<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>adventure</genre><author><first-name>J.</first-name><middle-name>G.</middle-name><last-name>Kastner</last-name></author><book-title>Sturmfahrt nach Amerika</book-title><annotation><p>Das Jahr des Herrn 1863 ist eine d�stere, hoffnungslose Zeit in Deutschland. Das einfache Volk ist verarmt. Wer Arbeit hat, schuftet f�r Groschen. Menschen sterben an Hunger und Epidemien.</p><p>In dieser Zeit ist �Amerika� ein Wort der Hoffnung und Sehnsucht - ein Land, wo jeder sein Gl�ck machen und zu Wohlstand kommen kann. Ein magisches Wort auch f�r den jungen Handwerksgesellen Jacob Adler, der zu Unrecht des Mordversuchs beschuldigt wird und aus Deutschland fliehen muss.</p><p>Doch sein Leben in Amerika wird h�rter und gefahrvoller sein, als er es sich in seinen �rgsten Tr�umen vorzustellen vermag. Ein Abenteuer wartet auf Jacob</p><p>Adler, wie es kaum ein zweiter je erlebt hat...</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>de</src-lang><sequence name="Amerika" number="02"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>ExportToFB21, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2011-06-24">24.06.2011</date><id>OOoFBTools-2011-6-24-20-52-43-1497</id><version>1.0</version><history><p>1.0</p></history></document-info></description><body><section><p>Das wei�e Tuch der gro�en Segel reflektierte das Mondlicht und zeigte die Position der schlanken Bark an, die auf s�dlichem Kurs durch die Wasserw�ste der Nordsee glitt. F�nf Tage und N�chte dauerte die Reise bislang, und noch verhielt sich das Meer verh�ltnism��ig ruhig - als halte es den Atem an f�r Gr��eres.</p><p>So hatte die ALBANY, um rasch voranzukommen, alle Segel gesetzt, die jetzt an den drei hohen Masten im Wind knatterten. Ging die Fahrt auch gut voran, so stand die weite Reise von Hamburg nach New York doch erst an ihrem Beginn. Einem Mann kam sie schon jetzt lang vor: dem blinden Passagier, der in einer beengten H�hle unter einem Ruderboot zwischen Fock- und Gro�mast lag und den Ger�uschen der Nacht lauschte.</p><p>Jacob Adler, der seine vermutlich nach Amerika ausgewanderte Familie in dem gro�en, fremden Land jenseits des Atlantiks suchen wollte, wu�te nicht mehr, wie er sich drehen und wenden sollte. Eingesperrt in Enge und Dunkelheit, war die Schiffsreise f�r ihn zur Qual geworden. Aber er wagte es nicht, sein Versteck zu verlassen, um sich die Beine zu vertreten, auch nicht nachts. Zu nah war die Bark noch den heimatlichen Gefilden.</p><p>Der junge Zimmermann, der aufgrund einer falschen Anschuldigung wegen Mordversuches steckbrieflich gesucht wurde, bef�rchtete, der Kapit�n k�nne einen niederl�ndischen oder britischen Hafen anlaufen und ihn den Beh�rden �bergeben. Allein schon, um sich das ausgesetzte Kopfgeld in der beachtlichen H�he von hundert Talern zu verdienen.</p><p>Einzig der Umstand, da� Jacob nichts von der �blen Seekrankheit versp�rte, die trotz der ruhigen See einigen Passagieren schwer zu schaffen machte, erleichterte ihm sein Los ein wenig.</p><p>Dabei hatte er die Passage bezahlt. Doch der verr�terische Schiffahrtsagent August Bult hatte ihn an die Polizei verraten, so da� Jacob nur mit Hilfe seines neuen Freundes Martin Bauer, den er in Hamburg kennengelernt hatte, an Bord der ALBANY gelangt war.</p><p>Das amerikanische Schiff sollte ein paar hundert deutsche Auswanderer nach New York bringen. Martin Bauer, der st�mmige Sohn eines Landwirts, war einer der vielen, die auf engstem Raum im Zwischendeck zusammengepfercht waren. Nur wenige Passagiere konnten sich den Luxus der �berfahrt in einer Kabine leisten, die ihnen zwar nicht allein geh�rte, ihnen aber wenigstens eine eigene Koje bot.</p><p>Jacob hatte von Martin, der ihm jede Nacht zu essen und zu trinken brachte, geh�rt, die ALBANY sei derart �berladen, da� sich im Zwischendeck nicht - wie �blich - vier Passagiere eine Schlafstelle teilen mu�ten, sondern f�nf bis sechs. Wenn man bedachte, da� eine solche aus Brettern bestehende Lagerstatt keine sieben Fu� im Quadrat ma�, war das zum Schlafen weit weniger Raum, als Jacob zur Verf�gung stand.</p><p>Aber die regul�ren Passagiere hatten wenigstens tags�ber ihren Auslauf auf Deck, w�hrend Jacob sich besonders ruhig verhalten mu�te und in der st�ndigen Gefahr schwebte, von einem der herumtollenden Kinder entdeckt zu werden.</p><p>Trotz dieser Gefahr hatte Jacob es aufgegeben, seinen Tagesablauf, wollte man von so etwas �berhaupt sprechen, nach den Zeiten von Helligkeit und Dunkelheit einzuteilen.</p><p>Da es bei ihm stets dunkel war, schlief er auch schon mal tags�ber und blieb daf�r nachts wach.</p><p>In diesen N�chten, so wie jetzt, h�rte er gern dem Meer zu, das gegen die st�ndig knarrenden Planken sp�lte und eine eigene Melodie zu singen schien. Diese Melodie war ein Lied, das von fernen K�sten, unbekannten L�ndern und aufregenden Abenteuern erz�hlte. Jacob h�rte das Lied gern und malte sich dabei die tollsten Dinge �ber das geheimnisvolle Amerika aus.</p><p>Ob es dort wirklich zottige B�ren gab, doppelt so hoch wie ein ausgewachsener Mann? Wilde Indianer, die ihren Feinden die Haarpracht bei lebendigem Leib abschnitten und als Siegeszeichen an ihre G�rtel h�ngten? Und Fl�sse, so breit, da� man mit blo�em Auge das andere Ufer nicht erkennen konnte?</p><p>Jacob hatte viele Geschichten �ber Amerika geh�rt, wenn er und die anderen Handwerksburschen nachts beisammen sa�en und sich mit Erz�hlungen die Zeit vertrieben. Er hatte nicht geahnt, so kurz nach Beendigung seiner Wanderschaft selbst nach diesem sagenhaften Land der Freiheit und Gleichheit zu fahren.</p><p>Aber er hatte auch nicht damit gerechnet, sein Elternhaus abgerissen und auf dem Grundst�ck ein neues Lagerhaus der Brauerei Arning vorzufinden. Louisa Vogel, die er hatte heiraten wollen, war die Frau von Bertram Arning, dem Sohn des alten Bierk�nigs, wie der Brauereibesitzer Conrad Arning genannt wurde. Jacobs Mutter lag auf dem Elbstedter Friedhof begraben. Sein Vater und seine drei Geschwister waren verschwunden, angeblich auf der Elbe nach Hamburg gefahren, um von dort aus nach Amerika auszuwandern.</p><p>Ein fast verbrannter Brief seines Vaters deutete darauf hin. Und der Umstand, da� Jacobs Onkel Nathan Berger, ein Bruder seiner Mutter, eine gro�e Pflanzung in Texas besa�.</p><p>Darum fuhr Jacob, von Bertram Arning verleumdet, als Fl�chtling �ber das gro�e Meer und lauschte dem Lied der Wellen, das pl�tzlich durch menschliche Stimmen gest�rt wurde...</p><p>*</p><p>Anfangs drangen die Stimmen nur verhalten und bruchst�ckhaft an Jacobs Ohr, so da� er die Worte nicht verstehen konnte. Es waren die Stimmen mehrerer M�nner, die er auch noch nicht verstand, als sie lauter sprachen. Aber er erkannte, da� es Englisch war, wie es vom gr��ten Teil der Schiffsbesatzung gesprochen wurde. Die ALBANY war ein amerikanischer Segler mit dem Heimathafen New York, und bis auf wenige Ausnahmen bestand die Mannschaft aus Amerikanern.</p><p>Dann jedoch mischten sich deutsche Worte in die englischen. Die ver�ngstigte Stimme einer jungen Frau. �Nein, bitte, lassen Sie mich. Nein!�</p><p>Die eben noch laut anschwellende Stimme brach ab, wurde von hastigen Schritten abgel�st, die auf Jacobs Versteck zukamen.</p><p>Wieder sprach ein Mann, aber diesmal auf deutsch, wenn auch mit einem starken Akzent. �Wohin denn, Fr�ulein? Die ALBANY ist nicht sehr gro�. Sie wollen doch nicht etwa ins Wasser h�pfen? Bleiben Sie hier, bei uns sind Sie gut aufgehoben!�</p><p>�Was. was wollen Sie von mir?� fragte die Frau, jetzt recht nah bei Jacob. Ihre Stimme zitterte so sehr vor Angst, da� sie sich fast �berschlug.</p><p>�Wir wollen nur lieb zu Ihnen sein, Fr�ulein�, sagte der Mann mit dem starken Akzent und begleitete seine Worte mit einem schmutzigen Lachen. �Sie haben es doch gern, wenn M�nner lieb zu Ihnen sind, nicht wahr?�</p><p>�Ich verstehe nicht, was Sie meinen.�</p><p>�Dein kleines Geheimnis verr�t, wie sehr du M�nner magst. Meine Freunde und ich m�gen kleine Fr�uleins sehr gern. Und wenn du lieb zu uns bist, erz�hlen wir auch nichts von deinem Geheimnis dem Kapit�n.�</p><p>Jacob h�rte Schritte, den spitzen Schrei der Frau und lautes Poltern, dann ein paar erstickte Rufe der M�nner auf englisch. Er hielt es nicht l�nger in seinem Versteck aus, hob das Ruderboot ein wenig an und streckte seinen Kopf nach drau�en.</p><p>Mond, Sterne und die wenigen Deckslaternen tauchten die Szenerie in ein diffuses Licht, das aber ausreichte, um Einzelheiten erkennen zu lassen. Eine Frau lag nahe der Steuerbordreling zwischen Jacobs Versteck und dem Gro�mast auf Deck, von drei M�nnern bedr�ngt. Die Seeleute hielten die Frau fest und hinderten sie am Sprechen. Einer griff in ihr Kleid und ri� es mit einem heftigen Ruck in Fetzen.</p><p>F�r eine Sekunde konnte die verschreckte Frau ihr Gesicht freimachen und wollte laut schreien. Aber schon lag wieder eine gro�e Hand auf ihren Lippen, so da� sie nur ein ersticktes R�cheln zustande brachte.</p><p>Einer der Seeleute sagte etwas in seiner Muttersprache, und alle lachten. Wieder wurde der Wehrlosen ein Teil des Kleides abgerissen.</p><p>Das war der Augenblick, in dem Jacob unter dem Ruderboot vorrollte, vom Boden hochschnellte und mit nach vorn gesenktem Kopf, wie ein w�tender Stier, auf die kleine Gruppe losst�rmte.</p><p>Die drei Seeleute waren so �berrascht, da� sie erst an keine Gegenwehr dachten. Ihre K�pfe ruckten hoch, und sie starrten den hochgewachsenen, breitschultrigen Mann, der aus dem Nichts zu kommen schien, ungl�ubig an wie einen leibhaftigen Klabautermann.</p><p>Jacob ri� zwei von ihnen im ersten Ansturm um. Einer der beiden, ein stoppelb�rtiger, untersetzter Kerl, verkrallte sich in den jungen Zimmermann, und sie rollten �ber das Deck, bis sie gegen den Gro�mast prallten.</p><p>Sein Gegner war auf ihm zu liegen gekommen und wollte ihm die zur Faust geballte Rechte mitten ins Gesicht jagen. Aber Jacob nahm den Kopf zur Seite, und die Faust krachte gegen den Mast. Der Untersetzte verschluckte seinen darob ausgesto�enen Schmerzensschrei, als ihn Jacobs Faust unter das Kinn traf und in die Pardunen des Gro�mastes schleuderte.</p><p>Gerade noch rechtzeitig kam Jacob wieder auf die Beine, denn inzwischen hatten ihn die beiden anderen Seeleute eingekreist. Einer von ihnen, ein pockennarbiger Kerl mit einer gro�en feuerroten Narbe quer �ber der linken Wange, hielt ein ge�ffnetes Klappmesser in der Rechten. Der andere, ein baumlanger, knochiger Mann, hatte seine blo�en H�nde mit gespreizten Fingern klauenartig ausgestreckt, als warte er nur auf eine Gelegenheit, Jacob zu erw�rgen.</p><p>Der Knochige sprang auf einmal vor, und seine H�nde streiften Jacobs Gesicht. Aber der junge Deutsche tauchte unter seinem Klammergriff weg, schnappte sich ein Bein des Langen und brachte ihn mit einem heftigen Zug zu Fall.</p><p>Das geschah schnell, aber nicht schnell genug. Aus den Augenwinkeln bemerkte Jacob das Aufblitzen des Messers dicht an seinem Gesicht. Gleichzeitig h�rte er den warnenden Schrei der auf Deck liegenden Frau.</p><p>Blitzartig wirbelte er herum, sah das Narbengesicht vor sich und das gro�e Messer. Diese Bewegung rettete ihn, weil die</p><p>Klinge jetzt nicht sein Gesicht traf, sondern nur der Messerknauf gegen seine Schl�fe schlug. F�r Sekunden war ihm, als habe der Sch�pfer Mond und Sterne schlagartig ausgel�scht und die Deckslaternen noch dazu.</p><p>Als die Dunkelheit verschwand, lag er r�cklings auf dem Deck, und der Mann mit dem roten Mal beugte sich �ber ihn. Sein von unz�hligen Pockennarben gesprenkeltes Gesicht war ausdruckslos, mit Ausnahme seiner dunklen, von dichten schwarzen Brauen beschatteten Augen. In ihnen schien die Vorfreude darauf zu glimmen, Jacob im n�chsten Moment den Garaus zu machen.</p><p>Jacob wollte seine Arme hochrei�en, um den anderen abzuwehren, aber sein Gegner kniete sich auf den linken Arm. Der rechte wurde brutal aufs Deck genagelt, als der Knochige auf den Ellbogen trat und auf den am Boden Liegenden herabgrinste.</p><p>�Fahr zur H�lle, du deutsches Schwein!� zischte der Mann mit dem Messer in seinem englisch gepr�gten Deutsch und stie� die Klinge auf Jacobs Gesicht herab.</p><p>Jacob sah die st�hlerne Spitze schon seine Haut aufrei�en, als ein schwerer Schuh gegen die Waffenhand krachte. Das Messer wurde durch die Luft geschleudert, bis es mit der Klinge ins Deck fuhr und dort federnd steckenblieb.</p><p>�Einen Unbewaffneten abstechen?� fragte der alte Seeb�r, dessen Ann�herung niemand bemerkt hatte. �Ist der Messerheld in dir mal wieder zum Leben erwacht, Bob?�</p><p>Jacob kannte ihn. Er war ein deutscher Seemann und hie� Piet Hansen. Jacob und Martin hatten sich mit ihm vor der Abfahrt der ALBANY im Hamburger Hafen unterhalten. Martin hatte seinem Freund erz�hlt, da� Hansen mitbekommen hatte, wie der Zimmermann sich unter dem Ruderboot versteckte. Aber irgendwie schien er die beiden Freunde zu m�gen und hielt deshalb dicht. Allerdings spendierte Martin ihm daf�r jeden Tag eine Extraration Rum.</p><p>Der narbige Messerheld mu�te jener Bob Maxwell sein, von dem Hansen ihnen in Hamburg erz�hlt hatte. Ein ziemlich �bler Geselle, der gleichwohl der Erste Steuermann der ALBANY war und somit gleich nach dem Kapit�n kam. Hansen dagegen, das wu�te Jacob von Martin, segelte als Zweiter Steuermann auf der Bark.</p><p>�Was mischst du dich ein, Piet?� entgegnete Maxwell mit ha�verzerrtem Gesicht. �Die Sache hier geht dich nichts an!�</p><p>�Es soll mich nichts angehen, wenn du einen Passagier in St�cke schneidest?�</p><p>�Einen <emphasis>blinden</emphasis> Passagier!� Der Messerstecher zeigte auf das Ruderboot. �Er hatte sich unter dem Boot versteckt.�</p><p>�Das ist noch lange kein Grund, ihn umzubringen.� Der Seeb�r mit dem dunklen, von vielen grauen F�den durchzogenen Bart drehte sich um und zeigte auf die junge halbnackte Frau, die jetzt aufgestanden war und zitternd vor dem Eingang zum Zwischendeck stand. �Und was ist mit ihr? Kannst du das auch erkl�ren, Bob?� �Das kann ich!� �Da bin ich aber gespannt.�</p><p>�Die Deutsche ist schwanger, und sie hat keinen Mann!� F�r ein paar Sekunden klappte Hansens Kinnlade herunter, und er sah die Frau mit einer Spur von Mitleid an. �Schwanger�, wiederholte er nachdenklich und lie� dann seinen Blick �ber alle Beteiligten der n�chtlichen Auseinandersetzung schweifen. �Ich glaube, wir sollten jetzt besser den K�pten benachrichtigen.�</p><p><sub>*</sub></p><p>Weitere Seeleute erschienen, von Piet Hansen alarmiert, auf Deck. Sie fesselten Jacobs Arme mit einem dicken Seil an den Oberk�rper und brachten ihn tief unter Deck in den Laderaum. Auf dem Weg dorthin sah er zum erstenmal das</p><p>Zwischendeck, wo die Auswanderer wie Vieh zusammengepfercht waren. Es roch hier auch wie in einem Viehstall. Ein paar Augen blickten die kleine Gruppe neugierig an, aber die meisten der Schlafenden und Schlafsuchenden k�mmerten sich nicht um die Unruhe. So etwas waren sie gew�hnt, wo Hunderte von Menschen auf engstem Raum zusammenhockten.</p><p>Jacob war fast erleichtert, als sie das Zwischendeck hinter sich lie�en und �ber hohe Stufen hinabstiegen ins Dunkel des riesigen Frachtraums, der jetzt von der Laterne eines Seemanns erhellt wurde. Sie beleuchtete Kisten und F�sser verschiedener Gr��en sowie die unterschiedlichsten Gep�ckst�cke, in denen die Habseligkeiten der Auswanderer verstaut waren.</p><p>Im Zwischendeck war nicht genug Platz, um dort alles unterzubringen, weshalb das meiste Gep�ck der Passagiere hier gelagert wurde. Wer etwas von den Sachen aus dem Frachtraum ben�tigte, mu�te Geduld zeigen, wie Jacob sp�ter erfuhr. Der Frachtraum wurde nur an bestimmten Tagen f�r die Passagiere ge�ffnet, und auch dann immer nur f�r einen bestimmten Teil der Auswanderer, damit das Gedr�nge nicht zu gro� wurde.</p><p>Einer seiner Bewacher versetzte Jacob einen groben Sto�, der ihn zu Boden warf, wo er hart mit dem Kopf gegen ein gro�es Fa� stie�. Der Seemann sagte etwas auf englisch, und seine Begleiter brachen in Gel�chter aus.</p><p>Die M�nner stiegen die Treppe wieder hinauf ins Zwischendeck und verschlossen die Luke, die den Zugang zum Frachtraum von den Auswanderern trennte. V�llige Finsternis umgab Jacob, als er das Knarren der schweren Riegel �ber sich vernahm und dann das Quietschen des gro�en Schl�ssels.</p><p>Die Schritte der das Zwischendeck verlassenden Seeleute entfernten sich. Bald h�rte der Gefangene nur noch die Ger�usche des Schiffes. Das Pl�tschern des Wassers klang hier unten viel lauter als oben an Deck, befand sich der Frachtraum doch zu einem guten Teil unterhalb der Wasserlinie. Auch das Knarren der Schiffsplanken h�rte sich lauter an und vermischte sich mit dem leisen, best�ndigen St�hnen der Fracht, die durch die Schiffsbewegungen um ein paar Zoll hin und her geschoben wurde.</p><p>Ab und zu h�rte Jacob Ger�usche von oben aus dem Zwischendeck. W�tende Fl�che von Leuten, die im Schlaf gest�rt worden waren. Schritte, wenn es einer der Passagiere in dem stickigen Quartier nicht mehr aushielt und an Deck ging, um frische Luft zu schnappen, War auch die junge Frau, die von Maxwell und seinen Begleitern �berfallen worden war, nach oben gegangen, um frischen Atem zu sch�pfen?</p><p>Als ihn die Seeleute nach unten schafften, war Jacob an ihr vorbeigef�hrt worden. Er hatte in ihre gr�nblauen Augen gesehen, die Dankbarkeit und Erleichterung ausdr�ckten, aber auch Angst.</p><p>Angst um Jacob?</p><p>Oder hatte die Frau Angst um sich selbst?</p><p>Was hatte dieser narbengesichtige Maxwell noch gesagt? Die Frau war schwanger. Jacob hatte davon nichts bemerkt, als er an ihr vorbeiging. Aber es war nicht besonders hell dort oben, und er hatte sie nur f�r wenige Sekunden angesehen. Er hatte nicht auf ihren Leib geschaut, sondern in ihr sch�nes, ebenm��iges Gesicht, das von golden schimmernden Locken umrahmt wurde.</p><p>Weshalb war es so bedeutsam, da� sie schwanger war und keinen Mann hatte? So wichtig, da� Piet Hansen sich erst nach dieser Mitteilung entschlo�, den Kapit�n zu unterrichten.</p><p>Jacob gr�belte noch dar�ber nach, als etwas heftig gegen sein rechtes Bein stie�. Er h�rte ein lautes Quieken, dann erfolgte ein neuer Sto� gegen sein Bein, und etwas kroch an Jacob entlang.</p><p>Eine Ratte!</p><p>Es konnte nur einer jener unerw�nschten Schiffspassagiere sein, die kaum eine Fahrt auslie�en und nicht selten zur Plage wurden. Jacob, der noch immer am Boden lag, w�lzte sich herum, um den ungebetenen Besucher zu vertreiben. Unter lautem Gequieke huschte etwas in der Dunkelheit davon.</p><p>Aber es dauerte nicht lange, und das gro�e Nagetier war wieder da, diesmal mit Verst�rkung. Es mu�te etwa ein halbes Dutzend Ratten sein, das pl�tzlich �ber den gefesselten Mann kam.</p><p>Erschienen sie in so gro�er Zahl, weil sie in ihm einen m�chtigen Eindringling sahen, einen Feind? Oder eine willkommene Bereicherung ihres Speiseplans?</p><p>Jacob schrie auf, als er kleine scharfe Z�hne an seinem Arm sp�rte. Er w�lzte sich noch st�rker hin und her und konnte die Angreifer dadurch f�r kurze Zeit auf Distanz bringen. Er nutzte die Verschnaufpause, um sich an einem der gro�en F�sser hochzuziehen. Als die Ratten zur�ckkehrten, stand er zum Gl�ck auf seinen F��en.</p><p>Er trampelte wild herum, f�hrte einen verr�ckten Tanz in der Dunkelheit auf, um ein paar der kleinen Biester zu erwischen und wenigstens so schwer zu verletzen, da� sie ihren Angriffsplan aufgaben. Ein paarmal traf er wohl die Ratten, aber kaum so schwer, da� er ihnen weh tat. Die Dunkelheit erlaubte ihm nur ein blindw�tiges Herumtrampeln, keine gezielte Verteidigung.</p><p>Aber dann hatte er Gl�ck. Er erwischte eine Ratte mit vollem Tritt und schleuderte sie weit in den Frachtraum hinein. Erst nach ein paar Sekunden klatschte sie irgendwo gegen eine Holzwand oder einen Gep�ckstapel. Sie schien sich nicht mehr zu r�hren; jedenfalls h�rte er nichts.</p><p>Das brachte die �brigen Tiere zur R�son. Sie zogen sich von Jacob zur�ck.</p><p>Hatten sie endg�ltig genug, oder g�nnten sie sich nur eine Verschnaufpause?</p><p>Oder schmiedeten sie gar einen neuen Angriffsplan?</p><p>Jacob wu�te nicht, ob ihr Verstand dazu ausreichte. Aber er wu�te, da� er sich nach seinem engen Versteck unter dem Ruderboot zur�cksehnte, das er in den langen einsamen N�chten so oft verflucht hatte.</p><p>Da h�rte er ein lautes Quietschen...</p><p>*</p><p>Jacob fuhr unwillk�rlich zusammen, als er an einen neuen Angriff der Schiffsratten dachte. Aber dann erkannte er, da� das Ger�usch von oben kam, wo sich der Durchgang zum Zwischendeck befand. Jemand hatte offenbar das Schlo� ge�ffnet. Jetzt wurden die Riegel zur�ckgezogen, und dann klappte jemand die schwere Luke auf.</p><p>Obwohl das einfallende Licht nicht besonders stark war, blendete es den an die Dunkelheit gew�hnten Mann, und er kniff die Augen zusammen. Er mu�te l�nger hier unten gewesen sein, als er gedacht hatte.</p><p>Schritte auf der Treppe und die Umrisse von M�nnern, die zu ihm herunterstiegen. Ihre Gesichter blieben Jacob wegen der Blendwirkung des Lichtes verborgen. Einer der Besucher hielt seine Laterne hoch, und ihr heller Strahl stach geradezu in Jacobs Augen.</p><p>Aber allm�hlich gew�hnte er sich daran und erkannte schlie�lich zwischen den gleichg�ltigen bis ablehnenden Gesichtern dreier Seeleute seinen Freund Martin Bauer, der ihn besorgt anblickte.</p><p>�Jacob, was ist mit dir passiert?� fragte er und deutete auf die an mehreren Stellen zerrissene Kleidung des Gefangenen.</p><p>�Ratten�, sagte Jacob nur und bemerkte jetzt erst, da� er aus einer kleinen Wunde am linken Oberarm, �ber der Jacke und Hemd zerrissen waren, blutete.</p><p>�Gleich kommst du hier raus�, sagte Martin. �Der Kapit�n hat eine Verhandlung einberufen.� Er hielt eine Schale hoch,</p><p>die er in den H�nden trug. �Vorher bekommst du erst mal was zu essen.�</p><p>Einer der Seeleute zog ein gro�es Messer aus der Jackentasche, klappte es auf und zerschnitt damit Jacobs Fesseln.</p><p>�Wenn du Schwierigkeiten machst�, sagte er in kaum verst�ndlichem Deutsch und machte mit dem Messer die Bewegung des Kehledurchschneidens.</p><p>Jacob nickte verstehend. Er f�hlte sich ziemlich zerschlagen und hatte nicht vor, Schwierigkeiten zu machen.</p><p>Seine Arme schmerzten noch von den Fesseln. Er schlenkerte sie hin und her und rieb sie heftig, damit das Blut wieder zirkulierte.</p><p>Martin zeigte auf Jacobs Armwunde und sagte etwas auf englisch zu dem Seemann mit dem Messer.</p><p>Der nickte und begann seine Klinge �ber der Laternenflamme zu erhitzen.</p><p>�Was hast du zu ihm gesagt?� fragte Jacob.</p><p>�Da� er die Wunde ausbrennen soll, damit du dich nicht infizierst. Es gibt keinen Arzt auf dem Schiff. Wenn du Wundbrand oder etwas �hnliches bekommst, gibt es nur noch eine M�glichkeit, n�mlich weg mit dem Arm!�</p><p>Der Gedanke lie� Jacob erschauern.</p><p>�Woher kannst du �berhaupt Englisch?� erkundigte er sich.</p><p>�Piet Hansen gibt mir und noch ein paar anderen Unterricht in jeder freien Stunde. Es ist sicher nicht schlecht, die Landessprache zu beherrschen, wenn wir dr�ben in New York sind.�</p><p>�Sicher nicht. Ich sollte mich euch anschlie�en. Falls der Kapit�n das zul��t.�</p><p>Der Seemann mit dem Messer sagte etwas und hielt die hei�e Klinge hoch.</p><p>�Er ist soweit�, �bersetzte Martin, obwohl Jacob das auch so verstanden h�tte. �Es wird ziemlich weh tun. Sollen wir dich festhalten?�</p><p>�Nicht n�tig. Ich werde die Z�hne zusammenbei�en.�</p><p>Jacob krallte seine H�nde in den Rand des Holzfasses, an dem er stand, als sich die Hand mit dem Messer n�herte. Martin ri� die �rmel von Jacobs Jacke und Hemd �ber der Wunde noch etwas weiter auf, damit der Seemann nicht durch den Stoff behindert wurde. Dann brannte sich auch schon der hei�e Stahl mit einem leisen Zischen in Jacobs Haut.</p><p>Er hatte zwar mit Schmerzen gerechnet, aber nicht damit, da� sie so h�llisch sein w�rden. Er hatte das Gef�hl, die Klinge w�rde tief in seinen Arm hineinfahren und darin mit Gewalt herumgedreht werden. Sein Arm zitterte stark, und das Zittern �bertrug sich auf seinen ganzen K�rper. Jacob st�hnte laut und merkte erst nach einer Weile, da� der Seemann die Klinge schon wieder fortgenommen hatte. Wo die Ratte Jacob gebissen hatte, prangte jetzt eine dunkelrote Brandwunde. Eine heftig schmerzende Wunde.</p><p>�I� etwas�, sagte Martin. �Das wird dich von den Schmerzen ablenken.�</p><p>Jacob fuhr mit dem �rmel des unversehrten Arms �ber seine Stirn, um den perlenden Schwei� abzuwischen. �La� es gut sein, Martin. Ich habe keinen Hunger.�</p><p>�Es wird dir guttun. Au�erdem - wer wei�, wann du wieder etwas bekommst.�</p><p>�Du hast recht�, sah Jacob ein, lie� sich auf einer Kiste nieder und l�ffelte die aufgew�rmte, etwas angebrannt schmeckende Erbsensuppe in sich hinein. Wenigstens war sie warm, und das tat ihm tats�chlich gut.</p><p>�Was ist das f�r eine Verhandlung, die der Kapit�n einberufen hat?� fragte er zwischendurch.</p><p>�Das Schiffsgericht entscheidet, was mit dir und Fr�ulein Sommer geschehen soll.�</p><p>�Fr�ulein Sommer�, echote Jacob. �Ich nehme an, so hei�t die Frau, die von den drei Kerlen bel�stigt wurde.� �Ja, Irene Sommer. Sie ist allein hier an Bord, hat keinen Mann. Und sie erwartet ein Kind, ist schon im f�nften oder sechsten Monat, obwohl man kaum etwas erkennt. Aber wenn man genau hinsieht, bemerkt man es doch. Diesem Maxwell und seinen Kumpanen mu� es auch aufgefallen sein. So kamen sie auf die Idee, sich die Frau gef�gig zu machen. Wahrscheinlich rechneten sie damit, sie w�rde schweigen, aus Angst, ihr Geheimnis k�nnte verraten werden.�</p><p>�Warum, zum Kuckuck, soll denn niemand wissen, da� sie ein Kind erwartet?�</p><p>�Weil sie keinen Mann hat.�</p><p>�Und?�</p><p>�Ich wu�te es bisher auch nicht, aber es gibt in Preu�en ein Gesetz, das alleinstehenden Frauen, die ein Kind erwarten, die Auswanderung verbietet. Danach ist der Kapit�n wohl verpflichtet, den n�chsten Hafen anzusteuern und Fr�ulein Sommer dort an Land zu setzen, damit sie den preu�ischen Beh�rden �bergeben werden kann.�</p><p>�Was f�r ein bl�des Gesetz. Wof�r soll das gut sein?�</p><p>Martin zuckte mit den Schultern, und die blauen Augen in dem breiten, sommersprossigen Gesicht blickten ratlos. �Frag mich etwas Einfacheres. Ich habe das Gesetz nicht gemacht. Vielleicht soll dem Vater nicht gegen seinen Willen das Kind entzogen werden.�</p><p>�Wer ist denn der Vater?�</p><p>�Du stellst mir aber auch Fragen, Jacob. Ich kenne Fr�ulein Sommer nur vom Sehen, habe bis heute keine f�nf Worte mit ihr gewechselt.�</p><p>�Woher kennst du dich dann so gut in der Sache aus?�</p><p>�Piet Hansen hat es mir erz�hlt. Als Zweiter Steuermann der ALBANY geh�rt er zum Schiffsgericht.�</p><p>�Und wer noch?�</p><p>�Nat�rlich der Kapit�n und dann der Erste Steuermann, Bob Maxwell.�</p><p>�Maxwell, das Narbengesicht?� rief Jacob emp�rt. �Aber er hat doch bei dieser Schweinerei mitgemischt! Er wird kaum in der Lage sein, ein unvoreingenommenes Urteil �ber Fr�ulein Sommer und mich zu sprechen.�</p><p>�Ganz meine Meinung. Aber ich entscheide leider ebensowenig �ber die Zusammensetzung des Gerichts wie du.�</p><p>Jacob reichte seinem Freund die leere Suppenschale zur�ck und erhob sich �chzend, von einem �u�erst unguten Gef�hl beherrscht. Er erwartete wenig Gutes von der Gerichtsverhandlung, zu der er von Martin und den drei Seeleuten eskortiert wurde.</p><p><sub>*</sub></p><p>Diesmal erregte ihr Auftauchen auf dem Zwischendeck erheblich mehr Aufsehen. Es ging auf den Morgen zu, und viele der Auswanderer waren bereits auf den Beinen, froh, ihren engen Schlafst�tten zu entfliehen.</p><p>B�rtige M�nnergesichter starrten ihn teilnahmslos an, Frauen blickten mitf�hlend und Kinder der unterschiedlichsten Altersstufen neugierig. W�hrend die Erwachsenen nur leise miteinander tuschelten, stellten die Kinder laut Fragen, wer der abgerissene Mann sei und wo er herkomme.</p><p>Tats�chlich mu�te Jacob einen �u�erst fragw�rdigen Eindruck bei den Auswanderern hervorrufen, hatte er doch seit f�nf Tagen keine Gelegenheit mehr zum Waschen und Rasieren gehabt.</p><p>Allerdings machte er sp�ter die Erfahrung, da� es auf dem Zwischendeck eine Menge Passagiere gab, die es mit der Sauberkeit nicht sehr genau nahmen. Eine Einstellungsweise, die im Verlauf der langen Seereise noch bittere Folgen nach sich ziehen sollte.</p><p>Es ging hinauf aufs Deck, wo die dort arbeitenden Seeleute Jacob ablehnend bis feindselig anstarrten. Er hatte sich mit einigen der Ihren angelegt. In ihren Augen hatte er sich damit automatisch zum Feind gemacht. So dachte er jedenfalls. Sp�ter sollte er erfahren, da� ihm einige Mannschaftsangeh�rige insgeheim zustimmten, denn Bob Maxwell war nicht bei allen beliebt.</p><p>Die ersten bla�rosa Sonnenstrahlen wurden durch grauschwarze Wolken gefiltert, die schwer am Himmel hingen. Nur undeutlich war deshalb die Sonnenscheibe im Osten erkennbar, die sich �ber einer Linie am Horizont erhob, wo Himmel und Meer miteinander verschmolzen. Oder war es gar das Festland, die Niederlande oder Frankreich, das sich dort kaum wahrnehmbar abzeichnete? Jacob konnte es nicht sagen.</p><p>Das Wetter schien weniger gut zu sein als an den bisherigen Tagen, und die See war aufgew�hlter. Die ALBANY schlingerte im m�chtigen Wellengang.</p><p>Schon drangen die ersten Auswanderer an Deck, der kleinen Gruppe um Jacob hinterher, um an die Reling zu st�rzen und dort dem �bel freien Lauf zu lassen. Ein paar schafften es nicht einmal so weit.</p><p>Der Seemann, der Jacob losgeschnitten und seine Wunde ausgebrannt hatte, machte eine Bemerkung, und seine Gef�hrten lachten laut.</p><p>�Was hat er gesagt?� fragte der junge Zimmermann.</p><p>�Da� sie sich, wenn es richtig losgeht, die Seele aus dem Leib kotzen werden�, �bersetzte Martin. �Dann wird es an der Reling so voll werden, da� sie sich gegenseitig anspucken. Jedenfalls habe ich ihn so verstanden.�</p><p>Die Seeleute dr�ngten sie weiter, dem Heck der ALBANY zu.</p><p>Jacob drehte sich im Gehen um und sah nach dem Ruderboot, unter dem er so lange gelegen hatte. Sollte alles umsonst gewesen sein? Noch waren sie im �rmelkanal, und es mu�te dem Kapit�n ein leichtes sein, eine der K�sten anzusteuern, um Jacob den Beh�rden zu �bergeben und das auf ihn ausgesetzte Kopfgeld zu kassieren. Er h�ngte seine Hoffnung an dem Gedanken auf, da� der Kapit�n nicht wu�te, wer er war und da� hundert Taler auf seine Ergreifung ausgelobt waren.</p><p>Dann fiel ihm etwas anderes ein. �Meine Tasche, Martin! Wo sind meine Sachen?�</p><p>�Ich wollte sie holen, aber da kamen vom Kapit�n gesandte M�nner und haben sie konfisziert.�</p><p>�Dann kennt der Kapit�n jetzt meine Papiere und meinen wahren Namen.�</p><p>Martin nickte betr�bt. �Ja, leider.�</p><p><emphasis>Aber vielleicht wei� er trotzdem nichts von der Belohnung,</emphasis> machte sich Jacob Mut.</p><p>Die Bark schlingerte so stark, da� Jacob stolperte und hingest�rzt w�re, h�tte er sich nicht im letzten Augenblick an dem Luftzugrohr, das hinter dem Gro�mast aus den Planken ragte und das Zwischendeck mit Frischluft versorgte, festgehalten. Jetzt ahmte er den breitbeinigen Gang der Seeleute nach und beugte sich gleichzeitig, wie sie, leicht nach vorn, um sich der steifen Brise entgegenzustemmen, die von achtern kam. Mit diesem typischen Seemannsgang stakste er seiner Verhandlung entgegen.</p><p>*</p><p>Am Heck, noch hinter dem Platz des Steuermanns, ging es wieder unter Deck zur Kapit�nskaj�te, vor der zwei mit Karabinern bewaffnete Seeleute Posten bezogen hatte. Offenbar wollte Kapit�n Haskin kein Risiko eingehen und einer Flucht seines Gefangenen vorbeugen.</p><p>Aber wohin h�tte er fliehen sollen, mitten auf See? Jacob, an der Elbe geboren und gleichsam mit Elbewasser getauft, konnte recht gut schwimmen, aber bis zum Festland h�tte er es nie und nimmer geschafft. Er w�re abgesoffen wie ein Stein,</p><p>h�tten ihn nicht vorher die Haie geholt.</p><p>In der gro�en, f�r ein Schiff �u�erst pr�chtig ausgestatteten Kapit�nskaj�te standen zwei weitere Bewaffnete, um die T�r von innen zu bewachen. Das konnte nicht alles dazu gedacht sein, Jacob von einer m�glichen Flucht abzuhalten. Vielleicht bef�rchtete der Kapit�n, die Auswanderer k�nnten aufbegehren, um Jacob zu helfen.</p><p>Aber das hielt der Zimmermann selbst f�r nicht sehr wahrscheinlich. Die Menschen kannten ihn nicht - mit Ausnahme von Martin - und hatten keinen Grund, sich f�r ihn einzusetzen.</p><p>Staunend glitten Jacobs Augen �ber die W�nde, die den Eindruck erweckten, die Kaj�te geh�re gar nicht zum restlichen Schiff. Gegen die Enge und Schlichtheit des Zwischendecks war das hier der reinste Palast. Die W�nde waren mit B�cherregalen und Bildern bedeckt, letztere ausnahmslos mit Motiven aus der Seefahrt. Vor dem gro�en Fenster hingen Vorh�nge aus feinstem Samt, an den R�ndern mit Goldborten besetzt. Das Licht kam aus einem Kronleuchter, der, w�re er gr��er gewesen, einem Festsaal zur Ehre gereicht h�tte.</p><p>Alle schienen nur auf Jacob gewartet zu haben. Hinter dem gro�en Tisch in der Mitte des Raumes sa�en drei M�nner, von denen Jacob nur zwei kannte.</p><p>Der au�ergew�hnlich d�nne Mann mit dem Gesicht eines Totenkopfes, der in der Mitte sa�, mu�te Josiah Haskin sein, der amerikanische Kapit�n der ALBANY und zugleich ihr Eigner. Seine Gesichtsfarbe war sehr bla�, und die Haut spannte sich so stark �ber den Knochen, da� diese durchzuscheinen schienen; seine Haut wirkte wie Pergament. Noch niemals zuvor hatte Jacob bei einem Mann derart tiefliegende Augen gesehen. Die Lippen des Kapit�ns wirkten so schmal wie die d�nne Linie des Horizonts, die er eben in der Ferne gesehen hatte. Hin und wieder verschwanden sie hinter einem wei�en, spitzenbesetzten Taschentuch, wenn Haskin ein krampfartiger Husten befiel. Seine Totenaugen blickten Jacob ausdruckslos an.</p><p>Zu seiner Rechten sa� Bob Maxwell, in dessen Narbengesicht es kaum merkbar zuckte, als der Gefangene hereingebracht wurde. Die dunklen Augen gl�hten genauso ha�erf�llt wie vor einigen Stunden, als Jacob ihn und seine Gef�hrten, die jetzt wie sanfte L�mmer an einer Kabinenwand standen, daran gehindert hatte, der jungen Frau Gewalt anzutun. Als ein Ausdruck der Befriedigung �ber das Narbengesicht huschte, wu�te Jacob, da� der Erste Steuermann die Stunde seiner Rache f�r gekommen hielt.</p><p>Links vom Kapit�n sa� Piet Hansen, die klobige Pfeife zwischen den Lippen. Allerdings brannte sie nicht, schien sich nur an ihrem Stammplatz zu befinden, damit ihr Besitzer gem�tlich auf dem Stiel herumkauen konnte. Der deutsche Seemann tat, als ginge ihn die ganze Sache nichts an. Aber wer genau in seine alten, von tausend F�ltchen umgebenen Augen sah, bemerkte, da� in ihnen Interesse und Wachsamkeit lag.</p><p>Auf dem ansonsten leeren Tisch ruhten zwei B�cher vor dem Kapit�n, ein ganz dickes und ein etwas d�nneres. Das dicke Werk war unverkennbar die Bibel. Den englischen Titel des anderen Buches konnte Jacob nicht lesen, aber er hielt es f�r wahrscheinlich, da� es sich um eine englische Ausgabe des Seerechts handelte.</p><p>An der Wand gegen�ber Maxwells n�chtlichen Spie�gesellen sa� Irene Sommer auf einem Stuhl und blickte �ngstlich in die Gesichter der M�nner. Als Jacob eintrat und sie ihn ansah, trat in ihre Augen zus�tzlich Dankbarkeit und gleichzeitig das Flehen um Entschuldigung daf�r, da� sie ihn in diese mi�liche Lage gebracht hatte.</p><p>Sie war, was er in der Nacht schon bemerkt hatte, eine au�ergew�hnlich sch�ne Frau. Selbst ihr ver�ngstigter Zustand konnte daran nichts �ndern. Jacob hielt sie f�r kaum �lter als</p><p>Zwanzig, eher j�nger. Sie trug ein anderes Kleid als jenes, das von den zudringlichen Seeleuten zerrissen worden war. Es war einfach in Schnitt und Muster und konnte die W�lbung ihres Leibes nicht ganz verbergen, unter der das werdende Leben steckte.</p><p>Der Seemann, der Jacobs Wunde ausgebrannt hatte, sagte etwas zu dem Kapit�n. Dieser antwortete auf englisch, und die drei Bewacher verlie�en den Raum.</p><p>Josiah Haskins Totenaugen hefteten sich auf Jacob und die junge Frau. �Wir wollen jetzt Deutsch sprechen�, sagte er mit zwar starkem Akzent, aber gut verst�ndlich, �damit die Angeklagten der Verhandlung folgen k�nnen.�</p><p>Jacob war nicht verwundert, da� Haskin die deutsche Sprache so gut beherrschte. Als Kapit�n und Eigner eines Schiffes, das zwischen New York und Hamburg verkehrte, mu�te er viel mit deutschen Gesch�ftspartnern zu tun haben. Da blieb wohl einiges haften. So wie Hansen des Englischen m�chtig war. Und auch Maxwell sprach schlie�lich Deutsch, wie Jacob in der Nacht mitbekommen hatte.</p><p>Kapit�n Haskins Augen wanderten weiter und blickten Martin an, der dicht neben seinem Freund stand. �Was suchen Sie noch hier?�</p><p>�Ich bin der Freund dieses Mannes�, erwiderte Martin, dem durchdringenden Blick des Kapit�ns standhaltend.</p><p>�Na und?�</p><p>�Vielleicht kann ich helfen, die Sache aufzukl�ren.�</p><p>Maxwell beugte sich zu Haskin und wisperte etwas in dessen Ohr. Der Kapit�n nickte und sah dann die beiden Freunde wieder an.</p><p>�Jemand mu� den blinden Passagier mit Trinkwasser und Lebensmitteln versorgt haben. Waren Sie das?�</p><p>Bevor Jacob es verhindern konnte, nickte Martin auch schon. �Das bin ich gewesen, Kapit�n. Es war meine Pflicht als Freund.�</p><p>Ein Schatten zog �ber Hansens Gesicht, w�hrend Maxwell seine Zufriedenheit �ber diese Aussage nicht verbergen konnte. Haskins Leichengesicht zeigte weiterhin keine Regung.</p><p>�Ihre Pflichten als Freund stehen hier nicht zur Rede�, r�gte Haskin. �In dieser Verhandlung geht es einzig und allein um die Pflichten, die jeden treffen, der die Planken dieses Schiffes betritt.� Er legte seine Hand auf das d�nnere der beiden B�cher. �Die Pflichten, die sich aus dem geschriebenen Seerecht und aus den ungeschriebenen, aber gewohnheitsrechtlich anerkannten Grunds�tzen ergeben. Durch Ihre Verhaltensweise kommen Sie als Mitt�ter in Betracht. Ich ersuche Sie darum, uns Ihren Namen zu nennen.�</p><p>�Martin Bauer.�</p><p>�Und Ihr Beruf?�</p><p>�Bauer.�</p><p>Zum erstenmal zeigte der Kapit�n so etwas wie Erstaunen, als sein Kopf nach vorn ruckte, als k�nnte er so in das Innerste des anderen sehen. �Wie?�</p><p>Wie zur Entschuldigung breitete Martin die Arme aus. �Ich hei�e Bauer, und ich bin Bauer.�</p><p>Haskin hatte sich wieder in der Gewalt und wandte seine Aufmerksamkeit dem anderen Deutschen zu. �Ihr Name ist Jacob Adler, und Sie sind Zimmermann von Beruf?�</p><p>�Das stimmt�, best�tigte der Gefragte.</p><p>Jacob wu�te jetzt, da� sich der Kapit�n seine Papiere angesehen hatte. Aber er wu�te nicht, ob Haskin Kenntnis von dem Kopfgeld besa�.</p><p>Jetzt war die Frau an der Reihe, von Haskin eindringlich gemustert zu werden. �Ihr Name und Ihr Beruf?�</p><p>�Irene Sommer, Dienstm�dchen.�</p><p>Sie sprach mit leiser, aber klarer Stimme. Jacob ertappte sich bei der Vorstellung, einem Lied aus ihrer Kehle zu lauschen. Pl�tzlich �berw�ltigte ihn das unb�ndige Gef�hl, sich vor die junge Frau zu stellen und sie vor allem B�sen zu besch�tzen,</p><p>das von dem Schiffsgericht ausgehen mochte. Dann dachte er an die Bewaffneten in seinem R�cken und kam sich unsagbar hilflos vor.</p><p>Der Kapit�n sah seinen Ersten Steuermann an. �Tragen Sie nun die Anklage vor, Mr. Maxwell.�</p><p>Als der Mann mit dem Narbengesicht zu sprechen beginnen wollte, trat Jacob einen Schritt vor und sagte laut: �Ich erhebe Einspruch, Kapit�n!�</p><p>�Wogegen?� fragte Haskin. In seiner Stimme mischten sich Verwunderung und Emp�rung �ber die St�rung der Verhandlung. Letzteres �berwog.</p><p>�Gegen die Teilnahme dieses Mannes am Gerichtsverfahren.� Jacob zeigte auf Maxwell. �Jedenfalls, solange er am Richtertisch sitzt. Er geh�rt allenfalls hierher, wo ich stehe, auf die Seite der Angeklagten.�</p><p>�Halt dein dreckiges Schandmaul, du -!� rief der Erste Steuermann, wurde aber von Jacob unterbrochen, der jetzt noch lauter sprach.</p><p>�Sie und Ihre beiden Kumpane da an der Wand haben sich in der letzten Nacht wohl des schlimmsten Vergehens schuldig gemacht, als Sie wie wilde Tiere �ber die Frau hier hergefallen sind. Was die Sache noch schlimmer macht, ist die Tatsache, da� Sie den derzeitigen Zustand der Frau f�r Ihre schmutzigen Absichten ausnutzen wollten!�</p><p>Maxwell sprang auf und war drauf und dran, um den Tisch herumzulaufen und sich auf Jacob zu st�rzen, doch der Kapit�n hielt ihn mit einer Handbewegung zur�ck.</p><p>�Bleiben Sie auf Ihrem Platz, Mr. Maxwell! Und jetzt zu Ihnen, Angeklagter Adler. Es ist allein Sache des Gerichts, Anklagen zu erheben und Beschuldigungen auszusprechen. Sie d�rfen sich gegen die Vorw�rfe, die gegen Sie erhoben werden, verteidigen, sonst nichts. Das Verhalten von Mr. Maxwell sowie der beiden Zeugen Cullen und Braden ist nicht Gegenstand dieser Verhandlung.�</p><p>Sp�testens jetzt wurde Jacob klar, da� er kein gerechtes Verfahren zu erwarten hatte. Das Schiffsgericht erschien ihm pl�tzlich als reines Schauspiel, als inhaltsleere H�lse, nur dazu da, um den Vorschriften zu gen�gen. Mutlosigkeit befiel ihn, und seine eben noch straffen Schultern wurden schlaff.</p><p>�Bitte, Mr. Maxwell�, fuhr Haskin fort und sah seinen Ersten Steuermann erwartungsvoll an.</p><p>Der hatte sich wieder unter Kontrolle, wenn auch das Zucken in seinem Gesicht st�rker geworden war. Er r�ckte seinen Stuhl zurecht und sagte dann: �In der letzten Nacht machte ich in Begleitung der Matrosen Slim Cullen und Larry Braden die Entdeckung, da� die Frau dort, Irene Sommer mit Namen, ein Kind erwartet. Da mir bekannt war, da� sie ohne Mann reist, wollte ich sie �ber die n�heren Einzelheiten befragen. Da kam der Angeklagte Adler, der sich bis dahin unter einem Ruderboot versteckt gehalten hatte, hinzu und griff uns t�tlich an. Wir haben uns nat�rlich verteidigt.�</p><p>Der Kapit�n sah erneut Jacob an. �Was sagen Sie dazu? Haben Sie den Steuermann und seine Begleiter angegriffen?�</p><p>Jacob sp�rte die abwartenden Blicke aller Menschen in der Kapit�nskaj�te, die geradezu an seinen Lippen hingen. Aber was sollte er schon tun, au�er die Wahrheit zu erz�hlen?</p><p>�Das habe ich getan�, sagte er darum. �Aber nur deshalb, weil der Steuermann und die beiden anderen der Frau die Kleider vom Leib rissen und zudringlich werden wollten.�</p><p>�Das stimmt�, sagte Irene Sommer, jetzt lauter als zuvor.</p><p>�Sie k�nnen sich �u�ern, wenn Sie gefragt werden�, sagte Haskin mit einem strafenden Blick auf die Frau. �So lange haben Sie zu schweigen!�</p><p>�Ich bestreite nicht, da� das Kleid der Angeklagten Sommer zerrissen ist�, sagte Maxwell. �Auch sie setzte sich gegen uns zur Wehr und wollte weglaufen. Als wir sie festhielten, ri� das Kleid.�</p><p>�Das w�re also gekl�rt�, meinte der Kapit�n zufrieden.</p><p>�Formulieren Sie jetzt die Anklage, Mr. Maxwell.�</p><p>�Die Angeklagte Sommer verst��t gegen das Gesetz ihres Landes, indem sie als unverheiratete Weibsperson auf einem Auswandererschiff mitf�hrt. Ihr n�chtlicher Widerstand gegen mich als Ersten Steuermann erf�llt au�erdem den Tatbestand der Meuterei. Der Angeklagte Adler hat gegen das Seegesetz versto�en, weil er sich als blinder Passagier an Bord der ALBANY geschlichen hat. Auch er hat sich der Meuterei schuldig gemacht, als er die Matrosen Cullen, Braden und mich angriff. Der Angeklagte Bauer hat gegen das Seerecht versto�en, als er dem Angeklagten Adler half, sich vor den Augen der Schiffsbesatzung zu verbergen.�</p><p>�Danke, Mr. Maxwell�, sagte der Kapit�n und wandte sich jetzt den Matrosen zu, gegen die Jacob in der Nacht gek�mpft hatte. Sie sprachen miteinander Englisch, weil die beiden M�nner wohl die deutsche Sprache nicht beherrschten.</p><p>�Die Matrosen Cullen und Braden haben den von Mr. Maxwell geschilderten Sachverhalt in allen Punkten best�tigt�, sagte Haskin dann, jetzt wieder auf deutsch. �Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung vorzubringen, Angeklagter Adler?�</p><p>�Was die angebliche Meuterei angeht, so kann ich nur bei meiner Schilderung der Tatsachen bleiben, weil sie der Wahrheit entspricht. Was meine Passage betrifft, ist zu sagen, da� ich eine gebucht habe, und zwar beim Agenten August Bult in Hamburg. Mein Freund Martin war dabei. Auch er hat seine Passage bei Bult gebucht.�</p><p>Die �berraschung auf den Gesichtern der drei Richter war unverkennbar.</p><p>Haskin hatte seinen zumindest �u�erlichen Gleichmut als erster wiedergefunden und sah Martin an. �Stimmt das?�</p><p>Martin nickte. �Jawohl, so war es, Kapit�n. Jacob und ich, wir haben unsere Passage zusammen gebucht und zusammen bezahlt. Bult hat von jedem von uns das Geld eingestrichen. Und wir haben Vertr�ge f�r die �berfahrt. Jacobs Vertrag mu� sich zwischen seinen Papieren befinden.�</p><p>Haskin gab auf englisch ein kurzes Kommando, und der untersetzte Matrose, der in der Nacht auf Maxwells Seite gestanden hatte, verlie� eilig die Kaj�te, wohl um Jacobs Sachen zu holen.</p><p>�Wenn das wahr ist�, sagte der Kapit�n nachdenklich, �weshalb haben Sie sich dann unter dem Boot versteckt wie ein blinder Passagier, Adler?�</p><p>�Ich hatte daf�r meine Gr�nde. Sie haben nichts mit diesem Schiff und seiner Besatzung zu tun.�</p><p>�Alles, was sich auf der ALBANY ereignet, geht mich als Kapit�n etwas an�, sagte der Mann mit dem Totengesicht scharf. �Also beantworten Sie meine Frage!�</p><p>�Ich hatte zu Hause einigen �rger und wollte deshalb nicht, da� meine Abreise bekannt wird�, sagte Jacob ausweichend.</p><p>�Was f�r �rger?�</p><p>�Dar�ber m�chte ich nicht sprechen.�</p><p>�Was f�r �rger?� wiederholte der Kapit�n seine Frage.</p><p>Der Untersetzte, der nach kurzem Anklopfen wieder die Kaj�te betrat, enthob Jacob der Antwort. Er legte Jacobs gro�e Ledertasche und eine d�nne Kladde vor seinem Kapit�n auf den Tisch.</p><p>Haskin schob die Kladde zu Piet Hansen hin�ber, der sich bis dahin v�llig ruhig verhalten hatte. �Pr�fen Sie nach, ob der Angeklagte Adler in der Passagierliste verzeichnet ist, Mr. Hansen.�</p><p>W�hrend der b�rtige Steuermann die Kladde aufschlug, begann Haskin mit der Durchsuchung von Jacobs Tasche und legte jegliche Papiere daraus vor sich auf die Tischplatte. Pl�tzlich zog er seine d�nnen Brauen nach oben und hielt ein Blatt Papier hoch, das er zuvor auseinandergefaltet und studiert hatte.</p><p>�Hier habe ich einen von August Bult ausgestellten Passagiervertrag f�r die ALBANY.� Er machte eine</p><p>Kunstpause, um das Folgende besonders hervorzuheben. �Aber ausgestellt ist er nicht auf einen Jacob Adler, sondern auf den Namen Gottlob Karst! Wie erkl�ren Sie sich und uns das, Angeklagter?�</p><p>�Das ist ganz einfach. Wegen meiner Schwierigkeiten zu Hause habe ich Bult einen falschen Namen genannt. Wie ich schon sagte, ich wollte nicht, da� meine Abreise bekannt wird.�</p><p>So war es tats�chlich gewesen. Jacob hatte eine fast diebische Freude dabei empfunden, als er Bult den Namen des Gendarmen aus seiner Heimatstadt nannte. Er konnte damals nicht ahnen, da� man ihm aus dieser Vorsichtsma�nahme einen Strick drehen w�rde.</p><p>�Eine etwas fadenscheinige Ausrede�, befand der Kapit�n und blickte nach links. �Haben Sie den Angeklagten Adler auf der Passagierliste gefunden, Mr. Hansen?�</p><p>Der Angesprochene sch�ttelte den Kopf. �Nein, Kapit�n.�</p><p>�Und wie steht es mit dem Namen Gottlob Karst?�</p><p>�Steht auch nicht auf der Liste.�</p><p>�Dann haben Sie auch keine g�ltige Passage gebucht, Angeklagter Adler�, befand Haskin. �All das l��t nur den Schlu� zu, da� Sie sich nicht nur als blinder Passagier an Bord gestohlen haben, sondern da� Sie auch einen Reisevertrag des Agenten Bult gef�lscht haben, um sich damit die �berfahrt zu erschleichen.�</p><p>Die Worte des Kapit�ns rauschten an Jacob vorbei wie ein Wasserfall. Krampfhaft �berlegte er, wieso er auch unter dem Namen Karst nicht auf der Passagierliste stand.</p><p>Er dachte zur�ck an jene Nacht in Hamburg, als Bult ihn an die Polizei verraten hatte. Und da kannte er den Grund. Bult wollte doppelt, nein dreifach verdienen. Erst hatte er von Jacob das Geld f�r die Schiffspassage kassiert, ihn dann zwecks Erlangung des Kopfgeldes an die Polizei verraten und dann seine Passage einfach noch einmal an einen anderen</p><p>Auswanderer verkauft. Da Bult damit rechnete, da� die Polizei Jacob festnahm, meldete er ihn nicht als Reisenden auf dem Schiff an.</p><p>Ja, das mu�te der Grund sein. Aber wie sollte Jacob das dem Kapit�n klarmachen, ohne gleichzeitig zu verraten, da� er von der preu�ischen Polizei per Steckbrief gesucht wurde? Er befand sich in einer Zwickm�hle.</p><p>Martin versuchte ihn daraus zu befreien, indem er sagte: �Aber ich kann bezeugen, da� es so ist, wie Jacob es geschildert hat. Ich war schlie�lich dabei, als er den Vertrag mit dem Namen Karst unterschrieb.�</p><p>�Sie l�gen, um Ihren Freund zu decken!� erwiderte Haskin so erregt, da� seine letzten Worte halb in einem heftigen Hustenanfall untergingen. Als der Kapit�n seine Lunge wieder unter Kontrolle hatte, sagte er: �Ich habe jetzt genug von Ihrer L�gerei, Angeklagte Adler und Bauer! Wenden wir uns der Angeklagten Sommer zu.� Sein furchteinfl��ender Blick traf die junge Frau. �Was sagen Sie zu Ihrer Verteidigung?�</p><p>�Es. stimmt, ich erwarte ein Kind. Aber es ist so, wie Herr Adler sagte. Die drei Seeleute griffen mich an und. wollten mir ein Leid antun. Herr Adler kam hinzu, um mir beizustehen.�</p><p>�Das haben wir bereits abgehandelt und als L�gengeflecht enttarnt, Angeklagte Sommer. Sie sollten sich nicht von den beiden anderen Angeklagten zum L�gen verleiten lassen. Sagen Sie mir lieber, ob es stimmt, da� Sie ohne den Kindsvater reisen!�</p><p>Die Frau konnte dem inquisitorischen Blick des Kapit�ns nicht l�nger standhalten und schlug die Augen nieder, in die ihr Tr�nen traten. Sie wollte etwas sagen, aber ihre Worte gingen in einem heftigen Schluchzen unter, das ihren ganzen K�rper sch�ttelte.</p><p>�Rei�en Sie sich zusammen!� schnarrte Haskin. �Spielen Sie kein Theater, sondern beantworten Sie meine Frage! Befindet sich der Vater Ihres Kindes an Bord dieses Schiffes?�</p><p>Die Bilder st�rzten auf Jacob ein. Kapit�n Haskin, der lauernd wie eine Spinne im Netz an dem gro�en Tisch sa� und die Frau mit seinem Verh�r an den Rand des Zusammenbruchs trieb. Bob Maxwell, der sein h�hnisches Grinsen und seine Befriedigung �ber Irene Sommers Dem�tigung kaum zu verbergen versuchte. Und die junge Frau selbst, ein H�ufchen Elend jetzt, aber immer noch sch�n und mit einer Art nat�rlicher W�rde ausgestattet, die den Angeh�rigen des Schiffsgerichts - Piet Hansen vielleicht ausgenommen - v�llig abging. Jacob sp�rte f�rmlich, welcher Kampf im Innern der Frau tobte. Sie schien am Ende ihrer Kr�fte zu sein.</p><p>�Befindet sich der Kindsvater an Bord der ALBANY?� wiederholte der Kapit�n, scharf wie ein Rasiermesser, seine Frage.</p><p>�Ja�, sagte Jacob laut, um der Qu�lerei ein Ende zu bereiten.</p><p>Er stand jetzt wieder im Mittelpunkt des Interesses. Alle Blicke dr�ckten Verwunderung aus, nicht nur die der Richter, sondern auch die von Irene Sommer und Martin. Die Angeh�rigen des Schiffsgerichtes bemerkten das Erstaunen der Frau zum Gl�ck nicht, weil sie sich ganz auf Jacob konzentrierten.</p><p>�Sie kennen den Vater des Kindes, Angeklagter Adler?� fragte der Kapit�n.</p><p>�Ja.�</p><p>�Und er ist an Bord der ALBANY?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wo h�lt er sich auf?�</p><p>�Hier�, sagte Jacob und trat einen Schritt vor. �Er steht vor Ihnen.�</p><p>Die Frau schluckte, und Martin mu�te sich f�rmlich dazu zwingen, seinen weit offenstehenden Mund zu schlie�en. Beide wu�ten, da� Jacob gelogen hatte.</p><p>Sein Vater hatte ihn zwar zur Ehrlichkeit erzogen, aber hier galten solche Regeln nicht. Vor einem Gericht, das nur eine Farce war und dem der Haupt�belt�ter angeh�rte, mu�te jedes Mittel erlaubt sein.</p><p>Au�erdem ging es nicht an, Gericht oder nicht, eine schwangere Frau so zu qu�len. Das vorhin bereits empfundene Gef�hl, die Frau vor allem Schlechten besch�tzen zu m�ssen, war in Jacob �berm�chtig geworden und hatte ihn zu dieser Aussage gedr�ngt.</p><p>Wieder gelang es dem Kapit�n verh�ltnism��ig schnell, sich von seiner �berraschung zu erholen. �Warum haben Sie das nicht eher gesagt, Angeklagter?�</p><p>�Weil Sie mich nicht danach gefragt haben, Herr Kapit�n. Sie haben selbst gesagt, da� wir nur antworten sollen, wenn wir gefragt werden.�</p><p>Das schmale, bleiche Gesicht des Kapit�ns zeigte ausnahmsweise so etwas wie eine menschliche Regung. Wenn Jacob diese Regung richtig deutete, spiegelte sie Haskins Mi�fallen �ber seine �u�erung wider.</p><p>�Warum reisen Sie nicht zusammen mit Ihrer Frau?� fuhr der Kapit�n fort. �Sind Sie �berhaupt verheiratet?�</p><p>�Noch nicht�, antwortete Jacob. Ihm fiel ein, da� er die junge Frau in die Gefahr gebracht hatte, ebenfalls beschuldigt zu werden, einem blinden Passagier beigestanden zu haben. �Irene wu�te bis gestern nacht nicht, da� ich an Bord bin.�</p><p>Haskin wurde sichtlich von Minute zu Minute ungehaltener. �Wozu sollte dieses ganze Versteckspiel gut sein, Mann?�</p><p>Jacob beschlo�, da� er jetzt, wo er einmal damit angefangen hatte, ruhig weiterl�gen konnte. �Irenes Vater wollte nicht, da� wir heiraten. Wir haben uns gestritten und schlie�lich gepr�gelt.� Er hob seine gro�en H�nde und ballte sie zu F�usten. �Ich sch�tze, er hat ordentlich was dabei abbekommen. Jedenfalls hat er mich wegen K�rperverletzung bei der Polizei angezeigt. Irene und ich wollten uns in Hamburg treffen, dort heiraten und uns nach Amerika einschiffen. Aber ihr Vater reiste uns nach, sp�rte mich auf und verriet mich an die Polizei. Deshalb habe ich Bult einen falschen Namen genannt und mich als blinder Passagier an Bord schleichen m�ssen.�</p><p>Ein Grinsen zog �ber Maxwells Gesicht und lie� seine Messernarbe auf der linken Wange ein St�ck wandern. �Wenn Sie bei Bult gebucht haben, weshalb haben Sie sich dann nicht ordentlich unter Ihrem falschen Namen eingeschifft? Und weshalb stehen Sie dann nicht unter Ihrem falschen Namen auf der Passagierliste?�</p><p>Haskin nickte zustimmend und sagte: �Beantworten Sie die Frage, Angeklagter!�</p><p>�Bult hat mich verraten. Dieser Winkelagent kam nachts in Begleitung von Polizisten in mein Quartier, um mich festzunehmen. Ich konnte in letzter Sekunde entwischen. Ich nehme an, in Erwartung meiner Verhaftung hat der Kerl meine Passage anderweitig verkauft.�</p><p>Zum erstenmal sah Jacob so etwas wie ein Grinsen auf Haskins Totengesicht. �So was s�he Bult �hnlich. Der Mann ist mit allen Wassern gewaschen.�</p><p>Jacob war zufrieden, da� sich seine gerade erfundene Geschichte f�r den Kapit�n so plausibel anh�rte. Andererseits lag sie gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt. Nur die Vorgeschichte stimmte nicht. Aber Jacob hatte dem Kapit�n und Maxwell nicht auf die Nase binden wollen, da� er wegen versuchten Mordes gesucht wurde. Das h�tte sie nur eine hohe Belohnung, die ja tats�chlich auf ihn ausgesetzt war, wittern lassen.</p><p>Haskin rieb sein spitzes Kinn und sah dann wieder die junge Frau an, die sich einigerma�en beruhigt und Jacobs Worten mit ebensolchem Erstaunen gelauscht hatte wie alle �brigen Anwesenden. Jacob schickte ein stilles Sto�gebet gen Himmel, da� sie sich ihre �berraschung nicht anmerken lie�. Dann w�re alles vergeblich gewesen.</p><p>�Stimmt es, da� der Angeklagte Adler der Vater Ihres Kindes ist?� wollte Haskin wissen.</p><p>Irene Sommer schaute auf, sah in die Gesichter der drei Richter und dann in das von Jacob. Als sei sie sich nicht sicher, ob sie dessen Spiel mitmachen sollte.</p><p>�Angeklagte�, sagte Haskin forsch und zeigte auf Jacob, �ist dieser Mann der Vater Ihres Kindes?�</p><p>�Ja�, sagte Irene leise. �Er ist es.�</p><p>*</p><p>Kapit�n Haskin hatte die drei Angeklagten unter der Aufsicht der bewaffneten Seeleute vor die Kaj�te geschickt, um sich mit Bob Maxwell und Piet Hansen �ber das Urteil zu beraten. Auch die beiden als Zeugen geladenen Matrosen, die Jacob lieber - wie auch ihren Anf�hrer Maxwell - auf der Seite der Angeklagten gesehen h�tte, waren hinausgeschickt worden und hatten sich davongemacht. Wahrscheinlich hatte Haskin ihnen befohlen, ihren Dienst wiederaufzunehmen, da sie nicht mehr gebraucht wurden.</p><p>Martin zog Jacob ein St�ck beiseite und raunte: �H�r mal, Freund, in was reitest du dich da rein? Du willst mir doch nicht weismachen, da� du tats�chlich der Vater bist?�</p><p>�La� uns sp�ter dar�ber sprechen�, fl�sterte Jacob und blickte in die Richtung der vier Bewaffneten. �Wenn keine �berfl�ssigen Ohren dabeisind.�</p><p>�Diese Ohren verstehen wohl kaum unsere Sprache. Au�erdem traue ich diesem sogenannten Gericht nicht. Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob es f�r uns ein Sp�ter gibt.�</p><p>�Warten wir es ab�, meinte Jacob achselzuckend, als die Kaj�tent�r auch schon wieder ge�ffnet wurde.</p><p>Piet Hansen befahl den Angeklagten, einzutreten, und nahm selbst wieder neben dem Kapit�n am Tisch Platz. Bewacht von zwei Matrosen, traten Jacob, Martin und Irene Sommer wieder in die komfortable Kaj�te.</p><p>Haskin stand auf und legte die rechte Hand auf das Seerecht. �Das Schiffsgericht der ALBANY hat sein Urteil gef�llt. Der Angeklagte Jacob Adler hat sich schuldig gemacht des Erschleichens einer Schiffspassage, da er nicht im Besitz eines g�ltigen Reisevertrags ist und er sich ohne Wissen der Schiffsbesatzung an Bord begeben hat. Au�erdem hat er sich der Meuterei schuldig gemacht, als er den Ersten Steuermann und seine Begleitung t�tlich angriff. Der Angeklagte wird darum in Ketten gelegt, bis die ALBANY den n�chstgelegenen Hafen angelaufen hat. Dort wird er den Beh�rden �bergeben. Da er der Vater des Kindes ist, das im Leib der Angeklagten Irene Sommer heranw�chst, und da nach preu�ischem Gesetz alleinstehenden M�ttern das Auswandern verboten ist, mu� die Angeklagte mit ihm zusammen das Schiff verlassen. Auch sie wird den Beh�rden zur weiteren Entscheidung �ber ihr Schicksal �bergeben. Die Vergehen des Angeklagten Martin Bauer wiegen weniger schwer, besonders, da er sich nicht t�tlich gegen die Schiffsbesatzung gewandt hat. Er wird deshalb zur Zahlung einer Geldstrafe in H�he von zehn US-Dollar verurteilt. Nehmen Sie das Urteil an, Angeklagter Bauer?�</p><p>�Ja�, sagte Martin fast tonlos.</p><p>Er konnte sich �ber sein glimpfliches Davonkommen nicht so recht freuen. Er sah seinen Freund an, und Jacobs Schicksal erschien ihm im Moment wichtiger als sein eigenes. Der Zimmermann war ihm in Hamburg zu Hilfe gekommen, als Martin sich gegen eine gef�hrliche Bande von Stra�endieben verteidigte. Vielleicht hatte Jacob ihm damit sogar das Leben gerettet. Und jetzt sollte er nichts f�r ihn tun k�nnen?</p><p>Martin f�hlte sich hundeelend, als er mit ansehen mu�te, wie zwei der Bewaffneten Jacob abf�hrten.</p><p>*</p><p>Wieder wurde Jacob erst �ber Deck und dann durchs Zwischendeck in den Frachtraum gef�hrt. Er rechnete damit, erneut mit Stricken gefesselt und an seinen alten Platz gebracht zu werden. Aber er sah sich get�uscht, als an der Treppe hinunter zum Frachtraum Bob Maxwell, eine Laterne in der Hand, zu der kleinen Gruppe stie�. Ein h�misches Grinsen lag auf seinem Narbengesicht.</p><p>�Jetzt haben wir dich, du Krautfresser�, sagte er und entbl��te dabei ein schlechtes Gebi�, dem einige Z�hne fehlten; die anderen war tiefgelb bis schwarz. �Deine ganze L�gerei hat dir nicht geholfen. Du wirst die amerikanische K�ste niemals sehen, so wahr ich Bob Maxwell hei�e!�</p><p>�Mit dem L�gen kennen Sie sich gewi� aus�, entgegnete Jacob. �Sie haben dem Kapit�n ein h�bsches M�rchen aufgetischt, was den n�chtlichen �berfall auf Fr�ulein Sommer betrifft.�</p><p>�Halt die Schnauze!� stie� der Erste Steuermann hervor und schlug Jacob mit der flachen Linken so heftig ins Gesicht, da� dieser nach hinten taumelte und mit dem R�cken gegen den Treppenaufgang prallte. Jacob hatte pl�tzlich einen ungewohnten s��lichen Geschmack im Mund, den Geschmack von Blut.</p><p>Die Wut auf Maxwell packte ihn. Er stie� sich vom Treppenaufgang ab, sprang den Steuermann mit einem riesigen Satz an und ri� ihn zu Boden. Die Laterne entglitt Maxwells Hand und kullerte �ber die feuchten Planken.</p><p>Der Angegriffene erholte sich schnell von der �berraschung und zauberte irgendwie ein Klappmesser in seine Hand, die eben noch die Laterne gehalten hat. Mit einer geschickten Drehung der Hand lie� er die Klinge ausschnappen. Schon fuhr der t�dliche Stahl auf Jacobs Gesicht zu.</p><p>Der junge Deutsche packte Maxwells rechten Arm mit beiden H�nden und schlug ihn so stark auf die Planken, da� der Seemann einen Schmerzensschrei ausstie� und das Messer loslie�. Jacob ri� die Rechte hoch und ballte sie zur Faust, um seinem Gegner einen Hieb unters Kinn zu versetzen, als ihn ein harter Schlag am Hinterkopf traf.</p><p>Eine unbeschreibliche �belkeit �berflutete den Zimmermann. Maxwells Gesicht vor ihm verschwamm, und er schien in ein bodenloses Loch zu st�rzen.</p><p>Es konnten nur Sekunden vergangen sein, bis er wieder zu sich kam. Er lag auf den Planken und blickte in die Gesichter der drei Seeleute.</p><p>Die beiden Matrosen schienen entschlossen, keine weitere Aufm�pfigkeit ihres Gefangenen zu dulden.</p><p>Die M�ndungen ihrer Karabiner zeigten auf Jacobs Brust. Einer der M�nner mu�te ihm zuvor die Waffe �ber den Sch�del gezogen haben.</p><p>Ganz nah �ber ihm kauerte Maxwell, das Messer wieder in der Rechten, das Gesicht wutverzerrt. Jacob konnte jetzt erkennen, da� die gro�e Narbe auf seiner linken Wange tief ins Fleisch schnitt, als habe jemand versucht, Maxwells Gesicht von dieser Seite aus in zwei H�lften zu spalten. Das Meer der Pockennarben verunstaltete den Steuermann zus�tzlich. Vielleicht war sein h��liches �u�eres einer der Gr�nde f�r seinen schlechten Charakter.</p><p>Maxwell dr�ckte die Messerspitze so fest gegen Jacobs Hals, da� dicke Bluttropfen hervorquollen. �Jetzt schneide ich dir den Kopf ab, Krautfresser!�</p><p>Jacob sah keine M�glichkeit, seinem Schicksal zu entgehen. Wenn er sich gegen den Steuermann zu wehren versuchte, w�rden die Bewaffneten abdr�cken. Ihm schien nur die Wahl zu bleiben, ob er durch das Messer oder durch zwei Bleikugeln starb.</p><p>Das Messer schnitt tiefer in Jacobs Fleisch. Aus der kleinen blutenden Stelle wurde ein langer Ri�, als einer der Matrosen erregt etwas auf englisch sagte. Maxwell antwortete ebenso erregt, und zwischen den beiden entspann sich ein heftiger</p><p>Disput.</p><p>Schlie�lich zog Maxwell widerwillig das Messer zur�ck, wischte die blutende Klinge an Jacobs Hosenbein ab und lie� sie wieder einschnappen. �Du hast Gl�ck, Krautfresser, da� dich sowieso ein schlimmes Schicksal erwartet. Sonst w�rst du deinen Kopf jetzt los gewesen.�</p><p>Maxwell stand auf und warf dem Seemann, mit dem er gesprochen hatte, einen b�sen Blick zu. Wahrscheinlich hatte der seinen Vorgesetzten darauf hingewiesen, da� er einen Mord an einem wehrlosen Gefangenen nicht dulden k�nne.</p><p>Jacob verdankte dem Mann sein Leben und war ihm �beraus dankbar. Er zweifelte nicht daran, da� Maxwell seine Drohung in die Tat umgesetzt h�tte. In seinen dunklen Augen hatte Jacob unverkennbare Blutgier gelesen.</p><p>Mit einem pochenden Schmerz im Hinterkopf stand der junge Deutsche auf, als sein Retter mit dem Karabiner eine entsprechende Geste machte.</p><p>Der Marsch ging tiefer in den Frachtraum hinein und endete vor einer Art Verschlag mit dicken Holzw�nden. Die T�r war mit einer dicken Kette und einem gro�en Schlo� gesichert. Maxwell zog einen Schl�ssel hervor und sperrte die T�r auf.</p><p>Als der Schein seiner Laterne in den etwa zehn Quadratfu� gro�en Verschlag fiel, sah Jacob, da� es Kapit�n Haskin w�rtlich gemeint hatte, als er davon sprach, den Gefangenen in Ketten legen zu lassen. An kleinen Eisenringen waren mehrere dicke Ketten in die W�nde eingelassen, die wiederum in gro�en Eisenringen ausliefen. Hier konnte ein halbes Dutzend Gefangene angekettet werden.</p><p>Beim genaueren Hinsehen entdeckte Jacob viele dunkle Flecken auf dem Boden und an den W�nden, die aussahen wie verkrustetes Blut. Welche Trag�dien mochten sich hier unten abgespielt haben?</p><p>Das ungute Gef�hl in Jacob verst�rkte sich noch. Er fragte sich, ob ein solches Gef�ngnis auf einem Schiff �blich war, das</p><p>Frachtgut und Auswanderer transportierte. Die omin�sen Worte, die Piet Hansen in Hamburg �ber die ALBANY verloren hatte, kamen ihm wieder in den Sinn. Es war ihm, als liege ein d�steres Geheimnis �ber dem Segler. Oder ein Fluch.</p><p>Jacob mu�te sich an eine Wand setzen, und einer der gro�en Ringe wurde von Maxwell um seinen rechten Fu� geschlossen. Als das Eisen zuschnappte, f�hlte Jacob sich ganz und gar verloren. Der Steuermann vergewisserte sich sorgf�ltig, da� der Ring auch richtig sa�.</p><p>�Jetzt kannst du hier vermodern, Krautfresser! Es kann noch Tage dauern, bei schlechtem Wetter noch l�nger, bis die ALBANY einen Hafen anl�uft. Vielleicht vergessen wir dich auch ganz.� Maxwells Blick wanderte zu einer der getrockneten Blutlachen. �Du w�rst nicht der erste.�</p><p>Er stand auf und versetzte dem Gefangenen einen schmerzhaften Tritt in die Seite, bevor er den Verschlag verlie� und die T�r zusperrte.</p><p>Es rasselte, als die Kette vorgelegt und der Schl�ssel herumgedreht wurde. Schritte entfernten sich rasch. Einmal noch h�rte Jacob Maxwells boshaftes Lachen. Dann waren wieder Dunkelheit und Stille um ihn herum, wie schon ein paar Stunden zuvor.</p><p>Aber diesmal f�hlte sich Jacob ungleich mutloser.</p><p>*</p><p>Martin Bauer begleitete Irene Sommer nach der Verhandlung zur�ck ins Zwischendeck. Bei den Verh�ltnissen an Bord wunderte er sich fast dar�ber, da� der Kapit�n nicht auch noch die schwangere Frau in Eisen legen lie�. Die beiden jungen Deutschen waren gleicherma�en niedergeschlagen und sprachen kaum miteinander. Irene dachte wohl an das nahe Ende ihrer Schiffsreise, und Martins Gedanken besch�ftigten sich mit dem Schicksal seines Freundes.</p><p>Irenes Schlafstelle lag im hinteren Teil des Zwischendecks, wo die wenigen alleinstehenden Frauen untergebracht waren. Neugierig blickten die anderen Auswanderinnen sie an. Inzwischen hatte wohl die Runde gemacht, in welchem Zustand sie sich befand.</p><p>Als Martin sich verabschiedete, sagte die junge Frau traurig: �Es tut mir so leid, da� Ihr Freund meinetwegen in Schwierigkeiten gekommen ist.�</p><p>Ihr Begleiter sch�ttelte den Kopf. �Sie m�ssen sich keine Vorw�rfe machen. Die Schwierigkeiten h�tte er sowieso bekommen, auf diesem Schiff bestimmt. Er h�tte sich nicht w�hrend der ganzen �berfahrt versteckt halten k�nnen.�</p><p>�Aber wenn wir weit drau�en auf dem Atlantik gewesen w�ren, h�tte der Kapit�n ihn nicht in einem Hafen absetzen k�nnen.�</p><p>�Wer wei�, was Haskin und Maxwell dann mit ihm angestellt h�tten. Vielleicht h�tten sie ihn in einem Ruderboot auf dem Meer zur�ckgelassen.�</p><p>Irene sah ihn mit einer Mischung aus Furcht und Zweifel an. �Glauben Sie das wirklich?�</p><p>�Ich habe das Gef�hl, auf der ALBANY f�hrt der Teufel mit. Und dem Teufel ist alles zuzutrauen.� Martin wandte sich zum Gehen, sagte dann aber noch: �Wenn Sie Hilfe brauchen, wenden Sie sich an mich. Meine Schlafstelle ist ganz vorn, vor dem Buggep�ckraum.�</p><p>�Bei den Junggesellen.�</p><p>�Ja, genau.�</p><p>Lustlos zw�ngte sich Martin durchs enge Zwischendeck zu seiner Schlafstelle. Von der Ger�umigkeit der Kapit�nskaj�te war hier unten keine Spur, von ihrem Prunk ganz zu schweigen. Jeder Zoll Raum war ausgenutzt, und zwischen den Schlafstellen f�hrte nur ein schmaler Gang hindurch, der gerade mal Platz f�r eine Person bot.</p><p>Das Schiff erwachte zum allmorgendlichen Leben. Martin mu�te oft stehenbleiben und warten, als er durch den gro�en Mittelteil des Zwischendecks ging, wo die Familien schliefen. M�tter standen im Gang und waren damit besch�ftigt, ihren Kindern die L�use, die es hier in H�lle und F�lle gab, aus den Haaren zu k�mmen. Daneben standen oder knieten die V�ter und durchsuchten die Schlafstellen nach den nicht minder zahlreich vertretenen Wanzen, die sich in der Nacht vom Blut der Auswanderer gen�hrt hatten.</p><p>Martin �berlegte es sich anders und verlie� das Zwischendeck, als er den Aufgang erreichte. Unten war es so voll und stickig, da� er es als wenig angenehm empfand, l�nger als unbedingt n�tig hier zu verweilen. Die Masse der Menschen lie� ihm als sicher erscheinen, da� sich Kapit�n Haskin um des Profits willen nicht an die vorgeschriebenen Raumma�e, die jedem Auswanderer wenigstens ein Minimum an Bewegungsfreiheit garantieren sollten, gehalten hatte.</p><p>Die Ausd�nstungen der Menschen, von denen viele die Reinlichkeit nicht gepachtet hatten, verdichteten sich zu einer Luft, die kaum noch diesen Namen verdiente und fast mit dem Messer geschnitten werden konnte. F�r das gesamte Zwischendeck, das sich fast �ber die ganze Schiffsl�nge erstreckte, gab es ein einziges Luftzugrohr. Zus�tzliche Luft kam durch die Luke des Aufgangs herein, die meistens offenstand. Aber es reichte auch zusammen nicht aus, um f�r eine einigerma�en ertr�gliche Luft zu sorgen.</p><p>Erst hatte Martin sein E�geschirr von der Bettstelle holen wollen, um sich in die lange Schlange der Auswanderer einzureihen, die oben auf Deck nach Fr�hst�ck und Kaffee anstanden. Aber dann verzichtete er angesichts seines mangelnden Appetits darauf.</p><p>Fr�her hatte er nie dar�ber klagen k�nnen, keinen Appetit zu haben. Ganz im Gegenteil, sein Vater hatte manchmal im Scherz gesagt, Martin w�rde ihm noch einmal das Dach �ber dem Kopf wegfuttern.</p><p>Aber auf dem Schiff war alles anders geworden. Der Kaffee war d�nn, als bestehe er zu neunundneunzig Prozent aus Wasser, was sicher nicht ganz falsch gedacht war. Der Zwieback war so hart, da� er mit dem Hammer oder dem Stiefelabsatz zerteilt werden mu�te. Schinken und Fleisch a� man am besten mit geschlossenen Augen, oder man unterzog sich der m�hevollen Arbeit, Dutzende von W�rmern herauszupulen.</p><p>Martin hatte geh�rt, da� es auf Auswandererschiffen, die Amerika von anderen L�ndern aus ansteuerten, �blich war, da� sich die Reisenden selbst verpflegten. Er beneidete sie darum, vor solch schlechter Verpflegung, wie sie an Bord der ALBANY ausgeteilt wurde, bewahrt zu sein. Kapit�n Haskin schien nicht nur durch eine �berladung an Passagieren Geld scheffeln zu wollen, sondern auch durch das Sparen an ordentlichen Mahlzeiten.</p><p>Martin a� nicht mehr aus Herzenslust, sondern nur noch aus Pflichtgef�hl seinem K�rper gegen�ber. Dieses Pflichtgef�hl stellte er heute morgen hintenan. Nicht nur seine schlechte Gef�hlslage war daf�r verantwortlich, sondern auch das best�ndig st�rker werdende Schlingern der Bark. Bis jetzt war er von der Seekrankheit verschont worden, und er wollte sein Schicksal nicht herausfordern.</p><p>Er war gerade auf Deck getreten, als er auf Bob Maxwell und die beiden Bewaffneten stie�, die Jacob abgef�hrt hatten.</p><p>�Ich suche Sie schon �berall, Bauer�, sagte der Erste Steuermann. �Sie wollten sich doch nicht etwa Ihrer Zahlungsverpflichtung entziehen?�</p><p>�Na, klar doch! Ich hatte mir gerade �berlegt, ob ich nicht �ber Bord springen und nach New York schwimmen soll, damit ich die zehn Dollar spare.�</p><p>Maxwells schon vorher griesgr�miges Gesicht verdunkelte sich noch mehr. �Treiben Sie mit mir keine dummen Scherze, Mann! Her mit dem Geld!�</p><p>Martin zog seine lederne B�rse aus der Innentasche seiner Jacke und holte zehn Dollarm�nzen heraus, was seine Barschaft erheblich zusammenschmelzen lie�. Maxwell wollte ihm das Geld aus der Hand nehmen, aber der Deutsche zog schnell seine Rechte zur�ck und ballte sie um die M�nzen zur Faust.</p><p>�Was soll das bedeuten?� fragte der narbengesichtige Steuermann scharf, und die Karabiner seiner Begleiter ruckten hoch, zielten jetzt auf Martin. �Sie wollen also doch nicht bezahlen!�</p><p>�Doch, ich werde meine Strafe bezahlen, aber nur gegen Quittung.�</p><p>�Gegen Quittung?�</p><p>�Ganz recht. Das ist ein Papier, auf dem Sie mir den Empfang des Geldes best�tigen.�</p><p>�Ich wei�, was eine Quittung ist!�</p><p>�Na, bestens. Dann stellen Sie mir eine aus, und Sie bekommen das Geld.�</p><p>�Das Ausstellen von Quittungen ist an Bord der ALBANY nicht �blich.�</p><p>�Das interessiert mich nicht. Wenn ich Ihnen Geld aush�ndige, habe ich ein Anrecht auf eine Quittung. Ich habe keine Lust, meine Strafe zweimal zu bezahlen.�</p><p>Maxwells Augen verengten sich zu Schlitzen. �Soll das hei�en, da� Sie mir mi�trauen?�</p><p>�Ich traue Ihnen nicht weiter, als man bei diesem Wetter gegen den Wind spucken kann.�</p><p>�Das ist eine Beleidigung!� fuhr der Steuermann den Deutschen an. �Ich werde Sie wegen Meuterei in Eisen legen lassen!�</p><p>�Aber erst nach einer ordentlichen Verhandlung des Schiffsgerichtes, nehme ich an�, erwiderte Martin mit bitterem Hohn. Der in ihm aufgestaute �rger verschaffte sich jetzt Luft. �Au�erdem war das keine Beleidigung, sondern nur die</p><p>Wahrheit. Es ist ganz allein meine Angelegenheit, zu wem ich Vertrauen habe und zu wem nicht.�</p><p>�Schlu� mit dem Gerede!� zischte Maxwell. �Geben Sie mir endlich das Geld!�</p><p>�Gern�, sagte Martin und schenkte seinem Gegen�ber ein falsches L�cheln. �Sobald Sie mir eine Quittung ausstellen.�</p><p>F�r ein paar Sekunden stand der Steuermann unentschlossen da. Wieder zog das Zucken, das seine Messernarbe tanzen lie�, �ber sein Gesicht. Wahrscheinlich �berlegte er, ob er seine Drohung, den Deutschen in Eisen legen zu lassen, wahr machen sollte.</p><p>Als sein Blick auf die Menge der Auswanderer fiel, die sich neugierig um die Gruppe versammelt hatte, entschied er sich anders, friemelte Block und Bleistift aus seinen Taschen und stellte die Quittung aus, die Martin verlangt hatte. Im Gegenzug erhielt er die zehn Dollar.</p><p>�Was ist mit Jacob?� fragte Martin, als die drei Seeleute sich davonmachen wollten.</p><p>�Was soll mit ihm sein?� erwiderte Maxwell. �Er liegt unten im Frachtraum in Ketten, wie es das Schiffsgericht beschlossen hat.�</p><p>�Darf ich ihn besuchen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Weil es gegen die Regeln an Bord verst��t.�</p><p>Der Steuermann drehte sich um und ging in Begleitung der beiden Bewaffneten davon.</p><p>�Ich hoffe, Jacob wird gut behandelt und ausreichend mit Essen und Wasser versorgt!� rief Martin den M�nnern hinterher. �Ich werde mich danach erkundigen!�</p><p>Maxwells einzige Reaktion bestand in einem unwilligen Grunzen.</p><p>Martin schaute hinauf in den grauen Himmel, der sich immer mehr zuzog, und er dachte an seinen eingesperrten Freund. Er h�tte ihm seine Lage gern erleichtert, aber sosehr er auch gr�belte, er fand keine M�glichkeit. Nur in Gedanken konnte er Jacob beistehen.</p><p>*</p><p>Die ALBANY �chzte und st�hnte im Geb�lk, als sie von der aufgew�hlten See hin und her geworfen wurde. Die Zeit des ruhigen Seegangs schien vorbei zu sein.</p><p>Aber machte das f�r Jacob einen Unterschied? Seine Tage an Bord waren gez�hlt. Ob das Schiff demn�chst einen britischen, einen niederl�ndischen oder einen franz�sischen Hafen anlief, blieb sich gleich. Wahrscheinlich w�rde Jacob bald schon im Gewahrsam der preu�ischen Polizei sein und der Gerichtsverhandlung wegen versuchten Mordes an Bertram Arning entgegensehen.</p><p>Diese Tatsache empfand der tief im Bauch des Seglers Gefangene als weniger schlimm als den Umstand, da� ihm dadurch das Wiedersehen mit seiner Familie verwehrt wurde. Und auch der Triumph, den Arning bei Jacobs Verurteilung empfinden w�rde, nagte an Jacobs Seele.</p><p>Am meisten besch�ftigte ihn aber die junge Frau, Irene Sommer, deretwegen er sein Versteck aufgegeben hatte. Sie ging ihm einfach nicht aus dem Kopf, war seltsamerweise st�rker in seinen Gedanken vertreten als Louisa, die er vor kurzem noch hatte heiraten wollen - als er noch nicht wu�te, da� sie l�ngst die Frau von Bertram Arning war.</p><p>Jacob empfand keine Wut auf Irene. Sie war nicht schuld an seiner Lage.</p><p>Vielmehr sorgte er sich um sie und das ungeborene Kind. Er fragte sich, wer wirklich der Vater sein mochte und warum die junge Frau ganz allein die Reise �ber den weiten Ozean angetreten hatte. Suchte sie jemanden oder etwas dr�ben in der Neuen Welt? Oder war sie auf der Flucht vor etwas in ihrer</p><p>Heimat? Vielleicht vermischten sich beide Motive, wie es bei Jacob der Fall war.</p><p>Der Gedanke an Irene, an ihr sch�nes Gesicht mit den goldblonden Locken, das er im Geiste vor sich sah, half ihm, die langen Stunden in seinem schwimmenden Kerker zu �berstehen. Hin und wieder dr�ngten Wellen von Schmerz und �belkeit heran, ausgesandt von seinem linken Arm und seinem Hinterkopf, aber Irenes Bild verbannte sie ins zweite Glied.</p><p>Merkw�rdig, da� ihn eine Frau so stark besch�ftigte, die er kaum kannte. Er machte sich mehr Sorgen um sie als um sich selbst. Was mochte sie daheim in Deutschland erwarten?</p><p><sub>*</sub></p><p>Dieser Tag auf See, der sechste der bisherigen Reise, war unruhig in jeder Beziehung.</p><p>Unruhig war Martin Bauer, der breitbeinig �ber das Deck stakste und sich den Kopf dar�ber zerbrach, wie er seinem Freund helfen konnte.</p><p>Unruhig war der Himmel, der sich zusehends mit dicken Wolken zuzog und durch den ein immer heftigerer Wind brauste, der von achtern in die Segel der ALBANY fuhr.</p><p>Unruhig war das Meer, aufgepeitscht vom aufkommenden Sturm. Gro�e Brecher schlugen gegen das h�lzerne Menschenwerk, das sich die ehrgeizige Aufgabe gestellt hatte, den gewaltigen Ozean zu �berqueren.</p><p>Unruhig war deshalb das Schiff selbst, das von einer Seite auf die andere geworfen wurde und dessen Planken und Balken unter der Anstrengung keuchten wie ein alter Mann beim Erklimmen eines steilen Berges.</p><p>Unruhig war die Mannschaft der Bark, die von Bob Maxwell in die Wanten gescheucht wurde, um einen Teil der Segel einzuholen. Die verbleibende Takelage reichte bei dem heftigen Wind aus, um der ALBANY eine kaum verringerte</p><p>Reisegeschwindigkeit zu garantieren.</p><p>Und unruhig waren die Auswanderer, aus mehreren Gr�nden.</p><p>Die Gerichtsverhandlung und ihr Ergebnis hatten sich herumgesprochen und sorgten, als willkommene Abwechslung auf der eint�nigen Reise, f�r Gespr�chsstoff. �berall an und unter Deck bildeten sich kleine Gruppen und diskutierten die Angelegenheit, wobei mangels ausreichend bekannter Tatsachen der Phantasie beim Ausspinnen der Geschichte freien Raum gelassen wurde. So kam Martin ein Ger�cht zu Ohren, wonach Jacob Adler und Irene Sommer in Wahrheit ein entmachtetes K�nigspaar aus einem osteurop�ischen Staat seien, das sich auf der Flucht vor den neuen Machthabern inkognito an Bord der ALBANY geschlichen habe.</p><p>Das Schlingern des Schiffes sorgte f�r zus�tzliche Unruhe unter den Auswanderern. Die meisten derjenigen, die bislang von der Seekrankheit verschont geblieben waren, versp�rten pl�tzlich den W�rgegriff des heimt�ckischen �bels. Viele st�rzten Hals �ber Kopf an Deck, dr�ngten an die schon gut besuchte Reling und streckten den Kopf hin�ber, um die �belkeit aus ihren Ged�rmen zu speien. Andere schafften es nicht so weit und �bergaben sich, wo sie gerade standen, gingen oder liefen. Wieder andere hielt die Krankheit so stark in ihren Klauen, da� sie ermattet auf ihren Strohs�cken lagen und sich sowie ihre Schlafstellen hemmungslos besudelten.</p><p>Alle w�nschten sich, da� sie lieber auf das sowieso nicht besonders schmackhafte Fr�hst�ck verzichtet h�tten. Martin, der dies getan hatte, begl�ckw�nschte sich zu seiner Entscheidung; bis jetzt war die einzige Unannehmlichkeit durch die Seekrankheit f�r ihn ihre mittelbare Auswirkung: Wo er auch hinging, er mu�te h�llisch aufpassen, nicht in das zu treten, was seine Reisegef�hrten nicht bei sich behalten hatten.</p><p>Aber dann fiel er in die H�nde von Bob Maxwell. Der Erste Steuermann rekrutierte aus den d�nnen Reihen der nicht von</p><p>�belkeit befallenen Auswanderer Trupps, die Deck und Zwischendeck zu reinigen hatten. Dabei wurde �u�erst rigoros vorgegangen. Wer im Zwischendeck seine Schlafstelle infolge der Seekrankheit nicht r�umen konnte oder wollte, wurde einfach mitsamt dem Gestell ges�ubert, wenn die Reinigungstrupps Eimer mit Seewasser �ber alles gossen.</p><p>Ausnahmsweise stimmte Martin dem Ersten Steuermann zu. Besonders das Zwischendeck hatte eine Reinigung dringend n�tig, wollten die Auswanderer nicht in ihren eigenen Ausscheidungen ersticken. Jetzt war es vielleicht unbequem, trotz der �belkeit seine Schlafstelle zu r�umen. Aber in der Nacht wollte sicher niemand gern in seinem eigenen Erbrochenen oder gar in dem seiner Schlafgenossen n�chtigen. Fast niemand, korrigierte sich Martin. Ein paar der Reisenden waren in bezug auf ihre K�rperpflege so hartgesotten, als w�ren sie daheim im Schweinestall aufgewachsen. Und so rochen - besser: stanken - sie auch.</p><p>Die Reinigungstrupps waren mit ihrer Arbeit gerade fertig, als der Smutje das Mittagessen ausrief. Verst�ndlicherweise herrschte - im Gegensatz zu den vorangegangenen Tagen -heute kaum Andrang vor dem K�chenaufbau, der auf Deck errichtet worden war, damit die Auswandererschar beim Essenfassen gen�gend Raum hatte.</p><p>Doch Martin versp�rte pl�tzlich nicht nur Hunger, sondern auch Appetit. Vielleicht war es die rauhe Seeluft in Verbindung mit der k�rperlichen Arbeit, die ihn dazu trieb, sein E�geschirr zu holen und sich an der kleinen Schlange vor der K�che anzustellen.</p><p>Heute �berwogen hier die Besatzungsmitglieder, die den Seegang gewohnt waren und ihn nicht einmal als besonders stark empfanden. Ihre Verpflegung unterschied sich nicht von derjenigen der Auswanderer.</p><p>Lediglich die gutbetuchten Kaj�tpassagiere kamen, wie auch die Offiziere des Schiffes, in den Genu� besseren Essens. Und wie die Offiziere mu�ten sie sich nicht in der K�che anstellen, sondern wurden vom Schiffssteward - eine Funktion, die an Bord der ALBANY der Smutje zu erf�llen hatte - bedient.</p><p>Beim Anblick der vielen Mitreisenden, die sich �ber die Reling beugten und ihren wenigen hungrigen Gef�hrten neidische bis schadenfrohe Blicke zuwarfen, beschlichen Martin Zweifel, ob er tats�chlieh etwas essen sollte. Aber als Sohn eines Heidebauern hatte er immer genug zu essen gehabt und war einfach daran gew�hnt, wenigstens einmal am Tag eine richtige Mahlzeit zu sich zu nehmen.</p><p>Deshalb hielt er seinen tiefen Blechteller in die Durchreiche, als er an der Reihe war, und sah zu, wie ihn der dicke Dietrich Melzer, der aus Pommern stammende Schiffskoch, mit einem hellbraunen Mischmasch f�llte.</p><p>�Was ist das?� erkundigte sich Martin vorsichtig.</p><p>�Ochsenfleisch mit Kartoffeln.�</p><p>�Zusammengemischt?�</p><p>�Genau.�</p><p>�Aber das gab es doch gestern erst.�</p><p>�Nein, das war Ochsenfleisch mit Reis.�</p><p>�Und vorgestern?�</p><p>�Ochsenfleisch mit Graupen.�</p><p>�Aber davor, da gab es auch Kartoffeln.�</p><p>Der Schiffskoch nickte. �Aber mit Schweinefleisch. Sonst noch Fragen?�</p><p>�Ja, eine. Wo ist der Nachtisch?�</p><p>�Heute gibt's Pflaumen zum Nachtisch.�</p><p>�Und wo sind die?�</p><p>Melzer zeigte auf den Inhalt von Martins Teller. �Da drin.�</p><p>�Zwischen dem Fleisch und den Kartoffeln?�</p><p>Der Koch grinste. �Kluger Bursche. Spart Arbeit beim Kochen. Und jetzt schieb ab! Die anderen wollen auch was essen.�</p><p>�Manche werden halt nie klug�, murmelte Martin und zog sich mit seinem Essen hinter den Gro�mast zur�ck, wo er sich auf den Boden setzte und sich mit dem R�cken gegen die Gangspill lehnte.</p><p>Z�gernd probierte er das zerkochte Mittagsmahl, das zumindest hei� war. Bei dem st�rmischen Wetter, das immer wieder die Gischt �ber die Reling schlug, ein nicht zu untersch�tzender Umstand. Wider Erwarten schmeckte das braune Gemisch recht gut. S��sauer zwar, was der an deftige Bauernkost gew�hnte Mann nicht kannte, aber es behagte seinen Geschmacksnerven. So sehr, da� er sich einen Nachschlag holte.</p><p>An anderen Tagen war der Koch mit dem Essen eher knauserig, damit er die vielhundertk�pfige Schar auch satt bekam. Aber heute verlangten so wenig Leute nach Essen, da� er reichlich zu verteilen hatte.</p><p>Als Martin sich vollkommen satt gegen ein Ruderboot lehnte und hinaus aufs immer wilder tobende Meer sah, f�hlte er sich rundum zufrieden. Aber dann beschlich ihn sein schlechtes</p><p>Gewissen, als er an Jacob dachte.</p><p>*</p><p>Der mangelnde Schlaf der letzten Nacht und das unentwegte Schaukeln des Schiffes wiegten Jacob irgendwann in einen Schlummer, in dem er von besseren Zeiten tr�umte. Von seiner Jugend, als sein Elternhaus an der Elbe noch stand und die ganze Familie Adler dort in bescheidenen, aber zufriedenen Verh�ltnissen lebte. Auch seine Mutter, die �ber den Verlust des Hauses gestorben war und jetzt in der kalten Friedhofserde ruhte.</p><p>Etwas st�rte seinen sch�nen Traum und ri� ihn zur�ck in die h��liche Wirklichkeit. Er lag wieder in Eisen gefesselt in der Dunkelheit, nur von den leisen Ger�uschen des Schiffes und des Meeres umgeben.</p><p>Nein, da war noch etwas in seinem kleinen Gef�ngnis. Etwas, das leise, unregelm��ige Ger�usche verursachte, als es an einer Wand entlanghuschte. Als er das leise Quieken h�rte, wu�te er, was es war.</p><p>Die Ratten waren wieder da!</p><p>Kamen sie nur aus Neugier aus unsichtbaren L�chern in seinen Kerker gekrochen? Oder wollten sie Rache nehmen f�r den verlorenen Kampf ein paar Stunden zuvor?</p><p>Jacob zwang sich zu klarem Denken. Er durfte die Tiere nicht als Teufel betrachten, ihnen keine d�monischen Kr�fte zuschreiben. Sonst lief er Gefahr, den Verstand zu verlieren hier in der Abgeschiedenheit seines Gef�ngnisses, wo er von niemandem Hilfe zu erwarten hatte.</p><p>Er sch�tzte die Zahl der Tiere auf drei oder vier. Erst lie�en sie ihn in Ruhe, aber allm�hlich wurden sie mutiger, wagten sich weiter an ihn heran, streiften an seinen F��en und Beinen entlang.</p><p>Schnell sprang er auf und trat abermals wild um sich, in der Hoffnung, ein paar der Tiere so derb zu erwischen, da� ihnen Neugier und Angriffslust verging. Lautes Gequieke k�ndete vom Erfolg seiner Bem�hungen. Tats�chlich zogen sich die aufdringlichen Nager zur�ck.</p><p>Als Jacob sicher war, da� sie sein Gef�ngnis verlassen hatten, lie� er sich wieder auf dem Boden nieder. Er war den Angreifern �berlegen gewesen.</p><p>Aber was war, wenn sie mit einer �bermacht zur�ckkehrten?</p><p><sub>*</sub></p><p>Als die Schiffswache wechselte und Piet Hansen f�r die n�chsten acht Glasen, was dem Zeitraum von vier Stunden entsprach, das Steuer �bernahm, ging Martin nach achtern, um dem Zweiten Steuermann ein paar Fragen zu stellen, die ihm auf der Seele brannten.</p><p>Obwohl es mitten am Nachmittag war, hatte sich der Himmel so stark verdunkelt, als wolle die Sonne jeden Augenblick untergehen. Der Ozean wurde immer k�hner und lie� den Dreimaster tanzen wie eine Nu�schale. Die Schaumkronen, die das Meer sich aufgesetzt hatte, schienen der Freude �ber seine unb�ndige Kraft zu entspringen.</p><p>Mit einer Hand hielt Martin seine Wollm�tze fest, mit der anderen sich selbst an allem, was gerade greifbar war, als er seinen Oberk�rper tief nach vorn beugte und sich gegen den st�rker werdenden Wind Zoll f�r Zoll zum Steuerrad k�mpfte.</p><p>Die Seeleute, die erneut von Maxwell in die Wanten gejagt wurden, um weitere Segel zu reffen, erregten seine Bewunderung. Wie sie dort oben trotz des heftigen Windes mit einer Hand arbeiteten und nur die andere Hand f�r ihr Leben lie�en, fl��te Martin, dessen erste Schiffsfahrt dies war, ungeheuren Respekt ein.</p><p>So sehr war er damit besch�ftigt, nach oben zu sehen, da� er den wei�haarigen Mann nicht bemerkte, der aus der Kapit�nskaj�te gekommen war und jetzt zum Bug der ALBANY unterwegs war. Die beiden M�nner stie�en zusammen, verloren auf dem schlingernden Schiff den Halt und purzelten �bereinander.</p><p>Als der Auswanderer auf die Knie kam, erkannte er den Schiffszimmermann, den er erst bei wenigen Gelegenheiten erblickt hatte und dessen Namen er nicht kannte. Martin war schon darauf vorbereitet, ordentlich ausgeschimpft zu werden, weil er nicht darauf geachtet hatte, wohin er trat. Aber als der Zimmermann mit dem faltigen Gesicht und den rotge�derten Augen den Mund �ffnete, schlug ihm erst mal eine geh�rige Schnapsfahne entgegen. Dann erging sich der Seemann in einen englischen Wortschwall, von dem Martin nur einige Brocken verstand. �Unheil�, �Tod� und �letzte Fahrt der ALBANY� war alles, was er verstand.</p><p>Der Wei�haarige zog sich an einer Werkzeugkiste hoch und torkelte mehr davon, als da� er ging. Das war kein normaler Seemannsgang, sondern garantiert eine Auswirkung seines reichlichen Alkoholgenusses.</p><p>Auch Martin kam wieder auf die Beine und setzte seinen Weg fort. Mehrmals wurden seine F��e von hohen Brechern umsp�lt, die in der Schiffswand kein Hindernis sahen.</p><p>Piet Hansen hatte sich bereits auf das zunehmend schlechter werdende Wetter eingerichtet und trug sein �lzeug, um gegen die N�sse gewappnet zu sein. Aus dem Bartgestr�pp lugte die unvermeidliche Pfeife hervor. Als das klobige, am Stiel zerkaute Ding heftig wackelte, bedeutete das wohl ein breites Grinsen des alten Seeb�ren.</p><p>�Na, bist du eben mit dem Todgeweihten zusammengesto�en, Junge?�</p><p>�Wieso Todgeweihter?� fragte Martin und hielt sich an der gro�en Werkzeugkiste, die vor dem Steuerrad auf Deck verankert war, fest. �Mir schien der Mann eher betrunken zu sein. Er ist der Schiffszimmermann, nicht wahr?�</p><p>Hansen nickte. �Au�erdem ist Jack Slocum das gr��te Schnapsfa� an Bord, jedenfalls das gr��te auf zwei Beinen. Ich habe das Gef�hl, es wird von Fahrt zu Fahrt schlimmer mit ihm. Der K�pten hat das Gef�hl wohl auch und ihn deshalb zu sich gerufen, um ihm eine ordentliche Standpauke zu halten. Ich glaube nicht, da� es viel helfen wird. Jack sieht die ALBANY bereits am Grund des Meeres liegen. Weshalb sollte er sich da noch M�he geben, sie auf Vordermann zu bringen?�</p><p>�Weshalb hegt der Zimmermann diese Bef�rchtung?�</p><p>�Da� unser alter Dreimaster sinkt?�</p><p>�Ja.�</p><p>Der Steuermann hob seinen Blick zum Himmel. �Sieh mal da hinauf, Junge, dann hast du die Antwort auf deine Frage. Was sich da �ber unseren K�pfen zusammenbraut, ist nicht nur das schnapsgeborene Hirngespinst des alten Jack. Sch�tze, sp�testens heute nacht wird es h�llisch hergehen auf der guten alten Nordsee. Falls es uns tats�chlich erwischt, ist es vielleicht nicht mal das Schlechteste, so viel Schnaps und Rum wie m�glich intus zu haben.�</p><p>�Wenn es so schlimm wird, weshalb steuert Kapit�n Haskin nicht einen Hafen an, um den Sturm dort abzuwarten?�</p><p>�Hafen?� echote der Seeb�r und lie� vor Belustigung erneut seine Pfeife tanzen. �Du bist gut, Junge. Schau dich mal um. Siehst du irgendwo einen verdammten Hafen? Die See ist nicht die L�neburger Heide, wo du mal eben so von der Landstra�e abbiegen und zum n�chsten Geh�ft fahren kannst. Hier mu�t du mit Winden und Str�mungen rechnen. Selbst wenn Haskin wollte, ist es fraglich, ob wir noch rechtzeitig vor dem Sturm einen Hafen erreichen w�rden. Der �rmelkanal liegt fast noch eine halbe Tagesfahrt vor uns. Um uns herum ist nichts als Wasser, nach allen Seiten hin. Au�erdem m�ssen wir bald die letzten Segel einholen, wenn wir nicht wollen, da� der Sturm sie zerfetzt. Aber selbst wenn ein Hafen in der N�he w�re, w�rde das Haskin nicht den Dreck unter unseren Fingern�geln k�mmern.�</p><p>�Wieso nicht? Ist dem Kapit�n das Schicksal seines Schiffes, seiner Mannschaft und der ihm anvertrauten Passagiere gleichg�ltig?�</p><p>�Dem? Dem ist sogar sein eigenes Leben gleichg�ltig.�</p><p>�Ich habe mich schon �ber Haskin gewundert. Man sieht ihn kaum an Bord. Die meiste Arbeit wird von diesem Maxwell erledigt, der anscheinend tun und lassen kann, was er will. Als w�re er der wahre Kapit�n der ALBANY.�</p><p>�Damit liegst du gar nicht so falsch. Irgendwann, so hofft Maxwell zumindest, wird er sogar mal offiziell der Herr des Schiffes sein.�</p><p>�Wie kommt er darauf?�</p><p>�Haskins Alter l��t ihn das hoffen. Wenn der K�pten stirbt, erbt er den Kahn. Er ist n�mlich Haskins Schwiegersohn.�</p><p>Der letzte Satz schlug bei Martin ein wie eine Kart�tsche.</p><p>Jetzt wurde ihm klar, weshalb sich der Erste Steuermann so viel herausnehmen und darauf rechnen konnte, vom Kapit�n gedeckt zu werden. Kein Wunder, da� Haskin bei der Gerichtsverhandlung alle Anschuldigungen gegen Maxwell beiseitegewischt hatte. Er hatte sie ganz einfach nicht h�ren wollen. Martin erkannte, da� sein unten im Schiff gefangener Freund von Anfang an verurteilt gewesen war.</p><p>�Dann war das Schiffsgericht also nichts als ein Schauspiel�, sagte er bitter.</p><p>�So kann man es nennen.�</p><p>�Und Sie machen bei so etwas mit, Piet?�</p><p>Der alte Seeb�r zuckte mit den Schultern. �Ich bin der Zweite Steuermann dieses Kahns. Es ist meine Pflicht, am Richtertisch zu sitzen. Au�erdem habe ich mich bei der Urteilsfindung bem�ht, das Beste f�r euch drei herauszuschlagen, das kannst du mir glauben. Maxwell h�tte euch am liebsten alles Hab und Gut abgenommen und euch ins Meer geworfen. Leider konnte ich nur bei dir eine Strafminderung herausschlagen.�</p><p>�Was hatte das Narbengesicht denn mit mir vor?�</p><p>�Er wollte dich an den Mast binden und dir drei�ig Hiebe mit der neunschw�nzigen Katze aufbrummen, eigenh�ndig.�</p><p>�Keine angenehme Vorstellung�, murmelte Martin und bedankte sich dann bei Hansen f�r seinen Einsatz. �Aber wie kommt es, da� Kapit�n Haskin die Dinge einfach so laufenl��t?�</p><p>�Als die ARLETTE unterging, hat er jegliche Lebensfreude verloren. Er ist wohl nur noch auf der Welt, weil der Sensenmann sich noch nicht dazu herabgelassen hat, ihn zu sich zu holen.�</p><p>�Die ARLETTE war ein Schiff?�</p><p>�Ja, ein pr�chtiges Dampfschiff, erz�hlt man sich wenigstens. Ich kenne die Geschichte nur aus Erz�hlungen. Josiah Haskin hatte sich in eine bildsch�ne Miss aus New</p><p>Orleans verliebt, deren Vater ein reicher Kaufmann franz�sischer Abstammung war. Gegen den Widerstand der Eltern heiratete der ehrgeizige Seemann die sch�ne Arlette und kaufte mit ihrer Mitgift sein erstes eigenes Schiff, das er nach seiner Frau benannte. Zwar gilt es unter uns abergl�ubischen Seeleuten als ungl�cksbringend, ein Schiff umzutaufen, aber das st�rte ihn nicht. Genausowenig wie der Glaube, da� es einem Schiff Ungl�ck bringt, wenn st�ndig eine Frau an Bord ist. Josiah Haskin war nicht nur ehrgeizig, sondern auch sehr verliebt. Er richtete seiner jungen Frau einen pr�chtigen Salon auf dem Dampfer ein, und sie machte jede Fahrt mit. Selbst als sie schwanger war und Haskin Zwillinge, einen Sohn und eine Tochter, gebar. Haskin hielt sich f�r den gl�cklichsten Mann auf allen Ozeanen, als das Ungl�ck eines Nachts irgendwo im Golf von Mexiko �ber die ARLETTE hereinbrach. Der Kessel explodierte und verwandelte das Schiff innerhalb von Sekunden in eine Flammenh�lle. Nur wenige Menschen �berlebten, darunter Josiah Haskin und seine Tochter. Aber seine Frau und seinen Sohn behielt das gierige Meer f�r immer bei sich. Haskin gab seine Tochter in Pflege und heuerte wieder unter der Flagge eines anderen Reeders an, um das n�tige Geld f�r ihre Ausbildung zu verdienen. Da� sich einmal ein liebender Mann ihrer annehmen k�nnte, hoffte er nicht, denn bei der Explosion war ihr ganzes Gesicht verbrannt worden; sie ist f�r ihr Lebtag entstellt. Haskin war immer noch ehrgeizig und brachte es nach einigen Jahren erneut zu einem eigenen Schiff, wenn es auch nur dieser alte Segler hier war. Aber das st�rte ihn nicht, hatte er sich doch nach dem Untergang der ARLETTE geschworen, nie wieder auf einem Dampfer zu fahren. Maxwell heuerte auf der ALBANY an, lernte eines Tages Haskins Tochter kennen und hielt recht bald um ihre Hand an. Wohl kaum aus Liebe, nur aus Berechnung. Der K�pten wird das gewu�t haben, aber trotzdem froh gewesen sein, seine Tochter versorgt zu wissen. Maxwell hat nach wie vor in jedem Hafen mindestens eine Braut. Aber irgend etwas mu� in Haskin nagen und ihm best�ndig sagen, da� sein Handeln nicht richtig war, da� er seine Tochter nicht gl�cklich gemacht hat. Denn seit der Hochzeit zieht er sich immer mehr in sich zur�ck, hockt meistens nur noch in seiner Kabine und ertr�nkt seinen Kummer in dem guten KentuckyWhiskey, den sich unsereiner nicht leisten kann. Au�erdem hat er sich damals beim Untergang der ARLETTE die Schwindsucht geholt, als er mit seiner Tochter im Arm zur K�ste schwamm. Der Husten wird immer schlimmer, aber er weigert sich, seinen Beruf aufzugeben und in ein Gebiet mit trockenem Klima zu ziehen. Ja, Junge, das ist die Geschichte von diesem verfluchten Kahn.�</p><p>Martin schwieg eine ganze Weile, w�hrend der er das Geh�rte verarbeitete. Die ALBANY schwankte immer st�rker hin und her. Einmal w�re er fast ausgerutscht und gest�rzt, h�tte der Seeb�r nicht rasch eine Hand nach ihm ausgestreckt und ihn festgehalten.</p><p>�Weshalb segeln Sie unter Haskin und Maxwell, Piet, wenn das so unangenehme Zeitgenossen sind?�</p><p>�Ich bin ein alter Seemann. Wo soll ich denn hin?�</p><p>�Sie k�nnten selbst Kapit�n eines Schiff es sein.�</p><p>�Leider nicht, Junge. Es gibt gewisse Gr�nde, die das verhindern. �hnliche Gr�nde wie die, die deinen Freund veranla�t haben, sich als blinder Passagier an Bord zu schleichen. Ich konnte es ihm gut nachf�hlen und habe vielleicht deshalb nichts verraten. Jedenfalls w�rde ich kein Kapit�nspatent erhalten, zumal Piet Hansen nicht mein richtiger Name ist. Auf einem anderen Schiff, wo man ordentlich auf die Papiere schaut, k�nnte ich vielleicht nicht mal als Steuermann fahren. Deshalb bin ich hier auf der ALBANY, wo sich alle zusammenfinden, die vom Leben verdammt sind.�</p><p>Seine letzten Worte h�rten sich so bitter an, da� es Martin f�r besser hielt, das Thema zu wechseln. �Wie geht es mit Jacob weiter, Piet? Wird Haskin wirklich einen Hafen anlaufen und ihn den Beh�rden �bergeben?�</p><p>�Kann sein, kann auch nicht sein�, meinte der Steuermann und wiegte seinen Kopf �berlegend hin und her. �Haskin und Maxwell versprechen sich wohl eine Pr�mie. Andererseits k�nnen sie nicht sicher damit rechnen. Einen Hafen anzusteuern kostet Zeit und Geld, denn je l�nger die Reise dauert, um so mehr mu� f�r die Verpflegung der Passagiere ausgegeben werden. Vielleicht �berlegt es sich der Alte noch. Aber das ist f�r deinen Freund nicht unbedingt ein Gl�cksfall, wenn er da unten in der dunklen, feuchten H�hle verrotten mu�. Es sind noch viele Wochen nach New York. Das h�lt kaum ein Mensch aus.�</p><p>�Aber er wird dort unten doch verpflegt, oder?�</p><p>�Daf�r sorge ich schon, da� er regelm��ig seine Mahlzeiten kriegt. Aber wahrscheinlich hat er es da unten recht bald auf der Lunge. Oder die Ratten verpassen ihm eine h�bsche Krankheit. Wenn man in Ketten liegt, gibt es viele M�glichkeiten zu krepieren, und oft sind sie einem sogar willkommen.�</p><p>Martin starrte hinauf aufs tobende Meer und dachte an die hundert Taler Belohnung, die auf Jacobs Kopf ausgesetzt waren. Sollte er zum Kapit�n gehen und ihm das verraten, damit er Jacob auch bestimmt bald an Land brachte? Er kam sich bei diesem Gedanken als Verr�ter an seinem Freund vor. Aber wenn er es nicht tat, wurde er dann nicht zu seinem M�rder?</p><p>*</p><p>Stundenlang sa� Jacob still da und lauschte in die Dunkelheit, um zu h�ren, ob die Ratten zur�ckkamen. Er wollte nicht wieder von ihnen �berrascht werden. In seinem Kopf verfestigte sich der Gedanke, sie k�nnten ihn im Schlaf �berfallen und bei lebendigem Leib auffressen. Deshalb reagierte er auf jedes Ger�usch, auch wenn es sich nur als �chzen der Planken oder als lauter Stiefeltritt auf dem Zwischendeck herausstellte.</p><p>Er konnte nicht immer wachsam sein. Die �de Warterei erm�dete ihn und schl�ferte ihn schlie�lich ein.</p><p>Ger�usche schreckten ihn aus dem Schlaf. Laute Ger�usche, ganz nah.</p><p>Die Ratten?</p><p>Jacob sprang auf, dr�ckte seinen R�cken gegen die Wand und verhielt sich v�llig still, auf das Huschen der gefr��igen Nager lauschend.</p><p>Aber sie waren es diesmal nicht, die ihn besuchten. Die Ger�usche waren Schritte, die sich von drau�en n�herten. Die T�r des Schiffsgef�ngnisses wurde ge�ffnet. Jacob schlo� die Augen, als Laternenlicht hereinfiel.</p><p>�Dein Abendessen�, sagte eine Stimme in schlechtem Deutsch, und etwas wurde auf den Boden gestellt.</p><p>Dann wurde die T�r auch schon wieder zugeschlagen, und die Finsternis hatte den Gefangenen wieder. Er wartete, bis sich die Schritte entfernt hatten, bevor er in die Knie ging und nach seinem Abendessen tastete.</p><p>Es war eine Schale mit Linsensuppe, in der ein Brotkanten schwamm. Jacob konnte nicht sehen, ob das Brot schimmelte, wie es auf dem feuchten Schiff h�ufig der Fall war. Aber es war ihm auch egal. Er hatte Hunger und stopfte die Mahlzeit schnell in sich hinein.</p><p>Das Essen vermittelte ihm zus�tzlich das Gef�hl von W�rme in dem kalten Schiffsbauch. Er geno� das angenehme Gef�hl, lehnte sich zur�ck und schlo� die Augen. Bald schlief er wieder.</p><p>Er wu�te nicht, wie lange er geschlafen hatte, als er von dem heftigen Schlingern der ALBANY geweckt wurde. Das Schiff schien auf den Wellen herumzuh�pfen wie ein au�er Rand und Band geratener Klabautermann. Jacob wurde in seinem Gef�ngnis hin und her geworfen.</p><p>Das laute Krachen, das er h�rte, mu�te von den Brechern stammen, die gegen den Schiffsrumpf schlugen. Und von den Frachtst�cken, die sich im Laderaum selbst�ndig gemacht hatten und, den Bewegungen der Bark folgend, gegen die W�nde polterten. Auch oben im Zwischendeck schien einiges los zu sein, denn er h�rte mehrmals aufgeregtes Geschrei, das aber wegen des allgemeinen L�rms zu undeutlich war, um es zu verstehen.</p><p>So ging es fort, Stunde um Stunde, und der von der Au�enwelt abgeschnittene Gefangene fragte sich, ob die</p><p>ALBANY geradewegs in die H�lle segelte.</p><p><sub>*</sub></p><p>Irgendwann kehrte Ruhe ein, und irgendwann fand Jacob auch wieder Schlaf.</p><p>Erneut weckten ihn Ger�usche, Schritte, die sich von drau�en n�herten. Er rechnete damit, da� man ihm sein Fr�hst�ck brachte, und war �berrascht, als ihn die M�nner, die er im blendenden Laternenlicht nicht erkennen konnte, von seiner Fu�fessel befreiten. Sie zogen ihn mit sich durch den Frachtraum. Als Jacob sich an das Licht gew�hnte, sah er, da� es sich um zwei Seeleute handelte, diesmal ohne Karabiner.</p><p>Er fragte die M�nner, wohin sie ihn brachten. Sie schienen ihn nicht zu verstehen. Er wiederholte die Frage mehrmals, bis schlie�lich einer der beiden etwas zu ihm sagte. Der Deutsche verstand nur ein Wort, das sich wie �K�pten� anh�rte. Damit mu�te er sich zufriedengeben, wenn er sich auch fragte, was Haskin von ihm wollte.</p><p>Als sie ins Zwischendeck hinaufstiegen, war Jacob �berrascht von dem hier herrschenden Chaos. Er hatte nicht damit gerechnet, da� der Sturm derart schlimm gew�tet hatte. Menschen, Strohs�cke, Gep�ckst�cke, alles lag kreuz und quer durcheinander. Die Auswanderer, die meisten bleich im Gesicht, machten einen zutiefst gequ�lten Eindruck. Der bestialische Gestank verriet, da� kaum einer von ihnen noch etwas im Magen haben konnte.</p><p>Es ging weiter hinauf an Deck, wo Jacob die frische Luft willkommen hie�. Es war fr�h am Morgen, und die Sonne bem�hte sich vergeblich, ihre Strahlen durch die Wolkendecke zu schicken. Noch immer war rund um das Schiff nur das unbegrenzte Meer zu sehen, das sich ein wenig beruhigt hatte, aber rauh genug war, einen nicht ganz standfesten Mann auf die Planken zu schicken. Jacob, durch die vielen Stunden im Kerker geschw�cht, widerfuhr genau dies.</p><p>Als er zu F��en seiner Begleiter lag, bemerkte er erst, in welchem verheerenden Zustand sich das Schiff befand. �berall lagen abgesplitterte Holzst�cke unterschiedlicher Gr��e herum, wo Teile der Takelage aufs Deck geschlagen waren. Der Sturm mu�te in der Nacht Angst und Schrecken an Bord der ALBANY verbreitet haben.</p><p>Sogar die Spitze des Gro�mastes war abgebrochen und hatte eines der Ruderboote zertr�mmert. Es war das Boot, unter dem sich Jacob versteckt hatte. War es eine F�gung des Schicksals gewesen, die ihn Irene Sommer hatte beistehen lassen und ihn vor dem Tod durch die herabfallende Mastspitze bewahrt hatte?</p><p>Die Seeleute halfen Jacob auf. Die drei M�nner stiegen �ber die verstreuten Tr�mmer und suchten sich ihren Weg zur Kapit�nskaj�te, wo sie von Haskin, Piet Hansen, Bob Maxwell und Martin Bauer erwartet wurden. W�hrend die drei Schiffsoffiziere an dem gro�en Tisch sa�en, stand Martin in der Mitte des Raumes und sah seinem Freund erwartungsvoll entgegen.</p><p><emphasis>Eine neue Gerichtsverhandlung?</emphasis> scho� es Jacob durch den</p><p>Kopf.</p><p>�Sie sollen ein guter Zimmermann sein, Adler�, begann Haskin das Gespr�ch ohne Umschweife. �Ihr Freund hier hat das zumindest behauptet.�</p><p>Da alle Blicke auf ihm ruhten, nahm Jacob an, da� von ihm eine Antwort erwartet wurde. Er glaubte, ein Augenzwinkern von Martin zu bemerken, mit der dieser ihm ein zustimmendes Zeichen machte.</p><p>�Mein Vater ist ein guter Zimmermann, so wie es sein Vater und dessen Vater waren. Es gibt kaum einen Ort in meiner Heimat, an dessen gro�en Geb�uden meine Familie nicht mitgearbeitet hat. Ich habe das Handwerk bei meinem Vater gelernt und bin dann auf Wanderschaft gegangen. �ber meine Zeugnisse mu� ich Ihnen nichts erz�hlen, Kapit�n; meine Papiere liegen Ihnen vor. Nur soviel: Ich bilde mir ein, meinem Vater keine Schande zu bereiten.�</p><p>�Haben Sie schon einmal auf einem Schiff gearbeitet?� fragte Haskin.</p><p>�Nein, noch nie.�</p><p>�Trauen Sie sich das zu?�</p><p>�Weshalb nicht? Holz ist Holz, ein Hammer ist ein Hammer, und ein Nagel ein Nagel.�</p><p>�Jack Slocum, unser Schiffszimmermann, ist letzte Nacht wohl �ber Bord gesp�lt worden. Er ist nirgends mehr zu finden. Gerade jetzt, wo er so dringend gebraucht wird. Sie haben selbst gesehen, wie der Sturm auf der ALBANY gew�tet hat. Sind Sie bereit, seinen Posten zu �bernehmen?�</p><p>Wieder gab ihm Martin zustimmende Signale, aber Jacob z�gerte noch. �Was ist mit dem Urteil des Schiffsgerichtes?�</p><p>�In dem Fall, da� Sie sich bereiterkl�ren, als Schiffszimmermann auf der ALBANY zu arbeiten, bis das Schiff den Hafen von New York erreicht, wird das Urteil aufgehoben. Ihre Strafe besteht dann im unentgeltlichen Dienst auf dem Schiff.� �Ich nehme das Angebot an�, sagte Jacob. �Aber nur unter einer Bedingung.�</p><p>Martin und Piet Hansen blickten ihn �berrascht und erschrocken an.</p><p>�Eine Bedingung?� schnarrte Haskin ungl�ubig.</p><p>�So ist es. Ich nehme das Angebot nur unter der Bedingung an, da� auch meine Verlobte bis New York an Bord bleiben darf und keine Bestrafung oder Auslieferung an die Beh�rden zu erwarten hat.�</p><p>Bob Maxwell hieb mit der Faust auf den Tisch. �Das ist eine gemeine Erpressung!�</p><p>Jacob sch�ttelte den Kopf. �Nein, das ist eine gesch�ftliche Abmachung. Sie k�nnen darauf eingehen oder es bleibenlassen.�</p><p>�Und wenn wir es bleibenlassen?� fragte der Erste Steuermann lauernd.</p><p>Jacob hob seine breiten Schultern und lie� sie wieder sinken. �Dann m�ssen Sie sich jemand anderen suchen, der Ihr Schiff wieder auf Vordermann bringt.�</p><p>�So was lassen wir uns nicht bieten!� br�llte Maxwell. �Ich werde dich unversch�mten Kerl wieder in Eisen legen lassen und.�</p><p>�Nein�, entschied Kapit�n Haskin. �Das werden Sie nicht, Mr. Maxwell! Noch entscheide ich, was an Bord geschied.� Er richtete seinen Blick auf Jacob. �Ich akzeptiere Ihre Bedingung. Beginnen Sie sofort mit der Arbeit. Mr. Hansen wird Ihnen sagen, was am dringendsten zu tun ist.�</p><p>Als Jacob die Kapit�nskaj�te verlie�, konnte er noch gar nicht so richtig glauben, da� er wieder ein freier Mann war. Erst als Martin ihm freudestrahlend auf die Schulter schlug, begann er es als Tatsache anzusehen.</p><p>*</p><p>Auf Deck blieb Jacob stehen, hielt sich am Kaj�teneingang fest und hielt das Gesicht in den noch immer von achtern kommenden Wind. Er geno� die frische, f�rmlich nach Salz schmeckende Seeluft und das Gef�hl, sie immer einatmen zu k�nnen, wann er es wollte.</p><p>Als Martin hinter ihm heraufkam, meinte Jacob: �Ich vermute wohl richtig, da� du etwas mit meiner Bef�rderung vom Kettenstr�fling zum Schiffszimmermann zu tun hast?�</p><p>Der Bauernsohn grinste breit. �Ich hatte mir seit deiner Festsetzung den Kopf zerbrochen, wie ich dir helfen k�nnte. Als ich heute morgen von Piet Hansen h�rte, da� Slocum, der stets betrunkene Zimmermann, vermutlich von einem Brecher �ber Bord gesp�lt worden ist, kam mir die Idee f�r diesen Vorschlag. Hansen befand ihn f�r gut und unterbreitete ihn dem Kapit�n. Und siehe da, es hat geklappt!�</p><p>Jacob sah seinem Freund fest in die Augen. �Ich stehe immer tiefer in deiner Schuld, Martin.�</p><p>�Pah�, machte dieser und winkte ab. �Ich habe nur aus Eigennutz gehandelt. Schlie�lich will ich irgendwann mal nach New York kommen. Auf einem Schiff, das nur noch aus Einzelteilen besteht, ist das kaum m�glich. Deshalb braucht die ALBANY einen t�chtigen Schiffszimmermann. Ich hoffe, du bist wirklich so t�chtig, wie ich es Hansen und dem Kapit�n gegen�ber ausgemalt habe.�</p><p>Bob Maxwells Auftauchen enthob Jacob einer Antwort. Er war, wie die meisten M�nner an Bord, aufgrund der st�rmischen letzten Stunden und der Folgesch�den nicht zum Rasieren gekommen und sah mit seinem Stoppelbart noch verwegener aus als sonst. Als er auf die beiden jungen Deutschen traf, blieb er stehen und bohrte seinen flackernden Blick erst in die Augen des einen, dann in die des anderen. Ohne ein Wort zu sagen, wandte er sich ab und marschierte mit so sicherem Schritt �ber das schwankende Deck, als habe er sein ganzes Leben lang nicht anderes getan.</p><p>�Ein h�chst unangenehmer Bursche�, sagte Martin, w�hrend die beiden ihm nachsahen. �Wenn er einen so ansieht, l��t mich das richtig fr�steln.�</p><p>�Von dem Narbengesicht haben wir nichts Gutes zu erwarten�, murmelte Jacob nachdenklich. �Erst hatte er diesen unb�ndigen Ha� nur auf mich, weil ich ihm bei Fr�ulein Sommer dazwischengekommen bin. Aber so, wie er dich eben angeschaut hat, kann das nur bedeuten, da� du jetzt auch auf seiner Liste stehst. Wir sollten ihm besser aus dem Weg gehen.�</p><p>�Wird nicht so einfach sein auf diesem Kahn.�</p><p>�Sprecht ihr von Maxwell?� fragte Piet Hansen, der aus dem Kaj�teneingang kam und an seiner frisch entz�ndeten Pfeife sog.</p><p>�Woher wissen Sie das, Piet?� erwiderte Martin.</p><p>�Wenn es auf der ALBANY jemanden gibt, dem jeder aus dem Weg zu gehen w�nscht, so ist das der Erste Steuermann.�</p><p>Der Mann, �ber den sie sich unterhielten, stand jetzt unterm Gro�mast und zitierte lautstark die Freiwache herbei, um die Tr�mmer von Deck zu r�umen.</p><p>�Aber er hat ausnahmsweise einmal recht�, fuhr der Zweite Steuermann fort. �Wir sollten zusehen, da� wir unseren Segler so schnell wie m�glich wieder flottmachen. Der n�chste Sturm kommt bestimmt!�</p><p>�Meinen Sie wirklich?� fragte Jacob besorgt und lie� seinen Blick �ber das Tr�mmerfeld schweifen.</p><p>Hansen sah ahnungsvoll in den stark bew�lkten Himmel. �Darauf verwette ich meine Pfeife, und das tu' ich nicht h�ufig.�</p><p>�Dann sagen Sie mir, was am dringendsten zu reparieren ist�, verlangte der frischgebackene Schiffszimmermann zu wissen.</p><p>*</p><p>Die n�chsten Tage waren f�r Jacob mit Arbeit angef�llt und vergingen f�r ihn wie im Flug. Sobald die Sonne aufging, begann er mit H�mmern und S�gen, und er h�rte erst auf, wenn die rote Scheibe wieder im grauen Meer versank. Sein Freund ging ihm dabei nach besten Kr�ften zur Hand und zeigte sich als so gelehriger Sch�ler, da� Jacob spa�haft zu ihm sagte, er k�nne Martin bald den goldenen Ring durchs Ohr ziehen.</p><p>Er spielte damit auf den Goldring an, das Standeszeichen der Zimmerleute, den jeder Lehrbub nach bestandener Probezeit von seinem Meister durchs rechte Ohr gezogen bekam. Auch in Jacobs Ohrl�ppchen hing der Ring, von seinem Vater, dem Zimmermann Heinrich Adler aus Elbstedt, eingef�gt. Jacob war sehr stolz darauf.</p><p>�Soll mir nur recht sein, wenn ich dein Handwerk ein wenig beherrsche�, entgegnete Martin. �Schlie�lich will ich mir dr�ben in den Staaten irgendwann mal ein eigenes Haus bauen.�</p><p>Weil die Instandsetzung des Schiffes so wichtig war, ordnete Kapit�n Haskin an, da� Jacob sich seine Helfer unter allen Leuten der jeweiligen Freiwache aussuchen durfte. Au�erdem standen ihm s�mtliche Auswanderer, die w�hrend der Reise Haskins Befehlsgewalt unterstanden, zur Verf�gung.</p><p>F�r die Arbeit in der Takelage konnte Jacob aber nur die Seeleute gebrauchen. Die Passagiere h�tten sich da oben bei dem schweren Seegang keine f�nf Minuten halten k�nnen.</p><p>Die Besatzung der ALBANY stand Jacob zun�chst m�rrisch und ablehnend gegen�ber, befolgte seine Anordnungen nur widerwillig. Mehrmals mu�te Piet Hansen aufs�ssigen M�nnern eine Standpauke halten. Sie waren es einfach nicht gewohnt, von einem Passagier Befehle zu empfangen. Zudem hatte der versoffene Jack Slocum nicht gerade dazu beigetragen, dem Schiffszimmermann bei der Besatzung Achtung zu verschaffen. Aber als die M�nner sahen, da� Jacob etwas von seinem Handwerk verstand, wurden sie zunehmend williger.</p><p>Er verdiente sich vollends ihren Respekt, als er trotz rauher See mit ihnen hinauf in die Wanten stieg, um die Anbringung der neuen Gro�mastspitze zu �berwachen. Selbst Martin traute sich das nicht zu und beobachtete die Aktion lieber von Deck aus. Volle zwei Stunden blieb der junge Zimmermann da oben in schwindelerregender H�he und hing nur mit einer Hand am Leben. Als er mit den Seeleuten wieder hinabgeklettert war, sprudelten sie des Lobes f�r Jacob �ber. Er lie� das �ber sich ergehen und zog sich anschlie�end in einen stillen Winkel zur�ck, um sich zu �bergeben.</p><p>Die See sch�ttelte das Schiff kr�ftig durch, als es den �rmelkanal durchfuhr, aber ein zweiter Sturm von jener St�rke, wie er Jack Slocum zum Verh�ngnis geworden war, blieb der ALBANY erspart.</p><p>Als der Dreimaster die Kanalinseln und die Landspitze von Brest hinter sich lie�, ri� der bis dahin graue Himmel auf, und die Sonne begr��te Auswanderer und Seeleute mit ein paar w�rmenden Strahlen auf dem Atlantischen Ozean. Alles Gerede von einem Fluch, der �ber dem Segler liegen sollte, erschien Jacob und Martin auf einmal so ersponnen wie Altweibergew�sch.</p><p>Die wichtigste Arbeit war getan. Kapit�n Haskin, der einen seiner seltenen guten Tage hatte, ordnete einen Tag der Ruhe und des Feierns an. Sogar der Speiseplan wurde auf eine Sonntagsration abge�ndert, auch wenn das nicht allzuviel besagte.</p><p>An diesem Tag erwachte das Schiff, das seit jenem n�chtlichen Sturm eine Art L�hmung befallen hatte, zu neuem Leben. Die Auswanderer str�mten aus dem stets d�mmrigen, nur von wenigen Laternen erhellten Zwischendeck herauf ans Tagesucht, lachten und unterhielten sich ausgelassen. Einige brachten Musikinstrumente mit, und bald drehten sich die Menschen, in ihren besten Sonntagsstaat oder die heimatliche</p><p>Tracht - was h�ufig dasselbe war - gekleidet, zu den Kl�ngen ihrer Heimat im Tanz. Martin beteiligte sich daran, indem er eine Mundharmonika aus seinem Gep�ck holte und ihr lustige Kl�nge entlockte.</p><p>Selbst der Kapit�n lie� sich ausnahmsweise f�r l�ngere Zeit an Deck blicken, lehnte sich an den Besanmast und rauchte eine dicke Zigarre. Jacob �berlegte, ob er an alte Zeiten dachte, als das Leben f�r ihn noch sch�ne Seiten besessen hatte.</p><p>Auch Irene Sommer erschien an Deck, tanzte aber nicht, sondern hielt sich an der Reling fest und schaute aufs Meer, das jetzt so ruhig war wie zu Beginn der Reise. Sie trug ein weit geschnittenes, taubenblaues Kleid mit feinen L�ngsstreifen. Sicher nur ein einfaches Kleidungsst�ck, wie es einem Dienstm�dchen anstand, aber die Tr�gerin verlieh ihm eine schlichte Eleganz, die auf Jacob viel beeindruckender wirkte als das glitzernde Ballkleid einer feinen Dame.</p><p>Er hatte seit seiner Freilassung mit ihr sprechen wollen, war aber �ber ein paar belanglose Worte nicht hinausgekommen, so sehr hatte ihn die Arbeit tags�ber in Anspruch genommen. Abends fand er sich regelm��ig mit Martin und ein paar Auswanderern im Heckladeraum auf dem Zwischendeck ein, wo Segel und Tauwerk aufbewahrt wurden. Hier erteilte Piet Hansen ihnen einen Englischunterricht nach Seemannsart, der sich gewaschen hatte. Wenn die lernwilligen Auswanderer in New York ankamen, w�rden sie eines bestimmt perfekt beherrschen: auf englisch zu fluchen.</p><p>Doch insgesamt empfand Jacob Hansens Unterricht als sehr gut. Von allen Auswanderern machte er die schnellsten Fortschritte, was zum einen wohl daran lag, da� er immer schon wi�begierig und von guter Auffassungsgabe gewesen war. Er hatte nie die Schule geschw�nzt wie seine Freunde, wenn die Fr�hlingssonne das heimatliche Elbstedt in ein erstes warmes Bad tauchte. Zu gro� war stets sein Hunger gewesen, mehr �ber die Welt und die Dinge, die in ihr vorgingen, zu erfahren. Zum anderen behielt er das Gelernte auch deshalb besonders gut, weil er sich im t�glichen Umgang mit den zumeist amerikanischen Seeleuten darin �bte. Seine Mitsch�ler dagegen hatten in der Regel nur Kontakt zu ihresgleichen, Auswanderern eben, weshalb bei ihnen nicht so viel h�ngenblieb.</p><p>�Sie tanzen nicht, Fr�ulein Sommer?� fragte Jacob, als er sich neben die junge Frau an die Reling stellte und fasziniert ihre hellen Locken betrachtete, die im Sonnenlicht gl�nzten wie frischer Bienenhonig.</p><p>�Ich m�chte schon gern, aber es w�rde mir wohl nicht gut bekommen. Seit kurzem macht mir der Kleine sehr zu schaffen.�</p><p>Sie schaute an sich hinunter auf ihren Bauch, der sich trotz des weitgeschnittenen Kleides sichtbar w�lbte. In den letzten Tagen schien das Kind kr�ftig gewachsen zu sein.</p><p><emphasis>�Der</emphasis> Kleine?� wiederholte Jacob. �Woher wissen Sie, da� es ein Junge ist?�</p><p>�Bisher war er ziemlich still. Die Frauen unten sagen, dann mu� es ein Junge sein. Nur M�dchen tanzen schon im Bauch, sagen sie. Au�erdem hoffe ich, da� es ein Junge wird.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Damit er seinem Vater �hnelt.� Und dann bedankte sie sich bei ihm f�r alles, was er f�r sie getan hatte. �H�tten Sie sich nicht so f�r mich eingesetzt, h�tte der Kapit�n mich bestimmt nicht an Bord bleiben lassen.�</p><p>�Ich hoffe, der richtige Vater ist mir nicht b�se, da� ich mich f�r ihn ausgegeben habe.�</p><p>�Bestimmt nicht. Au�erdem wei� ich nicht, ob er es jemals erf�hrt. Obwohl ich es sehr hoffe. Aber ob ich ihn finden werde in dem riesigen Land?�</p><p>�In Amerika?�</p><p>�Ja, irgendwo dort.�</p><p>�Sie wissen nicht, wo er sich aufh�lt?�</p><p>Irene sch�ttelte ihren Kopf, da� die Locken hin und her flogen.</p><p>Jacob dachte daran, da� ihrer beiden Schicksale einander �hnelten. Er suchte seine Familie und sie den Vater ihres Kindes irgendwo in einem fremden, unvorstellbar gro�en Land.</p><p>�Hat Ihr Mann Ihnen nicht geschrieben, wo er sich niedergelassen hat?�</p><p>�Nein. Wir. sind auch nicht verheiratet.�</p><p>Er sah, wie sich ihr Gesicht zunehmend umw�lkte.</p><p>�Es tut mir leid, falls ich mit meinen Fragen zu weit gegangen bin, Fr�ulein Sommer. Ich wollte Sie nicht verletzen.�</p><p>Sie hob den Kopf, sah ihn an und zwang sich zu einem L�cheln. �Sagen Sie Irene zu mir, bitte. Wenn uns jemand h�rt, wird er kaum glauben, da� wir kurz vor unserer Heirat stehen. Und Sie sind nicht zu weit vorgedrungen. Wenn es einen Menschen auf diesem Schiff gibt, der das Recht hat, mir Fragen zu stellen, sind Sie das, Jacob. Sie haben mich nur an das erinnert, was ich tief in mir vergraben hatte. Vielleicht zu tief. Vielleicht ist es besser, wenn ich einmal mit jemandem dar�ber sprechen kann.�</p><p>Dann erz�hlte sie ihm ihre Geschichte.</p><p>Sie war ein Findelkind. Nonnen eines Klosters in der N�he von Hamburg, zu dem ein Waisenhaus geh�rte, fanden das erst wenige Wochen alte Kind eines Morgens vor ihrer T�r, wie Moses in einem Korb liegend. Nach einem langen, st�rmischen Regen war es der erste friedliche Sommertag, weshalb sie das Kind Irene Sommer nannten. Jacob erfuhr, da� der Vorname Irene aus dem Griechischen kam und dort �Friede� bedeutete. Irene wuchs im Waisenhaus auf und erhielt eine Ausbildung zum Dienstm�dchen.</p><p>Mit sechzehn Jahren begann sie ihren Dienst bei der Hamburger Reedersfamilie Dilger. Schon bald machte ihr Carl</p><p>Dilger, der Sohn des alten Wilhelm Dilger, Avancen. Irene gab sich zur�ckhaltend, weil sie nicht, wie so viele andere Dienstm�gde, zur nach Belieben verf�gbaren M�tresse ihrer Herrschaft werden wollte. Aber �ber die Jahre merkte sie, da� es dem jungen Mann trotz des gewaltigen Standesunterschiedes Ernst war. Ob Wilhelm Dilger erst hinter das Verh�ltnis kam, als Irene schwanger wurde, wu�te sie nicht. Jedenfalls zeigte er sich erst dann emp�rt, als Carl davon sprach, den dienstbaren Geist des Hauses heiraten zu wollen.</p><p>Als Carl sich durch nichts davon abbringen lie�, kam es zum schweren Zerw�rfnis zwischen Vater und Sohn, in dessen Verlauf der Reeder sogar zum Notar ging, um Carl zu enterben. Carl, der bis dahin im Kontor seines Vaters gearbeitet hatte, k�mmerte sich um eine neue Stelle, aber der alte Dilger sorgte daf�r, da� ihm alle T�ren in Hamburg verschlossen blieben. Kurz entschlossen buchte Carl eine Passage nach New York, um sich in Amerika, m�glichst weit weg vom Einflu�bereich seines Vaters, eine neue Existenz aufzubauen. Sobald er in gesicherten Verh�ltnissen lebte und �ber die n�tigen Mittel verf�gte, wollte er Irene Geld schicken und sie nachkommen lassen. Das war das letzte, was sie von ihrem Geliebten geh�rt hatte.</p><p>Als sein Sohn fort war, richteten sich Wilhelm Dilgers Ha�gef�hle auf die junge Frau, in deren Leib sein Enkelkind heranwuchs. Er setzte alles daran, die Geburt des Kindes zu verhindern, von der vagen Hoffnung beseelt, dann w�rde sein Sohn von den Heiratspl�nen Abstand nehmen und reum�tig nach Hamburg zur�ckkehren. Irene belauschte zuf�llig ein Gespr�ch, das der Reeder mit seinem Sekret�r f�hrte. Da Irene sich weigerte, das Kind abtreiben zu lassen, sollte der Sekret�r ein paar dunkle Gestalten anheuern, die Irene in der Nacht gewaltsam zu einer Schaberin brachten, einer jener Frauen, die ihre gelernte Hebammenkunst dazu mi�brauchten, werdendes Leben zu zerst�ren.</p><p>Sobald es dunkel war, suchte Irene das N�tigste zusammen und floh aus dem Haus des Reeders, entschlossen, Carl m�glichst bald nachzureisen. Da es ihr an den n�tigen Papieren fehlte, geriet sie - wie auch Jacob - an den Winkelagenten August Bult, der ihr die Passage auf der ALBANY verschaffte. Daf�r mu�te sie fast all ihr Gespartes opfern. Jetzt hatte sie nur noch wenige Groschen in der Tasche und wu�te nicht, wie es in New York weitergehen sollte.</p><p>�Es wird schon werden�, versuchte Jacob sie zu tr�sten und widerstand im letzten Augenblick der Versuchung, die Arme um sie zu legen. �Sie sind nicht allein, Irene. Sie haben Freunde hier an Bord.�</p><p>Sie sah ihn dankbar an. �Sie sprechen von sich, Jacob?�</p><p>�Ja, von mir und Martin Bauer. Auch der alte Piet Hansen ist ein guter Kerl. Ohne ihn w�ren wir beide vielleicht schon wieder unterwegs nach Hamburg.�</p><p>Den ganzen Tag standen oder sa�en sie beisammen und unterhielten sich. Jacob versp�rte einen Hauch jener Unbeschwertheit, die er fr�her empfunden hatte, wenn er mit Louisa zusammen war. Er machte sich klar, da� Irene nicht Louisa, aber genauso unerreichbar war. Irene liebte einen anderen Mann und erwartete ein Kind von ihm. Er war entschlossen, das zu respektieren und ihr einfach ein guter Freund zu sein.</p><p>Als er nachts in der Koje des Zimmermanns lag, die viel bequemer war als die engen, stickigen Schlafstellen der Auswanderer, sah er die Gesichter dreier Frauen vor sich. Seine Mutter und Louisa, die er beide, wenn auch auf unterschiedliche Art, f�r immer verloren hatte. Und Irene, die ihm nicht das bedeuten durfte, was Louisa ihm bedeutet hatte.</p><p>Das machte er sich immer wieder klar, w�hrend er versuchte, endlich Schlaf zu finden. Als ihm das nicht gelang, stieg er hinauf auf Deck und lauschte dem Lied der Wellen, als k�nnten sie ihm einen Rat geben.</p><p>*</p><p>In den n�chsten zwei Wochen nahm das Leben an Bord einen geregelten, fast friedvollen Verlauf. Die ALBANY segelte an den K�sten Spaniens und Portugals vor�ber und lie� die Alte Welt dann endg�ltig hinter sich zur�ck, nahm quer �ber den unendlichen Atlantik Kurs auf die Neue Welt.</p><p>Wie sagte Martin Bauer doch in einem Anfall von Poesie: �Wenn die Nordsee eine Wasserw�ste ist, dann ist das hier ein ganzes Weltall voller Wasser.�</p><p>Jacobs Arbeit als Schiffszimmermann nahm ihn weniger in Anspruch, seitdem er alle Sch�den ausgebessert hatte. Er nutzte die Freizeit, um sein Studium des Englischen voranzubringen, was ihm gleichzeitig Irenes h�ufige Gesellschaft einbrachte. Die junge Frau hatte sich Piet Hansens �Schulklasse�, wie sich die Lernenden scherzhaft nannten, angeschlossen.</p><p>Jacob kam so gut voran, da� er es schlie�lich wagte, sich durch ein englischsprachiges Buch zu qu�len, das Hansen ihm gegeben hatte. Es stammte von einem gewissen Edgar Allan Poe und schilderte die aufregende Seereise eines jungen Amerikaners namens Arthur Gordon Pym. Erst hielt Jacob die in dem Buch geschilderten Ereignisse f�r Tatsachen, aber dann wurden Pyms Erlebnisse derart omin�s, da� er sie der �berhitzten Phantasie des Verfassers zuschrieb. Als Jacob sich mit Hansen dar�ber unterhielt, meinte dieser achselzuckend, auf See sei alles m�glich.</p><p>In diesen Tagen machte die Ausgelassenheit der Auswanderer gr��erer Nachdenklichkeit und Stille Platz. Die Menschen sp�rten, da� sp�testens jetzt ihre Verbindung zur Heimat endg�ltig gekappt war. Nun gab es f�r sie nur noch eines: sich in der Neuen Welt durchbei�en oder untergehen.</p><p>Aber sie waren fast alle guter Dinge, da� sie es schaffen w�rden. Das ruhige Meer um sie herum und ein best�ndiger Wind in den Segeln des Dreimasters machten ihnen Hoffnung,</p><p>die Reise ohne gr��ere Zwischenf�lle zu �berstehen.</p><p>Wie tr�gerisch diese Hoffnung war, zeigte sich am f�nfzehnten April, genau einen Monat nach dem Auslaufen der ALBANY aus dem Hamburger Hafen.</p><p>Als Jacob aufs Deck trat, um sich in die Warteschlange der Fr�hst�ckswilligen einzureihen, h�rte er Gejammer und Geschrei aus dem Zwischendeck. Er blieb stehen und starrte auf die Eingangsluke, aus der bald eine seltsame Prozession ans Tageslicht trat - eine Leichenprozession.</p><p>Von anderen Auswanderern umringt, erschien eine von Weinkr�mpfen gesch�ttelte Frau auf Deck, gefolgt von ihrem Mann, dessen Gesicht wie versteinert war und der in seinen Armen einen kleinen Jungen von h�chstens f�nf Jahren trug. Der Junge bewegte sich nicht, und seine Augen waren geschlossen. Jacob wu�te sofort, da� er nicht schlief, sondern tot war.</p><p>Zu den nach oben dr�ngenden Passagieren geh�rte auch Martin. Jacob nahm ihn beiseite und fragte ihn, was geschehen sei.</p><p>�Genau wei� ich es auch nicht. Du wei�t ja, da� ich in der Junggesellenabteilung schlafe und nicht bei den Familien. Soweit ich es mitbekommen habe, ist der Junge heute fr�h einfach nicht mehr aufgewacht. Seine Eltern fanden ihn tot im Bett.�</p><p>Bob Maxwells furchteinfl��ende Gestalt teilte die Menge. Der Erste Steuermann blieb vor dem Mann mit dem toten Kind auf den Armen stehen und fragte barsch, was der Aufstand zu bedeuten habe.</p><p>�Mein Sohn ist tot�, sagte der Vater mit erstickter Stimme und streckte das Kind dem Seemann entgegen.</p><p>�Wie ist er gestorben?� fragte unbeeindruckt der Mann mit dem Narbengesicht.</p><p>�Ich wei� es nicht. Heute morgen war er einfach tot.�</p><p>�Ging es ihm gestern schlecht?�</p><p>�Er hatte etwas Durchfall und mu�te sich mehrmals �bergeben. Aber, das haben wir alle schon auf diesem Kahn.�</p><p>�Hatte er Fieber, oder klagte er �ber Leibschmerzen?�</p><p>Der Vater sah seine Frau an und sch�ttelte dann den Kopf. �Nichts von beidem. Deshalb haben wir uns auch keine gr��eren Sorgen gemacht.� Jetzt konnte auch er die Tr�nen nicht mehr zur�ckhalten. �Wolfgang war unser einziges Kind!�</p><p>W�hrend sich Jacob und Martin, wie die meisten Passagiere, noch dar�ber wunderten, was die Fragerei bedeuten sollte, befahl Maxwell dem Vater, sein totes Kind neben den Gro�mast zu legen.</p><p>�Warum?� fragte der Auswanderer nur und sah den Ersten Steuermann verwirrt an.</p><p>�Ich mu� meine Befehle nicht erkl�ren. Tun Sie einfach, was ich sage!�</p><p>Z�gernd machte der Deutsche ein paar Schritte auf den Gro�mast zu, als ihm seine Frau in die Arme fiel und sich schluchzend �ber den kleinen Leichnam beugte. Maxwell sprang hinzu und ri� sie so grob beiseite, da� sie zu Boden st�rzte.</p><p>�Lassen Sie das!� zischte der Schiffsoffizier.</p><p>�Und Sie lassen gef�lligst die Frau in Frieden!� rief Martin laut und trat mit geballten F�usten auf Maxwell zu.</p><p>Jacob, der sah, wie die Rechte des Steuermanns unter seine Jacke griff, wo vermutlich sein Messer steckte, fa�te seinen Freund am Arm und hielt ihn zur�ck. Nicht so sehr aus Angst um Martin, sondern weil er sp�rte, da� Maxwell einen guten Grund f�r sein seltsames Benehmen hatte.</p><p>F�r ein paar Sekunden stand Martin unschl�ssig da, bis seine Vernunft und sein Vertrauen in den Freund die Oberhand gewannen und er in den Kreis der Auswanderer zur�cktrat.</p><p>Jacob wandte sich an den trauernden Vater. �Tun Sie, was der Steuermann sagt, Herr. Es ist bestimmt besser so.�</p><p>Er hatte sich durch seine Stellung als Schiffszimmermann nicht nur bei der Besatzung, sondern auch bei den Passagieren Respekt erworben. Dieser wurde durch seine bescheidenen, aber st�ndig wachsenden Englischkenntnisse noch erh�ht. Wann immer einer der des Englischen nicht m�chtigen Auswanderer ein Problem mit einem Besatzungsmitglied zu besprechen hatte, wandte er sich vertrauensvoll an Jacob.</p><p>Dieser Respekt war es vielleicht, der den Vater jetzt dazu veranla�te, langsam zum Gro�mast zu gehen und seinen toten Sohn in den Schatten des Takelwerks zu legen. Vielleicht hielt das Vertrauen in Jacob auch die �brigen Auswanderer davon ab, gegen den verha�ten Steuermann aufzubegehren; nicht nur Martin hatte seine F�uste geballt, als die Mutter des toten Kindes zu Boden st�rzte.</p><p>Die kleine, magere Frau stand mit Hilfe ihres Mannes auf und achtete nicht weiter auf Maxwell. Ihre Augen blieben auf ihr Kind fixiert, und Tr�nen rannen �ber ihre Wangen.</p><p>Maxwell kam an Jacobs Seite und sagte leise: �Sorgen Sie daf�r, da� niemand der Leiche zu nahe kommt. Ich benachrichtige den Kapit�n.�</p><p>Jacob nickte, und der Steuermann ging schnellen Schrittes nach achtern.</p><p>Martin sah seinen Freund mit gerunzelter Stirn an. �Was hat diese Geheimniskr�merei nur zu bedeuten?�</p><p>�Ich f�rchte, etwas, das f�r uns alle sehr unangenehm werden kann.�</p><p>�Was denn, zum Teufel?�</p><p>Jacob sch�ttelte den Kopf. �Genau wei� ich es auch nicht. Man soll keine unn�tigen Ger�chte in die Welt setzen, hat meine Mutter immer gesagt. Daraus ist noch nie etwas Gutes entstanden.�</p><p>Maxwell kehrte sehr schnell zur�ck, in seiner Begleitung Kapit�n Haskin, Piet Hansen und der grobschl�chtige Ire Paddy O'Rourke, der auf der ALBANY als Segelmacher fuhr. Die M�nner beugten sich kurz �ber die Leiche, untersuchten sie aber nur sehr oberfl�chlich. Dann begann O'Rourke, den Jungen in ein mitgebrachtes Leinentuch zu wickeln und ihn darin einzun�hen.</p><p>�Was soll das?� fragte der Vater erregt. �Wir haben noch nicht Abschied genommen von unserem Sohn!�</p><p>�Dann tun Sie es jetzt�, sagte Haskin ohne eine Spur von Mitleid. �Sobald der Segelmacher mit seiner Arbeit fertig ist, werden wir den Leichnam der See �bergeben.�</p><p>�Warum?� fragte der Deutsche abermals.</p><p>�Weil es besser so ist�, lautete Haskins ausweichende Antwort. Dann besann er sich und f�gte hinzu: �Wenn man einen Toten zu lange an Bord aufbewahrt, k�nnen Seuchen entstehen. Das will ich vermeiden.�</p><p>Jacob hatte das ungute Gef�hl, da� dies nicht die ganze Wahrheit war.</p><p>Zwei Matrosen erschienen an Deck. Jeder schleppte schwer an einer der gro�en Eisenplatten, die ganz unten im Frachtraum der ALBANY als Ballast mitgef�hrt wurden. Sie legten die Platten in den Leinensack, der unter den flinken Stichen des Segelmachers entstand.</p><p>Die Kunde von der bevorstehenden Seebestattung machte schnell die Runde, und das Deck f�llte sich zusehends mit Auswanderern. Einer der Matrosen, welche die Eisenplatten gebracht hatten, wurde von Haskin in die Kapit�nskaj�te geschickt und kehrte mit der gro�en Schiffsbibel zur�ck.</p><p>Als O'Rourke seine Arbeit beendet hatte, erkundigte sich der Kapit�n nach dem Namen des Verstorbenen und hielt dann eine kurze Bestattungsrede, die er mit ein paar Bibelzitaten schm�ckte. Er schien die Stellen, an denen er das Buch der B�cher aufzuschlagen hatte, genau zu kennen. Haskins d�rre Gestalt mit dem bleichen Totensch�del wirkte wie der personifizierte Todesengel.</p><p>Als er mit seiner Ansprache fertig war, rief er alle Versammelten zu einem stillen Gebet auf. Dann gab er zwei</p><p>Matrosen ein Zeichen, und sie hoben den kleinen Sack mit der Leiche hoch. Die Mutter des toten Jungen wollte noch etwa sagen, aber schon klatschte das B�ndel ins Meer und versank in der Tiefe.</p><p>In diesem Moment ri� ein gewaltiger Blitz den Himmel auf, schien ihn geradewegs spalten zu wollen, und wenige Sekunden sp�ter folgte ein ohrenbet�ubendes Donnergrollen. Die meisten Seeleute erbleichten und bekreuzigten sich,</p><p>w�hrend str�mender Regen einsetzte.</p><p>*</p><p>Es gewitterte und regnete den ganzen Tag �ber, und die See schlug heftige Wellen, als habe der Leichnam ihr die Ruhe geraubt.</p><p>Schlagartig war die gute Stimmung, die seit Wochen an Bord geherrscht hatte, verflogen. Allerlei Ger�chte �ber den Tod des Jungen machten die Runde, und der starke Aberglaube der Seeleute tat ein �briges.</p><p>Abends nach dem Sprachunterricht, als die meisten der Sch�ler gegangen waren und sich nur noch Jacob, Martin und Irene bei Piet Hansen in der Segelkammer aufhielten, sagte der junge Zimmermann: �Nun einmal heraus mit der Sprache, Piet! Was geht pl�tzlich vor auf der ALBANY? Man hat bei all den d�steren Gesichtern ja das Gef�hl, da� auf dem Schiff pl�tzlich Satan pers�nlich mitf�hrt.�</p><p>�So ist es auch�, antwortete der Zweite Steuermann, w�hrend er seine Pfeife in Gang setzte. �Bisher haben wir au�erordentliches Gl�ck gehabt, da� der Tod - mit Slocums Ausnahme - der ALBANY ferngeblieben ist. Auf fr�heren Reisen sind die ersten Passagiere schon erheblich eher gestorben, weil sie nicht recht bei Kr�ften waren und die Anstrengungen der Seereise nicht verkrafteten. Aber was uns auf dieser Fahrt heimsucht, ist eine der schlimmsten</p><p>Todesarten �berhaupt!�</p><p>�Eine Seuche?� fragte Jacob ahnungsvoll.</p><p>�Ja. Es ist die Cholera. Alle Anzeichen deuten darauf hin. Das Erbrechen des Jungen und der Durchfall, andererseits aber kein Fieber, keine Kr�mpfe. Die typischen Zeichen der Cholera!�</p><p>�Deshalb wollten Haskin und Maxwell die Leiche so schnell ins Meer werfen�, sagte Martin. �Sie bef�rchteten eine Ausbreitung der Seuche.�</p><p>�Wir k�nnen froh sein, wenn wir keine weiteren Opfer zu beklagen haben�, meinte Hansen. �Aber ich glaube nicht daran. Beim Proviant wollten Haskin und Maxwell wieder einmal Geld sparen und haben viel schlechte Ware eingekauft. Das wird sich jetzt r�chen. Ich bef�rchte, die mangelnde Widerstandskraft der Auswanderer und der Schmutz auf dem Zwischendeck werden noch manch einen dahinraffen.�</p><p>�Wir sollten die Menschen warnen!� rief Irene entsetzt aus.</p><p>�Wozu?� fragte der b�rtige Seemann. �Das w�rde nichts �ndern. Wir sind hier an Bord auf Gedeih und Verderb aneinandergeschmiedet. Warum eine Panik ausl�sen, solange es sich vermeiden l��t?�</p><p>Die drei anderen sahen ein, da� er recht hatte.</p><p>�Das Meer fordert seinen Tribut�, orakelte Hansen finster. �Und es kennt keine Gnade.�</p><p><sub>*</sub></p><p>Die d�stere Prophezeiung des Zweiten Steuermannes schien sich zu bewahrheiten.</p><p>Der Himmel blieb dunkel und das Meer rauh; es machte die ALBANY zum Spielball gewaltiger Kr�fte. Die Menschen blieben auch tags�ber meist unter Deck, lagen, von der Seekrankheit gesch�ttelt, auf den Strohs�cken und trugen mit ihren Ausd�nstungen und Ausscheidungen dazu bei, die Luft im Zwischendeck immer st�rker zu vergiften.</p><p>Das freute Gevatter Tod, der in dieser unbeschreiblichen Atmosph�re neue Opfer fand. Sechs Tage nach dem Tod des Jungen gab es sechs weitere Opfer zu beklagen - vornehmlich Alte, Kranke und Kinder -, und das Wort �Cholera� wurde ganz offen an Bord ausgesprochen.</p><p>Kaum einer au�er den n�chsten Angeh�rigen kam noch zu den Seebegr�bnissen. Der Tod war auf der ALBANY zum Alltag geworden; der Mensch gew�hnt sich an alles.</p><p>Nur Kapit�n Haskin war jedesmal dabei, wenn einer seiner Passagiere �ber Bord geworfen wurde. Er hielt die Grabrede, zitierte aus der Bibel und gab dann das Kommando, die Leiche dem Meer zu �berantworten.</p><p>Dies waren die einzigen Gelegenheiten, bei denen man ihn auf Deck sah. Bald kursierten auf dem Zwischendeck abergl�ubische Ger�chte �ber den wandelnden Leichnam und Menschenbestatter Josiah Haskin. Mal war er Luzifer, der gefallene Engel, mal ein Meeresd�mon in Menschengestalt, der das Schiff hinaus auf den Atlantik gelockt hatte, um es mit Mann und Maus Neptun zu opfern. In ihrer Angst und Hilflosigkeit steigerten sich die Menschen immer mehr in solch irrationale Vorstellungen hinein.</p><p>Am Abend des 21. April - vor zwei Stunden war das siebte Cholera-Opfer, ein elfj�hriges M�dchen aus Kiel, ins Meer geworfen worden - kam Irene aufgeregt zu Jacob und Martin gelaufen, die an einem Ruderboot auf dem Achterdeck Sturmsch�den ausbesserten. Sie lief so schnell, da� sie fast st�rzte, w�re Jacob nicht schnell zu ihr gesprungen und h�tte sie aufgefangen. Schwer atmend lag sie in seinen Armen und l�ste durch ihre W�rme und N�he ein eigenartiges Kribbeln bei ihm aus.</p><p>�Du solltest nicht so schnell laufen�, sagte er mehr besorgt als vorwurfsvoll und stellte sie wieder richtig auf die Beine. �Nicht in deinem Zustand und bei diesem Seegang.�</p><p>Tats�chlich war der Atlantik inzwischen so aufgew�hlt, da� die Bark von einer Seite auf die andere geworfen wurde. Trotz der heftigen Schaukelei kletterten Matrosen in die Wanten, um die letzten Segel zu reffen. Wahrscheinlich lief das Schiff sonst Gefahr, vom Sturm einfach davongeweht zu werden.</p><p>�Du mu�t aufs Zwischendeck kommen, Jacob�, keuchte Irene in demselben vertraulichen Ton, der sich zwischen den drei jungen Deutschen eingeb�rgert hatte. �Da unten braut sich etwas zusammen!�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Die Menschen sind ver�ngstigt, und Anton Wickert hat sie aufgehetzt.�</p><p>�Anton Wickert - wer ist das?�</p><p>�Der Vater des Jungen, der zuerst an der Cholera gestorben ist. Seitdem ist Wickert immer verbitterter geworden. Er hat sich beim Koch Rum gekauft und trinkt viel. Jetzt schwingt er Reden gegen den Kapit�n. Haskin sei an allem Ungl�ck schuld. Man m�sse ihn ins Meer werfen, wie er es mit den Toten mache, dann habe das Sterben ein Ende.�</p><p>Jacob sah Irene befremdet an. �Die Menschen glauben diesen Unsinn doch nicht etwa?�</p><p>�Wie es aussieht, tun sie es. Immer mehr finden sich zusammen, die mit Wickert zur Kapit�nskaj�te marschieren wollen. Du hast Einflu� auf die Leute, Jacob. Sie vertrauen dir. Bring sie zur Vernunft, ehe ein Ungl�ck geschieht!�</p><p>Unschl�ssig sah sich Jacob nach Piet Hansen um, der ein paar Schritt hinter ihnen am Ruder stand. �Haben Sie das geh�rt, Piet?�</p><p>�Ja und nein. Meine Ohren haben es vernommen, aber als Zweiter Steuermann dieses Schiffes will ich es lieber nicht geh�rt haben. Dann m��te ich n�mlich sofort dem K�pten melden, da� sich auf dem Zwischendeck eine Meuterei zusammenbraut. Haskin und Maxwell w�rden nicht lange fackeln mit den Aufr�hrern. Sie sind schnell dabei, Karabiner an die Mannschaft auszuteilen. Geh lieber rasch hinunter, Junge, und tu dein Bestes, um diese verblendeten Hitzk�pfe zu beruhigen!�</p><p>�In Ordnung�, sagte Jacob, legte die S�ge auf den Boden und sah Martin an. �Kommst du mit?�</p><p>�Wird wohl besser sein, wenn du R�ckendeckung hast�, sagte der kr�ftige Bauernsohn mit einem Nicken.</p><p>Sie nahmen Irene in die Mitte und wankten �ber das schwankende Deck zum Eingang des Zwischendecks. Als sie vorsichtig die glitschige Treppe hinunterstiegen, kam ihnen eine aufgebrachte Schar von etwa zwei Dutzend Passagieren entgegen, vorwiegend M�nner, aber auch ein paar Frauen.</p><p>Anton Wickert und seine Frau marschierten vorneweg. Der Vater des kleinen Wolfgang hielt einen Holzkn�ppel in der Hand, der aussah wie die abgebrochene Verstrebung einer Schlafstelle. Die H�lfte der Leute aus seiner Gruppe war ebenfalls bewaffnet, vorwiegend mit Holzkn�ppeln und Messern. In einer Hand sah Jacob auch die Schneide einer kleinen Axt aufblitzen.</p><p>Der Zimmermann blieb auf der vorletzten Stufe stehen und versperrte der aufgeregten Schar den Weg. �Wo wollt ihr bei diesem Mistwetter hin, Leute? Bleibt lieber im Trockenen, wenn ihr kein �lzeug anhabt. Da oben erwischt euch ein Brecher, und ihr seid in weniger als einer Sekunde klitschna�.�</p><p>�Wir werden uns �lzeug holen�, sagte Anton Wickert �u�erlich ruhig, aber innerlich bebte er. Die Rumfahne, die aus seinem Mund wehte, beleidigte Jacobs Nase. �In der Kapit�nskaj�te gibt es bestimmt genug davon. �berhaupt hat der Kapit�n von allem genug, w�hrend wir hungern und sterben. Wahrscheinlich hat er mit dem Teufel einen Bund geschlossen, uns alle ans Messer zu liefern, wenn er nur in Saus und Braus leben kann.�</p><p>Zustimmendes Gemurmel breitete sich aus.</p><p>Wickert erhob drohend den Holzkn�ppel. �Mach Platz,</p><p>Jacob Adler, damit wir dem Kapit�n geben k�nnen, was ihm geb�hrt!�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Das Meer! So viel davon, wie er haben will. Wir werden ihn darin schwimmen lassen, so wie er unsere Toten darin schwimmen l��t. Vielleicht geht er ja nicht unter; dann wissen wir, da� er mit Satan im Bunde ist.�</p><p>�Und wenn er untergeht?�</p><p>�Dann ist es auch nicht schade.�</p><p>Wieder erntete Wickert allgemeine Zustimmung. Er trat auf die unterste Stufe des Aufgangs, und seine Gef�hrten r�ckten nach.</p><p>�Geh endlich aus dem Weg, Adler! Oder bist du auch ein Satansj�nger?�</p><p>�Du bist betrunken, Wickert!� sagte Jacob laut und vernehmlich. �Du solltest dich aufs Ohr hauen und deinen Rausch ausschlafen, ehe du noch Unheil anrichtest. Wir haben schon genug Sorgen und brauchen keine, die wir uns k�nstlich schaffen!� Er lie� seinen Blick �ber die Menge schweifen, bem�ht, m�glichst vielen Menschen fest in die Augen zu sehen. �Ihr alle solltet euch hinlegen, bis der Sturm vorbei ist. Dann werdet ihr auch wieder ruhiger sein. Ich kann eure Angst und euren Schmerz verstehen. Aber was ihr vorhabt, hilft niemandem. Es macht alles nur noch schlimmer.�</p><p>�Genug jetzt!� br�llte Wickert mit der bebenden Stimme eines Irren. �Wir haben genug von deinem Geschw�tz, Adler! Wenn du nicht aus dem Weg gehst, werden wir dich einfach �berrennen!�</p><p>Jacob traf keine Anstalten, sich von seinem Platz zu bewegen, als der Anf�hrer des Mobs auf seine Stufe trat und den Kn�ppel schwang. Aber bevor er die schwere Waffe auf den Zimmermann niedersausen lassen konnte, hatte dieser ihm seine rechte Faust in den Magen gerammt.</p><p>Wickert lie� den Kn�ppel fallen und knickte nach vorn ein.</p><p>Jacobs linke Faust traf ihn unters Kinn, warf ihn zur�ck und schleuderte ihn auf den schmutzigen, feuchten Boden des Zwischendecks, wo er zu F��en der von ihm aufgestachelten Menschen lag und sich nicht mehr r�hrte.</p><p>Angst stieg in Jacob auf. Die Angst, zu fest zugeschlagen und den verwirrten, betrunkenen Mann get�tet zu haben.</p><p>Wickerts Frau kniete sich neben ihrem Mann nieder und untersuchte ihn, w�hrend die anderen abwartend dreinblickten. Der unerwartete Verlauf der Dinge hatte ihnen den Antrieb genommen. Sie waren wie Schafe, die auf Kommandos warteten, in welche Richtung sie laufen sollten.</p><p>�Was ist?� fragte Jacob z�gernd, als Frau Wickert ihren Kopf hob.</p><p>�Anton schl�ft.�</p><p>Die Nachricht lie� einen Ziegelstein von Jacobs Herz fallen.</p><p>�Das ist f�r ihn das Beste�, sagte er laut. �Tragt ihn zu seinem Schlafplatz, und legt euch auch hin! Sonst schmei�t euch der Sturm noch um.�</p><p>Erregt diskutierten die Menschen miteinander und kamen zu der Ansicht, da� Jacob recht hatte. Zwei kr�ftige Burschen zogen ihren Anf�hrer vom Boden hoch und nahmen ihn mit sich. Die Menge zog sich durch den schmalen Gang zu ihren Schlafstellen zur�ck. Als letzte ging Frau Wickert ihnen hinterdrein. Sie drehte sich noch einmal um und warf Jacob einen seltsamen Blick zu.</p><p>Einen Blick, der ihn nachdenklich machte, den er aber nicht einordnen konnte. War sie ihm dankbar daf�r, da� alles so glimpflich abgelaufen war? Oder w�nschte sie ihm die Cholera an den Hals?</p><p>Als sich Jacob auf der Stiege zu seinen Freunden umdrehte, sah er, da� Irene kreidebleich im Gesicht war. Sie schwankte vor und zur�ck, vergeblich nach festem Halt suchend. Dann knickte sie einfach ein und wurde zu ihrem Gl�ck von den beiden M�nnern aufgefangen.</p><p>*</p><p>Vorsichtig, Irene in seinen Armen, stieg Jacob die letzten beiden Stufen hinunter, gefolgt von Jacob.</p><p>�Was hat Irene?� fragte sein Freund.</p><p>Der K�rper war v�llig schlaff. Irene bewegte sich nicht und hielt die Augen geschlossen.</p><p><emphasis>Cholera!</emphasis> dachte Jacob mit panischem Schrecken. <emphasis>Irene hat die Cholera!</emphasis></p><p>�Was ist denn los mit ihr?� fragte Martin erneut.</p><p>�Ich wei� es nicht. Sie ist ohnm�chtig. Wir sollten sie zu ihrer Schlafst�tte bringen.�</p><p>Er sprach seinen schrecklichen Verdacht nicht aus, und auch Martin brachte das Wort nicht �ber seine Lippen. Es war, als k�nnten sie die Gefahr bannen, indem sie einfach nicht von ihr redeten.</p><p>Martin packte die F��e der jungen Frau, w�hrend Jacob unter ihre Achseln griff. So trugen sie Irene durchs Zwischendeck nach achtern, sich durch laute Rufe Platz verschaffend.</p><p>Sie kannten den Teil des Zwischendecks, in dem die unverheirateten Frauen untergebracht waren, weil sie ihn jeden Abend auf dem Weg in die Segelkammer durchquerten. Daher wu�ten sie auch, wo sich Irenes Schlafstelle befand, und legten sie auf ihren Strohsack.</p><p>Irenes Schlafgef�hrtinnen sprangen sofort erschrocken auf und achteten auf Abstand zu der Ohnm�chtigen. Auch sie schienen den unausgesprochenen Verdacht der beiden jungen M�nnern zu hegen und bef�rchteten, sich anzustecken.</p><p>Eine rundliche Frau kam aus dem Familienquartier und blieb vor Irene stehen.</p><p>�Was ist denn hier los?� fragte sie energisch und stemmte die F�uste in die breiten H�ften. �Was habt ihr mit dem armen M�dchen angestellt?�</p><p>�Gar nichts�, sagte Jacob. �Sie ist einfach zusammengebrochen. Ich nehme an, sie hat. sie hat die. Krankheit.�</p><p>Er brachte es einfach nicht fertig, im Zusammenhang mit Irene den Namen der Krankheit auszusprechen. Es erschien ihm, als w�rde er damit ihr Todesurteil f�llen. Und das durfte einfach nicht sein!</p><p>Die resolute Matrone lockerte Irenes Kleidung und tastete die junge Frau ab. Dann wandte sie sich zu Jacob und Martin um und sch�ttelte heftig den Kopf.</p><p>�M�nner!� schnaubte sie ver�chtlich. �Machen sich immer wichtig, aber haben von den wichtigen Dingen keine Ahnung!�</p><p>�Ist Irene denn nicht. krank?� fragte Jacob verwirrt und zugleich voller Hoffnung.</p><p>�Wenn man das als Krankheit bezeichnen will, tr�gt einer von euch Kerlen die Schuld daran. Das arme Ding bekommt ein Kind, ausgerechnet in dieser verhexten Nacht!�</p><p>�Aber. aber es ist doch noch gar nicht soweit�, protestierte Jacob. �Ich dachte, es sind noch zwei Monate bis zur Geburt.�</p><p>Die Matrone wackelte fast entschuldigend mit dem Kopf. �Offensichtlich hat das kleine Wurm seine eigene Meinung in der Sache.�</p><p>�Ja, aber was. was sollen wir denn jetzt tun?�</p><p>�Da wir keinen Arzt an Bord haben, m�ssen wir die Sache selbst in die Hand nehmen�, meinte die rundliche Frau. �Ihr k�nnt mir glauben, da� es nicht das erste Kind ist, das ich auf diese bescheidene Welt hole. Ihr zwei Figuren k�nnt ein paar Frauen zusammentrommeln, die mir helfen. Und der Schiffskoch soll Wasser hei� machen, einen gro�en Kessel!�</p><p>Jacob und Martin �berschlugen sich fast, um die Anordnungen auszuf�hren.</p><p>�Ich sage dem Koch Bescheid!� keuchte Jacob und st�rmte nach oben. Er brauchte jetzt Luft, viel frische Luft, und atmete an Deck tief durch. Gleichzeitig kam er sich ein wenig albern vor. Er benahm sich, als sei <emphasis>er</emphasis> der Vater.</p><p>Er hastete �ber das glitschige Deck zum Bug, der K�che entgegen, als ihm der Schiffskoch pl�tzlich entgegengelaufen kam. Er wollte an Jacob vorbei, aber der packte Melzer am Kragen und hielt ihn fest.</p><p>�Wo willst du hin?� br�llte Jacob gegen den Sturm.</p><p>Melzer zeigte mit seinem ausgestreckten Wurstfinger �ber Jacobs Schulter auf den Gro�mast. �Ich will helfen!�</p><p>Der Zimmermann drehte sich um und sah, was der Koch meinte. Die von Jacob reparierte Gro�mastspitze hatte dem Sturm nicht l�nger standgehalten. Jacob hatte sein Bestes getan, mu�te aber mit unzul�nglichen Hilfsmitteln auskommen. Der Mast h�tte bis New York gehalten, h�tte der Sturm ihn nicht fortw�hrend angegriffen.</p><p>Das Schlimmste an der Sache aber war, da� einer der Matrosen, die zum Segelreffen hinaufgeklettert waren, an der Spitze hing und nicht mehr zum Hauptteil des Mastes zur�ckkam.</p><p>Sobald die Spitze ganz abknickte drohte der Mann ins Meer zu st�rzen. Bei dieser aufgew�hlten See w�re es von vornherein aussichtslos, ihn herausfischen zu wollen. Oder aber er st�rzte aufs Deck und w�rde dabei zerschmettert werden.</p><p>�Ich gehe helfen�, sagte Jacob. �Mach du einen gro�en Kessel Wasser hei�, sofort!�</p><p>Melzer schaute ihn an wie einen Betrunkenen. �Wer braucht denn jetzt hei�es Wasser?�</p><p>�Irene, sie bekommt ihr Kind!� Der Koch zeigte ein erschrockenes Gesicht. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und rannte zur�ck zur Komb�se.</p><p>Jacob lief in die andere Richtung, wo sich immer mehr Seeleute um den Gro�mast versammelten.</p><p>*</p><p>Bob Maxwell, der sich ebenfalls am Gro�mast eingefunden hatte, warf dem jungen Zimmermann t�dliche Blicke zu. �Ihre Arbeit ist nicht viel wert, Adler!�</p><p>�Das Material, mit dem ich arbeiten mu�te, ist nicht viel wert. Wie so vieles hier auf dem Schiff. Aber dar�ber sollten wir uns nicht streiten. Jetzt geht es um den Mann da oben. Wer ist es?�</p><p>�Larry Braden.�</p><p>Also einer der M�nner aus Maxwells �Leibwache�, wie Jacob und Martin die M�nner nannten, die st�ndig um den Ersten Steuermann herumscharwenzelten. Braden war das baumlange Knochenger�st, das bei dem n�chtlichen �berfall auf Irene mitgemacht hatte.</p><p>�Ist Ihnen wohl ganz recht, wenn Braden drauf geht, wie?� fragte das Narbengesicht und hatte wieder den lauernden Ausdruck in den Augen.</p><p>�Sie sollten nicht von sich auf andere schlie�en, Maxwell! Nicht jeder hat einen schlechten Charakter.�</p><p>Maxwells Hand zuckte zu seinem Messer, aber ein scharfer Ruf seines Namens hielt ihn zur�ck.</p><p>Kapit�n Haskin hielt sich am Luftzugrohr fest und fragte im tadelnden Tonfall: �Warum der Streit?�</p><p>�Adler hat den Gro�mast nicht richtig instand gesetzt. Jetzt schwebt Braden in Lebensgefahr. Nur weil dieser Deutsche.�</p><p>�Wir sollten uns keine Vorw�rfe machen, sondern lieber �berlegen, wie wir dem Mann helfen k�nnen!� schnitt ihm Jacob den Satz ab.</p><p>�Ganz meine Meinung�, rief Martin, der hinter seinen Freund getreten war.</p><p>�Wie geht es Irene?� wollte Jacob sofort wissen.</p><p>�Sie ist wieder bei Bewu�tsein. Die Frauen k�mmern sich um sie und haben mich weggeschickt. Sie sagen, wenn das Neugeborene gleich nach der Geburt einen Kerl wie mich sieht, bekommt es einen Schreck f�rs ganze Leben.� �K�nnte schon stimmen�, sagte Jacob grinsend und wandte sich wieder dem Gro�mast zu.</p><p>Der Matrose baumelte etwa vierzig bis f�nfzig Fu� �ber ihnen an der abgeknickten Spitze wie eine Vogelscheuche im Wind und wagte keine Bewegung zu machen. Die Mastspitze mit dem Seemann �nderte ihre Position je nachdem, in welche Richtung die ALBANY auf den Wellen schwankte. Neigte sich das Schiff nach steuerbord, hing Braden �ber Deck, neigte es sich aber nach backbord, war nur das aufgew�hlte Meer unter dem Mann. Seine einzige Wahl schien tats�chlich darin zu bestehen, zerschmettert zu werden oder zu ertrinken.</p><p>Jacobs Blick fiel auf einen vom Sturm abgerissenen Fetzen Segeltuch in der Gr��e von etwa zw�lf mal f�nfzehn Fu�, der sich um die Gangspill gewickelt hatte. Pl�tzlich kam ihm eine Idee.</p><p>�Wie rei�fest ist das Segeltuch?� fragte er den Kapit�n.</p><p>�Ziemlich. Der Sturm mu�te m�chtig w�ten, um das Segel zu zerfetzen.�</p><p>�Dann k�nnte es gehen�, murmelte Jacob zu sich selbst und erl�uterte laut seinen Plan.</p><p>F�r einen Augenblick sahen ihn alle entgeistert an.</p><p>�Sie sind verr�ckt, Adler!� brach es aus Maxwell hervor. �Sie wollen Braden in den sicheren Tod schicken!�</p><p>�Der Tod hat ihn sicher, wenn wir nicht etwas unternehmen!� entgegnete Jacob. �Wenn keinem etwas Besseres einf�llt, sollten wir es zumindest versuchen!�</p><p>Alle Blicke richteten sich auf Josiah Haskin.</p><p>�Also gut�, entschied der Kapit�n nach kurzem �berlegen. �Versuchen wir es!�</p><p>Auf sein Gehei� trommelte Maxwell alle verf�gbaren M�nner zusammen. Sie zerrten das abgerissene Segelst�ck von der Gangspill und entwirrten es. Jacob stellte erleichtert fest, da� es nur an den R�ndern ausgerissen war, aber in dem Segeltuch selbst klaffte kein Ri�.</p><p>Die M�nner nahmen an den R�ndern des Segels Aufstellung und zogen es auf ein Kommando des Kapit�ns auseinander, bis das Tuch spannte. Als die ALBANY sich erneut nach steuerbord neigte, liefen sie mit dem Tuch unter die Stelle, wo hoch �ber ihnen der Matrose hing.</p><p>�Springen Sie!� rief Haskin mehrmals zu ihm hinauf, aber Braden zeigte keine Reaktion.</p><p>Die Bark schwankte wieder nach backbord, und die Chance war vertan.</p><p>�Lange macht die Mastspitze das nicht mehr mit�, bef�rchtete Jacob. �Sie scheint sich immer mehr nach unten zu neigen.�</p><p>�Warum springt der Mann auch nicht!� sagte der Kapit�n vorwurfsvoll.</p><p>�Vielleicht versteht er gar nicht, was wir von ihm wollen�, meinte Jacob.</p><p>�Aber er mu� uns und das Tuch doch sehen!�</p><p>�Vielleicht hat Braden ganz einfach Angst. Von da oben mu� unser Tuch l�cherlich klein aussehen.�</p><p>�Womit Ihr Plan gescheitert w�re, Adler�, frohlockte Maxwell, dem das Schicksal des Seemannes nicht so wichtig zu sein schien wie sein Triumph �ber den Zimmermann.</p><p>�Noch nicht�, sagte Jacob, lie� das Tuch los und lief zu den Wanten des Gro�mastes.</p><p>�Wo wollen Sie hin, Mann?� rief der Erste Steuermann ihm hinterher.</p><p>�Hinauf! Von allein kommt Braden ja nicht runter.�</p><p>�Nicht, Jacob!� entfuhr es Martin. �Du bist im Klettern nicht so ge�bt wie die Matrosen. Bei dem Seegang und dem Sturm wird es dich aus den Wanten fegen, noch ehe du Braden erreichst!�</p><p>�Die Zeit l�uft uns davon�, antwortete Jacob nur und hing bereits in den Tauen, kletterte immer weiter nach oben, ohne auch nur einmal nach unten zu schauen.</p><p>�Soll er doch�, brummte Maxwell zufrieden und sah den verha�ten Deutschen schon zerschmettert vor seinen F��en liegen.</p><p>*</p><p>Eine Hand vor die andere, einen Fu� vor den anderen, aber immer eine Hand fest im Tauwerk, so arbeitete sich Jacob nach oben. Je h�her er kam, desto heftiger zerrte der Sturm an ihm.</p><p>Er sah �ber sich schon die Gro�bramsaling, als ihn eine tosende B� erfa�te und einfach fortri�, obwohl seine linke Hand fest um ein Tau geklammert war. Aber die Hand wurde gewaltsam gel�st, und nur gro�e Streifen Haut blieb zur�ck.</p><p>Jacob st�rzte dem Deck, den gr��er werdenden M�nnern entgegen, als seine H�nde etwas zu fassen bekamen und sich darin verkrampften. Ein Ruck ging durch seinen K�rper, als sein Fall aufgehalten wurde.</p><p>Er hing mit den H�nden an der Gro�untermarsrah und zog sich mit einer gewaltigen Anstrengung auf die h�lzerne Querstange, an der zu weniger st�rmischen Zeiten das Gro�untermarssegel aufgespannt war.</p><p>Rittlings arbeitete er sich auf der Rah vorw�rts, bis er den Mast erreichte. Dort verschnaufte er einige Sekunden und sah zu, wie die Mastspitze mit Braden aufs offene Meer hinaus-und wieder zur�ckschwenkte. Es kam ihm so vor, als sei die Spitze bei diesem Schwenk wieder ein St�ck weiter nach unten geknickt.</p><p>Hastig kletterte er am Mast aufw�rts, ohne auf seine blutende, schmerzende Hand zu achten. Auf der Gro�bramsaling hielt er an, weil kurz dar�ber der Mast abgeknickt war.</p><p>Als sich die ALBANY wieder nach steuerbord neigte und Braden dadurch in seine N�he getragen wurde, rief er dem Matrosen zu, er m�ge in das Tuch springen.</p><p>Bradens Gesicht war noch bleicher als Haskins Totensch�del. Er klammerte sich an der Mastspitze fest wie ein kleines Kind am Rockzipfel seiner Mutter, schien zu keiner Bewegung f�hig zu sein.</p><p>�Spring endlich!� br�llte Jacob aus Leibeskr�ften.</p><p>�Ich. ich kann nicht�, sagte der Seemann so leise, da� Jacob ihn kaum verstand. Vielleicht war es aber auch der Sturm, der seine Worte forttrug, bevor sie den Zimmermann ganz erreichten.</p><p>Die Bark kippte wieder in die andere Richtung, und die Mastspitze nahm Braden mit hinaus aufs Meer. Lange ging das Spiel nicht mehr so weiter, das erkannte Jacob an der Bruchstelle, die mehr und mehr splitterte.</p><p>Er konnte nicht anders, er mu�te einfach nach unten aufs Deck schauen. Als er die kleinen Gestalten der M�nner sah und den winzigen Fleck des Segeltuches, konnte er Braden verstehen. Ein Mann ben�tigte viel Gottvertrauen und Selbst�berwindung, um solch einen Sprung zu wagen.</p><p><emphasis>Oder f�rchterliche Todesangst!</emphasis> kam es Jacob in den Sinn, als die Mastspitze wieder in seine Richtung schwenkte.</p><p>�Spring!� forderte er den knochigen Seemann noch einmal auf, ohne Erfolg.</p><p>Da �ffnete Jacob das gro�e Klappmesser, das er bereits aus seiner Jackentasche geholt hatte, und kletterte noch ein kurzes St�ck h�her.</p><p>�Was. tust. du?� fragte Braden �ngstlich.</p><p>�Ich kappe die Verbindungen der Mastspitze�, rief Jacob und setzte die Klinge an das br�chige Holz. �Wenn du nicht freiwillig springst, mu� ich eben nachhelfen!�</p><p>�Nein! Nicht!�</p><p>Todesangst stand auf Bradens Gesicht geschrieben, noch st�rker als zuvor. Aber genau das hatte der Zimmermann beabsichtigt.</p><p>�Dann spring jetzt endlich! Schnell!�</p><p>Er sah, wie Bradens Finger sich langsam von der umgeknickten Mastspitze l�sten - sehr langsam.</p><p>Zu langsam?</p><p>Jacob bef�rchtete, da� sich die ALBANY wieder zur anderen Seite neigte und den Seemann dadurch zu weit wegtrug, wenn er endlich sprang. Dann w�rden die M�nner mit dem Segeltuch unten ihn nicht rechtzeitig erreichen. Oder er w�rde gleich ins aufgepeitschte Meer st�rzen und von den Fluten verschluckt werden.</p><p>Bradens Finger rutschten von der Mastspitze ab. Der Seemann st�rzte in die Tiefe...</p><p><sub>*</sub></p><p>... und fiel in das ausgespannte Tuch, w�hrend die Mastspitze erneut davonschwenkte, diesmal schon gef�hrlich weit nach unten geneigt. Vielleicht w�re sie mit Bradens Gewicht nicht noch einmal vom offenen Meer zur�ckgekehrt.</p><p>Als Jacob sah, wie das Segel zwar unter dem Aufprall erzitterte, aber standhielt, br�llte er einen Jubelschrei gegen den tosenden Wind, und f�r einen Sekundenbruchteil schien der Sturm zu verstummen.</p><p>Aber dann hob er erneut an und zerrte an dem Mann auf der Gro�bramsaling, w�hrend tief unten ein benommener Larry Braden aus dem Tuch taumelte und sich mit Hilfe seiner Kameraden auf eine Werkzeugkiste setzte, als ihm die Beine versagten.</p><p>Es machte keinen Sinn, l�nger hier oben auszuharren. Jacob machte sich an den Abstieg, f�r den er sich Zeit lie�. Er kam lieber etwas sp�ter unten an als in mehreren St�cken.</p><p>Er hatte erst ein Drittel der Strecke in den Wanten zur�ckgelegt, als aufgeregte Rufe an sein Ohr drangen, wenn auch nur ganz leise. Die M�nner unter ihm zeigten nach oben.</p><p>Jacobs Blick ging ebenfalls in diese Richtung - und er konnte seinen Kopf gerade noch einziehen, bevor die abgerissene Mastspitze an ihm vorbei in die Tiefe donnerte, einen Teil der oberen Takelage nach sich schleppend.</p><p>Ein Tau, das an der Mastspitze hing, schlug in Jacobs Gesicht und traf voll in sein linkes Auge. Unwillk�rlich kniff er beide Augen zu, um sie vor weiterem Schaden zu bewahren. Aber das Schlimmste schien vor�ber zu sein. Mastspitze und Takelwerk lagen unten auf Deck, als er die Augen wieder �ffnete. Das linke Auge schmerzte stark, und Tr�nen rannen �ber seine Wange.</p><p>Er wollte sich an den weiteren Abstieg machen, da erkannte er, da� auf Deck ein Ungl�ck geschehen war. Einer der M�nner lag unter der Mastspitze begraben am Boden, und die anderen scharten sich um ihn, versuchten ihn von der Last zu befreien.</p><p>�Martin?� stie� Jacob hervor, weil er nicht sehen konnte, um wen es sich handelte.</p><p>Eilig setzte er seinen Abstieg fort und stie� einen dankbaren Sto�seufzer aus, als er erkannte, da� sein Freund nicht das Ungl�cksopfer war.</p><p>Blo� - wer war es dann?</p><p>Jacob kletterte weiter und kam v�llig ersch�pft unten an. Braden hockte noch immer teilnahmslos auf der Werkzeugkiste. Er schien nicht nur den tosenden Sturm, sondern die ganze Welt um sich herum vergessen zu haben.</p><p>Die anderen M�nner k�mmerten sich um den Verletzten, der bewegungslos auf den Planken lag und dessen Kopf nur noch eine einzige blutige Masse zu sein schien. Es war der Totensch�del Josiah Haskins.</p><p>�Was ist geschehen?� fragte Jacob atemlos.</p><p>�Das sieht man doch!� fauchte ihn Maxwell an. �Die schadhaft instandgesetzte Mastspitze hat den Kapit�n voll am Kopf erwischt.�</p><p>�Ist er tot?�</p><p>�Noch nicht�, antwortete Martin. �Aber es fehlt nicht viel.�</p><p>Ein paar Seeleute hoben ihren Kapit�n vorsichtig hoch und trugen ihn �ber das schwankende Deck zur Kapit�nskaj�te.</p><p>Jacob und Martin bildeten mit anderen einen Trupp, der das Schiff gegen Sturmsch�den absicherte. Stunde um Stunde k�mpften die trotz des �lzeugs v�llig durchn��ten M�nner gegen die aufgebrachten Naturgewalten an.</p><p><sub>*</sub></p><p>Erst drei Stunden nach Mitternacht lie� der Sturm nach, so da� sich die ersch�pften M�nner eine Ruhepause g�nnen durften.</p><p>Aufgeregt betraten Jacob und Martin das Zwischendeck. Immerzu hatten sie an Irene denken m�ssen, aber keine Gelegenheit gefunden, sich nach ihr zu erkundigen.</p><p>Sie wandten sich nach achtern und gingen zum Quartier der alleinreisenden Frauen, als ihnen die resolute Matrone entgegenkam, die sich als erste um Irene gek�mmert hatte. Sie sah ziemlich erledigt aus, hatte dicke Schwei�perlen auf der Stirn.</p><p>�Wie geht es Irene?� fragte Jacob.</p><p>�Sie liegt dahinten�, sagte die Frau einfach und zeigte mit einer ihrer fleischigen H�nde �ber die Schulter.</p><p>�Und was ist mit dem Kind?�</p><p>�Liegt auch da.�</p><p>Mit dieser lapidaren Auskunft lie� sie die beiden Freunde stehen und wankte an ihnen vorbei, wohl um sich auszuruhen. Eine fiebrige Unruhe packte die M�nner und trieb sie voran.</p><p>Im Zwischendeck sah es noch schlimmer aus als nach dem gro�en Sturm, der die ALBANY in der Nordsee durchgesch�ttelt hatte. M�nner fluchten, Kinder weinten, und M�tter sprachen Dankgebete, da� der Herr sie und ihre Lieben noch einmal verschont hatte. Und es stank bestialisch. Aber im Augenblick hatten Jacob und Martin daf�r weder Auge noch Ohr oder Nase.</p><p>Sie kamen an Irenes Schlafstelle, die so dicht von Frauen umringt war, da� die beiden M�nner nichts erkennen konnten. Sie bahnten sich einen Weg hindurch und sahen schlie�lich Irene, die mit geschlossenen Augen auf ihrem Strohsack lag, den Kopf zur Seite gerollt. Es war nicht zu erkennen, ob noch Leben in ihr war.</p><p>�Irene�, fl�sterte Jacob.</p><p>Die Augenlider der ersch�pften, in Schwei� gebadeten jungen Frau flatterten, und dann war er dankbar f�r den Blick aus ihren gr�nblauen Augen. Dankbar, da� Irene noch am Leben war.</p><p>�Jacob!�</p><p>Sie streckte eine Hand aus, als wolle sie ihn ber�hren, lie� sie dann aber wieder kraftlos sinken. Jetzt bemerkte sie auch Martin und l�chelte ihm zu.</p><p>�Wie geht es dir, Irene?� fragte Jacob.</p><p>Sie l�chelte. �Ich f�hle mich ersch�pft, aber gut.�</p><p>�Wo ist das Kind?�</p><p>Mit langsamen, z�rtlichen Bewegungen packte sie ein winzig kleines Stoffb�ndel aus, das an ihrer Seite lag und ein Gesichtlein verbarg, nicht gr��er als Jacobs Handteller.</p><p>Wieder l�chelte Irene. �Darf ich dir meinen Sohn vorstellen?�</p><p>Mit geschlossenen Augen lag das kleine Menschenkind da, ohne zu wissen, da� es sich schon auf der gro�en Welt befand.</p><p>�Ist er gesund?� fragte Jacob.</p><p>�Das will ich doch hoffen!� antwortete die Mutter.</p><p>�Wie soll er denn hei�en?� erkundigte sich Martin, der angesichts des Kleinen von einem Ohr zum anderen strahlte.</p><p>Irene betrachtete die beiden M�nner und sagte dann: �JacobMartin. Das hei�t, wenn ihr beide die Verantwortung der Patenschaft auf euch nehmen wollt.�</p><p>Obwohl die beiden M�nner wu�ten, da� dies nicht nur eine Ehrung war, sondern auch eine Verpflichtung mit sich brachte,</p><p>z�gerten sie keinen Augenblick, die Patenschaft zu �bernehmen.</p><p>Irene sah sehr zufrieden aus. �Jacob-Martin wird sehr gl�cklich sein eines Tages, wenn er seine Paten kennenlernt.�</p><p><sub>*</sub></p><p>Am n�chsten Morgen waren Jacob und Martin fr�h bei der Arbeit, um die abgebrochene Mastspitze so weit wiederherzustellen, da� sie auf den Gro�mast gesetzt werden konnte. Seeleute und Auswanderer begannen um sie herum mit den Aufr�umarbeiten.</p><p>Die Natur hatte sich ein wenig beruhigt. Die Wellen schlugen l�ngst nicht mehr so hoch wie in der Nacht, und der Himmel war zwar bew�lkt, aber manchmal schien hinter den Wolken die Sonne ein wenig zu lachen.</p><p>Irene, nach der Jacob kurz gesehen hatte, bevor er die Arbeit aufnahm, schlief noch, der kleine Jacob-Martin ebenfalls. Die rundliche Matrone k�mmerte sich um beide, und Jacob war beruhigt, weil er Mutter und Kind in guten H�nden wu�te.</p><p>Ein ganz eigenartiges Gef�hl sa� in seiner Brust, wie er es niemals zuvor versp�rt hatte. In der letzten Nacht, als er sah, wie Irene und ihr Neugeborenes so friedlich nebeneinanderlagen, hatte er zum erstenmal eine Ahnung davon bekommen, wie es sein mu�te, f�r eine Familie, die man liebte, zu sorgen. Wenn er ehrlich zu sich war, mu�te er sich den Wunsch eingestehen, Carl Dilger m�ge f�r immer in den Weiten Amerikas verschollen bleiben. Dann k�nnte er, Jacob Adler, f�r Irene und den Jungen sorgen.</p><p>Er verdr�ngte diesen Wunsch und sch�mte sich f�r seine Gedanken. Irene sollte gl�cklich sein. Ihr und dem Kleinen sollte es gutgehen. Das allein war wichtig.</p><p>�Was hast du, Jacob?� fragte Martin, weil sein Freund aufgeh�rt hatte, an der S�ge zu ziehen, mit der sie die</p><p>Bruchstelle von der Mastspitze abtrennen wollten. �Du scheinst mit deinen Gedanken ganz woanders zu sein.�</p><p>�Ich bin nur m�de�, murmelte Jacob und s�gte jetzt um so heftiger.</p><p>Immer wieder glitt sein Blick zur Kapit�nskaj�te, und er fragte sich, ob Josiah Haskin noch lebte. Aus dem Achterdeck drang keine Nachricht zu ihnen. Weder Haskin noch Bob Maxwell hatten sich blicken lassen. Piet Hansen war kurz an Deck gewesen, um die M�nner zur Arbeit einzuteilen. Aber ehe Jacob und Martin ihn etwas fragen konnten, war er schon wieder in der Kapit�nskaj�te verschwunden. Ein Maat namens Brown stand am Steuerrad. Was mochten die Schiffsoffiziere auf dem Achterdeck ausbr�ten?</p><p>Auch Larry Braden hatte sich an diesem Morgen noch nicht gezeigt. Jacob und Martin wu�ten nicht, wie es ihm ging.</p><p>Als die Eingangst�r zur Kapit�nskaj�te ge�ffnet wurde, schauten die beiden Freunde erwartungsvoll auf. Als erster trat Maxwell hinaus, gefolgt von zwei Angeh�rigen seiner �Leibgarde�; es waren die beiden Matrosen, gegen die Jacob in jener Nacht gek�mpft hatte, Larry Braden und Slim Cullen. Braden schien sich wieder v�llig erholt zu haben; jedenfalls lie� er kein Anzeichen von Schw�che erkennen.</p><p>Die Gesichter der drei M�nner verhie�en nichts Gutes. Jacob und Martin erhoben sich, als die Seeleute n�her traten.</p><p>Maxwell blieb vier Schritte vor ihnen stehen und zog einen Revolver aus der Jackentasche, um ihn auf Jacobs Brust zu richten. Seine Messernarbe tanzte, als er die Lippen zu einem h��lichen, seine schlechten Z�hne entbl��enden Haifischl�cheln verzog.</p><p>�Jacob Adler, ich verhafte Sie wegen versuchten Mordes an Kapit�n Josiah Haskin�, sagte er langsam und schien jede Silbe zu genie�en. Endlich hatte er den Zimmermann da, wo er ihn schon lange haben wollte: in seiner Gewalt.</p><p>In Jacobs Kopf schlugen die Gedanken Purzelb�ume. War es nicht geradezu grotesk, da� er schon zum zweitenmal des versuchten Mordes bezichtigt wurde, obgleich <emphasis>er</emphasis> sich keiner Schuld bewu�t war?</p><p>�Was soll der Unsinn?� fragte Martin laut und machte emp�rt einen Schritt auf die drei Seeleute zu.</p><p>Der untersetzte Cullen sprang ihm entgegen, offenbarte erst jetzt den Kn�ppel in seiner Hand und zog ihn mit einem h��lichen Laut �ber Martins Kopf. Der Getroffene fiel in sich zusammen und sackte zu Boden.</p><p>�So gehen wir ab jetzt mit allen Meuterern um�, verk�ndete Maxwell laut genug, damit alle Umstehenden es h�ren konnten. �Kapit�n Haskin liegt immer noch ohnm�chtig in seiner Kaj�te. Es sieht so aus, als habe er sein Bewu�tsein f�r immer verloren. Wie lange es auch dauern mag, f�r diese Zeit befehlige ich das Schiff. Und ich werde auch nicht die geringste Aufs�ssigkeit mehr dulden!�</p><p>�Was werfen Sie mir vor?� fragte Jacob �u�erlich ruhig, obwohl er innerlich zum Zerrei�en angespannt war.</p><p>�Sie haben in der Nacht absichtlich die Mastspitze gekappt, die auf Kapit�n Haskin st�rzte. Sie planten wohl, auch mich damit zu erwischen, um zusammen mit Ihren Freunden Bauer und Hansen endlich das Kommando auf der ALBANY �bernehmen zu k�nnen.�</p><p>�Das ist l�cherlich!� emp�rte sich Jacob. �Fragen Sie Hansen doch selbst. Wo steckt er �berhaupt?�</p><p>Maxwell warf einen kurzen Blick nach achtern zur Kapit�nskaj�te. �Wir haben ihn �berw�ltigt und gefesselt. Er wird uns schon noch das Komplott gestehen.� Jacob erkannte, da� der Erste Steuermann hier ein Schauspiel auff�hrte, das die Gerichtsverhandlung noch in den Schatten stellte und nur dazu diente, Maxwell die v�llige Kontrolle �ber die ALBANY zu verschaffen.</p><p>Er konnte die angesichts der himmelschreienden Untaten in ihm aufsteigende Wut nicht mehr unterdr�cken und sprang auf den Steuermann zu. Der schien darauf nur gewartet zu haben, grinste erneut machte zwei Schritte zur�ck und folgte mit dem Revolverlauf den Bewegungen des Angreifers.</p><p>Aber bevor er abdr�cken konnte, hatte Braden ihn von der Seite angesprungen und zu Boden gerissen. Der Schu� krachte, doch die Kugel sirrte wirkungslos in den Himmel davon.</p><p>Die beiden M�nner am Boden rangen miteinander, ohne da� Jacob den Revolver sehen konnte. Da fiel erneut ein Schu�.</p><p>F�r zehn Sekunden lagen die Kontrahenten ineinander verklammert, aber reglos am Boden. Endlich l�sten sie sich voneinander, und Braden stand langsam auf.</p><p>Der Revolver polterte neben Maxwell auf die Planken. Der Steuermann lag auf dem R�cken und starrte aus seinen dunklen Augen in den Himmel. Sein Blick war gebrochen, und in seiner linken Brust klaffte ein gro�es rotes Loch.</p><p>�Ich wollte. ihn nicht. umbringen�, stammelte Braden auf englisch. �Aber ich mu�te Ihnen einfach helfen, Mr. Adler. Sie haben mir doch auch geholfen.�</p><p>�Ja�, sagte Jacob nur, hob den Revolver auf und schmi� ihn ins Meer.</p><p>*</p><p>Nachdem der zu einem Paket verschn�rte Piet Hansen von Jacob befreit worden war, �bernahm er das Kommando auf der ALBANY.</p><p>Martin hatte unter dem Kn�ppelschlag zum Gl�ck nicht zu sehr gelitten und war bald wieder auf dem Posten. Slim Cullen machte fortan einen gro�en Bogen um ihn.</p><p>Maxwells Leiche war die letzte, die auf dieser Fahrt �ber die Bordwand der ALBANY ins Meer geworfen wurde. Die Cholera verschwand so schlagartig, wie sie aufgetaucht war. Fast schien es, als h�tte die Sturmnacht eine reinigende Wirkung auf das Schiff ausge�bt. Oder so, als h�tte das Meer nur auf die Leiche des Ersten Steuermannes gewartet, um sich zufriedenzugeben.</p><p>Das Wetter klarte bald auf. Ein frischer, aber nicht zu heftiger Wind trieb die Bark voran, nachdem Jacob die reparierte Mastspitze wieder aufgesetzt hatte. Die See hatte ihre Muskeln genug spielen lassen und verhielt sich f�r den Rest der Reise ruhig.</p><p>Mit Bob Maxwell schien ein b�ser Geist die ALBANY verlassen zu haben.</p><p>Nach einer Woche kam Josiah Haskin wieder zu sich, mu�te aber noch lange das Bett h�ten. Seltsam, auch er schien �ber Maxwells Tod erleichtert zu sein und sprach davon, da� es seine Tochter ohne diesen Mann wohl besser h�tte. Cullen sollte f�r seinen Anschlag auf Martin nicht bestraft werden, sagte der Kapit�n. Er wollte, da� endlich Ruhe einkehrte auf der ALBANY.</p><p>�Ruhe hat das Schiff schon viel zu lange entbehrt�, meinte er zu Jacob, Martin und Piet Hansen, die sein Krankenlager umstanden. �Und ich auch.� Er schlug auf seine Brust. �Hier drinnen. Ich glaube, ich ziehe mich auf meine alten Tage aufs Land zur�ck und verbringe die restliche Zeit bei meiner Tochter. Die See, die meine Frau verschlang, hat mich lange genug in ihren Klauen gehalten.�</p><p>�Und was machen Sie mit der ALBANY?� fragte Jacob, nicht ohne Hintergedanken.</p><p>�Ich werde sie wohl verkaufen.�</p><p>�Ein Kapit�n wie Piet Hansen w�rde sie sicher gut behandeln�, fuhr Jacob fort.</p><p>Ein d�nnes L�cheln trat auf Haskins Gesicht, das w�hrend seiner Krankheit noch schmaler geworden war. �Ich beginne zu verstehen, worauf Sie hinauswollen, junger Mann.�</p><p>�Ich auch�, brummte Hansen und hob abwehrend die H�nde. �Aber ich bin nicht der Richtige f�r diesen Posten. Ich habe gerade mal so viel Geld, um mir ein Ruderboot zu kaufen, aber nicht eine ganze Bark.�</p><p>�Sie m�ssen die ALBANY ja nicht kaufen, Piet�, sagte Jacob. �Mr. Haskin k�nnte Sie als Miteigner aufnehmen. Sie f�hren das Kommando als Kapit�n und beteiligen Mr. Haskin daf�r h�lftig an Ihren Einnahmen.�</p><p>Der Vorschlag war so gut, da� er von beiden Parteien angenommen und sofort schriftlich niedergelegt wurde.</p><p><sub>*</sub></p><p>So aufgeregt die Schiffsreise bisher verlaufen war, so ruhig und friedlich verlief der Rest. Piet Hansen, der neue Kapit�n, hatte eine gute Hand f�r das Schiff und steuerte es sicher der amerikanischen K�ste entgegen. Durch die St�rme hatte die ALBANY einiges an Zeit verloren, aber einen Teil davon holte sie jetzt wieder auf.</p><p>Als das Auftauchen des fremden Kontinents immer wahrscheinlicher wurde, dr�ngelten sich die Auswanderer an Deck, um Ausschau nach der neuen Heimat zu halten. Ein Preisgeld von immerhin zwanzig Dollar wurde unter allen Auswanderern f�r den gesammelt, der die K�ste zuerst entdeckte.</p><p>Auch Jacob und Martin standen h�ufig da und blickten �bers Meer. Ab und zu trat Irene an ihre Seite, den gut eingepackten kleinen Erdenb�rger auf ihrem Arm.</p><p>Fast bedauerte Jacob ein bi�chen das nahe Ende ihrer Reise, hie� es dann doch Abschied nehmen von Irene und ihrem Sohn. Und wohl auch von Martin. Ihre Wege w�rden sich trennen, weil jeder ein anderes Ziel verfolgte.</p><p>An einem klaren, sonnigen Vormittag sch�lte sich die K�ste der Neuen Welt aus dem Horizont hervor. Der Jubel unter den Auswanderern war so gro�, da� niemand hinterher mehr zu sagen vermochte, wer das Land zuerst gesehen und sich das Preisgeld verdient hatte.</p><p>Man schrieb den 24. Mai des Jahres 1863.</p><p id="_bookmark2"><strong>ENDE</strong></p><p id="_bookmark3"><strong>Und so geht das Abenteuer weiter..</strong></p><p>Endlich angekommen! Der Hafen von New York liegt vor den deutschen Auswanderern. Nach der qu�lenden, gefahrvollen �berfahrt str�men die Herzen der Menschen �ber vor Gl�ck und Zuversicht. Zu Unrecht. Schon f�r unz�hlige Menschen wurde der Moloch New York zur unentrinnbaren Falle. Hier lauern Gefahren auf die Auswanderer, von denen die meisten noch nie geh�rt haben.</p><p>Auch Jacob, Martin und Irene sollen nicht verschont bleiben. Trotz aller Vorsicht geraten sie in die H�nde skrupelloser Gesch�ftemacher.</p><p>Dabei trifft Jacob es noch gut - er findet sich als Boxer in einem Ring wieder. Irenes Schicksal ist ungleich schlimmer...</p><p id="_bookmark4"><strong>DIE RATTEN VON NEW YORK von J. G. Kastner.</strong></p><p>Jacob Adlers Ankunft in der Neuen Welt.</p></section></body><binary id="cover" 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