<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>prose_history</genre><author><first-name>Robert</first-name><last-name> Harris</last-name></author><book-title>Imperium</book-title><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang></title-info><document-info><author><nickname>lange97</nickname></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2011-04-26">26.04.2011</date><id>515D8A4A-B892-4624-BA4C-18CF8D12146F</id><version>1.0</version></document-info></description><body><section><epigraph><p>ZUM ANDENKEN AN AUDREY HARRIS (1920-2005) UND F�R SAM</p></epigraph><empty-line/><p>TIRO, M. TULLIUS, Sekret�r von cicero.</p><p>ER WAR NICHT NUR DER AMANUENSIS DES REDNERS UND SEIN MITARBEITER BEI DESSEN LITERARISCHEN ARBEITEN, SONDERN SELBST EIN NICHT ZU UNTERSCH�TZENDER AUTOR UND DER ERFINDER DER KURZSCHRIFT, WELCHE ES IHM ERLAUBTE, IN DER �FFENTLICHKEIT GEHALTENE REDEN VOLLST�NDIG UND KORREKT MITZUSCHREIBEN, UNABH�NGIG DAVON, WIE SCHNELL DER REDNER SPRACH. NACH CICEROS TOD ZOG SICH TIRO AUF EINEN BAUERNHOF IN DER N�HE VON PUTEOLI ZUR�CK, WO ER LAUT HIERONYMUS BIS IN SEIN HUNDERTSTES JAHR LEBTE. ASCONIUS PEDIANUS (IN MILON. 38) BEZIEHT SICH AUF DAS VIERTE BUCH TIROS �BER CICEROS LEBEN.</p><p><emphasis>Dictionary of Greek and Roman Biography and Mythology, Vol. III, herausgegeben von William L.</emphasis></p><p><emphasis>Smith, London 1851</emphasis> [Auszug]</p><empty-line/><empty-line/><p>INNUMERABILIATUA SUNT IN ME OFFICIA, DOMESTICA, FORENSIA, URBANA, PROVINCILIA, IN RE PRIVATA, IN PUBLICA, IN STUDIIS, IN LITTERIS NOSTRIS ...</p><p>�Deine Dienste an mir sind nicht zu z�hlen, im Haus und auf dem Forum, in der Stadt und in der Provinz, in privaten und �ffentlichen Belangen, bei meinen Studien und literarischen Arbeiten ...�</p><p><emphasis>Cicero in einem Brief an Tiro,</emphasis> 7. <emphasis>November 50 v. Chr.</emphasis></p></section><section><title><p>TEIL EINS.</p><p id="_bookmark3">SENATOR</p></title><section><p>79 v.Chr.-70 v. Chr.</p><empty-line/><p>URBEM, URBEM, MI RUFE, COLE ET IN ISTA LUCE VIVA!</p><p>�Rom! Bleib in Rom, mein lieber Rufus, und lebe im Licht der �ffentlichkeit!�</p><p><emphasis>Cicero in einem Brief an M. Caelius Rufus, 26.Juni 50 v. Chr.</emphasis></p></section><section><title><p>KAPITEL I</p></title><p>Mein Name ist Tiro. Ich war sechsunddrei�ig Jahre lang Privatsekret�r des r�mischen Staatsmannes Cicero - eine anfangs aufregende, dann �berraschende, sp�ter m�hsame und schlie�lich �u�erst gef�hrliche Aufgabe. Ich glaube, dass Cicero w�hrend dieser Jahre mehr Zeit mit mir verbrachte als mit jedem anderen Menschen, seine Familie eingeschlossen. Ich war Zeuge privater Zusammenk�nfte und �berbringer geheimer Botschaften. Ich brachte seine Reden zu Papier, schrieb seine Briefe und seine literarischen Arbeiten, sogar seine Gedichte. Um dem Strom seiner Worte Herr zu werden, musste ich eine allgemein als Kurzschrift bekannte Technik ersinnen, mit der noch immer die Beratungen des Senats protokolliert werden und f�r deren Erfindung mir k�rzlich eine bescheidene Pension bewilligt wurde. Dieser Summe, einigen Erbschaften und mir wohlgesinnten Freunden verdanke ich meinen ausk�mmlichen Ruhestand. Ich brauche nicht viel. Die Alten leben von Luft, und ich bin sehr alt - fast hundert, hei�t es.</p><p>In den Jahrzehnten nach seinem Tod bin ich immer wieder gefragt worden, gew�hnlich im Fl�sterton, wie Cicero wirklich war. Aber ich habe stets geschwiegen. Wie sollte ich wissen, wer ein Regierungsspion war und wer nicht? Jeden Augenblick war ich auf meine Liquidierung gefasst. Da mein Leben nun fast vor�ber ist und ich nichts mehr zu bef�rchten habe - nicht einmal Folter, w�rde ich doch in den H�nden des Scharfrichters oder seiner Folterknechte kaum eine Sekunde durchhalten -, habe ich mich entschlossen, mit dem vorliegenden Bericht eine Antwort darauf zu geben. Ich werde mich auf meine Erinnerung und die meiner Obhut anvertrauten Dokumente st�tzen. Da die mir verbleibende Zeit zwangsl�ufig kurz ist, will ich mich beeilen. Ich werde den Bericht in meiner Kurzschrift verfassen, auf einigen Dutzend Rollen feinsten Papyrus - Hieratica, das Beste vom Besten -, die ich zu diesem Zweck schon seit L�ngerem gehortet habe. Im Voraus bitte ich um Vergebung f�r stilistische M�ngel und Ungeschicklichkeiten. Auch bitte ich die G�tter, dass sie mich zum Ende kommen lassen, bevor das Ende mich ereilt. In seinen letzten Worten bat Cicero mich, die Wahrheit �ber ihn zu erz�hlen, und darum will ich mich bem�hen. Sollte er dabei nicht immer als Muster an Tugend erscheinen, sei's drum. Die Macht beschert einem Mann allerlei Annehmlichkeiten, zwei saubere H�nde geh�ren allerdings nur selten dazu.</p><p>Und von Macht und dem Mann werde ich erz�hlen. Mit Macht meine ich die offizielle, die politische Macht - was wir in der lateinischen Sprache als <emphasis>Imperium</emphasis> bezeichnen -, die Macht �ber Leben und Tod, wie sie vom Staat auf ein Individuum �bertragen wird. Hunderte von M�nnern haben nach dieser Macht gestrebt. Aber Cicero war einzigartig in der Geschichte der R�mischen Republik, weil ihm beim Griff nach der Macht nichts als sein eigenes Talent zur Verf�gung stand. Er entstammte nicht, wie Metellus oder Hortensius, einer der bedeutenden, seit Generationen in der Politik t�tigen Adelsfamilien, von deren Reputation er am Wahltag profitieren konnte. Hinter ihm stand nicht, wie bei Pompeius oder Caesar, eine m�chtige Armee, die seine Kandidatur unterst�tzte. Er verf�gte nicht wie Crassus �ber ein gewaltiges Verm�gen, das ihm den Weg ebnete. Er hatte nur eines - seine Stimme. Und mit der schieren Kraft seines Willens machte er aus dieser die ber�hmteste Stimme der Welt.</p><p>*</p><p>Ich war vierundzwanzig Jahre alt, als ich in Ciceros pers�nlichen Dienst eintrat, ein auf seinem Familiensitz nahe Arpinum geborener Haussklave, der Rom nie zuvor gesehen hatte. Er war ein junger Rechtsanwalt,�der�an�nerv�sen Ersch�pfungszust�nden litt und sich mit jeder Menge nat�rlicher Gebrechen herumschlug. Kaum jemand h�tte auf meine und auf seine Zukunftschancen besonders viel gegeben.</p><p>Zu jener Zeit war Ciceros Stimme nicht das Furcht einfl��ende Organ, zu dem es sp�ter wurde. Sie war schroff, und er neigte zum Stottern. Ich glaube, sein Problem war, dass die in seinem Kopf brodelnde Menge an Worten sich bei nervlicher Anspannung in seinem Hals staute, als ob sich zwei von�der�nachdr�ngenden�Herde vorw�rtsgeschobene Schafe gleichzeitig durch ein Gatter gequetscht h�tten. Wie auch immer, der Inhalt seiner Reden war oft zu hochtrabend, als dass sein Publikum ihn verstanden h�tte. �Der Gelehrte� oder �der Grieche� wurde er von seinen unaufmerksamen Zuh�rern genannt - was keineswegs als Kompliment gemeint war. Obwohl niemand sein rhetorisches Talent anzweifelte, so war seine Konstitution doch zu schw�chlich, als dass sie seinem Ehrgeiz ebenb�rtig gewesen w�re. Mehrst�ndige Verteidigungsreden - zu jeder Jahreszeit, oft unter freiem Himmel -beanspruchten seine Stimmb�nder derart, dass er nicht selten tagelang heiser und ohne Stimme war. Zudem litt er unter chronischer Schlaflosigkeit und einer schwachen Verdauung. Kurzum: Wollte er, wie es sein sehnlichster Wunsch war, politische Karriere machen, so ben�tigte er professionelle Hilfe. Also beschloss Cicero, Rom f�r einige Zeit zu verlassen und zu reisen. Erstens, um seine Kr�fte aufzufrischen, und zweitens, um die f�hrenden Lehrmeister der Rhetorik zu konsultieren, von denen die meisten in Griechenland und Kleinasien lebten.</p><p>Als Verantwortlicher f�r die kleine Bibliothek seines Vaters verf�gte ich �ber eine passable Kenntnis des Griechischen, und deshalb bat Cicero seinen Vater - ganz so, als wollte er sich ein Buch aus dem Regal nehmen -, ob er mich ausleihen und mit in den Osten nehmen k�nne. Meine Aufgabe w�rde unter anderem darin bestehen, mich um seine Termine zu k�mmern, Transportmittel anzuheuern und Lehrer zu bezahlen, wobei geplant war, dass ich nach einem Jahr wieder zu meinem alten Herrn zur�ckkehren sollte. Am Ende sollte ich, wie so manches n�tzliches Buch auch, nie zur�ckgegeben werden.</p><p>Am Tag, als wir in See stechen wollten, fanden wir uns im Hafen von Brundisium ein. Das war im sechshundertf�nfundsiebzigsten Jahr nach der Gr�ndung Roms, in der Zeit des Konsulats von Servilius Vatia und Claudius Pulcher. Damals war Cicero noch nicht die imposante Gestalt, zu der er sp�ter wurde und deren Z�ge so bekannt waren, dass er nicht mal durch die ruhigste Stra�e spazieren konnte, ohne erkannt zu werden. (Was, so frage ich mich, ist nur mit den Tausenden seiner B�sten und Portr�ts geschehen, die einst so viele Privath�user und �ffentliche Geb�ude geschm�ckt haben? Sind sie wirklich <emphasis>alle</emphasis> zerst�rt und verbrannt worden?) Der junge Mann, der an jenem Fr�hlingsmorgen am Kai stand, war schm�chtig, hatte einen Rundr�cken und einen unnat�rlich langen Hals, in dem ein Adamsapfel so gro� wie eine Kinderfaust auf und ab h�pfte. Seine Haut war blass, er hatte vorstehende Augen und eingefallene Wangen; kurz, er war das Abbild eines kr�nklichen Mannes. Ich wei� noch, dass ich dachte: <emphasis>Halt dich ran, Tiro, mach das Beste aus der Reise, lange kann sie nicht dauern.</emphasis></p><p>Zuerst f�hren wir nach Athen, wo er sich das Vergn�gen g�nnen wollte, an der Akademie Philosophie zu studieren. Als ich ihm zum ersten Mal die Tasche in den Vorlesungssaal getragen hatte und mich wieder entfernen wollte, rief er mich zur�ck und fragte, wohin ich denn vorh�tte zu gehen.</p><p>�In den Schatten zu den anderen Sklaven�, antwortete ich. �Es sei denn, Ihr ben�tigt noch meine Dienste.�</p><p>�Und ob ich die ben�tige�, sagte er. �Ich habe eine �u�erst anstrengende Aufgabe f�r dich. Ich will, dass du hierbleibst und dir ein klein wenig Philosophie aneignest. Dann habe ich auf unseren langen Reisen jemanden, mit dem ich mich unterhalten kann.�</p><p>Also blieb ich, und mir wurde die Ehre zuteil, pers�nlich Antiochos aus Askalon zu h�ren, der die drei Grundprinzipien des Stoizismus erkl�rte - dass nur die Tugend zur Gl�ckseligkeit f�hre, dass nichts au�er der Tugend gut sei und dass man den Gef�hlen nicht trauen k�nne. Drei einfache Regeln, die, w�rde der Mensch sie befolgen, die meisten Probleme der Welt l�sen k�nnten. Sp�ter diskutierten Cicero und ich oft �ber derartige Fragen, und in der Welt der Gedanken verga�en wir immer die Unterschiede unserer gesellschaftlichen Stellung. Wir blieben sechs Monate bei Antiochos und zogen dann weiter, um uns dem eigentlichen Zweck unserer Reise zuzuwenden.</p><p>Die tonangebende Schule der Rhetorik zu jener Zeit war die sogenannte �asianische� Methode. Eine kunstvolle und blumige Art des Vortrags, voller pomp�ser Wendungen und klingender Versformen, auf und ab schreitend zelebriert, begleitet von ausladender Gestik. Ihr f�hrender Vertreter in Rom war Quintus Hortensius Hortalus, der allgemein als der herausragende Redner seiner Zeit betrachtet wurde und dessen fantasievolle Beinarbeit ihm den Spitznamen �der Tanzmeister� eingebracht hatte. Um Hortensius' Methode zu ergr�nden, legte Cicero besonderen Wert darauf, all seine Lehrmeister aufzusuchen: Menippos aus Stratonikeia, Dionysios aus Magnesia, Aischylos aus Knidos, Xenokles aus Adramyttion - allein die Namen geben eine Ahnung von ihrem Stil. Mit jedem von ihnen verbrachte Cicero Wochen. Er studierte ihre Techniken so lange, bis er glaubte, sie begriffen zu haben.</p><p>�Tiro�, sagte er eines Abends, w�hrend er in dem ged�nsteten Gem�se herumstocherte, das er jeden Tag a�, �ich habe genug von diesen gelackten Gockeln. K�mmere dich um ein Boot, das uns von Loryma nach Rhodos bringt.Wir versuchen etwas anderes, wir schreiben uns in der Schule von Apollonios Molon ein.�</p><p>Und so kam es, dass an einem Fr�hlingsmorgen kurz nach Sonnenaufgang, als das Karpathische Meer so milchig glatt wie eine Perle vor uns lag (man muss mir die gelegentlichen gedrechselten Wendungen verzeihen: Ich habe zu viel griechische Dichtung gelesen, als dass ich den n�chternen lateinischen Stil durchhalten k�nnte), ein Boot uns vom Fesdand zu jener altber�hmten, zerkl�fteten Insel brachte, wo am Landungssteg die st�mmige Gestalt von Molon h�chstpers�nlich wartete.</p><p>Molon war ein Rechtsgelehrter, der aus Alabanda stammte und in den Gerichtss�len Roms brilliert hatte. Ihm war sogar die beispiellose Ehre zuteil geworden, im Senat eine Rede in griechischer Sprache halten zu d�rfen. Danach hatte er sich nach Rhodos zur�ckgezogen und seine Rhetorikschule gegr�ndet. Seine Theorie der Redekunst, die das genaue Gegenteil der �asianischen� darstellte, war einfach: Lauf nicht zu viel herum, halt den Kopf gerade, komm schnell zum Punkt, bring deine Zuh�rer zum Lachen, bring sie zum Weinen, und wenn du ihre Sympathie gewonnen hast, dann setz dich wieder hin. �Denn nichts�, so Molon, �trocknet schneller als eine Tr�ne.� Das war weit mehr nach Ciceros Geschmack, und so begab er sich ganz und gar in die Hand von Molon.</p><p>Molons erste Handlung an jenem Abend war, dass er Cicero eine Sch�ssel hart gekochter Eier mit Sardellenso�e auftischte. Als Cicero fertig gegessen hatte - was nicht ohne Klagen abging -, servierte er ihm noch ein gro�es, �ber Holzkohle gebratenes St�ck Fleisch und einen Becher Ziegenmilch. �Du brauchst Fleisch auf den Rippen, junger Mann�, sagte er und klopfte sich auf seinen breiten Brustkorb. �Aus einer schw�chlichen Rohrfl�te ist noch nie ein voller Ton gekommen.� Cicero schaute ihn w�tend an, a� seinen Teller aber pflichtschuldigst bis auf den letzten Bissen leer. In jener Nacht schlief Cicero zum ersten Mal seit Monaten durch. (Ich wei� das, weil ich immer auf dem Boden neben seinem Bett schlief.)</p><p>Bei Tagesanbruch begannen die Leibes�bungen. �Auf dem Forum zu sprechen�, sagte Molon, �ist wie ein Wettlauf. Es verlangt Durchhalteverm�gen und Kraft.� Er t�uschte einen Faustschlag auf Ciceros Brustkorb an, worauf dieser ein lautes <emphasis>Uff!</emphasis> ausstie�, zur�ckstolperte und fast gest�rzt w�re. Molon lie� ihn mit gespreizten Beinen und durchgedr�ckten Knien Aufstellung nehmen und mit den Fingerspitzen zwanzig Mal den Boden vor jedem Fu� ber�hren. Dann musste er sich mit dem R�cken auf den Boden legen, die H�nde hinter dem Kopf verschr�nken und, ohne die gestreckten Beine vom Boden zu heben, den Oberk�rper aufrichten und wieder senken. Danach befahl er ihm, sich auf den Bauch zu drehen und den K�rper ausschlie�lich mit der Kraft seiner Arme auf und ab zu hieven, wieder zwanzig Mal und auch hier, ohne die Knie zu beugen. Das war das Programm des ersten Tages.</p><p>An den folgenden Tagen kamen weitere �bungen hinzu, und die Dauer der �bungen wurde ausgedehnt. Cicero hatte einen guten Schlaf, und auch die Mahlzeiten verursachten keine Beschwerden mehr.</p><p>Zur eigentlichen Vortragsschulung verlie� Molon mit seinem eifrigen Sch�ler den schattigen Innenhof, lie� ihn in der Mittagshitze ohne Pause einen steilen H�gel hinaufgehen und dabei �bungspassagen rezitieren - �blicherweise eine Gerichtsszene oder einen Monolog von Menander. Ciceros stampfende Schritte verscheuchten die Eidechsen, und die zirpenden Zikaden in den Olivenb�umen waren sein einziges Publikum, w�hrend er seine Lunge kr�ftigte und lernte, aus einem einzigen Atemzug das Maximum an Worten herauszuholen. �Halte die Tonh�he im mittleren Bereich�, wies ihn Molon an. �Da sitzt die Kraft. Nicht zu hoch und nicht zu tief.� Nachmittags ging Molon mit ihm hinunter an den Kiesstrand, postierte sich achtzig Schritte von Cicero entfernt (die maximale Reichweite der menschlichen Stimme) und lie� ihn zur Ausbildung des Stimmvolumens gegen das Donnern und Brausen der Brandung anreden - das komme, so sagte er, dem Gemurmel von dreitausend Menschen unter freiem Himmel oder dem Hintergrundger�usch von ein paar hundert schwatzenden Menschen im Senat am n�chsten. An derlei st�rende Ger�usche m�sse Cicero sich gew�hnen.</p><p>�Und was ist mit dem Inhalt?�, fragte Cicero. �Soll nicht in erster Linie die Kraft meiner Argumente zum Zuh�ren zwingen?�</p><p>Molon zuckte mit den Achseln. �Inhalt geht mich nichts an. Denk an Demosthenes: &gt;Bei der Redekunst z�hlen nur drei Dinge. Der Vortrag, der Vortrag und noch mal der Vortrags�</p><p>�Und mein Stottern?�</p><p>�Auch dein St-stottern intere-ressiert mich nicht�, erwiderte Molon grinsend und zwinkerte mit den Augen. �Nein, im Ernst, Stottern ist interessant, es vermittelt den Eindruck von Ehrlichkeit, das ist von Nutzen. Demosthenes hat selbst leicht gelispelt. Das Publikum identifiziert sich mit solchen Unzul�nglichkeiten. Das einzig �de ist Perfektion. Also, geh jetzt ein St�ck den Strand hinunter, und lass h�ren, ob ich dich noch verstehen kann.�</p><p>Und so hatte ich die Ehre, von Anfang an miterleben zu d�rfen, wie der eine Meister der Redekunst dem anderen seine Kunstgriffe beibrachte. �M�glichst nicht den Kopf neigen, das macht einen unm�nnlichen Eindruck. Nicht mit den Fingern schlenkern und immer die Schultern still halten. Wenn du f�r eine Geste deine Finger brauchst, dann versuch, den gekr�mmten Mittelfinger auf die Daumenspitze zu legen und die drei restlichen Finger gerade auszustrecken -genau, so ist es gut. Nat�rlich muss der Blick <emphasis>immer</emphasis> den Bewegungen der Geste folgen, au�er bei einer zur�ckweisenden Bemerkung: &gt;Die G�tter m�gen uns von dieser Plage verschonen&lt; oder ich glaube nicht, dass ich diese Ehre verdiene.&lt;�</p><p>Alles Schriftliche war verboten. Kein Redner, der diesen Namen verdiente, w�rde im Traum daran denken, einen Text vorzulesen oder sich mit einem Stapel Notizen zu behelfen. Molon bevorzugte die Standardmethode, um eine Rede einzustudieren: die des imagin�ren Rundgangs durch das Haus des Redners. �Stell dir den ersten Punkt, den du vortragen willst, im Eingangsbereich vor, den zweiten im Atrium und so weiter. Du wanderst, wie du es gewohnt bist, durchs Haus und weist nicht nur jedem Raum, sondern jeder Nische und jeder Statue einen bestimmten Abschnitt der Rede zu. Achte darauf, dass jede dieser Stellen gut beleuchtet ist, klar umrissen und unterscheidbar. Sonst wirst du herumtappen wie ein Betrunkener, der nach einem Fest sein Bett sucht.�</p><p>Cicero war nicht Molons einziger Sch�ler in jenem Fr�hling und Sommer. Nach und nach stie�en Ciceros j�ngerer Bruder Quintus, sein Vetter Lucius und zwei seiner Freunde zu uns: Servius, ein penibler Rechtsanwalt, der Richter werden wollte, und Atticus - der elegante, charmante Titus Pomponius Atticus -, den die Redekunst nicht interessierte, da er in Athen lebte und ganz sicher keine politische Karriere anstrebte, sondern sich einfach gern in Ciceros Gesellschaft aufhielt. Alle staunten �ber die Ver�nderungen, die Ciceros Gesundheit und Auftreten erfahren hatten, und an ihrem letzten gemeinsamen Abend - es war inzwischen Herbst geworden und Zeit, nach Rom zur�ckzukehren - kamen sie zusammen, um mit eigenen Ohren zu h�ren, wie sich Molons Bem�hungen auf Ciceros Redekunst ausgewirkt hatten.</p><p>Ich w�nschte, ich k�nnte mich erinnern, wor�ber Cicero an jenem Abend nach Tisch gesprochen hat, aber ich furchte, ich bin der lebende Beweis f�r Demosthenes' zynische Behauptung, dass -verglichen mit der Art des Vortrags - der Inhalt nichts z�hlt. Ich stand diskret im Schatten, au�er Sichtweite, und entsinne mich nur noch an die Motten, die wie Aschepartikel um die Fackeln herumwirbelten, an die glitzernden Sterne am Himmel �ber dem Innenhof und an die Cicero zugewandten, vom Feuerschein ger�teten Gesichter der hingerissenen jungen M�nner. Allerdings erinnere ich mich noch genau an die Worte Molons, nachdem sich sein Sch�ler mit einer abschlie�enden Verbeugung zur imagin�ren Geschworenenbank wieder gesetzt hatte. Nach langem Schweigen erhob er sich und sagte mit heiserer Stimme: �Ich gratuliere dir, Cicero, du hast mich in Staunen versetzt. Was ich bedauere, ist Griechenland, das Schicksal Griechenlands. Der uns einzig verbliebene Ruhm war der �berlegene Rang unserer Rhetorik, und diesen hast du uns jetzt auch genommen. Geh zur�ck�, sagte er und deutete mit jenen drei ausgestreckten Fingern �ber die vom Fackelschein erleuchtete Terrasse in Richtung des fernen, dunklen Meeres. �Geh zur�ck, mein junger Freund, <emphasis>und erobere Rom.�</emphasis></p><p>*</p><p>Na sch�n. Leicht gesagt. Aber wie stellt man das an? Wie erobert man Rom, wenn einem als einzige Waffe nur seine Stimme zur Verf�gung steht? Der erste Schritt ist naheliegend: Man muss Senator werden.</p><p>Um in den Senat zu gelangen, musste man mindestens einunddrei�ig Jahre alt und Million�r sein. Genauer gesagt: Wenn allj�hrlich im Juli zwanzig neue Senatoren gew�hlt wurden, die die im abgelaufenen Jahr gestorbenen oder inzwischen zu arm gewordenen ersetzten, hatte man sogar nur f�r die Kandidatur den Beh�rden Verm�gen im Wert von einer Million Sesterzen nachzuweisen. Aber woher sollte Cicero eine Million nehmen? Sein Vater jedenfalls hatte nicht so viel Geld: Das Anwesen der Familie war klein und mit hohen Hypotheken belastet. Ihm blieben deshalb nur die drei �blichen Optionen: sich die Million zu verdienen, was zu lange dauern w�rde; sie zu stehlen, was zu riskant war; oder sie zu heiraten, was Cicero kurz nach seiner R�ckkehr aus Rhodos tat. Terentia war siebzehn, jungenhaft flachbr�stig, und ihren Kopf zierten kurze, dichte schwarze Locken. Ihre Halbschwester war eine Vesta-Priesterin, Beleg f�r die hohe gesellschaftliche Stellung ihrer Familie. Wichtiger war, dass ihr zwei Stra�enz�ge mit Mietwohnungen in den Elendsvierteln von Rom, einige Waldgebiete vor den Toren der Stadt und dazu ein Landgut geh�rten. Gesamtwert: eineinviertel Millionen Sesterzen. (Ach ja, Terentia: schlicht, distinguiert und reich - was war sie doch f�r ein Fr�chtchen! Erst vor ein paar Monaten habe ich sie gesehen, auf der K�stenstra�e nach Neapel. Sie sa� in einer offenen S�nfte und kreischte ihre Tr�ger an, dass sie sich etwas beeilen sollten. Ihr Haar war wei� und die Haut walnussfarben, aber ansonsten schien sie sich nicht ver�ndert zu haben.)</p><p>Und so wurde Cicero zur gegebenen Zeit in den Senat gew�hlt - tats�chlich erzielte er, der inzwischen allgemein als zweitbester Rechtsanwalt Roms nach Hortensius betrachtet wurde, das beste Stimmenergebnis. Bevor er seinen Sitz im Senat einnehmen konnte, musste er das obligatorische Jahr Regierungsdienst au�erhalb Roms ableisten, was in seinem Fall die Provinz Sizilien war. Sein offizieller Titel war der eines Qu�stors, der die unterste Stufe in der �mterlaufbahn darstellte. Frauen war es verboten, ihre Ehem�nner auf diesen Dienstreisen zu begleiten, sodass Terentia - sicher zur gro�en Erleichterung Ciceros - zu Hause blieb. Ich allerdings ging mit ihm, denn inzwischen war ich f�r ihn zu einer Art verl�ngertem Arm geworden, den er, ohne dar�ber nachzudenken, wie seinen eigenen benutzte. Ein Grund f�r meine Unverzichtbarkeit war, dass ich eine Technik entwickelt hatte, die es mir erlaubte, seine Worte so schnell niederzuschreiben, wie er sie aussprach. Aus kleinen Anf�ngen - ich kann in aller Bescheidenheit behaupten, das Et-Zeichen erfunden zu haben - schwoll mein System schlie�lich zu einem Handbuch mit etwa viertausend Symbolen an. Ich fand zum Beispiel heraus, dass Cicero bestimmte Wendungen immer wieder benutzte. Diese reduzierte ich auf einen Strich oder ein paar P�nktchen und erbrachte somit den Beweis f�r etwas, was die meisten Menschen ohnehin schon wissen - dass n�mlich Politiker im Wesentlichen immer wieder das Gleiche sagen. Er diktierte mir, w�hrend er in der Badewanne oder auf dem Sofa lag, in einer schaukelnden Karosse oder auf Landspazierg�ngen. Ihm gingen nie die Worte aus, und mir fehlte es nie an Symbolen, um seine durch die Luft wirbelnden Worte einzufangen und festzuhalten. Wir waren wie f�reinander geschaffen.</p><p>Doch zur�ck zu Sizilien. Keine Angst: Ich werde �ber unsere Arbeit jetzt nicht in allen Einzelheiten berichten. Wie so oft in der Politik war die T�tigkeit nicht nur im R�ckblick, nach �ber siebzig Jahren, sondern auch schon damals langweilig. Der Erinnerung wert und von Bedeutung war die R�ckreise nach Rom. Um sicherzugehen, dass er genau in den Senatsferien die Bucht von Neapel erreichte, wenn sich die versammelte Politprominenz in den Mineralb�dern Puteolis vergn�gte, verschob Cicero unsere Abreise extra um einen Monat, von M�rz auf April. Er wies mich an, ein Boot mit zw�lf Ruderern anzumieten, das pr�chtigste, das ich auftreiben k�nnte, damit er stilvoll - zum ersten Mal w�rde er die Toga mit dem purpurfarbenen Saum des Senators der R�mischen Republik tragen - in den Hafen einlaufen konnte.</p><p>Cicero war davon �berzeugt gewesen, in Sizilien derart erfolgreiche Arbeit geleistet zu haben, dass er zu Hause in Rom unausweichlich im Mittelpunkt allen Interesses stehen w�rde. Auf Hundert stickigen Marktpl�tzen, unter Tausend staubigen, von Wespen wimmelnden Platanen hatte er unparteiisch und w�rdevoll r�misches Recht gesprochen. Er hatte eine einmalig gro�e Menge Getreide zu einem einmalig niedrigen Preis gekauft und f�r das Wahlvolk nach Rom transportieren lassen. Seine Reden bei Regierungszeremonien waren Meisterwerke an Taktgef�hl gewesen. Er hatte sogar Interesse an den Gespr�chen der einheimischen Bev�lkerung geheuchelt. Er wusste, dass er gute Arbeit geleistet hatte, und br�stete sich mit seinen Errungenschaften in einem Strom von Berichten an den Senat. Ich muss gestehen, dass ich den Tonfall seiner Berichte gelegendich etwas abmilderte, bevor ich sie dem offiziellen Boten �bergab, und dass ich ihn darauf hinzuweisen versuchte, dass nicht jeder Sizilien f�r den Mittelpunkt der Welt hielt. Er nahm jedoch keine Notiz davon.</p><p>Ich sehe ihn noch vor mir, wie er bei unserer R�ckkehr nach Italien am Bug stand und angestrengt zur Anlegestelle von Puteoli blickte.</p><p>Was hatte er erwartet? Eine Musikkapelle, die ihn an Land geleitete? Eine Abordnung der Konsuln, die ihm einen Lorbeerkranz �berreichte? Sicher, an Land war eine Menschenmenge zu sehen, aber die war nicht seinetwegen gekommen. Hortensius, der schon das Konsulat ins Auge gefasst hatte, veranstaltete auf mehreren farbenpr�chtig geschm�ckten Vergn�gungsschiffen, die ganz in der Nahe festgemacht hatten, ein Bankett. Die Menschen an der Anlegestelle waren seine G�ste, die darauf warteten, �bergesetzt zu werden. Cicero ging an Land - unbeachtet. Verwirrt schaute er sich um, als einigen der Festg�ste sein makellos leuchtendes Senatorengewand auffiel. Sie liefen auf ihn zu, und er straffte in freudiger Erwartung die Schultern.</p><p>�Senator�, rief einer. �Was gibt's Neues in Rom?�</p><p>Cicero schaffte es irgendwie, sein L�cheln zu bewahren. �Ich komme nicht aus Rom, guter Mann. Ich bin auf dem R�ckweg aus meiner Provinz.�</p><p>Ein rothaariger, eindeutig schon betrunkener Mann sagte: �H�rt, <emphasis>h�rt, guter Mann!</emphasis> Er ist auf dem R�ckweg aus seiner <emphasis>Provinz</emphasis> .<emphasis>..</emphasis>�</p><p>Der Mann machte sich kaum die M�he, sein Lachen im Zaum zu halten.</p><p>�Was ist so lustig daran?�, fragte ein Dritter, der die Wogen gl�tten wollte. �Hast du das etwa nicht gewusst? Der Senator kommt aus Afrika.�</p><p>Ciceros L�cheln war heldenhaft. �Nun ja, eigentlich aus Sizilien.�</p><p>M�glich, dass es noch eine Weile in diesem Tonfall weiterging. Ich kann mich nicht erinnern. Als die Leute merkten, dass es hier keine Klatschgeschichten aufzuschnappen gab, trollten sie sich wieder. Kurz darauf erschien Hortensius und geleitete die restlichen G�ste zu ihren F�hrbooten. Er hatte zumindest die H�flichkeit, Cicero mit einem kurzen Nicken zu begr��en, war aber eindeutig nicht gewillt, ihn ebenfalls zu seinem Fest zu bitten. Wir blieben allein zur�ck.</p><p>Ein unbedeutender Vorfall, k�nnte man meinen, doch Cicero selbst pflegte sp�ter zu sagen, dass dies der Augenblick war, in dem sein Ehrgeiz so hart wie Stein wurde. Er war gedem�tigt worden -gedem�tigt von seiner eigenen Eitelkeit - und hatte auf brutale Art erkennen m�ssen, wie gering seine Stellung in der Welt war. Lange Zeit blieb er am Ufer stehen, beobachtete das festliche Treiben von Hortensius und seinen Freunden und lauschte den heiteren Fl�tenkl�ngen, die �ber das Wasser wehten. Als er sich schlie�lich abwandte, war er ein anderer Mensch. Ich �bertreibe nicht, ich habe es in seinen Augen gesehen. <emphasis>Na sch�n,</emphasis> schien sein Gesichtsausdruck zu sagen, <emphasis>albert nur rum, ihr Idioten, ich werde mich an die Arbeit machen.</emphasis></p><p>�Ich bin geneigt zu behaupten, meine Herren, dass diese Erfahrung von gr��erem Wert f�r mich war, als wenn man mich mit Beifallsst�rmen begr��t h�tte. Fortan k�mmerte ich mich nicht mehr darum, was die Welt wohl von mir zu h�ren bek�me: Seit jenem Tag achtete ich darauf, dass man mich t�glich zu Gesicht bekam. Ich lebte im Licht der �ffentlichkeit. Ich ging regelm��ig zum Forum. Weder mein T�rw�chter noch mein Schlaf hinderten irgendwen daran, mich in meinem Haus zu besuchen und mit mir zu sprechen. Auch wenn ich nichts zu tun hatte, hie� das nicht, dass ich nichts tat. Zeit vollkommener Mu�e war etwas, das ich nicht kannte.�</p><p>Erst k�rzlich stolperte ich bei der Lekt�re einer seiner Reden �ber diese Passage, f�r deren Richtigkeit ich mich verb�rge. Wie im D�mmerzustand verlie� er den Hafen, ging bergauf durch Puteoli und hinaus auf die �berlandstra�e, ohne sich noch einmal umzublicken. Ich hechelte hinter ihm her, wobei ich so viel Gep�ck mitschleppte, wie ich konnte. Schritt er anfangs noch langsam und voller Gedanken dahin, so ging er nach und nach immer schneller, bis er schlie�lich mit so gro�en Schritten Pachtung Rom marschierte, dass ich kaum mithalten konnte.</p><p>Und damit endet meine erste Rolle und beginnt gleichzeitig die eigentliche Geschichte des Marcus Tullius Cicero.</p></section><section><title><p id="_bookmark4">KAPITEL II</p></title><p>Der Tag, der sich als Wendepunkt erweisen sollte, begann wie jeder andere damit, dass Cicero eine Stunde vor Tagesanbruch als Erster im Haus aufstand. Ich lauschte den dumpfen Schritten auf den Holzbohlen �ber mir, w�hrend er die �bungen absolvierte, die er bei unserem Aufenthalt in Rhodos vor sechs Jahren gelernt hatte. Ich blieb noch kurz im Dunkeln liegen, rollte dann meine Strohmatte zusammen und wusch mir das Gesicht. Es war der erste November, ein kalter Tag.</p><p>Cicero wohnte auf dem Esquilin in einem bescheidenen zweist�ckigen Haus, das zwischen einem Tempel und einem Wohnblock erbaut worden war. Wenn man sich allerdings die M�he machte, aufs Dach zu steigen, dann wurde man mit einem herrlichen Ausblick belohnt, der in westlicher Richtung �ber das dunstige Tal bis zu den gro�en Tempeln auf dem etwa eine halbe Meile entfernten Kapitolsh�gel reichte. Das Haus geh�rte eigentlich seinem Vater, aber da der alte Herr nicht mehr der Ges�ndeste war und nur noch selten vom Land in die Stadt kam, hatte es Cicero ganz f�r sich -zusammen mit Terentia, seiner f�nfj�hrigen</p><p>Tochter Tullia und zw�lf Sklaven: mich, den mir unterstellten Schreibern Sositheus und Laurea, dem Hausverwalter Eros, Terentias gesch�ftlichem Berater und Privatsekret�r Philotimus, zwei Hausm�dchen, einem Kinderm�dchen, einem Koch, einem Diener und einem T�rw�chter. Dann gab es da noch einen alten blinden Philosophen, den Stoiker Diodotos, der sich gelegentlich aus seinem Zimmer heraustastete und Cicero, wenn es diesem nach einem Disput verlangte, beim Abendessen Gesellschaft leistete. Macht insgesamt f�nfzehn Haushaltsmitglieder. Terentia beklagte sich zwar st�ndig �ber die beengten Verh�ltnisse, aber Cicero wollte nicht umziehen, weil er zu jener Zeit immer noch ganz in seiner �Mann-des-Volkes-Rolle� aufging und das Haus perfekt zu seinem Ruf passte.</p><p>Wie an jedem Tag, so streifte ich mir auch an jenem Morgen als Erstes eine Kordel �ber mein linkes Handgelenk, an der ein kleines, von mir selbst entworfenes Notizbuch hing. Es bestand nicht aus den �blichen ein oder zwei, sondern aus vier Wachstafeln in Buchenholzrahmen, die sehr d�nn und auf beiden Seiten beschreibbar waren und �ber Scharniere verf�gten, sodass ich das Notizbuch auf- und zuklappen konnte. So konnte ich w�hrend eines Diktats weitaus mehr Text aufnehmen als ein durchschnittlicher Sekret�r, dennoch steckte ich mir angesichts Ciceros gewaltigen Redeflusses immer noch ein paar Notizb�cher zur Reserve ein. Dann zog ich den Vorhang des Fensters in meinem winzigen Raum auf, ging durch den Innenhof ins Tablinum, z�ndete die Lampen an und �berpr�fte, ob alles an seinem Platz war. Auf dem einzigen M�belst�ck im Raum, einer Anrichte, stand eine Schale mit Kichererbsen. (Ciceros Name war vom Wort <emphasis>cicer</emphasis> abgeleitet, was Kichererbse bedeutet, und da Cicero glaubte, dass in der Politik ein ungew�hnlicher Name von Vorteil sei, achtete er sehr darauf, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken.) Wenn alles zu meiner Zufriedenheit war, ging ich durch das Atrium in den Empfangsraum, wo der T�rw�chter auf mich wartete. Seine Hand lag schon auf dem gro�en eisernen T�rriegel. Mit einem Blick durch ein schmales Fenster �berpr�fte ich, ob es schon hell genug war. Wenn ja, gab ich dem T�rw�chter mit einem Nicken das Zeichen zum �ffnen.</p><p>Drau�en in der K�lte wartete schon die �bliche Menge an Ungl�cksraben und Verzweifelten. W�hrend sie eintraten, notierte ich mir die Namen. Die meisten waren mir bekannt. Fremde fragte ich nach dem Namen. Die �blichen Versager schickte ich wieder weg. Die unumst��liche Anweisung lautete: �Wenn er w�hlen darf, lass ihn rein.� Folglich f�llte sich das Tablinum schnell mit nerv�sen Klienten, von denen jeder seinen Teil an des Senators Zeit beanspruchte. Ich blieb an der T�r stehen, bis ich glaubte, dass alle Wartenden hereingekommen waren, und machte gerade den ersten Schritt zur�ck ins Haus, als ein Mann in Trauerkleidung bedrohlich im T�rrahmen auftauchte. Ich scheue mich nicht, zu gestehen, dass er mir mit seinem verstaubten Gewand, den zerzausten Haaren und seinem unrasierten Gesicht Angst einjagte.</p><p>�Tirol�, sagte er. �Den G�ttern sei Dank!� Er sank ersch�pft gegen den T�rrahmen und schaute mich aus blassen, leblosen Augen an. Ich sch�tze, er muss damals so um die f�nfzig gewesen sein. Im ersten Augenblick wusste ich nicht, wer er war, aber da es zu den Aufgaben eines politischen Sekret�rs geh�rt, Gesichtern Namen zuordnen zu k�nnen, fugten sich vor meinem geistigen Auge trotz seines Zustandes nach und nach die Teile eines Bildes zusammen: ein gro�es Haus mit Blick aufs Meer, ein kunstvoll angelegter Garten, eine Sammlung Bronzestatuen, eine Stadt irgendwo in Sizilien, im Norden - richtig, Thermae.</p><p>�Sthenius aus Thermae�, sagte ich und streckte die Hand aus. �Herzlich willkommen.�</p><p>Es stand mir nicht zu, sein �u�eres zu kommentieren oder ihn danach zu fragen, was er Hunderte von Meilen entfernt von zu Hause zu tun habe, und das unter so offensichtlich �blen Umst�nden. Ich lie� ihn im Tablinum warten und ging in Ciceros Arbeitszimmer. Der Senator, der an jenem Morgen bei Gericht einen des Vatermordes angeklagten Jugendlichen zu verteidigen hatte und au�erdem zur Nachmittagssitzung im Senat erwartet wurde, knetete zur Kr�ftigung seiner Fingermuskeln einen kleinen Lederball, w�hrend ihm sein Diener die Toga anlegte. Er h�rte dem jungen Sositheus zu, der ihm einen Brief vorlas, und diktierte gleichzeitig Laurea, dem ich die Grundz�ge meiner Kurzschrift beigebracht hatte, eine Botschaft. Als ich eintrat, warf er mir den Ball zu, den ich reflexartig auffing, und bedeutete mir, ihm die Besucherliste zu geben. Er las sie begierig durch, wie jeden Morgen. Wer war ihm �ber Nacht ins Netz gegangen? Irgendein prominenter B�rger aus einem n�tzlichen Wahlbezirk? Einer aus Sabatina vielleicht? Oder Pomptina? Oder ein Gesch�ftsmann, der so reich war, dass er bei den Konsulatswahlen zu den ersten stimmberechtigten Zenturien geh�rte? Aber heute handelte es ich nur um die �blichen kleinen Fische, sodass sein Gesicht immer l�nger wurde, je n�her er dem Ende der Liste kam.</p><p>�Sthenius?� Er unterbrach das Diktat. �Das ist doch dieser Sizilier, oder? Der Reiche mit den Bronzestatuen? Sch�tze, wir h�ren uns mal an, was er will.�</p><p>�Sizilier d�rfen nicht w�hlen�, bemerkte ich.</p><p><emphasis>�Pro bona�,</emphasis> sagte er mit unbewegtem Gesicht. �Au�erdem hat er Bronzestatuen. Lass ihn als Ersten rein.�</p><p>Also holte ich Sthenius, dem Ciceros Standardbegr��ung zuteil wurde - ein L�cheln, das schon zu seinem Markenzeichen geworden war; der m�nnlich kr�ftige H�ndedruck mit beiden H�nden; der lange, ernste Blick in die Augen. Dann bat er ihn, Platz zu nehmen, und fragte, was ihn nach Rom f�hre. Nach und nach wurden meine Erinnerungen an Sthenius wieder wach. Zwei Mal, als Cicero zur Anh�rung von Streitsachen nach Thermae gereist war, hatten wir in seinem Haus �bernachtet. Er war einer der f�hrenden B�rger der Provinz gewesen, doch von der Vitalit�t und dem Selbstvertrauen von damals war nichts mehr zu sp�ren. Er brauche Hilfe, sagte er. Er stehe vor dem Ruin. Sein Leben sei in ernster Gefahr. Man habe ihn ausgeraubt.</p><p>�Tats�chlich?�, sagte Cicero. W�hrend er mit halbem Ohr zuh�rte, schaute er auf eine Urkunde, die vor ihm auf dem Schreibpult lag. Elendsgeschichten wie diese waren f�r einen besch�ftigten Anwalt nichts Besonderes. �Du hast mein Mitgef�hl. Ausgeraubt von wem?�</p><p>�Vom Statthalter in Sizilien, Gaius Verres.�</p><p>Der Senator schaute augenblicklich auf.</p><p>Danach war Sthenius nicht mehr zu bremsen. W�hrend es nur so aus ihm heraussprudelte, bedeutete mir Cicero mit einer unauff�lligen Handbewegung, dass ich mitschreiben solle. Als Sthenius seinen Redefluss kurz unterbrechen musste, um Luft zu holen, bat Cicero ihn behutsam, doch ein bisschen zur�ckzugehen, etwa drei Monate, bis zu dem Tag, an dem er den ersten Brief von Verres erhalten habe. �Wie hast du darauf reagiert?�</p><p>�Ich war nat�rlich etwas beunruhigt. Er hat schlie�lich einen gewissen Ruf. Verres hei�t ja Eber, und die Leute nennen ihn den Eber mit der blutverschmierten Schnauze. Ich konnte mich kaum widersetzen.�</p><p>�Hast du den Brief noch?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und in dem Brief hat Verres deine Kunstsammlung explizit erw�hnt?�</p><p>�Ja, sicher. Er hat geschrieben, dass er davon geh�rt h�tte und dass er sie sich gern anschauen w�rde.�</p><p>�Und wann ist er dann gekommen und hat sich bei dir eingenistet?�</p><p>�Schon bald, h�chstens eine Woche sp�ter.�</p><p>�War er allein?�</p><p>�Nein, er war in Begleitung seiner Liktoren. Die mu�te ich auch unterbringen. Leibw�chter sind ja immer grobe Burschen, aber so �ble Schl�ger wie die hatte ich noch nie gesehen. Ihr Anf�hrer Sextius ist der offizielle Scharfrichter f�r ganz Sizilien. Er presst seinen Opfern Bestechungsgelder ab. Wenn sie nicht wollen, dass er pfuscht - sie also vor der Exekution �bel zurichtet -, dann m�ssen sie ihn bestechen.� Sthenius schluckte und atmete schwer. Wir warteten.</p><p>�Lass dir ruhig Zeit�, sagte Cicero.</p><p>�Ich hatte gedacht, dass er nach der Reise vielleicht erst ein Bad nehmen wollte und dass wir danach zu Abend essen w�rden, aber keine Rede davon, er wollte auf der Stelle die Sammlung sehen.�</p><p>�Ich kann mich an einige au�ergew�hnliche St�cke erinnern.�</p><p>�Die Sammlung war mein Leben, Senator, ganz einfach. Drei�ig Jahre Herumreisen und Feilschen. Korinthische und delische Bronzestatuen, Gem�lde, Silberzeug - jedes einzelne St�ck habe ich selbst begutachtet und ausgesucht. Ich hatte Myrons <emphasis>Diskuswerfer</emphasis> und den <emphasis>Speertr�ger</emphasis> von Polyklet. Und ein paar Silberbecher von Mentor. Verres hat mir geschmeichelt. Er hat gesagt, dass die Sammlung ein gr��eres Publikum verdient h�tte, sie w�re so gut, dass man sie �ffentlich ausstellen sollte. Ich habe mir nichts dabei gedacht, bis ich pl�tzlich, als wir zusammen auf der Terrasse beim Abendessen sa�en, aus dem Innenhof Ger�usche geh�rt habe. Mein Verwalter hat mir ins Ohr gefl�stert, dass ein Ochsengespann gekommen sei und Verres' Liktoren dabei w�ren, alles aufzuladen.�</p><p>Sthenius verstummte. Es war nicht schwer, sich die Schmach f�r diesen so stolzen Mann vorzustellen: die in Tr�nen aufgel�ste Frau, die ver�ngstigte Familie, die Staubr�nder an den Stellen, wo einst die Statuen gestanden hatten. Das einzig h�rbare Ger�usch in Ciceros Arbeitszimmer war das meines kratzenden Griffels auf der Wachstafel.</p><p>�Und du hast keinen Einspruch erhoben?�, fragte Cicero.</p><p>�Bei wem denn? Beim Statthalter?� Sthenius lachte. �Nein, Senator. Ich war am Leben, oder? Wenn es dabei geblieben w�re, h�tte ich den Schmerz �ber den Verlust heruntergeschluckt, und du h�ttest nie einen Muckser von mir geh�rt. Aber die Sammelleidenschaft kann sich zu einer Krankheit auswachsen, und eins kann ich dir sagen: Euren Statthalter Verres hat es schwer erwischt. Erinnerst du dich an die Statuen auf dem Stadtplatz?�</p><p>�Und ob ich mich erinnere. Drei exquisite Bronzestatuen. Willst du etwa behaupten, dass er die auch gestohlen hat?�</p><p>�Er hat es versucht. Das war am dritten Tag, als er mich gefragt hat, wem die geh�ren. Ich habe ihm gesagt, dass sie der Stadt geh�rten, schon seit Jahrhunderten. Hast du gewusst, dass die Statuen vierhundert Jahre alt sind? Er hat gesagt, dass er gern die Erlaubnis h�tte, sie mit in seinen Amtssitz nach Syrakus zu nehmen, nat�rlich ebenfalls als Leihgabe, und er hat mich gebeten, seinen Wunsch dem Stadtrat vorzutragen. Da habe ich gewusst, was f�r einen Menschen ich vor mir hatte. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm diesen Gefallen - bei aller Hochachtung - nicht tun k�nne. Er ist dann noch am selben Abend abgereist, und ein paar Tage sp�ter habe ich eine Vorladung f�r den f�nften Oktober bekommen, weil ich der F�lschung beschuldigt worden sei.�</p><p>�Von wem kam die Anzeige?�</p><p>�Von einem meiner Feinde, Agathinus. Er ist ein Klient von Verres. Mein erster Gedanke war, dass ich das ausfechte. Was meine Ehre angeht, habe ich nichts zu befurchten. Nie in meinem Leben habe ich ein Dokument gef�lscht. Aber dann habe ich geh�rt, dass Verres selbst der Richter sein w�rde und dass er die Strafe schon festgesetzt h�tte. F�r meine Dreistigkeit sollte ich vor den Augen der ganzen Stadt ausgepeitscht werden.�</p><p>�Und dann bist du geflohen.�</p><p>�Noch in derselben Nacht mit einem Boot an der K�ste entlang nach Messana.�</p><p>Cicero st�tzte sein Kinn auf die Hand und schaute Sthenius nachdenklich an. Mir war diese Geste bekannt. Er taxierte die Glaubw�rdigkeit des Zeugen. �Du sagst, dass die Verhandlung am f�nften des letzten Monats war? Hast du in Erfahrung bringen k�nnen, was an dem Tag passiert ist?�</p><p>�Deshalb bin ich hier. Ich bin in Abwesenheit zu �ffentlicher Auspeitschung und f�nftausend Sesterzen Strafe verurteilt worden. Aber das ist nicht das Schlimmste. Bei der Verhandlung hat Verres behauptet, dass es neues Beweismaterial gegen mich gebe, diesmal wegen Spionage f�r die Rebellen in Spanien. Er hat f�r den ersten Dezember eine neue Verhandlung in Syrakus angesetzt.�</p><p>�Aber Spionage ist ein Kapitalverbrechen.�</p><p>�Du musst mir glauben, Senator, er will mich ans Kreuz schlagen lassen. Er posaunt das schon �berall herum. Ich w�re ja nicht der Erste. Ich brauche Hilfe. Ich flehe dich an, bitte hilf mir!�</p><p>Ich hatte den Eindruck, er w�rde jeden Augenblick auf die Knie fallen und die F��e des Senators k�ssen. Die gleiche Ahnung hatte wohl auch Cicero, denn er stand hastig auf und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen. �Ich glaube, Sthenius, dein Fall hat zwei verschiedene Aspekte. Bei dem ersten, dem Diebstahl deines Eigentums, kann man ehrlich gesagt wohl nichts machen. Was glaubst du denn, warum M�nner wie Verres den Statthalterposten anstreben? Weil sie wissen, dass sie sich im Rahmen gewisser Grenzen alles unter den Nagel rei�en k�nnen, was sie wollen. Der zweite Aspekt, Missachtung des Rechtsweges, sieht da schon vielversprechender aus.</p><p>Ich kenne in Sizilien mehrere M�nner mit exzellenten juristischen F�higkeiten - richtig, einer lebt sogar in Syrakus. Ich werde ihm noch heute schreiben und ihn dringend bitten, mir zuliebe deinen Fall zu �bernehmen. Ich werde ihm au�erdem darlegen, was meiner Meinung nach zu tun ist. Er soll bei Gericht den Antrag stellen, die anstehende Klage f�r unwirksam zu erkl�ren mit der Begr�ndung, dass du dich nicht pers�nlich verteidigen kannst. Sollte das fehlschlagen und Verres das Verfahren durchziehen, soll dein Anwalt nach Rom kommen und die Verurteilung anfechten.�</p><p>Aber der Sizilier sch�ttelte den Kopf. �Wenn ich nur einen Anwalt in Syrakus brauchte, Senator, h�tte ich nicht den weiten Weg bis nach Rom gemacht.�</p><p>Ich konnte sehen, dass Cicero nicht erfreut dar�ber war, in welche Richtung sich das Gespr�ch bewegte. Ein derartiger Fall k�nnte seine Praxis f�r</p><p>Tage lahmlegen, und Sizilier waren - worauf ich ihn hingewiesen hatte - in Rom nicht wahlberechtigt. <emphasis>Pro bono</emphasis> - wie wahr!</p><p>�H�r zu�, sagte er mit bes�nftigender Stimme. �Deine Erfolgsaussichten sind gut. Verres ist offensichtlich korrupt. Er missbraucht deine Gastfreundschaft, er stiehlt, er bringt falsche Beschuldigungen vor. Er plant einen Justizmord. Seine Position ist unhaltbar. Ein Anwalt in Syrakus wird damit leicht fertig - ganz sicher, glaub mir. Wenn du mich jetzt entschuldigen w�rdest, auf mich warten jede Menge Klienten, au�erdem habe ich in einer knappen Stunde einen Termin bei Gericht.�</p><p>Cicero nickte mir zu. Ich trat vor und legte eine Hand auf Sthenius' Arm, um ihn nach drau�en zu geleiten. Der Sizilier sch�ttelte meine Hand ab. �Aber ich brauche <emphasis>dich�,</emphasis> sagte er hartn�ckig.</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil ich nur in Rom eine Aussicht auf Gerechtigkeit habe, nicht in Sizilien. Da kontrolliert Verres die Gerichte. Und alle Leute sagen, dass du, Marcus Tullius Cicero, der zweitbeste Anwalt Roms bist.�</p><p>�Ach ja, tun das die Leute?� Ciceros Stimme nahm einen sarkastischen Tonfall an. Er hasste dieses Attribut. �Wenn dem so ist, warum gibst du dich dann mit dem Zweitbesten zufrieden? Warum nimmst du nicht gleich Hortensius?�</p><p>�Das wollte ich ja�, sagte Sthenius arglos. �Aber er hat abgelehnt. Er vertritt Verres.�</p><p>Ich begleitete den Sizilier nach drau�en und ging wieder in Ciceros Arbeitszimmer. Er war allein. Zur�ckgelehnt sa� er auf seinem Stuhl, starrte an die Wand und warf den Lederball von einer Hand in die andere. Juristische Fachb�cher lagen unordentlich auf seinem Schreibpult herum. Eins, das er aufgeschlagen hatte, hie� <emphasis>Juristische Verfahrensregeln</emphasis> und war von Hostilius. Ein anderes war Manilius' <emphasis>Kauf- und Verkaufsvertr�ge.</emphasis></p><p>�Erinnerst du dich an den Besoffenen am Pier von Puteoli? Den mit den roten Haaren? Als wir gerade aus Sizilien eingelaufen waren? &gt;H�rt, h�rt, <emphasis>guter Mann!</emphasis> Er ist auf dem R�ckweg aus seiner <emphasis>Provinz</emphasis> .<emphasis>..</emphasis> &lt;�</p><p>Ich nickte.</p><p>�Das war Verres.� Der Ball h�pfte von der linken in die rechte, von der rechten in die linke Hand. �Der Bursche bringt noch die gute alte Korruption in Verruf.�</p><p>�Mich �berrascht, dass Hortensius sich mit ihm einl�sst.�</p><p>�Das �berrascht dich? Mich nicht.� Er h�rte auf, mit dem Ball zu spielen. Nachdenklich betrachtete er die Lederkugel, die auf seiner ausgestreckten Hand lag. �Der Tanzmeister und der Eber ...� Eine Zeit lang br�tete er vor sich hin. �Ein Mann in meiner Lage m�sste verr�ckt sein, wenn er sich in ein Scharm�tzel mit dem Duo Hortensius/Verres einlie�e. Und das auch noch wegen eines Siziliers, der nicht mal B�rger Roms ist.�</p><p>�Wie wahr.�</p><p>�Wie wahr�, wiederholte er. Wegen der seltsam z�gernden Art, wie er diese beiden Worte aussprach, frage ich mich allerdings noch heute manchmal, ob er nicht genau in dieser Sekunde eine Ahnung von der Tragweite des Falles bekommen hatte, von der au�erordentlichen Palette an M�glichkeiten und daraus resultierenden Folgen, die sich pl�tzlich in seinem Kopf wie zu einem Mosaik zusammensetzten. Wenn ja, so habe ich es zumindest nie erfahren, denn in diesem Augenblick platzte noch im Nachthemd seine Tochter Tullia herein, um ihm eine ihrer kindlichen Zeichnungen zu zeigen. Sofort geh�rte seine ganze Aufmerksamkeit ihr. Er hob sie hoch und setzte sie sich auf den Scho�. �Hast du das gezeichnet? Hast du das wirklich selbst gemacht ...?�</p><p>Ich lie� die beiden allein und ging ins Tablinum, um den Wartenden mitzuteilen, dass der Senator auf dem Weg ins Gericht sei und jetzt keine Zeit mehr habe. Der immer noch j�mmerlich dreinblickende Sthenius fragte mich, wann er mit einer Antwort rechnen k�nne, worauf ich ihm nur sagen konnte, er m�sse sich gedulden wie jeder andere auch. Kurz darauf erschien Cicero mit der kleinen Tullia an der Hand und begr��te jeden mit Namen (�Die wichtigste Regel in der Politik, Tiro: Vergiss nie ein Gesicht!�). Wie immer war seine Erscheinung makellos: pomadisiertes, glatt zur�ckgek�mmtes Haar, parf�mierte Haut, die Toga frisch gewaschen und geb�gelt, kein Staubk�rnchen auf den rot gl�nzenden Lederschuhen, das Gesicht braun gebrannt vom jahrelangen Pl�dieren unter freiem Himmel. Gepflegt, schlank, fit. Kurz: ein gl�nzender Auftritt. Seine G�ste folgten ihm in den Flur, wo er sein kleines strahlendes M�dchen hochhob und den Anwesenden pr�sentierte. Dann drehte er Tullias Gesicht zu sich und k�sste sie zum Abschied laut schmatzend auf die Lippen. Ein lang gezogenes �Ahh!�, vereinzeltes Klatschen war zu h�ren. Der Abschiedskuss war nicht nur Inszenierung - wenn er allein gewesen w�re, h�tte er es nicht anders gemacht, denn sein Leben lang hat er nie jemanden mehr geliebt als seinen Liebling Tulliola. Aber er wusste auch, dass das r�mische Wahlvolk ein sentimentaler Haufen war, und wenn sich seine v�terliche Hingabe herumsprach, w�rde ihm das jedenfalls nicht schaden.</p><p>Und so traten wir an diesem vielversprechenden Novembermorgen hinaus in die zum Leben erwachende Stadt. Cicero ging voraus, ich an seiner Seite, die Wachstafel einsatzbereit; hinter uns Sositheus und Laurea mit den K�rben, die die Beweismittel f�r Ciceros Auftritt bei Gericht enthielten; und um uns herum ein bunt zusammengew�rfelter Haufen von etwa zwei Dutzend Bittstellern und Anh�ngern, darunter Sthenius, die die Aufmerksamkeit des Senators zu erregen versuchten, aber auch schon damit zufrieden waren, sich nur in seiner N�he aufhalten zu d�rfen. Von den H�hen des schattigen, vornehmen Esquilin tauchten wir in den l�rmenden, dunstigen Gestank von Subura ein. Die Mietsh�user waren so hoch, dass kein Sonnenstrahl den Boden erreichte, und die schiebenden Menschenmengen rissen immer wieder L�cken in die Schar unserer Begleiter, die es jedoch irgendwie schafften, nie den Anschluss zu verlieren. Cicero war ein bekannter Mann in diesem Viertel, er war ein Held f�r die Ladenbesitzer und H�ndler, deren Interessen er vertreten hatte und die ihn schon seit Jahren durch ihre Stra�en gehen sahen. Nicht ein einziges Mal verlangsamte er seinen schnellen Schritt, und doch registrierten seine wachsamen blauen Augen jeden geneigten Kopf, jede gr��ende Hand, und nie musste ich ihm einen Namen ins Ohr fl�stern - er kannte seine W�hler weit besser als ich.</p><p>Ich wei� nicht, wie es heute ist, aber damals gab es sechs oder sieben Gerichtsh�fe, die fast immer tagten, jeder in einem anderen Teil des Forums. Zur Stunde, wenn sie alle gleichzeitig ihre Sitzungen er�ffneten, konnte man sich deshalb kaum r�hren, so viele Anw�lte und Gerichtsbedienstete eilten gesch�ftig herum. Das Gedr�nge wurde noch dadurch verschlimmert, dass dem Pr�tor jedes Gerichtshofes von seinem Wohnhaus bis zum Forum ein halbes Dutzend Liktoren voranging, die ihm den Weg bahnten, und so wollte es der Zufall, dass an jenem Tag unser kleines Gefolge genau zu jenem Zeitpunkt auf dem Forum einzog, als auch Hortensius, der damals selbst Pr�tor war, mit seinem Tross dem Senat zustrebte. Wir wurden von seinen Wachen zur�ckgehalten, damit der gro�e Mann passieren konnte, und bis heute glaube ich nicht, dass Hortensius Cicero mit Vorsatz ignorierte, denn er war ein Mann mit kultivierten, fast femininen Umgangsformen. Ich glaube, er hat uns einfach nicht gesehen. Die Folge war jedoch, dass dem sogenannten zweitbesten Advokaten Roms der freundliche Gru� auf den Lippen erstarb und er dem sich entfernenden R�cken des sogenannten besten Advokaten mit derart tiefer Verachtung hinterherschaute, dass ich mich wunderte, warum Hortensius nicht den Arm hob und sich zwischen seinen Schulterbl�ttern kratzte.</p><p>Unser Fall an diesem Morgen wurde vor dem obersten Strafgericht verhandelt, das vor der Basilica Aemilia zusammentrat. Der f�nfzehnj�hrige Gaius Popillius Laenas war angeklagt, seinen Vater get�tet zu haben, indem er ihm einen Schreibgriffel aus Metall ins Auge gerammt hatte. Das Podium wurde schon von einer gro�en Menschenmenge umringt. Ciceros Schlussrede f�r die Verteidigung stand auf der Tagesordnung. Das war Attraktion genug. Sollte Cicero es nicht schaffen, die Geschworenen zu �berzeugen, w�rde Popillius als Vaterm�rder verurteilt. Man w�rde ihn nackt ausziehen, blutig peitschen und dann zusammen mit einem Hund, einem Hahn und einer Schlange in einen Sack einn�hen und in den Tiber werfen. Ein Hauch Gier nach Blut hing in der Luft. Als die Zuschauer zur Seite traten, um uns durchzulassen, warf ich einen Blick auf den jungen Popillius, der ber�chtigt war f�r seine Gewaltt�tigkeit. Seine Augenbrauen bildeten einen durchgehend dicken schwarzen Strich. Er sa� neben seinem Onkel auf der Bank, die f�r die Verteidigung reserviert war, schaute finster und ver�chtlich in die Menge und spuckte jeden an, der ihm zu nahe kam. �Wir m�ssen ihn unbedingt freibekommen�, sagte Cicero zu mir. �Schon damit den armen Tieren die Tortur erspart bleibt, mit ihm in einen Sack gesteckt zu werden.� Er bestand immer darauf, dass es nicht Sache des Anwalts sei, sich den Kopf �ber Schuld oder Unschuld eines Mandanten zu zerbrechen: Das sei Sache des Gerichts. Seine Pflicht sei es lediglich, sein Bestes zu tun. Als Gegenleistung s�hen sich die Popilii Laeni, die sich mit vier Konsuln in ihrem Stammbaum br�sten konnten, in der Pflicht, ihn zu unterst�tzen, wann immer er ein �ffentliches Amt anstrebte.</p><p>Sositheus und Laurea stellten die K�rbe mit den Beweismitteln ab, und ich b�ckte mich gerade, um den ersten aufzuschn�ren, als Cicero sagte: �Spar dir die M�he.� Er tippte sich mit dem Zeigefinger an die Schl�fe. �Die Rede ist hier gespeichert.� Er beugte sich zu seinem Mandanten vor und begr��te ihn h�flich: �Guten Morgen, Popillius. Das haben wir gleich erledigt, glaube mir.� Dann wandte er sich wieder mir zu und sagte leise: �Ich habe eine wichtigere Aufgabe f�r dich. Gib mir deine Wachstafel. Ich will, dass du zum Senat gehst, den Protokollf�hrer auftreibst und vorf�hlst, ob er das hier noch auf die Tagesordnung f�r heute Nachmittag setzen kann.� Er schrieb schnell. �Sag unserem Freund aus Sizilien noch nichts davon. Das ist nicht ganz ungef�hrlich. Wir m�ssen behutsam vorgehen, ein Schritt nach dem andern.�</p><p>Erst als ich das Gericht verlassen und das Forum auf dem Weg zum Senat schon halb durchquert hatte, wagte ich, einen Blick auf die Wachstafel zu werfen ... <emphasis>dass nach Auffassung dieses Hauses in den Provinzen die Strafverfolgung von Personen, die Kapitalverbrechen beschuldigt werden, in deren Abwesenheit verboten werden sollte.</emphasis> Ich sp�rte ein Ziehen in meinem Brustkorb, weil ich sofort erkannte, was das bedeutete. Schlau, behutsam und verdeckt traf Cicero Vorbereitungen, seinem gro�en Rivalen den Kampf anzusagen. Ich �berbrachte eine Kriegserkl�rung. </p><p>*</p><p>Im November f�hrte Gellius Publicola den Vorsitz im Senat. Er war ein ungehobelter, k�stlich tumber Milit�rf�hrer der alten Schule. Man behauptete, oder wenigstens behauptete es Cicero, dass sich Gellius, als er zwanzig Jahre zuvor mit seiner Armee in Athen gewesen war, als Schlichter im Streit der philosophischen Schulen angeboten hatte: Er w�rde eine Konferenz einberufen, auf der sie ein f�r alle Mal den Sinn des Lebens kl�ren k�nnten, dann brauchten sie ihre Lebenszeit nicht mit weiteren sinnlosen Debatten zu vergeuden. Ich kannte Gellius' Sekret�r ziemlich gut, und da sich die Agenda f�r den Nachmittag ungew�hnlich d�rftig ausnahm - au�er einem Bericht �ber die milit�rische Lage war nichts vorgesehen -, setzte er Ciceros Antrag auf die Tagesordnung. �Aber du solltest deinen Herrn vorwarnen�, sagte er. �Dem Konsul ist Ciceros kleine Bosheit �ber den Philosophenstreit zu Ohren gekommen. Er war nicht sehr begeistert.�</p><p>Als ich wieder im Gericht eintraf, war Ciceros Verteidigungsrede schon in vollem Gang. Die Rede geh�rte nicht zu denen, die er von mir archivieren lie�, deshalb habe ich ungl�cklicherweise den Text nicht zur Hand. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass er den Prozess mit einem schlauen Schachzug gewann: Er versprach, dass Popillius im Fall eines Freispruchs den Rest seines Lebens dem Milit�rdienst widmen w�rde - ein Gel�bde, das sowohl den Ankl�ger wie auch die Geschworenen und erst recht seinen Mandanten v�llig �berraschte. Aber der Kunstgriff funktionierte. Im Augenblick der Urteilsverk�ndung verschwendete Cicero keine einzige Sekunde mehr an Popillius, g�nnte sich nicht einmal einen Bissen zu essen, sondern verabschiedete sich umgehend Richtung Senat, der sich im westlichen Teil des Forums befand - im Schlepptau die gleiche Ehrengarde aus Bewunderern wie am Morgen. Ihre Zahl hatte sich sogar vergr��ert, da das Ger�cht umging, der gro�e Advokat wolle heute noch eine zweite Rede halten.</p><p>Cicero behauptete immer, dass die eigentlichen Gesch�fte der Republik nicht im Senatssaal, sondern davor, auf dem Senaculum genannten Sammelplatz der Senatoren, betrieben w�rden, wo diese zu warten hatten, bis die Kammer beschlussf�hig war. Diese t�gliche Versammlung wei� gekleideter Gestalten, die eine Stunde oder l�nger dauern konnte, bot eines der faszinierenden Bilder der Stadt. W�hrend Cicero sich unter die Senatoren mischte, gesellte ich mich zusammen mit Sthenius zu der gaffenden Menge auf der anderen Seite des Forums. (Der Sizilier, der Arme, hatte immer noch keine Ahnung, was hier vor sich ging.)</p><p>Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht alle Politiker es zu Rang und Namen bringen. Von den sechshundert M�nnern, die damals den Senat bildeten, konnten in jedem Jahr nur acht zum Pr�tor gew�hlt werden, und nur zwei konnten das h�chste <emphasis>Imperium,</emphasis> das Konsulat, erreichen. Mit anderen Worten: �ber die H�lfte derjenigen, die jetzt im Senaculum herumstanden, waren dazu verurteilt, nie in ein �ffentliches Amt gew�hlt zu werden. Sie waren das, was die Aristokraten naser�mpfend <emphasis>pedarii</emphasis> nannten: M�nner, die mit den F��en abstimmten, die bei jeder Stimmabgabe pflichtbewusst entweder zur einen oder anderen Seite des Raumes gingen. Und doch waren diese B�rger in gewisser Weise das R�ckgrat der Republik: Bankiers, Gesch�ftsleute und Landbesitzer aus ganz Italien; wohlhabend, besonnen und patriotisch; misstrauisch gegen�ber der Arroganz und dem Pomp der Aristokraten. Wie Cicero waren sie oft <emphasis>homines novi,</emphasis> neue M�nner, die ersten in ihren Familien, die in den Senat gew�hlt worden waren. Das waren Ciceros Leute. Zu beobachten, wie er sich an jenem Nachmittag zwischen ihnen hindurchschl�ngelte, war, als beobachte man einen gro�en K�nstler, einen Bildhauer an seinem Steinblock - dem einen legte er sanft die Hand auf den Ellbogen, dem anderen klopfte er kr�ftig auf die breiten Schultern; bei diesem Mann ein derber Scherz, bei jenem ein feierliches Wort der Anteilnahme, wobei er zur Bekr�ftigung seines Mitgef�hls die verschr�nkten H�nde gegen die eigene Brust dr�ckte. Auch wenn ihn ein l�stiger Schw�tzer festnagelte, erweckte er den Eindruck, sich alle Zeit der Welt f�r dessen langweilige Geschichte zu nehmen. Pl�tzlich jedoch streckte er den Arm aus und hielt irgendeinen vorbeischlendernden Senator auf, entledigte sich der Klette anmutig wie ein T�nzer und lie� ihn mit dem sanftm�tigsten Blick der Entschuldigung und des Bedauerns stehen, um den n�chsten Kollegen zu bearbeiten. Gelegentlich deutete er in unsere Richtung, und dann blickte sein Gespr�chspartner zu uns her�ber und sch�ttelte vielleicht ungl�ubig den Kopf oder nickte bed�chtig, um Cicero seiner Unterst�tzung zu versichern.</p><p>�Was erz�hlt er da �ber mich?�, fragte Sthenius. �Was geht hier vor?�</p><p>Da ich es selbst nicht wusste, konnte ich ihm diese Frage auch nicht beantworten.</p><p>Hortensius hatte inzwischen gemerkt, dass etwas in der Luft lag, aber er wusste nicht, was. Die Tagesordnung war an der �blichen Stelle neben dem Eingang zum Senat ausgeh�ngt worden. Ich sah, wie Hortensius stehen blieb, las - <emphasis>in den Provinzen die Strafverfolgung von Personen, die Kapitalverbrechen beschuldigt werden, in deren Abwesenheit verboten werden sollte -</emphasis> und sich dann verwirrt abwandte. Umgeben von seinem Gefolge sa� Gellius Publicola im Saaleingang auf seinem mit Elfenbeinschnitzereien verzierten Stuhl und wartete darauf, dass die Auguren nach Begutachtung der Eingeweide alles f�r ordnungsgem�� befanden, damit er die Senatoren auffordern konnte einzutreten. Hortensius ging auf ihn zu und breitete fragend die Arme aus. Gellius zuckte mit den Achseln und deutete gereizt auf Cicero. Hortensius drehte sich um und entdeckte seinen Rivalen inmitten einer Traube verschw�rerisch tuschelnder Senatoren. Er runzelte die Stirn und gesellte sich zu seinen aristokratischen Freunden: den drei Metellus-Br�dern Quintus, Lucius und Marcus sowie den beiden �lteren Exkonsuln Quintus Catulus, dessen Schwester mit Hortensius verheiratet war, und Publius Servilius Vatia Isauricus, der das Konsulat zweimal innegehabt hatte. Sogar beim Niederschreiben der Namen stellen sich mir nach all den Jahren noch die Nackenhaare auf, denn M�nner dieses Kalibers - eisern, unnachgiebig, durchdrungen von den alten Idealen der Republik -gibt es heute nicht mehr. Hortensius musste ihnen von dem Antrag erz�hlt haben, denn langsam drehten sich alle f�nf um und schauten zu Cicero. Unmittelbar danach ert�nte das Trompetensignal, das den Beginn der Sitzung ank�ndigte, und die Senatoren begaben sich in den Saal.</p><p>Das alte Senatsgeb�ude war ein k�hler, d�sterer, h�hlenartiger Regierungstempel, den ein breiter, in schwarzen und wei�en Fliesen ausgelegter Mittelgang in zwei H�lften teilte. Auf beiden Seiten befanden sich jeweils sechs lange, einander zugewandte Reihen mit Holzb�nken f�r die Senatoren. Auf einem Podium am Kopfende des Raumes standen die St�hle f�r die Konsuln. Das Licht an jenem Novembertag war fahl und bl�ulich. Es fiel durch die unverglasten Fenster, die sich direkt unterhalb der Dachbalken befanden, in schmalen Streifen in den Saal. Tauben gurrten auf den Gesimsen und flatterten durch den Raum, wobei sie kleine Federn und auch den einen oder anderen warmen Spritzer Exkremente auf die Senatoren herabfallen lie�en. Manche behaupteten, dass es Gl�ck br�chte, wenn man w�hrend einer Rede vom Vogelkot getroffen w�rde, andere hielten es f�r ein schlechtes Omen, und einige wenige glaubten, dass das eine oder andere von der Farbe der Ausscheidungen abhinge. Die Spielarten des Aberglaubens waren so zahlreich wie deren Interpretationen. Cicero nahm davon keine Notiz. Er achtete weder auf die Lage von Schafsged�rm oder die Flugbahn eines Vogelschwarms noch darauf, ob es links oder rechts von ihm donnerte. F�r ihn war das alles Unsinn - sp�ter allerdings bewarb er sich f�r einen Sitz im Kollegium der Auguren.</p><p>Nach den alten, damals noch befolgten Traditionen blieben die T�ren w�hrend einer Senatssitzung ge�ffnet, damit das Volk die Debatten mith�ren konnte. Die Menschenmenge, darunter auch Sthenius und ich, dr�ngte �ber das Forum bis zur Schwelle zum Senat, wo ihr ein einfaches Seil Einhalt gebot. Inzwischen hatte Gellius damit <emphasis>begonnen,</emphasis> die Kriegsberichte der Armeef�hrer vorzutragen. Die Nachrichten von allen drei Fronten waren gut. In S�ditalien schlug der unermesslich reiche Marcus Crassus - der, der einmal get�nt hatte, kein Mann k�nne sich reich nennen, wenn er nicht aus eigener Tasche eine Legion von f�nftausend Mann unterhalten k�nne -mit �u�erster H�rte Spartacus' Sklavenaufstand nieder. In Spanien r�umte Pompeius Magnus nach sechs Jahre andauernden K�mpfen mit den letzten Rebellenarmeen auf. Und in Kleinasien landete Lucius Lucullus einen ruhmreichen Sieg nach dem anderen �ber K�nig Mithridates. Nach dem Verlesen der Berichte erhoben sich nacheinander Anh�nger jedes einzelnen Heerf�hrers, um dessen Taten zu r�hmen und die seiner Rivalen auf subtile Weise herabzuw�rdigen. Cicero hatte mir erkl�rt, was dahintersteckte, und ich gab mein Wissen in �berlegenem Fl�sterton an Sthenius weiter: �Crassus hasst Pompeius und ist fest entschlossen, Spartacus zu schlagen, bevor Pompeius mit seinen Legionen aus Spanien zur�ckkehrt und den ganzen Ruhm f�r sich einheimst. Pompeius hasst Crassus und will Spartacus selbst vernichten, weil er Crassus den Triumph nicht g�nnt. Crassus und Pompeius hassen beide Lucullus, weil der das attraktivste Kommando hat.�</p><p>�Und wen hasst Lucullus?�</p><p>�Pompeius und Crassus nat�rlich, weil die beiden gegen ihn intrigieren.�</p><p>Ich freute mich wie ein kleines Kind, das soeben fehlerlos seine Lektion aufgesagt hatte. Damals war alles nur ein Spiel, und ich hatte keine Ahnung, dass wir jemals in die Sache hineingezogen werden k�nnten. Ohne besonderen Grund, denn es war keine Abstimmung erforderlich, schlief die Debatte pl�tzlich ein, und die Senatoren begannen miteinander zu reden. Gellius, der damals bereits hoch in den Sechzigern gewesen sein rnuss, hielt sich das Tagesordnungsprotokoll dicht vors Gesicht, las mit zusammengekniffenen Augen und lie� dann den Blick durch die Kammer schweifen auf der Suche nach Cicero, der als junger Senator seinen Platz auf den hinteren B�nken nahe der T�r hatte. Cicero stand schlie�lich auf, Gellius setzte sich, das Gemurmel erstarb, und ich z�ckte meinen Griffel.</p><p>Es herrschte Stille. Cicero stand stumm an seinem Platz, eine Methode, um die Spannung zu erh�hen. Als er so lange gewartet hatte, dass man glauben konnte, irgendetwas sei nicht in Ordnung, begann er zu sprechen - anfangs sehr leise und stockend, sodass die Anwesenden gezwungen waren, aufmerksam zuzuh�ren. Und obwohl sie die Worte kaum verstehen konnten, schlug der Rhythmus der Sprache sie in ihren Bann.</p><p>�Ehrenwerte Mitglieder des Senats, verglichen mit den soeben geh�rten, aufw�hlenden Nachrichten �ber unsere Soldaten im Feld mag euch das, was ich zu sagen habe, l�ppisch erscheinen.� Seine Stimme wurde jetzt lauter. �Wenn es aber so weit kommen sollte, dass dieses hohe Haus kein Ohr mehr hat f�r die Anliegen eines unschuldigen Mannes, dann sind all jene mutigen Taten wertlos, dann bluten unsere Soldaten vergeblich.� Von den neben ihm sitzenden Senatoren war zustimmendes Gemurmel zu h�ren. �So ein unschuldiger Mann suchte mich heute Morgen in meinem Haus auf. Er ist von einer Person aus unserer Mitte auf so schimpfliche, so ungeheuerliche, so grausame Weise behandelt worden, dass beim Anh�ren seiner Geschichte selbst den G�ttern die Tr�nen gekommen w�ren. Ich spreche von dem ehrenwerten Sthenius aus Thermae, bis vor kurzem wohnhaft in unserer bedauernswerten, kl�glich verwalteten und aufs Sch�ndlichste ausgebeuteten Provinz <emphasis>Sizilien.�</emphasis></p><p>Hortensius, der betont l�ssig in der vordersten Reihe neben dem Konsul sa�, zuckte beim Wort �Sizilien� leicht zusammen. Ohne Cicero aus den Augen zu lassen, drehte er sich halb um und fl�sterte Quintus, dem �ltesten der Metellus-Br�der, etwas zu. Dieser wandte sich daraufhin Marcus zu, dem j�ngsten der drei Br�der, und machte ihm ein Zeichen. Marcus ging in die Hocke, empfing seine Anweisungen und eilte, nachdem er sich knapp vor dem pr�sidierenden Konsul verneigt hatte, durch den Gang in meine Richtung. Einen Moment lang glaubte ich, dass es mir an den Kragen ginge - die Metellus-Br�der waren unangenehme, gro�m�ulige Burschen -, aber er schaute mich nicht einmal an, sondern hob das Seil hoch, schl�pfte darunter hindurch und verschwand in der Menge.</p><p>Inzwischen war Cicero richtig in Fahrt gekommen. Nach unserer R�ckkehr von Rhodos war ihm Molons Leitsatz <emphasis>der Vortrag, der Vortrag und noch mal der Vortrag</emphasis> nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Stundenlang hatte er im Theater die Methoden der Schauspieler studiert und ein au�erordentliches Talent f�r Mimik und Mimikry entwickelt. Mit dem sparsamsten Einsatz von Stimme und Gestik konnte er - was er in diesem Augenblick tat - seine Reden mit den Charakteren bev�lkern, die er ansprechen wollte. An jenem Nachmittag lie� er den Senat in den Genuss einer Sondervorstellung kommen: Verres' gro�m�uliger Arroganz stellte er Sthenius'' gelassene W�rde gegen�ber, dem langen Leiden der Sizilier die Schandtaten des amtlichen Scharfrichters Sextius. Sthenius konnte kaum glauben, was er da sah und h�rte. Er war jetzt gerade seit einem Tag in der Stadt, und schon war er Gegenstand einer Debatte im r�mischen Senat. W�hrenddessen schaute Hortensius immer wieder zur T�r, und als Cicero dem Fazit seiner Rede entgegensteuerte - �Sthenius erbittet unseren Schutz, nicht vor irgendeinem Dieb, sondern vor genau dem Mann, der Dieben das Handwerk legen sollte!� -, sprang er schlie�lich auf. Gem�� den Regeln des Senats hatte ein amtierender Pr�tor immer Vorrang vor einem einfachen Mitglied aus den Reihen der <emphasis>pedarii,</emphasis> sodass Cicero keine andere Wahl hatte, als sich zu f�gen und seine Rede zu unterbrechen.</p><p>�Senatoren�, rief Hortensius mit donnernder Stimme. �Wir haben uns das jetzt lange genug angeh�rt! Das ist wohl eines der schamlosesten Beispiele an Opportunismus, das dieses hohe Haus je erlebt hat. Erst wird uns ein nebul�ser Antrag pr�sentiert, und dann stellt sich heraus, dass es sich dabei um einen einzigen Mann handelt. Uns liegt kein einziges schriftliches Zeugnis vor, �ber das wir diskutieren k�nnten. Wir haben keinerlei M�glichkeit, �ber den Wahrheitsgehalt des Geh�rten zu entscheiden. Ohne sich verteidigen zu k�nnen, wird Gaius Verres, ein verdientes Mitglied dieses Hauses, diffamiert. Ich beantrage, die Sitzung umgehend zu schlie�en.�</p><p>Unter lautem Getrampel der aristokratischen Senatsmitglieder setzte sich Hortensius. Cicero stand auf. Sein Gesicht war vollkommen regungslos.</p><p>�Anscheinend hat der Senator den Antrag nicht gelesen�, sagte er und spielte den Verbl�fften. �Wo in meinem Antrag wird auch nur an einer Stelle der Name Gaius Verres erw�hnt? Senatoren, ich ersuche dieses Haus nicht, �ber Gaius Verres abzustimmen. Es w�re unfair, in seiner Abwesenheit �ber ihn zu richten. Gaius Verres ist nicht hier, um sich zu verteidigen. Da wir somit dieses Prinzip f�r g�ltig befunden haben, m�chte ich Hortensius bitten, dieses Prinzip auch auf meinen Mandanten anzuwenden und sich einverstanden zu erkl�ren, dass auch gegen ihn in seiner Abwesenheit nicht verhandelt werden sollte. Oder wollen wir ein Gesetz f�r Aristokraten und ein anderes f�r den Rest von uns?�</p><p>Das heizte die Stimmung m�chtig an und lie� die <emphasis>pedarii</emphasis> um Cicero und die Menge vor der T�r in Jubelgeschrei ausbrechen. Ich sp�rte Bewegung in meinem R�cken, schaute mich um und sah, wie sich Marcus Metellus grob einen Weg durch die Menge bahnte, den Saal betrat und durch den Mittelgang auf Hortensius zueilte. Cicero beobachtete ihn - erst schien er verwirrt zu sein, dann jedoch erkannte er, was vor sich ging. Schnell hob er die Hand, und es trat Ruhe ein. �Nun gut. Da Hortensius meinen Antrag f�r zu nebul�s h�lt, mochte ich ihn pr�zisieren, damit jeder Zweifel ausger�umt ist. Ich schlage folgende Erg�nzung vor: <emphasis>Da Sthenius in seiner Abwesenheit angeklagt worden ist, wird festgestellt, dass in seiner Abwesenheit kein Prozess gegen ihn stattfinden darf und dass, sollte der Prozess schon stattgefunden haben, dieser f�r unwirksam erkl�rt wird.</emphasis> Und ich schlage vor: Lasst uns sofort dar�ber abstimmen. Lasst uns, gem�� den ehrw�rdigsten Traditionen des r�mischen Senats, einen unschuldigen Mann vor der f�rchterlichen Strafe der Kreuzigung bewahren.�</p><p>Unter Beifallswie Buhrufen setzte sich Cicero, und Gellius erhob sich. �Der Antrag ist hiermit gestellt�, erkl�rte der Konsul. �M�chte jemand das Wort?�</p><p>Hortensius, die Metellus-Br�der sowie einige andere ihrer Parteig�nger - darunter Scribonius Curio, Sergius Catilina und Aemilius Alba - steckten vor der ersten Bank die K�pfe zusammen, und kurz hatte es den Anschein, als sollte das Haus unverz�glich zur Abstimmung schreiten, was Cicero am liebsten gewesen w�re. Doch als die Aristokraten wieder ihre Pl�tze einnahmen, blieb einer von ihnen - der d�rre Catulus - stehen. �Ich werde sprechen�, sagte er. �Ich glaube, ich habe dazu etwas mitzuteilen.� Catulus war der Urururururenkel (ich glaube, das ist die korrekte Anzahl von Urs) jenes Catulus, der im Ersten Punischen Krieg �ber Hamilkar triumphiert hatte. Er war so hart und kalt wie Feuerstein, seine �tzend essigsaure Stimme klang wie die Essenz aus zweihundert Jahren Geschichte. �Ich werde sprechen�, wiederholte er, �und als Erstes sage ich, dass dieser junge Mann dort ...� Er deutete auf Cicero. �... nichts, aber auch gar nichts �ber die ehrw�rdigsten Traditionen des r�mischen Senats&lt; wei�. Denn wenn er etwas dar�ber w�sste, dann w�rde er auch wissen, dass kein Senator einen anderen Senator angreift - es sei denn von Angesicht zu Angesicht. Das offenbart lediglich schlechte Manieren. Ich schaue ihn mir an, wie er da auf seinem Platz sitzt, gerissen, beflissen, und wisst ihr, Senatoren, was mir dabei einf�llt? Mir fallt ein altes, weises Sprichwort ein: &gt;Ein Unze Abstammung ist so viel wert wie ein Pfund Verdiensten�</p><p>Jetzt waren es die Aristokraten, die es vor Lachen sch�ttelte. Catilina, zu dem ich sp�ter noch einiges mehr zu sagen habe, deutete auf Cicero und fuhr sich mit dem Finger �ber die Kehle. Cicero lief rot an, bewahrte aber Haltung. Er brachte sogar ein d�rres L�cheln zustande. Catulus drehte sich lachend zu den B�nken hinter ihm um, sodass ich f�r eine Sekunde sein grinsendes, scharf geschnittenes Profil mit der Adlernase sah: wie der Kopf auf einer M�nze. Er wandte sich wieder den Senatoren zu. �Als ich zum ersten Mal dieses Haus betrat�, sagte Catulus gerade, �zu Zeiten des Konsulats von Claudius Pulcher und Marcus Paperna .�</p><p>Ciceros und meine Blicke trafen sich. Er formte mit den Lippen ein Wort, schaute hinauf zu den Fenstern und deutete dann mit dem Kopf Richtung T�r. Ich verstand sofort. Als ich mich durch die Zuschauermenge aufs Forum dr�ngelte, wurde mir klar, dass Metellus genau den gleichen Auftrag gehabt hatte. In jenen Tagen, als die Zeitmessung noch nicht so pr�zise war wie heute, begann die letzte Sitzungsstunde, wenn im Westen die Sonne hinter der Maenius-S�ule verschwand. Ich sch�tzte, dass es ungef�hr in diesem Moment so weit war, und tats�chlich begegnete ich dem f�r die Sonnenbeobachtung zust�ndigen Mann, der schon auf dem Weg war, um dem Konsul Bescheid zu geben. Es verstie� gegen das Gesetz, dass der Senat nach Sonnenuntergang tagte. Der Plan von Hortensius und seinen Freunden war klar: Sie wollten den Rest der Sitzung mit Reden f�llen und <emphasis>so</emphasis> verhindern, dass �ber Ciceros Antrag abgestimmt werden konnte. Nachdem ich mich selbst vom Stand der Sonne �berzeugt hatte, wieder �ber das Forum zur�ckgelaufen war und mich durch die Menschenmenge bis zur Schwelle zum Senatssaal durchgek�mpft hatte, kam ich gerade noch rechtzeitig, um zu h�ren, wie Gellius das Wort ergriff. �Die letzte Stunde!�</p><p>Cicero sprang sofort auf, um einen Tagesordnungspunkt anzumelden, doch Gellius lehnte ab, sodass Catulus seine Rede fortsetzen konnte. Er redete und redete und erging sich -praktisch beginnend mit der Zeit der S�ugung des Knaben Romulus durch die W�lfin - in einer endlosen Darlegung der Geschichte der Verwaltung der Provinzen. (Catulus' Vater, der auch Konsul gewesen war, hatte sich auf ber�hmt gewordene Weise das Leben genommen: Er hatte sich in einem luftdicht versiegelten Raum eingeschlossen, hatte ein Holzkohlenfeuer angez�ndet und war am Rauch erstickt. Cicero pflegte zu sagen, dass er das wohl getan habe, um nie wieder eine Rede seines Sohnes ertragen zu m�ssen.) Als Catulus schlie�lich zu einer Art Ende fand, �bergab er das Wort umgehend an Quintus Metellus, sodass sich der gleich aufspringende Cicero wiederum dem Seniorit�tsprinzip beugen musste. Metellus war Pr�tor, und solange er das Wort nicht abgab, was er nat�rlich nicht tat, hatte Cicero kein Rederecht. Eine Zeit lang blieb er st�rrisch stehen, trotz lauter werdender Protestrufe. Schlie�lich jedoch zupften die M�nner, die links und rechts von ihm sa�en, an seiner Toga, sodass er letztendlich kapitulierte und sich wieder setzte. Einer dieser Senatoren war Servius, ein befreundeter Rechtsanwalt, dem Ciceros Wohlergehen am Herzen lag und der erkannte, dass er im Begriff war, sich l�cherlich zu machen.</p><p>Es war verboten, in der Kammer eine Lampe oder eine Kohlenpfanne zu entz�nden. Mit zunehmender Dunkelheit wurde es auch k�hler, und die Ansammlung wei� gewandeter Gestalten, die regungslos im d�mmernden Novemberlicht sa�, glich einem Geisterparlament. Nachdem Metellus eine Ewigkeit schwadroniert hatte, �bergab er das Wort an Hortensius - einen Mann, der sich stundenlang �ber jedes beliebige Thema auslassen konnte. Jedem war klar, dass die Debatte beendet war, und kurz darauf l�ste Gellius die Versammlung auf. Gefolgt von vier Liktoren, die seinen kurulischen Stuhl trugen, humpelte der alte Mann durch den Mittelgang seinem Abendessen entgegen. Als er durch die T�r verschwunden war, str�mten auch die Senatoren aus dem Saal. Sthenius und ich entfernten uns etwas vom Eingang und warteten auf Cicero. Allm�hlich zerstreute sich die Menge. Der Sizilier l�cherte mich mit Fragen, was hier eigentlich gespielt werde, doch ich hielt es f�r kl�ger, den Mund zu halten. Schweigend warteten wir. Ich stellte mir vor, wie Cicero allein auf seiner hinteren Bank sa�, wie er abwartete, bis sich die Kammer geleert hatte, damit er beim Hinausgehen mit niemandem sprechen musste. Ich f�rchtete, dass er einen schlimmen Gesichtsverlust erlitten hatte. Doch zu meiner �berraschung kam er, entspannt mit Hortensius und einem �lteren, mir unbekannten Senator plaudernd, aus dem Saal spaziert. Sie blieben auf den Stufen des Senatsgeb�udes stehen, unterhielten sich noch eine Weile und trennten sich dann.</p><p>�Wei�t du, wer das war?�, fragte Cicero, als er zu uns her�bergekommen war. Er schien bester Stimmung zu sein, alles andere als niedergeschlagen. �Das war Verres' Vater. Er hat mir versprochen, seinem Sohn zu schreiben und ihn dringend zu bitten, die Anklage fallen zu lassen, wenn wir uns einverstanden erkl�ren, die Angelegenheit im Senat nicht wieder zur Sprache zu bringen.�</p><p>Der arme Sthenius war so erleichtert, dass ich glaubte, er w�rde gleich in Tr�nen ausbrechen vor Dankbarkeit. Er fiel auf die Knie und k�sste Ciceros H�nde. Cicero verzog das Gesicht und sagte, er solle aufstehen. �Mein lieber Sthenius, spar dir den Dank auf, bis ich wirklich etwas erreicht habe. Er hat nur versprochen, ihm zu schreiben. Das ist noch keine Garantie.�</p><p>�Aber du nimmst sein Angebot doch an, oder?�, fragte Sthenius.</p><p>Cicero zuckte mit den Achseln. �Habe ich eine Wahl? Selbst wenn ich den Antrag noch einmal einbringe, werden sie ihn mit ihrem Rederecht wieder scheitern lassen.�</p><p>Ich konnte nicht widerstehen zu fragen, warum Hortensius dann �berhaupt so einen Handel anbot.</p><p>Cicero nickte bed�chtig. �Tja, das ist eine gute Frage.� Vom Tiber stieg Nebel auf, und die Lampen in den L�den am Argiletum verstr�mten ein fahles gelbliches Licht. Cicero sog die feuchtk�hle Luft ein. �Ich nehme an, dass ihn die Sache doch peinlich ber�hrt hat. Was bei ihm schon einiges hei�en will. Es scheint so, dass sogar ein Hortensius nicht mit einem derart schamlosen Kriminellen in Verbindung gebracht werden will. Also versucht er, die Angelegenheit ger�uschlos beizulegen. Ich frage mich, wie viel er von Verres kassiert hat. Muss eine gewaltige Summe sein.�</p><p>�Hortensius war nicht der Einzige, der Verres zur Seite gesprungen ist�, warf ich ein.</p><p>�Das stimmt allerdings.� Cicero wandte sich um und schaute zum Senatsgeb�ude. Anscheinend war ihm gerade ein neuer Gedanke gekommen. �Die stecken da alle mit drin. Die Metellus-Br�der sind Aristokraten bis ins Mark. Die w�rden keinen Finger f�r jemanden au�erhalb ihres Standes r�hren, es sein denn f�r Geld. Was Catulus angeht, der tut f�r Gold alles. Das Kapitol sieht mehr nach einem Catulus-Schrein als nach einem f�r Jupiter aus, mit so vielen Geb�uden hat der Mann in den letzten zehn Jahren den H�gel bepflastert. Tja, Tiro, ich sch�tze, dass die, mit denen wir es heute Nachmittag zu tun hatten, etwa eine halbe Million Sesterzen schwer waren - und zwar an Bestechungsgeldern. Um sich Schutz solchen Kalibers zu kaufen, Sthenius - verzeih mir, wenn ich das so sage -, reichen ein paar delische Bronzestatuen nicht aus. Aber was f�hrt Verres da unten in Sizilien im Schilde?� Pl�tzlich zog er seinen Siegelring vom Finger. �Lauf mit dem Ring r�ber zum Staatsarchiv, Tiro. Zeig ihn einem der Sekret�re da und sag, du willst in meinem Namen Einsicht in alle offiziellen Abrechnungen zwischen Gaius Verres und dem Senat.�</p><p>Ich muss ziemlich entsetzt ausgesehen haben. �Aber im Staatsarchiv haben Catulus' Leute das Sagen. Er erf�hrt sicher davon.�</p><p>�Daran kann ich auch nichts �ndern.�</p><p>�Aber wonach soll ich �berhaupt suchen?�</p><p>�Nach allem, was irgendwie auff�llig ist. Das merkst du dann schon. Los, lauf, solange es noch hell ist.� Er legte den Arm um Sthenius' Schultern. �Und du, Sthenius, du kommst doch heute Abend zum Essen zu uns, oder? Meine Frau wird sich bestimmt freuen.�</p><p>Das bezweifelte ich, aber nat�rlich stand es mir nicht zu, das auch zu sagen. </p><p>*</p><p>Mangels ebenb�rtiger Geb�ude dominierte das wuchtige Staatsarchiv, das damals erst seit sechs Jahren existierte, das Forum noch deutlicher als heute. Ich stieg die breite Treppe zur ersten Galerie hinauf und war, als ich schlie�lich einen Schreiber fand, schon v�llig au�er Atem. Ich zeigte ihm das Siegel und forderte im Namen von Senator Cicero Einsicht in Verres' Abrechnungen. Zun�chst behauptete er, nie von einem Senator Cicero geh�rt zu haben, und au�erdem w�rde das Geb�ude gerade geschlossen. Ich deutete zum Carcer, dem Staatsgef�ngnis, und sagte mit fester Stimme, wenn er nicht wegen Behinderung von Amtsgesch�ften einen Monat in Ketten verbringen wolle, solle er mir umgehend die Unterlagen herbeischaffen. (Eins der Dinge, die ich von Cicero gelernt hatte, war, keine Nerven zu zeigen.) Der Schreiber schaute mich finster an, dachte kurz nach und sagte dann, ich solle ihm folgen.</p><p>Das Staatsarchiv war Catulus' Reich, ein Tempel f�r ihn und seine Familie. �ber den Bogen�ffnungen stand die Inschrift Q. <emphasis>Lutatius Catulus, Sohn des Quintus, Enkel des Quintus, Konsul, per Senatsdekret mit der Erbauung des Staatsarchivs beauftragt und von diesem f�r gut befunden.</emphasis> Neben dem Eingang befand sich eine lebensgro�e Statue von Catulus, die aber jugendlicher und heroischer aussah als der Mann an jenem Nachmittag im Senat. Die meisten Schreiber im Archiv waren Sklaven oder Freigelassene von Catulus, auf ihren Tuniken war sein Emblem, ein kleiner Hund, eingen�ht. Eigentlich sollte ich jetzt erz�hlen, was f�r ein Mann Catulus war. Die Schuld am Selbstmord seines Vaters gab er dem Pr�tor Gratidianus - einem entfernten Verwandten Ciceros und Anh�nger der Popul�ren. Nach dem Sieg der Aristokraten im B�rgerkrieg zwischen Marius und Sulla nutzte er die Gelegenheit zur Rache. Sein junger Sch�tzling Sergius Catilina pr�gelte auf sein Gehei� Gratidianus durch die Stra�en Roms bis zu Catulus' Familiengruft. Dort wurden ihm die Arme und Beine gebrochen, die Nase und die Ohren abgeschnitten, die Zunge herausgerissen und die Augen ausgestochen. Derart gr�sslich verst�mmelt, wurde ihm dann noch der Kopf abgehackt, den Catilina triumphierend durch die Stadt trug und dem auf dem Forum auf ihn wartenden Catulus �bergab. Jetzt kann man sicherlich verstehen, weshalb ich so nerv�s war, w�hrend ich darauf wartete, ins Archiv eingelassen zu werden.</p><p>Die Dokumente des Senats wurden in brandsicheren Tresorr�umen aufbewahrt, die in den Fels des Kapitols gehauen waren und denen kein Blitzschlag etwas anhaben konnte. Als die Sklaven die gro�e Bronzet�r �ffneten, fiel mein Blick auf Tausende und Abertausende von Papyrusrollen, die sich im Dunkeln des heiligen H�gels stapelten. F�nfhundert Jahre Geschichte lagerten in diesem einen kleinen Gew�lbe: ein halbes Millennium an Amtszeiten�von�Magistraten�und Provinzstatthaltern, an Dekreten von Prokonsuln, an Rechtsverordnungen; von Lusitanien bis Makedonien, von Afrika bis Gallien; und in den meisten Dokumenten gaben wenige, immer gleiche Familien den Ton an - die Aemilii, Claudii, Cornelii, Lutatii, Metelli, Servilii. Aus dem, was hier vor mir lag, bezogen Catulus und seinesgleichen die Selbstgewissheit, um auf Ritter aus der Provinz wie Cicero herabblicken zu k�nnen.</p><p>W�hrend sie nach Verres' Dokumenten suchten, lie�en mich Catulus' Sklaven in einem Vorraum warten. Schlie�lich kehrten sie zur�ck und stellten mir einen einzigen Korb mit etwa einem Dutzend Papyrusrollen hin. An der Beschriftung der Rollen erkannte ich, dass die Abrechnungen alle aus seiner Zeit als Stadtpr�tor stammten - mit einer Ausnahme: ein mickeriges St�ck Papyrus, das man kaum aufrollen musste, um dessen sp�rlichen Inhalt zu lesen. Es ging um seine Arbeit als Qu�stor zur Zeit des Krieges zwischen Sulla und Marius vor zw�lf Jahren und umfasste nur drei S�tze: <emphasis>Ich erhielt 2 235 417 Sesterzen. Ich verausgabte f�r L�hne, Getreide, Zahlungen an Legate, Proqu�storen, die Pr�torianer-Kohorte 1 635 417 Sesterzen. In Ariminum verblieben 600 000 Sesterzen.</emphasis> Angesichts der Unmengen an Schriftrollen mit akribischen Berichten, die Ciceros Amtszeit auf Sizilien hervorgebracht hatte - die allesamt ich hatte niederschreiben m�ssen -, konnte ich nur mit M�he ein Lachen unterdr�cken.</p><p>�Ist das alles?�</p><p>Sonst sei nichts da, versicherte mir der Sklave.</p><p>�Und die Berichte aus Sizilien?�</p><p>�Die liegen der Staatskasse noch nicht vor.�</p><p>�Liegen noch nicht vor? Verres ist schon seit fast zwei Jahren Statthalter in Sizilien.�</p><p>Der Mann schaute mich ausdruckslos an, und ich erkannte, dass es keinen Sinn hatte, noch mehr Zeit mit ihm zu verschwenden. Ich schrieb die drei S�tze ab und ging.</p><p>W�hrend meines Aufenthalts im Staatsarchiv war es in Rom dunkel geworden. In Ciceros Haus hatte sich die Familie schon zum Abendessen versammelt. Cicero hatte jedoch dem Hausverwalter Eros strikte Anweisung gegeben, mich nach meiner R�ckkehr sofort ins Esszimmer f�hren zu lassen. Cicero hatte sich neben Terentia auf einer Speiseliege ausgestreckt. Sein Bruder Quintus und dessen Frau Pomponia waren ebenfalls anwesend. Die dritte Liege wurde von Ciceros Vetter Lucius und dem ungl�ckseligen Sthenius belegt, dem deutlich anzumerken war, dass er sich in seiner schmutzigen Trauerkleidung �u�erst unbehaglich f�hlte. Ich sp�rte sofort die Spannung im Raum, obwohl Cicero selbst bester Laune war. Er liebte gemeinsame Abendessen. Nicht wegen des Essens oder Trinkens, sondern wegen der Gesellschaft und der Gespr�che. Quintus und Lucius waren neben Atticus die M�nner, die er am meisten mochte.</p><p>�Nun?�, sagte er zu mir. Ich erz�hlte ihm, was passiert war, und zeigte ihm die Abschrift von Verres' Qu�storen-Abrechnung. Er las sie durch, brummte etwas und warf die Wachstafel �ber den Tisch. �Schau dir das an, Quintus. Der Dreckskerl ist sogar zu faul, um einigerma�en glaubw�rdig zu l�gen. Sechshunderttausend - h�bsche runde Summe, kein Sesterz zu wenig, keiner zu viel. Wohin sind die wohl verschwunden? Passenderweise hatten damals die Oppositionstruppen die Stadt besetzt, kein Problem, das denen in die Schuhe zu schieben. Und keine Abrechnungen aus Sizilien - <emphasis>seit zwei Jahren?</emphasis> Ich stehe in deiner Schuld, Sthenius, dass du mich auf diesen Schurken aufmerksam gemacht hast.�</p><p>�O ja, in <emphasis>tiefer Schuld�,</emphasis> fl�tete Terentia in zuckers��em Zorn. �Immerhin stehen wir jetzt mit der H�lfte aller ehrbaren Familien in Rom auf Kriegsfu�. Aber daf�r k�nnen wir unser gesellschaftliches Leben ja nach Sizilien verlegen. Woher genau kommst du noch gleich?�</p><p>�Aus Thermae, Gn�digste.�</p><p>�Thermae. Nie davon geh�rt, aber ich bin sicher, es ist reizend dort. Du kannst vor dem Stadtrat Reden halten, Cicero. Vielleicht w�hlen sie dich da unten sogar, in Rom hast du dir die T�ren ja selbst verrammelt. Du kannst Konsul von Thermae werden - und ich die Konsulin.�</p><p>�Eine Rolle, die du sicher mit der dir eigenen Grazie ausf�llen wirst, meine Liebe�, sagte Cicero und t�tschelte ihr den Arm.</p><p>Stundenlang konnten sie sich so mit Hohn �bersch�tten. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass ihnen das sogar Spa� machte.</p><p>�Ich sehe immer noch nicht, was du dagegen machen willst�, sagte Quintus, der gerade seinen Milit�rdienst abgeleistet hatte. Er war vier Jahre j�nger als sein Bruder und nicht halb so schlau. �Wenn du Verres' Machenschaften im Senat anprangern willst, dann lassen sie dich mit ihrem Rederecht auflaufen. Und wenn du ihn vor Gericht bringst, dann werden sie ihn freisprechen. Wenn du mich fragst, halt dich da raus.�</p><p>�Und was meinst du, Lucius?�</p><p>�Kein Ehrenmann im r�mischen Senat kann derartiger Korruption tatenlos zusehen. Du kennst jetzt die Tatsachen, also hast du die Pflicht, sie �ffentlich zu machen.�</p><p>�Bravo!�, sagte Terentia. �So spricht ein wahrer Philosoph, der sich nie in seinem Leben um ein �ffentliches Amt beworben hat.�</p><p>Pomponia g�hnte laut. �K�nnen wir nicht �ber etwas anderes sprechen? Politik ist so �de.�</p><p>Pomponia war eine einschl�fernde Person, die au�er ihrer beachtlichen Oberweite nur noch den Vorzug hatte, dass sie Atticus' Schwester war. Ich sah, wie sich die Blicke der beiden Cicero-Br�der begegneten und mein Herr kaum merklich den Kopf sch�ttelte: einfach ignorieren, bedeutete sein Gesichtausdruck, hat keinen Sinn, mit ihr zu streiten. �Einverstanden�, sagte er. �Kein Wort mehr �ber Politik heute Abend. Ich bringe einen Trinkspruch aus.� Er hob seinen Becher, und die anderen folgten seinem Beispiel. �Auf unseren alten Freund Sthenius. Wenn wir auch heute nichts erreicht haben, so ist doch wenigstens der erste Schritt getan, um ihn wieder in seine alten Besitzrechte einzusetzen. Auf Sthenius!�</p><p>Tr�nen der Dankbarkeit standen dem Sizilier in den Augen.</p><p>�Auf Sthenius!�</p><p>�Und auf Thermae, Cicero�, f�gte Terentia hinzu, deren kleine dunkle Xanthippe-Augen ihn �ber den Rand ihres Bechers boshaft anfunkelten. �Wir wollen doch Thermae nicht vergessen.� </p><p>*</p><p>Ich a� allein in der K�che und ging dann ersch�pft in mein Zimmer. Ich z�ndete die Lampe an, um noch in einem Philosophiebuch zu lesen, war aber zu m�de. (Mir stand es frei, jedes beliebige Buch aus der kleinen Hausbibliothek auszuleihen.) Sp�ter h�rte ich, wie die G�ste das Haus verlie�en, die T�rriegel vorgeschoben wurden und wie Cicero und Terentia wortlos die Treppe hinauf und oben in verschiedenen Richtungen weitergingen. Um nicht schon vor Sonnenaufgang geweckt zu werden, schlief Terentia schon seit langem in einem anderen Teil des Hauses. Ich h�rte Ciceros Schritte �ber mir, dann blies ich die Lampe aus. Die auf und ab gehenden Schritte Ciceros waren die letzten Ger�usche, die ich vor dem Einschlafen noch wahrnahm.</p><p>Sechs Wochen sp�ter erreichten uns Neuigkeiten aus Sizilien. Verres hatte die dringende Bitte seines Vaters ignoriert. In Syrakus hatte er am ersten Dezember wie angek�ndigt die Verhandlung in Sthenius' Abwesenheit er�ffnet, hatte ihn der Spionage f�r schuldig befunden, zum Tod am Kreuz verurteilt und seine Beamten nach Rom entsandt, um ihn festnehmen und zur Hinrichtung zur�ckbringen zu lassen.</p></section><section><title><p id="_bookmark5">KAPITEL III</p></title><p>Cicero wurde von der niedertr�chtigen Kampfansage des Statthalters von Sizilien �berrumpelt. Er war davon �berzeugt gewesen, eine �bereinkunft auf Treu und Glauben getroffen zu haben, die das Leben seines Klienten sch�tzen w�rde. �Aber auf wessen Treu und Glauben kann man sich heutzutage noch verlassen?�, beklagte er sich bitter. Wutschnaubend, was v�llig untypisch f�r ihn war, tobte er durchs Haus. Er war aufs Kreuz gelegt worden! Sie hatten ihn l�cherlich gemacht! Er w�rde runter in den Senat marschieren und ihnen auf der Stelle ihre sch�ndlichen L�gen ins Gesicht schleudern! Ich wusste, dass er sich schon bald wieder beruhigen w�rde, denn ihm war nur zu bewusst, dass sein gesellschaftlicher Rang nicht ausreichte, um einfach eine Anh�rung im Senat zu verlangen: Er w�rde Gefahr laufen, gedem�tigt zu werden.</p><p>Allerdings lastete nun unausweichlich die dr�ckende Verpflichtung auf ihm, seinem Klienten Schutz zu gew�hren. Und so berief Cicero am Morgen, nachdem Sthenius von seinem Schicksal erfahren hatte, ein Treffen in seinem Arbeitszimmer ein, um eine Gegenstrategie festzulegen. Soweit ich mich erinnern kann, war dies das erste Mal, dass die �blichen Besucher allesamt abgewiesen wurden. Zu sechst dr�ngten wir uns in das kleine Zimmer: Cicero, Quintus, Lucius, Sthenius, ich selbst (um mitzuschreiben) und Servius Sulpicius, der schon damals allgemein als der f�higste Rechtsgelehrte seiner Generation angesehen wurde. Cicero bat als Erstes Servius, uns seine Sicht der juristischen Lage zu erl�utern.</p><p>�Theoretisch�, sagte Servius, �hat unser Freund das Recht, in Syrakus Berufung gegen das Urteil einzulegen. Aber nur beim Statthalter, und das ist Verres. Das ist also kein gangbarer Weg. Klage gegen Verres selbst einzureichen ist auch keine Option: Als amtierender Statthalter genie�t er politische Immunit�t, au�erdem ist Hortensius noch bis Januar Pr�tor des Gerichtshofes f�r Erpressungen. Und abgesehen von diesen beiden Aspekten, s��en auf der Geschworenenbank ausschlie�lich Senatoren, die nie einen der Ihren verurteilen w�rden. Du k�nntest einen Antrag im Senat einbringen, aber da du das schon erfolglos versucht hast, w�rde ein erneuter Vorsto� auch kein anderes Ergebnis bringen. Weiter offiziell in Rom zu leben ist auch keine Option f�r Sthenius. Da eine wegen eines Kapitalverbrechens verurteilte Person automatisch der Stadt verwiesen wird, kann er unm�glich hierbleiben. Solltest du ihn unter deinem Dach beherbergen, Cicero, setzt du dich sogar selbst der Strafverfolgung aus.�</p><p>�Wie lautet also dein Rat?�</p><p>�Selbstmord�, sagte Servius. Sthenius st�hnte gr�sslich auf. �Ernsthaft, Sthenius, ich f�rchte, du musst das in Betracht ziehen, bevor sie dich in die Finger bekommen. Oder willst du die Qualen der Peitsche, der gl�henden Eisen oder des Kreuzes erdulden?�</p><p>�Ich danke dir, Servius�, unterbrach ihn Cicero schnell, bevor der junge Rechtsgelehrte noch weiter ins Detail gehen konnte. �Tiro, wir m�ssen f�r Sthenius einen Unterschlupf finden. Er kann nicht bleiben, hier schauen sie als Erstes nach. Was die juristische Lage angeht, Servius, so stimme ich mit deiner Analyse voll und ganz �berein. Verres ist ein primitives Tier, aber er ist auch schlau. Er hat sich stark genug gef�hlt, den Prozess bis zum Schuldspruch durchzuziehen. Um es kurz es machen: Nachdem ich die Angelegenheit in der letzten Nacht von allen Seiten beleuchtet habe, haben wir meiner Meinung nach nur eine einzige, wenn auch geringe Chance.�</p><p>�Welche?�</p><p>�Wir gehen vors Volkstribunat.�</p><p>Die Reaktion auf den Vorschlag war allgemeines Unbehagen, denn die Volktribunen hatten in jener Zeit einen �u�erst zweifelhaften Ruf. Von alters her hatten sie dem Willen des gemeinen Volkes Ausdruck verliehen und so eine Kontrollfunktion gegen�ber der Macht des Senats ausge�bt. Vor zehn Jahren jedoch, nach dem Sieg Sullas �ber Marius, hatten die Aristokraten sie ihres Einflusses beraubt. Seitdem waren sie nicht mehr bef�gt, Volksversammlungen einzuberufen, Gesetze zu beantragen oder Figuren wie Verres wegen schwerer Verbrechen oder Amtsvergehen anzuklagen. Die endg�ltige Degradierung erfolgte dann, als jeder Senator, der Volkstribun wurde, automatisch von der h�heren �mterlaufbahn ausgeschlossen wurde. Er konnte weder zum Pr�tor noch zum Konsul gew�hlt werden. Mit anderen Worten. Das Amt des Volkstribuns war zu einer politischen Sackgasse umgestaltet worden, zur Abstellkammer f�r die Giftspritzer und Geiferer, f�r die Unf�higen und Unvermittelbaren, kurz: f�r den Ausschuss des Politikbetriebs. Kein Senator, gleich welchen Standes oder von welchem Ehrgeiz auch immer getrieben, w�rde an das Amt des Volkstribunen auch nur einen Gedanken verschwenden.</p><p>�Ich kenne eure Einw�nde�, sagte Cicero und bedeutete den Anwesenden mit einer Handbewegung, sich wieder zu beruhigen. �Eine kleine Einflussm�glichkeit ist den Volkstribunen aber dennoch geblieben. Oder, Servius?�</p><p>�Das stimmt�, sagte Servius. �Sie verfugen noch �ber ein Zipfelchen ihrer <emphasis>potestas auxilii ferendi.�</emphasis> Zufrieden schaute er in unsere verst�ndnislosen Gesichter. �Darunter versteht man�, f�gte er in pedantischem Tonfall hinzu, �dass ihnen das Recht zusteht, Privatpersonen, die Opfer ungerechter Entscheidungen von Amtspersonen werden, ihren Schutz anzubieten. Aber ich muss dich warnen, Cicero. In der Wertsch�tzung deiner Freunde, zu denen zu z�hlen auch ich nun schon lange die Ehre habe, wirst du deutlich verlieren, wenn du jetzt anf�ngst, in der Politik des Mobs mitzumischen. Selbstmord�, wiederholte er. �Was ist dagegen einzuwenden? Wir m�ssen alle mal sterben. Alles nur eine Frage der Zeit, f�r jeden von uns. Und auf diese Weise trittst du ehrenvoll ab.�</p><p>�Was die Gefahr angeht, wenn wir uns mit den Volkstribunen einlassen, stimme ich Servius zu�, sagte Quintus. (Wenn er von seinem �lteren Bruder sprach, hie� das bei Quintus in der Regel �wir�.) �Die Macht in Rom liegt in diesen Tagen nun mal in den H�nden des Senats und der Aristokraten, ob uns das gef�llt oder nicht. Deshalb haben wir ja auch immer die Strategie verfolgt, deinen Ruhm ganz behutsam �ber deine Arbeit bei Gericht aufzubauen. Bei den wirklich wichtigen Leuten wird der Schaden irreparabel sein, falls sich herumsprechen sollte, dass du ebenfalls nur so ein Krawallmacher bist. Au�erdem ... ich sage das nur ungern, Marcus ... aber hast du mal daran gedacht, wie Terentia das wohl auffassen w�rde, wenn du bei dieser Linie bleibst?�</p><p>Servius brach in schallendes Gel�chter aus. �Wie willst du Rom erobern, Cicero, wenn du nicht einmal deine Frau im Zaum halten kannst?�</p><p>�Eins darfst du mir glauben, Servius, verglichen mit meiner Frau ist Rom ein Kinderspiel.�</p><p>Und so ging die Diskussion weiter. Lucius war daf�r, sich sofort an die Volkstribunen zu wenden -egal, welche Folgen das haben w�rde. Sthenius hatten Elend und Angst so bet�ubt, dass er zu keiner verst�ndlichen Aussage f�hig war. Ganz zum Schluss fragte Cicero mich nach meiner Meinung. In anderer Gesellschaft h�tte seine Frage vielleicht Aufsehen erregt, da in den Augen der meisten R�mer die Meinung eines Sklaven nicht viel z�hlte. Diese M�nner jedoch waren daran gew�hnt, dass Cicero mich hin und wieder um Rat fragte. Ich k�nne mir nicht vorstellen, begann ich vorsichtig, dass Hortensius sonderlich erfreut �ber Verres' Vorgehen sei und dass die Aussicht, der Fall k�nne sich zu einem Skandal auswachsen, ihn vielleicht n�tige, seinen Klienten durch mehr Druck zur Vernunft zu bringen. Sich an die Volkstribunen zu wenden, sei nicht ungef�hrlich, aber unter Ber�cksichtigung aller Vor- und Nachteile das Risiko wert. Die Antwort gefiel Cicero.</p><p>�Manchmal�, sagte er und fasste die Diskussion mit Worten zusammen, die ich seitdem nie mehr vergessen habe. �Manchmal, wenn man in der Politik in einer Sackgasse steckt, muss man einen Kampf anzetteln, auch wenn man sich nicht sicher ist, ob man ihn gewinnen kann. Denn erst wenn der Kampf im Gang ist und alles in Bewegung ger�t, ergibt sich manchmal eine L�sung. Ich danke euch, meine Freunde.� Und damit war das Treffen beendet. </p><p>*</p><p>Es durfte keine Zeit verschwendet werden, denn da die Nachricht aus Syrakus bereits Rom erreicht hatte, war anzunehmen, dass auch Verres' M�nner nicht mehr weit waren. Noch w�hrend Cicero gesprochen hatte, hatte ich mir Gedanken �ber ein m�gliches Versteck f�r Sthenius gemacht. Sofort nach Ende der Konferenz begab ich mich auf die Suche nach Terentias jungem Privatsekret�r Philotimus. Er war ein feister, l�sterner Bursche, der sich gew�hnlich in der K�che herumdr�ckte, wo er eins der beiden Hausm�dchen, am liebsten aber beide, mit seinen l�sternen Nachstellungen bel�stigte. Ich fragte ihn, ob in einer der Mietskasernen seiner Herrin gerade eine Wohnung frei sei, und als er dies bejahte, bearbeitete ich ihn so lange, bis er mir den Wohnungsschl�ssel gab. Ich �berzeugte mich davon, dass auf der Stra�e vor dem Haus keine verd�chtigen Personen herumlungerten, sagte Sthenius, dass das Haus sicher sei, und brachte ihn dann in seine neue Unterkunft.</p><p>Sthenius befand sich im Zustand tiefster Depression. Sein Traum von der R�ckkehr in die Heimat war zerst�rt, und ihn trieb die schreckliche Angst um, jeden Augenblick verhaftet zu werden. Als er das verwahrloste Geb�ude in Subura zum ersten Mal sah und ich ihm sagte, von nun an werde er hier leben m�ssen, hat er wahrscheinlich geglaubt, dass auch wir ihn jetzt im Stich gelassen h�tten. An den W�nden des d�steren Treppenhauses befanden sich frische Brandspuren. �ber wackelige Stufen stiegen wir in den f�nften Stock hinauf zu einem Zimmer, das mehr einer Zelle glich. Auf dem Fu�boden lag eine Strohmatte, und durch das winzige Fenster war nur ein �hnliches Zimmer auf der anderen Seite der Gasse zu sehen, und zwar so nah, dass er seinen neuen Nachbarn per Handschlag h�tte begr��en k�nnen. Als Latrine diente ein Eimer. Wenn das Zimmer auch keinen Komfort bot, so bot es ihm wenigstens Sicherheit - f�r v�llig Fremde in diesem labyrinthischen Elendsviertel war es fast unm�glich, ihn jemals zu finden. Mit wehleidiger Stimme bat er mich, noch eine Weile bei ihm zu bleiben, doch ich musste dringend zur�ck, um alle den Fall betreffenden Dokumente zusammenzusuchen, damit Cicero sie den Volkstribunen vorlegen konnte. Wir bef�nden uns in einem Wettlauf mit der Zeit, erkl�rte ich ihm, und war in der n�chsten Sekunde wieder weg.</p><p>Das Hauptquartier der Volkstribunen befand sich gleich neben dem Senatsgeb�ude, in der alten Basilica Porcia. Auch wenn das Volkstribunat einem Skelett glich, dem man alles Fleisch der Macht von den Knochen genagt hatte, so pilgerten doch immer noch viele Menschen hierher. F�r die Zornigen und Enteigneten, f�r die Hungrigen und K�mpferischen war die Basilika der Volkstribunen eine beliebte Anlaufstelle. Als Cicero und ich das Forum �berquerten, sahen wir eine ziemlich gro�e Menschenmenge, die sich auf den Stufen zusammendr�ngte, um das Geschehen im Inneren mitverfolgen zu k�nnen. Mit der Aktentasche in der Hand tat ich mein Bestes, um dem Senator einen Weg durch die Menge zu bahnen. Da diese Sorte B�rger nicht zu jener geh�rte, die einem Tr�ger der purpurges�umten Toga allzu viel Sympathie entgegenbrachte, musste ich f�r meine M�hen den einen oder anderen Fluch und Fu�tritt einstecken. Es gab zehn Volkstribunen, die j�hrlich vom Volk gew�hlt wurden. Sie sa�en in dem eher kleinen Raum auf den immer gleichen langen Holzb�nken unter einem Wandgem�lde, auf dem die Niederlage der Karthager dargestellt war. Es war voll, es war laut, und es war warm - trotz der Dezemberk�lte drau�en. Ein junger Mann, der seltsamerweise barfu� war, hielt gerade eine flammende Rede an den Mob. Der Bursche hatte h�ssliche, grobe Z�ge und eine widerw�rtige, kr�chzende Stimme. In der Basilica Porcia trieben sich immer jede Menge Spinner herum, und f�r einen solchen hielt ich den Kerl zun�chst, da seine Rede sich ausschlie�lich darum zu drehen schien, warum man eine ganz bestimmte S�ule unter gar keinen Umst�nden abrei�en oder auch nur um einen Fu� versetzen d�rfe, um mehr Raum f�r die Volkstribunen zu schaffen. Und dennoch schenkten ihm die Anwesenden�unerfindlicherweise�ihre Aufmerksamkeit. Auch Cicero h�rte ihm interessiert zu und erkannte schlie�lich - vermutlich weil der Redner sich immer wieder auf �meinen Vorfahren� bezog -, dass es sich bei dieser sonderbaren Gestalt um niemand anderen als den Urenkel des ber�hmten Marcus Porcius Cato handelte, den Erbauer und Namensgeber der Basilika.</p><p>Ich erw�hne diesen Vorfall, weil der junge Cato, der damals dreiundzwanzig Jahre alt war, sp�ter noch eine wichtige Rolle spielen sollte - sowohl im Leben Ciceros als auch beim Niedergang der Republik. Nicht dass irgendwer das damals auch nur geahnt h�tte. Er machte vielmehr den Eindruck, als w�rde er unausweichlich in der Irrenanstalt landen. Er beendete seine Ansprache und dr�ngte mit wirrem Tunnelblick zum Ausgang, wobei er mich fast �ber den Haufen rannte. Ich erinnere mich noch an seinen animalischen K�rpergeruch, an die verfilzten, schwei�nassen Haare und die tellergro�en Schwitzflecken unter den Achseln seiner Tunika. Aber er hatte sein Ziel erreicht: Solange das Geb�ude stand - was beklagenswerterweise nicht mehr allzu viele Jahre waren -, blieb besagte S�ule an ihrem Platz.</p><p>Alles in allem jedoch - um zu meiner Geschichte zur�ckzukehren - waren die Volktribunen ein ziemlich armseliger Haufen. Immerhin gab es aber einen darunter, dessen Talent und Energie hervorstachen, und das war Lollius Palicanus. Er war ein stolzer Mann, wenn auch von niedriger Abstammung, geb�rtig aus Picenum in Norditalien, der Machtbasis von Pompeius Magnus. Man war allgemein davon ausgegangen, dass Pompeius nach seiner R�ckkehr aus Spanien seinen Einfluss nutzen w�rde, um seinem Landsmann den Weg zum Amt des Pr�tors zu ebnen. Wie jedermann sonst war auch Cicero �berrascht gewesen, als Palicanus im Sommer pl�tzlich seine Kandidatur f�r das Volkstribunat verk�ndet hatte. An jenem Morgen schien er sich �u�erst wohlzuf�hlen. Da die Amtszeit f�r die neu gew�hlten Volkstribunen immer am zehnten Tag im Dezember begann, musste er sein Amt gerade erst angetreten haben. �Cicero!�, br�llte er, als er uns sah. �Ich habe mich schon gefragt, wann du hier auftauchst.�</p><p>Er sagte, dass er die Neuigkeiten aus Syrakus bereits geh�rt habe und dass er mit uns �ber Verres reden wolle - aber nicht hier, vor so vielen Leuten, erkl�rte er geheimnisvoll, schlie�lich stehe mehr auf dem Spiel als nur das Schicksal eines einzelnen Mannes. Er schlug vor, dass wir uns in einer Stunde in seinem Haus auf dem Aventin treffen sollten. Cicero war einverstanden, worauf Palicanus sofort einen seiner Leute als Begleiter f�r uns herbeiwinkte. Er w�rde spater nachkommen.</p><p>Das Haus befand sich an der Porta Laverna, gleich au�erhalb der Stadtmauer, es war rustikal und schlicht. Es passte zu Palicanus. Woran ich mich vor allem erinnere, ist die �berlebensgro�e Pompeius-Statue, die, ausstaffiert mit dem Kopfputz und der R�stung Alexanders des Gro�en, das Atrium beherrschte. �Nun ja�, sagte Cicero, nachdem er sie eine Zeit lang nachdenklich betrachtet hatte. �Ist doch mal was anderes als die ewigen <emphasis>Drei Grazien.�</emphasis> Das war exakt die Sorte drolliger, aber unpassender Bemerkungen, die sich dann ihren Weg durch die ganze Stadt bahnten und schlie�lich unweigerlich bei ihrem Opfer landeten. Gl�cklicherweise war ich in diesem Fall der einzige Zeuge, nahm aber die Gelegenheit wahr, Cicero zu berichten, was mir der Sekret�r des Konsuls bez�glich seines Witzes �ber Gellius und dessen Vermittlungsversuch zwischen den Philosophen erz�hlt hatte. Cicero tat peinlich ber�hrt und versprach, in Zukunft etwas mehr Umsicht walten zu lassen, schlie�lich wisse er, dass das Volk seine Staatsm�nner lieber etwas weniger witzig hatte. Nat�rlich verga� er diesen Vorsatz bald wieder.</p><p>�Die Rede, die du letzte Woche gehalten hast, die war wirklich gut�, waren Palicanus' erste Worte, als er sein Haus betrat. �Du verstehst dein Handwerk, Cicero, wirklich ... wenn ich das so sagen darf. Aber diese aristokratischen Bastarde haben dich �ber den Tisch gezogen, und jetzt sitzt du in der Schei�e. Was genau willst du dagegen tun?� (So oder so �hnlich dr�ckte Palicanus sich aus - derbe Worte in derbem Tonfall. Die Aristokraten machten sich gew�hnlich nach Kr�ften lustig �ber seine Diktion.)</p><p>Ich �ffnete meine Aktentasche, gab Cicero die Schriftst�cke, und er setzte Palicanus in kurzen Worten Sthenius' Lage auseinander. Als er damit fertig war, fragte er, ob irgendeine M�glichkeit bestehe, dass die Volkstribunen ihm helfen k�nnten.</p><p>�Kommt drauf an�, sagte Palicanus grinsend und leckte sich die Lippen. �Machen wir es uns erst mal bequem, dann sehen wir weiter.�</p><p>Er f�hrte uns in einen anderen Raum, dessen eine Seite vollkommen von einem riesigen Wandgem�lde des lorbeerbekr�nzten Pompeius eingenommen wurde, der sich diesmal im Gewand des Jupiter pr�sentierte, einschlie�lich der aus den Fingern hervorzuckenden Blitze.</p><p>�Und, gef�llt es dir?�, fragte Palicanus.</p><p>�Bemerkenswert�, antwortete Cicero.</p><p>�In der Tat�, sagte Palicanus nicht ohne Genugtuung.</p><p>Ich setzte mich auf einen Stuhl unter das Bildnis des G�ttlichen aus Picenum, w�hrend Cicero, dessen Blick ich tunlichst auswich, sich ans aridere Ende des Sofas setzte, auf dem Palicanus Platz genommen hatte.</p><p>�Was ich dir zu sagen habe, Cicero, ist nicht f�r Ohren au�erhalb dieses Raumes bestimmt. Pompeius Magnus ...� Er nickte in Richtung des Gem�ldes, f�r den Fall, dass wir nicht wissen sollten, wen er meinte. �... wird nach sechs Jahren Abwesenheit wieder nach Rom zur�ckkehren. Und zwar bald. Und damit ihn seine adligen Freunde nicht mit irgendeiner raffinierten Taktik reinlegen, wird er mit seiner Armee kommen. Er will Konsul werden, und das wird er auch werden. Und zwar ohne auf Widerstand zu treffen.�</p><p>Gespannt beugte er sich vor und wartete auf eine schockierte oder �berraschte Reaktion. Aber Cicero reagierte auf die sensationelle Nachricht so gleichm�tig, als plaudere Palicanus �ber das Wetter.</p><p>�Du willst also als Gegenleistung f�r deine Hilfe in Sachen Sthenius meine in Sachen Pompeius.�</p><p>�Du bist ein schlauer Kopf, Cicero, du hast es wirklich drauf. Und, was sagst du?�</p><p>Cicero st�tzte das Kinn auf die Hand und schaute Palicanus an. �Nun ja, erst mal wird das Quintus Metellus gar nicht freuen. Du kennst doch das alte Gedicht: &gt;Schicksal ist in diesem Staat, der Weg der Metelli ins Konsulat.&lt; Das steht schon seit seiner Geburt fest, dass er im n�chsten Sommer an der Reihe ist.�</p><p>�Ach ja, tats�chlich? Der kann mich mal. Wie viele Legionen hat denn dieser Quintus Metellus hinter sich?�</p><p>�Die Legionen hat Crassus�, sagte Cicero. �Und Lucullus.�</p><p>�Lucullus ist viel zu weit weg, au�erdem hat er alle H�nde voll zu tun. Und was Crassus angeht ... stimmt, er hasst Pompeius bis aufs Blut. Aber er ist kein Soldat, das ist der entscheidende Punkt. Er ist Gesch�ftsmann, und die sind immer f�r einen Handel gut.�</p><p>�Und dann ist da noch die Kleinigkeit, dass das ganze Vorhaben gegen das Gesetz verst��t. Um zum Konsul gew�hlt zu werden, muss man dreiundvierzig Jahre alt sein. Und Pompeius, wie alt ist der?�</p><p>�Vierunddrei�ig.�</p><p>�Exakt, fast ein Jahr j�nger als ich. Au�erdem muss man in den Senat gew�hlt worden sein und das Amt des Pr�tors innegehabt haben. Mit beidem kann Pompeius nicht dienen. Er hat in seinem ganzen Leben keine einzige politische Rede gehalten. Einfach ausgedr�ckt, Palicanus, selten war ein Mann weniger qualifiziert f�r den Posten des Konsuls als Pompeius.�</p><p>Palicanus machte eine wegwerfende Handbewegung. �Das mag ja alles stimmen, aber schauen wir uns doch mal die Tatsachen an. Pompeius hat jahrelang �ber ganze L�nder geherrscht, noch dazu in seiner Eigenschaft als Prokonsul. Er <emphasis>ist</emphasis> schon Konsul, au�er dem Namen nach. Sei realistisch, Cicero. Du kannst von einem Mann wie Pompeius nicht erwarten, dass er nach Rom zur�ckkehrt, als Hinterb�nkler wieder ganz von unten anf�ngt und sich um das Amt des Qu�stors bewirbt. Wie stellst du dir das vor, wo bleibt da seine W�rde?�</p><p>�Seine Gef�hle in allen Ehren, aber du hast mich nach meiner Meinung gefragt, und ich sage dir: Die Aristokraten spielen da nicht mit. Zugegeben, sie haben vielleicht keine andere Wahl und lassen ihn Konsul werden, wenn Zehntausend von seinen Leuten vor der Stadt stehen, aber fr�her oder sp�ter gehen seine Soldaten nach Hause, und wie will er dann ...? Ohooo!� Cicero warf den Kopf zur�ck und fing an zu lachen. �Das ist schlau, das ist wirklich schlau.�</p><p>�Na, verstehst du jetzt?�, sagte Palicanus grinsend.</p><p>�Und ob.� Cicero nickte anerkennend. �Nicht schlecht.�</p><p>�Ich biete dir die Gelegenheit, dabei zu sein. Und noch was: Pompeius Magnus vergisst keinen Freund.�</p><p>Ich hatte nicht die geringste Ahnung, worum es ging. Erst sp�ter, auf dem Heimweg, als Cicero mir alles erkl�rte, begriff ich. Pompeius plante, sich f�r die umfassende Wiederherstellung der Machtbefugnisse der Volkstribunen einzusetzen und damit seine Wahl zum Konsul zu betreiben. Deshalb also Palicanus' �berraschender Schritt, sich ins Volkstribunat w�hlen zu lassen. Die Strategie entsprang nicht Pompeius' altruistischem Verlangen, dem r�mischen Volk zu mehr Freiheit zu verhelfen, nein, es handelte sich um reinen Eigennutz - obwohl ich es durchaus f�r m�glich halte, dass er zuweilen selbstzufrieden in seinem spanischen Badewasser planschte und sich als Streiter f�r die Rechte des B�rgers sah. Als guter General wusste Pompeius, dass durch diesen Schachzug die Aristokraten wie bei einer Zangenbewegung in der Falle sa�en, eingeklemmt zwischen seinen vor den Toren Roms lagernden Soldaten und dem gemeinen Volk auf den Stra�en der Stadt. Wollten sie nicht die eigene Ausl�schung riskieren, w�rde Hortensius, Catulus, Metellus und ihresgleichen keine andere Wahl bleiben, als sowohl Pompeius' Konsulat wie auch ein wiedererstarktes Volkstribunat anzuerkennen. Sobald das der Fall war, konnte Pompeius seine Soldaten nach Hause schicken und regieren - wenn n�tig unter Umgehung des Senats, indem er sich direkt ans Volk wandte. Er w�re unantastbar. Der Plan, so wie Cicero ihn mir beschrieb, war brillant. Und Cicero hatte ihn, w�hrend er auf Palicanus' Sofa sa�, blitzartig erfasst.</p><p>�Welchen Nutzen h�tte ich von der Sache?�, fragte Cicero.</p><p>�Die Begnadigung deines Klienten.�</p><p>�Das ist alles?�</p><p>�Wie gesagt, das kommt drauf an . auf die Qualit�t deiner Bem�hungen. Definitive Zusagen kann ich dir nicht machen. Das muss warten, bis Pompeius in der Stadt ist.�</p><p>�Ein ziemlich schwaches Angebot, wenn du mir die Bemerkung gestattest, mein verehrter Palicanus.�</p><p>�Nun ja, du bist in einer ziemlich schwachen Position, wenn du mir die Bemerkung gestattest, mein verehrter Cicero.�</p><p>Cicero stand auf. Ich sah ihm an, dass er ver�rgert war. �Ich kann ja auch gehen�, sagte er.</p><p>�Und deinen Klienten im Stich lassen, damit ihn Verres an eins von seinen Kreuzen nageln kann?� Palicanus erhob sich ebenfalls. �Das bezweifle ich, Cicero. Ich bezweifle, dass du so hart sein kannst.� Er begleitete uns nach drau�en, vorbei an Pompeius alias Alexander, vorbei an Pompeius alias Jupiter. �Ich sehe dich und deinen Klienten dann morgen fr�h in der Basilika�, sagte er und sch�ttelte Cicero an der Haust�r die Hand. �Danach wirst du in unserer Schuld stehen - und wir werden dich beobachten.� Selbstsicher warf er die T�r zu.</p><p>Cicero machte auf dem Absatz kehrt und trat auf die Stra�e. �Wenn das die Art von Ausdrucksweise ist, der er sich in aller �ffentlichkeit bedient�, sagte er, �wie f�hrt er sich dann erst in der Latrine auf? Und spar dir die M�he, mich zu ermahnen, Tiro, das kann von mir aus jeder h�ren.�</p><p>Er verschr�nkte die H�nde hinter dem R�cken und ging - den Kopf vorgebeugt, in Gedanken vertieft -vor mir durchs Stadttor. Nat�rlich hatte Palicanus Recht. Cicero hatte keine Wahl. Er konnte seinen Klienten nicht im Stich lassen. Ich bin mir sicher, dass er in diesem Augenblick die politischen Risiken abwog, die �ber ein einfaches Gesuch an die Tribunen hinaus in einer mit vollem Einsatz gef�hrten Kampagne l�gen, die die alten Rechte f�r die Volkstribunen zur�ckforderte. Das w�rde ihn die Unterst�tzung der Gem��igten wie Servius kosten.</p><p>�Tja�, sagte er mit s�uerlichem L�cheln, als wir zu Hause ankamen, �einen Kampf habe ich ja gewollt. Sieht ganz so aus, als h�tte ich den jetzt.�</p><p>Er fragte den Hausverwalter Eros nach Terentia und schien erleichtert zu sein, als er h�rte, dass sie in ihrem Zimmer war. Wenigstens blieben ihm so noch ein paar Stunden, bis er ihr die Neuigkeit mitteilen musste. Wir gingen in sein Arbeitszimmer, und er hatte gerade damit begonnen, mir seine Rede f�r die Tribunen zu diktieren - <emphasis>�Es ist mir eine Ehre, Tribunen, zum ersten Mal vor euch sprechen zu d�rfen� -,</emphasis> als wir von der Haust�r her laute M�nnerstimmen und einen dumpfen Schlag h�rten. Cicero, der beim Denken immer auf und ab ging, lief aus dem Zimmer, um nachzusehen, was die Ger�usche verursacht hatte. Ich folgte ihm. Sechs grob aussehende, mit Kn�ppeln herumfuchtelnde M�nner dr�ngten in den Hausflur. Eros kr�mmte sich auf dem Boden und hielt sich den Bauch. Seine Lippen waren blutig. Ein weiterer, uns unbekannter Mann, der keinen Kn�ppel, sondern ein anscheinend amtliches Schreiben in der Hand hielt, trat auf Cicero zu und verk�ndete, dass er befugt sei, das Haus zu durchsuchen.</p><p>�Befugt von wem?� Cicero war ganz ruhig -ruhiger, als ich an seiner Stelle gewesen w�re.</p><p>�Gaius Verres, Propr�tor von Sizilien, hat am ersten Dezember diesen Haftbefehl verf�gt.� Er hielt Cicero das Schriftst�ck f�r eine unversch�mt kurze Zeit unter die Nase. �Ich suche den Verr�ter Sthenius.�</p><p>�Hier wirst du ihn nicht finden.�</p><p>�Das werde ich selbst feststellen.�</p><p>�Und wer bist du?�</p><p>�Timarchides, Freigelassener von Verres. Ich werde mich von dir nicht in ein Gespr�ch verwickeln lassen, und in der Zwischenzeit macht sich der Angeklagte aus dem Staub.� Er wandte sich an den Mann, der ihm am n�chsten stand. �Du sicherst den Vordereingang. Ihr zwei schaut euch hinten um. Der Rest kommt mit mir. Wenn du keine Einw�nde hast, Senator, werden wir mit deinem Arbeitszimmer beginnen.�</p><p>Kurz darauf war der L�rm, den die M�nner verursachten, im ganzen Haus zu h�ren - schwere Schritte auf Marmorfliesen und Holzdielen, Schreie von weiblichen Sklaven, r�de M�nnerstimmen, gelegentlich ein Krachen oder Splittern, wenn Gegenst�nde umfielen oder zerbrachen. Timarchides kippte einen Aktenbeh�lter nach dem andern aus und arbeitete sich langsam durch das Arbeitszimmer.</p><p>Cicero stand an der T�r und schaute ihm zu. �In einem von den Beh�ltnissen wird er sich kaum verstecken�, sagte er. �So klein ist er nun auch wieder nicht.�</p><p>Nachdem sie im Arbeitszimmer nichts gefunden hatten, nahmen sie sich oben Ciceros spartanisch eingerichtetes Schlafzimmer und seinen Ankleideraum vor. �Eins kann ich dir versichern�, sagte Cicero, der sich nur noch mit M�he im Zaum halten konnte, w�hrend er mit ansehen musste, wie man sein Bett umkippte. �Du und dein Herr werden daf�r hundertfach bezahlen.�</p><p>�Wo ist das Schlafzimmer deiner Frau?�, fragte Timarchides.</p><p>�Tja�, antwortete Cicero. �Das w�rde ich an deiner Stelle besser nicht betreten.�</p><p>Aber Ticharmides war schon m�chtig in Rage. Er hatte eine lange Reise hinter sich, er hatte noch nichts gefunden, und Ciceros Kommentare machten ihn nur noch nerv�ser. Er st�rmte mit seinen drei M�nnern im Schlepptau durch den Flur und br�llte: �Sthenius! Wir wissen, dass du da drin bist!� Dann riss er die T�r zu Terentias Schlafzimmer auf. Das folgende Kreischen und die klatschende Ohrfeige, die der Eindringling hinnehmen musste, schallten durchs ganze Haus. Darauf folgte eine derart bildkr�ftige Flut an Unflat, in derart herrischem Tonfall und in derartiger Lautst�rke, dass Terentias entfernter Verwandter, der anderthalb Jahrhunderte zuvor in Cannae die r�mischen Reihen gegen Hannibal befehligt hatte, sicher in die</p><p>H�he geschossen war und jetzt aufrecht in seiner Gruft sa�. �Sie kam �ber den erbarmungsw�rdigen Freigelassenen�, pflegte Cicero sp�ter zu sagen, �wie eine aus einem Baum herabst�rzende Tigerin. Der Bursche hat mir fast leidgetan.� Timarchides musste wohl das Scheitern seiner Mission eingesehen haben, denn er blies die Sache ab. Zusammen mit seinen Rabauken trat er den schnellen R�ckzug �ber die Treppe an - gefolgt von Terentia und der kleinen Tullia, die sich in den Falten von Terentias Gewand versteckte, gelegentlich daraus hervorlugte und wie ihre Mutter drohend die winzigen F�uste schwang. Wir h�rten, wie Timarchides seinen M�nnern etwas zurief, dann das Ger�usch trampelnder Schritte und schlie�lich die zufallende Haust�r. Abgesehen von einem Hausm�dchen, das irgendwo leise wimmerte, herrschte nun wieder Stille in dem alten Geb�ude.</p><p>Dann drehte sich Terentia um, holte tief Luft, wobei ihr flacher Busen sich schnell hob und senkte, und sagte zu Cicero, der oben am Treppenabsatz stand: �Und das alles nur wegen dieses langweiligen Siziliers, f�r den du im Senat Partei ergriffen hast?�</p><p>�Ich f�rchte ja�, sagte Cicero betr�bt. �Die wollen mir um jeden Preis Angst einjagen.�</p><p>�Das darfst du nicht zulassen, Marcus.� Sie ging die Treppe hinauf und umfasste mit beiden H�nden -ohne jede Z�rtlichkeit, sondern voller Leidenschaft -Ciceros Kopf und starrte ihm w�tend in die Augen. �Du musst sie vernichten.�</p><p>Und als wir uns am n�chsten Morgen auf den Weg zur Basilica Porcia machten, da ging Quintus links von Cicero und Lucius rechts, und hinter den Dreien, in einer eigens f�r diesen Anlass gemieteten S�nfte, folgte im feierlichen Gewand einer r�mischen Matrone Terentia. Es war das erste Mal, dass sie sich die Umst�nde machte, Cicero �ffentlich reden zu h�ren. Ich schw�re, dass ihn die Aussicht, vor ihr zu sprechen, nerv�ser machte als der Auftritt vor den Tribunen. Vom Haus weg begleitete uns ein gro�es Gefolge an Klienten, das unterwegs immer gr��er wurde und nochmals anschwoll, nachdem wir auf halbem Weg das Argiletum hinunter Sthenius aus seinem Schlupfloch abgeholt hatten. Wir m�ssen mindestens hundert Personen gewesen sein, als wir �ber das Forum marschierten und schlie�lich in die Versammlungshalle der Tribunen einzogen. Mit etwas Abstand folgte uns Timarchides mit seiner Truppe. Angesichts unserer gro�en Zahl konnte er uns jedoch nichts anhaben, und in der Basilika, das wusste er genau, w�rde er nichts unternehmen k�nnen, ohne selbst in St�cke gerissen zu werden.</p><p>Die zehn Volkstribunen sa�en auf ihrer Bank. Die Halle war voll. Palicanus erhob sich und verlas den Antrag, <emphasis>dass nach Meinung des Volkstribunats die Verf�gung der Verbannung aus Rom auf Sthenius nicht anzuwenden sei.</emphasis> Dann trat Cicero vor die Tribunen. Sein Gesicht war wei� vor Anspannung. Im ersten Teil seiner Rede sagte er mehr oder weniger das Gleiche, was er schon im Senat gesagt hatte - mit dem einen Unterschied, dass er seinen Klienten diesmal nach vorn rufen und auf ihn zeigen konnte, wenn er es f�r angebracht hielt, an das Mitleid der Richter zu appellieren. Und zweifellos war noch nie ein vollkommeneres Abbild eines gebrochenen Opfers vor einem r�mischen Gericht aufgetreten als Sthenius an diesem Tag. Der Schluss von Ciceros Ausf�hrungen hatte jedoch nichts mehr gemein mit seinen sonstigen Reden vor Gericht, er war etwas v�llig Neues und bezeichnete eine entscheidende Verschiebung seines politischen Standorts. Als er diesen Punkt erreichte, war seine Nervosit�t verflogen und sein Vortrag voller Feuer.</p><p>�Die H�ndler in den Markthallen, ihr Tribunen, kennen ein altes Sprichwort: Der Fisch stinkt vom Kopf. Und wenn im Rom dieser Tage etwas stinkt -und wer w�rde das bezweifeln? -, dann sage ich euch, dieser Gestank kommt vom Kopf. Er kommt von oben, er kommt vom Senat.� Laute Beifallsrufe und trampelnde F��e. �Und es gibt nur eins, sagen die H�ndler, was man mit einem stinkenden, verrottenden Fischkopf machen kann: abschneiden. Man muss den Kopf abschneiden und auf den M�ll werfen!� Noch mehr Beifall. �Aber f�r so einen Kopf braucht man ein scharfes Messer, das ist schlie�lich ein aristokratischer Kopf, und wie die sind, das wissen wir ja!� Gel�chter. �Die sind aufgeschwollen vom Gift der Korruption, aufgedunsen von Hochmut und Arroganz. Und f�r so ein Messer braucht es eine kr�ftige Hand. Und Ausdauer, denn diese Aristokraten, die haben K�pfe aus Eisen, das kann ich euch sagen, Eisenk�pfe, allesamt!� Gel�chter. �Aber so ein Mann wird kommen. Er ist nicht mehr weit. Tribunen, eure Macht wird wiederhergestellt werden, das verspreche ich euch, egal, wie hart der Kampf auch sein wird.� Ein paar ganz Schlaue fingen an, Pompeius' Namen zu rufen. Cicero hob die Hand, wobei er drei Finger in die Luft streckte. �Ihr Tribunen m�sst euch der gewaltigen Pr�fung dieses Kampfes w�rdig erweisen. Zeigt Mut. Macht heute den ersten Schritt. Versetzt der Tyrannei einen Hieb. Befreit meinen Klienten. Und dann befreit Rom!�</p><p>Sp�ter war Cicero diese ausgesprochen demagogische Rede so peinlich, dass er mich anwies, die einzige Niederschrift zu vernichten. Ich muss also gestehen, dass ich sie hier aus dem Ged�chtnis wiedergebe. Aber ich erinnere mich klar und deutlich an sie - an die Wucht der Worte; an die Leidenschaft des Vortrags; an die Erregung der von Cicero aufgepeitschten Menge; an Ciceros Augen, als er Palicanus beim Verlassen des Podiums zuzwinkerte; an die v�llig regungslose Terentia, die starr geradeaus schaute, w�hrend um sie herum das gemeine Volk in Jubel ausbrach. Timarchides, der ganz hinten gestanden hatte, verschwand, noch bevor der Applaus sich gelegt hatte. Sicher machte er sich so schnell wie m�glich auf den R�ckweg nach Sizilien, um seinem Herrn zu berichten. Denn der Antrag, was wohl kaum noch der Erw�hnung wert ist, wurde mit zehn zu null</p><p>Stimmen angenommen, und Sthenius' Sicherheit war f�r die Dauer seines Aufenthalts in Rom</p></section><section><title><p id="_bookmark6">KAPITEL IV</p></title><p>Eine andere von Ciceros Maximen lautete: Wenn du etwas Unpopul�res zu erledigen hast, dann erledige es gr�ndlich, denn der Eindruck von Halbherzigkeit kommt deinem Ansehen sicher nicht zugute. Obwohl er sich vorher noch nie zu Pompeius oder den Volkstribunen ge�u�ert hatte, gab es in den folgenden sechs Monaten niemanden, der sich mit mehr Begeisterung f�r deren Sache eingesetzt h�tte. Die Pompeianer jedenfalls waren entz�ckt, in ihren Reihen einen derart f�higen Rekruten begr��en zu d�rfen. Der r�mische Winter in jenem Jahr war lang und kalt, vor allem f�r Terentia, nehme ich an. Ihr pers�nlicher Ehrenkodex verlangte es, dass sie ihrem Mann beistand gegen die Feinde, die in ihr Haus eingedrungen waren. Nicht nur, dass sie sich inmitten all dieser �bel riechenden armen Menschen Ciceros Tiraden gegen ihre eigene Klasse hatte anh�ren m�ssen, jetzt belagerten seine neuen politischen Kumpane auch noch zu jeder Tageszeit ihren Salon und ihr Speisezimmer: M�nner aus dem primitiven Norden, die mit absto�endem Akzent sprachen, die F��e auf ihre M�bel legten und bis sp�t in die Nacht R�nke schmiedeten. Palicanus war ihr Wortf�hrer. Bei seinem zweiten Besuch im Januar brachte er einen der neuen Pr�toren mit, Lucius Afranius, einen Senatskollegen aus Pompeius' Heimat Picenum. Cicero bem�hte sich mit besonderer Liebensw�rdigkeit um ihn, und in fr�heren Jahren w�re es auch Terentia eine Ehre gewesen, einen Pr�tor in ihrem Haus begr��en zu d�rfen. Aber Afranius stammte weder aus einer ehrbaren Familie, noch verf�gte er �ber jedwede Kinderstube. Er besa� doch tats�chlich die Unversch�mtheit, sie zu fragen, ob sie gern tanze. Und als sie entsetzt zur�ckwich, erkl�rte er, dass er selbst nichts lieber t�te. Dann zog er seine Toga hoch, entbl��te seine Beine und wollte von ihr wissen, ob sie schon jemals ein stattlicheres Paar Waden gesehen habe.</p><p>Das waren Pompeius' Repr�sentanten in Rom, und ihnen haftete immer etwas vom Geruch und den Manieren eines Feldlagers an. Sie waren ungeschlacht bis zur Brutalit�t - aber vielleicht musste man das sein, wenn man vorhatte, was sie vorhatten. Palicanus' Tochter Lollia - ein schlampiges junges Ding, eine Zumutung in Terentias Augen - begleitete die Gruppe gelegentlich, da sie mit Aulus Gabinius verheiratet war. Auch er geh�rte zu Pompeius' Parteig�ngern aus Picenum und diente damals unter dem General in Spanien. Gabinius war das Verbindungsglied zu den Legionskommandeuren, die ihn mit Informationen �ber die Loyalit�t in der Truppe versorgten. Das war entscheidend, denn es hatte keinen Sinn, wie Afranius sich ausdr�ckte, zur Wiederherstellung der Macht des Volkstribunats eine ganze Armee nach Rom zu schaffen, nur um schlie�lich festzustellen, dass die Legionen freudig zu den Aristokraten �berliefen, wenn nur die H�he der Bestechungssumme stimmte.</p><p>Ende Januar traf Gabinius' Nachricht ein, dass die letzten Rebellenhochburgen in Uxama und Calagurris gefallen seien und Pompeius nun bereit sei, seine Armee in Richtung Heimat in Marsch zu setzen. Cicero hatte seit Wochen die <emphasis>pedarii</emphasis> unter den Senatoren bearbeitet, hatte sie in Senatspausen immer wieder beiseite genommen, um sie davon zu �berzeugen, dass die aufst�ndischen Sklaven im Norden Italiens eine zunehmende Gefahr f�r ihre Gesch�fts- und Handelsinteressen�darstellten.�Seine �berzeugungsarbeit sollte sich lohnen. Als das Thema im Senat diskutiert wurde, stimmte das Haus trotz des erbitterten Widerstands der Aristokraten und der Anh�nger Crassus' mit knapper Mehrheit daf�r, Pompeius' spanische Armee nicht aufzul�sen, sondern sie ins Mutterland zur�ckzubeordern, um Spartacus' Truppen im Norden zu zerschlagen. Mit diesem Votum hatte Pompeius das Konsulat so gut wie sicher, und Cicero kehrte am Abend jenes Tages mit einem L�cheln auf den Lippen nach Hause zur�ck. Gewiss, er war von den Aristokraten, die ihn inzwischen mehr verachteten als jeden anderen Mann in Rom, br�skiert worden. Der pr�sidierende Konsul, der unglaublich hochn�sige Publius Cornelius Lentulus Sura, hatte sogar seinen Versuch, sich zu Wort zu melden, absichtlich ignoriert. Aber was machte das schon? Er geh�rte zum inneren Kreis von Pompeius Magnus, und jeder Idiot wei�, dass man in der Politik am schnellsten vorw�rtskommt, wenn man sich in der N�he des Mannes an der Spitze einnistet.</p><p>Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass wir in diesen hektischen Monaten Sthenius aus Thermae vernachl�ssigt haben. Oft tauchte er schon morgens auf und dr�ckte sich in der Hoffnung auf eine Unterredung den ganzen Tag in der N�he des Senators herum. Er wohnte immer noch in Terentias verwahrloster Mietskaserne, und er hatte nicht viel Geld. Rom konnte er nicht verlassen, da seine Immunit�t an den Stadtmauern endete. Seit Oktober hatte er sich nicht mehr rasiert, nicht mehr die Haare schneiden lassen und -nach seinem Geruch zu urteilen - auch nicht mehr die Kleidung gewechselt. Es war nicht direkt Wahnsinn, aber doch hochgradige Besessenheit, die er ausstrahlte, wenn er durch die Stra�en wanderte, unabl�ssig Papyrusfetzen zu kleinen K�gelchen zusammenkn�llte, damit herumspielte und sie schlie�lich auf den Boden warf.</p><p>Cicero lie� sich immer neue Ausreden einfallen, um ihn nicht sprechen zu m�ssen. Zweifellos war er der Meinung, seiner Verpflichtung nachgekommen zu sein. Aber es war nicht nur das. Die Politik ist wie ein Hohlkopf vom Land: Sie kann sich jeweils nur auf eine Sache auf einmal konzentrieren. Der arme Sthenius war einfach unwichtig. Das im Augenblick einzig interessante Thema war die bevorstehende Auseinandersetzung zwischen Crassus und Pompeius. Im Sp�tfr�hling hatte Crassus im Absatz Italiens die Hauptkr�fte von Spartacus' Rebellen besiegt, Spartacus get�tet und sechstausend Gefangene gemacht. Danach hatte er seine Truppen Richtung Rom in Marsch gesetzt. Kurz darauf �berschritt Pompeius die Grenze und beendete den Sklavenaufstand im Norden. Er schickte einen Brief nach Rom, der im Senat verlesen wurde und in dem er Crassus<sup>M</sup> Leistung nur am Rande w�rdigte und stattdessen erkl�rte, dass allein ihm das Verdienst zukomme, den Sklavenaufstand �endg�ltig und vollst�ndig� beendet zu haben. Das Signal an seine Anh�nger h�tte deutlicher nicht sein k�nnen: In diesem Jahr w�rde nur <emphasis>ein</emphasis> General im Triumph in Rom einziehen, und der w�rde nicht Marcus Crassus hei�en. Und um auch noch den letzten Zweifel an seinen Absichten auszur�umen, schloss er seinen Brief mit der Ank�ndigung, dass auch er sich jetzt Richtung Rom in Bewegung setzen werde. Es ist kaum verwunderlich, dass bei all diesen aufregenden historischen Ereignissen niemand mehr an Sthenius dachte.</p><p>Es muss irgendwann im Mai gewesen sein, vielleicht auch Anfang Juni, das genaue Datum kann ich nicht mehr feststellen, als ein Kurier mit einem Brief an Ciceros Haust�r klopfte. Der Mann �bergab mir erst nach einigem Z�gern das Schreiben und bestand darauf zu warten. Er habe strikten Befehl, nicht ohne Antwort zur�ckzukehren. Obwohl der Mann Zivilkleidung trug, war nicht zu �berh�ren, dass er Soldat war. Ich brachte die Botschaft in Ciceros Arbeitszimmer. W�hrend er sie las, verd�sterte sich sein Gesichtsausdruck. Er gab mir den Brief, und als ich die Anrede las, wusste ich den Grund f�r sein Stirnrunzeln. <emphasis>Marcus Licinius Crassus, Imperator, an Marcus Tullius Cicero. Sei gegr��t...</emphasis> Nicht dass der Brief irgendeine Art Drohung enthielt. Er enthielt nur die Einladung, sich am n�chsten Morgen an der Stra�e nach Rom, am Meilenstein achtzehn, in der N�he der Stadt Lanuvium, mit dem siegreichen General zu treffen.</p><p>�Kann ich ablehnen?�, fragte Cicero und beantwortete die Frage gleich selbst. �Nein, kann ich nicht. Das w�rde er als t�dliche Beleidigung auffassen.�</p><p>�Wahrscheinlich wird er Euch um Eure Unterst�tzung bitten.�</p><p>�Ach ja?�,sagte Cicero sarkastisch. �Wie kommst du denn darauf?�</p><p>�K�nnt Ihr ihm nicht eine Art eingeschr�nkte Unterst�tzung anbieten, die sich nicht mit Euren Verpflichtungen�gegen�ber�Pompeius �berschneidet?�</p><p>�Nein, das ist genau das Problem. Pompeius war da unmissverst�ndlich. Er erwartet absolute Loyalit�t. Crassus wird mich fragen: &gt;Bist du f�r mich oder gegen mich?&lt; Und dann wird f�r mich der �belste Albtraum eines jeden Politikers Wahrheit: Ich muss eine verbindliche Antwort geben.� Er seufzte. �Aber hingehen m�ssen wir nat�rlich.�</p><p>Am n�chsten Tag machten wir uns kurz nach Sonnenaufgang in einer offenen zweir�drigen Kutsche auf den Weg. Ciceros Diener fuhr uns. Es war die beste Zeit des Tages zur besten Zeit des Jahres. Die Luft war schon warm genug f�r einen Besuch der �ffentlichen Badeanstalt an der Porta Capena, aber gleichzeitig noch von erfrischender K�hle. Auf der Stra�e wirbelte nicht wie sonst der Staub auf. Die Bl�tter der Olivenb�ume gl�nzten in einem frischen Gr�n. Sogar die Gr�ber, die auf diesem speziellen Wegst�ck gleich hinter der Stadtmauer dicht an dicht die Via Appia s�umten, schimmerten hell und freundlich in der ersten Sonnenstunde des Tages. Normalerweise machte mich Cicero auf dieses oder jenes Monument aufmerksam und erkl�rte mir, was es damit auf sich hatte - auf die Statue des Scipio Africanus zum Beispiel oder auf das Grabmal der Horatia, die von ihrem Bruder ermordet worden war, weil sie den Tod ihres Liebhabers zu ausgiebig betrauert hatte. Doch an jenem Morgen war er alles andere als guter Laune. Seine Gedanken kreisten ausschlie�lich um Crassus.</p><p>�Halb Rom geh�rt ihm. Sollte mich nicht wundern, wenn ihm diese Grabm�ler hier auch geh�ren. Da k�nnten ganze Familien drin wohnen! Warum eigentlich nicht? Crassus bringt das fertig! Hast du ihn mal in Aktion gesehen? Wenn er zum Beispiel h�rt, dass irgendwo ein Brand w�tet und sich langsam durch ein ganzes Viertel frisst, dann l�sst er seine Sklaven ausschw�rmen und den Wohnungseigent�mern l�cherlich niedrige Kaufangebote machen. Und wenn die armen Burschen dann unterschrieben haben, dann schickt er Mannschaften mit Wasserwagen los, um die Br�nde zu l�schen. Und das ist nur eine von seinen Methoden. Wei�t du, wie Sicinius, der ja nun wirklich keiner ist, dem man mit irgendwas Angst einjagen kann, Crassus nennt? Er nennt ihn <emphasis>den gef�hrlichsten Bullen in der Herde.�</emphasis></p><p>Das Kinn fiel ihm wieder auf die Brust, und bis zum Meilenstein acht, der sich schon weit im Landesinnern in der N�he von Bovillae befand, sagte er kein Wort mehr. Hier lenkte er meine Aufmerksamkeit auf etwas Seltsames: auf Milit�rposten, die kleine Parzellen bewachten, die wie Holzlagerpl�tze aussahen. An vier oder f�nf dieser Pl�tze, die in regelm��igen Abst�nden von etwa einer halben Meile auftauchten, waren wir schon vorbeigekommen. Und auf jedem weiteren schien gr��ere Betriebsamkeit zu herrschen als auf dem vorherigen. Es wurde geh�mmert, ges�gt, gegraben. Cicero sagte mir schlie�lich, worum es sich dabei handelte. Die Soldaten zimmerten Kreuze. Kurz darauf kam uns eine Kolonne von Crassus' Fu�soldaten entgegen, die Richtung Rom marschierte. Wir mussten am Stra�enrand halten, um sie vorbeizulassen. Den Soldaten folgte eine lange Gefangenenprozession, Hunderte besiegter Rebellensklaven mit auf dem R�cken gefesselten H�nden, eine ausgemergelte, graue Geisterarmee, die einem Schicksal entgegenstolperte, dessen Vorbereitungen wir gerade gesehen hatten, von dem sie selbst aber wahrscheinlich noch nichts wussten. Unser Kutscher murmelte einen Zauberspruch, um uns das B�se vom Leib zu halten, lie� die Peitsche �ber den Flanken der Pferde schnalzen, und in der n�chsten Sekunde sprengten wir davon. Etwa eine Meile weiter begann das T�ten; in kleinen Gruppen an beiden Stra�enseiten wurden die Gefangenen an die Kreuze genagelt. Ich versuche die Bilder zu verdr�ngen, aber gelegentlich tauchen sie in meinen Tr�umen wieder auf. Vor allem ein Motiv sehe ich immer wieder vor mir: wenn die Soldaten das Holzkreuz mit dem angenagelten, schreienden Opfer mit Seilen in die Senkrechte hieven und dieses dann mit einem dumpfen Schlag in das daf�r ausgehobene tiefe Loch fahrt. Au�erdem erinnere ich mich an den Augenblick, als wir eine H�gelkuppe �berquerten und in eine lange Allee aus Kreuzen blickten, die in der Hitze des Sp�tvormittags schimmerte und sich Meile um Meile schnurgerade dahinzog. Die Luft schien zu zittern von dem St�hnen der Sterbenden, dem Brummen der Fliegen, dem Kreischen der kreisenden Kr�hen.</p><p>�Deshalb hat er mich also hier rausgelockt�, murmelte Cicero w�tend. �Er will mich einsch�chtern.� Sein Gesicht war schneewei�. Wenn es um Schmerz und Tod ging, war Cicero sehr empfindlich, sogar bei Tieren, weshalb er es m�glichst vermied, die Spiele zu besuchen. Ich nehme an, dass das auch der Grund f�r seine Abneigung gegen alles Milit�rische war. In seiner Jugend hatte er lediglich die Mindestzeit an Milit�rdienst abgeleistet und war kaum in der Lage, ein Schwert zu r�hren oder eine Lanze zu schleudern. W�hrend seiner ganzen Karriere musste er sich den h�hnischen Vorwurf des Dr�ckebergers gefallen lassen.</p><p>Bei Meilenstein achtzehn stie�en wir auf das Kernst�ck von Crassus' Legionen. Wie bei jeder Armee im Feld wehte uns der Geruch von Staub, Schwei� und Leder entgegen. Das neben der Stra�e aufgeschlagene Lager war von einem Graben und Schutzw�llen umgeben. Standarten flatterten �ber dem Tor, neben dem Crassus' Sohn Publius, damals noch ein forscher Jungoffizier, schon wartete, um uns zum Zelt des Generals zu geleiten. Dort verabschiedeten sich gerade ein paar andere Senatoren von dem unverwechselbaren Crassus. Der �alte Glatzkopf�, wie seine Soldaten ihn nannten, trug trotz der Hitze den scharlachroten Umhang des Befehlshabers. Er war die Leutseligkeit in Person, w�nschte den scheidenden Besuchern eine sichere Heimreise und begr��te uns ebenso freundlich - sogar mich, dessen Hand er so herzlich sch�ttelte, als sei ich selbst ein Senator und nicht irgendein Sklave, der unter anderen Umst�nden vielleicht schreiend an einem seiner Kreuze hinge. Wenn ich jetzt dar�ber nachdenke, was genau mich damals an ihm so beunruhigt hatte, so war es vermutlich Folgendes: diese urteilslose und unvoreingenommene Freundlichkeit, mit der er dir selbst dann gegen�bertreten w�rde, wenn er sich gerade entschlossen h�tte, dich zu t�ten. Laut Cicero war er mindestens zweihundert Millionen Sesterzen schwer, aber er unterhielt sich mit jedermann so ungezwungen wie ein Bauer, der an seinem Weidezaun lehnte, und sein Haus in Rom war so bescheiden und schlicht wie sein Armeezelt.</p><p>Er bat uns hinein - mich auch, er bestand darauf und entschuldigte sich f�r das grausige Schauspiel an der Via Appia, das er aber f�r unumg�nglich halte. Besonders stolz schien er auf die logistische Leistung zu sein, entlang dreihundertf�nfzig Meilen Stra�e - vom Ort der siegreichen Schlacht bis vor die Tore Roms - sechstausend M�nner gekreuzigt zu haben, ohne dass es, wie er sich ausdr�ckte, zu �gewaltt�tigen Zwischenf�llen� gekommen sei. Siebzehn Kreuzigungen pro Meile, also alle einhundertsiebzehn Schritte ein Kreuz - er hatte ein ph�nomenales Ged�chtnis f�r Zahlen. Das Kunstst�ck dabei sei, keine Panik unter den Gefangenen aufkommen zu lassen, sonst h�tte man gleich noch eine Schlacht am Hals. Man habe also jede Meile - manchmal auch alle zwei oder drei Meilen, um keinen Verdacht zu erregen - die entsprechende Zahl gefangener Sklaven anhalten lassen und dem Rest der Kolonne befohlen weiterzumarschieren, um erst, als diese au�er Sichtweite gewesen sei, mit den Kreuzigungen zu beginnen. So habe man mit einem Minimum an St�rungen - schlie�lich sei die Via Appia die meistbenutzte Stra�e in ganz Italien - den maximalen Abschreckungseffekt erzielt.</p><p>�Ich bezweifle, dass sich in Zukunft noch viele Sklaven gegen Rom erheben werden�, sagte Crassus und schaute mich l�chelnd an. �Na, was glaubst du?�, fragte er mich. Als ich leidenschaftlich verneinte, zwickte er mich in die Backe und verstrubbelte mir das Haar. Als er mich ber�hrte, glaubte ich, meine Haut w�rde verschrumpeln. �Ist er zu verkaufen?�, fragte er Cicero. �Gef�llt mir, der Bursche, ich mache dir einen guten Preis. Mal sehen ...� Er nannte eine Summe, die mindestens das Zehnfache des normalen Preises betrug, und einen schrecklichen Augenblick lang f�rchtete ich, Cicero w�rde annehmen und mich aus seinem Leben verbannen -ein Schicksal, das ich nicht ertragen h�tte.</p><p>�Er ist nicht zu verkaufen, zu keinem Preis�, sagte Cicero. Die Fahrt hatte ihm zugesetzt, seine Stimme klang ein wenig heiser. �Und um jedes Missverst�ndnis von vornherein auszuschlie�en, Imperator, ich habe meine Unterst�tzung Pompeius Magnus zugesichert.�</p><p>�Pompeius <emphasis>Magnus?�,</emphasis> frotzelte Crassus. �Pompeius der <emphasis>Gro�e?</emphasis> Verglichen mit wem?�</p><p>�Darauf m�chte ich lieber nicht antworten�, sagte Cicero. �Vergleiche k�nnen so ekelhaft sein.� Darauf zuckte sogar ein so unerbittlich leutseliger Mensch wie Crassus kaum merklich zur�ck.</p><p>Es gibt Politiker, die k�nnen es nicht ertragen, sich zusammen in ein und demselben Raum aufzuhalten, selbst wenn es im Interesse beider w�re, sich zu verst�ndigen. Es wurde mir schnell klar, dass Cicero und Crassus zu dieser Sorte geh�rten. Das ist eine Tatsache, die die Stoiker nicht begreifen, wenn sie behaupten, dass Vernunft und nicht Emotionen die Hauptrolle in menschlichen Beziehungen spielen sollten: Ich f�rchte, dass das Gegenteil richtig ist und dass das auch immer so sein wird, sogar oder vielleicht gerade in der angeblich so k�hl abw�genden Welt der Politik. Und wenn schon in der Politik keine Vernunft herrscht, wo soll man sie dann finden? Crassus hatte Cicero zu sich bestellt, um seine Freundschaft zu gewinnen. Und Cicero war mit dem Vorsatz gekommen, sich Crassus' Wohlwollen zu erhalten. Da jedoch beide ihre gegenseitige Abneigung nicht verbergen konnten, wurde das Treffen ein Desaster.</p><p>�Kommen wir gleich zur Sache, einverstanden?�, sagte Crassus, nachdem er Cicero gebeten hatte,</p><p>Platz zu nehmen. Er legte seinen Umhang ab, �bergab ihn seinem Sohn und lie� sich auf dem Sofa nieder. �Zwei Dinge sind es, Cicero, um die ich dich bitten m�chte. Das Erste ist die Unterst�tzung meiner Kandidatur f�r das Amt des Konsuls. Ich bin jetzt vierundvierzig, also mehr als alt genug, und ich glaube, dass ich in diesem Jahr an der Reihe bin. Das Zweite ist ein Triumph. F�r beides bin ich bereit zu zahlen, egal, wie hoch dein Marktwert gerade ist. Wie du wei�t, mache ich normalerweise nur Exklusivvertr�ge, aber angesichts deiner schon eingegangenen Verpflichtungen werde ich mich wohl mit der H�lfte von dir begn�gen m�ssen.� Dann verneigte er sich leicht und r�gte hinzu: �Ein halber Cicero ist immer noch doppelt so viel wert wie bei den meisten anderen der ganze Mann.�</p><p>�Sehr schmeichelhaft, Imperator�, erwiderte Cicero, dem die Andeutung sauer aufstie�. �Vielen Dank. Meinen Sklaven kann man nicht kaufen, aber mich schon, meinst du das? Vielleicht erlaubst du mir, dass ich dar�ber nachdenke.�</p><p>�Was gibt es da nachzudenken? Bei den Konsulatswahlen hat jeder B�rger zwei Stimmen. Gib eine mir und die andere, wem immer du willst. Du brauchst nur daf�r zu sorgen, dass deine Freunde ebenso handeln. Sag ihnen, dass Crassus nie vergisst, wer ihm gef�llig war. Und genauso wenig, wer ihm nicht gef�llig war.�</p><p>�Ich f�rchte, ich werde dennoch Bedenkzeit brauchen.�</p><p>Wie ein Hecht durch klares Wasser huschte ein Schatten �ber Crassus' freundliches Gesicht. �Und der Triumph?�</p><p>�Ich pers�nlich bin zutiefst davon �berzeugt, dass du diese Ehre verdient hast. Wie du aber sicher wei�t, so ist Voraussetzung f�r einen Triumph, dass durch die betreffende milit�rische Aktion dem Staat neues Herrschaftsgebiet hinzugef�gt wurde. Der Senat hat �ber �hnliche F�lle schon beraten. Offenbar reicht es nicht aus, lediglich zuvor verloren�gegangenes�Territorium zur�ckzugewinnen. Auch Fulvius hat man, nachdem Capua zu Hannibal �bergelaufen war und er die Stadt zur�ckerobert hatte, keinen Triumph zugestanden.� Cicero erl�uterte ihm all dies mit scheinbar tief empfundenem Bedauern.</p><p>�Das sind doch Formalit�ten, meinst du nicht auch? Wenn Pompeius Konsul werden kann, ohne auch nur eine einzige der notwendigen Voraussetzungen zu erf�llen, warum kann man mir nicht wenigstens einen Triumph zugestehen? Ich wei�, dass dir die Schwierigkeiten eines milit�rischen Kommandos nicht gel�ufig sind. Oder auch die des Milit�rdienstes ganz allgemein�, f�gte er hintersinnig hinzu. �Aber du wirst mir sicher darin zustimmen, dass ich alle anderen Voraussetzungen erf�llt habe. Ich habe im Feld f�nftausend Feinde get�tet, habe unter den Auspizien der G�tter gek�mpft, wurde von den Legionen zum Imperator ausgerufen, habe die Provinz befriedet und bin mit allen Truppen zur�ckgekehrt. Wenn jemand mit Einfluss, so wie du, einen Antrag im Senat einbringen w�rde, dann w�rde ich mich sehr gro�z�gig zeigen.�</p><p>Es entstand eine lange Pause, in der ich mich fragte, wie Cicero sich aus diesem Dilemma befreien w�rde.</p><p><emphasis>�Da drau�en,</emphasis> Imperator, das ist dein Triumph!�, sagte er pl�tzlich und deutete in Richtung Via Appia. <emphasis>�Das</emphasis> ist das Monument f�r einen Mann wie dich! Solange R�mer Zungen haben werden, um zu sprechen, werden sie sich an Crassus erinnern als den Mann, der �ber eine Strecke von dreihundertf�nfzig Meilen, an Kreuzen im Abstand von einhundertsiebzehn Schritten, sechstausend Sklaven gekreuzigt hat. Kein anderer unserer gro�en Gener�le wird jemals etwas �hnliches vollbracht haben. Scipio Afficanus, Pompeius, Lucullus ...� Cicero machte eine ver�chtliche Handbewegung. �Keiner von denen w�re jemals nur auf die <emphasis>Idee</emphasis> gekommen.�</p><p>Cicero lehnte sich zur�ck und schaute Crassus l�chelnd ins Gesicht. Crassus erwiderte das L�cheln. Die Zeit verstrich. Ich sp�rte, wie mir der Schwei� den R�cken hinunterlief. Die beiden fochten einen Wettbewerb aus: Wer w�rde als Erster aufh�ren zu l�cheln? Schlie�lich stand Crassus auf und streckte Cicero die Hand hin. �Ich danke dir f�r deinen Besuch junger Freund�, sagte er.</p><p>Als der Senat wenige Tage sp�ter zusammenkam, um die Ehrungen festzulegen, stimmte Cicero mit der Mehrheit gegen einen Triumph f�r Crassus. Stattdessen musste sich der Bezwinger von Spartacus mit einer Ovation zufriedengeben, eine in jeder Beziehung zweitklassige Ehrung. Er z�ge nicht in einem von vier Pferden gezogenen Triumphwagen in die Stadt ein, sondern w�rde zu Fu� gehen m�ssen; statt schmetternder Trompeten g�be es tr�llernde Fl�ten, statt einem Kranz aus Lorbeer nur einen aus Myrte. �Wenn der Mann nur einen Funken Ehre im Leib hat�, sagte Cicero, �dann lehnt er ab.� Fast �berfl�ssig zu erw�hnen, dass Crassus' Zusage dem Senat kurze Zeit sp�ter vorlag.</p><p>Als man zu den Ehrungen f�r Pompeius kam, bediente sich Afranius eines schlauen Man�vers. Er nutzte seinen Rang als Pr�tor, um schon zu Beginn der Debatte das Wort zu ergreifen und zu verk�nden, dass Pompeius in Demut und Dankbarkeit jede Ehrung, die das Haus ihm gew�hre, akzeptieren w�rde: Er tr�fe morgen mit zehntausend Mann vor den Toren der Stadt ein und hoffe, so vielen Senatoren wie m�glich pers�nlich zu danken. <emphasis>Zehntausend Mann?</emphasis> Nach dieser Ank�ndigung erschien es den Aristokraten nicht mehr ratsam, den Eroberer Spaniens �ffentlich zu br�skieren. Per einstimmigem Votum wurden die Konsuln angewiesen, Pompeius, so bald es diesem m�glich sei, ihre Aufwartung zu machen und einen uneingeschr�nkten Triumph anzubieten.</p><p>Am n�chsten Morgen kleidete sich Cicero mit noch gr��erer Sorgfalt als �blich und besprach sich dann mit Quintus und Lucius, wie weit er bei den bevorstehenden Unterredungen mit Pompeius gehen solle. Er entschied sich f�r die forsche Variante. Im n�chsten Jahr w�rde er sechsunddrei�ig Jahre alt werden, das Mindestalter, um sich in Rom f�r das Amt eines der vier �dilen zu bewerben, die jedes Jahr neu gew�hlt wurden. Der Aufgabenbereich des Amtes - Unterhalt der �ffentlichen Geb�ude, Aufrechterhaltung der �ffentlichen Ordnung, Ausrichtung von Spielen, Ausstellung von Handelslizenzen etc. - konnte Cicero dabei helfen, seine politische Gefolgschaft weiter auszubauen. Die drei M�nner einigten sich darauf, dass Cicero Pompeius bitten w�rde, seine Kandidatur zum �dil zu unterst�tzen. �Ich glaube, das habe ich mir verdient�, sagte Cicero.</p><p>Nachdem das erledigt war, mischten wir uns unter die riesige Menschenmenge, die Richtung Westen zum Marsfeld dr�ngte. Es ging das Ger�cht, dass Pompeius dort seine Legionen halten lassen wolle. (Es war Gesetz, zumindest in jenen Tagen, dass man innerhalb der heiligen Mauern Roms kein milit�risches <emphasis>Imperium</emphasis> aus�ben konnte. Wollten also Crassus und Pompeius das Kommando �ber ihre Armeen behalten, so waren sie gen�tigt, ihre Intrigen von au�erhalb der Stadttore zu steuern.) Jeden interessierte brennend, wie der gro�e Mann aussah. Seit fast sieben Jahren hatte der r�mische Alexander, wie seine Anh�nger Pompeius nannten, auf fernen Schlachtfeldern gek�mpft. Die einen fragten sich, wie sehr er sich wohl ver�ndert hatte, die anderen - zu denen ich geh�rte - hatten ihn �berhaupt noch nie gesehen. Cicero hatte schon von Palicanus erfahren, dass Pompeius sein Hauptquartier in der Villa Publica aufzuschlagen gedenke, dem G�stehaus der Regierung gleich neben dem abgesperrten Gel�nde f�r die Stimmabgabe. Dorthin waren Cicero, Quintus, Lucius und ich unterwegs.</p><p>Die Villa wurde von einer doppelten Postenkette Soldaten abgeriegelt, und als wir uns schlie�lich durch die Menge bis zur �u�eren Mauer durchgek�mpft hatten, wurde uns gesagt, dass ohne Zugangsberechtigung niemand auf das Grundst�ck d�rfe. Cicero war �u�erst beleidigt, dass keiner der Wachposten je von ihm geh�rt hatte, und wir konnten von Gl�ck sagen, dass zuf�llig Palicanus auftauchte, der seinen Schwiegersohn, den Legionskommandeur Gabinius, holen lie�, der dann f�r uns b�rgte. Auf dem Gel�nde stellten wir fest, dass sich schon die H�lfte des offiziellen Roms unter den schattigen Kolonnaden dr�ngte. Die Luft so nah' an der Macht knisterte vor Spannung. �Wie Wespen am Honigtopf�, sagte Cicero.</p><p>�Pompeius Magnus ist heute Nacht eingetroffen�, erkl�rte Palicanus und f�gte in feierlichem Ton hinzu: �Die Konsuln sind gerade bei ihm.� Er versprach uns, Bescheid zu geben, sobald er mehr w�sste, und eilte dann wichtigtuerisch zwischen den Wachposten hindurch ins Haus.</p><p>Mehrere Stunden vergingen, ohne dass Palicanus wieder auftauchte. Wir sahen Kuriere ein und aus gehen, sahen mit knurrenden M�gen, wie Speisen geliefert wurden, sahen, wie die Konsuln die Villa verlie�en und die gro�en alten M�nner Catulus und Isauricus eintrafen. Ebenfalls wartende Senatoren, die glaubten, Cicero als leidenschaftlicher Parteig�nger Pompeius' geh�re zu dessen innerem Beraterkreis, fragten ihn immer wieder, was denn da vor sich gehe. �Alles zu seiner Zeit�, sagte Cicero. �Alles zu seiner Zeit.� Schlie�lich muss ihm diese floskelhafte Antwort wohl selbst peinlich gewesen sein, denn er schickte mich los, ihm einen Hocker zu besorgen. Als ich zur�ckkam, stellte er den Hocker an eine S�ule, setzte sich, lehnte sich zur�ck und schloss die Augen. Am Nachmittag traf Hortensius ein, der sich durch die von Soldaten zur�ckgehaltenen Gaffer dr�ngte und sofort vorgelassen wurde. Als wenig sp�ter auch die drei Metellus-Br�der eingelassen wurden, konnte selbst Cicero nicht mehr umhin, dies als Dem�tigung aufzufassen. Sein Bruder Quintus eilte davon, um im Umkreis des Senatsgeb�udes vielleicht das eine oder andere Ger�cht aufzuschnappen. W�hrenddessen wanderte Cicero in den Kolonnaden nerv�s auf und ab und schickte mich zum zwanzigsten Mal los, um Palicanus oder Afranius oder Gabinius oder wen auch immer aufzutreiben, der ihm Zugang zu der Konferenz verschaffen k�nnte.</p><p>Ich ging vor dem umlagerten Eingang auf und ab und stellte mich gelegentlich auf die Zehenspitzen, um �ber das Gewirr aus K�pfen hinwegzusehen. Als ein Kurier die Villa verlie�, sah ich durch die halb offene T�r wei� gekleidete Gestalten, die lachend und plaudernd um einen schweren Marmortisch herumstanden, der mit Schriftst�cken �bers�t war. Dann wurde ich von einem Tumult auf der Stra�e abgelenkt. Menschen riefen �Heil Imperator!� Jubel brandete auf, das Tor wurde aufgerissen, und flankiert von seinen Leibw�chtern erschien Crassus. Er nahm den mit Federn geschm�ckten Helm ab, gab ihn einem seiner Liktoren, wischte sich die Stirn ab und schaute sich um. Sein Blick fiel auf Cicero. Er neigte leicht den Kopf und l�chelte ihn, wie es seine Art war, unbefangen an. Ich glaube, dass dies einer der seltenen Momente war, in denen ich Cicero vollkommen sprachlos sah. Dann warf sich Crassus - auf ziemlich majest�tische Weise, muss ich zugeben - den scharlachroten Umhang �ber die Schulter und betrat mit festem Schritt die Villa Publica, w�hrend Cicero sich kraftlos auf seinen Hocker fallen lie�.</p><p>Immer wieder ist mir dieser merkw�rdige Aspekt der Macht aufgefallen: Wenn man ihr k�rperlich am n�chsten ist, wei� man oft am wenigsten, was sich gerade abspielt. Zum Beispiel habe ich erlebt, wie Senatoren sich gen�tigt sahen, den Senatssaal zu verlassen und ihre Sklaven auf den Gem�semarkt zu schicken, um zu erfahren, was in der von ihnen vermeintlich regierten Stadt eigentlich vorging. Oder ich habe von Gener�len geh�rt, die trotz zahlreicher Legaten und Kundschafter gezwungen waren, vorbeikommende Sch�fer abzufangen, um sich das Neueste vom Schlachtfeld erz�hlen zu lassen. So erging es an jenem Nachmittag auch Cicero, der von dem Raum, in dem Rom tranchiert wurde wie ein Brath�hnchen, keine zehn Schritte entfernt auf einem Hocker sa� und sich von Quintus berichten lassen musste, was der von einem Beamten auf dem Forum erfahren und was dieser wiederum von einem Senatsschreiber geh�rt hatte.</p><p>�Sieht schlecht aus�, sagte Quintus, obwohl man das schon an seinem Gesichtsausdruck ablesen konnte. �Pompeius Konsul, die Rechte des Volkstribunats wiederhergestellt, kein Widerstand der Aristokratie. Als Gegenleistung - und jetzt pass auf - <emphasis>als Gegenleistung</emphasis> Hortensius und Quintus Metellus mit voller R�ckendeckung durch Pompeius Konsuln im n�chsten Jahr. Abl�sung von Verres als Statthalter von Sizilien, neuer Statthalter Lucius Metellus - <emphasis>Lucius Metellus!</emphasis> Und jetzt der Gipfel: Crassus - <emphasis>Crassus! -</emphasis> zweiter Konsul neben Pompeius, Aufl�sung beider Armeen am Tag des Amtsantritts.�</p><p>�Aber ich h�tte dabei sein m�ssen�, sagte Cicero und starrte tief best�rzt zur Villa. <emphasis>�Ich h�tte dabei sein m�ssen!�</emphasis></p><p>�Marcus�, sagte sein Bruder mit trauriger Stimme und legte ihm die Hand auf die Schulter. �Keiner von denen wollte, dass du dabei bist.�</p><p>Wie bet�ubt war Cicero angesichts des Ausma�es des Umschwungs - er selbst ausgeschlossen, seine Feinde belohnt, Crassus zum Konsul bef�rdert. Doch dann sch�ttelte er sich, stand auf und ging w�tend Richtung T�r. Vielleicht h�tte einer von Pompeius' Wachsoldaten seiner politischen Karriere nur wenige Sekunden sp�ter durch das Schwert ein Ende gesetzt, denn ich glaube, in seiner Verzweiflung war er damals fest entschlossen, sich den Weg zum Verhandlungstisch zu erzwingen und seinen Anteil einzufordern. Doch es war schon zu sp�t. Die m�chtigen M�nner hatten ihren Handel besiegelt und verlie�en gerade die Villa. Ihre hektischen Berater kamen als Erste, dann die Wachen, die auf den Boden stampften, als ihre Herren durch die T�r traten. Crassus erschien als N�chster, dann trat Pompeius aus dem Halbdunkel. Alle wussten sofort, wen sie vor sich hatten. Nicht nur wegen der Aura der Macht, die die Luft bei jeder seiner Bewegungen aufzuladen schien, sondern auch wegen seiner Z�ge. Er hatte ein breites Gesicht mit weit auseinanderstehenden Backenknochen und dichtes, welliges Haar, das sich zu einer Tolle aufschwang, die an den Bug eines Schiffes erinnerte. Das Gesicht strahlte Gewicht und F�hrungskraft aus, es passte zu den breiten Schultern und dem kr�ftigen Brustkorb. Er hatte den Oberk�rper eines Ringers. Mir war jetzt klar, warum man ihn in seiner Jugend, als er f�r seine Skrupellosigkeit ber�hmt war, <emphasis>den jungen Schl�chter</emphasis> genannt hatte.</p><p>Und so defilierten sie an uns vor�ber, der <emphasis>alte Glatzkopf</emphasis> und <emphasis>der junge Schl�chter.</emphasis> Ohne ein Wort zu wechseln, ohne sich auch nur anzuschauen, gingen sie auf das Tor zu, das sich f�r sie �ffnete. Sofort setzten sich die Senatoren in Bewegung und hefteten sich an ihre Fersen, und auch wir wurden mit der Menge auf den Platz vor der Villa Publica hinausgeschwemmt und prallten dort auf eine Wand aus Hitze und L�rm. Es waren sicher zwanzigtausend Menschen, die sich an jenem Nachmittag auf dem Marsfeld versammelt hatten und die jetzt in lautstarken Jubel ausbrachen. Soldaten, die sich an den Ellbogen untergehakt hatten und mit den F��en in den Staub stemmten, hielten die Menge zur�ck und machten eine schmale Gasse frei. Sie war gerade breit genug, dass Pompeius und Crassus Seite an Seite durch sie hindurchgehen konnten. Da wir ganz hinten in der Prozession mitschwammen, konnte ich ihren Gesichtsausdruck nicht sehen und auch nicht, ob sie inzwischen miteinander sprachen. Langsam bewegten sie sich auf das Podium zu, auf dem sich am Wahltag nach altem Brauch die W�rdentr�ger versammelten. Pompeius stieg unter erneut aufbrandendem Beifall als Erster auf das Podium, blieb dort eine Weile stehen, wandte sein breites, strahlendes Gesicht mal hierhin, mal dorthin und genoss den Jubel wie eine sich in der Sonne aalende Katze die W�rme. Dann beugte er sich nach unten und half Crassus aufs Podium. Bei dieser Demonstration der Einigkeit zwischen den beiden notorischen Rivalen brach die Menge erneut in Jubel aus, der sogar noch anschwoll, als Pompeius Crassus' Hand nahm und in die H�he reckte.</p><p>�Was f�r ein ekelerregendes Schauspiel.� Cicero musste mir die Worte ins Ohr br�llen, damit ich ihn �berhaupt verstand. �Ein Konsulat, das gefordert und unter Zwang bewilligt wurde. Wir sind Zeuge des Anfangs vom Ende der Republik, Tiro. Denk an meine Worte!� Unwillk�rlich ging mir der Gedanke durch den Kopf, h�tte <emphasis>er</emphasis> an der Konferenz teilgenommen und die gemeinsame Kandidatur mit eingef�delt, dann h�tte er dieses Arrangement als meisterliche Staatskunst gepriesen.</p><p>Pompeius brachte die Menge mit einer Handbewegung zum Verstummen und begann mit seiner Exerzierplatzstimme zu sprechen. �Menschen von Rom, die F�hrer des Senats haben mir das gro�m�tige Angebot unterbreitet, einen Triumph abzuhalten, ein Angebot, das ich mit Freuden annehme. Sie haben mir ebenfalls die Erlaubnis erteilt, mich f�r das Amt des Konsuls zu bewerben, eine Erlaubnis, die ich gleichfalls mit Freuden wahrnehmen werde. Was mich jedoch mit noch gr��erer Freude erf�llt, ist die Tatsache, dass mein alter Freund Marcus Licinius Crassus mich in das Amt begleiten wird.� Er schloss mit dem Versprechen, dass er im n�chsten Jahr zu Ehren seiner Siege in Spanien gro�e Spiele veranstalten und dass er diese Herkules weihen werde.</p><p>Tja, zweifellos gut gew�hlte Worte, allerdings viel zu schnell vorgetragen. Er verga� die n�tige Pause nach jedem Satz, was bedeutete, dass die wenigen, die seine Worte verstanden hatten, diese nicht f�r die hinter ihnen Stehenden, denen dies nicht m�glich gewesen war, wiederholen konnten. Ich bezweifle, dass mehr als ein paar Hundert aus dieser riesigen Menschenmenge ihn �berhaupt verstanden hatten. Wie auch immer, die Menge jubelte, und sie jubelte noch mehr, als Crassus, gerissen wie er war, Pompeius umgehend die Schau stahl.</p><p>�Hiermit gelobe ich feierlich�, sagte er mit der dr�hnenden Stimme des ge�bten Redners, �dass ich zu Pompeius' Spielen ... am ersten Tag von Pompeius' Spielen ... ein Zehntel meines Verm�gens ... ein Zehntel meines <emphasis>gesamten</emphasis> Verm�gens ... zum Kauf f�r Essen und Trinken zugunsten der Menschen von Rom zur Verf�gung stellen werde ... f�r jeden von euch freies Essen und <emphasis>Trinken f�r drei Monate ...</emphasis> und ein gro�es Bankett in den Stra�en ... ein Bankett f�r jeden B�rger Roms ... ein Bankett zu Ehren von Herkules!�</p><p>Die Menge steigerte sich in einen Jubeltaumel. �Dieser Schurke�, sagte Cicero. �Ein Zehntel seines Verm�gens, das sind zwanzig Millionen an Bestechungsgeld! Trotzdem ein g�nstiger Preis. Schau ihn dir an, Tiro, wie er seine schwache Position in eine starke verwandelt. Damit hast du wohl nicht gerechnet, was?�, rief er Palicanus entgegen, der sich vom Podium zu uns durchk�mpfte. �Jetzt hat er sich schon auf eine Stufe mit Pompeius gestellt. Ihr h�ttet ihm nie diese B�hne bieten d�rfen.�</p><p>�Der Imperator m�chte dich sprechen�, sagte Palicanus mit atemloser Stimme. �Er will sich pers�nlich bei dir bedanken.� Ich sp�rte, dass Cicero mit sich rang, aber Palicanus lie� nicht locker, zupfte ihn beharrlich am �rmel, und schlie�lich gab er nach. Wahrscheinlich wollte er wenigstens etwas von diesem Tag retten.</p><p>�Will er eine Rede halten?�, rief Cicero, als wir uns mit Palicanus zum Podium durchdr�ngelten.</p><p>�Er h�lt eigentlich nie Reden�, sagte Palicanus �ber die Schulter. �Jedenfalls noch nicht.�</p><p>�Das ist ein Fehler. Die Leute erwarten, dass er zu ihnen spricht.�</p><p>�Tja, dann werden sie wohl sehr entt�uscht sein.�</p><p>�Was f�r eine Verschwendung�, fl�sterte mir Cicero ehrlich entr�stet zu. �Was w�rde ich f�r so ein Publikum nicht alles geben! Wie oft kommen schon so viele W�hler an einem einzigen Ort zusammen?�</p><p>Aber Pompeius hatte kaum Erfahrung als �ffentlicher Redner. Au�erdem war er es gewohnt, M�nnern zu befehlen, nicht, ihnen zu schmeicheln. Er winkte den Menschen ein letztes Mal zu und stieg dann vom Podium. Crassus folgte seinem Beispiel, und der Applaus verebbte allm�hlich. Es war deutlich sp�rbar, wie die Stimmung abk�hlte. Die Leute standen da und wussten nicht recht, was sie tun sollten. �Was f�r eine Verschwendung�, wiederholte Cicero. �Was h�tte ich ihnen f�r ein Spektakel geboten.�</p><p>Hinter dem Podium befand sich ein kleiner abgeschlossener Bereich, wo sich am Wahltag nach altem Brauch die Magistrate versammelten, bevor sie das Podium bestiegen, um ihres Amtes zu walten. Palicanus f�hrte uns an den Wachen vorbei, und kurz darauf erschien Pompeius. Ein junger schwarzer Sklave reichte ihm ein Tuch, womit er sich den Schwei� von Gesicht und Nacken wischte. Ein Dutzend Senatoren standen schon bereit, um ihn zu begr��en, und Palicanus schob Cicero unter die Wartenden und zog sich dann mit Quintus, Lucius und mir zur�ck. Pompeius, gefolgt von Afranius, der ihm die Namen zufl�sterte, schritt die Reihe ab und sch�ttelte jedem Senator die Hand. �Sehr erfreut�, sagte Pompeius. �Sehr erfreut. Sehr erfreut.� Als er n�her kam, konnte ich ihn mir genauer ansehen. Er hatte edle Z�ge, keine Frage, gleichzeitig offenbarte das rundliche Gesicht aber eine absto�ende Eitelkeit, und seine pomp�se, zerstreute Art verst�rkte noch den Eindruck, dass es ihn augenscheinlich langweilte, all diese �den Zivilisten treffen zu m�ssen. Schnell hatte er Cicero erreicht.</p><p>�Marcus Cicero, Imperator�, sagte Afranius.</p><p>�Sehr erfreut.�</p><p>Er wollte schon weitergehen, als Afranius ihn am Ellbogen ber�hrte und fl�sterte: �Cicero ist einer der herausragenden Advokaten unserer Stadt, er war uns im Senat von gro�em Nutzen.�</p><p>�Tats�chlich? Nun, ich hoffe, du leistest auch weiterhin so gute Arbeit.�</p><p>�Das werde ich�, sagte Cicero schnell. �Ich hoffe, im n�chsten Jahr das Amt des �dils bekleiden zu k�nnen.�</p><p>��dil?� Bereits der Gedanke schien Pompeius zu belustigen. �Nein, nein, das glaube ich kaum. In dieser Richtung habe ich schon andere Pl�ne. Aber ich bin sicher, dass wir f�r einen f�higen Anwalt immer eine Verwendung finden.�</p><p>Und dann ging er tats�chlich weiter - <emphasis>Sehr erfreut</emphasis>.<emphasis>.. Sehr erfreut... -</emphasis> und lie� den starr geradeaus blickenden, schwer schluckenden Cicero einfach stehen.</p></section><section><title><p id="_bookmark7">KAPITEL V</p></title><p>W�hrend all der Jahre in seinen Diensten erlebte ich in jener Nacht zum ersten und zum letzten Mal, dass Cicero zu viel trank. Ich h�rte, wie er sich beim Abendessen mit Terentia stritt. Und das war keiner von den geistreichen, in eisiger H�flichkeit ausgetragenen Dispute wie sonst, sondern ein l�rmendes Spektakel, das durch das ganze Haus hallte. Wie hatte er nur so dumm sein k�nnen, einem so offensichtlich ehrlosen Haufen sein Vertrauen zu schenken - Figuren aus Picenum, die nicht mal richtige R�mer waren! �Aber du bist ja selbst kein richtiger R�mer, was soll man da erwarten ...� Dieser Seitenhieb auf seine niedere l�ndliche Herkunft ging ihm nach wie vor unter die Haut. Es verhie� nichts Gutes, dass ich seine leise, offenbar b�sartige Erwiderung darauf nicht verstand. Was immer er auch sagte, es muss verheerend gewesen sein, denn Terentia - keine Frau, die man leicht aus der Fassung bringen konnte - st�rzte weinend aus dem Speisezimmer und verschwand nach oben.</p><p>Ich hielt es f�r das Beste, ihn in Ruhe zu lassen. Eine Stunde sp�ter jedoch h�rte ich ein splitterndes Ger�usch, lief ins Speisezimmer und sah, wie Cicero schwankend dastand und die Scherben eines zerbrochenen Tellers auf dem Boden anstarrte. Die Vorderseite seiner Tunika war mit Weinflecken besudelt. �Mir ist �bel�, sagte er.</p><p>Ich nahm seinen Arm auf meine Schulter und half ihm nach oben - keine leichte Aufgabe, da er schwerer war als ich. Ich legte ihn aufs Bett und zog ihm die Schuhe aus. �Scheidung�, brummte er in sein Kissen. �Scheidung, das ist die einzige L�sung, Tiro, auch wenn ich dann aus dem Senat ausscheiden muss, weil ich es mir nicht mehr leisten kann. Was soll's? Kein Mensch wird mich vermissen. Halt noch ein <emphasis>homo novus,</emphasis> der es nicht geschafft hat. Ach, Tiro, mein lieber Tiro!� Mir gelang es gerade noch, ihm seinen Nachttopf unters Kinn zu halten, bevor er sich �bergab. Mit herunterh�ngendem Kopf sprach er in sein Erbrochenes. �Wir gehen nach Athen, mein Freund, ziehen zu Atticus und studieren Philosophie. Kein Mensch wird uns hier vermissen ...� Die letzten Worte gingen in einem langen selbstmitleidigen Plappern aus vernuschelten Silben und zischenden Konsonanten unter, die ich mit keinem meiner Kurzschriftzeichen h�tte wiedergeben k�nnen. Ich stellte den Topf neben das Bett, blies die Lampe aus, und noch bevor ich die T�r erreichte, h�rte ich ihn schon schnarchen. Ich gestehe, dass ich mir Sorgen um ihn machte, als ich mich an jenem Abend schlafen legte.</p><p>Am n�chsten Tag jedoch wurde ich wie �blich kurz vor Sonnenaufgang von den Ger�uschen seiner Morgen�bungen geweckt. Er bewegte sich vielleicht etwas langsamer als sonst, aber schlie�lich war es Hochsommer und furchtbar fr�h, und er hatte gerade mal ein paar Stunden geschlafen. Aber so war er: Fehlschl�ge befeuerten seinen Ehrgeiz. Nach jeder erlittenen Dem�tigung erlosch vor�bergehend das Feuer in ihm, um dann umso heftiger wieder aufzulodern - ob in seinen fr�hen Tagen als Anwalt, wenn ihn sein K�rper im Stich gelassen hatte, ob nach seiner R�ckkehr aus Sizilien oder jetzt nach Pompeius' r�der Abfuhr.</p><p>�Ausdauer ist alles�, pflegte er zu sagen. �Mit Genialit�t kommt man nicht nach oben. Rom ist voll von verkannten Genies. Nur mit Ausdauer kommt man in dieser Welt vorw�rts.� Ich h�rte, wie er sich f�r einen weiteren Tag des Kampfes im r�mischen Senat vorbereitete, und sp�rte, wie sich der alte, vertraute Rhythmus im Haus wieder einstellte. Ich zog mich an, entz�ndete die Lampen, wies den T�rw�chter an, die Haust�r zu �ffnen, kontrollierte die Besucher. Dann ging ich in Ciceros Arbeitszimmer und �bergab ihm die Namensliste. Weder da noch zu einem sp�teren Zeitpunkt fiel jemals wieder ein Wort �ber die Ereignisse vom Abend zuvor, und ich nehme an, dass uns das einander n�herbrachte. Sicher, er sah ein bisschen gr�nlich aus und musste, als er die Namen durchging, die Augen zusammenkneifen, aber ansonsten machte er einen vollkommen normalen Eindruck. �Sthenius!�, st�hnte er auf, als er den Namen des Siziliers entdeckte, der sich wie �blich unter den Wartenden im Tablinum befand. �M�gen die G�tter uns gn�dig sein!�</p><p>�Er ist nicht allein�, warnte ich ihn. �Er hat noch zwei Landsleute mitgebracht.�</p><p>�Du meinst, jetzt vermehrt er sich schon?� Hustend r�usperte er sich. �Also los, dann. Schick ihn als Ersten rein, damit wir ihn endlich ein f�r alle Mal loswerden.�</p><p>Wie in einem immer wiederkehrenden Traum, aus dem man nie erwacht, f�hrte ich Sthenius aus Thermae einmal mehr in Ciceros Arbeitszimmer.</p><p>Seine Begleiter stellte er als Heraclius aus Syrakus und Epicrates aus Bidis vor. Es waren alte M�nner, die wie Sthenius im dunklen Trauergewand und mit ungepflegten Haaren und B�rten erschienen.</p><p>�Ein f�r alle Mal, Sthenius�, sagte Cicero mit entschlossener Stimme, nachdem er dem grimmig dreinblickenden Trio die Hand gesch�ttelt hatte. �Das muss jetzt ein Ende haben.�</p><p>Aber Sthenius lebte schon in jenem fremdartigen, weit entfernten K�nigreich des obsessiv Prozessf�hrenden, in das Ger�usche von au�en nur noch selten eindringen. �Vielen Dank, dass du mich empf�ngst, Senator. Ich bin jetzt im Besitz der Gerichtsakten aus Syrakus, sodass du dich selbst davon �berzeugen kannst, was dieses Monster mir angetan hat.� Er zog ein St�ck Papier aus seiner Ledertasche und dr�ckte es Cicero in die Hand. �Das ist das Schriftst�ck, das vor dem Urteil der Volkstribunen ausgefertigt wurde. Und das hier�, sagte er und zog ein zweites Papier aus der Tasche, �ist das Schriftst�ck, das danach verfasst wurde.�</p><p>Seufzend hielt Cicero die beiden Dokumente nebeneinander und �berflog sie mit zusammengekniffenen Augen. �Und, was soll das? Das ist das offizielle Urteil aus deinem Verratsprozess. Hier steht, dass du w�hrend der Verhandlung anwesend warst. Wir wissen beide, dass das Unsinn ist. Und das hier ...� Er sprach jetzt langsamer, weil ihm allm�hlich d�mmerte, was das, was er da las, eigentlich bedeutete. �Und das hier stellt fest, dass du <emphasis>nicht</emphasis> anwesend warst.� Er hob den Kopf, und seine verhangenen Augen begannen sich aufzuklaren. �Verres hat also seine eigenen Prozessakten gef�lscht, und dann hat er seine eigene F�lschung noch mal gef�lscht.�</p><p>�Genau!�, schrie Sthenius. �Nachdem du mich dem Volkstribunat pr�sentiert hattest, da hat ganz Rom gewusst, dass ich nicht am ersten Dezember in Syrakus gewesen sein konnte. Also musste Verres den Beweis f�r seine L�ge vernichten. Aber das erste Schriftst�ck war schon auf dem Weg zu mir.�</p><p>�Gut, gut�, sagte Cicero. �Vielleicht macht er sich doch gr��ere Sorgen, als wir annahmen. Und hier lese ich noch, dass du an jenem Tag von einem Verteidiger vertreten wurdest: &gt;Gaius Claudius, Sohn des Gaius Claudius aus dem Wahlbezirk Palatina.&lt; Du Gl�cklicher, du hattest da unten deinen eigenen r�mischen Rechtsanwalt. Wer ist dieser Gaius Claudius?�</p><p>�Er f�hrt die Gesch�fte von Verres.�</p><p>Cicero musterte Sthenius. �Was hast du da noch in deiner Tasche?�, fragte er.</p><p>Und dann ergoss sich an jenem hei�en Sommermorgen der gesamte Inhalt von Sthenius' Tasche �ber den Boden von Ciceros Arbeitszimmer: Briefe, Namen, Ausschnitte aus offiziellen Akten, hingekritzelte Notizen �ber Ger�chte, Klatsch und Tratsch. Sieben Monate Arbeit von drei w�tenden, verzweifelten M�nnern, denn es stellte sich heraus, dass Verres auch Heraclius und Epicrates um ihr Verm�gen gebracht hatte - im Wert von sechzigtausend Sesterzen den einen, von drei�igtausend den anderen. In beiden F�llen hatte Verres sein Amt dazu missbraucht, mit falschen Vorw�rfen unrechtm��ige Schuldspr�che zu erwirken. Heraclius und Epicrates waren ungef�hr zur gleichen Zeit ausgepl�ndert worden wie Sthenius. Beide waren bis zu jener Zeit die fuhrenden Pers�nlichkeiten in ihren Gemeinden und mussten v�llig mittellos von der Insel fliehen und Zuflucht in Rom suchen. Sie hatten von Sthenius' Auftritt vor den Volkstribunen erfahren, hatten ihn ausfindig gemacht und ihm vorgeschlagen, gemeinsam gegen Verres vorzugehen.</p><p>�Als Einzelopfer waren sie schwach�, sagte Cicero Jahre sp�ter, wenn er von dem Fall erz�hlte. �Aber nachdem sie sich zusammengetan hatten, merkten sie schnell, dass sie pl�tzlich �ber ein Netzwerk aus Kontakten verf�gten, das sich �ber die gesamte Insel erstreckte: Thermae im Norden, Bidis im S�den, Syrakus im Osten. Diese M�nner waren von Natur aus scharfsinnig, durch Erfahrung schlau und durch Bildung kultiviert. Ihre Landsleute offenbarten ihnen die Geheimnisse ihrer Leiden, was sie gegen�ber einem r�mischen Senator nie getan h�tten.�</p><p>Nach au�en machte Cicero immer noch den Eindruck des gelassenen Advokaten. Als die Sonne schlie�lich aufgegangen war und ich die Lampen ausgeblasen hatte, schaute er sich die einzelnen Dokumente noch einmal an. Ich sp�rte seine wachsende Erregung. Hier hatte er die beeidigte Erkl�rung von Dio aus Halaesa, dem Verres f�r einen Freispruch zehntausend Sesterzen abgepresst, alle Pferde und Wandteppiche sowie alles Gold- und Silberzeug geraubt hatte. Dann die schriftlichen Aussagen von Priestern mit einer Liste der Objekte, die man aus ihren Tempeln gestohlen hatte: eine Bronzestatue von Apollo mit silberner Signatur des Bildhauers Myron, ein Geschenk von Scipio vor einhundertf�nfzig Jahren, geraubt aus dem Tempel des Aeskulap in Agrigent; eine Statue der Ceres aus Catina, eine der Victoria aus Henna; der gesamte Inhalt des altert�mlichen JunoTempels auf Malta. Hier die Aussagen von Bauern aus Herbita und Agyrium, die Verres' Agenten Schutzgeld gezahlt hatten, nachdem diese ihnen gedroht hatten, sie auszupeitschen. Dann die Geschichte des erbarmungsw�rdigen Sopater aus Tyndaris, den Verres' Liktoren mitten im Winter vor aller Augen nackt an eine Ritterstatue gefesselt hatten, bis er und seine Mitb�rger sich bereit erkl�rten, Verres die wertvolle Bronzestatue des Merkur auszuh�ndigen, die der Gemeinde geh�rte und im �rtlichen <emphasis>gymnasium</emphasis> stand. �Das ist keine Provinz, die Verres da leitet�, murmelte Cicero, �das ist ein durchorganisierter Verbrecherstaat.�</p><p>Mit Einverst�ndnis der drei Sizilier packte ich die Unterlagen zusammen und schloss sie in die Geldtruhe des Senators. �Es ist von entscheidender Bedeutung, dass kein Wort von all dem nach au�en dringt�, sch�rfte Cicero ihnen ein. �Tragt auf jeden Fall weiter Aussagen und Beweise zusammen, aber geht bitte diskret vor. Verres hat schon oft zu Gewalt und Einsch�chterung gegriffen, und wenn er sich sch�tzen muss, wird er es sicher wieder tun. Wir m�ssen den Schurken �berrumpeln.�</p><p>�Bedeutet das, dass du uns hilfst?�, fragte Sthenius, der das kaum zu hoffen gewagt hatte.</p><p>Cicero schaute ihn an, gab ihm aber keine Antwort. </p><p>*</p><p>Als der Senator am Nachmittag von seinen Gerichtsterminen wieder nach Hause kam, machte er sich daran, den Streit mit seiner Frau aus der Welt zu schaffen. Er schickte den jungen Sositheus zu dem alten Blumenmarkt, der sich vor dem Portunus-Tempel auf dem Forum Boarium befand, um einen s�� duftenden Strau� Sommerblumen zu kaufen. Diesen gab er der kleinen Tullia und sagte ihr mit feierlicher Stimme, dass er einen wichtigen Auftrag f�r sie habe. Sie solle ihrer Mutter diesen Strau� bringen und sagen, dass er von einem ungehobelten Bewunderer aus der Provinz stamme. (�Hast du das verstanden, Tulliola? &gt;Von einem ungehobelten Bewunderer aus der Provinz.&lt;�) Stolz nahm sie den Strau� und verschwand in Terentias Zimmer. Die Blumen mussten wohl ihren Zweck erf�llt haben, denn an jenem Abend, als die Liegen -Cicero hatte darauf bestanden - aufs Dach getragen wurden und die Familie unter dem sternenklaren Sommerhimmel zu Abend a�, hatte der Strau� einen Ehrenplatz in der Mitte des Tisches.</p><p>Ich wei� das deshalb, weil Cicero mich nach dem Essen �berraschend nach oben rufen lie�. Es war eine windstille Nacht, kein Lufthauch verwehte die Flammen der Kerzen, und der Duft der Blumen in der warmen Juniluft vermengte sich mit den Ger�uschen des n�chtlichen Roms unten im Tal -mit Musikfetzen und Stimmen, dem Rufen der Nachtw�chter auf dem Argiletum, dem entfernten Bellen der Wachhunde auf dem Gel�nde des Tempels der Kapitolinischen Trias. Lucius und Quintus lachten gerade �ber einen Witz von Cicero, und sogar Terentia konnte nicht ganz verbergen, dass sie sich am�sierte, warf mit einer Serviette nach Cicero und ermahnte ihn scherzhaft, dass es jetzt aber genug sei. (Pomponia war gl�cklicherweise nicht anwesend, sie besuchte ihren Bruder in Athen.)</p><p>�Ah, da ist er ja�, sagte Cicero und drehte sich zu mir um. �Tiro, der gewiefteste Politiker von uns allen. Dann kann ich ja nun zur Verk�ndigung schreiten. Es ist nur recht und billig, wenn er das auch h�rt. Also: Ich habe mich entschieden, f�r das Amt des �dils zu kandidieren.�</p><p>�K�stlich!�, rief Quintus lachend, der glaubte, das geh�re noch zu Ciceros Witz. Dann h�rte er pl�tzlich auf zu lachen und sagte verwirrt: �Aber ... was soll daran lustig sein?�</p><p>�Gar nichts. Lustig wird's erst, wenn ich gewinne.�</p><p>�Aber du kannst nicht gewinnen. Du hast doch geh�rt, was Pompeius gesagt hat. Er will nicht, dass du kandidierst.�</p><p>�Wer kandidiert, hat Pompeius nicht zu bestimmen. Wir sind freie B�rger Roms, ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Und ich habe entschieden, mich um das Amt des �dils zu bewerben.�</p><p>�Es hat aber keinen Sinn, anzutreten, Marcus, wenn man sicher verliert. Das ist doch blo� eine von diesen sinnlosen heroischen Gesten, die unser Lucius hier so mag.�</p><p>�Ein Hoch auf sinnlosen Heroismus�, sagte Lucius und hob seinen Becher.</p><p>�Aber gegen Pompeius' Widerstand sind wir chancenlos�, wiederholte Quintus. �Welchen Sinn hat es, sich Pompeius zum Feind zu machen?�</p><p>Worauf Terentia erwiderte: �Nach gestern w�re die richtigere Frage, welchen Sinn es hat, Pompeius zum Freund zu haben.�</p><p>�Terentia hat recht�, sagte Cicero. �Der Vorfall von gestern war mir eine Lehre. Angenommen, ich h�nge die n�chsten ein, zwei Jahre an Pompeius' Lippen und mache den Laufburschen f�r ihn, immer in der Hoffnung, dass er mir irgendwann mal seine Gunst erweist. Der Senat ist voll von solchen M�nnern - ohne Hoffnung, alt geworden beim Warten darauf, dass die halbherzig gegebenen Versprechen, die man ihnen gemacht hat, erf�llt werden. Ohne dass sie es �berhaupt gemerkt haben, war ihre Chance irgendwann dahin, und sie hatten nichts mehr in der Hand. Eher w�rde ich mich auf der Stelle aus der Politik zur�ckziehen, als das zuzulassen. Wenn du Macht willst, dann musst du sie dir nehmen, wenn die Zeit daf�r reif ist. Und f�r mich ist sie jetzt reif.�</p><p>�Aber wie willst du das schaffen?�</p><p>�Ich werde Gaius Verres wegen Erpressung vor Gericht bringen.�</p><p>Er hatte die Katze aus dem Sack gelassen. Seit dem fr�hen Morgen hatte ich gewusst, dass er es wagen w�rde - und er auch, da bin ich mir sicher. Aber er wollte sich noch etwas Zeit zum Nachdenken geben, wollte pr�fen, ob seine Entscheidung die richtige war. Und er hatte befunden, dass sie absolut richtig war. Ich hatte ihn noch nie entschlossener gesehen. Er sah aus wie ein Mann, der davon �berzeugt war, dass die Kraft der Geschichte in ihm wirkte. Keiner sagte ein Wort.</p><p>�Was ist los mit euch?�, fragte Cicero l�chelnd. �Zieht nicht solche Gesichter. Noch habe ich nicht verloren. Und ich glaube auch nicht, dass ich verlieren werde. Heute Morgen waren die Sizilier da. Die haben erdr�ckendes Beweismaterial gegen Verres zusammengetragen. Fragt Tiro. Liegt alles unter Verschluss in meinem Arbeitszimmer. Stellt euch blo� vor, ich gewinne! Hortensius in offener Gerichtsschlacht geschlagen, der ganze Schwachsinn vom &gt;zweitbesten Advokaten&lt; ein f�r alle Mal erledigt. Angesichts der traditionellen Rechte, die dem siegreichen Ankl�ger zustehen, f�llt mir der Rang des Verurteilten zu. Mit Verres' Schuldspruch genie�e ich im Senat praktisch �ber Nacht den Rang eines Pr�tors - Schluss mit dem ewigen Aufspringen von der Senatsbank, Schluss mit dem Zittern, ob man auch das Wort bekommt. Ich werde mich den r�mischen B�rgern als so unnachgiebig pr�sentieren, dass meine Wahl zum �dil au�er Frage steht. Das Beste daran ist allerdings, dass ich, Cicero, das alles schaffen werde, ohne irgendwem etwas schuldig zu sein, am wenigsten Pompeius Magnus.�</p><p>�Und wenn wir verlieren?�, fragte Quintus, der schlie�lich die Sprache wiedergefunden hatte. �Wir sind Verteidiger, keine Ankl�ger. Du selbst hast das hundertmal gesagt: Freunde macht man sich als Verteidiger, als Ankl�ger macht man sich nur Feinde. Wenn du Verres nicht zu Fall bringst, dann hat er gute Chancen, schlie�lich sogar Konsul zu werden. Und dann wird er keine Ruhe mehr geben, bis er dich vernichtet hat.�</p><p>�Das ist wahr�, gab Cicero zu. �Wenn du einen gef�hrlichen wilden Eber t�ten willst, dann musst du es mit dem ersten Hieb schaffen. Aber wenn du es schaffst ... begreift ihr denn nicht? Auf diese Weise kann ich alles auf einmal erreichen. Stellung, Ruhm, Amt, W�rde, Autorit�t, Unabh�ngigkeit, einen Grundstock an Klienten in Rom und in Sizilien. Dieser eine Hieb kann mir den direkten Weg zum Konsulat ebnen.�</p><p>Das war das erste Mal, dass ich ihn dieses gro�e ehrgeizige Ziel habe aussprechen h�ren. Und dass er sich stark genug glaubte, dieses Wort auszusprechen, war f�r mich Ma�stab seines wiedererwachten Selbstbewusstseins. <emphasis>Das Konsulat.</emphasis> F�r jeden Mann, der im �ffentlichen Leben stand, war das die Apotheose. Die Jahre selbst wurden mit den Namen der jeweils amtierenden Konsuln bezeichnet, sie standen auf allen offiziellen Dokumenten und allen Grundsteinen. Es war auf Erden das, was der Unsterblichkeit am n�chsten kam. An wie vielen Tagen und in wie vielen N�chten seit seiner b�urischen Jugend musste er daran gedacht, davon getr�umt, sich daran geklammert haben? Manchmal ist es t�richt, ein ehrgeiziges Ziel zu fr�h zu �u�ern - es vor der Zeit dem Gel�chter und dem Zweifel der Welt auszusetzen, kann es zerst�ren, noch bevor es richtig geboren ist. Doch manchmal geschieht auch das Gegenteil, und die blo�e Erw�hnung kann es pl�tzlich m�glich, ja sogar glaubhaft erscheinen lassen. So war es an jenem Abend. Als Cicero das Wort �Konsulat� aussprach, rammte er es in den Boden wie ein Banner, das wir fortan alle anbeteten. Einen Augenblick lang sahen wir die Zukunft so hell erstrahlen wie er und erkannten, dass er recht hatte: Brachte er Verres zu Fall, dann h�tte er eine Chance, dann k�nnte er es mit etwas Gl�ck tats�chlich bis zum Gipfel schaffen. </p><p>*</p><p>In den folgenden Monaten gab es viel zu tun, und wie �blich blieb ein Gro�teil davon an mir h�ngen. Als Erstes zeichnete ich ein gro�es Schaubild der W�hlerschaft f�r das �dilat. Zu jener Zeit waren alle B�rger der R�mischen Republik, die in f�nfunddrei�ig Wahlbezirke aufgeteilt war, stimmberechtigt. Cicero geh�rte zum Beispiel zum Bezirk Cornelia, Servius zu Lemonia, Pompeius zu Clustumina und Verres zu Romilia. Die B�rger stimmten auf dem Marsfeld als Mitglieder ihres Bezirks ab, und das Ergebnis jedes Bezirks wurde von den Magistraten verlesen. Die vier Kandidaten, f�r die die meisten Bezirke gestimmt hatten, wurden als Sieger ausgerufen.</p><p>In der Zusammensetzung der W�hlerschaft f�r diese spezielle Wahl lagen f�r Cicero einige Vorteile. Zum einen z�hlte - anders als beim System f�r die Wahl der Pr�toren und Konsuln -unabh�ngig vom Verm�gen des W�hlers jede Stimme gleich viel. Da Ciceros Anh�ngerschaft vor allem aus Gesch�ftsleuten und der gro�en Masse der armen Bev�lkerung bestand, w�rde es den Aristokraten schwerer fallen, seine Wahl zu verhindern. Zum anderen war es relativ einfach, bei dieser W�hlerschaft auf Stimmenfang zu gehen. Jeder Bezirk hatte innerhalb Roms ein eigenes Hauptquartier, ein Geb�ude, das gro� genug war, um darin eine Veranstaltung oder ein Abendessen zu organisieren. Ich durchforstete unsere Unterlagen und erstellte eine nach den jeweiligen Bezirken gegliederte Liste mit allen M�nnern, die Cicero in den letzten sechs Jahren vor Gericht verteidigt oder denen er sonst wie unter die Arme gegriffen hatte. Mit diesen M�nnern nahmen wir Kontakt auf und baten sie, daf�r zu sorgen, dass man den Senator einlud, bei anstehenden Bezirksveranstaltungen eine Rede zu halten. Es ist erstaunlich, wie viele Gef�lligkeiten man nach sechs Jahren unerm�dlicher Anwalts- und Beratert�tigkeit einfordern kann. Ciceros Wahlkampfkalender war bald mit Terminen �berf�llt, und sein ohnehin langer Arbeitstag wurde noch l�nger. Nach getaner Arbeit bei Gericht oder im Senat eilte er nach Hause, nahm ein schnelles Bad, zog sich um und machte sich wieder davon, um eine seiner mitrei�enden Reden zu halten. Ciceros Wahlspruch lautete: �Gerechtigkeit und Reformen�.</p><p>Quintus fungierte wie �blich als Ciceros Wahlkampfleiter, und Lucius wurde mit der Aufgabe betraut, die Klage gegen Verres zu koordinieren. Der Statthalter wurde Ende des Jahres aus Sizilien zur�ckerwartet, worauf er - im Augenblick, da er st�dtischen Boden betrat - sein <emphasis>imperium</emphasis> und damit auch seine Immunit�t vor Strafverfolgung verlieren w�rde. Cicero war entschlossen, bei erster Gelegenheit zuzuschlagen und ihm m�glichst keine Zeit zu lassen, Beweismittel zu beseitigen oder Zeugen einzusch�chtern. Um keinerlei Verdacht aufkommen zu lassen, besuchten die Sizilier ihn nicht mehr in seinem Haus, sondern trafen sich heimlich an wechselnden Orten in der Stadt mit Lucius, der ab sofort als Kontaktmann zwischen Cicero und den Siziliern agierte. Das war die Zeit, in der ich Lucius besser kennenlernte, und je �fter wir uns trafen, desto mehr mochte ich ihn. In vielerlei Hinsicht war er Cicero sehr �hnlich. Er war fast genauso alt, er war intelligent und geistreich und ein begnadeter Philosoph. In Arpinum waren sie zusammen aufgewachsen, hatten in Rom gemeinsam ihre Ausbildung durchlaufen und waren zusammen in den Osten gereist. Doch in einem Punkt unterschieden sie sich betr�chtlich: Lucius hatte keinerlei weltliche Ambitionen. Er lebte allein, in einem kleinen, mit B�chern vollgestopften Haus und tat den ganzen Tag nichts anderes als lesen und denken - eine f�r einen Mann h�chst gef�hrliche Besch�ftigung, denn sie f�hrt nach meiner Erfahrung�unweigerlich zu Verdauungsst�rungen�und�Schwermut.</p><p>Merkw�rdigerweise fand er, trotz seiner Neigung zum Einzelg�ngertum, schnell Gefallen daran, sein Arbeitszimmer jeden Tag zu verlassen. Er steigerte sich in eine so gro�e Wut auf Verres' Niedertracht, dass sein Eifer, ihn vor Gericht zu bringen, den von Cicero sogar noch �bertraf. �Am Ende machen wir doch noch einen Anwalt aus dir�, sagte Cicero voller Bewunderung, als Lucius wieder einmal eine ganze Serie von beeidigten Erkl�rungen mit erdr�ckender Beweiskraft besorgt hatte.</p><p>Gegen Ende Dezember ereignete sich etwas, das auf dramatische Weise all die verschiedenen Str�nge in Ciceros Leben zu einem einzigen zusammenfuhren sollte. Als ich eines noch dunklen Morgens die T�r �ffnete, stand an der Spitze der Warteschlange der Mann, den wir erst k�rzlich in der Basilika der Volkstribunen als Verteidiger der S�ule seines Urgro�vaters erlebt hatten - Marcus Porcius Cato. Er war allein gekommen, ohne einen dienstbaren Sklaven, und er sah aus, als h�tte er die Nacht auf der Stra�e verbracht. (Wenn ich jetzt dar�ber nachdenke, vielleicht hatte er wirklich drau�en geschlafen. Allerdings sah Cato immer ziemlich abgerissen aus, wie ein Wanderprediger oder ein Mystiker, sodass man sich wirklich nicht sicher sein konnte.) Nat�rlich war Cicero neugierig, warum ein Mann von derart vornehmer Abstammung an seine T�r klopfte. Immerhin geh�rte Cato, so bizarr er auch war, zum Kern der alten republikanischen Aristokratie, war durch Blut und Heirat eng verwoben mit den Servilii, Lepidi und Aemilii. Tats�chlich war Cicero so erfreut �ber seinen hochgeborenen Besucher, dass er h�chstpers�nlich ins Tablinum hinausging, um ihn zu begr��en und ins Arbeitszimmer zu bitten. Er hatte schon lange davon getr�umt, dass eines Morgens einmal ein Klient diesen Ranges in seinem Netz zappelte.</p><p>Ich setzte mich in eine Ecke, um Notizen zu machen, und der junge Cato, der nie ein Freund von seichtem Geplauder gewesen war, kam sofort zur Sache. Er brauche einen guten Anwalt, sagte er, und Ciceros Auftritt vor den Volkstribunen habe ihm gefallen, denn auch er halte es f�r eine Ungeheuerlichkeit, wenn sich ein Mann wie Verres �ber die altehrw�rdigen Gesetze stelle. Um es kurz zu machen: Er war mit seiner Cousine Aemilia Lepida verlobt, einem bezaubernden jungen M�dchen, dessen kurzes achtzehnj�hriges Leben schon von Trag�dien gezeichnet war. Als sie dreizehn war, lie� sie ihr damaliger Verlobter, der arrogante junge Aristokrat Scipio Nasica auf erniedrigende Weise sitzen. Als sie vierzehn war, starb ihre Mutter, als sie f�nfzehn war, ihr Vater. Als ein Jahr sp�ter auch noch ihr Bruder starb, stand sie v�llig allein da.</p><p>�Das arme M�dchen�, sagte Cicero. �Wenn sie deine Cousine ist, dann war ihr Vater Aemilius Lepidus Livianus, der vor sechs Jahren Konsul gewesen ist. Und der war der Bruder deiner k�rzlich verstorbenen Mutter Livia, richtig?� (Wie viele Radikale verf�gte auch Cicero �ber erstaunlich detaillierte Kenntnisse der Aristokratie.)</p><p>�Richtig.�</p><p>�Na dann, Cato, meinen Gl�ckwunsch zu dieser ausgezeichneten Partie. Mit dem Blut dieser drei Familien in den Adern, die n�chsten Verwandten allesamt tot, ist sie sicher die reichste Erbin von ganz Rom.�</p><p>�Das stimmt�, sagte Cato bitter. �Genau das ist das Problem. Ihr ehemaliger Freier, Scipio Nasica, ist gerade aus Spanien zur�ckgekommen, wo er in der Armee von Pompeius-dem-sogenannten-Gro�en gek�mpft hat. Und als er geh�rt hat, dass ihr Vater und Bruder gestorben sind und wie reich sie auf einmal ist, hat er gleich seinen alten Anspruch geltend gemacht.�</p><p>�Naja, aber die Entscheidung liegt ja wohl bei der jungen Dame, oder?�</p><p>�Sicher�, stimmte Cato zu. �Sie war damit einverstanden.�</p><p>�Tja�, sagte Cicero und lehnte sich zur�ck. �Das ist nat�rlich ein Problem. Aber wenn deine Cousine mit f�nfzehn zur Waise geworden ist, dann hat man doch sicher einen Vormund bestellt. Rede doch mit ihm. Kraft seines Amtes kann er die Heirat wahrscheinlich verbieten.Wer ist der Vormund?�</p><p>�Ich.�</p><p>�Du? Du bist der Vormund der Frau, die du heiraten willst?�</p><p>�Ja. Ich bin ihr n�chster m�nnlicher Verwandter.�</p><p>Cicero st�tzte das Kinn auf die Hand und musterte seinen k�nftigen Klienten - das wirre Haar, die nackten schmutzigen F��e, die Tunika, die er wahrscheinlich seit Wochen nicht mehr gewechselt hatte. �Und was soll ich jetzt f�r dich tun?�</p><p>�Ich will, dass du rechtliche Schritte gegen Scipio und, wenn n�tig, auch gegen Lepida einleitest. Der Spuk muss ein Ende haben.�</p><p>�Diese rechtlichen Schritte ... willst du die in deiner Eigenschaft als zur�ckgewiesener Freier oder als Vormund des M�dchens eingeleitet wissen?�</p><p>�Egal.� Cato zuckte mit den Achseln. �Beides.�</p><p>Cicero kratzte sich am Ohr. �So grenzenlos auch mein Vertrauen in die Herrschaft des Rechts ist�, sagte er vorsichtig, �so begrenzt ist doch mein Erfahrungsschatz mit jungen Damen. Aber selbst ich, Cato, <emphasis>selbst ich</emphasis> habe meine Zweifel, ob man mit einem Prozess das Herz eines M�dchens gewinnen kann.�</p><p>�Das Herz eines M�dchens?�, wiederholte Cato. �Was hat das Herz eines M�dchens damit zu tun? Das ist eine Frage des Prinzips.�</p><p><emphasis>Und des Geldes,</emphasis> h�tte man hinzufugen k�nnen, wenn es sich um irgendeinen anderen Mann gehandelt h�tte. Aber Cato genoss das luxuri�seste Privileg der sehr Reichen: Geld interessierte ihn nur wenig. Er hatte jede Menge geerbt und verschenkte es, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Nein: Immer war es das Prinzip gewesen, das Cato getrieben hatte - das nie nachlassende Bestreben, beim Prinzip keinen Kompromiss zu dulden.</p><p>�Wir m�ssten zum Gericht f�r Veruntreuungen gehen�, sagte Cicero, �und Klage wegen Bruchs des Eheversprechens einreichen. Wir m�ssten beweisen, dass du mit Lepida einen Vertrag hattest und dass folglich Lepida eine Betr�gerin ist. Wir m�ssten beweisen, dass Scipio ein hinterh�ltiger, geldgieriger Schuft ist. Ich m�sste beide in den Zeugenstand rufen und in St�cke rei�en.�</p><p>�Dann tu es�, sagte Cato mit gl�nzenden Augen.</p><p>�Und am Ende w�rden wir wahrscheinlich trotzdem verlieren. Nichts lieben Geschworene mehr als ungl�cklich Verliebte und Waisenkinder -und mit beidem kann Lepidia dienen. Du w�rdest dich nur zum Gesp�tt von ganz Rom machen, Cato.�</p><p>�Was k�mmert mich das Geschw�tz der Leute?�, sagte Cato ver�chtlich.</p><p>�Aber auch wenn wir gewinnen ... stell dir das einmal bildlich vor: Am Ende m�sstest du die kreischende und um sich tretende Lepida durch ganz Rom schleifen, aus dem Gerichtssaal bis in ihr neues eheliches Heim. Das w�re der Skandal des Jahres.�</p><p>�Sind wir also schon so tief gesunken?�, fragte Cato mit bitterer Stimme. �Der Ehrenmann muss beiseitetreten, damit der Strauchdieb triumphieren kann? Soll das r�mische Gerechtigkeit sein?� Er sprang auf. �Ich brauche einen Anwalt mit Eisen in den Knochen. Und ich schw�re, wenn ich keinen finde, dann werde ich selbst Klage einreichen.�</p><p>�Setz dich, Cato�, sagte Cicero sanft. Als Cato sich nicht r�hrte, wiederholte Cicero noch einmal: �Setz dich, Cato, ich werde dir jetzt etwas �ber das Gesetz erz�hlen.� Cato z�gerte, runzelte die Stirn und setzte sich wieder. Allerdings nur auf die Kante des Stuhls, sodass er sofort aufspringen konnte, sollte man ihn n�tigen, auch nur um ein Jota von seinen �berzeugungen abzugehen. �Wenn du mir als Mann, der zehn Jahre �lter ist als du, einen Rat gestattest. Du <emphasis>darfst</emphasis> nicht bei jeder Gelegenheit mit dem Kopf durch die Wand wollen. Sehr oft kommen die gr��ten und bedeutendsten F�lle nie vor Gericht. Dein Fall scheint mir auch so einer zu sein. Ich werde sehen, was ich tun kann.�</p><p>�Und wenn du keinen Erfolg hast?�</p><p>�Dann kannst du immer noch so verfahren, wie du willst.�</p><p>Nachdem Cato gegangen war, sagte Cicero zu mir: �Der junge Mann ist so begierig darauf jedem seine Prinzipientreue vor Augen zu f�hren, wie ein S�ufer auf eine Kneipenschl�gerei aus ist.� Dennoch war Cato einverstanden gewesen, dass Cicero sich in seinem Namen an Scipio wandte. Ich sah Cicero an, dass die Gelegenheit, den Aristokraten pers�nlich unter die Lupe nehmen zu k�nnen, ganz nach seinem Geschmack war. Es gab buchst�blich keinen Mann in Rom, dessen Stammbaum imposanter war als der des Quintus Caecilius Metellus Pius Cornelianus Scipio Nasica -Nasica bedeutet �Spitznase�, die er im �brigen sehr hoch trug. Er war nicht nur der leibliche Sohn eines Scipiio sondern auch der Adoptivsohn von Metellus Pius, dem nominellen Oberhaupt des Geschlechts der Metelli. Vater und Adoptivsohn waren erst k�rzlich aus Spanien zur�ckgekehrt und hielten sich derzeit auf Pius' riesigem Landgut in Tibur auf. Man erwartete, dass sie bei Pompeius' Triumph am neunundzwanzigsten Dezember direkt hinter dem General in die Stadt reiten w�rden. Cicero beschloss, ein Treffen f�r den drei�igsten zu vereinbaren.</p><p>Der neunundzwanzigste Dezember kam. Was f�r ein Tag! Seit Sulla hatte Rom ein solches Schauspiel nicht mehr gesehen. Ich stand am Triumphbogen. Ganz Rom schien sich an diesem grauen Morgen entlang der Strecke eingefunden zu haben. Vom Marsfeld kommend, passierten als Erste s�mtliche Mitglieder des Senats einschlie�lich Cicero den Bogen, zu Fu�, angef�hrt von den Konsuln und den anderen Magistraten. Dann kamen die Trompeter mit schallenden Fanfaren. Dann die Fuhrwerke und Tragen mit der Beute aus dem spanischen Krieg - Gold und Silber, gem�nzt und ungem�nzt, Waffen, Statuen, Gem�lde, Vasen, M�bel, Edelsteine, Wandteppiche. Anschlie�end Holzmodelle der St�dte, die Pompeius erobert und gepl�ndert hatte, Tafeln mit deren Namen und mit den Namen aller ber�hmten M�nner, die er im Kampf get�tet hatte. Dann die von den Opferpriestern gesteuerten m�chtigen wei�en Bullen, an deren vergoldeten H�rnern B�nder und Blumengirlanden hingen und die schwerf�llig ihrem Opfertod entgegentrotteten. Danach stampfende Elefanten - das Wappentier der Metelli - und rumpelnde Ochsenkarren mit K�figen voller wilder Tiere aus den Bergen Spaniens, die br�llend und tobend an den St�ben zerrten. Dann die Waffen und Insignien der geschlagenen Rebellen und dann, in rasselnden Ketten, die Gefangenen selbst, die besiegten Anh�nger von Sertorius und Perperna. Anschlie�end die Kronen und Ehrenbezeigungen der Verb�ndeten, getragen von den Gesandten von etwa zwanzig Staaten. Dann die zw�lf Liktoren des Imperators, deren Rutenb�ndel und Beile mit Lorbeer bekr�nzt waren. Und dann, unter dem aufbrandenden Jubel der riesigen Menge, trotteten erst die vier wei�en Pferde, die den Wagen des Imperators zogen, durch das Tor, bevor schlie�lich Pompeius selbst auftauchte - aufrecht stehend in dem wie eine Tonne geformten, �ber und �ber mit Juwelen bedeckten Triumphwagen. Er trug einen goldbestickten Umhang und eine mit einem Blumenmuster verzierte Tunika. In der rechten Hand hielt er einen Lorbeerzweig, in der linken ein Zepter. Den Kopf zierte ein Kranz aus delphischem Lorbeer, das attraktive Gesicht und der muskul�se K�rper waren - zum Zeichen, dass er an diesem Tag wahrhaftig die Verk�rperung Jupiters war - mit Zinnober rot eingef�rbt. Neben ihm stand sein achtj�hriger Sohn, der goldlockige Gnaeus, und hinter ihm ein Staatssklave, der ihm ins Ohr fl�sterte, dass er nur ein Mensch und alles verg�nglich sei. Dem Triumphwagen folgte der alte Metellus Pius, der auf einem schwarzen Streitross sa�. Sein bandagiertes Bein zeugte von einer im Kampf erlittenen Verwundung. Neben ihm ritt sein Adoptivsohn Scipio - ein attraktiver junger Bursche von vierundzwanzig Jahren: kein Wunder, dachte ich mir, dass er Lepida lieber war als Cato. Es folgten die Legionskommandeure, darunter Aulus Gabinius, dann alle Ritter und die Reitertruppe, deren R�stungen in der blassen Dezembersonne schimmerten. Und schlie�lich die Legionen von Pompeius' Fu�soldaten: Tausende und Abertausende sonnenverbrannter Veteranen in Marschordnung, deren trampelnde Schritte die Erde erzittern lie�en, die aus vollem Hals <emphasis>�Io Triumphe!�</emphasis> schrien, die Hymnen an die G�tter sangen und schweinische Lieder �ber ihren Oberbefehlshaber gr�lten, was in der Stunde des Ruhmes ihr traditionelles Recht war.</p><p>Es dauerte den halben Morgen, bis alle vor�bergezogen waren. Die Prozession wand sich durch die Stra�en Roms dem Forum entgegen, wo Pompeius die Stufen zum Kapitol hinaufschreiten w�rde, um vor dem Tempel des Jupiter ein Opfer zu zelebrieren, w�hrend traditionsgem�� zur gleichen Zeit seine ber�hmtesten Feinde in die Gew�lbe des Staatsgef�ngnisses hinuntergef�hrt w�rden und durch das W�rgeeisen den Tod f�nden. Was konnte passender sein, als dass am Tag, an dem die milit�rische Befehlsgewalt des Eroberers ihr Ende fand, auch das Leben der Eroberten endete? Ich h�rte das ferne Jubelgeschrei in der Stadtmitte, ersparte mir aber den Anblick und blieb am Triumphbogen stehen, um mir mit der geschrumpften Menge Crassus' Ovation anzuschauen. Er machte das Beste daraus und marschierte zusammen mit seinen S�hnen durch das Tor. Seine Handlanger bem�hten sich zwar, die Menge aufzuputschen, aber nach dem glanzvollen Pomp von Pompeius' Festzug war die Darbietung d�rftig. Ich bin mir sicher, dass Crassus ziemlich ver�rgert dar�ber war, sich einen Weg durch die Pferde- und Elefantenschei�e bahnen zu m�ssen, die ihm sein Konsulatskollege hinterlassen hatte.</p><p>Und da er fast alle Sklavenrebellen an der Via Appia ans Kreuz hatte nageln lassen, konnte der Arme f�r seine Parade nicht mal mit einer stattlichen Anzahl Gefangener aufwarten.</p><p>Am n�chsten Tag machte sich Cicero auf den Weg zu Scipios Haus. Ich begleitete ihn mit einer Aktentasche - eine seiner bevorzugten Strategien, wenn er die gegnerische Partei einsch�chtern wollte. Wir hatten keinerlei Beweise, ich hatte die Mappe mit alten Quittungen vollgestopft. Scipios Anwesen lag an der Via Sacra, in der sich ein Gesch�ft ans andere reihte. Allerdings handelte es sich dabei nat�rlich nicht um normale Gesch�fte, sondern um exklusive Juwelierl�den, die ihre Produkte hinter Eisengittern zur Schau stellten. Da Cicero uns angemeldet hatte, wurden wir von einem Haussklaven erwartet, der uns sofort in Scipios Atrium f�hrte. Diesem eilte der Ruf voraus, �eines der Wunder Roms� zu sein, was es tats�chlich war, schon damals. Scipios Blutlinie reichte mindestens elf Generationen zur�ck, von denen neun Konsuln hervorgebracht hatten. Die Wachsmasken der Scipionen, von denen manche schon mehrere Jahrhunderte alt und von Rauch und Ru� vergilbt waren, bedeckten die W�nde. (Nach Scipios Adoption durch Pius waren noch einmal sechs Masken von Konsuln hinzugekommen.) Sie verstr�mten den Geruch von ehrw�rdigem Alter -jene feine, trockene Mischung aus Staub und Weihrauch. Cicero ging von einer zur anderen und studierte die Namensschildchen. Die �lteste Maske war dreihundertf�nfundzwanzig Jahre alt. Aber nat�rlich war es die von Scipio Africanus, dem Bezwinger von Hannibal, die ihn am meisten faszinierte. Lange stand er mit vorgebeugtem Kopf davor und betrachtete sie. Das edle, sensible Gesicht war glatt und faltenlos, es wirkte vergeistigt, mehr wie das Abbild einer Seele als aus Fleisch und Blut. �Angeklagt vom Urgro�vater unseres aktuellen Klienten�, sagte Cicero, w�hrend er sich wieder aufrichtete. �Aufs�ssigkeit liegt den Catos im Blut.�</p><p>Der Sklave kam zur�ck und f�hrte uns ins Tablinum. Der junge Scipio r�kelte sich l�ssig auf einem Sofa, das inmitten von wertvollen, wahllos herumstehenden Kunstobjekten stand - Statuen, B�sten, Antiquit�ten, Teppichrollen und �hnlichem. Er stand nicht auf, als Cicero eintrat (eine Beleidigung gegen�ber einem Senator), und bot ihm auch keinen Platz an, sondern fragte mit schleppender Stimme nach dem Grund seines Besuchs. Bestimmt, aber h�flich erkl�rte ihm Cicero, Cato sei sowohl mit der jungen Dame offiziell verlobt wie auch ihr Vormund, sie h�tten es folglich mit einem juristisch wasserdichten Fall zu tun. Er deutete auf die Aktenmappe, die ich vor dem Bauch hielt wie ein Diener sein Tablett, listete die Pr�zedenzf�lle auf und endete damit, dass Cato entschlossen sei, vor dem Gericht f�r Veruntreuungen Klage zu erheben und gleichzeitig einen Antrag auf <emphasis>obsignandi gratia</emphasis> einzureichen, der der jungen Dame jeden weiteren Kontakt mit f�r diesen Fall relevanten Personen untersage. Er sehe nur einen sicheren Weg, diese Dem�tigung zu vermeiden, und der sei der, dass Scipio sein Werben umgehend einstelle.</p><p>�Was f�r ein Spinner�, sagte Scipio gelangweilt, lie� sich in die Polster zur�cksinken, verschr�nkte die H�nde hinter dem Kopf und betrachtete l�chelnd das Deckengem�lde.</p><p>�Sonst hast du nichts dazu zu sagen?�, fragte Cicero.</p><p>�Nein, das ist alles�, antwortete Scipio. �Lepida!� Daraufhin trat eine ernste junge Frau, die das Gespr�ch offenbar mitgeh�rt hatte, hinter einem Wandschirm hervor und ging mit grazilen Bewegungen zum Sofa. Sie legte ihre Hand in die seine. �Das ist meine Frau. Wir haben gestern Abend geheiratet. Was du hier siehst, sind die Hochzeitsgeschenke unserer Freunde. Pompeius Magnus ist direkt nach der Opferzeremonie auf dem Kapitol zu uns gekommen, er war unser Trauzeuge.�</p><p>�Und wenn Jupiter h�chstpers�nlich Trauzeuge gewesen w�re�, erwiderte Cicero. �Das macht die Zeremonie noch lange nicht legal.� Trotzdem erkannte ich an seinen leicht herunterh�ngenden Schultern, dass Ciceros Kampfgeist deutlich gelitten hatte. Besitz, sagen die Juristen, bestimmt zu neun Zehnteln das Gesetz, und Scipio hatte nicht nur Besitz, er hatte auch die eindeutige Zustimmung seiner neuen Braut. �Nun�, sagte Cicero und lie� den Blick �ber die Hochzeitsgeschenke schweifen.</p><p>�Da bleibt mir nur, dir zu gratulieren, Scipio, wenn auch nicht im Namen meines Klienten, nehme ich an. Vielleicht darf ich dir als mein Geschenk anbieten, Cato davon zu �berzeugen, sich der Realit�t zu beugen.�</p><p>�Das w�re sicher das au�ergew�hnlichste Geschenk auf Erden�, sagte Scipio.</p><p>�Mein Vetter ist im Grunde seines Herzens ein guter Mensch�, f�gte Lepida hinzu. �W�rdest du ihm meine besten W�nsche ausrichten und meine Hoffnung, dass wir uns eines Tages wieder vers�hnen?�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Cicero, verbeugte sich feierlich und drehte sich schon um, als er abrupt innehielt. �Das ist ja wirklich ein prachtvolles St�ck.�</p><p>Er meinte eine etwa halb mannshohe Bronzestatue des nackten Apollo, der auf einer Leier spielte - eine mitten im Tanz eingefangene, erhabene Darstellung maskuliner Eleganz, bei der jedes einzelne Haar auf seinem Kopf, jede Saite des Instruments exakt nachgebildet war. In den Oberschenkel war in winzigen silbernen Lettern der Name des Bildhauers eingearbeitet: Myron.</p><p>�Ach, die Statue�, sagte Scipio beil�ufig. �Die hat mein ber�hmter Vorfahr Scipio Africanus wohl mal irgendeinem Tempel geschenkt. Warum? Kennst du sie etwa?�</p><p>�Wenn ich mich nicht irre, stammt sie aus dem Tempel des Aeskulap in Agrigent.�</p><p>�Ja, richtig�, sagte Scipio. �Aus Sizilien. Verres hat sie von den Priestern da unten bekommen und sie mir gestern Abend zum Geschenk gemacht.� </p><p>*</p><p>Auf diese Weise erfuhr Cicero, dass Gaius Verres nach Rom zur�ckgekehrt war und schon seine korrupten F�hler ausstreckte. �Dieser Dreckskerl!�, rief Cicero aus, w�hrend wir den Berg hinuntergingen. Immer wieder ballte er in ohnm�chtiger Wut die F�uste. �Dieser verdammte Dreckskerl!� Er hatte allen Grund, beunruhigt zu sein. Wenn der junge Scipio von Verres einen Myron bekommen hatte, dann waren die St�cke, mit denen er Hortensius, die Metellus-Br�der und seine anderen prominenten Verb�ndeten im Senat bestochen hatte, noch fetter gewesen. Und das waren genau die M�nner, aus denen man f�r einen Prozess die Geschworenen ausw�hlen w�rde. Dass au�erdem Pompeius Gast der gleichen Hochzeitsfeier gewesen war wie Verres und die f�hrenden Aristokraten, war ein weiterer Schlag f�r Cicero. Pompeius hatte schon immer enge Verbindungen nach Sizilien gehabt - als junger General hatte er die Ordnung auf der Insel wiederhergestellt und sogar einmal unter Sthenius' Dach geschlafen. Cicero hatte, wenn schon nicht auf seine Unterst�tzung - diese Lektion hatte er gelernt -, so doch auf wohlwollende Neutralit�t gehofft. Jetzt musste er auf die schreckliche M�glichkeit gefasst sein, dass alle m�chtigen Gruppen in Rom sich gegen ihn verb�nden w�rden, sollte er den Prozess gegen Verres weiter vorantreiben.</p><p>Aber er hatte jetzt keine Zeit, dar�ber nachzudenken. Cato hatte mit Cicero vereinbart, dass er ihn nach dem Gespr�ch im Haus seiner Halbschwester Servilia erwarte, und das lag ebenfalls in der Via Sacra, nur ein paar H�user von Scipios Anwesen entfernt. Als wir eintraten, kamen drei kleine M�dchen, von denen sicher keines �lter als f�nf war, ins Atrium gest�rmt. Sofort danach erschien ihre Mutter. Das war, soweit ich mich erinnere, dass erste Zusammentreffen von Cicero und Servilia, die sp�ter unter den vielen imposanten Frauen Roms die imposanteste werden sollte. Sie war knapp drei�ig, ansehnlich, aber beileibe nicht h�bsch, und etwa f�nf Jahre �lter als Cato. Kurz vor dem Tod ihres ersten Ehemannes Marcus Brutus hatte sie als F�nfzehnj�hrige einen Jungen zur Welt gebracht; von ihrem zweiten Mann, dem schw�chlichen Junius Silanus, hatte sie die drei T�chter bekommen. Cicero begr��te sie, als beschwerte ihn nicht die geringste Sorge, ging in die Hocke und plauderte mit ihnen, w�hrend Servilia sie zufrieden betrachtete. Sie setzte f�r die Zukunft gro�e Hoffnung in ihre T�chter und bestand darauf, dass sie jeden Besucher kennenlernten, damit sie sich an die kultivierten Umgangsformen der Erwachsenen gew�hnten.</p><p>Dann kam ein Kinderm�dchen und verlie� mit den Kleinen das Atrium, w�hrend Servilia uns ins Tablinum f�hrte, wo Cato schon auf uns wartete. Bei ihm war der Philosoph Athenodoros Kordylion aus Tarsos, ein Stoiker, der fast nie von Catos Seite wich. Wie nicht anders zu erwarten, reagierte Cato auf die Nachricht von Lepidas Verm�hlung �bellaunig. Fluchend lief er im Raum umher, was mich an eine andere von Ciceros witzigen Bosheiten erinnerte - dass n�mlich Cato nur so lange der vollendete Stoiker sei, wie ihm nichts gegen den Strich ginge.</p><p>�Beruhige dich, Cato�, sagte Servilia nach einer Weile. �Es ist doch offensichtlich, dass die Sache erledigt ist. Besser, du findest dich damit ab. Du hast sie nicht geliebt, du wei�t doch gar nicht, was Liebe ist. Ihr Geld brauchst du auch nicht, du hast selbst jede Menge. Sie ist ein r�hrseliges kleines Ding, du findest hundert bessere.�</p><p>�Sie bat mich, dir die besten W�nsche auszurichten�, sagte Cicero, worauf Cato mit weiteren w�sten Beschimpfungen reagierte.</p><p>�Ich lasse das nicht auf mir sitzen!�, br�llte er.</p><p>�O doch, das wirst du�, sagte Servilia. Sie wandte sich an Athenodoros, der sie nur hasenherzig anschaute. �Sag es ihm, du bist der Philosoph. Mein Bruder glaubt, dass sein Intellekt all diese hehren Prinzipien ausgebr�tet hat. Dabei sind sie nichts weiter als kindische Gef�hlsduselei, die falsche Philosophen zur Mannesehre auftakeln.� Und dann, wieder an Cicero gewandt: �Wenn er mehr Erfahrung mit dem weiblichen Geschlecht hatte, dann w�rde er merken, wie idiotisch er sich auffuhrt. Du hast doch in deinem ganzen Leben noch keine Frau gehabt, stimmt's, Cato?�</p><p>Cicero war peinlich ber�hrt. Was das Sexuelle anging, so war ihm immer die leichte Pr�derie des Ritterstandes zu eigen gewesen. Die freiz�gige Art der Aristokraten war er nicht gewohnt.</p><p>�Geschlechtsverkehr schw�cht die Essenz des Mannes, er tr�bt die Kraft des Gedankens�, sagte Cato trotzig, worauf seine Schwester in kreischendes Gel�chter ausbrach und Cato so rot anlief, dass sein Gesicht aussah wie das Zinnoberrot von Pompeius gestern. Cato stampfte aus dem Raum, sein Stoiker folgte ihm auf dem Fu�.</p><p>�Ich bitte um Entschuldigung�, sagte Servilia zu Cicero. �Manchmal glaube ich fast, dass er etwas schwer von Begriff ist. Andererseits: Wenn er sich in etwas verbissen hat, dann gibt er einfach nicht nach. Das ist ja auch eine Qualit�t, oder? Deine Verres-Rede vor den Volkstribunen hat er in h�chsten T�nen gelobt. Nach dem, was er mir erz�hlt hat, musst du ein ganz gef�hrlicher Bursche sein. Ich mag gef�hrliche Burschen. Wir sollten uns wiedersehen.� Sie streckte Cicero zum Abschied die Hand hin. Er nahm sie, und es kam mir so vor, als dr�ckte Servilia sie l�nger, als es die H�flichkeit erfordert h�tte. �W�rdest du von einer Frau einen Rat annehmen?�</p><p>�Von dir�, sagte Cicero, der seine Hand schlie�lich aus der ihren hatte l�sen k�nnen, �von dir immer.�</p><p>�Mein anderer Bruder Caepio ... mein leiblicher Bruder ... der ist mit Hortensius' Tochter verlobt. Er hat mir berichtet, dass Hortensius gestern von dir gesprochen und dabei den Verdacht ge�u�ert h�tte, dass du planst, Verres vor Gericht zu zerren. Und er hat mir erz�hlt, dass Hortensius irgendetwas gegen dich im Schilde f�hre. Das ist alles, was ich wei�.�</p><p>�Und f�r den unwahrscheinlichen Fall, dass ich Verres vor Gericht zerren wollte�, fragte Cicero l�chelnd, �was w�rdest du mir da raten?�</p><p>�Ganz einfach�, antwortete Servilia und schaute ihn vollkommen ausdruckslos an. �Lass die Finger davon.�</p></section><section><title><p id="_bookmark8">KAPITEL VI</p></title><p>Der Besuch bei Scipio und das Gespr�ch mit Servilia schreckten Cicero nicht ab, sie brachten ihn vielmehr zu der �berzeugung, dass er noch schneller als geplant vorgehen m�sse. Am ersten Tag des Januars im sechshundert-vierundachtzigsten Jahr seit der Gr�ndung Roms traten Pompeius und Crassus ihre �mter als Konsuln an. Ich begleitete Cicero zu den Amtseinf�hrungszeremonien auf dem Kapitol und mischte mich dann im S�ulengang unter die Zuschauermenge. Zu jener Zeit stand der Wiederaufbau des Jupiter-Tempels unter Federf�hrung von Catulus kurz vor der Vollendung. Der Marmor f�r die neuen S�ulen stammte vom Berg Olymp, das Dach aus vergoldeter Bronze schimmerte im kalten Sonnenlicht. Traditionsgem�� wurde mit den Opferfeuern Safran verbrannt. Die knisternden gelben Flammen, der Gew�rzduft, die leuchtend klare Winterluft, die goldenen Alt�re, die mit scharrenden Hufen auf ihre Opferung wartenden cremefarbenen Stiere, die wei�en und purpurnen Roben der zuschauenden Senatoren - all das machte einen unvergesslichen Eindruck auf mich. Ich habe ihn zwar nicht gesehen, aber Cicero erz�hlte mir sp�ter, dass Verres auch da gewesen sei. Er habe neben Hortensius gestanden, und die beiden h�tten gelegentlich zu ihm hin�bergeschaut und dabei gelacht.</p><p>Es folgten mehrere Tage, an denen Cicero nichts unternehmen konnte. Der Senat trat zusammen und h�rte eine holperige Rede von Pompeius, der nie zuvor einen Fu� in die Kammer gesetzt hatte und nur mithilfe eines Leitfadens f�r Protokollfragen dem folgen konnte, was sich da vor seinen Augen abspielte. Den Leitfaden hatte der ber�hmte Gelehrte Varro zusammengestellt, der in Spanien unter Pompeius gedient hatte. Wie immer erhielt Catulus als Erster das Wort, was er zu einer bemerkenswert staatstragenden Rede nutzte. Er r�umte ein (obwohl er selbst dagegen sei), dass man sich der Forderung nach Wiederherstellung der Rechte des Volkstribunats nicht widersetzen k�nne und dass die alleinige Schuld an ihrer Unbeliebtheit die Aristokraten selbst tr�gen. (�Als er das gesagt hat, da hattest du die Gesichter von Hortensius und Verres sehen sollen�, berichtete mir Cicero sp�ter.) Danach zogen nach uraltem Brauch die neuen Konsuln in die Albaner Berge, um den vier Tage dauernden Feierlichkeiten des Festes der Latiner vorzusitzen. Darauf folgten zwei Tage mit religi�sen Feiern, w�hrend derer die Gerichte geschlossen waren. Cicero war also gezwungen, bis zur zweiten Januarwoche zu warten, bevor er seinen Angriff endlich starten konnte.</p><p>Am Morgen, als Cicero sein Vorhaben bekannt machen wollte, waren die drei Sizilier Sthenius, Heraclius und Epicrates zum ersten Mal seit einem halben Jahr nicht heimlich zu Ciceros Haus gekommen. Zusammen mit Quintus und Lucius eskortierten sie Cicero den H�gel hinunter aufs Forum. In ihrem Gefolge befanden sich auch einige Funktion�re aus Wahlbezirken, vor allem aus den Bezirken Cornelia und Esquilina, die Cicero besonders stark unterst�tzten. Einige Passanten riefen, wo er denn mit diesen drei merkw�rdigen Gestalten hin wolle, und er antwortete ihnen bestens gelaunt, sie sollten doch mitkommen, dann w�rden sie es sehen, sicher w�rden sie nicht entt�uscht werden. Je gr��er die Menge war, desto besser, das war schon immer Ciceros Devise gewesen, und auf diese Weise stellte er sicher, dass er bei Erreichen des Gerichtshofes f�r Erpressungen ein stattliches Gefolge hinter sich wusste.</p><p>Damals tagte das Gericht vor dem Tempel des Castor, der sich vom Senatsgeb�ude aus gesehen genau am gegen�berliegenden Ende des Forums befand. Der f�r dieses Gericht zust�ndige neue Pr�tor war Acilius Glabrio, von dem man nicht viel wusste, au�er dass er Pompeius erstaunlich nahestand. Erstaunlich sage ich deshalb, weil der junge Glabrio von Diktator Sulla gezwungen worden war, sich von seiner damals schwangeren Frau scheiden zu lassen, damit Pompeius sie heiraten konnte. Als kurz darauf die ungl�ckliche Frau, ihr Name war Aemilia, in Pompeius' Haus im Kindbett starb, schickte Pompeius das Neugeborene - einen Sohn - zu seinem leiblichen Vater zur�ck. Der Junge war inzwischen zw�lf Jahre alt und Glabrios ganzer Stolz. Durch diese bizarre Begebenheit, so erz�hlte man sich, seien die beiden M�nner nicht etwa Feinde, sondern Freunde geworden, und Cicero zerbrach sich den Kopf dar�ber, ob das seiner Sache nun zutr�glich sei oder nicht, ohne allerdings zu einem Ergebnis zu kommen.</p><p>Glabrios Stuhl war gerade auf der Plattform aufgestellt worden, die etwa auf halb er Treppenh�he entlang der Tempelvorderseite verlief, was bedeutete, dass das Gericht bereit war, die Arbeit aufzunehmen. Es muss sehr kalt gewesen sein, denn ich erinnere mich noch genau daran, dass Glabrio Fausthandschuhe trug und sich neben seinem Stuhl eine Holzkohlenpfanne befand. Seine Liktoren standen mit geschulterten Rutenb�ndeln und Beilen Seite an Seite ein paar Stufen weiter unten und stampften mit den F��en auf. Es waren viele Menschen unterwegs, denn der Tempel des Castor beherbergte nicht nur den Gerichtshof f�r Erpressungen, sondern auch das Eichamt, wo Gesch�ftsleute ihre Gewichte und Waagen �berpr�fen lassen mussten. Gabrio schaute �berrascht, als er Cicero mit seinen Anh�ngern im Schlepptau auf sich zukommen sah. Viele neugierige Passanten blieben stehen und verfolgten das Schauspiel. Der Pr�tor wies seine Liktoren mit einer Handbewegung an, den Senator durchzulassen. Ich �ffnete die Aktentasche und gab Cicero das <emphasis>postutatus.</emphasis> An seinen Augen konnte ich Angst, aber auch Erleichterung dar�ber ablesen, dass die Zeit des Wartens endlich vorbei war. Er stieg die Stufen hinauf und drehte sich zu den Zuschauern um.</p><p>�B�rger Roms�, sagte er. �Ich bin heute hierher gekommen, um mein Leben in den Dienst am r�mischen Volk zu stellen. Ich verk�nde hiermit, dass ich mich um das Amt des �dils von Rom bewerbe. Das tue ich nicht, weil ich nach pers�nlichem Ruhm strebe, sondern weil der Zustand unserer Republik es erfordert, dass sich ehrenhafte M�nner f�r die Gerechtigkeit einsetzen.</p><p>Ihr alle kennt mich. Ihr wisst, woran ich glaube. Ihr wisst, dass ich schon seit L�ngerem ein wachsames Auge auf das Treiben gewisser aristokratischer Herren im Senat habe!� Zustimmendes Gemurmel war zu h�ren. �Hier in meinen H�nden halte ich einen Antrag auf Strafverfolgung, ein <emphasis>postutatus,</emphasis> wie wir Juristen das nennen. Hiermit verk�nde ich meine Absicht, Gaius Verres f�r die schweren Verbrechen und Amtsvergehen, die er als Statthalter von Sizilien begangen hat, zur Rechenschaft zu ziehen.� Er streckte den Arm in die Luft und schwenkte das Schriftst�ck hin und her, was schlie�lich einige wenige zu einem ged�mpften Bravo veranlasste. �Sollte er verurteilt werden, dann wird er nicht nur alles, was er gestohlen hat, ersetzen m�ssen, er wird auch alle seine Rechte als B�rger Roms verlieren. Exil oder Tod, zwischen nichts anderem wird er w�hlen m�ssen. Er wird k�mpfen wie ein in die Enge getriebenes Tier. Macht euch keine falschen Hoffnungen, es wird ein langer, harter Kampf werden, und auf das Ergebnis setze ich alles, was ich habe - das Amt, um das ich mich bewerbe, die Hoffnungen auf meine Zukunft, meinen Ruf, den ich mir schon in jungen Jahren mit harter Arbeit erworben habe. Aber all das setze ich ein in der festen �berzeugung, dass das Recht sich durchsetzen wird.�</p><p>Dann drehte er sich um, ging die letzten Stufen zu dem h�chst verwirrt dreinblickenden Glabrio hinauf und �bergab ihm den Antrag auf Strafverfolgung. Der Pr�tor warf einen kurzen Blick auf das Papier und reichte es dann einem seiner Sekret�re. Er sch�ttelte Cicero die Hand, und damit war die Angelegenheit zu Ende. Die Menge zerstreute sich, und uns blieb nichts weiter zu tun, als wieder nach Hause zu gehen. Ich f�rchte, dass der ganze Auftritt ein ziemlich peinlicher Reinfall gewesen ist. Das Problem bestand n�mlich darin, dass in Rom immer irgendwer seine Absicht kundtat, f�r das eine oder andere Amt zu kandidieren - mindestens f�nfzig gab es jedes Jahr neu zu besetzen -, und dass niemand Ciceros Ank�ndigung den historischen Stellenwert beima�, den er ihr selbst beima�. Was die Anklage betraf, so lag der erste Wirbel, den er wegen Verres veranstaltet hatte, schon �ber ein Jahr zur�ck. Und die Leute, wie er selbst immer wieder sagte, haben ein kurzes Ged�chtnis: Was da mit diesem kriminellen Statthalter von Sizilien gewesen war, das hatten sie alle schon wieder vergessen. Ich sah Cicero an, dass er in ein tiefes Loch gefallen war, dass er schrecklich litt. Selbst Lucius, der es sonst eigentlich immer schaffte, ihn zum Lachen zu bringen, konnte ihn nicht aufmuntern.</p><p>Zu Hause versuchten Quintus und Lucius, Cicero auf andere Gedanken zu bringen, indem sie ihm Verres' und Hortensius' Reaktion auf die Klageerhebung vorspielten: Der Sklave kommt abgehetzt aus dem Forum angelaufen, erz�hlt die Neuigkeit, Verres wird leichenblass, beruft sofort eine Krisensitzung ein. Es half alles nichts.</p><p>Vermutlich musste Cicero immer an Servilias Warnung und an Hortensius' und Verres' Gel�chter am Tag der Amtseinf�hrung denken. �Sie wussten, was geschehen w�rde�, sagte er. �Sie haben schon einen Plan. Die Frage ist: Was f�r einen? Vielleicht wissen sie, dass unsere Beweise ziemlich d�rftig sind. Vielleicht haben sie Glabrio bestochen. Was ist es?�</p><p>Noch vor Mittag hatte er die Antwort. Sie kam, zugestellt durch einen von Glabrios Liktoren, in Form einer Vorladung vom Gerichtshof f�r Erpressungen. Stirnrunzelnd nahm Cicero das Schreiben entgegen, brach das Siegel auf, �berflog es und sagte dann leise: �Ah ...�</p><p>�Was ist?�, fragte Lucius.</p><p>�Das Gericht hat einen zweiten Antrag auf Strafverfolgung von Verres erhalten.�</p><p>�Das ist unm�glich�, sagte Quintus. �Wer sollte denn sonst noch Interesse daran haben?�</p><p>�Ein Senator�, antwortete Cicero, w�hrend er das Schreiben genauer studierte. �Caecilius Niger.�</p><p>�Den kenne ich�, sagte Sthenius mit piepsender Stimme. �In dem Jahr, bevor ich fliehen musste, war das Verres' Qu�stor. Es gingen Ger�chte um, dass er und Verres sich wegen Geld gestritten h�tten.�</p><p>�Hortensius hat das Gericht davon unterrichtet, dass Verres keine Einw�nde habe gegen eine von Caecilius vertretene Anklage. Begr�ndung: Caecilius wolle &gt;Wiedergutmachung&lt; erreichen, w�hrend ich anscheinend nur &gt;das Licht der �ffentlichkeit suche.&lt;�</p><p>Entsetzt schauten wir uns an. Die Arbeit von Monaten schien sich in Luft aufzul�sen.</p><p>�Wirklich schlau�, sagte Cicero tr�bsinnig. �Das muss man Hortensius lassen. Ein wirklich schlauer Kerl, dieser Hortensius. Ich h�tte eher damit gerechnet, dass er den ganzen Fall ohne Anh�rung niederschl�gt. Nie h�tte ich gedacht, dass er stattdessen versuchen w�rde, au�er der Verteidigung auch gleich noch die Anklage f�r sich zu beanspruchen.�</p><p>�Aber das kann er nicht!�, platzte es aus Quintus heraus. �Das r�mische Rechtssystem ist das gerechteste der Welt.�</p><p>�Quintus, mein Guter�, erwiderte darauf Cicero mit derart g�nnerhaftem Sarkasmus, dass es mir fast wehtat. �Wo schnappst du blo� solche Spr�che auf? In Kinderb�chern? Glaubst du etwa, Hortensius beherrscht seit fast zwanzig Jahren Roms Gerichtss�le, weil <emphasis>er gerecht</emphasis> ist? Das hier ist eine Vorladung. Ich werde f�r morgen fr�h vor den Gerichtshof f�r Erpressungen zitiert, um meine Gr�nde darzulegen, warum man mir und nicht Caecilius die Anklagevertretung �bertragen soll. Ich muss vor Glabrio und einer kompletten Geschworenenbank meine Eignung unter Beweis stellen. Dabei d�rft ihr eins nicht vergessen: Von den zweiunddrei�ig Senatoren, die da als Geschworene fungieren, haben sicherlich nicht wenige erst k�rzlich ein nettes Neujahrsgeschenk aus Bronze oder Marmor erhalten.�</p><p>�Aber die Opfer sind doch wir Sizilier!�, sagte Sthenius. �Wir entscheiden, wer uns als Anwalt vertritt.�</p><p>�Ganz und gar nicht. Der Ankl�ger wird vom Gericht offiziell ernannt und ist als solcher Repr�sentant des r�mischen Volkes. Eure Meinung wird geh�rt, Sthenius, ist aber nicht ausschlaggebend.�</p><p>�Hei�t das, dass wir erledigt sind?�, fragte Quintus mit kl�glicher Stimme.</p><p>�Nein�, antwortete Cicero. �Wir sind nicht erledigt.� Ich merkte sofort, dass ein Teil vom alten Kampfgeist in ihm wieder erwacht war. Nichts bewirkte einen gr��eren Energieschub bei Cicero als der Gedanke, von Hortensius ausgetrickst zu werden. �Und selbst wenn wir erledigt sind, lasst uns wenigstens nicht kampflos untergehen. Ich k�mmere mich jetzt sofort um meine Ansprache f�r morgen, und du, Quintus, du sorgst daf�r, dass ich jede Menge Publikum habe. Fordere jede noch ausstehende Gef�lligkeit ein. Und wie w�r's, wenn du mit deinem Spruch vom gerechtesten Rechtssystem der Welt ein paar angesehene Senatoren dazu �berredest, mich auf dem Weg zum Forum zu begleiten? M�glich, dass dir einige von ihnen diesen Spruch sogar abnehmen. Wenn ich morgen vor den Gerichtshof trete, will ich, dass Glabrio das Gef�hl hat, ganz Rom schaut ihm auf die Finger.�</p><p><emphasis>*</emphasis></p><p>Niemand kann behaupten, etwas von Politik zu verstehen, wenn er sich nicht einmal eine ganze Nacht um die Ohren geschlagen hat, um eine Rede f�r den folgenden Tag zu schreiben. W�hrend die Welt schl�ft, geht der Redner bei Kerzenlicht rastlos auf und ab und fragt sich, welcher Wahnsinn ihn nur in diesen Beruf getrieben hat. Argumente werden entwickelt und wieder verworfen. Entw�rfe f�r Er�ffnungspassagen, Mittelteile und Schlussbemerkungen liegen verstreut auf dem Boden herum. Der ersch�pfte Geist verweigert schlie�lich jeden weiteren klaren Gedanken, sodass -gew�hnlich ein oder zwei Stunden nach Mitternacht -der Zeitpunkt gekommen ist, an dem nur noch eine einzige realistische Option infrage zu kommen scheint: die Sache abzusagen und sich unter Vort�uschung von Krankheit ins Bett zu verkriechen. Und pl�tzlich - getrieben von Panik, das Schreckbild der Dem�tigung schon vor Augen -f�gen sich die Teile irgendwie zusammen, alles passt, und die Rede liegt fertig vor einem. Ein zweitrangiger Redner geht jetzt dankbar schlafen. Ein Cicero bleibt auf und f�ngt an, die Rede auswendig zu lernen.</p><p>So in etwa muss man sich den Arbeitsprozess an jenem Abend vorstellen. Nachdem Cicero -zwischendurch st�rkte er sich immer wieder mit einem Bissen Obst oder K�se und mit einem mit Wasser verd�nnten Schluck Wein - die einzelnen Teile der Rede festgelegt hatte, schickte er mich zu Bett. Allerdings glaube ich, dass er selbst noch mindestens eine Stunde aufblieb, bevor er sich auch schlafen legte. Im Morgengrauen wusch er sich zum Wachwerden mit eiskaltem Wasser und kleidete sich dann sorgfaltig an. Kurz bevor wir uns auf den Weg zum Gericht machten, ging ich in sein Zimmer, und da war er so nerv�s wie ein Preisboxer vor dem Kampf. Er machte Lockerungs�bungen, dehnte die Schultern und wippte auf den Fu�ballen hin und her.</p><p>Quintus hatte gute Arbeit geleistet. Als ich die T�r �ffnete, begr��te uns eine l�rmende Menge von Sympathisanten, die so gro� war, dass auf der Stra�e vor dem Haus keine Durchkommen mehr war. Au�er ganz normalen B�rgern hatten sich auch drei oder vier Senatoren mit einem besonderen Interesse f�r Sizilien eingefunden, die so ihre Unterst�tzung f�r Ciceros Sache bekundeten. Ich erinnere mich an den wortkargen Gnaeus Marcellinus, den rechtschaffenen Calpurnius Piso Frugi - der im selben Jahr wie Verres Pr�tor gewesen war und diesen verabscheute - und an mindestens ein Mitglied aus dem Geschlecht der Marcelli, den traditionellen Patronen Siziliens. Cicero winkte der Menge von der T�r aus zu, hob die kleine Tullia hoch in die Luft, zeigte sie seinen Anh�ngern und gab ihr einen schmatzenden Abschiedskuss. Dann �berreichte er sie ihrer Mutter, die er nun - was er in der �ffentlichkeit nur sehr selten tat - in seine Arme schloss, bevor er durch eine Gasse, die Quintus, Lucius und ich ihm bahnten, ins Zentrum seiner Anh�ngerschar vordrang.</p><p>Ich wollte ihm noch Gl�ck w�nschen, doch er war, wie so oft vor einer gro�en Rede, schon nicht mehr ansprechbar. Er schaute die Menschen an, aber er nahm sie nicht wahr. Er war vollkommen fixiert darauf, endlich zu agieren. In seinem Innern spulte er das seit seiner Kindheit immer wieder geprobte Drama vom einsamen Patrioten ab, der mit seiner einzigen Waffe, seiner Stimme, allem entgegentrat, was in diesem Staat verabscheuungsw�rdig und korrupt war. Als sp�rte sie, welche Rolle ihr in diesem surrealen Festzug zufiel, schwoll die Menge immer mehr an, und als wir schlie�lich den Tempel des Castor erreichten, begleitete Cicero das frenetische Klatschen von zwei- oder dreihundert Menschen. Glabrio sa� bereits auf seinem Platz zwischen den gro�en Tempels�ulen, ebenso s�mtliche Geschworenen, unter denen ich das Schreckgespenst Catulus h�chstpers�nlich entdeckte. Auf der Bank, die f�r die Zuschauer aus den besseren Kreisen reserviert war, sah ich Hortensius, der seine makellos manik�rten H�nde betrachtete und so friedlich wirkte wie ein Sommermorgen. Auch der Mann, der neben ihm sa�, gab sich sehr entspannt. Er war etwa Mitte vierzig, hatte r�tliches, borstiges Haar und ein Gesicht voller Sommersprossen. Das musste Gaius Verres sein. Es war ein komisches Gef�hl, dieses Monster, das unsere Gedanken so lange besch�ftigt hatte, mit eigenen Augen zu sehen und festzustellen, dass er ziemlich gew�hnlich aussah -eigentlich mehr Fuchs als Eber.</p><p>F�r die beiden konkurrierenden Ankl�ger waren zwei St�hle aufgestellt worden. Caecilius, der schon Platz genommen hatte, blickte nicht mal auf, als Cicero eintraf, so vertieft war er in die Notizen, die auf seinem Scho� lagen. Die Anwesenden wurden zur Ordnung gerufen, und Glabrio sagte zu Cicero, dass er beginnen m�sse, da er seinen Antrag als Erster gestellt habe - ein entscheidender Nachteil. Cicero zuckte mit den Schultern und erhob sich. Er wartete, bis absolute Stille herrschte, dann begann er wie �blich sehr langsam zu sprechen. Er sagte, dass sich die Anwesenden sicher wunderten, ihn hier in dieser Rolle zu sehen, schlie�lich sei er vor Gericht noch nie als Ankl�ger aufgetreten. Er h�tte dies auch in diesem Fall nicht vorgehabt, sondern h�tte vielmehr im Vorfeld die Sizilier dringend darum gebeten, Caecilius die Anklagevertretung zu �bertragen. (Fast h�tte ich laut aufgest�hnt, als er dies sagte.) Aber in Wahrheit seien die Sizilier nicht der einzige Grund, warum er sich zu diesem Schritt entschlossen habe. �Ich stehe hier, weil mir das Wohl unseres Landes am Herzen liegt.� Dann ging er mit sorgf�ltig bemessenen Schritten zu der Bank, wo Verres sa�, hob langsam den Arm und zeigte auf ihn. �Wir blicken hier auf ein menschliches Ungeheuer von beispielloser Gier, Dreistigkeit und Niedertracht. Sollte ich diesen Mann seiner Strafe zufuhren, wer k�nnte mir das zum Vorwurf machen? Welch gr��eren Dienst im Namen von Gerechtigkeit und Tugend k�nnte ich meinem Land in dieser Zeit erweisen?� Verres war nicht im Mindesten emp�rt, kopfsch�ttelnd, mit einem Grinsen auf den Lippen, schaute er Cicero herausfordernd an. Cicero musterte ihn noch eine Zeit lang voller Verachtung und wandte sich dann den Geschworenen zu. �Die Anklage gegen Gaius Verres lautet, dass er �ber einen Zeitraum von drei Jahren die Provinz Sizilien verw�stet hat - dass er sizilische Kommunen gepl�ndert, sizilische H�user, sizilische Tempel ausgeraubt hat. K�nnte Sizilien mit einer einzigen Stimme sprechen, es w�rde sagen: &gt;Alles Gold und alles Silber, all die herrlichen Dinge, die einst meine St�dte, meine H�user und Tempel geschm�ckt haben, all das hast du, Verres, mir gestohlen; und aufgrund dessen verklage ich dich in �bereinstimmung mit den Gesetzen Roms auf Zahlung von einer Million Sesterzenn!&lt; Das w�ren Siziliens Worte, wenn es mit einer Stimme sprechen k�nnte. Da es das aber nicht kann, hat es mich dazu bestimmt, seine Sache zu vertreten. Welch unglaubliche Dreistigkeit ist es dann, dass <emphasis>du</emphasis> ,..�,und damit wandte er sich schlie�lich Caecilius zu, �... es wagst, f�r Sizilien sprechen zu wollen, wenn dieses sich schon gegen dich ausgesprochen hat.�</p><p>Dann ging er gem�chlich zu Caecilius, stellte sich hinter ihn und stie� einen �bertrieben traurigen Seufzer aus. �Und jetzt, Caecilius, lass mich als Freund zu dir sprechen�, sagte er und klopfte Caecilius auf die Schultern, sodass sein Rivale sich auf seinem Stuhl umdrehen musste, was ziemlich linkisch wirkte und einige Heiterkeit im Publikum hervorrief. �Ich kann dir nur den ernsthaften Rat geben, noch mal in dich zu gehen. Besinne dich. Bedenke, wer du bist und wessen du f�hig bist. Eine Anklagevertretung ist ein �u�erst kniffeliges und m�hsames Unterfangen. Ist deine Stimme, dein Erinnerungsverm�gen daf�r ger�stet? Verf�gst du �ber die Intelligenz und das Stehverm�gen, einer solchen Belastung standzuhalten? Selbst wenn du dich des Vorzugs au�erordentlicher nat�rlicher Gaben erfreutest, selbst wenn du eine gr�ndliche Ausbildung genossen h�ttest, k�nntest du darauf hoffen, den Druck auszuhalten? Nun, heute Morgen werden wir es erfahren. Solltest du Antworten auf meine Fragen haben, solltest du mit einer einzigen Erwiderung aufwarten k�nnen, die nicht schon in irgendeinem Lehrbuch mit anderer Leute Reden enthalten ist, dann besteht vielleicht die M�glichkeit, dass du dich in dem hier anh�ngigen Fall nicht als Versager erweist.�</p><p>Er ging jetzt in die Mitte des Gerichtsplatzes und richtete die n�chsten Worte sowohl an die Menschen auf dem Forum wie auch an die Geschworenen. �Ihr werdet euch vielleicht sagen: &gt;Da mag er ja durchaus recht haben, aber besitzt er denn selbst all diese F�higkeiten?&lt; Ich wollte, es w�re so. Aber immerhin habe ich mein Bestes gegeben und von Kindesbeinen hart daran gearbeitet, um sie mir, soweit mir das m�glich war, anzueignen. Jedem ist bekannt, dass das Forum und die Gerichtsh�fe Roms den Mittelpunkt meines Lebens bilden, dass nur wenige M�nner meines Alters, wenn �berhaupt, in so vielen F�llen als Verteidiger aufgetreten sind wie ich, dass ich jede freie Minute, in der ich nicht in den Angelegenheiten meiner Freunde t�tig bin, hart arbeite und studiere, um den Erfordernissen meines Berufes gerecht zu werden und meine F�higkeiten immer weiter zu verbessern. Und trotzdem bin ich jedes Mal, wenn ich an den entscheidenden Tag denke, an dem der Beschuldigte vor den Schranken des Gerichts erscheint und ich meine Verteidigungsrede halten muss, nicht nur nerv�s, sondern zittere von Kopf bis Fu�. <emphasis>Du,</emphasis> Caecilius, kennst keine solchen �ngste, keine solchen Gedanken, keine solche Nervosit�t. Du bildest dir ein, wenn du die eine oder andere Wendung aus irgendeiner alten Rede auswendig lernst, wenn du eine Floskel wie &gt;Beim allm�chtigen und barmherzigen Jupiter ...&lt; oder &gt;Ich w�rde mir w�nschen, ihr Richter, dass es m�glich w�re ...&lt; parat hast, dass du dann schon aufs Beste f�r deinen Auftritt vor Gericht pr�pariert bist.</p><p>Du bist ein Nichts, Caecilius, und du kannst nichts. Hortensius wird dich vernichten! Aber mich wird er mit seiner Gerissenheit nicht erledigen. Mich wird er mit keiner seiner Finten in die Irre r�hren. Seine gewaltigen F�higkeiten verfangen bei mir nicht, sie k�nnen mich nicht schw�chen, sie k�nnen mich nicht von meinen Standpunkt abbringen.� Er schaute zu Hortensius und verbeugte sich in gespielter Demut, worauf Hortensius sich erhob und ebenfalls verbeugte, was erneutes Gel�chter hervorrief. �Die Angriffsmethoden und rhetorischen Kunstst�cke dieses Herrn sind mir bestens vertraut�, fuhr Cicero fort. �So beschlagend er auch sein mag, wenn er gegen mich antritt, wird er zu sp�ren bekommen, dass in diesem Verfahren neben anderen Dingen auch seine eigenen F�higkeiten verhandelt werden. Sollte man mich mit dem Fall betrauen, so empfehle ich diesem Herrn schon vorab, seine Verteidigungsstrategie radikal zu �ndern. Wenn n�mlich <emphasis>ich</emphasis> die Anklage vertrete, dann wird er keinen Grund haben zu glauben, man k�nne das Gericht bestechen, ohne dass sehr viele Menschen in ernste Gefahr gerieten.�</p><p>Das Wort �bestechen� rief einige heftige Unmuts�u�erungen hervor und lie� den ansonsten gleichm�tigen Hortensius aufspringen. Cicero bedeutete ihm mit einer l�ssigen Handbewegung, er solle sich wieder setzen. Cicero redete und redete. Wie ein Schmied auf sein gl�hendes Eisen, so hieb er mit immer wieder neuen rhetorischen Attacken auf seine Gegner ein. Ich werde hier nicht alles wiedergeben. Die Rede, die mindestens eine Stunde dauerte, ist dokumentiert und kann von jedem Interessierten nachgelesen werden. Er attackierte Verres wegen seiner korrupten Machenschaften, Caecilius wegen seiner fr�heren Verbindungen zu Verres und Hortensius wegen seiner Bem�hungen um einen zweitrangigen Widersacher. Zum Schluss richtete er einen Appell an die Senatoren auf der Geschworenenbank. Er trat vor sie hin, schaute jedem Einzelnen in die Augen und sagte: �Es liegt in eurer Hand, ehrw�rdige Richter, den Mann auszuw�hlen, der euch aufgrund seiner Redlichkeit, seines Flei�es, seines Scharfsinns und seiner charakterlichen Eignung am besten geeignet erscheint, vor diesem hohen Gericht einen derart bedeutenden Fall durchzufechten. Solltet ihr Quintus Caecilius meiner Person vorziehen, so glaube ich nicht, dass ich dem besseren Mann unterlegen bin. Auch die B�rger Roms k�nnten glauben, dass ihr einen rechtschaffenen, strengen und energischen Ankl�ger wie mich gar nicht wollt, dass Senatoren einen solchen Ankl�ger �berhaupt nie wollen.� Er machte eine Pause, und sein ruheloses Auge blieb schlie�lich an Catulus h�ngen, der seinen Blick standhaft erwiderte. Dann sagte Cicero leise: �Sorgt daf�r, ehrw�rdige Richter, dass es nicht dazu kommt.� Lauter Beifall brandete auf.</p><p>Nun war Caecilius an der Reihe. Er war aus bescheidensten Verh�ltnissen aufgestiegen, weitaus bescheideneren als denjenigen Ciceros, und hatte sich einige Verdienste erworben. Man k�nnte sogar sagen, dass einige Punkte f�r ihn als Ankl�ger sprachen. Besonders als er auszuf�hren begann, dass sein Vater ein Freigelassener aus Sizilien sei, er selbst in Sizilien geboren sei und dass er keinen Ort auf der Welt mehr liebe als diese Insel. Aber seine Rede quoll �ber vor Statistiken �ber die sinkende Agrarproduktion und Verres' System der Buchf�hrung. Er klang gereizt, es fehlte die Leidenschaft. Schlimmer noch, er las alles vom Blatt ab, und das auch noch mit so monotoner Stimme, dass Cicero, als Caecilius sich nach einer Stunde schlie�lich dem Fazit n�herte, seinen Oberk�rper auf die Seite kippen lie� und so tat, als sei er eingeschlafen. Da Caecilius, der sich den Geschworenen zugewandt hatte, nicht sehen konnte, wor�ber alle lachten, verlor er v�llig den Faden. Er verhaspelte sich mehrmals, ehe er zum Ende seiner Rede kam, und setzte sich dann mit vor Verlegenheit und Zorn hochrotem Kopf wieder auf seinen Platz.</p><p>Rhetorisch hatte Cicero einen Sieg von erdrutschartigen Ausma�en errungen. Aber als die Abstimmungst�felchen an die Geschworenen ausgegeben waren und der Gerichtsdiener mit seiner Urne darauf wartete, sie wieder einzusammeln, da war er davon �berzeugt, erz�hlte mir Cicero sp�ter, dass er verloren hatte. Von den zweiunddrei�ig Senatoren z�hlte er mindestens ein Dutzend zu seinen entschiedenen Gegnern und nur halb so viele zu seinen Freunden. Die Unentschiedenen w�rden wie �blich den Ausschlag geben. Cicero sah, dass viele dieser Unentschlossenen zu Catulus schielten und auf ein Zeichen von ihm warteten, um sich seiner Entscheidung anzuschlie�en. Catulus markierte sein T�felchen, zeigte es den links und rechts neben ihm sitzenden M�nnern und warf es dann in die Urne. Als jeder abgestimmt hatte, ging der Gerichtsdiener mit der Urne zum Richterstuhl, kippte sie vor ihm aus und begann vor aller Augen, die Tafeln auszuz�hlen. Hortensius lie� die Maske der Gelassenheit fallen und stand ebenso wie Verres auf, um besser sehen zu k�nnen. Cicero sa� starr da wie eine Statue. Caecilius kauerte auf seinem Stuhl. Zuschauer, die regelm��ig zu den Verhandlungen kamen und das Prozedere so gut kannten wie jeder P�chter, horte ich fl�stern, dass es knapp sei, dass sie noch mal nachz�hlten. Schlie�lich reichte der Gerichtsdiener Glabrio das Abstimmungsergebnis. Er stand auf und bat um Ruhe. Das Ergebnis laute, sagte er, vierzehn f�r Cicero - mir stockte der Atem, er hatte verloren! -, dreizehn f�r Caecilius, f�nf Enthaltungen. Somit werde Marcus Tullius Cicero zum Sonderermittler <emphasis>(nominis delator)</emphasis> f�r den Fall Gaius Verres ernannt. W�hrend die Zuschauer applaudierten und Hortensius und Verres sich wie bet�ubt wieder setzten, lie� Glabrio Cicero aufstehen, die rechte Hand heben und den traditionellen Schwur leisten, die Anklage nach bestem Wissen und Gewissen durchzuf�hren.</p><p>Sofort nach Ablegung des Eids stellte Cicero den Antrag auf Vertagung. Hortensius fuhr von seinem Stuhl auf und erhob Einspruch. Warum das n�tig sei, wollte er wissen. Cicero sagte, er wolle nach Sizilien reisen, um Beweismittel sicherzustellen und Zeugen zu laden. Hortensius fiel ihm ins Wort, es sei eine Ungeheuerlichkeit, f�r sich das Recht auf Anklage einzufordern, um dann mit dem ersten Satz zu enth�llen, dass er dem Gericht gar keinen Fall pr�sentieren k�nne. Das war ein berechtigter Einwand. Zum ersten Mal wurde mir klar, wie gro� Ciceros Zweifel an der St�rke seiner eigenen Position gewesen sein mussten. Glabrio schien Hortensius zustimmen zu wollen, als Cicero ins Feld f�hrte, dass sich erst jetzt, nachdem Verres seine Provinz verlassen habe, die Opfer sicher genug f�hlten, um frei zu sprechen. Glabrio dachte dar�ber nach, schaute auf den Kalender und verk�ndete dann widerstrebend, dass der Prozessbeginn um hundertzehn Tage verschoben werde. �Aber stell sicher, dass du sofort am ersten Tag nach der Sitzungspause im Fr�hling zur Klageerhebung bereit bist�, sagte er mit warnendem Unterton zu Cicero. Damit war das Gericht entlassen. </p><p>*</p><p>Sp�ter stellte Cicero �berrascht fest, dass er den Sieg Catulus verdankte. Der harte und hochm�tige alte Senator war trotz allem ein Patriot bis ins Mark, weshalb seine Ansichten hohes Ansehen genossen. Er war der Meinung, dass das Volk gem�� der altehrw�rdigen Gesetze das Recht auf die h�rtestm�gliche Strafverfolgung von Verres habe, auch wenn dieser ein Freund von ihm war.</p><p>Die famili�ren Bindungen zu seinem Schwager Hortensius lie�en es nat�rlich nicht zu, dass er direkt f�r Cicero stimmte; stattdessen enthielt er sich der Stimme, worauf vier Unentschlossene sich ebenfalls enthielten.</p><p>Dankbar, dass er bei der Jagd auf den Eber, wie er es nannte, noch dabei war, und entz�ckt dar�ber, dass er Hortensius ausman�vriert hatte, st�rzte sich Cicero in die Vorbereitungen f�r die Sizilienreise. Aufgrund einer Gerichtsverfugung nach den Bestimmungen des <emphasis>obsignandi gratia</emphasis> wurden Verres' Amtsunterlagen versiegelt. Cicero stellte im Senat den Antrag auf Herausgabe aller amtlichen Finanzdokumente der letzten drei Jahre durch den fr�heren Statthalter Siziliens, was dieser jedoch nie tat. An jede gr��ere Stadt der Insel gingen Briefe mit der Bitte um Beweismaterial. Da wir in allen Orten der Provinz Unterk�nfte ben�tigten, ging ich unsere Akten durch und notierte die Namen aller bedeutenden B�rger Siziliens, die Cicero w�hrend seiner Zeit als Qu�stor ihre Gastfreundschaft angeboten hatten. Cicero schrieb auch einen H�flichkeitsbrief an den amtierenden Statthalter Lucius Metellus, in dem er seinen Besuch ank�ndigte und um Kooperation von amtlicher Seite bat - ihm war zwar bewusst, dass er lediglich auf amtliche Schikane rechnen konnte, aber er dachte sich, dass ein schriftlicher Beleg dar�ber, es wenigstens versucht zu haben, nicht schaden konnte. Er beschloss, seinen nun schon seit sechs Monaten mit dem Fall vertrauten Vetter mit auf die Reise zu nehmen und seinen Bruder, der sich um die Organisation seines Wahlkampfes zu k�mmern hatte, in Rom zur�ckzulassen. Ich w�rde ihn ebenfalls begleiten - zusammen mit meinen beiden Gehilfen Sositheus und Laurea, da es sicher jede Menge ab- und mitzuschreiben g�be. Der fr�here Pr�tor Calpurnius Piso Frugi bot Cicero die Dienste seines achtzehnj�hrigen Sohnes Gaius an, mit dem wir uns schnell anfreundeten, da er sich als �u�erst intelligenter und liebensw�rdiger Bursche erwies. Auf Quintus' dringenden Wunsch kauften wir noch vier kr�ftige und zuverl�ssige Sklaven, die uns zwar auch als Tr�ger und Kutscher, aber vornehmlich als Leibw�chter dienen sollten. Die Landstriche des S�dens waren gesetzlos zu jener Zeit. Viele von Spartacus' Anh�ngern hielten sich noch immer in den Bergen versteckt, au�erdem gab es Piraten, und wer konnte schon wissen, zu welchen Mitteln Verres greifen w�rde?</p><p>All das musste bezahlt werden, und obwohl Ciceros Anwaltspraxis inzwischen etwas einbrachte -nicht in Form direkter Zahlungen nat�rlich, die waren verboten, sondern in Form von Geschenken und Verm�chtnissen dankbarer Klienten -, verf�gte er nicht ann�hernd �ber die Menge an Bargeld, die f�r die Durchfuhrung einer angemessenen Ermittlung erforderlich war. Die meisten ehrgeizigen jungen M�nner in seiner Lage h�tten sich nun an Crassus gewandt, der an aufstrebende Politiker immer Darlehen zu gro�z�gigen Konditionen ausgab. Doch so offen Crassus diejenigen belohnte, die ihn unterst�tzten, so sehr legte er auch Wert darauf, die Menschen wissen zu lassen, dass Widerstand gegen ihn Bestrafung nach sich zog. Seit Cicero abgelehnt hatte, sich auf seine Seite zu schlagen, hatte Crassus jede Gelegenheit genutzt, ihm seine Feindschaft zu demonstrieren. Er ignorierte ihn in der �ffentlichkeit v�llig. Hinter seinem R�cken verleumdete er ihn.Wenn Cicero zu Kreuze gekrochen w�re, vielleicht h�tte er sich dann herabgelassen, seine Meinung zu �ndern: Was seine Prinzipien anging, kannte seine Geschmeidigkeit keine Grenzen. Aber, wie ich schon erw�hnt habe, fiel es den beiden schwer, sich auch nur im selben Raum aufzuhalten.</p><p>Also blieb Cicero keine andere Wahl, als sich an Terentia zu wenden, was eine f�r mich peinliche Szene zur Folge hatte. Ich wurde nur deshalb in diese Angelegenheit verwickelt, weil Cicero auf die ziemlich feige Idee verfiel, <emphasis>mich</emphasis> vorzuschicken, um bei Terentias Privatsekret�r Philotimus in Erfahrung zu bringen, wie schwierig es wohl w�re, aus ihrem Verm�gen hunderttausend Sesterzen loszueisen. Missg�nstig, wie Philotimus war, lief er gleich zu seiner Herrin und erstattete Bericht. Sie st�rmte die Treppe hinunter in Ciceros Arbeitszimmer und stellte mich zur Rede, wie ich es wagen k�nne, meine Nase in ihre Angelegenheiten zu stecken. In diesem Augenblick betrat Cicero das Zimmer und war folglich gen�tigt, ihr zu erkl�ren, wof�r er das Geld brauchte.</p><p>�Und wie bekomme ich mein Geld zur�ck?�, wollte Terentia wissen.</p><p>�Von der Strafe, die Verres' nach seiner Verurteilung zahlen muss�, sagte Cicero.</p><p>�Und du bist sicher, dass er verurteilt wird?�</p><p>�Ganz sicher.�</p><p>�Wieso? Was hast du in der Hand? Lass h�ren.� Sie setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibpult und verschr�nkte die Arme. Cicero z�gerte kurz. Da er seine Frau kannte und wusste, dass sie nicht so einfach ihre Meinung �nderte, befahl er mir, die Beweise der Sizilier aus dem Tresor zu holen. Er ging mit ihr alles durch, St�ck f�r St�ck. Als sie fertig waren, schaute sie ihn aufrichtig best�rzt an. �Das reicht nie und nimmer, Marcus! Das da ist alles, worauf du setzt? Glaubst du im Ernst, senatorische Geschworene werden einen der ihren schuldig sprechen, nur weil er ein paar bedeutende Statuen aus irgendwelchen obskuren Provinznestern zur�ck nach Rom geschafft hat - wo sie ja wohl auch hingeh�ren?�</p><p>�Gut m�glich, dass du recht hast, mein Schatz�, gab Cicero zu. �Gerade deshalb muss ich ja nach Sizilien.�</p><p>Terentia betrachtete ihren Ehemann - der im Rom jener Tage unstrittig der gr��te Redner und kl�gste Senator war - mit einem Gesichtsausdruck, den eine ehrbare Dame ihrem Kind zeigt, wenn es auf dem Boden im Tablinum eine Pf�tze gemacht hat. Ich bin sicher, dass sie etwas hinzugefugt h�tte, wenn ihr nicht gerade noch rechtzeitig aufgefallen w�re, dass ich auch anwesend war. Wortlos erhob sie sich und verlie� das Arbeitszimmer.</p><p>Am n�chsten Tag �bergab mir Philotimus eine kleine Geldschatulle mit zehntausend Sesterzen in bar und eine Vollmacht, bei Bedarf weitere vierzigtausend abzuheben.</p><p>�Genau die H�lfte von dem, was ich wollte�, sagte Cicero, als ich ihm die Schatulle brachte. �So, Tiro, taxiert also eine gewiefte Gesch�ftsfrau meine Chancen - nun ja, wer k�nnte es ihr ver�beln?�</p></section><section><title><p id="_bookmark9">KAPITEL VII</p></title><p>Wir verlie�en Rom in den Iden des Januars, am letzten Tag des Festes der Nymphen. Cicero sa� in einem �berdachten Wagen, sodass er w�hrend der Fahrt arbeiten konnte. Ich selbst empfand bei dem Rattern, Quietschen und Schwanken der <emphasis>carruca</emphasis> schon den Versuch zu lesen, geschweige denn zu schreiben, als Qual. Die Reise war erb�rmlich. Es war eiskalt, und in h�heren Lagen gerieten wir sogar hin und wieder in kurze Schneeschauer. Die meisten Kreuze mit den hingerichteten Rebellensklaven an der Via Appia waren inzwischen entfernt worden. Manche hatte man jedoch zur Abschreckung stehen lassen. Die verwesten, stocksteifen �berreste der Leichen zeichneten sich gegen die wei�e Landschaft ab. Bei ihrem Anblick stellte ich mir vor, wie Crassus' langer Arm von Rom aus nach mir griff und mir wieder in die Backe kniff.</p><p>Wegen der �berhasteten Abreise war es uns unm�glich gewesen, schon im Voraus f�r jeden Abend eine Unterkunft zu besorgen, sodass wir an drei oder vier Tagen am Stra�enrand �bernachten mussten, weil wir keinen Gasthof fanden. Ich legte mich zusammen mit den anderen Sklaven rund ums Lagerfeuer, w�hrend Cicero, Lucius und der junge Frugi im Wagen schliefen. Wenn uns dieses Missgeschick in den Bergen traf, dann wachte ich im Morgengrauen mit steif gefrorener Kleidung auf. Als wir schlie�lich in Velia die K�ste erreichten, entschied Cicero, dass wir schneller vorank�men, wenn wir ein Boot mieteten und an der K�ste entlangsegelten - trotz des Risikos von Winterst�rmen und Piraten und seiner ausgepr�gten Abneigung gegen Seereisen, seit ihm eine Sibylle prophezeit hatte, dass sein Tod irgendwie in Zusammenhang mit dem Meer stehen w�rde.</p><p>Velia war ein Kurort mit einem bekannten Tempel zu Ehren von Apollo Oulius, einem damals sehr verehrten Gott der Heilkunst. Es war keine Saison, der gesamte Ort schien ausgestorben zu sein. W�hrend wir hinunter zum Hafen f�hren, wo die Wellen der grauen See gegen die Kaimauer klatschten, bemerkte Cicero, dass er selten einen weniger verlockenden Urlaubsort als diesen besucht habe. Abgesehen von den �blichen Fischerbooten lag eine riesige Galeere im Hafen, ein Lastschiff von der Gr��e einer Trireme. W�hrend wir mit den einheimischen Fischern �ber den Preis f�r unsere Reise verhandelten, fragte Cicero, wem das Schiff geh�re. Es sei, sagte man uns, ein Geschenk der B�rger der sizilischen Hafenstadt Messana an ihren fr�heren Statthalter Gaius Verres und l�ge hier seit etwa einem Monat vor Anker.</p><p>Die Aura der Bedrohung, die das gro�e, tief im Wasser liegende Schiff umgab, war mit H�nden zu greifen. Es war voll bemannt und konnte jederzeit in See stechen. Unser Auftauchen in dem verlassenen Hafen hatte an Bord un�bersehbar gro�e Unruhe ausgel�st. Als wir vorsichtig auf die Galeere zugingen, ert�nten drei kurze Trompetensignale, die Ruder senkten sich ins Wasser, und langsam wie ein riesiger Wasserk�fer l�ste sich das Schiff von der Kaimauer. Es glitt ein kurzes St�ck auf See hinaus und setzte den Anker. Als sich das Schiff in den Wind drehte, h�pften die grellen gelben Lampen an Bug und Heck im dunstigen Licht des Nachmittags auf und ab. Gestalten verteilten sich �ber das schwankende Deck. Cicero beriet sich mit Lucius und Frugi, was sie unternehmen sollten. Theoretisch gab ihnen die Vollmacht des Gerichtshofes f�r Erpressungen das Recht jedes Schiff zu durchsuchen, das m�glicherweise mit dem Fall in Verbindung stand.</p><p>In der Praxis jedoch hatten sie nicht die Mittel, und bis Verst�rkung eintreffen w�rde, w�re das Schiff l�ngst auf und davon. Eins wusste Cicero jetzt zweifelsfrei: Die Dimensionen von Verres' Verbrechen sprengten alles, was er sich vorgestellt hatte. Er entschied, sofort aufzubrechen und mit doppelter Geschwindigkeit Richtung S�den zu reisen.</p><p>Ich sch�tze, von Velia bis Vibo, immer am Schienbein entlang bis zum Zeh Italiens, sind es etwa hundertzwanzig Meilen. Mit g�nstigen Winden und kr�ftiger Ruderarbeit schafften wir es in gerade mal zwei Tagen. Wir hielten uns immer in Sichtweite des Ufers, gingen f�r die eine Nacht an Land und schliefen am Strand. Aus Myrtestr�uchern hackten wir Holz f�r ein Lagerfeuer, aus unseren Rudern und dem Segel bauten wir ein Zelt. Von Vibo reisten wir auf der K�stenstra�e weiter bis Regium, und dort mieteten wir wieder ein Boot, um durch die schmale Meerenge nach Sizilien zu segeln. Es war neblig und nieselte stark, als wir fr�hmorgens aufbrachen. Wie ein tr�bseliger schwarzer Buckel tauchte die Insel in der Ferne aus dem Meer auf. Ungl�cklicherweise konnte man im Winter nur einen einzigen Hafen ansteuern, und das war Verres' Hochburg Messana. Die Loyalit�t ihrer Bewohner hatte sich Verres mit Steuerfreiheit f�r seine gesamte dreij�hrige Amtszeit als Statthalter erkauft. Messana war die einzige Stadt auf der Insel, die eine Zusammenarbeit mit Cicero abgelehnt hatte. W�hrend wir auf den Leuchtturm zuliefen, erkannten wir, dass das, was wir f�r einen gro�en Masten am Hafeneingang gehalten hatten, kein Teil von einem Schiff, sondern ein Kreuz war, dessen Vorderseite der Meerenge und dem Festland zugewandt war.</p><p>�Das ist neu�, sagte Cicero mit gerunzelter Stirn und wischte sich das Regenwasser aus den Augen. �Zu meiner Zeit sind da nie Hinrichtungen durchgef�hrt worden.�</p><p>Wir hatten keine andere Wahl, als direkt daran vorbeizusegeln. Der Anblick legte sich wie ein Schatten auf unser vom Dauerregen beschwertes Gem�t.</p><p>Trotz der allgemein feindseligen Stimmung der Bev�lkerung von Messana gegen�ber dem Sonderermittler hatten sich zwei tapfere B�rger der Stadt - Basiliscus und Percennius - bereitgefunden, uns ihre Gastfreundschaft anzubieten. Sie erwarteten uns am Kai. Cicero war kaum an Land gegangen, da fragte er sie nach dem Kreuz. Sie w�rden seine Frage sp�ter gern beantworten, entschuldigten sie sich, aber zuerst m�chten sie uns lieber von hier wegschaffen. Erst als wir uns alle innerhalb der Mauern von Basiliscus' Anwesen befanden, f�hlten sie sich sicher genug, uns die Geschichte zu erz�hlen. W�hrend seiner letzten Tage als Statthalter h�tte sich Verres nur noch in Messana aufgehalten, damit er die Verladung seiner Diebesbeute auf das �Goldschiff� �berwachen konnte, das ihm seine dankbare Stadt h�tte bauen lassen. Vor etwa einem Monat sei zu seinen Ehren ein Fest veranstaltet worden, und quasi als Teil des Unterhaltungsprogramms habe man einen r�mischen B�rger aus dem Gef�ngnis geholt, auf dem Forum nackt ausgezogen, �ffentlich ausgepeitscht, gefoltert und schlie�lich gekreuzigt.</p><p>�Einen r�mischen B�rger?�, wiederholte Cicero ungl�ubig. Er machte mir ein Zeichen, dass ich mitschreiben solle. �Es verst��t gegen das Gesetz, einen B�rger Roms ohne Prozess hinzurichten. Seid ihr sicher, dass es ein R�mer war?�</p><p>�Er hat geschrien, dass er Publius Gavius hei�t, dass er Kaufmann in Spanien ist und dass er Milit�rdienst in den Legionen geleistet hat. W�hrend sie ihn ausgepeitscht haben, hat er nach jedem Schlag geschrien: &gt;Ich bin ein B�rger Roms!&lt; Nach jedem Schlag.�</p><p>�&gt;lch bin ein B�rger Roms&lt;�, wiederholte Cicero und lie� sich die Worte auf der Zunge zergehen. �&gt;Ich bin ein B�rger Roms&lt; ... Was hat man ihm vorgeworfen?�</p><p>�Spionage�, sagte unser Gastgeber. �Er wollte gerade auf ein Schiff Richtung Festland. Aber er hat einen Fehler gemacht: Er hat �berall herumerz�hlt, dass er aus den Steinbr�chen von Syrakus geflohen sei und dass er jetzt auf direktem Weg nach Rom fahre und Verres' Verbrechen an die �ffentlichkeit bringen werde. Die Stadtv�ter von Messana haben ihn eingesperrt, bis Verres wieder in der Stadt war. Verres hat ihn auspeitschen, mit hei�en Eisen foltern und ans Kreuz schlagen lassen - mit Blick auf Regium, damit er im Todeskampf das Festland sehen konnte. Stellt euch das vor, f�nf Meilen vom sicheren Festland entfernt! Verres' Nachfolger haben das Kreuz stehen lassen, als Warnung f�r jeden, der versucht sein sollte, den Mund zu weit aufzumachen.�</p><p>�Gibt es Zeugen f�r die Kreuzigung?�</p><p>�Sicher. Hunderte.�</p><p>�Auch r�mische B�rger?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Hast du welche erkannt?�</p><p>Er z�gerte. �Gaius Numitorius, ein r�mischer Ritter aus Puteoli. Dann die Cottius-Br�der aus Tauromenium. Lucceius ... aus Regium. Es gibt sicher noch mehr.�</p><p>Ich notierte die Namen. Sp�ter nahm Cicero ein Bad, und wir sa�en um die Wanne herum und besprachen die Entwicklung. �Vielleicht war dieser Gavius wirklich ein Spion�, sagte Lucius.</p><p>�Das w�rde ich eher glauben, wenn Verres gegen Sthenius nicht genau den gleichen Vorwurf erhoben h�tte�, sagte Cicero. �Aber der ist genauso wenig ein Spion wie du oder ich. Nein, das ist einfach die bevorzugte Methode, nach der dieses Monster vorgeht: Er fingiert eine Anschuldigung, nutzt seine Stellung als oberster Richter der Provinz, um einen Prozess anzustrengen, und verk�ndet dann das Urteil. Die Frage ist: Warum gerade Gavius?�</p><p>Keiner wusste darauf eine Antwort. Und die Zeit, um in Messana zu bleiben und sie zu finden, hatte wir auch nicht. Wir mussten am n�chsten Morgen in aller Fr�he die Stadt verlassen, um in Tyndaris an der Nordk�ste der Insel unseren ersten offiziellen Termin wahrzunehmen. So wie dieser Besuch ablief, sollten noch viele andere ablaufen. Erst wurde Cicero vom Stadtrat mit allen Ehren empfangen, dann wurde er auf den Hauptplatz gef�hrt. Man zeigte ihm die Standardversion der Verres-Statue, die die B�rger gezwungenerma�en auf ihre Kosten hatten aufstellen m�ssen und die jetzt zerst�rt im Staub lag. Dann hielt Cicero eine kurze Rede �ber die r�mische Rechtsprechung. Nachdem man einen Stuhl f�r ihn aufgestellt hatte, h�rte er sich die Klagen der einheimischen Bev�lkerung an und suchte die F�lle aus, die am aufsehenerregendsten oder am leichtesten zu beweisen waren - in Tyndaris war dies die Geschichte von Sopater, der so lange nackt an eine Statue gefesselt aushalten musste, bis die Stadt ihre Bronzestatute des Merkur herausgab. Der letzte Punkt war immer der, dass ich oder einer meiner beiden Assistenten die Aussagen aufnahmen und dann beglaubigen und unterschreiben lie�en.</p><p>Von Tyndaris reisten wir nach Thermae, in die Heimatstadt von Sthenius, dessen Frau wir in seinem leeren Haus antrafen und die unter Tr�nen die Briefe ihres ins Exil gezwungenen Ehemannes entgegennahm. Zum Ende der Woche erreichten wir den Festungshafen Lilybaeum an der westlichsten Spitze der Insel. Cicero kannte die Stadt gut, w�hrend seiner Zeit als Qu�stor in Sizilien war dies sein Amtssitz gewesen. Wie fr�her schon des �fteren wohnten wir im Haus seines alten Freundes Pamphilius. Am ersten Abend beim Essen bemerkte Cicero, dass der Tisch nicht wie sonst dekoriert war - der pr�chtige Krug und diverse Pokale, allesamt Familienerbst�cke, fehlten. Als er fragte, was damit geschehen sei, sagte man ihm, dass Verres sie beschlagnahmt habe. Es stellte sich schnell heraus, dass den anderen G�sten �hnliches widerfahren war. Dem jungen Gaius Cacurius war sein gesamtes Mobiliar abgepresst worden und Lutatius ein Tisch aus Zitrusholz, an dem Cicero regelm��ig gegessen hatte. Lyso war seine wertvolle Apollo-Statue und Diodorus ein Satz ziselierter Silberbecher von Mentor gestohlen worden. Die Liste war endlos, und ich muss es ja wissen, schlie�lich hatte Cicero mich beauftragt, alles festzuhalten. Nachdem ich die Aussagen aller G�ste und danach auch noch die ihrer Freunde aufgenommen hatte, beschlich mich der Gedanke, dass Cicero jetzt langsam nicht mehr recht bei Verstand sei. Wollte er etwa jeden L�ffel und jedes Sahnet�pfchen, die man auf der Insel gestohlen hatte, katalogisieren? Aber nat�rlich war er, wie sich erweisen sollte, schlauer als ich.</p><p>Ein paar Tage sp�ter brachen wir wieder auf. �ber unbefestigte Wege holperte unser Wagen von Lilybaeum zur Tempelstadt Agrigent und von dort in das gebirgige Inselinnere. Die Landschaft und der Himmel in diesem ungew�hnlich strengen Winter waren stahlgrau. Cicero hatte sich eine schlimme Erk�ltung eingefangen und sa� eingewickelt in seinen Umhang hinten im Wagen. In Henna, einer Stadt, die sich an eine steile Felswand schmiegte und von Seen und W�ldern umgeben war, kamen uns die wehklagenden Priester zur Begr��ung entgegen. Sie waren in reich verzierte Gew�nder geh�llt und trugen geweihte Zweige und f�hrten uns gleich zum Tempel der Ceres, aus dem Verres die Statue der gleichnamigen G�ttin geraubt hatte. Hier kam es zu ersten kleineren Reibereien zwischen unserer Eskorte und den Liktoren des neuen Statthalters Lucius Metellus. Diese brutalen Kerle mit ihren Ruten und Beilen standen auf der anderen Seite des Marktplatzes und br�llten Drohungen, dass jeder, der es wagen sollte, gegen Verres auszusagen, aufs H�rteste bestraft w�rde. Trotzdem konnte Cicero drei prominente B�rger Hennas - Theodorus, Numenius und Nicasio - dazu �berreden, die Reise nach Rom auf sich zu nehmen, um dort auszusagen.</p><p>Schlie�lich wandten wir uns wieder dem Meer zu und f�hren nach S�dosten in die fruchtbaren Ebenen unterhalb des Aetna. Das Land dort befand sich in Staatsbesitz und wurde im Auftrag der r�mischen Staatskasse von einer Privatfirma verwaltet, die die Steuern eintrieb und daf�r als Gegenleistung Pachtvertr�ge an einheimische Bauern vergab. Bei Ciceros erstem Aufenthalt in Sizilien waren die Ebenen von Leontini die Kornkammer Roms gewesen. Jetzt f�hren wir an verlassenen H�fen und grauen, brachliegenden Feldern vorbei. Braune Rauchs�ulen markierten die Stellen, wo ehemalige, jetzt obdachlose Pachtbauern unter freiem Himmel lebten. Verres und die mit ihm befreundeten Steuerp�chter waren wie eine pl�ndernde Armee �ber die gesamte Region ausgeschw�rmt, hatten die Ernten und das Vieh f�r einen Bruchteil ihres Wertes requiriert und Pachts�tze erhoben, die die Grenze dessen, was die meisten zahlen konnten, weit �berschritten. Ein Bauer, Nymphodorus aus Centuripae, hatte zu protestieren gewagt. Daf�r wurde er von Apronius, der f�r Verres bei den Bauern den Zehnten eintrieb, auf dem Markplatz von Aetna an einem Olivenbaum aufgeh�ngt. Solche Geschichten versetzten Cicero in Wut und lie�en ihn nur noch hartn�ckiger arbeiten. Ich denke immer noch gern an die Szene zur�ck, als dieser st�dtischste aller Stadtmenschen mit geraffter Toga, die feinen roten Schuhe in der einen, die Vollmacht in der anderen Hand, bei str�mendem Regen mit z�gerlichen Schritten durch ein schlammiges Feld stakste, um die Aussage eines pfl�genden Bauern einzuholen. Als wir schlie�lich nach drei�ig beschwerlichen Tagen, in denen wir quer durch die ganze Provinz gereist waren, in Syrakus eintrafen, hatten wir die Aussagen von fast zweihundert Zeugen.</p><p>Syrakus ist die bei weitem gr��te und angenehmste Stadt Siziliens. Eigentlich sind es vier St�dte, die zu einer einzigen verschmolzen sind. Drei davon - Achradina, Tycha und Neapolis -gruppieren sich um den Hafen herum. Die vierte, der alte K�nigssitz, befindet sich mitten in der gro�en Bucht und wird einfach nur �die Insel� genannt. Sie ist mit den drei anderen Stadtteilen durch eine Br�cke verbunden. In dieser Stadt in der Stadt, die von einer Mauer umschlossen ist und bei Nacht von Siziliern nicht betreten werden darf, befindet sich in unmittelbarer N�he der gro�artigen Tempel der Diana und der Minerva der Palast des r�mischen Statthalters. Da es hie�, Syrakus rangiere in ihrer Loyalit�t zu Verres gleich hinter Massana und ihr Senat h�tte ihm erst vor kurzem eine Lobpreisung gewidmet, hatten wir mit einem feindseligen Empfang gerechnet. Doch das Gegenteil war der Fall. Die Kunde von Ciceros Redlichkeit und Eifer war uns vorausgeeilt, und so wurden wir von einer jubelnden Menge durch das Agrigentinische Tor in die Stadt geleitet. (Ein Grund f�r Ciceros Popularit�t war, dass er w�hrend seiner Zeit als Qu�stor auf dem �berwucherten st�dtischen Friedhof das seit einhundertdrei�ig Jahren verschollene Grab des Mathematikers Archimedes, des bedeutendsten Mannes in der Geschichte von Syrakus, ausfindig gemacht hatte. Er hatte irgendwo gelesen, dass das Grab mit einem Zylinder und einer Kugel gekennzeichnet sei. Als er es schlie�lich fand, hatte er aus eigener Tasche daf�r gezahlt, dass das Unkraut und Gestr�pp entfernt wurde. Dann hatte er stundenlang neben dem Grab gesessen und �ber die Verg�nglichkeit menschlichen Ruhmes sinniert. Seine Gro�z�gigkeit und R�cksichtnahme waren von der einheimischen Bev�lkerung nicht vergessen worden.)</p><p>Aber zur�ck zu unserer Geschichte: Wir nahmen Quartier im Haus eines r�mischen Ritters namens Lucius Flavius, eines alten Freundes von Cicero, der unserer ohnehin schon prallen Materialsammlung noch jede Menge neuer Berichte �ber Verres' korruptes und grausames Treiben hinzufugte. Etwa die Geschichte des Piratenkapit�ns Heracleo, der es geschafft hatte, an der Spitze eines Geschwaders von vier kleinen Galeeren bis in den Hafen von Syrakus vorzudringen, die Lagerh�user auszur�umen und wieder zu verschwinden, ohne auf den geringsten Widerstand zu treffen. Als man ihn ein paar Wochen sp�ter ein St�ck weiter n�rdlich in Megara fasste, wurden weder er noch seine M�nner als Gefangene pr�sentiert, was zu Ger�chten f�hrte, dass man ihn gegen eine gro�e L�segeldsumme freigelassen hatte. Oder die Horrorgeschichte �ber den r�mischen Bankier aus Spanien, Lucius Herennius, den man eines Morgens aufs Forum von Syrakus geschleift, kurzerhand als Spion denunziert und auf Verres' Befehl gek�pft hatte - trotz der flehentlichen Bitten von Freunden und Gesch�ftspartnern, die sofort zum Forum geeilt waren, als man ihnen davon erz�hlt hatte. Die Parallelen zwischen Herennius' Fall und dem von Gavius in Messana waren augenf�llig: Beide waren R�mer, beide aus Spanien, beide im Handelsgesch�ft t�tig, beide der Spionage beschuldigt und beide hingerichtet ohne Anh�rung oder ordentlichen Prozess.</p><p>Nach dem Essen an jenem Abend brachte ein Kurier aus Rom einen Brief f�r Cicero. Er las ihn schnell durch, entschuldigte sich und nahm Lucius, den jungen Frugi und mich beiseite. Die Botschaft war von seinem Bruder Quintus und enthielt gewichtige Neuigkeiten. Es schien ganz so, als hatte Hortensius wieder in seine Trickkiste gegriffen. Der Gerichtshof f�r Erpressungen hat �berraschend eine Klage gegen einen ehemaligen Statthalter von Achaea zugelassen. Der Ankl�ger Dasianus, ein allseits bekannter Verres-Intimus, war schon nach Griechenland abgereist und w�rde mit seinem Beweismaterial zwei Tage vor der f�r Ciceros R�ckkehr festgesetzten Frist wieder in Rom sein. Quintus ersuchte seinen Bruder dringend, so schnell wie m�glich nach Rom zur�ckzukehren, um die Situation zu retten.</p><p>�Das ist eine Falle�, sagte Lucius sofort. �Er will dich in Panik versetzen, damit du die Reise vorzeitig abbrichst.�</p><p>�Wahrscheinlich hast du recht�, stimmte Cicero zu. �Aber das Risiko kann ich nicht eingehen. Wenn das Gericht diesen anderen Fall vor unserem aufruft und Hortensius das Verfahren nach bew�hrter Manier in die L�nge zieht, dann k�nnte unser Fall bis hinter den Wahltermin hinausgeschoben werden. Und dann sind Hortensius und Quintus Metellus die designierten Konsuln. Der j�ngste von den Metellus-Br�dern ist der zuk�nftige Pr�tor, und der dritte ist immer noch Statthalter hier in Sizilien. Was glaubst du, wie es dann um unsere Chancen steht?�</p><p>�Also, was machen wir?�</p><p>�Wir haben schon viel zu viel Zeit mit den kleinen Fischen verschwendet�, sagte Cicero. �Wir m�ssen den Krieg ins Lager des Feindes tragen und denen die Zungen lockern, die wirklich wissen, was da gespielt wurde - den R�mern selbst.�</p><p>�Du hast recht�, stimmte Lucius ihm zu. �Die Frage ist nur, wie?�</p><p>Cicero schaute sich vorsichtig um und sagte dann mit sehr leiser Stimme: �Wir veranstalten eine kleine Durchsuchung. Und zwar in den Gesch�ftsr�umen der Steuerp�chter.�</p><p>Lucius wurde ganz blass, als er das h�rte. Au�er dem Versuch, in den Palast des Statthalters zu marschieren und Metellus selbst zu verhaften, war das so ziemlich das Gewagteste an Provokation, was Cicero sich leisten konnte. Die Steuerp�chter bildeten ein Syndikat aus M�nnern mit besten Verbindungen. Sie standen im Ritterrang, operierten unter dem Schutz des Gesetzes, und zu ihren Geldgebern geh�rten einige der reichsten Senatoren Roms. Cicero selbst hatte sich als Spezialist in Handelsrecht ein Netzwerk aus F�rderern aufgebaut, das exakt aus dieser Klasse von Gesch�ftsleuten stammte. Die Strategie war riskant, das wusste er. Trotzdem lie� er sich nicht davon abbringen. Er war davon �berzeugt, dass das Zentrum von Verres' m�rderischen</p><p>Machenschaften sich hier vor Ort befand. Noch in derselben Nacht schickte er den Kurier mit einem Brief zur�ck nach Rom, in dem er Quintus mitteilte, dass er nur noch eine einzige Sache zu erledigen habe und die Insel in den n�chsten Tagen verlassen werde.</p><p>Cicero musste jetzt schnell und unter gr��ter Geheimhaltung handeln. Den Termin f�r die Durchsuchung hatte er mit Bedacht ausgew�hlt: Sie w�rde in zwei Tagen zur am wenigsten erwarteten Stunde stattfinden, kurz vor Morgengrauen an Terminalia, einem bedeutenden �ffentlichen Feiertag. Die Tatsache, dass dieser Tag Terminus geweiht ist, dem alten Gott der Grenzsteine und guten Nachbarschaft, machte ihn wegen seiner Symbolkraft in Ciceros Augen noch attraktiver. Unser Gastgeber Flavius erkl�rte sich bereit, uns zu den Gesch�ftsr�umen der Steuerp�chter zu f�hren. In der Zwischenzeit ging ich in den Hafen von Syrakus und machte den gleichen vertrauensw�rdigen Bootsbesitzer ausfindig, den ich schon Vorjahren f�r jene unbedachte R�ckreise Ciceros nach Italien angeheuert hatte. Von ihm mietete ich ein Schiff samt Mannschaft und wies ihn an, am Ende der Woche reisefertig zu sein. Die Beweismittel, die wir bislang gesammelt hatten, packten wir in Truhen und verstauten diese an Bord. Das Schiff wurde rund um die Uhr bewacht.</p><p>In der Nacht vor der Durchsuchung konnte keiner von uns gut schlafen. Es war noch dunkel, als wir mit unseren gemieteten Ochsenkarren beide Zufahrten in die Stra�e blockierten. Auf Ciceros Signal sprangen wir aus den Wagen. Der Senator h�mmerte gegen die T�r, trat, ohne auf eine Antwort zu warten, zur Seite, und zwei unserer kr�ftigsten Helfer machten sich mit �xten an die Arbeit. Als die T�r nachgab, quetschten wir uns hinein, stie�en den nicht mehr ganz jungen Nachtw�chter zur Seite und begannen die Unterlagen abzutransportieren. Wir bildeten eine Menschenkette - Cicero inklusive - und reichten die K�rbe mit den Wachstafeln und Papyrusrollen von Hand zu Hand hinaus auf die Stra�e und warfen sie auf die Karren.</p><p>Ich lernte eine kostbare Lektion an diesem Morgen: Wenn man auf Popularit�t aus ist, dann funktioniert das am besten mit einer Durchsuchungsaktion bei einem Syndikat von Steuereintreibern. Als die Sonne aufging und sich im Viertel die Nachricht von unserer Aktion verbreitete, formierte sich um uns herum eine begeisterte Ehrenwache von B�rgern. Es waren so viele, dass der Direktor der Firma, Carpinatius, der mit einem von Lucius Metellus bereitgestellten Trupp Legion�re anger�ckt war, das Geb�ude nicht wieder in Besitz nehmen konnte. Carpinatius und Cicero lieferten sich mitten auf der Stra�e ein hitziges Wortgefecht. Carpinatius br�llte, dass Steuerunterlagen der Provinzen per Gesetz vor Beschlagnahmung gesch�tzt seien, worauf Cicero erwiderte, dass seine Vollmacht des Gerichtshofes f�r Erpressungen Vorrang habe vor derartigen Formalit�ten. Tats�chlich, gestand Cicero hinterher ein, hatte Carpinatius Recht. �Aber�, f�gte er hinzu, �wer die Stra�e kontrolliert, kontrolliert das Recht.� Und zumindest bei dieser Gelegenheit war es Cicero gewesen, der die Stra�e kontrolliert hatte.</p><p>Insgesamt hatten wir etwa vier Ochsenkarren voll Unterlagen zu Flavius' Haus transportiert. Wir verriegelten die Tore, postierten Wachen und machte uns dann an die beschwerliche Arbeit, die Akten zu durchforsten. Selbst heute noch, wenn ich an den schieren Umfang der Aufgabe zur�ckdenke, sp�re ich, wie mir der Angstschwei� ausbricht. Die Unterlagen reichten Jahre zur�ck und umfassten nicht nur den gesamten staatlichen Grundbesitz in Sizilien, sondern listeten auch von jedem Bauern jedes St�ck Weidevieh und dessen Qualit�t sowie jede Feldfrucht auf, die er jemals angebaut hatte, wie viel er angebaut hatte und welchen Ertrag die Ernte gebracht hatte. Hier fand sich alles im Detail: Pachtvertr�ge, bezahlte Steuern, Briefwechsel. Schnell wurde klar, dass schon andere H�nde diese Unmengen Material durchgegangen waren und dabei jede Spur von Verres getilgt hatten. Aus dem Palast des Statthalters traf eine Mitteilung ein, in der Cicero f�r morgen, wenn die Gerichte wieder tagten, zu Metellus zitiert wurde, um zu Carpinatius' Verfugung auf R�ckgabe der Dokumente Stellung zu nehmen. Inzwischen hatte sich vor dem Haus wieder eine gro�e Menschenmenge versammelt, die laut Ciceros Namen skandierte. Ich musste an Terentias Prophezeiung denken, dass sie und ihr Ehemann aus Rom verbannt w�rden und den Rest ihrer Tage als Konsul und sie als �Konsulin� von Thermae fristen m�ssten. Nie erschien mir eine Weissagung wahrscheinlicher als in diesem Augenblick. Nur Cicero behielt k�hlen Kopf. Er hatte gen�gend zwielichtige Steuereintreiber vertreten und kannte die meisten ihrer T�uschungsman�ver. Als offensichtlich war, dass alle Akten mit Bezug auf Verres entfernt worden waren, grub er eine alte Namensliste mit allen h�heren Angestellten aus und suchte so lange, bis er auf den Namen des Mannes stie�, der w�hrend Verres' Amtszeit auf Sizilien Finanzdirektor des Steuerp�chtersyndikats gewesen war.</p><p>�Auf eins kann man sich immer verlassen, Tiro�, sagte er zu mir. �Ich habe noch keinen Finanzdirektor erlebt, der bei �bergabe der Gesch�fte an seinen Nachfolger nicht ein paar ganz spezielle Unterlagen f�r sich behalten h�tte. Nur um sicherzugehen, verstehst du?�</p><p>Und damit nahmen wir die zweite Durchsuchung an diesem Morgen in Angriff.</p><p>Unser Opfer war ein Mann namens Vibius, der gerade mit seinen Nachbarn Terminalia feierte. Er hatte in seinem Garten einen Altar aufgestellt, auf dem Weizen�hren und Honigwaben lagen und ein Krug Wein stand. Vibius hatte gerade ein Ferkel geopfert. (�Sind alles fromme Menschen, diese kriminellen Buchhalter�, bemerkte Cicero.) Als Vibius erkannte, dass der Senator direkt auf ihn zusteuerte, sah er selbst ein bisschen wie ein Ferkel aus, und als er dann auch noch die Vollmacht, auf dem das Siegel des Pr�tors Glabrio prangte, gelesen hatte, war ihm klar, dass ihm nichts anderes �brig blieb, als zu kooperieren. Er entschuldigte sich bei seinen verwirrten G�sten, bat uns ins Tablinum und �ffnete seinen Tresor. Zwischen Eigentumsurkunden, Rechnungsb�chern und Schmuckst�cken lag ein kleines Briefb�ndel mit der Aufschrift �Verres�. Als Cicero das B�ndel aufschn�rte, spiegelte sich blankes Entsetzen in Vibius' Gesicht. Ich sch�tze, dass ihm Freunde schon des �fteren empfohlen hatten, die Briefe zu vernichten, aber er hatte es entweder vergessen oder gedacht, dass sich damit irgendwann noch etwas Geld verdienen lie�e.</p><p>Auf den ersten Blick machten die Briefe nicht viel her - es schien sich lediglich um die Korrespondenz eines Steuerinspektors namens Lucius Canuleius zu handeln, der f�r die Erhebung von Exportz�llen auf alle G�ter zust�ndig gewesen war, die den Hafen von Syrakus passiert hatten. In den Briefen war von einer bestimmten Schiffsladung die Rede, die Syrakus vor zwei Jahren verlassen und f�r die Verres keine Steuern bezahlt hatte. Die Ladeliste war angeheftet. Es hatte sich um vierhundert F�sser Honig, f�nfzig Speisezimmerliegen, zweihundert Kronleuchter und neunzig Ballen Malteser Tuch gehandelt. Einem anderen Ankl�ger w�re das Besondere daran vielleicht nicht aufgefallen, Cicero bemerkte es sofort.</p><p>�Schau dir das mal an�, sagte er und gab mir die Liste. �Die Sachen stammen nicht von irgendwelchen bedauernswerten Einzelpersonen. <emphasis>Vierhundert</emphasis> F�sser Honig. <emphasis>Neunzig</emphasis> Ballen ausl�ndisches Tuch.� Er drehte sich um und schaute den unseligen Vibius w�tend an. �Das ist eine ganze Ladung, stimmt's? Dein Statthalter Verres hat ein ganzes Schiff gestohlen.�</p><p>Der arme Vibius hatte keine Chance. Er warf einen nerv�sen Blick in den Garten zu seinen best�rzten G�sten, die mit offenem Mund dastanden und in unsere Richtung schauten. Er best�tigte, dass es sich tats�chlich um eine komplette Schiffsladung gehandelt und dass man ihn angewiesen habe, nie wieder Steuern auf irgendwelche Exporte des Statthalters zu erheben.</p><p>�Wie viele solcher Lieferungen hat Verres noch abgewickelt?�, fragte Cicero.</p><p>�Das wei� ich nicht genau.�</p><p>�Ungef�hr.�</p><p>�Zehn�, sagte Vibius �ngstlich. �Vielleicht zwanzig.�</p><p>�Und bei keiner Ladung wurde Zoll bezahlt? Oder irgendetwas schriftlich festgehalten?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Und woher hatte Verres die Ware?�, bohrte Cicero weiter.</p><p>Vibius war vor Angst einer Ohnmacht nahe. �Senator, bitte ...� �Ich werde dich festnehmen lassen�, sagte Cicero. �Ich werde dich in Ketten nach Rom schaffen lassen, im Zeugenstand auf dem Forum Romanum vor tausend Zuschauern in St�cke rei�en und deine �berreste an die Hunde im Tempel der Kapitolinischen Trias verf�ttern.�</p><p>�Von Schiffen, Senator�, sagte Vibius mit piepsender Stimme. �Die G�ter stammten von Schiffen.�</p><p>�Was f�r Schiffen? Woher kamen die?�</p><p>�Von �berall, Senator. Aus Asia, Syrien, Tyros, Alexandria.�</p><p>�Und was ist mit den Schiffen passiert? Hat Verres sie beschlagnahmen lassen?�</p><p>�Ja, Senator.�</p><p>�Mit welcher Begr�ndung?�</p><p>�Spionage.�</p><p>�Spionage, nat�rlich, was sonst?�, sagte Cicero zu mir. �Hat wohl jemals ein Mann so viele Spione aufgest�bert wie unser wachsamer Statthalter Verres? Weiter�, sagte er und wandte sich wieder an Vibius. �Was ist aus den Mannschaften dieser Spionageschiffe geworden?�</p><p>�Man hat sie in die Steinbr�che gebracht, Senator.�</p><p>�Und was ist da mit ihnen passiert?�</p><p>Vibius antwortete nicht.</p><p>Die Steinbr�che waren das furchterregendste Gef�ngnis Siziliens, wahrscheinlich der ganzen Welt -jedenfalls habe ich von keinem schlimmeren geh�rt. Es war auf etwa einhundertachtzig Schritten L�nge und sechzig Schritten Breite in den massiven Fels gehauen und befand sich n�rdlich von Syrakus auf der befestigten Hochebene von Epipolae, von der man die ganze Stadt �berblicken konnte. In diesem H�llenloch, aus dem kein Schrei nach au�en dringen konnte, der sengenden Sommerhitze und den kalten Winterschauern schutzlos ausgeliefert, litten Verres' Opfer sowohl unter der Grausamkeit der Wachen wie den niederen Instinkten ihrer Mitgefangenen und starben einen qualvollen Tod.</p><p>Wegen seiner allseits bekannten Abneigung gegen alles Milit�rische ist Cicero von seinen Feinden oft Feigheit vorgeworfen worden, und sicher hatte er nicht die st�rksten Nerven und war etwas verz�rtelt, aber an diesem Tag, daf�r kann ich mich verb�rgen, zeigte er Mut. Er ging zur�ck zu Flavius' Haus und holte Lucius ab, w�hrend Frugi dort blieb und weiter die Steuerunterlagen durchforstete. Dann machten wir uns auf den Weg nach Epipolae. Mit der uns inzwischen �berallhin folgenden Menge Syrakuser B�rger und lediglich bewaffnet mit unseren Spazierst�cken und Glabrios Vollmacht, stiegen wir den steilen Pfad hinauf. Wie immer waren die Nachricht von Ciceros Anmarsch und der Grund seines Kommens uns schon vorausgeeilt. Cicero drohte dem Hauptmann der Wachmannschaft in einer vernichtenden Tirade die schrecklichsten Konsequenzen an, sollte er seinen Forderungen nicht nachkommen, worauf dieser das Festungstor �ffnete und uns auf das Plateau lie�. Als wir erst mal drin waren, verlangte Cicero, die Steinbr�che pers�nlich zu inspizieren - trotz allen Warnungen unsererseits, dass dies zu gef�hrlich sei.</p><p>Der riesige Kerker war schon vor �ber dreihundert Jahren unter der Herrschaft von Dionysios, dem Tyrannen von Syrakus, erbaut worden. Wachm�nner mit brennenden Fackeln schlossen ein Eisentor auf und f�hrten uns in einen Tunnel. Schimmel wucherte an dem gl�nzenden, von Kalk zerfressenen Fels, Ratten huschten im Dunkel hin und her, es stank nach Tod und Verwesung, das Schreien und St�hnen der verlorenen Seelen war zu h�ren - wahrhaftig, das war der Abstieg in die Unterwelt, in den Orcus. Schlie�lich kamen wir zu einer zweiten eisernen T�r, und als man auch diese aufgeschlossen und die Riegel zur Seite geschoben hatte, betraten wir das eigentliche Gef�ngnis. Was f�r ein Anblick! Es war, als hatte ein Riese Hunderte gefesselter Gestalten in einen Sack gestopft und diesen dann �ber einem Loch ausgeleert. Das Licht war tr�be, fast wie unter Wasser. Gefangene, wohin man auch schaute. Manche schlurften herum, andere standen in kleinen Gruppen zusammen, die meisten jedoch, gelblich bleiche Gerippe, lagen einfach auf dem Boden. Die Toten, die jeden Tag anfielen, waren noch nicht abtransportiert worden, aber es war ohnehin kaum m�glich, die lebenden Skelette von den Toten zu unterscheiden.</p><p>Wir gingen ziellos zwischen den K�rpern umher -den toten wie denen, die noch auf ihr Ende warteten, aber von den Toten nicht zu unterscheiden waren. Gelegentlich blieb Cicero stehen und fragte einen Mann nach seinem Namen, wobei er sich b�cken musste, da er sonst die gefl�sterte Antwort nicht verstanden h�tte. Wir fanden keinen einzigen R�mer, nur Sizilier. �Wer von euch ist r�mischer B�rger?�, rief er laut. �Ist irgendwer hier, den man von einem Schiff hierher gebracht hat?� Keine Antwort. Er drehte sich um, rief den Hauptmann der Wachen zu sich und verlangte die Gef�ngnisunterlagen zu sehen. Wie Vibius war auch er zwischen der Angst vor Verres und der Angst vor dem Sondererermittler hinund hergerissen, gab aber dem Druck Ciceros schlie�lich doch nach.</p><p>In die Felsw�nde waren separate Zellen und Stollen geschlagen, in denen gefoltert und hingerichtet wurde und wo die Wachen a�en und schliefen. (Wie wir sp�ter feststellten, war die bevorzugte Hinrichtungsart die mit dem W�rgeeisen.) Hier war auch die Gef�ngnisverwaltung untergebracht, falls man die als solche bezeichnen wollte. Man brachte uns K�rbe mit feuchten, vermoderten Papyrusrollen, auf denen die Namen der Gefangenen sowie die Daten f�r Anfang und Ende der Haftzeit verzeichnet waren. Manche M�nner waren als entlassen aufgef�hrt, doch hinter den Namen der meisten stand das gekritzelte sizilische Wort <emphasis>edikaiothesan,</emphasis> was hie�: �Todesstrafe vollstreckt�.</p><p>�Ich will den Namen von jedem Zugang w�hrend der drei Jahre, als Verres Statthalter war�, sagte er zu mir. Und zum Hauptmann: �Und du wirst mir hinterher mit deiner Unterschrift die Korrektheit der Angaben best�tigen.�</p><p>W�hrend ich mich mit meinen beiden Gehilfen an die Arbeit machte, suchten Cicero und Lucius in den Listen nach r�mischen Namen. Obwohl die meisten Gefangenen in den �Steinbr�chen� w�hrend Verres' Amtszeit offenbar Sizilier gewesen waren, fanden sich auch viele Namen von M�nnern, die aus anderen Regionen des Mittelmeerraumes stammten: aus Spanien, �gypten, Syrien, Kilikien, Kreta, Dalmatien. Als Cicero nach dem Grund ihrer Einkerkerung fragte, hie� es, sie seien Piraten gewesen - Piraten und Spione. Alle waren als �zum Tode verurteilt� aufgef�hrt, darunter auch der ber�chtigte Piratenkapit�n Heraclio. Die r�mischen B�rger unter den Gefangenen jedoch waren als �entlassen� verzeichnet - auch die beiden M�nner aus Spanien, Publius Gavius und Lucius Herennius, von deren Hinrichtungen man uns erz�hlt hatte.</p><p>�Diese Aufzeichnungen sind Unsinn�, sagte Cicero leise zu Lucius. �Sie k�nnen nur falsch sein. Kein Mensch hat gesehen, wie Heraclio hingerichtet worden ist, dabei ist die Kreuzigung eines Piraten ein Schauspiel, das sich niemand entgehen l�sst. Die Hinrichtung der beiden R�mer haben jede Menge Leute gesehen. Sieht ganz so aus, als h�tte Verres die beiden einfach ausgetauscht - die Mannschaften der Schiffe hat er t�ten lassen und die Piraten gegen ein fettes L�segeld freigelassen. Wenn Gavius und Herennius ihm auf die Schliche gekommen sind, dann w�rde das erkl�ren, warum Verres es so eilig damit hatte, sie hinzurichten.�</p><p>Lucius sah aus, als m�sste er sich gleich �bergeben. Den Sprung vom Studium philosophischer B�cher im sonnigen Rom zum Studium von Todeslisten beim Schein tropfender Kerzen zwischen nassen Felsw�nden f�nfundachtzig Fu� unter der Erde musste man erst einmal verkraften. Wir beendeten unsere Arbeit, so schnell wir konnten. Nie war ich erleichterter gewesen, einen Ort verlassen zu k�nnen, als in dem Augenblick, als wir durch den Tunnel nach oben stiegen und in die Welt der Menschen zur�ckkehrten. Ich erinnere mich an diesen Nachmittag, als w�re es gestern und nicht vor �ber einem halben Jahrhundert gewesen. Eine leichte, von See hereinwehende Brise war aufgekommen, und wir stellten uns instinktiv mit dem Gesicht zum Wind und atmeten dankbar die k�hle, klare Luft ein.</p><p>�Eins musst du mir versprechen�, sagte Lucius. �Solltest du jemals das <emphasis>Imperium</emphasis> innehaben, nach dem du dich so sehnst, dann darfst du solche Unmenschlichkeit, solches Unrecht niemals zulassen.�</p><p>�Ich schw�re es�, erwiderte Cicero. �Und versprich du mir, mein lieber Lucius, solltest du dich jemals fragen, warum rechtschaffene M�nner der Philosophie entsagen und nach Macht in der realen Welt streben, dass du dich immer daran erinnern wirst, was du in den Steinbr�chen von Syrakus gesehen hast.� </p><p>*</p><p>Zu dieser Zeit - es war sp�ter Nachmittag, als wir die Steinbr�che verlie�en - herrschte dank Ciceros Aktivit�ten gro�e Aufregung in Syrakus. Die Menschenmenge, die uns den steilen Weg hinauf zum Gef�ngnis gefolgt war, nahm uns vor den Mauern von Epiolae wieder in Empfang. Sie war sogar noch gr��er geworden, da sich ihr einige der angesehensten B�rger der Stadt angeschlossen hatten, darunder der Oberpriester des Jupiter, der eigens seine geweihte Robe angelegt hatte. Dieses hohe geistliche Amt, das traditionell dem rangh�chsten B�rger von Syrakus vorbehalten war, hatte zu jener Zeit niemand anderer als Ciceros Klient Heraclius inne, der aus eigenem Entschluss und unter betr�chtlichem pers�nlichem Risiko aus Rom angereist war, um uns zu unterst�tzen. Er bat Cicero im Namen des st�dtischen Senats, ihn umgehend in die Stadt zu begleiten, damit ihn die Honoratioren f�rmlich willkommen hei�en konnten.</p><p>Cicero wusste nicht recht, was er tun sollte. Er hatte noch viel Arbeit in viel zu kurzer Zeit zu erledigen, und au�erdem verstie� es gegen das Protokoll, dass ein r�mischer Senator ohne die Erlaubnis des Statthalters vor einer �rtlichen Kammer sprach. Andererseits er�ffnete es ihm eine gute M�glichkeit, seine Nachforschungen voranzutreiben. Er z�gerte kurz, erkl�rte sich dann einverstanden, und wenige Minuten sp�ter marschierten wir mit unserer vielk�pfigen Eskorte aus ergebenen Siziliern Richtung Stadt.</p><p>Die Senat war �berf�llt. Unter einer vergoldeten Statue von Verres stand der rangh�chste Senator, der ehrw�rdige Diodorus, hie� Cicero in griechischer Sprache willkommen und entschuldigte sich daf�r, dass sie ihm bislang noch keinen Beistand geleistet h�tten: Bis zu den Ereignissen des heutigen Tages h�tten sie nicht geglaubt, dass er es tats�chlich ernst meinte. Befl�gelt von den Eindr�cken und Erlebnissen des Tages, hielt Cicero -ebenfalls auf Griechisch - eine brillante Stegreifrede, in welcher er versprach, sein Leben ganz der Aufgabe zu widmen, das den Menschen von Sizilien zugef�gte Unrecht wiedergutzumachen. Unmittelbar nach der Rede stimmten die Senatoren von Syrakus fast einstimmig daf�r, ihre Lobpreisung auf Verres zu widerrufen (die ihnen, so schworen sie, von Metellus abgepresst worden sei). Unter allgemeinem Jubel schlangen mehrere junge M�nner Seile um den Hals der Verres-Statue und rissen sie um. Andere pr�sentierten uns - was wichtiger war - aus ihrem eigenen Geheimarchiv eine F�lle an neuem Beweismaterial, das sie �ber Verres' Verbrechen gesammelt hatten. Dazu geh�rten Ungeheuerlichkeiten wie der Diebstahl von siebenundzwanzig unsch�tzbaren Portr�ts aus dem Tempel der Minerva - sogar die �ppig verzierten T�ren des Heiligtums waren abtransportiert worden! - sowie ein detailliertes Verzeichnis der Bestechungsgelder, die Verres in seiner Eigenschaft als Richter f�r Freispr�che gefordert hatte.</p><p>Inzwischen hatte die Nachricht von der Versammlung und dass man die Verres-Statue umgest�rzt hatte, den Palast des Statthalters erreicht. Als wir den Senat verlassen wollten, war das Geb�ude umstellt von r�mischen Soldaten. Die Versammlung wurde auf Metellus' Befehl aufgel�st, Heraclius verhaftet und Cicero zum sofortigen Rapport zum Statthalter zitiert. In diesen Minuten fehlte nicht viel, und es w�re zu blutigen Unruhen gekommen. Cicero sprang jedoch auf die Ladefl�che eines Fuhrwerks und forderte die Sizilier auf, Ruhe zu bewahren. Metellus w�rde es nicht wagen, sich an einem r�mischen Senator zu vergreifen, der im Auftrag eines r�mischen Pr�tors handle. Allerdings f�gte er nicht nur zum Spa� hinzu, dass es vielleicht nicht falsch w�re, sollte er bei Einbruch der Nacht nicht wieder unter ihnen weilen, Nachforschungen nach seinem Aufenthaltsort anzustellen. Dann stieg er von dem Wagen herunter, und wir lie�en uns widerstandslos �ber die Br�cke auf die Insel f�hren.</p><p>Das Geschlecht der Metelli n�herte sich zu jener Zeit dem Zenit seiner Macht. Besonders der Zweig mit den drei Br�dern Quintus, Lucius und Marcus, die damals alle in den Vierzigern waren, schien daf�r ausersehen, die Geschicke Roms auf Jahre hinaus zu bestimmen. Das Trio war, wie Cicero zu sagen pflegte, ein dreik�pfiges Monster, dessen mittlerer Kopf - der zweite Bruder Lucius - in vielerlei Hinsicht der gef�hrlichste war. Lucius Metellus empfing uns unter Aufbietung aller Insignien seines <emphasis>imperium</emphasis> im Prunksaal des Statthalterpalastes - ein imposanter, gut aussehender Mann, der unter den marmornen Blicken eines Dutzends seiner Vorg�nger auf seinem kurulischen Stuhl sa�, flankiert von seinen Liktoren, hinter ihm sein Qu�stor und seine Sekret�re, neben der T�r eine bewaffnete Wache.</p><p>Ohne sich zu erheben und ohne ein Wort der Einleitung sagte er: �Die Anstiftung einer Rebellion in einer r�mischen Provinz ist Hochverrat.�</p><p>�Es ist ebenfalls Hochverrat�, erwiderte Cicero, �das Volk und den Senat Roms zu beleidigen, indem man deren offiziellen Repr�sentanten daran hindert, seine Pflicht zu erf�llen.�</p><p>�Ach ja? Was ist das f�r ein Repr�sentant Roms&lt;, der vor einem griechischen Senat eine Rede in dessen Muttersprache h�lt? Du ziehst durch die Provinz und stiftest �berall Unruhe. Das werde ich nicht dulden! Unsere Garnison ist zu klein, um bei so vielen Einheimischen die Ordnung aufrechtzuerhalten. Mit deiner verfluchten Agitation machst du die Insel unregierbar.�</p><p>�Ich versichere dir, dass sich der Unmut gegen Verres richtet, nicht gegen Rom.�</p><p>�Verres!� Metellus schlug mit der Faust auf die Armlehne seines Stuhls. �Warum interessierst du dich pl�tzlich f�r Verres? Ich sage dir, warum. Du benutzt ihn, weil du die Chance witterst, damit deine Karriere bef�rdern zu k�nnen, du mieser kleiner St�nkerer.�</p><p>�Schreib das auf, Tiro�, sagte Cicero, ohne seinen Blick von Metellus abzuwenden. �Ich will einen w�rtlichen Bericht von diesem Gespr�ch. Derartige Einsch�chterungsversuche werden von jedem Gericht zur Verhandlung zugelassen.�</p><p>Doch ich hatte viel zu viel Angst, um auch nur einen Finger zu r�hren. Bei Ciceros letzten Worten war n�mlich Metellus aufgesprungen, und die anderen M�nner machten lautstark ihrem Unmut Luft. �Ich befehle dir�, sagte Metellus, �die heute Morgen gestohlenen Dokumente zur�ckzugeben!�</p><p>�Und ich m�chte den Statthalter mit allem gebotenen Respekt daran erinnern�, erwiderte Cicero gelassen, �dass er sich nicht auf dem Exerzierplatz befindet, dass er es mit einem freien r�mischen B�rger zu tun hat und dass ich die Aufgabe, mit der man mich betraut hat, erf�llen werde!�</p><p>Metellus hatte die F�uste in die H�ften gestemmt und stand mit leicht vorgeneigtem Oberk�rper und vorgerecktem Kinn vor Cicero. �Du kannst die Dokumente jetzt zur�ckgeben, ohne gro�es Aufsehen, oder das Gericht wird dich morgen vor den Augen von ganz Syrakus dazu zwingen.�</p><p>�Ich ziehe es vor, meine Sache vor Gericht auszutragen, wie immer�, sagte Cicero und neigte kaum merklich den Kopf. �Besonders, da ich wei�, welch unparteiischen und rechtschaffenen Richter ich mit dir, Lucius Metellus, w�rdiger Erbe des Verres, haben werde.�</p><p>Ich versichere, dass ich dieses Gespr�ch exakt wiedergebe, da Cicero und ich es sofort nach Verlassen des Raumes - was sehr bald nach dem letzten Wortwechsel geschah - zu rekonstruieren begannen f�r den Fall, dass er tats�chlich Gelegenheit erhielte, es vor Gericht verwenden zu k�nnen. (Die exakte Abschrift befindet sich bis zum heutigen Tag bei seinen Unterlagen.)</p><p>�Das ist ja pr�chtig gelaufen�, witzelte er, aber seine H�nde und seine Stimme zitterten. Es war jetzt klar, dass die ganze Mission und vielleicht sogar seine pers�nliche Sicherheit in h�chster Gefahr waren. �Aber wenn du die Macht willst�, sagte er halb zu sich selbst, �und wenn du ein <emphasis>homo novus</emphasis> bist, dann musst du es genau so anpacken. Keiner �berreicht dir die Macht einfach so auf dem Silbertablett.�</p><p>Wir kehrten sofort zu Flavius' Haus zur�ck und arbeiteten beim schwachen Schein qualmender sizilischer Kerzen und flackernder �llampen die ganze Nacht durch, um f�r den morgigen Auftritt vor Gericht vorbereitet zu sein. Ehrlich gesagt war mir nicht klar, was Cicero �berhaupt erwarten durfte - au�er einer Dem�tigung. Metellus w�rde nie zu seinen Gunsten entscheiden, und au�erdem, wie Cicero unter vier Augen ja schon zugegeben hatte, war das Recht aufseiten der Steuerp�chter. Aber den Tapferen hilft das Gl�ck, wie schon der edle Terentius sagt, und in jener Nacht war es zweifelsohne mit Cicero. Es war der junge Frugi, der den Durchbruch schaffte. Ich habe Frugi in dieser Erz�hlung nicht so oft erw�hnt, wie er es eigentlich verdient h�tte. Haupts�chlich deshalb, weil er den ruhigen, anst�ndigen Typ verk�rperte, der nur selten Anlass f�r eine Bemerkung gibt und erst auff�llt, wenn er nicht mehr da ist. Er hatte schon den ganzen Tag �ber den Unterlagen der Steuerp�chter gesessen und wollte auch am Abend, obwohl er sich Ciceros Erk�ltung eingefangen hatte, keinesfalls ins Bett, sondern st�rzte sich stattdessen auf die Beweismittel, die der Senat von Syrakus zusammengetragen hatte. Es muss schon weit nach Mitternacht gewesen sein, als er pl�tzlich laut �Na also� rief und uns zu seinem Tisch winkte. Vor ihm lag eine Reihe von Wachstafeln, auf denen die Geldbewegungen des Steuerp�chtersyndikats verzeichnet waren. F�r sich genommen, hatte die Auflistung der Namen, Datumsangaben und geliehenen Betr�ge keine Aussagekraft. Doch als Frugi sie mit der Liste verglichen hatte, die der Syrakuser Senat von den Leuten erstellt hatte, die Bestechungsgelder an Verres zahlen mussten, ergab sich eine exakte �bereinstimmung: um zahlen zu k�nnen, hatten sie sich das Geld geliehen. Noch deutlicher wurde der Sachverhalt, als Frugi eine dritte Serie Wachstafeln vor uns ausbreitete, n�mlich die mit den Eingangsbelegen des Steuerp�chtersyndikats. An den gleichen Tagen waren exakt die gleichen Betr�ge von einer Person namens �Gaius Verrucius� wieder beim Syndikat eingezahlt worden. Die Identit�t des Einzahlers war so primitiv gef�lscht worden, dass wir alle lachen mussten. Offensichtlich hatte der urspr�ngliche Name �Gaius Verres� gelautet. Man hatte einfach die letzten beiden Buchstaben weggekratzt und durch �ucius� ersetzt.</p><p>�Verres hat also eine bestimmte Bestechungssumme gefordert�, sagte Cicero, dem man die Erregung jetzt deutlich anmerkte, �und hat obendrein von seinem Opfer verlangt, dass er sich das n�tige Bargeld bei Carpinatius leiht, und das sicher zu einem horrenden Zinssatz. Dann hat er das Geld bei seinen Steuerp�chterfreunden reinvestiert. Damit war sein Kapital nicht nur gesch�tzt, es hat auch noch Profit abgeworfen! Ein gerissener Schurke! Gerissen, gierig und dumm!� Er legte ein kleines Freudent�nzchen hin, schlang dann die Arme um den verlegenen Frugi und k�sste ihn herzhaft auf beide Wangen.</p><p>Ich kann versichern, dass von all seinen Triumphen im Gerichtssaal der am n�chsten Tag gewiss zu seinen s��esten geh�rte - vor allem, weil er juristisch gar kein Sieg, sondern eine Niederlage war. Er w�hlte die f�r Rom bestimmten Beweisst�cke aus, die Lucius, Frugi, Sositheus, Laurea und ich in K�rben hinunter aufs Forum von Syrakus trugen, wo Metellus seinen Richterstuhl hatte aufstellen lassen. Eine riesige Menge Einheimischer war zusammengestr�mt. Carpinatius sa� schon auf seinem Stuhl und wartete auf uns. Er hielt sich f�r einen ziemlich gewieften Anwalt und pr�sentierte seinen Fall, indem er alle relevanten, seine These st�tzenden Gesetzesbestimmungen und Pr�zedenzf�lle zitierte, dass n�mlich Steuerunterlagen einer Provinz nicht beschlagnahmt werden d�rfen. Ganz allgemein versuchte er den Eindruck zu erwecken, er sei nichts weiter als das gedem�tigte Opfer eines �berm�chtigen Senators geworden. Cicero stand mit gesenktem Kopf da und spielte den Niedergeschlagenen so herrlich, dass ich mir nur mit M�he das Lachen verkneifen konnte. Als er sich schlie�lich erhob, entschuldigte er sich f�r seine Handlungsweise, gestand sein Unrecht vor dem Gesetz ein, bat den Statthalter um Vergebung und versprach freudig, die Unterlagen an Carpinatius zur�ckzugeben, wobei - und hier machte er eine kurze Pause - es da allerdings eine kleine Sache gebe, die er nicht ganz verst�nde und f�r dessen Kl�rung er sehr dankbar w�re. Er nahm eine der Wachstafeln in die Hand und betrachtete sie mit verwirrtem Gesichtsausdruck. �Wer ist eigentlich Gaius Verrucius?�</p><p>Der bis dahin zufrieden l�chelnde Carpinatius sah von einer Sekunde auf die andere aus, als h�tte man ihm aus k�rzester Entfernung einen Pfeil in die Brust geschossen. Cicero verwies nun - mit einem Ausdruck der Verbl�ffung, als h�tte er es hier mit einem R�tsel zu tun, das seinen Verstand bei weitem �bersteige - auf die zuf�llige �bereinstimmung von Namen, Daten und Betr�gen in den Unterlagen des Steuerp�chtersyndikats und der vom Syrakuser Senat gef�hrten Liste mit den Bestechungsopfern.</p><p>�Und da ist noch ein Punkt�, sagte Cicero in freundlichem Tonfall zu Carpinatius. �Dieser Herr, mit dem du so rege Gesch�ftsbeziehungen gepflegt hast, taucht in deinen Unterlagen erst auf, als sein Fast-Namensvetter Gaius Verres in Sizilien eingetroffen war. Und er taucht gar nicht mehr auf, nachdem Gaius Verres die Insel wieder verlassen hatte. Aber in den drei Jahren von Verres' Amtszeit war er dein gr��ter Kunde.� Er hielt die Abrechnungen in die H�he und zeigte sie den Zuschauern. �Und es ist sicher ein dummer Zufall -hier, seht! -, dass dem Sklaven, der deine Berichte kopiert, immer der Schreibgriffel verrutscht ist, wenn er seinen Namen geschrieben hat. Naja, was soll's. Ich bin sicher, das hat nichts zu bedeuten. Aber vielleicht kannst du dem Gericht jetzt einfach mitteilen, wer dieser Verrucius ist und wo man ihn finden kann.�</p><p>Carpinatius schaute hilflos zu Metellus, als jemand aus der Zuschauermenge rief: �Den gibt's gar nicht!� Und ein anderer schrie: �Einen Verrucius hat's in Sizilien nie gegeben! Das ist Verres!� Und die Menge fing an zu skandieren: �Verres! Verres! Verres!�</p><p>Cicero hob eine Hand, und die Menge verstummte. �Carpinatius behauptet, dass ich keine Dokumente der Provinz beschlagnahmen darf. Ich gebe zu, nach dem Gesetz hat er recht. Aber an keiner Stelle in den Gesetzen steht, dass ich keine Abschriften machen kann, solange sie korrekt sind und ordnungsgem�� beglaubigt werden. Was ich brauche, ist Hilfe. Wer ist bereit, mir bei der Abschrift dieser Dokumente zu helfen, damit ich sie nach Rom bringen und dieses Schwein Verres f�r seine Verbrechen gegen das sizilische Volk zur Rechenschaft ziehen kann?�</p><p>Unz�hlige H�nde schossen in die H�he. Metellus versuchte f�r Ruhe zu sorgen, doch seine Worte gingen im L�rm der hilfswilligen Menge unter. Zusammen mit Flavius suchte Cicero die angesehensten M�nner der Stadt aus - Sizilier wie R�mer - und bat sie, nach vorn zu kommen, wo jeder Freiwillige ein Dokument sowie eine Wachstafel und einen Griffel ausgeh�ndigt bekam. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Carpinatius verzweifelt versuchte, durch die Menge zu Metellus vorzudringen, und wie Melius selbst mit verschr�nkten Armen vor seinem erh�hten Sitzplatz stand und w�tend auf das Chaos in seiner Gerichtsverhandlung hinunterblickte. Schlie�lich drehte er sich abrupt um, ging eilig die Stufen hinauf und verschwand in dem Tempel hinter ihm.</p><p>Und damit endete Ciceros Sizilienreise. Sicher h�tte Metellus nichts lieber getan, als Cicero festzunehmen oder ihn zumindest am Abtransport der Beweismittel zu hindern. Aber Cicero hatte schon zu viele Menschen aus der r�mischen wie sizilischen B�rgerschaft auf seine Seite gezogen. H�tte Metellus ihn festgesetzt, h�tte das einen Aufstand verursacht. Und er verf�gte nicht, das hatte er selbst gesagt, �ber gen�gend Soldaten, um die gesamte Bev�lkerung in Schach zu halten. Am Sp�tnachmittag waren die Abschriften der Dokumente beglaubigt und versiegelt und wurden auf unser bewachtes Schiff im Hafen gebracht, wo sie neben den schon verladenen Truhen mit den anderen Beweisst�cken verstaut wurden. Cicero blieb noch eine Nacht auf der Insel, w�hrend der er an einer Aufstellung mit den Namen der Zeugen arbeitete, die er in Rom zu pr�sentieren gedachte. Lucius und Frugi hatten sich bereit erkl�rt, in Syrakus zu bleiben, um deren Reise vorzubereiten.</p><p>Am n�chsten Morgen kamen die beiden an die Anlegestelle, um sich von Cicero zu verabschieden. Im Hafen dr�ngelte sich schon eine jubelnde Menge, an die Cicero letzte Worte des Dankes richtete. �Ich bin mir bewusst, dass ich im Bauch dieses zerbrechlichen Schiffes die Hoffnungen der ganzen Provinz mit mir f�hre. Ich werde alles f�r euch tun, was in meiner Macht steht, ich werde euch nicht im Stich lassen.� Dann half ich ihm an Deck, wo er sich mit tr�nennassen Augen zu den Menschen umwandte. Ich wusste nat�rlich, dass er als der vollendete Schauspieler, der er war, jede Emotion nach Belieben abrufen konnte, aber an diesem Tag waren seine Gef�hle echt, da bin ich mir sicher. Wenn ich jetzt an diesen Tag zur�ckdenke, frage ich mich, ob er ahnte, dass er die Insel nie mehr betreten w�rde. Die Ruder senkten sich ins Wasser, und das Schiff l�ste sich von der Kaimauer. Die Gesichter an der Anlegestelle verschwammen, die Gestalten wurden kleiner und verschwanden schlie�lich ganz. Langsam glitt das Schiff durch den den Hafen hinaus in die Meerenge.</p></section><section><title><p id="_bookmark10">KAPITEL VIII</p></title><p>Die R�ckreise von Regium nach Rom - diesmal ganz auf dem Landweg - war angenehmer als die Hinreise. Der Fr�hling war inzwischen angebrochen, auf dem Festland war es mild und freundlich. Nicht dass wir viel Gelegenheit hatten, uns an den V�geln und Blumen zu erfreuen, denn Cicero arbeitete praktisch ununterbrochen. Er sa� hinten im Wagen, mit einem Polster im R�cken, und entwarf trotz des st�ndigen Geschaukels ein Ger�st f�r den Prozess gegen Verres. Wenn er Dokumente aus dem Gep�ckwagen brauchte, holte ich sie ihm, und wenn er mir diktierte, trabte ich neben dem Wagen her, was ziemlich m�hsam war. Falls ich es richtig verstand, hatte er vor, die Masse an Beweisen auf vier separate Anklagepunkte zu verteilen -Bestechlichkeit als Richter, Erpressung bei der Eintreibung von Steuern und offizieller Abgaben, Pl�nderung von privatem und st�dtischem Besitz und schlie�lich gesetzwidrige und tyrannische Bestrafungen. Entsprechend sortierte er Zeugenaussagen und Beweisst�cke. Au�erdem begann er schon mit der Abfassung ganzer Passagen seiner Er�ffnungsrede. (All das erledigte er ungeachtet des st�ndig schaukelnden Wagens. Er hatte n�mlich nicht nur seinen K�rper daf�r ausgebildet, dass er den Belastungen seines Ehrgeizes standhielt, er hatte es auch durch schiere Willensanstrengung geschafft, sich von seiner Reisekrankheit zu kurieren. Im Lauf der Jahre erledigte er Unmengen an Arbeit, w�hrend er kreuz und quer durch Italien reiste.) Auf diese Weise f�hren wir in knapp zwei Wochen von Sizilien nach Rom, ohne dass er unterwegs genau wusste, wo wir gerade waren. Wir erreichten Rom in den Iden des M�rz, exakt zwei Monate nachdem wir <emphasis>die</emphasis> Stadt verlassen hatten.</p><p>Hortensius war in der Zwischenzeit nicht unt�tig gewesen und hatte eine komplizierte Scheinanklage auf den Weg gebracht. Wie von Cicero vermutet, war das Unternehmen zum Teil als Versuch gedacht gewesen, Cicero so fr�h wie m�glich aus Sizilien wegzulocken. Dasianus hatte sich nicht die M�he gemacht, wegen irgendwelcher Beweissicherung nach Griechenland zu reisen. Er hatte Rom nie verlassen. Allerdings hatte ihn das nicht daran gehindert am Gerichtshof f�r Erpressungen Klage gegen den fr�heren Statthalter von Achaea einzureichen, und der Pr�tor Glabrio, der vor Ciceros R�ckkehr nichts unternehmen konnte, hatte kaum eine andere Wahl gehabt, als Dasianus gew�hren zu lassen. Und so schwadronierte der von Hortensius aus der Bedeutungslosigkeit hervorgeholte Nichtsk�nner Dasianus Tag f�r Tag vor gelangweilten Geschworenen vor sich hin. Und <emphasis>wenn</emphasis> Dasianus erschlaffte und sein Redeschwall verebbte, sprang der �Tanzmeister� auf seine elegante Art ein und drehte auf dem Gerichtsboden mittels eigener, ausschweifend vorgetragener Argumente ein paar Pirouetten.</p><p>Quintus, schon immer ein findiger Stabsoffizier, hatte f�r Ciceros Wahlkampf f�r jeden Tag einen Terminplan entworfen. Als Cicero nach zwei Monaten Abwesenheit wieder sein Haus betrat, steuerte er als Erstes sein Arbeitszimmer an, um sich den Plan anzusehen, und erkannte mit einem Blick, was Hortensius beabsichtigte. Festtage, an denen das Gericht nicht zusammentrat, waren mit roten Punkten markiert. Zog man diese ab, blieben nur noch zwanzig volle Arbeitstage bis zum Beginn der sitzungsfreien Zeit des Senats. Die dauerte weitere zwanzig Tage, worauf direkt im Anschluss das f�nft�gige Fest der Flora folgte. Dann kamen der Tag des Apollo, die Tarentinischen Spiele, das Fest des Mars und so weiter. Grob gesch�tzt kamen auf vier Tage ein Feiertag. �Einfach ausgedr�ckt�, sagte Quintus, �bedeutet das Folgendes: So wie das bis jetzt l�uft, schafft es Hortensius problemlos, das Gericht bis kurz vor den Konsulatswahlen Ende Juli zu besch�ftigen. Danach ist deine eigene Wahl zum �dil Anfang August. Das fr�heste wahrscheinliche Datum, an dem wir vor Gericht ziehen k�nnen, ist der f�nfte. Und dann fangen Mitte August Pompeius' Spiele an - und die sind auf volle f�nfzehn Tage angesetzt. Und dann sind da nat�rlich noch die R�mischen Spiele und die Plebejischen Spiele ...�</p><p>�Verdammt�, rief Cicero aus und schaute sich <emphasis>den</emphasis> Kalender an. �Tut eigentlich irgendwer in dieser erb�rmlichen Stadt noch was anderes, als dabei zuzuschauen, wie sich Menschen und Tiere gegenseitig abschlachten?� Die Hochstimmung, in der er sich auf dem ganzen Weg von Syrakus nach Rom befunden hatte, schien in diesem Augenblick wie weggeblasen. Es war, als h�tte man mit einer Nadel in eine Blase gestochen. Er war kampfbereit nach Hause gekommen und musste nun erkennen, dass Hortensius viel zu gerissen war, um ihm in offener Gerichtsschlacht gegen�berzutreten. Abblocken und zerm�rben, so sah dessen Taktik aus. Eine geschickte Taktik, wusste doch jeder, dass Ciceros finanzielle Mittel bescheiden waren. Je l�nger er brauchte, um den Fall vor Gericht zu bringen, desto mehr Geld w�rde ihn das kosten. In ein oder zwei Tagen w�rden unsere ersten Zeugen aus Sizilien eintreffen. Sie erwarteten nat�rlich, dass man ihnen Reise und Unterkunft bezahlte und au�erdem f�r ihren Verdienstausfall aufkam. Obendrein musste Cicero seinen Wahlkampf f�r das �dilat finanzieren. Und angenommen, er w�rde die Wahl gewinnen, dann m�sste er auch noch das Geld auftreiben, das ihn das eine Jahr im Amt kosten w�rde. Schlie�lich waren �ffentliche Geb�ude zu unterhalten und zwei weitere offizielle Spiele zu veranstalten. Er konnte es sich nicht leisten, bei diesen Aufgaben zu knausern: Einem Geizkragen verziehen die W�hler nie.</p><p>Es blieb ihm also nichts anderes als eine weitere peinvolle Sitzung mit Terentia. Am Abend seiner R�ckkehr aus Syrakus a�en sie zusammen. Im Lauf des Abends lie� Cicero mich ins Speisezimmer rufen und sagte, ich solle ihm den Entwurf seiner Er�ffnungsrede bringen. Terentia lag steif auf ihrer Liege und stocherte gereizt in ihrem Essen herum, w�hrend Cicero seinen Teller nicht mal anger�hrt hatte. Ich gab ihm die Aktentasche und war froh, dass ich gleich wieder verschwinden konnte. Schon jetzt war die Rede so ausgeufert, dass er mindestens zwei Tage gebraucht h�tte, um sie vorzutragen. Sp�ter h�rte ich, wie er auf und ab ging und ihr daraus vorlas. Mir wurde pl�tzlich klar, dass sie ihm eine Art Generalprobe des Prozesses abverlangte, bevor sie ihm noch mehr Geld vorschoss. Anscheinend hatte ihr Ciceros Vorstellung gefallen, denn am n�chsten Morgen sorgte Philotimus daf�r, dass uns ein Kredit von weiteren f�nfzigtausend Sesterzen einger�umt wurde. Cicero empfand den Vorgang als Dem�tigung, jedenfalls besch�ftigte er sich nach meiner Erinnerung seit jener Zeit zunehmend mit dem Thema Geld, einem Thema, das ihn davor nie auch nur im Geringsten interessiert hatte.</p><p>Ich bin jetzt schon bei meiner achten Rolle Hieratica und habe das Gef�hl, dass ich Zeit vergeude. Ich muss meiner Geschichte etwas Beine machen, sonst werde ich entweder �ber meiner Arbeit sterben oder langweile den Leser zu Tode. Man sehe mir also nach, wenn ich die n�chsten vier Monate im Eiltempo abhandle. Cicero war gen�tigt, noch harter als sonst zu arbeiten. Morgens musste er sich als Erstes um seine Klienten k�mmern. (Nat�rlich waren durch die Sizilienreise eine Menge F�lle aufgelaufen, die jetzt abgearbeitet sein wollten.) Dann musste er sowohl vor Gericht wie auch im Senat erschienen, die beide tagten. Im Senat hielt er sich bedeckt, vor allem, weil er nicht in ein Gespr�ch mit Pompeius Magnus verwickelt werden wollte, in dessen Verlauf dieser ihn vielleicht bitten k�nnte, die Anklage gegen Verres wie auch seine Kandidatur f�r das �dilatsamt fallen zu lassen, oder - noch schlimmer - ihm seine Hilfe anbieten k�nnte, wodurch er dem m�chtigsten Mann Roms zu Dank verpflichtet w�re. Und das war eine Verpflichtung, die er unbedingt vermeiden wollte. Nur wenn an �ffentlichen Feiertagen und w�hrend Sitzungspausen Gerichte und Senat nicht zusammentraten, konnte er sich ganz auf den Verres-Fall konzentrieren. Dann sichtete und straffte er Beweismaterial und instruierte Zeugen. Wir schafften nach und nach �ber einhundert Sizilier nach Rom, die fast alle zum ersten Mal in der Stadt waren und jemanden brauchten, der sie an die Hand nahm - was meine Aufgabe war. Ich wurde zu einer Art Einmannreiseunternehmer, der dauernd in der Stadt unterwegs war, damit seine Kunden nicht Verres' Spionen in die F�nge gerieten oder sich betranken oder in Schl�gereien verwickelt wurden - ein heimwehkranker Sizilier, das darf man mir glauben, ist kein einfacher Kunde. Ich war erleichtert, als Frugi aus Syrakus eintraf und mir zur Hand gehen konnte. (Vetter Lucius blieb in Sizilien, damit der Nachschub an Beweisen und Zeugen nicht ins Stocken geriet.) Und schlie�lich nahm Cicero auch seine Besuche in den Hauptquartieren der Wahlbezirke wieder auf, um f�r seine Wahl zum �dil zu trommeln, was er meist am fr�hen Abend in Begleitung von Quintus erledigte.</p><p>Hortensius war ebenfalls aktiv. Mittels seines Sprachrohrs Dasianus hielt er den Gerichtshof f�r Erpressungen mit seiner �den Anklage auf Trab. Sein Vorrat an Gerissenheit war wirklich unersch�pflich. Zum Beispiel kannte seine Freundlichkeit gegen�ber Cicero keine Grenzen. Wann immer sie im Senaculum des Senats auf die Er�ffnung der Sitzung warteten, begr��te er ihn und nahm ihn f�r ein paar vertrauliche Worte �ber die allgemeine politische Lage beiseite. Anfangs f�hlte Cicero sich geschmeichelt, doch dann erfuhr er, dass Hortensius und seine Anh�nger das Ger�cht streuten, die Geschworenen und Cicero h�tten sich mit einer riesigen Summe daf�r bestechen lassen, die Anklage absichtlich scheitern zu lassen - deshalb auch die Vertraulichkeiten in aller �ffentlichkeit. Als unseren �berall in der Stadt in Mietskasernen eingepferchten Zeugen die Ger�chte zu Ohren kamen, gerieten sie in Panik wie H�hner, wenn der Fuchs um den Stall streicht. Cicero musste jeden einzelnen besuchen und beruhigen. Als Hortensius das n�chste Mal mit ausgestreckter Hand auf ihn zuging, drehte er sich einfach um. Hortensius l�chelte und zuckte mit den Achseln - was soll's, f�r ihn lief ohnehin alles nach Wunsch.</p><p>Ich sollte an dieser Stelle vielleicht noch etwas mehr �ber jenen bemerkenswerten Mann erz�hlen, den �K�nig der Gerichtsh�fe�, wie ihn seine Anh�nger nannten, dessen Rivalit�t mit Cicero die r�mische Anwaltschaft eine Generation lang in Atem hielt. Die Grundlage seines Erfolgs war sein Ged�chtnis. In seinen mehr als zwanzig Jahren als Anwalt hatte man nie erlebt, dass er Notizen n�tig gehabt hatte. Es bereitete ihm keine M�he, eine vierst�ndige Rede auswendig zu lernen und perfekt vorzutragen, ob im Senat oder auf dem Forum. Und dieses ph�nomenale Erinnerungsverm�gen war nicht das Ergebnis n�chtelangen, stumpfsinnigen Paukens, er konnte es jederzeit aus dem Stand demonstrieren. Er besa� die be�ngstigende F�higkeit, sich an alles, was seine Gegner gesagt hatten - sei es bei einer Zeugenaussage oder einem Kreuzverh�r -, erinnern zu k�nnen, und er konnte es ihnen, wann immer es ihm n�tig erschien, wieder an den Kopf schleudern. Er glich einem doppelt bewaffneten Gladiator, dessen Arena der Gerichtssaal war. Er attackierte mit Schwert und Dreizack, er sch�tzte sich mit Wurfnetz und Schild. In jenem Sommer war er vierundvierzig Jahre alt und lebte mit seiner Frau und seinen beiden halbw�chsigen Kindern, einem Sohn und einer Tochter, auf dem Palatin in einem exquisit eingerichteten Haus direkt neben seinem Schwager Catulus. <emphasis>Exquisit -</emphasis> das war das auf Hortensius zutreffende Wort: exquisite Umgangsformen, exquisit gekleidet, frisiert, parf�miert, exquisit in seinem Geschmack bei allen sch�nen Dingen. Nie kam ihm ein grobes Wort �ber die Lippen. Aber er hatte ein gewohnheitsm��iges Laster, und das war seine Gier, die ungeheuerliche Ausma�e angenommen hatte: der Palast in der Bucht von Neapel; der Privatzoo; der Keller, in dem zehntausend F�sser mit erlesenen Weinen lagerten; das Gem�lde von Cydias, das er f�r hundertf�nfzigtausend Sesterzen gekauft hatte; die mit Juwelen beh�ngten Aale in seinem Fischteich; die B�ume, die er mit Wein besprengen lie�; er war der Erste, der seinen G�sten Pfau servieren lie� -alle Welt kannte die Geschichten. Diese Extravaganz hatte ihn in die Verbindung mit Verres getrieben, der ihn seitdem mit gestohlenen Geschenken �bersch�ttete - das bekannteste war eine unsch�tzbar wertvolle, aus einem einzigen St�ck Elfenbein geschnitzte Sphinx - und der au�erdem seinen Wahlkampf f�r das Konsulat finanzierte.</p><p>Die Konsulatswahl war f�r den siebenundzwanzigsten Juli festgesetzt worden. Am dreiundzwanzigsten sprachen die Geschworenen des Gerichtshofes f�r Erpressungen den ehemaligen Statthalter von Achaea von allen Anklagepunkten frei. Cicero, der sich von der Arbeit an seiner Er�ffnungsrede losgerissen hatte und in den Senat geeilt war, um das Urteil der Geschworenen zu h�ren, registrierte teilnahmslos, dass Glabrio den Beginn der Anh�rungen im Fall Verres auf den f�nften August festsetzte. �Ich gehe davon aus, dass deine Ausruhrungen dann etwas knapper ausfallen werden�, sagte er zu Hortensius, der diese Bemerkung mit einem blasierten Grinsen quittierte. Jetzt mussten nur noch die Geschworenen ausgew�hlt werden, was am folgenden Tag erledigt wurde. Das Gesetz sah vor, dass zweiunddrei�ig durch das Los zu bestimmende Senatoren als Geschworene fungierten. Jede Seite war berechtigt, sechs davon abzulehnen. Doch selbst als Cicero sein Kontingent aufgebraucht hatte, sah er sich immer noch einer be�ngstigenden Anzahl feindseliger Geschworener gegen�ber, zu denen einmal mehr Catulus und dessen Sch�tzling Catilina geh�rten wie auch der andere gro�e alte Mann des Senats, Servilius Vatia Isauricus, und zu allem �berfluss Marcus Metellus. Au�er diesen verkn�cherten Aristokraten konnten wir auch Zyniker wie Aemilius Alba, Marcus Lucretius und Antonius Hybrida von vornherein abschreiben, da die ihre Stimme unweigerlich an den h�chsten Bieter verscherbeln w�rden - und Verres war nach wie vor sehr freigebig. Ich glaube, erst an jenem Tag, als ich nach der Vereidigung der Geschworenen Hortensius' Gesicht gesehen habe, ist mir die wahre Bedeutung der alten Redensart �grinsen wie ein Honigkuchenpferd� aufgegangen. Ihm w�rde alles in den Scho� fallen: das Konsulat und obendrein - dessen war er sich nun auch sicher -der Freispruch f�r Verres.</p><p>Die folgenden Tage waren die nervenaufreibendsten, die Cicero als Person des �ffentlichen Lebens je durchgemacht hatte. Am Morgen der Konsulatswahlen war er so mutlos, dass er sich kaum aufraffen konnte, zur Stimmabgabe aufs Marsfeld zu gehen. Aber nat�rlich musste er sich den Menschen als aktiver B�rger zeigen. Schon beim ersten Trompetensto� und dem Hissen der rote Flagge �ber dem Janiculum-H�gel war es keine Frage, wer die Wahl gewinnen w�rde. Hortensius und Quintus Metellus wurden von Verres und seinem Gold, von den Aristokraten und von Pompeius' und Crassus' Anh�ngern unterst�tzt. Dennoch herrschte zu solchen Anl�ssen immer eine Art Renntagsatmosph�re. Im morgendlichen Sonnenschein str�mten die Kandidaten und ihre Anh�nger aus der Stadt zu den Wahlurnen, und die umtriebigen Ladenbesitzer best�ckten ihre Verkaufsst�nde mit Wein und W�rsten, W�rfelspielen und Sonnenschirmen und was man sonst noch alles zu einem kurzweiligen Wahltag ben�tigte. Wie es uralter Brauch vorschrieb, stand der scheidende erste Konsul Pompeius mit einem Auguren an seiner Seite am Eingang des Zeltes f�r den Wahlleiter. Als alle Kandidaten f�r die Konsuln-und Pr�toren�mter, vielleicht zwanzig Senatoren, in ihren wei�en Togen Aufstellung genommen hatten, stieg Pompeius auf das Podium und sprach das traditionelle Gebet. Danach begann die Abstimmung, und die W�hler hatten nun nichts mehr zu tun, als schwatzend herumzustehen, bis sie an die Reihe kamen.</p><p>Das war die alte Republik in Aktion. Alle M�nner stimmten im Verbund ihrer Zenturien ab, wie in fr�heren Zeiten, als sie als Soldaten ihren Heerf�hrer gew�hlt hatten. Jetzt, da das Ritual bedeutungslos geworden ist, kann man kaum noch vermitteln, wie bewegend dieses Schauspiel war, selbst f�r einen Sklaven wie mich, der kein Wahlrecht hatte. Es verk�rperte etwas Wunderbares - einen pl�tzlichen Impuls des menschlichen Geistes, der vor einem halben Jahrtausend in den unbeugsamen Menschen aufflackerte, die inmitten der harten Felsen und dem weichen Marschland der Sieben H�gel gelebt hatten: ein Impuls, der zum Licht der W�rde und Freiheit dr�ngte, weg von der Dunkelheit viehischer Abh�ngigkeit. Und diesen Impuls haben wir verloren. Nicht dass es sich dabei um eine reine Demokratie gehandelt h�tte, wie sie uns Aristoteles beschrieben hatte, ganz und gar nicht. Die Rangfolge unter den Zenturien, von denen es einhundertdreiundneunzig gab, wurde durch den Reichtum ihrer Mitglieder bestimmt. Die wohlhabendsten Schichten w�hlten stets zuerst und verk�ndeten immer das Ergebnis: ein entscheidender Vorteil. Diese Zenturien profitierten auch davon, dass sie nur wenige Mitglieder hatten, w�hrend es in den Zenturien der riesigen Elendsviertel wie zum Beispiel Subura vor Menschen wimmelte. Folglich z�hlte die Stimme eines Reichen mehr als die eines Armen. Trotzdem, es war die Freiheit, wie sie seit Hunderten von Jahren praktiziert wurde, und an jenem Tag auf dem Marsfeld w�re niemandem im Traum eingefallen, dass er es erleben w�rde, sie zu verlieren.</p><p>Zwei Stunden vor Vormittag, es begann langsam hei� zu werden, wurde Ciceros Zenturie aufgerufen. Sie war eine von zw�lf Zenturien, deren Mitglieder ausschlie�lich dem Ritterstand angeh�rten. Er schlenderte mit seinen Kollegen in die mit Seilen abgesperrte Zone, bearbeitete aber die Menschen jenseits der Absperrung auf die ihm eigene Art und Weise weiter - mit einem Wort hier, einer Ber�hrung des Ellbogens dort. Dann bildeten sie eine Schlange und gingen im G�nsemarsch an einem Tisch vorbei, wo Schreiber die Namen �berpr�ften und die Abstimmungstafeln aush�ndigten. Wenn es zu Ann�herungsversuchen kam, dann in der Regel hier, weil die Parteig�nger der Kandidaten an dieser Stelle ganz nah an die W�hler herankamen und ihnen Versprechungen oder Drohungen zufl�stern konnten. Diesmal blieb jedoch alles ruhig. Ich sah, wie Cicero �ber die schmale Holzbr�cke ging und hinter der Bretterwand verschwand, um seine Stimme abzugeben. Als er auf der anderen Seite wieder auftauchte, ging er an den unter einem Baldachin wartenden Kandidaten und deren Freunden vorbei, blieb kurz stehen, um mit Palicanus zu plaudern -der Exvolkstribun mit der etwas derberen Ausdrucksweise kandidierte f�r eines der Pr�toren�mter -, und verlie� den abgesperrten Bereich, ohne Hortensius oder Metellus eines weiteren Blickes zu w�rdigen.</p><p>Wie alle Zenturien vor ihr stimmte auch Ciceros Zenturie f�r die offizielle Kandidatenliste: Hortensius und Metellus als Konsuln, Marcus Metellus und Palicanus als Pr�toren. Jetzt ging es nur noch darum, so lange zu w�hlen, bis eine absolute Mehrheit erreicht war. Die �rmeren wussten nat�rlich, dass ihre Stimme auf den Ausgang keinen Einfluss hatte. Aber die W�rde des Wahlprivilegs lie� sie geduldig den ganzen Tag in der Sonne ausharren, bis sie an der Reihe waren, um �ber die Holzbr�cke gehen und ihre Stimme abgeben zu k�nnen. Wir wanderten an den Schlangen entlang, wobei Cicero um Stimmen f�r seine Wahl zum �dil warb. Es war beeindruckend, wie viele Menschen Cicero pers�nlich kannte - nicht nur die W�hler selbst, er kannte auch die Namen ihrer Frauen und wie viele Kinder und welchen Beruf sie hatten: und das alles, ohne dass ich sie ihm einfl�stern musste. Gegen elf Uhr, als sich die Sonne gerade dem Janiculum-H�gel zuzuneigen begann, wurde die Wahl unterbrochen, und Pompeius verk�ndete die Sieger. Bei der Wahl zum Konsul hatte Hortensius vor Quintus Metellus gewonnen, f�r das Pr�torenamt hatte Marcus Metellus die meisten Stimmen erhalten. W�hrend die Sieger von ihren jubelnden Anh�ngern umringt wurden, konnten wir beobachten, wie zum ersten Mal an diesem Morgen der Rotschopf des Gaius Verres in der vordersten Reihe auftauchte. �Der Puppenspieler macht seine Aufwartung�, bemerkte Cicero. Die Aristokraten sch�ttelten ihm die Hand und klopften ihm auf die Schultern, man h�tte meinen k�nnen, er w�re gerade zum Konsul gew�hlt worden. Scribonius Curio, ein ehemaliger Senator, umarmte Verres und sagte so laut, dass jeder es h�ren konnte: �Mit dem Ergebnis der Wahl steht wohl fest, dass dein Freispruch nur noch Formsache ist.�</p><p>Nur wenigen Kr�ften in der Politik kann man schwerer widerstehen als dem Gef�hl, dass etwas unvermeidlich ist. Die Menschen sind nun mal Herdentiere, wie Schafe zieht es sie immer in die sichere N�he des St�rksten, des Siegers. Wohin man auch h�rte, alle waren einer Meinung: Cicero war erledigt, am Ende, die Aristokraten waren wieder obenauf, kein senatorischer Geschworener w�rde Gaius Verres je verurteilen. Aemilius Alba, der sich f�r einen geistreichen Kopf hielt, erz�hlte jedem, dem er �ber den Weg lief, dass er ganz verzweifelt sei: Der Kurs f�r Verres-Geschworene sei so tief gesunken, dass er f�r seine Stimme h�chstens noch dreitausend Sesterzen rausholen k�nne. Die Aufmerksamkeit richtete sich nun auf die bevorstehenden Wahlen zum �dilat, und es dauerte nicht lange, bis Cicero merkte, dass Verres hinter den Kulissen auch da mitmischte. Ranunculus, ein berufsm��iger Wahlkampfleiter, der Cicero wohlgesinnt war und sp�ter von ihm angeheuert wurde, berichtete diesem, dass Verres alle wichtigen Stimmenk�ufer zu einem n�chtlichen Treffen in sein Haus eingeladen und f�r jeden, der seinen Wahlbezirk dazu bringe, Cicero nicht zu w�hlen, f�nftausend Sesterzen ausgelobt h�tte. Ich sah Cicero und seinem Bruder an, dass sie beunruhigt waren. Aber es kam noch schlimmer. Kurz darauf, am Vortag der Wahlen, trat der Senat unter Vorsitz von Crassus zusammen, um per Losentscheid zu bestimmen, welchen Gerichtshof jeder der designierten Pr�toren nach seinem Amtsantritt im Januar �bernehmen w�rde. Bei seiner R�ckkehr aus der Kammer - ich hatte ihn nicht begleitet - sah Cicero blass und m�de aus.</p><p>Das Unglaubliche war geschehen: Marcus Metellus, den das Los schon zum Geschworenen im Verres-Prozess bestimmt: hatte, war auch noch der Vorsitz des Gerichtshofes f�r Erpressungen zugelost worden.</p><p>Selbst in seinen schlimmsten Tr�umen hatte Cicero damit nicht gerechnet. Er war so schockiert, dass er fast kein Wort herausbrachte. �Du h�ttest den Aufschrei im Saal h�ren sollen�, sagte er fl�sternd zu Quintus. �Crassus muss die Ziehung manipuliert haben. Jeder glaubt das, aber keiner wei�, wie. Dieser Kerl gibt keine Ruhe, bis er mich als gebrochenen und zahlungsunf�higen Mann ins Exil gejagt hat.� Er schleppte sich ins Arbeitszimmer und lie� sich auf seinen Stuhl fallen. Es war der dritte August, ein dr�ckend hei�er Tag. Man wusste kaum, wo man den Fu� hinsetzen sollte, �berall auf dem staubigen Boden lagen Aktenstapel aus dem Verres-Fall herum: Steuerunterlagen, eidesstattliche Erkl�rungen, Zeugenaussagen. (Und das war nur ein Teil des Materials: Das meiste lagerte in verschlossenen Kisten im Keller.) Die Entw�rfe f�r seine weitschweifige Er�ffnungsrede, die immer wahnwitzigere Ausma�e annahm, bedeckte in wankenden Papyrusstapeln sein ganzes Schreibpult. Sie niederzuschreiben, hatte ich schon lange aufgegeben. Nur Cicero wusste, wie man sie noch zu einem logischen Ganzen zusammenf�gen konnte, wenn �berhaupt. Er sa� da und massierte mit den Fingerspitzen seine Schl�fen. Mit kr�chzender Stimme bat er mich um einen Schluck Wasser. Ich wollte das Zimmer gerade verlassen, als ich ein St�hnen und dann einen dumpfen Schlag h�rte. Ich drehte mich um und sah, wie er vorn�bergekippt auf seinem Stuhl sa�, er hatte sich an der Pultkante den Kopf angeschlagen. Im n�chsten Augenblick waren Quintus und ich bei ihm. Seine Backen waren leichenblass, leuchtend rotes Blut tropfte von seiner Nase, der schlaffe Mund stand offen.</p><p>Quintus geriet in Panik. �Los, hol Terentia�, rief er. �Schnell!�</p><p>Ich lief nach oben zu ihrem Zimmer, klopfte und sagte, dass es Cicero nicht gut gehe. Sie kam sofort heraus, lief nach unten und �bernahm auf bewundernswerte Weise sogleich das Kommando. Inzwischen war Cicero wieder halbwegs bei Bewusstsein und sa� mit dem Kopf zwischen den Knien auf dem Stuhl. Terentia kniete sich neben ihn auf den Boden, verlangte nach Wasser, zog dann einen F�cher aus dem �rmel und fing an, ihm heftig Luft zuzuf�cheln. Quintus hatte inzwischen meine beiden Gehilfen losgeschickt, um irgendwo in der Nachbarschaft einen Arzt aufzutreiben. Kurze Zeit sp�ter tauchten beide mit je einem griechischen Arzt im Schlepptau wieder auf. Die elenden Quacksalber bekamen sich augenblicklich �ber die Frage in die Haare, was zu tun sei: Abf�hrmittel oder Aderlass? Terentia warf beide aus dem Haus -nicht ohne sie vorher scharf zu ermahnen, kein Wort �ber das Gesehene verlauten zu lassen. Sie verwarf auch Quintus' Vorschlag, Cicero sofort ins Bett zu stecken. Sollte das bekannt werden, dann w�rde aus der schon jetzt weitverbreiteten Annahme, ihr Mann sei am Ende, schnell eine gesicherte Tatsache. Sie fasste ihn unter, half ihm aufzustehen und f�hrte ihren unsicher einen Fu� vor den anderen setzenden Ehemann hinaus ins Atrium, wo die Luft nicht ganz so stickig war. Quintus und ich folgten ihnen. �Du bist nicht am Ende!�, h�rte ich sie mit fester Stimme sagen. �Du hast einen Prozess zu f�hren, rei� dich zusammen!� Cicero brummte irgendeine Antwort.</p><p>�Das ist alles gut und sch�n, Terentia�, platzte es aus Quintus heraus. �Aber das Neueste wei�t du ja noch gar nicht.� Und dann erz�hlte er ihr von Marcus Metellus' Ernennung zum Vorsitzenden des Gerichtshofes f�r Erpressungen und welche Konsequenzen das h�tte. Mit Metellus als P�chter h�tten sie nicht die geringste Chance auf einen Schuldspruch, was bedeutete, dass ihre einzige Hoffnung jetzt sei, die Anh�rung bis Ende Dezember abzuschlie�en. Das aber sei angesichts von Hortensius' Geschick, jedes Verfahren endlos in die L�nge zu ziehen, so gut wie unm�glich. F�r die Menge an Beweisen reiche einfach die Zeit nicht. Sie h�tten bis zum Beginn von Pompeius' Spielen gerade mal zehn Gerichtstage, und die w�rde schon fast Ciceros Er�ffnungsrede beanspruchen. Er h�tte also gerade mal seinen Fall skizziert, dann w�rde das Gericht f�r den gr��ten Teil des Monats die Verhandlung aussetzen, und danach h�tten die</p><p>Geschworenen Ciceros brillante Argumente schon wieder vergessen. �Nicht dass das eine gro�e Rolle spielte�, setzte Quintus d�ster hinzu. �Die meisten stehen jetzt schon auf Verres' Lohnliste.�</p><p>�Er hat recht�, sagte Cicero. Als sei er in dieser Sekunde erst wieder zu sich gekommen und w�rde gerade feststellen, wo er sich �berhaupt befand, schaute er sich verwirrt um. �Ich muss meine Kandidatur zur�ckziehen�, murmelte er. �Eine Niederlage w�re schon dem�tigend genug, aber zu gewinnen und dann nicht die Mittel zu haben, um seinen Amtspflichten nachzukommen, das w�re noch dem�tigender.�</p><p>�Jammerlappen�, sagte Terentia w�tend und lie� ruckartig Ciceros Arm los. �Wenn du schon beim ersten R�ckschlag klein beigibst, ohne dich auch nur zu wehren, dann hast du nicht verdient, gew�hlt zu werden.�</p><p>�Meine Liebe�, sagte Cicero in flehendem Tonfall und dr�ckte die Hand gegen die Stirn. �Wenn du mir erkl�rst, wie ich die Zeit besiegen soll, dann werde ich mich auf der Stelle wehren. Was soll ich tun, wenn ich nur zehn Tage habe, um meine Anklage vorzutragen, und die Verhandlung dann wochenlang unterbrochen ist?�</p><p>Terentia beugte sich so weit zu ihm vor, dass ihr Gesicht nur wenige Zentimeter von seinem entfernt war. �Dann streich sie zusammen, deine Rede!�, zischte sie. </p><p>*</p><p>Nachdem sich seine Frau wieder in ihre R�ume zur�ckgezogen hatte, ging der von seinem Nervenzusammenbruch immer noch geschw�chte Cicero in sein Arbeitszimmer, setzte sich auf seinen Stuhl und starrte lange Zeit die Wand an. Wir lie�en ihn allein. Kurz vor Sonnenuntergang kam Sthenius zu Besuch und erz�hlte, dass Quintus Metellus alle Zeugen aus Sizilien zu sich bestellt habe und dass ein paar von den �ngstlichen dumm genug gewesen seien zu gehorchen. Einer hatte Sthenius ausf�hrlich berichtet, dass Metellus versucht habe, sie unter Druck zu setzen, damit sie ihre Aussagen zur�ckz�gen. �Ich bin der designierte Konsul�, hatte er gewettert. �Einer meiner Br�der ist Statthalter von Sizilien, der andere wird den Vorsitz im Gerichtshof f�r Erpressungen �bernehmen. Es sind schon zahlreiche Vorkehrungen getroffen worden, die verhindern werden, dass Verres zu Schaden kommt. Wir werden nicht vergessen, wer sich gegen uns gestellt hat.� Ich notierte mir den genauen Wortlaut auf einem T�felchen und betrat vorsichtig Ciceros Arbeitszimmer. Er sa� genau so da, wie ich ihn vor Stunden verlassen hatte. Ich las ihm vor, was Metellus gesagt hatte, doch er reagierte nicht.</p><p>Sein Zustand beunruhigte mich jetzt ernsthaft, und ich h�tte wohl wieder seinen Bruder oder seine Frau geholt, w�re sein Geist aus den Sph�ren, in denen er geschwebt hatte, nicht pl�tzlich wieder zu uns zur�ckgekehrt. Ohne den starren Blick von der Wand zu wenden, sagte er in grimmigem Tonfall: �Geh zu Pompeius und melde mich f�r heute Abend bei ihm an.� Als ich nicht sofort reagierte, weil mir der Gedanke kam, dass dies nur ein neues Symptom seiner Unp�sslichkeit sei, herrschte er mich an: �Na los!�</p><p>Es war nicht weit bis zu Pompeius, sein Haus lag im gleichen Viertel am Esquilin wie das von Cicero. Die Sonne war gerade untergegangen, aber es war immer noch hell und schw�lhei�, und von Osten blies eine bleiern sanfte Brise - die im Hochsommer schlimmstm�gliche Kombination, weil so der Gestank der verwesenden Leichen vom �ffentlichen Friedhof von jenseits der Stadtmauer bis in unser Viertel drang. Ich glaube, das Problem ist heute nicht mehr so akut, aber damals war die Porta Esquilina der Ort, wo man alles ablud, was tot und keiner Beerdigung wert war - Katzen, Hunde, Pferde, Esel, Sklaven, arme Leute, Totgeburten. Alles lag durcheinander und verrottete zusammen mit dem Hausm�ll. Der Gestank lockte immer gro�e Schw�rme kreischender M�wen an, und ich wei� noch, dass er an diesem Abend besonders stechend war, ein ranziger, alles durchdringender Geruch, den man nicht nur roch, sondern auch auf der Zunge schmeckte.</p><p>Pompeius' Haus war viel pomp�ser als das von Cicero. Vor der Eingangst�r waren zwei Liktoren postiert, von der anderen Stra�enseite gafften ein paar Schaulustige her�ber. An der Hauswand stand ein halbes Dutzend �berdachter S�nften, deren Tr�ger auf dem Boden hockten und w�rfelten -Hinweis darauf, dass eine gro�e Abendgesellschaft im Gang war. Ich �bergab meine Nachricht dem T�rw�chter, der im Haus verschwand und kurze Zeit sp�ter mit Palicanus zur�ckkam. Der designierte Pr�tor wischte sich mit einer Serviette das fettige Kinn ab. Er erkannte mich, fragte, worum es ginge, und ich �bermittelte ihm Ciceros Wunsch. �Na endlich�, sagte Palicanus auf seine direkte Art. �Sag ihm, dass der Konsul ihn sofort empfangen wird.�</p><p>Cicero muss gewusst haben, dass Pompeius ihn empfangen w�rde, denn als ich zur�ckkam, hatte er sich schon umgezogen und war startbereit. Er war immer noch sehr blass. Er wechselte einen letzten Blick mit Quintus, dann gingen wir. Wir sprachen unterwegs kein Wort, da Cicero, der es hasste, an den Tod erinnert zu werden, die ganze Zeit den �rmel auf Mund und Nase presste, um nicht den Gestank vom Campus Esquilinus riechen zu m�ssen. �Warte hier�, sagte er, als wir Pompeius' Haus erreichten. Es sollte einige Stunden dauern, bis ich ihn wiedersah. Das Tageslicht verblasste, das kraftvolle Purpur des Zwielichts verwandelte sich in schwarze Nacht, und die Sterne erschienen �ber der Stadt. Hin und wieder ging die T�r auf, und ich h�rte ged�mpfte Stimmen und Gel�chter, und der Duft von gebratenem Fleisch und Fisch stieg mir in die Nase. Allerdings hatte ich in jener widerlichen Nacht das Gef�hl, dass alles nach Tod roch. Ich wunderte mich, dass Ciceros Magen das mitmachte, denn inzwischen war klar, dass Pompeius ihn zum Essen eingeladen haben musste.</p><p>Ich vertrat mir die Beine oder lehnte einfach an der Wand, versuchte mir neue Zeichen f�r mein hervorragendes Kurzschriftsystem auszudenken oder meinen Geist irgendwie anders zu besch�ftigen, um mir die Wartezeit zu vertreiben. Schlie�lich machten sich die G�ste schwankend auf den Heimweg. Viele konnten kaum noch gerade stehen, so betrunken waren sie. Es handelte sich um die �bliche picenische Landsmannschaft: den ehemaligen Pr�tor und begeisterten T�nzer Afranius, Palicanus und Gabinius, Palicanus' Schwiegersohn, dem man ebenfalls eine Vorliebe f�r Weib und Gesang nachsagte. Es hatte den Anschein, als sei Cicero da in ein wahrhaftiges Veteranentreffen geraten. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass er sich in dieser Gesellschaft sonderlich wohlgefuhlt hatte. Nur der ernste und gebildete Varro - der Mann, wie Cicero einmal scharf angemerkt hatte, ohne den Pompeius nicht mal den Weg zum Senatsgeb�ude gefunden h�tte -konnte als einigerma�en geistesverwandter Gespr�chspartner f�r Cicero in Betracht kommen, zumal er n�chtern das Haus verlie�. Cicero erschien als Letzter. Er machte sich sofort auf den Heimweg, und ich heftete mich an seine Fersen. Er hielt sich wieder die Hand vor die Nase, da weder die Hitze noch der Geruch ertr�glicher geworden waren. Als Pompeius' Haus in sicherer Entfernung hinter uns lag, lehnte er sich in einer Gasse an eine Hauswand und �bergab sich.</p><p>Ich fragte ihn, ob ich ihm irgendwie behilflich sein k�nne, doch er sch�ttelte nur den Kopf und antwortete: �Alles in Ordnung.� Das war alles, was er sagte, und das war auch alles, was er zu Quintus sagte, der uns schon ungeduldig erwartet hatte. �Alles in Ordnung.� </p><p>*</p><p>Im Morgengrauen des folgenden Tages gingen wir wieder zum zwei Meilen entfernten Marsfeld. Die zweite Wahlrunde stand an. Obwohl diese weniger prestigetr�chtig war als die f�r das Konsulat und die Pr�tur, war sie ungleich spannender. Vierunddrei�ig M�nner waren zu w�hlen (zwanzig Senatoren, zehn Volkstribunen und vier �dile), was hie�, es gab einfach zu viele Kandidaten, als dass man die Abstimmung ohne Schwierigkeiten h�tte manipulieren k�nnen. Au�erdem z�hlte die Stimme eines Aristokraten ebenso viel wie die eines Bewohners der Elendsviertel, und somit war alles m�glich. Die Leitung dieser zus�tzlichen Wahlg�nge oblag Crassus, dem zweiten Konsul. �So eine Wahl zu f�lschen, das schafft wahrscheinlich nicht mal Crassus�, sagte Cicero d�ster, als er seine roten Lederschuhe anzog.</p><p>Er war schon geistesabwesend und gereizt aufgestanden. Was auch immer er am Vorabend mit Pompeius vereinbart hatte, es hatte seine Nachtruhe gest�rt. Seinen Diener blaffte er an, er h�tte seine Schuhe nicht ordentlich geputzt. Cicero zog die gleiche bl�tenwei�e Toga an, die er an jenem Tag vor sechs Jahren getragen hatte, als er zum ersten Mal in den Senat gew�hlt worden war, und bevor er das Haus verlie�, holte er tief Luft, als machte er sich darauf gefasst, eine schwere B�rde zu schultern. Quintus hatte einmal mehr gro�artige Arbeit geleistet, denn vor dem Haus wartete eine ansehnliche Menschenmenge, die uns zu den Wahlurnen begleiten w�rde. Da an diesem Tag auch die B�rgerlisten auf den neuesten Stand gebracht wurden, waren Zehntausende in die Stadt gestr�mt, um sich registrieren zu lassen, sodass es auf dem Marsfeld bis hinunter zum Fluss vor Menschen wimmelte, als wir eintrafen. Es mussten Hunderte von Kandidaten sein, die sich f�r die vierunddrei�ig Posten bewarben, und diese zogen jetzt zusammen mit ihren Freunden und Anh�ngern kreuz und quer �ber das riesige Gel�nde, um vor Wahlbeginn auch noch die letzte Stimme f�r sich zu gewinnen. Auch Verres war schon da, sein Rotschopf war nicht zu �bersehen. Begleitet von seinem Vater, seinem Sohn sowie dem Freigelassenen Timarchides - der Rohling, der in unser Haus eingedrungen war -, hetzte er zwischen den W�hlern hin und her und machte jedem, der nicht f�r Cicero stimmen w�rde, die fantastischsten Versprechungen. Als Cicero das sah, schien seine �ble Laune wie weggeblasen. Sofort mischte er sich unters Volk und ging auf Stimmenfang. Obwohl ich einige Male bef�rchtete, dass sich die Wege unserer beiden Gruppen kreuzen w�rden, kam es doch nie so weit. Die Menschenmenge war einfach zu gro�. Nachdem der Augur sein Einverst�ndnis erteilt hatte, trat Crassus aus dem geweihten Zelt, und die Kandidaten versammelten sich vor seinem Podium. Ich sollte vielleicht erw�hnen, dass einer von ihnen Julius Caesar war, der sich zum ersten Mal um einen Sitz im Senat bewarb und in diesem Moment mit Cicero plauderte. Beide M�nner kannten sich schon lange, und Caesar, der sechs Jahre j�nger als Cicero war, hatte auf dessen Empfehlung hin bei Apollonius Molon auf Rhodos Rhetorik studiert. Inzwischen verkl�ren Caesars fr�he Jahre ja alle m�glichen Legenden. Das geht so weit, dass man glauben k�nnte, seine Zeitgenossen h�tten schon im S�ugling in der Wiege das Genie erkannt. Was aber nicht der Wahrheit entspricht. Wer ihn an jenem Morgen in seiner wei�en Toga sah, wie er nerv�s an seinem sch�tteren Haar zupfte, der h�tte sich schwergetan, in ihm etwas anderes zu sehen als in jedem anderen der gebildeten, jungen Kandidaten. Einen gro�en Unterscheid gab es allerdings: Wahrscheinlich waren nur wenige so arm wie er. Um zur Wahl antreten zu k�nnen, hatte er sich bestimmt hoch verschulden m�ssen, denn er lebte in sehr bescheidenen Verh�ltnissen in Subura, in einem Frauenhaushalt, zusammen mit Mutter, Frau und Tochter. Den Caesar von damals stelle ich mir nicht als strahlenden Helden vor, der nur darauf wartet, Rom zu erobern. Eher als einen drei�igj�hrigen Mann, der vor lauter Stra�enl�rm in seinem Armenviertel nachts keinen Schlaf findet und bitteren Gedanken dar�ber nachh�ngt, warum er, Spross der �ltesten Familie Roms, in solchen Verh�ltnissen dahinvegetieren muss. Deshalb war seine Abneigung gegen die Aristokraten f�r diese weit gef�hrlicher, als es die von Cicero jemals war. Cicero war ein Mann, der es aus eigener Kraft geschafft hatte, deshalb �rgerte er sich �ber die Aristokraten und beneidete sie gleichzeitig. Caesar jedoch, der sich als direkten Nachfahren der Venus sah, betrachtete sie mit Abscheu, er hielt sie f�r Eindringlinge.</p><p>Aber ich greife vor, au�erdem begehe ich den gleichen Fehler wie die Hagiografen, die mit dem verzerrenden Licht der Zukunft in das Dunkel der Vergangenheit leuchten. Ich will an dieser Stelle einfach festhalten, dass diese beiden herausragenden M�nner, die zwar sechs Lebensjahre trennten, aber hinsichtlich Verstand und Weltanschauung viel gemein hatten, freundlich miteinander plaudernd in der Sonne standen, w�hrend Crassus das Podium bestieg und das vertraute Gebet sprach: �M�ge diese Angelegenheit f�r mich, f�r meine h�chsten Ziele, f�r mein Amt und f�r die Menschen Roms zu einem guten und zufriedenstellenden Ende gelangen!� Damit war die Wahl er�ffnet.</p><p>Traditionell stimmten die W�hler aus dem Wahlbezirk Subura als Erste ab. Trotz seiner jahrelangen Bem�hungen um ihre Belange entschieden sie sich jedoch nicht f�r Cicero. Das muss ein harter Schlag f�r ihn gewesen sein, legte er doch nahe, dass Verres' Stimmenk�ufer gute Arbeit f�r ihr Geld geleistet hatten. Aber Cicero zuckte nur mit den Achseln: Er wusste, dass die Augen vieler einflussreicher M�nner, die ihre Stimme noch abgeben mussten, auf ihn gerichtet waren und es deshalb wichtig war, den Anschein von Zuversicht zu wahren. Danach waren die drei anderen Stadtbezirke an der Reihe: Esquilina, Collina und Palatina. Cicero erhielt die Mehrheit der beiden ersten, der dritte stimmte nicht f�r ihn. Was kaum verwunderte, da Palatina das Viertel Roms mit den meisten aristokratisch gesinnten W�hlern war. Es stand also zwei zu zwei, ein weniger spannender Auftakt w�re ihm lieber gewesen. Dann folgten nacheinander die einunddrei�ig l�ndlichen Bezirke: zuerst Aemilia, Camilia, Fabia und Galeria ... Aus unseren Akten wusste ich bestens �ber sie Bescheid, ich kannte die Schl�sselpersonen, wusste, wer Cicero noch eine Gef�lligkeit schuldete und wem er noch eine schuldig war. Drei der vier stimmten f�r Cicero. Quintus fl�sterte Cicero etwas ins Ohr. Zum ersten Mal durfte sich Cicero etwas entspannen, da Verres' Geld f�r die W�hler vom Land offenbar keine so gro�e Versuchung gewesen war wie f�r die st�dtischen. Horatia, Lemonia, Papiria und Menenia ... ein Bezirk nach dem anderen. Die Sonne brannte, die Luft war staubtrocken. Cicero sa� auf einem Hocker, erhob sich aber jedes Mal, wenn die W�hler an ihm vorbeigingen, die gerade ihre Stimme abgegeben hatten, kramte aus seinem Ged�chtnis ihre Namen hervor, bedankte sich bei ihnen und lie� ihren Familien die besten Gr��e ausrichten. Sergia, Voltina, Pupina, Romilia ... Wie zu erwarten unterlag Cicero in Verres' Heimatbezirk Romilia, hatte aber am Nachmittag schon sechzehn Bezirke gewonnen, sodass ihm zum Sieg nur noch zwei fehlten. Verres gab sich jedoch noch nicht geschlagen. Ich konnte sehen, wie er zusammen mit seinem Sohn und Timarchides nach wie vor W�hler bearbeitete, die noch nicht abgestimmt hatten. Eine schrecklich lange Stunde hatte es den Anschein, als k�nnte das Ergebnis noch kippen. Die Sabitini stimmten nicht f�r Cicero, und auch Publilia ging verloren. Als Cicero in Scaptia die Mehrheit nur hauchd�nn verfehlt hatte, war es schlie�lich der Bezirk Falerna aus dem n�rdlichen Kampanien, der ihm den entscheidenden Sieg brachte: Drei�ig Bezirke hatten bis jetzt abgestimmt, achtzehn f�r Cicero, f�nf mussten noch an die Urnen. Unwichtig, er hatte es geschafft. Verres war nicht mehr zu sehen. Wahrscheinlich hatte er sich schon still und leise davongeschlichen und z�hlte jetzt irgendwo seine Verluste zusammen. Caesar, dessen Sprung in den Senat gerade verk�ndet worden war, sch�ttelte Cicero als Erster die Hand. Ich sah, wie Quintus triumphierend die F�uste in die Luft reckte, w�hrend Crassus w�tend ins Leere starrte. Ich sah jubelnde Zuschauer, die ihre eigenen Strichlisten gef�hrt hatten und sich �ber das Ergebnis augenscheinlich freuten. Sie geh�rten zu jener fanatischen Spezies, die den Verlauf von Wahlen so leidenschaftlich verfolgten wie andere die Wagenrennen. Der Sieger selbst war wie bet�ubt von dem Erfolg, den ihm nun keiner mehr streitig machen konnte. Nicht mal Crassus, der in K�rze das Ergebnis verk�nden musste, auch wenn er sich lieber die Zunge abgebissen h�tte. Gegen alle Widerst�nde hatte es Marcus Cicero zum �dil von Rom gebracht. </p><p>*</p><p>Eine gro�e Menschenmenge - nach einem Sieg ist sie imner gr��er - begleitete Cicero den ganzen Weg vom Marsfeild bis vor seine Haust�r, wo die Haussklaven Aufstellung genommen hatten und ihn mit Applaus �ber die Schwelle gleiteten. Selbst Diodotus, der blinde Philosoph, gab ein eltenes Gastspiel. Wir waren stolz darauf, einer solch bedeutenden Person zu geh�ren; sein Ruhm strahlte auf jedes Mitglied seines Haushalts ab; unser Wert und unsere Selbstachtung wuchsen mit seiner Stellung. Mit einem kreischenden �Papa!� schoss Tullia aus dem Atrium auf ihn zu und schlang ihre Arme um seine Beine; sogar Terentia ging ihm l�chelnd entgegen und umarmte ihn. Das Bild der drei wird mir f�r immer im Ged�chtnis bleiben - der brillante junge Redner, mit der Linken den Kopf seiner Tochter streichelnd, mit der Rechten die Schulter seiner gl�cklichen Frau umfassend. Wenigstens dieses Geschenk h�lt die Natur f�r diejenigen bereit, die nur selten l�cheln: Wenn sie es doch einmal tun, dann ver�ndert sich ihr Gesichtsausdruck v�llig. Trotz allen Klagen, die Terentia �ber ihren Mann f�hrte, genoss sie in diesem Augenblick seinen Erfolg und sonnte sich in seinem Glanz.</p><p>Z�gernd l�ste sich Cicero aus ihrer Umarmung. �Ich danke euch allen�, verk�ndete er und blickte reihum in die Gesichter, die ihn voller Bewunderung anschauten. �Aber noch ist die Zeit zum Feiern nicht gekommen. Dazu haben wir erst Grund, wenn Verres besiegt ist. Nach langem Warten werde ich morgen auf dem Forum die Anklage erheben. M�gen die G�tter uns beistehen, damit dieses Haus sich schon bald an frischem und noch gr��erem Lorbeer erfreuen kann. Worauf wartet ihr noch?� Er l�chelte und klatschte in die H�nde. �An die Arbeit!�</p><p>Cicero machte sich mit Quintus auf den Weg ins Arbeitszimmer und bedeutete mir mit dem Zeigefinger, auch mitzukommen. Mit einem Sto�seufzer der Erleichterung lie� er sich auf seinen Stuhl fallen und schleuderte die Schuhe in die Ecke. Zum ersten Mal seit einer Woche schien etwas von der Anspannung von ihm abzufallen. Ich nahm an, dass er sich nun sofort der dringlichen Aufgabe widmen wollte, seiner Rede den letzten Schliff zu geben. Doch er hatte eine andere Aufgabe f�r mich. Ich sollte mit Sositheus und Laurea zur�ck in die Stadt gehen. Wir sollten uns aufteilen und allen unseren sizilischen Zeugen von seiner Wahl berichten, kontrollieren, ob auch jeder bei seiner Aussage blieb, und f�r morgen fr�h alle ins Gericht bestellen.</p><p>�Alle?�, fragte ich verwundert. �Alle hundert?�</p><p>�Genau�, antwortete er. Seine Stimme hatte wieder die alte Entschlossenheit. �Und sag Eros, er soll ein Dutzend Tr�ger anheuern, zuverl�ssige M�nner, die s�mtliche Kisten mit unseren Beweismitteln zum Gericht tragen - und zwar morgen fr�h, zur gleichen Zeit, wenn auch ich gehe.�</p><p>�Alle Zeugen ... ein Dutzend Tr�ger ... s�mtliche Kisten ...� Ich notierte mir alles. �Daf�r brauche ich mindestens bis Mitternacht.� Ich war au�erstande, meine Verwirrung zu verbergen.</p><p>�Armer Tiro, mach dir keine Sorgen. Schlafen k�nnen wir, wenn wir tot sind.�</p><p>�Ich mache mir keine Sorgen um meinen Schlaf, Senator�, sagte ich steif. �Ich frage mich nur, wann ich dann noch die Zeit finde, Euch bei Eurer Rede zu helfen.�</p><p>�Das wird nicht mehr n�tig sein�, sagte er mit einem feinen L�cheln und legte einen Finger auf die Lippen, um mir zu sagen, dass das niemand wissen d�rfe. Da ich nicht die geringste Ahnung hatte, was er �berhaupt meinte, war die Gefahr eines Geheimnisverrats allerdings kaum gegeben. Nicht zum ersten Mal verlie� ich ihn einigerma�en verwirrt.</p></section><section><title><p id="_bookmark11">KAPITEL IX</p></title><p>Und so geschah es, dass am f�nften Tag im August, w�hrend des Konsulats des Gnaeus Pompeius Magnus und des Marcus Licinius Crassus, ein Jahr und neun Monate nach Sthenius' erstem Besuch bei Cicero, der Prozess gegen Gaius Verres begann.</p><p>Das sommerlich hei�e Rom wimmelte wegen der Volksz�hlung, der Wahlen und der bevorstehenden Spiele des Pompeius ohnehin bereits von Menschen. Dazu kamen noch die vielen Opfer von Verres, die angereist waren, um zu erleben, wie ihr Peiniger vor seine Richter tritt. Und wenn man sich dann vorstellt, dass sich an diesem Tag die beiden gr��ten Redner ihrer Zeit ein Duell Mann gegen Mann liefern w�rden (�Wahrhaftig ein Zweikampf von allererster G�te�, wie Cicero sp�ter anmerkte), dann kann man vielleicht erahnen, welche Atmosph�re an jenem Morgen im Gerichtshof f�r Erpressungen geherrscht hatte. Um sich einen guten Platz zu sichern, hatten Hunderte Zuschauer schon auf dem Forum �bernachtet. Als die Sonne aufging, gab es bereits keinen Stehplatz im Schatten mehr, und eine Stunde sp�ter gab es �berhaupt keinen Stehplatz mehr. In der S�ulenhalle und auf den Stufen des Castor-Tempels, auf dem Forum selbst und ringsum in den S�uleng�ngen, auf den D�chern und Balkonen der H�user und an den Flanken der H�gel dr�ngten sich die B�rger Roms - jede freie L�cke, in die man sich noch quetschen, jedes freie Pl�tzchen, auf das man sich noch setzen konnte, war besetzt.</p><p>Wie zwei Hirtenhunde hechelten Frugi und ich herum und trieben unsere Zeugen vor Gericht. Und was f�r ein exotisches, farbenpr�chtiges Bild sie abgaben, in heiligen Roben und traditionellen Gew�ndern ihrer Heimat, Opfer aus allen Phasen von Verres' Laufbahn, nach Rom gelockt von der Hoffnung auf Vergeltung - Priester der Juno und Ceres, die Mystagogen der syrakusischen Minerva und der heiligen Jungfrauen der Diana; griechische Edelleute, deren Abstammung auf Cecrops oder Eurysthenes oder die gro�en ionischen and minoischen H�user zur�ckging; Ph�nizier, deren Vorfahren Priester des Melkart von Tyros gewesen waren oder die behaupteten, mit dem Messias aus Sidon verwandt zu sein; Scharen ungeduldiger, verarmter Erben in Begleitung ihrer Vorm�nder; bankrotte Bauern, Getreideh�ndler und Bootsbesitzer; wehklagende V�ter, deren Kinder man in die Sklaverei verschleppt hatte; trauernde Kinder, deren Eltern in den Verliesen des Statthalters den Tod fanden; Abordnungen vom Fu� des Taurusgebirges, von den Ufern des Schwarzen Meeres, aus vielen St�dten des griechischen Festlandes, von den Inseln der �g�is und nat�rlich aus jeder Stadt und jedem Marktflecken Siziliens.</p><p>Ich war so damit besch�ftigt, daf�r zu sorgen, dass jeder Zeuge eingelassen und jede einzelne Kiste mit Beweismaterial an seinen Platz gelangte und gut bewacht wurde, dass ich erst nach und nach registrierte, welches Schauspiel Cicero hier inszenierte. Besagte Kisten, zum Beispiel, enthielten die in praktisch allen sizilischen St�dten von den Gemeinde�ltesten zusammengetragenen Aussagen. Erst als die Geschworenen sich ihren Weg durch die Menschenmenge bahnten und auf ihren B�nken Platz nahmen, wurde mir klar, warum Cicero - begnadeter Selbstdarsteller, der er war -darauf bestanden hatte, <emphasis>alles auf einmal</emphasis> an Ort und Stelle zu schaffen. Das Gericht war �berw�ltigt. Selbst den beinharten Alten wie Catulus und Isauricus war die �berraschung anzusehen. Glabrio, der im Schlepptau seiner Liktoren aus dem Tempel kam, blieb auf der obersten Stufe der Treppe abrupt stehen und wich schwankend sogar einen halben Schritt zur�ck, als er auf die Wand aus Gesichtern blickte.</p><p>Cicero, der sich bis zum letzten Augenblick am Rand des Forums aufgehalten hatte, dr�ngte sich nun durch die Menge und stieg die Stufen zu der Bank f�r die Anklagevertretung hinauf. Pl�tzlich herrschte Ruhe, ein stummes erwartungsvolles Zittern lag in der reglosen Luft. Ohne auf die ermunternden Zurufe seiner Anh�nger zu reagieren, drehte er sich um, hielt gegen die Sonne die Hand �ber die Augen, lie� den Blick langsam �ber die Menge schweifen und blinzelte rechts und links nach oben in den Himmel - so stelle ich mir einen General vor, der vor der Schlacht die allgemeine Lage und den Stand der Wolken �berpr�ft. Dann setzte er sich, und ich postierte mich in seinem R�cken, sodass ich ihm auf Verlangen jedes gew�nschte Dokument reichen konnte. Die Gerichtsdiener stellten Glabrios kurulischen Stuhl auf - das war das Zeichen, dass die Sitzung er�ffnet war. Alles war bereit, nur Verres und Hortensius fehlten noch. Cicero war so gelassen, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Er lehnte sich zur�ck und fl�sterte mir zu: �Der hat das hier gesehen und ist gleich wieder abgehauen, was meinst du?� Nat�rlich kam Verres dann doch noch - Glabrio schickte einen seiner Liktoren, um ihn zu holen. Aber Hortensius gab uns damit bereits einen Vorgeschmack auf seine Taktik, die da lautete, so viel Zeit wie m�glich zu verschwenden. Schlie�lich, vielleicht eine Stunde zu sp�t, zw�ngte sich die makellos gekleidete Gestalt des designierten Konsuls unter ironischem Beifall durch die Zuschauermenge. Ihm folgten sein junger Anwaltskollege Scipio Nasica, Catos Nebenbuhler, dann Quintus Metellus und schlie�lich Verres selbst, dessen Gesicht wegen der Hitze r�ter als sonst aussah. F�r jeden Mann mit einem letzten Rest an Anstand w�re der Anblick des gegen ihn aufmarschierten Opfer- und Kl�gerheers ein Albtraum aus der H�lle gewesen. Das Monster Verres beugte jedoch lediglich freundlich den Kopf, als begr��e er gute alte Bekannte.</p><p>Glabrio rief die Anwesenden zur Ordnung. Bevor Cicero mit seiner Rede beginnen konnte, stand Hortensius auf und kam ihm mit einer Stellungnahme zur Verfahrensordnung zuvor: Nach Cornelischem Recht, erkl�rte er, sei es einem Klagevertreter erlaubt, bis zu achtundvierzig Zeugen zu benennen. Der Ankl�ger in diesem Prozess aber habe, zum ausschlie�lichen Zweck der Einsch�chterung, mehr als doppelt so viele mitgebracht. Und dann hob er zu einer einstudierten und geschliffenen Rede �ber die Wurzeln des Gerichtshofes f�r Erpressungen an, die eine gef�hlte Stunde lang andauerte, bis Glabrio ihm schlie�lich das Wort entzog und erkl�rte, das Gesetz beschr�nke nicht die Zahl der vor Gericht anwesenden Zeugen, es lege lediglich eine H�chstzahl fest, wie viele in den Zeugenstand gerufen werden d�rfen. Dann erteilte er wieder Cicero das Wort, doch Hortensius intervenierte mit einem�weiteren�Kommentar�zur Verfahrensordnung. Das Publikum reagierte mit h�hnischen Zwischenrufen, doch Hortensius lie� sich nicht beirren und wartete jedes Mal, wenn Cicero endlich mit seiner Rede beginnen wollte, mit einer neuen Verfahrensfrage auf. Und so gingen die ersten Stunden an �rgerliche juristische Spiegelfechtereien verloren.</p><p>Es war schon weit nach Mittag, als Cicero zum neunten oder zehnten Mal �berdr�ssig aufstand und Hortensius endlich sitzen blieb. Cicero schaute ihn an, wartete und breitete dann in gespielter Verbl�ffung die Arme aus. Gel�chter brandete im Forum auf. Hortensius reagierte mit einer g�nnerhaften Handbewegung in Richtung Cicero, als wolle er sagen: �Bitte, bitte, keine Ursache!� Cicero verbeugte sich h�flich, trat vor und r�usperte sich.</p><p>Der Zeitpunkt, um eine derart gewaltige Aufgabe in Angriff zu nehmen, h�tte kaum ung�nstiger sein k�nnen. Die Hitze war unertr�glich, die Zuschauer waren inzwischen gelangweilt und unruhig, Hortensius blickte ihn mit affektiertem Grinsen an, und es blieben h�chstens noch zwei Stunden, bevor das Gericht die Sitzung f�r heute schloss. Und doch sollten diese Minuten zu den entscheidendsten in der Geschichte der r�mischen Justiz geh�ren - ja, es sollte mich nicht wundern, wenn sie sich als ma�geblich erwiesen f�r die Geschichte der Justiz ganz allgemein.</p><p>�Ehrenwerte Richter�, sagte Cicero, worauf ich mich �ber meine Wachstafel beugte und seine Worte in Kurzschrift festhielt. Ich wartete darauf, dass er weitersprach. Bei seinen gro�en Reden war es fast noch nie vorgekommen, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, was er sagen w�rde. Ich wartete auf seine n�chsten Worte, sp�rte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte, schaute schlie�lich nerv�s auf und sah, wie er sich von mir entfernte. Ich glaubte, er w�rde sich vor Verres aufbauen und ihn direkt ansprechen wollen, aber stattdessen ging er an ihm vorbei und blieb vor den Senatoren auf der Geschworenenbank stehen.</p><p>�Ehrw�rdige Richter�, wiederholte er und schaute ihnen offen ins Gesicht. �In dieser schweren politischen Krise er�ffnet sich euch die Gelegenheit -nicht durch menschliches Planen, sondern fast als g�ttliche F�gung -, genau das zu tun, was ihr jetzt am n�tigsten habt; etwas, das euch mehr als alles andere dabei helfen wird, die Unbeliebtheit eures Standes und das Misstrauen gegen�ber euren Gerichten zu mildern. Es hat sich n�mlich eine �berzeugung eingenistet, die so sch�dlich f�r die Republik wie f�r euch selbst ist: Eure Gerichte, Senatoren, mit euch auf den Geschworenenb�nken, werden niemals einen Mann verurteilen, und sei seine Schuld noch so offensichtlich, wenn er nur eins im �berfluss hat - <emphasis>Geld.�</emphasis></p><p>Das letzte Wort betonte er auf eine wundervoll ver�chtliche Weise. �Ein wahres Wort!�, rief jemand aus der Zuschauermenge.</p><p>�Die Eigenschaften des von mir angeklagten Mannes�, fuhr Cicero fort, �erf�llen alle Voraussetzungen, dass ihr durch ihn euren eigenen guten Namen wiederherstellen k�nnt. Gaius Verres hat die Staatskasse gepl�ndert und in seiner Provinz Sizilien gew�tet wie ein Seer�uber und eine m�rderische Pest. Ihr braucht diesen Mann nur schuldig zu sprechen, und mit vollem Recht werdet ihr euer Ansehen wieder zur�ckgewinnen. Solltet ihr das nicht tun, sollte sein ungeheurer Reichtum eure Ehre zerst�ren, dann werde ich zumindest eines erreicht haben. Die Nation wird zwar nicht glauben, dass Verres im Recht war und ich im Unrecht, aber sie wird dann ein f�r alle Mal wissen, was sie von einer mit r�mischen Senatoren besetzten Geschworenenbank zu halten hat.�</p><p>Das war kein schlechter Hieb f�r den Anfang. Wie eine Windb�, die rauschend in einen Wald fuhr, erhob sich zustimmendes Gemurmel in der Zuschauermenge. Auf eine merkw�rdige Weise hatte sich der Brennpunkt des Prozesses schlagartig um zwanzig Schritte nach links verlagert. Pl�tzlich hatte es den Anschein, als w�ren die in der prallen Sonne schwitzenden, auf ihren Holzb�nken nerv�s umherblickenden Senatoren die Angeklagten und die Masse der aus jedem Winkel des Mittelmeerraumes herbeigerufenen Zeugen die Geschworenen. Nie zuvor hatte Cicero sein Wort an eine so gro�e Menschenmenge gerichtet. Molons �bungen am Strand kamen ihm nun, da er sich an das Forum wandte, zustatten. Seine Stimme war klar und deutlich.</p><p>�H�rt euch an, welch unversch�mter und wahnsinniger Plan in Verres' Kopf herumspukt. �ber eines ist er sich vollkommen im Klaren: Ich werde so gut vorbereitet in diesen Prozess gehen, dass er, Verres, nicht nur vor diesem Gericht, sondern auch vor den Augen aller Welt als R�uber und Verbrecher entlarvt sein wird. Und trotzdem ist seine Meinung �ber die Aristokratie so gering, h�lt er die Senatorengerichte f�r so durch und durch verdorben und korrupt, dass er offen damit prahlt, nicht nur den sichersten Termin f�r seinen Prozess, sondern auch die Geschworenen selbst gekauft zu haben. Und um ganz sicherzugehen, hat er auch noch die Konsulatswahlen f�r seine beiden angesehenen Freunde gekauft, die zuvor versucht hatten, meine Zeugen einzusch�chtern.�</p><p>Das wollten die Leute h�ren, deshalb waren sie gekommen. Aus gemurmelter Zustimmung wurde st�rmische Begeisterung. Metellus und Hortensius sprangen auf - ja, sogar Hortensius, dem sonst eine sp�ttische Bemerkung aus der Arena h�chstens die M�hsal einer gelupften Augenbraue wert war. W�tend gestikulierten sie in Richtung Cicero.</p><p>�Was ist?�, sagte er und wandte sich den beiden zu. �Habt ihr etwa erwartet, dass ich mich zu einer derart ernsten Angelegenheit nicht �u�ern w�rde, dass ich mich, wenn das Land und mein eigener guter Ruf sich in so gro�er Gefahr befinden, von etwas anderem w�rde leiten lassen als von meiner Pflicht und meiner Ehre? Ich muss mich �ber dich wundern, Metellus. Du hast versucht Zeugen einzusch�chtern, und zwar die ohnehin schon ver�ngstigten und vom Elend verfolgten Sizilier. Du hast an ihre Ehrfurcht vor dir als designiertem Konsul appelliert und an die Macht deiner beiden Br�der - wenn das keine Manipulation eines Prozesses ist, was dann! Was w�rdest du erst alles f�r einen unschuldigen Blutsverwandten tun, wenn du schon alles Pflicht- und Ehrgef�hl fahren l�sst f�r einen Lumpen, der nicht mit dir verwandt ist? Wei�t du eigentlich, dass Verres �berall herumerz�hlt, dass du nur wegen seiner Bem�hungen Konsul geworden bist und dass ihm ab Januar beide Konsuln und der Vorsitzende dieses Gerichtshofes zu Diensten sein werden?�</p><p>An dieser Stelle musste ich meine Aufzeichnungen unterbrechen, weil der L�rm so laut geworden war, dass ich kein Wort mehr verstand. Metellus und Hortensius hielten die H�nde wie Trichter vor ihre M�nder und br�llten auf Cicero ein. Verres gestikulierte w�tend, um Glabrio dazu zu bewegen, endlich einzuschreiten. Die Senatoren auf der Geschworenenbank sa�en wie erstarrt da - die meisten, da bin ich mir sicher, w�nschten sich, sonst wo zu sein, nur nicht hier. Einzelne Zuschauer mussten von den Liktoren daran gehindert werden, das Podium des Gerichts zu st�rmen. Schlie�lich gelang es Glabrio, die Ordnung wiederherzustellen, und Cicero setzte seine Rede in deutlich gelassenerem Tonfall fort.</p><p>�Folgenden Plan haben sie sich zurechtgelegt. Heute sind wir erst sp�t am Nachmittag in die Verhandlung eingetreten - den Tag k�nnen sie also schon als erledigt abschreiben. Bis zu den Spielen von Pompeius Magnus bleiben noch zehn Tage. Diese dauern f�nfzehn Tage, sofort darauf folgen die R�mischen Spiele. Sie rechnen also mit einer Unterbrechung von fast vierzig Tagen, bevor sie auf meine Rede werden antworten m�ssen. Mithilfe langer Reden und verfahrenstechnischer Man�ver hoffen sie dann, in der Lage zu sein, die Verhandlung bis zum Beginn der Spiele der Victoria zu verschleppen. Direkt im Anschluss folgen die Plebejischen Spiele, nach denen entweder nur noch sehr wenige oder gar keine Sitzungstage mehr bleiben. Auf diese Weise, so ihr Kalk�l, wird die Anklage um ihre Kraft und Wirkung gebracht, und die Sache kommt praktisch als neuer Fall zur Verhandlung, wenn Marcus Metellus, der jetzt noch zu den Geschworenen geh�rt, diesem Gericht Vorsitzen wird.</p><p>Was also soll ich tun? Wenn ich die Zeit in Anspruch nehme, die mir f�r meine Anklagerede nach dem Gesetz zusteht, dann laufe ich h�chste Gefahr, dass mir der Angeklagte entwischt. &gt;Streich deine Rede zusammen!&lt;, lautete der naheliegende Rat, den man mir erst vor wenigen Tagen gegeben hat. Ein guter Rat. Ich habe dar�ber nachgedacht, und dabei ist mir etwas noch Besseres eingefallen. <emphasis>Meine Herren, ich werde auf die Anklagerede ganz verzichten!�</emphasis></p><p>Verbl�fft hob ich den Kopf. Cicero schaute Hortensius an, und sein Rivale erwiderte den Blick mit herrlich versteinertem Gesichtsausdruck. Er sah aus wie ein Mann, der gerade noch fr�hlich und unbeschwert durch den Wald spaziert ist, dann pl�tzlich das Knacken eines Zweiges h�rt und starr vor Angst stehen bleibt.</p><p>�Du hast richtig geh�rt, Hortensius�, sagte Cicero. �Ich spiele dein Spiel nicht mit. Ich werde die n�chsten zehn Tage nicht mit der �blichen langen Anklagerede vergeuden und zulassen, dass sich der Fall bis in den Januar hineinzieht und du und Metellus als Konsuln eure Liktoren losschicken k�nnt, um sich meine Zeugen zu holen und ihnen so viel Angst einzujagen, dass sie den Mund nicht mehr aufmachen. Ich werde euch, ehrenwerte P�chter, nicht den Luxus von vierzig Ruhetagen g�nnen, in denen ihr all meine Anklagepunkte wieder vergessen und euch dann samt eures Gewissens im Labyrinth von Hortensius' Rhetorik verlieren k�nnt. Ich werde es nicht zulassen, dass der Fall erst dann entschieden wird, wenn die Menschenmassen, die wegen der Volksz�hlung und der Spiele nach Rom gekommen sind, sich wieder in ihre Heimatorte in alle Winkel Italiens verabschiedet haben. Ich werde meine Zeugen jetzt sofort aufrufen und dabei folgenderma�en vorgehen: Ich verlese den jeweiligen Anklagepunkt, kommentiere ihn und ziehe meine Schlussfolgerungen. Dann werde ich meinen Zeugen f�r diesen Anklagepunkt aufrufen und befragen. Im Anschluss daran erh�ltst du, Hortensius, Gelegenheit f�r Kommentar und Kreuzverh�r. Auf diese Weise werde ich den Fall binnen zehn Tagen abhandeln.�</p><p>Mein Leben lang habe ich nicht vergessen - und werde es auch f�r die kurze mir noch verbleibende Spanne meines Lebens nicht vergessen -, wie Hortensius, Verres, Metellus und Scipio Nasica auf diese Worte reagierten. Nat�rlich war Hortensius sofort auf den Beinen und erkl�rte dieses mit jeder Tradition brechende Vorgehen f�r in jeder Hinsicht illegal. Glabrio hatte nur daraufgewartet und wies Hortensius barsch zurecht, dass es allein Ciceros Sache sei, wie er seinen Fall vortrage; au�erdem habe er schon an gleicher Stelle vor den Konsulatswahlen deutlich gemacht, dass er die endlosen Reden satthabe. Auf diese Bemerkung, die sich Glabrio offensichtlich schon im Vorhinein zurechtgelegt hatte, sprang Hortensius wieder auf und beschuldigte ihn geheimer Absprachen mit der Anklagevertretung. Worauf Glabrio, den als reizbaren Charakter zu beschreiben wohlwollend gewesen w�re, ihm schroff riet, er m�ge seine Zunge im Zaum halten, sonst lie�e er ihn -designierter Konsul hin oder her - von seinen Liktoren aus dem Gericht entfernen. Hortensius setzte sich, verschr�nkte die Arme und schaute w�tend auf den Boden, w�hrend Cicero sich wieder den Geschworenen zuwandte und seine einleitende Rede beendete.</p><p>�Auf uns schauen heute die Augen der Welt und wachen dar�ber, ob jeder Einzelne von uns sich so verh�lt, wie sein Gewissen und das Gesetz es befehlen. So wie ihr �ber den Angeklagten zu Gericht sitzt, so sitzt das Volk von Rom �ber euch zu Gericht. Weil alle Welt wei�, dass Verres sich durch nichts auszeichnet als durch seine monstr�sen Verbrechen und seinen gewaltigen Reichtum, entscheidet dieser Fall dar�ber, ob es m�glich ist, dass ein aus Senatoren zusammengesetztes Gericht einen bis ins Mark schuldigen, aber auch steinreichen Mann verurteilen kann. Und deshalb k�nnten die Schlussfolgerungen, die aus einem Freispruch zu ziehen w�ren, nur die besch�mendsten sein. Deshalb rate ich euch, ehrenwerte P�chter, es schon aus eigenem Interesse nicht dazu kommen zu lassen.� Nach diesen Worten wandte er den Geschworenen den R�cken zu. �Ich rufe meinen ersten Zeugen auf: Sthenius aus Thermae.�</p><p>Ich m�chte stark bezweifeln, dass auch nur einer der Aristokraten auf der Geschworenenbank - ob Catulus, Isauricus, Metellus, Catilina, Lucretius, Aemilius oder einer der anderen - sich jemals derart anma�ende Worte hatte anh�ren m�ssen. Vor allem von einem <emphasis>homo novus,</emphasis> der in seinem Atrium nicht eine einzige Maske eines Vorfahren an der Wand h�ngen hatte. Wie gro� muss ihr Hass gewesen sein, dass sie einfach so dasitzen und das �ber sich ergehen lassen mussten, und um wie viel gr��er muss er gewesen sein, als Cicero sich unter den geradezu ekstatischen Jubelst�rmen der Menschen auf dem Forum wieder auf seinen Platz setzte. Hortensius konnte einem fast leidtun. Seine gesamte Karriere fu�te auf der F�higkeit, gewaltige Reden auswendig zu lernen und dann mit dem selbstsicheren Gestus eines Schauspielers vortragen zu k�nnen. Und nun hatte man ihm per Gesetz den Mund gestopft; noch schlimmer: Er sah zehn langen Tagen entgegen, an denen er auf Ciceros Zeugenbefragungen mit vierzig oder f�nfzig Minireden w�rde antworten m�ssen. Und auf diese war er nicht einmal im Ansatz ausreichend vorbereitet, was auf grausame Weise offenbar wurde, als Sthenius in den Zeugenstand trat. Als Zeichen des Respekts vor dem Urheber des wahnwitzigen Unternehmens hatte Cicero ihn als Ersten aufgerufen. Und der Sizilier lie� ihn nicht im Stich. Er hatte so lange auf seinen Tag gewartet, dass er jetzt das Beste aus sich herausholte und auf herzzerrei�ende Weise schilderte, wie Verres seine Gastfreundschaft missbraucht und ihn ausgepl�ndert hatte, wie er Anschuldigungen gegen ihn erfunden und ihn mit Strafen �berzogen hatte, wie er versucht hatte, ihn zu Tode peitschen zu lassen, wie er ihn in Abwesenheit zum Tode verurteilt und dann die Akten des Gerichts von Syrakus gef�lscht hatte - Akten, die Cicero als Beweismittel pr�sentierte und auf der Geschworenenbank herumgehen lie�.</p><p>Als Glabrio Hortensius aufrief, den Zeugen ins Kreuzverh�r zu nehmen, kam der �Tanzmeister� dieser Aufforderung verst�ndlicherweise nur z�gernd nach. Die goldene Regel des Kreuzverh�rs ist n�mlich die, niemals, unter keinen Umst�nden, eine Frage zu stellen, auf die der Fragende die Antwort nicht im Voraus kennt, und Hortensius hatte schlicht keine Ahnung, was Sthenius ihm antworten w�rde. Er bl�tterte ratlos in seinen Unterlagen, besprach sich im Fl�sterton kurz mit Verres und ging dann zum Zeugenstand. Was sollte er tun? Nach ein paar ungeduldigen Fragen, die andeuten sollten, dass der Sizilier dem r�mischen Rechtssystem ganz generell feindlich gesinnt war, fragte er ihn, warum er angesichts der vielen infrage kommenden Anw�lte direkt zu Cicero gegangen sei - einem Mann, dem man allgemein als Agitator f�r die Interessen der unteren Schichten kenne. Offenbar habe er mit seinen Anschuldigungen von Anfang an nichts weiter im Sinn gehabt, als Unruhe zu stiften.</p><p>�Aber ich bin nicht direkt zu Cicero gegangen�, antwortete Sthenius auf seine unnachahmliche Art. �Der erste Rechtsanwalt, den ich aufgesucht habe, warst du.�</p><p>Sogar einige der Geschworenen konnten sich ein Lachen nicht verkneifen.</p><p>Hortensius schluckte und versuchte es ebenfalls auf die heitere Art. �Ach ja, wirklich? Ich kann mich gar nicht an dich erinnern.�</p><p>�Das wundert mich nicht im Geringsten. Du bist ein besch�ftigter Mann, Senator. Daf�r erinnere ich mich umso genauer. Du hast gesagt, dass du schon Verres' Vertretung �bernommen h�ttest. Und dass es dich nicht interessiere, wie viel er mir geraubt habe, kein Gericht w�rde einem Sizilier glauben, wenn sein Wort gegen das eines R�mers st�nde.�</p><p>Hortensius musste sich mit seiner Antwort gedulden, bis die �ber ihn hereinbrechenden Buhrufe und Pfiffe wieder verstummt waren. �Ich habe keine weiteren Fragen an den Zeugen�, sagte er mit verbissener Stimme, worauf die Verhandlung bis zum folgenden Tag unterbrochen wurde. </p><p>*</p><p>Urspr�nglich hatte ich geplant, den Prozess gegen Gaius Verres in allen Einzelheiten zu schildern, sehe nun aber, da ich seinen Beginn zu Papier gebracht habe, keinen Sinn mehr darin. Nach Ciceros taktischem Geniestreich vom ersten Tag erschienen mir Verres und seine Anw�lte wie die Opfer einer Belagerung: eingeschlossen in einer kleinen Festung, rundum von Feinden umgeben, tagt�glich unter Dauerbeschuss, die br�ckelnden Mauern von Tunneln untergraben. Sie verf�gten �ber keinerlei Waffen, um zur�ckzuschlagen. Ihre einzige Hoffnung bestand darin, dem Ansturm der restlichen neun Tage irgendwie zu widerstehen und sich w�hrend der folgenden, durch die Spiele des Pompeius erzwungenen Ruhephase wieder neu zu formieren. Ciceros Ziel lag ebenfalls klar auf der Hand: Verres' Verteidigung so vollkommen zu zerst�ren, dass nach Darlegung des gesamten Falles kein noch so korrupter senatorischer Geschworener es wagen w�rde, ihn freizusprechen.</p><p>Cicero nahm seine Mission mit der ihm eigenen Disziplin in Angriff. Die Mannschaft der Anklagevertretung kam jeden Morgen noch vor Sonnenaufgang zusammen. W�hrend Cicero seine Leibes�bungen machte, sich rasierte und ankleidete, las ich ihm die Aussagen der f�r den Tag vorgesehenen Zeugen vor und sah mit ihm die Beweismittel durch. Dann diktierte er mir in groben Z�gen, was er vorzutragen gedachte. Die n�chsten ein oder zwei Stunden ging er alle Punkte durch, legte sich dazu Anmerkungen zurecht und pr�gte sich diese genau ein, w�hrend Quintus, Frugi und ich daf�r zu sorgen hatten, dass alle seine Zeugen und alle Kisten mit den Beweisst�cken abmarschbereit waren. Und dann paradierten wir den H�gel hinunter aufs Forum - und was f�r Paraden das waren! In Rom herrschte n�mlich allgemein die Meinung, dass Ciceros Gerichtsvorstellung die beste Veranstaltung in der Stadt war. Am zweiten und dritten Tag war die Zuschauermenge so gro� wie am ersten, und die Auftritte der Zeugen, die bei der Schilderung ihrer Misshandlungen nicht selten in Tr�nen ausbrachen, waren oft herzzerrei�end. In besonders guter Erinnerung sind mir Dio aus Halaesa, den man um zehntausend Sesterzen betrogen hatte, und zwei Br�der aus Agyrium, die ihr gesamtes Erbe in H�he von viertausend Sesterzen abliefern mussten. Es h�tte noch mehr Zeugen gegeben, aber Lucius Metellus hatte einige von ihnen am Verlassen der Insel gehindert, darunter auch Heraclius aus Syrakus - ein Frevel an der Gerechtigkeit, den Cicero elegant in einen Vorteil verwandelte. �Unsere Verb�ndeten�, donnerte Cicero, �haben nicht einmal das Recht, wegen ihres erlittenen Unrechts Klage zu f�hren!� Erstaunlicherweise sagte Hortensius kein einziges Wort zu all den Anschuldigungen. Jedes Mal, wenn Cicero die Befragung eines Zeugen beendete, gab Glabrio dem K�nig der Gerichtsh�fe Gelegenheit, den Zeugen ins Kreuzverh�r zu nehmen, doch jedes Mal lehnte Ihre Majest�t mit einem Kopfsch�tteln ab oder erkl�rte pomp�s: �Keine Fragen an den Zeugen.� Am vierten Tag stellte Verres den Antrag, aus Krankheitsgr�nden vom Erscheinen vor Gericht befreit zu werden, was Glabrio jedoch strikt ablehnte. Falls n�tig, so Glabrio, werde man ihn samt seines Krankenlagers aufs Forum schaffen lassen.</p><p>Am Nachmittag des f�nften Tages kehrte Ciceros Vetter Lucius nach getaner Arbeit von Sizilien nach Rom zur�ck. Als Cicero ihn nach Ende des Prozesstages in seinem Haus antraf, war er au�er sich vor Freude. Unter Tr�nen schloss er ihn in die Arme. Ohne Lucius, der permanent f�r Nachschub an Zeugen und Beweismitteln von Sizilien aufs Festland gesorgt hatte, w�re Ciceros Fall nicht halb so solide gewesen. Allerdings hatte die siebenmonatige Strapaze bei Lucius, der noch nie einer der Widerstandsf�higsten gewesen war, seine Spuren hinterlassen. Er war auf best�rzende Weise abgemagert und litt an einem Husten, der ihm augenscheinlich gro�e Schmerzen bereitete. Trotzdem war sein Einsatz f�r die Sache, Verres seiner gerechten Strafe zuzuf�hren, ungebrochen -und zwar so sehr, dass er auf die Genugtuung, den Beginn des Prozesses mitzuerleben, verzichtet und einen Umweg �ber Puteoli gemacht hatte, um noch zwei weitere Zeugen aufzusp�ren: den r�mischen Ritter Gaius Numitorius, der die Kreuzigung von Gavius aus Messana gesehen hatte, und seinen Freund, den Kaufmann Marcus Annius, der in Syrakus gewesen war, als Verres den Justizmord an dem r�mischen Bankier Herennius hatte vollstrecken lassen.</p><p>�Und wo sind die beiden jetzt?�, fragte Cicero ungeduldig.</p><p>�Hier�, antwortete Lucius. �Im Tablinum. Aber ich muss dich gleich warnen. Sie wollen nicht aussagen.�</p><p>Cicero eilte ins Tablinum und sah sich zwei stattlichen M�nnern mittleren Alters gegen�ber -�f�r meine Zwecke die perfekten Zeugen�, wie er sp�ter bemerkte. �Wohlhabend, seri�s, sachlich und - das vor allem - keine Sizilier.� Wie Lucius ihm prophezeit hatte, str�ubten sie sich auszusagen. Sie waren Gesch�ftsleute, die an m�chtigen Feinden kein Interesse hatten und von der Aussicht auf Hauptrollen in Ciceros antiaristokratischem Schauspiel auf dem r�mischen Forum alles andere als begeistert waren. Aber er konnte sie schlie�lich �berzeugen, denn sie waren schlau genug zu erkennen, dass bei einer Gewinn-und-Verlust-Rechnung unter dem Strich am meisten herausspringen w�rde, wenn sie sich auf die Seite der Sieger schl�gen. �Wisst ihr, was Pompeius zu Sulla gesagt hat, als der alte Mann ihm an seinem sechsundzwanzigsten Geburtstag einen Triumph abschlagen wollte?�, fragte Cicero.</p><p>�Das hat er mir erst gestern Abend beim Essen erz�hlt: &gt;Die meisten Menschen huldigen der aufgehenden, nicht der untergehenden Sonne.&lt;� Die Mischung aus prominenten Namen und Appellen an Patriotismus wie Eigennutz wirkte und stimmte sie schlie�lich um. Als es Zeit zum gemeinsamen Abendessen mit Cicero und seiner Familie war, hatten sie ihm ihre Unterst�tzung zugesichert.</p><p>�Ich wusste, wenn du sie nur ein paar Minuten in die Finger bekommst, dann tun sie, was du willst�, fl�sterte Lucius ihm zu.</p><p>Ich hatte damit gerechnet, dass Cicero sie gleich am n�chsten Tag in den Zeugenstand rufen w�rde, aber er machte es raffinierter. �Eine Vorstellung muss immer mit einem H�hepunkt enden�, sagte er. Inzwischen hatte er den Zorn der Zuschauer mit jedem neuen Anklagepunkt zu neuen H�hen gef�hrt - von korrupter Rechtsprechung �ber Erpressung und offenen Raub bis hin zu grausamen und un�blichen Methoden der Bestrafung. Am achten Verhandlungstag besch�ftigte er sich mit den Aussagen zweier sizilischer Kapit�ne, Phalacrus aus Centuripa und Onasus aus Segesta, die schilderten, wie sie und ihre Mannschaften nur durch Bestechung von Verres' Freigelassenem Timarchides der Auspeitschung und Hinrichtung entgingen. (Timarchides war, wie ich zu meiner Genugtuung sagen kann, im Gericht anwesend und musste die Dem�tigung pers�nlich miterleben.) Schlimmer noch: Den Familien derer, die nicht die finanziellen Mittel hatten, ihre Verwandten freizukaufen, wurde gesagt, dass sie dem amtlichen Scharfrichter Sextius trotzdem Geld zu zahlen h�tten, um zu verhindern, dass dieser bei den Enthauptungen absichtlich grausam vorginge. �Stellt euch die unertr�gliche Seelenpein der ungl�ckseligen Eltern vor�, erkl�rte Cicero, �die nicht f�r das �berleben ihrer Kinder, sondern f�r deren schnellen Tod zu zahlen hatten.� Als die Senatoren auf der Geschworenenbank das h�rten, sch�ttelten sie den Kopf und sprachen leise miteinander. Und wenn Glabrio Hortensius aufforderte, einen der Zeugen ins Kreuzverh�r zu nehmen, und dieser nur ein ums andere Mal sagte: �Keine Fragen an den Zeugen�, st�hnten sie h�rbar auf. Ihre Lage wurde zunehmend unertr�glicher, und an jenem Abend gingen zum ersten Mal Ger�chte um, dass Verres schon dabei sei, seinen Hausstand zusammenzupacken und sich auf seine Flucht ins Exil vorzubereiten.</p><p>So standen die Dinge, als wir am neunten Prozesstag Annius und Numitorius als Zeugen aufriefen. Wenn das �berhaupt m�glich war, so war die Zuschauermenge an diesem Morgen, da nur noch zwei Tage bis zum Beginn von Pompeius' Spielen blieben, noch gr��er als sonst. Verres kam zu sp�t und war offensichtlich betrunken. Er stolperte, als er die Stufen vor dem Tempel zu seinem Platz hinaufging. Hortensius musste ihn st�tzen, w�hrend das Publikum in Gel�chter ausbrach. Als er an Cicero vorbeiging, schaute er ihn an. In den roten Augen des geschlagenen Mannes standen Angst und Wut, es war der Blick eines gejagten, in die Enge getriebenen Tieres. Cicero ging sofort zur Tagesordnung �ber und rief den ersten Zeugen auf. Annius schilderte, wie er eines Morgens im Hafen von Syrakus gerade eine Ladung inspiziert habe, als ein Freund auf ihn zugelaufen sei und aufgeregt erz�hlt habe, dass sein in Ketten gelegter Gesch�ftspartner Herennius auf dem Forum um sein Leben bettele.</p><p>�Was hast du daraufhin gemacht?�</p><p>�Ich bin nat�rlich sofort zum Forum gelaufen.�</p><p>�Und was hast du da gesehen?�</p><p>�Da waren mindestens hundert Menschen, die haben alle gerufen, &gt;Herennius ist ein B�rger Roms, ohne fairen Prozess darf man keinen R�mer hinrichten&lt;.�</p><p>�Woher haben die Menschen gewusst, dass er R�mer ist? Er war doch ein Bankier, der aus Spanien nach Sizilien gekommen war.�</p><p>�Viele von uns haben ihn pers�nlich gekannt. Seine Gesch�fte betrieb er zwar in Spanien, aber er war der Sohn einer r�mischen Familie aus Syrakus. Er ist da aufgewachsen.�</p><p>�Und was hat Verres dazu gesagt?�</p><p>�Er hat Befehl gegeben, Herennius auf der Stelle zu enthaupten.�</p><p>Einige Zuschauer schrien entsetzt auf.</p><p>�Wer hat die Hinrichtung durchgef�hrt?�</p><p>�Sextius, der amtliche Scharfrichter.�</p><p>�Und hat er seine Arbeit sauber erledigt?�</p><p>�Ich f�rchte nein.�</p><p>�Was ein klarer Hinweis darauf ist�, sagte Cicero, w�hrend er sich zu den Geschworenen umdrehte, �dass er Verres und seiner R�uberbande nicht ausreichend bestochen hatte.�</p><p>Fast w�hrend des gesamten Prozesses hatte Verres zusammengesunken auf seinem Stuhl gesessen. An diesem Morgen jedoch, aufgeputscht durch den Alkohol, sprang er auf und br�llte herum, dass er nie Bestechungsgelder angenommen habe. Hortensius musste ihn wieder auf den Stuhl ziehen. Cicero ignorierte den Zwischenfall v�llig und fuhr in aller Ruhe mit der Befragung des Zeugen fort.</p><p>�Das war doch eine ziemlich ungew�hnliche Situation, oder? Da verb�rgen sich hundert Menschen daf�r, dass der Mann r�mischer B�rger ist, und Verres hat nicht mal eine Stunde Zeit, um dessen Identit�t zu �berpr�fen. Wie erkl�rst du dir das?�</p><p>�Das ist ganz leicht zu erkl�ren, Senator. Herennius war Passagier auf einem Schiff aus Spanien, das Verres' Handlanger mitsamt seiner Fracht beschlagnahmt hatten. Erst landete er mit allen anderen M�nnern, die an Bord waren, in den Steinbr�chen, und sp�ter wurde er aufs Forum geschafft, um �ffentlich als Pirat hingerichtet zu werden. Was Verres nicht wusste, war, dass Herennius nicht aus Spanien stammte und dass ihn die R�mer hier in Syrakus wiedererkennen w�rden. Als Verres seinen Fehler bemerkte, konnte er ihn aber nicht einfach freilassen, weil Herennius zu viel �ber die Geschichte wusste.�</p><p>�Entschuldigung, ich verstehe nicht�, fragte Cicero und spielte den Unwissenden. �Warum sollte Verres einen unschuldigen Passagier auf einem Frachtschiff als Piraten hinrichten lassen?�</p><p>�Weil er eine bestimmte Anzahl an �ffentlichen Hinrichtungen brauchte.�</p><p>�Warum das?�</p><p>�Weil die echten Piraten ihn daf�r bezahlt hatten, dass er sie laufen lie�.�</p><p>Verres sprang wieder auf und br�llte: �L�ge, alles L�ge�. Diesmal ignorierte Cicero ihn nicht, sondern ging eine paar Schritte auf ihn zu. �L�ge? Alles L�ge? Warum verzeichnen dann deine eigenen Gef�ngnisunterlagen, dass Herennius auf freien Fu� gesetzt wurde? Und warum verzeichnen sie au�erdem, dass der ber�chtigte Piratenkapit�n Heracleo hingerichtet wurde, obwohl kein Mensch auf der ganzen Insel Zeuge seiner Enthauptung war? Ich sage dir, warum: weil du, der Statthalter Roms, der Verantwortliche f�r die Sicherheit der Meere, die ganze Zeit Bestechungsgelder von eben diesen Piraten kassiert hast!�</p><p>�Cicero, der gro�e Anwalt, der Kl�gste unter der Sonne�, sagte Verres verbittert, wobei ihm die Worte wegen des Alkohols nur undeutlich �ber die Lippen kamen. �Der glaubt, dass er alles wei�! Dann erz�hle ich euch mal was, das er nicht wei�. Heracleo steht unter meinem pers�nlichen Schutz, in meinem Haus hier in Rom, er kann euch selbst sagen, dass alles nur L�ge ist!�</p><p>Es ist im Nachhinein faszinierend, dar�ber nachzudenken, wie t�richt ein Mann sein muss, der so etwas ausplaudert. Die Fakten jedenfalls sind eindeutig, sie finden sich hier in meinen Unterlagen. Trotz des losbrechenden H�llenl�rms im Gericht h�rte ich Ciceros Stimme, der Glabrio aufforderte, seine Liktoren zu Verres' Haus zu schicken und den ber�hmten Piraten �im Interesse der �ffentlichen Sicherheit� sofort festnehmen zu lassen. Nachdem das in die Wege geleitet worden war, rief Cicero seinen zweiten Zeugen des Tages auf, Gaius Numitorius. Ich pers�nlich hielt das damals f�r etwas voreilig: Meiner Meinung nach h�tte sich aus dem Gest�ndnis �ber Heracleo noch mehr herausholen lassen. Aber der gro�e Rechtsgelehrte hatte gesp�rt, dass der Augenblick f�r den Todessto� gekommen war. Seit Monaten schon, seit wir auf Sizilien gelandet waren, hatte er gewusst, welche Waffe er daf�r verwenden w�rde. Numitorius schwor, dass er die Wahrheit sagen w�rde, trat in den Zeugenstand und wurde von Cicero ziemlich schnell durch seine Aussage geleitet, die uns mit den wesentlichen Fakten �ber Publius Gavius vertraut machte: dass der Kaufmann per Schiff von Spanien nach Sizilien gereist war; dass man das Schiff beschlagnahmt und s�mtliche Menschen an Bord in die Steinbr�che geworfen hatte, von wo Publius Gavius irgendwie hatte fliehen k�nnen; dass er sich nach Messana durchgeschlagen hatte, um von dort mit einem Schiff aufs Festland zu gelangen, beim Betreten des Schiffes aber festgenommen und Verres bei dessen n�chstem Besuch in der Stadt �bergeben worden war. Atemlose Stille lag �ber dem Forum.</p><p>�Schildert dem Gericht, was dann passiert ist.�</p><p>�Verres lie� auf dem Forum von Messana ein Tribunal zusammentreten�, sagte Numitorius. �Gavius wurde vor das Gericht gezerrt, und Verres verk�ndete, dass er ein Spion sei, f�r den es nur eine einzige gerechte Strafe gebe. Er befahl, ein Kreuz aufzurichten mit Blick �ber die Meeresenge nach Regium. Der Gefangene sollte im Moment des Todes auf Italien blicken. Dann lie� er ihm die Kleider vom Leib rei�en, vor aller Augen auspeitschen, mit hei�en Eisen foltern und schlie�lich ans Kreuz schlagen.�</p><p>�Hat Gavius etwas gesagt?�</p><p>�Nur am Anfang. Er schwor, dass er zu Unrecht beschuldigt werde. Er sei kein ausl�ndischer Spion, sondern B�rger Roms. Er sei Stadtrat von Consa und habe fr�her unter dem Kommando von Lucius Raecius in der r�mischen Reitertruppe gedient.�</p><p>�Was hat Verres dazu gesagt?�</p><p>�Er hat ihn als L�gner beschimpft und befohlen, mit der Exekution zu beginnen.�</p><p>�Kannst du uns schildern, wie Gavius seinem schrecklichen Tod gegen�bergetreten ist?�</p><p>��u�erst tapfer, Senator.�</p><p>�Wie ein R�mer?�</p><p>�Ja, wie ein R�mer.�</p><p>�Hat er noch irgendetwas gesagt?� (Ich wusste, worauf Cicero hinauswollte.)</p><p>�Nur w�hrend er ausgepeitscht wurde, als er sehen konnte, wie schon die Eisen erhitzt wurden.� �Was hat er gesagt?�</p><p>�Bei jedem Schlag hat er gerufen: &gt;Ich bin ein B�rger Roms.&lt;�</p><p>�W�rdest du das wiederholen, etwas lauter, bitte, damit jeder dich h�ren kann.� �Er hat gerufen: &gt;Ich bin ein B�rger Roms.&lt;� �Das war alles?�, fragte Cicero. �Damit ich dich auch richtig verstehe ... Ein Peitschenhieb trifft also auf seinen K�rper ...� Cicero legte die Handgelenke aneinander, streckte sie hoch �ber seinen Kopf und stie� seine K�rpermitte ruckartig nach vorn, so als ob ihn ein Hieb mit der Peitsche auf dem R�cken getroffen h�tte. �Und dann sagt er mit zusammengebissenen Z�hnen: &gt;Ich bin ein B�rger Roms.&lt; Der n�chste Hieb .. .� Wieder stie� sein K�rper nach vorn. �&gt;Ich bin ein B�rger Roms.&lt; Der n�chste Hieb. &gt;Ich bin ein B�rger Roms ... &lt;�</p><p>Meine d�rren Worte k�nnen nicht ann�hernd wiedergeben, wie Ciceros Vorstellung auf diejenigen wirkte, die sie mit eigenen Augen sahen. Die Stille im Gericht und unter den Zuschauern verst�rkte die Wirkung seiner Worte. Es war, als w�rden wir alle zu Zeugen dieses monstr�sen Justizverbrechens. Einige M�nner und Frauen, ich glaube, es waren Freunde von Gavius, fingen an zu schreien, und aus allen Winkeln des Forums waren wutentbrannte Zwischenrufe zu h�ren. Wieder befreite sich Verres aus Hortensius' Griff und sprang auf. �Er war ein mieser Spion!�, br�llte er. �Das hat er nur gerufen, weil er seiner gerechten Strafe entgehen wollte!�</p><p>�Aber er hat es gerufen!�, rief Cicero triumphierend, wandte sich um und deutete mit dem Finger auf Verres. �Du gibst also zu, dass er es gerufen hat! Deine eigenen Worte klagen dich an: Der Mann behauptet, ein B�rger Roms zu sein, und du hast keinen Finger ger�hrt! Er beruft sich auf sein B�rgerrecht, und trotzdem z�gerst du keine Sekunde oder verschiebst auch nur f�r kurze Zeit die Vollstreckung der grausamen und abscheulichen Todesstrafe. Wenn man dich, Verres, in Persien oder im hintersten Winkel Indiens auf den Hinrichtungsplatz zerrte, was w�rdest du denn rufen, au�er dass du ein B�rger Roms seist? Und Gavius, den du gar nicht schnell genug zum Tode bef�rdern konntest? Hat ihm die Berufung auf sein B�rgerrecht auch nur eine Stunde oder einen Tag Aufschub beschert, damit man die Wahrheit seiner Behauptung �berpr�fe? Nein, nicht mit dir auf der Richterbank. Noch der �rmste Mann von niederster Abstammung, egal, in welch r�ckst�ndigem Land er sich auch aufhielt, hatte bis zum heutigen Tag immer die Gewissheit, dass ihm der Satz &gt;Ich bin ein B�rger Roms� als letzte Verteidigung, als letzte Zuflucht dienen w�rde. Es war nicht Gavius, nicht irgendein unbedeutender Mann, den du an dieses Kreuz der Qualen genagelt hast: Es war das allgemeing�ltige Prinzip, dass ein R�mer ein freier Mensch ist.�</p><p>Der donnernde Beifallssturm, der nach den letzten Worten von Ciceros flammender Rede aufbrandete, war furchterregend. Und er ebbte nach wenigen Augenblicken nicht etwa ab, sondern er schaukelte sich immer weiter auf, wurde immer lauter und schriller. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich, dass die Menschenmenge an den R�ndern des Forums in Bewegung geriet, dass sie sich auf uns zubewegte. Ich h�rte ein krachendes Ger�usch und sah, wie die Baldachine, unter denen viele Zuschauer Schutz vor der Sonne gesucht hatten, zusammenbrachen. Ein Mann fiel von einem Balkon und verschwand zwischen den Menschen, die darunter standen. Schreie waren zu h�ren. Ein w�tender Mob st�rmte die Stufen zum Podium des Gerichts hinauf. Hortensius und Verres sprangen in ihrer Panik so schnell auf, dass ihre Bank nach hinten umkippte. Ich h�rte Glabrios kreischende Stimme. Er erkl�rte die Sitzung f�r geschlossen und eilte dann zusammen mit seinen Liktoren die restlichen Stufen zum Tempel hinauf. Dicht dahinter gaben der im Laufschritt folgende Angeklagte und sein vornehmer Anwalt ein wenig w�rdevolles Bild ab. Auch einige der Geschworenen suchten Schutz in den Mauern des heiligen Geb�udes. Nicht so Catulus: Ich erinnere mich noch genau an seine wie ein scharfkantiger Felsen aufragende Gestalt. Mit starrem Blick schaute er geradeaus, w�hrend sich der Menschenstrom vor ihm teilte und um ihn herumschwappte. Die schweren Bronzet�ren des Tempels wurden verriegelt. Cicero unternahm einen Versuch, die Ordnung wiederherzustellen. Er stieg auf seinen Stuhl und gestikulierte beruhigend mit den Armen, wurde aber von vier oder f�nf ziemlich verwegen aussehenden Burschen an den Beinen gepackt und hochgehoben. Ich f�rchtete um meine wie um seine Sicherheit, doch er breitete nur die Arme aus, als wollte er die ganze Welt umarmen. Die Burschen drehten sich mit Cicero auf den Schultern um und pr�sentierten ihn der Menge. Der Jubelsturm blies uns ins Gesicht, als h�tte man die T�r eines Ofens ge�ffnet. �Ci-ce-ro! Cice-ro! Ci-ce-ro!� Die Sprechch�re erf�llten den Himmel �ber Rom. </p><p>*</p><p>Das war das Ende von Gaius Verres. Wir erf�hren nie, was genau sich im Innern des Tempels abgespielte, nachdem Glabrio die Sitzung unterbrochen hatte. Cicero glaubte, dass Hortensius und Metellus ihrem Klienten klarmachten, dass eine Fortsetzung der Verteidigung sinnlos sei. Ihr eigenes Ansehen, ihre eigene Autorit�t hatten schwer gelitten: Sie mussten Verres loswerden, bevor er dem Ruf des Senats noch weiteren Schaden zuf�gen konnte. Es spielte keine Rolle mehr, mit welch irrwitzigen Summen er die Geschworenen bestochen hatte -keiner von ihnen w�rde es nach den gerade erlebten Szenen noch wagen, f�r einen Freispruch zu stimmen. Wie auch immer. Nachdem sich der Mob zerstreut hatte, stahl sich Verres aus dem Tempel und floh - manche sagen, als Frau verkleidet - bei Einbruch der Nacht aus der Stadt. Sein Ziel war Massilia im S�den Galliens, ein traditioneller Fluchtpunkt f�r die Exilanten aus Rom. Dort tauschten sie dann zu gegrillter Seebarbe ihre weinerlichen Geschichten aus und konnten sich vormachen, sie s��en in der Bucht von Neapel.</p><p>Jetzt blieb nur noch zu kl�ren, wie hoch die Geldstrafe sein sollte, die man von Verres zu fordern gedachte. Als Cicero an diesem Tag nach Hause zur�ckkehrte, berief er eine Besprechung ein, um �ber die angemessene Summe zu diskutieren. Den genauen Wert dessen, was sich Verres w�hrend seiner Sizilien-Jahre ergaunert hat, wird man nie erfahren. Mir waren Sch�tzungen zu Ohren gekommen, die von vierzig Millionen Sesterzen sprachen. Lucius favorisierte wie immer den radikalsten Kurs: die Beschlagnahme von Verres' gesamtem Verm�gen. Quintus hielt eine Summe von zehn Millionen f�r angebracht. Cicero war merkw�rdig still f�r einen Mann, der gerade einen derart fulminanten Sieg errungen hatte. Er sa� �bellaunig vor seinem Schreibpult und spielte mit einem metallenen Griffel herum. Am fr�hen Nachmittag erhielten wir einen Brief von Hortensius, in dem er uns Verres' Angebot �bermittelte, als Schadenersatz eine Million</p><p>Sesterzen an das Gericht zu zahlen. Vor allem Lucius war emp�rt - �eine Beleidigung�, lautete sein einziger Kommentar. Cicero schickte den Boten auf der Stelle zur�ck: Er solle es nicht wagen, noch einmal mit so einem Angebot hier aufzutauchen. Ein Stunde sp�ter war er wieder da. Hortensius' neues Angebot - sein letztes, wie er hinzuf�gte -belief sich auf anderthalb Millionen. Diesmal bequemte sich Cicero zu einer schriftlichen Antwort:</p><p><emphasis>Von: Marcus Tullius Cicero An: Quintus Hortensius Hortalus Sei gegr��t!</emphasis></p><p><emphasis>Angesichts der lachhaft niedrigen Summe, die dein Klient als Schadenersatz f�r seine beispiellosen Schandtaten vorschl�gt, werde ich Glabrio morgen bitten, mit der Verhandlung fortfahren zu d�rfen, und mein Recht geltend machen, das Gericht �ber in Rede stehende Frage und noch andere Dinge in Kenntnis zu setzen.</emphasis></p><p>�Mal sehen, was er von der Aussicht h�lt, dass wir ihm und seinen aristokratischen Freunden noch ein bisschen mehr von ihrem eigenen Dreck unter die Nase reiben�, sagte er zu mir. Ich versiegelte den Brief, �bergab ihn dem wartenden Boten und ging zur�ck ins Arbeitszimmer, wo Cicero gleich damit begann, mir seine Rede f�r morgen zu diktieren: eine scharfe Attacke auf die Aristokraten, dass sie mit der Verteidigung solcher Lumpen wie Verres die erhabenen Namen ihrer Familien und Vorfahren besudelten. Vor allem Lucius war es, der ihn immer weiter anstachelte, seiner Abscheu freien Lauf zu lassen: �Wir sind uns sehr wohl der Tatsache bewusst, dass gewisse &gt;edle Herren� die Verdienste und die Tatkraft der <emphasis>homines novi</emphasis> mit Missgunst und Abneigung betrachten; dass wir keine Sekunde die Augen schlie�en d�rfen, um nicht in einen Hinterhalt gelockt zu werden; dass wir uns nicht den kleinsten Verdacht oder gar den Vorwurf eines Fehlverhaltens erlauben d�rfen, ohne nicht auf der Stelle daf�r b��en zu m�ssen; dass wir in unserer Aufmerksamkeit niemals nachlassen und uns niemals einen Tag der Erholung g�nnen d�rfen. Wir haben Feinde, treten wir ihnen entgegen; wir haben schwere Aufgaben zu bew�ltigen, erledigen wir sie. Und lasst uns dabei nie vergessen, dass ein Feind, der sich als solcher zu erkennen gibt, weniger furchteinfl��end ist als einer, der sich versteckt und niemals das Wort erhebt.�</p><p>�Wieder tausend Stimmen weniger�, brummte Quintus.</p><p>Der Rest des Nachmittags verstrich, ohne dass eine weitere Nachricht von Hortensius eintraf. Kurz vor Einbruch der D�mmerung h�rten wir von der Stra�e laute Stimmen, und Sekunden sp�ter platzte der Hausverwalter Eros in Ciceros Arbeitszimmer und meldete aufgeregt, dass Pompeius Magnus in der Vorhalle sei. Das war in der Tat eine �berraschung. Cicero und sein Bruder schauten sich an, und schon im n�chsten Augenblick h�rten wir die vertraute Exerzierplatzstimme durchs Haus dr�hnen. �Wo ist er? Wo ist der gr��te Redner unserer Tage?�</p><p>Cicero stie� einen leisen Fluch aus und ging dann hinaus ins Tablinum. Quintus, Lucius und ich folgten ihm. In den bescheidenen R�umlichkeiten von Ciceros Haus wirkte die massige Gestalt des Konsuls noch gr��er als sonst. �Da ist er ja!�, rief er aus. �Der Mann, den dieser Tage jeder sehen will!� Er ging schnurstracks auf Cicero zu, schlang seine muskul�sen Arme um ihn und klopfte ihm kr�ftig auf den R�cken. Ich stand direkt hinter Cicero und konnte sehen, wie Pompeius' listige graue Augen jeden einzelnen von uns taxierten. Als er den verlegenen Hausherrn aus seiner Umklammerung freigegeben hatte, bestand er darauf, jedem von uns vorgestellt zu werden -sogar mir. Der bescheidene Haussklave aus Arpinum kann sich also damit br�sten, im Alter von vierunddrei�ig Jahren beiden amtierenden Konsuln Roms die Hand gesch�ttelt zu haben.</p><p>Er hatte seine Leibw�chter drau�en auf der Stra�e gelassen und das Haus allein betreten, was als au�ergew�hnlicher Beweis von Vertrauen und Gunst zu deuten war. Als wie immer tadelloser Gastgeber wies Cicero Eros an, Terentia Bescheid zu geben, dass Pompeius Magnus im Haus sei, und mir befahl er, Wein einzuschenken.</p><p>�Nur einen kleinen Schluck�, sagte Pompeius und hielt seine gro�e Hand �ber den Becher. �Wir haben nur kurz Zeit, wir sind auf dem Weg zu einer Abendgesellschaft. Aber wir wollten nicht am Haus unseres Nachbarn vorbeigehen, ohne kurz anzuklopfen und unsere Aufwartung zu machen. Wir haben deine Entwicklung in den vergangenen Tagen genau verfolgt, Cicero. Unser Freund Glabrio hat uns berichtet. Gro�artig, mein Kompliment. Lass uns auf dein Wohl trinken.� Er hob den Becher, nippte aber nicht einmal daran. �Nachdem du diese gro�e Aufgabe erfolgreich abgeschlossen hast, hoffe ich doch, dass wir uns nun etwas �fter sehen k�nnen. Zumal ich ja in K�rze wieder Privatmann sein werde.�</p><p>Cicero verbeugte sich leicht. �Ich w�rde mich sehr freuen.�</p><p>��bermorgen zum Beispiel, hast du da schon irgendwelche Pl�ne?�</p><p>�Das ist doch der Er�ffnungstag deiner Spiele, da wird man dich sicher sehr beanspruchen. Vielleicht passt es ein andermal ...�</p><p>�Ach was. Ich lade dich ein, in unsere Loge. Schau dir die Er�ffnung mit uns zusammen an, wird sicher nicht zu deinem Nachteil sein. Alle Welt soll sehen, dass wir Freunde sind�, f�gte er pomp�s hinzu. �Du magst doch die Spiele, oder?�</p><p>Cicero z�gerte. Ich konnte f�rmlich sehen, wie sein Gehirn die Folgen eines Jas oder eines Neins durchspielten. Aber eigentlich hatte er keine Wahl. �Die Spiele faszinieren mich�, antwortete er. �Ich w�sste nicht, was ich lieber t�te.�</p><p>�Ausgezeichnet�, sagte Pompeius mit seiner dr�hnenden Stimme. In diesem Augenblick betrat</p><p>Eros das Atrium und richtete aus, dass Terentia unp�sslich sei, sie habe sich hingelegt und lasse sich entschuldigen. �Schade�, sagte Pompeius leicht verstimmt. �Naja, es wird sich sicher noch eine Gelegenheit finden.� Er gab mir seinen vollen Becher. �Wir m�ssen uns jetzt verabschieden. Du hast sicher noch viel zu tun. Da f�llt mir ein ...�, sagte er und drehte sich auf der Schwelle des Atriums noch einmal um. �Habt ihr euch schon �ber die H�he der Strafe geeinigt?�</p><p>�Noch nicht�, antwortete Cicero.</p><p>�Was haben sie dir angeboten?�</p><p>�Anderthalb Millionen.�</p><p>�Nimm das Angebot an�, sagte Pompeius. �Du hast die hohen Herren schon tief genug in die Schei�e geritten, zwing sie nicht auch noch, sie zu fressen. Es w�re mir pers�nlich unangenehm und der Stabilit�t des Staates abtr�glich, wenn sich dieser Prozess noch l�nger hinzieht. Wir verstehen uns?� Er nickte freundlich und verlie� das Atrium. Wir h�rten, wie die Haust�r ge�ffnet wurde und der Kommandeur seine Leibwache strammstehen lie�. Dann wurde die T�r geschlossen. Eine Zeit lang sprach keiner ein Wort.</p><p>�So ein Dreckskerl�, sagte Cicero. �Bring mir noch was zu trinken.� Als ich mich umdrehte, um den Krug zu holen, sah ich, dass Lucius ver�rgert die Stirn runzelte.</p><p>�Was gibt ihm das Recht, so mit dir zu sprechen?�, fragte er. �Ein H�flichkeitsbesuch, von wegen.�</p><p>�H�flichkeitsbesuch? Ach, Lucius�, widersprach Cicero und fing an zu lachen. �Das war der Besuch vom Mieteintreiber.�</p><p>�Mieteintreiber? Was bist du ihm denn f�r Miete schuldig?� Lucius war vielleicht Philosoph, aber er war kein vollkommener Idiot. Er begriff jetzt, was geschehen war. �Ah, so ist das, jetzt verstehe ich.� Angewidert verzog er das Gesicht und drehte sich um.</p><p>�Verschon mich mit deiner �berheblichkeit�, sagte Cicero und fasste ihn am Arm. �Ich hatte keine Wahl. Marcus Metellus war gerade der Gerichtshof f�r Erpressungen zugelost worden. Die Geschworenen waren bestochen. Das Vorverfahren war eine abgekartete Sache. Ich war so nah dran ...� Er hielt seinem Vetter Daumen und Zeigefinger mit so geringem Abstand unter die Nase, dass die beiden Finger sich fast ber�hrt h�tten. �... dass ich die ganze Anklage fallen gelassen h�tte. Und dann kommt Terentia und sagt, &gt;Streich deine Rede zusammen!&lt;�, und ich hab gewusst, das ist die L�sung. Fahr jedes einzelne Beweisst�ck auf, jeden einzelnen Zeugen, und das alles in zehn Tagen. <emphasis>Und stell sie an den Pranger!</emphasis> Das war der Punkt, Lucius, verstehst du? An den Pranger, vor ganz Rom, vor aller Augen, sodass sie gar keine andere Wahl h�tten, als ihn schuldig zu sprechen.�</p><p>Als habe er ein Gericht mit nur einem Geschworenen vor ich, den es zu �berzeugen gelte, redete Cicero unter Aufbietung seines ganzen rhetorischen Arsenals auf seinen Vetter Lucius ein.</p><p>Er las in dessen Gesicht und suchte nach Hinweisen f�r die passenden Worte und Argumente, um ihn auf eine Seite zu ziehen.</p><p>�Aber ausgerechnet <emphasis>Pompeius�,</emphasis> sagte Lucius verbittert. Nach allem, was er dir vorher angetan hat.�</p><p>�Ich habe nur eine einzige Sache gebraucht, Lucius, nur eine winzige Gef�lligkeit, und das war die Zusicherung, dass ich den Prozess so durchziehen kann, wie ich das will, und die Zeugen sofort aufrufen kann. Da war keine Bestechung im Spiel, keine Korruption, nichts. Aber ich musste im Voraus wissen, dass Glabrio da mitspielt. Aber als Anklagevertreter konnte ich ja wohl kaum selbst auf den Pr�tor zugehen. Also habe ich mir den Kopf dar�ber zerbrochen, wer das f�r mich tun k�nnte.�</p><p>Quintus sagte: �Da kam in ganz Rom nur ein Einziger infrage, Lucius.�</p><p>�Genau�, rief Cicero. �Ein Mann, dem Glabrio moralisch so verpflichtet ist, dass er ihm sein Ohr nicht verweigern <emphasis>konnte.</emphasis> Und das ist der Mann, der ihm nach dem Tod seiner geschiedenen Frau seinen Sohn zur�ckgegeben hat - Pompeius.�</p><p>�Das war keine winzige Gef�lligkeit�, sagte Lucius. �Das war ein schwerwiegender Eingriff, f�r den ein hoher Preis bezahlt werden muss - aber nicht von dir, sondern von den Bewohnern Siziliens.�</p><p>�Von den Bewohnern Siziliens?�, wiederholte Cicero, der langsam die Geduld verlor. �Die Bewohner Siziliens haben nie einen aufrichtigeren</p><p>Freund als mich gehabt. Ohne mich h�tte es gar keinen Prozess gegeben. Ohne mich kein Angebot von anderthalb Millionen. Um Himmels willen, Lucius, ohne mich w�re Gaius Verres in sp�testens zwei Jahren <emphasis>Konsul</emphasis> geworden. Du kannst mir nicht ernsthaft vorwerfen, dass ich die Bewohner Siziliens im Stich gelassen h�tte.�</p><p>�Dann weigere dich, die Miete zu zahlen�, sagte Lucius und packte Ciceros Hand. �Zieh morgen vor Gericht und hol das Maximum an Entsch�digung raus. Zur H�lle mit Pompeius. Ganz Rom steht auf deiner Seite. Die Geschworenen werden es nicht wagen, sich gegen dich zu stellen. Wer schert sich noch um Pompeius? Er hat es selbst gesagt, in f�nf Monaten gibt es keinen Konsul Pompeius mehr. Los, versprich mir, dass du k�mpfst.�</p><p>Cicero umfasste Lucius' Hand mit beiden H�nden und schaute ihm tief in die Augen - die alte Doppelgriff-Masche, deren Zeuge ich in diesem Raum schon so oft geworden war. �Ich verspreche dir ...�, sagte er, �ich verspreche dir, dass ich dar�ber nachdenken werde.� </p><p>*</p><p>Vielleicht hat er dar�ber nachgedacht. Wer bin ich, dass ich mir ein Urteil erlauben d�rfte? Aber ich m�chte doch bezweifeln, dass ihn die Frage l�nger als eine Sekunde besch�ftigte. Cicero war nie daran gelegen, sich an die Spitze eines Mobs zu setzen, der diesen Staat beseitigen wollte: Und nur das h�tte ihm den Hals gerettet, h�tten sich Pompeius und die Aristokraten gegen ihn gewandt. �Das Problem mit Lucius ist�, sagte er und legte, nachdem sein Vetter gegangen war, die F��e auf das Schreibpult, �dass er glaubt, Politik sei ein Kampf f�r Gerechtigkeit. Aber Politik ist ein Beruf.�</p><p>�Denkst du, dass Verres Pompeius bestochen hat, um die Summe im Rahmen zu halten?�, fragte Quintus und sprach damit exakt den Gedanken aus, der auch mir schon durch den Kopf gegangen war.</p><p>�Durchaus m�glich. Aber ich glaube eher, dass er einfach vermeiden will, in einen B�rgerkrieg zwischen Volk und Senat zu geraten. Wenn es nach mir ginge, ich w�rde nichts Lieber tun, als Verres' gesamtes Verm�gen einzuziehen. Von mir aus k�nnte der Lump f�r den Rest seines Lebens gallisches Gras fressen. Aber dazu wird es nicht kommen�, sagte er seufzend. �Also los, lasst uns mal �berschlagen, wie weit wir mit den anderthalb Millionen Sesterzen kommen.�</p><p>Cicero, Quintus und ich verbrachten den Rest des Abends damit, eine Liste der Personen mit den h�chsten�Wiedergutmachungsanspr�chen zusammenzustellen. Nachdem Cicero seine eigenen Kosten von knapp hunderttausend Sesterzen abgezogen hatte, kamen wir zu dem Ergebnis, dass er seinen Verpflichtungen so eben nachkommen konnte, zumindest gegen�ber Sthenius und seinesgleichen sowie den Zeugen, die eigens die lange Reise nach Rom gemacht hatten. Aber was sollte man den Priestern sagen? Wie sollte man den Wert einer Tempelstatue sch�tzen, deren Edelsteine und wertvolle Metalle Verres' Goldschmiede schon vor langer Zeit herausgebrochen beziehungsweise eingeschmolzen hatten? Und mit welcher Summe konnte man die Familien und Freunde von Gavius, Herennius und all den anderen Ermordeten entsch�digen? Diese Fragen gaben Cicero zum ersten Mal einen Geschmack davon, wie es war, wenn man Macht besa� - eine Macht, die einem, wenn es hart auf hart ging, gew�hnlich nur die Wahl lie� zwischen zwei gleicherma�en widerw�rtigen Optionen.</p><p>Am n�chsten Morgen war fast alles wie an allen anderen Prozesstagen zuvor: das �bliche Gefolge, die �bliche Menschenmenge, die uns an den �blichen Stellen erwartete. Nur zwei Dinge waren anderes. Verres war nicht da, und zwanzig oder drei�ig Wachposten schirmten das Podium des Gerichts ab. Glabrio er�ffnete die Sitzung und wies in einer kurzen Rede daraufhin, dass er St�rungen wie die von gestern nicht noch einmal dulden werde. Dann erteilte er Hortensius das Wort.</p><p>�Aufgrund seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung ...�, begann Hortensius, wurde aber schon nach diesen ersten Worten von schallendem Gel�chter unterbrochen. Es dauerte eine Zeit lang, bis er fortfahren konnte. �Aufgrund seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung�, wiederholte er, �hervorgerufen durch die Belastung der letzten Tage, und weil ihm daran gelegen ist, die Gesch�fte des Staates nicht weiter zu beeintr�chtigen, verzichtet mein Klient Gaius Verres auf die weitere Verteidigung gegen die durch den�Sonderermittler�vorgebrachten Beschuldigungen.�</p><p>Er setzte sich wieder. Im Gegensatz zu den Siziliern, die den R�ckzug mit Beifall aufnahmen, zeigten die Zuschauer kaum eine Reaktion. Sie warteten darauf, dass Cicero wieder die Initiative ergriff. Er stand auf und bedankte sich bei Hortensius f�r dessen Erkl�rung - �ein klein bisschen k�rzer, als wir sie in dieser Umgebung von dir gew�hnt sind� - und forderte die H�chststrafe nach Cornelischem Recht: die dauerhafte Aberkennung aller B�rgerrechte, �auf dass Gaius Verres weder f�r seine fr�heren Opfer noch f�r eine korrekte Verwaltung der r�mischen Republik je wieder zur Gefahr werden kann�. Zum ersten Mal an diesem Morgen brandete Jubel auf.</p><p>�Ich w�nschte�, fuhr Cicero fort, �dass ich seine Verbrehen ungeschehen machen und Menschen wie G�ttern all das ersetzen k�nnte, was er ihnen gestohlen hat. Ich w�nschte, ich k�nnte den Schreinen der Juno auf Malta und Samos ihre Opfergaben und Schmuckst�cke zur�ckgeben. Ich w�nschte, Minerva k�nnte die Verzierungen ihres Tempels in Syrakus wiedersehen. Ich w�nschte, ich k�nnte der Stadt Segesta ihre Statue der Diana und den Menschen von Tyndaris die ihre des Merkur zur�ckgeben. Ich w�nschte, ich konnte das der Ceres zugef�gte doppelte Unrecht ungeschehen machen, als man ihre Statuen sowohl aus Henna wie aus Catina geraubt hat. Aber der Schurke ist �ber alle Berge, zur�ckgelassen hat er nur die leeren W�nde und nackten B�den seiner H�user hier in Rom und auf dem Land. Nichts weiter kann beschlagnahmt und verkauft werden. Sein Anwalt taxiert den Wert auf anderthalb Millionen Sesterzen, und so kann ich als Wiedergutmachung f�r Verres' Verbrechen auch nur diese Summe fordern.�</p><p>Einige Zuschauer buhten, einer anderer rief: �Viel zu wenig!�</p><p>�Das ist zu wenig, ganz meine Meinung. Vielleicht sollen einige von denen, die heute hier zu Gericht sitzen und Verres fr�her, als er noch ein aufgehender Stern war, verteidigt haben, und einige von denen, die ihm f�r den Fall, dass sie zu den Geschworenen geh�ren sollten, ihre Unterst�tung zugesagt haben, vielleicht sollten die einmal ihr Gewissen pr�fen ... oder auch den Inhalt ihrer Villen!�</p><p>Hortensius sprang auf und legte Einspruch ein: Der Vertreter der Anklage spreche in R�tseln.</p><p>�Seltsam�, erwiderte Cicero schlagfertig. �Verres hat ihm doch eine Elfenbeinsphinx verehrt, da m�sste unserem designierten Konsul das L�sen von R�tseln doch leicht von der Hand gehen.�</p><p>Das war kein geplanter Scherz, da Cicero nicht im Voraus wissen konnte, wie Hortensius auf seine Worte reagieren w�rde. Allerdings - nachdem ich den Satz niedergeschrieben habe und jetzt noch einmal dar�ber nachdenke - komme ich mir doch etwas blau�ugig vor. Vielleicht geh�rte die Antwort zu dem Fundus an geistreichen Spontanbemerkungen, die Cicero bei Kerzenlicht regelm��ig durchging, um sie bei passender Gelegenheit parat zu haben. Wie auch immer, die Episode beweist jedenfalls, wie wichtig Humor bei einem �ffentlichen Auftritt sein kann. Das Einzige von diesem letzten Verhandlungstag, woran sich die Menschen noch erinnern, ist Ciceros Bemerkung �ber die Elfenbeinsphinx. Jetzt, im Nachhinein, wei� ich allerdings gar nicht mehr, was so besonders lustig daran war. Jedenfalls entfesselte der Satz Lachst�rme und verwandelte eine unangenehme in eine weitere triumphale Rede. <emphasis>Setz dich schnell wieder hin!</emphasis> So hatte Molons Rat gelautet, wenn alles bestens lief, und genau das tat Cicero. Ich reichte ihm ein Handtuch, mit dem er sich unter dem Beifall der Menschen das Gesicht abtupfte und die H�nde trocknete. Seine Arbeit im Fall Gaius Verres war damit beendet. </p><p>*</p><p>Bevor sich der Senat wegen der Spiele des Pompeius in eine f�nfzehn t�gige Sitzungspause verabschiedete, trat er an jenem Nachmittag zu einer letzten Sitzung zusammen. Da er noch einige Dinge mit den Siziliern zu kl�ren hatte, eilten wir im Laufschritt vom Tempel des Castor �ber das Forum zum Senat, kamen aber dennoch zu sp�t.</p><p>Crassus als der in diesem Monat pr�sidierende Konsul hatte das Haus schon zur Ordnung gerufen und verlas gerade Lucullus' neuesten Kriegsbericht �ber die Fortschritte im Osten. Um nicht zu st�ren, blieb Cicero an der Schranke stehen, und von dort verfolgten wir Lucullus' Bericht. Der aristokratische General hatte nach eigener Aussage eine Serie triumphaler Siege errungen: Er war ins K�nigreich des Tigranes einmarschiert, hatte den K�nig im Kampf bezwungen und Zehntausende seiner Soldaten hingeschlachtet, war daraufhin tiefer ins Land des Feindes vorgesto�en, hatte die Stadt Nisibis erobert und den K�nig des Bruders als Geisel genommen.</p><p>�Wundert mich, dass es Crassus nicht �bel wird dabei�, fl�sterte Cicero mir fr�hlich zu. �Sein einziger Trost d�rfte sein, dass Pompeius noch mehr von Neid zerfressen wird.� Tats�chlich starrte Pompeius, der mit verschr�nkten Armen neben Crassus sa�, d�ster und geistesabwesend vor sich hin.</p><p>Als Crassus fertig war, nutzte Cicero die pl�tzliche Stille und betrat den Saal. Alle Augen wandten sich zu ihm um. Es war ein hei�er Tag, und die Lichtstreifen, die durch die schmalen Fenster unter dem Dach ins Innere fielen, verwandelten die winzigen M�cken in wirbelnde, glitzernde Punkte. Mit entschlossenem Schritt und erhobenem Kopf ging er an seinem alten, unauff�lligen Platz neben der T�r vorbei und weiter durch den Mittelgang und blieb vor dem Podium der Konsuln stehen. Die Bank der Pr�toren war voll besetzt, doch Cicero wartete geduldig auf seinen ihm nun rechtm��ig zustehenden Platz. Er wusste, und alle Mitglieder des Hauses wussten es auch, dass ihm als siegreichem Ankl�ger nach alter �berlieferung der Rang des von ihm besiegten Mannes zufiel. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie lange die Stille andauerte, aber sie kam mir ewig vor, und ich wei� noch, dass ich das Gurren der Tauben unter dem Dach h�rte. Es war Afranius, der sich schlie�lich erhob und Cicero mit dem Finger bedeutete, sich neben ihn zu setzen. Grob stie� Afranius seinen Nebenmann zur Seite und schaffte auf der Holzbank Platz. Cicero stieg �ber ein halbes Dutzend ausgestreckter Beinpaare und quetschte sich dreist in die schmale L�cke. Er schaute nach links und nach rechts, sah jedem seiner Rivalen in die Augen und hielt jedem ihrer Blicke stand. Keiner sagte ein Wort. Schlie�lich stand jemand auf und sprach Lucullus und den siegreichen Legionen mit m�rrischer Stimme seinen Dank aus. Wenn ich jetzt dar�ber nachdenke, k�nnte das Pompeius gewesen sein. Allm�hlich machte sich im Saal wieder das �bliche Gemurmel breit.</p><p>Ich schlie�e die Augen, sehe die Gesichter im goldenen Licht der Sp�tnachmittagssonne vor mir -Cicero, Crassus, Pompeius, Hortensius, Catulus, Catilina, die Metellus-Br�der - und kann es kaum glauben, dass sie alle, ihre ehrgeizigen Ziele und selbst das Geb�ude, in dem sie damals sa�en, heute nur noch Staub sind.</p></section></section><section><title><p id="_bookmark14">TEIL ZWEI.</p><p id="_bookmark15">PR�TOR</p></title><section><p>68 v.Chr.-64 v.Chr.</p><empty-line/><p>NAM ELOQUENTIAM QUAE ADMIRATIONEM NON HABET NULLAM IUDICO.</p><p id="_bookmark16">�Redekunst, die nicht aufr�ttelt, ist f�r mich keine Redekunst.�</p><p><emphasis>Cicero in einem Brief an Brutus, 48 v. Chr.</emphasis></p></section><section><title><p id="_bookmark17">KAPITEL X</p></title><p>Ich schlage vor, dass ich meinen Bericht zwei Jahre nach den Ereignissen am Ende der letzten Schriftrolle wieder aufnehme. Ich f�rchte, dass diese Auslassung viel �ber die Natur des Menschen aussagt. W�rde man mich n�mlich fragen: �Warum, Tiro, �berspringst du eine solch lange Periode in Ciceros Leben?�, dann k�me ich nicht umhin zu antworten: �Weil das gl�ckliche Jahre waren, mein Freund, und was ist langweiliger, als von gl�cklichen Zeiten zu erz�hlen?�</p><p>Sein Jahr als �dil war f�r den Senator eine �u�erst erfolgreiche Zeit. Seine Hauptverantwortung bestand darin, die Stadt mit billigem Getreide zu versorgen, und hierbei konnte Cicero die reiche Ernte seiner Anklage gegen Verres einfahren. Die Bauern und Getreideh�ndler Siziliens zeigten ihre Dankbarkeit f�r seinen Rechtsbeistand nicht nur, indem sie ihm mit g�nstigen Preisen entgegenkamen: Einmal �berlie�en sie ihm eine gesamte Schiffsladung sogar ohne Bezahlung. Cicero war schlau genug, an der �ffentlichen Anerkennung daf�r auch andere teilhaben zu lassen. Vom Hauptquartier der �dile, dem Tempel der Ceres, lie� er die gro�z�gige Spende zur Weiterverteilung an diejenigen liefern, die eigentlich f�r das reibungslose Funktionieren der Stadt sorgten: die etwa hundert Vorsteher der Stadtbezirke. Aus Dankbarkeit wurden viele von ihnen zu seinen Klienten. Mit ihrer Hilfe baute sich Cicero in den folgenden Monaten eine Wahlkampfmaschine auf, die ihresgleichen suchte (Quintus pflegte zu t�nen, dass er jederzeit binnen einer Stunde eine zweihundertk�pfige Menschenmenge auf die Stra�e br�chte). Fortan geschah kaum noch etwas in der Stadt, �ber das die Cicero-Br�der nicht Bescheid wussten. Wenn zum Beispiel ein Bauunternehmer oder ein Ladenbesitzer eine bestimmte Genehmigung oder einen Wasseranschluss ben�tigte oder besorgt war �ber den baulichen Zustand eines Tempels in der Nachbarschaft, dann erfuhren die beiden Br�der fr�her oder sp�ter davon. Neben seinem au�ergew�hnlichen Redetalent war es diese unerm�dliche Konzentration auf die eint�nige Kleinarbeit, die Cicero zu einem derart eindrucksvollen Politiker machte. Er veranstaltete sogar gute Spiele - oder vielmehr Quintus veranstaltete sie in seinem Namen. Als auf dem H�hepunkt des Festes der Ceres traditionsgem�� F�chse mit brennenden Fackeln auf dem R�cken in den Circus Maximus getrieben wurden, erhoben sich alle zweihunderttausend Zuschauer von ihren Sitzen, um Cicero in seiner offiziellen Loge zuzujubeln.</p><p>�Dass so viele Menschen so viel Vergn�gen an einem derart absto�enden Schauspiel haben k�nnen�, sagte Cicero zu mir, als wir an jenem Abend nach Hause zur�ckkehrten, �l�sst einen fast an den grundlegenden Voraussetzungen der Demokratie zweifeln.� Trotzdem war er hocherfreut, dass ihn die Massen nun nicht mehr nur als �Gelehrten� und �Griechen�, sondern auch als Mann aus ihrer Mitte betrachteten.</p><p>Die Gesch�fte seiner Anwaltspraxis entwickelten sich ebenso gut. Nach einem ereignislosen Jahr als Konsul verbrachte Hortensius zunehmend mehr Zeit in der Bucht von Neapel, wo er mit seinen juwelenbeh�ngten Fischen und weinbesprengten B�umen kommunizierte und die Hoheit �ber die Gerichtss�le Roms vollkommen Cicero �berlie�. Dieser wurde derma�en von Geschenken und Verm�chtnissen dankbarer Klienten �berh�uft, dass er seinem Bruder sogar die obligatorische Million Sesterzen f�r den Einzug in den Senat vorstrecken konnte. Quintus hatte, obwohl er nur ein m��iger Redner war, schlie�lich doch noch seine Begeisterung f�r eine politische Karriere entdeckt. Cicero selbst war allerdings der Meinung, dass das Soldatische dem Wesen seines Bruders mehr entsprach. Trotz wachsenden Wohlstands und Ansehens lehnte Cicero es ab, aus dem v�terlichen Haus auszuziehen. Er f�rchtete, es k�nnte seinem Ansehen als F�rsprecher des Volkes schaden, wenn er sich auf dem protzigen Palatin niederlie�e. Stattdessen nahm er ohne R�cksprache mit Terentia in Erwartung zuk�nftiger Einnahmen einen hohen Kredit auf und kaufte in den Albaner Bergen in der N�he vonTusculum - dreizehn Meilen entfernt von den neugierigen Augen seiner st�dtischen W�hler - eine prachtvolle Villa. Als er Terentia den Landsitz zeigte, spielte sie die Ver�rgerte und behauptete, das Klima in den Bergen sei schlecht f�r ihr Rheuma. Aber ich sah ihr an, dass sie sich insgeheim freute �ber diesen noblen Zufluchtsort nur eine halbe Tagesreise von Rom entfernt. Das Nachbaranwesen geh�rte Catulus, und auch Hortensius besa� ganz in der N�he ein Haus. Und obwohl Cicero lange Sommertage lesend und schreibend in den k�hlen Lichtungen der Pappelhaine seines Landsitzes verbrachte, sa� die Feindschaft zwischen ihm und den Aristokraten doch so tief, dass sie ihn nicht ein einziges Mal zu sich zum Essen einluden. Cicero st�rte das nicht. Im Gegenteil, es belustigte ihn, denn das Haus hatte einst Sulla geh�rt, dem gr��ten Helden der Aristokraten, und er wusste, wie sehr sie die Tatsache reizen musste, dass es sich jetzt im Besitz eines <emphasis>homo novus</emphasis> aus Arpinum befand. An der Villa waren �ber zehn Jahre lang keine Ver�nderungen vorgenommen worden, und als er sie erworben hatte, war eine ganze Wand von einem Gem�lde bedeckt gewesen, das den Diktator bei einer milit�rischen Ehrung durch seine Truppen zeigte. Cicero sorgte daf�r, dass alle seine Nachbarn erfuhren, was er in seiner Eigenschaft als neuer Besitzer als Erstes getan hatte: n�mlich die gesamte Wand wei� �berstreichen zu lassen.</p><p>Im Herbst seines neununddrei�igsten Lebensjahres war Cicero ein gl�cklicher Mann: wohlhabend, popul�r, nach einem Sommer auf dem Land bestens erholt und gespannt den Wahlen im kommenden Juli entgegenblickend, wenn er das Alter erreicht haben w�rde, um sich der Wahl zum Pr�tor zu stellen - dem letzten Schritt auf dem Weg zum h�chsten Lorbeer, dem Konsulat.</p><p>An diesem entscheidenden Punkt seines Schicksals, kurz bevor das Gl�ck ihn im Stich lie� und sein Leben wieder spannend wurde, fahre ich mit meiner Erz�hlung fort. </p><p>*</p><p>Ende September feierte Pompeius seinen Geburtstag, und zum dritten Mal hintereinander erhielt Cicero die Einladung, an einer Abendgesellschaft zu dessen Ehren teilzunehmen. Seufzend �ffnete Cicero die Botschaft, denn er wusste inzwischen, dass es nur wenige Segnungen im Leben gibt, die l�stiger sind als die Freundschaft eines gro�en Mannes. Anfangs hatte er sich geschmeichelt gef�hlt, in Pompeius' inneren Kreis aufgenommen zu werden. Doch schon bald waren ihm die immer gleichen milit�rischen Anekdoten auf die Nerven gegangen, zu deren Illustrierung bei Tisch gew�hnlich Bildtafeln und bemalte Karaffen herumgereicht wurden. Sie handelten davon, wie der junge General bei Auximum drei Armeen des Marius �berlistet, im Alter von vierundzwanzig Jahren an einem einzigen Nachmittag siebzehntausend Numidier get�tet oder bei Valencia die spanischen Rebellen endg�ltig besiegt hatte. Seit seinem siebzehnten Lebensjahr gab Pompeius Befehle, und vielleicht war das der Grund daf�r, dass sich bei ihm nichts hatte ausbilden k�nnen, was Ciceros geschliffenem Intellekt vergleichbar war. Spontaner Witz, Klatschgeschichten, scharfe Beobachtungen, die sich sowohl in tiefgr�ndige wie spintisierende Betrachtungen �ber das Wesen des menschlichen Zusammenlebens verlieren konnten -Konversation also, wie Cicero sie sch�tzte - waren Pompeius vollkommen fremd. Der General liebte es, sich vor respektvoll schweigenden Zuh�rern in Plattheiten zu ergehen, um sich dann zur�ckzulehnen und an den Schmeicheleien seiner G�ste zu erg�tzen. Cicero sagte des �fteren, dass er sich lieber von einem volltrunkenen Barbier auf dem Forum Boarium alle Z�hne ziehen lassen wolle, als sich noch ein weiteres Mal diese Tischmonologe anh�ren zu m�ssen.</p><p>Der Kern des Problems war der, dass Pompeius sich langweilte. Nach seinem Konsulat hatte er sich wie angek�ndigt mit seiner Frau, seinem kleinen Sohn und seiner Tochter, die noch ein S�ugling war, ins Privatleben zur�ckgezogen. Aber was nun? Da er �ber keinerlei Redetalent verf�gte, kamen die Gerichtsh�fe f�r ihn nicht infrage. Literarische Arbeit interessierte ihn nicht. Er konnte nichts tun, als vor Neid kochend Lucullus' fortschreitenden Feldzug gegen Mithridates zu verfolgen. Mit den Worten eines alten Sprichworts: Mit vierzig hatte er seine Zukunft schon hinter sich. Gelegentlich verlie� er seinen Landsitz zu einem Ausflug in den Senat, wo er jedoch nicht das Wort ergriff, sondern den Debatten nur zuh�rte. Allerdings legte er Wert darauf, dass ihn bei diesen Ausfl�gen immer ein riesiger Tross aus Freunden und Klienten begleitete. Cicero f�hlte sich verpflichtet, zumindest einen Teil des Weges mitzugehen. Pompeius kam ihm vor wie ein Elefant, der versuchte, in einem Ameisenhaufen heimisch zu werden.</p><p>Und trotzdem war er immer noch einer der einflussreichsten M�nner der Welt. Er verf�gte �ber eine gewaltige Anh�ngerschaft unter den W�hlern, und es war nicht ratsam, ihm in die Quere zu kommen, zumal binnen Jahresfrist wieder Wahlen anstanden. Erst in diesem Sommer hatte er seinem G�nstling Gabinius zu einem der Volkstribunen�mter verholfen. Kurz: Er mischte in der Politik immer noch mit. Also ging Cicero wie �blich am drei�igsten September zu Pompeius' Geburtstagsfest und berichtete nach seiner R�ckkehr Quintus, Lucius und mir von den Ereignissen. �ber Geschenke freute sich Pompeius wie ein Kind. Cicero hatte ihm einen zweihundert Jahre alten und �u�erst wertvollen Originalbrief von Zeno, dem Begr�nder des Stoizismus, mitgebracht, den ihm Atticus in Athen gesorgt hatte. Liebend gern h�tte Cicero den Brief f�r seine eigene Bibliothek in Tusculum behalten, aber er hatte gehofft, mit seiner Gabe des Generals Interesse an Philosophie wecken zu k�nnen. Pompeius hatte jedoch nur einen fl�chtigen Blick daraufgeworfen, ihn gleich beiseitegelegt und sich stattdessen mehr f�r Gabinius' Geschenk interessiert: ein versilbertes Rhinozeroshorn, das mit einem �gyptischen, aus Pavianexkrementen hergestellten Aphrodisiakum gef�llt war. �Wie gern hatte ich den Brief zur�ck!�, sagte Cicero seufzend, lie� sich auf das Sofa fallen und legte seine Hand auf die Stirn. �Wahrscheinlich z�ndet das K�chenm�dchen gerade ihr Herdfeuer damit an.�</p><p>�Wer war sonst noch da?�, fragte Quintus neugierig. Er war erst vor ein paar Tagen aus Umbrien zur�ckgekehrt, wo er das Qu�storenamt innegehabt hatte, und lechzte nach dem neuesten Klatsch.</p><p>�Nur die �bliche Klientel. Unser frischgebackener Volkstribun nat�rlich, der ehrenwerte Gabinius; sein Schwiegervater Palicanus, die Koryph�e auf dem Gebiet der sch�nen K�nste; Roms anmutigster T�nzer, Afranius; dann Baibus, dieses spanische Gesch�pf von Pompeius' Gnaden; und Varro, das Universalgenie des pompeianischen Haushalts. Tja ... und Marcus Fonteius�, f�gte Cicero beil�ufig hinzu - allerdings nicht so beil�ufig, dass Lucius nicht sofort bemerkt h�tte, dass da etwas vorgefallen sein musste.</p><p>�Und wor�ber hast du mit Marcus Fonteius gesprochen?�, fragte Lucius. Sein eigener Versuch, beil�ufig zu klingen, war nicht weniger durchsichtig.</p><p>��ber alles M�gliche.�</p><p>�Seinen Prozess?�</p><p>�Sicher, auch.�</p><p>�Und wer verteidigt den Schurken?�</p><p>Cicero machte eine Pause und sagte dann ruhig: �Ich.�</p><p>F�r diejenigen, die mit dem Fall nicht vertraut sind, sollte ich hinzuf�gen, dass Fonteius f�nf Jahre zuvor Statthalter der Provinz Narbonensis im s�dlichen Gallia Transalpina gewesen war. Er hatte Pompeius, als dieser in einem Winter beim Kampf gegen die Rebellen in Spanien besonders unter Druck stand, frischen Nachschub und Soldaten geschickt, wodurch der General bis in den Fr�hling hatte durchhalten k�nnen. Seit jener Zeit waren sie Freunde. Fonteius hatte es in den folgenden Jahren zu au�erordentlichem Reichtum gebracht - und zwar nach Art des Verres, indem er die einheimische Bev�lkerung mittels verschiedenster illegaler Steuern ausgepresst hatte. Die Gallier hatten zun�chst klein beigegeben und sich damit getr�stet, dass Raub und Ausbeutung seit jeher Begleiterscheinungen der Zivilisation seien. Nach Ciceros triumphaler Klage gegen den Statthalter von Sizilien war Indutiomarus, der Anfuhrer der in der Provinz Narbonensis ans�ssigen Gallier, nach Rom gereist und hatte den Senator gebeten, sie im Gerichtshof f�r Erpressungen zu vertreten. Lucius hatte das Anliegen nach Kr�ften unterst�tzt, tats�chlich war er es gewesen, der Indutioniarus an Cicero verwiesen hatte. Der Gallier hatte abenteuerlich ausgesehen, als er an jenem Morgen in seinem barbarischen Aufzug aus Jacke und Hose vor unserer T�r stand. Ich war richtiggehend schockiert gewesen. Cicero hat sein Anliegen aber h�flich abgelehnt. Seitdem war ein Jahr vergangen, und die Gallier hatten in dem designierten Pr�tor Plaetorius und seinem jungen Mitarbeiter Marcus Fabius seri�sen Rechtsbeistand gefunden. Der Fall w�rde in K�rze vor Gericht kommen.</p><p>�Das ist ja ungeheuerlich�, sagte Lucius emp�rt. �Wie kannst du so einen Kerl verteidigen? Der ist genauso schuldig wie Verres.�</p><p>�Unsinn. Er hat niemanden get�tet, und er hat niemanden unter falschen Anschuldigungen eingesperrt. Das Schlimmste, was man �ber ihn sagen kann, ist, dass er ein einziges Mal den Weinh�ndlern von Narbonne �berh�hte Steuern und ein paar Einheimischen �berh�hte Geb�hren f�r die Reparatur ihrer Stra�en abgekn�pft hat. Au�erdem�, f�gte Cicero schnell hinzu, bevor Lucius ihn auf seine etwas wohlwollende Interpretation von Fonteius' Aktivit�ten festnageln konnte, �wer sind wir, dass wir ihn jetzt schon schuldig sprechen d�rften? Das ist Sache des Gerichts, nicht unsere. Oder willst du etwa der Tyrannei das Wort reden und ihm den Rechtsbeistand verweigern?�</p><p>�Ich w�rde ihm <emphasis>deinen</emphasis> Rechtsbeistand verweigern�, erwiderte Lucius. �Du hast doch Indutioniarus geh�rt, er hat dir die Beweise vorgelegt. Z�hlen die etwa nichts, nur weil Fonteius ein Freund von Pompeius ist?�</p><p>�Das hat mit Pompeius nichts zu tun.�</p><p>�Womit dann?�</p><p>�Mit Politik�, antwortete Cicero, setzte sich ruckartig auf, schwang den Oberk�rper herum und stellte die F��e auf den Boden. Er schaute Lucius fest in die Augen und sagte ernst: �Wei�t du, was das Schlimmste ist, was einem Staatsmann passieren kann? Dass seine Landsleute ihn verd�chtigen, und sei es auch nur f�r einen Augenblick, er k�nnte die Interessen von Ausl�ndern �ber die seines eigenen Volkes stellen. Genau diese L�ge verbreiten n�mlich meine Gegner, seit ich die Sizilier gegen Verres vertreten habe. Und diese Verleumdung kann ich im Keim ersticken, wenn ich jetzt Fonteius' Verteidigung �bernehme.�</p><p>�Und die Gallier?�</p><p>�Die werden von Plaetorius bestens vertreten.�</p><p>�Nicht so gut wie von dir.�</p><p>�Aber du sagst doch selbst, dass Fonteius' Fall auf schwachen Beinen steht. Der mit dem schw�chsten Fall soll den st�rksten Anwalt bekommen. Was k�nnte gerechter sein?�</p><p>Cicero strahlte ihn mit seinem bezauberndsten L�cheln an, doch Lucius lie� sich diesmal nicht einwickeln. Ihm war wohl klar, dass er einer Niederlage in einem Streitgespr�ch gegen Cicero nur dadurch entgehen konnte, dass er das Gespr�ch einfach abbrach. Also stand er auf und humpelte w�tend in Pachtung der T�r zum Atrium. Erst jetzt fiel mir auf, wie krank er noch aussah, wie d�nn er war, wie geb�ckt er ging. Er hatte sich von den Strapazen seiner Arbeit in Sizilien nie richtig erholt. �Worte, nichts als Worte�, brummte er bitter. �H�rt das denn nie auf mit diesen Praktiken, mit denen du die anderen nach deiner Pfeife tanzen l�sst? Da bist du genau wie alle anderen, Marcus: Deine gro�e St�rke ist auch deine Schw�che. Du tust mir leid, wirklich, es dauert n�mlich nicht mehr lange, dann kannst du zwischen deinen Winkelz�gen und der Wahrheit nicht mehr unterscheiden. Und dann bist du verloren.�</p><p>�&gt;Die Wahrheit&lt;�, sagte Cicero lachend. �Ziemlich schwammiger Begriff f�r einen Philosophen!� Aber seine Spitze ging ins Leere, denn Lucius hatte den Raum bereits verlassen.</p><p>�Er kommt schon zur�ck�, sagte Quintus.</p><p>Aber er kam nicht zur�ck, und in den folgenden Tagen erledigte Cicero die Vorbereitungen f�r seinen Prozess mit dem entschlossenen Gesichtsausdruck eines Mannes, der sich ergeben in eine unappetitliche, aber unumg�ngliche Arbeit vertieft. Und was seinen Mandanten betrifft: Fonteius hatte schon seit drei Jahren mit dieser Anklage gerechnet und die Zeit gut genutzt, indem er f�r seine Verteidigung Unmengen an Beweismaterial zusammengetragen hatte. Er hatte Zeugen aus Spanien und Gallien, darunter Offiziere aus Pompeius' Lager sowie gerissene und gierige Steuerp�chter und Kaufleute - allesamt Mitglieder der r�mischen Gemeinde in Gallien, die geschworen hatten, dass Nacht Tag sei und Land Meer, Hauptsache der Preis stimmte. Es gab nur ein Problem, das Cicero klar vor Augen stand, als sein fertiger Schriftsatz vor ihm auf dem Schreibpult lag: Fonteius war hundertprozentig schuldig. Cicero sa� lange in seinem Arbeitszimmer und starrte an die Wand, w�hrend ich mich auf Zehenspitzen um ihn herumschlich. Ich erz�hle das, weil es notwendig ist zum Verst�ndnis seines Charakters. Cicero versuchte n�mlich nicht nur, wie das vielleicht ein zynischer oder zweitklassiger Anwalt getan h�tte, sich irgendeine kluge Taktik auszudenken, mit der er den Ankl�ger aufs Kreuz legen konnte. <emphasis>Er versuchte etwas zu finden, an das er glauben konnte.</emphasis> Das war der Kern seiner Genialit�t, sowohl als Rechtsanwalt wie als Staatsmann. �Wenn man selbst �berzeugt ist, �berzeugt man auch andere�, pflegte er zu sagen. �Du musst an das Argument glauben, das du vorbringst, sonst bist du verloren. Mit keiner Beweisf�hrung, und sei sie noch so logisch oder geschliffen oder brillant, gewinnst du den Prozess, wenn deine Zuh�rer sp�ren, dass dir der Glaube fehlt.� Er brauchte nur einen einzigen Punkt, an den er glauben konnte. An ihm konnte er sich festklammern, konnte darauf aufbauen, konnte ihn ausschm�cken und f�r den Zeitraum von ein oder zwei Stunden in das wichtigste Thema der Welt verwandeln und dieses mit einer Leidenschaft darbieten, die die fadenscheinige Rationalit�t seiner Widersacher zertr�mmerte. Oft verschwand dieser Punkt nach der Rede vollkommen aus seinem Kopf. Und woran glaubte er nun im Fall von Marcus Fonteius? Stundenlang starrte er an die Wand und verfiel schlie�lich nur darauf: dass sein Mandant in seiner eigenen Stadt von Roms traditionellem Erzfeind, den Galliern, attackiert worden sei und dass dieser Umstand, ungeachtet aller Fragen von Recht oder Unrecht, eine Art Verrat sei.</p><p>Darauf konzentrierte er sich, als er einmal mehr in der vertrauten Umgebung des Gerichtshofes f�r Erpressungen vor dem Tempel des Castor auftrat. Der Prozess dauerte von Ende Oktober bis Mitte November. Es wurde hart gek�mpft, bei jedem einzelnen Zeugen, bis zum allerletzten Tag, an dem Cicero seine abschlie�ende Rede f�r die Verteidigung hielt. Von meinem Platz im R�cken des Senators hatte ich vom ersten Tag an Ausschau nach Lucius gehalten. Aber erst an diesem letzten Morgen bildete ich mir ein, ihn in der Zuschauermenge gesehen zu haben, einen blass aussehenden Mann, der ganz hinten an einem Pfeiler lehnte. Ich habe mich oft gefragt - falls er es tats�chlich gewesen ist, wessen ich mir nicht sicher bin -, was Lucius wohl von seinem Vetter gehalten haben mochte, als dieser die Beweise der Gallier zerfetzte und dabei mit dem Finger auf Indutiomarus zeigte. �Wei� er wirklich, was es bedeutet, eine Zeugenaussage vor diesem Gericht zu machen? Verdient es selbst der gr��te Anf�hrer der Gallier, auf die gleiche Stufe gestellt zu werden wie der geringste B�rger Roms?� Ob er wirklich annehme, dass ein r�misches Geschworenengericht dem Wort eines Mannes glaube, dessen G�tter Menschenopfer forderten? �Schlie�lich wei� doch jeder, dass die Gallier bis zum heutigen Tag an dem ungeheuerlichen und barbarischen Brauch festhalten, Menschen zu opfern.� Was h�tte Lucius zu Ciceros Darstellung der gallischen Zeugen gesagt, die �mit hochm�tigem und unersch�tterlichem Gesichtsausdruck auf dem Forum herumstolzieren und barbarische Drohungen aussto�en�? Und was h�tte er von Ciceros brillantem und �berraschendem Kunstgriff gehalten, als er dem Gericht am Ende seiner Rede Fonteius' Schwester pr�sentierte, eine VestaPriester in, die von Kopf bis Fu� in ein flie�endes wei�es Gewand geh�llt und um deren Schultern ein wei�er Leinenschal geschlungen war? Was h�tte er davon gehalten, als diese ihren wei�en Gesichtsschleier l�ftete und den Geschworenen ihre Tr�nen zeigte, bei deren Anblick ihr Bruder ebenfalls in Tr�nen ausbrach, worauf Cicero seinem Mandanten bes�nftigend die Hand auf die Schulter legte?</p><p>�Ehrw�rdige Richter, gew�hrt einem ritterlichen und untadeligen B�rger unserer Stadt euren Schutz. Zeigt der Welt, dass ihr dem Zeugnis eines Landsmannes mehr Vertrauen entgegenbringt als dem von Ausl�ndern, dass ihr dem Wohlergehen unserer B�rger gr��ere Beachtung schenkt als den Winkelz�gen unserer Feinde, dass ihr dem Flehen derer, die �ber eure Opferst�tten wachen, mehr Gewicht beimesst als den Unversch�mtheiten derer, die �berall auf der Welt Krieg f�hren gegen Opferst�tten und Heiligt�mer. Und abschlie�end, meine Herren, ein Punkt, der die Ehre des r�mischen Volkes in besonderer Weise ber�hrt: Stellt unmissverst�ndlich klar, dass die Bitten einer vestalischen Jungfrau schwerer wiegen als die Drohungen von Galliern.�</p><p>Diese Rede gab zweifellos den Ausschlag: sowohl f�r Fonteius, der freigesprochen wurde, als auch f�r Cicero, in dem man fortan nichts weniger als den gl�hendsten Patrioten Roms sah. Nachdem ich meine Aufzeichnungen abgeschlossen hatte, hob ich den Kopf. Es war unm�glich, noch einzelne Individuen auszumachen. Die Menge hatte sich in ein einziges, aufgeputschtes Wesen verwandelt, das sich ekstatisch jubelnd dem Rausch der nationalen Selbstglorifizierung hingab. Jedenfalls hoffe ich aufrichtig, dass Lucius nicht anwesend war. Eine begr�ndete Hoffnung, denn nur wenige Stunden sp�ter wurde er tot in seinem Haus aufgefunden.</p><p>*</p><p>Cicero und Terentia sa�en allein beim Abendessen, als die Meldung eintraf. Der Bote war einer von Lucius' Sklaven, noch ein halbes Kind, das v�llig in Tr�nen aufgel�st war. Es fiel mir zu, dem Senator die Nachricht zu �berbringen. Er schaute von seinem Teller auf, starrte mich ausdruckslos an und sagte: �Nein� - als h�tte ich ihm bei Gericht ein falsches Schriftst�ck gereicht. Eine Zeit lang konnte er nichts anderes sagen als immer wieder: �Nein, nein, nein.� Er bewegte sich nicht, er blinzelte nicht mal mit den Augen. Es hatte den Anschein, als h�tte sein Gehirn aufgeh�rt zu arbeiten. Es war schlie�lich Terentia, die als Erste etwas sagte. Sie schlug in sanftem Ton vor, dass er zu Lucius' Haus gehen und herausfinden solle, was passiert sei, worauf er aufstand und wie in Trance nach seinen Schuhen suchte. �Pass auf ihn auf, Tiro�, fl�sterte Terentia mir zu.</p><p>Trauer t�tet jedes Zeitgef�hl. Was mir von jenem Abend und den folgenden Tagen in Erinnerung geblieben ist, sind bruchst�ckhafte Szenen, die gespenstisch glei�enden Halluzinationen aus einem Fiebertraum gleichen. Ich erinnere mich an Lucius' d�rre und ausgezehrte Gestalt, als wir ihn fanden; daran, dass er auf der rechten Seite lag, in seinen eigenen Exkrementen, die Knie hochgezogen, die linke Hand auf die Augen gedr�ckt. Ich sehe noch vor mir, wie Cicero sich �ber ihn beugte, ihm mit einer Kerze ins Gesicht leuchtete und immer wieder seinen Namen rief, als ob er ihn so ins Leben zur�ckholen k�nnte. �Was hat er gesehen?� Das sagte Cicero immer wieder. �Was hat er gesehen?� Wie ich schon berichtet habe, war Cicero kein abergl�ubischer Mensch, aber er konnte sich einfach den Gedanken nicht aus dem Kopf schlagen, dass Lucius vor seinem Ende eine beispiellos schauerliche Vision gehabt haben m�sse, die ihn zu Tode erschreckt habe. Was die Ursache seines Todes betrifft, so muss ich gestehen, dass ich all die Jahre ein Geheimnis mit mir herumgetragen habe, von dessen B�rde ich mich hiermit nur zu gern befreie. In einer Ecke des kleinen Raumes lagen ein M�rser, ein St��el und etwas, das Cicero - und zun�chst auch ich - f�r einen Bund Fenchel hielt. Eine logische Annahme, da zu Lucius' zahlreichen chronischen Leiden auch Verdauungsbeschwerden geh�rten, die er mit einer Fencheltinktur zu lindern suchte. Erst sp�ter, als ich das Zimmer ausr�umte und ein paar der gefiederten Bl�tter mit dem Daumen auf meiner Handfl�che zerrieb, stieg mir ein gr�sslicher Geruch nach Moder und toten M�usen in die Nase: Schierling. Da wusste ich, dass Lucius aus welchen Gr�nden auch immer - Verzweiflung �ber die Ungerechtigkeit der Welt oder die Schmerzen, die ihm seine Krankheiten bereiteten - vom Leben genug gehabt und den gleichen Tod gew�hlt hatte wie sein Idol Sokrates. Obwohl ich vorgehabt hatte, Cicero und Quintus von meiner Entdeckung zu erz�hlen, brachte ich es in diesen Tagen der Trauer nicht �ber mich, und schlie�lich schien mir der passende Moment verstrichen zu sein, und ich hielt es f�r besser, die beiden im Glauben zu lassen, Lucius sei nicht freiwillig aus dem Leben geschieden. Ich entsinne mich auch noch daran, dass Cicero viel Geld f�r Blumen und Weihrauch ausgegeben hatte. Lucius lag in seiner besten Toga, gewaschen und gesalbt, die schmalen F��e Richtung T�r, auf der Totenbahre, und obwohl es ein grauer Novembertag war, duftete es wie in einem elysischen W�ldchen. Ich erinnere mich an die f�r einen Mann, der so zur�ckgezogen gelebt hatte, gro�e Zahl an Freunden und Nachbarn, die ihm die letzte Ehre erwiesen und sich dem Leichenzug hinaus zum Campus Esquilinus anschlossen. Ich sehe noch den jungen Frugi vor mir, der nicht aufh�ren konnte zu weinen. Ich erinnere mich an die Klagelieder und die Musik, an die respektvollen Blicke der B�rger am Wegesrand -schlie�lich handelte es sich um einen Cicero, der nun auf dem Weg zu seinen Vorfahren war, und der Name galt inzwischen etwas in Rom. Auf dem gefrorenen Feld lag der K�rper auf dem Scheiterhaufen, und der gro�e Redner versuchte sich an einer kurzen Lobrede. Doch die Worte wollten ihm nicht gehorchen, und er verstummte. Er war nicht einmal in der Lage, das Holz zu entz�nden. Er gab die Fackel an Quintus weiter, der das f�r ihn erledigte. Als die Flammen hoch aufloderten, streuten die Trauernden duftende Gew�rze ins Feuer, und der parf�mierte, von orangen Funken durchsetzte Rauch stieg hinauf zur Milchstra�e. An jenem Abend diktierte mir der Senator in seinem Arbeitszimmer einen Brief an Atticus, und es ist sicher der Zuneigung geschuldet, die Lucius auch in dessen Herzen entfacht hatte, dass dies der erste von den Hunderten von Ciceros Briefen war, den Atticus aufbewahrte.</p><p>�Du kennst mich so gut, dass du besser als die meisten ermessen kannst, wie tief mich der Tod meines Vetters Lucius trifft, welchen Verlust er f�r mein �ffentliches wie privates Leben bedeutet. All die Freude, die einem Menschen Freundlichkeit und W�rme bereiten k�nnen, habe ich von ihm empfangen.� </p><p>*</p><p>Obwohl Lucius viele Jahre in Rom gelebt hatte, war es immer sein Wunsch gewesen, dass seine Asche in der Familiengruft in Arpinum beigesetzt werden sollte. Also machten sich die Cicero-Br�der, die ihren Vater schon vorab �ber ihr Kommen informiert hatten, am Morgen nach der Ein�scherung zusammen mit ihren Frauen auf die Dreitagesreise Richtung Osten. Trauerzeit hin oder her, Cicero konnte es sich nicht erlauben, seine anwaltschaftliche und politische Korrespondenz zu vernachl�ssigen, sodass ich mit nach Arpinum fuhr. Trotzdem war es das erste und, soweit ich mich erinnern kann, auch das einzige Mal in all unseren gemeinsamen Jahren, dass Cicero auf einer Reise keine offiziellen Gesch�fte erledigte. Er sa�, das Kinn auf die Hand gest�tzt, auf seinem Platz und tat nichts, als auf die vor�berziehende Landschaft zu starren. Er und Terentia f�hren in einer Kutsche, Quintus und Pomponia in einer anderen. Die beiden stritten pausenlos, sodass Cicero - wie ich einmal zuf�llig mitbekam - seinen Bruder beiseite nahm und ihn anflehte, er solle doch, und sei es nur um Atticus' willen, endlich seine Ehe in Ordnung bringen. �Wenn dir Atticus' Meinung so wichtig ist�, erwiderte Quintus mit einigem Recht, �dann heirate <emphasis>du</emphasis> sie doch.� Die erste Nacht verbrachten wir auf Ciceros Landsitz in Tusculum. Am n�chsten Tag hatten wir auf der Via Latina gerade Ferentium erreicht, als ein Bote aus Arpinum den Br�dern die Nachricht �berbrachte, dass ihr Vater gestern einen Kollaps erlitten habe und gestorben sei.</p><p>Angesichts der Tatsache, dass der Vater bereits �ber sechzig gewesen war und schon seit vielen Jahren gekr�nkelt hatte, war sein Tod ein geringerer Schock als der von Lucius (die Nachricht von dessen Tod hatte der fragilen Gesundheit des alten Mannes wohl den letzten Schlag versetzt). Trotzdem, das eine mit Pinien- und Zypressenzweigen geschm�ckte Trauerhaus zu verlassen, um wenige Tage sp�ter ein ebenso geschm�cktes Haus zu betreten, bildete den Gipfel an Schwermut, die noch verschlimmert wurde durch den ungl�cklichen Zufall, dass wir in Arpinum am f�nfundzwanzigsten November eintrafen, dem Tag, der Proserpina geweiht war, der K�nigin des Hades, die die Fl�che des Menschen �ber die Seelen der Toten bringt.</p><p>Die Cicero-Villa lag drei Meilen au�erhalb der Stadt, am Ende einer steinigen, gewundenen Stra�e, in einem von hohen Bergen ges�umten Tal. Es war kalt in dieser H�henlage, die Gipfel ringsum steckten schon unter jungfr�ulichen Hauben aus Schnee, die sie bis in den Mai hinein tragen w�rden. Ich war seit zehn Jahren nicht mehr hier gewesen, und alles genau so vorzufinden, wie ich es in Erinnerung hatte, rief seltsame Gef�hle in mir hervor. Anders als Cicero hatte ich das Leben auf dem Land dem in der Stadt immer vorgezogen. Ich war hier geboren, meine Mutter und mein Vater hatten hier gelebt und waren hier gestorben. Im ersten Vierteljahrhundert meines Lebens hatten diese sanft h�geligen Wiesen und kristallklaren Fl�sse mit ihren hohen Pappeln und gr�nen Ufern die Grenzen meiner Welt markiert. Als Cicero sah, wie bewegt ich war, und weil er wusste, wie ergeben ich meinem alten Herrn gedient hatte, bot er mir an, ihn und Quintus zur Totenbahre zu begleiten, um Abschied zu nehmen. Auf gewisse Weise schuldete ich ihrem Vater genauso viel wie sie. Ich war ihm von klein auf sympathisch gewesen, er hatte mich unter seine Fittiche genommen und mir eine Ausbildung zukommen lassen, sodass ich ihm mit seinen B�chern helfen konnte. Und er hatte mir die M�glichkeit geboten, mit seinem Sohn auf Reisen gehen zu d�rfen.</p><p>Als ich mich nach vorne beugte, um seine kalte Hand zu k�ssen, hatte ich das starke Gef�hl, nach Hause zur�ckgekehrt zu sein, und mir kam der Gedanke, dass ich vielleicht ganz hierbleiben k�nnte, dass ich als Verwalter arbeiten, ein M�dchen meines Standes heiraten und Kinder haben k�nnte. Meine Eltern waren beide, obwohl sie Haussklaven und keine Arbeitssklaven auf dem Feld gewesen waren, schon mit Anfang vierzig gestorben. Ich musste damit rechnen, dass auch mir nur noch zehn Jahre blieben, h�chstens. Die Vorstellung tat weh, dass ich diese Welt vielleicht ohne Nachkommen verlassen w�rde. Ich nahm mir vor, Cicero bei erstbester Gelegenheit darauf anzusprechen.</p><p>Und so kam es, dass ich ein ziemlich tiefgr�ndiges Gespr�ch mit ihm f�hrte. Am Tag nach unserer Ankunft wurde mein alter Herr in der Familiengruft beigesetzt, die Alabasterurne mit Lucius' Asche stellte man neben ihn, und zum Abschluss wurde, um diesen Ort zu weihen, ein Schwein geopfert. Am n�chsten Morgen unternahm Cicero einen Rundgang �ber sein frisches Erbe. Ich begleitete ihn f�r den Fall, dass er mir etwas diktieren wollte, denn das Anwesen, das so hoch beliehen war, dass es fast keinen Wert mehr darstellte, war v�llig heruntergekommen und bedurfte dringend der Renovierung. Cicero sagte, dass urspr�nglich seine Mutter den Besitz verwaltet habe, dass sein Vater ein Tr�umer gewesen und den Gutsverwaltern oder Lieferanten nie gewachsen gewesen sei und dass deshalb nach dem Tod seiner Mutter alles nach und nach verrottet sei. Das war, glaube ich, nach zehn Jahren in seinen Diensten das erste Mal, dass er mir gegen�ber seine Mutter erw�hnte. Sie hatte Helvia gehei�en und war schon vor zwanzig Jahren gestorben, etwa um die Zeit, als er als junger Mann zur Ausbildung nach Rom geschickt worden war. Ich selbst konnte mich kaum noch an sie erinnern au�er daran, dass sie im Ruf stand, eine �u�erst harte und b�sartige Frau gewesen zu sein - die Art von Herrin, die die Kr�ge markierte, damit niemand etwas stahl, und die einen Sklaven, den sie des Diebstahls verd�chtigte, mit dem gr��ten Vergn�gen auspeitschte.</p><p>�Nie kam ihr ein lobendes Wort �ber die Lippen, Tiro�, sagte er. �Weder f�r mich noch f�r meinen Bruder. Und trotzdem habe ich alles versucht, ihr zu gefallen.� Er blieb stehen und schaute wehm�tig �ber die Felder zu dem schnell flie�enden, eiskalten Fluss, der Fibrenus hei�t und in dessen Mitte sich eine winzige Insel mit einem W�ldchen und einem kleinen, halb zerfallenen Pavillon befindet. �Da bin ich als Junge oft gewesen�, sagte er. �Wie viele Stunden ich da gesessen habe! Ich habe davon getr�umt, ein zweiter Achilles zu werden, wenn auch im Gerichtshof, nicht auf dem Schlachtfeld. Du kennst ja deinen Homer: &gt;Alle �bertrumpfen, besser sein als alle anderen!&lt;�</p><p>Er schwieg eine Zeit lang, sodass ich die Gelegenheit nutzte und ihm von meinem Plan erz�hlte. Ich plapperte einfach drauflos und sagte ihm, dass ich vielleicht hierbleiben und f�r ihn das Gut wieder auf Vordermann bringen k�nnte. W�hrenddessen starrte er weiter hin�ber auf die Insel aus seinen Kindertagen. �Ich kann dich sehr gut verstehen�, sagte er seufzend, als ich fertig war. �Ich f�hle ganz genauso. Dies ist f�r mich und meinen Bruder die wahre Heimat. Wir stammen hier aus der Gegend, aus einer sehr alten Familie. Hier sind die Wurzeln unserer Br�uche und unseres Geschlechts, vieles hier erinnert mich an meine Vorv�ter. Was soll ich dir noch sagen?� Er drehte sich um und schaute mich an. Mir fiel auf, wie klar und blau seine Augen waren, trotz der vielen Tr�nen, die er in den letzten Tagen vergossen hatte. �Aber bedenke, was wir in dieser Woche gesehen haben - die leeren, f�hllosen H�llen derer, die wir geliebt haben -, und bedenke die schreckliche Pr�fung, die der Tod einem Menschen auferlegt.� Er verstummte und sch�ttelte pl�tzlich heftig den Kopf, als wolle er einen Albtraum verscheuchen, und wandte dann seine Aufmerksamkeit wieder der Landschaft zu. �Eins ist sicher, Tiro, ich f�r meinen Teil habe nicht vor zu sterben, ohne auch die letzte Unze meines Talents genutzt zu haben, ohne auch noch die letzte Meile marschiert zu sein, die die Kraft meiner Beine mir erm�glicht. Die Menschen werden sich an mich erinnern, Tiro - <emphasis>das</emphasis> ist meine Bestimmung, und nicht, hier herumzusitzen und zu tr�umen. Und deine Bestimmung, teurer Freund, ist es, mir dabei behilflich zu sein. Wo gibt es noch einen zweiten Sekret�r, der meine Worte so schnell niederschreibt, wie ich sie ausspreche? Das ist eine Gabe, die man nicht mit Schafez�hlen in Arpinum vergeuden darf. Also, Schluss jetzt mit dem t�richten Gerede.�</p><p>Und damit war mein pastorales Idyll zu Grabe getragen. Wir gingen zum Haus zur�ck, und sp�ter am Nachmittag - vielleicht war es aber auch erst am n�chsten Tag: die Erinnerung spielt einem manchmal solche Streiche - h�rten wir von der Stra�e, die in die Stadt f�hrte, das schnell lauter werdende Ger�usch von Pferdehufen. Es hatte angefangen zu regnen, daran kann ich mich noch erinnern, und wir waren alle gereizt, weil wir das Haus nicht verlassen konnten. Cicero las, Terentia n�hte, Quintus machte Fecht�bungen, und Pomponia hatte sich mit Kopfschmerzen auf das Sofa gelegt. (Sie behauptete hartn�ckig, dass Politik �gr�sslich langweilig� sei, was Cicero in stumme Raserei versetzte. �Wie kann man blo� so einen Unsinn reden?�, sagte er einmal zu mir. �Politik und langweilig? Politik ist Geschichte in Aktion. Welcher andere Bereich des Lebens weckt so das Erhabenste wie das Niedertr�chtigste im Menschen? Oder ist so aufregend? Oder entbl��t so anschaulich unsere St�rken und Schw�chen? Langweilig! Genauso gut k�nnte man sagen, das Leben sei langweilig.�) Als das l�rmende Hufgeklapper verstummte, ging ich in den Hof, und der Reiter �bergab mir einen Brief, der das Siegel von Pompeius Magnus trug. Cicero �ffnete das Schreiben und stie� einen �berraschten Schrei aus. �Rom ist angegriffen worden!�, rief er laut, was sogar Pomponia dazu brachte, sich von ihrem Sofa zu erheben. Er las hastig weiter. Man habe die Kriegsflotte der Konsuln in ihrem Winterhafen in Ostia in Brand gesteckt. Zwei Pr�toren, Sextilius und Bellinus, seien zusammen mit ihren Liktoren und ihrem Gefolge entfuhrt worden. Die T�ter seien Seer�uber, die nichts anderes im Sinn h�tten, als Angst und Schrecken zu verbreiten. In Rom herrsche Panik, das Volk rufe nach Gegenma�nahmen. �Pompeius will, dass ich sofort zu ihm komme�, sagte Cicero. �Er hat f�r �bermorgen auf seinem Landsitz einen Kriegsrat</p></section><section><title><p id="_bookmark20">KAPITEL XI</p></title><p>Wir lie�en die anderen in Arpinum zur�ck und fuhren in einer zweir�drigen Kutsche (Cicero setzte sich nur dann auf ein Pferd, wenn es sich nicht vermeiden lie�), so schnell wir konnten, zur�ck nach Tusculum und erreichten Ciceros Villa bei Sonnenuntergang des n�chsten Tages. Pompeius' Anwesen lag nur f�nf Meilen entfernt in s�dlicher Richtung auf der anderen Seite der Albaner Berge. Die faulen Haussklaven, die von der fr�hen R�ckkehr ihres Herrn offensichtlich �berrascht worden waren, stoben auseinander, um das Haus in Ordnung zu bringen. Cicero nahm ein Bad und ging sofort zu Bett. Allerdings glaube ich nicht, dass er besonders gut schlief, denn mitten in der Nacht bildete ich mir ein, Ger�usche aus der Bibliothek zu h�ren, und tats�chlich fand ich am n�chsten Morgen Aristoteles' <emphasis>Nikomachische Ethik</emphasis> halb entrollt auf seinem Schreibpult. Aber Politiker sind unverw�stlich. Als ich sein Zimmer betrat, war er schon angezogen, und es trieb ihn einzig die Frage um, was Pompeius vorhatte. Als es hell wurde, machten wir uns auf den Weg. Wir folgten der Stra�e, die um den Albaner See herumf�hrte, und als die ersten violetten Sonnenstrahlen �ber die schneebedeckten Gipfel lugten, konnten wir die Silhouetten der Fischer sehen, die auf dem glitzernden See ihre Netze einholten. �Gibt es etwas Sch�neres auf der Welt als Italien?�, murmelte Cicero und atmete tief ein. Er brauchte gar nicht auszusprechen, was er dachte, weil mir das Gleiche durch den Kopf ging: dass es eine Erleichterung war, der erdr�ckenden Schwermut Arpinunis entkommen zu sein und dass nichts die Lust am Leben so steigerte wie der Tod.</p><p>Wir bogen schlie�lich von der Stra�e ab und gelangten durch ein imposantes Tor auf eine lange, von Zypressen ges�umte Auffahrt aus wei�em Kiesel. In den architektonischen G�rten zu beiden Seiten standen zahlreiche Marmorstatuen, die zweifellos Beutest�cke des Generals aus seinen diversen Feldz�gen waren. G�rtner rechten das Winterlaub auf und beschnitten die Buchsbaumhecken. Das Anwesen verstr�mte eine Atmosph�re unermesslichen, friedlichen und selbstbewussten Reichtums. Als Cicero mit festem Schritt das Haus betrat, fl�sterte er mir zu, dass ich immer dicht bei ihm bleiben solle, und so schl�pfte ich, die Aktenmappe unter den Arm geklemmt, in seinem Schlepptau unauff�llig mit ins Haus (nebenbei bemerkt, kann ich nur jedem raten, der nicht auffallen will, immer Schriftst�cke mit sich zu f�hren: Sie machen den, der sie tr�gt, praktisch unsichtbar. Die Methode kann mit allem, was man aus der griechischen Mythologie kennt, locker mithalten.) Bei der Begr��ung seiner G�ste im Atrium gab Pompeius den vornehmen Landedelmann. Er war in Begleitung seiner dritten Frau Mucia, seines Sohnes Gnaeus, der damals etwa elf Jahre alt gewesen sein muss, und seiner Tochter Pompeia, die eben erst laufen gelernt hatte. Mucia war attraktiv, eine Frau wie eine Statue. Sie stammte aus dem Geschlecht der Metelli, war Ende zwanzig und augenscheinlich erneut schwanger. Wie ich sp�ter herausfand, war eine von Pompeius' Eigenheiten, dass er seine Frauen - mit welcher auch immer er gerade verheiratet war - wirklich zu lieben schien. Mucia lachte bei unserem Eintreten �ber irgendetwas, und als der Urheber der witzigen Bemerkung sich umdrehte, war es zu meiner �berraschung Caesar. Ziemlich sicher war auch Cicero sehr �berrascht, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir nur das vertraute Trio aus Picenum zu Gesicht bekommen: Palicanus, Afranius und Gabinius. Au�erdem war Caesar seit �ber einem Jahr Qu�stor in Spanien. Aber da stand er, geschmeidig und gut gebaut, die am�sierten braunen Augen blickten aus seinem hageren, intelligenten Gesicht, und die d�nnen dunklen Haarstr�hnen waren mit �u�erster Sorgfalt quer �ber den sonnenverbrannten Sch�del gek�mmt. (Aber was mache ich mir die M�he, ihn zu beschreiben? Alle Welt wei�, wie er aussah.)</p><p>Insgesamt acht Senatoren waren an diesem Morgen anwesend: Pompeius, Cicero und Caesar; das schon erw�hnte Trio aus Picenum; Pompeius' Hausintellektueller Varro, der damals etwa f�nfzig Jahre alt war; und Gaius Cornelius, der unter Pompeius als Qu�stor in Spanien gedient hatte und inzwischen wie Gabinius designierter Volkstribun war. Ich fiel nicht so auf, wie ich bef�rchtet hatte, denn viele der Hauptdarsteller hatten ebenfalls ihre Sekret�re oder Aktentr�ger mitgebracht; wir standen alle ehrerbietig in einer Ecke zusammen. Nachdem man Erfrischungen aufgetragen hatte, die Kinderm�dchen ihre Sch�tzlinge abgeholt hatten und auch Mucia sich taktvoll von allen G�sten ihres Mannes - besonders ausgiebig von Caesar, wie mir auffiel - verabschiedet hatte, brachten die Haussklaven St�hle f�r die Senatoren herein. Ich wollte mich gerade mit den anderen Sekret�ren zur�ckziehen, als Cicero Pompeius vorschlug, ob ich als in Rom allseits bekannter Erfinder der neuen hervorragenden Kurzschriftmethode - exakt das waren seine Worte - nicht bleiben und Protokoll f�hren solle. Ich err�tete, so verlegen war ich. Pompeius warf mir einen argw�hnischen Blick zu, und ich war darauf gefasst, dass er ablehnen w�rde, doch er zuckte nur mit den Achseln und sagte: �Na gut, das k�nnte ganz n�tzlich sein. Aber er soll nur eine einzige Abschrift machen, und die verbleibt in meinen H�nden. Sind damit alle einverstanden?� Alle murmelten ihre Zustimmung, worauf ein Hocker geholt wurde und ich mich mit aufgeklapptem Notizbuch und gez�cktem Griffel in der schwei�nassen Hand in eine Ecke setzte.</p><p>Als alle auf den im Halbkreis aufgestellten St�hlen Platz genommen hatten, erhob sich Pompeius. Wie schon erw�hnt, war Pompeius vor gro�em Publikum kein guter Redner. Doch in vertrauter Umgebung, vor Menschen, die er als seine Leutnants betrachtete, strahlte er Kraft und Autorit�t aus. Obwohl ich das wortgetreue Protokoll abgeben musste, kann ich mich an das meiste noch gut erinnern, da ich ja meine Kurzschriftnotizen immer in eine Endfassung zu �bertragen hatte, wobei mir gro�e Teile des Gesagten im Ged�chtnis haften blieben. Pompeius begann seine Rede mit den neuesten Einzelheiten �ber den �berfall der Seer�uber auf Ostia: Neunzehn Triremen aus der Kriegsflotte der Konsuln waren zerst�rt, ein paar hundert Mann get�tet, die Getreidelager abgefackelt, zwei Pr�toren in ihren Amtsroben -einer hatte die Kornspeicher, der andere die Flotte inspiziert - samt Liktoren und deren symbolischen Rutenb�ndeln und Beilen verschleppt. Die L�segeldforderung war gestern in Rom eingetroffen. �Ich f�r meinen Teil�, sagte Pompeius, �glaube nicht, dass wir mit solchen Leuten verhandeln sollten, das ermuntert sie nur in ihrem kriminellen Tun.� (Alle nickten zustimmend.) Der �berfall auf Ostia, fuhr er fort, sei ein Wendepunkt in Roms Geschichte. Man habe es hier nicht mit einem Einzelfall zu tun, sondern nur mit einer besonders dreisten Aktion in einer langen Reihe �hnlich emp�render Vorf�lle, wie zum Beispiel der Entf�hrung der erlauchten Antonia aus ihrer Villa in Misenum (deren eigener Vater eine Strafexpedition gegen die Seer�uber angef�hrt habe!), der Pl�nderung der Tempelsch�tze von Croton und den �berraschungsangriffen auf Brundisium und Caieta. Wo w�rden sie das n�chste Mal zuschlagen? Rom sehe sich einer Bedrohung gegen�ber, die sich von der durch einen konventionellen Gegner deutlich unterscheide. Diese Seer�uber verk�rperten einen neuen Typus von skrupellosem Feind, hinter dem keine Regierung st�nde, dessen man mit keinem Vertrag Herr werden k�nne, dessen St�tzpunkte sich nicht nur in einem einzigen Staat bef�nden. Sie h�tten keinen zentralen Kommandostand. Sie seien eine weltumspannende Pest, eine parasit�re Plage, die ausgemerzt werden m�sse, sonst k�nne Rom -trotz seiner �berw�ltigenden milit�rischen �berlegenheit - nie wieder in Sicherheit und Frieden leben. Das bestehende nationale Sicherheitssystem, das M�nnern im Konsulrang f�r begrenzte Zeit nur <emphasis>ein</emphasis> Kommando f�r <emphasis>einen</emphasis> Kriegsschauplatz zuweise, sei der Herausforderung nicht mehr angemessen.</p><p>�Schon lange vor Ostia habe ich mich ausf�hrlich mit diesem Problem befasst�, erkl�rte Pompeius. �Ich bin der festen �berzeugung, dass dieser einzigartige Feind nach einzigartigen Ma�nahmen verlangt. Jetzt ist unsere Zeit gekommen.� Er klatschte in die H�nde, und zwei Sklaven trugen ein Gestell mit einer gro�en Landkarte des Mittelmeerraumes herein, das sie neben Pompeius aufstellten. Seine Zuh�rer beugten sich vor, um die geheimnisvollen senkrechten Linien, die �ber Land wie See verliefen, besser erkennen zu k�nnen. �Die Grundlage unserer Strategie muss lauten: Verkn�pfung der milit�rischen und politischen Interessensph�ren. Wir attackieren sie mit allem, was wir haben.� Er nahm einen Zeigestock und klopfte damit auf die farbige Karte. �Ich schlage vor, den gesamten Mittelmeerraum in f�nfzehn Zonen aufzuteilen, von den S�ulen des Herkules im Westen, hier, bis zu den Gew�ssern �gyptens und Syriens im Osten, hier. In jede Zone schicken wir einen Legaten, dessen Aufgabe es sein wird, sein Gebiet von Seer�ubern zu s�ubern und dann mit den regionalen Herrschern Vertr�ge abzuschlie�en, die sicherstellen sollen, dass nie wieder ein Seer�uberschiff in diese Gew�sser eindringen kann. Jeder gefangene Seer�uber ist der r�mischen Rechtsprechung zu �berantworten. Jeder regionale Herrscher, der die Zusammenarbeit verweigert, wird als Feind Roms betrachtet. Wer nicht f�r uns ist, ist gegen uns. Alle f�nfzehn Legaten sind einem einzigen Oberkommandierenden unterstellt, der von jeder K�ste bis f�nfzig Meilen ins Landesinnere �ber die absolute Befehlsgewalt verfugt. Und dieser Kommandierende werde ich sein.�</p><p>Lange herrschte Schweigen. Es war Cicero, der als Erster das Wort ergriff. �Das ist ohne Zweifel ein mutiger Plan, Pompeius, doch konnte ihn mancher -angesichts des Verlusts von neunzehn Triremen -f�r eine �bertriebene Reaktion halten. Dir ist sicher bewusst, dass eine derartige Konzentration von Macht in den H�nden eines einzigen Mannes ohne Beispiel in der gesamten Geschichte der Republik ist.�</p><p>�In der Tat, dessen bin ich mir durchaus bewusst�, erwiderte Pompeius. Er versuchte, Cicero mit regungslosem Gesicht anzuschauen, konnte dann aber doch nicht an sich halten und verfiel in ein breites Grinsen, worauf sofort alle anderen in Gel�chter ausbrachen - bis auf Cicero, der aussah, als w�re seine Welt in die Br�che gegangen. Was in gewisser Weise auch zutraf, denn Pompeius' Plan, so erkl�rte mir Cicero sp�ter, bedeute nichts weniger als die Herrschaft eines Mannes �ber die Welt, und da habe er doch einige Bedenken anzumelden, wohin das f�hren k�nne. �Vielleicht h�tte ich auf der Stelle aufstehen und gehen sollen�, sagte er auf der Heimreise nachdenklich zu mir. �Das h�tte sicher der arme rechtschaffene Lucius von mir verlangt. Aber Pompeius h�tte sich ohnehin nicht beirren lassen, ob ich nun f�r oder gegen ihn gewesen w�re, ich h�tte mir nur seine Feindschaft eingehandelt und meine Chancen auf die Pr�tur ruiniert. Alles, was ich derzeit tue, muss sich auf diese Wahl ausrichten.�</p><p>Und so war er nat�rlich sitzen geblieben. In stundenlangem Palaver gelangte die Diskussion schlie�lich von der pomp�sen Strategie zur knallharten Politik. Der Plan sah vor, dass Gabinius nach seiner Amtseinf�hrung ins Volkstribunat, was etwa in einer Woche sein w�rde, dem r�mischen Volk unverz�glich ein neues Gesetz zur Schaffung des Oberkommandos und dessen �bertragung auf Pompeius vorlegen sollte. Dann w�rden er und Cornelius versuchen, die anderen Volkstribunen einzusch�chtern, damit keiner ein Veto einlegte. (Man darf nicht vergessen, dass in den Tagen der Republik nur die Volksversammlung die Macht hatte, Gesetze zu erlassen. Die Stimme des Senats hatte Einfluss, war aber nicht die entscheidende. Der Senat hatte den Willen des Volkes auszuf�hren.)</p><p>�Was sagst du dazu, Cicero?�, fragte Pompeius. �Du hast die ganze Zeit �ber geschwiegen.�</p><p>�Rom kann sich wahrhaft gl�cklich sch�tzen, in der Stunde gr��ter Gefahr einen Mann von deiner Erfahrung und Weitsicht zu Hilfe rufen zu k�nnen�, antwortete Cicero vorsichtig. �Aber wir m�ssen realistisch sein. Es wird gro�en Widerstand im Senat geben. Vor allem die Aristokraten werden behaupten, dass das Gesetz lediglich ein Vorwand sei, um unter dem Deckmantel der patriotischen Notlage nach der nackten Macht zu greifen.�</p><p>�Das ist eine b�sartige Verleumdung�, sagte Pompeius.</p><p>�Nun ja, das kannst du behaupten, sooft du willst, aber du musst erst einmal das Gegenteil beweisen�, erwiderte Cicero. Er wusste, dass merkw�rdigerweise der sicherste Weg, das Vertrauen eines bedeutenden Mannes zu gewinnen, harscher Widerspruch ist: Er vermittelt den Anschein uneigenn�tziger Aufrichtigkeit. �Sie werden au�erdem behaupten, dass die Vollmacht zur Bek�mpfung der Seer�uber nur ein Sprungbrett f�r dein wahres Ziel sei, n�mlich Lucullus als Befehlshaber der Legionen im Osten abzul�sen.� Darauf war vom bedeutenden General nur ein Brummen zu h�ren - was h�tte er auch sagen sollen, das war ja tats�chlich sein wahres Ziel. �Und schlie�lich werden sie versuchen, den einen oder anderen Volkstribunen aufzutreiben, der gegen Gabinius' Gesetzesvorlage sein Veto einlegt.�</p><p>�Das klingt ganz so, Cicero, als w�rst du hier fehl am Platz�, sagte Gabinius h�hnisch. Er hatte etwas von einem Gecken. Das dichte, gewellte Haar hatte er wie sein Chef zu einer glatten Tolle aufgek�mmt. �Um unser Ziel zu erreichen, werden wir K�hnheit, m�glicherweise harte F�uste ben�tigen, aber sicher nicht die Haarspaltereien gerissener Anw�lte.�</p><p>�Du wirst K�hnheit, F�uste <emphasis>und</emphasis> Anw�lte ben�tigen, glaub mir, Gabinius�, erwiderte Cicero. �In dem Augenblick, da mit dem Ende deines Amtes als Volkstribun auch deine Immunit�t erlischt, werden dich die Aristokraten vor Gericht zerren, und du wirst um dein Leben k�mpfen. Du wirst einen gerissenen Anwalt ben�tigen, Gabinius, wie sonst nichts auf der Welt. Und du auch, Cornelius.�</p><p>�Lasst uns fortfahren�, sagte Pompeius. �Die Probleme liegen also auf der Hand. Hast du uns auch L�sungen anzubieten?�</p><p>�Als Erstes�, antwortete Cicero, �empfehle ich dringend, dass in dem Gesetz f�r das neue Oberkommando nirgendwo dein Name auftaucht.�</p><p>�Aber das Ganze war meine Idee!�, protestierte Pompeius.</p><p>�Sicher, aber ich halte es dennoch f�r kl�ger, am Anfang keinen bestimmten Namen f�r den Oberkommandierenden zu nennen. Der Senat w�rde kochen vor Neid und Zorn. Selbst die Vern�nftigen, auf deren Unterst�tzung wir normalerweise z�hlen k�nnen, w�rden davor zur�ckschrecken. Die Bek�mpfung der Seer�uber muss das zentrale Thema sein, nicht die Zukunft von Pompeius Magnus. Jeder wei� doch, dass der Posten wie ma�geschneidert ist f�r dich, warum dann gro� dar�ber reden?�</p><p>�Aber was soll ich dem Volk sagen, wenn ich das Gesetz einbringe?�, fragte Gabinius. �Dass jeder Idiot von der Stra�e f�r das Amt taugt?�</p><p>�Nat�rlich nicht�, erwiderte Cicero und gab sich alle M�he, seine Ungeduld zu z�geln. �Streich den Namen &gt;Pompeius&lt; aus und setz stattdessen die Worte &gt;Senator im Range eines Konsuls&lt; ein. Das grenzt den Kreis der Anw�rter auf f�nfzehn oder zwanzig noch lebende Exkonsuln ein.�</p><p>�Wer sind dann die potenziellen Rivalen?�, fragte Afranius.</p><p>�Crassus�, antwortete Pompeius sofort. �Vielleicht Catulus. Dann Metellus Pius - der ist zwar alt, aber immer noch eine einflussreiche Gr��e. Hortensius hat auch noch viele Anh�nger. Isauricus. Gellius. Cotta. Curio. Vielleicht noch die Lucullus-Br�der.�</p><p>�Nun ja�, sagte Cicero. �Wenn du dir so gro�e Sorgen machst, dann k�nnten wir den Kreis noch weiter einschr�nken, auf einen Exkonsul, dessen Namen mit einem &gt;P&lt; beginnt.� Keiner reagierte darauf, und einen Augenblick lang glaubte ich, dass Cicero zu weit gegangen sei. Doch dann warf Caesar den Kopf in den Nacken und fing an zu lachen, worauf auch die anderen - als sie sahen, dass Pompeius gequ�lt l�chelte - in das Gel�chter einstimmten. �Im Ernst, Pompeius�, fuhr Cicero fort. �Die meisten sind viel zu alt und tr�ge, um dir noch gef�hrlich werden zu k�nnen. Der Gef�hrlichste ist Crassus, er ist reich, und er ist eifers�chtig auf dich. Aber wenn es zur Abstimmung kommt, wirst du ihn sicher haushoch schlagen, glaub mir.�</p><p>�Cicero hat recht�, stimmte Caesar zu. �Eins nach dem andern: Erst das Oberkommando im Allgemeinen, dann die Person.� Ich war beeindruckt von der Autorit�t, mit der er sich zu Wort meldete. Schlie�lich war er der J�ngste in der Runde.</p><p>�Einverstanden�, sagte Pompeius und nickte bed�chtig. �So machen wir es. Das zentrale Thema ist die Bek�mpfung der Seer�uber, nicht die Zukunft von Pompeius Magnus.� Und damit zog sich die Runde zum Essen zur�ck. </p><p>*</p><p>Kurz darauf wurde ich Zeuge eines erb�rmlichen Vorfalls, der mir noch in der Erinnerung peinlich ist, den ich mich im Interesse der Geschichtsschreibung aber dennoch verpflichtet f�hle wiederzugeben. W�hrend die Senatoren zu Mittag a�en und sich danach im Garten die Beine vertraten, arbeitete ich mehrere Stunden lang an der �bertragung meiner Kurzschriftnotizen in ein korrektes Protokoll f�r Pompeius. Als ich damit fertig war, kam mir der Gedanke, Cicero noch einen Blick darauf werfen zu lassen. Vielleicht h�tte er irgendwelche Einw�nde. Der Raum, in dem die Konferenz stattgefunden hatte, war leer, ebenso das Atrium. Aber ich h�rte die unverwechselbare Stimme des Senators und ging in die Richtung, aus der sie kam. Ich durchquerte einen von Kolonnaden ges�umten Innenhof mit einem sprudelnden Springbrunnen und gelangte durch einen S�ulengang in einen weiteren Innengarten. Die Stimme war inzwischen verstummt. Ich blieb stehen und lauschte angestrengt.�Vogelgezwitscher�und Wassergepl�tscher waren die einzigen Ger�usche. Pl�tzlich h�rte ich ganz nah und so laut, dass ich zusammenfuhr, eine wie unter Schmerzen st�hnende Frau. Idiotischerweise drehte ich mich um, ging auf eine offene, nur ein paar Schritte entfernte T�r zu und blieb dann wie angewurzelt stehen, als ich Caesar und Pompeius' Frau Mucia erblickte. Mucia konnte mich nicht sehen. Sie stand vorn�bergebeugt vor einem Tisch, mit dem Gesicht nach unten, das Kleid bis zur Hl�fte hochgeschoben und umklammerte mit den H�nden so fest die Tischkante, dass die Kn�chel wei� hervortraten. Caesar allerdings sah mich sehr wohl. Er stand mit dem Gesicht zur T�r und stie� von hinten in sie hinein. Seine echte Hand umfasste ihren geschwollenen Bauch, die linke Hand lag l�ssig auf der H�fte. Ich wei� nicht genau, wie lange wir uns anschauten, aber er blickte mir direkt in die Augen, am�siert, unerschrocken, herausfordernd, mit jenen unergr�ndlichen dunklen Augen, die in den folgenden Jahren noch so viel Rauch und Chaos sehen sollten. Ich machte mich davon.</p><p>Inzwischen hatten sich die Senatoren schon wieder im Konferenzraum versammelt. Cicero f�hrte philosophische Gespr�che mit Varro, dem renommiertesten Gelehrten Roms, dessen Werke �ber Philologie und Altertumskunde mir die gr��te Ehrfurcht einfl��ten. Bei jeder anderen Gelegenheit h�tte ich mich geehrt gef�hlt, ihm vorgestellt zu werden, doch mit meinen Gedanken war ich immer noch bei der Szene, deren Zeuge ich gerade geworden war, sodass ich mich an kein Wort aus Varros Mund erinnern kann. Ich �bergab Cicero das Protokoll. Er �berflog es kurz, griff nach dem Griffel in meiner Hand und nahm eine kleine Korrektur vor, ohne deshalb seine Unterhaltung mit Varro auch nur f�r eine Sekunde zu unterbrechen. Pompeius musste ihn dabei beobachtet haben, denn er gesellte sich breit grinsend zu uns, nahm Cicero das Protokoll aus der Hand und sagte, dass er da doch sicher gerade ein paar Zusagen in den Text eingeschmuggelt habe, die er nie und nimmer gemacht habe. �Naja, meine Stimme f�r die Pr�tur kriegst du trotzdem�, fuhr er lachend fort und klopfte ihm auf den R�cken. Noch vor wenigen Minuten hatte ich Pompeius als eine Art Gott unter Menschen betrachtet, einen vor Selbstbewusstsein strotzenden Kriegshelden, aber nun, mit meinem frischen Wissen, betrachtete ich ihn auch mit einem traurigen Auge. �Das ist wirklich beachtlich�, sagte er zu mir und fuhr mit seinem riesigen Daumen �ber die Wortkolonnen. �Du hast meinen Ton exakt getroffen. Wie viel willst du f�r ihn, Cicero?�</p><p>�Ich habe schon eine Riesensumme von Crassus ausgeschlagen�, antwortete Cicero.</p><p>�Wenn es aber doch einmal zur Versteigerung kommt, denkt an mich, ich bin dabei�, sagte Caesar mit seiner kr�chzenden Stimme und trat von hinten auf uns zu. �Ich w�rde Tiro liebend gern unter meine Fittiche nehmen.� Er brachte das auf so freundliche Art vor und schickte obendrein noch ein Zwinkern hinterher, dass niemandem der drohende Unterton auffiel - au�er mir, der ich fast in Ohnmacht gefallen w�re vor Angst.</p><p>�Der Tag, an dem ich mich von Tiro trenne, ist der Tag, an dem ich mich aus dem �ffentlichen Leben zur�ckziehe�, sagte Cicero und sollte damit, wie sich herausstellte, recht behalten.</p><p>�Jetzt will ich ihn erst recht haben�, entgegnete Caesar, und Cicero fiel in das allgemeine Gel�chter ein.</p><p>Nachdem man Stillschweigen und ein weiteres Treffen in wenigen Tagen in Rom vereinbart hatte, ging die Runde auseinander. Sobald wir das Tor passiert hatten und auf die Stra�e nach Tusculum eingebogen waren, lie� Cicero seiner aufgestauten Entt�uschung und Wut freien Lauf, stie� einen lauten Schrei aus und schlug mit der Faust gegen die Seitenwand der Kutsche. �Eine kriminelle Verschw�rung!�, sagte er und sch�ttelte verzweifelt den Kopf. �Schlimmer: eine kriminelle und eine <emphasis>dumme</emphasis> Verschw�rung! Das ist das Problem, Tiro, wenn Soldaten meinen, sie m�ssten in die Politik gehen. Sie bilden sich ein, sie brauchten nur einen Befehl zu erteilen, und schon springen alle. Sie werden nie begreifen, dass genau das, was sie popul�r macht - ihre Reputation als angeblich hehre Patrioten, die �ber den schmutzigen Niederungen der Politik schweben -, dass ihnen genau das letztlich zum Verh�ngnis wird: Weil sie entweder <emphasis>wirklich</emphasis> �ber den Niederungen der Politik schweben, dann erreichen sie gar nichts, oder sie gehen in die Politik und erweisen sich als genauso k�uflich wie alle anderen.� Er schaute hinaus auf den See, der im matten Winterlicht dunkel schimmerte. �Was h�ltst du von Caesar?�, fragte er pl�tzlich, worauf ich mit ein paar unverbindlichen Floskeln �ber dessen anscheinend gro�en Ehrgeiz antwortete. �Nat�rlich ist er ehrgeizig. Ein paar Mal ist mir sogar der Gedanke durch den Kopf geschossen, dass sich nicht Pompeius diesen fantastischen Plan ausgedacht hat, sondern er. Das w�rde zumindest erkl�ren, warum Caesar �berhaupt anwesend war.�</p><p>Ich machte Cicero darauf aufmerksam, dass Pompeius den Plan als seinen eigenen bezeichnet hatte.</p><p>�Woran er sicher auch fest glaubt. Aber so ist der Mann nun mal. Erz�hl ihm irgendwas, und es dauert nicht lange, dann kommt das eben Gesagte zu dir zur�ck, und zwar so, als h�tte er es sich ausgedacht. &gt;Das zentrale Thema ist die Bek�mpfung der Seer�uber, nicht die Zukunft von Pompeius Magnus.&lt; Manchmal habe ich, nur zu meinem Spa�, gegen meine eigene urspr�ngliche Behauptung argumentiert, nur um zu sehen, wann mir auch noch mein eigenes Gegenargument um die Ohren fliegt.� Er runzelte die Stirn und nickte. �Ich bin sicher, dass ich richtigliege. Caesar ist schlau genug, um die Saat auszubringen und dann einfach abzuwarten, bis sie aufgeht. Ich frage mich, wie viel Zeit er mit Pompeius verbringt. Er scheint da schon ziemlich gut eingebunden zu sein.�</p><p>Es lag mir auf der Zunge, die Gartenszene, doch schlie�lich hielt ich den Mund: aus Angst vor Caesar, aus Sch�chternheit und aus dem Gef�hl heraus, dass es Cicero missfallen h�tte, wenn ich mich als Spitzel entlarvt h�tte, ich mich durch die Schilderung der schmutzigen Geschichte quasi selbst beschmutzt h�tte. Erst viele Jahre sp�ter -nach Caesars Tod, als er mir nicht mehr schaden konnte und ich auch selbstbewusster war - erz�hlte ich ihm die Geschichte. Cicero, damals schon ein alter Mann, schwieg lange. �Ich verstehe deine Zur�ckhaltung�, sagte er schlie�lich. �Und in vielerlei Hinsicht stimme ich deiner Scheu ausdr�cklich zu. Aber ich muss auch sagen, mein lieber Freund, dass ich w�nschte, du h�ttest mich damals informiert. Vielleicht h�tten sich die Dinge dann anders entwickelt. Zumindest w�re mir dann fr�her klar geworden, mit welch atemberaubend skrupellosem Menschen wir es zu tun hatten. Denn als ich es schlie�lich erkannt hatte, war es schon zu sp�t.� </p><p>*</p><p>Als wir einige Tage sp�ter nach Rom zur�ckkehrten, kamen wir in eine nerv�se, von Ger�chten brodelnde Stadt. Das Feuer von Ostia war in ganz Rom als rotes Leuchten am wesdichen Nachthimmel deutlich sichtbar gewesen. Eine derartige Attacke auf die Hauptstadt war ohne Beispiel, und als Gabinius und Cornelius am zehnten Dezember ihr Volkstribunat antraten, hatten sie nichts Eiligeres zu tun, als die Nervosit�t zur Panik aufzustacheln. Sie veranlassten, dass an den Stadttoren zus�tzliche Posten aufgestellt wurden. Wahllos wurden Fuhrwerke und Fu�g�nger, die in die Stadt wollten, auf Waffen durchsucht. An den Kaianlagen und Lagerh�usern am Fluss gingen Wachen Tag und Nacht Streife. Wer Getreide hamsterte, wurde mit harten Strafen bedroht, was unausweichlich dazu f�hrte, dass auf den drei gro�en Lebensmittelm�rkten, dem Emporium, Macellum ind Forum Boarium, sofort das Angebot knapp wurde. Die energischen neuen Volkstribunen zerrten den aus dem Amt scheidenden, gl�cklosen Konsul Marcius Rex vor die Volksversammlung und unterzogen ihn einem gnadenlosen Kreuzverh�r �ber die Sicherheitsm�ngel, die zum Fiasco von Ostia gef�hrt hatten. Man trieb weitere Zeugen auf, die die Bedrohung durch die Seer�uber schilderten, eine Bedrohung, die mit jeder weiteren Schilderung an St�rke zunahm. Sie hatten tausend Schiffe! Es handelte sich nicht um vereinzelte Pl�nderer, sondern um eine konspirative Organisation! Sie operierten in Flottenverb�nden, hatten Admir�le und verf�gten �ber furchterregende Waffen wie vergiftete Pfeile und Griechisches Feuer! Aus Angst, als unzuverl�ssig verschrien zu werden, wagte niemand im Senat zu widersprechen - auch dann nicht, als entlang der Stra�e zum Meer eine Serie von Leuchtt�rmen gebaut wurde, deren Signalfeuer angez�ndet werden sollten, falls auf die M�ndung des Tiber zuhaltende Piratenschiffe gesichtet w�rden. �Das ist absurd�, sagte Cicero an jenem Morgen zu mir, als wir hinausfuhren, um uns diese sichtbarsten Symbole der nationalen Bedrohung anzuschauen. �Als ob ein Seer�uber mit Verstand auch nur im Traum daran d�chte, zwanzig Meilen einen offenen Fluss hochzusegeln, um eine befestigte Stadt anzugreifen!� Best�rzt sch�ttelte er den Kopf dar�ber, wie m�helos skrupellose Politiker eine ver�ngstigte Bev�lkerung steuern konnten. Aber was konnte er tun? Seine N�he zu Pompeius verurteilte ihn zum Schweigen.</p><p>Am siebzehnten Dezember begannen die Saturnalien, das Fest des Saturn, das eine Woche dauerte. Es war aus naheliegenden Gr�nden nicht der fr�hlichste Feiertag, und obwohl die CiceroFamilie an den �blichen Ritualen festhielt, Geschenke verteilte, uns Sklaven sogar einen Tag freigab und ein gemeinsames Mahl mit uns einnahm, war doch keiner mit dem Herzen bei der Sache. Lucius war immer die Seele solcher Festtage gewesen, und er war jetzt nicht mehr unter uns. Ich glaube, Terentia hatte die Hoffnung gehegt, schwanger zu sein, was sich aber nicht bewahrheitet hatte, und sie machte sich ernstlich Sorgen dar�ber, dass sie keinen Sohn mehr bekommen w�rde. Pomponia n�rgelte wie �blich an Quintus herum und lie� keinen Zweifel daran, dass sie ihn als Ehemann f�r einen hoffnungslosen Fall hielt. Sogar die kleine Tullia konnte die Stimmung nicht heben.</p><p>Cicero selbst verbrachte fast die ganzen Saturnalien in seinem Arbeitszimmer und br�tete �ber Pompeius' ungeheurem Ehrgeiz und dessen Folgen f�r das Land und seine eigene politische Karriere. Bis zu den Wahlen f�r die Pr�tur waren es kaum noch acht Monate, und er hatte zusammen mit Quintus schon eine Liste mit den wahrscheinlichen Kandidaten zusammengestellt. Wer von diesen M�nnern auch immer gew�hlt werden w�rde, mit den gleichen Rivalen musste Cicero im Kampf ums Konsulat rechnen. Die beiden Br�der diskutierten stundenlang alle m�glichen Varianten, und dabei gewann ich den Eindruck, den ich allerdings nicht zum Ausdruck brachte, dass sie die Weisheit ihres Vetters doch sehr vermissten. Cicero hatte zwar oft gewitzelt, er b�te Lucius schon deshalb gern um einen politisch klugen Ratschlag, um dann das genaue Gegenteil zu tun, aber Lucius war doch auch eine Art Fixstern gewesen, an dem sich Cicero hatte orientieren k�nnen. Jetzt hatten die beiden Br�der nur sich selbst, und trotz ihrer gegenseitigen Wertsch�tzung trafen sie zusammen nicht immer die kl�gsten Entscheidungen.</p><p>In dieser Atmosph�re - es war der achte oder neunte Januar, das Fest der Latiner war vor�ber, und der ernsthafte Politikbetrieb kam wieder in Gang - stieg Gabinius schlie�lich auf die Rostra und forderte ein neues Oberkommando. Ich spreche hier, das sollte ich vielleicht erkl�ren, von der alten Rostra der Republik, die sich sehr von dem erb�rmlichen verzierten Fu�schemel unterschied, der heute in Gebrauch ist. Diese uralte, inzwischen zerst�rte Plattform war das Herz der r�mischen Demokratie: eine lange, geschwungene Rednerb�hne, etwa zw�lf Fu� hoch, voller Statuen von Helden aus dem Altertum. Von dieser Rostra sprachen die Volkstribunen und Konsuln zum Volk. Die R�ckseite war dem Senatsgeb�ude zugewandt, die Vorderseite blickte k�hn �ber die gr��te freie Fl�che des Forums hinweg. Aus dem wuchtigen Mauerwerk ragten die Rammsporne oder �Schn�bel� von sechs Schiffen - jene <emphasis>rostra,</emphasis> die der B�hne ihren Namen gegeben hatten (die Schn�bel waren Beutest�cke aus einer Seeschlacht gegen die Karthager vor dreihundert Jahren). Die gesamte R�ckseite bildete eine Treppe. Wenn also ein Magistrat das Senatsgeb�ude oder das Hauptquartier der Volkstribunen verlie�, ging er etwa f�nfzig Schritte, stieg die Stufen hinauf und stand dann auf der Rostra vor Tausenden von Menschen, die links und rechts von den zwei gro�en Basiliken und dahinter vom Tempel des Castor eingerahmt wurden. An dieser Stelle stand an jenem Januarmorgen Gabinius und erkl�rte auf seine ruhige und selbstsichere Art, dass Rom einen starken Mann ben�tige, der das Kommando im Krieg gegen die Seer�uber �bernehmen k�nne.</p><p>Trotz seiner Zweifel hatte Cicero mithilfe von Quintus sein M�glichstes getan, um f�r Gabinius eine stattliche Menschenmenge auf die Beine zu bringen. Auf Pompeius' Anh�nger aus Picenum konnte man sich ebenfalls immer verlassen, wenn es galt, ein paar Hundert Veteranen zusammenzutrommeln. Wenn ich jetzt noch die �bliche Anzahl Menschen hinzuz�hle, die immer im Dunstkreis der Basilica Porcia zu finden sind, und die B�rger, die ihren normalen Gesch�ften in der Stadt nachgingen, dann konnte man sagen, dass fast tausend Menschen anwesend waren, die sich anh�rten, was nach Gabinius' Auffassung n�tig sei, um der Seer�uber Herr zu werden - n�mlich ein Oberbefehlshaber im Konsulrang mit einem auf drei Jahre festgesetzten <emphasis>Imperium</emphasis> �ber ein Territorium, das von der K�ste f�nfzig Meilen ins Inland reichte, f�nfzehn dem Oberbefehlshaber zuarbeitende Legaten im Rang eines Pr�tors, freier Zugriff auf Roms Staatskasse, f�nfhundert Kriegsschiffe und das Recht, bis zu einhundertzwanzigtausend Fu�soldaten und f�nftausend Reitersoldaten auszuheben. Die schwindelerregenden Zahlen und die ganze Erkl�rung sorgten f�r gro�es Aufsehen. Als Gabinius die erste Verlesung seines Gesetzesantrags beendet und das Dokument einem Sekret�r �bergeben hatte, damit dieser es au�en an der Basilika der Volkstribunen anschlagen konnte, hatten Catulus und Hortensius schon von der Sache geh�rt, und sie eilten aufs Forum, um selbst herauszufinden, was da vorging. Pompeius war nat�rlich nirgendwo zu sehen. Die anderen Mitglieder der Gruppe der Sieben, wie sich die Senatoren um Pompeius selbst nannten, hatten sich wohlweislich �ber das ganze Forum verteilt, um erst gar keinen Verdacht aufkommen zu lassen, dass da eine abgekartete Sache im Gang war. Aber die Aristokraten lie�en sich nicht f�r dumm verkaufen. �Wenn das dein Werk ist, Cicero�, sagte Catulus wutschnaubend, �dann kannst du deinem Herrn sagen, dass er sich gerade gro�en �rger eingehandelt hat.�</p><p>Die Reaktion der Aristokraten sollte sich als noch heftiger herausstellen, als Cicero prophezeit hatte. Nach der ersten Verlesung eines Gesetzesantrags mussten drei der einmal w�chendich stattfindenden Markttage vergehen, bevor das Volk �ber ihn abstimmen konnte (die Frist sollte Landbewohnern die Zeit geben, in die Stadt zu kommen und sich �ber die Vorlage zu informieren). Die Aristokraten hatten also f�r die Organisation ihres Widerstands bis Anfang Februar Zeit, und sie verloren keine Sekunde. Schon zwei Tage sp�ter wurde der Senat einberufen, um �ber die <emphasis>lex Gabinia,</emphasis> wie das Gesetz inzwischen genannt wurde, zu beraten. Obwohl Cicero ihn davon abzubringen versucht hatte, hielt Pompeius es f�r seine Ehrenpflicht, zu der Sitzung zu erscheinen und seinen Anspruch auf den Posten anzumelden. Er bestand auf einer ansehnlichen Eskorte, die ihn zum Senat begleitete, und da die sieben Senatoren weitere Geheimniskr�merei f�r �berfl�ssig hielten, bildeten sie die Ehrengarde. Quintus schloss sich ihnen in seiner brandneuen Senatorentoga an: Es war erst das dritte oder vierte Mal, dass er die Kammer aufsuchte. Wie �blich hielt ich mich dicht hinter Cicero. �Wir Dummk�pfe�, lamentierte er nach der Sitzung. �Wir h�tten wissen m�ssen, dass es �rger gibt, da sich kein einziger der anderen Senatoren unserer Eskorte angeschlossen hat.�</p><p>Der Marsch den Esquilin hinunter zum Forum verlief nach Wunsch. Die Vorsteher der Stadtteile hatten ganze Arbeit geleistet und auf den Stra�en f�r jede Menge Begeisterung gesorgt. Die Menschen forderten Pompeius lautstark auf, ihnen die Bedrohung durch die Seer�uber vom Hals zu schaffen. Er winkte ihnen zu wie ein Hausbesitzer seinen Mietern. Doch in dem Augenblick, als wir den Senat betraten, hagelte es von allen Seiten Hohn und Spott. Quer durch den Saal flog sogar eine faule Frucht, die auf Pompeius' Schulter zerplatzte und einen leuchtend braunen Fleck hinterlie�. So etwas war dem gro�en General noch nie widerfahren. Er blieb abrupt stehen und schaute sich verbl�fft und best�rzt um. Sofort schlossen Afranius, Palicanus und Gabinius die Reihen und stellten sich, so als seien sie wieder auf dem Schlachtfeld, sch�tzend vor ihn. Ich sah, wie Cicero mit den Armen wedelte und alle vier zu ihren Pl�tzen scheuchte. Sicher dachte er, je schneller sie alle auf ihren Pl�tzen s��en, desto schneller w�re die Demonstration vorbei. Ich stand zusammen mit den anderen Schaulustigen hinter dem vertrauten Absperrseil, das am Saaleingang zwischen den beiden T�rpfosten gespannt war. Nat�rlich waren wir alle Anh�nger von Pompeius, und je mehr die Senatoren ihn verh�hnten, desto lauter bejubelten wir ihn. Es dauerte eine Zeit lang, bis der pr�sidierende Konsul f�r Ruhe gesorgt hatte.</p><p>Die neuen Konsuln in jenem Jahr waren Pompeius' alter Freund Glabrio und der Aristokrat Calpurnius Piso (nicht zu verwechseln mit dem anderen Senator gleichen Namens, der erst sp�ter eine tragende Rolle in unserer Geschichte spielen wird -falls mir die G�tter die Kraft schenken, sie zu vollenden). Wie verzweifelt Pompeius' Lage war, konnte man daran erkennen, dass Glabrio es vorgezogen hatte, der Sitzung fernzubleiben, als sich in offenen Widerspruch zu dem Mann zu begeben, von dem er seinen Sohn zur�ckerhalten hatte. Also f�hrte Piso den Vorsitz. Ich sah ihren Gesichtern an, dass Hortensius, Catulus, Isauricus, Marcus Lucullus - der Bruder des Befehlshabers �ber die Legionen im Osten - und alle anderen Mitglieder der patrizischen Fraktion angriffsbereit waren. Die Einzigen, die keinen Widerstand mehr leisten konnten, waren die drei Metellus-Br�der: Quintus diente als Statthalter auf Kreta, und seine beiden j�ngeren Br�der waren - als wollte das Schicksal seine Gleichg�ltigkeit gegen�ber dem kleinlichen Ehrgeiz des Menschen demonstrieren -kurz nach dem Verres-Prozess am Fieber gestorben.</p><p>Am beunruhigendsten war jedoch, dass sogar die <emphasis>pedarii -</emphasis> die anspruchslose, geduldige, schwerf�llige Masse der Senatsmitglieder, auf deren Wohlwollen Cicero besondere M�he verwendet hatte - auf Pompeius' Gr��enwahn feindselig oder im besten Fall mit tr�gem Desinteresse reagierten. Was Crassus anging, der l�mmelte mit verschr�nkten Armen und l�ssig ausgestreckten Beinen gegen�ber auf der Konsulnbank in der ersten Reihe und betrachtete Pompeius mit bedrohlich gelassenem Gesichtsausdruck. Der Grund f�r seine Kaltbl�tigkeit lag auf der Hand. Direkt hinter ihm sa�en - wie zwei Preisbullen, die er gerade auf einer Auktion ersteigert hatte - zwei der in diesem Jahr amtierenden Volkstribunen, Roscius und Trebellius. Das war Crassus' Art, aller Welt zu zeigen, dass er mit seinem Geld nicht nur eine, sondern gleich zwei Vetostimmen eingekauft hatte, und dass die <emphasis>lex Gabinia,</emphasis> egal, wie sehr Pompeius und Cicero sich auch bem�hen mochten, nie durchgehen w�rde.</p><p>Piso nahm sein Privileg, als Erster reden zu d�rfen, in Anspruch. �Als Redner der beh�bige, gelassene Typ�, wie ihn Cicero viele Jahre sp�ter g�nnerhaft beschrieb. An jenem Tag klang er allerdings weder beh�big noch gelassen. �Wir wissen genau, was du im Schilde fuhrst!�, sagte er gegen Ende seiner flammenden Rede mit donnernder Stimme zu Pompeius. �Du setzt dich �ber deine Kollegen im Senat hinweg und inthronisierst dich als eine Art zweiter Romulus - du t�test den Bruder, um allein herrschen zu k�nnen. Aber du t�test gut daran, dich an Romulus' Schicksal zu erinnern, der seinerseits von seinen eigenen Senatoren ermordet wurde, die seinen K�rper zerst�ckelten und die Leichenteile mit sich nach Hause trugen.� Die Aristokraten sprangen begeistert auf, und ich erwischte gerade noch einen Blick auf Pompeius' massiges Profil. Stocksteif schaute er geradeaus, offenbar unf�hig zu begreifen, was da vor sich ging.</p><p>Als N�chster sprach Catulus, dann Isauricus. Der �belste war allerdings Hortensius. Nach dem Ende seiner Amtszeit als Konsul vor knapp einem Jahr hatte er sich kaum noch auf dem Forum blicken lassen. Sein innig geliebter Schwiegersohn Caepio, Catos �lterer Bruder, war vor kurzem im Milit�rdienst in Kleinasien verstorben und hatte Hortensius' Tochter als Witwe zur�ckgelassen. Es hie�, dass den �Tanzmeister� und seine Beine allm�hlich die Kr�fte verlie�en. Jetzt erweckte er allerdings den Eindruck, als ob ihn Pompeius' �bers Ziel hinausschie�ender Ehrgeiz wiederbelebt und in die Arena zur�ckgetrieben habe. Seine Rede erinnerte mich daran, wie grandios er bei einem sorgf�ltig geplanten Anlass wie diesem auftrumpfen konnte. Er drosch keine Phrasen und lie� sich auch nicht zu P�beleien hinrei�en, sondern formulierte in wohlgesetzten Worten die alten Grunds�tze der Republik: dass die Macht immer geteilt werden m�sse, dass ihr Grenzen zu setzen seien und dass sie j�hrlich von Neuem durch Wahlen best�tigt werden m�sse. Und obwohl er pers�nlich nichts gegen Pompeius habe, ihn im Gegenteil f�r das Amt eines Oberbefehlshabers bef�higt erachte wie keinen anderen Mann im Staat, so werde durch die <emphasis>lex Gabinia</emphasis> doch ein gef�hrlicher, ganz und gar unr�mischer Pr�zedenzfall geschaffen. Man k�nne nicht einfach uralte Freiheitsrechte vom Tisch fegen, nur weil irgendwelche Seer�uber vor�bergehend Panik verbreiteten. Cicero rutschte nerv�s auf seinem Platz herum, und unwillk�rlich ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass er, h�tte er die M�glichkeit gehabt, seine Meinung frei zu �u�ern, exakt die gleiche Ansprache gehalten h�tte.</p><p>Hortensius kam gerade zum Schluss seiner Rede, als sich im hinteren Teil des Saales - in der N�he der T�r, wo einst auch Cicero unter all den anderen unbedeutenden Senatoren gesessen hatte - Caesar von seinem Platz erhob und Hortensius bat, das Wort ergreifen zu d�rfen. Mit der respektvollen Stille, in der man dem gro�en Advokaten zugeh�rt hatte, war es schlagartig vorbei. Man muss Caesar zugutehalten, dass Mut dazugeh�rte, es in dieser Atmosph�re mit Hortensius aufzunehmen. Caesar blieb eisern stehen, bis wieder Ruhe eingekehrt war, und begann dann auf seine klare, unwiderstehliche und rigorose Art zu sprechen. Seer�uber, den Abschaum der Meere, zur�ckschlagen zu wollen, sagte er, sei ganz und gar nicht unr�misch. Unr�misch sei, eine Sache beenden zu wollen, aber nicht die daf�r n�tigen Mittel bereitzustellen. �Wenn die Republik so perfekt funktioniert, wie Hortensius sagt, warum hat sie dann zugelassen, dass die Bedrohung so gro� werden konnte? Und nun, da sie zu so monstr�ser Gr��e angewachsen ist, wie soll man ihrer jetzt Herr werden?� Er selbst sei vor einigen Jahren auf dem Weg nach Kreta Seer�ubern in die H�nde gefallen und erst nach einer L�segeldzahlung freigekommen. Bis zum letzten Mann habe er diesen Abschaum gejagt und zur Strecke gebracht, wie er es ihnen noch als ihr Gefangener prophezeit habe. Jeder Einzelne habe am Kreuz sein Ende gefunden! �Das, Hortensius, ist die r�mische Art, mit Seer�ubern umzugehen. Und deshalb brauchen wir die <emphasis>lex Gabinia.�</emphasis></p><p>Er beendete unter Buhrufen und Pfiffen seine Rede und setzte sich gerade mit einem unnachahmlichen Ausdruck von Verachtung im Gesicht wieder auf seinen Platz, als es am anderen Ende der Kammer zu Handgreiflichkeiten kam. Ich glaube, ein Senator verpasste Gabinius von hinten einen Faustschlag, worauf dieser herumfuhr, zur�ckschlug und sich daraufhin binnen Sekunden in h�chsten Schwierigkeiten befand, weil sich nun auch andere Senatoren auf ihn st�rzten. Krachend, untermalt von einigen Schreien, kippte eine der B�nke um. Ich verlor Cicero aus den Augen. Eine Stimme hinter mir kreischte, dass man Gabinius ermorde. Sofort wurde von hinten gedr�ngt und gesto�en, das Absperrseil schnalzte aus seinen Halterungen, und wir fielen vorn�ber in den Saal. Gl�cklicherweise konnte ich noch rechtzeitig auf die Seite robben, bevor mehrere Hundert von Pompeius' plebejischen Anh�ngern (ein zugegebenerma�en ziemlich grobschl�chtiger Haufen) in den Gang st�rzten, zum Podium der Konsuln liefen und Piso von seinem kurulischen Stuhl zerrten. Einer der Kerle packte den Konsul am Hals, und einen Augenblick lang sah es so, als w�rde tats�chlich noch ein Mord geschehen. Doch dann schaffte es Gabinius, sich zu befreien, und er kletterte auf eine Bank, sodass alle sehen konnten, dass er - wenn auch etwas angeschlagen - noch am Leben war. Er appellierte an die Demonstranten, Piso loszulassen, und nach einem kurzen Wortgefecht lie�en diese widerwillig von ihm ab. Piso rieb sich den Hals und erkl�rte mit kr�chzender Stimme, dass die Sitzung ohne Abstimmung vertagt sei. Und so war das r�mische Gemeinwesen um Haaresbreite - zumindest f�r den Augenblick - der Anarchie entgangen. </p><p>*</p><p>Derartige Gewaltt�tigkeiten hatte man im Herzen von Roms Regierungsviertel seit mehr als vierzehn Jahren nicht mehr erlebt. Sie hinterlie�en tiefe Spuren bei Cicero, auch wenn er dem Gew�hl fast ohne Knitterfalte auf seiner makellosen Toga hatte entkommen k�nnen. Gabinius tropfte das Blut von Nase und Lippe, sodass Cicero ihn aus der Kammer geleiten <emphasis>musste.</emphasis> Ein gutes St�ck vor ihnen ging Pompeius, der starr geradeaus blickte und mit dem gemessenen Schritt eines Trauergastes den Saal verlie�. Woran ich mich am besten erinnere, ist die Stille, als sich der bunte Haufen aus Senatoren und Plebejern teilte, um ihn durchzulassen. Es war, als ob die beiden Parteien erkannt h�tten, dass sie sich am Rand des Abgrunds bek�mpften und, im allerletzten Augenblick zur Besinnung gekommen, innehielten. Wir traten hinaus aufs Forum. Als Pompeius ohne ein weiteres Wort in die Argiletum-Stra�e einbog und sich auf den Heimweg machte, folgten ihm alle seine Anh�nger - die meisten wohl einfach deshalb, weil sie nicht wussten, was sie sonst h�tten tun sollen. Afranius, der neben Pompeius ging, gab die Order weiter, dass der General ein Treffen in seinem Haus w�nsche. Ich fragte Cicero, ob er etwas brauche, und er antwortete mit einem bitteren L�cheln: �Ja, die Ruhe von Arpinum.�</p><p>Quintus stie� zu uns und sagte mit eindringlicher Stimme: �Pompeius muss zur�ckrudern, sonst wird er �ffentlich gedem�tigt!�</p><p>�Das hat er schon hinter sich�, erwiderte Cicero. �Und wir auch. Soldaten!�, sagte er angewidert zu mir. �Was habe ich dir gesagt? Im Traum w�rde es mir nicht einfallen, denen auf dem Schlachtfeld Ratschl�ge zu erteilen. Aber die glauben, dass sie sich in der Politik besser auskennen als ich.�</p><p>Wir gingen den H�gel hinauf zu Pompeius' Haus, traten ein und lie�en die verstummte Anh�ngerschar drau�en auf der Stra�e stehen. Seit der ersten Konferenz war ich als Protokollf�hrer der Gruppe akzeptiert, sodass ich mich ganz selbstverst�ndlich auf meinem gewohnten Platz in der Ecke niederlie�. Die Senatoren setzten sich um einen gro�en Tisch, an dessen Kopfseite Pompeius Platz nahm. Aus der massigen Gestalt war jeder Stolz gewichen. Wie er da so zusammengesunken auf seinem Stuhl sa�, erinnerte er mich eher an ein gro�es wildes Tier in der Arena - von kleineren Kreaturen gefangen und gefesselt, genarrt und verh�hnt. Er war pessimistisch und wiederholte ein ums andere Mal, dass alles vorbei sei - der Senat w�rde seine Berufung niemals bef�rworten, nur der Abschaum der Stra�e unterst�tze ihn noch, die Crassus willf�hrigen Volkstribunen w�rden in jedem Fall ihr Veto gegen das Gesetz einlegen, der einzige Ausweg sei das Exil. Caesar widersprach vehement -Pompeius sei immer noch der popul�rste Mann der Republik, er solle sich aufmachen und in den l�ndlichen Gebieten Italiens die ben�tigten Legionen rekrutieren, mit seinen alten Kampfgef�hrten verf�ge er �ber das R�ckgrat f�r eine neue Armee, der Senat werde schon einlenken, wenn er erst mal die n�tigen Truppen um sich geschart habe. �Wenn man beim ersten Wurf verliert, kann es nur eine Reaktion geben: den Einsatz verdoppeln und noch einmal w�rfeln. K�mmere dich nicht um die Aristokraten, wenn n�tig, regierst du mithilfe des Volkes und der Armee.�</p><p>Ich sah Cicero an, dass er nur auf den passenden Augenblick wartete, um seine eigene Beurteilung vorzutragen, und in der, da war ich mir sicher, w�rde er weder dem einen noch dem anderen Extrem das Wort reden. Eine Konferenz mit zehn Leuten zu steuern, erfordert ebenso viel Geschick wie die Manipulation einer Versammlung mit hundert Leuten. Und so wartete Cicero, bis der Letzte am Tisch seine Meinung ge�u�ert und die Diskussion sich ersch�pft hatte, bevor er voller Kampfeslust das Wort ergriff. �Wie du wei�t, Pompeius, hatte ich von Anbeginn einige Bef�rchtungen, was diese Operation betrifft. Nachdem ich jedoch Zeuge der heutigen Debatte im Senat gewesen bin, muss ich zugeben, dass diese verflogen sind. Es bleibt uns jetzt nichts anderes mehr �brig, als diesen Kampf zu gewinnen -zu deinem Besten, zu Roms Besten und f�r die W�rde und Autorit�t von uns allen, die wir dich unterst�tzen. Es darf jetzt nicht den geringsten Gedanken an Kapitulation geben. Auf dem Schlachtfeld bist du ber�hmt f�r deinen l�wenhaften Kampfesmut; du kannst jetzt nicht in Rom auftreten wie ein M�uschen.�</p><p>�Achte auf deine Worte, <emphasis>advocatus�,</emphasis> sagte Afranius, doch Cicero beachtete ihn gar nicht.</p><p>�Kannst du dir vorstellen, was passiert, wenn du jetzt aufgibst? Die Gesetzesvorlage ist ver�ffentlicht. Falls du den Posten nicht annimmst, dann wird es jemand anderer tun, und ich kann dir schon jetzt sagen, wer das sein wird: Crassus. Du sagst selbst, dass er zwei willf�hrige Volkstribunen hat. Er wird daf�r sorgen, dass das Gesetz angenommen wird, nur dass anstatt deines Namens seiner in der Vorlage stehen wird. Wie, Gabinius, willst du ihn daran hindern? Indem du ein Veto gegen deine eigene Vorlage einlegst? Unm�glich! Versteht ihr? Wir m�ssen uns dem Kampf jetzt stellen.�</p><p>Ein hervorragendes Argument, denn wenn es etwas gab, das Pompeius garantiert zum Kampf anstacheln w�rde, dann die Aussicht, Crassus den Ruhm streitig zu machen. Pompeius richtete sich auf, streckte das Kinn vor und starrte w�tend in die Runde. Ich sah, wie Afranius und Palicanus ihm aufmunternd zunickten. �Wir haben in unseren Legionen Kundschafter, Cicero, die finden ihren Weg in schwierigstem Gel�nde�, sagte Pompeius. �Prachtvolle Burschen, die in Sumpfgebiete, Gebirge und W�lder vordringen, die seit Beginn der Zeit kein menschliches Wesen betreten hat. Die Politik jedoch stellt jedes Hindernis in den Schatten, das mir bis jetzt untergekommen ist. Wenn du mir einen Weg aus dem Chaos weisen kannst, Cicero, wirst du keinen treueren Freund mehr finden als mich.�</p><p>�Und du vertraust dich voll und ganz meiner F�hrung an?�</p><p>�Du bist der Kundschafter.�</p><p>�Also gut�, fuhr Cicero fort. �Morgen, Gabinius, wirst du Pompeius auf die Rostra rufen und ihn fragen, ob er gewillt ist, als Oberbefehlshaber zu dienen.�</p><p>�Gut�, sagte Pompeius angriffslustig und ballte eine seiner klobigen F�uste. �Und ich werde &gt;Ja&lt; sagen.�</p><p>�Nein, nein�, widersprach Cicero. �Du wirst entschieden ablehnen. Du wirst sagen, dass du schon genug getan hast f�r Rom, dass du keinerlei Ambitionen mehr auf ein �ffentliches Amt hast und dass du dich auf deinen Landsitz zur�ckziehst.� Pompeius schaute ihn mit offenem Mund an. �Ich werde f�r dich die Rede ausarbeiten. Du wirst noch morgen Nachmittag die Stadt verlassen und nicht mehr zur�ckkommen. Je z�gerlicher du erscheinst, desto verzweifelter werden die Leute nach deiner R�ckkehr schreien. Du wirst unser Cincinnatus sein, den man von seinem Pflug losrei�t, um das Land vor der Katastrophe zu bewahren. Das ist einer der wirksamsten Mythen in der Politik �berhaupt, glaube mir.�</p><p>Einige der Anwesenden waren gegen eine derart theatralische Taktik, sie erschien ihnen zu riskant. Aber die Vorstellung vom bescheidenen Bauern schmeichelte Pompeius' Eitelkeit. Ist das nicht der Traum eines jeden stolzen und ehrgeizigen Mannes? Anstatt sich in den Schmutz werfen und um die Macht k�mpfen zu m�ssen, w�rde das Volk angekrochen kommen und darum betteln, den Oberbefehl als Geschenk zu akzeptieren. Je mehr Pompeius dar�ber nachdachte, desto besser gefiel ihm der Plan. Seine W�rde und Autorit�t bliebe unbefleckt, er h�tte obendrein ein paar angenehme Wochen, und falls doch etwas schiefging, k�nnte man ihm nicht die Schuld geben.</p><p>�H�rt sich ziemlich klug an�, sagte Gabinius und tupfte sich mit dem Finger auf die geplatzte Lippe.</p><p>�Aber du scheinst zu vergessen, Cicero, dass nicht das Volk das Problem ist, sondern der Senat.�</p><p>�Wenn der Senat erst mal begreift, welche Auswirkungen Pompeius' R�ckzug hat, wird er sich schon wieder beruhigen. Die Senatoren werden sich vor die Wahl gestellt sehen, entweder gar nichts gegen die Seer�uber zu unternehmen oder das Oberkommando Crassus zu �bertragen. Beides w�re f�r die gro�e Mehrheit nicht akzeptabel. Wenn man sie ein bisschen schmiert, werden sie schon geschmeidig werden.�</p><p>�Schlau, sehr schlau�, sagte Pompeius bewundernd. �Ist er nicht klug, meine Freunde? Hab ich's nicht immer gesagt?�</p><p>�Ein Wort zu den f�nfzehn Legaten�, sagte Cicero. �Ich schlage vor, wenigstens die H�lfte der Posten f�r die Mehrheitsbeschaffung im Senat abzuzweigen.� Palicanus und Afranius, die ihre lukrativen �mter bedroht sahen, protestierten lautstark, wurden aber von Pompeius mit einer einzigen Handbewegung zum Schweigen gebracht. �Du bist ein Nationalheld�, fuhr Cicero fort. �Ein Patriot, der �ber dem kleinlichen politischen Gez�nk und Intrigenspiel steht. Das Recht auf �mterbesetzung solltest du nicht zur Versorgung von Freunden nutzen, sondern um die Gegnerschaft zu spalten. Nichts wird einen verheerenderen Keil in die aristokratische Fraktion treiben, als wenn man einige Patrizier dazu �berreden k�nnte, unter dir zu dienen. Sie werden sich gegenseitig die Augen auskratzen.�</p><p>�Ganz meine Meinung�, sagte Caesar und nickte energisch. �Ciceros Plan ist besser als meiner. Hab Geduld, Afranius. Das ist ja nur der erste Schritt. Wir kassieren unseren Lohn sp�ter.�</p><p>�Au�erdem sollte uns allen die Niederlage der Feinde Roms Lohn genug sein�, erkl�rte Pompeius scheinheilig. Ich sah ihm an, dass er sich im Geiste schon am Pflug bei der Feldarbeit sah.</p><p>Hinterher auf dem Nachhauseweg sagte Quintus: �Ich hoffe, du wei�t, was du tust.�</p><p>�Das hoffe ich auch�, sagte Cicero.</p><p>�Das Kernproblem ist Crassus mit seinen beiden Volkstribunen�, sagte Quintus. �Mit denen kann er das Gesetz kippen. Was willst du dagegen machen?�</p><p>�Keine Ahnung. Wir k�nnen nur hoffen, dass von irgendwoher eine L�sung auftaucht. Meistens ergibt sich ja was.�</p><p>Da wurde mir klar, wie sehr er sich einfach nur auf sein altes Diktum verlie�, dass man manchmal eben einen Kampf anzetteln muss, um w�hrenddessen herauszufinden, wie man ihn gewinnen kann. Er verabschiedete sich von Quintus und ging allein weiter, den Kopf gesenkt, in Gedanken vertieft. Hatte er sich anfangs nur z�gernd auf Pompeius' hochfliegende Pl�ne eingelassen, so war er nun zu seinem Cheforganisator aufgestiegen, und er wusste, dass ihn das in eine schwierige Lage brachte, nicht zuletzt bei seiner eigenen Frau. Nach meiner Erfahrung sind Frauen weit weniger bereit als M�nner, Kr�nkungen aus der Vergangenheit zu vergessen. F�r Terentia war es unbegreiflich, dass ihr Mann immer noch um den �Prinzen von Picenum�, wie sie Pompeius h�hnisch nannte, herumscharwenzelte, vor allem nach jenen Vorf�llen im Senat, die inzwischen Stadtgespr�ch waren. Als wir nach Hause kamen, wartete sie schon im Tablinum und ging sofort zum Angriff �ber. �Ich kann einfach nicht glauben, wie sich das alles derart zuspitzen konnte. Da ist der Senat auf der einen Seite und der P�bel auf der anderen -und auf welche Seite schl�gt sich mein Herr Gatte? Nat�rlich wie gehabt auf die des P�bels! Ich hoffe doch wohl, dass du jetzt endlich die Verbindung zu diesem Menschen abbrichst?�</p><p>�Er wird morgen seinen R�ckzug ins Privatleben bekannt geben�, sagte Cicero bes�nftigend.</p><p>�Was?�</p><p>�Du hast richtig geh�rt. Ich selbst werde noch heute Abend die Erkl�rung f�r ihn aufsetzen. Was bedeutet, dass ich wohl im Arbeitszimmer zu Abend essen werde. Wenn du mich jetzt entschuldigen w�rdest.� Er dr�ckte sich an ihr vorbei und ging ins Arbeitszimmer. Als er die T�r hinter uns geschlossen hatte, fragte er mich: �Meinst du, sie glaubt mir?�</p><p>�Nein�, sagte ich.</p><p>�Ich auch nicht�, sagte er kichernd. �Daf�r sind wir schon zu lange verheiratet.�</p><p>Wenn er gewollt h�tte, reich genug war er inzwischen, h�tte er sich von ihr scheiden lassen k�nnen. Er h�tte eine bessere Partie machen k�nnen, ganz sicher eine wesentlich sch�nere. Er war entt�uscht, dass Terentia ihm keinen Sohn geboren hatte. Doch trotz ihrer ewigen Streitereien blieb er bei ihr. Liebe ist nicht das passende Wort, das seine Beziehung zu ihr beschreibt - jedenfalls nicht in dem Sinn, in dem die Dichter es benutzen. Etwas Ungew�hnlicheres, St�rkeres hielt sie zusammen. Dazu geh�rte, dass sie sein Zuchtmeister war: Sie war die Peitsche, die ihn auf Trab hielt. Jedenfalls st�rte Terentia uns den ganzen Abend nicht mehr, und Cicero diktierte mir Pompeius' Erkl�rung. Er hatte noch nie eine Rede f�r jemand anderen geschrieben, was eine eigenartige Erfahrung war. Heutzutage besch�ftigen die meisten Senatoren ein oder zwei Sklaven, die ihnen ihre Reden ausarbeiten. Ich habe sogar von einigen Senatoren geh�rt, die �berhaupt keine Ahnung haben, was sie sagen werden, bis man ihnen den Text hinlegt: Wie sich diese Burschen Staatsm�nner nennen k�nnen, �bersteigt meine Vorstellungskraft. Aber Cicero sagte, dass es ihm Spa� machte, f�r jemand anderen zu schreiben. Er fand den Gedanken am�sant, dass gro�e M�nner, solange sie nur etwas Hirn besa�en, das vortragen w�rden, was er sich ausgedacht hatte. In sp�teren Zeiten setzte er die Technik, Leuten seine Worte in den Mund zu legen, mit gro�em Erfolg in seinen B�chern ein. Er dachte sich sogar eine Wendung f�r Gabinius aus, die sp�ter ziemlich ber�hmt werden sollte: �Pompeius Magnus wurde nicht um seiner selbst willen geboren, sondern um Rom zu dienen.�</p><p>Wir hatten die Arbeit an der Erkl�rung, die mit Absicht kurz gehalten war, schon weit vor Mitternacht beendet und verlie�en fr�h am n�chsten Morgen, nachdem Cicero seine �bungen gemacht und nur die wichtigsten Besucher empfangen hatte, das Haus und gingen zu Pompeius, um die Rede abzuliefern. Pompeius hatte sich �ber Nacht eine �ble Erk�ltung eingefangen und machte jetzt seiner Sorge dar�ber Luft, ob das mit dem R�ckzug aufs Land eine so gute Idee gewesen sei. Aber Cicero erkannte sofort, dass er einfach nerv�s war vor seinem Gang auf die Rostra, und als Pompeius den Redetext in H�nden hielt, beruhigte er sich schnell wieder. Cicero gab auch Gabinius, der ebenfalls schon eingetroffen war, einige Zeilen, doch der Volkstribun �rgerte sich dar�ber, wie ein Schauspieler einen fremden Text aufsagen zu sollen, und fragte, ob er wirklich sagen solle, dass Pompeius geboren sei, um Rom zu dienen. �Warum nicht?�, stichelte Cicero. �Bist du etwa anderer Meinung?� Worauf Pompeius Gabinius anfuhr, er solle endlich mit dem Gejammer aufh�ren und den Text genau so vortragen, wie er da stehe. Gabinius entgegnete nichts mehr, bedachte aber Cicero mit einem wenig freundlichen Blick und war seit jener Zeit, so zumindest meine Vermutung, insgeheim Ciceros Feind - ein perfektes Beispiel daf�r, wie der Senator mit seiner sorglosen Schlagfertigkeit jemanden vor den Kopf sto�en konnte.</p><p>Auf dem Forum hatte sich schon eine gro�e Zuschauermenge eingefunden, die gespannt auf die Fortsetzung der gestrigen Vorstellung wartete. Wir h�rten den L�rm, als wir von Pompeius' Haus kommend den H�gel hinuntergingen - dieses eigent�mliche, furchteinfl��end anschwellende Ger�usch einer erregten Menschenmenge, das mich immer an eine riesige Welle erinnert, die gegen eine weit entfernte K�ste brandet. Die Spannung lie� mein Herz h�her schlagen. Fast der gesamte Senat war versammelt. Die Aristokraten hatte mehrere Hundert ihrer Anh�nger mobilisiert, einerseits zu ihrem eigenen Schutz, andererseits um Pompeius niederzubr�llen, sobald er, wie sie erwarteten, seine Absicht erkl�rte, den Oberbefehl zu �bernehmen. Wie gestern wurde der General von Cicero und den mit ihm verb�ndeten Senatoren begleitet. Er hielt sich am Rand des Forums und ging dann gleich zur R�ckseite der Rostra. Dort marschierte er auf und ab, g�hnte, blies auf seine kalten Finger und zeigte auch sonst alle Anzeichen von Nervosit�t, w�hrend der L�rm der Menge immer lauter wurde. Cicero w�nschte ihm Gl�ck, begab sich dann zur Vorderseite der Rostra und gesellte sich zu den anderen Mitgliedern des Senats, weil er deren Reaktion beobachten wollte. Die zehn Volkstribunen betraten nacheinander das Podium und setzten sich auf ihre Bank. Dann trat Gabinius vor und rief theatralisch: �Ich rufe vor das Volk ... Pompeius Magnus.�</p><p>Wie wichtig doch das Auftreten in der Politik ist und wie vorz�glich doch Pompeius von der Natur ausgestattet worden war, um den Anschein von Gr��e zu vermitteln. Als die breite und vertraute Gestalt mit schwerf�lligen Schritten die Stufen emporstieg und ins Blickfeld der Menge trat, brachen Pompeius' Anh�nger in frenetischen Jubel aus. Unersch�tterlich wie ein Bulle, den wuchtigen Kopf auf den muskul�sen Schultern leicht nach hinten geneigt, stand er da und schaute auf die ihm zugewandten Gesichter hinunter. Als atmete er den Applaus tief in die Lunge ein, hoben und senkten sich die Nasenfl�gel. Normalerweise nahmen es die Menschen �bel, wenn ein Redner vom Blatt ablas, anstatt scheinbar aus dem Stegreif zu sprechen, doch bei diesem Anlass verst�rkte die Art, wie Pompeius seinen kurzen Text entrollte und in die H�he hielt, die gespannte Erwartung, dass das Gewicht der Worte dem des Mannes ebenb�rtig sei -eines Mannes, der �ber den aalglatten rhetorischen Tricks von Justiz und Politik stand.</p><p>�B�rger Roms�, dr�hnte es in die Stille. �Im Alter von siebzehn Jahren habe ich in der Armee meines Vaters Gnaeus Pompeius Strabo f�r die Einheit unseres Staates gek�mpft. Mit dreiundzwanzig Jahren habe ich eine Truppe von f�nfzehntausend Soldaten aufgestellt, habe die vereinigten Rebellenarmeen des Brutus, Caelius und Carrinas geschlagen und wurde auf dem Schlachtfeld als Imperator ausgerufen. Mit vierundzwanzig Jahren habe ich Sizilien erobert, mit f�nfundzwanzig Afrika, und an meinem sechsundzwanzigsten Geburtstag wurde mir ein Triumph gew�hrt. Als ich drei�ig und noch nicht einmal Senator war, �bernahm ich, ausgestattet mit der Amtsgewalt eines Prokonsuls, das Kommando �ber unsere Streitkr�fte in Spanien, bek�mpfte sechs Jahre lang die Rebellen und besiegte sie. Mit sechsunddrei�ig kehrte ich nach Italien zur�ck, jagte die letzten �berreste von Spartacus' Sklavenarmee und siegte. Mit siebenunddrei�ig wurde ich zum Konsul gew�hlt, und mir wurde ein zweiter Triumph gew�hrt. Als Konsul setzte ich eure Volkstribunen wieder in ihre alten Rechte ein und lie� f�r euch Spiele durchfuhren. Wann immer dem Staat Gefahr drohte, habe ich ihm gedient. Mein ganzes Leben ist nichts anderes gewesen als ein einziges langes Sonderkommando. Und nun droht unserem Staat eine neue, nie da gewesene Gefahr. Um dieser Bedrohung begegnen zu k�nnen, wird zu Recht der Vorschlag unterbreitet, ein Amt mit neuen, nie da gewesenen Befugnissen zu schaffen. Wen immer ihr ausw�hlt, diese B�rde zu schultern, er muss sich der Unterst�tzung aller St�nde und aller Klassen sicher sein, denn es erfordert nahezu grenzenloses Vertrauen, einen einzigen Mann mit so gro�en Machtbefugnissen auszustatten. Seit der gestrigen Sitzung des Senats ist mir klar, dass ich dieses Vertrauen nicht besitze. Deshalb m�chte ich euch sagen, dass ich, sosehr man mich auch bitten mag, einer Nominierung f�r dieses Amt nicht zustimmen und dieses, sollte ich dennoch nominiert werden, nicht annehmen werde. Ich habe in meinem Leben genug Sonderkommandos innegehabt. Ich gebe hiermit bekannt, dass ich auf jedes weitere �ffentliche Amt verzichte und der Stadt den R�cken kehre, um wie meine Vorv�ter den heimatlichen Boden zu bestellen.�</p><p>Ein furchtbares St�hnen der Entt�uschung ging durch die Menge, und sofort eilte Gabinius nach vorn zum unbewegt am Rand der Rednertrib�ne stehenden Pompeius.</p><p>�Das k�nnen wir nicht zulassen!�, rief Gabinius. �Pompeius Magnus wurde nicht um seiner selbst willen geboren, sondern um Rom zu dienen.�</p><p>Nat�rlich brach nach diesem Satz ein Jubelsturm ohnegleichen los, und die Sprechch�re, die unaufh�rlich �Pompeius! Pompeius! Pompeius!� skandierten, hallten von den Mauern der Basiliken und Tempel wider, bis einem die Ohren schmerzten. Es dauerte eine Zeit lang, bis Pompeius sich wieder Geh�r verschaffen konnte.</p><p>�Eure Freundlichkeit, meine Mitb�rger, r�hrt mich zutiefst, doch mein weiterer Aufenthalt in der Stadt ist euren Beratungen nur hinderlich. Trefft eine kluge Wahl, ihr B�rger Roms, im Senat sitzen viele f�hige M�nner, die euch als Konsuln gedient haben. Und auch wenn ich Rom jetzt f�r immer verlasse, vergesst nie, dass mein Herz eure H�user und Tempel nie verlassen wird. Lebt wohl!�</p><p>Wie einen Marschallsstab hob er die Papyrusrolle in die H�he, salutierte vor der traurig johlenden Menge, drehte sich um und stapfte zur R�ckseite der Plattform, wobei er unnachgiebig alles Bitten, noch zu bleiben, ignorierte. Den Volkstribunen stand die Verbl�ffung ins Gesicht geschrieben, als Pompeius die Stufen hinabstieg, wobei erst die Beine, dann der Oberk�rper und schlie�lich der stattliche Kopf mit der Haartolle aus dem Blickfeld verschwanden. Einige Menschen, die in meiner N�he standen, fingen an zu weinen und rissen an ihren Haaren und Kleidern. Und obwohl ich wusste, dass die ganze Vorstellung ein T�uschungsman�ver gewesen war, h�tte nicht viel gefehlt, und ich w�re selbst in Tr�nen ausgebrochen. Die versammelten Senatoren sahen aus, als h�tte in ihrer Mitte ein Wurfgeschoss eingeschlagen - in den Gesichtern einiger weniger spiegelte sich Verachtung, viele waren ersch�ttert, die meisten aber einfach nur sprachlos. In der Erinnerung aller war Pompeius immer der herausragende Mann im Staat gewesen. Und jetzt verlie� er einfach so die Stadt. Besonders Crassus' Gesicht bot ein Schauspiel widerstreitender Gem�tsbewegungen, das kein K�nstler jemals h�tte einfangen k�nnen. Einerseits wusste er, dass jetzt er die besten Aussichten auf das Sonderkommando hatte; andererseits aber war er so klug zu erkennen, dass das Ganze nur eine Finte sein konnte und seiner Position irgendeine noch nicht absehbare Gefahr drohte.</p><p>Cicero blieb gerade so lange, um die Reaktion auf sein Werk absch�tzen zu k�nnen, und eilte dann davon, um Bericht zu erstatten. Hinter der Rostra trieben sich Pompeius' Leute aus Picenum und die �blichen Klienten herum. Eine geschlossene S�nfte aus blauem und goldenem Brokat stand bereit, um den General, der gerade einsteigen wollte, zur Porta Capena zu bringen. Er war nicht anders als viele andere M�nner, die ich erlebt habe, nachdem sie gerade eine gro�e Rede gehalten hatten: arrogant in ihrer Hochstimmung und gleichzeitig gierig nach Best�tigung. �Das ist ja ganz hervorragend gelaufen�, sagte er. �Was meinst du?�</p><p>�S�perb�, antwortete Cicero. �Crassus' Gesichtsausdruck ist nicht von dieser Welt.�</p><p>�Wie hat dir das am Ende gefallen ... &gt;dass mein Herz eure H�user und Tempel nie verlassen wird&lt;?�</p><p>�Das war das Sahneh�ubchen.�</p><p>Pompeius grunzte h�chst befriedigt und sank in die Kissen der S�nfte. Er lie� den Vorhang herunter, schob ihn jedoch gleich wieder zur Seite. �Und du bist sicher, dass das klappen wird?�</p><p>�Unsere Widersacher hat es jedenfalls ziemlich aufgeschreckt. Das ist ein Anfang.�</p><p>Der Vorhang fiel, ging aber sofort wieder auf.</p><p>�Wann wird �ber das Gesetz abgestimmt?�</p><p>�In f�nfzehn Tagen.�</p><p>�Halte mich auf dem Laufenden. Wenigstens einmal t�glich.�</p><p>Cicero trat zur Seite, als die S�nfte auf die Schultern seiner Tr�ger gewuchtet wurde. Kr�ftige Burschen, die trotz Pompeius' Gewicht im Eilschritt am Senatsgeb�ude vorbeiliefen und kurz darauf das Forum verlassen hatten - im Schlepptau des Himmlischen der Kometenschweif seiner Klienten und Bewunderer. �&gt;Wie hat dir das am Ende gefallen .. .?&lt;�, �ffte Cicero ihn nach und sch�ttelte den Kopf. �Klar, hat's mir gefallen, du Trampeltier, ich hab's ja geschrieben.� Ich sch�tze, dass es ziemlich schwer f�r ihn gewesen sein muss, so viel Energie an einen Gebieter zu verschwenden, den er nicht bewunderte, und an eine Sache, die er f�r h�chst fragw�rdig hielt. Die Reise in die Spitzenpositionen der Politik sperrt einen Mann oft mit widerw�rtigen Mitreisenden zusammen und f�hrt ihn durch seltsame Landschaften. Aber Cicero wusste auch, dass es jetzt kein Zur�ck mehr gab.</p></section><section><title><p id="_bookmark21">KAPITEL XII</p></title><p>In den n�chsten zwei Wochen gab es nur ein Thema in Rom - die Seer�uber. Gabinius und Cornelius �lebten auf der Rostra�, wie das zu jener Zeit genannt wurde - was hei�t: T�glich bombardierten sie das Volk mit neuen Erkl�rungen und neuen Augenzeugen zum Thema Seer�ubergefahr. Ihre Spezialit�t waren Horrorgeschichten. Zum Beispiel berichteten sie, dass die Piraten ihre Gefangenen verh�hnten, falls diese erkl�rten, sie seien B�rger Roms: Die Seer�uber g�ben sich zu Tode erschrocken und bettelten um Vergebung, z�gen ihren Gefangenen sogar eine Toga und Schuhe an und verbeugten sich jedes Mal, wenn sie an ihnen vorbeigingen. Dieses Spiel spielten sie, bis sie schlie�lich auf offener See seien, eine Leiter am Schiffsrumpf herunterlie�en und ihnen sagten, sie seien nun frei und k�nnten gehen, wohin sie wollten. Wenn ein Opfer sich weigerte, die Leiter hinunterzusteigen, warfen sie es einfach �ber Bord. Derartige Geschichten versetzten die Zuschauer auf dem Forum in Rage; sie waren daran gewohnt, dass die magische Formel �Ich bin ein B�rger Roms� �berall auf der Welt Ehrerbietung garantierte.</p><p>Cicero selbst sprach nicht auf der Rostra. Seltsamerweise hatte er dort noch nie eine Rede gehalten. Er hatte schon fr�h entschieden, sich so lange zur�ckzuhalten, bis er den passenden Augenblick in seiner Karriere f�r gekommen sah, um die gr��tm�gliche Wirkung zu erzielen. Er war nat�rlich versucht, bei diesem Thema sein Schweigen zu brechen, denn er hatte einiges dazu zu sagen und es w�rde einen idealen pompistischen Kn�ppel abgeben, um damit auf die Aristokraten einzudreschen. Schlie�lich jedoch entschied er sich dagegen mit dem Argument, dass die Gesetzesvorlage in den Stra�en ohnehin schon �berw�ltigenden Zuspruch f�nde und dass seine Dienste hinter den Kulissen - strategische Aufgaben und Beeinflussung der noch schwankenden Senatoren - wertvoller seien. So spielte er zur Abwechslung mal den Moderaten, Pausenlos streifte er auf seine altbekannte Art durchs Senaculum, h�rte sich die Klagen der <emphasis>pedarii</emphasis> an, versprach, Bekundungen des Bedauerns und Bittgesuche an Pompeius weiterzuleiten, und machte M�nnern von Einfluss - allerdings nur gelegentlich - vage Hoffnung auf h�here �mter. Jeden Tag traf ein Bote von Pompeius' Landsitz in den Albaner Bergen ein und �berbrachte die neuesten Beschwerden, Nachfragen oder Anweisungen des Generals (�Die Feldarbeit scheint unseren neuen Cincinnatus ja nicht gerade auszulasten�, bemerkte Cicero mit gequ�ltem L�cheln), und jeden Tag diktierte mir der Senator ein bes�nftigendes Antwortschreiben, worin er Pompeius h�ufig Namen von M�nnern nannte, die zu einem Gespr�ch einzuladen vielleicht ganz n�tzlich w�re. Das war eine heikle Angelegenheit, denn es musste unbedingt der Schein gewahrt werden, dass sich Pompeius nicht mehr in der Politik bet�tigte. Trotzdem trieb eine Mischung aus Gier, Anbiederung, Ehrgeiz, die Erkenntnis, dass man um die Schaffung eines wie auch immer gearteten Sonderkommandos nicht herumkomme, sowie die Angst, dass dieses dann Crassus zufallen k�nne, etwa ein halbes Dutzend Senatoren in Schl�sselstellungen in Pompeius' Lager. Der wichtigste war Lucius Manlius Torquatus, der gerade seine Amtszeit als Pr�tor beendet hatte und im n�chsten Jahr mit Sicherheit f�r das Konsulat kandidieren w�rde.</p><p>Wie immer stellte Crassus die gr��te Gefahr f�r Ciceros Plane dar, und nat�rlich war er nicht unt�tig. Auch Crassus war unterwegs, machte Versprechungen f�r lukrative Posten und versuchte Anh�nger zu gewinnen. F�r den Liebhaber des politischen Gesch�fts war es faszinierend, das Kopf-an Kopf-Rennen der Dauerrivalen Crassus und Pompeius zu beobachten. Beide hatten zwei Volkstribunen auf ihrer Seite, die jeweils mit ihrer Stimme das Gesetz zu Fall bringen konnten und die jeweils �ber eine Reihe geheimer Parteig�nger im Senat verf�gten. Crassus hatte gegen�ber Pompeius den Vorteil, dass ihn die meisten Aristokraten unterst�tzten, weil sie Pompeius mehr f�rchteten als jeden anderen in der Republik; Pompeius' Vorteil gegen�ber Crassus war seine Popularit�t beim Mann auf der Stra�e. �Die beiden sind wie zwei Skorpione, die sich gegenseitig belauern�, sagte Cicero eines Morgens, als er sich auf dem Stuhl vor seinem Schreibpult zur�cklehnte, nachdem er mir eine Botschaft an Pompeius diktiert hatte. �Keiner kann den anderen ganz ausschalten, und doch kann jeder den anderen t�ten.�</p><p>�Wie soll dann einer von beiden gewinnen?�</p><p>Er schaute mich an, schoss dann so pl�tzlich mit dem Oberk�rper nach vorn und schlug mit der flachen Hand auf die Pultplatte, dass ich vor Schreck zusammenzuckte. �Nur durch einen �berraschungsangriff.�</p><p>Ab jenem Morgen blieben noch vier Tage, bis das Volk �ber die <emphasis>lex Gabinia</emphasis> abstimmte. Und bisher war Cicero nichts eingefallen, wie er Crassus' Veto umgehen k�nnte. Er war m�de und mutlos und sinnierte wieder einmal dar�ber nach, ob wir uns nicht nach Athen zur�ckziehen und Philosophie studieren sollten. Der Tag verging, ebenso der n�chste und �bern�chste, und noch immer war keine L�sung aufgetaucht. Am letzten Tag vor der Abstimmung stand ich wie �blich bei Morgengrauen auf und lie� Ciceros Klienten ein. Da allgemein bekannt war, wie nahe er Pompeius stand, hatte sich die Zahl der Besucher im Gegensatz zu fr�her verdoppelt. Sehr zu Terentias �rger wimmelte es im Haus jetzt den ganzen Tag �ber von Bittstellern und Sympathisanten. Darunter waren durchaus bekannte M�nner, wie zum Beispiel an jenem Morgen Antonius Hybrida. Er war der zweite Sohn des gro�en Redners und Konsuls Marcus Antonius Orator und hatte gerade eine Amtszeit als Volkstribun hinter sich: Er war ein Schwachkopf und S�ufer, musste aber als Erster vorgelassen werden. Der Himmel war grau, und es regnete, sodass die Besucher den moderigen Geruch von klammen, muffigen Kleidern und feuchtem Haar mit ins Haus geschleppt hatten. Der schwarz-wei�e Mosaikboden war dreckverschmiert, und ich �berlegte gerade, ob ich einen der Haussklaven zum Aufwischen rufen sollte, als die T�r noch einmal aufging und Marcus Licinius Crassus h�chstpers�nlich vor mir stand. Ich war so verbl�fft, dass mich sein Anblick nicht im Geringsten beunruhigte und ich ihn so selbstverst�ndlich begr��te wie jeden x-beliebigen Klienten, der wegen eines Empfehlungsschreibens vorsprach.</p><p>�Einen wundersch�nen guten Morgen, Tiro�, sagte er. Er erinnerte sich an meinen Namen, obwohl er mich nur einmal gesehen hatte, was mir jetzt doch geh�rige Angst einjagte. �W�re es m�glich, dass ich kurz mit deinem Herrn spreche?� Crassus war in Begleitung des Senators Quintus Arrius, der ihm wie ein Schatten �berallhin folgte und dessen lachhaft blasierte Ausdrucksweise vom grausamsten aller Dichter, Catull, aufs Unvergesslichste parodiert werden sollte - Arrius f�gte jedem Vokal am Wortanfang eine Aspirata hinzu, seinen eigenen Namen sprach er �Harrius� aus. Ich lief ins Arbeitszimmer, wo Cicero gerade seine beiden Schreiber auf die �bliche Weise auf Trab hielt: W�hrend er dem einen, Sositheus, einen Brief diktierte, zeichnete er gleichzeitig dem anderen, Laurea, Schriftst�cke so schnell ab, wie der sie ihm vorlegen konnte.</p><p>�Ihr erratet nie, wer da ist!�, rief ich aufgeregt.</p><p>�Crassus�, sagte er, ohne auch nur den Kopf zu heben.</p><p>Ich war schlagartig ern�chtert. �Ihr seid nicht �berrascht?�</p><p>�Nein�, sagte Cicero und unterzeichnete den n�chsten Brief. �Er wird uns gleich ein gro�m�tiges Angebot unterbreiten, das nat�rlich ganz und gar nicht gro�m�tig ist, sondern nur dem Zweck dient, ihn in dem Augenblick in besserem Licht dastehen zu lassen, wenn bekannt wird, dass wir abgelehnt haben. Er hat allen Grund, Entgegenkommen zu zeigen, wir haben keinen einzigen. Egal, f�hr ihn am besten gleich rein, sonst besticht er mir noch alle meinen Klienten aus dem Haus. Und bleib dann im Zimmer und mach dir Notizen, nicht dass er mir das Wort im Mund umdreht.�</p><p>Ich ging, um Crassus zu holen. Und tats�chlich: Er arbeitete sich schon �berschw�nglich H�nde sch�ttelnd durchs Tablinum, sehr zur Verwunderung der eingesch�chterten Betroffenen. Ich geleitete ihn ins Arbeitszimmer. Die beiden Schreiber verlie�en den Raum, sodass wir zu viert waren: Crassus, Arrius und Cicero sa�en, ich stand zum Mitschreiben in einer Ecke.</p><p>�Du hast ein sehr sch�nes Haus�, sagte Crassus freundlich wie immer. �Klein, aber reizend. Wenn du mal ans Verkaufen denken solltest, gib mir Bescheid.�</p><p>�Falls es jemals in Flammen aufgehen sollte�, erwiderte Cicero, �bist du der Erste, der es erf�hrt.�</p><p>�K�stlich�, sagte Crassus, klatschte in die H�nde und brach in launiges Gel�chter aus. �Nein, im Ernst. Ein bedeutender Mann wie du sollte sich ein gr��eres Haus zulegen, in einer besseren Gegend.</p><p>Auf dem Palatin. Ich k�nnte das arrangieren. Nein, warte�, f�gte er schnell hinzu, als Cicero mit dem Kopf sch�ttelte. �Lehn mein Angebot nicht gleich ab. Sicher, wir hatten unsere Differenzen, gerade deshalb liegt mir ja an einer Geste der Vers�hnung.�</p><p>�Das ist wirklich sehr nobel von dir�, sagte Cicero. �Aber ich f�rchte, die Interessen eines gewissen Herrn stehen zwischen uns.�</p><p>�Nicht unbedingt. Ich verfolge mit Bewunderung deine Karriere, Cicero. Du verdienst den Platz, den du dir in Rom erarbeitet hast. Meines Erachtens solltest du im Sommer zum Pr�tor und in zwei Jahren zum Konsul gew�hlt werden. Tja, jetzt ist es raus. M�glicherweise k�nntest du auf meine Unterst�tzung zahlen. Nun, was sagst du dazu?�</p><p>Das war wirklich ein fantastisches Angebot, und in jenem Augenblick lernte ich eine wichtige Lektion �ber kluge Gesch�ftsleute - dass nicht konsequente Hinterh�ltigkeit sie so erfolgreich macht (wie viele ganz selbstverst�ndlich annehmen), sondern eher die F�higkeit, wenn n�tig eine �berraschende ja verschwenderische Gro�z�gigkeit an den Tag zu legen. Cicero geriet v�llig aus dem Gleichgewicht. Man bot ihm praktisch auf dem Silbertablett das Konsulat an, seinen Lebenstraum, den offen auszusprechen er nicht mal Pompeius gegen�ber gewagt hatte aus Angst, er k�nnte das Misstrauen des gro�en Mannes erregen.</p><p>�Du �berw�ltigst mich, Crassus�, sagte er. Seine Gef�hle hatten ihn so �bermannt, dass er sich erst mal r�uspern musste, bevor er weitersprechen konnte. �Aber das Schicksal hat uns einmal mehr Pl�tze in verschiedenen Lagern zugewiesen.�</p><p>�Nicht unbedingt�, wiederholte Crassus. �Der Tag vor der Abstimmung ist doch sicher der geeignete Zeitpunkt f�r einen Kompromiss, meinst du nicht auch? Ich erkenne an, dass das Oberkommando Pompeius' Idee ist. Aber warum sollten wir das Amt nicht aufteilen?�</p><p>�Ein aufgeteiltes Oberkommando ist ein Widerspruch in sich.�</p><p>�Pompeius und ich haben uns auch schon das Konsulat geteilt.�</p><p>�Sicher, aber das Konsulat ist ein gemeinsames Amt, das auf dem Prinzip der Teilung der Macht basiert. Einen Krieg zu f�hren, wie du selbst viel besser wei�t als ich, ist etwas vollkommen anderes. Im Krieg ist schon die kleinste Uneinigkeit an der Spitze t�dlich.�</p><p>�Das Kommando ist so riesig, da ist doch leicht Platz f�r zwei�, sagte Crassus aufger�umt. �Pompeius bekommt den Osten, ich den Westen. Oder Pompeius das Meer und ich das Land. Oder umgekehrt, mir v�llig egal. Der Punkt ist, dass wir zusammen die Welt beherrschen k�nnen, wenn wir dich, Cicero, als Verbindungsglied haben.�</p><p>Ich bin mir sicher, dass Cicero mit einem drohenden, aggressiven Crassus gerechnet hatte, also einer Taktik, mit der umzugehen er in seiner langen T�tigkeit in den Gerichtsh�fen gelernt hatte. Die unerwartete Gro�z�gigkeit dagegen brachte ihn v�llig durcheinander, nicht zuletzt deshalb, weil Crassus' Vorschlag sowohl vern�nftig wie auch patriotisch war. Zudem w�re er auch f�r Cicero die ideale L�sung, weil er sich so die Freundschaft aller Lager sichern k�nnte. �Ich werde ihm dein Angebot auf jeden Fall unterbreiten�, versprach Cicero. �Noch vor Einbruch der Dunkelheit wird er es in H�nden halten.�</p><p>�Das bringt mir �berhaupt nichts�, sagte Crassus gereizt. �Wenn ich nur einen Boten br�uchte, dann h�tte ich auch Arrius in die Albaner Berge schicken k�nnen. Hab ich recht, Arrius?�</p><p>�Habsolut.�</p><p>�Nein, Cicero, du musst es ihm pers�nlich beibringen.� Er beugte sich vor und leckte sich mit der Zunge �ber die Lippen; wenn Crassus �ber Macht sprach, klang er immer irgendwie l�stern. �Ich bin ganz offen zu dir. Mein ganzes Herz h�ngt an einer milit�rischen Karriere. Ich habe alles Geld, das ein Mann sich nur w�nschen kann, aber das kann immer nur Mittel sein, nie Zweck. Welche Nation hat einem Mann eine Statue errichtet, nur weil er reich war? Welches der zahllosen V�lker auf dieser Erde hat jemals in seine Gebete den Namen eines schon lange toten Million�rs mit eingeschlossen, nur weil er irgendwann mal viele H�user besessen hat? Den einzig dauerhaften Ruhm gibt es nur auf Papyrus oder auf dem Schlachtfeld - und ein Dichter bin ich ganz sicher nicht. Du siehst also, wenn aus unserem Gesch�ft etwas werden soll, dann musst du pers�nlich Pompeius' Einverst�ndnis einholen.�</p><p>�Pompeius ist kein Maultier, das man so einfach zum Markt treibt�, wandte Cicero ein, dem ich ansah, dass ihn die grobe Plumpheit seines alten Feindes schon wieder abstie�. �Du kennst ihn doch.�</p><p>�Allerdings, nur zu gut. Aber du bist ein �berredungsk�nstler wie kein Zweiter. Du hast ihn dazu gebracht, Rom zu verlassen - versuch erst gar nicht, es abzustreiten. Und du kannst ihn auch dazu �berreden, wieder zur�ckzukommen.�</p><p>�Er kommt als alleiniger Oberbefehlshaber zur�ck, oder er kommt gar nicht zur�ck. Das ist sein Standpunkt.�</p><p>�Dann wird Rom ihn nie wiedersehen�, blaffte Crassus, von dem die freundliche Schale abbl�tterte wie die billige Farbe von einem seiner feuchten Mietsh�user. �Du wei�t ganz genau, was morgen passieren wird. Das ist so vorhersehbar wie ein Possenspiel im Theater. Gabinius wird euer Gesetz einbringen, und Trebellius wird in meinem Auftrag sein Veto einlegen. Dann wird Roscius, ebenfalls auf meine Anweisung, eine Erg�nzung zu der Vorlage einbringen, die ein gemeinsames Kommando fordert, und nicht ein Volkstribun wird es wagen, dagegen sein Veto einzulegen. Sollte Pompeius sich dagegen sperren, dann wird er dastehen wie ein trotziges, gefr��iges Kind, das lieber den ganzen Kuchen zermatscht, als auch nur ein St�ck abzugeben.�</p><p>�Da bin ich anderer Meinung. Das Volk liebt ihn.�</p><p>�Das Volk hat auch Tiberius Gracchus geliebt, und genutzt hat es ihm am Ende gar nichts. Das war ein schreckliches Schicksal f�r einen patriotischen R�mer, du t�test gut daran, dies nicht zu vergessen.� Crassus stand auf. �Behalte deine eigenen Interessen im Auge, Cicero. Begreifst du denn nicht, dass du mit Pompeius im politischen Abseits landest? Noch nie hat es ein Mann gegen den geballten Widerstand der Aristokraten zum Konsul gebracht.� Cicero stand ebenfalls auf und nahm vorsichtig die Hand, die Crassus ihm hinhielt. Der Altere packte kr�ftig zu und zog Cicero nah zu sich heran. �Zwei Mal, Marcus Tullius Cicero, habe ich dir in Freundschaft die Hand gereicht�, sagte er sehr leise. �Ein drittes Mal wird es nicht geben.�</p><p>Und damit marschierte er aus dem Haus - und zwar in einem Tempo, dass ich es nicht mehr schaffte, ihn zur Haust�r zu geleiten, geschweige sie ihm zu �ffnen. Ich ging wieder ins Arbeitszimmer, wo Cicero genau an der Stelle stand, an der ich ihn zur�ckgelassen hatte. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er seine Hand. �F�hlt sich an, als ob man Schlangenhaut anfasst�, sagte er. �Noch mal, Tiro, hab ich ihn richtig verstanden, hat er wirklich angedeutet, dass Pompeius und ich das gleiche Schicksal wie Tiberius Gracchus erleiden k�nnten?�</p><p>�Ja: &gt;ein schreckliches Schicksal f�r einen patriotischen R�mer&lt;�, las ich ihm aus meinen Notizen vor. �Was war das Schicksal von Tiberius Gracchus?�</p><p>�Die Aristokraten haben ihn in die Enge getrieben wie eine Tempelratte und dann ermordet - und das, w�hrend er ein vermeintlich unantastbarer Volkstribun war. Das ist mindestens sechzig Jahre her. Tiberius Gracchus!� Er ballte eine Hand zur Faust. �Einen Augenblick lang, Tiro, hatte er mich fast so weit, dass ich ihm geglaubt h�tte. Aber ich schw�re dir, eher werde ich niemals Konsul, als dass ich es mit Crassus' Hilfe werde.�</p><p>�Ich glaube dir, Senator, Pompeius ist zehnmal so viel wert wie er.�</p><p>�Eher hundertmal - egal, wie viel Unsinn er redet.�</p><p>Ich r�umte das Schreibpult auf und ging dann ins Tablinum, um die Besucherliste f�r heute Morgen zu holen. Als ich zur�ckkam, stand Cicero immer noch am selben Fleck, allerdings lag jetzt ein merkw�rdiger Ausdruck auf seinem Gesicht. Ich gab ihm die Liste und erinnerte ihn daran, dass das ganze Haus voller Klienten sei, die er empfangen m�sse, darunter auch ein Senator. Geistesabwesend suchte er ein paar Namen aus, zu denen auch Hybrida geh�rte, aber dann sagte er pl�tzlich: �Hol Sositheus, er soll hier weitermachen. F�r dich habe ich eine andere Aufgabe. Geh ins Staatsarchiv, und schau dir die Annalen f�r das Konsulatsjahr von Mucius Scaevola und Calpurnius Piso Frugi an. Schreib alles auf, was mit Tiberius Gracchus' Volkstribunat und seinem Ackergesetz in Zusammenhang steht. Sag keinem ein Wort. Wenn dich jemand fragt, erz�hl ihm irgendwas. Alles klar?� Zum ersten Mal seit einer Woche l�chelte er, dann fuchtelte er mit den H�nden herum, dass ich endlich verschwinden solle. �Komm schon, setz dich in Bewegung!�</p><p>Nach so vielen Jahren in seinen Diensten hatte ich mich an diese Art verwirrender und herrischer Befehle gew�hnt. Ich vermummte mich gegen die K�lte und N�sse und lief den H�gel hinunter. Noch nie hatte ich die Stadt in einer derart schweren Krise erlebt - unter dunklen Wolken herrschte ein eiskalter Winter, Lebensmittel waren knapp, an jeder Ecke lief man Bettlern �ber den Weg, manchmal stolperte man sogar �ber die Leiche eines armes Teufels, der in der Nacht zuvor gestorben war. Ich hastete durch die tr�bseligen Stra�en, dann �ber das Forum und schlie�lich die Stufen zum Staatsarchiv hinauf, in dem ich schon die sp�rlichen offiziellen Unterlagen �ber Gaius Verres aufgest�bert hatte. Seitdem hatten mich -vor allem w�hrend Ciceros Amtszeit als �dil - viele Boteng�nge hierher gef�hrt, sodass mein Gesicht den Angestellten dort vertraut war. Anstandslos brachten sie mir die Papyrusrolle, die ich haben wollte. Ich trug sie zu einem Lesetisch am Fenster und entrollte sie. Das Morgenlicht war tr�be, und es zog so stark, dass ich meine Handschuhe anbehielt. Ich hatte keine Ahnung, wonach ich �berhaupt suchte. Die Annalen lieferten - zumindest in den Zeiten, bevor Caesar sie in die Finger bekam -einen zuverl�ssigen und vollst�ndigen Bericht �ber jedes Jahr. Sie verzeichneten die Namen der Magistrate, die neuen Gesetze, die Kriege und Hungersn�te, die Sonnen- und Mondfinsternisse sowie alle anderen Naturereignisse. Die Angaben folgten dem offiziellen Register, das der <emphasis>Pontifex maximus</emphasis> jedes Jahr erstellte und an eine wei�e Tafel am Amtssitz des Priesterkollegiums anschlagen lie�.</p><p>Geschichte hat mich schon immer fasziniert. Cicero schrieb einmal: �Wer nicht wei�, was vor seiner Geburt geschehen ist, wird auf immer ein Kind bleiben. Was ist das menschliche Leben wert, wenn es nicht durch die Zeugnisse der Geschichte mit dem unserer Ahnen verwoben wird?� Ich sp�rte pl�tzlich die K�lte nicht mehr und h�tte mich gl�cklich den ganzen Tag in die Ereignisse vertiefen k�nnen, die sich vor mehr als sechzig Jahren zugetragen hatten. Ich fand heraus, dass in jenem Jahr, dem sechshunderteinundzwanzigsten seit der Gr�ndung Roms, K�nig Attalos III. von Pergamon gestorben war und sein Reich den R�mern vermacht hatte, dass Scipio Africanus der J�ngere die spanische Stadt Numantia zerst�rt und bis auf f�nfzig, die in Ketten gelegt an seinem Triumph in Rom teilnehmen mussten, alle f�nftausend Einwohner get�tet hatte und dass Tiberius Gracchus, der ber�hmte reformerische Volkstribun, ein Gesetz eingebracht hatte, das die Verteilung von �ffentlichem Land an gew�hnliche B�rger vorsah, die damals - wie immer - gro�e Not gelitten hatten. <emphasis>Es �ndert sich nie etwas,</emphasis> dachte ich. Gracchus' Gesetz versetzte die um ihre Besitzungen f�rchtenden Aristokraten im Senat so in Wut, dass diese einen Volkstribun namens Marcus Octavius dazu �berredeten oder mittels Bestechung dazu brachten, sein Veto gegen das Gesetz einzulegen. Da das Volk das Gesetz jedoch einm�tig bef�rwortete, argumentierte Gracchus auf der Rostra, verletze Octavius seine heilige Pflicht, die Interessen des Volkes zu vertreten. Er forderte das Volk auf, Octavius abzuw�hlen - was das Volk sofort in die Tat umsetzte, Wahlbezirk f�r Wahlbezirk. Nachdem sich die ersten siebzehn der f�nfunddrei�ig Bezirke mit �berw�ltigender Mehrheit f�r Octavius' Amtsenthebung ausgesprochen hatten, unterbrach Gracchus die Abstimmung und forderte Octavius auf, sein Veto zur�ckzuziehen. Dieser lehnte ab, worauf Gracchus �die G�tter als Zeugen anrief, dass es nicht seine Absicht gewesen sei, seinen Kollegen aus dem Amt zu entfernen�, dann den achtzehnten Bezirk abstimmen lie� und wieder die Mehrheit erzielte. Daraufhin wurde Octavius als Volkstribun abgesetzt (�... zur�ckgestuft auf den Status des Privatmannes, verschwand Octavius unbemerkt aus der Stadt ...�) und das Ackergesetz verabschiedet. Aber die Aristokraten nahmen wenige Monate sp�ter Rache - woran Crassus Cicero erinnert hatte. Gracchus wurde im Tempel der Fides umzingelt, mit St�cken und Kn�ppeln zu Tode gepr�gelt und seine Leiche in den Tiber geworfen.</p><p>Ich l�ste die kleine, mit einer Kordel befestigte Wachstafel von meinem Handgelenk und z�ckte den Griffel. Ich wei� noch, dass ich mich umschaute, bevor ich anfing, die relevanten Stellen aus den Annalen abzuschreiben. Ich verstand jetzt, warum Cicero so viel Wert auf Geheimhaltung gelegt hatte, und wollte sichergehen, dass ich auch wirklich allein war. Meine Finger waren eiskalt, und das Wachs war hart; ich produzierte eine gr�ssliche Kritzelei. Einmal stand pl�tzlich der Patron des Archivs, Catulus h�chstpers�nlich, in der T�r und schaute in meine Richtung. Im ersten Augenblick glaubte ich, mein rasendes Herz w�rde mir die Rippen zerbrechen. Aber dann fiel mir ein, dass der alte Mann kurzsichtig war und dass er ohnehin zu der Sorte Politiker geh�rte, die jemanden wie mich nie wiedererkennen w�rde. Er sprach ein paar Minuten mit einem seiner Freigelassenen und ging dann wieder. Ich beendete meine Abschrift und musste mich zusammenrei�en, das Geb�ude normalen Schrittes zu verlassen. Ich stieg die vereisten Treppenstufen hinunter, �berquerte das Forum und ging weiter in Richtung Ciceros Haus, wobei ich die ganze Zeit die Wachstafel fest an meine Brust dr�ckte. Ich hatte das Gef�hl, in meinem ganzen Leben noch keine wichtigere Arbeit erledigt zu haben.</p><p>Als ich wieder nach Hause kam, sa� Cicero in seinem Arbeitszimmer noch gem�tlich mit Antonius Hybrida zusammen, beendete allerdings das Gespr�ch, als er mich neben der T�r stehen sah.</p><p>Hybrida war einer jener gebildeten, feingliedrigen Burschen, die sich und ihr Aussehen mit Wein ruiniert hatten. Obwohl ich an der T�r stand, stieg mir sein Atem in die Nase: Er roch wie verfaultes Obst im Rinnstein. Man hatte ihn vor einigen Jahren aus dem Senat geworfen: weil er pleite gewesen war und wegen seiner lockeren Sitten, die sich im Wesentlichen in Korruption, Trunkenheit und dem Umstand niederschlugen, dass er eine wundersch�ne junge Sklavin ersteigert hatte, die als seine M�tresse offen mit ihm zusammenlebte. Aber das Volk auf seine eigent�mliche Art hatte einen Narren an seiner Liederlichkeit gefressen, und nachdem er ihm ein Jahr lang als Tribun gedient hatte, hatte er es wieder geschafft, in den Senat einzuziehen. Ich wartete, bis er gegangen war, bevor ich Cicero meine Aufzeichnungen gab. �Was hat er gewollt?�, fragte ich.</p><p>�Meine Unterst�tzung f�r seine Kandidatur zum Pr�tor.�</p><p>�Der hat vielleicht Nerven.�</p><p>�Kann man wohl sagen. Trotzdem habe ich ihm meine Hilfe zugesichert�, sagte er unbek�mmert. Als er mein erstauntes Gesicht sah, f�gte er hinzu: �Wenn er Pr�tor wird, habe ich jedenfalls einen Rivalen weniger f�rs Konsulat.�</p><p>Er legte meine Notizen auf sein Schreibpult und las sie aufmerksam durch. Dann st�tzte er die Ellbogen auf, legte das Kinn auf die H�nde, beugte sich vor und las sie ein zweites Mal. Ich stellte mir seine Gedanken als einen schnellen, schmalen Wasserstrom vor, der sich durch die Fugen eines gefliesten Bodens bewegte - erst vorw�rts, dann nach links und rechts ausgreifend, an einem Punkt kurz innehaltend, in eine andere Richtung weiter vorsto�end, sich immer weiter ausbreitend und verzweigend und dabei in seiner schimmernden, fl�ssigen Bewegung all die kleinen M�glichkeiten, Konsequenzen und Wahrscheinlichkeiten bedenkend. Schlie�lich sagte er, halb zu sich selbst, halb zu mir: �Gracchus war der Erste, der es mit dieser Taktik versucht hat - und der Letzte. Kein Wunder. Was f�r eine Waffe in der Hand eines einzelnen Mannes! Egal, ob man damit durchkommt oder nicht, mit den Konsequenzen m�sste man noch Jahre leben.� Er hob den Kopf und schaute mich an. �Ich wei� nicht, Tiro. Vielleicht w�re es besser, wenn du das gleich wieder vernichtest.� Aber als ich die Hand nach meinen Aufzeichnungen ausstreckte, sagte er schnell: �Vielleicht auch nicht.� Stattdessen trug er mir auf, Laurea und ein paar andere Sklaven zusammenzutrommeln, sie zu allen Senatoren aus Pompeius' innerem Kreis zu schicken und anfragen zu lassen, ob sie heute Nachmittag nach ihren Amtsgesch�ften Zeit f�r ein Treffen h�tten. �Aber nicht hier�, fugte er noch schnell hinzu. �In Pompeius' Stadthaus.� Dann schrieb er eigenh�ndig eine Botschaft und schickte einen Reiter mit der Anweisung, auf Antwort zu warten, zu Pompeius' Landsitz in die Albaner Berge. �Wenn Crassus den Geist von Gracchus heraufbeschw�ren will ...�, sagte er grimmig, �das kann er haben!�</p><p>Selbstredend waren die anderen ganz begierig darauf zu erfahren, warum Cicero sie zusammenrief. Kurz nachdem die Gerichte und �mter ihre Pforten geschlossen hatten, tauchten sie nacheinander in Pompeius' Haus auf. Alle Pl�tze rund um den gro�en Tisch waren besetzt bis auf den thronartigen Stuhl des abwesenden Hausbesitzers, der aus Gr�nden der Ehrerbietung frei blieb. Es mag seltsam erscheinen, dass so intelligente und erfahrene M�nner wie Caesar und Varro �ber die Taktik, die Gracchus als Volkstribun angewandt hatte, nicht genau Bescheid wussten. Aber man darf nicht vergessen, dass Gracchus damals schon seit dreiundsechzig Jahren tot war, dass es seitdem andere gro�e geschichtliche Ereignisse gegeben hatte und dass man sich damals noch nicht so besessen mit der j�ngeren Geschichte besch�ftigte wie in den folgenden Jahrzehnten. Selbst Cicero hatte die Turbulenzen um Gracchus vergessen, bis er sich durch Crassus' Drohung wieder verschwommen daran erinnerte, dass er sich w�hrend seines Advokatenstudiums mal damit besch�ftigt hatte. Solange er meine Ausz�ge aus den Annalen vortrug, war es still im Raum, aber sobald er seine Ausf�hrungen beendet hatte, setzten sofort aufgeregte Diskussionen ein. Nur der wei�haarige Varro, der Alteste in der Runde, erinnerte sich aus Erz�hlungen seines Vaters an das Chaos von Gracchus' Volkstribunat und meldete Vorbehalte an. �Du w�rdest einen Pr�zedenzfall schaffen�, sagte er. �Jeder Demagoge, der glaubt, eine Mehrheit der Wahlbezirke hinter sich zu haben, k�nnte dann das Volk anrufen und damit drohen, einen seiner Kollegen absetzen zu lassen. Und warum eigentlich beim Volkstribun aufh�ren? Warum nicht auch einen Pr�tor, einen Konsul absetzen?�</p><p>�Das w�re kein Pr�zedenzfall�, widersprach Caesar ungehalten. �Das hat schon Gracchus f�r uns erledigt.�</p><p>�Genau�, sagte Cicero. �Auch wenn die Aristokraten ihn ermordet haben sollten, seine Gesetzgebung haben sie nicht f�r illegal erkl�rt. Ich wei�, was Varro meint, und bis zu einem gewissen Grad teile ich sein Unbehagen. Aber wir befinden uns in einem �u�erst harten Kampf, wir m�ssen ein paar Risiken eingehen.�</p><p>Zustimmendes Gemurmel wurde laut, die entscheidenden Prostimmen waren aber die von Gabinius und Cornelius. Schlie�lich mussten sie sich vor das Volk stellen und die Gesetzgebung durchfechten, und folglich w�rden vor allem sie, sowohl physisch wie juristisch, die Vergeltung der Aristokraten zu sp�ren bekommen.</p><p>�Das Volk in seiner �berw�ltigenden Mehrheit will dieses Oberkommando, und es will, dass Pompeius es bekommt�, erkl�rte Gabinius. �Die Tatsache, dass Crassus sich mit seinen tiefen Taschen zwei Volkstribune kaufen kann, darf nicht dazu f�hren, dass der Wille des Volkes blockiert wird.�</p><p>Afranius wollte wissen, ob Pompeius sich schon dazu ge�u�ert habe.</p><p>�Hier ist die Botschaft, die ich ihm heute Morgen habe �berbringen lassen�, sagte Cicero und hielt sie hoch. �Auf der R�ckseite steht seine Antwort, die er mir sofort zur�ckgeschickt hat. Sie ist zur gleichen Zeit hier eingetroffen wie ihr alle.� Jeder konnte sehen, was Pompeius in seiner gro�en deutlichen Schrift auf die R�ckseite gekritzelt hatte. Es war nur ein einziges Wort: <emphasis>Einverstanden.</emphasis> Damit war das Thema erledigt. Hinterher wies Cicero mich an, den Brief zu verbrennen. </p><p>*</p><p>Am Morgen der Volksversammlung war es bitterkalt. Der eisige Wind, der durch die Kolonnaden und zwischen den Tempeln hindurchpfiff, konnte die Menschen jedoch nicht davon abhalten, in Massen aufs Forum zu str�men. An gr��eren Abstimmungstagen wechselten die Volkstribunen von der Rostra zum Tempel des Castor, wo man mehr Platz f�r den Wahlvorgang hatte. Arbeiter hatten w�hrend der Nacht an den h�lzernen Stegen gezimmert, �ber die die B�rger im G�nsemarsch zur Stimmabgabe gehen w�rden. Cicero verlie� das Haus fr�h und ohne gro�es Gefolge - nur Quintus und ich begleiteten ihn. Er sei -so sagte er uns, als wir den H�gel hinuntergingen -nur der Inspizient der Auff�hrung, nicht einer der Hauptdarsteller. Er unterhielt sich kurz mit ein paar Funktion�ren aus verschiedenen Wahlbezirken, dann zog er sich mit mir in den S�ulengang der Basilica Aemilia zur�ck, von wo er einen guten �berblick �ber das Geschehen hatte und wenn n�tig Anweisungen geben konnte.</p><p>Vermutlich bin ich einer der wenigen noch Lebenden, die Zeuge dieses dramatischen Anblicks waren: Die zehn Volkstribunen sa�en nebeneinander auf ihren Pl�tzen, darunter wie angeheuerte Gladiatoren die beiden gegnerischen P�rchen Gabinius und Cornelius (pro Pompeius) sowie Trebellius und Roscius (pro Crassus); auf den obersten Tempelstufen standen die Priester und Auguren; das orangefarbene Altarfeuer bildete einen flackernden Farbklecks auf diesem ansonsten grauen Bild; auf dem Forum verteilte sich die Masse der vor K�lte rotgesichtigen W�hler, die sich um die zehn Fu� hohen Fahnen ihres jeweiligen Bezirks scharten. Auf jeder Fahne prangte in gro�en Buchstaben ein Name, AEMILIA, CAMILIA, FABIA etc., sodass umherstreunende M�nner immer wussten, wo ihr Platz war. Zwischen den Gruppen wurde gewitzelt und um Stimmen gefeilscht, bis die Trompete des Herolds sie zur Ordnung rief. Der amtliche Ausrufer absolvierte mit scharfer Stimme die zweite Lesung des Gesetzes, danach trat Gabinius vor und hielt eine kurze Rede. Er habe eine erfreuliche Nachricht, sagte er, eine Nachricht, f�r die das Volk Roms gebetet habe. Pompeius Magnus, tief ber�hrt vom Leid der Nation, habe seine Position nochmals �berdacht und sei gewillt, seinem Volk als Oberbefehlshaber zu dienen - aber nur, wenn es der einstimmige Wille von ihnen allen sei. �Ist das euer Wille?�, rief er laut, worauf ihm begeisterter Jubel entgegenschlug. Dank der Arbeit der Funktion�re aus den Wahlbezirken ging das noch eine Zeit lang so weiter. Wann immer Cicero den Eindruck hatte, dass die Lautst�rke etwas abflaute, gab er einigen dieser Funktion�re ein diskretes Zeichen, das diese augenblicklich weiterleiteten, und sofort wurden wieder eifrig Fahnen geschwenkt, um den Applaus von Neuem anzufachen. Schlie�lich rief Gabinius sie mit einer Handbewegung zur Ruhe. �Dann lasst uns zur Wahl schreiten!�</p><p>Langsam - und man musste seinen Mut bewundern, dass er �berhaupt aufstand angesichts so vieler tausend Menschen - erhob sich Trebellius von seinem Platz auf der Bank der Volkstribunen und trat vor - mit erhobener Hand, zum Zeichen seines Einspruchs. Gabinius betrachtete ihn voller Verachtung und br�llte dann in die Menge: �B�rger Roms, wollt ihr ihn sprechen lassen?�</p><p>�Nein!�, kreischte die Menge.</p><p>Worauf Trebellius mit vor Anspannung schriller Stimme rief: �Dann lege ich hiermit mein Veto ein!�</p><p>An jedem anderen Tag in den vergangenen vierhundert Jahren, au�er im Jahr von Tiberius Gracchus' Volkstribunat, w�re mit diesem Satz das Gesetzgebungsverfahren beendet gewesen. An diesem schicksalhaften Morgen jedoch brachte Gabinius die h�hnisch johlende Menge mit einer Handbewegung zum Schweigen und sagte: �Stimmt ihr Trebellius zu?�</p><p>�Nein!�, br�llten die Menschen. �Nein! Nein!�</p><p>�Gibt es irgendeinen unter euch, der ihm zustimmt?� Nur der Wind war zu h�ren. Selbst die Senatoren, die Trebellius unterst�tzten, wagten es nicht, ihre Stimme zu erheben; sie standen schutzlos inmitten der anderen Mitglieder ihres Wahlbezirks und f�rchteten, dass der Mob �ber sie herfallen w�rde. �Dann beantrage ich gem�� dem von Tiberius Gracchus geschaffenen Pr�zedenzfall, dass Trebellius wegen Missachtung seines Amtseides, der ihn zur Vertretung der Interessen des Volkes verpflichtet, als Tribun abgesetzt wird, und beantrage weiter, dass sofort dar�ber abgestimmt wird.�</p><p>Cicero sah mich an. �Jetzt f�ngt das Schauspiel an�, sagte er.</p><p>Sekundenlang schauten sich die versammelten B�rger nur stumm an. Dann begannen sie zu nicken, begriffen allm�hlich, und die Erkenntnis �u�erte sich in einem langsam ansteigenden Ger�uschpegel. Es war die Erkenntnis - zumindest bin ich heute dieser Ansicht, da ich mit geschlossenen Augen in meinem kleinen Arbeitszimmer sitze und mich erinnere -, dass sie jetzt abstimmen konnten und die hohen Herren im Senat nicht die Macht hatten, sie daran zu hindern. Catulus, Hortensius und Crassus bahnten sich aufgeschreckt einen Weg nach vorn und forderten eine Anh�rung, doch Gabinius hatte einige von Pompeius' Veteranen vor den untersten Tempelstufen postiert, die die protestierenden Senatoren aufhielten. Vor allem der sonst so beherrscht wirkende Crassus war au�er sich. Mit vor Zorn rot angelaufenem und verzerrtem Gesicht versuchte er vergeblich, das Podium zu st�rmen. Er entdeckte Cicero, zeigte auf ihn und br�llte etwas, doch er war zu weit weg und es war zu viel L�rm, als dass wir ihn h�tten verstehen k�nnen. Cicero bedachte ihn mit einem freundlichen L�cheln. Der Ausrufer verlas Gabinius' Antrag - �... dass Trebellius nach dem Willen des Volkes als dessen Tribun abgesetzt werden soll ...� -, und die Wahlhelfer begaben sich zu ihren Arbeitspl�tzen. Wie �blich stimmten die B�rger des Wahlbezirks Subura als Erste ab: In Zweierreihen bewegten sie sich den Holzsteg hinauf, gaben ihre Stimme ab und gingen die Steinstufen an der Seite des Tempels wieder hinunter aufs Forum. Ein Bezirk nach dem anderen schritt zur Wahl, und jeder stimmte daf�r, Trebellius seines Amtes zu entheben. Dann kamen die l�ndlichen Bezirke an die Reihe. Das Prozedere beanspruchte mehrere Stunden, w�hrenddessen sich Trebellius, dem die Angst ins graue Gesicht geschrieben stand, immer wieder mit seinem Leidensgenossen Roscius besprach. Einmal verschwand er vom Podium. Wohin, habe ich nicht gesehen, aber ich nehme an, dass Trebellius Crassus gebeten hat, ihn von seiner Verpflichtung zu entbinden. �berall auf dem Forum standen Senatoren nach der Stimmabgabe ihrer Bezirke in kleinen Gruppen zusammen. Ich sah, wie Catulus und Hortensius mit verbissenen Gesichtern von Gruppe zu Gruppe gingen. W�hrend ich an meinem Platz blieb, tauchte auch Cicero in die Menge ein und drehte seine Runden. Er sprach mit den Senatoren, darunter Torquatus und sein alter Verb�ndeter Marcellinus, die er heimlich dazu �berredet hatte, in Pompeius' Lager zu wechseln.</p><p>Als siebzehn Bezirke f�r Tribellius' Absetzung votiert hatten, ordnete Gabinius eine Unterbrechung der Abstimmung an. Er zitierte Trebellius an den vorderen Rand des Podiums und fragte ihn, ob er sich nun dem Willen des Volkes beugen und so sein Amt als Tribun retten wolle oder ob er den achtzehnten Wahlgang f�r n�tig halte, der ihn mit Sicherheit das Amt kosten werde. Das war Trebellius' Gelegenheit, als heldenhafter K�mpfer f�r seine Sache in die Geschichte einzugehen, und ich habe mich oft gefragt, ob er sp�ter, als alter Mann, seine Entscheidung jemals bereut hat. Wahrscheinlich hat er sich noch Hoffnungen auf eine politische Karriere gemacht. Jedenfalls gab er nach kurzem Z�gern seine Zustimmung und zog das Veto zur�ck. Ich brauche wohl kaum hinzuf�gen, dass er fortan von beiden Lagern mit Verachtung gestraft wurde und nie mehr in Erscheinung trat.</p><p>Alle Augen richteten sich nun auf Roscius, Crassus' zweiten Tribun. In diesem Augenblick, es war wohl am fr�hen Nachmittag, erschien Catulus ein zweites Mal an den Tempelstufen, w�lbte die H�nde vor dem Mund und rief laut zu Gabinius hinauf, dass er eine Anh�rung verlange. Wie ich schon erw�hnte, genoss Catulus wegen seines Patriotismus gro�en Respekt in der Bev�lkerung. Gabinius konnte ihn nur schwerlich abweisen, nicht zuletzt deshalb, weil er der Rangh�chste der Exkonsuln im Senat war. Er machte den Veteranen ein Zeichen, Catulus durchzulassen, worauf dieser trotz seines hohen Alters wie eine Eidechse die Stufen hinaufschoss. �Das ist ein Fehler�, fl�sterte mir Cicero zu.</p><p>Hinterher sagte Gabinius zu Cicero, dass er geglaubt habe, angesichts ihrer Niederlage seien die Aristokraten zum Wohle der nationalen Einheit zu Zugest�ndnissen bereit. Dem war aber ganz und gar nicht so. Catulus wetterte gegen die <emphasis>lex Gabinia</emphasis> und die illegalen Methoden, derer man sich bedient habe, um das Gesetz durchzupeitschen. Es sei Wahnsinn, erkl�rte er, die Sicherheit der Republik in die H�nde eines einzigen Mannes zu legen. Krieg sei ein riskantes Gesch�ft, vor allem der zur See: Was gesch�he mit dem Oberbefehl, wenn Pompeius get�tet w�rde? Wer w�rde an seine Stelle treten? Ein Mann schrie �du!�, eine Reaktion, so schmeichelhaft sie auch gewesen sein mochte, die �berhaupt nicht im Sinn von Catulus war. Er wusste sehr gut, dass er f�r den Krieg viel zu alt war. Was er eigentlich im Sinn hatte, war ein gemeinsames Kommando von Crassus und Pompeius. Obwohl er den Menschen Crassus verachtete, ging er doch davon aus, dass der reichste Mann Roms zumindest ein Gegengewicht zu Pompeius' Macht bilden w�rde. Inzwischen hatte Gabinius erkannt, dass es ein Fehler gewesen war, Catulus das Wort zu erteilen. Die Wintertage waren kurz, und der Wahlgang musste bis Sonnenuntergang abgeschlossen sein. Er schnitt dem ehemaligen Konsul r�de das Wort ab und sagte, er habe seinen Standpunkt klargemacht, und es sei nun an der Zeit, die Angelegenheit an der Wahlurne zu einem Ende zu bringen. Daraufhin sprang Roscius auf und versuchte den formalen Antrag zu stellen, das Oberkommando zu teilen. Das Volk war jedoch inzwischen so aufgebracht, dass es ihm die Anh�rung verweigerte. Es entstand ein derart ohrenbet�ubendes Geschrei, dass - so erz�hlte man sich sp�ter - ein gerade �ber das Forum fliegender Rabe tot vom Himmel fiel. Angesichts des Aufruhrs konnte Roscius nichts weiter tun, als mit zwei erhobenen Fingern sein Veto gegen das Gesetz einzulegen und gleichzeitig zum Ausdruck zu bringen, dass er zwei Oberbefehlshaber bevorzuge. Beim Versuch, per Abstimmung einen zweiten Volkstribun aus dem Amt jagen zu wollen, dar�ber war sich Gabinius im Klaren, w�rde ihm nicht nur das Sonnenlicht abhanden kommen, sondern auch die M�glichkeit, das Oberkommando noch heute beschlie�en zu lassen. Und wer konnte wissen, was die Aristokraten aus dem Hut zauberten, wenn man ihnen die Gelegenheit gab, ihre Kr�fte �ber Nacht neu zu formieren? Also wandte er Roscius einfach den R�cken zu und gab die Gesetzesvorlage ungeachtet des Einspruchs zur Abstimmung frei.</p><p>�Das war's�, sagte Cicero zu mir, w�hrend die Wahlhelfer wieder zu ihren Pl�tzen zur�ckliefen. �Die Sache ist durch. Lauf zu Pompeius' Haus und sag Bescheid, dass sofort jemand zum General rausreiten soll. Und zwar mit folgender Botschaft, schreib auf: &gt;Das Gesetz ist angenommen. Der Oberbefehl geht an dich. Sofortige R�ckkehr nach Rom erforderlich, noch heute Abend. Zur Stabilisierung der Lage ist deine Anwesenheit unerl�sslich. Gezeichnet, Cicero.&lt;� Ich kontrollierte, ob ich auch alles richtig notiert hatte, und machte mich dann schleunigst auf den Weg, w�hrend Cicero sich erneut unter die Menschen mischte und ohne Zweifel wieder voll in seinem Element war. Er schmeichelte, floss �ber vor Liebensw�rdigkeit, platzierte das eine oder andere mitf�hlende Wort und gelegentlich wohl auch eine Drohung -entsprechend seiner Philosophie, dass es nichts gab, was man mit Worten nicht aus der Welt schaffen oder wieder ins Lot bringen konnte. </p><p>*</p><p>Und so wurde mit der von allen Wahlbezirken einstimmig beschlossenen <emphasis>lex Gabinia</emphasis> ein Gesetz verabschiedet, das gewaltige Auswirkungen haben sollte - f�r alle pers�nlich Betroffenen, f�r Rom, f�r die Welt.</p><p>Mit Einbruch der Dunkelheit leerte sich das Forum, und die K�mpfer zogen sich in ihre jeweiligen Hauptquartiere zur�ck - der harte Kern der Aristokraten in Catulus' Haus auf der Kuppe des Palatin, die Anh�nger von Crassus in dessen bescheidenere Behausung ein St�ck weiter unten am selben H�gel, und die siegreichen Pompeianer in die Villa ihres Anf�hrers auf dem Esquilin. Wie �blich hatte der Erfolg seine fruchtbare Zauberkraft entfaltet, und so dr�ngelten sich nach meiner Sch�tzung mindestens zwanzig Senatoren in Pompeius' Tablinum, tranken seinen Wein und erwarteten seine siegreiche R�ckkehr. Kandelaber tauchten den Raum in helles Licht. Alkohol, Schwei�, laute M�nnergespr�che - es herrschte eine Atmosph�re wie so oft, wenn sich gro�e Spannungen l�sen. Caesar, Afranius, Palicanus, Varro, Gabinius und Cornelius hatten sich eingefunden, waren aber in der Minderzahl gegen�ber den neuen Gesichtern. Ich kann mich nicht mehr an alle Namen erinnern. Lucius Torquatus und sein Vetter Aulus waren bestimmt anwesend, ebenso Metellus Nepos und Lentulus Marcellinus, zwei weitere angesehene junge Aristokraten. Cornelius Sisenna (der einer der leidenschaftlichsten Anh�nger von Verres gewesen war), die Exkonsuln Lentulus Clodianus und Gellius Publicola (jener Gellius, der immer noch unter Ciceros Witz �ber die Athener Philosophenkonferenz litt) hatten die F��e hochgelegt und f�hlten sich schon ganz wie zu Hause. Cicero selbst sa� in einem angrenzenden Zimmer �ber der Dankesrede, die Pompeius morgen halten w�rde. Damals wunderte ich mich dar�ber, dass er so still war, aber im Nachhinein glaube ich, dass er vielleicht intuitiv sp�rte, dass sich ein Riss im Gef�ge des Staates aufgetan hatte, den selbst er mit seinen Worten nur schwer w�rde kitten k�nnen. Alle paar Minuten schickte er mich in den Flur, um nachzusehen, ob Pompeius schon eingetroffen war.</p><p>Kurz vor Mitternacht erschien ein Bote mit der Nachricht, dass Pompeius auf der Via Latina Richtung Rom unterwegs sei. F�r den Fall, dass seine Feinde eine letzte verzweifelte Aktion planten, standen etwa zwanzig von Pompeius' Veteranen an der Porta Capena bereit, um ihn mit Fackeln nach Hause zu geleiten. Eine �berfl�ssige Vorsichtsma�nahme, denn Quintus, der mit den Vorstehern der Stadtteile fast die ganze Nacht auf den Beinen gewesen war, berichtete seinem Bruder, dass es auf den Stra�en ruhig sei. Schlie�lich k�ndigten Bravorufe seine Ankunft an, und im n�chsten Augenblick stand Pompeius mitten unter uns - gr��er denn je, grinsend, H�nde sch�ttelnd, Schultern klopfend; sogar ich bekam einen freundlichen Klaps ab. Die Senatoren forderten lautstark eine Ansprache, worauf Cicero eine Spur zu laut anmerkte: �Er kann noch nicht sprechen, ich habe die Rede noch nicht fertig.� Einen Augenblick lang verdunkelte sich Pompeius' Gesicht, aber wieder war es Caesar, der Cicero zu Hilfe eilte, indem er in br�llendes Gel�chter ausbrach. Pompeius fing an zu grinsen und drohte Cicero gespielt vorwurfsvoll mit dem Finger, worauf sich die Atmosph�re augenblicklich entspannte und in die sp�ttelnde Stimmung einer Offiziersmesse verwandelte, wo der triumphierende Kommandeur gar nichts anderes erwartet, als auf den Arm genommen zu werden.</p><p>Bei dem Wort <emphasis>Imperium</emphasis> muss ich immer an Pompeius denken - an den Pompeius, der sich in jener Nacht �ber eine Karte des Mittelmeerraumes beugte und Herrschaftsbefugnisse �ber Land- wie Seegebiete so beil�ufig verteilte, wie er seinen Wein ausschenkte (�Marcellinus, du kannst das Libysche Meer haben, und du, Torquatus, nimmst dann Ostspanien ...�); und an den Pompeius, der am n�chsten Morgen zum Forum ging, um seine Beute einzufordern. Die Chronisten sch�tzten sp�ter, dass etwa zwanzigtausend Menschen ins Zentrum Roms gestr�mt waren, um seine Weihe zum Oberbefehlshaber der Welt mitzuerleben. Angesichts der riesigen Menge wagten nicht einmal Catulus und Hortensius eine letzte Aktion des Widerstands, obwohl sie, da bin ich mir sicher, gern noch einen weiteren Versuch unternommen hatten. Stattdessen waren sie und die anderen Senatoren gen�tigt, gute Miene zum b�sen Spiel zu machen. Bezeichnenderweise war Crassus nicht einmal dazu in der Lage, er kam erst gar nicht. Pompeius sagte nicht viel, er begn�gte sich mit einigen von Cicero formulierten Beteuerungen dem�tiger Dankbarkeit und einem Appell, die Einheit der Nation zu bewahren. Allerdings waren viele Worte auch nicht n�tig: Allein seine Anwesenheit und das in ihn gesetzte Vertrauen hatten daf�r gesorgt, dass der Getreidepreis auf den M�rkten um die H�lfte gefallen war. Er beschloss seine Rede mit einigen herrlich theatralischen S�tzen, die nur Ciceros Geist entsprungen sein konnten: �Ich werde nun wieder jene R�stung anlegen, die mir einst so teuer und vertraut gewesen ist, und den geweihten roten Umhang des r�mischen Befehlshabers im Felde. Und ich werde ihn erst wieder ablegen, wenn Rom siegreich aus diesem Krieg hervorgegangen ist -oder ich werde diesen Kampf nicht �berleben!� Er hob seine Hand zum Gru� und verlie� das Podium -wurde auf einer Woge st�rmischen Beifalls vom Podium getragen, das trifft es wohl besser. Der Applaus war noch nicht verklungen, da tauchte seine Gestalt hinter der Rostra pl�tzlich wieder auf: Mit festen Schritten stieg er die Stufen zum Kapitol hinauf. Er trug das <emphasis>paludamentum,</emphasis> den leuchtend scharlachroten Umhang, der das Kennzeichen jedes r�mischen Prokonsuls im aktiven Dienst ist. W�hrend die Menschen vor Begeisterung au�er Rand und Band gerieten, schaute ich zu der Stelle, wo Cicero und Caesar standen. Cicero schien gleichzeitig belustigt wie angewidert zu sein, Caesar hingegen sah dem Treiben v�llig verz�ckt zu, als t�te er einen Blick in seine eigene Zukunft. Pompeius verschwand im Tempel der Kapitolinischen Trias, wo er Jupiter einen Bullen opferte, um danach sofort, ohne sich von Cicero oder sonst jemandem zu verabschieden, die Stadt zu verlassen. Es sollte sechs Jahre dauern, bis er nach Rom zur�ckkehrte.</p></section><section><title><p id="_bookmark22">KAPITEL XIII</p></title><p>Bei den j�hrlichen Wahlen f�r die Pr�tur in jenem Sommer hatte Cicero am besten abgeschnitten. Als Folge des Gezerres um die <emphasis>lex Gabinia</emphasis> war das Vertrauen der politischen Parteien untereinander v�llig zerst�rt, sodass der Wahlkampf h�sslich und r�pelhaft gewesen war. Ich habe Ciceros Brief an Atticus vor mir liegen, in dem er seinen Ekel �ber alle Aspekte des �ffentlichen Lebens zum Ausdruck brachte: �Du w�rdest es nicht glauben, wie schnell und wie verwahrlost sie alle seit deiner Abreise geworden sind.� Zweimal hatten die Wahlen abgebrochen werden m�ssen, weil es auf dem Marsfeld zu w�sten Schl�gereien gekommen war. Cicero hatte Crassus im Verdacht, Unruhestifter angeheuert zu haben, um die Wahlen zu sabotieren, konnte aber nichts beweisen. Was auch immer dahintersteckte, es dauerte jedenfalls bis September, bevor die acht gew�hlten Pr�toren im Senat zusammenkamen, damit festgelegt werden konnte, wer im kommenden Jahr f�r welchen Gerichtshof den Vorsitz �bernehmen w�rde. Die Entscheidung wurde wie �blich durch das Los getroffen.</p><p>Das begehrteste Amt war das des Stadtpr�tors, der in jenen Tagen die gesamte Gerichtsbarkeit unter sich hatte, hinter den beiden Konsuln der dritte Mann im Staat und au�erdem f�r die Ausrichtung der Spiele des Apollo verantwortlich war. War das der Haupttreffer unter den zu verteilenden Posten, so war der Gerichtshof f�r Veruntreuungen der, den man unter allen Umst�nden vermeiden wollte: Er war geradezu niederschmetternd langweilig. �Nat�rlich w�re mir die Stadtpr�tur am liebsten�, vertraute mir Cicero auf dem Weg zum Senat an. �Ganz ehrlich, wenn ich bei &gt;Veruntreuungen&lt; ein Jahr lang Akten w�lzen muss, dann h�nge ich mich auf. Mit allem anderen kann ich leben.� Er war aufger�umter Stimmung an jenem Morgen. Die Wahlen waren endlich vorbei, und er hatte die meisten Stimmen bekommen. Pompeius hatte nicht nur Rom, sondern inzwischen auch Italien verlassen, sodass Cicero von keinem m�chtigen Mann mehr �berragt wurde. Er war dem Konsulat jetzt sehr nah - so nah, dass er es fast ber�hren konnte.</p><p>Wenn �mterverlosungen anstanden, sich also die hohe Politik mit dem Gl�cksspiel verband, war der Senat immer bis auf den letzten Platz besetzt. Als wir eintrafen, befand sich die Mehrheit der Senatoren schon im Saal. Cicero wurde ein lautstarker Empfang bereitet: Seine alten Anh�nger unter den <emphasis>pedarii</emphasis> bejubelten ihn, die Aristokraten wurden ausfallend. Crassus, der wie �blich mit ausgestreckten Beinen auf der Konsulnbank in der ersten Reihe sa�, beobachtete seinen Einzug mit halb geschlossenen Augen - wie eine gro�e Katze, die sich schlafend stellt, w�hrend ein kleiner Vogel vorbeitrippelt. Die Wahl war im Gro�en und Ganzen so ausgegangen, wie Cicero erwartet hatte. Wenn ich nun die Namen der gew�hlten Pr�toren nenne, so glaube ich, dass man dadurch einen guten Eindruck bekommt, wie es zu jener Zeit um die Politik bestellt war.</p><p>Neben Cicero gab es nur noch zwei M�nner mit unbestrittenen F�higkeiten, die gelassen daraufwarteten, ihr Los zu ziehen. Der bei weitem f�higste war Aquilius Gallus, der schon ein angesehener Richter war und den so mancher f�r einen noch besseren Rechtsanwalt als Cicero hielt. Tats�chlich war er eine Art Vorbild f�r Cicero -brillant, bescheiden, gerecht, freundlich, ein Mann von exquisitem Geschmack, der in einer pr�chtigen Villa auf dem Viminal lebte. Cicero spielte mit dem Gedanken, den �lteren zu fragen, ob er mit ihm zusammen f�r das Konsulat kandidieren wolle. Gleich nach Gallus, zumindest was W�rde und Gesetztheit anging, kam Sulpicius Galba, der aus einer distinguierten Aristokratenfamilie stammte und in dessen Atrium die Masken von so vielen Konsuln hingen, dass er sicher einer von Ciceros Rivalen um das Konsulat sein w�rde. Aber so rechtschaffen und f�hig er war, so schroff und arrogant war er auch, was sich bei einem knappen Rennen als Nachteil erweisen w�rde. Meiner Meinung nach der Viertbeste war Quintus Cornificius, auch wenn Cicero gelegentlich �ber seine Albernheiten lauthals lachte. Er war ein religi�ser Fundamentalist, der sich endlos dar�ber auslassen konnte, dass man unbedingt etwas gegen den Sittenverfall in Rom unternehmen m�sse - der �Kandidat der G�tter�, wie Cicero ihn nannte. Was die Eignung der anderen betrifft, f�rchte ich, ging es nun steil bergab: Bemerkenswerterweise waren die vier anderen gew�hlten Pr�toren allesamt M�nner, die man schon einmal aus dem Senat ausgeschlossen hatte, entweder wegen finanzieller oder moralischer Defizite. Der �lteste war Varinius Glaber, einer jener schlauen, verbitterten M�nner, die glauben, ein erfolgreiches Leben vor sich zu haben, und dann fassungslos vor dessen Tr�mmern stehen. Vor sieben Jahren war er schon einmal Pr�tor gewesen und hatte vom Senat das Kommando �ber eine Armee bekommen, um den Aufstand des Spartacus niederzuschlagen. Seine schwachen Legionen waren jedoch von den aufst�ndischen Sklaven wiederholt besiegt worden, worauf er sich gedem�tigt aus dem �ffentlichen Leben zur�ckgezogen hatte. Dann war da der von einem gro�en W�hlerverein unterst�tzte Gaius Orchivius -�jede Menge Tatendrang, null Talent�, wie Cicero ihn charakterisierte. Den siebten Platz in meiner F�higkeitenrangliste nahm Cassius Longinus ein, �das Schmalzfass auf zwei Beinen� oder, wie manche behaupteten, der dickste Mensch Roms. Bleibt Nummer acht, der kein anderer war als Antonius Hybrida, der S�ufer mit dem Sklavenm�dchen, dem Cicero seine Hilfe bei den Wahlen mit dem Hintergedanken zugesagt hatte, dass er sich dann wenigstens um den Ehrgeiz dieses einen Pr�tors keine Sorgen mehr zu machen brauchte. �Wei�t du, warum man ihn &gt;Hybrida&lt; nennt?�, fragte mich Cicero einmal. �Weil er halb Idiot, halb Mensch ist. Ich pers�nlich w�rde ihm nicht mal die eine H�lfte zubilligen.�</p><p>Die G�tter jedoch, denen Cornificius so zugetan war, wissen solche Hybris zu strafen, und so lie�en sie Cicero die ihm geb�hrende Strafe an jenem Tag zukommen. Die Lose lagen in einer antiken Urne, die schon seit Jahrhunderten f�r diesen Zweck benutzt wurde, und der pr�sidierende Konsul Glabrio rief die Kandidaten in alphabetischer Reihenfolge auf, was bedeutete, dass Antonius Hybrida als Erster das Los zog. Er steckte seine zitternde Hand in die Urne, nahm ein T�felchen heraus, gab es Glabrio, der eine Augenbraue lupfte und dann sagte: �Stadtpr�tor.� Einen Augenblick lang herrschte Stille, doch dann brach ein derart br�llendes Gel�chter los, dass die unter dem Dach hockenden Tauben in einer spritzenden Wolke aus Kot und Federn davonstoben. Hortensius und einige andere Aristokraten, die gewusst hatten, dass Cicero Hybrida unterst�tzt hatte, zeigten auf ihn und stie�en sich gegenseitig h�hnisch grinsend in die Rippen. Crassus w�re vor Wonne fast von seiner Bank gefallen, w�hrend Hybrida selbst - der nun bald der dritte Mann im Staat sein w�rde - in den Saal strahlte und das Hohngel�chter f�lschlicherweise als Freude �ber sein Losgl�ck deutete.</p><p>Ich konnte Ciceros Gesicht nicht sehen, aber ich konnte mir denken, was ihm durch den Kopf ging: dass sein Pech nun sicher auch noch dadurch gekr�nt w�rde, dass er �Veruntreuungen� erhielt. Gallus zog als N�chster und bekam das Gericht, das f�r das Wahlrecht zust�ndig war; Longinus, der Fette, zog Landesverrat, und als G�tterkandidat Cornificius das Gericht f�r Strafsachen zufiel, sahen Ciceros Chancen allm�hlich ziemlich schlecht aus -und zwar derma�en schlecht, dass ich nun mit dem Schlimmsten rechnete. Gl�cklicherweise erhielt der N�chste an der Urne, Orchivius, das Gericht f�r Veruntreuungen. Nachdem Galba mit der Prozessf�hrung von Verbrechen gegen den Staat betraut worden war, blieben f�r Cicero nur noch zwei M�glichkeiten - das vertraute Terrain des Gerichtshofes f�r Erpressungen oder der Posten des Fremdenpr�tors, als der er im Grunde nichts weiter als Hybridas Stellvertreter w�re: ein bitteres Schicksal f�r den schlauesten Mann der Stadt. Als er auf das Podium stieg, um sein Los zu ziehen, sch�ttelte er kl�glich den Kopf - da kannst du planen, was du willst, schien die Geste zu besagen, aber am Ende h�ngt in der Politik doch alles am Gl�ck. Er griff in die Urne und zog - Erpressungen.</p><p>Es lag eine gewisse wohltuende Symmetrie darin, dass es Glabrio war, der fr�here Vorsitzende ebenjenes Gerichtshofes, in dem Cicero sich seinen Namen gemacht hatte, der die Ernennung verlas. Das Amt des Fremdenpr�tors ging folglich an das Spartacus-Opfer Varinius. Damit war die Leitung der Gerichtsh�fe f�r das kommende Jahr festgelegt und das vorl�ufige Starterfeld f�r das Rennen um das Konsulat abgesteckt. </p><p>*</p><p>Im Trubel der politischen Ereignisse habe ich vers�umt zu erw�hnen, dass Pomponia im Fr�hjahr schwanger geworden war - ein Beweis, wie Cicero triumphierend anmerkte, als er Atticus die Neuigkeit in einem Brief mitteilte, dass die Ehe zwischen Pomponia und Quintus doch funktioniere. Kurz nach den Wahlen zur Pr�tur wurde das Kind geboren, ein gesunder Junge. Es erf�llte mich mit gro�em Stolz und war ein Zeichen f�r die wachsende Bedeutung meiner Stellung innerhalb der Familie, dass man mich zu den Feierlichkeiten am <emphasis>dies lustricus</emphasis> einlud, dem Tag der rituellen Waschung neun Tage nach der Geburt. Die Zeremonie fand direkt neben Ciceros Haus im Tempel der Tellus statt. Ich bezweifle, ob es jemals einen vernarrteren Onkel gegeben hat als Cicero, der als Geschenk zur Namensgebung seines Neffen einen Silberschmied mit der Anfertigung eines pr�chtigen Amuletts beauftragte. Erst nachdem der Priester den kleinen Quintus mit geweihtem Wasser gesegnet und Cicero den S�ugling auf den Arm genommen hatte, wurde mir erst richtig bewusst, wie gern er selbst einen Sohn gehabt h�tte. Ein Gro�teil seiner wie auch jedes anderen Mannes Motivation, das Konsulat anzustreben, hat sicher darin gelegen, dass dadurch sein Sohn, sein Enkel und alle weiteren Nachkommen bis in alle Ewigkeit das <emphasis>ius imaginum</emphasis> besa�en und nach seinem Tod sein Portr�t im Atrium des Familiensitzes ausstellen konnten. Was hatte es f�r einen Sinn, ein ruhmreiches Geschlecht zu begr�nden, wenn es wieder ausstarb, bevor es sich richtig entfalten konnte? Ich warf einen kurzen Blick hin�ber zu Terentia, und mir fiel auf, dass sie sehr genau beobachtete, wie Cicero mit dem R�cken seines kleinen Fingers die Wange des S�uglings streichelte. Da wusste ich, dass ihr genau die gleichen Gedanken durch den Kopf gingen.</p><p>Die Geburt eines Kindes f�hrt oft zu einer gr�ndlichen Neubewertung der Zukunft, und ich bin sicher, dass Cicero deshalb schon kurz nach der Geburt seines Neffen die Verlobung Tullias zu betreiben begann. Sie war jetzt zehn Jahre alt und nach wie vor sein ganzer Augenstern. Trotz aller Beanspruchung durch seine Arbeit als Anwalt und Politiker verging kaum ein Tag, an dem er sich nicht zumindest kurz freimachte, um ihr vorzulesen oder mit ihr irgendein Spiel zu spielen. Mit der f�r ihn typischen Mischung aus Zartgef�hl und Gerissenheit besprach er seinen Plan zuerst mit ihr selbst und nicht mit Terentia. �Ich m�chte dich was fragen, Tulla�, sagte er eines Morgens, als wir drei allein in seinem Arbeitszimmer waren. �M�chtest du eigentlich mal heiraten?� Als sie antwortete, dass sie sehr gern heiraten w�rde, fragte er, wen sie denn von allen Menschen auf der Welt am liebsten heiraten w�rde.</p><p>�Tiro!�, schrie sie und schlang mir die Arme um die H�fte.</p><p>�Ich f�rchte, Tiro hat gar keine Zeit f�r eine Frau, er muss mir doch dauernd helfen�, sagte er ernst. �Wen noch?�</p><p>Da sie nur �ber einen begrenzten Bekanntenkreis aus m�nnlichen Erwachsenen verf�gte, dauerte es nicht lange, und sie nannte Frugi, der seit der Verres-Geschichte so viel Zeit mit Cicero verbracht hatte, dass er fast schon zur Familie geh�rte.</p><p>�Frugi!�, rief Cicero, als w�re ihm selbst der Gedanke noch nicht gekommen. �Eine wundervolle Idee! Und du bist dir ganz sicher, dass er der Richtige ist? Ehrlich? Also los, dann gehen wir gleich zur Mama und sagen es ihr.�</p><p>Und so fand sich Terentia auf ihrem ureigenen Terrain von ihrem eigenen Mann so kunstfertig ausgetrickst, als sei sie irgendein Aristokraten-Hohlkopf aus dem Senat. Nicht dass sie an Frugi etwas auszusetzen gehabt h�tte, er war eine selbst nach ihren Ma�st�ben mehr als angemessene Partie - ein sanftm�tiger und gewissenhafter junger Mann, einundzwanzig Jahre alt, aus �u�erst vornehmer Familie. Aber sie war nat�rlich viel zu intelligent, um nicht zu erkennen, dass Cicero eben die zweitbeste M�glichkeit ergriff, wenn er schon keinen eigenen Sohn haben konnte - n�mlich einen Ersatzmann auszubilden, dem er eine Karriere im �ffentlichen Leben ebnen konnte. Diese Erkenntnis empfand sie zweifellos als Bedrohung, und Terentia war ein Mensch, der auf Bedrohungen immer sehr heftig reagierte. Die Verlobungszeremonie im November ging noch glatt �ber die B�hne: Unter den zustimmenden Blicken beider Familien und deren Haushaltsmitgliedern streifte der sch�chterne Frugi seiner Verlobten, die er im �brigen sehr mochte, den Ring �ber den Finger, und man legte fest, dass die Hochzeit in f�nf Jahren stattfinden w�rde, wenn Tullia in die Pubert�t k�me. Aber noch am gleichen Abend lieferten sich Cicero und Terentia eines der heftigsten Wortgefechte ihrer Ehe. Es begann im Tablinum, und es fing so pl�tzlich an, dass ich mich nicht mehr rechtzeitig verdr�cken konnte. Cicero hatte irgendeine harmlose Bemerkung dar�ber gemacht, wie herzlich die Frugis Tullia aufgenommen h�tten, worauf die schon eine ganze Zeit lang bedrohlich schweigsame Terentia erwidert hatte, dass sie sich tats�chlich sehr gut benommen h�tten - <emphasis>in Anbetracht der Umst�nde.</emphasis></p><p>�In Anbetracht <emphasis>welcher</emphasis> Umst�nde?�, fragte Cicero verdrossen. Offensichtlich hatte er sich damit abgefunden, dass ein Streit mit Terentia so unausweichlich sei wie ein verdorbener Magen nach einer schlechten Auster und dass er die Angelegenheit am besten gleich heute Abend hinter sich brachte.</p><p>�In Anbetracht der Verbindungen, die sie hergestellt haben�, erwiderte sie und kam dann sehr schnell zu den Themen, �ber die sie sich am leidenschaftlichsten erregen konnte - die sch�ndliche Art, wie sich Cicero Pompeius und seiner Provinzsippschaft an den Hals werfe, dass sich deshalb die Familie in Widerspruch zu den ehrenwertesten Familien im Staat bef�nde, und die zunehmende Macht des P�bels, die erst durch die gesetzwidrige Annahme der <emphasis>lex Gabinia</emphasis> m�glich geworden sei. Ich kann mich zwar nicht mehr an alles erinnern, aber was spielt das schon f�r eine Rolle? Wie bei den meisten Ehestreitigkeiten ging es nicht um die Sache selbst, sondern um etwas v�llig anderes - n�mlich um ihr Versagen, keinen Sohn geboren zu haben, und die daraus resultierende, fast v�terliche Zuneigung Ciceros zu Frugi. Allerdings entsinne ich mich an Ciceros schroffe Reaktion: dass Pompeius vielleicht nicht ohne Fehler, aber unbestritten ein herausragender Soldat sei und dass er, nachdem man ihm das Sonderkommando �bertragen habe, eine Kriegsflotte aufgestellt und die Seer�ubergefahr in nur neunundvierzig Tagen aus der Welt geschafft habe. Genauso gut erinnere ich mich aber auch an Terentias vernichtende Replik, dass, wenn man die Piraten tats�chlich in sieben Wochen v�llig vernichtet habe, die Bedrohung vielleicht gar keine so gro�e gewesen, sondern diese von Cicero und seinen Freunden nur aufgebauscht worden sei. An dieser Stelle schaffte ich es, unbemerkt aus dem Zimmer und in mein K�mmerchen zu schleichen, sodass ich �ber den Rest der Unterhaltung keine Auskunft geben kann. Allerdings blieb in den folgenden Tagen die Stimmung im Haus so zerbrechlich wie neapolitanisches Glas.</p><p>�Siehst du jetzt, unter was f�r einem Druck ich stehe?�, jammerte Cicero mir am n�chsten Morgen vor und massierte sich mit den Handkn�cheln die Stirn. �Nirgendwo l�sst man mich in Ruhe, nicht in der Politik und in meiner Freizeit auch nicht.�</p><p>Was Terentia anging, so steigerte sie sich immer mehr in ihre vermeintliche Unfruchtbarkeit hinein. Sie ging jetzt t�glich zum Beten in den Tempel der Bona Dea auf dem Aventin. Auf dem Gel�nde, dessen innerstes Heiligtum kein Mann betreten durfte, wimmelte es von harmlosen Schlangen, die die Fruchtbarkeit fordern sollten. Eins ihrer M�dchen erz�hlte mir, dass sie in ihrem Schlafzimmer einen kleinen Schrein f�r die G�ttin Juno aufgestellt hatte.</p><p>Ich glaube, dass Cicero insgeheim Terentias Meinung �ber Pompeius teilte. So ruhmreich sein Sieg war, so verd�chtig schnell lief die Operation ab (�am Ende des Winters organisiert�, wie Cicero formulierte, �Anfang Fr�hling begonnen, in der Mitte des Sommers abgeschlossen�). Man konnte sich schon fragen, ob ein auf dem �blichen Weg berufener Kriegsherr die Aufgabe nicht genauso gut erledigt h�tte. Trotzdem gab es an Pompeius' Erfolg nichts zu r�tteln. Die Piraten waren wie ein Teppich aufgerollt worden - aus den Gew�ssern zwischen Sizilien und Afrika Richtung Osten durch das Illyrische Meer bis nach Achaea. Dann wurden sie aus ganz Griechenland vertrieben und schlie�lich von Pompeius selbst in ihrer letzten gro�en Festung in Coracesium in Kilikien festgesetzt. In einer gewaltigen Schlacht zu Wasser und zu Land wurden zehntausend Piraten get�tet, viertausend Schiffe zerst�rt und weitere zwanzigtausend Mann gefangen genommen. Allerdings lie� er diese nicht kreuzigen, wie es Crassus sicher getan h�tte, sondern siedelte sie samt ihrer Frauen und Familien in den entv�lkerten St�dten im Landesinneren von Griechenland und Kleinasien wieder an. Mit der ihm eigenen Bescheidenheit benannte er eine der St�dte in Pompeiopolis um. Nichts von all dem tat er in Absprache mit dem Senat.</p><p>Cicero verfolgte das fantastische Vorr�cken seines G�nners mit gemischten Gef�hlen (�Pompeiopolis! Bei allen G�ttern, wie <emphasis>vulg�r!�).</emphasis> Nicht zuletzt deshalb, weil er wusste, je aufgeblasener Pompeius durch seinen Erfolg wurde, desto l�nger wurde der Schatten, den er auf seine eigene Karriere warf. Akribische Planung und �berw�ltigende zahlenm��ige �berlegenheit: Das waren die von Pompeius' bevorzugten Strategien auf dem Schlachtfeld wie in Rom, und sobald Phase eins seines Feldzugs - die Vernichtung der Seer�uber -abgeschlossen war, lief auf dem Forum Phase zwei an. Gabinius begann daf�r zu agitieren, Lucullus das Kommando �ber die Legionen im Osten zu entziehen und Pompeius zu �bertragen. Dabei griff er zum gleichen Trick wie schon f�r seine <emphasis>lex Gabinia.</emphasis> Er nutzte seine Vollmachten als Volkstribun und lie� auf der Rostra Zeugen aufmarschieren, die dem Volk ein erb�rmliches Bild vom Krieg gegen Mithridates zeichneten. Einige Legionen, die schon seit Jahren nicht mehr bezahlt worden seien, h�tten sich schlicht geweigert, aus ihrem Winterlager auszur�cken. Der Armut der k�mpfenden Truppe stellte Gabinius den gewaltigen Reichtum ihres aristokratischen Befehlshabers gegen�ber, der so viel Kriegsbeute nach Rom habe schaffen lassen, dass er sich vor den Toren der Stadt einen ganzen H�gel habe kaufen k�nnen und dort jetzt einen gro�en Palast baue, dessen prunkvolle Gem�cher nach den G�ttern benannt seien. Gabinius lie� Lucullus' Architekten vorladen und zwang sie, auf der Rostra dem Volk alle Pl�ne und Modelle des Palastes zu zeigen. Seit jener Zeit ist Lucullus' Name ein Synonym f�r unversch�mten Luxus. Die aufgebrachten B�rger verbrannten auf dem Forum eine Puppe von ihm.</p><p>Im Dezember schieden die Tribunen Gabinius und Cornelius aus ihren �mtern aus, und eine neue Pompeius-Marionette, der designierte Volkstribun Gaius Manilius, wahrte von nun an dessen Interessen in den Volksversammlungen. Als Erstes brachte er ein Gesetz ein, das vorsah, Pompeius den Oberbefehl im Krieg gegen Mithridates sowie die Verwaltung der Provinzen Asia, Kilikien und Bithynien zu �bertragen - die beiden letzteren wurden von Lucullus verwaltet. Sollte sich Cicero auch nur leise Hoffnungen gemacht haben, das Thema m�ge unbemerkt an ihm vor�berziehen, so wurden sie zerst�rt, als Gabinius ihn mit einer Botschaft von Pompeius aufsuchte. Darin brachte der General knapp seine besten W�nsche zum Ausdruck sowie die Hoffnung, dass er, Cicero, die <emphasis>lex Manilia</emphasis> �mit all ihren Bestimmungen� nicht nur hinter den Kulissen, sondern in aller �ffentlichkeit -auf der Rostra - unterst�tzen m�ge.</p><p>�Mit all ihren Bestimmungen�, wiederholte Gabinius und grinste hochn�sig. �Du wei�t, was das bedeutet.�</p><p>�Ich nehme an, das schlie�t eine Verf�gung ein, dir das Kommando �ber die Legionen am Euphrat zu �bertragen, was wiederum bedeutet, dass du nach Ablauf deiner Amtszeit als Volkstribun Immunit�t vor jeglicher Strafverfolgung genie�t.�</p><p>�In der Tat.� Gabinius streckte grinsend die Brust vor und lieferte mit schnaufender Stimme eine passable Pompeius-Imitation ab. �&gt;Ist er nicht klug, meine Freunde? Hab ich's nicht immer gesagt?&lt;�</p><p>�Reg dich wieder ab, Gabinius�, sagte Cicero verdrossen. �Du kannst sicher sein, dass ich mir niemanden vorstellen kann, den ich lieber am Euphrat s�he.�</p><p>Den Pr�gelknaben f�r einen gro�en Mann abzugeben ist in der Politik eine gef�hrliche Rolle. Aber genau die musste Cicero jetzt spielen.</p><p>M�nner, die sich offen nie ausf�llig oder kritisch gegen�ber Pompeius �u�ern w�rden, konnten ungestraft auf sein Advokatensprachrohr eindreschen, und jeder w�rde wissen, wer gemeint war. Aber vor dem direkten Befehl eines Oberkommandierenden gab es kein Entkommen, und so erhielt Cicero zum ersten Mal Gelegenheit, auf der Rostra zu sprechen. Er gab sich enorm viel M�he mit der Rede, diktierte sie mir schon mehrere Tage vorher und gab sie dann Quintus und Frugi zur Stellungnahme. Er war umsichtig genug, sie Terentia nicht zu zeigen, denn er wusste, dass er vorab eine Abschrift an Pompeius schicken und deshalb tief in den Honigtopf greifen musste. (Beispielsweise sehe ich anhand des vor mir liegenden Manuskripts, dass Pompeius' ��berirdische Genialit�t als Heerf�hrer� auf Quintus' Empfehlung hin in ��berirdische <emphasis>und unglaubliche</emphasis> Genialit�t als Heerf�hrer� abge�ndert wurde.) Um Pompeius' Erfolgsbilanz auf den Punkt zu bringen, fiel ihm ein brillanter Slogan ein - �ein Gesetz, ein Mann, ein Jahr�. Mit dem Rest der Rede plagte er sich noch stundenlang herum. Wenn er auf der Rostra versagte, das wusste er sehr genau, bedeutete das einen R�ckschlag f�r seine Karriere. Seine Feinde w�rden behaupten, ihm fehle einfach die Volkst�mlichkeit, um das Herz des einfachen Mannes anzur�hren. Am Morgen der Rede wurde ihm vor Aufregung schlecht. In der Latrine stand ich mit dem Handtuch neben ihm, w�hrend er sich ein ums andere Mal �bergab. Er war so wei� und sah so zerschlagen aus, dass ich mich wirklich fragte, ob er es bis aufs Forum schaffen w�rde. Aber er glaubte fest daran, dass ein gro�er Redner vor dem Betreten der B�hne, und sei er noch so erfahren, immer Angst haben muss - �die Nerven m�ssen gespannt sein wie Bogensehnen, wenn die Pfeile fliegen sollen�. Als wir die R�ckseite der Rostra erreichten, war er bereit. Selbstredend hatte er keine Notizen dabei. Wir h�rten, wie Manilius ihn ank�ndigte und dann Applaus ert�nte. Es war ein herrlich klarer und heller Morgen; die Menschenmenge war riesig. Er zupfte die �rmel zurecht, richtete sich auf und stieg langsam hinauf in den L�rm und in das Licht.</p><p>Wieder waren es Catulus und Hortensius, die die Opposition gegen Pompeius anf�hrten. Aber sie hatten keine anderen Argumente anzubieten als die schon gegen die <emphasis>lex Gabinia</emphasis> vorgebrachten, sodass Cicero sich ausgiebig �ber sie lustig machen konnte. �Was will uns Hortensius denn nun sagen?�, fragte er sp�ttisch. �Dass, wenn man nur einen Mann mit dem Oberkommando betraue, Pompeius genau der Richtige sei, dass man aber das Oberkommando nicht nur einem Mann �bertragen d�rfe? Diese Art Argumentation ist erledigt, sie ist widerlegt, und zwar nicht durch Worte, sondern durch die Ereignisse. Du warst es, Hortensius, der den mutigen Gabinius daf�r gescholten hat, ein Gesetz eingebracht zu haben, das f�r den Kampf gegen die Piraten einen alleinigen Befehlshaber forderte. Und jetzt frage ich dich im Namen der G�tter: Wenn das r�mische Volk damals deiner Meinung und nicht seinem eigenen Wohl und seinen wahren Interessen gefolgt w�re, k�nnten wir dann heute den gleichen Ruhm genie�en, und k�nnten wir dann auch behaupten, die Herrscher �ber ein weltumspannendes Reich zu sein?� Und wenn Pompeius, so Cicero weiter, Gabinius zu einem seiner Legionskommandeure machen wolle, dann solle er es werden, denn kein Mann, au�er Pompeius selbst, habe so viel zum Sieg �ber die Piraten beigetragen wie Gabinius. �Und was mich betrifft�, schloss er seine Rede, �so werde ich die mir zur Gebote stehende Hingabe, Weisheit, Tatkraft und Begabung sowie das ganze Gewicht meines Amtes als Pr�tor, das ihr mir �bertragen habt, daf�r einsetzen, dieses Gesetz zu unterst�tzen. Und ich rufe alle G�tter als Zeugen an - vor allem die H�ter dieses geheiligten Ortes, die tief in die Herzen all derer blicken, die ins �ffentliche Leben eintreten -, dass ich weder so handle, um Pompeius gef�llig zu sein, noch in der Hoffnung, irgendwelche Gef�lligkeiten von ihm zu erhalten, sondern ausschlie�lich, um meinem Land zu dienen.� Damit verlie� er unter respektvollem Beifall die Rostra. Das Gesetz wurde angenommen, Lucullus seines Kommandos enthoben und Gabinius damit betraut. Was Cicero betraf, so hatte er zwar ein weiteres Hindernis auf dem Weg zum Konsulat genommen, war den Aristokraten aber nun noch verhasster als je zuvor.</p><p>In einem Brief an Cicero schilderte Varro Pompeius' Reaktion auf die Nachricht, dass er nun die vollst�ndige Kontrolle �ber die r�mischen Streitkr�fte im Osten habe. Als sich die Offiziere in seinem Hauptquartier in Ephesus um ihn dr�ngten, um ihm zu gratulieren, verzog er das Gesicht, schlug sich auf die Oberschenkel und sagte (laut Varro �mit �berdr�ssiger Stimme�): �Eine M�hsal nach der anderen l�dt man mir auf die Schultern. Und da soll man nicht schwerm�tig werden? Wenn einem gar keine Erholung vom Milit�rdienst verg�nnt ist, wenn man nie dem Neid entfliehen und nie darauf hoffen kann, mit seiner Frau ein ruhiges Landleben zu f�hren, dann w�re ich lieber einer der vielen Menschen, die niemand kennt.� Seine Scheinheiligkeit war nur schwer zu ertragen, vor allem weil alle Welt wusste, wie begierig er auf das Kommando gewesen war. </p><p>*</p><p>Der gesellschaftliche Aufstieg, den das Amt des Pr�tors mit sich brachte, bedeutete auch, dass Cicero zu seinem Schutz jetzt sechs Liktoren hatte, die ihn auf jedem Weg begleiteten. Er machte sich nicht das Geringste aus ihnen. Liktoren waren grobschl�chtige Kerle, man heuerte sie an, weil sie kr�ftig waren und ihnen Gewaltt�tigkeiten leicht von der Hand gingen: Wenn ein r�mischer B�rger zu einer Strafe verurteilt wurde, dann f�hrten sie sie aus. Was Auspeitschungen und Enthauptungen anging, waren sie sehr geschickt. Weil sie fest angestellt waren, hatten sich manche von ihnen �ber die Jahre so an ihre Macht gew�hnt, dass sie auf die Magistrate, zu deren Schutz sie abgestellt waren, herabschauten - vor�bergehende Erscheinungen, Politiker, heute noch wichtig, morgen schon nicht mehr. Cicero hasste es, wenn sie ihm r�de den Weg freimachten oder M�nnern befahlen, in Gegenwart eines Pr�tors die Kopfbedeckung abzunehmen oder vom Pferd zu steigen. Schlie�lich waren die so gedem�tigten Leute allesamt W�hler. Er wies die Liktoren an, h�flicher zu sein, was sie dann eine Zeit lang auch waren, um schon bald wieder in ihre alten Gewohnheiten zu verfallen. Ihr Anf�hrer, der <emphasis>proximus lictor,</emphasis> der dazu verpflichtet war, nie von Ciceros Seite zu weichen, war besonders widerw�rtig. Sein Name f�llt mir gerade nicht ein, aber er erz�hlte Cicero immer den neuesten Klatsch �ber die anderen Pr�toren und merkte gar nicht, dass ihn das in Ciceros Augen zutiefst verd�chtig machte. Die Geschichten wurden ihm nat�rlich von seinen Kollegen hinterbracht, und Cicero wusste nur zu gut, dass Klatsch Handelsware war und das Zahlungsmittel daf�r Berichte �ber seine eigene Person waren. �Diese Leute�, klagte Cicero eines Morgens mir gegen�ber, �sind eine Warnung f�r jeden Staat, der einen festen Beamtenstab unterh�lt. Am Anfang sind sie unsere Diener, und am Ende bilden sie sich ein, sie seien unsere Herren.�</p><p>Mit Ciceros Status verbesserte sich auch meiner. Wenn man der bekannte Privatsekret�r eines Pr�tors war, so stellte ich fest, legten die Leute, selbst wenn man Sklave war, eine ungewohnte H�flichkeit an den Tag. Cicero hatte mir schon im Voraus erz�hlt, dass Bittsteller mir sicher Geld anbieten w�rden, damit ich meinen Einfluss geltend machte. Als ich leidenschaftlich beteuerte, dass ich mich nie bestechen lassen w�rde, fiel er mir gleich ins Wort. �Du solltest ruhig etwas eigenes Geld haben, Tiro. Warum nicht? Ich bitte dich nur, mir zu erz�hlen, wer dir etwas bezahlt, und jedem, der dir etwas anbietet, klarzumachen, dass man mein Urteil nicht kaufen kann und ich meine Entscheidung immer aufgrund sachlicher Erw�gungen f�lle. Alles andere �berlasse ich deinem Urteilsverm�gen.� Diese Unterhaltung bedeutete mir sehr viel. Ich hatte immer gehofft, dass Cicero mich eines Tages in die Freiheit entlassen w�rde; dass er mir erlaubte, etwas eigenes Geld zu sparen, betrachtete ich als Vorbereitung auf diesen Tag. Die einlaufenden Betr�ge waren klein - f�nfzig Sesterzen hier, hundert da. Als Gegenleistung erwartete man zum Beispiel von mir, dass ich dem Pr�tor ein bestimmtes Dokument zur Kenntnis brachte oder ein Empfehlungsschreiben aufsetzte und ihm zur Unterschrift vorlegte. Die M�nzen wanderten in eine kleine Geldb�rse, die ich hinter einem losen Stein in der Wand meiner Schlafkammer aufbewahrte.</p><p>Als Pr�tor wurde von Cicero erwartet, dass er vielversprechende Sch�ler aus guten Familien aufnahm, die bei ihm die Rechte studierten. Im Mai, nach der Sitzungspause des Senats, kam ein neuer Sch�ler ins Haus. Es war der sechzehnj�hrige Marcus Caelius Rufus aus Interamnia, der Sohn eines reichen Bankiers und prominenten Funktion�rs des Wahlbezirks Velina. Politische Gef�lligkeit, das war wohl der Hauptgrund, warum Cicero sich bereitfand, f�r zwei Jahre die Ausbildung des Jungen zu beaufsichtigen. Danach, so kam man �berein, w�rde der junge Mann f�r den Rest seiner Lehrzeit in einen anderen Haushalt wechseln - und zwar, wie es der Zufall wollte, in den von Crassus, der ein Gesch�ftspartner von Caelius' Vater war. Der Bankier war sehr darauf bedacht, dass sein Sohn lernte, wie man ein gro�es Verm�gen verwaltete. Der Vater war einer von diesen abscheulichen Geldverleihertypen, klein und verschlagen, der seinen Sohn anscheinend f�r eine Investition hielt, die keinen angemessenen Profit abwarf. �Er braucht regelm��ig seine Pr�gel�, verk�ndete er, kurz bevor er seinen Sohn in Ciceros Arbeitszimmer rief. �Intelligent ist er, aber auch widerspenstig und leichtlebig. Du hast meine Erlaubnis, ihn, sooft du willst, die Peitsche sp�ren zu lassen.� Cicero schaute den Bankier argw�hnisch an, in seinem ganzen Leben hatte er noch niemanden mit der Peitsche maltr�tiert.</p><p>Gl�cklicherweise stellte sich heraus, dass er gut auskam mit dem jungen Caelius, der seinem Vater nicht un�hnlicher h�tte sein k�nnen. Er war gro� und attraktiv und stand allem, was mit Geld und Gesch�ften zu tun hatte, entschieden gleichg�ltig gegen�ber. Cicero fand das komisch, ich weniger. Denn in der Regel blieben all die �den Arbeiten, die eigentlich Caelius h�tte ausfuhren m�ssen, vor deren Erledigung er sich aber dr�ckte, an mir h�ngen. Trotzdem, r�ckblickend muss ich zugeben, dass er ein liebensw�rdiger Bursche war.</p><p>Ich werde mich nicht lange mit den Einzelheiten von Ciceros Pr�tur aufhalten. Schlie�lich ist das hier kein Lehrbuch f�r Juristen, und ich sp�re schon, wie man f�rmlich danach giert, dass ich endlich zum H�hepunkt meiner Geschichte komme - der Konsulatswahl. Es gen�gt wohl, wenn ich sage, dass man Cicero f�r einen unparteiischen und rechtschaffenen Richter hielt und dass er der Aufgabe mit seinen F�higkeiten m�helos gewachsen war. Stie� er doch einmal auf ein besonders sperriges Thema der Jurisprudenz und ben�tigte eine zweite Meinung, dann wandte er sich entweder an seinen alten Freund und Kommilitonen aus gemeinsamen Studientagen bei Molon, Servius Sulpicius, oder suchte den angesehenen Pr�tor des Gerichtshofes f�r Wahlrecht, Aquilius Gallus,in dessen Villa auf dem Viminal auf. Der gr��te Fall, dem er vorzusitzen hatte, war der von Gaius Licinius Macer, einem Verwandten und Parteig�nger von Crassus, der wegen seiner Taten als Statthalter von Makedonien angeklagt war. Am Ende der Anh�rung, die sich �ber mehrere Wochen erstreckt hatte, zog Cicero ein gerechtes Fazit, konnte sich aber eine witzige Bosheit nicht verkneifen. Der Kern der Anklage war, dass Macer sich widerrechtlich eine halbe Million Sesterzen in die Tasche gesteckt hatte. Anfangs leugnete Macer. Die Anklagevertretung konnte beweisen, dass exakt die gleiche Summe bei einer von Macer kontrollierten Kreditfirma eingezahlt worden war. Darauf �nderte Macer seine Geschichte und behauptete, ja, er erinnere sich an die Geldzahlung, habe aber geglaubt, sie sei legal gewesen. �Nun, es mag ja sein�, sagte Cicero zu den Geschworenen, w�hrend er auf einige Beweispunkte hinwies, �dass der Angeklagte das geglaubt hat.� Er machte eine gerade so lange Pause, dass ein paar vereinzelte Lacher zu h�ren waren, worauf er ein gespielt strenges Gesicht aufsetzte. �Nein, nein, vielleicht hat er es geglaubt. In welchem Fall ...� Wieder eine kurze Pause. �... man allerdings mit einiger Logik folgern kann, dass er vielleicht f�r den Posten eines r�mischen Statthalters zu dumm war.� Ich hatte in gen�gend Gerichtss�len gesessen, um an dem st�rmischen Gel�chter sofort erkennen zu k�nnen, dass Cicero den Mann gerade so sicher verurteilt hatte, als wenn er selbst der Vertreter der Anklage gewesen w�re. Macer war keineswegs dumm, im Gegenteil, er war sogar sehr schlau, so schlau, dass er jeden anderen f�r einen Idioten hielt. Jedenfalls erkannte er die Gefahr nicht und ging tats�chlich, w�hrend die Geschworenen �ber das Urteil abstimmten, nach Hause, um sich f�r die fest eingeplante abendliche Siegesfeier umzuziehen und die Haare schneiden zu lassen. W�hrend seiner Abwesenheit wurde er verurteilt, und er wollte gerade wieder ins Gericht zur�ckkehren, als Crassus ihn an der Haust�r abfing und ihm erz�hlte, was geschehen war. Manche sagen, Macer sei so geschockt gewesen, dass er auf der Stelle tot umgefallen sei, andere behaupten, er sei sofort wieder ins Haus zur�ckgegangen und habe sich umgebracht, um seinem Sohn die Schande seines Exils zu ersparen. Wie auch immer, jedenfalls starb er, und Crassus hatte - als ob es dessen noch bedurft h�tte - einen weiteren Grund, Cicero zu hassen. </p><p>*</p><p>Am 6. Juli, dem ersten Tag der Spiele des Apollo, begann traditionell der Wahlkampf, obwohl man in jener Zeit den Eindruck hatte, dass immer Wahlkampf herrschte. Kaum war einer zu Ende, fieberten die Kandidaten schon dem n�chsten entgegen. Cicero witzelte, dass das eigentliche Regierungsgesch�ft lediglich die Zeit zwischen den Wahltagen f�llte. Vielleicht ist das einer der Gr�nde f�r den Niedergang der Republik gewesen: Sie hat mit den vielen W�hlen die B�rger v�llig �berfordert, und die Republik hat sich letztendlich zu Tode gew�hlt. Wie auch immer, das �ffentliche Unterhaltungsprogramm zu Ehren Apollos oblag dem Stadtpr�tor, und das war in jenem Jahr Antonius Hybrida.</p><p>Niemand hatte sich gro�e beziehungsweise �berhaupt irgendwelche Hoffnungen auf einigerma�en zufriedenstellende Spiele gemacht, denn jedermann wusste, dass Hybrida sein ganzes Geld versoffen und verspielt hatte. So war es eine gro�e �berraschung, dass er nicht nur eine Serie wunderbarer Theaterauff�hrungen auf die Beine stellte, sondern auch verschwenderische Spektakel im Circus Maximus, wobei zw�lf Wagenrennen, athletische Wettk�mpfe und eine Tierhetze mit Panthern und allen Arten von exotischen Tieren stattfanden. Ich selbst bin nicht dort gewesen, aber Cicero berichtete mir ausf�hrlich, als er an jenem Abend nach Hause kam. Er lie� sich auf eine der Liegen im leeren Speisezimmer fallen - Terentia war mit Tullia aufs Land gefahren - und erz�hlte mir von der Parade in den Circus: von den Wagenlenkern und halb nackten Athleten (Boxer, Ringer, L�ufer, Speer- und Diskuswerfer), den Fl�ten- und Leierspielern, den als Bacchanten und Satyren verkleideten T�nzern, den Weihrauchf�ssern, den Stieren, Ziegen und F�rsen, die mit vergoldeten H�rnern ihrer Opferung entgegentrotteten, den K�figen mit den wilden Tieren, den Gladiatoren ... Er schien noch ganz benebelt zu sein von dem Schauspiel. �Was das wohl alles gekostet hat? Die Frage hat mich die ganze Zeit nicht losgelassen. Anscheinend rechnet Hybrida fest damit, dass er das sp�ter in seiner Provinz alles wieder reinholen kann. Du h�ttest h�ren sollen, wie sie ihm zugejubelt haben beim Einzug und hinterher beim Auszug aus dem Circus. Ich kann an dem Ganzen nichts finden, Tiro.Tja, kaum zu fassen, aber es bleibt uns wohl nichts anderes �brig, als unsere Liste zu erg�nzen. Los, komm mit.�</p><p>Zusammen gingen wir in sein Arbeitszimmer, wo ich die Geldtruhe �ffnete und alle Unterlagen herausnahm, die in Zusammenhang mit Ciceros Wahlkampf f�r das Konsulat standen. Dazu geh�rten jede Menge geheimer Listen - von F�rderern und Geldgebern, von Sympathisanten, die er aber noch auf seine Seite ziehen musste, von St�dten und Regionen, in denen er stark, und solchen, in denen er schwach war. Die Schl�sselliste war jedoch die, auf der die m�glichen Rivalen einschlie�lich aller �ber sie bekannten Informationen - pro und contra - verzeichnet waren. Ganz oben stand Galba, als N�chster kam Gallus, dann Cornificius und schlie�lich Palicanus. Cicero nahm mir die Schreibfeder aus der Hand und schrieb in seiner akkuraten, winzigen Handschrift einen f�nften Namen dazu, den ich nie auf dieser Liste erwartet h�tte: Antonius Hybrida. </p><p>*</p><p>Und dann, ein paar Tage sp�ter, geschah etwas, das Ciceros Schicksal und die Zukunft des Staates in vollkommen neue Bahnen lenkte - obwohl Cicero das zu jener Zeit nicht erkannte. Dabei f�llt mir die mitunter erz�hlte Geschichte von dem harmlos aussehenden Fleck ein, den ein Mann eines Morgens auf seiner Haut entdeckt, sich nichts weiter dabei denkt, der sich aber in den folgenden Monaten zu einem riesigen Tumor ausw�chst. In unserem Fall war der Fleck eine Botschaft, die aus heiterem Himmel ins Haus flatterte und in der Cicero aufgefordert wurde, beim <emphasis>Pontifex maximus</emphasis> Metellus Pius vorstellig zu werden. Pius war sehr alt (vierundsechzig, mindestens) und eine so hochstehende Pers�nlichkeit, dass er sich bislang noch nie dazu herabgelassen hatte, mit Cicero ein Wort zu wechseln, geschweige denn ihn zu einem Gespr�ch einzubestellen. Cicero war folglich �u�erst neugierig, und so machten wir uns mit den Liktoren, die f�r freie Bahn sorgten, sofort auf den Weg.</p><p>In jenen Tagen befand sich der Amtssitz des Oberhaupts der Staatsreligion in der Via Sacra, neben dem Haus der Vestalinnen, und ich kann mich noch erinnern, wie erfreut Cicero war, dass die Leute ihn dort eintreten sahen. Das Geb�ude war das geistliche Zentrum Roms, und nicht viele Menschen erhielten jemals die Chance, einen Fu� �ber dessen Schwelle zu setzen. Man f�hrte uns eine Treppe hinauf und dann durch eine lange Galerie, von wo man in den Garten der Vestalinnen hinunterblicken konnte. Insgeheim hoffte ich, einen Blick auf eine jener sechs geheimnisvollen, in wei�es Tuch gekleideten Jungfrauen werfen zu k�nnen, aber der Garten lag verlassen da. Stehen bleiben konnten wir auch nicht, denn am Ende der Galerie wartete schon der obeinige Pius auf uns, der, flankiert von mehreren Priestern, ungeduldig mit dem Fu� auf den Boden stapfte. Er war sein Leben lang Soldat gewesen, und sein Gesicht hatte das rissige, aufgeraute Aussehen von Leder, das jahrelang bei Wind und Wetter vor der T�r gelegen hatte und erst k�rzlich ins Trockene geholt worden war. Ohne Cicero die Hand anzubieten oder einen Stuhl, ohne jede H�flichkeitsfloskel kam er sofort zur Sache und sagte mit heiserer Stimme: �Pr�tor, ich muss mit dir �ber Sergius Catilina sprechen.�</p><p>Bei der blo�en Erw�hnung des Namens versteifte sich Ciceros K�rper. Catilina war der Mann, der seinen entfernten Vetter, den popul�ren Politiker Gratidianus, zu Tode gefoltert hatte, indem er ihm die Knochen gebrochen, die Augen ausgestochen und die Zunge herausgerissen hatte. Catilina war, als w�re ihm ein gezackter Blitz ins Hirn gefahren, von einem gewaltt�tigen Wahnsinn besessen. Er war liebensw�rdig, kultiviert und freundlich, dann machte jemand eine scheinbar harmlose Bemerkung oder warf ihm einen scheinbar respektlosen Blick zu, und schon verlor er jede Selbstbeherrschung. In der Zeit von Sullas Proskriptionen, als auf dem Forum Todeslisten aushingen, war Catilina unter den sogenannten <emphasis>percussores</emphasis> einer der geschicktesten M�rder mit Hammer und Messer gewesen und hatte aus den G�tern der von ihm Exekutierten jede Menge Geld herausgepresst. Zu den Opfern geh�rte auch sein eigener Schwager. Allerdings verf�gte Catilina zweifellos �ber Charisma. Auf jeden, den seine Barbarei anwiderte, kamen drei oder vier, die er mit seiner ebenso unm��ig zur Schau gestellten Freigebigkeit anzog. Au�erdem f�hrte er ein sexuell ausschweifendes Leben. Vor sieben Jahre hatte man Catilina wegen der sexuellen Beziehung zu einer vestalischen Jungfrau angeklagt, bei der es sich um niemand anderen als Terentias Halbschwester Fabia gehandelt hatte. Das war ein Kapitalverbrechen, nicht nur von ihm, auch von ihr, und w�re Fabia schuldig gesprochen worden, h�tte sie die traditionelle Strafe f�r eine Vestalin, die ihr heiliges Keuschheitsgel�bde brach, erleiden m�ssen: Man h�tte sie in einer eigens daf�r bestimmten winzigen Kammer neben der Porta Collina lebendig begraben. Doch die Aristokraten hatten sich unter Catulus' F�hrung um Catilina geschart und seinen Freispruch gesichert, sodass er seine politische Karriere nahtlos fortsetzen konnte. Vor zwei Jahren war er Pr�tor und danach Statthalter in der Provinz Afrika gewesen, sodass er den Aufruhr um die <emphasis>lex Gabinia</emphasis> nicht miterlebt hatte. Er war gerade erst nach Rom zur�ckgekehrt.</p><p>�Seit mein Vater vor f�nfzig Jahren Statthalter von Afrika war�, sagte Pius, �sind die Mitglieder meiner Familie immer die wichtigsten Patrone der Provinz gewesen. Die Menschen dort wenden sich an mich, wenn sie Schutz suchen, und ich kann dir sagen, Pr�tor, dass kein Mann sie je so erz�rnt hat wie Sergius Catilina. Er hat die Provinz vollkommen ausgepl�ndert - hat den B�rgern Steuern abgepresst, hat gemordet, hat die Tempelsch�tze geraubt, hat Frauen und T�chter vergewaltigt. Diese Sergii!�, rief er angeekelt, w�rgte einen gro�en gelben Schleimbatzen aus seinem Rachen nach oben und spuckte ihn auf den Boden. �Nennen sich protzig Nachfahren der Trojaner, aber seit zweihundert Jahren war kein Einziger mehr unter ihnen, der einen Funken Anstand im Leib hatte. Ich h�re, du bist der verantwortliche Pr�tor, der solche Kreaturen zur Rechenschaft zieht.� Er musterte Cicero von Kopf bis Fu�. �Erstaunlich! Ich kann nicht behaupten, dass ich w�sste, wer du �berhaupt bist. Aber gut, was gedenkst du also zu unternehmen?�</p><p>Cicero behielt immer die Ruhe, wenn jemand versuchte ihn zu beleidigen. Er sagte nur: �Haben die Afrikaner schon eine Anklage vorbereitet?�</p><p>�Ja. Eine Abordnung befindet sich bereits in Rom und sucht nach einem geeigneten Ankl�ger. An wen sollen sie sich wenden?�</p><p>�Ich kann dir da kaum weiterhelfen. Schlie�lich bin ich der Vorsitzende des Gerichts und habe unparteiisch zu bleiben.�</p><p>�Blabla. Erspar mir das Advokatengew�sch. Privat, von Mann zu Mann.� Pius winkte ihn mit dem Finger n�her heran. Die meisten seiner Z�hne waren auf diversen Schlachtfeldern geblieben, und er machte ein pfeifendes Ger�usch, als er versuchte zu fl�stern. �Du kennst dich in den Gerichtsh�fen besser aus als ich. Wer ist der Richtige daf�r?�</p><p>�Ehrlich gesagt, das wird nicht ganz leicht werden�, sagte Cicero. �Catilinas Gewaltt�tigkeit ist allgemein bekannt. Der Mann braucht Mut, der Klage gegen einen derart schamlosen M�rder einreicht. Und vermutlich wird Catilina sich im n�chsten Jahr um das Konsulat bewerben. Da w�chst ein m�chtiger Feind heran.�</p><p>�Konsulat?� Pius schlug sich pl�tzlich heftig auf die Brust. Der dumpfe Schlag lie� seine priesterlichen Begleiter zusammenzucken. �Sergius Catilina wird nicht Konsul werden, nicht im n�chsten und auch in keinem anderen Jahr, nicht solange noch ein Rest von Leben in diesen alten Knochen steckt. Es muss doch in dieser Stadt jemanden geben, der Manns genug ist, diesen Schurken vor seinen Richter zu bringen. Und wenn nicht ... nun, ich bin noch lange kein so seniler Trottel, als dass ich nicht mehr w�sste, wie man in dieser Stadt einen Kampf durchficht. Und du, Pr�tor, hast nichts weiter zu tun, als in deinem Kalender gen�gend Platz freizuhalten, damit dieser Fall zur Anh�rung kommt.� Mit diesen Worten drehte er sich um und schlurfte m�rrisch vor sich hinbrummelnd, mit seinen priesterlichen Adjutanten im Schlepptau, den Gang hinunter.</p><p>W�hrend er ihm hinterherschaute, runzelte Cicero die Stirn und sch�ttelte den Kopf. Da ich nicht ann�hernd so viel von Politik verstand, wie ich nach dreizehn Jahren in seinen Diensten eigentlich h�tte verstehen m�ssen, war mir vollkommen unbegreiflich, was an dieser Unterhaltung so beunruhigend gewesen sein sollte. Aber Cicero war ohne Frage ersch�ttert. Sobald wir wieder drau�en auf der Via Sacra waren, zog er mich au�er H�rweite der scharfen Ohren unseres <emphasis>proximus lictor</emphasis> und sagte: �Das ist eine Entwicklung, Tiro, die wirklich ernst ist. Ich h�tte das kommen sehen m�ssen.� Als ich ihn fragte, was es ihn k�mmere, ob man Catilina anklage oder nicht, antwortete er in vernichtendem Tonfall: �Weil es dir verboten ist, du Spatzenhirn, dich zu einer Wahl zu stellen, wenn gegen dich ein Verfahren l�uft. Das hei�t: Wenn die Afrikaner einen F�rsprecher finden und Anklage gegen Catilina erhoben wird und wenn sich der Fall bis in den n�chsten Sommer hineinzieht, dann bleibt Catilina von der Teilnahme an der Konsulatswahl ausgeschlossen, bis der Fall entschieden ist. Was weiter hei�t: Sollte Catilina durch irgendeinen Zufall freigesprochen werden, ist er <emphasis>mein</emphasis> Gegner in <emphasis>meinem</emphasis> Jahr.�</p><p>Ich bezweifle, ob irgendein anderer Senator in Rom versucht h�tte, so weit in die Zukunft zu blicken - wer w�rde schon so viele <emphasis>Wenns</emphasis> aufeinanderschichten und dann daraus einen Grund ableiten, um in Panik auszubrechen. Quintus jedenfalls, nachdem Cicero ihm seine �ngste auseinandergesetzt hatte, lachte seinen Bruder aus: �Und <emphasis>wenn</emphasis> dich ein Blitz tr�fe, Marcus, und <emphasis>wenn</emphasis> Metellus Pius sich noch an den Wochentag erinnern w�rde ...� Aber Cicero machte sich weiter Sorgen und zog heimlich Erkundigungen dar�ber ein, wie die afrikanische Abordnung bei ihrer Suche nach einem glaubw�rdigen Anwalt vorankam. Allerdings taten sie sich dabei so schwer, wie Cicero vermutet hatte - trotz der gewaltigen Menge an Beweisen, die sie �ber Catilinas Verfehlungen zusammengetragen hatten, und trotz der Tatsache, dass Pius eine Resolution durch den Senat gebracht hatte, in der dem fr�heren Statthalter eine R�ge erteilt wurde. Niemand lechzte danach, es mit einem derart gef�hrlichen Gegner aufzunehmen und das Risiko einzugehen, eines sp�ten Abends mit dem Gesicht nach unten im Tiber zu treiben. Und so d�mpelte die Anklage erst mal vor sich hin, und Cicero brauchte sich nicht weiter darum zu k�mmern. Ungl�cklicherweise war ihm das nicht lange verg�nnt.</p></section><section><title><p id="_bookmark24">KAPITEL XIV</p></title><p>Am Ende seiner Amtsperiode als Pr�tor hatte Cicero das Recht, au�er Landes zu gehen und f�r ein Jahr eine Provinz zu regieren. Das war g�ngige Praxis in der Republik. Es gab einem Mann Gelegenheit, Erfahrungen in der Verwaltungsarbeit zu sammeln und au�erdem seine wegen der Auslagen f�r das</p><p>Amt strapazierte Kasse wieder aufzuf�llen. Nach der R�ckkehr verschaffte man sich einen Eindruck von der politischen Stimmung, und wenn diese einem vielversprechend erschien, bewarb man sich im folgenden Sommer um das Konsulat. Antonius Hybrida, zum Beispiel, dem mit den Kosten f�r die Spiele des Apollo offensichtlich gewaltige Verbindlichkeiten entstanden waren, machte in Kappadokien Jagd auf Beute. Cicero schlug einen anderen Weg ein, er verzichtete auf sein Recht, eine Provinz zu verwalten. Zum einen wollte er von vornherein die M�glichkeit ausschlie�en, dass man ihm eine fingierte Anklage anh�ngte und sich ihm auf Monate ein Sonderermittler an die Fersen heftete. Zum anderen erinnerte er sich ungern an das Jahr, das er als Qu�stor auf Sizilien verbracht hatte. Seitdem hasste er es, Rom f�r l�nger als ein oder zwei Wochen verlassen zu m�ssen. Es hat wohl selten einen eingefleischteren Stadtmenschen als Cicero gegeben. Aus der Gesch�ftigkeit auf den Stra�en und in den Gerichten, im Senat und auf dem Forum sog er seine Kraft. Die Aussicht auf ein Jahr �der Provinzgesellschaft in Kilikien oder Makedonien, und sei sie noch so lukrativ, war ihm ein Gr�uel.</p><p>Au�erdem hatte er jede Menge Arbeit als Anwalt. Als Erstes stand die Verteidigung von Pompeius' ehemaligem Volkstribunen Gaius Cornelius an, den die Aristokraten wegen Hochverrats angeklagt hatten. Nicht weniger als f�nf bedeutende aristokratische Senatoren - Hortensius, Catulus, Lepidus, Marcus Lucullus und sogar der alte Metellus Pius - taten sich gegen Cornelius zusammen wegen der Rolle, die er zugunsten der Gesetze von Pompeius gespielt hatte. Sie warfen ihm vor, das Veto eines anderen Volkstribunen gesetzwidrig missachtet zu haben. Angesichts eines derart schwerwiegenden Vorwurfs war ich mir sicher, dass man Cornelius ins Exil schicken w�rde. Er war offenbar der gleichen Meinung, denn er hatte seinen Hausstand schon zusammengepackt und war bereit zur Abreise. Wie immer jedoch, wenn seine Gegner Hortensius und Catulus hie�en, lief Cicero zu Hochform auf und hielt zum Abschluss seiner Verteidigung eine �u�erst eindrucksvolle Rede. �Sollen wir uns tats�chlich �ber die traditionellen Rechte von Volkstribunen von f�nf hochgestellten Senatoren belehren lassen�, fragte er, �die allesamt die Gesetze Sullas unterst�tzt haben, mit denen dieser eben jene Rechte abgeschafft hat? Ist einer von diesen illustren Senatoren aufgestanden und hat den tapferen Gnaeus Pompeius unterst�tzt, als dieser in seiner ersten Amtshandlung als Konsul das Vetorecht der Tribunen wiederhergestellt hat? Die entscheidende Frage lautet doch: Ist es wirklich die pl�tzliche Sorge um die Traditionen des Volkstribunats, die diese Senatoren dazu bewegt hat, die Fischteiche und S�uleng�nge ihrer Landsitze zu verlassen und vor Gericht zu ziehen? Oder sind es nicht vielmehr gewisse andere &gt;Traditionen&lt;, die ihnen viel mehr am Herzen liegen - n�mlich ihr traditionelles Eigeninteresse und ihr traditionelles Verlangen nach Rache?�</p><p>In �hnlichem Ton ging es noch eine Zeit lang weiter, und als Cicero schlie�lich zum Ende kam, hatte es den Anschein, als seien die f�nf ber�hmten Klagef�hrer (die den Fehler gemacht hatten, nebeneinander Platz zu nehmen) auf die H�lfte ihrer Gr��e geschrumpft - vor allem Pius, der mit gew�lbter Hand am Ohr auf seinem Platz hin und her rutschte und anscheinend Schwierigkeiten hatte, den Ausf�hrungen seines umherwandernden Peinigers zu folgen. Dies sollte einer der letzten �ffentlichen Auftritte des alten Soldaten gewesen sein, bevor sich die lange D�mmerung seiner Krankheit endg�ltig auf ihn herabsenkte. Nachdem die Geschworenen Cornelius von allen Anklagepunkten freigesprochen hatten, verlie� Pius unter h�hnischem Gel�chter das Gericht. Dabei war sein Gesicht gezeichnet von seniler Verwirrung, welche heute, so f�rchte ich, auch der naturgem��e Ausdruck meiner eigenen Z�ge ist. Als wir uns f�r den Heimweg fertig machten, sagte Cicero mit gewisser Befriedigung: �Jedenfalls wird er jetzt wohl wissen, wer ich bin.�</p><p>Ich werde nicht alle Prozesse erw�hnen, die Cicero in dieser Zeit f�hrte, denn es m�ssen Dutzende gewesen sein. Alle aber waren Teil seiner Strategie, sich m�glichst viele einflussreiche M�nner�zur�Unterst�tzung�seiner Konsulatskandidatur zu verpflichten und daf�r zu sorgen, dass sein Name in den K�pfen der W�hler immer pr�sent blieb. Seine Klienten suchte er nat�rlich sehr sorgf�ltig aus. Unter ihnen waren wenigstens vier Senatoren: Fundanius, der einen gro�en W�hlerverein kontrollierte; Orchivius, der einer seiner Pr�torenkollegen gewesen war; Gallius, der seine Kandidatur zum Pr�tor betrieb; und Mucius Orestinus, der sich Hoffnung auf den Posten eines Volkstribunen machte, aber im Augenblick noch des Raubes angeklagt war und dessen Fall unsere Kanzlei f�r viele Tage vollauf besch�ftigte.</p><p>Ich glaube, dass nie zuvor irgendein Kandidat das Gesch�ft der Politik als genau das betrieben hat -als Gesch�ft n�mlich. Jede Woche gab es eine Sitzung in Ciceros Arbeitszimmer, um den Verlauf des Wahlkampfs zu �berwachen. Verschiedene Teilnehmer kamen und gingen, aber der harte Kern bestand aus den immer gleichen f�nf Personen: Cicero, Quintus, Frugi, mir und Ciceros Lehrling Caelius Rufus, der, obwohl noch sehr jung (vielleicht aber auch gerade deswegen), ein Meister darin war, in der Stadt umlaufende Ger�chte aufzusp�ren. Quintus fungierte einmal mehr als Wahlkampforganisator. Er bestand darauf, die Sitzungen zu leiten. Mit einem nachsichtigen L�cheln oder einer hochgezogenen Augenbraue deutete er gelegentlich an, dass Cicero, so genialisch er auch sein mochte, eben doch etwas von einem intellektuellen Luftikus an sich hatte, der den n�chternen und gesunden Menschenverstand seines Bruders ben�tigte, damit er nicht die Bodenhaftung verlor. Cicero machte dieses Spiel seines Bruders mehr oder weniger bereitwillig mit.</p><p>Falls mir in meinem Leben noch gen�gend Zeit daf�r bliebe, dann w�re es eine interessante Aufgabe, eine Studie �ber Br�der in der Politik zu schreiben. Als Erstes b�ten sich nat�rlich Tiberius und Gaius Gracchus an, die mit ihren Ackergesetzen den Besitzlosen Eigentum verschaffen wollten und die daf�r beide mit einem gewaltsamen Tod bezahlten. Aus meinen eigenen Lebzeiten sind Marcus und Lucius Lucullus zu nennen, Aristokraten, die ebenso wie eine Vielzahl von Br�dern aus dem Geschlecht der Metelli und der Marcelli in aufeinanderfolgenden Jahren Konsuln waren. In einem Milieu menschlichen Handelns, in dem Freundschaften fl�chtig sind und B�ndnisse nur geschlossen werden, um sie wieder zu brechen, muss das Wissen darum, dass ein anderer Mann durch seinen Namen auf immer mit einem verbunden bleibt, egal, wie das Schicksal einem auch mitspielt, ein starker Quell der Kraft sein. Die Beziehung der beiden Ciceros war - wie vermutlich bei den meisten Br�dern - gepr�gt von einer komplizierten Mischung aus Zuneigung und Feindseligkeit, Eifersucht und Treue. Ohne Cicero w�re aus Quintus erst ein guter und f�higer Offizier in der Armee und dann ein guter und f�higer Bauer in Arpinum geworden, w�hrend aus Cicero ohne Quintus der gleiche Cicero geworden w�re. Weil er das wusste und weil ihm bewusst war, dass auch sein Bruder das erkannt hatte, war Cicero um gr��tm�gliche Harmonie bem�ht und bot Quintus gro�z�gig Platz unter dem glitzernden Mantel seines Ruhmes.</p><p>In jenem Winter verwandte Quintus viel Zeit darauf, ein <emphasis>Wahlhandbuch</emphasis> zusammenzustellen, ein Destillat seiner br�derlichen Ratschl�ge an Cicero, aus dem er bei jeder sich bietenden Gelegenheit zitierte, als sei es Platons <emphasis>Politeia.</emphasis> Es begann so: <emphasis>Vergiss nie, wer du bist, wo du bist und was du willst. Jeden Tag auf dem Weg zum Forum sage dir immer wieder: �Ich bin ein</emphasis> homo novus, <emphasis>ich bin in Rom, ich will das Konsulat.�</emphasis> An ein paar von diesen kleinen Moralpredigten kann ich mich noch immer erinnern. <emphasis>�berall lauern Betrug, Fu�angeln, Verrat. Halte dich immer fest an den Ausspruch von Epicharmos, dass alle Weisheit auf einem Grundsatz fu�t: �Vertraue niemals vorschnell.� Sorge daf�r, dass jeder sieht, wie viele und vor allem wie viele unterschiedliche Freunde du hast. Ich werde penibel darauf achten, dass du immer von Menschen umgeben bist. Wenn dich jemand um etwas bittet, lehne nie ab, auch wenn du seinen Wunsch nicht erf�llen kannst. Sorge daf�r, dass deine Kampagne gute Unterhaltung ist: Glanz, Pracht, Populismus; und sorge - falls machbar -auch daf�r, dass �ber deine Widersacher skandal�se Geschichten �ber deren Verbrechen, Ausschweifungen und Bestechungen im Umlauf sind.</emphasis></p><p>Quintus war sehr stolz auf sein <emphasis>Handbuch,</emphasis> und viele Jahre sp�ter ver�ffentlichte er es sogar. Zum Entsetzen von Cicero, der daran glaubte, politischer Erfolg h�nge wie die Wirkung gro�er Kunst davon ab, dass die dahinterstehende Methode verborgen bliebe. </p><p>*</p><p>Im Fr�hjahr feierte Terentia ihren drei�igsten Geburtstag, und Cicero arrangierte zu ihren Ehren eine kleine Abendgesellschaft. Quintus und Pomponia waren eingeladen, Frugi mit seinen Eltern und der penible Servius Sulpicius mit seiner �berraschend h�bschen Frau Postumia. Sicher waren noch andere G�ste gekommen, aber der Strom der Zeit hat meine Erinnerung an sie fortgesp�lt. Der Hausverwalter Eros hatte die Mitglieder des Haushalts kurz zusammengerufen, damit wir Terentia unsere Gl�ckw�nsche �bermitteln konnten. Ich erinnere mich noch daran, dass sie mir an jenem Abend so gut aussehend und in so fr�hlicher Stimmung wie noch nie zuvor erschienen war. Das kurze dunkle Lockenhaar gl�nzte, die Augen leuchteten, und die eigentlich magere Figur kam mir voller und weicher vor.</p><p>Nachdem Cicero und seine Frau die G�ste ins Speisezimmer gef�hrt hatten, machte ich eine diesbez�gliche Bemerkung zu Terentias M�dchen. Sie schaute sich nach allen Seiten um, ob uns auch niemand beobachtete, und machte dann vor dem Bauch mit verschr�nkten H�nden eine kreisende Bewegung. Erst verstand ich nicht, worauf sie einen Kicheranfall bekam, und erst nachdem sie immer noch lachend die Treppe hinaufgelaufen war, begriff ich, was f�r ein Esel ich war - und nicht nur ich. Einem normalen Ehemann w�ren die Anzeichen sicher schon fr�her aufgefallen, aber Cicero war jeden Tag bei Sonnenaufgang auf den Beinen, kam erst wieder nach Hause, wenn es bereits d�mmerte, und dann gab es immer noch eine Rede zu schreiben oder einen Brief zu diktieren - das Wunder war, dass er �berhaupt die Zeit gefunden hatte, seinen ehelichen Pflichten nachzukommen. Wie auch immer, irgendwann lie�en laute, erregte Stimmen und Applaus aus dem Speisezimmer vermuten, dass Terentia die feierliche Gelegenheit genutzt und ihre Schwangerschaft verk�ndet hatte.</p><p>Sp�ter am Abend betrat Cicero breit grinsend das Arbeitszimmer. Meinen Gl�ckwunsch nahm er mit einer dankbaren Verbeugung entgegen. �Sie ist sicher, dass es ein Junge wird. Anscheinend hat die Bona Dea sie mittels bestimmter �bernat�rlicher Zeichen, die nur die Frauen verstehen, von dieser Tatsache unterrichtet.� Erwartungsfroh rieb er sich die H�nde und konnte einfach nicht aufh�ren zu grinsen. �Ein neugeborenes Kind, Tiro, das ist in Wahlzeiten immer eine herrliche Zugabe - es steht f�r einen virilen Kandidaten und respektablen Familienmenschen. Sag Quintus Bescheid wegen der Wahlkampftermine f�r den Kleinen.� Er zeigte auf meine Wachstafel. �Das war ein Witz, du Trottel!�, lachte er, als er mein fassungsloses Gesicht sah, und tat so, als wolle er mir eine Ohrfeige verpassen. Ich bin mir nicht sicher, �ber wen von uns beiden das mehr aussagt, �ber ihn oder �ber mich, dass ich bis heute noch nicht vollkommen davon �berzeugt bin, ob er damals wirklich nur Spa� gemacht hat.</p><p>Seit dieser Zeit hielt sich Terentia noch strikter an ihre religi�sen Rituale. Am n�chsten Tag bat sie Cicero, mit ihr auf das Kapitol zum Tempel der Juno zu gehen, wo sie ein Lamm kaufte, das sie zum Zeichen der Dankbarkeit f�r ihre Schwangerschaft und Ehe von den Priestern opfern lie�. Cicero begleitete sie mit Freuden, denn er war zutiefst begl�ckt von der Aussicht auf ein zweites Kind. Au�erdem wusste er, wie begierig die W�hler derartige �ffentliche Zurschaustellungen von Fr�mmigkeit aufnahmen. </p><p>*</p><p>Wohl oder �bel muss ich mich jetzt wieder dem wuchernden Tumor namens Sergius Catilina zuwenden.</p><p>Ein paar Wochen nachdem Metellus Pius Cicero zu sich zitiert hatte, fanden die Konsulatswahlen jenes Jahres statt. Der Einsatz von Bestechungsgeldern seitens der Sieger war jedoch derma�en schamlos, dass die Wahlen sofort annulliert und f�r Oktober neu angesetzt wurden. Catilina nutzte die Gelegenheit und meldete seine Kandidatur an. Der alte K�mpfer Pius machte jedoch Catilinas Hoffnungen in seiner wahrscheinlich letzten siegreichen Schlacht zunichte: Der Senat legte fest, dass nur die Kandidaten wieder antreten konnten, die auch schon bei der ersten Wahl zur Abstimmung gestanden hatten. Die Folge war einer von Catilinas ber�chtigten Wutausbr�chen. Auf dem Forum stie� er zusammen mit seinen Schl�gerfreunden die w�stesten Drohungen aus, die der Senat so ernst nahm, dass er den Konsuln eine bewaffnete Leibwache zur Seite stellte. Was die Klage der Afrikaner anging, so hatte - wie nicht anders zu erwarten - niemand den Mut gehabt, ihren Fall vor dem Gerichtshof f�r Erpressungen zu vertreten. Einmal deutete ich Cicero gegen�ber an, ob das nicht etwas f�r ihn w�re, der Fall sei doch popul�r genug, um sich daf�r einzusetzen -schlie�lich habe ihn der Sieg �ber Verres zum ber�hmtesten Anwalt der Welt gemacht. Doch Cicero sch�ttelte den Kopf. �Verglichen mit Catilina war Verres ein K�tzchen. Au�erdem war Verres ein Mann, den kaum jemand mochte, w�hrend Catilina durchaus Anh�nger hat.�</p><p>�Warum ist der nur so beliebt?�, fragte ich.</p><p>�Gef�hrliche M�nner scharen immer Verehrer um sich, aber das ist es nicht, was mir Sorge macht. Wenn es nur um den P�bel ginge, w�re er keine so gro�e Gefahr. Sorge macht mir seine breite Anh�ngerschaft unter den Aristokraten - Catulus unterst�tzt ihn, was hei�t, dass er wahrscheinlich auch Hortensius auf seiner Seite hat.�</p><p>�Hortensius und der primitive Catilina?�</p><p>�Wenn die Situation es erfordert, wei� Hortensius solch einen Stra�enk�mpfer sehr wohl f�r sich einzusetzen. So manch kultiviertes Haus leistet sich einen bissigen Wachhund. Au�erdem ist Catilina auch ein Sergius, vergiss das nicht, sie akzeptieren ihn schon aus reinem Snobismus. Die Massen und die Aristokraten, in der Politik ist das eine einflussreiche Verbindung. Wir k�nnen nur hoffen, dass ihn bei den Konsulatswahlen im n�chsten Sommer irgendwer aufh�lt. Ich bin schon dankbar, dass es bis jetzt nicht so aussieht, als ob das an mir h�ngen bleiben w�rde.�</p><p>Damals glaubte ich, dass derartige Bemerkungen nur die G�tter verlockten, ihre Existenz nachzuweisen. Weil sie sich n�mlich immer dann, wenn ihnen auf ihren himmlischen Bahnen derart selbstzufriedene Reden zu Ohren kommen, einen Spa� daraus machen, ihre Macht zu demonstrieren. Und tats�chlich hatte Caelius Rufus nicht lange nach dieser Unterhaltung beunruhigende Neuigkeiten f�r Cicero. Caelius war damals siebzehn und, wie sein Vater schon gesagt hatte, ziemlich unbotm��ig. Er war gro� und gut aussehend und ging mit seiner tiefen Stimme und dem kleinen Spitzbart, der bei ihm und seinen eleganten Freunden gerade in Mode war, leicht als Mann von Anfang zwanzig durch. Abends, wenn Cicero noch �ber seiner Arbeit sa� und alle anderen bereits schliefen, schlich er sich im Dunkeln aus dem Haus und kehrte oft genug erst kurz vor Morgengrauen wieder zur�ck. Er wusste, dass ich mir ein wenig Geld zusammengespart hatte, und versuchte dauernd, mich anzupumpen. Eines Abends, nachdem ich wieder einmal Nein gesagt hatte, ging ich in meine Kammer und stellte fest, dass er mein Versteck gefunden und ausgepl�ndert hatte. Nach einer elenden Nacht, in der ich kein Auge zugetan hatte, stellte ich ihn am n�chsten Morgen zur Rede und drohte, alles Cicero zu erz�hlen. Da traten ihm die Tr�nen in die Augen, und er versprach, alles zur�ckzuzahlen, was er, das muss ich gerechterweise sagen, mit gro�z�gigen Zinsen auch tat. Ich suchte mir daraufhin ein anderes Versteck f�r mein Geld und erz�hlte niemandem von diesem Vorfall.</p><p>Bei seinen n�chtlichen Steifz�gen zog Caelius saufend und hurend mit einer Gruppe �bel beleumundeter junger Adliger durch die Stadt. Einer von ihnen war Gaius Curio, der einundzwanzigj�hrige Sohn eines ehemaligen Konsuls, der ein gro�er F�rderer von Verres gewesen war. Ein anderer war Hybridas Neffe Marcus Antonius, der damals achtzehn Jahre alt gewesen sein muss. Der eigentliche Anf�hrer der Bande, vor allem weil er der �lteste und Reichste unter ihnen war und die anderen zu Dummheiten verf�hrte, die ihnen nicht einmal im Traum eingefallen waren, war Clodius Pulcher. Er war etwa Mitte zwanzig und hatte im Osten acht Jahre Milit�rdienst abgeleistet, wobei er in alle Arten von Schwierigkeiten geraten war - unter anderem hatte er eine Meuterei gegen Lucullus angezettelt, der zuf�llig sein Schwager war, und war dann von den Seer�ubern, die er eigentlich bek�mpfen sollte, gefangen genommen worden. Aber jetzt war er wieder in Rom, suchte nach einer M�glichkeit, sich einen Namen zu machen, und hatte eines Abends verk�ndet, dass er jetzt wisse, wie er das anstellen w�rde. Es sei eine verwegene und riskante, aber auch spa�ige und unterhaltsame Unternehmung (das waren laut Caelius exakt seine Worte) - <emphasis>er w�rde die Klage gegen Catilina einreichen.</emphasis></p><p>Als Caelius am n�chsten Morgen in Ciceros Arbeitszimmer st�rmte, um ihm die Geschichte zu erz�hlen, wollte der sie zun�chst nicht glauben. Was er von Clodius wusste, war nur das �berall umlaufende skandal�se Ger�cht, dass er mit seiner eigenen Schwester geschlafen hatte. Allerdings hatte das Ger�cht erst k�rzlich dadurch Substanz erhalten, dass Lucullus selbst dies als einen der Gr�nde f�r die Scheidung von seiner Frau angef�hrt hatte. �Was hat so eine Kreatur in einem Gerichtssaal verloren�, h�hnte Cicero, �au�er als Angeklagter?� Worauf Caelius auf seine freche Art nur erwiderte, Cicero brauchte in den n�chsten ein, zwei Stunden nur kurz beim Gericht vorbeizuschauen, dann h�tte er den Beweis. Da w�rde n�mlich Clodius seinen Antrag auf Klageerhebung vorlegen. Selbstredend konnte Cicero einem solchen Schauspiel nicht widerstehen. Sobald er seine wichtigeren Klienten empfangen hatte, eilten wir - Cicero, Caelius und ich - hinunter zu seinem alten Lieblingsspielplatz am Tempel des Castor.</p><p>Mysteri�serweise, wie es Dramatik verhei�ende Ereignisse so an sich haben, hatte sich die Neuigkeit schon verbreitet, sodass vor den Tempelstufen bereits mehr als hundert Schaulustige zusammengestr�mt waren. Der amtierende Pr�tor, ein Mann namens Orbius, der sp�ter Statthalter von Asia wurde, hatte gerade auf seinem kurulischen Stuhl Platz genommen und schaute sich angesichts des Menschenauftriebs verwundert um, als sechs oder sieben hochn�sig grinsende junge M�nner vom Palatin kommend v�llig unbefangen auf ihn zuschlenderten. Un�bersehbar legten sie Wert auf die neueste Mode, und ich vermute, dass sie mit ihren langen Haaren, den gestutzten B�rtchen und den breiten, bestickten G�rteln, die l�ssig auf ihren H�ften lagen, dieser auch entsprachen. �Was f�r ein Schauspiel!�, murmelte Cicero, w�hrend sie an uns vorbeigingen und uns in eine nach Kokos�l und Safranbalsam duftende Wolke einh�llten. �Sehen aus wie Frauen, die Burschen.� Einer l�ste sich aus der Gruppe und stieg die Treppe zum Pr�tor hinauf. Auf halber H�he blieb er stehen und wandte sich zu der Menge um. Er war, wenn ich mich so gew�hnlich ausdr�cken darf, �ein h�bscher Junge� mit langen blonden Locken, vollen, feuchten Lippen und bronzefarbener Haut - eine Art junger Apollo. Als er jedoch anfing zu sprechen, klang seine Stimme �berraschend hart und maskulin, nur dass sie verunstaltet wurde durch seinen pseudoplebejischen Akzent, in dem sich sein Familienname wie �Clodius� statt �Claudius� anh�rte - was ebenfalls zu seinen modischen Geziertheiten geh�rte.</p><p>�Mein Name ist Publius Clodius Pulcher, Sohn des Konsuls Appius Claudius Pulcher, Nachfahre von Konsuln in direkter Linie seit acht Generationen. Ich habe mich heute Morgen hier eingefunden, um vor diesem Gericht Klage einzureichen gegen Sergius Catilina wegen seiner in Afrika ver�bten Verbrechen.�</p><p>Bei der Erw�hnung von Catilinas Namen waren vereinzelt murrende Stimmen und Pfiffe zu h�ren, und ein gro�er, grobschl�chtiger Mann, der neben uns stand, rief: �Dann pass mal gut auf deinen Hintern auf, mein Sch�tzchen.�</p><p>Clodius schien das nicht im Geringsten zu irritieren. �M�ge der Segen meiner Vorfahren und der G�tter das Vorhaben begleiten und zu einem erfolgreichen Abschluss verhelfen.� Mit energischen Schritten ging er die restlichen Stufen hinauf und �bergab Orbius unter lautem Beifall seiner Anh�nger das sauber zusammengerollte, mit Siegel und rotem Band versehene <emphasis>postulatus.</emphasis> Zu den Klatschenden geh�rte auch Caelius, bis Cicero ihn mit einem Blick zur Ordnung rief. �Los, such meinen Bruder�, befahl er ihm. �Sag ihm, was passiert ist und dass ich ihn sofort sprechen muss.�</p><p>�Das ist Sklavenarbeit�, erwiderte er beleidigt. Zweifellos bef�rchtete er, vor seinen Freunden das Gesicht zu verlieren. �Das kann doch auch Tiro machen, oder nicht?�</p><p>�Tu, was ich dir gesagt habe�, fuhr Cicero ihn an. �Und wenn du schon dabei bist, mach auch gleich noch Frugi ausfindig. Sei froh, dass ich deinem Vater noch nichts von deiner anr�chigen Gesellschaft erz�hlt habe.� Das �berzeugte ihn, und er machte sich Richtung Tempel der Ceres davon, wo normalerweise um diese Stunde des Morgens die plebejischen �dilen anzutreffen waren. �Ich habe ihn zu sehr verw�hnt�, sagte Cicero bek�mmert, als wir den H�gel hinauf nach Hause gingen. �Und wei�t du, warum? Weil er von angenehmer Wesensart ist. Das ist die verfluchteste von allen Eigenschaften, jemandem wie ihm lasse ich einfach alles durchgehen.�</p><p>Als Strafe und auch, weil er ihm nicht mehr vollkommen vertraute, schloss Cicero Caelius von der am gleichen Tag stattfindenden Wahlkampfsitzung aus und beauftragte ihn stattdessen mit der Abfassung eines Schriftsatzes. Er wartete, bis Caelius das Arbeitszimmer verlassen hatte, und berichtete dann Quintus und Frugi, was am Morgen geschehen war. Quintus neigte zu einer zuversichtlichen Einsch�tzung der Lage, w�hrend Cicero jetzt vollkommen davon �berzeugt war, dass Catilina einer seiner Rivalen im Kampf um das Konsulat sein w�rde. �Ich habe mir den Terminkalender des Gerichtshofes f�r Erpressungen angeschaut - ihr wisst, wie das laufen kann. Und tats�chlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Fall bis Juli zur Anh�rung kommt, ist gleich null. Also kann er in diesem Jahr nicht mehr f�rs Konsulat kandidieren. Und deshalb rutscht er unausweichlich ins n�chste Jahr, also in meins.� Pl�tzlich schlug er mit der Faust auf sein Schreibpult - ein Gef�hlsausbruch, zu dem er sich nur selten hinrei�en lie�. �Genau das habe ich vor einem Jahr prophezeit - Tiro ist meine Zeuge.�</p><p>�Vielleicht wird Catilina ja verurteilt und muss ins Exil?�, sagte Quintus.</p><p>�Mit diesem parf�mierten Gockel als Ankl�ger? Von dem jeder Sklave in ganz Rom wei�, dass er der Liebhaber seiner eigenen Schwester war? Nein, nein, du hast ganz recht gehabt, Tiro. Ich h�tte -als sich mir die Gelegenheit dazu auftat - Catilina vor Gericht in die Knie zwingen sollen. Das w�re einfacher gewesen, als ihn an der Wahlurne zu bezwingen.�</p><p>�Vielleicht ist es noch nicht zu sp�t�, sagte ich. �Vielleicht kann man ja Clodius dazu �berreden, die Anklagevertretung an Euch abzutreten.�</p><p>�Das macht er nie�, widersprach Cicero. �Du hast ihn doch gesehen, er ist die Arroganz in Person, ein typischer Claudius. Hier bietet sich ihm die Aussicht auf Ruhm, und die l�sst er sich nicht entgehen. Hol lieber die Liste mit den potenziellen Kandidaten, Tiro. Wir m�ssen unbedingt einen glaubw�rdigen Mann finden, der mit mir zusammen ins Rennen geht - und zwar schnell.�</p><p>In jenen Tagen stellten sich Kandidaten f�r das Konsulat in der Regel als P�rchen dem W�hler. Man betrachtete es als gute Strategie, ein B�ndnis mit einem Mann einzugehen, der im Wahlkampf die eigenen St�rken abrundete. Cicero brauchte als Partner einen Mann mit hochangesehenem Namen und gro�er Zugkraft innerhalb der Aristokratie, damit er auch die aristokratischen W�hler ansprechen konnte. Als Gegenleistung konnte Cicero seine Popularit�t unter den <emphasis>pedarii</emphasis> und den unteren Schichten bieten sowie die Unterst�tzung durch den Wahlkampfapparat, den er sich in Rom geschaffen hatte. Er hatte immer gedacht, dass zu gegebener Zeit der zweite Mann kein gro�es Problem darstellen w�rde. Als wir jedoch die Liste durchgingen, begriff ich, warum er so besorgt war. Palicanus w�rde Ciceros Bewerbung nichts Brauchbares hinzuf�gen. Cornificius war Gift an der Wahlurne, und Hybrida war nur halb zurechnungsf�hig. Blieben nur Galba und Gallus. Galba war ein Aristokrat bis ins Mark, er w�rde sich unter keinen Umst�nden mit Cicero einlassen, und Gallus hatte trotz aller Bitten Ciceros definitiv erkl�rt, dass er nicht das geringste Interesse daran habe, Konsul zu werden.</p><p>�Ist das zu fassen?�, jammerte Cicero, w�hrend wir uns um sein Schreibpult dr�ngten und die Liste der m�glichen Mitkandidaten studierten. �Da biete ich Gallus den besten Posten der Welt an, und zum Dank daf�r erkl�rt er sich dazu bereit, dass er mir vielleicht den einen oder anderen Tag beistehen w�rde. Er wolle sich lieber auf die Juristerei konzentrieren!� Cicero nahm seinen Stift, strich Gallus' Namen durch und setzte unten auf die Liste den von Catilina. Tr�ge klopfte er mit dem Stift auf das Verzeichnis, unterstrich den Namen, machte einen Kreis darum, hob dann den Kopf und schaute uns der Reihe nach an. �Einen m�glichen Partner, vom dem wir noch gar nicht gesprochen haben, gibt es nat�rlich noch.�</p><p>�Und der w�re?�, fragte Quintus.</p><p>�Catilina.�</p><p><emphasis>�Marcus!�</emphasis></p><p>�Das ist mein voller Ernst�, sagte Cicero. �Denken wir das einmal durch. Nur mal angenommen, ich w�rde, anstatt zu versuchen, Clodius die Anklage abzujagen, Catilina anbieten, seine Verteidigung zu �bernehmen. Wenn ich einen Freispruch erreichen kann, dann w�re er verpflichtet, mich bei den Konsulatswahlen zu unterst�tzen. Falls er aber schuldig gesprochen wird und ins Exil gehen muss, dann ist das sein Ende. Also ... mit beidem k�nnte ich gut leben.�</p><p>�Du w�rdest tats�chlich Catilina verteidigen?� Quintus kannte seinen Bruder sehr gut. Der musste sich schon einiges leisten, bevor Quintus schockiert war. An diesem Tag aber war er fast sprachlos.</p><p>�Wenn er einen Anwalt n�tig h�tte, w�rde ich sogar den schw�rzesten D�mon aus der Unterwelt verteidigen. Das ist der Kern unseres Rechtssystems.� Cicero runzelte die Stirn und sch�ttelte gereizt den Kopf. �Das haben wir doch alles schon durchgekaut, wei�t du nicht mehr, kurz vor Lucius' Tod? Erspar mir bitte diesen vorwurfsvollen Blick, Bruderherz. Was steht in deinem schlauen Buch? Ich bin ein <emphasis>homo novus,</emphasis> ich bin in Rom, ich will das Konsulat. Genau die drei Punkte sagen doch alles. Ich bin ein <emphasis>homo novus,</emphasis> deshalb k�nnen nur ich selbst und ihr paar Freunde mir helfen. Wir sind in Rom und nicht an irgendeinem abstrakten Ort in einem philosophischen Werk. Rom ist eine ruhmreiche Stadt, die auf einem Haufen Dreck erbaut ist. Und ich will das Amt, das Unsterblichkeit bedeutet, das Konsulat. Gibt es einen besseren Grund zu k�mpfen? Meine Antwort lautet: ja, ich werde Catilina verteidigen, wenn n�tig, und dann werde ich so schnell wie m�glich wieder mit ihm brechen. Und er wird genau das Gleiche machen. Das ist die Welt, in der wir leben.� Cicero lehnte sich auf seinem Stuhl zur�ck und hob beide H�nde. �Das ist Rom.� <emphasis><strong>im.</strong></emphasis></p><p>Cicero unternahm nicht sofort etwas, er wollte abwarten, ob die Anklage gegen Catilina tats�chlich vorangetrieben wurde. Viele waren der Ansicht, dass Clodius sich nur wichtig machen oder von der Schande der Scheidung seiner Schwester ablenken wollte. Aber der Sommer brach an, und schwerf�llig, wie die Justiz nun einmal war, durchlief das Verfahren seine verschiedenen Stadien, <emphasis>postulatio, divinatio, nominas dilatio,</emphasis> bis schlie�lich die Geschworenen ausgew�hlt wurden und der Beginn des Prozesses auf die letzte Juliwoche festgesetzt wurde. Damit gab es keine M�glichkeit mehr, dass Catilina den Prozess rechtzeitig bis zu den Konsulatswahlen �berstehen w�rde. Die Frist f�r die Nominierungen w�re dann schon abgelaufen.</p><p>In diesem Stadium entschloss sich Cicero, Catilina wissen zu lassen, dass er an der �bernahme seiner Verteidigung interessiert sei. Er zerbrach sich ausgiebig den Kopf dar�ber, wie er ihm das Angebot zukommen lassen solle, denn erstens wollte er bei einer Ablehnung nicht sein Gesicht verlieren, und zweitens wollte er sich f�r den Fall, dass er im Senat unter Druck geriet, die M�glichkeit offenhalten, jede Kontaktaufnahme zu Catilina abzustreiten. Schlie�lich entschied er sich f�r ein Vorgehen, dessen Gewitztheit typisch f�r ihn war. Er lie� Caelius in sein Arbeitszimmer rufen, schwor ihn auf absolute Vertraulichkeit ein und er�ffnete ihm dann seinen Plan, Catilina zu verteidigen: Was er davon halte? (�Aber zu niemandem ein Wort, verstanden?�) Das war genau die Art Klatsch, die Caelius so liebte. Nat�rlich konnte er der Versuchung nicht widerstehen und gab die vertraulichen Informationen an seine Freunde weiter - darunter auch Marcus Antonius, der nicht nur Hybridas Neffe, sondern auch der Adoptivsohn von Catilinas engem Freund Lentulus Sura war.</p><p>Ich sch�tze, es dauerte gerade mal anderthalb Tage, dann stand ein Bote mit einem Brief von Catilina vor der T�r. Er lie� anfragen, ob Cicero ihn nicht mal besuchen wolle, und schlug einen Termin nach Einbruch der Dunkelheit vor - wegen der Vertraulichkeit. �Der Fisch hat also angebissen�, sagte Cicero und zeigte mir den Brief. Er schickte den Sklaven mit der m�ndlichen Antwort zur�ck, dass er Catilina noch heute Abend in dessen Haus besuchen werde.</p><p>Terentia stand inzwischen kurz vor der Niederkunft und fand die Julihitze in Rom unertr�glich. Sie lag unruhig st�hnend im stickigen Speisezimmer auf einer Liege, flankiert von Tullia, die ihr mit piepsender Stimme vorlas, und einem Hausm�dchen, das ihr Luft zuf�chelte. Ihre Laune, die auch im g�nstigsten Fall immer unter leicht erh�hter Temperatur litt, bewegte sich in diesen Tagen permanent im Fieberbereich. Als bei Einbruch der Dunkelheit die Kandelaber angez�ndet wurden und Cicero sich zum Ausgehen fertig machte, wollte sie sofort wissen, wohin er ginge. Als er nur ausweichend antwortete, warf sie ihm unter Tr�nen vor, dass er sich eine Konkubine genommen habe - warum sonst sollte ein respektabler Mann um diese Stunde noch au�er Haus gehen? Also erz�hlte er ihr widerwillig die Wahrheit, dass er auf dem Weg zu Catilina sei. Nat�rlich bes�nftigte sie das nicht im Mindesten, im Gegenteil, es brachte sie nur noch mehr in Rage. Wie k�nne er auch nur eine Sekunde die Gesellschaft dieses Monsters ertragen, das ihre eigene Schwester, eine vestalische Jungfrau, verf�hrt habe, worauf Cicero nur sp�ttisch anmerkte, Fabia sei schon immer �mehr vestalisch als Jungfrau� gewesen. Terentia versuchte vergeblich, sich aufzusetzen, und so geleiteten den am�siert l�chelnden Cicero und mich nur ihre w�tenden Beschimpfungen bis zur Haust�r.</p><p>Die Nacht �hnelte sehr jener Nacht kurz vor den �dilswahlen, als Cicero Pompeius besucht hatte: die gleiche dr�ckende Hitze, der gleiche fiebrige Mondschein und die gleiche sanfte Brise, die den Verwesungsgestank vom Friedhof jenseits der Porta Esquilina �ber die ganze Stadt wehte. Wir gingen hinunter aufs Forum, wo Sklaven die Stra�enlaternen anz�ndeten, vorbei an den stumm und dunkel daliegenden Tempeln und dann den Palatin hinauf, wo Catilinas Haus stand. Ich trug eine Aktentasche, wie immer, und Cicero hatte die H�nde hinter dem R�cken verschr�nkt und hing mit gesenktem Kopf seinen Gedanken nach. Damals war der Palatin noch nicht so dicht bebaut wie heute, die H�user standen weiter auseinander. Ich h�rte das Pl�tschern eines Baches und roch den Duft von Gei�blatt und Heckenrosen. �Das ist der richtige Ort zum Leben, Tiro�, sagte Cicero und blieb auf der Treppe stehen. �Wenn es keine Wahlen mehr gibt, die ich gewinnen muss, und ich nicht mehr so darauf achten muss, was die Leute �ber mich denken, dann werden wir hier leben. Ein Haus mit einem Garten, wo ich lesen kann und -stell dir das blo� vor! - die Kinder spielen k�nnen.� Er drehte sich um und schaute in Richtung Esquilin. �Wenn das Kind endlich da ist, wird es f�r uns alle leichter werden. Es ist, als wartete man darauf, dass ein Sturm losbricht.�</p><p>Catilinas Haus war problemlos zu finden, denn es befand sich in unmittelbarer N�he des Tempels der Luna, der nachts zu Ehren der Mondg�ttin immer von Fackeln beleuchtet wurde. Vor der T�r wartete ein Sklave, der uns in die Vorhalle der Villa der Sergii f�hrte, wo Cicero von einer wundersch�nen Frau begr��t wurde. Dabei handelte es sich um Catilinas Frau Aurelia Orestilla, deren Tochter Catilina zuerst verf�hrt haben soll, bevor er sich dann an ihre Mutter herangemacht hatte, um deretwegen er danach, so das Ger�cht, seinen Sohn aus erster Ehe ermordet hatte (der Junge hatte gedroht, eher w�rde er Aurelia t�ten, als eine derart ber�chtigte Kurtisane als seine neue Mutter zu akzeptieren). Cicero wusste das alles und schnitt Aurelias �berschw�ngliche Begr��ung schroff ab. �Ich bin gekommen�, sagte er, �um mit deinem Mann zu sprechen, nicht mit dir.� Sie biss sich auf die Lippen und verstummte. Das Haus war eines der �ltesten von ganz Rom. Die Bodendielen knarrten unter unseren Schritten, w�hrend wir dem Sklaven ins Innere des Hauses folgten, das nach verstaubten alten Vorh�ngen und Weihrauch roch. Ich erinnere mich noch an den merkw�rdigen Umstand, dass das Haus anscheinend erst k�rzlich fast vollst�ndig ausger�umt worden war. An den W�nden zeichneten sich da, wo einmal Bilder gehangen hatten, rechteckige Umrisse ab, und auf dem Boden markierten Staubringe die Stellen, an denen vorher Statuen gestanden hatten. Im Atrium hingen nur noch die sch�bigen, vom Rauch der �llampen gelb eingef�rbten Wachsmasken von Catilinas Ahnen an den W�nden. Hier erwartete uns Catilina. Er war �berraschend gro�, mindestens einen Kopf gr��er als Cicero. Die zweite �berraschung war, dass hinter ihm Clodius stand. F�r Cicero muss das ein gewaltiger Schock gewesen sein, was er sich als disziplinierter Anwalt allerdings nicht anmerken lie�. Er sch�ttelte geistesgegenw�rtig erst Catilina, dann Clodius die Hand. Nachdem er h�flich den Wein, den man ihm anbot, abgelehnt hatte, kamen die drei M�nner ohne Umschweife zur Sache.</p><p>R�ckblickend f�llt mir auf, wie �hnlich sich Catilina und Clodius waren. Es war das einzige Mal, dass ich sie zusammen in einem Raum gesehen habe, und mit ihrer schleppenden Sprechweise und der Art, wie sie so l�ssig nebeneinanderstanden, als geh�rte ihnen ganz selbstverst�ndlich die Welt, sahen sie aus wie Vater und Sohn. Das nennt man wohl �Zucht�. Ehen innerhalb der edelsten Familien Roms �ber vierhundert Jahre hinweg waren n�tig gewesen, um diese beiden Schurken hervorzubringen, die so reinrassig waren wie Vollblutaraber und genauso schnell, eigensinnig und gef�hrlich.</p><p>�Unserer Meinung nach sollte die Sache so ablaufen�, sagte Catilina. �Unser junger Clodius hier h�lt eine brillante Rede f�r die Anklagevertretung, und jeder wird sagen, das ist der neue Cicero, jetzt ist Catilina f�llig. Aber dann kommst du, Cicero, und konterst mit einer noch brillanteren Rede f�r die Verteidigung, sodass es anschlie�end keinen Menschen mehr �berrascht, wenn ich freigesprochen werde. Das Ende der Geschichte ist, dass wir den Leuten ein gutes Spektakel geliefert haben und jeder von uns danach besser dasteht als vorher. Ich werde vor dem Volk Roms f�r unschuldig erkl�rt, Clodius bekommt seinen Lorbeer als der tapfere kommende Mann, und du hast einen weiteren fulminanten Sieg vor Gericht errungen, f�r einen Mandanten, der noch eine Spur nobler ist als deine �bliche Klientel.�</p><p>�Und wenn die Geschworenen anders entscheiden?�</p><p>�Dar�ber brauchst du dir keine Sorgen zu machen.� Catilina klopfte auf seine Tasche. �Um die Geschworenen habe ich mich gek�mmert.�</p><p>�Das Recht ist ja so teuer heutzutage�, sagte Clodius l�chelnd. �Der arme Catilina musste sogar seine Familienerbst�cke versilbern, damit ihm Gerechtigkeit widerf�hrt. Das ist wirklich ein Skandal. Was macht da blo� das gemeine Volk?�</p><p>�Ich muss die Prozessakten einsehen�, sagte Cicero. �Wann beginnt die Anh�rung?�</p><p>�In drei Tagen�, sagte Catilina und machte dem Sklaven, der an der T�r stand, ein Zeichen. �Reicht das, damit du dich ausreichend vorbereiten kannst?�</p><p>�Wenn man die Geschworenen schon �berzeugt hat, dann reichen mir f�r meine Rede zwei kurze S�tze: &gt;Das hier ist Catilina! Schickt ihn nach Hause.&lt;�</p><p>�O nein, so kommst du mir nicht davon. Ich will die komplette ciceronische Auff�hrung!�, sagte Catilina. �Ich will von dir: &gt;Dieser nnnoble Mmman ... das Bbblut von Jahrhunderten ... seht die Tr�nen seiner Fffrau und seiner Fffreunde ... &lt;� Er wedelte mit seinem Arm �berschw�nglich in der Luft herum und machte auf primitive Weise Ciceros kaum noch h�rbares Stottern nach. Clodius lachte. Beide waren schon leicht angetrunken. �Ich will Spr�che wie &gt;Bbbarbaren aus Afrika bbbesudeln die Ehre dieses altehrw�rdigen Gggerichts .. .&lt; Ich will, dass du vor unseren Augen Karthago und Troja heraufbeschw�rst, dass du Dido und Aeneas ...�</p><p>�Ja, ja, schon gut�, schnitt ihm Cicero k�hl das Wort ab. �Du wirst professionelle Arbeit bekommen.� Der Sklave war inzwischen mit den Gerichtsunterlagen zur�ckgekehrt. Ich stopfte sie hastig in meine Dokumententasche, da ich sp�rte, dass die alkoholisierte Stimmung umzukippen drohte, und es mir angeraten schien, Cicero so schnell wie m�glich von hier wegzuschaffen. �Wir m�ssen uns noch einmal treffen, um die Beweislage durchzusprechen�, fuhr Cicero in unver�ndert k�hlem Tonfall fort. �Am besten gleich morgen, wenn dir das recht ist.�</p><p>�Absolut, ich habe nichts Besseres vor�, sagte Catilina. �Ich hatte eigentlich vor, wie dir nat�rlich bekannt sein d�rfte, diesen Sommer zur Konsulatswahl anzutreten, bis dieser junge �belt�ter hier mir einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.�</p><p>F�r einen Mann seiner Gr��e war Catilina unerh�rt beh�nde. Er machte pl�tzlich einen Satz nach vorn, schlang seinen muskul�sen rechten Arm um Clodius' Hals und dr�ckte den Kopf des J�ngeren so weit nach unten, dass dieser wehrlos in seinem Klammergriff hing. Der arme Clodius -der, nebenbei bemerkt, auch kein Schw�chling warst�hnte dumpf auf und krallte halbherzig seine Finger in Catilinas Arm. Catilina verf�gte �ber erschreckende Kr�fte. Heute frage ich mich, ob er nicht im n�chsten Augenblick mit einer ruckartigen Aufw�rtsbewegung seines Unterarms Clodius' Genick gebrochen h�tte, wenn Cicero nicht mit ruhiger Stimme gesagt h�tte: �Als dein Verteidiger, Catilina, erlaube ich mir den Hinweis, dass es ein schwerwiegender Fehler w�re, deinen Ankl�ger zu ermorden.�</p><p>Catilina wirbelte herum und starrte Cicero mit finsterem Blick an - als h�tte er f�r einen Augenblick vergessen, wen er vor sich hatte. Dann fing er an zu lachen. Er fuhr durch Clodius' blondes Lockenhaar und gab ihn frei. Clodius stolperte hustend zur�ck und massierte seine Schl�fen und seine Kehle. Er warf Catilina einen Blick zu, in dem die pure Mordlust stand, doch auch er fasste sich sofort wieder, fing an zu lachen und richtete sich auf. Sie umarmten sich, Catilina rief nach mehr Wein, und wir �berlie�en sie ihrem Gelage. �Ein reizendes P�rchen�, sagte Cicero, als wir am Tempel der Luna vorbeigingen. �Mit ein bisschen Gl�ck haben sie sich bis morgen fr�h gegenseitig umgebracht.�</p><p>Als wir Ciceros Haus erreichten, lag Terentia in den Wehen. Es gab keinen Zweifel. Ihre Schreie waren bis auf die Stra�e zu h�ren. Cicero stand im Atrium und war wei� vor Panik und Entsetzen. Bei Tullias Geburt war er nicht in Rom gewesen, und seine philosophischen B�cher hatten ihn nicht auf das vorbereitet, was sich da abspielte. �Allm�chtiger Himmel, das h�rt sich an, als w�rde sie gefoltert. Terentia!� Er lief zur Treppe, wurde aber von einer der Hebammen aufgehalten.</p><p>Eine qu�lend lange Zeit warteten wir im Speisezimmer. Cicero bat mich, bei ihm zu bleiben, war aber zun�chst zu nerv�s, um zu arbeiten. Er legte sich auf die Liege, auf der Terentia gelegen hatte, als wir zu Catilina gegangen waren, sprang aber immer wieder auf und lief unruhig hin und her, sobald er Terentias Schreie h�rte. Die Luft war hei� und dr�ckend, die schwarzen Rauchf�den der ruhig brennenden Kerzenflammen sahen aus wie Senkbleischn�re, die starr von der Decke hingen. Ich machte mich daran, die Gerichtsunterlagen, die mir der Sklave in Catilinas Haus gegeben hatte, auf dem Boden auszubreiten und nach bestimmten Kategorien zu ordnen - Anklagepunkte, Zusammenfassungen von Urkundenbeweisen, eidliche Aussagen. Um sich abzulenken, fing Cicero schlie�lich an zu lesen. Auf dem Bauch liegend hob er eine Papyrusrolle nach der anderen auf, hielt sie neben die Lampe, die ich ihm hingestellt hatte, und vertiefte sich in die Unterlagen. Immer wieder st�hnte er kurz auf, aber ich wusste nicht, ob das an dem nicht nachlassenden Schreien oder an den grauenhaften Anschuldigungen gegen Catilina lag. Die enthielten tats�chlich die entsetzlichsten Schilderungen von Brutalit�t und Vergewaltigung aus fast jeder Stadt in Afrika, von Urica bis Thaenae, von Thapsus bis Thelepte. Nach ein oder zwei Stunden warf er die Rollen angeekelt beiseite und bat mich, Papier zu holen, er wolle ein paar Briefe diktieren. Der erste war f�r Atticus. Er legte sich auf den R�cken, schloss die Augen und konzentrierte sich. Ich habe die Abschrift des Briefes hier vor mir liegen.</p><p><emphasis>Es ist lange her, dass ich eine Zeile von dir in H�nden hielt. �ber meinen Wahlkampf habe ich dir schon ausf�hrlich berichtet. Im Augenblick bereite ich die Verteidigung meines Mitkandidaten Catilina vor. Wir haben geneigte Geschworene, und die Anklagevertretung wird in jeder Hinsicht kooperieren. Im Fall eines Freispruchs sollte Catilina einer Zusammenarbeit mit mir im Wahlkampf wohlwollender gegen�berstehen. Das ist zumindest meine Hoffnung. Sollte es anders ausgehen, werde ich es philosophisch nehmen.</emphasis></p><p>�Ha! Was bleibt mir auch �brig?� Er schloss die Augen.</p><p><emphasis>Ich brauche dich hier, und zwar bald. Jeder scheint der festen Meinung zu sein, dass deine adeligen Freunde sich gro�e M�he geben werden, um meine Wahl zu verhindern ...�</emphasis></p><p>An dieser Stelle bricht der Brief ab, denn von oben war anstatt eines weiteren Schreis nun ein ganz anderes Ger�usch zu h�ren - n�mlich das kr�hende Kreischen eines Neugeborenen. Cicero sprang auf und st�rmte die Treppe hinauf. Als er kurze Zeit sp�ter wieder zur�ckkam, nahm er mir schweigend Brief und Stift aus den H�nden und schrieb eigenh�ndig oben auf die Seite:</p><p><emphasis>Ich habe die Ehre, dir mitteilen zu k�nnen, dass ich Vater eines Sohnes geworden bin. Terentia ist wohlauf. </emphasis></p><p><emphasis>*</emphasis></p><p>Wie die Anwesenheit eines gesunden Neugeborenen ein Haus doch verwandelt. Ich glaube, das liegt daran, obwohl das nur selten zugegeben wird, dass es einen doppelten Segen darstellt. Die unausgesprochenen, alle Geburten begleitenden �ngste - die vor Schmerzen, Tod und Missbildungen -sind gebannt, und an ihre Stelle tritt das Wunder eines neuen Lebens. Erleichterung und Freude sind ineinander verflochten.</p><p>Nat�rlich war es mir nicht gestattet, Terentias Zimmer zu betreten, aber ein paar Stunden nach der Geburt brachte Cicero seinen Sohn nach unten und pr�sentierte ihn stolz den Mitgliedern des Haushalts und seinen Klienten. Viel zu sehen gab es nicht, um ehrlich zu sein, ein kleines r�tlich wundes Gesicht und einen schwarzen Tupfer aus feinen H�rchen. Er war eingewickelt in dieselben Wollt�cher, die schon vor �ber vierzig Jahren bei Cicero ihren Dienst getan hatten. Aus seiner Zeit als Kleinkind hatte der Senator auch noch eine Silberrassel aufgehoben, die er jetzt �ber dem winzigen Gesicht hin und her wedelte. Vorsichtig trug er seinen Sohn ins Atrium und zeigte ihm die Stelle an der Wand, wo eines Tages, falls seine Tr�ume sich bewahrheiteten, sein eigenes Bildnis als Konsul h�ngen w�rde. �Und dann�, fl�sterte Cicero, �bist du Marcus Tullius Cicero, Sohn des <emphasis>Konsuls</emphasis> Marcus Tullius Cicero. Na, h�rt sich nicht schlecht an, was? Mit sp�ttischen Bemerkungen von wegen <emphasis>homo novus</emphasis> brauchst du dich nicht mehr herumzu�rgern. Hier, Tiro, f�hl mal, wie das ist, wenn man den Begr�nder einer neuen Politdynastie im Arm h�lt.� Er reichte mir das B�ndel, und ich hielt es so linkisch in meinen H�nden, wie es Kinderlose eben tun, wenn man ihnen ein Neugeborenes in den Arm dr�ckt. Ich war erleichtert, als mir das Kinderm�dchen den Junior wieder abnahm.</p><p>Cicero betrachtete inzwischen wieder versonnen den leeren Fleck an der Atriumwand und schwelgte in einem seiner Tagtr�ume. Ich frage mich, was er da wohl gesehen haben mochte: seine Totenmaske, die ihn wie ein Spiegelbild anstarrte? Als ich mich nach Terentias Befinden erkundigte, sagte er zerstreut: �Was, ja, ja, alles in Ordnung. Du wei�t ja, sie ist eine starke Frau. Zumindest ist sie schon wieder so weit bei Kr�ften, um mich wegen meines B�ndnisses mit Catilina zu nerven.� Widerwillig wandte er den Blick von der leeren Wand. �Also dann, Tiro�, sagte er seufzend. �Unser Schurke wartet, den Termin halten wir besser ein.�</p><p>Als wir an jenem Morgen bei Catilina eintrafen, war der ehemalige Statthalter von Afrika die Liebensw�rdigkeit in Person. Sp�ter machte Cicero eine Aufstellung von Catilinas �widerspr�chlichen Eigenschaften�, aus der ich hier zitieren m�chte, da sie dessen Wesen gut beschreibt: ... <emphasis>viele Menschen mit seiner Freundschaft f�r sich einzunehmen und sie durch Treue an sich zu binden;. seinen Besitz mit allen zu teilen und in Notzeiten all seinen Freunden zu Diensten zu sein, mit Geld, Einfluss, harter Arbeit und - falls n�tig - r�cksichtslosen Verbrechen;</emphasis> .<emphasis>.. die ihm eigenen Launen je nach Situation unter Kontrolle zu halten, sie mal in diese Richtung zu lenken, mal in jene; ... sich seri�s zugeben bei den Strengen, nachsichtig bei den Freisinnigen, w�rdevoll bei den Alten, jovial bei den Jungen, dreist bei den Kriminellen, z�gellos bei den Lasterhaften</emphasis> ... Und das war der Catilina, der uns an jenem Morgen empfing: Die Geburt von Ciceros Sohn hatte man ihm offenbar schon zugetragen, denn er sch�ttelte seinem Advokaten herzlich die Hand, zog eine wundersch�ne Kassette aus Kalbleder hervor und bestand darauf, dass Cicero sie sofort �ffnete. Zum Vorschein kam ein Amulett f�r ein Neugeborenes aus Silber, das Catilina aus Utica mitgebracht hatte. �Nur ein kleines Schmuckst�ck der Eingeborenen dort, es soll Krankheit und b�se Geister abwehren�, sagte er. �Mit meinen besten W�nschen f�r deinen Jungen.�</p><p>�Das ist sehr gro�z�gig von dir, Catilina�, sagte Cicero. Das Amulett zierte eine ziemlich erlesene Gravur und war sicher kein gew�hnliches billiges Schmuckst�ck. Als Cicero es gegen das Licht hielt, sah ich, dass darauf alle Arten sich gegenseitig jagender, exotischer wilder Tiere zu sehen waren, die von zahlreichen sich windenden Schlangen miteinander verbunden waren. Einen Augenblick lang drehte er es noch zwischen den Fingern und wog es auf der Handfl�che, legte es dann jedoch zur�ck in die Kassette und gab es Catilina zur�ck. �Ich f�rchte, das kann ich nicht annehmen.�</p><p>�Warum?�, fragte Catilina und l�chelte verbl�fft. �Weil du mein Anwalt bist, und Anw�lte keine Bezahlung annehmen d�rfen? Das nenne ich Integrit�t! Es ist doch blo� eine Kleinigkeit f�r ein Neugeborenes.�</p><p>�Nun�, erwiderte Cicero und atmete langsam ein. �Eigentlich bin ich nur gekommen, um dir mitzuteilen, dass ich den Fall nicht �bernehmen werde.�</p><p>Ich war gerade damit besch�ftigt gewesen, s�mtliche Unterlagen auf dem kleinen Tisch, der zwischen den beiden M�nnern stand, auszubreiten, und hatte sie aus den Augenwinkeln im Blick behalten. Jetzt senkte ich schnell den Kopf und tat gesch�ftig. Nach einer Ewigkeit, wie mir schien, in der keiner von beiden etwas sagte, h�rte ich Catilinas Stimme, die leise fragte: �Und warum nicht?�</p><p>�Ich will ganz ehrlich sein: Weil du einfach zu offensichtlich schuldig bist.�</p><p>Wieder herrschte Stille. Dann Catilinas Stimme, die immer noch sehr gelassen klang. �Auch Fonteius war der Erpressung der Gallier schuldig, und trotzdem hast du ihn verteidigt.�</p><p>�Ja. Aber es gibt verschiedene Stufen von Schuld. Fonteius war korrupt, aber harmlos. Du bist korrupt und noch etwas vollkommen anderes.�</p><p>�Das zu entscheiden, ist Sache des Gerichts.�</p><p>�Normalerweise w�rde ich dir zustimmen. Aber du hast das Urteil schon im Voraus gekauft, und bei dieser Posse m�chte ich nicht mitspielen. Du hast es mir unm�glich gemacht, mich selbst davon zu �berzeugen, dass mein Handeln ehrenhaft w�re. Und wenn ich mich selbst nicht �berzeugen kann, dann kann ich auch niemand anderen �berzeugen -nicht meine Frau, nicht meinen Bruder und - was mir vielleicht noch wichtiger ist - auch nicht meinen Sohn, wenn er mal alt genug sein wird, um das alles zu verstehen.�</p><p>In diesem Augenblick riskierte ich einen Blick auf Catilina. Er stand vollkommen regungslos da, die Arme hingen locker an ihm herunter. Er erinnerte mich an ein Tier, das pl�tzlich einem Rivalen begegnet, an die lauernde, kampfbereite Ruhe des Raubtiers kurz vor dem Sprung. Als er antwortete, kam mir die Beil�ufigkeit seines Tonfalls etwas zu angestrengt vor. �Dir ist klar, dass diese Entscheidung f�r mich keine, f�r dich aber sehr wohl Folgen haben wird? Es spielt keine Rolle, wer mich vertritt. F�r mich �ndert sich gar nichts. Man wird mich freisprechen. Aber du wirst statt meiner Freundschaft meine Feindschaft haben.�</p><p>Cicero zuckte mit den Achseln. �Ich dr�nge mich nach keines Mannes Feindschaft. Sollte sie sich aber nicht vermeiden lassen, so werde ich sie ertragen.�</p><p>�Du hast noch nie eine Feindschaft wie die meine ertragen m�ssen, da kannst du sicher sein. Frag die Afrikaner.� Er grinste. �Frag Gratidianus.�</p><p>�Du hast ihm die Zunge herausgeschnitten, Catilina. Die Konversation d�rfte sich schwierig gestalten.�</p><p>Catilina beugte sich leicht vor, und der Gedanke schoss mir durch den Kopf, er k�nnte Cicero antun, was er bei Clodius am Abend zuvor nur angedeutet hatte. Aber das w�re Wahnsinn gewesen, und Catilina war nie vollst�ndig von Sinnen: wenn ja, w�re alles viel einfacher gewesen. Stattdessen beherrschte er sich und sagte: �Nun, dann muss ich dich wohl gehen lassen.�</p><p>Cicero nickte. �Das musst du wohl. Lass die Unterlagen hier, Tiro. Wir brauchen sie nicht mehr.�</p><p>Ich kann mich an kein weiteres Wort zwischen den beiden erinnern. Ich glaube, es fiel auch keins mehr. Catilina und Cicero wandten sich einfach den R�cken zu, die traditionelle Geste zur Besiegelung gegenseitiger Feindschaft, dann verlie�en wir die alte, leere, knarzende Villa und traten hinaus in die Hitze des r�mischen Sommers.</p></section><section><title><p id="_bookmark29">KAPITEL XV</p></title><p>Es folgte ein h�chst schwieriger und unruhiger Abschnitt in Ciceros Leben, in dem er sicher oft bereut hat, sich Catilina zu einem derart erbitterten Feind gemacht und sich nicht einfach mit irgendeiner Ausrede aus seiner Verpflichtung herausgewunden zu haben. Es kamen n�mlich, wie er oft genug sagte, nur drei Ergebnisse f�r die anstehende Konsulatswahl infrage, und die waren alle drei nicht angenehm. Entweder er w�rde Konsul und Catilina nicht, dann w�re v�llig offen, was sein geschlagener Rivale in seinem Groll unternehmen und wie weit er gehen w�rde. Oder Catilina w�rde Konsul und er nicht, dann w�rde er mit der ganzen Macht seines Amtes gegen ihn vorgehen. Oder - und das versetzte ihn meiner Meinung nach am meisten in Panik - er und Catilina w�rden gemeinsam Konsul, dann w�rde sein Traum vom h�chsten <emphasis>Imperium</emphasis> zu einer einj�hrigen Dauerschlacht degenerieren, und die Staatsgesch�fte w�rden durch ihre erbitterte Feindschaft paralysiert.</p><p>Der erste Schock traf Cicero ein paar Tage sp�ter bei der Er�ffnung des Prozesses gegen Catilina. Der leitende Anwalt der Verteidigung war n�mlich kein anderer als einer der Konsuln, Lucius Manlius Torquatus, das Oberhaupt eines der �ltesten und angesehensten Patriziergeschlechter Roms. Catilina wurde von der gesamten alten Aristokratengarde ins Gericht begleitet - darunter nat�rlich Catulus, aber auch Hortensius, Lepidus und Curio der �ltere. Trost fand Cicero nur darin, dass sich Catilinas Schuld ohne jeden Zweifel offenbarte und dass Clodius, der auf seinen eigenen Ruf achten musste, anst�ndige Arbeit leistete und alles aus den Beweismitteln herausholte. Torquatus war zwar ein weltgewandter und pr�ziser Anwalt, aber er konnte auch nichts anderes tun als den - um eine damals gebr�uchliche, ziemlich r�de Wendung zu benutzen -Schei�haufen mit Parf�m zu betr�ufeln. Die Geschworenen waren zwar bestochen worden, aber die Zeugnisse von Catilinas Verhalten in Afrika waren derart schockierend, dass die Richter ihn fast schuldig gesprochen h�tten. Allerdings wurde er nur per <emphasis>infamiam</emphasis> freigesprochen - das hei�t, er wurde vom Gericht unehrenhaft entlassen. Aus Angst vor der Rache Catilinas und seiner Anh�nger verlie� Clodius kurze Zeit sp�ter die Stadt und trat in die Dienste von Lucius Murena ein, dem neuen Statthalter der Provinz Narbonensis in Gallia Transalpina. �H�tte ich Catilina doch selbst verteidigt�, st�hnte Cicero. �Dann s��e er jetzt mit Verres am Strand von Massilia.�Wenigstens hatte er die Schande vermieden, Catilina als Verteidiger dienstbar gewesen zu sein - was er �brigens zum gro�en Teil Terentia zugutehielt. Seitdem legte er deutlich mehr Wert auf ihren Rat.</p><p>Ciceros Wahlkampfstrategie sah vor, dass er Rom nun f�r vier Monate den R�cken kehrte und im Norden, bis hinauf zur Grenze Italiens mit Gallia Cisalpina, auf Stimmenfang ging. Soweit mir bekannt, hatte das noch kein Kandidat vor ihm getan, und obwohl Cicero die Stadt nur �u�erst ungern f�r so lange Zeit verlie�, war er davon �berzeugt, dass es die M�he wert war. Bei seiner Kandidatur f�r das �dilat hatte es etwa vierhunderttausend registrierte W�hler gegeben. Inzwischen jedoch waren die Listen von den Zensoren aktualisiert und die Gebiete mit Wahlrecht bis zum Po ausgedehnt worden, sodass es nun fast eine Million Stimmberechtigte gab. Nur sehr wenige von diesen B�rgern w�rden jemals die weite Reise in Erw�gung ziehen, um in Rom pers�nlich ihre Stimme ab zu geben. Wenn er es aber schaffte, so Ciceros Kalkulation, nur einen von zehn, mit denen er auf seiner Wahlkampfreise sprach, zu der M�he �berreden zu k�nnen, dann k�nnte ihm das auf dem Marsfeld den entscheidenden Vorteil bringen.</p><p>Er setzte die Abreise auf den Tag nach den R�mischen Spielen fest, die in jenem Jahr wie �blich am f�nften September begannen. Und da traf Cicero der zweite . nun ja, ich w�rde es nicht gerade Schock nennen, aber es war doch entschieden beunruhigender als eine simple �berraschung. Die R�mischen Spiele wurden wie immer von den kurulischen �dilen veranstaltet, von denen einer Caesar war. Wie bei Antonius Hybrida setzte man auch in ihn keinerlei Erwartungen, weil jeder wusste, dass er sich immer in finanziellen Engp�ssen befand. Aber Caesar riss das Spektakel gleich ganz an sich und verk�ndete auf seine arrogante Art, dass diese Spiele nicht nur zu Ehren Jupiters, sondern auch zu Ehren seines toten Vaters stattf�nden. Schon Tage vorher errichteten seine Arbeiter auf dem Forum Kolonnaden, wo die Menschen flanieren und staunen konnten, welche wilden Tiere er importiert und welche Gladiatoren er eingekauft hatte - nicht weniger als dreihundertzwanzig�Kampfpaare�in Silberr�stungen: so viele wie nie zuvor bei �ffentlichen Spielen. Er veranstaltete Bankette, hielt Umz�ge ab, f�hrte Theaterst�cke auf, und am Morgen der eigentlichen Spiele erwachten die B�rger Roms und stellten fest, dass er auf dem Gel�nde des Kapitols �ber Nacht eine Statue von Marius, dem Helden der Popul�ren, hatte aufstellen lassen - der gro�en Hassfigur der Aristokraten.</p><p>Catulus lie� daraufhin umgehend den Senat einberufen und stellte den Antrag auf sofortige Entfernung der Statue. Caesar war jedoch derma�en popul�r in Rom, dass es der Senat nach seiner �tzenden Gegenrede nicht wagte, die Angelegenheit weiter zu verfolgen. Jedem war klar, dass es nur einen Mann gab, der Caesar das Geld f�r eine derartig verschwenderische Inszenierung hatte leihen k�nnen: Crassus. Ich wei� noch, dass Cicero nach den R�mischen Spielen in genauso niedergeschlagener Stimmung nach Hause kam wie nach Hybridas Spielen des Apollo. Das lag nicht an Caesar, denn es war unwahrscheinlich, dass der sechs Jahre J�ngere jemals in einer Wahl gegen ihn antreten w�rde, sondern daran, dass Crassus eindeutig etwas im Schilde f�hrte und Cicero keine Ahnung hatte, was das war. In jener Nacht schilderte mir Cicero eine Nummer des Unterhaltungsprogramms. �Ein bedauernswerter Bursche, irgendein Krimineller, wurde nackt in die Mitte der Arena gef�hrt. Seine einzige Waffe war ein Holzschwert. Dann haben sie einen Panther und einen L�wen auf ihn losgelassen, die sicher seit Wochen kein St�ck Fleisch mehr gesehen hatten. Der Bursche hat den Leuten wirklich eine anst�ndige Vorstellung geboten. Er hat sich den einzigen Vorteil zunutze gemacht, den er hatte -seinen Verstand. Er ist hierhin gesaust, dahin gesaust, und eine Zeit lang hat es ganz so ausgesehen, als k�nnte er es schaffen, dass die beiden Raubtiere nicht ihm, sondern sich gegenseitig an die Gurgel gingen. Die Menge hat ihn angefeuert. Aber dann ist er ein einziges Mal gestolpert, und die beiden Bestien haben ihn in St�cke gerissen. Ich habe nach links geschaut, zu Hortensius und den anderen Aristokraten, alle haben gelacht und applaudiert, und dann nach rechts, wo nebeneinander Crassus und Caesar gesessen haben. Und ich habe mir gedacht: <emphasis>Tja, Cicero, der Mann da unten, das bist du.�</emphasis></p><p>Seine pers�nlichen Beziehungen zu Caesar waren immer freundlich, nicht zuletzt deshalb, weil Caesar seine Witze mochte. Aber er hatte ihm nie vertraut, und jetzt, da er ihn verd�chtigte, mit Crassus zu paktieren, begann er etwas mehr Abstand zu halten. Es gibt noch eine Geschichte �ber Caesar, die ich erw�hnen sollte. Etwa um die gleiche Zeit wurde Palicanus bei Cicero mit dem Anliegen vorstellig, ihn bei seiner eigenen Bewerbung f�r das Konsulat zu unterst�tzen. Ach ja, der arme Palicanus! Er war ein warnendes Beispiel daf�r, wie einem die Politik mitspielen kann, wenn man zu sehr von der Gunst eines bedeutenden Mannes abh�ngt. Er war erst Pompeius' treuer Volkstribun und dann sein treuer Pr�tor gewesen, hatte aber -nachdem Pompeius das Sonderkommando erhalten hatte - nie seinen Anteil an der Beute bekommen. Aus einem einfachen Grund: Es gab nichts mehr, was Palicanus daf�r noch h�tte anbieten k�nnen; er war einfach leer, ausgepresst. Ich stelle mir vor, dass er Tag f�r Tag in seinem Haus sa� und seine monstr�se Pompeius-B�ste anschaute oder allein vor seinem Wandgem�lde von Pompeius als Jupiter zu Abend a� - im Ernst, seine Chancen auf das Konsulat waren ungef�hr so gro� wie meine. Aber Cicero wollte ihm die Abfuhr so freundlich wie m�glich beibringen. Er sagte, er k�nne kein Wahlb�ndnis mit ihm eingehen, aber er w�rde versuchen, ihm in der Zukunft anderweitig behilflich zu sein (was er nat�rlich nie tat). Am Ende des Gespr�chs, Palicanus hatte sich bereits erhoben, wollte Cicero noch eine freundliche Bemerkung machen und bat ihn, doch seine Tochter (die schlampige Lollia, die Frau von Gabinius) von ihm zu gr��en.</p><p>�Lass mich blo� mit dieser Hure in Ruhe!�, sagte er. �Du musst doch davon geh�rt haben? Die ganze Stadt redet schon dar�ber. Sie l�sst sich jeden Tag von Caesar v�geln.�</p><p>Cicero versicherte ihm, dass er das nicht gewusst habe.</p><p>�Caesar�, sagte Palicanus bitter. �Dieser falsche Bastard. Ich bitte dich, genau dann mit der Frau eines Kameraden ins Bett zu gehen, wenn der tausend Meilen weit weg f�r sein Vaterland k�mpft.�</p><p>�Eine Schande�, pflichtete Cicero ihm bei. �Nicht dass ich in solchen Dingen Experte w�re�, sagte er zu mir, nachdem Palicanus gegangen war. �Aber wenn man schon so was macht, dann ist das doch genau der richtige Zeitpunkt.� Er sch�ttelte den Kopf. �Allerdings ... da kommt man schon auf Gedanken. Wenn dir ein Mann deine Frau ausspannt, was w�rde er dir noch alles abkn�pfen?�</p><p>Wieder einmal h�tte ich ihm fast erz�hlt, was ich in Pompeius' Haus gesehen hatte. Und wieder besann ich mich eines vermeintlich Besseren.</p><p>An einem klaren Herbstmorgen verabschiedete sich Cicero unter Tr�nen von Terentia, Tullia und dem kleinen Marcus, und wir verlie�en die Stadt, um auf gro�e Wahlkampfreise in den Norden zu gehen. Wie �blich blieb Quintus zur�ck und nahm sich der politischen Interessen seines Bruders an, w�hrend Frugi mit dem juristischen Tagesgesch�ft betraut wurde. Der junge Caelius Rufus nahm die Abreise zum Anlass, Cicero endlich zu verlassen, um seine Ausbildung im Haushalt von Crassus zu vervollst�ndigen.</p><p>Wir reisten in einer Kolonne aus drei vierr�drigen Kutschen, die von jeweils zwei Maultieren gezogen wurden - in einer schlief Cicero, eine andere war zum Arbeitszimmer umgebaut worden, und die dritte war bis unters Dach vollgestopft mit Gep�ck und Unterlagen. Danach kamen kleinere Wagen, in denen das Gefolge des Senators untergebracht war: Sekret�re, Diener, Maultiertreiber, K�che und Wer-wei�-ich-noch-alles, darunter mehrere st�mmige M�nner, die als Leibwachen dienten. Niemand w�nschte uns Lebewohl, als wir durch die Porta Fontinalis aus der Stadt hinausfuhren. In jenen Tagen waren die H�gel n�rdlich von Rom noch ganz mit Pinien bedeckt - abgesehen von dem einen, auf dem Lucullus gerade seinen ber�chtigten Palast vollendete. Der patrizische General war inzwischen aus dem Osten zur�ckgekehrt, konnte die Stadt aber nicht betreten, ohne sein milit�risches <emphasis>Imperium</emphasis> und damit auch sein Recht auf einen Triumph zu verwirken. Also wartete er hier drau�en inmitten all seiner Kriegsbeute darauf, dass seine aristokratischen Kumpane eine Mehrheit im Senat zustande br�chten, die daf�r stimmte, dass er als Triumphator in Rom einziehen konnte -was aber Pompeius' Anh�nger, darunter auch Cicero, nach wie vor verhinderten. Allerdings schaute Cicero kurz von seinen Briefen auf, um im Vorbeifahren einen Blick auf den gewaltigen Palast zu werfen, dessen Dach zwischen den Baumwipfeln hervorlugte. Insgeheim hoffte ich, dass wir vielleicht den gro�en Mann selbst zu Gesicht bek�men, aber nat�rlich war das nicht der Fall. (Nebenbei bemerkt: Auch der gerade aus Kreta zur�ckgekehrte Quintus Metellus, der einzige noch lebende der drei Metellus-Br�der, sa� vor den Toren Roms fest und wartete auf die Bewilligung seines Triumphes, den ihm der ewig eifers�chtige Pompeius aber ebenso verweigerte. Lucullus' und Metellus' missliche Lage war f�r Cicero Quell st�ndigen Vergn�gens: �Gener�le im Verkehrsstau�, nannte er sie. �Beide wollen unbedingt durch den Triumphbogen nach Rom ziehen.�) An der Milvischen Br�cke hielten wir an, und Cicero setzte schnell noch einen letzten Abschiedsgru� an Terentia auf. Dann �berquerten wir den angeschwollenen Tiber und f�hren auf der Via Flaminia Richtung Norden.</p><p>An jenem ersten Tag kamen wir sehr gut voran und erreichten kurz vor Einbruch der Dunkelheit das etwa drei�ig Meilen n�rdlich von Rom gelegene Ocriculum. Wir wurden von einem prominenten B�rger, der Cicero seine Gastfreundschaft angeboten hatte, empfangen, und am n�chsten Morgen auf dem Forum er�ffnete der Senator seinen Wahlfeldzug. Das Geheimnis eines effizienten Wahlkampfs liegt in der Qualit�t der Arbeit, die der Mitarbeiterstab des Kandidaten schon im Voraus geleistet hat. Cicero hatte das gro�e Gl�ck, zwei K�nner auf diesem Gebiet angeheuert zu haben, Ranunculus und Filum, die ihm vorausreisten und daf�r sorgten, dass er in jeder Stadt von einer ansehnlichen Anh�ngerschar erwartet wurde. F�r die beiden Haudegen gab es keinen einzigen wei�en Fleck auf der Wahlkreislandkarte Italiens. Sie wussten, wer von den lokalen Rittern es Cicero �bel n�hme, wenn er ihnen nicht seinen Respekt zollte, und wem man besser aus dem Weg ging; welche die bedeutendsten Wahlbezirke und Zenturien in jeder Region waren und welche h�chstwahrscheinlich einmal wichtig werden k�nnten; welche Themen die B�rger am meisten bewegten und welche Zusagen sie als Gegenleistung f�r ihre Stimmen erwarteten. Obwohl sie kein anderes Gespr�chsthema als Politik kannten, konnte Cicero mit ihnen bis sp�t in die Nacht hinein Fakten und Geschichten austauschen und war dabei so gl�cklich, als unterhielte er sich mit einem Philosophen oder sonst einem geistreichen Menschen.</p><p>Selbst wenn ich mich noch an alle Einzelheiten der Kampagne erinnerte, ich h�tte nicht vor, sie hier aufzuz�hlen. Bei allen G�ttern, ein Haufen Asche w�re alles, was bei n�herer Betrachtung von den meisten politischen Karrieren �brig bliebe. Fr�her h�tte ich die Namen aller Konsuln der letzten hundert und die der meisten Pr�toren der letzten vierzig Jahre auswendig gewusst. Inzwischen haben sie sich fast alle aus meinem Ged�chtnis verabschiedet, ausgel�scht wie die Lichter in der Bucht von Neapel um Mitternacht. Kein Wunder, dass die St�dte und Menschenmengen aus Ciceros Wahlkampf zu einem einzigen allgemeinen Eindruck verschmolzen sind, der aus gesch�ttelten H�nden, geh�rten Geschichten, ertragenem Stumpfsinn, empfangenen Petitionen, erz�hlten Witzen, gegebenen Garantien sowie bes�nftigten und umschmeichelten Lokalgr��en besteht. Der Name Cicero war damals ber�hmt, sogar au�erhalb Roms. Die Leute str�mten in Massen herbei, um ihn zu sehen, besonders in den gr��eren St�dten mit eigener Rechtsprechung, wo seine Anklagereden aus dem Fall Verres - selbst diejenigen, die er gar nicht gehalten hatte - in zahllosen Kopien im Umlauf waren. Er war ein Held f�r die unteren Schichten wie f�r die angesehenen Ritter, die ihn als einen Streiter gegen die Habgier und den Snobismus der Aristokratie betrachteten. Aus diesem Grund �ffneten sich ihm auch nur sehr selten die T�ren der gro�en patrizischen Familien. Wenn wir an deren Anwesen vorbeikamen, wurden wir oft verh�hnt und gelegentlich auch mit diversen Gegenst�nden beworfen.</p><p>Wir eilten weiter Richtung Norden, widmeten entlang der Via Flaminia jeweils einen Tag jeder etwas gr��eren Stadt - Narnia, Carsulae, Mevania, Fulginia und Tadinum - und erreichten etwa zwei Wochen nach unserer Abreise aus Rom schlie�lich die Adriatische K�ste. Es lag schon einige Jahre zur�ck, dass ich das Meer zum letzten Mal gesehen hatte, und als hinter dem Staub und Gestr�pp das glitzernde Blau auftauchte, war ich so aufgeregt wie ein kleines Kind. Es war ein wolkenloser und milder Nachmittag, der verirrte Nachz�gler eines schon lange verblassten Sommers. Spontan lie� Cicero anhalten, sodass wir alle an den Strand gehen konnten. Merkw�rdig, welche Dinge einem unausl�schlich in Erinnerung bleiben. W�hrend ich die politischen Details jener Reise fast alle vergessen habe, so erinnere ich mich immer noch genau an jede Einzelheit dieser einst�ndigen Rast -an den Geruch des Seegrases und den Geschmack der salzigen Gischt auf meinen Lippen; an die W�rme der Sonne auf meinen Wangen; an das Klackern der Kiesel, wenn die Wellen auf den Strand schlugen, und das Rauschen, wenn sie sich wieder zur�ckzogen; und an Ciceros Lachen, als er zu demonstrieren versuchte, wie Demosthenes angeblich seine Sprechtechnik verbessert haben soll, indem er n�mlich seine Reden mit dem Mund voller Kieselsteine einstudierte.</p><p>Ein paar Tage sp�ter, in Ariminum, bogen wir auf die Via Aeinilia ein und wandten uns nach Westen, weg vom Meer in die Provinz Gallia Cisalpina. Ab jetzt sp�rten wir den schneidenden Wind des nahenden Winters. Zu unserer Linken ragten steil die schwarzpurpurnen Berge des Apennin auf, zu unserer Rechten erstreckte sich das Delta des Po grau und flach bis zum Horizont. Ich hatte das seltsame Gef�hl, dass wir uns in der Ecke eines gro�en Raumes befanden und wie Insekten am Fu� einer Wand entlangkrabbelten. Das zu jener Zeit alles beherrschende politische Thema in Gallia Cisalpina war das Wahlrecht. Wer s�dlich des Po lebte, durfte w�hlen, wer n�rdlich davon lebte, nicht. Die von Pompeius und Caesar angef�hrten Popul�ren waren daf�r, das B�rgerrecht �ber den Fluss bis zu den Alpen auszudehnen; die Aristokraten und ihr Wortf�hrer Catulus witterten eine Verschw�rung, die ihre Macht weiter schm�lern sollte, und waren dagegen. Cicero bef�rwortete nat�rlich eine Ausdehnung des Wahlrechts so weit wie m�glich - das war seine zentrale Wahlkampfaussage.</p><p>Nie zuvor hatte man in dieser Gegend einen Wahlk�mpfer f�rs Konsulat gesehen. In jedem kleinen Ort kamen Hunderte von Menschen, um Cicero zu h�ren. Normalerweise stand er hinten auf einem unserer Wagen und sprach von dort zu den Leuten. Er hielt �berall die gleiche Rede, sodass ich schon bald meine Lippen synchron mit seinen bewegen konnte. Er brandmarkte eine Logik als Unsinn, die behauptete, dass ein Mann, der auf einer Seite eines Wasserlaufes wohne, ein R�mer sei, sein Vetter auf der anderen Seite aber ein Barbar, obwohl beide Latein spr�chen. �Rom, das ist nicht nur eine Sache der Geografie�, rief er aus. �Rom wird nicht bestimmt durch Fl�sse, Berge oder gar Meere; Rom ist keine Frage des Blutes, der Rasse oder Religion; Rom, das ist ein Ideal. Seit unsere Vorfahren vor zehntausend Jahren aus diesen Bergen hinunter in die Ebenen zogen und lernten, als Gemeinschaften unter der Herrschaft des Rechts zu leben, ist Rom die vollkommenste Verk�rperung von Freiheit und Recht, die die Menschheit je gesehen hat.� Wenn also seine Zuh�rer eine Stimme h�tten, so schloss er, dann m�ssten sie sie zum Wohl derer verwenden, die keine h�tten, denn das sei ihr Anteil an der Zivilisation, ihr besonderes Geschenk, das so wertvoll sei wie das Geheimnis des Feuers. Jeder Mann solle zumindest einmal in seinem Leben Rom gesehen haben. Und sie sollten gleich im n�chsten Sommer, wenn das Reisen bequem sei, nach Rom kommen und auf dem Marsfeld ihre Stimme abgeben, und falls sie jemand fragte, warum sie die weite Reise auf sich genommen h�tten, �dann antwortet, weil Marcus Cicero uns geschickt hat!�. Daraufhin sprang er vom Wagen, bahnte sich seinen Weg durch die applaudierende Menge und verteilte dabei aus einem Sack, den einer seiner Helfer trug, mit vollen H�nden Kichererbsen, und ich folgte ihm wie ein Schatten, nahm seine Anweisungen entgegen und notierte Namen.</p><p>W�hrend des Wahlkampfs lernte ich viel �ber Cicero. Trotz der vielen Jahre, die wir bereits zusammen verbracht hatten, behaupte ich sogar, dass ich in diesen Kleinst�dten s�dlich des Po -Faventia etwa oder Claterna - sein Wesen erst richtig kennenlernte. In den Momenten, wenn die sp�therbstliche Sonne langsam zu verblassen begann und ein kalter Wind von den Bergen herunterwehte, wenn die Lichter in den kleinen L�den entlang der Hauptsra�e entz�ndet wurden und die Augen der einheimischen Bauern ehrf�rchtig hinaufblickten zu dem ber�hmten Senator, der, die drei Finger ausgestreckt, auf seinem Wagen stand und von den Errungenschaften Roms erz�hlte, da erkannte ich, dass er trotz all seiner Kultiviertheit immer noch einer von ihnen war - ein Mann aus einer kleinen Provinzstadt mit einem idealisierten Traum von der Republik und davon, was es bedeutete, ein B�rger zu sein. Dieser Traum loderte umso heftiger in ihm, weil auch er ein Au�enseiter war.</p><p>In den n�chsten zwei Monaten widmete sich Cicero voll und ganz den W�hlern in Gallia Cisalpina, vor allemjenen in der Gegend um die Provinzhauptstadt Placentia, die direkt am Po liegt und in der die Diskussion um das B�rgerrecht ganze Familien entzweite. Sein Wahlkampf wurde entschieden unterst�tzt vom Statthalter Piso -merkw�rdigerweise jener Piso, der Pompeius das Schicksal von Romulus angedroht hatte, sollte er weiter seine Pl�ne nach dem alleinigen Oberbefehl verfolgen. Aber Piso war Pragmatiker, und au�erdem hatte seine Familie wirtschaftliche Interessen jenseits des Po. Deshalb bef�rwortete er die Ausdehnung des Wahlrechts. Er stattete Cicero und sein Gefolge sogar mit besonderen Befugnissen aus, damit sie sich freier bewegen konnten. Die Saturnalien verbrachten wir in Pisos eingeschneitem Amtssitz. Der Statthalter fand mehr und mehr Gefallen an Ciceros Umgangsformen und Intelligenz, sodass er ihm eines Abends, als er schon ziemlich viel Wein getrunken hatte, auf die Schulter klopfte und verk�ndete: �Cicero, du bist ja doch ein ganz anst�ndiger Bursche. Ein anst�ndigerer Bursche und ein anst�ndigerer Patriot, als ich geglaubt h�tte. Wenn es nach mir ginge, h�tte ich nichts gegen einen Konsul Cicero einzuwenden. Jammerschade, dass es nie dazu kommen wird.�</p><p>Cicero schaute ihn betroffen an. �Warum bist du dir da so sicher?�</p><p>�Weil die Aristokraten das nie zulassen werden, sie kontrollieren die Mehrheit der W�hler.�</p><p>�Sicher, ihr Einfluss ist gro߫, r�umte Cicero ein. �Aber ich habe die Unterst�tzung von Pompeius.�</p><p>Piso brach in br�llendes Gel�chter aus. �Na, das wird dir ja viel nutzen! Der spielt am anderen Ende der Welt den gro�en Herrn. Au�erdem: Ist dir noch nie aufgefallen, dass Pompeius au�er f�r sich selbst f�r niemanden sonst die Hand r�hrt? Wei�t du, auf wen ich an deiner Stelle ein Auge haben w�rde?�</p><p>�Auf Catilina?�</p><p>�Ja, auf den auch. Um wen ich mir allerdings wirklich Sorgen machen w�rde, das ist Antonius Hybrida.�</p><p>�Aber der Mann ist ein Schwachkopf.�</p><p>�Cicero jetzt entt�uschst du mich aber. Seit wann steht denn Dummheit einer politischen Karriere im Weg? H�r auf meinen Rat: Hybrida ist der Mann, um den sich die Aristokraten scharen werden, dann bleibt f�r dich und Catilina nichts weiter als der Kampf um den zweiten Platz. Und vergiss Pompeius, er wird dir keine Hilfe sein.�</p><p>Cicero l�chelte und spielte den Unbek�mmerten. Tats�chlich hatten ihn Pisos Worte ins Mark getroffen, und sobald Tauwetter einsetzte, brachen wir auf und reisten auf schnellstem Weg zur�ck nach Rom. </p><p>*</p><p>Wir kamen Mitte Januar an, und zun�chst schien alles gut zu laufen. Cicero st�rzte sich wieder in die Hektik seiner anwaltlichen T�tigkeit in den Gerichtsh�fen, und der Wahlkampfstab traf sich wieder w�chentlich unter der Leitung von Quintus, der Cicero versicherte, dass seine Anh�ngerschaft nach wie vor fest zu ihm stehe. Der junge Caelius geh�rte nicht mehr zum Kreis, wurde aber mehr als ersetzt von Ciceros �ltestem und engstem Freund Atticus, der nach zwanzig Jahren in Griechenland nach Rom zur�ckgekehrt war.</p><p>Atticus, dessen Bedeutung f�r Ciceros Leben ich bislang nur gestreift habe, begann nun eine �u�erst bedeutsame Rolle f�r ihn zu spielen. Ohnehin schon ein reicher Mann, hatte er erst k�rzlich ein pr�chtiges Haus auf dem Quirinal plus zwanzig Millionen Sesterzen in bar geerbt, und zwar von seinem Onkel Quintus Caecilius, der einer der verhasstesten und menschenfeindlichsten Geldverleiher Roms gewesen war. Es sagt viel �ber Atticus, dass er der Einzige war, der mit dem widerw�rtigen alten Mann bis zu dessen Tod einen einigerma�en normalen Umgang gepflegt hatte. Obwohl einige hinter diesem Verhalten Opportunismus zu erkennen glaubten, hatte es sich Atticus in Wahrheit aufgrund seiner Lebensphilosophie zum Prinzip gemacht, sich niemals mit einem Menschen zu streiten. Er war ein begeisterter Anh�nger der Lehren von Epikur -�Anfang und Ende jeden gl�cklichen Lebens ist das Vergn�gen� -, wobei ich anmerken m�chte, dass er nicht zu der Sorte von Epikureern geh�rte, die im Allgemeinen als Luxuss�chtige missverstanden werden, sondern ein Anh�nger der wahren Lehre war, die danach zu trachten sucht, was die Griechen <emphasis>ataraxia</emphasis> oder unersch�tterliche Seelenruhe nennen. Er ging Streitigkeiten und unerfreulichen Dingen jeder Art konsequent aus dem Weg (selbstredend war er unverheiratet) und wollte nichts anderes vom Leben, als sich tags�ber mit Philosophie zu besch�ftigen und abends zusammen mit seinen kultivierten Freunden zu speisen. Er glaubte, dass die gesamte Menschheit das anstreben sollte, und wunderte sich dar�ber, dass sie das nicht tat. Cicero erinnerte Atticus gelegentlich an eine Tatsache, die er gern verga�: dass n�mlich nicht jeder ein Verm�gen geerbt hatte. Er zog nie auch nur eine Sekunde etwas so Enervierendes oder Gef�hrliches wie eine politische Karriere in Erw�gung. Dennoch hatte er sich die M�he gemacht, gleichsam als Versicherung gegen die Wechself�lle des Lebens, zu jedem Aristokraten, der jemals nach Athen gekommen war, freundschaftlichen Kontakt zu suchen - was im Lauf von zwei Jahrzehnten eine stattliche Anzahl gewesen war. Von jedem Besucher hatte er den Fanilienstammbaum aufgezeichnet, hatte diesen von seinen Sklaven mit herrlichen Illustrationen versehen lassen und hn dann als Geschenk �berreicht. Au�erdem konnte Attikus hervorragend mit Geld umgehen. Kurz: Es d�rfte wohl nie jemanden gegeben haben, der sich mit so weltlichen Mitteln von allem Weltlichen zu l�sen trachtete wie Titus Pomponius Atticus.</p><p>Er war drei Jahre �lter als Cicero, der gro�en Respekt vor ihm hatte, nicht nur wegen seines Reichtums, sondern auch wegen seiner gesellschaftlichen Verbindungen. Denn wenn ss einen Mann gibt, dem man quasi automatisch Zugang zu den gut unterrichteten Kreisen gew�hrt, dann ist es jemand wie der verm�gende und geistreiche Junggeselle von Mitte vierzig, der aufrichtiges Interesse an der Ahnentafel seines Gastgebers und seiner Gastgeberin bekundet. Das machte Atticus zur unsch�tzbaren Quelle politischer Informationen, und es waren seine Ausk�nfte, die Cicero allm�hlich vor Augen f�hrten, wie ernst zu nehmend der Widerstand gegen seine Kandidatur war. Als Erstes erfuhr Atticus bei einem Tischgespr�ch von seiner ber�hmten Freundin Servilia, der Halbschwester Catos, dass Antonius Hybrida definitiv in den Wahlkampf einsteigen w�rde. Ein paar Wochen sp�ter berichtete er Cicero von einer Bemerkung, in der Hortensius (ebenfalls einer seiner Bekannten) angedeutet habe, dass Hybrida und Catilina planten, gemeinsam anzutreten. Das war ein herber Schlag. Obwohl Cicero so tat, als n�hme er es auf die leichte Schulter - �ist doch bestens, ein doppelt so gro�es Ziel kann man auch doppelt so leicht treffen� -, sp�rte ich, dass er angeschlagen war. Er selbst hatte keinen Mitkandidaten, und im Augenblick gab es auch niemanden, der ernsthaft daf�r infrage gekommen w�re.</p><p>Aber die wirklich schlechte Nachricht erreichte uns erst im sp�ten Fr�hjahr nach der Sitzungspause des Senats. Atticus lie� den beiden Cicero-Br�dern eine Nachricht zukommen, dass er sie dringend sprechen m�sse, und so machten wir drei uns nach Schlie�ung der Gerichte sofort auf den Weg. Atticus' Haus, das auf einem Felsvorsprung neben dem Tempel des Salus stand, war die perfekte Junggesellenbehausung - nicht zu gro�, aber mit dem herrlichsten Ausblick auf die Stadt, vor allem von der Bibliothek aus, die Atticus zum Herzst�ck des Hauses gestaltet hatte. B�sten der bedeutendsten Philosophen hingen an den W�nden, und es standen �berall kleine gepolsterte B�nke herum, da Atticus es sich zur festen Regel gemacht hatte, nie ein Buch zu verleihen, aber jedem seiner Freunde erlaubte, ihn jederzeit zu besuchen und ein Buch vor Ort zu lesen oder sich sogar eine Abschrift davon zu machen. Als wir die Bibliothek an jenem Nachmittag betraten, lag Atticus in der weiten wei�en Tunika eines Griechen unter dem Kopf von Aristoteles auf einer Liege und las, wenn ich mich recht erinnere, in einer Ausgabe von <emphasis>Kyriai doxai,</emphasis> der zentralen Lehre von Epikur.</p><p>Er kam sofort zur Sache. �Ich war gestern auf dem Palatin, zum Abendessen im Haus von Metellus Celer und seiner Frau Clodia. Einer von den anderen G�sten war ein ehemaliger Konsul, ein Aristokrat von feinstem Gebl�t ...� Er blies auf einer imagin�ren Trompete. �Und zwar kein Geringerer als Publius Cornelius Lentulus Sura.�</p><p>�Himmel noch mal�, sagte Cicero l�chelnd. �Mit wem du alles verkehrst.�</p><p>�Hast du gewusst, dass Lentulus noch einmal antreten will? Er will sich im Sommer zum Pr�tor w�hlen lassen.�</p><p>�Ach, tats�chlich?� Cicero schaute finster drein und rieb sich die Stirn. �Er ist ein Busenfreund von Catilina. Dann stecken beide wohl unter einer Decke. Allm�hlich finden sie alle zusammen, die Halunken.�</p><p>�Kann man wohl sagen, das ist eine ganz h�bsche politische Bewegung - er, Catilina, Hybrida, und ich hatte den Eindruck, dass da noch andere dabei sind. Aber er hat sonst keine Namen genannt. Irgendwann hat er uns allen einen Papyrus mit der Prophezeiung eines Orakels unter die Nase gehalten, er w�rde der dritte Cornelier sein, der als Diktator �ber Rom herrschen w�rde.�</p><p>�Die alte Schnarchnase? Diktator? Du hast ihm hoffentlich ins Gesicht gelacht?�</p><p>�Nein, das habe ich nicht�, sagte Atticus. �Ich habe ihn sehr ernst genommen. Das solltest du zur Abwechslung auch mal versuchen, Cicero, anstatt nur immer deine vernichtenden Sticheleien abzuschie�en, nach denen kein Mensch mehr den Mund aufmacht. Nein, ich habe ihn ermutigt, doch weiterzuerz�hlen, und er trank noch einen kleinen Becher von Celers exzellentem Wein, und ich h�rte weiter zu. Und er trank und trank, bis er mich schlie�lich zur Verschwiegenheit verpflichtete und mir sein gro�es Geheimnis anvertraute.�</p><p>�Und das ist?�, fragte Cicero und beugte sich auf seinem Stuhl vor, denn Atticus hatte sie bestimmt deshalb hierher zitiert.</p><p>�Sie haben Crassus.�</p><p>Stille.</p><p>�Crassus' Stimme?�, fragte Cicero. Soweit ich mich erinnern kann, war dies das erste Mal, dass ich Cicero etwas derart Idiotisches habe sagen h�ren: Ich schreibe es dem Schock zu.</p><p>�Nein�, antwortete Atticus gereizt. �Er unterst�tzt sie. Du wei�t, was ich meine. Er finanziert sie. Kauft ihnen einfach die komplette Wahl - sagt Lentulus.�</p><p>Vor�bergehend schien Cicero seiner Sprache beraubt. Nach einer langen Pause war es Quintus, der als Erster wieder das Wort ergriff: �Das glaube ich nicht. Lentulus muss ganz sch�n gebechert haben, wenn er derma�en l�cherliche Spr�che von sich gibt. Was sollte Crassus f�r einen Grund haben, solche Leute an die Macht zu bringen?�</p><p>Cicero fand seine Stimme wieder. �Um mich fertigzumachen�, sagte er.</p><p>�Bl�dsinn!�, rief Quintus ver�rgert. (Warum war er so ver�rgert? Ich nehme an, weil er bef�rchtete, die Geschichte k�nnte stimmen. Dann w�rde er wie ein Idiot dastehen, vor allem weil er seinem Bruder immer wieder versichert hatte, dieser h�tte die Wahl schon so gut wie gewonnen.) �Kompletter Bl�dsinn!�, rief er noch einmal, allerdings nun etwas weniger selbstsicher. �Wir wissen doch, dass Crassus bereits kr�ftig in Caesars Zukunft investiert. Zwei Konsulate plus eine Pr�tur zus�tzlich, das kostet. Nicht nur eine Million Sesterzen, sondern vier oder f�nf. Er hasst dich, Marcus, das wei� jeder. Aber ob er dich mehr hasst, als er sein Geld liebt? Da habe ich meine Zweifel.�</p><p>�Nein�, sagte Cicero mit fester Stimme. �Ich glaube, du liegst falsch, Quintus. Die Geschichte h�rt sich verdammt wahr an. Es ist meine Schuld, dass ich die Gefahr nicht fr�her erkannt habe.� Er war jetzt auf den Beinen und ging hin und her, wie immer, wenn er angestrengt �ber etwas nachdachte. �Angefangen hat alles mit Hybridas Spielen des Apollo - die muss schon Crassus bezahlt haben. Mit den Spielen ist Hybrida von den politischen Toten auferstanden. Und Catilina? Konnte der mit den paar Statuen und Bildern so viel Geld fl�ssig machen, um eine ganze Geschworenenbank zu bestechen? Bestimmt nicht. Und selbst wenn, wer bezahlt jetzt seinen Wahlkampf? Ich habe sein Haus von innen gesehen, und eins ist sicher: Der Mann ist bankrott.� Cicero fuhr herum, sein geistesabwesender Blick ging nach links, nach rechts, so schnell, wie in seinem Kopf die Gedanken aufblitzten. �Irgendwie habe ich immer gewusst, dass mit der Wahl irgendetwas nicht stimmt. instinktiv. Ich habe gesp�rt, dass da von Anfang eine unsichtbare Macht gegen mich am Werk ist. Hybrida und Catilina! Keine Wahl hat solche Kreaturen als Kandidaten verdient, geschweige denn als Spitzenkandidaten. Werkzeuge anderer Leute, nichts weiter.�</p><p>�Dann k�mpfen wir also gegen Crassus?�, fragte Quintus. seine Stimme klang, als h�tte er schon aufgegeben.</p><p>�Crassus, ja. Oder ist es in Wirklichkeit Caesar, der mit Crassus' Geld agiert? Jedes Mal, wenn ich mich umschaue, bilde ich mir ein, ich s�he gerade noch einen Zipfel von Caesars Umhang hinter einer Ecke verschwinden. Er glaubt, er ist kl�ger als alle anderen, und vielleicht ist er das ja auch. Aber nicht in diesem Fall. Atticus ...� Er blieb vor seinem Freund stehen und umfasste mit beiden H�nden dessen H�nde.�. mein alter Freund, ich kann dir gar nicht genug danken.�</p><p>�Wof�r? Ich habe blo� einen faden Schw�tzer abgef�llt, und der hat mir dann etwas erz�hlt. Nicht der Rede wert.�</p><p>�Ganz im Gegenteil, um die Geschichten von faden Schw�tzern zu ertragen, braucht man Stehverm�gen. Und Stehverm�gen ist ein elementarer Bestandteil von Politik. Es sind die Schw�tzer, von denen man die wichtigen Sachen erf�hrt.� Cicero dr�ckte Atticus herzlich die H�nde und wandte sich dann an seinen Bruder. �Wir brauchen ein paar Beweise, Quintus. Ranunculus und Filum sind daf�r genau die Richtigen, die st�bern schon was auf f�r uns. Es gibt wahrscheinlich nicht viel in diesen Wahlkampfzeiten, �ber das die beiden nicht Bescheid wissen.�</p><p>Quintus war seiner Meinung, und so endete schlie�lich das Schattenboxen im Vorfeld dieser Konsulatswahl, und der echte Kampf konnte beginnen.</p></section><section><title><p id="_bookmark31">KAPITEL XVI</p></title><p>Um herauszufinden, was da vor sich ging, dachte sich Cicero eine Falle aus. Anstatt sich einfach danach zu erkundigen, welche Pl�ne Crassus verfolge - was nicht nur zu nichts f�hren, sondern Ciceros Gegner obendrein darauf aufmerksam machen w�rde, dass er einen Verdacht hatte -, rief er Ranunculus und Filum zu sich. Er trug ihnen auf, in der Stadt das Angebot zu streuen, dass sie im Auftrag eines anonymen Senators, der seine Chancen bei den anstehenden Konsulatswahlen bedroht sehe jedem W�hlerverein pro Stimme f�nfzig Sesterzen zahlen w�rden.</p><p>Ranunculus war ein gnomenhaftes, irgendwie unfertig aussehendes Wesen, auf dessen schw�chlichem K�rper ein Kopf mit einem platten, runden Gesicht sa�. Den Spitznamen �Kaulquappe� trug er zu Recht. Filum sah aus wie eine Riesenspindel, wie ein mit Leben erf�llter Holzstock.</p><p>Schon die V�ter und Gro�v�ter der beiden waren Stimmenk�ufer gewesen. Sie kannten das Spiel. Sie verschwanden in den Seitenstra�en und Weinschenken und konnten Cicero eine Woche sp�ter berichten, dass etwas sehr Seltsames im Gang war. Keiner der bekannten Stimmenk�ufer war zur Zusammenarbeit bereit. �Was hei�t�, wie es Ranunculus mit seiner piepsigen Stimme ausdr�ckte, �dass Rom zum ersten Mal seit dreihundert Jahren nur von ehrbaren M�nnern bev�lkert ist oder dass alle Stimmen, die zu kaufen waren, schon aufgekauft worden sind.�</p><p>�Es muss doch einen geben, der umf�llt�, sagte Cicero. Wir erh�hen den Preis! Macht euch wieder auf die Beine, bietet diesmal hundert.�</p><p>Also zogen sie erneut los, kamen aber nach einer weiteren Woche mit dem gleichen Ergebnis wieder zur�ck. Die anscheinend schon an die Stimmenk�ufer ausbezahlte Summe musste so gro� gewesen sein, dass sich keiner den geheimnisvollen Klienten zum Feind machen wollte. Es war keine einzige Stimme mehr auf dem Markt, und es lief nicht einmal die Andeutung eines Ger�chts um, wer dieser Klient sein k�nnte. Nun stellt sich die Frage, wie eine derart umfassende Operation, bei der es um Tausende von Stimmen ging, abgewickelt werden konnte, ohne dass auch nur das Geringste durchsickerte. Die Antwort lautet, dass alles sehr gut organisiert war, dass vielleicht nur ein Dutzend Vermittler - <emphasis>Interpreter,</emphasis> wie sie genannt wurden - eingeschaltet waren, die die Identit�t des K�ufers kannten (ich muss gesehen, dass in der Vergangenheit auch Ranunculus und Fiulum als <emphasis>interpretes</emphasis> t�tig gewesen waren). Diese Leute kontaktierten die Funktion�re des W�hlervereins und handelten den Preis aus - die und die Summe f�r, sagen wir, f�nfzig oder f�nfhundert Stimmen, je nachdem wie gro� der Verein war. Weil nat�rlich keiner in diesem Spiel dem anderen aber den Weg traute, wurde das Geld danach an den <emphasis>Sequester</emphasis> �bergeben, eine weitere Mittelsperson, die das Bargeld zur �berpr�fung durch die Stimmenk�ufer aufbewahrte. Und schlie�lich gab es f�r die Auszahlung nach der Wahl eine dritte Spezies Dunkelm�nner, die sogenannten <emphasis>divisores,</emphasis> die das Geld verteilten. Deshalb war die erfolgreiche Bek�mpfung dieser Art von Korruption �u�erst schwierig, denn selbst wenn man einen Mann bei der �bergabe von Bestechungsgeldern festnehmen konnte, war es gut m�glich, dass der keine Ahnung hatte, wer der eigentliche Auftraggeber f�r den Stimmenkauf war. Und dennoch wollte Cicero einfach nicht hinnehmen, dass niemand das Schweigen brach. �Wir haben es hier nicht mit einem altehrw�rdigen r�mischen Ritterorden zu tun�, br�llte er in einem seiner seltenen Wutanf�lle. �Das sind Stimmenk�ufer. Irgendwo sitzt einer, der sogar einen so gef�hrlichen Zahlmeister wie Crassus betr�gt, wenn das Geld stimmt. Also los, findet den Kerl, und findet raus, wie hoch sein Preis ist - oder muss ich etwa alles selbst machen?�</p><p>Um diese Zeit - das muss in der zweiten Junih�lfte gewesen sein, etwa einen Monat vor dem Wahltermin - wusste die ganze Stadt, dass etwas Seltsames vor sich ging. Es bahnte sich eine der denkw�rdigsten und am h�rtesten umk�mpften Wahlen der j�ngeren Geschichte an, mit nicht weniger als sieben Kandidaten f�r das Konsulat, was hie�, dass sich in jenem Jahr viele M�nner gute Chancen ausrechneten. Die Spitzenkandidaten, so die allgemeine Erwartung, w�rden Catilina, Hybrida und Cicero sein. Dahinter sah man den arroganten und schroffen Galba und den tiefreligi�sen Cornificius. F�r chancenlos hielt man den korpulenten Expr�tor Cassius Longinius sowie Gaius Licinius Sacerdos, der noch vor Verres Statthalter von Sizilien gewesen und mindestens zehn Jahre �lter als seine Rivalen war. (Sacerdos war einer jener irritierenden Kandidaten, die �keine pers�nlichen Ziele verfolgten�, wie sie gern sagten, sondern denen es ausschlie�lich um �Sachfragen� ging. �ber solche Leute pflegte Cicero zu sagen: �Vor M�nnern, die behaupten, dass sie ein Amt nicht f�r sich selbst anstreben, muss man sich immer in Acht nehmen. Das sind die eitelsten von allen.�) Einige der Kandidaten, denen die ungew�hnliche Umtriebigkeit der Stimmenk�ufer nicht verborgen geblieben war, konnten den Konsul Marcius Figulus dazu bewegen, im Senat einen scharfen Gesetzesentwurf gegen illegale Wahlkampfpraktiken einzubringen, der unter dem Namen <emphasis>lex Figula</emphasis> bekannt wurde. Es war einem Kandidaten schon vorher verboten gewesen, Bestechungsgeld anzubieten; das neue Gesetz stellte auch unter Strafe, wenn ein W�hler Bestechungsgeld annahm.</p><p>Am Tag der Senatsaussprache �ber den Gesetzesantrag bat der Konsul zuerst reihum die Kandidaten um ihre Meinung. Sacerdos, dem als �ltesten Kandidaten das erste Rederecht zustand, sprach sich scheinheilig f�r das neue Gesetz aus; ich konnte sehen, wie Cicero sich vor �rger wand angesichts der Phrasen, die Sacerdos von sich gab. Hybrida sprach sich nat�rlich dagegen aus, st�mperhaft und geistlos, wie man es von ihm gewohnt war - niemand w�re auf den Gedanken gekommen, dass sein Vater einmal der begehrteste Anwalt Roms gewesen war. Der ohnehin chancenlose Galba nutzte die Gelegenheit, um seine Kandidatur zur�ckzuziehen und hochm�tig zu erkl�ren, dass die Teilnahme an einem derart erb�rmlichen Schauspiel nur die Erinnerung an seine Vorfahren besudele. Catilina sprach sich aus naheliegenden Gr�nden ebenfalls gegen die <emphasis>lex Figula</emphasis> aus. Allerdings muss ich zugeben, dass er ein beeindruckendes Bild abgab, wie er seelenruhig und hoch aufragend zwischen seinen Banknachbarn stand. Als er zum Schluss seiner Ausf�hrungen kam, deutete er auf Cicero und donnerte, dass die Einzigen, die von einem weiteren neuen Gesetz profitieren w�rden, die Anw�lte seien, was die Aristokraten mit den �blichen Bravorufen quittierten. Als Cicero sich erhob, war ich gespannt, was er sagen w�rde. Er befand sich in einer heiklen Lage, denn er wollte nat�rlich nicht, dass das Gesetz scheiterte, aber so kurz vor dem wichtigsten Wahlgang seines Lebens wollte er genauso wenig bei den W�hlervereinen anecken, die das Gesetz nat�rlich als Angriff auf ihre Ehre betrachteten. Er zog sich geschickt aus der Aff�re.</p><p>�Im Prinzip bef�rworte ich das Gesetz�, sagte er. �Denn es kann nur den Schuldigen zur Last werden. Der ehrenhafte B�rger hat von einem Gesetz gegen die Bestechung nichts zu bef�rchten, und der unehrenhafte sollte daran erinnert werden, dass eine Stimme eine heilige Verpflichtung ist und kein Gutschein, den man einmal im Jahr zu Geld machen kann. Aber es gibt etwas, das nicht stimmt an diesem Gesetz: ein Ungleichgewicht, das ins Lot gebracht werden muss. Wollen wir wirklich, dass der arme Mann, der der Versuchung erliegt, sch�rfer zu verurteilen ist als der reiche Mann, der den Armen vors�tzlich dieser Versuchung ausgesetzt hat? Ich will das Gegenteil: Wenn das Gesetz gegen den einen vorgeht, dann m�ssen die Strafen f�r den anderen versch�rft werden. Mit deiner Erlaubnis, Figulus, m�chte ich deshalb eine Erg�nzung zu deinem Gesetz vorschlagen: Jede <emphasis>Person, die einem B�rger gegen Geld dessen W�hlerstimme abkauft, abzukaufen versucht oder deren Kauf veranlasst, soll mit zehn Jahren Exil bestraft werden.�</emphasis> Ein aufgeregtes und lang gezogenes �Oooh� schwappte durch die gesamte Kammer.</p><p>Von meinem Standpunkt aus konnte ich Crassus nicht sehen, aber Cicero versicherte mir hinterher entz�ckt, dass sein Gesicht knallrot angelaufen sei, denn die Wendung <emphasis>oder deren Kauf veranlasst</emphasis> war direkt auf ihn gem�nzt, und jeder wusste das. Seelenruhig akzeptierte der Konsul den Zusatz und fragte, ob ein Mitglied des Hauses Einw�nde habe. Die Mehrheit der Senatsmitglieder war zu �berrascht, um �berhaupt reagieren zu k�nnen, und diejenigen, die am meisten zu verlieren hatten, wie Crassus, wagten es nicht, sich in aller �ffentlichkeit zu entlarven, indem sie dagegen Stellung bezogen. Folglich wurde der Zusatz ohne Gegenrede zugelassen, und als das Haus �ber das Gesetz abstimmte, wurde es mit gro�er Mehrheit angenommen. Angef�hrt von seinen Liktoren, verlie� Figulus die Kammer. Die Senatoren marschierten hinter ihm hinaus auf das sonnenbeschienene Forum, wo Figulus die Stufen zur Rostra hinaufstieg und das Gesetz zur sofortigen ersten Lesung dem Herold �berreichte. Ich sah, dass Hybrida sich Crassus zuwenden wollte, aber von Catilina am Arm festgehalten wurde. Crassus verlie� �berst�rzt das Forum, um nicht zusammen mit seinen Kandidaten gesehen zu werden. Jetzt mussten wie �blich die drei einmal w�chentlich stattfindenden Markttage verstreichen, bevor �ber das Gesetz abgestimmt werden konnte, was bedeutete, dass das Volk unmittelbar vor den Konsulatswahlen sein Urteil f�llte.</p><p>Cicero war hochzufrieden mit seinem Tagewerk. Sollte n�mlich die <emphasis>lex Figula</emphasis> angenommen werden und er die Wahl wegen der Bestechungen verlieren, dann er�ffnete ich ihm die M�glichkeit, Klage anzustrengen - und zwar nicht nur gegen Catilina und Hybrida, sondern auch noch gegen seinen Erzfeind Crassus h�chstpers�nlich. Immerhin war es erst zwei Jahre her, dass zwei designierte Konsuln wegen illegaler Wahlkampfpraktiken ihrer �mter enthoben worden waren. F�r eine solche Klage brauchte Cicero allerlings Beweise, und der Druck, diese aufzutreiben, wurde immer gr��er. Von morgens bis abends war er auf Stimmenfang, wobei er zwar immer mit einer gro�en Anh�ngerschar unterwegs war, aber nie mit einem <emphasis>nomendator,</emphasis> der ihm die W�hlernamen einfl�stern musste: Anders als seine Gegner war Cicero sehr stolz auf seine F�higkeit, Tausende von Namen zu wissen. Und falls er, was selten genug vorkam, einmal einen Namen nicht parat hatte, schaffte er es immer, sich durch das Gespr�ch hindurchzumogeln.</p><p>Zu jener Zeit war meine Bewunderung f�r ihn riesengro�. Er hat sicher gewusst, dass die Aussichten ziemlich schlecht f�r ihn standen und er wahrscheinlich verlieren w�rde. Pisos Vorhersage bez�glich Pompeius hatte sich vollauf best�tigt. Der hohe Herr hatte keinen Finger ger�hrt, um Ciceros Wahlkampf zu unterst�tzen. Er hatte sich am Ostufer des Schwarzen Meeres eingerichtet, in Amisus - dem am weitesten von Rom entfernten Ort im ganzen Imperium -, und lie� sich dort wie ein orientalischer Potentat von nicht weniger als zw�lf regionalen K�nigen huldigen. Syrien war dem R�mischen Reich einverleibt worden, und Mithridates war Hals �ber Kopf geflohen. Pompeius' Haus auf dem Esquilin war mit den erbeuteten Rammspornen von f�nfzig Piratentriremen dekoriert worden und wird heute <emphasis>domus rostra</emphasis> genannt - ein Schrein f�r seine Bewunderer aus ganz Italien. Was k�mmerten Pompeius l�cherliche Zivilistenscharm�tzel? Ciceros Briefe blieben unbeantwortet. W�hrend Quintus sich �ber Pompeius' Undankbarkeit ereiferte, nahm Cicero es fatalistisch: �Wenn du Dankbarkeit willst, dann kauf dir einen Hund.� </p><p>*</p><p>Drei Tage vor den Konsulatswahlen, am Vorabend der Abstimmung �ber das Bestechungsgesetz, gab es endlich einen Durchbruch. Ranunculus st�rzte mit der Nachricht in Ciceros Arbeitszimmer, dass er einen Stimmenk�ufer namens Gaius Sarinator gefunden habe, der behaupte, er habe noch dreihundert Stimmen f�r einhundertzwanzig Sesterzen das St�ck anzubieten. Er sei der Besitzer einer Weinschenke namens Bacchante in Subura und er, Ranunculus, habe f�r heute Abend ein Treffen vereinbart, um ihm den Namen des Kandidaten zu nennen, f�r den die bestochenen W�hler zu stimmen h�tten, und um das Geld an einen der <emphasis>sequestres</emphasis> zu �bergeben, dem beide vertrauten. Als Cicero das h�rte, wurde er ganz aufgeregt und bestand darauf, Ranunculus zu begleiten - inkognito, mit einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze, um seine Identit�t zu verbergen. Quintus hielt das f�r zu gef�hrlich, doch Cicero lie� sich nicht beirren, er brauche unbedingt Beweise aus erster Hand. �Ranunculus und Tiro sind ja zu meinem Schutz dabei�, sagte er zu Quintus, was ich f�r einen seiner Scherze hielt. �Aber du kannst ja noch ein paar unserer Anh�nger als anonyme Zecher hinschicken, nur f�r den Fall, dass wir doch mehr Hilfe brauchen.�</p><p>Um diese Zeit war ich fast vierzig, und nach einem ausschlie�lich mit Schreibarbeit verbrachten Leben waren meine H�nde so weich wie die eines M�dchens. Wenn es wirklich �rger geben sollte, dann w�rde der durch seine t�glichen �bungen mit einer beeindruckenden Physis ausgestattete Cicero <emphasis>mich</emphasis> besch�tzen m�ssen. Nichts desto trotz �ffnete ich die Geldtruhe in seinem Arbeitszimmer und z�hlte die ben�tigte Summe in Silberm�nzen ab. (Er hatte eine von seinen Bewunderern gut gef�llte Wahlkampfkasse, aus der er etwa Ausgaben wie die f�r die Reise nach Gallia Cisalpina bestritt: Es handelte sich dabei nicht um Bestechungsgelder als solche, obwohl Ciceros Ruf, niemals einen Namen zu vergessen, f�r die Spender nat�rlich beruhigend war.) Die Silberm�nzen wurden in einem Geldg�rtel verstaut, den ich mir um die H�fte schlingen musste, und bei Einbruch der Dunkelheit ging ich schweren Schrittes - in der doppelten Bedeutung der Wortes - zusammen mit Cicero in die Subura hinunter. Es war ein sehr warmer Abend, sodass er unter der Kapuze der Tunika, die er sich von einem seiner Sklaven ausgeliehen hatte, eine komische Figur abgab. Aber in den �berv�lkerten Elendsvierteln war absonderliche Kleidung ein ganz normaler Anblick.Wenn die Menschen jemanden mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze sahen, dann machten sie einen gro�en Bogen um ihn aus Angst, er k�nnte die Lepra haben oder irgendein anderes entstellendes Leiden, mit dem sie sich anstecken k�nnten. Wir folgten Ranunculus, der sich wie eine Kaulquappe durch das Labyrinth seines aus schmalen, verdreckten Gassen bestehenden Wohnviertels schl�ngelte, bis wir schlie�lich zu einem Haus kamen, vor dem neben dem Eingang ein paar M�nner sa�en und einen mit Wein gef�llten Krug kreisen lie�en. �ber ihren K�pfen prangte ein Wandgem�lde von Bacchus, der sich mit vorgestreckter Leibesmitte erleichterte. Der Geruch in dem Laden passte zu dem Bild. Ranunculus ging vor, f�hrte uns hinter die Theke und �ber eine schmale Holztreppe hinauf in einen niedrigen Raum unter dem Dach. Dort warteten Salinator und der <emphasis>Sequester,</emphasis> dessen Namen ich nie erfuhr.</p><p>Sie waren so gierig auf das Geld, dass sie den Kapuzenmann hinter mir kaum beachteten. Ich nahm den G�rtel ab und zeigte ihnen eine Handvoll M�nzen, worauf der <emphasis>Sequester</emphasis> eine kleine Waage auspackte und anfing, die Silberm�nzen zu wiegen. Salinator, eine schwabbelige Kreatur mit glatten Haaren und Schmerbauch, schaute sich das eine Zeit lang an und sagte dann zu Ranunculus: �Das reicht. Gib mir jetzt den Namen deines Klienten.�</p><p>�Ich bin sein Klient�, sagte Cicero und zog sich die Kapuze vom Kopf. Nat�rlich erkannte Salinator ihn sofort. Erschrocken wich er einen Schritt zur�ck und stie� dabei gegen den <emphasis>Sequester.</emphasis> Noch im R�ckw�rtsstolpern versuchte er verzweifelt, die Situation zu retten, verbeugte sich ein ums andere Mal und versicherte dem Senator, was f�r eine Ehre es sei, seinen Wahlkampf unterst�tzen zu d�rfen und so weiter und so fort, bis ihm Cicero barsch �ber den Mund fuhr. �Von Lumpen wie dir brauche ich keine Hilfe. Was ich brauche, sind Informationen.�</p><p>Salinator hatte gerade mit seiner Jammerarie begonnen, dass er absolut nichts wisse, als der <emphasis>Sequester</emphasis> pl�tzlich die Waage fallen lie� und zur Treppe st�rzte. Allerdings prallte er schon nach den ersten paar Stufen auf den muskul�sen Quintus, der ihn oben und unten an seiner Tunika packte, ihn wieder zur�ckschleifte und einfach ins Zimmer warf Als ich hinter Quintus auch noch ein paar st�mmige Burschen, die Cicero des �fteren zu Diensten waren, die Treppe hinaufkommen sah, fiel mir ein Stein vom Herzen. Beim Anblick so vieler kr�ftiger M�nner und eines der ber�hmtesten Anw�lte Roms begann Salinators Widerstand zu br�ckeln. Und als Cicero auch noch drohte, ihn Crassus zu �bergeben, weil er versucht habe, die gleichen Stimmen zweimal zu verkaufen, brach er vollends zusammen. Die Aussicht, Crassus und seiner Rache ausgeliefert zu werden jagte ihm mehr Angst ein als alles andere. Mir fiel wieder ein, was Sicinius schon vor Jahren �ber den �alten Glatzkopf� gesagt hatte - Cicero hatte den Ausspruch mir gegen�ber mehrfach wiederholt - �... der gef�hrlichste Bulle in der Herde�.</p><p>�Dann ist dein Klient also Crassus?�, fragte Cicero. �Denk gut nach, bevor du leugnest.�</p><p>Salinators Kinn zuckte leicht: Zu mehr als einem angedeuteten Nicken reichte sein Mut nicht.</p><p>�Die dreihundert Stimmen waren also f�r Hybrida und Catilina bestimmt, richtig?�</p><p>Wieder die Andeutung eines Nickens. �Ja�, sagte er. �Und f�r die anderen.�</p><p>�Die anderen? Wen meinst du? Lentulus Sura f�r die Pr�tur?�</p><p>�Ja, auch. Und f�r die anderen.�</p><p>�Die anderen, die anderen�, wiederholte Cicero gereizt. �Wer sind die anderen?�</p><p>�Halt den Mund!�,br�llte der <emphasis>Sequester,</emphasis> wof�r ihm Quintus in den Magen trat. St�hnend kr�mmte er sich zusammen.</p><p>�H�r nicht auf den�, sagte Cicero leutselig. �Ich kenne diese Typen, die st�rzen dich nur ins Ungl�ck. Also ...� Er dr�ckte ihm ermunternd den Arm. �Wer sind die anderen?�</p><p>�Cosconius�, sagte Salinator und warf einen kurzen nerv�sen Blick auf die sich windende Gestalt auf dem Boden. Dann holte er Luft und sagte schnell: �Pomptinus, Baibus, Caecihus, Labienus, Faberius, Gutta, Bulbus, Calidius, Tudicius, Valgius und Rullus.�</p><p>Bei jedem neuen Namen schaute Cicero ein bisschen erstaunter. �Sind das alle?�, fragte er, als Salinator fertig war. �Du bist sicher, dass du keinen Senator vergessen hast?� Er blickte zu Quintus, der ebenso verbl�fft war wie er selbst.</p><p>�Da geht's also nicht nur um zwei Kandidaten f�rs Konsulat�, sagte Quintus. �Das sind noch drei f�r die Pr�tur und zehn f�rs Volkstribunat. Crassus versucht sich eine ganze Regierung zu kaufen.�</p><p>Cicero war nicht der Mann, der gern zeigte, dass ihn etwas �berraschen konnte. Doch an jenem Abend stand auch ihm die Verbl�ffung ins Gesicht geschrieben. �Aber das ist vollkommen absurd�, sagte er aufgebracht. �Was haben die einzelnen Stimmen gekostet?�</p><p>�F�nfhundert f�rs Konsulat, zweihundert f�r die Pr�tur, hundert f�rs Volkstribunat�, sagte Salinator, als handelte es sich um Schweine auf dem Viehmarkt.</p><p>�Du willst mir also tats�chlich weismachen�, fragte Cicero, w�hrend er mit gerunzelter Stirn die Gesamtsumme �berschlug, �dass Crassus allein f�r die dreihundert Stimmen in deinem Wahl verein eine dreiviertel Million zahlen will?�</p><p>Salinator nickte, dieses Mal heftiger, ja sogar befriedigt, mit einem gewissen professionellen Stolz. �Das ist der grandioseste Wahlkampf seit Menschengedenken.�</p><p>Cicero drehte sich zu Ranunculus um, der am Fenster stand und auf verd�chtige Bewegungen auf der Stra�e achtete. �Wie viele Stimmen hat Crassus deiner Meinung nach zu diesen Preisen gekauft?�</p><p>�Also, wenn er auf Nummer sicher gehen will�, sagte Ranunculus, dachte eine Zeit lang angestrengt nach und fuhr dann fort, �sch�tze ich, so sieben- bis achttausend.�</p><p><emphasis>�Achttausend?�,</emphasis>�wiederholte�Cicero.</p><p>�Achttausend w�rden ihn zwanzig Millionen Sesterzen kosten. Ist dir so etwas schon mal untergekommen? Und am Ende hat er nicht einmal selbst einen Posten, sondern hat nur solche Trottel vie Hybrida und Lentulus Sura in Amt und W�rden gebracht.� Er drehte sich wieder zu Salinator um. �Hat er dir gegen�ber mal Andeutungen �ber die Gr�nde f�r diese Gewaltoperation gemacht?�</p><p>�Nein, Senator. Crassus ist nicht der Mann, der gern Fragen beantwortet.�</p><p>Quintus fluchte. �Jetzt wird er wohl ein paar Fragen beantworten <emphasis>m�ssen,</emphasis> der Schweinehund.� Und wie um seinem �rger Luft zu verschaffen, trat er dem Sequester, der gerade dabei war, sich wieder aufzurichten, noch einmal in den Magen, worauf dieser erneut st�hnend zusammenklappte. </p><p>*</p><p>Quintus war unbedingt der Meinung, auch noch das letzte bisschen Information aus den beiden ungl�ckseligen Kreaturen herauszupr�geln und sie dann entweder zu Crassus' Haus zu schaffen und den Halunken aufzufordern, seine Intrigen sofort einzustellen, oder sie vor den Senat zu zerren, ihre Gest�ndnisse zu verlesen und die Verschiebung der Wahlen zu fordern. Cicero behielt einen k�hleren Kopf. Mit regungslosem Gesicht dankte er Salinator f�r seine Ehrlichkeit, empfahl Quintus, sich einen Becher Wein einzuschenken und wieder abzuregen, und befahl mir, die Silberm�nzen einzusammeln. Sp�ter sa� er zu Hause im Arbeitszimmer, warf seinen kleinen �bungslederball von einer Hand in die andere, w�hrend Quintus sich nach wie vor dar�ber aufregte, was f�r ein Idiot sein Bruder gewesen sei, die beiden Stimmenk�ufer einfach so gehen zu lassen, sie w�rden jetzt sicher Crassus alarmieren oder w�ren schon aus der Stadt verschwunden.</p><p>�Weder noch�, sagte Cicero. �Wenn sie Crassus alles erz�hlen, da k�nnten sie genauso gut ihr eigenes Todesurteil unterschreiben. Derart belastende Zeugen w�rde Crassus niemals am Leben lassen, und das wissen die beiden auch. Flucht liefe auf dasselbe hinaus, Crassus brauchte nur etwas l�nger, bis er sie zu fassen bek�me.� Hin und her flog der Ball, von links nach rechts, von rechts nach links. �Au�erdem: Niemand hat ein Verbrechen begangen. Bestechung l�sst sich sogar im g�nstigsten Fall nur schwer beweisen - wenn noch gar keine Stimme abgegeben worden ist, ist es v�llig unm�glich. Crassus und der Senat w�rden uns auslachen. Nein, am besten lassen wir die beiden in Freiheit. Da wissen wir wenigstens, wo wir sie finden k�nnen, und wenn wir die Wahlen verlieren, k�nnen wir sie immer noch vorladen lassen.� Er warf den Ball hoch in die Luft und fing ihn mit einer schwungvollen Armbewegung wieder auf. �Aber eine Sache, Quintus, hast du v�llig richtig eingesch�tzt.�</p><p>�Ach ja, hab ich?�, sagte Quintus bitter. �Sehr freundlich, danke.�</p><p>�Crassus' Operation hat nichts mit seiner Feindschaft mir gegen�ber zu tun. Er w�rde nicht zwanzig Millionen ausgeben, nur um <emphasis>meine</emphasis> Hoffnungen zu zerst�ren. F�r zwanzig Millionen Sesterzen muss er etwas wirklich Gewaltiges im Auge haben. Aber was? Ich muss gestehen, dass auch ich da ratlos bin.� Er starrte eine Zeit lang die Wand an. �Tiro, du bist doch immer ganz gut mit Caelius Rufus ausgekommen, oder?�</p><p>Ich musste an die Aufgaben denken, vor denen er sich gedr�ckt hatte und die ich f�r ihn hatte erledigen m�ssen, an die L�gen, die ich erz�hlt hatte, um ihm �rger zu ersparen, an den Tag, als er mir meine Ersparnisse gestohlen und mich beschwatzt hatte, Cicero nichts davon zu sagen. �So einigerma�en�, sagte ich vorsichtig.</p><p>�Besuche ihn morgen fr�h, und rede mit ihm. Aber behutsam. Vielleicht kannst du ihm irgendwelche Andeutungen dar�ber entlocken, was Crassus im Schilde f�hrt. Schlie�lich lebt er in seinem Haus, irgendwas muss er doch wissen.�</p><p>In jener Nacht lag ich lange wach, und je mehr ich �ber die j�ngsten Ereignisse nachdachte, desto besorgter wurde ich, was die Zukunft anging. Auch Cicero konnte nicht schlafen. Ich h�rte, wie er im Zimmer �ber mir auf und ab ging, und hatte das Gef�hl, als durchbohre die konzentrierte Kraft seiner Gedanken die Bodendielen. Ich fand schlie�lich doch noch ein wenig Schlaf, der jedoch unruhig und von b�sen Vorahnungen erf�llt war.</p><p>Am n�chsten Morgen beauftragte ich Laurea, sich um die zahlreichen Besucher Ciceros zu k�mmern, und machte mich auf den Weg zu Crassus' Haus, das etwa eine Meile entfernt war. Selbst heute noch fl�stere ich leise: �Aah, Wahlwetter!�, wenn keine Wolke am Himmel steht und die Julihitze schon vor Sonnenaufgang dr�ckend auf dem Land lastet, und sp�re sofort wieder die Aufregung, das vertraute Ziehen in der Magengegend. Vom Forum h�rte ich das H�mmern und S�gen der Arbeiter, die die Rampen und Absperrgitter rund um den Tempel des Castor aufbauten, denn es war der Tag, an dem das Volk sein Urteil �ber das Bestechungsgesetz f�llen w�rde. Ich nahm die Abk�rzung, die an der R�ckseite des Tempels entlangf�hrte, und machte eine kurze Pause am Brunnen der Juturna-Quelle, um einen Schluck von dem lauwarmen Wasser zu trinken. Ich hatte keine Ahnung, wor�ber ich mich mit Caelius unterhalten sollte. Ich bin ein schlechter L�gner, war es immer gewesen, und mir fiel pl�tzlich ein, dass ich Cicero hatte fragen sollen, wie ich das Gespr�ch anfangen sollte. Jetzt war es zu sp�t. Ich ging den Weg zum Palatin hinauf, und als ich Crassus' Haus erreichte, sagte ich dem T�rw�chter, ich h�tte eine dringende Nachricht f�r Caelius Rufus. Er bot mir an, im Haus zu warten, aber ich blieb lieber drau�en. W�hrend er im Haus verschwand, um Caelius zu holen, ging ich auf die andere Stra�enseite und versuchte so wenig wie m�glich aufzufallen.</p><p>Wie Crassus selbst, so gab sich auch sein Haus den Anschein von �u�erster Bescheidenheit. Allerdings hatte ich geh�rt, dass der Eindruck t�uschte; hatte man es erst einmal betreten, zeigte sich seine schier unendliche Gr��e. Die dunkle T�r war zwar niedrig und schmal, wirkte aber stabil. Links und rechts davon befanden sich kleine, vergitterte Fenster. Efeu rankte sich an der Au�enwand empor, von der die ockergelbe Farbe abbl�tterte. Auch das Terrakotta dach war nicht mehr neu, die R�nder der oberhalb des Mauerwerks vorstehenden Dachziegel waren schon schwarz und br�ckelig. Sie sahen aus wie eine verrottete Zahnreihe. Es h�tte das Haus eines Bankiers sein k�nnen, der ein paar schlechte Gesch�fte gemacht hatte, oder eines verarmten Patriziers vom Land, dessen Stadthaus nach und nach zerfiel. Crassus wollte auf diese Art wohl sagen: Seht her, ich bin so sagenhaft reich, ich hab's nicht n�tig, auf sch�nen Schein zu achten. Aber nat�rlich machte er dadurch in dieser Stra�e der Million�re erst recht auf seinen Reichtum aufmerksam, und der gewollte Mangel an Protz hatte schon wieder etwas Prahlerisches. Die dunkle kleine T�r war immer in Bewegung, st�ndig kamen und gingen Besucher; es war offensichtlich, dass im Innern gesch�ftiges Treiben herrschte: Ich musste an ein summendes Wespennest denken, das sich nur durch das winzige Loch in der Mauer zu erkennen gab. Julius Caesar war der Erste, den ich kannte. Er verlie� das Haus, ohne mich zu bemerken, und ging, gefolgt von einem Sekret�r mit Aktentasche, sofort die Stra�e hinunter Richtung Forum. Kurze Zeit sp�ter tauchte Caelius auf. Er blieb auf der T�rschwelle stehen, hielt sich gegen die Sonne die Hand �ber die Augen und blinzelte in meine Richtung. Ich sah sofort, dass er wie �blich die ganze Nacht unterwegs gewesen und offensichtlich wenig erbaut davon war, dass man ihn geweckt hatte. Ein dichter Stoppelbart bedeckte sein gut geschnittenes Kinn. St�ndig steckte er die Zunge heraus, schluckte und verzog das Gesicht, als w�re der Geschmack in seinem Mund so gr�sslich, dass er ihn nicht mehr lange aushalten w�rde. Mit vorsichtigen Schritten kam er zu mir her�ber, und als er mich fragte, was um alles in der Welt ich denn wollte, stammelte ich, dass er mir unbedingt etwas Geld leihen m�sse.</p><p>Er blinzelte mich ungl�ubig an. �Wof�r?�</p><p>�Na ja, es gibt da ein M�dchen�, sagte ich linkisch. Das Gleiche hatte er mir immer geantwortet, wenn er mich um Geld angepumpt hatte, und mir fiel einfach nichts anderes ein. Ich fasste ihn am Arm und versuchte mit ihm ein St�ck die Stra�e hinunterzugehen, weil ich bef�rchtete, Crassus k�nnte pl�tzlich in der T�r auftauchen und uns zusammen sehen. Aber er zog seinen Arm weg und blieb schwankend stehen, wo er war.</p><p>�Ein M�dchen?�, wiederholte er. �Du?� Dann fing er an zu lachen. Aber anscheinend bekam er solche Kopfschmerzen davon, dass er gleich wieder aufh�rte und sich mit den Fingern �ber die Schl�fen fuhr. �Wenn ich Geld h�tte, Tiro, w�rde ich es dir sofort geben. Ich w�rde es dir sogar schenken, einfach weil ich dich zu gern mal mit einem anderen Lebewesen als mit Cicero sehen w�rde. Aber das wird wohl nie passieren, du bist nicht der Typ f�r M�dchen. Soweit ich das beurteilen kann, mein armer Tiro, bist du f�r gar nichts der richtige Typ.� Er schaute mich scharf an. �Wof�r brauchst du das Geld wirklich?� Warmer Atem, der nach abgestandenem Wein roch, stieg mir in die Nase. Unwillk�rlich sch�ttelte es mich, was er sofort als Gest�ndnis missdeutete. �Du l�gst�, sagte er. Langsam breitete sich ein Grinsen auf seinem Stoppelgesicht aus. �Cicero hat dich hergeschickt, weil er irgendwas wissen will.�</p><p>Wieder zupfte ich ihn am �rmel, und diesmal ging er mit. Allerdings nur ein paar Schritte, denn die pl�tzliche Bewegung schien ihm nicht zu bekommen. Er blieb auf einmal stehen, wurde kalkwei� im Gesicht und hielt warnend einen Finger in die Luft. Dann traten ihm die Augen aus den H�hlen, der Hals schwoll an, und nach einem besorgniserregenden W�rgen schoss ihm ein Schwall z�hfl�ssigen Breis aus dem Mund, der mir sofort ein anderes Bild in Erinnerung rief: das von einem Zimmerm�dchen, das aus dem ersten Stock einen vollen Eimer auf die Stra�e leert. (Man m�ge mir die Einzelheiten verzeihen, aber diese Szene ist mir eben zum ersten Mal seit sechzig Jahren wieder eingefallen, und ich musste derma�en lachen.) Jedenfalls schien Caelius das gut getan zu haben, denn die Farbe kehrte in sein Gesicht zur�ck, und er war gleich viel munterer und fragte, was Cicero denn nun von ihm wissen wolle.</p><p>�Das liegt doch auf der Hand�, erwiderte ich leicht gereizt.</p><p>�Ich w�nschte, ich k�nnte euch helfen, Tiro�, sagte er und wischte sich mit dem Handr�cken den Mund ab. �Du wei�t, dass ich euch helfen w�rde, wenn ich k�nnte. Bei Crassus ist es nicht halb so angenehm wie bei Cicero. Der alte Glatzkopf ist vielleicht ein Ekel - noch schlimmer als mein Vater. Buchf�hrung von morgens bis abends, das ist so ziemlich das Langweiligste, was es gibt auf der Welt, bis auf Handelsrecht vielleicht, damit hat er mich den ganzen letzten Monat geknechtet. Aber was Politik angeht, die ich ja ganz unterhaltsam finde, da h�lt er mich von allem fern.�</p><p>Ich versuchte es noch mit ein paar Fragen, zum Beispiel �ber Caesars Besuch an jenem Morgen, aber es zeigte sich schnell, dass er �ber Crassus' Pl�ne nicht das Geringste wusste. (Nat�rlich kann er auch gelogen haben, aber angesichts seiner notorischen Geschw�tzigkeit bezweifelte ich das.)</p><p>Nachdem ich mich dennoch bei ihm bedankt und schon "halb zum Gehen gewandt hatte, hielt er mich am Ellbogen fest. �Cicero muss wirklich verzweifelt sein, wenn er mich im Hilfe bittet�, sagte er und schaute mich mit ungewohnter Ernsthaftigkeit an. �Sag ihm, dass es mir leidt�te, wenn er in Schwierigkeiten stecken sollte. Er ist ein Dutzend Mal mehr wert als Crassus und mein Vater zusammen.� </p><p>*</p><p>Ich nahm nicht an, dass ich Caelius Rufus so bald wiedersehen w�rde. Den ganzen Tag, der vollkommen im Zeichen der Abstimmung �ber das Bestechungsgesetz stand, dachte ich nicht mehr an ihn. Cicero war auf dem Forum unerm�dlich t�tig. Mit seinem Gefolge ging er von einem Mitglied eines Wahlbezirks zum n�chsten und setzte sich nachdr�cklich f�r Figulas Gesetzesentwurf ein. Am meisten freute ihn, dass er unter der Flagge mit dem Namen VETURIA einige Hundert B�rger aus Gallia Cisalpina antraf, die als Reaktion auf seine Wahlkampfreise zum ersten Mal nach Rom gekommen waren, um ihre Stimme abzugeben. Lang und breit sprach er mit ihnen dar�ber, wie wichtig es sei, den Stimmenkauf bei Wahlen auszumerzen. Als er sich schlie�lich von ihnen verabschiedete, hatte er feuchte Augen. �Ein Jammer�, murmelte er. �Da reisen die armen Leute von so weit her an und m�ssen sich von Crassus und seinem Geld verh�hnen lassen. Aber wenn wir das Gesetz durchbekommen, dann habe ich vielleicht die Waffe in der Hand, mit der ich den Schurken zur Strecke bringen kann.�</p><p>Ich hatte den Eindruck, dass Ciceros Arbeit Fr�chte trug und die <emphasis>lex Figula</emphasis> angenommen werden w�rde, denn die Mehrheit der W�hler war nicht korrupt. Aber nur weil eine gesetzliche Ma�nahme redlich und vern�nftig ist, hat man noch keine Garantie, dass sie auch angenommen wird; nach meiner Erfahrung trifft sogar das Gegenteil zu. Am fr�hen Nachmittag trat der popul�re Volkstribun Mucius Orestinus - der, des Raubes angeklagt, einmal Ciceros Klient gewesen war - an die Rampe der Rostra und verunglimpfte das Gesetz als Angriff der Aristokraten auf die Integrit�t des Volkes. Er hob sogar Cicero als Einzigen namentlich hervor und bezeichnete ihn als einen Mann, der - so seine Worte - �f�r das Amt des Konsulats ungeeignet� sei und sich als Freund des Volkes aufspiele, aber nie etwas f�r das Volk getan habe, es sei denn, er habe damit auch seine eigenen Interessen f�rdern k�nnen. Die eine H�lfte der Menge quittierte diese �u�erung mit Buhrufen und Hohngel�chter, die andere - vermutlich die, die ihre Stimme regelm��ig verkaufte und das auch weiter so halten wollte - jubelte begeistert.</p><p>Das war zu viel f�r Cicero. Schlie�lich hatte er erst im Jahr zuvor einen Freispruch f�r Mucius erreicht. Wenn diese aalglatte Ratte jetzt sein sinkendes Schiff verlie�, dann musste es jeden Augenblick auf den Meeresgrund aufschlagen. Cicero bahnte sich mit vor Zorn hochrotem Kopf einen Weg durch die Menge und forderte, antworten zu d�rfen. �Was ist mit deiner Stimme, Mucius, wer hat die gekauft?�, br�llte er, doch Mucius stellte sich taub. Die Menschen um uns herum zeigten auf Cicero, stie�en ihn nach vorn zu den Tempelstufen und riefen dem Volkstribun zu, er solle ihn sprechen lassen, aber das war augenscheinlich das Letzte, was Mucius wollte. Er wollte �berhaupt nicht, dass �ber das Gesetz abgestimmt wurde, weil er f�rchtete, dass es angenommen werden k�nnte. Er hob den Arm und verk�ndete, begleitet von tumultartigen Szenen und Handgreiflichkeiten zwischen den beiden rivalisierenden Fraktionen, mit feierlicher Stimme, dass er sein Veto gegen die Vorlage einlege. Damit war die <emphasis>lex Figula</emphasis> gestorben. Figulus erkl�rte daraufhin, dass er f�r den morgigen Tag eine Sitzung des Senats einberufe, damit �ber das weitere Vorgehen beraten werden k�nne.</p><p>Das war ein bitterer Augenblick f�r Cicero. Als wir wieder zu Hause waren und ich es schlie�lich geschafft hatte, die T�r vor der nachdr�ngenden Anh�ngerschar zu schlie�en, f�rchtete ich, er w�rde wie damals am Tag vor den Wahlen zum �dilat einen Zusammenbruch erleiden. Er war sogar zu ersch�pft, um mit Tullia zu spielen. Und auch als Terentia ihm vorf�hrte, wie der kleine Marcus seine ersten wackeligen Schritte ohne fremde Hilfe machte, hob er seinen Sohn nicht hoch, um ihn in die Luft zu werfen, wie er es sonst zur Begr��ung immer tat, sondern t�tschelte ihm nur die Wange, zwickte ihn geistesabwesend am Ohr und ging dann gleich weiter Richtung Arbeitszimmer - auf dessen Schwelle er �berrascht stehen blieb, weil da niemand anderer als Caelius Rufus vor seinem Schreibpult sa�.</p><p>Laurea, der neben der T�r stand, entschuldigte sich bei Cicero. Er habe Caelius gesagt, dass er wie alle anderen Besucher im Tablinum warten solle, aber der habe sich nicht abweisen lassen; was er mitzuteilen habe, sei so vertraulich, dass er von Fremden lieber nicht gesehen werden wolle.</p><p>�Ist schon gut, Laurea. Unser junger Freund Rufus ist immer willkommen. Allerdings f�rchte ich�, setzte Cicero hinzu, w�hrend er Caelius die Hand sch�ttelte, �dass ich nach dem langen und deprimierenden Tag heute einen ziemlich tr�bseligen Unterhalter abgebe.�</p><p>�Vielleicht muntern dich die Neuigkeiten, die ich habe, ja ein bisschen auf�, sagte Caelius und fing an zu grinsen.</p><p>�Ist etwa Crassus gestorben?�</p><p>�Ganz im Gegenteil�, erwiderte Caelius lachend. �Er ist sogar quicklebendig. Angesichts des zu erwartenden Triumphs bei den Wahlen hat er f�r heute Abend schon mal eine gro�e Konferenz einberufen.�</p><p>�Ach, tats�chlich?�, sagte Cicero. Ich sah sofort, dass diese Information ihn wieder etwas belebte wie ein kurzer Nieselregen eine verwelkte Blume. �Und wer nimmt da teil, an dieser Konferenz?�</p><p>�Catilina, Hybrida, Caesar. Wer sonst noch kommt, wei� ich nicht. Als ich aus dem Haus bin, haben sie gerade die St�hle aufgestellt. Einer von Crassus' Sekret�ren, der in der Stadt unterwegs war, um die Einladungen zu �berbringen, hat mir das erz�hlt. Da lief die Volksversammlung noch.�</p><p>�Interessant�, murmelte Cicero. �Was w�rde ich daf�r geben, da M�uschen spielen zu k�nnen.�</p><p>�Kein Problem�, sagte Caelius. �Das Treffen findet in dem Raum statt, in dem Crassus auch seine gesch�ftlichen Besprechungen abh�lt. Dabei hat er oft - aber nicht heute Abend, wie mir mein Informant versichert - einen Sekret�r dabei, der Notizen von dem Gesprochenen macht, aber so, dass die andere Person nichts davon mitbekommt. Daf�r hat er sich einen kleinen Horchposten einbauen lassen, ein K�mmerchen, das sich hinter einem Wandteppich befindet. Er hat mir das mal gezeigt, als er mir von seinen Tricks als Gesch�ftsmann erz�hlt hat.�</p><p>�Du willst sagen, dass Crassus sich <emphasis>selbst</emphasis> abh�ren l�sst?�, fragte Cicero erstaunt. �Welcher Politiker macht denn so was?�</p><p>�&gt;Wer glaubt, dass er keine Zeugen hat, macht schnell un�berlegte Versprechungen&lt; - Crassus' Worte.�</p><p>�Du vermutest also, dass du dich da drin verstecken und mitschreiben kannst?�</p><p>�Ich nicht�, widersprach Caelius sp�ttisch. �Ich bin doch kein Sekret�r. Ich hab an Tiro gedacht�, sagte er und klopfte mir auf die Schulter, �unseren Meister der Kurzschrift.�</p><p><emphasis>*</emphasis></p><p>Ich w�rde mich ja gern damit br�sten, dass ich mich, ohne zu z�gern, zu diesem Selbstmordkommando bereit erkl�rt h�tte. Aber dem war nicht so. Ganz im Gegenteil, ich habe mich mit allen praktischen Einw�nden, die mir in den Sinn kamen, gegen Caelius' Plan ausgesprochen. Wie sollte ich unbemerkt in Crassus' Haus gelangen? Wie sollte ich es wieder verlassen? Wie sollte ich, verborgen hinter dem Wandteppich, bei dem Durcheinander an Stimmen erkennen, wer gerade sprach? Aber Caelius wusste auf alle meine Fragen eine Antwort. Ich f�hlte eine panische Angst in mir hochsteigen. �Was, wenn man mich schnappt und foltert?�, fragte ich Cicero. Das war der Kern aller meiner �ngste. �Ich kann nicht beschw�ren, dass ich so mutig w�re, Euch nicht zu verraten.�</p><p>�Cicero kann einfach leugnen, dass er davon gewusst hat�, sagte Caelius - eine von meinem Standpunkt aus wenig hilfreiche L�sung. �Au�erdem ist allgemein bekannt, dass unter Folter abgepresste Aussagen nicht verl�sslich sind.�</p><p>�Ich glaube, ich falle in Ohnmacht�, witzelte ich matt.</p><p>�Rei� dich zusammen, Tiro�, ermahnte mich Cicero, der umso aufgeregter wurde, je l�nger er zuh�rte. �Niemand wird dich foltern, und niemand wird dich vor Gericht zerren. Daf�r werde ich schon sorgen. Wenn du entdeckt wirst, werde ich deine Freilassung aushandeln, ich werde jeden Preis zahlen, damit dir nichts zust��t.� Mit seinem charakteristischen Doppelgriff dr�ckte er meine beiden H�nde und schaute mir tief in die Augen. �Du bist mehr ein zweiter Bruder f�r mich als mein Sklave, Tiro. Schon seit wir damals vor vielen Jahren in Athen zusammen die Philosophen studiert haben - erinnerst du dich? Ich h�tte bereits viel fr�her mit dir �ber das Thema Freilassung sprechen sollen, aber irgendwie ist immer eine neue Krise dazwischengekommen, die mich abgelenkt hat. Also sage ich dir jetzt, und Caelius ist mein Zeuge, dass es meine feste Absicht ist, dir die Freiheit zu schenken - und das einfache Leben auf dem Land, nach dem du dich schon immer gesehnt hast. Und ich sehe den Tag vor mir, wenn ich von meinem Haus zu deinem kleinen Geh�ft hin�ber reite und wir dann zusammen in deinem Garten sitzen und die �ber einem Olivenhain oder Weinberg untergehende Sonne beobachten und uns �ber all die Abenteuer unterhalten, die wir zusammen erlebt haben.� Cicero lie� meine H�nde los, und ich sah die in der warmen Abendluft flirrende l�ndliche Idylle noch einen Augenblick vor mir, dann verblasste sie. �Und�, sagte er forsch, �das Angebot ist in keiner Weise daran gebunden, ob du diese Aufgabe nun �bernimmst oder nicht, das m�chte ich noch einmal deutlich betonen. Du hast es dir jetzt schon mehr als genug verdient. Ich w�rde dir nie befehlen, dich in Gefahr zu begeben. Du wei�t, wie schlecht es im Augenblick um meine Sache bestellt ist. Du allein musst tun, was du f�r richtig h�ltst.�</p><p>Das waren fast genau seine Worte. Wie h�tte ich sie auch jemals vergessen k�nnen?</p></section><section><title><p id="_bookmark32">KAPITEL XVII</p></title><p>Die Konferenz sollte bei Einbruch der Dunkelheit beginnen, was bedeutete, dass wir keine Zeit mehr zu verlieren hatten. Als die Sonne hinter dem Kapitolsh�gel versank und ich zum zweiten Mal an diesem Tag den Palatin hinaufging, hatte ich das beunruhigende Gef�hl, in eine Falle zu tappen. Wie konnte ich mir oder in diesem Fall auch Cicero sich sicher sein, dass Caelius Rufus nicht die Seiten gewechselt hatte und seine Loyalit�t jetzt Crassus geh�rte? War �Loyalit�t� nicht ohnehin ein absurdes Wort angesichts des auf wechselhafte, fl�chtige Vergn�gungen ausgerichteten Charakters meines jungen, launenhaften Begleiters? Jedenfalls konnte man jetzt sowieso nichts mehr �ndern. Caelius bog gerade vor mir in einen schmalen Weg ein, der zur R�ckseite von Crassus' Haus f�hrte. Er dr�ckte einen dichten Vorhang aus dicken, verschlungenen Efeuranken zur Seite, hinter dem eine winzige eisenbeschlagene T�r zum Vorschein kam, die vollkommen zugerostet aussah. Trotzdem schwang sie nach einem kurzen, kr�ftigen Sto� von Caelius' Schulter ger�uschlos auf. Wir sprangen in einen leeren Kellerraum.</p><p>Wie Catilinas Haus war auch dieses sehr alt und im Lauf der Jahrhunderte immer wieder erweitert worden, sodass ich in den labyrinthischen G�ngen schon nach kurzer Zeit die Orientierung verlor. Crassus war ber�hmt daf�r, dass er viele �u�erst gut ausgebildete Sklaven besa�, die er �brigens als eine Art Arbeitsvermittler auch au�er Haus vermietete. Er hatte so viele Sklaven, dass es mir unm�glich erschien, unentdeckt bis in besagten Raum vorzudringen. Aber wenn Caelius in seinen Jahren der juristischen Ausbildung in Rom etwas gelernt hatte, dann war es, wie man irgendwo gesetzwidrig rein- und wieder rauskam. Wir durchquerten einen Innenhof, schl�pften kurz in ein Vorzimmer, um ein Hausm�dchen vorbeizulassen, und betraten schlie�lich einen gro�en leeren Raum, der mit erlesenen Wandteppichen aus Babylon und Korinth geschm�ckt war. In der Mitte standen im Halbkreis etwa zwanzig vergoldete St�hle, darum herum zahlreiche schon entz�ndete Lampen und Kandelaber. Caelius nahm eine der Lampen, ging z�gig zu einem schweren wollenen Wandteppich, auf dem Diana mit einem Speer einen Hirsch erlegte, und hob ihn am Rand an. Dahinter verbarg sich eine Nische wie f�r eine Statue, gerade hoch und tief genug f�r einen einzelnen Mann, mit einem kleinen, etwa in Mannsh�he vorstehenden Sims, auf den Caelius die Lampe stellte. Als ich laute M�nnerstimmen h�rte, schl�pfte ich schleunigst in die Nische. Caelius legte den Finger an die Lippen, zwinkerte mir zu und h�ngte den Wandteppich wieder vor die �ffnung. Schnell verklangen seine Schritte, ich war allein.</p><p>Erst war ich vollkommen blind, doch allm�hlich gew�hnte ich mich an das schwache Licht der �llampe, die direkt hinter meiner Schulter stand. Vor mir entdeckte ich mehrere winzige Guckl�cher, die man in das dicke Wollgewebe gebohrt hatte und durch die ich den ganzen Raum �berblicken konnte. Ich h�rte jetzt Schritte, die rasch n�her kamen, und pl�tzlich schob sich vor meine Augen etwas Dunkles, das ich verschwommen als die R�ckseite eines verrunzelten, rosafarbenen Glatzkopfes ausmachte. In der n�chsten Sekunde dr�hnte Crassus' Stimme so laut in meinen Ohren, dass ich fast nach vorn gestolpert w�re. Er bat seine G�ste mit freundlicher Stimme, doch einzutreten. Dann gab er meine Guckl�cher frei, und andere M�nner gingen an mir vorbei und nahmen auf den St�hlen Platz: der beh�nde Catilina, Hybrida mit seinem S�ufergesicht, der geschniegelt und gleichg�ltig-arrogant wirkende Caesar, der untadelige Lentulus Sura, Mucius, der Held des Nachmittags, und zwei ber�chtigte Stimmenk�ufer. Au�erdem erkannte ich einige Senatoren, die das Volktribunat anstrebten. Sie alle schienen bester Laune zu sein, waren zu Scherzen aufgelegt, und Crassus musste erst ein paar Mal in die H�nde klatschen, um die Besprechung er�ffnen zu k�nnen.</p><p>�Meine Herren, vielen Dank, dass ihr gekommen seid�, sagte er, wobei er mit dem R�cken zu mir stand. �Es gibt viel zu besprechen, und wir haben nicht viel Zeit. Also gleich zum ersten Punkt: �gypten. Caesar?�</p><p>Crassus setzte sich, und Caesar stand auf. Mit dem Zeigefinger strich er sich eins seiner d�nnen Haare hinter das Ohr. Vorsichtig, um ja kein Ger�usch zu machen, zog ich mein Notizbuch und meinen Schreibgriffel hervor. Und als Caesar mit seiner unverwechselbar scharfen Stimme zu sprechen begann, begann ich zu schreiben. </p><p>*</p><p>Meine Kurzschrifttechnik ist - wenn ich mir an dieser Stelle diese unbescheidene Zwischenbemerkung erlauben darf - eine ganz wunderbare Erfindung. Auch wenn ich zugeben muss, dass Xenophon schon knapp vierhundert Jahre vor mir eine primitive Spielart davon entwickelt hatte, die aber mehr ein privates Hilfssystem zur Abfassung von Texten als eine richtige Kurzschrift war. Au�erdem funktionierte sein System nur auf Griechisch, w�hrend meins die gesamte lateinische Sprache mit ihrem riesigen Wortschatz und ihrer komplexen Grammatik zu viertausend Symbolen verdichtete. Und das obendrein auf eine Weise, die es jedem willigen Sch�ler erlaubt, meine Kurzschrift zu erlernen. Theoretisch k�nnte sogar eine Frau Stenografin werden.</p><p>Wer das System beherrscht, wei�, dass in der Praxis kaum etwas so verheerende Folgen hat wie eine zitterige Hand. Angst macht aus geschickten Fingern lukanische W�rste, und ich hatte bef�rchtet, dass ich an jenem Abend vor lauter Nervosit�t nicht schnell genug w�rde schreiben k�nnen. Aber als ich erst einmal mit meinen Notizen begonnen hatte, hatte das eine merkw�rdig beruhigende Wirkung auf mich. F�r einen Gedanken, was ich da �berhaupt schrieb, blieb mir keine Zeit. �gypten, Kolonisten, �ffentliches Land, Regierungsbeauftragte - ich h�rte die Worte, ohne ihre Bedeutung auch nur ansatzweise zu verstehen; mein einziger Ehrgeiz bestand darin, sie so schnell niederzuschreiben, wie sie ausgesprochen wurden. Eigentlich war die Hitze das gr��te Problem: Ich kam mir in meinem kleinen Gef�ngnis vor wie in einem Backofen. Der Schwei� lief mir von der Stirn und juckte in den Augen; meine Handfl�chen waren so feucht, dass es mir schwerfiel, den glitschigen Schreibgriffel richtig zu halten. Nur ab und zu, wenn ich mich vorbeugte und ein Auge an ein Guckloch in dem Teppichgewebe presste, um mich zu vergewissern, wer da gerade sprach, wurde ich mir des gewaltigen Risikos bewusst, das ich eingegangen war. Das Gef�hl �u�erster Verwundbarkeit wurde noch durch die Tatsache verst�rkt, dass ich oft den Eindruck hatte, einer oder mehrere aus der Runde w�rden genau in meine Richtung blicken. Vor allem Catilina schien die Szene auf <emphasis>meinem</emphasis> Wandteppich zu faszinieren. Der schlimmste Augenblick kam ganz zum Schluss, als Crassus die Besprechung f�r beendet erkl�rte. �Wenn wir das n�chste Mal zusammenkommen�, sagte er, �wird unser aller Schicksal und das von Rom auf immer eine neue Wendung genommen haben.� Als der Beifall verklungen war, stand Catilina auf und ging direkt auf mich zu. Ich schrak zur�ck, dr�ckte mich gegen die Wand und sah, wie seine Finger h�chstens eine Handbreit von meinem schwei�nassen Gesicht entfernt �ber das Gewebe des Teppichs strichen. Die vor meinen Augen hin-und herwandernde Delle besitzt noch heute die Macht, mich mitten in der Nacht schreiend aus dem Schlaf hochfahren zu lassen. Aber Catilina hatte nichts weiter im Sinn, als Crassus ein paar Komplimente �ber die herrliche Handwerkskunst zu machen, worauf eine kurze Unterhaltung dar�ber folgte, wo Crassus den Teppich gekauft und -unausweichlich bei Crassus - was er f�r ihn bezahlt hatte. Dann verschwanden die beiden aus meinem Blickfeld.</p><p>Ich wartete. Als ich schlie�lich einen Blick durch eins der Guckl�cher wagte, war niemand mehr da. Nur die unordentlich herumstehenden St�hle wiesen daraufhin, dass �berhaupt eine Besprechung stattgefunden hatte. Ich musste mich sehr beherrschen, um nicht einfach den Teppich zur�ckzuschlagen und zur T�r zu st�rzen. Aber wir hatten vereinbart, dass ich in der Nische bliebe, bis Caelius mich holte. Also kauerte ich mit dem R�cken zur Wand und mit um die hochgezogenen Knie geschlungenen Armen in meinem engen Versteck und wartete. Ich habe keine Ahnung, wie lange die Konferenz gedauert hatte, doch da die vier Notizb�cher, die ich mitgebracht hatte, fast vollgeschrieben waren, muss sie viel Zeit in Anspruch genommen haben. Ich wei� auch nicht mehr, wie lange ich auf Caelius wartete. M�glich, dass ich eingeschlafen war, denn als er endlich kam, war es vollkommen dunkel. S�mtliche Lampen und Kerzen, einschlie�lich meiner �llampe, waren heruntergebrannt. Als er den Teppich zur Seite zog, zuckte ich zusammen; wortlos hielt er mir die Hand hin und half mir auf. Zusammen schlichen wir durch das schlafende Haus in den Kellerraum und krabbelten ins Freie. Als ich mit steifen Knochen in der Gasse stand, bedankte ich mich fl�sternd.</p><p>�Keine Ursache�, fl�sterte er zur�ck. Im schwachen Mondschein konnte ich das aufgeregte Leuchten in seinen Augen sehen - Augen, die so weit aufgerissen, so hell waren, dass mir klar wurde, das waren nicht nur die Worte eines t�richten Gro�mauls, das war ernst gemeint, als er hinzuf�gte: �War mir ein Vergn�gen.� </p><p><strong><emphasis>*</emphasis></strong></p><p>Es war weit nach Mitternacht, als ich schlie�lich wieder zu Hause war. Alle schliefen schon bis auf Cicero, der im Speisezimmer auf mich gewartet hatte. Nach den B�chern zu urteilen, die neben der Liege auf dem Boden herumlagen, musste er mich schon seit Stunden erwartet haben. �Und?�, sagte er. Als ich nickte und damit den Erfolg meiner Mission signalisierte, kniff er mir in die Wange und erkl�rte, dass ich der mutigste und schlaueste Sekret�r sei, den je ein Staatsmann gehabt habe. Ich gab ihm die Notizb�cher, er schlug das erste auf und hielt es ans Licht. �Klar, deine verdammten Hieroglyphen�, sagte er und zwinkerte mir zu. �Also los, setz dich hin, ich hol dir einen Becher Wein, und dann kannst du mir alles erz�hlen. Willst du was essen?� Er schaute sich unbeholfen um; die Rolle des Dieners war ihm nicht gerade angeboren. Kurz darauf sa� ich ihm gegen�ber, vor mir ein voller Becher Wein, ein Apfel und meine Notizb�cher - wie ein Schuljunge, der seine Lektion aufsagen soll.</p><p>Die Wachstafeln selbst sind nicht mehr in meinem Besitz, aber Cicero hat die Abschriften, die er davon anfertigen lie�, zusammen mit seinen vertraulichsten Unterlagen aufgehoben. W�hrend ich sie mir jetzt anschaue, wundert es mich nicht mehr, dass ich der Diskussion damals nicht hatte folgen k�nnen. Die Verschw�rer hatten sich offenbar vorher schon mehrere Male getroffen, denn ihre Beratungen an jenem Abend setzten einiges an Vorwissen voraus. Es wurde viel �ber Gesetzgebungspl�ne,�Erg�nzungen�zu Gesetzesentw�rfen und Aufteilungen von Verantwortungsbereichen gesprochen. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass ich Cicero einfach meine Aufzeichnungen vorlas und wir damit alles verstanden h�tten. Wir br�teten viele Stunden �ber r�tselhaften Bemerkungen, die wir drehten und wendeten, bis wir uns schlie�lich ein klares Bild machen konnten. Immer wieder rief Cicero: �Diese durchtriebenen Schurken, schlau, verdammt schlau!�, stand dann auf, drehte ein paar Runden im Zimmer und setzte sich wieder. Kurz gesagt gliederte sich die Verschw�rung, an der Caesar und Crassus seit vielen Monaten gezimmert haben mussten, in vier Teile. Als Erstes strebten sie die Kontrolle �ber den Staat an, und zwar mit Siegen in allen allgemeinen Wahlen, die ihnen nicht nur beide Konsulate, sondern auch alle zehn Volktribunate plus ein paar Pr�turen bescheren sollten; Angesichts der t�glich schwindenden Unterst�tzung f�r Cicero, so die Stimmenk�ufer, sei dieses Ziel mehr oder weniger eine <emphasis>vollendete Tatsache.</emphasis> Der zweite Schritt sah vor, dass die Volkstribunen im Dezember ein Gesetz f�r eine umfassende Landreform einbringen sollten, welches die Aufl�sung der gro�en staatlichen L�ndereien beinhaltete - vor allem in den fruchtbaren Ebenen Kampaniens - sowie deren sofortige Verteilung als Ackerland an f�nftausend st�dtische Plebejer. Im dritten Schritt sollten im M�rz zehn von Crassus und Caesar angef�hrte Regierungsbeauftragte gew�hlt werden, die die Vollmacht erhielten, eroberte Gebiete im Ausland zu verkaufen und mit den daraus erzielten Erl�sen per Zwangsenteignung weitere riesige Landgebiete in Italien zu erwerben, um damit ein noch gr��eres Besiedlungsprogramm zu starten. Als letzte Stufe stand f�r kommenden Sommer nichts Geringeres als die Annektierung �gyptens auf dem Programm. Als Vorwand w�rde das umstrittene, vor etwa siebzehn Jahren verfasste Testament eines seiner toten Herrscher, K�nig Ptolemaios des Soundsovielten, dienen, in dem er angeblich sein gesamtes Herrschaftsgebiet dem r�mischen Volk vermachte; die Profite auch daraus w�rden zu weiterem Landerwerb in Italien besagten Regierungsbeauftragten zur Verf�gung stehen.</p><p>�Bei allen G�ttern, das ist ein als Landreform getarnter Staatsstreich!�, rief Cicero erregt, nachdem wir meine Aufzeichnungen komplett durchgegangen waren. �Diese zehn Regierungsbeauftragen unter Crassus und Caesar, das sind dann die wahren Herren des Landes. Die Konsuln und die anderen Magistrate, degradiert zu Nullen. Mit den im Ausland erpl�nderten Geldern k�nnen sie ihre Herrschaft zu Hause auf unbegrenzte Zeit absichern.� Er lehnte sich zur�ck und sa� mit verschr�nkten Armen, das Kinn auf der Brust, lange Zeit schweigend da.</p><p>Ich war ersch�pft von den Strapazen und wollte nur noch schlafen. Wir hatten die ganze Nacht durchgearbeitet, und die ersten Sonnenstrahlen fielen ins Zimmer: Der letzte Tag vor den Wahlen war angebrochen. Drau�en stimmten die V�gel ihr morgendliches Konzert an, und kurz darauf h�rte ich, wie jemand die Treppe herunterkam. Es war Terentia. Sie trug noch ihr Nachthemd, um die schmalen Schultern hatte sie sich einen Schal geschlungen; die Haare waren ungek�mmt, und sie schaute uns aus ihrem ungeschminkten Gesicht verschlafen an. Ich erhob mich respektvoll und blickte verlegen zur Seite. �Marcus!�, rief sie, ohne mich zu beachten. �Was um alles in der Welt machst du so fr�h hier unten?�</p><p>Er erkl�rte ihr missmutig, was passiert war. Wenn es um politische oder finanzielle Dinge ging, konnte man Terentia nichts vormachen - w�re sie keine Frau und schon einigerma�en wach gewesen, dann wei� ich nicht, wie sie reagiert h�tte. Terentia war durch und durch Aristokratin, und als sie begriff, was er gerade gesagt hatte, war sie nat�rlich entsetzt. Der Gedanke, staatliches Land zu privatisieren und dem Volk zu �berlassen, war f�r sie der erste Schritt zur Zerst�rung Roms.</p><p>�Du musst an vorderster Stelle dagegen ank�mpfen�, bedr�ngte sie Cicero. �Das kann dir den Wahlsieg bringen. Jeder ehrbare Mann wird sich dir anschlie�en.�</p><p>�Ach ja, tats�chlich?� Cicero nahm eins der Notizb�cher vom Tisch. �Offener Widerstand dagegen k�nnte �bel auf mich zur�ckfallen. Ein gro�er Block im Senat war schon immer f�r eine Annexion �gyptens - die eine H�lfte aus patriotischen Gr�nden, die andere aus reiner Geldgier. Und da drau�en auf den Stra�en, da wird der Ruf &gt;Kostenloses Land f�r alle!&lt; Catilina und Hybrida wahrscheinlich mehr Stimmen einbringen als kosten. Nein, ich sitze in der Falle.� Er starrte das Konferenzprotokoll an und sch�ttelte langsam den Kopf wie ein K�nstler, der tr�bsinnig �ber das Werk eines begabten Rivalen nachdenkt. �Das ist ein wahrhaft au�erordentliches Komplott, ein politischer Geniestreich. Das kann sich nur Caesar ausgedacht haben. Und was Crassus angeht - f�r eine Anzahlung von gerade mal zwanzig Millionen Sesterzen kann er sich fast ganz Italien und �gypten unter den Nagel rei�en. Eine ziemlich lukrative Investition, das musst selbst du zugeben.�</p><p>�Aber du musst etwas dagegen unternehmen�, sagte Terentia. <emphasis>�Irgendwas.�</emphasis> Sie lie� nicht locker. �Du kannst das doch nicht einfach so zulassen.�</p><p>�Und was genau, schl�gst du vor, soll ich unternehmen?�</p><p>�Und dich halten die Leute f�r den schlauesten Mann von ganz Rom?�, fragte sie w�tend. �Das liegt doch auf der Hand. Du gehst als Erstes heute Morgen in den Senat und deckst das Komplott auf. Stell die Verschw�rer an den Pranger!�</p><p>�Hervorragende Taktik�, erwiderte Cicero sarkastisch. (Ich begann mich in meiner Rolle als Zuh�rer zunehmend unwohl zu f�hlen.) �Ich enth�lle die Existenz einer popul�ren Gesetzesinitiative, und gleichzeitig verurteile ich sie auch noch. Du h�rst mir nicht zu, Terentia: Die Menschen, die davon am meisten profitieren, sind <emphasis>meine</emphasis> Anh�nger.�</p><p>�Nun ja, die Schuld, dass du von solchem Abschaum �berhaupt abh�ngig bist, liegt ja wohl ganz allein bei dir. Das ist das Problem mit der Demagogie, Marcus - du denkst vielleicht, dass du den P�bel kontrollieren kannst, aber am Ende ist es doch immer der P�bel, der <emphasis>dich</emphasis> verschlingt. Hast du im Ernst geglaubt, du k�nntest es mit M�nnern wie Crassus und Catilina aufnehmen, wenn es darum geht, Prinzipien meistbietend zu verh�kern?� Cicero�brummte�gereizt,�hatte bemerkenswerterweise aber kein Gegenargument zur Hand. �Und sag mir doch bitte noch eins�, fuhr sie unbarmherzig fort. �Wenn dieses au�ergew�hnliche Komplott, wie du es nennst - ich w�rde es eher als &gt;Kriminelles Unternehmen&lt; bezeichnen -, wirklich so popul�r ist, wie du sagst, warum dann diese Heimlichtuerei mitten in der Nacht? Warum sagen sie es dann nicht ganz offen?�</p><p>�Weil, meine liebe Terentia, die Aristokraten alle so denken wie du. Die w�rden das niemals unterst�tzen. Erst sind es die gro�en Staatsg�ter, die zerschlagen und verteilt werden, und dann nehmen sie sich die privaten L�ndereien der Herren vor. Mit jedem St�ck Land, das Caesar und Crassus unter die Leute bringen, haben sie einen Klienten mehr. Wenn den Patriziern erst mal die Kontrolle �ber das Land entgleitet, dann sind sie am Ende. Au�erdem, was glaubst du wohl, wie Catulus oder Hortensius darauf reagieren w�rden, von einer Zehnerkommission herumkommandiert zu werden, die das Volk gew�hlt hat? Das Volk! Das w�re f�r die Herren gleichbedeutend mit Revolution -Tiberius Gracchus, das gleiche Spiel noch mal von vorn.� Cicero warf das Notizbuch wieder auf den Esstisch. �Nein, um den Status quo zu erhalten, w�rden die Aristokraten das tun, was sie schon immer getan haben - intrigieren, bestechen, meucheln.�</p><p>�Und zwar mit vollem Recht!� Terentia schaute ihn finster an. Ihre F�uste waren geballt. Fast rechnete ich damit, dass sie ihn schlagen w�rde. �Sie hatten recht, als sie die Volkstribunen entmachtet haben, genauso wie es richtig war, zu versuchen, Pompeius, diesem Empork�mmling aus der Provinz, Einhalt zu gebieten. Und wenn du noch etwas Verstand hast, dann gehst du jetzt zu den Aristokraten und sagst: &gt;Das hier sind Crassus' und Caesars Pl�ne - unterst�tzt mich, und ich werde dem ein Ende machen.&lt;�</p><p>Cicero st�hnte w�tend auf und lie� sich auf die Liege fallen. Eine Zeit lang schwieg er. Pl�tzlich hob er den Blick und schaute Terentia an. �Himmel, Terentia�, sagte er leise, �du bist tats�chlich ein schlaues Weib.� Er sprang auf und k�sste sie auf die Wange. �Mein wunderbares, schlaues Weib - du hast v�llig recht. Oder besser, halb recht, es ist gar nicht n�tig, dass <emphasis>ich</emphasis> irgendetwas unternehme. Ich �berlasse das einfach Hortensius. Tiro, wie lange brauchst du, um eine saubere Abschrift von deinem Protokoll anzufertigen - nicht vom ganzen Protokoll, nur von den wichtigsten Punkten, gerade so viel, dass Hortensius' Neugier geweckt wird?�</p><p>�Ein paar Stunden�, antwortete ich. Sein dramatischer Stimmungsumschwung verwirrte mich.</p><p>�Schnell, schnell!�, sagte er. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn jemals so �berdreht gesehen zu haben. �Los, hol mir Feder und Papyrus!�</p><p>Ich holte ihm beides, er tauchte die Schreibfeder ins Tintenfass, dachte kurz nach und fing dann an zu schreiben, wobei Terentia und ich ihm �ber die Schulter schauten.</p><p><emphasis>Von: Marcus Tullius Cicero An: Quintus Hortensius Hortalus Sei gegr��t!</emphasis></p><p><emphasis>Meine patriotische Pflicht gebietet mir, dir vertraulich das Protokoll eines Treffens zukommen zu lassen, das am gestrigen Abend im Hause des M, Crassus stattgefunden hat, an dem neben dem Hausherrn.</emphasis> G. <emphasis>Caesar, L. Catilina,</emphasis> G. <emphasis>Hybrida, P. Sura und einige Kandidaten f�r das Volkstribunat teilgenommen haben, deren Namen dir allesamt bekannt sind. Ich werde heute im Senat das Wort ergreifen und einige dieser Personen zur Rede zu stellen. Solltest du an einer eingehenden Er�rterung der Angelegenheit interessiert sein, so stehe ich dir hinterher im Haus unseres gemeinsamen Freundes T. Pomponius Atticus zur Verf�gung.</emphasis></p><p>Das sollte reichen�, sagte er und blies �ber die feuchte Tinte. �Und du, Tiro, machst jetzt eine so vollst�ndige Kopie deiner Notizen, wie es dir in der kurzen Zeit m�glich ist. Wichtig sind die Passagen, bei denen ihnen mit Sicherheit das Patrizierblut in den Adern gefriert. Bis sp�testens eine Stunde vor Sitzungsbeginn bringst du deine Abschrift zusammen mit meinem Brief pers�nlich Hortensius -pers�nlich, ist das klar, keinem Sekret�r. Und dann schick einen von deinen Burschen zu Atticus, und lass ihm ausrichten, dass ich ihn noch kurz sprechen m�chte, bevor ich in den Senat gehe.� Er gab mir den Brief und eilte aus dem Zimmer.</p><p>�Soll Sositheus oder Laurea die Klienten einlassen?�, rief ich ihm hinterher, denn ich h�rte schon Stimmen auf der Stra�e. �Und wann sollen die T�ren ge�ffnet werden?�</p><p>�Keine Klienten heute Morgen!�, rief er zur�ck, als er schon halb die Treppe oben war. �Wenn sie wollen, k�nnen sie mich in den Senat begleiten. Du hast jetzt genug zu tun, und ich muss mich um meine Rede k�mmern.�</p><p>Seine Schritte hallten durchs Haus, bis er in seinem Zimmer verschwunden war. Terentia ber�hrte die Stelle auf ihrer Wange, wo Cicero sie gek�sst hatte, und schaute mich verwirrt an. �Rede?�, sagte sie. �Welche Rede?�</p><p>Ich musste ihr gestehen, dass ich selbst keine Ahnung hatte und deshalb auch nicht f�r mich in Anspruch nehmen kann, bei diesem au�ergew�hnlichen Beispiel einer Schm�hrede, die heute unter dem Namen <emphasis>In toga candida</emphasis> aller Welt bekannt ist, meine H�nde im Spiel oder gar schon vorher Kenntnis davon gehabt zu haben. </p><p>*</p><p>Ich schrieb so schnell und so akkurat, wie es mir angesichts meiner M�digkeit m�glich war. Ich verfasste das Protokoll in Form eines Dramas, notierte erst den Namen der Person und dann, was sie sagte. Vieles von dem, was ich f�r belanglos hielt, lie� ich weg, obwohl mich w�hrend der Arbeit �fter die Frage qu�lte, ob ich daf�r �berhaupt die n�tige Urteilskraft besa�. Aus diesem Grund beschloss ich, die Notizb�cher mitzunehmen, f�r den Fall, dass ich im Lauf des Tages auf sie zur�ckgreifen musste. Als ich fertig war, versiegelte ich das Schriftst�ck, schob es in eine Rolle und machte mich auf den Weg. Ich musste mich durch eine dichte Menschentraube aus Klienten und Sympathisanten dr�ngeln, wobei ich mehrmals an meiner Tunika festgehalten und gefragt wurde, wo denn der Senator bleibe.</p><p>Hortensius' Villa auf dem Palatin wurde viele Jahre sp�ter von unserem teuren und geliebten Kaiser in Besitz genommen, woran man schon ersehen kann, wie pr�chtig sie war. Ich war noch nie dort gewesen und musste deshalb mehrmals nach dem Weg fragen. Das Haus stand genau auf der H�gelkuppe, von wo man in s�dwestlicher Pachtung auf den Tiber hinunterschauen konnte. Beim Anblick der dunkelgr�nen B�ume, die die sanfte Biegung des silbrigen Flusses s�umten, und der dahinterliegenden Felder hatte man glauben k�nnen, man befinde sich irgendwo auf dem Land anstatt mitten in der Stadt. Wie ich wohl schon an anderer Stelle erw�hnt habe, geh�rte Hortensius' Schwager Catulus das Nachbaranwesen. Das ganze, nach Gei�blatt und Myrte duftende und bis auf das Zwitschern der V�gel vollkommen ruhige Viertel atmete den Geist von gutem Geschmack und altem Geld. Sogar Hortensius' Verwalter sah aus wie ein Aristokrat. Als ich ihm sagte, ich h�tte f�r seinen Herrn eine pers�nliche Botschaft von Senator Cicero, da h�tte man glauben k�nnen, ich h�tte gefurzt, ein derart angewiderter Ausdruck bem�chtigte sich seines hageren Gesichts. Als ich mich weigerte, ihm die Rolle zu geben, lie� er mich im Atrium warten, wo die leeren, toten Augen der Masken aller Konsuln aus Hortensius' Ahnenreihe auf mich herabstarrten. Auf einem dreibeinigen Tisch in der Ecke stand eine aus einem einzigen riesigen St�ck Elfenbein geschnitzte Sphinx, die genau die Sphinx sein musste, die Verres vor so vielen Jahren seinem Anwalt geschenkt und �ber die Cicero sich lustig gemacht hatte. Ich beugte mich gerade vor, um sie mir genauer anzuschauen, als hinter mir Hortensius den Raum betrat.</p><p>�Wer h�tte das gedacht?�, sagte er, w�hrend ich mich schuldbewusst aufrichtete. �Unter dem Dach meiner Vorfahren mal einen Abgesandten von Marcus Cicero begr��en zu d�rfen, damit h�tte ich nicht gerechnet. Worum geht es?�</p><p>Offensichtlich machte er sich gerade fertig f�r die morgendliche Senatssitzung, denn er war schon mit seiner Senatorentoga bekleidet - allerdings noch ohne Schuhe, seine F��e steckten in gew�hnlichen Sandalen. Au�erdem empfand ich es als seltsam, den alten Feind so ungesch�tzt au�erhalb der Arena zu sehen. Ich gab ihm Ciceros Brief, den er sofort �ffnete und in meiner Gegenwart las. Als er zu den Namen gelangte, warf er mir einen scharfen Blick zu. Ich sp�rte, dass er angebissen hatte, aber nat�rlich war er zu gut erzogen, um es sich anmerken zu lassen.</p><p>�Richte ihm aus, dass ich mir den Bericht anschaue, sobald es mir meine Zeit erlaubt�, sagte er und nahm die Rolle entgegen. Dann ging er, als h�tte er in seinem ganzen Leben noch nichts in seinen manik�rten H�nden gehalten, was uninteressanter gewesen w�re, gem�chlich auf dem gleichen Weg zur�ck, den er gekommen war. Allerdings bin ich mir sicher, dass er in der Sekunde, als ich ihn nicht mehr sehen konnte, in seine Bibliothek gerannt ist und das Siegel aufgerissen hat. Was mich betraf, so ging ich wieder hinaus an die frische Luft und nahm f�r den R�ckweg in die Stadt die Caci-Treppe, da mir bis zum Sitzungsbeginn des Senats noch Zeit zur Verf�gung stand und mich der andere Weg n�her an Crassus' Haus vorbeif�hrte, als mir lieb war. �ber die Treppe gelangte ich in die Gegend um die Via Etrusca, wo sich alle Parf�m- und Weihrauchgesch�fte befanden. Die Wohlger�che versetzten meinen durch Schlafentzug geschw�chten K�rper fast in einen Rauschzustand. Meine Stimmung war seltsam losgel�st von der realen Welt und ihren Sorgen. Ich wei� noch, was mir damals durch den Kopf ging: Morgen um diese Zeit ist die Wahl auf dem Marsfeld schon in vollem Gange, und wahrscheinlich wissen wir auch schon, ob Cicero Konsul wird oder nicht, aber ob er es nun wird oder nicht, �ndert nichts daran, dass die Sonne scheinen und dass es im Herbst wieder regnen wird. Ich trieb mich auf dem Forum Boarium herum und schaute den Leuten zu, die ihre Blumen und ihr Obst einkauften, und fragte mich, wie es wohl w�re, wenn man sich nicht im Geringsten f�r Politik interessierte, sondern - wie die Dichter sagen - �ein Leben im Schatten� genie�t, <emphasis>vita umbratilis.</emphasis> Das genau hatte ich vor, wenn Cicero mir die Freiheit und einen Bauernhof schenkte. Ich w�rde die Fr�chte essen, die ich anbaute, und die Milch der Ziegen trinken, die ich aufzog; abends w�rde ich meine T�r zumachen und mich keinen Deut mehr um irgendeine Wahl scheren. Nie f�hlte ich mich weiser als in diesen Augenblicken.</p><p>Als ich schlie�lich das Forum erreichte, hatten sich im Senaculum schon gut zweihundert Senatoren eingefunden, die von einer neugierigen Menschenmenge begafft wurden - nach ihrer b�uerlichen Kleidung zu urteilen Leute vom Land, die f�r die Wahlen nach Rom gekommen waren. Flankiert von den Auguren sa� Figulus auf seinem Konsulsstuhl in der Eingangst�r zum Senatsgeb�ude und wartete darauf, dass die zur Beschlussf�higkeit erforderliche Anzahl an Senatoren zusammenkam. Hin und wieder gab es einen kleineren Aufruhr, wenn ein Kandidat samt seiner Anh�ngerschaft auf dem Forum einzog. Ich sah Catilina kommen samt seiner wunderlich bunten Corona aus junger Aristokratie und Abschaum der Stra�e und sp�ter dann Hybrida, dessen l�rmende Truppe aus Schuldnern und Spielern wie Sabidius und Panthera im Vergleich dazu noch einigerma�en respektabel aussah. Die Senatoren begaben sich nun in den Sitzungssaal, und ich fragte mich schon, ob Cicero etwas zugesto�en sei, als vom Argiletum her Getrommel und Fl�tenmusik zu h�ren war und zwei Kolonnen junger M�nner, die frisch geschnittene Zweige in die Luft reckten und um die fr�hlich aufgeregte Kinder herumtollten, auf das Forum einbogen. Dann zog eine von Atticus angef�hrte Gruppe angesehener r�mischer Ritter ein, auf die Quintus mit etwa einem Dutzend Hinterb�nkler aus dem Senat folgte. Einige M�dchen liefen vor der Parade her und streuten Rosenbl�tter auf den Boden. Ciceros Einzug stellte den seiner Rivalen bei weitem in den Schatten, und von der Menge wurde er mit entsprechendem Applaus empfangen. Im Mittelpunkt des Trubels, wie im Auge eines Tornados, marschierte der Kandidat selbst, der in die leuchtende <emphasis>toga candida</emphasis> geh�llt war, die er schon bei seinen drei erfolgreichen Wahlen zuvor getragen hatte. Da ich ihn normalerweise immer begleitete, kam es nur selten vor, dass ich ihn aus der Distanz beobachten konnte, und so fiel mir heute zum ersten Mal auf, dass er der geborene Schauspieler war, der, wenn er sein Kost�m angelegt hatte, erst zu seinem wahren Charakter fand. Als die kr�ftige Gestalt mit festem Blick an mir vorbeischritt, erschien er mir wie die Verk�rperung all der Werte, die das traditionelle Wei� seiner Toga symbolisieren sollten - Klarheit, Redlichkeit, Reinheit. An seinem Gang und abwesenden Gesichtsausdruck erkannte ich, dass er schon vollkommen auf seine Rede konzentriert war. Ich schloss mich der Prozession an, und als er die Kammer betrat, brandete der Jubel seiner Anh�nger auf, auf den seine Gegner umgehend mit Buhrufen antworteten.</p><p>Man hielt uns zur�ck, bis der letzte Senator eingetreten war, dann lie� man uns bis zur Zuschauerschranke vor. Kaum hatte ich mir meinen guten Stammplatz am T�rpfosten gesichert, als sich jemand zu mir vordr�ngelte. Es war Atticus, der vor Aufregung ganz bleich war. �Woher nimmt er blo� die Nerven, sich so was zu trauen?�, fragte er. Bevor ich antworten konnte, erhob sich Figulus und berichtete der Kammer �ber das Scheitern seines Gesetzesantrags in der Volksversammlung. Nachdem er eine Zeit lang auf seine leiernde Art gesprochen hatte, forderte er Mucius auf zu erkl�ren, warum er gegen das vom Senat beschlossene Gesetz sein Veto eingelegt habe. Es herrschte eine dr�ckende, nerv�se Stimmung in der Kammer. Catilina und Hybrida sa�en bei den Aristokraten, direkt vor ihnen auf der Konsulnbank sa� Catulus, ein paar Pl�tze weiter Crassus und auf der gleichen Seite der Kammer, auf einem der f�r die ehemaligen �dilen reservierten Pl�tze, Caesar. Mucius stand auf und erl�uterte in w�rdevollen Worten, dass sein heiliges Amt von ihm verlange, den Interessen des Volkes zu dienen. Und Figulus' Gesetz sei weit davon entfernt, diesen Interessen zu dienen, es bedrohe vielmehr die Sicherheit des Volkes und beleidige dessen Ehre.</p><p>�Bl�dsinn�, t�nte es von der anderen Seite des Ganges. Ich erkannte Ciceros Stimme sofort. �Die haben dich gekauft!�</p><p>Atticus packte meinen Arm. �Jetzt geht's los!�,fl�sterte er.</p><p>�Mein Gewissen ...�, fuhr Mucius fort.</p><p>�Dein Gewissen hat damit gar nichts zu tun. Du bist ein L�gner, du hast dich verkauft wie eine Hure!�</p><p>Pl�tzlich erf�llte den Saal das dumpf grollende Ger�usch, das entsteht, wenn ein paar Hundert Menschen gleichzeitig ihrem Nebenmann etwas zufl�stern. Cicero sprang auf und signalisierte mit ausgestrecktem Arm, dass er das Wort w�nsche. In diesem Augenblick h�rte ich hinter mir eine Stimme, die Durchlass verlangte. Wir dr�ngten uns zur Seite, um dem unp�nktlichen Senator Platz zu machen, der sich ein paar Sekunden sp�ter als Hortensius entpuppte. Er eilte den Gang hinunter, verbeugte sich vor dem Konsul und setzte sich auf seinen Platz neben Catulus, den er umgehend in eine gefl�sterte Unterhaltung verstrickte. Inzwischen forderten Ciceros Anh�nger unter den <emphasis>pedarii</emphasis> lautstark das Wort f�r ihren F�rsprecher, was ihm als ehemaligem Pr�tor und damit gegen�ber Mucius Rangh�herem auch unbestreitbar zustand. Nur sehr z�gernd lie� sich Mucius von den Senatoren neben ihm dazu bewegen, sich zu setzen. Cicero zeigte auf ihn - mit dem geraden, starr ausgestreckten Arm in der wei�en Toga sah er aus wie eine Statue der r�chenden Justitia - und erkl�rte: �Du bist eine Hure, Mucius, jawohl, und obendrein ein Verr�ter, denn erst gestern hast du vor der Volksversammlung erkl�rt, dass ich ungeeignet sei f�r das Konsulat, ich, der erste Mann, an den du dich gewandt hast, als man dich des Raubes anklagte! Gut genug f�r deine Verteidigung, Mucius, aber nicht gut genug, das r�mische Volk zu verteidigen, hast du das gemeint? Aber was soll ich mich um dein Gerede scheren, wenn doch die ganze Welt wei�, dass man dich f�r diese Verleumdung bezahlt hat?�</p><p>Mucius lief knallrot an. Er sch�ttelte die Faust und schleuderte Cicero Beleidigungen entgegen, die ich im allgemeinen Aufruhr nicht verstehen konnte. Cicero betrachtete ihn ver�chtlich und bat mit erhobener Hand um Ruhe. �Aber wer ist schon Mucius?�, sagte er geringsch�tzig und schnalzte dabei mit den Fingern. �Nichts weiter als eine einzelne Hure aus einer ganzen Horde von k�uflichen Kreaturen. Und ihr Anf�hrer ist ein Mann von adeliger Geburt, der sich die Bestechung zu seinem Instrument erw�hlt hat - und glaubt mir, Senatoren, darauf spielt er wie auf einer Fl�te. Er besticht Geschworene, W�hler und Volkstribunen. Kein Wunder, dass er unser Gesetz gegen die Bestechung verabscheute und f�r ihn nur eine Methode in Betracht kam, es zu verhindern -Bestechung.� Er hielt inne und senkte die Stimme. �Ich m�chte die Kammer �ber einige Dinge in Kenntnis setzen, die mir zu Ohren gekommen sind.� Es wurde jetzt sehr still. �Gestern Abend haben sich Antonius Hybrida, Sergius Catilina und einige andere Personen im Haus jenes Mannes von adeliger Geburt ...�</p><p>�Der Name!�, forderte eine laute Stimme, und einen Augenblick lang glaubte ich tats�chlich, Cicero w�rde ihn nennen. Stattdessen schaute er mit derart berechnender Intensit�t hin�ber zu dem auf der anderen Seite des Ganges sitzenden Crassus, dass er genauso gut h�tte hin�bergehen und ihm die Hand auf die Schulter legen k�nnen, so deutlich war, wen er meinte. Crassus richtete den Oberk�rper leicht auf und neigte ihn langsam nach vorn, ohne Cicero aus den Augen zu lassen: Er musste vor Spannung auf das, was jetzt kommen w�rde, fast platzen. Man merkte, wie jeder im Saal die Luft anhielt. Aber Cicero war auf andere Beute aus, und mit einer fast sp�rbaren Willensanstrengung wandte er den Blick von Crassus ab.</p><p>�Jener besagte Mann von adeliger Geburt hat sich also mittels Bestechung das Bestechungsgesetz vom Hals geschafft und heckt nun ein neues Komplott aus. Er plant, sich mittels Bestechung den Weg zum Konsulat zu bahnen. Allerdings nicht f�r sich selbst, sondern f�r seine beiden Marionetten Hybrida und Catilina.�</p><p>Wie vermutlich von Cicero eingeplant, sprangen die beiden Angesprochenen augenblicklich auf und protestierten. Da sie jedoch im Rang unter ihm standen, hatte Cicero das Recht, sie einfach stehen zu lassen. �Da haben wir sie also�, sagte er und drehte sich zu den B�nken hinter ihm um. �Die Besten, die man f�r Geld bekommen kann!� Er gab dem losbrechenden Gel�chter gen�gend Zeit, sich aufzuschaukeln, um dann im genau richtigen Augenblick hinzuzuf�gen: �Wie wir Anw�lte sagen -<emphasis>caveat emptor,</emphasis> der K�ufer tr�gt das Risiko!�</p><p>Nichts ist der W�rde und Autorit�t eines Politikers abtr�glicher als Hohn und Spott. Wenn es dazu kommt, ist es von entscheidender Bedeutung, sich vollkommen unbeteiligt zu geben. Die von allen Seiten mit Lachsalven bombardierten Hybrida und Catilina jedoch konnten sich nicht entscheiden, ob sie entweder trotzig stehen bleiben oder die Angelegenheit mit gespielter Gleichg�ltigkeit aussitzen sollten. Schlie�lich versuchten sie beides: Sie h�pften auf und ab und sahen dabei aus wie zwei Arbeiter an den beiden Enden eines Pumpenschwengels, was die allgemeine Heiterkeit nat�rlich noch steigerte. Vor allem Catilina wurde augenscheinlich immer �bellauniger; wie viele arrogante Menschen konnte er es nicht ertragen, wenn man sich �ber ihn lustig machte. Caesar, der den beiden zu Hilfe kommen wollte, stand auf und fragte Cicero, worauf er eigentlich hinauswolle, doch Cicero ignorierte die Frage einfach, und der Konsul, der sich wie alle anderen pr�chtig am�sierte, weigerte sich, Cicero zur Ordnung zu rufen.</p><p>�Reden wir zuerst �ber den Geringeren der beiden�, fuhr Cicero fort, als seine Opfer zusammengesunken wieder auf ihren Pl�tzen sa�en. �Du, Hybrida, h�ttest nie zum Pr�tor gew�hlt werden d�rfen und w�rst auch nie zum Pr�tor gew�hlt worden, h�tte ich mich nicht aus Mitleid bei den Zenturien f�r dich eingesetzt. Du lebst offen mit einer Kurtisane zusammen, bringst in der �ffentlichkeit kein Wort heraus, du kannst dich ohne <emphasis>nomendator</emphasis> kaum an deinen eigenen Name erinnern. Unter Sulla warst du ein Dieb und danach ein S�ufer. Du bist, kurz gesagt, ein Witz. Allerdings ein Witz von der �belsten Sorte, einer, der schon viel zu lange gedauert hat.�</p><p>Es war jetzt wieder deutlich ruhiger in der Kammer, denn mit derartigen Beleidigungen machte sich Cicero den Mann zwangsl�ufig zum Feind f�rs Leben. Als Cicero sich Catilina zuwandte, sp�rte ich, wie sich Atticus' Hand in meinem Arm verkrallte. �Was deinen Fall betrifft, Catilina, ist es nicht Ausgeburt und Sinnbild schlimmer Zeiten, dass jemand wie du sich �berhaupt Hoffnungen auf das Konsulat machen oder auch nur einen Gedanken darauf verwenden kann? Von wem willst du dieses Amt denn verlangen? Von den H�uptern des Staates, die es erst vor zwei Jahren abgelehnt haben, dich zur Kandidatur auch nur zuzulassen? Vom Ritterstand, den du abgeschlachtet hast? Vom Volk, das sich immer noch der monstr�sen Grausamkeit erinnert, mit der du seinen Anf�hrer, meinen�Blutsverwandten�Gratidianus, niedergemetzelt und seinen noch atmenden Kopf durch die Stra�en Roms zum Tempel des Apollo getragen hast? Oder von den Senatoren, die dir kraft ihrer Autorit�t fast deine Rechte als B�rger Roms aberkannt und in Ketten an die Afrikaner ausgeliefert h�tten?�</p><p>�Ich bin freigesprochen worden!�, br�llte Catilina und sprang wieder auf.</p><p>�Freigesprochen!�, h�hnte Cicero. �Du? Freigesprochen? Der sich mit jeder nur denkbaren sexuellen Perversion und Lasterhaftigkeit besudelt hat? An dessen H�nden das Blut der niedertr�chtigsten Morde klebt? Der Verb�ndete ausgepl�ndert, Gesetze gebrochen und Gerichtsh�fe gesch�ndet hat? Der ehebrecherisch die Mutter der von ihm zuvor verf�hrten Tochter geheiratet hat? Freigesprochen? Dann m�ssen r�mische Ritter gelogen haben und die Urkundenbeweise einer h�chst angesehenen Stadt gef�lscht gewesen sein; dann muss Quintus Metellus Pius, muss ganz Afrika L�gen erz�hlt haben. Freigesprochen! Was f�r ein Jammer, dass dir nicht aufgefallen ist, dass dieses Urteil gar kein Freispruch war, sondern nur ein Aufschub f�r ein Strafgericht, das ein klein wenig h�rter sein wird, mit Strafen, die ein klein wenig schrecklicher sein werden.�</p><p>Das w�re selbst f�r einen gleichm�tigen Menschen zu viel gewesen, bei Catilina bewirkte es nichts weniger als einen Blutrausch. Mit animalischem Gebr�ll st�rzte er zwischen den vor ihm sitzenden Hortensius und Catulus hindurch in den Gang, um seinem Peiniger an die Kehle zu gehen. Das war nat�rlich genau die Reaktion, die Cicero beabsichtigt hatte. Er zuckte zwar zusammen, blieb aber aufrecht stehen, w�hrend sich Quintus und ein paar Veteranen sch�tzend vor ihn stellten - was allerdings gar nicht n�tig gewesen w�re, denn die Liktoren des Konsuls hatten ebenfalls sofort reagiert und Catilina trotz seiner Gr��e �berw�ltigt. Seine Freunde, darunter auch Crassus und Caesar, packten den sich windenden, um sich tretenden und immer noch vor Wut br�llenden Catilina an den Armen und zerrten ihn zur�ck zu seinem Platz. Alle Senatoren waren aufgestanden, um das Schauspiel besser beobachten zu k�nnen. Figulus unterbrach die Sitzung, bis die Ordnung wiederhergestellt war.</p><p>Als endlich Ruhe eingekehrt war und alle Senatoren auf ihren Pl�tzen sa�en, erhielten, wie es Brauch war, Hybrida und Catilina Gelegenheit zur Gegenrede. Zornbebend kippten sie unter dem pflichtgem��en Jubel ihrer Anh�nger k�belweise Beleidigungen �ber Cicero aus, wobei sie sich der gewohnten Stichworte bedienten - machtgierig, nicht vertrauensw�rdig, intrigant, <emphasis>homo novus,</emphasis> Ausl�nder, sich vor dem Armeedienst gedr�ckt, Feigling. Allerdings reichte keiner von beiden an die Eleganz von Ciceros Verunglimpfungsk�nsten heran. Vor allem aber musste es selbst ihren treuesten Parteig�ngern unangenehm aufgefallen sein, dass sie keine Antwort auf Ciceros zentrale Anschuldigung hatten: dass sie n�mlich ihre Kandidatur nur den korrupten Umtrieben einer mysteri�sen dritten Person verdankten. Es fiel auf, dass Hortensius und sogar Catulus nur sehr halbherzig applaudierten. Was Cicero betrifft, der setzte seine professionelle Maske auf und lie� die schrillen Tiraden l�chelnd und regungslos �ber sich ergehen - er schien in etwa so beeindruckt zu sein wie eine Ente von einem Regenschauer. Erst hinterher, nachdem Quintus und seine Veteranen ihn schnell aus der Kammer eskortiert hatten, um einer etwaigen weiteren Attacke Catilinas zuvorzukommen, und er in Atticus' Haus auf dem Quirinal in Sicherheit war, erst da schien ihm das Ausma� dessen, was er gerade getan hatte, bewusst zu werden.</p></section><section><title><p id="_bookmark34">KAPITEL XVIII</p></title><p>Cicero konnte jetzt nichts weiter tun, als Hortensius' Reaktion abzuwarten. Unter den Augen der gro�en Philosophen, umgeben von der Weisheit alter Zeiten, verbrachten wir die Stunden in der k�hlen Stille von Atticus' Bibliothek, w�hrend drau�en, jenseits der Terrasse, der Tag zur Neige ging und sich die hei�e Stadtluft an diesem Sp�tnachmittag im Juli gelblich staubig einf�rbte. Ich w�rde ja gern zu Protokoll geben, dass wir uns das eine oder andere Buch vornahmen und uns �ber Epikur, Zeno oder Aristoteles austauschten oder dass Cicero uns Profundes �ber die Demokratie mitteilte. Aber dem war nicht so.</p><p>Niemand war in der Stimmung f�r politische Theorie, am wenigsten Quintus, der f�r Cicero einen Auftritt in der gesch�ftigen Porticus Aemilia arrangiert hatte und sich dar�ber �rgerte, dass sein Bruder wertvolle Wahlkampfzeit verlor. Wir gingen noch einmal Ciceros dramatische Rede durch - �Ihr h�ttet Crassus' Gesicht sehen sollen, als er glaubte, ich w�rde seinen Namen nennen� - und �berlegten, wie die Aristokraten wohl darauf reagieren w�rden. Wenn sie den K�der nicht schluckten, dann bef�nde sich Cicero in einer h�chst gef�hrlichen Lage. Immer wieder fragte er mich, ob ich auch sicher sei, dass Hortensius den Brief gelesen habe, und jedes Mal erwiderte ich, ja, ganz sicher, schlie�lich sei ich dabei gewesen, als er ihn gelesen habe. �Dann geben wir ihm noch eine Stunde�, sagte er dann und fing wieder an, unruhig hin und her zu laufen und Atticus mit bissigen Bemerkungen zu nerven: �Deine eleganten Freunde, haben die schon mal was von P�nktlichkeit geh�rt?� oder �Verst��t das eigentlich gegen eure gute Erziehung, wenn man mal ab und zu auf die Uhr schaut?�</p><p>Atticus' hervorragende Sonnenuhr zeigte die zehnte Stunde an, als schlie�lich einer seiner Sklaven in die Bibliothek kam und den Besuch von Hortensius' Verwalter meldete.</p><p>�Sollen wir jetzt etwa mit seinem Personal verhandeln?�, brummte Cicero. Aber er war so begierig auf Neuigkeiten, dass er h�chstpers�nlich hinaus ins Atrium eilte. Wir folgten ihm. Im Atrium wartete der gleiche d�rre, hochn�sige Kerl, der mir am Morgen bei Hortensius die T�r ge�ffnet hatte. Er war jetzt auch nicht viel h�flicher. Er erkl�rte, dass er mit Hortensius' Kutsche gekommen sei und Cicero zu einer Unterredung mit seinem Herrn abholen solle.</p><p>�Ich fahre mit�, sagte Quintus bestimmt.</p><p>�Meine Anweisungen lauten, nur Senator Cicero abzuholen�, widersprach der Verwalter. �Das Treffen ist h�chst sensibel und vertraulich. Nur eine zus�tzliche Person ist vonn�ten - der Sekret�r des Senators, der mit der flotten Schreibhand.�</p><p>Ich war genauso wenig erbaut wie Quintus - ich, weil ich zu feige war, um mir ein Kreuzverh�r durch Hortensius zu w�nschen; er, weil er sich br�skiert f�hlte und vielleicht auch weil er sich - die wohlwollendere Variante - Sorgen um die Sicherheit seines Bruders machte. �Was, wenn das eine Falle ist?�, fragte er, �Was, wenn Catilina da auf dich wartet oder dich auf dem Weg �berf�llt?�</p><p>�Senator Hortensius b�rgt f�r deine Sicherheit, Senator�, sagte der Verwalter steif. �Ich gebe dir stellvertretend vor allen Zeugen hier mein Ehrenwort.�</p><p>�Es geschieht mir schon nichts, Quintus�, sagte Cicero und legte seinem Bruder beruhigend die Hand auf den Arm. �Es ist doch gar nicht in Hortensius' Interesse, dass mir etwas zust��t. Au�erdem�, f�gte er l�chelnd hinzu, �bin ich ein Freund von Atticus, eine bessere Sicherheit kann es doch gar nicht geben. Komm, Tiro. H�ren wir uns an, was Hortensius uns zu sagen hat.�</p><p>Aus der relativen Sicherheit der Bibliothek begaben wir uns hinaus auf die Stra�e, wo ein elegantes <emphasis>carpentum</emphasis> wartete, an dessen Seite Hortensius' Wappen prangte. Der Verwalter setzte sich vorne neben den Kutscher, Cicero und ich stiegen hinten ein, und im n�chsten Augenblick schlingerten wir schon den H�gel hinunter. Allerdings fuhren wir nicht wie erwartet nach S�den zum Palatin, sondern in n�rdlicher Richtung zur Porta Fontinalis. Wir reihten uns in den Verkehrsstrom ein, der zum Ende des Tages die Stadt verlie�. Cicero verbarg sein Gesicht in den Falten seiner wei�en Toga. Was ihn scheinbar vor den Staubwolken sch�tzte, die die Wagenr�der aufwirbelten, sollte ihn tats�chlich vor den Blicken seiner W�hler sch�tzen - immerhin sa� er in einer Kutsche von Hortensius. Als wir jedoch jenseits der Stadtgrenze waren, zog er seine Faltenhaube herunter. Er war sichtlich nicht gl�cklich dar�ber, dass wir das Stadtgebiet verlie�en, denn trotz seiner mutigen Worte wusste er genau, dass es ein Leichtes war, hier drau�en einen t�dlichen Unfall zu arrangieren. Die Stra�e war von wuchtigen Familiengruften ges�umt, hinter denen gerade die Sonne unterging. Die langen pechschwarzen Schatten, die die Pappeln auf den Weg warfen, sahen wie Felsspalten aus. Wir wurden kurz von einem langsamen Ochsenfuhrwerk aufgehalten, aber als der Kutscher seine Peitsche schnalzen lie�, zogen wir rasch daran vorbei und konnten gerade noch rechtzeitig vor einem schnell der Stadt zustrebenden, vierr�drigen Wagen wieder einscheren. Inzwischen wussten wir, wohin wir fuhren. Cicero zog sich erneut die Toga �ber den gesenkten Kopf und verschr�nkte die Arme. Welche Gedanken schossen ihm wohl durch den Kopf? Schlie�lich verlie�en wir die Stra�e und rumpelten �ber einen frisch gekiesten Weg einen steilen H�gel hinauf. Der gewundene Weg f�hrte uns �ber pl�tschernde B�che und durch d�stere, duftende Pinienw�ldchen. Tauben gurrten in der Abendd�mmerung. Durch ein riesiges offenes Tor f�hren wir in einen Park und hielten vor einer unermesslich gro�en Villa, in der ich das Modell wiedererkannte, das Gabinius auf dem Forum dem neidischen P�bel pr�sentiert hatte: Wir standen vor dem Palast des Lucullus. </p><p>*</p><p>Noch viele Jahre sp�ter musste ich bei dem Geruch von frischem Zement und nasser Farbe immer an Lucullus und sein hallendes Mausoleum denken, das er vor den Toren Roms f�r sich erbaut hatte. Was f�r eine herausragende, melancholische Gestalt -der vielleicht gr��te Heerf�hrer, den die Aristokraten seit f�nfzig Jahren hervorgebracht hatten. Von Pompeius' um den endg�ltigen Sieg im Osten gebracht, von den politischen Intrigen seiner Feinde, zu denen auch Cicero geh�rte, zu jahrelanger Unt�tigkeit vor den Toren Roms verurteilt, von allen Ehrungen, ja sogar den Senatssitzungen ausgeschlossen, weil er die Stadtgrenzen nicht �berschreiten durfte, ohne sein Recht auf einen Triumph zu verwirken. Weil er immer noch �ber das milit�rische <emphasis>imperium</emphasis> verf�gte, hatte er auch noch milit�rische Wachposten, und in der Halle warteten m�rrische Liktoren mit Rutenb�ndeln und Beilen - und zwar so viele Liktoren, wie Cicero auffiel, dass nach seiner Rechnung noch ein zweiter General im aktiven Dienst auf dem Gel�nde sein musste. �H�ltst du es f�r m�glich, dass Quintus Metellus hier ist?�, fragte er mich fl�sternd, als Hortensius' Verwalter uns in das h�hlenartige Innere des Palastes f�hrte. �Bei allen G�ttern, ich glaube, er ist tats�chlich da.�</p><p>Wir gingen durch verschiedene mit Kriegsbeute vollgestopfte R�ume, bis wir schlie�lich in den gro�en Raum eintraten, der als Saal des Apollo bekannt ist. Unter einem Wandgem�lde, auf dem Apollo mit einem goldenen Bogen einen Feuerpfeil abschie�t, sa�en sechs ins Gespr�ch vertiefte M�nner. Beim Ger�usch unserer Schritte auf dem Marmorboden verstummten sie, schauten uns an und schwiegen h�rbar. Quintus Metellus war tats�chlich da - st�mmiger, grauer und verwitterter nach seinem jahrelangen Kommando auf Kreta, aber immer noch unverkennbar der Mann, der versucht hatte, die Sizilier dazu zu n�tigen, ihre Klage gegen Verres fallen zu lassen. Neben Metellus sa� auf einer Seite sein Verb�ndeter aus alten Gerichtstagen, Hortensius, dessen k�hles, fein geschnittenes Gesicht keinerlei Regung zeigte, und auf der anderen Seite Catulus, d�nn und scharf wie die Klinge eines Messers. Isauricus, der gro�e alte Mann des Senats, war ebenfalls anwesend -um die siebzig muss er an jenem Juliabend gewesen sein, was man ihm allerdings nicht ansah (er war einer von diesen Menschen, denen man ihr Alter nie ansah: Er sollte neunzig Jahre alt werden und die Trauerfeiern fast aller Anwesenden erleben). Mir fiel auf, dass er die Abschrift in H�nden hielt, die ich Hortensius �berbracht hatte. Die beiden Lucullus-Br�der komplettierten das Sextett. Den j�ngeren, Marcus, kannte ich aus dem Senat, er war ein bekanntes Gesicht aus der vordersten Bank. Lucius, den ber�hmten General, hatte ich noch nie zuvor gesehen, er hatte achtzehn der letzten dreiundzwanzig Jahre im Milit�rdienst au�erhalb von Rom verbracht. Er war etwa Mitte f�nfzig, und mir wurde schnell klar, warum Pompeius so leidenschaftlich eifers�chtig auf ihn war - in Galatien bei der �bergabe des Oberbefehls f�r den Osten war es sogar zu Handgreiflichkeiten zwischen den beiden gekommen. Lucullus verstr�mte eine k�hle Grandezza, die sogar Catulus etwas gew�hnlich aussehen lie�.</p><p>Es war schlie�lich Hortensius, der das peinliche Schweigen beendete. Er stand auf und stellte Cicero dem General vor. Cicero streckte die Hand aus, und einen Augenblick lang glaubte ich, dass Lucullus den Handschlag verweigern w�rde, denn dieser kannte Cicero ja nur als Parteig�nger von Pompeius und als einen jener popul�ren Politiker, die bei seiner Abberufung die Finger im Spiel gehabt hatten. Aber schlie�lich nahm er seine Hand doch - allerdings so vorsichtig, wie man einen schmutzigen Schwamm in einer Latrine anfasst. �Imperator�, sagte Cicero und verneigte sich h�flich. Dann nickte er auch Metellus zu: �Imperator.�</p><p>�Und wer ist das?�, fragte Isauricus und zeigte auf mich.</p><p>�Tiro, mein Sekret�r�, antwortete Cicero. �Er hat das Treffen in Crassus' Haus protokolliert.�</p><p>�Nun, was mich angeht, ich glaube kein Wort davon�, sagte Isauricus und stie� mit dem Schriftst�ck in meine Richtung. �Niemand kann eine derart ausf�hrliche Besprechung Wort f�r Wort aufzeichnen. Kein Mensch kann das.�</p><p>�Tiro hat sein eigenes Kurzschriftsystem entwickelt�, erl�uterte Cicero. �Zeig ihm die Aufzeichnungen, Tiro, so wie du sie gestern Nacht gemacht hast.�</p><p>Ich zog die Notizb�cher aus der Tasche und verteilte sie an die Runde.</p><p>�Bemerkenswert�, sagte Hortensius, w�hrend er sich meine Notizen ansah. �Diese Symbole, stehen die f�r Laute oder f�r ganze W�rter?�</p><p>�Die meisten f�r W�rter und f�r allgemeine Redewendungen�, antwortete ich.</p><p>�Das will ich sehen�, sagte Catulus aggressiv. �Schreib mit, was ich sage.� Er sprach gleich weiter, sodass mir kaum Zeit blieb, ein frisches Notizbuch und meinen Schreibgriffel hervorzuholen. �Wenn das stimmt, was ich hier lese, dann steuert der Staat als Folge einer kriminellen Verschw�rung auf einen B�rgerkrieg zu. Stimmt es nicht, dann handelt es sich um die hinterh�ltigste F�lschung in der Geschichte Roms. Ich pers�nlich betrachte dieses Schriftst�ck als F�lschung, und zwar weil ich es f�r unm�glich halte, dass ein menschliches Wesen ein derartiges Protokoll anfertigen kann. Dass Catilina ein Hitzkopf ist, das wissen wir schon lange, aber er ist ein wahrer und ehrenhafter R�mer, kein verschlagener, von Ehrgeiz zerfressener Au�enseiter. Sein Wort gilt mir mehr als das eines <emphasis>homo novus -</emphasis> und das wird auch immer so bleiben! Was willst du von uns, Cicero? Nach allem, was zwischen uns vorgefallen ist, kannst du nicht ernsthaft annehmen, dass ich deinen Griff nach dem Konsulat unterst�tze. Also, was willst du?�</p><p>�Nichts�, erwiderte Cicero freundlich. �Mir sind Informationen in die H�nde gefallen, von denen ich annahm, sie konnten euch interessieren. Deshalb habe ich sie an Hortensius weitergeleitet, das ist alles. Ihr habt mich doch an diesen Ort bringen lassen, oder nicht? Ich habe nicht darum gebeten. Vielmehr h�tte ich guten Grund zu fragen: Was wollt <emphasis>ihr?</emphasis> Wollt ihr zwischen die M�hlsteine geraten, die euch nach und nach die Luft aus dem Leib pressen? Zwischen Pompeius und seinen Armeen im Osten auf der einen und Crassus, Caesar und dem st�dtischen P�bel hier in Italien auf der anderen Seite? Wollt ihr euch auf den Schutz durch die beiden M�nner verlassen, deren Kandidatur f�r das Konsulat ihr unterst�tzt? Einen Idioten und einen Wahnsinnigen, die nicht einmal ihre eigenen H�user f�hren k�nnen, geschweige denn die Gesch�fte des Staates? Ist es das, was ihr wollt? Nun gut. Ich f�r meinen Teil habe wenigstens ein ruhiges Gewissen. Obwohl ihr nie meine Freunde gewesen seid, habe ich meiner patriotischen Pflicht gen�gt und euch dar�ber informiert, was vorgeht. Und mein Auftritt heute im Senat hat euch wohl hinreichend bewiesen, dass ich willens bin, mich diesen Kriminellen in den Weg zu stellen. Ich habe sie mir damit zu Feinden gemacht, und euch habe ich gezeigt, wer sie wirklich sind. Kein anderer Kandidat f�r das Konsulat hat das getan oder wird es in Zukunft tun. Und trotzdem will ich nichts von dir, Catulus, von keinem von euch. Wenn ihr aber nichts weiter im Sinn habt, als mich zu beleidigen, dann kann ich euch nur einen guten Abend w�nschen.�</p><p>Und damit drehte er sich um und ging Richtung T�r und ich mit ihm. Ich sch�tze, die wenigen Schritte m�ssen ihm vorgekommen sein wie der l�ngste Weg, den er jemals zur�ckgelegt hat, denn wir hatten schon fast das dunkle Vorzimmer erreicht - und damit unweigerlich das schwarze Loch politischer Bedeutungslosigkeit -, als eine laute Stimme (es war die von Lucullus) rief: �Lies vor!� Cicero blieb stehen, dann drehten wir uns beide um. �Lies vor�, wiederholte Lucullus, �was Catulus gerade gesagt hat.�</p><p>Cicero nickte mir zu, und ich kramte mein Notizbuch hervor. �&gt;Wenn das stimmt, was ich hier lese, dann steuert der Staat als Folge einer kriminellen Verschw�rung auf einen B�rgerkrieg zu.&lt;� Meine Stimme klang immer merkw�rdig ausdruckslos, wenn ich meine stenografierten Notizen vorlas. ��Stimmt es nicht, dann handelt es sich um die hinterh�ltigste F�lschung in der Geschichte Roms. Ich pers�nlich betrachte dieses Schriftst�ck als F�lschung, und zwar weil ich es f�r unm�glich halte, dass ein menschliches Wesen ein derartiges Protokoll anfertigen kann ...&lt;�</p><p>�Das kann er sich auch gemerkt haben�, wandte Catulus ein. �Das ist doch nichts weiter als ein billiger Trick. Solche Zauberst�ckchen kriegt man auf dem Forum dauernd zu sehen.�</p><p>�Das Ende�, sagte Lucullus, der es jetzt wissen wollte. �Lies die letzten S�tze vor, die dein Herr gesagt hat.�</p><p>Ich fuhr mit dem Finger nach unten. &gt;�Und mein Auftritt heute im Senat hat euch wohl hinreichend bewiesen, dass ich willens bin, mich diesen Kriminellen in den Weg zu stellen. Ich habe sie mir damit zu Feinden gemacht, und euch habe ich gezeigt, wer sie wirklich sind. Kein anderer Kandidat f�r das Konsulat hat das getan oder wird es in Zukunft tun. Und trotzdem will ich nichts von dir, Catulus, von keinem von euch. Wenn ihr aber nichts weiter im Sinn habt, als mich zu beleidigen, dann kann ich euch nur einen guten Abend w�nschen.&lt;�</p><p>Isauricus pfiff durch die Z�hne. Hortensius nickte und sagte etwas in der Art von �Ich hab's euch ja gesagt� oder �Hab ich euch nicht gewarnt?� -genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Jedenfalls sagte Metellus: �Tja, was mich angeht, mir reicht das als Beweis.� Catulus starrte mich nur w�tend an.</p><p>�Komm zur�ck, Cicero�, sagte Lucullus und winkte mit dem Zeigefinger. �Du hast mich �berzeugt. Das Protokoll ist echt. Lassen wir die Frage, wer wen am meisten braucht, vorerst beiseite, und unterhalten wir uns auf der Grundlage, dass jeder von uns den anderen braucht.�</p><p>�Ich bin immer noch nicht �berzeugt�, brummte Catulus.</p><p>�Dann lasst es mich mit einem einzigen Wort versuchen, vielleicht �berzeugt dich das�, sagte Hortensius gereizt. �Das Wort lautet Caesar. Caesar - mit Crassus' Gold, mit zwei Konsuln und mit zehn Volkstribunen im R�cken!�</p><p>�Dann m�ssen wir uns also tats�chlich mit solchen Leuten einlassen?�, seufzte Catulus. �Cicero, na gut ...�, sagte er schlie�lich, �aber dich brauchen wir ganz sicher nicht�, schnauzte er und zeigte auf mich, als ich wie gewohnt meinem Herrn folgte. �Ich weigere mich, mit diesem <emphasis>Etwas</emphasis> und seinen Zauberkunstst�cken auch nur in ein und denselbem Raum zu sein. Ich will nicht, dass er uns zuh�rt und alles aufschreibt. Ich traue ihm nicht, kein Wort darf diesen Raum verlassen.�</p><p>Cicero z�gerte. �In Ordnung�, stimmte er widerwillig zu und schaute mich entschuldigend an. �Warte drau�en, Tiro.�</p><p>Es stand mir nicht zu, gekr�nkt zu sein. Schlie�lich war ich nur ein Sklave: eine Arbeitskraft, ein Werkzeug - ein �Etwas�, wie Catulus sich ausgedr�ckt hatte. Trotzdem traf mich die Dem�tigung tief. Ich klappte mein Notizbuch zu, zog mich ins Vorzimmer zur�ck, ging durch ein hallendes, mit frischem Stuck verziertes Prunkzimmer nach dem anderen - Venus, Merkur, Mars, Jupiter. St�ndig begegnete ich Sklaven, die Sandalen mit gepolsterten Sohlen trugen und die sich mit glimmenden Wachskerzen ger�uschlos zwischen den G�ttern hin- und herbewegten und die Lampen und Kandelaber anz�ndeten. Ich ging hinaus in den Park, wo in der seidigwarmen Abendd�mmerung die Zikaden zirpten und ich aus Gr�nden, die ich bis heute nicht in Worte fassen kann, anfing zu weinen. Vielleicht war ich einfach �berm�det. </p><p>*</p><p>Fr�stelnd vom Tau wachte ich kurz vor Morgengrauen auf. Mir taten die Knochen weh. Einen Augenblick lang wusste ich nicht, wo ich war, aber dann fiel mir wieder ein, dass ich mich am Abend zuvor auf eine Steinbank vor dem Haus gelegt hatte. Anscheinend hatte Cicero mich geweckt, denn ich schaute in sein grimmiges Gesicht. �Wir sind fertig�, sagte er. �Steh auf, wir m�ssen sofort in die Stadt zur�ck.� Er warf einen Blick zu Hortensius' Verwalter, der schon wartend neben dem Wagen stand, und legte einen Finger auf die Lippen, damit ich den Mund hielt. Also kletterten wir schweigend in das <emphasis>carpentum.</emphasis> Ich wei� noch, dass ich mich noch einmal umdrehte, als wir den Park verlie�en, und einen letzten Blick auf die gro�e Villa warf. An der Terrasse brannten noch die Fackeln, deren scharfe Umrisse jedoch im bleichen Licht der Morgensonne allm�hlich verschwammen. Von Ciceros Gastgebern war nichts zu sehen. In gut zwei Stunden musste Cicero schon wieder das Haus verlassen, um rechtzeitig zu den Wahlen auf dem Marsfeld zu sein. Also trieb er den Kutscher zu �u�erster Eile an, was der zum Anlass nahm, den bedauernswerten Pferden fast pausenlos die Peitsche zu geben. Gl�cklicherweise waren die Stra�en frei. Wir sahen nur ein paar M�nner, wahrscheinlich W�hler, die sich schon in aller Fr�he auf den Fu�marsch Richtung Marsfeld gemacht hatten. Wir n�herten uns rasend schnell der Stadt, erreichten die Porta Fontinalis genau in dem Augenblick, als sie ge�ffnet wurde, und klapperten dann schneller als der schnellste L�ufer den gepflasterten Weg zum Esquilin hinauf. Kurz vor dem Tempel der Tellus lie� Cicero den Kutscher halten, und wir stiegen aus, um die letzten Schritte zu Fu� zur�ckzulegen - was mich wunderte, bis ich begriff, dass Cicero seinen Anh�ngern aus dem Weg gehen wollte, die schon vor dem Haus zusammenstr�mten. In seiner typischen Haltung, die H�nde hinter dem R�cken verschr�nkt, ging er vor mir her. Er hatte immer noch kein Wort �ber die Unterredung der vergangenen Nacht verloren. Mir fielen die Schmutzflecken auf seiner Toga auf, die bei unserer Abfahrt noch strahlend wei� gewesen war. Wir gingen um das Haus herum zu der kleinen Hintert�r f�r die Dienerschaft, wo wir Terentias Privatsekret�r, dem widerlichen Philotimus, �ber den Weg liefen, der anscheinend von einem n�chtlichen Sch�ferst�ndchen mit einem der Sklavenm�dchen zur�ckkehrte. Cicero schien ihn gar nicht zu bemerken, so sehr waren seine Gedanken besch�ftigt mit dem, was geschehen war und was noch kommen w�rde. Er hatte m�de rote Augen, seine Haare und sein Gesicht waren staubig von der Fahrt. Er sagte, ich solle die Leute ins Haus lassen, dann ging er nach oben.</p><p>Einer der Ersten, die �ber die Schwelle traten, war Quintus, der nat�rlich wissen wollte, was sich zugetragen hatte. Er war gleichzeitig w�tend und besorgt. Fast bis Mitternacht hatte er mit den anderen in Atticus' Bibliothek auf uns gewartet. Das brachte mich in eine peinliche Lage, und ich stammelte nur, dass es mir lieber w�re, er w�rde seinen Bruder selbst fragen. Ehrlich gesagt, kam mir das Treffen zwischen Cicero und seinen erbittertsten Feinden, und das auch noch an diesem speziellen Ort, inzwischen so unwirklich vor, dass ich fast geneigt war, das Ganze als Traum abzutun. Quintus gab sich mit meiner Antwort nicht zufrieden, aber gl�cklicherweise ersparte mir die schiere Masse der ins Haus dr�ngenden Besucher weitere Verlegenheiten. Ich stahl mich mit der Ausrede davon, dass ich im Tablinum nach dem Rechten sehen m�sse. Von dort schl�pfte ich in meine kleine Kammer und wusch mir mit lauwarmem Wasser aus meiner Waschsch�ssel Hals und Gesicht ab.</p><p>Als ich Cicero das n�chste Mal sah, etwa eine Stunde sp�ter, fiel mir einmal mehr seine bemerkenswerte F�higkeit zur schnellen Regeneration auf, eine Eigenschaft, die alle erfolgreichen Politiker kennzeichnet. Als er die Treppe herunterkam, in einer frischen wei�en Toga, das Gesicht gewaschen und rasiert, die Haare gek�mmt und parf�miert, da h�tte niemand ahnen k�nnen, dass er in den letzten beiden N�chten keine Minute geschlafen hatte. Auf seiner Schulter thronte sein Sohn Marcus, der heute ein Jahr alt wurde. Im Haus wimmelte es von seinen Anh�ngern, und als diese die beiden sahen, brach ein derartiges Jubelgeschrei los, dass es mich nicht �berrascht h�tte, wenn durch die Ersch�tterung ein paar Ziegel vom Dach geflogen w�ren: Kein Wunder, dass der Kleine anfing zu weinen. Cicero hob den Jungen schnell von der Schulter, damit niemand auf die Idee kam, dies als schlechtes Omen zu deuten, und �bergab ihn Terentia, die hinter ihm auf der Treppe stand. L�chelnd sagte er etwas zu ihr, was ich aber nicht verstehen konnte. In diesem Augenblick wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie nahe die beiden sich im Lauf der Jahre gekommen waren: Aus der Zweckheirat war inzwischen eine au�ergew�hnliche Partnerschaft geworden.</p><p>So viele Menschen dr�ngten sich im Haus, dass Cicero M�he hatte, sich seinen Weg vom Tablinum ins Atrium zu bahnen, wo Quintus, Frugi und Atticus mit einer ansehnlichen Zahl von Senatoren auf ihn warteten. Zu denen, die ihre Unterst�tzung f�r Cicero demonstrieren wollten, geh�rten sein alter Freund Servius Sulpicius; der namhafte Rechtsgelehrte Gallus, der eine eigene Kandidatur abgelehnt hatte; der �ltere Frugi, dem er nat�rlich auch famili�r verbunden war; Marcellinus, der ihn seit dem Verres-Prozess immer unterst�tzt hatte; sowie viele Senatoren, die er vor Gericht vertreten hatte: Cornelius, Fundanius, Orchivius und auch Fonteius, der korrupte Exstatthalter von Gallien. W�hrend ich mich im Schlepptau Ciceros durch die �berf�llten R�ume k�mpfte, wurde ich immer wieder an Ereignisse aus den vergangenen zehn Jahren erinnert, so viele Protagonisten aus schon fast vergessenen Gerichtssaalschlachten liefen mir �ber den Weg. Sogar Popillius Laenas, dessen Neffen Cicero am Tag von Sthenius' Ankunft in Rom vor einem Schuldspruch wegen Vatermordes bewahrt hatte, war gekommen. Die Atmosph�re glich eher einem Familientreffen als einer Wahlveranstaltung, und Cicero war wie immer bei solchen Anl�ssen in seinem Element: Ich bezweifle, dass es auch nur einen Sympathisanten gab, dem er nicht die Hand sch�ttelte und mit dem er nicht einen zumindest so ausf�hrlichen Plausch hielt, dass hinterher jeder das Gef�hl hatte, eine spezielle pers�nliche Behandlung erfahren zu haben.</p><p>Kurz bevor wir das Haus verlie�en, nahm Quintus seinen Bruder beiseite und fragte ihn - ziemlich ver�rgert, wenn ich mich recht erinnere -, wo um alles in der Welt er die ganze Nacht gewesen sei, es h�tte nicht viel gefehlt und er h�tte ihn suchen lassen. Angesichts der vielen Leute sagte Cicero leise, dass er ihm sp�ter alles erz�hlen w�rde. Das kr�nkte Quintus nur noch mehr. �Was glaubst du, wer ich bin?�, fragte er. �Dein Dienstm�dchen? Erz�hl's mir sofort!� Und so berichtete ihm Cicero in kurzen Worten �ber den Ausflug zu Lucullus' Palast und sein Gespr�ch mit Metellus, Catulus, Hortensius und Isauricus.</p><p>�Die ganze Patrizierbande�, murmelte Quintus aufgeregt. Seine Gereiztheit war schlagartig verflogen. �Bei allen G�ttern, wer h�tte je so was gedacht? Und bekommen wir ihre Unterst�tzung?�</p><p>�Stundenlang haben wir diskutiert, aber am Ende wollten sie sich nicht festlegen, bevor sie nicht mit den anderen gro�en Familien gesprochen h�tten�, sagte Cicero, der sich immer wieder nerv�s umschaute, ob auch niemand sie belauschte. Aber es herrschte so viel Trubel, dass seine Sorge unbegr�ndet war. �Ich glaube, Hortensius h�tte sofort Ja gesagt. Catulus war instinktiv dagegen. Die anderen werden schlie�lich das tun, was ihnen am n�tzlichsten erscheint. Wir m�ssen einfach abwarten.�</p><p>Atticus, der sich zu uns gesellt und alles mitgeh�rt hatte, sagte: �Aber die Echtheit des Protokolls haben sie nicht angezweifelt, oder?�</p><p>�Nein, ich glaube nicht. Das haben wir Tiro zu verdanken. Wir reden sp�ter weiter. Jetzt will ich eure zuversichtlichsten Gesichter sehen, schlie�lich haben wir eine Wahl zu gewinnen.� Und dann dr�ckte er jedem von uns der Reihe nach die Hand.</p><p>Wohl selten hat ein Kandidat ein grandioseres Spektakel geboten als Cicero an jenem Tag auf dem Fu�marsch zum Marsfeld. Das gr��te Verdienst daran geb�hrte zweifellos Quintus. Unsere Parade umfasste drei- bis vierhundert Personen: Musiker, junge Burschen, die mit B�ndern geschm�ckte Zweige trugen, M�dchen, die Rosenbl�tter streuten, Ciceros Schauspielerfreunde, Senatoren, Ritter, Gesch�ftsinhaber, Standbesitzer von den M�rkten, regelm��ige Zuschauer aus den Gerichtsh�fen, Vertreter der Z�nfte, Gerichtsschreiber, Repr�sentanten von r�mischen Gemeinden aus Sizilien und Gallia Cisalpina. Beim Einzug auf das Marsfeld veranstalteten wir einen H�llenl�rm, wir johlten und pfiffen, und sofort str�mte uns eine riesige Menge an W�hlern entgegen. Nach meiner Erfahrung wird jede gerade anstehende Wahl als die bedeutendste aller Zeiten bezeichnet - immer. An jenem Tag zumindest konnte man das mit einigem Grund behaupten -mit dem zus�tzlichen Reiz, dass ihr Ausgang angesichts der umtriebigen Stimmenk�ufer, der schieren Anzahl an Kandidaten und der Feindschaft zwischen ihnen - nach Ciceros Senatsattacke auf Catilina und Hybrida - v�llig offen war.</p><p>Wir waren auf �rger gefasst, weshalb Quintus vorsichtshalber einige unserer kr�ftigeren Helfer direkt vor und hinter seinem Bruder postiert hatte. Als wir uns dem Wahlgel�nde n�herten und ich weiter vorn Catilina und seine Anh�nger neben dem Zelt des Wahlleiters stehen sah, wurde ich nerv�s. Ein paar von Catilinas Schl�gern stie�en h�hnische Bemerkungen aus, als wir die Absperrung erreichten, aber Catilina selbst warf uns nur einen kurzen, geringsch�tzigen Blick zu und setzte dann sein Gespr�ch mit Hybrida fort. Erstaunt fragte ich den jungen Frugi im Fl�sterton, ob es ihn nicht auch wundere, dass Catilina nicht wenigstens ein paar einsch�chternde Drohungen f�r uns �brig habe, schlie�lich habe das schon immer zu seiner Taktik geh�rt, worauf Frugi erwiderte: �Wahrscheinlich glaubt er, dass er das nicht n�tig hat. Er ist sich sicher, dass er gewinnt.� Seine Antwort trug nicht gerade zu meiner Beruhigung bei.</p><p>Doch dann geschah etwas h�chst Ungew�hnliches. Cicero und die anderen Senatoren, insgesamt etwa zwei Dutzend M�nner, die sich um das Konsulat oder die Pr�tur bewarben, standen, von ihren Anh�ngern durch einen niedrigen Holzzaun getrennt, innerhalb einer kleinen f�r sie reservierten Zone. Der pr�sidierende Konsul unterhielt sich gerade mit dem Auguren, um sich zu vergewissern, dass die f�r den Beginn der Abstimmung erforderlichen Zeichen g�nstig standen, als mit einem Gefolge von etwa zwanzig Mann Hortensius auftauchte. Die Menge teilte sich, um ihn durchzulassen. Er trat an den Zaun und rief Cicero, der seine Unterhaltung mit einem der anderen Kandidaten - ich glaube, es war Cornificius -unterbrach und zu ihm ging. Allein das �berraschte die Leute, denn jeder wusste um die gegenseitige Abneigung der beiden alten Rivalen. Unter den Zuschauern kam Unruhe auf. Auch Catilina und Hybrida drehten sich um und starrten her�ber. Einen Augenblick lang schauten sich Cicero und Hortensius an, dann nickten sie sich in der gleichen Sekunde zu, streckten die H�nde �ber den Zaun, und jeder sch�ttelte langsam die Hand des anderen. Kein einziges Wort wurde gesprochen. Dann, die H�nde der beiden hielten sich noch fest umschlossen, drehte Hortensius sich halb zu der Menge um und hob Ciceros Arm in die H�he. Donnernder Applaus, in dem nur einige Buhs und Unmuts�u�erungen zu h�ren waren, brach unter den Menschen los, denn es gab keinen Zweifel daran, was diese Geste bedeutete. Nie und nimmer h�tte ich damit gerechnet: <emphasis>Die Aristokraten unterst�tzten Cicero!</emphasis> Sofort drehten sich Hortensius' Begleiter um und verschwanden in alle Richtungen in der Menschenmenge - wahrscheinlich, um den Zenturien mitzuteilen, dass sie ihr Abstimmungsverhalten zu �ndern h�tten. Ich riskierte einen Blick zu Catilina und sah auf seinem Gesicht nichts als Verbl�ffung. Der Vorfall war einerseits von so offensichtlicher Bedeutung gewesen, dass die Menschen immer noch dar�ber redeten, hatte sich aber andererseits mit einer Beil�ufigkeit abgespielt, dass Minuten sp�ter Hortensius schon wieder verschwunden war. Kurz darauf forderte Figulus die Kandidaten auf, ihm zum Podium zu folgen, damit er die Abstimmung er�ffnen k�nne. </p><p>*</p><p>Einen Idioten erkennt man sofort. Es ist der Mann, der immer genau wei�, wie eine Wahl ausgeht. Aber eine Wahl ist ein lebendiges Wesen - man k�nnte fast sagen, sie ist das vitalste Lebewesen �berhaupt: mit Abertausenden von Gehirnen, Gliedma�en und Augen, mit Abertausenden von Gedanken und Sehns�chten; es windet und wendet sich und schl�gt unvorhersehbare Richtungen ein, und das manchmal nur spa�eshalber, um den Schlaubergern zu zeigen, wie falsch sie liegen. Das jedenfalls habe ich gelernt, w�hrend an jenem Tag auf dem Marsfeld das Prozedere der Wahl seinen Lauf nahm. Die Eingeweide wurden untersucht, der Vogelflug am Himmel auf verd�chtige Bewegungen beobachtet und der Segen der G�tter erfleht; Epileptiker wurden aufgefordert, das Marsfeld zu verlassen (in jenen Tagen hatte ein epileptischer Anfall - <emphasis>morbus comitialis</emphasis> - zur Folge, dass die Wahl automatisch f�r ung�ltig erkl�rt werden musste); eine Legion wurde in Marsch gesetzt, um die Zufahrtsstra�en nach Rom gegen einen �berraschungsangriff zu sichern; die Kandidatenliste wurde verlesen, das Trompetensignal ert�nte, �ber dem Janiculum-H�gel wurde die rote Flagge gehisst, und dann schritt das r�mische Volk zur Wahl.</p><p>Das Los entschied �ber die Ehre, welche der einhundertdreiundneunzig Zenturien als erste ihre Stimme abgeben durfte. Mitglied dieser sogenannten <emphasis>centuria praerogativa</emphasis> zu sein wurde als seltene Gnade betrachtet, denn ihre Entscheidung gab oft die Richtung f�r die gesamten Wahlen vor. Nur die reichsten Zenturien waren berechtigt, an der Auslosung teilzunehmen. Ich wei� noch, wie die damaligen Gewinner, eine Ansammlung strammer Kaufleute und Bankiers, wichtigtuerisch �ber die Holzbr�cke schritten und hinter den Abtrennw�nden verschwanden. Ihre Stimmen waren schnell ausgez�hlt, Figulus trat an die Rampe des Podiums und verk�ndete, dass sie f�r Cicero an erster und Catilina an zweiter Stelle gestimmt hatten. Erstaunte Rufe wurden laut, denn all die Idioten, von denen ich eben gesprochen habe, hatten Catilina als Sieger und Hybrida als Zweiten vorhergesagt. Als Ciceros Anh�nger begriffen, was geschehen war, wurden die erstaunten Rufe schnell von Jubelgebr�ll �bert�nt, das sich �ber das ganze Marsfeld ausbreitete. Cicero stand unter dem Baldachin, den man vor dem Podium des Konsuls aufgespannt hatte. Er gestattete sich nur den Hauch eines fl�chtigen L�chelns und setzte dann - Schauspieler, der er war -eine Miene voller W�rde und Autorit�t auf, die auch einem r�mischen Konsul gut zu Gesicht gestanden h�tte. Getrennt durch alle anderen Kandidaten, so weit weg von ihm wie nur m�glich, stand Catilina. Er sah aus, als h�tte man ihm ins Gesicht geschlagen. Nur Hybridas Gesichtsausdruck war nichtssagend - ob das daran lag, dass er wie �blich betrunken war, oder an seiner Dummheit, die ihm verwehrte, das gerade Geschehene zu begreifen, kann ich nicht sagen. Crassus und Caesar hatten l�ssig miteinander plaudernd an der Stelle gestanden, wo die W�hler nach der Stimmabgabe hinter der Absperrwand hervortraten. Als ich jetzt ihre Gesichter sah, h�tte ich am liebsten laut gelacht, so entgeistert schauten sie sich an. Sie besprachen sich kurz, dann machte sich jeder in h�chster Eile in eine andere Richtung davon -zweifellos, um nachzuforschen, wie es geschehen konnte, dass zwanzig Millionen Sesterzen nicht ausgereicht hatten, um die <emphasis>centuria praerogativa</emphasis> einzukaufen.</p><p>Wenn Crassus tats�chlich die von Ranunculus gesch�tzten achttausend Stimmen gekauft hatte, h�tte das normalerweise gen�gen m�ssen, um die Wahl zu seinen Gunsten zu entscheiden. Allerdings war die Wahlbeteiligung dank des gro�en Interesses in ganz Italien in diesem Jahr au�ergew�hnlich hoch. W�hrend die Abstimmung voranschritt, wurde immer klarer, dass der Oberbefehlshaber der Stimmeneink�ufer sein Ziel knapp verfehlen w�rde. Fest zu Cicero hatten immer der Ritterstand, die Pompeianer und die unteren Schichten gestanden. Mit den aristokratisch kontrollierten Stimmenbl�cken, die Hortensius, Catulus, Metellus, Isauricus und die Lucullus-Br�der beisteuerten, bekam er von jeder Zenturie, ob als erste oder zweite Pr�ferenz, eine Stimme. Schon bald ging es nur noch darum, wer Ciceros Amtskollege werden w�rde. Am Vormittag sprach noch alles f�r Catilina. Meinen Notizen zufolge (die ich erst gestern wiedergefunden habe) lautete der Zwischenstand um zw�lf Uhr mittags folgenderma�en:</p><p>Cicero .............. 81 Zenturien</p><p>Catilina ............. 34 Zenturien</p><p>Hybrida ............ 29 Zenturien</p><p>Sacerdos ............ 9 Zenturien</p><p>Longinus............. 5 Zenturien</p><p>Cornificius........... 2 Zenturien</p><p>Doch dann stimmten die <emphasis>sex suffragia</emphasis> ab, die sechs Zenturien die sich ausschlie�lich aus Aristokraten zusammensetzten. Sie rammten Catilina endg�ltig das Messer in den Leib. Wenn mir ein Bild von diesem denkw�rdigen Tag immer im Ged�chtnis bleiben wird, dann ist es das der Patrizier, wie sie nach der Stimmabgabe an den Kandidaten vorbeigingen. Da das Marsfeld au�erhalb der Stadtgrenzen lag, konnte niemand Lucius Lucullus und Quintus Metellus, die beide ihre scharlachroten Umh�nge und R�stungen trugen, daran hindern, ihre Stimme abzugeben. Ihr Auftritt erregte gro�es Aufsehen, das allerdings noch �bertreffen wurde durch die Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses ihrer Zenturie - Erster Cicero, Zweiter Hybrida. Dann kamen Isauricus, Curio der Altere, Aemilius Alba, Claudius Pulcherjunius Servilius (der Ehemann von Catos Schwester Servilia), der alte und kranke <emphasis>Pontifex maximus</emphasis> Metellus Pius (der in einer S�nfte getragen wurde), dessen Adoptivsohn Scipio Nasica ... Und jedes Mal war das Ergebnis das gleiche: Cicero Erster, Hybrida Zweiter; Cicero Erster, Hybrida Zweiter; Cicero Erster ... Als schlie�lich Hortensius und Catulus an den Kandidaten vorbeischritten, konnte jeder sehen, dass es keiner der beiden M�nner �ber sich brachte, Catilina in die Augen zu schauen. Und als bekannt gegeben worden war, dass auch deren Zenturie f�r Cicero und Hybrida gestimmt hatte, musste Catilina bewusst gewesen sein, dass er keine Chance mehr hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Cicero die Stimmen von siebenundachtzig Zenturien, Hybrida von f�nfunddrei�ig und Catilina von vierunddrei�ig - zum ersten Mal an diesem Tag hatte sich Hybrida an seinem Mitkandidaten vorbeigeschoben. Was aber noch wichtiger war: Die Aristokraten hatten sich offen gegen einen der ihren gestellt, und das mit schonungsloser Brutalit�t. Danach war Catilinas Kandidatur praktisch gestorben. Allerdings muss man ihm zugutehalten, dass er die Niederlage tadellos hinnahm. Ich hatte erwartet, dass er sich wutentbrannt entfernen oder Cicero an die Kehle gehen w�rde, um ihn eigenh�ndig umzubringen. Stattdessen ertrug er den langen, hei�en Tag, die Prozession der an ihm vor�berziehenden B�rger und die mit der untergehenden Sonne immer mehr schwindenden Hoffnungen auf das Konsulat mit unersch�tterlicher Gelassenheit, die er sogar dann noch zur Schau trug, als Figulus zum letzten Mal vortrat und das Endergebnis der Wahl verk�ndete:</p><p>Cicero ............. 193 Zenturien</p><p>Hybrida ........... 102 Zenturien</p><p>Catilina ............. 65 Zenturien</p><p>Sacerdos .......... 12 Zenturien</p><p>Longinus............. 9 Zenturien</p><p>Cornificius........... 5 Zenturien</p><p>Wir jubelten, bis uns der Hals wehtat. Cicero selbst machte einen v�llig geistesabwesenden Eindruck. Das machte mich nerv�s. Hatte er nicht gerade sein Lebensziel erreicht? Von jetzt an trug er permanent das zur Schau, was ich sp�ter sein �Konsulgesicht� nannte: das Kinn leicht angehoben, der Mund ein entschlossener Strich, den Blick scheinbar auf ein weit entferntes, glorreiches Ziel gerichtet. Hybrida streckte Catilina die Hand hin, die dieser jedoch ignorierte. Stattdessen stieg er wie in Trance vom Podium herunter. Er war ruiniert, bankrott -h�chstens noch ein oder zwei Jahre, dann w�rden sie ihn auch aus dem Senat werfen. Ich schaute mich nach Crassus und Caesar um. Nichts. Wahrscheinlich waren sie schon vor Stunden gegangen, als Cicero die f�r den Sieg erforderliche Anzahl an Zenturien beisammengehabt hatte. Ebenso die Aristokraten, die in der gleichen Sekunde nach Hause gegangen waren, als sie Catilina sicher aus dem Weg ger�umt wussten. Wie M�nner, die gezwungenerma�en eine unangenehme Pflicht zu erf�llen hatten - zum Beispiel den tollw�tigen Lieblingsjagdhund t�ten zu m�ssen -und jetzt so schnell wie m�glich wieder in die stille Behaglichkeit ihres Heims zur�ckwollten.</p><p>�*</p><p>Und so gewann Marcus Tullius Cicero im Alter von zweiundvierzig Jahren, dem j�ngsten erlaubten Alter, das h�chste <emphasis>Imperium,</emphasis> das r�mische Konsulat - gewann es, unglaublicherweise, durch das einstimmige Votum aller Zenturien, als <emphasis>homo novus,</emphasis> ohne einflussreiche Familie, ohne Verm�gen und ohne die Macht von Waffen: ein Kunstst�ck, das noch nie zuvor gelungen war und nie mehr gelingen sollte. Nachdem wir an jenem Abend vom Marsfeld in sein bescheidenes Heim zur�ckgekehrt waren, dankte er seinen Anh�ngern und nahm die Gl�ckw�nsche seiner Sklaven entgegen und lie� dann die Liegen aus dem Speisezimmer auf das Dach hinauftragen, und wir a�en unter freiem Himmel zu Abend. Genau wie an jenem Abend, der schon so lange zur�ckzuliegen schien, als er zum ersten Mal von seinem ehrgeizigen Ziel gesprochen hatte, Konsul zu werden. Mir wurde die Ehre zuteil, mich der Familienrunde anschlie�en zu d�rfen, denn Cicero betonte ausdr�cklich, dass er ohne mich sein Ziel nie erreicht h�tte. Einen rauschhaften Augenblick lang glaubte ich, das er mir hier und jetzt die Freiheit und den Bauernhof schenken w�rde, doch er sagte kein Wort davon, und mir erschienen weder Zeitpunkt noch Anlass geeignet, das Thema anzusprechen. Er war zusammen mit Terentia auf einer Liege, Quintus lag neben Pomponia, Tullia neben ihrem Verlobten Frugi, und ich neben Atticus. In meinem hohen Alter l�sst mich mein Ged�chtnis bei gewissen Einzelheiten gelegentlich im Stich. So wei� ich nicht mehr, was wir a�en oder tranken, erinnere mich allerdings noch genau daran, dass jeder von uns zum Besten gab, was bei ihm einen besonderen Eindruck hinterlassen hatte - wobei es vor allem um das ungew�hnliche Spektakel der Aristokraten ging, als sie <emphasis>in Massen</emphasis> f�r Cicero stimmten.</p><p>�Wie hast du es blo� geschafft, Marcus, sie zu �berreden?�, fragte Atticus, der ganz weltlich gesinnt sein konnte, wenn er erst mal gen�gend guten Wein konsumiert hatte. �Auch wenn du im Umgang mit Worten ein Genie bist, diese Leute haben dich immer verachtet, sie haben praktisch alles verabscheut, was du jemals gesagt hast oder wof�r du eingetreten bist. Was hast du ihnen angeboten, au�er dass du Catilina aus dem Weg r�umst?�</p><p>�Es liegt auf der Hand�, antwortete Cicero, �dass sie mir ein Versprechen abgenommen haben: Wenn Crassus, Caesar und die Volkstribunen ihr Gesetz f�r die Landreform einbringen werden, dann ist es meine Aufgabe, den Widerstand dagegen zu organisieren.�</p><p>�Keine kleine Aufgabe�, sagte Quintus.</p><p>�Das ist alles?�, fragte Atticus. (R�ckblickend bin ich der festen �berzeugung, dass Atticus damals die Rolle des Anwalts im Kreuzverh�r spielte und er die Antwort auf seine Frage bereits gekannt hat, wahrscheinlich von seinem Freund Hortensius.) �Sonst hast du keine Zusagen gemacht? Du hast immerhin mehrere Stunden mit ihnen gesprochen.�</p><p>Cicero zuckte leicht mit den Augen. �Nun ja, ich musste mich bereit erkl�ren�, sagte er z�gernd, �als Konsul dem Senat vorzuschlagen, Lucullus und Quintus Metellus ihren Triumph zu bewilligen.�</p><p>Jetzt begriff ich endlich, warum Cicero am Morgen nach der Konferenz mit den Aristokraten so grimmig und geistesabwesend gewesen war. Quintus stellte seinen Teller ab und schaute ihn mit unverhohlen angeekeltem Gesichtsausdruck an. �Erst sollst du also das Volk gegen dich aufbringen, indem du die Landreform verhinderst, und dann sollst du dir auch noch Pompeius zum Feind machen, indem du seinen sch�rfsten Rivalen den Triumph gew�hrst?�</p><p>�Ich f�rchte, Bruderherz�, erwiderte Cicero verdrossen, �dass die Aristokraten kaum zu solchem Reichtum gekommen w�ren, wenn sie nicht beinharte Verhandler w�ren. Ich habe mich so lange gewehrt, wie es ging.�</p><p>�Aber warum hast du mitgespielt?�</p><p>�Weil ich gewinnen musste.�</p><p>�Aber was gewinnen, was genau?�</p><p>Cicero schwieg.</p><p>�Es ist doch alles bestens�, mischte sich Terentia ein und t�tschelte ihrem Ehemann das Knie. �Ich denke, alle diese Ma�nahmen sind in Ordnung.�</p><p>�Dass dir das gef�llt, glaube ich�, sagte Quintus erregt. �Aber nach ein paar Wochen im Amt ist Marcus alle seine Anh�nger los. Das Volk wird ihm Verrat vorwerfen. Die Pompeianer auch. Und die Aristokraten lassen ihn sofort fallen, wenn er seinen Zweck erf�llt hat. Wer bleibt dann noch, der ihn verteidigt?�</p><p>�Ich�, sagte Tullia. �Ich werde ihn verteidigen.� Diesmal lachte niemand �ber ihr kindliches Treuebekenntnis. Sogar Cicero konnte sich nur ein mattes L�cheln abringen. Doch dann fing er sich wieder.</p><p>�Also wirklich, Quintus�, sagte er. �Du verdirbst uns den ganzen Abend. Zwischen zwei Extremen findet sich immer auch ein dritter Weg. Crassus und Caesar m�ssen aufgehalten werden: Das schaffe ich. Und was Lucullus angeht, wird jeder akzeptieren, dass er f�r seine Verdienste im Krieg gegen Mithridates den Triumph hundertmal verdient hat.�</p><p>�Und was ist mit Metellus?�, fiel ihm Quintus ins Wort.</p><p>�Sicher l�sst sich auch an Metellus etwas Lobenswertes finden. Du musst mir nur etwas Zeit lassen.�</p><p>�Und Pompeius?�</p><p>�Wie wir alle wissen, ist Pompeius lediglich ein ergebener Diener dieser Republik�, erwiderte Cicero mit einer l�ssigen Handbewegung. �Und was noch wichtiger ist�, f�gte er trocken hinzu, �er ist nicht da.�</p><p>Kurz herrschte Stille, dann fing Quintus z�gernd an zu lachen. �Er ist nicht da�, wiederholte er. �Das ist allerdings wahr.� Und Sekunden sp�ter lachten wir alle; wir konnten einfach nicht an uns halten.</p><p>�So gef�llt mir das schon besser�, sagte Cicero l�chelnd. �Die Kunst des Lebens besteht darin, sich mit Problemen erst dann zu besch�ftigen, wenn sie auftauchen, und seine Lebenslust nicht dadurch zu ruinieren, dass man sich schon weit im Voraus dar�ber den Kopf zerbricht. Vor allem nicht heute Abend.� Und dann gl�nzte pl�tzlich eine Tr�ne in einem seiner Augenwinkel. �Wisst ihr, auf wen wir trinken sollten? Wir sollten einen Trinkspruch ausbringen zum Gedenken an unseren geliebten Vetter Lucius. Er war hier mit uns auf dem Dach, als ich zum ersten Mal �ber das Konsulat gesprochen habe, und er h�tte den heutigen Tag sicher gern erlebt.� Er erhob seinen Becher, und auch wir erhoben unsere Becher, und ich musste unwillk�rlich an die letzten Worte denken, die Lucius an Cicero gerichtet hatte: <emphasis>�Worte, nichts als Worte. H�rt das denn nie auf mit diesen Praktiken, mit denen du die anderen nach deiner Pfeife tanzen l�sst?�</emphasis></p><p>Sp�ter, als alle anderen schon nach Hause oder zu Bett gegangen waren, lag Cicero auf dem R�cken, die H�nde hinter dem Kopf verschr�nkt, auf einer der Liegen und schaute hinauf zu den Sternen. Ich sa� auf der Liege gegen�ber und hielt mein Notizbuch bereit f�r den Fall, dass er mir noch etwas diktieren wollte. Krampfhaft versuchte ich, die Augen offen zu halten. Ich war fast ohnm�chtig vor M�digkeit. Als mir zum vierten oder f�nften Mal das Kinn auf die Brust fiel, hob er den Kopf, schaute zu mir her�ber und sagte, ich solle mich schlafen legen. �Du musst ausgeruht sein, du bist jetzt der Privatsekret�r des designierten Konsuls von Rom. Dein Verstand wird in Zukunft so scharf sein m�ssen wie dein Stift.� Als ich aufstand, lehnte er sich zur�ck und widmete sich wieder der Betrachtung des Himmels. �Wie wird die Nachwelt wohl �ber uns urteilen, Tiro?�, sinnierte er. �Das ist f�r einen Staatsmann die einzige Frage. Bevor jedoch die Nachwelt ihr Urteil sprechen kann, muss sie erst mal wissen, wer wir �berhaupt waren.� Ich wartete noch eine Zeit lang, aber es kam nichts mehr. Er schien vergessen zu haben, dass ich noch da war. Also ging ich und �berlie� ihn seinen Gedanken.</p></section></section><section><title><p id="_bookmark38">ANMERKUNGEN DES AUTORS</p></title><p>Auch wenn es sich bei <emphasis>Imperium</emphasis> um einen Roman handelt, so schildert er doch �berwiegend Begebenheiten, die sich wirklich ereignet haben. Der Rest <emphasis>k�nnte</emphasis> sich zumindest so ereignet haben. Hoffentlich (und da begebe ich mich in die H�nde des Schicksals) ist nichts darunter, das sich nachweisbar <emphasis>nicht</emphasis> ereignet hat. Dass Tiro eine Biografie von Cicero verfasst hat, ist belegt durch Plutarch und Asconius. Das Werk ist beim Untergang des R�mischen Reiches verloren gegangen.</p><p>Den gr��ten Dank schulde ich der neunundzwanzigb�ndigen Ausgabe von Ciceros Reden und Briefen in der bei Harvard University Press erschienenen Loeb Classicai Library. Eine weitere unsch�tzbare Hilfe war mir <emphasis>The Magistrates of The Roman Republic, Volume II, 99 B.C.31 B.C.</emphasis> von T. Robert S. Broughton, ver�ffentlicht von der American Philological Association. Des Weiteren verneige ich mich vor Sir William Smith (18131893), dem Herausgeber des <emphasis>Dictionary of Greek and Roman Biography and Mythobgy,</emphasis> des <emphasis>Dictionary of Greek and Roman Antiquities</emphasis> und des</p><p><emphasis>Dictionary of Greek and Roman Geography -</emphasis> drei gewaltige und un�bertroffene Monumente humanistischer Bildung aus viktorianischer Zeit. Nat�rlich habe ich noch viele andere Arbeiten neueren Datums zurate gezogen, die ich zu gegebener Zeit w�rdigen werde.</p><p><emphasis>R. H., 16. Mai 2006</emphasis></p><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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