebelseite des Hauses. Eine Wand wurde von einem zehn Meter langen, vom Boden bis zur Decke reichenden B�cherregal dominiert, das eine einzigartige Mischung aus Belletristik, Biografien, Geschichtsb�chern, Fachliteratur �ber Handel und Industrie sowie A4-Ordnern enthielt. Die B�cher waren nach keinem erkennbaren System geordnet. Es sah aus wie ein B�cherregal, das tats�chlich in Gebrauch ist, und Mikael folgerte, dass Henrik Vanger ein gro�er Leser war. Auf der gegen�berliegenden Seite stand ein imposanter Schreibtisch aus dunkler Eiche, sodass man, wenn man hinter dem Tisch sa�, in den Raum hineinblickte. An der Wand hing eine gro�e Sammlung gepresster, penibel gerahmter Blumen.</p><p>Durch das Giebelfenster hatte Henrik Vanger Ausblick auf die Br�cke und die Kirche. Vor dem Fenster befand sich eine Sitzgruppe mit einem Serviertischchen, auf dem Anna Geschirr, eine Thermoskanne, selbst gebackene Zimtr�llchen und Kuchen angerichtet hatte.</p><p>Henrik Vanger machte eine einladende Geste, die Mikael geflissentlich �bersah. Stattdessen drehte er eine Runde durchs Zimmer und studierte zun�chst das B�cherregal und danach die Wand mit den gerahmten Blumen. Der Schreibtisch war s�uberlich aufger�umt, ein paar einzelne Bl�tter waren zu einem Sto� aufgeschichtet. Ganz hinten auf dem Tisch stand die gerahmte Fotografie eines h�bschen dunkelhaarigen M�dchens mit herausforderndem Blick. Eine junge Dame, die in absehbarer Zeit gef�hrlich werden wird, dachte Mikael. Das Bild war offensichtlich ein Konfirmationsportr�t und so verblasst, dass es schon seit Jahren dort stehen musste. Pl�tzlich wurde Mikael gewahr, dass Henrik Vanger ihn beobachtete.</p><p>�K�nnen Sie sich an sie erinnern, Mikael?�, fragte er.</p><p>�Erinnern?� Mikael zog die Augenbrauen hoch.</p><p>�Ja, Sie sind ihr schon begegnet. Sie sind sogar schon einmal in diesem Zimmer gewesen.�</p><p>Mikael sah sich um und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein - wie k�nnten Sie sich auch daran erinnern! Ich kannte Ihren Vater. Ich habe Kurt Blomkvist in den f�nfziger und sechziger Jahren mehrmals Auftr�ge gegeben; er hat als Installateur und Maschinentechniker f�r mich gearbeitet. Ein talentierter Kerl war das. Ich versuchte ihn zu �berreden, sich fortzubilden und Ingenieur zu werden. Sie waren den ganzen Sommer 1963 hier, als wir den Maschinenpark einer Papierfabrik in Hedestad auswechselten. Es war schwierig, eine Wohnung f�r Ihre Familie zu finden. Wir haben das Problem damals so gel�st, dass Sie in dem kleinen Holzhaus auf der anderen Seite der Stra�e wohnten. Sie k�nnen das Haus von diesem Fenster aus sehen.�</p><p>Henrik Vanger trat an den Schreibtisch und nahm das Portr�t in die Hand.</p><p>�Das ist Harriet Vanger, die Enkelin meines Bruders Richard Vanger. Sie hat in jenem Sommer ein paarmal auf Sie aufgepasst. Sie waren damals zwei oder drei Jahre alt - ich erinnere mich nicht. Harriet war zw�lf.�</p><p>�Sie m�ssen verzeihen, aber ich habe nicht die geringste Erinnerung an die Dinge, die Sie mir da erz�hlen.� Mikael war nicht einmal v�llig �berzeugt davon, dass Henrik Vanger die Wahrheit sagte.</p><p>�Das kann ich verstehen. Aber ich erinnere mich an Sie. Sie sind hier �berall auf dem Hof herumgesprungen, mit Harriet im Schlepptau. Wenn Sie irgendwo auf die Nase fielen, konnte ich Sie schreien h�ren. Ich erinnere mich, dass ich Ihnen einmal ein Spielzeug gegeben habe, einen gelben Blechtraktor, mit dem ich selbst als Kind gespielt hatte und der Sie in hellste Begeisterung versetzte. Ich glaube zumindest, dass er gelb war.�</p><p>Pl�tzlich wurde Mikael innerlich kalt. Allerdings erinnerte er sich an den gelben Traktor. Als er �lter wurde, hatte er immer noch zur Zierde auf einem Regal in seinem Kinderzimmer gestanden.</p><p>�Erinnern Sie sich daran?�</p><p>�Ja, ich erinnere mich. Vielleicht am�siert es Sie zu h�ren, dass es diesen Traktor immer noch gibt, im Spielzeugmuseum am Mariatorget in Stockholm. Ich habe ihn gestiftet, als sie vor zehn Jahren altes Originalspielzeug suchten.�</p><p>�Wirklich?� Henrik Vanger gluckste vergn�gt. �Ich m�chte Ihnen etwas zeigen ��</p><p>Der alte Mann trat ans B�cherregal und zog ein Fotoalbum aus einem der unteren F�cher. Mikael bemerkte, dass er offenbar Schwierigkeiten mit dem B�cken hatte und sich deshalb am Regal abst�tzte, als er sich wieder aufrichtete. Henrik Vanger machte Mikael ein Zeichen, sich aufs Sofa zu setzen, w�hrend er im Fotoalbum bl�tterte. Er wusste, wonach er suchte,  und legte das Album kurz darauf auf das Tischchen. Er deutete auf ein Schwarz-Wei�-Foto, auf dem man den Schatten des Fotografen am unteren Rand erkennen konnte. Im Vordergrund stand ein hellhaariger, kleiner Junge mit kurzer Hose, der verwirrt und ein bisschen �ngstlich in die Kamera starrte.</p><p>�Das hier sind Sie, in jenem Sommer. Ihre Eltern sitzen auf den Gartenm�beln im Hintergrund. Harriet wird halb verdeckt von ihrer Mutter, und der Junge links neben Ihrem Vater ist Harriets Bruder, Martin Vanger, der heute den Vanger-Konzern f�hrt.�</p><p>Mikael erkannte ohne Probleme seine Eltern wieder. Seine Mutter war offenkundig schwanger - seine Schwester musste damals also unterwegs gewesen sein. Er betrachtete das Bild mit gemischten Gef�hlen, w�hrend Henrik Vanger Kaffee einschenkte und ihm die Sch�ssel mit dem Geb�ck zuschob.</p><p>�Ich wei�, dass Ihr Vater tot ist. Lebt Ihre Mutter noch?�</p><p>�Nein�, erwiderte Mikael. �Sie ist vor drei Jahren gestorben.�</p><p>�Sie war eine nette Frau. Ich kann mich sehr gut an sie erinnern.�</p><p>�Herr Vanger, ich bin sicher, Sie haben mich nicht hierhergebeten, um mit mir �ber alte Erinnerungen an meine Eltern zu reden.�</p><p>�Da haben Sie v�llig recht. Ich habe mehrere Tage dar�ber nachgedacht, was ich Ihnen sagen will. Aber jetzt, wo Sie mir endlich gegen�bersitzen, wei� ich nicht recht, wie ich anfangen soll. Ich nehme an, Sie haben einiges �ber mich gelesen, bevor Sie hierhergekommen sind. Dann wissen Sie auch, dass ich fr�her einmal gro�en Einfluss auf die schwedische Industrie und den Arbeitsmarkt gehabt habe. Heute bin ich ein alter Mann, der vermutlich bald sterben wird, und vielleicht ist der Tod sogar ein ausgezeichneter Ausgangspunkt f�r dieses Gespr�ch.�</p><p>Mikael nahm einen Schluck schwarzen Kaffee und fragte sich, worauf diese Geschichte hinauslaufen w�rde.</p><p>�Ich habe Schmerzen in der H�fte und Schwierigkeiten mit l�ngeren Spazierg�ngen. Eines Tages werden Sie selbst entdecken, wie alten M�nnern die Kr�fte schwinden, aber ich bin weder altersschwach noch senil. Ich bin auch nicht besessen vom Tod, habe jedoch ein Alter erreicht, in dem ich akzeptieren muss, dass meine Tage gez�hlt sind. Es kommt einmal eine Zeit, da will man Bilanz ziehen und reinen Tisch machen. Verstehen Sie das?�</p><p>Mikael nickte. Vanger sprach mit deutlicher und fester Stimme, und Mikael hatte bereits bemerkt, dass der alte Mann weder senil noch unvern�nftig war. �Ich bin sehr neugierig zu erfahren, warum ich hier bin�, wiederholte er.</p><p>�Ich habe Sie gebeten zu kommen, weil ich Sie bei eben dieser Schlussbilanz um Hilfe bitten will. Es gibt da noch ein paar unaufgekl�rte Angelegenheiten.�</p><p>�Warum gerade ich? Ich meine � was verleitet Sie zu der Annahme, dass ich Ihnen helfen k�nnte?�</p><p>�Weil gerade zu dem Zeitpunkt, als ich dar�ber nachdachte, jemand zu beauftragen, Ihr Name im Zusammenhang mit der Wennerstr�m-Aff�re aktuell wurde. Ich wusste ja, wer Sie sind. Und vielleicht auch deswegen, weil Sie als kleiner Knirps schon auf meinem Knie gesessen haben.� Er wedelte abwehrend mit der Hand. �Nein, missverstehen Sie mich nicht. Ich rechne nicht damit, dass Sie mir aus sentimentalen Gr�nden helfen. Ich erkl�re Ihnen nur, was mich dazu trieb, ausgerechnet zu Ihnen Kontakt aufzunehmen.�</p><p>Mikael lachte freundlich. �Tja, an dieses Knie kann ich mich wirklich nicht erinnern. Aber woher konnten Sie wissen, wer ich war? Ich meine, das war Anfang der sechziger Jahre.�</p><p>�Entschuldigen Sie, Sie haben mich missverstanden. Sie sind nach Stockholm gezogen, als Ihr Vater eine Anstellung als  Betriebsleiter bei Zarinders Mekaniska bekam. Das war eines der vielen Unternehmen, die zum Vanger-Konzern geh�rten, und ich habe ihm diesen Job verschafft. Er hatte keine Ausbildung, aber ich wusste, was in ihm steckte. Ich habe Ihren Vater ein paarmal pro Jahr getroffen, wenn ich bei Zarinders etwas zu erledigen hatte. Wir waren sicher keine engen Freunde, aber wir haben uns immer ein bisschen unterhalten, wenn wir uns wieder begegneten. Das letzte Mal traf ich ihn ein Jahr vor seinem Tod, und da erz�hlte er mir, dass Sie Journalistik studierten. Er war unglaublich stolz. Dann wurden Sie ja schnell im ganzen Land bekannt durch diese Bankr�uberbande - Kalle Blomkvist und all das. Ich habe Ihren Weg mitverfolgt und im Laufe der Jahre viele Ihrer Artikel gelesen. Tats�chlich lese ich <emphasis>Millennium</emphasis> ziemlich oft.�</p><p>�Okay, ich verstehe. Aber was genau soll ich jetzt eigentlich f�r Sie tun?�</p><p>Henrik Vanger sah kurz auf seine H�nde hinunter und nippte dann an seinem Kaffee, als brauchte er eine kleine Pause, bevor er sich endlich seinem Anliegen n�hern konnte.</p><p>�Mikael, bevor ich anfange, will ich gerne eine Abmachung mit Ihnen treffen. Ich m�chte, dass Sie zwei Dinge f�r mich tun. Das eine ist ein Vorwand und das andere ist mein eigentlicher Auftrag.�</p><p>�Was f�r eine Abmachung?�</p><p>�Ich werde Ihnen eine zweiteilige Geschichte erz�hlen. Der erste Teil handelt von der Familie Vanger. Das ist der Vorwand. Es ist eine lange und dunkle Geschichte, aber ich werde versuchen, mich an die ungeschminkte Wahrheit zu halten. Der andere Teil dieser Geschichte handelt von meinem eigentlichen Anliegen. Ich glaube, Sie werden meine Erz�hlung streckenweise als ein wenig � verr�ckt empfinden. Was ich von Ihnen m�chte, ist, dass Sie sich meine Geschichte ganz zu Ende anh�ren - auch das, was Sie f�r mich tun sollen und was  ich Ihnen daf�r anbiete -, bevor Sie entscheiden, ob Sie den Auftrag annehmen wollen oder nicht.�</p><p>Mikael seufzte. Es war offensichtlich, dass Henrik Vanger nicht vorhatte, sich kurz zu fassen. Und selbst wenn er Frode anrief und ihn bat, ihn zum Bahnhof zu fahren, w�rde dessen Auto wegen der K�lte nicht anspringen, da war er ganz sicher.</p><p>Offenbar hatte der alte Mann viel Zeit darauf verwendet, sich den richtigen K�der f�r ihn auszudenken. Mikael hatte den Eindruck, dass alles eine wohl�berlegte Inszenierung war: die �berraschende Er�ffnung, dass er Henrik Vanger als Kind schon begegnet war; das Bild seiner Eltern im Fotoalbum und die Betonung, dass Mikaels Vater und Henrik Vanger Freunde gewesen waren; die Schmeichelei, dass er wusste, wer Mikael Blomkvist war und dass er seine Karriere �ber die Jahre aus der Ferne beobachtet hatte � in all dem steckte vermutlich ein K�rnchen Wahrheit, aber es war auch ganz elementare Psychologie. Mit anderen Worten: Henrik Vanger konnte Menschen gut manipulieren und hatte im Laufe der Jahre auf geheimen Vorstandssitzungen Erfahrungen mit bedeutend tougheren Menschen sammeln k�nnen. Nicht zuf�llig war er zu einem von Schwedens f�hrenden Industriemagnaten aufgestiegen.</p><p>Mikael folgerte, dass Henrik Vanger etwas von ihm wollte, wozu er nicht die geringste Lust hatte. Jetzt galt es nur noch herauszufinden, was es war, und danach abzulehnen. Und m�glicherweise doch noch den Nachmittagszug zu erwischen.</p><p>�Sorry, no deal�, antwortete Mikael. Er sah auf die Uhr. �Ich bin seit zwanzig Minuten hier. Ich gebe Ihnen genau drei�ig Minuten, mir zu erkl�ren, was Sie wollen. Danach rufe ich mir ein Taxi und fahre nach Hause.�</p><p>Einen Augenblick lang fiel Henrik Vanger aus seiner Rolle als gutherziger Patriarch, und Mikael konnte ahnen, wie der r�cksichtslose Gesch�ftsf�hrer auf dem H�hepunkt seiner Macht ausgesehen hatte, wenn er auf Widerstand stie� oder  sich mit einem widerspenstigen Juniorgesch�ftsf�hrer auseinandersetzen musste. Ebenso schnell kr�uselte wieder ein grimmiges L�cheln seine Lippen.</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Sagen Sie mir einfach ohne Umschweife, was ich f�r Sie tun soll; dann kann ich entscheiden, ob ich es tun will oder nicht.�</p><p>�Wenn ich Sie in drei�ig Minuten nicht �berzeugen kann, schaffe ich es auch nicht in drei�ig Tagen, wollen Sie damit sagen.�</p><p>�So ungef�hr.�</p><p>�Aber die Vorgeschichte ist wirklich lang und kompliziert.�</p><p>�Verk�rzen und vereinfachen Sie sie. Das ist in Journalistenkreisen so �blich. Neunundzwanzig Minuten.�</p><p>Henrik Vanger hob eine Hand. �Das reicht. Ich habe begriffen, worum es Ihnen geht. Ich brauche einen Menschen, der recherchieren und kritisch denken kann, der aber auch integer ist. Ein guter Journalist sollte diese Eigenschaften vermutlich besitzen, und ich habe Ihr Buch <emphasis>Die Tempelritter</emphasis> mit gro�em Interesse gelesen. Es ist wahr, dass ich Sie ausgew�hlt habe, weil ich Ihren Vater kannte und wei�, wer Sie sind. Wenn ich richtig verstanden habe, sind Sie nach der Wennerstr�m-Aff�re von Ihrer Zeitung entlassen worden oder aus eigenem Wunsch ausgeschieden. Das bedeutet, dass Sie in n�chster Zukunft keine Anstellung haben, und es bedarf keines gro�en Scharfsinns, um zu vermuten, dass Sie in finanziellen Schwierigkeiten sind.�</p><p>�Und diese Schwierigkeiten kommen Ihnen gerade recht?�</p><p>�M�glicherweise. Aber Mikael - ich darf Sie doch Mikael nennen? -, ich will Sie nicht anl�gen oder Vorw�nde erfinden. F�r so etwas bin ich zu alt. Wenn Ihnen mein Angebot nicht zusagt, k�nnen Sie mir sagen, dass ich mich zum Teufel scheren soll. Dann muss ich mir jemand anders suchen, der f�r mich arbeiten will.�</p><p>�Okay, worin besteht der Job, den Sie mir anbieten wollen?�</p><p>�Wie viel wissen Sie �ber die Familie Vanger?�</p><p>Mikael zuckte mit den Achseln. �Na ja, so viel wie ich eben im Internet nachlesen konnte, seit Frode mich am Montag angerufen hat. Zu Ihrer Zeit war Vanger einer der wichtigsten schwedischen Industriekonzerne, heute ist das Unternehmen betr�chtlich dezimiert. Martin Vanger ist Gesch�ftsf�hrer. Okay, ich wei� noch eine Menge mehr, aber worauf wollen Sie hinaus?�</p><p>�Martin ist � er ist ein guter Kerl, aber im Grunde ein Mensch, der sich noch nie mit richtigen Schwierigkeiten auseinandergesetzt hat. Er ist als Gesch�ftsf�hrer v�llig unzureichend f�r einen krisengesch�ttelten Konzern. Er will modernisieren und die Produktion spezialisieren - was an sich ein richtiger Gedanke ist -, aber er tut sich schwer, seine Ideen durchzusetzen, und noch schwerer, die n�tige Finanzierung auf die Beine zu stellen. Vor f�nfundzwanzig Jahren war Vanger noch ein ernster Konkurrent f�r das Imperium der Wallenberg-Familie. Wir hatten ungef�hr 40 000 Angestellte in Schweden. Das bedeutete Arbeitspl�tze und Eink�nfte f�r das ganze Land. Heute sind die meisten dieser Arbeitspl�tze in Korea oder Brasilien. Wir sind derzeit bei knapp 10 000 Angestellten, und in ein oder zwei Jahren - wenn Martin bis dahin nicht ein bisschen Aufwind bekommen hat - m�ssen wir die Mitarbeiterzahl auf 5000 Angestellte reduzieren, haupts�chlich in den kleinen Zulieferbetrieben. Mit anderen Worten: Das Unternehmen Vanger steht im Begriff, auf der M�lldeponie der Geschichte zu landen.�</p><p>Mikael nickte. Was Henrik Vanger erz�hlte, entsprach in ungef�hr dem, was er selbst innerhalb k�rzester Zeit am Computer herausgefunden hatte.</p><p>�Vanger ist immer noch eins der gr��ten Familienunternehmen des Landes. Knapp drei�ig Familienmitglieder sind Teilhaber, mit unterschiedlich gro�en Anteilen. Das war immer eine der St�rken des Konzerns, aber auch unser gr��ter Nachteil.�</p><p>Vanger legte eine Kunstpause ein und sprach dann eindringlich weiter. �Mikael, Sie k�nnen Ihre Fragen sp�ter stellen, aber Sie m�ssen mir unbedingt glauben, wenn ich Ihnen sage, dass ich die meisten Mitglieder der Familie Vanger hasse. Meine Familie besteht gr��tenteils aus R�ubern, Geizkragen, Tyrannen und Taugenichtsen. Ich habe das Unternehmen f�nfunddrei�ig Jahre lang gef�hrt - fast die ganze Zeit in unvers�hnlichem Konflikt mit allen anderen Familienmitgliedern. Sie waren meine schlimmsten Feinde, nicht konkurrierende Firmen oder der Staat.�</p><p>Er machte eine Pause.</p><p>�Ich habe gesagt, dass ich Sie mit zwei Dingen beauftragen will. Ich m�chte, dass Sie eine Art historische Abhandlung oder Biografie der Familie Vanger schreiben. Einfacher ausgedr�ckt, k�nnen wir es auch meine Autobiografie nennen. Das wird sicher keine Sonntagspredigt werden, sondern eine Geschichte von Hass und Familienstreitigkeiten und ma�loser Habsucht. Ich stelle Ihnen meine gesamten Tageb�cher und Archive zur Verf�gung. Sie haben freien Zugang zu meinen innersten Gedanken und k�nnen den ganzen Mist, den Sie zutage f�rdern, ohne Einschr�nkung ver�ffentlichen. Ich glaube, neben dieser Geschichte wird Shakespeare wie seichte Familienunterhaltung aussehen.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Warum ich will, dass Sie eine Skandalchronik der Familie Vanger ver�ffentlichen? Oder was ich f�r Motive habe, Sie um die Ausarbeitung dieser Abhandlung zu bitten?�</p><p>�Beides, w�rde ich sagen.�</p><p>�Ich will Sie nicht bel�gen, Mikael. Ehrlich gesagt, ist es mir egal, ob das Buch ver�ffentlicht wird oder nicht. Aber ich finde, dass die Geschichte auf jeden Fall niedergeschrieben werden muss, wenn auch nur in einem einzigen Exemplar, das Sie direkt an die K�nigliche Bibliothek schicken. Nach meinem Tod soll das Buch dann der Nachwelt zug�nglich gemacht werden. Mein Motiv ist das einfachste, das man sich nur denken kann: Rache.�</p><p>�An wem wollen Sie sich r�chen?�</p><p>�Sie brauchen mir nicht zu glauben, aber ich habe mich immer bem�ht, ein Ehrenmann zu sein, auch als Kapitalist und Chef eines Unternehmens. Ich bin stolz darauf, dass der Name Henrik Vanger f�r einen Mann steht, der sein Wort gehalten und seine Versprechen erf�llt hat. Ich habe niemals politische Spielchen betrieben. Ich habe bei Verhandlungen nie Probleme mit den Gewerkschaften gehabt, und sogar ein Tage Erlander hatte seinerzeit Respekt vor mir. Es ging mir um Ethik: Ich trug die Verantwortung f�r das Auskommen mehrerer tausend Menschen, und ich sorgte f�r meine Angestellten. Martin hat dieselbe Einstellung, wenn er auch ein ganz anderer Mensch ist als ich. Auch er hat versucht, das Richtige zu tun. Es ist uns vielleicht nicht immer gelungen, aber im Gro�en und Ganzen gibt es wenig, wof�r ich mich sch�me.</p><p>Leider sind Martin und ich die seltenen Ausnahmen in unserer Familie�, fuhr Vanger fort. �Es gibt viele Gr�nde, warum der Konzern heute auf dem absteigenden Ast ist, doch einer der wichtigsten ist die kurzsichtige Gier, die viele meiner Verwandten an den Tag legen. Wenn Sie den Auftrag annehmen, werde ich genau erkl�ren, wie sie es angestellt haben, das Unternehmen derart in den Morast zu fahren.�</p><p>Mikael �berlegte kurz.</p><p>�Okay. Ich werde Sie auch nicht bel�gen. Es w�rde Monate in Anspruch nehmen, so ein Buch zu schreiben. Und ich habe weder die Lust noch die Kraft dazu.�</p><p>�Ich glaube, ich kann Sie �berreden.�</p><p>�Das bezweifle ich. Aber Sie haben gesagt, dass ich zwei Dinge f�r Sie tun soll. Das hier war also der Vorwand. Was ist Ihre eigentliche Absicht?�</p><p>Henrik Vanger stand auf, abermals mit gro�er M�he, und holte Harriet Vangers Foto vom Schreibtisch. Er stellte es vor Mikael hin.</p><p>�Der Grund, warum ich von Ihnen eine Biografie der Familie Vanger will, ist Folgender: Ich m�chte, dass Sie die Individuen mit den Augen eines Journalisten betrachten. Das verschafft Ihnen auch ein Alibi, in der Familiengeschichte zu w�hlen. Was ich eigentlich von Ihnen m�chte, ist, dass Sie ein R�tsel l�sen. Das ist Ihr Auftrag.�</p><p>�Ein R�tsel?�</p><p>�Harriet war die Enkelin meines Bruders Richard. Wir waren f�nf Br�der. Richard war der �lteste, Jahrgang 1907. Ich war der J�ngste, Jahrgang 1920. Ich verstehe nicht, wie Gott so eine Kinderschar zustande bringen konnte, die ��</p><p>F�r ein paar Sekunden verlor Vanger den Faden und schien in Gedanken versunken. Dann wandte er sich mit neuer Entschlossenheit in der Stimme wieder Mikael zu.</p><p>�Lassen Sie mich von meinem Bruder Richard erz�hlen. Damit bekommen Sie gleich eine Kostprobe aus der Familienchronik, die ich von Ihnen geschrieben haben m�chte.�</p><p>Er f�llte seine Tasse auf und bot auch Mikael noch einmal Kaffee an.</p><p>�1924, im Alter von siebzehn Jahren, war Richard ein fanatischer Nationalist und Antisemit, der sich dem SNFF, dem Schwedischen Nationalsozialistischen Freiheitsverbund, anschloss, eine der ersten Nazigruppen in Schweden. Faszinierend, wie es den Nazis immer wieder gelingt, das Wort �Freiheit� in ihrer Propaganda unterzubringen.�</p><p>Vanger suchte ein weiteres Fotoalbum heraus und schlug die richtige Seite auf.</p><p>�Hier ist Richard zusammen mit dem Tierarzt Birger Furug�rd zu sehen, der sp�ter Anf�hrer der sogenannten Furug�rd-Bewegung wurde, der gro�en Nazi-Bewegung der fr�hen drei�iger Jahre. Aber Richard blieb nicht bei ihm. Nur wenige  Jahre darauf war er Mitglied in Schwedens Faschistischer Kampforganisation, der SFKO. Dort lernte er Per Engdahl und andere Personen kennen, die mit der Zeit die politischen Schandflecken der Nation werden sollten.�</p><p>Er bl�tterte um. Richard Vanger in Uniform.</p><p>�1927 lie� er sich f�rs Milit�r anwerben - gegen den Willen unseres Vaters -, und in den drei�iger Jahren graste er den Gro�teil der Nazi-Gruppierungen des Landes ab. Wenn es irgendwo eine krankhafte konspirative Vereinigung gab, konnte man sicher sein, dass sein Name im Mitgliederverzeichnis auftauchte. 1933 wurde die Lindholm-Bewegung gegr�ndet, also die Nationalsozialistische Arbeiterpartei NSAP. Wie bewandert sind Sie in der Geschichte des schwedischen Nazismus?�</p><p>�Ich bin kein Historiker, aber ich habe das eine oder andere Buch gelesen.�</p><p>�1939 begann der Zweite Weltkrieg und danach der Finnische Winterkrieg. Viele Aktivisten der Lindholm-Bewegung schlossen sich den Freiwilligen an. Richard war einer von ihnen, zu diesem Zeitpunkt war er Hauptmann in der schwedischen Armee. Er fiel im Februar 1940, kurz vor dem Friedensvertrag mit der Sowjetunion. Man erhob ihn zum M�rtyrer der Nazi-Bewegung und benannte eine eigene Kampftruppe nach ihm. Noch heute versammeln sich an seinem Todestag ein paar Holzk�pfe auf einem Friedhof in Stockholm, um Richard Vanger zu ehren.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�1926, er war neunzehn Jahre alt, lernte er die gleichgesinnte Margarete, eine Lehrerstochter aus Falun, kennen. Sie begannen ein Verh�ltnis, aus dem ein Sohn hervorging, Gottfried, der 1927 zur Welt kam. Richard heiratete Margarete, als sein Sohn geboren wurde. In der ersten H�lfte der drei�iger Jahre hatte mein Bruder Frau und Kind hier in Hedestad untergebracht, w�hrend er selbst bei einem Regiment in G�vle  stationiert war und in seiner Freizeit herumreiste, um in Sachen Nazismus zu missionieren. 1936 geriet er in Konflikt mit meinem Vater, der damit endete, dass mein Vater Richard jegliche finanzielle Unterst�tzung entzog. Daraufhin musste er allein zurechtkommen. Er zog mit seiner Familie nach Stockholm und lebte in relativer Armut.�</p><p>�Hatte er kein eigenes Geld?�</p><p>�Sein Erbteil am Konzern war blockiert. Ohne die Familie konnte er nicht verkaufen. Dazu kam, dass Richard ein tyrannischer Familienvater mit wenig vers�hnlichen Charakterz�gen war. Gottfried wuchs eingesch�chtert und schikaniert heran. Er war vierzehn Jahre alt, als Richard fiel; ich glaube, das war der gl�cklichste Tag in seinem Leben. Mein Vater erbarmte sich der Witwe und des Jungen und holte sie hierher nach Hedestad, wo er sie in einer Wohnung unterbrachte und daf�r sorgte, dass Margarete ein ertr�gliches Leben f�hren konnte.</p><p>Wo Richard die dunkle und fanatische Seite der Familie darstellte, war Gottfried die heitere Seite. Als er achtzehn Jahre alt war, nahm ich mich seiner an - er war trotz allem der Sohn meines �ltesten Bruders -, aber wie Sie sich erinnern, war der Altersunterschied zwischen uns nicht gro�. Ich war nur sieben Jahre �lter als er. Damals sa� ich schon im F�hrungsstab der Firma, und es stand fest, dass ich einmal meinen Vater beerben w�rde, w�hrend Gottfried in der Familie eher als Fremder galt.�</p><p>Henrik Vanger �berlegte einen Moment.</p><p>�Mein Vater wusste nicht recht, wie er sich seinem Enkel gegen�ber verhalten sollte. Aber ich bestand darauf, dass man etwas unternehmen musste. Ich gab ihm eine Stelle im Unternehmen. Das war nach dem Krieg. Er versuchte sicherlich, seine Arbeit gut zu machen, hatte jedoch Konzentrationsprobleme. Er war nachl�ssig, ein Charmeur und Zechbruder, fand gro�en Anklang bei den Frauen und hatte immer wieder Phasen, in denen er zu viel trank. Ich tue mich schwer, meine Gef�hle f�r ihn zu beschreiben � Er war kein Taugenichts, aber er war auch alles andere als zuverl�ssig und entt�uschte mich oft zutiefst. Im Laufe der Jahre wurde er zum Alkoholiker und starb 1965 bei einem Unfall - er ertrank. Er hatte sich hier, auf der anderen Seite der Hedeby-Insel, ein H�uschen bauen lassen, in das er sich regelm��ig zur�ckzog, um zu trinken.�</p><p>�Er ist also der Vater von Harriet und Martin?�, fragte Mikael und zeigte auf das Portr�t auf dem Serviertischchen. Widerwillig musste er sich eingestehen, dass die Erz�hlung des alten Mannes interessant war.</p><p>�Richtig. Ende der vierziger Jahre traf Gottfried eine Frau namens Isabella K�nig, eine Deutsche, die nach dem Krieg als Kind nach Schweden gekommen war. Isabella war wirklich eine Sch�nheit - damit meine ich, dass sie so strahlend sch�n wie Greta Garbo oder Ingrid Bergman war. Harriet hat ihre Gene wohl eher von Isabella als von Gottfried bekommen. Wie Sie auf dem Foto sehen k�nnen, war sie auch schon sehr h�bsch, als sie vierzehn war.�</p><p>Mikael und Henrik Vanger betrachteten das Foto nachdenklich.</p><p>�Aber lassen Sie mich fortfahren. Isabella wurde 1928 geboren und lebt noch. Als sie elf war, brach der Krieg aus, und Sie k�nnen sich bestimmt vorstellen, wie es gewesen sein muss, Teenager in Berlin zu sein, als die Bomber ihre Fracht �ber der Stadt abwarfen. Vermutlich war es f�r sie wie das Paradies auf Erden, als sie in Schweden ankam. Leider teilte sie allzu viele von Gottfrieds Lastern: Sie war verschwenderisch und genusss�chtig. Manchmal wirkten Gottfried und sie wie Saufkumpane, nicht wie ein Ehepaar. Sie reiste eine Menge in Schweden und im Ausland herum und besa� �berhaupt kein Verantwortungsgef�hl. Darunter litten nat�rlich die Kinder. Martin kam 1948 zur Welt, Harriet 1950. Die beiden wuchsen in v�lligem Chaos auf - ihre Mutter lie� sie st�ndig im Stich, w�hrend ihr Vater langsam zum Alkoholiker wurde.</p><p>1958 griff ich ein. Gottfried und Isabella wohnten damals in Hedestad - ich zwang sie, hierherzuziehen. Ich hatte genug und beschloss, den Teufelskreis zu durchbrechen. Martin und Harriet waren zu dieser Zeit nahezu v�llig sich selbst �berlassen.�</p><p>Henrik Vanger sah auf die Uhr.</p><p>�Meine drei�ig Minuten sind gleich um, aber ich komme langsam zum Ende meiner Geschichte. Geben Sie mir eine Verl�ngerung?�</p><p>Mikael nickte. �Erz�hlen Sie weiter.�</p><p>�In aller K�rze: Ich war kinderlos - ein dramatischer Kontrast zu meinen anderen Br�dern und Familienmitgliedern, die wie besessen schienen von dem d�mmlichen Bed�rfnis, das Geschlecht der Vangers fortzuf�hren. Gottfried und Isabella kamen hierher, aber ihre Ehe war so gut wie am Ende. Schon nach einem Jahr zog Gottfried in sein H�uschen. Er wohnte dort lange ganz allein und kehrte nur zeitweise zu Isabella zur�ck, wenn es ihm zu einsam und kalt wurde. Ich k�mmerte mich um die Kleinen, die in vieler Hinsicht die Kinder wurden, die ich niemals bekommen habe.</p><p>Martin war � Um ehrlich zu sein, hatte ich w�hrend seiner Jugendjahre eine Weile die Bef�rchtung, dass er in die Fu�stapfen seines Vaters treten w�rde. Er war schwach und verschlossen und gr�blerisch, konnte aber auch charmant und enthusiastisch sein. Er hatte eine schwierige Teenagerzeit, aber als er an der Universit�t anfing, kam alles in Ordnung. Er ist � na ja, er ist immerhin Gesch�ftsf�hrer dessen, was vom Vanger-Konzern noch �brig ist, und das darf man wohl als ausreichendes Zeugnis betrachten.�</p><p>�Und Harriet?�, fragte Mikael.</p><p>�Harriet wurde mein Augenstern. Ich versuchte, ihr Geborgenheit und Selbstvertrauen zu vermitteln. Wir hatten ein sehr enges Verh�ltnis zueinander. Ich betrachtete sie als meine eigene Tochter, und sie stand mir mit der Zeit bedeutend n�her  als ihren Eltern. Wissen Sie, Harriet war ein ganz besonderes M�dchen. Genauso verschlossen wie ihr Bruder, doch von einer schw�rmerischen Religiosit�t, was in unserer Familie eine krasse Ausnahme war. Ihre Begabung und Intelligenz standen au�er Frage. Sie hatte Moral und R�ckgrat. Als sie vierzehn, f�nfzehn Jahre alt war, bestand f�r mich kein Zweifel, dass sie - im Gegensatz zu ihrem Bruder und all den durchschnittlichen Kusinen und Neffen - daf�r bestimmt war, eines Tages den Konzern zu leiten oder zumindest eine zentrale Rolle darin zu spielen.�</p><p>�Und was ist dann passiert?�</p><p>�Wir sind jetzt beim Kern meines Anliegens angekommen. Ich m�chte, dass Sie herausfinden, wer in der Familie Harriet ermordet und danach fast vierzig Jahre versucht hat, mich in den Wahnsinn zu treiben.�</p><a id="calibre_link-59"/><p><a id="calibre_link-60"/></p><p><strong>5. Kapitel</strong></p><p><strong>Donnerstag, 26. Dezember</strong></p><p>Zum ersten Mal, seitdem Henrik Vanger seinen Monolog begonnen hatte, war es dem Alten gelungen, ihn zu �berrumpeln. Mikael musste ihn bitten, seinen letzten Satz zu wiederholen, um sicherzugehen, dass er sich nicht verh�rt hatte. Nichts in den Artikeln, die er gelesen hatte, deutete darauf hin, dass im innersten Kreis der Familie ein Mord begangen worden sein k�nnte.</p><p>Vanger fuhr fort: �Es war der 22. September 1966. Harriet war sechzehn und hatte gerade ihr zweites Jahr auf dem Gymnasium begonnen. Es war ein Samstag, und es sollte der schlimmste Tag meines Lebens werden. Ich bin den Lauf der Ereignisse so oft durchgegangen, dass ich glaube, mich an jede Minute genau erinnern zu k�nnen - alles wei� ich, bis auf das Wichtigste.�</p><p>Er machte eine ausladende Handbewegung.</p><p>�Hier im Haus war ein Gro�teil meiner Verwandten versammelt. Es war das allj�hrliche Abendessen, zu dem sich die Teilhaber des Konzerns trafen, um �ber die Gesch�fte der Familie zu sprechen. Das war eine Tradition, die mein Gro�vater seinerzeit eingef�hrt hatte und die auf zumeist widerw�rtige Veranstaltungen hinauslief. In den achtziger Jahren machte man damit Schluss, weil Martin anordnete, dass alle Diskussionen �ber die Firma auf den regul�ren Vorstandssitzungen und Versammlungen stattfinden sollten. Das war die beste Entscheidung, die er jemals gef�llt hat. Heute sind es schon zwanzig Jahre, dass sich die Familie nicht mehr zu solchen Veranstaltungen trifft.�</p><p>�Sie haben gesagt, dass Harriet ermordet wurde.�</p><p>�Warten Sie. Lassen Sie mich erz�hlen, was geschehen ist. Es war ein Samstag. Au�erdem war auch Festtag mit einem Umzug zum �Tag des Kindes�, der vom Sportverein in Hedestad organisiert wurde. Harriet war tags�ber in der Stadt gewesen und hatte zusammen mit ihren Schulkameraden bei den Festlichkeiten zugesehen. Um zwei Uhr nachmittags kam sie hierher auf die Hedeby-Insel zur�ck. Das Abendessen war f�r f�nf Uhr angesetzt, sie sollte auch dabei sein und gleichaltrige Jugendliche aus der Familie kennenlernen.�</p><p>Henrik Vanger stand auf und trat ans Fenster. Er winkte Mikael zu sich und sagte: �14.15 Uhr, ein paar Minuten nachdem Harriet heimgekommen war, geschah da drau�en auf der Br�cke ein f�rchterlicher Unfall. Ein Mann namens Gustav Aronsson, der hier auf der Insel einen Hof besitzt, bog auf die Br�cke ein und stie� frontal mit einem Tanklaster zusammen, der gerade Heiz�l ausliefern wollte. Wie genau der Unfall geschah, wurde nie wirklich gekl�rt - aus beiden Richtungen hatte man gute Sicht -, aber die zwei fuhren zu schnell, und so kam es zur Katastrophe. Der Fahrer des Tanklasters versuchte den Zusammensto� zu vermeiden und riss wohl instinktiv das Steuer herum. Er fuhr ins Br�ckengel�nder, der Tanklastzug kippte und legte sich quer �ber die Br�cke, wobei das hintere Fahrgestell weit �ber die gegen�berliegende Kante hinausragte � Eine Metallstrebe bohrte sich wie ein Spie� in den Tankbeh�lter, worauf das leicht entflammbare Heiz�l herauszuspritzen begann. Gustav Aronsson war auf dem Fahrersitz eingeklemmt und schrie vor Schmerzen. Der Fahrer der Tanklasters war auch verletzt, konnte sich aber aus seinem Fahrzeug befreien.�</p><p>Der alte Mann machte eine Pause und setzte sich wieder.</p><p>�Der Unfall hatte eigentlich nichts mit Harriet zu tun. Aber er war auf andere Weise bedeutsam. Menschen eilten herbei, um zu helfen; es war ein heilloses Chaos. Es bestand unmittelbare Brandgefahr, und man l�ste Gro�alarm aus. Polizei, Krankenwagen, Rettungsdienst, Feuerwehr, Presse und Schaulustige scharten sich um die Ungl�cksstelle. Nat�rlich sammelte sich alles auf der Festlandseite. Wir auf der Insel taten alles, um Aronsson aus seinem Autowrack zu befreien, was sich als verdammt schwierig herausstellte. Er war ziemlich eingeklemmt und schwer verletzt.</p><p>Wir versuchten ihn mit den H�nden herauszuziehen, aber das ging nicht. Er musste herausgeschnitten oder -ges�gt werden. Doch konnten wir nat�rlich nichts unternehmen, was eine Funkenbildung zur Folge gehabt h�tte; wir standen ja mitten in einem See aus feuergef�hrlichem Heiz�l neben einem umgekippten Tanklaster. W�re der explodiert, w�re es mit uns allen zu Ende gewesen. Es dauerte lange, bevor wir Hilfe vom Festland bekamen, denn der Laster lag wie ein Keil quer �ber der Br�cke, und man konnte uns nur erreichen, indem man �ber den Tankbeh�lter kletterte. Ebenso gut h�tte man �ber eine tickende Bombe klettern k�nnen.�</p><p>Mikael hatte immer noch den Eindruck, dass der alte Mann eine oft wiederholte und wohl�berlegte Geschichte erz�hlte, um sein Interesse zu fesseln. Aber er musste auch zugeben, dass Vanger ein ausgezeichneter Erz�hler war, der seinen Zuh�rer in Bann zu ziehen wusste. Er hatte jedoch weiterhin keine Ahnung, worauf die Geschichte eigentlich hinauslaufen w�rde.</p><p>�Das Bedeutsame an diesem Unfall war, dass die Br�cke f�r die n�chsten vierundzwanzig Stunden gesperrt wurde. Erst am sp�ten Sonntagabend gelang es, den verbliebenen Brennstoff abzupumpen, den Tanklaster wegzuhieven und die Br�cke wieder f�r den Verkehr zu �ffnen. W�hrend dieser vierundzwanzig Stunden war die Hedeby-Insel praktisch von der Umwelt abgeschnitten. Zum Festland konnte man nur mit dem Feuerwehrboot gelangen, das eingesetzt wurde, um die Leute vom Bootshafen der Insel zum alten Fischerhafen unterhalb der Kirche zu bringen. Mehrere Stunden wurde das Boot ausschlie�lich von den Rettungsdiensten benutzt - erst am sp�ten Samstagabend begann man auch Privatpersonen �berzusetzen. Verstehen Sie, was das bedeutet?�</p><p>Mikael nickte. �Ich nehme an, dass auf der Insel irgendetwas mit Harriet geschah und die Verd�chtigen aus dem Kreis derer kommen m�ssen, die sich ebenfalls hier aufhielten. Die klassische Situation eines geschlossenen Raumes in Gestalt einer Insel.�</p><p>Henrik Vanger l�chelte ironisch.</p><p>�Mikael, Sie ahnen ja gar nicht, wie recht Sie haben. Auch ich habe meine Dorothy Sayers gelesen. Die Tatsachen sind Folgende: Harriet kam ungef�hr um zehn nach zwei auf der Insel an. Wenn wir auch Kinder und Unverheiratete mit einschlie�en, haben sich im Laufe des Tages ungef�hr vierzig G�ste hier eingefunden. Zusammen mit Personal und Inselbewohnern kommen wir auf vierundsechzig Personen, die sich hier und in der N�he des Hofes aufhielten. Diejenigen, die hier �bernachten wollten, richteten sich gerade in den umliegenden H�usern oder G�stezimmern ein.</p><p>Harriet wohnte fr�her in einem Haus auf der gegen�berliegenden Stra�enseite, aber wie ich vorhin erz�hlt habe, waren weder ihr Vater Gottfried noch ihre Mutter Isabella stabile Pers�nlichkeiten, und ich konnte nicht zusehen, wie Harriet gequ�lt wurde. Sie konnte sich nicht aufs Lernen konzentrieren, und 1964, als sie vierzehn war, lie� ich sie in mein Haus einziehen. Isabella passte es wohl ganz gut, dass sie die Verantwortung f�r sie loswurde. Harriet bekam ein Zimmer hier oben und wohnte die letzten zwei Jahre bei mir. Auch an jenem Tag kam sie hierher. Wir wissen, dass sie Harald Vanger  auf dem Hof traf und ein paar Worte mit ihm wechselte - das ist einer von meinen Br�dern. Danach ging sie die Treppe hoch, in dieses Zimmer, und begr��te mich. Sie sagte, dass sie mit mir �ber etwas sprechen m�sste. In diesem Moment waren gerade ein paar andere Familienmitglieder bei mir, und ich hatte keine Zeit f�r sie. Aber es schien ihr so wichtig zu sein, dass ich versprach, gleich anschlie�end in ihr Zimmer zu kommen. Sie nickte und ging durch diese T�r dort hinaus. Das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe. Ein paar Minuten sp�ter krachte es auf der Br�cke, und das Chaos, das alle Pl�ne f�r den Tag �ber den Haufen werfen sollte, brach aus.�</p><p>�Wie starb sie?�</p><p>�Warten Sie. Es ist so kompliziert, ich muss die Geschichte chronologisch erz�hlen. Als die Wagen zusammenstie�en, lie�en die Leute alles stehen und liegen und rannten zur Unfallstelle. Ich war � ich denke, ich habe das Kommando �bernommen und war in den n�chsten Stunden fieberhaft besch�ftigt. Wir wissen, dass auch Harriet nach der Kollision sofort zur Br�cke hinunterlief - mehrere Personen haben sie gesehen -, aber wegen der Explosionsgefahr schickte ich alle, die nicht mithalfen, Aronsson aus seinem Autowrack zu befreien, wieder fort. Wir blieben zu f�nft am Unfallort zur�ck: ich und mein Bruder Harald, ein Hofarbeiter namens Magnus Nilsson, Sixten Nordlander, ein S�gewerksarbeiter, der unten am Fischerhafen ein Haus hat, und ein Kerl namens Jerker Aronsson. Er war erst sechzehn, und ich h�tte ihn eigentlich wegschicken sollen, aber er war Aronssons Neffe und kam wenige Minuten nach dem Unfall gerade mit seinem Fahrrad vorbei.</p><p>Ungef�hr um 14.40 Uhr war Harriet in der K�che. Sie trank ein Glas Milch und wechselte ein paar Worte mit Astrid, der K�chin. Sie sahen durchs Fenster dem Tumult auf der Br�cke zu.</p><p>Um 14.55 Uhr ging Harriet �ber den Hof. Sie wurde unter anderem von ihrer Mutter gesehen, aber sie sprachen nicht miteinander. Ein paar Minuten sp�ter traf sie Otto Falk, den  Pastor der Kirche in Hedeby. Damals lag das Pfarrhaus dort, wo Martin Vanger heute seine Villa hat. Der Pastor wohnte also auf dieser Seite der Br�cke. Er hatte sich erk�ltet und lag schlafend im Bett, als sich der Unfall ereignete. Er hatte das gro�e Drama verschlafen, war nun alarmiert worden und auf dem Weg zur Br�cke. Harriet hielt ihn auf und wollte ein paar Worte mit ihm wechseln, aber er wimmelte sie ab und eilte vorbei. Otto Falk war der Letzte, der sie lebend sah.�</p><p>�Wie starb sie?�, wiederholte Mikael.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete Henrik Vanger mit gequ�ltem Blick. �Erst irgendwann gegen f�nf Uhr nachmittags hatten wir Aronsson aus dem Wrack befreit - er �berlebte �brigens, wenn auch �bel zugerichtet -, und um kurz nach sechs galt die Brandgefahr als gebannt. Die Insel war immer noch vom Festland abgeschnitten, aber die Dinge beruhigten sich langsam. Erst als wir uns gegen acht zu einem versp�teten Abendessen zu Tisch setzten, entdeckte man, dass Harriet fehlte. Ich schickte eine ihrer Kusinen los, um sie aus ihrem Zimmer zu holen, aber sie kam zur�ck und sagte, sie k�nne sie nicht finden. Ich dachte nicht gro� dr�ber nach und vermutete wohl, dass sie spazieren gegangen war oder nicht mitbekommen hatte, dass unser Abendessen wie geplant stattfinden sollte. Im Laufe des Abends gab es so einigen Streit mit der Familie. Erst am n�chsten Morgen, als Isabella nach ihr suchte, wurde uns klar, dass Harriet bereits seit gestern Nachmittag verschwunden war.�</p><p>Er breitete die Arme aus.</p><p>�Seit jenem Tag ist Harriet Vanger spurlos verschwunden.�</p><p>�Verschwunden?�, echote Mikael.</p><p>�In all den Jahren gab es nicht die geringste Spur von ihr.�</p><p>�Aber wenn sie verschwunden ist, k�nnen Sie doch nicht behaupten, dass sie ermordet wurde.�</p><p>�Ich verstehe Ihren Einwand. Ich habe genauso gedacht. Wenn ein Mensch spurlos verschwindet, gibt es vier M�glichkeiten: Er kann freiwillig verschwunden sein und sich verstecken. Er kann bei einem Unfall ums Leben gekommen sein. Er kann Selbstmord begangen haben. Und er kann Opfer eines Verbrechens geworden sein. Ich habe �ber all diese M�glichkeiten nachgedacht.�</p><p>�Sie glauben also, dass jemand sie umgebracht hat. Warum?�</p><p>�Weil das die einzig logische Schlussfolgerung ist.� Henrik Vanger hielt einen Finger in die H�he. �Von Anfang an habe ich gehofft, sie sei einfach davongelaufen. Doch mit der Zeit begriffen wir, dass es nicht so war. Ich meine, wie k�nnte ein sechzehnj�hriges M�dchen aus beh�teten Verh�ltnissen, auch wenn sie clever ist, alleine klarkommen und sich so verstecken, dass sie nicht entdeckt wird? Woher sollte sie das Geld haben? Und selbst, wenn sie irgendwo einen Job gefunden h�tte, brauchte sie immer noch eine Steuerkarte und einen festen Wohnsitz.�</p><p>Er hielt zwei Finger in die H�he.</p><p>�Mein n�chster Gedanke war nat�rlich, dass sie irgendeinen Unfall gehabt haben musste. Tun Sie mir bitte den Gefallen und �ffnen Sie die oberste Schublade meines Schreibtischs. Dort liegt eine Karte.�</p><p>Mikael tat, worum man ihn gebeten hatte, und breitete die Karte auf dem Serviertischchen aus. Die Hedeby-Insel war eine unregelm��ig geformte Landmasse von ungef�hr drei Kilometern L�nge, die an ihrer breitesten Stelle knapp anderthalb Kilometer breit war. Zum �berwiegenden Teil bestand die Insel aus Wald. Besiedelt war sie in unmittelbarer N�he zur Br�cke und rund um den Bootshafen. Auf der anderen Seite der Insel gab es noch einen Hof, �sterg�rden, wo der ungl�ckliche Aronsson seine Fahrt begonnen hatte.</p><p>�Erinnern Sie sich bitte, dass sie die Insel nicht verlassen haben kann�, unterstrich Vanger. �Auch hier auf der Hedeby-Insel kann man nat�rlich einen Unfall haben. Man kann vom Blitz getroffen werden - aber an jenem Tag gab es kein Gewitter. Man kann von einem Pferd niedergetrampelt werden, in einen Brunnen fallen oder in eine Felsspalte st�rzen. Es gibt garantiert Hunderte von M�glichkeiten, wie man hier einem Unfall zum Opfer fallen k�nnte. �ber die meisten von ihnen habe ich nachgedacht.�</p><p>Er hielt einen dritten Finger hoch.</p><p>�Es gibt ein einziges �Aber�, und das gilt auch f�r die dritte M�glichkeit - dass sich das M�dchen wider Erwarten das Leben genommen haben k�nnte. Irgendwo auf dieser begrenzten Fl�che m�sste ihr K�rper gefunden werden.�</p><p>Vanger schlug mit der Hand mitten auf die Karte.</p><p>�In den Tagen nach ihrem Verschwinden suchten wir die ganze Insel ab. Die Suchmannschaft durchk�mmte jeden Graben, jedes St�ckchen Ackerland, jede Felsspalte und sah hinter jedem umgest�rzten Baum nach. Wir haben jedes Geb�ude, jeden Schornstein, jeden Brunnen, jede Scheune und jeden Dachboden durchsucht.�</p><p><image l:href="#0"/></p><p>Der alte Mann wandte den Blick von Mikael ab und starrte in die Dunkelheit vor seinem Fenster. Seine Stimme bekam einen tieferen und pers�nlicheren Klang.</p><p>�Den ganzen Herbst suchte ich sie, auch nachdem die Suche offiziell eingestellt worden war. Da ich mich nicht unbedingt meiner Arbeit widmen musste, begann ich Spazierg�nge auf der Insel zu machen, von einem Ende zum anderen. Es wurde Winter, ohne dass wir die geringste Spur von ihr gefunden h�tten. Im Fr�hjahr suchte ich immer noch nach ihr, obwohl ich einsah, dass es sinnlos war. Als es Sommer wurde, heuerte ich drei erfahrene Waldarbeiter an, die mit Sp�rhunden alles noch einmal von vorne absuchten. Sie durchk�mmten systematisch jeden Quadratmeter dieser Insel. Zu jenem Zeitpunkt begann ich zu glauben, dass ihr jemand etwas angetan haben k�nnte. Sie suchten nach einem verborgenen Grab, drei Monate lang, ohne Resultat. Es war, als h�tte sie sich in Luft aufgel�st.�</p><p>�Ich kann mir eine ganze Menge Alternativen vorstellen�, wandte Mikael ein.</p><p>�Ich h�re.�</p><p>�Sie kann ertrunken sein oder sich ertr�nkt haben. Das hier ist eine Insel, und Wasser kann fast alles verbergen.�</p><p>�Das stimmt. Aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht gro�. Bedenken Sie: Wenn Harriet einem Unfall zum Opfer gefallen und ertrunken w�re, dann m�sste das logischerweise irgendwo hier in der N�he des Ortes passiert sein. Und vergessen Sie nicht, dass der ganze Wirbel auf der Br�cke seit Jahrzehnten das dramatischste Ereignis auf dieser Insel war - nicht gerade der Augenblick, den eine Sechzehnj�hrige sich aussucht, um einen Spaziergang zur anderen Seite der Insel zu unternehmen.</p><p>Noch wichtiger ist jedoch�, fuhr er fort, �dass es hier keine nennenswerten Str�mungen gibt und der Wind im Fr�hherbst aus Norden oder Nordosten kommt. Wenn da etwas ins Wasser f�llt, wird es irgendwo an der K�ste des Festlands angeschwemmt, und die ist fast durchgehend besiedelt. Wir haben dies nat�rlich in Erw�gung gezogen und suchten alle Stellen ab, wo sie eventuell ins Wasser h�tte gehen k�nnen. Ich heuerte auch ein paar Jungs vom Taucherclub in Hedestad an. Wir haben hier haupts�chlich Sand- und Lehmboden. Sie verbrachten den Sommer damit, den Meeresgrund im Sund abzusuchen � keine Spur. Ich bin �berzeugt, dass sie nicht im Wasser liegt, ansonsten h�tten wir sie gefunden.�</p><p>�Aber kann sie nicht auch anderswo verungl�ckt sein? Die Br�cke war zwar gesperrt, aber es ist nicht sonderlich weit bis zum Festland. Sie kann hin�bergeschwommen oder gerudert sein.�</p><p>�Es war Ende September und das Wasser so kalt, dass Harriet kaum zum Baden gegangen sein d�rfte, als hier der gro�e Wirbel losging. W�re sie zum Festland hin�bergeschwommen, h�tte man sie au�erdem beobachtet. Dutzende von Augen auf der Br�cke, und auf der Festlandseite standen zwei- bis dreihundert Menschen am Wasser und schauten dem Spektakel zu.�</p><p>�Ein Ruderboot?�</p><p>�Nein. An jenem Tag hatten wir hier auf der Insel genau dreizehn Boote. Unten am Bootshafen lagen zwei Petterson-Boote. Es gab sieben Ruderboote, von denen f�nf schon an Land geholt worden waren. Neben dem Pfarrhaus lag ein Ruderboot an Land und eins im Wasser. Hinten beim �sterg�rden gab es noch ein Motorboot und ein Ruderboot. All diese Boote sind registriert und lagen an ihrem Platz. Wenn sie hin�bergerudert und weggelaufen w�re, h�tte sie das Boot aber auf der anderen Seite lassen m�ssen.�</p><p>Vanger hielt einen vierten Finger in die H�he.</p><p>�Damit bleibt nur eine einzige logische M�glichkeit: Harriet verschwand gegen ihren Willen. Jemand hat ihr etwas angetan und ihren K�rper verschwinden lassen.�</p><p>Lisbeth Salander verbrachte den Weihnachtsmorgen mit der Lekt�re von Mikael Blomkvists kontroversem Buch �ber Wirtschaftsjournalismus. Es hatte zweihundertzehn Seiten, trug den Titel <emphasis>Die Tempelritter</emphasis> und den Untertitel <emphasis>Strafaufgabe f�r Wirtschaftsjournalisten</emphasis>. Auf dem von Christer Malm trendy gestalteten Cover war die Stockholmer B�rse abgebildet. Er hatte das Motiv mit Photoshop bearbeitet, und erst nach l�ngerem Hinsehen fiel dem Betrachter auf, dass das Geb�ude in der Luft schwebte. Es gab keinen festen Boden. Man konnte sich schwerlich ein Cover vorstellen, das besser angedeutet h�tte, was im Buch folgen w�rde.</p><p>Salander stellte fest, dass Blomkvist ein ausgezeichneter Stilist war. Das Buch war geradlinig und interessant geschrieben, sodass auch Leute ohne Einblick in die Irrwege des Wirtschaftsjournalismus es mit Gewinn lesen konnten. Der Ton war bissig und sarkastisch, aber vor allem �berzeugend.</p><p>Das erste Kapitel war eine Art Kriegserkl�rung, bei der Blomkvist kein Blatt vor den Mund nahm. Das Problem war, dass die schwedischen Wirtschaftsjournalisten seiner Meinung nach in den letzten zwanzig Jahren zu einem Trupp unf�higer Laufburschen verkommen waren, die sich an ihrer eigenen Wichtigkeit berauschten, der F�higkeit zum kritischen Denken jedoch v�llig entbehrten. Letztere Schlussfolgerung zog er, weil so viele von ihnen sich stets damit begn�gten, widerspruchslos zu wiederholen, was ihnen von Unternehmensleitern und B�rsenspekulanten vorgekaut wurde - auch wenn diese Aussagen offensichtlich irref�hrend oder schlichtweg falsch waren. Solche Journalisten waren also entweder so naiv oder so leicht hinters Licht zu f�hren, dass man sie von ihren Aufgaben entbinden sollte, oder - umso schlimmer - sie waren Menschen, die ganz bewusst ihre journalistische Sorgfaltspflicht vernachl�ssigten. Blomkvist behauptete, er sch�me sich oftmals daf�r, als Wirtschaftsjournalist bezeichnet zu werden, weil er dadurch Gefahr liefe, mit irgendwelchen Typen in  einen Topf geworfen zu werden, die er gar nicht als Journalisten betrachtete.</p><p>Blomkvist verglich die T�tigkeit der Wirtschaftsjournalisten mit der Arbeitsweise der Polizeireporter und Auslandskorrespondenten. Er wies darauf hin, was f�r ein Aufschrei durch die Reihen ginge, w�rde sich der Gerichtsreporter einer gro�en Tageszeitung in einem Mordprozess unkritisch die Argumente des Staatsanwalts zu Eigen machen, ohne diejenigen der Verteidigung zu pr�fen oder die Familie des Opfers zu interviewen, um sich eine eigene Meinung bilden zu k�nnen.</p><p>Der Rest des Buches war die Beweiskette, die das einf�hrende Pl�doyer untermauern sollte. Ein langes Kapitel widmete sich der Berichterstattung sechs f�hrender Tageszeitungen �ber ein bekanntes Dotcom-Unternehmen. Er zitierte und fasste zusammen, was die Reporter gesagt und geschrieben hatten, bevor er es mit der tats�chlichen Situation verglich. Als er die Entwicklung des Unternehmens beschrieb, warf er immer wieder einfache Fragen auf, die ein �seri�ser Journalist� h�tte stellen m�ssen, die aber keiner aus der ganzen Schar gestellt hatte. Ein h�bscher Kunstgriff.</p><p>Ein anderes Kapitel behandelte den Telia-B�rsengang - dies war der sp�ttischste und ironischste Abschnitt, in dem einige namentlich genannte Schreiber f�rmlich niedergemacht wurden, darunter auch ein gewisser William Borg, auf den Mikael besonders w�tend zu sein schien. Ein weiteres Kapitel am Ende des Buches verglich das Kompetenzniveau schwedischer und ausl�ndischer Wirtschaftsjournalisten. Blomkvist beschrieb, wie �seri�se Journalisten� der <emphasis>Financial Times</emphasis>, des <emphasis>Economist</emphasis>  und einiger deutscher Wirtschaftsmagazine das entsprechende Thema in ihren L�ndern behandelt hatten. Der Vergleich fiel nicht zum Vorteil der schwedischen Kollegen aus. Im Schlusskapitel skizzierte er ein paar Vorschl�ge, wie man die bedauerliche Situation beheben k�nnte. Die Schlussworte seines Buches kn�pften wieder an die Einleitung an:</p><p><emphasis>Wenn ein Reichstagsreporter unkritisch jeden verabschiedeten Beschluss guthie�e, oder wenn ein politischer Berichterstatter einen entsprechenden Mangel an Urteilsverm�gen an den Tag legte - dann w�rde er gefeuert oder zumindest in eine Abteilung versetzt, in der er weniger Schaden anrichten kann. In der Welt der Wirtschaftsjournalisten ignoriert man den normalen journalistischen Auftrag, alle Angaben kritisch zu pr�fen und dem Leser sachlich zu berichten. Hier huldigt man vielmehr dem erfolgreichsten Schwindler. Hier wird das Schweden der Zukunft geschmiedet, und hier wird das letzte Vertrauen in die Journalisten als Berufsstand untergraben.</emphasis></p><p>Der Ton in diesem Buch war schonungslos, und Salander konnte nur zu gut die aufgeregten Diskussionen verstehen, die im Branchenblatt <emphasis>Der Journalist</emphasis>, in manchen Wirtschaftsmagazinen und auf den Wirtschafts- und Titelseiten einiger Tageszeitungen entbrannten. Auch wenn nur wenige Wirtschaftsjournalisten namentlich im Buch Erw�hnung fanden - Lisbeth Salander sch�tzte die Branche hinreichend klein ein, sodass jeder wusste, wer gemeint war, wenn bestimmte Zeitungen zitiert wurden. Blomkvist hatte sich bittere Feinde geschaffen, was sich in schadenfrohen Kommentaren zum Urteil in der Wennerstr�m-Aff�re widerspiegelte.</p><p>Sie klappte das Buch zu und betrachtete das Autorenfoto auf der R�ckseite. Mikael Blomkvist war im Profil fotografiert worden. Der dunkelblonde Pony fiel ihm nachl�ssig in die Stirn, als w�re er von einem Windsto� erfasst worden, kurz bevor der Fotograf auf den Ausl�ser dr�ckte. Wahrscheinlicher war jedoch, dass ihn der Fotograf Christer Malm so gestylt hatte. Er guckte mit ironischem L�cheln und einem gewollt jungenhaften und charmanten Blick in die Kamera.  <emphasis>Ein ziemlich gut aussehender Mann. Auf dem Weg zu drei Monaten Gef�ngnis.</emphasis></p><p>�Hallo, Kalle Blomkvist�, sagte sie laut zu sich selbst. �Du bist ganz sch�n selbstsicher, was?�</p><p>Gegen Mittag fuhr Lisbeth Salander ihr iBook hoch und �ffnete das Mailprogramm Eudora. Sie formulierte die Nachricht in einer einzigen, pr�gnanten Zeile:</p><p>[Hast du Zeit?]</p><p>Sie unterschrieb mit �Wasp� und schickte die Mail an �plague_ xyz_666@hotmail.com�. Zur Sicherheit kodierte sie die einfache Nachricht mit dem Verschl�sselungsprogramm PGP.</p><p>Dann zog sie sich eine schwarze Jeans, feste Winterschuhe, einen Rollkragenpullover und eine dunkle Seglerjacke an, dazu passende blassgelbe Fingerhandschuhe, M�tze und Halstuch. Sie nahm die Piercingringe aus den Augenbrauen und dem Nasenfl�gel, legte einen zartrosa Lippenstift auf und musterte sich im Badezimmerspiegel. Sie sah aus wie jeder andere Sonntagsspazierg�nger auch und betrachtete ihre Kleidung als anst�ndige Tarnkluft f�r eine Expedition hinter die feindlichen Linien. Sie nahm die U-Bahn von Zinkensdamm bis zum �stermalmstorg und ging dann in Richtung Strandv�gen. W�hrend sie den Fu�weg in der Mitte der Allee entlangspazierte, las sie die Hausnummern. Als sie fast bei der Djurg�rds-Br�cke angekommen war, blieb sie stehen und sah sich den Eingang an, den sie gesucht hatte. Sie �berquerte die Stra�e und wartete ein paar Meter vom Eingang entfernt.</p><p>Wie sie feststellte, gingen die meisten Menschen, die im k�hlen Weihnachtswetter einen Spaziergang machten, auf dem Kai; nur wenige benutzten den B�rgersteig an der H�userseite. Sie musste fast f�nfundzwanzig Minuten geduldig warten, bis sich schlie�lich eine �ltere Frau mit Spazierstock vom Djurg�rden her n�herte. Sie blieb stehen und musterte  Salander misstrauisch. Lisbeth nickte ihr freundlich zu. Die Dame mit dem Spazierstock gr��te zur�ck und schien nachzudenken, woher sie das junge M�dchen nur kannte. Salander drehte ihr den R�cken zu und ging ein paar Schritte in die andere Richtung, als w�rde sie ungeduldig auf jemand warten. Als sie wieder kehrtmachte, stand die alte Dame an der Haust�r und tippte umst�ndlich den Zahlencode ein. Salander konnte problemlos die Kombination 1260 erkennen.</p><p>Sie wartete f�nf Minuten, bis sie zur T�r ging und �berpr�fte, ob sie sich auch nicht get�uscht hatte. Als sie die Zahl eingab, klickte das Schloss. Sie �ffnete die T�r und sah sich im Treppenhaus um. Kurz hinter dem Eingang war eine �berwachungskamera angebracht, auf die sie einen kurzen Blick warf, um sie dann zu ignorieren - die Kamera geh�rte zu den Modellen, die Milton Security vertrieb, und wurde erst aktiviert, wenn im Haus ein Einbruchs- oder �berfallsalarm losging. Weiter links, neben einem antiken Aufzug, befand sich eine T�r mit einem weiteren Nummernschloss. Sie machte einen Test und stellte fest, dass Eingangst�r, Kellergeschoss und der Raum mit den M�lltonnen dieselbe Zahlenkombination hatten. <emphasis>Nachl�ssig, sehr nachl�ssig.</emphasis> Sie verbrachte drei Minuten mit der Untersuchung des Kellers, in dem sie eine unverschlossene Waschk�che und einen Putzraum fand. Anschlie�end �ffnete sie mit Hilfe der Dietriche, die sie sich bei Miltons Schlie�anlagenexperten �ausgeliehen� hatte, eine abgesperrte T�r, die h�chstwahrscheinlich zum Versammlungsraum f�r die Eigent�mergemeinschaft f�hrte. Ganz hinten gab es noch einen Hobbyraum. Zu guter Letzt fand sie, wonach sie gesucht hatte: ein kleines Kabuff, in dem die elektrischen Sicherheits- und Kontrollvorrichtungen untergebracht waren. Sie sah sich Z�hler und Sicherungsk�sten genau an und z�ckte dann eine Canon-Digitalkamera in der Gr��e einer Zigarettenschachtel. Sie machte drei Aufnahmen.</p><p>Auf dem R�ckweg warf sie einen sekundenschnellen Blick auf die Namensschilder neben dem Aufzug und las den Namen der obersten Wohnung: <emphasis>Wennerstr�m.</emphasis></p><p>Dann verlie� sie das Haus und eilte zum Nationalmuseum, wo sie die Cafeteria aufsuchte, um sich aufzuw�rmen und einen Kaffee zu trinken. Nach ungef�hr einer halben Stunde fuhr sie wieder nach S�der zur�ck und ging in ihre Wohnung.</p><p>Sie fand eine Antwort von �plague_xyz_666@hotmail. com� in ihrer Mailbox. Nachdem sie sie per PGP entschl�sselt hatte, bestand die Antwort kurz und b�ndig aus der Zahl 20.</p><a id="calibre_link-61"/><p><a id="calibre_link-62"/></p><p><strong>6. Kapitel</strong></p><p><strong>Donnerstag, 26. Dezember</strong></p><p>Mikael Blomkvists Zeitlimit von drei�ig Minuten war bereits deutlich �berschritten. Es war halb f�nf, und an den Nachmittagszug war gar nicht mehr zu denken. Es bestand jedoch immer noch die M�glichkeit, den Abendzug um 21.30 Uhr zu erwischen. Er stand am Fenster und massierte sich den Nacken, w�hrend er die erleuchtete Kirchenfassade auf der anderen Seite der Br�cke betrachtete. Henrik Vanger hatte ihm ein Album mit Zeitungsausschnitten aus den lokalen und den �berregionalen Zeitungen gezeigt, die sich mit dem Ereignis befassten. Es hatte eine Zeit lang ein ziemlich gro�es Medieninteresse gegeben - <emphasis>M�dchen aus Industriellenfamilie spurlos verschwunden</emphasis>. Aber da keine Leiche gefunden wurde und es keinen Durchbruch in den Ermittlungen gab, war das Verschwinden Harriet Vangers siebenunddrei�ig Jahre sp�ter eine vergessene Geschichte. Die vorherrschende Theorie in den Artikeln aus den sp�ten sechziger Jahren war die, dass das M�dchen ertrunken und aufs Meer hinausgesp�lt worden war - eine Trag�die, die jede Familie treffen k�nne.</p><p>Mikael hatte sich wider besseres Wissen von der Erz�hlung faszinieren lassen, doch als Henrik Vanger um eine Pause bat, hatte er seine Skepsis zur�ckgewonnen. Aber der alte Mann  war noch nicht fertig, und Mikael hatte ihm schlie�lich doch versprochen, sich die ganze Geschichte anzuh�ren.</p><p>�Was glauben Sie selbst, was mit ihr passiert ist?�, fragte Mikael, als Vanger wieder ins Zimmer kam.</p><p>�Normalerweise haben hier ungef�hr f�nfundzwanzig Personen ihren festen Wohnsitz, aber aufgrund des Familientreffens waren an jenem Tag zirka sechzig auf der Insel. Von diesen k�nnen zwanzig bis f�nfundzwanzig Personen mehr oder weniger ausgeschlossen werden. Ich glaube, dass einer von den �brigen - und zwar mit gro�er Wahrscheinlichkeit jemand aus der Familie - Harriet get�tet und die Leiche versteckt hat.�</p><p>�Ich habe Dutzende von Einw�nden.�</p><p>�Lassen Sie h�ren.�</p><p>�Nat�rlich w�rde ich als Erstes einwenden, dass, sollte tats�chlich jemand ihre Leiche versteckt haben, man sie gefunden h�tte, wenn wirklich so akribisch gesucht wurde, wie Sie es geschildert haben.�</p><p>�Um der Wahrheit die Ehre zu geben, die Suche war noch gr�ndlicher, als ich erz�hlt habe. Ich begann erst dann an einen Mord zu denken, als mir aufging, wie ihre Leiche verschwunden sein k�nnte. Ich kann es nicht beweisen, aber es liegt auf jeden Fall im Bereich des Denkbaren.�</p><p>�Okay, schie�en Sie los.�</p><p>�Harriet verschwand irgendwann gegen 15 Uhr. Um circa 14.55 Uhr wurde sie vom Pastor Otto Falk gesehen, der zum Unfallort unterwegs war. Ungef�hr zur selben Zeit traf ein Fotograf der Lokalzeitung ein, der im Laufe der n�chsten Stunde jede Menge Bilder des Dramas schoss. Wir - die Polizei - haben uns die Aufnahmen genau angesehen und konnten feststellen, dass Harriet auf keinem der Bilder auftaucht. Alle anderen, die in der Stadt waren, tauchen hingegen sehr wohl auf, wenn vielleicht auch nur am Bildrand - abgesehen einmal von den ganz kleinen Kindern.�</p><p>Henrik Vanger holte ein neues Fotoalbum und legte es vor Michael auf den Tisch.</p><p>�Das hier sind Bilder von jenem Tag. Das erste wurde beim Festumzug in Hedestad gemacht. Das Bild wurde ungef�hr um 13.15 Uhr vom selben Fotografen aufgenommen, und Harriet ist darauf tats�chlich zu sehen.�</p><p>Das Bild war aus dem zweiten Stock eines Hauses geschossen worden und zeigte eine Stra�e, auf der gerade Umzugswagen mit Clowns und M�dchen in Badeanz�gen vorbeifuhren. Auf dem B�rgersteig dr�ngten sich die Zuschauer. Henrik Vanger deutete auf eine Person in der Menge.</p><p>�Das ist Harriet, ungef�hr zwei Stunden vor ihrem Verschwinden. Sie war mit ein paar Klassenkameraden in der Stadt. Das ist das letzte Bild von ihr. Aber es gibt noch ein weiteres interessantes Foto.�</p><p>Henrik Vanger bl�tterte weiter. Der Rest des Albums enthielt gut hundertachtzig Bilder - sechs Filme - von der Katastrophe auf der Br�cke. Blomkvist hatte beinahe Skrupel, sich die scharfen Schwarzwei�fotos anzusehen. Der Fotograf verstand sein Handwerk und hatte das ganze Chaos jenes Unfalls eingefangen. Viele Bilder konzentrierten sich auf die Aktivit�ten rund um den umgest�rzten Tanklaster. Mikael erkannte problemlos einen gestikulierenden, heiz�lverschmierten sechsundvierzigj�hrigen Henrik Vanger.</p><p>�Das hier ist mein Bruder Harald.� Der Alte deutete auf einen Mann, der noch sein feines Sakko anhatte und in gebeugter Haltung auf irgendetwas in dem Autowrack zeigte, in dem Aronsson eingeklemmt war. �Harald ist ein unangenehmer Mensch, aber ich glaube, dass man ihn von der Liste der Verd�chtigen streichen kann. Abgesehen von einer kurzen Zeitspanne, in der er zur�ck zum Hof laufen musste, um sich andere Schuhe anzuziehen, war er die ganze Zeit auf der Br�cke.�</p><p>Henrik Vanger bl�tterte weiter. Ein Bild folgte dem anderen. Fokus auf den Tanklaster. Fokus auf die Schaulustigen am  Ufer. Fokus auf Aronssons Auto. Totalaufnahmen. Indiskrete Fotos mit dem Teleobjektiv.</p><p>�Das hier ist ein interessantes Bild�, sagte Henrik Vanger. �Soweit wir feststellen konnten, wurde es ungef�hr zwischen 15.40 Uhr und 15.45 Uhr aufgenommen, also knapp f�nfundvierzig Minuten nachdem Harriet Pastor Falk begegnet war. Achten Sie auf unser Haus, das Fenster Mitte zweiter Stock. Das ist Harriets Zimmer. Auf dem vorherigen Bild ist das Fenster geschlossen, hier ist es offen.�</p><p>�Jemand war zu diesem Zeitpunkt in Harriets Zimmer.�</p><p>�Ich habe alle gefragt, keiner hat zugegeben, das Fenster ge�ffnet zu haben.�</p><p>�Was bedeutet, dass es entweder Harriet selbst war, die zu diesem Zeitpunkt noch lebte, oder dass Sie jemand angelogen hat. Aber warum sollte ein M�rder in ihr Zimmer gehen und das Fenster aufmachen? Und warum sollte Sie jemand anl�gen?�</p><p>Henrik Vanger sch�ttelte den Kopf. Es gab keine Antwort.</p><p>�Harriet verschwand irgendwann gegen 15 Uhr oder unmittelbar danach. Diese Bilder vermitteln eine ungef�hre Vorstellung davon, wer sich wo aufhielt in diesem Zeitraum. Deswegen kann ich bestimmte Personen von der Liste der Verd�chtigen streichen. Aus demselben Grund kann ich eine gewisse Zahl von Personen ausmachen, die sich zu dieser Zeit nicht auf den Bildern finden und daher zu den Verd�chtigen gerechnet werden m�ssen.�</p><p>�Sie haben die Frage nicht beantwortet, wie die Leiche Ihrer Meinung nach verschwand.�</p><p>�Es gibt mehrere realistische M�glichkeiten. Irgendwann gegen 15 Uhr schl�gt der M�rder zu. Er oder sie hat vermutlich keine Waffe verwendet - sonst h�tten wir vielleicht Blutspuren entdeckt. Ich tippe darauf, dass Harriet erw�rgt wurde, und ich tippe darauf, dass es genau hier geschah, hinter der Hofmauer - eine Stelle, die der Fotograf nicht sehen  konnte und die, vom Haus betrachtet, im toten Winkel liegt. Es gibt einen kleinen Schleichweg, der vom Pfarrhaus - wo sie ja zum letzten Mal gesehen wurde - zu meinem Haus f�hrt. Heute ist dort eine bepflanzte Fl�che und Rasen, aber in den sechziger Jahren war es ein Kieshof, der als Parkplatz diente. Der M�rder musste einfach nur einen Kofferraum �ffnen und Harriet hineinlegen. Als wir am n�chsten Tag die Umgebung absuchten, dachte keiner an ein Verbrechen - wir konzentrierten uns auf die Str�nde, die Geb�ude und das Waldst�ck in der N�he der Siedlung.�</p><p>�Niemand hat also bei den Autos den Kofferraum kontrolliert.�</p><p>�Und am Abend des n�chsten Tages hatte der M�rder freie Bahn, konnte mit seinem Auto die Br�cke �berqueren und die Leiche irgendwo anders verstecken.�</p><p>Mikael nickte. �Unter den Augen aller, die nach dem verschwundenen M�dchen suchten. Wenn es sich so zugetragen hat, handelt es sich um einen �u�erst kaltbl�tigen Schei�kerl.�</p><p>Henrik Vanger lachte bitter. �Sie haben soeben eine treffende Beschreibung f�r eine Menge Mitglieder der Familie Vanger geliefert.�</p><p>Sie setzten ihr Gespr�ch w�hrend des Abendessens um sechs Uhr fort. Anna hatte Hasenbraten mit Johannisbeergelee und Kartoffeln aufgetragen. Henrik Vanger kredenzte einen �ppigen Rotwein. Mikael konnte sp�ter noch den letzten Zug erwischen. Es war an der Zeit, den Besuch abzurunden, fand er.</p><p>�Ich gebe zu, dass Sie mir da eine faszinierende Geschichte erz�hlt haben. Aber ich habe nicht ganz verstanden, warum Sie es taten.�</p><p>�Das habe ich Ihnen doch schon gesagt. Ich will den Schweinehund �berf�hren, der die Enkelin meines Bruders ermordet hat. Und dazu will ich Sie engagieren.�</p><p>�Wie stellen Sie sich das vor?�</p><p>Henrik Vanger legte Messer und Gabel ab. �Mikael, siebenunddrei�ig Jahre lang habe ich mir den Kopf zermartert, was mit Harriet passiert ist.�</p><p>Er verstummte, nahm die Brille ab und betrachtete einen unsichtbaren Schmierfleck auf dem Glas. Dann hob er den Blick und musterte Mikael.</p><p>�Wenn ich ganz ehrlich sein soll, war Harriets Verschwinden der Grund, warum ich allm�hlich das Ruder in der Unternehmensleitung aus der Hand gab. Ich verlor die Lust. Ich wusste, dass es in meiner Umgebung einen M�rder gab, und die Gr�beleien und die Suche nach der Wahrheit gingen zu Lasten meiner Arbeit. Das Schlimmste ist, dass die B�rde mit den Jahren nicht leichter wurde - im Gegenteil. Um 1970 herum hatte ich eine Phase, da wollte ich meinen Frieden haben. Damals war Martin in die Gesch�ftsf�hrung eingestiegen und konnte mir mehr und mehr abnehmen. 1976 trat ich zur�ck, und Martin wurde Gesch�ftsf�hrer. Ich hatte immer noch einen Platz im Vorstand, aber nach meinem f�nfzigsten Geburtstag lie� ich es langsamer angehen. In den letzten sechsunddrei�ig Jahren gab es keinen Tag, an dem ich nicht �ber Harriets Verschwinden nachgedacht h�tte. Sie finden vielleicht, dass ich davon besessen bin - zumindest finden das die meisten meiner Verwandten. Und wahrscheinlich stimmt das auch.�</p><p>�Es war ein schreckliches Ereignis.�</p><p>�Mehr als das. Es hat mein Leben zerst�rt. Je mehr Zeit verging, umso st�rker wurde mir diese Tatsache bewusst. Glauben Sie, sich selbst gut zu kennen?�</p><p>�Na ja, nat�rlich denke ich das.�</p><p>�Ich auch. Ich werde diese Geschichte einfach nicht los. Aber meine Motive haben sich im Laufe der Jahre ge�ndert. Am Anfang war es Trauer. Ich wollte sie finden, um sie zumindest begraben zu k�nnen. Es ging mir darum, Harriet Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.�</p><p>�Inwiefern hat sich das ge�ndert?�</p><p>�Heute geht es mir vor allem darum, diesen kaltbl�tigen Schei�kerl zu finden. Und je �lter ich werde, desto mehr Zeit nimmt dieses Hobby in Anspruch.�</p><p>�Hobby?�</p><p>�Ja, ich w�rde es tats�chlich so nennen. Als die polizeilichen Ermittlungen im Sande verliefen, machte ich weiter. Ich habe mich bem�ht, systematisch und wissenschaftlich zu Werke zu gehen. Ich habe jegliche Art von Informationen gesammelt - diese Fotos, den Untersuchungsbericht der Polizei � und wenn mir Leute erz�hlten, was sie an jenem Tag gemacht hatten, habe ich alles sorgf�ltig notiert. Ich habe also mein halbes Leben damit zugebracht, Informationen �ber einen einzigen Tag zu sammeln.�</p><p>�Ist Ihnen klar, dass der M�rder nach sechsunddrei�ig Jahren vielleicht selbst schon tot und begraben ist?�</p><p>�Das glaube ich nicht.�</p><p>Mikael hob die Augenbrauen bei dieser entschiedenen Antwort.</p><p>�Lassen Sie uns fertig essen, dann gehen wir wieder hoch. Ein Detail fehlt noch, dann ist meine Erz�hlung komplett. Es ist von allen Details das verwirrendste.�</p><p>Lisbeth Salander parkte den Corolla Automatik beim Pendlerbahnhof in Sundbyberg. Sie hatte den Toyota aus dem Fuhrpark von Milton Security ausgeliehen. Zwar hatte sie nicht wirklich um Erlaubnis gefragt, doch andererseits hatte Armanskij ihr auch nicht ausdr�cklich verboten, eines von Miltons Autos zu benutzen. Fr�her oder sp�ter muss ich mir ein eigenes Fahrzeug anschaffen, dachte sie. Sie hatte kein Auto, daf�r aber ein Motorrad - eine gebrauchte Kawasaki mit 125 Kubik, die sie im Sommer benutzte. Im Winter stand die Maschine in ihrem Kellerabteil.</p><p>Sie spazierte zum H�gklintav�gen und klingelte um Punkt  18 Uhr an der Sprechanlage. Nach ein paar Sekunden klickte das Schloss, sie ging zwei Stockwerke hoch und klingelte an der T�r mit dem bescheidenen Namen Svensson. Sie hatte keine Ahnung, wer Svensson war oder ob es in der Wohnung �berhaupt eine Person dieses Namens gab.</p><p>�Hallo, Plague�, sagte sie zur Begr��ung.</p><p>�Wasp. Du besuchst mich auch blo�, wenn du was brauchst.�</p><p>Er war 1 Meter 89 gro� und wog 152 Kilo - ein stark �bergewichtiger Mann, drei Jahre �lter als Lisbeth Salander. Sie selbst war 1 Meter 54 gro� bei einem Gewicht von 42 Kilo und hatte sich neben Plague stets wie ein Zwerg gef�hlt. In seiner Wohnung war es wie immer dunkel. Der Lichtschein der einzigen eingeschalteten Lampe sickerte aus seinem Schlafzimmer, das ihm auch als Arbeitszimmer diente, auf den Korridor. Es roch dumpf und muffig.</p><p>�Weil du dich nie w�schst, Plague, und weil es hier drin nach Affenhaus riecht. F�r den Fall, dass du mal vor die T�r gehen solltest, kann ich dir eine Seife empfehlen. Gibt�s im Supermarkt.�</p><p>Er l�chelte d�nn, gab aber keine Antwort und bedeutete ihr, mit in die K�che zu kommen. Er setzte sich an den K�chentisch, ohne Licht anzumachen. Die Beleuchtung kam haupts�chlich von der Stra�enlaterne vor dem K�chenfenster.</p><p>�Ich meine, ich bin ja auch nicht gerade der Champ, wenn�s ums Aufr�umen geht, aber wenn die alten Milchkartons nach Verwesung stinken, dann pack ich das Zeug und schmei� es weg.�</p><p>�Ich bin Fr�hrentner aus Krankheitsgr�nden�, sagte er. �Ich bin sozial inkompetent.�</p><p>�Deswegen hat der Staat dir also eine Wohnung gegeben und dich vergessen. Hast du keine Angst, dass sich die Nachbarn irgendwann mal beklagen k�nnten und das Sozialamt nachgucken kommt? Dann landest du am Ende noch im Irrenhaus.�</p><p>�Hast du was f�r mich?�</p><p>Sie �ffnete den Rei�verschluss ihrer Jackentasche und holte 5000 Kronen heraus.</p><p>�Mehr kann ich mir nicht leisten. Es ist mein eigenes Geld, und ich kann dich ja schlecht mit den Spesen verrechnen.�</p><p>�Was willst du?�</p><p>�Die Manschette, von der du vor zwei Monaten erz�hlt hast? Hast du sie hingekriegt?�</p><p>Er l�chelte und legte einen Gegenstand vor ihr auf den Tisch.</p><p>�Erkl�r mir, wie sie funktioniert.�</p><p>In der folgenden Stunde h�rte sie aufmerksam zu. Dann probierte sie die Manschette aus. Plague war vielleicht sozial inkompetent. Aber er war zweifellos ein Genie.</p><p>Henrik Vanger blieb vor seinem Schreibtisch stehen und wartete, bis er wieder Mikaels volle Aufmerksamkeit hatte. Mikael sah auf seine Armbanduhr. �Sie sprachen von einem verwirrenden Detail?�</p><p>Vanger nickte. �Ich habe am 1. November Geburtstag. Als Harriet acht Jahre alt war, gab sie mir ein Geburtstagsgeschenk, ein Bild. Eine gepresste Blume in einem schlichten Rahmen.�</p><p>Vanger ging um den Schreibtisch herum und zeigte auf die erste Blume, eine Glockenblume. Sie war amateurhaft und ungeschickt aufgeklebt worden.</p><p>�Das erste Bild. Ich habe es 1958 bekommen.�</p><p>Er wies auf das n�chste Bild.</p><p>�1959: Scharfer Hahnenfu�. 1960: Margerite. Es wurde eine Tradition. Sie bastelte mir das Bild im Sommer und hob es bis zu meinem Geburtstag auf. Ich habe es immer an dieser Wand hier aufgeh�ngt. 1966 verschwand sie, und die Tradition wurde unterbrochen.�</p><p>Henrik Vanger verstummte und deutete auf eine L�cke in der Bilderreihe. Mikael sp�rte, wie sich ihm pl�tzlich die Nackenhaare aufstellten. Die ganze Wand war voll mit gepressten Blumen.</p><p>�1967, ein Jahr nachdem sie verschwunden war, bekam ich an meinem Geburtstag diese Blume. Es ist ein Veilchen.�</p><p>�Wie haben Sie die Blume bekommen?�, fragte Mikael leise.</p><p>�Mit der Post, in Geschenkpapier verpackt und in einem wattierten Umschlag. In Stockholm abgeschickt. Kein Absender. Keine Nachricht.�</p><p>�Sie wollen damit sagen, dass �� Mikael wedelte mit der Hand.</p><p>�Genau. Jedes verdammte Jahr an meinem Geburtstag. K�nnen Sie sich vorstellen, was f�r ein Gef�hl das ist? Das ist gegen mich gerichtet, als ob der T�ter mich qu�len wollte. Wieder und wieder habe ich mich gefragt, ob Harriet beseitigt wurde, weil jemand eigentlich mich treffen wollte. Es war kein Geheimnis, dass Harriet und ich ein besonderes Verh�ltnis hatten und dass ich sie als meine eigene Tochter betrachtete.�</p><p>�Was soll ich f�r Sie tun?�, fragte Mikael entschieden.</p><p>Nachdem Lisbeth Salander den Corolla in der Tiefgarage von Milton Security abgestellt hatte, nutzte sie die Gelegenheit, die B�rotoilette zu benutzen. Sie �ffnete die T�r mit ihrer Magnetkarte und fuhr direkt in den dritten Stock, um nicht durch den Haupteingang im zweiten Stock gehen zu m�ssen, wo die Nachtwache sa�. Sie suchte die Toilette auf und holte sich eine Tasse Kaffee von der Espressomaschine, die Dragan Armanskij angeschafft hatte, nachdem ihm klar geworden war, dass sie niemals Kaffee kochen w�rde, nur weil es von ihr erwartet wurde. Anschlie�end ging sie in ihr B�ro und h�ngte ihre Lederjacke �ber einen Stuhl.</p><p>Ihr B�ro war ein zwei mal drei Meter gro�er Raum, der sich vor einer Glaswand befand. Er war mit einem Schreibtisch und einem �lteren Dell PC ausgestattet, einem B�rostuhl, einem Papierkorb, einem Telefon und einem B�cherregal. Im  B�cherregal lagen ein Satz Telefonb�cher und drei leere Notizbl�cke. Die beiden Schreibtischschubladen enthielten ein paar ausgediente Kugelschreiber, B�roklammern und einen Notizblock. Auf dem Fensterbrett stand eine tote Blume mit braunen verwelkten Bl�ttern. Lisbeth Salander musterte sie einen Moment lang nachdenklich, bevor sie die Blume entschlossen in den Papierkorb warf.</p><p>Sie hatte selten etwas in ihrem B�ro zu erledigen und besuchte es vielleicht ein halbes Dutzend Mal pro Jahr, haupts�chlich, wenn sie einen Bericht kurz vor der Abgabe noch einmal ungest�rt �berarbeiten wollte. Dragan Armanskij hatte darauf bestanden, dass sie einen eigenen Platz bekam. Sein Hintergedanke war, dass sie sich als ein Teil des Unternehmens f�hlen sollte, auch wenn sie nur auf freier Basis arbeitete. Sie selbst hatte Armanskij im Verdacht, dass er hoffte, auf diese Art ein wachsames Auge auf sie haben zu k�nnen und sich in ihre Privatangelegenheiten zu mischen. Anfangs hatte sie sich ein gr��eres Zimmer mit einem Kollegen teilen sollen. Aber da sie nie dort war, hatte Armanskij ihr schlie�lich den freien Verschlag zugewiesen.</p><p>Lisbeth Salander holte die Manschette hervor, die sie von Plague bekommen hatte. Sie legte sie vor sich auf den Tisch und betrachtete sie nachdenklich, w�hrend sie an ihrer Unterlippe knabberte und �berlegte.</p><p>Es war nach elf Uhr abends, und sie war alleine auf der Etage.</p><p>Sie stand auf, ging zum B�ro am Ende des Flurs und dr�ckte versuchsweise die Klinke zu Dragan Armanskijs B�ro herunter. Abgeschlossen. Sie sah sich um.</p><p>Die Wahrscheinlichkeit, dass am 26. Dezember gegen Mitternacht jemand auf dem Korridor auftauchen w�rde, ging gegen null. Sie �ffnete die T�r mit einem heimlich angefertigten Duplikat des Generalschl�ssels, das sie sich vor ein paar Jahren besorgt hatte.</p><p>Armanskijs ger�umiges Zimmer enthielt einen Schreibtisch, Besucherst�hle und einen kleinen Konferenztisch in der Ecke, der acht Personen Platz bot. Es war tadellos aufger�umt. Sie hatte lange nicht mehr bei ihm herumgeschn�ffelt, doch wenn sie jetzt schon einmal hier war � Sie verbrachte eine Stunde an seinem Schreibtisch und brachte sich in diversen Angelegenheiten auf den neuesten Stand: wie die Suche nach einem mutma�lichen Unternehmensspion voranging, welche Personen in ein Unternehmen eingeschleust wurden, in dem eine organisierte Diebesbande ihr Unwesen trieb, und welche Ma�nahmen ergriffen worden waren, um eine Klientin zu sch�tzen, die bef�rchtete, dass ihre Kinder von ihrem Vater entf�hrt werden k�nnten.</p><p>Zum Schluss legte sie alle Papiere wieder so zur�ck, wie sie sie vorgefunden hatte, schloss die T�r von Armanskijs B�ro ab und ging nach Hause in die Lundagata. Sie war zufrieden mit diesem Tag.</p><p>Mikael Blomkvist sch�ttelte abermals den Kopf. Henrik Vanger hatte hinter seinem Schreibtisch Platz genommen und sah Mikael ruhig an, als w�re er schon auf alle Einw�nde vorbereitet.</p><p>�Ich wei� nicht, ob wir jemals die Wahrheit erfahren, aber ich will nicht sterben, ohne einen letzten Versuch unternommen zu haben�, sagte der alte Mann. �Ich m�chte Sie beauftragen, s�mtliches Beweismaterial noch ein letztes Mal durchzugehen.�</p><p>�Das ist doch verr�ckt�, sagte Mikael.</p><p>�Warum sollte das verr�ckt sein?�</p><p>�Ich habe genug geh�rt, Henrik. Ich verstehe Ihre Trauer, aber ich m�chte auch ehrlich zu Ihnen sein. Was Sie von mir wollen, ist nichts als Verschwendung von Zeit und Geld. Sie bitten mich, die L�sung eines Mysteriums herbeizuf�hren, an dem Kriminalpolizisten und professionelle Ermittler �ber die  Jahre gescheitert sind, obwohl sie auf viel mehr Erfahrung und bessere Hilfsmittel zur�ckgreifen konnten als ich. Sie bitten mich, ein Verbrechen aufzukl�ren, das vor fast vierzig Jahren begangen wurde. Wie soll ich das denn anstellen?�</p><p>�Wir haben noch nicht �ber Ihr Honorar gesprochen�, gab Henrik Vanger zur�ck.</p><p>�Das ist auch gar nicht n�tig.�</p><p>�Wenn Sie Nein sagen, kann ich Sie nicht zwingen. Aber h�ren Sie sich an, was ich Ihnen anbieten m�chte. Dirch Frode hat bereits einen Vertrag aufgesetzt. Einzelheiten k�nnen wir noch verhandeln, aber der Vertrag ist einfach, es fehlt nur noch Ihre Unterschrift.�</p><p>�Es ist zwecklos, Henrik. Ich kann das R�tsel von Harriets Verschwinden nicht l�sen.�</p><p>�Das brauchen Sie auch gar nicht. Alles, was ich will, ist, dass Sie Ihr Bestes tun. Wenn es Ihnen nicht gelingt, ist es Gottes Wille oder - falls Sie nicht an Gott glauben - eben Schicksal.�</p><p>Mikael seufzte. Ihm wurde immer unbehaglicher zumute und er wollte seinen Besuch in Hedeby gerne beenden, doch schlie�lich gab er nach.</p><p>�Erkl�ren Sie mir, was Sie wollen.�</p><p>�Ich will, dass Sie ein Jahr lang hier in Hedeby wohnen und arbeiten. Ich will, dass Sie den ganzen Untersuchungsbericht zu Harriets Verschwinden durchgehen, Seite f�r Seite. Ich will, dass Sie alles mit unvoreingenommenen Augen untersuchen. Ich will, dass Sie alle alten Schlussfolgerungen infrage stellen, wie es sich f�r einen Journalisten geh�rt, wenn er Recherchen betreibt. Ich will, dass Sie Details nachsehen, die ich und die Polizei und andere Ermittler m�glicherweise �bersehen haben.�</p><p>�Sie bitten mich, f�r ein Jahr mein ganzes Leben und meine Karriere aufzugeben, um etwas zu tun, das auf v�llige Zeitverschwendung hinausl�uft?�</p><p>Pl�tzlich l�chelte Henrik Vanger.</p><p>�Was Ihre Karriere angeht, sind wir uns wohl einig, dass sie momentan doch ziemlich auf Eis liegt.�</p><p>Darauf konnte Mikael nichts entgegnen.</p><p>�Ich will Ihnen ein Jahr Ihres Lebens abkaufen. F�r einen Job. Der Lohn ist besser als f�r jedes andere Angebot, das Sie jemals kriegen k�nnten. Ich bezahle Ihnen 200 000 Kronen im Monat, also 2,4 Millionen Kronen, wenn Sie einwilligen und ein ganzes Jahr bleiben.�</p><p>Mikael sa� stumm in seinem Sessel.</p><p>�Ich mache mir keine Illusionen. Ich wei�, dass Ihre Erfolgschancen minimal sind. Aber wenn Sie das R�tsel wider Erwarten doch l�sen sollten, verdoppele ich Ihr Honorar auf 4,8 Millionen Kronen. Ach, seien wir gro�z�gig - runden wir�s auf 5 Millionen auf.�</p><p>Henrik Vanger lehnte sich zur�ck und legte den Kopf schief. �Ich kann das Geld auf jedes beliebige Bankkonto in der Welt einzahlen. Oder Sie bekommen das Geld bar in einer Reisetasche, dann k�nnen Sie selbst entscheiden, ob Sie es versteuern wollen.�</p><p>�Das ist doch � krank�, stotterte Mikael.</p><p>�Warum?�, fragte Henrik Vanger ruhig. �Ich bin �ber achtzig und immer noch im Vollbesitz meiner geistigen Kr�fte. Ich habe ein gro�es Privatverm�gen, �ber das ich verf�gen kann, wie ich will. Ich habe keine Kinder und versp�re nicht die geringste Lust, mein Geld meinen verhassten Verwandten zu schenken. Ich habe mein Testament gemacht: Den Gro�teil meines Geldes vermache ich dem WWF. Ein paar wenige Personen, die mir nahestehen, bekommen eine ordentliche Summe - zum Beispiel Anna.�</p><p>Mikael Blomkvist sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Versuchen Sie, mich zu verstehen. Ich bin alt und werde bald sterben. Ich w�nsche mir nur eines auf der Welt - eine Antwort auf die Frage, die mich fast vier Jahrzehnte lang gequ�lt hat. Ich glaube nicht, dass ich die Antwort bekommen  werde, aber ich habe ausreichend private Mittel, um einen letzten Versuch zu unternehmen. Warum sollte es unsinnig sein, einen Teil meines Verm�gens f�r diesen Zweck zu verwenden? Das bin ich Harriet schuldig. Und ich bin es mir selbst schuldig.�</p><p>�Sie bezahlen ein paar Millionen Kronen f�r nichts und wieder nichts. Alles, was ich tun muss, ist also diesen Vertrag zu unterzeichnen und dann ein Jahr lang D�umchen zu drehen.�</p><p>�Das werden Sie nicht tun. Im Gegenteil - Sie werden h�rter arbeiten als je zuvor in Ihrem Leben.�</p><p>�Wie wollen Sie sich da so sicher sein?�</p><p>�Weil ich Ihnen einen weiteren Anreiz bieten kann - etwas, das Sie nicht f�r Geld kaufen k�nnen, sich aber mehr w�nschen als alles andere auf dieser Welt.�</p><p>�Was sollte das sein?�</p><p>Henrik Vangers Augen verengten sich.</p><p>�Ich kann Ihnen Hans-Erik Wennerstr�m ausliefern. Ich kann beweisen, dass er ein Betr�ger ist. Er hat seine Karriere n�mlich vor f�nfunddrei�ig Jahren bei mir begonnen, und ich werde Ihnen seinen Kopf auf dem Silbertablett liefern. L�sen Sie das R�tsel, und Sie k�nnen Ihre Niederlage vor Gericht zur Reportage des Jahres umm�nzen.�</p><a id="calibre_link-63"/><p><a id="calibre_link-64"/></p><p><strong>7. Kapitel</strong></p><p><strong>Freitag, 3. Januar</strong></p><p>Erika stellte die Kaffeekanne auf dem Tisch ab und drehte Mikael den R�cken zu. Sie stand am Fenster seiner Wohnung und blickte �ber die Altstadt. Es war der 3. Januar, 9 Uhr vormittags. Der Schnee war �ber Neujahr vom Regen fortgesp�lt worden.</p><p>�Ich habe diesen Ausblick immer geliebt�, sagte sie. �F�r eine Wohnung wie diese k�nnte ich glatt Saltsj�baden aufgeben.�</p><p>�Du kannst gerne dein High-Society-Reservat verlassen und hier einziehen. Du hast ja die Schl�ssel.� Er machte seinen Koffer zu und stellte ihn in den Flur. Erika drehte sich um und sah ihn zweifelnd an.</p><p>�Das kann doch nicht dein Ernst sein�, sagte sie. �Wir stecken in der allergr��ten Krise, und du packst einfach zwei Koffer, um dich am Ende der Welt niederzulassen.�</p><p>�In Hedestad. Ein paar Stunden mit dem Zug. Und es ist doch nicht f�r immer.�</p><p>�Du k�nntest genauso gut nach Ulan Bator fahren. Begreifst du nicht, dass es so aussieht, als w�rdest du mit eingezogenem Schwanz das Feld r�umen?�</p><p>�Das tu ich ja auch. Au�erdem muss ich dieses Jahr noch eine Gef�ngnisstrafe absitzen.�</p><p>Christer Malm sa� auf Mikaels Sofa. Er f�hlte sich unwohl. Zum ersten Mal seit der Gr�ndung von <emphasis>Millennium</emphasis> erlebte er, wie Mikael und Erika vollkommen gegens�tzliche Ansichten vertraten. In all den Jahren waren die beiden unzertrennlich gewesen. Sie hatten zwar heftige Meinungsverschiedenheiten ausgetragen, aber dabei war es immer um Sachfragen gegangen, die meist rasch gekl�rt wurden, bevor sich die beiden umarmten und zusammen in die n�chste Kneipe gingen. Oder ins Bett. Christer Malm fragte sich, ob er gerade den Anfang des Endes von <emphasis>Millennium</emphasis> miterlebte.</p><p>�Ich habe keine Wahl�, sagte Mikael. �<emphasis>Wir</emphasis> haben keine Wahl.�</p><p>Er goss sich Kaffee ein und setzte sich an den K�chentisch. Erika sch�ttelte den Kopf und setzte sich ihm gegen�ber.</p><p>�Wie denkst <emphasis>du</emphasis> dar�ber, Christer?�, fragte sie.</p><p>Christer Malm hob hilflos die H�nde. Diese Frage hatte er erwartet und den Augenblick gef�rchtet, in dem er Stellung beziehen musste. Er war der dritte Teilhaber, aber alle drei wussten, dass Mikael und Erika <emphasis>Millennium</emphasis> waren. Sie fragten ihn immer nur dann um Rat, wenn sie sich �berhaupt nicht einigen konnten.</p><p>�Ehrlich gesagt�, antwortete Christer, �wisst ihr beide ganz genau, dass es egal ist, was ich dar�ber denke.�</p><p>Er schwieg. Er liebte es, Bilder zu kreieren. Er liebte seine Arbeit im grafischen Bereich. Er hatte sich nie als K�nstler betrachtet, aber er wusste, dass er ein begnadeter Designer war. Wenn es allerdings um Intrigen oder politisches Taktieren im Gesch�ftsleben ging, war er ein richtiger Dilettant.</p><p>Erika und Mikael blickten sich an. Sie voll k�hler Wut. Er nachdenklich.</p><p>Das ist kein Streit, dachte Christer Malm. Das ist eine Scheidung. Mikael brach schlie�lich das Schweigen.</p><p>�Okay, lasst es mich ein letztes Mal erkl�ren.� Er sah Erika tief in die Augen. �Das hier bedeutet <emphasis>nicht</emphasis>, dass ich  <emphasis>Millennium</emphasis> aufgegeben habe. Daf�r haben wir viel zu hart gearbeitet.�</p><p>�Aber du wirst nicht mehr in der Redaktion sein - Christer und ich m�ssen die ganze Last tragen. Begreifst du denn nicht, dass du dich selbst ins Exil schickst?�</p><p>�Damit sind wir bei Punkt zwei. Ich brauche eine Pause, Erika. Ich funktioniere nicht mehr. Ich bin v�llig fertig. Ein bezahlter Urlaub in Hedeby ist jetzt vielleicht genau das, was ich n�tig habe.�</p><p>�Die ganze Sache ist doch total krank, Mikael. Du k�nntest genauso gut auf einem UFO arbeiten.�</p><p>�Ich wei�. Aber ich kriege 2,4 Millionen daf�r, dass ich ein Jahr lang auf meinem Hintern sitze, und ich habe nicht vor, die H�nde in den Scho� zu legen. Das ist Punkt drei - die erste Runde gegen Wennerstr�m ist vorbei, er hat durch k. o. gewonnen. Die zweite Runde l�uft bereits. Er wird versuchen,  <emphasis>Millennium</emphasis> endg�ltig zu vernichten, denn er wei�, solange unser Magazin existiert, wird es auch eine Redaktion geben, die wei�, was f�r ein Mensch er wirklich ist.�</p><p>�Ich wei�. Ich habe es an den monatlichen Anzeigeneinnahmen f�rs letzte halbe Jahr gesehen.�</p><p>�Genau. Darum <emphasis>muss</emphasis> ich aus der Redaktion verschwinden. Ich bin ein rotes Tuch f�r ihn. Ich glaube, er ist geradezu paranoid, wenn es um mich geht. Solange ich noch hier bin, wird er seinen Feldzug fortsetzen. Wir m�ssen uns auf die dritte Runde vorbereiten. Wenn wir auch nur die geringste Chance gegen ihn haben wollen, sollten wir uns ein bisschen zur�ckziehen und uns eine neue Strategie zurechtlegen. Wir m�ssen einen richtigen Hammer finden. Das wird n�chstes Jahr mein Job sein.�</p><p>�Ich verstehe das ja alles�, antwortete Erika. �Nimm dir Urlaub. Fahr ins Ausland und leg dich einen Monat an den Strand. Recherchier das Liebesleben der spanischen Frauen. Entspann dich. Setz dich in Sandhamn an den Strand und sieh den Wellen zu.�</p><p>�Und wenn ich zur�ckkomme, ist alles wie vorher. Wennerstr�m wird <emphasis>Millennium</emphasis> zermalmen. Das wei�t du. Und wir k�nnen ihn nur daran hindern, wenn wir etwas finden, das wir gegen ihn verwenden k�nnen.�</p><p>�Und du glaubst, das findest du in Hedestad.�</p><p>�Ich habe die Artikel noch mal durchgesehen. Wennerstr�m hat von 1969 bis 1972 bei Vanger gearbeitet. Er sa� im F�hrungsstab des Konzerns und war f�r strategische Anlagen verantwortlich. Er hat sehr �berst�rzt seinen Hut genommen. Wir d�rfen die M�glichkeit nicht au�er Acht lassen, dass Henrik Vanger tats�chlich etwas gegen ihn in der Hand hat.�</p><p>�Aber wenn er vor drei�ig Jahren etwas gemacht hat, k�nnen wir das heute kaum noch beweisen.�</p><p>�Henrik Vanger hat versprochen, sich f�r ein Interview zur Verf�gung zu stellen und zu erz�hlen, was er wei�. Er ist wie besessen von dem Verschwinden seiner Gro�nichte - das ist anscheinend das Einzige, was ihn noch interessiert, und wenn er Wennerstr�m ans Messer liefern muss, dann wird er es h�chstwahrscheinlich tun. Wir d�rfen uns diese Gelegenheit nicht entgehen lassen - er ist der Erste, der bereit w�re, �ffentlich eine Aussage �ber diesen ganzen Wennerstr�m-Filz zu machen.�</p><p>�Wir k�nnten das nicht gegen ihn verwenden. Nicht mal, wenn du Beweise bringen k�nntest, dass Wennerstr�m das M�dchen eigenh�ndig erw�rgt hat. Nicht nach so langer Zeit. Er w�rde uns vor Gericht massakrieren.�</p><p>�An Erw�rgen hatte ich auch schon gedacht. Doch leider war er an der Wirtschaftshochschule und hatte keinerlei Verbindung zum Vanger-Konzern, als sie verschwand.� Mikael legte eine Pause ein. �Erika, ich werde <emphasis>Millennium</emphasis> nicht verlassen, aber es muss so aussehen, als ob. Du und Christer, ihr m�sst mit dem Magazin weitermachen. Wenn ihr � wenn ihr die Chance habt, ein Friedensabkommen mit Wennerstr�m zu schlie�en, dann m�sst ihr es tun. Und das k�nnt ihr nicht, solange ich in der Redaktion sitze.�</p><p>�Okay, die Lage ist schlimm, aber ich glaube, du klammerst dich da an einen Strohhalm mit deiner Hedestad-Reise.�</p><p>�Hast du etwa eine bessere Idee?�</p><p>Erika zuckte mit den Achseln. �Wir sollten uns lieber auf die Jagd nach verl�sslichen Informanten machen. Die Story von vorne aufziehen. Aber diesmal richtig.�</p><p>�Ricky - die Story ist toter als tot.�</p><p>Erika legte resigniert den Kopf in ihre H�nde. Sie wollte Mikael zuerst nicht in die Augen sehen, als sie anfing zu sprechen.</p><p>�Ich bin so sauw�tend auf dich. Nicht, weil du eine falsche Story geschrieben hast - ich habe mich ja genauso drauf gest�rzt. Und auch nicht, weil du deinen Posten als verantwortlicher Herausgeber abgibst - das ist in dieser Situation ein weiser Entschluss. Ich kann akzeptieren, dass wir es wie ein Zerw�rfnis oder einen Machtkampf zwischen dir und mir aussehen lassen. Ich verstehe, warum es klug ist, Wennerstr�m glauben zu lassen, ich w�re die harmlose dumme Blondine und du die eigentliche Bedrohung f�r ihn.�</p><p>Sie hielt inne und sah ihm verbissen in die Augen.</p><p>�Aber ich glaube, dass du dich t�uschst. Wennerstr�m wird auf den Bluff nicht reinfallen. Er wird weiterhin versuchen,  <emphasis>Millennium</emphasis> zu ruinieren. Der einzige Unterschied wird darin liegen, dass ich ab jetzt alleine mit ihm k�mpfen muss. Du wei�t genau, dass wir dich in der Redaktion jetzt mehr brauchen als je zuvor. Den Kampf gegen Wennerstr�m nehme ich gerne an, aber was mich so sauer macht, ist, dass du einfach das sinkende Schiff verl�sst. Du kneifst im brenzligsten Augenblick.�</p><p>Mikael streckte seine Hand aus und strich ihr �ber das Haar.</p><p>�Du bist nicht allein. Du hast Christer und die restliche Redaktion hinter dir.�</p><p>�Janne Dahlman nicht. Ich glaube �brigens, es war ein Fehler, ihn einzustellen. Er ist f�hig, aber er schadet uns mehr, als  dass er uns n�tzt. Ich traue ihm nicht. Er hat sich den ganzen Herbst seine Schadenfreude anmerken lassen. Ich wei� nicht, ob er auf deinen Platz spekuliert oder ob zwischen ihm und dem Rest der Redaktion ganz einfach die Chemie nicht stimmt.�</p><p>�Ich f�rchte, du hast recht�, antwortete Mikael.</p><p>�Und, was soll ich machen? Ihn rauswerfen?�</p><p>�Erika, du bist Chefredakteurin und hast die meisten Anteile bei <emphasis>Millennium</emphasis>. Wenn du ihn rauswerfen willst, dann tu�s.�</p><p>�Wir haben noch nie jemand rausgeworfen, Micke. Und jetzt schiebst du diese Entscheidung auch noch mir zu. Es macht keinen gro�en Spa� mehr, morgens in die Redaktion zu gehen.�</p><p>In diesem Moment stand Christer Malm �berraschend auf. �Wenn du den Zug erwischen willst, dann m�ssen wir uns jetzt ein bisschen beeilen.� Erika wollte protestieren, aber er hob die Hand. �Warte, Erika, du hast mich doch gefragt, wie ich �ber die ganze Geschichte denke. Ich finde die Situation grauenvoll. Aber wenn Mikael wirklich an seine Belastungsgrenze st��t, wie er sagt, dann muss er fahren, um seiner selbst willen. Das sind wir ihm schuldig.�</p><p>Mikael und Erika sahen ihren Partner verbl�fft an. Der schielte verlegen zu Mikael.</p><p>�Ihr wisst, dass ihr beide <emphasis>Millennium</emphasis> seid. Ihr habt nie krumme Spielchen mit mir gemacht, und ich liebe dieses Magazin und alles, aber ihr k�nntet mich ohne Weiteres gegen jeden x-beliebigen Art Director austauschen. Doch ihr habt mich nach meiner Meinung gefragt. Was Janne Dahlman angeht, gebe ich euch recht. Und wenn du ihn rauswerfen m�chtest, Erika, dann kann ich das f�r dich machen. Wir brauchen nur einen triftigen Grund.�</p><p>Er legte eine kurze Pause ein, bevor er fortfuhr: �Ich finde ja auch, dass es ungut ist, wenn Mikael ausgerechnet jetzt verschwindet. Aber ich glaube, wir haben keine andere Wahl.� Er blickte zu Mikael. �Ich fahre dich zum Bahnhof. Erika und ich halten die Stellung, bis du zur�ck bist.�</p><p>Mikael nickte langsam.</p><p>�Ich habe Angst, dass Mikael nicht zur�ckkommt�, sagte Erika leise.</p><p>Dragan Armanskij weckte Lisbeth Salander, als er sie nachmittags um halb zwei anrief.</p><p>�Was ist?�, fragte sie schlaftrunken. Sie hatte einen Teergeschmack im Mund.</p><p>�Es geht um Blomkvist. Ich habe gerade mit Frode, unserem Auftraggeber, gesprochen.�</p><p>�Und?�</p><p>�Er hat angerufen und mir mitgeteilt, dass wir die Untersuchung zu Wennerstr�m fallen lassen k�nnen.�</p><p>�Fallen lassen? Ich hab doch gerade erst angefangen.�</p><p>�Okay, aber Frode hat kein Interesse mehr.�</p><p>�Einfach so?�</p><p>�Er trifft die Entscheidungen. Wenn er nicht mehr will, dann will er nicht mehr.�</p><p>�Wir haben ein festes Honorar vereinbart.�</p><p>�Wie viel Zeit haben Sie denn investiert?�</p><p>Lisbeth Salander dachte nach.</p><p>�Gut drei Tage.�</p><p>�Wir hatten 40 000 Kronen als oberstes Limit vereinbart. Ich stelle eine Rechnung �ber 10 000 Kronen aus. Sie bekommen die H�lfte, das ist in Ordnung f�r drei Tage vergeudete Zeit. Das muss er daf�r bezahlen, dass er das Ganze angeleiert hat.�</p><p>�Was soll ich mit dem Material machen, das ich bereits recherchiert habe?�</p><p>�Ist was Dramatisches dabei?�</p><p>Sie �berlegte nochmals. �Nein.�</p><p>�Frode hat keinen Bericht erbeten. Aber behalten Sie das Material eine Weile in Ihrer Ablage, f�r den Fall, dass er es sich anders �berlegt. Ansonsten k�nnen Sie es wegwerfen. Ich habe n�chste Woche einen neuen Job f�r Sie.�</p><p>Lisbeth Salander behielt den Telefonh�rer noch einen Augenblick in der Hand, nachdem Armanskij aufgelegt hatte. Sie ging zu ihrem Arbeitsplatz im Wohnzimmer und sah sich die Notizen an, die sie an die Wand geheftet hatte, sowie die Papiere, die sich auf dem Schreibtisch t�rmten. Was sie bis jetzt gefunden hatte, waren vor allem Zeitungsausschnitte und Texte aus dem Internet. Sie lie� s�mtliche Unterlagen in einer Schreibtischschublade verschwinden.</p><p>Sie runzelte die Brauen. Blomkvists seltsames Benehmen im Gerichtssaal hatte nach einer interessanten Herausforderung ausgesehen, und wenn Lisbeth Salander erst einmal etwas angefangen hatte, brach sie es ungern ab. <emphasis>Jeder Mensch hat Geheimnisse. Man muss nur herausfinden, welche.</emphasis></p><a id="calibre_link-65"/><p><a id="calibre_link-66"/></p><p><strong>Teil II</strong></p><p><strong>Konsequenzanalyse</strong></p><p><strong>3. Januar bis 17. M�rz</strong></p><p>46% aller schwedischen Frauen �ber f�nfzehn sind schon einmal Opfer m�nnlicher Gewalt geworden.</p><a id="calibre_link-67"/><p><a id="calibre_link-68"/></p><p><strong>8. Kapitel</strong></p><p><strong>Freitag, 3. Januar - Sonntag, 5. Januar</strong></p><p>Als Mikael Blomkvist zum zweiten Mal in Hedestad aus dem Zug stieg, war der Himmel pastellblau und die Luft eiskalt. Ein Thermometer an der Au�enwand des Bahnhofsgeb�udes zeigte 18 Grad minus an. Er trug immer noch ungeeignete, d�nne Schuhe. Im Gegensatz zum vorigen Besuch wartete diesmal aber kein Rechtsanwalt Frode mit einem warmen Auto auf ihn. Mikael hatte nur angek�ndigt, an welchem Tag er kommen w�rde, aber nicht, mit welchem Zug. Er nahm an, dass irgendein Bus nach Hedeby fuhr, hatte jedoch keine Lust, auf der Suche nach der Haltestelle zwei schwere Koffer und eine Schultertasche durch die Gegend zu schleppen. Stattdessen ging er zum Taxistand auf der anderen Seite des Bahnhofsplatzes.</p><p>In der Zwischenzeit hatte es an der K�ste von Norrland heftig geschneit. Den Spuren der R�umfahrzeuge und den aufgeh�uften Schneebergen nach zu urteilen, hatte der Winterdienst in Hedestad auf Hochtouren gearbeitet. Der Taxifahrer, der laut Ausweis an der Windschutzscheibe Hussein hie�, sch�ttelte den Kopf, als Mikael fragte, ob das Wetter sehr hart gewesen sei. Er erkl�rte in breitestem Norrland-Dialekt, es sei der schwerste Schneesturm seit Jahrzehnten gewesen, und er bereue es bitter, �ber Weihnachten nicht in Griechenland Urlaub gemacht zu haben.</p><p>Mikael dirigierte das Taxi zu Henrik Vangers frisch ger�umter Auffahrt, wo er die Koffer auf dem Treppenabsatz abstellte und dem Auto hinterhersah, als es wieder Richtung Hedestad verschwand. Pl�tzlich f�hlte er sich einsam und verunsichert. Vielleicht hatte Erika recht gehabt, als sie das ganze Projekt als verr�ckt bezeichnete.</p><p>Er h�rte, wie die T�r hinter ihm aufging, und drehte sich um. Henrik Vanger war in einen dicken Ledermantel geh�llt, trug solide Stiefel und eine M�tze mit Ohrenklappen. Mikael stand in Jeans und einer d�nnen Lederjacke vor ihm.</p><p>�Wenn Sie hier wohnen, m�ssen Sie lernen, sich in dieser Jahreszeit besser anzuziehen.� Sie gaben sich die Hand. �Sind Sie sicher, dass Sie nicht im gro�en Haus wohnen wollen? Nein? Dann fangen wir wohl am besten damit an, dass Sie sich in Ihrer neuen Wohnung einrichten, denke ich.�</p><p>Mikael nickte. Eine seiner Forderungen in den Verhandlungen mit Vanger und Frode war gewesen, dass er seinen eigenen Haushalt f�hrte und nach Belieben kommen und gehen konnte. Vanger f�hrte Mikael wieder auf die Stra�e und bog durch ein Tor auf einen frisch ger�umten Hof mit einem Holzh�uschen, das sich unmittelbar neben der Br�cke befand. Es war unverschlossen, und der alte Mann hielt ihm die T�r auf. Sie traten in einen kleinen Vorraum, wo Mikael mit einem Seufzer der Erleichterung seine Koffer abstellte.</p><p>�Das ist unser sogenanntes G�steh�uschen, hier quartieren wir Leute ein, die etwas l�nger bleiben. Hier haben Sie 1963 mit Ihren Eltern gewohnt. Es ist tats�chlich eines der �ltesten H�user am Ort, aber es ist modernisiert worden. Ich habe Gunnar Nilsson - das ist mein Hausmeister - heute Morgen einheizen lassen.�</p><p>Das ganze Haus bestand aus einer gro�en K�che und zwei kleineren Zimmern, insgesamt ungef�hr 50 Quadratmeter. Die K�che beanspruchte die H�lfte der Fl�che und war modern ausgestattet: Elektroherd, kleiner K�hlschrank und  flie�end Wasser. Auf dem Flur stand aber auch noch ein alter gusseiserner Ofen, mit dem tags�ber eingeheizt worden war.</p><p>�Diesen Ofen brauchen Sie nicht zu benutzen, au�er wenn es wirklich eiskalt ist. Der Holzkasten steht drau�en im Vorraum, und hinterm Haus ist noch ein Holzschuppen. Das H�uschen steht seit dem Herbst leer. Wir haben heute Morgen Feuer gemacht, um einmal richtig durchzuheizen. Aber f�r den t�glichen Gebrauch reicht der Elektro-Radiator. Sie d�rfen blo� keine Kleidung drauflegen, die kann anfangen zu brennen.�</p><p>Mikael nickte und sah sich um. Die Fenster gingen in drei Richtungen; vom K�chentisch aus hatte man die ungef�hr drei�ig Meter entfernte Br�cke im Blick. Ansonsten war die K�che mit ein paar gro�en Schr�nken, K�chenst�hlen, einem alten K�chensofa und einem Regal mit Zeitungen m�bliert. Ganz obenauf lag eine alte Zeitschrift von 1967. In der Ecke stand ein Abstelltisch, der als Schreibtisch herhalten konnte.</p><p>Die K�chent�r befand sich auf der einen Seite des gusseisernen Ofens. Auf der anderen Seite f�hrten zwei schmale T�ren in die kleinen Zimmer. Das rechte, das n�her an der Au�enwand war und als Arbeitszimmer diente, war eher eine Kammer, m�bliert mit einem kleinen Schreibtisch, einem Stuhl und einem Regal, die hintereinander an der L�ngswand standen. Das andere Zimmer, zwischen dem Eingangsflur und Arbeitszimmer gelegen, war eine ziemlich kleine Schlafkammer. Die M�blierung bestand aus einem schmalen Doppelbett, einem Nachttischchen und einem Kleiderschrank. An den W�nden hingen ein paar Bilder mit Naturmotiven. Die M�bel und Tapeten im ganzen Haus waren alt und ausgeblichen, aber es roch sauber und angenehm. Irgendjemand hatte sich mit einer ordentlichen Portion Schmierseife �ber den Boden hergemacht. In der Schlafkammer gab es noch eine seitliche T�r, die in den Vorraum zur�ckf�hrte, wo eine alte Abstellkammer zu einer Toilette mit kleiner Dusche umgebaut worden war.</p><p>�Mit dem Wasser kann es manchmal Probleme geben�, erkl�rte Henrik Vanger. �Wir haben heute Morgen �berpr�ft, ob es funktioniert, aber die Rohre liegen zu nah an der Oberfl�che, und wenn sich die K�lte l�nger h�lt, k�nnen sie zufrieren. Drau�en steht ein Eimer. Wenn n�tig, k�nnen Sie hochkommen und bei uns Wasser holen.�</p><p>�Ich werde ein Telefon brauchen�, sagte Mikael.</p><p>�Habe ich schon angefordert. Sie kommen morgen vorbei und installieren alles. Na, was sagen Sie? Wenn Sie Ihre Meinung �ndern, k�nnen Sie immer noch ins gro�e Haus ziehen.�</p><p>�Es ist ganz wunderbar hier�, antwortete Mikael. Er war jedoch l�ngst nicht �berzeugt, dass die Situation, in die er sich gebracht hatte, vern�nftig war.</p><p>�Gut. Es ist noch eine Stunde hell. Wenn wir noch eine Runde gehen, k�nnen Sie sich mit der Stadt vertraut machen. Aber ich schlage vor, Sie ziehen sich Stiefel und warme Socken an. Sie finden alles im Schrank, drau�en im Vorraum.�</p><p>Mikael folgte Vangers Rat und beschloss, sich schon morgen lange Unterhosen und ein Paar vern�nftige Winterschuhe zu besorgen.</p><p>Der alte Mann erkl�rte Mikael zu Beginn ihres Rundgangs, dass schr�g gegen�ber von Mikael Gunnar Nilsson wohnte, der Gehilfe, den Henrik Vanger hartn�ckig als �Hausknecht� bezeichnete, obwohl er, wie Mikael bald begriff, eher Hausmeister s�mtlicher Geb�ude auf der Hedeby-Insel und zus�tzlich als Verwalter f�r ein paar H�user in Hedestad verantwortlich war.</p><p>�Sein Vater war Magnus Nilsson, der in den sechziger Jahren mein Hausknecht war. Er geh�rte bei dem Unfall auf der Br�cke zu den Helfern. Magnus lebt noch, aber er ist schon pensioniert und wohnt in Hedestad. In diesem Haus hier wohnt Gunnar mit seiner Frau, Helen hei�t sie. Ihr Kind ist schon weggezogen.�</p><p>Henrik Vanger machte eine Pause und �berlegte kurz, bevor er weitersprach.</p><p>�Mikael, die offizielle Erkl�rung f�r Ihren Aufenthalt ist �brigens, dass Sie mir bei meiner Autobiografie helfen. Das verschafft Ihnen einen Vorwand, in allen m�glichen dunklen Ecken zu st�bern und den Leuten Fragen zu stellen. Ihr wahrer Auftrag ist eine Angelegenheit zwischen Ihnen und mir und Dirch Frode. Wir drei sind die Einzigen, die davon Kenntnis haben.�</p><p>�Verstehe. Aber ich m�chte noch einmal wiederholen, was ich Ihnen bereits gesagt habe: Es ist Zeitverschwendung. Ich werde das R�tsel auch nicht l�sen k�nnen.�</p><p>�Alles, was ich will, ist, dass Sie es versuchen. Aber wir m�ssen aufpassen, was wir sagen, wenn Leute in der N�he sind.�</p><p>�Okay.�</p><p>�Gunnar ist sechsundf�nfzig, war also neunzehn Jahre alt, als Harriet verschwand. Auf eine Frage habe ich niemals eine Antwort erhalten - Harriet und Gunnar waren gute Freunde, und ich glaube, es gab da so eine Art kindliche Romanze zwischen den beiden. Jedenfalls war er sehr interessiert an Harriet. An dem Tag, an dem sie verschwand, hielt er sich jedoch in Hedestad auf und blieb auf der Festlandseite h�ngen, als die Br�cke blockiert war. Aufgrund ihres Verh�ltnisses wurde er nat�rlich besonders sorgf�ltig unter die Lupe genommen, nachdem Harriet verschwunden war. Es war ziemlich unangenehm f�r ihn, doch sein Alibi war hieb- und stichfest. Er war den ganzen Tag mit Freunden zusammen und kam erst sp�tabends wieder hierher zur�ck.�</p><p>�Ich sch�tze, Sie haben ein komplettes Verzeichnis, welche Personen auf der Insel waren und wer wann was getan hat.�</p><p>�Richtig. Wollen wir weitergehen?�</p><p>An der Kreuzung auf der Anh�he vor seinem Haus blieb Henrik Vanger erneut stehen und zeigte hinunter zum alten Fischerhafen.</p><p>�Der gesamte Grund und Boden auf der Hedeby-Insel geh�rt der Familie Vanger, genauer gesagt, mir. Der Hof von �sterg�rden und ein paar H�user sind die einzigen Ausnahmen. Die H�uschen da unten am Fischerhafen geh�ren auch nicht mir, aber das sind Sommerh�user, die im Winter gr��tenteils unbewohnt sind. Au�er der Baracke ganz hinten - wie Sie sehen, raucht dort der Schornstein.�</p><p>Mikael nickte. Er fror bereits bis ins Mark.</p><p>�Das ist eine elende, zugige Bruchbude, die das ganze Jahr �ber bewohnt wird. Dort wohnt Eugen Norman, ein siebenundsiebzigj�hriger Maler. Ich finde seine Bilder kitschig, aber er ist ein ziemlich bekannter Naturmaler - gewisserma�en der obligatorische Sonderling der Stadt. Wenn Sie ihn treffen, werden Sie verstehen, was ich meine.�</p><p>Henrik Vanger f�hrte ihn die Stra�e entlang bis zur Landzunge und sagte ihm etwas zu jedem Haus. Die Siedlung bestand aus sechs H�usern auf der westlichen und vier auf der �stlichen Seite der Stra�e. Das erste Haus, das Mikaels H�uschen und Vangers Anwesen am n�chsten lag, geh�rte Henrik Vangers Bruder Harald. Es war ein viereckiges, zweist�ckiges Steinhaus, das auf den ersten Blick verlassen aussah: Die Vorh�nge vor den Fenstern waren zugezogen, der Weg zur T�r war nicht ger�umt und lag unter einem halben Meter Schnee begraben. Auf den zweiten Blick verrieten Fu�abdr�cke, dass jemand zwischen Stra�e und Haust�r durch den Schnee gestapft war.</p><p>�Harald ist ein Einzelg�nger. Wir haben uns nie verstanden. Abgesehen von Streitereien wegen des Unternehmens - er ist ja Teilhaber - haben wir fast sechzig Jahre kaum miteinander gesprochen. Er ist �lter als ich, zweiundneunzig, und der Einzige meiner f�nf Br�der, der noch lebt. Ich erz�hle Ihnen sp�ter die Details. Er hat Medizin studiert und dann vor allem in Uppsala gearbeitet. Als er siebzig wurde, ist er nach Hedeby zur�ck gezogen.�</p><p>�Sie m�gen sich also nicht. Trotzdem wohnen Sie in unmittelbarer Nachbarschaft.�</p><p>�Ich kann ihn nicht ausstehen und h�tte es lieber gehabt, wenn er in Uppsala geblieben w�re, aber das Haus geh�rt ihm. H�re ich mich an wie ein Schuft?�</p><p>�Sie h�ren sich so an wie jemand, der seinen Bruder nicht mag.�</p><p>�Ich habe die ersten f�nfundzwanzig, drei�ig Jahre meines Lebens damit verbracht, solche Menschen wie Harald zu entschuldigen und ihnen zu verzeihen, weil sie nun mal zur Verwandtschaft geh�rten. Dann ging mir auf, dass Verwandtschaft kein Garant f�r Liebe ist und ich sehr wenig Gr�nde hatte, Harald in Schutz zu nehmen.�</p><p>Das n�chste Haus geh�rte Isabella, Harriet Vangers Mutter.</p><p>�Sie wird dieses Jahr f�nfundsiebzig und ist immer noch schick und eitel. Au�erdem ist sie die Einzige in der Stadt, die mit Harald spricht und ihn ab und zu besucht, aber besonders viel gemeinsam haben sie nicht.�</p><p>�Wie war das Verh�ltnis zwischen Harriet und ihr?�</p><p>�Richtiger Gedanke. Auch dieses Weib geh�rt zum Kreis der Verd�chtigen. Ich habe Ihnen ja erz�hlt, dass sie verantwortungslos war und die Kinder oft sich selbst �berlie�. Ich wei� nicht recht, ich glaube, dass sie eigentlich guten Willens war, aber die Verantwortung nicht tragen konnte. Harriet und sie standen sich nicht sonderlich nahe, aber auch nicht feindlich gegen�ber. Isabella kann schon schwierig sein, manchmal ist sie ein bisschen seltsam. Wenn Sie ihr begegnen, werden Sie verstehen, was ich meine.�</p><p>Isabellas Nachbarin war eine Cecilia Vanger, die Tochter von Harald Vanger.</p><p>�Sie war fr�her in Hedestad verheiratet, hat sich aber vor knapp zwanzig Jahren getrennt. Das Haus geh�rt mir, und ich habe ihr angeboten, dort einzuziehen. Cecilia ist Lehrerin und in vieler Hinsicht das komplette Gegenteil ihres Vaters. Eines  der wenigen Mitglieder des Vangerschen Familienkreises, das ich wirklich mag. Ich kann Ihnen noch verraten, dass sie und ihr Vater auch nicht mehr als notwendig miteinander sprechen.�</p><p>�Wie alt ist sie?�</p><p>�Jahrgang 1946. Sie war also zwanzig, als Harriet verschwand. Und ja, sie war an jenem Tag auch unter den G�sten auf der Insel.�</p><p>Er �berlegte einen Moment.</p><p>�Cecilia kann ziemlich fahrig wirken, aber eigentlich ist sie hochintelligent. Untersch�tzen Sie sie nicht. Wenn jemand dahinterkommt, womit Sie sich hier wirklich besch�ftigen, dann sie. Ich w�rde sagen, sie ist eine der Verwandten, die ich am meisten sch�tze.�</p><p>�Hei�t das, Sie verd�chtigen sie nicht?�</p><p>�Das w�rde ich nicht sagen. Ich m�chte, dass Sie die Sache vorbehaltlos untersuchen, unabh�ngig von dem, was ich sage oder glaube.�</p><p>Das Haus neben Cecilias geh�rte Henrik Vanger, war aber an ein �lteres Paar vermietet, das fr�her leitende Positionen im Konzern gehabt hatte. Sie waren in den achtziger Jahren auf die Hedeby-Insel gezogen und hatten mit Harriets Verschwinden nichts zu tun. Das n�chste Haus geh�rte Birger Vanger, dem Bruder von Cecilia. Das Haus stand seit mehreren Jahren leer, da Birger sich in einem modernen Einfamilienhaus in Hedestad niedergelassen hatte.</p><p>Die meisten H�user an der Stra�e waren solide Steinbauten, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gebaut worden waren. Das letzte Haus unterschied sich im Charakter von ihnen: Es war ein modernes, architektonisch ambitioniertes Einfamilienhaus aus wei�em Backstein mit dunklen Fensterrahmen. Es war sch�n gelegen, und Mikael konnte erkennen, dass die Sicht aus dem Obergeschoss grandios sein musste, aufs Meer im Osten und auf Hedestad im Norden.</p><p><image l:href="#3"/></p><p>�Hier wohnt Martin Vanger, Harriets Bruder und Gesch�ftsf�hrer des Konzerns. Fr�her stand auf diesem Grundst�ck Otto Falks Pfarrhaus, aber das Geb�ude wurde bei einem Brand in den siebziger Jahren teilweise zerst�rt. Martin baute sich dieses Haus 1978, als er die Gesch�ftsf�hrung �bernahm.�</p><p>Am �stlichsten Ende der Stra�e wohnten Gerda Vanger, die Witwe eines Bruders von Henrik, und ihr Sohn Alexander.</p><p>�Gerda ist kr�nklich, sie leidet unter Rheumatismus. Alexander hat einen kleinen Anteil am Vanger-Konzern, betreibt aber ein paar eigene Unternehmen, Restaurants unter anderem. Er verbringt jedes Jahr ein paar Monate auf den Westindischen Inseln, auf Barbados, wo er einiges an Geld in die Touristikbranche gesteckt hat.�</p><p>Zwischen Gerdas und Henriks Haus befand sich ein Grundst�ck mit zwei kleineren Geb�uden, die leer standen und als G�steh�uschen dienten, wenn Familienmitglieder zu Besuch kamen. Auf der anderen Seite von Henriks Anwesen stand ein Haus, das von einem weiteren pensionierten Angestellten des Unternehmens gekauft worden war. Er bewohnte es mit seiner Frau; es stand jedoch leer, wenn das Paar den Winter in Spanien verbrachte.</p><p>Sie waren wieder an der Kreuzung angekommen, damit war ihr Rundgang abgeschlossen. Es begann schon zu d�mmern. Mikael ergriff die Initiative.</p><p>�Ich kann immer nur wiederholen, Henrik: Diese ganze Geschichte hier wird sich nicht lohnen. Aber ich werde tun, wof�r Sie mich eingestellt haben. Ich werde behaupten, dass ich Ihre Biografie schreibe, und werde Ihrem Wunsch entsprechend das gesamte Material �ber Harriet so sorgf�ltig und kritisch durchlesen, wie ich nur kann. Ich m�chte nur, dass Sie sich dar�ber im Klaren sind, dass ich kein Privatdetektiv bin. Setzen Sie also keine �berh�hten Erwartungen in mich.�</p><p>�Ich erwarte gar nichts. Ich will nur einen letzten Versuch unternehmen, die Wahrheit herauszufinden.�</p><p>�Gut.�</p><p>�Ich bin ein Nachtmensch�, erkl�rte Vanger, �und werde immer ab Mittag f�r Sie erreichbar sein. Ich lasse Ihnen ein Arbeitszimmer hier oben einrichten, �ber das Sie frei verf�gen k�nnen.�</p><p>�Nein, danke. Ich habe schon ein Arbeitszimmer im G�stehaus, und dort werde ich auch arbeiten.�</p><p>�Wie Sie wollen.�</p><p>�Unsere Gespr�che k�nnten wir in Ihrem Arbeitszimmer f�hren. Aber heute Abend werde ich Sie noch nicht mit Fragen best�rmen.�</p><p>�Ich verstehe.� Der alte Mann wirkte verr�terisch sch�chtern.</p><p>�Es wird ein paar Wochen dauern, das ganze Material zu sichten. Wir arbeiten an zwei Fronten. Ich schlage vor, wir treffen uns t�glich f�r ein paar Stunden, in denen ich Sie interviewe und Material f�r Ihre Biografie sammle. Wenn Fragen zu Harriet auftauchen, werde ich sie mit Ihnen besprechen.�</p><p>�Das klingt vern�nftig.�</p><p>�Ich werde sehr frei arbeiten und keine festen Arbeitszeiten einhalten.�</p><p>�Sie arbeiten ganz nach Ihren Vorstellungen.�</p><p>�Sie wissen ja, dass ich in ein paar Monaten ins Gef�ngnis muss. Ich wei� nicht, wann das aktuell wird, aber ich werde keine Berufung einlegen. Das hei�t, dass es wahrscheinlich irgendwann im Laufe des Jahres so weit sein wird.�</p><p>Henrik Vanger runzelte die Stirn.</p><p>�Das passt schlecht. Das Problem m�ssen wir l�sen, wenn es so weit ist. Sie k�nnen Aufschub beantragen.�</p><p>�Wenn ich bis dahin gen�gend Material beisammen habe, kann ich im Gef�ngnis an dem Buch �ber Ihre Familie weiterarbeiten. Aber darum k�mmern wir uns, wenn die Zeit gekommen ist. Noch etwas: Ich bin immer noch Teilhaber bei  <emphasis>Millennium</emphasis>, und das Magazin steckt in der Krise. Wenn irgendetwas vorf�llt, das meine Anwesenheit in Stockholm n�tig macht, werde ich die Arbeit hier unterbrechen m�ssen und hinfahren.�</p><p>�Ich habe Sie nicht als Leibeigenen eingestellt. Ich will, dass Sie konsequent und best�ndig an Ihrem Auftrag arbeiten, aber Sie k�nnen selbstverst�ndlich Ihre eigenen Arbeitsgewohnheiten beibehalten und nach Ihren Vorstellungen vorgehen. Wenn Sie frei brauchen, gerne, aber sollte ich merken, dass Sie Ihren Job vernachl�ssigen, werde ich das als Vertragsbruch betrachten.�</p><p>Mikael nickte. Henrik Vanger sah zur Br�cke hin�ber. Er war mager, und Mikael fand, dass er aussah wie eine ungl�ckliche Vogelscheuche.</p><p>�In Sachen <emphasis>Millennium</emphasis> sollten wir uns vielleicht mal dar�ber unterhalten, wie die Krise aussieht und ob ich irgendwie behilflich sein kann.�</p><p>�Die beste Art, wie Sie mir behilflich sein k�nnten, w�re, mir Wennerstr�ms Kopf schon heute auf dem Silbertablett zu servieren.�</p><p>�Oh nein, das habe ich nicht vor.� Der Alte sah Mikael scharf an. �Sie haben diesen Auftrag doch nur deswegen angenommen, weil ich Ihnen versprochen habe, Wennerstr�m hochgehen zu lassen. Wenn ich Ihnen den Gefallen jetzt schon tue, k�nnten Sie diesen Job schleifen lassen. Sie bekommen die Information in einem Jahr.�</p><p>�Entschuldigen Sie, wenn ich das sage, Henrik, aber ich bin nicht mal sicher, ob Sie n�chstes Jahr noch leben.�</p><p>Henrik Vanger seufzte und blickte gedankenverloren zum Fischerhafen hinunter.</p><p>�Ich verstehe. Ich werde mit Dirch Frode sprechen; mal sehen, was uns da einf�llt. Aber mit <emphasis>Millennium</emphasis> kann ich Ihnen vielleicht auf eine andere Art helfen. Ich wei�, dass sich Ihre Anzeigenkunden zur�ckziehen.�</p><p>Mikael nickte langsam.</p><p>�Die Anzeigenkunden sind das unmittelbar sichtbare Problem, aber die Krise geht noch tiefer. Wir haben ein Glaubw�rdigkeitsdefizit. Es ist egal, wie viele Anzeigenkunden wir haben, wenn die Leute die Zeitschrift nicht mehr kaufen wollen.�</p><p>�Verstehe. Ich bin immer noch Vorstandsmitglied eines ziemlich gro�en Konzerns, wenn auch ein passives. Auch wir m�ssen irgendwo werben. Lassen Sie uns sp�ter dar�ber reden. Wenn Sie zu Abend essen m�chten ��</p><p>�Nein, danke. Ich will mich erst mal einrichten, einkaufen und mich ein bisschen umsehen. Morgen fahre ich nach Hedestad und kaufe Winterkleidung.�</p><p>�Gute Idee.�</p><p>�Ich h�tte gerne, dass Sie das Archiv �ber Harriet zu mir schaffen.�</p><p>�Bitte seien Sie ��</p><p>�� ganz vorsichtig damit - schon kapiert.�</p><p>Mikael ging wieder zum G�stehaus und klapperte mit den Z�hnen, als er vor der Eingangst�r stand. Er warf einen Blick auf das Thermometer vor dem Fenster. Es zeigte 15 Grad unter null, und er konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben derart durchgefroren gewesen zu sein wie nach diesem knapp zwanzig Minuten dauernden Spaziergang.</p><p>Die n�chste Stunde verbrachte er damit, sich in den R�umen einzurichten, die f�r das n�chste Jahr sein Zuhause sein w�rden. Seine Kleider aus der einen Tasche h�ngte er in den Kleiderschrank in der Schlafkammer. Die Toilettenartikel r�umte er in das Minibad. Dann nahm er sich den Koffer mit den Rollen vor. Aus ihm nahm er B�cher, CDs, einen CD-Player, Notizb�cher, ein kleines Diktierger�t von Sanyo, einen kleinen Scanner von Microtek, einen tragbaren Tintenstrahldrucker, eine Minolta-Digitalkamera und andere Utensilien, die er f�r ein Jahr im Exil als unerl�sslich betrachtete.</p><p>Er stellte die B�cher und die CDs ins B�cherregal im Arbeitszimmer, neben zwei Ordner mit Recherchematerial zu Hans-Erik Wennerstr�m. Das Material war wertlos, aber er konnte es nicht zur�cklassen. Diese zwei Ordner mussten irgendwie zu Bausteinen f�r seine weitere Karriere werden.</p><p>Schlie�lich �ffnete er seine Schultertasche und stellte sein iBook 600 auf den Schreibtisch. Dann hielt er inne und sah sich mit schafsdummem Gesichtsausdruck um. <emphasis>The benefits of living in the countryside.</emphasis> Pl�tzlich ging ihm auf, dass er keine Breitbandverbindung hatte. Es gab nicht einmal eine Telefonbuchse, in die man ein altes Modem h�tte einstecken k�nnen.</p><p>Mikael ging zur�ck in die K�che und rief von seinem Handy aus bei der Telefongesellschaft Telia an. Nach ein bisschen Hin und Her suchte ihm ein Mitarbeiter die Bestellung heraus, die Henrik Vanger f�r das G�steh�uschen aufgegeben hatte. Er erkundigte sich, ob die Leitungsqualit�t f�r ADSL ausreiche, und erfuhr, dass sich das �ber einen Router in Hedeby bewerkstelligen lie�e. Es w�rde ein paar Tage dauern.</p><p>Es war kurz nach vier Uhr am Nachmittag, als Mikael endlich fertig war. Er schl�pfte wieder in die dicken Socken und Stiefel und zog einen Extrapullover an. An der T�r hielt er inne - er hatte keine Hausschl�ssel bekommen, und seine Stockholm-Instinkte schlugen Alarm bei dem Gedanken, man k�nne Haust�ren unverschlossen lassen. Er ging zur�ck in die K�che und �ffnete die Schubladen. Schlie�lich fand er die Schl�ssel an einem Nagel in der Speisekammer.</p><p>Die Temperatur war auf minus 17 Grad gefallen. Mikael �berquerte schnell die Br�cke und ging �ber den H�gel bei der Kirche. Der Supermarkt lag in bequemer Entfernung, ungef�hr dreihundert Meter weiter. Er f�llte zwei Papiert�ten bis zum Rand mit den wichtigsten Artikeln, die er zuerst heimbrachte, bevor er nochmals die Br�cke �berquerte. Diesmal ging er in Susannes Br�cken-Caf�. Die Frau hinter dem Tresen war in den F�nfzigern. Er fragte, ob sie Susanne sei, und stellte sich vor, indem er erkl�rte, dass er in Zukunft wohl Stammkunde in ihrem Caf� werden w�rde. Er war der einzige Gast, und Susanne gab ihm einen Kaffee aus, als er ein belegtes Br�tchen bestellte und noch Brot und einen Hefezopf dazu kaufte. Er nahm sich einen <emphasis>Hedestads-Kurir</emphasis> aus dem Zeitungsst�nder und setzte sich an einen Tisch mit Aussicht auf die Br�cke und die beleuchtete Kirche. In der Dunkelheit sah das Ganze aus wie eine Weihnachtskarte. Er brauchte ungef�hr vier Minuten, um die Zeitung durchzulesen. Die einzig interessante Nachricht war ein kurzer Artikel, der davon handelte, dass ein  Kommunalpolitiker namens Birger Vanger sich f�r <emphasis>IT TECH-CENT</emphasis> einsetzen wollte - ein Technisches Entwicklungszentrum in Hedestad. Er blieb noch eine halbe Stunde sitzen, bis das Caf� um sechs Uhr schloss.</p><p>Abends um halb acht rief Mikael Erika an und bekam zu h�ren, dass der Teilnehmer vor�bergehend nicht erreichbar sei. Er setzte sich aufs K�chensofa und versuchte einen Roman zu lesen, den der Klappentext als das sensationelle Deb�t einer Feministin im Teenie-Alter bezeichnete. Der Roman handelte vom Versuch der Autorin, auf einer Reise nach Paris ihr Sexleben in Ordnung zu bringen, und Mikael fragte sich, ob man ihn wohl einen Feministen nennen w�rde, wenn er in gymnasialem Ton einen Roman �ber sein eigenes Sexleben schriebe. Vermutlich nicht. Mikael hatte das Buch vor allem gekauft, weil der Verlag sie als eine �neue Carina Rydberg� anpries. Er stellte bald fest, dass dies nicht den Tatsachen entsprach, weder in stilistischer noch in inhaltlicher Hinsicht. Er legte das Buch beiseite und las stattdessen eine Western-Novelle �ber Hopalong Cassidy in einer alten Zeitschrift aus den f�nfziger Jahren.</p><p>Alle halbe Stunde war ein einzelner kurzer, ged�mpfter Ton von der Kirchenglocke zu h�ren. Die Fenster bei Hausmeister Gunnar Nilsson auf der anderen Stra�enseite waren erleuchtet, aber Mikael konnte niemanden im Haus sehen. In Harald Vangers Haus war es dunkel. Gegen neun fuhr ein Auto �ber die Br�cke und verschwand in Richtung Landzunge. Um Mitternacht wurde die Beleuchtung der Kirchenfassade ausgeschaltet. So sahen in Hedeby wohl unterm Strich die Vergn�gungen an einem Freitagabend Anfang Januar aus. Es war erstaunlich still.</p><p>Er unternahm einen neuen Versuch, Erika anzurufen. Diesmal war der Anrufbeantworter dran, und er wurde gebeten, eine Nachricht zu hinterlassen. Das tat er, dann machte er das  Licht aus und legte sich schlafen. Sein letzter Gedanke vor dem Einschlafen war, dass unmittelbare Gefahr bestand, in Hedeby einen Koller zu bekommen.</p><p>Es war seltsam, bei absoluter Stille zu erwachen. Mikael, der gerade noch tief geschlafen hatte, war innerhalb von Sekundenbruchteilen hellwach. Er blieb liegen und horchte. Im Zimmer war es kalt. Er drehte den Kopf und sah auf die Armbanduhr, die er auf einen Hocker neben dem Bett gelegt hatte. Es war acht Minuten nach sieben - er war noch nie ein Morgenmensch gewesen und wurde normalerweise nur schwer wach, wenn er nicht mindestens zwei Wecker stellte. Nun war er von selbst aufgewacht und f�hlte sich obendrein auch noch ausgeruht.</p><p>Er setzte Kaffee auf, bevor er sich unter die Dusche stellte und pl�tzlich das lustvolle Gef�hl erlebte, sich selbst zu beobachten. <emphasis>Kalle Blomkvist - Forschungsreisender in der Wildnis.</emphasis></p><p>Bei der geringsten Ber�hrung des Boilers wechselte die Wassertemperatur von br�hhei� zu eiskalt. Auf dem K�chentisch lag keine Morgenzeitung. Die Butter war tiefgefroren. In der Besteckschublade lag kein K�sehobel. Drau�en war es immer noch pechschwarz. Das Thermometer zeigte 21 Grad minus. Es war Samstag.</p><p>Die Bushaltestelle lag dem Supermarkt genau gegen�ber, und Mikael begann sein Leben im Exil damit, seine Shoppingpl�ne in die Tat umzusetzen. Er stieg am Bahnhof aus dem Bus und ging einmal quer durch die Innenstadt. Er kaufte dick gef�tterte Winterstiefel, zwei Paar lange Unterhosen, einige warme Flanellhemden, eine ordentliche halblange wattierte Winterjacke, eine warme M�tze und gef�tterte Handschuhe. Im Elektrogesch�ft fand er einen kleinen tragbaren Fernseher mit Teleskopantenne. Der Verk�ufer versicherte ihm, dass er auch  im entlegenen Hedeby zumindest das staatliche Schwedische Fernsehen empfangen k�nne, und Mikael k�ndigte an, sein Geld zur�ckzuverlangen, falls das nicht stimmte.</p><p>Er machte halt bei der Bibliothek, legte sich einen Mitgliedsausweis zu und lieh sich zwei Krimis von Elizabeth George aus. In einem Schreibwarenladen besorgte er sich Kugelschreiber und Notizbl�cke.</p><p>Zum Schluss kaufte er noch eine Schachtel Zigaretten. Er hatte vor zehn Jahren mit dem Rauchen aufgeh�rt, doch ab und zu erlitt er R�ckf�lle und versp�rte pl�tzlich unglaubliche Lust auf Nikotin. Die Schachtel steckte er unge�ffnet in seine Jackentasche. Sein letzter Besuch galt einem Optiker, bei dem er Reinigungsfl�ssigkeit kaufte und sich neue Kontaktlinsen bestellte.</p><p>Gegen zwei Uhr war er zur�ck in Hedeby und entfernte gerade die Preisschilder von seinen neuen Kleidern, als er die T�r gehen h�rte. Eine blonde Frau um die f�nfzig klopfte an den T�rrahmen und trat gleichzeitig �ber die Schwelle. Sie hatte einen Napfkuchen auf einer Kuchenplatte dabei.</p><p>�Hallo, ich wollte Sie nur willkommen hei�en. Ich hei�e Helen Nilsson und wohne auf der anderen Stra�enseite. Wir sind quasi Nachbarn.�</p><p>Mikael gab ihr die Hand und stellte sich vor.</p><p>�Ach ja, ich habe Sie im Fernsehen gesehen. Wie sch�n, dass hier abends Licht im G�stehaus brennt.�</p><p>Mikael setzte Kaffee auf - sie protestierte zwar, setzte sich aber doch an den K�chentisch und warf einen kurzen Blick aus dem Fenster.</p><p>�Da kommen Henrik und mein Mann. Sieht so aus, als br�chten sie Ihnen ein paar Kartons vorbei.�</p><p>Henrik Vanger und Gunnar Nilsson blieben mit ihrem Karren drau�en stehen, und Mikael ging hinaus, um ihnen die Hand zu sch�tteln und Gunnar beim Reintragen der vier Umzugskartons zu helfen. Der Hausmeister schien nicht zu wissen, was in den Kartons war. Dann stellten sie den Karren neben dem eisernen Ofen ab, Mikael deckte den Kaffeetisch und schnitt Helens Kuchen an.</p><p>Gunnar und Helen Nilsson waren nette Menschen. Sie schienen nicht sonderlich neugierig darauf zu sein, warum Mikael sich in Hedestad aufhielt - dass er f�r Henrik Vanger arbeitete, schien ihnen Erkl�rung genug. Mikael beobachtete, wie die Nilssons und Henrik Vanger miteinander umgingen, und stellte fest, dass sie sich ungezwungen verhielten und es keine sichtbare hierarchische Rollenverteilung gab. Sie unterhielten sich �ber die Stadt und dar�ber, wer das G�stehaus gebaut hatte, in dem Mikael wohnte. Das Ehepaar Nilsson korrigierte Vanger, als er sich falsch erinnerte, und er erz�hlte im Gegenzug eine witzige Geschichte, wie Gunnar Nilsson einmal nach Hause gekommen war und beobachtet hatte, wie eine der ortsans�ssigen Intelligenzbestien von der anderen Seite der Br�cke versuchte, durchs Fenster ins G�stehaus einzusteigen. Er war hin�bergegangen und hatte den zur�ckgebliebenen Einbrecher gefragt, warum er nicht die unverschlossene Haust�r benutze. Dann musterte Gunnar Nilsson skeptisch den kleinen Fernseher und bot Mikael an, abends zu ihnen r�berzukommen, wenn es irgendeine Sendung gab, die er sehen wolle. Sie hatten eine Parabolantenne.</p><p>Nachdem die Nilssons gegangen waren, blieb Henrik Vanger noch ein wenig. Der alte Mann hielt es f�r das Beste, wenn Mikael das Archiv selbst sortierte. Falls er ein Problem habe, k�nne er zu ihm kommen und fragen. Mikael bedankte sich und meinte, es werde sich schon alles finden.</p><p>Als Mikael wieder allein war, trug er die Umzugskartons ins Arbeitszimmer und fing an, den Inhalt zu begutachten.</p><p>Henrik Vangers private Nachforschungen zum Verschwinden seiner Gro�nichte erstreckten sich �ber sechsunddrei�ig Jahre. Mikael konnte nur schwer beurteilen, ob das Interesse  eine ungesunde Besessenheit war oder ein intellektuelles Spiel. Nicht zu �bersehen war jedoch, dass der alte Patriarch sich mit dem systematischen Ansatz eines Hobbyarch�ologen ans Werk gemacht hatte. Die Ergebnisse f�llten an die sieben Regalmeter.</p><p>Der Kern des Materials bestand aus den sechsundzwanzig Ordnern mit dem polizeilichen Untersuchungsbericht zu Harriets Verschwinden. Mikael konnte sich nur schwerlich vorstellen, dass eine normale Vermisstenmeldung zu derart umfangreichen Ermittlungen f�hrte, aber auf der anderen Seite hatte Vanger mit allergr��ter Wahrscheinlichkeit den n�tigen Einfluss besessen, die Polizei von Hedestad mit der Untersuchung aller m�glichen und unm�glichen Spuren auf Trab zu halten.</p><p>Neben dem Bericht der Polizei gab es noch B�cher mit Zeitungsausschnitten, Fotoalben, Karten, Erinnerungsst�cke, Informationsmaterial �ber Hedestad und den Vanger-Konzern, Harriets Tagebuch (das jedoch nicht besonders umfangreich war), Schulb�cher, Gesundheitszeugnisse und anderes. Au�erdem nicht weniger als sechzehn gebundene A4-Notizb�cher mit jeweils hundert Seiten, die man quasi als Henrik Vangers pers�nliches Logbuch der Ermittlungen bezeichnen konnte. In diese B�cher hatte der Patriarch mit s�uberlicher Handschrift seine eigenen �berlegungen, Einf�lle, falsche Spuren und Beobachtungen eingetragen. Mikael bl�tterte aufs Geratewohl ein wenig darin herum. Der Text hatte Prosa-Charakter, und Mikael hatte den Eindruck, dass diese B�nde die Reinschrift von Dutzenden �lterer Notizb�cher enthielten. Schlie�lich gab es noch zirka zehn Ordner mit Material �ber verschiedene Mitglieder der Familie Vanger. Hier waren die Seiten maschinengeschrieben und offenbar �ber einen langen Zeitraum hinweg entstanden.</p><p>Henrik Vanger hatte gegen seine eigene Familie ermittelt.</p><p>Gegen sieben h�rte Mikael ein energisches Miauen und �ffnete die T�r. Eine rotbraune Katze flitzte blitzschnell an ihm vorbei ins Warme.</p><p>�Ich kann dich verstehen�, sagte Mikael.</p><p>Die Katze drehte schnuppernd eine Runde durchs Haus. Mikael goss ein bisschen Milch auf einen Teller, die von seinem Gast aufgeschleckt wurde. Danach sprang die Katze aufs K�chensofa, rollte sich zusammen und wollte diesen Platz offenbar so schnell nicht mehr verlassen.</p><p>Es war schon nach zehn Uhr abends, als Mikael das Material einigerma�en gesichtet und alles in einer sinnvollen Ordnung in den Regalen verteilt hatte. Er ging in die K�che, setzte eine Kanne Kaffee auf, strich sich zwei Brote und spendierte der Katze ein bisschen Wurst und Leberpastete. Er hatte den ganzen Tag nichts Ordentliches gegessen, aber seltsamerweise kaum Hunger. Nachdem er Kaffee getrunken hatte, holte er die Zigaretten aus der Tasche und �ffnete die Schachtel.</p><p>Er h�rte die Mailbox seines Handys ab. Erika hatte nicht angerufen, und als er versuchte, sie zu erreichen, sprang wieder nur ihr Anrufbeantworter an.</p><p>Als einen der ersten Schritte bei seinen privaten Ermittlungen scannte Mikael die Karte der Hedeby-Insel ein, die ihm Henrik Vanger geliehen hatte. Da er s�mtliche Namen von ihrem Rundgang noch in frischer Erinnerung hatte, trug er ein, wer in welchem Haus wohnte. Ihm wurde schnell klar, dass der Vanger-Clan eine so umfassende Personengalerie abgab, dass er eine Weile brauchen w�rde, sich zu orientieren.</p><p>Kurz vor Mitternacht zog er warme Kleidung und seine neuen Schuhe an und machte einen Spaziergang �ber die Br�cke. Er bog auf die Stra�e ab, die unterhalb der Kirche seitlich am Sund entlanglief. Das Eis bedeckte den Sund und auch den  alten Hafen, aber etwas weiter drau�en sah er einen dunklen Streifen offenes Wasser. W�hrend er dort stand, erlosch die Fassadenbeleuchtung der Kirche, und um ihn herum wurde es dunkel. Es war kalt und sternenklar.</p><p>Mit einem Mal f�hlte Mikael sich zutiefst niedergeschlagen. Er konnte beim besten Willen nicht verstehen, wie er sich von Henrik Vanger hatte �berzeugen lassen k�nnen, diesen wahnwitzigen Auftrag anzunehmen. Erika hatte v�llig recht, wenn sie den Job als heillose Zeitverschwendung bezeichnete. Eigentlich sollte er in Stockholm sein - beispielsweise mit ihr im Bett - und seinen Krieg gegen Hans-Erik Wennerstr�m planen. Aber auch in dieser Beziehung f�hlte er sich lustlos, und er hatte keinen blassen Schimmer, was er dagegen tun k�nnte.</p><p>Fr�her am Tag w�re er zu Henrik Vanger gegangen, h�tte den Vertrag aufgel�st und die Heimfahrt angetreten. Aber vom H�gel bei der Kirche konnte er sehen, dass das vangersche Haus schon still und dunkel dalag. Von der Kirche aus konnte er die gesamte Bebauung am Saum der Insel sehen. Harald Vangers Haus lag ebenfalls im Dunkeln, doch bei Cecilia Vanger, bei Martin Vanger drau�en auf der Landzunge sowie in dem vermieteten Haus war es noch hell. Auch bei Eugen Norman, dem Maler, der neben dem Bootshafen in seinem zugigen H�uschen wohnte, brannte noch Licht, und aus dem Schornstein stob heftiger Funkenregen. Das Obergeschoss des Caf�s war gleichfalls erleuchtet, und Mikael fragte sich, ob dort Susanne wohnte, und wenn ja, ob sie allein war.</p><p>Am Sonntagmorgen schlief Mikael lange und erwachte dann panisch, als das G�stehaus pl�tzlich von einem unwirklichen Dr�hnen erf�llt wurde. Er brauchte eine Sekunde, bis er sich wieder orientiert hatte, und begriff, dass er die Kirchenglocken h�rte, die zum Gottesdienst riefen, und dass es also kurz vor  elf sein musste. Er f�hlte sich lustlos und blieb noch eine Weile liegen. Als er das fordernde Miauen an der T�r h�rte, stand er auf und lie� die Katze hinaus.</p><p>Gegen zw�lf hatte er geduscht und gefr�hst�ckt. Entschlossen ging er ins Arbeitszimmer und holte den ersten Ordner des Untersuchungsberichts hervor. Dann z�gerte er. Durchs Fenster sah er das Reklameschild von Susannes Br�cken-Caf�, packte den Ordner in seine Umh�ngetasche und zog sich an. Als er zum Caf� kam, stellte er fest, dass es v�llig �berf�llt war, und wusste auf einmal die Antwort auf die Frage, die er die ganze Zeit im Hinterkopf gehabt hatte: Wie kann ein Caf� in einem Loch wie Hedeby nur �berleben? Susanne hatte sich auf Kirchg�nger spezialisiert, und nach Begr�bnissen oder anderen Anl�ssen ging man zu ihr zum Kaffeetrinken.</p><p>Stattdessen ging er spazieren. Der Supermarkt hatte sonntags geschlossen, und so schlenderte er noch ein paar hundert Meter weiter auf der Stra�e nach Hedestad, wo er an einer Tankstelle Zeitungen kaufte. Er streifte eine Stunde durch Hedeby und machte sich mit der Umgebung auf der Festlandseite vertraut. Das Gebiet um die Kirche und beim Supermarkt bildete den Kern mit �lterer Bebauung: zweigeschossige Steinh�user, die nach Mikaels Sch�tzung wohl zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts errichtet worden waren und eine Art kurze Hauptstra�e bildeten. N�rdlich der Stra�e, die in die Ortschaft hineinf�hrte, standen gepflegte Mietsh�user. Am Wasser entlang und s�dlich der Kirche lagen haupts�chlich Einfamilienh�user. Hedeby war zweifellos eine bevorzugte Wohngegend.</p><p>Als er zur Br�cke zur�ckkam, hatte der Ansturm auf Susannes Caf� nachgelassen, aber Susanne war immer noch damit besch�ftigt, das Geschirr von den Tischen abzur�umen.</p><p>�Der �bliche Sonntagstrubel?�, fragte er.</p><p>Sie nickte und strich sich eine Haarstr�hne hinters Ohr. �Hallo, Mikael.�</p><p>�Du wei�t also noch, wie ich hei�e.�</p><p>�Kaum zu vermeiden�, antwortete sie. �Ich hab dich bei der Gerichtsverhandlung vor Weihnachten im Fernsehen gesehen.�</p><p>Mikael genierte sich pl�tzlich. �Irgendetwas m�ssen sie ja bringen, um ihre Sendezeit zu f�llen�, murmelte er und zog ab zum Ecktisch mit der Aussicht auf die Br�cke. Als er Susannes Blick begegnete, l�chelte sie.</p><p>Um drei Uhr nachmittags verk�ndete Susanne, dass das Caf� jetzt f�r den Rest des Tages schloss. Als der Ansturm nach dem Gottesdienst vor�ber war, waren nur noch vereinzelt G�ste gekommen. Mikael hatte knapp ein F�nftel der ersten Akte mit dem Untersuchungsbericht zu Harriets Verschwinden gelesen. Er klappte den Ordner zu, steckte sein Notizbuch in die Tasche und ging schnell �ber die Br�cke nach Hause.</p><p>Die Katze wartete schon auf der Treppe. Mikael sah sich um und fragte sich, wem sie wohl geh�rte. Er lie� sie ins Haus, weil sie zumindest eine Art Gesellschaft f�r ihn war.</p><p>Er versuchte abermals, Erika anzurufen, erreichte jedoch immer nur ihre Mailbox. Sie war offenbar ziemlich w�tend auf ihn. Er h�tte sie direkt auf ihrem Apparat im B�ro oder zu Hause anrufen k�nnen, beschloss aber trotzig, es nicht zu tun. Er hatte ihr bereits genug Nachrichten hinterlassen. Stattdessen kochte er Kaffee, schob die Katze auf dem K�chensofa zur Seite und schlug den Ordner auf.</p><p>Er las konzentriert und langsam, damit ihm kein Detail entging. Bald hatte er mehrere Seiten in seinem Notizbuch vollgeschrieben - stichwortartige Notizen und Fragen, auf die er in den folgenden Ordnern Antwort zu finden hoffte. Das Material war chronologisch geordnet, aber er war sich nicht sicher, ob Henrik Vanger es so sortiert hatte oder ob es sich um das System der Polizei aus den sechziger Jahren handelte.</p><p>Das allererste Blatt war die Kopie eines handgeschriebenen Meldeformulars von der Notrufzentrale Hedestad. Der Polizist, der den Anruf entgegennahm, hatte mit W Ryttinger unterschrieben, was Mikael als wachhabender Polizist interpretierte. Als Anrufer war Henrik Vanger angegeben, seine Adresse und Telefonnummer waren notiert worden. Der Bericht war datiert vom 23. September 1966, 11:14 Uhr am Sonntagmorgen. Der Text war kurz und trocken:</p><p><emphasis>Anruf v. Henrik Vanger meld. Nichte (?) Harriet Ulrika VANGER, geb. 15. Jan. 1950 (16 Jahre) verschwunden von zu Hause auf Hedeby-Insel seit Samstagnachm.</emphasis></p><p><emphasis>Anr. sehr beunruhigt.</emphasis></p><p>Um 11:20 Uhr eine Anmerkung, die besagte, dass P-014 Befehl zum Ausr�cken erhalten hatte.</p><p>Um 11:35 Uhr war in einer anderen, schwerer zu entziffernden Handschrift als Ryttingers angef�gt worden:</p><p><emphasis>Magnusson meld. Br�cke nach Hedeby-Insel immer noch gesp. Transp. m. Boot.</emphasis></p><p>Am Rand eine unleserliche Unterschrift.</p><p>Um 12:14 Uhr wieder Ryttinger:</p><p><emphasis>Tel. gespr. Magnusson in H-by meld., dass 16-j�hrige Harriet Vanger seit dem fr�hen Samstagnachm. vermisst. Fam. sehr beunruhigt. Scheint nachts nicht in ihrem Bett geschlafen zu haben. Kann Insel wg. Unfall a. d. Br�cke nicht verlassen haben. Keines der befr. Familienmitgl. kennt HVs Aufenthaltsort.</emphasis></p><p>Um 12:19 Uhr:</p><p><emphasis>G. M. telefon. v. Vorfall inform.</emphasis></p><p>Die letzte Anmerkung war um 13:42 Uhr gemacht worden:</p><p><emphasis>G. M. vor Ort in H-by; �bernimmt Fall.</emphasis></p><p>Schon das n�chste Blatt verriet, dass hinter den kryptischen Initialen G. M. ein Kommissar namens Gustav Morell steckte, der mit dem Boot auf die Hedeby-Insel gekommen war, die Ermittlungen �bernommen und eine offizielle Vermisstenanzeige zu Harriet Vanger aufgenommen hatte. Im Gegensatz zu den Notizen auf der ersten Seite waren Morells Berichte maschinengeschrieben und in leicht verst�ndlicher Sprache abgefasst. Auf den folgenden Seiten wurden die ergriffenen Ma�nahmen mit einer Sachlichkeit und Detailliertheit beschrieben, die Mikael �berraschte.</p><p>Morell war systematisch zu Werke gegangen. Er hatte zuerst Henrik Vanger zusammen mit Isabella Vanger, Harriets Mutter, vernommen. Danach hatte er der Reihe nach mit einer Ulrika Vanger, Harald Vanger, einem Greger Vanger, Harriets Bruder Martin Vanger und einer Anita Vanger gesprochen.</p><p>Ulrika war Henrik Vangers Mutter und schien den Status einer K�niginwitwe zu genie�en. Sie wohnte auf dem Vangerschen Hof und konnte keinerlei Ausk�nfte geben. Sie hatte sich am Abend zuvor fr�hzeitig schlafen gelegt und Harriet seit mehreren Tagen nicht mehr gesehen. Anscheinend hatte sie nur darauf bestanden, Kriminalkommissar Morell zu sprechen, um ihrer Ansicht Ausdruck zu verleihen, dass die Polizei umgehend handeln m�sse.</p><p>Harald Vanger rangierte auf Platz zwei der einflussreichen Familienmitglieder. Er erkl�rte, er habe Harriet nur kurz zu Gesicht bekommen, als sie vom Festumzug in Hedestad zur�ckkam, aber er habe sie <emphasis>seit dem Unfall auf der Br�cke nicht mehr gesehen und kenne ihren derzeitigen Aufenthaltsort nicht</emphasis>.</p><p>Greger Vanger, Henriks und Haralds Bruder, gab an, er habe die verschwundene Sechzehnj�hrige nach ihrem Besuch in Hedestad gesehen, als sie in Henriks Arbeitszimmer kam und ihn um ein Gespr�ch bat. Greger erkl�rte, dass er selbst, abgesehen von einem kurzen Gru�, nicht mit ihr geredet habe.  Er wusste nicht, wo sie sich m�glicherweise aufhalten k�nnte, �u�erte jedoch die Vermutung, sie sei wahrscheinlich nur zu einer Schulfreundin gefahren - gedankenloserweise ohne jemand Bescheid zu geben - und werde sicher bald wieder auftauchen. Auf die Frage, wie sie in diesem Fall die Insel verlassen haben sollte, wusste er keine Antwort.</p><p>Martin Vanger wurde am k�rzesten vernommen. Er absolvierte gerade sein letztes Jahr am Gymnasium in Uppsala, wo er bei Harald Vanger untergebracht war. Da in Haralds Auto kein Platz mehr f�r ihn gewesen war, hatte er den Zug nach Hedeby genommen und war so sp�t angekommen, dass er auf Grund des Unfalls auf der falschen Seite der Br�cke h�ngen blieb. Er hatte erst sp�tabends mit dem Boot �bersetzen k�nnen. Man vernahm ihn in der Hoffnung, seine Schwester k�nnte sich mit ihm verst�ndigt und ihm einen Hinweis gegeben haben, wohin sie ausrei�en wollte. Die Frage l�ste Proteste bei Harriets Mutter aus, aber Kommissar Morell war zu jenem Zeitpunkt der Meinung, dass es die hoffnungsvollere Variante sei, wenn Harriet nur fortgelaufen w�re. Martin hatte jedoch seit den Sommerferien nicht mehr mit seiner Schwester gesprochen und konnte keine n�tzlichen Angaben machen.</p><p>Anita war Harald Vangers Tochter, wurde aber irrt�mlich als Kusine von Harriet aufgelistet - sie war eigentlich eine Kusine zweiten Grades. Sie studierte im ersten Jahr an der Universit�t Stockholm und hatte den Sommer in Hedeby verbracht. Sie und Harriet waren fast gleichaltrig und sehr enge Freundinnen geworden. Sie gab an, dass sie am Samstag gemeinsam mit ihrem Vater auf die Insel gekommen war und sich darauf gefreut hatte, Harriet zu treffen. Sie erkl�rte, sie sei beunruhigt, denn es sehe Harriet nicht �hnlich, irgendwohin zu verschwinden, ohne der Familie Bescheid zu sagen. Dieser Aussage schlossen sich Henrik und Isabella Vanger an.</p><p>Kommissar Morell hatte w�hrend der Vernehmungen der Familienmitglieder auch gleich die Beamten Magnusson und Bergman - Patrouille 014 - beauftragt, eine erste Suchmannschaft zu organisieren, solange es noch hell war. Wegen der immer noch gesperrten Br�cke war es schwierig, Verst�rkung vom Festland anzufordern. Die erste Suchmannschaft bestand aus ungef�hr drei�ig Personen verschiedenen Alters und Geschlechts. Folgendes Gebiet wurde am Nachmittag abgesucht: die leer stehenden H�user am Fischerhafen, die Str�nde an der Landzunge und den Sund entlang, das Waldst�ck bei der Siedlung sowie der sogenannte S�derberg oberhalb des Fischerhafens. Letzterer wurde untersucht, weil jemand die Theorie aufgestellt hatte, Harriet k�nnte dorthin gegangen sein, um sich aus sicherem Abstand einen �berblick �ber den Unfallort zu verschaffen. Man schickte sogar Streifen nach �sterg�rd und zu Gottfrieds Haus auf der anderen Seite der Insel.</p><p>Die Suche blieb jedoch ergebnislos und wurde erst lange nach Einbruch der Dunkelheit gegen zehn Uhr abends abgebrochen. Die Temperatur fiel nachts auf ungef�hr null Grad.</p><p>Im Laufe des Nachmittags hatte Kommissar Morell sein Hauptquartier in einem Zimmer im Erdgeschoss des vangerschen Hofes eingerichtet, das Henrik Vanger ihm zur Verf�gung gestellt hatte. Er hatte eine Menge Ma�nahmen ergriffen.</p><p>Zusammen mit Isabella Vanger hatte er Harriets Zimmer in Augenschein genommen und herauszufinden versucht, ob etwas fehlte, was darauf hindeuten w�rde, dass Harriet von zu Hause fortgelaufen war. Isabella war ihm keine sonderlich gro�e Hilfe und schien nicht allzu gut �ber die Garderobe ihrer Tochter Bescheid zu wissen. <emphasis>Sie hatte oft Jeans an, aber die sehen ja alle gleich aus.</emphasis> Harriets Handtasche wurde auf ihrem Schreibtisch gefunden. Darin befanden sich ihr Ausweis, eine Brieftasche mit neun Kronen und f�nfzig �re, ein  Kamm, ein Handspiegel und ein Taschentuch. Nach dieser Durchsuchung war Harriets Zimmer versiegelt worden.</p><p>Morell hatte mehrere Personen zur Vernehmung bestellt, sowohl Familienmitglieder als auch Angestellte. Alle Gespr�che waren sorgf�ltig aufgezeichnet worden.</p><p>Als die Teilnehmer der ersten Suchmannschaft schlie�lich mit entmutigenden Nachrichten zur�ckgekommen waren, entschied der Kommissar, die Suche systematischer aufzuziehen. Er forderte abends und nachts Verst�rkung an. Unter anderem wandte er sich an den Vorsitzenden des Hedestader Vereins f�r Orientierungsl�ufe und bat ihn, s�mtliche Mitglieder telefonisch f�r die Suchaktion einzuberufen. Gegen Mitternacht teilte man ihm mit, dass sich dreiundf�nfzig aktive Mitglieder am n�chsten Morgen um 7 Uhr auf dem Hof der Vangers einfinden w�rden. Henrik Vanger leistete seinen Beitrag, indem er einen Teil der Fr�hschichtarbeiter aus der Vangerschen Papierfabrik abstellte. Er organisierte sogar Essen und Getr�nke.</p><p>Mikael Blomkvist konnte sich die Szenen lebhaft vorstellen, die sich in diesen dramatischen Stunden auf dem Hof der Vangers abgespielt haben mussten. Der Unfall auf der Br�cke hatte in den ersten Stunden zur allgemeinen Verwirrung beigetragen: Es war sehr schwierig, Verst�rkung vom Festland zu bekommen, zum anderen dachten alle, dass zwei dramatische Ereignisse doch irgendwie miteinander in Verbindung stehen mussten. Als der Tanklaster entfernt wurde, war Kommissar Morell sogar zur Br�cke gegangen, um sich davon zu �berzeugen, dass Harriet Vanger nicht auf irgendeine unwahrscheinliche Art und Weise unter dem Wrack gelandet war. Das war die einzige irrationale Handlung, die Mikael im Vorgehen des Kommissars entdeckte, denn das M�dchen war nach dem Unfall ja nachweislich auf der Insel gesehen worden.</p><p>W�hrend der ersten chaotischen vierundzwanzig Stunden schwanden die Hoffnungen, dass die Geschichte ein baldiges und gl�ckliches Ende nehmen k�nnte. Trotz aller offensichtlichen Schwierigkeiten, die Insel unbemerkt zu verlassen, wollte Morell die M�glichkeit nicht ausschlie�en, dass Harriet von zu Hause weggelaufen sein k�nnte. Er beschloss, eine Fahndung einzuleiten, und wies die Streifenpolizisten in Hedestad an, die Augen offen zu halten. Er beauftragte sogar einen Kollegen von der Kriminalabteilung, Busfahrer und Bahnhofspersonal zu vernehmen, ob irgendjemand sie gesehen h�tte.</p><p>Mit jedem negativen Bescheid wuchs die Wahrscheinlichkeit, dass Harriet Vanger einem Unfall zum Opfer gefallen war. Diese Theorie dominierte in den n�chsten Tagen die Gestaltung der Ermittlungen.</p><p>Die gro�e Suchaktion zwei Tage nach ihrem Verschwinden war - soweit Mikael Blomkvist dies beurteilen konnte - �u�erst kompetent aufgezogen worden. Polizei und Feuerwehrleute mit entsprechender Erfahrung hatten die Suche organisiert. Auf der Insel gab es zwar ein paar Gebiete, die nicht ohne Weiteres zug�nglich waren, aber die Fl�che war eben doch begrenzt, und die Insel konnte innerhalb eines Tages komplett durchk�mmt werden. Ein Polizeiboot und zwei Freiwillige mit ihren Pettersson-Booten durchsuchten das Wasser rund um die Insel.</p><p>Am n�chsten Tag wurde die Suche mit einer verkleinerten Mannschaft fortgesetzt. Diesmal wurden Patrouillen in besonders un�bersichtlichen Gebieten erneut auf die Suche geschickt, auch in ein Gebiet, das �die Befestigung� genannt wurde - ein verlassenes Bunkersystem, das von den Truppen im Zweiten Weltkrieg zur Verteidigung der K�ste angelegt worden war. An jenem Tag kontrollierte man im Ort jeden kleinen Unterschlupf, Brunnen und Schuppen, jedes Erdloch und jede Dachkammer.</p><p>In den Aufzeichnungen war eine gewisse Frustration zu erkennen, als die Suche am dritten Tag nach Harriets Verschwinden abgebrochen wurde. Harriet Vanger schien sich in Luft aufgel�st zu haben, und damit begann Henrik Vangers fast vierzig Jahre w�hrende Qual.</p><a id="calibre_link-69"/><p><a id="calibre_link-70"/></p><p><strong>9. Kapitel</strong></p><p><strong>Montag, 6. Januar - Mittwoch, 8. Januar</strong></p><p>Mikael hatte bis weit in die fr�hen Morgenstunden weitergelesen und war am 6. Januar sp�t aufgestanden. Ein marineblauer Volvo parkte genau vorm Eingang zu Henrik Vangers Haus. In dem Moment, als Mikael die Hand auf die Klinke legte, wurde die T�r von einem etwa f�nfzigj�hrigen Mann ge�ffnet, der das Haus gerade verlassen wollte. Die beiden stie�en fast zusammen. Der Mann wirkte gehetzt.</p><p>�Ja? Kann ich Ihnen helfen?�</p><p>�Ich m�chte zu Henrik Vanger�, antwortete Mikael.</p><p>Die Miene des Mannes hellte sich auf. Er l�chelte und streckte ihm die Hand entgegen.</p><p>�Sie m�ssen wohl Mikael Blomkvist sein, der Henrik bei seiner Familienchronik hilft?�</p><p>Mikael nickte und gab ihm die Hand. Henrik Vanger hatte offensichtlich angefangen, die <emphasis>cover story</emphasis> zu verbreiten, die Mikaels Aufenthalt in Hedestad erkl�ren sollte. Der Mann hatte �bergewicht - das Ergebnis vieler Jahre z�her Verhandlungen in B�ros und Sitzungsr�umen -, aber Mikael erkannte sofort die �hnlichkeit mit den Gesichtsz�gen auf Harriet Vangers Foto.</p><p>�Ich hei�e Martin Vanger�, best�tigte er. �Willkommen in Hedestad.�</p><p>�Danke.�</p><p>�Ich habe Sie vor einiger Zeit im Fernsehen gesehen.�</p><p>�Hier haben mich anscheinend alle im Fernsehen gesehen.�</p><p>�Wennerstr�m ist � nicht grade besonders popul�r in diesem Haus.�</p><p>�Henrik hat es schon erw�hnt. Ich warte auf den Rest der Geschichte.�</p><p>�Er hat mir erz�hlt, dass er Sie vor ein paar Tagen engagiert hat.� Martin Vanger lachte pl�tzlich. �Er meinte, wahrscheinlich h�tten Sie den Job hier oben wegen Wennerstr�m angenommen.�</p><p>Mikael z�gerte kurz, bevor er sich entschloss, die Wahrheit zu sagen.</p><p>�Das war ein wichtiger Grund. Aber ehrlich gesagt, musste ich einfach raus aus Stockholm, und da kam mir Hedestad gerade recht. Glaube ich. Ich kann auch nicht so tun, als h�tte es diesen Prozess nicht gegeben. Ich muss ins Gef�ngnis.�</p><p>Martin Vanger nickte und war pl�tzlich ganz ernst.</p><p>�K�nnen Sie Berufung einlegen?�</p><p>�Das hilft in diesem Fall nicht sonderlich viel.�</p><p>Martin Vanger sah auf seine Armbanduhr.</p><p>�Ich muss heute Abend in Stockholm sein und mich beeilen. In ein paar Tagen bin ich wieder zur�ck. Kommen Sie doch mal zum Abendessen zu mir r�ber. Ich w�rde furchtbar gerne h�ren, was bei dieser Verhandlung wirklich passiert ist.�</p><p>Sie sch�ttelten sich die H�nde, dann ging Martin Vanger an Mikael vorbei und �ffnete die T�r seines Volvo. Er dreht sich noch einmal um und rief Mikael zu: �Henrik ist oben. Gehen Sie einfach die Treppe hoch.�</p><p>Henrik Vanger sa� auf dem Sofa in seinem Arbeitszimmer. Eine Reihe Zeitungen lag vor ihm auf dem Tisch.</p><p>�Ich bin gerade Martin begegnet.�</p><p>�Da hetzt er davon, das Imperium zu retten�, sagte Henrik Vanger und hob die Thermoskanne. �Kaffee?�</p><p>�Danke, gern�, antwortete Mikael. Er nahm Platz und fragte sich, warum Henrik Vanger so am�siert aussah.</p><p>�Wie ich sehe, besch�ftigen sich die Zeitungen wieder mit Ihnen.�</p><p>Henrik Vanger schob ihm eine der Abendzeitungen zu, die bei der �berschrift �Medialer Kurzschluss� aufgeschlagen war. Der Artikel stammte von einem Kolumnisten mit gestreiftem Sakko, der fr�her f�r das Wirtschaftsmagazin <emphasis>Monopol</emphasis> gearbeitet hatte und sich den Ruf eines Experten erworben hatte, indem er in sp�ttischem Ton �ber alle herzog, die sich f�r etwas engagierten. Nun hatte er sich offensichtlich auf Medienkritik verlegt. Ein paar Wochen nach dem Prozess in der Wennerstr�m-Aff�re konzentrierte er all seine Energie auf Mikael Blomkvist, der namentlich als Vollidiot hingestellt wurde. Erika Berger hingegen lie� er aussehen wie eine dumme Blondine:</p><p><emphasis>Es geht das Ger�cht, dass</emphasis> Millennium <emphasis>auf den Ruin zusteuert, obwohl die Chefredakteurin eine Minirock tragende Feministin ist und st�ndig ihr Schmollm�ndchen in die Fernsehkameras h�lt. Das Magazin hat mehrere Jahre mit Hilfe des Images �berlebt, das die Redaktion in der �ffentlichkeit erfolgreich aufgebaut hatte - junge Journalisten, die Enth�llungsjournalismus betreiben und die B�sewichte der Gesch�ftswelt enttarnen. Dieser Werbetrick funktioniert vielleicht bei ahnungslosen jungen Leuten, die diese Art Message h�ren wollen, beim Amtsgericht funktioniert er jedoch nicht - wie Kalle Blomkvist k�rzlich selbst erfahren musste.</emphasis></p><p>Mikael schaltete sein Handy ein und sah nach, ob er einen Anruf von Erika erhalten hatte, aber das war nicht der Fall.  Henrik Vanger wartete wortlos, bis Mikael begriff, dass der alte Mann es ihm selbst �berlassen wollte, das Schweigen zu brechen.</p><p>�Ein Idiot ist das.�</p><p>Vanger lachte, kommentierte jedoch v�llig unsentimental: �Kann schon sein. Aber er ist nicht vom Amtsgericht verurteilt worden.�</p><p>�Stimmt. Und das wird er auch nie werden. Er ist Experte darin, selbst nie etwas Kontroverses zu �u�ern, daf�r andere umso ausgiebiger mit Schmutz zu bewerfen.�</p><p>�Solche habe ich zu meiner Zeit viele gesehen. Ein guter Rat - falls Sie einen von mir annehmen: Ignorieren Sie sein Gezeter, vergessen Sie nichts, und zahlen Sie es ihm zur�ck, sobald Sie die Gelegenheit dazu haben. Aber nicht jetzt, wo er die Oberhand hat.�</p><p>Mikael sah ihn fragend an.</p><p>�Ich habe im Laufe der Jahre viele Feinde gehabt. Eines habe ich dabei gelernt, n�mlich niemals zu k�mpfen, wenn man nur verlieren kann. Trotzdem darf man einem Menschen seine Beleidigungen nicht durchgehen lassen. Man muss den richtigen Augenblick abwarten und zur�ckschlagen, sobald man selbst am l�ngeren Hebel sitzt - auch wenn man dann nicht mehr zur�ckzuschlagen brauchte.�</p><p>�Danke f�r die Lehrstunde. Jetzt h�tte ich gerne, dass Sie mir von Ihrer Familie erz�hlen.� Mikael stellte ein Tonbandger�t auf den Tisch und dr�ckte die Aufnahmetaste.</p><p>�Was wollen Sie wissen?�</p><p>�Ich habe die erste Akte gelesen, �ber Harriets Verschwinden und die Suche in den ersten Tagen. Aber es tauchen so unendlich viele Vangers in den Texten auf, dass ich sie nicht mehr auseinanderhalten kann.�</p><p>Lisbeth Salander stand regungslos im leeren Treppenhaus und fixierte das Messingschild mit der Aufschrift <emphasis>Rechtsanwalt  N. E. Bjurman</emphasis>, bevor sie schlie�lich klingelte. Das T�rschloss klickte.</p><p>Es war Dienstag, es war die zweite Sitzung, und sie hatte b�se Vorahnungen.</p><p>Sie hatte keine Angst vor Anwalt Bjurman - Lisbeth Salander hatte fast vor nichts und niemand Angst. Der neue Betreuer hingegen fl��te ihr �u�erstes Unbehagen ein. Sein Vorg�nger, der Anwalt Holger Palmgren, war aus ganz anderem Holz geschnitzt gewesen, korrekt, h�flich und freundlich. Ihre Zusammenarbeit war vor drei Monaten beendet worden, als Palmgren einen Schlaganfall erlitt und Nils Erik Bjurman sie einer ihr unbekannten b�rokratischen Hackordnung gem�� �geerbt� hatte.</p><p>In den knapp zw�lf Jahren, in denen Lisbeth Salander in sozialer und psychiatrischer Betreuung gewesen war, darunter zwei Jahre in einer Kinderklinik, hatte sie niemals - nicht bei einer einzigen Gelegenheit - auch nur auf die einfache Frage �Wie geht es dir denn heute?� geantwortet.</p><p>Als sie dreizehn wurde, hatte das Gericht auf Grundlage des Gesetzes �ber die F�rsorge Minderj�hriger entschieden, dass sie auf der geschlossenen Station in der Kinderpsychiatrie der St.-Stefans-Klinik in Uppsala untergebracht werden sollte. Die Entscheidung gr�ndete darauf, dass sie als psychisch gest�rt eingestuft wurde und wegen ihrer Gewaltt�tigkeit als Gefahr f�r ihre Klassenkameraden und vielleicht sogar f�r sich selbst galt.</p><p>Diese Annahme gr�ndete eher auf empirischen Erkenntnissen als auf einer sorgf�ltig abw�genden Analyse. Jeder Arzt und jeder Vertreter einer Beh�rde, der versuchte, mit ihr ein Gespr�ch �ber ihre Gef�hle, ihr Seelenleben oder ihren Gesundheitszustand zu f�hren, stie� auf m�rrisches Schweigen. Sie starrte intensiv Boden, Decke und W�nde an, hielt die Arme konsequent vor der Brust verschr�nkt und weigerte sich, psychologische Tests zu absolvieren. Ihr totaler Widerstand gegen jeglichen Versuch, sie zu messen, wiegen, untersuchen, analysieren und zu erziehen, erstreckte sich auch auf den schulischen Bereich - die Beh�rden konnten sie wohl in ein Klassenzimmer transportieren und sie am Tisch festketten, aber das hielt sie nicht davon ab, die Ohren auf Durchzug zu schalten und sich zu weigern, einen F�ller in die Hand zu nehmen. Sie verlie� die Schule ohne ein Abschlusszeugnis.</p><p>Kurz und gut, Lisbeth Salander war alles andere als leicht zu handhaben.</p><p>Als sie dreizehn war, wurde ein Betreuer bestellt, der ihre Interessen wahrnehmen und ihr Verm�gen verwalten sollte, bis sie die Vollj�hrigkeit erreichte. Dieser Betreuer wurde Holger Palmgren, der trotz eines ziemlich komplizierten Starts tats�chlich Erfolg hatte, wo Psychiater und �rzte gescheitert waren: Er hatte nicht nur ein gewisses Vertrauen erworben, das st�rrische M�dchen hatte ihm sogar sp�rlich dosierte W�rme entgegengebracht.</p><p>Als sie f�nfzehn wurde, waren sich die �rzte mehr oder weniger einig, dass sie zumindest nicht gemeingef�hrlich oder eine unmittelbare Gefahr f�r sich selbst war. Da ihre Familie als dysfunktional definiert worden war und sie keine Verwandten hatte, die f�r ihr Wohlergehen h�tten sorgen k�nnen, hatte man beschlossen, Lisbeth Salander aus der Kinderpsychiatrie von St. Stefan in Uppsala zu entlassen und sie mittels einer Pflegefamilie wieder in die Gesellschaft einzugliedern.</p><p>Der Weg war nicht einfach gewesen. Von der ersten Pflegefamilie riss sie schon nach zwei Wochen aus. Pflegefamilie Nummer zwei und drei waren auch schnell abgehakt. Danach hatte Palmgren ein ernstes Gespr�ch mit ihr gef�hrt und ihr rundheraus erkl�rt, wenn sie weitermache wie bisher, w�rde sie zweifellos wieder in irgendeine Anstalt eingewiesen werden. Die versteckte Drohung hatte zur Folge, dass sie Pflegefamilie Nummer vier akzeptierte - ein �lteres Paar im Vorort Midsommarkransen.</p><p>Das bedeutete aber noch lange nicht, dass sie sich jetzt besser aufgef�hrt h�tte. Als Siebzehnj�hrige wurde sie viermal von der Polizei aufgegriffen, zweimal so schwer betrunken, dass sie in die Intensivstation eingeliefert werden musste, und einmal offensichtlich im Drogenrausch. Bei einer dieser Gelegenheiten hatte man sie sternhagelvoll und mit ungeordneter Kleidung auf dem R�cksitz eines Autos gefunden, das am S�der M�larstand parkte. Sie hatte sich in Gesellschaft eines ebenso betrunkenen und wesentlich �lteren Mannes befunden.</p><p>Das letzte Mal wurde sie aufgegriffen, als sie am Durchgang zur U-Bahn-Station Gamla Stan, drei Wochen vor ihrem achtzehnten Geburtstag, in n�chternem Zustand einem m�nnlichen Passanten Fu�tritte gegen den Kopf versetzt hatte. Der Vorfall endete damit, dass sie wegen K�rperverletzung festgenommen wurde. Salander hatte sich damit gerechtfertigt, dass der Mann sie befummelt h�tte, und da sie nach Statur und Aussehen eher f�r zw�lf als f�r achtzehn Jahre durchging, war sie der Meinung, der Mann habe p�dophile Neigungen. Ihre Aussage gegen�ber den Polizisten, die sie verh�rten, bestand zun�chst aus zwei S�tzen: �<emphasis>Er hat mich begrapscht. Beschissener Lustgreis</emphasis>.� Die Aussage wurde jedoch von Zeugen gest�tzt, sodass der Staatsanwalt die Sache fallen lie�.</p><p>Insgesamt war ihr Hintergrund aber solcherart, dass das Gericht eine psychiatrische Untersuchung anordnete. Da sie sich wie gewohnt weigerte, Fragen zu beantworten oder sich an den Untersuchungen zu beteiligen, f�llten die vom Gesundheits- und Sozialamt konsultierten �rzte schlie�lich ein Gutachten, das auf der �Beobachtung der Patientin� basierte. Was genau man an einer jungen Frau beobachten konnte, die mit verschr�nkten Armen und vorgeschobener Unterlippe auf einem Stuhl sa�, blieb unklar. Das rechtsmedizinische Gutachten pl�dierte f�r Betreuung in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt. Dieser Expertenmeinung schloss sich auch der  stellvertretende Chef des Sozialausschusses in seinem Gutachten an.</p><p>Mit Verweis auf ihren Lebenslauf stellte das Gutachten fest, dass eine <emphasis>gro�e Gefahr des Alkohol- oder Drogenmissbrauchs</emphasis> bestehe und sie offenbar <emphasis>keine Einsicht in ihr eigenes Handeln</emphasis> habe. Ihre Krankengeschichte war zu diesem Zeitpunkt voller belastender Formulierungen wie <emphasis>introvertiert, sozial gehemmt, Mangel an Empathie, egoistisch, psychopathisches und asoziales Verhalten, Schwierigkeiten bei der sozialen Zusammenarbeit</emphasis> und <emphasis>Lernunf�higkeit</emphasis>. Au�erdem wurde ihr vorgehalten, dass Streetworker sie mehrmals mit verschiedenen M�nnern in der Gegend um Mariatorget gesehen h�tten. Man nahm an, dass Lisbeth Salander sich m�glicherweise prostituierte oder in absehbarer Zeit Gefahr lief, dies zu tun.</p><p>Als das Gericht zusammentrat, um die Entscheidung zu f�llen, schien der Ausgang von vornherein klar. Sie war ein Problemkind, und es war unwahrscheinlich, dass das Gericht von der Empfehlung der rechtspsychiatrischen und sozialen Gutachten abweichen w�rde.</p><p>Am Morgen, bevor das Gericht zusammentreten sollte, wurde Lisbeth Salander aus der Kinderpsychiatrie abgeholt, in der sie seit dem Vorfall in Gamla Stan eingesperrt gewesen war. Der Erste, den sie im Gerichtssaal erblickte, war Holger Palmgren, und es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass er an jenem Tag nicht in seiner Eigenschaft als Vormund auftrat, sondern als ihr Anwalt und juristischer Vertreter. Sie bekam eine ganz neue Seite an ihm zu sehen.</p><p>Zu ihrer Verwunderung hatte Palmgren sich eindeutig auf ihre Seite geschlagen und vehement dem Vorschlag widersprochen, sie in eine Anstalt zu �berf�hren. Sie hatte ihre �berraschung nicht einmal durch eine hochgezogene Augenbraue kundgetan, aber sie h�rte jedem Wort mit gespanntester Aufmerksamkeit zu. Palmgren gl�nzte mit einem zweist�ndigen Kreuzverh�r des Arztes, eines Dr. Jesper H. L�derman, der seinen Namen unter die Empfehlung gesetzt hatte, dass man Salander in eine Anstalt sperren sollte. Jedes Detail des Gutachtens wurde streng �berpr�ft und der Arzt gebeten, den wissenschaftlichen Grund jeder Behauptung zu erl�utern. Schlie�lich trat offen zutage, dass die Schlussfolgerungen der �rzte nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auf Vermutungen basierten, da die Patientin sich geweigert hatte, auch nur einen einzigen Test zu absolvieren.</p><p>Am Ende der Verhandlung hatte Palmgren darauf hingewiesen, dass eine Zwangseinweisung nicht nur mit gro�er Wahrscheinlichkeit gegen einen Reichstagsbeschluss �ber derartige F�lle verstie�, sondern sogar politische und mediale Repressalien nach sich ziehen k�nnte. Es liege also im Interesse aller Beteiligten, eine passende Alternative zu finden. Die Wortwahl war ungew�hnlich f�r Verhandlungen dieser Art, und die Mitglieder des Gerichts wanden sich unruhig auf ihren St�hlen.</p><p>Die L�sung war ein Kompromiss. Das Gericht konstatierte, dass Lisbeth Salander psychisch krank, eine Einweisung in eine Anstalt jedoch nicht n�tig sei. Allerdings folgte man der Empfehlung des Sozialausschusses, einen umfassenden Betreuer einzusetzen. Woraufhin sich der Vorsitzende mit giftigem L�cheln an Holger Palmgren wandte, der bis dahin nur ihr Teilbetreuer gewesen war, und ihn fragte, ob er willens sei, diese Aufgabe zu �bernehmen. Es war offensichtlich, dass der Vorsitzende geglaubt hatte, Palmgren w�rde einen R�ckzieher machen und versuchen, die Verantwortung jemand anders zuzuschieben. Aber der Anwalt hatte erkl�rt, dass er mit Vergn�gen die Aufgabe �bernehmen w�rde, Frau Salander als umfassender Betreuer zu dienen - unter einer Bedingung.</p><p>�Das setzt nat�rlich voraus, dass Frau Salander Vertrauen zu mir hat und mich als ihren umfassenden Betreuer akzeptiert.�</p><p>Er hatte sich direkt an sie gewandt. Lisbeth Salander war ein wenig verwirrt von dem Schlagabtausch, dem sie den ganzen Tag �ber gelauscht hatte. Bis zu diesem Moment hatte sie keiner nach ihrer Meinung gefragt. Sie sah Holger Palmgren lange an und nickte dann einmal.</p><p>Palmgren war eine bemerkenswerte Mischung aus Jurist und Sozialarbeiter der alten Schule. Fr�her war er politischer Abgeordneter im Sozialausschuss gewesen und hatte fast sein gesamtes Leben der Arbeit mit schwierigen Jugendlichen gewidmet. Zwischen dem Rechtsanwalt und seinem mit Abstand schwierigsten Sch�tzling war ein verquerer Respekt entstanden, der fast schon an Freundschaft grenzte.</p><p>Ihr Verh�ltnis w�hrte insgesamt elf Jahre, von ihrem dreizehnten Geburtstag bis zu jenem Tag, ein paar Wochen vor Weihnachten, als sie Palmgren zu Hause aufsuchte, weil er zu einem ihrer monatlichen Treffen nicht erschienen war. Als er nicht aufmachte, obwohl sie Ger�usche aus der Wohnung h�rte, stieg sie bei ihm ein, indem sie die Regenrinne bis zum Balkon im dritten Stock hochkletterte. Sie hatte ihn im Flur liegend gefunden, bei Bewusstsein zwar, aber nach einem schweren Schlaganfall unf�hig zu sprechen oder sich zu bewegen. Er war erst vierundsechzig Jahre alt. Sie hatte einen Krankenwagen gerufen und war mit ins S�der-Krankenhaus gefahren, w�hrend ihr die wachsende Panik den Hals zuschn�rte. Knapp drei Tage hatte sie den Flur der Intensivstation kaum verlassen. Wie ein treuer Wachhund hatte sie jeden Schritt der �rzte und Krankenschwestern �berwacht. Zu guter Letzt hatte ein Arzt, dessen Namen sie nie erfuhr, sie in ein Zimmer mitgenommen und ihr den Ernst der Situation auseinandergesetzt. Holger Palmgrens Zustand war nach einer schweren Gehirnblutung sehr kritisch. Man glaubte nicht, dass er wieder aufwachen w�rde. Sie hatte weder geweint noch eine Miene verzogen. Sie war aufgestanden, hatte  das Krankenhaus verlassen und war nie wieder zur�ckgekommen.</p><p>F�nf Wochen sp�ter hatte das Vormundschaftsgericht Lisbeth Salander zum ersten Treffen mit ihrem neuen Betreuer bestellt. Sie wollte die Einladung einfach ignorieren, doch Holger Palmgren hatte ihr eingetrichtert, dass jede Handlung Konsequenzen hat. Zu jenem Zeitpunkt hatte sie bereits gelernt, diese Konsequenzen zu analysieren, bevor sie handelte. Nach genauerem Nachdenken war sie zu dem Schluss gekommen, dass der einzige Ausweg aus dem Dilemma darin lag, so zu handeln, als w�rde sie die Autorit�t des Vormundschaftsgerichts anerkennen.</p><p>Also hatte sie sich im Dezember brav in Bjurmans Kontor am St.-Eriks-Platz eingefunden, wo eine �ltere Dame im Namen des Vormundschaftsgerichts Salanders umfassende Mappe an Rechtsanwalt Bjurman �bergeben hatte. Die Dame hatte sie freundlich gefragt, wie es ihr ginge, und schien Lisbeths dumpfes Schweigen als zufriedenstellende Antwort zu akzeptieren. Nach ungef�hr einer halben Stunde hatte sie Salander in Bjurmans Obhut zur�ckgelassen.</p><p>F�nf Sekunden nach ihrem ersten H�ndesch�tteln hatte Lisbeth Salander eine Abneigung gegen Anwalt Bjurman gefasst.</p><p>Sie beobachtete ihn, w�hrend er ihre Akte durchging. Alter f�nfzig aufw�rts. Durchtrainierter K�rper, dienstags und freitags Tennis. Blond. D�nnes Haar. Leichtes Gr�bchen am Kinn. Riecht nach Boss. Blauer Anzug. Roter Schlips mit goldener Nadel und geckenhafte Manschettenkn�pfe mit den Buchstaben NEB. Brille mit Stahlrahmen. Graue Augen. Nach den Zeitschriften auf einem Beistelltischchen zu urteilen, interessierte er sich f�r Jagd und Schie�en.</p><p>W�hrend des Jahrzehnts, als sie sich mit Palmgren traf, hatte er ihr immer Kaffee angeboten und sich mit ihr unterhalten. Nicht einmal ihre Fluchten von ihren Pflegefamilien  oder ihr systematisches Schuleschw�nzen hatten ihn aus der Fassung bringen k�nnen. Palmgren war nur ein einziges Mal aus der Haut gefahren: als der schleimige Typ in Gamla Stan sie begrapscht hatte und sie wegen K�rperverletzung festgenommen wurde.</p><p>Bjurman hatte nicht viel f�r Small Talk �brig. Er hatte sofort festgestellt, dass zwischen Palmgrens Verpflichtungen und der Tatsache, dass er es Lisbeth Salander anscheinend selbst �berlassen hatte, sich um ihren Haushalt und ihre Finanzen zu k�mmern, eine gro�e Diskrepanz herrschte. Er hatte sie nach Strich und Faden verh�rt: <emphasis>Wie viel verdienen Sie? Ich m�chte Kopien ihrer Buchf�hrung. Mit was f�r Leuten treffen Sie sich? Bezahlen Sie Ihre Miete rechtzeitig? Trinken Sie Alkohol? Fand Palmgren diese Ringe in Ordnung, die Sie da im Gesicht tragen? K�nnen Sie sich selbst um Ihre Hygiene k�mmern?</emphasis></p><p><emphasis>Fuck you.</emphasis></p><p>Palmgren hatte darauf bestanden, sie mindestens einmal im Monat zu treffen, manchmal �fter. Seit sie in die Lundagatan zur�ck gezogen war, waren sie au�erdem fast Nachbarn gewesen. Er wohnte in der Hornsgata nur ein paar Bl�cke weiter, und in regelm��igen Abst�nden waren sie sich zuf�llig �ber den Weg gelaufen und hatten einen Kaffee zusammen getrunken. Palmgren hatte sich nie aufgedr�ngt, sie jedoch an ihrem Geburtstag einmal mit einem kleinen Geschenk �berrascht. Er hatte sie eingeladen, ihn jederzeit zu besuchen, ein Privileg, das sie selten nutzte, aber seit sie nach S�der gezogen war, hatte sie Heiligabend nach dem Besuch bei ihrer Mutter immer bei ihm gefeiert. Sie a�en dann Weihnachtsschinken und spielten Schach. Sie interessierte sich nicht im Geringsten f�r dieses Spiel, doch sobald sie die Regeln gelernt hatte, verlor sie nicht eine einzige Partie. Er war Witwer, und Lisbeth hatte es als ihre Pflicht betrachtet, sich an solch einsamen Feiertagen seiner anzunehmen.</p><p>Sie fand, das war sie ihm schuldig. Und ihre Rechnungen pflegte sie zu bezahlen.</p><p>Palmgren hatte die Wohnung ihrer Mutter in der Lundagata f�r sie vermietet, bis Lisbeth eine eigene Wohnung brauchte. Die 49 m2 gro�e Wohnung war lange nicht mehr renoviert worden und ziemlich heruntergekommen, aber sie bedeutete erst einmal ein Dach �ber dem Kopf.</p><p>Jetzt war Palmgren fort, und eine weitere Verbindung zur etablierten Gesellschaft war gekappt worden. Nils Bjurman war ein ganz anderer Typ Mensch. Sie hatte nicht vor, ihren Heiligabend bei ihm zu verbringen. Seine erste Ma�nahme bestand darin, neue Regeln f�r den Umgang mit ihrem Gehaltskonto bei der Handelsbank einzuf�hren. Palmgren hatte das Gesetz gro�z�gig ausgelegt und es ihr unbek�mmert �berlassen, sich um ihre Finanzen zu k�mmern. Sie bezahlte ihre Rechnungen also selbst und konnte �ber ihr Sparguthaben verf�gen, wie sie wollte.</p><p>Bei dem Treffen mit Bjurman in der Woche vor Weihnachten hatte sie ihm ganz vern�nftig zu erkl�ren versucht, dass sein Vorg�nger ihr vertraut und keinen Anlass gehabt hatte, an ihr zu zweifeln. Dass Palmgren sie ihr Leben selbst hatte regeln lassen, ohne sich in ihre Privatsph�re einzumischen.</p><p>�Das ist eines der Probleme�, entgegnete Bjurman und klopfte auf ihre Akte. Er hielt eine l�ngere Rede �ber die Vorschriften und staatlichen Verordnungen, die f�r einen rechtlichen Betreuer galten, und verk�ndete dann, dass er neue Spielregeln einf�hren werde.</p><p>�Er hat Sie an der langen Leine laufen lassen, wenn ich das richtig verstehe. Ich frage mich, wie er damit davonkommen konnte.�</p><p>�Ich bin kein Kind mehr�, sagte Lisbeth Salander, als w�re das eine ausreichende Erkl�rung.</p><p>�Nein, Sie sind kein Kind. Aber ich bin zum Betreuer f�r Sie  bestellt worden, und solange ich das bin, bin ich auch juristisch und finanziell f�r Sie in der Verantwortung.�</p><p>Als Erstes er�ffnete er ein neues Konto in ihrem Namen, das sie Milton als Gehaltskonto melden sollte und von dem zuk�nftig ihre laufenden Ausgaben bestritten werden w�rden. In Zukunft w�rde Bjurman ihre Rechnungen begleichen und ihr monatlich eine gewisse Summe als Taschengeld auszahlen. Er erwartete von ihr, dass sie �ber ihre Ausgaben Buch f�hrte und ihm ihre Belege ablieferte. Er setzte fest, dass sie 1400 Kronen pro Woche bekommen sollte - �f�r Essen, Kleidung, Kinobesuche und solche Dinge�.</p><p>Je nachdem, wie viel Arbeit sie annahm, verdiente Lisbeth Salander bis zu 160 000 Kronen im Jahr. Sie h�tte den Betrag leicht verdoppeln k�nnen, indem sie sich Vollzeit bezahlen lie� und alle Auftr�ge annahm, die Dragan Armanskij ihr anbot. Aber sie hatte wenig feste Kosten und gab ansonsten nicht viel Geld aus. Die Kosten f�r die Wohnung lagen bei 2000 Kronen pro Monat, und trotz bescheidener Eink�nfte hatte sie 90 000 Kronen auf ihrem Sparkonto - auf das sie allerdings keinen Zugriff mehr hatte.</p><p>�Weil ich f�r Ihr Geld verantwortlich bin�, erkl�rte er ihr. �Sie m�ssen Geld f�r die Zukunft beiseitelegen. Aber keine Sorge, ich k�mmere mich um alles.�</p><p><emphasis>Ich hab mich um mich selbst gek�mmert, seit ich zehn bin, du beschissener Saftsack!</emphasis></p><p>�Sie funktionieren sozial so weit, dass Sie in keine Anstalt eingewiesen werden m�ssen, aber die Gesellschaft ist f�r Sie verantwortlich.�</p><p>Er hatte sie gr�ndlich ausgefragt, worin ihre Aufgaben bei Milton Security bestanden. Instinktiv hatte sie ihn �ber ihre Besch�ftigung belogen. Die Antwort, die sie ihm gab, war eine Beschreibung ihrer ersten Wochen bei Milton. Anwalt Bjurman musste also glauben, dass sie Kaffee kochte und die Post sortierte - die passende Besch�ftigung f�r eine Person, die  nicht alle Tassen im Schrank hatte. Er schien mit ihrer Antwort zufrieden zu sein.</p><p>Sie wusste nicht, warum sie ihn belogen hatte, war aber �berzeugt, dass es eine kluge Entscheidung war. H�tte Anwalt Bjurman auf einer Liste vom Aussterben bedrohter Insektenarten gestanden, h�tte sie ihn bedenkenlos mit ihrem Absatz zerquetscht.</p><p>Mikael Blomkvist hatte f�nf Stunden in Henrik Vangers Gesellschaft verbracht und verwendete den Gro�teil der Nacht und den gesamten Dienstag darauf, seine Notizen ins Reine zu schreiben und die Genealogie der Vangers in eine verst�ndliche �bersicht zu bringen. Die Familiengeschichte, die sich im Gespr�ch mit Henrik Vanger herauskristallisierte, unterschied sich dramatisch von der offiziellen Version. Mikael wusste, dass jede Familie eine Leiche im Keller hat. Aber die Familie Vanger hatte einen ganzen Friedhof.</p><p>Mikael musste sich selbst immer wieder daran erinnern, dass sein Auftrag eigentlich nicht darin bestand, die Biografie der Familie Vanger zu schreiben, sondern herauszufinden, was mit Harriet Vanger passiert war. Er hatte den Job in dem sicheren Glauben angenommen, dass er dabei praktisch auf seinen vier Buchstaben sitzen und ein Jahr vergeuden w�rde, dass die Recherchen, die er f�r Henrik Vanger betrieb, eigentlich herzlich sinnlos waren. Nach einem Jahr w�rde er sein wahnwitziges Honorar einstreichen - der Vertrag, den Dirch Frode aufgesetzt hatte, war unterzeichnet. Sein eigentlicher Lohn, so hoffte er, w�rde in der Information �ber Hans-Erik Wennerstr�m bestehen, die Henrik Vanger angeblich besa�.</p><p>Nachdem er Vanger zugeh�rt hatte, d�mmerte ihm, dass er das Jahr keineswegs vergeudete. Ein Buch �ber die Familie Vanger hatte auch seinen Wert - es war ganz einfach eine gute Story.</p><p>Dass er Harriets M�rder finden w�rde, daran glaubte er nicht. Mikael teilte Henriks Meinung, dass die Wahrscheinlichkeit gegen null ging, dass ein sechzehnj�hriges M�dchen aus eigenem Antrieb verschwinden und sich dann allen b�rokratischen �berwachungssystemen zum Trotz sechsunddrei�ig Jahre versteckt halten konnte. Er wollte jedoch nicht ausschlie�en, dass Harriet davongelaufen war. Auf dem Weg nach Stockholm konnte ihr etwas zugesto�en sein - Drogen, Prostitution, ein �berfall oder vielleicht schlicht und einfach ein Unfall.</p><p>Henrik Vanger war hingegen �berzeugt, dass sie von einem Familienmitglied ermordet worden war - eventuell mit Beihilfe eines anderen.</p><p>Erika hatte recht gehabt, als sie sagte, dass sein Auftrag jedem gesunden Menschenverstand spottete, wenn er denn wirklich einen ungel�sten Mordfall aufkl�ren sollte. Mikael Blomkvist begriff jedoch langsam, dass Harriets Schicksal in den vergangenen sechsunddrei�ig Jahren eine zentrale Rolle f�r die gesamte Familie gespielt hatte. Ob er nun recht hatte oder nicht, Henrik Vangers Beschuldigung seiner Verwandtschaft hatte die Familiengeschichte gepr�gt. Diese mehr als drei�ig Jahre offen ausgesprochenen Anschuldigungen hatten zu einer Frontenbildung gef�hrt, die den Konzern destabilisierte. Einer Studie �ber Harriets Verschwinden w�rde somit die Funktion eines ganz eigenen Kapitels zukommen. Ob Harriets Verschwinden sein vorrangiger Auftrag war, oder ob er sich damit begn�gte, eine Familienchronik zu schreiben, nahe liegender Ausgangspunkt f�r beides war eine Bestandsaufnahme der beteiligten Personen. Darum hatte sich sein Gespr�ch mit Henrik Vanger gedreht.</p><p>Die Familie Vanger bestand aus zirka hundert Personen, Vettern dritten Grades und die Nachkommenschaft s�mtlicher Kusinen mit eingerechnet. Die Personengalerie war so umfangreich, dass Mikael sich eine Datenbank in seinem iBook einrichten musste.</p><p>Die Herkunft der Familie konnte mit Sicherheit bis ins fr�he 16. Jahrhundert zur�ckverfolgt werden, damals lautete ihr Name noch Vangeersad. Laut Henrik Vanger stammte der Name m�glicherweise vom holl�ndischen �van Geerstad�. Falls das stimmen sollte, konnte das Geschlecht bis ins 12. Jahrhundert nachgewiesen werden.</p><p>In modernerer Zeit stammte die Familie aus Nordfrankreich und war Anfang des 19. Jahrhunderts mit Jean Baptiste Bernadotte nach Schweden gekommen. Alexandre Vangeersad hatte einen Posten beim Milit�r innegehabt und war nicht pers�nlich mit dem K�nig bekannt. Er hatte sich jedoch als t�chtiger Garnisonschef hervorgetan und bekam 1818 den Hedeby-Hof zum Dank f�r seine Verdienste. Alexandre Vangeersad besa� auch eigenes Geld und hatte damit betr�chtliche Waldgebiete in Norrland gekauft. Sein Sohn Adrian war in Frankreich zur Welt gekommen, zog aber auf Bitten seines Vaters in das entlegene Nest Hedeby, weit weg von den Salons in Paris, um sich um die Verwaltung des Hofes zu k�mmern. Er betrieb Land- und Forstwirtschaft mit neuen Methoden, die er vom Kontinent mitgebracht hatte, und gr�ndete die Papierfabrik, um die herum sich sp�ter Hedestad gebildet hatte.</p><p>Alexandres Enkel hie� Henrik und hatte seinen Namen zu Vanger abgek�rzt. Er begann mit Russland Handel zu treiben und gr�ndete eine kleine Handelsflotte, die Mitte des 19. Jahrhunderts Schoner ins Baltikum, nach Deutschland und das f�r seine Stahlindustrie bekannte England schickte. Henrik Vanger (der �ltere) baute das Familienunternehmen aus und begann in kleinem Rahmen mit dem Bergbau und den ersten Metall verarbeitenden Betrieben in Norrland. Er hinterlie� zwei S�hne, Birger und Gottfried, und diese beiden machten Vanger zum Finanzimperium.</p><p>�Kennen Sie sich mit altem Erbrecht aus?�, fragte Henrik Vanger.</p><p>�Darauf bin ich nicht unbedingt spezialisiert.�</p><p>�Verstehe ich. Ich komme damit auch durcheinander. Birger und Gottfried waren entsprechend unserer Familientradition wie Hund und Katz - legend�re Konkurrenten um Macht und Einfluss im Familienunternehmen. Der Machtkampf wuchs sich in vielerlei Hinsicht zur Belastung aus, die das �berleben des Unternehmens gef�hrdete. Daher beschloss ihr Vater - kurz vor seinem Tod - ein System, in dem alle Familienmitglieder einen Erbteil - einen Anteil - an der Firma bekommen sollten. Der Gedanke war sicher richtig, aber er f�hrte eine Situation herbei, in der wir unsere Unternehmensspitze aus den Familienmitgliedern rekrutierten, die ein paar Prozent Stimmanteile hielten, anstatt f�hige Leute und eventuell Partner von au�en in die Firma zu holen.�</p><p>�Diese Regelung gilt heute noch?�</p><p>�Ja. Wenn ein Familienmitglied seinen Anteil verkaufen will, muss er das innerhalb der Familie tun. Auf der j�hrlichen Eigent�merversammlung kommen derzeit ungef�hr f�nfzig Familienmitglieder zusammen. Martin h�lt knapp zehn Prozent der Aktien, ich f�nf, weil ich unter anderem an Martin verkauft habe. Mein Bruder Harald hat sieben Prozent, aber die meisten Teilnehmer der Versammlung haben nur ein oder ein halbes Prozent.�</p><p>�Davon wusste ich tats�chlich nichts. Klingt irgendwie mittelalterlich.�</p><p>�Es ist der reinste Irrwitz. Wenn Martin eine gewisse Gesch�ftspolitik verfolgen will, dann muss er zuerst einmal Lobbyarbeit betreiben, um sich die Unterst�tzung von mindestens zwanzig bis f�nfundzwanzig Prozent der Teilhaber zu sichern. Das Ganze ist ein einziger Flickenteppich aus Allianzen, Fraktionen und Intrigen.�</p><p>Henrik Vanger fuhr fort: �Gottfried Vanger starb 1901, kinderlos. Oh, entschuldigen Sie, er hatte nat�rlich vier T�chter, aber in dieser Zeit z�hlten die Frauen quasi nicht. Sie hatten Firmenanteile, aber die M�nner in der Familie nahmen ihre Interessen wahr. Erst als Anfang des 20. Jahrhunderts das Wahlrecht eingef�hrt wurde, erhielten die Frauen Zutritt zu den Eigent�merversammlungen.�</p><p>�Wie liberal.�</p><p>�Seien Sie nicht ironisch. Es war eine andere Zeit. Wie auch immer, sein Bruder Birger Vanger bekam drei S�hne - Johan, Fredrik und Gideon Vanger -, die alle Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurden. Gideon Vanger k�nnen wir beiseitelassen, der verkaufte seinen Anteil und ging nach Amerika, wo wir immer noch einen Familienzweig haben. Aber Johan und Fredrik Vanger machten aus dem Unternehmen den modernen Vanger-Konzern.�</p><p>Henrik Vanger holte ein Fotoalbum hervor. Die Fotos vom Anfang des vorigen Jahrhunderts zeigten zwei M�nner mit kr�ftigem Kinn und mit Wasser gek�mmtem Haar, die ohne die geringste Andeutung eines L�chelns in die Kamera starrten.</p><p>Johan Vanger war das Genie der Familie: Er wurde Ingenieur und brachte die Maschinenbauindustrie durch mehrere Erfindungen voran, die er sich patentieren lie�. Stahl und Eisen wurden das Fundament des Konzerns, aber das Unternehmen weitete sich auch auf andere Bereiche aus, Textil zum Beispiel. Johan Vanger starb 1956 und hatte zu diesem Zeitpunkt drei T�chter - Sofia, M�rit und Ingrid -, die ersten Frauen, die automatisch an den Eigent�merversammlungen des Konzerns teilnahmen.</p><p>�Der andere Bruder, Fredrik Vanger, war mein Vater. Er war Gesch�ftsmann und Industrieller, der aus Johans Erfindungen Kapital schlug. Mein Vater starb 1964. Er war bis zu seinem Tod in der Gesch�ftsleitung aktiv, obwohl er mir bereits in den f�nfziger Jahren das Tagesgesch�ft �berlie�.</p><p>Es war genau wie bei der vorigen Generation. Johan Vanger bekam nur T�chter.�</p><p>Henrik Vanger zeigte Fotos von Frauen mit stattlichen B�sten und ausladenden H�ten. �Fredrik, mein Vater, bekam nur S�hne. Wir waren insgesamt f�nf Br�der. Und zwar Richard, Harald, Greger, Gustav und ich.�</p><p>Um die Familienmitglieder �berhaupt auseinanderhalten zu k�nnen, zeichnete Mikael einen Familienstammbaum auf ein paar zusammengeklebte A4-Bl�tter. Er druckte die Namen derjenigen fett, die beim Familientreffen 1966 auf der Insel gewesen waren und somit zumindest theoretisch etwas mit Harriets Verschwinden zu tun haben konnten.</p><p>Mikael lie� Kinder unter zw�lf Jahren au�er Acht - was auch immer geschehen sein mochte, er wollte sich auf L�sungsans�tze beschr�nken, die im Bereich des Plausiblen lagen. Nach kurzer �berlegung strich er auch Henrik Vanger - wenn der Patriarch etwas mit dem Verschwinden seiner Gro�nichte zu tun gehabt h�tte, w�re sein Verhalten w�hrend der letzten sechsunddrei�ig Jahre als psychopathisch zu werten. Auch Henrik Vangers Mutter, die 1966 stolze einundachtzig Jahre alt gewesen war, konnte er getrost vernachl�ssigen. Blieben dreiundzwanzig Familienmitglieder, die laut Henrik Vanger zur Gruppe der �Verd�chtigen� gerechnet werden mussten. Sieben von ihnen waren mittlerweile gestorben, einige andere hatten ein respektables Alter erreicht.</p><p>Mikael war jedoch nicht ohne Weiteres bereit, zu glauben, dass ein Mitglied der Familie hinter Harriets Verschwinden steckte. Man musste der Liste der Verd�chtigen vielmehr eine Reihe anderer Personen hinzuf�gen.</p><p>Dirch Frode hatte 1962 begonnen, als Rechtsanwalt f�r Henrik Vanger zu arbeiten. Und wer geh�rte zum Personal, als Harriet verschwand? Hausmeister Gunnar Nilsson - Alibi hin oder her - war damals neunzehn, und sein Vater Magnus Nilsson hatte sich ebenso auf der Insel befunden wie der  K�nstler Eugen Norman und der Pastor Otto Falk. War Falk verheiratet? Auch der Bauer auf �sterg�rden und sein Sohn Jerker waren auf der Insel gewesen. Welches Verh�ltnis hatte Harriet zu ihnen gehabt? War Martin Aronsson verheiratet? Gab es noch weitere Bewohner auf dem Hof?</p><p><image l:href="#1"/></p><p>Mikael fing an, alle Namen aufzuschreiben, und die Gruppe wuchs auf ungef�hr vierzig Personen an. Schlie�lich warf er frustriert den Filzstift beiseite. Es war schon halb vier Uhr morgens, und das Thermometer zeigte weiterhin 21 Grad minus. Schien wohl eine etwas l�ngere K�ltewelle zu werden. Er sehnte sich nach seinem Bett in der Bellmansgata in Stockholm.</p><p>Mikael Blomkvist wurde am Mittwochmorgen um 9 Uhr geweckt, als ein Mitarbeiter der Firma Telia an der T�r klopfte und eine Telefondose und ein ADSL-Modem installierte. Um 11 Uhr hatte er seinen Anschluss. Dennoch schwieg sein Telefon immer noch beharrlich. Erika hatte seine Anrufe seit einer Woche nicht beantwortet. Sie musste wirklich sauer sein.</p><p>Er �ffnete seine Mailbox und sah die gut dreihundertf�nfzig Mails durch, die im Laufe der letzten Woche eingegangen waren. Die erste Mail, die er �ffnete, kam von �demokrat88@yahoo.com� und enthielt die Message HOFFENTLICH LASSEN SIE DICH IM KNAST SCHW�NZE LUTSCHEN VERDAMMTES KOMMUNISTENSCHWEIN. Mikael speicherte die Mail in einem Ordner mit dem Namen <emphasis>Intelligente Kritik</emphasis>.</p><p>Er schrieb eine kurze Nachricht an �erika.berger@millennium. se�.</p><p><emphasis>Hallo, Ricky, ich nehme an, du bist stinksauer auf mich, weil du so gar nicht zur�ckrufst. Ich wollte dir nur mitteilen, dass ich jetzt Internetanschluss habe und per  Mail erreichbar bin, f�r den Fall, dass du mir verzeihen willst. Hedeby ist �brigens ein nettes Fleckchen, das durchaus einen Besuch wert ist. M.</emphasis></p><p>Gegen Mittag packte er sein iBook ein und ging in Susannes Caf�, wo er sich an seinem angestammten Ecktisch niederlie�. Als Susanne ihm Kaffee und ein belegtes Br�tchen brachte, musterte sie neugierig den Laptop und fragte ihn, woran er arbeite. Mikael brachte zum ersten Mal seine <emphasis>cover story</emphasis> an und erkl�rte ihr, dass er von Henrik Vanger angeheuert worden war, ihm beim Verfassen seiner Biografie zu helfen. Sie tauschten H�flichkeiten aus. Susanne forderte Mikael auf, sich mit ihr zusammenzusetzen, wenn er an echten Enth�llungen interessiert sei.</p><p>�Ich habe die Vangers f�nfunddrei�ig Jahre lang bedient und kenne die meisten Ger�chte �ber die Familie�, sagte sie, bevor sie mit ihrem wiegenden Gang in der K�che verschwand.</p><p>Der Stammbaum, den Mikael gezeichnet hatte, zeigte, dass die Familie Vanger ein fruchtbares Geschlecht war. Mit allen Kindern, Enkeln und Urenkeln - die er erst gar nicht eingezeichnet hatte - kamen die Br�der Fredrik und Johan Vanger auf ungef�hr f�nfzig Nachfahren. Mikael stellte auch fest, dass die Familienmitglieder tendenziell sehr alt wurden. Fredrik Vanger war achtundsiebzig Jahre alt geworden, sein Bruder Johan zweiundsiebzig. Ulrika Vanger war mit vierundachtzig Jahren gestorben. Von den zwei noch lebenden Br�dern war Harald Vanger zweiundneunzig Jahre alt und Henrik Vanger zweiundachtzig.</p><p>Die einzige Ausnahme war Henrik Vangers Bruder Gustav, der im Alter von siebenunddrei�ig Jahren an einer Lungenkrankheit verstorben war. Henrik Vanger erkl�rte, dass Gustav immer gekr�nkelt habe und seine eigenen Wege gegangen sei, ein bisschen abseits vom Rest der Familie. Er war unverheiratet und kinderlos geblieben.</p><p>Mikael bemerkte noch zwei andere Besonderheiten im Familienstammbaum. Zum Ersten, dass die Ehen auf Lebenszeit geschlossen wurden - anscheinend hatte sich keiner aus dem Geschlecht der Vangers jemals scheiden lassen oder ein zweites Mal geheiratet, wenn der Partner etwa in jungen Jahren verstorben war. Cecilia Vanger hatte sich vor mehreren Jahren von ihrem Mann getrennt, war aber immer noch verheiratet, soweit Mikael das nachvollziehen konnte.</p><p>Die andere Besonderheit lag darin, dass die Familie sich geografisch in einen �m�nnlichen� und einen �weiblichen� Teil aufspaltete. Fredrik Vangers Zweig der Familie, zu dem auch Henrik Vanger geh�rte, hatte traditionell eine f�hrende Rolle im Unternehmen gespielt und war haupts�chlich in und um Hedestad ans�ssig. Johan Vangers Zweig, der nur weibliche Erben hervorgebracht hatte, war durch Heirat in andere Landesteile verschlagen worden. Die Erbinnen wohnten haupts�chlich in Stockholm, Malm� und G�teborg oder im Ausland und kamen nur in den Sommerferien oder f�r wichtige Versammlungen des Konzerns nach Hedestad. Einzige Ausnahme war Ingrid Vanger, deren Sohn Gunnar Karlman in Hedestad lebte. Er war Chefredakteur der Lokalzeitung <emphasis>Hedestads-Kuriren</emphasis>.</p><p>Henrik nahm an, das �zugrunde liegende Motiv f�r den Mord an Harriet� sei vielleicht in der Unternehmensstruktur zu suchen. Da war die Tatsache, dass Henrik Harriet schon fr�hzeitig als etwas ganz Besonderes herausgestellt hatte. Vielleicht hatte man durch Harriets Verschwinden ihm einen Schlag versetzen wollen. Oder Harriet hatte irgendwelche Informationen besessen, die den Konzern betrafen und damit eine Drohung f�r jemand darstellten. Das alles war nichts als vage Spekulation, gleichwohl hatte er auf diese Art einen Kreis  von dreizehn Personen herausgearbeitet, die er als �besonders interessant� einstufte.</p><p>Das gestrige Gespr�ch mit Henrik Vanger war in einem anderen Punkt sehr aufschlussreich gewesen. Vom ersten Moment an, schon bei ihrem Treffen am 26. Dezember, hatte der alte Mann so ver�chtlich und absch�tzig �ber seine Familie geredet, dass Mikael sich gefragt hatte, ob der Verdacht gegen seine Familie, Harriets Verschwinden betreffend, das Urteilsverm�gen des Patriarchen getr�bt haben mochte. Aber nun ging ihm langsam auf, dass Henrik Vanger die Dinge tats�chlich verbl�ffend n�chtern beurteilte.</p><p>Das Bild, das sich herauskristallisierte, zeigte eine Familie, die sozial und finanziell erfolgreich dastand, in allt�glichen Belangen jedoch v�llig versagte.</p><p>Henrik Vangers Vater war ein kalter und gef�hlloser Mensch, der seine Kinder zeugte und seiner Frau dann die Sorge um ihre Erziehung und ihr Wohlbefinden �berlie�. Bis die Kinder f�nfzehn, sechzehn Jahre alt waren, begegneten sie ihrem Vater haupts�chlich bei besonderen Familienveranstaltungen, bei denen sie gef�lligst anwesend und gleichzeitig unsichtbar zu sein hatten. Henrik Vanger konnte sich nicht erinnern, dass sein Vater jemals auch nur mit der kleinsten Geste seine Liebe ausgedr�ckt h�tte. Umso �fter war er Zielscheibe dessen vernichtender Kritik gewesen. K�rperliche Z�chtigungen waren selten vorgekommen, sie waren nicht n�tig. Er hatte sich den Respekt seines Vaters erst erworben, als er sich sp�ter um den Vanger-Konzern verdient machte.</p><p>Henriks �ltester Bruder hingegen, Richard Vanger, hatte aufbegehrt. Nach einem Streit, dessen Grund in der Familie hartn�ckig verschwiegen wurde, war Richard zum Studium nach Uppsala gezogen.</p><p>Dort hatte er die Nazi-Karriere eingeschlagen, von der Henrik Vanger bereits berichtet hatte und die ihn Schritt f�r  Schritt in die Sch�tzengr�ben des finnischen Winterkrieges f�hrten.</p><p>Was der alte Mann vorher nicht erz�hlt hatte, war, dass zwei weitere Br�der eine �hnliche Karriere gemacht hatten.</p><p>Sowohl Harald als auch Greger waren dem gro�en Bruder 1930 nach Uppsala gefolgt, aber Henrik Vanger konnte nicht genau sagen, in welchem Ma�e sie mit Richard Umgang gepflegt hatten. Es stand jedoch fest, dass die Br�der sich Per Engdahls faschistischer Bewegung <emphasis>Das neue Schweden</emphasis> anschlossen. Harald Vanger war Per Engdahl �ber die Jahre loyal gefolgt, erst zum <emphasis>Schwedischen Nationalverband SNF</emphasis>, danach zur <emphasis>Schwedischen Opposition</emphasis> und zum Schluss zur  <emphasis>Neuschwedischen Bewegung</emphasis>, die nach Kriegsende gegr�ndet wurde. Er blieb Mitglied bis zu Per Engdahls Tod in den neunziger Jahren. Zeitweise war er einer der wichtigsten Geldgeber f�r den �berwinternden schwedischen Faschismus.</p><p>Harald Vanger hatte Medizin in Uppsala studiert und sich bald den Kreisen angeschlossen, die f�r Rassenhygiene und Rassenbiologie schw�rmten. Er arbeitete eine Weile am  <emphasis>Schwedischen Institut f�r Rassenbiologie</emphasis> und wurde als Arzt einer der Hauptverfechter f�r die Sterilisierung unerw�nschter Elemente in der Bev�lkerung.</p><p>Zitat Henrik Vanger, Band 2, 02950:</p><p><emphasis>Harald ging noch weiter. 1937 war er unter Pseudonym Co-Autor eines Buches mit dem Titel</emphasis> Ein neues v�lkisches Europa<emphasis>. Ich erfuhr davon erst in den siebziger Jahren. Es ist wahrscheinlich eines der widerlichsten B�cher, die jemals auf Schwedisch erschienen sind. Harald argumentierte nicht nur f�r die Sterilisierung, sondern sogar f�r Euthanasie - aktive Sterbehilfe f�r Menschen, die sein �sthetisches Empfinden st�rten und nicht in sein Bild vom perfekten schwedischen Volksstamm passten. Er pl�dierte also f�r Massenmord, und das in einem Text, der in tadelloser akademischer Prosa abgefasst war und alle notwendigen medizinischen Argumente enthielt. Beseitigt alle Behinderten. Erlaubt der samischen Bev�lkerung nicht, sich auszubreiten; sie sind von mongolischer Seite beeinflusst. Psychisch Kranke werden den Tod als Befreiung erleben. Er spricht von losen Frauenzimmern, Zigeunern und Juden. In den Fantasien meines Bruders h�tte Auschwitz in unserer Provinz Dalarna liegen k�nnen</emphasis>.</p><p>Greger Vanger wurde nach dem Krieg Gymnasiallehrer und sp�ter Rektor des Gymnasiums in Hedestad. Henrik hatte zun�chst geglaubt, dass er seit dem Krieg parteilos war und den Nazismus aufgegeben hatte. Er starb 1974, und erst als Henrik seine Hinterlassenschaft durchging, erfuhr er durch Briefe, dass sein Bruder sich in den f�nfziger Jahren der politisch bedeutungslosen, aber restlos unzurechnungsf�higen Sekte der <emphasis>Nordischen Reichspartei</emphasis>, NRP, angeschlossen hatte.</p><p>Zitat Henrik Vanger, Band 2, 04167: <emphasis>Drei meiner Br�der waren also politisch geisteskrank. Wie krank waren sie in anderer Hinsicht</emphasis>?</p><p>Der einzige seiner Br�der, der vor Henrik Vangers Augen ein wenig Gnade fand, war der kr�nkliche Gustav, der 1955 an seiner Lungenkrankheit gestorben war. Gustav hatte sich nie f�r Politik interessiert und schien eher eine weltfremde K�nstlerseele gewesen zu sein, die nicht im Geringsten an Gesch�ften oder einer Arbeit im Vanger-Konzern interessiert war.</p><p>Mikael fragte Henrik Vanger: �Heute leben nur noch Sie und Harald. Wann ist er nach Hedeby zur�ck gezogen?�</p><p>�Er kam 1979 zur�ck, kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag. Das Haus geh�rt ihm.�</p><p>�Es muss sich doch merkw�rdig anf�hlen, in so direkter N�he zu einem Bruder zu wohnen, den Sie hassen.�</p><p>Henrik Vanger sah Mikael verwundert an.</p><p>�Sie haben mich missverstanden. Ich hasse meinen Bruder nicht. Ich empfinde vielleicht Mitleid f�r ihn. Er ist ein Vollidiot, und er hasst mich.�</p><p>�Er hasst Sie?�</p><p>�Ganz genau. Ich glaube, dass er deswegen zur�ck gezogen ist. Um seine letzten Jahre damit verbringen zu k�nnen, mich aus n�chster N�he zu hassen.�</p><p>�Warum hasst er Sie?�</p><p>�Weil ich geheiratet habe.�</p><p>�Ich glaube, das m�ssen Sie mir n�her erkl�ren.�</p><p>Henrik Vanger hatte schon fr�h den Kontakt zu seinen �lteren Br�dern verloren. Er war der Einzige von ihnen, der einen gewissen Gesch�ftssinn an den Tag legte - die letzte Hoffnung seines Vaters. Er interessierte sich nicht f�r Politik und mied Uppsala. Stattdessen entschied er sich f�r ein Wirtschaftsstudium in Stockholm. Seit seinem achtzehnten Geburtstag hatte er alle Ferien und jeden Sommerurlaub als Praktikant in einem der vielen B�ros des Vanger-Konzerns verbracht.</p><p>Am 10. Juni 1941 - w�hrend des Zweiten Weltkriegs - wurde Henrik f�r sechs Wochen zu einem Besuch des Hamburger Handelsb�ros nach Deutschland geschickt. Er war damals erst einundzwanzig Jahre alt, und man stellte ihm den deutschen Agenten des Unternehmens, einen alternden Firmenveteran namens Hermann Lobach, als Aufpasser und Mentor zur Seite.</p><p>�Ich will Sie nicht mit all den Details langweilen, aber als ich kam, waren Hitler und Stalin noch gute Freunde, und es gab keine Ostfront. Alle hielten Hitler immer noch f�r unbesiegbar. Das war so ein Gef�hl von � Optimismus und Verzweiflung sind vielleicht die richtigen Worte, denke ich. Mehr als ein halbes Jahrhundert danach ist es immer noch schwer,  die Stimmung zu beschreiben. Missverstehen Sie mich nicht, ich war nie ein Nazi, und Hitler wirkte in meinen Augen wie eine l�cherliche Operettenfigur. Aber es war schwierig, sich nicht von dem allgemeinen Optimismus anstecken zu lassen, der in Hamburg unter den ganz normalen Leuten herrschte. Obwohl der Krieg immer n�her r�ckte und w�hrend meines Aufenthalts mehrere Bombenangriffe auf Hamburg geflogen wurden, glaubten die meisten Menschen weiterhin, dass bald der Frieden kommen und Hitler sein neues Europa errichten w�rde.�</p><p>Henrik Vanger schlug eines seiner vielen Fotoalben auf.</p><p>�Das ist Hermann Lobach. Er verschwand 1944, ist vermutlich bei irgendeinem Bombenangriff umgekommen und unter den Tr�mmern begraben worden. Wir haben nie erfahren, was mit ihm geschah. W�hrend meiner Wochen in Hamburg freundeten wir uns an. Ich war bei ihm und seiner Familie untergebracht, in einer vornehmen Wohnung in einem Hamburger Nobelviertel. Wir hatten t�glich miteinander zu tun. Er war genauso wenig ein Nazi wie ich, aber er war aus Bequemlichkeit Mitglied in der Partei. Der Mitgliedsausweis �ffnete T�ren und erleichterte es ihm, Gesch�fte f�r den Vanger-Konzern zu machen - und Gesch�fte machten wir, oh ja. Wir bauten G�terwagen f�r ihre Z�ge. Ich habe mich immer gefragt, ob unsere Waggons nach Polen gingen. Wir verkauften Stoff f�r ihre Uniformen und R�hren f�r ihre Radios, obwohl wir ja offiziell nicht wussten, wof�r sie unsere Produkte verwendeten. Und Hermann Lobach wusste, wie man einen Vertrag an Land zieht, er war unterhaltsam und gesellig. Der perfekte Nazi. Im Nachhinein d�mmerte mir, dass er auch ein Mann war, der verzweifelt versuchte, ein Geheimnis zu verbergen.</p><p>In der Nacht zum 22. Juni 1941 klopfte Hermann Lobach pl�tzlich an die T�r meines Schlafzimmers. Mein Raum lag direkt neben dem Schlafzimmer seiner Frau, und er bedeutete  mir, leise zu sein, mich anzuziehen und ihm zu folgen. Wir gingen ein Stockwerk tiefer und setzten uns in den Rauchsalon. Offensichtlich war Lobach die ganze Nacht auf gewesen. Das Radio lief, und ich begriff, dass irgendetwas Dramatisches passiert sein musste. Das �Unternehmen Barbarossa� hatte begonnen. Deutschland hatte in der Mittsommernacht die Sowjetunion �berfallen.�</p><p>Henrik Vanger machte eine resignierte Handbewegung.</p><p>�Hermann Lobach holte zwei Gl�ser und goss uns einen ordentlichen Schnaps ein. Er war sichtlich ersch�ttert. Als ich ihn fragte, was das bedeutete, antwortete er mit gro�em Weitblick, dies sei das Ende f�r Deutschland und den Nationalsozialismus. Ich glaubte es ihm nur halbwegs - Hitler schien schlie�lich unbesiegbar -, aber Lobach prostete mir zu: auf Deutschlands Untergang. Dann wandte er sich den praktischen Dingen zu.�</p><p>Mikael nickte, um zu signalisieren, dass er aufmerksam zuh�rte.</p><p>�Zum einen hatte er keine M�glichkeit, mit meinem Vater Kontakt aufzunehmen. So beschloss er auf eigene Verantwortung, meinen Besuch in Deutschland abzubrechen und mich bei der ersten Gelegenheit wieder heimzuschicken. Zum anderen wollte er mich um einen Gefallen bitten.�</p><p>Henrik Vanger zeigte auf ein vergilbtes, abgesto�enes Foto von einer dunkelhaarigen Frau im Halbprofil.</p><p>�Hermann Lobach war seit vierzig Jahren verheiratet, aber 1919 begegnete er einer umwerfend sch�nen Frau, in die er sich unsterblich verliebte. Sie war eine einfache, arme Schneiderin und nur halb so alt wie er. Lobach machte ihr den Hof, und wie so viele andere wohlhabende M�nner konnte er es sich leisten, sie in einer Wohnung in bequemem Abstand zu seinem B�ro unterzubringen. Sie wurde seine Geliebte. 1921 gebar sie ihm eine Tochter, die auf den Namen Edith getauft wurde.�</p><p>��lterer reicher Mann, junge arme Frau und ein Kind der Liebe - das d�rfte nicht mal in den vierziger Jahren wirklich zum Skandal gereicht haben�, kommentierte Mikael.</p><p>�Das stimmt schon. Aber da war noch etwas. Die Frau war J�din und Lobach damit Vater einer j�dischen Tochter mitten in Nazideutschland. Er hatte praktisch seine Rasse verraten.�</p><p>�Oh, das ver�ndert die Situation zweifellos. Was geschah weiter?�</p><p>�Ediths Mutter wurde 1939 verhaftet. Sie verschwand, und wir k�nnen nur mutma�en, wie ihr Schicksal aussah. Es war bekannt, dass sie eine Tochter hatte, die noch auf keiner Deportationsliste stand und nun von der Abteilung der Gestapo gesucht wurde, die fl�chtige Juden verfolgte. Im Sommer 1941, in derselben Woche, als ich in Hamburg ankam, war Ediths Mutter mit Hermann Lobach in Verbindung gebracht worden, und man bestellte ihn zum Verh�r. Er gab das Verh�ltnis und seine Vaterschaft zu, behauptete aber, er habe keine Ahnung, wo sich seine Tochter aufhalte. Er habe zehn Jahre keinen Kontakt mit ihr gehabt.�</p><p>�Und wo war seine Tochter?�</p><p>�Ich bin ihr jeden Tag in Lobachs Wohnung begegnet. Ein nettes, stilles zwanzigj�hriges M�dchen, das mein Zimmer sauber machte und beim Auftragen des Abendessens half. 1937 war die Judenverfolgung schon ein paar Jahre im Gange, und Ediths Mutter hatte Lobach um Hilfe angefleht. Und er hatte ihr tats�chlich geholfen - Lobach liebte seine uneheliche Tochter genauso wie seine ehelichen Kinder. Er hatte sie an der unwahrscheinlichsten Stelle �berhaupt versteckt, indem er sie seiner Umgebung direkt vor die Nase setzte. Er hatte ihr falsche Papiere verschafft und sie als Haush�lterin angestellt.�</p><p>�Wusste seine Frau davon?�</p><p>�Nein, sie hatte keine Ahnung von diesem Arrangement.�</p><p>�Was passierte dann?�</p><p>�Vier Jahre lang ging es gut, aber Lobach merkte, wie die  Schlinge sich langsam zuzog. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Gestapo an seine T�r klopfen w�rde. All das erz�hlte er mir in dieser Nacht, nur eine Woche vor meiner Heimfahrt nach Schweden. Dann holte er seine Tochter und stellte uns einander vor. Sie war still und blass und wagte mir kaum in die Augen zu sehen. Lobach flehte mich an, ihr Leben zu retten.�</p><p>�Wie?�</p><p>�Er hatte alles vorbereitet. Eigentlich sollte ich noch drei Wochen bleiben, dann mit dem Nachtzug nach Kopenhagen fahren und die F�hre �ber den Sund nehmen - auch in Kriegszeiten eine relativ ungef�hrliche Reise. Doch zwei Tage nach unserer Unterredung sollte ein Frachtschiff des Vanger-Konzerns aus Hamburg Richtung Schweden ablegen. Lobach wollte mich nun mit diesem Schiff schicken, auf direktem Weg hinaus aus Deutschland. Die �nderungen der Reisepl�ne mussten vom Sicherheitsdienst abgesegnet werden, eine b�rokratische Ma�nahme, aber kein Problem. Lobach wollte jedenfalls, dass ich mit dem Schiff fuhr.�</p><p>�Zusammen mit Edith, nehme ich an.�</p><p>�Edith wurde in einer von dreihundert Kisten mit Maschinenteilen an Bord geschmuggelt. F�r den Fall, dass sie entdeckt werden sollte, w�hrend wir uns noch in deutschen Hoheitsgew�ssern befanden, sollte ich sie besch�tzen und den Kapit�n davon abhalten, Dummheiten zu machen. Ansonsten sollte ich warten, bis wir ein gutes St�ck von Deutschland entfernt waren, und sie dann aus ihrem Versteck befreien.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Es klang einfach, aber die Reise geriet zum Alptraum. Der Kapit�n hie� Oskar Granath, und er war alles andere als begeistert davon, die Verantwortung f�r einen Erben seines Arbeitgebers �bernehmen zu m�ssen. Wir legten eines Abends Ende Juni gegen neun Uhr ab und waren gerade auf dem Weg aus dem Binnenhafen, da begannen die Sirenen zu heulen: Bombenalarm. Ein englischer Bombenangriff, der heftigste,  den ich erlebt hatte, und der Hafen war nat�rlich ein bevorzugtes Ziel. Ich �bertreibe nicht, wenn ich Ihnen erz�hle, dass ich mir fast in die Hosen machte, als die Detonationen immer n�her kamen. Aber irgendwie schafften wir es, und nach einem Motorschaden und einer w�sten Sturmnacht in minenverseuchtem Gew�sser liefen wir am n�chsten Tag in Karlskrona ein. Jetzt wollen Sie von mir wissen, was mit dem M�dchen geschah.�</p><p>�Ich glaube, ich wei� es schon.�</p><p>�Mein Vater tobte nat�rlich vor Wut. Ich hatte durch mein idiotisches Unterfangen alles aufs Spiel gesetzt. Und das M�dchen konnte jederzeit deportiert werden - vergessen Sie nicht, wir schrieben das Jahr 1941. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich bereits unsterblich in sie verliebt, wie Lobach in ihre Mutter. Ich fragte sie, ob sie meine Frau werden wollte, und stellte meinem Vater ein Ultimatum - entweder er akzeptierte die Ehe, oder er musste sich anderweitig nach Nachwuchs f�rs Familienunternehmen umsehen. Er gab nach.�</p><p>�Sie starb?�</p><p>�Ja, viel zu jung. 1958 schon. Wir hatten knapp sechzehn Jahre miteinander. Sie hatte einen angeborenen Herzfehler. Und es stellte sich heraus, dass sie keine Kinder bekommen konnte. Deswegen hasst mich mein Bruder.�</p><p>�Weil Sie sie geheiratet haben.�</p><p>�Weil ich - um seine Terminologie zu verwenden - eine dreckige Judenhure geheiratet habe. F�r ihn war das Verrat an der Rasse, dem Volksstamm, der Moral und eben all dem, wof�r er stand.�</p><p>�Das ist doch verr�ckt.�</p><p>�Ich selbst k�nnte es nicht besser ausdr�cken.�</p><a id="calibre_link-71"/><p><a id="calibre_link-72"/></p><p><strong>10. Kapitel</strong></p><p><strong>Donnerstag, 9. Januar - Freitag, 31. Januar</strong></p><p>Wenn man dem Hedestads-Kuriren glaubte, dann war Mikaels erster Monat in der Ein�de der k�lteste seit Menschengedenken oder (wie Henrik Vanger ihn aufkl�rte) zumindest seit dem Kriegswinter 1942. Bereits nach einer Woche in Hedeby hatte er alles �ber lange Unterhosen, dicke Socken und doppelte Unterhemden gelernt.</p><p>Er erlebte ein paar grauenvolle Tage, als die Temperatur Mitte Januar auf unfassbare 37 Grad minus fiel. Eines Morgens war die Wasserleitung eingefroren. Gunnar Nilsson hatte ihm zwei gro�e Plastikeimer gegeben, damit er Essen kochen und sich waschen konnte, aber die K�lte war einfach l�hmend. An der Innenseite der Fensterscheiben hatten sich Eisblumen gebildet, und so viel er auch heizte, er f�hlte sich permanent durchgefroren. Jeden Tag verbrachte er ein gutes Weilchen damit, hinter dem Schuppen Brennholz zu hacken.</p><p>Manchmal war er den Tr�nen nahe und spielte mit dem Gedanken, ein Taxi in die Stadt zu nehmen und dort den ersten Zug in Richtung S�den zu besteigen. Stattdessen zog er sich einen zus�tzlichen Pullover an und wickelte sich in eine Decke, w�hrend er Kaffee trinkend am K�chentisch sa� und alte Polizeiprotokolle las.</p><p>Allm�hlich stieg die Temperatur auf behagliche 10 Grad minus.</p><p>Langsam lernte Mikael auch Leute in Hedeby kennen. Martin Vanger hatte sein Versprechen gehalten und ihn zu einem eigenh�ndig zubereiteten Abendessen eingeladen - Elchsteak mit italienischem Rotwein. Er war unverheiratet, aber mit einer Frau namens Eva Hassel befreundet, die ihnen beim Abendessen Gesellschaft leistete. Eva war warmherzig und unterhaltsam und geh�rte zu dem Typ Frau, den Mikael als au�erordentlich attraktiv betrachtete. Sie war Zahn�rztin und wohnte in Hedestad, verbrachte die Wochenenden aber bei Martin Vanger. Mikael erfuhr sp�ter, dass die beiden sich schon seit vielen Jahren kannten, aber sie waren sich erst mit der Zeit n�hergekommen und hatten keine Veranlassung gesehen zu heiraten.</p><p>�Sie ist schlie�lich meine Zahn�rztin�, lachte Martin Vanger.</p><p>�Und in diesen verr�ckten Clan einzuheiraten, ist nicht so wirklich mein Ding�, sagte Eva und t�tschelte Martin liebevoll das Knie.</p><p>Martins Haus war ein von einem Architekten entworfener Junggesellentraum mit M�beln in Schwarz, Wei� und Chrom. Die Einrichtung bestand aus ausgesuchten St�cken, die den Designfan Christer Malm fasziniert h�tten. Die K�che war ausgestattet wie f�r einen Berufskoch. Im Wohnzimmer befand sich eine erstklassige Stereoanlage sowie eine gro�artige Jazzsammlung auf Vinyl, die von Tommy Dorsey bis zu Johnny Coltrane reichte. Martin Vanger hatte Geld, und sein Zuhause war kostspielig und funktionell, aber auch ziemlich unpers�nlich. Mikael bemerkte, dass die Bilder an den W�nden einfache Reproduktionen und Poster waren, wie man sie auch bei IKEA finden konnte - h�bsch, aber keine Renommierst�cke. Die B�cherregale, zumindest in dem Teil des Hauses, den Mikael zu sehen bekam, waren nur d�nn best�ckt,  unter anderem mit einem mehrb�ndigen Lexikon und ein paar B�chern von der Sorte, wie Leute sie zu Weihnachten verschenken, wenn ihnen nichts Besseres einf�llt. Mikael konnte zwei Interessen in Martin Vangers Leben ausmachen: Musik und Kochen. Das erste Interessengebiet manifestierte sich in sch�tzungsweise dreitausend LPs. Das andere zeichnete sich in der Rundung �ber Martins G�rtel ab.</p><p>Die Person Martin Vanger war eine eigenartige Mischung aus Einfalt, Strenge und Liebensw�rdigkeit. Man musste �ber keine besonderen analytischen F�higkeiten verf�gen, um zu dem Schluss zu kommen, dass er ein Mensch mit Problemen war. W�hrend <emphasis>A Night in Tunisia</emphasis> lief, kreiste das Gespr�ch um den Vanger-Konzern, und Martin Vanger machte kein Geheimnis daraus, dass er um den Erhalt der Firma k�mpfte. Mikael wunderte sich �ber diese Themenwahl, denn Martin Vanger war sich durchaus bewusst, dass er einen Wirtschaftsjournalisten zu Gast hatte, den er nur oberfl�chlich kannte. Dennoch diskutierte er die internen Probleme seiner Firma so offenherzig mit ihm, dass es schon an Fahrl�ssigkeit grenzte. Er schien davon auszugehen, dass Mikael zur Familie geh�rte, da er f�r Henrik Vanger arbeitete, und er stimmte mit seinem Gro�onkel darin �berein, dass die Familie sich selbst die Schuld geben musste an der Verfassung, in der sich das Unternehmen befand. Er war jedoch frei von Henriks Bitterkeit und dessen unvers�hnlicher Verachtung f�r die Familie. Martin Vanger schien sich �ber die unverbesserliche Verr�cktheit des Vanger-Clans eher zu am�sieren. Eva Hassel nickte, gab aber keine Kommentare ab. Sie kannte das Thema offenbar zur Gen�ge.</p><p>Martin Vanger schien zu billigen, dass Mikael beauftragt worden war, eine Familienchronik zu schreiben, und er fragte, wie die Arbeit voranginge. Mikael antwortete l�chelnd, er tue sich schon schwer, die Namen aller Verwandten zu lernen, und bat um Erlaubnis, f�r ein Interview wiederkommen zu d�rfen, sobald es Martin passte. Mehrmals erwog er, das Gespr�ch  auf Henriks Besessenheit von Harriets Verschwinden zu lenken. Er nahm an, dass Henrik Vanger Harriets Bruder bei verschiedensten Gelegenheiten mit seinen Theorien gequ�lt hatte. Au�erdem musste Martin klar sein, dass Mikael beim Schreiben einer Familienchronik bemerken musste, dass ein Familienmitglied spurlos verschwunden war. Aber Martin machte keine Anstalten, das Thema aufzugreifen, und Mikael lie� die Sache auf sich beruhen. Sie w�rden noch fr�h genug Grund haben, �ber Harriet zu reden.</p><p>Nach ein paar Runden Wodka brach er gegen zwei Uhr morgens auf. Mikael war ziemlich betrunken, als er die dreihundert Meter zu sich nach Hause torkelte. Im Gro�en und Ganzen war es ein angenehmer Abend gewesen.</p><p>Eines Nachmittags, es war bereits Mikaels zweite Woche in Hedeby, klopfte es an seiner Haust�r. Er legte den Ordner mit dem Polizeibericht beiseite und schloss die T�r zu seinem Arbeitszimmer, bevor er die Haust�r �ffnete. Vor ihm stand eine in warme Kleider geh�llte blonde Frau, die ungef�hr Mitte f�nfzig sein mochte.</p><p>�Hallo. Ich wollte nur mal guten Tag sagen. Ich hei�e Cecilia Vanger.�</p><p>Sie gaben sich die Hand, und Mikael bot ihr einen Kaffee an. Cecilia Vanger, die Tochter des Nazi-Anh�ngers Harald Vanger, schien eine offene und in vielerlei Hinsicht sehr einnehmende Frau zu sein. Mikael erinnerte sich, dass Henrik Vanger mit Respekt �ber sie gesprochen und erw�hnt hatte, dass sie keinen Umgang mit ihrem Vater pflegte, obwohl sie neben ihm wohnte. Sie plauderten eine Weile, bis sie auf ihr Anliegen zu sprechen kam.</p><p>�Ich habe geh�rt, dass Sie ein Buch �ber die Familie schreiben. Ich bin mir nicht sicher, ob mir dieser Gedanke gef�llt�, sagte sie. �Deshalb wollte ich mir zumindest mal ansehen, was Sie f�r einer sind.�</p><p>�Das ist richtig, Henrik Vanger hat mich damit beauftragt. Es ist also sozusagen seine Story.�</p><p>�Der gute Henrik ist ja nicht gerade neutral, was die Einstellung zu seiner Familie betrifft.�</p><p>Mikael musterte sie. Er wusste nicht recht, was sie eigentlich sagen wollte.</p><p>�Sind Sie dagegen, dass ein Buch �ber die Familie Vanger geschrieben wird?�</p><p>�Das habe ich nicht gesagt. Und was ich denke, spielt sowieso keine Rolle. Aber ich glaube, dass Sie vielleicht schon dahintergekommen sind, dass es nicht immer so leicht gewesen ist, Mitglied dieser Familie zu sein.�</p><p>Mikael hatte keine Ahnung, was Henrik gesagt hatte oder wie viel Cecilia �ber seinen Auftrag wusste. Er zuckte mit den Achseln.</p><p>�Ich habe mit Henrik vereinbart, dass ich eine Familienchronik schreiben werde. Er hat in der Tat sehr eigene Ansichten �ber manche Familienmitglieder, aber ich werde mich an das halten, was ich auch dokumentieren kann.�</p><p>Cecilia l�chelte k�hl.</p><p>�Ich will nur wissen, ob ich ins Exil gehen und emigrieren muss, wenn das Buch rauskommt?�</p><p>�Das glaube ich nicht�, erwiderte Mikael. �Die Leute werden sich schon ein differenziertes Urteil bilden k�nnen.�</p><p>�Zum Beispiel �ber meinen Vater.�</p><p>�Ihren Vater, den Nazi?�, fragte Mikael. Cecilia Vanger verdrehte die Augen.</p><p>�Mein Vater ist verr�ckt. Ich treffe ihn nur ein paarmal im Jahr, obwohl wir quasi Wand an Wand wohnen.�</p><p>�Warum wollen Sie ihn nicht treffen?�</p><p>�Warten Sie, bevor Sie mir jede Menge Fragen stellen - haben Sie vor, mich zu zitieren? Oder kann ich ein normales Gespr�ch mit Ihnen f�hren, ohne eine �ffentliche Blamage bef�rchten zu m�ssen?�</p><p>Mikael z�gerte und �berlegte, wie er seine Antwort am besten formulieren sollte.</p><p>�Ich habe den Auftrag, ein Buch zu schreiben, das mit Alexandre Vangeersad beginnt und bis in die Gegenwart reicht. Es wird das Familienimperium �ber mehrere Jahrzehnte darstellen, aber auch behandeln, warum sich dieses Imperium in der Krise befindet und was f�r Differenzen es innerhalb der Familie gibt. Es wird unvermeidbar sein, dass dabei auch unangenehme Dinge zur Sprache kommen. Aber das hei�t nicht, dass ich ein einseitiges oder hassverzerrtes Bild der Familie entwerfen werde. Ich habe zum Beispiel Martin Vanger als sympathischen Menschen kennengelernt, und so werde ich ihn auch beschreiben.�</p><p>Cecilia Vanger schwieg.</p><p>�Was ich �ber Sie wei�, ist, dass Sie Lehrerin sind ��</p><p>�Es ist sogar noch schlimmer: Ich bin Rektorin am Gymnasium von Hedestad.�</p><p>�Verzeihung. Ich wei�, dass Henrik Vanger Sie mag, dass Sie verheiratet sind, aber in Trennung leben � und das war�s dann auch schon. Sie k�nnen mit mir reden, ohne f�rchten zu m�ssen, zitiert oder blamiert zu werden. Aber ich werde sicher eines Tages an Ihre T�r klopfen und Sie um ein richtiges Interview bitten. Dann k�nnen Sie sich aussuchen, auf welche Fragen Sie antworten wollen und auf welche nicht.�</p><p>�Ich kann also � <emphasis>off the record</emphasis> mit Ihnen reden, wie Sie das nennen.�</p><p>�Ja, nat�rlich.�</p><p>�Und das hier ist gerade <emphasis>off the record</emphasis>?�</p><p>�Sie sind nur eine Nachbarin, die r�bergekommen ist, um Hallo zu sagen und eine Tasse Kaffee zu trinken, weiter nichts.�</p><p>�Okay. Dann darf ich Sie jetzt mal was fragen?�</p><p>�Nur zu.�</p><p>�Inwieweit wird dieses Buch von Harriet Vanger handeln?�</p><p>Mikael biss sich auf die Unterlippe und z�gerte. Er schlug einen ungezwungenen Ton an.</p><p>�Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Nat�rlich kann das leicht ein ganzes Kapitel einnehmen. Es ist ja unbestreitbar ein dramatisches Ereignis.�</p><p>�Aber Sie sind nicht hier, um ihr Verschwinden zu untersuchen?�</p><p>�Wie kommen Sie darauf?�</p><p>�Weil Gunnar Nilsson vier Umzugskartons hier reingeschleppt hat. Das m�sste so ungef�hr Henriks Sammlung privater Ermittlungsergebnisse entsprechen. Und als ich einen kurzen Blick in Harriets Zimmer warf, wo Henrik die Akten normalerweise verwahrt, waren sie verschwunden.�</p><p>Cecilia Vanger war nicht auf den Kopf gefallen.</p><p>�Das m�ssen Sie wirklich mit Henrik besprechen, nicht mit mir�, sagte Mikael. �Aber Henrik hat mir nat�rlich so einiges �ber Harriets Verschwinden erz�hlt, und ich finde es interessant, das Material zu lesen.�</p><p>Cecilia Vanger l�chelte freudlos.</p><p>�Manchmal frage ich mich, wer verr�ckter ist, mein Vater oder mein Onkel. Ich habe Harriets Verschwinden wohl tausend Mal mit ihm durchdiskutiert.�</p><p>�Was glauben Sie, was mit ihr passiert ist?�</p><p>�Ist das eine Interviewfrage?�</p><p>�Nein�, lachte Mikael. �Reine Neugier.�</p><p>�Und ich bin neugierig zu erfahren, ob auch Sie ein Dummkopf sind. Ob Sie Henrik seine Argumentation abgekauft haben oder ob Sie ihn an der Nase herumf�hren.�</p><p>�Sie halten Henrik f�r einen Dummkopf?�</p><p>�Missverstehen Sie mich nicht. Henrik ist einer der warmherzigsten und f�rsorglichsten Menschen, die ich kenne. Ich mag ihn sehr gern. Aber in dieser einen Sache ist er wie besessen.�</p><p>�Die Besessenheit hat doch einen realen Grund. Harriet ist wirklich verschwunden.�</p><p>�Ich habe die ganze Geschichte nur so wahnsinnig satt. Sie  hat unser Leben �ber viele Jahre hinweg vergiftet, und sie nimmt niemals ein Ende.� Sie stand pl�tzlich auf und schl�pfte in ihre Pelzjacke. �Ich muss gehen. Sie machen einen netten Eindruck. Das findet Martin �brigens auch, aber auf sein Urteil ist nicht unbedingt immer Verlass. Wenn Sie Lust haben, k�nnen Sie gerne einmal zu mir auf einen Kaffee vorbeikommen. Abends bin ich fast immer zu Hause.�</p><p>�Danke�, sagte Mikael. Als sie zur Haust�r ging, rief er ihr nach: �Sie haben mir nicht auf die Frage geantwortet, die keine Interviewfrage war.�</p><p>Sie z�gerte eine Sekunde an der T�r und antwortete dann, ohne ihn anzusehen: �Ich habe keine Ahnung, was mit Harriet passiert ist. Aber ich glaube, dass es ein Unfall war, der sich so einfach und banal erkl�ren l�sst, dass wir v�llig verbl�fft sein werden, wenn wir irgendwann einmal die Antwort erfahren sollten.�</p><p>Sie drehte sich um und l�chelte ihn an, zum ersten Mal mit einer gewissen W�rme. Dann winkte sie ihm zu und verschwand. Mikael sa� reglos am K�chentisch und dachte dar�ber nach, dass auch Cecilias Namen in Fettdruck auf seiner Darstellung der Familienmitglieder stand, sie sich also auch auf der Insel befunden hatte, als Harriet verschwand.</p><p>War Cecilia Vanger im Gro�en und Ganzen eine angenehme Bekanntschaft zu nennen, so galt das nicht f�r Isabella Vanger. Harriets Mutter war f�nfundsiebzig Jahre alt und, wie Henrik Vanger ihn gewarnt hatte, eine ungeheuer elegante Frau, die entfernt an eine alternde Lauren Bacall erinnerte. Sie war zierlich, trug einen schwarzen Persianer sowie eine schwarze Pelzm�tze und st�tzte sich auf einen schwarzen Stock, als Mikael ihr eines Morgens �ber den Weg lief. Er hatte gerade sein Haus verlassen wollen, um in Susannes Caf� zu gehen. Sie sah aus wie ein alternder Vamp, immer noch bildsch�n, aber die reinste Giftschlange. Isabella Vanger kehrte  anscheinend gerade von einem Spaziergang zur�ck und rief von der Kreuzung aus nach ihm.</p><p>�Hallo, Sie, junger Mann! Kommen Sie doch mal her!�</p><p>Der Befehlston war unmissverst�ndlich. Mikael sah sich um und folgerte, dass er gemeint war. Er ging zu ihr.</p><p>�Ich bin Isabella Vanger�, verk�ndete sie.</p><p>�Hallo, ich hei�e Mikael Blomkvist.� Er streckte ihr die Hand hin, die sie ignorierte.</p><p>�Sind Sie dieser Mensch, der in unseren Familienangelegenheiten herumschn�ffelt?�</p><p>�Na ja, ich bin der Mensch, den Henrik Vanger engagiert hat, um ihm bei der Biografie der Familie Vanger behilflich zu sein.�</p><p>�Damit haben Sie nichts zu schaffen.�</p><p>�St�rt es Sie, dass Henrik mich engagiert hat oder dass ich Ja gesagt habe? Im ersteren Fall meine ich, dass es Henriks Sache ist, und im letzteren, dass die Entscheidung bei mir liegt.�</p><p>�Sie wissen genau, was ich meine. Ich mag keine Leute, die in meinem Leben herumschn�ffeln.�</p><p>�In Ordnung, ich werde nicht in Ihrem Leben herumschn�ffeln. Den Rest m�ssen Sie mit Henrik Vanger besprechen.�</p><p>Isabella Vanger hob pl�tzlich ihren Gehstock und stie� Mikael mit dem Handgriff vor die Brust. Der Schlag war nicht nennenswert, aber er trat verbl�fft einen Schritt zur�ck.</p><p>�Halten Sie sich von mir fern.�</p><p>Isabella Vanger drehte sich auf dem Absatz um und ging zu ihrem Haus. Mikael blieb mit einem verdutzten Gesichtsausdruck stehen. Als er den Blick hob, sah er pl�tzlich Henrik Vanger am Fenster seines Arbeitszimmers stehen. Er hatte eine Kaffeetasse in der Hand, mit der er ihm ironisch zuprostete. Mikael zuckte resigniert mit den Achseln, sch�ttelte den Kopf und ging zu Susannes Caf�.</p><p>Die einzige Reise, die Mikael w�hrend des ersten Monats unternahm, war ein Tagesausflug zu einer Bucht des Siljan-Sees. Er lieh sich Dirch Frodes Mercedes aus und fuhr durch die Schneelandschaft, um einen Nachmittag mit Kommissar Gustav Morell zu verbringen.</p><p>Mikael hatte versucht, sich mittels des polizeilichen Untersuchungsberichts ein Bild von Morell zu machen. Als er vor ihm stand, fand er sich einem sehnigen Mann gegen�ber, der sich langsam bewegte und noch langsamer sprach.</p><p>Mikael hatte sich zehn Fragen notiert, die ihm w�hrend der Lekt�re des Untersuchungsberichts gekommen waren. Morell antwortete wie ein P�dagoge auf jede Frage. Zum Schluss legte Mikael seine Notizen beiseite und erkl�rte Morell, seine Fragen seien nur ein Vorwand gewesen, um hierherzukommen und den pensionierten Kommissar zu treffen. Eigentlich habe er mit ihm plaudern und die einzige wesentliche Frage stellen wollen: �Gibt es irgendetwas in den Ermittlungen, das Sie nicht auf Papier festgehalten haben - eine Idee oder eine �berlegung oder ein intuitives Gef�hl, das Sie mir mitteilen k�nnten?�</p><p>Da Morell sechsunddrei�ig Jahre damit zugebracht hatte, �ber das Mysterium von Harriets Verschwinden nachzudenken, hatte Mikael erwartet, auf einen gewissen Widerstand zu sto�en. Schlie�lich war er der Neue, der hier aufkreuzte und in dem Dickicht herumstocherte, in dem sich Morell verirrt hatte. Aber da war nicht einmal der Ansatz eines Vorbehalts. Morell stopfte sich sorgf�ltig seine Pfeife und riss ein Streichholz an, bevor er antwortete.</p><p>�Doch, nat�rlich habe ich gewisse Gedanken. Aber die sind derart vage und fl�chtig, dass ich sie nicht so recht formulieren kann.�</p><p>�Was glauben Sie, was mit Harriet passiert ist?�</p><p>�Ich glaube, dass sie ermordet wurde. Darin bin ich mir mit Henrik einig. Es ist die einzig logische Erkl�rung. Aber das Motiv ist uns nie klar geworden. Ich glaube, dass sie aus einem  ganz bestimmten Grund ermordet wurde - keine Wahnsinnstat oder Vergewaltigung oder so etwas. W�rden wir das Motiv kennen, w�ssten wir auch, wer sie umgebracht hat.�</p><p>Morell �berlegte kurz.</p><p>�Der Mord kann spontan begangen worden sein. Damit meine ich, dass jemand im Chaos nach dem Unfall die Gelegenheit beim Schopf ergriff. Der M�rder versteckte die Leiche und schaffte sie sp�ter fort, w�hrend wir die Gegend nach ihr absuchten.�</p><p>�Sie sprechen von einem eiskalten Menschen.�</p><p>�Es gibt da noch ein Detail. Harriet kam in Henriks Zimmer und wollte mit ihm reden. Im Nachhinein sieht mir das bemerkenswert aus. Sie wusste sehr gut, dass er alle H�nde voll zu tun hatte mit all den Verwandten, die sich auf dem Hof befanden. Ich glaube, Harriet stellte f�r irgendjemand eine Bedrohung dar. Sie wollte Henrik etwas erz�hlen, und dem M�rder war klar, dass sie � tja, dass sie etwas ausplaudern w�rde.�</p><p>�Henrik war mit ein paar Familienmitgliedern besch�ftigt ��</p><p>�Au�er Henrik waren noch vier Personen im Zimmer: sein Bruder Greger, der Sohn einer Kusine namens Magnus Sj�gren sowie Harald Vangers Kinder, Birger und Cecilia. Aber das hat nichts zu sagen. Nehmen wir mal an, Harriet h�tte entdeckt, dass jemand Firmengelder veruntreut hat, dann kann sie das monatelang gewusst und sogar mit dem Betreffenden dar�ber gesprochen haben. Vielleicht hat sie versucht, ihn zu erpressen, oder sie hat Mitleid mit ihm gehabt und den Entschluss hinausgez�gert, ihn auffliegen zu lassen. M�glicherweise hat sie damit gedroht, worauf der T�ter sie in seiner Verzweiflung erschlug.�</p><p>�Sie gehen von einem m�nnlichen T�ter aus?�</p><p>�Rein statistisch gesehen sind die meisten M�rder M�nner. Aber nat�rlich, in der Familie Vanger gibt es ein paar Weiber, das sind die reinsten Besen.�</p><p>�Ich habe Isabella kennengelernt.�</p><p>�Sie ist eine von ihnen. Aber es gibt noch mehr. Cecilia Vanger kann richtig knallhart sein. Und sind Sie Sara Sj�gren schon begegnet?�</p><p>Mikael sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Sie ist die Tochter von Sofia Vanger, einer von Henriks Kusinen. Eine richtig unangenehme und r�cksichtslose Frau. Aber sie wohnte in Malm� und hatte kein Motiv, Harriet zu t�ten, soviel ich herausfinden konnte.�</p><p>�Okay.�</p><p>�Doch wie wir das Ganze auch drehen und wenden, wir sind nie so richtig hinter das Motiv gekommen.�</p><p>�Sie haben intensiv an diesem Fall gearbeitet. Gibt es irgendetwas, das Sie nicht weiterverfolgt haben?�</p><p>�Nein, Mikael. Ich habe diesem Fall unendlich viel Zeit gewidmet, und ich w�sste nicht, was ich nicht so weit verfolgt h�tte, wie es nur irgend ging. Auch als ich bef�rdert wurde und aus Hedestad wegzog.�</p><p>�Wegzog?�</p><p>�Ja, ich bin urspr�nglich nicht aus Hedestad. Ich arbeitete dort von 1963 bis 1968. Danach wurde ich Kommissar und ging nach G�vle, wo ich den Rest meiner Karriere blieb. Aber auch in G�vle stellte ich noch weitere Untersuchungen im Fall Harriet an.�</p><p>�Henrik Vanger lie� nicht locker, nehme ich an.�</p><p>�Das stimmt. Aber es war nicht deswegen. Das R�tsel um Harriet fasziniert mich noch heute. Ich meine � Sie m�ssen das so sehen: Jeder Polizist hat sein eigenes ungel�stes R�tsel. Ich erinnere mich an meine Zeit in Hedestad, als die �lteren Kollegen im Pausenraum immer �ber den Fall Rebecka sprachen. Besonders ein Polizist, Torstensson - er ist seit vielen Jahren tot -, kehrte Jahr f�r Jahr immer wieder zu diesem Fall zur�ck. In seiner Freizeit und im Urlaub. Wenn auf dem Revier in Hedestad mal Flaute herrschte, zog er stets die Ordner wieder hervor und gr�belte.�</p><p>�Ging es auch um ein verschwundenes M�dchen?�</p><p>Kommissar Morell sah einen Moment lang v�llig verbl�fft aus. Dann l�chelte er, als er begriff, dass Mikael irgendeine Verbindung zwischen den beiden F�llen suchte.</p><p>�Oh, ich habe das nicht aus diesem Grund aufs Tapet gebracht. Ich spreche von der <emphasis>Seele</emphasis> eines Polizisten. Der Fall Rebecka ereignete sich, bevor Harriet Vanger auf der Welt war, und ist schon lange verj�hrt. Irgendwann in den vierziger Jahren wurde eine Frau in Hedestad �berfallen, vergewaltigt und umgebracht. Das ist nichts Ungew�hnliches. Jeder Polizist muss irgendwann in seiner Laufbahn in so einem Fall ermitteln. Ich will damit sagen, dass es oft einen Fall gibt, der die Ermittler nicht losl�sst und ihnen unter die Haut geht. Das M�dchen wurde auf brutalste Weise ermordet. Der M�rder hatte sie gefesselt und ihren Kopf auf die glimmenden Kohlen eines offenen Kamins gelegt. Ich wei� nicht, wie lange es gedauert haben mag, bis das arme M�dchen starb, und welche Qualen sie durchgemacht hat.�</p><p>�Oh, verdammt.�</p><p>�Der arme Torstensson war als Erster vor Ort, als sie gefunden wurde. Der Mord blieb ungel�st, obwohl Experten aus Stockholm zu Hilfe kamen. Torstensson konnte den Fall nie wieder vergessen.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Harriet ist also mein Rebecka-Fall. Bei ihr wei� ich nicht einmal, wie sie gestorben ist. Technisch gesehen k�nnen wir ja nicht beweisen, dass ein Mord geschehen ist. Aber ich kriege diesen Fall einfach nicht aus dem Kopf.�</p><p>Er �berlegte eine Weile.</p><p>�In einem Mord zu ermitteln ist manchmal die einsamste Angelegenheit der Welt. Die Freunde des Opfers sind aufgew�hlt und verzweifelt, aber fr�her oder sp�ter - nach ein paar Wochen oder Monaten - kehrt der Alltag wieder ins Leben zur�ck. Bei den n�chsten Verwandten dauert es l�nger, doch  sogar sie kommen �ber ihre Trauer und Verzweiflung hinweg. Das Leben geht weiter. Nur die ungel�sten Morde lassen einen nicht los. Zum Schluss ist blo� noch einer �brig, der an das Opfer denkt und ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen will - das ist der Polizist, der mit den Ermittlungen betraut ist.�</p><p>Es wohnten noch drei weitere Personen der Familie Vanger auf der Hedeby-Insel, aber Mikael kam nicht n�her in Kontakt mit ihnen. Alexander Vanger, geboren 1946 und Sohn des dritten Bruders, Greger, wohnte in einem renovierten Holzhaus aus dem fr�hen 20. Jahrhundert. Mikael erfuhr von Henrik, dass Alexander sich derzeit auf den Westindischen Inseln aufhielt, wo er sich seiner Lieblingsbesch�ftigung widmete - segeln und sich die Zeit vertreiben, ohne einen Finger krumm machen zu m�ssen. Henrik redete so negativ �ber seinen Bruder, dass Mikael daraus schloss, Alexander Vanger m�sse Gegenstand gewisser Kontroversen gewesen sein. Er begn�gte sich zun�chst mit der Feststellung, dass Alexander zwanzig Jahre alt gewesen war, als Harriet verschwand, und dass er zum Kreis der Familienmitglieder geh�rte, die vor Ort gewesen waren.</p><p>Alexander wohnte mit seiner achtzigj�hrigen Mutter Gerda zusammen, der Witwe von Greger Vanger. Mikael begegnete ihr nie. Sie kr�nkelte und lag haupts�chlich im Bett.</p><p>Das dritte Familienmitglied war nat�rlich Harald Vanger, doch in den ersten Monaten war es Mikael nicht gelungen, auch nur den kleinsten Blick auf den alten Rassenbiologen zu erhaschen. Harald Vangers Haus, das direkt neben Mikaels G�stehaus stand, sah mit seinen dunklen, stets vorgezogenen Vorh�ngen d�ster und Unheil verk�ndend aus. Mikael hatte ein paarmal zu sehen geglaubt, dass sich die Vorh�nge leicht bewegten, als er vorbeiging, und eines Nachts, als er sp�t schlafen gehen wollte, hatte er pl�tzlich einen Lichtschein im Obergeschoss bemerkt. Ein Vorhang stand einen Spalt offen. �ber zwanzig Minuten hatte er fasziniert an seinem dunklen  K�chenfenster gestanden und das Licht betrachtet, bevor er es gut sein lie� und fr�stelnd zu Bett ging. Am Morgen war der Vorhang wieder an seinem Platz.</p><p>Harald Vanger schien wie ein unsichtbarer, stets anwesender Geist, der einen Teil des Stadtlebens durch seine Gegenwart pr�gte. In Mikaels Fantasie nahm er immer mehr die Form eines t�ckischen Gollum an, der hinter seinen Vorh�ngen die Umgebung ausspionierte und in seiner verrammelten H�hle geheimnisvolle Dinge trieb.</p><p>Er wurde einmal am Tag vom Heimpflegedienst besucht, einer �lteren Frau von der anderen Seite der Br�cke, die mit den Essensbeh�ltern durch die Schneewehen zu seiner T�r stapfte, weil er sich weigerte, den Schnee in der Hofeinfahrt r�umen zu lassen. Gunnar Nilsson sch�ttelte den Kopf, als Mikael ihn darauf ansprach. Er erkl�rte, dass er sich erboten hatte, Schnee zu schippen, Harald Vanger jedoch offensichtlich nicht wollte, dass irgendeine Menschenseele den Fu� auf sein Grundst�ck setzte. Ein einziges Mal war Gunnar Nilsson automatisch mit dem Schneer�umfahrzeug bei ihm vorgefahren. Es endete damit, dass Harald Vanger aus dem Haus geschossen kam und so lange krakeelte, bis Nilsson sich wieder entfernt hatte.</p><p>Leider konnte Nilsson bei Mikael nicht r�umen, weil das Tor zu schmal f�r sein Fahrzeug war. Da waren weiterhin Schneeschippe und Muskelkraft gefragt.</p><p>Mitte Januar beauftragte Mikael seinen Anwalt damit, herauszufinden, wann er seine dreimonatige Gef�ngnisstrafe absitzen musste. Er wollte die Sache so schnell wie m�glich gekl�rt haben. Ins Gef�ngnis zu kommen, stellte sich als einfacher heraus, als er sich vorgestellt hatte. Nach mehrw�chigem Hin und Her wurde beschlossen, dass Mikael sich am 17. M�rz in der Rull�ker Vollzugsanstalt bei �stersund einfinden sollte, einer offenen Anstalt f�r Kleinkriminelle. Mikaels Anwalt teilte ihm mit, dass er mit gr��ter Wahrscheinlichkeit vorzeitig entlassen werden w�rde.</p><p>�Prima�, sagte Mikael ohne allzu gro�en Enthusiasmus.</p><p>Er sa� am K�chentisch und streichelte die braun gesprenkelte Katze, die es sich mittlerweile zur Gewohnheit gemacht hatte, in mehrt�gigem Abstand aufzutauchen und die Nacht bei Mikael zu verbringen. Von Helen Nilsson erfuhr er, dass die Katze Tjorven hie� und niemandem so richtig geh�rte, sondern vielmehr in allen H�usern die Runde machte.</p><p>Mikael traf seinen Auftraggeber fast jeden Nachmittag. Manchmal fiel das Gespr�ch k�rzer aus, manchmal sa�en sie Stunden zusammen und redeten �ber Harriets Verschwinden und verschiedene Details in Vangers privaten Nachforschungen.</p><p>Nicht selten verlief das Gespr�ch so, dass Mikael eine Theorie formulierte, die Vanger sogleich verwarf. Mikael versuchte, die Distanz zu seinem Auftrag zu wahren, doch gleichzeitig merkte er, dass es Momente gab, in denen er selbst hoffnungslos fasziniert von diesem Puzzle war.</p><p>Mikael hatte Erika versprochen, eine Strategie f�r den neuen Feldzug gegen Hans-Erik Wennerstr�m zu entwerfen, aber nach einem Monat hatte er die alten Ordner, die ihn vor Gericht gebracht hatten, noch nicht einmal aufgeschlagen. Im Gegenteil, er schob das Problem von sich weg. Jedes Mal, wenn er �ber Wennerstr�m und seine eigene Situation nachzudenken begann, verfiel er in tiefste Niedergeschlagenheit und Apathie. In klareren Momenten fragte er sich, ob er langsam verr�ckt wurde wie der alte Mann. Seine Karriere war in sich zusammengest�rzt wie ein Kartenhaus, und er versteckte sich in einem kleinen Ort auf dem Land, wo er Gespenstern nachjagte. Au�erdem vermisste er Erika.</p><p>Henrik Vanger betrachtete seinen Co-Ermittler mit ged�mpfter Besorgnis. Er ahnte, dass Mikael Blomkvist unter Gem�tsschwankungen litt. Ende Januar fasste der Alte einen Entschluss, der ihn selbst �berraschte. Er griff zum Telefonh�rer und rief in Stockholm an. Das Gespr�ch dauerte zwanzig Minuten und drehte sich zum Gro�teil um Mikael Blomkvist.</p><p>Es hatte fast einen Monat gedauert, bis sich Erikas Zorn gelegt hatte. Eines Abends Ende Januar um halb neun rief sie ihn an.</p><p>�Du hast also tats�chlich vor, dort oben zu bleiben�, lautete ihre Begr��ung.</p><p>Der Anruf kam so �berraschend, dass er zun�chst um eine Antwort verlegen war. Dann zog er l�chelnd die Wolldecke enger um sich.</p><p>�Hallo, Ricky. Das solltest du auch mal ausprobieren.�</p><p>�Warum? Hat es irgendeinen besonderen Charme, in Tjottahejti zu wohnen?�</p><p>�Ich habe mir gerade die Z�hne mit Eiswasser geputzt. Das zieht vielleicht in den Plomben.�</p><p>�Selber schuld. Aber hier unten in Stockholm ist es auch schweinekalt.�</p><p>�Erz�hl.�</p><p>�Wir haben zwei Drittel unserer festen Anzeigenkunden eingeb��t. Keiner will es direkt aussprechen, aber ��</p><p>�Ich wei�. Mach eine Liste von denen, die abspringen. Eines Tages werden wir sie in einer passenden Reportage erw�hnen.�</p><p>�Micke � ich habe nachgerechnet. Wenn wir keine neuen Anzeigenkunden gewinnen, sind wir im Herbst pleite. So einfach ist das.�</p><p>�Das Blatt wird sich wenden.�</p><p>Sie lachte m�de am anderen Ende der Leitung.</p><p>�Du hast gut reden da oben in deiner Lappen-H�lle.�</p><p>�Mach mal halblang - es sind mindestens f�nfhundert Kilometer bis zur n�chsten Lappensiedlung.�</p><p>Erika schwieg.</p><p>�Erika, ich bin ��</p><p>�Ich wei�. A man�s gotta do what a man�s gotta do and all that crap. Du brauchst mir nichts zu erz�hlen. Tut mir leid, dass ich so eine Zicke war und nicht rangegangen bin, wenn du angerufen hast. K�nnen wir noch mal von vorne anfangen? Soll ich mich trauen und dich da oben besuchen?�</p><p>�Wann immer du willst.�</p><p>�Muss ich eine Schrotflinte f�r die W�lfe mitbringen?�</p><p>�Nein. Wir mieten uns ein paar Lappen mit Hundeschlitten. Wann kommst du?�</p><p>�Freitagabend. Okay?�</p><p>Das Leben schien Mikael pl�tzlich unendlich viel heller.</p><p>Abgesehen von der schmalen ger�umten Schneise bis zu seiner T�r lagen ungef�hr neunzig Zentimeter Schnee auf dem Grundst�ck. Mikael musterte eine Weile die Schneeschippe und ging dann zu Gunnar Nilsson, um zu fragen, ob Erika ihren BMW w�hrend ihres Besuches bei ihnen parken konnte. Sie hatten gen�gend Platz in ihrer Doppelgarage und konnten au�erdem noch ihren Motorw�rmer anbieten.</p><p>Erika fuhr am Nachmittag los und kam gegen sechs Uhr abends. Sie sahen sich ein paar Sekunden lang abwartend an und lagen sich dann bedeutend l�nger in den Armen.</p><p>Im Abenddunkel gab es au�er der erleuchteten Kirche nicht viel zu sehen. Der Supermarkt und Susannes Br�cken-Caf� schlossen gerade. Sie zogen sich also schnell ins Haus zur�ck. Mikael kochte Abendessen, w�hrend Erika in seinem Haus herumst�berte, die alten Nummern des <emphasis>Rekordmagasinet</emphasis> aus den f�nfziger Jahren kommentierte und sich in seine Ordner im Arbeitszimmer vertiefte. Sie a�en Lammkoteletts mit Salzkartoffeln und Sahnesauce - viel zu viele Kalorien - und tranken Rotwein. Mikael versuchte, den Faden ihres Telefongespr�chs wieder aufzunehmen, aber Erika war nicht recht in  Stimmung, �ber <emphasis>Millennium</emphasis> zu reden. Stattdessen redeten sie zwei Stunden �ber Mikaels Situation und ihre Gef�hle. Danach testeten sie, ob das Bett breit genug f�r sie beide war.</p><p>Das dritte Treffen mit Nils Bjurman war anberaumt, verschoben und zum Schluss auf f�nf Uhr am selben Freitag gelegt worden. Bei fr�heren Treffen war Lisbeth Salander stets von einer zirka f�nfundf�nfzigj�hrigen Dame in Empfang genommen worden, die nach Moschus roch und als Sekret�rin in der Kanzlei arbeitete. Diesmal hatte sie schon Feierabend gemacht und Bjurman eine leichte Alkoholfahne. Er bedeutete Salander mit einer wedelnden Geste, auf einem Besucherstuhl Platz zu nehmen, und bl�tterte geistesabwesend in irgendwelchen Papieren, bis er sich pl�tzlich ihrer Gegenwart wieder bewusst zu werden schien.</p><p>Abermals war sie regelrecht verh�rt worden. Diesmal hatte er Lisbeth Salander zu ihrem Sexleben ausgefragt - was ihrer Ansicht nach zu ihrer Privatsph�re geh�rte und ihn �berhaupt nichts anging.</p><p>Nach ihrem Besuch wusste sie, dass sie es falsch angepackt hatte. Sie war zun�chst still sitzen geblieben und hatte ihm ausweichende Antworten gegeben. Er hatte das vermutlich so interpretiert, als sei sie sch�chtern oder geistig zur�ckgeblieben oder h�tte etwas zu verbergen. Salander sah ein, dass er sie nicht in Ruhe lassen w�rde, bevor er seine Antworten bekommen hatte, und fing an, ihm knappe und harmlose Antworten zu geben, wie sie h�chstwahrscheinlich in ihr psychologisches Profil passten. Sie erw�hnte Magnus - in ihrer Beschreibung ein gleichaltriger Computerfreak, der sie wie ein Gentleman behandelte, sie ins Kino einlud und zwischendurch mit ihr ins Bett ging. Magnus war reine Fiktion - sie erfand ihn, w�hrend sie von ihm erz�hlte -, aber Bjurman hatte die Neuigkeit zum Anlass genommen, w�hrend der n�chsten Stunde eingehend ihr Sexleben auszuforschen. <emphasis>Wie oft haben Sie Sex?</emphasis> Ab und  zu. <emphasis>Wer ergreift die Initiative - Sie oder er?</emphasis> Ich. <emphasis>Verwenden Sie Kondome?</emphasis> Nat�rlich - sie habe schon mal von Aids geh�rt.  <emphasis>Welche Stellung m�gen Sie am liebsten?</emphasis> Na ja, meistens auf dem R�cken. <emphasis>M�gen Sie Oralsex?</emphasis> ����h, Moment � <emphasis>Haben Sie schon einmal Analsex gehabt?</emphasis></p><p>�Nein, ich steh nicht drauf, in den Arsch gefickt zu werden, aber was zum Teufel geht Sie das eigentlich an?�</p><p>Das war das einzige Mal, dass Sie vor Bjurman die Beherrschung verloren hatte. Sie wusste, wie man ihren Blick deuten konnte, und hatte auf den Boden gesehen, damit ihre Augen nicht ihre Gef�hle verrieten. Als sie ihn wieder anschaute, blinzelte er von der anderen Seite des Schreibtisches her�ber. Lisbeth Salander wusste mit einem Mal, dass ihr Leben eine dramatische Wende nehmen w�rde. Sie verlie� Bjurman mit einem Gef�hl des Ekels. Auf so etwas war sie nicht vorbereitet gewesen. Palmgren w�re niemals auf den Gedanken gekommen, ihr solche Fragen zu stellen. Er war immer zug�nglich gewesen, wenn sie mit ihm �ber irgendetwas reden wollte. Eine M�glichkeit, die sie selten genutzt hatte.</p><p>Bjurman war ein <emphasis>serious pain in the ass</emphasis> oder - wie ihr d�mmerte - auf dem besten Wege, sich zu einem <emphasis>major problem</emphasis> zu entwickeln.</p><a id="calibre_link-73"/><p><a id="calibre_link-74"/></p><p><strong>11. Kapitel</strong></p><p><strong>Samstag, 1. Februar - Dienstag, 18. Februar</strong></p><p>In den wenigen Stunden, die es am Samstag hell war, gingen Mikael und Erika am kleinen Hafen vorbei und schlugen den Weg nach �sterg�rden ein. Obwohl Mikael seit einem Monat auf der Insel wohnte, war er bis jetzt noch nie weiter ins Inselinnere vorgedrungen. K�lte und Schneest�rme hatten ihn davon abgehalten. Aber am Samstag war es sonnig und angenehm, als h�tte Erika einen Hauch von Fr�hlingswetter mitgebracht. Es waren nur f�nf Grad unter null. Rechts und links der Stra�e hatten die R�umfahrzeuge meterhohe Schneeberge hinterlassen. Sobald sie die Siedlung verlassen hatten, waren sie mitten in dichtem Tannenwald, und Mikael stellte �berrascht fest, dass der S�derberg oberhalb der H�user wesentlich h�her und unzug�nglicher war, als er vom Ort aus wirkte. Er �berlegte kurz, wie oft Harriet hier wohl als Kind gespielt hatte, verscheuchte dann aber den Gedanken an sie. Nach ein paar Kilometern endete der Wald j�h an einem Zaun, hinter dem der Hof �sterg�rden begann, von dem sie ein wei�es Holzhaus und einen gro�en, roten Viehstall sehen konnten. Sie gingen nicht in Richtung Hof weiter, sondern spazierten denselben Weg nach Hedeby zur�ck.</p><p>Als sie an der Auffahrt zum Vangerschen Haus vorbeikamen, klopfte Henrik Vanger kr�ftig von innen ans Fenster im  Obergeschoss und winkte sie energisch heran. Mikael und Erika sahen sich an.</p><p>�M�chtest du gerne einen Gro�industriellen kennenlernen?�, fragte Mikael.</p><p>�Bei�t er?�</p><p>�Samstags nie.�</p><p>Henrik Vanger empfing sie an der T�r zu seinem Arbeitszimmer und sch�ttelte ihnen die Hand.</p><p>�Ich habe Sie gleich erkannt. Sie m�ssen Frau Berger sein�, begr��te er sie. �Mikael hat mit keinem Wort erw�hnt, dass Sie nach Hedeby kommen wollten.�</p><p>Eine von Erikas hervorstechendsten Eigenschaften war ihre F�higkeit, sofort freundschaftliche Bande zu den unterschiedlichsten Individuen zu kn�pfen. Mikael hatte zugesehen, wie sie mit ihrem Charme f�nfj�hrige Jungen um den Finger wickelte, die innerhalb von zehn Minuten bereit gewesen w�ren, ihre M�tter zu verlassen. M�nner �ber achtzig machten da keine Ausnahme. Erikas Gr�bchen schienen ihnen Appetit zu machen. Nach zwei Minuten ignorierte er Mikael vollkommen und plauderte mit ihr, als w�rden sie sich von Kindesbeinen an kennen - na ja, aufgrund des Altersunterschiedes kamen nur Erikas Kindesbeine infrage.</p><p>Erika beschwerte sich zun�chst ungeniert dar�ber, dass er ihren verantwortlichen Herausgeber in die Wildnis gelockt hatte. Der alte Mann gab zur�ck, sie h�tte ihn den Pressemitteilungen zufolge ja bereits vor die T�r gesetzt, und wenn sie es noch nicht getan h�tte, dann w�re es vielleicht h�chste Zeit, den Ballast aus der Redaktion loszuwerden. Erika tat so, als musterte sie Mikael mit kritischem Blick. Und in diesem Fall, fuhr Henrik fort, k�nne ein Weilchen robustes Landleben dem jungen Herrn Blomkvist nur guttun. Da pflichtete Erika ihm bei.</p><p>F�nf Minuten lang diskutierten sie in provokantem Ton seine Unzul�nglichkeiten. Mikael lehnte sich zur�ck und tat  beleidigt, aber er hob die Augenbrauen, als Erika ein paar doppelb�dige Bemerkungen machte, die eventuell auf seine M�ngel als Journalist anspielten, genauso gut aber auf mangelnde sexuelle F�higkeiten gem�nzt sein konnten. Henrik Vanger legte den Kopf in den Nacken und lachte lauthals.</p><p>Mikael staunte. Die Kommentare waren lustig, aber so locker und entspannt hatte er Henrik Vanger noch nie erlebt. Er sah pl�tzlich vor sich, wie ein f�nfzig Jahre - nein, drei�ig Jahre - j�ngerer Henrik Vanger als charmanter Verf�hrer und attraktiver Frauenheld ausgesehen haben musste. Er hatte nie wieder geheiratet. Ihm mussten noch andere Frauen begegnet sein, aber er war ein knappes halbes Jahrhundert Junggeselle geblieben.</p><p>Mikael nahm einen Schluck Kaffee und spitzte pl�tzlich die Ohren, als er merkte, dass das Gespr�ch in ernste Bahnen gekommen war und sich nun um <emphasis>Millennium</emphasis> drehte.</p><p>�Ich habe von Mikael erfahren, dass Sie ein Problem mit dem Magazin haben.� Erika warf Mikael einen verstohlenen Blick zu. �Nein, nein, er hat keine internen Angelegenheiten mit mir besprochen, aber man m�sste taub und blind sein, um nicht zu begreifen, dass es mit Ihrer Zeitschrift, genau wie mit dem Unternehmen Vanger, bergab geht.�</p><p>�Wir werden das Ganze schon wieder in Ordnung bringen�, entgegnete Erika vorsichtig.</p><p>�Das bezweifle ich�, gab Henrik Vanger zur�ck.</p><p>�Warum?�</p><p>�Schauen wir doch mal - wie viele Angestellte haben Sie, sechs? Eine Auflage von 21 000 pro Monat, Druck, Vertrieb, B�ror�ume � Sie brauchen einen Jahresumsatz von, �ber den Daumen gepeilt, zehn Millionen. Ungef�hr die H�lfte davon muss �ber die Anzeigeneinnahmen reinkommen.�</p><p>�Und?�</p><p>�Hans-Erik Wennerstr�m ist ein nachtragender und kleinlicher Mistkerl, der Sie so schnell nicht vergessen d�rfte. Wie  viele Anzeigenkunden haben Sie in den letzten Monaten verloren?�</p><p>Erika betrachtete Henrik Vanger abwartend. Mikael hielt die Luft an. Wann immer er und der alte Mann �ber das Thema <emphasis>Millennium</emphasis> gesprochen hatten, waren entweder sp�ttische Kommentare gekommen, oder es ging darum, inwiefern die Situation seiner Zeitschrift Mikael erlaubte, einen vollwertigen Job in Hedestad zu leisten.</p><p>�D�rfte ich noch ein bisschen Kaffee haben?�, fragte Erika.</p><p>Vanger schenkte ihr sofort nach.</p><p>�Okay, Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht. Wir sind in Schwierigkeiten. Und wennschon.�</p><p>�Wie ernst ist die Lage?�</p><p>�Ein halbes Jahr k�nnen wir uns noch irgendwie �ber Wasser halten. Maximal acht bis zehn Monate. Aber wir haben einfach nicht genug Eigenkapital, um es l�nger zu schaffen.�</p><p>Die Miene des alten Mannes war unergr�ndlich, als er aus dem Fenster sah. Die Kirche stand immer noch da.</p><p>�Wussten Sie, dass mir einmal einige Zeitungen geh�rten?�</p><p>Mikael und Erika sch�ttelten den Kopf.</p><p>Vanger lachte pl�tzlich.</p><p>�Uns geh�rten sechs Tageszeitungen in Norrland. Das war in den f�nfziger und sechziger Jahren. Es war die Idee meines Vaters gewesen. Er meinte, es k�nnte einen politischen Vorteil bedeuten, wenn man die Medien hinter sich hat. Wir sind sogar immer noch einer der Teilhaber des <emphasis>Hedestads-Kuriren</emphasis>, und Birger ist Vorsitzender des Aufsichtsrats. Das ist Haralds Sohn�, f�gte er an Mikael gewandt hinzu.</p><p>�Und au�erdem Kommunalpolitiker�, stellte Mikael fest.</p><p>�Martin sitzt auch im Aufsichtsrat. Er hat ein Auge auf Birger.�</p><p>�Warum haben Sie die Zeitungen aufgegeben?�, fragte Mikael.</p><p>�Das lag an den Umstrukturierungen und Rationalisierungen in den sechziger Jahren. Zeitungen verlegen war irgendwie mehr ein Hobby als ein echtes Interesse. Als wir das Budget k�rzen mussten, haben wir zuerst die Zeitungen abgesto�en. Aber ich wei�, was es bedeutet, eine Zeitschrift herauszugeben � Darf ich Ihnen eine pers�nliche Frage stellen?�</p><p>Die Frage war an Erika gerichtet, die eine Augenbraue hob und Vanger ein Zeichen gab fortzufahren.</p><p>�Ich habe Mikael nicht danach gefragt, und wenn Sie nicht antworten wollen, brauchen Sie nichts dazu zu sagen. Ich will wissen, wie Sie in diesen Schlamassel geraten sind. Hatten Sie eine Story oder nicht?�</p><p>Mikael und Erika tauschten einen Blick. Nun war es an Mikael, eine unergr�ndliche Miene aufzusetzen. Erika z�gerte einen Moment, bevor sie anfing zu sprechen.</p><p>�Wir hatten eine Story. Aber das war eigentlich eine ganz andere Story.�</p><p>Henrik Vanger nickte.</p><p>�Ich will nicht dar�ber reden�, schnitt Mikael die Diskussion ab. �Ich habe recherchiert und den Artikel geschrieben. Ich hatte alle Quellen, die ich brauchte. Dann ging alles in die Binsen.�</p><p>�Aber Sie hatten Quellen f�r alles, was Sie geschrieben haben?�</p><p>Mikael nickte.</p><p>Henrik Vangers Stimme wurde pl�tzlich scharf.</p><p>�Ich will nicht so tun, als w�sste ich, wie Sie auf diese Mine treten konnten. Mir f�llt keine �hnliche Geschichte ein, au�er vielleicht der Lundahl-Aff�re im <emphasis>Expressen</emphasis> in den sechziger Jahren, aber das war lange vor Ihrer Zeit.� Er sch�ttelte den Kopf und wandte sich mit leiser Stimme an Erika. �Ich bin Zeitungsherausgeber gewesen und kann es wieder werden. Was w�rden Sie dazu sagen, wenn Sie einen weiteren Teilhaber bek�men?�</p><p>Die Frage kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel, aber Erika schien nicht im Geringsten �berrascht zu sein.</p><p>�Wie meinen Sie das?�, fragte sie.</p><p>Henrik Vanger wich der Frage mit einer Gegenfrage aus. �Wie lange bleiben Sie hier in Hedestad?�</p><p>�Ich fahre morgen nach Hause.�</p><p>�K�nnten Sie sich vorstellen - Sie und Mikael, meine ich nat�rlich -, einem alten Mann eine Freude zu machen und heute Abend zu mir zum Essen zu kommen? Um sieben Uhr?�</p><p>�Das passt prima. Wir kommen gerne. Aber Sie sind meiner Frage ausgewichen. Warum sollten Sie Teilhaber bei <emphasis>Millennium</emphasis> werden wollen?�</p><p>�Ich bin der Frage nicht ausgewichen. Ich dachte nur, dass wir bei einem kleinen Essen dar�ber reden sollten. Ich muss mit Dirch Frode, meinem Anwalt, sprechen, bevor ich konkret werden kann. Aber um es einfach auszudr�cken: Ich habe Geld, das ich investieren kann. Wenn�s nicht funktioniert - tja, ich habe in meinem Leben schon bedeutend gr��ere Verluste gemacht.�</p><p>Mikael wollte gerade den Mund aufmachen, als Erika ihm die Hand aufs Knie legte.</p><p>�Mikael und ich haben hart darum gek�mpft, v�llig unabh�ngig zu sein.�</p><p>�Unsinn. Kein Mensch ist v�llig unabh�ngig. Aber ich bin gar nicht darauf aus, die Zeitschrift an mich zu rei�en, und der Inhalt ist mir v�llig egal. Dieser verdammte Stenbeck hat sich Pluspunkte geholt, als er <emphasis>Moderna Tider</emphasis> herausgab, da kann ich ja wohl hinter <emphasis>Millennium</emphasis> stehen. Das obendrein noch eine gute Zeitschrift ist.�</p><p>�Hat das etwas mit Wennerstr�m zu tun?�, fragte Mikael pl�tzlich.</p><p>Henrik Vanger l�chelte.</p><p>�Mikael, ich bin �ber achtzig Jahre alt. Ich habe es bereut, so manches vers�umt und einigen Mistkerlen das Leben nicht  saurer gemacht zu haben. Doch apropos� - er wandte sich wieder an Erika - �eine solche Investition ist mit mindestens einer Bedingung verbunden.�</p><p>�Schie�en Sie los�, sagte Erika.</p><p>�Herr Blomkvist muss wieder den Posten des verantwortlichen Herausgebers �bernehmen.�</p><p>�Das geht nicht!�, widersprach Mikael sofort.</p><p>�Doch!�, gab Henrik Vanger ebenso entschieden zur�ck. �Wennerstr�m kriegt einen Schlaganfall, wenn wir mit der Pressemitteilung rausgehen, dass der Vanger-Konzern <emphasis>Millennium</emphasis> unter die Arme greift und Sie gleichzeitig als verantwortlicher Herausgeber zur�ckkommen. Deutlicher k�nnen wir nicht signalisieren, dass dies keine Macht�bernahme ist und die Politik der Redaktion feststeht. Und allein das wird die Anzeigenkunden, die sich jetzt zur�ckziehen wollen, noch einmal zum Nachdenken zwingen. Wennerstr�m ist nicht allm�chtig. Er hat auch Feinde, und es wird Firmen geben, die Inserate schalten wollen.�</p><p>�Was zum Teufel sollte das denn bedeuten?�, fragte Mikael, sobald Erika die Haust�r schloss.</p><p>�Ich glaube, das nennt man vorbereitende Erkundigungen vor einem Gesch�ftsabschluss�, antwortete sie. �Du hattest mir ja gar nicht erz�hlt, dass Henrik Vanger so ein Schatz ist.�</p><p>Mikael baute sich vor ihr auf. �Ricky, du wei�t genau, wovon dieses Gespr�ch handeln sollte.�</p><p>�Ach, komm schon. Es ist erst drei Uhr, und ich will mich vor diesem Abendessen noch ein bisschen am�sieren.�</p><p>Mikael Blomkvist kochte vor Wut. Aber er hatte Erika noch nie lange b�se sein k�nnen.</p><p>Erika trug ein schwarzes Kleid, eine taillenkurze Jacke und Pumps, die sie rein zuf�llig in ihre kleine Reisetasche gesteckt hatte. Sie bestand darauf, dass auch Mikael sich in Schale  warf. Er zog eine schwarze Hose an, ein graues Hemd, einen dunklen Schlips und ein graues Sakko. Als sie p�nktlich bei Henrik Vanger erschienen, stellte sich heraus, dass auch Dirch Frode und Martin Vanger zu den G�sten geh�rten. Alle trugen Schlips und Sakko, bis auf Henrik, der mit Fliege und brauner Strickjacke herumlief.</p><p>�Achtzig Jahre alt zu sein hat den Vorteil, dass keiner mehr beanstanden kann, wie man sich anzieht�, stellte er fest.</p><p>Erika war den ganzen Abend strahlender Laune.</p><p>Erst als sie es sich sp�ter in einem Salon mit offenem Kamin bequem machten und sich einen Cognac eingossen, kam ein ernsthaftes Gespr�ch in Gang. Sie redeten fast zwei Stunden, bis sie den Entwurf eines Vertrages auf dem Tisch hatten.</p><p>Frode sollte ein Unternehmen gr�nden, das zu 100 Prozent Henrik Vanger geh�rte und dessen Leitung aus ihm, Frode und Martin Vanger bestehen sollte. Diese Firma w�rde �ber vier Jahre hinweg einen Betrag investieren, der <emphasis>Millenniums</emphasis>  Defizit ausglich. Das Geld kam aus Henrik Vangers Privatverm�gen. Im Gegenzug w�rde Henrik Vanger einen sichtbaren Posten im Vorstand erhalten. Diese Vereinbarung sollte vier Jahre gelten, konnte aber nach zwei Jahren von <emphasis>Millennium</emphasis> aufgek�ndigt werden. Eine solche vorzeitige K�ndigung w�rde jedoch kostspielig werden, denn Henrik w�rde mit derselben Summe ausbezahlt werden m�ssen, die er eingezahlt hatte.</p><p>Im Falle seines pl�tzlichen Todes w�rde Martin Vanger f�r die restliche Zeit seinen Posten �bernehmen. Wenn Martin sein Engagement �ber diese Zeit hinaus fortsetzen wollte, musste er zum gegebenen Zeitpunkt selbst dazu Stellung nehmen. Auch Martin Vanger schien erfreut �ber die M�glichkeit, es Hans-Erik Wennerstr�m heimzuzahlen, und Mikael fragte sich, welche Differenzen er wohl mit Wennerstr�m haben mochte.</p><p>Nachdem sie eine vorl�ufige Einigung erzielt hatten, schenkte Martin Vanger noch einmal Cognac nach. Henrik Vanger ergriff die Gelegenheit, um Mikael zuzufl�stern, dass dieser Vertrag ihre alte Vereinbarung in keiner Weise beeintr�chtige.</p><p>Um in den Medien die gr��tm�gliche Aufmerksamkeit zu erzielen, beschloss man au�erdem, die neuen Eigentumsverh�ltnisse am selben Tag zu ver�ffentlichen, an dem Mikael sich Mitte M�rz ins Gef�ngnis begab. Ein so negatives Ereignis mit der Bekanntmachung der neuen Strukturen zu verbinden, war rein PR-technisch so verkehrt, dass es Mikaels Verleumder verbl�ffen und Henrik Vangers Beitritt das maximale Rampenlicht verschaffen musste. Aber allen war die Logik dieses Plans klar - es war ein Signal, dass die Pestflagge, die derzeit �ber der <emphasis>Millennium</emphasis>-Redaktion wehte, wieder eingeholt wurde. Ab jetzt wurde mit harten Bandagen gek�mpft.</p><p>Das Unternehmen Vanger steckte in einer Krise, aber es war immer noch ein gewichtiger Industriekonzern, der, wenn n�tig, offensiv agieren konnte.</p><p>Das ganze Gespr�ch verlief in Form einer Diskussion zwischen Erika auf der einen Seite und Henrik und Martin auf der anderen. Keiner hatte Mikael gefragt, was er von der Sache hielt.</p><p>Sp�tnachts lag Mikael mit dem Kopf auf Erikas Brust und sah ihr in die Augen.</p><p>�Wie lange diskutiert ihr schon �ber diese Vereinbarung, du und Henrik Vanger?�, fragte er.</p><p>�Ungef�hr seit einer Woche�, antwortete sie l�chelnd.</p><p>�Ist Christer einverstanden?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Warum durfte ich nichts davon erfahren?�</p><p>�Warum h�tte ich das mit dir besprechen sollen? Du bist als verantwortlicher Herausgeber ausgeschieden, hast die Redaktion und die Verlagsleitung verlassen und dich mitten im Wald angesiedelt.�</p><p>Mikael dachte ein Weilchen dar�ber nach.</p><p>�Du meinst, ich verdiene es, wie ein Idiot behandelt zu werden?�</p><p>�Oh ja!�, sagte sie mit Nachdruck.</p><p>�Du warst wirklich sauer auf mich.�</p><p>�Ich habe mich noch nie so verraten und verkauft gef�hlt wie in dem Moment, als du aus der Redaktion spaziert bist. Ich war noch nie so b�se auf dich.� Sie griff ihm fest in die Haare und schob seinen Kopf weiter nach unten.</p><p>Als Erika Hedeby am Sonntag verlie�, war Mikael so w�tend auf Henrik Vanger, dass er nicht riskieren wollte, ihm oder einem anderen Mitglied der Familie �ber den Weg zu laufen. Stattdessen fuhr er nach Hedestad und verbrachte den Nachmittag damit, durch die Stadt zu bummeln, die Bibliothek zu besuchen und in einer Konditorei Kaffee zu trinken. Am Abend ging er ins Kino und sah sich <emphasis>Herr der Ringe</emphasis> an, den er in all dem Premierentrubel vor einem Jahr verpasst hatte. Pl�tzlich fand er, dass die Orks im Vergleich zu den Menschen doch einfache, unkomplizierte Wesen waren.</p><p>Er rundete den Abend bei McDonald�s in Hedestad ab und fuhr gegen Mitternacht mit dem letzten Bus auf die Insel zur�ck. Er machte Kaffee, setzte sich an den K�chentisch und holte einen Ordner hervor. Er las bis vier Uhr morgens.</p><p>Die Ermittlungen im Fall Harriet Vanger hatten einige Fragen aufgeworfen. Sie traten umso deutlicher hervor, je l�nger Mikael sich in den Bericht einarbeitete. Es waren keine sensationellen Entdeckungen, die er da machte, sondern altbekannte Probleme, die Gustav Morell lange Zeit besch�ftigt hatten, sogar in seiner Freizeit.</p><p>Im letzten Jahr ihres Lebens hatte Harriet sich ver�ndert. In gewisser Weise konnte man die Ver�nderung als die Metamorphose interpretieren, die alle Jugendlichen in ihrer Teenagerzeit in der einen oder anderen Form erleben. Harriet wurde langsam erwachsen, aber in ihrem Fall hatten Klassenkameraden, Lehrer und mehrere Familienmitglieder bezeugt, dass sie reserviert und verschlossen geworden war.</p><p>Zwei Jahre zuvor noch ein ganz normaler, ausgelassener Teenie, war sie auf einmal sichtbar auf Distanz zu ihrer Umgebung gegangen. In der Schule war Harriet immer noch mit ihren Mitsch�lern zusammen, doch pl�tzlich auf eine Weise, die eine ihrer Freundinnen als �unpers�nlich� beschrieb. Das Wort, das die Freundin verwendete, war so au�ergew�hnlich, dass Morell es notierte und weitere Fragen dazu stellte. Sie erkl�rte ihm, dass Harriet aufgeh�rt hatte, �ber sich selbst zu sprechen, zu tratschen oder �ber vertrauliche Dinge zu reden.</p><p>Harriet war auf kindliche Art christlich gewesen, w�hrend sie heranwuchs - Sonntagsschule, Abendgebet und Konfirmation. Im letzten Jahr schien sie jedoch richtiggehend religi�s geworden zu sein. Sie las in der Bibel und ging regelm��ig in die Kirche. Sie hatte sich allerdings nicht Pastor Falk angeschlossen, der ein Freund der Familie Vanger war, sondern sich im Fr�hling eine Pfingstgemeinde in Hedestad gesucht. Dieses Engagement in der Pfingstgemeinde dauerte aber nicht lange. Schon nach zwei Monaten hatte sie die Gemeinde wieder verlassen und stattdessen begonnen, B�cher �ber den Katholizismus zu lesen.</p><p>Teeniehafte religi�se Schw�rmerei? Vielleicht, aber in der Familie war sonst niemand in nennenswertem Ausma� religi�s, und es war schwer herauszufinden, welche Impulse ihre Gedanken lenkten. Eine Erkl�rung f�r ihr Interesse an Gott konnte freilich sein, dass ihr Vater zwei Jahre zuvor bei einem Unfall ertrunken war. Morell mutma�te, dass in Harriets  Leben irgendetwas geschehen sein musste, das sie bedr�ckte oder sonstwie beeinflusste. Ebenso wie Henrik Vanger hatte Morell viel Zeit darauf verwendet, mit Harriets Freunden zu sprechen, um jemand zu finden, dem sie sich vielleicht anvertraut hatte.</p><p>Man setzte eine gewisse Hoffnung in die zwei Jahre �ltere Anita Vanger, Haralds Tochter, die den Sommer 1969 auf der Hedeby-Insel verbracht und sich nach eigener Aussage intensiv mit Harriet angefreundet hatte. Aber auch Anita Vanger konnte keine richtigen Ausk�nfte geben. Sie waren den Sommer �ber viel zusammen gewesen, waren baden gegangen, hatten Spazierg�nge unternommen und �ber Filme, Popbands und B�cher geredet. Harriet war oft mitgekommen, wenn Anita �bungsfahrten f�r ihren F�hrerschein machte. Einmal tranken sie sich einen kleinen Schwips mit einer Flasche Wein an, die sie aus den Vorr�ten im Haus gemopst hatten. Au�erdem wohnten sie mehrere Wochen zusammen in �Gottfrieds H�tte�, einem entlegenen kleinen H�uschen, das Harriets Vater Anfang der f�nfziger Jahre errichtet hatte.</p><p>Die Fragen nach Harriets privaten Gedanken und Gef�hlen blieben unbeantwortet. Mikael fiel jedoch eine Diskrepanz in den Beschreibungen auf: Die Angaben zu Harriets zur�ckgezogenen Wesen stammten zum Gro�teil von Mitsch�lern und Familienmitgliedern, w�hrend Anita Vanger sie �berhaupt nicht als verschlossen empfunden hatte. Er wollte bei Gelegenheit mit Henrik Vanger dar�ber sprechen.</p><p>Ein konkreteres Fragezeichen, dem Morell bedeutend mehr Interesse zugewandt hatte, war eine r�tselhafte Seite in Harriets Kalender, einem sch�n eingebundenen Weihnachtsgeschenk, das sie im Jahr vor ihrem Verschwinden bekommen hatte. Die erste H�lfte des Kalenders enthielt einen Zeitplan, in dem Harriet jeden Tag Treffen, Pr�fungstermine am Gymnasium, Hausaufgaben und anderes notiert hatte. Der Kalender lie� viel Platz f�r Tagebuchaufzeichnungen, allerdings f�hrte Harriet nur sehr sporadisch Tagebuch. Sie begann im Januar noch recht ehrgeizig, mit kurzen Anmerkungen, wen sie in den Weihnachtsferien getroffen hatte, und mit Kommentaren zu Filmen, die sie gesehen hatte. Danach schrieb sie nichts Pers�nliches mehr auf. Nur eine kurze Notiz deutete darauf hin, dass ihr ein nicht namentlich genannter Junge auf der Schulabschlussfeier ganz gut gefallen hatte.</p><p>Aber die Seiten mit den Telefonnummern enthielten das wahre Geheimnis. S�uberlich waren dort in alphabetischer Reihenfolge Familienmitglieder, Klassenkameraden, gewisse Lehrer, ein paar Mitglieder der Pfingstgemeinde und andere leicht zu identifizierende Personen ihrer Umgebung aufgef�hrt. Auf der allerletzten Seite, die ganz wei� war und eigentlich schon au�erhalb des alphabetischen Registers lag, standen f�nf Namen und ebenso viele Telefonnummern. Es waren drei Frauennamen und zwei Namen in Initialen.</p><p><image l:href="#2"/></p><p>Die f�nfstelligen Telefonnummern, die mit 32 anfingen, waren in den sechziger Jahren die Nummern in Hedestad. Die davon abweichende 30er-Nummer f�hrte nach Norrby au�erhalb von Hedestad. Allerdings wusste keiner, wer diese Personen waren, als Kommissar Morell in Harriets Bekanntenkreis nachfragte.</p><p>Die erste Nummer, die von �Magda�, schien vielversprechend. Die Nummer geh�rte zu einem Stoff- und Kurzwarengesch�ft in der Parkgata 12. Der Anschluss war auf eine Margot Lundmark zugelassen, deren Mutter tats�chlich Magda hie� und stundenweise im Laden aushalf. Magda war jedoch neunundsechzig Jahre alt und hatte keine Ahnung, wer Harriet Vanger war. Es gab auch keinerlei Hinweise, dass Harriet jemals in diesem Gesch�ft gewesen w�re oder dort etwas gekauft h�tte. Handarbeiten geh�rte nicht zu ihren Freizeitbesch�ftigungen.</p><p>Die andere Nummer geh�rte zu einer Familie Toresson in V�ststan, auf der anderen Seite der Eisenbahnlinie. Die Familie bestand aus Anders und Monica sowie ihren Kindern Jonas und Peter, die im Vorschulalter waren. Eine Sara gab es nicht in der Familie, und man wusste nicht mehr �ber Harriet Vanger, als dass sie in den Massenmedien als vermisst gemeldet worden war. Die einzige vage Verbindung zwischen Harriet und den Toressons war, dass Anders, ein Dachdecker, im Jahr zuvor ein paar Wochen lang das Dach der Schule gedeckt hatte, in der Harriet die erste Gymnasialklasse besuchte. Es bestand also theoretisch die M�glichkeit, dass sie sich getroffen haben k�nnten, obwohl das als �u�erst unwahrscheinlich betrachtet werden musste.</p><p>Die restlichen drei Telefonnummern f�hrten in �hnliche Sackgassen. Bei �RL�, Nummer 32027, hatte tats�chlich eine Rosmarie Larsson gewohnt. Leider war sie schon vor ein paar Jahren verstorben.</p><p>Angesichts dieses R�tsels konzentrierten sich Morells Ermittlungen im Winter 1966/67 auf die Frage, warum Harriet diese Namen und Nummern notiert haben mochte.</p><p>Nicht allzu �berraschend tippte er zun�chst darauf, dass die Nummern mit einer Art pers�nlichem Code verschl�sselt waren - Morell versuchte also, sich vorzustellen, wie ein Teenie gedacht haben k�nnte. Da die 32er-Serie offensichtlich f�r Hedestad stand, versuchte er es mit einem Umstellen der letzten drei Ziffern. Doch weder 32601 noch 32160 f�hrten zu  einer Magda. W�hrend Morell mit seiner Zahlenmystik weitermachte, war er guten Mutes, dass er fr�her oder sp�ter eine Verbindung zu Harriet finden w�rde, wenn er nur gen�gend Ziffern vertauschte. Wenn er zum Beispiel die letzten drei Stellen von 32016 erh�hte, bekam er 32127 - und das war die Nummer von Dirch Frodes Kanzlei in Hedestad. Dummerweise brachte ihn das auch nicht weiter.</p><p>Au�erdem fand er keinen Code, der alle f�nf Nummern zugleich erkl�rt h�tte.</p><p>Konnten die Ziffern etwas anderes bedeuten? Die Nummernschilder der Autos trugen in den sechziger Jahren Buchstaben, die die Provinz bezeichneten, und f�nf Ziffern - eine Sackgasse.</p><p>Da gab der Kommissar die Zahlen auf und konzentrierte sich auf die Namen. Er besorgte sich eine Liste aller Personen in Hedestad, die Mari, Magda oder Sara hie�en oder die Initialen RL beziehungsweise RJ hatten. Er kam auf ein Verzeichnis von insgesamt dreihundertsieben Personen. Unter ihnen befanden sich ganze neunundzwanzig, die irgendwie in Beziehung zu Harriet standen. Ein ehemaliger Mitsch�ler hie� zum Beispiel Roland Jacobsson, RJ. Die beiden waren jedoch nur oberfl�chlich miteinander bekannt gewesen und hatten keinen Kontakt mehr gehabt, seit Harriet aufs Gymnasium ging. Und au�erdem gab es nat�rlich keine Verbindung zu der entsprechenden Telefonnummer.</p><p>Das Telefonnummern-R�tsel blieb ungel�st.</p><p>Das vierte Treffen mit Rechtsanwalt Bjurman war keiner ihrer offiziell vereinbarten Termine. Sie war gezwungen gewesen, Kontakt mit ihm aufzunehmen.</p><p>In der zweiten Februarwoche ging Lisbeth Salanders Laptop bei einem Unfall zu Bruch, der so absurd war, dass sie, frustriert, Mordgel�ste gegen den Verursacher hegte. Sie war zu einer Besprechung bei Milton Security gefahren, hatte das  Fahrrad hinter einen Pfeiler der Tiefgarage geschoben und den Rucksack auf den Boden gestellt, um das Rad abschlie�en zu k�nnen. Im n�chsten Moment parkte ein dunkelroter Saab r�ckw�rts aus. Sie stand mit dem R�cken zu ihm und h�rte nur das Knacken in ihrem Rucksack. Der Autofahrer hatte nichts bemerkt und war unbek�mmert durch die Ausfahrt verschwunden.</p><p>Der Rucksack enthielt ihr wei�es Apple-iBook 600 mit einer 25-Gigabyte-Festplatte und 420 MB RAM, hergestellt im Januar 2002 und ausgestattet mit einem 14-Zoll-Bildschirm. Als sie ihn kaufte, war dieser Laptop das Neueste vom Neuesten. Computerzubeh�r war im Gro�en und Ganzen der einzige extravagante Posten in ihren Ausgaben.</p><p>Als sie den Rucksack aufmachte, konnte sie sehen, dass der Deckel des Laptops zerbrochen war. Sie steckte den Netzstecker ein und versuchte, den Computer zu starten, aber er gab nicht einmal eine letzte Zuckung von sich. Sie brachte die �berreste zu Timmys <emphasis>MacJesus Shop</emphasis>, in der Hoffnung, dass zumindest die Festplatte gerettet werden k�nnte. Timmy fummelte nur ein wenig daran herum, dann sch�ttelte er den Kopf.</p><p>�Sorry. Keine Hoffnung�, sagte er. �Bereite ihm ein sch�nes Begr�bnis.�</p><p>Der Verlust des Computers war deprimierend, aber keine Katastrophe. Lisbeth Salander war in dem einen Jahr, in dem sie ihn gehabt hatte, bestens mit ihm zurechtgekommen. Sie besa� Sicherheitskopien von allen Dokumenten und zu Hause einen �lteren Mac G3 sowie einen f�nf Jahre alten Toshiba PC Laptop, den sie auch noch benutzen konnte. Aber - verflucht! - sie brauchte eine schnelle und moderne Kiste.</p><p>Es war wohl nicht sonderlich �berraschend, dass sie auf die denkbar beste Alternative verfiel: das neu herausgekommene Apple PowerBook G4/1.0 GHz mit Aluminiumgeh�use, mit einem PowerPC 7451 Prozessor mit AltiVec Velocity Engine,  960 Mb RAM und einer 60 Gigabyte-Festplatte, inklusive BlueTooth sowie einem CD- und DVD-Brenner.</p><p>Vor allem hatte er als erster Laptop einen 17-Zoll-Bildschirm mit NVIDIA-Grafik und einer Aufl�sung von 1440 x 900 Pixel, was eingefleischte PC-F�rsprecher schockierte und alles andere auf dem Markt in den Schatten stellte.</p><p>Das war der Rolls-Royce unter den Laptops, aber was Lisbeth Salanders Will-haben-Reflex wirklich in Gang setzte, war die simple Finesse, dass die Tastatur mit Hintergrundbeleuchtung ausgestattet war, sodass sie die Tasten auch im Dunkeln sehen konnte. Warum hatte fr�her keiner an so etwas gedacht?</p><p>Es war Liebe auf den ersten Blick.</p><p>Er kostete 38 000 Kronen zuz�glich Mehrwertsteuer.</p><p><emphasis>Das</emphasis> war ein Problem.</p><p>Sie gab eine Bestellung bei MacJesus auf, von dem sie ihren gesamten Computerkram kaufte und der ihr daher einen ordentlichen Rabatt einr�umte. Ein paar Tage sp�ter rechnete Lisbeth Salander ihre Ausgaben zusammen. Die Versicherung ihres verungl�ckten Laptops w�rde den Neukauf weitgehend abdecken, aber mit der Selbstbeteiligung und der Preisdifferenz zu ihrem Neuerwerb hatte sie immer noch knapp 18 000 Kronen zu wenig. In einer Kaffeedose zu Hause hatte sie noch 10 000 Kronen versteckt, um immer ein bisschen Bargeld zur Hand zu haben, aber das reichte nicht. Sie verfluchte Bjurman in Gedanken, biss dann aber in den sauren Apfel, rief ihren Vormund an und erkl�rte ihm, dass sie Geld f�r eine unerwartete Ausgabe ben�tigte. Bjurman entgegnete, dass er heute keine Zeit mehr habe. Salander erwiderte, es w�rde ihn zwanzig Sekunden kosten, einen Scheck �ber 10 000 Kronen auszuschreiben. Er erkl�rte, er k�nne einen solchen Betrag nicht einfach aufs Geratewohl herausgeben, lenkte dann jedoch ein und bat sie nach einer kurzen Bedenkzeit zu einem Treffen au�erhalb der B�rozeiten, um halb acht Uhr abends.</p><p>Mikael musste zugeben, dass ihm die Kompetenz fehlte, die Qualit�t der polizeilichen Ermittlungen zu beurteilen. Kommissar Morell war �u�erst gewissenhaft vorgegangen und hatte jeden Stein umgedreht, was in mancher Hinsicht weit �ber seine dienstlichen Pflichten hinausging. Nachdem Mikael den polizeilichen Untersuchungsbericht aus der Hand gelegt hatte, tauchte Morell immer noch in Henriks privaten Aufzeichnungen auf. Zwischen den beiden M�nnern waren freundschaftliche Bande entstanden, und Mikael fragte sich, ob sich in Morells Kopf dieselbe fixe Idee festgesetzt hatte wie bei Henrik Vanger. Er kam aber zu dem Schluss, dass Morell kaum etwas entgangen sein konnte. Die L�sung f�r das R�tsel Harriet Vanger w�rde keine polizeiliche Ermittlung ans Tageslicht bringen, und sei sie auch so gut wie perfekt. Alle denkbaren Fragen waren bereits gestellt und alle Spuren verfolgt worden, sogar die augenscheinlich unsinnigen.</p><p>Er hatte noch nicht den ganzen Untersuchungsbericht gelesen, aber je weiter er vorankam, umso obskurer wurden die Spuren und Tipps, denen man nachgegangen war. Er erwartete nicht, etwas zu finden, was sein Vorg�nger �bersehen hatte, und er war unschl�ssig, wie er selbst das Problem angehen sollte. Schlie�lich war eine �berzeugung in ihm herangereift: F�r ihn lag der einzig vern�nftige Weg im Versuch, die Beweggr�nde der beteiligten Personen zu erforschen.</p><p>Das gr��te Fragezeichen stand hinter Harriet selbst. Wer war sie eigentlich?</p><p>Vom Fenster seines Hauses aus hatte Mikael gesehen, dass das Licht im ersten Stock bei Cecilia Vanger um f�nf Uhr nachmittags anging. Er klopfte um halb acht an ihre T�r, als gerade das Logo der Nachrichtensendung eingeblendet wurde. Als sie ihm aufmachte, trug sie einen Bademantel und hatte ihr nasses Haar mit einem gelben Frotteehandtuch bedeckt. Mikael entschuldigte sich f�r die St�rung und wollte sofort wieder kehrtmachen, aber sie winkte ihn in die K�che. Sie  setzte Kaffee auf und verschwand f�r ein paar Minuten ins Obergeschoss. Als sie wieder herunterkam, hatte sie sich Jeans und ein kariertes Flanellhemd angezogen.</p><p>�Ich dachte schon, Sie trauen sich nicht, mich mal zu besuchen.�</p><p>�Ich h�tte vorher anrufen sollen, aber ich habe das Licht brennen sehen und dachte spontan, ich komme mal r�ber.�</p><p>�Ich habe gesehen, dass bei Ihnen manchmal die ganze Nacht das Licht brennt. Und Sie gehen oft nach Mitternacht drau�en spazieren. Nachteule, was?�</p><p>Michael zuckte mit den Schultern. �Das hat sich so ergeben.� Er sah einen Stapel Schulb�cher auf dem K�chentisch liegen. �Unterrichten Sie immer noch, Frau Direktor?�</p><p>�Nein, als Rektorin fehlt mir die Zeit dazu. Aber ich war Lehrerin f�r Geschichte, Religion und Sozialkunde. Und ich habe ja noch ein paar Jahre vor mir.�</p><p>�Ein paar Jahre?�</p><p>Sie l�chelte. �Ich bin sechsundf�nfzig und gehe auf die Rente zu.�</p><p>�Sie sehen nicht �lter aus als f�nfzig, eher Ende vierzig.�</p><p>�Danke f�r die Blumen. Wie alt sind Sie?�</p><p>��ber vierzig�, l�chelte Mikael.</p><p>�Und vor Kurzem waren Sie noch zwanzig, nicht wahr. Wie schnell es geht. Das Leben, meine ich.�</p><p>Cecilia Vanger goss Kaffee ein und fragte Mikael, ob er Hunger habe. Er antwortete, er habe schon gegessen, was der Wahrheit entsprach. Er nahm es nicht allzu genau mit den Mahlzeiten und a� stattdessen belegte Brote. Hunger hatte er aber nicht.</p><p>�Sind Sie gekommen, um mir Fragen zu stellen?�</p><p>�Nein, ich wollte einfach mal vorbeischauen.�</p><p>Cecilia Vanger l�chelte pl�tzlich.</p><p>�Sie sind zu einer Gef�ngnisstrafe verurteilt worden, Sie ziehen nach Hedeby, gucken sich das Material zu Henriks Lieblingshobby durch, schlafen nachts nicht, machen lange Nachtspazierg�nge bei Eisesk�lte � hab ich was vergessen?�</p><p>�Dass mein Leben vor die Hunde geht, vielleicht.� Mikael l�chelte zur�ck.</p><p>�Wer war die Frau, die Sie am Wochenende besucht hat?�</p><p>�Erika � sie ist Chefredakteurin bei <emphasis>Millennium</emphasis>.�</p><p>�Ihre Freundin?�</p><p>�Wie man�s nimmt. Sie ist verheiratet. Ich bin mehr ein guter Freund und <emphasis>occasional lover</emphasis>.�</p><p>Cecilia Vanger lachte laut.</p><p>�Was ist daran so lustig?�</p><p>�Wie Sie das sagen. <emphasis>Occasional lover</emphasis>. Der Ausdruck gef�llt mir.�</p><p>Mikael lachte auch. Auf einmal mochte er Cecilia Vanger.</p><p>�Ich k�nnte auch einen <emphasis>occasional lover</emphasis> brauchen�, sagte sie.</p><p>Sie kickte ihre Pantoffeln weg und stellte ihm einen Fu� aufs Knie. Mikael legte ihr automatisch seine Hand auf den Fu� und ber�hrte ihre Haut. Einen Moment z�gerte er - er sp�rte, dass er sich in unerwartetes und unbekanntes Fahrwasser begab. Vorsichtig begann er, ihre Fu�sohle mit dem Daumen zu massieren.</p><p>�Ich bin auch verheiratet�, sagte Cecilia Vanger.</p><p>�Ich wei�. Im Vanger-Clan l�sst man sich nicht scheiden.�</p><p>�Ich habe meinen Mann seit fast zwanzig Jahren nicht mehr gesehen.�</p><p>�Was ist passiert?�</p><p>�Das geht Sie nichts an. Ich habe seit � hmm, seit mittlerweile drei Jahren keinen Sex mehr gehabt.�</p><p>�Das erstaunt mich.�</p><p>�Wieso? Das ist eine Frage von Angebot und Nachfrage. Ich will absolut keinen Freund oder Ehemann oder Lebensgef�hrten. Ich f�hle mich allein ganz gut. Mit wem sollte ich also Sex haben? Mit einem meiner Kollegen? Lieber nicht. Mit  einem der Sch�ler? Das w�re ein gefundenes Fressen f�r die Klatschtanten im Ort. Sie haben ein wachsames Auge auf alle Leute, die Vanger hei�en. Und hier auf der Insel wohnen nur Verwandte oder Verheiratete.�</p><p>Sie lehnte sich vor und k�sste ihn auf den Hals.</p><p>�Schockiere ich Sie?�</p><p>�Nein. Aber ich wei� nicht recht, ob das hier so eine gute Idee ist. Ich arbeite f�r Ihren Onkel.�</p><p>�Ich w�re die Letzte, die plaudern w�rde. Und um ehrlich zu sein, Henrik h�tte vermutlich nichts dagegen.�</p><p>Sie setzte sich rittlings auf ihn und k�sste ihn auf den Mund. Ihr Haar war immer noch nass, und sie duftete nach Shampoo. Pl�tzlich fummelte er an den Kn�pfen ihres Flanellhemds und zog es ihr �ber die Schultern herunter. Sie hatte sich nicht die M�he gemacht, einen BH anzuziehen. Sie presste sich an ihn, als er ihre Br�ste k�sste.</p><p>Rechtsanwalt Bjurman kam hinter seinem Schreibtisch hervor und zeigte ihr die Bilanz ihres Kontos, das ihr bis auf die letzte �re bekannt war, �ber das sie aber nicht mehr selbst verf�gen konnte. Er stand hinter ihr. Pl�tzlich fing er an, ihr den Nacken zu massieren, und lie� eine Hand �ber ihre linke Schulter quer zu ihrer Brust gleiten. Er legte die Hand auf ihre rechte Brust und lie� sie dort liegen. Als sie nicht zu protestieren schien, dr�ckte er die Brust. Lisbeth Salander war zur Salzs�ule erstarrt. Sie sp�rte seinen Atem im Nacken. Eingehend musterte sie den spitzen Brief�ffner auf seinem Schreibtisch - mit ihrer freien Hand konnte sie ihn bequem erreichen.</p><p>Aber sie unternahm nichts. Wenn Holger Palmgren ihr irgendetwas beigebracht hatte in all den Jahren, dann war es die Erkenntnis, dass impulsive Handlungen meist Schwierigkeiten herbeif�hrten, und Schwierigkeiten konnten weitere unangenehme Konsequenzen bedeuten. Sie unternahm nie etwas, ohne zuerst �ber die Konsequenzen nachzudenken.</p><p>Der erste sexuelle �bergriff - der in juristischer Terminologie als sexuelle Bel�stigung und Ausnutzung einer Person in einem Abh�ngigkeitsverh�ltnis definiert wurde und Bjurman theoretisch bis zu zwei Jahre Gef�ngnis einbringen konnte - dauerte nur ein paar Sekunden. Das reichte aus, um eine Grenze unwiderruflich zu �berschreiten. F�r Lisbeth Salander kam es der milit�rischen Machtdemonstration einer feindlichen Truppe gleich - ein Zeichen, dass sie jenseits ihrer wohldefinierten juristischen Beziehung seiner Willk�r ausgeliefert war. Als sich ihre Augen f�r ein paar Sekunden trafen, war sein Mund halb ge�ffnet, und sie konnte die Lust in seinem Gesicht lesen. Ihr Gesicht war ausdruckslos.</p><p>Bjurman ging hinter seinen Schreibtisch zur�ck und setzte sich in seinen bequemen Ledersessel.</p><p>�Ich kann dir nicht einfach so einen Scheck ausschreiben�, sagte er pl�tzlich. �Warum brauchst du �berhaupt so einen teuren Computer? F�r Computerspiele gibt es wesentlich billigere Ger�te.�</p><p>�Ich m�chte wieder selbst �ber mein Geld verf�gen k�nnen, so wie fr�her.�</p><p>Bjurman bedachte sie mit einem mitleidigen Blick.</p><p>�Schauen wir einfach mal, was die Zeit bringt. Zuerst musst du lernen, dich sozial zu verhalten und dich anderen Leuten anzupassen.�</p><p>Bjurmans L�cheln w�re vielleicht ein bisschen schw�cher ausgefallen, h�tte er die Gedanken hinter ihren ausdruckslosen Augen lesen k�nnen.</p><p>�Ich glaube, wir werden richtig gute Freunde�, sagte Bjurman. �Wir m�ssen uns aufeinander verlassen k�nnen.�</p><p>Als sie keine Antwort gab, wurde er deutlicher.</p><p>�Du bist jetzt eine erwachsene Frau, Lisbeth.�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Komm her�, sagte er und streckte ihr eine Hand entgegen.</p><p>Lisbeth Salander heftete ihren Blick ein paar Sekunden auf  den Brief�ffner, bevor sie aufstand und zu ihm ging. <emphasis>Konsequenzen</emphasis>. Er nahm ihre Hand und dr�ckte sie sich gegen den Schritt. Sie konnte sein Geschlecht durch den festen Stoff seiner dunklen Hose f�hlen.</p><p>�Wenn du nett zu mir bist, werde ich auch nett zu dir sein�, sagte er.</p><p>Sie war stocksteif, als er seine andere Hand um ihren Nacken legte und sie herunterzog, bis sie vor ihm kniete, das Gesicht vor seinem Schritt.</p><p>�Das hast du doch fr�her auch schon gemacht, oder?�, sagte er, als er seinen Hosenschlitz �ffnete. Er roch, als h�tte er sich kurz zuvor mit Wasser und Seife gewaschen.</p><p>Lisbeth Salander drehte den Kopf zur Seite und versuchte aufzustehen, aber er hielt sie mit festem Griff an ihrem Platz. Rein physisch konnte sie es nicht mit ihm aufnehmen: Sie wog knapp vierzig Kilo, er f�nfundneunzig. Er nahm ihren Kopf in beide H�nde und drehte ihr Gesicht herum, sodass sich ihre Blicke trafen.</p><p>�Wenn du nett zu mir bist, werde ich auch nett zu dir sein�, wiederholte er. �Aber wenn du Zicken machst, kann ich dich f�r den Rest deines Lebens ins Irrenhaus bringen. W�rde dir das gefallen?�</p><p>Sie antwortete nicht.</p><p>�W�rde dir das gefallen?�, wiederholte er.</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>Er wartete, bis sie die Augen niederschlug, was er als eine Unterwerfungsgeste deutete. Dann zog er sie n�her zu sich heran. Lisbeth Salander �ffnete die Lippen und nahm ihn in den Mund. Er hielt sie die ganze Zeit im Nacken fest und zog sie mit Gewalt weiter zu sich heran. W�hrend der zehn Minuten, die er seinen Schwanz in ihren Mund hinein- und hinausfahren lie�, sp�rte sie ununterbrochenen Brechreiz. Als er endlich kam, hielt er sie so fest umklammert, dass sie kaum noch atmen konnte.</p><p>Er lie� sie eine kleine Toilette in seinem B�ro benutzen. Lisbeth Salander zitterte, als sie ihr Gesicht wusch und versuchte, die Flecken von ihrem Pullover zu reiben. Sie a� ein bisschen von seiner Zahnpasta, um den Geschmack loszuwerden. Als sie wieder in sein B�ro kam, sa� er unger�hrt an seinem Schreibtisch und bl�tterte in den Papieren.</p><p>�Setz dich, Lisbeth�, forderte er sie auf, ohne sie anzusehen. Sie setzte sich. Schlie�lich sah er sie an und l�chelte.</p><p>�Du bist jetzt doch erwachsen, oder, Lisbeth?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Dann musst du auch Erwachsenenspiele spielen k�nnen�, sagte er. Er sprach, als redete er mit einem Kind. Sie antwortete nicht. Auf seiner Stirn bildete sich eine kleine Falte.</p><p>�Ich glaube, es w�re keine gute Idee, wenn du irgendjemand von unseren Spielen erz�hlen w�rdest. Denk doch mal nach - wer w�rde dir schon glauben? Ich habe es schwarz auf wei�, dass du nicht zurechnungsf�hig bist.� Als sie nicht antwortete, fuhr er fort: �Dein Wort w�rde gegen meines stehen. Was glaubst du, wessen Wort wiegt schwerer?�</p><p>Er seufzte, als sie immer noch schwieg. Pl�tzlich irritierte ihn ihr hartn�ckiges Schweigen, aber er beherrschte sich.</p><p>�Wir werden gute Freunde werden, wir zwei�, sagte er. �Ich finde, dass es klug von dir war, dich heute an mich zu wenden. Du kannst immer zu mir kommen.�</p><p>�Ich brauche 10 000 f�r meinen Computer�, sagte sie auf einmal leise, ganz so, als w�rde sie das Gespr�ch fortf�hren, das sie vorhin unterbrochen hatten.</p><p>Rechtsanwalt Bjurman hob die Brauen. <emphasis>Hartgesottenes Mistst�ck. Verdammt, die ist ja wirklich so was von zur�ckgeblieben.</emphasis> Er reichte ihr den Scheck, den er ausgestellt hatte, w�hrend sie auf der Toilette gewesen war. <emphasis>Das ist besser als mit einer Hure - sie wird von ihrem eigenen Geld bezahlt.</emphasis> Er l�chelte jovial.</p><p>Lisbeth Salander nahm den Scheck und ging.</p><a id="calibre_link-75"/><p><a id="calibre_link-76"/></p><p><strong>12. Kapitel</strong></p><p><strong>Mittwoch, 19. Februar</strong></p><p>W�re Lisbeth Salander eine normale B�rgerin gewesen, h�tte sie mit gr��ter Wahrscheinlichkeit die Polizei angerufen und die Vergewaltigung angezeigt, und zwar unmittelbar nachdem sie seine Kanzlei verlassen hatte. Die blauen Flecke an Nacken und Hals sowie die DNA-Unterschrift seines Spermas auf ihrem K�rper und ihren Kleidern h�tten einen schwer wiegenden Beweis abgegeben. Obwohl Bjurman sicher behaupten w�rde: <emphasis>Sie hat doch mitgemacht</emphasis> oder <emphasis>Sie hat mich verf�hrt</emphasis> oder <emphasis>Sie wollte mir einen blasen</emphasis>, wie Vergewaltiger dies immer tun, hatte er sich doch schon so vieler Vergehen gegen das Vormundschaftsgesetz schuldig gemacht, dass man ihm umgehend die rechtliche Betreuung f�r Lisbeth Salander entzogen h�tte. Eine Anzeige w�rde wahrscheinlich dazu f�hren, dass Lisbeth Salander einen richtigen Rechtsanwalt bekam, der mit sexuellen �bergriffen gegen Frauen vertraut war, und das h�tte wiederum zu einer Diskussion �ber den Kern des Problems gef�hrt - die Feststellung ihres Betreuungsbedarfs.</p><p>Lisbeth Salander war ein f�r alle Mal anders als normale Menschen. Sie hatte nur rudiment�re juristische Kenntnisse - das war ein Gebiet, in das sie sich nie vertieft hatte -, und ihr Vertrauen in die Polizei ging gegen null. F�r sie war die Polizei eine undefinierbare feindliche Streitmacht, deren praktische Eins�tze in all den Jahren darin bestanden hatten, sie festzunehmen und zu erniedrigen. Das letzte Mal, dass sie mit der Polizei zu tun gehabt hatte, war an einem Nachmittag im Mai gewesen, als sie auf dem Weg zu Milton Security durch die G�tgata ging und pl�tzlich Auge in Auge einem Bereitschaftspolizisten mit Helm und Visier gegen�berstand, der ihr ohne jeden Grund einen Stockschlag auf die Schulter verpasste. Ihr spontaner Impuls war, mit der Colaflasche, die sie zuf�llig in der Hand hielt, zum Gegenangriff �berzugehen. Gl�cklicherweise war der Polizist auf dem Absatz umgedreht und weitergelaufen, bevor sie reagieren konnte. Erst sp�ter erfuhr sie, dass ein St�ckchen weiter die Stra�e entlang eine Demonstration stattgefunden hatte.</p><p>Der Gedanke, Nils Bjurman anzuzeigen, kam ihr gar nicht. Und im �brigen - was sollte sie eigentlich anzeigen? Dass Bjurman ihr an die Brust gefasst hatte. Jeder Polizist musste nur einen Blick auf ihre Minikn�spchen werfen, um zu erkennen, dass das ziemlich unwahrscheinlich war, und wenn es denn tats�chlich passiert sein sollte, m�sste sie eher stolz darauf sein, dass sich �berhaupt jemand die M�he gemacht hatte. Und das mit dem Blow-job - da stand ihr Wort gegen seines, und f�r gew�hnlich wog das Wort anderer stets schwerer als ihr eigenes. <emphasis>Nein, die Polizei war keine Alternative</emphasis>.</p><p>Nachdem sie Bjurmans Kanzlei verlassen hatte, war sie also nach Hause gefahren, hatte geduscht, zwei Brote mit K�se und Salzgurken gegessen und sich zum Nachdenken auf das zerschlissene, fusselige Wohnzimmersofa gesetzt.</p><p>Ein normaler Mensch h�tte ihr die scheinbare Gleichg�ltigkeit zum Nachteil angerechnet - es w�re ein weiterer Beweis daf�r gewesen, wie unnormal sie war, wenn nicht einmal eine Vergewaltigung eine befriedigende emotionale Reaktion hervorrufen konnte.</p><p>Ihr Bekanntenkreis war nicht gro� und stammte auch nicht aus der wohlbeh�teten Mittelklasse der b�rgerlichen Vororte, doch schon mit achtzehn hatte Lisbeth Salander kein einziges M�dchen gekannt, das nicht zumindest einmal gegen seinen Willen irgendeine sexuelle Handlung hatte ausf�hren m�ssen.</p><p>In Lisbeth Salanders Welt war das ein nat�rlicher Zustand. Als M�dchen war sie Freiwild, vor allem, wenn sie eine abgetragene schwarze Lederjacke trug, eine gepiercte Augenbraue, Tattoos und null sozialen Status hatte.</p><p>Das war kein Grund zum Heulen.</p><p>Doch das hie� noch lange nicht, dass Anwalt Bjurman sie  <emphasis>ungestraft</emphasis> zwingen konnte, ihm einen zu blasen. Einmal zugef�gtes Unrecht verga� Lisbeth Salander nie, und sie war von Natur aus alles andere als nachsichtig.</p><p>Soweit sie zur�ckdenken konnte, hatte sie immer als schwierig und grundlos gewaltt�tig gegolten. Die Regeln f�r den sozialen Umgang in der Schule hatten sie immer verwirrt. Sie k�mmerte sich nur um sich und nicht um das, was die Leute um sie herum trieben. Und trotzdem war da immer einer, der sie nicht in Frieden lassen wollte.</p><p>Sp�ter war sie mehrmals nach Hause geschickt worden, nachdem sie in gewaltt�tige Auseinandersetzungen mit Klassenkameraden geraten war. Wesentlich kr�ftigere Jungen in ihrer Klasse lernten schnell, dass es unangenehm werden konnte, wenn man sich mit dem schm�chtigen M�dchen anlegte - im Gegensatz zu den anderen M�dchen in der Klasse kniff sie nie, sondern z�gerte keine Sekunde, sich mit F�usten oder Waffen zur Wehr zu setzen. Sie lie� keinen Zweifel daran, dass sie sich eher totschlagen lassen w�rde, als klein beizugeben.</p><p>Au�erdem r�chte sie sich.</p><p>Als Lisbeth Salander in die sechste Klasse ging, war sie mit einem wesentlich gr��eren und st�rkeren Jungen in Streit geraten. Rein k�rperlich konnte sie es nicht mit ihm aufnehmen.  Er hatte sich einen Spa� daraus gemacht, sie herumzuschubsen, und als sie zum Gegenangriff �bergehen wollte, hatte er ihr ein paar Ohrfeigen verpasst. Es half jedoch nichts, so �berlegen er ihr auch war, das dumme Ding ging immer wieder auf ihn los. Zum Schluss fanden sogar die Klassenkameraden, dass es zu weit ging. Sie war so offensichtlich unterlegen, dass es schon peinlich war. Zu guter Letzt hatte ihr der Junge einen so kr�ftigen Fausthieb versetzt, dass ihr die Lippe platzte und sie Sternchen sah. Sie lie�en sie auf dem Boden hinter der Turnhalle liegen. Sie blieb zwei Tage zu Hause. Am Morgen des dritten Tages erwartete sie ihren Peiniger mit einem Baseballschl�ger, den sie ihm �bers Ohr zog. Daf�r wurde sie zum Direktor bestellt, der beschloss, Anzeige wegen K�rperverletzung gegen sie zu erstatten.</p><p>Ihre Klassenkameraden hielten sie f�r verr�ckt und behandelten sie entsprechend. Bei ihren Lehrern, die sie manchmal als echte Plage empfanden, weckte sie ebenso wenig Sympathie. Ein ungeliebtes M�dchen mit eigenartigem Verhalten.</p><p>Dann geschah All Das B�se, an das sie nicht denken wollte, gerade als sie an der Schwelle zum Teenageralter stand. Der letzte Ausbruch, der das Muster vervollst�ndigte. Und dann wurde ihre Akte hervorgeholt, die zu ihren Ungunsten sprach. Seitdem wurde sie juristisch als � na ja, als verr�ckt betrachtet. <emphasis>Ein Freak</emphasis>. Lisbeth Salander hatte noch nie ein Papier gebraucht, um zu wissen, dass sie anders war. Und andererseits hatte es sie auch nicht wirklich gest�rt, solange Holger Palmgren ihr Betreuer war.</p><p>Mit Bjurmans Auftritt drohte die Anordnung der umfassenden Betreuung eine dramatische Belastung in ihrem Leben zu werden. An wen sie sich auch wenden mochte, �berall w�rden sich potenzielle Fallgruben auftun, und was geschah, wenn sie den Kampf verlor? W�rde sie in eine Anstalt eingewiesen werden? In ein Irrenhaus? <emphasis>Das war wirklich keine Alternative.</emphasis></p><p>Sp�ter in der Nacht, als Cecilia und Mikael eng umschlungen im Bett lagen, sah sie zu ihm hoch.</p><p>�Danke. Das ist schon lange her gewesen. Du bist wirklich nicht schlecht im Bett.�</p><p>Mikael l�chelte. Sexuelle Schmeicheleien machten ihn immer auf eine kindliche Weise gl�cklich.</p><p>�Es hat mir Spa� gemacht�, sagte er.</p><p>�Wir k�nnen das jederzeit wieder machen�, sagte Cecilia Vanger. �Wenn du Lust hast.�</p><p>Mikael sah sie an.</p><p>�Willst du dir etwa einen Liebhaber zulegen?�</p><p>�Einen <emphasis>occasional lover</emphasis>�, sagte Cecilia Vanger. �Aber ich will, dass du gehst, bevor du einschl�fst. Ich will nicht morgen fr�h aufwachen und dich hier haben, bevor ich mein Gesicht in Ordnung gebracht habe. Und dann w�re es auch sch�n, wenn du nicht der ganzen Stadt erz�hlst, dass wir hier was laufen haben.�</p><p>�Kein Problem, denke ich�, sagte Mikael.</p><p>�Vor allem m�chte ich nicht, dass Isabella davon erf�hrt, die alte Hexe.�</p><p>�Deine n�chste Nachbarin � ich bin ihr schon begegnet.�</p><p>�Gl�cklicherweise kann sie meine Haust�r von ihrem Fenster aus nicht sehen. Sei bitte diskret, Mikael.�</p><p>�Ich werde diskret sein.�</p><p>�Danke. Trinkst du Alkohol?�</p><p>�Manchmal.�</p><p>�Ich hab furchtbar Lust auf was Fruchtiges mit Gin drin. Willst du auch was?�</p><p>�Gerne.�</p><p>Sie raffte sich ein Laken um den K�rper und verschwand ins Erdgeschoss. Mikael nutzte die Gelegenheit, um zur Toilette zu gehen und sich ein bisschen zu waschen. Er stand nackt vor ihrem B�cherregal, als sie mit einer Karaffe Eiswasser und zwei Gin and Lime zur�ckkam. Sie prosteten sich zu.</p><p>�Warum bist du zu mir gekommen?�, fragte sie.</p><p>�Einfach so ��</p><p>�Zuerst hast du Henriks Bericht gelesen. Und dann bist du direkt zu mir gekommen. Man muss nicht besonders schlau sein, um zwei und zwei zusammenzuz�hlen.�</p><p>�Hast du den Bericht gelesen?�</p><p>�Teilweise. Ich habe mein ganzes Erwachsenenleben mit diesem Bericht verbracht. Man kann keinen Kontakt mit Henrik haben, ohne auch mit dem R�tsel Harriet in Ber�hrung zu kommen.�</p><p>�Es ist aber auch wirklich ein faszinierender Fall. Ich meine, diese Insel ist wie ein geschlossenes System. Und nichts in den Ermittlungen scheint normaler Logik zu folgen. Alle Fragen bleiben unbeantwortet, jede Spur f�hrt in eine Sackgasse.�</p><p>�Mmmh, von so was k�nnen Menschen besessen sein.�</p><p>�Du warst an dem Tag auch auf der Insel.�</p><p>�Ja, ich war hier und hab das ganze Trara mitbekommen. Eigentlich wohnte und studierte ich in Stockholm. Ich w�nschte, ich w�re an dem Wochenende zu Hause geblieben.�</p><p>�Wie war sie eigentlich? Die Leute scheinen sie ganz unterschiedlich wahrgenommen zu haben.�</p><p>�Ist das hier jetzt <emphasis>off the record</emphasis>, oder ��</p><p>�Es ist <emphasis>off the record</emphasis>.�</p><p>�Ich habe keinen Schimmer, was in Harriets kleinem Kopf vorging. Du hebst nat�rlich auf das letzte Jahr ab. Mal war sie auf einem v�llig durchgedrehten religi�sen Trip. Dann legte sie wieder Make-up auf wie eine Nutte und ging mit dem engsten Pullover in die Schule, den sie im Schrank hatte. Man muss kein Psychologe sein, um zu verstehen, dass sie zutiefst ungl�cklich war. Aber wie gesagt, ich habe nicht hier gewohnt und kenne blo� das Gerede.�</p><p>�Was hat die Probleme denn ausgel�st?�</p><p>�Ich denke, es war die verr�ckte Ehe ihrer Eltern. Entweder machten sie zusammen einen drauf oder sie bek�mpften  einander. Nicht k�rperlich - Gottfried war nicht gewaltt�tig und hatte au�erdem Angst vor Isabella. Sie hatte schreckliche Launen. Irgendwann Anfang der sechziger Jahre zog er mehr oder weniger dauerhaft in sein Haus am anderen Ende der Insel, wo Isabella niemals hinging. Phasenweise tauchte er v�llig verlottert in der Stadt auf. Dann war er wieder n�chtern und zog sich ordentlich an und versuchte, seine Arbeit zu machen.�</p><p>�Gab es niemanden, der versucht h�tte, Harriet zu helfen?�</p><p>�Henrik nat�rlich. Sie zog ja zum Schluss in sein Haus. Aber du darfst nicht vergessen, dass er auch damit besch�ftigt war, die Rolle des Gro�industriellen zu spielen. Er war meist irgendwo unterwegs und hatte keine Zeit, auf die Kinder aufzupassen. Ich habe vieles nicht mitbekommen, weil ich zuerst in Uppsala wohnte und danach in Stockholm. Ich hatte es auch nicht leicht mit Harald als Vater, das kann ich dir versichern. Aber das Hauptproblem lag darin, dass Harriet sich nie jemandem anvertraute. Im Gegenteil, sie versuchte immer, den Schein zu wahren und so zu tun, als w�ren sie eine gl�ckliche Familie.�</p><p>�Einfach alles verdr�ngen?�</p><p>�Klar. Aber sie ver�nderte sich, als ihr Vater ertrank. Da konnte sie nicht mehr so tun, als w�re alles in Ordnung. Von da an war sie - ich wei� nicht, wie ich es erkl�ren soll - hochbegabt und fr�hreif, aber gleichzeitig ein ganz normaler Teenager. Auch im letzten Jahr hatte sie brillante Schulnoten, aber es kam einem so vor, als h�tte sie keine eigene Seele.�</p><p>�Wie ist ihr Vater ertrunken?�</p><p>�Gottfried? Prosaischer geht�s kaum. Er fiel beim Bootssteg vor seinem H�uschen aus seinem Ruderboot. Er hatte den Hosenschlitz offen und einen extrem hohen Blutalkoholgehalt, du kannst dir also vorstellen, was passiert ist. Martin hat ihn gefunden.�</p><p>�Das wusste ich nicht.�</p><p>�Das ist schon lustig. Martin ist zu einem richtig guten Kerl herangewachsen. H�ttest du mich vor f�nfunddrei�ig Jahren gefragt, h�tte ich gesagt, dass er derjenige ist, der in dieser Familie einen Psychologen braucht.�</p><p>�Wieso denn das?�</p><p>�Harriet war nicht die Einzige, die unter der Situation litt. Martin war jahrelang so still und verschlossen, dass man ihn fast schon als menschenscheu bezeichnen konnte. Beide Kinder hatten es schwer. Ich meine, schwer hatten wir es alle. Ich nehme an, dir ist schon aufgegangen, dass mein Vater v�llig verr�ckt ist. Meine Schwester Anita hatte dieselben Probleme mit ihm, genauso Alexander, mein Cousin. Es war ganz sch�n hart, Kind in der Familie Vanger zu sein.�</p><p>�Was geschah mit deiner Schwester?�</p><p>�Anita wohnt in London. Sie ist in den siebziger Jahren dorthin gegangen, um in einem schwedischen Reiseb�ro zu arbeiten und ist geblieben. Sie hat irgendeinen Typen geheiratet, den sie der Familie nie vorgestellt hat und von dem sie sich mittlerweile getrennt hat. Heute ist sie leitende Angestellte bei British Airways. Wir verstehen uns gut, haben aber nur sehr losen Kontakt und treffen uns alle zwei Jahre oder so. Sie kommt nie nach Hedestad.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Weil unser Vater verr�ckt ist. Reicht das nicht als Erkl�rung?�</p><p>�Aber du bist hiergeblieben.�</p><p>�Ich und Birger, mein Bruder.�</p><p>�Der Politiker.�</p><p>�Genau. Birger ist �lter als Anita und ich. Wir haben nie besonders guten Kontakt gehabt. Er h�lt sich tats�chlich f�r einen bedeutenden Politiker mit einer Zukunft im Reichstag, vielleicht sogar als Minister, wenn die Konservativen gewinnen sollten. In Wirklichkeit ist er ein m��ig talentierter Kommunalpolitiker in einem Provinzkaff, und das d�rfte dann  wohl auch schon der H�hepunkt und zugleich der Schlusspunkt seiner Karriere gewesen sein.�</p><p>�Eine Sache, die mich an der Familie Vanger fasziniert, ist, dass alle schlecht voneinander denken.�</p><p>�Das stimmt nicht ganz. Ich mag Martin und Henrik furchtbar gern. Und ich habe mich immer gut mit meiner Schwester verstanden, obwohl wir uns nur sehr selten treffen. Ich hasse Isabella und habe nicht sonderlich viel f�r Alexander �brig. Allerdings spreche ich nicht mit meinem Vater. Birger ist � hmm, eher ein aufgeblasener Trottel als ein schlechter Mensch. Aber ich verstehe schon, was du meinst. Sieh es mal so: Wenn man zur Familie Vanger geh�rt, lernt man sehr fr�h, die Dinge beim Namen zu nennen. Wir sagen, was wir denken.�</p><p>�Ja, ich habe schon gemerkt, dass ihr keine gro�en Umst�nde macht.� Mikael streckte die Hand aus und ber�hrte ihre Brust. �Ich war gerade mal eine Viertelstunde hier, als du mich �berfallen hast.�</p><p>�Ehrlich gesagt, habe ich von Anfang an dar�ber nachgedacht, wie du wohl im Bett bist. Und es war absolut kein Fehler, es auszuprobieren.�</p><p>Zum ersten Mal in ihrem Leben empfand Lisbeth Salander ein dringendes Bed�rfnis, jemanden um Rat zu bitten. Das Problem war allerdings, wenn sie jemanden um Rat fragen wollte, musste sie sich ihm wohl auch anvertrauen, und das wiederum bedeutete, dass sie sich jemandem ausliefern und ihre Geheimnisse preisgeben musste. Wem sollte sie sie erz�hlen? Was Kontakte zu anderen Menschen anging, war sie einfach hoffnungslos untalentiert.</p><p>Lisbeth Salander hatte sorgf�ltig nachgez�hlt, als sie ihr Adressbuch im Kopf durchging, und kam auf zehn Personen, die man irgendwie zu ihrem Bekanntenkreis rechnen konnte. Sie selbst wusste am besten, dass das noch gro�z�gig angesetzt war.</p><p>Sie konnte mit Plague reden, der eine einigerma�en feste Gr��e in ihrem Leben war. Aber er war absolut kein Freund und der Letzte, der etwas zur L�sung ihres Problems h�tte beitragen k�nnen. <emphasis>Das war auch keine Alternative.</emphasis></p><p>Lisbeth Salanders Sexleben war nicht ganz so bescheiden, wie sie Bjurman gegen�ber behauptet hatte. Doch Sex hatte immer (oder jedenfalls ziemlich oft) zu ihren Bedingungen und auf ihre Initiative hin stattgefunden.</p><p>Wenn sie nachrechnete, hatte sie seit ihrem f�nfzehnten Lebensjahr ungef�hr f�nfzig Partner gehabt. Das bedeutete zirka f�nf Sexpartner pro Jahr, was ganz okay war f�r einen weiblichen Single, der im Laufe der Jahre begonnen hatte, Sex als vergn�glichen Zeitvertreib zu betrachten.</p><p>Die meisten dieser zuf�lligen Partner hatte sie jedoch in einer knapp zweij�hrigen Phase gehabt, was die monatliche Statistik f�r diese Zeit betr�chtlich nach oben korrigierte. Das war in der turbulenten Endphase ihrer Teenagerzeit gewesen, als sie eigentlich vollj�hrig h�tte werden <emphasis>sollen</emphasis>. Eine Weile hatte Lisbeth Salander vor einem Scheideweg gestanden und ihr Leben nicht so recht unter Kontrolle gehabt. Doch seit sie zwanzig geworden war und bei Milton Security arbeitete, hatte sie sich deutlich beruhigt und - wie sie selbst fand - ihr Leben in den Griff gekriegt.</p><p>Sie f�hlte sich nicht l�nger verpflichtet, jemandem zu Willen zu sein, der sie in der Kneipe auf drei Bier eingeladen hatte, und sie empfand es nicht mehr als Akt der Selbstverwirklichung, einen Betrunkenen nach Hause zu begleiten, dessen Namen sie kaum kannte. Im letzten Jahr hatte sie einen einzigen regelm��igen Sexpartner gehabt und konnte schwerlich promiskuitiv genannt werden, wie es die Eintragungen in ihrer Akte andeuteten.</p><p>Sex hatte sie meistens mit jemandem aus der losen Clique gehabt, zu der sie eigentlich nicht geh�rte, in der sie aber akzeptiert wurde, weil sie Cilla Nor�n kennengelernt hatte. Sie  traf Cilla am Ende ihrer Teenagerzeit, als sie - auf Palmgrens beharrliches Dr�ngen - versucht hatte, ihre fehlenden Schulabschl�sse in der Abendschule nachzuholen. Cilla hatte pflaumenfarbenes Haar mit schwarzen Str�hnchen, trug schwarze Lederhosen, einen Ring in der Nase und genauso viele Nieten im G�rtel wie Lisbeth. In der ersten Stunde hatten sie sich misstrauisch be�ugt.</p><p>Aus irgendeinem Grund, der Lisbeth nicht ganz klar wurde, hatten sie sich angefreundet. Lisbeth war nicht gerade der unkomplizierteste Mensch, mit dem man sich anfreunden konnte - in jenen Jahren erst recht nicht -, aber Cilla hatte ihr m�rrisches Schweigen ignoriert und sie mit in die Kneipe geschleift. Durch sie war Lisbeth Mitglied der <emphasis>Evil Fingers</emphasis> geworden, eigentlich eine aus vier Enskeder Teenagerm�dchen bestehende Vorstadt-Band, die Hardrock liebten, zehn Jahre sp�ter jedoch eine gr��ere Clique bildeten, die sich am Dienstagabend in der <emphasis>M�hle</emphasis> traf, um �ber Typen, Feminismus, Pentagramme, Musik und Politik zu quatschen und dabei gro�e Mengen Bier zu trinken. Sie trugen ihren Namen auch nicht zu Unrecht.</p><p>Lisbeth lief am Rande der Gang mit und trug selten etwas zum Gespr�ch bei, aber sie wurde so akzeptiert, wie sie war, konnte kommen und gehen, wie es ihr passte, oder auch den ganzen Abend schweigend vor ihrem Bier sitzen. Sie wurde auch zu Geburtstags- und Weihnachtspartys nach Hause eingeladen, obwohl sie fast nie kam.</p><p>In den f�nf Jahren, die sie mit den <emphasis>Evil Fingers</emphasis> zusammen war, hatten sich die M�dchen ver�ndert. Die Haarfarben waren normaler geworden, und ihre Klamotten stammten immer �fter von H &amp; M statt aus irgendwelchen Secondhandl�den. Sie studierten oder arbeiteten, und eines der M�dchen war Mutter geworden. Lisbeth f�hlte sich, als sei sie die Einzige, die sich nicht im Geringsten ver�ndert hatte, was freilich auch hei�en konnte, dass sie auf der Stelle trat.</p><p>Sie hatten aber immer noch Spa�, wenn sie sich trafen. Wenn sie je ein Gemeinschaftsgef�hl erlebte, dann war es in Gesellschaft der <emphasis>Evil Fingers</emphasis>, und als Verl�ngerung quasi mit den Typen aus dem Bekanntenkreis der M�dchen.</p><p>Die <emphasis>Evil Fingers</emphasis> w�rden zuh�ren. Sie w�rden ihr auch helfen. Aber sie wussten nicht, dass Lisbeth Salander per Gerichtsbeschluss f�r gesch�ftsunf�hig erkl�rt worden war. Sie wollte nicht, dass sie sie noch schiefer anschauten, als sie es sowieso schon taten. <emphasis>Auch das war keine Alternative.</emphasis></p><p>Ansonsten hatte sie keinen einzigen ehemaligen Mitsch�ler in ihrem Adressbuch. Sie hatte nicht das geringste Kontaktnetz. An wen sollte sie sich also wenden, um von ihrem Problem mit Rechtsanwalt Bjurman zu erz�hlen?</p><p>Einer war da vielleicht. Sie �berlegte lange und gr�ndlich, ob sie sich Dragan Armanskij anvertrauen, bei ihm klopfen und ihre missliche Lage erkl�ren sollte. Er hatte gesagt, sie solle nicht z�gern, sich an ihn zu wenden, wenn sie einmal Hilfe brauche. Sie war �berzeugt, dass er es ernst gemeint hatte.</p><p>Auch Armanskij hatte sie einmal begrabscht, aber es war ein freundliches Grabschen ohne b�se Hintergedanken gewesen und keine Machtdemonstration. Dennoch widerstrebte es ihr, ihn um Hilfe zu bitten. Er war ihr Chef, und sie w�rde ihm dadurch etwas schuldig sein. Sie fragte sich, wie ihr Leben aussehen w�rde, wenn Armanskij ihr Betreuer w�re und nicht Bjurman. Sie l�chelte pl�tzlich. Der Gedanke war nicht unangenehm, aber Armanskij w�rde seinen Auftrag wahrscheinlich so ernst nehmen, dass er sie mit seiner F�rsorge fast ersticken w�rde. Das war � hmm, <emphasis>vielleicht eine Alternative</emphasis>.</p><p>Obwohl sie sehr gut wusste, wof�r es Frauenh�user gab, fiel es ihr gar nicht ein, sich an so eine Einrichtung zu wenden. Frauenh�user waren in ihren Augen etwas f�r <emphasis>Opfer</emphasis>, und als solches hatte sie sich noch nie gesehen. Ihre einzige verbliebene Alternative bestand also darin, das zu tun, was sie schon immer getan hatte - die Sache selbst in die Hand zu nehmen und ihre Probleme eigenh�ndig zu l�sen. <emphasis>Das war definitiv eine Alternative.</emphasis></p><p>Und das bedeutete nichts Gutes f�r Rechtsanwalt Bjurman.</p><a id="calibre_link-77"/><p><a id="calibre_link-78"/></p><p><strong>13. Kapitel</strong></p><p><strong>Donnerstag, 20. Februar - Freitag, 7. M�rz</strong></p><p>Im Februar war Lisbeth Salander zwei Wochen lang ihre eigene Auftraggeberin und erhob Nils Erik Bjurman, geboren 1950, zum Spezialprojekt Nummer eins. Sie arbeitete ungef�hr sechzehn Stunden am Tag und recherchierte genauer als je zuvor. Sie nutzte alle Archive und �ffentlichen Dokumente, zu denen sie Zugang hatte. Sie kundschaftete seinen n�chsten Familien- und Freundeskreis aus.</p><p>Das Resultat war niederschmetternd.</p><p>Er war Jurist, Mitglied in der Anwaltskammer und Autor einer beeindruckend eloquenten, aber ausnehmend langweiligen Abhandlung �ber Handelsrecht. Sein Ruf war untadelig. Er war nie abgemahnt worden. Einmal war er der Anwaltskammer gemeldet worden, weil er vor knapp zehn Jahren verd�chtigt wurde, in einem illegalen Immobiliengesch�ft vermittelt zu haben, konnte seine Unschuld aber beweisen. Das Verfahren war eingestellt worden. Seine Finanzen waren in Ordnung; Rechtsanwalt Bjurman hatte ein Verm�gen von ungef�hr zehn Millionen Kronen. Er bezahlte mehr Steuern, als er musste, war Mitglied bei Greenpeace und Amnesty und unterst�tzte den Herz- und Lungen-Fonds mit Spenden. Er tauchte selten in den Massenmedien auf, war jedoch mehrmals bei �ffentlichen Aufrufen zur Befreiung politischer Gefangener in der Dritten Welt in Erscheinung getreten. Er wohnte in einer F�nfzimmerwohnung in der N�he des Oden-Platzes und war Schriftf�hrer der Eigent�merversammlung. Er war geschieden und kinderlos.</p><p>Lisbeth Salander konzentrierte sich auf seine Exfrau, die Elena hie� und aus Polen stammte, aber ihr ganzes Leben in Schweden gewohnt hatte. Sie arbeitete im Bereich der Reha-Pflege und war mit einem Kollegen von Bjurman anscheinend gl�cklich wieder verheiratet. Da war wohl nichts zu holen. Die Ehe hatte vierzehn Jahre gehalten, und die Scheidung war reibungslos �ber die B�hne gegangen.</p><p>Rechtsanwalt Bjurman war regelm��ig als Bew�hrungshelfer f�r Jugendliche t�tig, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Er war Teilbetreuer f�r vier Jugendliche gewesen, bevor er umfassender Betreuer f�r Lisbeth Salander wurde. In all diesen F�llen war es um Minderj�hrige gegangen, deren Betreuung per Gerichtsbeschluss beendet wurde, sobald seine Sch�tzlinge die Vollj�hrigkeit erreicht hatten. Einer von ihnen hatte Bjurman als Rechtsanwalt behalten, auch dort schien es also keine Differenzen gegeben zu haben. Sollte Bjurman seine Sch�tzlinge systematisch ausnutzen, so war davon zumindest nichts an die Oberfl�che gedrungen. Wie tief Lisbeth auch grub, sie fand keine Anzeichen, dass hier irgendetwas faul war. Alle vier hatten ein geordnetes Leben mit Freunden und festen Partnern, inklusive Anstellung, Wohnung und Kundenkarte beim Supermarkt.</p><p>Sie hatte jeden der vier angerufen und sich als Sozialarbeiterin vorgestellt, die an einer Untersuchung �ber Kinder arbeite, die fr�her einmal einer Teilbetreuung unterlagen. Sie wolle wissen, wie sie im Vergleich zu anderen Kindern mit ihrem Leben zurechtk�men. Selbstverst�ndlich w�rden alle Aussagen anonym bleiben. Sie hatte einen Fragebogen mit zehn Fragen zusammengestellt, die sie ihnen am Telefon stellte. Mehrere dieser Fragen waren so formuliert, dass die Befragten erkl�ren mussten, wie die Betreuung ihrer Meinung nach funktioniert habe. Sie war sich sicher, h�tten sie etwas Negatives �ber Bjurman zu sagen gehabt, h�tte zumindest einer der vier etwas erw�hnt. Aber niemand konnte Nachteiliges �ber ihn berichten.</p><p>Als Lisbeth Salander ihre Untersuchung abgeschlossen hatte, sammelte sie alle Unterlagen in einen Karton und stellte ihn neben die zwanzig anderen Kartons auf den Flur. Rein �u�erlich war Bjurman untadelig. Es gab einfach nichts in seiner Vergangenheit, womit Lisbeth ihn h�tte aushebeln k�nnen. Sie wusste zweifelsfrei, dass er ein Wurm und ein Ekel war - aber sie konnte nichts tun.</p><p>Es wurde Zeit, sich andere Alternativen zu �berlegen. Als alle Analysen fertig waren, wurde eine letzte Alternative zunehmend attraktiver. Die Einfachste w�re, wenn Bjurman einfach aus ihrem Leben verschwinden w�rde. Ein pl�tzlicher Herzinfarkt. <emphasis>End of problem.</emphasis> Der Haken war nur, dass Menschen keinen Herzinfarkt auf Bestellung bekommen, nicht einmal eklige f�nfundf�nfzigj�hrige M�nner.</p><p>Aber vielleicht konnte man da ein wenig nachhelfen.</p><p>Mikael Blomkvist behandelte seine Aff�re mit Cecilia Vanger mit allergr��ter Diskretion. Sie hatte drei Regeln aufgestellt: Niemand durfte bemerken, dass sie sich trafen. Mikael durfte sie nur besuchen, wenn sie ihn anrief und in Stimmung war. Und er durfte nicht bei ihr �bernachten.</p><p>Ihre Leidenschaft �berrumpelte und verbl�ffte Mikael. Wenn er sie in Susannes Br�cken-Caf� traf, war sie freundlich, aber k�hl und distanziert. Doch sobald sie in ihrem Schlafzimmer waren, kannte ihre Leidenschaft keine Grenzen.</p><p>Mikael wollte eigentlich nicht in ihrem Privatleben herumschn�ffeln, aber er war ja buchst�blich daf�r angestellt worden, im Privatleben aller Familienmitglieder herumzuschn�ffeln. Er war unsicher und neugierig zugleich. Einmal fragte er  Henrik, mit wem sie verheiratet gewesen war. Er stellte diese Frage im Zusammenhang mit Recherchen zu Alexanders und Birgers Hintergrund und zu anderen Mitgliedern der Familie Vanger, die auf der Hedeby-Insel gewesen waren, als Harriet verschwand.</p><p>�Cecilia? Ich glaube nicht, dass sie etwas mit Harriets Verschwinden zu tun hat.�</p><p>�Erz�hlen Sie mir etwas �ber ihren Hintergrund.�</p><p>�Sie zog nach ihrem Studium hierher zur�ck und begann als Lehrerin zu arbeiten. Sie lernte einen Mann namens Jerry Karlsson kennen, der ungl�cklicherweise in unserem Konzern arbeitete. Sie heirateten. Ich dachte, die Ehe sei gl�cklich - zumindest anfangs. Aber nach ein paar Jahren erkannte ich langsam, dass die Dinge nicht zum Besten standen. Er misshandelte sie. Die �bliche Geschichte - er verpr�gelte sie, und sie verteidigte ihn loyal. Schlie�lich hat er sie einmal zu viel geschlagen. Sie wurde schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Ich sprach mit ihr und bot ihr meine Hilfe an. Sie zog hierher auf die Insel und hat sich seitdem geweigert, ihren Mann noch einmal zu sehen. Ich habe daf�r gesorgt, dass er gefeuert wurde.�</p><p>�Aber sie ist immer noch mit ihm verheiratet.�</p><p>�Das ist eine Frage der Definition, w�rde ich sagen. Ich wei� wirklich nicht, warum sie nicht die Scheidung eingereicht hat. Aber sie hat nie wieder heiraten wollen, also ist das einfach nicht aktuell geworden.�</p><p>�Dieser Jerry Karlsson, hatte er etwas ��</p><p>�� mit Harriet zu tun? Nein, er wohnte 1966 nicht in Hedestad und hatte noch nicht angefangen, f�r den Konzern zu arbeiten.�</p><p>�Okay.�</p><p>�Ich mag Cecilia. Sie kann schwierig sein, aber sie ist zweifellos einer der guten Menschen in meiner Familie.�  Lisbeth Salander verbrachte eine Woche damit, Nils Bjurmans Hinscheiden mit der Sachlichkeit eines B�rokraten zu planen. Sie erwog - und verwarf - verschiedene Methoden, bis sie ein paar realistische Szenarien zur Auswahl hatte. Keine Affekthandlungen. Zuerst hatte sie daran gedacht, einen Unfall zu arrangieren, dann jedoch erkannt, dass es eigentlich keine Rolle spielte, wenn alles auf einen Mord hindeutete.</p><p>Nur eine einzige Bedingung musste erf�llt sein: Rechtsanwalt Bjurman musste so sterben, dass sie niemals damit in Verbindung gebracht werden konnte. Dass sie zum Gegenstand polizeilicher Ermittlungen werden w�rde, hielt sie f�r unvermeidlich. Ihr Name w�rde fr�her oder sp�ter auftauchen, sobald man Bjurmans Aktivit�ten unter die Lupe nahm. Aber sie war nur eine aus einem ganzen Universum von derzeitigen und fr�heren Mandanten. Sie hatte ihn nur wenige Male getroffen, und wenn Bjurman nicht selbst in seinem Kalender verzeichnet hatte, dass er sie zu einem Blow-job gezwungen hatte - was sie als unwahrscheinlich einstufte -, dann gab es auch kein Motiv f�r sie, ihn umzubringen. Es w�rde nicht den geringsten Hinweis geben, dass sein Tod mit einem seiner Mandanten zusammenhinge; es existierten schlie�lich Exfreundinnen, Verwandte, Zufallsbekanntschaften, Kollegen und andere. Es gab sogar den sogenannten Fall der <emphasis>random violence</emphasis>, in dem T�ter und Opfer sich nicht kannten.</p><p>Sie w�rde in jedem Fall das hilflose, unm�ndige M�dchen spielen, das schwarz auf wei� nachweisen konnte, dass es geistig zur�ckgeblieben war. Es w�re also von Vorteil, wenn Bjurman unter so komplizierten Umst�nden ums Leben k�me, dass ein geistig zur�ckgebliebenes M�dchen als T�terin nicht sonderlich wahrscheinlich schien.</p><p>Den Gedanken an eine Schusswaffe verwarf sie sofort. Die Anschaffung selbst war dabei nicht das Problem, aber die  Waffe konnte ihr bei den polizeilichen Ermittlungen zum Verh�ngnis werden.</p><p>Sie zog ein Messer in Erw�gung, das man im Eisenwarenladen um die Ecke kaufen konnte, aber auch diese Idee verwarf sie. Selbst wenn sie ohne Vorwarnung auftauchte und ihm das Messer in den R�cken rammte, gab es keine Garantie daf�r, dass er unmittelbar und lautlos starb oder dass er �berhaupt starb. Au�erdem konnte es dabei m�glicherweise zu einem Gerangel kommen, das Aufmerksamkeit erregen w�rde, und Blut an ihrer Kleidung w�re ein erdr�ckender Beweis.</p><p>Sie dachte an eine Bombe, aber das war zu kompliziert. Die Herstellung der Bombe w�re sicher machbar - im Internet wimmelte es von Anleitungen, wie man sich die t�dlichsten Dinger zusammenbasteln konnte. Es war jedoch schwierig, die Bombe so zu platzieren, dass kein Unschuldiger verletzt wurde. Au�erdem gab es abermals keine Garantie daf�r, dass Bjurman wirklich starb.</p><p>Das Telefon klingelte.</p><p>�Hallo, Lisbeth, hier ist Dragan. Ich habe einen Job f�r Sie.�</p><p>�Ich habe keine Zeit.�</p><p>�Es ist wichtig.�</p><p>�Ich bin besch�ftigt.�</p><p>Sie legte auf.</p><p>Zu guter Letzt verfiel sie auf eine unerwartete Alternative - Gift. Die Wahl �berraschte sie selbst. Bei n�herer Betrachtung war es einfach perfekt.</p><p>Lisbeth Salander verbrachte ein paar Tage damit, das Internet nach einem passenden Gift zu durchk�mmen. Es gab jede Menge Alternativen. Zum Beispiel eines der absolut t�dlichsten Gifte, das der Wissenschaft bekannt war - Cyanwasserstoff, besser bekannt als Blaus�ure.</p><p>Cyanwasserstoff fand als Komponente in gewissen chemischen Industrien Verwendung, unter anderem bei der Herstellung von Farbstoffen. Ein paar Milligramm reichten aus, um einen Menschen zu t�ten, ein Liter in einem Wasserreservoir, um eine mittelgro�e Stadt zu verseuchen.</p><p>Aus verst�ndlichen Gr�nden unterlag ein so t�dlicher Stoff rigorosen Sicherheitskontrollen. Doch obwohl ein politischer Fanatiker nicht einfach in die n�chste Apotheke gehen und zehn Milliliter Cyanwasserstoff kaufen konnte, war der Stoff in jeder gew�hnlichen K�che in nahezu unbegrenzter Menge herstellbar. Alles, was man dazu brauchte, war eine bescheidene Laborausr�stung, die man sich mit einem Chemiebaukasten f�r Kinder f�r ein paar hundert Kronen beschaffen konnte, sowie ein paar Zutaten, die sich aus ganz allt�glichen Haushaltswaren gewinnen lie�en. Die Anleitung f�r die Herstellung war im Internet zu finden.</p><p>Ein anderer Stoff war Nikotin. Davon konnte sie aus einer Stange Zigaretten gen�gend Milligramm extrahieren und zu einem d�nnen Sirup einkochen. Eine noch bessere Alternative, allerdings ein bisschen umst�ndlicher in der Herstellung, war Nikotinsulfat, das von der Haut absorbiert wurde - da w�rde es schon reichen, sich Gummihandschuhe anzuziehen, eine Wasserpistole zu f�llen und auf Bjurmans Gesicht zu schie�en. Innerhalb von zwanzig Sekunden w�rde er das Bewusstsein verlieren und nach ein paar Minuten mausetot sein.</p><p>Lisbeth Salander hatte bis dahin nicht einmal geahnt, dass so viele gew�hnliche Haushaltswaren aus dem Drogeriemarkt um die Ecke in t�dliche Waffen verwandelt werden konnten. Nachdem sie sich ein paar Tage lang in das Thema vertieft hatte, war sie sicher, dass es nicht das geringste technische Problem bereiten w�rde, kurzen Prozess mit ihrem Betreuer zu machen.</p><p>Doch zwei Tatsachen blieben bestehen: Bjurmans Tod w�rde ihr nicht die Kontrolle �ber ihr Leben wiedergeben, und es gab keine Garantie daf�r, dass sein Nachfolger nicht zehnmal so schlimm sein w�rde. <emphasis>Konsequenzanalyse.</emphasis></p><p>Was sie brauchte, war eine M�glichkeit, ihren Betreuer und damit ihre eigene Situation zu <emphasis>kontrollieren</emphasis>. Sie sa� einen ganzen Abend unbeweglich auf dem zerschlissenen Sofa im Wohnzimmer und ging die Situation noch einmal durch. Als der Abend vergangen war, hatte sie ihre Giftmordpl�ne fallen lassen und einen neuen Gedanken gefasst.</p><p>Dieser Plan war zwar nicht sehr verlockend und erforderte, dass sie Bjurman abermals an sich heranlie�, doch am Ende w�rde sie Erfolg haben.</p><p>Glaubte sie.</p><p>Ende Februar geriet Mikael in einen Trott, der den Aufenthalt in Hedeby in Routine verwandelte. Er stand jeden Morgen um neun Uhr auf, fr�hst�ckte und arbeitete bis zw�lf. In dieser Zeit las er sich in neues Material ein. Danach ging er, unabh�ngig vom Wetter, eine Stunde spazieren. Am Nachmittag machte er weiter, zu Hause oder in Susannes Caf�, indem er entweder sein Pensum vom Vormittag bearbeitete oder Teile von Henriks Autobiografie schrieb. Zwischen drei und sechs Uhr hatte er immer frei. Dann kaufte er ein, wusch ab oder fuhr nach Hedestad und erledigte Besorgungen. Gegen sieben ging er zu Henrik Vanger hin�ber und besprach mit ihm die offenen Fragen, die w�hrend des Tages aufgetaucht waren. Gegen zehn war er wieder zu Hause und las bis ein oder zwei Uhr nachts. Systematisch ackerte er Henriks Dokumentensammlung durch.</p><p>Zu seiner �berraschung stellte er fest, dass die Arbeit an Henriks Autobiografie wie am Schn�rchen lief. Er hatte bereits einen Abriss der Familienchronik von fast 120 Seiten fertig - er umfasste den Zeitraum von Jean Baptiste Bernadottes Ankunft in Schweden bis hinein in die zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Danach musste er langsamer vorangehen und seine Worte sorgf�ltiger abw�gen. In der Bibliothek in Hedestad hatte er B�cher bestellt, die den schwedischen Nazismus  jener Zeit behandelten, unter anderem Helene L��ws Doktorarbeit <emphasis>Hakenkreuz und Wasa-Garbe</emphasis>. Er hatte einen weiteren vierzigseitigen Entwurf �ber Henrik und seine Br�der geschrieben, in dem Henrik im Mittelpunkt stand und die Erz�hlung zusammenhielt. Bevor er wusste, wie das Unternehmen damals aussah und arbeitete, musste er noch eine ganze Reihe von Dingen recherchieren. Au�erdem entdeckte er, dass die Familie Vanger tief ins Wirtschaftsimperium des Gro�industriellen Ivar Kreuger verstrickt war - noch eine Nebenhandlung der Familiengeschichte, die es galt, sich in Erinnerung zu rufen. Insgesamt rechnete er damit, dass er noch dreihundert bis dreihundertf�nfzig Seiten zu schreiben hatte. Sein Zeitplan war so konzipiert, dass er Henrik Vanger am 1. September einen ersten Entwurf vorlegen konnte. Dann konnte er den Herbst mit der Umarbeitung des Textes verbringen.</p><p>Bei den Untersuchungen zu Harriet Vanger kam Mikael hingegen keinen Millimeter voran. Soviel er auch las und �ber die Details des umfangreichen Materials nachgr�belte, er fand keine einzige Anregung, die auf die vorliegende Ermittlung ein neues Licht geworfen h�tte.</p><p>Eines Samstagabends Ende Februar hatte er ein langes Gespr�ch mit Henrik Vanger, in dem er die Gr�nde f�r seine minimalen Fortschritte erl�uterte. Der Alte h�rte ihm geduldig zu, w�hrend Mikael all die Sackgassen aufz�hlte, in denen er gelandet war.</p><p>�Um es kurz zu machen, Henrik - ich finde nichts in den Ermittlungen, dem man nicht bereits restlos auf den Grund gegangen w�re.�</p><p>�Ich verstehe, was Sie meinen. Ich habe mir selbst jahrzehntelang den Kopf zerbrochen. Aber gleichzeitig bin ich ganz sicher, dass wir etwas �bersehen haben. Kein Verbrechen ist absolut perfekt.�</p><p>�Wir k�nnen ja nicht mal herausfinden, ob wirklich ein Verbrechen begangen wurde.�</p><p>Vanger seufzte und zuckte resigniert mit den Schultern.</p><p>�Machen Sie weiter�, bat er. �F�hren Sie Ihren Auftrag zu Ende.�</p><p>�Das ist sinnlos.�</p><p>�Vielleicht. Aber geben Sie nicht auf.�</p><p>Mikael seufzte.</p><p>�Die Telefonnummern�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Ja.�</p><p>�Sie m�ssen etwas zu bedeuten haben.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sie sind mit Absicht notiert worden.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Aber wir k�nnen sie nicht deuten.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Oder wir missdeuten sie.�</p><p>�Genau.�</p><p>�Vielleicht sind es gar keine Telefonnummern. Vielleicht bedeuten sie etwas ganz anderes.�</p><p>�Ja, vielleicht.�</p><p>Mikael seufzte nochmals und ging nach Hause, um weiterzulesen.</p><p>Rechtsanwalt Nils Bjurman war erleichtert, als Lisbeth Salander ihn erneut anrief und sagte, sie brauche mehr Geld. Ihrem letzten offiziellen Treffen war sie mit der Entschuldigung ferngeblieben, sie m�sse arbeiten. Er war beunruhigt gewesen, da er f�rchtete, Lisbeth Salander wolle ihm Scherereien machen. Aber da sie nicht zum Treffen erschienen war, hatte sie auch kein Taschengeld bekommen, und fr�her oder sp�ter w�rde sie sich an ihn wenden m�ssen. Au�erdem machte er sich Sorgen, dass sie einem Au�enstehenden von seinem Verhalten erz�hlt haben k�nnte.</p><p>Ihr kurzes Gespr�ch, in dem sie ihm mitteilte, dass sie Geld brauchte, best�tigte ihm jedoch, dass die Situation unter Kontrolle war. Aber sie musste geb�ndigt werden, beschloss Nils Bjurman. Sie musste lernen, wer hier das Sagen hatte, erst dann konnten sie eine konstruktivere Beziehung aufbauen. Deswegen gab er ihr diesmal Anweisungen, ihn in seiner Wohnung am Oden-Platz zu treffen, nicht im B�ro. Als er diesen Wunsch �u�erte, hatte Lisbeth Salander am anderen Ende der Leitung ein Weilchen geschwiegen - <emphasis>verdammte, begriffsstutzige Fotze</emphasis> -, bevor sie schlie�lich einwilligte.</p><p>Nach ihrem Plan h�tten sie sich in seinem B�ro treffen m�ssen, genau wie letztes Mal. Jetzt war sie gezwungen, ihn auf unbekanntem Territorium zu treffen. Das Treffen wurde f�r Freitagabend angesetzt. Sie hatte den Zahlencode f�r die T�r bekommen und klingelte um halb neun bei ihm, eine halbe Stunde sp�ter als verabredet. Das war die Zeit, die sie im Dunkel des Treppenhauses ben�tigte, um ihren Plan ein letztes Mal durchzugehen, die Alternativen abzuw�gen, ihre ganze Kraft zu sammeln und den n�tigen Mut zu mobilisieren.</p><p>Gegen acht Uhr abends schaltete Mikael seinen Computer aus und zog sich Jacke und Schuhe an. Das Licht im Arbeitszimmer lie� er brennen. Drau�en war es sternenklar, die Temperatur lag bei null Grad. Er ging rasch den H�gel hinauf, vorbei an Henrik Vangers Haus, auf dem Weg Richtung �sterg�rden. Gleich hinter Henriks Haus bog er nach links ab und folgte einem unger�umten Fu�weg in Strandn�he, auf dem der Schnee aber schon festgetrampelt war. Drau�en auf dem Wasser blinkten die Leuchtt�rme, und die Lichter von Hedestad leuchteten h�bsch in der Dunkelheit. Er brauchte frische Luft, aber vor allem wollte er Isabella Vangers sp�hendem Blick entgehen. Bei Martin Vangers Haus ging er zur Stra�e hoch und kam kurz nach halb neun bei Cecilia an. Sie gingen sofort in ihr Schlafzimmer hinauf.</p><p>Sie trafen sich ein- oder zweimal pro Woche. Cecilia war nicht nur seine Geliebte in der Ein�de geworden, sie war auch  die Person, der er sich allm�hlich anvertraute. Wenn er mit ihr �ber Harriet redete, zog er wesentlich gr��eren Gewinn daraus als aus einem Gespr�ch mit Henrik.</p><p>Der Plan schien von vornherein zum Scheitern verurteilt.</p><p>Rechtsanwalt Bjurman hatte einen Morgenrock an, als er seine Wohnungst�r �ffnete. Er war etwas gereizt wegen ihrer Versp�tung und winkte sie herein. Sie trug eine schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt und die obligatorische Lederjacke. Dazu schwarze Stiefel und einen kleinen Rucksack mit einem Riemen �ber der Brust.</p><p>�Kannst du noch nicht mal die Uhr lesen?�, fuhr Bjurman sie scharf an. Lisbeth schaute sich schweigend um. Die Wohnung sah ungef�hr so aus, wie sie erwartet hatte, nachdem sie die Planzeichnung im Archiv des Bauamts studiert hatte. Er hatte helle M�bel in Birke und Buche.</p><p>�Komm�, sagte Bjurman etwas freundlicher. Er legte ihr einen Arm um die Schultern und f�hrte sie durch einen Korridor ins Innere der Wohnung. Kein gro�es Drumherumgerede. Er �ffnete die T�r zu seinem Schlafzimmer. Es gab nicht den geringsten Zweifel, welche Dienste Lisbeth Salander leisten sollte.</p><p>Sie sah sich rasch um. Junggesellenm�bel. Ein Doppelbett mit hohem Kopf- und Fu�ende aus rostfreiem Stahl. Eine Kommode, die auch als Nachttisch diente. Eine Nachttischlampe mit ged�mpftem Licht. Ein Kleiderschrank mit Spiegelglas an der einen L�ngsseite. Ein Rattanstuhl und ein kleiner runder Tisch in der Ecke bei der T�r. Er nahm sie bei der Hand und f�hrte sie zum Bett.</p><p>�Erz�hl mir, wozu du das Geld diesmal brauchst. Noch mehr Computer-Zubeh�r?�</p><p>�Essen�, antwortete sie.</p><p>�Nat�rlich. Wie dumm von mir, du hast ja unser letztes Treffen verpasst.� Er legte ihr eine Hand unters Kinn und  hob ihr Gesicht, sodass sich ihre Blicke trafen. �Wie geht es dir?�</p><p>Sie zuckte mit den Schultern.</p><p>�Hast du �ber das nachgedacht, was ich letztes Mal gesagt habe?�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Lisbeth, stell dich nicht d�mmer, als du bist. Ich will, dass wir zwei gute Freunde werden und einander helfen.�</p><p>Sie gab keine Antwort. Bjurman unterdr�ckte den frustrierten Impuls, ihr eine Ohrfeige zu verpassen, um sie wachzur�tteln.</p><p>�Hat dir unser Erwachsenenspiel letztes Mal gefallen?�</p><p>�Nein.�</p><p>Er hob die Augenbrauen.</p><p>�Lisbeth, sei jetzt nicht dumm.�</p><p>�Ich brauche Geld, um Lebensmittel einzukaufen.�</p><p>�Genau dar�ber haben wir letztes Mal gesprochen. Wenn du nett zu mir bist, bin ich auch nett zu dir. Aber wenn du mir nur �rger machst, dann �� Sein Griff um ihr Kinn wurde h�rter, und sie wand sich los.</p><p>�Ich will mein Geld. Was soll ich tun?�</p><p>�Du wei�t genau, wie ich es mag.� Er packte ihre Schultern und zog sie zum Bett.</p><p>�Warten Sie�, sagte Lisbeth Salander schnell. Sie sah ihn resigniert an und nickte dann kurz. Sie nahm den Rucksack ab, zog die nietenbesetzte Lederjacke aus und blickte sich um. Sie legte die Lederjacke auf den Rattanstuhl und stellte den Rucksack auf den runden Tisch.</p><p>Sie machte ein paar z�gerliche Schritte auf das Bett zu, blieb dann aber stehen, als h�tte sie kalte F��e bekommen. Bjurman machte einen Schritt auf sie zu.</p><p>�Warten Sie�, sagte sie wieder, mit einer Stimme, als wollte sie ihn zur Vernunft bringen. �Ich will Ihnen nicht jedes Mal einen blasen m�ssen, wenn ich Geld brauche.�</p><p>Bjurmans Gesichtsausdruck ver�nderte sich. Aus heiterem Himmel versetzte er ihr mit der flachen Hand eine Ohrfeige. Lisbeth riss vor �berraschung die Augen auf, aber bevor sie reagieren konnte, hatte er ihre Schultern gepackt und zog, ja warf sie fast b�uchlings aufs Bett. Sie war von der pl�tzlichen Gewaltt�tigkeit �berrumpelt. Als sie versuchte, sich umzudrehen, dr�ckte er sie auf die Matratze und setzte sich rittlings auf sie.</p><p>Wie schon beim letzten Mal konnte sie k�rperlich nichts gegen ihn ausrichten. Um physischen Widerstand zu leisten, brauchte sie eine Waffe. Aber diesen Plan hatte sie bereits aufgegeben. Verflucht, dachte Lisbeth Salander, als er ihr T-Shirt nach oben riss und ihr �ber den Kopf zog. Sie begriff mit schrecklicher Klarheit, dass sie sich zu viel vorgenommen hatte.</p><p>Sie h�rte, wie er die Kommodenschublade neben dem Bett �ffnete und Metall klirrte. Erst verstand sie nicht, was geschah, dann sah sie, wie die Handschelle um ihr Gelenk zuschnappte. Er hob ihre Arme, zog die Kette der Handschelle durch eine Leiste am Kopfende des Bettes und fesselte auch ihre andere Hand. Er brauchte nur ein paar Sekunden, um ihr Schuhe und Jeans auszuziehen. Zum Schluss zog er ihr auch noch die Unterhose aus und behielt sie in der Hand.</p><p>�Du musst lernen, mir zu vertrauen, Lisbeth�, sagte er. �Ich werde dir dieses Erwachsenenspiel beibringen. Wenn du b�se zu mir bist, wirst du bestraft. Wenn du nett zu mir bist, werden wir Freunde.�</p><p>Er setzte sich wieder rittlings auf sie.</p><p>�Du magst also keinen Analsex�, sagte er.</p><p>Panisch �ffnete Lisbeth den Mund zu einem Schrei. Er packte sie bei den Haaren und stopfte ihr ihre Unterhose in den Mund. Sie sp�rte, wie er etwas an ihren Fu�kn�cheln befestigte, ihre Beine spreizte und sie am Bett festband, sodass sie  ihm v�llig ausgeliefert war. Sie konnte h�ren, wie er sich im Zimmer bewegte, konnte aber durch das T-Shirt �ber ihrem Gesicht nichts sehen. Er brauchte ein paar Minuten. Dann f�hlte sie einen irrsinnigen Schmerz, als er mit Gewalt etwas in ihren Anus einf�hrte.</p><p>Cecilia Vangers Hauptregel lautete weiterhin, dass er nicht bei ihr �bernachten durfte. Kurz nach zwei Uhr nachts kleidete er sich an, w�hrend sie noch nackt im Bett lag und ihn anl�chelte.</p><p>�Ich mag dich, Mikael. Ich mag es, wenn du bei mir bist.�</p><p>�Ich mag dich auch.�</p><p>Sie zog ihn zu sich ins Bett hinunter und zog ihm das Hemd wieder aus. Er blieb noch eine Stunde.</p><p>Als Mikael sp�ter an Harald Vangers Haus vorbeikam, meinte er, gesehen zu haben, wie sich eine der Gardinen im Obergeschoss bewegte. Aber es war zu dunkel, als dass er sich v�llig sicher h�tte sein k�nnen.</p><p>Lisbeth Salander zog sich gegen vier Uhr morgens an. Sie nahm ihre Lederjacke und den Rucksack und wankte zur T�r, wo er frisch geduscht und sauber gekleidet auf sie wartete. Er gab ihr einen Scheck �ber 2500 Kronen.</p><p>�Ich fahre dich nach Hause�, sagte er und �ffnete die T�r.</p><p>Sie trat �ber die Schwelle aus der Wohnung und drehte sich zu ihm um. Ihr K�rper sah zerbrechlich aus, und ihr Gesicht war vom Weinen verschwollen, aber er prallte fast zur�ck, als sich ihre Augen trafen. Noch nie in seinem Leben war ihm derart nackter, gl�hender Hass begegnet. Lisbeth Salander sah genau so geisteskrank aus, wie ihre Akte es beschrieb.</p><p>�Nein�, sagte sie so leise, dass er die Worte kaum h�rte. �Ich schaffe es schon allein nach Hause.�</p><p>Er legte ihr eine Hand auf die Schulter.</p><p>�Sicher?�</p><p>Sie nickte. Der Griff um ihre Schulter wurde fester.</p><p>�Denk daran, was wir vereinbart haben. Du kommst am n�chsten Samstag hierher.�</p><p>Sie nickte abermals. <emphasis>Gedem�tigt.</emphasis> Er lie� sie los.</p><a id="calibre_link-79"/><p><a id="calibre_link-80"/></p><p><strong>14. Kapitel</strong></p><p><strong>Samstag, 8. M�rz - Montag, 17. M�rz</strong></p><p>Lisbeth Salander verbrachte die Woche im Bett, mit Unterleibsschmerzen, Blutungen aus dem Enddarm und anderen, weniger auff�lligen Verletzungen, die l�nger brauchen w�rden, bis sie verheilt waren. Was sie erlebt hatte, war etwas v�llig anderes gewesen als die erste Vergewaltigung in seinem B�ro. Hier ging es nicht mehr um Zwang und Erniedrigung, sondern um systematische Brutalit�t.</p><p>Viel zu sp�t ging ihr auf, dass sie Bjurman v�llig falsch eingesch�tzt hatte.</p><p>Sie hatte ihn als Machtmenschen gesehen, nicht als waschechten Sadisten. Er hatte sie die ganze Nacht gefesselt liegen lassen. Sie hatte mehrmals geglaubt, er wolle sie t�ten, und einmal hatte er ihr ein Kissen so lange aufs Gesicht gedr�ckt, bis sie fast das Bewusstsein verloren hatte.</p><p>Doch sie weinte nicht.</p><p>Abgesehen von den Tr�nen, die rein vom k�rperlichen Schmerz der Vergewaltigung herr�hrten, weinte sie nicht mehr, nachdem sie Bjurmans Wohnung verlassen hatte. Sie hinkte bis zum Taxistand am Oden-Platz, fuhr nach Hause und schleppte sich m�hsam die Treppen hoch bis zu ihrer Wohnung. Sie duschte und wusch sich das Blut vom Unterleib. Danach trank sie einen halben Liter Wasser, nahm zwei Rohypnol und stolperte in ihr Bett, wo sie sich die Decke �ber den Kopf zog. Am Sonntag erwachte sie um die Mittagszeit, mit leerem Kopf und anhaltenden Schmerzen in allen Muskeln, im Unterleib und im Kopf. Sie stand auf, trank zwei Gl�ser Sauermilch und a� einen Apfel. Dann nahm sie noch mal zwei Schlaftabletten und legte sich wieder hin.</p><p>Erst am Dienstag konnte sie wieder aufstehen. Sie kaufte sich eine Gro�packung �Billys Pan Pizza�, schob zwei davon in die Mikrowelle und machte sich eine Thermoskanne Kaffee. Danach surfte sie die ganze Nacht im Internet und las Artikel und Aufs�tze �ber die Psychopathologie des Sadismus.</p><p>Sie blieb bei dem Artikel einer Frauengruppe aus den USA h�ngen, in dem behauptet wurde, dass der Sadist seine Opfer mit fast intuitiver Pr�zision aussuchte. Das ideale Opfer war eine Frau, die ihm aus freien St�cken entgegenkam, weil sie glaubte, keine andere Wahl zu haben. Der Sadist spezialisierte sich auf unselbstst�ndige Menschen, die in einem Abh�ngigkeitsverh�ltnis zu ihm standen.</p><p>Rechtsanwalt Bjurman hatte sie zum Opfer auserkoren.</p><p>Das gab ihr zu denken.</p><p>Das verriet etwas dar�ber, wie die Umwelt sie wahrnahm.</p><p>Am Freitag, eine Woche nach der zweiten Vergewaltigung, ging Lisbeth Salander von ihrer Wohnung zu einem Tattoo-Laden bei Hornstull. Sie hatte angerufen und einen Termin ausgemacht; es waren keine anderen Kunden im Laden. Der Inhaber nickte ihr zu, sie kannten sich.</p><p>Sie suchte sich ein kleines Tattoo aus, eine d�nne Schlinge, und zeigte ihm, wo an ihrem Fu�kn�chel sie es hinhaben wollte.</p><p>�Da ist die Haut d�nn. Das tut f�rchterlich weh an dieser Stelle�, sagte der T�towierer.</p><p>�Das geht in Ordnung�, sagte Lisbeth Salander, zog ihre Hose aus und legte das Bein hoch.</p><p>�Okay, eine Schlinge. Du hast schon eine ganze Menge Tattoos. Bist du sicher, dass du noch eins willst?�</p><p>�Das hier ist zur Erinnerung�, antwortete sie.</p><p>Mikael Blomkvist verlie� Susannes Caf�, als sie um zwei Uhr zumachte. Den ganzen Tag hatte er mit der Reinschrift seiner Notizen am iBook verbracht. Er ging in den Supermarkt und kaufte Lebensmittel und Zigaretten, bevor er nach Hause ging. Er hatte Bratwurst mit Kartoffeln und Roter Bete f�r sich entdeckt - ein Gericht, das er nie sonderlich geliebt hatte, das aber aus unerfindlichen Gr�nden perfekt zu einem H�uschen auf dem Land passte.</p><p>Gegen sieben Uhr abends stand er am K�chenfenster und �berlegte. Cecilia hatte sich nicht gemeldet. Er hatte sie ganz kurz am Nachmittag getroffen, als sie bei Susanne ein Brot kaufte, aber sie war mit ihren eigenen Gedanken besch�ftigt gewesen. Es sah nicht so aus, als w�rde sie an diesem Samstagabend noch anrufen. Er warf einen verstohlenen Blick auf seinen kleinen Fernseher, den er fast nie benutzte. Stattdessen setzte er sich aufs K�chensofa und schlug einen Krimi von Sue Grafton auf.</p><p>Lisbeth Salander kam am Samstagabend wie verabredet wieder zu Nils Bjurmans Wohnung am Oden-Platz. Er �ffnete ihr die T�r mit einem h�flichen, einladenden L�cheln.</p><p>�Na, wie geht es dir heute?�, fragte er.</p><p>Sie antwortete nicht. Er legte ihr den Arm um die Schultern.</p><p>�Vielleicht habe ich dich beim letzten Mal etwas hart rangenommen�, sagte er. �Du sahst ziemlich mitgenommen aus.�</p><p>Sie bedachte ihn mit einem schiefen L�cheln, und er versp�rte auf einmal einen Stich von Unsicherheit.</p><p><emphasis>Dieses Weib ist verr�ckt. Das darf ich nicht vergessen.</emphasis> Er fragte sich, ob sie ihm zu Willen sein w�rde.</p><p>�Sollen wir ins Schlafzimmer gehen?�, fragte Lisbeth Salander.</p><p><emphasis>Andererseits macht sie vielleicht auch mit</emphasis> � Er f�hrte sie, einen Arm um ihre Schultern gelegt, wie beim letzten Mal.  <emphasis>Heute werde ich ganz behutsam mit ihr sein. Vertrauen aufbauen.</emphasis> Auf der Kommode hatte er bereits die Handschellen bereitgelegt. Erst als sie beim Bett waren, ging Bjurman auf, dass irgendetwas nicht stimmte.</p><p>Sie f�hrte ihn zum Bett, nicht umgekehrt. Er blieb stehen und blickte sie verbl�fft an, als sie etwas aus ihrer Jackentasche zog, was er zun�chst f�r ein Handy hielt. Dann sah er ihre Augen.</p><p>�Sag sch�n Gute Nacht�, forderte sie ihn auf.</p><p>Sie dr�ckte die Elektroschockpistole in seine linke Achselh�hle und feuerte 75 000 Volt ab. Als seine Beine langsam unter ihm nachgaben, stemmte sie sich mit der Schulter gegen ihn und wandte all ihre Kraft auf, um ihn zum Bett zu bugsieren.</p><p>Cecilia Vanger f�hlte sich leicht beschwipst. Sie hatte beschlossen, Mikael Blomkvist nicht anzurufen. Ihr ganzes Verh�ltnis hatte sich zu einer unsinnigen Schlafzimmer-Farce ausgewachsen, in der Mikael alle m�glichen Umwege benutzte, um unbemerkt zu ihr zu gelangen. Und sie verhielt sich wie ein verr�ckter, verliebter Teenie, der seine Lust nicht im Griff hatte. Ihr Benehmen war in den letzten Wochen ziemlich eigenartig gewesen.</p><p>Das Problem ist, dass ich ihn viel zu gern mag, dachte sie. Er wird mich verletzen. Sie blieb eine Weile sitzen und w�nschte sich, Mikael Blomkvist w�re nie nach Hedeby gekommen.</p><p>Stattdessen hatte sie eine Flasche Wein aufgemacht und einsam zwei Gl�ser getrunken. Sie schaltete die t�gliche Nachrichtensendung <emphasis>Rapport</emphasis> an und versuchte, der Weltlage zu folgen, doch in Anbetracht der unsinnigen Begr�ndungen, warum Pr�sident Bush den Irak in Schutt und Asche bomben musste, verging ihr sofort die Lust. Sie setzte sich aufs Wohnzimmersofa und griff zu Gellert Tamas Buch <emphasis>Der Lasermann</emphasis>.  Sie konnte nur ein paar Seiten lesen, bevor sie das Buch wieder aus der Hand legen musste. Bei diesem Thema musste sie sofort an ihren Vater denken. Sie fragte sich, welchen Fantasien er in seiner Einsamkeit wohl nachhing.</p><p>Bei ihrer letzten Begegnung, 1984, hatte sie ihn und ihren Bruder Birger auf eine Hasenjagd n�rdlich von Hedestad begleitet. Birger wollte einen neuen Jagdhund ausprobieren - einen Hamilton-Laufhund, den er erst seit Kurzem hatte. Harald Vanger war dreiundsiebzig, und sie tat ihr Bestes, um seine Verr�cktheit zu akzeptieren, die ihre Kindheit zum Alptraum gemacht und auch ihr Erwachsenenleben noch gepr�gt hatte.</p><p>Cecilia war noch nie in ihrem Leben so zerbrechlich wie damals gewesen. Ihre Ehe war drei Monate zuvor in die Br�che gegangen. Misshandlung der Ehefrau - der Ausdruck war so banal. F�r sie war es eine relativ milde Form von Misshandlung gewesen, die jedoch st�ndig geschah: Er hatte sie geohrfeigt, grob herumgesto�en, launisch Drohungen ausgesprochen und sie auf dem K�chenboden niedergerungen. Seine Ausbr�che waren immer v�llig unerkl�rlich, und die Misshandlungen fielen selten so heftig aus, dass sie k�rperlich verletzt wurde. Er vermied es, sie mit der geballten Faust zu schlagen. Sie hatte sich angepasst.</p><p>Bis zu dem Tag, an dem sie pl�tzlich zur�ckschlug und er v�llig die Kontrolle verlor. Es endete damit, dass er in blinder Rage eine Schere nach ihr warf, die in ihrem Schulterblatt stecken blieb.</p><p>Es hatte ihm sofort leid getan, er wurde ganz panisch und fuhr sie ins Krankenhaus, wo er eine Geschichte �ber einen bizarren Unfall zusammenfantasierte, die das Personal in der Notaufnahme im selben Moment durchschaute. Sie sch�mte sich daf�r. Sie wurde mit zw�lf Stichen gen�ht und musste zwei Tage im Krankenhaus bleiben. Danach hatte Henrik Vanger sie abgeholt und mit zu sich nach Hause genommen. Seitdem hatte sie nicht mehr mit ihrem Mann gesprochen.</p><p>Es war ein sonniger Herbsttag, drei Monate nach dem Ende ihrer Ehe, und Harald Vanger war gut gelaunt, fast schon freundlich gewesen. Doch pl�tzlich, mitten im Wald, hatte er Cecilia auf die �belste Weise beschimpft, grobe Kommentare zu ihrem Lebenswandel und ihren Sexualgewohnheiten abgegeben und behauptet, eine Hure wie sie k�nne selbstverst�ndlich keinen Mann halten.</p><p>Ihr Bruder hatte nicht bemerkt, dass jedes Wort ihres Vaters sie wie ein Peitschenschlag getroffen hatte. Vielmehr lachte Birger pl�tzlich, legte den Arm um seinen Vater und entsch�rfte die Situation auf seine Art, indem er verk�ndete, er wisse sehr wohl, <emphasis>wie die Weibsbilder so sind</emphasis>. Er zwinkerte Cecilia unbek�mmert zu und schlug seinem Vater vor, auf einem kleinen H�gel auf Anstand zu gehen.</p><p>Eine Sekunde, einen gefrorenen Augenblick lang, hatte Cecilia ihren Vater und ihren Bruder betrachtet und war sich auf einmal bewusst gewesen, dass sie eine geladene Schrotflinte in der Hand hielt. Sie blinzelte. In diesem Moment schien es die einzig m�gliche Alternative zu sein, das Gewehr zu heben und beide L�ufe abzufeuern. Sie wollte sie beide t�ten. Stattdessen lie� sie das Gewehr auf den Boden vor ihren F��en fallen, drehte sich auf dem Absatz um und ging zur�ck zu der Stelle, wo sie das Auto geparkt hatten. Sie fuhr alleine nach Hause und lie� die M�nner ohne Transportmittel im Wald zur�ck. Seit diesem Vorfall hatte sie nur bei wenigen Gelegenheiten mit ihrem Vater geredet, wenn die �u�eren Umst�nde es unbedingt erforderten. Sie weigerte sich seitdem, ihn in ihr Haus zu lassen, und hatte ihn nie in seinem Haus besucht.</p><p>Du hast mein Leben zerst�rt, dachte Cecilia Vanger. Du hast mein Leben bereits zerst�rt, als ich ein Kind war.</p><p>Um halb neun Uhr abends griff Cecilia zum H�rer, rief Mikael an und bat ihn, zu ihr her�berzukommen.</p><p>Rechtsanwalt Nils Bjurman litt Schmerzen. Seine Muskeln gehorchten ihm nicht. Sein K�rper schien gel�hmt. Er war sich nicht sicher, ob er das Bewusstsein verloren hatte, aber er war desorientiert und konnte sich nicht richtig erinnern, was geschehen war. Als er langsam wieder zu sich kam, lag er nackt auf dem R�cken auf seinem Bett, die H�nde mit Handschellen gefesselt und die Beine qualvoll weit gespreizt. Wo die Elektroden mit seinem K�rper in Kontakt gekommen waren, hatte er schmerzende Brandwunden.</p><p>Lisbeth Salander hatte den Rattanstuhl ans Bett gezogen und die Stiefel auf dem Bettrand abgest�tzt, w�hrend sie eine Zigarette rauchte. Als Bjurman zu sprechen versuchte, merkte er, dass sein Mund mit einem breiten Streifen Isolierband zugeklebt war. Er drehte den Kopf. Sie hatte seine Kommodenschubladen aufgemacht und durchw�hlt.</p><p>�Ich habe deine Spielsachen gefunden�, sagte Salander. Sie hielt eine Reitpeitsche hoch und fummelte in dem Sammelsurium von Dildos, Knebeln und Gummimasken, die auf dem Boden lagen. �Wozu braucht man denn den hier?� Sie hielt einen �berdimensionierten Anal Plug hoch. �Nein, gib dir keine M�he, ich verstehe sowieso nicht, was du sagst. Hast du den hier letzte Woche bei mir benutzt? Es reicht, wenn du nickst.� Sie beugte sich erwartungsvoll zu ihm vor.</p><p>Bjurman sp�rte pl�tzlich, wie ihm die kalte Angst in der Brust tobte, und verlor vollkommen die Fassung. Er riss an seinen Handschellen. <emphasis>Sie hatte die Kontrolle �bernommen. Unm�glich.</emphasis>  Er konnte nichts tun, als Lisbeth Salander sich weiter vorbeugte und den Anal Plug zwischen seinen Hinterbacken platzierte. �So, so, du bist also ein Sadist�, stellte sie fest. �Stehst drauf, den Leuten was reinzuschieben, was?� Sie sah ihn an. Ihr Gesicht war eine ausdruckslose Maske. �Ohne Gleitmittel, stimmt�s?�</p><p>Durch sein Klebeband schrie Bjurman wie am Spie�, als Lisbeth Salander seine Backen brutal auseinanderriss und den St�psel am vorgesehenen Platz versenkte.</p><p>�H�r auf zu flennen�, sagte Lisbeth und imitierte seine Stimme. �Wenn du Zicken machst, muss ich dich bestrafen.�</p><p>Sie stand auf und ging ums Bett herum. Er folgte ihr hilflos mit den Augen � <emphasis>was zum Teufel?</emphasis> Lisbeth Salander hatte seinen 32-Zoll-Fernseher aus dem Wohnzimmer hereingerollt. Auf den Boden hatte sie seinen DVD-Player gestellt. Sie sah ihn an, die Peitsche immer noch in der Hand.</p><p>�Habe ich deine ungeteilte Aufmerksamkeit?�, fragte sie. �Versuch nicht zu reden - es reicht, wenn du nickst. H�rst du, was ich sage?� Er nickte.</p><p>�Gut.� Sie b�ckte sich und hob ihren Rucksack auf. �Erkennst du den hier wieder?� Er nickte. �Das ist der Rucksack, den ich dabeihatte, als ich dich letzte Woche besucht habe. Praktische Geschichte. Ich hab ihn mir von Milton Security ausgeliehen.� Sie �ffnete einen Rei�verschluss am unteren Ende. �Das hier ist eine Digitalvideokamera. Guckst du dir  <emphasis>Insider</emphasis> auf TV3 an? Solche Rucks�cke wie diesen hier benutzen die cleveren Reporter, wenn sie etwas mit versteckter Kamera aufnehmen wollen.� Sie zog den Rei�verschluss wieder zu.</p><p>�Das Objektiv, fragst du? Das ist ja gerade das Raffinierte. Weitwinkel mit Glasfaseroptik. Die Linse sieht aus wie ein Knopf und ist unter der Schnalle des Trageriemens versteckt. Du erinnerst dich vielleicht, dass ich den Rucksack hier auf den Tisch gestellt hatte, bevor du angefangen hast, mich zu begrapschen. Ich habe drauf geachtet, dass das Objektiv aufs Bett gerichtet war.�</p><p>Sie hielt eine CD hoch und schob sie in den DVD-Player. Dann r�ckte sie den Rattanstuhl so zurecht, dass sie den Bildschirm sehen konnte. Sie z�ndete sich noch eine Zigarette an und dr�ckte einen Knopf auf der Fernbedienung. Bjurman sah sich selbst, wie er Lisbeth Salander die T�r aufmachte.</p><p><emphasis>Kannst du noch nicht mal die Uhr lesen?,</emphasis> begr��te er sie bissig.</p><p>Sie spielte ihm das ganze Band vor. Der Film war nach 90 Minuten zu Ende, mitten in einer Szene, in der ein nackter Rechtsanwalt Bjurman sich gegen das Fu�ende lehnte und ein Glas Wein trank, w�hrend er Lisbeth Salander betrachtete, die gekr�mmt mit auf dem R�cken gefesselten H�nden neben ihm lag.</p><p>Sie schaltete den Fernseher aus und blieb knapp zehn Minuten auf ihrem Stuhl sitzen, ohne Bjurman anzusehen. Er wagte es nicht, sich zu r�hren. Dann stand sie auf und ging ins Badezimmer. Als sie zur�ckkam, setzte sie sich wieder auf den Rattanstuhl. Ihre Stimme war wie Sandpapier.</p><p>�Ich habe letzte Woche einen Fehler gemacht�, sagte sie. �Ich dachte, ich m�sste dir wieder einen blasen, was in deinem Fall ja so eklig wie nur was ist, aber nicht so eklig, dass ich es nicht irgendwie schaffen w�rde. Ich dachte, ich k�nnte ganz leicht dokumentieren, dass du ein widerlicher, schleimiger Lustgreis bist. Aber ich habe dich falsch eingesch�tzt. Ich habe nicht kapiert, wie verdammt krank du bist.</p><p>Ich werde mich deutlicher ausdr�cken�, fuhr sie fort. �Dieser Film zeigt, wie du ein geistig behindertes vierundzwanzigj�hriges M�dchen vergewaltigst, f�r die du zum rechtlichen Betreuer bestellt bist. Und du ahnst ja gar nicht, wie behindert ich sein kann, wenn es drauf ankommt. Jeder Mensch auf der Welt, der sich diesen Film ansieht, wird erkennen, dass du nicht nur ein Dreckschwein bist, sondern ein verr�ckter Sadist. Das war das zweite und hoffentlich letzte Mal, dass ich diesen Film angesehen habe. Er l�sst an Deutlichkeit nichts zu w�nschen �brig, oder? Ich w�rde drauf wetten, dass man eher dich in eine Anstalt einweisen w�rde als mich. Meinst du nicht auch?�</p><p>Sie wartete. Er reagierte nicht, aber sie konnte sehen, wie er zitterte. Sie griff zur Peitsche und zog sie einmal �ber sein Geschlecht.</p><p>�Meinst du nicht auch?�, wiederholte sie mit wesentlich lauterer Stimme. Er nickte.</p><p>�Gut. Dann sind wir uns ja einig.�</p><p>Sie zog den Stuhl n�her heran und setzte sich so hin, dass sie seine Augen sehen konnte.</p><p>�Also, was sollen wir tun?� Er konnte nicht antworten. �Hast du eine Idee?� Als er nicht reagierte, streckte sie die Hand aus, griff sich seinen Hodensack und zog, bis sich sein Gesicht vor Schmerz verzerrte. �Hast du eine Idee?�, wiederholte sie. Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Gut. Ich werde n�mlich furchtbar w�tend auf dich werden, wenn du irgendwann in Zukunft mal wieder eine Idee haben solltest.�</p><p>Sie lehnte sich zur�ck und z�ndete sich eine neue Zigarette an. �Ich erz�hl dir jetzt, wie es weitergehen wird. N�chste Woche, sobald es dir gelungen ist, diesen fetten Gummipfropfen wieder aus deinem Arsch rauszupressen, wirst du meine Bank anweisen, dass ich - und nur ich - Zugriff auf mein Konto habe. Verstehst du, was ich sage?� Bjurman nickte.</p><p>�Brav. Du wirst nie wieder Kontakt zu mir aufnehmen. In Zukunft treffen wir uns nur noch, wenn ich das zuf�llig w�nschen sollte. Du hast ab jetzt quasi Besuchsverbot.� Er nickte mehrmals und atmete pl�tzlich auf. <emphasis>Sie hat nicht vor, mich zu t�ten.</emphasis></p><p>�Solltest du jemals wieder Kontakt zu mir aufnehmen, dann landen Kopien dieser CD bei jeder Zeitungsredaktion in Stockholm. Kapiert?�</p><p>Er nickte mehrmals. <emphasis>Ich muss mir den Film beschaffen.</emphasis></p><p>�Einmal pro Jahr reichst du deinen Bericht �ber mein Wohlbefinden beim Vormundschaftsgericht ein. Du wirst ihnen berichten, dass ich ein v�llig normales Leben f�hre, dass ich eine feste Arbeit habe, dass ich selbst f�r mich sorge und dass du �berhaupt nichts Unnormales in meinem Benehmen entdecken kannst. Okay?�</p><p>Er nickte.</p><p>�Jeden Monat schreibst du einen fiktiven Bericht �ber deine Treffen mit mir. Du wirst ausf�hrlich berichten, wie positiv ich bin und wie gut es mit mir l�uft. Eine Kopie schickst du an mich. Klar?� Er nickte wieder. Abwesend nahm Lisbeth Salander die Schwei�perlen zur Kenntnis, die sich auf seiner Stirn sammelten.</p><p>�In � sagen wir mal � zwei Jahren wirst du eine Verhandlung beim Gericht beantragen, um meine Betreuung aufzuheben. Du wirst deine gef�lschten Berichte �ber unsere monatlichen Treffen als Unterlagen benutzen. Du besorgst einen Hirndoktor, der jeden Eid schw�rt, dass ich v�llig normal bin. Du wirst dich anstrengen. Du wirst alles, aber auch alles tun, was in deiner Macht steht, damit meine Betreuung aufgehoben wird.� Er nickte.</p><p>�Wei�t du, warum du dein Bestes geben wirst? Weil du einen verdammt guten Anreiz hast. Und wenn es dir nicht gelingt, werde ich mit diesem Film an die �ffentlichkeit gehen.�</p><p>Er h�rte jeder Silbe zu, die Lisbeth Salander aussprach. Pl�tzlich brannten seine Augen vor Hass. <emphasis>Das werde ich dir heimzahlen, verdammte Fotze. Fr�her oder sp�ter. Ich werde dich zerquetschen.</emphasis></p><p>Aber er nickte weiterhin dem�tig als Antwort auf jede Frage.</p><p>�Dasselbe gilt, wenn du versuchen solltest, Kontakt mit mir aufzunehmen.� Sie zog die Hand quer �ber seinen Hals. �Dann kannst du dich von dieser Wohnung verabschieden, von deinen tollen Titeln und deinen Millionen auf dem Auslandskonto.�</p><p>Seine Augen weiteten sich, als sie das Geld erw�hnte.  <emphasis>Woher zur H�lle wusste sie �</emphasis></p><p>Sie l�chelte und nahm noch einen halben Zug. Dann lie� sie die Zigarette auf den Teppich fallen und trat sie mit dem Absatz aus.</p><p>�Au�erdem will ich deine Reserveschl�ssel, sowohl f�r  diese Wohnung als auch f�r deine Kanzlei.� Er runzelte die Augenbrauen. Sie lehnte sich vor und l�chelte selig.</p><p>�Ich werde dein Leben in Zukunft restlos kontrollieren. Wenn du es am wenigsten ahnst, vielleicht wenn du gerade im Bett liegst und schl�fst, werde ich pl�tzlich mit diesem Ding hier in deinem Schlafzimmer stehen.� Sie hielt die Elektroschockwaffe hoch. �Ich werde dich im Auge behalten. Sollte ich dich jemals wieder mit einem M�dchen zusammen sehen - egal, ob sie freiwillig hier ist oder nicht -, sollte ich dich jemals �berhaupt wieder mit einer Frau zusammen sehen ��</p><p>Lisbeth Salander zog abermals den Finger quer �ber seine Kehle.</p><p>�Sollte ich sterben � wenn ich in einen Unfall gerate oder von einem Auto �berfahren werde oder irgendetwas anderes � dann werden Kopien des Films an alle Zeitungen geschickt. Dazu eine ausf�hrliche Geschichte, in der ich erz�hle, wie es ist, dich zum Betreuer zu haben.</p><p>Und noch etwas.� Sie lehnte sich vor, sodass ihr Gesicht nur noch wenige Zentimeter von seinem entfernt war. �Wenn du mich noch ein einziges Mal anfassen solltest, dann werde ich dich t�ten. Glaub mir.�</p><p>Bjurman glaubte ihr. Ihre Augen lie�en keinen Zweifel.</p><p>�Denk immer dran, ich bin verr�ckt.�</p><p>Er nickte.</p><p>Sie musterte ihn nachdenklich.</p><p>�Ich glaube nicht, dass wir zwei gute Freunde werden�, sagte Lisbeth Salander ernst. �Jetzt liegst du da und gratulierst dir, dass ich so verr�ckt bin, dich leben zu lassen. Du denkst, dass du die Kontrolle hast, obwohl du mein Gefangener bist, denn du glaubst, wenn ich dich jetzt nicht t�te, dann kann ich dich nur freilassen. Oder?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. Auf einmal beschlichen ihn b�se Vorahnungen.</p><p>�Du bekommst ein Geschenk von mir, damit du dich immer an unsere Vereinbarung erinnerst.�</p><p>Sie l�chelte schief, kletterte pl�tzlich aufs Bett und kniete sich zwischen seine Beine. Bjurman begriff nicht, was sie meinte, aber er hatte auf einmal Angst.</p><p>Dann sah er die Nadel in ihrer Hand.</p><p>Er warf den Kopf hin und her und versuchte sich loszuwinden, bis sie ihm warnend ein Knie gegen den Schritt dr�ckte.</p><p>�Still liegen bleiben. Ich benutze diese Ger�te zum ersten Mal.�</p><p>Sie arbeitete zwei Stunden konzentriert. Als sie fertig war, hatte er aufgeh�rt zu wimmern. Er schien sich in einem fast schon apathischen Zustand zu befinden.</p><p>Nachdem sie vom Bett gestiegen war, legte sie den Kopf schr�g und betrachtete ihr Werk mit kritischem Blick. Ihr k�nstlerisches Talent war begrenzt. Die Buchstaben waren verwackelt, das Ganze wirkte irgendwie impressionistisch. Sie hatte rote und blaue Farbe f�r die Botschaft verwendet, die sie in f�nf Reihen Gro�buchstaben �ber seinen ganzen Bauch t�towiert hatte, von den Brustwarzen bis kurz �ber sein Geschlechtsorgan:</p><p>ICH BIN EIN SADISTISCHES SCHWEIN,</p><p>EIN WIDERLING</p><p>UND EIN VERGEWALTIGER</p><p>Sie sammelte die Nadeln wieder ein und steckte die Farbpatronen in ihren Rucksack. Danach ging sie ins Badezimmer und wusch sich die H�nde. Sie bemerkte, dass es ihr wesentlich besser ging, als sie wieder ins Schlafzimmer kam.</p><p>�Gute Nacht�, sagte sie.</p><p>Sie schloss die eine Handfessel auf und legte den Schl�ssel in Reichweite auf seinen Bauch, bevor sie ging. Ihren Film und seinen Schl�sselbund nahm sie mit.</p><p>Als sie sich kurz nach Mitternacht eine Zigarette teilten, sagte Mikael pl�tzlich, dass sie sich eine Weile nicht mehr sehen konnten. Cecilia wandte ihm erstaunt das Gesicht zu.</p><p>�Was willst du damit sagen?�, fragte sie.</p><p>Er sah besch�mt drein.</p><p>�Am Montag gehe ich f�r drei Monate ins Gef�ngnis.�</p><p>Weitere Erkl�rungen waren nicht n�tig. Cecilia blieb lange ganz still liegen. Pl�tzlich war ihr zum Heulen zumute.</p><p>Dragan Armanskij war schon am Verzweifeln, als Lisbeth Salander am Montagnachmittag pl�tzlich an seine T�r klopfte. Er hatte sie nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen, seit er Anfang Januar die Untersuchung in der Wennerstr�m-Aff�re abgeblasen hatte, und jedes Mal, wenn er versucht hatte, sie anzurufen, hatte sie entweder nicht abgenommen oder mit der Erkl�rung aufgelegt, sie sei besch�ftigt.</p><p>�Haben Sie Arbeit f�r mich?�, fragte sie, ohne sich mit unn�tigen Begr��ungsfloskeln aufzuhalten.</p><p>�Ach, hallo! Wie sch�n, Sie mal wieder zu sehen. Ich dachte schon, Sie w�ren gestorben oder so.�</p><p>�Ich hatte da ein paar Dinge zu kl�ren.�</p><p>�Sie haben ganz sch�n oft Dinge zu kl�ren.�</p><p>�Es war ein Notfall. Aber jetzt bin ich ja wieder da. Haben Sie Arbeit f�r mich?�</p><p>Armanskij sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Sorry. Im Moment nicht.�</p><p>Lisbeth Salander betrachtete ihn ruhig. Nach einem Weilchen nahm er innerlich Anlauf und sprach weiter.</p><p>�Lisbeth, Sie wissen, dass ich Sie mag und Ihnen gerne Auftr�ge gebe. Aber Sie waren zwei Monate fort, und ich hatte jede Menge Jobs. Sie sind ganz einfach nicht zuverl�ssig. Ich musste die Auftr�ge rausgeben, um Ihre Abwesenheit abzufedern, und im Moment habe ich gar nichts.�</p><p>�K�nnen Sie bitte mal lauter machen?�</p><p>�Was?�</p><p>�Das Radio.�</p><p><emphasis>�� das</emphasis> Millennium<emphasis>-Magazin. Die Nachricht, dass der Gro�industrielle Henrik Vanger Teilhaber wird und einen Platz im Vorstand von</emphasis> Millennium <emphasis>einnehmen wird, wurde am selben Tag bekannt gegeben, an dem der ehemalige verantwortliche Herausgeber Mikael Blomkvist seine dreimonatige Gef�ngnisstrafe wegen b�swilliger Verleumdung des Gesch�ftsmannes Hans-Erik Wennerstr�m antritt. Die</emphasis> Millennium<emphasis>-Chefredakteurin Erika Berger erkl�rte auf der Pressekonferenz, dass Mikael Blomkvist seine Arbeit als Herausgeber wieder aufnehmen wird, sobald die Gef�ngnisstrafe vorbei ist.�</emphasis></p><p>�Verdammt�, sagte Lisbeth Salander so leise, dass Armanskij kaum sah, wie sich ihre Lippen bewegten. Pl�tzlich stand sie auf und ging zur T�r.</p><p>�Warten Sie. Wo wollen Sie hin?�</p><p>�Nach Hause. Ich will ein paar Dinge �berpr�fen. Rufen Sie an, wenn Sie Arbeit haben.�</p><p>Die Neuigkeit, dass <emphasis>Millennium</emphasis> Verst�rkung durch Henrik Vanger erfahren hatte, erregte bedeutend mehr Aufsehen, als Lisbeth Salander erwartet h�tte. Das <emphasis>Aftonbladet</emphasis> hatte bereits einen l�ngeren Artikel ins Netz gestellt, der Vangers Karriere darstellte und betonte, dies sei das erste Mal seit zwanzig Jahren, dass der ehemalige Gro�industrielle �ffentlich aktiv geworden sei. Die Nachricht, er sei Teilhaber bei <emphasis>Millennium</emphasis>  geworden, schien ungef�hr so abwegig, als w�rden die Gro�unternehmer Peter Wallenberg oder Erik Penser pl�tzlich als Sponsoren des radikal-alternativen <emphasis>Ordfront Magasin</emphasis> aktiv werden.</p><p>Es war so ein Riesenereignis, dass die 19-Uhr-30-Ausgabe von <emphasis>Rapport</emphasis> die Nachricht an dritter Stelle brachte und ihr drei Minuten widmete. Erika Berger wurde an einem Konferenztisch in der <emphasis>Millennium</emphasis>-Redaktion interviewt. Auf einen Schlag war auch Wennerstr�m wieder zum Nachrichtenthema geworden.</p><p>�Wir haben letztes Jahr einen schwerwiegenden Fehler begangen, der dazu gef�hrt hat, dass das Magazin wegen Verleumdung verurteilt wurde. Das bedauern wir nat�rlich � und wir werden die Geschichte zum gegebenen Zeitpunkt weiterverfolgen.�</p><p>�Wie meinen Sie das - die Geschichte weiterverfolgen?�, fragte der Reporter.</p><p>�Damit will ich sagen, dass wir irgendwann unsere Version der Geschichte erz�hlen werden, was wir bis jetzt noch nicht getan haben.�</p><p>�Aber das h�tten Sie doch beim Prozess tun k�nnen.�</p><p>�Wir haben uns dagegen entschieden. Aber wir werden selbstverst�ndlich unsere Politik des kritischen Journalismus fortsetzen.�</p><p>�Hei�t das, Sie halten immer noch an der Geschichte fest, f�r die Sie verurteilt worden sind?�</p><p>�Das kann ich heute nicht kommentieren.�</p><p>�Aber Sie haben Mikael Blomkvist nach seinem Urteil doch entlassen.�</p><p>�Das ist v�llig falsch. Lesen Sie die Pressemitteilung, die wir herausgegeben haben. Er wollte eine Auszeit, er hatte eine Pause dringend n�tig. Im Laufe des Jahres wird er als verantwortlicher Herausgeber zu uns zur�ckkehren.�</p><p>Die Kamera machte einen Schwenk durch die Redaktion, w�hrend der Reporter schnell die Hintergrundinformationen zu <emphasis>Millenniums</emphasis> turbulenter Geschichte lieferte. Mikael Blomkvist stand f�r einen Kommentar nicht zur Verf�gung. Er sa� in der Rull�ker-Vollzugsanstalt hinter Gittern, an  einem kleinen See mitten im Wald, ein paar Meilen von �stersund entfernt.</p><p>Lisbeth Salander bemerkte jedoch, dass Dirch Frode am Rande des Bildschirms zu sehen war, wie er an einer T�r�ffnung in der Redaktion vorbeieilte. Sie hob die Augenbrauen und biss sich nachdenklich auf die Unterlippe.</p><p>F�r die Nachrichtensendungen war es ein ereignisloser Montag gewesen, daher bekam Henrik Vanger ganze vier Minuten in der Neun-Uhr-Sendung. Er wurde im Studio eines Lokalsenders in Hedestad interviewt. Der Reporter begann mit der Feststellung, dass die Industrielegende Henrik Vanger nach zwei Jahrzehnten wieder ins Rampenlicht zur�ckgekehrt sei. Es folgte ein Abriss von Vangers Leben. Schwarz-Wei�-Aufnahmen zeigten, wie er mit Tage Erlander in den sechziger Jahren Fabriken einweihte. Danach konzentrierte sich die Kamera auf ein Studiosofa, auf dem Henrik Vanger sa�, ruhig zur�ckgelehnt mit �berkreuzten Beinen. Er trug ein gelbes Hemd, eine schmale gr�ne Krawatte und eine saloppe dunkelbraune Strickjacke. Dass er eine magere, alte Vogelscheuche war, konnte niemand �bersehen, aber er sprach mit klarer und fester Stimme. Au�erdem nahm er kein Blatt vor den Mund. Der Reporter begann mit der Frage, was ihn dazu bewogen habe, Teilhaber bei <emphasis>Millennium</emphasis> zu werden.</p><p>�<emphasis>Millennium</emphasis> ist eine gute Zeitschrift, die ich mehrere Jahre mit gro�em Interesse verfolgt habe. Heute steht das Magazin unter Beschuss. Es hat m�chtige Feinde, die einen Anzeigen-Boykott organisieren, um es in die Knie zu zwingen.�</p><p>Der Reporter war offenbar nicht auf eine derartige Antwort vorbereitet, witterte jedoch sofort, dass die bereits ziemlich sonderbare Story ganz unerwartete Dimensionen annahm.</p><p>�Wer steckt hinter diesem Boykott?�</p><p>�Das ist eines der Dinge, die es herauszufinden gilt. Aber lassen Sie mich bei dieser Gelegenheit erkl�ren, dass <emphasis>Millennium</emphasis> den anderen nicht kampflos das Feld �berlassen wird.�</p><p>�Sind Sie deswegen als Teilhaber bei <emphasis>Millennium</emphasis> eingestiegen?�</p><p>�Es w�re ziemlich ungut f�r die Meinungsfreiheit, wenn Einzelne die Macht h�tten, unbequeme Stimmen in der Medienlandschaft zum Schweigen zu bringen.�</p><p>Vanger klang, als w�re er sein ganzes Leben ein engagierter K�mpfer f�r die Meinungsfreiheit gewesen. Mikael Blomkvist lachte pl�tzlich lauthals auf, als er seinen ersten Abend im Fernsehzimmer der Anstalt verbrachte. Seine Mitgefangenen warfen ihm verstohlene Blicke zu.</p><p>Sp�ter am Abend, als er auf dem Bett in seiner Zelle lag, die an ein enges Motelzimmer erinnerte, musste er Henrik und Erika recht geben, die von Anfang an die Vermarktung der Nachricht im Auge gehabt hatten. Ohne mit einem einzigen Menschen �ber die ganze Sache gesprochen zu haben, wusste er, dass sich die allgemeine Einstellung zu <emphasis>Millennium</emphasis> bereits ver�ndert hatte.</p><p>Vangers Auftritt war nichts anderes als eine Kriegserkl�rung an Hans-Erik Wennerstr�m. Die Botschaft war kristallklar - in Zukunft legst du dich nicht mehr mit einer Zeitschrift an, die sechs Mitarbeiter besch�ftigt und deren Jahresbudget dem eines gr��eren Business-Lunchs f�r die <emphasis>Wennerstroem Group</emphasis> entspricht. Jetzt musst du dich auch mit dem Vanger-Konzern auseinandersetzen, der zwar nur noch ein Schatten seiner fr�heren Gr��e, aber dennoch ein ganz anderes Kaliber ist.</p><p>Henrik Vanger hatte im Fernsehen verk�ndet, dass er bereit war zu k�mpfen. Vielleicht hatte er keine Chance gegen Wennerstr�m, aber die Auseinandersetzung w�rde eine kostspielige Angelegenheit werden.</p><p>Erika hatte ihre wenigen Worte mit Bedacht gew�hlt. Ihre Feststellung, das Magazin habe �seine Version noch nicht erl�utert�, rief den Eindruck hervor, dass es durchaus etwas zu erl�utern gab. Obwohl Mikael angeklagt und verurteilt worden war und mittlerweile sogar im Gef�ngnis sa�, implizierten ihre Worte, dass eine andere Wahrheit existierte.</p><p>Gerade, weil sie das Wort �unschuldig� nicht verwendete, schien seine Unschuld noch sicherer. Die Selbstverst�ndlichkeit, mit der er wieder als verantwortlicher Herausgeber eingesetzt werden sollte, unterstrich, dass <emphasis>Millennium</emphasis> sich f�r nichts zu sch�men brauchte. In den Augen der Allgemeinheit war die Glaubw�rdigkeit kein Problem - jeder liebt Verschw�rungstheorien -, und da man die Wahl zwischen einem steinreichen Gesch�ftsmann und einem aufm�pfigen, gut aussehenden Chefredakteur hatte, fiel die Entscheidung, wem man seine Sympathien schenken sollte, nicht schwer. Die Medien w�rden die Geschichte nicht ganz so leicht schlucken; hingegen hatte Erika wahrscheinlich ein paar Kritiker entwaffnet, die sich jetzt nicht mehr ganz so weit aus dem Fenster lehnen w�rden.</p><p>Im Grunde hatte keines der Ereignisse an diesem Tag die Situation ver�ndert, aber sie hatten Zeit gewonnen und das Kr�ftegleichgewicht ein wenig verschoben. Mikael stellte sich vor, dass Wennerstr�m einen unangenehmen Abend verbracht haben musste. Er konnte nicht wissen, wie viel - oder wie wenig - sie wussten, aber das musste er herausfinden, bevor er den n�chsten Schachzug tat.</p><p>Mit grimmigem Gesicht schaltete Erika Fernseher und Videorecorder aus, nachdem sie zuerst ihren eigenen Auftritt und danach den von Henrik Vanger angesehen hatte. Sie sah auf die Uhr, Viertel vor drei, und unterdr�ckte den Impuls, Mikael anzurufen. Er sa� im Gef�ngnis, und h�chstwahrscheinlich hatte er kein Handy in der Zelle. Sie war so sp�t in ihr Haus in Saltsj�baden zur�ckgekommen, dass ihr Mann schon schlief. Sie  stand auf, ging zur Hausbar und goss sich ein ordentliches Glas Aberlour ein - sie trank ungef�hr einmal im Jahr Alkohol -, setzte sich ans Fenster und blickte hinaus auf den Saltsj� und die Blinkfeuer an der Einfahrt zum Skuru-Sund.</p><p>Mikael und sie hatten einen heftigen Wortwechsel gehabt, als sie nach ihrer Abmachung mit Henrik Vanger allein gewesen waren. �ber Jahre hinweg hatten sie immer freim�tig dar�ber gestritten, aus welchem Blickwinkel sie berichten wollten, wie das Layout gestaltet und die Glaubw�rdigkeit der Quellen eingesch�tzt werden sollte, und �ber viele andere Fragen, die sich eben stellten, wenn man eine Zeitschrift macht. Aber beim Streit in Vangers G�stehaus war es um ihre journalistische Unabh�ngigkeit gegangen.</p><p>�Ich wei� nicht, was ich jetzt machen soll�, hatte Mikael gesagt. �Vanger hat mich angestellt, damit ich seine Autobiografie schreibe. Bisher konnte ich jederzeit aufstehen und weggehen, sobald er versucht h�tte, mich zu zwingen, etwas Unwahres zu schreiben, oder mich zu verleiten, einen bestimmten Blickwinkel einzunehmen. Jetzt wird er einer der Teilhaber unserer Zeitschrift und ist zudem der Einzige, der genug Geld hat, sie zu retten. Diese Situation ist mit unserem Berufsethos eigentlich nicht zu vereinbaren.�</p><p>�Hast du irgendeine bessere Idee?�, hatte Erika gefragt. �Dann solltest du jetzt damit rausr�cken, bevor wir den Vertrag aufsetzen und unterzeichnen.�</p><p>�Ricky, Vanger nutzt uns doch nur aus f�r seinen privaten Rachefeldzug gegen Wennerstr�m.�</p><p>�Na und? Wenn �berhaupt jemand einen privaten Rachefeldzug gegen Wennerstr�m betreibt, dann ja wohl wir.�</p><p>Mikael hatte sich von ihr abgewandt und gereizt eine Zigarette angez�ndet. Der Wortwechsel war noch eine gute Weile so weitergegangen, bis Erika schlie�lich ins Schlafzimmer ging, sich auszog und ins Bett kroch. Sie tat so, als w�rde sie schlafen, als Mikael zwei Stunden sp�ter neben sie schl�pfte.  Am Abend hatte ein Reporter von <emphasis>Dagens Nyheter</emphasis> ihr genau dieselbe Frage gestellt:</p><p>�Wie will sich <emphasis>Millennium</emphasis> jetzt noch glaubw�rdig als unabh�ngige Zeitschrift bezeichnen?�</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>Der Reporter hob die Augenbrauen. Er fand, dass seine Frage deutlich genug gewesen war, aber er verdeutlichte sie trotzdem noch einmal.</p><p>�<emphasis>Millennium</emphasis> besch�ftigt sich unter anderem damit, Unternehmen auf den Zahn zu f�hlen. Wie soll das Magazin jetzt glaubw�rdig behaupten k�nnen, dass es den Vanger-Konzern kritisch unter die Lupe nimmt?�</p><p>Erika hatte ihn so verbl�fft angesehen, als k�me diese Frage v�llig unerwartet.</p><p>�Wollen Sie damit sagen, dass <emphasis>Millennium</emphasis> an Glaubw�rdigkeit einb��t, weil ein bekannter Finanzier mit betr�chtlichen Mitteln auf den Plan getreten ist?�</p><p>�Tja, es ist ja wohl ziemlich offensichtlich, dass Sie dem Vanger-Konzern nicht mehr unvoreingenommen gegen�berstehen.�</p><p>�Meinen Sie, dass f�r <emphasis>Millennium</emphasis> besondere Ma�st�be gelten sollten?�</p><p>�Verzeihung?�</p><p>�Sie arbeiten doch auch f�r eine Zeitung, die in h�chstem Grad finanziellen Interessen gehorcht. Bedeutet das, dass keine der Zeitungen, die <emphasis>Bonnier</emphasis> herausgibt, glaubw�rdig ist? Das <emphasis>Aftonbladet</emphasis> geh�rt einem norwegischen Gro�unternehmen, das wiederum eine gewaltige Rolle in der Datenverarbeitungs- und Kommunikationsbranche spielt - bedeutet das, dass das <emphasis>Aftonbladet</emphasis> die Elektronikindustrie nicht mehr glaubw�rdig beschreiben kann? Der Zeitungskonzern <emphasis>Metro</emphasis>  geh�rt dem Stenbeck-Unternehmen. Meinen Sie, dass s�mtliche Zeitungen in Schweden, hinter denen finanzielle Interessen stecken, nicht glaubw�rdig sind?�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht.�</p><p>�Warum deuten Sie dann an, dass <emphasis>Millenniums</emphasis> Glaubw�rdigkeit abnimmt, nur weil wir auch Finanziers haben?�</p><p>Der Reporter hatte die Hand gehoben.</p><p>�Okay, ich nehme die Frage zur�ck.�</p><p>�Nein. Tun Sie das nicht. Ich will, dass Sie exakt das wiedergeben, was ich sage. Und Sie k�nnen dazuschreiben, wenn  <emphasis>Dagens Nyheter</emphasis> ein wachsameres Auge auf den Vanger-Konzern hat, dann konzentrieren wir uns ein bisschen mehr auf  <emphasis>Bonnier</emphasis>.�</p><p>Aber es <emphasis>war</emphasis> ein ethisches Dilemma.</p><p>Mikael arbeitete f�r Henrik Vanger, der theoretisch in der Lage war, <emphasis>Millennium</emphasis> mit einem Federstrich zu vernichten. Was w�rde passieren, wenn Mikael und Henrik Vanger sich wegen irgendetwas entzweiten?</p><p>Und vor allem - wie viel kostete ihre eigene Glaubw�rdigkeit, und wann wurde aus einem unabh�ngigen Redakteur ein korrumpierter? Sie mochte weder die Fragen noch die Antworten.</p><p>Lisbeth Salander ging wieder aus dem Netz und schaltete ihr PowerBook ab. Sie war arbeitslos und hungrig. Ersteres bek�mmerte sie nicht sonderlich, seit sie wieder freien Zugriff auf ihr Konto hatte und Rechtsanwalt Bjurman zu einer vagen Unannehmlichkeit aus ihrer Vergangenheit geworden war. Sie ging in die K�che und stellte die Kaffeemaschine an. Dann machte sie sich drei gro�e belegte Brote mit K�se, Kaviar und Ei - das Erste, was sie seit Stunden a�. Sie mampfte ihre n�chtlichen Stullen auf dem Wohnzimmersofa, w�hrend sie die eingeholte Information verarbeitete.</p><p>Dirch Frode aus Hedestad hatte ihr den Auftrag gegeben, Mikael Blomkvist unter die Lupe zu nehmen, der wegen Verleumdung des Gesch�ftsmannes Hans-Erik Wennerstr�m zu einer Gef�ngnisstrafe verurteilt worden war. Dann pl�tzlich  war Vanger, ebenfalls aus Hedestad, in die F�hrungsspitze von  <emphasis>Millennium</emphasis> eingestiegen und behauptete, es gebe eine Verschw�rung, die das Magazin in die Knie zwingen wolle. All das am selben Tag, an dem Mikael Blomkvist ins Gef�ngnis ging. Am faszinierendsten von alldem: ein zwei Jahre alter Hintergrundartikel - <emphasis>Mit leeren H�nden</emphasis> - �ber Hans-Erik Wennerstr�m, den sie auf der Website des Wirtschaftsmagazins <emphasis>Monopol</emphasis> gefunden hatte, in dem erw�hnt wurde, dass er seinen finanziellen Aufstieg ausgerechnet im Vanger-Konzern begonnen hatte.</p><p>Man brauchte kein Genie zu sein, um zu dem Schluss zu gelangen, dass diese Ereignisse irgendwie miteinander in Verbindung stehen mussten. Irgendwo lag hier der Hund begraben, und Lisbeth Salander liebte es, begrabene Hunde wieder auszubuddeln. Au�erdem hatte sie ja gerade nichts Besseres zu tun.</p><a id="calibre_link-81"/><p><a id="calibre_link-82"/></p><p><strong>Teil III</strong></p><p><strong>Fusionen</strong></p><p><strong>16. Mai bis 14. Juli</strong></p><p>13% aller schwedischen Frauen sind schon einmal Opfer schwerer sexueller Gewalt au�erhalb einer sexuellen Beziehung geworden.</p><a id="calibre_link-83"/><p><a id="calibre_link-84"/></p><p><strong>15. Kapitel</strong></p><p><strong>Freitag, 16. Mai - Samstag, 31. Mai</strong></p><p>Mikael Blomkvist wurde am 16. Mai aus der Rull�ker-Vollzugsanstalt entlassen, zwei Monate nachdem er seine Strafe angetreten hatte. Am Tag seines Haftantritts hatte er ohne allzu gro�e Hoffnung einen Antrag auf Verk�rzung seiner Freiheitsstrafe gestellt. Die wahren Ursachen f�r seine Entlassung wurden ihm nie ganz klar, aber er vermutete, es k�nnte damit zu tun haben, dass er seine freien Wochenenden nie genommen hatte und dass die Anstalt mit zweiundvierzig Insassen belegt war, obwohl sie eigentlich nur einunddrei�ig Platz bot. Auf jeden Fall schrieb der Direktor der Vollzugsanstalt - ein vierzigj�hriger Exilpole namens Peter Sarowsky, mit dem sich Mikael bestens verstand - eine Empfehlung f�r eine Verk�rzung der Strafe.</p><p>Die Zeit in Rull�ker war ruhig und angenehm verlaufen. Die Anstalt war, wie Sarowsky sich ausdr�ckte, f�r Kleinkriminelle und Alkohols�nder, nicht aber f�r richtige Verbrecher gedacht. Die t�glichen Routineabl�ufe erinnerten an die Gepflogenheiten in einer Jugendherberge. Seine einundvierzig Mith�ftlinge, von denen die H�lfte Einwanderer der zweiten Generation waren, betrachteten Mikael als eine Art exotischen Vogel in ihrer Gemeinschaft - was er ja auch war. Er war der einzige H�ftling, �ber den im Fernsehen berichtet wurde,  und das verlieh ihm einen gewissen Status, aber keiner der anderen sah ihn als echten Verbrecher an.</p><p>Das tat der Direktor der Anstalt auch nicht. Schon am ersten Tag wurde Mikael zu einem Gespr�ch gebeten, in dem man ihm mehrere Angebote machte: Therapie, Besuch der Abendschule, andere Studienm�glichkeiten oder eine allgemeine Berufsberatung. Mikael lehnte dankend ab, weitere Studienpl�ne seien schon vor Jahrzehnten begraben worden, und eine Arbeit habe er bereits. Er bat jedoch darum, sein iBook benutzen zu d�rfen, um an seinem Buch weiterarbeiten zu k�nnen. Sein Wunsch wurde ihm ohne Weiteres bewilligt, und Sarowsky stellte sogar noch einen abschlie�baren Schrank zur Verf�gung, sodass Mikael den Computer auch unbewacht in der Zelle lassen konnte, ohne dass er gestohlen oder demoliert werden konnte. Nicht dass einer der Mith�ftlinge tats�chlich so etwas gemacht h�tte - sie hielten eher ihre sch�tzende Hand �ber Mikael.</p><p>So verbrachte Mikael zwei relativ angenehme Monate, in denen er ungef�hr sechs Stunden am Tag an der Vangerschen Familienchronik arbeitete. Die Arbeit wurde jeden Tag nur von ein paar Stunden Putzarbeit oder einer angeordneten Erholungspause unterbrochen. Mikael und zwei Mith�ftlinge, von denen einer aus Sk�vde, der andere aus Chile kam, hatten die Aufgabe, jeden Tag den Fitnessraum zu putzen. Das Freizeitprogramm bestand aus Fernsehen, Kartenspielen oder Krafttraining. Mikael entdeckte, dass er ganz anst�ndig Poker spielte, aber er verlor jeden Tag ein paar 50-�re-M�nzen. Die Anstaltsregeln verboten, um mehr Geld als einen totalen Jackpot von f�nf Kronen zu spielen.</p><p>Er erhielt den Bescheid �ber seine vorzeitige Entlassung einen Tag bevor er gehen durfte. Swarowsky nahm ihn mit in seinen Dienstraum und bot ihm einen Schnaps an. Danach verbrachte Mikael den Abend damit, seine Kleider und Notizb�cher zusammenzupacken.</p><p>Nach seiner Entlassung fuhr Mikael direkt zur�ck nach Hedeby. Als er die Br�cke betrat, h�rte er ein Miauen: Die rotbraune Katze gesellte sich zu ihm und hie� ihn willkommen, indem sie ihm um die Beine strich.</p><p>�Okay, komm schon rein�, sagte er. �Aber ich hab keine Milch mehr besorgen k�nnen.�</p><p>Er packte seine Sachen aus. Es f�hlte sich an, als w�re er im Urlaub gewesen, und tats�chlich fehlten ihm Sarowsky und seine Mith�ftlinge. So verr�ckt es war - er hatte sich in Rull�ker wohlgef�hlt. Die Entlassung war so �berraschend gekommen, dass er niemanden hatte vorwarnen k�nnen.</p><p>Es war kurz nach sechs Uhr abends. Er ging schnell zum Supermarkt und kaufte die wichtigsten Dinge, bevor sie schlie�en w�rden. Als er nach Hause kam, schaltete er sein Handy ein und rief Erika an, erreichte sie jedoch nicht. Er hinterlie� ihr die Nachricht, dass sie sich am n�chsten Tag sprechen k�nnten.</p><p>Danach ging er zu seinem Auftraggeber, der gerade im Erdgeschoss war und bei Mikaels Anblick erstaunt die Augenbrauen hochzog.</p><p>�Sind Sie ausgebrochen?�, waren die ersten Worte des alten Mannes.</p><p>�Ganz legal vorzeitig entlassen.�</p><p>�Das ist ja eine �berraschung.�</p><p>�F�r mich auch. Ich habe es erst gestern Abend erfahren.�</p><p>Sie sahen sich ein paar Sekunden an. Dann �berraschte der alte Mann Mikael, indem er ihn in die Arme nahm und fest an sich dr�ckte.</p><p>�Ich wollte gerade essen. Leisten Sie mir doch Gesellschaft.�</p><p>Anna trug Speckpfannkuchen mit Preiselbeeren auf. Sie blieben fast zwei Stunden im Esszimmer sitzen und unterhielten sich. Mikael erkl�rte, wie weit er mit der Familienchronik gekommen war und wo es noch L�cken gab. Sie sprachen  nicht �ber Harriet Vanger, f�hrten aber ein ausf�hrliches Gespr�ch �ber <emphasis>Millennium</emphasis>.</p><p>�Wir haben drei Vorstandssitzungen abgehalten. Frau Berger und Ihr Partner Christer Malm waren so freundlich, zwei der Treffen hierher zu verlegen, w�hrend Dirch mich bei einem Treffen in Stockholm vertreten hat. Ich w�nschte wirklich, ich w�re ein paar Jahre j�nger. Es ist leider ziemlich anstrengend f�r mich, so weit zu fahren. Aber im Sommer werde ich versuchen, auch mal nach Stockholm zu kommen.�</p><p>�Ich glaube durchaus, dass sie die Treffen hier oben abhalten k�nnen�, antwortete Mikael. �Aber wie f�hlt es sich denn nun an, Teilhaber der Zeitung zu sein?�</p><p>Henrik Vanger l�chelte schief.</p><p>�Es ist tats�chlich das Lustigste, was ich seit vielen Jahren gemacht habe. Ich habe mir die finanziellen Verh�ltnisse mal angesehen, und es sieht ganz anst�ndig aus. Ich brauche gar nicht so viel Geld zuzuschie�en, wie ich gedacht hatte - die Kluft zwischen Einkommen und Ausgaben verringert sich bereits wieder.�</p><p>�Ich habe diese Woche mit Erika gesprochen. Sie sagte, der Annoncenteil ist auf dem Weg, sich wieder ein bisschen zu erholen.�</p><p>Henrik Vanger nickte. �Das Blatt wendet sich langsam wieder, aber es wird ein bisschen dauern. Am Anfang haben Unternehmen des Vanger-Konzerns zur Unterst�tzung Annoncenseiten gekauft. Aber es sind schon zwei alte Anzeigenkunden - ein Handyanbieter und ein Reiseb�ro - zur�ckgekommen.� Er l�chelte breit.</p><p>�Bei Wennerstr�ms alten Feinden ziehen wir die Kampagne ein bisschen pers�nlicher auf. Und glauben Sie mir eins, diese Liste ist lang.�</p><p>�Haben Sie was von Wennerstr�m geh�rt?�</p><p>�Na ja, nicht wirklich. Aber wir haben durchsickern lassen, dass Wennerstr�m einen Boykott gegen <emphasis>Millennium</emphasis> organisiert. Das l�sst ihn ziemlich kleinkariert dastehen. Ein Journalist von <emphasis>Dagens Nyheter</emphasis> soll ihn danach gefragt und sich eine abweisende Antwort eingefangen haben.�</p><p>�Sie genie�en das.�</p><p>�Genie�en ist das falsche Wort. Ich h�tte mich schon vor ein paar Jahren mit dieser Sache besch�ftigen sollen.�</p><p>�Was ist da eigentlich gewesen zwischen Ihnen und Wennerstr�m?�</p><p>�Versuchen Sie es erst gar nicht. Sie werden es zu Beginn des neuen Jahres erfahren.�</p><p>Es lag ein angenehmer Fr�hlingshauch in der Luft. Als Mikael gegen neun Henriks Haus verlie�, war es drau�en schon dunkel. Er z�gerte kurz. Dann ging er zu Cecilia und klopfte.</p><p>Er war nicht sicher, was er sich eigentlich erwartete. Cecilia riss die Augen auf, lie� ihn zwar in den Flur treten, wirkte aber so, als sei ihr sein Besuch nicht recht. Sie fragte ihn, ob er ausgebrochen sei, und er erl�uterte, wie sich die Dinge verhielten.</p><p>�Ich bin nur gekommen, um kurz Hallo zu sagen. St�re ich?�</p><p>Sie wich seinem Blick aus. Mikael merkte sofort, dass sie nicht besonders froh war, ihn zu sehen.</p><p>�Nein � nein, komm rein. M�chtest du einen Kaffee?�</p><p>�Gerne.�</p><p>Er folgte ihr in die K�che. Sie drehte ihm den R�cken zu, w�hrend sie Wasser in die Kaffeemaschine goss. Mikael ging zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sie erstarrte.</p><p>�Cecilia, du wirkst nicht so, als wolltest du mich zum Kaffee einladen.�</p><p>�Ich habe dich erst in einem Monat erwartet�, sagte sie. �Du hast mich �berrascht.�</p><p>Er konnte ihr Unbehagen sp�ren und drehte sie zu sich um, damit er ihr Gesicht sehen konnte. Sie wollte ihm immer noch nicht in die Augen blicken.</p><p>�Cecilia. Vergiss den Kaffee. Was ist los?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf und holte tief Luft.</p><p>�Mikael, ich m�chte, dass du gehst. Frag nicht. Geh einfach.�</p><p>Mikael ging zu seinem Haus zur�ck, blieb aber unschl�ssig am Gittertor stehen. Statt hineinzugehen, lief er hinunter ans Wasser, neben die Br�cke, und setzte sich auf einen Stein. Er z�ndete sich eine Zigarette an, w�hrend er seine Gedanken sortierte und sich fragte, was Cecilias Einstellung zu ihm so dramatisch ge�ndert haben k�nnte.</p><p>Pl�tzlich h�rte er ein Motorenger�usch und sah ein gro�es wei�es Boot langsam unter der Br�cke hindurch in den Sund gleiten. Als es vorbeifuhr, konnte Mikael sehen, dass Martin Vanger am Steuer stand, der den Blick konzentriert aufs Wasser gerichtet hielt, um eventuellen Untiefen auszuweichen. Das Boot war eine zw�lf Meter lange Motoryacht - ein imposantes Kraftpaket. Er stand auf und ging die Strandpromenade entlang. Pl�tzlich sah er, dass an verschiedenen Landestegen mehrere Boote im Wasser lagen, sowohl Motor- als auch Segelboote. Darunter befanden sich mehrere Pettersson-Boote, aber auch eine Hallberg-Rassy-Segelyacht. Der Sommer war gekommen. Damit war ihm auch die Klassenaufteilung in Hedebys marinem Leben klar - Martin Vanger hatte ohne Zweifel das gr��te und teuerste Boot in der Gegend.</p><p>Er blieb unterhalb von Cecilias Haus stehen und guckte zu den erleuchteten Fenstern im Obergeschoss hinauf. Dann ging er nach Hause und setzte Kaffee auf. Er blickte in sein Arbeitszimmer, w�hrend er darauf wartete, dass das Wasser kochte.</p><p>Bevor er ins Gef�ngnis gegangen war, hatte er den Gro�teil von Henrik Vangers Dokumentation zu Harriet wieder hin�bergetragen. Es schien kl�ger zu sein, die Ordner nicht �ber l�ngere Zeit in einem leeren Haus zu lassen. Jetzt g�hnten ihn  die leeren Regale an. Alles, was er von der Untersuchung noch bei sich hatte, waren f�nf von Henrik Vangers eigenen Notizb�chern, die er nach Rull�ker mitgenommen hatte und mittlerweile auswendig kannte. Und, wie er feststellen konnte, auch noch ein Fotoalbum, das er ganz oben auf dem B�cherregal vergessen hatte.</p><p>Er holte das Album herunter und nahm es mit an den K�chentisch. Dann goss er sich Kaffee ein, setzte sich und begann zu bl�ttern.</p><p>Es enthielt die Bilder, die an dem Tag aufgenommen worden waren, an dem Harriet verschwand. Erst kam das letzte Bild von Harriet, auf dem Umzug des Kindertages in Hedestad. Dann folgten gut hundertachtzig gestochen scharfe Fotos vom Tanklasterunfall auf der Br�cke. Er hatte das Album schon fr�her mehrmals Bild f�r Bild sorgf�ltig mit dem Vergr��erungsglas durchgesehen. Jetzt bl�tterte er zerstreut darin herum. Er wusste, dass er nichts Neues mehr finden w�rde. Pl�tzlich f�hlte er sich des R�tsels um Harriet Vanger �berdr�ssig und schlug das Album mit einem Knall zu.</p><p>Ruhelos ging er ans K�chenfenster und starrte in die Dunkelheit.</p><p>Dann sah er wieder das Fotoalbum an. Er konnte das Gef�hl nicht recht erkl�ren, aber pl�tzlich hatte er einen fl�chtigen Gedanken, ganz so, als w�rde er auf etwas reagieren, was er gerade gesehen hatte. Es war, als h�tte ihm ein unsichtbares Wesen vorsichtig ins Ohr gepustet, und seine Nackenhaare stellten sich ganz leicht auf.</p><p>Er ging es Seite f�r Seite noch einmal durch, jedes Bild von der Br�cke. Er sah sich die j�ngere, �lverschmierte Ausgabe von Henrik Vanger an und einen j�ngeren Harald Vanger, den er bis jetzt noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Das kaputte Br�ckengel�nder, die Geb�ude, Fenster und Fahrzeuge. Unter den Zuschauern konnte er problemlos eine zwanzigj�hrige Cecilia Vanger identifizieren. Sie trug ein helles Kleid und  eine dunkle Jacke und war auf ungef�hr zwanzig Bildern im Album zu sehen.</p><p>Pl�tzlich wurde ihm hei�. �ber die Jahre hatte Mikael gelernt, sich auf seinen Instinkt zu verlassen. Er hatte auf irgendetwas in diesem Album reagiert, aber er konnte nicht genau sagen, worauf.</p><p>Er sa� immer noch am K�chentisch und starrte auf die Bilder, als er gegen elf die Haust�r aufgehen h�rte.</p><p>�Darf ich reinkommen?�, fragte Cecilia. Ohne eine Antwort abzuwarten, setzte sie sich ihm gegen�ber an den K�chentisch. Mikael hatte ein seltsames D�j�-vu-Gef�hl. Sie trug ein weites, d�nnes, helles Kleid und eine graublaue Jacke, fast identisch mit der Kleidung, die sie auf den Bildern von 1966 anhatte.</p><p>�Entschuldige, aber du hast mich �berrascht, als du heute Abend geklopft hast. Jetzt bin ich so ungl�cklich, dass ich nicht schlafen kann.�</p><p>�Warum bist du ungl�cklich?�</p><p>�Begreifst du das denn nicht?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Kann ich es dir erz�hlen, ohne dass du mich auslachst?�</p><p>�Ich verspreche dir, ich werde nicht lachen.�</p><p>�Es war eine spontane Idee von mir, als ich dich im Fr�hjahr verf�hrte. Ich wollte einfach nur Spa� haben. Nichts weiter. An diesem ersten Abend war ich einfach nur ziemlich angetrunken, und ich hatte nicht vor, irgendetwas L�ngerfristiges mit dir anzufangen. Dann wurde es aber zu etwas anderem. Ich m�chte, dass du wei�t, dass die Wochen, in denen du mein  <emphasis>occasional lover</emphasis> warst, zu den sch�nsten Wochen meines Lebens geh�ren.�</p><p>�Ich fand sie auch sehr sch�n.�</p><p>�Mikael, ich habe dich und mich die ganze Zeit angelogen. Ich war niemals besonders freiz�gig in sexueller Hinsicht. Ich  habe in meinem ganzen Leben f�nf Sexpartner gehabt. Einmal mit einundzwanzig Jahren, bei meinem ersten Mal. Dann mit meinem Mann, den ich mit f�nfundzwanzig kennenlernte und der sich als Ekel herausstellte. Und seitdem einige Male mit drei Typen, die ich im Abstand von ein paar Jahren traf. Aber du hast irgendetwas in mir geweckt. Ich konnte einfach nicht genug kriegen. Das hatte damit zu tun, dass mit dir alles so zwanglos war.�</p><p>�Cecilia, du brauchst nicht ��</p><p>�Schhhh, unterbrich mich nicht. Sonst kann ich es nicht erz�hlen.�</p><p>Mikael verstummte.</p><p>�Der Tag, an dem du ins Gef�ngnis gingst, war der ungl�cklichste Tag meines Lebens. Mit einem Mal warst du weg, als ob du nie hier gewesen w�rst. Es war dunkel im G�steh�uschen. Es war kalt und leer in meinem Bett. Ganz pl�tzlich war ich wieder nur eine sechsundf�nfzigj�hrige �ltere Frau.�</p><p>Sie schwieg einen Moment und blickte Mikael in die Augen.</p><p>�Ich habe mich im Winter in dich verliebt. Das hatte ich nicht vor, aber es ist passiert. Und pl�tzlich wurde mir klar, dass du nur zuf�llig hier bist und eines Tages f�r immer fort sein wirst, w�hrend ich den Rest meines Lebens hierbleiben werde. Das tat so verflucht weh, dass ich beschloss, dich nicht mehr in mein Haus zu lassen, wenn du aus dem Gef�ngnis zur�ckk�mst.�</p><p>�Das tut mir leid.�</p><p>�Es ist nicht dein Fehler.�</p><p>Eine Weile blieben sie schweigend sitzen.</p><p>�Als du heute Abend wieder gegangen warst, sa� ich zu Hause und heulte. Ich w�nschte, ich h�tte eine Chance, mein Leben noch mal ganz anders zu leben. Dann habe ich etwas beschlossen.�</p><p>�Und zwar?�</p><p>Sie sah auf die Tischplatte.</p><p>�Dass ich v�llig verr�ckt sein m�sste, um dich nicht mehr zu treffen, weil du eines Tages wieder von hier wegf�hrst. K�nnen wir noch mal von vorne anfangen, Mikael? Kannst du vergessen, was heute Abend passiert ist?�</p><p>�Schon vergessen�, sagte Mikael. �Aber danke, dass du es mir erz�hlt hast.�</p><p>Sie blickte noch immer auf die Tischplatte.</p><p>�Wenn du mich haben willst - ich will furchtbar gerne.�</p><p>Pl�tzlich sah sie ihn wieder richtig an. Dann stand sie auf und ging zur Schlafzimmert�r. Im Gehen lie� sie ihre Jacke auf den Boden fallen und zog sich das Kleid �ber den Kopf.</p><p>Mikael und Cecilia wurden gleichzeitig davon wach, dass die Haust�r ge�ffnet wurde und jemand durch die K�che ging. Man h�rte ein dumpfes Ger�usch, als beim Ofen ein Koffer auf den Boden gestellt wurde. Dann stand pl�tzlich Erika in der Schlafzimmert�r, mit einem L�cheln, das sich sehr schnell in einen erschrockenen Gesichtsausdruck verwandelte.</p><p>�Du lieber Himmel.� Sie trat einen Schritt zur�ck.</p><p>�Hallo, Erika�, sagte Mikael.</p><p>�Hallo. Entschuldige. Entschuldige bitte, dass ich hier einfach reinplatze. Ich h�tte anklopfen sollen.�</p><p>�Wir h�tten die T�r abschlie�en sollen. Erika - das hier ist Cecilia Vanger. Cecilia - Erika Berger, Chefredakteurin von  <emphasis>Millennium</emphasis>.�</p><p>�Hallo�, sagte Cecilia.</p><p>�Hallo�, sagte Erika. Sie sah aus, als k�nnte sie sich nicht entscheiden, ob sie ins Zimmer kommen und wohlerzogen H�nde sch�tteln oder einfach nur wieder gehen sollte. ��h, ich � ich kann ja kurz spazieren gehen ��</p><p>�Was haltet ihr davon, wenn wir stattdessen einen Kaffee aufsetzen?� Mikael warf einen Blick auf den Wecker auf seinem Nachttischchen. Kurz nach zw�lf Uhr mittags.</p><p>Erika nickte und zog die Schlafzimmert�r wieder zu. Mikael und Cecilia sahen sich an. Cecilia wirkte verlegen. Sie hatten sich bis vier Uhr morgens geliebt und unterhalten. Dann hatte Cecilia verk�ndet, dass sie bei ihm �bernachten wolle und in Zukunft drauf pfeife, wer Bescheid wusste, dass sie mit Mikael fickte. Sie hatte mit dem R�cken zu ihm geschlafen, w�hrend er sie in seinen Armen hielt.</p><p>�Hey, das ist schon okay�, sagte Mikael. �Erika ist verheiratet, und sie ist nicht meine Freundin. Wir treffen uns ab und zu, aber es ist ihr herzlich egal, ob wir beide was miteinander haben. Es ist ihr wahrscheinlich nur wahnsinnig peinlich.�</p><p>Als sie wenig sp�ter in die K�che kamen, hatte Erika den Tisch mit Kaffee, Saft, getoastetem Brot und Apfelsinenmarmelade gedeckt. Es duftete gut. Cecilia ging direkt auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen.</p><p>�War ein bisschen hastig da drinnen. Hallo.�</p><p>�Cecilia, entschuldigen Sie bitte, dass ich wie ein Elefant da reingeplatzt bin�, sagte Erika zutiefst ungl�cklich.</p><p>�Ach, schon vergessen. Sie konnten doch nichts daf�r. Und jetzt trinken wir Kaffee.�</p><p>�Hallo�, sagte Mikael und umarmte Erika, bevor er sich hinsetzte. �Wie bist du gekommen?�</p><p>�Bin heute Morgen losgefahren. Ich habe um zwei Uhr nachts deine Mitteilung bekommen und hab versucht, dich anzurufen.�</p><p>�Ich hatte das Handy ausgeschaltet�, erkl�rte Mikael und l�chelte Cecilia zu.</p><p>Nach dem Fr�hst�ck lie� Erika Mikael und Cecilia allein, unter dem Vorwand, Henrik Vanger begr��en zu m�ssen. Cecilia drehte Mikael den R�cken zu, w�hrend sie den Tisch abr�umte. Er ging zu ihr und umschlang sie mit den Armen.</p><p>�Und was passiert jetzt?�, fragte Cecilia.</p><p>�Nichts. So ist es eben, Erika ist meine beste Freundin. Sie und ich sind seit fast zwanzig Jahren befreundet und werden es hoffentlich auch noch die n�chsten zwanzig Jahre sein. Aber wir sind niemals ein Paar gewesen, und wir stehen uns bei unseren jeweiligen Romanzen nicht im Weg.�</p><p>�Haben wir das? Eine Romanze?�</p><p>�Ich wei� nicht, was wir haben, aber offenbar f�hlen wir uns gut miteinander.�</p><p>�Wo schl�ft sie heute Nacht?�</p><p>�Wir organisieren ihr irgendwo ein Zimmer. Ein G�stezimmer bei Henrik. Sie wird nicht in meinem Bett schlafen.�</p><p>Cecilia �berlegte kurz.</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich mit dieser Sache hier klarkomme. Du und sie, ihr k�nnt das vielleicht, aber ich wei� nicht � Ich habe nie �� Sie sch�ttelte den Kopf. �Ich geh jetzt zu mir nach Hause. Ich muss ein bisschen dr�ber nachdenken.�</p><p>�Du hast mich fr�her schon mal danach gefragt, Cecilia, und ich habe dir von Erikas und meinem Verh�ltnis erz�hlt. Ihre Existenz kann nicht wirklich eine �berraschung f�r dich sein.�</p><p>�Das stimmt. Aber solange sie in Stockholm war, konnte ich sie ignorieren.�</p><p>Cecilia zog ihre Jacke an.</p><p>�Die Situation ist ganz sch�n komisch�, l�chelte sie. �Komm heute Abend zu mir zum Abendessen r�ber. Und bring Erika mit. Ich glaube, ich werde sie m�gen.�</p><p>Erika Berger hatte die Frage des Nachtquartiers schon gekl�rt. Wenn sie fr�her in Hedeby gewesen war, um sich mit Henrik Vanger zu treffen, hatte sie in einem seiner G�stezimmer geschlafen, und jetzt bat sie ihn rundheraus, ob sie noch einmal dort �bernachten k�nnte. Henrik Vanger konnte seine Begeisterung kaum verhehlen und versicherte ihr, dass sie ihm mehr als willkommen sei.</p><p>Als diese Formalit�ten erledigt waren, gingen Mikael und Erika spazieren, �berquerten die Br�cke und setzten sich auf die Terrasse von Susannes Caf�, kurz bevor es zumachte.</p><p>�Ich bin so richtig mies gelaunt�, sagte Erika. �Ich fahre hier hoch, um dich wieder in der Freiheit willkommen zu hei�en, und finde dich im Bett mit der Femme fatale dieser Stadt.�</p><p>�Tut mir leid.�</p><p>�Also, wie lange hast du schon mit Miss Big Tits �� Erika wackelte mit dem Zeigefinger.</p><p>�Ungef�hr seit Henrik Teilhaber geworden ist.�</p><p>�Aha.�</p><p>�Was aha?�</p><p>�Reine Neugier.�</p><p>�Cecilia ist eine gute Frau. Ich mag sie gern.�</p><p>�Ich kritisiere dich doch gar nicht. Ich bin blo� mies gelaunt. Die S��igkeiten vor der Nase, und dann werde ich auf Di�t gesetzt. Wie war�s im Gef�ngnis?�</p><p>�Wie ein anst�ndiger Arbeitsurlaub. Wie l�uft�s mit der Zeitschrift?�</p><p>�Besser. Wir haben noch nicht wieder alles im Griff und sind immer noch in den roten Zahlen, aber zum ersten Mal seit einem Jahr ist das Anzeigenvolumen gestiegen. Wir liegen immer noch weit unter dem, was wir vor einem Jahr hatten, aber es geht auf jeden Fall wieder bergauf. Das ist Henriks Verdienst. Aber wei�t du, was richtig seltsam ist? Die Zahl der Abonnenten steigt ebenfalls.�</p><p>�Die geht doch immer rauf und runter.�</p><p>�Aber wir haben in den letzten drei Monaten 3000 Abonnenten hinzugewonnen. Die Steigerung war ganz gleichm��ig, 250 pro Woche. Zuerst dachte ich, das ist nur ein Zufall, aber es kommen immer neue dazu. Das ist die gr��te Auflagensteigerung, die wir jemals gehabt haben. Das bedeutet mehr als die Eink�nfte aus den Anzeigen. Gleichzeitig springen uns kaum alte Abonnenten ab.�</p><p>�Was meinst du, woran das liegt?�, fragte Mikael.</p><p>�Ich wei� nicht. Keiner von uns wird schlau daraus. Wir haben keine Anzeigenkampagne lanciert; Christer hat eine Woche lang stichprobenweise untersucht, was f�r Abonnenten jetzt neu bei uns auftauchen. 70 Prozent von ihnen sind Frauen. Normalerweise abonnieren uns zu 70 Prozent M�nner. Alles in allem Vorortbewohner mit mittlerem Einkommen in qualifizierten Jobs: Lehrer, Angestellte mit bescheidener Leitungsfunktion, Beamte.�</p><p>�Die Revolte der Mittelklasse gegen das Gro�kapital?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Aber wenn das so weitergeht, dann wird sich der Abonnentenstamm ganz sch�n ver�ndern. Wir hatten vor zwei Wochen eine Redaktionskonferenz und haben beschlossen, unseren Themenkreis zu erweitern. Ich will mehr Artikel �ber Fachfragen, die mit der Angestelltengewerkschaft zusammenh�ngen, und andere Artikel in der Richtung, aber auch mehr kritische Reportagen �ber Frauenfragen zum Beispiel.�</p><p>�Sei nur vorsichtig, dass du nicht zu viel auf einmal ver�nderst�, meinte Mikael. �Den neuen Abonnenten scheint die bisherige Linie doch zu gefallen.�</p><p>Cecilia hatte auch Henrik zum Abendessen eingeladen, vielleicht, um das Risiko unangenehmer Gespr�chsthemen zu mindern. Sie hatte Wildragout gekocht, dazu servierte sie Rotwein. Erika und Henrik diskutierten viel �ber <emphasis>Millenniums</emphasis>  Entwicklung und die neuen Abonnenten, aber dann verlagerte sich das Gespr�ch auf angenehmere Themen. Erika wandte sich pl�tzlich an Mikael und fragte ihn, wie seine Arbeit f�r Henrik voranginge.</p><p>�Ich rechne damit, dass der Entwurf f�r die Familienchronik n�chsten Monat steht, dann kann Henrik ihn sich anschauen.�</p><p>�Eine Chronik im Geiste der Addams Family�, l�chelte Cecilia.</p><p>�Sie hat gewisse historische Aspekte�, gab Mikael zu.</p><p>Cecilia warf Henrik Vanger einen verstohlenen Blick zu.</p><p>�Henrik interessiert sich eigentlich gar nicht f�r die Familienchronik, Mikael. Er will, dass du das R�tsel von Harriets Verschwinden l�st.�</p><p>Mikael sagte nichts. Er hatte mit Cecilia ziemlich offen �ber Harriet geredet. Cecilia hatte bereits herausgefunden, dass dies sein eigentlicher Auftrag war, obwohl er es nie zugegeben hatte. Henrik gegen�ber hatte er allerdings niemals erw�hnt, dass er mit Cecilia �ber dieses Thema sprach. Henriks buschige Augenbrauen zogen sich ein wenig zusammen. Erika schwieg.</p><p>�Ach, komm schon�, sagte Cecilia zu Henrik. �Ich bin doch nicht bl�d. Ich wei� zwar nicht genau, wie die Absprache zwischen dir und Mikael aussieht, aber bei seinem Aufenthalt hier in Hedeby geht es doch um Harriet. Oder etwa nicht?�</p><p>Henrik nickte und schielte zu Mikael.</p><p>�Ich hab Ihnen ja gesagt, sie ist kl�ger als die meisten.� Er wandte sich an Erika. �Ich nehme an, Mikael hat Ihnen erkl�rt, womit er sich hier in Hedeby besch�ftigt.�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Und ich nehme an, dass Sie das f�r eine sinnlose Besch�ftigung halten. Nein, Sie brauchen mir nicht zu antworten. Es ist eine verr�ckte und sinnlose Besch�ftigung. Aber ich muss es einfach wissen.�</p><p>�Ich habe keine Meinung dazu�, sagte Erika diplomatisch.</p><p>�Nat�rlich haben Sie eine Meinung dazu.� Er wandte sich an Mikael. �Ein halbes Jahr ist bald um. Erz�hlen Sie. Haben Sie �berhaupt irgendetwas gefunden, was wir noch nicht untersucht hatten?�</p><p>Mikael vermied es, Henrik direkt anzusehen. Er musste sofort an das seltsame Gef�hl denken, das ihn beim Durchbl�ttern des Fotoalbums beschlichen hatte. Das Gef�hl lie�  ihn den ganzen Tag nicht mehr los, aber er hatte noch keine Zeit gefunden, sich noch einmal mit dem Album hinzusetzen. Er war sich nicht sicher, ob er etwas zusammenfantasierte oder nicht, aber er wusste, dass er haarscharf davor gewesen war, einen ganz entscheidenden Gedanken zu fassen. Schlie�lich blickte er zu Henrik Vanger auf und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich habe nicht das kleinste bisschen gefunden.�</p><p>Henrik Vanger musterte ihn pl�tzlich mit aufmerksamem Gesichtsausdruck. Er kommentierte Mikaels Antwort nicht und nickte schlie�lich.</p><p>�Ich wei� ja nicht, wie es der Jugend geht, aber f�r mich wird es Zeit, mich zur�ckzuziehen. Danke f�rs Abendessen, Cecilia. Gute Nacht, Erika. Schauen Sie morgen fr�h noch mal bei mir rein, bevor Sie fahren.�</p><p>Nachdem Henrik Vanger die T�r hinter sich geschlossen hatte, senkte sich Stille �ber den Raum. Cecilia brach das Schweigen.</p><p>�Was war das denn jetzt, Mikael?�</p><p>�Na ja, Henrik ist eben so empfindlich wie ein Seismograf, wenn es um die Reaktionen seiner Umwelt geht. Gestern, als du zu mir r�bergekommen bist, sa� ich gerade am Tisch und sah ein Fotoalbum an.�</p><p>�Ja, und?�</p><p>�Ich habe etwas gesehen. Ich wei� nicht, was, und ich kann es einfach nicht festmachen. Es hat sich fast zu einem Gedanken verdichtet, aber ich bekam ihn nicht zu fassen.�</p><p>�Aber woran hast du denn gedacht?�</p><p>�Ich wei� es einfach nicht. Und dann bist du gekommen, und wir � hmm � hatten erfreulichere Dinge, �ber die wir nachdenken konnten.�</p><p>Cecilia Vanger err�tete. Sie wich Erikas Blick aus und ging in die K�che, um Kaffee aufzusetzen.</p><p>Es war ein warmer, sonniger Maitag. Mittlerweile war wirklich fast alles gr�n geworden, und Mikael ertappte sich dabei, wie er ein Fr�hlingsliedchen summte.</p><p>Erika �bernachtete zweimal in Henriks G�stezimmer. Nach dem Abendessen hatte Mikael Cecilia gefragt, ob sie noch Gesellschaft wolle. Sie hatte geantwortet, sie sei mit den Zeugniskonferenzen besch�ftigt, au�erdem sei sie m�de und wolle schlafen. Erika k�sste Mikael aufs Kinn und verlie� die Hedeby-Insel fr�h am Montagmorgen.</p><p>Als er Mitte M�rz ins Gef�ngnis ging, war die Landschaft noch unter Schnee begraben gewesen. Jetzt gr�nten die Birken, und der Rasen rund um sein H�uschen gedieh pr�chtig. Er konnte sich zum ersten Mal auf der ganzen Insel umsehen. Gegen acht ging er zu Anna und bat sie, ihm eine Thermoskanne zu borgen. Er redete kurz mit Henrik, der gerade aufgestanden war, und durfte sich seine Karte von der Hedeby-Insel ausleihen. Er wollte sich Gottfrieds H�uschen n�her ansehen, das mehrere Male im polizeilichen Untersuchungsbericht aufgetaucht war, da Harriet dort eine gewisse Zeit zugebracht hatte. Henrik erkl�rte, das H�uschen geh�re Martin Vanger, habe aber die Jahre �ber meistens leer gestanden. Ab und zu wurde es von irgendeinem Verwandten benutzt.</p><p>Mikael konnte Martin Vanger auf dem Weg zur Arbeit in Hedestad abfangen. Er erkl�rte ihm sein Anliegen und bat ihn um den Schl�ssel.</p><p>Martin musterte ihn am�siert. �Ich nehme mal an, die Familienchronik ist jetzt beim Kapitel Harriet angekommen.�</p><p>�Ich m�chte mich nur mal umsehen ��</p><p>Martin Vanger bat ihn, kurz zu warten, und kam sofort mit dem Schl�ssel zur�ck.</p><p>�Ist es in Ordnung f�r Sie?�</p><p>�Meinetwegen k�nnen Sie dort einziehen, wenn Sie Lust haben. Abgesehen von dem Umstand, dass es am anderen  Ende der Insel liegt, ist es wohl h�bscher als das Haus, das Sie jetzt bewohnen.�</p><p>Mikael machte sich Kaffee und ein paar belegte Brote. Er f�llte eine Flasche mit Wasser, bevor er losging, und verstaute den Proviant in einem Rucksack, den er sich �ber eine Schulter h�ngte. Er folgte einem schmalen und halb �berwucherten Weg, der an der n�rdlichen Bucht der Insel entlangf�hrte. Gottfrieds H�uschen lag auf einer Landzunge, ungef�hr zwei Kilometer von der Stadt entfernt. Er brauchte nur eine halbe Stunde, um die Strecke in gem�chlichem Tempo zur�ckzulegen.</p><p>Martin Vanger hatte recht gehabt. Als Mikael um die letzte Wegbiegung kam, breitete sich vor ihm ein schattiger Platz am Wasser aus. Man hatte eine phantastische Aussicht auf die M�ndung des Hede-Flusses, den G�stehafen auf der linken und den Industriehafen auf der rechten Seite.</p><p>Es erstaunte ihn, dass niemand Gottfrieds H�uschen in Besitz genommen hatte. Es war rustikal gehalten, blockh�ttenartig gebaut, aus dunkel gebeiztem Holz, mit Ziegeldach und gr�nen Fensterrahmen und einer kleinen sonnigen Veranda vor der Haust�r. Es war jedoch deutlich zu erkennen, dass man die Pflege von Haus und Grundst�ck schon l�nger vernachl�ssigte. Die Farbe an T�ren und Fenstern war abgesplittert, und wo ein Rasen sein sollte, befand sich meterhohes Geb�sch. Hier zu roden und auszulichten w�rde einen guten Tag Arbeit erfordern.</p><p>Mikael schloss die T�r auf und �ffnete die Fensterl�den von innen. Der Grundstock des Hauses schien eine alte Scheune von ungef�hr 35 Quadratmetern gewesen zu sein. Das Innere war ganz mit Holz ausgekleidet, und es gab nur einen einzigen gro�en Raum mit breiten Fenstern, die zum Wasser hinausgingen. Ganz hinten f�hrte eine Treppe zu einem offenen Zwischengeschoss mit Schlafgelegenheit, das sich �ber die H�lfte der H�tte erstreckte. Unter der Treppe befand sich eine kleine Nische, die mit einem Gaskocher, einer Sp�le und einem  Schrank ausgestattet war. Die M�bel waren schlicht: An der L�ngsseite links neben der T�r befanden sich eine an der Wand befestigte Bank, ein ramponierter Schreibtisch und ein H�ngeregal aus Teak. An derselben Wand standen noch drei Kleiderschr�nke. Rechts von der T�r stand ein runder Esstisch mit f�nf Holzst�hlen, und an der Schmalseite befand sich ein Kamin.</p><p>Es gab keinen Strom im Haus, daf�r mehrere Petroleumlampen. Auf einem Fensterbrett stand ein altes Transistorradio der Marke Grundig. Die Antenne war abgebrochen. Mikael dr�ckte den On-Knopf, aber die Batterien waren leer.</p><p>Er ging die schmale Treppe hoch und sah sich im Obergeschoss um. Dort fand er ein Doppelbett, eine Matratze ohne Laken, einen Nachttisch und eine Kommode vor.</p><p>Mikael durchsuchte Gottfrieds H�uschen eine Weile. Die Kommode war leer bis auf Bettw�sche und ein paar Handt�cher, die schwach nach Moder rochen. In den Kleiderschr�nken waren alte Arbeitskleidung, ein Overall, ein Paar Gummistiefel, ein paar abgetragene Sportschuhe und ein Radiator. In den Schreibtischschubladen fanden sich Schreibpapier, Bleistifte, ein leerer Skizzenblock, ein Kartenspiel und ein paar Lesezeichen. Der K�chenschrank enthielt Essgeschirr, Kaffeetassen, Gl�ser, Kerzen und ein paar alte Pakete mit Salz, Teebeuteln und �hnlichem. In einem Schubfach im K�chentisch lag Besteck.</p><p>Die einzigen Hinterlassenschaften intellektueller Art fand er im H�ngeregal �ber dem Schreibtisch. Mikael zog sich einen K�chenstuhl heran und stellte sich darauf, um das Regal durchsuchen zu k�nnen. Auf dem untersten Brett lagen alte Ausgaben von Zeitschriften aus den sp�ten f�nfziger und den fr�hen sechziger Jahren. Daneben gab es noch Klatschmagazine von 1965 und 1966, Groschenromane, Milit�rcomics und <emphasis>Fantomas</emphasis>. Er schlug ein Herrenmagazin von 1964 auf und stellte fest, dass die Pin-ups ziemlich unschuldig aussahen.</p><p>Au�erdem fanden sich noch ungef�hr f�nfzehn B�cher. Zirka die H�lfte waren Taschenbuch-Krimis. Er fand auch ein halbes Dutzend <emphasis>Kitty</emphasis>-B�cher, Detektivgeschichten f�r M�dchen, ein paar <emphasis>F�nf-Freunde</emphasis>-B�cher von Enid Blyton und einen Krimi von Sivar Ahlrud - <emphasis>Das Eisenbahnr�tsel</emphasis>. Mikael l�chelte, als er die B�cher wiedererkannte. Drei Romane von Astrid Lindgren: <emphasis>Wir Kinder von Bullerb�, Kalle Blomkvist und Rasmus</emphasis> und <emphasis>Pippi Langstrumpf</emphasis>. Das oberste Fach enthielt ein Buch �ber Kurzwellenradio, zwei B�nde �ber Astronomie, ein Vogelbuch, ein Buch mit dem Titel <emphasis>Das Reich des B�sen</emphasis>, das von der Sowjetunion handelte; je eines �ber den finnischen Winterkrieg und Luthers Katechismus, ein Gesangbuch und eine Bibel.</p><p>Mikael schlug die Bibel auf und las auf der Innenseite des Buchdeckels: <emphasis>Harriet Vanger, 12. 5. 1963</emphasis>. Harriets Konfirmationsbibel. Bedr�ckt stellte er das Buch zur�ck.</p><p>Direkt hinter der H�tte befand sich ein kombinierter Holzund Ger�teschuppen mit Sense, Harke, Hammer und einem Karton mit unsortierten N�geln, Hobel, S�ge und anderem Werkzeug. Das Plumpsklo lag zwanzig Meter tief im Wald. Mikael st�berte eine Weile herum und ging danach wieder zum H�uschen zur�ck. Er holte sich einen Stuhl, setzte sich auf die Veranda und goss sich Kaffee aus der Thermoskanne ein. Er z�ndete sich eine Zigarette an und blickte durch einen Vorhang aus Buschwerk auf die Hedestads-Bucht hinaus.</p><p>Gottfrieds H�uschen war wesentlich anspruchsloser, als er erwartet h�tte. Hierher hatte sich Harriets und Martins Vater also zur�ckgezogen, als die Ehe mit Isabella Ende der f�nfziger Jahre allm�hlich in die Br�che ging. Hier hatte er gewohnt und gesoffen. Und da unten, irgendwo beim Bootssteg, war er ertrunken.</p><p>Das Leben in der H�tte war im Sommer vermutlich recht angenehm gewesen, aber sobald die Temperatur auf null Grad  sank, musste es hier eiskalt und erb�rmlich sein. Wie er von Henrik wusste, hatte Gottfried seinen Job im Vanger-Konzern bis 1964 weiter ausge�bt - abgesehen von den Phasen, in denen er ohne Hemmungen soff. Dass er es geschafft hatte, mehr oder weniger dauerhaft in diesem H�uschen zu leben und gleichzeitig frisch rasiert, gewaschen und mit Schlips und Jackett in der Arbeit aufzutauchen, zeugte trotz allem von einer gewissen pers�nlichen Disziplin.</p><p>Aber an diesem Ort hatte sich auch Harriet Vanger so oft aufgehalten, dass man, als sie verschwand, hier nach ihr suchte. Henrik hatte berichtet, dass Harriet w�hrend des letzten Jahres oft zum H�uschen gegangen war, wahrscheinlich um am Wochenende oder an schulfreien Tagen ihre Ruhe zu haben. In ihrem letzten Sommer hatte sie hier drei Monate lang gewohnt, obwohl sie jeden Tag in die Stadt kam. Hier hatte sie auch ihre Freundin Anita Vanger, Cecilias Schwester, sechs Wochen zu Besuch gehabt.</p><p>Was hatte sie hier drau�en in der Einsamkeit gemacht? Die Groschenromane und die <emphasis>Kitty</emphasis>-B�cher sprachen eine deutliche Sprache. Vielleicht hatte der Skizzenblock ihr geh�rt. Aber auch ihre Bibel war hier.</p><p>Wollte sie in der N�he ihres ertrunkenen Vaters sein - eine Trauerphase, die sie durchstehen musste? War die Erkl�rung so einfach? Oder hatte es mit ihren religi�sen Gr�beleien zu tun? Das H�uschen war karg und asketisch - hatte sie sich vorgestellt, in einem Kloster zu leben?</p><p>Mikael ging das Ufer entlang Richtung S�dosten, aber das Gebiet war so voller Felsspalten und Wacholdergestr�pp, dass er kaum vorankam. Er ging wieder zur H�tte und noch ein St�ck zur�ck auf dem Weg Richtung Hedeby. Laut Karte sollte ein Pfad durch den Wald zur sogenannten Befestigung f�hren; er brauchte zwanzig Minuten, bevor er den �berwucherten Weg fand. Die Befestigung war eine Hinterlassenschaft der Truppen,  die hier im Zweiten Weltkrieg die K�ste verteidigt hatten: mehrere Betonbunker mit einem Sch�tzenwall, und in der Mitte ein Kommandogeb�ude. Alles war von Dickicht �berwuchert.</p><p>Mikael ging den Pfad bis zu einem Bootshaus hinunter, das auf einer Lichtung am Meer stand. Dort fand er die �berreste eines Pettersson-Bootes. Er ging zur Befestigung zur�ck und w�hlte einen anderen Pfad, bis er an einen Zaun stie�: Er war von hinten an den �sterg�rden gelangt.</p><p>Er folgte dem verschlungenen Pfad durch den Wald, teilweise parallel zu einem Acker des �sterg�rden. Es gab ein paar sumpfige Stellen, an denen er sich vorbeischl�ngeln musste. Schlie�lich kam er an ein Moor mit einer Scheune. Soweit er sehen konnte, endete der Pfad hier, aber er war nur hundert Meter vom Weg zum �sterg�rden entfernt.</p><p>Auf der anderen Seite des Weges lag der S�derberg, der in einer fast senkrechten Klippe am Wasser endete. Mikael folgte dem H�gel zur�ck Richtung Hedestad. Oberhalb der Siedlung blieb er stehen und genoss den Ausblick vom alten Fischerhafen �ber die Kirche hinunter bis zu seinem G�steh�uschen. Er setzte sich auf einen flachen Felsen und goss sich einen letzten Schluck lauwarmen Kaffee ein.</p><p>Er hatte keine Ahnung, was er in Hedeby eigentlich machte, aber die Aussicht gefiel ihm.</p><p>Cecilia Vanger hielt sich von ihm fern, und Mikael wollte nicht aufdringlich sein. Nach einer Woche ging er jedoch zu ihr und klopfte. Sie lie� ihn herein und setzte Kaffee auf.</p><p>�Du musst mich f�r v�llig albern halten; eine sechsundf�nfzigj�hrige gestandene Lehrerin, die sich wie ein Teenager auff�hrt.�</p><p>�Du bist ein erwachsener Mensch und kannst tun, was immer du willst, Cecilia.�</p><p>�Ich wei�. Und deswegen habe ich beschlossen, dich nicht mehr zu treffen. Ich komme nicht damit zurecht, dass ��</p><p>�Du bist mir keine Erkl�rung schuldig. Ich hoffe, wir bleiben trotzdem noch Freunde.�</p><p>�Das m�chte ich gerne. Aber ein Verh�ltnis mit dir, das schaffe ich nicht. Aff�ren waren noch nie meine Sache. Ich will wohl einfach eine Weile meine Ruhe haben.�</p><a id="calibre_link-85"/><p><a id="calibre_link-86"/></p><p><strong>16. Kapitel</strong></p><p><strong>Sonntag, 1. Juni - Dienstag, 10. Juni</strong></p><p>Nach einem halben Jahr erfolgloser Gr�beleien gab es einen ersten Hoffnungsschimmer im Fall Harriet Vanger. Mikael entdeckte innerhalb weniger Tage in der ersten Juniwoche drei neue Puzzleteile. Zwei von ihnen fand er allein, beim dritten hatte er Hilfe.</p><p>Nach Erikas Besuch hatte er das Fotoalbum aufgeschlagen, stundenlang ein Bild nach dem anderen angeschaut und sich zu erinnern versucht, worauf er beim letzten Mal unbewusst reagiert hatte. Schlie�lich legte er alles beiseite und arbeitete stattdessen an der Familienchronik weiter.</p><p>Ein paar Tage sp�ter sa� Mikael gerade im Bus und dachte an etwas v�llig anderes, als der Fahrer in die Bahnhofstra�e einbog. Ihm wurde mit einem Schlag klar, was ihm die ganze Zeit im Hinterkopf herumgespukt hatte. Er war so perplex, dass er bis zur Endhaltestelle am Bahnhofsplatz sitzen blieb, und dann sofort nach Hedeby zur�ckfuhr, um zu pr�fen, ob er sich richtig erinnert hatte.</p><p>Es war das allererste Bild im Album und zugleich das letzte Bild von Harriet Vanger. Es war auf der Bahnhofstra�e in Hedestad aufgenommen worden, wo sie dem Umzug anl�sslich des �Tages des Kindes� zugesehen hatte.</p><p>Das Bild unterschied sich von den �brigen Fotos. Es war am  selben Tag aufgenommen worden, aber es zeigte als einziges von knapp hundertachtzig Bildern nicht den Unfall.</p><p>Das Bild war von der anderen Stra�enseite aus aufgenommen worden, wahrscheinlich aus einem Fenster im ersten Stock. Das Weitwinkelobjektiv hatte die Front eines Lastwagens im Festzug eingefangen. Auf der Ladefl�che standen Frauen in glitzernden Badeanz�gen und Haremshosen und warfen Bonbons ins Publikum. Vor dem Lastwagen h�pften drei Clowns herum.</p><p>Harriet stand in der ersten Reihe auf dem B�rgersteig. Neben ihr standen drei Klassenkameraden und um sie herum mindestens hundert andere Einwohner von Hedestad.</p><p>Das Publikum verhielt sich, wie sich ein Publikum verhalten soll. Diejenigen, die am weitesten links standen, konzentrierten sich auf die Ladefl�che mit den leicht bekleideten M�dchen. Sie sahen vergn�gt aus. Kinder zeigten mit dem Finger. Ein paar lachten. Alle wirkten fr�hlich.</p><p>Alle bis auf eine.</p><p>Harriet blickte zur Seite. Ihre drei Schulkameraden und alle in ihrer N�he schauten auf die Clowns. Harriets Gesicht war fast 30 oder 35 Grad weiter nach rechts gerichtet. Ihr Blick schien an irgendetwas auf der anderen Stra�enseite h�ngen geblieben zu sein, was au�erhalb des Bildausschnitts lag.</p><p>Mikael holte ein Vergr��erungsglas und versuchte, die Details auszumachen. Das Bild war aus zu gro�em Abstand aufgenommen worden, als dass er ganz sicher h�tte sein k�nnen, aber im Gegensatz zu den Umstehenden schien in Harriets Gesicht kein Leben zu sein. Ihr Mund war ein schmaler Strich. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Ihre H�nde hingen schlaff an ihr herab.</p><p>Sie sah ver�ngstigt aus. Ver�ngstigt oder zornig.</p><p>Mikael l�ste das Bild aus dem Album heraus, steckte es in eine Plastikh�lle und nahm den n�chsten Bus zur�ck nach  Hedestad. Er stieg in der Bahnhofstra�e aus und stellte sich auf den Platz, von dem aus das Foto geschossen worden sein musste. Es war genau am Rande des Zentrums von Hedestad. Dort stand ein zweist�ckiges Holzgeb�ude, in dem eine Videothek und <emphasis>Sundstr�ms Herrenmode</emphasis> untergebracht war - seit 1932, wie eine Plakette an der Eingangst�r verk�ndete. Er betrat das Gesch�ft und bemerkte sofort, dass es sich �ber zwei Etagen erstreckte; eine Wendeltreppe f�hrte ins Obergeschoss.</p><p>Am Ende der Wendeltreppe hatte man durch zwei Fenster Ausblick auf die Stra�e. Hier hatte der Fotograf gestanden.</p><p>�Kann ich Ihnen helfen?�, fragte ein �lterer Verk�ufer, als Mikael die Plastikh�lle mit dem Foto herausholte. Es waren nur wenige Kunden im Laden.</p><p>�Ich w�rde gern wissen, von wo aus dieses Bild aufgenommen wurde. Ist es in Ordnung, wenn ich das Fenster mal ganz kurz aufmache?�</p><p>Man erlaubte es ihm, und er hielt das Bild vor sich in die H�he. Er konnte exakt die Stelle ausmachen, an der Harriet siebenunddrei�ig Jahre zuvor gestanden hatte. Das eine der zwei Holzgeb�ude, die man hinter ihr erkennen konnte, war verschwunden und durch ein Ziegelhaus ersetzt worden. In dem anderen, das noch stand, hatte sich 1966 ein Schreibwarenladen befunden. Nun waren dort ein Bio-Laden und ein Solarium. Mikael schloss das Fenster, bedankte sich und bat um Entschuldigung f�r die St�rung.</p><p>Unten auf der Stra�e stellte er sich exakt dorthin, wo Harriet gestanden hatte. Er wandte den Kopf und nahm Harriets Blickrichtung ein. Soweit Mikael absch�tzen konnte, hatte sie genau zu der Ecke des Geb�udes geschaut, in dem sich <emphasis>Sundstr�ms Herrenmode</emphasis> befand. Es war eine ganz gew�hnliche Hausecke, an der eine Querstra�e abzweigte. <emphasis>Was hast du vor siebenunddrei�ig Jahren dort gesehen, Harriet?</emphasis></p><p>Mikael steckte das Bild wieder in seine Umh�ngetasche und ging zum Park am Bahnhof, wo er sich drau�en in ein Caf� setzte und einen Milchkaffee bestellte. Er war auf einmal ganz aufgew�hlt.</p><p>Pl�tzlich hatte er etwas v�llig Neues entdeckt, was bei den Ermittlungen, die seit siebenunddrei�ig Jahren auf der Stelle traten, bisher keine Rolle gespielt hatte.</p><p>Er war sich nur nicht sicher, wie wertvoll seine neuen Erkenntnisse waren, wenn sie denn �berhaupt einen Wert hatten. Trotzdem empfand er es als bedeutsam.</p><p>Der Septembertag, an dem Harriet verschwand, war in vieler Hinsicht dramatisch gewesen. In Hedestad war ein Festtag mit sicherlich mehreren tausend Menschen auf der Stra�e, jungen wie alten. Auf der Hedeby-Insel hatte das j�hrliche Familientreffen stattgefunden. Schlie�lich war nat�rlich noch der Unfall mit dem Tanklaster dazugekommen, der alles andere �berschattete.</p><p>Kommissar Morell, Henrik Vanger und alle anderen, die sich den Kopf �ber Harriets Verschwinden zerbrachen, hatten sich auf die Ereignisse auf der Insel konzentriert. Morell hatte sogar geschrieben, er komme nicht von dem Verdacht los, dass der Unfall und Harriets Verschwinden in Beziehung zueinander standen. Mikael war auf einmal davon �berzeugt, dass diese Annahme falsch war.</p><p>Die Ereigniskette hatte nicht auf der Hedeby-Insel ihren Anfang genommen, sondern schon mehrere Stunden zuvor im Stadtzentrum von Hedestad. Harriet hatte etwas gesehen, das sie erschreckt hatte. Sie fuhr sofort nach Hause und wollte mit Henrik sprechen, der aber leider keine Zeit f�r sie hatte. Dann passierte der Unfall auf der Br�cke. Und dann schlug der M�rder zu.</p><p>Mikael machte eine Pause. Allm�hlich wurde ihm klar, dass er sich Henrik Vangers �berzeugung angeschlossen hatte. Harriet war tot, und nun jagte er einen M�rder. Er wandte sich  wieder dem Untersuchungsbericht zu. Von all den tausend Seiten handelte nur ein Bruchteil von den Stunden in Hedestad. Harriet war mit drei Klassenkameraden zusammen gewesen, die alle zu ihren Beobachtungen vernommen worden waren. Sie hatten sich um neun Uhr morgens am Bahnhofspark getroffen. Eines der M�dchen wollte sich eine Jeans kaufen, und ihre Freunde hatten sie begleitet. Sie hatten im Restaurant des EPA-Kaufhauses Kaffee getrunken, waren danach zum Sportplatz gegangen, zwischen Jahrmarktsbuden und Fischteichen herumgeschlendert und hatten weitere Mitsch�ler getroffen. Nach zw�lf Uhr waren sie wieder in die Innenstadt zur�ckgekehrt, um dem Festzug zuzuschauen. Kurz vor zwei Uhr nachmittags hatte Harriet pl�tzlich verk�ndet, dass sie nach Hause fahren m�sse. An der Bushaltestelle bei der Bahnhofstra�e hatten sie sich getrennt.</p><p>Keinem ihrer Freunde war etwas Ungew�hnliches aufgefallen. Eine von ihnen, Inger Stenberg, hatte behauptet, Harriet sei im letzten Jahr sehr �unpers�nlich� geworden. Am Tag ihres Verschwindens sei sie so still wie immer gewesen und den anderen meistens hinterhergelaufen.</p><p>Kommissar Morell hatte alle Menschen vernommen, die Harriet an jenem Tag begegnet waren, auch wenn sie sich nur auf dem Festplatz gegr��t hatten. Ihr Foto war sp�ter in den Lokalzeitungen erschienen. Mehrere Einwohner von Hedestad hatten sich bei der Polizei gemeldet, weil sie glaubten, Harriet gesehen zu haben, aber keiner hatte etwas Ungew�hnliches bemerkt.</p><p>Mikael gr�belte den ganzen Abend dar�ber nach, wie er seine neue Idee am besten weiterverfolgen k�nnte. Am Vormittag ging er zu Henrik Vanger, den er am Fr�hst�ckstisch antraf.</p><p>�Sie sagten doch, dass die Familie Vanger immer noch Anteile am <emphasis>Hedestads-Kuriren</emphasis> hat.�</p><p>�Das stimmt.�</p><p>�Ich brauche Zugang zum Bildarchiv der Zeitung.�</p><p>Henrik Vanger stellte sein Milchglas ab und trocknete sich die Oberlippe ab.</p><p>�Worauf sind Sie gesto�en, Mikael?�</p><p>Er sah dem alten Mann in die Augen.</p><p>�Nichts Konkretes. Aber ich glaube, wir k�nnten den Lauf der Ereignisse falsch gedeutet haben.�</p><p>Er zeigte ihm das Foto und erz�hlte von seinen Schlussfolgerungen. Henrik Vanger verstummte.</p><p>�Wenn ich recht habe, m�ssen wir uns darauf konzentrieren, was an diesem Tag in Hedestad passiert ist, nicht nur auf der Hedeby-Insel�, sagte Mikael. �Ich wei� nicht, wie man das nach siebenunddrei�ig Jahren anstellen soll, aber bei der Feier zum �Tag des Kindes� m�ssen viele Bilder aufgenommen worden sein, die nie ver�ffentlicht wurden. Und diese Bilder will ich sehen.�</p><p>Henrik Vanger benutzte das Telefon in der K�che. Er rief Harriets Bruder Martin an, erkl�rte ihm sein Anliegen und fragte, wer nun Chef der Bildredaktion des <emphasis>Kuriren</emphasis> sei. Innerhalb von zehn Minuten waren die richtigen Personen ausfindig gemacht und die Genehmigung erteilt.</p><p>Die Chefin der Bildredaktion hie� Madeleine Blomberg, wurde Maja genannt und war schon �ber sechzig. Sie war der erste weibliche Chef einer Bildredaktion, dem Mikael in seiner Laufbahn begegnet war. Im Zeitungswesen wurde die Kunst der Fotografie gerne als m�nnliche Dom�ne angesehen.</p><p>Am Samstag war zwar niemand in der Redaktion, aber wie sich herausstellte, wohnte Maja Blomberg nur f�nf Gehminuten von ihr entfernt. Sie traf sich mit Mikael am Eingang. Sie hatte die meiste Zeit ihres Lebens f�r den <emphasis>Hedestads-Kuriren</emphasis>  gearbeitet. 1964 hatte sie als Korrektorin angefangen, war  dann Kopistin geworden und hatte einige Jahre in der Dunkelkammer gearbeitet. Gleichzeitig hatte man sie immer auf Fototermine geschickt, wenn das regul�re Personal nicht mehr ausreichte. Langsam, aber sicher hatte sie sich den Titel einer Redakteurin erworben, und zehn Jahre sp�ter, als der alte Chef in Pension ging, �bernahm sie die Leitung der Bildredaktion. Hinter dieser Position verbarg sich kein allzu gro�es Imperium. Die Bildredaktion war seit zehn Jahren mit der Anzeigenabteilung zusammengelegt und bestand aus nur sechs Personen, die sich alle untereinander bei ihrer Arbeit abwechselten.</p><p>Mikael fragte, wie das Bildarchiv organisiert sei.</p><p>�Um ehrlich zu sein, das Archiv ist ziemlich un�bersichtlich. Seit wir Computer und Bilddateien haben, ist alles auf CDs archiviert worden. Wir hatten hier einen Praktikanten, der wichtige �ltere Bilder eingescannt hat, aber es sind nur ein paar Prozent des Archivbestands. �ltere Bilder finden Sie nach Datum sortiert in Negativ-Ordnern. Sie sind entweder hier in der Redaktion oder oben auf dem Dachboden.�</p><p>�Ich interessiere mich vor allem f�r die Bilder vom �Tag des Kindes� 1966 und insgesamt f�r alle Bilder, die in dieser Woche aufgenommen worden sind.�</p><p>Maja Blomberg sah Mikael forschend an.</p><p>�Also von der Woche, in der Harriet Vanger verschwand.�</p><p>�Sie kennen die Geschichte?�</p><p>�Man kann nicht sein ganzes Leben beim <emphasis>Hedestads-Kuriren</emphasis> arbeiten, ohne sie zu kennen, und wenn Martin Vanger mich fr�hmorgens an meinem freien Tag anruft, dann ziehe ich meine Schl�sse. Ich habe die Texte Korrektur gelesen, die in den sechziger Jahren �ber den Fall geschrieben wurden. Warum graben Sie wieder in dieser Geschichte? Ist etwas Neues ans Licht gekommen?�</p><p>Maja Blomberg hatte offensichtlich eine Nase f�r Neuigkeiten. Mikael sch�ttelte l�chelnd den Kopf und brachte seine Coverstory vor.</p><p>�Nein, und ich bezweifle, dass wir jemals eine Antwort darauf bekommen, was mit ihr passiert ist. Es soll eigentlich geheim bleiben, aber ich schreibe an Henrik Vangers Autobiografie. Die Geschichte mit der verschwundenen Harriet ist ein sonderbares Thema, aber auch ein Kapitel, das man wohl kaum schweigend �bergehen kann. Ich suche nach Bildern, die diesen Tag illustrieren k�nnen, von Harriet und von ihren Freunden.�</p><p>Maja Blomberg sah skeptisch aus, aber die Behauptung war plausibel, und sie hatte keinen Grund, seine Angaben anzuzweifeln.</p><p>Ein Zeitungsfotograf verschie�t t�glich im Schnitt zwei bis drei Filme. Bei gro�en Anl�ssen kann sich diese Zahl leicht verdoppeln. Jeder Film ergibt sechsunddrei�ig Negative, es ist also nicht ungew�hnlich, dass bei einer Zeitung dreihundert Bilder pro Tag zusammenkommen, von denen nur wenige ver�ffentlicht werden. Eine gut organisierte Redaktion zerschneidet die Filme und steckt die Negative in daf�r vorgesehene Taschen, sechs St�ck pro Reihe. Ein Film f�llt also ungef�hr eine Seite in einem Ordner mit Negativen. Ein Ordner enth�lt dann knapp hundertzehn Filme. Pro Jahr macht das zwanzig bis drei�ig Ordner.</p><p>Der <emphasis>Hedestads-Kuriren</emphasis> wurde 1922 gegr�ndet, die Bildredaktion gab es seit 1937. Auf dem Dachboden des <emphasis>Kuriren</emphasis>  standen ungef�hr 1200 Ordner, nach Datum sortiert. Die Bilder vom September 1966 befanden sich in vier billigen Ordnern aus Pappe.</p><p>�Wie machen wir es am besten?�, fragte Mikael. �Ich w�rde mich gerne an einen Leuchttisch setzen und Abz�ge von den Bildern machen, die von Interesse sein k�nnten.�</p><p>�Wir haben keine Dunkelkammer. Alles wird eingescannt. Wissen Sie, wie man einen Negativscanner benutzt?�</p><p>�Ja, ich habe schon mal mit Bildern gearbeitet und habe selbst einen Agfa-Scanner. Ich arbeite mit PhotoShop.�</p><p>�Dann benutzen Sie dieselbe Ausr�stung wie wir.�</p><p>Maja Blomberg f�hrte Mikael einmal kurz durch die kleine Redaktion, setzte ihn dann an einen Leuchttisch und schaltete Computer und Scanner f�r ihn ein. Sie zeigte ihm auch noch, wo der Kaffeeautomat im Pausenraum stand. Sie vereinbarten, dass Mikael auf eigene Faust arbeiten durfte, Maja Blomberg jedoch anrief, sobald er die Redaktion verlassen wollte, damit sie abschlie�en und die Alarmanlage einschalten konnte. Dann lie� sie ihn allein mit einem munteren: �Na dann viel Spa�!�</p><p>Es dauerte mehrere Stunden, bis Mikael sich durch die Ordner durchgearbeitet hatte. Der <emphasis>Hedestads-Kuriren</emphasis> besch�ftigte damals zwei Fotografen. An jenem Tag hatte Kurt Nylund Dienst gehabt - den Mikael tats�chlich noch von fr�her kannte. Nylund war 1966 ungef�hr Mitte zwanzig gewesen. Danach war er nach Stockholm gezogen und ein anerkannter Berufsfotograf geworden, der teils freiberuflich arbeitete, teils bei der Bildagentur <emphasis>Pressens Bild</emphasis> in Marieberg angestellt war. Mikaels und Nylunds Wege hatten sich in den neunziger Jahren mehrfach gekreuzt, als <emphasis>Millennium</emphasis> Bilder von <emphasis>Pressens Bild</emphasis> kaufte. Mikael hatte ihn als einen mageren Mann mit sch�tterem Haar in Erinnerung. Nylund hatte einen Tageslichtfilm verwendet, der nicht allzu k�rnig ausfiel und bei Pressefotografen sehr beliebt war.</p><p>Mikael griff sich einen Ordner nach dem anderen heraus und legte die Bilder des jungen Nylund auf den Leuchttisch, wo er sie mit einer Lupe betrachtete. Einen Negativfilm zu lesen ist jedoch eine Kunst, die eine gewisse Routine verlangt, und die fehlte Mikael. Ihm wurde klar, dass er praktisch jedes Bild einscannen und am Computer ansehen m�sste, um herauszufinden, ob wertvolle Informationen dabei waren oder nicht. Das w�rde mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Daher machte er zuerst eine �bersichtliche Liste der Bilder, die ihn eventuell interessierten.</p><p>Er begann damit, alle Bilder auszusortieren, die den Unfall auf der Br�cke zeigten. Mikael konnte feststellen, dass Henrik Vangers Ordner mit den hundertachtzig Bildern nicht komplett war. Die Person, die Abz�ge von der Archivsammlung gemacht hatte - vielleicht Nylund selbst -, hatte ungef�hr drei�ig Bilder weggelassen, die entweder unscharf waren oder von so schlechter Qualit�t, dass sie f�r eine Ver�ffentlichung nicht infrage kamen.</p><p>Mikael fuhr den Computer herunter und schloss den Agfa-Scanner an sein eigenes iBook an. Er verbrachte zwei Stunden damit, die restlichen Bilder einzuscannen.</p><p>Ein Bild fesselte sofort sein Interesse. Irgendwann zwischen 15.10 Uhr und 15.15 Uhr, genau zu dem Zeitpunkt, als Harriet verschwand, hatte jemand das Fenster in ihrem Zimmer ge�ffnet. Er konnte eine Gestalt und ein Gesicht erkennen, aber unscharf und verschwommen. Er beschloss, mit der Bildanalyse zu warten, bis er alle Bilder auf seinen Computer geladen hatte.</p><p>In den n�chsten Stunden sah Mikael die Bilder von den Feierlichkeiten zum �Tag des Kindes� durch. Nylund hatte sechs Filme verschossen, insgesamt zweihundert Bilder. Es war ein endloser Strom von Kindern mit Ballons, Erwachsenen, Stra�engewimmel mit W�rstchenverk�ufern, der Festzug selbst, ein Artist aus Hedestad auf der B�hne und eine Art Preisverleihung. Nach sechs Stunden hatte er eine Mappe mit neunzig Bildern zusammen. Er w�rde noch einmal zum <emphasis>Hedestads-Kuriren</emphasis> kommen m�ssen.</p><p>Gegen neun Uhr abends rief er Maja Blomberg an, bedankte sich und fuhr nach Hause auf die Hedeby-Insel.</p><p>Am Sonntagmorgen um neun war er wieder da. Das Bildarchiv war immer noch menschenleer, als Maja Blomberg ihn hineinlie�. Er wusste, dass Pfingstferien waren und die Zeitung erst wieder am Dienstag erscheinen w�rde. Er durfte denselben Arbeitstisch benutzen wie tags zuvor und verbrachte den ganzen Tag mit Scannen. Gegen sechs Uhr abends waren ungef�hr noch vierzig Bilder vom �Tag des Kindes� �brig. Mikael hatte das uninteressante Material aussortiert. Was er hingegen eingescannt hatte, waren das Treiben auf der Stra�e und die Menschenmengen.</p><p>Am Pfingstmontag ging Mikael das neue Bildmaterial genauestens durch. Er machte zwei Entdeckungen. Die erste best�rzte ihn. Die andere lie� seinen Puls in die H�he schnellen.</p><p>Die erste Entdeckung war das Gesicht in Harriet Vangers Fenster. Das Bild war leicht verwackelt und deshalb bei der ersten Sichtung verworfen worden. Der Fotograf hatte wohl auf dem H�gel bei der Kirche gestanden und in Richtung Br�cke geblickt. Die Geb�ude lagen im Hintergrund. Mikael beschnitt das Bild so, dass nur das Fenster �brig blieb, und experimentierte dann mit Ver�nderungen der Kontraste und der Tiefensch�rfe, bis er seiner Meinung nach die bestm�gliche Qualit�t erreicht hatte.</p><p>Das Resultat war ein k�rniges Bild mit minimaler Grauskala, das ein rechteckiges Fenster und eine Gardine zeigte, sowie ein diffuses halbmondf�rmiges Gesicht ein St�ck weiter hinten im Raum.</p><p>Er konnte feststellen, dass das Gesicht nicht Harriet geh�rte, die pechschwarzes Haar hatte, sondern einer Person mit wesentlich hellerer Haarfarbe.</p><p>Er stellte au�erdem fest, dass er dunklere Partien unterscheiden konnte, wo sich Augen, Nase und Mund befinden mussten, aber es war unm�glich, deutliche Gesichtsz�ge auszumachen. Er war jedoch sicher, eine Frau zu sehen - die hellere Partie neben dem Gesicht setzte sich bis auf Schulterh�he fort und lie� langes Haar erahnen. Er konnte erkennen, dass die Person helle Kleidung trug.</p><p>Er sch�tzte ihre Gr��e im Verh�ltnis zum Fenster, die Frau musste ungef�hr 1 Meter 70 gro� sein.</p><p>Als er die anderen Bilder vom Br�ckenunfall durchklickte, bemerkte er, dass eine Person sehr gut mit den Merkmalen �bereinstimmte, die er aus dem Foto herausgelesen hatte - die zwanzigj�hrige Cecilia Vanger.</p><p>Kurt Nylund hatte insgesamt achtzehn Bilder vom Fenster im ersten Stock bei <emphasis>Sundstr�ms Herrenmode</emphasis> aufgenommen. Auf siebzehn von ihnen war Harriet Vanger zu sehen.</p><p>Harriet und ihre Schulfreunde waren gerade auf der Bahnhofstra�e angekommen, als Nylund anfing zu fotografieren. Mikael sch�tzte, dass die Bilder in einem Zeitraum von knapp f�nf Minuten aufgenommen worden waren. Auf dem ersten Bild gingen Harriet und ihre Freunde die Stra�e hinunter. Auf den Bildern 2 bis 7 standen sie da und sahen dem Festzug zu. Danach waren sie ungef�hr sechs Meter weiter gegangen. Auf dem letzten Bild, das wahrscheinlich etwas sp�ter gemacht worden war, war die ganze Gruppe verschwunden.</p><p>Mikael bearbeitete eine Serie Bilder, indem er die obere H�lfte von Harriet ausschnitt und m�glichst gro�e Kontraste herausarbeitete. Er legte die Bilder in einen bestimmten Ordner, �ffnete das Graphic-Converter-Programm und startete die Bildpr�sentation. Der Effekt war der eines ruckartig ablaufenden Stummfilms, bei dem jedes Bild zwei Sekunden lang gezeigt wird.</p><p>Harriet kommt an, Aufnahme im Profil. Harriet bleibt stehen und blickt die Stra�e hinunter. Harriet dreht das Gesicht zur Stra�e. Harriet �ffnet den Mund, um etwas zu einer  Freundin zu sagen. Harriet lacht. Harriet fasst sich mit der linken Hand ans Ohr. Harriet l�chelt. Harriet sieht pl�tzlich �berrascht aus, ihr Gesicht ist auf einen Fleck ungef�hr zwanzig Grad links neben der Kamera gerichtet. Harriet rei�t die Augen auf und h�rt auf zu lachen. Harriets Mund wird zu einem schmalen Strich. Harriet schaut genau hin. In ihrem Gesicht sieht man � was? Schmerz, Schock, Zorn? Harriet schl�gt die Augen nieder. Harriet ist weg.</p><p>Mikael spielte die Sequenz immer und immer wieder ab.</p><p>Sie bekr�ftigte sehr deutlich die Theorie, die er aufgestellt hatte. Irgendetwas geschah auf der Bahnhofstra�e in Hedestad.</p><p><emphasis>Sie sieht etwas - jemanden? - auf der anderen Stra�enseite. Sie reagiert schockiert. Sp�ter bittet sie Henrik Vanger um ein pers�nliches Gespr�ch, aus dem nie etwas wird. Danach verschwindet sie spurlos.</emphasis></p><p>Irgendetwas war an jenem Tag geschehen. Aber die Bilder verrieten nicht, was.</p><p>Am Dienstagmorgen um zwei kochte Mikael sich einen Kaffee und machte sich zwei belegte Brote, die er auf dem K�chensofa verzehrte. Er war zugleich mutlos und erregt. Er hatte gegen seine eigenen Erwartungen neues Beweismaterial gefunden. Das Problem war nur, dass diese Beweise die Kette der Ereignisse zwar in einem ganz neuen Licht erscheinen lie�en, ihn der L�sung des R�tsels aber keinen Millimeter n�her brachten.</p><p>Er dachte intensiv dar�ber nach, was f�r eine Rolle Cecilia in diesem Drama gespielt haben mochte. Henrik Vanger hatte ohne R�cksichten das Tun aller anwesenden Personen genau aufgezeichnet, auch bei Cecilia hatte er keine Ausnahme gemacht. 1966 wohnte sie in Uppsala, war aber zwei Tage vor dem unseligen Samstag nach Hedestad gekommen. Sie hatte in einem G�stezimmer bei Isabella Vanger gewohnt. Sie behauptete, Harriet fr�hmorgens einmal gesehen, aber nicht mit ihr gesprochen zu haben. Am Samstag war sie f�r irgendeine Erledigung nach Hedestad gefahren. Sie hatte Harriet nicht gesehen und war gegen eins auf die Insel zur�ckgekehrt, ungef�hr zur selben Zeit, als Kurt Nylund auf der Bahnhofstra�e seine Bilderserie schoss. Sie hatte sich umgezogen und gegen zwei geholfen, den Tisch f�r das gro�e Familienessen zu decken.</p><p>Als Alibi war das ziemlich vage. Die Zeitpunkte waren ungef�hr angegeben, besonders bei der Frage, wann sie auf die Insel zur�ckgekommen war, aber Henrik hatte niemals einen Hinweis darauf gefunden, dass sie gelogen hatte. Cecilia geh�rte zu den Menschen in seiner Verwandtschaft, die er am liebsten mochte. Au�erdem war sie Mikaels Geliebte. Er tat sich daher schwer, objektiv zu bleiben, und er konnte sie sich beim besten Willen nicht als M�rderin vorstellen.</p><p>Jetzt lie� ein aussortiertes Bild ahnen, dass sie gelogen hatte, als sie behauptete, Harriets Zimmer nie betreten zu haben. Daraus ergab sich eine gewisse Schlussfolgerung, die Mikael nicht gefiel.</p><p>Wenn du in dieser Frage gelogen hast, wo hast du dann noch gelogen?</p><p>Mikael fasste im Geiste zusammen, was er �ber Cecilia wusste. Er sah sie als eine recht zur�ckhaltende Person, die offensichtlich von ihrer Vergangenheit gepr�gt war, was zur Folge hatte, dass sie allein lebte, weitgehend auf Sex verzichtete und Schwierigkeiten hatte, sich anderen zu n�hern. Sie blieb auf Distanz, und wenn sie einen Mann an sich heranlie�, dann suchte sie sich einen wie Mikael aus, einen Fremden, der nur zeitweilig zu Besuch war. Cecilia hatte behauptet, das Verh�ltnis beendet zu haben, weil sie nicht mit dem Gedanken leben konnte, dass er jederzeit pl�tzlich aus ihrem Leben verschwinden konnte. Mikael glaubte, dass sie es nur aus diesem Grunde gewagt hatte, den ersten Schritt zu tun. Da er nur  vor�bergehend da war, musste sie nicht bef�rchten, dass er ihr Leben dramatisch ver�nderte. Er seufzte und lie� die Hobbypsychologie auf sich beruhen.</p><p>Die zweite Entdeckung machte er sp�t in der Nacht. Der Schl�ssel zum R�tsel - davon war er restlos �berzeugt - lag in dem, was Harriet auf der Bahnhofstra�e in Hedestad gesehen hatte. Mikael w�rde es nie herausfinden, es sei denn, er k�nnte eine Zeitmaschine erfinden, sich hinter sie stellen und ihr �ber die Schulter blicken.</p><p>Als ihm dieser Gedanken durch den Kopf ging, schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn und st�rzte zur�ck zu seinem iBook. Er klickte die unbearbeiteten Bilder von der Bahnhofstra�e an und schaute � <emphasis>da!</emphasis></p><p>Hinter Harriet, ungef�hr einen Meter weiter rechts, stand ein junges Paar, er im gestreiften Pullover, sie mit einer hellen Jacke. Sie hatte eine Kamera in der Hand. Als Mikael das Bild vergr��erte, konnte er erkennen, dass es eine Kodak Instamatic mit automatischem Blitz war - eine billige Urlaubskamera f�r Leute, die nicht fotografieren k�nnen.</p><p>Die Frau hielt die Kamera auf Kinnh�he. Dann hob sie sie und fotografierte die Clowns, und zwar genau in dem Moment, als sich Harriets Gesichtsausdruck ver�nderte.</p><p>Mikael verglich die Position der Kamera mit Harriets Blickrichtung. Die Frau hatte den Sucher fast exakt in die Richtung gehalten, in die Harriet blickte.</p><p>Mikael merkte pl�tzlich, dass er heftiges Herzklopfen hatte. Er lehnte sich zur�ck und fummelte seine Zigarettenschachtel aus der Brusttasche. Jemand hatte ein Foto gemacht. Aber wie sollte er diese Frau identifizieren? Wie sollte er an ihr Foto herankommen? War der Film �berhaupt entwickelt worden, und wenn ja, wurde das Bild noch irgendwo aufbewahrt?</p><p>Mikael �ffnete die Mappe mit den Bildern, die Nylund an jenem Festtag von der wimmelnden Menschenmenge gemacht  hatte. In der folgenden Stunde vergr��erte er jedes Bild und suchte es Quadratzentimeter f�r Quadratzentimeter ab. Erst auf dem allerletzten Foto fand er das Paar wieder. Nylund hatte noch einen Clown mit Luftballons in der Hand aufgenommen, der sein Dauerlachen in die Kamera hielt. Das Foto war auf dem Parkplatz vor dem Eingang zum Sportplatz gemacht worden, wo die Festlichkeiten weitergingen. Es musste vor zwei Uhr gewesen sein - danach war Nylund ja zum Unfall mit dem Tanklaster abkommandiert worden und hatte den �Tag des Kindes� nicht weiter verfolgt.</p><p>Die Frau war fast ganz verdeckt, aber der Mann im gestreiften Pullover war deutlich im Profil zu sehen. Er hatte Schl�ssel in der Hand und beugte sich gerade vor, um eine Autot�r zu �ffnen. Der Clown stand im Vordergrund, und das Auto hinter ihm war ein wenig verschwommen. Das Nummernschild war nicht vollst�ndig zu erkennen, aber es begann mit AC3�</p><p>Die Nummernschilder begannen in den sechziger Jahren mit den Kennbuchstaben des jeweiligen Verwaltungsbezirks, und Mikael hatte als Kind gelernt, die Herkunft von Autos anhand dieser Buchstaben zu identifizieren. AC war das Kennzeichen f�r V�sterbotten.</p><p>Dann entdeckte Mikael noch etwas anderes. Auf der Heckscheibe war irgendein Aufkleber. Er zoomte den Ausschnitt heran, aber dabei verschwamm der Text. Er schnitt das St�ck mit dem Aufkleber aus und begann Kontrast und Sch�rfe zu bearbeiten. Damit war er eine ganze Weile besch�ftigt. Den Text konnte er immer noch nicht lesen, aber er versuchte, anhand der vagen Umrisse auf den jeweiligen Buchstaben zu schlie�en.</p><p>Viele Buchstaben sahen sich t�uschend �hnlich. Ein O konnte man mit einem D verwechseln, ebenso B mit E und dergleichen mehr. Er hantierte mit Zettel und Stift und schloss verschiedene Buchstaben aus, bis er schlie�lich einen unverst�ndlichen Text erhielt:</p><p><strong>T S HLE I R J�</strong></p><p>Er starrte die Zeile an, bis ihm die Augen tr�nten. Dann sah er pl�tzlich den richtigen Text vor sich. TISCHLEREI NORSJ�, gefolgt von kleineren Zeichen, die man unm�glich entziffern konnte, die aber vermutlich eine Telefonnummer darstellten.</p><a id="calibre_link-87"/><p><a id="calibre_link-88"/></p><p><strong>17. Kapitel</strong></p><p><strong>Mittwoch, 11. Juni - Samstag, 14. Juni</strong></p><p>Beim dritten Puzzleteilchen bekam er Hilfe von unerwarteter Seite.</p><p>Nachdem er die ganze Nacht an den Bildern gearbeitet hatte, schlief Mikael tief und fest bis zum Mittag. Er erwachte mit einem diffusen Kopfschmerz, duschte und ging dann in Susannes Caf� fr�hst�cken. Er hatte Schwierigkeiten, seine Gedanken zu ordnen. Eigentlich h�tte er Henrik aufsuchen m�ssen, um ihm von seiner Entdeckung zu berichten. Stattdessen ging er zu Cecilia hin�ber und klopfte. Er wollte sie fragen, was sie in Harriets Zimmer gemacht und warum sie gelogen und behauptet hatte, nie dort gewesen zu sein. Niemand �ffnete.</p><p>Er wollte gerade wieder nach Hause gehen, da h�rte er eine Stimme.</p><p>�Deine Hure ist nicht zu Hause.�</p><p>Gollum war aus seiner H�hle gekrochen. Er war gro�, fast zwei Meter, aber vom Alter so gebeugt, dass seine Augen auf einer H�he mit Mikaels waren. Seine Haut war vernarbt und voller dunkler Leberflecken. Er trug einen Pyjama und einen braunen Morgenrock und st�tzte sich auf einen Stock. Er sah aus wie die Hollywood-Version eines �b�sen alten Manns�.</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Ich habe gesagt, deine Hure ist nicht zu Hause.�</p><p>Mikael ging so nahe an ihn heran, dass sich fast ihre Nasenspitzen ber�hrten.</p><p>�Sie sprechen von Ihrer eigenen Tochter, Sie ungehobelter Kerl.�</p><p>�Ich bin nicht derjenige, der sich nachts hierherschleicht�, antwortete Harald Vanger und grinste zahnlos. Mikael ging an ihm vorbei, ohne ihn eines weiteren Blicks zu w�rdigen. Er ging zu Henrik Vanger und fand ihn im Arbeitszimmer.</p><p>�Ich habe gerade Ihren Bruder getroffen�, verk�ndete Mikael mit kaum verhohlener Wut.</p><p>�Harald? Ach so, hat er sich mal rausgewagt? Das macht er jedes Jahr ein paarmal.�</p><p>�Ich hatte bei Cecilia geklopft, als er pl�tzlich auftauchte. Er sagte, Zitat: <emphasis>Die Hure ist nicht zu Hause</emphasis>, Zitat Ende.�</p><p>�Klingt mir sehr nach Harald�, sagte Henrik Vanger ruhig.</p><p>�Er hat seine eigene Tochter als Hure bezeichnet.�</p><p>�Das tut er schon seit vielen Jahren. Darum sprechen sie auch nicht mehr miteinander.�</p><p>�Warum tut er das?�</p><p>�Cecilia hat ihre Unschuld verloren, als sie einundzwanzig Jahre alt war. Es geschah hier in Hedestad, nach einer Sommerromanze, im Jahr nach Harriets Verschwinden.�</p><p>�Und?�</p><p>�Der Mann, den sie liebte, hie� Peter Samuelsson und arbeitete als Assistent im Vanger-Konzern. Intelligenter Junge. Arbeitet heute f�r ABB. Wenn sie meine Tochter gewesen w�re, ich w�re stolz gewesen, so einen zum Schwiegersohn zu bekommen. Aber nat�rlich hatte er einen Fehler.�</p><p>�Sagen Sie bitte, dass es nicht das ist, was ich jetzt denke.�</p><p>�Harald verma� seinen Sch�del oder studierte seine Ahnentafeln oder was wei� ich und entdeckte, dass er Vierteljude war.�</p><p>�G�tiger Himmel.�</p><p>�Seitdem nennt er sie Hure.�</p><p>�Er wusste, dass Cecilia und ich �?�</p><p>�Das wei� h�chstwahrscheinlich die ganze Stadt, bis auf Isabella vielleicht, weil keiner, der seine Sinne beisammen hat, ihr irgendetwas erz�hlen w�rde. Au�erdem ist sie Gott sei Dank so nett und geht um acht Uhr schlafen. Harald hat vermutlich jeden Ihrer Schritte verfolgt.�</p><p>Mikael setzte sich und sah d�mlich drein.</p><p>�Sie wollen also sagen, dass alle ��</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Und Sie missbilligen das nicht?�</p><p>�Also bitte, Mikael, das ist nun wirklich nicht meine Sache.�</p><p>�Wo ist Cecilia?�</p><p>�Die Schulferien haben begonnen. Sie ist am Samstag nach London geflogen, um ihre Schwester zu besuchen, und danach f�hrt sie in Urlaub nach � hmm, ich glaube, Florida war es. Sie kommt zirka in einem Monat zur�ck.�</p><p>Nun kam Mikael sich noch d�mlicher vor.</p><p>�Wir hatten unser Verh�ltnis mehr oder weniger beendet.�</p><p>�Verstehe. Aber das geht mich immer noch nichts an. Wie geht es mit der Arbeit voran?�</p><p>Mikael goss sich Kaffee aus Henriks Thermoskanne ein. Er sah den alten Mann an.</p><p>�Ich habe neues Material gefunden, und ich glaube, ich muss mir von irgendjemandem ein Auto ausleihen.�</p><p>Mikael setzte ihm eine ganze Weile seine �berlegungen auseinander. Er holte das iBook aus seiner Umh�ngetasche und spielte die Bilderserie ab, die Harriets Reaktionen auf der Bahnhofstra�e zeigte. Er f�hrte auch vor, wie er die Zuschauer mit ihrer Urlaubskamera und ihr Auto mit dem Aufkleber der Tischlerei Norsj� gefunden hatte. Nachdem er seine Erkl�rungen beendet hatte, bat Henrik ihn, die Bilderserie noch einmal sehen zu d�rfen.</p><p>Als Henrik Vanger wieder vom Bildschirm aufblickte, war er ganz grau im Gesicht. Mikael erschrak und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Henrik Vanger machte eine abwehrende Handbewegung und schwieg eine Weile.</p><p>�Es ist Ihnen tats�chlich gelungen, was ich f�r unm�glich gehalten hatte. Sie haben etwas v�llig Neues entdeckt. Wie wollen Sie jetzt weitermachen?�</p><p>�Ich muss dieses Bild finden - falls es noch existiert.�</p><p>Das Gesicht im Fenster und seinen Verdacht, dass es sich dabei um Cecilia handelte, erw�hnte er nicht. Was wahrscheinlich ein deutliches Zeichen daf�r war, dass er wenig von einem objektiven Privatdetektiv hatte.</p><p>Von Harald Vanger war nichts mehr zu sehen, als Mikael auf die Stra�e trat. Wahrscheinlich war er wieder in seine H�hle zur�ckgekrochen. Als Mikael um die Ecke bog, entdeckte er, dass jemand mit dem R�cken zu ihm auf dem Treppenabsatz vor seinem H�uschen sa� und Zeitung las. F�r den Bruchteil einer Sekunde dachte er, es sei Cecilia, aber im n�chsten Augenblick ging ihm auf, dass er sich get�uscht hatte. Vor seinem H�uschen sa� ein dunkelhaariges M�dchen.</p><p>�Hallo, Papa�, sagte Pernilla Abrahamsson.</p><p>Mikael umarmte seine Tochter und dr�ckte sie fest an sich.</p><p>�Wo um alles in der Welt kommst du denn her?�</p><p>�Von zu Hause nat�rlich. Auf dem Weg nach Skellefte�. Ich �bernachte hier.�</p><p>�Und wie hast du hierhergefunden?�</p><p>�Mama wusste doch, wo du bist. Und ich habe da oben im Caf� gefragt, wo du wohnst. Sie hat mir den Weg gezeigt. Bin ich willkommen?�</p><p>�Nat�rlich. Komm rein. Du h�ttest mich vorwarnen sollen, dann h�tte ich ein bisschen was Sch�nes zum Essen gekauft oder so.�</p><p>�War eine spontane Idee von mir. Ich wollte dich nach dem  Gef�ngnis in der Freiheit willkommen hei�en, aber du hast mich ja nie angerufen.�</p><p>�Entschuldige.�</p><p>�Ist nicht schlimm. Mama sagt auch, dass du st�ndig in deiner Gedankenwelt lebst.�</p><p>�Das sagt sie �ber mich?�</p><p>�Mehr oder weniger. Aber das macht doch nichts. Ich liebe dich trotzdem.�</p><p>�Ich liebe dich auch, aber du wei�t ��</p><p>�Ich wei�. Ich glaube, ich bin schon erwachsen genug.�</p><p>Mikael machte Tee und servierte Geb�ck dazu. Pl�tzlich wurde ihm klar, dass seine Tochter die Wahrheit gesagt hatte. Sie war kein kleines M�dchen mehr, sie wurde demn�chst siebzehn und w�rde bald eine erwachsene Frau sein. Er musste lernen, sie nicht mehr wie ein Kind zu behandeln.</p><p>�Also, wie war�s denn jetzt eigentlich?�</p><p>�Was?�</p><p>�Das Gef�ngnis.�</p><p>Mikael lachte.</p><p>�W�rdest du mir glauben, wenn ich dir sage, dass es wie ein bezahlter Urlaub war, wo ich wunderbar nachdenken und schreiben konnte?�</p><p>�Absolut. Ich glaube nicht, dass zwischen einem Gef�ngnis und einem Kloster ein gro�er Unterschied besteht, und die Leute sind immer ins Kloster gegangen, wenn sie sich weiterentwickeln wollten.�</p><p>�Tja, so kann man das wohl auch sehen. Ich hoffe, du hattest keine Probleme damit, dass dein Papa ein ber�chtigter Gef�ngnisinsasse ist?�</p><p>��berhaupt nicht. Ich bin stolz auf dich und lasse keine Gelegenheit aus, um damit anzugeben, dass du f�r das gesessen hast, woran du glaubst.�</p><p>�Woran ich glaube?�</p><p>�Ich habe Erika Berger im Fernsehen gesehen.�</p><p>Mikael wurde blass. Er hatte keinen einzigen Gedanken an seine Tochter verschwendet, als Erika ihre Strategie ausgearbeitet hatte, und Pernilla schien zu glauben, dass ihn nicht die geringste Schuld traf.</p><p>�Pernilla, ich war nicht unschuldig. Es tut mir leid, dass ich dir die Hintergr�nde nicht erkl�ren kann, aber ich wurde rechtm��ig verurteilt. Das Gericht hat sein Urteil auf der Basis der Tatsachen, die im Prozess dargelegt wurden, gef�llt.�</p><p>�Aber du hast niemals deine Version erz�hlt.�</p><p>�Nein, weil ich sie nicht beweisen kann. Ich habe einen Mordsschnitzer gemacht, und deswegen musste ich ins Gef�ngnis.�</p><p>�Okay. Dann beantworte mir die Frage: Ist Wennerstr�m ein Verbrecher oder nicht?�</p><p>�Er ist einer der �belsten Verbrecher, die mir jemals �ber den Weg gelaufen sind.�</p><p>�Na also. Das reicht mir. Ich habe ein Geschenk f�r dich.�</p><p>Sie holte ein P�ckchen aus ihrem Koffer. Mikael machte es auf und fand eine Best-of-CD der <emphasis>Eurhythmics</emphasis>. Sie wusste, dass das eine seiner alten Lieblingsbands war. Er umarmte sie, legte die CD sofort in sein iBook ein, und sie h�rten sich zusammen <emphasis>Sweet Dreams</emphasis> an.</p><p>�Was willst du eigentlich in Skellefte�?�, fragte Mikael.</p><p>�Sommerlager mit Bibelschule. Die Vereinigung hei�t <emphasis>Licht des Lebens</emphasis>�, gab Pernilla zur Auskunft, als w�re es das Selbstverst�ndlichste in der Welt.</p><p>Mikael sp�rte, wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten.</p><p>Er erkannte, wie sehr sich seine Tochter und Harriet �hnelten. Pernilla war sechzehn, genau wie Harriet, als sie verschwand. Beiden fehlte die Vaterfigur in ihrem t�glichen Leben. Beide neigten zu religi�ser Schw�rmerei und schlossen sich befremdlichen Sekten an, Harriet der st�dtischen Pfingstversammlung und Pernilla einer Vereinigung, die vermutlich  ebenso verr�ckt war wie die popul�re, aber eben doch sektenartige Bewegung <emphasis>Licht des Lebens</emphasis>.</p><p>Mikael wusste nicht recht, wie er mit ihrem neu erwachten Interesse f�r Religion umgehen sollte. Er hatte Angst, sich unsensibel einzumischen und sie einzuschr�nken in ihrem Recht, selbst zu entscheiden, welchen Weg sie im Leben gehen wollte.</p><p>Gleichzeitig war <emphasis>Licht des Lebens</emphasis> jedoch ohne Zweifel eine religi�se Vereinigung von der Sorte, �ber die Erika und er nur zu gerne eine polemische Reportage in <emphasis>Millennium</emphasis> ver�ffentlichen w�rden. Er beschloss, die Frage bei n�chster Gelegenheit mit Pernillas Mutter zu besprechen.</p><p>Pernilla schlief in Mikaels Bett, w�hrend er sich in der Nacht aufs Sofa in der K�che legte. Er wachte mit steifem Nacken und schmerzenden Muskeln auf. Pernilla wollte ihre Reise m�glichst schnell fortsetzen, also machte Mikael Fr�hst�ck und brachte sie dann zum Bahnhof. Sie hatten noch ein bisschen Zeit, kauften sich im Zeitschriftenladen in der Bahnhofshalle zwei Becher Kaffee, setzten sich auf eine Bank am Ende des Bahnsteigs und redeten �ber alles M�gliche. Kurz bevor der Zug kam, wechselte sie das Thema.</p><p>�Es gef�llt dir nicht, dass ich nach Skellefte� fahre�, stellte sie pl�tzlich fest.</p><p>Mikael wusste nicht recht, was er antworten sollte.</p><p>�Das ist nichts Gef�hrliches. Aber du bist kein Christ, oder?�</p><p>�Nein, zumindest bin ich kein guter Christ.�</p><p>�Glaubst du nicht an Gott?�</p><p>�Nein, ich glaube nicht an Gott, aber ich respektiere, dass du es tust. Alle Menschen brauchen etwas, woran sie glauben k�nnen.�</p><p>Als ihr Zug einfuhr, umarmten sie sich lange und innig, bis Pernilla einsteigen musste. Auf dem Weg in den Zug drehte sie sich noch einmal um.</p><p>�Papa, ich will nicht missionieren. Von mir aus kannst du glauben, woran du willst, und ich werde dich immer lieben. Aber ich denke, dass auch du deine Bibelstudien fortsetzen solltest.�</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>�Ich habe das Zitat bei dir an der Wand gesehen�, sagte sie. �Aber warum so d�ster und neurotisch? K�sschen. Mach�s gut.�</p><p>Sie winkte ihm zu und verschwand. Mikael blieb perplex auf dem Bahnsteig stehen und sah den Zug Richtung Norden davonrollen. Erst als er um die Kurve verschwand, wurde ihm die Bedeutung ihrer Abschiedsworte klar, und in seiner Brust machte sich Eisesk�lte breit.</p><p>Mikael rannte aus dem Bahnhof und sah auf die Uhr. In vierzig Minuten fuhr der Bus nach Hedeby. Er hatte nicht die Nerven, so lange zu warten.</p><p>Er trabte zum Taxistand auf der anderen Seite des Bahnhofsplatzes und fand Hussein mit dem norrl�ndischen Dialekt.</p><p>Zehn Minuten sp�ter bezahlte Mikael sein Taxi und ging sofort in sein Arbeitszimmer. Er hatte den Zettel �ber seinem Schreibtisch aufgeh�ngt.</p><p><image l:href="#6"/></p><p>Er sah sich im Zimmer um. Dann fiel ihm ein, wo er eine Bibel finden w�rde. Er steckte den Zettel ein, suchte die Schl�ssel heraus, die er in eine Schale auf dem Fensterbrett gelegt hatte,  und joggte den ganzen Weg bis zu Gottfrieds H�uschen. Seine H�nde zitterten, als er Harriets Bibel aus dem Regal nahm.</p><p>Harriet hatte keine Telefonnummern notiert. Die Ziffern gaben Kapitel und Vers in Levitikus, im Dritten Buch Mose, an. Die Strafgesetzgebung.</p><p>(Magda) Drittes Buch Mose, Kapitel 20, Vers 16:</p><p><emphasis>Wenn eine Frau sich irgendeinem Tier naht, um mit ihm Umgang zu haben, so sollst du sie t�ten und das Tier auch. Des Todes sollen sie sterben, und ihre Blutschuld komme �ber sie.</emphasis></p><p>(Sara) Drittes Buch Mose, Kapitel 21, Vers 9:</p><p><emphasis>Wenn eines Priesters Tochter sich durch Hurerei entheiligt, so soll man sie mit Feuer verbrennen, denn sie hat ihren Vater entheiligt.</emphasis></p><p>(RJ) Drittes Buch Mose, Kapitel 20, Vers 27:</p><p><emphasis>Wenn ein Mann oder eine Frau Geister beschw�ren oder Zeichen deuten kann, so sollen sie des Todes sterben; man soll sie steinigen; ihre Blutschuld komme �ber sie.</emphasis></p><p>(RL) Drittes Buch Mose, Kapitel 1, Vers 12:</p><p><emphasis>Und er zerlege es in seine St�cke, und der Priester soll sie samt dem Kopf und dem Fett auf das Holz �ber dem Feuer legen, das auf dem Altar ist.</emphasis></p><p>(Mari) Drittes Buch Mose, Kapitel 20, Vers 18:</p><p><emphasis>Wenn ein Mann bei einer Frau liegt zur Zeit ihrer Tage und mit ihr Umgang hat und so den Brunnen ihres Blutes aufdeckt und sie den Brunnen ihres Blutes aufdeckt, so sollen sie beide aus ihrem Volk ausgerottet werden.</emphasis></p><p>Mikael ging hinaus und setzte sich auf den Treppenabsatz vorm Haus. Es gab gar keinen Zweifel: Dies hatte Harriet gemeint, als sie die Ziffern in ihr Adressbuch geschrieben hatte. Jedes der Zitate war in ihrer Bibel sorgf�ltig unterstrichen. Er z�ndete sich eine Zigarette an und lauschte dem Gesang der V�gel in der N�he.</p><p>Er hatte die Ziffern. Aber er hatte keine Namen. Magda, Sara, Mari, RJ und RL. Da machte sein Gehirn einen intuitiven Sprung, und mit einem Schlag tat sich ein Abgrund vor ihm auf. Er erinnerte sich an das Brandopfer in Hedestad, von dem Kommissar Morell erz�hlt hatte. Der Fall Rebecka, irgendwann in den sp�ten vierziger Jahren, das M�dchen, das vergewaltigt und dann ermordet worden war, indem man ihren Kopf auf gl�hende Kohlen legte. <emphasis>Und er zerlege es in seine St�cke, und der Priester soll sie samt dem Kopf und dem Fett auf das Holz �ber dem Feuer legen, das auf dem Altar ist.</emphasis> Rebecka. <emphasis>RJ</emphasis>. Wie hatte sie mit Nachnamen gehei�en?</p><p><emphasis>In was f�r eine furchtbare Geschichte um Gottes willen war Harriet nur verwickelt gewesen?</emphasis></p><p>Henrik Vanger hatte sich auf einmal schlecht gef�hlt und sich bereits am Nachmittag schlafen gelegt, als Mikael bei ihm anklopfte. Anna lie� ihn trotzdem herein, und er konnte den alten Mann f�r ein paar Minuten besuchen.</p><p>�Sommererk�ltung�, erkl�rte Henrik und schniefte. �Was wollen Sie?�</p><p>�Ich habe eine Frage.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Haben Sie mal von einem Mord geh�rt, der hier in Hedestad irgendwann Ende der vierziger Jahre geschehen ist? Ein M�dchen namens Rebecka, die ermordet wurde, indem man ihren Kopf in einen offenen Kamin legte.�</p><p>�Rebecka Jacobsson�, sagte Henrik Vanger, ohne eine Sekunde zu z�gern. �Das ist ein Name, den ich so schnell nicht  vergessen werde, aber ich habe ihn seit vielen Jahren nicht mehr geh�rt.�</p><p>�Der Mordfall ist Ihnen bekannt?�</p><p>�Oh ja, allerdings. Rebecka Jacobsson war dreiundzwanzig oder vierundzwanzig Jahre alt, als sie ermordet wurde. Es muss � es ist 1949 passiert. Die Ermittlungen waren sehr umfassend, und ich selbst spielte dabei auch eine kleine Rolle.�</p><p>�Sie?�, platzte Mikael verbl�fft heraus.</p><p>�Ja. Rebecka Jacobsson war B�roangestellte bei Vanger. Sie war ein beliebtes M�dchen und sah unglaublich gut aus. Aber wie kommt es, dass Sie pl�tzlich nach ihr fragen?�</p><p>Mikael wusste nicht, was er sagen sollte. Er stand auf und ging zum Fenster.</p><p>�Ich wei� nicht recht, Henrik, ich habe da vielleicht etwas gefunden, aber ich muss mich in Ruhe hinsetzen und eine Weile dar�ber nachdenken.�</p><p>�Sie wollen andeuten, dass es eine Verbindung zwischen Harriet und Rebecka geben k�nnte. Aber zwischen � zwischen diesen Ereignissen lagen fast siebzehn Jahre.�</p><p>�Lassen Sie mich dar�ber nachdenken. Ich schaue morgen mal bei Ihnen rein, ob es Ihnen schon besser geht.�</p><p>Mikael sollte Henrik Vanger am n�chsten Tag nicht mehr treffen. Kurz vor ein Uhr nachts sa� er immer noch am K�chentisch und las in Harriets Bibel, als er pl�tzlich einen Wagen mit hoher Geschwindigkeit �ber die Br�cke fahren h�rte. Er sp�hte aus dem K�chenfenster und konnte kurz das Blaulicht eines Krankenwagens erkennen.</p><p>Von b�sen Vorahnungen erf�llt, rannte Mikael nach drau�en und folgte dem Krankenwagen. Er parkte vor Henrik Vangers Haus. Im Obergeschoss brannte Licht, und Mikael begriff sofort, dass etwas passiert war. Er nahm zwei Stufen auf einmal, als er die Treppe zum Eingang hinauflief, und traf im Flur auf eine ersch�tterte Anna Nygren.</p><p>�Das Herz�, sagte sie. �Er hat mich vor einer Stunde geweckt und klagte �ber Schmerzen in der Brust. Dann brach er zusammen.�</p><p>Mikael nahm die treue Haush�lterin in die Arme und blieb bei ihr, als die Rettungshelfer mit einem scheinbar leblosen Henrik Vanger auf der Tragbahre herauskamen. Ein sichtlich mitgenommener Martin Vanger folgte ihnen auf dem Fu�e. Er hatte sich gerade hingelegt, als Anna ihn alarmierte. Seine nackten F��e steckten in Pantoffeln, und der Rei�verschluss seiner Hose stand offen. Nachdem er Mikael kurz gegr��t hatte, wandte er sich an Anna.</p><p>�Ich fahre mit ins Krankenhaus. Rufen Sie Birger und Cecilia an�, sagte er. �Und benachrichtigen Sie auch Dirch Frode.�</p><p>�Ich kann zu Frode r�bergehen�, bot Mikael an. Anna nickte dankbar.</p><p>Nach Mitternacht an eine T�r zu klopfen bedeutet meistens schlechte Nachrichten, dachte sich Mikael, als er den Finger auf Dirch Frodes Klingel legte. Es dauerte ein paar Minuten, bis ein offensichtlich schlaftrunkener Frode an die T�r kam.</p><p>�Ich habe schlechte Neuigkeiten. Henrik Vanger ist gerade ins Krankenhaus gebracht worden. Es scheint ein Herzanfall zu sein. Martin wollte, dass ich Sie benachrichtige.�</p><p>�O mein Gott�, sagte Dirch Frode. Er blickte auf seine Armbanduhr. �Heute ist Freitag, der 13.�, sagte er mit unmissverst�ndlicher Logik und verwirrtem Gesichtsausdruck.</p><p>Als Mikael wieder nach Hause kam, war es halb drei Uhr nachts. Er z�gerte einen Moment, beschloss dann aber, den Anruf bei Erika aufzuschieben. Erst am n�chsten Morgen gegen neun Uhr, als er kurz auf dem Handy mit Dirch Frode telefoniert und sich vergewissert hatte, dass Henrik noch lebte, rief er Erika an, um ihr mitzuteilen, dass der neue Teilhaber von <emphasis>Millennium</emphasis> nach einem Herzanfall ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Wie zu erwarten, wurde die Nachricht mit gedr�ckter Stimmung und Besorgnis aufgenommen.</p><p>Erst sp�tabends kam Frode mit ausf�hrlichen Ausk�nften �ber Henriks Zustand zu Mikael.</p><p>�Er lebt, aber es geht ihm nicht gut. Er hatte einen ernsten Infarkt und zudem noch eine Infektion im K�rper.�</p><p>�Haben Sie ihn gesehen?�</p><p>�Nein. Er liegt auf der Intensivstation. Martin und Birger sind dort und wachen an seinem Bett.�</p><p>�Wie stehen seine Chancen?�</p><p>Frode bewegte die Hand leicht hin und her.</p><p>�Er hat den Infarkt �berlebt, das ist immer ein gutes Zeichen. Und Henrik hat tats�chlich eine ziemlich gute Konstitution. Aber er ist alt. Wir m�ssen abwarten.�</p><p>Eine Weile sa�en sie schweigend nebeneinander und dachten �ber die Zerbrechlichkeit des Lebens nach. Mikael goss Kaffee ein. Frode sah f�rchterlich niedergeschlagen aus.</p><p>�Ich muss Ihnen ein paar Fragen stellen, wie die Dinge jetzt weitergehen sollen�, begann Mikael.</p><p>Frode blickte auf.</p><p>�An Ihrer Anstellung �ndert sich nichts. Das ist alles in dem Vertrag geregelt, der bis zum Ende des Jahres l�uft, ob Henrik nun lebt oder nicht. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.�</p><p>�Dar�ber mache ich mir keine Sorgen, das habe ich nicht gemeint. Ich frage mich nur, wem ich in seiner Abwesenheit Bericht erstatten soll.�</p><p>Frode seufzte.</p><p>�Sie wissen doch so gut wie ich, Mikael, dass diese ganze Geschichte mit Harriet Vanger ein Zeitvertreib f�r Henrik ist.�</p><p>�Sagen Sie das nicht.�</p><p>�Was meinen Sie damit?�</p><p>�Ich habe neues Beweismaterial gefunden�, erkl�rte Mikael. �Ich habe Henrik gestern teilweise davon in Kenntnis gesetzt. Ich bef�rchte, das k�nnte zu seinem Herzinfarkt beigetragen haben.�</p><p>Frode sah Mikael mit einem seltsamen Blick an.</p><p>�Sie machen Witze.�</p><p>Mikael sch�ttelte den Kopf.</p><p>�In den letzten Tagen habe ich mehr Material zu Harriets Verschwinden zutage gef�rdert als die offiziellen Ermittlungen in gut f�nfunddrei�ig Jahren ergeben haben. Nur leider haben wir nie ausgemacht, wem ich Bericht erstatte, wenn Henrik nicht da ist.�</p><p>�Sie k�nnen es mir erz�hlen.�</p><p>�Okay. Ich muss hier irgendwie weitermachen. Haben Sie ein bisschen Zeit?�</p><p>Mikael brachte seine neuen Entdeckungen so p�dagogisch wie m�glich vor. Er pr�sentierte die Bilderserie von der Bahnhofstra�e und legte seine Theorie dar. Danach erkl�rte er, wie seine eigene Tochter das R�tsel mit dem Adressbuch geknackt hatte. Zum Schluss brachte er noch die Information �ber den brutalen Mord von 1949 an Rebecka Jacobsson vor.</p><p>Die einzige Information, die er noch f�r sich behielt, war Cecilia Vangers Gesicht in Harriets Fenster. Er wollte zuerst mit ihr sprechen, bevor er sie einem derartigen Verdacht aussetzte.</p><p>Frode legte seine Stirn in bek�mmerte Falten.</p><p>�Sie meinen, dass der Mord an Rebecka mit Harriets Verschwinden in Zusammenhang steht?�</p><p>�Ich wei� nicht. Es wirkt unwahrscheinlich. Aber es ist eine Tatsache, dass Harriet die Initialen RJ in ihrem Adressbuch verzeichnet hatte, erg�nzt durch einen Verweis auf das Gesetz f�r Brandopfer. Rebecka Jacobsson verbrannte. Die Verbindung zur Familie Vanger ist nicht zu �bersehen - sie arbeitete im Vanger-Konzern.�</p><p>�Und wie erkl�ren Sie sich das alles?�</p><p>�Ich erkl�re es ja noch gar nicht. Aber ich will weitermachen. Ich betrachte Sie als Henriks Vertreter. Sie m�ssen f�r ihn entscheiden.�</p><p>�Vielleicht sollten wir die Polizei informieren.�</p><p>�Nein. Zumindest nicht ohne Henriks Erlaubnis. Der Mord an Rebecka ist schon lange verj�hrt, die polizeilichen Ermittlungen sind eingestellt. Sie werden die Ermittlungen in einem Mordfall, der vor vierundf�nfzig Jahren geschah, nicht neu aufrollen.�</p><p>�Ich verstehe. Was wollen Sie tun?�</p><p>Mikael stand auf und drehte eine Runde in der K�che.</p><p>�Als Erstes will ich die Spur mit dem Foto verfolgen. Wenn wir sehen, was Harriet gesehen hat � ich glaube, das k�nnte ein Schl�ssel zu den Ereignissen sein. Das bedeutet zum Zweiten, dass ich ein Auto brauche, damit ich nach Norsj� fahren und die Spur weiterverfolgen kann. Und drittens will ich den Bibelzitaten nachgehen. Wir haben bislang <emphasis>ein</emphasis> Zitat mit einem abscheulichen Mord in Verbindung bringen k�nnen. Bleiben noch vier Zitate. Um das zu leisten � brauche ich eigentlich Hilfe.�</p><p>�Was f�r Hilfe?�</p><p>�Ich brauche einen Mitarbeiter, der Recherchen betreibt. Er m�sste sich durch alte Pressearchive w�hlen und Magda und Sara und die anderen Namen finden. Wenn es so ist, wie ich glaube, dann war Rebecka nicht das einzige Opfer.�</p><p>�Sie wollen also noch jemand einweihen ��</p><p>�Es ist pl�tzlich so ein riesiger Berg Recherchearbeit zu bew�ltigen. Wenn ich Kommissar in laufenden Ermittlungen w�re, dann k�nnte ich Zeit und Personal einteilen und die Leute f�r mich recherchieren lassen. Ich brauche einen Profi, der sich mit Archivarbeit auskennt und zugleich zuverl�ssig ist.�</p><p>�Ich verstehe � Tats�chlich kenne ich eine kompetente Ermittlerin. Sie hat Ihren pers�nlichen Hintergrund f�r uns recherchiert�, rutschte es Frode heraus, bevor er sich auf die Zunge bei�en konnte.</p><p>�Wer hat was recherchiert?�, fragte Mikael Blomkvist scharf.</p><p>Frode wusste, dass er sich verplappert hatte. Ich werde alt, dachte er.</p><p>�Ich habe nur laut gedacht. Das hatte gar nichts zu bedeuten�, versuchte er sich herauszureden.</p><p>�Sie haben Recherchen zu meiner Person in Auftrag gegeben?�</p><p>�Nichts Dramatisches, Mikael. Wir wollten Sie anstellen und haben vorher �berpr�ft, mit was f�r einem Menschen wir es zu tun haben.�</p><p>�Deswegen scheint Henrik mich also so gut einsch�tzen zu k�nnen. Wie gr�ndlich war der Bericht?�</p><p>�Der war ziemlich gr�ndlich.�</p><p>�Kam die Geschichte mit <emphasis>Millennium</emphasis> auch darin vor?�</p><p>Frode zuckte die Schultern. �Das war damals gerade aktuell.�</p><p>Mikael z�ndete sich eine Zigarette an. Es war seine f�nfte an diesem Tag. Ihm war klar, dass ihm das Rauchen schon wieder zur schlechten Angewohnheit wurde.</p><p>�Ein schriftlicher Bericht?�</p><p>�Mikael, das ist nichts gewesen, woran man sich jetzt festbei�en m�sste.�</p><p>�Ich will den Bericht lesen�, verlangte er.</p><p>�Bitte, das war wirklich nichts Besonderes. Wir wollten Sie nur �berpr�fen, bevor wir Sie anstellen.�</p><p>�Ich will den Bericht lesen�, wiederholte er.</p><p>�Dazu kann nur Henrik die Erlaubnis geben.�</p><p>�Ach, tats�chlich? Dann machen wir�s doch einfach so: Ich will den Bericht innerhalb der n�chsten Stunde in der Hand haben. Wenn ich ihn nicht bekomme, k�ndige ich auf der Stelle und nehme den Abendzug nach Stockholm. Wo ist der Bericht?�</p><p>Dirch Frode und Mikael Blomkvist ma�en sich ein paar  Sekunden mit Blicken. Dann seufzte Frode und schlug die Augen nieder.</p><p>�In meinem Arbeitszimmer, zu Hause.�</p><p>Der Fall Harriet Vanger war zweifellos die bizarrste Geschichte, mit der Mikael jemals zu tun gehabt hatte. �berhaupt war das letzte Jahr von dem Moment an, als er die Story �ber Hans-Erik Wennerstr�m ver�ffentlichte, eine einzige Achterbahnfahrt gewesen, und er hatte sich wie im freien Fall gef�hlt. Und anscheinend war es damit noch nicht vorbei.</p><p>Frode zierte sich noch ewig. Erst um sechs Uhr abends hielt Mikael Salanders Bericht in der Hand. Er war knapp achtzig Seiten stark, dazu kamen hundert Seiten Kopien von Artikeln, Zeugnissen und andere Belege, die ein Licht auf verschiedene Facetten von Mikaels Leben warfen.</p><p>Es war seltsam, etwas �ber sich selbst zu lesen, das einer Kombination aus Autobiografie und geheimdienstlichem Bericht gleichkam. Mikaels Erstaunen wuchs immer mehr, als er sah, wie detailliert der Bericht war. Lisbeth Salander hatte zielsicher so manches zutage gef�rdert, wovon er geglaubt hatte, es sei schon l�ngst auf dem Komposthaufen der Geschichte gelandet. Sie hatte zum Beispiel eine alte Aff�re ausgegraben, die er als junger Mann mit einer flammenden Gewerkschaftsanh�ngerin gehabt hatte, die nun Vollzeitpolitikerin war. <emphasis>Mit wem um alles in der Welt hat sie da nur gesprochen?</emphasis> Sie war auf seine Rockband <emphasis>Bootstrap</emphasis> gesto�en, an die sich heutzutage wohl kaum noch ein Mensch erinnern d�rfte. Sie hatte seine finanziellen Verh�ltnisse bis ins kleinste Detail untersucht. <emphasis>Wie zum Teufel hat sie das angestellt?</emphasis></p><p>Als Journalist hatte Mikael �ber die Jahre gelernt, Informationen aus Personen herauszulocken, und aus rein beruflichen Gr�nden konnte er die Qualit�t dieses Berichts beurteilen. Seines Erachtens gab es keinen Zweifel, dass Lisbeth Salander teuflisch gut darin war, Informationen zutage zu f�rdern. Er  bezweifelte, dass er selbst einen entsprechenden Bericht �ber einen ihm v�llig unbekannten Menschen zustande gebracht h�tte.</p><p>Mikael bemerkte auch, dass es keinen Grund gab, vornehmen Abstand zu Erika zu wahren, wenn sie mit Henrik zu tun hatten - er war bereits im Detail �ber ihr langj�hriges Verh�ltnis und die Dreiecksbeziehung mit Greger Beckman informiert.</p><p>Salander hatte auch eine exakte Beurteilung geliefert, wie es um <emphasis>Millennium</emphasis> bestellt war. Henrik hatte genau gewusst, wie schlecht es um das Magazin stand, als er sich mit Erika in Verbindung setzte und ihr anbot, Teilhaber zu werden. <emphasis>Was f�r ein Spiel spielen Sie eigentlich?</emphasis></p><p>Die Wennerstr�m-Aff�re wurde nur in einer kurzen �bersicht abgehandelt, aber sie hatte anscheinend an einem der Verhandlungstage im Publikum gesessen. Sie stellte auch Fragen zu Mikaels seltsamem Verhalten, als er im Prozess eine Aussage verweigerte. <emphasis>Cleveres M�dchen, wer immer du bist.</emphasis></p><p>In der n�chsten Sekunde setzte Mikael sich auf und traute seinen Augen nicht. Lisbeth Salander hatte einen kurzen Absatz dar�ber geschrieben, wie sie die Entwicklung der Dinge nach dem Prozess einsch�tzte. Sie hatte fast wortw�rtlich die Pressemitteilung wiedergegeben, die Erika ver�ffentlichte, als er seinen Posten als verantwortlicher Herausgeber bei <emphasis>Millennium</emphasis> zur Verf�gung stellte.</p><p><emphasis>Lisbeth Salander hat den Originalwortlaut des Textes verwendet.</emphasis> Er warf einen Blick auf den Umschlag, in dem der Bericht gesteckt hatte. Er war auf drei Tage vor dem Zeitpunkt datiert, an dem Mikael das Urteil gesprochen wurde. <emphasis>Das ist unm�glich.</emphasis></p><p>An diesem Tag hatte die Pressemitteilung nur an einem einzigen Ort auf der Welt existiert. In Mikaels Computer. In seinem eigenen iBook, nicht im Computer in der Redaktion. Der Text war nie ausgedruckt worden. Nicht einmal Erika hatte eine Kopie davon besessen.</p><p>Mikael Blomkvist legte Lisbeth Salanders Bericht langsam aus der Hand. Er beschloss, sich nicht noch eine Zigarette anzuz�nden. Stattdessen zog er die Jacke an und ging in die Nacht hinaus, die eine Woche vor Mittsommer ganz hell war. Er folgte dem Ufer des Sunds, passierte Cecilias Grundst�ck und das protzige Motorboot, das unterhalb von Martin Vangers Villa lag. Er ging langsam und dachte nach. Schlie�lich setzte er sich auf einen Stein und sah zu den Blinkfeuern in der Hedestads-Bucht hinaus. Es gab nur eine M�glichkeit.</p><p><emphasis>Du bist in meinem Computer gewesen, Lisbeth Salander,</emphasis>  sagte er laut zu sich selbst. <emphasis>Du bist eine verdammte Hackerin.</emphasis></p><a id="calibre_link-89"/><p><a id="calibre_link-90"/></p><p><strong>18. Kapitel</strong></p><p><strong>Mittwoch, 18. Juni</strong></p><p>Lisbeth Salander schreckte aus ihrem traumlosen Schlaf hoch. Ihr war leicht �bel. Sie brauchte den Kopf nicht zu drehen, um sich zu vergewissern. Sie wusste auch so, dass Mimmi schon zur Arbeit gegangen war, aber ihr Geruch hing immer noch in der abgestandenen Schlafzimmerluft. Sie hatten auf dem Dienstagstreffen mit den <emphasis>Evil Fingers</emphasis> in der <emphasis>M�hle</emphasis> zu viel Bier getrunken. Kurz bevor das Lokal zumachte, war Mimmi aufgetaucht und hatte sie nach Hause und ins Bett begleitet.</p><p>Im Gegensatz zu Mimmi hatte Lisbeth sich nie als Lesbe gesehen. Sie hatte ihre Zeit niemals damit verschwendet, dar�ber nachzudenken, ob sie hetero-, homo- oder m�glicherweise bisexuell war. Im Gro�en und Ganzen machte sie sich nichts aus solchen Etiketten und fand, dass es ihre Sache war, mit wem sie ins Bett ging. M�sste sie sich unbedingt f�r eine sexuelle Pr�ferenz entscheiden, dann h�tte sie wohl Jungs vorgezogen - zumindest waren die in ihrer pers�nlichen Statistik die Spitzenreiter. Es war nur ein bisschen problematisch, einen Jungen aufzutreiben, der kein Waschlappen und einigerma�en anst�ndig im Bett war. Da war Mimmi ein s��er Kompromiss. Sie hatte Mimmi ein Jahr zuvor in einem Bierzelt auf dem Gay-Pride-Festival kennengelernt, und sie war die einzige Person,  die Lisbeth ihrerseits den <emphasis>Evil Fingers</emphasis> vorgestellt hatte. Sie hatten das Jahr �ber sporadisch Kontakt gehabt; f�r beide Seiten war das Ganze nur ein Zeitvertreib. Mimmi hatte einen warmen und weichen K�rper, aber sie war auch jemand, mit dem man aufwachen und fr�hst�cken konnte.</p><p>Die Uhr auf ihrem Nachttisch zeigte halb zehn Uhr vormittags, und sie �berlegte gerade, wovon sie aufgewacht war, als es an der T�r l�utete. Sie setzte sich verbl�fft auf. Nur ganz wenige Menschen klingelten �berhaupt bei ihr. Schlaftrunken wickelte sie sich ihr Laken um den K�rper, tapste leicht taumelnd auf den Korridor und �ffnete. Sie blickte direkt in die Augen von Mikael Blomkvist. Panik fuhr ihr in die Glieder, und sie trat unwillk�rlich einen Schritt zur�ck.</p><p>�Guten Morgen, Frau Salander�, begr��te er sie munter. �Ich seh schon, ist ein bisschen sp�t geworden gestern. Darf ich reinkommen?�</p><p>Ohne ihre Erlaubnis abzuwarten, trat er �ber die Schwelle und zog die T�r hinter sich zu. Er betrachtete neugierig den Kleiderhaufen auf dem Flurboden sowie den Berg von geb�ndeltem Altpapier und sp�hte durch die Schlafzimmert�r, w�hrend Lisbeth Salanders Welt Kopf stand - <emphasis>wie, was, wer?</emphasis> Mikael Blomkvist sah am�siert, dass ihr der Mund weit offen stand.</p><p>�Ich habe mir schon gedacht, dass Sie noch nicht gefr�hst�ckt haben, deshalb habe ich Bagels mitgebracht. Einmal Roastbeef, einmal Pute mit Dijon-Senf und einmal vegetarisch mit Avocado. Ich wei� nicht, welchen Sie gerne m�chten. Roastbeef?� Er verschwand in ihrer K�che und fand ihre Kaffeemaschine sofort. �Wo steht denn der Kaffee?�, rief er. Salander stand wie gel�hmt auf dem Flur, bis sie den Wasserhahn h�rte. Sie machte drei rasche Schritte.</p><p>�Stopp!� Sie merkte, dass sie geschrien hatte, und senkte die Stimme. �Sie k�nnen hier nicht einfach reinstiefeln, als w�rden Sie hier wohnen, verdammt noch mal! Wir kennen uns ja nicht mal.�</p><p>Mikael Blomkvist, der mit der Kaffeekanne gerade Wasser in den Beh�lter gie�en wollte, hielt inne und wandte sich zu ihr.</p><p>Er antwortete ihr in ernstem Ton:</p><p>�Falsch! Sie kennen mich besser als die meisten anderen Menschen. Oder?�</p><p>Er drehte ihr wieder den R�cken zu, goss den Wasserbeh�lter voll und begann, verschiedene Dosen zu �ffnen. �Apropos, ich wei� auch, wie Sie das anstellen. Ich kenne Ihre Geheimnisse n�mlich auch.�</p><p>Lisbeth Salander blinzelte und w�nschte sich dringend, dass der Boden aufh�ren w�rde zu schwanken. Sie befand sich in einem Zustand geistiger L�hmung. Und sie hatte einen Kater. Die Situation war irreal, und ihr Gehirn weigerte sich zu funktionieren. <emphasis>Er wei�, wo ich wohne!</emphasis> Er stand in ihrer K�che. Das war unm�glich. Das durfte einfach nicht passieren. <emphasis>Er wei�, wer ich bin!</emphasis></p><p>Pl�tzlich sp�rte sie, dass das Laken davonglitt, und raffte es fester um ihren K�rper. Er sagte etwas, was sie nicht gleich verstand. �Wir m�ssen uns unterhalten�, wiederholte er. �Aber ich glaube, Sie sollten erst mal unter die Dusche.�</p><p>Sie versuchte, vern�nftig mit ihm zu reden. �H�ren Sie - wenn Sie Schwierigkeiten machen wollen, dann sind Sie bei mir an der falschen Adresse. Ich habe meinen Job getan. Sie m�ssen mit meinem Chef reden.�</p><p>Er stellte sich vor sie, die Arme ausgebreitet und die Handfl�chen ihr zugedreht. <emphasis>Ich bin unbewaffnet.</emphasis> Das universelle Friedenssignal. �Ich habe bereits mit Dragan Armanskij geredet. Er m�chte �brigens, dass Sie ihn anrufen. Sie sind gestern Abend nicht an Ihr Handy gegangen.�</p><p>Er ging auf sie zu. Sie f�hlte sich nicht bedroht, wich aber ein paar Zentimeter zur�ck, als er ihren Arm ber�hrte und auf die Badezimmert�r zeigte. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn  jemand sie ohne ihre Erlaubnis anfasste, mochte es auch in freundlicher Absicht geschehen.</p><p>�Ich will �berhaupt keine Schwierigkeiten machen�, sagte er ruhig. �Aber mir ist sehr daran gelegen, mit Ihnen zu reden. Wenn Sie aufgewacht sind, hei�t das nat�rlich. Der Kaffee ist fertig, sobald Sie sich angezogen haben. Und jetzt Dusche. Husch, husch.�</p><p>Sie gehorchte ihm willenlos. Lisbeth Salander ist niemals willenlos, dachte sie.</p><p>Im Badezimmer lehnte sie sich gegen die T�r und versuchte, ihre Gedanken zu sammeln. Sie war ersch�tterter, als sie es f�r m�glich gehalten h�tte. Erst in diesem Moment bemerkte sie, dass ihr fast die Blase platzte und eine Dusche nicht nur ein guter Rat war, sondern nach dem Chaos der letzten Nacht eine echte Notwendigkeit. Als sie fertig war, schlich sie sich ins Schlafzimmer und zog Slip und Jeans an sowie ein T-Shirt mit der Aufschrift <emphasis>Armageddon was yesterday - today we have a serious problem</emphasis>.</p><p>Sie ging zu ihrer Lederjacke, die �ber einem Stuhl hing, holte die E-Pistole aus der Tasche, kontrollierte die Ladung und steckte sie sich in die Ges��tasche ihrer Jeans. Der Duft von Kaffee verbreitete sich in der Wohnung. Sie atmete tief durch und ging zur�ck in die K�che.</p><p>�Machen Sie eigentlich nie sauber?�, fragte er.</p><p>Er hatte die Sp�lmaschine mit altem Geschirr gef�llt, die Aschenbecher geleert, abgelaufene Milch weggesch�ttet und den Tisch von einem f�nf Wochen alten Zeitungsstapel befreit. Des Weiteren hatte er abgetrocknet und den Tisch mit Tassen sowie - er hatte tats�chlich keine Witze gemacht - Bagels gedeckt. Es sah einladend aus, und sie war nach der Nacht mit Mimmi wirklich hungrig. <emphasis>Okay, schauen wir uns mal an, wie das hier weitergeht.</emphasis> Abwartend nahm sie gegen�ber von ihm Platz.</p><p>�Sie haben mir immer noch keine Antwort gegeben. Roastbeef, Pute oder vegetarisch?�</p><p>�Roastbeef.�</p><p>�Dann nehm ich Pute.�</p><p>Sie fr�hst�ckten schweigend, w�hrend sie sich gegenseitig musterten. Als sie ihren Bagel aufgegessen hatte, vertilgte sie auch noch die H�lfte des vegetarischen. Sie nahm ein zerknautschtes Paket vom Fensterbrett und z�ndete sich eine Zigarette an.</p><p>�Okay, dann wei� ich jetzt auch Bescheid�, brach er das Schweigen. �Ich bin vielleicht nicht so gut wie Sie, wenn es darum geht, den pers�nlichen Hintergrund fremder Personen zu recherchieren, aber jetzt wei� ich zumindest, dass Sie weder Veganerin sind noch - wie Dirch Frode vermutete - an Magersucht leiden. Ich werde diese Informationen in meinem Bericht �ber Sie vermerken.�</p><p>Salander starrte ihn an, aber als sie sein Gesicht sah, wurde ihr klar, dass er sie nur aufziehen wollte. Er sah so am�siert aus, dass sie nicht widerstehen konnte, ihn schief anzul�cheln. Die Situation war absurd. Sie schob den Teller von sich. Er hatte freundliche Augen. Was immer er sein mochte, er war h�chstwahrscheinlich kein b�ser Mensch, sagte sie sich. In ihrem Bericht hatte es ja auch keine Hinweise darauf gegeben, dass er ein b�sartiger Dreckskerl war, der seine Freundinnen misshandelte oder �hnliches. Sie rief sich in Erinnerung, dass sie alles �ber ihn wusste - nicht umgekehrt. Wissen ist Macht.</p><p>�Was grinsen Sie denn so?�, fragte sie.</p><p>�Entschuldigung. Ich hatte wirklich nicht vor, Sie einfach zu �berfallen. Ich wollte Ihnen auch nicht so einen Schreck einjagen, wie ich es offenbar getan habe. Aber Sie h�tten Ihre eigene Miene sehen sollen, als Sie mir die T�r aufmachten. Da konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mir einen Spa� daraus zu machen.�</p><p>Stille. Zu ihrem eigenen Erstaunen empfand Lisbeth Salander seine ungebetene Gesellschaft als akzeptabel - oder zumindest nicht als unangenehm.</p><p>�Betrachten Sie es einfach als meine Rache daf�r, dass Sie in meinem Privatleben herumgeschn�ffelt haben�, sagte er fr�hlich. �Haben Sie Angst vor mir?�</p><p>�Nein�, antwortete Salander.</p><p>�Gut. Ich bin nicht hier, um Ihnen wehzutun oder Ihnen Schwierigkeiten zu bereiten.�</p><p>�Wenn Sie versuchen, mir wehzutun, werde ich Sie verletzen. Und zwar schwer.�</p><p>Mikael musterte sie. Sie war knapp 1 Meter 50 gro� und wirkte nicht so, als h�tte sie ihm viel entgegensetzen k�nnen, wenn er gewaltsam in ihre Wohnung eingedrungen w�re. Aber ihre Augen waren ausdruckslos und ruhig.</p><p>�Das steht gar nicht zur Debatte�, sagte er schlie�lich. �Ich habe keine b�sen Absichten. Ich muss mit Ihnen reden. Wenn Sie wollen, dass ich gehe, dann m�ssen Sie es nur sagen.� Er �berlegte kurz. �Irgendwie ist das lustig, weil �� Er f�hrte den Satz nicht zu Ende.</p><p>�Was?�</p><p>�Ich wei� nicht, ob das irgendwie verst�ndlich klingt, aber vor vier Tagen wusste ich noch nicht einmal, dass es Sie gibt. Dann bekam ich Ihre Analyse von mir in die Finger�, er w�hlte in seiner Umh�ngetasche und fand den Bericht, �und das war eine eher beunruhigende Lekt�re.�</p><p>Er verstummte und sah eine Weile aus dem K�chenfenster. �Kann ich eine Zigarette von Ihnen haben?� Sie schob ihm die Schachtel zu.</p><p>�Sie haben vorhin gesagt, dass wir uns nicht kennen, und ich habe geantwortet, dass wir das sehr wohl tun.�</p><p>Er zeigte auf den Bericht. �Ich konnte noch nicht mit Ihnen gleichziehen - ich habe nur eine kleine Routinekontrolle durchgef�hrt, um Ihre Adresse und Ihr Geburtsdatum herauszukriegen -, aber Sie wissen definitiv ganz sch�n viel �ber  mich. Vieles davon ist sehr privat, und nur meine engsten Freunde wissen von diesen Dingen. Und jetzt sitze ich hier in Ihrer K�che und esse Bagels mit Ihnen. Wir kennen uns seit einer halben Stunde, doch ich habe irgendwie das Gef�hl, als w�ren wir alte Bekannte. Verstehen Sie, was ich meine?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Sie haben sch�ne Augen�, sagte er.</p><p>�Sie haben nette Augen�, entgegnete sie. Er konnte nicht einsch�tzen, ob sie das ironisch meinte.</p><p>Schweigen.</p><p>�Warum sind Sie hier?�, fragte sie pl�tzlich.</p><p><emphasis>Kalle Blomkvist</emphasis> - der Spitzname kam ihr in den Sinn, und sie unterdr�ckte den Impuls, ihn laut auszusprechen - sah auf einmal sehr ernst aus. Seine Augen waren m�de. Die Selbstsicherheit, mit der er sich vorhin in ihre Wohnung gedr�ngt hatte, war verschwunden, und sie schloss daraus, dass die Spa�macherei vorerst vorbei war. Zum ersten Mal bemerkte sie, wie er sie eingehend und nachdenklich musterte. Sie konnte nicht erraten, was in seinem Kopf vor sich ging, aber sie sp�rte sofort, dass sein Besuch eine Wendung zum Ernsthaften genommen hatte.</p><p>Lisbeth Salander wusste sehr wohl, dass sie ihre Nerven nicht wirklich unter Kontrolle hatte. Blomkvists v�llig �berraschender Besuch hatte sie so schockiert, wie sie es im Zusammenhang mit ihrem Job noch nie erlebt hatte. Sie verdiente ihr Brot damit, andere Menschen auszuspionieren. Eigentlich hatte sie das, was sie f�r Armanskij machte, nie als <emphasis>richtige Arbeit</emphasis> definiert, sondern eher als komplizierten Zeitvertreib, fast schon als Hobby.</p><p>Um der Wahrheit die Ehre zu geben, liebte sie es, im Leben anderer Menschen herumzuschn�ffeln und deren Geheimnisse aufzudecken - das hatte sie selbst schon vor langer Zeit festgestellt. In der einen oder anderen Form hatte sie das getan, so lange sie sich zur�ckerinnern konnte. Und sie tat es noch heute, nicht nur, wenn Armanskij ihr einen Auftrag gab, sondern manchmal auch zum Vergn�gen. Es gab ihr einen Kick, der sie befriedigte. Es war wie ein kompliziertes Computerspiel, mit dem Unterschied, dass es eben um lebende Menschen ging. Und jetzt sa� der Gegenstand ihres Hobbys pl�tzlich in der K�che und lud sie zum Fr�hst�ck ein.</p><p>�Ich habe ein faszinierendes Problem�, begann Mikael. �Sagen Sie, als Sie mich f�r Frode �berpr�ften, wussten Sie da, wozu der Bericht verwendet werden sollte?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Frode wollte Informationen �ber mich, weil er, oder besser gesagt sein Auftraggeber, mich engagieren wollte.�</p><p>�Aha.�</p><p>Er schenkte ihr ein schwaches L�cheln.</p><p>�Irgendwann werden Sie und ich uns auch noch mal �ber die moralischen Aspekte dessen unterhalten, dass Sie in anderer Menschen Privatleben herumschn�ffeln. Aber im Moment habe ich ein ganz anderes Problem � Der Job, den man mir gegeben hat und den ich aus unerfindlichen Gr�nden angenommen habe, ist der bizarrste Auftrag, den ich jemals bekommen habe. Kann ich Ihnen vertrauen, Lisbeth?�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Dragan Armanskij behauptet, dass Sie absolut zuverl�ssig sind. Aber ich frage Sie trotzdem. Kann ich Ihnen Geheimnisse anvertrauen, ohne dass Sie sie weitergeben? An niemanden.�</p><p>�Warten Sie mal. Sie haben also mit Dragan gesprochen - hat er Sie zu mir geschickt?�</p><p><emphasis>Ich mach dich fertig, du verdammter Armenier.</emphasis></p><p>�Na ja, nicht direkt. Sie sind nicht die Einzige, die sich eine Adresse besorgen kann, das habe ich ganz allein gemacht. Ich habe beim Einwohnermeldeamt nachgefragt. Es gibt drei Personen namens Lisbeth Salander, und die anderen zwei kamen nicht infrage. Aber ich habe gestern mit Armanskij Kontakt  aufgenommen, und wir haben uns lange unterhalten. Auch er glaubte zuerst, ich w�re gekommen, um �rger wegen Ihrer Schn�ffeleien in meinem Privatleben zu machen, aber zum Schluss konnte ich ihn �berzeugen, dass ich ein ganz legitimes Anliegen habe.�</p><p>�Und das w�re?�</p><p>�Frodes Auftraggeber hat mich, wie gesagt, f�r einen Job engagiert. Ich bin mittlerweile an einen Punkt gekommen, an dem ich so schnell wie m�glich die Hilfe eines kompetenten Ermittlers brauche. Frode hat mir von Ihnen erz�hlt und sagte, Sie seien kompetent. Es ist ihm einfach so rausgerutscht, und auf die Art habe ich erfahren, dass Sie Nachforschungen zu meiner Person angestellt haben. Gestern habe ich mit Armanskij geredet und ihm erkl�rt, was ich brauche. Er hat das Ganze abgenickt und dann versucht, Sie anzurufen, aber Sie sind nicht ans Telefon gegangen, und dann � Hier bin ich. Sie k�nnen Armanskij anrufen und alles �berpr�fen, wenn Sie wollen.�</p><p>Lisbeth Salander brauchte ein paar Minuten, bis sie ihr Handy unter den Kleidern fand, von denen Mimmi sie am Abend zuvor befreit hatte. Mikael beobachtete ihr verlegenes W�hlen mit gro�em Interesse, w�hrend er eine Runde durch die Wohnung drehte. Ihre M�bel wirkten durchweg so, als seien sie auf der M�llhalde gefunden worden. Auf einem kleinen Arbeitstisch im Wohnzimmer hatte sie ein imposantes <emphasis>PowerBook</emphasis>, absolut <emphasis>state of the art</emphasis>. Auf einem Regal stand ein CD-Player. Ihre CD-Sammlung war jedoch alles andere als imposant - j�mmerliche zehn CDs von Bands, von denen Mikael noch nie geh�rt hatte und deren Musiker auf den Booklets aussahen wie Vampire aus dem All. Er stellte fest, dass Musik nicht ihr Spezialgebiet war.</p><p>Lisbeth sah, dass Armanskij sie am Abend zuvor nicht weniger als sieben Mal angerufen und morgens zwei weitere Versuche unternommen hatte. Sie w�hlte seine Nummer, w�hrend Mikael sich an den T�rrahmen lehnte und das Gespr�ch belauschte.</p><p>�Ich bin�s � Tut mir leid, ich hatte es ausgeschaltet � Ich wei�, dass er mich engagieren will � Nein, er ist hier in meinem Wohnzimmer �� Sie hob die Stimme. �Dragan, ich habe einen Kater und Kopfweh, also h�ren Sie auf, mich vollzuschwallern. Haben Sie Ihr Okay f�r den Job gegeben oder nicht? � Danke.�</p><p>Klick.</p><p>Lisbeth Salander musterte Mikael Blomkvist verstohlen durch die Wohnzimmert�r. Er sah ihre CDs durch, nahm ein paar B�cher aus ihrem Regal und hatte gerade ein braunes Medizinfl�schchen ohne Etikett gefunden, das er neugierig gegen das Licht hielt. Als er schon den Verschluss abschrauben wollte, nahm sie ihm das Fl�schchen aus der Hand, ging zur�ck in die K�che, setzte sich auf einen Stuhl und massierte sich die Stirn, w�hrend Mikael wieder Platz nahm.</p><p>�Die Regeln sind einfach�, sagte sie. �Nichts von dem, was Sie mit mir oder Armanskij besprechen, wird an Au�enstehende weitergegeben. Wir werden einen Vertrag unterzeichnen, in dem Milton Security sich zu absolutem Stillschweigen verpflichtet. Ich will wissen, was das f�r ein Job ist, bevor ich entscheide, ob ich f�r Sie arbeiten will oder nicht. Das bedeutet, dass ich alles, was Sie mir erz�hlen, f�r mich behalten werde, ob ich den Job jetzt annehme oder nicht. Immer vorausgesetzt, Sie haben mir nicht verraten, dass Sie schwere kriminelle Machenschaften betreiben. Dann w�rde ich alles an Dragan weitergeben, der seinerseits die Polizei einschalten w�rde.�</p><p>�Gut.� Er z�gerte. �Armanskij wei� vielleicht ganz genau, wof�r ich Sie engagieren will.�</p><p>�Er hat gesagt, ich soll Ihnen bei einer historischen Recherche helfen.�</p><p>�Ja, das ist schon korrekt. Aber eigentlich will ich, dass Sie f�r mich einen Serienm�rder identifizieren.�</p><p>Mikael brauchte �ber eine Stunde, bis er alle heiklen Details des Falls Harriet Vanger dargelegt hatte. Er lie� nichts aus. Frode hatte ihm die Erlaubnis erteilt, sie anzuheuern, und dazu musste er ihr auch volles Vertrauen entgegenbringen.</p><p>Er berichtete ebenfalls von seinem Verh�ltnis mit Cecilia Vanger und wie er ihr Gesicht in Harriets Fenster entdeckt hatte. Er gab Lisbeth so viele Details zu ihrer Pers�nlichkeit, wie er nur konnte. Er musste sich eingestehen, dass Cecilia auf der Liste der Verd�chtigen ganz nach oben geklettert war. Aber er konnte nicht im Entferntesten begreifen, wie Cecilia mit einem M�rder in Verbindung gebracht werden konnte, der schon aktiv war, als sie noch ein kleines Kind war.</p><p>Als er fertig war, gab er Lisbeth eine Kopie der Liste aus dem Adressbuch.</p><p><image l:href="#4"/></p><p>�Was soll ich tun?�</p><p>�Ich habe RJ identifiziert, Rebecka Johansson, und habe sie mit einem Bibelzitat in Verbindung bringen k�nnen, das von Brandopfern handelt. Sie wurde ermordet, indem man ihren Kopf auf eine glimmende Feuerstelle legte; das hat �hnlichkeit mit der Beschreibung in diesem Zitat. Wenn es so ist, wie ich glaube, dann werden wir noch vier weitere Opfer finden: Magda, Sara, Mari und RL.�</p><p>�Sie glauben, dass sie tot sind? Ermordet?�</p><p>�Von einem M�rder, der in den f�nfziger, vielleicht auch in den sechziger Jahren aktiv war und irgendwie mit Harriet in Verbindung steht. Ich bin alte Nummern des <emphasis>Hedestads-Kuriren</emphasis>  durchgegangen. Der Mord an Rebecka war das einzige bizarre Verbrechen mit Verbindung zu Hedestad, das ich finden konnte. Ich m�chte, dass Sie im restlichen Schweden weitersuchen.�</p><p>Lisbeth Salander �berlegte so lange mit ausdruckslosem Schweigen, dass Mikael sich ungeduldig zu winden begann. Er fragte sich schon, ob er sich die falsche Person ausgesucht hatte, als sie schlie�lich den Blick hob.</p><p>�Okay. Ich nehme den Job an. Aber Sie m�ssen einen Vertrag mit Armanskij machen.�</p><p>Armanskij druckte den Vertrag aus, den Mikael mit nach Hedestad nehmen und dort von Frode unterzeichnen lassen sollte. Als er an Lisbeth Salanders B�ro vorbeiging, sah er durch die Glasscheibe, wie sie und Mikael Blomkvist sich �ber ihr PowerBook beugten. Mikael legte ihr eine Hand auf die Schulter - <emphasis>er ber�hrte sie</emphasis> - und zeigte auf etwas. Armanskij verlangsamte seine Schritte.</p><p>Mikael sagte etwas, was Salander zu erstaunen schien. Dann lachte sie laut.</p><p>Armanskij hatte sie noch nie lachen geh�rt, obwohl er mehrere Jahre versucht hatte, ihr Vertrauen zu gewinnen. Mikael Blomkvist kannte sie seit f�nf Minuten, und jetzt lachten sie schon gemeinsam.</p><p>Pl�tzlich hasste er Blomkvist mit einer Heftigkeit, die ihn selbst �berraschte. Er r�usperte sich, als er in der T�r stand, und legte die Plastikmappe mit dem Vertrag auf den Tisch.</p><p>Mikael schaute am Nachmittag bei der <emphasis>Millennium</emphasis>-Redaktion vorbei. Es war das erste Mal, seit er vor Weihnachten seinen Schreibtisch ger�umt hatte. Er hatte ein befremdliches Gef�hl,  als er die vertrauten Treppen hinauflief. Sie hatten die Zahlenkombination f�r die T�r nicht ge�ndert, und so konnte er unbemerkt in die Redaktion schleichen, wo er kurz stehen blieb und sich umsah.</p><p><emphasis>Millennium</emphasis> hatte ein L-f�rmiges B�ro. Der Eingangsbereich war ein gro�er Flur, der viel Platz beanspruchte, den man eigentlich zu nichts Vern�nftigem brauchen konnte. Sie hatten dort eine Sitzgruppe aufgestellt, um Besucher zu empfangen. Dahinter befanden sich der Pausenraum mit der kleinen K�che, die Toiletten sowie zwei Abstellr�ume mit B�cherregalen und das Archiv. Auch der Schreibtisch f�r den st�ndigen Praktikanten stand hier. Rechts vom Eingang war eine Glaswand, die das B�ro von Christer Malms Atelier trennte. Er hatte sein eigenes Unternehmen, das auf 80 Quadratmetern untergebracht war und das einen eigenen Zugang vom Treppenhaus hatte. Linker Hand befand sich die ungef�hr 150 Quadratmeter gro�e Redaktion, durch deren Glasfassade man auf die G�tgata blickte.</p><p>Erika hatte die Einrichtung gestaltet und Zwischenw�nde aus Glas einziehen lassen: Sie beanspruchte den gr��ten Raum f�r sich, w�hrend Mikael am anderen Ende der Redaktion untergebracht war. Es war der einzige Raum, in den man vom Eingang aus hineinsehen konnte. Er bemerkte, dass niemand dort eingezogen war.</p><p>Der dritte Raum lag ein bisschen abgesondert und wurde vom sechzigj�hrigen Sonny Magnusson benutzt, der jahrelang erfolgreich Anzeigen f�r <emphasis>Millennium</emphasis> verkauft hatte. Erika hatte Sonny gefunden, nachdem er den Rationalisierungsma�nahmen seines alten Betriebs, in dem er den Gro�teil seines Berufslebens verbracht hatte, zum Opfer gefallen war. Sonny war damals schon in einem Alter gewesen, in dem er nicht mehr damit rechnen konnte, noch eine neue Stelle zu finden. Doch Erika hatte ihn sorgf�ltig ausgew�hlt. Sie bot ihm ein bescheidenes Monatshonorar sowie Prozente auf die  Einnahmen aus den Anzeigen an. Sonny war darauf eingegangen, und niemand hatte es jemals bereut. Aber im letzten Jahr hatte Sonnys Verkaufstalent auch nichts mehr genutzt, die Anzeigeneinnahmen waren in den Keller gest�rzt. Sonnys Lohn war dadurch ebenfalls dramatisch gesunken, aber statt sich nach etwas Neuem umzusehen, hatte er den G�rtel enger geschnallt und loyal die Stellung gehalten. Im Gegensatz zu mir, der ich den Erdrutsch ausgel�st habe, dachte Mikael.</p><p>Schlie�lich nahm er also seinen Mut zusammen und betrat die halb leere Redaktion. Er konnte Erika mit dem Telefonh�rer am Ohr in ihrem B�ro sitzen sehen. Nur zwei der Angestellten waren in der Redaktion. Die siebenunddrei�igj�hrige Monika Nilsson war eine erfahrene Journalistin, die sich auf politische Beobachtung spezialisiert hatte und vermutlich die lupenreinste Zynikerin war, die Mikael jemals kennengelernt hatte. Sie arbeitete seit neun Jahren bei <emphasis>Millennium</emphasis> und f�hlte sich dort extrem wohl. Henry Cortez war vierundzwanzig Jahre alt und der j�ngste Mitarbeiter. Er war vor zwei Jahren direkt von der Journalistenschule gekommen und hatte verk�ndet, dass er bei <emphasis>Millennium</emphasis> arbeiten wollte und sonst nirgends. Erika hatte nicht genug Geld, um ihn anzustellen, aber sie bot ihm einen Schreibtisch in einer Ecke an und besch�ftigte ihn mit freien Auftr�gen.</p><p>Beide stie�en einen �berraschten Schrei aus, als sie Mikael pl�tzlich entdeckten. Man k�sste ihn auf die Wange und klopfte ihm auf den R�cken. Sie erkundigten sich sofort, ob er seinen Dienst wieder aufnehmen w�rde, und seufzten entt�uscht, als er erkl�rte, er m�sse noch ein halbes Jahr auf seinem Posten in Norrland bleiben und sei nur gekommen, um Hallo zu sagen und mit Erika zu reden.</p><p>Erika freute sich ebenfalls, ihn zu sehen, schenkte Kaffee ein und schloss ihre Zimmert�r. Sie fragte sofort nach Henrik Vangers Zustand. Mikael berichtete, er wisse nicht mehr als  das, was Dirch Frode ihm erz�hlt hatte: Der Zustand war ernst, aber der alte Mann lebte noch.</p><p>�Was machst du in der Stadt?�</p><p>Mikael war pl�tzlich verlegen. Da Milton Security nur ein paar Bl�cke entfernt lag, war er auf einen spontanen Impuls hin in die Redaktion gekommen. Es schien ihm zu kompliziert, Erika zu erkl�ren, dass er gerade eine private Ermittlerin angeheuert hatte, die sich zuvor in seinen Computer gehackt hatte. Stattdessen zuckte er mit den Schultern und sagte, er m�sse im Vanger-Fall etwas erledigen und w�rde umgehend wieder in Richtung Norden zur�ckfahren. Er fragte sie, wie es in der Redaktion ginge.</p><p>�Abgesehen von der angenehmen Nachricht, dass das Anzeigenvolumen und die Zahl der Abonnenten weiterhin steigen, h�tten wir da leider auch eine dunkle Wolke am Himmel.�</p><p>�Aha?�</p><p>�Janne Dahlman.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Ich musste im April ein Einzelgespr�ch mit ihm f�hren, direkt nachdem wir bekannt gegeben hatten, dass Henrik Vanger als Teilhaber eingestiegen ist. Ich wei� nicht, ob es einfach in seiner Natur liegt, negativ zu sein, oder ob er eine Art Spiel spielt.�</p><p>�Was ist denn passiert?�</p><p>�Ich hatte kein Vertrauen mehr zu ihm. Nachdem wir die Vereinbarung mit Vanger unterzeichnet hatten, mussten Christer und ich entscheiden, ob wir sofort die ganze Redaktion dar�ber informieren, dass wir vorerst weitermachen, oder ��</p><p>�Oder ob ihr nur ein paar ausgew�hlte Mitarbeiter informiert.�</p><p>�Genau. Vielleicht bin ich paranoid, aber ich wollte nicht riskieren, dass Dahlman die Story nach drau�en durchsickern l�sst. Also beschlossen wir, die ganze Redaktion am  selben Tag zu informieren, an dem die �ffentliche Bekanntmachung erfolgte. Wir haben also �ber einen Monat dichtgehalten.�</p><p>�Und?�</p><p>�Tja, das waren die ersten guten Nachrichten seit einem Jahr. Alle jubelten, bis auf Dahlman. Ich meine - wir sind ja nicht gerade die allergr��te Redaktion. Drei Mitarbeiter und ein Praktikant brachen also in wilden Jubel aus, w�hrend ein Einziger sich wahnsinnig dar�ber aufregte, dass wir die Vereinbarung nicht fr�her bekannt gegeben hatten.�</p><p>�Er hat nicht ganz Unrecht ��</p><p>�Ich wei�. Aber leider hat er wegen dieser Geschichte noch tagelang rumgezickt, und die Stimmung in der Redaktion ging in den Keller. Als ich mir diesen Mist zwei Wochen lang angesehen hatte, rief ich ihn in mein B�ro und erkl�rte ihm, ich h�tte nur deswegen die Redaktion nicht fr�her informiert, weil ich ihm nicht mehr vertraue und nicht sicher war, ob er den Mund halten w�rde.�</p><p>�Wie hat er es aufgenommen?�</p><p>�Er war nat�rlich furchtbar gekr�nkt und erregt. Ich gab aber nicht nach, sondern stellte ihm ein Ultimatum - entweder er rei�t sich zusammen, oder er sieht sich allm�hlich nach einem neuen Job um.�</p><p>�Und?�</p><p>�Er hat sich zusammengerissen. Aber er agiert zur�ckhaltend, und zwischen ihm und dem Rest der Redaktion ist die Stimmung gespannt. Christer kann ihn nicht mehr ertragen und zeigt das ziemlich deutlich.�</p><p>�Was f�r einen Verdacht hast du gegen Dahlman?�</p><p>Erika seufzte.</p><p>�Ich wei� nicht. Wir haben ihn vor einem Jahr angestellt, als der �rger mit Wennerstr�m schon am Laufen war. Ich kann nicht das Geringste beweisen, aber ich habe so ein Gef�hl, dass er nicht auf unserer Seite steht.�</p><p>Mikael nickte.</p><p>�Vertrau deinen Instinkten.�</p><p>�Vielleicht ist er auch nur ein Idiot, der schlechte Stimmung verbreitet.�</p><p>�M�glich. Aber ich teile deine Meinung, dass wir uns versch�tzt haben, als wir ihn damals einstellten.�</p><p>Zwanzig Minuten sp�ter fuhr Mikael mit dem Auto von Dirch Frodes Frau in Richtung Norden. Es war ein zehn Jahre alter Volvo, den sie nie benutzte. Man hatte Mikael erlaubt, ihn so oft zu fahren, wie er wollte.</p><p>Es waren kleine, subtile Details, die Mikael leicht h�tte �bersehen k�nnen, wenn er weniger aufmerksam gewesen w�re. Ein Papierstapel lag schiefer da, als er ihn in Erinnerung hatte. Ein Ordner war nicht richtig ins Regal geschoben. Die Schreibtischschublade war ganz geschlossen - Mikael erinnerte sich deutlich, dass er sie einen Spalt offen gelassen hatte, als er tags zuvor in Richtung Stockholm aufgebrochen war.</p><p>Er blieb ein Weilchen unbeweglich sitzen und zweifelte an sich selbst. Dann aber wuchs seine Gewissheit, dass jemand im Haus gewesen war.</p><p>Er ging vor die T�r und sah sich um. Er hatte die T�r abgeschlossen, aber das alte Schloss lie� sich gewiss mit einem kleinen Schraubenzieher �ffnen. Au�erdem wusste er nicht, wie viele Schl�ssel �berhaupt in Umlauf waren. Er ging wieder hinein und durchsuchte systematisch sein Arbeitszimmer. Nach einer Weile stellte er fest, dass anscheinend noch alles da war.</p><p>Doch es blieb eine Tatsache, dass jemand in sein Haus eingedrungen war, in seinem Arbeitszimmer gesessen und seine Papiere und Ordner durchgebl�ttert hatte. Seinen Computer hatte er zum Gl�ck mitgenommen. Zwei Fragen stellten sich: Wer war der geheimnisvolle Besucher? Und wie viel hatte er herausfinden k�nnen?</p><p>Die Ordner waren diejenigen aus Henrik Vangers Sammlung, die er ins G�steh�uschen zur�ckgeholt hatte, nachdem er aus dem Gef�ngnis entlassen worden war. In ihnen war kein neues Material enthalten. Die Notizb�cher auf dem Schreibtisch waren f�r Uneingeweihte zu kryptisch - aber war die Person, die den Schreibtisch durchsucht hatte, denn �berhaupt uneingeweiht?</p><p>Am bedenklichsten war, dass er eine kleine Plastikmappe auf dem Schreibtisch liegen gelassen hatte, die den Zettel mit den Telefonnummern und eine Reinschrift der entsprechenden Bibelzitate enthielt. Wer auch immer das Arbeitszimmer durchsucht hatte, wusste nun, dass er den Bibelcode geknackt hatte.</p><p><emphasis>Wer?</emphasis></p><p>Henrik Vanger war im Krankenhaus. Die Haush�lterin Anna verd�chtigte er auch nicht. Frode? Aber dem hatte er schon vorher alle Details erz�hlt. Cecilia hatte die Florida-Reise abgeblasen und war zusammen mit ihrer Schwester aus London zur�ckgekommen. Er hatte sie seit ihrer R�ckkehr noch nicht getroffen, aber er hatte sie gesehen, als sie tags zuvor mit dem Auto �ber die Br�cke gefahren war. Er ging die verschiedenen Familienmitglieder Vanger durch: Harald Vanger. Birger Vanger - er war am Tag nach Henriks Infarkt anl�sslich eines Familienrats aufgetaucht, zu dem Mikael nicht eingeladen worden war. Alexander Vanger. Isabella Vanger - sie war alles andere als sympathisch.</p><p>Mit wem hatte Frode gesprochen? Was war ihm herausgerutscht? Wer von Henriks n�chsten Verwandten hatte wom�glich aufgeschnappt, dass Mikael bei seiner Ermittlungsarbeit ein Durchbruch gelungen war?</p><p>Es war nach acht Uhr abends. Er rief beim Schl�sseldienst in Hedestad an und bestellte ein neues Schloss f�r das G�stehaus. Der Mann erkl�rte sich bereit, am n�chsten Tag vorbeizukommen. Mikael versprach ihm doppelte Bezahlung,  wenn er sofort k�me. Sie einigten sich, dass er um halb elf Uhr abends kommen sollte, um ein Sicherheitsschloss einzubauen.</p><p>W�hrend er auf den Mann vom Schl�sseldienst wartete, ging Mikael gegen halb neun zu Frode hin�ber und klopfte an die T�r. Frodes Frau f�hrte ihn in den Garten hinter dem Haus und bot ihm ein kaltes Bier an, das Mikael gerne annahm. Er wollte wissen, wie es um Henrik Vanger bestellt war.</p><p>Frode sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Sie haben ihn operiert. Er hat Ablagerungen in den Herzkranzgef��en. Der Arzt sagt, die Tatsache, dass er �berhaupt noch lebt, macht Hoffnung, aber in den n�chsten Tagen wird der Zustand kritisch bleiben.�</p><p>Sie dachten eine Weile nach, w�hrend sie ihr Bier tranken.</p><p>�Haben Sie mit ihm gesprochen?�</p><p>�Nein. Er konnte nicht sprechen. Wie lief es denn in Stockholm?�</p><p>�Lisbeth Salander hat den Auftrag angenommen. Hier ist der Vertrag von Dragan Armanskij. Sie m�ssen ihn nur noch unterzeichnen und in den Briefkasten werfen.�</p><p>Frode bl�tterte die Papiere kurz durch.</p><p>�Die nimmt ja ganz sch�ne Preise�, stellte er fest.</p><p>�Henrik kann es sich leisten.�</p><p>Frode nickte, zog einen Stift aus der Brusttasche und kritzelte seinen Namen auf das Blatt.</p><p>�Ich unterschreibe am besten, solange Henrik noch lebt. Kommen Sie beim Briefkasten am Supermarkt vorbei?�</p><p>Mikael ging schon gegen Mitternacht schlafen, aber er konnte nicht einschlafen. Bis jetzt war alles wie ein Spiel gewesen, aber wenn sich jemand so sehr f�r sein Tun interessierte, dass er in seinen Arbeitsraum eindrang, dann war die Sache vielleicht ernster, als er gedacht hatte.</p><p>Schlagartig wurde ihm klar, dass es auch noch andere gab, die an seiner Arbeit interessiert waren. Henrik Vangers pl�tzliches Erscheinen in der F�hrungsspitze von <emphasis>Millennium</emphasis> konnte Hans-Erik Wennerstr�m kaum entgangen sein. Oder zeugten solche Gedanken nur von seiner beginnenden Paranoia?</p><p>Mikael stand auf, stellte sich nackt ans K�chenfenster und betrachtete aufmerksam die Kirche auf der anderen Seite der Br�cke. Er z�ndete sich eine Zigarette an.</p><p>Er wurde aus Lisbeth Salander nicht schlau. Sie zeigte ein seltsames Verhalten und legte mitten im Gespr�ch manchmal lange Pausen ein. Ihr Zuhause war ein einziges Chaos: ein Berg von Altpapier im Flur und eine K�che, die seit Jahren nicht mehr geputzt worden war. Ihre Kleider lagen in Haufen auf dem Boden. Am Hals hatte sie frische Knutschflecken, offensichtlich hatte sie �ber Nacht Gesellschaft gehabt. Sie war an verschiedenen K�rperstellen t�towiert - er hatte sicher nicht alle gesehen - und an einigen Stellen im Gesicht gepierct. Sie sah ziemlich eigen aus.</p><p>Auf der anderen Seite hatte Armanskij ihm versichert, sie sei die beste Ermittlerin der ganzen Firma, und ihr eingehender Bericht �ber Mikael Blomkvist hatte ja unbestreitbar gezeigt, dass sie sehr gr�ndlich war. <emphasis>Ein seltsames M�dchen.</emphasis></p><p>Lisbeth Salander sa� an ihrem PowerBook und dachte �ber ihre Reaktion auf Mikael Blomkvist nach. Noch nie zuvor in ihrem Erwachsenenleben hatte sie jemandem erlaubt, ihre Schwelle zu �berschreiten, wenn sie ihn nicht ausdr�cklich dazu aufgefordert hatte. Und diese kleine Schar konnte man an den Fingern einer Hand abz�hlen. Mikael war ganz ungeniert direkt in ihr Leben getreten, und sie hatte nur schwach protestiert.</p><p>Und damit nicht genug - er hatte sie aufgezogen. Er hatte sich einen Spa� mit ihr gemacht.</p><p>F�r gew�hnlich h�tte sie bei so einem Verhalten im Geiste die Pistole entsichert. Aber sie hatte sich nicht im Geringsten bedroht gef�hlt, und von seiner Seite war keine Feindseligkeit zu bemerken gewesen. Er h�tte allen Grund gehabt, sie nach Strich und Faden zusammenzustauchen - er h�tte sie sogar anzeigen k�nnen, weil er wusste, dass sie sich in seinen Computer gehackt hatte. Stattdessen hatte er auch das wie einen Witz behandelt.</p><p>Das war der heikelste Teil ihres Gespr�chs gewesen. Mikael schien den Faden absichtlich nicht wieder aufzunehmen, bis sie sich irgendwann die Frage nicht mehr verkneifen konnte: �Sie haben gesagt, Sie wissen, was ich getan habe.�</p><p>�Sie sind eine Hackerin. Sie waren in meinem Computer.�</p><p>�Woher wissen Sie das?� Lisbeth war sich v�llig sicher, dass sie keine Spuren hinterlassen hatte und ihr Eindringen nur entdeckt werden konnte, wenn ein Security-Administrator den Datenstrom an der Netzwerkkarte scannte, w�hrend sie gerade im gehackten Computer war.</p><p>�Sie haben einen Fehler gemacht.� Er erkl�rte, dass sie die Version eines Textes zitiert hatte, der nur in seinem Computer abgespeichert war und nirgendwo sonst.</p><p>Lisbeth Salander schwieg lange. Zum Schluss sah sie ihn ausdruckslos an.</p><p>�Wie haben Sie das angestellt?�, fragte er.</p><p>�Mein Geheimnis. Was wollen Sie unternehmen?�</p><p>Mikael zuckte die Achseln.</p><p>�Was kann ich schon tun? Vielleicht h�tte ich mit Ihnen mal �ber Ethik und Moral reden sollen, und �ber die Gefahren, die es mit sich bringt, wenn man im Privatleben anderer Leute herumschn�ffelt.�</p><p>�Das ist doch nichts anderes als das, was Sie als Journalist machen.�</p><p>Er nickte.</p><p>�Stimmt. Deswegen haben wir Journalisten einen Ethik-Ausschuss, der die Spielregeln �berwacht. Wenn ich einen Artikel �ber irgendeinen Schweinehund im Bankwesen schreibe, dann lasse ich sein oder ihr Sexleben aus dem Spiel. Ich schreibe nicht, dass eine Scheckbetr�gerin lesbisch ist oder auf Sex mit seinem Hund abf�hrt oder so was, selbst wenn das zuf�llig der Wahrheit entsprechen sollte. Auch Schweinehunde haben ein Recht auf Privatleben, und es ist so einfach, Leuten durch Angriffe auf ihren Lebensstil zu schaden. Verstehen Sie, was ich meine?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sie haben meine Intimsph�re verletzt. Mein Arbeitgeber braucht nicht zu wissen, mit wem ich Sex habe. Das ist meine Angelegenheit.�</p><p>Ein schiefes Grinsen zog sich quer durch Lisbeth Salanders Gesicht.</p><p>�Sie meinen, das h�tte ich nicht erw�hnen sollen.�</p><p>�In meinem Fall spielt das keine gr��ere Rolle. Die halbe Stadt wei� �ber mein Verh�ltnis mit Erika Bescheid. Es geht ums Prinzip.�</p><p>�Wenn das so ist, dann am�siert es Sie vielleicht zu erfahren, dass auch ich Prinzipien habe, die Ihrem Ethik-Ausschuss entsprechen. Ich nenne das <emphasis>Salanders Prinzip</emphasis>. Ich finde, dass ein Schweinehund immer ein Schweinehund bleibt, und wenn ich einem Schweinehund schaden kann, indem ich ans Licht zerre, was er f�r Dreck am Stecken hat, dann hat er es halt verdient. Ich zahle es ihm nur heim.�</p><p>�Okay�, l�chelte Mikael Blomkvist. �Ich argumentiere nicht v�llig anders, aber ��</p><p>�Aber dazu kommt, dass ich bei so einer Untersuchung auch danach gehe, was ich selbst von dem Menschen denke. Ich bin nicht neutral. Wenn ich mir einen Schweinehund vorgenommen habe, dann strenge ich mich extra an. Wenn es ein guter Mensch zu sein scheint, dann kann ich in meinem Bericht alles ein bisschen herunterspielen.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>�In Ihrem Fall habe ich alles ein bisschen abgeschw�cht. Ich h�tte ein Buch �ber Ihr Sexleben schreiben k�nnen. Ich h�tte Frode auch mitteilen k�nnen, dass Erika Berger eine Vergangenheit im <emphasis>Club Xtreme</emphasis> hat und in den achtziger Jahren mit Bondage- und Sadomaso-Spielchen experimentiert hat - das h�tte wohl unausweichlich gewisse Assoziationen zu Ihrem gemeinsamen Sexleben aufkommen lassen.�</p><p>Mikael Blomkvists und Lisbeth Salanders Blicke trafen sich. Dann sah er aus dem Fenster und lachte.</p><p>�Sie sind wirklich gr�ndlich. Warum haben Sie das nicht in Ihren Bericht geschrieben?�</p><p>�Erika Berger und Sie sind erwachsene Menschen, die sich anscheinend sehr nahestehen. Was Sie im Bett machen, geht keinen etwas an. Au�erdem wollte ich ihr nicht schaden oder irgendjemandem Erpressungsmaterial an die Hand geben. Wer wei� - ich kenne Dirch Frode nicht, und das Material h�tte auch bei Wennerstr�m landen k�nnen.�</p><p>�Und Wennerstr�m wollen Sie nicht mit Informationen versorgen?�</p><p>�Wenn ich mich im Kampf zwischen Ihnen und Wennerstr�m f�r eine Seite entscheiden m�sste, w�rde ich in Ihrer Ecke des Boxrings stehen.�</p><p>�Erika und ich haben ein � Unser Verh�ltnis ist ��</p><p>�Ich schei�e drauf, was f�r ein Verh�ltnis Sie haben. Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet, was Sie mit dem Wissen anfangen wollen, dass ich Ihren Computer gehackt habe.�</p><p>Er machte eine Pause, die fast genauso lang war wie ihre.</p><p>�Ich bin nicht gekommen, um Ihnen �rger zu bereiten, Lisbeth. Ich habe nicht vor, Sie zu erpressen. Ich bin hier, um Sie bei meinen Recherchen um Hilfe zu bitten. Sie k�nnen mit Ja oder Nein antworten. Wenn Sie Nein sagen, dann gehe ich weg und suche mir jemand anders, und Sie werden nie wieder etwas von mir h�ren.�</p><p>L�chelnd f�gte er hinzu: �Das hei�t, nat�rlich nur, wenn ich Sie nicht mehr in meinem Computer erwische.�</p><p>�Und das hei�t?�</p><p>�Sie wissen sehr viel �ber mich, teilweise sehr private und pers�nliche Dinge. Aber jetzt ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Ich hoffe nur, dass Sie Ihr Wissen nicht dazu verwenden wollen, Erika Berger oder mir zu schaden.�</p><p>Sie sah ihn mit ausdruckslosen Augen an.</p><a id="calibre_link-91"/><p><a id="calibre_link-92"/></p><p><strong>19. Kapitel</strong></p><p><strong>Donnerstag, 19. Juni - Sonntag, 29. Juni</strong></p><p>Mikael verbrachte zwei Tage damit, sein Material durchzugehen, w�hrend er auf die Nachricht wartete, ob Henrik Vanger �berleben w�rde oder nicht. Er hielt engen Kontakt zu Dirch Frode. Am Donnerstagabend kam Frode zum G�steh�uschen hin�ber und teilte mit, dass Henrik Vanger �ber den Berg zu sein schien.</p><p>�Er ist schwach, aber ich konnte heute ein bisschen mit ihm reden. Er will Sie so bald wie m�glich sehen.�</p><p>Am Mittsommertag gegen 13 Uhr fuhr Mikael also ins Krankenhaus von Hedestad und suchte den Gang, auf dem Henrik Vangers Zimmer lag. Er traf einen irritierten Birger Vanger an, der sich ihm in den Weg stellte und gebieterisch verk�ndete, dass Henrik Vanger unm�glich Besuch empfangen k�nne. Mikael blieb ruhig stehen und sah den Stadtrat an.</p><p>�Was Sie nicht sagen. Henrik Vanger hat mir ausdr�cklich ausrichten lassen, dass er mich heute treffen will.�</p><p>�Sie geh�ren nicht zur Familie und haben hier nichts zu suchen.�</p><p>�Sie haben recht, ich geh�re nicht zur Familie. Aber ich handle in direktem Auftrag von Henrik Vanger und nehme nur von ihm Anweisungen entgegen.�</p><p>Es h�tte zu einem heftigen Wortwechsel kommen k�nnen, w�re in diesem Moment nicht Dirch Frode aus Henriks Zimmer gekommen.</p><p>�Ah, da sind Sie ja. Henrik hat eben nach Ihnen gefragt.�</p><p>Frode hielt ihm die T�r auf, und Mikael ging an Birger Vanger vorbei ins Krankenzimmer.</p><p>Henrik Vanger sah aus, als w�re er in der letzten Woche um zehn Jahre gealtert. Er lag ersch�pft auf dem Bett, mit halb geschlossenen Augen und einem Sauerstoffschlauch in der Nase, die Haare zerzauster denn je. Eine Krankenschwester hielt Mikael zur�ck, indem sie ihm eine Hand auf den Arm legte.</p><p>�Zwei Minuten. Mehr nicht. Und regen Sie ihn nicht auf.� Mikael nickte und setzte sich auf einen Besucherstuhl, sodass er Henriks Gesicht sehen konnte. Er empfand eine Z�rtlichkeit, die ihn verbl�ffte, und dr�ckte vorsichtig die Hand des alten Mannes. Henrik Vanger sprach sto�weise und mit schwacher Stimme.</p><p>�Neuigkeiten?�</p><p>Mikael nickte.</p><p>�Ich werde Ihnen Bericht erstatten, sobald es Ihnen besser geht. Ich habe das R�tsel noch nicht gel�st, aber ich habe neues Material gefunden und verfolge gerade eine ganze Menge Spuren. In ein oder zwei Wochen kann ich sagen, ob sie irgendwohin f�hren.�</p><p>Henrik Vanger versuchte zu nicken. Es wurde eher ein Zwinkern, mit dem er signalisierte, dass er verstanden hatte.</p><p>�Ich muss ein paar Tage verreisen.�</p><p>Henriks Augenbrauen zogen sich zusammen.</p><p>�Ich muss verreisen, um etwas zu recherchieren. Ich habe mit Dirch Frode ausgemacht, dass ich ihm Bericht erstatten werde. Ist das f�r Sie in Ordnung?�</p><p>�Dirch ist � in jeder Hinsicht � mein Vertreter.�</p><p>Mikael nickte.</p><p>�Mikael � wenn ich es � nicht schaffe � dann m�chte ich, dass Sie � den Job trotzdem zu Ende bringen.�</p><p>�Ich verspreche Ihnen, ich werde den Job zu Ende bringen.�</p><p>�Dirch hat alle � Vollmachten.�</p><p>�Henrik, ich m�chte, dass Sie wieder auf die Beine kommen. Ich w�re entsetzlich w�tend auf Sie, wenn Sie einfach sterben w�rden, jetzt, wo ich mit meiner Arbeit so weit gekommen bin.�</p><p>�Zwei Minuten�, sagte die Krankenschwester.</p><p>�Ich muss gehen. N�chstes Mal, wenn ich komme, m�chte ich mich lange mit Ihnen unterhalten.�</p><p>Als er wieder auf den Flur trat, wurde Mikael von Birger Vanger erwartet, der ihm eine Hand auf die Schulter legte.</p><p>�Ich m�chte, dass Sie Henrik nicht weiter belasten. Er ist schwer krank und darf in keinster Weise gest�rt oder aufgeregt werden.�</p><p>�Ich verstehe Ihre Sorge und kann Ihnen versichern, ich sehe die Dinge genauso. Ich werde ihn nicht aufregen.�</p><p>�Alle wissen, dass Henrik Sie f�r sein kleines Hobby angestellt hat � Harriet. Frode hat mir erz�hlt, dass Henrik nach einem Gespr�ch mit Ihnen, kurz vor seinem Herzinfarkt, furchtbar aufgeregt war. Er hat gesagt, Sie bef�rchten, den Anfall ausgel�st zu haben.�</p><p>�Das glaube ich jetzt nicht mehr. Henrik litt unter starker Arterienverkalkung. Er h�tte den Herzanfall genauso gut bekommen k�nnen, wenn er auf die Toilette gegangen w�re. Ich glaube, das wissen Sie mittlerweile auch.�</p><p>�Ich m�chte vollen Einblick in diese Dummheiten nehmen. Es ist schlie�lich meine Familiengeschichte, in der Sie da w�hlen.�</p><p>�Wie gesagt � ich arbeite f�r Henrik. Nicht f�r die Familie.�</p><p>Birger Vanger war es offensichtlich nicht gewohnt, dass ihm jemand widersprach. Einen Moment starrte er Mikael mit einem Blick an, der wohl Respekt einfl��end wirken sollte, ihn aber eher wie einen aufgeblasenen Elch aussehen lie�. Birger Vanger drehte sich um und ging in Henriks Zimmer.</p><p>Mikael h�tte fast losgelacht, beherrschte sich aber. Es war nicht unbedingt angebracht, auf dem Flur vor Henriks Krankenbett zu lachen, das ebenso gut sein Totenbett werden konnte. Aber Mikael hatte pl�tzlich an eine Strophe aus Lennart Hylands gereimter Abc-Fibel aus den sechziger Jahren denken m�ssen. Aus unerfindlichen Gr�nden hatte er sie auswendig gelernt, als er lesen und schreiben lernte. Und beim Buchstaben E hie� es:</p><p><emphasis>Der Elch, der sa� still l�chelnd da,</emphasis></p><p><emphasis>der Wald um ihn her zerschossen war.</emphasis></p><p>Vor dem Eingang zum Krankenhaus stie� Mikael mit Cecilia zusammen. Seit sie aus ihrem abgebrochenen Urlaub zur�ckgekommen war, hatte er schon Dutzende von Malen vergeblich versucht, sie auf ihrem Handy zu erreichen. Auch zu Hause hatte er sie nicht antreffen k�nnen.</p><p>�Hallo, Cecilia�, sagte er. �Tut mir leid, was mit Henrik passiert ist.�</p><p>�Danke�, sagte sie und nickte.</p><p>Mikael versuchte, ihre Gef�hle zu erraten, aber er konnte weder W�rme noch K�hle ausmachen.</p><p>�Wir m�ssen reden�, sagte er.</p><p>�Tut mir leid, dass ich dich so auf Distanz halte. Ich kann verstehen, dass du sauer bist, aber im Moment komme ich nicht mal mit mir selbst richtig klar.�</p><p>Mikael blinzelte, bevor ihm klar wurde, worauf sie anspielte. Schnell legte er ihr eine Hand auf den Arm und l�chelte sie an.</p><p>�Warte, Cecilia, du hast mich missverstanden. Ich bin absolut nicht sauer auf dich. Ich hoffe, wir k�nnen immer noch Freunde bleiben, aber wenn du mich nicht mehr sehen willst � wenn du das so beschlossen hast, dann werde ich das auf jeden Fall respektieren.�</p><p>�Das mit den Beziehungen kann ich nicht so gut�, sagte sie.</p><p>�Ich auch nicht. Wollen wir einen Kaffee zusammen trinken?� Er nickte in Richtung Krankenhaus-Cafeteria.</p><p>Cecilia z�gerte. �Nein, nicht heute. Ich will jetzt Henrik besuchen.�</p><p>�Okay, aber ich muss trotzdem noch mit dir reden. Rein beruflich.�</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>�Erinnerst du dich an unser erstes Treffen im G�steh�uschen im Januar? Damals habe ich dir zugesichert, dass unser Gespr�ch <emphasis>off the record</emphasis> ist und dass ich dir Bescheid sage, wenn ich dich richtig befragen will. Es geht um Harriet.�</p><p>Cecilia Vanger wurde rot vor Wut.</p><p>�Du verdammter Mistkerl!�</p><p>�Cecilia, ich bin auf Sachen gesto�en, �ber die ich ganz einfach mit dir reden muss.�</p><p>Sie trat einen Schritt zur�ck.</p><p>�Begreifst du denn nicht, dass die irrwitzige Jagd nach dieser verfluchten Harriet nur eine Besch�ftigungstherapie f�r Henrik ist? Begreifst du nicht, dass er vielleicht da drinnen liegt und stirbt? Dass es das Letzte ist, was er jetzt brauchen kann, wenn er sich aufregt und sich falsche Hoffnungen macht und ��</p><p>Sie verstummte.</p><p>�Vielleicht ist es nur ein Hobby f�r Henrik, aber ich habe gerade mehr neues Material zutage gef�rdert als irgend jemand sonst in den letzten f�nfunddrei�ig Jahren. In diesen Ermittlungen sind noch ein paar Fragen offen, und ich arbeite in Henriks Auftrag.�</p><p>�Wenn Henrik stirbt, wird es mit den Ermittlungen verdammt schnell zu Ende sein. Dann fliegst du hier raus, bevor du bis drei z�hlen kannst�, sagte Cecilia und ging an ihm vorbei.</p><p>S�mtliche Gesch�fte waren geschlossen, Hedestad so gut wie ausgestorben. Die Einwohner waren in ihren Sommerh�uschen und feierten Mittsommer. Nach langem Suchen entdeckte Mikael, dass zumindest das Caf� auf der Terrasse des Stadthotels noch ge�ffnet hatte. Er bestellte sich einen Kaffee und ein belegtes Brot und setzte sich mit seiner Abendzeitung hin. In der Welt war nichts Wichtiges passiert.</p><p>Er legte die Zeitung aus der Hand und dachte �ber Cecilia nach. Er hatte weder Henrik noch Frode von seinem Verdacht erz�hlt, dass sie das Fenster in Harriets Zimmer ge�ffnet hatte. Er hatte Angst gehabt, sie damit einem schlimmen Verdacht auszusetzen, und er wollte ihr auf keinen Fall schaden. Doch fr�her oder sp�ter musste diese Frage gestellt werden.</p><p>Er blieb eine Stunde auf der Terrasse sitzen, bevor er beschloss, das ganze Problem beiseitezuschieben und sich am Mittsommerabend anderen Dingen zuzuwenden als der Familie Vanger. Sein Handy schwieg. Erika war verreist und am�sierte sich irgendwo mit ihrem Mann, und er hatte niemanden, mit dem er h�tte sprechen k�nnen.</p><p>Er fuhr um vier Uhr nachmittags auf die Hedeby-Insel zur�ck und fasste einen weiteren Entschluss - mit dem Rauchen aufzuh�ren. Er hatte seit seinem Wehrdienst regelm��ig trainiert, sowohl im Fitnessstudio als auch durch Joggen am s�dlichen Ufer des M�lar-Sees, aber er war aus dem Rhythmus gekommen, als die Probleme mit Hans-Erik Wennerstr�m losgingen. Erst im Gef�ngnis hatte er wieder begonnen, Gewichte zu heben, in erster Linie als Therapie, aber seit seiner Entlassung hatte er sich nicht sonderlich angestrengt. H�chste Zeit, wieder anzufangen. Entschlossen zog er sich seine Joggingmontur an und setzte sich tr�ge in Trab auf dem Weg zu Gottfrieds H�uschen, bog dann Richtung Befestigung ab und machte eine etwas anstrengendere Runde durchs Gel�nde. Er hatte seit seiner Milit�rzeit nicht mehr an Orientierungsl�ufen teilgenommen, war aber stets lieber durch den Wald als auf flachen Wegen gelaufen. Am Zaun des �sterg�rden entlang lief er zur�ck zur Stadt. Er f�hlte sich total ersch�pft, als er atemlos die letzten Schritte zu seinem Haus tat.</p><p>Gegen sechs Uhr hatte er geduscht. Anschlie�end kochte er Kartoffeln und a� dazu Senfhering mit Schnittlauch auf einem wackeligen Tisch vor dem G�steh�uschen. Er goss sich einen Schnaps ein und prostete sich selbst zu. Danach schlug er einen Krimi mit dem Titel <emphasis>Das Lied der Sirenen</emphasis> von Val McDermid auf.</p><p>Gegen sieben kam Frode zu ihm und lie� sich ihm gegen�ber auf einen Gartenstuhl sinken. Mikael goss ihm auch einen Schnaps ein.</p><p>�Sie haben heute f�r ein bisschen Aufregung gesorgt�, sagte Frode.</p><p>�Das habe ich gemerkt.�</p><p>�Birger Vanger ist ein Idiot.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Im Gegensatz zu Cecilia, die entsetzlich w�tend auf Sie ist.�</p><p>Mikael nickte.</p><p>�Sie hat mich angewiesen, daf�r zu sorgen, dass Sie aufh�ren, in den Familienangelegenheiten herumzuschn�ffeln.�</p><p>�Verstehe. Und Ihre Antwort?�</p><p>Dirch Frode sah sein Glas mit dem Schnaps an und leerte es dann in einem Zug.</p><p>�Meine Antwort ist die, dass Henrik Ihnen sehr deutliche Anweisungen gegeben hat. Solange er diese Anweisungen nicht �ndert, sind Sie an unseren Vertrag gebunden. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie Ihr Bestes geben, um Ihren Teil des Vertrags zu erf�llen.�</p><p>Mikael nickte. Er blickte zum Himmel hinauf, an dem sich langsam Regenwolken sammelten.</p><p>�Da zieht ein Unwetter auf�, bemerkte Frode. �Doch keine Sorge. Wenn es richtig st�rmisch werden sollte, werde ich mich hinter Sie stellen.�</p><p>�Danke.�</p><p>Sie schwiegen eine Weile.</p><p>�K�nnte ich noch einen Schnaps haben?�, fragte Dirch Frode.</p><p>Nur wenige Minuten nachdem Frode gegangen war, bremste Martin Vanger vor Mikaels H�uschen und parkte sein Auto am Stra�enrand. Er kam auf Mikael zu und gr��te. Mikael w�nschte ihm einen sch�nen Mittsommerabend und bot ihm einen Schnaps an.</p><p>�Nein, das lasse ich wohl besser. Ich bin nur gekommen, um mich umzuziehen, danach fahre ich wieder in die Stadt und verbringe den Abend mit Eva.�</p><p>Mikael wartete.</p><p>�Ich habe mit Cecilia gesprochen. Sie ist momentan ein bisschen aufgeregt - Henrik und sie stehen sich sehr nah. Ich hoffe, Sie verzeihen ihr, wenn sie etwas � Unsch�nes zu Ihnen gesagt hat.�</p><p>�Ich mag Cecilia sehr gern�, antwortete Mikael.</p><p>�Ich wei�. Aber sie kann schwierig sein. Ich m�chte blo�, dass Sie sich �ber eines im Klaren sind: Cecilia ist entschieden dagegen, dass Sie weiter in der Vergangenheit graben.�</p><p>Mikael seufzte. Alle in Hedestad schienen zu wissen, womit Henrik ihn beauftragt hatte.</p><p>�Wie denken Sie dar�ber?�</p><p>Martin Vanger zuckte mit den Schultern.</p><p>�Henrik war jahrzehntelang von der Geschichte mit Harriet  wie besessen. Ich wei� nicht � Harriet war meine Schwester, aber irgendwie ist das alles schon so weit weg. Frode hat gesagt, dass Sie einen wasserdichten Vertrag mit Henrik h�tten, der nur von ihm selbst aufgel�st werden kann. Ich f�rchte, in seinem derzeitigen Zustand w�rde das mehr schaden als n�tzen.�</p><p>�Sie wollen also, dass ich weitermache.�</p><p>�Haben Sie denn schon irgendetwas gefunden?�</p><p>�Tut mir leid, Martin, aber es w�re ein Vertragsbruch, wenn ich dar�ber mit Ihnen ohne Henriks Erlaubnis sprechen w�rde.�</p><p>�Verstehe.� Pl�tzlich l�chelte er. �Henrik hat was �brig f�r Verschw�rungstheorien. Aber ich will vor allem nicht, dass Sie falsche Hoffnungen in ihm wecken.�</p><p>�Das werde ich nicht tun, ich verspreche es Ihnen. Ich gebe nur Fakten an ihn weiter, die ich belegen kann.�</p><p>�Gut � �brigens, wo wir gerade dabei sind � wir haben da ja noch einen anderen Vertrag, �ber den wir nachdenken m�ssten. Da Henrik krank geworden ist und seine Aufgaben bei  <emphasis>Millennium</emphasis> nicht wahrnehmen kann, bin ich verpflichtet, ihn zu vertreten.�</p><p>Mikael wartete.</p><p>�Wir sollten eine Sitzung der F�hrungskr�fte einberufen, um die Lage zu kl�ren.�</p><p>�Das ist eine gute Idee. Aber soweit ich informiert bin, soll die n�chste Sitzung erst im August stattfinden.�</p><p>�Ich wei�, aber eventuell m�ssen wir das vorverlegen.�</p><p>Mikael l�chelte h�flich.</p><p>�Vielleicht sprechen Sie da einfach mit dem Falschen. Derzeit sitze ich gar nicht im F�hrungskreis von <emphasis>Millennium</emphasis>. Ich habe die Zeitschrift im Dezember verlassen und keinen Einfluss auf das, was auf der F�hrungsebene geschieht. Ich schlage vor, dass Sie sich in dieser Frage mit Erika Berger in Verbindung setzen.�</p><p>Mit dieser Antwort hatte Martin Vanger nicht gerechnet. Er �berlegte kurz und stand auf.</p><p>�Sie haben nat�rlich recht. Ich werde mit ihr sprechen.� Er klopfte Mikael zum Abschied auf die Schulter und ging zu seinem Auto.</p><p>Mikael sah ihm hinterher. Es war nichts Konkretes ausgesprochen worden, aber die Drohung stand deutlich im Raum. Martin Vanger hatte <emphasis>Millennium</emphasis> in die Waagschale geworfen. Nach einer Weile goss Mikael sich noch einen Schnaps ein und nahm seinen Roman wieder zur Hand.</p><p>Gegen neun Uhr kam die braun gesprenkelte Katze vorbei und strich ihm um die Beine. Er hob sie hoch und kraulte sie hinter den Ohren.</p><p>�Dann sind wir ja schon zwei, die sich am Mittsommerabend langweilen�, sagte er.</p><p>Als die ersten Regentropfen fielen, ging er hinein. Die Katze wollte drau�en bleiben.</p><p>Am Mittsommertag nahm sich Lisbeth Salander ihre Kawasaki vor und checkte sie einmal gr�ndlich durch. So eine 125 Kubik-Maschine war sicher nicht das beeindruckendste Gef�hrt auf Erden, aber daf�r geh�rte sie ihr, und sie konnte gut mit ihr umgehen. Sie hatte sie eigenst�ndig Schraube f�r Schraube instand gesetzt - und dabei ein bisschen mehr frisiert, als legal gewesen w�re.</p><p>Nachmittags schnappte sie sich Helm und Lederjacke und fuhr hinaus zum Pflegeheim <emphasis>�ppelviken,</emphasis> wo sie den Abend mit ihrer Mutter im Park verbrachte. Lisbeths Sorge und ihr schlechtes Gewissen versetzten ihr einen Stich. Ihre Mutter schien abwesender denn je. W�hrend der drei Stunden, die sie miteinander verbrachten, wechselten sie nur ein paar wenige Worte, und augenscheinlich war ihrer Mutter dabei nicht bewusst, mit wem sie eigentlich redete.</p><p>Mikael vergeudete mehrere Tage damit, nach dem Auto mit dem AC-Nummernschild zu suchen. Nach jeder Menge Kopfzerbrechen konsultierte er schlie�lich einen pensionierten Kfz-Mechaniker in Hedestad und erfuhr, dass das Auto ein Ford Anglia war, ein damals g�ngiger Autotyp, von dem er noch nie geh�rt hatte. Danach kontaktierte er einen Mitarbeiter der Kfz-Meldestelle und erkundigte sich, ob er ein Verzeichnis s�mtlicher Ford Anglia bekommen k�nne, die 1966 ein Nummernschild gehabt hatten, das mit AC3 anfing. Nach einigem Hin und Her lie� sich der Mitarbeiter �berreden - obgleich es eigentlich nicht rechtens sei und ein wenig dauern k�nnte, wie er sagte.</p><p>Erst ein paar Tage nach Mittsommer setzte Mikael sich in seinen geliehenen Volvo und fuhr auf der E4 gen Norden. Er war noch nie gerne schnell gefahren und steuerte das Auto ganz gem�tlich bis kurz vor die H�rnsands-Br�cke, wo er eine Pause machte und einen Kaffee in Vesterlunds Konditorei trank.</p><p>Der n�chste Halt war Ume�, wo er eine Rastst�tte ansteuerte und das Tagesmen� bestellte. Er kaufte sich einen Stra�enatlas und fuhr weiter nach Skellefte�, wo er nach links in Richtung Norsj� abbog. Gegen sechs Uhr abends war er angekommen und checkte im Hotel Norsj� ein.</p><p>Er begann seine Suche fr�h am n�chsten Morgen. Die Tischlerei Norsj� war nicht im Telefonbuch verzeichnet. Die Dame am Empfang des Polarhotels, eine Frau Mitte zwanzig, hatte noch nie von dieser Firma geh�rt.</p><p>�Wen m�sste ich da fragen?�</p><p>Sie sah einen Moment verwirrt drein, bis sich ihr Gesicht aufhellte und sie erkl�rte, sie k�nne ihren Vater anrufen. Zwei Minuten sp�ter kam sie zur�ck und sagte ihm, die Tischlerei Norsj� habe schon Anfang der achtziger Jahre zugemacht. Wenn Mikael Genaueres wissen wolle, m�sse er sich an Eugen Burman wenden, der dort Vorarbeiter gewesen war und nun in einer Stra�e wohnte, die Solv�ndan hie�.</p><p>Norsj� war ein kleiner Ort mit einer Hauptstra�e, passenderweise Storgata, also �gro�e Stra�e�, genannt, von der rechts und links Gesch�fte sowie Nebenstra�en mit Wohnh�usern abzweigten. An der �stlichen Einfahrt in den Ort lagen ein kleines Gewerbegebiet und eine alte Scheune, an der Ausfahrt im Westen stand eine ungew�hnlich sch�ne Holzkirche. Mikael bemerkte, dass es im Ort eine Missionskirche und eine Kirche der Pfingstgemeinde gab. Ein Anschlag an der Bushaltestelle warb f�r ein Jagd- und ein Skimuseum. Ein veraltetes Plakat verriet, dass <emphasis>Veronika</emphasis> am Mittsommerabend auf dem Festplatz gesungen hatte. Er konnte den Ort in knapp zwanzig Minuten vom einen Ende zum anderen durchqueren.</p><p>In der Solv�ndan-Stra�e, die ungef�hr f�nf Minuten vom Hotel entfernt war, standen nur Einfamilienh�user. Burman �ffnete nicht, als Mikael an der T�r klingelte. Es war halb zehn, und er vermutete, dass Burman entweder zur Arbeit gegangen war oder, falls er schon pensioniert war, f�r irgendeine Erledigung das Haus verlassen hatte.</p><p>Die n�chste Anlaufstelle war der Eisenwarenladen in der Storgata. Wenn man in Norsj� wohnt, muss man fr�her oder sp�ter auch mal in den Eisenwarenladen, �berlegte Mikael. Im Gesch�ft waren zwei Verk�ufer. Mikael wandte sich an den �lteren der beiden, der knapp f�nfzig Jahre alt sein mochte.</p><p>�Guten Tag. Ich suche ein Paar, das in den sechziger Jahren vermutlich hier im Ort gewohnt hat. Der Mann hat eventuell in der Tischlerei Norsj� gearbeitet. Ich wei� nicht, wie sie hei�en, aber ich habe zwei Bilder, die 1966 aufgenommen worden sind.�</p><p>Die Verk�ufer sahen sich die Bilder lange an, sch�ttelten aber zum Schluss die K�pfe und erkl�rten, weder den Mann noch die Frau zu kennen.</p><p>Zu Mittag a� Mikael eine Frikadelle an einer W�rstchenbude. Er war in mehrere Gesch�fte gegangen und hatte das Gemeindeb�ro, die Bibliothek und die Apotheke abgeklappert. Auf dem Polizeirevier traf er niemanden an, und so begann er auf gut Gl�ck, �ltere Menschen anzusprechen. Gegen zwei Uhr nachmittags fragte er zwei j�ngere Frauen, die das Paar zwar nicht kannten, aber eine gute Idee hatten:</p><p>�Wenn das Foto 1966 aufgenommen wurde, dann m�ssen die beiden heute �ber sechzig sein. Fragen Sie doch mal im Altenwohnheim nach.�</p><p>Dort stellte sich Mikael am Empfang einer ungef�hr drei�igj�hrigen Frau vor und setzte ihr sein Anliegen auseinander. Sie musterte ihn misstrauisch, lie� sich zu guter Letzt aber erweichen. Mikael durfte mit ihr in den Aufenthaltsraum gehen und dort eine halbe Stunde lang den vielen Heimbewohnern seine Bilder zeigen. Die Rentner, im Alter von knapp 70 aufw�rts, waren sehr hilfsbereit, aber keiner konnte die Personen identifizieren, die 1966 in Hedestad fotografiert worden waren.</p><p>Gegen f�nf Uhr fuhr er wieder in die Solv�ndan-Stra�e zur�ck und klopfte bei Eugen Burman. Diesmal hatte er mehr Gl�ck. Herr und Frau Burman waren beide schon pensioniert und tags�ber unterwegs gewesen. Man bat ihn in die K�che, wo Eugens Frau sogleich Kaffee aufsetzte, w�hrend Mikael sein Anliegen vorbrachte. Wie all die anderen Versuche an diesem Tag stellte sich auch dieser als Niete heraus. Burman kratzte sich am Kopf, z�ndete sich eine Pfeife an und stellte nach einer Weile fest, dass er die Personen auf den Bildern nicht kannte. Die Burmans sprachen einen ausgepr�gten Norsj�er Dialekt, und Mikael tat sich zuweilen schwer, ihnen zu folgen.</p><p>�Sie haben ganz richtig erkannt, dass der Aufkleber von der Tischlerei ist�, sagte Burman. �Sie sind ja ganz sch�n auf Zack, dass sie den erkannt haben. Aber leider haben wir mit diesen Aufklebern nur so um uns geschmissen. Jeder  hat die gekriegt, Fahrer, Kunden, Handwerker und viele andere.�</p><p>�Dieses Paar zu finden ist schwieriger, als ich gedacht habe.�</p><p>�Warum wollen Sie sie denn finden?�</p><p>Mikael hatte sich entschlossen, die Wahrheit zu sagen, wenn die Leute ihn fragen sollten. Jeder Versuch, eine Geschichte zu diesem Paar zu konstruieren, w�rde nur unwahrscheinlich klingen und Verwirrung hervorrufen.</p><p>�Das ist eine lange Geschichte. Ich untersuche ein Verbrechen, das 1966 in Hedestad begangen wurde, und ich glaube, es besteht eine minimale Chance, dass die Personen auf dem Foto gesehen haben, was geschehen ist. Sie sind in keiner Weise verd�chtig, und ich glaube, sie wissen nicht einmal selbst, dass sie vielleicht Informationen besitzen, die dieses Verbrechen aufkl�ren k�nnten.�</p><p>�Ein Verbrechen? Was f�r ein Verbrechen?�</p><p>�Tut mir leid, mehr kann ich Ihnen nicht erz�hlen. Mir ist klar, dass es sehr seltsam aussieht, wenn nach fast vierzig Jahren jemand daherkommt und versucht, diese Personen hier ausfindig zu machen, aber das Verbrechen ist bis heute nicht aufgekl�rt worden, und es sind erst vor Kurzem neue Fakten aufgetaucht.�</p><p>�Ich verstehe. Tja, da haben Sie ein ganz sch�n ungew�hnliches Anliegen.�</p><p>�Wie viele Personen haben denn in der Tischlerei gearbeitet?�</p><p>�Normalerweise waren wir vierzig Personen. Ich war dort seit meinem siebzehnten Lebensjahr angestellt, also seit Mitte der f�nfziger Jahre, bis zur Schlie�ung des Betriebs. Dann wurde ich Fahrer.�</p><p>Burman dachte kurz nach.</p><p>�Ich kann auf jeden Fall versichern, dass der Junge auf diesem Foto nie in der Tischlerei gearbeitet hat. Es k�nnte sein, dass er Fahrer war, aber ich glaube, dann w�rde ich ihn auch wiedererkennen. Es gibt nat�rlich noch eine andere M�glichkeit. Es k�nnte ja sein, dass sein Vater oder irgendein Verwandter im Betrieb gearbeitet hat und dass das gar nicht sein Auto ist.�</p><p>Mikael nickte.</p><p>�Ich wei�, es gibt viele M�glichkeiten. Haben Sie noch einen Vorschlag, mit wem ich sprechen k�nnte?�</p><p>�Oh ja�, sagte Burman und nickte. �Kommen Sie morgen Vormittag vorbei, dann fahren wir eine Runde und reden mit ein paar von den Jungs.�</p><p>Lisbeth Salander stand vor einem methodischen Problem von gewisser Bedeutung. Sie war eine unbestreitbare Expertin darin, sich Informationen �ber jede beliebige Person zu beschaffen, aber ihr Ausgangspunkt war dabei immer ein Name oder die Personenkennnummer gewesen. Wenn die Daten zur Person in irgendeinem Register gespeichert waren, was kein Mensch vermeiden konnte, dann landete das Objekt schnell in ihrem Spinnennetz. Wenn die Person �ber einen Computer mit Internetanschluss verf�gte, eine E-Mail-Adresse oder vielleicht sogar eine eigene Homepage, dann konnte sie ihre tiefsten Geheimnisse l�ften.</p><p>Die Arbeit, die sie f�r Mikael Blomkvist �bernommen hatte, sah ganz anders aus. Jetzt lautete der Auftrag - vereinfacht ausgedr�ckt -, vier Personenkennnummern auf �u�erst vager Grundlage zu identifizieren. Zudem handelte es sich um Personen, die fr�her einmal gelebt hatten; vielleicht musste sie bis in die vierziger Jahre zur�ckgehen. Somit gab es auch keine gespeicherten Daten.</p><p>Mikaels These - ausgehend vom Fall Rebecka Jacobsson - war, dass diese Personen ein und demselben M�rder zum Opfer gefallen waren. Sie mussten also in diversen Polizeiberichten zu unaufgekl�rten Kriminalf�llen auftauchen. Sicher war nur, dass diese Morde vor 1966 geschehen sein mussten. Sie stand mit dieser Recherche vor einer v�llig neuen Situation.</p><p>Sie fuhr ihren Computer hoch und gab bei Google die Suchbegriffe �Magda� und �Mord� ein. Das war die simpelste Art von Recherche, die sie �berhaupt durchf�hren konnte. Zu ihrer �berraschung gelang ihr sofort ein Durchbruch in ihren Ermittlungen. Ihr erster Treffer war das Fernsehprogramm von <emphasis>TV V�rmland</emphasis> in Karlstad, in dem eine Folge der Serie  <emphasis>Morde in V�rmland</emphasis> angek�ndigt wurde, die bereits 1999 gesendet worden war. Danach kam eine kurze Meldung in  <emphasis>V�rmlands Folkblad</emphasis>.</p><p><emphasis>In der Serie</emphasis> Morde in V�rmland <emphasis>ist diesmal Magda Lovisa Sj�berg an der Reihe, ein scheu�licher Mordfall, der die Polizei in Karlstad �ber mehrere Jahrzehnte besch�ftigte. Im April 1960 wurde die sechsundvierzigj�hrige Bauersfrau Lovisa Sj�berg im Viehstall der Familie brutal ermordet. Der Reporter Claes Gunnars schildert die letzten Stunden in ihrem Leben und die ergebnislose Jagd nach einem M�rder, der die Polizei immer noch zum Narren h�lt. Der Mord erregte seinerzeit gro�es Aufsehen. Es gab viele Theorien, wer der Schuldige gewesen sein k�nnte. Ein j�ngerer Verwandter der Ermordeten erz�hlt in TV</emphasis>  V�rmland<emphasis>, wie die Verd�chtigungen sein Leben zerst�rt haben. 20.00 Uhr.</emphasis></p><p>N�tzlichere Informationen fand sie im Artikel <emphasis>Der Fall Lovisa hat eine ganze Region ersch�ttert</emphasis>, der in der Zeitschrift  <emphasis>V�rmlandskultur</emphasis> ver�ffentlicht worden war, deren Artikel komplett ins Netz gestellt waren. Mit offenkundiger Begeisterung und im Plauderton wurde beschrieben, wie Lovisa Sj�bergs Mann, der Holzf�ller Holger Sj�berg, seine Frau tot aufgefunden hatte, als er gegen f�nf Uhr von der Arbeit nach Hause kam. Nachdem sie sexuell brutal missbraucht worden war, hatte man mit einem Messer auf sie eingestochen und sie dann mit einer Heugabel get�tet. Der Mord war im Viehstall der Familie ver�bt worden. Was allerdings am meisten Aufmerksamkeit erregte, war, dass der M�rder sie nach vollbrachter Tat kniend in einer Pferdebox festgebunden hatte.</p><p>Sp�ter entdeckte man, dass eines der Tiere auf dem Hof durch einen Messerstich seitlich am Hals verletzt worden war.</p><p>Zun�chst verd�chtigte man den Ehemann des Mordes, aber er konnte ein wasserfestes Alibi vorweisen. Er war seit sechs Uhr morgens mit seinen Arbeitskollegen zusammen gewesen, im vier Meilen von seinem Zuhause entfernten Wald. Lovisa Sj�berg war nachweislich bis zehn Uhr vormittags noch am Leben gewesen, da sie zu diesem Zeitpunkt Besuch von einer Nachbarin gehabt hatte. Keiner der Nachbarn hatte irgendetwas geh�rt oder gesehen. Der n�chste Nachbar wohnte vierhundert Meter vom Sj�bergschen Hof entfernt.</p><p>Nachdem ihr Mann als Hauptverd�chtiger ausgeschieden war, konzentrierte sich die Polizei auf den dreiundzwanzigj�hrigen Neffen der Ermordeten. Dieser war schon wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt geraten, war knapp bei Kasse und hatte sich schon mehrmals geringf�gige Betr�ge von seiner Tante geliehen. Sein Alibi war bedeutend wackeliger, und er wurde vorl�ufig festgenommen, bis man ihn aus Mangel an Beweisen, wie es hie�, wieder freilie�. Viele Bewohner hielten seine Schuld trotzdem f�r sehr wahrscheinlich.</p><p>Die Polizei verfolgte noch verschiedene andere Spuren. Ein Gro�teil der Ermittlungen konzentrierte sich auf die Jagd nach einem geheimnisvollen Hausierer, der in der Gegend gesehen worden war. Au�erdem gab es Ger�chte, ein Trupp �diebischer Zigeuner� sei auf Raubzug gewesen. Warum diese einen brutalen Sexualmord h�tten begehen sollen, ohne �berhaupt etwas zu stehlen, wurde nicht ganz klar.</p><p>Zeitweise richtete sich das Interesse auf einen Nachbarn, einen Junggesellen, den man in seiner Jugend eines Verbrechens in Verbindung mit Homosexualit�t verd�chtigt hatte -  damals war Homosexualit�t noch strafbar. Mehreren Aussagen zufolge galt er als �seltsamer Typ�. Warum ein vermutlich homosexueller Mann ein Sexualverbrechen an einer Frau begehen sollte, wurde ebenfalls nicht erl�utert. Keine dieser Spuren f�hrte zu einer Festnahme oder einem Urteil.</p><p>Lisbeth Salander fand die Verbindung zu der Liste in Harriet Vangers Adressbuch frappant. Das Bibelzitat aus dem Dritten Buch Mose, 20, 16, lautete: <emphasis>Wenn eine Frau sich irgendeinem Tier naht, um mit ihm Umgang zu haben, so sollst du sie t�ten und das Tier auch. Des Todes sollen sie sterben, und ihre Blutschuld komme �ber sie.</emphasis> Es konnte kein Zufall sein, dass eine B�uerin namens Magda ermordet und in einer Pferdebox festgebunden worden war.</p><p>Es stellte sich die Frage, warum Harriet Vanger den Namen Magda statt Lovisa notiert hatte, der ja anscheinend ihr Rufname war. W�re der vollst�ndige Name in der Programmank�ndigung nicht ausgeschrieben gewesen, h�tte Lisbeth sie gar nicht gefunden.</p><p>Und dann nat�rlich die wichtigste Frage von allen: Gab es eine Verbindung zwischen dem Mord an Rebecka 1949, dem Mord an Magda Lovisa 1960 und Harriet Vangers Verschwinden 1966? Und wie um alles in der Welt war Harriet Vanger dann an diese Informationen gekommen?</p><p>Burman nahm Mikael auf einen trostlosen Samstagsspaziergang durch Norsj� mit. Am Vormittag besuchten sie f�nf ehemalige Angestellte, die in n�chster N�he wohnten. Drei von ihnen lebten im Zentrum von Norsj�, zwei am Stadtrand. Alle boten ihnen Kaffee an, betrachteten die Fotos eingehend und sch�ttelten den Kopf.</p><p>Nach einem einfachen Mittagessen bei Eugen Burman setzten sie sich ins Auto und klapperten vier D�rfer rund um Norsj� ab, in denen ehemalige Angestellte der Tischlerei wohnten. �berall wurde Eugen Burman herzlich begr��t, aber keiner  konnte ihnen helfen. Mikael war kurz davor, die Hoffnung zu verlieren, und er fragte sich, ob die ganze Fahrt nach Norsj� �berfl�ssig gewesen war.</p><p>Gegen vier Uhr nachmittags parkte Burman das Auto vor einem roten Haus n�rdlich von Norsj� und stellte Mikael dem pensionierten Tischlermeister Henning Forsman vor.</p><p>�Na, das ist doch Assar Br�nnlunds Junge�, sagte Henning Forsman sofort, als Mikael ihm die Bilder zeigte. Bingo.</p><p>�Ach wirklich?�, fragte Eugen. Und an Mikael gewandt: �Das war ein Eink�ufer.�</p><p>�Wo kann ich ihn finden?�</p><p>�Den Jungen? Tja, da kommen Sie zu sp�t. Er hie� Gunnar und arbeitete bei Boliden. Er kam bei einem Sprengstoffunfall Mitte der siebziger Jahre ums Leben. Aber seine Frau lebt noch. Die von dem Bild hier. Sie hei�t Mildred und wohnt in Bjursele.�</p><p>�Bjursele?�</p><p>�Das ist knapp eine Meile die Stra�e nach Bastutr�sk runter. Sie wohnt in der l�nglichen roten Bruchbude gleich rechts, wenn Sie in die Stadt kommen. Das dritte Haus ist das. Ich kenne die Familie ziemlich gut.�</p><p>�Guten Tag, ich bin Lisbeth Salander und schreibe eine kriminologische Abhandlung �ber Gewalt gegen Frauen im 20. Jahrhundert. Ich w�rde gerne das Polizeirevier in Landskrona besuchen und die Akten zu einem Fall von 1957 einsehen. Es geht um den Mord an einer f�nfundvierzigj�hrigen Frau namens Rakel Lunde. Wissen Sie zuf�llig, wo man diese Akten heute finden kann?�</p><p>Bjursele war das reinste Werbeplakat f�r die l�ndliche V�sterbotten-Region. Das Dorf bestand aus zwanzig H�usern, die am Ende eines Sees halbkreisf�rmig und relativ dicht nebeneinanderstanden. In der Mitte des Dorfes gabelte sich eine  Stra�e, dort wies ein Pfeil nach Hemmingen, 11 km, und einer nach Bastutr�sk, 17 km. Daneben war eine Br�cke, die �ber einen kleinen Fluss f�hrte. Im Hochsommer musste es hier so aussehen wie auf einer Postkarte.</p><p>Mikael hatte sein Auto auf dem Parkplatz des Supermarktes geparkt, schr�g gegen�ber vom dritten Haus auf der rechten Seite. Als er klopfte, war niemand da.</p><p>Er ging eine Stunde lang auf der Stra�e nach Hemmingen spazieren und passierte eine Stelle, an der sich der kleine Fluss in einen rei�enden Strom verwandelte. Dort kehrte er wieder um. Die einzigen Lebewesen, die ihm begegneten, waren zwei Katzen und ein Reh. Mildred Br�nnlunds T�r war immer noch verschlossen.</p><p>An einem Pfosten bei der Br�cke entdeckte er ein zerfleddertes Flugblatt, das zum BTCC einlud, den �Bjursele Tukting Car Championships 2002�. Tukting war anscheinend ein winterliches Vergn�gen, bei dem man Autos auf dem zugefrorenen See zu Schrott fuhr. Nachdenklich betrachtete Mikael den Anschlag.</p><p>Er wartete bis zehn Uhr abends, dann gab er auf und fuhr nach Norsj� zur�ck, wo er ein sp�tes Abendessen zu sich nahm und sich dann im Bett der Aufl�sung von Val McDermids Krimi widmete.</p><p>Und die war ziemlich grausig.</p><p>Gegen zehn Uhr abends f�gte Lisbeth Salander z�gerlich einen weiteren Namen zu Harriet Vangers Liste hinzu, nachdem sie ein paar Stunden dar�ber nachgegr�belt hatte.</p><p>Sie hatte eine Abk�rzung entdeckt. In regelm��igen Abst�nden wurden Artikel �ber ungel�ste Morde ver�ffentlicht, und in der Sonntagsbeilage einer Abendzeitung hatte sie einen Artikel von 1999 mit der �berschrift <emphasis>Mehrere Frauenm�rder immer noch auf freiem Fu�</emphasis> gefunden. Der Artikel war eher  summarisch, enthielt aber Namen und Bilder bestimmter Mordopfer, die besondere Aufmerksamkeit erregt und damals offensichtlich <emphasis>den</emphasis> Fortsetzungsroman des Sommers geliefert hatten: Da gab es den Solveig-Fall in Norrt�lje, den Anita-Mord in Norrk�ping, Margareta in Helsingborg und eine ganze Reihe anderer F�lle.</p><p>Der �lteste dieser F�lle stammte jedoch aus den sechziger Jahren, und keiner der Morde passte zu der Liste, die Lisbeth von Mikael bekommen hatte. Ein Fall weckte allerdings ihre Aufmerksamkeit.</p><p>Im Juni 1962 war eine zweiunddrei�igj�hrige Prostituierte namens Lea Persson aus G�teborg nach Uddevalla gereist, um ihre Mutter und ihren neunj�hrigen Sohn zu besuchen, f�r den ihre Mutter das Sorgerecht hatte. Nach ein paar Tagen hatte sich Lea an einem Sonntagabend von ihrer Mutter verabschiedet und war zum Bahnhof aufgebrochen, um nach G�teborg zur�ckzufahren. Zwei Tage sp�ter wurde sie hinter einem Container gefunden, der auf einem ehemaligen Industriegel�nde zur�ckgelassen worden war. Sie war vergewaltigt und au�ergew�hnlich brutal misshandelt worden.</p><p>Der Lea-Mord erregte gro�e Aufmerksamkeit und wurde die Fortsetzungsreportage des Sommers, aber ein T�ter konnte nie identifiziert werden. Eine Lea kam auf Harriet Vangers Liste nicht vor. Und es passte auch keines von ihren Bibelzitaten.</p><p>Ein Tatumstand war jedoch so bizarr, dass er Lisbeth Salander sofort ins Auge stach: Ungef�hr zehn Meter von der Stelle entfernt, an der man Leas Leiche gefunden hatte, fand man einen Blumentopf mit einer toten Taube. Irgendjemand hatte der Taube eine Schnur um den Hals gelegt und sie durch das Loch im Blumentopfboden gezogen. Danach hatte man den Topf auf ein kleines Feuer gestellt, das zwischen zwei Ziegelsteinen entfacht worden war. Es gab keinen Hinweis darauf, dass diese Tierqu�lerei etwas mit dem Lea-Mord zu tun hatte. Es h�tte genauso gut sein k�nnen, dass Kinder hier ein schrecklich grausames Sommerspiel gespielt hatten, aber die Medien titelten <emphasis>Der Taubenmord</emphasis>.</p><p>Lisbeth Salander war keine Bibelleserin - sie besa� nicht einmal eine Bibel -, aber am Abend ging sie zur H�galids-Kirche, und mit ein bisschen M�he gl�ckte es ihr schlie�lich, sich eine Bibel auszuleihen. Sie setzte sich auf eine Parkbank vor der Kirche und las das Dritte Buch Mose. Als sie bei Kapitel 12, Vers 8 angekommen war, zog sie die Augenbrauen hoch. Kapitel 12 handelte von der Reinigung der W�chnerinnen.</p><p><emphasis>Vermag sie aber nicht ein Schaf aufzubringen, so nehme sie zwei Turteltauben oder zwei andere Tauben, eine zum Brandopfer, die andere zum S�ndopfer; so soll sie der Priester ents�hnen, dass sie rein werde.</emphasis></p><p>Lea h�tte problemlos in Harriets Adressbuch stehen k�nnen, als Lea - 31208.</p><p>Lisbeth Salander wurde pl�tzlich klar, dass keine Recherche fr�her auch nur ann�hernd die Dimensionen von Mikael Blomkvists Auftrag gehabt hatte.</p><p>Mildred Br�nnlund, die nach ihrer zweiten Heirat Mildred Berggren hie�, �ffnete die T�r, als Mikael Blomkvist am Sonntagmorgen gegen zehn bei ihr klopfte. Die Frau war fast vierzig Jahre �lter und ungef�hr genauso viele Kilo schwerer, aber Mikael erkannte sofort das M�dchen vom Foto wieder.</p><p>�Hallo, ich hei�e Mikael Blomkvist. Sie m�ssen Mildred Berggren sein.�</p><p>�Ja, das ist richtig.�</p><p>�Ich bitte um Entschuldigung, dass ich hier einfach so bei Ihnen anklopfe, aber ich versuche schon seit geraumer Zeit, Sie zu erreichen. Es geht um eine Angelegenheit, die ziemlich kompliziert zu erkl�ren ist.� Mikael l�chelte sie an. �D�rfte ich kurz reinkommen und ein wenig Ihrer Zeit in Anspruch nehmen?�</p><p>Mildreds Mann und ein zirka f�nfunddrei�igj�hriger Sohn waren zu Hause. Sie bat Mikael ohne gro�es Z�gern, in der K�che Platz zu nehmen. Er gab allen die Hand. In den vergangenen Tagen hatte Mikael mehr Kaffee getrunken als je zuvor in seinem Leben, aber dabei hatte er gelernt, dass es in Norrland unh�flich w�re, das Angebot abzulehnen. Als die Kaffeetassen auf dem Tisch standen, setzte Mildred sich hin und fragte neugierig, wie sie ihm helfen k�nne.</p><p>Mikael konnte ihren Norsj�-Dialekt kaum verstehen, und so wechselte sie ins Hochschwedische.</p><p>Mikael atmete tief durch. �Es ist eine lange und seltsame Geschichte. Im September 1966 waren Sie in Hedestad, zusammen mit Ihrem damaligen Mann Gunnar Br�nnlund.�</p><p>Sie war verbl�fft. Er wartete, bis sie nickte, bevor er das Foto von der Bahnhofstra�e vor ihr auf den Tisch legte.</p><p>�Damals wurde dieses Bild aufgenommen. Erinnern Sie sich an die Zusammenh�nge?�</p><p>�Ach du lieber Gott�, sagte Mildred Berggren. �Das ist ja fast schon vierzig Jahre her.�</p><p>Ihr zweiter Mann und ihr Sohn stellten sich hinter sie und betrachteten das Foto.</p><p>�Da waren wir auf Hochzeitsreise. Wir sind mit dem Auto nach Stockholm und Sigtuna gefahren. Auf dem R�ckweg haben wir einfach irgendwo haltgemacht. In Hedestad, sagten Sie?�</p><p>�Ja, genau, das war in Hedestad. Dieses Bild wurde ungef�hr um ein Uhr mittags aufgenommen. Ich habe lange daran gearbeitet, Sie zu identifizieren, das war kein Kinderspiel.�</p><p>�Sie sind auf ein altes Bild von mir gesto�en und haben mich dann gefunden? Ich habe keine Ahnung, wie Sie das geschafft haben.�</p><p>Mikael legte das Bild vom Parkplatz auf den Tisch.</p><p>�Dank dieses Bildes, das etwas sp�ter gemacht wurde.� Mikael erkl�rte ihr, wie er �ber die Tischlerei Norsj� Eugen Burman ausfindig gemacht hatte, der ihn wiederum zu Henning Forsman in Norsj�vallen f�hrte.</p><p>�Ich sch�tze, Sie haben einen guten Grund f�r diese au�ergew�hnliche Suchaktion.�</p><p>�Allerdings. Dieses M�dchen, das hier auf dem Bild schr�g vor Ihnen steht, hie� Harriet. Sie verschwand an diesem Tag, und es wird angenommen, dass sie Opfer eines M�rders wurde. Ich will Ihnen zeigen, was passiert ist.�</p><p>Mikael holte sein iBook hervor und erkl�rte zun�chst die Zusammenh�nge. Dann spielte er die Bilderserie ab, auf der man sehen konnte, wie sich Harriets Gesichtsausdruck ver�nderte.</p><p>�Als ich diese alten Bilder durchging, habe ich Sie entdeckt. Sie stehen mit einer Kamera in der Hand hinter Harriet, und es sieht so aus, als w�rden Sie gerade das fotografieren, was Harriets Reaktion ausgel�st haben k�nnte. Ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich Sie fragen wollte, ob Sie vielleicht noch Fotos von diesem Tag besitzen.�</p><p>Mikael war darauf gefasst, dass Mildred Berggren ablehnen oder erkl�ren w�rde, die Fotos nie entwickelt oder weggeworfen zu haben. Stattdessen sah sie Mikael mit ihren hellblauen Augen an und meinte, als w�re es die gr��te Selbstverst�ndlichkeit auf Erden, dass sie alle ihre alten Urlaubsfotos noch habe.</p><p>Sie ging hinaus und kam nach ein paar Minuten mit einem kleinen Karton zur�ck, in dem sie Unmengen von Fotos in unbeschrifteten Kuverts gesammelt hatte. Es dauerte eine Weile, bis sie die Fotos von dieser Urlaubsreise gefunden hatte. In  Hedestad hatte sie drei Bilder geschossen. Eines war unscharf und zeigte die Hauptstra�e. Eines zeigte ihren ersten Mann. Das dritte zeigte die Clowns im Festzug.</p><p>Eifrig beugte Mikael sich vor. Er sah eine Gestalt auf der anderen Stra�enseite. Sie sagte ihm �berhaupt nichts. Das Bild war wahrscheinlich v�llig wertlos.</p><a id="calibre_link-93"/><p><a id="calibre_link-94"/></p><p><strong>20. Kapitel</strong></p><p><strong>Dienstag, 1. Juli - Mittwoch, 2. Juli</strong></p><p>Am Morgen nach seiner R�ckkehr ging Mikael zun�chst zu Dirch Frode hin�ber, um sich nach Henriks Zustand zu erkundigen. Er erfuhr, dass der alte Mann in der vergangenen Woche erhebliche Fortschritte gemacht hatte. Er war immer noch schwach und gebrechlich, aber mittlerweile konnte er sich schon im Bett aufsetzen. Sein Zustand galt nicht mehr als kritisch.</p><p>�Gott sei Dank�, sagte Mikael. �Mir ist n�mlich klar geworden, dass ich ihn wirklich gern habe.�</p><p>Frode nickte. �Ich wei�. Und Henrik mag Sie auch. Wie war die Reise nach Norrland?�</p><p>�Erfolgreich und gleichzeitig unbefriedigend. Ich erz�hl es Ihnen nachher. Doch zuvor eine Frage.�</p><p>�Bitte sehr.�</p><p>�Was geschieht mit <emphasis>Millennium</emphasis>, wenn Henrik stirbt?�</p><p>�Gar nichts. Martin wird Mitglied der Gesch�ftsf�hrung.�</p><p>�K�nnten Sie sich vorstellen, rein hypothetisch nat�rlich, dass Martin <emphasis>Millennium</emphasis> irgendwelche Probleme bereiten w�rde, wenn ich nicht aufh�re, Harriets Verschwinden zu untersuchen?�</p><p>Dirch Frode sah Mikael scharf an.</p><p>�Was ist passiert?�</p><p>�Eigentlich gar nichts.� Mikael berichtete von dem Gespr�ch, das er am Mittsommerabend mit Martin Vanger gef�hrt hatte. �Als ich von Norsj� zur�ckfuhr, rief Erika mich an und erz�hlte, dass Martin gerade mit ihr gesprochen und sie gebeten hatte, auf meine Anwesenheit in der Redaktion zu dr�ngen.�</p><p>�Ich verstehe. Vermutlich hat Cecilia ihn angespitzt. Aber ich glaube nicht, dass Martin ernsthaft versuchen w�rde, Sie zu erpressen. Daf�r ist er viel zu anst�ndig. Und vergessen Sie nicht, dass auch ich in der F�hrungsspitze der kleinen Tochtergesellschaft sitze, die wir gegr�ndet haben, als wir bei <emphasis>Millennium</emphasis> eingestiegen sind.�</p><p>�Aber wenn es zu einer heiklen Situation kommen sollte - wie werden Sie sich dann verhalten?�</p><p>�Vertr�ge sind dazu da, eingehalten zu werden. Ich arbeite f�r Henrik. Henrik und ich sind seit f�nfundvierzig Jahren Freunde, und in diesen Dingen sind wir uns sehr �hnlich. Wenn Henrik sterben sollte, dann erbe tats�chlich ich - und nicht Martin - Henriks Anteil an der Tochtergesellschaft. Wir haben einen wasserdichten Vertrag, der uns verpflichtet, <emphasis>Millennium</emphasis> vier Jahre lang zu unterst�tzen. Wenn Martin vorhaben sollte, irgendwelchen Unfug anzustellen - was ich nicht glaube -, dann kann er eventuell eine geringe Zahl neuer Anzeigenkunden verhindern.�</p><p>�Die f�r <emphasis>Millennium</emphasis> von existenzieller Bedeutung sind ��</p><p>�Ja, aber sehen Sie es mal so - es ist zeitaufw�ndig, sich mit solchem Kleinkram abzugeben. Martin k�mpft derzeit um sein �berleben in der Industrielandschaft und arbeitet vierzig Stunden am Tag. F�r andere Dinge hat er gar keine Zeit.�</p><p>Mikael dachte eine Weile nach.</p><p>�Darf ich mal fragen � ich wei�, es geht mich nichts an, aber wie ist der allgemeine Zustand des Konzerns?�</p><p>Frode wirkte ernst.</p><p>�Wir haben Probleme.�</p><p>�Tja, das kapiert sogar ein normalsterblicher Wirtschaftsjournalist wie ich. Ich meine, wie ernst ist es denn?�</p><p>�Unter uns?�</p><p>�Ganz unter uns.�</p><p>�Wir haben in den letzten Wochen zwei Gro�auftr�ge in der Elektronikindustrie verloren und stehen kurz davor, komplett vom russischen Markt verdr�ngt zu werden. Im September m�ssen wir 1600 Angestellte in �rebro und Trollh�ttan freistellen. Eine Katastrophe f�r diese Menschen, die jahrelang f�r das Unternehmen gearbeitet haben. Mit jeder weiteren Fabrik, die wir schlie�en, wird das Vertrauen in den Konzern weiter untergraben.�</p><p>�Martin Vanger steht also gewaltig unter Druck.�</p><p>�Er schuftet wie ein Ochse und balanciert dabei auf Eierschalen.�</p><p>Mikael ging nach Hause und rief Erika an. Sie war nicht in der Redaktion, also sprach er stattdessen mit Christer Malm.</p><p>�Es sieht folgenderma�en aus: Erika hat mich gestern angerufen, als ich auf der R�ckfahrt von Norsj� war. Martin Vanger hat ihr in den Ohren gelegen und hat, wie soll ich es formulieren, er hat sie ermuntert, sie solle vorschlagen, dass ich langsam wieder gr��ere Verantwortung in der Redaktion �bernehme.�</p><p>�Das finde ich auch�, sagte Christer.</p><p>�Das verstehe ich ja. Aber ich habe hier einen Vertrag mit Henrik Vanger, den ich nicht brechen kann, und Martin agiert im Auftrag einer Person hier oben, die will, dass ich mit meiner Schn�ffelei aufh�re und von hier verschwinde.�</p><p>�Verstehe.�</p><p>�Sch�ne Gr��e an Erika, ich komme nach Stockholm, sobald ich hier oben fertig bin. Vorher nicht.�</p><p>�Alles klar. Du bist vollkommen verr�ckt. Ich werde es ausrichten.�</p><p>�Christer, hier oben ist irgendwas im Gange, und ich habe nicht vor, jetzt einen R�ckzieher zu machen.�</p><p>Christer stie� einen tiefen Seufzer aus.</p><p>Mikael ging zu Martin Vangers Haus und klopfte. Eva Hassel machte ihm auf und gr��te freundlich.</p><p>�Hallo. Ist Martin da?�</p><p>Wie zur Antwort kam Martin Vanger mit einer Aktentasche heraus. Er k�sste Eva auf die Wange und gr��te Mikael.</p><p>�Ich bin auf dem Weg ins B�ro. Wollten Sie mit mir sprechen?�</p><p>�Das k�nnen wir auch noch sp�ter, wenn Sie es jetzt eilig haben.�</p><p>�Schie�en Sie los.�</p><p>�Ich werde nicht in die <emphasis>Millennium</emphasis>-Redaktion zur�ckkehren, bevor ich nicht Henrik Vangers Auftrag erledigt habe. Ich informiere Sie nur, damit Sie nicht vor dem Jahreswechsel mit meiner Anwesenheit im F�hrungskreis rechnen.�</p><p>Martin Vanger wiegte sich einen Moment auf den Abs�tzen vor und zur�ck.</p><p>�Sie glauben offenbar, ich will Sie loswerden.� Er machte ein Pause. �Wir m�ssen sp�ter dar�ber sprechen, Mikael. Ich habe wirklich nicht die Zeit, mich hobbym��ig der Leitung von <emphasis>Millennium</emphasis> zu widmen, und ich w�nschte, ich h�tte Henriks Vorschlag nie angenommen. Aber glauben Sie mir - ich werde mein Bestes tun, damit <emphasis>Millennium</emphasis> �berlebt.�</p><p>�Das habe ich niemals bezweifelt�, antwortete Mikael h�flich.</p><p>�Wenn wir f�r n�chste Woche einen Termin vereinbaren, k�nnen wir eine Stunde lang die wirtschaftliche Situation durchgehen, und ich kann Ihnen erkl�ren, wie ich die Dinge einsch�tze. Aber im Grunde denke ich, dass das Magazin es sich nicht leisten kann, dass eine seiner Schl�sselfiguren hier auf der Insel sitzt und D�umchen dreht. Ich mag die Zeitschrift, und ich denke, wir k�nnen ihr gemeinsam wieder auf die F��e helfen, aber bei dieser Arbeit werden Sie gebraucht. Ich bin hier in einen Loyalit�tskonflikt geraten: Entweder ich richte mich nach Henriks W�nschen, oder ich mache meinen Job bei der F�hrung von <emphasis>Millennium</emphasis>.�</p><p>Mikael zog seinen Trainingsanzug an und drehte eine Runde durchs Gel�nde, bis hin zur Befestigung und hinunter zu Gottfrieds H�uschen, bevor er in langsamerem Tempo am Wasser entlang nach Hause lief. Frode sa� an seinem Gartentisch. Er wartete geduldig, w�hrend Mikael eine Flasche Wasser trank und sich den Schwei� vom Gesicht wischte.</p><p>�Das sieht mir aber nicht gesund aus bei dieser Hitze.�</p><p>�Uah�, antwortete Mikael.</p><p>�Ich habe mich geirrt. Es ist nicht in erster Linie Cecilia, die Martin in den Ohren liegt. Isabella ist diejenige, die den ganzen Clan aufstachelt, Sie zu teeren und zu federn und nach M�glichkeit auch noch auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Birger unterst�tzt sie.�</p><p>�Isabella?�</p><p>�Sie ist ein b�ser und kleinlicher Mensch, der eigentlich niemanden leiden kann. Doch gegen Sie scheint sie eine ganz besondere Abneigung zu hegen. Sie verbreitet die Behauptung, Sie seien ein Betr�ger, der Henrik dazu verleitet hat, Sie anzustellen. Auch seinen Herzanfall lastet sie Ihnen an.�</p><p>�Nimmt ihr das jemand ab?�</p><p>�Es gibt immer Menschen, die bereit sind, b�sen Zungen zu glauben.�</p><p>�Ich versuche herauszufinden, was mit ihrer Tochter geschehen ist - und sie hasst mich daf�r. Wenn es hier um meine Tochter ginge, h�tte ich wohl etwas anders reagiert.�</p><p>Gegen zwei Uhr nachmittags klingelte Mikaels Handy.</p><p>�Hallo, mein Name ist Conny Torsson, ich bin vom <emphasis>Hedestads-Kuriren</emphasis>. H�tten Sie Zeit, mir ein paar Fragen zu beantworten? Wir haben einen Tipp bekommen, dass Sie hier in Hedeby wohnen.�</p><p>�Nicht gerade brandhei� der Tipp. Ich wohne hier schon seit Neujahr.�</p><p>�Das wusste ich nicht. Was machen Sie in Hedestad?�</p><p>�Schreiben. Ich mache eine Art Sabbatjahr.�</p><p>�Woran arbeiten Sie?�</p><p>�Sorry. Das erfahren Sie erst, wenn ich es ver�ffentliche.�</p><p>�Sie sind ja gerade erst aus dem Gef�ngnis entlassen worden ��</p><p>�Ja?�</p><p>�Wie denken Sie �ber Journalisten, die Material f�lschen?�</p><p>�Journalisten, die Material f�lschen, sind Idioten.�</p><p>�Sie meinen also, Sie sind ein Idiot?�</p><p>�Warum sollte ich? Ich habe niemals Material gef�lscht.�</p><p>�Aber Sie sind wegen Verleumdung verurteilt worden.�</p><p>�Und?�</p><p>Der Reporter Conny Torsson z�gerte so lange, dass Mikael ihm auf die Spr�nge helfen musste.</p><p>�Ich bin f�r Verleumdung verurteilt worden, nicht f�r die F�lschung von Material.�</p><p>�Aber Sie haben das Material ver�ffentlicht.�</p><p>�Wenn Sie angerufen haben, um das Urteil mit mir zu diskutieren, dann kann ich leider keinen Kommentar abgeben.�</p><p>�Ich w�rde gerne zu Ihnen rauskommen und ein Interview mit Ihnen machen.�</p><p>�Tut mir leid, aber ich habe zu diesem Thema nichts zu sagen.�</p><p>�Sie wollen den Prozess also nicht diskutieren.�</p><p>�Das haben Sie richtig verstanden�, antwortete Mikael und beendete das Gespr�ch. Er dachte eine ganze Weile nach, bevor er sich wieder an seinen Computer setzte.</p><p>Lisbeth Salander folgte der Wegbeschreibung: Sie steuerte ihre Kawasaki �ber die Br�cke auf die Hedeby-Insel und hielt beim ersten kleinen H�uschen auf der linken Seite. Ihrer Meinung nach war sie hier am Ende der Welt. Aber solange ihr Auftraggeber sie bezahlte, war sie auch bereit, zum Nordpol zu fahren. Au�erdem war es sch�n gewesen, auf der langen Fahrt �ber die E4 so richtig Gas zu geben. Sie stellte ihre Maschine ab und l�ste die Gep�ckriemen, mit denen ihre Tasche mit den n�tigen Utensilien f�r eine �bernachtung befestigt war.</p><p>Mikael machte die T�r auf und winkte ihr zu. Er kam heraus und inspizierte ihr Motorrad mit aufrichtigem Staunen.</p><p>�Klasse Maschine!�</p><p>Lisbeth Salander sagte nichts, beobachtete ihn aber wachsam, als er an Lenker und Gashebel herumfummelte. Sie mochte es gar nicht, wenn jemand etwas anfasste, was ihr geh�rte. Dann sah sie sein kindlich-jungenhaftes L�cheln und war fast wieder vers�hnt. Die meisten Motorradfans r�mpften f�r gew�hnlich die Nase �ber ihre leichte Maschine.</p><p>�Ich hatte auch eine, als ich neunzehn war�, sagte er und wandte sich zu ihr. �Danke f�r Ihren Besuch. Kommen Sie rein, ich zeige Ihnen alles.�</p><p>Mikael hatte sich von Nilssons gegen�ber ein Feldbett ausgeliehen und es im Arbeitszimmer aufgestellt. Lisbeth Salander machte einen misstrauischen Rundgang durch das G�stehaus, schien sich aber zu entspannen, als sie keine direkten Anzeichen f�r irgendwelche Hinterhalte entdecken konnte. Mikael zeigte ihr das Badezimmer.</p><p>�Falls Sie sich duschen und frisch machen wollen.�</p><p>�Ich muss mich umziehen. In der Lederkluft will ich nicht unbedingt rumlaufen.�</p><p>�Nur zu - ich mache uns inzwischen was zu essen.�</p><p>Mikeal bereitete Lammkoteletts in Rotweinsauce zu und deckte den Tisch auf der Terrasse in der Abendsonne, w�hrend Lisbeth duschte und sich umzog. Sie kam barfu� mit einem schwarzen Top und einem kurzen, abgetragenen Jeansrock hinaus. Das Essen roch gut, und sie verdr�ckte zwei gro�e Portionen. Heimlich musterte Mikael das faszinierende Tattoo auf ihrem R�cken.</p><p>�F�nf plus drei�, sagte Lisbeth Salander. �F�nf F�lle von Harriets Liste und drei F�lle, die meiner Meinung nach auch auf dieser Liste h�tten stehen m�ssen.�</p><p>�Erz�hlen Sie.�</p><p>�Ich habe erst elf Tage daran gearbeitet und noch nicht alle Untersuchungsberichte ausgraben k�nnen. In manchen F�llen ist der Polizeibericht ins Landesarchiv gewandert, in anderen wird er immer noch auf dem Polizeirevier verwahrt. Ich habe drei Tagesausfl�ge zu verschiedenen Polizeirevieren unternommen, die restlichen habe ich nicht mehr geschafft. Aber alle f�nf sind identifiziert.�</p><p>Lisbeth legte einen ansehnlichen Papierstapel auf den K�chentisch, knapp f�nfhundert A4-Seiten. Sie sortierte das Material schnell zu verschiedenen H�ufchen.</p><p>�Sehen wir sie uns in chronologischer Reihenfolge an.� Sie gab Mikael eine Liste.</p><p>1949 - Rebecka Jacobsson, 24, Hedestad (30112)</p><p>1954 - Mari Holmberg, Kalmar (32018)</p><p>1957 - Rakel Lunde, Landskrona (32027)</p><p>1960 - (Magda) Lovisa Sj�berg, Karlstad (32016)</p><p>1960 - Liv Gustavsson, Stockholm (32016)</p><p>1962 - Lea Persson, Uddevalla (31208)</p><p>1964 - Sara Witt, Ronneby (32109)</p><p>1966 - Lena Andersson, Uppsala (30112)</p><p>�Der erste Fall in dieser Serie scheint Rebecka Jacobsson zu sein, 1949, da sind Ihnen die Details ja schon bekannt. Der n�chste Fall, den ich gefunden habe, ist Mari Holmberg, eine  zweiunddrei�igj�hrige Prostituierte aus Kalmar, die im Oktober 1954 in ihrer Wohnung umgebracht wurde. Der Tatzeitpunkt konnte nicht genau ermittelt werden, da sie erst nach einer Weile gefunden wurde. Vermutlich neun oder zehn Tage nach dem Mord.�</p><p>�Und wie bringen Sie sie mit Harriets Liste in Verbindung?�</p><p>�Sie war gefesselt und schwer misshandelt worden, die Todesursache war jedoch Ersticken. Der M�rder hatte ihr eine Damenbinde in den Rachen gestopft.�</p><p>Mikael schwieg einen Moment, bevor er die angegebene Bibelstelle nachschlug, das Dritte Buch Mose, Kapitel 20, Vers 18:</p><p><emphasis>Wenn ein Mann bei einer Frau liegt zur Zeit ihrer Tage und mit ihr Umgang hat und so den Brunnen ihres Blutes aufdeckt und sie den Brunnen ihres Blutes aufdeckt, so sollen sie beide aus ihrem Volk ausgerottet werden.</emphasis></p><p>Lisbeth nickte.</p><p>�Harriet Vanger hat dieselbe Verbindung gesehen. Okay. Die n�chste.�</p><p>�Mai 1957. Rakel Lunde, f�nfundvierzig Jahre alt. Diese Frau arbeitete als Putzfrau und galt in ihrer Gegend als schrulliges Original. Sie war Wahrsagerin, las aus der Hand. Rakel wohnte au�erhalb von Landskrona in einem ziemlich abgelegenen Haus, in dem sie irgendwann am fr�hen Morgen ermordet wurde.</p><p>Sie wurde nackt und gefesselt bei einem W�schest�nder im Garten hinter ihrem Haus gefunden. Ihr Mund war mit Klebeband zugeklebt.</p><p>Sie war get�tet worden, indem man wieder und wieder einen schweren Stein auf sie geworfen hat. Sie hatte unz�hlige Quetschwunden und Frakturen.�</p><p>�Verdammt. Lisbeth, das ist absolut grauenvoll.�</p><p>�Es wird noch schlimmer. Die Initialen RL stimmen - finden Sie das Bibelzitat?�</p><p>�Ganz klar. <emphasis>Wenn ein Mann oder eine Frau Geister beschw�ren oder Zeichen deuten kann, so sollen sie des Todes sterben; man soll sie steinigen; ihre Blutschuld komme �ber sie.</emphasis>�</p><p>�Dann kommt Lovisa Sj�berg in Ranmo bei Karlstad. Sie ist die, die Harriet als Magda aufgef�hrt hat. Ihr vollst�ndiger Name lautet Magda Lovisa, aber Lovisa war ihr Rufname.�</p><p>Mikael h�rte aufmerksam zu, w�hrend Lisbeth die bizarren Details des Karlstad-Mordes wiedergab. Als sie sich eine Zigarette anz�ndete, deutete er mit fragendem Blick auf das Paket. Sie schob es ihm zu.</p><p>�Der M�rder hat also auch das Tier angegriffen?�</p><p>�Das Bibelzitat lautet so, dass wenn eine Frau Sex mit einem Tier hat, beide get�tet werden sollen.�</p><p>�Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Frau Sex mit einem Pferd hatte, d�rfte wohl gegen null gehen.�</p><p>�Man kann das Bibelzitat w�rtlich auslegen. Es reicht, wenn sie sich <emphasis>einem Tier naht</emphasis>, was eine B�uerin unbestreitbar jeden Tag tut.�</p><p>�Okay. Fahren Sie fort.�</p><p>�Der n�chste Fall auf Harriets Liste ist Sara. Ich habe sie als Sara Witt identifiziert, siebenunddrei�ig Jahre alt, wohnhaft in Ronneby. Sie wurde im Januar 1964 ermordet. Die Umst�nde waren Folgende: Sie wurde gefesselt in ihrem Bett aufgefunden. Man hatte sie sexuell schwer misshandelt, Todesursache war allerdings Ersticken. Sie wurde erdrosselt. Der M�rder legte sogar noch ein Feuer. Er wollte das ganze Haus anscheinend bis auf die Grundmauern niederbrennen, aber das Feuer ging zum Teil von selbst aus, und au�erdem war die Feuerwehr sehr schnell vor Ort.�</p><p>�Und die Verbindung?�</p><p>�Sara Witt war sowohl Pfarrerstochter als auch mit einem Pfarrer verheiratet. Ihr Mann war ausgerechnet an jenem Wochenende verreist.�</p><p>�<emphasis>Wenn eines Priesters Tochter sich durch Hurerei entheiligt, so soll man sie mit Feuer verbrennen, denn sie hat ihren Vater entheiligt.</emphasis> Okay. Damit passt sie in die Liste. Sie haben gesagt, Sie h�tten mehrere F�lle gefunden.�</p><p>�Ich habe drei weitere Frauen gefunden, die unter so bizarren Umst�nden ermordet wurden, dass sie auf Harriets Liste stehen m�ssten. Bei dem ersten Fall geht es um eine junge Frau namens Liv Gustavsson. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt und wohnte in Farsta. Sie war ein Pferdenarr, nahm an Reitturnieren teil und galt als vielversprechendes Talent. Au�erdem hatte sie zusammen mit ihrer Schwester eine kleine Tierhandlung.�</p><p>�Okay.�</p><p>�Sie wurde in ihrem Laden aufgefunden. Sie hatte �berstunden gemacht, um die Buchf�hrung zu erledigen, und war ganz allein. Sie muss den M�rder freiwillig hereingelassen haben. Sie wurde vergewaltigt und erw�rgt.�</p><p>�Das klingt aber nicht so richtig nach Harriets Liste, oder?�</p><p>�Nicht so richtig, aber da gibt es noch ein Detail: Der M�rder hatte ihr ganz zum Schluss noch einen Wellensittich in den Unterleib gestopft und danach alle Tiere, die sich in der Zoohandlung befanden, freigelassen: Katzen, Schildkr�ten, wei�e M�use, Kaninchen, V�gel. Sogar die Fische aus den Aquarien. Ihrer Schwester bot sich am n�chsten Morgen ein grausiger Anblick.�</p><p>Mikael nickte.</p><p>�Sie wurde im August 1960 ermordet, vier Monate nach dem Mord an der B�uerin. In beiden F�llen handelte es sich um Frauen, die berufsm��ig mit Tieren zu tun hatten, und in beiden F�llen wurde ein Tieropfer gebracht. Die Kuh in Karlstad hat zwar �berlebt, aber vermutlich ist es auch nicht einfach, eine Kuh zu erstechen. Ein Wellensittich ist da doch irgendwie einfacher. Au�erdem gab es noch ein weiteres Tieropfer.�</p><p>�Und zwar?�</p><p>Lisbeth erz�hlte von dem seltsamen <emphasis>Taubenmord</emphasis> an Lea Persson in Uddevalla. Mikael schwieg und �berlegte so lange, bis sogar Lisbeth ungeduldig wurde.</p><p>�Okay�, meinte er schlie�lich. �Ich schlie�e mich Ihrer Theorie an. Ein Fall fehlt noch.�</p><p>�Ein Fall, den ich zuf�llig entdeckt habe. Ich wei� nicht, wie viele mir vielleicht entgangen sind.�</p><p>�Erz�hlen Sie.�</p><p>�Februar 1966 in Uppsala. Das j�ngste Opfer war eine siebzehnj�hrige Gymnasiastin namens Lena Andersson. Sie verschwand nach einem Klassenfest und wurde drei Tage sp�ter in einem Graben in der Gegend von Uppsala gefunden, ein gutes St�ckchen au�erhalb der Stadt. Sie war an einem anderen Ort ermordet und dann dorthin gebracht worden.�</p><p>Mikael nickte.</p><p>�Dieser Mord hat in den Massenmedien f�r Aufsehen gesorgt, aber �ber die genauen Umst�nde ihres Todes wurde nie berichtet. Das M�dchen war auf �u�erst groteske Weise gefoltert worden. Ich habe den Bericht des Pathologen gelesen. Ihre H�nde und ihre Brust wiesen schwere Verbrennungen auf, und am ganzen K�rper waren ihr wieder und wieder Brandverletzungen zugef�gt worden. Man fand Wachsflecken auf ihr, die bewiesen, dass eine Kerze verwendet worden war, aber die H�nde waren so verkohlt, dass sie in ein gr��eres Feuer gehalten worden sein mussten. Schlie�lich hat der M�rder ihr den Kopf abges�gt und ihn neben den K�rper gelegt.�</p><p>Nun wurde Mikael doch blass.</p><p>�Lieber Gott�, sagte er.</p><p>�Ich finde kein passendes Bibelzitat, aber es gibt mehrere Abschnitte, die von Brand- und S�hneopfern handeln, und an ein paar Stellen wird angeordnet, dass das Opfertier - meistens ein Stier - <emphasis>in seine St�cke zerlegt</emphasis> werden soll. Der Einsatz von Feuer erinnert auch an den ersten Mord, den an Rebecka in Hedestad.�</p><p>Als gegen Abend die M�ckenschw�rme anr�ckten, r�umten Mikael und Lisbeth den Gartentisch ab und setzten sich in die K�che, um dort weiterzureden.</p><p>�Dass Sie kein exaktes Bibelzitat finden, muss nichts hei�en. Es geht nicht um Zitate. Das hier ist eine groteske Parodie dessen, was in der Bibel steht - es sind eher Assoziationen zu aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten.�</p><p>�Ich wei�. Es ist nicht mal logisch. Wenn der M�rder das Zitat buchstabengetreu ausgelegt h�tte, dass sowohl die Frau als auch der Mann ausgerottet werden sollen, wenn sie w�hrend ihrer Menstruation Sex hatten, dann h�tte er ja Selbstmord begehen m�ssen.�</p><p>�Worauf l�uft das also alles hinaus?�, fragte Mikael.</p><p>�Ihre Harriet hatte entweder das ziemlich seltsame Hobby, Bibelzitate zu sammeln und mit Mordopfern in Verbindung zu bringen, von denen sie geh�rt hatte � oder sie muss gewusst haben, dass zwischen diesen Morden eine Verbindung bestand.�</p><p>�Soweit wir wissen, wurden die Morde zwischen 1949 und 1966 ver�bt. Es m�sste also ein vollkommen verr�ckter Sadist und Serienm�rder mit der Bibel unterm Arm durch die Gegend geschlichen sein, um in einem Zeitraum von mindestens siebzehn Jahren Frauen zu ermorden, ohne dass jemand die Morde jemals miteinander in Verbindung gebracht h�tte. Das klingt v�llig unplausibel.�</p><p>Lisbeth Salander schob den Stuhl zur�ck und holte die Kaffeekanne vom Herd. Sie steckte sich eine Zigarette an und blies den Rauch in alle Richtungen. Mikael fluchte innerlich und stibitzte sich noch eine Zigarette von ihr.</p><p>�Nein, das ist gar nicht mal so unplausibel�, sagte sie und hob einen Finger. �Im 20. Jahrhundert haben wir in Schweden mehrere Dutzend unaufgekl�rte Frauenmorde. Dieser Kriminologie-Professor namens Persson hat in der Fernsehserie <emphasis>Gesucht</emphasis> darauf hingewiesen, dass Serienm�rder in Schweden furchtbar selten sind, dass es aber sicher einige gegeben hat, die einfach nie �berf�hrt wurden.�</p><p>Mikael nickte. Sie hielt einen weiteren Finger in die H�he.</p><p>�Diese Morde sind �ber einen sehr langen Zeitraum hinweg ver�bt worden, und an weit auseinanderliegenden Orten im Land. Zwei von den Morden wurden kurz hintereinander begangen, aber die Umst�nde sahen sich nicht sonderlich �hnlich - eine B�uerin in Karlstad und eine zweiundzwanzigj�hrige Pferden�rrin in Stockholm.�</p><p>Dritter Finger.</p><p>�Es gibt kein offensichtliches Muster. Die Morde geschahen auf unterschiedliche Art und Weise, der T�ter hat also keine deutliche Handschrift hinterlassen, aber gewisse Dinge kehren bei allen F�llen wieder. Tiere. Feuer. Brutalste sexuelle Gewalt. Und - wie Sie schon sagten - eine Bibelparodie. Aber anscheinend hat noch kein Ermittler der Polizei einen dieser Morde von der Bibel her interpretiert.�</p><p>Mikael nickte. Er warf Lisbeth einen verstohlenen Blick zu. Mit ihrem d�nnen K�rper, dem schwarzen Hemd, dem Tattoo und den Piercingringen im Gesicht wirkte sie in einem G�steh�uschen in Hedeby, gelinde gesagt, fehl am Platze. Als er beim Abendessen versucht hatte, ein bisschen Konversation zu betreiben, war sie einsilbig gewesen und hatte auch nur knappe Antworten gegeben, wenn er sie direkt ansprach. Aber bei der Arbeit wirkte sie bis in die Fingerspitzen wie ein Profi. In ihrer Wohnung in Stockholm sah es so aus, als h�tte eine Bombe eingeschlagen, doch Mikael nahm an, dass in ihrem Kopf die Dinge au�ergew�hnlich gut sortiert waren. Seltsam!</p><p>�Es ist schwer, den Zusammenhang zu erkennen zwischen einer Prostituierten aus Uddevalla, die auf einem Industriegel�nde erschlagen wurde, und einer Pfarrersfrau aus Ronneby, die man erw�rgt und verbrannt hat - wenn man nicht zuf�llig den Schl�ssel in der Hand h�lt, den Harriet uns gegeben hat�, f�gte er hinzu.</p><p>�Was uns zur n�chsten Frage f�hrt�, sagte Lisbeth.</p><p>�Genau, wie zum Teufel ist Harriet hier hineingeraten? Ein sechzehnj�hriges M�dchen aus einer beh�teten Umgebung.�</p><p>�Es gibt nur eine Antwort�, sagte sie.</p><p>Mikael nickte abermals.</p><p>�Es muss eine Verbindung zur Familie Vanger geben.�</p><p>Bis elf Uhr abends hatten sie �ber m�gliche Zusammenh�nge und befremdliche Details s�mtlicher Mordf�lle diskutiert. Mikael dr�hnte der Kopf. Er rieb sich die Augen, streckte sich und fragte, ob sie Lust auf einen Abendspaziergang h�tte. Lisbeth sah so aus, als w�rde sie so etwas f�r reine Zeitverschwendung halten, nickte aber nach kurzer Bedenkzeit doch. Mikael riet ihr, wegen der M�cken eine lange Hose anzuziehen.</p><p>Sie gingen unter der Br�cke hindurch, am Kleinboothafen vorbei und auf Martin Vangers Landzunge zu. Mikael zeigte auf die verschiedenen H�user und erkl�rte ihr, wer wo wohnte. Er konnte seine Gedanken nur schwer formulieren, als er ihr Cecilias Haus zeigte. Lisbeth musterte ihn verstohlen aus dem Augenwinkel.</p><p>Als sie an Martin Vangers Motoryacht vorbeikamen und die Landzunge erreichten, setzten sie sich auf einen Stein und teilten sich eine Zigarette.</p><p>�Es gibt noch eine weitere Verbindung zwischen den Mordopfern�, sagte Mikael pl�tzlich. �Sie haben vielleicht schon daran gedacht.�</p><p>�Was?�</p><p>�Die Namen.�</p><p>Lisbeth �berlegte kurz. Dann sch�ttelte sie den Kopf.</p><p>�Es sind alles biblische Namen.�</p><p>�Stimmt nicht�, antwortete Lisbeth sofort. �Weder Liv noch Lena kommen in der Bibel vor.�</p><p>�Doch. Liv bedeutet Leben, das ist die biblische Bedeutung  des Namens Eva. Und jetzt mal scharf nachgedacht - Lena ist eine Abk�rzung von welchem Namen?�</p><p>Lisbeth kniff die Augen ver�rgert zusammen und fluchte innerlich. Mikael hatte schneller gedacht als sie. Das gefiel ihr gar nicht.</p><p>�Magdalena�, sagte sie.</p><p>�Die Hure, die erste Frau, die Jungfrau Maria � das Ganze ist so verr�ckt, dass vermutlich jedem Psychologen schwindelig w�rde. Aber ich hatte bei den Namen eigentlich an etwas anderes gedacht.�</p><p>Lisbeth wartete geduldig ab.</p><p>�Es sind auch traditionelle j�dische Frauennamen. In der Familie Vanger gibt es �berdurchschnittlich viele verr�ckte Judenhasser, Nazis und Verschw�rungstheoretiker. Harald Vanger ist �ber neunzig Jahre alt und hatte seine gro�e Zeit in den sechziger Jahren. Das einzige Mal, als ich ihn traf, zischte er mir zu, dass seine eigene Tochter eine Hure sei. Er hat ganz offensichtlich Probleme mit Frauen.�</p><p>Als sie wieder zu Mikaels Haus zur�ckkamen, strichen sie sich noch ein paar Brote und w�rmten den Kaffee auf. Mikael schielte auf die zirka f�nfhundert Seiten, die Armanskijs Lieblingsermittlerin erstellt hatte.</p><p>�Sie haben da in Rekordzeit eine phantastische Recherchearbeit hingelegt�, sagte er. �Danke. Und danke auch, dass Sie so nett waren, hierherzukommen, um Bericht zu erstatten.�</p><p>�Und wie geht es jetzt weiter?�, fragte Lisbeth.</p><p>�Ich werde mit Frode sprechen, dann erledigen wir das mit der Bezahlung.�</p><p>�Das hatte ich nicht gemeint.�</p><p>Mikael zog die Augenbrauen hoch.</p><p>�Tja � der Rechercheauftrag, f�r den ich Sie angeheuert hatte, ist hiermit erledigt�, sagte er vorsichtig.</p><p>�Ich bin mit dieser Sache aber noch nicht fertig.�</p><p>Als Mikael sich auf dem K�chensofa zur�cklehnte, trafen sich ihre Blicke. Er konnte in ihren Augen �berhaupt nichts lesen. Ein halbes Jahr hatte er alleine am Fall Harriet gearbeitet, und nun war da pl�tzlich ein anderer Mensch - eine erfahrene Ermittlerin -, die die Tragweite des Falles erkannte. Er fasste einen spontanen Entschluss.</p><p>�Ich wei�. Diese Geschichte geht mir auch unter die Haut. Ich rede morgen mit Frode. Wir werden Sie f�r eine weitere Woche anstellen � oder auch zwei. Als � hmm, als Recherche-Assistentin. Ich wei� nicht, ob er bereit ist, denselben Tarif wie an Armanskij zu zahlen, aber einen vern�nftigen Monatslohn sollten wir wohl aus ihm herausholen k�nnen.�</p><p>Lisbeth bedachte ihn auf einmal mit einem unbeholfenen L�cheln. Bei diesem Fall wollte sie unbedingt bis zum Ende dabei sein - notfalls auch gratis.</p><p>�Ich schlaf jetzt gleich ein�, sagte sie, ging ohne ein weiteres Wort in ihr Zimmer und schloss die T�r.</p><p>Nach zwei Minuten �ffnete sie die T�r noch einmal und streckte den Kopf hinaus.</p><p>�Ich glaube, Sie t�uschen sich. Das ist kein verr�ckter Serienm�rder, der zu viel in der Bibel gelesen hat. Das ist nur ein ganz gew�hnliches Arschloch, das Frauen hasst.�</p><a id="calibre_link-95"/><p><a id="calibre_link-96"/></p><p><strong>21. Kapitel</strong></p><p><strong>Donnerstag, 3. Juli - Donnerstag, 10. Juli</strong></p><p>Lisbeth Salander erwachte vor Mikael, um sechs Uhr morgens. Sie setzte Kaffee auf und stellte sich unter die Dusche. Als Mikael gegen acht Uhr wach wurde, sa� sie vor seinem iBook und las seine Zusammenfassung des Falles Harriet Vanger. Er kam mit einem Laken um die H�ften in die K�che und rieb sich den Schlaf aus den Augen.</p><p>�Auf dem Herd steht Kaffee�, sagte sie.</p><p>Mikael sp�hte ihr �ber die Schulter.</p><p>�Dieses Dokument war passwortgesichert�, sagte er.</p><p>Sie wandte den Kopf und blickte zu ihm hoch.</p><p>�Es dauert genau drei�ig Sekunden, sich ein Programm aus dem Netz herunterzuladen, mit dem man solche Passw�rter knacken kann�, sagte sie.</p><p>�Wir m�ssen noch mal ein Gespr�ch �ber pers�nliches Eigentum f�hren�, sagte Mikael und ging unter die Dusche.</p><p>Als er zur�ckkam, hatte Lisbeth seinen Computer ausgeschaltet und wieder an seinen Platz im Arbeitszimmer zur�ckgestellt. Sie hatte ihr eigenes PowerBook hochgefahren. Mikael war �berzeugt, dass sie den Inhalt des Dokuments bereits auf ihren eigenen Computer �bertragen hatte.</p><p>Lisbeth Salander war ein Informations-Junkie mit einer h�chst liberalen Auffassung von Moral und Ethik.  Mikael hatte sich gerade an den Fr�hst�cktisch gesetzt, als es an der Haust�r klopfte. Er stand auf und �ffnete. Martin Vanger wirkte so verbissen, dass Mikael f�r einen Moment dachte, er sei gekommen, um die Nachricht von Henrik Vangers Tod zu �berbringen.</p><p>�Nein, Henrik geht es genauso wie gestern. Ich komme in einer ganz anderen Angelegenheit. Kann ich kurz reinkommen?�</p><p>Mikael lie� ihn herein und stellte ihn der �Recherche-Assistentin� Lisbeth Salander vor. Sie bedachte den Gro�industriellen nur mit einem halben Blick und einem kurzen Nicken, bevor sie sich wieder ihrem Computer zuwandte. Martin Vanger gr��te zerstreut und schien sie kaum wahrzunehmen. Mikael goss ihm eine Tasse Kaffee ein und bat ihn, Platz zu nehmen.</p><p>�Worum geht es denn?�</p><p>�Sie haben nicht zuf�llig den <emphasis>Hedestads-Kuriren</emphasis> abonniert, oder?�</p><p>�Nein. Ich lese ihn manchmal in Susannes Caf�.�</p><p>�Dann haben Sie die Morgenausgabe also noch nicht gelesen.�</p><p>�Sie sagen das so, als h�tte ich das tun sollen.�</p><p>Martin Vanger legte den <emphasis>Hedestads-Kuriren</emphasis> vor Mikael auf den Tisch. Man hatte ihm einen Leitartikel �ber zwei Spalten und eine Fortsetzung auf Seite vier gewidmet. Er betrachtete die Schlagzeile:</p><p><strong>Hier versteckt sich der verurteilte Journalist</strong></p><p>Der Artikel war mit einem Foto illustriert, das von der anderen Seite der Br�cke, vom Kirchh�gel aus, mit dem Teleobjektiv aufgenommen worden war. Es zeigte Mikael, wie er gerade aus der T�r des G�steh�uschens trat.</p><p>Der Reporter Conny Torsson hatte mit dem Schm�hartikel, den er �ber Mikael zusammengeschustert hatte, ganze Arbeit geleistet. Er skizzierte noch einmal kurz die Wennerstr�m-Aff�re und hob hervor, dass Mikael <emphasis>Millennium</emphasis> unter Schimpf und Schande verlassen und k�rzlich eine Gef�ngnisstrafe abgeb��t habe. Der Artikel schloss mit der altbekannten Behauptung, dass Mikael ein Gespr�ch mit dem <emphasis>Hedestads-Kuriren</emphasis> verweigert habe. Der Ton war so gehalten, dass keinem Bewohner von Hedestad verborgen bleiben konnte, was f�r ein dubioser Typ hier durch die Gegend schlich. Keine der Behauptungen in diesem Artikel war angreifbar, aber sie waren so dargestellt, dass Mikael mehr als fragw�rdig dastand. Sowohl das Bild als auch der Text erinnerten an die Art Artikel, in denen man sonst �ber politische Terroristen berichtet. <emphasis>Millennium</emphasis> wurde als �Agitationsblatt� mit geringer Glaubw�rdigkeit hingestellt und Mikaels Buch �ber Wirtschaftsjournalismus als ein Sammelsurium �kontroverser Behauptungen� �ber angesehene Journalisten bezeichnet.</p><p>�Mikael � ich kann kaum in Worte fassen, was f�r Gef�hle dieser Artikel in mir hervorgerufen hat. Es ist einfach widerlich.�</p><p>�Das war eine Auftragsarbeit�, entgegnete Mikael ruhig. Er sah Martin forschend an.</p><p>�Ich hoffe, Ihnen ist klar, dass ich nicht das Geringste damit zu tun habe. Ich h�tte mich fast an meinem Morgenkaffee verschluckt, als ich die Zeitung las.�</p><p>�Wer steckt dahinter?�</p><p>�Ich habe heute Morgen ein paar Telefongespr�che gef�hrt. Conny Torsson arbeitet den Sommer �ber als Aushilfe. Er hat in Birgers Auftrag gehandelt.�</p><p>�Ich dachte, Birger h�tte keinen Einfluss auf die Redaktion; er ist doch immerhin Gemeinderat und Politiker.�</p><p>�Offiziell hat er auch keinen Einfluss. Aber Chefredakteur des <emphasis>Kuriren</emphasis> ist Gunnar Karlman, Sohn von Ingrid Vanger aus  Johan Vangers Zweig der Familie. Birger und Gunnar sind seit vielen Jahren eng befreundet.�</p><p>�Verstehe.�</p><p>�Torsson fliegt mit sofortiger Wirkung raus.�</p><p>�Wie alt ist er?�</p><p>�Ehrlich gesagt, ich wei� es nicht. Ich bin ihm nie begegnet.�</p><p>�Schmei�en Sie ihn nicht raus. Als er mich anrief, klang er nach einem ziemlich jungen und unerfahrenen Reporter.�</p><p>�Diese Geschichte kann ich ihm nicht durchgehen lassen.�</p><p>�Wenn Sie mich fragen, sieht die Situation ein bisschen absurd aus. Der Chefredakteur einer Zeitung, die der Familie Vanger geh�rt, geht auf eine Zeitschrift los, bei der Henrik Vanger Teilhaber ist und Sie im F�hrungskreis sitzen. Chefredakteur Karlman attackiert also Sie und Henrik.�</p><p>Martin Vanger lie� sich Mikaels Worte durch den Kopf gehen, sch�ttelte dann aber langsam den Kopf.</p><p>�Ich verstehe, was Sie meinen. Ich sollte die Verantwortung an der richtigen Stelle suchen. Karlman ist Teilhaber am Konzern und hat immer aus dem Hinterhalt gegen mich agiert, aber das hier sieht mir eher aus wie Birgers Rache daf�r, dass Sie ihn auf dem Krankenhausflur abgefertigt haben. Sie sind ihm ein Dorn im Auge.�</p><p>�Ich wei�. Deswegen glaube ich ja auch, dass Torsson immer noch der Unschuldigste in diesem Spiel ist. Es w�re wohl ein bisschen zu viel verlangt von einer jungen Aushilfe, einen Auftrag seines Chefredakteurs zu verweigern.�</p><p>�Ich kann verlangen, dass Sie morgen an prominenter Stelle eine �ffentliche Entschuldigung bekommen.�</p><p>�Lassen Sie�s. Dann zieht sich der Streit nur noch l�nger hin, und die Situation verschlimmert sich noch mehr.�</p><p>�Sie meinen also, ich soll gar nichts unternehmen?�</p><p>�Das lohnt sich nicht. Karlman wird sich querstellen, und im schlimmsten Fall werden Sie noch als Gauner hingestellt,  der seine Rechte als Eigner missbraucht, um die freie Meinungsbildung zu beeinflussen.�</p><p>�Tut mir leid, Mikael, ich kann Ihnen nicht zustimmen. Ich habe tats�chlich auch das Recht, freie Meinungsbildung zu betreiben. Ich finde, dieser Artikel stinkt zum Himmel, und ich habe vor, meine pers�nliche Einstellung kundzutun. Ich bin immer noch Henriks Stellvertreter in der  <emphasis>Millennium</emphasis>-F�hrungsspitze, und in dieser Funktion kann ich solche versteckten Anschuldigungen nicht unkommentiert lassen.�</p><p>�Okay.�</p><p>�Ich werde verlangen, dass meine Richtigstellung ver�ffentlicht wird. In der werde ich wiederum Karlman als Idiot hinstellen. Das hat er sich selbst zuzuschreiben.�</p><p>�Okay, Sie m�ssen nach Ihrer �berzeugung handeln.�</p><p>�Ich will Sie davon �berzeugen, dass ich nichts mit dieser infamen Attacke zu tun habe.�</p><p>�Ich glaube Ihnen�, versicherte Mikael.</p><p>�Au�erdem - ich wollte das eigentlich nicht bei dieser Gelegenheit wieder aufs Tapet bringen, aber dieser Vorfall h�ngt unmittelbar mit dem Thema zusammen, �ber das wir neulich gesprochen haben. Es ist wichtig, dass Sie wieder fest in der  <emphasis>Millennium</emphasis>-Redaktion sitzen, sodass wir nach au�en geeint auftreten. Solange Sie fortbleiben, geht das dumme Gerede immer weiter. Ich glaube an <emphasis>Millennium</emphasis> und bin sicher, dass wir diesen Kampf gemeinsam gewinnen k�nnen.�</p><p>�Ich verstehe Ihren Standpunkt ja, aber in dieser Sache kann ich Ihnen nicht zustimmen. Ich kann den Vertrag mit Henrik nicht brechen, und ich will ihn auch nicht brechen. Ich mag den alten Mann wirklich. Und die Geschichte mit Harriet ��</p><p>�Ja?�</p><p>�Ich begreife, dass Henriks Besessenheit f�r Sie manchmal sehr anstrengend war.�</p><p>�Mal ganz unter uns - ich liebe Henrik, und er ist mein Mentor, aber was Harriet angeht, grenzte seine Besessenheit schon an Rechthaberei.�</p><p>�Als ich diesen Job anfing, erwartete ich, dass ich damit nur meine Zeit verschwenden w�rde. Aber nun haben wir wider Erwarten doch neues Material gefunden. Ich glaube, dass wir vor einem Durchbruch stehen. Vielleicht werden wir bald eine Antwort auf die Frage haben, was damals wirklich geschehen ist.�</p><p>�Sie wollen mir nicht erz�hlen, was Sie gefunden haben?�</p><p>�Laut Vertrag darf ich ohne Henriks pers�nliche Genehmigung mit niemandem dar�ber sprechen.�</p><p>Martin Vanger st�tzte das Kinn auf die Hand. Mikael konnte den Zweifel in seinen Augen sehen. Schlie�lich fasste Martin einen Entschluss.</p><p>�Okay, dann ist es wohl das Beste, das R�tsel Harriet so schnell wie m�glich zu l�sen. Ich w�rde sagen, ich gebe Ihnen jedwede Unterst�tzung, damit Sie die Arbeit zufriedenstellend abschlie�en und danach wieder zu <emphasis>Millennium</emphasis> zur�ckkehren k�nnen.�</p><p>�Gut. Ich m�chte nicht auch noch gegen Sie k�mpfen m�ssen.�</p><p>�Das brauchen Sie auch nicht. Sie haben meine volle Unterst�tzung. Wenn Sie wollen, k�nnen Sie sich an mich wenden, sobald Sie auf Probleme sto�en. Ich kann Druck auf Birger aus�ben, damit er Sie nicht behindert. Und ich kann versuchen, mit Cecilia zu reden, damit sie sich wieder beruhigt.�</p><p>�Danke. Ich muss ihr n�mlich ein paar Fragen stellen, und sie ignoriert meine Versuche, mich mit ihr zu unterhalten, mittlerweile seit einem Monat.�</p><p>Martin Vanger lachte pl�tzlich auf.</p><p>�Sie haben vielleicht ganz andere Dinge miteinander zu kl�ren. Aber da mische ich mich nicht ein.�</p><p>Sie gaben sich die Hand.</p><p>Lisbeth Salander hatte dem Wortwechsel zwischen Mikael und Martin Vanger schweigend gelauscht. Als Martin gegangen war, nahm sie sich den <emphasis>Hedestads-Kuriren</emphasis> und �berflog den Artikel. Danach legte sie die Zeitung kommentarlos wieder weg.</p><p>Mikael �berlegte. Gunnar Karlman war Jahrgang 1942, also vierundzwanzig Jahre alt gewesen, als Harriet verschwand. Er geh�rte auch zu denjenigen, die sich zum kritischen Zeitpunkt auf der Insel aufgehalten hatten.</p><p>Nach dem Fr�hst�ck gab Mikael seiner Recherche-Assistentin den polizeilichen Untersuchungsbericht zu lesen. Er sah das Material vorher durch und gab ihr nur die Ordner, die sich auf Harriets Verschwinden konzentrierten. Au�erdem gab er ihr alle Bilder vom Unfall auf der Br�cke sowie die ausf�hrliche redigierte Zusammenstellung von Henriks Privatermittlungen.</p><p>Danach ging Mikael zu Frode hin�ber und lie� ihn Lisbeths Vertrag um einen Monat verl�ngern.</p><p>Als er zum G�steh�uschen zur�ckkam, war Lisbeth in den Garten umgezogen und ganz in den Untersuchungsbericht versunken. Mikael ging hinein und w�rmte den Kaffee auf. Er betrachtete sie durchs K�chenfenster. Sie schien den Bericht eher zu �berfliegen und maximal zehn bis f�nfzehn Sekunden auf jede Seite zu verwenden. Sie bl�tterte v�llig mechanisch, und Mikael wunderte sich, dass sie mit der Lekt�re so schlampig war; das stand in krassem Gegensatz zu der Kompetenz, mit der sie ihren eigenen Bericht verfasst hatte. Er brachte zwei Kaffeetassen nach drau�en und leistete ihr am Gartentisch Gesellschaft.</p><p>�Als Sie dies geschrieben haben, wussten Sie noch nicht, dass wir einen Serienm�rder jagen, stimmt�s?�</p><p>�Stimmt. Ich habe Dinge notiert, die ich f�r wichtig hielt, Fragen, die ich Henrik stellen wollte, und so weiter. Wie Ihnen  sicher aufgefallen ist, war das Ganze ziemlich unstrukturiert. Bis jetzt bin ich eigentlich nur im Dunkeln herumgetappt und habe versucht, eine Story zu schreiben - ein Kapitel in Henrik Vangers Biografie.�</p><p>�Und jetzt?�</p><p>�Vorher hat sich die gesamte Ermittlung auf die Hedeby-Insel beschr�nkt. Mittlerweile bin ich aber davon �berzeugt, dass diese Story schon fr�her begonnen hat, und zwar in Hedestad. Das verleiht dem Ganzen eine v�llig neue Perspektive.�</p><p>Lisbeth nickte. Sie �berlegte einen Moment.</p><p>�Das mit diesen Bildern hier war eine gro�artige Idee von Ihnen�, sagte sie.</p><p>Mikael hob die Augenbrauen. Lisbeth wirkte eigentlich nicht wie jemand, der verschwenderisch mit Lob umging, und Mikael f�hlte sich seltsam geschmeichelt. Auf der anderen Seite - rein journalistisch betrachtet war es tats�chlich ein ungew�hnliches Vorgehen.</p><p>�Jetzt m�ssen Sie die Details kl�ren. Wie ist es mit diesem Bild gelaufen, dem Sie in Norsj� hinterhergejagt sind?�</p><p>�Wollen Sie etwa behaupten, Sie h�tten die Bilder in meinem Computer noch nicht gecheckt?�</p><p>�Ich hatte keine Zeit dazu. Ich wollte lieber lesen, auf was f�r Gedanken und Schlussfolgerungen Sie gekommen sind.�</p><p>Mikael seufzte, fuhr sein iBook hoch und �ffnete den Ordner mit den Bildern.</p><p>�Es ist faszinierend. Der Besuch in Norsj� war ein Erfolg und gleichzeitig eine totale Entt�uschung. Ich habe das Bild gefunden, aber es gibt nicht viel her.</p><p>Diese Frau, Mildred Berggren, hat s�mtliche Urlaubsfotos in einem Karton aufgehoben. Darunter auch dieses Bild. Nach siebenunddrei�ig Jahren war der Abzug ziemlich verblichen und gelbstichig, aber sie hatte noch das Negativ. Ich durfte mir  alle Negative von Hedestad ausleihen und habe sie eingescannt. Folgendes hat Harriet also gesehen.�</p><p>Er klickte ein Bild mit dem Dokumentennamen <a l:href="http://HARRIET/bd-19.eps">HARRIET/bd-19.eps</a> an.</p><p>Lisbeth konnte seine Entt�uschung verstehen. Sie sah ein leicht unscharfes, mit Weitwinkel aufgenommenes Bild, das die Clowns im Festzug zum �Tag des Kindes� zeigte. Im Hintergrund war die Ecke von <emphasis>Sundstr�ms Herrenmode</emphasis> zu erkennen. Dort standen ungef�hr zehn Personen auf dem Gehweg, die man durch eine L�cke zwischen den Clowns und dem K�hler des nachfolgenden Lastwagens sehen konnte.</p><p>�Ich glaube, dies hier war die Person, die sie gesehen hat. Zum einen habe ich diese Stra�enkreuzung sehr exakt nachgezeichnet und versucht, den exakten Winkel ihrer Gesichtsdrehung auszurechnen. Zum anderen ist dies die einzige Person, die direkt in die Kamera zu blicken scheint. Das hei�t, sie hat Harriet angestarrt.�</p><p>Lisbeth sah eine unscharfe Gestalt, die hinter den anderen Zuschauern in der Seitenstra�e stand. Sie trug einen dunklen Steppanorak mit roter Schulterpartie und eine dunkle Hose, vielleicht Jeans. Mikael zoomte die Figur heran, sodass ihre obere K�rperh�lfte den ganzen Bildschirm ausf�llte. Sofort wurde das Bild verschwommener.</p><p>�Es ist ein Mann. Er ist ungef�hr 1 Meter 80 gro�, normale Statur. Er hat dunkelblondes, halblanges Haar und ist glatt rasiert. Aber es ist unm�glich, seine Gesichtsz�ge genauer zu erkennen oder auch nur das Alter zu sch�tzen. Von Teenager bis mittelalt ist alles m�glich.�</p><p>�Man kann das Bild noch manipulieren ��</p><p>�Ich habe das Bild bereits manipuliert. Ich habe sogar eine Kopie an Christer Malm bei <emphasis>Millennium</emphasis> geschickt, und der ist ein echter Fuchs in Sachen Bildbearbeitung.� Mikael klickte ein neues Bild an. �Mehr als das hier kann ich nicht rausholen. Die Kamera war ganz einfach mies und der Abstand zu gro�.�</p><p>�Haben Sie die Bilder jemandem gezeigt? Die Leute k�nnten die K�rperhaltung wiedererkennen...�</p><p>�Ich habe Frode das Bild gezeigt. Er hatte keine Ahnung, wer diese Person ist.�</p><p>�Na ja, Dirch Frode ist ja nicht gerade der aufgeweckteste Mensch in Hedestad.�</p><p>�Nein, aber ich arbeite nun mal f�r Henrik Vanger und ihn. Ich will das Bild Henrik vorlegen, bevor ich es anderen zeige.�</p><p>�Vielleicht ist er ja nur ein argloser Zuschauer.�</p><p>�Schon m�glich. Aber dann hat er doch eine sonderbare Reaktion bei Harriet ausgel�st.�</p><p>In der n�chsten Woche arbeiteten Mikael und Lisbeth nahezu ununterbrochen am Fall Harriet. Lisbeth las weiter im Untersuchungsbericht und bombardierte Mikael mit Fragen. Es konnte nur eine Wahrheit geben, und jede Unklarheit und ungenaue Antwort f�hrte zu einer abermaligen Pr�fung ihrer �berlegungen.</p><p>Lisbeth war Mikael zunehmend ein R�tsel. Obwohl es stets so aussah, als w�rde sie den Bericht nur �berfliegen, schien sie regelm��ig bei den fragw�rdigsten und widerspr�chlichsten Details h�ngen zu bleiben.</p><p>Nachmittags, wenn es in der Hitze im Garten nicht mehr auszuhalten war, machten sie eine Pause. Ein paarmal gingen sie hinunter ans Wasser und badeten, oder sie setzten sich auf die Terrasse von Susannes Br�cken-Caf�. Susanne begegnete Mikael pl�tzlich mit einer gewissen demonstrativen K�hle. Ihm ging auf, dass Lisbeth aussah, als w�re sie kaum vollj�hrig, und trotzdem wohnte sie offensichtlich mit ihm in seinem G�steh�uschen zusammen. Das machte ihn in Susannes Augen zu einem L�stling, der sich mit jungen M�dchen vergn�gte. Ein unsch�nes Gef�hl.</p><p>Mikael machte weiterhin jeden Abend seinen Gel�ndelauf. Lisbeth gab keinen Kommentar ab, wenn er atemlos zum G�stehaus zur�ckkam. �ber Stock und Stein zu rennen entsprach anscheinend nicht ihrer Vorstellung von Sommerfrische.</p><p>�Ich bin �ber vierzig�, verteidigte sich Mikael. �Ich muss mich bewegen, wenn ich in der Mitte nicht auseinandergehen will.�</p><p>�Aha.�</p><p>�Trainieren Sie nie?�</p><p>�Ich boxe ab und zu.�</p><p>�Boxen?�</p><p>�Ja, Sie wissen schon, mit Handschuhen.�</p><p>Mikael ging duschen und versuchte, sich Lisbeth in einem Boxring vorzustellen. Er war sich nicht sicher, ob sie ihn nicht vielleicht doch auf den Arm genommen hatte.</p><p>�In welcher Gewichtsklasse boxen Sie denn?�</p><p>�In gar keiner. Ich mache hie und da ein bisschen Sparring mit den Typen vom Boxclub in S�der.�</p><p>Warum wundert mich das gar nicht?, fragte sich Mikael. Aber er stellte fest, dass sie auf jeden Fall etwas Pers�nliches �ber sich erz�hlt hatte. Er wusste immer noch nicht �ber die grundlegendsten Fakten in ihrem Leben Bescheid - wie es sich ergeben hatte, dass sie f�r Armanskij arbeitete, was f�r eine Ausbildung sie hatte und was ihre Eltern machten. Sobald Mikael versuchte, mehr �ber sie zu erfahren, verschloss sie sich wie eine Auster und gab entweder einsilbige Antworten oder ignorierte ihn komplett.</p><p>Eines Nachmittags legte Lisbeth pl�tzlich einen Ordner aus der Hand und sah Mikael mit einer senkrechten Falte zwischen den Augenbrauen an.</p><p>�Was wissen Sie �ber Otto Falk, den Pfarrer?�</p><p>�Ziemlich wenig. Anfang des Jahres habe ich die jetzige Pfarrerin hier in der Kirche ein paarmal gesehen. Sie hat mir erz�hlt, dass Falk inzwischen in einem Altenheim in Hedestad lebt. Alzheimer.�</p><p>�Woher kommt er?�</p><p>�Hier aus Hedestad. Er hat in Uppsala studiert und war ungef�hr drei�ig, als er wieder hierherzog.�</p><p>�Er war unverheiratet. Und Harriet war viel mit ihm zusammen.�</p><p>�Warum fragen Sie?�</p><p>�Ich stelle nur fest, dass der Bulle, dieser Morell, ihn beim Verh�r ziemlich sanft angefasst hat.�</p><p>�In den sechziger Jahren hatten Pfarrer immer noch eine besondere Stellung in der Gesellschaft. Dass er hier auf der Insel wohnte, im direkten Umfeld der Macht sozusagen, war ganz nat�rlich.�</p><p>�Ich frage mich nur, wie sorgf�ltig die Polizei das Pfarrhaus durchsucht hat. Auf den Bildern sieht man ein gro�es Holzhaus; da muss es genug Platz gegeben haben, um eine Leiche eine Weile zu verstecken.�</p><p>�Stimmt. Aber es gibt keinen Hinweis, dass er irgendwie mit der Mordserie oder Harriets Verschwinden in Verbindung stehen k�nnte.�</p><p>�O doch�, sagte Lisbeth Salander und grinste Mikael schief an. �Erstens war er Pfarrer, und gerade Pfarrer haben ein ganz besonderes Verh�ltnis zur Bibel. Zweitens war er der Letzte, der mit Harriet gesprochen hat.�</p><p>�Aber er ging sofort zur Unfallstelle und blieb dort mehrere Stunden. Er ist auf jeder Menge Bildern zu sehen, besonders w�hrend der Zeitspanne, in der Harriet verschwunden sein muss.�</p><p>�Ach wo, sein Alibi kann man widerlegen. Aber ich habe eigentlich an etwas ganz anderes gedacht. Diese Geschichte handelt doch von einem sadistischen Frauenm�rder.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Ich war � Ich habe im Fr�hjahr in einem ganz anderen Zusammenhang ein bisschen �ber Sadisten gelesen. Einer der Texte, den ich gelesen habe, war ein Handbuch des FBI; dort  stand, dass auff�llig viele der gefassten Serienm�rder aus dysfunktionalen Familien kommen und in ihrer Kindheit Tiere gequ�lt haben. Einige amerikanische Serienm�rder wurden auch festgenommen, weil sie Feuer gelegt hatten, um andere Menschen zu t�ten.�</p><p>�Sie meinen Tieropfer und Brandopfer.�</p><p>�Ja. Sowohl Tierqu�lerei als auch Feuer tauchen in mehreren von Harriets Mordf�llen auf. Doch eigentlich dachte ich daran, dass das Pfarrhaus Ende der siebziger Jahre abgebrannt ist.�</p><p>Mikael �berlegte eine Weile.</p><p>�Ziemlich vage�, meinte er schlie�lich.</p><p>�Da stimme ich Ihnen zu. Aber man sollte es trotzdem festhalten. Die Brandursache habe ich im Ermittlungsbericht nicht gefunden, und es w�re mal interessant zu erfahren, ob es in den sechziger Jahren noch andere geheimnisvolle Br�nde gegeben hat. Au�erdem sollten wir in Erfahrung bringen, ob in jener Zeit auch F�lle von Tierqu�lerei oder -verst�mmelung in der Gegend dokumentiert wurden.�</p><p>Als Lisbeth sich in der siebten Nacht in Hedeby schlafen legte, war sie leicht irritiert. Sieben Tage lang hatte sie so gut wie jede Minute mit Mikael Blomkvist verbracht - normalerweise reichten ihr schon sieben Minuten mit einem anderen Menschen vollauf, um Kopfschmerzen zu bekommen.</p><p>Sie hatte schon vor langer Zeit festgestellt, dass ihr soziale Bindungen schwerfielen, und sich auf ein Leben als Einzelg�nger eingerichtet. Mit diesem Leben war sie v�llig zufrieden, wenn die Menschen sie nur in Frieden lie�en und sich um ihre eigenen Angelegenheiten k�mmerten. Doch leider war ihre Umwelt nicht immer so klug und verst�ndig; st�ndig musste sie sich gegen irgendjemanden wehren: gegen Sozial�mter, Jugend�mter, Vormundschaftsgerichte, Finanz�mter, Polizisten, F�rsorgebeauftragte, Psychologen, Psychiater, Lehrer und T�rsteher, die sie nicht in die Kneipe lassen wollten, obwohl sie ihr f�nfundzwanzigstes Lebensjahr schon vollendet hatte (au�er in der <emphasis>M�hle</emphasis>, wo man sie mittlerweile kannte). Es gab eine ganze Armada von Menschen, die anscheinend nichts Besseres zu tun hatten, als zu versuchen, ihr Leben zu lenken und nach M�glichkeit den Lebensstil, den sie gew�hlt hatte, zu korrigieren.</p><p>Sie hatte beizeiten gelernt, dass es nichts nutzte, wenn sie weinte. Sie hatte auch gelernt, dass jeder ihrer Versuche, jemanden auf irgendetwas in ihrem Leben aufmerksam zu machen, die Situation nur noch verschlimmerte. Sie musste ihre Probleme also selbst l�sen - mit den Methoden, die sie f�r n�tig hielt. Wie Rechtsanwalt Bjurman am eigenen Leib erfahren hatte.</p><p>Wie alle anderen Menschen hatte auch Mikael Blomkvist die �rgerliche Angewohnheit, neugierige Fragen zu stellen, die sie nicht beantworten wollte. Hingegen reagierte er �berhaupt nicht so wie der Gro�teil der M�nner, die sie bis jetzt getroffen hatte.</p><p>Wenn sie seine Fragen ignorierte, zuckte er nur mit den Achseln und lie� sie in Frieden. <emphasis>Verbl�ffend</emphasis>.</p><p>Als sie sich am ersten Morgen in seinem Haus sein iBook vornahm, hatte sie gleich alle Informationen auf ihren eigenen Computer kopiert. Damit war es nicht mehr so wichtig, ob er sie von der weiteren Arbeit an diesem Fall ausschloss, denn so hatte sie immer noch Zugang zum gesamten Material.</p><p>Aber dann hatte sie ihn absichtlich provoziert, als sie vor seinem iBook sa� und seine Dokumente durchlas, als er aufwachte. Sie hatte einen Wutanfall erwartet.</p><p>Stattdessen hatte er fast schon resigniert dreingeblickt und eine ironische Bemerkung gemacht. Danach war er duschen gegangen und hatte mit ihr �ber das diskutiert, was sie gelesen hatte. <emphasis>Ein seltsamer Typ.</emphasis> Man konnte fast versucht sein zu glauben, dass er ihr vertraute.</p><p>Aber dass er �ber ihre Hackertalente Bescheid wusste, war eine ernste Sache. Lisbeth war sich dar�ber im Klaren, dass der juristische Begriff f�r ihre beruflich wie auch privat betriebene Hackerei �Eindringen in fremde Datenbest�nde� lautete und mit bis zu zwei Jahren Gef�ngnis bestraft wurde. Das war ein heikler Punkt f�r sie, denn eine Gef�ngnisstrafe w�rde mit gr��ter Wahrscheinlichkeit bedeuten, dass man ihr ihren Computer wegnahm und damit die einzige Besch�ftigung, bei der sie richtig gut war. Es war ihr niemals in den Sinn gekommen, Armanskij oder sonst irgendjemand zu erz�hlen, wie sie an die Informationen kam, f�r die man sie bezahlte.</p><p>Abgesehen von Plague und ein paar wenigen Personen im Netz, die auf professionellem Niveau hackten - die meisten von ihnen kannten sie nur als <emphasis>Wasp</emphasis> und wussten nicht, wer sie war oder wo sie wohnte -, war nur Kalle Blomkvist �ber ihr Geheimnis gestolpert. Er war ihr auf die Schliche gekommen, weil sie einen Fehler gemacht hatte, wie ihn sich nicht mal ein zw�lfj�hriger Branchenneuling geleistet h�tte - was nur bewies, dass sie an Gehirnschwund litt und Pr�gel verdiente. Aber er war nicht ausgerastet vor Wut und hatte auch nicht Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um sie zur Rechenschaft zu ziehen. Stattdessen hatte er sie angestellt.</p><p>Als sie vorhin noch ein Brot gegessen hatten, bevor sie sich schlafen legte, hatte er sie pl�tzlich gefragt, ob sie eine gute Hackerin sei. Zu ihrer eigenen �berraschung beantwortete sie die Frage ganz spontan.</p><p>�Ich bin wahrscheinlich die beste in Schweden. Es gibt vielleicht noch zwei bis drei Personen, die so ungef�hr mein Niveau haben.�</p><p>Sie zweifelte den Wahrheitsgehalt ihrer Antwort nicht an. Plague war fr�her einmal besser als sie gewesen, aber sie hatte ihn schon vor geraumer Zeit �berholt.</p><p>Es f�hlte sich jedoch seltsam an, diese Worte auszusprechen. Das hatte sie noch nie zuvor gemacht. Vor allem hatte es  noch nie einen Au�enstehenden gegeben, mit dem sie so ein Gespr�ch h�tte f�hren k�nnen. Pl�tzlich gefiel es ihr, dass er von ihren F�higkeiten beeindruckt schien. Dann hatte er dieses Gef�hl gleich wieder zerst�rt, indem er die Frage stellte, wie sie das Hacken gelernt hatte.</p><p>Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. <emphasis>Das habe ich schon immer gekonnt</emphasis>, h�tte sie sagen sollen. Stattdessen war sie gereizt zu Bett gegangen, ohne Gute Nacht zu sagen.</p><p>Es irritierte sie noch mehr, dass Mikael nicht darauf zu reagieren schien, dass sie ihrer eigenen Wege ging. W�hrend sie im Bett lag, h�rte sie ihn in der K�che herumgehen, abr�umen und abwaschen. Er war die ganze Zeit immer sp�ter als sie aufgestanden, aber nun wollte er offenbar auch gleich schlafen gehen. Sie h�rte, wie er im Badezimmer rumorte, in sein Schlafzimmer ging und die T�r schloss. Nach einer Weile h�rte sie das Knarzen, als er in sein Bett stieg, einen halben Meter von ihr entfernt, aber auf der anderen Seite der Wand.</p><p>W�hrend der ganzen Woche hatte er nicht mit ihr geflirtet. Er hatte mit ihr gearbeitet, sie um ihre Meinung gefragt, hatte ihr auf die Finger geklopft, wenn sie Fehler machte, und es akzeptiert, wenn sie ihn korrigiert hat. Verdammt, er hatte sie wie einen Menschen behandelt.</p><p>Mit einem Mal ging ihr auf, dass sie Mikael Blomkvists Gesellschaft mochte und ihm vielleicht sogar vertraute. Sie hatte noch nie jemandem vertraut, au�er vielleicht Holger Palmgren. Wenn auch aus ganz anderen Gr�nden. Palmgren war ein vorhersehbarer <emphasis>do gooder</emphasis> gewesen.</p><p>Sie stand pl�tzlich auf, stellte sich nackt ans Fenster und blickte rastlos ins Dunkel. Sie kannte nichts Schwierigeres, als sich einem anderen Menschen zum ersten Mal nackt zu zeigen. Sie war �berzeugt, dass ihr magerer K�rper absto�end wirken musste. Ihr Busen war ein schlechter Witz. Sie hatte keine nennenswerten H�ften. In ihren Augen hatte sie nicht  sonderlich viel zu bieten. Aber abgesehen davon war sie eine ganz normale Frau mit genau derselben Lust und demselben Sexualtrieb wie alle anderen. Sie blieb am Fenster stehen und �berlegte fast zwanzig Minuten, bis sie sich zu einem Entschluss durchgerungen hatte.</p><p>Mikael hatte sich ins Bett gelegt und gerade einen Roman von Sara Paretsky aufgeschlagen, als er h�rte, wie sich die T�rklinke bewegte, und aufblickte. Lisbeth stand schweigend im T�rrahmen und sah aus, als w�rde sie �ber etwas nachdenken. Sie hatte sich das Laken um den K�rper gewickelt.</p><p>�Stimmt was nicht?�, fragte Mikael.</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Was wollen Sie denn?�</p><p>Sie ging zu ihm, nahm ihm das Buch aus der Hand und legte es auf den Nachttisch. Dann beugte sie sich zu ihm hinunter und k�sste ihn auf den Mund. Deutlicher konnte sie ihre Absichten kaum mehr zeigen. Sie kroch schnell unter seine Decke und betrachtete ihn mit forschendem Blick. Sie legte eine Hand auf das Betttuch auf seinem Bauch. Als er nicht protestierte, beugte sie sich herab und biss ihn in eine Brustwarze.</p><p>Mikael war v�llig perplex. Nach ein paar Sekunden nahm er sie bei den Schultern und schob sie von sich, sodass er ihr Gesicht sehen konnte. Er wirkte nicht gleichg�ltig.</p><p>�Lisbeth � ich wei� nicht, ob das so eine gute Idee ist. Wir sollen zusammenarbeiten.�</p><p>�Ich will Sex mit dir. Und ich werde deswegen kein Problem haben, mit dir zusammenzuarbeiten, aber wenn du mich hier rauswirfst, dann werd ich damit ein verdammtes Problem haben.�</p><p>�Aber wir kennen uns kaum.�</p><p>Sie lachte pl�tzlich, kurz, es klang fast wie ein Husten.</p><p>�Als ich �ber dich recherchiert habe, konnte ich feststellen, dass dich so etwas fr�her auch nicht abgehalten hat. Im Gegenteil, du bist einer von denen, die die Finger nicht von den Frauen lassen k�nnen. Was passt dir nicht? Bin ich nicht sexy genug f�r deinen Geschmack?�</p><p>Mikael sch�ttelte den Kopf und suchte nach irgendeiner intelligenten Bemerkung. Als er nicht antwortete, zog sie ihm das Betttuch weg und setzte sich rittlings auf ihn.</p><p>�Ich hab keine Kondome�, sagte Mikael.</p><p>�Schei� drauf.�</p><p>Als Mikael aufwachte, war Lisbeth schon aufgestanden. Er h�rte sie mit dem Kaffeekessel hantieren. Es war kurz vor sechs. Er hatte nur zwei Stunden geschlafen und blieb blinzelnd liegen.</p><p>Aus Lisbeth Salander wurde er nicht schlau. Sie hatte ihm kein einziges Mal auch nur mit einem Blick angedeutet, dass sie das geringste Interesse an ihm hatte.</p><p>�Guten Morgen.� Sie stand im T�rrahmen und l�chelte tats�chlich ein bisschen.</p><p>�Hallo�, sagte Mikael.</p><p>�Wir haben keine Milch mehr. Ich fahr schnell zur Tanke. Die machen um sieben auf.�</p><p>Sie drehte sich so schnell um, dass Mikael nicht zum Antworten kam. Er h�rte, wie sie sich Schuhe anzog, ihre Tasche und ihren Helm nahm und durch die Haust�r verschwand. Er schloss die Augen. Dann h�rte er, wie die T�r wieder ge�ffnet wurde. Wenige Sekunden sp�ter stand sie wieder in seinem T�rrahmen. Diesmal l�chelte sie nicht.</p><p>�Du kommst am besten mal raus und guckst dir das selbst an�, sagte sie mit seltsamer Stimme.</p><p>Mikael war sofort auf den Beinen und zog sich seine Jeans an. In der Nacht war jemand mit einem unwillkommenen Geschenk beim Haus gewesen. Auf dem Treppenabsatz lag der  halb verkohlte Kadaver einer zerst�ckelten Katze. Die Beine und der Kopf der Katze waren abgetrennt worden, danach hatte man dem Rumpf das Fell abgezogen und Ged�rme und Magen herausgenommen. Die Reste waren neben den Kadaver geworfen worden, der anscheinend auf einem Feuer gebraten worden war. Der Kopf der Katze war unversehrt und auf den Sattel von Lisbeths Motorrad gesetzt worden. Mikael erkannte das rotbraune Fell sofort wieder.</p><a id="calibre_link-97"/><p><a id="calibre_link-98"/></p><p><strong>22. Kapitel</strong></p><p><strong>Donnerstag, 10. Juli</strong></p><p>Sie fr�hst�ckten schweigend und tranken schwarzen Kaffee. Lisbeth hatte eine kleine Canon-Digitalkamera hervorgezogen und das makabre Arrangement fotografiert, bevor Mikael einen M�llsack geholt und alles aufger�umt hatte. Er hatte die Katze in den Kofferraum seines geliehenen Autos gelegt, war aber nicht sicher, was er mit dem toten Tier anfangen sollte. Eigentlich h�tte er bei der Polizei Anzeige wegen Tierqu�lerei erstatten m�ssen, vielleicht auch wegen Bedrohung, aber er wusste nicht, wie er die Bedrohung erkl�ren sollte.</p><p>Gegen halb neun kam Isabella auf dem Weg �ber die Br�cke vorbei. Sie sah sie, lie� sich aber nichts anmerken.</p><p>�Wie geht es dir?�, fragte Mikael Lisbeth schlie�lich.</p><p>�Gut.� Sie sah ihn verwundert an. <emphasis>Okay, okay. Vermutlich will er, dass ich mich emp�re</emphasis>. �Wenn ich das Arschloch erwische, das eine unschuldige Katze zu Tode gequ�lt hat, nur um uns eine Warnung zukommen zu lassen, dann werde ich einen Baseballschl�ger benutzen.�</p><p>�Du glaubst, das war eine Warnung?�</p><p>�Hast du eine bessere Erkl�rung?�</p><p>Mikael sch�ttelte den Kopf. �Was auch immer die Wahrheit hinter dieser Geschichte ist, auf jeden Fall scheint sich irgendjemand von uns gewaltig provoziert zu f�hlen. Aber da gibt es noch ein anderes Problem.�</p><p>�Ich wei�. Das war ein Tieropfer im Stile von 1954 und 1960. Aber es w�re nicht sonderlich logisch, dass ein M�rder, der vor f�nfzig Jahren aktiv war, hier rumschleicht und dir die Kadaver gefolterter Tiere auf die Schwelle legt.�</p><p>Mikael gab ihr recht.</p><p>�Die Einzigen, die da infrage kommen, sind Harald und Isabella Vanger. Es gibt noch ein paar �ltere Verwandte von Johan Vangers Seite, aber keiner von ihnen wohnt hier in der Gegend.�</p><p>Mikael seufzte.</p><p>�Isabella ist eine b�se alte Hexe, die bestimmt eine Katze umbringen kann, aber ich bezweifle, dass sie in den f�nfziger Jahren serienm��ig Frauen ermordete. Harald Vanger � ich wei� nicht, der ist doch so altersschwach. Ich kann mir nicht recht vorstellen, dass er in der Nacht rausgeschlichen ist und das da gemacht hat.�</p><p>�Wenn es nicht zwei Personen sind. Eine �ltere und eine j�ngere.�</p><p>Pl�tzlich h�rte Mikael ein Auto vorbeifahren. Er blickte auf und sah Cecilia �ber die Br�cke verschwinden. Harald und Cecilia, dachte er. Aber bei diesem Gedanken gab es ein gro�es Fragezeichen - Vater und Tochter hatten keinen Kontakt und sprachen kaum miteinander. Trotz Martin Vangers Zusicherung, dass er mit ihr reden w�rde, hatte sie noch immer keinen von Mikaels Anrufen angenommen.</p><p>�Es muss jemand sein, der wei�, dass wir den Fall gr�ndlich untersuchen und Fortschritte gemacht haben�, sagte Lisbeth, stand auf und ging ins Haus. Als sie wieder herauskam, hatte sie ihre Motorradlederjacke an.</p><p>�Ich fahre nach Stockholm. Heute Abend bin ich wieder da.�</p><p>�Was willst du machen?�</p><p>�Ein paar Sachen holen. Wenn jemand so verr�ckt ist, eine Katze auf diese Art zu massakrieren, dann kann er oder sie sich n�chstes Mal auch uns vornehmen. Oder nachts ein Feuer legen, damit wir beide im Haus ersticken und verbrennen. Ich m�chte, dass du gleich heute nach Hedestad reinf�hrst und zwei Feuerl�scher und zwei Rauchmelder kaufst. Einer von den Feuerl�schern sollte ein Halonl�scher sein.�</p><p>Ohne ein weiteres Abschiedswort setzte sie den Helm auf, kickte das Motorrad an und verschwand �ber die Br�cke.</p><p>Mikael warf den Kadaver in einen M�lleimer bei der Tankstelle, bevor er nach Hedestad fuhr und die Feuerl�scher und die Rauchmelder kaufte. Er legte sie in den Kofferraum und fuhr zum Krankenhaus. Er hatte Frode angerufen und ein Treffen in der Cafeteria mit ihm ausgemacht, bei dem er ihm erz�hlte, was am Morgen passiert war. Dirch Frode erbleichte.</p><p>�Ich hatte nie damit gerechnet, dass diese Geschichte gef�hrlich werden k�nnte, Mikael.�</p><p>�Warum nicht? Der Auftrag bestand doch darin, einen M�rder aufzusp�ren.�</p><p>�Aber wer sollte denn � Das ist doch Wahnsinn! Wenn Gefahr f�r Ihr Leben und das Leben von Frau Salander besteht, dann m�ssen wir das Unternehmen abbrechen. Ich kann mit Henrik sprechen.�</p><p>�Nein. Auf keinen Fall. Ich m�chte nicht riskieren, dass er noch einen Herzanfall erleidet.�</p><p>�Er fragt die ganze Zeit, wie es bei Ihnen vorangeht.�</p><p>�Gr��en Sie ihn sch�n - ich suche weiter.�</p><p>�Was sollen wir jetzt tun?�</p><p>�Ich habe ein paar Fragen. Der erste Vorfall geschah kurz nachdem Henrik seinen Herzanfall bekommen hatte und ich tags�ber in Stockholm war. Jemand hat mein Arbeitszimmer durchsucht. Das war genau zu dem Zeitpunkt, als ich den Bibelcode geknackt und die Bilder von der Bahnhofstra�e entdeckt hatte. Ich hatte Ihnen und Henrik davon erz�hlt. Martin wusste es auch, weil er mir Zugang zum Archiv des <emphasis>Hedestads-Kuriren</emphasis> verschafft hat. Wie viele wussten es noch?�</p><p>�Tja, ich wei� nicht genau, mit wem Martin gesprochen hat�, sagte Frode. �Aber sowohl Birger als auch Cecilia wussten dar�ber Bescheid. Sie haben miteinander �ber Ihre Bilderjagd geredet. Und Gunnar und Helena Nilsson �brigens auch. Sie waren gerade zu Besuch bei Henrik und wurden ins Gespr�ch einbezogen. Und Anita Vanger.�</p><p>�Anita? Die ist doch in London?�</p><p>�Sie flog gemeinsam mit ihrer Schwester Cecilia nach Hause, als Henrik seinen Herzanfall erlitten hatte, aber sie wohnte in einem Hotel, und soweit ich wei�, ist sie nicht auf der Hedeby-Insel gewesen. Wie Cecilia wollte auch sie ihren Vater nicht treffen. Vor einer Woche ist sie wieder nach Hause geflogen, als Henrik aus der Intensivstation entlassen wurde.�</p><p>�Wo wohnt Cecilia zurzeit? Ich habe sie heute Morgen �ber die Br�cke fahren sehen, aber in ihrem Haus ist alles verriegelt und dunkel.�</p><p>�Verd�chtigen Sie sie?�</p><p>�Nein, ich frage mich nur, wo sie wohnt.�</p><p>�Sie wohnt bei ihrem Bruder Birger. Von dort aus kann sie zu Fu� zu Henrik gehen.�</p><p>�Wissen Sie, wo sie jetzt gerade ist?�</p><p>�Nein. Bei Henrik ist sie jedenfalls nicht.�</p><p>�Danke�, sagte Mikael und stand auf.</p><p>Die Familie Vanger kreiste um das Krankenhaus von Hedestad. In der Eingangshalle sah er Birger auf dem Weg zu den Aufz�gen. Mikael hatte keine Lust, ihm zu begegnen, und wartete, bis er verschwunden war, bevor er die Eingangshalle betrat. Dort stie� er mit Martin Vanger zusammen, an fast derselben Stelle, an der er Cecilia bei seinem letzten Besuch getroffen hatte. Sie gr��ten sich und gaben sich die Hand.</p><p>�Sind Sie oben gewesen, um Henrik zu besuchen?�</p><p>�Nein, ich habe nur kurz Dirch Frode getroffen.�</p><p>Martin Vanger sah m�de und hohl�ugig aus. Mikael fiel auf, dass er im letzten halben Jahr deutlich gealtert war. Der Kampf um die Rettung des Vangerschen Imperiums forderte seinen Tribut, und Henriks pl�tzlicher Herzanfall war auch nicht gerade eine Aufmunterung gewesen.</p><p>�Wie geht es bei Ihnen voran?�, fragte Martin Vanger.</p><p>�Ach, danke. Es wird mit jedem Tag interessanter. Wenn es Henrik wieder besser geht, hoffe ich, dass wir seine Neugierde befriedigen k�nnen.�</p><p>Birger Vanger wohnte in einem wei� verklinkerten Reihenhaus auf der anderen Seite der Stra�e, nur f�nf Gehminuten vom Krankenhaus entfernt. Er hatte Aussicht aufs Meer und den G�stehafen. Als Mikael klingelte, machte niemand auf. Er rief Cecilia auf dem Handy an, aber sie ging nicht dran. Er blieb eine Weile im Auto sitzen und trommelte mit den Fingern aufs Lenkrad. Birger Vanger war ein unbeschriebenes Blatt in seiner Sammlung - 1939 geboren und damit erst zehn Jahre alt, als der Mord an Rebecka Jacobsson begangen wurde. Als Harriet verschwand, war er siebenundzwanzig gewesen.</p><p>Henrik zufolge hatten Birger und Harriet kaum Kontakt miteinander gehabt. Er war in Uppsala bei seiner Familie aufgewachsen und nach Hedestad gezogen, um im Konzern zu arbeiten, doch nach ein paar Jahren stieg er aus, um sich der Politik zu widmen. Als der Mord an Lena Andersson ver�bt wurde, war er in Uppsala gewesen.</p><p>Mikael konnte einfach keine Ordnung in die Geschichte bringen, aber der Vorfall mit der Katze vermittelte ihm das Gef�hl, einer unmittelbaren Bedrohung ausgesetzt zu sein und m�glicherweise nicht mehr viel Zeit zu haben.</p><p>Der alte Pfarrer von Hedeby, Otto Falk, war sechsunddrei�ig Jahre alt gewesen, als Harriet verschwand. Nun war er zweiundsiebzig, j�nger als Henrik, aber in erheblich schlechterer geistiger Verfassung. Mikael besuchte ihn im Pflegeheim Svalan, einem gelben Ziegelbau am anderen Ende der Stadt. Mikael stellte sich am Empfang vor und bat darum, mit Pfarrer Falk sprechen zu d�rfen. Er sagte, er habe geh�rt, dass Falk an Alzheimer leide, und erkundigte sich, ob man sich mit ihm unterhalten k�nne. Eine Oberschwester gab ihm die Auskunft, dass Pfarrer Falk seine Diagnose vor drei Jahren bekommen habe und die Krankheit einen aggressiven Verlauf nehme. Falk sei ansprechbar, aber er habe ein �u�erst schlechtes Kurzzeitged�chtnis, erkenne manche Verwandte nicht wieder und sei insgesamt auf dem Weg in die tiefe Nacht. Mikael wurde zudem gewarnt, dass der Alte Angstattacken erleide, wenn man mit Fragen in ihn drang, die er nicht beantworten k�nne.</p><p>Der alte Pfarrer sa� auf einer Parkbank in einem Garten, zusammen mit drei anderen Patienten und einem Pfleger. Mikael versuchte eine Stunde lang mit Falk zu reden, verlie� das Heim dann aber genauso schlau, wie er gekommen war.</p><p>Pfarrer Falk behauptete, sich sehr gut an Harriet Vanger erinnern zu k�nnen. Er strahlte und beschrieb sie als ein bezauberndes M�dchen. Mikael erkannte jedoch bald, dass es dem Pfarrer gegl�ckt war zu verdr�ngen, dass sie seit knapp siebenunddrei�ig Jahren verschwunden war. Er sprach von ihr, als habe er sie neulich erst getroffen, und bat Mikael, sie sch�n von ihm zu gr��en und ihr auszurichten, sie solle ihn doch einmal besuchen kommen. Mikael versprach es ihm.</p><p>Als Mikael den Tag von Harriets Verschwinden zur Sprache brachte, war der Pfarrer v�llig verbl�fft. Er erinnerte sich anscheinend �berhaupt nicht an den Unfall auf der Br�cke. Mikael begriff bald, dass der Pfarrer nichts Wertvolles zur Ermittlung beitragen konnte. Erst am Ende ihres Gespr�chs erw�hnte er etwas, was Mikael zumindest kurz die Ohren spitzen lie�.</p><p>Als Mikael Harriets Interesse f�r die Religion ins Gespr�ch einflie�en lie�, wurde Pfarrer Falk mit einem Mal nachdenklich. Es war, als w�rde eine Wolke �ber sein Gesicht ziehen. Er schaukelte eine Weile vor und zur�ck, sah pl�tzlich zu Mikael auf und fragte ihn, wer er sei. Mikael stellte sich ihm noch einmal vor, und der Alte �berlegte noch eine Weile. Schlie�lich sch�ttelte er den Kopf und wirkte irritiert.</p><p>�Sie ist immer noch auf der Suche. Sie muss vorsichtig sein, und Sie m�ssen Sie warnen.�</p><p>�Wovor soll ich sie warnen?�</p><p>Auf einmal war Falk furchtbar erregt. Er runzelte die Augenbrauen und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Sie muss <emphasis>sola scriptura</emphasis> lesen und die <emphasis>sufficientia scripturae</emphasis>  begreifen. Nur so kann sie <emphasis>sola ide</emphasis> aufrechterhalten. Josef schlie�t sie ganz bestimmt aus. Sie wurden nie in den Kanon aufgenommen.�</p><p>Mikael verstand nicht eine Silbe, machte sich aber eifrig Notizen. Dann lehnte sich Pfarrer Falk zu ihm vor und wisperte ihm vertraulich zu:</p><p>�Ich glaube, sie ist Katholikin. Sie schw�rmt f�r Magie und hat ihren Gott noch nicht gefunden. Man muss ihr den Weg weisen.�</p><p>Das Wort �Katholik� hatte offensichtlich einen schlechten Klang f�r Pfarrer Falk.</p><p>�Ich dachte, sie interessierte sich f�r die Pfingstbewegung?�</p><p>�Nein, nein, nicht die Pfingstbewegung. Sie sucht die verbotene Wahrheit. Sie ist keine gute Christin.�</p><p>Dann schien Pfarrer Falk Mikael und das Gespr�chsthema zu vergessen und begann mit einem der anderen Patienten zu reden.</p><p>Mikael war kurz nach zwei Uhr nachmittags wieder auf der Hedeby-Insel. Er ging zu Cecilia hin�ber und klopfte, aber ohne Erfolg. Er probierte es auf ihrem Handy, aber sie ging nicht dran.</p><p>Er brachte einen Rauchmelder in der K�che an und einen vor dem Eingang. Einen Feuerl�scher stellte er neben den Eisenofen vor der Schlafzimmert�r und den anderen neben die Toilettent�r. Danach machte er sich Mittagessen, bestehend aus Kaffee und Stullen, und setzte sich in den Garten, wo er die Notizen von seinem Gespr�ch mit Pfarrer Falk in sein iBook �bertrug. Er �berlegte lang und hob dann den Blick zur Kirche.</p><p>Das neue Pfarrhaus von Hedeby war ein ganz normales modernes Haus, das ein paar Gehminuten von der Kirche entfernt lag. Gegen vier klopfte Mikael bei der Pfarrerin Margareta Strandh und erkl�rte, er brauche Rat in einer theologischen Frage. Margareta Strandh war eine dunkelhaarige Frau in seinem Alter. Sie trug Jeans und ein Flanellhemd, war barfu� und hatte lackierte Zehenn�gel. Er war ihr fr�her schon einmal in Susannes Br�cken-Caf� begegnet und hatte mit ihr �ber Pfarrer Falk gesprochen. Sie nahm Mikael freundlich auf und bat ihn in den Garten.</p><p>Mikael erz�hlte von seinem Gespr�ch mit Falk und dessen kryptischen �u�erungen. Margareta Strandh h�rte ihm zu und bat ihn dann, Wort f�r Wort zu wiederholen, was Falk gesagt habe. Sie �berlegte ein Weilchen.</p><p>�Ich habe meinen Dienst hier in Hedeby erst vor drei Jahren angetreten und Pfarrer Falk niemals getroffen. Er ist schon ein paar Jahre vorher in Pension gegangen, aber soviel ich wei�, war er ziemlich orthodox. Was er zu Ihnen gesagt hat, bedeutet ungef�hr, dass man sich allein an die Schrift halten soll -  <emphasis>sola scriptura.</emphasis> S<emphasis>ufficientia scripturae</emphasis> bedeutet, dass f�r die Buchstabengl�ubigen die Schrift v�llig ausreicht. <emphasis>Sola fide</emphasis>  hei�t <emphasis>Glaube allein</emphasis> oder <emphasis>reiner Glaube</emphasis>.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�All das ist sozusagen ein grundlegendes Dogma. Es ist im Gro�en und Ganzen das Fundament der Kirche und �berhaupt nichts Ungew�hnliches. Er hat ganz einfach gesagt:  <emphasis>Lies die Bibel - sie lehrt dich genug und gibt dir den reinen Glauben</emphasis>.�</p><p>Mikael f�hlte sich ein bisschen verlegen.</p><p>�Nun muss ich Sie fragen, in welchem Zusammenhang Sie dieses Gespr�ch gef�hrt haben.�</p><p>�Ich habe nach einem Menschen gefragt, den er vor vielen Jahren gekannt hatte und �ber den ich etwas schreibe.�</p><p>�Jemand, der einen religi�sen Sinn suchte?�</p><p>�So was in der Richtung.�</p><p>�Ich glaube, ich verstehe den Zusammenhang. Pfarrer Falk hat noch zwei Dinge gesagt - dass <emphasis>Josef sie bestimmt ausschlie�t</emphasis> und dass <emphasis>sie niemals in den Kanon aufgenommen wurden</emphasis>. Ist es wohl m�glich, dass Sie sich verh�rt haben und er Josephus statt Josef gesagt hat? Das ist eigentlich derselbe Name.�</p><p>�Das ist nicht unm�glich�, sagte Mikael. �Ich habe das Gespr�ch auf Band aufgenommen. Wollen Sie es h�ren?�</p><p>�Nein, ich glaube, das ist nicht notwendig. Diese zwei S�tze sagen ziemlich eindeutig, worauf er hinauswollte. Josephus war ein j�discher Geschichtsschreiber, und der Ausspruch, dass sie niemals in den Kanon aufgenommen wurden, d�rfte auf den hebr�ischen Kanon abzielen.�</p><p>�Und das bedeutet?�</p><p>Sie lachte.</p><p>�Falks Worte legen die Vermutung nahe, dass die betreffende Person f�r esoterische Quellen schw�rmte, genauer gesagt, f�r die Apokryphen. Das Wort �apokryphos� bedeutet �verborgen�, und die Apokryphen sind die verborgenen B�cher, von denen manche finden, dass sie ins Alte Testament geh�ren. Das sind Tobit, Judit, Ester, Baruch, Jesus Sirach, die Makkab�er-B�cher und noch ein paar andere.�</p><p>�Entschuldigen Sie mein Unwissen. Ich habe schon von den Apokryphen geh�rt, sie aber nie gelesen. Was ist so besonders an ihnen?�</p><p>�Es ist eigentlich �berhaupt nichts Besonderes an ihnen, sie sind nur ein bisschen sp�ter hinzugekommen als der Rest des Alten Testaments. Die Apokryphen sind daher aus der hebr�ischen Bibel gestrichen worden - nicht, weil die j�dischen Schriftgelehrten ihrem Inhalt nicht trauten, sondern weil sie geschrieben wurden, nachdem das Offenbarungswerk Gottes abgeschlossen worden war. In den alten griechischen Bibel�bersetzungen sind die Apokryphen jedoch dabei. In der r�misch-katholischen Kirche sind sie zum Beispiel nicht strittig.�</p><p>�Verstehe.�</p><p>�In der protestantischen Kirche hingegen sind sie strittig. In der Reformationszeit griffen die Theologen auf die hebr�ische Bibel zur�ck. Martin Luther entfernte die Apokryphen aus der Reformationsbibel, und sp�ter erkl�rte Calvin, dass die Apokryphen absolut keinen Glaubens�berzeugungen zugrunde gelegt werden d�rften. Sie enthalten also Dinge, die der <emphasis>claritas scripturae</emphasis> mehr oder weniger widersprechen - also der Klarheit der Schrift.�</p><p>�Mit anderen Worten, zensierte B�cher.�</p><p>�Genau. Die Apokryphen behaupten zum Beispiel, dass Magie praktiziert werden kann und dass in gewissen F�llen auch eine L�ge zul�ssig ist. Solche Aussagen versetzen die dogmatischen Ausleger der Schrift nat�rlich in Aufruhr.�</p><p>�Wenn jemand f�r Religion schw�rmt, ist es also nicht undenkbar, dass die Apokryphen auf seiner Lekt�reliste auftauchen und jemand wie Pfarrer Falk sich dar�ber aufregt.�</p><p>�Genau. Es ist fast unvermeidlich, dass Sie auf die Apokryphen sto�en, wenn Sie sich f�r Inhalte der Bibel oder f�r den Katholizismus interessieren, und ebenso ist es wahrscheinlich, dass jemand, der sich mit Esoterik besch�ftigt, sie auch lesen w�rde.�</p><p>�Sie haben nicht zuf�llig ein Exemplar der Apokryphen?�</p><p>Sie lachte nochmals. Ein helles, freundliches Lachen.</p><p>�Nat�rlich. Die Apokryphen gibt es sogar in einer Ausgabe der staatlichen Bibelkommission aus den achtziger Jahren.�</p><p>Als Lisbeth Salander Armanskij um ein Gespr�ch bat, fragte er sich, was wohl im Busch sein mochte. Er schloss die T�r und machte ihr eine Geste, sich in den Besuchersessel zu setzen. Sie erkl�rte, dass die Arbeit f�r Mikael Blomkvist beendet war - Dirch Frode w�rde bis zum Monatsende bezahlen -, sie sich aber entschlossen habe, weiter bei dieser Untersuchung mitzuarbeiten. Mikael hatte ihr einen wesentlich niedrigeren Monatslohn angeboten.</p><p>�Ich arbeite freiberuflich�, sagte Lisbeth Salander. �Trotzdem habe ich bis jetzt nie einen Job angenommen, der nicht von Ihnen kam. Ich m�chte wissen, wie es unser Verh�ltnis beeinflusst, wenn ich in eigener Verantwortung Jobs annehme.�</p><p>Armanskij zuckte die Achseln.</p><p>�Sie sind selbstst�ndig, Sie k�nnen Jobs annehmen, wie es Ihnen gef�llt, und Rechnungen nach Ihrem eigenen Geschmack schreiben. Ich freue mich, wenn Sie Ihr eigenes Geld verdienen. Es w�re aber unloyal von Ihnen, wenn Sie sich Kunden sichern, die Sie �ber uns bekommen haben.�</p><p>�Das habe ich nicht vor. Ich habe den Job gem�� unserem Vertrag mit Blomkvist erf�llt. Diese Arbeit ist abgeschlossen. Es geht darum, dass ich an dem Fall dranbleiben will. Ich w�rde es auch umsonst machen.�</p><p>�Machen Sie niemals irgendetwas umsonst.�</p><p>�Sie verstehen, was ich meine. Ich will wissen, was letztendlich hinter dieser Geschichte steckt. Ich habe Blomkvist �berredet, Frode f�r mich um einen Verl�ngerungsvertrag als Recherche-Mitarbeiterin zu bitten.�</p><p>Sie gab Armanskij den Vertrag, den er �berflog.</p><p>�Bei dem Honorar k�nnten Sie auch gleich umsonst arbeiten. Sie sind begabt, Lisbeth. Sie brauchen nicht f�r ein Taschengeld zu arbeiten. Sie wissen, dass Sie bei mir bedeutend mehr verdienen k�nnen, wenn Sie sich als Vollzeitmitarbeiterin anstellen lassen.�</p><p>�Ich will nicht Vollzeit arbeiten. Aber, Dragan, meine Loyalit�t geh�rt Ihnen. Sie waren nett zu mir, seit ich hier angefangen habe. Ich m�chte wissen, ob so ein Vertrag f�r Sie in Ordnung geht, und will nicht, dass es da Schwierigkeiten zwischen uns gibt.�</p><p>�Ich verstehe.� Er �berlegte kurz. �Es ist v�llig okay. Danke, dass Sie mich gefragt haben. Wenn solche Situationen in Zukunft auftreten, m�chte ich, dass Sie mich wieder fragen, dann wird es auch keine Missverst�ndnisse geben.�</p><p>Lisbeth Salander blieb ein paar Minuten schweigend sitzen und �berlegte, ob es noch etwas hinzuzuf�gen gab. Sie nagelte Dragan Armanskij mit ihrem Blick fest, ohne etwas zu sagen. Stattdessen nickte sie nur, stand auf und ging, wie immer ohne Abschiedsgru�. Sobald sie die Auskunft bekommen hatte, die sie wollte, verlor sie v�llig das Interesse an Armanskij. Er l�chelte in sich hinein. Dass Sie ihn �berhaupt um Rat gefragt hatte, war vermutlich einer der H�hepunkte ihres Sozialisierungsprozesses.</p><p>Er �ffnete eine Mappe mit einem Bericht �ber die Sicherheitsma�nahmen in einem Museum, in dem demn�chst eine gro�e Ausstellung franz�sischer Impressionisten stattfinden w�rde. Dann legte er die Mappe wieder aus der Hand und starrte auf die T�r, durch die Salander gerade hinausgegangen war. Er dachte daran, wie sie in ihrem B�ro mit Mikael Blomkvist gelacht hatte, und fragte sich, ob sie gerade erwachsen wurde oder ob es Blomkvist war, der sie an dieser Sache lockte. Pl�tzlich wurde er unruhig. Er war das Gef�hl nie losgeworden, dass Lisbeth Salander ein perfektes Opfer war. Und nun jagte sie einen Wahnsinnigen in der Wildnis.</p><p>Auf dem Weg gen Norden machte Lisbeth einen spontanen Abstecher zum Pflegeheim �ppelviken und besuchte ihre Mutter. Abgesehen von einem Besuch am Mittsommerabend, hatte sie ihre Mutter seit Weihnachten nicht gesehen und hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie sich so selten Zeit f�r sie nahm. Ein zweiter Besuch innerhalb weniger Wochen war rekordverd�chtig.</p><p>Ihre Mutter sa� im Aufenthaltsraum. Lisbeth blieb eine knappe Stunde und nahm ihre Mutter mit auf einen Spaziergang, hinunter zum Ententeich im Park vorm Krankenhaus. Ihre Mutter verwechselte Lisbeth immer noch mit ihrer Schwester. Wie immer war sie nicht richtig anwesend, schien sich aber �ber den Besuch zu freuen.</p><p>Als Lisbeth Abschied von ihr nahm, wollte sie ihre Hand nicht loslassen. Lisbeth versprach, sie bald wieder zu besuchen, aber als sie ging, blickte ihr ihre Mutter �ngstlich und ungl�cklich nach.</p><p>Als ahne sie eine drohende Katastrophe voraus.</p><p>Mikael verbrachte zwei Stunden im Garten hinterm Haus damit, in den Apokryphen zu bl�ttern. Dann kam ihm der Verdacht, dass er seine Zeit verschwendete.</p><p>Doch pl�tzlich fragte er sich, wie religi�s Harriet eigentlich gewesen war. Ihr Interesse an der Bibel hatte ein Jahr vor ihrem Verschwinden begonnen. Sie hatte eine ganze Reihe Bibelzitate mit einer Mordserie in Verbindung bringen k�nnen und danach nicht nur die Bibel gr�ndlich gelesen, sondern auch die Apokryphen. Und hatte sich f�r den Katholizismus interessiert.</p><p>Hatte sie im Grunde nur dieselbe Untersuchung angestellt wie Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander siebenunddrei�ig Jahre sp�ter? War es eher die Jagd nach einem M�rder als die Religiosit�t, die ihr Interesse befeuerte? Pfarrer Falk hatte angedeutet, sie sei weniger eine gute Christin gewesen als eine Suchende.</p><p>Er wurde aus seinen �berlegungen gerissen, als Erika ihn auf dem Handy anrief.</p><p>�Ich wollte nur Bescheid geben, dass Greger und ich n�chste Woche in Urlaub fahren. Ich bin vier Wochen weg.�</p><p>�Wohin fahrt ihr?�</p><p>�Nach New York. Greger hat eine Ausstellung, und danach wollen wir in die Karibik. Ein Bekannter von Greger hat uns sein Haus in Antigua �berlassen. Wir bleiben zwei Wochen dort.�</p><p>�Das klingt phantastisch. Viel Spa�. Und gr�� Greger.�</p><p>�Ich habe seit drei Jahren nicht mehr richtig freigehabt. Das neue Heft ist fertig und fast das ganze n�chste Heft auch. Ich w�nschte, du k�nntest als Redakteur einspringen, aber Christer hat versprochen, dass er sich k�mmert.�</p><p>�Er kann mich anrufen, wenn er Hilfe braucht. Wie l�uft�s mit Janne Dahlman?�</p><p>Sie z�gerte kurz.</p><p>�Er f�hrt n�chste Woche auch in Urlaub. Ich habe Henry Cortez vor�bergehend zum Redaktionsassistenten gemacht. Christer Malm und er schmei�en den Laden.�</p><p>�Okay.�</p><p>�Ich traue Dahlman nicht. Aber er benimmt sich. Am siebten August bin ich zur�ck.�</p><p>Sie w�nschten sich alles Gute und beendeten das Gespr�ch.</p><p>Gegen sieben hatte Mikael bereits zigmal versucht, Cecilia anzurufen. Er hatte ihr eine SMS geschrieben, in der er sie bat, ihn anzurufen, hatte aber keine Antwort erhalten.</p><p>Entschlossen schlug er die Apokryphen zu, zog seine Sportsachen an, schloss die T�r ab und begab sich auf seine t�gliche Trainingsrunde. Er folgte dem schmalen Pfad am Strand, bevor er in den Wald abbog. So schnell wie m�glich arbeitete er sich durch Gestr�pp und Wurzelwerk und erreichte ersch�pft und mit viel zu hohem Puls die Befestigung. Bei einer  der alten Schie�schanzen stoppte er und machte ein paar Minuten Dehn�bungen.</p><p>Pl�tzlich h�rte er einen scharfen Knall, w�hrend gleichzeitig eine Kugel in die graue Betonmauer ein paar Zentimeter neben seinem Kopf einschlug. Dann f�hlte er einen heftigen Schmerz am Haaransatz, wo Splitter eine tiefe Platzwunde hinterlassen hatten.</p><p>Mikael stand wie gel�hmt da und war unf�hig zu begreifen, was soeben geschehen war - diese Sekunden kamen ihm wie eine Ewigkeit vor. Dann warf er sich kopf�ber in den Sch�tzengraben und zerbrach sich fast alle Knochen, als er auf seiner Schulter landete. Der zweite Schuss fiel im selben Moment, in dem er sich niederwarf. Die Kugel traf das Betonfundament, vor dem er gerade noch gestanden hatte.</p><p>Mikael kam wieder auf die F��e und sah sich um. Er befand sich ungef�hr in der Mitte der Befestigung. Nach rechts und links liefen enge, metertiefe und �berwachsene G�nge, die von einer Linie von knapp zweihundertf�nfzig Metern L�nge abzweigten. Geduckt lief er in s�dlicher Richtung durch das Labyrinth.</p><p>Pl�tzlich h�rte er Hauptmann Adolfssons unverkennbare Stimme auf einer Winter�bung bei den Feldj�gern in Kiruna.  <emphasis>Verflucht noch mal, Blomkvist, runter mit dem Sch�del, wenn Ihnen keiner den Arsch wegschie�en soll</emphasis>. Noch nach zwanzig Jahren erinnerte er sich an die Spezial�bungen, die Hauptmann Adolfsson befehligt hatte.</p><p>Nach ungef�hr sechzig Metern blieb er mit klopfendem Herzen stehen und holte Luft. Er konnte keine anderen Ger�usche als seine eigene Atmung h�ren. <emphasis>Das menschliche Auge nimmt Bewegung viel schneller wahr als Formen und Gestalten. Bewegen Sie sich langsam, wenn Sie etwas aussp�hen.</emphasis></p><p>Langsam hob Mikael den Blick ein paar Zentimeter �ber den Rand der Schanze. Die Sonne schien ihm direkt in die Augen und machte es ihm unm�glich, Details zu erkennen, aber Bewegungen konnte er auch nicht ausmachen.</p><p>Mikael zog den Kopf wieder zur�ck und lief weiter zum letzten Wall. <emphasis>Es ist gleichg�ltig, was f�r gute Waffen der Feind besitzt. Wenn er Sie nicht sehen kann, kann er Sie auch nicht treffen. Deckung, Deckung und nochmals Deckung. Achten Sie darauf, dass Sie nie Ihre Deckung aufgeben.</emphasis></p><p>Mikael war nun zirca dreihundert Meter von der Grenze zum �sterg�rdener Hof entfernt. Vierzig Meter vor ihm begann ein schwer zug�ngliches Dickicht mit jeder Menge niedrigem Buschwerk. Aber um dorthin zu gelangen, musste er von der Schie�schanze einen Abhang hinunterlaufen, auf dem er v�llig ungesch�tzt sein w�rde. Es war der einzige Ausweg. Im R�cken hatte er das Meer.</p><p>Mikael ging in die Hocke und �berlegte. Pl�tzlich wurde er sich des Schmerzes an der Schl�fe bewusst und entdeckte, dass er stark blutete und sein T-Shirt bereits blutdurchtr�nkt war. Ein Fragment der Kugel oder ein Splitter aus der Betonwand hatte ihm eine tiefe Wunde an der Schl�fe gerissen. Kopfwunden wollen einfach nie aufh�ren zu bluten, dachte er, bevor er sich wieder auf seine missliche Lage konzentrierte. Ein einzelner Schuss konnte auch aus Fahrl�ssigkeit abgegeben worden sein. Zwei Sch�sse bedeuteten, dass jemand versucht hatte, ihn zu t�ten. Er wusste nicht, ob der Sch�tze noch irgendwo da drau�en war und mit frisch geladener Waffe darauf wartete, dass er sich wieder zeigte.</p><p>Er versuchte, sich zu beruhigen und vern�nftig zu denken. Er hatte die Wahl - entweder wartete er ab, oder er floh irgendwie. Aber wenn er wartete, konnte der Sch�tze ganz ruhig auf die Befestigung hinaufgehen, ihn suchen und aus n�chster N�he erschie�en.</p><p>Er (oder sie) kann nicht wissen, ob ich nach rechts oder links gegangen bin, dachte er. Ein Gewehr, wahrscheinlich ein Elchstutzen. Vermutlich mit Zielfernrohr. Das bedeutete, dass der Sch�tze ein begrenztes Blickfeld hatte, wenn er Mikael durch seine Linse suchte.</p><p><emphasis>Wenn Sie in der Klemme sitzen - ergreifen Sie die Initiative. Das ist besser, als abzuwarten</emphasis>. Er wartete und horchte zwei Minuten lang nach Ger�uschen. Dann stemmte er sich aus dem Sch�tzengraben hoch und rutschte den Abhang hinunter, so schnell er konnte.</p><p>Ein dritter Schuss wurde abgefeuert, als er schon den halben Weg zum Dickicht zur�ckgelegt hatte, aber die Kugel verfehlte ihn deutlich. Im n�chsten Moment warf er sich mit dem ganzen K�rper durch den Vorhang aus Buschwerk und rollte durch ein Meer von Brennnesseln. Dann kam er sofort wieder auf die F��e und begann sich geduckt von dem Sch�tzen zu entfernen. Nach f�nfzig Metern blieb er stehen und horchte. Pl�tzlich h�rte er irgendwo zwischen sich und der Befestigung einen Zweig knacken. Vorsichtig legte er sich auf den Bauch.</p><p>Robben war ein anderer von Hauptmann Adolfssons Lieblingsausdr�cken gewesen. Mikael legte die n�chsten hundertf�nfzig Meter durchs Unterholz robbend zur�ck. Er bewegte sich lautlos und achtete sorgf�ltig auf Reisig und Zweige. Zweimal h�rte er ein pl�tzliches Knacken im Dickicht. Das erste Mal schien es aus seiner unmittelbaren N�he zu kommen, vielleicht zwanzig Meter links von der Stelle, wo er lag. Er erstarrte und blieb regungslos liegen. Nach einer Weile hob er vorsichtig den Kopf und sp�hte um sich, aber er konnte niemanden sehen. Lange verharrte er so mit aufs �u�erste angespannten Nerven, bereit zu fl�chten oder vielleicht einen verzweifelten Gegenangriff zu starten, wenn der Feind direkt auf ihn losging. Das n�chste Knacken, das er h�rte, kam aus bedeutend gr��erer Entfernung. Danach Stille.</p><p><emphasis>Er wei�, dass ich hier bin. Aber hat er sich jetzt irgendwo postiert und wartet darauf, dass ich mich bewege? Oder hat er sich zur�ckgezogen?</emphasis></p><p>Er kroch weiter durchs Unterholz, bis er zum Weidezaun von �sterg�rden gelangte.</p><p>Das waren die n�chsten kritischen Momente. Au�en am Zaun f�hrte ein Pfad entlang. Er lag der L�nge nach auf dem Boden und hielt Ausschau. Wenn er geradeaus blickte, konnte er Geb�ude erkennen, ungef�hr vierhundert Meter weiter oben auf einem leichten Abhang, und rechts daneben ein Dutzend grasende K�he. <emphasis>Warum hatte niemand den Schuss geh�rt und war gekommen, um nach dem Rechten zu sehen? - Sommer! Man kann nicht davon ausgehen, dass jemand zu Hause ist.</emphasis></p><p>Die Weide zu betreten kam �berhaupt nicht infrage - dort h�tte er kein bisschen Deckung -, aber der gerade Weg am Zaun war andererseits genau der Platz, an dem er selbst sich postiert h�tte, um ein unbehindertes Schussfeld zu haben. Er zog sich vorsichtig wieder ins Dickicht zur�ck und durchquerte es, bis es in einen lichten Kiefernwald �berging.</p><p>Mikael nahm einen Umweg nach Hause. Als er am �sterg�rden vorbeikam, stellte er fest, dass die Autos weg waren. Ganz oben auf dem S�derberg blieb er stehen und betrachtete Hedeby. In den alten Fischerh�tten am Kleinboothafen wohnten Sommerg�ste; ein paar Frauen sa�en im Badeanzug auf einem Steg und unterhielten sich. Er roch den Duft von gegrilltem Fisch. Ein paar Kinder plantschten bei den Stegen.</p><p>Mikael sah auf seine Armbanduhr. Kurz nach acht. Es waren f�nfzig Minuten vergangen, seit die Sch�sse gefallen waren. Gunnar Nilsson sprengte seinen Rasen mit nacktem Oberk�rper und Shorts. <emphasis>Wie lange bist du schon dort?</emphasis> In Henriks Haus war niemand au�er der Haush�lterin Anna Nygren. Bei Harald Vanger wirkte alles so verlassen wie immer. Pl�tzlich sah er Isabella Vanger im Garten hinter seinem Haus. Sie sa� am Gartentisch und unterhielt sich mit jemand. Mikael brauchte eine Sekunde, bis er erkannte, dass es die kr�nkliche Gerda Vanger war, geboren 1922, die mit ihrem Sohn Alexander in einem der H�user hinter Henrik wohnte. Er hatte sie noch nie getroffen, sie aber ein paarmal auf dem Grundst�ck gesehen. Cecilias Haus sah unbewohnt aus, aber dann sah Mikael pl�tzlich, wie in der K�che das Licht anging. <emphasis>Sie ist zu Hause. War der Sch�tze eine Frau gewesen?</emphasis> Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass Cecilia mit einem Gewehr umgehen konnte. Ein St�ck entfernt konnte er Martin Vangers Auto auf dem Hof vor dem Haus stehen sehen. <emphasis>Wie lange bist du schon zu Hause?</emphasis></p><p>Oder war es jemand anders, an den er noch nicht einmal gedacht hatte? Frode? Alexander? Zu viele M�glichkeiten.</p><p>Er ging den S�derberg hinunter und folgte dem Weg in die Siedlung bis zu sich nach Hause, ohne jemanden zu treffen. Als Erstes sah er, dass die Haust�r einen Spalt offen stand. Er duckte sich fast schon instinktiv. Dann roch er den Duft von Kaffee und erkannte Lisbeth durchs K�chenfenster.</p><p>Lisbeth h�rte Mikael vor der Haust�r und drehte sich zu ihm um. Sie hob die Augenbrauen. Sein Gesicht sah schrecklich aus - �berall verschmiertes Blut, das schon zu verkrusten begann. Die linke Seite seines wei�en T-Shirts war blutdurchtr�nkt. Er presste sich einen Stofffetzen an den Kopf.</p><p>�Das ist eine Kopfwunde, die heftig blutet, aber es ist nichts Gef�hrliches�, sagte Mikael, bevor sie zu Wort kam.</p><p>Sie drehte sich um und holte den Verbandskasten aus der Speisekammer, der nichts enthielt als zwei Schachteln Pflaster, einen M�ckenstift und eine kleine Rolle Leukoplast. Er zog seine Sachen aus, lie� sie auf den Boden fallen, ging ins Badezimmer und besah sich im Spiegel.</p><p>Die Wunde an der Stirn war ungef�hr drei Zentimeter lang und so tief, dass Mikael ein gro�es St�ck Gewebe anheben konnte.</p><p>Sie blutete immer noch und h�tte gen�ht werden m�ssen, aber er glaubte, dass sie auch von allein heilen w�rde, wenn er  sie verpflasterte. Er feuchtete ein Handtuch an und s�uberte sich das Gesicht.</p><p>Er hielt das Handtuch an die Stirn, w�hrend er sich duschte, und blinzelte. Dann schlug er mit der Faust so heftig gegen die Kacheln, dass er sich die Kn�chel aufsch�rfte. <emphasis>Fuck you</emphasis>! <emphasis>Dich krieg ich schon noch.</emphasis></p><p>Als Lisbeth ihn am Arm ber�hrte, zuckte er zusammen, als h�tte er einen elektrischen Schlag bekommen. Er starrte sie so hasserf�llt an, dass sie unwillk�rlich einen Schritt zur�cktrat. Sie gab ihm ein St�ck Seife und ging wortlos zur�ck in die K�che.</p><p>Nachdem Mikael geduscht hatte, verpflasterte er seine Wunde. Er ging ins Schlafzimmer, zog sich saubere Jeans und ein frisches T-Shirt an und nahm die Mappe mit den ausgedruckten Bildern mit. Er war so w�tend, dass er beinahe zitterte.</p><p>�Du bleibst hier�, br�llte er Lisbeth zu.</p><p>Er ging zu Cecilia hin�ber, dr�ckte anderthalb Minuten immer wieder auf die T�rklingel, bis sie �ffnete.</p><p>�Ich will dich nicht sehen�, sagte sie. Dann sah sie sein Gesicht und den blutgetr�nkten Verband. �Was hast du denn gemacht?�, entfuhr es ihr unwillk�rlich.</p><p>�Lass mich rein. Wir m�ssen reden.�</p><p>Sie z�gerte.</p><p>�Wir haben nichts zu bereden.�</p><p>�Jetzt haben wir etwas zu bereden, und du kannst es entweder hier auf der Treppe oder in der K�che mit mir diskutieren.�</p><p>Mikaels Stimme klang so aggressiv, dass Cecilia Vanger zur Seite trat und ihn hereinlie�. Er marschierte zu ihrem K�chentisch.</p><p>�Was hast du gemacht?�, fragte sie noch einmal.</p><p>�Du behauptest, dass meine Suche nach der Wahrheit �ber Harriet nur eine fixe Idee von Henrik ist. Das mag sein, aber  vor einer Stunde hat irgendjemand versucht, mir den Kopf wegzupusten, und heute Nacht hat jemand eine zerst�ckelte Katze vor meiner Haust�r hinterlassen.�</p><p>Cecilia �ffnete den Mund, aber Mikael lie� sie nicht zu Wort kommen.</p><p>�Cecilia, es ist mir egal, was mit dir los ist und warum du pl�tzlich meinen blo�en Anblick nicht mehr ertragen kannst. Ich werde nie wieder in deine N�he kommen, und du brauchst keine Angst zu haben, dass ich dich weiter behelligen werde. In diesem Augenblick w�nsche ich mir, ich h�tte weder von dir noch von irgendeinem anderen Mitglied der Familie Vanger jemals etwas geh�rt. Aber ich will Antworten auf meine Fragen haben. Je schneller du antwortest, desto eher bist du mich los.�</p><p>�Was willst du wissen?�</p><p>�Erstens: Wo zum Teufel warst du vor einer Stunde?�</p><p>Cecilias Gesicht verfinsterte sich.</p><p>�Vor einer Stunde war ich in Hedestad. Ich bin vor einer halben Stunde zur�ckgekommen.�</p><p>�Kann jemand bezeugen, dich irgendwo gesehen zu haben?�</p><p>�Nicht dass ich w�sste. Ich brauche mich vor dir nicht zu rechtfertigen.�</p><p>�Zweitens: Warum hast du das Fenster in Harriets Zimmer ge�ffnet, an dem Tag, als sie verschwunden ist?�</p><p>�Was?�</p><p>�Du hast die Frage geh�rt. In all den Jahren hat Henrik versucht herauszufinden, wer das Fenster in Harriets Zimmer ge�ffnet hat, genau in den kritischen Momenten, als sie verschwunden sein muss. Alle haben es abgestritten. Einer l�gt.�</p><p>�Und was in Dreiteufelsnamen bringt dich zu der Annahme, dass ich es war?�</p><p>�Dieses Bild�, erwiderte Mikael und pfefferte das unscharfe Foto auf ihren K�chentisch.</p><p>Cecilia kam an den Tisch und betrachtete das Bild. Mikael glaubte Staunen und Angst an ihr zu bemerken. Pl�tzlich bemerkte er, wie ein d�nnes Blutrinnsal seine Wange herablief und auf sein T-Shirt tropfte.</p><p>�An diesem Tag waren ungef�hr sechzig Personen auf der Insel�, erkl�rte er. �Achtundzwanzig von ihnen waren Frauen. F�nf oder sechs hatten schulterlanges blondes Haar. Eine Einzige von ihnen hatte ein helles Kleid an.�</p><p>Sie starrte intensiv auf das Bild.</p><p>�Und du glaubst, das da bin ich?�</p><p>�Wenn du es nicht bist, dann w�rde ich wahnsinnig gerne wissen, wer das deiner Meinung nach sein soll. Dieses Bild war bis dato unbekannt. Ich habe es jetzt seit ein paar Wochen und versuche, mit dir zu reden. Wahrscheinlich bin ich ein Idiot, aber ich habe es weder Henrik noch irgendjemand sonst gezeigt, weil ich furchtbare Angst hatte, dich falschen Anschuldigungen auszusetzen. Aber ich muss eine Antwort haben.�</p><p>�Du sollst deine Antwort haben.� Sie nahm das Bild und hielt es ihm hin. �Ich war an diesem Tag nicht in Harriets Zimmer. Das auf dem Bild bin nicht ich. Ich habe nicht das Geringste mit ihrem Verschwinden zu tun.�</p><p>Sie ging zur T�r.</p><p>�Du hast deine Antwort bekommen. Jetzt will ich, dass du gehst. Ich glaube, mit dieser Wunde da solltest du zu einem Arzt gehen.�</p><p>Lisbeth fuhr ihn ins Krankenhaus von Hedestad. Zwei Stiche und ein ordentliches Pflaster reichten, um die Wunde zu verschlie�en. Gegen den Brennnesselausschlag an Hals und H�nden bekam er eine Kortisonsalbe.</p><p>Als sie das Krankenhaus verlie�en, �berlegte Mikael lange, ob er zur Polizei gehen sollte. Pl�tzlich sah er die �berschrift vor seinem inneren Auge: <emphasis>Verurteilter Journalist in dramatische Schie�erei verwickelt</emphasis>. Er sch�ttelte den Kopf. �Fahr nach Hause�, sagte er zu Lisbeth.</p><p>Als sie auf die Insel zur�ckkamen, war es dunkel, was Lisbeth sehr gelegen kam. Sie stellte eine Sporttasche auf den K�chentisch.</p><p>�Ich habe mir Ausr�stung von Milton Security ausgeliehen, und die muss jetzt zum Einsatz kommen, wo es dunkel wird. Setz inzwischen schon mal Kaffee auf.�</p><p>Sie stellte vier batteriebetriebene Bewegungsmelder rund ums Haus auf und erkl�rte, dass jeder, der sich dem Haus mehr als sechs bis sieben Meter n�herte, ein Radiosignal ausl�ste, das wiederum einen Piepser in Gang setzte, den sie in Mikaels Schlafzimmer installiert hatte. Gleichzeitig w�rden zwei lichtempfindliche Videokameras, die sie in den B�umen vor und hinter dem Haus montiert hatte, Signale an einen Laptop senden, den sie in das Schr�nkchen im Flur stellte. Sie tarnte die Kameras mit dunklem Stoff, sodass nur das Objektiv zu sehen war.</p><p>Eine dritte Kamera brachte sie in einem Nistkasten �ber der T�r an. Um das Kabel verlegen zu k�nnen, bohrte sie ein Loch in die Wand. Das Objektiv war auf den Weg und das St�ck zwischen Zaun und Haust�r gerichtet. Es sendete jede Sekunde ein Bild mit geringer Aufl�sung, das auf einem weiteren Laptop bei der Garderobe gespeichert wurde.</p><p>Anschlie�end legte sie noch eine druckempfindliche Matte vor die T�r. Sollte es jemandem gelingen, den Bewegungsmeldern zu entgehen und ins Haus einzudringen, w�rde eine Sirene mit 115 Dezibel losheulen. Lisbeth zeigte ihm, wie er die Detektoren mit einem Schl�ssel ausschalten konnte, den sie im Kleiderschrank versteckt hatte. Sie hatte sich auch noch ein Nachtsichtger�t ausgeliehen, das sie auf den Tisch im Arbeitszimmer legte.</p><p>�Du �berl�sst nicht gerade viel dem Zufall�, sagte Mikael und goss ihr einen Kaffee ein.</p><p>�Noch was: Keine Joggingausfl�ge mehr, bevor wir das hier nicht gel�st haben.�</p><p>�Mein Bedarf an Joggingausfl�gen ist vorerst gedeckt - das kannst du mir glauben.�</p><p>�Das ist kein Witz. Das hier hat als historisches R�tsel angefangen, aber heute Morgen lag eine tote Katze auf der Treppe, und heute Abend hat jemand versucht, dir den Sch�del wegzupusten. Wir sind jemandem auf der Spur.�</p><p>Sie a�en ein sp�tes Abendessen mit Aufschnitt und Kartoffelsalat. Mikael war pl�tzlich todm�de und hatte rasende Kopfschmerzen. Er konnte sich nicht mehr unterhalten und ging schlafen.</p><p>Lisbeth blieb noch auf und las bis zwei Uhr weiter im Untersuchungsbericht. Der Auftrag in Hedeby hatte komplizierte und bedrohliche Formen angenommen.</p><a id="calibre_link-99"/><p><a id="calibre_link-100"/></p><p><strong>23. Kapitel</strong></p><p><strong>Freitag, 11. Juli</strong></p><p>Mikael wurde um sechs Uhr morgens davon wach, dass ihm die Sonne durch einen Spalt in der Gardine direkt ins Gesicht schien. Er hatte vages Kopfweh, und es schmerzte, als er sein Pflaster betastete. Lisbeth lag auf dem Bauch und hatte einen Arm um ihn gelegt. Er blickte auf den Drachen, der sich vom rechten Schulterblatt bis zum Hintern erstreckte.</p><p>Er z�hlte ihre Tattoos. Neben dem Drachen auf dem R�cken und der Wespe auf dem Hals hatte sie eine Schlinge rund um einen Kn�chel, eine andere Schlinge rund um den Bizeps ihres linken Armes, ein chinesisches Schriftzeichen auf der H�fte und eine Rose auf der Wade. Abgesehen vom Drachen waren die Tattoos klein und diskret.</p><p>Mikael stieg vorsichtig aus dem Bett und zog die Gardinen vor. Er ging zur Toilette, schlich zur�ck zum Bett und kroch dann so leise wie m�glich wieder unter die Decke, um sie nicht zu wecken.</p><p>Ein paar Stunden sp�ter fr�hst�ckten sie im Garten. Lisbeth sah Mikael an.</p><p>�Wir m�ssen ein R�tsel l�sen. Wie fangen wir�s an?�</p><p>�Wir stellen die Fakten zusammen.�</p><p>�Ein Fakt ist, dass es jemand in unserer N�he auf dich abgesehen hat.�</p><p>�Die Frage ist nur, warum? Weil wir dabei sind, das R�tsel um Harriet l�sen, oder weil wir einen unbekannten Serienm�rder gefunden haben?�</p><p>�Das muss miteinander zusammenh�ngen.�</p><p>Mikael nickte.</p><p>�Wenn es Harriet gelungen ist herauszufinden, dass es einen Serienm�rder gab, dann muss es jemand in ihrer direkten Umgebung gewesen sein. Wenn wir die Personengalerie aus den sechziger Jahren anschauen, gibt es da mindestens zwei Dutzend m�gliche Kandidaten. Heute ist kaum noch einer davon �brig, au�er Harald Vanger, und ich glaube einfach nicht, dass er mit seinen bald f�nfundneunzig Jahren mit einem Gewehr im Wald heruml�uft. Der k�nnte so einen Elchstutzen wahrscheinlich kaum noch heben. Die Personen sind entweder zu alt, um heute noch gef�hrlich zu sein, oder zu jung, als dass sie in den f�nfziger Jahren schon h�tten aktiv sein k�nnen. Womit wir wieder beim Ausgangspunkt w�ren.�</p><p>�Vielleicht arbeiten ja zwei Personen zusammen. Eine �ltere und eine j�ngere.�</p><p>�Harald und Cecilia. Das glaube ich nicht. Ich glaube, sie hat die Wahrheit gesagt, als sie behauptete, dass sie nicht die Person an Harriets Fenster war.�</p><p>�Aber wer war es dann?�</p><p>Sie �ffneten Mikaels iBook und verbrachten die n�chste Stunde damit, alle Menschen, die auf den Bildern des Unfalls auf der Br�cke zu sehen waren, noch einmal detailliert durchzugehen.</p><p>�Ich kann es mir nicht anders vorstellen, es m�ssen nahezu alle Menschen aus der Stadt hier unten gewesen sein und zugesehen haben. Es war September. Die meisten tragen Jacken oder Pullover. Es gibt nur eine Person mit langen blonden Haaren und einem hellen Kleid.�</p><p>�Cecilia taucht auf sehr vielen Fotos auf. Sie scheint hin und her zu gehen zwischen den Geb�uden und den Leuten, die sich  den Unfall ansehen. Hier spricht sie mit Isabella. Hier steht sie mit Pfarrer Falk zusammen. Hier ist sie mit Greger Vanger, ihrem mittleren Bruder.�</p><p>�Warte�, sagte Mikael pl�tzlich. �Was hat Greger denn da in der Hand?�</p><p>�Irgendwas Viereckiges. Sieht aus wie irgendein K�stchen.�</p><p>�Das ist eine Hasselblad. Er hatte auch eine Kamera.�</p><p>Sie lie�en die Bilder noch einmal durchlaufen. Greger war auf mehreren Fotos zu sehen, doch oft nur verdeckt. Auf einem Bild sah man deutlich, dass er was Viereckiges in der Hand hatte.</p><p>�Ich glaube, du hast recht. Das ist eine Kamera.�</p><p>�Was bedeutet, dass wir noch mal auf Bilderjagd gehen m�ssen.�</p><p>�Okay, lassen wir das erst mal beiseite�, sagte Lisbeth. �Lass mich eine Hypothese formulieren.�</p><p>�Bitte sehr.�</p><p>�Was h�ltst du hiervon: Jemand aus der j�ngeren Generation wei�, dass jemand aus der �lteren Generation ein Serienm�rder war, will aber nicht, dass es herauskommt. Die Familienehre und so weiter und so fort. Das w�rde bedeuten, dass es zwei Personen sind, die aber nicht unbedingt zusammenarbeiten. Der M�rder kann schon lange tot sein, aber unser Verfolger will einfach, dass wir alles stehen und liegen lassen und nach Hause fahren.�</p><p>�Daran hab ich auch schon gedacht�, sagte Mikael. �Aber wenn es so ist, warum legt er dann eine zerst�ckelte Katze auf den Treppenabsatz? Damit nimmt er ja direkt Bezug auf die Morde.� Mikael klopfte auf Harriets Bibel. �Wieder eine Parodie auf das Brandopfer-Gesetz.�</p><p>Lisbeth lehnte sich zur�ck und sah zur Kirche empor, w�hrend sie nachdenklich die Bibel zitierte. Es klang, als w�rde sie mit sich selbst sprechen.</p><p><emphasis>�Dann soll er das Rind schlachten vor dem Herrn, und die Priester, Aarons S�hne, sollen das Blut herzu bringen und  ringsum an den Altar sprengen, der vor der T�r der Stiftsh�tte ist. Und er soll dem Brandopfer das Fell abziehen und es in seine St�cke zerlegen.�</emphasis></p><p>Sie verstummte und merkte pl�tzlich, dass Mikael sie gespannt ansah. Er schlug die Einleitung des Buches Levitikus auf.</p><p>�Kannst du auch Vers 12?�</p><p>Lisbeth schwieg.</p><p>�Und er zerlege ��, begann Mikael und nickte ihr zu.</p><p><emphasis>�Und er zerlege es in seine St�cke, und der Priester soll sie samt dem Kopf und dem Fett auf das Holz �ber dem Feuer legen, das auf dem Altar ist.�</emphasis> Ihre Stimme war eiskalt.</p><p>�Und den n�chsten Vers?�</p><p>Sie stand pl�tzlich auf.</p><p>�Lisbeth, du hast ein fotografisches Ged�chtnis�, rief Mikael verbl�fft aus. �Deswegen liest du die Seiten des Untersuchungsberichts also in zehn Sekunden.�</p><p>Ihre Reaktion war explosiv. Ihr Blick bohrte sich mit solchem Zorn in Mikaels, dass er ganz �berrascht war. Dann f�llten sich ihre Augen mit Verzweiflung, und sie lief zum Gartentor.</p><p>�Lisbeth!�, rief Mikael ihr best�rzt hinterher.</p><p>Sie lief die Stra�e entlang und verschwand.</p><p>Mikael trug ihren Computer hinein, schaltete den Alarm ein und schloss die Haust�r, bevor er wegging, um sie zu suchen. Er fand sie zwanzig Minuten sp�ter im Kleinboothafen, wo sie auf einem Steg sa�, die F��e ins Wasser baumeln lie� und eine Zigarette rauchte.</p><p>Sie h�rte, wie er �ber den Steg ging, und er sah, wie sich ihre Schultern leicht versteiften. Zwei Meter vor ihr blieb er stehen.</p><p>�Ich wei� nicht, was ich falsch gemacht habe, aber ich hatte nicht die Absicht, dich zu verletzen.�</p><p>Sie antwortete nicht.</p><p>Er ging zu ihr, setzte sich neben sie und legte ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter.</p><p>�Bitte, Lisbeth, sprich doch mit mir.�</p><p>Sie wandte den Kopf und sah ihn an.</p><p>�Da gibt es nichts zu reden�, sagte sie. �Ich bin ganz einfach ein Freak.�</p><p>�Ich w�re gl�cklich, wenn mein Ged�chtnis nur halb so gut w�re wie deins.�</p><p>Sie warf die Zigarettenkippe ins Wasser.</p><p>Mikael schwieg eine ganze Weile. <emphasis>Was soll ich sagen? Du bist ein ganz normales M�dchen. Es macht doch nichts, wenn du manchmal ein bisschen eigen bist. Was hat sie eigentlich f�r ein Selbstbild?</emphasis></p><p>�Als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, habe ich mir sofort gedacht, dass du anders bist�, sagte er. �Und soll ich dir noch was sagen? Es ist mir lange nicht mehr passiert, dass ich jemand vom ersten Augenblick an spontan so gemocht habe.�</p><p>Ein paar Kinder kamen aus einem Haus auf der anderen Seite des Hafenbeckens gelaufen und warfen sich ins Wasser. Eugen Norman, der Maler, mit dem Mikael noch immer kein einziges Wort gewechselt hatte, sa� auf einem Stuhl vor seinem H�uschen und betrachtete Mikael und Lisbeth.</p><p>�Ich will so gerne dein Freund sein, wenn du mich auch als Freund haben willst�, fuhr Mikael fort. �Aber das musst du entscheiden. Ich gehe zur�ck zum Haus und setze noch mal Kaffee auf. Komm nach Hause, wenn dir danach ist.�</p><p>Er stand auf und lie� sie zur�ck. Er war erst zur H�lfte den H�gel hinaufgegangen, als er ihre Schritte h�rte. Sie gingen zusammen zur�ck, ohne ein Wort zu sagen.</p><p>Als sie zu Hause ankamen, hielt sie ihn fest.</p><p>�Ich war gerade dabei, einen Gedanken zu formulieren � Wir hatten gesagt, dass alles eine Parodie auf die Bibel ist. Er hat zwar eine Katze zerst�ckelt, vielleicht war es einfach zu  schwierig, sich einen Ochsen zu besorgen. Aber er folgt dem Grundmuster. Ich frage mich ��</p><p>Sie blickte zur Kirche hoch.</p><p><emphasis>�� sollen das Blut herzu bringen und ringsum an den Altar sprengen, der vor der T�r der Stiftsh�tte ist ��</emphasis></p><p>Sie gingen �ber die Br�cke und hinauf zur Kirche, wo sie sich umsahen. Die Kirchent�r war verschlossen. Sie gingen ein bisschen herum, sahen sich aufs Geratewohl ein paar Grabsteine an und kamen schlie�lich zu der Kapelle, die ein bisschen n�her am Wasser stand. Es war keine Kapelle, sondern ein Mausoleum. �ber der T�r sah er den Namen Vanger eingemei�elt und einen lateinischen Vers, von dem er nicht wusste, was er bedeutete.</p><p>�Ruhe bis zu der Zeiten Ende�, sagte Lisbeth.</p><p>Mikael sah sie an. Sie zuckte die Schultern.</p><p>�Ich hab die Strophe mal irgendwo gesehen�, erkl�rte sie.</p><p>Pl�tzlich lachte Mikael laut los. Sie erstarrte und sah zuerst w�tend aus, dann begriff sie aber, dass er nicht �ber sie lachte, sondern �ber die Situation, und entspannte sich wieder.</p><p>Mikael dr�ckte gegen die T�r. Sie war verschlossen. Er �berlegte kurz, dann sagte er zu Lisbeth, sie solle sich hinsetzen und auf ihn warten. Er ging zu Anna Nygren hin�ber und klopfte. Er erkl�rte, dass er sich die Grabkapelle der Familie Vanger genauer ansehen wolle, und fragte, wo Henrik den Schl�ssel verwahre. Anna z�gerte, gab aber nach, als Mikael sie daran erinnerte, dass er direkt f�r Henrik arbeitete. Sie holte den Schl�ssel aus seinem Schreibtisch.</p><p>Sowie Mikael und Lisbeth die T�r �ffneten, wussten sie, dass sie richtig vermutet hatten. Ein penetranter Gestank nach verbranntem Kadaver und verkohlten Resten lag in der Luft. Aber der Katzenqu�ler hatte kein Feuer gemacht. In einer Ecke stand eine Art L�tlampe, wie sie Skifahrer benutzen, wenn sie ihre Skier wachsen. Lisbeth zog ihre Digitalkamera aus der  Tasche ihrer Jeansjacke und machte ein paar Bilder. Die L�tlampe nahm sie mit.</p><p>�Das kann Beweismaterial werden. Vielleicht hat er Fingerabdr�cke hinterlassen�, meinte sie.</p><p>�Na klar, wir k�nnten alle in der Familie Vanger bitten, ihre Fingerabdr�cke nehmen zu lassen�, gab Mikael sarkastisch zur�ck. �Es w�re sicher ein Riesenspa�, dir dabei zuzusehen, wie du versuchst, Isabellas Fingerabdruck abzunehmen.�</p><p>�Da gibt es gewisse M�glichkeiten�, antwortete Lisbeth.</p><p>Auf dem Boden war jede Menge Blut und auch eine gro�e Kneifzange, die wohl verwendet worden war, um der Katze den Kopf abzutrennen.</p><p>Mikael sah sich um. Ein erh�htes Hauptgrab geh�rte Alexandre Vangeersad, vier Gr�ber im Boden geh�rten zu den fr�hesten Familienmitgliedern. Danach war die Familie Vanger anscheinend zur Feuerbestattung �bergegangen. Ungef�hr drei�ig Nischen an der Wand trugen die Namen verschiedener Mitglieder des Clans. Mikael folgte der Familienchronik weiter in die Gegenwart und fragte sich, wo sie wohl die Familienmitglieder begruben, die keinen Platz in der Kapelle mehr fanden - vielleicht diejenigen, die man nicht als bedeutend genug betrachtete.</p><p>�So, jetzt wissen wir Bescheid�, sagte Mikael, als sie �ber die Br�cke gingen. �Wir jagen einen wahrhaftigen Wahnsinnigen.�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>Mikael blieb mitten auf der Br�cke stehen und lehnte sich ans Gel�nder.</p><p>�Wenn es ein ganz gew�hnlicher Verr�ckter gewesen w�re, der versucht hat, uns Angst einzujagen, dann h�tte er die Katze in die Garage oder in den Wald mitgenommen. Aber er hat sich f�r die Familienkapelle entschieden. Stell dir blo� mal vor, was f�r ein Risiko er da eingegangen ist. Es ist Sommer,  die Leute gehen hier nachts tats�chlich spazieren. Der Weg �ber den Friedhof ist eine Verbindung zwischen Nord- und S�d-Hedeby. Selbst bei geschlossener T�r m�ssten die Ger�usche der gequ�lten Katze und der Brandgeruch doch auffallen.�</p><p>�Er?�</p><p>�Ich glaube nicht, dass Cecilia Vanger hier nachts mit einer L�tlampe unterwegs ist.�</p><p>Lisbeth zuckte die Achseln.</p><p>�Ich traue keiner dieser Figuren in der Familie Vanger, inklusive Frode und deinem Henrik. Das ist ein Clan, der dich bei der erstbesten Gelegenheit �ber den Tisch zieht. Also, was machen wir jetzt?�</p><p>Sie schwiegen beide einen Moment. Dann musste Mikael fragen:</p><p>�Ich habe viele deiner Geheimnisse rausgekriegt. Wie viele wissen, dass du eine Hackerin bist?�</p><p>�Niemand.�</p><p>�Niemand au�er mir, meinst du?�</p><p>�Worauf willst du hinaus?�</p><p>�Ich will wissen, ob du mit mir klarkommst. Ob du mir vertraust.�</p><p>Sie sah ihn lange an. Schlie�lich zuckte sie wieder mit den Schultern.</p><p>�Dagegen kann ich nichts tun.�</p><p>�Vertraust du mir?�, wiederholte er.</p><p>�Bis auf Weiteres�, antwortete sie.</p><p>�Gut. Gehen wir zu Dirch Frode.�</p><p>Rechtsanwalt Frodes Frau, die Lisbeth zum ersten Mal zu Gesicht bekam, sah sie mit gro�en Augen an, w�hrend sie gleichzeitig h�flich l�chelte und sie in den Garten f�hrte. Frodes Gesicht hellte sich auf, als er Lisbeth sah. Er stand auf und begr��te sie freundlich.</p><p>�Sch�n, Sie wiederzusehen�, sagte er. �Ich hatte ein ganz schlechtes Gewissen, weil ich meine Dankbarkeit f�r die au�erordentliche Arbeit, die Sie f�r uns geleistet haben, gar nicht so richtig zum Ausdruck gebracht habe. Sowohl letzten Winter als auch diesen Sommer.�</p><p>Lisbeth be�ugte ihn misstrauisch.</p><p>�Ich bin daf�r bezahlt worden�, sagte sie.</p><p>�Darum geht es gar nicht. Ich hatte vorgefasste Meinungen, als ich Sie zum ersten Mal sah. Daf�r wollte ich Sie um Entschuldigung bitten.�</p><p>Mikael war �berrascht. Dirch Frode war imstande, ein f�nfundzwanzigj�hriges gepierctes und t�towiertes M�dchen f�r etwas um Entschuldigung zu bitten, wof�r er sich eigentlich gar nicht entschuldigen musste. Der Anwalt stieg in Mikaels Bewertungsskala auf einen Schlag ein paar Stufen nach oben. Lisbeth zuckte die Achseln.</p><p>Frode sah Mikael an.</p><p>�Was haben Sie da mit Ihrer Stirn gemacht?�</p><p>Sie setzten sich. Mikael fasste die Entwicklungen der letzten vierundzwanzig Stunden zusammen. Als er erz�hlte, dass man dreimal auf ihn geschossen hatte, sprang Frode erregt auf.</p><p>�Das ist doch vollkommener Irrsinn.� Er machte eine Pause und sah Mikael durchdringend an. �Es tut mir leid, aber das muss ein Ende haben. Ich kann nicht Ihr Leben aufs Spiel setzen. Ich muss mit Henrik sprechen, damit wir den Vertrag sofort aufl�sen.�</p><p>�Setzen Sie sich�, sagte Mikael.</p><p>�Sie begreifen nicht ��</p><p>�Ich begreife sehr wohl, dass Lisbeth und ich der L�sung so nahe gekommen sind, dass sich jemand massiv bedroht f�hlt und panisch reagiert. Wir haben ein paar Fragen. Erstens: Wie viele Schl�ssel gibt es zur Kapelle der Familie Vanger, und welche Personen haben sie?�</p><p>Frode �berlegte kurz.</p><p>�Um ehrlich zu sein, ich wei� es nicht. Ich glaube, mehrere Familienmitglieder haben Zugang zur Kapelle. Ich wei�, dass Henrik einen Schl�ssel hat und Isabella ab und zu dort sitzt, aber ich wei� nicht, ob sie einen eigenen Schl�ssel hat oder ihn sich von Henrik leiht.�</p><p>�Okay. Sie sind immer noch im Vorstand des Vanger-Konzerns. Gibt es ein Unternehmensarchiv? Eine Bibliothek oder so etwas, in der �ber Jahre hinweg Zeitungsausschnitte und Informationen �ber die Firma gesammelt werden?�</p><p>�Ja, so etwas gibt es. In der Hauptverwaltung in Hedestad.�</p><p>�Wir brauchen Zugang zu diesem Archiv. Gibt es dort auch alte Personalzeitungen und �hnliches?�</p><p>�Ich muss Ihnen nochmals sagen, ich wei� es nicht. Ich selbst bin seit drei�ig Jahren nicht mehr im Archiv gewesen. Aber Sie k�nnen mit einer Dame namens Bodil Lindgren sprechen, die f�r die Aufbewahrung aller m�glichen Papiere im Konzern verantwortlich ist.�</p><p>�K�nnen Sie sie anrufen und daf�r sorgen, dass Lisbeth schon heute Nachmittag das Archiv sichten kann? Sie will alle alten Zeitungsartikel �ber den Vanger-Konzern sehen. Es ist au�erordentlich wichtig, dass sie in alles Einblick nehmen kann, was von Interesse sein k�nnte.�</p><p>�Das kann ich in die Wege leiten. Sonst noch etwas?�</p><p>�Ja, Greger Vanger hatte eine Hasselblad in der Hand, als er beim Unfall auf der Br�cke unter den Zuschauern war. Das bedeutet, dass er auch Fotos gemacht haben k�nnte. Wo sind die Bilder nach seinem Tod gelandet?�</p><p>�Schwer zu sagen, aber seine Witwe oder sein Sohn w�ren wohl der nahe liegendste Tipp.�</p><p>�K�nnen Sie...�</p><p>�Ich rufe Alexander an und frage ihn.�</p><p>�Wonach soll ich suchen?�, fragte Lisbeth, als sie auf dem R�ckweg die Br�cke �berquerten.</p><p>�Nach Zeitungsausschnitten und Personalzeitungen. Ich m�chte, dass du alles durchliest, was du direkt nach dem jeweiligen Datum der Morde in den f�nfziger und sechziger Jahren findest. Notier dir alles, was dir nur im Geringsten merkw�rdig vorkommt. Ich glaube, es ist das Beste, wenn <emphasis>du</emphasis> diesen Teil der Arbeit �bernimmst. Wie ich mittlerweile wei�, hast du das bessere Ged�chtnis.�</p><p>Er boxte sie in die Seite. F�nf Minuten sp�ter knatterte ihr Motorrad �ber die Br�cke.</p><p>Mikael sch�ttelte Alexander Vanger die Hand. Die meiste Zeit, die Mikael in Hedeby verbracht hatte, war Alexander verreist gewesen, und Mikael hatte ihn zuvor nur ganz kurz kennengelernt. <emphasis>Er war zwanzig Jahre alt, als Harriet verschwand.</emphasis></p><p>�Dirch Frode hat mir gesagt, dass Sie alte Fotos angucken wollen.�</p><p>�Ihr Vater hatte eine Hasselblad.�</p><p>�Das stimmt. Die gibt es auch immer noch, aber keiner benutzt sie.�</p><p>�Sie wissen, dass ich in Henriks Auftrag nachforsche, was mit Harriet passiert ist.�</p><p>�Ich wei�. Und es gibt viele, die nicht besonders gl�cklich dar�ber sind.�</p><p>�Das kann schon sein. Sie brauchen mir selbstverst�ndlich nichts zu zeigen.�</p><p>�Ach was. Was wollen Sie denn sehen?�</p><p>�Ob Ihr Vater an dem Tag, an dem Harriet verschwand, Bilder geschossen hat.�</p><p>Sie gingen zum Dachboden hinauf. Es dauerte ein paar Minuten, bis es Alexander gelang, einen Karton mit Unmengen unsortierter Bilder ausfindig zu machen.</p><p>�Sie k�nnen sich die ganze Kiste ausleihen�, sagte er. �Wenn es noch Bilder gibt, dann m�ssen sie da drin sein.�</p><p>Mikael verbrachte eine Stunde damit, den Inhalt von Greger Vangers Karton zu sortieren. Darin fanden sich echte Leckerbissen f�r den Bildteil der Familienchronik, darunter eine Menge Fotos von Greger Vanger zusammen mit dem gro�en schwedischen Nazi-F�hrer der vierziger Jahre, Sven Olof Lindholm. Mikael legte sie beiseite.</p><p>Er fand mehrere Kuverts mit Bildern, die Greger offensichtlich selbst aufgenommen hatte. Sie zeigten verschiedene Personen und Familientreffen sowie eine ganze Menge typischer Urlaubsfotos vom Fischen oder von einer Italienreise mit der Familie. Sie hatten unter anderem den schiefen Turm von Pisa besucht.</p><p>Nach und nach fand er vier Aufnahmen vom Unfall mit dem Tanklaster. Trotz seiner ausgesprochen professionellen Kamera war Greger Vanger ein miserabler Fotograf. Die Bilder zoomten entweder den Tanklaster heran oder zeigten Leute von hinten. Er fand ein einziges Bild, auf dem Cecilia im Halbprofil zu sehen war.</p><p>Mikael scannte die Fotos ein, wusste aber schon, dass sie zu nichts f�hren w�rden. Er packte alles wieder in den Karton und a� ein belegtes Brot, w�hrend er �berlegte. Gegen drei ging er zu Anna Nygren.</p><p>�Ich frage mich, ob Henrik wohl noch mehr Fotoalben hat als die, die sozusagen zu seinen Nachforschungen in Harriets Fall geh�ren.�</p><p>�Ja, Henrik hat sich schon immer f�r Fotografie interessiert, soviel ich wei�. Er hat viele Alben im Arbeitszimmer.�</p><p>�K�nnen Sie sie mir zeigen?�</p><p>Anna Nygren z�gerte. Es war <emphasis>eine</emphasis> Sache, den Schl�ssel f�r die Grabkapelle herauszugeben - dort waltete jedenfalls Gott -, aber es war eine ganz andere, Mikael Zugang zu Henriks Arbeitszimmer zu gew�hren. Dort waltete n�mlich Gottes Vorgesetzter. Mikael schlug Anna vor, Dirch Frode anzurufen, wenn sie Zweifel h�tte. Schlie�lich erkl�rte sie sich widerwillig bereit, Mikael hineinzulassen. Im untersten Regalfach nahmen die Fotoalben einen ganzen Meter ein. Mikael setzte sich an Henriks Schreibtisch und schlug das erste Album auf.</p><p>Henrik hatte alle m�glichen Familienfotos aufgehoben. Viele waren offensichtlich lange vor seiner Zeit aufgenommen worden. Ein paar von den �ltesten Fotos stammten aus der Zeit um 1870 und zeigten barsche M�nner und reservierte Frauen. Da waren Bilder von Henriks Eltern und anderen Verwandten. Eine Aufnahme zeigte Henriks Vater, wie er 1906 in Sandhamn mit guten Freunden Mittsommer feierte. Ein anderes Foto aus Sandhamn zeigte Fredrik und seine Frau Ulrika zusammen mit Anders Zorn und Albert Engstr�m an einem Tisch, auf dem ge�ffnete Flaschen standen. Er fand einen Henrik Vanger im Teenageralter, der im Anzug auf seinem Fahrrad sa�. Auf anderen Bildern waren Menschen in Fabriken und Direktorenzimmern zu sehen. Er entdeckte den Kapit�n Oskar Granath, der Henrik und seine geliebte Edith Lobach mitten im Krieg nach Karlskrona in Sicherheit gebracht hatte.</p><p>Anna brachte ihm eine Tasse Kaffee. Er bedankte sich. Er hatte sich bis in modernere Zeiten vorgearbeitet und bl�tterte mehrere Seiten mit Fotos um, die Henrik Vanger auf dem H�hepunkt seines Lebens zeigten, als er Fabriken einweihte und Tage Erlander die Hand sch�ttelte. Ein Bild aus den fr�hen sechziger Jahren zeigte ihn mit Marcus Wallenberg. Die zwei starrten sich grimmig an und schienen nicht gerade gro�e Sympathie f�reinander zu empfinden.</p><p>Er bl�tterte weiter und blieb pl�tzlich bei einer Doppelseite h�ngen, auf die Henrik mit Bleistift �Familienrat 1966� geschrieben hatte. Zwei Farbfotos zeigten Herren, die sich unterhielten und Zigarren rauchten. Mikael erkannte Henrik, Harald und Greger wieder sowie die meisten der eingeheirateten M�nner aus Johan Vangers Familienzweig. Auf zwei Aufnahmen waren ungef�hr vierzig M�nner und Frauen zu sehen, die sich zum Abendessen an den Tisch gesetzt hatten und in  die Kamera blickten. Mikael wurde auf einmal klar, dass diese Fotos nach dem dramatischen Ereignis auf der Br�cke aufgenommen worden waren. Offenbar hatte noch niemand bemerkt, dass Harriet verschwunden war. Er studierte ihre Gesichter genau. Das war das Abendessen, bei dem sie h�tte dabei sein sollen. Wusste einer der Herren schon, dass sie weg war? Die Bilder gaben keine Antwort.</p><p>Da verschluckte sich Mikael pl�tzlich an seinem Kaffee. Er hustete und setzte sich ruckartig auf.</p><p>An der hinteren Schmalseite des Tisches sa� Cecilia und l�chelte in die Kamera. Neben ihr sa� eine andere blonde Frau mit langen Haaren und dem gleichen hellen Kleid. Sie sahen sich so �hnlich, sie h�tten Zwillinge sein k�nnen. Und mit einem Schlag fiel das Puzzlest�ckchen auf seinen Platz. Nicht Cecilia hatte an Harriets Fenster gestanden - ihre zwei Jahre j�ngere Schwester Anita Vanger war es gewesen, die nun in London wohnte.</p><p>Was hatte Lisbeth gesagt? <emphasis>Cecilia Vanger ist auf vielen Bildern zu sehen. Sie scheint zwischen verschiedenen Gruppen hin und her zu wechseln.</emphasis> Nicht im Geringsten. Es waren zwei Personen, und zuf�lligerweise waren sie nie auf demselben Foto zu sehen. Auf den Schwarz-Wei�-Fotos hatten sie gleich ausgesehen. Henrik hatte den Unterschied zwischen den Schwestern wahrscheinlich die ganze Zeit erkannt, aber f�r Mikaels und Lisbeths Augen war die �hnlichkeit so gro� gewesen, dass sie davon ausgegangen waren, es m�sse sich um ein und dieselbe Person handeln. Und keiner hatte den Irrtum korrigiert, weil es den beiden nie eingefallen war, die entsprechende Frage zu stellen.</p><p>Mikael bl�tterte um und sp�rte, wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Ihm war, als w�re ein kalter Luftzug durch den Raum gegangen.</p><p>Diese Bilder waren am n�chsten Tag gemacht worden, als die Suche nach Harriet schon angefangen hatte. Ein junger  Kommissar Morell erteilte einer Gruppe mit zwei uniformierten Polizisten und zirca zehn M�nnern mit Stiefeln Anweisungen, bevor sie sich auf ihre Suche begaben. Henrik Vanger trug eine knielange Regenjacke und einen englischen Hut mit schmaler Krempe.</p><p>Ganz links am Bildrand stand ein junger, leicht pummeliger Mann mit hellem halblangem Haar. Er trug einen dunklen Steppanorak mit einem roten Einsatz an den Schultern. Das Bild war scharf. Mikael erkannte ihn sofort wieder, nahm das Bild aber zur Sicherheit heraus, ging damit zu Anna Nygren und fragte sie, ob sie ihn wiedererkannte.</p><p>�Ja nat�rlich, das ist Martin Vanger. Er ist wohl so um die achtzehn auf diesem Bild.�</p><p>Lisbeth Salander ackerte sich in chronologischer Reihenfolge durch die nach Jahrg�ngen geordneten Zeitungsausschnitte, die vom Vanger-Konzern handelten. Sie begann mit dem Jahr 1949. Das Problem war allerdings, dass der Vanger-Konzern in diesem Zeitraum fast jeden Tag in den Medien auftauchte - nicht nur in den landesweiten Medien, sondern vor allem in der lokalen Presse. Da gab es Wirtschaftsanalysen, Gewerkschaften, Verhandlungen und K�ndigungsdrohungen, Fabriker�ffnungen und Fabrikschlie�ungen, Jahresabschl�sse, Direktorenwechsel, neue Produkte, die eingef�hrt wurden � ein Strom von Nachrichten. Klick. Klick. Klick. Ihr Gehirn lief auf Hochtouren.</p><p>Nach ein paar Stunden kam ihr eine Idee. Sie wandte sich an die Archiv-Chefin Bodil Lindgren und fragte, ob es irgendwo eine Liste aller Vanger-Fabriken und Dependancen in den f�nfziger und sechziger Jahren g�be.</p><p>Bodil Lindgren sah Lisbeth Salander mit offensichtlichem Misstrauen und K�hle an. Sie war �berhaupt nicht begeistert, dass ein wildfremder Mensch sich pl�tzlich in das Allerheiligste des Vanger-Archivs dr�ngeln und nach Belieben alle Papiere  einsehen konnte. Noch dazu ein M�dchen, das wie eine verr�ckte f�nfzehnj�hrige Anarchistin aussah. Aber Dirch Frode hatte ihr unmissverst�ndliche Anweisungen gegeben. Und sie hatte es eilig. Bodil brachte die gedruckten Jahresberichte, nach denen Lisbeth sich erkundigt hatte. Jeder Jahresbericht enthielt eine Karte der Au�enposten des Konzerns in ganz Schweden.</p><p>Lisbeth warf einen Blick auf die Karte und bemerkte, dass der Konzern viele Fabriken, B�ros und Verkaufsstellen besa�. Sie stellte fest, dass sich �berall dort, wo ein Mord geschehen war, auch ein roter Punkt befand - manchmal auch mehrere -, der eine Niederlassung des Vanger-Konzerns bezeichnete.</p><p>Den ersten Treffer hatte sie 1957. Rakel Lunde, Landskrona, wurde tot aufgefunden, einen Tag nachdem das Unternehmen V&amp;C Bau einen Gro�auftrag �ber mehrere Millionen f�r den Bau eines neuen Einkaufszentrums vor Ort ergattert hatte. V&amp;C stand f�r <emphasis>Vanger &amp; Carl�n Bau</emphasis> und geh�rte zum Vanger-Konzern. Die Lokalzeitung hatte Gottfried Vanger interviewt, der angereist war, um den Vertrag zu unterzeichnen.</p><p>Lisbeth zog die Verbindung zu etwas, was sie in dem vergilbten Untersuchungsbericht im Archiv in Landskrona gelesen hatte. Rakel Lund, die Freizeit-Wahrsagerin, war Putzfrau gewesen. Sie hatte bei V&amp;C Bau gearbeitet.</p><p>Um sieben Uhr abends hatte Mikael ein Dutzend Mal Lisbeths Nummer gew�hlt und ebenso oft festgestellt, dass ihr Handy ausgeschaltet war. Sie wollte nicht unterbrochen werden, w�hrend sie sich durchs Archiv ackerte.</p><p>Er wanderte rastlos im G�steh�uschen auf und ab. Er hatte Henriks Notizen hervorgeholt und nachgesehen, was Martin Vanger bei Harriets Verschwinden getan hatte.</p><p>Martin Vanger war 1966 in seinem letzten Jahr auf dem Gymnasium in Uppsala.</p><p><emphasis>Uppsala. Lena, siebzehnj�hrige Gymnasiastin. Den Kopf vom Fett getrennt.</emphasis></p><p>Henrik hatte es ein paarmal erw�hnt, aber Mikael musste seine Notizen zurate ziehen, um die Passage zu finden. Martin war ein verschlossener Junge gewesen. Sie hatten sich Sorgen um ihn gemacht. Als sein Vater ertrank, hatte Isabella beschlossen, ihn nach Uppsala zu schicken - ein Tapetenwechsel, f�r den er bei Harald untergebracht wurde. <emphasis>Harald und Martin?</emphasis> Das konnte er sich nicht vorstellen.</p><p>Auf dem Weg zum Treffen in Hedestad war im Auto kein Platz mehr f�r Martin gewesen. Er hatte den Zug verpasst, als er nach Hause fahren wollte. Er war sp�tnachmittags angekommen und damit unter denjenigen, die auf der anderen Seite der Br�cke festsa�en. Er kam erst nach sechs Uhr abends mit dem Boot auf die Insel und wurde unter anderem von Henrik in Empfang genommen. Aus diesem Grund hatte er Martin zun�chst ziemlich weit unten auf die Liste der Personen gesetzt, die etwas mit Harriets Verschwinden zu tun haben konnten.</p><p>Martin behauptete, Harriet den ganzen Tag �ber nicht getroffen zu haben. Er log. Er war fr�her nach Hedestad gekommen und stand auf der Bahnhofstra�e, Auge in Auge mit seiner Schwester. Mikael konnte die L�ge mit Bildern dokumentieren, die fast vierzig Jahre verschwunden gewesen waren.</p><p>Harriet hatte ihren Bruder gesehen und schockiert reagiert. Sie war auf die Insel gefahren und hatte versucht, mit Henrik zu reden, doch zu diesem Gespr�ch kam es nicht mehr. <emphasis>Wovon wolltest du erz�hlen? Von Uppsala? Aber Lena Andersson, Uppsala, stand nicht auf deiner Liste. Du wusstest nichts davon.</emphasis></p><p>Die Story ging f�r Mikael immer noch nicht auf. Harriet war gegen drei Uhr verschwunden. Martin war zu dieser Zeit erwiesenerma�en auf der anderen Seite des Sundes gewesen.  Er war auf Fotos zu sehen, die vom Kirchh�gel aus aufgenommen worden waren. Er konnte Harriet auf der Insel unm�glich etwas angetan haben. Es fehlte immer noch ein Puzzleteil.  <emphasis>Ein Komplize? Anita Vanger?</emphasis></p><p>Aus den Unterlagen im Archiv konnte Lisbeth entnehmen, wie sich Gottfried Vangers Position im Konzern im Laufe der Jahre ver�ndert hatte. 1927 geboren, hatte er als Zwanzigj�hriger Isabella kennengelernt und sie im Handumdrehen geschw�ngert. Martin kam 1948 zur Welt, und damit konnte es keinen Zweifel mehr daran geben, dass die jungen Leute heiraten mussten.</p><p>Mit zweiundzwanzig war Gottfried von Henrik in die Hauptverwaltung geholt worden. Anscheinend war er begabt und wurde als der Mann der Zukunft gehandelt. Er sicherte sich mit f�nfundzwanzig einen Platz in der F�hrungsriege, als stellvertretender Chef der Abteilung f�r Unternehmensentwicklung. Sein Stern war im Steigen.</p><p>Irgendwann Mitte der f�nfziger Jahre kam seine Karriere ins Stocken. Er soff. Die Ehe mit Isabella ging langsam in die Br�che. Die Kinder, Harriet und Martin, litten. Henrik sprach ein Machtwort. Gottfrieds Karriere war an ihrem H�hepunkt angekommen. 1956 wurde ihm ein zweiter stellvertretender Chef an die Seite gestellt. Der machte die Arbeit, w�hrend Gottfried soff und �ber l�ngere Zeitr�ume hinweg fehlte.</p><p>Aber Gottfried war immer noch ein Vanger, noch dazu charmant und redegewandt. Ab 1957 schien seine Aufgabe darin zu bestehen, durchs ganze Land zu reisen und Fabriken einzuweihen, lokale Konflikte zu l�sen und den Eindruck zu vermitteln, dass die Konzernf�hrung sich auch f�r die kleineren Belange interessierte. <emphasis>Wir schicken einen unserer S�hne, der sich um Ihre Probleme k�mmert. Wir nehmen Sie ernst.</emphasis></p><p>Die zweite Verbindung entdeckte sie gegen halb sieben Uhr abends. Gottfried hatte an einer Verhandlung in Karlstad teilgenommen, wo der Vanger-Konzern ein �rtliches Holzwarenunternehmen gekauft hatte. Tags darauf war die B�uerin Magda Lovisa Sj�berg ermordet aufgefunden worden.</p><p>Die dritte Verbindung entdeckte sie nur f�nfzehn Minuten sp�ter. Uddevalla 1962. Am selben Tag, an dem Lea Persson verschwand, hatte die Lokalzeitung Gottfried Vanger zu einem m�glichen Ausbau des Hafens interviewt.</p><p>Drei Stunden sp�ter hatte Lisbeth Salander festgestellt, dass Gottfried Vanger an mindestens f�nf der acht Mordschaupl�tze gewesen war, unmittelbar vor oder nach dem Mord. Sie hatte keine Informationen zu den Morden von 1949 und 1954. Sie sah sich sein Bild auf einem Zeitungsausschnitt genau an. Ein gut aussehender, schlanker Mann mit dunkelblondem Haar, der �hnlichkeit mit Clark Gable in <emphasis>Vom Winde verweht</emphasis> hatte.</p><p><emphasis>1949 war Gottfried zweiundzwanzig Jahre alt. Der erste Mord geschah auf heimischem Boden. Hedestad. Rebecka Jacobsson, B�roangestellte im Vanger-Konzern. Wo habt ihr euch getroffen? Was hast du ihr versprochen?</emphasis></p><p>Als Bodil Lindgren um f�nf Uhr abschlie�en und nach Hause gehen wollte, fauchte Lisbeth Salander sie an, dass sie noch nicht fertig sei. Bodil k�nne gerne nach Hause gehen, wenn sie nur einen Schl�ssel dalie�e, damit Lisbeth absperren konnte. Die Archiv-Chefin war so irritiert dar�ber, von einem jungen M�dchen derart angeherrscht zu werden, dass sie Dirch Frode zu Hause anrief und ihn um Anweisungen bat. Frode entschied sofort, dass Lisbeth �ber Nacht bleiben k�nne, wenn sie wolle. Frau Lindgren solle dem Nachtw�chter in der Zentrale Bescheid geben, damit der sie sp�ter hinauslassen konnte.</p><p>Lisbeth Salander biss sich auf die Unterlippe. Das Problem war freilich, dass Gottfried Vanger 1965 ertrunken war, w�hrend der letzte Mord im Februar 1966 in Uppsala begangen wurde. Sie fragte sich, ob sie einen Fehler gemacht hatte, als sie die siebzehnj�hrige Gymnasiastin Lena Andersson in die Liste mit aufgenommen hatte. <emphasis>Nein. Das war nicht wirklich dieselbe Handschrift, aber es war derselbe Bezug auf die Bibel. Die F�lle m�ssen zusammenh�ngen.</emphasis></p><p>Um neun Uhr hatte es zu d�mmern begonnen. Die Luft war abgek�hlt, und es nieselte. Mikael sa� am K�chentisch und trommelte mit den Fingern, als Martins Volvo �ber die Br�cke fuhr und in Richtung Landzunge verschwand. Das trieb die ganze Sache irgendwie auf die Spitze.</p><p>Mikael wusste nicht, was er anfangen sollte. Er brannte mit jeder Faser seines K�rpers darauf, Fragen zu stellen - auf Konfrontation zu setzen. Aber es war sicherlich keine gute Idee, wenn er Martin offiziell verd�chtigte, ein verr�ckter M�rder zu sein, der seine Schwester sowie ein M�dchen in Uppsala get�tet und obendrein versucht hatte, Mikael zu erschie�en. Aber Martin Vanger wusste schlie�lich nicht, dass Mikael wusste � und er konnte ja unter dem Vorwand zu ihm hin�bergehen, dass er � tja, dass er den Schl�ssel von Gottfried Vangers H�uschen zur�ckbringen wollte? Mikael schloss die T�r und ging langsam in Richtung Landzunge.</p><p>Harald Vangers Haus lag wie �blich in v�lliger Dunkelheit. In Henriks Haus brannte auch kein Licht - nur in einem Zimmer, das auf den Garten hinausging. Anna war schlafen gegangen. Isabellas Haus war dunkel. Cecilia war nicht zu Hause. Im Obergeschoss von Alexander Vangers Haus war Licht, aber in den zwei H�usern, in denen Leute wohnten, die nicht zur Familie Vanger geh�rten, war es ebenfalls dunkel. Er sah keine Menschenseele.</p><p>Vor Martins Haus blieb er unentschlossen stehen, schaltete sein Handy ein und w�hlte Lisbeths Nummer. Immer noch  keine Antwort. Er stellte das Handy ab, damit es nicht �berraschend zu klingeln begann.</p><p>Im Erdgeschoss brannte Licht. Mikael ging �ber den Rasen und blieb ein paar Meter vor dem K�chenfenster stehen, aber er konnte keine Bewegung ausmachen. Dann drehte er eine Runde ums Haus und blieb an jedem Fenster stehen, doch Martin Vanger konnte er nirgends sehen. Er entdeckte jedoch, dass die Hintert�r der Garage nur angelehnt war. <emphasis>Sei kein Idiot, verdammt noch mal.</emphasis> Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, einen kurzen Blick zu riskieren.</p><p>Das Erste, was er sah, war ein offener Karton auf einer Hobelbank, der Munition f�r einen Elchstutzen enthielt. Danach die zwei Benzinkanister auf dem Boden unter der Bank.</p><p><emphasis>Vorbereitungen f�r den n�chsten n�chtlichen Besuch, Martin?</emphasis></p><p>�Kommen Sie rein, Mikael. Ich hab Sie schon auf der Stra�e gesehen.�</p><p>Mikaels Herz setzte einen Schlag aus. Er wandte langsam den Kopf und sah Martin Vanger im Dunkeln an einer T�r der Garage stehen, die ins Haus f�hrte.</p><p>�Sie konnten einfach nicht wegbleiben, was?�</p><p>Die Stimme war ruhig, fast schon freundlich.</p><p>�Hallo, Martin�, antwortete Mikael.</p><p>�Kommen Sie rein�, wiederholte Martin Vanger. �Hier entlang.�</p><p>Er ging einen Schritt nach vorne und zur Seite und streckte seine linke Hand in einer einladenden Geste aus. Er hob seine Rechte, und Mikael konnte einen Reflex auf mattem Metall ausmachen.</p><p>�Ich habe eine Glock in der Hand. Tun Sie jetzt nichts Unkluges. Auf diese Entfernung kann ich nicht vorbeischie�en.�</p><p>Mikael kam langsam n�her. Als er bei Martin Vanger angekommen war, blieb er stehen und sah ihm in die Augen.</p><p>�Ich musste einfach herkommen. Es gibt so viele Fragen.�</p><p>�Das verstehe ich. Bitte, durch die T�r.�</p><p>Mikael ging langsam ins Haus. Der Durchgang f�hrte zum Flur und weiter in die K�che, doch bevor er dort war, hielt Martin Vanger ihn mit einer leichten Ber�hrung an der Schulter zur�ck.</p><p>�Nein, nicht so weit. Hier rechts. �ffnen Sie die T�r hier auf der Seite.�</p><p>Der Keller. Als Mikael die Kellertreppe zur H�lfte hinuntergegangen war, dr�ckte Martin Vanger auf einen Lichtschalter, worauf ein paar Lampen angingen. Rechts war der Heizungskeller. Von vorne kam Mikael der Geruch von Waschmittel entgegen. Martin lenkte ihn nach links, in einen Lagerraum mit alten M�beln und Kartons. Weiter hinten war noch eine T�r. Eine Stahlt�r mit Sicherheitsschloss.</p><p>�Hier�, sagte Martin Vanger und warf Mikael einen Schl�sselbund zu. �Machen Sie auf.�</p><p>�Rechts ist ein Lichtschalter.�</p><p>Mikael hatte die T�r zur H�lle ge�ffnet.</p><p>Gegen neun Uhr ging Lisbeth Salander kurz hinaus, um sich an einem Automaten im Korridor vor dem Archiv einen Kaffee und ein in Plastik verpacktes belegtes Br�tchen zu kaufen. Dann bl�tterte sie weiter in alten Papieren und konzentrierte sich darauf, 1954 in Kalmar eine Spur von Gottfried Vanger zu finden. Es gelang ihr nicht.</p><p>Sie �berlegte, ob sie Mikael Blomkvist anrufen sollte, entschied sich aber, die Personalzeitungen auch noch durchzugehen, bevor sie Feierabend machte.</p><p>Der Raum war ungef�hr f�nf mal zehn Meter gro�. Mikael vermutete, dass er an der n�rdlichen Schmalseite des Hauses liegen musste.</p><p>Martin Vanger hatte seine private Folterkammer sorgf�ltig eingerichtet. Links Ketten, Metallringe an der Decke und im Boden, ein Tisch mit Lederriemen, auf dem er seine Opfer festschnallen konnte, und eine Videoausr�stung. Ein Aufnahmestudio. Ganz hinten im Raum stand ein Stahlk�fig, in dem er seine G�ste l�ngerfristig einsperren konnte. Rechts von der T�r ein Bett und eine Fernsehecke. Auf einem Regal konnte Mikael jede Menge Videofilme entdecken.</p><p>Sobald sie den Raum betreten hatten, richtete Martin Vanger die Pistole auf Mikael und befahl ihm, sich b�uchlings auf den Boden zu legen. Mikael weigerte sich.</p><p>�Okay�, sagte Martin Vanger, �dann schie�e ich Ihnen in die Kniescheiben.�</p><p>Er entsicherte. Mikael kapitulierte. Er hatte keine Wahl.</p><p>Er hatte gehofft, dass Martins Aufmerksamkeit einmal f�r eine Zehntelsekunde nachlassen w�rde - er wusste, dass er einen Kampf gegen ihn gewinnen w�rde. Als Martin ihm oben an der Treppe die Hand auf die Schulter legte, hatte er eine kleine Chance gehabt, aber zu lange gez�gert. Danach war Martin nicht mehr in seine N�he gekommen. Und mit verletzten Knien hatte er gar keine Chance mehr. Er legte sich auf den Boden.</p><p>Martin n�herte sich ihm von hinten und befahl Mikael, die H�nde auf den R�cken zu legen. Er legte ihm Handschellen an. Dann versetzte er Mikael einen Tritt zwischen die Beine und begann, auf ihn einzupr�geln.</p><p>Was danach geschah, erschien Mikael wie ein Alptraum. Martin Vangers geistiger Zustand wechselte zwischen Vernunft und Wahnsinn. Phasenweise war er anscheinend ruhig. Im n�chsten Moment lief er im Keller auf und ab wie ein Tier im K�fig. Mehrfach versetzte er Mikael Tritte. Mikael konnte weiter nichts tun, als zu versuchen, seinen Kopf zu sch�tzen und die Schl�ge bestm�glich abzufangen. Nach wenigen Minuten schmerzte sein K�rper von einem Dutzend Verletzungen.</p><p>W�hrend der ersten halben Stunde sagte Martin kein Wort und war nicht ansprechbar. Danach schien er sich zu beruhigen. Er holte eine Kette, legte sie Mikael um den Hals und befestigte sie mit einem Vorh�ngeschloss an einem Metallring am Boden. Dann lie� er ihn eine knappe Viertelstunde allein. Als er wiederkam, hatte er eine Literflasche Tafelwasser dabei. Er setzte sich auf einen Stuhl und betrachtete Mikael, w�hrend er trank.</p><p>�Kann ich ein bisschen Wasser haben?�, fragte Mikael.</p><p>Martin Vanger beugte sich herab und lie� ihn gro�z�gig aus der Flasche trinken. Mikael schluckte gierig.</p><p>�Danke.�</p><p>�Immer so h�flich, <emphasis>Kalle Blomkvist.</emphasis>�</p><p>�Warum diese Tritte?�, fragte Mikael.</p><p>�Weil Sie mich so b�se gemacht haben. Sie verdienen Strafe. Warum sind Sie nicht einfach nach Hause gefahren? Sie wurden bei <emphasis>Millennium</emphasis> gebraucht. Ich hatte es ernst gemeint - wir h�tten ein gro�es Magazin daraus machen k�nnen. Wir h�tten viele Jahre zusammenarbeiten k�nnen.�</p><p>Mikael zog eine Grimasse und versuchte, seinen K�rper in eine bequemere Stellung zu bringen. Er war hilflos. Alles, was er hatte, war seine Stimme.</p><p>�Ich sch�tze, damit wollen Sie sagen, dass diese Chance endg�ltig verpasst ist�, sagte Mikael.</p><p>Martin Vanger lachte.</p><p>�Tut mir leid, Mikael. Aber Ihnen muss doch klar sein, dass Sie hier unten sterben werden.�</p><p>Mikael nickte.</p><p>�Wie zum Teufel seid Ihr nur auf mich gekommen, Sie und diese anorektische Hexe, die Sie hier mit reingezogen haben?�</p><p>�Sie haben gelogen, als man Sie fragte, was Sie gemacht haben, als Harriet verschwand. Ich kann beweisen, dass Sie beim Festzug am �Tag des Kindes� in Hedestad waren. Sie wurden fotografiert, als Sie Harriet ansahen.�</p><p>�Sind Sie deswegen nach Norsj� gefahren?�</p><p>�Ja, um das Foto zu holen. Es war von einem Paar aufgenommen worden, das sich zuf�llig in Hedestad aufgehalten hatte.�</p><p>Martin Vanger sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Der Teufel soll mich holen, wenn das wahr ist.�</p><p>Mikael versuchte, die Achseln zu zucken. Er �berlegte angestrengt, was er sagen konnte, um seine Hinrichtung zu verhindern oder aufzuschieben.</p><p>�Wo ist das Foto jetzt?�</p><p>�Das Negativ? Das liegt in meinem Fach in der Handelsbank hier in Hedestad � wussten Sie nicht, dass ich mir ein Bankschlie�fach gemietet habe?� Die L�gen gingen ihm ganz leicht �ber die Lippen. �Kopien gibt es mehrere. In meinem und in Lisbeths Computer, auf dem Bildserver bei <emphasis>Millennium</emphasis>  und auf dem Server von Milton Security, wo Lisbeth arbeitet.�</p><p>Martin Vanger wartete und versuchte einzusch�tzen, ob Mikael bluffte oder nicht.</p><p>�Wie viel wei� Salander?�</p><p>Mikael z�gerte. Lisbeth Salander war jetzt seine einzige Hoffnung auf Rettung. Was w�rde sie tun, wenn sie nach Hause kam und bemerkte, dass er verschwunden war? Er hatte das Foto von Martin Vanger im Anorak auf den K�chentisch gelegt. W�rde sie die Verbindung herstellen k�nnen? W�rde sie Alarm schlagen? Sie war nicht der Typ, der die Polizei anruft. Der Alptraum schlechthin w�re es, wenn sie bei Martin Vanger an der T�r klingeln w�rde, um sich nach ihm zu erkundigen.</p><p>�Antworten Sie!�, sagte Martin Vanger mit gef�hrlicher Stimme.</p><p>�Ich denke, Lisbeth wei� ungef�hr genauso viel wie ich, vielleicht sogar mehr. Ich w�rde mal tippen, dass sie mehr wei�. Sie ist schlau. Sie hat auch die Verbindung zu Lena Andersson gesehen.�</p><p>�Die Verbindung zu Lena Andersson?� Martin Vanger wirkte v�llig verbl�fft.</p><p>�Das siebzehnj�hrige M�dchen, das Sie im Februar 1966 in  Uppsala zu Tode gefoltert haben. Sagen Sie nicht, dass Sie das vergessen haben.�</p><p>Martin Vangers Blick wurde wieder klarer. Zum ersten Mal sah er fast ein wenig best�rzt aus. Er wusste nicht, dass jemand auch hier die Querverbindung gefunden hatte - Lena Andersson hatte nicht in Harriets Adressbuch gestanden.</p><p>�Martin�, sagte Mikael, wobei er versuchte, seine Stimme so fest wie m�glich klingen zu lassen. �Martin, es ist vorbei. Sie k�nnen mich vielleicht t�ten, aber es ist vorbei. Es gibt zu viele, die Bescheid wissen, und diesmal werden Sie ins Kittchen wandern.�</p><p>Martin Vanger sprang auf und begann im Zimmer auf und ab zu laufen. Pl�tzlich schlug er mit der Faust gegen die Wand.  <emphasis>Ich darf nicht vergessen, dass er irrational denkt und handelt. Die Katze. Er h�tte die Katze mit hierher nehmen k�nnen, aber er ist gegen jeden gesunden Menschenverstand zur Familienkapelle gegangen. Er handelt nicht rational.</emphasis> Martin Vanger blieb stehen.</p><p>�Ich glaube, dass Sie l�gen. Nur Sie und Salander wissen Bescheid. Sie haben mit niemandem dar�ber gesprochen, sonst w�re die Polizei schon hier gewesen. Ein ordentliches Feuer im G�stehaus, und alle Beweise sind vernichtet.�</p><p>�Und wenn Sie sich t�uschen?�</p><p>Auf einmal l�chelte er.</p><p>�Wenn ich mich t�usche, dann ist es wirklich vorbei. Aber das glaube ich nicht. Ich setze darauf, dass Sie bluffen. Was habe ich f�r eine Wahl?� Er �berlegte. �Diese verdammte Fotze ist das schwache Glied. Ich muss sie finden.�</p><p>�Sie ist gegen Mittag nach Stockholm gefahren.�</p><p>Martin Vanger lachte.</p><p>�Aha. Warum sitzt sie dann den ganzen Abend im Archiv des Vanger-Konzerns?�</p><p>Mikaels Herz schlug schneller. <emphasis>Er wusste es. Er hatte es die ganze Zeit gewusst.</emphasis></p><p>�Stimmt. Sie sollte zuerst beim Archiv vorbeifahren und dann weiter nach Stockholm�, antwortete Mikael so ruhig er konnte. �Ich wusste nicht, dass sie so lange geblieben ist.�</p><p>�H�ren Sie auf jetzt. Die Archiv-Chefin hat mir mitgeteilt, dass Dirch Frode ihr Anweisung gegeben hat, Salander so lange bleiben zu lassen, wie sie will. Das hei�t, dass sie irgendwann heute Nacht zur�ckkommt. Der Nachtw�chter ruft mich an, sobald sie das Verwaltungsgeb�ude verl�sst.�</p><a id="calibre_link-101"/><p><a id="calibre_link-102"/></p><p><strong>Teil IV</strong></p><p><strong>Feindliche �bernahme</strong></p><p><strong>11. Juli bis 30. Dezember</strong></p><p>92 % aller schwedischen Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind, haben ihre j�ngste Erfahrung nicht bei der Polizei angezeigt.</p><a id="calibre_link-103"/><p><a id="calibre_link-104"/></p><p><strong>24. Kapitel</strong></p><p><strong>Freitag, 11. Juli - Samstag, 12. Juli</strong></p><p>Martin Vanger beugte sich herab und durchsuchte Mikaels Taschen. Er fand den Schl�ssel.</p><p>�Schlau von Ihnen, die Schl�sser auszutauschen�, kommentierte er. �Ich werde mich um Ihre Freundin k�mmern, wenn sie nach Hause kommt.�</p><p>Mikael antwortete nicht. Er erinnerte sich, dass Martin Vanger nach vielen erbitterten K�mpfen in der Industrie Erfahrung mit Verhandlungen hatte. Er hatte schon den vorherigen Bluff durchschaut.</p><p>�Warum?�</p><p>�Warum was?�</p><p>�Warum all das?� Mikael nickte unbestimmt mit dem Kopf in den Raum.</p><p>Martin b�ckte sich zu ihm, legte ihm eine Hand unters Kinn und hob seinen Kopf an, sodass sich ihre Blicke trafen.</p><p>�Weil es so einfach ist�, sagte er. �Die ganze Zeit verschwinden Frauen. Es gibt keinen, der sie vermisst. Einwanderer. Huren aus Russland. Tausende von Menschen fahren jedes Jahr durch Schweden.�</p><p>Er lie� Mikaels Kopf los und stand auf, beinahe schon stolz auf seine Demonstration.</p><p>Martin Vangers Worte trafen Mikael wie ein Faustschlag.</p><p><emphasis>O mein Gott. Das ist gar kein historisches R�tsel. Martin Vanger bringt heute noch Frauen um. Und ich bin v�llig ahnungslos reingerannt �</emphasis></p><p>�Ich habe gerade keinen Gast. Aber es wird Sie vielleicht am�sieren zu erfahren, dass im Winter und im Fr�hjahr, w�hrend Sie und Henrik beieinandersa�en und schwatzten, ein M�dchen hier unten war. Sie hie� Irina und kam aus Wei�russland. Als Sie bei mir zu Abend a�en, sa� sie hier in diesem K�fig eingesperrt. Das war doch ein netter Abend, nicht wahr?�</p><p>Martin Vanger setzte sich auf den Tisch und lie� die Beine baumeln. Mikeal blinzelte. Er musste pl�tzlich sauer aufsto�en und schluckte kr�ftig.</p><p>�Was machen Sie mit den Leichen?�</p><p>�Ich habe das Boot genau hier unten am Anlegesteg. Ich nehme sie weit mit hinaus aufs Meer. Im Unterschied zu meinem Vater hinterlasse ich keine Spuren. Aber auch er war geschickt. Er hat seine Opfer �ber ganz Schweden verstreut.�</p><p>In Mikaels Kopf fielen die Puzzleteilchen langsam, aber sicher an ihren Platz.</p><p>Gottfried Vanger. Von 1949 bis 1965. Danach �bernahm Martin Vanger, 1966 in Uppsala.</p><p>�Sie bewundern Ihren Vater.�</p><p>�Er hat mir alles beigebracht. Er hat mich initiiert, als ich vierzehn Jahre alt war.�</p><p>�Uddevalla. Lea Persson.�</p><p>�Genau. Ich war dabei. Ich habe nur zugeguckt, aber ich war dabei.�</p><p>�1964, Sara Witt in Ronneby.�</p><p>�Ich war sechzehn. Da habe ich zum ersten Mal eine Frau gehabt. Gottfried hat es mir beigebracht. Ich habe sie erw�rgt.�</p><p><emphasis>Er gibt damit an. Gro�er Gott, was f�r eine durch und durch kranke Familie.</emphasis></p><p>�Sie begreifen doch wohl selbst, dass das hier v�llig krank ist?�</p><p>Martin Vanger zuckte leicht mit den Schultern.</p><p>�Ich glaube nicht, dass Sie verstehen k�nnen, wie g�ttlich es ist, volle Kontrolle �ber Leben und Tod eines Menschen zu haben.�</p><p>�Sie genie�en es, Frauen zu foltern und zu ermorden, Martin.�</p><p>Der Konzernchef �berlegte kurz, den Blick auf einen leeren Fleck an der Wand hinter Mikael gerichtet. Dann l�chelte er sein charmantes, blendendes L�cheln.</p><p>�Das glaube ich eigentlich nicht. Wenn ich meinen Zustand intellektuell analysiere, stelle ich fest, dass ich eher ein Serienvergewaltiger als Serienm�rder bin. Eigentlich bin ich ein Serienkidnapper. Dass ich die Frauen t�te, ist nur die nat�rliche Konsequenz - ich muss meine Verbrechen schlie�lich verbergen. Das verstehen Sie doch?�</p><p>Mikael wusste nicht, was er antworten sollte, und nickte nur. �Nat�rlich sind meine Taten sozial nicht akzeptabel, aber mein Verbrechen ist in erster Linie ein Verbrechen gegen die Konventionen der Gesellschaft. Der Tod kommt erst am Ende des Aufenthalts meiner G�ste, wenn ich ihrer �berdr�ssig geworden bin. Es ist immer wieder faszinierend, ihre Entt�uschung zu sehen.�</p><p>�Entt�uschung?�, fragte Mikael verbl�fft.</p><p>�Genau. Entt�uschung. Sie glauben, wenn sie mir zu Willen sind, dann werden sie �berleben. Sie unterwerfen sich meinen Regeln. Sie fangen an, mir zu vertrauen, beginnen einen Kameraden in mir zu sehen, und bis zum Schluss hoffen sie, dass diese Kameradschaft etwas bedeutet. Die Entt�uschung kommt dann, wenn sie merken, dass ich sie an der Nase herumgef�hrt habe.�</p><p>Martin Vanger ging um den Tisch herum und lehnte sich gegen den Stahlk�fig.</p><p>�Sie mit Ihren kleinb�rgerlichen Konventionen werden das nie verstehen, aber die Spannung liegt darin, die Entf�hrung zu planen. Solche Dinge darf man nicht spontan machen - solche Kidnapper werden immer geschnappt. Es ist die reinste Wissenschaft, ich muss dabei tausend Details ber�cksichtigen. Ich muss eine Beute finden und ihr Leben erforschen. Wer ist sie? Woher kommt sie? Wie kann ich an sie rankommen? Wie stelle ich es an, dass ich mit meiner Beute einmal allein sein kann, ohne dass mein Name ins Spiel kommt oder irgendwann in einer zuk�nftigen polizeilichen Ermittlung auftaucht?�</p><p>H�r auf, dachte Mikael. Martin Vanger redete �ber Kidnapping und Mord in einem fast schon akademischen Ton, als h�tte er in irgendeiner esoterischen oder theologischen Frage eine abweichende Meinung.</p><p>�Interessiert Sie das wirklich, Mikael?�</p><p>Er beugte sich herab und strich Mikael �ber die Wange. Seine Ber�hrung war behutsam, beinahe z�rtlich.</p><p>�St�rt es Sie, wenn ich rauche?�</p><p>Mikael sch�ttelte den Kopf. �Sie k�nnen mir gerne eine Zigarette anbieten�, erwiderte er.</p><p>Martin Vanger erf�llte ihm den Wunsch und z�ndete zwei Zigaretten an. Eine davon steckte er Mikael zwischen die Lippen und lie� ihn einmal ziehen.</p><p>�Danke�, sagte Mikael automatisch.</p><p>Martin Vanger lachte abermals.</p><p>�Da sehen Sie�s. Sie haben sich das Prinzip der Unterwerfung schon zu Eigen gemacht. Ihr Leben liegt in meinen H�nden, Mikael. Sie wissen, dass ich Sie jeden Moment t�ten kann. Sie haben mich gebeten, Ihre Lebensqualit�t zu verbessern, und das haben Sie getan, indem Sie ein rationales Argument und ein bisschen Schmeichelei einsetzten. Sie haben eine Belohnung bekommen.�</p><p>Mikael nickte. Er hatte fast unertr�gliches Herzklopfen.</p><p>Um viertel nach elf trank Lisbeth Salander gerade Wasser aus ihrer PET-Flasche, w�hrend sie weiterbl�tterte. Im Gegensatz zu Mikael verschluckte sie sich nicht an ihrem Getr�nk. Sie zog jedoch die Augenbrauen hoch, als sie die Verbindung entdeckte.</p><p><emphasis>Klick!</emphasis></p><p>Innerhalb von zwei Stunden hatte sie die Personalzeitungen aller m�glichen Niederlassungen des Vanger-Konzerns durchgearbeitet. Die Hauptzeitung hie� schlicht und einfach  <emphasis>Unternehmensinformation</emphasis> und trug das Logo des Vanger-Konzerns - eine schwedische Flagge, die im Wind flatterte und deren Spitze einen Pfeil bildete. Die Zeitung wurde anscheinend von der Werbeabteilung des Konzerns gemacht und enthielt Propaganda, die dazu beitragen sollte, dass sich die Angestellten wie die Mitglieder einer einzigen gro�en Familie f�hlten.</p><p>In den Skiferien im Februar 1967 hatte Henrik mit einer gro�z�gigen Geste f�nfzig Angestellte der Hauptverwaltung mit ihren Familien zu einem einw�chigen Skiurlaub in H�rjedalen eingeladen. Die Einladung war dem Rekordergebnis zu verdanken, das der Konzern im Jahr zuvor erzielt hatte - es war der Dank f�r viele Arbeitsstunden. Die PR-Abteilung fuhr mit und machte eine Fotoreportage von dem Skidorf, in das man sich zu diesem Zwecke eingemietet hatte.</p><p>Viele der Fotos mit den lustigen Unterschriften waren auf dem Skih�gel aufgenommen worden. Ein paar beim geselligen Beisammensein in der Bar, mit lachenden, durchgefrorenen Mitarbeitern, die das eine oder andere Bierglas hochhielten. Zwei Fotos waren bei einem kleinen Unternehmens-Event geschossen worden, auf dem Henrik Vanger die einundvierzigj�hrige B�roangestellte Ulla-Britt Mogren zur �Besten B�roangestellten des Jahres� k�rte. Sie bekam einen Bonus von 500 Kronen und eine Glasschale.</p><p>Die Preisverteilung war auf der Terrasse des Skihotels vorgenommen worden, anscheinend kurz bevor die Leute wieder auf die Pisten zur�ckgekehrt waren. Ungef�hr zwanzig Personen waren auf dem Bild zu sehen.</p><p>Ganz rechts, hinter Henrik Vanger, stand ein Mann mit langem, hellem Haar. Er trug einen dunklen Steppanorak mit einem abgesetzten Feld an der Schulterpartie. Da die Zeitung schwarz-wei� war, konnte man die Farbe nicht erkennen, aber Lisbeth h�tte jederzeit ihren Kopf gewettet, dass die Schulterpartie rot war.</p><p>Die Bildunterschrift erl�uterte den Zusammenhang: <emphasis>Ganz rechts der neunzehnj�hrige Martin Vanger, der in Uppsala studiert. Er wird bereits als vielversprechender Nachwuchs f�r die Konzernf�hrung gehandelt.</emphasis></p><p>�Got you�, sagte Lisbeth leise.</p><p>Sie schaltete die Schreibtischlampe aus und lie� die Personalzeitungen in einem einzigen Durcheinander auf dem Schreibtisch liegen - <emphasis>damit diese Schlampe Bodil Lindgren morgen fr�h gleich was hat, worum sie sich k�mmern kann.</emphasis></p><p>Durch eine Seitent�r ging sie auf den Parkplatz. Auf halbem Weg zum Auto erinnerte sie sich, dass sie versprochen hatte, der Wache Bescheid zu geben, wenn sie das Geb�ude verlie�. Sie blieb stehen und warf einen Blick auf den Parkplatz. Der Nachtw�chter sa� auf der anderen Seite des Geb�udes. Das bedeutete, sie h�tte zur�ckgehen und ums ganze Haus laufen m�ssen. Schei� drauf, sagte sie sich.</p><p>Als sie zum Motorrad kam, schaltete sie das Handy ein und w�hlte Mikaels Nummer, doch es meldete sich nur seine Mobilbox. Sie sah jedoch, dass Mikael zwischen halb vier und neun nicht weniger als dreizehn Mal versucht hatte, sie anzurufen. In den letzten zwei Stunden hatte er es nicht mehr probiert.</p><p>Lisbeth w�hlte die Festnetznummer des G�steh�uschens, bekam aber immer noch keine Antwort. Sie runzelte die Stirn, befestigte ihre Computertasche auf dem Gep�cktr�ger, setzte  den Helm auf und lie� ihre Maschine an. Die Fahrt von der Hauptverwaltung bis zur Einfahrt ins Gewerbegebiet von Hedestad und hin�ber zur Hedeby-Insel dauerte zehn Minuten. In der K�che brannte Licht, aber das H�uschen war leer.</p><p>Lisbeth stieg ab und sah sich um. Ihr erster Gedanke war, dass Mikael zu Frode hin�bergegangen sein musste, aber sie konnte schon vom Treppenabsatz aus feststellen, dass bei Frode auf der anderen Seite des Sundes alle Lichter erloschen waren. Sie blickte auf ihre Armbanduhr, die zehn Minuten nach Mitternacht anzeigte.</p><p>Sie ging wieder ins Haus, �ffnete den Schrank und holte den PC heraus, der die Bilder der �berwachungskameras speicherte, die sie drau�en montiert hatte. Sie brauchte ein Weilchen, bis sie den Handlungsverlauf nachvollziehen konnte.</p><p>Um 15.32 Uhr war Mikael nach Hause gekommen.</p><p>Um 16.03 Uhr war er in den Garten gegangen und hatte Kaffee getrunken. Er hatte eine Mappe dabei, in der er konzentriert las. In der Stunde, die er im Garten verbrachte, hatte er drei kurze Anrufe get�tigt. Alle drei Anrufe entsprachen auf die Minute genau den Anrufen, die sie nicht beantwortet hatte.</p><p>Um 17.21 Uhr war Mikael spazieren gegangen. Weniger als f�nfzehn Minuten sp�ter war er wieder zur�ck.</p><p>Um 18.20 Uhr war er an den Zaun getreten und hatte Richtung Br�cke geguckt.</p><p>Um 21.03 Uhr war er hinausgegangen und nie zur�ckgekommen.</p><p>Lisbeth sah sich im Schnelldurchlauf die Bilder auf dem anderen PC an, die den Zaun und die Stra�e vor der Haust�r zeigten. Sie konnte sehen, welche Personen tags�ber vorbeigelaufen waren.</p><p>Um 19.12 Uhr war Gunnar Nilsson nach Hause gekommen.</p><p>Um 19.42 Uhr war jemand in dem Saab vom �sterg�rden in Richtung Hedestad gefahren.</p><p>Um 20.02 Uhr war das Auto zur�ckgekommen - eine kurze Fahrt zum Tankstellenkiosk?</p><p>Danach passierte nichts bis genau 21 Uhr, als Martin Vangers Auto vorbeifuhr. Drei Minuten sp�ter hatte Mikael das Haus verlassen.</p><p>Eine knappe Stunde sp�ter, um 21.50 Uhr war Martin Vanger pl�tzlich ins Sichtfeld des Objektivs getreten. Er stand �ber eine Minute am Zaun, betrachtete das G�steh�uschen und guckte durchs K�chenfenster. Er ging auf den Treppenabsatz und versuchte, die T�r aufzuschlie�en. Dann musste er entdeckt haben, dass ein neues T�rschloss eingebaut worden war. Er blieb kurz stehen, bevor er auf dem Absatz kehrtmachte und das H�uschen verlie�.</p><p>Mit einem Mal sp�rte Lisbeth Salander, wie sich Eisesk�lte in ihrer Magengegend ausbreitete.</p><p>Martin Vanger hatte Mikael pl�tzlich allein gelassen. Er lag in unbequemer Haltung mit auf dem R�cken gefesselten H�nden, den Hals mit einer d�nnen Kette an einen Metallring am Boden gefesselt. Er fummelte an den Handschellen herum, wusste jedoch, dass er sie nicht �ffnen konnte. Sie sa�en so eng, dass ihm die H�nde schon taub wurden.</p><p>Er hatte keine Chance. Er blinzelte.</p><p>Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er Martin Vangers Schritte wieder h�rte.</p><p>Der Unternehmensf�hrer trat in sein Blickfeld. Er sah bek�mmert aus.</p><p>�Unbequem?�, fragte er.</p><p>�Ja�, erwiderte Mikael.</p><p>�Ihre eigene Schuld. Sie h�tten nach Hause fahren sollen.�</p><p>�Warum morden Sie?�</p><p>�Ich habe damit eine Wahl getroffen. Ich k�nnte die ganze Nacht moralische und intellektuelle Aspekte meines Tuns mit Ihnen diskutieren, aber das �ndert nichts an dieser Tatsache.  Versuchen Sie es mal so zu sehen - ein Mensch ist eine H�lle aus Haut, die Zellen, Blut und chemische Komponenten an ihrem Platz h�lt. Ein paar wenige schaffen es bis in die Geschichtsb�cher. Die meisten verschwinden spurlos.�</p><p>�Sie ermorden Frauen.�</p><p>�Wir, die morden, weil wir den Genuss bejahen - ich bin ja nicht alleine mit diesem Hobby -, wir leben das vollst�ndige Leben.�</p><p>�Aber warum Harriet? Ihre eigene Schwester?�</p><p>Martin Vangers Gesicht ver�nderte sich pl�tzlich. Er war mit einem einzigen Schritt bei Mikael und packte ihn grob bei den Haaren.</p><p>�Was ist mit ihr passiert?�</p><p>�Was meinen Sie?�, keuchte Mikael.</p><p>Er versuchte, den Kopf zu drehen, um den Schmerz auf der Kopfhaut zu mildern. Sofort zog sich die Kette um seinen Hals fester zusammen.</p><p>�Salander und Sie. Was haben Sie herausgefunden?�</p><p>�Lassen Sie mich los. Wir reden doch miteinander.�</p><p>Martin Vanger lie� seine Haare los und setzte sich im Schneidersitz vor Mikael hin. Pl�tzlich hielt er ein Messer in der Hand. Er setzte die Messerspitze auf die Haut genau unter Mikaels Auge. Mikael zwang sich, ihm in die Augen zu sehen.</p><p>�Was zum Teufel ist mit ihr passiert?�</p><p>�Ich verstehe Sie nicht. Ich dachte, dass Sie sie umgebracht haben.�</p><p>Martin Vanger starrte Mikael noch eine ganze Weile an. Dann entspannte er sich. Er stand auf und �berlegte, w�hrend er durch den Raum lief. Er lie� das Messer nachl�ssig auf den Boden fallen und wandte sich Mikael zu.</p><p>�Harriet, Harriet, immer diese Harriet. Wir haben versucht � mit ihr zu reden. Gottfried hat versucht, es ihr beizubringen. Wir dachten, sie w�re eine von uns und w�rde ihre Pflichten akzeptieren, aber sie war nur eine ganz gew�hnliche � Fotze. Ich dachte, ich h�tte sie unter Kontrolle, aber sie wollte Henrik alles erz�hlen, und ich begriff, dass ich ihr nicht trauen konnte. Fr�her oder sp�ter h�tte sie ihm von mir erz�hlt.�</p><p>�Sie haben sie get�tet.�</p><p>�Ich <emphasis>wollte</emphasis> sie t�ten. Ich <emphasis>hatte es vor</emphasis>, aber ich kam zu sp�t. Ich konnte nicht zur Insel hin�berfahren.�</p><p>Mikaels Gehirn versuchte, die Information aufzunehmen, aber ihm war, als w�rde ein Schild mit der Aufschrift <emphasis>information overload</emphasis> erscheinen. Martin Vanger wusste nicht, was mit seiner Schwester passiert war.</p><p>Pl�tzlich zog er sein Handy aus der Jacke, sah aufs Display und legte es auf den Stuhl neben die Pistole.</p><p>�Es wird Zeit, dass wir das hier zum Abschluss bringen. Ich muss ja heute Nacht auch noch mit Ihrem anorektischen Drachen zurande kommen.�</p><p>Er �ffnete einen Schrank, entnahm ihm einen schmalen Lederriemen und legte ihn wie eine Schlinge um Mikaels Hals. Er l�ste die Kette, die Mikael an den Boden gefesselt hatte, zog ihn auf die F��e hoch und stie� ihn gegen die Wand. Den Lederriemen f�hrte er durch einen Metallring �ber Mikaels Kopf und zog an, sodass Mikael sich auf die Zehenspitzen stellen musste.</p><p>�Ist es zu fest? K�nnen Sie nicht mehr atmen?� Er lie� ein paar Zentimeter nach und machte das Ende des Riemens weiter unten an der Wand fest. �Ich will ja nicht, dass Sie sofort ersticken.�</p><p>Die Schlinge schnitt so fest in Mikaels Hals, dass er unm�glich etwas sagen konnte. Martin Vanger betrachtete ihn aufmerksam.</p><p>Pl�tzlich kn�pfte er Mikaels Hose auf und zog sie zusammen mit seiner Unterhose nach unten. Als er ihm die Hose von den Beinen zerrte, verloren Mikaels F��e den Halt, und er baumelte ein paar Sekunden an der Schlinge, bevor er wieder  in Kontakt mit dem Boden kam. Martin Vanger ging zu einem Schrank und holte eine Schere. Er schnitt Mikaels T-Shirt auf und warf die Reste auf einen Haufen. Dann trat er einen Schritt von Mikael zur�ck und betrachtete sein Opfer.</p><p>�Ich habe noch nie einen Jungen hier gehabt�, sagte Martin Vanger ernst. �Ich habe niemals einen anderen Mann angefasst � au�er meinen Vater. Das war meine Pflicht.�</p><p>Mikaels Schl�fen pochten. Er konnte sein K�rpergewicht nicht auf die F��e verlagern, ohne erw�rgt zu werden. Er versuchte vergeblich, mit den Fingern Halt an der Betonwand hinter ihm zu finden.</p><p>�Es ist Zeit�, sagte Martin Vanger.</p><p>Er legte die Hand auf den Riemen und dr�ckte ihn nach unten. Mikael sp�rte, wie die Schlinge sofort tiefer in seinen Hals schnitt.</p><p>�Ich habe mich immer gefragt, wie ein Mann schmeckt.�</p><p>Er erh�hte den Druck auf die Schlinge, beugte sich pl�tzlich vor und k�sste Mikael auf den Mund - als im selben Augenblick eine k�hle Stimme durch den Raum schnitt.</p><p>�Du alter Kotzbrocken, darauf habe <emphasis>ich</emphasis> das Monopol in diesem verdammten Dreckskaff.�</p><p>Mikael h�rte Lisbeths Stimme wie durch rote Nebel. Es gelang ihm, seinen Blick zu fokussieren, und er sah sie am T�rpfosten lehnen.</p><p>�Nein ��, kr�chzte Mikael.</p><p>Mikael sah Martins Gesichtsausdruck nicht, aber seinen Schock, als er herumfuhr, konnte er fast k�rperlich sp�ren. F�r eine Sekunde stand die Zeit still. Dann streckte Martin Vanger seinen Arm nach der Pistole aus, die er auf dem Hocker hatte liegen lassen.</p><p>Lisbeth Salander machte drei schnelle Schritte nach vorne und schwang einen Golfschl�ger, den sie seitlich versteckt in der Hand gehabt hatte. Das Eisen beschrieb einen weiten  Bogen und traf Martin Vanger �ber dem Schl�sselbein an der Schulter. Der Schlag hatte eine unerh�rte Wucht, und Mikael konnte h�ren, wie etwas brach. Martin Vanger br�llte.</p><p>�M�gen Sie Schmerz?�, fragte Lisbeth Salander.</p><p>Ihre Stimme klang rau wie Sandpapier. Mikael w�rde sein Leben lang nicht vergessen, wie ihr Gesicht aussah, als sie zum Angriff �berging. Sie fletschte die Z�hne wie ein Raubtier. Ihre Augen gl�nzten pechschwarz. Sie bewegte sich blitzschnell wie eine Spinne und schien sich nur noch auf ihre Beute zu konzentrieren, als sie den Golfschl�ger erneut schwang und Vangers Rippen traf.</p><p>Er stolperte �ber den Stuhl und st�rzte. Die Pistole fiel auf den Boden vor Lisbeths F��e. Sie kickte sie zur Seite, von ihm weg.</p><p>Dann schlug sie ein drittes Mal zu, gerade als Martin Vanger versuchte, sich wieder hochzurappeln. Sie traf ihn mit einem schnalzenden Ger�usch an der H�fte. Ein grauenvoller Laut entfuhr Martin Vangers Kehle. Der vierte Schlag traf ihn von hinten aufs Schulterblatt.</p><p>�Lis � errth ��, kr�chzte Mikael.</p><p>Er stand kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren, und der Schmerz in seinen Schl�fen war fast unertr�glich.</p><p>Sie drehte sich zu Mikael um und sah, dass sein Gesicht tomatenrot angelaufen war, ihm die Zunge aus dem Mund quoll und er die Augen wild aufgerissen hatte.</p><p>Sie sah sich rasch um und entdeckte das Messer auf dem Boden. Dann warf sie einen Blick auf Martin Vanger, der sich auf die Knie gestemmt hatte und mit einem schlaff herabh�ngenden Arm versuchte, auf sie zuzukriechen. Der w�rde in den n�chsten Sekunden keine Probleme machen k�nnen. Sie lie� den Golfschl�ger fallen und holte sich das Messer. Es hatte zwar eine scharfe Spitze, die Schneide war jedoch stumpf. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und bewegte die Klinge fieberhaft hin und her, um den Lederriemen durchzuschneiden. Es dauerte ein paar Sekunden, bis Mikael endlich auf den Boden fiel. Aber die Schlinge um seinen Hals hatte sich fest zusammengezogen.</p><p>Lisbeth Salander warf noch einen Blick auf Martin Vanger. Er war wieder auf die F��e gekommen, kr�mmte sich aber vor Schmerzen. Sie ignorierte ihn und versuchte, ihre Finger unter die W�rgeschlinge zu bekommen. Sie traute sich nicht zu schneiden, aber schlie�lich benutzte sie doch die Messerspitze und ritzte Mikael am Hals, als sie vorsichtig versuchte, die Schlinge aufzuziehen. Schlie�lich l�ste sich der Riemen und Mikael schnappte rasselnd nach Luft.</p><p>F�r einen Augenblick erlebte Mikael das phantastische Gef�hl, wie K�rper und Seele sich wieder vereinten. Er konnte wieder perfekt sehen und jedes Staubkorn im Raum erkennen. Er vernahm jeden Atemzug und jedes Rascheln von Kleidern, als ob die Ger�usche durch ein H�rrohr an sein Ohr gelangten. Er nahm den Duft von Lisbeths Schwei� wahr und den Geruch ihrer Lederjacke. Dann verschwand diese Illusion, als ihm das Blut in den Kopf zur�ckstr�mte und sein Gesicht seine normale Farbe wiedererlangte.</p><p>Lisbeth wandte den Kopf im selben Moment, in dem Martin Vanger durch die T�r nach drau�en verschwand. Sie richtete sich auf und griff sich die Pistole - pr�fte das Magazin und entsicherte. Mikael dachte, dass sie schon fr�her mit Waffen umgegangen sein musste. Sie sah sich um, und ihr Blick blieb an den Schl�sseln der Handschellen h�ngen, die deutlich sichtbar auf dem Boden lagen.</p><p>�Den schnapp ich mir�, sagte sie und rannte zur T�r. Die Schl�ssel nahm sie im Laufen auf und warf sie nach hinten zu Mikael auf den Boden.</p><p>Mikael versuchte ihr zuzurufen, dass sie auf ihn warten solle, aber er brachte nur ein Kr�chzen heraus, und da war sie auch schon durch die T�r verschwunden.</p><p>Lisbeth hatte nicht vergessen, dass Martin Vanger irgendwo noch ein Gewehr hatte, also blieb sie mit der Pistole in der Hand schussbereit stehen, als sie den Durchgang zwischen Garage und K�che betrat. Sie horchte, konnte aber kein Ger�usch h�ren, das ihr verraten h�tte, wo sich ihre Beute befand. Instinktiv ging sie in Richtung K�che und war fast schon dort, als sie h�rte, wie auf dem Hof das Auto angelassen wurde.</p><p>Sie rannte zur�ck und durch die Seitent�r in die Garage. Von der Ausfahrt aus konnte sie die R�cklichter seines Wagens sehen, wie sie gerade Henriks Haus passierten und die Kurve hinunter zur Br�cke beschrieben. Sie rannte ihm nach, so schnell ihre Beine sie trugen. Die Pistole stopfte sie in ihre Jackentasche und verlor keine Zeit mit dem Helm, als sie ihre Maschine startete. Wenige Sekunden sp�ter war sie auf dem Weg �ber die Br�cke.</p><p>Er hatte vielleicht einen Vorsprung von neunzig Sekunden, als sie den Kreisverkehr an der Auffahrt zur E4 erreichte. Sie konnte ihn nicht sehen. Sie bremste, stellte den Motor aus und lauschte.</p><p>Am Himmel t�rmten sich dicke Wolken. Am Horizont sah sie die ersten Anzeichen der D�mmerung. Dann h�rte sie ein Motorenger�usch und konnte ganz kurz Martin Vangers Auto auf der E4 Richtung S�den erkennen. Lisbeth lie� ihr Motorrad wieder an, legte den Gang ein und fuhr unter der Unterf�hrung hindurch. Sie fuhr achtzig, als sie die Kurve der Autobahnauffahrt nahm. Vor ihr lag eine gerade Strecke. Da sie keinen Verkehr sah, gab sie Gas bis zum Anschlag und flog geradezu �ber die Fahrbahn. Ihre Geschwindigkeit lag bei hundertsiebzig, als sich der Weg an einer lang gestreckten H�gelkette entlang zu kr�mmen begann - das war so ungef�hr die H�chstgeschwindigkeit, die ihre eigenh�ndig frisierte Maschine bergab fahren konnte. Nach zwei Minuten sah sie Martin Vangers Auto zirka vierhundert Meter vor sich.</p><p><emphasis>Konsequenzanalyse. Was mache ich jetzt?</emphasis></p><p>Sie drosselte ihr Tempo auf vern�nftigere hundertzwanzig und fuhr ihm mit gleich bleibendem Abstand hinterher. F�r ein paar Sekunden verlor sie ihn aus den Augen, als sie ein paar scharfe Kurven nahmen. Dann kamen sie wieder auf eine lange, gerade Strecke. Sie lag ungef�hr zweihundert Meter hinter ihm.</p><p>Er sah den Scheinwerfer ihres Motorrads und erh�hte die Geschwindigkeit, als sie durch eine lang gezogene Kurve fuhren. Sie gab Vollgas, verlor in der Kurve aber an Boden. Dann lag wieder ein gerades St�ck vor ihnen.</p><p>Sie sah die Lichter des Lastwagens schon aus weiter Entfernung. Martin Vanger auch. Pl�tzlich erh�hte er das Tempo noch mehr und wechselte auf die Gegenfahrbahn, als der LKW noch hundertf�nfzig Meter entfernt war. Lisbeth sah, wie der Fahrer bremste und frenetisch die Lichthupe bet�tigte, aber der Abstand schrumpfte innerhalb weniger Sekunden zusammen, und der Zusammensto� war unausweichlich. Martin Vanger fuhr mit einem schrecklichen Krachen frontal in den Lastwagen.</p><p>Instinktiv bremste Lisbeth. Dann sah sie, wie sich der Anh�nger quer �ber ihre Fahrbahn zu schieben begann. Bei ihrer Geschwindigkeit w�rde es nur noch zwei Sekunden dauern, bis sie die Unfallstelle erreichte. Sie gab noch mehr Gas, lenkte nach rechts auf die Standspur und konnte dem Anh�nger um ein paar Meter ausweichen, als sie vorbeifuhr. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie unter dem Vorderteil des Lasters Flammen hochschlugen.</p><p>Sie fuhr noch hundertf�nfzig Meter weiter, bevor sie stehen blieb und sich umdrehte. Sie sah, wie der Lastwagenfahrer auf der Beifahrerseite aus der Kabine sprang. Da gab sie wieder Gas. Bei �kerby, zwei Kilometer weiter s�dlich, bog sie links ab und folgte der alten Landstra�e Richtung Norden, parallel zur E4. Als sie auf gleicher H�he mit der Unfallstelle war, sah  sie, dass zwei Autos angehalten hatten. Das platt gedr�ckte Wrack, das sich hoffnungslos unter dem LKW verkeilt hatte, brannte lichterloh. Ein Mann versuchte, den Flammen mit einem kleinen Feuerl�scher beizukommen.</p><p>Sie gab Gas, war flugs in Hedeby und fuhr langsam �ber die Br�cke zur�ck. Sie parkte vor dem G�steh�uschen und ging wieder in Martin Vangers Haus.</p><p>Mikael k�mpfte immer noch mit den Handschellen. Seine H�nde waren so abgestorben, dass er den Schl�ssel nicht greifen konnte. Lisbeth schloss die Handschellen auf und hielt ihn fest, w�hrend das Blut wieder zu zirkulieren begann und das Gef�hl in seine H�nde zur�ckkehrte.</p><p>�Martin?�, fragte Mikael heiser.</p><p>�Tot. Er hat sein Auto mit hundertf�nfzig frontal in einen Lastwagen gelenkt, ein paar Kilometer Richtung S�den auf der E4.�</p><p>Mikael starrte sie an. Sie war nur ein paar Minuten fort gewesen.</p><p>�Wir m�ssen � die Polizei anrufen�, kr�chzte Mikael. Er musste pl�tzlich stark husten.</p><p>�Warum das denn?�, erkundigte sich Lisbeth Salander.</p><p>Weitere zehn Minuten war Mikael nicht imstande aufzustehen. An die Wand gelehnt, blieb er nackt auf dem Boden sitzen. Er massierte sich den Hals und griff mit ungeschickten Fingern nach der Wasserflasche. Lisbeth wartete geduldig, bis er wieder Gef�hl in den H�nden hatte. In der Zwischenzeit dachte sie nach.</p><p>�Zieh dich an.�</p><p>Sie holte Mikaels zerschnittenes T-Shirt und wischte die Fingerabdr�cke von den Handschellen, dem Messer und dem Golfschl�ger. Die PET-Flasche nahm sie mit.</p><p>�Was machst du?�</p><p>�Zieh dich an. Drau�en wird es schon hell. Beeil dich.�</p><p>Mikael stellte sich auf seine wackeligen F��e und schaffte es, sich Unterhose und Jeans anzuziehen. Er schl�pfte in seine Sneakers. Lisbeth stopfte ihm seine Str�mpfe in die Jackentasche und fasste ihn am Arm.</p><p>�Was genau hast du hier unten alles angefasst?�</p><p>Mikael sah sich um. Er versuchte sich zu erinnern. Schlie�lich erkl�rte er, dass er au�er der T�rklinke und den Schl�sseln nichts angefasst hatte. Lisbeth fand die Schl�ssel in Martin Vangers Jacke, die er �ber den Stuhl geh�ngt hatte. Sie wischte die Klinke und den Lichtschalter sorgf�ltig ab und machte die Lampe aus. Dann f�hrte sie Mikael die Kellertreppe hinauf und bat ihn, im Durchgang zu warten, w�hrend sie den Golfschl�ger wieder an seinen Platz stellte. Als sie wiederkam, hatte sie ein dunkles T-Shirt in der Hand, das Martin Vanger geh�rt hatte.</p><p>�Zieh das an. Ich will nicht, dass irgendjemand dich hier nachts mit nacktem Oberk�rper rumlaufen sieht.�</p><p>Mikael begriff, dass er unter Schock stand. Sie hatte das Kommando �bernommen, und er gehorchte willenlos ihren Befehlen. Sie f�hrte ihn von Martin Vangers Haus fort. Die ganze Zeit hielt sie ihn fest. Als sie vor der T�r zu Mikaels H�uschen angekommen waren, hielt sie inne.</p><p>�Wenn uns jemand gesehen hat und fragt, was wir nachts drau�en gemacht haben, dann haben wir zwei auf der Landzunge einen Nachtspaziergang gemacht und Sex gehabt.�</p><p>�Lisbeth, ich kann nicht ��</p><p>�Stell dich unter die Dusche. Jetzt.�</p><p>Sie half ihm aus seinen Kleidern. Dann setzte sie den Kaffeekessel auf und schmierte schnell ein halbes Dutzend Brote mit K�se, Leberwurst und Salzgurken. Als Mikael wieder ins Zimmer gehinkt kam, sa� sie am K�chentisch und dachte intensiv nach. Sie musterte die Bluterg�sse und Sch�rfwunden an seinem K�rper. Die W�rgeschlinge hatte so tief eingeschnitten, dass er ein dunkelrotes Mal um den ganzen Hals zur�ckbehalten hatte, und das Messer hatte einen blutigen Riss in der Haut an seiner linken Halsseite hinterlassen.</p><p>�Komm�, sagte sie. �Leg dich ins Bett.�</p><p>Sie holte Pflaster und deckte die Wunde mit einer Kompresse ab. Danach goss sie Kaffee ein und stellte die belegten Brote auf den Tisch.</p><p>�Ich hab keinen Hunger�, sagte Mikael.</p><p>�Iss!�, kommandierte Lisbeth und nahm einen gro�en Bissen.</p><p>Mikael blinzelte ein Weilchen. Schlie�lich setzte er sich auf und a�. Sein Hals war so wund, dass er nur mit M�he schlucken konnte.</p><p>Lisbeth zog ihre Lederjacke aus und holte ein D�schen Tigerbalsam aus ihrem Kulturbeutel.</p><p>�Lass den Kaffee noch ein bisschen abk�hlen. Leg dich auf den Bauch.�</p><p>Sie massierte ihm f�nf Minuten mit der Salbe den R�cken. Dann drehte sie ihn um und lie� seiner Vorderseite die gleiche Behandlung angedeihen.</p><p>�Du wirst noch eine Weile ganz sch�ne blaue Flecken haben.�</p><p>�Lisbeth, wir m�ssen die Polizei anrufen.�</p><p>�Nein!�, gab sie so entschieden zur�ck, dass Mikael sie erstaunt ansah. �Wenn du die Polizei rufst, dann hau ich ab. Mit denen will ich nichts zu tun haben. Martin Vanger ist tot. Er ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Er war allein im Auto. Es gab Zeugen. Lass die Polizei oder irgendjemand sonst diese verdammte Folterh�hle entdecken. Du und ich wissen genauso wenig von ihrer Existenz wie alle anderen hier in der Stadt.�</p><p>�Warum?�</p><p>Sie ignorierte ihn und massierte seine schmerzenden Oberschenkel.</p><p>�Lisbeth, wir k�nnen nicht einfach ��</p><p>�Wenn du mich weiter nervst, dann schleif ich dich zur�ck in Martins H�hle und kette dich wieder an.�</p><p>W�hrend sie redete, schlief Mikael so pl�tzlich ein, als w�re er ohnm�chtig geworden.</p><a id="calibre_link-105"/><p><a id="calibre_link-106"/></p><p><strong>25. Kapitel</strong></p><p><strong>Samstag, 12. Juli - Montag, 14. Juli</strong></p><p>Mikael wurde gegen f�nf Uhr morgens schlagartig wach und fuhrwerkte hektisch an seinem Hals herum, um die Schlinge zu entfernen. Lisbeth kam in sein Zimmer, nahm seine H�nde und hielt ihn fest. Er schlug die Augen auf und sah sie mit vernebeltem Blick an.</p><p>�Ich wusste gar nicht, dass du Golf spielst�, murmelte er und schloss die Augen wieder. Sie blieb noch ein paar Minuten bei ihm sitzen, bis sie sicher war, dass er wieder schlief. Zwischenzeitlich war Lisbeth in Martin Vangers Keller zur�ckgegangen, um den Tatort zu untersuchen. Neben den Folterwerkzeugen hatte sie eine gro�e Sammlung von Heften mit Gewaltpornographie gefunden und jede Menge Polaroidbilder, die in ein Album eingeklebt worden waren.</p><p>Ein Tagebuch hatte es nicht gegeben. Allerdings hatte sie zwei A4-Ordner mit Passfotos und handschriftlichen Notizen zu verschiedenen Frauen gefunden. Sie hatte die Ordner in einer Nylontasche mitgenommen, ebenso Martin Vangers Laptop, den sie auf dem Flurtisch im Obergeschoss entdeckt hatte. Als Mikael wieder eingeschlafen war, fuhr Lisbeth damit fort, Martin Vangers Computer und seine Ordner durchzugehen. Es war sechs Uhr morgens, als sie den Laptop ausschaltete. Sie steckte sich eine Zigarette an und biss  nachdenklich auf ihrer Unterlippe herum, w�hrend sie �berlegte.</p><p>Gemeinsam mit Mikael hatte sie die Jagd auf einen vermeintlich in der Vergangenheit aktiven Serienm�rder aufgenommen. Sie hatten etwas v�llig anderes gefunden. Sie konnte sich kaum ausmalen, was f�r grauenhafte Szenen sich in Martin Vangers Keller abgespielt haben mussten, mitten in dieser trauten Idylle.</p><p>Sie versuchte zu begreifen.</p><p>Martin Vanger hatte seit den sechziger Jahren Frauen get�tet, in den letzten f�nfzehn Jahren mit einer Frequenz von ungef�hr einem oder zwei Opfern pro Jahr. Die T�tung war so diskret und wohldurchdacht, dass niemand bemerkt hatte, dass ein Serienm�rder am Werk war. Wie war so etwas m�glich?</p><p>Die Ordner beantworteten diese Frage zumindest teilweise.</p><p>Seine Opfer waren anonyme Frauen, oft gerade erst in Schweden angekommene Einwanderinnen, die weder Freunde noch andere Sozialkontakte in Schweden hatten. Daneben fanden sich auch noch Prostituierte und Au�enseiterinnen der Gesellschaft, die Drogenprobleme oder anderweitige soziale Schwierigkeiten hatten.</p><p>Aus ihren eigenen Studien �ber die Psychologie des sexuellen Sadismus hatte Lisbeth Salander gelernt, dass diese Art M�rder gerne Souvenirs von ihren Opfern sammelten. Solche Souvenirs dienten als Erinnerung, mit deren Hilfe der M�rder sein erlebtes Vergn�gen nach Bedarf wieder aufleben lassen konnte. Martin Vanger hatte diese Gewohnheit gepflegt, indem er ein Todesbuch f�hrte. Er hatte seine Opfer sorgf�ltig katalogisiert und benotet. Er hatte die Leiden seiner Opfer kommentiert und beschrieben. Er hatte sein m�rderisches Tun mit Videofilmen und Fotografien dokumentiert.</p><p>Gewalt und T�ten, das war seine Zielsetzung, aber Lisbeth kam zu dem Schluss, dass es in Wirklichkeit die Jagd war, die ihn haupts�chlich interessiert hatte. In seinem Laptop hatte er  eine Datenbank angelegt, in der Hunderte von Frauen gespeichert waren: Angestellte des Vanger-Konzerns, Bedienungen in Restaurants, die er h�ufig besuchte, Empfangsdamen in Hotels, Personal der Kranken- und Sozialversicherung, Sekret�rinnen von Gesch�ftsfreunden. Anscheinend nahm Martin Vanger so gut wie jede Frau in sein Verzeichnis auf, mit der er jemals in Kontakt gekommen war, und erforschte ihr Leben so umfassend wie m�glich.</p><p>Nur einen Bruchteil von ihnen hatte er tats�chlich ermordet, aber alle Frauen in seiner Umgebung waren potenzielle Opfer, �ber die er Buch f�hrte und die er genau beobachtete. Diese systematischen Untersuchungen hatten geradezu den Charakter eines Hobbys, dem er Tausende von Stunden gewidmet haben musste.</p><p><emphasis>Ist sie verheiratet oder ledig? Hat sie Kinder und Familie? Wo arbeitet sie? Wo wohnt sie? Was f�r eine Ausbildung hat sie? Haarfarbe? Hautfarbe? Figur?</emphasis></p><p>Lisbeth kam zu dem Schluss, dass dieses Sammeln pers�nlicher Informationen �ber seine potenziellen Opfer ein wichtiger Bestandteil von Martin Vangers sexuellen Phantasien gewesen sein musste. Er war in erster Linie ein Stalker und erst in zweiter Linie ein M�rder.</p><p>Als Lisbeth fertig gelesen hatte, entdeckte sie ein kleines Kuvert in einem der Umschl�ge. Sie fummelte zwei abgegriffene, verblichene Polaroidaufnahmen heraus. Auf dem ersten Bild sa� ein dunkelhaariges M�dchen an einem Tisch. Sie trug eine schwarze Hose, ihr Oberk�rper mit den kleinen spitzen Br�sten war nackt. Sie drehte das Gesicht von der Kamera weg und wollte gerade einen Arm heben, um sich zu sch�tzen, so als ob der Fotograf sie pl�tzlich �berrascht hatte, als er die Kamera hob. Auf dem anderen Bild war sie auch unten herum nackt. Sie lag b�uchlings auf einem Bett mit einem blauen �berwurf. Das Gesicht hielt sie immer noch von der Kamera abgewandt.</p><p>Lisbeth stopfte das Kuvert mit den Bildern in ihre Jackentasche. Danach trug sie die Ordner zum Ofen und riss ein Streichholz an. Als sie fertig war, stocherte sie noch einmal in der Asche. Es goss immer noch in Str�men, als sie einen kurzen Spaziergang unternahm und Martin Vangers Laptop ins Wasser unter der Br�cke warf.</p><p>Als Dirch Frode um halb acht Uhr morgens die T�r aufmachte, sa� Lisbeth rauchend am K�chentisch und trank Kaffee. Frode war aschgrau im Gesicht und sah aus, als w�re er brutal geweckt worden.</p><p>�Wo ist Mikael?�, fragte er.</p><p>�Der schl�ft noch.�</p><p>Frode setzte sich auf einen K�chenstuhl. Lisbeth goss Kaffee ein und schob ihm die Tasse hin�ber.</p><p>�Martin � Ich habe gerade erfahren, dass Martin heute Nacht bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist.�</p><p>�Traurig�, sagte Lisbeth und nahm einen Schluck Kaffee.</p><p>Frode hob den Blick und starrte sie verst�ndnislos an. Dann weiteten sich seine Augen.</p><p>�Was �?�</p><p>�Er hatte einen Crash. Zu dumm.�</p><p>�Wissen Sie, was passiert ist?�</p><p>�Er hat das Auto frontal in einen Lastwagen gelenkt. Er hat Selbstmord begangen. Die Presse, der Stress und sein wankendes Finanzimperium, das alles ist zu viel f�r ihn geworden. Zumindest habe ich den Verdacht, dass es so in den Schlagzeilen zu lesen sein wird.�</p><p>Frode sah aus, als w�rde er gleich einen Schlag erleiden. Hastig stand er auf, ging zum Schlafzimmer und �ffnete die T�r.</p><p>�Lassen Sie ihn schlafen!�, sagte Lisbeth scharf.</p><p>Frode betrachtete den Schlafenden. Er sah die Blessuren in seinem Gesicht und die Bluterg�sse auf dem Oberk�rper.  Dann entdeckte er den flammend roten Strich, wo die W�rgeschlinge gesessen hatte. Frode wich zur�ck und lie� sich langsam aufs K�chensofa sinken.</p><p>Lisbeth erz�hlte in Kurzfassung, was in der Nacht zuvor passiert war. Ausf�hrlich beschrieb sie ihm Martin Vangers Kammer des Schreckens. Erz�hlte, wie sie Mikael mit einer W�rgeschlinge um den Hals gefunden hatte, vor sich den gesch�ftsf�hrenden Direktor des Vanger-Konzerns. Wie sie tags zuvor im Firmenarchiv entdeckt hatte, dass sie Martins Vater mit mindestens sieben Frauenmorden in Verbindung bringen konnte.</p><p>Frode unterbrach sie nicht ein einziges Mal. Als sie zu Ende gesprochen hatte, blieb er ein paar Minuten still sitzen, bis er schlie�lich heftig ausatmete und den Kopf sch�ttelte.</p><p>�Was sollen wir unternehmen?�</p><p>�Das ist nicht mein Problem�, erwiderte Lisbeth mit ausdrucksloser Stimme.</p><p>�Aber ��</p><p>�Ich habe niemals auch nur einen Fu� nach Hedestad gesetzt.�</p><p>�Bitte?�</p><p>�Ich will auf keinen Fall in irgendeinem Polizeibericht auftauchen. In diesem Zusammenhang existiere ich nicht. Wenn mein Name mit dieser Geschichte in Verbindung gebracht werden sollte, dann werde ich leugnen, jemals hier gewesen zu sein, und ich werde keine einzige Frage beantworten.�</p><p>Frode sah sie forschend an.</p><p>�Das verstehe ich nicht.�</p><p>�Das brauchen Sie auch nicht zu verstehen.�</p><p>�Was soll ich denn tun?�</p><p>�Das entscheiden Sie selbst, solange Sie nur Mikael und mich aus dem Spiel lassen.�</p><p>Frode war leichenblass.</p><p>�Sehen Sie�s doch mal so: Das Einzige, was Sie wissen, ist, dass Martin Vanger bei einem Autounfall ums Leben kam. Sie haben keine Ahnung, dass er obendrein ein wahnsinniger M�rder ist, und Sie haben noch nie von diesem Raum geh�rt, den er in seinem Keller hat.�</p><p>Sie legte den Schl�ssel auf den Tisch zwischen ihnen.</p><p>�Sie haben Zeit, bis jemand Martins Keller aufr�umt und den Raum entdeckt. Das dauert vielleicht noch ein Weilchen.�</p><p>�Wir m�ssen mit dieser Geschichte zur Polizei gehen.�</p><p>�Nicht <emphasis>wir</emphasis>. Sie k�nnen zur Polizei gehen, wenn Sie wollen. Das ist Ihre Entscheidung.�</p><p>�Das darf nicht einfach vertuscht werden.�</p><p>�Ich schlage ja auch gar nicht vor, dass es vertuscht wird, sondern nur, dass Mikael und ich aus dem Spiel bleiben. Wenn Sie den Raum entdecken, dann ziehen Sie Ihre eigenen Schl�sse und entscheiden selbst, wem Sie davon erz�hlen wollen.�</p><p>�Wenn das alles stimmt, was Sie mir erz�hlt haben, dann hat Martin Frauen gekidnappt und ermordet � und irgendwo muss es auch verzweifelte Familien geben, die nicht wissen, wo ihre Kinder sind. Wir k�nnen nicht nur ��</p><p>�Das stimmt. Aber da gibt es Probleme. Die Leichen sind verschwunden. Vielleicht finden Sie einen Pass oder einen Personalausweis in irgendeiner Kiste. Vielleicht kann eines der Opfer auch mit Hilfe der Videofilme identifiziert werden. Aber Sie brauchen heute keinen Entschluss mehr zu fassen. Denken Sie �ber die Sache nach.�</p><p>Frode wirkte v�llig panisch.</p><p>�O mein Gott. Das wird dem Konzern den Todessto� versetzen. Wie viele Familien werden arbeitslos, wenn herauskommt, dass Martin ��</p><p>Frode wiegte sich vor und zur�ck. Er stand vor einem moralischen Dilemma.</p><p>�Das ist ein Aspekt. Ich nehme mal an, dass Isabella Vanger  ihren Sohn beerbt. Ich glaube nicht, dass es so gut w�re, wenn sie als Erste von Martins Hobby erf�hrt.�</p><p>�Ich muss nachsehen ��</p><p>�Ich denke, Sie sollten sich heute von diesem Raum fernhalten�, sagte Lisbeth scharf. �Sie haben jede Menge zu tun. Sie m�ssen zu Henrik fahren und ihn informieren, eine au�erordentliche Vorstandssitzung einberufen und all das tun, was Sie auch h�tten tun m�ssen, wenn Ihr gesch�ftsf�hrender Direktor unter v�llig normalen Umst�nden ums Leben gekommen w�re.�</p><p>Frode dachte �ber ihre Worte nach. Er hatte Herzklopfen. Er war der alte Anwalt, der Probleml�ser, von dem man erwartete, dass er f�r jede Widrigkeit einen Plan parat hatte - aber er f�hlte sich handlungsunf�hig. Ein junges M�dchen mit seltsamem Aussehen hatte die Kontrolle �bernommen, dachte er.</p><p>�Und Harriet �?�</p><p>�Mikael und ich sind noch nicht sicher. Aber Sie k�nnen Henrik Vanger ausrichten, dass wir glauben, dieses R�tsel l�sen zu k�nnen.�</p><p>Martin Vangers unerwartetes Hinscheiden war die Topmeldung in den Neun-Uhr-Nachrichten, als Mikael aufwachte. Von den Ereignissen der Nacht wurde nur erw�hnt, dass der Gro�industrielle aus unerkl�rlichen Gr�nden mit �berh�hter Geschwindigkeit auf die Gegenfahrbahn geraten war.</p><p>Er hatte allein im Auto gesessen. Das Lokalradio brachte einen l�ngeren Beitrag, in dem die Sorge um die Zukunft des Konzerns zum Ausdruck kam sowie die Ungewissheit, welche wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Todesfall f�r das Unternehmen haben k�nnte.</p><p>Ein eilig zusammengestelltes �Mittags-Telegramm� von TT trug den Titel <emphasis>Ein Landkreis unter Schock</emphasis> und fasste die derzeitigen Probleme des Vanger-Konzerns zusammen. Jeder  wusste, dass allein in Hedestad �ber 3000 der 21 000 Einwohner bei Vanger angestellt waren oder anderweitig vom Wohl und Wehe des Unternehmens abhingen. Der Gesch�ftsf�hrer des Vanger-Konzerns war tot, und sein Vorg�nger war ein alter Mann, der nach einem Herzanfall im Krankenhaus lag. Einen nat�rlichen Erben gab es nicht. Und all das in Zeiten, die als die schwierigsten der ganzen Firmengeschichte galten.</p><p>Mikael h�tte die Chance gehabt, zur Polizei nach Hedestad zu fahren und zu erkl�ren, was sich �ber Nacht abgespielt hatte, doch Lisbeth hatte einige Dinge bereits ins Rollen gebracht. Dadurch, dass er die Polizei nicht sofort angerufen hatte, wurde es mit jeder weiteren Stunde, die verstrich, schwieriger. Er verbrachte den Vormittag in d�sterem Schweigen auf dem K�chensofa und beobachtete den Regen und die Wolken. Um zehn Uhr kam noch ein kr�ftiger Gewitterschauer, aber gegen Mittag h�rte es auf zu regnen, und der Wind legte sich ein bisschen. Er ging hinaus, trocknete die Gartenm�bel ab und setzte sich mit einer Tasse Kaffee hin. Er trug ein Hemd mit Stehkragen.</p><p>Martins Tod �berschattete das allt�gliche Leben in Hedeby. Vor Isabellas Haus hielten immer mehr Autos, w�hrend sich der Clan versammelte und kondolierte. Lisbeth betrachtete die Prozession v�llig gef�hllos. Mikael sa� ganz still da.</p><p>�Wie geht es dir?�, fragte sie schlie�lich.</p><p>Mikael �berlegte einen Moment, bevor er antwortete.</p><p>�Ich glaube, ich stehe noch immer unter Schock�, sagte er. �Ich war so hilflos. Ich war mehrere Stunden lang �berzeugt, dass ich sterben w�rde. Ich hatte Todesangst und konnte �berhaupt nichts tun.�</p><p>Er streckte eine Hand aus und legte sie ihr aufs Knie.</p><p>�Danke�, sagte er. �Wenn du nicht aufgetaucht w�rst, h�tte er mich get�tet.�</p><p>Lisbeth l�chelte ihn unbeholfen an.</p><p>�Obwohl � ich immer noch nicht begreife, wie du so bescheuert sein konntest, alleine auf ihn loszugehen. Ich lag da unten auf dem Boden und schickte Sto�gebete zum Himmel, dass du das Bild sehen, zwei und zwei zusammenz�hlen und die Polizei rufen w�rdest.�</p><p>�Wenn ich auf die Polizei gewartet h�tte, h�ttest du wohl nicht �berlebt. Ich konnte nicht zulassen, dass dieses Dreckschwein dich umbringt.�</p><p>�Warum willst du nicht mit der Polizei sprechen?�, fragte Mikael.</p><p>�Ich spreche nicht mit Beh�rden.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Meine Sache. Aber was dich betrifft, glaube ich nicht, dass es deiner Karriere besonders f�rderlich ist, wenn du als der Journalist Ber�hmtheit erlangst, der vom ber�chtigten Serienm�rder Martin Vanger ausgezogen wurde. Wenn du <emphasis>Kalle Blomkvist</emphasis> nicht mochtest - hier kannst du dir ganz neue Beinamen ausdenken.�</p><p>Mikael sah sie forschend an und lie� das Thema fallen.</p><p>�Wir haben ein Problem�, sagte Lisbeth.</p><p>Mikael nickte. �Was geschah mit Harriet?�</p><p>Lisbeth legte die zwei Polaroidbilder auf den Tisch. Sie erkl�rte, wo sie sie gefunden hatte. Mikael sah sich die Fotos eine Weile genau an, bevor er den Blick hob.</p><p>�Das kann sie sein�, sagte er schlie�lich. �Ich k�nnte es nicht beschw�ren, aber ihre Figur und die Haare erinnern mich an all die Bilder, die ich von ihr gesehen habe.�</p><p>Mikael und Lisbeth sa�en eine Stunde im Garten und versuchten, die Details zu einem sinnvollen Ganzen zu ordnen. Sie entdeckten, dass sie aus unterschiedlicher Perspektive zu der Erkenntnis gelangt waren, dass Martin Vanger das fehlende Glied in ihrer Kette war.</p><p>Lisbeth hatte das Foto, das Mikael auf den Tisch gelegt hatte, gar nicht gesehen. Doch die Bilder der �berwachungskameras machten sie stutzig. Sie war �ber die Uferpromenade zu Martins Haus gegangen und hatte in alle Fenster geguckt, ohne eine Menschenseele zu sehen. Vorsichtig hatte sie alle T�ren und Fenster im Erdgeschoss zu �ffnen versucht. Schlie�lich war sie zu einer offenen Balkont�r im ersten Stock hochgeklettert, was eine Weile gedauert hatte. Mit �u�erst vorsichtigen Bewegungen hatte sie dann ein Zimmer nach dem anderen durchsucht und irgendwann die Kellertreppe gefunden. Martin war so nachl�ssig gewesen, die T�r zu seiner Folterkammer einen Spalt offen zu lassen, und so hatte sie sich ein gutes Bild von der Situation machen k�nnen.</p><p>Mikael fragte, wie viel sie von Martins Worten geh�rt hatte.</p><p>�Nicht besonders viel. Ich kam gerade, als er dich fragte, was mit Harriet geschehen sei, kurz bevor er dich an der Schlinge aufh�ngte. Ich habe euch ein paar Minuten allein gelassen, w�hrend ich nach oben ging und eine Waffe suchte. In einem Schrank habe ich dann die Golfschl�ger gefunden.�</p><p>�Martin Vanger hatte keine Ahnung, was mit Harriet geschehen ist�, sagte Mikael.</p><p>�Glaubst du ihm das?�</p><p>�Ja�, antwortete Mikael, ohne zu z�gern. �Er war verr�ckter als ein durchgedrehter Iltis - wo hab ich nur immer diese Vergleiche her? -, aber er hat alle Verbrechen zugegeben, die er begangen hat. V�llig ungehemmt hat er davon erz�hlt. Ich glaube, er wollte mir tats�chlich imponieren. Aber in puncto Harriet war er genauso erpicht darauf wie Henrik, zu erfahren, was eigentlich passiert ist.�</p><p>�Also � wohin f�hrt uns das?�</p><p>�Wir wissen, dass Gottfried Vanger f�r die erste Mordserie zwischen 1949 und 1965verantwortlich war.�</p><p>�Stimmt. Und er hat Martin angelernt.�</p><p>�Apropos dysfunktionale Familien�, sagte Mikael. �Martin hatte eigentlich gar keine Chance.�</p><p>Lisbeth warf Mikael einen sonderbaren Blick zu.</p><p>�Nach dem, was Martin mir erz�hlt hat - wenn auch in rhapsodischer Form -, nahm ihn sein Vater in der Pubert�t in die Lehre. Er war beim Mord an Lea 1962 in Uddevalla mit dabei. Da war er vierzehn Jahre alt. Er hat den Mord an Sara 1964 erlebt. Da war er schon selbst aktiv. Er war sechzehn.�</p><p>�Und?�</p><p>�Er hat gesagt, er sei nicht homosexuell und habe niemals einen Mann angefasst - au�er seinen Vater. Deswegen nehme ich an, dass � tja, die einzige Schlussfolgerung ist, dass sein Vater ihn vergewaltigt hat. Die sexuellen �bergriffe m�ssen sich �ber einen l�ngeren Zeitraum erstreckt haben. Er wurde von seinem Vater sozusagen �gemacht�.�</p><p>�Bl�dsinn!�, sagte Lisbeth Salander.</p><p>Ihre Stimme war pl�tzlich hart wie Stein. Mikael sah sie verbl�fft an. Ihr Blick war fest. Nicht eine Spur Mitleid lag darin.</p><p>�Martin hatte, wie alle anderen auch, eine Chance, sich zu wehren. Er hat seine Wahl getroffen. Er hat gemordet und vergewaltigt, weil es ihm gefiel.�</p><p>�Okay, ich will dir nicht widersprechen. Aber Martin war ein eingesch�chterter Junge und wurde von seinem Vater gepr�gt, so wie Gottfried wiederum von seinem Nazi-Vater unterdr�ckt worden war.�</p><p>�Aha, dann setzt du aber voraus, dass Martin keinen eigenen Willen besa� und dass alle Menschen das Ergebnis ihrer Erziehung sind.�</p><p>Mikael l�chelte vorsichtig. �Ist das ein wunder Punkt?�</p><p>Lisbeth Augen blitzten pl�tzlich vor m�hsam gez�gelter Wut. Mikael sprach rasch weiter.</p><p>�Ich behaupte nicht, dass Menschen nur durch ihre Erziehung gepr�gt werden, aber ich bin sicher, dass die Erziehung eine  gro�e Rolle spielt. Gottfried wurde von seinem Vater jahrelang gr�n und blau geschlagen. So etwas hinterl�sst seine Spuren.�</p><p>�Bl�dsinn�, wiederholte Lisbeth. �Gottfried ist nicht das einzige Kind, das jemals misshandelt wurde. Das gibt ihm keinen Freibrief, Frauen zu ermorden. Diese Wahl hat er selbst getroffen. Und f�r Martin gilt genau dasselbe.�</p><p>Mikael hob eine Hand.</p><p>�Lass uns nicht streiten.�</p><p>�Ich streite nicht. Ich finde es nur so �bel, dass Dreckschweine immer jemand haben sollen, dem sie die Schuld in die Schuhe schieben k�nnen.�</p><p>�Einverstanden. Sie haben eine pers�nliche Verantwortung. Das k�nnen wir sp�ter noch kl�ren. Der Punkt ist nur der, dass Gottfried starb, als Martin siebzehn war und keinen Menschen hatte, der ihm den Weg gewiesen h�tte. Er versuchte, in die Fu�stapfen seines Vaters zu treten. Im Februar 1966 in Uppsala.�</p><p>Mikael streckte sich, um sich eine von Lisbeths Zigaretten zu nehmen.</p><p>�Ich will nicht mal ansatzweise spekulieren, welche Impulse Gottfried da befriedigen wollte und wie er selbst seine Taten interpretierte�, sagte er. �Da gab es dieses biblische Kauderwelsch, das irgendwie mit Bestrafung und Reinigung zu tun hat, vielleicht k�nnte das ein Psychiater entwirren. Jedenfalls war er ein Serienm�rder.�</p><p>Er �berlegte kurz, bevor er fortfuhr: �Gottfried wollte Frauen ermorden und kleidete seine Handlungen in ein pseudoreligi�ses Gewand. Aber Martin tat nicht einmal so, als habe er einen Vorwand. Er war perfekt organisiert und mordete systematisch. Au�erdem konnte er genug Geld f�r sein Hobby ausgeben. Und er war schlauer als sein Vater. Jedes Mal, wenn Gottfried eine Leiche hinterlie�, bedeutete das eine polizeiliche Ermittlung sowie ein gewisses Risiko, dass ihm jemand auf die Spur kommen oder zumindest die Morde miteinander in Verbindung bringen k�nnte.�</p><p>�Martin Vanger hat sein Haus in den siebziger Jahren gebaut.�</p><p>�Ich glaube, Henrik erw�hnte, dass es 1978 war. Er lie� sich einen fensterlosen schallisolierten Raum mit einer Stahlt�r einbauen.�</p><p>Sie schwiegen eine Weile, w�hrend Mikael �berlegte, was f�r Gr�uel sich ein Vierteljahrhundert lang mitten in der Idylle der Hedeby-Insel abgespielt haben mussten. Lisbeth brauchte dar�ber nicht nachzudenken, sie hatte die Videosammlung gesehen. Sie bemerkte, dass Mikael unbewusst seinen Hals ber�hrte.</p><p>�Gottfried hasste Frauen und brachte seinem Sohn bei, Frauen zu hassen, w�hrend er ihn gleichzeitig vergewaltigte. Aber es gab da auch noch einen gewissen Unterton � Ich glaube, dass Gottfried davon tr�umte, sein gelinde gesagt perverses Weltbild mit seinen Kindern zu teilen. Als ich nach Harriet fragte, seiner eigenen Schwester, sagte Martin: �Wir haben versucht, mit ihr zu reden. Aber sie war nur eine gew�hnliche Fotze. Sie wollte Henrik alles erz�hlen.��</p><p>Lisbeth nickte. �Ich habe ihn geh�rt. Ungef�hr in dem Moment bin ich in den Keller gekommen. Und das bedeutet, wir wissen, wovon ihr geheimnisvolles Gespr�ch mit Henrik h�tte handeln sollen.�</p><p>Mikael runzelte die Stirn.</p><p>�Nicht ganz.� Er �berlegte kurz. �Denk an die chronologische Abfolge. Wir wissen nicht, wann Gottfried seinen Sohn zum ersten Mal vergewaltigt hat, aber er hat Martin mitgenommen, als er 1962 in Uddevalla Lea Persson ermordete. Ertrunken ist er 1965. Davor hatten er und Martin versucht, mit Harriet zu <emphasis>reden</emphasis>. Was sagt uns das?�</p><p>�Gottfried hatte es nicht nur auf Martin abgesehen, sondern auch auf Harriet.�</p><p>Mikael nickte. �Gottfried war der Lehrmeister. Martin war der Lehrling. Harriet war ihr � ja, was, ihr Spielzeug?�</p><p>�Gottfried hat Martin beigebracht, seine Schwester zu ficken.� Lisbeth tippte auf die Polaroidaufnahmen. �Man kann anhand dieser beiden Bilder schwerlich beurteilen, wie sie diese Spiele fand, weil man ihr Gesicht nicht sieht. Aber sie versucht, sich vor der Kamera zu verstecken.�</p><p>�Sagen wir mal, es fing an, als sie vierzehn war, 1964. Sie wehrte sich - <emphasis>konnte es nicht akzeptieren</emphasis>, wie Martin sich ausdr�ckte. Das drohte sie also auszuplaudern. Martin hatte in diesem Zusammenhang sicher nicht viel zu sagen, sondern ordnete sich einfach seinem Vater unter, aber Gottfried und er hatten eine Art � Pakt, in den sie Harriet einzuweihen versuchten.�</p><p>Lisbeth nickte. �In deinen Notizen steht, dass Henrik im Winter 1964 Harriet in sein Haus ziehen lie�.�</p><p>�Henrik merkte, dass in ihrer Familie etwas schieflief. Er hielt die Streitereien und Reibereien zwischen Gottfried und Isabella f�r die Ursache und nahm Harriet zu sich, damit sie ihren Frieden hatte und sich aufs Lernen konzentrieren konnte.�</p><p>�Womit er Gottfried und Martin einen Strich durch die Rechnung machte. Sie konnten ihrer nicht so leicht habhaft werden und ihr Leben kontrollieren. Aber hie und da � wo geschah der �bergriff?�</p><p>�Es muss in Gottfrieds H�uschen gewesen sein. Ich bin ziemlich sicher, dass diese Bilder dort aufgenommen wurden - das l�sst sich leicht nachpr�fen. Die H�tte ist perfekt gelegen, isoliert und weit weg von der Stadt. Dann besoff Gottfried sich ein letztes Mal und ertrank ganz undramatisch.�</p><p>Lisbeth nickte nachdenklich. �Harriets Vater hatte Sex mit ihr oder versuchte es zumindest, aber vermutlich hat er sie nicht in das Geheimnis seiner Morde eingeweiht.�</p><p>Mikael musste den Schwachpunkt in seiner Theorie zugeben. Harriet hatte die Namen von Gottfrieds Opfern niedergeschrieben und mit den Bibelzitaten in Verbindung gebracht,  aber ihr Interesse an Bibelkunde war erst im letzten Jahr ihres Lebens aufgekommen, also bereits nach dem Tod ihres Vaters. Er �berlegte kurz und versuchte, eine logische Erkl�rung zu finden.</p><p>�Irgendwann ging Harriet auf, dass Gottfrieds Verbrechen nicht nur im Inzest bestanden, sondern dass er auch noch ein verr�ckter Serienm�rder war�, sagte er.</p><p>�Wir wissen nicht, wann sie hinter die Morde kam. Das kann auch unmittelbar vor Gottfrieds Tod gewesen sein. Vielleicht sogar sp�ter, falls er Tagebuch gef�hrt oder Zeitungsartikel �ber die Morde gesammelt hatte. Irgendwas hat sie auf die richtige F�hrte gebracht.�</p><p>�Das war aber nicht das, was sie Henrik zu erz�hlen drohte�, erg�nzte Mikael.</p><p>�Es war Martin�, sagte Lisbeth. �Ihr Vater war tot, doch Martin h�rte nicht auf, sie zu bel�stigen.�</p><p>�Genau.� Mikael nickte.</p><p>�Aber sie brauchte ein Jahr, bis sie endlich handelte.�</p><p>�Was w�rdest du denn machen, wenn du pl�tzlich entdecken w�rdest, dass dein Vater ein wahnsinniger Serienm�rder ist, der deinen Bruder gefickt hat?�</p><p>�Den ganzen Schei� kurz und klein hauen�, erwiderte Lisbeth mit derart n�chterner Stimme, dass Mikael vermuten musste, dass sie es ernst meinte. Pl�tzlich hatte er ihr Gesicht wieder vor Augen, wie es ausgesehen hatte, als sie auf Martin Vanger losging. Er l�chelte freudlos.</p><p>�Ihr Vater starb 1965, bevor sie loslegte. Das ist auch logisch. Nach Gottfrieds Tod schickte Isabella Martin nach Uppsala. Er war vielleicht �ber Weihnachten und in den Ferien mal zu Hause, aber im Laufe des folgenden Jahres traf er Harriet nicht besonders oft. Sie bekam Abstand zu ihm.�</p><p>�Und sie begann die Bibel gr�ndlich zu lesen�, erg�nzte sie.</p><p>�Im Lichte der Umst�nde, die uns heute bekannt sind, hat sie das wohl nicht aus religi�sen Gr�nden getan. Sie wollte  vielleicht einfach verstehen, was ihren Vater getrieben hatte. Sie gr�belte bis zum Tag des Kindes 1966. Da sieht sie pl�tzlich ihren Bruder auf der Bahnhofstra�e und wei�, dass er wieder zur�ck ist. Wir wissen nicht, ob sie miteinander gesprochen haben und ob er irgendwas gesagt hat. Aber was auch immer geschehen sein mag, Harriet sah sich veranlasst, direkt nach Hause zu fahren, um mit Henrik zu reden.�</p><p>�Und dann verschwand sie.�</p><p>Nachdem sie die Kette der Ereignisse durchgesprochen hatten, konnte man sich unschwer vorstellen, wie der Rest des Puzzles aussehen musste. Mikael und Lisbeth packten ihre Koffer. Bevor sie losfuhren, rief Mikael Dirch Frode an und gab ihm Bescheid, dass Lisbeth und er verreisen m�ssten. Vor seiner Abfahrt wolle er aber unbedingt noch Henrik Vanger treffen.</p><p>Mikael wollte wissen, was Frode Henrik erz�hlt hatte. Die Stimme des Rechtsanwalts klang so gepresst, dass Mikael sich Sorgen um ihn machte. Schlie�lich erkl�rte er, ihm nur von Martins Unfalltod berichtet zu haben.</p><p>Als Mikael vor dem Krankenhaus von Hedestad parkte, grollte schon wieder der Donner, und am Himmel hatten sich erneut dicke Regenwolken zusammengezogen. Als er eilig den Parkplatz �berquerte, fielen die ersten Tropfen.</p><p>Henrik Vanger sa� im Morgenrock an einem Tisch vor dem Fenster. Die Krankheit war zweifellos nicht spurlos an ihm vor�bergegangen, aber der alte Mann hatte wieder etwas Farbe im Gesicht und sah zumindest so aus, als sei er auf dem Wege der Besserung. Sie gaben sich die Hand. Mikael bat die Privatpflegerin, sie ein paar Minuten allein zu lassen.</p><p>�Sie haben sich eine Weile ferngehalten�, sagte Henrik Vanger.</p><p>Mikael nickte. �Ganz bewusst. Ihre Familie will nicht, dass ich mich hier sehen lasse, aber heute sind alle bei Isabella.�</p><p>�Armer Martin�, sagte Henrik.</p><p>�Henrik, Sie haben mich beauftragt, die Wahrheit ans Licht zu bringen und herauszufinden, was mit Harriet passiert ist. Hatten Sie erwartet, dass diese Wahrheit schmerzfrei f�r Sie sein w�rde?�</p><p>Der Alte sah ihn an. Dann weiteten sich seine Augen.</p><p>�Martin?�</p><p>�Er ist ein Teil dieser Geschichte.�</p><p>Henrik Vanger blinzelte.</p><p>�Ich muss Sie jetzt etwas fragen.�</p><p>�Was?�</p><p>�Wollen Sie immer noch wissen, was geschehen ist? Auch, wenn es wehtut und die Wahrheit schrecklicher ist, als Sie es sich vorgestellt haben?�</p><p>Henrik sah Mikael lange an. Dann nickte er.</p><p>�Ich will es wissen. Das war Sinn und Zweck dieses Auftrags.�</p><p>�Gut. Ich glaube, ich wei�, was mit Harriet passiert ist. Aber ich bin noch nicht ganz fertig, ein Puzzleteil fehlt noch.�</p><p>�Erz�hlen Sie.�</p><p>�Nein. Nicht heute. Ich will, dass Sie sich jetzt weiter erholen. Der Arzt sagt, dass die Krise �berstanden ist und Sie langsam wieder zu Kr�ften kommen.�</p><p>�Behandeln Sie mich nicht wie ein Kind.�</p><p>�Ich bin noch nicht am Ziel. Momentan habe ich nur eine Theorie. Ich werde jetzt losziehen und versuchen, das letzte Puzzleteil zu finden. N�chstes Mal werde ich Ihnen die ganze Geschichte erz�hlen. Das kann ein wenig dauern. Aber Sie sollen wissen, dass ich auf jeden Fall zur�ckkomme, und dann erfahren Sie die Wahrheit.�</p><p>Lisbeth zog eine Plane �ber ihr Motorrad und stellte es an der windgesch�tzten Seite der H�tte ab. Als Mikael und sie mit dem geliehenen Auto losfuhren, brach das Gewitter mit neuer  Kraft wieder los. S�dlich von G�vle wurden sie von einem so heftigen Schauer �berrascht, dass Mikael kaum noch die Stra�e erkennen konnte. Sicherheitshalber steuerten sie eine Tankstelle an, wo sie einen Kaffee tranken und warteten, bis sich der Regen wieder legte. Erst um sieben Uhr abends waren sie in Stockholm. Mikael gab Lisbeth den Nummerncode f�r seine Wohnung und lie� sie an der U-Bahn-Haltestelle Centralen aussteigen. Seine eigene Wohnung kam ihm fremd vor, als er durch die T�r trat.</p><p>Er staubsaugte und trocknete ab, w�hrend Lisbeth bei Plague in Sundbyberg etwas zu erledigen hatte. Gegen Mitternacht klopfte sie an Mikaels T�r. Zehn Minuten lang nahm sie gr�ndlich jeden Winkel und jede Ecke seiner Wohnung in Augenschein. Danach blieb sie lange am Fenster stehen und blickte hinaus.</p><p>Der Schlafbereich war mit einer Reihe frei stehender Kleiderschr�nke und B�cherregale abgetrennt. Sie zogen sich aus und schliefen ein paar Stunden.</p><p>Tags darauf gegen zw�lf landeten sie am Londoner Flughafen Gatwick. Regenwetter empfing sie. Mikael hatte ein Zimmer im Hotel James am Hyde Park gebucht, ein hervorragendes, modernes Hotel im Vergleich zu all den Bruchbuden in Bayswater, in denen er bei fr�heren Besuchen in London immer logiert hatte. Die Rechnung wurde von Frodes Konto f�r die laufenden Ausgaben gedeckt.</p><p>Um f�nf Uhr nachmittags standen sie an der Bar, als sich ihnen ein Mann um die drei�ig n�herte. Er war fast kahlk�pfig, trug einen blonden Bart und eine zu gro�e Jacke, Jeans und Segelschuhe.</p><p>�Wasp?�, fragte er.</p><p>�Trinity?�, fragte sie zur�ck. Sie nickten sich zu. Nach Mikaels Namen erkundigte er sich gar nicht.</p><p>Trinitys Partner wurde ihnen als �Bob the Dog� vorgestellt.  Er wartete um die Ecke in einem alten Lieferwagen auf sie. Sie kletterten durch die Schiebet�ren hinein und setzten sich auf die an der Wand befestigten Klappsitze. W�hrend Bob sich durch den Londoner Verkehr navigierte, unterhielten sich Wasp und Trinity.</p><p>�Plague hat gesagt, es geht um einen <emphasis>crash-bang job</emphasis>.�</p><p>�Telefon abh�ren und E-Mails in einem Computer kontrollieren. Es kann superschnell gehen oder ein paar Tage dauern, je nachdem, wie viel Druck er macht.� Lisbeth deutete mit dem Daumen auf Mikael. �Kriegt ihr das hin?�</p><p>�Peanuts�, gab Trinity zur Antwort.</p><p>Anita Vanger wohnte in einem kleinen Reihenhaus im h�bschen St�dtchen St. Albans, eine knappe Autostunde in n�rdlicher Richtung. Aus dem Lieferwagen heraus beobachteten sie, wie sie gegen sieben Uhr abends nach Hause kam und die T�r aufschloss. Sie warteten, bis sie geduscht, eine Kleinigkeit gegessen und sich dann vor den Fernseher gesetzt hatte, bevor Mikael bei ihr klingelte.</p><p>Eine fast identische Ausgabe von Cecilia Vanger �ffnete ihm, auf dem Gesicht ein h�fliches Fragezeichen.</p><p>�Hallo, Anita. Ich hei�e Mikael Blomkvist. Henrik Vanger l�sst Sie sch�n gr��en. Ich nehme an, Sie kennen die Neuigkeiten von Martin schon.�</p><p>Ihr Gesichtsausdruck wechselte von Erstaunen zu Wachsamkeit. Als sie den Namen h�rte, wusste sie genau, wer Mikael Blomkvist war. Sie hatte Kontakt mit Cecilia gehabt, die h�chstwahrscheinlich eine gewisse Ver�rgerung �ber Mikael zum Ausdruck gebracht hatte. Aber da er Henriks Namen nannte, musste sie ihn hereinbitten. Sie bat Mikael, im Wohnzimmer Platz zu nehmen. Er sah sich um. Anita Vangers Zuhause war geschmackvoll eingerichtet - von einer Person, die Geld und ein erf�lltes Berufsleben hatte, aber kein gro�es Aufheben von sich machte. Er bemerkte  eine signierte Grafik von Anders Zorn �ber einem offenen Kamin.</p><p>�Verzeihen Sie, dass ich Sie so aus heiterem Himmel behellige, aber ich war sowieso in London und habe tags�ber versucht, Sie anzurufen.�</p><p>�Verstehe. Worum geht es denn?� Ihre Stimme klang defensiv.</p><p>�Haben Sie vor, zur Beerdigung zu fahren?�</p><p>�Nein, Martin und ich standen uns nicht sehr nahe, und ich kann mir auch nicht freinehmen.�</p><p>Mikael nickte. Anita Vanger hatte sich drei�ig Jahre lang tunlichst von Hedestad ferngehalten. Seit ihr Vater auf die Hedeby-Insel zur�ck gezogen war, hatte sie kaum einen Fu� dorthin gesetzt.</p><p>�Ich will wissen, was mit Harriet Vanger passiert ist. Es wird Zeit f�r die Wahrheit.�</p><p>�Harriet? Ich verstehe nicht, was Sie meinen.�</p><p>Mikael l�chelte �ber ihre gespielte Verwunderung.</p><p>�Sie waren Harriets engste Freundin in der Familie. Sie hat sich mit ihrem schrecklichen Wissen an Sie gewandt.�</p><p>�Sie spinnen wohl!�, sagte Anita Vanger.</p><p>�Damit haben Sie wahrscheinlich sogar recht�, meinte Mikael leichthin. �Sie waren in Harriets Zimmer, Anita. Das kann ich mit einem Foto beweisen. In ein paar Tagen werde ich Henrik Bericht erstatten, und dann erf�hrt er es auf diese Art. Warum erz�hlen Sie mir nicht einfach, was geschehen ist?�</p><p>Anita Vanger stand auf.</p><p>�Verlassen Sie sofort mein Haus!�</p><p>Mikael stand auf.</p><p>�Fr�her oder sp�ter werden Sie mit mir reden m�ssen.�</p><p>�Ich habe Ihnen nichts zu sagen.�</p><p>�Martin ist tot�, sagte Mikael eindringlich. �Sie haben Martin nie gemocht. Ich glaube, Sie sind nicht nur nach London gezogen, um Ihren Vater nicht mehr sehen zu m�ssen,  sondern auch, um Martin nicht mehr zu begegnen. Das bedeutet aber, dass Sie auch Bescheid wussten, und die Einzige, die es Ihnen erz�hlt haben kann, ist Harriet. Die Frage ist nur - was haben Sie mit diesem Wissen angefangen?�</p><p>Anita Vanger knallte Mikael die T�r vor der Nase zu.</p><p>Lisbeth l�chelte Mikael zufrieden an, als sie ihn von dem Mikrofon befreite, das er unter seinem Hemd getragen hatte.</p><p>�Drei�ig Sekunden, nachdem wir drau�en waren, hat sie den H�rer abgenommen�, sagte sie.</p><p>�Die Vorwahl ist die von Australien�, verk�ndete Trinity und legte die Kopfh�rer auf den kleinen Arbeitstisch im Lieferwagen. �Ich muss nur mal kurz den <emphasis>area code</emphasis> pr�fen.� Er dr�ckte ein paar Tasten auf seinem Laptop.</p><p>�Okay, sie hat diese Nummer hier gew�hlt. Das ist ein Anschluss in einem Ort namens Tennant Creek, n�rdlich von Alice Springs in Australien, Northern Territory. Wollen Sie das Gespr�ch h�ren?�</p><p>Mikael nickte. �Wie sp�t ist es jetzt in Australien?�</p><p>�Ungef�hr f�nf Uhr morgens.� Trinity schaltete den Digitalspieler ein und schloss ein paar Lautsprecher an. Mikael h�rte acht Mal das Freizeichen, bevor jemand den H�rer abnahm. Das Gespr�ch wurde auf Englisch gef�hrt.</p><p>�Hallo. Ich bin�s.�</p><p>�Puuh, ich bin ja bestimmt kein Morgenmuffel, aber ��</p><p>�Ich wollte gestern schon anrufen � Martin ist tot. Er hatte vorgestern einen Autounfall.�</p><p>Schweigen. Danach etwas, das wie ein R�uspern klang, aber auch als �Gut� interpretiert werden konnte.</p><p>�Aber wir haben ein Problem. Ein widerlicher Journalist, der von Henrik engagiert worden ist, hat gerade eben an meine T�r geklopft. Er will wissen, was 1966 geschehen ist. Irgendwas wei� er.�</p><p>Schweigen. Dann eine resolute Stimme: �Anita. Leg jetzt auf. Wir d�rfen eine Weile keinen Kontakt mehr haben.�</p><p>�Aber ��</p><p>�Schreib mir einen Brief. Erz�hl mir, was passiert ist.� Danach brach das Gespr�ch ab.</p><p>�Cleveres M�dchen�, sagte Lisbeth mit bewunderndem Unterton.</p><p>Sie kamen kurz vor elf Uhr abends ins Hotel zur�ck. An der Rezeption war man ihnen dabei behilflich, Pl�tze f�r den n�chstm�glichen Flug nach Australien zu buchen. Nach einer Weile hatten sie Pl�tze in einem Flugzeug, das erst am n�chsten Abend um 19.05 Uhr nach Canberra, New South Wales, abfliegen w�rde.</p><p>Als alle Details abgekl�rt waren, zogen sie sich aus und fielen ins Bett.</p><p>Lisbeth Salander war zum ersten Mal in London. Sie verbrachten den Vormittag damit, die Tottenham Court Road entlangzulaufen und durch Soho zu bummeln. In der Old Compton Street legten sie eine Pause ein und tranken einen Milchkaffee. Gegen drei gingen sie zum Hotel zur�ck, um ihr Gep�ck zu holen. Als Mikael die Rechnung bezahlte, schaltete Lisbeth ihr Handy ein und bemerkte, dass sie eine SMS bekommen hatte.</p><p>�Ich soll Armanskij zur�ckrufen.�</p><p>Sie benutzte das Telefon an der Rezeption, um ihren Chef anzurufen. Mikael stand ein St�ck von ihr entfernt und sah nur, wie Lisbeth ihn mit versteinertem Gesicht anblickte. Er war sofort bei ihr.</p><p>�Was ist?�</p><p>�Meine Mutter ist tot. Ich muss sofort nach Schweden zur�ck.�</p><p>Lisbeth sah so verzweifelt aus, dass Mikael sie in den Arm nahm. Sie schob ihn von sich.</p><p>In der Hotelbar tranken sie noch einen Kaffee. Als Mikael erkl�rte, er wolle die Tickets nach Australien stornieren und mit ihr nach Stockholm fliegen, sch�ttelte sie den Kopf.</p><p>�Nein�, widersprach sie. �Wir k�nnen den Job jetzt nicht in den Sand setzen. Du musst allein nach Australien fliegen.�</p><p>Sie trennten sich vor dem Hotel.</p><a id="calibre_link-107"/><p><a id="calibre_link-108"/></p><p><strong>26. Kapitel</strong></p><p><strong>Dienstag, 15. Juli - Donnerstag, 17. Juli</strong></p><p>Mikael nahm einen Inlandsflug von Canberra nach Alice Springs. Etwas anderes blieb ihm nicht �brig, als er am sp�ten Nachmittag ankam. Danach hatte er die Wahl, f�r die vierhundert Kilometer lange Fahrt Richtung Norden entweder ein Flugzeug zu chartern oder ein Auto zu mieten. Er entschied sich f�r Letzteres.</p><p>Ein Unbekannter mit dem biblischen Decknamen Joshua, der zu Plagues oder vielleicht auch Trinitys geheimnisvollem internationalem Netzwerk geh�rte, hatte am Informationsschalter des Flughafens ein Kuvert hinterlassen, das auf Mikael wartete, als er in Canberra landete.</p><p>Der Telefonanschluss geh�rte zu einer gewissen Cochran Farm. Ein kurzer Bericht kl�rte Mikael dar�ber auf, dass es sich um eine Schaffarm handelte. Eine Zusammenfassung aus dem Internet lieferte ihm Details �ber die australische Viehwirtschaft. Australien hat 18 Millionen Einwohner. 53 000 von ihnen sind Schafz�chter, die ungef�hr 120 Millionen Schafe besitzen. Allein der Export der Wolle macht einen Umsatz von 3,5 Milliarden Dollar j�hrlich aus. Dazu kommen der Export von 700 Millionen Tonnen Hammelfleisch sowie das Leder f�r die Bekleidungsindustrie. Die Fleisch- und Wollproduktion sind die wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes.</p><p>Die Cochran Farm, 1891 von einem Jeremy Cochran gegr�ndet, war Australiens f�nftgr��ter Agrarbetrieb mit ungef�hr 60 000 Merinoschafen, deren Wolle als besonders fein gilt. Neben den Schafen hielt man auch noch K�he, Schweine und H�hner.</p><p>Mikael stellte fest, dass die Cochran Farm ein Gro�unternehmen mit einem imposanten Jahresumsatz war, der durch regen Export - unter anderem in die USA, Japan, China und Europa - zustande kam.</p><p>1972 war die Farm von einem Raymond Cochran an Spencer Cochran vererbt worden, der in Oxford studiert hatte. Spencer starb 1994. Seitdem wurde die Farm von seiner Witwe gef�hrt. Auf der Homepage der Cochran Farm war sie auf einem verschwommenen, k�rnigen Bild zu sehen: eine kurzhaarige blonde Frau mit halb verdecktem Gesicht, die ein Schaf streichelte. Nach Joshuas Angaben hatte das Paar 1971 in Italien geheiratet.</p><p>Ihr Name war Anita Cochran.</p><p>Mikael �bernachtete in einem ausgetrockneten Kaff mit dem hoffnungsvollen Namen Wannado. Im Pub a� er Hammelbraten und hob drei Pints mit ortsans�ssigen Leuten, die ihn �mate� nannten und einen lustigen Akzent hatten. Er f�hlte sich, als w�re er am Film-Set von <emphasis>Crocodile Dundee</emphasis>.</p><p>Bevor er sp�tnachts einschlief, rief er Erika in New York an.</p><p>�Tut mir leid, Ricky, aber ich war so besch�ftigt, dass ich keine Zeit hatte, dich anzurufen.�</p><p>�Was zum Teufel ist da eigentlich los in Hedestad?�, explodierte sie. �Christer hat angerufen und mir erz�hlt, dass Martin Vanger bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist.�</p><p>�Das ist eine lange Geschichte.�</p><p>�Und warum gehst du nicht ans Telefon? Ich hab in den letzten Tagen wie verr�ckt probiert, dich anzurufen.�</p><p>�Ich hab hier kein Netz.�</p><p>�Wo bist du denn?�</p><p>�Ungef�hr zweihundert Kilometer n�rdlich von Alice Springs. Also in Australien.�</p><p>Mikael hatte Erika nur selten �berraschen k�nnen. Diesmal schwieg sie fast zehn Sekunden.</p><p>�Und was machst du in Australien, wenn ich fragen darf.�</p><p>�Ich bin dabei, meinen Job zu Ende zu bringen. In ein paar Tagen bin ich zur�ck in Schweden. Ich hab nur angerufen, um dir zu erz�hlen, dass der Auftrag f�r Henrik Vanger bald erledigt ist.�</p><p>�Du willst doch nicht etwa sagen, dass du herausgefunden hast, was mit Harriet passiert ist?�</p><p>�Scheint fast so.�</p><p>Als er am n�chsten Tag gegen zw�lf Uhr bei der Cochran Farm ankam, erfuhr er, dass Anita Cochran sich derzeit an einer ihrer Produktionsst�tten an einem Ort namens Makawaka aufhielt, der weitere hundertzwanzig Kilometer westlich gelegen war.</p><p>Es wurde vier Uhr nachmittags, bevor Mikael sich seinen Weg �ber unz�hlige <emphasis>backroads</emphasis> gesucht hatte. Er blieb an einem Zaun stehen, wo sich eine Gruppe von Schafz�chtern zum Kaffeetrinken um den K�hler eines Jeeps versammelt hatte. Mikael stieg aus, stellte sich vor und erkl�rte, er suche Anita Cochran. Die M�nner schauten auf einen muskul�sen Mann um die drei�ig, der anscheinend derjenige in der Gruppe war, der die Entscheidungen traf. Sein nackter Oberk�rper war braun gebrannt, abgesehen von dem hellen Umriss, den sein T-Shirt hinterlassen hatte. Auf dem Kopf trug er einen Cowboyhut.</p><p>�Die Chefin ist noch ein paar Meilen weiter da runter�, sagte er und deutete die Richtung mit dem Daumen an.</p><p>Skeptisch musterte er Mikaels Auto und f�gte dann hinzu,  es sei wohl keine sonderlich gute Idee, mit einem japanischen Spielzeugauto weiterzufahren. Schlie�lich verk�ndete der braun gebrannte Athlet, dass er Mikael dann wohl mit seinem Jeep dorthin bringen w�rde - dem einzig sinnvollen Fahrzeug f�r dieses Gel�nde. Mikael bedankte sich und nahm seine Computertasche mit.</p><p>Der Mann stellte sich als Jeff vor und sagte, er sei der <emphasis>Studs Manager at the Station</emphasis>. Mikael bat ihn um eine �bersetzung. Jeff schielte zu Mikael hin�ber und stellte fest, dass er wohl nicht aus der Gegend sei. Der <emphasis>Studs Manager</emphasis>, so erkl�rte er, sei ungef�hr das, was der Filialleiter einer Bank ist, nur dass er eben Schafe verwaltete, und <emphasis>Station</emphasis> sei das australische Wort f�r Ranch.</p><p>Sie unterhielten sich, w�hrend Jeff seinen Jeep gem�chlich durch eine Schlucht mit einem seitlichen Gef�lle von zwanzig Grad lenkte. Mikael dankte seinem guten Stern, dass er nicht versucht hatte, diese Strecke mit seinem Leihauto zur�ckzulegen. Er erkundigte sich, was unten in der Schlucht sei, und erfuhr, dass dort siebenhundert Schafe weideten.</p><p>�Ich habe geh�rt, dass die Cochran Farm zu den gr��eren Farmen geh�rt.�</p><p>�Wir sind eine der gr��ten in ganz Australien�, entgegnete Jeff mit einem gewissen Stolz in der Stimme. �Wir haben ungef�hr 9000 Schafe hier im Makawaka-Distrikt, aber <emphasis>Stations</emphasis>  haben wir sowohl in New South Wales als auch in Western Australia. Insgesamt besitzen wir knapp 63 000 Schafe.�</p><p>Sie fuhren aus der Schlucht heraus und durch eine h�gelige, weniger unwirtliche Landschaft. Pl�tzlich h�rte Mikael Sch�sse. Er sah Schafskadaver, gro�e Feuer und ein Dutzend Farmarbeiter. Es sah so aus, als w�rden alle Gewehre in der Hand halten. Anscheinend wurden gerade Schafe geschlachtet.</p><p>Unwillk�rlich kam Mikael die Assoziation biblischer Opferl�mmer in den Sinn.</p><p>Dann erblickte er eine Frau mit Jeans, einem rot-wei� karierten Hemd und kurzen blonden Haaren. Jeff parkte ein paar Meter neben ihr.</p><p>�<emphasis>Hi boss. We got a tourist</emphasis>�, sagte er.</p><p>Mikael stieg aus dem Jeep und sah sie an. Sie erwiderte den Blick mit fragenden Augen.</p><p>�Hej, Harriet. Lange nicht gesehen�, sagte Mikael auf Schwedisch.</p><p>Keiner der M�nner, die f�r Anita Cochran arbeiteten, verstand, was er sagte, aber ihre Reaktion konnten sie deutlich erkennen. Sie trat einen Schritt zur�ck und sah zu Tode erschrocken aus. Anita Cochrans M�nner f�hlten sich ganz als Besch�tzer ihrer Chefin - als sie ihre Reaktion bemerkten, h�rten sie auf zu grinsen, richteten sich auf und signalisierten ihre Bereitschaft, gegen den seltsamen Fremden vorzugehen, der ihrem Boss so sichtliches Unbehagen bereitete. Jeffs Freundlichkeit war pl�tzlich wie weggeblasen, als er einen Schritt auf Mikael zutrat.</p><p>Mikael wurde pl�tzlich klar, dass er sich in einer entlegenen Gegend auf der anderen Seite der Erdkugel befand, umringt von einem Trupp verschwitzter Schafz�chter mit Schrotflinten. Ein Wort von Anita Cochran, und sie konnten ihn in St�cke rei�en.</p><p>Dann war der Augenblick vor�ber. Harriet Vanger winkte beschwichtigend ab, und die M�nner traten ein paar Schritte zur�ck. Sie ging auf Mikael zu und blickte ihm in die Augen. Sie war schwei�gebadet, ihr Gesicht schmutzig von der Arbeit. Mikael konnte erkennen, dass ihr blondes Haar am Ansatz dunkler nachwuchs. Sie war �lter und im Gesicht magerer geworden, hatte sich aber genau zu der sch�nen Frau entwickelt, die das Konfirmationsfoto prophezeit hatte.</p><p>�Sind wir uns schon einmal irgendwo begegnet?�, fragte Harriet Vanger.</p><p>�Oh ja. Ich hei�e Mikael Blomkvist. Sie waren mein Babysitter in dem Sommer, als ich drei Jahre alt war. Sie waren zw�lf, dreizehn Jahre alt.�</p><p>Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich ihr Blick aufhellte, und Mikael sah, dass sie sich pl�tzlich an ihn erinnern konnte. Sie sah verbl�fft aus.</p><p>�Was wollen Sie?�</p><p>�Ich bin nicht Ihr Feind, Harriet. Ich bin nicht hier, um Ihnen etwas B�ses zu tun. Aber wir m�ssen uns unterhalten.�</p><p>Sie bat Jeff, die Aufsicht zu �bernehmen, und bedeutete Mikael, ihr zu folgen. Gemeinsam gingen sie ungef�hr zweihundert Meter weiter, bis sie eine Gruppe wei�er Segeltuchzelte an einem Hain erreichten. Sie wies auf einen Klappstuhl neben einem klapprigen Tisch, goss Wasser in ein Waschbecken und wusch sich das Gesicht. Dann trocknete sie sich ab, ging ins Zelt und wechselte das Hemd.</p><p>�Okay. Sprechen Sie.�</p><p>�Warum erschie�en Sie die Schafe?�</p><p>�Wir haben eine ansteckende Epidemie. Die meisten dieser Schafe sind wahrscheinlich v�llig gesund, aber wir k�nnen nicht riskieren, dass sich die Krankheit ausbreitet. Wir m�ssen n�chste Woche sechshundert Schafe notschlachten. Deswegen bin ich nicht unbedingt bester Laune.�</p><p>Mikael nickte.</p><p>�Ihr Bruder ist vor ein paar Tagen bei einem Autounfall ums Leben gekommen.�</p><p>�Ich hab�s geh�rt.�</p><p>�Von Anita Vanger, als sie Sie angerufen hat.�</p><p>Sie sah ihn eine Weile forschend an. Dann nickte sie. Sie begriff, dass es sinnlos war, solch einfache Wahrheiten abzustreiten.</p><p>�Wie haben Sie mich gefunden?�</p><p>�Wir haben Anitas Telefon abgeh�rt.� Auch Mikael fand, dass es keinen Grund zum L�gen gab. �Ich habe Ihren Bruder ein paar Minuten vor seinem Tod getroffen.�</p><p>Harriet Vanger runzelte die Brauen. Sie sahen sich in die Augen. Dann nahm er seinen albernen Schal ab, zog den Hemdkragen nach unten und zeigte ihr den Streifen, den die W�rgeschlinge hinterlassen hatte. Er war von der Entz�ndung ger�tet; wahrscheinlich w�rde er dort zur Erinnerung an Martin Vanger eine Narbe zur�ckbehalten.</p><p>�Ihr Bruder hatte mich an einer Schlinge aufgeh�ngt, als in letzter Minute meine Partnerin auftauchte und ihn verm�belt hat.�</p><p>In Harriets Augen blitzte etwas auf.</p><p>�Ich glaube, am besten erz�hlen Sie mir die Geschichte von Anfang an.�</p><p>Es dauerte �ber eine Stunde. Mikael begann, indem er ihr erz�hlte, wer er war und welchen Job er aus�bte. Er erz�hlte, wie Henrik ihn beauftragt hatte und warum es ihm nicht ungelegen gekommen war, sich in Hedeby niederzulassen. Er fasste zusammen, wie die polizeilichen Ermittlungen sich festgefahren und Henrik jahrelang auf eigene Faust ermittelt hatte, in der �berzeugung, irgendjemand aus der Familie habe Harriet ermordet. Er fuhr seinen Laptop hoch und erkl�rte, wie er an die Bilder von der Bahnhofstra�e herangekommen war und wie Lisbeth und er einen Serienm�rder aufgesp�rt hatten, der sich schlie�lich als zwei Personen entpuppte.</p><p>W�hrend er redete, fing es an zu d�mmern. Die M�nner machten Feierabend, z�ndeten Lagerfeuer an, und bald k�chelte in allen T�pfen der Eintopf vor sich hin. Mikael bemerkte, dass Jeff in der N�he seiner Chefin blieb und ihn misstrauisch im Auge behielt. Der Koch brachte Harriet und Mikael ein Abendessen. Sie machten sich jeder eine Flasche Bier auf. Als er mit seiner Erz�hlung fertig war, schwieg Harriet eine Weile.</p><p>�Mein Gott�, sagte sie.</p><p>�Der Mord in Uppsala ist Ihnen entgangen.�</p><p>�Dem habe ich keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt. Ich war so froh, dass mein Vater tot war und die Gewalt ein Ende genommen hatte. Nie w�re mir eingefallen, dass Martin �� Sie brach ab. �Ich bin froh, dass er tot ist.�</p><p>�Ich kann Sie verstehen.�</p><p>�Aber Ihre Erz�hlung erkl�rt nicht, wie Sie darauf gekommen sind, dass ich noch am Leben bin.�</p><p>�Als wir herausgefunden hatten, was geschehen war, war der Rest nicht mehr schwer. Um verschwinden zu k�nnen, brauchten Sie Hilfe. Anita Vanger war Ihre Vertraute und die Einzige, die infrage kam. Sie waren Freundinnen geworden und hatten den Sommer miteinander verbracht. Sie wohnten drau�en in Gottfrieds H�uschen. Wenn es jemand gab, dem Sie sich anvertrauen konnten, dann war sie es - au�erdem hatte sie ja gerade den F�hrerschein gemacht.�</p><p>Harriet Vanger sah ihn mit neutralem Gesichtsausdruck an.</p><p>�Und jetzt, wo Sie wissen, dass ich lebe - was werden Sie tun?�</p><p>�Ich werde es Henrik erz�hlen. Er verdient es, die Wahrheit zu erfahren.�</p><p>�Und dann? Sie sind Journalist.�</p><p>�Ich habe nicht vor, Sie �ffentlich vorzuf�hren, Harriet. Ich habe in diesem ganzen Schlamassel schon so viele Unkorrektheiten begangen, dass der Journalistenverband mich wahrscheinlich ausschlie�en w�rde, wenn er davon erf�hre.� Er versuchte zu scherzen. �Eine mehr oder weniger spielt da auch keine Rolle mehr, und ich will doch mein altes Kinderm�dchen nicht gegen mich aufbringen.�</p><p>Sie l�chelte nicht einmal.</p><p>�Wie viele kennen die Wahrheit?�</p><p>�Dass Sie am Leben sind? Derzeit nur ich und Sie und Anita und meine Partnerin Lisbeth. Dirch Frode kennt ungef�hr zwei Drittel der Geschichte, aber er glaubt immer noch, dass Sie in den sechziger Jahren gestorben sind.�</p><p>Harriet Vanger schien nachzudenken. Sie blickte ins Dunkel hinaus. Erneut beschlich Mikael das unangenehme Gef�hl, sich ganz alleine in einer heiklen Lage zu befinden. Harriet Vangers Gewehr lehnte immer noch einen halben Meter von ihr entfernt an der Zeltwand. Schlie�lich besann er sich und wechselte das Thema.</p><p>�Aber wie haben Sie es geschafft, Schafz�chterin in Australien zu werden? Ich wei� bereits, dass Anita Vanger Sie von der Hedeby-Insel fortgeschmuggelt hat, vermutlich im Kofferraum, als die Br�cke einen Tag nach dem Unfall wieder freigegeben worden war.�</p><p>�Ich lag tats�chlich nur auf dem Boden vor den R�cksitzen und war mit einer Wolldecke zugedeckt. Ich ging zu Anita, als sie auf die Insel kam und sagte ihr, dass ich fliehen musste. Sie haben richtig geraten, ich habe mich ihr anvertraut. Sie hat mir geholfen und war mir �ber all die Jahre eine loyale Freundin.�</p><p>�Wie sind Sie nach Australien gekommen?�</p><p>�Zuerst habe ich ein paar Wochen in Anitas Studentenzimmer in Stockholm gewohnt, bis ich Schweden verlie�. Anita hatte eigenes Geld und lieh mir eine gr��ere Summe. Ich bekam auch ihren Pass. Wir sahen uns sehr �hnlich, ich musste mir nur die Haare blond f�rben. Vier Jahre lang wohnte ich in einem Kloster in Italien - ich war zwar keine Nonne, aber es gibt Kl�ster, in denen man billig Zimmer mieten kann, um in Ruhe und Frieden nachdenken zu k�nnen. Dann begegnete ich zuf�llig Spencer Cochran. Er war ein paar Jahre �lter als ich, hatte gerade sein Examen in England gemacht und reiste noch ein bisschen kreuz und quer durch Europa. Ich verliebte mich. Und er sich auch. So einfach war das. Ich heiratete ihn 1971 als <emphasis>Anita</emphasis> Vanger. Ich habe es nie bereut. Er war ein wunderbarer Mann. Leider ist er vor acht Jahren gestorben, und mir fiel mit einem Mal die Farm zu.�</p><p>�Aber der Pass - es musste doch jemand auffallen, dass es zwei Anita Vangers gab?�</p><p>�Nein, wieso? Eine Schwedin namens Anita Vanger ist verheiratet mit Spencer Cochran. Ob sie jetzt in London oder Australien wohnt, spielt keine Rolle. In London ist sie Spencer Cochrans Frau, die eben getrennt von ihm lebt. In Australien lebt sie mit ihm zusammen. Niemand gleicht die Melderegister zwischen London und Canberra ab. Au�erdem bekam ich ja bald einen australischen Pass auf den Namen Cochran. Dieses Arrangement funktioniert pr�chtig. Die Sache h�tte nur gef�hrdet werden k�nnen, wenn es Anita in den Sinn gekommen w�re, zu heiraten. Meine Ehe ist in den schwedischen Melderegistern eingetragen.�</p><p>�Sie hat es also bleiben lassen.�</p><p>�Sie behauptet, dass sie keinen gefunden hat. Aber ich wei�, dass sie f�r mich verzichtet hat. Sie war eine echte Freundin.�</p><p>�Was hat sie damals in Ihrem Zimmer gemacht?�</p><p>�Ich war an jenem Tag nicht bei klarstem Verstand. Ich hatte Angst vor Martin, aber solange er in Uppsala war, konnte ich das Problem verdr�ngen. Dann stand er da einfach auf der Stra�e in Hedestad, und ich begriff, dass ich niemals in meinem ganzen Leben sicher sein w�rde. Ich schwankte zwischen zwei M�glichkeiten - entweder Henrik alles zu erz�hlen oder zu fliehen. Als Henrik keine Zeit hatte, lief ich rastlos durch die Stadt. Ich verstehe nat�rlich, dass dieser Unfall auf der Br�cke f�r meine Familienmitglieder alles �berschattet hat, aber eben nicht f�r mich. Ich hatte meine eigenen Probleme und war mir des Unfalls kaum bewusst. Alles kam mir so unwirklich vor. Dann lief mir zuf�llig Anita �ber den Weg, die in einem kleinen G�steh�uschen auf Gerdas und Alexanders Grundst�ck wohnte. Da entschloss ich mich, sie um Hilfe zu bitten. Ich blieb die ganze Zeit bei ihr und traute mich kein einziges Mal, den Fu� vor die T�r zu setzen. Aber eins musste ich auf meiner Flucht unbedingt mitnehmen - ich hatte alles, was geschehen war, in ein Tagebuch geschrieben, au�erdem brauchte ich ja ein paar Sachen zum Anziehen. Anita holte alles f�r mich.�</p><p>�Ich nehme an, sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, das Fenster zu �ffnen und einen Blick auf den Unfallort zu werfen.� Mikael �berlegte kurz. �Nur eines begreife ich nicht: Warum sind Sie nicht zu Henrik gegangen, wie Sie es urspr�nglich vorgehabt hatten?�</p><p>�Was glauben Sie?�</p><p>�Ich wei� es wirklich nicht. Ich bin �berzeugt, dass Henrik Ihnen geholfen h�tte. Martin w�re sofort unsch�dlich gemacht worden, und Henrik h�tte Sie nat�rlich nicht blo�gestellt. Er h�tte das Ganze irgendwo diskret mit einer Art Therapie geregelt.�</p><p>�Sie haben nicht kapiert, was passiert ist.�</p><p>Bis zu diesem Moment hatte Mikael zwar Gottfrieds sexuelle �bergriffe auf Martin erw�hnt, Harriets Rolle aber offen gelassen.</p><p>�Gottfried hat sich an Martin vergangen�, sagte er vorsichtig. �Und ich bef�rchte, er hat sich auch an Ihnen vergriffen.�</p><p>Harriet Vanger bewegte keinen Muskel. Dann holte sie tief Luft und vergrub das Gesicht in den H�nden. Es dauerte ungef�hr drei Sekunden, dann war Jeff bei ihr und fragte, ob alles in Ordnung sei. Harriet Vanger sah ihn an und schenkte ihm ein schwaches L�cheln. Dann �berraschte sie Mikael, indem sie aufstand, ihren <emphasis>Studs Manager</emphasis> umarmte und auf die Wange k�sste. Den Arm um seine Schulter gelegt, wandte sie sich an Mikael.</p><p>�Jeff, das hier ist Mikael, ein alter � Freund aus l�ngst vergangenen Tagen. Er bringt Probleme und schlechte Nachrichten, aber wir wollen ja nicht den �berbringer der schlechten Nachricht erschie�en. Mikael, das hier ist Jeff Cochran. Mein �ltester Sohn. Ich habe noch einen Sohn und eine Tochter.�</p><p>Mikael nickte. Jeff war um die drei�ig. Harriet hatte also nicht lange mit dem Kinderkriegen gewartet, nachdem sie  Spencer Cochran geheiratet hatte. Er stand auf, streckte Jeff die Hand entgegen und erkl�rte, wie leid es ihm tat, seine Mutter traurig gemacht zu haben, es sei aber leider notwendig gewesen. Harriet wechselte ein paar Worte mit Jeff und schickte ihn dann fort. Sie setzte sich wieder zu Mikael und schien einen Entschluss gefasst zu haben.</p><p>�Keine L�gen mehr. Ich denke, es ist alles vorbei. Irgendwie habe ich seit 1966 auf diesen Tag gewartet. Jahrelang war es meine gr��te Angst, dass jemand wie Sie kommen und meinen wahren Namen aussprechen w�rde. Und wissen Sie was - auf einmal ist es mir egal. Mein Verbrechen ist verj�hrt. Und ich pfeife drauf, was die Leute von mir denken.�</p><p>�Verbrechen?�, hakte Mikael nach.</p><p>Sie sah ihn herausfordernd an, aber er verstand nicht, wovon sie sprach.</p><p>�Ich war sechzehn. Ich hatte Angst. Ich sch�mte mich. Ich war verzweifelt. Ich war allein. Die Einzigen, die die Wahrheit kannten, waren Anita und Martin. Anita hatte ich von den sexuellen �bergriffen erz�hlt, aber ich hatte es nicht �ber mich gebracht, ihr zu erz�hlen, dass mein Vater obendrein ein verr�ckter Frauenm�rder war. Davon hat Anita nie erfahren. Ich habe ihr jedoch von dem Verbrechen erz�hlt, das ich selbst begangen habe. Es war so furchtbar, dass ich es Henrik im entscheidenden Moment nicht zu sagen wagte. Ich betete, dass Gott mir verzeihen mochte. Und ich versteckte mich mehrere Jahre in einem Kloster.�</p><p>�Harriet, Ihr Vater war ein Vergewaltiger und M�rder. Sie traf keine Schuld.�</p><p>�Ich wei�. Mein Vater hat mich ein Jahr lang missbraucht. Ich habe alles getan, um zu vermeiden, dass � aber er war mein Vater, und ich konnte mich nicht pl�tzlich weigern, ihn zu sehen, ohne den Grund zu erkl�ren. Also l�chelte ich und spielte ein Spiel und versuchte so zu tun, als w�re alles okay. Ich sorgte nach M�glichkeit daf�r, dass andere in der  N�he waren, wenn wir uns trafen. Meine Mutter wusste nat�rlich, was er machte, aber sie k�mmerte sich nicht weiter darum.�</p><p>�Isabella wusste es?�, rief Mikael best�rzt aus.</p><p>Harriets Stimme wurde wieder hart.</p><p>�Nat�rlich wusste sie davon. In unserer Familie gab es nichts, was sie nicht gewusst h�tte. Aber Dinge, die ihr unangenehm waren oder die sie in ein schlechtes Licht r�ckten, ignorierte sie einfach. Mein Vater h�tte mich mitten im Wohnzimmer vor ihren Augen vergewaltigen k�nnen, ohne dass sie es gesehen h�tte. Sie war unf�hig, sich einzugestehen, dass in meinem oder ihrem Leben etwas nicht stimmte.�</p><p>�Ich habe sie kennengelernt. Sie ist eine alte Hexe.�</p><p>�Das ist sie ihr Lebtag gewesen. Ich habe oft �ber das Verhalten meiner Eltern nachgedacht. Ich wei�, dass sie selten oder nie Sex miteinander hatten, seitdem ich zur Welt gekommen war. Auf eine ganz seltsame Art hatte er Angst vor Isabella. Er ging ihr aus dem Weg, konnte sich aber nicht scheiden lassen.�</p><p>�In der Familie Vanger l�sst man sich nicht scheiden.�</p><p>Zum ersten Mal lachte sie.</p><p>�Nein, das tut man nicht. Aber ich brachte es eben nicht �ber mich, alles zu erz�hlen. Die ganze Welt h�tte es erfahren. Meine Klassenkameraden, die gesamte Familie ��</p><p>Mikael legte eine Hand auf die ihre. �Harriet, es tut mir so entsetzlich leid.�</p><p>�Ich war vierzehn, als er mich zum ersten Mal vergewaltigte. Und im Jahr danach nahm er mich immer in sein H�uschen mit. Mehrmals war auch Martin dabei. Unser Vater zwang uns beide, gewisse Sachen mit ihm zu machen. Und er hielt mir die Arme fest, w�hrend Martin sich an mir � befriedigen durfte. Als mein Vater starb, stand Martin schon bereit, seine Rolle zu �bernehmen. Er erwartete, dass ich seine Geliebte w�rde, und fand es ganz nat�rlich, dass ich mich ihm  unterwerfe. Zu jenem Zeitpunkt hatte ich keine Wahl mehr. Ich musste Martin zu Willen zu sein. Den einen Peiniger war ich losgeworden, nur um dem n�chsten in die H�nde zu fallen. Ich musste also aufpassen, dass sich m�glichst keine Gelegenheit ergab, bei der ich mit ihm allein war.�</p><p>�Henrik h�tte ��</p><p>�Sie verstehen mich immer noch nicht.�</p><p>Sie wurde lauter. Mikael sah, wie ein paar M�nner im Zelt nebenan zu ihm hin�berschielten. Sie d�mpfte ihre Stimme wieder und beugte sich ihm entgegen.</p><p>�Alles liegt ganz offen vor Ihnen. Sie m�ssen sich den Rest nur an den Fingern abz�hlen.�</p><p>Sie stand auf und holte noch zwei Flaschen Bier. Als sie zur�ckkam, sagte Mikael nur ein Wort zu ihr.</p><p>�Gottfried?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Am 7. August 1965 hatte mein Vater mich gezwungen, mit ihm in seine H�tte zu kommen. Henrik war verreist. Mein Vater war heillos betrunken und versuchte, mich zu vergewaltigen. Dabei kriegte er ihn nicht mal hoch, er war ja schon kurz vorm Delirium. Er war immer � grob und gewaltt�tig, wenn wir allein waren, aber diesmal �berschritt er die Grenze. Er urinierte auf mich. Dann erz�hlte er mir wieder, was er mit mir machen w�rde. Am Abend sprach er von den Frauen, die er ermordet hatte. Er prahlte damit. Er zitierte die Bibel. Stundenlang ging das so. Ich verstand nicht mal die H�lfte von dem, was er sagte, aber ich begriff, dass er vollkommen krank im Kopf war.�</p><p>Sie nahm einen Schluck Bier.</p><p>�Irgendwann gegen Mitternacht bekam er einen richtigen Anfall. Er wurde total wahnsinnig. Wir waren oben in seinem Schlafgeschoss. Er legte mir ein T-Shirt um den Hals und zog so fest zu, wie er nur konnte. Mir wurde schwarz vor Augen. Ich hegte nicht den geringsten Zweifel, dass er mich wirklich  umbringen wollte, und zum ersten Mal in der Nacht gelang es ihm auch, mich vollst�ndig zu vergewaltigen.�</p><p>Harriet Vanger richtete ihre Augen flehentlich auf Mikael.</p><p>�Aber er war so besoffen, dass ich mich irgendwie befreien konnte. Ich lief panisch aus der H�tte. Ich war nackt und rannte, ohne gro� nachzudenken, bis ich pl�tzlich unten am Bootssteg ankam. Er kam mir torkelnd hinterher.�</p><p>Mikael w�nschte sich pl�tzlich, sie w�rde nicht weitererz�hlen.</p><p>�Meine Kr�fte reichten aus, um einen Besoffenen ins Wasser zu sto�en. Ich benutzte ein Ruder, um ihn unter Wasser zu dr�cken, bis er aufh�rte zu zappeln. Es dauerte nur ein paar Sekunden.�</p><p>Sie hielt inne. Die Stille war pl�tzlich ohrenbet�ubend.</p><p>�Und als ich wieder aufblickte, stand Martin da. Er sah erschrocken aus, grinste aber dann. Ich wei� nicht, wie lange er sich schon vor dem H�uschen herumgetrieben und uns nachspioniert hatte. Von diesem Moment an war ich ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Er packte mich bei den Haaren, f�hrte mich in die H�tte zur�ck und wieder in Gottfrieds Bett. Er fesselte und vergewaltigte mich, w�hrend unser Vater immer noch im Wasser unten am Landesteg trieb, und ich konnte mich nicht einmal widersetzen.�</p><p>Mikael blinzelte. Er sch�mte sich pl�tzlich und w�nschte, er h�tte Harriet Vanger in Frieden gelassen. Aber ihre Stimme war jetzt wieder fest.</p><p>�Von jenem Tag an war ich ganz in seiner Gewalt. Ich tat, was er mir sagte. Ich war wie gel�hmt. Was mir den Verstand rettete, war, dass Isabella darauf verfiel, sie k�nnte Martin nach Uppsala schicken, weil er nach dem Tod seines Vaters eine andere Umgebung brauchte. Sie schickte ihn nat�rlich fort, weil sie wusste, was er mit mir machte. Das war eben ihre Art, dieses Problem zu l�sen. Sie k�nnen sich vorstellen, wie entt�uscht Martin war.�</p><p>Mikael nickte.</p><p>�Im Laufe des folgenden Jahres war er nur in den Weihnachtsferien zu Hause, und es gelang mir, ihm aus dem Weg zu gehen. Zwischen den Jahren begleitete ich Henrik auf eine Reise nach Kopenhagen. Und in den Sommerferien war ja Anita da, der ich mich anvertraute. Sie blieb die ganze Zeit bei mir und sorgte daf�r, dass er nicht in meine N�he kommen konnte.�</p><p>�Sie haben ihn auf der Bahnhofstra�e wiedergesehen.�</p><p>Sie warf Mikael einen fast schon am�sierten Blick zu.</p><p>�Es ist tats�chlich sch�n, endlich die Wahrheit zu erz�hlen. Jetzt wissen Sie Bescheid. Was gedenken Sie mit diesem Wissen anzufangen?�</p><a id="calibre_link-109"/><p><a id="calibre_link-110"/></p><p><strong>27. Kapitel</strong></p><p><strong>Samstag, 26. Juli - Montag, 28. Juli</strong></p><p>Mikael holte Lisbeth um zehn Uhr morgens vor ihrer Haust�r in der Lundagata ab und fuhr sie zum Krematorium des Nordfriedhofs. W�hrend des Gedenkgottesdienstes blieb er bei ihr. Lisbeth und Mikael waren lange Zeit die einzigen Anwesenden au�er dem Pfarrer, aber als die Beerdigungszeremonie begann, kam pl�tzlich Dragan Armanskij ganz leise zur T�r herein. Er nickte Mikael kurz zu, stellte sich hinter Lisbeth und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sie nickte, ohne ihn anzusehen, als w�sste sie, wer hinter ihr stand. Dann ignorierte sie sowohl ihn als auch Mikael.</p><p>Lisbeth hatte nichts von ihrer Mutter erz�hlt, aber der Pfarrer hatte offensichtlich mit jemand aus dem Pflegeheim gesprochen, in dem sie gestorben war. Mikael wusste, dass eine Hirnblutung die Todesursache gewesen war. Lisbeth sprach w�hrend der gesamten Zeremonie kein Wort. Zweimal verlor der Pfarrer den Faden, als er sich direkt an Lisbeth wandte, die ihm in die Augen blickte, ohne zu antworten. Als alles vor�ber war, drehte sie sich auf dem Absatz um und ging, ohne Danke oder Auf Wiedersehen zu sagen. Mikael und Dragan atmeten tief durch und warfen sich einen verstohlenen Blick zu. Sie hatten keine Ahnung, was in Lisbeths Kopf vorging.</p><p>�Es geht ihr furchtbar schlecht�, sagte Dragan.</p><p>�Ich wei߫, antwortete Mikael. �Es war gut, dass Sie gekommen sind.�</p><p>�Da bin ich mir �berhaupt nicht so sicher.�</p><p>Armanskij sah Mikael durchdringend an.</p><p>�Fahren Sie wieder in den Norden zur�ck? Passen Sie gut auf sie auf.�</p><p>Mikael versprach es ihm. Sie trennten sich vor der Kirchent�r. Lisbeth wartete schon im Auto.</p><p>Sie musste nach Hedestad mitfahren, um ihr Motorrad und die von Milton Security geliehene Ausr�stung abzuholen. Erst hinter Uppsala brach sie das Schweigen und fragte, wie die Reise nach Australien verlaufen war. Mikael war am Abend zuvor sehr sp�t in Arlanda gelandet und hatte nur ein paar Stunden geschlafen. W�hrend der Fahrt gab er Harriet Vangers Erz�hlung wieder. Lisbeth schwieg eine halbe Stunde, bis sie den Mund aufmachte.</p><p>�Verdammtes Mistst�ck�, sagte sie.</p><p>�Wer?�</p><p>�Diese verfluchte Harriet Vanger. Wenn sie 1966 etwas unternommen h�tte, dann h�tte Martin nicht siebenunddrei�ig Jahre lang weiter morden und vergewaltigen k�nnen.�</p><p>�Harriet wusste von den Morden, die ihr Vater begangen hatte, aber sie hatte keinen Schimmer, dass Martin dabei gewesen war. Sie lief vor einem Bruder davon, der sie vergewaltigte. Falls sie ihm nicht zu Willen war, wollte er verraten, dass sie ihren Vater ertr�nkt hatte.�</p><p>�Bullshit.�</p><p>Danach schwiegen sie bis Hedestad. Lisbeth war ausgesprochen d�sterer Laune. Mikael, der ein Treffen mit Henrik ausgemacht hatte, war schon sp�t dran und lie� sie an der Abzweigung nach Hedeby aussteigen. Er fragte, ob sie noch da sein w�rde, wenn er zur�ckkam.</p><p>�Hast du vor, �ber Nacht hierzubleiben?�</p><p>�Denke schon.�</p><p>�Willst du, dass ich noch da bin, wenn du zur�ckkommst?�</p><p>Er stieg aus dem Auto, ging auf die Beifahrerseite und nahm sie in die Arme. Sie schob ihn mit Gewalt fort. Mikael trat einen Schritt zur�ck.</p><p>�Lisbeth, wir sind Freunde.�</p><p>Sie sah ihn ausdruckslos an.</p><p>�Willst du, dass ich hierbleibe, damit du heute Nacht jemand zum Ficken hast?�</p><p>Mikael bedachte sie mit einem langen Blick. Dann drehte er sich um, setzte sich ins Auto und lie� den Motor an. Er lie� das Fenster herunter. Ihre Feindseligkeit war sp�rbar.</p><p>�Ich will, dass wir Freunde sind�, sagte er. �Wenn du irgendetwas anderes glaubst, dann will ich nicht, dass du noch da bist, wenn ich zur�ckkomme.�</p><p>Henrik Vanger sa� aufrecht und voll bekleidet in seinem Bett, als Dirch Frode Mikael ins Krankenzimmer begleitete. Als Erstes fragte er den alten Mann nach seinem Gesundheitszustand.</p><p>�Sie wollen mich morgen zu Martins Begr�bnis rauslassen.�</p><p>�Wie viel hat Dirch Ihnen erz�hlt?�</p><p>Henrik Vanger blickte auf den Boden.</p><p>�Er hat mir erz�hlt, was Martin und Gottfried getan haben. Das hier war alles viel schlimmer, als ich mir jemals h�tte ausmalen k�nnen.�</p><p>�Ich wei�, was mit Harriet passiert ist.�</p><p>�Wie ist sie gestorben?�</p><p>�Harriet ist nicht gestorben. Sie lebt noch. Wenn Sie wollen, w�rde sie sich sehr gerne mit Ihnen treffen.�</p><p>Henrik Vanger und Dirch Frode starrten Mikael an, als w�re ihre Welt gerade aus den Angeln gehoben worden.</p><p>�Ich habe ein bisschen gebraucht, bis ich sie �berzeugen konnte, nach Schweden zu kommen. Aber sie lebt, es geht ihr  gut, und sie ist hier in Hedestad. Sie ist heute Morgen angekommen und kann in einer Stunde hier sein. Wenn Sie sie sehen wollten, hei�t das nat�rlich.�</p><p>Und wieder musste Mikael die Geschichte von Anfang bis Ende erz�hlen. Henrik Vanger h�rte so konzentriert zu, als lausche er der Bergpredigt eines modernen Jesus. An ein paar Stellen unterbrach er ihn mit einer Frage oder bat Mikael, etwas zu wiederholen. Dirch Frode sagte kein Wort.</p><p>Als Mikael fertig war, schwieg der Alte. Obwohl die �rzte versichert hatten, Henrik habe sich von seinem Herzanfall erholt, f�rchtete Mikael sich vor dem Augenblick, da er ihm die ganze Geschichte erz�hlen w�rde - er hatte Angst, es w�rde einfach zu viel f�r seinen Auftraggeber sein. Aber Henrik zeigte keine �u�erlichen Anzeichen von Bewegtheit. Nur seine Stimme war vielleicht ein klein wenig belegt, als er das Schweigen brach.</p><p>�Arme Harriet. W�re sie doch nur zu mir gekommen.�</p><p>Mikael sah auf die Uhr. Es war f�nf vor vier.</p><p>�Wollen Sie sie sehen? Sie hat immer noch Angst, dass Sie sie versto�en k�nnten, sobald Sie wissen, was sie getan hat.�</p><p>�Und die Blumen?�, fragte Henrik.</p><p>�Danach habe ich sie auf dem R�ckflug gefragt. In der Familie gab es einen Menschen, den sie liebte, und das waren Sie. Die Blumen hat Harriet nat�rlich selbst geschickt. Sie hoffte, dass Ihnen damit klar w�rde, dass sie lebte und es ihr gut ginge. Aber sie bekam ihre Informationen ja nur �ber Anita, und die war ins Ausland gezogen, sobald sie ihr Studium abgeschlossen hatte. Also wusste Harriet nie so richtig, wie sich die Dinge weiterentwickelt hatten. Ihr wurde nie klar, wie schrecklich Sie litten oder dass Sie glaubten, es sei ihr M�rder, der Sie mit diesen Blumen verh�hnte.�</p><p>�Ich nehme an, Anita hat die Blumen f�r sie geschickt.�</p><p>�Sie arbeitete bei einer Fluggesellschaft und flog durch die ganze Welt. Sie gab die Pakete dort auf, wo sie sich gerade befand.�</p><p>�Aber woher wussten Sie, dass ausgerechnet Anita ihr geholfen hatte?�</p><p>�Das Foto, auf dem sie in Harriets Zimmer zu sehen ist.�</p><p>�Aber sie h�tte ja auch verwickelt sein � sie h�tte ja auch die M�rderin sein k�nnen. Woher wussten Sie, dass Harriet noch am Leben war?�</p><p>Mikael sah Henrik lange an. Dann l�chelte er, zum ersten Mal seit seiner R�ckkehr nach Hedestad.</p><p>�Anita war in Harriets Verschwinden verwickelt, aber sie konnte sie nicht umgebracht haben.�</p><p>�Wie konnten Sie da so sicher sein?�</p><p>�Weil das hier kein verdammter Agatha-Christie-Krimi ist. Wenn Anita Harriet umgebracht h�tte, dann w�re der K�rper schon lange gefunden worden. Die einzig logische M�glichkeit war also, dass sie ihr geholfen hatte, zu fliehen und sich versteckt zu halten. Wollen Sie sie sehen?�</p><p>�Nat�rlich will ich Harriet sehen.�</p><p>Mikael holte Harriet bei den Fahrst�hlen in der Eingangshalle ab. Zun�chst erkannte er sie nicht wieder, denn als sie tags zuvor in Arlanda auseinandergegangen waren, war sie noch blond gewesen - jetzt hatte sie ihre alte Haarfarbe wieder. Sie trug eine schwarze Hose, eine wei�e Bluse und eine elegante graue Jacke. Sie sah blendend aus, und Mikael gab ihr einen aufmunternden Kuss auf die Wange.</p><p>Henrik stand von seinem Stuhl auf, als Mikael Harriet die T�r aufmachte. Sie atmete tief durch.</p><p>�Hallo, Henrik�, sagte sie.</p><p>Der Alte musterte sie vom Scheitel bis zur Sohle. Dann ging Harriet auf ihn zu und k�sste ihn auf die Wange. Mikael nickte Dirch Frode zu, schloss die T�r und lie� sie alleine.</p><p>Lisbeth war nicht mehr im G�steh�uschen, als Mikael auf die Insel zur�ckkehrte. Die Videoausr�stung und ihr Motorrad waren weg, ebenso ihre Tasche mit den Kleidern zum Wechseln und die Toilettenartikel im Badezimmer. Es wirkte leer.</p><p>Mikael machte in finsterer Stimmung einen Rundgang durch das H�uschen. Pl�tzlich kam ihm alles fremd und unwirklich vor. Er betrachtete die Papierstapel im Arbeitszimmer, die er in Kartons schichten und wieder zu Henrik zur�cktragen musste, aber dazu konnte er sich jetzt nicht aufraffen.</p><p>Er ging zum Supermarkt und kaufte Brot, Milch, K�se und etwas zum Abendessen. Als er zur�ckkam, machte er sich einen Kaffee und setzte sich in den Garten, wo er die Abendzeitungen las, ohne an irgendetwas zu denken.</p><p>Gegen halb sechs fuhr ein Taxi �ber die Br�cke. Nach drei Minuten kam es zur�ck. Mikael konnte Isabella Vanger auf dem R�cksitz ausmachen.</p><p>Gegen sieben war er auf seinem Gartenstuhl eingeschlummert, als Dirch Frode zu ihm hin�berkam und ihn weckte.</p><p>�Wie l�uft�s mit Henrik und Harriet?�, fragte Mikael.</p><p>�Diese ganze kummervolle Geschichte hat auch was f�r sich�, antwortete Frode mit beherrschtem L�cheln. �Isabella ist pl�tzlich in Henriks Krankenzimmer gest�rmt. Sie hatte entdeckt, dass Sie ins G�steh�uschen zur�ckgekehrt sind, und war fuchsteufelswild. Sie schrie ihn an, jetzt m�sse langsam Schluss sein mit diesem ganzen Harriet-Quatsch, und au�erdem h�tten Sie ihren Sohn in den Tod getrieben.�</p><p>�Tja, ich sch�tze fast, da hat sie recht.�</p><p>�Sie hat Henrik gesagt, er solle Sie entlassen und daf�r sorgen, dass Sie von hier verschwinden. Und er selbst solle aufh�ren, nach Gespenstern zu suchen.�</p><p>�Hoppla.�</p><p>�Die andere Frau im Zimmer w�rdigte sie keines Blickes. Sie glaubte wohl, es m�sse jemand vom Personal sein. Diesen  Augenblick werde ich nie vergessen - Harriet stand auf, sah Isabella an und sagte: �Hallo, Mama�.�</p><p>�Was passierte dann?�</p><p>�Wir mussten einen Arzt holen, um Isabella wieder zu Bewusstsein zu bringen. Jetzt streitet sie ab, dass es wirklich Harriet ist, und behauptet, sie sei eine Betr�gerin, die Sie aufgetan haben. Sie hat ihre f�nf Sinne nicht so ganz beisammen.�</p><p>Frode war auf dem Weg zu Cecilia und Alexander, um ihnen die Neuigkeit mitzuteilen, Harriet sei von den Toten auferstanden. Er eilte fort und lie� Mikael wieder allein.</p><p>N�rdlich von Uppsala hielt Lisbeth an, um ihr Motorrad aufzutanken. Die Strecke bis hierher war sie verbissen gefahren, den Blick starr auf die Stra�e gerichtet. Schnell bezahlte sie und setzte sich wieder auf ihre Maschine. Sie startete und fuhr zur Ausfahrt, wo sie unschl�ssig stehen blieb.</p><p>Sie war immer noch unzufrieden. Als sie Hedeby verlie�, war sie wahnsinnig w�tend gewesen, aber der Zorn hatte auf der Fahrt nachgelassen. Sie war sich nicht sicher, warum sie so b�se auf Mikael war. Sie wusste nicht einmal, ob sich ihr Zorn wirklich gegen ihn richtete.</p><p>Sie dachte an Martin Vanger und an die verfluchte Harriet Vanger und den verfluchten Dirch Frode und die ganze verdammte Familie Vanger, die in Hedestad hockten und �ber ihr kleines Imperium herrschten und gegeneinander intrigierten. Sie hatten ihre Hilfe gebraucht. Unter normalen Umst�nden h�tten sie sie wohl nicht einmal gegr��t, geschweige denn ihr ihre Geheimnisse anvertraut.</p><p>Verfluchtes Pack.</p><p>Sie atmete tief durch und dachte an ihre Mutter, die sie heute Morgen begraben hatte. Es w�rde nie gut werden. Der Tod ihrer Mutter bedeutete, dass die Wunde nie mehr heilen konnte, denn Lisbeth w�rde niemals Antwort auf all die Fragen bekommen, die sie hatte stellen wollen.</p><p>Sie dachte an Dragan Armanskij, der sich bei der Beerdigung hinter sie gestellt hatte. Sie h�tte etwas zu ihm sagen sollen. Ihm zumindest zeigen sollen, dass sie seine Anwesenheit bemerkte. Aber dann h�tte er das nur als Vorwand verstanden, die Organisation ihres Lebens in die Hand zu nehmen. Hielt sie ihm den kleinen Finger hin, nahm er den ganzen Arm. Und er w�rde es doch nicht verstehen.</p><p>Sie dachte an den beschissenen Bjurman, ihren rechtlichen Betreuer, der zumindest vorerst unsch�dlich gemacht war und sich an die Abmachungen hielt.</p><p>Sie f�hlte, wie der unvers�hnliche Hass sich in ihr zusammenballte, und biss die Z�hne zusammen.</p><p>Und sie fragte sich, was wohl Mikael dazu sagen w�rde, wenn er herausfand, dass sie unter rechtlicher Betreuung stand und ihr ganzes Leben ein einziges verdammtes Desaster war.</p><p>Sie erkannte, dass sie eigentlich gar nicht sauer auf ihn war. Er war nur zuf�llig die Person gewesen, an der sie ihre Wut ausgelassen hatte, als sie am liebsten jemand ermordet h�tte. Auf ihn zornig zu sein hatte wirklich wenig Sinn.</p><p>Sie merkte, wie ambivalent ihre Gef�hle f�r ihn waren.</p><p>Er steckte seine Nase in fremde Angelegenheiten und schn�ffelte in ihrem Privatleben herum und � Aber es hatte ihr auch gut gefallen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Allein das war ein merkw�rdiges Gef�hl - mit jemand zusammenzuarbeiten. Das war sie nicht gewohnt, aber es war wirklich erstaunlich schmerzlos gelaufen. Er redete keine Schei�e. Er versuchte nicht, ihr einzureden, wie sie ihr Leben zu leben hatte.</p><p>Sie hatte ihn verf�hrt, nicht umgekehrt.</p><p>Und au�erdem war es auch noch sehr befriedigend gewesen.</p><p>Warum f�hlte sie sich also, als w�rde sie ihm am liebsten ins Gesicht treten?</p><p>Sie seufzte, hob ungl�cklich den Blick und sah einem Fernlastzug nach, der auf der E4 vorbeibrummte.</p><p>Mikael sa� immer noch im Garten, als er gegen acht Uhr abends Motorradgeknatter h�rte und Lisbeth �ber die Br�cke fahren sah. Sie parkte und nahm den Helm ab. Dann trat sie an den Gartentisch und legte ihre Hand an die Kaffeekanne, die leer und kalt war. Mikael sah sie verbl�fft an. Sie nahm die Kanne und ging in die K�che. Als sie wieder herauskam, hatte sie die Motorradlederjacke ausgezogen und trug Jeans und ein T-Shirt mit dem Aufdruck <emphasis>I can be a regular bitch. Just try me.</emphasis></p><p>�Ich dachte, du w�rst gefahren�, sagte Mikael.</p><p>�Ich bin in Uppsala umgekehrt.�</p><p>�Ganz h�bscher Tagesausflug.�</p><p>�Mir tut der Hintern weh.�</p><p>�Warum bist du umgekehrt?�</p><p>Sie antwortete nicht. Mikael blieb stur und wartete stumm und Kaffee trinkend ihre Antwort ab. Nach zehn Minuten brach sie das Schweigen.</p><p>�Ich bin gerne mit dir zusammen�, gab sie widerwillig zu.</p><p>Solche Worte hatte sie noch nie zuvor in den Mund genommen.</p><p>�Es war � interessant, mit dir an diesem Fall zu arbeiten.�</p><p>�Mir hat�s auch gefallen, mit dir zusammenzuarbeiten�, erkl�rte Mikael.</p><p>�Hmm.�</p><p>�Fakt ist, ich habe noch nie mit einer so phantastischen Ermittlerin zusammengearbeitet. Okay, ich wei�, dass du eine verdammte Hackerin bist und in suspekten Kreisen verkehrst, wo du ja anscheinend nur den H�rer abzunehmen brauchst, um innerhalb der n�chsten vierundzwanzig Stunden einen Telefonanschluss in London illegal abh�ren zu lassen, aber du kommst damit eben auch zu gewissen Ergebnissen.�</p><p>Zum ersten Mal, seit sie sich an den Tisch gesetzt hatte, sah sie ihn an. Er kannte so viele ihrer Geheimnisse. Wie hatte das passieren k�nnen?</p><p>�Das ist eben so. Ich kann mit Computern umgehen. Ich hatte noch nie Probleme damit, einen Text zu lesen und exakt zu verstehen, was drinsteht.�</p><p>�Dein fotografisches Ged�chtnis�, sagte er ruhig.</p><p>�Sch�tzungsweise. Ich verstehe einfach, wie alles funktioniert. Nicht nur Computer und Telefonnetze, sondern auch der Motor in meiner Maschine und Fernseher und Staubsauger und chemische Prozesse und astrophysikalische Formeln. Ich bin verdreht im Kopf. Ein Freak.�</p><p>Mikael runzelte die Brauen. Er schwieg lange.</p><p><emphasis>Asperger-Syndrom</emphasis>, dachte er. <emphasis>Oder irgendwas in der Richtung. Ein Talent, Muster zu erkennen und abstrakte Gedankeng�nge zu begreifen, wo andere nur Chaos sehen.</emphasis></p><p>Lisbeth starrte auf den Tisch.</p><p>�Die meisten Menschen w�rden was drum geben, so eine Begabung zu haben.�</p><p>�Ich will nicht dar�ber reden.�</p><p>�Okay, dann lassen wir das eben. Warum bist du zur�ckgekommen?�</p><p>�Ich wei� nicht. Vielleicht war�s ein Fehler.�</p><p>Sie sah ihn forschend an.</p><p>�Lisbeth, kannst du mir mal das Wort �Freundschaft� definieren?�</p><p>�Wenn man jemanden mag.�</p><p>�Ja, aber wie kommt das zustande, dass man jemanden mag?�</p><p>Sie zuckte mit den Schultern.</p><p>�Freundschaft - nach meiner Definition - baut auf zwei Dingen auf�, sagte er pl�tzlich. �Respekt und Vertrauen. Absolute Freundschaft basiert auf absolutem Respekt und absolutem Vertrauen. Beide Faktoren m�ssen dabei sein. Und es muss auf Gegenseitigkeit beruhen. Man kann Respekt f�r jemand empfinden, aber wenn man ihm kein Vertrauen schenkt, dann zerbricht die Freundschaft.�</p><p>Sie schwieg noch immer.</p><p>�Ich wei� mittlerweile, dass du mit mir nicht �ber dich selbst sprechen willst, aber irgendwann musst du mal entscheiden, ob du mir Vertrauen entgegenbringst oder nicht. Ich m�chte, dass wir Freunde sind, aber das kann ich nicht alleine schaffen.�</p><p>�Ich hab gern Sex mit dir.�</p><p>�Sex hat nichts mit Freundschaft zu tun. Nat�rlich k�nnen Freunde auch Sex miteinander haben, aber wenn ich bei dir w�hlen m�sste, dann w�sste ich, wof�r ich mich entscheide.�</p><p>�Ich verstehe dich nicht. Willst du Sex mit mir haben oder nicht?�</p><p>Mikael biss sich auf die Lippe. Schlie�lich seufzte er.</p><p>�Man sollte keinen Sex mit Leuten haben, mit denen man zusammenarbeitet�, murmelte er. �Das gibt nur �rger.�</p><p>�Ist mir da irgendwas entgangen, oder ist es nicht doch so, dass du und Erika Berger bei jeder Gelegenheit fickt? Und sie ist obendrein auch noch verheiratet.�</p><p>Mikael schwieg eine Weile.</p><p>�Erika und ich � haben eine Geschichte, die anfing, lange bevor unsere Zusammenarbeit begann. Dass sie verheiratet ist, geht dich nichts an.�</p><p>�Aha, und jetzt willst du pl�tzlich auch nicht mehr �ber dich selbst reden. Ging es bei Freundschaft nicht um Vertrauen?�</p><p>�Ja, aber ich meine, wir sollten nicht hinter ihrem R�cken �ber sie reden. Damit w�rde ich ihr Vertrauen missbrauchen. Ich w�rde auch nicht hinter deinem R�cken mit Erika �ber dich reden.�</p><p>Lisbeth dachte �ber seine Worte nach. Ein heikles Gespr�ch war das geworden. Sie mochte keine heiklen Gespr�che.</p><p>�Ich hab gerne Sex mit dir�, wiederholte sie.</p><p>�Ich auch mit dir � aber ich bin alt genug, um dein Vater zu sein.�</p><p>�Dein Alter ist mir egal.�</p><p>�Du kannst den Altersunterschied nicht ignorieren. Das ist keine gute Ausgangsposition f�r eine dauerhafte Beziehung.�</p><p>�Wer hat denn von dauerhaft gesprochen?�, fragte Lisbeth. �Wir haben gerade einen Fall abgeschlossen, in dem M�nner mit total kranker Sexualit�t eine tragende Rolle gespielt haben. Wenn es nach mir ginge, w�rde ich solche M�nner ausrotten, einen nach dem andern.�</p><p>�Von Kompromissen h�ltst du auf jeden Fall nicht viel.�</p><p>�Nein�, sagte sie und l�chelte ihr gequ�ltes L�cheln. �Aber so einer bist du ja auch nicht.�</p><p>Sie stand auf.</p><p>�Ich geh jetzt rein und dusche, und dann werde ich mich nackt in dein Bett legen. Wenn du glaubst, dass du zu alt bist, dann kannst du dich ja stattdessen aufs Feldbett legen.�</p><p>Mikael sah ihr nach. Was f�r St�rungen Lisbeth sonst auch haben mochte, Schamgef�hl geh�rte nicht dazu. Bei ihren Diskussionen zog er mit sch�ner Regelm��igkeit den K�rzeren. Nach einer Weile r�umte er die Kaffeetassen ab und folgte ihr.</p><p>Sie standen gegen neun auf, duschten gemeinsam und fr�hst�ckten im Garten. Gegen elf rief Dirch Frode an und teilte ihnen mit, dass die Beerdigung um zwei Uhr nachmittags stattfinden w�rde. Er fragte, ob sie auch anwesend sein w�rden.</p><p>�Ich glaube, eher nicht�, sagte Mikael.</p><p>Frode bat, um sechs Uhr zu einem Gespr�ch vorbeikommen zu d�rfen. Mikael erkl�rte sich einverstanden.</p><p>Er verbrachte ein paar Stunden damit, Papiere in Umzugskartons zu sortieren und sie in Henriks Arbeitszimmer hin�berzutragen. Zum Schluss waren nur noch seine eigenen Notizb�cher �brig und die zwei Ordner zur Aff�re Hans-Erik Wennerstr�m, die er seit einem halben Jahr nicht mehr ge�ffnet hatte. Er seufzte und verstaute sie in seiner Tasche.</p><p>Dirch Frode versp�tete sich und kam nicht vor acht. Er trug immer noch seinen schwarzen Anzug und sah mitgenommen aus, als er sich aufs K�chensofa setzte und dankbar eine Tasse Kaffee von Lisbeth entgegennahm. Sie setzte sich an den kleinen Tisch und besch�ftigte sich mit ihrem Computer, w�hrend Mikael fragte, wie Harriets Wiederauferstehung von der Familie aufgenommen worden war.</p><p>�Man kann sagen, es hat Martins Hinscheiden etwas in den Hintergrund gedr�ngt. Mittlerweile haben auch die Medien Wind von der Sache bekommen.�</p><p>�Und wie erkl�ren Sie die Situation?�</p><p>�Harriet hat mit einem Journalist des <emphasis>Kuriren</emphasis> gesprochen. Offiziell ist sie von zu Hause ausgerissen, weil sie Schwierigkeiten mit ihrer Familie hatte. Sie sei aber in der Welt bestens klargekommen, meint sie, da sie heute immerhin ein Unternehmen f�hrt, das ebenso viel Umsatz macht wie der Vanger-Konzern.�</p><p>Mikael stie� einen �berraschten Pfiff aus.</p><p>�Ich wusste ja schon, dass man mit australischen Schafen gutes Geld verdienen kann, aber nicht, dass ihre Ranch so hervorragend l�uft.�</p><p>�Ihre Ranch l�uft wirklich ganz ausgezeichnet, und sie ist nicht ihre einzige Einnahmequelle. Das Unternehmen Cochran macht sein Geld auch mit Bergbau, Opalen, produzierenden Betrieben, Speditionen, Elektronik und noch einer Menge mehr.�</p><p>�Hoppla. Und was wird jetzt damit?�</p><p>�Ehrlich gesagt, ich wei� es nicht. Den ganzen Tag sind immer mehr Leute angekommen, und die Familie ist zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder so gut wie vollst�ndig versammelt. Es sind viele von der j�ngeren Generation aufgetaucht - ab zwanzig aufw�rts. Heute Abend sind wohl um die vierzig Vangers in Hedestad, von denen die eine H�lfte im Krankenhaus sitzt und Henrik erm�det, w�hrend die andere H�lfte im Stadthotel mit Harriet redet.�</p><p>�Harriet ist sicher die gro�e Sensation. Wie viele wissen von der Geschichte mit Martin?�</p><p>�Bis jetzt nur Henrik, Harriet und ich. Wir haben ein langes Gespr�ch gef�hrt. Diese ganze Sache mit Martin und � seinen Perversionen dr�ngt die meisten Dinge f�r uns in den Hintergrund. Das hat eine kolossale Krise des Konzerns nach sich gezogen.�</p><p>�Das kann ich verstehen.�</p><p>�Es gibt keinen nat�rlichen Erben, aber Harriet wird eine Weile in Hedestad bleiben. Wir m�ssen unter anderem die Eigentums- und Erbschaftsverh�ltnisse kl�ren. Ihr steht ja tats�chlich ein Erbteil zu, der ziemlich gro� sein w�rde, wenn sie die ganze Zeit hier gewesen w�re. Es ist ein Alptraum.�</p><p>Mikael lachte. Frode lachte nicht.</p><p>�Isabella ist zusammengebrochen. Sie ist ins Krankenhaus eingeliefert worden. Harriet weigert sich, sie zu besuchen.�</p><p>�Kann ich verstehen.�</p><p>�Anita kommt allerdings aus London. Wir berufen n�chste Woche einen Familienrat ein. Zum ersten Mal seit f�nfundzwanzig Jahren nimmt sie wieder daran teil.�</p><p>�Wer wird der neue Gesch�ftsf�hrer?�</p><p>�Birger hat ein begehrliches Auge auf den Posten geworfen, aber das kommt gar nicht infrage. Stattdessen wird Henrik vom Krankenbett aus vor�bergehend die Gesch�fte leiten, bis wir jemanden gefunden haben. M�glicherweise aus dem Kreis der Familie ��</p><p>Er f�hrte den Satz nicht zu Ende. Mikael zog die Augenbrauen hoch.</p><p>�Harriet? Das kann nicht Ihr Ernst sein.�</p><p>�Warum nicht? Wir sprechen von einer �u�erst kompetenten und respektierten Gesch�ftsfrau.�</p><p>�Sie hat ein Unternehmen in Australien, um das sie sich k�mmern muss.�</p><p>�Ja, aber ihr Sohn Jeff Cochran f�hrt die Gesch�fte in ihrer Abwesenheit.�</p><p>�Der ist Studs Manager auf einer Schafranch. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann achtet er darauf, dass sich die richtigen Schafe miteinander paaren.�</p><p>�Er hat aber auch ein betriebswirtschaftliches Studium in Oxford abgeschlossen und ein Jurastudium in Melbourne.�</p><p>Mikael dachte an den verschwitzten, muskul�sen Mann mit dem nackten Oberk�rper, der ihn in die Schlucht gefahren hatte, und versuchte, ihn sich im Anzug vorzustellen. Warum nicht?</p><p>�Das Ganze wird sich nicht auf die Schnelle l�sen lassen�, fuhr Frode fort. �Aber sie w�re eine perfekte Gesch�ftsf�hrerin. Mit der richtigen Unterst�tzung k�nnte sie dem Konzern ganz neue Impulse geben.�</p><p>�Ihr fehlen die Kenntnisse, die ��</p><p>�Das stimmt schon. Nat�rlich kann Harriet nicht einfach nach ein paar Jahrzehnten hier auftauchen und die F�hrung des Konzerns bis ins letzte Detail �bernehmen. Aber der Vanger-Konzern ist international, und wir k�nnten uns auch einen amerikanischen Gesch�ftsf�hrer holen, der kein Wort Schwedisch versteht � so ist das Business.�</p><p>�Fr�her oder sp�ter m�ssen Sie sich mit dem Inhalt von Martins Kellerraum auseinandersetzen.�</p><p>�Ich wei�. Aber wir k�nnen nichts davon verlauten lassen, ohne Harriet v�llig zu vernichten � Ich bin froh, dass ich nicht derjenige bin, der diese Entscheidung treffen muss.�</p><p>�Verdammt, Dirch, Sie k�nnen nicht einfach verheimlichen, dass Martin ein Serienm�rder war.�</p><p>Dirch Frode schwieg und wand sich auf seinem Stuhl. Auf einmal hatte Mikael einen �blen Geschmack im Mund.</p><p>�Mikael, ich bin in einer � sehr unangenehmen Lage.�</p><p>�Erz�hlen Sie.�</p><p>�Ich soll Ihnen eine Mitteilung von Henrik �berbringen. Sie ist ziemlich schlicht. Er dankt Ihnen f�r die Arbeit, die Sie geleistet haben, und betrachtet den Vertrag als erf�llt. Das bedeutet, dass er Sie von den �brigen Verpflichtungen entbindet, dass Sie also nicht mehr in Hedestad wohnen und arbeiten m�ssen und so weiter. Sie k�nnen unverz�glich nach Stockholm zur�ckziehen und sich anderen Verpflichtungen widmen.�</p><p>�Will er, dass ich von hier verschwinde?�</p><p>�Absolut nicht. Er will, dass Sie ihn besuchen kommen, damit Sie ein Gespr�ch �ber die Zukunft f�hren k�nnen. Er hofft, dass er weiterhin ohne Einschr�nkungen im F�hrungsstab von <emphasis>Millennium</emphasis> t�tig sein kann. Aber ��</p><p>Dirch Frode sah noch verlegener aus, falls das �berhaupt noch m�glich war.</p><p>�Aber er will nicht mehr, dass ich eine Familienchronik der Vangers schreibe.�</p><p>Frode nickte. Er zog ein Notizbuch aus der Tasche, das er aufschlug und Mikael �ber den Tisch zuschob.</p><p>�Er hat Ihnen diesen Brief geschrieben.�</p><p><emphasis>Lieber Mikael, ich respektiere Ihre Unabh�ngigkeit voll und ganz und habe nicht vor, Sie zu beleidigen, indem ich Ihnen vorschreibe, was Sie schreiben sollen. Sie sollen genau das schreiben und ver�ffentlichen, was Sie wollen, und ich will nicht den geringsten Druck auf Sie aus�ben.</emphasis></p><p><emphasis>Unser Vertrag gilt, wenn Sie darauf bestehen. Sie haben genug Material, um die Chronik der Familie Vanger abzuschlie�en.</emphasis></p><p><emphasis>In meinem ganzen Leben habe ich niemanden um etwas angefleht. Ich fand immer, dass ein Mensch seiner Moral und seiner �berzeugung folgen sollte. Doch in diesem Moment habe ich keine Wahl.</emphasis></p><p><emphasis>Ich bitte Sie, sowohl als Freund als auch in meiner Eigenschaft als Teilhaber von Millennium, die Wahrheit �ber Gottfried und Martin nicht �ffentlich zu machen. Ich wei�, dass das falsch ist, aber ich sehe keinen anderen Ausweg aus dieser Finsternis. Ich habe die Wahl zwischen zwei schlimmen Alternativen, und hier kann es nur Verlierer geben.</emphasis></p><p><emphasis>Ich bitte Sie, nichts zu schreiben, was Harriet noch mehr schaden k�nnte. Sie haben selbst erlebt, was es bedeutet, im Mittelpunkt einer Medienkampagne zu stehen. Die Kampagne gegen Sie hatte dabei noch bescheidene Ausma�e - wahrscheinlich k�nnen Sie sich vorstellen, wie es f�r Harriet aussehen w�rde, wenn die Wahrheit ans Licht k�me. Sie hat sich vierzig Jahre lang gequ�lt und soll nicht weiter f�r die Taten leiden m�ssen, die ihr Bruder und ihr Vater begangen haben.</emphasis></p><p><emphasis>Und ich bitte Sie, denken Sie dar�ber nach, was f�r Konsequenzen diese Geschichte f�r Tausende Angestellte unseres Konzerns haben k�nnte. Sie w�rde daran zerbrechen, und wir w�ren vernichtet.</emphasis></p><p><emphasis>Henrik</emphasis></p><p>�Henrik sagt au�erdem, wenn Sie eine Entsch�digung f�r den Verdienstausfall w�nschen, der Ihnen entsteht, wenn Sie diese Geschichte nicht publizieren, dann ist er gerne zur Diskussion bereit. Sie k�nnen eine beliebige finanzielle Forderung stellen.�</p><p>�Henrik Vanger versucht, mich mundtot zu machen. Richten Sie ihm aus, ich w�nschte, er h�tte mir dieses Angebot nicht gemacht.�</p><p>�Diese Situation ist f�r Henrik genauso schmerzlich wie f�r Sie. Er mag Sie sehr und betrachtet Sie als Freund.�</p><p>�Henrik ist ein cleverer Mistkerl�, sagte Mikael. Pl�tzlich war er unglaublich w�tend. �Er will die ganze Geschichte vertuschen. Er nutzt meine Gef�hle aus; er wei� ja, dass ich ihn auch mag. Und was er sagt, bedeutet praktisch: Ich kann ver�ffentlichen, was ich will, aber wenn ich das mache, dann muss er seine Einstellung zu <emphasis>Millennium</emphasis> revidieren.�</p><p>�Als Harriet auftauchte, hat sich alles ver�ndert.�</p><p>�Und jetzt m�chte Henrik mal genauer wissen, f�r welchen Preis ich zu haben bin. Ich habe nicht vor, Harriet �ffentlich blo�zustellen, aber <emphasis>irgendjemand</emphasis> muss etwas �ber die Frauen sagen, die in Martins Keller landeten. Dirch, wir wissen nicht einmal, wie viele Frauen er abgeschlachtet hat. Wer soll sich ihres Schicksals annehmen?�</p><p>Lisbeth Salander blickte pl�tzlich von ihrem Computer auf. Ihre Stimme war schrecklich sanft, als sie das Wort an Dirch Frode richtete.</p><p>�Gibt es denn niemand im Konzern, der <emphasis>mich</emphasis> zum Schweigen bringen will?�</p><p>Frode sah verbl�fft aus. Er hatte ihre Existenz wieder einmal ignoriert.</p><p>�Wenn Martin Vanger in diesem Moment noch am Leben w�re, dann h�tte ich alles �ffentlich gemacht�, fuhr sie fort. �Egal, welche Vereinbarung Mikael mit Ihnen getroffen hat, ich h�tte jedes Detail an die n�chste Abendzeitung weitergegeben. Und wenn ich die M�glichkeit gehabt h�tte, dann h�tte ich ihn in seinen eigenen Folterkeller mitgenommen, ihn auf diesem Tisch festgeschnallt und ihm N�gel durch den Sack getrieben. Aber er ist tot.�</p><p>Sie wandte sich an Mikael.</p><p>�Ich bin zufrieden mit der L�sung. Nichts, was wir tun, k�nnte die Leiden ungeschehen machen, die Martin Vanger seinen Opfern zugef�gt hat. Allerdings ist jetzt eine interessante Konstellation entstanden. Auch du k�nntest unschuldigen Frauen Leid zuf�gen - nicht zuletzt Harriet, die du eben noch so feurig verteidigt hast. Ich frage dich also: Was ist schlimmer - dass Martin Vanger sie in Gottfrieds H�uschen  vergewaltigt hat oder dass du dasselbe durch die Schlagzeilen tun willst? Nettes Dilemma. Vielleicht kann dir ja der Ethikausschuss des Journalistenverbandes weiterhelfen.�</p><p>Sie machte eine Pause. Mikael konnte Lisbeth pl�tzlich nicht mehr in die Augen sehen. Er starrte auf den Tisch.</p><p>�Aber ich bin nat�rlich keine Journalistin�, f�gte sie schlie�lich hinzu.</p><p>�Was fordern Sie?�, fragte Dirch Frode.</p><p>�Martin hat seine Opfer mit einer Videokamera gefilmt. Ich will, dass Sie versuchen, so viele wie m�glich zu identifizieren, und daf�r sorgen, dass ihre Familien ein angemessenes Schmerzensgeld erhalten. Au�erdem will ich, dass der Vanger-Konzern j�hrlich zwei Millionen Kronen f�r die ROKS, die Zentralorganisation der Frauenh�user in Schweden, zur Verf�gung stellt.�</p><p>Frode dachte ein paar Minuten �ber diesen Preis nach. Dann nickte er.</p><p>�Kannst du damit leben, Mikael?�, fragte Lisbeth.</p><p>Mikael war auf einmal verzweifelt. W�hrend seines gesamten Berufslebens hatte er aufgedeckt, was andere zu vertuschen versuchten, und seine Moral verbot ihm, sich an der Vertuschung der schrecklichen Verbrechen in Martin Vangers Keller zu beteiligen. Sein Berufsethos verlangte, dass er sein Wissen der �ffentlichkeit mitteilte. Er hatte seine Kollegen immer kritisiert, wenn sie die Wahrheit nicht aussprachen. Und dennoch sa� er jetzt hier und diskutierte das makaberste Vertuschungsman�ver, von dem er jemals geh�rt hatte.</p><p>Er schwieg lange. Dann nickte auch er. �Gut.�</p><p>Frode wandte sich an Mikael. �Was Henriks Angebot einer Entsch�digung betrifft ��</p><p>�Die kann er sich in den Hintern schieben�, schnitt Mikael ihm das Wort ab. �Dirch, ich will, dass Sie jetzt gehen. Ich verstehe Ihre Verlegenheit, aber im Moment bin ich gerade so  w�tend auf Sie und Henrik und Harriet, dass unsere Freundschaft in die Br�che gehen wird, wenn Sie jetzt noch l�nger bleiben.�</p><p>Dirch Frode blieb am K�chentisch sitzen und machte keine Anstalten aufzustehen.</p><p>�Ich kann noch nicht gehen�, sagte er. �Ich bin noch nicht fertig. Ich habe noch eine Botschaft zu �berbringen, die Ihnen nicht gefallen wird. Henrik besteht darauf, dass ich sie Ihnen heute ausrichte. Sie k�nnen morgen ins Krankenhaus fahren und ihn daf�r zur Rechenschaft ziehen.�</p><p>Mikael hob langsam den Blick und sah ihm in die Augen.</p><p>�Das hier ist wohl das Schwerste, was ich in meinem ganzen Leben tun musste�, begann Frode. �Aber ich glaube, dass in der jetzigen Situation nur noch restlose Ehrlichkeit angebracht ist. Ich will die Karten offen auf den Tisch legen.�</p><p>�Was?�</p><p>�Als Henrik Sie zu diesem Job �berredet hat, glaubten weder er noch ich, dass es wirklich Resultate geben w�rde. Es war so, wie er sagte - er wollte einfach einen letzten Versuch unternehmen. Er hatte Ihre missliche Lage gr�ndlich analysiert, nicht zuletzt mit Hilfe des Berichts, den Frau Salander erstellt hatte. Er nutzte ihre Isolation aus, bot Ihnen eine gute Bezahlung und verwendete den richtigen K�der.�</p><p>�Wennerstr�m.�</p><p>Frode nickte.</p><p>�Sie haben geblufft?�</p><p>�Nein.�</p><p>Lisbeth zog interessiert die Augenbrauen hoch.</p><p>�Henrik wird all seine Versprechen einl�sen�, sagte Frode. �Er wird Interviews geben und einen �ffentlichen Frontalangriff auf Wennerstr�m starten. Die Details k�nnen Sie sp�ter erfahren, aber kurz gesagt verh�lt sich die Sache so, dass Wennerstr�m w�hrend seiner Zeit in der kaufm�nnischen Abteilung mehrere Millionen f�r Valutaspekulationen eingesetzt hat. Das war lange, bevor das Day Trading zum echten Ph�nomen wurde. Er hatte daf�r keine Genehmigung bei der Unternehmensleitung eingeholt. Die Gesch�fte gingen in die Binsen, und pl�tzlich sa� er mit einem Verlust von sieben Millionen da, den er teils durch frisierte B�cher auszugleichen versuchte, teils durch weitere, noch gewagtere Spekulationen. Er wurde erwischt und gefeuert.�</p><p>�Hat er etwa in die eigene Tasche gewirtschaftet?�</p><p>�Ja, er bekam ungef�hr eine halbe Million Kronen, die dann bizarrerweise den Grundstock f�r seine <emphasis>Wennerstroem Group</emphasis> bildeten. Sie k�nnen diese Information verwenden, wie Sie wollen, und Henrik wird Ihre Behauptungen �ffentlich best�tigen. Aber ��</p><p>�Aber diese Information ist wertlos�, vollendete Mikael seinen Satz und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.</p><p>Frode nickte.</p><p>�Das ist drei�ig Jahre her - das ist ein abgeschlossenes Kapitel!�, rief Mikael.</p><p>�Sie bekommen die Best�tigung, dass Wennerstr�m ein Schwindler ist.�</p><p>�Dass es herauskommt, wird Wennerstr�m �rgern, aber es wird ihm nicht mehr wehtun, als wenn ihn kleine Jungs mit Erbsen aus einem Blasrohr beschie�en w�rden. Er wird mit den Schultern zucken und ein Ablenkungsman�ver starten, indem er eine Pressemitteilung rausschickt, dass Henrik Vanger ein alter Knacker ist, der irgendein Gesch�ft von ihm �bernehmen will. Im selben Atemzug wird er behaupten, dass er damals auf Henriks Anordnung gehandelt hat. Selbst wenn er seine Unschuld nicht beweisen kann, kann er immer noch so viele Vernebelungstaktiken einsetzen, dass die Geschichte schlie�lich mit einem Achselzucken abgetan wird.�</p><p>Dirch Frode sah ungl�cklich drein.</p><p>�Sie haben mich beschissen�, sagte Mikael schlie�lich.</p><p>�Mikael � so war das nicht gemeint.�</p><p>�Ich bin selbst schuld. Ich habe nach einem Strohhalm gegriffen und h�tte gleich merken m�ssen, dass es nur ein Vorwand war.� Er lachte kurz auf. �Henrik ist ein alter Hai. Er musste mir ein Produkt verkaufen, also hat er mir gesagt, was ich h�ren wollte.�</p><p>Mikael stand auf und ging zur Sp�le hin�ber. Dann drehte er sich zu Frode um und fasste seine Gef�hle in zwei Worten zusammen.</p><p>�Verschwinden Sie!�</p><p>�Mikael � ich bedaure, dass ��</p><p>�Dirch. Gehen Sie.�</p><p>Lisbeth wusste nicht, ob sie zu Mikael gehen oder ihn in Ruhe lassen sollte. Er l�ste das Problem, indem er sich pl�tzlich wortlos seine Jacke griff und die Haust�r hinter sich zuknallte.</p><p>�ber eine Stunde tigerte sie in der K�che auf und ab. Sie war so ungl�cklich, dass sie sich das Geschirr vornahm und abwusch - eine Aufgabe, die sie sonst Mikael �berlie�. Ab und zu ging sie ans Fenster und hielt nach ihm Ausschau. Schlie�lich wurde sie so unruhig, dass sie ihre Lederjacke anzog und hinausging, um ihn zu suchen.</p><p>Sie eilte zuerst zum Kleinboothafen hinunter, wo in den H�usern immer noch Licht brannte, aber weit und breit war kein Mikael zu sehen. Dann lief sie am Wasser entlang, wo Mikael und sie abends oft spazieren gingen. Martin Vangers Haus war dunkel und wirkte bereits unbewohnt. Sie ging bis zu den Steinen auf der Landzunge, wo Mikael und sie bei anderer Gelegenheit gesessen hatten, dann lief sie nach Hause. Er war noch nicht zur�ckgekommen.</p><p>Sie stattete der Kirche einen Besuch ab. Auch hier kein Mikael. Eine Weile blieb sie unschl�ssig stehen. Dann kehrte sie um, holte eine Taschenlampe aus der Satteltasche ihres  Motorrads und ging noch einmal am Wasser entlang. Es dauerte eine Weile, auf dem halb �berwucherten Weg voranzukommen, und noch l�nger, um den Pfad zu Gottfrieds H�uschen zu finden. Als sie schon fast dort war, tauchte es schlie�lich hinter ein paar B�umen aus der Dunkelheit auf. Mikael war nicht auf der Veranda zu sehen, die T�r war abgeschlossen.</p><p>Sie war schon auf dem R�ckweg, als sie noch einmal innehielt, umkehrte und ganz bis ans Wasser hinunterging. Pl�tzlich sah sie Mikaels Silhouette in der Dunkelheit. Er sa� auf dem Bootssteg, an dem Harriet ihren Vater ertr�nkt hatte. Erst in diesem Moment konnte sie erleichtert ausatmen.</p><p>Er h�rte ihre Schritte auf den Planken und drehte sich um. Wortlos setzte sie sich neben ihn. Schlie�lich brach er das Schweigen.</p><p>�Entschuldige. Ich musste nur eine Weile alleine sein.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Sie steckte zwei Zigaretten an und gab ihm eine. Er sah sie an. Lisbeth war der unsozialste Mensch, den er jemals getroffen hatte. F�r gew�hnlich ignorierte sie jeden seiner Versuche, �ber pers�nliche Dinge zu sprechen, und nicht ein einziges Mal hatte sie ihm ihre Sympathie bekundet. Sie hatte ihm das Leben gerettet, und jetzt war sie mitten in der Nacht losgezogen, um ihn zu suchen. Er legte einen Arm um sie.</p><p>�Jetzt wei� ich, f�r welchen Preis man mich kaufen kann. Wir haben diese Frauen verraten�, sagte er. �Die werden die ganze Geschichte vertuschen. Alles, was in Martins Keller geschah, wird totgeschwiegen.�</p><p>Lisbeth entgegnete nichts.</p><p>�Erika hatte recht�, fuhr er fort. �Ich h�tte f�r einen Monat nach Spanien fahren, mich mit ein paar Spanierinnen vergn�gen und dann heimkommen sollen, um mir Wennerstr�m vorzukn�pfen. Jetzt habe ich Monate nutzlos vergeudet.�</p><p>�Wenn du nach Spanien gefahren w�rst, dann h�tte Martin seine Verbrechen fortgesetzt.�</p><p>Schweigen. Sie blieben eine ganze Weile nebeneinander sitzen, bis er aufstand und vorschlug, nach Hause zu gehen.</p><p>Mikael schlief vor Lisbeth ein. Sie konnte nicht schlafen und lauschte seinen Atemz�gen. Dann ging sie in die K�che und machte sich einen Kaffee, setzte sich aufs K�chensofa und rauchte mehrere Zigaretten, w�hrend sie intensiv nachdachte. Dass Vanger und Frode Mikael ausgenutzt hatten, betrachtete sie als selbstverst�ndlich. Das lag in ihrer Natur. Aber das war Mikaels Sache und nicht ihr Problem. Oder?</p><p>Schlie�lich fasste sie einen Entschluss. Sie dr�ckte ihre Zigarette aus, ging zu Mikael, machte die Nachttischlampe an und r�ttelte ihn wach. Es war halb drei Uhr morgens.</p><p>�Ich habe eine Frage. Setz dich mal auf.�</p><p>Mikael setzte sich auf und sah sie schlaftrunken an.</p><p>�Als du damals angeklagt wurdest - warum hast du dich nicht verteidigt?�</p><p>Mikael sch�ttelte den Kopf und sah ihr in die Augen. Dann warf er einen Blick auf die Uhr.</p><p>�Das ist eine lange Geschichte, Lisbeth.�</p><p>�Erz�hl. Ich hab Zeit.�</p><p>Er schwieg eine geraume Weile und �berlegte, was er sagen sollte. Schlie�lich entschied er sich f�r die Wahrheit.</p><p>�Ich konnte mich nicht verteidigen. Der Inhalt meines Artikels war falsch.�</p><p>�Als ich mich in deinen Computer gehackt habe und deine Mailkorrespondenz mit Erika Berger las, gab es da jede Menge Verweise auf die Wennerstr�m-Aff�re, aber ihr habt die ganze Zeit die praktischen Details des Prozesses besprochen und alle m�glichen anderen Dinge - nur nicht das, was eigentlich passiert ist. Erz�hl mir, was da schiefgegangen ist.�</p><p>�Ich kann dir die wahre Geschichte nicht erz�hlen, Lisbeth. Ich bin auf einen riesigen Fake reingefallen. Erika und ich  waren uns einig, dass unsere Glaubw�rdigkeit nur noch mehr leiden w�rde, wenn wir zu erz�hlen versuchten, was wirklich geschehen war.�</p><p>�Jetzt h�r mir mal gut zu, <emphasis>Kalle Blomkvist</emphasis>, gestern Nachmittag hast du noch hier gesessen und hast eine Predigt gehalten �ber Freundschaft und Vertrauen und was wei� ich noch alles. Ich habe nicht vor, deine Story ins Netz zu stellen.�</p><p>Mikael protestierte noch ein paarmal. Er erinnerte sie daran, dass es mitten in der Nacht war, und behauptete, er k�nne jetzt nicht an diese Geschichte denken. Sie blieb stur, bis er nachgab. Er ging zur Toilette, wusch sich das Gesicht und setzte neuen Kaffee auf. Dann kam er zur�ck ins Bett und erz�hlte, wie sein alter Klassenkamerad Robert Lindberg vor zwei Jahren im G�stehafen von Arholma auf einer gelben M�lar-30 seine Neugier geweckt hatte.</p><p>�Du meinst, dein alter Kumpel hat dich angelogen?�</p><p>�Nein, �berhaupt nicht. Ich konnte jedes seiner Worte im Revisionsbericht des SIB nachpr�fen. Ich bin sogar nach Polen gefahren und habe die Blechbaracke fotografiert, in der die gro�e Minos-Fabrik untergebracht gewesen war. Und ich habe mehrere Personen interviewt, die dort angestellt gewesen waren. Alle haben genau dasselbe gesagt.�</p><p>�Das kapier ich nicht.�</p><p>Mikael seufzte. Es dauerte einen Moment, bevor er weitersprach.</p><p>�Ich hatte eine verdammt gute Story. Ich hatte Wennerstr�m selbst noch nicht damit konfrontiert, aber die Story war wasserdicht, und wenn ich sie damals ver�ffentlicht h�tte, w�re er in ziemliche Schwierigkeiten geraten. Wahrscheinlich h�tte es nicht zu einer Anklage wegen Betrugs gereicht - die Sache war ja durch die Revision schon abgenickt worden -, aber ich h�tte seinem Ansehen geschadet.�</p><p>�Was ist schiefgegangen?�</p><p>�Irgendjemand hatte von meinen Recherchen erfahren und Wennerstr�m offenbar gewarnt. Und auf einmal geschahen lauter seltsame Dinge. Zuerst erhielt ich Drohungen. Anonyme Telefonanrufe von Kartentelefonen, die man nicht zur�ckverfolgen konnte. Auch Erika wurde massiv bedroht. Sie war nat�rlich ziemlich verst�rt.�</p><p>Er nahm sich eine Zigarette von Lisbeth.</p><p>�Dann geschah etwas furchtbar Unangenehmes. Eines Nachts, als ich sp�t aus der Redaktion kam, wurde ich von zwei M�nnern �berfallen, die mir ein paar Fausthiebe versetzten. Ich war v�llig unvorbereitet, landete auf der Stra�e und holte mir eine geschwollene Lippe. Ich konnte sie nicht identifizieren, aber der eine sah aus wie ein alter Rocker.�</p><p>�Okay.�</p><p>�Dieser Vorfall hatte nur zur Folge, dass Erika stinkw�tend wurde und ich noch sturer. Wir versch�rften die Sicherheitsvorkehrungen bei <emphasis>Millennium</emphasis>. Aber irgendwie standen diese Schikanen in keinem Verh�ltnis zum Inhalt der Story. Wir konnten uns nicht erkl�ren, was das alles sollte.�</p><p>�Aber die Story, die du ver�ffentlicht hast, war doch eine ganz andere.�</p><p>�Genau. Ganz pl�tzlich gelang uns ein Durchbruch. Wir fanden eine Quelle, einen <emphasis>Deep Throat</emphasis> aus Wennerstr�ms Umfeld. Dieser Informant hatte buchst�blich Todesangst, und wir konnten ihn nur in anonymen Hotelzimmern treffen. Er erz�hlte uns, dass die Gelder von <emphasis>Minos</emphasis> f�r Waffengesch�fte im jugoslawischen B�rgerkrieg verwendet worden waren. Wennerstr�m hatte Gesch�fte mit der Ustascha gemacht. Und damit nicht genug, er konnte uns als Beweis Kopien von Dokumenten geben.�</p><p>�Ihr habt ihm geglaubt?�</p><p>�Er war geschickt. Dank seiner Informationen konnten wir eine weitere Quelle auftun, die unsere Story best�tigte. Wir bekamen sogar ein Foto, auf dem zu sehen war, wie einer von  Wennerstr�ms engsten Mitarbeitern dem K�ufer die Hand sch�ttelte. Das war detaillierte Munition, und es sah so aus, als k�nnte man alles belegen. Wir gingen mit der Story an die �ffentlichkeit.�</p><p>�Und es war alles gefaked.�</p><p>�Es war gefaked von A bis Z�, best�tigte Mikael. �Die Dokumente waren geschickte F�lschungen. Wennerstr�ms Anwalt konnte sogar beweisen, dass das Foto von Wennerstr�ms Unterh�ndler und dem Ustascha-F�hrer eine F�lschung war - zwei verschiedene Bilder, die man in PhotoShop zusammenmontiert hatte.�</p><p>�Faszinierend�, sagte Lisbeth n�chtern und nickte versonnen.</p><p>�Ja, nicht? Im Nachhinein konnte man leicht erkennen, wie wir manipuliert worden waren. Unsere Originalstory hatte Wennerstr�m aufgeschreckt, aber die wurde jetzt v�llig von dieser F�lschungsgeschichte verdr�ngt - die �belste Falle, von der ich jemals geh�rt habe. Wir ver�ffentlichten eine Story, aus der Wennerstr�m tats�chlich einen Punkt nach dem anderen herauspicken konnte, um dann jeweils seine Unschuld zu beweisen. Und es war so verflucht geschickt gemacht.�</p><p>�Ihr konntet keinen R�ckzieher machen und die Wahrheit erz�hlen. Ihr hattet �berhaupt keinen Beweis, dass Wennerstr�m selbst hinter dieser F�lschung steckte.�</p><p>�Es war noch schlimmer. Wenn wir versucht h�tten, die Wahrheit zu erz�hlen, und wenn wir auch noch verr�ckt genug gewesen w�ren, Wennerstr�m als Urheber dieser F�lschung zu bezeichnen, dann h�tte uns kein Mensch geglaubt. Es h�tte ausgesehen wie ein verzweifelter Versuch, auf Gedeih und Verderb einem unschuldigen Industriellen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Wir h�tten dagestanden wie die gr��ten Verschw�rungstheoretiker und Vollidioten.�</p><p>�Verstehe.�</p><p>�Wennerstr�m war doppelt abgesichert. W�re der Fake aufgeflogen, h�tte er behaupten k�nnen, einer seiner Feinde habe ihm einen Skandal anh�ngen wollen. Und wir bei <emphasis>Millennium</emphasis> h�tten alle Glaubw�rdigkeit eingeb��t, weil wir auf eine Fehlinformation hereingefallen waren.�</p><p>�Also hast du dich entschieden, dich gar nicht erst zu verteidigen und eine Gef�ngnisstrafe in Kauf zu nehmen.�</p><p>�Ich hatte die Strafe verdient�, sagte Mikael bitter. �Ich hatte mich einer Ehrverletzung schuldig gemacht. Nun wei�t du Bescheid. Darf ich jetzt schlafen?�</p><p>Mikael machte das Licht aus und schloss die Augen. Lisbeth legte sich neben ihn. Sie schwieg eine Weile.</p><p>�Wennerstr�m ist ein Verbrecher.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Nein, ich meine, <emphasis>ich wei�</emphasis>, dass er ein Verbrecher ist. Er arbeitet mit allen m�glichen Leuten zusammen, von der russischen Mafia bis hin zu kolumbianischen Drogenkartellen.�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Nachdem ich meinen Bericht f�r Frode abgegeben hatte, erteilte er mir noch einen Extraauftrag. Er bat mich herauszufinden, was bei deinem Prozess eigentlich passiert war. Ich hatte gerade angefangen, daran zu arbeiten, da rief er Armanskij an und stornierte den Auftrag.�</p><p>�Aha.�</p><p>�Ich nehme an, sie haben diese Nachforschungen fallen lassen, nachdem du Henriks Angebot akzeptiert hattest. Da war das alles nicht mehr interessant.�</p><p>�Und?�</p><p>�Tja, ich mag nun mal keine unabgeschlossenen Sachen. Im Fr�hjahr hatte ich ein paar Wochen frei. Armanskij hatte gerade keinen Job f�r mich, und da hab ich zum Spa� weiter an einer pers�nlichen Untersuchung von Wennerstr�m gearbeitet.�</p><p>Mikael setzte sich auf, schaltete das Licht an und blickte in Lisbeths gro�e Augen. Sie wirkte tats�chlich schuldbewusst.</p><p>�Hast du was rausgekriegt?�</p><p>�Ich habe seine ganze Festplatte auf meinem Computer. Wenn du willst, kriegst du beliebig viele Beweise, dass er ein Schwerverbrecher ist.�</p><a id="calibre_link-111"/><p><a id="calibre_link-112"/></p><p><strong>28. Kapitel</strong></p><p><strong>Dienstag, 29. Juli - Freitag, 24. Oktober</strong></p><p>Mikael Blomkvist hatte drei Tage �ber ihren Ausdrucken gebr�tet. Das Problem war nur, dass sich die Details pausenlos ver�nderten. Ein Optionsgesch�ft in London. Ein Valutagesch�ft durch einen Bevollm�chtigten in Paris. Eine Briefkastenfirma in Gibraltar. Eine pl�tzliche Verdoppelung des Kontostandes auf einem Konto bei der Chase Manhattan Bank in New York.</p><p>Und weitere verbl�ffende Fragen taten sich auf: Ein Handelsgesch�ft mit 200000 Kronen auf einem unber�hrten Konto, das f�nf Jahre zuvor in Santiago de Chile registriert worden war - eines von zirka drei�ig �hnlichen Unternehmen in zw�lf L�ndern -, und keine Spur davon, was f�r Gesch�ften diese Firmen eigentlich nachgingen. Ruhende Gesch�fte? Worauf warteten sie? Waren sie nur eine Fassade f�r andere Aktivit�ten? Der Computer konnte keine Auskunft dar�ber geben, was in Wennerstr�ms Kopf vor sich ging. Was f�r ihn selbstverst�ndlich war, wurde wahrscheinlich niemals in Form eines elektronischen Dokuments festgehalten.</p><p>Salander war �berzeugt, dass die meisten dieser Fragen unbeantwortet bleiben w�rden. Sie konnte die Botschaften lesen, aber ohne den passenden Schl�ssel konnte sie sie nicht deuten. Wennerstr�ms Imperium �hnelte einer Zwiebel, deren Haut  man Schicht f�r Schicht abzog - ein Labyrinth von Firmen mit undurchsichtigen Eigentumsverh�ltnissen. Unternehmen, Konten, Fonds, Wertpapiere. Sie stellten fest, dass keiner - nicht einmal Wennerstr�m selbst - einen v�lligen �berblick �ber dieses Labyrinth haben konnte. Wennerstr�ms Imperium f�hrte ein Eigenleben.</p><p>Es gab allerdings ein Muster oder zumindest die Andeutung eines Musters. Alle Firmen schienen sich quasi gegenseitig zu besitzen. Das Wennerstr�m-Imperium konnte man auf das irrwitzige Spektrum zwischen 100 und 400 Millionen Kronen sch�tzen. Je nachdem, wen man fragte und wie man rechnete. Aber wenn die Firmen ihr Verm�gen gegenseitig besitzen - was sind diese Firmen dann in Wirklichkeit wert?</p><p>Als sie diese Fragen stellte, sah Mikael Blomkvist sie mit gequ�ltem Gesichtsausdruck an und widmete sich wieder der Aufgabe, sich eine �bersicht �ber die Firmenguthaben zu verschaffen.</p><p>Sie hatten die Hedeby-Insel fr�h am Morgen in aller Eile verlassen, nachdem Lisbeth die Bombe hatte platzen lassen, die von da an jede wache Minute in Mikael Blomkvists Leben beanspruchte. Sie waren direkt zu Lisbeths Wohnung gefahren und hatten zwei Tage und zwei N�chte vor ihrem Computer verbracht. Sie f�hrte ihn durch das Wennerstr�msche Universum. Er hatte viele Fragen; eine davon stellte er aus reiner Neugier.</p><p>�Lisbeth, wie ist das m�glich, dass du Wennerstr�ms Computer so perfekt �berwachst?�</p><p>�Eine kleine Erfindung meines Kollegen Plague. Wennerstr�m arbeitet an einem IBM-Computer, sowohl zu Hause als auch im B�ro. Das hei�t, alle Informationen befinden sich auf einer einzigen Festplatte. Zu Hause benutzt er eine Breitbandverbindung. Plague hat eine Art Manschette erfunden, die man um dieses Netzwerkkabel schlingt. Die teste ich f�r  ihn, und alles, was Wennerstr�m zu sehen kriegt, wird auch von der Manschette gescannt, die die Informationen dann zu irgendeinem Server weiterschickt.�</p><p>�Hat er denn keine Firewall?�</p><p>Lisbeth l�chelte.</p><p>�Doch, er hat eine Firewall. Aber der Witz ist, dass die Manschette quasi selbst wie eine Firewall funktioniert. Es dauert eine Weile, bis man sich so weit in einen Computer gehackt hat. Die Signale, die direkt zu Wennerstr�ms Computer flie�en, filtern wir ganz einfach, <emphasis>bevor</emphasis> sie durch seine Firewall gegangen sind. Angenommen, er bekommt eine E-Mail: Die geht dann zuerst zu Plagues Manschette und kann von uns gelesen werden, bevor sie seine Firewall passiert. Aber das Raffinierte daran ist, die Mail wird gepatched, und ein paar Byte Quellcode werden hinzugef�gt. Jedes Mal, wenn er sich etwas auf seinen Computer runterl�dt, wird das wiederholt. Bilder sind noch besser. Er surft furchtbar viel im Internet. Jedes Mal, wenn er ein Pornofoto anschaut oder eine neue Homepage �ffnet, bekommen wir ein paar neue Zeilen Quellcode. Nach einer Weile, ein paar Stunden oder Tagen - je nachdem, wie viel er den Computer benutzt -, hat Wennerstr�m ein ganzes Programm von ungef�hr drei Megabyte Umfang runtergeladen, bei dem ein Bit zum n�chsten Bit kommt.�</p><p>�Und?�</p><p>�Wenn die letzten Bits an ihrem Platz sind, wird der Trojaner, also dieses versteckte Programm, in seinen Browser integriert. F�r ihn sieht das so aus, als w�rde sich sein Computer aufh�ngen, und er m�sste alles noch mal neu starten. Beim Neustart installiert sich dann ein ganz neues Programm. Wennerstr�m verwendet den <emphasis>Microsoft Explorer</emphasis>. Das n�chste Mal, wenn er den Explorer startet, startet er in Wirklichkeit ein ganz anderes Programm, das unsichtbar irgendwo auf seinem Desktop liegt. Es sieht aus wie ein Explorer, es funktioniert wie ein Explorer, aber es macht auch noch eine ganze Menge anderer Sachen. Zun�chst einmal bem�chtigt es sich seiner Firewall, sorgt aber gleichzeitig daf�r, dass es f�r Wennerstr�m so aussieht, als w�rde alles funktionieren. Dann beginnt es den Computer zu scannen, und jedes Mal, wenn er beim Surfen auf die Maus klickt, verschickt es Informationen. Nach einer Weile - auch da kommt es darauf an, wie viel er im Netz ist - haben wir ein komplettes Spiegelbild vom Inhalt seines Computers auf einer Festplatte unseres Servers. Und dann ist der Zeitpunkt f�r den HT gekommen.�</p><p>�HT?�</p><p>�Sorry. Plague nennt das immer HT. <emphasis>Hostile Takeover</emphasis>, feindliche �bernahme.�</p><p>�Aha.�</p><p>�Jetzt kommt was ganz Raffiniertes. Wenn die ganze Aktion abgeschlossen ist, hat Wennerstr�m zwei komplette Festplatten, eine auf seiner eigenen Kiste, eine auf unserem Server. Das n�chste Mal, wenn er seinen Computer startet, startet er eigentlich sein Computer-Spiegelbild. Er arbeitet nicht mehr auf seinem eigenen Computer, sondern auf unserem Server. Sein Computer wird einen Tick langsamer, aber das ist kaum merkbar. Und wenn ich mit dem Server verbunden bin, dann kann ich seinen Computer live anzapfen. Wann immer Wennerstr�m eine Taste dr�ckt, kann ich das auf meinem Bildschirm mitverfolgen.�</p><p>�Ich nehme mal an, dieser Kumpel von dir ist auch ein Hacker.�</p><p>�Das war der, der auch die Abh�raktion in London organisiert hat. Er ist sozial ein bisschen inkompetent und trifft sich nie mit Menschen, aber im Netz ist er eine echte Legende.�</p><p>�Okay�, sagte Mikael und l�chelte sie resigniert an. �Frage Nummer zwei: Warum hast du mir nicht fr�her von Wennerstr�m erz�hlt?�</p><p>�Du hast mich ja nie gefragt.�</p><p>�Mal angenommen, ich w�re dir nie begegnet, dann h�ttest du dieses Wissen �ber Wennerstr�ms verbrecherische Machenschaften f�r dich behalten, w�hrend <emphasis>Millennium</emphasis> in Konkurs gegangen w�re, stimmt�s?�</p><p>�Niemand hat mich gebeten, Wennerstr�m zu �berf�hren�, gab Lisbeth in altklugem Ton zur�ck.</p><p>�Und wenn dich jemand gebeten h�tte?�</p><p>�Ich habe es doch jetzt erz�hlt�, antwortete sie defensiv.</p><p>Mikael lie� das Thema fallen.</p><p>Der Inhalt von Wennerstr�ms Computer nahm Mikael v�llig gefangen. Lisbeth hatte s�mtliche Dateien seiner Festplatte auf ungef�hr zehn CDs gebrannt - knapp f�nf Gigabyte - und kam sich vor, als w�re sie mehr oder weniger in Mikaels Wohnung mit eingezogen. Geduldig wartete sie und beantwortete all seine Fragen.</p><p>�Ich verstehe einfach nicht, wie er so unglaublich bl�d sein kann, das ganze Material zu seinen schmutzigen Machenschaften auf einer Festplatte zu sammeln�, wunderte sich Mikael. �Wenn das irgendwann bei der Polizei landet ��</p><p>�Die Leute denken da nicht rational. Er kann sich vermutlich nicht vorstellen, dass die Polizei jemals seinen Computer beschlagnahmen k�nnte.�</p><p>�Er muss doch Sicherheitsberater haben, die ihm sagen, was er beim Umgang mit seinem Computer beachten muss. Da ist Material drauf, das geht bis 1993 zur�ck.�</p><p>�Der Computer ist ziemlich neu. Er wurde vor einem Jahr hergestellt, aber er scheint seine gesamte alte Korrespondenz und �hnliches auf seine Festplatte kopiert zu haben, anstatt das Ganze auf CDs zu brennen. Doch er benutzt auf jeden Fall ein Verschl�sselungsprogramm.�</p><p>�Das ihm nicht viel nutzt, wenn du in seinem Computer bist und jedes Passwort mitlesen kannst, das er eingibt.�</p><p>Nach vier Tagen rief pl�tzlich Christer Malm auf Mikaels Handy an und weckte ihn um drei Uhr nachts.</p><p>�Henry Cortez war heute mit einer Freundin in der Kneipe.�</p><p>�Aha�, antwortete Mikael schlaftrunken.</p><p>�Auf dem Heimweg sind sie noch in einer anderen Kneipe bei Centralen gelandet.�</p><p>�Kein guter Ort, um jemand zu verf�hren.�</p><p>�H�r zu. Janne Dahlman hat Urlaub. Cortez hat ihn pl�tzlich mit einem anderen Mann an einem Tisch entdeckt.�</p><p>�Ja und?�</p><p>�Henry hat ihn wiedererkannt - es war auch ein Journalist. Krister S�der.�</p><p>�Der Name kommt mir bekannt vor, aber ��</p><p>�Er arbeitet beim Wirtschaftsmagazin <emphasis>Monopol</emphasis>, das der Wennerstr�m-Gruppe geh�rt.�</p><p>Mikael setzte sich im Bett auf und �berlegte.</p><p>�Bist du noch dran?�</p><p>�Ja, ich bin noch dran. Das muss nichts hei�en. S�der ist ein ganz normaler Journalist und kann auch ein alter Bekannter von Dahlman sein.�</p><p>�Dann bin ich eben paranoid. Vor drei Monaten hat <emphasis>Millennium</emphasis> eine Reportage von einem Freelancer eingekauft. Eine Woche bevor wir sie ver�ffentlichen wollten, brachte S�der eine fast identische Enth�llungsstory. Es war dieselbe Geschichte - ein Handyhersteller hat einen Bericht unterdr�ckt, in dem aufgedeckt wurde, dass er ein fehlerhaftes Teil verwendet, das einen Kurzschluss verursachen kann.�</p><p>�So was kann doch immer mal vorkommen. Hast du mit Erika gesprochen?�</p><p>�Nein, die ist noch im Urlaub und kommt erst n�chste Woche zur�ck.�</p><p>�Unternimm nichts. Ich ruf dich sp�ter zur�ck�, sagte Mikael und schaltete sein Handy aus.</p><p>�Probleme?�, fragte Lisbeth.</p><p>�<emphasis>Millennium</emphasis>�, sagte Mikael. �Ich muss mal kurz vorbeischauen. Hast du Lust mitzukommen?�</p><p>Es war vier Uhr morgens, die Redaktion menschenleer. Lisbeth brauchte ungef�hr drei Minuten, um das Passwort von Janne Dahlmans Computer zu knacken und weitere zwei Minuten, um den gesamten Inhalt auf Mikaels iBook zu �berspielen.</p><p>Der Gro�teil der Mails befand sich allerdings in Dahlmans eigenem Laptop, auf den sie keinen Zugriff hatten. Aber �ber den Computer an seinem Arbeitsplatz konnte Lisbeth feststellen, dass Dahlman au�er seiner �<a l:href="http://millennium.se">millennium.se</a>�-Mailadresse noch einen privaten Account bei Hotmail hatte. Sie brauchte sechs Minuten, um das Hotmailkonto zu knacken und seine Korrespondenz des letzten halben Jahres herunterzuladen. F�nf Minuten sp�ter hatte Mikael gen�gend Belege daf�r, dass Janne Dahlman interne Informationen �ber die Situation bei <emphasis>Millennium</emphasis> nach au�en gegeben und den Redakteur von  <emphasis>Monopol</emphasis> �ber geplante Reportagen auf dem Laufenden gehalten hatte. Diese Spionage war mindestens seit dem letzten Herbst im Gange.</p><p>Sie schalteten die Computer wieder aus, gingen zur�ck in Mikaels Wohnung und schliefen ein paar Stunden. Am n�chsten Morgen um zehn Uhr rief er Christer Malm an.</p><p>�Ich habe Beweise, dass Dahlman f�r Wennerstr�m arbeitet.�</p><p>�Hab ich mir�s doch gedacht. Okay, dann werf ich das verdammte Schwein heute endg�ltig raus.�</p><p>�Tu�s nicht. Tu �berhaupt nichts.�</p><p>�Nichts?�</p><p>�Vertrau mir, Christer. Wie lange ist Dahlman noch in Urlaub?�</p><p>�Am Montag f�ngt er wieder an.�</p><p>�Wie viele sind heute in der Redaktion?�</p><p>�Tja, hier ist es halb leer.�</p><p>�Kannst du f�r zwei Uhr ein Meeting einberufen? Sag nicht, worum es geht. Ich komme dann zu euch.�</p><p>Sechs Leute sa�en vor Mikael am Konferenztisch. Christer Malm sah m�de aus, Henry Cortez hingegen so frisch verliebt, wie es nur Vierundzwanzigj�hrige sein k�nnen. Monika Nilsson wirkte gespannt. Christer Malm hatte mit keinem Wort angedeutet, worum es bei diesem Meeting gehen w�rde, aber sie war lange genug dabei, um zu wissen, dass hier etwas Ungew�hnliches im Busch war. Au�erdem passte es ihr nicht, dass man sie aus dem <emphasis>information loop</emphasis> herausgehalten hatte. Die Einzige, die aussah wie immer, war die Teilzeitangestellte Ingela Oskarsson, die sich zwei Tage pro Woche um die administrativen Aufgaben, das Abonnentenregister und �hnliches k�mmerte. Sie wirkte nicht mehr sonderlich gestresst, seit sie vor zwei Jahren Mutter geworden war. Die andere Teilzeitkraft war die freiberufliche Journalistin Lotta Karim, die einen �hnlichen Vertrag wie Henry Cortez hatte und gerade aus dem Urlaub gekommen war. Christer war es auch gelungen, Sonny Magnusson aus seinem Urlaub in die Redaktion zu bestellen.</p><p>Mikael begr��te sie alle und bat erst einmal um Verzeihung, dass er w�hrend des ganzes Jahres derart durch Abwesenheit gegl�nzt hatte.</p><p>�Was wir heute mit euch besprechen wollen, konnten Christer und ich noch nicht mit Erika diskutieren, aber ich versichere euch, dass ich mit ihr reden werde. Heute m�ssen wir �ber die Zukunft von <emphasis>Millennium</emphasis> entscheiden.�</p><p>Er machte eine Pause und lie� seine Worte wirken. Keiner stellte Fragen.</p><p>�Das letzte Jahr war sehr schwierig. Ich wundere mich, dass keiner von euch auf die Idee gekommen ist, sich einen anderen  Job zu suchen. Ich muss wohl annehmen, dass ihr entweder total verr�ckt seid oder au�ergew�hnlich loyal oder wom�glich sogar gerne bei dieser Zeitschrift arbeitet. Deswegen m�chte ich jetzt auch alle Karten auf den Tisch legen und euch ein letztes Mal um euren Einsatz bitten.�</p><p>�Der letzte Einsatz�, wiederholte Monika Nilsson. �Das klingt ja, als wolltest du das Magazin aufgeben?�</p><p>�Genau�, antwortete Mikael. �Nach ihrem Urlaub wird Erika ein d�steres Redaktionstreffen einberufen und euch mitteilen, dass <emphasis>Millennium</emphasis> zu Weihnachten eingestellt wird und ihr alle gek�ndigt seid.�</p><p>Nun machte sich eine gewisse Unruhe im Raum breit. Sogar Christer Malm glaubte eine Sekunde lang, Mikael k�nnte es ernst meinen. Doch dann fiel allen sein verschmitztes L�cheln auf.</p><p>�Ich m�chte von euch, dass ihr im Herbst ein doppeltes Spiel spielt. Denn es verh�lt sich leider so, dass unser gesch�tzter Redaktionsassistent Janne Dahlman noch einen Nebenjob hat - als Informant f�r Hans-Erik Wennerstr�m. Der Feind ist also st�ndig �ber die Geschehnisse in der Redaktion im Bilde, und das erkl�rt auch einige R�ckschl�ge, die wir letztes Jahr erlitten haben. Das traf ja nicht zuletzt dich, Sonny, als ein Teil unserer Anzeigenkunden, die uns gegen�ber positiv eingestellt schienen, sich pl�tzlich zur�ckzogen.�</p><p>�Verdammt, hab ich�s mir doch gleich gedacht�, sagte Monika Nilsson.</p><p>Janne Dahlman war in der Redaktion nie allzu beliebt gewesen, und Mikaels Er�ffnung schien niemand sonderlich zu schockieren. Mikael unterbrach das allgemeine Gemurmel.</p><p>�Ich erz�hle euch das alles, weil ich absolutes Vertrauen in euch setze. Ich habe mehrere Jahre mit euch zusammengearbeitet und wei�, dass ihr ehrliche, vern�nftige Leute seid. Darum wei� ich auch, dass ihr bei der Geschichte mitspielen werdet, die ich diesen Herbst vorhabe. Es ist au�erordentlich  wichtig, Wennerstr�m glauben zu lassen, dass <emphasis>Millennium</emphasis>  kurz vor dem Ruin steht. Und darin besteht eure Aufgabe.�</p><p>�Wie stehen wir denn eigentlich da?�, fragte Henry Cortez.</p><p>�Es ist so: Ich wei�, dass es f�r alle eine stressige Zeit war, und wir sind auch noch nicht ganz �ber den Berg. Wenn man das Ganze mit gesundem Menschenverstand betrachtet, dann m�sste <emphasis>Millennium</emphasis> schon mit einem Fu� im Grab stehen. Ich gebe euch mein Wort, so weit wird es nicht kommen. <emphasis>Millennium</emphasis> ist heute st�rker als vor einem Jahr. Nach diesem Treffen werde ich noch einmal f�r zwei Monate verschwinden. Ende Oktober bin ich wieder da. Und dann werden wir Hans-Erik Wennerstr�m mal ein bisschen die Fl�gel stutzen.�</p><p>�Wie soll das gehen?�, fragte Cortez.</p><p>�Sorry. Diese Information kann ich euch nicht geben. Ich werde eine neue Story �ber Wennerstr�m schreiben. Aber diesmal machen wir es richtig. Und dann bereiten wir die Weihnachtsfeier in der Redaktion vor. Ich denke da an gebratenen Wennerstr�m als Vorspeise und diverse Kritiker als Nachtisch.�</p><p>Pl�tzlich herrschte eine ausgelassene Stimmung. Mikael fragte sich, wie er reagieren w�rde, wenn er sich selbst reden h�rte. Misstrauisch? Ja, wahrscheinlich. Aber anscheinend besa� er noch ein gewisses Vertrauenskapital bei der kleinen Angestelltenschar. Er hob die Hand, um sich Geh�r zu verschaffen.</p><p>�Damit der Plan gelingt, muss Wennerstr�m unbedingt glauben, dass <emphasis>Millennium</emphasis> demn�chst zusammenbricht. Ich will nicht, dass er sich irgendeine Gegenkampagne ausdenken oder in letzter Minute Beweise verschwinden lassen kann. Wir legen jetzt also erst mal ein Drehbuch f�r diesen Herbst fest. Erstens: Es ist wichtig, dass nichts von dem, wor�ber wir heute gesprochen haben, zu Papier gebracht oder gemailt oder mit irgendeiner Person au�erhalb dieses Zimmers besprochen wird. Wir wissen nicht, inwieweit Dahlman unsere Computer  �berwacht. Wie ich erfahren habe, ist es wohl ziemlich einfach, die Mails aller Mitarbeiter einzusehen. Die ganze Geschichte ziehen wir also m�ndlich durch. Wenn ihr in den n�chsten Wochen dar�ber reden wollt, dann m�sst ihr euch an Christer wenden und euch bei ihm zu Hause treffen. So diskret wie nur m�glich.�</p><p>Mikael schrieb �Keine E-Mails!� an die Tafel.</p><p>�Zweitens werdet ihr euch verfeinden. Ich will, dass ihr �ber mich herzieht, wann immer Janne Dahlman in der N�he ist. �bertreibt nicht. Lasst einfach euren niederen Instinkten freien Lauf. Christer, ich m�chte, dass Erika und du ein ernstes Zerw�rfnis habt. Lass deine Fantasie spielen und mach ein gro�es Geheimnis daraus, worum es dabei eigentlich geht, aber es muss so aussehen, als w�rde das Magazin an allen Ecken und Enden auseinanderbrechen und als w�re hier pl�tzlich jeder gegen jeden.�</p><p>Er schrieb �Kleinkrieg� an die Tafel.</p><p>�Drittens: Sobald Erika zur�ckkommt, wirst du sie ins Bild setzen, Christer. Ihre Aufgabe wird sein, Janne Dahlman vorzuspielen, dass unsere Vereinbarung mit dem Vanger-Konzern - die uns derzeit ja noch �ber Wasser h�lt - den Bach runtergeht, weil Henrik Vanger schwer erkrankt und Martin Vanger verstorben ist.�</p><p>Er schrieb das Wort �Fehlinformationen�.</p><p>�Aber die Vereinbarung steht doch wohl noch, oder?�, fragte Monika Nilsson.</p><p>�Eines k�nnt ihr mir glauben�, sagte Mikael grimmig. �Der Vanger-Konzern wird eine ganze Menge daf�r tun, dass <emphasis>Millennium</emphasis> �berlebt. In ein paar Wochen, sagen wir mal Ende August, wird Erika ein Meeting einberufen und K�ndigungen in Aussicht stellen. Euch muss klar sein, dass das nur ein Fake ist. Der Einzige, der von hier verschwinden wird, ist Janne Dahlman. Aber spielt das Spiel die ganze Zeit mit. Fangt an, dar�ber zu reden, dass ihr euch neue Jobs sucht. Beklagt euch,  was f�r eine miese Referenz es doch ist, <emphasis>Millennium</emphasis> in seinem Lebenslauf zu haben. Und so weiter und so fort.�</p><p>�Und du glaubst, dieses Spiel wird <emphasis>Millennium</emphasis> retten?�, fragte Sonny Magnusson.</p><p>�Ich wei�, dass es <emphasis>Millennium</emphasis> retten wird. Sonny, ich will, dass du einen gef�lschten Monatsbericht zusammenstellst, der belegt, dass der Anzeigenmarkt umgeschlagen ist und die Zahl der Abonnenten dramatisch sinkt.�</p><p>�Sollen wir dieses Spiel nur redaktionsintern betreiben oder auch anderen Medien gegen�ber?�, fragte Monika.</p><p>�Haltet das Ganze redaktionsintern. Falls die Nachricht irgendwo anders auftaucht, dann wissen wir, wer sie weitergetragen hat. Und wenn ihr in ein paar Monaten darauf angesprochen werdet, dann k�nnt ihr einfach antworten, es seien nur b�swillige Ger�chte gewesen. Das Beste, was �berhaupt passieren k�nnte, w�re, dass Dahlman loszieht und anderen Massenmedien entsprechende Tipps gibt. Dann steht er hinterher da wie der letzte Idiot. Wenn ihr Dahlman den einen oder anderen Tipp f�r eine glaubw�rdige, aber vollkommen hirnrissige Story geben k�nnt, dann ist das v�llig in Ordnung.�</p><p>Zwei Stunden lang heckten sie ein Szenario aus und verteilten die Rollen.</p><p>Nach dem Treffen ging Mikael mit Christer Malm bei Java an der Horngata Kaffee trinken.</p><p>�Es ist wahnsinnig wichtig, dass du Erika schon in Arlanda abf�ngst und sie ins Bild setzt, Christer. Du musst sie davon �berzeugen, das Spiel mitzuspielen. Wie ich sie kenne, wird sie sich Dahlman sofort vorkn�pfen wollen, aber das darf auf keinen Fall passieren. Ich will, dass Dahlman nicht den geringsten Verdacht hat, damit er nicht noch Beweismaterial verschwinden lassen kann.�</p><p>�Okay.�</p><p>�Und sieh zu, dass Erika keine E-Mails schreibt, bevor sie das Verschl�sselungsprogramm PGP installiert hat und damit umgehen kann. �ber Dahlman kann Wennerstr�m wahrscheinlich alles lesen, was wir uns gegenseitig mailen. Ich will, dass du und alle anderen PGP auf euren Rechnern installiert. Lass es ganz nat�rlich aussehen. Du bekommst den Namen eines Beraters und l�sst ihn das Netzwerk und die Computer in der Redaktion �berpr�fen. Lass ihn die Programme installieren, als w�re das eine ganz normale Sicherheitsvorkehrung.�</p><p>Christer Malm sah verlegen aus.</p><p>�Ich habe dir immer vertraut, Mikael. Soll das bedeuten, dass du mir nicht mehr vertraust?�</p><p>Mikael lachte.</p><p>�Nein. Aber momentan gehe ich einer kriminellen Aktivit�t nach, die mir zwei Jahre Gef�ngnis einbringen kann. Meine Recherchemethoden sind sozusagen ein bisschen zweifelhaft � Ich spiele mit ebenso �fairen� Methoden wie Wennerstr�m, und ich will nicht, dass du oder Erika oder jemand sonst von <emphasis>Millennium</emphasis> da mit hineingezogen wird.�</p><p>�Du beherrschst die Kunst, mich nerv�s zu machen.�</p><p>�Beruhig dich. Und sag Erika, die Story wird gro�. Richtig gro�.�</p><p>�Erika wird wissen wollen, was du da treibst.�</p><p>Mikael �berlegte kurz. Dann l�chelte er.</p><p>�Richte ihr aus, als sie im Fr�hjahr hinter meinem R�cken den Vertrag mit Henrik Vanger aufgesetzt hat, hat sie mir deutlich gemacht, dass ich ab jetzt keinen Einfluss mehr auf die Gesch�ftspolitik von <emphasis>Millennium</emphasis> habe. Das hei�t dann ja wohl auch, dass ich sie nicht mehr informieren muss. Aber ich verspreche, wenn sie sich gut benimmt, dann hat sie das Vorkaufsrecht auf meine Story.�</p><p>Christer Malm musste pl�tzlich loslachen.</p><p>�Sie wird rasen vor Wut�, stellte er fr�hlich fest.</p><p>Mikael musste sich eingestehen, dass er nicht ganz ehrlich zu Christer gewesen war. Er ging Erika bewusst aus dem Weg. Normalerweise h�tte er direkt Kontakt mit ihr aufnehmen und sie einweihen m�ssen. Aber er wollte nicht mit ihr reden. Dutzende von Malen hatte er das Handy in die Hand genommen, um sie anzurufen. Und jedes Mal hatte er es sich wieder anders �berlegt.</p><p>Er wusste, wo das Problem lag. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen.</p><p>Die Vertuschung, an der er sich in Hedestad beteiligte, war vom journalistischen Standpunkt aus einfach unverzeihlich. Er hatte keine Ahnung, wie er es ihr erkl�ren sollte, ohne zu l�gen, und wenn es etwas auf der Welt gab, das er niemals tun wollte, dann war es Erika anzul�gen.</p><p>Und vor allem konnte er sich damit nicht auseinandersetzen, solange er mit Wennerstr�m besch�ftigt war. Also schob er ihr Treffen auf, schaltete sein Handy aus und verzichtete darauf, mit ihr zu reden. Er wusste jedoch, dass das nur ein Aufschub war.</p><p>Unmittelbar nach der Redaktionssitzung zog Mikael in sein Sommerh�uschen in Sandhamn, wo er seit einem Jahr nicht mehr gewesen war. In seinem Gep�ck befanden sich zwei Kartons mit ausgedrucktem Material und die CDs, die Lisbeth ihm mitgegeben hatte. Er kaufte Lebensmittel auf Vorrat, schloss sich ein, klappte sein iBook auf und begann zu schreiben. Jeden Tag machte er einen kurzen Spaziergang, holte Zeitungen und kaufte ein. Im G�stehafen lagen immer noch lauter Segelboote, und all die Jugendlichen, die sich Papis Boot ausgeliehen hatten, hockten wie immer in der <emphasis>Taucherbar</emphasis> und betranken sich sinnlos. Mikael nahm seine Umwelt kaum wahr. Er sa� praktisch von morgens, wenn er die Augen aufschlug, bis abends, wenn er vor Ersch�pfung fast umfiel, vor seinem Computer.</p><p>Verschl�sselte E-Mail Chefredakteurin &lt;erika.berger@millennium. se&gt; an den verantwortlichen Herausgeber &lt;mikael. blomkvist@millennium.se&gt;:</p><p>Mikael, ich muss wissen, was hier l�uft - Herrgott noch mal, ich komme aus dem Urlaub nach Hause ins totale Chaos. Die Neuigkeit �ber Janne Dahlman und dieses doppelte Spiel, das du dir ausgedacht hast. Martin Vanger ist tot. Harriet lebt. Was ist da oben in Hedeby eigentlich los? Wo bist du? Gibt es irgendeine Story? Warum gehst du nicht ans Handy? E. P. S.: Die Stichelei wegen letztem Fr�hjahr, die Christer mir gen�sslich �bermittelt hat, habe ich verstanden. Das zahle ich dir heim. Bist du im Ernst sauer auf mich?</p><p>Von &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt; an &lt;erika.berger@millennium.se&gt;:</p><p>Hallo, Ricky. Nein, um Gottes willen, ich bin nicht sauer. Entschuldige, dass ich dich nicht auf dem Laufenden gehalten habe, aber in den letzten Monaten war mein Leben eine Achterbahn. Ich werde dir alles erz�hlen, wenn wir uns wiedersehen, aber nicht via E-Mail. Ich bin momentan in Sandhamn. Es gibt eine Story, aber Harriet Vanger ist es nicht. Ich werde die n�chste Zeit hier nicht wegkommen. Danach ist aber alles vorbei. Vertrau mir. Gru� und Kuss, M.</p><p>Von &lt;erika.berger@millennium.se&gt; an &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt;:</p><p>Sandhamn? Ich komme dich sofort besuchen.</p><p>Von &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt; an &lt;erika.berger@millennium.se&gt;:</p><p>Ich will im Moment keinen Besuch. Warte ein paar Wochen, zumindest bis ich den Text so weit in Ordnung habe. Au�erdem erwarte ich noch anderen Besuch.</p><p>Von &lt;erika.berger@millennium.se&gt; an &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt;:</p><p>Dann werde ich selbstverst�ndlich nicht kommen. Aber ich muss wissen, was hier l�uft. Henrik Vanger ist wieder Gesch�ftsf�hrer und geht nicht ans Telefon, wenn ich anrufe. Wenn die Vereinbarung mit Vanger irgendwie geplatzt ist, dann muss ich das wissen. Im Moment wei� ich gar nicht, was ich tun soll. Ich muss wissen, ob das Magazin �berlebt oder nicht. Ricky</p><p>P. S.: Wer ist sie?</p><p>Von &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt; an &lt;erika.berger@millennium.se&gt;:</p><p>Hallo, Erika. Erstens: Du kannst v�llig beruhigt sein, Henrik wird sich nicht zur�ckziehen. Aber er hatte einen schweren Herzanfall und arbeitet momentan wenig. Ich sch�tze, dass das Chaos nach Martins Tod und Harriets Wiederauferstehung seine ganze Kraft beansprucht. Zweitens: Millennium wird �berleben. Ich arbeite derzeit an der wichtigsten Reportage unseres Lebens, und wenn wir damit an die �ffentlichkeit gehen, dann vernichten wir Wennerstr�m ein f�r alle Mal. Drittens: Mein Leben steht gerade Kopf, aber du und ich und Millennium - da hat sich nichts ver�ndert. Vertrau mir. K�sschen. Mikael.</p><p>P. S.: Ich werde Euch einander vorstellen, sobald sich die Gelegenheit ergibt. Sie wird dir einen Floh ins Ohr setzen.</p><p>Als Lisbeth ihn in Sandhamn besuchen kam, traf sie einen unrasierten und hohl�ugigen Mikael an, der sie nach fl�chtiger Umarmung bat, Kaffeewasser aufzusetzen und zu warten, bis er seinen Text abgeschlossen hatte.</p><p>Lisbeth sah sich in der H�tte um und stellte fast sofort fest, dass sie sich hier wohlf�hlte. Das H�uschen stand direkt am Wasser, zwei Meter von der Eingangst�r war der Bootssteg. Es war nur sechs mal f�nf Meter gro�, aber so hoch, dass man  �ber eine Wendeltreppe zum Schlafgeschoss hinaufsteigen konnte. Sie konnte aufrecht stehen, Mikael musste den Kopf einziehen. Als sie das Bett inspizierte, stellte sie fest, dass es breit genug f�r sie beide war.</p><p>Die H�tte hatte ein gro�es Fenster zum Meer hin, direkt neben der Eingangst�r. Dort stand Mikaels K�chentisch, der gleichzeitig als Schreibtisch diente. An der Wand neben dem Tisch stand ein Regal mit einem CD-Player, einer gro�en Elvis-Presley-Sammlung und ein bisschen Hardrock - in puncto Musik vielleicht nicht gerade Lisbeths erste Wahl.</p><p>In einer Ecke stand ein Kachelofen mit Glasfront. Ansonsten bestand die M�blierung nur aus einem gro�en Kleiderschrank, der an der Wand festgemacht war, und einer Sp�le, die man zur Badezimmernische umfunktionieren konnte, indem man den Duschvorhang rundherum zuzog. Dort gab es ein weiteres Fenster. Die ganze H�tte war wie eine Kaj�te eingerichtet, in der jeder Stauraum clever genutzt wurde.</p><p>In ihrem Untersuchungsbericht zu Mikael Blomkvist hatte sie festgehalten, dass er die H�tte selbst renoviert und die Einrichtung eigenh�ndig getischlert hatte - das hatte sie aus der E-Mail eines seiner Bekannten geschlossen, der von seinem handwerklichen Geschick sehr beeindruckt war. Alles war sauber, bescheiden und einfach, fast schon spartanisch. Sie konnte verstehen, warum er sein Sommerh�uschen in Sandhamn so liebte.</p><p>Zwei Stunden sp�ter war es ihr endlich gelungen, Mikael so weit abzulenken, dass er frustriert den Computer ausschaltete, sich rasierte und ihr eine F�hrung durch Sandhamn zuteil werden lie�. Das Wetter war regnerisch und windig, und wenig sp�ter landeten sie in der Kneipe. Mikael erz�hlte, was er bis jetzt geschrieben hatte, und Lisbeth gab ihm eine CD mit Updates von Wennerstr�ms Computer.</p><p>Zu Hause zerrte sie ihn ins Schlafzimmer, wo es ihr gelang, ihn auszuziehen und noch mehr abzulenken. Sie wachte sp�t  nachts davon auf, dass sie allein im Bett war, sp�hte hinunter und sah ihn �ber seinen Computer gebeugt. Sie st�tzte den Kopf auf die Hand und betrachtete ihn eine ganze Weile. Er wirkte gl�cklich, und sie selbst f�hlte sich pl�tzlich auch seltsam zufrieden mit ihrem Dasein.</p><p>Lisbeth blieb nur f�nf Tage, bevor sie nach Stockholm zur�ckfuhr, um einen Job zu erledigen, bei dem Dragan Armanskij sie verzweifelt um ihre Hilfe gebeten hatte. Sie verwendete elf Arbeitstage auf diesen Auftrag, gab ihren Bericht ab und fuhr wieder hinaus nach Sandhamn. Der Papierstapel mit den ausgedruckten Seiten neben Mikaels iBook war weiter angewachsen.</p><p>Dieses Mal blieb sie vier Wochen. Sie entwickelten eine richtige Alltagsroutine. Sie standen um acht Uhr auf, fr�hst�ckten und besch�ftigten sich ein Weilchen miteinander. Danach arbeitete Mikael intensiv bis zum Nachmittag durch. Dann gingen sie spazieren und unterhielten sich. Lisbeth verbrachte den Gro�teil des Tages im Bett, wo sie entweder B�cher las oder mit Mikaels ADSL-Modem im Netz surfte. Sie vermied es, Mikael tags�ber in seiner Konzentration zu st�ren. Sie a�en ziemlich sp�t zu Abend, und erst dann ergriff Lisbeth die Initiative und schleifte ihn ins Bett, wo sie daf�r sorgte, dass er ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit widmete.</p><p>F�r Lisbeth f�hlte es sich an wie der erste Urlaub ihres Lebens. Die Harmonie war perfekt.</p><p>VERSCHL�SSELTE E-MAIL VON</p><p>&lt;erika.berger@millennium.se&gt; an &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt;:</p><p>Hallo, M. Jetzt ist es offiziell. Janne Dahlman hat gek�ndigt und f�ngt in drei Wochen bei Monopol an. Habe deinem Wunsch entsprechend nichts gesagt, und alle laufen hier rum und spielen dieses d�mliche Spielchen. E.</p><p>P. S.: Immerhin scheint es ihnen Spa� zu machen. Henry und Lotta hatten vor ein paar Tagen einen Streit und haben sich mit Gegenst�nden beworfen. Sie haben Dahlman derart ver�ppelt, dass mir unbegreiflich ist, wie er das noch f�r bare M�nze nehmen konnte.</p><p>Von &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt; an &lt;erika.berger@millennium.se&gt;:</p><p>W�nsch ihm alles Gute und lass ihn ziehen. Aber schlie� vorher das Tafelsilber weg. Gru� und Kuss, M.</p><p>Von &lt;erika.berger@millennium.se&gt; an &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt;:</p><p>Ich stehe ohne Assistent da, zwei Wochen bevor wir in Druck gehen wollen, und mein Enth�llungsreporter sitzt in Sandhamn und weigert sich, mit mir zu sprechen. Micke, ich bin v�llig fertig. Kannst du nicht herkommen? Erika</p><p>Von &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt; an &lt;erika.berger@millennium.se&gt;:</p><p>Halt noch ein paar Wochen aus. Und fang schon mal an, die Dezembernummer zu planen, die wird anders als jedes Heft, das wir bis jetzt gemacht haben. Mein Artikel wird sich auf ungef�hr 40 Seiten belaufen. M.</p><p>Von &lt;erika.berger@millennium.se&gt; an &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt;:</p><p>40 Seiten!!! Hast du sie noch alle?</p><p>Von &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt; an &lt;erika.berger@millennium.se&gt;:</p><p>Ich glaube, so was nennt sich Themenheft. Ich brauche noch drei Wochen. Kannst du Folgendes in die Wege leiten: 1) einen Verlag mit dem Namen Millennium registrieren lassen, 2) uns eine ISBN-Nummer beschaffen, 3) Christer bitten, dass er ein h�bsches Logo f�r unseren neuen Buchverlag entwirft, 4) eine gute Druckerei auftreiben, die schnell und billig ein Taschenbuch drucken kann. Au�erdem brauchen wir noch Kapital, um unser erstes Buch zu drucken. K�sschen, Mikael</p><p>Von &lt;erika.berger@millennium.se&gt; an &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt;:</p><p>Themenheft. Buchverlag. Geld. Yes, master. Kann ich sonst noch was f�r dich tun? Nackt auf dem Marktplatz tanzen? E.</p><p>P. S.: Ich glaube, ich wei�, was du im Schilde f�hrst. Aber was mach ich mit Dahlman?</p><p>Von &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt; an &lt;erika.berger@millennium.se&gt;:</p><p>Mach gar nichts mit Dahlman. Lass ihn gehen. Monopol wird nicht mehr lange �berleben. Kauf f�r dieses Heft ein paar mehr Freelance-Artikel ein. Und stell doch einfach einen neuen Assistenten ein, meine G�te. M.</p><p>P. S.: Ich w�rde dich zu gerne nackt auf dem Marktplatz sehen. M.</p><p>Von &lt;erika.berger@millennium.se&gt; an &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt;:</p><p>� - in your dreams. Aber wir haben unsere Mitarbeiter immer gemeinsam eingestellt. Ricky</p><p>Von &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt; an &lt;erika.berger@millennium.se&gt;:</p><p>Und wir waren uns immer einig, wen wir einstellen wollten. Das wird auch dieses Mal so sein, egal, f�r wen du dich entscheidest. Wir werden Wennerstr�m ordentlich eins verpassen. Das ist die ganze Story. Lass mich die Sache einfach nur in Ruhe abschlie�en. M.</p><p>Anfang Oktober entdeckte Lisbeth Salander eine Meldung auf der Website des <emphasis>Hedestads-Kuriren,</emphasis> die sie Mikael zeigte. Isabella Vanger war nach kurzer Krankheit verstorben. Betrauert wurde sie von ihrer erst k�rzlich wieder aufgetauchten Tochter Harriet Vanger.</p><p>VERSCHL�SSELTE E-MAIL VON</p><p>&lt;erika.berger@millennium.se&gt; an &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt;:</p><p>Hallo, Mikael,</p><p>Harriet Vanger hat mich heute in der Redaktion besucht. Sie rief mich f�nf Minuten vorher an, ich war v�llig unvorbereitet. Eine sch�ne Frau mit eleganten Kleidern und k�hlem Blick.</p><p>Sie war gekommen, um mir mitzuteilen, dass sie Martin Vangers Funktion als Henriks Stellvertreter in unserem F�hrungsstab �bernimmt. Sie war h�flich und freundlich und versicherte mir, dass der Vanger-Konzern nicht vorh�tte, sich aus unserer Vereinbarung zur�ckzuziehen - im Gegenteil, die Familie stehe voll und ganz hinter Henriks Verpflichtungen dem Magazin gegen�ber. Sie bat mich, sie durch die Redaktion zu f�hren, und fragte mich, wie ich die Situation empf�nde.</p><p>Ich habe die Wahrheit gesagt. Dass ich mich f�hle, als h�tte ich keinen festen Boden mehr unter den F��en. Dass du mir verboten hast, dich in Sandhamn zu besuchen, und dass ich nicht wei�, woran du arbeitest, au�er, dass du eben vorhast, Wennerstr�m geh�rig an den Karren zu fahren. (Ich habe einfach mal angenommen, dass ich das erz�hlen durfte. Immerhin sitzt sie ja in unserem F�hrungskreis.) Sie hob eine Augenbraue und fragte l�chelnd, ob ich daran zweifelte, dass du Erfolg haben w�rdest. Was soll man darauf antworten? Ich antwortete, ich  w�re bedeutend ruhiger, wenn ich w�sste, was hier eigentlich l�uft. Nat�rlich vertraue ich dir. Aber du machst mich wirklich wahnsinnig. Ich fragte sie, ob sie w�sste, was du gerade treibst. Sie verneinte, meinte aber, ihr Eindruck von dir sei der eines au�ergew�hnlich entschlossenen Querdenkers. (So hat sie sich ausgedr�ckt.)</p><p>Au�erdem sagte ich, es m�sse ja wohl etwas Dramatisches in Hedestad vorgefallen sein, und ich sei ganz krank vor Neugier auf die Harriet-Vanger-Story. Kurz und gut, ich kam mir vor wie ein kleiner Idiot.</p><p>Sie antwortete mit einer Gegenfrage: Ob du mir denn tats�chlich nichts erz�hlt h�ttest? Sie wisse, dass wir ein ganz besonderes Verh�ltnis haben, und dass du mir die Story sicher erz�hlen w�rdest, sobald du wieder ein bisschen Zeit hast. Dann fragte sie, ob sie mir vertrauen k�nnte. Was sollte ich antworten? Sie sitzt in der F�hrungsspitze von Millennium, und du hast mir ja wirklich gar nichts an die Hand gegeben.</p><p>Dann sagte sie etwas Seltsames. Sie bat mich, weder �ber sie noch �ber dich zu hart zu urteilen. Sie behauptete, zutiefst in deiner Schuld zu stehen. Sie w�nschte sich, dass auch wir Freundinnen werden. Dann versprach sie, mir die ganze Geschichte einmal zu erz�hlen, solltest du es nicht schaffen. Vor einer Stunde ist sie gegangen, und ich bin v�llig verwirrt. Ich glaube, ich mag sie, aber ich wei� nicht, ob ich ihr vertrauen kann. Erika.</p><p>P. S.: Du fehlst mir. Ich hab das Gef�hl, dass in Hedestad etwas ganz Schreckliches passiert ist. Christer hat erz�hlt, du h�ttest da so eine seltsame Narbe - W�rgemale? - am Hals.</p><p>Von &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt; an &lt;erika.berger@millennium.se&gt;:</p><p>Hallo, Ricky. Die Story von Harriet Vanger ist so entsetzlich und grauenvoll, das kannst du dir nicht vorstellen. Bemerkenswert, dass sie sie dir selbst erz�hlen will. Ich mag nicht einmal daran denken.</p><p>In der Zwischenzeit verb�rge ich mich daf�r, dass du Harriet Vanger vertrauen kannst. Sie ist mir wirklich zu tiefem Dank verpflichtet und wird niemals etwas tun, womit sie Millennium schaden k�nnte - glaub mir.</p><p>Werde ihre Freundin, wenn du sie magst. Lass es, wenn du sie nicht magst. Aber sie verdient Respekt. Diese Frau schleppt eine schwere Last mit sich herum, und ich hege gro�e Sympathien f�r sie. M.</p><p>Am n�chsten Tag bekam Mikael noch eine Mail.</p><p>Von &lt;harriet.vanger@vangerindustries.com&gt; an &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt;:</p><p>Hallo, Mikael, seit ein paar Wochen versuche ich nun schon, mich bei Ihnen zu melden, aber wie es aussieht, reicht meine Zeit einfach nie. Sie sind so schnell aus Hedeby verschwunden, dass ich mich gar nicht pers�nlich von Ihnen verabschieden konnte.</p><p>Seit ich nach Schweden zur�ckgekehrt bin, habe ich eine Zeit Schwindel erregender Eindr�cke und harter Arbeit erlebt. Der Vanger-Konzern steckt im Chaos, und ich habe mit Henrik gemeinsam daran gearbeitet, die Gesch�fte wieder in Ordnung zu bringen. Heute habe ich Millennium besucht, wo ich Henriks Stellvertretung �bernehmen werde. Henrik hat mir ausf�hrlich von Ihnen und der Situation des Magazins berichtet.</p><p>Ich hoffe, Sie k�nnen akzeptieren, dass ich auf diese Art und Weise wieder auftauche. Wenn Sie mich (oder irgendjemand sonst aus meiner Familie) nicht in Ihrem F�hrungsstab haben wollen, kann ich Ihre Gef�hle gut verstehen, aber ich werde alles tun, um Millennium zu helfen. Ich f�hle mich tief in Ihrer Schuld und versichere Ihnen, meine Absichten werden in diesem Zusammenhang immer die besten sein.</p><p>Ich habe Ihre Freundin Erika Berger kennengelernt. Ich wei� nicht recht, was sie von mir h�lt, und ich habe mich gewundert, dass Sie ihr nicht erz�hlt haben, was alles geschehen ist.</p><p>Ich will sehr gerne Ihre Freundin bleiben. Falls Sie �berhaupt noch jemand aus der Familie Vanger ertragen k�nnen. Einen herzlichen Gru�, Harriet</p><p>Von &lt;mikael.blomkvist@millennium.se&gt; an &lt;harriet.vanger@vangerindustries.com&gt;:</p><p>Hallo, Harriet. Ich bin �berst�rzt aus Hedeby verschwunden und sitze nun an der Geschichte, an der ich eigentlich dieses Jahr h�tte arbeiten m�ssen. Ich werde Sie rechtzeitig informieren, bevor der Artikel in Druck geht, aber ich wage jetzt schon zu sagen, dass die Probleme des vergangenen Jahres bald �berstanden sein werden.</p><p>Ich hoffe, Erika und Sie werden Freundinnen, und ich habe selbstverst�ndlich kein Problem damit, dass Sie im F�hrungskreis von Millennium auftauchen. Ich werde Erika auch alles erz�hlen. Aber momentan habe ich weder die Kraft noch die Zeit und will erst noch ein bisschen Distanz zu den Geschehnissen gewinnen.</p><p>Lassen Sie uns in Kontakt bleiben.</p><p>Herzlichen Gru�, Mikael</p><p>Lisbeth schenkte Mikaels T�tigkeit kein allzu gro�es Interesse. Sie entspannte sich und vertrieb sich die Zeit, indem sie B�cher las und im Internet surfte. Sie blickte auf, als Mikael etwas sagte, was sie nicht gleich verstand.</p><p>�Tut mir leid. Ich habe laut gedacht. Ich habe gerade gesagt, das ist ja heftig.�</p><p>�Was ist heftig?�</p><p>�Wennerstr�m hatte eine Aff�re mit einer zweiundzwanzigj�hrigen Kellnerin, die er geschw�ngert hat. Hast du seinen Schriftverkehr mit seinem Anwalt nicht gelesen?�</p><p>�Bitte, Mikael - du hast da zehn Jahre Schriftverkehr, E-Mails, Vertr�ge, Reiseunterlagen und wei� Gott was alles auf dieser Festplatte. So fasziniert bin ich nun auch wieder nicht von Wennerstr�m, dass ich mich auf sechs Gigabyte von diesem Bl�dsinn st�rze. Ich habe einen Bruchteil davon gelesen, um meine Neugier zu befriedigen und festzustellen, dass er ein Verbrecher ist.�</p><p>�Okay. Er hat sie 1997 geschw�ngert. Als sie Geld wollte, setzte sein Rechtsanwalt jemand darauf an, sie zu einer Abtreibung zu �berreden. Das sah dann so aus, dass einer seiner Handlanger sie in einer gef�llten Badewanne so lange unter  Wasser dr�ckte, bis sie endlich versprach, Wennerstr�m in Frieden zu lassen. Und das teilt dieser Idiot von Anwalt ihm in einer Mail mit - verschl�sselt zwar, aber trotzdem � Ich w�rde fast sagen, mit der Intelligenz ist es bei diesem Haufen nicht allzu weit her.�</p><p>�Was ist mit dem M�dchen weiter passiert?�</p><p>�Sie hat abgetrieben. Wennerstr�m war zufrieden.�</p><p>Lisbeth Salander schwieg ganze zehn Minuten. Ihre Augen waren pl�tzlich schwarz.</p><p>�Noch so ein Mann, der Frauen hasst�, murmelte sie schlie�lich. Mikael h�rte sie nicht.</p><p>Sie griff sich die CDs und verbrachte die n�chsten Tage damit, Wennerstr�ms E-Mails und andere Dokumente sorgf�ltig durchzulesen. W�hrend Mikael weiterarbeitete, sa� Lisbeth auf dem Bett, ihr PowerBook auf den Knien, und dachte gr�ndlich �ber Wennerstr�ms merkw�rdiges Imperium nach.</p><p>Mit einem Mal kam ihr ein seltsamer Gedanke, der sie nicht mehr loslie�. Am meisten wunderte sie sich dar�ber, dass sie nicht schon eher darauf gekommen war.</p><p>Ende Oktober druckte Mikael eine Seite aus und schaltete den Computer schon um elf Uhr vormittags aus. Wortlos kletterte er zum Schlafloft hinauf und hielt Lisbeth einen dicken Stapel Papier hin. Dann schlief er ein. Am Abend weckte sie ihn wieder auf und brachte ihre Ansichten zu seinem Text vor.</p><p>Kurz nach zwei Uhr morgens machte Mikael eine letzte Sicherungskopie. Sie fuhren gemeinsam nach Stockholm.</p><p>Bevor sie in Stockholm ankamen, hatte Mikael noch eine heikle Frage mit Lisbeth zu kl�ren. Er schnitt das Thema an, als sie auf dem Vaxholmsboot Kaffee aus Pappbechern tranken.</p><p>�Wir m�ssen uns darauf einigen, was ich Erika erz�hlen soll. Sie wird sich weigern, meinen Artikel zu ver�ffentlichen, wenn ich ihr nicht erkl�ren kann, wie ich zu dem Material gekommen bin.�</p><p>Erika Berger. Mikaels langj�hrige Geliebte und Chefredakteurin. Lisbeth war ihr nie begegnet und wusste auch nicht, ob sie das �berhaupt wollte. Sie war eine Art undefinierbare St�rung in Lisbeths Dasein.</p><p>�Was wei� sie von mir?�</p><p>�Nichts.� Er seufzte. �Ich gehe Erika tats�chlich seit dem Sommer aus dem Weg. Ich konnte ihr nicht erz�hlen, was in Hedestad passiert ist, weil ich mich einfach so verflucht sch�me. Sie ist ganz sch�n frustriert, weil ich derartig mit meinen Informationen geize. Sie wei� nat�rlich, dass ich in Sandhamn war und diesen Text geschrieben habe, aber sie wei� nicht, worum es geht.�</p><p>�Hmm.�</p><p>�In ein paar Stunden bekommt sie das Manuskript. Und dann wird sie mich geh�rig in die Zange nehmen. Die Frage ist, was ich ihr sagen soll.�</p><p>�Was willst du sagen?�</p><p>�Ich will ihr die Wahrheit erz�hlen.�</p><p>Zwischen Lisbeths Augenbrauen bildete sich eine senkrechte Falte.</p><p>�Erika und ich streiten fast immer, wei�t du. Das geh�rt quasi zu unserem Umgangston. Aber wir vertrauen einander bedingungslos. Sie ist absolut zuverl�ssig. Du bist eine Quelle. Sie w�rde eher sterben, als deine Identit�t preiszugeben.�</p><p>�Wie vielen Leuten wirst du es noch erz�hlen m�ssen?�</p><p>�Absolut niemandem. Das werden Erika und ich mit ins Grab nehmen. Aber ich werde ihr dein Geheimnis nicht verraten, wenn du nicht willst. Allerdings werde ich auch keine Quelle erfinden, die es gar nicht gibt.�</p><p>Lisbeth dachte dar�ber nach, bis sie unterhalb des Grand  Hotels anlegten. <emphasis>Konsequenzanalyse</emphasis>. Schlie�lich erlaubte sie Mikael widerwillig, sie Erika vorzustellen. Er schaltete sein Handy ein und rief sie an.</p><p>Mikaels Anruf erreichte Erika Berger w�hrend eines Mittagessens mit Malin Eriksson, die sie vielleicht als Assistentin einstellen wollte. Malin war neunundzwanzig und hatte f�nf Jahre als Springerin gearbeitet. Sie hatte noch nie einen festen Job gehabt und begann langsam den Mut zu verlieren. Die Stelle war nicht in einer Anzeige ausgeschrieben worden, vielmehr hatte Erika einen Tipp von einem alten Bekannten bei einer Wochenzeitung bekommen, der ihr Malin empfahl.</p><p>�Es w�re eine Vertretung f�r drei Monate�, sagte Erika. �Aber wenn es mit uns klappt, dann k�nnte was Festes draus werden.�</p><p>�Ich habe das Ger�cht geh�rt, dass <emphasis>Millennium</emphasis> bald eingestellt wird.�</p><p>Erika Berger l�chelte.</p><p>�Sie sollten diesem Ger�cht keinen Glauben schenken.�</p><p>�Dieser Dahlman, der die Stelle vorher hatte �� Malin Eriksson z�gerte. �Er geht zu einer Zeitung, die Hans-Erik Wennerstr�m geh�rt.�</p><p>Erika nickte. �Es ist nicht gerade ein Branchengeheimnis, dass wir einen gewissen Konflikt mit Wennerstr�m haben. Leute, die f�r <emphasis>Millennium</emphasis> arbeiten, mag er nicht.�</p><p>�Wenn ich einen Job bei <emphasis>Millennium</emphasis> annehme, dann geh�re ich also auch zu dieser Kategorie.�</p><p>�Die Wahrscheinlichkeit ist gro�, ja.�</p><p>�Aber Dahlman hat einen Job bei <emphasis>Monopol</emphasis> bekommen.�</p><p>�Man k�nnte sagen, das ist Wennerstr�ms Art, sich f�r gewisse Dienste erkenntlich zu zeigen, die Dahlman ihm erwiesen hat. Sind Sie immer noch interessiert?�</p><p>Malin Eriksson �berlegte kurz. Dann nickte sie.</p><p>Genau in diesem Moment rief Mikael Blomkvist an und unterbrach das Bewerbungsgespr�ch.</p><p>Erika schloss Mikaels Wohnung mit ihrem eigenen Schl�ssel auf. Zum ersten Mal seit seinem kurzen Besuch in der Redaktion an Mittsommer sah sie ihn wieder. Sie ging ins Wohnzimmer, wo sie auf ein anorektisch mageres M�dchen mit abgewetzter Lederjacke traf, die auf dem Sofa sa� und ihre schmutzigen Stiefel auf den Tisch gelegt hatte. Im ersten Moment hielt sie das M�dchen f�r f�nfzehn, aber dann sah sie ihre Augen. Sie war immer noch in die Betrachtung dieser Erscheinung versunken, als Mikael mit einer Thermoskanne Kaffee und Geb�ck zu ihnen kam.</p><p>Mikael und Erika sahen sich an.</p><p>�Entschuldige, dass ich so unm�glich war�, sagte Mikael.</p><p>Erika legte den Kopf schief. Irgendetwas an Mikael war anders. Er sah ausgemergelt aus, magerer, als sie ihn in Erinnerung hatte. Seine Augen waren versch�mt, und einen Moment lang wich er sogar ihrem Blick aus. Verstohlen musterte sie seinen Hals. Der rote Streifen war blasser geworden, aber immer noch deutlich zu erkennen.</p><p>�Ich bin dir aus dem Weg gegangen. Das ist alles eine furchtbar lange Geschichte, und ich bin nicht stolz auf die Rolle, die ich darin spiele. Aber dazu kommen wir sp�ter � jetzt will ich euch erst mal miteinander bekannt machen. Erika, das ist Lisbeth Salander. Lisbeth, Erika Berger ist Chefredakteurin bei <emphasis>Millennium</emphasis> und meine beste Freundin.�</p><p>Lisbeth musterte Erikas elegante Kleider und das selbstsichere Auftreten und beschloss schon nach zehn Sekunden, dass sie h�chstwahrscheinlich nicht ihre beste Freundin werden w�rde.</p><p>Das Treffen dauerte f�nf Stunden. Erika musste zweimal telefonisch andere Termine absagen. Eine Stunde lang las sie Ausz�ge des Manuskripts, das Mikael ihr in die Hand gedr�ckt hatte. Sie hatte tausend Fragen, wusste jedoch, dass es Wochen dauern w�rde, sie alle zu beantworten. Das Wichtigste stand im Manuskript, das sie schlie�lich aus der Hand legte. Wenn auch nur ein Bruchteil dieser Behauptungen der Wahrheit entsprach, dann war eine v�llig neue Situation entstanden.</p><p>Erika sah Mikael an. Sie hatte nie daran gezweifelt, dass er ein ehrlicher Mensch war, vor�bergehend war ihr aber der Verdacht gekommen, dass die Wennerstr�m-Aff�re ihm psychisch so zusetzte, dass er ein Hirngespinst ausgebr�tet hatte. In diesem Moment stellte ihr Mikael zwei Kartons mit ausgedrucktem Quellenmaterial vor die Nase. Erika wurde blass. Nat�rlich wollte sie wissen, wie er in den Besitz dieses Materials gekommen war.</p><p>Es brauchte eine geraume Zeit, sie davon zu �berzeugen, dass das eigenartige M�dchen in der Lederjacke, die bisher geschwiegen hatte, Wennerstr�ms Computer kontrollierte. Und nicht nur seinen - sie hatte sich auch in die Computer mehrerer seiner Rechtsanw�lte und engsten Mitarbeiter gehackt.</p><p>Erikas spontane Reaktion war, dass sie das Material unm�glich verwenden konnten, da es durch Eindringen in fremde Datenbest�nde gewonnen worden war.</p><p>Aber sie konnten es sehr wohl verwenden. Mikael wies darauf hin, dass sie nicht verpflichtet waren, einen Nachweis zu erbringen, wie sie an das Material gekommen waren.</p><p>Schlie�lich wurde Erika klar, was f�r eine Waffe sie da in der Hand hielt. Sie war ersch�pft und hatte immer noch Fragen, wusste aber nicht, wo sie anfangen sollte. Schlie�lich lehnte sie sich auf dem Sofa zur�ck und hob ratlos die Arme.</p><p>�Was ist da oben in Hedestad passiert, Mikael?�</p><p>Lisbeth hob interessiert eine Augenbraue. Mikael schwieg eine ganze Weile. Dann antwortete er mit einer Gegenfrage.</p><p>�Wie verstehst du dich mit Harriet Vanger?�</p><p>�Gut. Glaube ich. Ich habe sie zweimal getroffen. Christer und ich sind letzte Woche zu einer Vorstandssitzung nach Hedestad gefahren. Wir haben ziemlich viel Wein getrunken.�</p><p>�Und wie lief die Sitzung?�</p><p>�Sie h�lt Wort.�</p><p>�Ricky, ich wei�, wie frustriert du dar�ber bist, dass ich dir ausgewichen bin und nach Vorw�nden gesucht habe, um dir nichts erz�hlen zu m�ssen. Wir haben nie Geheimnisse voreinander gehabt, und pl�tzlich gibt es da ein halbes Jahr in meinem Leben, von dem � von dem ich dir nichts erz�hlen kann.�</p><p>Erika sah Mikael an. Sie kannte ihn in- und auswendig, aber jetzt entdeckte sie in seinen Augen einen neuen Ausdruck. Sein Blick hatte etwas Flehendes. Er flehte sie an, nicht weiter zu fragen. Sie machte den Mund auf und sah ihn hilflos an. Lisbeth beobachtete ihre stumme Konversation mit neutralem Blick. Sie mischte sich nicht ein.</p><p>�War es so schrecklich?�</p><p>�Noch viel schlimmer. Ich hatte Angst vor diesem Gespr�ch. Ich verspreche dir, dass ich dir alles erz�hlen werde, aber ich habe mehrere Monate damit verbracht, meine Gef�hle unter Verschluss zu halten, w�hrend mein ganzes Interesse Wennerstr�m galt � Ich bin noch nicht richtig bereit. Ich w�re froh, wenn Harriet es dir erz�hlen k�nnte.�</p><p>�Was hast du da f�r Striemen am Hals?�</p><p>�Lisbeth hat mir dort oben das Leben gerettet. Wenn sie nicht da gewesen w�re, w�re ich jetzt tot.�</p><p>Erikas Augen weiteten sich. Sie sah das M�dchen in der Lederjacke an.</p><p>�Und jetzt musst du eine Vereinbarung mit ihr treffen. Sie ist unsere Informantin.�</p><p>Erika blieb eine ganze Weile schweigend sitzen und �berlegte. Dann tat sie etwas, das Mikael verbl�ffte, Lisbeth schockierte und sie selbst �berraschte. Die ganze Zeit hatte  sie Lisbeth Salanders Blicke auf sich gesp�rt. Ein schweigsames M�dchen, das Feindseligkeit ausstrahlte.</p><p>Erika stand auf, ging um den Tisch herum, schlang die Arme um Lisbeth und dr�ckte sie an sich. Lisbeth wehrte sich wie ein Mehlwurm, der auf den Haken gespie�t werden soll.</p><a id="calibre_link-113"/><p><a id="calibre_link-114"/></p><p><strong>29. Kapitel</strong></p><p><strong>Samstag, 1. November - Dienstag, 25. November</strong></p><p>Lisbeth surfte durch Wennerstr�ms Cyber-Imperium. Elf Stunden hatte sie wie festgenagelt vor dem Bildschirm gesessen. Die Idee, die sich in der letzten Woche in Sandhamn in irgendeinem entlegenen Winkel ihres Gehirns materialisiert hatte, war zu einer manischen Besch�ftigung geworden. Sie hatte sich vier Wochen lang in ihrer Wohnung isoliert und s�mtliche Anrufe von Armanskij ignoriert. Sie hatte zw�lf bis f�nfzehn, mitunter zwanzig Stunden pro Tag vor dem Computer zugebracht und auch in der verbleibenden Zeit �ber ein und dasselbe Problem nachgedacht, sofern sie nicht gerade schlief.</p><p>W�hrend dieses Monats hatte sie nur sporadischen Kontakt mit Mikael Blomkvist - er war genauso besessen von seiner Arbeit in der <emphasis>Millennium</emphasis>-Redaktion. Sie hatten jede Woche ein paarmal telefoniert, damit sie ihn �ber Wennerstr�ms Korrespondenz und seine �brigen Aktivit�ten auf dem Laufenden halten konnte.</p><p>Zum hundertsten Mal ging sie jedes Detail durch. Sie hatte keine Angst, etwas �bersehen zu haben, aber sie war sich nicht ganz sicher, ob sie all die verschachtelten Zusammenh�nge richtig verstand.</p><p>Wennerstr�ms ber�hmtes Imperium war wie ein unf�rmiger, pulsierender lebendiger Organismus, der st�ndig seine Form �nderte. Es bestand aus Optionen, Obligationen, Aktien, Firmenanteilen, Kreditzinsen, Ertragszinsen, Pf�ndern, Konten, Transaktionen und tausend anderen Elementen. Ein �berw�ltigend gro�er Teil seines Verm�gens steckte in Briefkastenfirmen, die sich gegenseitig besa�en.</p><p>In den fantastischsten Analysen der BWL-Streber wurde die <emphasis>Wennerstroem Group</emphasis> auf einen Wert von �ber 900 Milliarden Kronen taxiert. Das war ein Bluff, zumindest aber eine heftig �bertriebene Zahl. Aber ein Habenichts war Wennerstr�m auf keinen Fall. Lisbeth sch�tzte den echten Verm�genswert auf eine H�he von 90 bis 100 Millionen Kronen, was ja auch nicht �bel war. Eine seri�se Revision des gesamten Unternehmens w�rde Jahre in Anspruch nehmen. Insgesamt hatte Lisbeth an die 3000 verschiedene Konten auf der ganzen Welt identifiziert. Wennerstr�m betrieb seine Betr�gereien in einem solchen Ausma�, dass man von organisierter Kriminalit�t im gro�en Stil sprechen musste.</p><p>Irgendwo in diesem Wennerstr�mschen Organismus gab es auch wirklich Substanz. Zwei Guthaben wurden st�ndig genannt. Die schwedischen Verm�genswerte waren authentisch, mit �ffentlicher Pr�fung, Jahresabschluss und Revision. Die amerikanische Firma war solide, ihre liquiden Mittel wurden von einer New Yorker Bank verwaltet. Dubios waren hingegen die Aktivit�ten der Briefkastenfirmen an Orten wie Gibraltar, Zypern und Macao. Wennerstr�m war wie ein Gemischtwarenladen - f�r illegalen Waffenhandel, Geldw�sche f�r suspekte Unternehmen in Kolumbien und �u�erst unorthodoxe Gesch�fte in Russland.</p><p>Ein anonymes Konto auf den Cayman Islands stach heraus: Es wurde von Wennerstr�m pers�nlich kontrolliert, war aber in keines seiner Gesch�fte direkt eingebunden. Ungef�hr ein Zehntausendstel jedes Gesch�ftes, das Wennerstr�m t�tigte,  floss mit sch�ner Regelm��igkeit �ber diese Briefkastenfirma auf die Cayman Islands.</p><p>Salander arbeitete wie unter Hypnose. Konten - <emphasis>klick</emphasis> - Mails - <emphasis>klick</emphasis> - Bilanzen - <emphasis>klick</emphasis>. Sie bemerkte die letzten Geldtransaktionen. Sie verfolgte die Spur einer kleiner Transaktion von Japan nach Singapur und via Luxemburg weiter zu den Cayman Islands. Sie verstand, wie all das funktionierte. Sie war wie ein Teil der elektrischen Impulse im Cyberspace. Kleine Ver�nderungen. Die neueste Mail. Eine einzige magere Mail von peripherem Interesse, die er um zehn Uhr abends abgeschickt hatte. Das Verschl�sselungsprogramm PGP, ratter, ratter, ein Kinderspiel f�r jemand, der bereits in seinem Computer war und die Mitteilung decodiert lesen konnte:</p><p>[Berger hat aufgeh�rt, um Anzeigenkunden zu k�mpfen. Hat sie aufgegeben, oder br�tet sie irgendetwas anderes aus? Ihr Informant in der Redaktion hatte ja versichert, dass das Magazin auf dem absteigenden Ast ist, aber es sieht so aus, als w�re gerade eine neue Mitarbeiterin eingestellt worden. Finden Sie raus, was da l�uft. Blomkvist hat die letzten Wochen drau�en in Sandhamn geschrieben wie ein Geisteskranker, aber keiner wei�, woran er schreibt. In den letzten Tagen ist er in der Redaktion aufgetaucht. K�nnen Sie ein Vorabexemplar der n�chsten Millennium-Nummer besorgen? HEW]</p><p>Nichts Dramatisches. Lass ihn nur gr�beln. <emphasis>Dein Schicksal ist besiegelt, Alter.</emphasis></p><p>Um halb sechs Uhr morgens schaltete sie den Computer aus und suchte nach einer unangebrochenen Schachtel Zigaretten. Sie hatte in der Nacht vier, nein, f�nf Flaschen Coca-Cola getrunken, holte sich eine sechste und setzte sich aufs Sofa. Sie trug nur eine wei�e Unterhose und ein verwaschenes Werbe-T-Shirt in Tarnfarben vom <emphasis>Soldier of Fortune Magazine</emphasis>  mit der Aufschrift <emphasis>Kill them all and let God sort them out</emphasis>. Sie gab sich der politischen Analyse dieses Textes nicht weiter  hin, bemerkte aber, dass sie fror, und wickelte sich in eine Wolldecke.</p><p>Sie war high, als h�tte sie Drogen genommen. Sie konzentrierte ihren Blick auf eine Stra�enlaterne vor ihrem Fenster und blieb ganz still sitzen, w�hrend ihr Gehirn auf Hochtouren lief. Mama - <emphasis>klick</emphasis> - meine Schwester - <emphasis>klick</emphasis> - Mimmi -  <emphasis>klick</emphasis> - Holger Palmgren. Evil Fingers. Und Armanskij. Der Job. Harriet Vanger. <emphasis>Klick</emphasis>. Martin Vanger. <emphasis>Klick</emphasis>. Der Golfschl�ger. <emphasis>Klick</emphasis>. Rechtsanwalt Bjurman. <emphasis>Klick</emphasis>. Jedes verdammte Detail, das sie nicht vergessen konnte, egal, wie sehr sie sich bem�hte.</p><p>Sie fragte sich, ob Bjurman sich wohl jemals wieder vor einer Frau ausziehen w�rde, und wenn ja, wie er das Tattoo auf seinem Bauch erkl�rte. Und wie er es vermeiden wollte, bei seinem n�chsten Arztbesuch seine Kleidung abzulegen.</p><p>Und Mikael Blomkvist. <emphasis>Klick</emphasis>.</p><p>Sie hielt ihn f�r einen guten Menschen, auch wenn sein Streber-Komplex manchmal �berhandnahm. Au�erdem war er unertr�glich naiv in gewissen grundlegenden Moralfragen. Er war eine nachsichtige Natur und suchte st�ndig Erkl�rungen und psychologische Rechtfertigungen f�r das Tun der Menschen, weil er nicht begriff, dass die Raubtiere dieser Welt nur eine Sprache verstanden. Sie empfand einen fast schon l�stigen Besch�tzerinstinkt, wenn sie an ihn dachte.</p><p>Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie eingeschlafen war, wachte aber am n�chsten Morgen um neun Uhr mit steifem Genick auf dem Sofa auf, den Kopf schr�g nach hinten an die Wand gelehnt. Sie taumelte ins Schlafzimmer und schlief wieder ein.</p><p>Zweifellos war dies die wichtigste Reportage ihres Lebens. Erika war zum ersten Mal seit achtzehn Monaten wieder so gl�cklich, wie es nur eine Herausgeberin sein kann, die eine Riesenstory in petto hat. Als sie dem Artikel gemeinsam mit  Mikael den letzten Schliff gab, rief Lisbeth ihn auf seinem Handy an.</p><p>�Ich habe vergessen zu sagen, dass Wennerstr�m nach all deinem Geschreibe in der letzten Zeit unruhig geworden ist und ein Vorabexemplar eurer n�chsten Nummer bestellt hat.�</p><p>�Woher wei�t du � ach, vergiss es. Irgendwelche Infos, wie er das anstellen will?�</p><p>�Nein. Aber es g�be da einen guten Tipp, wenn man mal logisch nachdenkt.�</p><p>Mikael �berlegte kurz. �Die Druckerei�, platzte er heraus.</p><p>Erika hob die Augenbrauen.</p><p>�Wenn ihr in der Redaktion wirklich alle dichthaltet, dann gibt es nicht mehr viel andere M�glichkeiten. Solange nicht einer seiner Handlanger vorhat, <emphasis>Millennium</emphasis> einen n�chtlichen Besuch abzustatten.�</p><p>Mikael wandte sich an Erika: �Buch eine neue Druckerei f�r diese Nummer. Sofort. Und ruf Armanskij an - ich will hier w�hrend der n�chsten Woche Nachtwachen haben.� Wieder an Lisbeth gewandt: �Danke, Sally.�</p><p>�Was war dir das wert?�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Was war dieser Tipp wert?�</p><p>�Was willst du haben?�</p><p>�Das will ich bei einem Kaffee mit dir besprechen. Sofort.�</p><p>Sie trafen sich in der <emphasis>Kaffeebar</emphasis> an der Hornsgata. Als Mikael sich neben ihr auf einen Hocker setzte, wirkte Lisbeth so ernst, dass er einen beunruhigten Stich versp�rte. Sie kam wie immer ohne Umschweife zur Sache.</p><p>�Ich muss mir Geld leihen.�</p><p>Mikael l�chelte sein einf�ltigstes L�cheln und tastete nach seiner Brieftasche.</p><p>�Okay. Wie viel?�</p><p>�120 000 Kronen.�</p><p>�Hoppla.� Er steckte seine Brieftasche wieder ein. �So viel Geld habe ich nicht dabei.�</p><p>�Ich mache keine Witze. Ich muss mir 120 000 Kronen leihen, f�r - sagen wir mal - sechs Wochen. Ich habe da so eine M�glichkeit, Geld zu investieren, aber ich kenne niemand, an den ich mich wenden k�nnte. Du hast im Moment ungef�hr 140 000 auf deinem Konto. Du bekommst das Geld nat�rlich zur�ck.�</p><p>Mikael verkniff sich die Frage, woher sie seinen Kontostand kannte. Er nutzte das Internetbanking, da lag die Antwort auf der Hand.</p><p>�Du brauchst dir kein Geld von mir zu leihen�, sagte er. �Wir haben noch nicht �ber deinen Anteil geredet, aber der wird gut und gerne den Betrag abdecken, den du dir ausleihen willst.�</p><p>�Anteil?�</p><p>�Ich werde noch ein wahnsinnig hohes Honorar von Henrik Vanger einstreichen, und zum Jahreswechsel rechnen wir ab. Ohne dich w�re ich tot und <emphasis>Millennium</emphasis> untergegangen. Ich habe vor, dieses Honorar mit dir zu teilen. Fifty-fifty.�</p><p>Lisbeth sah ihn forschend an. Auf ihrer Stirn hatte sich eine Falte gebildet. Mikael hatte sich langsam an ihr minutenlanges Schweigen gew�hnt und lie� sie in Ruhe nachdenken. Schlie�lich sch�ttelte sie den Kopf.</p><p>�Ich will dein Geld nicht.�</p><p>�Aber ��</p><p>�Ich will keine einzige Krone von dir.� Auf einmal setzte sie wieder ihr schiefes Grinsen auf. �Es sei denn, das Geld kommt in Form von Geburtstagsgeschenken.�</p><p>�Ich wei� gar nicht, wann du Geburtstag hast.�</p><p>�Du bist doch Journalist. Finde es raus.�</p><p>�Wirklich, Lisbeth, ich meine es ernst, ich will dieses Geld mit dir teilen.�</p><p>�Ich meine es auch ernst. Ich will dein Geld nicht. Ich will mir 120 000 Kronen leihen, und ich brauche sie morgen.�</p><p>Mikael schwieg. <emphasis>Sie fragt nicht einmal, wie gro� ihr Anteil ist.</emphasis> �Okay, ich gehe heute mit dir zur Bank und leihe dir die Summe, die du haben willst. Aber zum Jahreswechsel sprechen wir noch mal �ber deinen Anteil.� Er hob die Hand. �Wann hast du denn eigentlich Geburtstag?�</p><p>�In der Walpurgisnacht�, sagte sie. �Passt prima, was? Da lauf ich dann mit einem Besen zwischen den Beinen rum.�</p><p>Sie landete um halb acht Uhr abends in Z�rich und nahm ein Taxi zum Hotel Matterhorn. Sie hatte ein Zimmer auf den Namen Irene Nesser gebucht und wies sich mit einem norwegischen Pass aus. Irene Nesser hatte schulterlanges blondes Haar. Die Per�cke hatte sie in Stockholm gekauft und 10 000 Kronen ihres Darlehens von Mikael Blomkvist darauf verwendet, sich �ber einen der obskuren Kontakte von Plagues internationalem Netzwerk zwei P�sse zu besorgen.</p><p>Sie ging sofort auf ihr Zimmer, schloss die T�r ab und zog sich aus. Dann legte sie sich aufs Bett und guckte an die Decke des Zimmers, das 1600 Kronen pro Nacht kostete. Sie f�hlte sich leer. Die H�lfte der Summe, die sie sich von Mikael geliehen hatte, war schon unter die Leute gebracht. Obwohl sie ihre eigenen Ersparnisse dazugegeben hatte, war ihr Budget schon recht schmal. Sie h�rte auf nachzudenken und schlief rasch ein.</p><p>Um kurz nach f�nf Uhr morgens wachte sie auf. Als Erstes duschte sie und verwandte dann einige Zeit darauf, das Tattoo auf ihrem Hals mit einer dicken Schicht hautfarbener Creme abzudecken und den �bergang mit Puder zu kaschieren. Der n�chste Punkt auf ihrer Checkliste war die Anmeldung im Sch�nheitssalon eines wesentlich teureren Hotels um halb sieben. Sie kaufte sich noch eine blonde Per�cke, diesmal mit einer Pagenfrisur. Danach Manik�re, rote N�gel auf ihre abgebissenen Stummel kleben lassen, falsche Wimpern, noch mehr Puder, Rouge und schlie�lich Lippenstift und anderes Geschmier. Kosten: knapp 8000 Kronen.</p><p>Sie bezahlte mit einer Kreditkarte, die auf den Namen Monica Sholes ausgestellt war, und legte einen englischen Pass mit demselben Namen vor, der ihre Identit�t best�tigte.</p><p>Der n�chste Anlaufpunkt war <emphasis>Camille�s House of Fashion</emphasis>, 150 Meter die Stra�e herunter. Nach einer Stunde kam sie in schwarzen Stiefeln, schwarzer Strumpfhose, einem sandfarbenen Rock mit passender Bluse, einer taillenkurzen Jacke und einer Baskenm�tze wieder heraus. Lauter teure Markenkleidung. Sie hatte eine Verk�uferin die Auswahl treffen lassen. Sogar eine exklusive Aktentasche aus Leder und einen kleinen Samsonite-Reisekoffer hatte sie sich noch ausgesucht. Die Kr�nung des Werkes waren diskrete Ohrringe und eine einfache Halskette aus Gold. Die Kreditkarte war mit nochmals 44 000 Kronen belastet worden.</p><p>Au�erdem hatte Lisbeth Salander zum ersten Mal in ihrem Leben Br�ste, die sie nach Luft schnappen lie�en, als sie ihr Spiegelbild in der T�r sah. Die Br�ste waren genauso falsch wie Monica Sholes� Identit�t. Sie waren aus Latex, und Lisbeth hatte sie in einem Laden in Kopenhagen gekauft, in dem sich Transvestiten eindeckten.</p><p>Sie war bereit zum Kampf.</p><p>Um kurz nach neun ging sie zwei Bl�cke weiter zum traditionsreichen Hotel Zimmertal, wo sie auf den Namen Monica Sholes ein Zimmer gebucht hatte. Dort gab sie einem Boy, der ihr den neuen Koffer hinaufgetragen hatte, in dem sich ihre schlichte Reisetasche befand, umgerechnet 100 Kronen Trinkgeld. Die Suite war klein und kostete nur 22 000 Kronen pro Tag. Sie hatte eine Nacht gebucht. Als sie alleine war, sah sie sich um. Vom Fenster hatte sie einen wundervollen Ausblick auf den Z�richsee, was ihr vollkommen gleichg�ltig war. Sie verbrachte jedoch f�nf Minuten damit, sich mit gro�en Augen im Spiegel zu betrachten. Sie sah einen v�llig fremden Menschen.</p><p>Die vollbusige Monica Sholes mit dem blonden Pagenkopf  trug mehr Make-up, als Lisbeth Salander in einem ganzen Monat verbrauchte. Es sah � anders aus.</p><p>Um halb zehn fr�hst�ckte sie endlich - zwei Tassen Kaffee und einen Bagel mit Marmelade in der Hotelbar. Kostenpunkt 210 Kronen.</p><p>Kurz vor zehn stellte Monica Sholes die Kaffeetasse ab, schaltete ihr Handy an und w�hlte die Nummer eines Modems in Hawaii, USA. Nach drei Klingelt�nen h�rte sie, wie die Verbindung hergestellt wurde. Das Modem w�hlte sich ein. Monica Sholes gab daraufhin einen sechsstelligen Code auf ihrem Handy ein und schickte eine SMS mit der Anweisung, das Programm zu starten, das Lisbeth Salander extra f�r diesen Zweck geschrieben hatte.</p><p>In Honolulu erwachte das Programm auf einer anonymen Website zum Leben, die sich auf einem Server befand, der offiziell zur Universit�t geh�rte. Das Programm war sehr einfach. Es hatte nur die Funktion, ein anderes Programm auf einem v�llig anderen Server zu starten, diesmal eine ganz gew�hnliche kommerzielle Seite, die in Holland Internetdienste anbot. Dieses Programm wiederum hatte die Aufgabe, das Spiegelbild von Hans-Erik Wennerstr�ms Computer zu finden und das Kommando �ber das Programm zu �bernehmen, das den Inhalt seiner rund 3000 Bankkonten rund um den Globus anzeigte.</p><p>Nur eines von ihnen war von Interesse. Lisbeth hatte bemerkt, dass Wennerstr�m dieses Konto ein paarmal pro Woche kontrollierte. Wenn er seinen Computer startete und genau diese Datei �ffnete, w�rde f�r ihn alles ganz normal aussehen. Das Programm zeigte kleine Kontobewegungen, die im Rahmen des �blichen lagen, berechnet auf Basis der Schwankungen der letzten sechs Monate. Sollte Wennerstr�m in den n�chsten 48 Stunden die Auszahlung oder den Transfer einer Summe verlangen, w�rde das Programm brav melden,  dass der Befehl ausgef�hrt worden war. In Wirklichkeit w�re diese Ver�nderung aber nur auf der gespiegelten Festplatte in Holland vollzogen worden.</p><p>Monica Sholes schaltete das Handy ab, nachdem sie vier kurze T�ne geh�rt hatte, die ihr best�tigten, dass das Programm gestartet worden war.</p><p>Sie verlie� das Hotel Zimmertal und schlenderte quer �ber die Stra�e zur Bank Hauser General, wo sie f�r zehn Uhr einen Termin mit dem Direktor namens Wagner ausgemacht hatte. Sie war drei Minuten vor der verabredeten Zeit dort und verbrachte die Wartezeit damit, vor der �berwachungskamera zu posieren. Dann betrat sie die Abteilung f�r diskrete Privatberatung.</p><p>�Ich brauche Hilfe bei ein paar Transaktionen�, sagte Monica Sholes in untadeligem Oxford-Englisch. Als sie ihre Aktentasche �ffnete, fiel zuf�llig ein Reklamekugelschreiber zu Boden, der zeigte, dass sie im Hotel Zimmertal residierte, und den Direktor Wagner ihr h�flich aufhob. Sie schenkte ihm ein schelmisches L�cheln und schrieb die Kontonummer auf einen Block, der vor ihr auf dem Tisch lag.</p><p>Wagner musterte sie kurz und ordnete sie als verw�hnte Tochter eines Herrn Sowieso ein.</p><p>�Es geht um ein paar Konten bei der Bank of Kronenfeld auf den Cayman Islands. Automatischer Transfer mit Clearingcodes.�</p><p>�Sie haben selbstverst�ndlich alle Clearingcodes parat, Fr�ulein Sholes?�, fragte er.</p><p>�Aber nat�rlich�, erwiderte sie mit starkem Akzent, der deutlich h�ren lie�, dass sie nur �ber ein miserables Schuldeutsch verf�gte.</p><p>Sie begann, sechzehnstellige Nummernserien aufzusagen, ohne ein einziges Mal auf ein Blatt Papier zu blicken. Direktor Wagner wurde klar, dass er einen m�hseligen Vormittag  vor sich hatte, aber gegen eine Provision von vier Prozent der Transaktionen war er bereit, sein Mittagessen ausfallen zu lassen.</p><p>Es dauerte l�nger, als sie gedacht hatte. Erst um kurz nach zw�lf verlie� Monica Sholes die Bank Hauser General und ging zur�ck zum Hotel Zimmertal. Sie zeigte sich an der Rezeption, bevor sie in ihr Zimmer ging und die gekauften Kleider auszog. Die Latexbr�ste behielt sie an, tauschte den Pagenkopf aber gegen Irene Nessers schulterlanges blondes Haar aus. Dann zog sie sich auf etwas vertrautere Art an: Stiefel mit extra hohen Abs�tzen, schwarze Hose, einen einfachen Pullover und eine ordentliche schwarze Lederjacke von  <emphasis>Malungsboden</emphasis> in Stockholm. Sie musterte sich im Spiegel. Sie sah zwar nicht ungepflegt aus, war aber auch keine reiche Erbin mehr. Bevor Irene Nesser das Zimmer verlie�, sortierte sie ein paar Obligationspapiere aus, die sie in eine d�nne Mappe legte.</p><p>Um f�nf nach eins, also ein paar Minuten zu sp�t, ging sie in die Bank Dorffmann, die ungef�hr siebzig Meter von der Bank Hauser General entfernt lag. Irene Nesser hatte ein Treffen mit Direktor Hasselmann abgemacht. Als sie sich f�r ihre Versp�tung entschuldigte, sprach sie ein makelloses Deutsch mit norwegischem Akzent.</p><p>�Kein Problem, Fr�ulein Nesser�, antwortete Direktor Hasselmann. �Womit kann ich Ihnen dienen?�</p><p>�Ich will ein Konto er�ffnen. Ich habe ein paar Privatobligationen, die ich verkaufen will.�</p><p>Irene Nesser legte die Mappe vor ihn auf den Tisch.</p><p>Direktor Hasselmann �berflog den Inhalt, erst schnell, dann langsamer. Er hob eine Augenbraue und l�chelte h�flich.</p><p>Sie er�ffnete f�nf Nummernkonten, auf die sie per Internet zugreifen konnte. Sie geh�rten einer anonymen Briefkastenfirma auf Gibraltar, die ihr ein lokaler Makler f�r 50 000 Kronen von Mikaels Darlehen eingerichtet hatte. Sie machte f�nfzig Obligationen zu Geld, das sie auf den Konten deponierte. Jede Obligation hatte einen Wert von umgerechnet einer Million Kronen.</p><p>Ihre Gesch�fte in der Bank Dorffmann zogen sich so lange hin, dass sie noch weiter hinter ihren Zeitplan zur�ckfiel. Sie hatte keine M�glichkeit mehr, ihre letzten Erledigungen abzuschlie�en, bevor die Bank zumachte. Irene Nesser ging also ins Hotel Matterhorn zur�ck, wo sie sich eine Stunde lang zeigte und daf�r sorgte, dass man ihre Gegenwart bemerkte. Wegen angeblicher Kopfschmerzen zog sich fr�h zur�ck. An der Rezeption kaufte sie sich noch Kopfschmerztabletten und bat darum, am n�chsten Morgen um acht Uhr geweckt zu werden. Dann ging sie auf ihr Zimmer.</p><p>Es war fast schon f�nf, alle Banken in Europa hatten geschlossen. Die Banken auf dem amerikanischen Kontinent hingegen hatten ge�ffnet. Sie fuhr ihr PowerBook hoch und w�hlte sich �ber ihr Handy ins Netz ein. Sie verbrachte eine Stunde damit, die Nummernkonten zu leeren, die sie gerade vorher in der Bank Dorffmann eingerichtet hatte.</p><p>Das Geld wurde in kleinere Portionen aufgeteilt und dazu verwendet, die Rechnungen fiktiver Firmen auf der ganzen Welt zu bezahlen. Schlie�lich war das ganze Geld wieder zur Bank of Kronenfeld auf den Cayman Islands zur�cktransferiert worden, diesmal aber zu einem ganz anderen Konto als dem, von dem sie am Morgen abgehoben worden waren.</p><p>Irene Nesser glaubte, dass zumindest dieser erste Teil des Geldes gesichert war und nicht zur�ckverfolgt werden konnte. Sie t�tigte eine einzige Auszahlung von diesem Konto: Eine knappe Million Kronen wurde auf ein Konto �berwiesen, dessen zugeh�rige Kreditkarte in ihrer Brieftasche war. Das Konto wiederum geh�rte einer anonymen, in Gibraltar registrierten Firma mit dem Namen <emphasis>Wasp Enterprises</emphasis>.</p><p>Ein paar Minuten sp�ter verlie� ein M�dchen mit blondem Pagenkopf das Hotel Matterhorn durch eine Seitent�r in der Hotelbar. Monica Sholes ging zum Hotel Zimmertal, nickte dem Empfangschef h�flich zu und nahm den Fahrstuhl zu ihrem Zimmer.</p><p>Dann lie� sie sich jede Menge Zeit, Monica Sholes� Kampfkluft anzuziehen, ihr Make-up zu verbessern und noch eine Extra-Schicht Abdeckcreme auf ihr Tattoo aufzutragen. Sie ging ins Hotelrestaurant und a� ein unglaublich leckeres Fischgericht zum Abendessen. Dazu bestellte sie eine edle Flasche Wein, von dem sie noch nie geh�rt hatte, der aber 1200 Kronen kostete, trank ein Glas und lie� den Rest einfach stehen, als sie an die Hotelbar ging. Sie lie� ein Trinkgeld von 500 Kronen auf dem Tisch liegen, sodass der Kellner sie bestimmt in Erinnerung behalten w�rde.</p><p>In der Bar lie� sie sich drei Stunden lang von einem kr�ftig beschwipsten jungen Italiener anbaggern. Sie machte sich gar nicht erst die M�he, sich seinen adeligen Namen zu merken. Sie teilten sich zwei Flaschen Champagner, von denen sie ungef�hr ein Glas trank.</p><p>Gegen elf Uhr beugte sich ihr betrunkener Kavalier vor und begrapschte ganz ungeniert Monica Sholes Br�ste. Zufrieden zog sie seine Hand auf den Tisch zur�ck. Er schien gar nicht bemerkt zu haben, dass er weiches Latex liebkost hatte. Sie wurden zwischenzeitlich ziemlich laut und weckten einen gewissen Unwillen bei den anderen G�sten. Als Monica Sholes kurz vor Mitternacht bemerkte, wie ein Angestellter des Hotels sie mit grimmigem Gesichtsausdruck beobachtete, half sie ihrem italienischen Freund auf sein Zimmer.</p><p>W�hrend er im Badezimmer war, goss sie ihm und sich ein letztes Glas Rotwein ein. Sie �ffnete ein zusammengefaltetes Papierheftchen und w�rzte seinen Wein mit einer zersto�enen Rohypnol. Er sackte innerhalb einer Minute zu einem j�mmerlichen H�uflein auf seinem Bett zusammen, kaum, dass sie  ihm zugeprostet hatte. Sie l�ste seinen Krawattenknoten, zog ihm die Schuhe aus und deckte ihn zu. Im Bad sp�lte sie noch die Gl�ser und trocknete alles ab, bevor sie sein Zimmer verlie�.</p><p>Am n�chsten Morgen fr�hst�ckte Monica Sholes um sechs Uhr auf ihrem Zimmer, verteilte reichlich Trinkgeld und checkte vor sieben Uhr aus dem Hotel Zimmertal aus. Bevor sie ging, wischte sie f�nf Minuten lang Fingerabdr�cke von den Klinken und Kleiderschr�nken, von der Toilette, dem Telefonh�rer und anderen Gegenst�nden in der Suite, die sie angefasst hatte.</p><p>Irene Nesser checkte gegen halb neun aus dem Hotel Matterhorn aus, kurz nachdem sie geweckt worden war. Sie nahm sich ein Taxi und sperrte ihre Koffer in ein Schlie�fach am Bahnhof. Die folgenden Stunden verbrachte sie damit, neun Privatbanken zu besuchen, auf die sie jeweils kleinere Portionen der Privatobligationen von den Cayman Islands aufteilte. Um drei Uhr nachmittags hatte sie ungef�hr zehn Prozent der Obligationen in Geld umgesetzt, das sie auf zirka drei�ig Nummernkonten eingezahlt hatte. Den Rest der Obligationen b�ndelte sie, um sie in einem Bankfach zu lagern.</p><p>Irene Nesser w�rde noch �fter nach Z�rich kommen m�ssen, aber das hatte keine Eile.</p><p>Nachmittags um halb f�nf nahm Irene Nesser ein Taxi zum Flughafen, wo sie die Damentoilette aufsuchte, Monica Sholes� Pass und Kreditkarte in kleine Fetzen schnitt und hinuntersp�lte. Die Schere warf sie in einen Abfalleimer. Nach dem 11. September 2001 war es nicht mehr angebracht, durch spitze Gegenst�nde im Gep�ck die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.</p><p>Irene Nesser nahm den Lufthansa-Flug GD890 nach Oslo und von dort den Airport Shuttle bis Oslo Hauptbahnhof, wo  sie wieder die Damentoilette benutzte, um ihre Kleider zu sortieren. Alle Gegenst�nde, die zur Identit�t von Monica Sholes geh�rt hatten - Pagenkopf und Markenkleidung -, packte sie in drei Plastikt�ten, die sie in verschiedenen M�lltonnen und Papierk�rben rund um den Bahnhof verschwinden lie�. Die Goldkette und die Ohrringe waren Designerkram, der zur�ckverfolgt werden konnte. Sie warf sie in einen Gully.</p><p>Nach kurzem �ngstlichem Z�gern beschloss Irene Nesser, die falschen Latexbr�ste zu behalten.</p><p>Dann wurde ihr die Zeit knapp, also a� sie nur ein hastiges Abendessen in Form eines Hamburgers bei McDonald�s, w�hrend sie den Inhalt der exklusiven Ledermappe in ihre Reisetasche stopfte. Als sie ging, lie� sie die leere Mappe unter dem Tisch stehen. An einem Kiosk kaufte sie sich noch einen Milchkaffee im Pappbecher, dann rannte sie zu ihrem Nachtzug nach Stockholm. Sie kam gerade noch rechtzeitig, bevor sich die T�ren schlossen. Sie hatte sich ein eigenes Schlafwagenabteil reserviert.</p><p>Nachdem sie die Abteilt�r geschlossen hatte, sp�rte sie, wie sich ihr Adrenalinspiegel zum ersten Mal seit zwei Tagen wieder normalisierte. Sie �ffnete das Fenster und setzte sich �ber das Rauchverbot hinweg. In kleinen Schlucken trank sie ihren Kaffee zu der Zigarette, w�hrend der Zug aus dem Osloer Bahnhof rollte.</p><p>Gleichzeitig ging sie im Kopf ihre Checkliste durch, um sich zu vergewissern, dass sie kein Detail vergessen hatte. Nach einer Weile runzelte sie die Stirn und tastete ihre Jackentaschen ab. Sie zog einen Reklamekugelschreiber des Hotels Zimmertal hervor und betrachtete ihn nachdenklich ein paar Minuten, bevor sie ihn aus dem Fenster warf.</p><p>Eine Viertelstunde sp�ter kroch sie in ihr Bett und schlief sofort ein.</p><a id="calibre_link-115"/><p><a id="calibre_link-116"/></p><p><strong>EPILOG: REVISION</strong></p><p><strong>Donnerstag, 27. November - Dienstag, 30. Dezember</strong></p><p><emphasis>Millenniums Themenheft</emphasis> zu Hans-Erik Wennerstr�m umfasste geschlagene sechsundvierzig Seiten und ging in der letzten Novemberwoche hoch wie eine pr�zise gez�ndete Zeitbombe. Der zentrale Artikel war mit Mikael Blomkvists und Erika Bergers Namen unterzeichnet. In den ersten Stunden nach der Ver�ffentlichung wussten die Medien nicht so recht, wie sie mit dieser Riesenstory umgehen sollten - ein �hnlicher Artikel hatte ein Jahr zuvor schlie�lich daf�r gesorgt, dass Mikael Blomkvist wegen Verleumdung zu einer Gef�ngnisstrafe verurteilt und von <emphasis>Millennium</emphasis> scheinbar gefeuert worden war. Seine Glaubw�rdigkeit wurde daher als relativ gering eingestuft. Jetzt publizierte die Zeitschrift eine Story desselben Journalisten, die noch viel mehr Sprengstoff enthielt als der Artikel, f�r den er damals verurteilt worden war. Der Inhalt schien streckenweise so absurd, dass er jedem gesunden Menschenverstand widersprach. Die schwedische Medienwelt reagierte mit abwartendem Misstrauen.</p><p>Doch am Abend machte TV4 mit einer elfmin�tigen Zusammenfassung von Mikaels Anschuldigungen den Anfang. Erika Berger hatte sich ein paar Tage zuvor mit einer Mitarbeiterin von TV4 zum Mittagessen getroffen und ihr vorab exklusive Informationen gegeben.</p><p>Nachdem sich TV4 so deutlich exponiert hatte, zogen die staatlichen Sender nach, aber erst in den Neun-Uhr-Nachrichten. Dann gab auch die Presseagentur TT ein erstes Telegramm heraus. Die vorsichtige �berschrift lautete: <emphasis>Verurteilter Journalist beschuldigt Industriellen schwerer Verbrechen</emphasis>. Der Text basierte offenbar auf den gezeigten Fernsehbeitr�gen, doch allein die Tatsache, dass TT sich zu diesem Thema �u�erte, l�ste eine fieberhafte Aktivit�t unter den konservativen Morgenzeitungen und einem Dutzend Provinzbl�ttern aus, die sich sofort daranmachten, ihre Seite eins noch schnell umzusetzen, bevor die Druckerpresse anlief. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Zeitungen mehr oder weniger entschlossen gewesen, die Behauptungen von <emphasis>Millennium</emphasis> zu ignorieren.</p><p>Eine liberale Morgenzeitung kommentierte die Sensationsstory mit einem Leitartikel, den der Chefredakteur h�chstpers�nlich am Nachmittag verfasst hatte. Dieser Chefredakteur war anschlie�end essen gegangen, und als ihn seine Assistentin nach der Ausstrahlung der TV4-Nachrichten mehrmals hektisch anrief, weil an Mikael Blomkvists Behauptungen �vielleicht doch etwas dran sein k�nnte�, hatte er sie mit den Worten abgefertigt: �Bl�dsinn - das h�tten unsere Wirtschaftsjournalisten doch l�ngst aufgedeckt!� Ein Ausspruch, der in einschl�gigen Kreisen zum gefl�gelten Wort werden sollte. So war der Leitartikel des liberalen Chefredakteurs dann auch die einzige Stimme im Lande, die den <emphasis>Millennium</emphasis>-Artikel gnadenlos niedermachte. Der Artikel enthielt Ausdr�cke wie <emphasis>Hetze</emphasis>, <emphasis>krimineller Schundjournalismus</emphasis> sowie <emphasis>�ble Verleumdung, die sich gegen ehrenwerte Mitb�rger richte</emphasis>. Dies blieb jedoch der einzige Diskussionsbeitrag, den der Chefredakteur zur folgenden Debatte beisteuerte.</p><p>�ber Nacht war die <emphasis>Millennium</emphasis>-Redaktion voll besetzt. Nach Plan sollten nur Erika Berger und die neue Redaktionsassistentin Malin Eriksson bleiben, um eventuell eingehende  Anrufe entgegenzunehmen. Um zehn Uhr abends sa�en jedoch immer noch s�mtliche Angestellten im B�ro, denen ein halbes Dutzend freier Mitarbeiter und nicht weniger als vier ehemalige Kollegen Gesellschaft leisteten. Gegen Mitternacht entkorkte Christer Malm eine Flasche Sekt, nachdem ein alter Bekannter das Vorabexemplar einer Abendzeitung mitbrachte, die der Wennerstr�m-Aff�re unter der �berschrift <emphasis>Finanzmafia</emphasis> sechzehn Seiten gewidmet hatte. Als am n�chsten Tag die Abendzeitungen herauskamen, begann eine Medienhysterie, wie man sie schon lange nicht mehr erlebt hatte.</p><p>Die Redaktionsassistentin Malin Eriksson kam zu dem Schluss, dass sie sich bei <emphasis>Millennium</emphasis> sehr wohlf�hlen w�rde.</p><p>In der folgenden Woche erbebte die schwedische B�rse, als die Steuerfahnder in der Sache zu ermitteln begannen, der Staatsanwalt sich eingeschaltet und panische Verk�ufe get�tigt wurden. Zwei Tage nach der Ver�ffentlichung wurde die Wennerstr�m-Aff�re zu einer Regierungsangelegenheit, zu der sich sogar der Wirtschaftsminister �u�ern musste.</p><p>Die Medien nahmen die Behauptungen des <emphasis>Millennium</emphasis>-Magazins nicht ohne kritische Fragen hin - daf�r waren die Enth�llungen zu krass. Aber im Gegensatz zur ersten Wennerstr�m-Aff�re konnte <emphasis>Millennium</emphasis> diesmal �berw�ltigende und �berzeugende Beweise vorlegen: Wennerstr�ms E-Mails, Kopien vom Inhalt seines Computers mit Ausz�gen geheimer Konten auf den Cayman Islands und in zwei Dutzend anderen L�ndern. Ferner heimliche Vertr�ge und andere Dummheiten, die ein vorsichtigerer Verbrecher um nichts in der Welt auf seiner Festplatte gespeichert h�tte. Und dabei wurde nicht nur ein Firmenimperium unter die Lupe genommen. Sollten die Enth�llungen von <emphasis>Millennium</emphasis> auch der Pr�fung des Oberlandesgerichts standhalten - und alle waren sich einig, dass diese Angelegenheit fr�her oder sp�ter dort landen w�rde -, dann  war mit der Wennerstr�m-Gruppe definitiv die gr��te Blase der schwedischen Finanzwelt seit dem Kreuger-Crash von 1932 geplatzt. Neben dieser Aff�re verblassten alle Gotabank-Skandale und Trustor-Schwindel. Das hier war organisierte Kriminalit�t von solchem Ausma�, dass niemand auch nur zu spekulieren wagte, wie viele Gesetzesbr�che hier vorliegen mochten.</p><p>Zum ersten Mal in der Geschichte des schwedischen Wirtschaftsjournalismus fielen Worte wie <emphasis>systematisches Verbrechen</emphasis>, <emphasis>Mafia</emphasis> und <emphasis>Gangsterkreise</emphasis>. Wennerstr�m und sein engster Kreis von jungen B�rsenmaklern, Teilhabern und Armanigekleideten Rechtsanw�lten wurden so portr�tiert wie jede beliebige Bande von Bankr�ubern oder Dealern.</p><p>W�hrend der ersten vierundzwanzig Stunden des ganzen Medienrummels war Mikael Blomkvist unsichtbar. Er beantwortete keine Mails und war auch telefonisch nicht zu erreichen. Alle redaktionellen Kommentare kamen von Erika Berger, die wie eine Katze schnurrte, als sie von landesweiten schwedischen Medien und wichtigen Lokalzeitungen sowie einer wachsenden Zahl ausl�ndischer Medien interviewt wurde. Wann immer man ihr die Frage stellte, wie <emphasis>Millennium</emphasis> in den Besitz all dieser h�chst privaten, internen Dokumente hatte kommen k�nnen, antwortete sie mit einem geheimnisvollen L�cheln, das in die nebul�se Aussage m�ndete: �Unseren Informanten k�nnen wir selbstverst�ndlich nicht preisgeben.�</p><p>Als man sie fragte, warum die letztj�hrige Enth�llungsreportage �ber Wennerstr�m in so einem Fiasko geendet hatte, gab sie sich noch geheimnisvoller. Sie log nie, aber sie sagte vielleicht nicht immer die ganze Wahrheit. <emphasis>Off the record</emphasis>, wenn sie kein Mikrofon vor der Nase hatte, lie� sie ein paar r�tselhafte Sticheleien fallen. Wenn man all diese Teilinformationen zusammenf�gte, konnte man zu voreiligen Schl�ssen  gelangen. Und so entstand ein Ger�cht, das schnell legend�re Ausma�e annahm: Mikael Blomkvist habe sich vor Gericht nicht verteidigt und sich freiwillig zu einer Gef�ngnisstrafe und einer hohen Geldbu�e verurteilen lassen, weil die Offenlegung seines Beweismaterials unweigerlich zur Identifizierung seines Informanten gef�hrt h�tte. Er wurde mit amerikanischen Vorbildern in der Medienwelt verglichen, die eher ins Gef�ngnis gingen, als einen Informanten zu verraten. Man stilisierte ihn so hemmungslos zum Helden, dass er sich schon genierte. Aber dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um Missverst�ndnisse aufzukl�ren.</p><p>In einem Punkt waren sich alle einig: Die Person, von der die Beweise stammten, musste aus Wennerstr�ms innerstem Zirkel stammen. Damit begann eine langatmige Nebendebatte, wer in diesem Fall der Maulwurf war. Mitarbeiter, die vielleicht Grund zur Unzufriedenheit hatten, Anw�lte, sogar Wennerstr�ms kokainabh�ngige Tochter und andere Familienmitglieder wurden als m�gliche Kandidaten gehandelt. Weder Mikael noch Erika �u�erten sich dazu. Sie kommentierten das Thema grunds�tzlich nicht.</p><p>Erika l�chelte zufrieden. Als am dritten Tag des Medienrummels eine der beiden Abendzeitungen mit <emphasis>Revanche f�r Millennium</emphasis> titelte, wusste sie, dass sie gewonnen hatten. Der Artikel war ein schmeichelhaftes Portr�t des Magazins und seiner Mitarbeiter und au�erdem mit einem au�erordentlich vorteilhaften Foto von Erika Berger illustriert. Man nannte sie die K�nigin des investigativen Journalismus. Das brachte Pluspunkte in den Klatschspalten, und schon bald war die Rede vom Gro�en Journalisten-Preis.</p><p>F�nf Tage nachdem <emphasis>Millennium</emphasis> die erste Kanonensalve abgefeuert hatte, wurde Mikaels Buch <emphasis>Der Bankier der Mafia</emphasis> an die Buchh�ndler ausgeliefert. Es war w�hrend der fieberhaften Tage in Sandhamn im September und Oktober entstanden und  in aller Eile und gr��ter Verschwiegenheit gedruckt worden. Es war das erste Buch, das von einem ganz neuen Verlag mit dem <emphasis>Millennium</emphasis>-Logo herausgegeben wurde. Die kryptische Widmung lautete <emphasis>F�r Sally, die mir die Vorteile des Golfsports n�her brachte</emphasis>.</p><p>Es war ein W�lzer von 615 Seiten im Taschenbuchformat. Die niedrige Auflage von zweitausend Exemplaren war fast eine Garantie f�r ein Verlustgesch�ft, aber die erste Auflage war tats�chlich schon nach ein paar Tagen ausverkauft, sodass Erika schnell 10 000 Exemplare nachdrucken lie�.</p><p>Die Rezensenten stellten fest, dass Mikael Blomkvist diesmal nicht mit ausf�hrlichen Quellenangaben gespart hatte. Zwei Drittel des Buches waren Anhang, der aus direkten Abschriften der Dokumente aus Wennerstr�ms Computer bestand. Zeitgleich mit der Ver�ffentlichung des Buches stellte  <emphasis>Millennium</emphasis> Texte aus Wennerstr�ms Computer als pdf-Dateien auf die Website des Magazins. Jeder, der sich nur im Geringsten f�r den Wahrheitsgehalt des Buches interessierte, konnte die Quellen selbst �berpr�fen.</p><p>Mikaels befremdliche Abwesenheit war ein Teil der Medienstrategie, die Erika und er ausgeheckt hatten. Jede Zeitung im Lande suchte ihn. Erst als das Buch ver�ffentlicht wurde, trat Mikael mit einem exklusiven Interview an die �ffentlichkeit, das die Kollegin von TV4 f�hrte. Abermals hatte sie das staatliche Fernsehen auf die R�nge verwiesen. Dieses Interview war jedoch kein Gespr�ch unter Freunden, und ihre Fragen waren alles andere als schmeichlerisch.</p><p>Mit einer Passage war Mikael besonders zufrieden, als er sich das Videoband mit seinem Auftritt ansah. Das Interview war live ausgestrahlt worden, als die B�rse von Stockholm sich gerade im freien Fall befand und die jungen B�rsenspekulanten drohten, sich aus diversen Fenstern zu st�rzen. Sie hatte ihn gefragt, welche Verantwortung <emphasis>Millennium</emphasis> daf�r trug, dass die schwedische Wirtschaft gerade in die Knie ging.</p><p>�Die Behauptung, dass die schwedische Wirtschaft in die Knie geht, ist blanker Unsinn�, hatte Mikael blitzschnell geantwortet.</p><p>Die Journalistin von TV4 war v�llig verbl�fft. Diese Antwort entsprach nicht ihren Erwartungen, und pl�tzlich war sie gezwungen zu improvisieren. Sie stellte die Folgefrage, auf die Mikael gehofft hatte: �Wir erleben derzeit den gr��ten Sturz in der Geschichte der schwedischen B�rse - Sie meinen also, das sei Unsinn?�</p><p>�Sie m�ssen zwei Dinge unterscheiden - die schwedische Wirtschaft und die schwedische B�rse. Die schwedische Wirtschaft ist die Summe aller Dienstleistungen und Waren, die in diesem Land jeden Tag produziert werden. Das sind Telefone von Eriksson, Autos von Volvo, H�hnchen von Scan und Transporte von Kiruna nach Sk�vde. Das ist die schwedische Wirtschaft, und die ist noch genauso stark oder schwach wie vor einer Woche.�</p><p>Er machte eine Kunstpause und trank einen Schluck Wasser.</p><p>�Die B�rse ist etwas ganz anderes. Da gibt es keine Wirtschaft, keine Produktion von Waren und Dienstleistungen. Da gibt es nur Fantasien, da entscheidet man von einer Stunde auf die andere, dass dieses oder jenes Unternehmen jetzt soundso viele Milliarden mehr oder weniger wert ist. Das hat nicht das Geringste mit der Wirklichkeit oder mit der schwedischen Wirtschaft zu tun.�</p><p>�Sie meinen also, es spielt keine Rolle, dass die B�rse gerade ins Bodenlose st�rzt?�</p><p>�N�, das spielt �berhaupt keine Rolle�, antwortete Mikael mit einer so m�den und resignierten Stimme, dass er wie ein Orakel wirkte. Diese Replik w�rde im folgenden Jahr noch so manches Mal zitiert werden. Er fuhr fort:</p><p>�Das bedeutet nur, dass unz�hlige Spekulanten sich jetzt von schwedischen auf deutsche Aktien verlegen werden. Diese Finanzjongleure sollte man dingfest machen und als Landesverr�ter an den Pranger stellen. Sie sind es n�mlich, die der schwedischen Wirtschaft systematisch und vielleicht sogar bewusst schaden, um den Wunsch ihrer Klienten nach Profit zu befriedigen.�</p><p>Dann beging die Journalistin den Fehler, genau die Frage zu stellen, auf die Mikael gehofft hatte.</p><p>�Sie meinen also, dass die Medien keine Verantwortung tragen?�</p><p>�Doch, die Medien tragen in h�chstem Ma�e Verantwortung. Mindestens zwanzig Jahre lang haben es allzu viele Wirtschaftsjournalisten unterlassen, Hans-Erik Wennerstr�m einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Stattdessen haben sie ihm durch unbesonnene Lobeshymnen geholfen, sein Prestige aufzubauen. Wenn sie in den letzten zwanzig Jahren ihren Job gemacht h�tten, dann w�ren wir heute nicht in dieser Situation.�</p><p>Dieser Auftritt war ein Wendepunkt gewesen. Im Nachhinein war Erika sicher, dass erst Mikaels souver�ner Auftritt im Fernsehen die schwedischen Medien davon �berzeugt hatte, dass die Story wirklich wasserdicht war. Sein Auftreten hatte der Geschichte wegweisenden Charakter verliehen.</p><p>Nach dem Interview wanderte die Wennerstr�m-Aff�re unmerklich von den Wirtschaftsredaktionen auf die Tische der Polizeireporter. Das war ein Zeichen daf�r, dass in den Redaktionen ein Umdenken stattgefunden hatte. Fr�her hatten normale Polizeireporter selten oder nie �ber Wirtschaftsverbrechen geschrieben, es sei denn, es ging um die russische Mafia oder jugoslawische Zigarettenschmuggler. Man erwartete von ihnen nicht, dass sie verwickelte Geschehnisse an der B�rse untersuchten. Eine Abendzeitung nahm Mikael Blomkvist sogar beim Wort und f�llte zwei Doppelseiten mit Portr�ts wichtigster Finanzmakler, die gerade deutsche Wertpapiere kauften. Die Zeitung titelte <emphasis>Sie verkaufen ihr Land</emphasis>. Alle  Broker wurden aufgefordert, die Behauptungen zu kommentieren. Alle lehnten ab. Aber der Aktienhandel ging an jenem Tag bedenklich zur�ck, und ein paar Makler, die sich als progressive Patrioten profilieren wollten, begannen, gegen den Strom zu schwimmen. Mikael Blomkvist lachte sich kaputt.</p><p>Der Druck wurde so gro�, dass ernste M�nner in dunklen Anz�gen ihre Stirn in Falten legten und gegen die wichtigste Regel jener exklusiven Gesellschaft verstie�en, die den innersten Kreis der schwedischen Hochfinanzwelt bildeten - sie �u�erten sich �ber einen Kollegen. Pl�tzlich gaben pensionierte Volvo-Chefs, Industriekapit�ne und Bankdirektoren Fernsehinterviews, um den Schaden zu begrenzen. Der Ernst der Lage war allen klar, nun ging es darum, sich so schnell wie m�glich von der <emphasis>Wennerstroem Group</emphasis> zu distanzieren und eventuelle Aktienbest�nde abzusto�en. Wennerstr�m (so verk�ndeten sie fast einstimmig) war trotz allem kein richtiger Industrieller, und er war auch nie so recht im <emphasis>Klub</emphasis> akzeptiert worden. Jemand erinnerte daran, dass Wennerstr�m im Grunde ja nur ein einfacher Arbeiterjunge aus Norrland war, dem der Erfolg zu Kopf gestiegen war. Irgendjemand beschrieb sein Verhalten als <emphasis>eine pers�nliche Trag�die</emphasis>. Andere taten auf einmal kund, dass sie schon seit Jahren an Wennerstr�m gezweifelt hatten - er trat zu prahlerisch auf und hatte einfach keine Manieren.</p><p>In den folgenden Wochen, nachdem das Beweismaterial von <emphasis>Millennium</emphasis> in allen Einzelheiten durchleuchtet worden war, wurde Wennerstr�ms Imperium obskurer Firmen mit dem Herzen der internationalen Mafia in Verbindung gebracht, die so gut wie alles betrieb, von illegalem Waffenhandel �ber Geldw�sche f�r s�damerikanische Drogenh�ndler bis hin zur Prostitution in New York oder Gesch�ften mit Kindersex in Mexiko. Ein in Gibraltar registriertes Wennerstr�m-Unternehmen verursachte gro�en Wirbel, als herauskam, dass es versucht hatte, auf dem ukrainischen Schwarzmarkt aufbereitetes Uran zu kaufen. An jedem Winkel dieser Erde schien eine von Wennerstr�ms obskuren Briefkastenfirmen in einem anderen Zusammenhang aufzutauchen.</p><p>Erika stellte fest, dass das Buch �ber Wennerstr�m das Beste war, was Mikael jemals geschrieben hatte. Der Stil war uneinheitlich, die Sprache streckenweise sogar holprig - f�r stilistische Finessen war einfach keine Zeit gewesen -, aber Mikael f�hrte hier seinen gro�en Rachefeldzug, und so war das Buch beseelt von einer ma�losen Wut, die keinem Leser verborgen bleiben konnte.</p><p>Aus reinem Zufall begegnete Mikael seinem Gegenspieler, dem ehemaligen Wirtschaftsjournalisten William Borg. Sie liefen sich an der Garderobe der <emphasis>M�hle</emphasis> �ber den Weg. Mikael, Erika und Christer hatten sich zum Lucia-Fest am 13. Dezember einen freien Abend genehmigt, um mit ihren Mitarbeitern auszugehen und sich auf Firmenkosten gepflegt volllaufen zu lassen. Borg war in Begleitung eines stockbetrunkenen M�dchens in Lisbeths Alter.</p><p>Mikael erstarrte und musste sich schwer zur�ckhalten, um nichts Unpassendes zu sagen oder zu tun. Stattdessen standen Borg und er sich gegen�ber und ma�en sich stumm mit Blicken.</p><p>Diese Blicke - so behauptete Erika sp�ter - h�tten das Haus in Brand setzen k�nnen. Mikaels Ekel vor Borg war geradezu k�rperlich sp�rbar. Sie hatte dem Machogetue schlie�lich ein Ende bereitet, indem sie Mikael am Arm packte und ihn an die Bar zog.</p><p>Mikael beschloss, Lisbeth bei Gelegenheit darum zu bitten, Borg einer ihrer ber�hmten Personenrecherchen zu widmen.</p><p>W�hrend des ganzen Medienrummels blieb die Hauptperson des Dramas, der Gesch�ftsmann Hans-Erik Wennerstr�m, weitgehend unsichtbar. An dem Tag, als der <emphasis>Millennium</emphasis>-Artikel herausgekommen war, hatte er, auf einer schon vorher angesetzten Pressekonferenz zu einem ganz anderen Thema, einen Kommentar dazu abgegeben. Wennerstr�m erkl�rte, dass die Anschuldigungen nicht haltbar seien und die angegebenen Quellennachweise eine F�lschung. Er erinnerte daran, dass derselbe Reporter ein Jahr zuvor wegen Verleumdung verurteilt worden war.</p><p>Danach antworteten nur noch Wennerstr�ms Anw�lte auf die Fragen der Massenmedien. Zwei Tage nach der Auslieferung von Mikaels Buch verbreitete sich das Ger�cht, Wennerstr�m habe das Land verlassen. Die Abendzeitungen verwendeten in ihren �berschriften das Wort <emphasis>Flucht</emphasis>. Als die Polizei in der zweiten Woche versuchte, offiziell Kontakt mit ihm aufzunehmen, stellte sie ebenfalls fest, dass er nicht im Lande war. Mitte Dezember best�tigte sie, dass Wennerstr�m zur Fahndung ausgeschrieben sei, und einen Tag vor Silvester ging eine offizielle Suchmeldung an die internationalen Polizeiapparate. Am selben Tag wurde einer von Wennerstr�ms engsten Mitarbeitern auf dem Flughafen Arlanda festgenommen, als er an Bord einer Maschine nach London gehen wollte.</p><p>Ein paar Wochen sp�ter berichtete ein schwedischer Tourist, er habe Wennerstr�m in Bridgetown, der Hauptstadt von Barbados, in ein Auto steigen sehen. Als Beweis f�r seine Behauptung legte er ein Foto vor, das aus relativ gro�er Entfernung einen wei�en Mann mit Sonnenbrille, weit aufgekn�pftem Hemd und heller Hose zeigte. Der Mann konnte nicht mit Sicherheit identifiziert werden, aber die Abendzeitungen schickten ihre Reporter los, die sich ohne Erfolg bem�hten, Wennerstr�m auf den karibischen Inseln aufzusp�ren.</p><p>Nach sechs Monaten wurde die Suche eingestellt. Kurz darauf wurde Hans-Erik Wennerstr�m tot in einer Wohnung in Marbella, Spanien, aufgefunden, wo er unter dem Namen Victor Fleming gelebt hatte. Er war aus n�chster  N�he mit drei Sch�ssen in den Kopf get�tet worden. Die spanische Polizei ging davon aus, dass er einen Einbrecher �berrascht hatte.</p><p>Wennerstr�ms Tod kam f�r Lisbeth Salander nicht �berraschend. Aus gutem Grund brachte sie sein Hinscheiden mit der Tatsache in Verbindung, dass er bei einer gewissen Bank auf den Cayman Islands keinen Zugang zum Geld mehr hatte, das er eigentlich dringend gebraucht h�tte, um gewisse obskure Schulden in Kolumbien zu begleichen.</p><p>Wenn jemand sich die M�he gemacht h�tte, Lisbeth Salander bei der Suche nach Wennerstr�m um Hilfe zu bitten, h�tte sie fast jeden Tag exakt sagen k�nnen, wo er sich gerade befand. Sie hatte seine verzweifelte Flucht durch ein Dutzend L�nder per Internet verfolgt und die wachsende Panik aus seinen Mails herauslesen k�nnen, sobald er irgendwo seinen Laptop anschloss. Aber nicht einmal Mikael Blomkvist hielt den fliehenden Ex-Milliard�r f�r so dumm, dass er denselben Computer mit sich herumschleppte, der bereits so gr�ndlich ausgeschlachtet worden war.</p><p>Nach einem halben Jahr hatte Lisbeth es satt gehabt, Wennerstr�m zu folgen. Blieb nur noch die Frage, wie weit ihr eigenes Engagement gehen sollte. Wennerstr�m war zweifellos ein Riesenschwein, aber er war nicht ihr pers�nlicher Feind, und sie hatte kein Interesse, selbst t�tig zu werden. Sie konnte Mikael einen Tipp geben, aber der w�rde wahrscheinlich nur einen Artikel daraus machen. Sie konnte der Polizei einen Tipp geben, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Wennerstr�m gewarnt werden w�rde und sich wieder aus dem Staub machen konnte, war relativ gro�. Au�erdem redete sie aus Prinzip nicht mit der Polizei.</p><p>Aber da gab es ja noch andere unbezahlte Schulden. Sie dachte an die schwangere zweiundzwanzigj�hrige Kellnerin, der man in ihrer Badewanne den Kopf unter Wasser gehalten hatte.</p><p>Vier Tage bevor Wennerstr�m tot aufgefunden wurde, hatte sie sich entschieden. Sie hatte ihr Handy aufgeklappt und einen Anwalt in Miami angerufen, der einer der Leute zu sein schien, vor denen Wennerstr�m sich haupts�chlich versteckte. Sie hatte mit einer Sekret�rin gesprochen und sie gebeten, eine geheimnisvolle Botschaft auszurichten: den Namen �Wennerstroem� sowie eine Adresse in Marbella. Das war alles.</p><p>Sie schaltete die Nachrichten aus, als gerade ein dramatischer Bericht �ber Wennerstr�ms Hinscheiden lief. Dann schaltete sie die Kaffeemaschine ein und schmierte sich ein Leberwurstbrot mit Gurkenscheiben.</p><p>Erika Berger und Christer Malm trafen die allj�hrlichen Weihnachtsvorbereitungen, w�hrend Mikael auf Erikas Sessel sa� und ihnen, Gl�hwein trinkend, zusah. Alle Angestellten und die meisten freien Mitarbeiter bekamen ein Weihnachtsgeschenk - dieses Jahr war es eine Umh�ngetasche mit dem  <emphasis>Millennium</emphasis>-Logo. Nachdem sie die Geschenke eingepackt hatten, begannen sie knapp zweihundert Weihnachtskarten an die Druckerei, an Fotografen und Kollegen aus der Medienbranche zu schreiben und zu frankieren.</p><p>Mikael versuchte lange, der Versuchung zu widerstehen, aber schlie�lich konnte er es sich doch nicht verkneifen. Er nahm eine letzte Weihnachtskarte und schrieb: <emphasis>Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr. Danke f�r einen fantastischen Einsatz im letzten Jahr.</emphasis></p><p>Er unterschrieb mit seinem Namen und adressierte die Karte an Janne Dahlman c/o Redaktion des Wirtschaftsmagazins <emphasis>Monopol</emphasis>.</p><p>Als Mikael abends nach Hause kam, fand er selbst eine Paketabholkarte vor. Er holte sein Weihnachtsgeschenk am n�chsten Morgen bei der Post ab und �ffnete es, sobald er in der Redaktion war. Das Paket enthielt einen M�ckenstift und  eine kleine Flasche Reimersholmer Schnaps. Mikael �ffnete die Karte und las: <emphasis>Wenn du nichts anderes vorhast, gehe ich am Mittsommerabend in Arholma vor Anker</emphasis>. Unterzeichnet war die Karte von seinem ehemaligen Schulkameraden Robert Lindberg.</p><p>Traditionellerweise schloss die <emphasis>Millennium</emphasis>-Redaktion eine Woche vor Weihnachten bis nach Neujahr. Dieses Jahr war das nicht ganz so einfach; der Druck auf die kleine Redaktion war enorm gewesen, und immer noch riefen t�glich Journalisten aus allen Ecken der Welt an. Erst einen Tag vor Heiligabend stie� Mikael zuf�llig auf einen Artikel der <emphasis>Financial Times</emphasis>, der die derzeitigen Ergebnisse der internationalen Bankenkommission zusammenfasste, welche in aller Eile ins Leben gerufen worden war, um Wennerstr�ms Imperium zu untersuchen. Die Kommission ging davon aus, dass Wennerstr�m wohl in letzter Sekunde in irgendeiner Form vor seiner bevorstehenden Enttarnung gewarnt worden war.</p><p>Seine Konten bei der Bank of Kronenfeld auf den Cayman Islands - mit einem Guthaben von 260 Millionen US-Dollar - waren einen Tag vor der Ver�ffentlichung der <emphasis>Millennium</emphasis>-Reportage leer ger�umt worden.</p><p>Die Gelder waren auf anderen Konten wieder aufgetaucht, �ber die nur Wennerstr�m pers�nlich verf�gen konnte, und zwar ohne bei der Bank vorstellig werden zu m�ssen. Um das Geld zu jeder anderen Bank der Welt zu transferieren, brauchte er nur eine Serie von Clearingcodes anzugeben. Die Gelder waren in die Schweiz �berf�hrt worden, wo eine weibliche Helferin die Summe in anonyme Privatobligationen umgesetzt hatte. Alle Clearingcodes waren in Ordnung gewesen.</p><p>Europol hatte eine internationale Suchmeldung nach dieser unbekannten Frau ausgegeben. Sie hatte einen gestohlenen englischen Pass mit dem Namen Monica Sholes verwendet und angeblich ein Luxusleben in einem der teuersten Hotels in  Z�rich gef�hrt. Das Foto - es war erstaunlich scharf, obwohl es von einer �berwachungskamera stammte - zeigte eine kleine Frau mit blondem Pagenkopf, breitem Mund, gro�en Br�sten, exklusiver Designerkleidung und Goldschmuck.</p><p>Mikael sah das Bild an, zuerst fl�chtig, dann immer aufmerksamer.</p><p>Wenige Sekunden sp�ter w�hlte er in seiner Schreibtischschublade nach einem Vergr��erungsglas und versuchte die Details ihrer Gesichtsz�ge aus dem Raster des Zeitungsfotos herauszulesen.</p><p>Schlie�lich legte er die Zeitung aus der Hand und war mehrere Minuten sprachlos. Dann begann er so hysterisch zu lachen, dass Christer Malm den Kopf zur T�r hereinsteckte und fragte, was denn los sei. Mikael winkte nur ab.</p><p>Am Vormittag des 24. Dezember fuhr Mikael nach �rsta zu seiner Exfrau und seiner Tochter Pernilla, um ihnen seine Weihnachtsgeschenke zu bringen. Pernilla bekam einen Computer, den sie sich gew�nscht hatte und den Mikael und Monica gemeinsam gekauft hatten. Mikael bekam eine Krawatte von seiner Exfrau und einen �ke-Edwardson-Krimi von seiner Tochter. Im Gegensatz zur letzten Weihnacht waren sie diesmal ganz aufgekratzt von dem Mediendrama, das sich rund um <emphasis>Millennium</emphasis> abspielte.</p><p>Sie a�en zusammen zu Mittag. Mikael musterte Pernilla verstohlen. Er hatte seine Tochter seit ihrem �berraschungsbesuch in Hedestad nicht mehr gesehen. Pl�tzlich fiel ihm auch ein, dass er mit ihrer Mutter nie �ber ihre Leidenschaft f�r eine Sekte von Bibelchristen in Skellefte� gesprochen hatte. Ebenso wenig konnte er erz�hlen, dass es die Bibelkenntnisse seiner Tochter gewesen waren, die ihn bei der Suche nach Harriet Vanger letztendlich auf die richtige Spur gebracht hatten. Er hatte seitdem tats�chlich kaum an seine Tochter gedacht und sp�rte, wie ihm das schlechte Gewissen einen Stich versetzte.</p><p>Er war kein guter Vater.</p><p>Nach dem Mittagessen gab er seiner Tochter einen Abschiedskuss, traf sich mit Lisbeth und fuhr mit ihr nach Sandhamn. Seit die <emphasis>Millennium</emphasis>-Bombe hochgegangen war, hatten sie sich kaum gesehen. Sie kamen am Heiligabend sp�t bei Mikaels H�tte an und blieben �ber die Feiertage dort.</p><p>Mikael war wie immer kurzweilig, aber Lisbeth hatte das unangenehme Gef�hl, dass er sie �u�erst eigenartig ansah, als sie ihm sein Darlehen mit einem Scheck �ber 120 000 Kronen zur�ckzahlte. Doch er sagte nichts.</p><p>Sie machten einen Spaziergang nach Trovill und zur�ck (was Lisbeth als Zeitverschwendung betrachtete), a�en ein festliches Abendessen im Gasthaus und zogen sich in Mikaels H�tte zur�ck, wo sie ein Feuer im Kachelofen machten, eine Elvis-CD auflegten und sich unspektakul�rem Sex hingaben. Als Lisbeth zwischendurch an die Oberfl�che kam, versuchte sie, sich �ber ihre eigenen Gef�hle klar zu werden.</p><p>Sie hatte kein Problem mit Mikael als Liebhaber. Sie hatten Spa� im Bett. Ihr Zusammensein war eine �u�erst k�rperliche Angelegenheit. Und er versuchte nie, sie zu dressieren.</p><p>Ihr Problem war, dass sie ihre Gef�hle f�r Mikael nicht deuten konnte. Schon lange vor ihrer Pubert�t hatte sie begonnen, sorgf�ltig darauf zu achten, ja keinen anderen Menschen so nah an sich heranzulassen, wie sie es jetzt mit Mikael Blomkvist tat. Offen gesagt hatte er die l�stige Begabung, ihre Abwehrmechanismen zu durchdringen und sie immer wieder dazu zu verf�hren, mit ihm �ber pers�nliche Angelegenheiten und private Gef�hle zu reden. Auch wenn sie noch genug Verstand besa�, die meisten seiner Fragen zu ignorieren, erz�hlte sie ihm doch auf eine Art und Weise von sich selbst, wie sie es sich bei anderen Menschen nicht mal unter Todesdrohungen h�tte vorstellen k�nnen. Das erschreckte sie, sie f�hlte sich nackt und seiner Willk�r ausgeliefert.</p><p>Dann wieder - wenn sie auf den schlafenden Mikael herabblickte und seinem Schnarchen lauschte - f�hlte sie, dass sie noch nie zuvor in ihrem Leben einem anderen Menschen so vorbehaltlos vertraut hatte. Sie wusste mit absoluter Sicherheit, dass Mikael sein Wissen �ber sie niemals dazu verwenden w�rde, ihr zu schaden. Das lag nicht in seiner Natur.</p><p>Das Einzige, wor�ber sie nie sprachen, war ihr Verh�ltnis. Wie es dazu gekommen war, wusste sie selbst nicht, ebenso wenig, wie sie damit umgehen sollte. Zum ersten Mal in ihrem f�nfundzwanzigj�hrigen Leben war sie verliebt.</p><p>Dass er fast doppelt so alt war wie sie, war ihr egal. Ebenso, dass er zu den Personen geh�rte, �ber die in den schwedischen Zeitungen derzeit am meisten geschrieben wurde, und dass er es sogar auf das Cover von <emphasis>Newsweek</emphasis> geschafft hatte - das war nur eine billige Soap. Aber Mikael war keine erotische Fantasie und kein Tagtraum. Es musste ein Ende nehmen, es konnte nicht funktionieren. Zu welchem Zweck sollte er sich schon mit ihr abgeben, wenn nicht zum Zeitvertreib, w�hrend er auf jemand wartete, dessen Leben nicht ein einziges stinkendes Chaos war?</p><p>Mit einem Mal ging ihr auf, dass Liebe der Augenblick ist, in dem einem pl�tzlich das Herz brechen will.</p><p>Als Mikael aufwachte, hatte sie Kaffee gekocht und Br�tchen auf den Tisch gestellt. Er setzte sich zu ihr an den Tisch und bemerkte sofort, dass sich in ihrem Verhalten irgendetwas ge�ndert hatte - dass sie ein klein wenig distanzierter war. Als er sie fragte, ob irgendetwas nicht in Ordnung sei, sah sie ihn auf ihre neutrale Art verst�ndnislos an.</p><p>Am ersten Tag nach Weihnachten nahm Mikael den Zug nach Hedestad. Er hatte warme Kleidung und richtige Winterschuhe an, als Dirch Frode ihn am Bahnhof abholte und diskret zu seinem Erfolg in den Medien gratulierte. Es war das erste Mal seit August, dass er Hedestad wieder besuchte,  und es war fast auf den Tag genau ein Jahr her, dass er zum ersten Mal hierhergekommen war. Sie sch�ttelten sich die Hand und unterhielten sich h�flich, aber es stand zu viel Unausgesprochenes zwischen ihnen, und Mikael f�hlte sich unwohl.</p><p>Es war schon alles vorbereitet, sodass die gesch�ftlichen Transaktionen bei Frode nur ein paar Minuten in Anspruch nahmen. Frode hatte ihm angeboten, das Geld auf ein bequemes Auslandskonto zu �berweisen, aber Mikael hatte darauf bestanden, dass es ihm als ganz normal zu versteuerndes Honorar an seine Firma gezahlt werden sollte.</p><p>�Eine andere Art von Aufwandsentsch�digung kann ich mir nicht leisten�, hatte er kurz angebunden geantwortet, als Frode nachfragte.</p><p>Der Besuch war nicht nur pekuni�rer Natur. Mikael hatte auch noch Kleidung, B�cher und ein paar pers�nliche Habseligkeiten im G�steh�uschen zur�ckgelassen, als Lisbeth und er so �berst�rzt aus Hedeby aufgebrochen waren.</p><p>Henrik war nach seinem Herzanfall immer noch schwach auf den Beinen, aber inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen worden. Er war in st�ndiger Gesellschaft einer Privatpflegerin, die ihm das Recht verweigerte, lange Spazierg�nge zu unternehmen, Treppen zu steigen oder �ber Dinge zu reden, die ihn aufregen k�nnten. Zwischen den Jahren hatte er sich nun auch noch eine Erk�ltung zugezogen, worauf sie ihm strengste Bettruhe verordnet hatte.</p><p>�Und dann ist sie auch noch teuer�, beklagte er sich.</p><p>Das ber�hrte Mikael relativ wenig, denn er fand, der Alte konnte sich diese Ausgabe durchaus leisten, wenn man bedachte, wie viele Steuern er im Laufe seines Lebens hinterzogen hatte. Henrik betrachtete ihn verdrie�lich, bevor er in Lachen ausbrach.</p><p>�Verdammt noch mal, Sie waren jede einzelne Krone wert. Ich wusste es.�</p><p>�Ehrlich gesagt, ich habe nie geglaubt, dass ich das R�tsel l�sen k�nnte.�</p><p>�Ich habe nicht vor, Ihnen zu danken�, erkl�rte Henrik.</p><p>�Das habe ich auch nicht erwartet�, erwiderte Mikael.</p><p>�Sie sind anst�ndig bezahlt worden.�</p><p>�Ich beklage mich nicht.�</p><p>�Sie haben einen Job f�r mich erledigt, und der Lohn sollte Dank genug sein.�</p><p>�Ich bin auch nur hier, um Ihnen zu erkl�ren, dass ich meine Arbeit als abgeschlossen betrachte.�</p><p>Henrik Vanger kr�uselte die Lippen. �Im Grunde haben Sie die Arbeit gar nicht abgeschlossen�, sagte er.</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Sie haben die vereinbarte Chronik der Familie Vanger nicht geschrieben.�</p><p>�Auf Ihren eigenen Wunsch habe ich davon Abstand genommen. Ich sehe auch keine M�glichkeit, von der Familie Vanger zu berichten und dabei absichtlich die zentrale Handlung der letzten Jahrzehnte unter den Tisch fallen zu lassen - Harriet, ihren Vater, ihren Bruder und die Morde. Wie k�nnte ich ein Kapitel �ber Martins Zeit als Gesch�ftsf�hrer schreiben und so tun, als w�sste ich nicht, was in seinem Keller los war? Aber ich kann die Story auch nicht schreiben, ohne Harriets Leben noch einmal zu zerst�ren.�</p><p>�Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie meine Bitte befolgen.�</p><p>�Gratuliere. Es ist Ihnen tats�chlich gelungen, mich zu korrumpieren. Ich werde alle Notizen und Tonbandaufnahmen von Ihnen zerst�ren.�</p><p>�Ich kann eigentlich nicht finden, dass Sie korrumpiert worden sind�, meinte Henrik Vanger.</p><p>�Aber es kommt mir so vor. Und dann ist es wahrscheinlich auch so.�</p><p>�Sie mussten sich zwischen Ihrer Arbeit als Journalist und Ihrer Aufgabe als Mitmensch entscheiden. Ich bin sicher, ich  h�tte Ihr Schweigen nicht erkaufen k�nnen, und Sie h�tten sich f�r Ihre Rolle als Journalist entschieden, wenn Harriet Mitt�terin gewesen w�re, oder wenn Sie mich f�r einen Mistkerl gehalten h�tten.�</p><p>Mikael sagte nichts. Henrik sah ihn an.</p><p>�Wir haben Cecilia in die ganze Geschichte eingeweiht. Dirch und ich werden bald abtreten, und Harriet wird die eine oder andere St�tze in der Familie brauchen. Cecilia wird auch ins Unternehmen eintreten und aktiv am F�hrungskreis beteiligt sein. In Zukunft werden Harriet und sie das Unternehmen leiten.�</p><p>�Wie hat sie es aufgenommen?�</p><p>�Sie war nat�rlich schockiert. Sie ist f�r eine Weile ins Ausland gefahren. Eine Zeit lang hatte ich schon Angst, dass sie nicht mehr zur�ckkommen w�rde.�</p><p>�Aber sie ist zur�ckgekommen.�</p><p>�Martin war einer der wenigen Verwandten, mit dem Cecilia sich immer verstanden hatte. Es war schwer f�r sie, die Wahrheit �ber ihn zu erfahren. Cecilia wei� jetzt also auch, was Sie f�r die Familie getan haben.�</p><p>Mikael zuckte mit den Schultern.</p><p>�Danke, Mikael�, sagte Henrik.</p><p>Mikael zuckte nochmals mit den Schultern.</p><p>�Au�erdem k�nnte ich die Story gar nicht mehr schreiben�, erkl�rte er. �Mir steht die Familie Vanger bis obenhin.�</p><p>Sie dachten wieder einen Moment nach, bevor Mikael das Thema wechselte.</p><p>�Wie f�hlt es sich an, nach f�nfundzwanzig Jahren wieder Gesch�ftsf�hrer zu sein?�</p><p>�Es ist ja nur vor�bergehend, aber � ich w�nschte, ich w�re j�nger. Im Moment arbeite ich nur drei Stunden am Tag. Alle Treffen werden in diesem Zimmer abgehalten, und Dirch steht mir wieder zur Seite, f�r den Fall, dass jemand aus der Reihe tanzt.�</p><p>�Dann hoffe ich, dass sie die Junioren gut unter Kontrolle haben. Ich habe ein ganzes Weilchen gebraucht, bis mir klar wurde, dass Frode nicht nur ein braver Ratgeber in Finanzdingen f�r Sie war, sondern die Person, die all Ihre Probleme l�st.�</p><p>�Genau. Aber wir fassen alle Beschl�sse gemeinsam mit Harriet, und sie leistet auch die ausf�hrenden Arbeiten im B�ro.�</p><p>�Reicht das?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Birger arbeitet ihr entgegen und versucht st�ndig, ihr ein Bein zu stellen. Alexander ist pl�tzlich aufgegangen, dass er eine Chance hat, sich Geltung zu verschaffen, und hat sich mit Birger zusammengetan. Mein Bruder Harald hat Krebs und wird nicht mehr lange leben. Er hat als Einziger noch einen gro�en Aktienanteil von sieben Prozent, den die Kinder erben werden. Cecilia und Anita werden sich mit Harriet verb�nden.�</p><p>�Dann kontrollieren Sie �ber vierzig Prozent.�</p><p>�So ein Stimmenkartell hat es in der Familie noch nie zuvor gegeben. Und gen�gend Teilhaber mit einem oder zwei Prozent werden sich uns anschlie�en. Harriet wird im Februar meinen Posten als Gesch�ftsf�hrer �bernehmen.�</p><p>�Sie wird nicht gl�cklich werden.�</p><p>�Wer wei�. Wir m�ssen neue Partner und neues Blut in unsere Firma holen. Wir haben auch die M�glichkeit, mit ihrer Firma in Australien zusammenzuarbeiten. Da gibt es Chancen.�</p><p>�Wo ist Harriet heute?�</p><p>�Sie haben Pech. Sie ist in London. Aber sie m�chte Sie furchtbar gerne sehen.�</p><p>�Ich werde sie im Januar auf der Vorstandssitzung bei <emphasis>Millennium</emphasis> sehen, wenn sie Ihre Nachfolge antritt.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Richten Sie ihr aus, dass ich �ber die Geschehnisse der sechziger Jahre mit niemand au�er Erika Berger sprechen werde.�</p><p>�Da sind wir uns ganz sicher. Wir kennen Ihre Integrit�t.�</p><p>�Aber sagen Sie ihr auch, dass alles, was sie von jetzt an tut, in die Zeitung kommen kann, wenn sie nicht aufpasst. Der Vanger-Konzern hat bei uns keinen Freibrief, wir werden ihn genauso beobachten wie andere Unternehmen.�</p><p>�Ich werde sie warnen.�</p><p>Mikael verlie� Henrik Vanger, als der alte Mann langsam einschlummerte. Er packte seine Habseligkeiten in zwei Taschen. Als er die T�r des G�steh�uschens zum letzten Mal schloss, z�gerte er kurz, bevor er zu Cecilia hin�berging und klopfte. Sie war nicht zu Hause. Er z�ckte seinen Taschenkalender, riss eine Seite heraus und schrieb ein paar Worte drauf.  <emphasis>Verzeih mir. Ich w�nsche Dir alles Gute.</emphasis> Zusammen mit seiner Visitenkarte warf er den Zettel in ihren Briefkasten. In ihrem K�chenfenster stand ein weihnachtlicher Kerzenleuchter mit elektrischen Lichtern.</p><p>Er nahm den Abendzug zur�ck nach Stockholm.</p><p>Zwischen den Jahren kapselte sich Lisbeth Salander v�llig von der Welt ab. Sie ging nicht ans Telefon und schaltete ihren Computer nicht an. Sie verbrachte zwei Tage damit, ihre Kleider zu waschen, die Wohnung zu schrubben und aufzur�umen. Uralte Pizzakartons und Tageszeitungen wurden geb�ndelt und weggeworfen. Insgesamt trug sie sechs schwarze M�lls�cke hinaus und ungef�hr zwanzig T�ten Altpapier. Als h�tte sie beschlossen, ein v�llig neues Leben anzufangen. Sie hatte vor, sich eine Wohnung zu kaufen - falls sie etwas Passendes fand -, aber bis dahin sollte ihr altes Zuhause so strahlend sauber sein wie nie zuvor.</p><p>Danach sa� sie wie gel�hmt auf dem Sofa und gr�belte. Noch nie in ihrem Leben hatte sie solche Sehnsucht versp�rt. Sie wollte, dass Mikael an ihrer T�r klingelte und � was? Sie in den Arm nahm, leidenschaftlich ins Schlafzimmer zerrte und ihr die Kleider vom Leib riss? Nein, eigentlich wollte sie blo� mit ihm zusammen sein. Sie wollte h�ren, wie er sagte,  dass er sie so mochte, wie sie war. Sie wollte h�ren, wie er sagte, dass sie in seiner Welt und in seinem Leben etwas ganz Besonderes war. Sie wollte, dass er ihr eine Geste der Liebe zuteil werden lie�, nicht nur der Freundschaft und Kameradschaft. <emphasis>Jetzt dreh ich wohl langsam durch</emphasis>.</p><p>Sie zweifelte an sich selbst. Mikael Blomkvist lebte in einer anderen Welt, voller Menschen mit respektablen Berufen und einem wohlgeordneten Dasein. Seine Bekannten machten tolle Sachen, waren im Fernsehen zu sehen und sorgten f�r Schlagzeilen. <emphasis>Wof�r solltest du mich brauchen?</emphasis> Lisbeths gr��te Angst - so gro� und so schwarz, dass sie schon fast die Ausma�e einer Phobie annahm - war, dass die Leute sie f�r ihre Gef�hle auslachen k�nnten. Und w�hrend sie ihre Wohnung putzte, schien pl�tzlich nach und nach all ihr m�hsam aufgebautes Selbstwertgef�hl wieder einzust�rzen.</p><p>Da fasste sie einen Entschluss. Sie brauchte zwar ein paar Stunden, um den erforderlichen Mut aufzubringen, aber sie musste ihn unbedingt treffen und ihm erz�hlen, wie sie sich f�hlte.</p><p>Alles andere w�re unertr�glich.</p><p>Sie ben�tigte freilich einen Vorwand, um an seine T�r zu klopfen. Sie hatte ihm kein Weihnachtsgeschenk gegeben, wusste aber, was sie ihm kaufen wollte. In einem Tr�delladen hatte sie ein paar alte Reklameschilder aus Blech aus den f�nfziger Jahren gefunden, auf denen die Figuren in Halbreliefs hervortraten. Eines der Schilder stellte Elvis Presley dar, die Gitarre auf der H�fte und daneben eine Sprechblase mit dem Text <emphasis>Heartbreak Hotel</emphasis>. Zwar hatte Lisbeth nicht das geringste Gesp�r f�r Inneneinrichtung, aber sogar ihr war klar, dass dieses Schild perfekt in die H�tte in Sandhamn passen w�rde. Es kostete 780 Kronen, und rein aus Prinzip handelte sie den Preis auf 700 herunter. Sie lie� es sich einpacken, nahm es unter den Arm und spazierte damit zu seiner Wohnung in der Bellmansgata.</p><p>Auf der Hornsgata warf sie zuf�llig einen Blick in die <emphasis>Kaffeebar</emphasis> und sah pl�tzlich Mikael mit Erika im Schlepptau herauskommen. Er sagte etwas, woraufhin Erika lachte, ihm die Arme um die Taille legte und ihm einen Kuss auf die Wange gab. Sie verschwanden �ber die Br�nnkyrkagata in Richtung Bellmansgata. Ihre K�rpersprache lie� keinen Zweifel daran, was sie im Sinn hatten.</p><p>Der Schmerz war so j�h und brutal, dass Lisbeth innehielt - unf�hig, auch nur einen einzigen weiteren Schritt zu tun. Ein Teil von ihr wollte ihnen hinterherlaufen. Am liebsten h�tte sie das Blechschild genommen, um mit der scharfen Kante Erikas Kopf zu spalten. Sie unternahm gar nichts, w�hrend die Gedanken durch ihren Kopf rasten. <emphasis>Konsequenzanalyse</emphasis>. Schlie�lich beruhigte sie sich wieder.</p><p><emphasis>Salander, du bist so ein peinliches Rindvieh</emphasis>, sagte sie laut zu sich selbst.</p><p>Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging nach Hause in ihre frisch geputzte Wohnung. Als sie am Zinkensdamm vorbeikam, begann es zu schneien. Den Elvis Presley warf sie in einen M�llcontainer.</p><a id="calibre_link-117"/><p><a id="calibre_link-118"/></p><p><strong>STIEG LARSSON</strong></p><p><strong>Verdammnis </strong></p><p><strong>Roman</strong></p><p>Ein ehrgeiziger junger Journalist bietet Mikael Blomkvist f�r sein Magazin <emphasis>Millennium</emphasis> eine Story an, die skandal�ser nicht sein k�nnte. Amts- und W�rdentr�ger der schwedischen Gesellschaft vergehen sich an jungen russischen Frauen, die gewaltsam zur Prostitution gezwungen werden. Als sich Lisbeth Salander in die Recherchen einschaltet, st��t sie auf ein pikantes Detail: Nils Bjurman, ihr ehemaliger Betreuer, scheint in den M�dchenhandel involviert zu sein. Wenig sp�ter werden der Journalist und Bjurman tot aufgefunden. Die Tatwaffe tr�gt Lisbeths Fingerabdr�cke. Sie wird an den Pranger gestellt und fl�chtet. Nur Mikael Blomkvist glaubt an ihre Unschuld und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Seine Nachforschungen f�hren in Lisbeth Salanders Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die ihn bald das F�rchten lehrt.</p><p>�Wenn ein Autor ein so komplexes und faszinierendes Portr�t abliefert wie das von Lisbeth Salander, k�nnen wir nur schweigend und dankbar den Hut ziehen. Besser geht es kaum noch.�</p><p><emphasis>Gefle Dagblad</emphasis></p><p>�Der zweite Band ist noch einen Tick besser. Nicht mal der eifrigste Fehlersucher findet hier etwas St�rendes. Stieg Larsson ist der bedeutendste Krimiautor unserer Zeit�.</p><p><emphasis>Kristianstadsbladet</emphasis></p><p>Der neue gro�e Roman des preisgekr�nten Bestsellerautors Stieg Larsson!</p><strong><p>Prolog</p></strong><p>Er hatte sie mit Lederriemen auf einer schmalen, st�hlernen Pritsche gefesselt. Ein straff gespannter Riemen verlief �ber ihren Brustkorb. Sie lag auf dem R�cken. Die H�nde hatte er zu beiden Seiten auf H�fth�he an das Stahlgestell gebunden.</p><p>Den Versuch, sich loszumachen, hatte sie schon lange aufgegeben. Obwohl sie wach war, hielt sie die Augen geschlossen, denn um sie herum war es dunkel. Nur ein schmaler Streifen Licht drang durch den Spalt �ber der T�r. Sie hatte einen widerlichen Geschmack im Mund und sehnte sich danach, sich die Z�hne putzen zu d�rfen.</p><p>Unbewusst horchte sie immer mit einem Ohr nach dem Ger�usch von Schritten, mit dem er sich ank�ndigte. Sie hatte keine Ahnung, wie sp�t es schon war; es kam ihr allerdings so vor, als ob es langsam schon zu sp�t f�r seinen Besuch w�re. Als ihre Liege pl�tzlich leicht vibrierte, �ffnete sie die Augen. Es war, als h�tte man irgendwo im Haus eine Maschine angeworfen. Doch nach ein paar Sekunden war sie schon nicht mehr sicher, ob sie sich das Ganze einbildete oder ob das Ger�usch tats�chlich existierte.</p><p>Im Geiste hakte sie einen weiteren Tag ab.</p><p>Heute war der dreiundvierzigste Tag ihrer Gefangenschaft.</p><p>Ihre Nase juckte, und sie drehte den Kopf zur Seite, um sich am Kissen reiben zu k�nnen. Sie schwitzte. Im Zimmer herrschte schw�le W�rme. Sie trug ein schlichtes Nachthemd, das unter ihrem K�rper Falten schlug. Wenn sie die H�ften hob, konnte sie mit Zeigefinger und Mittelfinger gerade eben den Stoff zu fassen bekommen und das Hemd einen Zentimeter hinunterziehen. Dann wiederholte sie die Prozedur mit der anderen Hand. Trotzdem blieb im Kreuz eine hartn�ckige Falte.</p><p>Ihre Matratze war durchgelegen und unbequem. Durch die v�llige Isolation steigerte sich jeder geringf�gige Reiz, den sie sonst kaum wahrgenommen h�tte, um ein Vielfaches. Immerhin waren ihre Lederfesseln so locker, dass sie ab und zu ihre Stellung �ndern und sich auf die Seite drehen konnte, aber das war auf die Dauer auch nicht sonderlich bequem, denn dann blieb eine Hand hinter ihrem R�cken, und der Arm schlief ihr st�ndig ein.</p><p>Trotz ihrer allgegenw�rtigen Angst sp�rte sie, wie sich von Tag zu Tag mehr Wut in ihr aufstaute.</p><p>Gleichzeitig wurde sie von ihren Gedanken gequ�lt, von unsch�nen Fantasien, was mit ihr geschehen w�rde. Sie hasste die Hilflosigkeit, in die er sie gezwungen hatte. So sehr sie auch versuchte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, um sich die Zeit zu vertreiben und ihre Situation zu verdr�ngen, so hing die Angst doch �ber ihr wie eine Gaswolke und drohte jeden Moment durch ihre Poren zu dringen und ihr Dasein v�llig zu vergiften. Mittlerweile hatte sie jedoch eine Methode entdeckt, mit der sie ihre Angst in Schach halten konnte: Sie fantasierte sich ein Szenario zusammen, das ihr ein Gef�hl von Kraft einfl��te. Sie schloss die Augen und beschwor den Geruch von Benzin herauf.</p><p><emphasis>Er sa� in seinem Auto, das Fenster war heruntergelassen. Sie rannte zum Auto, goss das Benzin durchs Fenster und riss ein Streichholz an. Das dauerte nur einen Augenblick. Im n�chsten Moment loderten auch schon die Flammen auf. Er  wand sich in Todesqualen, und sie h�rte seine erschrockenen, schmerzerf�llten Schreie. Der Geruch von verbranntem Fleisch drang ihr in die Nase, und dazwischen der stechende Gestank von verkohltem Plastik und der versengten Polsterung des Autositzes.</emphasis></p><p>Sie musste eingenickt sein, denn sie hatte gar keine Schritte geh�rt. Als die T�r aufging, war sie jedoch sofort hellwach. Das Licht, das durch die T�r�ffnung hereinfiel, blendete sie.</p><p><emphasis>Er</emphasis> war also gekommen.</p><p>Er war gro�. Sie wusste nicht, wie alt er war, aber er war auf jeden Fall schon erwachsen. Er hatte rotbraunes, zotteliges Haar, trug eine Brille mit schwarzem Gestell und ein d�nnes Kinnb�rtchen. Und er roch nach Rasierwasser.</p><p><emphasis>Sie hasste seinen Geruch</emphasis>.</p><p>Schweigend blieb er am Fu�ende ihrer Pritsche stehen und betrachtete sie eine geraume Weile.</p><p><emphasis>Sie hasste sein Schweigen</emphasis>.</p><p>Im Gegenlicht sah sie nur seine Silhouette und konnte sein Gesicht nicht erkennen. Pl�tzlich sprach er mit ihr. Er hatte eine tiefe, klare Stimme, mit der er jedes Wort pedantisch betonte.</p><p><emphasis>Sie hasste seine Stimme</emphasis>.</p><p>Er erz�hlte, dass heute ihr Geburtstag sei und er ihr gratulieren wolle. Dabei war seine Stimme weder unfreundlich noch ironisch, sondern v�llig neutral. Sie konnte sein L�cheln ahnen.</p><p><emphasis>Sie hasste ihn</emphasis>.</p><p>Er kam n�her und trat ans Kopfende. Dann legte er ihr seine feuchte Hand auf die Stirn und strich ihr mit den Fingern �ber den Haaransatz. Wahrscheinlich sollte diese Geste freundlich wirken. Das war sein Geburtstagsgeschenk f�r sie.</p><p><emphasis>Sie hasste seine Ber�hrung.</emphasis></p><p>Er sprach mit ihr. Sie sah, wie sich sein Mund bewegte, blendete den Ton seiner Stimme jedoch aus. Sie wollte nicht zuh�ren. Sie wollte nicht antworten. Sie h�rte, wie er die Stimme hob. Eine Spur von Gereiztheit �ber ihre mangelnde Reaktion hatte sich in seine Stimme geschlichen. Er sprach von gegenseitigem Vertrauen. Nach ein paar Minuten verstummte er endlich. Sie ignorierte seinen Blick. Schlie�lich zuckte er die Achseln und �berpr�fte ihre Fesseln. Nachdem er den Lederriemen �ber ihrer Brust ein wenig enger geschnallt hatte, beugte er sich �ber sie.</p><p>In der n�chsten Sekunde warf sie sich, so schnell sie konnte, nach links, so weit wie m�glich von ihm weg, so weit, wie es die Riemen zulie�en. Sie zog die Knie unters Kinn und stie� ihm dann mit aller Kraft ihre F��e gegen den Kopf. Eigentlich hatte sie auf seinen Adamsapfel gezielt, aber sie traf ihn nur mit der Zehenspitze irgendwo unterm Kinn. Er hatte schnell reagiert und war ausgewichen, sodass sie ihn nur ganz leicht streifte. Als sie einen zweiten Tritt versuchte, war er bereits au�er Reichweite.</p><p>Sie lie� die Beine wieder auf die Liege sinken.</p><p>Ihre Decke hing auf den Boden, ihr Nachthemd war ihr bis weit �ber die H�ften hochgerutscht.</p><p>Eine ganze Weile blieb er wortlos stehen. Dann ging er zum Fu�ende und nahm die Fesseln, die dort an der Pritsche hingen. Sie versuchte, die Beine anzuziehen, doch er packte sie beim Kn�chel, dr�ckte mit der anderen Hand ihr Knie auf die Matratze und fesselte ihren Fu� mit dem Lederriemen. Dasselbe wiederholte er auf der anderen Seite mit ihrem zweiten Fu�.</p><p>Nun war sie v�llig hilflos.</p><p>Er hob die Decke auf und deckte sie zu. Schweigend betrachtete er sie zwei Minuten. Auch im Dunkeln konnte sie seine Erregung sp�ren, obwohl er sie nicht zeigte. Ganz bestimmt hatte er eine Erektion. Sie wusste, dass er eine Hand ausstrecken und sie ber�hren wollte.</p><p>Doch dann drehte er sich um, ging hinaus und schloss die T�r hinter sich. Sie h�rte, wie er den Riegel vorlegte, was g�nzlich sinnlos war, da sie ja sowieso keine M�glichkeit hatte, sich von ihrer Liege loszumachen.</p><p>Mehrere Minuten blieb sie liegen und fixierte den schmalen Lichtstreifen �ber der T�r. Schlie�lich bewegte sie sich ein wenig, um festzustellen, wie fest die Riemen sa�en. Sie konnte die Knie noch leicht anziehen, doch dann setzten die Fesseln jeder Bewegung ein Ende. Sie entspannte sich, blieb ganz still liegen, starrte ins Nichts und wartete.</p><p>Fantasierte von einem Benzinkanister und einem Streichholz.</p><p><emphasis>Sie sah ihn vor ihrem inneren Auge, v�llig benzingetr�nkt. Sie konnte die Streichholzschachtel in ihrer Hand geradezu physisch wahrnehmen. Sie sch�ttelte sie. Es rasselte. Sie �ffnete die Schachtel und nahm ein Streichholz heraus. Sie h�rte ihn etwas sagen, ohne auf seine Worte zu achten. Sie sah seinen Gesichtsausdruck, als sie das Streichholz entz�ndete. Sie h�rte, wie der Schwefelkopf mit einem ratschenden Ger�usch �ber die raue Fl�che rieb. Es klang wie ein lang gezogener Donnerschlag. Sie sah die Flamme auflodern.</emphasis></p><p>Sie l�chelte und machte sich innerlich hart.</p><p>In dieser Nacht wurde sie 13 Jahre alt.</p><strong><p>Teil I</p></strong><strong><p>Unregelm��ige Gleichungen</p></strong><p><strong>16.- 20. Dezember</strong></p><p>Eine Gleichung wird nach der h�chsten Potenz (dem Wert des Exponenten) der in ihr vorkommenden Unbekannten benannt. Ist dieser Exponent 1, handelt es sich um eine Gleichung ersten Grades, ist der Exponent 2, ist es eine Gleichung zweiten Grades etc. Bei Gleichungen zweiten oder h�heren Grades ergeben sich f�r die Unbekannten mehrere L�sungen. Die Werte nennt man Wurzeln.</p><p>Gleichung ersten Grades (lineare Gleichung): 3x - 9 = 0 L�sung: x = 3</p><strong><p>1. Kapitel</p></strong><strong><p>Donnerstag, 16. Dezember - Freitag, 17. Dezember</p></strong><p>Lisbeth Salander schob sich die Sonnenbrille auf die Nasenspitze und blinzelte unter der Krempe ihres Sonnenhutes hervor. Sie sah die Dame aus Zimmer 32 aus dem Seiteneingang des Hotels treten und auf eine der gr�n-wei� gestreiften Liegen am Pool zusteuern. Konzentriert heftete sie ihre Blicke auf den Boden, und es wirkte, als w�re sie etwas wackelig auf den Beinen.</p><p>Salander hatte sie zuvor nur aus der Entfernung gesehen. Sie sch�tzte sie auf ungef�hr 35, aber bei ihrem Aussehen h�tte sie jedes Alter zwischen 25 und 50 haben k�nnen. Ihr braunes Haar reichte ihr bis zu den Schultern, ihr Gesicht war etwas l�nglich, und ihr reifer K�rper sah aus, als w�re er einem Versandkatalog f�r Damenunterw�sche entstiegen. Sie trug Sandalen, einen schwarzen Bikini und eine lila get�nte Sonnenbrille. Ihr Amerikanisch hatte einen S�dstaatenakzent. Nachdem sie ihren gelben Sonnenhut neben ihrer Liege auf den Boden hatte fallen lassen, gab sie dem Barkeeper an Ella Carmichaels Bar ein Zeichen.</p><p>Lisbeth Salander legte ihr Buch in den Scho� und nahm einen Schluck Kaffee, bevor sie ihre Hand nach den Zigaretten ausstreckte. Ohne den Kopf zu drehen, warf sie einen Blick auf den Horizont. Von ihrem Platz auf der Poolterrasse aus konnte  sie durch ein paar Palmen und Rhododendronstr�ucher an der Hotelmauer einen Blick auf das Karibische Meer erhaschen. Weit drau�en war ein Segelboot mit Wind von achtern unterwegs nach Saint Lucia oder Dominica. In noch gr��erer Entfernung konnte sie die Konturen eines grauen Frachters ausmachen, der Richtung S�den nach Guyana oder in ein Nachbarland fuhr. Eine schwache Brise milderte die Vormittagshitze ein wenig, dennoch sp�rte sie, wie ihr ein Schwei�tropfen langsam �ber die Stirn zur Augenbraue rann. Lisbeth Salander briet nicht gern in der Sonne und verbrachte die Tage weitgehend im Schatten, indem sie sich best�ndig unter dem Sonnendach aufhielt. Sie trug Kaki-Shorts und ein schwarzes Top.</p><p>Sie lauschte den merkw�rdigen Kl�ngen der <emphasis>steel pans</emphasis>, die aus dem Lautsprecher an der Bar drangen. F�r Musik hatte sie sich noch nie im Geringsten interessiert und konnte Sven-Ingvars nicht von Nick Cave unterscheiden, aber die <emphasis>steel pans</emphasis>  faszinierten sie irgendwie. Es schien so abwegig, ein �lfass zu stimmen, und noch abwegiger, dass man das Fass dazu bringen konnte, kontrollierbare T�ne von sich zu geben, die mit nichts anderem zu vergleichen waren. Sie fand diese Kl�nge geradezu magisch.</p><p>Pl�tzlich irritierte sie irgendetwas. Sie wandte ihren Blick wieder der Frau zu, die gerade ein Glas mit einem orangefarbenen Drink bekommen hatte.</p><p>Mit dem Drink hatte Lisbeth Salander freilich kein Problem. Aber sie konnte sich nicht erkl�ren, warum die Frau pl�tzlich zur Salzs�ule erstarrte. Seit das Paar vor vier N�chten angekommen war, hatte Lisbeth Salander dem Terror gelauscht, der sich in ihrem Nachbarzimmer abspielte. Sie hatte Schluchzen geh�rt, leise, aber erregte Stimmen und zeitweilig sogar Ohrfeigen. Der Mann, der diese Schl�ge austeilte - Lisbeth vermutete, dass es der Ehemann war -, mochte Mitte 40 sein. Er hatte sein dunkles, glattes Haar zu etwas so Unmodischem wie einem Mittelscheitel gek�mmt und schien sich aus  beruflichen Gr�nden in Grenada aufzuhalten. Was das f�r ein Beruf sein k�nnte, hatte sich Lisbeth Salander noch nicht erschlossen, aber bis jetzt war er jeden Morgen sorgf�ltig gekleidet erschienen, mit Schlips und Jackett, und hatte an der Hotelbar einen Kaffee getrunken, bevor er sich seine Aktentasche griff und hinausging, um in ein Taxi zu steigen.</p><p>Lisbeth kam immer sp�tnachmittags ins Hotel zur�ck, wenn er gerade mit seiner Frau am Pool war. Das Paar a� meistens zusammen zu Abend und machte dabei einen zur�ckhaltenden und liebevollen Eindruck. Vielleicht trank die Frau ein, zwei Gl�schen zu viel, aber ihr kleiner Schwips wirkte nicht weiter st�rend oder auff�llig.</p><p>Der Streit im Nachbarzimmer begann routinem��ig zwischen zehn und elf Uhr abends, ungef�hr um die Zeit, wenn Lisbeth gerade mit einem Buch �ber die Geheimnisse der Mathematik ins Bett ging. Soweit Lisbeth das durch die Wand mitverfolgen konnte, kam es zu keinen gr�beren Misshandlungen, aber die beiden stritten sich mit zerm�rbender Ausdauer. Die Nacht zuvor hatte Lisbeth ihre Neugier nicht mehr z�geln k�nnen und war auf den Balkon gegangen, um durch die offene Balkont�r ihrer Nachbarn mitzuh�ren, worum es eigentlich ging. Er lief �ber eine Stunde im Zimmer auf und ab und gab zu, dass er ein mieser Schuft war, der sie �berhaupt nicht verdiente. Immer wieder hatte er wiederholt, sie m�sse ihn doch f�r einen Betr�ger halten. Und jedes Mal hatte sie geantwortet, dass sie nicht so von ihm dachte, und versucht, ihn zu beruhigen. Er wurde immer eindringlicher, und zum Schluss packte und sch�ttelte er sie. Schlie�lich antwortete sie, wie er wollte � <emphasis>ja, du bist ein Betr�ger</emphasis>. Kaum hatte er ihr diese Worte abgepresst, nahm er sie zum Vorwand, nun seine Frau anzugreifen, ihren Lebenswandel und ihren Charakter. Er bezeichnete sie als Hure, ein Ausdruck, gegen den Lisbeth sich zweifellos wirkungsvoll zur Wehr gesetzt h�tte, w�re sie so genannt worden. Das war zwar nicht der Fall und somit war das Ganze auch nicht ihr pers�nliches Problem, aber sie konnte sich nicht recht entschlie�en, ob sie in irgendeiner Form eingreifen sollte oder nicht.</p><p>Erstaunt hatte Lisbeth seiner st�ndig wiederkehrenden Leier gelauscht, aber dann h�rte sie pl�tzlich eine Ohrfeige. Als sie gerade beschlossen hatte, auf den Flur zu gehen und die T�r zum Nachbarzimmer einzutreten, wurde es nebenan still.</p><p>Lesen Sie weiter:</p><p>Verdammnis</p><p>von</p><p>Stieg Larsson</p><p>ISBN 978-3-453-01360-5</p><p><strong>HEYNE&lt;</strong></p><a id="calibre_link-119"/><p><a id="calibre_link-120"/></p><p>Die Originalausgabe erschien unter dem Titel</p><p><emphasis>M�n som hatar kvinnor</emphasis></p><p>bei Norstedts F�rlag, Stockholm</p><p>Vollst�ndige deutsche Taschenbuchausgabe 06/2007</p><p>Copyright � 2005 by Stieg Larsson</p><p>Copyright � 2006 der deutschen Ausgabe</p><p>by Wilhelm Heyne Verlag, M�nchen</p><p>in der Verlagsgruppe Random House GmbH</p><p>Statistik auf den Seiten 11, 157, 321 und 525 aus: Eva Lundgren,</p><p>Gun Heimer, Jenny Westerstrand, Anne-Marie Kalliokoski: Slagen dam -</p><p>M�ns v�ld mot kvinnor i j�mst�llda Sverige, en omf�ngsunders�kning/</p><p>Die geschlagene Frau - M�nnergewalt gegen Frauen im gleichberechtigten</p><p>Schweden (Dienststelle f�r Verbrechensopfer an der Universit�t</p><p>von Ume� und Uppsala, 2001)</p><p>eISBN : 978-3-641-20334-4</p><p><a l:href="http://www.heyne.de">www.heyne.de</a></p><p><a l:href="http://www.randomhouse.de">www.randomhouse.de</a></p></section></body><binary id="5" 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