<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>&#x421;&#x435;&#x440;&#x433;&#x435;&#x439;</first-name><last-name>&#x41B;&#x443;&#x43A;&#x44C;&#x44F;&#x43D;&#x435;&#x43D;&#x43A;&#x43E;</last-name></author><book-title>W�chter des Zwielichts</book-title><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>ru</src-lang><translator><first-name>Christiane</first-name><last-name>P�hlmann</last-name></translator><sequence name="Die Nachtwache" number="3"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>Fiction Book Designer, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-01-31">31.01.2012</date><id>38C005FA-1875-4C1D-BE3B-5A68F10FEF22</id><version>1.0</version></document-info></description><body><title><p>W�chter des Zwielichts</p></title><epigraph><p>Der vorliegende Text ist f�r die Sache des Lichts belanglos.</p><text-author>Die Nachtwache</text-author></epigraph><epigraph><p>Der vorliegende Text ist f�r die Sache des Dunkels belanglos.</p><text-author>Die Tagwache</text-author></epigraph><section><title><p>Erste Geschichte</p><empty-line/><p>Niemandszeit</p></title><image l:href="#1"/><section><title><p>Prolog</p></title><p>Irgendwann zwischen Wyssozki und Okudshawa sind in Moskau die echten H�fe verschwunden.</p><p>Seltsam. Selbst nach der Revolution, als man der K�chenfron den Kampf ansagte und zu diesem Zwecke in den H�usern die K�chen abschaffte, tastete man die H�fe nicht an. Zu jedem stolzen Stalinbau, der seine Potjomkin'sche Fassade dem n�chstgelegenen Prospekt zuwandte, geh�rte unbedingt ein Hof. Ein gro�er gr�ner Hof mit kleinen Tischen und B�nken und mit einem Hausmeister, der morgens den Asphalt fegte. Dann brach die Zeit der vierst�ckigen Plattenbauten an - und die H�fe schrumpften in sich zusammen, wurden kahl, die einst so gem�tlichen Hausmeister wechselten das Geschlecht und verwandelten sich in Hauswartinnen, die es f�r ihre Pflicht hielten, �berm�tigen Jungs die Ohren lang zu ziehen und die Mieter zu tadeln, die betrunken nach Hause kamen. Trotzdem gab es noch H�fe.</p><p>Doch dann - als habe jemand aufs Gaspedal gedr�ckt - schossen die H�user in die H�he. Erst neun, dann sechzehn und schlie�lich vierundzwanzig Etagen. Als werde jedem Haus mehr Raum, aber nicht mehr Fl�che zugebilligt. Die H�fe verk�mmerten bis auf den Platz direkt vorm Hauseingang, die T�ren gingen jetzt direkt auf die Stra�e hinaus, Hausmeister und Hauswartinnen verschwanden, an ihre Stelle traten die Angestellten der Wohnungsverwaltung.</p><p>Freilich, sp�ter kehrten die H�fe zur�ck. Jedoch - als n�hmen sie es krumm, derart vernachl�ssigt worden zu sein - nicht zu allen H�usern. Die neuen H�fe s�umte eine hohe Mauer, in der Pf�rtnerloge sa�en geschniegelte junge M�nner, unter englischem Rasen versteckte sich eine Tiefgarage. In diesen H�fen spielten die Kinder unter Aufsicht ihrer Kinderm�dchen, durch nichts zu ersch�tternde Bodyguards zogen betrunkene Mieter aus BMW und Mercedes, und die neuen Hausmeister beseitigten mit kleinen deutschen Fahrzeugen den M�ll vom englischen Rasen. Das hier war einer jener neuen H�fe.</p><p>Die Hochhaust�rme am Ufer der Moskwa kannte ganz Russland. Sie galten als das neue Symbol der Hauptstadt - anstelle des alten Kremls, der seinen Glanz eingeb��t hatte, und des GUM, das nun vom�zentralem zu einem ganz normalen Kaufhaus geworden war. Die Uferstra�e aus Granit, eine eigene Anlegestelle, Hauseing�nge mit venezianischem Stuck, Cafes und Restaurants, Sch�nheitssalons und Superm�rkte und nat�rlich Wohnungen mit zwei-, dreihundert Quadratmetern. Wahrscheinlich brauchte das neue Russland ein solches Symbol, ein pomp�ses und kitschiges Symbol wie eine dieser dicken Goldketten, die all diejenigen um den Hals trugen, die gerade zu Geld gekommen waren. Und es spielte keine Rolle, dass ein Gro�teil der bereits vor einiger Zeit verkauften Wohnungen leer stand, die Cafes und Restaurants geschlossen waren und auf bessere Zeiten warteten und schmutzige Wellen die Anlegestelle aus Beton umsp�lten.</p><p>Der Mann, der an diesem warmen Sommerabend die Uferstra�e entlangflanierte, hatte noch nie eine Goldkette getragen. Denn er verf�gte �ber gutes Gesp�r, das ihm guten Geschmack vollauf ersetzte. Rechtzeitig hatte er den Adidas-Trainingsanzug aus China gegen ein himbeerfarbenes Jackett getauscht, um dann als Erster das himbeerfarbene Jackett zugunsten eines Anzugs von Versace wieder abzulegen. Selbst beim Sport war er andern immer eine Nasel�nge voraus. Einen Monat vor s�mtlichen Kremlbeamten warf er den Tennisschl�ger in die Ecke, um alpinen Skilauf zu betreiben - obgleich er in seinem Alter Bergskiern nur noch dann etwas abgewann, wenn er sich nicht auf ihnen fortbewegte.</p><p>Au�erdem zog er es vor, in einer Villa im moskaunahen Datschenviertel Gorki-9 zu leben und die Wohnung mit den Fenstern zum Fluss nur mit einer Geliebten aufzusuchen.</p><p>Von seiner Dauergeliebten wollte er sich �brigens auch trennen. Schlie�lich w�rde kein Viagra der Welt sein Alter besiegen, und eheliche Treue kam langsam wieder in Mode.</p><p>Der Chauffeur und der Bodyguard hielten recht gro�en Abstand zu ihm, damit sie die Stimme ihres Chefs nicht h�ren konnten. Und selbst wenn der Wind Bruchst�cke seiner Worte zu ihnen hin�bertr�ge - was w�re schon so schlimm daran? Warum sollte ein Mensch nach einem Arbeitstag nicht mit sich selbst reden, wenn er in absoluter Einsamkeit �ber den pl�tschernden Wellen stand? Schlie�lich gibt es keinen verst�ndnisvolleren Gespr�chspartner als das eigene Ich.</p><p>�Und trotzdem wiederhole ich meinen Antrag��, sagte der Mann. �Noch einmal.�</p><p>Matt leuchteten die Sterne, die den st�dtischen Smog durchdrangen. Am andern Ufer des Flusses schimmerten die winzigen Fenster der hoflosen Hochh�user. Von den h�bschen Laternen, die sich die Anlegestelle entlangzogen, brannte jede f�nfte - auch das nur, weil es dem gro�en Mann eingefallen war, am Fluss spazieren zu gehen. �Ich wiederhole es noch einmal�, sagte der Mann leise.</p><p>Die Wellen klatschten an den Kai - und mit ihnen die Antwort. �Das ist unm�glich. Absolut unm�glich.�</p><p>Den Mann am Ufer verwunderte die Stimme aus der Leere nicht im Geringsten. Er nickte. �Was ist mit den Vampiren?�, fragte er dann.</p><p>�Stimmt, das w�re eine M�glichkeit�, r�umte der unsichtbare Gespr�chspartner ein. �Die Vampire k�nnten Sie initiieren. Wenn Sie sich mit einer Existenz als Untoter abfinden� Nein, ich werde Sie nicht anl�gen. Das Sonnenlicht ist ihnen unangenehm, t�tet sie aber nicht, und auch auf Risotto mit Knoblauch m�ssen sie nicht verzichten��</p><p>�Was ist es dann?�, erkundigte sich der Mann, der unwillk�rlich die Hand auf die Brust legte. �Die Seele? Die Notwendigkeit, Blut zu trinken?�</p><p>Die Leere lachte leise. �Sie w�rden nur noch Hunger kennen. Ewigen Hunger. Und innere Leere. Das w�rde Ihnen nicht gefallen, das wei� ich. �</p><p>�Was k�me sonst in Frage?�, bohrte der Mann weiter.</p><p>�Tiermenschen�, erwiderte der Unsichtbare fast am�siert. �Sie sind ebenfalls in der Lage, einen Menschen zu initiieren. Aber auch bei Tiermenschen handelt es sich um eine niedere Form der Dunklen. Die meiste Zeit ist alles wunderbar� Doch wenn ein Anfall naht, verl�ren Sie die Kontrolle �ber sich. Drei, vier N�chte im Monat. Manchmal seltener, manchmal �fter.�</p><p>�Bei Neumond�, meinte der Mann mit einem verst�ndnisvollen Nicken.</p><p>Die Leere lachte erneut. �Nein. Die Anf�lle der Tiermenschen sind nicht mit dem Mondzyklus verbunden. Sie werden das Nahen des Wahnsinns zehn bis zw�lf Stunden vor der Verwandlung sp�ren. Aber einen genauen Zeitplan wird Ihnen niemand vorlegen k�nnen.�</p><p>�Kommt nicht in Frage�, sagte der Mensch kalt. �Ich wiederhole� meine Bitte. Ich m�chte ein Anderer werden. Und zwar kein niederer Anderer, den Anf�lle tierischen Wahnsinns packen. Aber auch kein gro�er Magier, der gro�e Taten vollbringt. Sondern ein ganz gew�hnlicher, einfacher Anderer� Was ist das in Ihrer Klassifikation? Siebter Grad?�</p><p>�Das ist unm�glich�, antwortete die Nacht. �Ihnen fehlt jede Anlage zum Anderen. Wirklich jede. Ein Mensch kann Geige spielen lernen, selbst wenn er kein musikalisches Geh�r hat. Er kann ohne die geringste Veranlagung Sportler werden. Aber Sie k�nnen kein Anderer werden. Sie geh�ren einfach einer andern Gattung an. Es tut mir sehr leid.�</p><p>Der Mann am Ufer lachte. �Nichts ist unm�glich. Wenn die niederen Anderen in der Lage sind, einen Menschen zu initiieren, dann muss es auch eine M�glichkeit geben, mich in einen Magier zu verwandeln.�Die Dunkelheit schwieg.</p><p>�Au�erdem habe ich nicht gesagt, dass ich ein Dunkler werden m�chte. Ich versp�re nicht den geringsten Wunsch, unschuldiges Blut zu trinken, Jungfrauen �ber Felder nachzujagen oder mit ekelhaftem Gel�chter Schadzauber zu wirken�, sagte der Mann ver�rgert. �Ich w�rde viel lieber Gutes tun� Kurzum, Ihre internen Streitigkeiten sind mir v�llig einerlei. �</p><p>�Das��, sagte die Nacht m�de.</p><p>�Das ist Ihr Problem�, erwiderte der Mann. �Ich gebe Ihnen eine Woche. Danach m�chte ich eine Antwort auf meine Bitte bekommen. �</p><p>�Bitte?�, hakte die Nacht nach.</p><p>Der Mann auf der Uferstra�e l�chelte. �Ja. Noch bitte ich blo�.�</p><p>Er drehte sich um und ging zu seinem Auto, einem Wolga, der etwa in einem halben Jahr wieder in Mode kommen w�rde.</p></section><section><title><p>Eins</p></title><p>Selbst wenn du deine Arbeit liebst: Am letzten Urlaubstag packt dich die Schwermut. Noch vor einer Woche hatte ich am</p><p>sauberen Strand in Spanien geschmort, Paella gegessen (der usbekische Pilow schmeckt mir, wenn ich ehrlich sein soll, besser), in einem kleinen chinesischen Restaurant eisgek�hlte Sangria getrunken (woran es wohl liegen mag, dass die Chinesen das spanische Nationalgetr�nk viel besser hinbekommen als die Eingeborenen?) und in Souvenirl�den allerlei Quatsch f�r Touristen gekauft.</p><p>Jetzt hatte mich das sommerliche Moskau wieder, das zwar gar nicht so hei�, daf�r jedoch dr�ckend und schw�l war. Mein letzter Urlaubstag. Der Kopf kann schon nicht mehr abschalten, will aber auf gar keinen Fall an Arbeit denken. Vielleicht freute ich mich deshalb �ber Gesers Anruf.</p><p>�Guten Morgen, Anton�, meinte der Chef, ohne sich zu melden. �Willkommen daheim. Wusstest du, dass ich es bin?�</p><p>Seit einiger Zeit konnte ich sp�ren, wenn Geser anrief. Als ob sich das Klingeln des Telefons �nderte, fordernder, machtvoller erscholl.</p><p>Dem Chef hatte ich davon aber nichts gesagt. �Ja, Boris Ignatjewitsch. �</p><p>�Bist du allein?�, erkundigte sich Geser.</p><p>Eine �berfl�ssige Frage. Ich war mir sicher, dass Geser genau wusste, wo Swetlana sich gerade aufhielt.</p><p>�Ja. Meine M�dels sind auf der Datscha.�</p><p>�Eine sch�ne Sache.�Am andern Ende seufzte der Chef. In seine Stimme schlich sich ein durchaus menschlicher Unterton. �Olga ist heute Morgen auch in den Urlaub geflogen� Die H�lfte aller Leute br�t im S�den� K�nntest du nicht mal kurz ins B�ro kommen?�</p><p>Bevor ich etwas antworten konnte, fuhr Geser munter fort: �Prima! Dann also in vierzig Minuten.�</p><p>Zu gern wollte ich Geser als billigen Aufschneider beschimpfen - aber nat�rlich legte ich erst einmal auf. Doch auch danach schwieg ich. Zum einen k�nnte der Chef meine Worte auch ohne jedes Telefon h�ren. Zum andern: Was auch immer der Chef sein mochte, ein billiger Aufschneider war er nicht. Er vergeudete blo� nicht gern Zeit. Wenn mir sowieso auf der Zunge lag zu sagen, dass ich in vierzig Minuten da w�re - wof�r h�tte er dann noch auf meine Antwort warten sollen?</p><p>Au�erdem hatte ich mich wirklich sehr �ber den Anruf gefreut. Der Tag war sowieso im Eimer. Ich w�rde erst in einer Woche auf die Datscha fahren. F�r einen Wohnungsputz war es noch zu fr�h. Wie jeder Mann, der auf sich h�lt, tat ich das in Abwesenheit meiner Familie nur einmal: am letzten Tag meines Strohwitwerdaseins. Danach, jemanden zu besuchen oder einzuladen, stand mir absolut nicht der Sinn. Deshalb war es viel vern�nftiger, den Urlaub einen Tag fr�her zu beenden, um zu gegebener Zeit reinen Gewissens meine �berstunden abbummeln zu k�nnen. Selbst wenn das bei uns nicht �blich ist.</p><p>�Danke, Chef�, h�hnte ich sarkastisch. Wohl oder �bel stemmte ich mich aus dem Sessel hoch und legte das Buch, das ich gerade las, weg. Reckte mich. Dann klingelte das Telefon noch einmal.</p><p>Klar, jetzt w�rde Geser anrufen und�Keine Ursache�sagen. Selbst wenn das nun wirklich kindisch war! �Hallo!�, meldete ich mich mit sehr sachlicher Stimme.</p><p>�Anton, ich bin's.�</p><p>�Swetka�, begr��te ich sie, w�hrend ich mich wieder hinsetzte. Und mich anspannte: Swetas Stimme klang alarmierend. Besorgt. �Swetka, ist was mit Nadja?�</p><p>�Es ist alles in Ordnung�, antwortete sie rasch. �Mach dir keine Sorgen. Sag mir lieber, wie es bei dir aussieht.�</p><p>Einen Moment lang dachte ich nach. Ich hatte mich nicht besoffen, keine Frauen ins Haus geschleppt, die Wohnung nicht im Chaos versinken lassen, sogar das Geschirr abgewaschen� Dann kam ich drauf. �Geser hat angerufen. Gerade eben. �</p><p>�Was wollte er?�, hakte Swetlana sofort nach.</p><p>�Nichts Besonderes. Ich soll gleich mal ins B�ro kommen.�</p><p>�Anton, irgendwas sp�re ich. Etwas stimmt nicht. Hast du eingewilligt? F�hrst du in die Wache? �</p><p>�Warum nicht? Mir f�llt hier die Decke auf den Kopf.�</p><p>Am andern Ende der Leitung (obwohl: was haben Handys f�r eine Leitung?) schwieg Swetlana sich aus. Nach einer Weile brachte sie dann unwillig hervor: �Es war wie ein Stich ins Herz. Glaubst du, dass ich Unheil wittern kann. �</p><p>�Ja, o Gro�e�, meinte ich schmunzelnd.</p><p>�Das ist kein Witz, Anton!�Swetlana explodierte sofort. Wie immer, wenn ich sie Gro�e nannte. �Tu mir den Gefallen� Wenn Geser dich um etwas bittet, dann lehne ab.�</p><p>�Sweta, wenn Geser mich ruft, dann hat er einen Auftrag f�r mich. Dann hei�t das, er braucht Leute. Er hat gesagt, sonst seien alle im Urlaub��</p><p>�Er braucht Kanonenfutter�, fiel Swetlana mir ins Wort. �Gut� Anton, du h�rst sowieso nicht auf mich. Sei einfach vorsichtig.�</p><p>�Swetka, du glaubst doch nicht ernsthaft, dass Geser vorhat, mich ans Messer zu liefern�, gab ich zu bedenken. �Ich versteh ja, was du von ihm h�ltst��</p><p>�Sei vorsichtig. Unsertwegen. In Ordnung?�</p><p>�Gut�, versprach ich. �Ich bin immer sehr vorsichtig.�</p><p>�Ich rufe wieder an, wenn ich was sp�re�, sagte Swetlana. Anscheinend hatte sie sich etwas beruhigt. �Und du ruf auch an, ja? Sobald etwas Ungew�hnliches passiert, ruf an. Abgemacht? �</p><p>�Mach ich.�</p><p>Swetlana schwieg einen Moment. Dann, bevor sie die Verbindung unterbrach, sagte sie: �Du solltest die Wache verlassen, Lichter Magier dritten Grades��</p><p>Irgendwie gab sie verd�chtig leicht nach. Nur diese kleine Spitze� Freilich, wir hatten vereinbart, nicht �ber dieses Thema zu sprechen. Schon vor langer Zeit, schon seit Swetlana vor drei Jahren aus der Nachtwache ausgetreten war. Und nicht einmal hatten wir das Versprechen gebrochen. Nat�rlich erz�hlte ich meiner Frau von meiner Arbeit. Von au�ergew�hnlichen F�llen. Und sie h�rte immer interessiert zu. Und jetzt das: Sie brachte das Thema von sich aus zur Sprache. Ob sie wirklich eine Gefahr sp�rte?</p><p>Auf alle F�lle fing ich erst mal an zu tr�deln, wollte nicht los. Erst zog ich mir einen Anzug an, dann Jeans und ein kariertes Hemd, danach konnten mich alle mal, und ich schl�pfte in Shorts und ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck�Mein Freund war klinisch tot, aber alles, was er mir aus dem Jenseits mitgebracht hat, ist dieses T-Shirt!�Wie ein deut scher Tourist, der sich des Lebens freut. Immerhin wahrte ich so wenigstens den Anschein von Urlaubsstimmung, wenn ich Geser gegen�bertrat�</p><p>Schlie�lich verlie� ich das Haus erst zwanzig Minuten, bevor ich beim Chef zu sein hatte. Ich musste ein Auto anhalten, die Wahrscheinlichkeitslinien �berpr�fen, um dem Fahrer dann eine Strecke nennen zu k�nnen, bei der uns kein Stau erwartete.</p><p>Der Fahrer akzeptierte die Tipps nur ungern und voller Skepsis. Daf�r schafften wir es noch rechtzeitig.</p><p>Auf den Fahrstuhl musste ich verzichten: Ein paar Jungs in Blaum�nnern beluden die Aufz�ge eifrig mit Papiers�cken, die eine Zementmischung enthielten. Also nahm ich die Treppe. Im ersten Stock unseres Hauses entdeckte ich Handwerker. Sie verkleideten die W�nde mit Gipskartonplatten. Au�erdem wuselten Verputzer herum, die die Dinger gleich verfugten. Parallel dazu zogen wieder andere eine Zwischendecke ein, �ber der bereits R�hren von einer Klimaanlage verliefen.</p><p>Hatte sich der Leiter unserer Wirtschaftsabteilung am Ende doch noch durchgesetzt! Und den Chef dazu bekommen, eine umfassende Modernisierung zu bewilligen. Und sogar Geld daf�r aufgetrieben.</p><p>Ich blieb kurz stehen, um mir die Arbeiter durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>anzusehen. Menschen. Keine Anderen. Was schlie�lich auch zu erwarten gewesen war. Blo� ein Verputzer, ein v�llig unscheinbarer Mann, hatte eine etwas verd�chtige Aura. Doch schon im n�chsten Moment begriff ich, dass er lediglich verliebt war. In die eigene Frau! Ha! Gab es also doch noch anst�ndige Menschen!</p><p>Der zweite und dritte Stock waren bereits fertig, was auch die letzten Reste meiner schlechten Laune vertrieb. Endlich w�rde es im Rechenzentrum k�hler sein. Sicher, ich w�rde da jetzt nicht mehr jeden Tag auftauchen. Aber trotzdem� Im Vorbeigehen begr��te ich die Wachleute, die hier offensichtlich f�r die Zeit der Bauarbeiten Dienst schoben. Dann st�rmte ich auf Gesers Zimmer zu. Und stie� erst mal mit Semjon zusammen. Der erkl�rte Julja gerade etwas mit ernster Miene und eindringlicher Stimme.</p><p>Wie die Zeit vergeht� Vor drei Jahren war Julja noch ein kleines M�dchen gewesen. Inzwischen hatte sie sich zu einer jungen h�bschen Frau gemausert. Da sie eine t�chtige Zauberin zu werden versprach, hatte man sie bereits ins Europab�ro der Nachtwache holen wollen. Zu gern sicherte man sich dort die talentierte Jugend - unter dem Deckm�ntelchen vielsprachiger Losungen �ber die gro�e und gemeinsame Sache.</p><p>Diesmal war ihre Rechnung jedoch nicht aufgegangen. Geser hatte ihnen Julka verweigert und damit gedroht, er selbst k�nne auch anfangen, die europ�ische Jugend zu rekrutieren. Was wohl Julja selbst gewollt hatte?</p><p>Semjon unterbrach sein Gespr�ch, sobald er mich sah. �Hat er dich herbestellt?�, fragte er verst�ndnisvoll. �Oder ist dein Urlaub schon vorbei?�</p><p>�Sowohl als auch�, antwortete ich. �Ist irgendwas passiert? Hallo, Julka.�</p><p>Semjon und ich begr��ten uns aus irgendeinem Grund nie. Als ob wir uns schon kurz zuvor begegnet w�ren. Er sah ja auch immer gleich aus: h�chst schlicht und unachtsam angezogen, mit dem faltigen Gesicht eines Bauern, den es in die Stadt verschlagen hat. Heute sah Semjon sogar noch schlampiger aus als sonst.</p><p>�Hallo, Anton�, meinte Julja l�chelnd. Ihr Miene war ernst. Anscheinend ging Semjon gerade seiner p�dagogischen T�tigkeit nach, eine Sache, auf die er sich meisterlich verstand.</p><p>�Nichts ist passiert.�Semjon sch�ttelte den Kopf. �Alles ist ruhig und friedlich. Letzte Woche haben wir zwei Hexen festgenommen, aber auch nur wegen Kleinigkeiten.�</p><p>�Dann ist es ja gut�, meinte ich und gab mir alle M�he, Julkas wehleidigem Blick auszuweichen. �Ich geh mal zum Chef.�</p><p>Semjon nickte und wandte sich wieder Julja zu. Auf dem Weg ins Vorzimmer schnappte ich noch auf: �Also, Julja, ich mache das jetzt schon seit sechzig Jahren, aber ein derartig verantwortungsloses��</p><p>Streng ist er. Doch wenn er schimpft, dann immer zu Recht. Daher hatte ich nicht die Absicht, Julka vor diesem Gespr�ch zu bewahren. Im Vorzimmer, wo jetzt leise eine Klimaanlage surrte und an der Decke winzige Halogenstrahler prangten, sa� Larissa. Anscheinend war auch Galotschka, Gesers Sekret�rin, im Urlaub, und die Leute vom Fuhrpark haben wirklich wenig zu tun. �Hallo, Anton�, begr��te mich Larissa. �Du siehst gut aus. �</p><p>�Zwei Wochen am Strand�, antwortete ich stolz.</p><p>Larissa linste auf ihre Uhr. �Ich soll dich gleich reinschicken. Aber der Chef hat noch Besuch. Willst du trotzdem rein?�</p><p>�Ja�, beschloss ich. �Wozu habe ich mich denn sonst so beeilt?�</p><p>�Gorodezki f�r Sie, Boris Ignatjewitsch�, meinte Larissa in die Sprechanlage. Sie nickte mir zu. �Geh rein� aber mach dich auf was gefasst, da ist es verdammt hei߅�</p><p>In Gesers Zimmer war es in der Tat hei�. Vor seinem Tisch duckm�userten zwei mir unbekannte M�nner in mittleren Jahren in den Sesseln, die ich insgeheim gleich Dick und D�nn taufte. Schwitzen taten sie allerdings beide.</p><p>�Und was haben wir hier?�, fragte Geser sie tadelnd. Er schielte zu mir her�ber. �Komm rein, Anton. Setz dich, ich bin gleich fertig.�Dick und D�nn fassten ein wenig Mut.</p><p>�Eine durch und durch unf�hige Hausfrau�, die alle Fakten verdreht� banalisiert und vereinfacht� und euch verarscht! Nach Strich und Faden!�</p><p>�Weshalb wohl? Weil sie eben alles banalisiert und vereinfacht!�, blaffte Dick finster.</p><p>�Sie haben befohlen, dass <emphasis>alles seine Ordnung haben soll�, </emphasis>sprang D�nn ihm bei. �Und das ist halt das Ergebnis, Helllichter Geser!�</p><p>Ich betrachtete Gesers Besucher durchs <emphasis>Zwielicht. </emphasis>Nat�rlich! Schon wieder Menschen! Die noch dazu Gesers richtigen Namen und Titel kannten! Den sie obendrein mit offenem Sarkasmus aussprachen! Gewiss, es gibt die merkw�rdigsten Situationen, aber dass Geser selber Menschen seine Identit�t enth�llt�</p><p>�Gut.�Geser nickte. �Ich gebe euch noch eine Chance. Diesmal arbeitet ihr getrennt.�Dick und D�nn sahen sich an.</p><p>�Wir werden uns alle M�he geben�, meinte Dick mit gutm�tigem L�cheln. �Sie m�ssen das doch verstehen, wir haben bestimmte Erfolge erzielt��</p><p>Geser schnaubte. Als h�tten sie ein unsichtbares Signal bekommen, dass das Gespr�ch beendet sei, erhoben sich die beiden Besucher, verabschiedeten sich per Handschlag vom Chef und gingen hinaus. Im Vorzimmer machte D�nn eine lustige, scherzhafte Bemerkung zu Larissa, die daraufhin loslachte. �Menschen?�, fragte ich vorsichtig.</p><p>Geser nickte und blickte grimmig zur T�r. �Menschen�, seufzte er. �Menschen� Gut, Gorodezki. Setz dich.�</p><p>Obwohl ich Platz nahm, fing Geser das Gespr�ch nicht an. Sondern hantierte mit Papieren herum, sortierte ein paar farbige, glatte beschliffene Glasscherben, die in einer grob gearbeiteten Tonschale lagen. Zu gern h�tte ich gewusst, ob es sich um Amulette oder einfach um Scherben handelte, aber wenn ich Geser gegen�bersa�, traute ich mich nicht, mir allzu viel herauszunehmen.</p><p>�Wie war der Urlaub?�, fragte Geser, als wolle er jede M�glichkeit aussch�pfen, das Gespr�ch hinauszuz�gern.</p><p>�Gut�, erwiderte ich. �Nat�rlich habe ich mich ohne Sweta gelangweilt. Aber wir wollten Nadjuschka nicht in die spanische Glut mitschleppen. Das ist noch nichts f�r sie��</p><p>�Stimmt�, pflichtete Geser mir bei. Ich wusste nicht, ob der gro�e Magier Kinder hatte, derlei Informationen vertraut man nicht mal den eigenen Leuten an. Vermutlich schon. Und wahrscheinlich ist er in der Lage, so etwas wie Vatergef�hle zu empfinden. �Anton, hast du Swetlana angerufen?�</p><p>�Nein.�Ich sch�ttelte den Kopf. �Hat sie sich mit Ihnen in Verbindung gesetzt?�</p><p>Geser nickte. Und pl�tzlich explodierte er. Schlug mit der Faust auf den Tisch. �Was bildet sie sich eigentlich ein?�, br�llte er. �Erst desertiert sie��</p><p>�Geser, wir alle haben das Recht, die Wache zu verlassen�, korrigierte ich ihn. Aber Geser dachte gar nicht daran, sich zu entschuldigen.</p><p>�Sie ist desertiert! Eine Zauberin von ihrem Niveau kann nicht einfach machen, was ihr gef�llt! Dazu hat sie kein Recht! Sie� nennt sich eine Lichte� und dann zieht sie ihre Tochter wie einen Menschen auf!�</p><p>�Noch ist Nadja ein Mensch�, entgegnete ich und sp�rte, wie Wut in mir hochkochte. �Wenn sie eine Andere wird, muss sie sich selbst f�r eine Seite entscheiden� Helllichter Geser!�</p><p>Der Chef begriff, dass auch mit mir jetzt nicht mehr zu spa�en war. Und �nderte seinen Ton. �Gut. Das ist euer Recht. Haltet euch aus dem Kampf raus, verbaut dem M�dchen das Leben� Alles sch�n und gut! Aber woher kommt dieser Hass? �</p><p>�Was hat Sweta denn gesagt?�, fragte ich.</p><p>�Deine Frau hat mich angerufen�, meinte Geser seufzend. �Auf einem Apparat, dessen Nummer sie gar nicht wissen d�rfte��</p><p>�Dann wusste sie sie auch nicht�, stellte ich klar.</p><p>�Und sie hat mir vorgeworfen, ich w�rde dich umbringen! Dass ich irgendeinen langfristigen Plan umsetzen will, der auf deine physische Vernichtung hinausl�uft!�</p><p>Eine Sekunde lang sah ich Geser in die Augen. Dann lachte ich los.</p><p>�Was ist daran so komisch?�, wollte Geser mit gequ�lter Stimme wissen. �Na?�</p><p>�Geser��Mit M�he unterdr�ckte ich das Lachen. �Entschuldigung. Kann ich ganz offen sprechen? �</p><p>�Das will ich doch hoffen��</p><p>�Sie sind der gr��te Intrigant, den ich kenne. Noch ausgekochter als Sebulon. Gegen Sie war Machiavelli ein Waisenknabe��</p><p>�Machiavelli solltest du nicht untersch�tzen�, knurrte Geser. �Gut, ich bin also ein Intrigant. Und weiter?�</p><p>�Weiter bin ich davon �berzeugt, dass Sie nicht vorhaben, mich umzubringen. In einer kritischen Situation w�rden Sie mich unter Umst�nden opfern. Um eine wer wei� wie viele gr��ere Zahl an Menschen oder Lichten zu retten. Aber dass Sie planen� aushecken� mich� Das glaube ich nicht.�</p><p>�Vielen Dank, das freut mich.�Geser nickte. Ob ich ihn gekr�nkt hatte oder nicht, war mir schleierhaft. �Was hat Swetlana sich da in den Kopf gesetzt? Entschuldige, Anton��Geser verstummte und blickte sogar zur Seite. �Ihr erwartet doch kein Kind?�, fuhr er schlie�lich fort. �Ein Geschwisterchen?�</p><p>Ich verschluckte mich. �Nein��Ich sch�ttelte den Kopf. �Eigentlich nicht� Das h�tte sie mir gesagt!�</p><p>�Frauen drehen manchmal durch, wenn sie ein Kind bekommen�, schnaubte Geser und machte sich wieder daran, seine Glasscherben zu sortieren. �Sie fangen an, �berall Gefahren zu sehen, die dem Kind drohen, dem Mann, ihnen selbst� Oder vielleicht hat sie��Doch jetzt wurde der gro�e Magier vollends verlegen und unterbrach sich selbst. �Quatsch� vergiss es. Du solltest zu deiner Frau aufs Dorf fahren, mit deiner Tochter spielen, frisch gemolkene Milch trinken��</p><p>�Mein Urlaub ist ja morgen zu Ende�, erinnerte ich ihn. Irgendwas stimmte hier doch nicht! �Au�erdem hatte ich gedacht, ich sollte schon heute wieder mit der Arbeit anfangen.�</p><p>Geser sah mich mit gro�en Augen an. �Anton! Wie kannst du jetzt an Arbeit denken? Swetlana hat mich geschlagene f�nfzehn Minuten angeschrien! Wenn sie eine Dunkle w�re, w�rde �ber mir jetzt ein H�llenstrudel h�ngen! Vergiss die Arbeit! Ich verl�ngere deinen Urlaub um eine Woche. Und du f�hrst jetzt zu deiner Frau ins Dorf!�</p><p>Bei uns in der Moskauer Abteilung hei�t es, drei Dinge seien f�r einen Lichten unm�glich: sich ein Privatleben aufzubauen, Gl�ck und Frieden f�r die ganze Welt zu erreichen und von Geser die Erlaubnis zu bekommen, die �berstunden abzubummeln.</p><p>Mein Privatleben stellte mich, ehrlich gesagt, zufrieden. Und jetzt hatte ich noch eine Woche Urlaub bekommen.</p><p>Ob nun auch Gl�ck und Frieden f�r die ganze Welt vor der T�r standen? �Freust du dich denn nicht?�, fragte Geser.</p><p>�Doch�, gab ich zu. Nun ja, die Aussicht, unter dem gestrengen Blick meiner Schwiegermutter in den Beeten Unkraut zu j�ten, begeisterte mich nicht gerade. Aber Sweta und Nadja zu sehen, das ja. Nadja, Nadenka, Nadjuschka. Mein zweij�hriges Wunder. Ein Mensch, ein kleines Menschlein� Mit der Aussicht, eine Andere von gro�er Kraft zu werden. Eine Gro�e, die mit Riesenschritten davoneilen und selbst Geser abh�ngen w�rde� Prompt stellte ich mir Nadenkas kleine Sandalen vor, mit denen sie davontrippelte, w�hrend der gro�e Lichte Magier Geser mit lechzender Zunge hinter ihr herhastete, und musste grinsen.</p><p>�Geh in die Buchhaltung, die sollen dir eine Pr�mie auszahlen��, schlug Geser vor, ohne den geringsten Verdacht zu haben, wie ich ihn in Gedanken gerade verspottete. �Denk dir selbst aus, wof�r. Irgendwas wie� f�r langj�hrige gewissenhafte Arbeit��</p><p>�Geser, weshalb haben Sie mich angerufen?�, fragte ich.</p><p>Geser schwieg und durchbohrte mich mit seinem Blick. Was ihm nichts brachte. �Wenn ich dir alles erz�hlt habe, wirst du Swetlana anrufen�, sagte er dann. �Und zwar gleich von hier aus. Du wirst sie fragen, ob du einwilligen sollst. In Ordnung? Vom Urlaub erz�hlst du ihr auch. �</p><p>�Was ist denn passiert?�</p><p>Statt zu antworten zog Geser eine Schublade in seinem Schreibtisch auf, holte eine schwarze Ledermappe heraus und reichte sie mir. Die Mappe verstr�mte einen deutlichen Geruch nach Magie. Nach schwerer Kampfmagie. ��ffne sie ruhig, du darfst das��, brummte Geser.</p><p>Ich �ffnete die Mappe. Ein Anderer, der kein Recht dazu hatte, oder ein Mensch w�rde sich nach einem solchen Versuch in eine Hand voll Asche verwandeln. In der Mappe lag ein Brief. Ein einzelner Umschlag.</p><p>Die Adresse unseres B�ros war mit aus der Zeitung ausgeschnittenen Buchstaben akkurat aufgeklebt. Ein Absender fehlte nat�rlich.</p><p>�Die Buchstaben stammen aus drei Zeitungen�, erkl�rte Geser. �Aus der <emphasis>Prawda, </emphasis>dem <emphasis>Kommersant </emphasis>und <emphasis>Argumenty i fakty. �</emphasis></p><p><emphasis>�</emphasis>Wie originell�, r�umte ich ein. �Darf ich ihn aufmachen?�</p><p>�Nur zu. Die Kriminalisten haben schon alles M�gliche mit dem Briefumschlag angestellt. Es gibt keine Fingerabdr�cke, der Kleber kommt aus China und wird an jedem Zeitungskiosk verkauft��</p><p>�Und bei dem Papier handelt es sich um Klopapier!�, rief ich begeistert aus, als ich dem Umschlag ein paar Seiten entnahm. �Es ist doch wohl sauber?�</p><p>�Leider ja�, meinte Geser. �Nicht die geringste Spur von organischen Stoffen. Gew�hnlicher billiger Pipifax. Marke <emphasis>Vierundf�nfzig Meter.�</emphasis></p><p>Das Blatt Klopapier, achtlos an der Perforation abgerissen, war ebenfalls mit Buchstaben aus besagten drei Zeitungen beklebt. Genauer: mit ganzen W�rtern, nur die Endungen waren ab und an ohne Ber�cksichtigung der Schriftart verbessert worden.</p><p><emphasis>ES sollte DIE NACHTWACHE INTERESSIERen, dass EIN AndereR einem MenschEN die ganze Wahrheit �ber die AndereN enth�llt hat und aus DIESEm MENSCHen jetzt einen ANDEREN machen will Ein FREUND.</emphasis></p><p>Beinahe h�tte ich losgelacht. Doch dann blieb mir das Lachen im Hals stecken. �Wo hat er denn die Nachtwache her?�, fragte ich stattdessen. �Sieht fast so aus, als sei das Wort im Ganzen ausgeschnitten worden.�</p><p>�Es gab einen Artikel in <emphasis>Argumenty i fakty�, </emphasis>erkl�rte Geser. ��ber den Brand im Fernsehturm. Er war mit <emphasis>DIE NACHTWACHE AM FERNSEHTURM IN OSTANKINO </emphasis>getitelt.�</p><p>�Wirklich originell�, stimmte ich zu. Die Erw�hnung des Fernsehturms lie� mich leicht erschaudern. Das war nicht gerade die spa�igste Zeit gewesen. Und nicht gerade das spa�igste Abenteuer. Mein ganzes Leben lang wird mich das Gesicht des Dunklen verfolgen, den ich im <emphasis>Zwielicht </emphasis>vom Fernsehturm gest�rzt hatte�</p><p>�Zerbrich dir dar�ber nicht den Kopf, Anton. Du hast alles richtig gemacht�, sagte Geser. �Kommen wir zur Sache.�</p><p>�Gut, Boris Ignatjewitsch.�Ich sprach den Chef mit seinem alten�zivilen�Namen an. �M�ssen wir das etwa ernst nehmen?�</p><p>�Der Brief riecht nicht im Geringsten nach Magie�, meinte Geser schulterzuckend. �Entweder hat ihn also ein Mensch geschrieben oder ein f�higer Anderer, der seine Spuren verwischen kann. Wenn es ein Mensch war�, hei�t das, dass wir irgendwo eine undichte Stelle haben. Wenn es ein Anderer war�, handelt es sich um eine absolut verantwortungslose Provokation. �</p><p>�Keine Spuren?�, hakte ich noch mal nach.</p><p>�Keine. Der einzige Anhaltspunkt ist der Poststempel.�Geser runzelte die Stirn. �Und an dem ist garantiert was faul��</p><p>�Was hei�t das? Ist der Brief aus dem Kreml abgeschickt worden?�, feixte ich.</p><p>�Fast. Der Kasten, in den der Brief gesteckt wurde, befindet sich auf dem Gel�nde des Wohnkomplexes Assol.�</p><p>Die endlos hohen H�user mit roten D�chern - Genosse Stalin h�tte ohne Zweifel seine Freude an ihnen gehabt - kannte ich. Jedoch nur von au�en. �Da kommt man nicht so einfach rein, oder?�</p><p>�Richtig.�Geser nickte. �Nachdem unser Unbekannter einen solchen Aufwand mit dem Papier, dem Kleber und den Buchstaben getrieben hat, schickt er den Brief also aus dem Assol ab. Damit begeht er entweder eine Riesendummheit��Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>�� oder lockt uns auf eine falsche F�hrte.�An dieser Stelle legte Geser eine Kunstpause ein und beobachtete aufmerksam, wie ich reagierte.</p><p>Ich dachte nach. Und sch�ttelte abermals den Kopf. �Das ist sehr naiv. Nein.�</p><p>�Oder unser�Freund�- das letzte Wort sprach Geser mit offenem Sarkasmus aus -�will uns in der Tat einen Hinweis geben. �</p><p>�Wozu?�, fragte ich.</p><p>�Den Brief hat er ja zu einem bestimmten Zweck abgeschickt�, erinnerte mich Geser. �Wir m�ssen auf solche Briefe reagieren, Anton, das wirst du einsehen. Nehmen wir einmal das Schlimmste an, n�mlich dass ein Verr�ter unter den Anderen existiert, der Menschen das Geheimnis unserer Existenz enth�llt. �</p><p>�Aber wer w�rde ihm denn glauben?�</p><p>�Einem Menschen w�rde man nat�rlich nicht glauben. Aber ein Anderer k�nnte seine F�higkeiten unter Beweis stellen.�</p><p>Da hatte Geser nat�rlich Recht. Was mir jedoch nicht in den Kopf wollte: Wer w�rde so etwas tun? Und weshalb? Selbst der d�mmste und fieseste Dunkle m�sste sich im Klaren dar�ber sein, was er in Gang setzt, wenn er die Wahrheit preisgibt. Eine neue Hexenjagd n�mlich.</p><p>Dabei d�rften die Menschen keine Schwierigkeiten haben, sowohl in den Dunklen wie auch in den Lichten die Hexen zu sehen. In allen, die Anlagen zum Anderen haben� Auch in Sweta. Auch in Nadjuschka.</p><p>�Wie kann man denn aus einem Menschen einen Anderen machen?�, fragte ich. ��ber den Vampirismus?�</p><p>�Durch Vampire, Tiermenschen��Geser breitete die Arme aus. �Das ist wohl ein Weg. Die Initiierung erfolgt dann auf dem allergr�bsten, primitivsten Niveau dunkler Kraft. Bezahlen muss man daf�r mit dem Verlust der menschlichen Existenz. Einen Menschen zum Magier zu initiieren ist dagegen unm�glich.�</p><p>�Nadjuschka��, fl�sterte ich. �Schlie�lich haben Sie doch auch Swetlanas Schicksalsbuch umgeschrieben!�</p><p>�Nein, Anton�, entgegnete Geser kopfsch�ttelnd. �Deiner Tochter war es bestimmt, als Gro�e auf die Welt zu kommen. Wir haben nur f�r das richtige Vorzeichen gesorgt. Das Element des Zufalls ausgeschaltet��</p><p>�Jegor�, erinnerte ich ihn. �Der Junge war schon ein Dunkler geworden��</p><p>�Bei ihm haben wir blo� das Zeichen der Initiierung gel�scht. Wir haben ihm die Chance gegeben, noch einmal zu w�hlen�, best�tigte Geser. �Alle Interventionen, zu denen wir in der Lage sind, h�ngen mit der Wahl zwischen Licht und Dunkel zusammen, Anton. Aber zu w�hlen, ob wir ein Mensch oder ein Anderer sein wollen, ist uns nicht gegeben. Das ist niemandem auf dieser Welt gegeben.�</p><p>�Also geht es um Vampire�, sagte ich. �Nehmen wir an, bei den Dunklen ist mal wieder ein verliebter Vampir aufgetaucht��</p><p>�Das ist m�glich.�Geser breitete die Arme aus. �Dann w�re das Ganze relativ einfach. Die Dunklen �berpr�fen ihre Untoten, denn sie haben das gleiche Interesse wie wir� Ach ja. Sie haben �brigens auch so einen Brief bekommen. Haargenau den gleichen. Der ebenfalls aus dem Assol abgeschickt wurde. �</p><p>�Und die Inquisition hat keinen bekommen?�</p><p>�Du begreifst immer schneller�, lachte Geser. �Die auch. Per Post. Aus dem Assol.�</p><p>Ganz offensichtlich spielte Geser auf etwas an. Ich dachte kurz nach und kam dann auf eine weitere fulminante Schlussfolgerung. �Damit untersuchen beide Wachen und die Inquisition den Fall, nicht wahr?�</p><p>In Gesers Blick flackerte Entt�uschung auf. �Sieht ganz danach aus. Privat kann man sich schon einem Menschen zu erkennen geben, wenn es unbedingt sein muss. Du wei�t, was ich meine��Er nickte zur T�r, durch die die beiden Besucher hinausgegangen waren. �Aber eben nur privat. Wobei entsprechende magische Einschr�nkungen zum Tragen kommen. Diese Sache ist aber viel schlimmer. Offenbar plant ein Anderer, einen Handel mit Initiierungen aufzuziehen.�</p><p>Als ich mir einen Vampir vorstellte, der einem neureichen Russen seine Dienste anbot, musste ich l�cheln. �Wollen Sie nicht mal ein bisschen richtiges Blut aus dem Volk saugen, mein lieber Herr?�Obwohl - es geht ja nicht ums Blut. Selbst der schw�chste Vampir oder Tiermensch verf�gt �ber Kraft. Sie brauchen keine Angst vor Krankheiten zu haben und leben sehr, sehr lange. Auch die K�rperkr�fte sollte man nicht vergessen. Ein Tiermensch steckt einen Karelin in die Tasche, poliert einem Tyson die Fresse. Und auch jener�Tiermagnetismus�selbst, jener�Ruf�, den sie vollendet beherrschen, ist nicht zu verachten. Ein Wink - und dir geh�rt jede Frau.</p><p>Nat�rlich haben sowohl Vampire wie auch Tiermenschen in der Realit�t mit etlichen Einschr�nkungen zu k�mpfen. Die sogar noch gravierender sind als f�r Magier, ihre Unausgeglichenheit verlangt das. Aber ob das einem frisch gebackenen Vampir klar ist?</p><p>�Wor�ber lachst du?�, fragte Geser.</p><p>�Ich habe mir gerade ein Zeitungsinserat vorgestellt. <emphasis>Verwandle Sie in einen Vampir. Zuverl�ssig, einwandfrei, 100 Jahre Garantie. Preis nach Vereinbarung.�</emphasis></p><p>�Ein kluger Gedanke.�Geser nickte. �Ich werde jemanden beauftragen, die Zeitungen und Websites auf entsprechende Anzeigen durchzuk�mmen.�</p><p>Ich starrte Geser an, verstand aber nicht, ob er sich einen Scherz erlaubte oder das v�llig ernst meinte.</p><p>�Ich glaube nicht, dass wir es mit einer realen Gefahr zu tun haben�, sagte ich. �Vermutlich hat nur ein kreuzd�mlicher Vampir beschlossen, sich etwas dazuzuverdienen. Er f�hrt einem reichen Menschen ein paar Tricks vor und bietet ihm� �h� einen Biss an. �</p><p>�Bei�en lassen, Gl�ck abfassen�, stie� Geser ins gleiche Horn.</p><p>�Irgendjemand��, fuhr ich munter fort, �� zum Beispiel die Frau des Mannes, hat dann von diesem wahnsinnigen Vorschlag erfahren! W�hrend der holde Gatte noch z�gert, beschlie�t sie, uns zu schreiben. In der Hoffnung, dass wir den Vampir ausschalten und ihr Mann ein Mensch bleibt. Daher auch diese Kombination: die aus der Zeitung ausgeschnittenen Buchstaben und der Briefkasten im Assol. Das ist ein Hilfeschrei! Sie kann sich nicht direkt mit uns in Verbindung setzen, fleht aber f�rmlich: Rettet meinen Mann!�</p><p>�Du Romantiker�, h�hnte Geser missbilligend. <emphasis>�Wenn Ihnen Leben und Verstand teuer sind, so halten Sie sich vom Moor fern� </emphasis>Und dann, ritsch, ratsch, werden mit der Nagelschere aus der neuesten <emphasis>Prawda </emphasis>die Buchstaben ausgeschnitten� Hat sie die Adresse eigentlich auch aus der Zeitung?�</p><p>�Die Adresse der Inquisition!�, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.</p><p>�Diesmal liegst du richtig. K�nntest du der Inquisition einen Brief schicken?�</p><p>Ich schwieg. Vorgef�hrt. Dabei hatte Geser nicht mal ein Geheimnis aus dem Brief an die Inquisition gemacht!</p><p>�Bei uns in der Wache kenne nur ich die Postadresse. In der Tagwache d�rfte es nur Sebulon sein. Was folgt daraus, Gorodezki?�</p><p>�Den Brief haben Sie abgeschickt. Oder Sebulon.�Geser schnaubte blo�. �Nimmt die Inquisition die Sache ernst?�, wollte ich wissen.</p><p>�Das ist noch gelinde ausgedr�ckt. Der Versuch, mit Initiierungen zu handeln, beunruhigt sie im Grunde nicht weiter. Ein normaler Fall f�r die Wachen, die denjenigen finden m�ssen, der den Gro�en Vertrag verletzt hat, ihn bestrafen und das Informationsleck stopfen sollen. Und da wir und die Dunklen gleicherma�en �ber diese Angelegenheit emp�rt sind� Aber ein Brief an die Inquisition� das ist eine andre Frage. Bei ihnen arbeiten nicht viele, das wei�t du selbst. Wenn eine Seite den Vertrag verletzt, ergreift die Inquisition Partei f�r die andre Seite, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Das� diszipliniert uns alle. Aber gehen wir einmal davon aus, in einer der Wachen h�tte eine kleine Gruppe einen Plan entwickelt, mit dem sie den endg�ltigen Sieg erlangen wollten. Ein paar Kampfmagier, die sich zusammenschlie�en, w�ren in der Lage, in einer Nacht alle Inquisitoren zu erschlagen - nat�rlich nur, falls sie alles �ber die Inquisition w�ssten. Wer f�r sie arbeitet, wo die Inquisitoren wohnen, wo die Unterlagen aufbewahrt werden��</p><p>�Ist der Brief ans Hauptb�ro gegangen?�, hakte ich nach.</p><p>�Ja. Und wenn man bedenkt, dass sechs Stunden sp�ter das B�ro leer war und im Geb�ude ein Feuer ausgebrochen ist� und zwar genau in dem Teil, wo die Archive der Inquisition liegen� Wo das ist, wei� selbst ich nicht genau. Indem der Mensch� oder der Andere� der Inquisition einen Brief geschickt hat, hat er ihr f�rmlich den Fehdehandschuh hingeworfen. Jetzt wird die Inquisition ihn jagen. Die offizielle Version wird lauten, weil er die Vertraulichkeit verletzt und versucht hat, einen Menschen zu initiieren. Aber im Grunde, weil sie ihre eigene Haut retten wollen.�</p><p>�Ich h�tte nie gedacht, dass es ihrer Natur entspricht, um sich selbst Angst zu haben�, meinte ich.</p><p>�Und wie, Anton�, meinte Geser mit einem Nicken. �Denk doch mal �ber folgende Frage nach: Warum gibt es in der Inquisition eigentlich keine Verr�ter? Ihr geh�ren Dunkle und Lichte an. Sie durchlaufen ihre Ausbildung. Danach verfolgen die Dunklen unerbittlich die Dunklen und die Lichten die Lichten, sobald einer von ihnen den Vertrag verletzt.�</p><p>�Man braucht daf�r eine besondere charakterliche Veranlagung�, vermutete ich. �Entsprechend werden die Anderen dann ausgew�hlt.�</p><p>�Und da macht man nie einen Fehler?�, fragte Geser skeptisch. �Das gibt es nicht. Trotzdem ist in unserer Geschichte kein Fall bekannt, wo ein Inquisitor den Gro�en Vertrag verletzt h�tte��</p><p>�Vermutlich kennen sie die Folgen einer Vertragsverletzung nur allzu genau. Ein Inquisitor in Prag hat mir mal gesagt: �Uns leitet das Entsetzen.�</p><p>�Viteszlav��Geser runzelte die Stirn. �Er liebt eloquente Formulierungen� Gut, zerbrich dir dar�ber nicht weiter den Kopf. Die Situation ist einfach. Es gibt einen Anderen, der entweder den Gro�en Vertrag verletzt oder die Wachen und die Inquisition zum Besten h�lt. Die Inquisition wird eine Fahndung einleiten, dito die Dunklen. Von uns verlangt man ebenfalls einen Mitarbeiter. �</p><p>�Darf ich eine Frage stellen? Warum ausgerechnet ich?�</p><p>�Aus mehreren Gr�nden.�Geser breitete die Arme aus. �Erstens wird es im Zuge der Fahndung wohl zu einer Konfrontation mit Vampiren kommen. Und du bist unser Spezialist f�r die niederen Dunklen.�</p><p>Nein, ich hatte nicht den Eindruck, dass er lachte�</p><p>�Zweitens�, fuhr Geser fort, wobei er wie ein Deutscher die Finger der geschlossenen Faust nacheinander ausstreckte. �Seitens der Inquisition wurden mit der Untersuchung offiziell deine beiden Bekannten betraut. Viteszlav und Edgar.�</p><p>�Edgar ist in Moskau?�, fragte ich erstaunt. Ich konnte nicht gerade behaupten, dass ich den Dunklen Magier, der vor drei Jahren der Inquisition beigetreten war, sonderlich mochte. Aber� aber ich konnte immerhin sagen, dass er mir nicht unsympathisch war.</p><p>�Ja. Vor vier Monaten hat er seine Ausbildung abgeschlossen und ist zu uns gekommen. Da du dich w�hrend der Arbeit mit den Inquisitoren in Verbindung setzen musst, ist jede pers�nliche Beziehung von Vorteil.�</p><p>�Unsere pers�nlichen Begegnungen z�hlen aber nicht zu meinen angenehmsten Erinnerungen�, gab ich zu bedenken.</p><p>�Habe ich dir vielleicht eine Thai-Massage w�hrend der Arbeitszeit versprochen?�, fragte Geser h�misch. �Der dritte Grund, weshalb ich ausgerechnet dich auf diese Sache ansetzen m�chte��Er verstummte. Ich wartete.</p><p>�Auf Seiten der Dunklen leitet die Untersuchung ebenfalls ein alter Bekannter von dir.�</p><p>Den Namen brauchte Geser gar nicht erst zu nennen. Trotzdem fuhr er fort: �Konstantin. Der junge Vampir� dein ehemaliger Nachbar. Ich meine mich zu erinnern, dass ihr recht gut miteinander ausgekommen seid.�</p><p>�Ja, stimmt�, r�umte ich bitter ein. �Solange er noch ein Kind war, nur Schweineblut getrunken und davon getr�umt hat, seinem�Fluch�zu entgehen� Solange er noch nicht verstanden hatte, dass sein Bekannter, der Lichte Magier, solche wie ihn mit Haut und Haar verbrennt. �</p><p>�So ist das Leben�, konstatierte Geser.</p><p>�Er hat ja schon Menschenblut getrunken�, sagte ich. �Bestimmt! Wenn er sich in der Tagwache hochgedient hat.�</p><p>�Er ist ein Hoher Vampir geworden�, informierte mich Geser. �Der j�ngste Hohe Vampir in ganz Europa. Wenn du das auf uns �bertr�gst, ist er��</p><p>�Zweite oder dritte Kraftstufe�, fl�sterte ich. �F�nf oder sechs zerst�rte Leben.�</p><p>Kostja, Kostja� Damals war ich ein junger und unerfahrener Magier. In der Nachtwache konnte ich keine Freunde finden, die Beziehungen zu meinen alten Bekannten gingen alle ziemlich schnell den Berg runter� Andere und Menschen k�nnen nicht miteinander befreundet sein� Und dann fand ich heraus, dass meine Nachbarn Dunkle waren. Eine Vampirfamilie. Mutter und Vater waren Vampire und hatten ihr Kind initiiert. Was wirklich nicht schlimm war. Sie gingen nachts nicht auf Jagd, beantragten keine Lizenzen. Gesetzestreu tranken sie nur Schweine- und Spenderblut. Mich Idioten hat das beruhigt. Ich habe mich mit ihnen angefreundet. Sie sogar besucht. Sie sogar eingeladen! Sie a�en das Essen, das ich f�r sie gekocht hatte, und lobten es� Und ich Hohlkopf begriff nicht, dass das Essen der Menschen f�r sie nach nichts schmeckt, dass sie ein alter, ewiger Hunger qu�lt. Der kleine Vampir wollte sogar Biologe werden und herausfinden, wie man Vampirismus heilt� Dann t�tete ich meinen ersten Vampir.</p><p>Danach trat Kostja in die Tagwache ein. Ich wei� nicht, ob er sein Biologiestudium abgeschlossen hat, aber von seinen Kindertr�umen ist er mit Sicherheit kuriert�</p><p>Und er hat Lizenzen zum T�ten bekommen. Wie sonst h�tte er es geschafft, in nur drei Jahren zum Hohen Vampir aufzusteigen? Jemand muss ihm geholfen haben. Muss alle M�glichkeiten der Tagwache genutzt haben, damit Kostja, einst ein prima Kerl, wieder und wieder das Recht bekam, seine Eckz�hne in den Hals eines Menschen zu schlagen� den?�</p><p>Ich zog das Handy aus meiner Tasche und w�hlte Swetlanas Nummer.</p></section><section><title><p>Zwei</p></title><p>Wir arbeiten nur selten verdeckt.</p><p>Erstens m�ssen wir unsere Natur als Andere dann vollst�ndig verbergen. Damit deine Aura, die Kraftstr�me, die Ersch�tterung im <emphasis>Zwielicht </emphasis>dich nicht verraten. Diesbez�glich hast du es mit einer recht einfachen Konstellation zu tun. Wenn du ein Magier f�nften Grades bist, bemerken dich schw�chere Magier, also die mit dem sechsten oder siebten Grad, nicht. Als Magier ersten Grades bist du vor allen vom zweiten Grad abw�rts gesch�tzt. Wenn du ein Magier au�erhalb der Kategorie bist� kannst du darauf hoffen, dass dir niemand auf die Schliche kommt.</p><p>Geser selbst sorgte f�r meine Tarnung. Sofort nach dem Gespr�ch mit Swetlana. Diesem kurzen, aber beklemmenden Gespr�ch. Wir stritten nicht, das nicht. Sie war nur <emphasis>sehr </emphasis>entt�uscht.</p><p>Zweitens brauchst du eine Legende. Am besten sicherst du die Legende auf magische Weise ab. Unbekannte Menschen sind dann schnell bereit, in dir einen Bruder zu sehen, einen Schwiegervater oder Freund aus der Armeezeit, mit dem sie sich von ihrer Truppe davongestohlen haben, um irgendwo was zu picheln. Aber jede magische Deckung hinterl�sst Spuren, die ein mehr oder weniger starker Anderer erkennen kann.</p><p>Deshalb verzichteten wir bei meiner Legende auf jede Magie. Geser dr�ckte mir die Schl�ssel von einer Wohnung im Assol in die Hand. Hundertf�nfzig Quadratmeter im siebten Stock. Die Wohnung lief auf meinen Namen, gekauft hatte ich sie vor einem halben Jahr. Als ich gro�e Augen machte, erkl�rte Geser mir, dass die Papiere heute Morgen ausgestellt, dabei aber zur�ckdatiert worden waren. F�r eine h�bsche Stange Geld. Und dass wir die Wohnung sp�ter zur�ckgeben m�ssten.</p><p>Als Dreingabe bekam ich den Schl�ssel f�r einen BMW. Das Auto war nicht neu, auch nicht besonders luxuri�s - aber meine Wohnung war ja auch klein.</p><p>Dann betrat ein Schneider das Zimmer, ein trauriger alter Jude, ein Anderer siebten Grades. Er nahm meine Ma�e und versprach, bis zum Abend w�rde der Anzug fertig sein, in dem�dieser Junge endlich wie ein Mensch�aussehen werde. Geser behandelte den Schneider mit ausgesuchter H�flichkeit, �ffnete ihm die T�r, begleitete ihn ins Vorzimmer und fragte beim Abschied sch�chtern, was denn sein�M�ntelchen�mache. Worauf der Schneider erwiderte, der Chef brauche sich keine Sorgen zu machen, denn bis die K�lte einsetze, sei der Mantel, der dem Helllichten Geser zur Ehre gereiche, fertig.</p><p>Nach diesen Worten behagte mir die Entscheidung, mir einen ganzen Anzug anfertigen zu lassen, nicht mehr so wahnsinnig. Richtige grandiose Sachen n�hte der Schneider offenbar nicht an einem halben Tag.</p><p>Um meine Krawatten k�mmerte sich Geser pers�nlich. Er brachte mir sogar bei, wie ich einen besonders modischen Knoten hinbekam. Danach dr�ckte er mir ein B�ndel Geldscheine in die Hand, nannte mir die Adresse eines bestimmten Gesch�fts und befahl mir, alles zu kaufen, was sonst noch n�tig war, inklusive Unterw�sche, Taschent�cher und Socken. Als Berater schlug er mir Ignat vor, unsern Magier, der in der Tagwache garantiert als Inkubus durchgegangen w�re. Oder Sukkubus. Ihm war das mehr oder weniger egal.</p><p>Der Streifzug durch die Boutiquen, in denen sich Ignat wie ein Fisch im Wasser f�hlte, machte mir Spa�. Der Besuch beim Friseur, genauer gesagt, in einem Sch�nheitssalon, raubte mir dagegen den letzten Nerv. Nacheinander taxierten mich zwei Frauen und ein Mann, der einen auf Tunte machte, aber nicht schwul war. Die drei seufzten lange und w�nschten meinem Friseur sonst was an den Hals. Sollten diese Fl�che wahr werden, m�sste mein armer Coiffeur w�hrend der ihm noch verbleibenden Jahre glatzk�pfige Hammel scheren. Und zwar irgendwo in Tadschikistan. Anscheinend geh�rte das zum Schlimmsten, was man einem Friseur w�nschen konnte� Ich nahm mir vor, nachher bei meinem zweitrangigen Friseur vorbeizuschauen, der mir das letzte Jahr die Haare geschnitten hatte, und zu pr�fen, ob sie dem Mann nicht doch einen H�llenstrudel angeh�ngt hatten.</p><p>Der Kollektivverstand dieser Sch�nheitsspeziaiisten gelangte zu der �berzeugung, nur ein streichholzkurzer Schnitt k�nne mich noch retten. So einer, wie ihn kleine Mafiosi tragen, die die H�ndler auf dem Markt ausnehmen. Zum Trost versicherten sie mir, der Sommer solle hei� werden, weshalb ein Kurzhaarschnitt ausgesprochen bequem sei.</p><p>Nach dem Schneiden, das mehr als eine Stunde dauerte, folgten Mani- und Pedik�re. Danach brachte mich ein zufriedener Ignat zum Zahnarzt, der mit einem speziellen Bohrer den Zahnstein entfernte und mir riet, die Prozedur jedes halbe Jahr zu wiederholen. Meine Z�hne f�hlten sich danach irgendwie nackt an, es war sogar unangenehm, sie mit der Zunge zu ber�hren. Auf Ignats doppeldeutige Aussage�Anton, du siehst direkt zum Verlieben aus!�fand ich keine passende Antwort, sondern murmelte nur etwas Unverst�ndliches und �rgerte mich innerlich auf dem gesamten Weg zur�ck ins B�ro �ber seinen plumpen Humor.</p><p>Der Anzug war bereits fertig. Der Schneider brummte unzufrieden, wenn man ein St�ck n�he, ohne ein zweites Mal Ma� zu nehmen, k�nne man auch blindlings heiraten.</p><p>Hm. Wenn alle Eheleute, die �berst�rzt geheiratet hatten, so gut zueinander passten wie dieser Anzug zu mir, sollte die Zahl der Scheidungen eigentlich gegen Null tendieren.</p><p>Geser sprach mit dem Schneider noch �ber seinen Mantel. Die beiden stritten lange und heftig �ber die Kn�pfe, bis der Helllichte Magier schlie�lich nachgab. Ich stand am Fenster, schaute auf die abendliche Stra�e und das blinkende L�mpchen der Alarmanlage an�meinem�Auto hinaus.</p><p>Wenn sie nur die Karre nicht klauten� Einen magischen Schutz, der s�mtliche Diebe abschreckte, durfte ich nicht wirken. Er h�tte mich schneller verraten als in dem Witz vom Spion Stirlitz jener Fallschirm, den er hinter sich herschleppte.</p><p>Schlafen musste ich heute bereits in der neuen Wohnung. Dabei sollte ich so tun, als t�te ich das nicht das erste Mal. Nur gut, dass zu Hause niemand auf mich wartete. Weder meine Frau noch meine Tochter, kein Hund und keine Katze� Noch nicht mal Fische im Aquarium hielten wir. Und das war auch gut so.</p><p>�Hast du deine Aufgabe verstanden, Gorodezki?�, fragte Geser. W�hrend ich am Fenster meinen Gedanken nachhing, war der Schneider gegangen. In dem neuen Anzug f�hlte ich mich �berraschend wohl. Selbst mit dem Kurzhaarschnitt kam ich mir nicht wie ein Erpresser von Schwarzh�ndlern, sondern wie jemand Wichtigeres vor. Zum Beispiel wie jemand, der in kleinen Gesch�ften Schutzgelder eintrieb.</p><p>�Ich ziehe ins Assol. Lerne die Nachbarn kennen. Suche nach Spuren des abtr�nnigen Anderen und seines eventuellen Auftraggebers. Wenn mir was auff�llt, mache ich Meldung. Wenn ich mich mit den andern Parteien, die an dieser Untersuchung beteiligt sind, treffe, verhalte ich mich korrekt, tausche Informationen aus und lasse mich auf eine Zusammenarbeit ein.�</p><p>Geser trat neben mich ans Fenster. Er nickte. �Richtig, Anton. Richtig. Das Wichtigste hast du jedoch vergessen. �</p><p>�Ja?�, fragte ich.</p><p>�Du darfst keine der Versionen bevorzugen. Selbst die nicht, die dir am wahrscheinlichsten vorkommen. Gerade weil sie am wahrscheinlichsten sind! Der Andere kann ein Vampir oder ein Tiermensch sein, muss es aber nicht.�Ich nickte.</p><p>�Er kann ein Dunkler sein�, fuhr Geser fort, �aber auch ein Lichter.�</p><p>Ich sagte kein Wort. Dieser Gedanke war mir auch schon in den Sinn gekommen.</p><p>�Und das Allerwichtigste�, f�gte Geser hinzu. �Dass er�aus einem Menschen einen Anderen machen�will - das k�nnte auch ein Bluff sein.�</p><p>�Aber das muss es nicht?�, hakte ich nach. �Gibt es denn nun die M�glichkeit, aus einem Menschen einen Anderen zu machen, Geser, oder nicht?�</p><p>�Du glaubst doch nicht etwa, ich w�rde so etwas geheim halten?�, antwortete Geser mit einer Frage. �Wie viele Schicksale von Anderen, die verloren sind� Wie viele wundervolle Menschen, die gezwungen sind, nur ihr kurzes Leben zu leben� Dergleichen ist bisher niemals vorgekommen. Aber f�r alles gibt es ein erstes Mal.�</p><p>�Dann werde ich davon ausgehen, dass es m�glich ist�, meinte ich.</p><p>�Ich kann dir keine Amulette geben�, bedauerte Geser. �Du musst das verstehen. Auch Magie solltest du besser nicht einsetzen. Das Einzige, was du darfst, ist, durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>zu schauen. Aber im Notfall sind wir schnell da. Du brauchst uns blo� zu rufen.�Er verstummte kurz. �Ich gehe nicht von irgendwelchen K�mpfen aus�, f�gte er dann noch hinzu. �Aber du solltest genau das tun.�</p><p>Noch nie hatte ich in einer Tiefgarage parken m�ssen. Nur gut, dass hier wenig Autos standen, die Betonauffahrt in grelles Licht getaucht war und der Security-Mann, der an einem Bildschirm die Vorg�nge im Innern beobachtete, mir freundlich erkl�rte, wo sich meine Garagen befanden. Man ging also davon aus, dass ich mindestens zwei Autos h�tte.</p><p>Ich stellte den Wagen ab, holte aus dem Kofferraum eine Tasche mit Sachen und schaltete die Alarmanlage ein. Dann wandte ich mich zum Ausgang. Und bekam die erstaunte Frage des Security-Menschen zu h�ren: Ob die Fahrst�hle wirklich nicht funktionierten? Ich musste die Stirn runzeln, mit der Hand abwinken und erkl�ren, dass ich ein Jahr lang nicht mehr hier gewesen sei.</p><p>Der Mann fragte nach meinem Block und dem Stockwerk, in dem ich wohnte, um mich dann zum Aufzug zu bringen.</p><p>Umgeben von Chrom, Glas und klimatisierter Luft fuhr ich in den siebten Stock hinauf. Es war nahezu besch�mend, dass ich so weit unten wohnte. Nicht dass ich nach einer Penthousewohnung verlangt h�tte, aber trotzdem�</p><p>Im Treppenhaus - falls dieser schn�de Ausdruck �berhaupt zu jener Halle mit einer Fl�che von drei�ig Quadratmetern passte - irrte ich eine Zeit lang zwischen den T�ren hin und her. Ein �berraschendes Ende des M�rchens. Bei einer Wohnung fehlte die T�r v�llig. Hinter dem leeren Durchbruch schimmerte ein gigantischer dunkler Raum: Betonw�nde, Betonboden, keine weiteren Unterteilungen. Leises Tropfen von Wasser.</p><p>Es dauerte lange, bis ich mich zwischen den drei bereits eingesetzten T�ren entschieden hatte. Nummern hatten sie keine. Nach einer Weile entdeckte ich an einer T�r dann doch eine eckige Nummer, die jemand eingeritzt hatte, an einer andern die �berreste einer Kreideaufschrift. Also konnte meine T�r nur die dritte sein. Die unscheinbarste von allen. Bei Geser h�tte ich allerdings auch damit rechnen m�ssen, dass er mich in der Wohnung untergebracht h�tte, deren T�r fehlte. Dann w�re jedoch meine Legende zum Teufel gewesen�</p><p>Ich kramte den Schl�sselbund hervor und schloss die T�r relativ leicht auf. Suchte den Lichtschalter - und stie� auf eine ganze Palette von Schaltern. Ich machte mich daran, sie nacheinander zu bet�tigen.</p><p>Sobald die Wohnung beleuchtet war, schloss ich die T�r und sah mich nachdenklich um. Hm. Das Ganze hatte was. K�nnte man meinen.</p><p>Der bisherige Besitzer� Ja, schon gut, laut Legende bin ich das. Ich hatte also mit der Modernisierung angefangen. Offenbar trug ich mich mit napoleonischen Pl�nen. Wie sonst lie�en sich das handgefertigte, kunstvolle Parkett, die Eichenfenster, die Klimaanlage Daikin und andere Attribute des sch�neren Wohnens erkl�ren?</p><p>Im weiteren Verlaufe war mir dann vermutlich das Geld ausgegangen. Denn das riesige Apartmentstudio - ohne jede W�nde im Innern - bestach durch jungfr�uliche Leere. In der Ecke, in der die K�che h�tte liegen sollen, stand ein schiefer Gasherd der Marke Brest, auf dem man durchaus schon Grie�brei gekocht haben konnte, als ich noch in den Windeln lag. Direkt auf dem Herdring thronte - als wolle sie mich warnen: �Benutze blo� nicht den Herd!�- eine einfache Mikrowelle. �ber dem schrottreifen Herd hing �brigens ein Luxusabzug. Neben ihm fristeten zwei Hocker und ein niedriger Teewagen ihr Dasein.</p><p>Aus alter Gewohnheit zog ich mir die Schuhe aus und ging in die K�chenecke. Einen K�hlschrank gab es nicht, genauso wenig wie M�bel, aber auf dem Fu�boden stand ein gro�er Pappkarton voll Proviant: Flaschen mit Mineralwasser und Alkohol, Konserven, T�tensuppen, P�ckchen mit Zwieback. Vielen Dank auch, Geser. Wenn Sie vielleicht auch noch an einen Topf h�tten denken k�nnen�</p><p>Aus der�K�che�steuerte ich auf die Badezimmert�r zu. Offensichtlich hatte ich genug Verstand besessen, das Klo und die Jacuzzi nicht auch noch dem Blick der Allgemeinheit preiszugeben�</p><p>Ich �ffnete die T�r und sah mir das Bad an. Ganz passabel. Ein zehn, zw�lf Quadratmeter gro�er Raum, h�bsche t�rkisfarbene Kacheln, eine futuristisch anmutende Duschkabine. Allein bei dem Gedanken, was sie gekostet haben musste, wurde mir mulmig. Und womit sie wohl aufgemotzt sein mochte.</p><p>Eine Jacuzzi gab es nicht. Es gab �berhaupt keine Badewanne. In einer Ecke hingen lediglich ein paar abgedichtete Wasserleitungen heraus. Und dann�</p><p>W�hrend ich das Bad weiter inspizierte, best�tigte sich mein schrecklicher Verdacht. Das Klo fehlte ebenfalls!</p><p>Es gab nur ein Fallrohr, in das ein Holzverschluss gerammt worden war. Wirklich, vielen Dank auch, Geser!</p><p>Aber Stopp. Nur keine Panik. In Wohnungen wie diesen gibt es mehr als eine Toilette. Es musste noch ein Klo vorhanden sein. F�r G�ste. Kinder. Angestellte�</p><p>Ich st�rzte ins Studio zur�ck und entdeckte in einer Ecke tats�chlich eine weitere T�r. Direkt neben dem Eingang. Mein Instinkt hatte mich nicht get�uscht: das G�steklo. Eine Wanne war hier sowieso nicht zu erwarten, die Duschkabine schlichter.</p><p>Anstelle des Klos entdeckte ich jedoch nur ein weiteres abgedichtetes Rohr. Mist. Schei�e!</p><p>Sicher, mir ist klar, dass echte Profis auf diese Kleinigkeiten nicht achten. Wenn James Bond mal aufs Klo geht, dann blo�, um ein Gespr�ch zu belauschen oder einen Gangster zu erledigen, der sich im Sp�lkasten versteckt hat. Aber ich sollte hier wohnen!</p><p>Ein paar Sekunden lang spielte ich mit dem Gedanken, Geser anzurufen und einen Klempner samt kompletter Ausstattung anzufordern. Dann stellte ich mir seine Reaktion vor.</p><p>Aus irgendeinem Grund l�chelte Geser in meiner Phantasie. Dann seufzte er und gab einen Befehl: Danach kam der Oberinstallateur Moskaus ins Assol und baute h�chstpers�nlich ein Klosett ein. W�hrend Geser immer noch l�chelte und den Kopf sch�ttelte.</p><p>Magiern seines Niveaus unterlaufen in Details keine Fehler. Ihre Fehler, das sind brennende St�dte, blutige Kriege und Impeachments von Pr�sidenten. Aber nicht ein fehlendes Klo.</p><p>Wenn es in meiner Wohnung keine Toilette gab, sollte das so sein.</p><p>Abermals durchstreifte ich meinen Wohnraum. Fand eine aufgerollte Matratze und eine Garnitur fr�hlich bunt bedruckter Bettw�sche. Ich entrollte die Matratze, packte die Tasche mit meinen Sachen aus. Zog Jeans und das T-Shirt mit dem optimistischen Aufdruck zum klinischen Tod an. Schlie�lich br�uchte ich in meiner eigenen Wohnung nicht in Schlips und Kragen rumzulaufen! Dann holte ich den Laptop heraus. �brigens, wie sollte ich hier ins Internet kommen - �bers Handy?</p><p>Ich musste noch einen Streifzug durch die Wohnung machen. Eine Steckdose fand sich in der Wand des gro�en Badezimmers - gl�cklicherweise sogar auf der Seite zum Studio. Das konnte kein Zufall sein. Deshalb schaute ich ins Bad. In der Tat: Neben dem nicht funktionierenden Klo prangte eine weitere Steckdose.</p><p>Was hatte ich blo� f�r einen seltsamen Geschmack, als ich mit der Modernisierung begonnen habe�</p><p>Strom war da. Wenigstens etwas, aber schlie�lich war ich nicht deswegen hierher gekommen.</p><p>Um die lastende Stille wenigstens ein bisschen zu vertreiben, �ffnete ich das Fenster. Warmer Wind str�mte ins Zimmer. �ber</p><p>dem Fluss leuchteten die Fenster der H�user. Gew�hnlicher H�user von Menschen. Und immer noch diese Stille. Kein Wunder, um ein Uhr nachts.</p><p>Ich kramte den MD-Player heraus. W�hlte in den Scheiben und entschied mich f�r <emphasis>Belaja gwardija, </emphasis>eine Gruppe, die niemals die Charts auf MTV anf�hren oder Stadien f�llen w�rde. Mit eingest�pselten Kopfh�rern streckte ich mich auf der Matratze aus.</p><poem><stanza><v>Wenn dieser Kampf zu Ende geht</v><v>Und du noch lebst am n�chsten Tage,</v><v>Dann wird dir klar, es riecht der Sieg</v><v>Genauso streng wie Niederlage.</v></stanza><stanza><v>Du bist allein, hast keine Feinde mehr</v><v>Und stehst verloren in den Tr�mmern nun.</v><v>Der Himmel dr�ckt dir auf die Schultern schwer;</v><v>Was bleibt in dieser W�ste noch zu tun?</v></stanza><stanza><v>Doch du wartest ab, Was sie bringt,</v><v>Die Zeit, Du wartest ab�</v><v>Und Honig scheint dir bitterer als Salz,</v><v>Die Tr�ne s��er nicht als Wermut - nein,</v></stanza><stanza><v>Ich kenne keine gr��'ren Schmerzen, als</v><v>lebendig unter lauter Schl�fern sein.</v><v>Doch du wartest ab, Was sie bringt,</v><v>Die Zeit, Du wartest ab�</v></stanza></poem><p>Als ich mich dabei erwischte, wie ich die leise Frauenstimme mit unmelodischem Gesang begleitete, st�pselte ich die Kopfh�rer aus und stellte den Player ab. Nein. Ich war nicht hier, um rumzuh�ngen.</p><p>Was h�tte James Bond an meiner Stelle getan? Den geheimnisvollen Anderen, diesen Verr�ter, gefunden, seinen menschlichen Auftraggeber und den Verfasser des anonymen Briefes! Und was tue ich?</p><p>Ich suche etwas, das f�r mich schlicht und ergreifend lebensnotwendig ist. Da unten, bei dem Security-Menschen, wird es doch wohl ein Klo geben!</p><p>Irgendwo drau�en - nein, ganz in der N�he - dr�hnte mit voller Wucht eine Bassgitarre. Ich sprang auf, aber in der Wohnung entdeckte ich niemanden.</p><p>�Und jetzt los, Kumpel!�, drang es von drau�en herein. Ich beugte mich zum Fenster hinaus und lie� den Blick �ber die Fassade des Assol wandern. Zwei Stockwerke weiter oben bemerkte ich die offenen Fenster, aus denen diese grauenvollen, erstaunlicherweise f�r eine Bassgitarre arrangierten Akkorde hochschallten.</p><poem><stanza><v>Fr�her, was habe ich da f�r Gesch�fte gemacht!</v><v>Galt als scharfer Hecht, als gro�er Gesch�ftemacher.</v><v>Doch neulich, da ist mir aufgefallen -</v><v>und wer h�tte das gedacht</v><v>Verdammt lang her, dass ich mein letztes Gesch�ft gemacht.</v></stanza><stanza><v>Doch anno dunnemals, was habe ich da f�r Gesch�ftchen gemacht!</v><v>Hab Druck ausge�bt, denn dr�cken konnt ich wie kein Zweiter.</v><v>Deshalb hab ja auch ich allein f�r alle die Gesch�fte gemacht.</v><v>Die haben sich gedr�ckt - und das Dr�cken blieb mir, dem Goldenen Reiter!</v></stanza></poem><p>Unm�glich, sich einen gr��eren Kontrast vorzustellen, als die leise Stimme von Soja Jaschtschenko, der S�ngerin von <emphasis>Belaja gwardija, </emphasis>und diesem unvorstellbaren Chanson zur Bassgitarre. Trotzdem gefiel mir das Lied irgendwie. Der S�nger, der nur drei Akkorde hinbekam, streute sich weiter aufs Haupt:</p><poem><stanza><v>Aber noch habe ich mein letztes Gesch�ftchen nicht gemacht,</v><v>Selbst wenn wohl kein Gesch�ft mehr die Gr��e von einst erreicht.</v><v>Weil heute ja jeder �ber gro�e Gesch�fte blo� lacht,</v><v>Weil es zum Druckmachen, zum Dr�cken nicht mehr reicht�</v></stanza></poem><p>Ich lachte los. Ein echter Underdog-Song. Alle Attribute stimmten: Der lyrische Held erinnert sich an die Tage seines vergangenen Ruhmes, beschreibt seine jetzige Misere und klagt dar�ber, dass er nie wieder etwas Gro�es vollbringen werde.</p><p>Ich hatte den starken Verdacht, dass, wenn dieses Lied im <emphasis>Schlagerradio </emphasis>gespielt werden w�rde, neunzig Prozent der H�rer die Anspielungen nicht einmal mitbek�men.</p><p>Die Gitarre stie� ein paar Seufzer aus. Dann stimmte der S�nger ein neues Lied an.</p><poem><stanza><v>Bin noch nie im Irrenhaus gewesen,</v><v>Also frag mich bitte nicht danach�</v></stanza></poem><p>Die Musik brach ab. Jemand seufzte j�mmerlich und strich noch etwas �ber die Saiten.</p><p>Ich z�gerte nicht l�nger. Tauchte in den Pappkarton ab, holte eine Flasche Wodka und ein St�ck R�ucherwurst heraus. St�rmte ins Treppenhaus hinaus, knallte die T�r hinter mir zu und rannte hinauf.</p><p>Die Wohnung des Mitternachtsbarden zu finden war nicht schwerer, als einen im Geb�sch versteckten Presslufthammer auszumachen. Einen Presslufthammer in Betrieb.</p><p>V�gel singen hier nicht mehr,</p><p>Nirgends scheint die liebe Sonne,</p><p>Kinder toben nicht umher</p><p>b�se bei der Abfalltonne.</p><p>Ich klingelte, fragte mich aber, ob er das �berhaupt h�ren w�rde. Doch die Musik verstummte, und eine halbe Minute sp�ter �ffnete sich die T�r.</p><p>In der T�rf�llung stand, freundlich l�chelnd, ein kleinerer, gedrungener Mann von etwa drei�ig Jahren. In seinen H�nden hielt er die Tatwaffe, eine Bassgitarre. Mit finsterer Genugtuung bemerkte ich, dass der Barde ebenfalls einen�Mafiososchnitt�trug. Au�erdem verwaschene Jeans und ein recht kurioses T-Shirt, auf dem ein Soldat in russischer Uniform mit einem riesigen Messer einem Schwarzen in amerikanischer Uniform den Hals durchschnitt. Darunter prangte der stolze Aufdruck: �Wir k�nnen euch auch daran erinnern, wer den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat.�</p><p>�Auch nicht schlecht�, kommentierte der Gitarrist mein T-Shirt. �Komm rein.�</p><p>Er nahm den Wodka und die Wurst an sich und verschwand in den Untiefen seiner Wohnung. Ich sah ihn mir durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>an. Ein Mensch.</p><p>Mit einer derart wirren Aura, dass ich gar nicht erst versuchte, seinen Charakter zu verstehen. Mit grauen, rosafarbenen, roten und blauen T�nen. Ein erstaunlicher Cocktail. Ich folgte dem Gitarristen. Seine Wohnung war doppelt so gro� wie meine. Mit seinem Gitarrenspiel hatte er sich die bestimmt nicht verdient� Aber das ging mich nichts an. Viel komischer war, dass die Wohnung von der Gr��e abgesehen, eine genaue Kopie meiner eigenen darstellte. Die Anf�nge einer ambitionierten Modernisierung, die �berst�rzt abgebrochen und nur teilweise ausgef�hrt worden war.</p><p>Mitten in dem enormen Wohnzimmer - f�nfzehn mal f�nfzehn Meter, mindestens - standen ein Stuhl, davor ein Mikrost�nder, ein guter Verst�rker, wie ihn Profis benutzen, und zwei gigantische Boxen.</p><p>An der Wand reihten sich drei riesige K�hlschr�nke von Bosch. Der Gitarrist �ffnete den gr��ten - in dem g�hnende Leere herrschte - und legte den Wodka ins Eisfach. �Zu warm�, erkl�rte er.</p><p>�Ich hab keinen K�hlschrank�, erkl�rte ich.</p><p>�Kommt vor�, meinte er. �Lass. �</p><p>�Was soll ich lassen?�Ich verstand nicht, was er meinte.</p><p>�So hei�e ich. Lass. Steht nat�rlich nicht im Pass. �</p><p>�Anton�, stellte ich mich vor. �Laut Pass. �</p><p>�Kommt vor�, r�umte der Barde ein. �Wo wohnst du? �</p><p>�Im siebten Stock�, antwortete ich. Nachdenklich kratzte sich Lass den Nacken. Blickte zu den offenen Fenstern hin�ber. �Ich hab sie aufgemacht, damit es nicht so laut ist�, erkl�rte er. �Das halten meine Ohren nicht aus. Ich wollte eine Schallisolierung einbauen lassen, aber mir ist das Geld ausgegangen.�</p><p>�Anscheinend ein verbreitetes �bel�, tastete ich mich vor. �Ich habe nicht einmal ein Klo.�</p><p>Lass grinste triumphierend. �Ich schon. Seit einer Woche! Da, hinter der T�r.�</p><p>Als ich wiederkam, schnitt Lass gerade mit wehm�tigem Blick die Wurst.</p><p>�Warum ein englisches?�, konnte ich meine Neugier nicht unterdr�cken. �Noch dazu ein so gro�es?�</p><p>�Hast du die Firmenlogos an dem Ding gesehen?�, fragte Lass. �Wir haben das erste Klosett erfunden.�Wie h�tte ich das Ding nicht kaufen k�nnen - mit dem Slogan? Ich habe vor, den Aufkleber einzuscannen und ein wenig zu korrigieren. Es sollte hei�en. �Wir haben als Erste verstanden, wozu Menschen��</p><p>�Alles klar�, kam ich ihm zuvor. �Daf�r hab ich eine Dusche.�</p><p>�Echt?�Der Barde stand auf. �Seit drei Tagen tr�ume ich davon, mich mal zu waschen��Ich hielt ihm den Schl�ssel hin.</p><p>�K�mmer dich inzwischen darum, dass wir zum Wodka was zu essen haben�, meinte Lass froh. �Der Wodka ist garantiert in zehn Minuten eiskalt. Und bei mir dauert's nicht lange.�</p><p>Die T�r schlug zu, und ich blieb allein in der fremden Wohnung zur�ck - in trauter Einsamkeit mit angeschlossenen Verst�rkern, bereits geschnittener Wurst und einem riesigen, leeren K�hlschrank. Ach ja!</p><p>Niemals h�tte ich gedacht, dass in solchen H�usern die ungezwungene, freundschaftliche Atmosph�re einer Wohngemeinschaft herrschen k�nnte. Oder eines Wohnheims f�r Studenten.</p><p>Geh du ruhig auf mein Klo, dann nehm ich ein Bad in deiner Jacuzzi� Pjotr Petrowitsch hat einen K�hlschrank, Iwan Iwanowitsch hat versprochen, Wodka mitzubringen, er handelt schlie�lich damit, und Semjon Semjonitsch schneidet die Zuspeisen sorgsam, akkurat in kleine St�cke�</p><p>Vermutlich haben die meisten Mieter hier die Wohnung�f�r die Ewigkeit�gekauft. Mit all dem Geld, das sie sich erarbeitet, zusammengeklaut und geliehen haben.</p><p>Erst danach ging den gl�cklichen Wohnungseigent�mern auf, was in einer Wohnung dieser Gr��e noch alles gemacht werden muss. Und jemanden, der sich hier eine Wohnung gekauft hatte, nahm jede Firma bis aufs letzte Hemd aus. Dann galt es, monatlich auch noch etwas f�r die sonstige Unmenge an Quadratmetern, die Tiefgarage, die Gr�nanlage und die Uferstra�e zu berappen.</p><p>So stand das riesige Haus halb leer, wirkte fast aufgegeben.</p><p>Nat�rlich ist es keine Trag�die, wenn jemand nur eine kleine Perle besitzt. Aber zum ersten Mal konnte ich mich mit eigenen Augen davon �berzeugen, dass es mindestens eine Tragikom�die war.</p><p>Wie viel Menschen wohl tats�chlich im Assol lebten? Wenn auf das n�chtliche Geheule der Bassgitarre hin nur ein Mieter erschienen ist? Und wenn dieser seltsame Barde bisher v�llig ungest�rt ruml�rmen konnte?</p><p>Ein Mieter pro Stockwerk? Wohl eher noch weniger� Wer hat dann den Brief abgeschickt?</p><p>Ich versuchte mir vorzustellen, wie Lass mit einer Nagelschere Buchstaben aus der <emphasis>Prawda </emphasis>ausschnitt. Es klappte nicht. Einer wie er h�tte sich etwas Originelleres ausgedacht.</p><p>Ich schloss die Augen. Stellte mir vor, wie sich der graue Schatten von meinen Lidern auf meine Pupillen legte. Dann �ffnete ich die Augen und sah mich durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>in der Wohnung um.</p><p>Nicht die geringste Spur von Magie. Selbst an der Gitarre nicht, die, auch wenn sie ein dankbares Instrument ist, nur einmal in den H�nden eines Anderen oder eines potenziellen Anderen gelegen haben muss, um sich noch Jahre an diese Ber�hrung zu erinnern.</p><p>Und das blaue Moos, dieser Parasit des <emphasis>Zwielichts, </emphasis>der von negativen Gef�hlen lebt, lie� sich auch nicht entdecken. Wenn der Hausherr in eine Depression gefallen sein sollte, dann nicht innerhalb seiner eigenen vier W�nde. Oder er hat sich offen und von ganzem Herzen am�siert - und damit das blaue Moos verbrannt.</p><p>Schlie�lich setzte ich mich hin und schnitt die Wurst bis auf das letzte Zipfelchen in Scheiben. Auf alle F�lle w�rde ich durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>pr�fen, ob ich sie essen konnte.</p><p>Die Wurst war in Ordnung. Geser beabsichtigte nicht, seinen Agenten mit einer Vergiftung auszuschalten.</p><p>�Jetzt stimmt die Temperatur�, meinte Lass, w�hrend er aus der offenen Flasche ein Weinthermometer zog. �Wir haben es nicht �bertrieben. Sonst verw�sserst du den Wodka, bis er die Konsis tenz von Glyzerin hat. Da kannst du auch gleich fl�ssigen Stickstoff trinken� Auf unsere Bekanntschaft!�</p><p>Wir tranken auf ex und a�en Wurst und Zwieback dazu. Den Zwieback hatte Lass aus meiner Wohnung mitgebracht. Mit der Erkl�rung, er habe sich heute �berhaupt nicht um Essen gek�mmert.</p><p>�Alle im Haus leben so�, setzte er mir auseinander. �Sicher, es gibt nat�rlich auch diejenigen, bei denen das Geld sowohl f�r die Handwerker wie auch f�r die Ausstattung reicht. Aber mach dir doch mal klar, was es f�r ein Vergn�gen ist, in einem leeren Haus zu wohnen. Man wartet darauf, bis solche Deppen wie du und ich fertig mit den Umbauten sind und das Haus voll wird. Das Cafe ist geschlossen, das Casino leer, die Security-Leute werden vor Langeweile verr�ckt� Gestern sind zwei von denen geflogen. Die haben sich in den B�schen hier im Hof eine Schie�erei geliefert. Angeblich haben sie was ganz Schreckliches beobachtet. Na ja� sie wurden gleich zum Arzt gebracht. Wie sich herausstellte, waren die beiden total zugekifft.�</p><p>Bei diesen Worten holte Lass ein P�ckchen Belomor aus seiner Tasche. �Willst du?�, fragte er mit viel sagendem Blick.</p><p>Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ein Mensch, der so begeistert Wodka trank, sich mit Marihuana abgab. Ich sch�ttelte den Kopf. �Rauchst du viel?�, fragte ich.</p><p>�Das ist heute schon die zweite Schachtel�, seufzte Lass. In dem Moment begriff er mich. �Echt, Anton! Das sind Belomor! Kein Gras! Fr�her habe ich Gitane geraucht, doch dann ist mir klar geworden, dass die auch nicht anders schmecken als unsere Belomor!�</p><p>�Wie originell�, meinte ich.</p><p>�Was hat das damit zu tun?�, blaffte Lass. �Es geht mir nicht darum, originell zu sein. Sobald ein Mensch aus seiner Haut raus will, ein anderer sein will��</p><p>Ich erschauerte, doch Lass fuhr gelassen fort. �� nicht so sein will wie alle, hei�t es gleich: Der h�lt sich f�r was Besonderes. Mir schmecken die Belomor einfach. In einer Woche habe ich vielleicht die Schnauze voll, dann h�re ich damit auf.�</p><p>�Ist doch nicht schlimm, wenn man mal ein Anderer sein will�, lie� ich einen Probeballon los.</p><p>�Wirklich ein anderer zu sein ist schwer�, erwiderte Lass. �Vor ein paar Tagen habe ich gedacht��</p><p>Abermals merkte ich auf. Der Brief war vor zwei Tagen abgeschickt worden. So glatt konnte sich doch nicht alles aufl�sen?</p><p>�Ich war im Krankenhaus, w�hrend der Sprechstunde dort. Da habe ich alle Preislisten studiert�, fuhr Lass fort, nichts B�ses ahnend. �Bei denen ist alles ganz seri�s. Titanprothesen als Ersatz f�r verlorene Extremit�ten. Schenkelknochen, Kniegelenke, H�ftgelenke, Kiefer� Der Preis f�r einen Sch�del anstelle der eingeb��ten Knochen, der Z�hne und anderer Kleinigkeiten� Ich hab meinen Taschenrechner rausgeholt und berechnet, wie viel es kostet, sich s�mtliche Knochen ersetzen zu lassen. Eine Million siebenhunderttausend Dollar. Allerdings vermute ich, dass man bei einem derartigen Gro�auftrag einen h�bschen Rabatt bekommt. Zwanzig, drei�ig Prozent. Und wenn du die �rzte noch �berzeugen kannst, dass das gute Reklame ist, brauchst du nicht mehr als eine halbe Million hinzubl�ttern!�</p><p>�Wozu?�, fragte ich. Dank dem Friseur konnten sich mir die Haare nicht mehr str�uben - es war einfach nichts mehr da.</p><p>�Das ist doch interessant!�, erkl�rte Lass. �Stell dir vor, du musst einen Nagel einhauen! Du holst aus und schl�gst mit der Faust auf den Nagel! Der dringt in den Beton ein! Titanknochen! Oder jemand versucht, dich zu verpr�geln� Sicher, es gibt noch einige M�ngel. Auch mit den k�nstlichen Organen steht es nicht gut. Aber die Richtung, in die der Fortschritt geht, freut mich.�Er goss uns noch einmal ein.</p><p>�Ich glaube, der Fortschritt geht in eine andre Richtung�, versuchte ich meine Taktik zu �ndern. �Man m�sste die M�glichkeiten des Organismus besser nutzen. Was in uns steckt, ist doch ganz erstaunlich! Telekinese, Telepathie��</p><p>Lass setzte eine bedripste Miene auf. So gucke ich auch aus der W�sche - wenn ich es mit einem Idioten zu tun habe. �Kannst du meine Gedanken lesen?�, fragte er. �Jetzt nicht�, gab ich zu.</p><p>�Ich glaube, wir brauchen hier keine neuen F�higkeiten zu ersinnen�, erkl�rte Lass. �Alles, was der Mensch kann, ist seit langem bekannt. Wenn die Menschen Gedanken lesen, levitieren und �hnlichen Unsinn vollbringen k�nnten, w�re das l�ngst bewiesen.�</p><p>�Wenn ein Mensch pl�tzlich solche F�higkeiten besitzt, wird er sie vor seiner Umwelt verbergen�, entgegnete ich und beobachtete Lass durchs <emphasis>Zwielicht. </emphasis>�Wenn er wirklich so etwas wie ein Anderer w�re, w�rde er den Neid und die Furcht seiner Umwelt heraufbeschw�ren.�Lass lie� nicht die geringste Nervosit�t erkennen. Nur Skepsis.</p><p>�Aber w�rde dieser Wunderknabe nicht daf�r sorgen wollen, dass seine geliebte Frau und die Kinder die gleichen F�higkeiten h�tten? Mit der Zeit w�rden sie uns als biologische Art verdr�ngen.�</p><p>�Und wenn diese besonderen F�higkeiten nicht vererbt werden k�nnten?�, fragte ich. �Oder nicht unbedingt. Oder wenn es unm�glich w�re, sie einem andern zu vermitteln? Dann w�rden die Menschen und die Anderen unabh�ngig voneinander existieren. Wenn es nicht viele dieser Anderen gibt, w�rden sie sich vor ihrer Umwelt verstecken��</p><p>�Ich glaube, du meinst eine zuf�llige Mutation, die zu �bersinnlichen F�higkeiten f�hrt�, vermutete Lass. �Doch wenn diese Mutation zuf�llig und rezessiv ist, braucht sie uns nicht zu interessieren. Aber die Titanknochen kann man sich schon heute einsetzen lassen! �</p><p>�Na toll!�, schnaubte ich.</p><p>Wir tranken auf ex. �Trotz allem hat unsere Situation was!�, meinte Lass vertr�umt. �Ein riesiges leeres Haus! Hundert Wohnungen, und nur neun Leute, die hier wohnen� wenn du dich dazurechnest. Was k�nnte man hier nicht alles machen! Da bleibt dir die Spucke weg! Was f�r einen Film k�nnte man hier drehen! Oder stell dir mal einen Videoclip vor: ein luxuri�ses Interieur, leere Restaurants, tote Waschsalons, rostende Fitnessger�te und kalte Saunen, leere Schwimmbecken und unter einer Decke dahinvegetierende Tische im Casino. Durch all diese Pracht schlendert eine junge Frau. Schlendert und singt. Egal was. �</p><p>�Drehst du Clips?�, hakte ich nach.</p><p>�N���Lass runzelte die Stirn. �Na ja� einmal habe ich einer bekannten Punkgruppe geholfen, ein Video zu machen. Erst wurde es auf MTV gezeigt, dann aber verboten. �</p><p>�Was war denn an dem so schrecklich?�</p><p>�Nichts weiter�, sagte Lass. �Ein stinknormales Lied, nichts, was zensiert werden m�sste. Es ging sogar um Liebe. Das Video war komisch. Wir haben es in einem Krankenhaus f�r Personen mit St�rungen im Bewegungsapparat gedreht. Haben Stroboskope in einem Saal aufgestellt, das Volkslied <emphasis>He, Kosak, he, Kosak, wo ist dein Pferd geblieben? </emphasis>angestellt und die Patienten gebeten zu tanzen. Das haben sie dann gemacht. Unter den Stroboskopen. So gut sie konnten. Dann haben wir auf diese Bilder eine neue Tonspur gelegt. War wirklich sehr stilvoll. Aber zeigen durften wir das nicht. War irgendwie nicht angesagt.�Ich stellte mir die Videospur vor und erschauerte.</p><p>�Clips sind nicht meine St�rke�, gab Lass zu. �Auch als Musiker tauge ich nicht viel� Einmal wurde ein Song von mir im Radio gespielt, sp�t nachts, in einer Sendung f�r alle m�glichen Looser. Was glaubst du, was da passiert ist? Ein bekannter Komponist rief beim Radio an, um zu sagen, dass er sein ganzes Leben lang versucht habe, den Menschen mit seinen Liedern das Gute und Ewige nahe zu bringen, aber dieser eine Song mache sein ganzes Lebenswerk zunichte� Du hast doch schon ein Lied von mir geh�rt. Bist du danach ein schlechter Kerl geworden?�</p><p>�Meiner Meinung hat das Lied sich lustig gemacht�, sagte ich. ��ber die schlechten Kerle.�</p><p>�Danke�, meinte Lass traurig. �Aber das ist die Krux: dass viele das gar nicht kapieren. Die glauben, das ist alles ernst.�</p><p>�Dann sind sie Idioten�, versuchte ich den verkannten Barden zu tr�sten.</p><p>�Aber sie sind in der Mehrheit�, rief Lass aus. �Und die Kopfprothesen sind noch nicht ausgereift��</p><p>Er griff nach der Flasche, goss Wodka ein. �Komm vorbei, wenn du wieder pinkeln musst�, forderte er mich auf. �Nur keine falsche Scham. Au�erdem werde ich dir noch den Schl�ssel von einer Wohnung im vierzehnten Stock geben. Die ist leer, hat aber Klos. �</p><p>�Hat denn der Besitzer nichts dagegen?�, grinste ich.</p><p>�Dem ist jetzt alles egal. Und die Erben kriegen's nicht fertig, die Bude unter sich aufzuteilen.�</p></section><section><title><p>Drei</p></title><p>Um vier Uhr morgens kehrte ich in meine Wohnung zur�ck. Leicht betrunken, aber erstaunlich entspannt. Derart andere <emphasis>Menschen </emphasis>trifft man schlie�lich selten. Die Arbeit in der Wache erzieht dich in gewisser Weise dazu, pauschal zu denken. Der raucht nicht, der trinkt nicht, also ist er ein guter Junge. Aber der flucht, also ist er schlecht. Und wie man es auch dreht und wendet, uns interessieren nun mal in erster Linie die guten, unsere St�tze, w�hrend die schlechten eine potenzielle Basis f�r die Dunklen darstellen.</p><p>Dar�ber vergessen wir dann gern, wie unterschiedlich Menschen sein k�nnen.</p><p>Der Barde wusste nichts von den Anderen. Da war ich mir absolut sicher. Und wenn es mir gelingen w�rde, mit jedem Mieter im Assol so die halbe Nacht lang zusammenzuhocken, dann k�nnte ich mir von jedem einzelnen ein genaues Bild machen.</p><p>Allerdings gab ich mich dieser Illusion gar nicht erst hin. Nicht jeder w�rde mich reinbitten, nicht jeder w�rde �ber Gott und die Welt plaudern. Von den zehn Mietern abgesehen, gab es noch Hunderte von Menschen, die hier arbeiteten: Security-Leute, Installateure, Handwerker, Buchhalter. Niemals k�nnte ich die in absehbarer Zeit alle �berpr�fen!</p><p>Nachdem ich geduscht hatte - in der Duschkabine hing ein komischer Schlauch, aus dem Wasser pl�tscherte -, kam ich in mein einziges Zimmer. Ich musste schlafen� Morgen fr�h w�rde ich mir dann einen neuen Plan �berlegen.</p><p>�Hallo, Anton�, klang es vom Fenster herein.</p><p>Ich erkannte die Stimme. Sofort f�hlte ich mich beklommen.</p><p>�Guten Abend, Kostja�, erwiderte ich. <emphasis>Guten Abend, </emphasis>das klang irgendwie unangemessen. Aber einem Vampir einen�Schlechten Abend�zu w�nschen w�re noch d�mmer gewesen.</p><p>�Kann ich reinkommen?�, fragte Kostja.</p><p>Ich trat ans Fenster. Kostja sa�, mit dem R�cken zu mir, auf dem Fensterbrett und baumelte mit den Beinen. Er war splitter-fasernackt. Als wolle er mir beweisen: Ich bin nicht die Fassade hochgeklettert, sondern als riesige Fledermaus an dein Fenster geflogen gekommen. Ein Hoher Vampir. Mit Anfang zwanzig. Ein f�higer Junge�</p><p>�Lieber nicht�, lehnte ich ab.</p><p>Kostja nickte, fing keinen Streit an. �Anscheinend sind wir auf denselben Fall angesetzt. �</p><p>�Ja.�</p><p>�Gut.�Kostja drehte sich zu mir um. L�chelte mit wei�en Z�hnen. �Ich freu mich, dass wir zusammenarbeiten. Aber du hast Angst vor mir, oder? �</p><p>�Nein.�</p><p>�Ich habe jede Menge gelernt�, prahlte Kostja. Genau wie damals, als er noch ein Kind gewesen war und verk�ndet hatte: �Ich bin ein schrecklicher Vampir! Ich werde lernen, mich in eine Fledermaus zu verwandeln! Ich werde fliegen lernen!�</p><p>�Du hast gar nichts gelernt�, korrigierte ich ihn. �Du hast blo� jede Menge gestohlen.�</p><p>�Das sind Wortklaubereien.�Kostja runzelte die Stirn. �Das ist nur eines der �blichen Wortspiele von euch Lichten. Ihr habt mir etwas angeboten, und ich habe es genommen. Irgendwas dagegen?�</p><p>�Wir wollen uns doch nicht streiten, oder?�, fragte ich. Und hob die Hand, wobei ich mit den Fingern das Zeichen des Aton andeutete, das gegen alle Untoten feien soll. Schon lange wollte ich mal ausprobieren, ob die alten nordafrikanischen Zauber bei den russischen D�monen von heute wirken.</p><p>�ngstlich starrte Kostja auf das unvollendete Zeichen. Entweder wusste er davon, oder Kraft st�rmte auf ihn ein. �Darfst du denn deine Tarnung aufgeben?�, fragte er.</p><p>W�tend senkte ich die Hand. �Nein. Aber ich kann doch wohl ein Risiko eingehen.�</p><p>�Das ist nicht n�tig. Du brauchst nur ein Wort zu sagen, dann geh ich. Aber wo wir schon denselben Fall bearbeiten�, sollten wir miteinander reden.�</p><p>�Dann rede�, forderte ich ihn auf und zog einen der Hocker ans Fenster. �Du l�sst mich also nicht rein?�</p><p>�Ich m�chte nachts nicht allein mit einem nackten Mann erwischt werden�, erkl�rte ich grinsend. �Wer wei�, was die Leute dann denken. Schie� los. �</p><p>�Wie gef�llt dir der T-Shirt-Sammler?�Fragend sah ich Kostja an. �Der aus dem neunten Stock. Er sammelt T-Shirts mit albernen Slogans. �</p><p>�Der hat keine Ahnung�, versicherte ich.</p><p>�Glaub ich auch.�Kostja nickte. �Acht Wohnungen sind belegt. Bei weiteren sechs tauchen die Mieter ab und an auf. In den �brigen nur �u�erst selten. Alle Dauermieter habe ich schon �berpr�ft. �</p><p>�Und? �</p><p>�Null. Sie wissen nichts von uns.�</p><p>Ich erkundigte mich nicht, woher Kostja diese Gewissheit nahm. Immerhin war er ein Hoher Vampir. Die k�nnen einem mit der Leichtigkeit eines erfahrenen Magiers ins Bewusstsein eindringen.</p><p>�Die �brigen sechs kn�pfe ich mir morgen vor�, k�ndigte Kostja an. �Besondere Hoffnungen mache ich mir aber nicht. �</p><p>�Hast du jemanden in Verdacht?�, fragte ich.</p><p>Kostja zuckte die Schultern. �Jeder, der hier wohnt, hat genug Geld und Einfluss, um f�r einen Vampir oder einen Tiermenschen von Interesse zu sein. F�r einen schwachen, gierigen� frisch gebackenen Vertreter dieser Spezies. Auf diese Weise k�nnen wir den Kreis der Verd�chtigen also nicht eingrenzen.�</p><p>�Wie viele frisch gebackene niedere Dunkle gibt es zurzeit in Moskau?�, wollte ich wissen. Und wunderte mich selbst dar�ber, wie leicht mir die�niederen Dunklen��ber die Lippen gingen. Fr�her hatte ich nie so von ihnen gesprochen. Da hatten sie mir leid getan.</p><p>Kostja reagierte gelassen auf meine �u�erung. In der Tat: ein Hoher Vampir. Konzentriert. Selbstsicher.</p><p>�Nicht sehr viele�, wich er aus. �Aber die werden wir �berpr�fen, da kannst du ganz beruhigt sein. Alle werden �berpr�ft. Die niederen Anderen, aber auch die Magier. �</p><p>�Bringt der Fall Sebulon auf die Palme?�, fragte ich.</p><p>�Geser ist auch nicht gerade die Ruhe in Person�, h�hnte Kostja. �Das Ganze ist f�r alle unangenehm. Nur du nimmst die Sache auf die leichte Schulter.�</p><p>�Mir ist nicht klar, was daran so schlimm sein soll�, gestand ich. �Es gibt Menschen, die bereits von unserer Existenz wissen. Nur wenige, aber immerhin. Ein Mensch mehr oder weniger - das �ndert doch nichts. Wenn er anf�ngt, L�rm zu schlagen, finden wir ihn im Handumdrehen und erkl�ren ihn f�r psychisch krank. So was hat es��</p><p>�Und wenn er ein Anderer wird?�, fragte Kostja scharf.</p><p>�Dann gibt es einen Anderen mehr.�Ich zuckte mit den Achseln.</p><p>�Wenn er aber weder ein Vampir noch ein Tiermensch, sondern ein richtiger Anderer wird?�Kostja bleckte die Z�hne zu einem L�cheln. �Ein echter? Egal, ob nun ein Lichter oder ein Dunkler��</p><p>�Dann gibt es einen Magier mehr�, wiederholte ich nur.</p><p>�H�r mir mal zu, Anton�, sagte Kostja kopfsch�ttelnd. �Ich mag dich. Immer noch. Aber manchmal kann ich mich nur wundern, wie naiv du bist��</p><p>Er streckte sich. An seinen Armen wuchs ein kurzhaariges Fell, seine Haut dunkelte ein und verlor ihre Gl�tte.</p><p>�Nimm dir die Angestellten der Mieter vor�, riet er mit feiner, durchdringender Stimme. �Wenn du etwas witterst, ruf mich.�</p><p>Er wandte mir das in der Transformation verzerrte Gesicht zu. �Wei�t du, Anton�, meinte er und l�chelte abermals. �Nur wenn ein Lichter so naiv ist, kann ein Dunkler mit ihm befreundet sein��</p><p>Daraufhin sprang er nach unten. Schwer schlugen seine ledernen Fl�gel. Eine etwas unbeholfene, aber dennoch schnelle, gigantische Fledermaus flog in die Nacht davon.</p><p>Auf dem Fensterbrett schimmerte das wei�e Rechteck einer Visitenkarte. Ich nahm sie auf. �Konstantin. Wissenschaftliches Forschungsinstitut f�r Blutprobleme. Wissenschaftlicher Mitarbeiter�las ich.</p><p>Dann folgten die Telefonnummern: dienstlich, privat, Handy. Die Nummer zu Hause kannte ich, denn Kostja lebte immer noch bei seinen Eltern. Die Familienbande von Vampiren sind allgemein sehr eng. Woran hatte er gedacht? Warum diese Panik?</p><p>Ich schaltete das Licht aus, streckte mich auf der Matratze aus und starrte auf die grau schimmernden Quadrate der Fenster. <emphasis>�Wenn er ein richtiger Anderer wird��</emphasis>Wie entstehen Andere? Niemand wei� das. Eine zuf�llige Mutation, wie Lass es ausgedr�ckt hat. Das traf es genau. Du wirst als Mensch geboren, lebst ein ganz normales Leben� bis dann ein Anderer in dir die F�higkeit ersp�rt, ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>einzutreten und dort Kraft zu sch�pfen. Danach�lenken�sie dich dann. Behutsam, mit Bedacht bringen sie dich in die n�tige Geistesverfassung, damit du in einem Moment starker emotionaler Erregung deinen Schatten ansiehst - diesmal mit andern Augen. So dass du siehst, wie er gleich einem schwarzen Fetzen vor dir liegt, wie ein Vorhang� den du zu dir heranziehen und beiseite schieben kannst, um in eine andere Welt einzutreten. In die Welt der Anderen. Ins <emphasis>Zwielicht.</emphasis></p><p>Und davon, wie du das erste Mal ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>eintrittst - fr�hlich und gut oder ungl�cklich und b�se - h�ngt ab, was du wirst. Welche Kraft du zuk�nftig aus dem <emphasis>Zwielicht </emphasis>sch�pfst - das wiederum die Kraft aus den gew�hnlichen Menschen heraussaugt. <emphasis>�Wenn er ein richtiger Anderer wird��</emphasis></p><p>Es gibt immer die M�glichkeit, jemandem die Initiierung aufzuzwingen. Jedoch um den Preis des Lebens, indem man ihn in eine lebendige Leiche auf zwei Beinen verwandelt. Ein Mensch kann ein Vampir oder ein Tiermensch werden - und w�re gezwungen, seine Existenz durch Menschenleben aufrechtzuerhalten. Daher k�nnen nur Dunkle diesen Weg gehen� Und selbst sie lieben ihn nicht besonders. Aber wenn man tats�chlich zum Magier werden konnte?</p><p>Wenn es f�r jeden x-beliebigen Menschen die M�glichkeit gab, sich in einen Anderen zu verwandeln? Ein langes, ein sehr langes Leben zu erhalten, in dem ihnen die ungew�hnlichsten Wege offen standen? Das w�rden viele wollen, ohne Zweifel.</p><p>Wir selbst h�tten ja auch gar nichts dagegen. Es g�be so viele Menschen, die es wert w�ren, Lichte zu werden!</p><p>Nur w�rden dann auch die Dunklen anfangen, ihre Reihen aufzustocken�</p><p>Pl�tzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das Ungl�ck bestand nicht darin, dass jemand den Menschen unser Geheimnis enth�llte. Das Ungl�ck bestand nicht in der L�cke im System. Nicht darin, dass der Verr�ter die Adresse der Inquisition kannte.</p><p>Sondern darin, dass dies eine neue Phase in einem ewigen Krieg einleitete!</p><p>Seit Jahrhunderten sind die Lichten und die Dunklen nun durch den Gro�en Vertrag gebunden. Wir d�rfen unter den Menschen die Anderen suchen, d�rfen sie auf die jeweilige Seite ziehen, die Seite, die wir f�r die richtige halten. Aber wir sind gezwungen, Tonnen von Sand zu sieben, um ein Goldkorn zu finden. Auf diese Weise wird das Gleichgewicht gewahrt.</p><p>Und pl�tzlich tut sich die M�glichkeit auf, Tausende, Millionen von Menschen auf einen Schlag in Andere zu verwandeln.</p><p>Eine Fu�ballmannschaft holt sich den Pokal - und Zehntausende jubelnder Fans bekommen einen magischen Schlag, der sie in Lichte verwandelt.</p><p>Parallel dazu gibt die Tagwache den Anh�ngern der besiegten Mannschaft einen Befehl - und diese verwandeln sich in Dunkle.</p><p>Das schwirrte Kostja im Hinterkopf. Die gewaltige Versuchung, mit einem Mal das Gleichgewicht zugunsten der eigenen Seite zu verschieben. Nat�rlich k�nnen sowohl die Dunklen als auch wir die Folgen eines solchen Schritts absch�tzen. Nat�rlich w�rden beide Seiten neue Bestimmungen in den Vertrag aufnehmen und f�r die Initiierung von Menschen akzeptable Grenzen abstecken. So wie die USA und die UdSSR das Wettr�sten bei Atomwaffen einschr�nken konnten�</p><p>Ich schloss die Augen und sch�ttelte den Kopf. Semjon hatte mir mal erz�hlt, das Wettr�sten sei gestoppt worden, als eine ultimative Waffe gefunden worden war. Zwei - mehr waren dazu nicht n�tig - thermonukleare Sprengk�rper, die eine selbstst�ndig weiterlaufende Kettenreaktion der Kernfusion hervorrufen w�rden. Die amerikanische Bombe war in Texas stationiert, die russische in Sibirien. Es brauchte nur eine gez�ndet zu werden, und der ganze Planet w�rde sich in einen Feuerball verwandeln.</p><p>Dass uns ein solches Vorgehen nicht gef�llt, steht hier nicht zur Debatte. Allerdings wird eine Waffe, die nie eingesetzt werden darf, auch nie funktionieren. Die Pr�sidenten m�ssen das nicht unbedingt wissen, schlie�lich sind sie nur Menschen�</p><p>Ob die Chefs der Wachen vergleichbare�magische Bomben�haben? Und die Inquisition, in das Geheimnis eingeweiht, deshalb so grimmig auf die Einhaltung des Vertrags achtet? Vielleicht.</p><p>Trotzdem w�re es besser, wenn man normale Menschen nicht initiieren k�nnte�</p><p>Selbst im Halbschlaf zuckte ich schmerzlich vor meinen eigenen Gedanken zur�ck. Sollte das hei�en, dass ich anfing, wie ein echter Anderer zu denken? Es gibt die Anderen, und es gibt Menschen. Letztere sind zweitrangig. Nie werden sie ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>eintreten k�nnen, nie werden sie l�nger als hundert Jahre leben. Da ist nichts zu machen�</p><p>Ja, genau so dachte ich allm�hlich. Einen guten Menschen mit Anlagen zum Anderen zu finden, ihn auf unsere Seite zu ziehen, das ist ein pures Vergn�gen. Aber durchweg aus allen Andere zu machen w�re kindisch, gef�hrlich und verantwortungslos.</p><p>Ich hatte Grund, stolz zu sein. Keine zehn Jahre hatte ich gebraucht, um endg�ltig aufzuh�ren, ein Mensch zu sein.</p><p>Mein Morgen begann mit der Erkundung der Geheimnisse der Dusche. Mein Verstand trug den Sieg �ber das seelenlose Metall davon, ich duschte, sogar bei Musik, und stellte mir dann ein Fr�hst�ck aus Zwieback, Wurst und Joghurt zusammen. Durch den Sonnenschein stieg meine Laune gleich, ich setzte mich aufs Fensterbrett und fr�hst�ckte mit Blick auf die Moskwa. Aus irgendeinem Grund fiel mir ein, dass Kostja zugegeben hatte, Vampire k�nnten nicht in die Sonne gucken. Sonnenlicht verbrannte sie nicht, sie mochten es einfach nicht.</p><p>Allerdings hatte ich keine Zeit, lange �ber das traurige Schicksal meiner alten Bekannten nachzugr�beln. Ich musste jemanden suchen. Aber wen? Einen Anderen, der zum Verr�ter geworden war? Da befand ich mich nicht gerade in der besten Ausgangsposition. Seinen menschlichen Auftraggeber? Eine lange und m�hevolle Angelegenheit.</p><p>Gut, beschloss ich, gehen wir nach den strengen Gesetzen des klassischen Kriminalromans vor. Was haben wir in der Hand? Einen Hinweis. Einen Brief, der aus dem Assol abgeschickt worden ist. Was bringt uns das? Nichts! Es sei denn, jemand hat gesehen, wer den Brief vor drei Tagen eingesteckt hat. Die Chancen, dass er sich daran erinnerte, standen nat�rlich nicht gerade gut�</p><p>Ich Idiot! Ich schlug mir sogar gegen die Stirn. Nat�rlich denkt ein Anderer nicht an die moderne Technik, denn die Anderen lieben komplizierte Technik nicht. Aber ich bin immerhin ein Computerfreak!</p><p>Das gesamte Territorium des Assol wird durch Videokameras �berwacht!</p><p>Ich zog meinen Anzug an und band mir die Krawatte um. Bespritzte mich mit dem Eau de Cologne, das Ignat gestern f�r mich ausgesucht hatte. Steckte das Handy in die Innentasche��Nur kleine Jungs und Verk�ufer tragen das Handy am G�rtel!�So hatte Geser es mir beigebracht.</p><p>Das Handy war auch neu, ungewohnt. Mit irgendwelchen Spielen, eingebautem Player, einem Diktierger�t und weiterem in einem Telefon absolut �berfl�ssigen Kram.</p><p>In der angenehm k�hlen Stille des funkelnagelneuen Otis fuhr ich ins Vestib�l hinunter. Und stie� als Erstes auf meinen n�chtlichen Bekannten. Der jetzt noch seltsamer aussah�</p><p>Lass, in einem neuen Blaumann mit dem stolzen Aufdruck�Assol�auf dem R�cken, erkl�rte einem bedripsten �lteren Mann, der genau so einen Overall trug, etwas. �Das ist kein Besen, verstehst du das denn nicht?�, klang es zu mir her�ber. �Da ist ein Computer, der dir das Niveau der Verschmutzung des Asphalts anzeigt und dir sagt, welchen Druck das Sp�lwasser haben muss� Ich zeig's dir einfach��Meine Beine trugen mich den beiden von selbst hinterher.</p><p>Vor dem Hauseingang standen zwei grell orangefarbene Kehrfahrzeuge. Mit Wasserbeh�lter, Tellerb�rsten und kleiner Glaskabine f�r den Fahrer. Die Wagen beschworen die Erinnerung an ein Spielzeug herauf, als k�men sie direkt aus einem M�rchenland, wo kleine Jungen und M�dchen fr�hlich ihre Miniaturboulevards s�uberten.</p><p>Geschickt kroch Lass in das Fahrerh�uschen eines der Wagen, der �ltere Mann zw�ngte sich ebenfalls halb hinein. Er lie� sich von Lass etwas erkl�ren, nickte und ging zu dem zweiten orangefarbenen Fahrzeug.</p><p>�Wenn du eine ruhige Kugel schieben willst, solltest du dein Leben lang irgendwo schwarz als Hausmeister arbeiten!�, vernahm ich Lass' Worte. Sein Fahrzeug setzte sich in Bewegung, die B�rsten kreisten munter, und er drehte seine Runden �ber den Asphalt. Der Hof, ohnehin sauber, nahm im Handumdrehen ein steriles Aussehen an. Hast du T�ne! Was bedeutete das? Arbeitete Lass als Hausmeister im Assol?</p><p>Ich versuchte, mich leise davonzustehlen, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen. Doch Lass hatte mich bereits entdeckt, winkte mir fr�hlich zu und fuhr mir entgegen. Die B�rsten brummten jetzt leiser.</p><p>�Einen wundersch�nen Morgen!�, rief Lass und steckte den Kopf zum Fenster des Fahrerh�uschens raus. �Willst du's mal probieren?�</p><p>�Du arbeitest hier?�, fragte ich. Urpl�tzlich malte ich mir die phantastischsten Bilder aus: Lass wohnte �berhaupt nicht im Assol, sondern hatte sich nur in einer der vor�bergehend leeren Wohnungen eingenistet. Schlie�lich w�rde jemand, dem in einem solchen Luxusschuppen eine Wohnung geh�rte, nicht den Hof kehren!</p><p>�Ich verdien mir was zu�, erkl�rte Lass ruhig. �Das ist ziemlich cool, musst du wissen! Morgens f�hrst du ein St�ndchen �ber den Hof, als Fr�hsport sozusagen - und daf�r bekommst du auch noch Geld. Und zwar nicht zu wenig!�Ich h�llte mich in Schweigen.</p><p>�Gefallen dir die Sachen beim Rummel?�, fragte Lass. �Diese Skooter, bei denen du f�r drei Minuten zehn Dollar zahlst? Und hier kriegst du sogar noch was daf�r. F�r dein eigenes Vergn�gen. Oder nehmen wir mal die Computerspiele� Du sitzt da, fuhrwerkst mit dem Joystick herum��</p><p>�Alles h�ngt davon ab, ob sie dich zwingen, den Zaun zu streichen��, murmelte ich.</p><p>�Eben!�, triumphierte Lass. �Mich zwingt niemand. Mir macht es Spa�, den Hof zu fegen. Genau wie damals Lew Tolstoi das Heum�hen. Nur muss mir niemand hinterherfegen, im Unterschied zum Grafen, bei dem die Bauern immer noch mal nachschneiden mussten� Ich bin hier eh gut angesehen und bekomme regelm��ig eine Pr�mie. Was ist nun, willst du 'ne Runde drehen? Ich kann dir �brigens auch was organisieren, wenn du willst. Professionelle Hausmeister kommen mit dieser Technik einfach nicht klar.�</p><p>�Ich denk dr�ber nach�, antwortete ich und be�ugte die B�rsten, die sich munter drehten, das Wasser, das aus vernickelten D�sen spritzte, das funkelnde Fahrerh�uschen. Wer von uns wollte als kleiner Junge nicht den Wagen fahren, mit dem der Rasen gesprengt wurde? Damals, in der fr�hen Kindheit, als wir noch nicht davon tr�umten, Banker oder Killer zu werden�</p><p>��berleg's dir, ich muss mich jetzt wieder an die Arbeit machen�, meinte Lass aufger�umt. Der Wagen fuhr �ber den Hof, fegend, waschend, Dreck aufsaugend. Aus dem Fahrerh�uschen schallte es her�ber:</p><poem><stanza><v>Von Hausmeistern und Aufpassern eine ganze Generation</v><v>In den Weiten eines endlosen Winters ging einander verlor'n�</v><v>Ein jeder st�rmte davon, zur�ck in sein Haus.</v></stanza><stanza><v>In unsrer Zeit, wo jeder Dritte wird zum Held erkor'n</v><v>Lassen sie die Finger vom Feuilleton</v><v>Schicken sie keine Telegramme in die Welt hinaus�</v></stanza></poem><p>Leicht perplex kehrte ich zur�ck ins Vestib�l. Von den Security-Leuten erfuhr ich, wo sich die Postabteilung des Assol befand. Dorthin ging ich. Die Post war offen. In einem gem�tlichen Saal langweilten sich drei junge Frauen, hier stand auch ebenjener Kasten, in den besagter Brief gesteckt worden war. Unter der Decke flimmerten die Augen der Videokameras.</p><p>Alles in allem k�nnten auch wir ein paar professionelle Ermittler gut gebrauchen. Die w�ren sofort auf diesen Gedanken gekommen.</p><p>Ich kaufte eine Ansichtskarte mit einem h�pfenden K�ken im Brutkasten und dem Aufdruck: �Ich vermisse meine Familie!�Nicht gerade lustig, aber ich wusste die Adresse von dem Dorf, in dem meine Familie Urlaub machte, sowieso nicht auswendig. Deshalb schickte ich die Karte mit einem h�mischen Grinsen Geser nach Hause: seine Adresse kannte ich.</p><p>Ich unterhielt mich ein bisschen mit den Frauen. In einem derart elit�ren Haus zu arbeiten verlangte ohnehin, dass sie freundlich auftraten. Au�erdem langweilten sie sich. Danach verlie� ich die Post.</p><p>Und ging in die Sicherheitsabteilung im Parterre.</p><p>H�tte ich das Recht gehabt, auf meine F�higkeiten als Anderer zur�ckzugreifen, h�tte ich dem Security-Mann einfach Sympathie f�r mich eingefl��t und mir damit Zugang zu allen Videocassetten verschafft. Aber ich durfte meine Tarnung nicht aufgeben. Weshalb ich beschloss, den universellsten aller Sympathieheraufbeschw�rer einzusetzen: Geld.</p><p>Von dem mir ausgeh�ndigten Geld nahm ich hundert Dollar in Rubeln - mehr brauchte ich doch wohl nicht, oder? Damit ging ich ins Zimmer der Security-Leute, wo sich ein junger Mann in streng geschnittener Uniform langweilte.</p><p>�Guten Tag!�, begr��te ich ihn mit freudestrahlendem L�cheln.</p><p>Mit seiner ganzen Miene dr�ckte der Security-Mann seine uneingeschr�nkte Zustimmung zu meiner Einsch�tzung des heutigen Tages aus. Ich schielte zu den Monitoren vor ihm hin�ber, mindestens ein Dutzend Videokameras �bermittelten hier ihre Bilder. Vermutlich k�nnte er jeden x-beliebigen Moment wiederholen. Wenn das Ganze auf einer OAW gespeichert wurde (und wo sonst?), brauchten die Aufzeichnungen der letzten drei Tage noch nicht ins Archiv gewandert zu sein.</p><p>�Ich habe ein Problem�, erkl�rte ich. �Gestern habe ich einen komischen Brief bekommen��Ich zwinkerte. �Von einer Frau. Soweit ich es verstanden habe, wohnt sie auch hier. �</p><p>�Einen Drohbrief?�, hakte der Mann nach.</p><p>�Nein, nein�, beschwichtigte ich ihn. �Ganz im Gegenteil� Aber die geheimnisvolle Unbekannte m�chte ihr Inkognito wahren. Ob ich wohl mal sehen k�nnte, wer hier vor drei Tagen einen Brief abgeschickt hat?�Der Security-Mann dachte nach.</p><p>Und dann verdarb ich alles. Indem ich das Geld auf den Tisch legte. Und l�chelnd�Ich w�re Ihnen sehr dankbar��sagte.</p><p>Sofort erstarrte der Mann. Dann musste er mit dem Fu� auf einen Knopf gedr�ckt haben.</p><p>Zehn Sekunden sp�ter kamen zwei seiner Kollegen herein -ausgesprochen h�fliche M�nner, was sich bei ihrer massiven Statur recht komisch ausnahm -, die mich aufforderten, sie zu ihrem Chef zu begleiten.</p><p>Es gibt eben doch einen Unterschied - einen gewaltigen sogar - zwischen Staatsbeamten und einem privaten Security-Service�</p><p>Ob sie mich auch mit Gewalt zu ihrem Chef bringen w�rden? W�re interessant, das einmal herauszukriegen. Schlie�lich handelt es sich bei ihnen nicht um die Miliz. Am Ende zog ich es aber doch vor, die Situation nicht noch weiter eskalieren zu lassen, und schloss mich dem Zivilkonvoi an.</p><p>Der Chef der Security-Leute, ein �lterer Mann, der ganz klar aus dem KGB oder der Miliz hervorgegangen war, schaute mich vorwurfsvoll an.</p><p>�Was haben Sie sich denn dabei gedacht, Herr Gorodezki��, meinte er, w�hrend er den Ausweis, der mich berechtigte, das Gel�nde des Assol zu betreten, in den Fingern hin und her drehte. �Wir sind doch keine staatliche Institution��</p><p>Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er nur zu gern meinen Assol-Ausweis zerrissen, einen seiner M�nner gerufen und befohlen h�tte, mich vom Gel�nde des elit�ren Wohnkomplexes zu jagen.</p><p>Zu gern h�tte ich mich entschuldigt und ihm versichert, dass ich dergleichen nie wieder tun w�rde. Vor allem, weil es mir in der Tat peinlich war.</p><p>Nur war dies der Wunsch des Lichten Magiers Anton Gorodezki, aber nicht der des A. Gorodezki, Besitzer einer kleinen Firma, die mit Milchprodukten handelte. �Was ist denn eigentlich passiert?�, fragte ich. �Wenn Sie meine Bitte nicht erf�llen k�nnen, dann sagen Sie es doch einfach.�</p><p>�Und wozu das Geld?�, antwortete der Chef der Security-Leute mit einer Gegenfrage.</p><p>�Was f�r Geld?�, wunderte ich mich. �Ach� hat Ihr Mitarbeiter etwa geglaubt, ich biete ihm Geld an?�Der Security-Chef grinste.</p><p>�Ausgeschlossen!�, beteuerte ich. �Ich habe in meiner Tasche nach einem neuen Taschentuch gesucht. Meine Allergie macht mir heute zu schaffen. In meiner Tasche sammelt sich immer allerlei Kleinkram an, den ich erst rausholen musste� Dann konnte ich mir nicht mal mehr die Nase putzen.�Anscheinend war das �bertrieben.</p><p>Der Chef hielt mir mit steinerner Miene meinen Assol-Aus-weis hin. �Vergessen wir den Zwischenfall�, schlug er ausgesprochen h�flich vor. �Wie Sie verstehen, Herr Gorodezki, ist es Privatpersonen untersagt, die Aufzeichnungen unserer �berwachungskameras einzusehen.�</p><p>Ich sp�rte, dass dem Mann haupts�chlich der Ausdruck�allerlei Kleinkram�pikierte. Nat�rlich nagte hier niemand am Hungertuch. Aber sie schwammen auch nicht derma�en im Geld, um hundert Dollar�Kleinkram�zu nennen.</p><p>�Verzeihen Sie einem alten Dummkopf�, bat ich seufzend und senkte den Kopf. �Ich habe wirklich� eine Belohnung anbieten wollen. Die ganze Woche bin ich zu Beh�rden gerannt, um meine Firma neu registrieren zu lassen� da muss das eine Art Reflex gewesen sein.�</p><p>Mit forschendem Blick sah mich der Chef der Security-Leute an. Schien ein wenig einzulenken.</p><p>�Meine Schuld�, bekannte ich. �Aber die Neugier hat mich einfach gepackt. Glauben Sie mir, ich habe die halbe Nacht nicht geschlafen, weil ich dar�ber nachgegr�belt habe��</p><p>�Dass Sie nicht geschlafen haben, sehe ich�, versicherte der Mann mit einem Blick auf mich. Und dann hielt er es nicht mehr aus. Die Neugier im Menschen ist einfach nicht totzukriegen. �Was wollen Sie denn nun eigentlich wissen?�</p><p>�Meine Frau ist mit meiner kleinen Tochter auf der Datscha�, berichtete ich. �Ich bin verdonnert worden, mich hier um tausenderlei Dinge zu k�mmern und aufzupassen, dass die Handwerker endlich fertig werden� Und dann bekomme ich pl�tzlich diesen Brief. Einen anonymen Brief. Geschrieben von einer Frau. Und in dem Brief� nun, wie soll ich Ihnen das erkl�ren� ein Kilo Koketterie und ein halbes Kilo Versprechungen. Stellen Sie sich das doch mal vor: Eine sch�ne Unbekannte tr�umt davon, Sie kennen zu lernen, wagt es aber nicht, den ersten Schritt zu machen. Wenn ich die Augen offen halte und rausbekommen w�rde, von wem der Brief ist, dann br�uchte ich nur noch auf sie zuzugehen��</p><p>In den Augen meines Gegen�bers funkelte ein belustigtes Feuerchen auf. �Und Ihre Frau ist auf der Datscha?�, wollte er wissen.</p><p>�Ja�, nickte ich. �Sie d�rfen nicht glauben� ich habe keine ernsthaften Absichten. Ich will nur wissen, wer die Unbekannte ist. �</p><p>�Haben Sie den Brief dabei?�, wollte der Security-Chef wissen.</p><p>�Den habe ich gleich weggeworfen�, gestand ich. �Nachher sieht meine Frau ihn noch� Und dann soll mal einer beweisen, dass da absolut nichts gewesen ist. �</p><p>�Wann ist er abgeschickt worden? �</p><p>�Vor drei Tagen. Von hier, von unserer Postfiliale aus.�Der Mann dachte nach.</p><p>�Der Kasten dort wird einmal am Tag geleert. Abends�, erkl�rte ich. �Ich glaube nicht, dass viele Leute die Post benutzen. Vielleicht f�nf, sechs pro Tag� Wenn ich mir nur mal anschauen k�nnte��Der Mann sch�ttelte den Kopf. Grinste.</p><p>�Ich verstehe ja, dass es nicht geht�, r�umte ich traurig ein. �Aber vielleicht k�nnten Sie sich dann einmal alles ansehen? Vielleicht war da ja gar keine Frau. M�glicherweise erlaubt sich mein Nachbar einen Scherz mit mir. Er ist� ein sehr alberner Mensch.�</p><p>�Etwa der aus dem neunten Stock?�Der Security-Chef verzog das Gesicht.</p><p>Ich nickte. �Schauen Sie sich doch mal alles an� Sagen Sie mir einfach, ob da eine Frau war oder nicht��</p><p>�Dieser Brief kompromittiert Sie doch, oder?�, wollte der Mann wissen.</p><p>�In gewisser Weise schon�, best�tigte ich. �Gegen�ber meiner Frau.�</p><p>�Damit haben Sie einen triftigen Grund, die Aufzeichnung anzusehen�, beschloss der Security-Chef. �Vielen Dank!�, rief ich. �Vielen herzlichen Dank!�</p><p>�Sehen Sie, so einfach kann das gehen�, entgegnete der Mann, nachdem er nach einer Kunstpause auf einen Knopf an der Tastatur f�r seinen Computer gedr�ckt hatte. �Und Sie wedeln mit Geld� Damit sind Sie zu Sowjetzeiten durchgekommen� aber jetzt��</p><p>Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, erhob mich und stellte mich hinter ihn. Der Mann hatte nichts dagegen. Das Jagdfieber hatte ihn gepackt - anscheinend brachte er sich auf dem Gel�nde des Assol nicht gerade um vor Arbeit.</p><p>Auf dem Bildschirm erschien das Bild der Postfiliale. Zun�chst aus einer Ecke, sodass hervorragend zu erkennen war, was die Angestellten gerade taten. Dann aus einer andern, mit Blick auf den Eingang und den Briefkasten.</p><p>�Montag. Acht Uhr�, verk�ndete der Security-Chef feierlich. �Wie jetzt weiter? Wollen Sie zw�lf Stunden auf den Bildschirm starren?�</p><p>�Ach ja��Ich spielte den Entt�uschen. �Daran habe ich gar nicht gedacht.�</p><p>�Dann dr�cken wir doch mal auf diesen Knopf� nein, auf diesen hier� Und was sehen wir dann?�Das Bild wackelte leicht.</p><p>�Was denn?�, fragte ich, als h�tte ich f�r unser B�ro nicht ein analoges System durchgesetzt.</p><p>�Der Bewegungssucher!�, rief der Security-Chef triumphierend aus.</p><p>Zum ersten Mal tat sich etwas um halb zehn. Ein orientalisch aussehender Arbeiter betrat die Post. Und gab einen ganzen Stapel Briefe auf.</p><p>�Das ist wohl nicht Ihre Unbekannte?�, stichelte der Security-Mensch. �Er geh�rt zu den Bauarbeitern im zweiten Block�, erkl�rte er mir dann. �Die schicken dauernd Briefe nach Taschkent��Ich nickte.</p><p>Der zweite Besucher kam um Viertel nach eins. Ein mir unbekannter Mann, der h�chst solide wirkte. Ihm folgte ein Bodyguard.</p><p>Der Mann steckte keinen Brief ein. �berhaupt verstand ich nicht, was er auf der Post wollte: vielleicht die jungen Frauen beglotzen oder das Territorium des Assol erkunden. Beim Dritten handelte es sich um Lass!</p><p>�Ach nee!�, rief der Security-Mann. �Ist das nicht Ihr Spa�vogel von Nachbar? Der nachts seine Liedchen schmettert?�Was bin ich blo� f�r ein miserabler Ermittler��Ja!�, fl�sterte ich. �Sollte er wirklich��</p><p>�Gut, sehen wir mal weiter�, erbarmte sich mein Gegen�ber.</p><p>Danach, nach einer zweist�ndigen Mittagspause, str�mten etliche Leute herein.</p><p>Drei weitere Mieter steckten Briefe ein. Alles M�nner, die sehr seri�s wirkten.</p><p>Dann eine Frau. Von etwa siebzig Jahren. Kurz vor Feierabend. Eine dicke Alte in prachtvollem Kleid und mit riesigen, geschmacklosen Perlen. D�nnes silbergraues dauergewelltes Haar.</p><p>�Die doch wohl nicht?�, feixte der Mann. Er stand auf und klopfte mir auf die Schulter. �Und? Ob es noch etwas bringt, weiter nach der geheimnisvollen Flirterin zu suchen?�</p><p>�Ist schon alles klar�, entgegnete ich. �Da hat sich jemand einen Spa� erlaubt!�</p><p>�Halb so wild, ein Sp��chen hat noch niemandem geschadet�, philosophierte der Mann. �Aber eine Bitte habe ich noch an Sie� Sehen Sie doch zuk�nftig bitte von zweideutigen Gesten ab. Legen Sie kein Geld auf den Tisch, wenn Sie nicht vorhaben, jemanden zu bestechen.�Ich lie� den Kopf h�ngen.</p><p>�Wir selbst sind es, die die Menschen verderben�, meinte der Security-Mann bitter. �Verstehen Sie das? Wir selbst! Wir bieten einmal Geld an, zweimal� und beim dritten Mal verlangt man es von uns. Dann geht das Lamento los; Was blo� aus den Menschen geworden ist� Sie sind doch ein guter Mensch! Ein Licht in der Dunkelheit!�Erstaunt blickte ich den Mann an.</p><p>�Doch, doch, ein guter Mensch�, versicherte der Mann. �Daf�r habe ich ein Gesp�r. In zwanzig Jahren bei der Kripo habe ich manches gesehen� Machen Sie das einfach nicht wieder, ja? S�en Sie um sich herum nicht das B�se aus.�</p><p>Es war lange her, dass ich mich das letzte Mal so gesch�mt hatte.</p><p>Einen Lichten Magier darauf hinzuweisen, nichts B�ses anzurichten!</p><p>�Ich werde mir M�he geben�, versprach ich. Schuldbewusst schaute ich dem Security-Mann in die Augen. �Vielen Dank f�r Ihre Hilfe��</p><p>Der Mann antwortete mit keinem Wort. Seine Augen wurden glasig, rein und leer wie bei einem Baby. Der Mund stand ihm leicht offen. Die Finger hielten die Armlehnen des Sessels gepackt, die Kn�chel traten wei� hervor. Der Gefrierzauber. Nicht schwer, absolut �blich.</p><p>Hinter mir stand jemand. Am Fenster. Ich sah ihn nicht, sp�rte ihn nur mit dem R�cken�</p><p>So schnell ich konnte, sprang ich zur Seite. Dennoch bekam ich den eisigen Atem der Kraft mit, die auf mich gerichtet war. Nein, das war kein Gefrierzauber. Aber etwas Vergleichbares aus dem Repertoire der Vampire. Einer ihrer kleinen Sp��e.</p><p>Die Kraft glitt �ber mich hinweg. Und entlud sich in dem ungl�ckseligen Security-Mann. Der von Geser gefertigte Schild tarnte mich nicht nur, sondern sch�tzte mich auch!</p><p>Ich prallte mit der Schulter gegen die Wand. Gleichzeitig riss ich die Arme nach vorn, hielt aber in letzter Sekunde inne und schlug nicht zu. Blinzelte. Und zog den Schatten meiner Lider vor meine Augen.</p><p>Am Fenster stand ein Vampir mit vor Anspannung gebleckten Z�hnen. Ein hochgewachsener, mit den Gesichtsz�gen eines vornehmen Europ�ers. Ein Hoher Vampir, da gab's keinen Zweifel. Nicht so ein fr�hreifer wie Kostja. Mindestens dreihundert Jahre alt war er. Und seine Kraft h�tte meine ganz bestimmt �berstiegen.</p><p>Aber nicht Gesers! Dass ich ein Anderer war, konnte der Vampir nicht erkennen. Jetzt brachen all die unterdr�ckten Instinkte eines Untoten, die Hohe Vampire normalerweise im Zaum halten, aus ihm heraus. Keine Ahnung, was er in mir sah: einen besonderen Menschen, dessen Reaktionsverm�gen sich mit dem eines Vampirs messen kann, ein mythisches�Halbblut�, das Kind einer Menschenfrau und eines Vampirmannes, einen nicht weniger phantastischen�Hexer�, der Jagd auf niedere Andere machte. Auf alle F�lle w�rde der Vampir keine Sekunde z�gern, die Z�gel schie�en zu lassen und alles um sich herum kurz und klein zu schlagen. Sein Gesicht zerfloss - wie Knete, die �ber die Stirn eines Tierkopfs modelliert ist. Aus dem Oberkiefer ragten nun Eckz�hne hervor, an den Fingern wuchsen ihm rasiermesserscharfe Krallen. Ein rasender Vampir ist etwas Schreckliches. Schlimmer ist nur noch ein abgekl�rter Vampir.</p><p>Vor einem Duell mit unklarem Ausgang bewahrten mich meine Reflexe. Ich hielt mich zur�ck und schlug nicht zu, sondern schrie die traditionelle Formel bei einer Verhaftung heraus: �Nachtwache! Treten Sie aus <emphasis>dem Zwielicht!�</emphasis></p><p>�Stopp!�, erklang in diesem Moment eine Stimme von der T�r her. �Das ist einer von uns!�</p><p>Erstaunlich, wie schnell sich der Vampir wieder im Griff hatte. Krallen und Eckz�hne schrumpften ein, sein Gesicht schwabbelte, als sei es S�lze, w�hrend er nach und nach wieder den gefassten, vornehmen Ausdruck eines durch und durch erfolgreichen Europ�ers annahm. Und an diesen Europ�er erinnerte ich mich noch gut: von der ruhmreichen Stadt Prag her, wo es das weltweit beste Bier und die weltweit sch�nste Gotik der Welt gibt. �Viteszlav?�, rief ich. �Was erlauben Sie sich denn?�</p><p>An der T�r stand nat�rlich Edgar. Der Dunkle Magier, der nach nur kurzer Arbeit in der Moskauer Tagwache zur Inquisition gewechselt war.</p><p>�Anton, das tut mir leid!�Der gelassene Balte wirkte in der Tat verunsichert. �Uns ist da ein kleiner Fehler unterlaufen. Das kann im Eifer des Gefechts schon mal vorkommen��</p><p>Viteszlav war nun die Freundlichkeit in Person. �Nehmen Sie unsere Entschuldigungen an, W�chter. Wir haben Sie einfach nicht erkannt��Sein Blick huschte rasch �ber mich hinweg, in seiner Stimme schwang Anerkennung mit. �Was f�r eine Tarnung� Meinen Gl�ckwunsch, W�chter. Wenn das Ihre Arbeit ist, kann ich nur ehrf�rchtig das Haupt neigen.�</p><p>Auf wen mein Schutzschild zur�ckging, erkl�rte ich nicht. Nur selten gelingt es einem Lichten Magier (und einem Dunklen �brigens auch, da braucht man kein Geheimnis draus zu machen), einen Inquisitor so befriedigend runterzuputzen.</p><p>�Was haben Sie dem Mann angetan?�, br�llte ich. �Er steht unter meinem Schutz!�</p><p>�Wie mein Kollege schon gesagt hat, dergleichen kann bei der Arbeit vorkommen�, erwiderte Viteszlav schulterzuckend. �Uns interessieren die Aufzeichnungen dieser Videokameras.�</p><p>Edgar schob den Sessel mit dem eingefrorenen Security-Mann kurzerhand zur Seite und kam auf mich zu. L�chelnd. �Es ist alles in Ordnung, Gorodezki. Wir bearbeiten doch denselben Fall, oder?�</p><p>�Habt ihr eine Genehmigung f�r� diese Art des Vorgehens?�, fragte ich.</p><p>�Wir haben jede Menge Genehmigungen�, presste Viteszlav kalt hervor. �Sie k�nnen sich gar nicht vorstellen, wie viele.�</p><p>Vorbei. Er hatte seine Fassung zur�ckgewonnen. Und wollte es jetzt auf einen Streit ankommen lassen. Kein Wunder -schlie�lich h�tte er sich beinahe seinen Instinkten �berlassen, h�tte seine Selbstbeherrschung verloren - f�r einen Hohen Vampir ein unverzeihbarer Fehler. �Wollen Sie sich davon �berzeugen, W�chter?�In Viteszlavs Stimme schwang echte, ruhige Wut mit.</p><p>Nat�rlich darf sich ein Inquisitor anschreien lassen. Doch auch ich konnte jetzt nicht mehr zur�ck!</p><p>Es war Edgar, der die Situation rettete. Er hob die H�nde und deklamierte theatralisch: �Das ist alles meine Schuld! Ich h�tte Herrn Gorodezki erkennen m�ssen! Viteszlav, das ist mein pers�nliches Vers�umnis! Verzeihen Sie!�</p><p>Ich streckte dem Vampir als Erster die Hand hin. �Richtig, wir bearbeiten denselben Fall. Ich habe einfach nicht erwartet, Sie hier zu sehen.�</p><p>Das stimmte. Viteszlav blickte kurz zur Seite. Dann ergriff er mit einem ausgesprochen freundlichen L�cheln meine Hand. Die Hand des Vampirs war warm� Ich wusste, was das hie�.</p><p>�Der Kollege Viteszlav ist gerade erst aus dem Flugzeug gestiegen�, erkl�rte Edgar.</p><p>�Und hat es noch nicht geschafft, eine tempor�re Registrierung vornehmen zu lassen?�, hakte ich nach.</p><p>Wie m�chtig Viteszlav auch sein, welchen Posten er auch innerhalb der Inquisition bekleiden mochte, er blieb doch ein Vampir. Und musste die erniedrigende Prozedur der Registrierung �ber sich ergehen lassen.</p><p>Doch ich ritt nicht weiter auf der Sache herum. Im Gegenteil. �Wir k�nnen die notwendigen Formalit�ten gleich hier hinter uns bringen�, schlug ich vor. �Ich habe das Recht dazu.�</p><p>�Vielen Dank�, meinte der Vampir nickend. �Aber ich schaue nachher in Ihrem B�ro vorbei. Ordnung muss sein.�Der br�chige Friede war wiederhergestellt.</p><p>�Ich habe mir die Aufzeichnungen schon angesehen�, informierte ich sie. �Vor drei Tagen haben vier M�nner und eine Frau Briefe abgeschickt. Und ein Bauarbeiter hat einen ganzen Stapel Briefe aufgegeben. Hier sind Leute aus Usbekistan besch�ftigt.�</p><p>�Ein gutes Zeichen f�r Ihr Land�, meinte Viteszlav ausgesprochen h�flich. �Wenn als Arbeitskr�fte Menschen aus den Nachbarstaaten angeworben werden, deutet das auf wirtschaftlichen Aufschwung hin.�</p><p>Ich h�tte ihm erkl�ren k�nnen, was ich diesbez�glich dachte, lie� es aber bleiben. �Wollen Sie sich die Aufzeichnungen ansehen?�, fragte ich.</p><p>�Wenn es m�glich ist, ja�, bekundete der Vampir sein Interesse.</p><p>Edgar stand bescheiden abseits. Ich brachte das Bild der Postfiliale auf den Bildschirm. Schaltete den�Bewegungssucher�ein, und wir schauten uns noch einmal die Liebhaber des epistolarischen Genres an.</p><p>�Den kenn ich.�Ich wies mit dem Finger auf Lass. �Ich kriege heute noch raus, was genau er abgeschickt hat. �</p><p>�Haben Sie ihn in Verdacht?�, hakte Viteszlav nach.</p><p>�Nein.�Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>Der Vampir lie� die Aufzeichnung noch einmal durchlaufen. Diesmal wurde der arme eingefrorene Security-Mensch ebenfalls vor den Computer gesetzt. �Wer ist das?�, fragte Viteszlav.</p><p>�Ein Mieter�, antwortete der Mann, der teilnahmslos auf den Bildschirm sah. �Erster Block, f�nfzehnter Stock��</p><p>Er hatte ein gutes Ged�chtnis. Kannte die Namen aller Verd�chtigen, nur bei dem Arbeiter mit dem Stapel Briefen musste er passen. Au�er Lass, dem Mieter aus dem f�nfzehnten Stock und der Alten aus dem zehnten hatten noch zwei Manager Briefe aus dem Assol abgeschickt.</p><p>�Wir nehmen uns die M�nner vor�, entschied Viteszlav. �F�rs Erste. �berpr�fen Sie die Alte, Gorodezki. In Ordnung?�</p><p>Ich zuckte die Achseln. Zusammenarbeit war ja sch�n und gut, aber herumkommandieren w�rde ich mich nicht lassen. Schon gar nicht von einem Dunklen. Einem Vampir.</p><p>�F�r Sie ist das einfacher�, erkl�rte Viteszlav. �Ich� ich habe Probleme, mich mit alten Menschen zu unterhalten.�</p><p>Das Gest�ndnis war offen und �berraschend. Ich murmelte etwas, bestand aber nicht auf weiteren Erkl�rungen.</p><p>�Ich sp�re bei ihnen das, was mir fehlt�, fuhr der Vampir trotzdem fort. �Die Sterblichkeit. �</p><p>�Sind Sie neidisch?�, platzte es aus mir heraus.</p><p>�Mir graut vor ihnen.�Viteszlav beugte sich zu dem Security-Mann hinunter. �Wir gehen jetzt�, informierte er ihn. �Du wirst noch f�nf Minuten schlafen und s��e Tr�ume haben. Wenn du aufwachst, hast du unseren Besuch vergessen. Du wirst dich nur an Anton erinnern� den du in dein Herz schlie�en wirst. Wann immer Anton etwas von dir will, wirst du ihm behilflich sein. �</p><p>�Das geht doch��, protestierte ich schwach.</p><p>�Wir arbeiten am selben Fall�, erinnerte mich der Vampir. �Ich wei�, wie schwer es ist, verdeckt zu arbeiten. Leben Sie wohl.�</p><p>Im n�chsten Augenblick war er verschwunden. Edgar l�chelte schuldbewusst. Und ging zur T�r hinaus.</p><p>Ohne darauf zu warten, dass der Security-Mann aufwachte, verlie� auch ich sein B�ro.</p></section><section><title><p>Vier</p></title><p>Das Schicksal, das nach �berzeugung unserer Magier nicht existierte, war mir wohlgesonnen.</p><p>Im Foyer des Assol (dieser Raum sollte nicht Treppenhaus genannt werden!) erblickte ich die Alte, mit der ein Gespr�ch anzufangen der Vampir sich f�rchtete. Sie stand am Fahrstuhl und schaute nachdenklich auf die Kn�pfe.</p><p>Ich betrachtete sie durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>- und konnte mich davon �berzeugen, dass die Alte total verzweifelt war. Fast schon panisch. Die professionellen Security-Leute w�rden ihr nicht zu Hilfe eilen, denn �u�erlich wirkte die Alte absolut gelassen.</p><p>Entschlossen trat ich an die �ltere Dame heran. In der Tat: eine��ltere Dame�. Das bescheidene, gute russische Wort�Alte�traf es �berhaupt nicht.</p><p>�Entschuldigen Sie, aber kann ich Ihnen vielleicht behilflich sein?�, fragte ich.</p><p>Die �ltere Dame schielte zu mir hin�ber. Ohne den �blichen Argwohn alter Menschen, eher besch�mt.</p><p>�Ich habe vergessen, wo ich wohne�, gestand sie. �Wissen Sie es zuf�llig?�</p><p>�Im zehnten Stock�, antwortete ich. �Darf ich Sie vielleicht hinbringen?�Die silbergrauen Locken, zwischen denen zarte rosafarbene</p><p>Haut hindurchschimmerte, gerieten kaum merklich in Bewegung.</p><p>�Achtzig Jahre�, erkl�rte die Alte. �Das wei� ich noch� Wenn es mir auch schwer f�llt. Aber das habe ich nicht vergessen.�</p><p>Ich hakte mich bei der Dame ein und f�hrte sie zum Aufzug. Einer der Security-M�nner kam auf uns zu, doch meine Begleiterin �lteren Semesters sch�ttelte den Kopf. �Der Herr bringt mich��</p><p>Der Herr brachte sie. Ihre T�r erkannte die alte Dame wieder, sie beschleunigte sogar fr�hlich den Schritt. Die Wohnung war nicht abgeschlossen und aufs Prachtvollste modernisiert und eingerichtet. Durch die Diele tigerte eine energische junge Frau um die zwanzig. �Und unten habe ich auch schon alles abgesucht!�, jammerte sie ins Handy. �Sie ist schon wieder entwischt��</p><p>Unser Erscheinen begeisterte die Frau. Nur f�rchtete ich, dass sowohl das freundliche L�cheln wie auch die r�hrende Sorge in erster Linie f�r mich bestimmt waren.</p><p>Sieh her, junge sympathische Frauen wie wir arbeiten in solchen H�usern nicht um des Geldes willen als Angestellte.</p><p>�Maschenka, bring uns einen Tee�, unterbrach die Alte ihr Gegacker. Vermutlich hegte auch sie keine Illusionen. �Ins gro�e Zimmer.�</p><p>Die junge Frau st�rmte beflissen in die K�che, nicht ohne mir vorher noch einmal zuzul�cheln. �Es wird immer schlimmer mit ihr��, fl�sterte sie mir ins Ohr, wobei sie voller Bedacht ihren drallen Busen gegen mich presste. �Ich bin Tamara.�</p><p>Ich selbst wollte mich nicht vorstellen, warum auch immer. Stattdessen folgte ich der Alten einfach ins�gro�e Zimmer�. In ein sehr gro�es Zimmer. Mit alten M�beln aus der Stalinzeit und un�bersehbar das Werk eines teuren Innenarchitekten. An den W�nden hingen Schwarzwei�fotografien, die ich auf den ersten Blick ebenfalls f�r Details der Einrichtung hielt. Dann begriff ich jedoch, dass es sich bei der jungen, bet�renden Sch�nheit mit den wei�en Z�hnen und der Pilotenm�tze um keine Geringere als meine Dame handelte.</p><p>�Ich habe Bomben auf die Fritzen geworfen�, erkl�rte die Dame bescheiden, w�hrend sie an dem runden Tisch Platz nahm, auf dem eine bordeauxfarbene Samtdecke mit Fransen lag. �Kalinin selbst hat mir einen Orden �berreicht��</p><p>V�llig perplex setzte ich mich der einstigen Fliegerin gegen�ber.</p><p>Frauen wie sie beschlie�en ihr Leben im besten Fall auf einer Staatsdatscha oder in einem dieser riesigen bauf�lligen Stalinbauten. Aber auf gar keinen Fall in einem elit�ren Wohnkomplex! Sie hat Bomben auf die Faschisten abgeworfen, nicht die Goldvorr�te aus dem Reichstag geklaut!</p><p>�Mein Enkel hat mir die Wohnung gekauft�, erkl�rte die Alte, als habe sie meine Gedanken gelesen. �Eine gro�e Wohnung. Aber ich kann mir einfach nichts merken� Ist mir zwar alles irgendwie nicht fremd, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern��</p><p>Ich nickte. Ein guter Enkel, ohne Frage. Nat�rlich besorgt er der ordengeschm�ckten Oma eine teure Wohnung - die er sp�ter erben w�rde. Ein vern�nftiger Zug. Und auf alle F�lle eine sehr gutm�tige Geste. Nur das Hausm�dchen h�tte er sorgf�ltiger aussuchen sollen. Keine zwanzigj�hrige Frau, die sich um den Kapitalwert ihres jungen Gesichtchens und ihre gute Figur sorgte, sondern eine �ltere, gestandene Krankenschwester�</p><p>Die Alte blickte nachdenklich zum Fenster hinaus. �Besser h�tte ich es in diesen andern H�usern, diesen kleinen��, meinte sie. �Das w�rde besser zu mir passen��</p><p>Ich h�rte jedoch nicht zu. Sondern blickte auf den Tisch, der mit zerknitterten Briefen mit dem Stempel�Unbekannt verzogen��bers�t war. Kein Wunder: Bei den Adressaten handelte es sich sowohl um den Allunionsvorsteher Kalinin wie auch um den Generalissimus Jossif Stalin, den Genossen Chruschtschow und sogar den�lieben Leonid Iljitsch Breschnew�.</p><p>Die letzten Staatsoberh�upter hatte das Ged�chtnis der Alten offenbar nicht mehr behalten k�nnen.</p><p>Man brauchte nicht die F�higkeiten eines Anderen, um zu schlussfolgern, was f�r einen Brief die Alte vor drei Tagen abgeschickt hatte.</p><p>�Ich kann die H�nde nicht in den Scho� legen�, jammerte die Alte, als sie meinen Blick auffing. �Ich bitte alle, mich in eine Schule zu schicken, eine Fliegerschule� Um der Jugend zu erz�hlen, wie wir damals gelebt haben��</p><p>Trotzdem sah ich sie mir noch einmal durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>an. Und h�tte beinah aufgeschrien.</p><p>Die alte Pilotin war eine potenzielle Andere. Freilich, ihre Kraft war nicht besonders gro�, aber nicht zu �bersehen!</p><p>Nur, sie in diesem Alter zu initiieren, das konnte ich mir nicht vorstellen. Mit sechzig Jahren, mit siebzig - aber mit achtzig?</p><p>Die Belastung w�rde sie umbringen. Sie w�rde als k�rperloser, wahnsinniger Schatten ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>eingehen�</p><p>Alle kannst du nicht aufsp�ren. Selbst in Moskau nicht, wo es so viele W�chter gibt. Mitunter erkennen wir unsere Br�der und Schwestern zu sp�t!</p><p>Tamara trat ein, mit einem Tablett, auf dem Sch�lchen mit Geb�ck und Pralinen, eine Teekanne und wundersch�ne alte Tassen standen. Lautlos stellte sie die Schalen auf den Tisch.</p><p>Die Alte d�ste bereits, obwohl sie nach wie vor gerade und sicher auf dem Stuhl sa�.</p><p>Leise stand ich auf. �Ich gehe dann�, meinte ich mit einem Nicken zu Tamara. �Passen Sie ein bisschen besser auf sie auf, sie vergisst schon mal, wo sie wohnt.�</p><p>�Ich lasse sie nicht aus den Augen!�, entgegnete Tamara, wobei sie mit den Wimpern klimperte. �Wie k�nnen Sie so was nur denken��</p><p>Ich �berpr�fte auch sie. Keine Anlagen zur Anderen. Eine normale junge Frau. Auf ihre Art sogar gut.</p><p>�Schreibt sie viele Briefe?�, fragte ich sie und deutete ein L�cheln an.</p><p>Mein L�cheln fasste Tamara als Einladung auf, ebenfalls zu l�cheln. �Die ganze Zeit! An Stalin, Breschnew� Komischer Humor, nicht wahr?�Kein Widerspruch meinerseits.</p><p>Von allen Cafes und Restaurants, mit denen das Assol gespickt war, hatte nur das Cafe im Supermarkt auf. Eine sehr sympathische Lokalit�t, die eine Ebene �ber den Kassen lag. Mit einem einzigartigen Blick auf den gesamten Supermarkt. Vermutlich machte es Spa�, dort einen Kaffee zu trinken, bevor man durch die Warenregale schlenderte, und sich die Route f�rs Shopping zurechtlegte. Was f�r ein grauenvolles Wort, ein schrecklicher Anglizismus, der �ber das Russische hergefallen ist wie eine Zecke �ber wehrlose Beute!</p><p>Dort a� ich zu Mittag und gab mir alle M�he, mich von den Preisen nicht einsch�chtern zu lassen. Danach bestellte ich mir einen doppelten Espresso, kaufte mir ein P�ckchen Zigaretten - ich rauche nicht oft - und versuchte, wie ein Detektiv zu denken. Wer hatte den Brief abgeschickt?</p><p>Ein abtr�nniger Anderer oder ein Mensch, der Auftraggeber des Anderen?</p><p>Irgendwie schien das beiden nicht sonderlich viel zu bringen. Es war sogar v�llig bl�dsinnig! Und die Version mit einem weiteren Menschen, der versuchte, eine Initiierung zu verhindern, schien mir reichlich melodramatisch.</p><p>Denke, Kopf, denke! Du hast es schon mit vertrackteren Problemen zu tun gehabt. Es gibt einen Anderen, der zum Verr�ter geworden ist. Er hat einen Auftraggeber. Jeweils ein Brief ist an die Wachen und die Inquisition geschickt worden. Also stammen diese Briefe vermutlich von einem Anderen. Einem starken, klugen Anderen, der viel wei�. Bleibt die Frage, wozu.</p><p>Vermutlich gab es darauf eine Antwort. N�mlich um diese Initiierung zu verhindern. Um uns den Auftraggeber auszuliefern und von der Pflicht entbunden zu sein, das gegebene Versprechen einzuhalten.</p><p>Folglich ging es nicht um Geld. Der Auftraggeber musste - wie auch immer! - Macht �ber den Anderen bekommen haben. Eine schreckliche, absolute Macht, die es ihm erlaubte, jede denkbare Forderung zu stellen. Zugeben, dass ein Mensch solche Gewalt �ber ihn erlangt hatte, konnte der Andere nicht. Weshalb er einen R�sselsprung wagte� Ha!</p><p>Ich z�ndete mir eine Zigarette an, nippte an meinem Kaffee. Wie ein Dandy l�mmelte ich mich in dem weichen Sessel.</p><p>Allm�hlich kristallisierte sich ein Bild heraus. Wie kann ein Anderer zum Sklaven eines Menschen werden? Eines gew�hnlichen Menschen, mochte er noch so wohlhabend, einflussreich und klug sein�</p><p>Es gab nur eine M�glichkeit, und die gefiel mir �berhaupt nicht. Unser geheimnisvoller Verr�ter musste sich in die gleiche Lage gebracht haben wie der goldene Fisch im M�rchen. Er hatte dem Menschen sein Ehrenwort gegeben, ihm jeden Wunsch zu erf�llen. Auch der Fisch hatte nicht damit gerechnet, dass die meschuggene Alte - apropos Alte: Ich musste Geser mitteilen, das ich eine potenzielle Andere entdeckt hatte -, dass die meschuggene Alte Herrscherin �ber das Meer werden wollte. Und genau hier lag der Hund begraben.</p><p>Sowohl ein Vampir wie auch ein Tiermensch oder ein Dunkler Magier h�tten auf das Versprechen gepfiffen.</p><p>Sie geben ihr Wort - und nehmen es wieder zur�ck. F�ngt ein Mensch dann noch an, auf seinem Recht zu bestehen, gibt's einen Biss in den Hals.</p><p>Also musste ein Lichter Magier das unbedachte Versprechen gegeben haben! Konnte das sein? Ja.</p><p>Ohne weiteres. Wir alle sind leicht naiv, da hatte Kostja Recht. Man kriegt uns bei unseren menschlichen Schw�chen, bei un-serm Schuldgef�hl, bei allerlei romantischem Kram�</p><p>Also mussten wir den Verr�ter in unsern Reihen suchen. Er hat sein Wort gegeben, wir wissen blo� noch nicht, warum. Er sitzt in der Falle. Wenn ein Lichter Magier sein Versprechen nicht h�lt, muss er sich dematerialisieren�</p><p>Stopp! Auch das war nicht uninteressant. Ich kann einem Menschen versprechen, �alles M�gliche�f�r ihn zu tun. Doch wenn er mich um etwas Unm�gliches bittet - keine Ahnung, worum genau, nichts, was schwierig, eklig oder verboten ist, sondern in der Tat um etwas, das sich nicht erf�llen l�sst, zum Beispiel die Sonne auszul�schen oder einen Menschen in einen Anderen zu verwandeln -, was w�rde ich dann antworten? Dass das nicht geht. Unter gar keinen Umst�nden. Und es stimmt ja, weshalb ich mich auch nicht zu dematerialisieren br�uchte. Mein Herr, mein Mensch m�sste sich damit abfinden. M�sste etwas Neues verlangen: Geld, Gesundheit, eine umwerfende sexuelle Anziehungskraft, Erfolg bei B�rsenspekulationen und ein Gesp�r f�r Gefahr - kurzum, die �blichen menschlichen Freuden, die ein starker Anderer ihm problemlos garantieren kann.</p><p>Aber der Verr�ter ger�t in Panik! Und zwar so heftig, dass er seinen�Herrn�gleich beiden Wachen und der Inquisition ausliefert. Er steht mit dem R�cken zur Wand, f�rchtet, f�r immer ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>einzugehen.</p><p>Das hei�t, es musste tats�chlich eine M�glichkeit geben, einen Menschen in einen Anderen zu verwandeln!</p><p>Das hei�t, das Unm�gliche war m�glich. Es gab einen Weg. Der nur wenigen offen stand, aber es gab ihn. Mir wurde unheimlich zumute.</p><p>Der Verr�ter musste einer von unsern �ltesten und kundigsten Magiern sein. Nicht unbedingt ein Magier au�erhalb jeder Kategorie, nicht unbedingt einer, der einen wichtigen Posten bekleidete. Aber einer, den das Leben Manches gelehrt hatte, einer, der die gro�en Geheimnisse kannte� Aus irgendeinem Grund fiel mir sofort Semjon ein.</p><p>Semjon, der mitunter Dinge wei�, deretwegen ihm, dem Lichten Magier, das Zeichen des Straffeuers an den K�rper geheftet wird.</p><p><emphasis>�Ich bin schon mehr als ein Jahrhundert alt��</emphasis>Kann sein. Er wei� sehr viel. Wer noch?</p><p>Es gibt eine ganze Reihe alter, erfahrener Magier, die nicht in der Wache arbeiten. Sie leben in Moskau, sehen fern, trinken Bier, gehen zum Fu�ball�</p><p>Ich kannte sie nicht, das ist mein Problem. Diese weisen Magier, die sich aus unsern Angelegenheiten heraushalten, wollen nicht in den endlosen Krieg der Wachen verwickelt werden.</p><p>Wen sollte ich jetzt um Rat fragen? Wem konnte ich meine f�rchterlichen Ahnungen darlegen? Geser? Olga? Letzten Endes z�hlten auch sie zum Kreis der potenziell Verd�chtigen.</p><p>Selbst wenn ich nicht an ihre Leichtfertigkeit glauben konnte. Nach allem, was Olga durchgemacht hatte - �ber den durchtriebenen Geser brauchte man in diesem Zusammenhang kein Wort zu verlieren -, w�rde ihr ein solcher Lapsus nicht unterlaufen. Beide w�rden einem Menschen keine unerf�llbaren Versprechungen machen. Was auch f�r Semjon zutraf! Ich konnte nicht glauben, dass der weise, im urspr�nglichen, allgemein gebr�uchlichen Sinne weise Semjon in eine solche Falle laufen w�rde�</p><p>Also musste ein andrer unserer Meister den Fehler begangen haben.</p><p>Wie st�nde ich da, wenn ich eine solche Beschuldigung vorbr�chte? �Also, meines Erachtens ist einer von uns der Schuldige. Ein Lichter. Vermutlich Semjon. Oder Olga. Oder Sie selbst, Geser��</p><p>Wie sollte ich danach noch zur Arbeit gehen? Wie meinen Kollegen ins Gesicht schauen?</p><p>Nein, einen solchen Verdacht konnte ich nicht aussprechen. Ich brauchte Gewissheit.</p><p>Irgendwie schien es nicht angemessen, die Kellnerin zu rufen. Daher ging ich zum Tresen und bat, mir noch einen Kaffee zu machen. Auf das Gel�nder gest�tzt, starrte ich nach unten.</p><p>Und entdeckte dort meinen n�chtlichen Bekannten. Der Gitarrist und Sammler von albernen T-Shirts, der gl�ckliche Besitzer eines gro�en englischen Klosetts, stand neben einem offenen Becken, in dem lebende Hummer krabbelten. Auf dem Gesicht von Lass spiegelte sich angestrengte Denkarbeit wider. Dann grinste er und schob seinen Wagen zur Kasse. Ich merkte auf.</p><p>Lass legte gem�chlich seine bescheidenen Eink�ufe aufs Flie�band, unter denen eine Flasche tschechischer Absinth herausragte. �Wissen Sie�, meinte er beim Bezahlen, �da bei Ihrem Hummerbecken��</p><p>Die Kassiererin l�chelte und brachte mit ihrer ganzen Miene zum Ausdruck, dass es in der Tat ein solches Becken gebe, dass in ihm Hummer schw�mmen und ein Paar dieser Gliederf��er ganz ausgezeichnet zu Absinth, Kefir und Tiefk�hlpelmenis passe.</p><p>�Also da�, fuhr Lass unger�hrt fort, �habe ich gerade gesehen, wie ein Hummer auf den R�cken eines andern geklettert ist, dann den Beckenrand erklommen hat und unter den Tiefk�hltruhen verschwunden ist��</p><p>Die Frau blinzelte ein paar Mal. Kurz darauf erschienen zwei Security-Leute und eine kr�ftige Putzfrau an der Kasse. Sobald sie die schreckliche Nachricht von der Flucht h�rten, st�rzten sie auf die Tiefk�hltruhen zu. Lass sah sich noch einmal im Supermarkt um und bezahlte.</p><p>Die Jagd nach dem nicht existierenden Hummer erreichte ihren H�hepunkt. Die Putzfrau fuchtelte mit ihrem Schrubber unter den Truhen herum, die Security-M�nner wuselten um sie herum. �Zu mir�, schnappte ich auf, �treib ihn zu mir! Gleich hab ich ihn.�</p><p>Mit einem Ausdruck stiller Freude im Gesicht wandte sich Lass dem Ausgang zu.</p><p>�Schlag nicht so toll zu, sonst verbeulst du den Panzer, dann k�nnen wir das Ding nicht mehr verkaufen�, warnte einer der Security-Leute.</p><p>W�hrend ich versuchte, das einem Lichten Magier unw�rdige L�cheln von meinen Lippen zu scheuchen, nahm ich von der Barfrau meinen Kaffee entgegen. Nein, so einer w�rde bestimmt nicht mit einer Schere Buchstaben aus einer Zeitung ausschneiden. Das war viel zu langweilig. Mein Handy klingelte. �Hallo, Sweta�, sagte ich. �Wie geht's dir, Anton?�Diesmal lag weniger Sorge in ihrer Stimme.</p><p>�Ich trinke gerade einen Kaffee. Mit den Kollegen habe ich bereits gesprochen. Mit denen von den Konkurrenzfirmen.�</p><p>�Aha�, erwiderte Swetlana. �Gut gemacht. Brauchst du meine Hilfe, Anton? �</p><p>�Du geh�rst doch nicht� zum Personal�, meinte ich verdutzt.</p><p>�Ja und?!�, blaffte Swetlana prompt. �Ich mach mir um dich Sorgen, nicht um die Wache!�</p><p>�Bislang ist das nicht n�tig�, beruhigte ich sie. �Was macht Nadjuschka?�</p><p>�Sie hilft Mama Borschtsch kochen�, am�sierte sich Swetlana. �Wird wohl noch ein Weilchen dauern mit dem Mittagessen. Soll ich sie rufen? �</p><p>�Hm�, meinte ich entspannt und setzte mich ans Fenster.</p><p>Nadja kam jedoch nicht, denn sie wollte nicht mit ihrem Papa telefonieren. Mit zwei Jahren kommt solche Direktheit vor.</p><p>Ein Weilchen unterhielt ich mich noch mit Swetlana. Eigentlich wollte ich sie fragen, ob sie noch immer ihre dummen Vorahnungen hatte, lie� es dann aber doch bleiben. Ihre Stimme sagte mir bereits, dass dem nicht so war.</p><p>Schlie�lich beendete ich das Gespr�ch, legte das Handy jedoch nicht beiseite. Im B�ro rief ich besser nicht an. Aber wenn ich nun mit jemanden privat sprechen wollte?</p><p>Au�erdem musste ich doch wohl in die Stadt fahren, jemanden treffen, mich um meine Handelsgesch�fte k�mmern und neue Vertr�ge abschlie�en? Ich w�hlte Semjons Nummer. Genug des Detektivspiels. Lichte l�gen einander nicht an.</p><p>F�r Treffen, die nicht ganz beruflich, aber auch nicht v�llig privat sind, gibt es nichts besseres als kleine Kneipen mit maximal f�nf, sechs Tischen. Kneipen fand man fr�her in Moskau gar nicht. Wenn schon �ffentliche Verk�stigung, dann in einem Raum, in dem man wunderbar gro�e Partys geben konnte.</p><p>Jetzt haben wir auch Kneipen.</p><p>Eine solche v�llig unauff�llige Lokalit�t lag im Zentrum, in der Soljanka. Die Haust�r f�hrte direkt auf die Stra�e hinaus, drinnen gab es f�nf Tische, eine kleine Bar - im Assol sind selbst die Bartresen in den Wohnungen beeindruckender.</p><p>Auch das Publikum wirkte absolut durchschnittlich. Kein Club f�r Verfechter bestimmter Interessen, wie Geser sie so gern sammelt: Hier treffen sich die Taucher, hier die Profidiebe.</p><p>Die K�che konnte schon gar keine Extravaganz f�r sich beanspruchen. Zwei Sorten Bier vom Fass, diverse Alkoholika, W�rstchen aus der Mikrowelle und Pommes. Fastfood.</p><p>Ob Semjon deshalb vorgeschlagen hatte, dass wir uns hier treffen? Er passte n�mlich hundertprozentig in diese Kneipe. Auch ich fiel �brigens nicht sonderlich aus dem Rahmen�</p><p>Nachdem Semjon den Schaum ger�uschvoll an den Glasrand gepustet hatte - nur in alten Filmen hatte ich dergleichen schon gesehen -, trank er den ersten Schluck von seinem <emphasis>Klinsker Goldbr�u </emphasis>und sah mich friedfertig an. �Erz�hl mal.�</p><p>�Hast du schon von der Krise geh�rt?�, packte ich den Stier gleich bei den H�rnern. �Von welche genau?�, wollte Semjon wissen. �Von der Krise mit den anonymen Briefen.�</p><p>Semjon nickte. �Ich habe gerade die zeitweilige Registrierung f�r unsern Gast aus Prag vorgenommen�, erz�hlte er mir sogar.</p><p>�Wei�t du, was ich glaube�, sagte ich, wobei ich das Bierglas auf dem sauberen Tischtuch drehte. �Der Absender ist ein Anderer.�</p><p>�Ohne Zweifel!�, erwiderte Semjon. �Trink ruhig dein Bier. Wenn du willst, mach ich dich nachher wieder n�chtern. �</p><p>�Da wirst du keinen Erfolg haben, ich bin versiegelt.�</p><p>Mit zusammengekniffenen Augen sah Semjon mich an. Und musste erkennen, dass es stimmte und dass es �ber seine Kr�fte ging, die f�r jede Magie undurchdringliche Schale aufzubrechen, die von keinem Geringeren als Geser um mich gelegt worden war.</p><p>�Also�, fuhr ich fort. �Wenn der Absender ein Anderer ist, was will er dann damit erreichen?�</p><p>�Die Isolierung oder Eliminierung des Menschen, der sein Auftraggeber ist�, antwortete Semjon gelassen. �Offenbar hat er ihm das leichtfertige Versprechen gegeben, aus ihm einen Anderen zu machen. Und jetzt kriegt er Muffensausen.�</p><p>Meine gesamten heroischen geistigen M�hen h�tte ich mir sparen k�nnen. Semjon, der nicht direkt mit dem Fall befasst war, kam mit seinem eigenen Verstand problemlos genauso weit.</p><p>�Es ist ein Lichter Anderer�, sagte ich. �Warum?�, wunderte sich Semjon.</p><p>�Ein Dunkler h�tte jede Menge M�glichkeiten, ein Versprechen nicht einzuhalten.�</p><p>Semjon dachte nach, kaute auf einem St�ck Pommes herum und meinte dann, dass dem wohl so sei. Aber hundertprozentig wollte er die Verwicklung eines Dunklen in die Sache nicht ausschlie�en. Denn auch Dunkle k�nnten un�berlegt etwas schw�ren, woran sie dann gebunden seien. Sie k�nnten zum Beispiel etwas beim Dunkel schw�ren, die Urkraft als Zeuge anrufen. Danach k�men sie nicht so ohne weiteres davon los.</p><p>�Stimmt�, pflichtete ich ihm bei. �Trotzdem sind die Chancen gr��er, dass einer von unsern Leuten Mist gebaut hat.�Semjon nickte. �Ich war's nicht�, sagte er dann. Ich wich seinem Blick aus.</p><p>�Mach dir keinen Kopf�, beruhigte mich Semjon mit gelassener Stimme. �Du hast alles richtig analysiert und richtig gemacht. Auch wir k�nnen Mist bauen. Auch ich kann unbedacht handeln. Danke, dass du mit mir reden wolltest und nicht zum Chef gerannt bist� Ich gebe dir mein Wort, Lichter Magier Anton Gorodezki, dass ich die dir bekannten Briefe nicht abgeschickt habe und ihren Absender nicht kenne. �</p><p>�Wei�t du, da bin ich sehr froh�, gab ich ehrlich zu.</p><p>�Und ich erst�, grinste Semjon. �Ich sage dir eins: Der Andere, der diesen Fehler gemacht hat, ist ein echter Dreckskerl. Nicht nur, dass er die Wachen mit in die Sache zieht, nein, auch noch die Inquisition. Entweder hat er nur Stroh im Kopf, oder er hat alles bestens kalkuliert. Im ersten Fall ist er erledigt, im zweiten wird er seine Haut retten k�nnen. Ich wette zwei zu eins, dass er ungeschoren davonkommt.�</p><p>�Kann man einen normalen Menschen also doch in einen Anderen verwandeln, Semjon?�, fragte ich. Ehrlichkeit ist die beste Politik.</p><p>�Ich wei� es nicht.�Semjon sch�ttelte den Kopf. �Fr�her habe ich gedacht, es sei unm�glich. Doch die letzten Ereignisse legen nahe, dass es irgendein Schlupfloch geben muss. Ein sehr enges, sehr unbequemes. Aber es muss da sein. �</p><p>�Warum unbequem?�, griff ich dieses Wort auf.</p><p>�Ansonsten w�rden wir diesen Weg gehen. Was f�r ein Plus, wenn wir beispielsweise aus dem Pr�sidenten einen von uns machen k�nnten! Ach, nicht nur aus dem Pr�sidenten, sondern aus allen mehr oder weniger einflussreichen Leuten. Es m�sste einen Anhang zum Vertrag geben, der die Initiierung regelt, es g�be die gleichen Konflikte, aber auf neuem Niveau.�</p><p>�Und ich dachte, das sei absolut verboten�, gab ich zu. �Die M�chtigen haben sich doch getroffen und vereinbart, dass Gleichgewicht nicht zu zerst�ren� und sich gegenseitig mit einer ultimativen Waffe gedroht��</p><p>�Womit?�Semjon erstarrte.</p><p>�Mit einer ultimativen Waffe. Erinnerst du dich noch, wie du mir von Wasserstoffbomben mit gewaltiger Sprengkraft erz�hlt hast? Eine f�r uns, eine f�r die Amis� Vermutlicht gibt es in der Magie doch etwas �hnliches��</p><p>�Was redest du denn da, Anton!�Semjon lachte. �Solche Bomben gibt es nicht, das ist reine Phantasie, hat sich jemand ausgedacht! Besch�ftige dich mal mit Physik! In den Ozeanen gibt es zu wenig schweres Wasser, als dass es zu einer permanenten thermonuklearen Reaktion kommen k�nnte!�</p><p>�Weshalb hast du mir das dann erz�hlt?�, fragte ich fassungslos.</p><p>�Wir haben damals allerlei dummes Zeug zusammengeredet. Ich habe nicht geglaubt, dass du das f�r bare M�nze nehmen w�rdest��</p><p>�Hohlkopf�, murmelte ich, w�hrend ich an meinem Bier nippte. �Danach habe ich �brigens n�chtelang schlecht geschlafen��</p><p>�Es gibt keine ultimative Waffe, du kannst beruhigt schlafen�, grinste Semjon. �Keine echte, keine magische. Und selbst wenn wir davon ausgehen, dass es m�glich ist, gew�hnliche Menschen zu initiieren, muss die Prozedur wohl ausgesprochen schwierig sein, widerw�rtig und mit Nebeneffekten. Mit einem Wort, alle lassen die Finger davon. Sowohl wir als auch die Dunklen.�</p><p>�Wei�t du was von einer solchen Prozedur?�, hakte ich noch mal nach.</p><p>�Nein.�Semjon dachte nach. �Nein, ganz bestimmt nicht. Sich den Menschen gegen�ber zu erkennen geben, ihnen entsprechende Befehle zu erteilen oder, sagen wir es mal so, sie als Freiwillige zu rekrutieren - all das ist schon vorgekommen. Aber dass man einen Menschen, den man braucht, in einen Anderen verwandelt hat, das ist mir noch nie zu Ohren gekommen.�Schon wieder eine Sackgasse. Ich nickte. Blickte d�ster in mein Bierglas.</p><p>�Verbei� dich nicht in die Sache�, riet Semjon mir. �Es gibt nur zwei M�glichkeiten: Entweder ist der Andere ein Idiot oder ein absolut ausgebuffter Kerl. Im ersten Fall finden ihn die Dunklen oder die Inquisitoren. Im zweiten findet ihn niemand, aber man wird dem Menschen auf die Spur kommen und ihn von seinem seltsamen Wunsch abbringen. Solche F�lle hat es bereits gegeben��</p><p>�Und was soll ich jetzt machen?�, fragte ich. �Ich beklag mich ja nicht, es ist schon interessant, an so einem komischen Ort zu leben. Vor allem auf Firmenkosten��</p><p>�Dann genie� es�, riet Semjon gelassen. �Oder l�sst dein Stolz das nicht zu? M�chtest du es allen zeigen und den Verr�ter finden? �</p><p>�Ich bringe Sachen nun mal gerne zu Ende�, gab ich zu.</p><p>Semjon lachte los. �Ich mach nun schon ein Jahrhundert lang nichts andres, als Sachen auf halber Strecke hinzuwerfen� Es hat da zum Beispiel mal einen h�bschen kleinen Fall gegeben, wo das Vieh des reichen Bauern Besputnow im Gouvernement Kostroma vergiftet worden ist. Ein Fall, der es in sich hatte, Anton! Ein R�tsel! Eine verworrene Intrige! Eine magische Vergiftung, aber so raffiniert ausgef�hrt� das Gift war im Hanf! �</p><p>�Fressen Tiere denn Hanf?�Meine Neugier war geweckt.</p><p>�Wer w�rde ihnen denn welchen geben? Aus diesem Hanf hat der Bauer Besputnow seine Leinen gedreht. An diesen Schn�ren hat er das Vieh gef�hrt. Durch sie ist dann der Schaden angerichtet worden. Ein heimt�ckisches Gift, das langsam wirkte und absolut verheerend war. Und im Umkreis von hundert Werst gab es keinen einzigen registrierten Anderen! Ich habe mich dann in diesem Dorf eingenistet, um den Halunken zu suchen��</p><p>�Habt ihr fr�her wirklich so ordentliche Arbeit geleistet?�, wunderte ich mich. �Wurde tats�chlich wegen Vieh, wegen irgendeines Bauern ein W�chter hinzugezogen?�</p><p>�Auch fr�her hat man mal so, mal so gearbeitet�, l�chelte Semjon. �Der Sohn des Bauern war ein Anderer, er hat darum gebeten, dass wir uns um seinen Vater k�mmern, der sich schon beinah aus dieser Schnur seinen Strick gedreht h�tte� Also bin ich da hingefahren, ganz der einsame Wolf, habe einen Haushalt gegr�ndet, hab sogar bei einer Witwe landen k�nnen. Nebenbei habe ich den T�ter gesucht. Und verstanden, dass ich auf die Spur einer alten Hexe gesto�en bin, die sich sehr gut getarnt hatte, bei keiner Wache arbeitete und in keiner Liste gef�hrt wurde. Kannst du dir vorstellen, was f�r eine Intrige sie angezettelt hat? Die Hexe war zwei-, dreihundert Jahre! Sie hatte so viel Kraft gesammelt, dass sie es mit einem Magier ersten Grades aufnehmen konnte! Wie ein Detektiv von Pinkerton habe ich� nach ihr gefahndet� Die Hohen Magier wollte ich nicht um Hilfe bitten, das war mir peinlich. Nach und nach habe ich dann einige Anhaltspunkte herausbekommen, den Kreis der Verd�chtigen eingegrenzt. Zu ihnen geh�rte �brigens auch jene Witwe, die mir so gewogen war��</p><p>�Und weiter?�, fragte ich begeistert. Auch wenn Semjon gern aufschnitt, diese Geschichte schien zu stimmen.</p><p>�Nichts weiter�, seufzte Semjon. �In Petrograd ist es zum Aufstand gekommen. Die Revolution. Da konnte mir eine abgebr�hte Hexe echt egal sein, das wirst du verstehen. Dort floss Menschenblut in Str�men. Ich wurde abbeordert. Ich wollte noch einmal zur�ck, habe aber nie die Zeit dazu gefunden. Dann ist das Dorf �berflutet worden, alle wurden evakuiert. Vielleicht lebt die Hexe gar nicht mehr. �</p><p>�Schade�, sagte ich.</p><p>Semjon nickte. �Das ist meine Geschichte. Und von der Sorte habe ich noch Unmengen auf Lager. Also nimm's nicht so schwer und mach dich nicht verr�ckt!�</p><p>�Wenn du ein Dunkler w�rst�, meinte ich, �w�re ich mir sicher, dass du den Verdacht nur von dir ablenken willst.�</p><p>Semjon grinste. �Ich bin kein Dunkler, Anton. Das wei�t du genau.�</p><p>�Und du wei�t nichts �ber die Initiierung von Menschen��, seufzte ich. �Ich hatte so gehofft��</p><p>Semjon wurde wieder ernst. �Anton, ich sage dir noch etwas. Die Frau, die ich mehr als alles auf der Welt geliebt habe, ist 1921 gestorben. An Altersschw�che.�</p><p>Ich sah ihn an - und wagte es nicht zu l�cheln. Semjon machte keinen Spa�.</p><p>�Wenn ich gewusst h�tte, wie ich aus ihr eine Andere machen kann��, fl�sterte Semjon, wobei er ins Nichts starrte. �Wenn ich es doch blo� gewusst h�tte� Ich habe ihr meine Identit�t enth�llt. Habe alles f�r sie getan. Sie ist nie krank gewesen. Mit dreiundsiebzig sah sie mal gerade wie drei�ig aus. Selbst in Petersburg w�hrend der Blockade hat es ihr an nichts gefehlt. Als die Rotarmisten ihren Schutzbrief gesehen haben, hat es ihnen die Sprache verschlagen. Ich hatte mir eine Vollmacht von Lenin besorgt� Aber mein Leben konnte ich ihr nicht geben. So etwas geht �ber unsere Kraft.�Er sah mir finster in die Augen. �Wenn ich gewusst h�tte, wie ich Ljubow Petrowna h�tte initiieren k�nnen�, h�tte ich niemanden um Erlaubnis gebeten. Alles h�tte ich auf mich genommen. Ich h�tte mich dematerialisiert, wenn ich nur aus ihr eine Andere h�tte machen k�nnen��</p><p>Semjon stand auf. Seufzte. �Jetzt ist mir ehrlich gesagt alles egal. Ob es verboten ist, aus Menschen Andere zu machen, interessiert mich nicht im Geringsten. Und dich sollte es auch nicht um deinen Schlaf bringen. Deine Frau ist eine Andere. Deine Tochter ist eine Andere. Reicht dir dieses Gl�ck nicht? Selbst Geser kann davon nur tr�umen.�</p><p>Er ging, w�hrend ich noch ein Weilchen am Tisch sitzen blieb und mein Bier austrank. Der Wirt - der auch Kellner, Koch und Barkeeper war - sah nicht einmal zu mir her�ber. Als Semjon hinausgegangen war, hatte er vor den Tisch einen magischen Vorhang gezogen. Was bildete ich mir eigentlich ein?</p><p>Drei Inquisitoren waren hinter der Sache her. Der talentierte Vampir Kostja flatterte als Fledermaus ums Assol herum. Sie w�rden herausbekommen, wer ein Anderer werden m�chte. Ganz bestimmt. Und den Absender w�rden sie finden - oder auch nicht.</p><p>Warum gab ich keine Ruhe?</p><p>Die Frau, die ich liebte, war eine Andere. Die au�erdem freiwillig auf die Arbeit in der Wache, auf eine gl�nzende Karriere als Gro�e Zauberin verzichtet hatte. All das wegen mir, diesem Idioten. Damit ich, der ich auf der zweiten Kraftstufe versauern w�rde, keine Komplexe bekam�</p><p>Und Nadjuschka war eine Andere! Nie w�rde ich den Horror eines Anderen durchmachen, dessen Kind heranw�chst, altert und stirbt. Fr�her oder sp�ter w�rden wir Nadenka erz�hlen, was sie war. Dann w�rde sie eine Gro�e werden wollen, ohne Zweifel. Und sie w�rde eine Gro�e werden. Vielleicht w�rde sie diese unvollendete Welt sogar etwas besser machen.</p><p>Und ich spielte irgendwelche kindlichen Agentenspiele! Machte mir Sorgen, dass ich meinen Auftrag nicht erf�llte, statt mich abends mit meinem lustigen Nachbarn zu am�sieren oder - nat�rlich nur um meine Tarnung aufrechtzuerhalten - ins Casino zu gehen.</p><p>Ich stand auf, legte das Geld auf den Tisch und ging. In ein, zwei Stunden w�rde sich der Vorhang aufl�sen, der Wirt das Geld sowie die leeren Gl�ser sehen und sich daran erinnern, dass irgendwelche unscheinbaren M�nner hier ihr Bier getrunken hatten.</p></section><section><title><p>F�nf</p></title><p>Den halben Tag verbrachte ich mit absolut nebens�chlichen Dingen, die niemandem etwas nutzten. Vermutlich h�tte der Vampir Kostja seinen wei�lippigen Mund verzogen und mir einen Vortrag dar�ber gehalten, was er von meiner Naivit�t hielt�</p><p>Als Erstes fuhr ich ins Assol, zog mir Jeans und ein einfaches Hemd an, danach ging ich in den n�chsten normalen Hof, der zu einem tristen achtst�ckigen Plattenbau geh�rte. Zu meiner uneingeschr�nkten Genugtuung entdeckte ich dort einen Fu�ballplatz, auf dem die Schule schw�nzende �ltere Jungen einem abgewetzten Ball hinterherjagten. Auch ein paar j�ngere M�nner waren dabei. Trotz allem machte sich die gerade zu Ende gegangene Fu�ballweltmeisterschaft, bei der sich unsre Mannschaft nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte, positiv bemerkbar. In einige der noch erhaltenen H�fen kehrte der Hofgeist zur�ck, der v�llig verloren gegangen schien.</p><p>Man nahm mich in eine Mannschaft auf. In die, in der nur ein erwachsener Mann spielte - der eine beeindruckende Wampe vor sich hertrug, aber dennoch ausgesprochen agil und draufg�ngerisch war. Ich selbst spiele nicht gut, aber hier hatten sich auch nicht gerade Weltmeister versammelt.</p><p>Etwa eine Stunde rannte ich �ber die staubige, fest gestampfte Erde, schrie, schoss auf das Tor aus durchl�chertem Maschendraht und traf sogar ein paar Mal. Einmal schaffte es ein baumlanger kr�ftiger Zehntkl�ssler, mich geschickt auszutrippeln. Er l�chelte mich gro�m�tig an. Ich nahm's nicht krumm, �rgerte mich nicht.</p><p>Als das Spiel dem Ende zuging - irgendwie ganz von selbst -, steuerte ich das n�chste Gesch�ft an, kaufte Mineralwasser und Bier sowie f�r die j�ngsten Fu�baller Limo der Marke Baikal. Nat�rlich h�tten sie Coca-Cola bevorzugt, doch allm�hlich sollte man anfangen, ihnen das transatlantische Gift wieder�</p><p>Was mich entt�uschte: Mein gro�z�giges Verhalten - das entging mir nicht - beschwor die unterschiedlichsten Mutma�ungen herauf. Gute Taten muss man also in Ma�en vollbringen.</p><p>Nachdem ich mich von den�eigenen�und den�gegnerischen�Spielern verabschiedet hatte, ging ich zum Ufer hinunter, wo ich begeistert ins dreckige, aber erfrischende Wasser stieg. Ganz in der N�he erhob sich das Assol mit seinem pomp�sen Hof. Soll es doch�</p><p>Irgendwann ging mir etwas auf, das urkomisch war: Ein Dunkler Magier an meiner Stelle k�nnte genauso handeln. Nicht einer der ganz jungen, der sich noch auf alle zuvor unerreichbaren Vergn�gen wie frische Austern und teure Prostituierte st�rzt, sondern ein �lterer Dunkler, der bereits hinter das Prinzip dieser Welt gekommen war: Vanitas vanitatum (et omnia vanitas) - alles ist nichtig.</p><p>Auch er w�re �ber den kleinen Bolzplatz gejagt, h�tte geschrien, den Ball getreten und die ungeschickt fluchenden Jugendlichen angeschnauzt: �Halt deine Zunge im Zaum, du Knallkopf!�Dann w�re er an den Strand gegangen, h�tte im tr�ben Wasser geplanscht, im Gras gelegen, in den Himmel geschaut�</p><p>Wo verl�uft sie, die Grenze? Gut, bei den niederen Dunklen ist alles klar. Sie sind die Untoten. Sie m�ssen t�ten, um existieren zu k�nnen. Hier hilft auch kein sprachlicher Eiertanz. Sie sind das B�se.</p><p>Aber wo verl�uft die eigentliche Grenze?</p><p>Und warum verschwindet sie mitunter? In Momenten, wenn es darum geht, dass ein einzelner Mensch ein Anderer werden will? Ein einziger! Wen setzt man da gleich an, um ihn zu suchen! Dunkle, Lichte, die Inquisition� Denn nicht nur ich befasse mich mit diesem Fall, ich bin schlie�lich nur ein vorgeschobener Bauer, der f�r Ordnung vor Ort sorgt. Nein, Geser runzelt die Stirn, Sebulon blickt finster drein, Viteszlav bleckt die Z�hne. Ein Mensch m�chte ein Anderer werden! Packt ihn, fasst ihn! Doch wer w�rde das schlie�lich nicht wollen?</p><p>Nicht den ewigen Hunger der Vampire, nicht die Anf�lle von Wahnsinn der Tiermenschen, sondern ein befriedigendes Leben als Magier. Wo alles wie bei einem Menschen ist. Nur besser.</p><p>Du brauchst keine Angst mehr zu haben, dass aus deinem Auto die teure Musikanlage gestohlen wird, wenn du es auf einem unbewachten Parkplatz abgestellt hast.</p><p>Du kriegst nie wieder Grippe, und wenn du an einer unheilbaren Schweinerei erkrankst, stehen Dunkle Hexenmeister oder Lichte Heiler zu deinen Diensten.</p><p>Du brauchst dir nicht l�nger den Kopf dar�ber zu zerbrechen, wie du bis Ultimo �berleben sollst.</p><p>Du hast nachts unterwegs keine Angst mehr und f�rchtest dich nicht vor besoffenen Halbstarken. Selbst die Miliz l�sst dich kalt.</p><p>Du brauchst dir keine Gedanken dar�ber zu machen, ob dein Kind sicher von der Schule nach Hause kommt und nicht im Hauseingang einem wahnsinnigen Psycho in die Arme l�uft�</p><p>Andererseits liegt gerade hier der Hund begraben. Deine Familie ist in Sicherheit, sie werden sogar aus der Vampirlotterie herausgenommen. Dennoch rettest du sie nicht vor Alter und Tod.</p><p>Sicher, noch ist das alles weit weg. Ganz weit weg.</p><p>Und insgesamt ist es schon weitaus angenehmer, ein Anderer zu sein.</p><p>Au�erdem w�rdest du nichts gewinnen, wenn du dich nicht initiieren l�sst. Im Gegenteil, selbst Verwandte d�rften dich dann als Idioten beschimpfen. Denn als Anderer k�nntest du dich f�r sie einsetzen. So wie Semjon es erz�hlt hat� Jemand vergiftet einem Bauern das Vieh, und der Sohn, ein Anderer, sorgt daf�r, dass ein Anderer die Sache untersucht. Die Blutsbande machen sich eben doch bemerkbar. Sie sind dicker als Wasser�</p><p>Ich erschauerte, als h�tte ich einen Stromschlag bekommen. Sprang auf und starrte zum Assol hin�ber.</p><p>Aus welchem Grund gab ein Lichter einem Menschen das leichtsinnige Verspechen, f�r ihn alles nur denkbar M�gliche zu tun?</p><p>Aus einem einzigen! Das war sie, die Spur!</p><p>�Ist dir eine Idee gekommen, Anton?�, erklang in meinem R�cken eine Stimme.</p><p>Ich drehte mich und erblickte Kostja. Er hatte, wie am Strand nicht anders zu erwarten, lediglich eine Badehose an, trug allerdings noch eine Sonnenbrille sowie einen wei�en Kinderhut, der ihm wie ein orientalisches K�ppchen auf dem Kopf thronte (bestimmt hatte er ihn ohne Gewissensbisse einem Kind weggenommen). �Brennt die Sonne?�, fragte ich h�hnisch.</p><p>Kostja verzog das Gesicht. �Total. H�ngt da im Himmel wie ein B�geleisen� Ist dir etwa nicht hei�? �</p><p>�Doch�, gab ich zu. �Aber das ist eine andre Hitze.�</p><p>�Wollen wir die Sticheleien nicht lassen?�, fragte Kostja. Er setzte sich in den Sand und warf angeekelt eine Kippe beiseite.</p><p>�Ich bade jetzt nur nachts. Aber ich bin gekommen� um mit dir zu reden.�</p><p>Ich f�hlte mich nicht wohl in meiner Haut. Vor mir sa� ein missmutiger junger Mann, der obendrein ein Untoter war. Aber ich erinnerte mich noch an den verschlossenen Jugendlichen, der verlegen vor meiner T�r stand. �Sie d�rfen mich nicht einladen. Ich bin doch ein Vampir, ich k�nnte sonst eines Nachts wiederkommen und Sie bei�en��</p><p>Relativ lange hatte dieser Junge sich beherrschen k�nnen. Hatte nur Schweine- und Spenderblut getrunken. Davon getr�umt, ein Lebender zu werden. �Wie Pinocchio�, brachte er irgendwann als Vergleich an, nachdem er Collodi gelesen oder den Film <emphasis>A. I. </emphasis>- <emphasis>K�nstliche Intelligenz </emphasis>gesehen hatte.</p><p>Wenn Geser mich nicht losgeschickt h�tte, um Vampire zu jagen�</p><p>Nein, Quatsch. Die Natur h�tte so oder so das Ihre verlangt. Und Kostja seine Lizenz bekommen.</p><p>Trotzdem durfte ich mich nicht �ber ihn lustig machen. Ich hatte einen ungeheuren Vorteil - ich war ein Lebender.</p><p>Ich konnte mich mit alten Menschen unterhalten, ohne mich zu sch�men. Denn darum ging es: um Scham. Viteszlav hatte sich um die Wahrheit herumgedr�ckt. Weder Angst noch Ekel hielten ihn von den Alten fern. Sondern Scham.</p><p>�Tut mir leid, Kostja�, sagte ich und legte mich neben ihn in den Sand. �Lass uns reden.�</p><p>�Ich glaube, die st�ndigen Bewohner des Assol haben mit dem Fall nichts zu tun�, begann Kostja finster. �Der Auftraggeber ist unter denjenigen zu suchen, die sich nur ab und an dort aufhalten. �</p><p>�Wir m�ssen alle �berpr�fen��, seufzte ich theatralisch.</p><p>�Und dann haben wir noch eine kleine Aufgabe. Wir m�ssen den Verr�ter finden.�</p><p>�Dann m�ssen wir ihn suchen.�</p><p>�Ich seh schon, wie du ihn suchst� Dir ist doch klar, dass es einer von euch ist?�</p><p>�Wie kommst du denn darauf!�, emp�rte ich mich. �Es kann durchaus sein, dass ein Dunkler Mist gebaut hat��</p><p>Eine Zeit lang diskutierten wir �ber die Situation. Offenbar waren wir zur selben Zeit zum selben Schluss gekommen.</p><p>Nur dass ich Kostja jetzt einen halben Schritt voraus war. Und nicht die Absicht hatte, ihm zu helfen.</p><p>�Der Brief befand sich in dem Stapel, den der Bauarbeiter zur Post gebracht hat�, meinte Kostja, der nicht ahnte, wie ich ihn auflaufen lie�. �Nichts leichter als das. Alle diese Gastarbeiter sind in einer alten Schule untergebracht, die jetzt eine Art Wohnheim ist. Im Parterre werden auf dem Tisch des Wachtposten die Briefe gesammelt. Morgens geht dann jemand zur Post und gibt sie auf. Einem Anderen d�rfte es keine M�he bereiten, ins Wohnheim zu gehen, den Blick des Wachtposten abzulenken� oder einfach abzuwarten, bis der seinen Platz einmal verl�sst, um zur Toilette zu gehen. Dann steckt er den Brief in den gro�en Stapel. Das war's! Ohne jede Spur. �</p><p>�Einfach und sicher�, stimmte ich zu.</p><p>�Und typisch f�r die Lichten�, meinte Kostja stirnrunzelnd. �Lasst andre f�r euch die Kastanien aus dem Feuer holen.�</p><p>Aus irgendeinem Grund nahm ich ihm das nicht krumm. Sondern grinste nur am�siert und drehte mich auf den R�cken, um in den Himmel zu gucken, in die z�rtliche gelbe Sonne.</p><p>�Gut, wir machen das ganz genauso��, brummte Kostja. Ich schwieg.</p><p>�Was ist? Willst du mir etwa weismachen, ihr w�rdet niemals Menschen bei euren Operationen einsetzen?�, blaffte Kostja.</p><p>�Das kommt schon vor. Das haben wir schon getan. Aber wir verraten sie nicht.�</p><p>�Aber hier hat ein Anderer einen Menschen ja auch nur gebraucht und nicht verraten�, erkl�rte Kostja, sich selbst widersprechend und die�Kastanien�vergessend. �Also, ich glaube� Sollten wir diese Spur nicht weiterverfolgen? Bisher hat der Verr�ter alle Spuren sehr gut verwischt. Wir jagen einem Gespenst hinterher��</p><p>�Angeblich haben vor ein paar Tagen zwei Security-M�nner im Assol in den B�schen etwas Schreckliches beobachtet�, sagte ich. �Sie haben sogar angefangen zu schie�en.�In Kostjas Augen loderte es auf. �Hast du das schon �berpr�ft?�</p><p>�Nein�, sagte ich. �Ich arbeite undercover und habe dazu keine M�glichkeit.�</p><p>�Soll ich das vielleicht machen?�, fragte Kostja eifrig. �Ich sag auch, dass du das��</p><p>�Mach das�, beschloss ich.</p><p>�Danke, Anton!�Kostjas Gesicht erstrahlte in einem L�cheln, und er stie� mir recht schmerzhaft mit der Faust gegen die Schulter. �Trotz allem bist du ein prima Kerl! Danke!�</p><p>�Mach es ordentlich�, konnte ich mir nicht verkneifen, �vielleicht bekommst du dann ja eine Extralizenz.�</p><p>Sofort verstummte Kostja. Sein Blick verfinsterte sich. Er starrte zum Fluss hinunter.</p><p>�Wie viele Menschen hast du umgebracht, um ein Hoher Vampir zu werden?�, wollte ich wissen. �Spielt das f�r dich eine Rolle? �</p><p>�Es� interessiert mich.�</p><p>�Geh halt irgendwann in eure Archive und guck nach�, meinte Kostja mit schiefem L�cheln. �Das d�rfte doch nicht so schwer sein, oder?�</p><p>Nat�rlich war das nicht schwer. Trotzdem hatte ich nie einen Blick in Kostjas Dossier geworfen. Ich wollte das nicht wissen�</p><p>�Onkel Kostja, gib mir meinen Hut wieder!�, fiepte jemand in unserer N�he mit fordernder Stimme.</p><p>Ich schielte zu einem kleinen, etwa vierj�hrigen M�dchen hin�ber, das auf Kostja zugerannt kam. Also doch, hatte er tats�chlich ein Kind ausgeschaltet und ihm den Hut geklaut�</p><p>Gehorsam zog Kostja jetzt den Hut vom Kopf und gab ihn dem M�dchen.</p><p>�Kommst du heute Abend wieder zu uns?�, fragte das M�dchen, w�hrend es mich anguckte und die Lippen spitzte. �Erz�hlst du mir ein M�rchen? �</p><p>�Hm�, nickte Kostja.</p><p>Das M�dchen strahlte und lief zu einer jungen Frau, die in der N�he ihre Sachen zusammenpackte. Lie� nur noch aufgewirbelten Sand erkennen�</p><p>�Hast du v�llig den Verstand verloren?!�, br�llte ich und schnellte hoch. �Ich sollte dich gleich hier an Ort und Stelle zu Asche verbrennen!�</p><p>Vermutlich machte ich ein f�rchterliches Gesicht. �Was glaubst du denn?�, rief Kostja sofort. �Was glaubst du blo�, Anton? Das ist meine Nichte! Ihre Mutter ist meine Schwester! Sie wohnen in Strogino, ich wohne vor�bergehend bei ihnen, damit ich nicht durch die ganze Stadt fahren muss!�Ich erstarrte.</p><p>�Hast du geglaubt, ich w�rde Blut aus ihr heraussaugen?�, fragte Kostja, der mich noch immer erschrocken anstarrte. �Dann geh hin und �berzeug dich! Sie hat keine Bisswunden! Das ist meine kleine Nichte, verstehst du? F�r sie w�rde ich alles tun.�</p><p>�Puh�, schnaubte ich. �Was h�tte ich denn sonst denken sollen? �Kommst du heute Abend wieder zu uns?�, �Erz�hlst du mir ein M�rchen?���</p><p>�Typisch f�r einen Lichten��, kommentierte Kostja schon etwas gelassener. �Wo ich schon ein Vampir bin, verhalte ich mich gleich wie ein Schwein. So ist es doch, oder?�</p><p>Noch war unser br�chiger Waffenstillstand zwar nicht aufgehoben, hatte sich aber in den �blichen kalten Krieg verwandelt.</p><p>Kostja sa� da und kochte vor Wut, ich sa� da und �rgerte mich �ber mich selbst und �ber meine voreiligen Schlussfolgerungen. F�r Kinder unter zw�lf Jahren werden keine Lizenzen ausgegeben, und Kostja ist kein Idiot und w�rde nicht ohne Lizenz auf Jagd gehen� Immer w�rde uns etwas trennen.</p><p>�Du hast doch eine Tochter�, meinte Kostja pl�tzlich. �Hast doch auch so ein kleines M�dchen, oder? �</p><p>�J�nger�, erwiderte ich. �Und besser.�</p><p>�Na klar, wo sie deine Tochter ist, muss sie auch besser sein�, grinste Kostja. �In Ordnung, Gorodezki. Ich hab's verstanden. Vergessen wir das. Und vielen Dank f�r den Tipp.�</p><p>�Keine Ursache�, wiegelte ich ab. �Vielleicht haben diese Security-Leute gar nichts gesehen. Sondern nur Wodka getrunken, gekifft��</p><p>�Wir werden das �berpr�fen�, meinte Kostja munter. �Wir �berpr�fen alles.�</p><p>Er strich sich mit der Hand �ber den Kopf und stand auf. �Du gehst?�, fragte ich.</p><p>�Es ist hei߫, antwortete Kostja, w�hrend er in den Himmel hinaufschielte. �Ich verschwinde.�</p><p>Das tat er in der Tat. Nachdem er zuvor von allen Menschen um uns herum den Blick abgelenkt hatte. Nur ein diffuser Schatten hing noch eine Sekunde in der Luft. �Angeber�, murmelte ich und drehte mich auf den Bauch.</p><p>Ehrlich gesagt war mir auch hei�. Aber ich hatte mich nun mal in die Entscheidung verbissen, nicht zusammen mit dem Dunklen aufzubrechen.</p><p>Au�erdem musste ich noch �ber etwas nachdenken, bevor ich mich an die Security-Leute im Assol wandte.</p><p>Viteszlav hatte ordentliche Arbeit geleistet. Als ich das B�ro des Chefs der Security-Firma betrat, begr��te dieser mich mit einem freudestrahlenden Lachen. �Was f�r ein angenehmer Besuch!�, rief er, w�hrend er diverse Papiere zur Seite schob. �Tee? Kaffee? �</p><p>�Kaffee�, antwortete ich.</p><p>�Andrej, bring uns Kaffee�, ordnete der Mann an. �Und eine Zitrone.�</p><p>Dann machte er sich am Tresor zu schaffen und. bef�rderte eine Flasche guten georgischen Kognak zu Tage.</p><p>Der Angestellte, der mich zum B�ro des Security-Chefs gebracht hatte, wirkte leicht entgeistert. Sagte aber kein Wort.</p><p>�Was haben Sie denn f�r Fragen?�, erkundigte sich der Mann, w�hrend er mit raschen Schnitten die Zitrone zerteilte. �Wollen Sie einen Kognak, Anton? Der ist gut, Ehrenwort!�</p><p>Ich wusste noch nicht mal, wie er hie߅ Der alte Chef der Security-Leute hatte mir besser gefallen. Der war mir gegen�ber wenigstens ehrlich gewesen.</p><p>Aber der alte Chef h�tte mir nie die Information gegeben, die ich jetzt zu bekommen hoffen durfte.</p><p>�Ich muss mir die pers�nlichen Akten von allen Mietern ansehen�, meinte ich. Und f�gte dann l�chelnd hinzu: �In einem Haus wie diesen �berpr�fen Sie doch sicher alle, oder?�</p><p>�Nat�rlich�, pflichtete der Chef mir sofort bei. �Geld ist ja gut und sch�n, aber hier sollen anst�ndige Leute wohnen, wir brauchen keine nichtsnutzigen Mafiosi� M�chten Sie alle pers�nlichen Akten?�</p><p>�Ja�, sagte ich. �Von allen, die hier eine Wohnung gekauft haben, unabh�ngig davon, ob sie hier auch wohnen oder nicht.�</p><p>�Und m�chten Sie die Dossiers zu den eigentlichen Wohnungsinhabern oder zu denen, auf deren Namen die Wohnungen laufen?�, hakte der Chef freundlich nach. �Zu den eigentlichen Besitzern.�Der Chef nickte und hantierte abermals am Safe herum. Zehn Minuten sp�ter sa� ich hinter seinem Schreibtisch und bl�tterte die ordentlichen, nicht sehr dicken Mappen durch. Aus verst�ndlicher Neugier fing ich bei mir selbst an.</p><p>�Brauchen Sie mich noch?�, wollte der Security-Chef wissen.</p><p>�Nein, vielen Dank.�Ich taxierte die Zahl der Mappen. �In einer Stunde bin ich fertig.�</p><p>Der Mann ging und zog leise die T�r hinter sich zu. Ich vertiefte mich in die Lekt�re.</p><p>Anton Gorodezki war, wie sich herausstellte, mit Swetlana Gorodezkaja verheiratet, mit der er die zweij�hrige Tochter Nadeshda hatte. Ihm geh�rte ein kleines Unternehmen, das Milchprodukte vertrieb. Milch, Kefir, Quark, Joghurt�</p><p>Die Firma kannte ich. Ein normales Tochterunternehmen der Nachtwache, das f�r uns Geld erwirtschaftete. Davon unterhielten wir rund zwanzig in Moskau, in ihnen arbeiteten normale Menschen, die nicht die geringste Ahnung hatten, an wen die Gewinne eigentlich flossen.</p><p>Kurzum, alles bescheiden, einfach und schlicht. Auf der Mauer, auf der Lauer, wer da wohl kauert? Eben, die Anderen. Da konnte ich ja wohl schlecht mit Wodka handeln�</p><p>Ich legte mein Dossier zur Seite und nahm mir die �brigen Mieter vor.</p><p>Nat�rlich brachte das nichts - und es konnte ja kaum viele Informationen �ber die Menschen geben. Schlie�lich ist ein Security-Unternehmen - und sei es das eines noch so luxuri�sen Wohnkomplexes - nicht das KGB.</p><p>Allerdings brauchte ich auch fast nichts. Blo� Informationen �ber Verwandte. Vor allem �ber die Eltern.</p><p>Als Erstes legte ich diejenigen zur Seite, deren Eltern gesund und munter waren. Auf einen zweiten Stapel packte ich die Mappen von denjenigen, deren Eltern gestorben waren.</p><p>Vor allem interessierten mich die einstigen Heimkinder - von ihnen gab es zwei - und diejenigen, bei denen in der Spalte von Vater oder Mutter ein Strich gezogen war.</p><p>Von Letzteren gab es acht.</p><p>Diese F�lle legte ich vor mich, um sie genauer zu studieren.</p><p>Ein Heimkind sortierte ich sofort aus, das laut Dossier Kontakte zu Verbrecherkreisen unterhielt. Im letzten Jahr war der Mann nicht in Russland gewesen und hatte ungeachtet der Bitte der Justizbeh�rden nicht die Absicht zur�ckzukehren. Dann schied ich zwei Kinder mit nur einem Elternteil aus.</p><p>Der eine Mann stellte sich als schwacher Dunkler Magier heraus, den ich von einem belangslosen Fall her kannte. Den w�rden sich jetzt vermutlich die Dunklen vorkn�pfen. Wenn sie nichts rauskriegen sollten, hatte der Mann mit der Sache nichts zu tun.</p><p>Der zweite Mann war ein recht bekannter Schlagers�nger, von dem ich absolut zuf�llig wusste, dass er seit drei Monaten auf einer Auslandstournee weilte, in den USA, Deutschland und Israel. Vermutlich verdiente er sich das Geld f�r die Modernisierung zusammen.</p><p>Es blieben noch sieben. Eine gute Zahl. Auf sie konnte ich mich jetzt konzentrieren.</p><p>Ich �ffnete die Mappe und las sie gr�ndlich. Zwei Frauen, f�nf M�nner� Wer kam f�r mich in Frage?</p><p>Chlopow, Roman Lwowitsch, 42 Jahre, Gesch�ftsmann� Das Gesicht rief keine Assoziationen hervor. Ob er es war? Vielleicht�</p><p>Komarenko, Andrej Iwanowitsch, 31 Jahre, Gesch�ftsmann� Was f�r ein entschlossenes Gesicht! Und noch relativ jung� Er? M�glicherweise� Nein, unm�glich! Ich legte die Akte des Unternehmers Komarenko zur Seite. Ein Mann, der mit drei�ig Jahren eine h�bsche Stange Geld f�r den Bau von Kirchen opfert und sich durch seine��berdurchschnittliche Religiosit�t�auszeichnet, hegt nicht den Wunsch, sich in einen Anderen zu verwandeln.</p><p>Rawenbach, Timur Borissowitsch, 61 Jahre, Gesch�ftsmann� Er wirkte relativ jung f�r sein Alter. Der entschlossene junge Andrei Iwanowitsch h�tte bei einer Begegnung mit Timur Borissowitsch respektvoll den Blick abgewandt. Mir selbst kam das Gesicht bekannt vor, sei es vom Fernsehen, sei es�</p><p>Ich legte die Mappe weg. Bekam feuchte H�nde. �ber meinen R�cken lief ein K�lteschauder.</p><p>Nein, nicht aus dem Fernseher, genauer: Nicht nur aus dem Fernseher kannte ich dieses Gesicht� Das konnte nicht sein!</p><p>�Das kann nicht sein!�, wiederholte ich meinen Gedanken laut. Ich goss mir einen Kognak ein und trank ihn auf ex. Dann sah ich mir das Gesicht von Timur Borissowitsch noch einmal an. Ein ruhiges, intelligentes Gesicht mit leicht asiatischem Einschlag. Das konnte nicht sein.</p><p>Ich �ffnete die Mappe und begann zu lesen. Er wurde in Taschkent geboren. Der Vater� war nicht bekannt. Die Mutter� starb bei Kriegsende, als der kleine Timur noch keine f�nf Jahre alt war. Danach wuchs er in einem Kinderheim auf. Er absolvierte zun�chst eine Ausbildung zum Bauzeichner, danach ein Studium als Ingenieur. Karriere im Komsomol. Irgendwie gelang es ihm, um einen Parteibeitritt herumzukommen. Er hatte eine der ersten Baukooperativen der UdSSR gegr�ndet, die sich �brigens weit st�rker mit dem Handel importierter Herde und sanit�rer Einrichtungen besch�ftigte, als tats�chlich etwas baute. Er zog nach Moskau� gr�ndete eine Firma� ging in die Politik� Ehe? Nein. Straff�lligkeit? Nein. Zweite Ehe? Nein.</p><p>Ich hatte den Auftraggeber aus den Reihen der Menschen gefunden.</p><p>Aber was das Schrecklichste war: Ich hatte damit auch den abtr�nnigen Anderen gefunden.</p><p>Und dieser Fund kam so �berraschend, als sei das Universum eingest�rzt.</p><p>�Wie konnten Sie nur�, meinte ich tadelnd. �Wie konnten Sie nur� Chef��</p><p>Wenn man Timur Borissowitsch um zehn, f�nfzehn Jahre verj�ngen w�rde, dann w�re er Geser - mit zivilem Namen Boris Ignatjewitsch - wie aus dem Gesicht geschnitten, der vor sechzig Jahren in ebendieser Gegend gelebt hatte� Taschkent, Samarkand und andere Orte in Zentralasien�</p><p>Am st�rksten ersch�tterte mich noch nicht mal das Verhalten des Chefs. Geser ein Verbrecher? Das war so unwahrscheinlich, dass ich mich nicht mal dar�ber aufregte. Mich ersch�tterte, wie leicht der Chef in eine Falle geraten war.</p><p>Geser war also vor sechzig Jahren im fernen Usbekistan Vater geworden. Danach hatte man ihm Arbeit in Moskau angeboten. Die Mutter des Jungen, eine gew�hnliche Frau, starb in den Kriegsjahren. Der kleine Mensch Timur, dessen Vater ein gro�er Magier war, kam ins Kinderheim�</p><p>M�glich ist alles. Geser brauchte von der Existenz seines Kindes nichts gewusst zu haben. Oder er hatte etwas gewusst, konnte sich aber aus verschiedenen Gr�nden nicht um das Schicksal des Jungen k�mmern. Jetzt musste in dem Alten ein Hebel umgelegt worden sein, er bekam Sehnsucht nach ihm, traf sich mit seinem in die Jahre gekommenen Sohn und gab ihm das leichtsinnige Versprechen� Und das war in der Tat erstaunlich!</p><p>Seit Hunderten, seit Tausenden von Jahren spann Geser seine Intrigen. Kein Wort sprach er unbedacht aus. Und dann lief er so in die Falle? Kaum vorstellbar. Aber Tatsache.</p><p>Man brauchte kein Experte f�r Physiognomie zu sein, um in Timur Borissowitsch und Boris Ignatjewitsch nahe Verwandte zu erkennen. Selbst wenn ich schwiege, w�rden die Dunklen dahinter kommen. Oder die Inquisitoren. Sie w�rden den �lteren Gesch�ftsmann in die Zange nehmen� Oder nein, weshalb sollten sie ihn bedr�ngen? Wir sind keine �blen Erpresser. Wir sind die Anderen. Viteszlav br�uchte ihm nur in die Augen zu sehen, Sebulon nur mit den Fingern zu schnippen, und schon w�rde Timur Borissowitsch alles so frei heraus erz�hlen, als sitze er im Beichtstuhl. Was w�rde Geser dann tun?</p><p>Ich dachte nach. Nun� Wenn er zugab, dass er selbst die Briefe abgeschickt hatte� hie�e das, er hatte keine schlimmen Hintergedanken gehegt� Schlie�lich durfte er sich grunds�tzlich einem Menschen gegen�ber zu erkennen geben�</p><p>Kurz ging ich in Gedanken die einzelnen Punkte des Vertrages, der Erg�nzungen und Nachbesserungen, der Pr�zedenzf�lle und Ausnahmen, Kommentare und Fu�noten durch. Eine komische Situation.</p><p>Geser w�rde bestraft werden, aber nicht sehr streng. Im H�chstfall eine R�ge vom Europab�ro der Nachtwache. Und irgendwas Aufsehenerregendes, aber wenig Sinnvolles von der Inquisition. Selbst seinen Posten k�nnte Geser behalten. Nur�</p><p>Ich stellte mir vor, was daraufhin in der Tagwache losbrechen w�rde. Wie Sebulon feixen w�rde. Mit welch unverhohlener Neugier die Dunklen �ber Gesers Familienangelegenheiten herfallen und seinem menschlichen Sohn einen Gru� zukommen lassen w�rden.</p><p>Sicher, in den Jahren, die Geser schon hinter sich hatte, h�tte sich jeder ein dickes Fell zugelegt. Gelernt, Spott zu ertragen. Trotzdem w�rde ich jetzt nicht mit ihm tauschen wollen!</p><p>Und auch unsere Leute neigten zur Ironie. Nein, niemand w�rde Geser einen Vorwurf machen. Oder hinter seinem R�cken �ber ihn tuscheln.</p><p>Ein Grinsen hier und da, das ja. Ein verst�ndnisloses Kopfsch�tteln. Und Gefl�ster: �Er wird doch alt, der Gro�e, ja, er wird alt��</p><p>Heute kannte ich Geser gegen�ber keine h�ndische Unterw�rfigkeit und keine Begeisterung mehr. Zu oft beurteilten wir die Dinge v�llig unterschiedlich. Manches konnte ich ihm bis heute nicht verzeihen� Aber so in der Tinte zu sitzen!</p><p>�Was hast du da blo� gemacht, Gro�er?�, sagte ich. Dann legte ich die Mappen in den offenen Tresor zur�ck und goss mir ein weiteres Glas Kognak ein. Konnte ich Geser helfen? Wie? Indem ich mich als Erster an Timur Borissowitsch wandte?</p><p>Wie dann weiter? Sollte ich ihn mit einem Schweigezauber belegen? Den nur wahre Meister aufheben k�nnten?</p><p>Und wenn der Gesch�ftsmann Russland verlassen musste? Fliehen musste, als seien s�mtliche Gangsterbanden der Stadt und auch alle Justizorgane hinter ihm?</p><p>Vielleicht w�rde er das sogar tun. Sich irgendwo in der Tundra oder in Polynesien verstecken.</p><p>Geschah ihm ganz recht. Sollte er doch f�r den Rest seines Lebens Robben jagen oder Kokosn�sse von den Palmen schlagen! Schlie�lich hatte er zur�Herrscherin �ber das Meer�werden wollen�</p><p>Ich nahm den Telefonh�rer, w�hlte die Nummer der Zentrale unseres B�ros. Dann noch die Durchwahl f�r das Rechenzentrum. �Ja?�, erklang im H�rer Toliks Stimme.</p><p>�Tolik, du musst einen Menschen f�r mich durchleuchten. Sofort.�</p><p>�Gib mir den Namen, dann durchleuchte ich ihn�, erwiderte Tolik unersch�tterlich.</p><p>Ich gab ihm alles durch, was ich von Timur Borissowitsch hatte in Erfahrung bringen k�nnen. �He, was brauchst du denn sonst noch?�, wunderte sich Tolik.</p><p>�Auf welcher Seite er schl�ft oder wann er das letzte Mal beim</p><p>Zahnarzt gewesen war?�</p><p>�Wo er jetzt ist�, meinte ich finster.</p><p>Tolik schnaubte, aber ich h�rte, wie er am andern Ende der Leitung munter auf die Tastatur einschlug. �Er hat ein Handy�, sagte ich f�r alle F�lle.</p><p>�Versuch nicht, einen Weisen zu belehren. Er hat sogar zwei Handys� beide befinden sich� sind� Gut, ich lade jetzt die Karte��Ich wartete.</p><p>�Wohnanlage Assol. Genauer kann es dir der CIA auch nicht sagen. Pr�zisere Angaben sind nicht m�glich.�</p><p>�Ich schulde dir ein Fl�schchen�, meinte ich und legte auf. Sprang hoch. Doch wozu die Eile? Schlie�lich sa� ich vorm Bildschirm der �berwachungskameras. Ich musste nicht lange suchen.</p><p>Timur Borissowitsch betrat gerade den Fahrstuhl. Ihm folgte ein P�rchen mit steinernen Mienen. Zwei Bodyguards. Oder ein Bodyguard und der Chauffeur, der obendrein den zweiten Leibw�chter abgab.</p><p>Ich stellte den Bildschirm ab und st�rmte los. Rannte in den Flur - gerade rechtzeitig, um den Chef der Security-Firma zu treffen.</p><p>�Hatten Sie Erfolg?�, fragte er freudestrahlend. �Hm�, nickte ich ihm im Lauf zu.</p><p>�Brauchen Sie noch weitere Hilfe?�, rief mir der Mann f�rsorglich hinterher. Ich sch�ttelte nur den Kopf.</p></section><section><title><p>Sechs</p></title><p>Der Fahrstuhl kroch - so kam es mir vor - unertr�glich langsam in den neunzehnten Stock hinauf. Inzwischen konnte ich verschiedene Pl�ne entwickeln und wieder verwerfen. Bodyguards - das machte die Sache erheblich schwieriger.</p><p>Ich w�rde improvisieren m�ssen. Und im Notfall ein wenig von meiner Tarnung aufgeben.</p><p>Ich klingelte lange an der T�r und blickte in die elektronische Pupille der Kamera. Schlie�lich r�hrte sich etwas, und aus der in die Wand eingebauten Sprechanlage fragte jemand: �Ja?�</p><p>�Sie setzen mich unter Wasser!�, echauffierte ich mich und versuchte, so aufgel�st wie m�glich zu klingen. �Die Fresken an der Decke sind schon nass! Im Fl�gel stehen bereits zwei Eimer Wasser!�</p><p>Woher nahm ich blo� diese Fresken und den Konzertfl�gel? �In was f�r einem Fl�gel?�, fragte eine misstrauische Stimme.</p><p>Woher sollte ich denn wissen, was die hier f�r Fl�gel haben? Schwarze und teure. Oder wei�e und noch teurere�</p><p>�In meinem Wiener Fl�gel! Mit geschwungenen Beinen!�, phantasierte ich weiter.</p><p>�Und wir dachten schon in dem Klavier, das da steht vor der T�r�, erwiderte jemand mit unverhohlener Ironie.</p><p>Ich sah zu Boden. Diese verfluchte allseitige Beleuchtung� Nicht einmal einen ordentlichen Schatten gab es hier!</p><p>Als ich die Hand in Richtung T�r ausstreckte, schaffte ich es immerhin, einen schwachen Schatten auf dem rosafarbenen Holz, mit dem der Panzerstahl verkleidet war, zu erkennen. Sofort zog ich ihn zu mir.</p><p>Meine Hand tauchte ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>ein, der Hand hinterher ich selbst.</p><p>Die Welt gestaltete sich neu. Verlor ihre Farben, ergraute. Tiefe Stille senkte sich herab, nur das elektrische Innenleben der Kamera und der Sprechanlage surrten noch.</p><p>Ich stand im <emphasis>Zwielicht, </emphasis>in jener seltsamen Welt, wohin nur die Anderen einen Weg kennen. In jener Welt, aus der unsere Kraft stammt.</p><p>Die fahlen Schatten der aufgeschreckten Bodyguards. �ber ihren K�pfen glomm eine alarmierte purpurrote Aura, die ich sogar durch die T�r hindurch sehen konnte. Ich k�nnte sie mit einem Gedanken ber�hren, ihnen einen Befehl geben - und sofort w�rden sie mir �ffnen. Doch ich zog es vor, durch die T�r hindurchzugehen.</p><p>Die Bodyguards waren wirklich auf der Hut. Einer hielt eine Pistole in der Hand, einer tastete sehr langsam nach seinem Halfter.</p><p>Ich ber�hrte die Bodyguards, fuhr ihnen mit dem Daumen �ber die kr�ftige Stirn. Schlaft, schlaft, schlaft� Ihr seid sehr m�de. Ihr m�sst euch hinlegen und sofort einschlafen. Mindestens eine Stunde lang. Tief und fest. Mit s��en Tr�umen.</p><p>Der eine Bodyguard fiel sofort in Ohnmacht, der zweite leistete den Bruchteil einer Sekunde Widerstand. Sp�ter w�rde ich pr�fen m�ssen, ob er zu uns Anderen geh�rte. Wer wei߅</p><p>Dann trat ich aus dem <emphasis>Zwielicht </emphasis>heraus. Die Welt gewann ihre Farben und ihr Tempo zur�ck. Von irgendwoher erklang Musik.</p><p>Wie S�cke sanken die Bodyguards auf den teuren Perser, der unmittelbar hinter der T�r lag.</p><p>Es gelang mir, mit einem Griff gleich beide abzufangen und sie relativ sanft zu betten. Dann folgte ich der Musik, dem friedlichen Geigenspiel.</p><p>Diese Wohnung war in der Tat gr�ndlich renoviert worden! Alles gl�nzte, war durchdacht und harmonisch, offenkundig die Arbeit eines der besten Innenarchitekten. Hier schlug der Hausherr nicht einen Nagel selbst in die Wand. Vermutlich hegte er aber auch gar nicht den Wunsch. �Das�, brummte er billigend oder unzufrieden, w�hrend er die kolorierten Zeichnungen betrachtete, dann mit dem Finger auf einige Gem�lde zeigte - und die Wohnung f�rs n�chste halbe Jahr verga�.</p><p>Timur Borissowitsch war anscheinend ins Assol gekommen, um die Jacuzzi zu genie�en. Und zwar eine echte Jacuzzi, keinen Whirlpool einer weniger renommierten Firma. Aus dem schaumbekr�nten Wasser ragte nur das Gesicht heraus, das mich so schmerzhaft an Geser erinnerte. Der teure Anzug war achtlos �ber eine Sessellehne geworfen - in diesem Bad reichte der Platz f�r Sessel, einen Zeitungstisch, eine ger�umige Sauna und eben die Jacuzzi, die an ein kleines Schwimmbecken erinnerte.</p><p>Gene sind doch trotz allem eine gro�artige Sache! Gesers Sohn konnte kein Anderer werden, aber in seinem menschlichen Dasein genoss er alle denkbaren Freuden.</p><p>Als ich eintrat, mich orientierte und auf die Wanne zuging, starrte Timur Borissowitsch mich an und runzelte die Stirn. Machte aber keine abrupten Bewegungen.</p><p>�Ihre Bodyguards schlafen�, setzte ich ihn in Kenntnis. �Ich vermute, Sie k�nnten jetzt den Knopf einer Alarmanlage dr�cken oder eine Pistole ziehen. Das brauchen Sie nicht, es w�rde Ihnen ohnehin nichts n�tzen.�</p><p>�Es gibt hier keinen solchen Alarmknopf�, brummte Timur Borissowitsch, und seine Stimme erinnerte schmerzhaft an die Stimme Gesers. �Ich bin nicht paranoid� Sie sind vermutlich ein Anderer?�</p><p>Aha. Legen wir die Karten also auf den Tisch��Ja�, meinte ich l�chelnd. �Sch�n, dass ich auf lange Erkl�rungen verzichten kann.�</p><p>Timur Borissowitsch schnaubte emp�rt. �Was kommt jetzt?�, fragte er. �Muss ich aus der Wanne steigen? Oder k�nnen wir das so aushandeln? �</p><p>�Es geht auch so�, versicherte ich. �Darf ich mich setzen?�</p><p>Der Spr�ssling des gro�en Magiers nickte, ich zog einen Sessel heran und nahm Platz, wobei ich erbarmungslos seinen teuren Anzug zerknautschte. �Wissen Sie, warum ich gekommen bin?�, fing ich an.</p><p>�Sie sehen nicht wie ein Vampir aus�, meinte Timur Borissowitsch. �Sie sind ein Magier, oder? Ein Lichter?�Ich nickte.</p><p>�Sie sind gekommen, um mich zu initiieren�, vermutete Ti-mur Borissowitsch. �W�re es so kompliziert gewesen, vorher anzurufen?�</p><p>Ach du meine G�te� Nichts verstand er.</p><p>�Wer hat Ihnen versprochen, Sie zu initiieren?�, fragte ich scharf.</p><p>Timur Borissowitsch runzelte die Stirn. �Also� bringen wir es hinter uns�, murmelte er. �Weshalb sind Sie gekommen?�</p><p>�Ich untersuche einen Fall, bei dem es um eine nicht sanktionierte Weitergabe von geheimen Informationen geht�, antwortete ich.</p><p>�Aber Sie sind ein Anderer? Sie sind nicht von der Staatssicherheit?�, wollte Timur Borissowitsch nerv�s wissen.</p><p>�Zu Ihrem gro�en Ungl�ck bin ich nicht von der Staatssicherheit. Erz�hlen Sie mir in aller Offenheit, wer Ihnen wann das Versprechen gegeben hat, Sie zu initiieren.�</p><p>�Eine L�ge w�rden Sie eh sp�ren�, erwiderte Timur Borissowitsch nur.</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Mein Gott, ich wollte einfach nur ein paar Stunden meine Ruhe haben!�, rief Timur Borissowitsch mit schmerzerf�llter Stimme. �Hier gibt es Probleme, da Schwierigkeiten� Und wenn ich mich in der Wanne entspannen will, platzt ein seri�ser junger Mensch herein und verlangt Erkl�rungen!�</p><p>Ich wartete ab. Wies ihn nicht darauf hin, dass ich kein�junger Mensch�war.</p><p>�Vor einer Woche hat sich jemand mit mir getroffen��, begann Timur Borissowitsch stockend. �Unter recht seltsamen Umst�nden� ein Herr��</p><p>�Wie sah er aus?�, wollte ich wissen. �Sie brauchen ihn mir nicht zu beschreiben. Stellen Sie ihn sich einfach kurz vor.�</p><p>In Timur Borissowitschs Augen flackerte Neugier auf. Er starrte mich an.</p><p>�So?�, fragte ich irritiert. Was seinen Grund hatte.</p><p>Wenn ich dem Bild glauben durfte, das der Gesch�ftsmann sich eben ins Bewusstsein gerufen hatte (und ich hatte keinen Grund, ihm nicht zu glauben), dann hatte der heute kaum noch bekannte, fr�her jedoch ausgesprochen popul�re Filmschauspieler Oleg Strishenow mit ihm gesprochen.</p><p>�Oleg Strishenow�, schnaubte Timur Borissowitsch. �Jung und sch�n. Ich habe schon geglaubt, mit meinem Kopf stimme irgendetwas nicht. Doch er hat mir mitgeteilt, das sei blo� eine Maskierung� eine Maske��</p><p>Nat�rlich. Geser hatte noch so viel Verstand besessen, sich zu maskieren. Hm� das erh�hte vielleicht unsere Chancen!</p><p>Ich wurde wieder etwas zuversichtlicher. �Fahren Sie fort�, verlangte ich. �Was passierte dann? �</p><p>�Dieser Tiermensch�, berichtete Timur Borissowitsch, unfreiwillig all unsere Begriffe verwechselnd, �hat mir bei einer Sache sehr geholfen. Ich war da in eine unangenehme Geschichte hineingeraten� durch puren Zufall. Wenn er mir nicht bestimmte Dinge gesagt h�tte, l�ge ich jetzt nicht hier. �</p><p>�Er hat Ihnen also geholfen?�, hakte ich nach.</p><p>�Und wie�, nickte Timur Borissowitsch. �Nat�rlich wurde dadurch meine Neugier geweckt. Irgendwann haben wir uns unterhalten� ganz offen. Wir haben uns an das alte Taschkent erinnert, �ber alte Filme geplaudert� Dann hat mir dieser falsche Strishenow von den Anderen erz�hlt. Er hat behauptet, mit mir verwandt zu sein. Deshalb w�rde er mir gern jeden nur denkbaren Gefallen erweisen. Einfach so, ohne jede Gegenleistung. �</p><p>�Und?�, wollte ich weiter wissen.</p><p>�Ich bin schlie�lich kein Dummkopf.�Timur Borissowitsch zuckte mit den Schultern. �Einen goldenen Fisch sollte man nicht um drei W�nsche bitten, sondern um Allmacht. Oder schlimmstenfalls um ein Bassin mit goldenen Fischen. Ich habe ihn gebeten, aus mir ebenfalls einen Anderen zu machen. Daraufhin fing der so genannte Strishenow an herumzudrucksen und wand sich wie ein Fisch in der Pfanne. Er behauptete, das ginge nicht. Doch ich sp�rte, dass er log. Es ging! Deshalb habe ich ihn gebeten, sich etwas einfallen zu lassen und mich doch zu einem Anderen zu machen��</p><p>Er log nicht. Nicht bei einem Wort. Sondern sagte einfach nicht alles.</p><p>�Sie k�nnen kein Anderer werden�, erkl�rte ich. �Sie sind ein gew�hnlicher Mensch. Es tut mir leid, aber Sie werden nie ein Anderer.�Timur Borissowitsch schnaubte erneut.</p><p>�Das ist� Das ist eine Frage der Gene, wenn Sie so wollen�, erkl�rte ich. �Timur Borissowitsch, ist Ihnen klar, dass Ihr Verhandlungspartner aus bestimmten Gr�nden in eine Fallegeraten war? Dass er seinen Vorschlag ungl�cklich formuliert hat und jetzt gezwungen ist, etwas Unm�gliches zu vollbringen?�</p><p>Daraufhin konnte mein selbstsicheres Gegen�ber nur schweigen.</p><p>�Sie haben es gewusst�, schlussfolgerte ich. �Ich sehe doch, dass Sie es gewusst haben. Und trotzdem haben Sie diese Forderung gestellt?�</p><p>�Ich habe Ihnen doch bereits gesagt, dass es m�glich ist, das zu machen!�, widersprach Timur Borissowitsch mit erhobener Stimme. �Das sp�re ich! Ich sp�re nicht schlechter als Sie, wenn jemand l�gt! Und ich habe niemanden bedroht, sondern nur um etwas gebeten!�</p><p>�Vermutlich ist Ihr Vater an Sie herangetreten!�, sagte ich. �Ist Ihnen das klar?�</p><p>Timur Borissowitsch erstarrte in seiner sprudelnden Jacuzzi zur Salzs�ule.</p><p>�Er wollte Ihnen in der Tat helfen�, sagte ich. �Aber das kann er nicht. Ihre Forderung bringt ihn im w�rtlichen Sinne um. Begreifen Sie das?�Timur Borissowitsch sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Er hat Ihnen ein viel zu vage formuliertes Versprechen gegeben�, sagte ich. �Sie haben ihn jedoch beim Wort genommen. Wenn er das gegebene Wort nicht einh�lt, stirbt er. Ist Ihnen das klar? �</p><p>�Ist das bei Ihnen so �blich?�</p><p>�Das h�ngt mit der Kraft zusammen�, erwiderte ich. �Jedenfalls bei den Lichten.�</p><p>�Wo war er denn fr�her, mein Papa��, fragte Timur Borissowitsch mit deutlicher Wehmut in der Stimme. �Er ist doch noch immer jung, oder? Warum kommt er erst jetzt, wo meine Enkel schon verheiratet sind? �</p><p>�Glauben Sie mir, er konnte nicht�, versicherte ich. �Und vermutlich wusste er gar nichts von Ihnen. Das kann vorkommen. Aber jetzt bringen Sie ihn um. Ihren eigenen Vater.�Timur Borissowitsch schwieg.</p><p>W�hrend ich triumphierte. Denn dieser in der Jacuzzi liegende Gesch�ftsmann war kein ausgemachtes Schwein. Und das Wort�Vater�bedeutete f�r ihn, der er im Orient aufgewachsen war, viel. Trotz allem.</p><p>�Sagen Sie ihm, dass ich� meine Bitte zur�ckziehe��, murmelte Timur Borissowitsch. �Wenn er nicht will� ach, zum Teufel mit ihm� Er h�tte doch einfach vorbeikommen und offen mit mir �ber alles sprechen k�nnen. Es gibt doch keinen Grund, daf�r einen seiner Angestellten zu schicken.�</p><p>�Sind Sie sicher, dass ich einer seiner Angestellten bin?�, hakte ich neugierig nach.</p><p>�Ja. Ich wei� nicht, wer mein Vater ist. Aber in Ihrer Wache wird er schon nicht das kleinste R�dchen sein.�</p><p>Ich hatte es geschafft! Ich hatte das Damoklesschwert, das �ber Geser hing, abgenommen.</p><p>Ob er mich deswegen ins Assol geschickt hatte? Ob er wusste, dass mir das gelingen w�rde?</p><p>�Ich habe noch eine Bitte, Timur Borissowitsch�, schmiedete ich das Eisen, solange es noch hei� war. �Sie m�ssen f�r einige Zeit die Stadt verlassen. Es sind gewisse Umst�nde bekannt geworden� Ihre Spur haben noch weitere Andere aufgenommen. Darunter auch die Dunklen. Sie werden Schwierigkeiten bekommen, aber� aber auch Ihr Vater.�</p><p>Abrupt setzte sich Timur Borissowitsch in der Wanne hoch. �Wollen Sie mir nun auch vorschreiben, was ich zu tun habe?�, fragte er.</p><p>�Ich k�nnte es Ihnen befehlen�, erkl�rte ich. �Genauso leicht, wie ich Ihre Bodyguards ausgeschaltet habe. Sie w�rden ohne Hosen zum Flughafen st�rzen. Aber ich bitte Sie, Timur Borissowitsch. Sie haben bereits einen guten Schritt getan, indem Sie der R�cknahme Ihrer Forderung zugestimmt haben. Machen Sie jetzt auch den n�chsten Schritt. Ich bitte Sie.�</p><p>�Sie wissen, welche Meinung man sich von einem Gesch�ftsmann macht, der urpl�tzlich Gott wei� wohin verschwunden ist? �</p><p>�Ich kann es mir denken.�</p><p>Timur Borissowitsch grunzte und wirkte von einer Sekunde zur n�chsten viel �lter. Ich sch�mte mich. Doch ich wartete. �Ich m�chte gern� mit ihm reden.�</p><p>�Ich glaube, das l�sst sich machen�, stimmte ich kurzerhand zu. �Aber zun�chst m�ssen Sie verschwinden. �</p><p>�Drehen Sie sich um�, brummte Timur Borissowitsch.</p><p>Gehorsam drehte ich mich um. Aus irgendeinem Grund war ich mir sicher, nicht gleich eins mit der verchromten Seifenschale �ber den Sch�del gezogen zu bekommen.</p><p>Und dieses durch nichts zu rechtfertigende Vertrauen rettete mich.</p><p>Denn ich sah durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>auf die Wand, um mich zu �berzeugen, dass die beiden Bodyguards noch friedlich vor der T�r schlummerten. Dabei bemerkte ich einen flinken Schatten. Einen Schatten, der zu flink f�r einen Menschen war.</p><p>Au�erdem ging dieser Schatten durch W�nde. Nicht mit den gew�hnlichen Schritten eines Anderen, sondern mit dem huschenden Gang eines Vampirs.</p><p>Als Kostja das Badezimmer betrat, hatte ich meinem Gesicht bereits wieder einen ruhigen und am�sierten Ausdruck gegeben. Wie es sich f�r einen Lichten W�chter geh�rt, der vor einem Dunklen am Ort des Geschehens eingetroffen ist.</p><p>�Du�, sagte Kostja. Im <emphasis>Zwielicht </emphasis>stieg von seinem K�rper feiner Dampf auf. Vampire sehen �berhaupt in der <emphasis>Zwielicht-Welt </emphasis>anders aus, doch Kostja hatte noch viel von einem Menschen. Erstaunlich viel f�r einen Hohen Vampir.</p><p>�Nat�rlich�, sagte ich. Die T�ne schienen in feuchte Watte gepackt. �Warum bist du hierher gekommen?�</p><p>Kostja z�gerte. �Ich habe gesp�rt, dass du Kraft einsetzt�, antwortete er dann ehrlich. �Du musstest also etwas gefunden haben� Jemanden.�</p><p>Er blickte zu Timur Borissowitsch hin�ber. �Ist das unser Erpresser?�, fragte er.</p><p>Es h�tte keinen Sinn gehabt, jetzt zu l�gen. Oder den Gesch�ftsmann zu verstecken.</p><p>�Ja�, sagte ich. �Ich habe ihn dazu gebracht, von seinen Forderungen abzusehen. �</p><p>�Wie?�</p><p>�Mit der L�ge, dass die Verwandlung in einen Anderen ihm unvorsichtigerweise sein eigener Vater versprochen hat. Dem deswegen jetzt ernsthafte Schwierigkeiten drohen� Daraufhin hat er sich gesch�mt und nicht auf Einhaltung des Versprechens bestanden.�Kostja runzelte die Stirn.</p><p>�Vorsichtshalber wollte ich ihn m�glichst weit wegschicken�, log ich seufzend weiter. �Soll er sich doch irgendwo in der Dominikanischen Republik ansiedeln.�</p><p>�Das ist nur die eine H�lfte der Untersuchung�, wandte Kostja finster ein. �Ich glaube, ihr Lichten wollt jemanden aus euren eigenen Reihen decken. �</p><p>�Wir oder ich?�</p><p>�Du. Den Menschen zu finden ist nicht das Wichtigste. Wir brauchen denjenigen, der unser Geheimnis preisgegeben hat. Der ihm die Initiierung versprochen hat.�</p><p>�Aber das wei� er doch nicht!�, emp�rte ich mich. �Ich habe sein Ged�chtnis �berpr�ft, das ist absolut sauber. Der Verr�ter ist zu ihm in Gestalt eines Filmschauspielers aus dem vorigen Jahrhundert gekommen. Und hat keine Spuren hinterlassen.�</p><p>�Das werden wir noch sehen�, verk�ndete Kostja. �Er soll sich die Hosen anziehen, ich nehm ihn mit.�Was bildete sich der Kerl blo� ein?!</p><p>�Ich habe ihn gefunden, und er kommt mit mir mit!�, br�llte ich.</p><p>�Und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass du Spuren vertuschen willst�, meinte Kostja mit leiser, aber drohender Stimme.</p><p>Hinter uns trocknete sich Timur Borissowitsch ab, ohne auch nur im Geringsten zu ahnen, welches Gespr�ch gerade im <emphasis>Zwielicht </emphasis>gef�hrt wurde. Wir durchbohrten einander mit Blicken, keiner von uns beiden wollte nachgeben. �Er kommt mit mir mit�, wiederholte ich.</p><p>�Wollen wir uns um ihn schlagen?�, fragte Kostja fast belustigt.</p><p>Und mit einer gleitenden Bewegung stand er neben mir, um mir forschend in die Augen zu gucken. Seine Pupillen flackerten im <emphasis>Zwielicht </emphasis>wie ein rotes Feuer. Ja! Er wollte diesen Kampf!</p><p>Seit vielen Jahren schon! Um sich endg�ltig zu �berzeugen, dass das Recht auf Seiten des Hohen Vampirs Konstantin war und nicht auf Seiten des naiven Kostja, der davon getr�umt hatte, seinem Fluch zu entkommen und wieder ein Mensch zu werden�</p><p>�Ich bringe dich um�, zischte ich. Kostja grinste nur. �Wollen wir es drauf ankommen lassen?�</p><p>Ich sah zu Boden. Mein Schatten lie� sich kaum erkennen, doch ich hob ihn auf und drang in die n�chste Schicht des <emphasis>Zwielichts </emphasis>ein. Dorthin, wo die W�nde des Hauses sich kaum noch im Nebel erahnen lie�en, wo den Raum ein alarmierendes tiefes Grollen ausf�llte.</p><p>Nur einen kurzen Augenblick lang genoss ich den Vorteil dieser Position.</p><p>Dann tauchte auch Kostja in der zweiten <emphasis>Zwielicht-Schicht </emphasis>auf. Jetzt sah er stark ver�ndert aus. Sein Gesicht erinnerte an einen Sch�del, dem die Haut abgezogen worden war, die Augen lagen tief in den H�hlen, die Ohren ragten lang und spitz auf.</p><p>�Ich habe Vieles gelernt�, fl�sterte Kostja. �Was ist nun, mit wem geht der Verd�chtige mit?�</p><p>In dem Moment erklang eine dritte Stimme. �Ich habe einen Vorschlag, der alle zufrieden stellt.�</p><p>Im grauen Nebel materialisierte sich Viteszlav. Sein K�rper war ebenfalls deformiert und gab Dampf ab wie ein St�ck Trockeneis in der Sonne. Ein Schauder durchlief mich. Der Prager Vampir kam aus der dritten <emphasis>Zwielicht-Schicht, </emphasis>aus jenen Schichten, die mir nicht zug�nglich waren. �ber welche Kraft musste er verf�gen?</p><p>Nach Viteszlav tauchte Edgar auf. Dem Magier hatte die Reise in die dritte Schicht M�he bereitet, er schwankte und rang nach Atem.</p><p>�Er kommt mit uns�, erkl�rte Viteszlav. �Wir glauben nicht, dass Anton Gorodezki b�se Absichten hegt. Doch wir erkennen auch den Verdacht der Tagwache an. Die Untersuchung wird fortan in H�nden der Inquisition liegen.�Kostja sagte kein Wort.</p><p>Auch ich schwieg. Was sollte ich tun: Das war Viteszlavs gutes Recht. Und ich hatte nichts, was ich ihm entgegensetzen konnte.</p><p>�Gehen wir, meine Herren?�, fuhr Viteszlav fort. �Hier ist es nicht sehr angenehm.�</p><p>In der n�chsten Sekunde standen wir wieder in dem ger�umigen Badezimmer, in dem Timur Borissowitsch, auf einem Bein h�pfend, versuchte, seine Unterhose anzuziehen.</p><p>Viteszlav lie� ihm die Zeit, sie anzuziehen. Und erst als sich der Gesch�ftsmann auf ein Ger�usch hin umdrehte, unsere ganze Gesellschaft entdeckte und verwundert aufschrie, sah Viteszlav ihn kalt an.</p><p>Timur Borissowitsch fiel in Ohnmacht. Edgar sprang ihm bei und bettete den bewusstlosen K�rper in den Sessel.</p><p>�Du sagst, er kenne den Verr�ter nicht��, meinte Viteszlav, w�hrend er den Gesch�ftsmann neugierig betrachtete. �Was f�r ein erstaunlich bekanntes Gesicht� Mir kommt da ein ausgesprochen interessanter Verdacht.�Ich schwieg.</p><p>�Du kannst stolz auf dich sein, Anton�, fuhr Viteszlav fort. �Deine Behauptung ist nicht von der Hand zu weisen. Ich glaube, der Vater dieses Menschen arbeitet tats�chlich in der Wache. In der Nachtwache.�</p><p>Kostja kicherte. Nat�rlich gefiel ihm Viteszlavs Entscheidung nicht. Kostja h�tte den Spr�ssling Gesers viel lieber pers�nlich in der Tagwache abgeliefert. Dennoch konnte er auch dieser Situation etwas abgewinnen.</p><p>�Der ach so weise Geser wird doch nicht einen derartigen Fehler gemacht haben?�, fragte er begeistert. �Ich w�rde gern wissen��Viteszlav blickte Kostja an, der daraufhin verstummte.</p><p>�Einen Fehler machen kann jeder�, sagte Viteszlav leise. �Selbst ein Magier au�erhalb jeder Kategorie. Aber��Er starrte mich an. �Kannst du Geser herrufen?�</p><p>Ich zuckte mit den Schultern. Eine dumme Frage. Nat�rlich konnte ich das. Und auch Viteszlav konnte es.</p><p>�Mir gef�llt nicht, was hier vor sich geht��, meinte Viteszlav leise. �Ganz und gar nicht. Irgendjemand h�lt uns hier sehr geschickt zum Narren.�</p><p>Er bedachte uns alle mit einem durchdringenden, unmenschlichen Blick. Etwas hatte seinen Argwohn geweckt. Aber was?</p><p>�Ich setze mich mit meinem Chef in Verbindung�, verk�ndete Kostja in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.</p><p>Viteszlav erhob keine Einw�nde. Abermals sah er Timur Borissowitsch an und runzelte die Stirn.</p><p>Ich holte das Handy heraus und w�hlte Gesers Nummer.</p><p>�Irgendjemand h�lt uns hier zum Narren��, meinte Viteszlav, dessen Wut sich jetzt Bahn brach. �Und dieser Jemand��</p><p>�Befehlen Sie ihm, sich anzuziehen�, bat ich, w�hrend ich auf die langen Klingelt�ne lauschte. �Oder muss ein �lterer Mensch wirklich so gedem�tigt werden? Wollen wir ihn in Unterhosen mitnehmen?�</p><p>Viteszlav r�hrte sich nicht, doch Timur Borissowitsch stand auf und fing gleichsam im Halbschlaf an, sich anzuziehen.</p><p>Verunsichert trat Edgar an mich heran. �Antwortet er nicht?�, fragte er teilnahmsvoll. �Ich an seiner Stelle��</p><p>�Es wird noch lange dauern, bis man dir so eine Stelle anbietet�, bemerkte Viteszlav. �Wenn du nicht begreifst, wie man uns hereingelegt hat��</p><p>Edgars Gesicht lie� darauf schlie�en, dass er nichts begriff. Genau wie ich, genau wie Kostja, der mit verdrehten Augen lautlos etwas fl�sterte. �Ja, Anton��, meldete sich Geser. �Gibt's was Neues?�</p><p>�Ich habe den Mann gefunden, dem man versprochen hat, aus ihm einen Anderen zu machen�, presste ich hervor.</p><p>Im Badezimmer senkte sich absolute Stille herab. Vermutlich lauschten alle auf die schwachen T�ne aus dem Handy.</p><p>�Wunderbar!�, rief Geser aus. �Du bist einfach gro�artig. Setz dich jetzt unverz�glich mit denjenigen in Verbindung, die von der Tagwache und der Inquisition mit der Untersuchung betraut worden sind. Sie sollen sich den Ermittlungen anschlie�en. Irgendwo muss dieser tschechische Vampir rumspringen, dieser Viteszlav. Ein kluger Kerl, wenn auch ohne jeden Sinn f�r Humor� aber darunter leiden ja alle Vampire.�</p><p>Viteszlav wandte sich mir zu. Mit versteinerter Miene und gl�henden Augen. Er hatte alles geh�rt. Und ich war bereit, einen Kasten tschechischen Biers gegen ein Fl�schchen K�lnischwasser zu wetten, dass Geser nur zu genau wusste, dass Viteszlav neben mir stand.</p><p>�Viteszlav ist bereits hier�, sagte ich. �Ebenso Edgar und� ein Vertreter der Dunklen.�</p><p>�Hervorragend!�, frohlockte Geser. �Bitte unsern Gast aus Prag doch, mir ein Portal aufzuh�ngen� wenn er das bew�ltigt, nat�rlich nur. Dann sto�e ich zu euch.�</p><p>Ich steckte das Handy weg und sah Viteszlav an. Meiner Ansicht nach hatte Geser es mit seinem Spott ein wenig �bertrieben.</p><p>Doch woher sollte ich wissen, wie der alte Lichte Magier und der alte Vampir der Inquisition zueinander standen? Und welche Rechnungen sie miteinander zu begleichen hatten?</p><p>�Sie haben alles geh�rt�, lavierte ich.</p><p>�Ich m�chte es von dir h�ren�, erwiderte Viteszlav.</p><p>�Das Haupt der Moskauer Nachtwache, der Helllichte Magier Geser, bittet Sie, ihm ein Portal aufzuh�ngen. Nat�rlich nur, wenn das in Ihren Kr�fte liegt.�</p><p>Viteszlav blickte lediglich kurz zur Seite - und �ber der sprudelnden Jacuzzi zeichnete sich in der Luft ein feiner heller Rahmen ab. Wer durch diese merkw�rdige T�r trat, w�rde unweigerlich im Wasser landen. �Kein Problem�, erwiderte Viteszlav kalt. �Edgar��</p><p>Der ehemalige Dunkle Magier blickte ihm ergeben in die Augen.</p><p>�Das Dossier von diesem��Viteszlav nickte in Timur Borissowitschs Richtung, der mit tr�gen Bewegungen seine Krawatte band. �Vermutlich liegt es unten, bei der Firma, die f�r die Sicherheit zust�ndig ist.�</p><p>Edgar verschwand. Um Zeit zu sparen, bewegte er sich durchs <emphasis>Zwielicht, </emphasis>um die Mappe zu holen. Kurz darauf erschien Geser im Badezimmer.</p><p>Nur dass er nicht durch das Portal kam, sondern direkt neben diesem das Badezimmer betrat, akkurat �ber die Bodenfliesen schreitend.</p><p>�Ich werde wirklich alt�, seufzte er. �Da komme ich neben der T�r raus��Er sah Viteszlav an und bedachte ihn mit einem freudestrahlenden L�cheln. �Was f�r eine Begegnung. Warum bist du nicht mal bei mir vorbeigekommen?�</p><p>�Arbeit�, erwiderte Viteszlav einsilbig. �Ich denke, wir sollten die uns interessierenden Fragen so schnell als m�glich kl�ren��</p><p>�Du verbringst zu viel Zeit hinterm Schreibtisch�, seufzte Geser. �Ein richtiger B�rokrat bist du geworden� Was haben wir denn? �</p><p>�Den hier��, warf ich ein.</p><p>Geser l�chelte mich ermutigend an und betrachtete dann Timur Borissowitsch.</p><p>Stille senkte sich herab. Selbst Kostja gab Ruhe und beendete sein lautloses Gespr�ch mit Sebulon, der es nicht sehr eilig hatte, hier aufzutauchen. Viteszlav schien f�rmlich zu erstarren. Ich versuchte, die Luft anzuhalten.</p><p>�Wie interessant�, meinte Geser. Er trat an Timur Borissowitsch heran, der teilnahmslos vor sich hinstierte, und ber�hrte seine Hand. �Ei, ei, ei��, seufzte er.</p><p>�Kennen Sie diesen Mann, Helllichter Geser?�, fragte Viteszlav.</p><p>Geser wandte sich uns mit einer Miene zu, die tiefsten Schmerz ausdr�ckte. �Glaubst du etwa, ich h�tte meinen Instinkt v�llig eingeb��t?�, fragte er bitter. �Das ist mein Blut, Viteszlav! Das ist mein Sohn! �</p><p>�Tats�chlich?�, fragte Viteszlav ironisch.</p><p>Geser beachtete ihn einfach nicht weiter. Er umarmte den �lteren Mann, der nach menschlichen Daf�rhalten sein Vater h�tte sein k�nnen. Z�rtlich strich er ihm �ber die Schulter. �Wo warst du nur all die Jahre, mein Junge��, fl�sterte er. �Und unter welchen Umst�nden begegnen wir uns jetzt� Aber man hat mir gesagt, du seist gestorben� An Diphtherie, hie� es��</p><p>�Meine aufrichtigen Gl�ckw�nsche, Geser�, sagte Viteszlav. �Aber ich w�rde gern ein paar Erkl�rungen bekommen!�</p><p>Edgar kehrte ins Badezimmer zur�ck. Verschwitzt, mit der Mappe unterm Arm.</p><p>�Das ist eine einfache Geschichte, Viteszlav�, erwiderte Geser, der seinen Sohn, diesen alten Mann, noch immer im Arm hielt. �Vor dem Krieg habe ich in Usbekistan gearbeitet. Samarkand, Buchara, Taschkent� Ich war verheiratet. Dann beorderte man mich nach Moskau. Ich wusste, dass ich Vater eines Jungen geworden war, habe meinen Sohn jedoch nicht ein einziges Mal gesehen. Es war halt� Krieg. Dann starb die Mutter des Kleinen. Und seine Spuren verloren sich.�</p><p>�Und selbst du konntest ihn nicht finden?�, fragte Viteszlav ungl�ubig.</p><p>�Selbst ich nicht. Aus den Unterlagen ging hervor, dass er gestorben war. An Diphtherie��</p><p>�Das ist eine mexikanische Telenovela�, platzte Edgar heraus. �Helllichter Geser, wollen Sie uns weismachen, dass Sie diesen Menschen noch nie getroffen haben? �</p><p>�Nicht einmal�, meinte Geser traurig.</p><p>�Sie haben nie mit ihm gesprochen, ihm nicht - entgegen allen Gesetzen - vorgeschlagen, ein Anderer zu werden?�, lie� Edgar nicht locker.</p><p>Geser bedachte den Magier mit einem ironischen Blick. �Ihnen sollte doch bekannt sein, verehrter Inquisitor, dass ein Mensch kein Anderer werden kann. �</p><p>�Antworten Sie auf die Frage!�, bat - oder befahl - Edgar.</p><p>�Ich habe ihn noch nie gesehen, noch nie mit ihm gesprochen und ihm nichts versprochen. Ich habe den Wachen und der Inquisition keinen Brief geschickt! Ich habe niemanden gebeten, sich mit ihm zu treffen oder diese Briefe abzuschicken! M�ge das Licht meine Worte bezeugen!�, skandierte Geser. Er streckte einen Arm aus und auf seinem Handteller flackerte kurz ein wei�es Feuer auf. �Wollt ihr meine Worte etwa anzweifeln? Wollt ihr behaupten, ich sei dieser Verr�ter?�</p><p>Er wuchs �ber sich hinaus, als sei in ihm eine Feder hochgeschnellt. Mit Gesers Blick h�tte man jetzt N�gel einschlagen k�nnen.</p><p>�Wollt ihr mich anklagen?�, fuhr Geser mit erhobener Stimme fort. �Du, Edgar? Oder du, Viteszlav?�</p><p>Kostja wich nicht rechtzeitig aus und bekam ebenfalls eine Portion von dem versengenden Blick ab. �Oder du, kleiner Vampir?�</p><p>Selbst ich wollte mich verstecken. Doch in den Tiefen meiner Seele musste ich lachen. Geser hatte alle reingelegt! Wie genau, wusste ich nicht - aber reingelegt hatte er sie!</p><p>�Wir w�rden an dergleichen nicht einmal denken, Helllichter Geser.�Viteszlav neigte als Erster den Kopf. �Edgar, Ihre Fragen waren unh�flich formuliert.�</p><p>�Ich bitte um Entschuldigung.�Edgar lie� den Kopf h�ngen. �Verzeihen Sie mir, Helllichter Geser. Es tut mir aufrichtig leid.�</p><p>Kostja sah sich voller Panik um. Erwartete er Sebulon? Nein, vermutlich nicht. Im Gegenteil, er w�nschte, das Haupt der Dunklen m�ge nicht auftauchen und diesem hagelnden Spott ausgesetzt werden.</p><p>Und Sebulon w�rde nicht auftauchen, das hatte ich bereits begriffen. Der europ�ische Vampir hatte ungeachtet seiner Kraft und seiner jahrhundertealten Weisheit jede Erfahrung bez�glich fein gesponnener Intrigen eingeb��t und war in eine Falle getappt. Sebulon jedoch hatte sofort begriffen: Geser w�rde nie so dumm sein und sich derart ausliefern.</p><p>�Ihr seid �ber meinen Sohn hergefallen�, sagte Geser traurig. �Wer hat ihm diese Willenlosigkeit auferlegt? Du, Konstantin? �</p><p>�Nein!�, schrie Kostja panisch.</p><p>�Das war ich�, bekannte Viteszlav finster. �Soll ich den Zauber aufheben?�</p><p>�Aufheben?�, br�llte Geser. �Ihr habt an meinem Kleinen eine magische Intervention vorgenommen! K�nnt ihr euch vorstellen, was f�r einen Schock das f�r ihn bedeutet? In seinem Alter? Und wie weiter? Was soll er jetzt werden, nach seiner Initiierung? Ein Dunkler?�</p><p>Mir traten die Augen aus den H�hlen. Kostja piepte leise etwas. Edgar klapperte mit den Z�hnen.</p><p>Und vermutlich sahen wir alle gleichzeitig Timur Borissowitsch durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>an.</p><p>Die Aura des potenziellen Anderen lie� sich absolut deutlich erkennen.</p><p>Timur Borissowitsch brauchte seinen Hals nicht den Eckz�hnen eines Vampirs oder eines Tiermenschen darzubieten. Er konnte durchaus ein ordentlicher Magier werden. Vierten oder f�nften Grades. Bedauerlicherweise wohl eher ein Dunkler Magier� Aber�</p><p>�Was soll ich jetzt tun?�, fragte Geser. �Ihr habt euch auf meinen Jungen gest�rzt, ihn erschreckt, ihm euren Willen aufgezwungen��</p><p>Der angegraute�Junge�fuhr mit tauben Fingern �ber die Krawatte und versuchte immer noch, den Windsorknoten sorgf�ltiger zu binden.</p><p>�Soll er jetzt ein Dunkler werden?�, emp�rte sich Geser. �Ja? Das habt ihr doch wohl mit Absicht gemacht! Gesers Sohn ein Dunkler Magier!�</p><p>�Ich bin �berzeugt davon, dass er in jedem Fall ein Dunkler Magier geworden w�re��, gab Viteszlav zu bedenken. �Bei dem Leben, das er f�hrt��</p><p>�Du hast ihm seinen Willen genommen, ihn zum Dunkel gedr�ngt - und jetzt gibst du solche Erkl�rungen ab?�, zischte Geser in bedrohlichem Ton. �Glaubt die Inquisition, sie habe das Recht, den Gro�en Vertrag zu verletzen? Oder geht dieser Angriff auf deine Rechnung? Kannst du Karlsbad immer noch nicht vergessen? Wir k�nnen unser Gespr�ch von damals gern fortsetzen, Viteszlav. Hier ist nicht das Rote Bad, aber genug Platz f�r ein Duell haben wir.�</p><p>Eine Sekunde lang z�gerte Viteszlav, versuchte, dem Blick Gesers standzuhalten.</p><p>Dann kapitulierte er. �Ich bitte um Entschuldigung, Geser. Ich habe nicht geahnt, dass dieser Mensch ein potenzieller Anderer ist. Alles hat auf das Gegenteil hingewiesen� diese Briefe��</p><p>�Und jetzt?�, br�llte Geser.</p><p>�Die Inquisition erkennt ihr� ihr voreiliges Verhalten an��, sagte Viteszlav. �Die Moskauer Nachtwache hat das Recht, diesen� diesen Mann unter ihre Fittiche zu nehmen.�</p><p>�Und bei ihm eine Remoralisierung durchzuf�hren?�, hakte Geser nach. �Um ihn danach so zu initiieren, dass er sich dem Licht zuwendet? �</p><p>�Ja��, fl�sterte Viteszlav.</p><p>�In diesem Fall k�nnen wir den Konflikt als beigelegt betrachten.�Geser l�chelte und klopfte Viteszlav auf die Schultern. �Nimm es nicht tragisch. Wir alle machen mitunter Fehler. Die Hauptsache ist doch, dass wir sie wieder korrigieren, oder?�</p><p>Eine eiserne Selbstbeherrschung hatte er, dieser alte europ�ische Blutsauger. �Gewiss, Geser��, r�umte er traurig ein.</p><p>�Habt ihr den abtr�nnigen Anderen eigentlich geschnappt?�, wollte Geser wissen. Viteszlav sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Was gibt denn das Ged�chtnis von meinem S�hnchen her��, fragte Geser laut. Er sah Timur Borissowitsch an, der bereits tipptopp angezogen dastand. �Ei, ei, ei� Oleg Strishenow. Der Filmstar aus den Sechzigern� Was f�r eine perfide Tarnung!�</p><p>�Der Verr�ter liebt wohl die alten russischen Filme?�, fragte Viteszlav.</p><p>�Anscheinend. Ich selbst h�tte Innokenti Smoktunowski bevorzugt�, erwiderte Geser. �Oder Oleg Dal. Das ist eine aussichtslose Sache, Viteszlav. Der Verr�ter hat keine Spuren hinterlassen. �</p><p>�Und du hast keine Ahnung, wer er ist?�, fragte Viteszlav.</p><p>�Spekulieren k�nnte ich�, meinte Geser nickend. �In Moskau gibt es Tausende von Anderen. Jeder von ihnen kann eine fremde Gestalt annehmen. Will die Inquisition etwa von jedem einzelnen Anderen Moskaus das Ged�chtnis �berpr�fen?�Viteszlav runzelte die Stirn.</p><p>�Eben, das w�rde nichts bringen�, versicherte Geser. �Ich k�nnte mich nicht einmal f�r meine eigenen Mitarbeiter verb�rgen, geschweige denn f�r die Anderen, die nicht in den Wachen arbeiten.�</p><p>�Wir werden ihn in einen Hinterhalt locken�, erkl�rte Edgar. �Und wenn der Verr�ter erneut auftaucht��</p><p>�Er wird nicht wieder auftauchen�, erkl�rte Viteszlav m�de. �Das ist nicht mehr n�tig.�</p><p>L�chelnd betrachtete Geser den d�ster dreinblickenden Vampir. Dann verlosch sein L�cheln mit einem Mal. �Ich bitte euch, die Wohnung meines Sohnes zu verlassen. Zur Unterzeichnung des Protokolls erwarte ich euch im B�ro. Heute Abend um sieben Uhr.�</p><p>Viteszlav nickte und verschwand. Kurz darauf tauchte er jedoch wieder auf. Leicht konfus.</p><p>�Zu Fu�, zu Fu߫, erkl�rte Geser. �Ich habe das <emphasis>Zwielicht </emphasis>hier geschlossen. Vorsichtshalber.�</p><p>Ich tappte den Inquisitoren und Kostja hinterher, der �ber alle Ma�en gl�cklich war, nach Hause zu k�nnen.</p><p>�Anton�, rief Geser mir nach. �Vielen Dank. Du hast gute Arbeit geleistet. Komm heute Abend zu mir.�</p><p>Ich antwortete nicht. Wir gingen an den noch immer v�llig teilnahmslosen Bodyguards vorbei, und ich scannte sorgf�ltig die Aura desjenigen, der mir verd�chtig vorgekommen war. Nein, kein Anderer. Ein Mensch. Lange w�rde ich jetzt kein Land sehen�</p><p>Der in seine Gedanken vertiefte Viteszlav schwieg und �berlie� Kostja und Edgar den langen Kampf mit den Schl�ssern. Nur einmal linste er zu mir her�ber. �L�dst du mich auf einen Kaffee ein, W�chter?�, fragte er. Ich nickte. Warum eigentlich nicht?</p><p>Schlie�lich hatten wir denselben Fall bearbeitet. Und hatten uns gemeinsam blamiert - ungeachtet aller Lobesworte, die Geser f�r mich fand.</p></section><section><title><p>Sieben</p></title><p>Eine komische Gesellschaft: ein junger Vampir aus der Tagwache, zwei Inquisitoren und ein Lichter Magier.</p><p>Und alle sa�en wir friedlich in der gro�en leeren Wohnung, warteten, bis das Wasser in der Mikrowelle hei� war, um l�slichen Kaffee aufzubr�hen. Ich hatte sogar Kostja erlaubt einzutreten, und jetzt sa� er wieder auf dem Fensterbrett, allerdings auf der Innenseite. Nur Viteszlav stand.</p><p>�Ich bin nicht mehr an Russland gew�hnt�, sagte er, w�hrend er nachdenklich vor dem Fenster auf und ab ging. �Ich bin entw�hnt. Ich erkenne dieses Land nicht wieder.�</p><p>�Stimmt, das Land hat sich ver�ndert! Es werden neue H�user gebaut, neue Stra�en��, setzte ich begeistert an.</p><p>�Verschon mich mit deiner Ironie, W�chter�, fiel Viteszlav mir ins Wort. �Das meine ich nicht. Vor siebzig Jahren lebten in eurem Land die diszipliniertesten Anderen. Sogar die Wachen agierten im Rahmen des Zul�ssigen��</p><p>�Und jetzt lassen alle die Z�gel schie�en?�, mutma�te ich. Viteszlav schwieg.</p><p>Ich f�hlte mich nicht wohl in meiner Haut. Was auch immer er sein mochte, dieser Prager Vampir aus der Inquisition, aber heute hatte man ihn mit Schimpf und Schande durch den Dreck gezogen. Zum ersten Mal hatte ich miterlebt, wie die Inquisition sich blamiert hatte. Sogar Geser hatte sie wohl nicht gef�rchtet, aber immer als un�berwindbare Kraft anerkannt.</p><p>Und pl�tzlich trickste er sie aus. Leicht und raffiniert.</p><p>Was hatte sich auf der Welt ver�ndert? War die Inquisition zur dritten Partei geworden? War sie nur noch eine der an diesem Spiel beteiligten Seiten? Die Dunklen, die Lichten und die Inquisition? Oder die Dunklen, die Lichten und das <emphasis>Zwielicht?</emphasis></p><p>In der Glaskanne brodelte das Wasser. Ich goss die auf dem Fensterbrett aufgestellten Tassen auf. Stellte Kaffeepulver, Zucker und ein P�ckchen Milch bereit.</p><p>�Gorodezki, du wei�t, dass heute der Gro�e Vertrag verletzt worden ist?�, fragte Viteszlav pl�tzlich. Ich zuckte mit den Schultern.</p><p>�Du brauchst nicht zu antworten�, sagte Viteszlav. �Mir ist auch so klar, dass du es verstanden hast. Jemand aus der Nachtwache hat die Inquisition zu dieser un�berlegten Handlung gedr�ngt� Und danach hat die Wache das Recht bekommen, diesen einen Menschen auf ihre Seite zu ziehen. Ich glaube nicht, dass er der Nachtwache einen gro�en Vorteil bringen wird.�</p><p>Das glaubte ich auch nicht. Timur Borissowitsch w�rde nicht lernen, die Kraft des <emphasis>Zwielichts </emphasis>zu nutzen. Er w�rde sein langes Leben bekommen, er w�rde die M�glichkeit haben, kleine magische Tricks zu vollf�hren, die geheimen Gedanken seiner Gesch�ftspartner zu lesen, einer Kugel aus dem Weg zu gehen� Das w�rde ihm gen�gen. Nun, seine Firma d�rfte wohl regelm��ig gro�e Summen auf das Konto der Nachtwache �berweisen. Und der Gesch�ftsmann selbst w�rde g�tiger auftreten, w�rde wohlt�tige Einrichtungen unterst�tzen, f�r den Unterhalt des Eisb�ren im Zoo und eines Dutzends Waisenkinder im Heim die Verantwortung �bernehmen. Egal. All das war keinen Streit mit der Inquisition wert.</p><p>�Gewissenlos�, sagte Viteszlav bitter. �Die Ausnutzung der beruflichen Stellung zu pers�nlichen Zwecken!�Unwillk�rlich schnaubte ich. �Was ist daran so komisch?�, fuhr mich Viteszlav an.</p><p>�Ich glaube, Geser hat Recht. Sie sitzen wirklich schon zu lange hinter Ihrem Schreibtisch.�</p><p>�Willst du damit behaupten, f�r dich sei das alles ganz normal?�, fragte Viteszlav. �Es gebe keinen Grund, sich zu emp�ren?�</p><p>�Ein Mensch, wenn auch nicht der beste auf der Welt, wird zum Lichten�, erwiderte ich. �Nun f�gt er niemandem mehr etwas B�ses zu. Im Gegenteil. Weshalb sollte ich mich dar�ber emp�ren?�</p><p>�Lass es, Viteszlav�, riet Edgar mit leiser Stimme. �Gorodezki versteht das nicht. Er ist zu jung.�</p><p>Viteszlav nickte und nippte an seinem Kaffee. �Ich habe geglaubt, du w�rdest dich von dieser ganzen lichten Zunft unterscheiden�, sagte er dann finster. �Dass dir der Kern wichtig ist, nicht die Schale��</p><p>�Ja, mir ist der Kern wichtig, Viteszlav!�, explodierte ich. �Und im Kern bist du ein Vampir! Und du, Edgar, bist ein Dunkler Magier! Ich wei� nicht, worin eurer Meinung nach die Verletzung des Gro�en Vertrages besteht, aber ich bin sicher, Sebulon w�re nichts zur Last gelegt worden!�</p><p>�Lichter Magier��, brachte Viteszlav widerwillig hervor. �Adept des Lichts� Wir bewahren nur das Gleichgewicht, ist das klar? Und Sebulon m�sste sich vor dem Tribunal verantworten, wenn er dergleichen getan h�tte!�Doch ich lie� mich jetzt nicht mehr aufhalten.</p><p>�Sebulon hat schon viel angerichtet. Er hat versucht, meine Frau zu ermorden. Er hat versucht, mich zu ermorden. Er dr�ngt die Menschen st�ndig zum Dunkel! Und du behauptest, irgendjemand von uns habe nicht ehrlich gehandelt, habe einen Falschspieler ausgetrickst? Kann schon sein, dass er nicht ehrlich gespielt hat. Aber den Regeln gem��! Ihr regt euch die ganze Zeit dar�ber auf, wenn man euch auf euer Falschgeld entsprechend herausgibt� Warum? Das l�sst sich doch leicht einwechseln. Lernt endlich, ehrlich zu spielen.�</p><p>�Deine und unsere Ehrlichkeit lassen sich nicht vergleichen�, bemerkte Edgar. �Gehen wir, Viteszlav��</p><p>Der Vampir nickte. Stellte seine noch nicht ausgetrunkene Tasse ab.</p><p>�Vielen Dank f�r den Kaffee, Lichter. Ich gebe dir deine Einladung, deine Wohnung zu betreten, zur�ck.�</p><p>Daraufhin verschwanden die beiden Inquisitoren. Nur der schweigsame Kostja blieb noch, der jetzt auf einem Hocker sa� und Kaffee trank.</p><p>�Moralisten�, sagte ich w�tend. �Oder glaubst du auch, dass sie Recht haben?�</p><p>�Nein, warum sollte ich?�, meinte Kostja l�chelnd. �Sie haben es nicht besser verdient. Es war h�chste Zeit, der Inquisition mal ihre Arroganz auszutreiben� Nur schade, dass es Geser war, der das gemacht hat, und nicht Sebulon.�</p><p>�Geser hat nichts gemacht�, widersprach ich. �Das hat er geschworen, das hast du doch geh�rt.�</p><p>Kostja zuckte mit den Achseln. �Ich habe keine Ahnung, wie er es geschafft hat. Aber das ist seine Intrige. Sebulon hatte gute Gr�nde, sich nicht einzumischen. Schlau ist er, der alte Fuchs, schlau� Wei�t du, was ich mich frage?�</p><p>�Na?�, wollte ich angespannt wissen. Kostjas Unterst�tzung schmeckte mir irgendwie nicht.</p><p>�Was ist eigentlich der Unterschied zwischen uns? Wir intrigieren, ziehen die Leute, die wir brauchen, auf unsere Seite. Und ihr macht ganz genau dasselbe. Wenn Geser aus seinem Sohn einen Lichten machen will, dann tut er das. Alle Achtung! Von mir aus, bitte sch�n.�</p><p>Kostja l�chelte.</p><p>�Was meinst du, wer hatte im Zweiten Weltkrieg Recht?�, wollte ich wissen.</p><p>�Was soll die Frage?�Jetzt spannte sich Kostja an, denn er vermutete nicht ohne Grund eine Falle. �Antworte.�</p><p>�Wir hatten Recht�, antwortete Kostja patriotisch. ��brigens haben auch einige Vampire und Tiermenschen mitgek�mpft! Zwei haben sogar den Stern des Helden bekommen!�</p><p>�Und warum haben ausgerechnet wir Recht? Stalin h�tte doch auch am liebsten ganz Europa geschluckt. Wir haben friedliche St�dte bombardiert, Museen gepl�ndert, Deserteure erschossen��</p><p>�Aber das waren doch unsere Leute! Deshalb waren sie im Recht!�</p><p>�Und jetzt sind unsere Leute im Recht. Und unsere Leute -das sind die Lichten.�</p><p>�Das hei�t, du empfindest es so�, stellte Kostja klar. �Und deswegen erhebst du keine Einw�nde?�Ich nickte.</p><p>�Ha��, meinte Kostja ver�chtlich. �Dann nenn mir wenigstens ein z�ndendes Argument daf�r. �</p><p>�Wir trinken kein Blut�, entgegnete ich.</p><p>Kostja stellte die Tasse auf den Boden. Erhob sich. �Ich danke dir f�r die Gastfreundschaft. Ich gebe dir deine Einladung, deine Wohnung zu betreten, zur�ck.�</p><p>Dann blieb ich allein - in der gro�en leeren Wohnung, in trauter Zweisamkeit mit den nicht vollst�ndig geleerten Tassen, der offenen Mikrowelle und dem verbliebenen Wasser im Kessel�</p><p>Warum hatte ich es in der Mikrowelle warm gemacht? Eine einzige Handbewegung - und das Wasser h�tte direkt in den Tassen gebrodelt.</p><p>Ich holte das Handy heraus und w�hlte Swetlanas Nummer. Sie meldete sich nicht. Vermutlich ging sie gerade mit Nadjuschka spazieren, hatte das Handy aber wie �blich zu Hause liegen lassen�</p><p>In meinem Innern herrschte durchaus nicht diese Unbeschwertheit, die ich vorzut�uschen versucht hatte.</p><p>Was machte uns denn nun wirklich zu den besseren Anderen? Intrigierten, k�mpften und t�uschten wir etwa nicht? Ich brauchte eine Antwort. Wieder mal. Und nicht von dem Schlaukopf Ge-ser, der mich in ein Geflecht aus Worten einzuspinnen verstand. Und nicht von mir selbst, denn ich traute mir nicht mehr. Ich brauchte eine Antwort von einem Menschen, dem ich vertraute.</p><p>Und ich musste verstehen, wie Geser die Inquisition ausgetrickst hatte.</p><p>Denn wenn er etwas beim Licht geschworen hatte und das eine L�ge war� Wof�r k�mpfte ich dann?</p><p>�Soll doch alles��, setzte ich an, verstummte dann aber. Du darfst nicht fluchen - das bringt man dir bereits in den ersten Tagen nach der Initiierung bei. Und jetzt h�tte ich beinahe die Kontrolle verloren� Soll doch alles� Soll es doch einfach sein.</p><p>In dem Moment l�utete es an der T�r. Als h�tte jemand erraten, dass ich jetzt auf gar keinen Fall allein sein wollte.</p><p>�Herein!�, rief ich durchs Zimmer, denn ich erinnerte mich, dass die T�r nicht verschlossen war.</p><p>Die T�r ging auf, und Lass steckte den Kopf herein. Mein Nachbar sah sich um.</p><p>�St�re ich?�, fragte er. �Nein, komm rein.�</p><p>Lass kam ins Zimmer, sah sich um. �So schlimm sieht es hier doch gar nicht aus��, kommentierte er. �Noch ein Klo� Vielleicht k�nnte ich mich noch mal hier duschen? Jetzt oder heute Abend� Das war n�mlich nicht schlecht.�</p><p>Ich steckte die Hand in die Tasche und tastete nach dem Schl�sselbund. Stellte mir vor, wie die Schl�ssel anschwollen und sich spalteten� Dann warf ich Lass das neu entstandene Bund zu. �Fang!�</p><p>�Warum das?�, fragte Lass, w�hrend er die Schl�ssel betrachtete.</p><p>�Ich muss wegfahren. Du kannst die Wohnung solange nutzen.�</p><p>�Wo nun endlich mal ein normaler Mensch hier eingezogen ist�, schmollte Lass. �Das ist echt nicht nett. F�hrst du bald weg?�</p><p>�Gleich�, antwortete ich. Mit einem Mal war mir klar geworden, wie dringend ich Swetka und Nadja sehen wollte. �Vielleicht komme ich noch mal wieder. �</p><p>�Vielleicht aber auch nicht?�Ich nickte.</p><p>�Das ist echt nicht nett�, wiederholte Lass und kam auf mich zu. �Ich habe hier bei dir einen MD-Player gesehen� Nimm das.�Ich nahm die kleine Scheibe an mich.</p><p><emphasis>�Kampfprothesen�, </emphasis>erkl�rte Lass. �Mein Album. H�r sie aber nicht, wenn Frauen und Kinder in der N�he sind! �</p><p>�Gut.�Ich drehte die Scheibe in den H�nden. �Vielen Dank.�</p><p>�Hast du irgendwelche Probleme?�, fragte Lass. �Entschuldige, ich will mich nicht in deine Angelegenheiten einmischen, aber du siehst wirklich hundserb�rmlich aus��</p><p>�Nein, es ist nichts�, riss ich mich zusammen. �Ich vermisse meine kleine Tochter. Ich fahr jetzt zu ihr� Meine Frau ist mit ihr auf der Datscha, ich hatte hier noch was zu erledigen��</p><p>�Das geht vor�, pflichtete Lass mir bei. �Man darf es einem Kind gegen�ber nicht an Aufmerksamkeit mangeln lassen. Obwohl: Dass ihre Mutter bei ihr ist, ist nat�rlich das Wichtigste.�Ich starrte Lass an.</p><p>�Die Mutter ist trotz allem das Wichtigste f�r ein Kind�, behauptete Lass mit der Miene eines Wigotski, Piaget oder sonstigen Experten f�r Kinderpsychologie. �Das ist biologisch bedingt. Wir, die M�nnchen, denken doch in erster Linie an die Weibchen. Und die Weibchen eben an die Kinder.�</p><p>In die Wohnung von Timur Borissowitsch lie� man mich ohne Fragen. Die Bodyguards wirkten v�llig normal und hatten anscheinend nicht die geringste Vorstellung davon, was hier k�rzlich geschehen war.</p><p>Geser trank mit seinem frisch gebackenen Sohn Tee im Arbeitszimmer. Das gro�e - fast m�chte ich sagen: weitl�ufige - Arbeitszimmer mit dem massiven Schreibtisch, einem Haufen unn�tzer Kinkerlitzchen in den Regalen antiker Schr�nke. Erstaunlich, wie gut sich ihre Geschm�cker vergleichen lie�en. Das Arbeitszimmer Timur Borissowitschs glich dem B�ro seines Vaters auf ganz bemerkenswerte Weise.</p><p>�Komm rein, mein Freund�, l�chelte mir Timur Borissowitsch zu. �Siehst du, wie pr�chtig sich alles gef�gt hat.�Er schielte zu Geser hin�ber. �Er ist noch jung, hitzk�pfig��, f�gte er dann hinzu.</p><p>�Das mit Sicherheit�, pflichtete ihm Geser mit einem Nicken bei. �Was ist passiert, Anton?�</p><p>�Wir m�ssen miteinander reden�, sagte ich. �Unter vier Augen.�</p><p>Geser seufzte und sah seinen Sohn an. Der erhob sich. �Ich gehe mal zu meinen Kraftbolzen. Was sollen die sich da die Hosen durchsitzen, die brauchen eine Aufgabe.�</p><p>Timur Borissowitsch ging hinaus, Geser und ich blieben allein zur�ck.</p><p>�Raus mit der Sprache, was ist passiert, Gorodezki?�, fragte Geser m�de. �K�nnen wir offen reden?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sie wollten nicht, dass Ihr Sohn ein Dunkler wird�, fing ich an. �Das stimmt doch, oder?�</p><p>�W�rdest du denn zusehen wollen, wie deine Nadjuschka eine Dunkle Zauberin wird?�, antwortete Geser mit einer Gegenfrage.</p><p>�Aber Timur w�re unweigerlich zu einem Dunklen geworden�, fuhr ich fort. �Sie brauchten das Recht auf eine Remoralisierung. Deshalb mussten die Dunklen, besser noch die Inquisition in Panik geraten und eine nicht zu rechtfertigende Manipulation an Ihrem Sohn vornehmen��</p><p>�So ist es ja auch gekommen�, sagte Geser. �Also Gorodezki, willst du mir etwas zur Last legen? �</p><p>�Nein, ich will das Ganze blo� verstehen.�</p><p>�Du warst doch dabei, als ich beim Licht einen Schwur abgelegt habe. Ich habe Timur noch nie zuvor getroffen. Ich habe ihm nichts versprochen, ich habe keine Briefe abgeschickt. Und ich habe niemanden f�r diese Aufgabe angeworben.�</p><p>Nein, Geser rechtfertigte sich nicht. Und versuchte nicht, mich einzulullen. Er legte blo� die Bedingungen der Aufgabe dar und wartete vergn�gt, welche Antwort sein Sch�ler geben w�rde.</p><p>�Viteszlav h�tte nur noch eine weitere Frage stellen m�ssen�, meinte ich. �Doch diese Frage war wohl allzu menschlich f�r ihn��</p><p>Geser zwinkerte, als probe er ein Nicken. �Seine Mutter�, sagte ich.</p><p>�Viteszlav hat seine eigene Mutter umgebracht�, erkl�rte Geser. �Nicht aus b�ser Absicht. Er war ein junger Vampir und hatte sich nicht unter Kontrolle. Aber� seit dieser Zeit vermeidet er es, dieses Wort auszusprechen. �</p><p>�Wer ist Timurs Mutter? �</p><p>�Im Dossier m�sste ihr Name stehen.�</p><p>�Da kann jeder x-beliebige Name stehen. Es hei�t, Timurs Mutter sei bei Kriegsende verschwunden� Aber ich kenne eine Frau, eine Andere, die zu dieser Zeit in einen Vogelk�rper gebannt worden ist. Nach dem Daf�rhalten der Menschen ist sie gestorben.�Geser schwieg. �Konnten Sie ihn wirklich nicht fr�her finden?�, fragte ich.</p><p>�Wir waren davon �berzeugt, dass Timur tot ist�, antwortete Geser leise. �Es war Olga, die sich nicht damit abfinden wollte. Und nachdem sie rehabilitiert worden war, machte sie sich wieder auf die Suche��</p><p>�Sie hat ihren Sohn gefunden. Und ihm das voreilige Versprechen gegeben�, schloss ich.</p><p>�Frauen d�rfen sich solche Gef�hle leisten�, sagte Geser trocken. �Selbst die weisesten Frauen. Aber M�nner sind dazu da, ihre Frau, ihr Kind zu verteidigen. Das ist alles sehr rational und �berlegt organisiert.�Ich nickte. �Verurteilst du mich?�, wollte Geser neugierig wissen. �Anton?�</p><p>�Wer bin ich, Sie zu verurteilen?�, entgegnete ich. �Ich habe selbst eine Tochter, eine Lichte. Und die w�rde ich auch nicht dem Dunkel �berlassen.�</p><p>�Danke, Anton.�Geser nickte und entspannte sich merklich. �Ich bin froh, dass du mich verstehst.�</p><p>�Ich frage mich nur, wie weit Sie f�r Ihren Sohn und Olga gegangen w�ren�, bemerkte ich. �Swetlana hat doch etwas gesp�rt, nicht wahr? Welche Gefahr hat mir gedroht?�</p><p>Geser zuckte mit den Schultern. �Vorgef�hle, darauf darf man sich nicht verlassen.�</p><p>�Wenn ich beschlossen h�tte, der Inquisition die Wahrheit zu sagen��, fuhr ich fort. �Wenn ich beschlossen h�tte, aus der Wache in die Inquisition �berzuwechseln� Was w�re dann gewesen?�</p><p>�Du bist nicht �bergewechselt�, erwiderte Geser. �Obwohl Viteszlav sehr um dich geworben hat. Was noch, Anton? Ich sp�re, dass dir noch eine Frage auf der Zunge liegt.�</p><p>�Wie kommt es, dass Ihr Sohn ein Anderer ist?�, fragte ich. �Das ist doch ein Gl�cksspiel. Nur selten bekommen Andere auch ein Kind mit den Anlagen zum Anderen.�</p><p>�Anton, entweder gehst du jetzt zu Viteszlav und legst ihm deine �berlegungen dar�, meinte Geser leise, �oder du machst dich auf zu Swetlana, wie du es ohnehin vorhattest. Aber verschon mich mit diesem Verh�r.�</p><p>�Haben Sie keine Angst, dass die Inquisition noch einmal �ber alles nachdenkt und Ihnen auf die Schliche kommt?�, fragte ich.</p><p>�Nein. In drei Stunden wird Viteszlav ein Dokument unterschreiben, mit dem diese Untersuchung zu den Akten gelegt wird. Sie werden sich den Fall nicht wieder vornehmen. Sie haben sich sowieso schon bis auf die Knochen blamiert.�</p><p>�Viel Gl�ck bei der Remoralisierung von Timur�, w�nschte ich ihm. Dann ging ich zur T�r.</p><p>�Du hast noch eine Woche Urlaub, verbring ihn mit deiner Familie!�, rief Geser mir hinterher.</p><p>Erst wollte ich ihm stolz antworten, dass ich auf seine Almosen verzichten k�nnte.</p><p>Gerade noch rechtzeitig besann ich mich jedoch. Welcher Teufel ritt mich jetzt blo�?</p><p>�Zwei Wochen�, entgegnete ich. �Allein schon �berstunden habe ich genug, um mir einen ganzen Monat freizunehmen.�Geser h�llte sich in Schweigen.</p></section><section><title><p>Epilog</p></title><p>Ich beschloss, den BMW erst nach dem Urlaub zur�ckzugeben. Schlie�lich�</p><p>Auf der neu angelegten Schnellstra�e - fr�her gab es hier nur Schlagl�cher, verbunden durch einzelne Abschnitte einer Chaussee, jetzt handelte es sich um eine Chaussee, deren einzelne Abschnitte mitunter durch ein Schlagloch unterbrochen wurden - fuhr der Wagen ruhig mit 120 Stundenkilometern dahin. Nicht schlecht, ein Anderer zu sein.</p><p>Ich wusste, dass ich in keinen Stau geraten w�rde. Ich wusste, dass mir kein Kipplaster mit besoffenem Fahrer entgegenkommen w�rde. Wenn das Benzin ausging, konnte ich Wasser in den Tank f�llen und es in Brennstoff verwandeln.</p><p>Wer w�rde seinem Kind nicht ein solches Schicksal w�nschen? Hatte ich wirklich das Recht, Geser und Olga zu verurteilen?</p><p>Die Stereoanlage des Autos war neu und verf�gte �ber ein MD-Laufwerk. Erst wollte ich die <emphasis>Kampfprothesen </emphasis>einlegen, dann merkte ich aber, dass mir der Sinn nach etwas Lyrischerem stand. Deshalb legte ich <emphasis>Belaja gwardija </emphasis>ein.</p><poem><stanza><v>Ich wei� nicht, hast du eine Frau, </v><v>Und wei� nicht, wie's dir geht;</v><v>Ein Engel hat mit F�den blau </v><v>Den Himmel zugen�ht.</v></stanza><stanza><v>Vergessen der Verlust, ich geb </v><v>Dem B�sen seine Ruh,</v><v>Doch immer, wenn ich ausgeh, streb </v><v>Ich deiner W�rme zu.</v></stanza></poem><p>Mein Handy klingelte. Sofort drosselte die kluge Anlage den Ton.</p><p>�Sweta?�, fragte ich.</p><p>�Ich konnte dich nicht erreichen, Anton.�</p><p>Swetlanas Stimme klang ruhig, also war alles in Ordnung.</p><p>Nur das z�hlte.</p><p>�Ich konnte dich auch nicht erreichen�, meinte ich.</p><p>�Das muss an atmosph�rischen Fluktuationen liegen�, am�sierte sich Swetlana. �Was ist vor einer halben Stunde passiert? �</p><p>�Nichts Besonderes. Ich habe mit Geser gesprochen. �</p><p>�Ist alles in Ordnung? �</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich hatte eine Vorahnung. Dass du dich an einer Grenze bewegst.�</p><p>Ich nickte und sah auf die Stra�e. Klug ist sie, meine Frau, Geser. Auf ihre Vorahnungen kann ich mich verlassen. �Ist jetzt alles in Ordnung?�, hakte ich nach. �Jetzt ja.�</p><p>�Sweta��, fragte ich, w�hrend ich das Steuer nur mit einer Hand hielt. �Was w�rdest du tun, wenn du nicht sicher w�rst, ob du dich richtig verhalten hast? Wenn dich die Frage qu�lt, ob du Recht hast oder nicht?�</p><p>�Zu den Dunklen gehen�, antwortete Swetlana wie aus der Pistole geschossen. �Die qu�len sich nie. �</p><p>�Ist das alles, was du mir dazu sagen kannst?�</p><p>�Ja, das ist die einzige Antwort, die ich dir geben kann. Das ist der einzige Unterschied zwischen den Lichten und den Dunklen. Man kann ihn Gewissen nennen, man kann ihn moralischen Instinkt nennen. Der Kern ist der gleiche.�</p><p>�Ich habe den Eindruck�, gestand ich bedr�ckt, �als gehe die Zeit der Ordnung zu Ende. Verstehst du, was ich meine? Als beg�nne� ich wei� nicht, was. Keine dunkle Zeit, keine lichte� und auch nicht die Stunde der Inquisitoren��</p><p>�Das ist die Niemandszeit, Anton�, sagte Swetlana. �Das ist lediglich die Niemandszeit. Du hast Recht, das etwas auf uns zukommt. Dass auf der Welt etwas passiert. Aber noch nicht jetzt.�</p><p>�Sprich mit mir, Sweta�, bat ich. �Ich muss noch eine halbe Stunde fahren. Sprich diese halbe Stunde mit mir, ja?�</p><p>�Meine Handykarte ist fast alle�, erwiderte Swetlana mit zweifelnder Stimme.</p><p>�Ich ruf dich jetzt zur�ck�, schlug ich vor. �Noch bin ich im Dienst, mein Handy ist von der Firma. Soll doch Geser ruhig daf�r zahlen.�</p><p>�Und dein Gewissen meldet sich da nicht?�, lachte Swetlana. �Heute ist es gut trainiert.�</p><p>�Gut, du brauchst aber trotzdem nicht zur�ckzurufen, ich verzaubere mein Handy�, meinte Swetlana. Im Spa� oder im Ernst. Nicht immer verstand ich, wann sie einen Scherz machte.</p><p>�Dann erz�hl mal�, forderte ich sie auf. �Wie es sein wird, wenn ich komme. Was Nadjuschka sagt. Was du sagst. Was deine Mutter sagt. Was wir machen.�</p><p>�Alles wird sehr sch�n werden�, fing Swetlana an. �Ich werde mich freuen, und Nadja auch. Und meine Mutter wird sich freuen��</p><p>Ich fuhr Auto, w�hrend ich unter Verletzung all der strengen Vorschriften der Verkehrspolizei das Handy mit einer Hand ans Ohr presste. Auf der Gegenfahrbahn sausten in einem fort Laster an mir vorbei.</p><p>Ich lauschte dem, was Swetlana mir erz�hlte. Aus den Lautsprechern erklang immer noch die leise Frauenstimme:</p><poem><stanza><v>Kommst du zur�ck, wird alles anders sein,</v><v>Wir m�ssten uns erkennen.</v><v>Kommst du zur�ck, kannst du mich nicht mehr Frau,</v><v>Nicht einmal Freundin nennen.</v><v>Kommst du zur�ck zu mir,</v><v>Die dich so sehr geliebt vor allen,</v><v>Kommst du zur�ck, du siehst:</v><v>Die W�rfel sind schon l�ngst gefallen.</v></stanza></poem></section></section><section><title><p>Zweite Geschichte</p><p>Niemandsraum</p></title><image l:href="#2"/><section><title><p>Prolog</p></title><p>Schon immer machten im Umland von Moskau entweder arme oder reiche Menschen Urlaub. Dagegen bevorzugt die Mittelklasse t�rkische Hotels, bei denen �alles inklusive ist, Getr�nke frei Hahn�, entscheidet sich f�r die Siesta im br�tend hei�en Spanien oder f�r den sauberen Strand Kroatiens. In Mittelrussland verbringt die Mittelklasse ihren Urlaub jedoch nicht gern. �brigens ist die Mittelklasse in Russland nicht zahlreich.</p><p>Ein Biologielehrer geh�rt, selbst wenn er an einem renommierten Moskauer Gymnasium unterrichtet, nicht dazu. Wenn der Lehrer dann noch eine Lehrerin ist, deren Schweinehund von Mann sie vor drei Jahren wegen einer andern hat sitzen lassen und die um ihre Pflicht als Mutter, die beiden Kinder zu erziehen, nicht herumkommt, dann kann sie von t�rkischen Hotels nur tr�umen.</p><p>Gl�cklicherweise hatten die Kinder das schreckliche Alter der Pubert�t noch nicht erreicht und freuten sich aufrichtig, zu der alten Datscha zu fahren, begn�gten sich mit dem kleinen Fluss und dem direkt hinterm Dorf beginnenden Wald.</p><p>Bedauerlicherweise legte die �ltere Tochter jedoch zu viel Gewicht auf ihren Status als �ltere. Freilich, mit zehn Jahren kann man schon recht gut auf den f�nfj�hrigen Bruder aufpassen, wenn er in dem Fl�sschen herumplanscht, sollte aber immer noch nicht - wom�glich im Vertrauen auf die aus dem Schulbuch <emphasis>Unsere Heimat </emphasis>erworbenen Kenntnisse - zu tief in den Wald hineingehen.</p><p>Bislang war der zehnj�hrigen Xjuscha freilich nicht einmal bewusst, dass sie beide sich im Wald verlaufen hatten. Fest hielt sie ihren Bruder bei der Hand und ging einen kaum zu erahnenden Pfad entlang. �Und dann haben sie wieder Kiefernpfl�cke in ihn hineingehauen!�, erz�hlte sie. �Einen Pflock in die Stirn, einen in den Bauch! Er ist aus dem Grab auferstanden und hat gesagt: �Trotzdem werdet ihr mich nicht umbringen! Ich bin schon lange tot! Und ich hei�e��Ihr Bruder wimmerte leise.</p><p>�Schon gut, keine Angst, das war doch nur ein Spa߫, sagte Xjuscha ernst. �Er ist umgefallen und war tot. Man hat ihn begraben und ein Fest gefeiert.�</p><p>�Sch-sch-schrecklich�, gab Romka zu. Er stotterte nicht vor Angst, er stotterte immer. �So was er-erz�hlst du mir nie wie-wieder, ja?�</p><p>�Versprochen�, erwiderte Xjuscha und sah sich um. Hinter ihnen lie� sich der Pfad noch erkennen, vor ihnen verlor er sich indes unter abgefallenen Tannennadeln und verfaulten Bl�ttern. Unmerklich war der Wald schummrig und dunkel geworden. Er glich hier nicht mehr dem hinterm Dorf, wo ihre Mutter eine Datscha gemietet hatte, ein altes, aufgegebenes Haus. Sie mussten umkehren, bevor es zu sp�t war. Als �ltere und besorgte Schwester wusste Xjuscha das. �Gehen wir nach Hause, sonst schimpft Mama noch mit uns.�</p><p>�Da ist ein Hund�, sagte ihr Bruder pl�tzlich. �Guck mal, da ist ein Hund!� Xjuscha drehte sich um.</p><p>Hinter ihr stand tats�chlich ein Hund. Ein gro�er grauer Hund mit Fangz�hnen. Der sie ansah und das Maul aufriss, als l�chle er.</p><p>�So einen Hund m�chte ich haben�, sagte Romka ohne zu stocken und sah seine Schwester voller Stolz an.</p><p>Xjuscha, ein Stadtkind, hatte W�lfe bisher nur auf Bildern gesehen. Und im Zoo, wo es allerdings nur irgendwelche seltenen Sumatraw�lfe gab� Jetzt bekam sie es mit der Angst zu tun.</p><p>�Gehen wir, komm�, hauchte sie ganz leise und packte Romka fester bei der Hand. �Das ist ein fremder Hund, mit dem d�rfen wir nicht spielen.�</p><p>Vermutlich erschreckte irgendetwas in ihrer Stimme Romka. Und zwar so, dass er nicht zu heulen anfing, sondern die Schwester von sich aus an der Hand fasste und ihr gehorsam folgte.</p><p>Der graue Hund blieb ein Weilchen stehen und lief den Kindern dann langsam hinterher.</p><p>�Er ff-folgt uns�, sagte Romka, als er sich einmal umdrehte. �Xjucha, ist da-das ein Wolf?�</p><p>�Das ist ein Hund�, erwiderte Xjuscha. �Du darfst nicht wegrennen, h�rst du? W�lfe bei�en diejenigen, die wegrennen!�</p><p>Der Hund stie� einen h�stelnden Laut aus, fast eine Art Lachen.</p><p>�Lauf!�, schrie Xjuscha. Und sie rannten los, quer durch den ganzen Wald, durch das dichte pikende Geb�sch, vorbei an einem f�rchterlich hohen Ameisenhaufen, der gro� wie ein erwachsener Mann war, entlang an einer Reihe moosbewachsener Baumst�mpfe; irgendjemand musste hier ein Dutzend B�ume gef�llt und abtransportiert haben.</p><p>Bald verschwand der Hund, bald tauchte er wieder auf. Hinter ihnen, rechts, links. Von Zeit zu Zeit h�stelnd. Oder lachend. �Er lacht �ber uns!�, schrie Romka unter Tr�nen.</p><p>Der Hund war jetzt irgendwohin verschwunden. Xjuscha blieb an einer m�chtigen Eiche stehen und dr�ckte Romka an sich. Normalerweise str�ubte sich ihr kleiner Bruder seit einiger Zeit gegen solche Z�rtlichkeiten, doch diesmal leistete er keinen Widerstand, presste sich mit dem R�cken gegen seine Schwester und bedeckte die Augen ver�ngstigt mit den H�nden. �Ich ha-habe kei-keine Angst�, beteuerte er immer und immer wieder mit kaum h�rbarer Stimme. �Hier ist niemand.�</p><p>�Nein, hier ist niemand�, versicherte Xjuscha. �Nun heul doch nicht! Der Wol� Hund passt auf seine Jungen auf. Deshalb hat er uns weggejagt. Hast du das verstanden? Wir gehen jetzt nach Hause.�</p><p>�Ja�, stimmte Romka erleichtert zu und nahm die H�nde vom Gesicht. �Oj, da sind die Jungen!�</p><p>Die Angst verschwand, sobald er die aus dem Geb�sch heraustretenden Jungen sah. Drei kleine graue Tiere mit hoher Stirn und dummen Augen. �Die Ju-Jungen��, rief Romka begeistert.</p><p>Xjuscha wollte panisch zur Seite springen. Die Eiche, gegen die sie sich pressten, lie� sie jedoch nicht los - das Baumwollkleidchen klebte fest am Harz. Xjuscha zerrte heftiger, der Stoff knisterte, l�ste sich.</p><p>Dann sah sie den Wolf. Er stand hinter ihr und l�chelte. �Wir m�ssen auf den Baum raufklettern��, fl�sterte Xjuscha. Der Wolf lachte auf.</p><p>�Ob er nur will, dass wir mit seinen Jungen spielen?�, fragte Romka hoffnungsvoll.</p><p>Der Wolf sch�ttelte den grauen, dunkel gefleckten Kopf. Antwortete gleichsam: nein, nein. Ich m�chte, dass meine Jungen mit <emphasis>euch </emphasis>spielen.</p><p>Dann schrie Xjuscha, so laut und durchdringend, dass selbst der Wolf einen Schritt zur�cktrat und die Schnauze verzog. �Hau ab! Hau ab!�, br�llte Xjuscha und verga�, dass sie ja bereits ein gro�es und ein tapferes M�dchen war.</p><p>�Schreit doch nicht so�, erklang es da in ihrem R�cken. �Ihr weckt ja den ganzen Wald auf��</p><p>Mit aufkeimender Hoffnung drehten sich die Kinder um. Neben den Wolfsjungen stand eine erwachsene Frau, eine sch�ne, schwarzhaarige Frau, barfu� und in einem langen Leinengewand. Der Wolf knurrte drohend.</p><p>�Ganz brav�, sagte die Frau. Sie beugte sich vor und packte eines der Jungen beim Fell, das so reglos in ihren Armen hing, als schlafe es. Die andern waren ebenfalls an ihrem Platz erstarrt. �Wen haben wir denn hier?�</p><p>Der Wolf achtete nun nicht mehr auf die Kinder, sondern steuerte finster auf die Frau zu. Die stimmte einen Singsang an:</p><poem><stanza><v>Wolfsdickicht, Dunkel, Grauen</v><v>Niemals werd ich euch vertrauen.</v></stanza></poem><p>Der Wolf blieb stehen. Den Blick auf ihn gerichtet, beendete die Frau ihr Lied:</p><poem><stanza><v>Seh die Wahrheit, seh die L�ge,</v><v>Erkenn in dir - wessen Z�ge?</v></stanza></poem><p>Der Wolf fletschte die Z�hne.</p><p>�Aj, aj, aj��, sagte die Frau. �Und was sollen wir jetzt mit dir machen?�</p><p>�Geh� weg��, bellte der Wolf. �Geh� weg� He-xe��</p><p>Die Frau warf das Wolfsjunge ins weiche Moos. Gleichsam als falle die Erstarrung nun von den Jungen ab, rannten sie panisch zu dem Wolf hin, krochen unter seinen Bauch.</p><poem><stanza><v>Drei Kr�uter und Birkenrinde,</v><v>Dazu Wolfsbeeren, nicht gelinde,</v><v>Ein paar Tropfen Blut, ein paar Tr�nen</v><v>Und Ziegenfell, der Haare Str�hnen�</v><v>Ger�hrt, geknetet, einerlei -</v><v>Mein Sud steht mir noch sp�ter frei.</v></stanza></poem><p>Der Wolf wich zur�ck, seine Jungen taten es ihm nach. Feierlich fuhr die Frau fort:</p><poem><stanza><v>F�r dich da hei�t's jedoch,</v><v>Dass jeder Zauber sich aus dir verkroch!</v></stanza></poem><p>Wie vier graue Blitze - ein gro�er und drei kleine - schossen die Tiere von der Lichtung fort ins Geb�sch. Durch die Luft wirbelten B�schel grauen Fells. Es roch so stark nach Hund, als sei hier nach einem Regenguss ein ganzes Rudel vorbeigekommen. �Si-sind Sie eine He-hexe, Tante?�, fragte Romka ganz leise.</p><p>Die Frau lachte. Sie trat an ihn heran und nahm seine Hand. �Gehen wir.�</p><p>Die H�tte stand durchaus nicht auf H�hnerbeinen, was Romka sehr entt�uschte. Ein ganz normales Holzh�uschen mit kleinen Fenstern und einem winzigen Flur.</p><p>�Wo ist Ihr Da-dampfbad?�, fragte Romka, w�hrend er den Kopf in alle Richtungen drehte.</p><p>�Wozu brauchst du ein Dampfbad?�, lachte die Frau. �M�chtest du dich waschen?�</p><p>�Sie m�-m�ssen erst das Da-dampfbad anheizen, dann uns f�t-f�ttern, und erst danach k�nnen Sie uns aufessen�, erkl�rte der Junge v�llig ernst.</p><p>Xjuscha packte ihn bei der Hand. Doch die Frau war nicht gekr�nkt. �Verwechselst du mich mit der Hexe Baba-Jaga?�, fragte sie lachend. �Aber vielleicht erl�sst du es mir, das Dampfbad anzuheizen? Ich habe sowieso keins. Und essen werde ich euch auch nicht. �</p><p>�G-gut�, freute sich Romka.</p><p>Auch im Haus erinnerte nichts an das Zuhause der von sich selbst so eingenommenen Baba-Jaga. An der wei�en Wand tickte eine Uhr, an der Decke hing eine prachtvolle Lampe mit Samttroddeln, auf einem wackeligen Regal stand ein Fernseher der Marke Philips. Es gab einen russischen Ofen, der jedoch derart mit allerlei Krimskrams zugestopft war, dass kein Zweifel aufkommen konnte: Hier wurden schon seit langer Zeit keine tapferen Recken und kleinen Kinder mehr gebacken. Das Einzige, was solide und geheimnisvoll aussah, war der gro�e B�cherschrank mit den alten B�nden. Xjuscha ging zum Schrank und betrachtete die R�cken. Ihre Mutter sagte stets, ein intelligenter Mensch m�sse sich in einer fremden Wohnung zun�chst die B�cher des Gastgebers und erst danach den Rest ansehen.</p><p>Die B�cher waren abgenutzt, die Titel kaum zu lesen. Und das, was Xjuscha lesen konnte, war zwar auf Russisch geschrieben, aber trotzdem v�llig unverst�ndlich. Ihre Mutter hatte ebenfalls solche B�cher: <emphasis>Helminthologie, Ethnogenese� </emphasis>Xju-scha seufzte und ging vom Schrank weg.</p><p>Romka hatte sich bereits an den Tisch gesetzt, die Hexe goss ihm gerade mit Wasser aus einem wei�en Elektrokessel Tee auf.</p><p>�M�chtest du einen Tee?�, fragte sie freundlich. �Der ist lecker, ich mache ihn aus Waldkr�utern��</p><p>�Le-lecker�, best�tigte Romka, obwohl ihm eher daran gelegen war, einen Kringel in Honig zu stippen, als Tee zu trinken. �Ss-setz dich, Xjucha.�Xjuscha setzte sich, lie� sich h�flich eine Tasse geben.</p><p>Der Tee schmeckte in der Tat gut. Die Hexe trank ebenfalls davon. L�chelnd betrachtete sie die Kinder.</p><p>�Und wir verwandeln uns auch nicht in Ziegen, wenn wir den Tee trinken?�, fragte Romka pl�tzlich. �Warum solltet ihr das?�, wunderte sich die Hexe.</p><p>�Weil Sie uns verzaubern�, erkl�rte Romka. �Weil Sie uns in Ziegen verwandeln und dann aufessen.�</p><p>Allem Anschein nach brachte er der geheimnisvollen Retterin kein uneingeschr�nktes Vertrauen entgegen.</p><p>�Und warum sollte ich euch erst in stinkende Ziegen verwandeln, bevor ich euch esse?�, emp�rte sich die Hexe. �Wenn ich euch essen wollte, dann w�rde ich euch auch ohne jede Verwandlung essen. Du solltest dir weniger von Rou ansehen, mein Junge!�</p><p>Romka bl�hte die Wangen und trat Xjuscha mit dem Fu�. �Wer ist Rou?�, fl�sterte er.</p><p>Xjuscha wusste es nicht. �Trink deinen Tee und halt den Mund!�, zischte sie. �Das ist irgendein Zauberer��</p><p>Sie verwandelten sich nicht in Ziegen, der Tee schmeckte gut, der Honig und die Kringel noch besser. Die Zauberin befragte Xjuscha nach ihren Leistungen in der Schule. Sie pflichtete ihr bei, dass die vierte Klasse einfach grauenvoll war, mit der dritten �berhaupt nicht zu vergleichen. Sie schimpfte Romka aus, weil er seinen Tee schl�rfte. Und sie wollte von Xjuscha wissen, seit wann Romka schon stotterte. Dann erz�hlte sie, dass sie keine Zauberin sei. Sie sei Botanikerin und sammle im Wald allerlei seltene Kr�uter. Und nat�rlich wisse sie, welche Kr�uter W�lfe wie das Feuer f�rchteten.</p><p>�Und warum hat der Wolf gesprochen?�, fragte der misstrauische Romka.</p><p>�Er hat doch nicht gesprochen�, widersprach die Zauberin oder Botanikerin aufs heftigste. �Er hat gebellt, und euch ist es nur so vorgekommen, als habe er etwas gesagt. Meint ihr nicht auch?�</p><p>Xjuscha �berlegte kurz und kam dann zu dem Schluss, es m�sse in der Tat so gewesen sein.</p><p>�Ich bringe euch bis zum Waldrand�, erkl�rte die Frau. �Von dort aus k�nnt ihr das Dorf schon sehen. Kommt nicht mehr in den Wald, sonst fressen euch die W�lfe doch noch auf!�</p><p>Romka dachte nach und schlug der Frau vor, ihr bei der Kr�utersuche zu helfen. Damit die W�lfe sie dabei nicht anr�hrten, m�sste die Frau ihm ein spezielles Kraut gegen W�lfe geben. Und vorsichtshalber auch noch gegen B�ren. Und vielleicht auch noch gegen L�wen, denn der Wald hier sei ganz genauso wie der in Afrika.</p><p>�Du bekommst keine Kr�uter!�, widersprach die Frau streng. �Das sind seltene Kr�uter, die ins Rote Buch eingetragen sind. Die darf man nicht einfach ausrei�en.�</p><p>�Ich wei�, was das Rote Buch ist�, freute sich Romka. �Sagen Sie doch bitte��</p><p>Die Frau sah auf die Uhr und sch�ttelte den Kopf. Unverz�glich meinte die gut erzogene Xjuscha, es sei jetzt wohl Zeit f�r sie zu gehen.</p><p>F�r den R�ckweg bekamen die Kinder eine Honigwabe. Die Frau brachte sie bis zum Waldrand, den sie so schnell erreichten, als renne der Pfad ihnen in unter den F��en davon.</p><p>�Setzt keinen Fu� mehr in den Wald!�, sch�rfte die Frau ihnen noch einmal ein. �Wenn ich nicht in der N�he bin, frisst euch der Wolf.�</p><p>Als sie den H�gel zum Dorf hinunterkletterten, blickten die Kinder mehrmals zur�ck.</p><p>Am Anfang stand die Frau noch da und schaute ihnen hinterher. Dann war sie verschwunden. �Es ist doch eine Hexe, oder, Xjucha?�, wollte Romka wissen.</p><p>�Sie ist Botanikerin!�, verteidigte Xjuscha die Frau. Und dann fiel ihr etwas auf. �Du stotterst nicht mehr!�</p><p>�Do-do-doch!�, alberte Romka. �Ich konnte auch fr�her schon ohne zu stottern sprechen, das habe ich nur zum Spa� gemacht!�</p></section><section><title><p>Eins</p></title><p>Wer hat eigentlich behauptet, frisch gemolkene Milch sei lecker?</p><p>Das geht anscheinend schon in der ersten Klasse los. Mit der <emphasis>Ersten Fibel, </emphasis>in der die ach so leckere frische Milch gepriesen wird. Und die naiven Stadtkinder glauben das dann.</p><p>Tats�chlich schmeckt frisch gemolkene Milch h�chst eigenwillig. Ja, nach einem Tag im Keller, kalt geworden, da sieht die Sache schon anders aus. Dann k�nnen sie sogar die Geschlagenen trinken, die an einem Mangel an Verdauungsenzymen leiden. Von denen es im �brigen gar nicht so wenige gibt. Nach Daf�rhalten von M�tterchen Natur br�uchten erwachsene Menschen n�mlich keine Milch zu trinken, sondern nur Kinder� Doch die Menschen h�ren selten auf die Meinung der Natur. Noch seltener tun es die Anderen.</p><p>Ich langte nach dem Krug und goss mir ein weiteres Glas ein. Kalte Milch, mit Schaum� Warum der Schaum durch das Erhitzen wohl so eklig wird, w�hrend er bei frischer Milch am besten schmeckt? Ich nahm einen gro�en Schluck. Genug, f�r Swetka und Nadjuschka musste auch noch was �brig bleiben. Im ganzen Dorf - keinem kleinen Dorf, sondern einem mit f�nfzig H�usern! - gab es nur eine Kuh! Aber immerhin gab es eine� Und ich hatte den starken Verdacht, dass die alleinstehende Kuh ihren reichen Ertrag Swetlana zu verdanken hatte. Tante Sascha, eine vierzig Jahre alte B�uerin, Besitzerin der Kuh Raika, des Ebers Borka, des Ziegenbocks Mischka und einer kleinen namenlosen Vogelschar, bildete sich grundlos etwas darauf ein. Swetlana wollte einfach, dass unsere Tochter richtige Milch trank. Deshalb blieb die Kuh von allen Krankheiten verschont. Tante Sascha h�tte sie mit S�gesp�nen f�ttern k�nnen - Raika w�re nichts passiert!</p><p>Nein, richtige Milch, das ist schon was Feines. Selbst wenn die Reklamehelden mit Tetrapacks ins Dorf fahren und mit strahlendem Funkeln in den Augen immer wieder�echte Milch!�sagen. Das m�ssen sie. Daf�r bekommen sie ihr Geld. Und auch die Bauern, die schon seit langem und unwiderruflich vergessen haben, wie man Vieh h�lt, haben es jetzt leichter. Sie k�nnen auf Demokraten und St�dter schimpfen, brauchen aber keine K�he zu weiden.</p><p>Nachdem ich das leere Glas abgestellt hatte, machte ich es mir in der zwischen B�umen gespannten H�ngematte bequem. Wie ein echter Bourgeois - zumindest aus Sicht der Dorfbewohner. F�hrt hier in einem Luxusschlitten vor, schleppt seiner Frau Lebensmittel aus der Stadt an, l�mmelt sich den lieben langen Tag mit einem Buch in der H�ngematte� W�hrend hier alle durch die Bank den ganzen Tag durch die Gegend stromern, auf der Suche nach einem Schl�ckchen, mit dem sie ihren Kater bek�mpfen k�nnen�</p><p>�Guten Tag, Anton Sergejewitsch�, begr��te mich - als habe er meine Gedanken gelesen - der Dorftrinker Kolja �ber den Zaun hinweg. Wie konnte er sich blo� meinen Namen merken? �Hatten Sie eine gute Fahrt?�</p><p>�Hallo, Kolja�, begr��te ich ihn ganz wie ein Lebemann, indem ich nicht mal den Versuch unternahm, die H�ngematte zu verlassen. Er w�rde das ohnehin nicht zu sch�tzen wissen. Denn deshalb war er nicht gekommen. �Danke, ich kann nicht klagen.�</p><p>�Sie brauchen wohl keine Hilfe, im Haushalt oder��, fragte Kolja zaghaft. �Ich komme hier vorbei, denke, frag ich doch mal��</p><p>Ich schloss die Augen. Zwischen meinen Lidern leuchtete blutrot die gerade im Zenit stehende Sonne hindurch.</p><p>Nichts konnte ich machen. Nicht das geringste bisschen. Eine Intervention sechsten oder siebten Grades h�tte gereicht, um dem armen Kolja seinen Hang zum Alkohol auszutreiben, seine Zirrhose zu heilen und in ihm den Wunsch zu wecken, einer Arbeit nachzugehen, auf Wodka zu verzichten und seine Frau nie wieder zu verm�beln.</p><p>Ich k�nnte sogar, entgegen dem Gro�en Vertrag, klammheimlich diese Intervention vornehmen. Eine leichte Bewegung mit der Hand�</p><p>Und weiter? Im Dorf gab es keine Arbeit. Auch in der Stadt brauchte niemand den ehemaligen Mechaniker Kolja. Und Geld, um�etwas Eigenes�aufzuziehen, hatte Kolja nicht. Noch nicht mal ein Ferkel konnte er sich kaufen.</p><p>Er w�rde weiter seinem Selbstgebrannten nachjagen, sich mit Gelegenheitsarbeiten �ber Wasser halten und seinen �rger an seiner ebenso versoffenen Frau auslassen, die die Nase von allem gestrichen voll hatte. Man muss nicht den einzelnen Menschen kurieren, sondern die ganze Welt.</p><p>Oder wenigstens ein Sechstel der Welt. Mit dem stolzen Namen Rus.</p><p>�Anton Sergejewitsch, ich habe einfach keine Kraft mehr��, beteuerte Kolja nachdr�cklich.</p><p>Wer brauchte einen ehemaligen Alkoholiker in einem sterbenden Dorf, in dem der Kolchos abgewickelt worden war und dem einzigen Landwirt drei Mal der Hof abgefackelt wurde, bevor er die Anspielung endlich verstand?</p><p>�Kolja�, sagte ich. �Was hast du bei der Armee gemacht? Warst du Panzerfahrer?�</p><p>Gibt es bei uns eigentlich S�ldner? Sollen die doch in den Kaukasus ziehen, statt ein Jahr lang gepanschtem Wodka hinter-herzurennen�</p><p>�Ich habe nicht gedient�, antwortete Kolja kleinlaut. �Sie haben mich nicht genommen. Damals hat man dringend Mechaniker gebraucht, deshalb wurde ich immer wieder zur�ckgestellt, dann war ich zu alt� Anton Sergejewitsch, wenn Sie mal jemanden die Fresse polieren m�ssen - da bin ich wirklich gut! Ganz bestimmt! Ich mach Hackfleisch aus dem!�</p><p>�Kolja�, bat ich. �Kannst du dir nicht mal den Motor in meinem Auto angucken? Irgendwas hat da gestern geklackert��</p><p>�Klar!�Kolja wurde munter. �Ich��</p><p>�Nimm den Schl�ssel.�Ich warf ihm den Bund zu. �Nachher kriegst du eine Flasche von mir.�</p><p>Auf Koljas Gesicht breitete sich ein strahlendes L�cheln aus. �Soll ich das Auto auch noch f�r Sie waschen? Das ist doch ein teurer Wagen� und bei unsern Stra�en��</p><p>�Vielen Dank�, erwiderte ich. �Da w�re ich dir wirklich sehr dankbar.�</p><p>�Aber Wodka will ich nicht�, meinte Kolja pl�tzlich, und ich zuckte sogar vor �berraschung zusammen. Was bedeutete das? Stand die Welt Kopf? �Der schmeckt nach nichts� Aber ein Fl�schchen Selbstgebrannter��</p><p>�Abgemacht�, stimmte ich zu. Der gl�ckliche Kolja machte die Pforte auf und ging auf den Schuppen zu, in dem ich gestern das Auto abgestellt hatte.</p><p>Aus dem Haus kam Swetlana - die ich nicht sah, sondern sp�rte. Also musste Nadjuschka sich beruhigt haben und in den s��en Nachmittagsschlaf gefallen sein� Sweta kam auf mich zu, blieb hinter mir stehen, z�gerte kurz und legte mir dann ihre k�hle Hand auf die Stirn. �Geht es dir nicht gut?�, fragte sie.</p><p>�Hm�, brummte ich. �Ich kann hier nichts machen, Swetka. Nichts. Wie h�ltst du das aus?�</p><p>�Ich bin schon als kleines M�dchen in dieses Dorf gekommen�, antwortete Swetlana. �Ich erinnere mich noch an Onkel Kolja, wie er kein Trinker war. Jung und lustig. Er hat mich Kr�mel auf dem Traktor mitgenommen. War n�chtern. Und hat Lieder gesungen. Kannst du dir das vorstellen? �</p><p>�War es fr�her besser?�, fragte ich.</p><p>�Die Leute haben weniger getrunken�, meinte Swetlana blo�. �Warum remoralisierst du ihn nicht, Anton? Ich habe doch gesp�rt, dass du das vorhattest, denn durch das <emphasis>Zwielicht </emphasis>ist ein Zittern gegangen. Hier gibt es keine W�chter� au�er dir.�</p><p>�Willst du das Pferd von hinten aufz�umen?�, erwiderte ich grob. �Entschuldige� aber ich m�sste doch wohl nicht mit Onkel Kolja anfangen.�</p><p>�Stimmt�, pflichtete Swetlana mir bei. �Aber eine Einmischung in das Tun der Regierungsbeh�rden ist durch den Vertrag verboten. <emphasis>Dem Menschen, was des Menschen ist, den Anderen das Andere�</emphasis>�</p><p>Ich schwieg. Ja, es war verboten. Weil es die einfachste und sicherste M�glichkeit bot, die Menschenmasse zum Guten oder zum B�sen zu bekehren. Was eine Zerst�rung des Gleichgewichts bedeutet h�tte. Es hat in der Geschichte K�nige und Pr�sidenten gegeben, die zu den Anderen z�hlten. Und auch das hat nur mit Kriegen geendet�</p><p>�Du gehst hier ein, Anton�, meinte Swetlana, w�hrend sie mir �ber die Haare strich. �Lass uns nach Moskau zur�ckfahren.�</p><p>�Aber Nadjuschka hat ihren Spa߫, widersprach ich. �Und du wolltest doch auch noch eine Woche l�nger bleiben, oder?�</p><p>�Aber du qu�lst dich� Vielleicht willst du allein fahren? In der Stadt w�rdest du keine Tr�bsal blasen.�</p><p>�Ich k�nnte fast glauben, du willst mich loswerden�, brummte ich. �Weil du hier einen Liebhaber hast.�</p><p>�Kannst du mir auch nur einen Kandidaten nennen?�, schnaubte Swetlana.</p><p>�Nein�, bekannte ich nach kurzem Nachdenken. �Aber vielleicht hat jemand, der hier eine Datscha gemietet hat��</p><p>�Hier herrscht die reinste Weiberwirtschaft�, fiel Swetlana mir ins Wort. �Entweder sind sie alleinstehend, oder die M�nner sind den ganzen Tag auf Arbeit, w�hrend die Frauen mit den Kindern hier die Landluft genie�en� �brigens, Anton, hier ist etwas Komisches passiert��</p><p>�Was denn?�, fragte ich neugierig. Wenn Swetlana schon von�etwas Komischem�sprach�</p><p>�Gestern hat mich doch Anna Viktorowna besucht, nicht wahr?�</p><p>�Die Paukerin?�, sagte ich schmunzelnd. Anna Viktorowna war eine so typische Lehrerin, dass sie direkt aus dem Kinderprogramm im Fernsehen entsprungen zu sein schien. �Ich dachte, sie habe deine Mutter besucht.�</p><p>�Meine Mutter und mich. Sie hat zwei Kinder, Romka, ihren kleinen f�nfj�hrigen Sohn, und Xjuscha, die schon zehn ist. �</p><p>�Sehr l�blich�, pries ich Anna Viktorowna.</p><p>�Ver�ppeln kann ich mich selbst. Vor zwei Tagen haben sich ihre Kinder im Wald verlaufen.�</p><p>Mit einem Schlag war die M�digkeit von mir gewichen, ich setzte mich in der H�ngematte auf und hielt mich mit der Hand am Baum fest. Sah Swetlana an. �Warum hast du das nicht gleich gesagt? Vertrag hin oder her, aber wenn��</p><p>�Du brauchst dich nicht aufzuregen, sie haben sich verlaufen, haben aber auch wieder herausgefunden. Am Abend waren sie wieder da.�</p><p>�Das kommt in der Tat nicht h�ufig vor�, platzte ich heraus. �Kinder, die ein paar Stunden im Wald bleiben! Sie m�gen doch nicht obendrein auch noch Erdbeeren?�</p><p>�Nachdem ihre Mutter ihnen die Leviten gelesen hatte, fingen sie an zu erz�hlen, dass sie sich verlaufen haben�, fuhr Swetlana unersch�tterlich fort. �Und einem Wolf begegnet sind. Der Wolf hat sie durch den Wald gejagt, direkt zu seinen Jungen hin��</p><p>�Hm��, murmelte ich. Ich sp�rte, wie etwas bedenklich in meiner Brust schlug.</p><p>�Die Kinder hatten nat�rlich Angst. Dann ist pl�tzlich eine Frau aufgetaucht, die dem Wolf einen Vers aufgesagt hat, worauf dieser weggerannt ist. Dann hat die Frau die Kinder in ihr H�uschen gebracht, ihnen Tee gemacht und sie dann bis zum Waldrand begleitet. Sie hat behauptet, Botanikerin zu sein und Kr�uter zu besitzen, vor denen W�lfe Angst haben��</p><p>�Das sind kindliche Phantasien�, fiel ich ihr ins Wort. �Ist mit den beiden alles in Ordnung? �</p><p>�Absolut.�</p><p>�Ich habe schon irgendeine Gemeinheit bef�rchtet�, sagte ich und streckte mich wieder in der H�ngematte aus. �Hast du sie auf Magie �berpr�ft?�</p><p>�Sie sind absolut sauber�, informierte Swetlana mich. �Nicht die geringsten Spuren.�</p><p>�Phantasien. Oder sie haben tats�chlich vor jemandem Angst gehabt� vielleicht sogar vor einem Wolf. Und irgendeine Frau hat sie dann aus dem Wald herausgebracht. Die Kinder hatten wirklich Gl�ck, auch wenn eine Tracht Pr�gel��</p><p>�Der Kleine, Romka, hat gestottert. Ziemlich stark sogar. Jetzt spricht er absolut fl�ssig. Er plappert in einem fort, tr�gt kleine Gedichte vor��</p><p>Ich dachte kurz nach. �Kann man Stottern heilen?�, fragte ich. �Durch Suggestion oder Hypnose� oder was es sonst noch so gibt.�</p><p>�Das ist nicht zu heilen. Im Unterschied zu Schnupfen. Und jeder Arzt, der dir verspricht, durch Hypnose sei das Stottern wegzukriegen, ist ein Scharlatan. Nat�rlich, wenn es eine reaktive Neurose w�re, dann��</p><p>�Verschon mich mit diesen Begriffen�, bat ich. �Es l�sst sich also nicht heilen. Und alternative Mittel?�</p><p>�Vielleicht k�nnten wilde Andere tats�chlich etwas ausrichten� Kannst du Stottern heilen?�</p><p>�Und n�chtliches Bettn�ssen auch�, brummte ich. �Dito Einkoten. Aber du hast doch keine Magie gesp�rt, oder, Sweta? �</p><p>�Aber das Stottern ist weg.�</p><p>�Das kann nur eins hei�en��, r�umte ich widerwillig ein. Ich seufzte und erhob mich nun doch aus der H�ngematte. �Das sieht nicht gut aus, Sweta. Eine Hexe. Noch dazu von einer Kraft, die deine �bersteigt. Und du stehst auf der ersten Kraftstufe!�</p><p>Swetlana nickte. Ich komme nur selten darauf zu sprechen, dass ihre Kraft meine �bersteigt. Denn das ist das, was uns in erster Linie trennt - eines Tages vielleicht f�r immer.</p><p>Und Swetlana hatte extra die Nachtwache verlassen! Sonst� sonst w�re sie jetzt bereits eine Zauberin au�erhalb jeder Kategorie.</p><p>�Aber den Kindern ist doch nichts passiert�, fuhr ich fort. �Kein widerlicher Zauberer hat sich an dem M�dchen vergriffen, keine b�se Hexe hat aus dem Jungen Suppe gemacht� Also, wenn das eine Hexe ist, warum legt sie dann ein so gutes Verhalten an den Tag?�</p><p>�Hexen m�ssen nicht immer Menschen fressen oder zu sexueller Aggressivit�t neigen�, erwiderte Swetlana so ernst, als halte sie einen Vortrag. �Ihr ganzes Verhalten wird von normalem Egoismus bestimmt. Wenn eine Hexe <emphasis>sehr </emphasis>hungrig ist, dann k�nnte sie wohl in der Tat �ber einen Menschen herfallen. Einfach aus dem Grund, weil sie sich selbst nicht zu den Menschen z�hlt. Aber sonst� Warum h�tte sie den Kindern nicht helfen sollen? Das kostet sie nichts. Sie hat sie aus dem Wald herausgebracht und das Stottern des Jungen geheilt. Wom�glich hat sie selbst Kinder. Du w�rdest doch auch einen kleinen Hund f�ttern, der kein Zuhause mehr hat, oder?�</p><p>�Das gef�llt mir nicht�, versicherte ich. �Eine Hexe von solcher Kraft? Sie erreichen doch nur selten den ersten Grad, nicht wahr?�</p><p>�Sehr selten.�Swetlana sah mich forschend an. �Bist du dir genau �ber den Unterschied zwischen einer Zauberin und einer Hexe im Klaren, Anton? �</p><p>�Im Gro�en und Ganzen, ja�, antwortete ich.</p><p>Doch Swetlana lie� nicht locker. �Eine Zauberin arbeitet direkt mit dem <emphasis>Zwielicht, </emphasis>aus dem sie ihre Kraft sch�pft. Eine Hexe dagegen benutzt materielle Hilfsmittel, die mehr oder weniger stark mit Kraft aufgeladen sind. Alle magischen Artefakte, die es auf der Welt gibt, sind von Hexen oder Hexern geschaffen worden. Das sind ihre�Prothesen�, wenn du so willst. Als Artefakte k�nnen alle Gegenst�nde oder K�rperorgane aus Horn wie Haare oder lange Fingern�gel dienen� Deshalb ist eine Hexe ungef�hrlich, wenn du sie ausziehst und rasierst, w�hrend du einer Zauberin noch mit einem Knebel den Mund stopfen und die H�nde fesseln musst.�</p><p>�Dir stopft garantiert niemand den Mund�, feixte ich. �Sweta, wozu h�ltst du mir diesen Vortrag? Ich bin kein gro�er Magier, aber die grundlegenden Dinge wei� auch ich, �ber die musst du mich nicht aufkl�ren��</p><p>�Tut mir leid, ich wollte dich nicht verletzen�, entschuldigte sich Sweta sofort.</p><p>Ich sah sie an - und erkannte den Schmerz in ihren Augen. Was bin ich doch f�r ein Schwein!</p><p>Warum muss ich meine Komplexe immer an der Frau auslassen, die ich liebe?! Ich bin mieser als jeder Dunkle�</p><p>�Verzeih mir, Swetka��, fl�sterte ich und ber�hrte ihre Hand. �Hab Nachsehen mit einem alten Idioten.�</p><p>�Ich muss mich wohl auch an die eigene Nase fassen�, r�umte Sweta ein. �In der Tat: Warum halte ich dir hier gro�e Vortr�ge? Du hast es in der Wache jeden Tag mit Hexen zu tun��</p><p>Der Friede war wiederhergestellt. �Mit solchen starken?�, fragte ich sofort zur�ck. �Vergiss nicht, in ganz Moskau gibt es eine Hexe ersten Grades, und die hat sich seit langem aus dem Gesch�ft zur�ckgezogen� Was sollen wir jetzt tun, Sweta?�</p><p>�Wir haben keinen triftigen Grund zu intervenieren�, meinte Sweta besorgt. �Den Kindern geht es gut, dem Jungen sogar besser. Es bleiben zwei Fragen: Was f�r ein komischer Wolf hat die Kinder zu seinen Jungen getrieben? �</p><p>�Wenn es �berhaupt ein Wolf war�, warf ich ein.</p><p>�Eben�, stimmte Sweta mir zu. �Aber irgendwie haben die Kinder alles sehr �berzeugend berichtet� Und die zweite Frage: Ist die Hexe hier im Ort registriert, was haben wir �ber sie��</p><p>�Das kriegen wir sofort raus�, sage ich, w�hrend ich nach meinem Handy langte.</p><p>F�nf Minuten sp�ter bekam ich die Antwort, dass es nach den Unterlagen der Nachtwache keine Hexen in dieser Gegend gab oder geben d�rfte.</p><p>Weitere zehn Minuten sp�ter verlie� ich den Hof, bewaffnet mit den Instruktionen und Ratschl�gen meiner Frau, die zugleich eine verhinderte Gro�e Zauberin war. Als ich am Schuppen vorbeiging, linste ich durch die offene T�r hinein. Kolja hing �ber der offenen Motorhaube, auf einer ausgebreiteten Zeitung lagen verschiedene Schrauben und Teilchen. Oh, oh, ich hatte doch nur was von einem Klopfen im Motor gesagt! Au�erdem sang Onkel Kolja, brummte vor sich hin:</p><poem><stanza><v>Wir sind keine Heizer, sind keine Zimmerleute,</v><v>Wir sind die Kommunistische Garde von heute!</v></stanza></poem><p>Anscheinend hatte sein Ged�chtnis nur diese beiden Zeilen abgespeichert, die er wie aufgezogen wiederholte, w�hrend er selbstvergessen am Motor fummelte:</p><poem><stanza><v>Wir sind keine Heizer, sind keine Zimmerleute,</v><v>Wir sind die Kommunistische Garde von heute!</v></stanza></poem><p>�Ein halber Liter wird hier nicht reichen, Antoscha!�, rief Onkel Kolja fr�hlich, sobald er mich sah. �Die Japaner m�ssen v�llig den Verstand verloren haben, was sie in diesen Diesel gestopft haben, ist ja nicht mit anzusehen!�</p><p>�Das waren nicht die Japaner, sondern die Deutschen�, korrigierte ich ihn.</p><p>�Die Deutschen?�, wunderte sich Onkel Kolja. �Ach, das ist ja ein BMW, und ich habe fr�her nur den Subaru wieder auf Vordermann gebracht� Was die sich dabei gedacht haben, die Dinger hier v�llig anders zu bauen� Aber keine Sorge, ich krieg das schon hin! Allerdings dr�hnt mir der Sch�del, das ist die Pest��</p><p>�Geh zu Sweta, sie gibt dir ein Schl�ckchen!�, fand ich mich mit dem Unvermeidlichen ab.</p><p>�Nein.�Onkel Kolja sch�ttelte den Kopf. �W�hrend der Arbeit nie. Sonst verpfusch ich dir das� Unser erster Vorsitzender, Friede seiner Asche, hat mir eingesch�rft: Wenn du schraubst, keinen Tropfen! Geh nur, geh. Ich habe hier noch bis zum Abend zu tun.�</p><p>Innerlich nahm ich von dem Wagen Abschied und trat dann auf die staubige hei�e Stra�e hinaus.</p><p>Den kleinen Romka machte mein Besuch unsagbar gl�cklich. Ich kam genau in dem Moment, als Anna Viktorowna eine sch�ndliche Niederlage im Kampf um den Mittagsschlaf hinnehmen musste. Romka, ein magerer und braun gebrannter Junge, sprang auf der Matratze herum. �Schlaf ich an der Wand�, schrie er �berm�tig. �Krieg ich morgen um mein Knie 'nen Verband!�</p><p>�Was soll ich nur mit ihm machen?�, freute sich Anna Viktorowna �ber mein Erscheinen. �Guten Tag, Anton. Sagen Sie, f�hrt sich Ihre Nadenka auch so auf?�</p><p>�Nein�, log ich.</p><p>Romka h�rte auf zu springen und schaute uns aufmerksam an.</p><p>�Dann nehmen sie den hier doch mit�, schlug Anna Viktorowna scheinheilig vor. �Was soll ich mit so einem Rabauken anfangen? Sie sind ein strenger Mann, Sie werden ihn schon erziehen. Er wird auf Nadenka aufpassen, ihre Windeln b�geln, die B�den f�r Sie wischen, den M�ll rausbringen��</p><p>Bei diesen Worten zwinkerte Anna Viktorowna mir heftig zu, als ob ich ihren Vorschlag tats�chlich f�r bare M�nze nehmen und mir kurzerhand einen minderj�hrigen Sklaven besorgen k�nnte.</p><p>�Ich denk dr�ber nach�, unterst�tzte ich ihre p�dagogischen Bem�hungen. �Wenn er absolut nicht h�ren will, nehmen wir ihn zur Umerziehung auf. Bei uns haben schon schlimmere Kinder gelernt zu spuren!�</p><p>�Sie nehmen mich ja doch nicht!�, meinte Romka keck, fing aber immerhin nicht wieder an zu springen, sondern setzte sich aufs Bett und streckte die Beine auf der Decke aus. �Was sollten Sie mit einem solchen Rabauken schon anfangen? �</p><p>�Dann stecke ich dich ins Internat�, drohte Anna Viktorowna.</p><p>�Nur herzlose Menschen stecken Kinder ins Internat�, wiederholte Romka einen Satz, den er ohne Frage aufgeschnappt hatte. �Aber du bist nicht herzlos!�</p><p>�Was soll ich blo� mit ihm machen?�, stellte Anna Vikto-rowna noch einmal ihre rhetorische Frage. �M�chten Sie etwas eisgek�hlten Kwass?�</p><p>�Ich auch, ich auch�, piepste Romka, bevor er unter dem strengen Blick seiner Mutter verstummte.</p><p>�Danke�, meinte ich nickend. �Ehrlich gesagt, bin ich wegen dieses Rabauken gekommen��</p><p>�Hat er was angestellt?�, wollte Anna Viktorowna gleich wissen.</p><p>�Sweta hat mir vom Abenteuer Ihrer Kinder erz�hlt� und von dem Wolf. Ich bin J�ger, aber so etwas��</p><p>Innerhalb einer Minute sa� ich am Tisch und wurde mit kaltem Kwass und allerlei Aufmerksamkeiten bewirtet.</p><p>�Eben. Ich bin Lehrerin, ich verstehe was von diesen Dingen�, meinte Anna Viktorowna. �Die W�lfe sind die Sanit�ter des Waldes� Das ist nat�rlich eine L�ge, denn ein Wolf rei�t nicht nur kranke Tiere, sondern durch die Bank alle Tiere� Trotzdem ist er ein Lebewesen. Der Wolf ist nicht schuld daran, dass er ein Wolf ist� Aber hier, in der N�he des Dorfs! Er jagt Kinder! Treibt sie zu seinen Jungen. Wissen Sie, was das bedeutet?�Ich nickte.</p><p>�Er bringt seinen Jungen das Jagen bei.�In Anna Viktorownas Augen loderte Angst oder ein m�tterlicher Zorn auf, vor dem sowohl W�lfe wie auch B�ren im tiefsten Wald Zuflucht gesucht h�tten. �Was ist das? Ein Menschen fressender Wolf?�</p><p>�Das kann nicht sein�, erwiderte ich. �Hier hat es noch nie einen Fall gegeben, wo ein Wolf einen Menschen angefallen h�tte. Ohnehin gibt es hier schon lange keine W�lfe mehr� Das war wohl eher ein verwilderter Hund. Aber das m�chte ich gern �berpr�fen.�</p><p>�Tun Sie das�, meinte Anna Viktorowna in festem Ton. �Und wenn� selbst wenn das ein Hund war. Wenn die Kinder sich das nicht ausgedacht haben��Erneut nickte ich.</p><p>�Erschie�en Sie ihn�, bat Anna Viktorowna. Dann fuhr sie im Fl�sterton fort: �Ich schlafe nachts nicht mehr. Wenn ich nur daran denke� was h�tte passieren k�nnen.�</p><p>�Aber das war ein Hund!�, erklang vom Bett Romkas Stimme her�ber.</p><p>�Scht!�, fuhr Anna Viktorowna ihn an. �Gut, komm her. Erz�hl dem Onkel, wie alles gewesen ist.�</p><p>Es bedurfte keiner weiteren �berredungsk�nste, damit Romka vom Bett sprang, zu uns kam und sich h�chst gesch�ftig auf meinen Scho� setzte. Fordernd sah er mir in die Augen. Ich zerzauste ihm das st�rrische, ausgeblichene Haar. �Also, die Sache war so��, begann Romka voller Genugtuung.</p><p>Anna Viktorowna blickte Romka irgendwie sehr traurig an. Ich verstand sie. Den Vater dieser Kinder konnte ich jedoch nicht verstehen. Es kann alles M�gliche passieren, die Leute trennen sich - aber die eigenen Kinder danach aus seinem Leben zu verbannen und sie mit Alimenten abzuspeisen?</p><p>�Wir sind gelaufen und immer weiter gelaufen, also wir sind spazieren gegangen�, erz�hlte Romka erm�dend langatmig. �Wir sind spazieren gegangen und in den Wald gekommen. Und dann hat Xjuscha mir schreckliche Geschichten erz�hlt��</p><p>Aufmerksam h�rte ich mir seinen Bericht an. Die�schrecklichen Geschichten�legten einmal mehr nahe, dass sie sich die ganze Geschichte ausgedacht hatten. Anderseits schilderte der Junge alles absolut klar. Abgesehen von den f�r sein Alter typischen Wiederholungen einzelner W�rter, verhedderte er sich nicht einmal.</p><p>F�r alle F�lle scannte ich auch noch die Aura des Jungen. Ein Mensch� ein kleiner Mensch. Ein guter kleiner Mensch, von dem man glauben m�chte, dass er zu einem guten Menschen heranw�chst. Nicht die geringsten Hinweise darauf, dass es sich bei ihm um einen potenziellen Anderen handeln k�nnte. Und nicht die geringsten Spuren einer magischen Manipulation.</p><p>Wenn jedoch schon Swetlana nichts bemerkt hatte - was sollte mir mit meinem zweiten Grad dann eigentlich auffallen?</p><p>�Und pl�tzlich hat der Wolf gelacht!�, rief Romka, w�hrend er fr�hlich mit den H�nden fuchtelte.</p><p>�Hast du denn keine Angst gehabt?�, fragte ich. Zu meinem Erstaunen dachte Romka lange dar�ber nach.</p><p>�Doch�, sagte er dann. �Ich bin noch klein, und der Wolf war gro�. Au�erdem hatte ich keinen Stock - wo kriege ich im Wald einen Stock her? Aber sp�ter hatte ich dann keine Angst mehr.�</p><p>�Hast du jetzt Angst vor W�lfen?�, hakte ich nach. Nach einem solchen Abenteuer h�tte jeder normale Junge angefangen zu stottern. Romka hingegen hatte damit aufgeh�rt!</p><p>�Nicht die Spur!�, versicherte der Junge. �Aber wegen Ihnen habe ich jetzt meinen Faden verloren. Wo war ich denn? �</p><p>�An der Stelle, wo der Wolf gelacht hat�, meinte ich l�chelnd.</p><p>�Genau wie ein Mensch�, sagte Romka.</p><p>Alles klar. Ich hatte es schon ziemlich lange nicht mehr mit Werw�lfen zu tun gehabt. Noch dazu mit solchen hinterh�ltigen� Kinder zu jagen, nur hundert Kilometer von Moskau entfernt. Worauf hofften sie? Dass es hier im Dorf keine Wache gab? Dabei ging das regionale B�ro jedem Fall von vermissten Menschen nach. F�r diese Aufgabe gibt es einen guten und hochspezialisierten Magier. Er macht das mit Methoden, die alle Welt f�r pure Scharlatanerie h�lt, sieht sich Fotos an und legt sie dann weg oder ruft die Fahnder an, um besorgt zu klagen: �Irgendwas ist hier� irgendwas, aber ich wei� nicht, was��</p><p>Dann w�rden wir losfahren, im Moskauer Umland ausschweifen, den Wald durchk�mmen, Spuren sichern� schreckliche Spuren, an die wir uns jedoch gew�hnt haben. Die Tiermenschen w�rden vermutlich bei ihrer Verhaftung Widerstand leisten. Und irgendjemand - m�glicherweise w�re ich das - w�rde mit der Hand wedeln. Daraufhin w�rde der leuchtende graue H�henrauch durch das <emphasis>Zwielicht </emphasis>kriechen�</p><p>Solche wie sie fangen wir nur selten lebend. Wollen es auch gar nicht.</p><p>�Au�erdem glaube ich�, fuhr Romka verst�ndig fort, �dass der Wolf etwas gesagt hat. Ich glaube, ich glaube� Aber er hat doch gar nicht geredet, das wei� ich. W�lfe reden schlie�lich nicht, oder? Aber ich tr�ume davon, dass er etwas gesagt hat. �</p><p>�Und was?�, fragte ich vorsichtig nach.</p><p>�Geh� weg, He-xe!�, meinte Romka, der angestrengt versuchte, den heiseren Bass nachzuahmen.</p><p>Also doch. Damit konnte ich eine Razzia anordnen. Oder sogar Hilfe aus Moskau anfordern.</p><p>Das war ein Werwolf gewesen, ohne Frage. Und die Kinder konnten von Gl�ck sagen, dass sich auch noch eine Hexe in der Gegend rumtrieb. Eine starke. Eine sehr starke.</p><p>Die nicht einfach nur den Werwolf vertrieb, sondern auch noch das Ged�chtnis der Kinder reinigte, ohne dabei die geringste Spur zu hinterlassen. Indem sie einfach nicht allzu tief eindrang. Sie hatte nicht erwartet, dass in dem Dorf ein aufmerksamer W�chter auftauchen w�rde� Bei Bewusstsein erinnerte sich der Junge an nichts - aber im Schlaf, da schon. <emphasis>�Geh weg, Hexe!�</emphasis>Interessant!</p><p>�Danke, Romka.�Ich dr�ckte ihm die kleine Hand. �Ich werde mal in den Wald gehen und nachgucken.�</p><p>�Haben Sie denn keine Angst? Haben Sie ein Gewehr?�, fragte Romka munter.</p><p>�Ja. �</p><p>�Zeigen Sie's mir!�</p><p>�Es ist zu Hause�, meinte Anna Viktorowna streng. �Gewehre sind au�erdem kein Spielzeug f�r Kinder.�</p><p>Romka seufzte. �Aber die kleinen W�lfe erschie�en Sie nicht, ja?�, bat er in herzzerrei�endem Ton. �Bringen Sie mir lieber einen von ihnen mit, dann erziehe ich ihn wie einen Hund! Oder zwei, einen f�r mich, einen f�r Xjucha!�</p><p>�Roman!�, rief Anna Viktorowna ihn mit strenger Stimme zurecht.</p><p>Xjuscha fand ich am Teich, genau wie ihre Mutter es gesagt hatte. Eine Gruppe M�dchen brutzelte neben einer Horde Jungen in der Sonne, auf beiden Seiten flogen spitze Bemerkungen hin und her. Die m�nnlichen Wasserratten waren in dem Alter, in dem sie die M�dchen bereits nicht mehr an den Z�pfen zogen - aber noch nicht begriffen, was sie mit ihnen anstellen sollten.</p><p>Bei meinem Auftauchen verstummten alle, Neugier und Furcht packte sie. Ich war im Dorf noch nicht allzu bekannt.</p><p>�Oxana?�, fragte ich ein M�dchen, das ich meiner Ansicht nach schon einmal zusammen mit Romka gesehen hatte und das Xjuscha sein konnte.</p><p>Ein sehr ernstes M�dchen mit blauem Badeanzug sah mich an und nickte. �Hallo� Guten Tag�, sagte sie h�flich.</p><p>�Guten Tag. Ich bin Anton, der Mann von Swetlana Nasarowa. Kennst du sie?�, fragte ich.</p><p>�Wie hei�t Ihre Tochter?�, fragte Oxana misstrauisch.</p><p>�Nadja.�</p><p>�Ich kenne sie�, meinte Oxana nickend und erhob sich aus dem Sand. �Sie wollen mit mir �ber die W�lfe reden, nicht wahr? �</p><p>�Richtig�, meinte ich mit einem L�cheln.</p><p>Oxana schielte zu den Kindern hin�ber. Genauer, zu den Jungen.</p><p>�Ach, das ist ja Nadkas Vater�, bemerkte ein sommersprossiger Bengel, in dem - warum auch immer - der d�rfliche Ursprung nicht zu �bersehen war. �Mein Vater repariert gerade Ihr Auto.�Stolz blickte er seine Freunde an.</p><p>�Wir k�nnen uns auch hier unterhalten�, schlug ich zur Beruhigung der Kinder vor. Es war nat�rlich schrecklich, dass sich normale, in Familien aufwachsende Kinder in diesem Alter ein solches Misstrauen angew�hnt hatten. Aber vielleicht war es auch besser so.</p><p>�Wir sind im Wald spazieren gegangen�, fing Oxana an zu erz�hlen, die sich kerzengerade vor mich aufgebaut hatte. Ich dachte kurz nach und setzte mich dann in den Sand, worauf sich auch das M�dchen wieder setzte. Anna Viktorowna hatte ihre Kinder wirklich gut erzogen. �Es war meine Schuld, dass wir uns verirrt haben��</p><p>Einer der Dorfjungen lachte. Wenn auch leise. Vermutlich war Oxana nach diesen Geschichten mit den W�lfen zum beliebtesten M�dchen bei den j�ngeren Schulkindern avanciert.</p><p>Im Prinzip erz�hlte Oxana mir nichts Neues. Auch an ihr lie�en sich keine Spuren von Magie feststellen. Nur die Erw�hnung des Schranks�mit alten B�chern� lie� mich aufhorchen.</p><p>�Erinnerst du dich an die Titel?�, fragte ich. Oxana sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Versuch es einmal�, bat ich. Ich sah zu Boden - auf meinen langen, verzerrten Schatten. Gehorsam kroch mir der Schatten entgegen. Dann nahm mich das graue, k�hle <emphasis>Zwielicht </emphasis>auf.</p><p>Kinder aus dem <emphasis>Zwielicht </emphasis>heraus zu betrachten ist immer ein Vergn�gen. Ihre Auren - selbst die der sch�chternsten und ungl�cklichsten - sind noch frei von jener Bosheit und H�rte, die die Auren erwachsener Menschen umh�llen.</p><p>Innerlich entschuldigte ich mich bei den Kindern, schlie�lich hatten sie mich nicht um das gebeten, was ich jetzt tat. Mit einer sachten, unmerklichen Ber�hrung glitt ich �ber sie hinweg. Einfach so. Ich l�schte jene Funken des B�sen, die bei ihnen trotz allem schon aufblitzten.</p><p>Dann strich ich Oxana �ber den Kopf. �Erinner dich, M�dchen��, fl�sterte ich.</p><p>Sicher, ich w�rde die Barriere, die jene unbekannte Hexe errichtet hatte, nicht beseitigen k�nnen, wenn sie st�rker oder genauso stark war wie ich. Aber zu meinem Gl�ck schien sie an eine Kinderfreundin geraten zu sein. Die Hexe war h�chst behutsam mit dem Bewusstsein der beiden umgegangen.</p><p>Ich trat aus dem <emphasis>Zwielicht </emphasis>heraus. Wie in einem Backofen schlug die hei�e Luft �ber mir zusammen. Was f�r ein br�tender Sommer!</p><p>�Jetzt wei� ich es wieder!�, verk�ndete Oxana stolz. �Ein Buch hie� <emphasis>Aliada Ansata.�</emphasis>Ich runzelte die Stirn.</p><p>Von den gew�hnlichen Kr�uterb�chern - ich meine von den gew�hnlichen Hexenkr�uterb�chern - unterschied sich dieses durch seine besondere Niedertr�chtigkeit. Dort wurden sogar f�r L�wenzahn einige abscheuliche Anwendungsformen vorgestellt.</p><p>�Dann noch <emphasis>Kassagar Garsarra�, </emphasis>sagte Oxana. Eines der Kinder kicherte. Wenn auch unsicher.</p><p>�Wie war der Titel geschrieben?�, fragte ich. �In lateinischen Buchstaben? So wie englisch� ja? <emphasis>Kassagar Garsarra?�</emphasis></p><p>Wozu hatte ich das wiederholt? Als ob man den Unterschied h�ren konnte�</p><p>�Nein, mit russischen Buchstaben�, meinte Oxana. �Aber mit komischen, alten.�</p><p>Noch nie hatte ich von einer �bersetzung dieses selbst f�r die Dunklen seltenen Werks ins Russische geh�rt. Es ist verboten, das Buch zu drucken, denn dann b��en die Zauberspr�che ihre Magie ein. Man darf es blo� abschreiben. Ausschlie�lich mit Blut. Und zwar keinesfalls mit dem Blut einer Jungfrau oder dem unschuldiger Kinder, das sind irrige Ansichten, die sp�ter aufkamen; entsprechende Abschriften taugen �berhaupt nichts. Bis heute glaubt man, das <emphasis>Kassagar Garsarra </emphasis>existiere lediglich auf Arabisch, Spanisch, Latein und Althochdeutsch. Das Blut muss von dem Magier, der das Buch abschreiben m�chte, stammen. F�r jeden Zauberspruch muss er sich frisches abzapfen. Und das Buch ist dick�</p><p>Au�erdem flie�t zusammen mit dem Blut die Kraft aus ihm hinaus.</p><p>Was k�nnen wir stolz auf die russischen Hexen sein! Hatte sich doch eine Fanatikerin gefunden! �Ist das alles?�, fragte ich. �Noch das <emphasis>Fuaran.�</emphasis></p><p>�So ein Buch gibt es nicht, das hast du dir ausgedacht��, entgegnete ich unwillk�rlich. �Wie war das? <emphasis>Fuaran? �</emphasis></p><p><emphasis>�Fuaran�, </emphasis>best�tigte Oxana.</p><p>Nein, in diesem Buch gab es nichts Gemeines. Nur wurde es in allen Nachschlagewerken als Phantasieprodukt ausgewiesen. Der Legende nach enthielt das Buch Instruktionen, wie aus einem Menschenkind eine Hexe oder ein Hexer zu machen sei. Genaue und angeblich funktionierende Anweisungen. Als ob das m�glich w�re! Oder etwa doch, Geser? �Erstaunliche B�cher�, sagte ich.</p><p>�Das sind botanische B�cher, nicht wahr?�, fragte Oxana.</p><p>�Hm�, best�tigte ich. �Vergleichbar mit Katalogen. Im <emphasis>Aliada Ansata </emphasis>wird beschrieben, wo man verschiedene Kr�uter findet� und so weiter. Vielen Dank, Xjuscha.�</p><p>Interessante Dinge taten sich in unserm Wald! Ganz in der N�he von Moskau sitzt im tiefsten Dickicht - aber was hei�t hier Dickicht? -, in einem kleinen Wald eine m�chtige Hexe mit einer Bibliothek voll seltenster B�cher zu allen dunklen Gebieten. Ab und an rettet sie Kinder vor idiotischen Werw�lfen. Besten Dank auch daf�r! Aber die B�cher, die sie besitzt, m�ssen gemeldet werden, und zwar beiden Wachen und der Inquisition. Denn die Kraft, die hinter ihnen steht, ist enorm, ist gef�hrlich.</p><p>�Du kriegst eine Tafel Schokolade von mir�, versprach ich. �Du hast alles sehr sch�n erz�hlt.�Oxana zierte sich nicht, sondern sagte blo߻danke�. Und schien das Interesse an unserem Gespr�ch v�llig verloren zu haben.</p><p>Offenbar hatte die Hexe ihr als der �lteren das Ged�chtnis gr�ndlicher gereinigt. Nur an die B�cher, die das M�dchen gesehen hatte, hatte sie nicht gedacht. Und das beruhigte mich ein wenig.</p></section><section><title><p>Zwei</p></title><p>Geser h�rte mir mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu. An manchen Stellen hakte er nach, schwieg dann, seufzte und �chzte. Ich l�mmelte mich in der H�ngematte, das Handy in der Hand, und erstattete ausf�hrlich Bericht� Nur das <emphasis>Fuaran, </emphasis>das die Hexe besa�, verschwieg ich.</p><p>�Gute Arbeit, Anton�, meinte Geser schlie�lich. �Wirklich gut. Du hast dich da nicht auf die faule Haut gelegt. �</p><p>�Was soll ich jetzt tun?�, fragte ich.</p><p>�Du musst die Hexe finden�, erwiderte Geser. �Sie hat zwar nichts B�ses angerichtet, muss sich aber registrieren lassen. Na ja� die �bliche Prozedur, du wei�t Bescheid. �</p><p>�Und die Werw�lfe?�, wollte ich wissen.</p><p>�Vermutlich Moskauer, die auf Tournee im Umland sind�, kommentierte Geser gelassen. �Ich werde den Befehl geben, alle Werw�lfe zu �berpr�fen, die mehr als drei Kinder mit Anlagen zum Tiermenschen haben. �</p><p>�Es gab insgesamt nur drei Junge�, erinnerte ich ihn.</p><p>�Der Werwolf k�nnte nur die �ltesten mit auf Jagd genommen haben�, erkl�rte Geser. �In der Regel sind es gro�e Familien� Im Dorf haben sich nicht gerade irgendwelche verd�chtigen Leute auf den Datschen einquartiert? Also ein Erwachsener und drei oder mehr Kinder? �</p><p>�Nein�, bedauerte ich. �Daran haben Sweta und ich sofort gedacht� Nur Anna Viktorowna ist mit ihren beiden Kindern gekommen, alle andern haben entweder keine oder nur ein Kind. Wir haben eine Geburtenkrise im Land��</p><p>�Von der demographischen Situation ist mir auch schon etwas zu Ohren gekommen�, unterbrach mich Geser am�siert. �Was ist mit den Dorfbewohnern?�</p><p>�Es gibt gro�e Familien, aber Swetlana kennt die aus dem Dorf alle gut. Die sind sauber, das sind ganz gew�hnliche Menschen.�</p><p>�Also m�ssen es Leute von ausw�rts sein�, schlussfolgerte Geser. �Soweit ich es verstanden habe, ist im Dorf niemand verschwunden. Gibt es in der N�he vielleicht Pensionen oder Hotels?�</p><p>�Ja�, entgegnete ich. �Auf der andern Seite des Flusses, rund f�nf Kilometer entfernt, ist ein Pionierlager� oder wie die Dinger jetzt hei�en. Ich habe schon herausgekriegt, dass dort alles in Ordnung ist und kein Kind vermisst wird. Man l�sst sie auch gar nicht zum Fluss hinunter, das ist ein Lager mit milit�rischer Disziplin, ziemlich streng. Schlafengehen, Aufstehen, f�nf Minuten zum Anziehen. Machen Sie sich deswegen keine Sorgen.�</p><p>Geser kr�chzte missmutig. �Brauchst du Hilfe, Anton?�, fragte er.</p><p>Ich dachte nach. Das war die entscheidende Frage, auf die ich bislang noch keine Antwort hatte finden k�nnen.</p><p>�Ich wei� es nicht. Die Hexe ist anscheinend st�rker als ich. Aber ich will sie ja nicht ermorden� und das sollte sie sp�ren.�</p><p>Weit, weit weg, in Moskau, versank Geser tief in Gedanken. �Swetlana soll die Wahrscheinlichkeitslinien �berpr�fen�, stie� er dann hervor. �Wenn f�r dich keine gro�e Gefahr besteht� dann versuch, allein mit der Sache klarzukommen. Wenn sie h�her als zehn, zw�lf Prozent ist� dann��Er z�gerte, fuhr dann aber recht munter fort: �Dann kommen Ilja und Semjon. Oder Danila und Farid. Zu dritt schafft ihr das.�</p><p>Ich l�chelte. Dein Plan sieht anders aus, Geser. Ganz anders. Du hoffst, dass mich im Notfall Swetlana rettet. Und dann in die Nachtwache zur�ckkehrt�</p><p>�Au�erdem hast du noch Swetlana�, meinte Geser abschlie�end. �Du �berblickst das Ganze. Also mach dich an die Arbeit und gib mir im Notfall Bescheid.�</p><p>�Zu Befehl, <emphasis>mon g�n�ral</emphasis>�<emphasis>, </emphasis>konterte ich. Denn Bescheid zu geben - das hatte Geser in ausgesprochenem Befehlston verlangt.</p><p>�Milit�risch gesprochen, Oberstleutnant�, fuhr mich Geser prompt an, �l�ge mein Dienstgrad nicht unter dem eines Generalissimus. Genug, mach dich an die Arbeit.�</p><p>Nachdem ich das Telefon weggesteckt hatte, verglich ich kurz die Kraftstufen mit den Armeer�ngen. Siebter Grad einfacher Soldat, sechster Sergeant, f�nfter Leutnant, vierter Hauptmann, dritter Major, zweiter Oberstleutnant, erster Oberst.</p><p>Gut, wenn man gro�z�gig war und die Unterteilung innerhalb der einzelnen R�nge au�er Acht lie�, dann w�re ich ein Oberstleutnant. W�hrend der General f�r einen gew�hnlichen Magier au�erhalb jeder Kategorie zu reservieren war. Geser jedoch war ein ungew�hnlicher Magier!</p><p>Die Pforte klapperte, und Ljudmila Iwanowna trat ein. Meine Schwiegermutter. Die unerm�dliche Nadjuschka wirbelte um sie herum. Kaum war sie in den Garten gekommen, warf sie sich johlend in die H�ngematte.</p><p>Ja, meine Tochter war noch nicht initiiert. Doch sie sp�rte ihre Eltern. Und ihren Alltag pr�gte noch vieles mehr, was normale zweij�hrige M�dchen nicht kennen. Zum Beispiel f�rchtete sie sich vor keinem einzigen Tier, w�hrend alle Tiere sie mochten. Hunde und Katzen wichen ihr �berhaupt nicht von der Seite� M�cken bissen sie nicht.</p><p>�Papka�, meinte Nadja, w�hrend sie auf mich kraxelte. �Wir sind spazieren gewesen.�</p><p>�Guten Tag, Ljudmila Iwanowna�, begr��te ich meine Schwiegermutter. F�r alle F�lle: Denn heute Morgen hatten wir uns auch schon begr��t.</p><p>�Du ruhst dich aus?�, fragte meine Schwiegermutter ungl�ubig. Nein, mein Verh�ltnis zu ihr war gut. Kein sprichw�rtliches. Trotzdem hatte ich den Eindruck, sie wolle mir st�ndig irgendetwas vorwerfen. Dass ich ein Anderer war, zum Beispiel - wenn sie denn etwas von den Anderen gewusst h�tte.</p><p>�Ein bisschen�, antwortete ich munter. �Seid ihr weit weg gewesen, Nadja? �</p><p>�Ja.�</p><p>�Bist du jetzt m�de? �</p><p>�Ja�, best�tigte Nadka, �aber Oma ist noch mehr m�de.�</p><p>Ljudmila Iwanowna blieb kurz stehen, als �berlege sie, ob sie einem Nichtsnutz wie mir seine eigene Tochter anvertrauen konnte. Offenbar beschloss sie, es zu wagen. Sie ging ins Haus.</p><p>�Und wohin gehst du?�, fragte Nadjuschka, wobei sie meine Hand kr�ftig dr�ckte.</p><p>�Habe ich denn gesagt, dass ich irgendwohin gehe?�, wunderte ich mich.</p><p>�Nein��, r�umte Nadka ein und zerzottelte sich mit ihrem kleinen H�ndchen das Haar. �Aber du gehst doch? �</p><p>�Ja�, gab ich zu.</p><p>Eben. Wenn ein Kind ein potenzieller Anderer ist - noch dazu von solcher Kraft -, verf�gt es von Geburt an �ber die Gabe, in die Zukunft zu sehen. Vor einem Jahr hatte Nadka eine Woche vor dem Zeitpunkt, als die ersten Z�hne durchkamen, angefangen zu weinen.</p><p>�La, la, la��, fing Nadja an zu singen und guckte zum Zaun hin�ber. �Der Zaun muss gestrichen werden! �</p><p>�Hat Oma das gesagt?�, wollte ich wissen.</p><p>�Ja. Wenn hier ein richtiger Mann w�re, w�rde er den Zaun streichen�, wiederholte Nadjuschka inbr�nstig die Worte. �Aber hier ist kein richtiger Mann, da muss Oma selbst streichen.�Ich seufzte.</p><p>Zum Teufel mit diesen Datschenfanatikern! Warum m�ssen Menschen auf ihre alten Tage unbedingt in sich die Leidenschaft entdecken, in der Erde zu buddeln? Ob sie sich schon mal an sie gew�hnen wollen?</p><p>�Oma hat einen Spa� gemacht�, sagte ich und klopfte mir auf die Brust. �Hier gibt es einen richtigen Mann, und der wird auch den Zaun streichen! Im Notfall streicht er sogar alle Z�une im ganzen Dorf. �</p><p>�Ein richtiger Mann�, wiederholte Nadka und lachte los.</p><p>Ich vergrub das Gesicht in ihrem Haar und pustete. Nadjuschka fing gleichzeitig zu kichern und zu strampeln an. Ich blinzelte Swetlana zu, die gerade aus dem Haus kam, und setzte meine Tochter auf der Erde ab. �Lauf zu Mama.�</p><p>�Nein, lieber zu Oma�, meinte Swetlana, als sie Nadja auffing. �Milch trinken. �</p><p>�Ich will keine Milch! �</p><p>�Du brauchst sie�, entgegnete Swetlana.</p><p>Darauf widersprach Nadjuschka nicht, sondern steuerte widerspruchslos auf die K�che zu. Selbst bei Menschen gibt es ein seltsames wortloses Verstehen zwischen Mutter und Kind. Was wollte man da erst �ber uns sagen? Nadja sp�rte genau, wann sie sich M�tzchen leisten konnte - und wann sie es besser bleiben lie�.</p><p>�Was hat Geser gesagt?�, fragte Swetlana, w�hrend sie sich neben mich setzte. Die H�ngematte schaukelte.</p><p>�Er hat mir die Wahl gelassen. Ich kann die Hexe allein suchen oder Hilfe rufen. Was meinst du?�</p><p>�Soll ich f�r dich in die Zukunft schauen?�, wollte Swetlana wissen. �Hm.�</p><p>Swetlana schloss die Augen und streckte sich in der H�ngematte aus. Ich zog ihre Beine gerade und legte sie mir �ber die Knie. Von au�en betrachtet die reinste Idylle. Eine attraktive Frau lag in einer H�ngematte und entspannte sich. Neben ihr sa� ihr Mann, der ihr hingebungsvoll �ber die H�fte streichelte�</p><p>Auch ich konnte in die Zukunft sehen. Jedoch viel schlechter als Swetlana, denn das geh�rte nicht zu meinem Spezialgebiet. Au�erdem brauchte ich daf�r weitaus l�nger, und meine Prognose traf nicht immer zu. Swetlana schlug die Augen auf. Sah mich an. �Und?�Ich konnte mich nicht beherrschen.</p><p>�Streichel mich ruhig weiter�, l�chelte sie. �Es ist alles sauber. Ich sehe keine Gefahr.�</p><p>�Anscheinend hat die Hexe genug von ihrem niedertr�chtigen Tun�, feixte ich. �Na gut. Ich werde ihr einen m�ndlichen Verweis wegen der nicht erfolgten Registrierung erteilen.�</p><p>�Ihre Bibliothek beunruhigt mich�, gab Swetlana zu. �Warum hockt sie mit solchen B�chern tief im Wald?�</p><p>�Kann doch sein, dass sie die Stadt einfach nicht mag�, entgegnete ich. �Sie braucht den Wald, die frische Luft��</p><p>�Warum dann das Moskauer Umland? Sie h�tte doch nach Sibirien fahren k�nnen, da ist die Umwelt auch noch nicht so verschmutzt, und es gibt dort die seltensten Kr�uter. Oder in den Fernen Osten.�</p><p>�Sie ist von hier�, meinte ich l�chelnd. �Und sie ist ihrer kleinen Heimat treu.�</p><p>�Irgendwas stimmt hier nicht�, meinte Swetlana ver�rgert. �Ich kann die Geschichte mit Geser einfach nicht vergessen� Und hier hockt eine Hexe!�</p><p>�Warum st��t dir die Sache mit Geser immer wieder auf?�, fragte ich achselzuckend. �Er wollte aus seinem Sohn einen Lichten machen. Ich kann ihn daf�r nicht mal verurteilen. Stell dir doch mal vor, welche Schuldgef�hle er gegen�ber seinem Sohn empfunden haben muss� Er hat geglaubt, der Junge sei tot��</p><p>Swetlana setzte ein ironisches L�cheln auf. �Nadjuschka sitzt gerade auf einem Hocker, baumelt mit den Beinen und will, dass die Haut von der Milch abgesch�pft wird. �</p><p>�Ja und?�Ich wusste nicht, was sie meinte.</p><p>�Ich sp�re, wo sie ist und wie es ihr geht�, erkl�rte Swetlana. �Weil sie meine Tochter ist. Und weil sie eine Andere ist. Dabei bin ich schw�cher als Geser oder Olga��</p><p>�Sie haben geglaubt, ihr Sohn sei gestorben��, murmelte ich.</p><p>�Das kann nicht sein!�, widersprach Swetlana hart. �Geser ist kein gef�hlloser Baumstumpf. Er h�tte sp�ren m�ssen, dass der Junge noch am Leben ist, verstehst du? Und Olga erst recht. Er ist ihr Fleisch und Blut� Sie h�tte nicht glauben d�rfen, dass der Junge gestorben ist. Als sie erst einmal erfahren hatten, dass ihr Sohn am Leben war, stellte alles Weitere kein Problem mehr dar. Geser verf�gt jetzt genau wie vor f�nfzig Jahren �ber gen�gend Kraft, um im ganzen Land das Unterste zuoberst zu kehren und seinen Sohn zu finden.�</p><p>�Willst du damit sagen, sie h�tten ihn absichtlich nicht gesucht?�, fragte ich. Swetlana schwieg. �Oder��</p><p>�Oder�, best�tigte Swetlana. �Oder der Junge war in der Tat ein Mensch. Dann ginge das Puzzle auf. Dann mussten sie an seinen Tod glauben und konnten ihn nur absolut zuf�llig finden.�</p><p>�Das <emphasis>Fuaran�, </emphasis>meinte ich. �Ob diese Hexe irgendwas mit den Ereignissen im Assol zu tun hat?�</p><p>Swetlana zuckte die Schultern. �Ich w�rde schrecklich gern mit dir in den Wald gehen, Anton�, versicherte sie seufzend. �Um diese gute Frau und Botanikerin zu finden, sie nach allem M�glichen zu fragen��</p><p>�Aber du kommst nicht mit�, sagte ich.</p><p>�Genau. Ich habe geschworen, an keiner Operation der Nachtwache teilzunehmen.�</p><p>Ich verstand sie. Teilte Swetlanas Groll auf Geser. Au�erdem h�tte ich es ohnehin vorgezogen, Swetlana nicht mitzunehmen� Es war nicht ihre Aufgabe, Hexen im Wald aufsp�ren.</p><p>Aber um wie vieles leichter und einfacher w�re es, wenn wir zusammenarbeiten w�rden!</p><p>Ich stand auf. Seufzte. �Gut, ich will hier nicht rumtr�deln. Die gr��te Hitze haben wir hinter uns, da werde ich mich mal in den Wald aufmachen. �</p><p>�Es ist bald Abend�, bemerkte Swetlana.</p><p>�Ich hab es ja nicht weit. Die Kinder haben gesagt, die H�tte sei ganz in der N�he.�</p><p>�Gut�, nickte Swetlana. �Aber wart noch einen Moment, ich mache dir ein paar Brote fertig. Und f�lle dir etwas Obstsaft in eine Flasche ab.�</p><p>W�hrend ich auf Swetlana wartete, sp�hte ich vorsichtig in den Schuppen. Mir blieb die Spucke weg. Nicht nur, dass Onkel Kolja den halben Motor auseinander genommen und die Teile auf dem Boden ausgebreitet hatte, nein, neben ihm hing ein weiterer Dorfalkoholiker mit Feuereifer �ber dem Motor, ein gewisser Andrjucha oder Serjoga. V�llig dem Kampf gegen die deutsche Technik anheim gefallen, hatten die beiden noch nicht einmal den von der mitleidigen Swetlana gebrachte Flachmann anger�hrt. Onkel Kolja brummte vor sich hin:</p><p>Springt der Motor mal nicht an, Lass mich und meinen Kumpel ran.</p><p>Auf Zehenspitzen entfernte ich mich vom Schuppen. Zum Kuckuck mit dem Wagen�</p><p>Swetlana stattete mich aus, als wolle ich nicht einen Waldspaziergang machen, sondern m�sse in der Taiga �berleben.</p><p>Eingepackte Brote, eine Flasche mit Obstsaft, ein gutes Taschenmesser, Streichh�lzer, ein D�schen mit Salz, zwei �pfel und eine kleine Taschenlampe.</p><p>Au�erdem �berpr�fte sie, ob mein Handy noch geladen war. Angesichts der bescheidenen Ausma�e des Waldes war das Handy durchaus nicht �berfl�ssig: Im Notfall k�nnte ich auf einen Baum klettern - von dort w�rde ich mit Sicherheit eine Verbindung kriegen.</p><p>Meinen MD-Player packte ich selbst ein. W�hrend ich jetzt langsam Richtung Wald marschierte, h�rte ich <emphasis>Simowje swerej.</emphasis></p><poem><stanza><v>Die alte Stadt schlief l�ngst schon ein,</v><v>Es zittert der gequ�lte Stein,</v><v>Die Nacht, bedroht von Todespein,</v><v>H�llt sich in Schweigen.</v><v>Die alte Stadt schlief l�ngst schon ein,</v><v>Nun spricht der fahle tr�be Schein</v><v>Zu euch als Echo - d�rft ihm kein</v><v>Vertrauen zeigen.</v></stanza><stanza><v>In B�cherein schl�ft Band an Band,</v><v>Voll sind die Scheuern bis zum Rand,</v><v>Genies verlieren den Verstand</v><v>Des Nachts auf Wacht.</v><v>Das Dunkel hat mit schwerer</v><v>Hand Die Unterschiede fortgebannt:</v><v>Das Kapitol, die Kerkerwand</v><v>Sind gleichgemacht.</v></stanza></poem><p>Gro�e Hoffnungen, noch heute Abend auf die Hexe zu sto�en, hegte ich nicht. Besser sollte ich morgen fr�h aufbrechen, obendrein mit einem Team. Aber ich wollte die Verd�chtige ja unbedingt selbst finden! Und einen Blick in das Buch <emphasis>Fuaran </emphasis>werfen.</p><p>Am Waldrand blieb ich kurz stehen, um mir die Welt durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>anzusehen. Nichts Besonderes. Nicht die geringste Spur von Magie. Nur in der Ferne, �ber unserem Haus, blinkte wei�er Feuerschein auf. Eine Zauberin ersten Grades ist von weither zu erkennen� Gut, weiter. Ich hob meinen Schatten auf und trat ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>ein.</p><p>Der Wald verwandelte sich in wabbeligen H�henrauch, in D�sternis. Nur einzelne, nur die gr��ten B�ume hatten in der <emphasis>Zwielicht-Welt </emphasis>einen Doppelg�nger. Wo waren die Kinder aus dem Wald gekommen?</p><p>Ich fand ihre Spur relativ schnell. In ein paar Tagen w�rde die zarte Kette von Abdr�cken wohl geschmolzen sein, aber jetzt lie� sie sich noch erkennen. Kinder hinterlassen klare Spuren, in denen viel Kraft liegt. Klarer sind nur noch die Spuren von Schwangeren.</p><p>Von der Botanikerin fand ich keine Spuren. Freilich, sie konnten auch verschwunden sein. Aber vermutlich achtete diese Hexe seit langem darauf, keine Spuren zu hinterlassen.</p><p>Die Spuren der Kinder hatte sie allerdings nicht beseitigt! Warum nicht? Aus Nachl�ssigkeit? Der ber�hmte russische Schlendrian? Oder absichtlich? Aber R�tselraten w�rde ich hier bestimmt nicht veranstalten.</p><p>Ich speicherte die Fu�abdr�cke der Kinder in meinem Ged�chtnis ab und trat aus dem <emphasis>Zwielicht. </emphasis>Die Spuren sah ich nun zwar nicht mehr, sp�rte jedoch, wohin sie f�hrten. Ich konnte mich auf den Weg machen.</p><p>Zun�chst maskierte ich mich jedoch noch sorgf�ltig. Nat�rlich lie� sich das nicht mit jener Schutzh�lle vergleichen, die Geser f�r mich geschaffen hatte. Trotzdem w�rde mich ein Magier, der schw�cher war als ich, f�r einen Menschen halten. Wom�glich �bersch�tzten wir die Kr�fte dieser Hexe?</p><p>Die erste halbe Stunde sah ich mir meine Umgebung aufmerksam an, betrachtete jedes verd�chtige Geb�sch durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>und wirkte hin und wieder einen einfachen Suchzauber. Kurzum, ich ging strikt nach Lehrbuch vor, wie ein disziplinierter Anderer, der eine Razzia durchf�hrt.</p><p>Dann reichte es mir. Um mich herum war Wald, ein kleiner, nicht ganz gesunder Wald, der aber immerhin noch nicht den Touristen zum Opfer gefallen war. Ob das vielleicht daran lag, dass der ganze Wald nur f�nfzig mal f�nfzig Kilometer ma�? Immerhin trieben sich hier allerlei Waldbewohner wie Eichh�rnchen, Hasen und F�chse herum. W�lfe - echte, keine Werw�lfe - gab es in ihm nat�rlich nicht. Auf die k�nnen wir allerdings auch gut verzichten. Daf�r gab es allerlei Essbares: Einmal setzte ich mich neben einen Strauch mit wilden Himbeeren und pfl�ckte innerhalb von zehn Minuten die bereits leicht vertrockneten, s��en Fr�chte. Dann stie� ich auf eine ganze Siedlung von Steinpilzen. Aber was hei�t Siedlung? Auf eine wahre Metropole! Gro�e, nicht wurmstichige Steinpilze, nicht irgendwelches Murkelzeug, und kein Hallimasch oder R�hrenpilz dazwischen. Nicht einmal geahnt hatte ich, dass ein paar Kilometer vom Dorf entfernt ein solcher Schatz lag!</p><p>Einen Moment lang schwankte ich. Ob ich nicht all die Pilze sammeln, nach Hause bringen und zum Erstaunen von meiner Schwiegermutter und zur Freude Swetlanas auf dem Tisch ausbreiten sollte? Und wie Nadka erst vor Begeisterung jauchzen und gegen�ber den Nachbarskindern mit ihrem erfolgreichen Papa angeben w�rde!</p><p>Dann fiel mir ein, dass bei einer solchen Beute (schlie�lich w�rde ich sie nicht heimlich ins Haus schmuggeln k�nnen) das ganze Dorf im Wald auf Pilzjagd gehen w�rde. Auch die Trinker aus der Gegend, die sich freuen w�rden, die Pilze am Stra�enrand verscherbeln zu k�nnen, um sich hinterher Wodka zu kaufen. Und die alten Frauen, die sich haupts�chlich von dem ern�hrten, was sie fanden. Und alle Kinder aus dem Dorf. Aber irgendwo hier im Wald trieben sich Werw�lfe rum�</p><p>�Sie w�rden es nicht glauben��, sagte ich bitter, w�hrend ich auf die Pilzlichtung blickte.</p><p>Gebratene Steinpilze, o ja, das w�r was. Ich schluckte meine Spucke herunter und folgte meiner Spur. Keine f�nf Minuten sp�ter stie� ich auf ein Holzh�uschen.</p><p>Genau wie die Kinder es beschrieben hatten. Ein kleines Haus, winzige Fenster, kein Zaun, kein Schuppen, kein Gem�segarten. Niemals h�tte irgendjemand solche H�user im Wald errichtet. Selbst das kleinste Waldh�terh�uschen hat noch ein h�lzernes Vordach.</p><p>�He, Hausherren!�, rief ich. �Holla!�Niemand antwortete.</p><p>�H�ttlein, H�ttlein�, murmelte ich. �Den R�cken jetzt zum Walde dreh, damit ich durch die T�re geh��</p><p>Doch die H�tte r�hrte sich nicht. Au�erdem stand sie ohnehin schon mit dem Gesicht zu mir. Pl�tzlich f�hlte ich mich ungeheuer schlau - ganz wie Stirlitz in den Witzen.</p><p>Gut, genug der Dummheiten. Ich gehe da jetzt rein, falls die Frau nicht zu Hause sein sollte, warte ich auf sie�</p><p>Ich ging auf die T�r zu, ber�hrte die verrostete Eisenklinke -und in diesem Moment, als habe jemand nur darauf gewartet, �ffnete sich die T�r.</p><p>�Guten Tag�, sagte eine etwa drei�igj�hrige Frau l�chelnd. Eine sehr sch�ne Frau�</p><p>Aus irgendeinem Grund hatte ich sie mir nach den Erz�hlungen von Romka und Xjuscha �lter vorgestellt. Au�erdem hatten sie ihre �u�ere Erscheinung mit keinem Wort erw�hnt - und in meinem Kopf hatte sich das typische Bild einer�einfachen Frau�gebildet. Ich Idiot! �Sch�n�, das hie� f�r so kleine Kinder�ein prachtvolles Kleid�. In ein oder zwei Jahren w�rde Xjuscha vermutlich begeistert und verz�ckt berichten: �Und wie sch�n die Tante war!�Und als Beispiel Natalia Oreiro oder ein aktuelles M�dchenidol nennen.</p><p>Die Frau trug jedoch blo� Jeans und ein einfaches kariertes Hemd von der Art, wie sie sowohl M�nner als auch Frauen anziehen.</p><p>Hochgewachsen, aber nur so, dass ein Mann von mittlerer Gr��e keine Minderwertigkeitskomplexe entwickelte. Schlank, aber nicht mager. So lange und wohlgeformte Beine, dass man am liebsten losschreien wollte: �Weshalb steckst du in Jeans, du Idiotin, steig sofort in einen Minirock!�Busen - hm, mancher sieht vielleicht lieber zwei Silikonmelonen, mancher bevorzugt eine knabenhaft flache Brust, aber ein normaler Mann h�lt sich in dieser Frage an die gesunde Mitte. Die H�nde� Ich habe keine Ahnung, ob H�nde erotisch sein k�nnen. Aber ihre waren es. So, dass dir sofort der Gedanke durch den Kopf schie�t, diese Finger m�ssten dich ber�hren�</p><p>Bei einer solchen Figur braucht eine Frau kein attraktives Gesicht zu haben. Sie jedoch hatte auch das. Rabenschwarze Haare, gro�e Augen, die l�chelten und bet�rten. Ebenm��ige Gesichtsz�ge, allerdings mit kleinen Abweichungen vom Ideal, die das Auge zwar gar nicht bemerkte, die es jedoch erlaubten, sie als lebendige Frau zu betrachten und nicht als Kunstprodukt. �Gu-Guten Tag�, fl�sterte ich.</p><p>Was war mit mir? Man konnte ja glauben, ich sei auf einer unbewohnten Insel aufgewachsen und h�tte noch nie eine Frau gesehen!</p><p>�Sie sind Romans Vater, oder?�, wollte die Frau mit strahlendem L�cheln wissen. �Was?�, fragte ich begriffsstutzig zur�ck.</p><p>Die Frau wurde leicht verlegen. �Entschuldigen Sie� Hier hat sich vor ein paar Tagen ein Junge im Wald verlaufen, den ich zu seinem Dorf zur�ckgebracht habe. Er hat ebenfalls gestottert� leicht. Da habe ich gedacht��Na toll! Einfach gro�artig!</p><p>�Normalerweise stottere ich nicht�, murmelte ich. �Normalerweise plapper ich allerlei Unsinn zusammen. Aber ich habe nicht damit gerechnet, im Wald einer so sch�nen Frau zu begegnen, das hat mich v�llig aus dem Konzept gebracht.�</p><p>Die�so sch�ne Frau�lachte. �Und diese Worte? Sind die auch Unsinn? Oder die Wahrheit? �</p><p>�Die Wahrheit�, gestand ich.</p><p>�Kommen Sie rein.�Sie machte einen Schritt zur Seite. �Vielen Dank, hier bekomme ich nicht oft Komplimente zu h�ren��</p><p>�Hier kommen wohl auch nicht oft Leute vorbei�, bemerkte ich, w�hrend ich das Haus betrat und mich umsah.</p><p>Keine Spuren von Magie. Eine etwas merkw�rdige Einrichtung f�r ein Haus mitten im Wald, aber warum auch nicht. Und in der Tat: ein B�cherschrank mit alten Folianten� Aber die Frau hatte nichts von einer Anderen an sich.</p><p>�Hier in der N�he sind zwei D�rfer�, erkl�rte die Frau. �Das, zu dem ich die beiden Kinder gebracht habe, und eins, das etwas gr��er ist. Dort mache ich meine Eink�ufe, der Laden hat jeden Tag auf. Aber mit Komplimenten werde ich da nicht �bersch�ttet.�Sie l�chelte erneut. �Ich hei�e Arina. Nicht Irina, sondern Arina.�</p><p>�Anton�, stellte ich mich vor. Um dann mit meiner exzellenten Grundschulbildung zu gl�nzen: �Arina wie die Kinderfrau Puschkins?�</p><p>�Genau, ihr zu Ehren wurde ich so genannt�, l�chelte die Frau. �Mein Vater hie� Alexander Sergejewitsch, meine Mutter war besessen von Puschkin. Fanatisch, wenn man so will. Und deshalb habe ich diesen Namen bekommen��</p><p>�Und warum nicht Anna, zu Ehren der Kern? Oder Natalja, zu Ehren der Gontscharowa?�</p><p>�Sie stellen Fragen��Die Frau sch�ttelte den Kopf. �Meine Mutter glaubte, all diese Frauen h�tten in Puschkins Leben eine verh�ngnisvolle Rolle gespielt. Sicher, sie dienten ihm als Quelle der Inspiration, aber als Mensch hat er ihretwegen sehr gelitten� W�hrend seine Kinderfrau� Sie hat nichts verlangt, hat Sascha hingebungsvoll geliebt��</p><p>�Sind Sie Philologin?�, lie� ich einen Versuchsballon steigen.</p><p>�Was h�tte eine Philologin hier im Wald verloren?�, am�sierte sich Arina. �Setzen Sie sich, ich mache Ihnen einen Tee, einen wohlschmeckenden Kr�utertee. Alle Welt ist jetzt hinter Mate, Rooibosch und diesen ganzen ausl�ndischen Sachen her. Aber ein Russe, das sagen ich Ihnen ganz offen, braucht diesen exotischen Kram nicht. Unsere eigenen Kr�uter reichen v�llig. Oder normaler Tee, der schwarze, schlie�lich sind wir keine Chinesen, die gr�nes Wasser trinken. Oder Waldkr�uter. Das k�nnen Sie gleich selbst feststellen��</p><p>�Sie sind Botanikerin�, meinte ich niedergeschlagen.</p><p>�Richtig!�Arina lachte. �Und Sie sind bestimmt nicht Romans Vater?�</p><p>�Nein, ich��, ich geriet ins Stocken und fl�chtete zur bequemsten Ausrede. �Ich bin ein Freund seiner Mutter. Vielen Dank, dass sie die Kinder gerettet haben.�</p><p>�Nun habe ich sie gleich gerettet�, meinte Arina l�chelnd. Sie stand mit dem R�cken zu mir und gab getrocknete Kr�uter in die kleine Kanne, in der der Sud aufgebr�ht wurde. Hiervon einer Prise, davon ganz wenig, ein L�ffel von dem hier� Unwillk�rlich blieb mein Blick an dem Teil der ausgeblichenen Jeans h�ngen, der den kr�ftigen Hintern umspannte. Irgendwie wusste ich sofort, dass ihr Hintern straff war und jede Anzeichen der Lieblingskrankheit st�dtischer Damen, der Zellulitis, vermissen lie�. �Xjuscha ist ein kluges M�dchen, die beiden h�tten auch allein wieder herausgefunden. �</p><p>�Und die W�lfe?�, fragte ich.</p><p>�Was f�r W�lfe, Anton?�Erstaunt sah Arina mich an. �Ich habe schon den beiden gesagt: Das war ein streunender Hund. Woher sollten in einem W�ldchen wie diesem W�lfe kommen?�</p><p>�Ein wilder Hund, noch dazu mit Jungen, kann ebenfalls gef�hrlich sein�, bemerkte ich.</p><p>�Hm� vermutlich haben Sie Recht.�Arina seufzte. �Auf alle F�lle glaube ich, dass der Hund sich nicht auf die beiden gest�rzt h�tte. Hunde fallen Kinder nur selten an, man muss ein Tier schon sehr reizen, damit es dergleichen tut. Menschen sind weitaus gef�hrlicher als Tiere��Wogegen sich in der Tat nichts einwenden lie߅</p><p>�Langweilen Sie sich nicht, so im tiefen Wald?�, wechselte ich das Thema.</p><p>�Ich bin doch nicht hierher verbannt�, am�sierte sich Arina. �Ich bin nur den Sommer �ber hier, um meine Dissertation zu schreiben. <emphasis>Die Ethnogenese einiger Kreuzbl�tler in Mittelrussland.�</emphasis></p><p>�Sie wollen promovieren?�, fragte ich ein wenig neidisch. Aus irgendeinem Grund bedauerte ich noch immer, dass ich meine Diss nicht zu Ende gebracht hatte. Und zwar deshalb nicht, weil ich ein Anderer geworden war und mich das ganze wissenschaftliche Gepl�nkel mit einem Mal genervt hatte. Es hatte genervt - dennoch bedauerte ich es jetzt�</p><p>�Ja�, antwortete Arina mit verst�ndlichem Stolz. �Im Winter will ich sie verteidigen��</p><p>�Haben Sie Ihre wissenschaftliche Bibliothek mit hierher gebracht?�, fragte ich und nickte in Richtung Schrank.</p><p>�Ja�, meinte Arina. �Es war nat�rlich dumm, das alles hier anzuschleppen. Aber ein� Bekannter hat mich hergebracht. Im Jeep. Die Gelegenheit habe ich genutzt und meine ganze Bibliothek hierher verfrachtet.�</p><p>Ich fragte mich, ob ein Jeep durch diesen Wald fahren konnte. Hinter dem Haus schien es einen recht breiten Pfad zu geben� vermutlich h�tte er es also geschafft�</p><p>Ich ging zum Schrank, um mir die B�cher aufmerksam anzusehen.</p><p>Das war in der Tat die gut sortierte Bibliothek einer Botanikerin. Alte W�lzer aus dem fr�hen 20. Jahrhundert, bei denen im Vorwort ein Loblied auf die Partei und den Genossen Stalin h�chstselbst angestimmt wurde. Aber auch noch �ltere, die aus der Zeit vor der Revolution stammten. Und eine Unzahl einfacher, zerlesener B�nde von vor zwanzig, drei�ig Jahren.</p><p>�Der gr��te Teil ist Mist�, kommentierte Arina, ohne sich umzudrehen. �Deren Platz ausschlie�lich im Regel eines Bibliophilen sein sollte. Aber� ich bringe es einfach nicht �bers Herz, sie zu verkaufen.�</p><p>Ich l�chelte traurig und sah mir den Schrank durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>an. Alles sauber. Keine Magie. Alte B�cher �ber Botanik.</p><p>Oder das Ganze war kunstvoll in eine D�sternis geh�llt, die ich nicht zu durchdringen vermochte. �Setzen Sie sich, der Tee ist fertig�, forderte Arina mich auf.</p><p>Ich nahm auf einem knarrenden Wiener Stuhl Platz. Griff nach der Tasse Tee, schnupperte.</p><p>Ein bet�render Geruch. Irgendwas musste da drin sein, ein wenig normaler Tee, aber auch Zitrone und Minze. Obwohl ich gewettet h�tte: Der Tee enthielt weder Teebl�tter, noch Zitronenschale oder banale Minze.</p><p>�Was ist?�, l�chelte Arina. �Probieren Sie ruhig��</p><p>Sie setzte sich mir gegen�ber und lehnte sich etwas vor. Unwillk�rlich fiel mein Blick auf den offenen Hemdausschnitt, der die braun gebrannte Brust erkennen lie�. Ob dieser�Bekannte mit Jeep�wohl ihr Liebhaber war? Oder einfach ein Kollege? Ja, klar, ein Botaniker mit Jeep�</p><p>Was war nur mit mir los? Man konnte wirklich glauben, ich k�me von einer unbewohnten Insel und h�tte seit zehn Jahren keine Frau gesehen!</p><p>�Er ist hei߫, erwiderte ich, w�hrend ich die Tasse in beiden H�nden hielt. �Er muss noch etwas abk�hlen��Arina nickte.</p><p>�Wie bequem, einen Elektrokessel zu haben�, fuhr ich fort. �Das Wasser kocht schnell. Woher haben Sie denn hier Strom, Arina? Ich habe am Haus gar keine Leitungen gesehen.�</p><p>Arinas Gesicht erzitterte. �Vielleicht verlaufen die Kabel ja unterirdisch�, meinte sie kl�glichen Tones.</p><p>�Hm�, erwiderte ich, streckte die Hand mit der Tasse aus und goss den Tee fein s�uberlich auf den Fu�boden. �Die Antwort lass ich nicht gelten. Denken Sie noch einmal dar�ber nach.�</p><p>�Warum muss ich nur immer so ein Pech haben?��rgerlich sch�ttelte Arina den Kopf. �Wegen solcher Kleinigkeiten��</p><p>�Man stolpert immer �ber Kleinigkeiten�, meinte ich mitleidig. Und stand auf. �Moskauer Nachtwache, Anton Gorodezki. Ich verlange, die Illusion sofort aufzuheben!�Arina h�llte sich in Schweigen.</p><p>�Ihre Weigerung zu kooperieren wird als Verletzung des Gro�en Vertrages gewertet�, erinnerte ich sie. Arina blinzelte. Und verschwand. Also, das durfte doch nicht�</p><p>Mit einem Blick fing ich meinen Schatten ein. Streckte mich nach ihm aus - und das k�hle <emphasis>Zwielicht </emphasis>nahm mich auf. Das H�uschen hatte sich nicht im Geringsten ver�ndert! Arina war weg.</p><p>Ich konzentrierte mich. Hier war es zu grau und zu tr�b, um meinen Schatten auszumachen. Trotzdem fand ich ihn. Und trat in die zweite Schicht des <emphasis>Zwielichts </emphasis>ein.</p><p>Der graue Nebel verdichtete sich, den Raum erf�llte ein fernes, lang gezogenes Grollen. Ein Fr�steln lief �ber meine Haut. Jetzt hatte sich das H�uschen ver�ndert, und zwar radikal: Es hatte sich in eine H�tte verwandelt. Mit W�nden aus Holzbalken, die Moos bewucherte. Statt Glas funkelte eine halb durchscheinende, glimmernde Platte in den Fenstern. Die M�bel waren einfacher, �lter, der Wiener Stuhl, auf dem ich sa�, hatte sich in einen Baumstumpf verwandelt. Nur der teure, hochverehrte Schrank war noch der alte. Ein sch�ner alter Schrank. In dem die B�cher jedoch rasant ihr �u�eres ver�nderten. Falsche Buchstaben hagelten zu Boden, die kunstledernen R�cken verlederten�</p><p>Arina war weg. Nur eine vage Silhouette neben dem Schrank lie� sich erkennen, ein geisterhafter, schneller Schatten� Die Hexe war in die dritte Schicht des <emphasis>Zwielichts </emphasis>abgetaucht! Theoretisch k�nnte ich ihr dorthin folgen.</p><p>Praktisch hatte ich das noch nie ausprobiert. F�r einen Magier zweiten Grades bedeutet das eine unsagbare Anspannung der Kr�fte.</p><p>Doch ich war zu w�tend auf die durchtriebene Hexe. Sie hatte versucht, mich zu verzaubern, zu bezirzen� die alte Vettel!</p><p>Ich stand an dem dunklen Fenster und fing die Funken Licht ein, die in die zweite <emphasis>Zwielicht-Schicht </emphasis>drangen. Ich fand - glaubte das zumindest - meinen sehr, sehr schwachen Schatten auf dem Boden�</p><p>Das war das Schwierigste: ihn zu bemerken. Danach gehorchte der Schatten, schoss zu mir hoch und gab mir den Weg frei. Ich trat in die dritte Schicht des <emphasis>Zwielichts.</emphasis></p><p>In die Analogie des Hauses, errichtet aus Baumzweigen und dicken St�mmen.</p><p>Hier gab es keine B�cher, keine M�bel mehr. Nur ein Nest aus Zweigen.</p><p>Und Arina, die mir gegen�berstand. Wie alt sie war!</p><p>Wenn auch nicht bucklig wie die Hexe Baba-Jaga aus dem M�rchen. Sondern immer noch schlank und hochgewachsen. Ihre Haut war jedoch faltig wie Baumrinde, die Augen lagen tief in den H�hlen. Sie trug nicht mehr als einen schmutzigen Kittel aus Sackleinen. Wie leere S�cke hingen die welken Br�ste in dem tiefen Ausschnitt des Kittels. Au�erdem war sie kahl, nur eine Str�hne ragte wie bei den Wirbeln von Indern auf ihrem Sch�del auf.</p><p>�Die Nachtwache!�, wiederholte ich. Die Worte krochen wiederwillig, langsam aus meinem Mund. �Kommen Sie aus dem <emphasis>Zwielicht! </emphasis>Das ist die letzte Warnung!�</p><p>Was wollte ich ihr, die so leicht in die dritte Schicht der <emphasis>Zwielicht-Welt </emphasis>abtauchen konnte, eigentlich anhaben? Keine Ahnung. M�glicherweise gar nichts�</p><p>Doch sie leistete nicht l�nger Widerstand. Sondern kam auf mich zu - und verschwand.</p><p>M�hevoll kehrte ich in die zweite Schicht zur�ck. Normalerweise ist es leichter, aus dem <emphasis>Zwielicht </emphasis>herauszukommen, doch die dritte Schicht hatte meine Kr�fte aus mir herausgesaugt wie aus einem diplomierten Looser.</p><p>Arina wartete in der zweiten Schicht auf mich. Sie hatte ihr bisheriges Aussehen bereits wieder angenommen. Mit einem Nicken ging sie weiter, der normalen, gem�tlichen und ruhigen Welt der Menschen entgegen�</p><p>In kalten Schwei� gebadet, brauchte ich zwei Versuche, um meinen Schatten aufzuheben, bevor mir das endlich gelang.</p></section><section><title><p>Drei</p></title><p>Arina sa� auf einem Stuhl, die H�nde bescheiden auf die Knie gelegt. Sie l�chelte nicht mehr, sondern war der Inbegriff des Gehorsams selbst.</p><p>�K�nnen wir in Zukunft vielleicht auf diese Tricks verzichten, ja?�, wollte ich wissen, als ich in die reale Welt zur�ckkam. Mein R�cken war klatschnass, meine Beine zitterten leicht. �Kann ich diese Gestalt behalten, W�chter?�, fragte Arina leise.</p><p>�Wozu?�Diese kleine Rache konnte ich mir nicht verkneifen. �Ich habe Ihre echte Gestalt doch sowieso schon gesehen.�</p><p>�Wer entscheidet, was in dieser Welt echt ist?�, entgegnete Arina nachdenklich. �Das kommt doch wohl darauf an, von wo aus man das Ganze betrachtet� Halten Sie meine Bitte f�r weibliche Koketterie, Lichter.�</p><p>�Und der Versuch, mich zu bet�ren, war der auch Koketterie?�</p><p>Arina klimperte mit den Augen. �Ja!�, platzte es aus ihr heraus. �Ich wei�, dass meine <emphasis>Zwielicht-Gestalt� </emphasis>Aber hier und jetzt sehe ich so aus! Und nichts Menschliches ist mir fremd. Eben auch nicht der Wunsch zu gefallen.�</p><p>�Gut, bleiben Sie so�, brummte ich. �Allerdings kann ich nicht gerade behaupten, dass ich von einer Wiederholung der Show tr�ume� Nehmen Sie die Illusion von den magischen Gegenst�nden!�</p><p>�Wie Sie w�nschen, Lichter.�Arina fuhr sich mit der Hand �bers Haar, um ihre Frisur in Ordnung zu bringen. Kaum merklich ver�nderte sich das kleine Haus.</p><p>Statt des Kessels stand ein kleiner Topf aus Birkenholz auf dem Tisch. Aus ihm stieg noch Dampf auf. Den Fernseher gab es zwar noch, aber die Leitung f�hrte nicht zu einer imagin�ren Steckdose, sondern zu einer braunen Tomate.</p><p>�Wie originell�, kommentierte ich und nickte in Richtung Fernseher. �Muss man das Gem�se oft wechseln?�</p><p>�Tomaten jeden Tag�, antwortete die Hexe achselzuckend. �Ein Kohlkopf reicht zwei oder drei Tage.�</p><p>Nie zuvor hatte ich eine derart ausgefallene Form der Stromgewinnung gesehen. Gewiss, theoretisch war so was m�glich� aber in der Praxis�</p><p>Am meisten interessierte mich nat�rlich der B�cherschrank. Ich trat an ihn heran und zog ein x-beliebiges Buch heraus, einen schmalen Band mit weichem Einband. <emphasis>Wei�dorn. Praktische Anwendung in der h�uslichen Zauberei.</emphasis></p><p>Eine Art Rotationsdruck. Vor einem Jahr erschienen. Sogar die Auflage war angegeben: 200 Exemplare. Und die ISBN-Nummer! Die Druckerei sagte mir nichts, irgendeine unbekannte GmbH <emphasis>TP.</emphasis></p><p>�Tats�chlich Botanik� Lassen Sie Ihre B�cher wirklich drucken?�, fragte ich begeistert.</p><p>�Gelegentlich�, antwortete die Hexe bescheiden. �Man kann ja nicht alles von Hand abschreiben��</p><p>�Von Hand, das ist ja noch gar nichts�, entgegnete ich. �Manches muss sogar mit Blut geschrieben werden��Dann holte ich das <emphasis>Kassagar Garsarra </emphasis>aus dem Schrank.</p><p>�Mit dem eigenen Blut, merken Sie sich das�, brachte Arina scharf hervor. �Mir ist diesbez�glich nichts vorzuwerfen.�</p><p>�Dieses Buch �berhaupt zu besitzen kann ich Ihnen vorwerfen�, widersprach ich. �Hm, was haben wir denn hier��Aufwiegelung der Menschen gegeneinander ohne �bergro�e Anstrengung�.�</p><p>�Was wollen Sie mir eigentlich zur Last legen?�, fragte Arina nun �rgerlich. �Das sind� wissenschaftliche Ausgaben. Antiquarische. Ich habe niemanden aufgehetzt.�</p><p>�Wirklich nicht?�, erwiderte ich, w�hrend ich das Buch durchbl�tterte. �Minderung bei Nierenleiden und Heilung von Wassersucht� Also das ist��</p><p>�Wollen Sie jemandem, der de Sade liest, sadistische Absichten unterstellen?�, knurrte Arina. �Das ist unsere Geschichte. Verschiedene Zauber. Ohne Unterscheidung in destruktive und positive.�</p><p>Ich brummte etwas. Im Prinzip hatte sie Recht. Dass sie hier die unterschiedlichsten magischen Rezepte zusammengetragen hatte, stellte nun wirklich keinen Straftatbestand dar. Au�erdem� was sollte ich nun wieder davon halten: �Wie man bei einer Geb�renden die Schmerzen tilgt, ohne dem Kind zu schaden�. Und gleich danach�Wie man die Frucht abtreibt und der Schwangeren nicht schadet�und�Wie man die Frucht zusammen mit der Schwangeren ausl�scht�. F�r Dunkle nichts Ungew�hnliches.</p><p>Doch trotz diesen widerw�rtigen Anleitungen und dem eben erst unternommenen Versuch Arinas, mich zu t�uschen, nahm irgendetwas an der Hexe mich f�r sie ein. Vor allem wohl, wie sie sich den Kindern gegen�ber verhalten hatte. Ohne Frage h�tte die weise alte Hexe ihnen die grausamsten Dinge antun k�nnen. Au�erdem� au�erdem strahlte sie eine gewisse Melancholie und Einsamkeit aus, ungeachtet ihrer St�rke, ungeachtet ihrer wertvollen Bibliothek und ihrer attraktiven Menschengestalt.</p><p>�Was soll ich denn angestellt haben?�, fragte Arina streits�chtig. �Nun mal raus mit der Sprache, Zauberkundiger! �</p><p>�Sind Sie registriert?�, wollte ich wissen.</p><p>�Bin ich etwa eine Vampirin oder eine Tierfrau?�, fragte Arina zur�ck. �Wenn du mir einen Stempel aufdr�cken willst� das schlag dir aus dem Kopf.�</p><p>�Vom Siegel rede ich nicht�, beruhigte ich sie. �Die Sache ist einfach die, dass alle Magier vom ersten Grad an verpflichtet sind, dem regionalen B�ro ihren Wohnort bekannt zu geben. Damit ihnen ein Umzug nicht als feindliche Handlung ausgelegt wird��</p><p>�Ich bin keine Zauberin, sondern eine Hexenmeisterin.�</p><p>�Magier und sonstige Andere von gleichwertiger Kraft��, wiederholte ich m�de. �Sie befinden sich auf dem Territorium der Moskauer Wache. Sie h�tten sich bei uns melden m�ssen.�</p><p>�Fr�her hat es dergleichen nicht gegeben�, murmelte die Hexe. �Hohe Zauberkundige haben sich �bereinander informiert, Vampire und Tiermenschen wurden erfasst� aber um uns hat sich niemand gek�mmert.�Hm�</p><p>�Was hei�t <emphasis>fr�her</emphasis>?�, wollte ich wissen.</p><p>�1931�, gab die Hexe widerwillig preis.</p><p>�Sie leben seit 31 hier?�, hakte ich ungl�ubig nach. �Arina��</p><p>�Ich lebe erst seit zwei Jahren hier. Davor��Sie runzelte die Stirn. �� das spielt keine Rolle, wo ich davor war. Ich habe jedenfalls nichts von diesen neuen Gesetzen geh�rt.�</p><p>Vielleicht sagte sie sogar die Wahrheit. Bei alten Anderen, vor allem bei denjenigen, die nicht in den Wachen arbeiten, kann so was vorkommen. Sie verkriechen sich irgendwo, im Wald oder in der Taiga, und hocken da jahrzehntelang, bis Sehnsucht sie �berw�ltigt.</p><p>�Und vor zwei Jahren haben Sie beschlossen, hierher zu ziehen?�, hakte ich nach.</p><p>�Ja. Was hatte ich dummes Weib auch in der Stadt verloren?�Arina lachte. �Jetzt sitze ich hier, gucke fern und lese meine B�cher. Hole das Vers�umte nach. Ich habe eine alte Freundin gefunden� die mir B�cher aus Moskau schickt.�</p><p>�Gut�, meinte ich. �Dann kommt jetzt die �bliche Prozedur. Haben Sie ein Blatt Papier? �</p><p>�Ja.�</p><p>�Schreiben Sie eine Erkl�rung. Name, Eltern, Geburtsjahr, Initiierungsjahr, ob Sie einmal den Wachen angeh�rt haben, auf welcher Kraftstufe Sie stehen��</p><p>Gehorsam nahm Arina Blatt und Bleistift zur Hand. Ich runzelte die Stirn, bot ihr aber keinen Kugelschreiber an. Sollte sie doch mit einer G�nsefeder schreiben.</p><p>�Wann Sie sich das letzte Mal angemeldet oder Ihren Wohnsitz einem offiziellen Organ der Wachen mitgeteilt haben� Wo Sie sich danach aufgehalten haben.�</p><p>�Ich werde das nicht schreiben.�Arina legte den Stift beiseite. �Was soll neuerdings dieses Geschreibsel� Wen geht es etwas an, wo ich meine alten Knochen w�rme?�</p><p>�H�ren Sie doch auf, wie eine Dorfalte zu sprechen, Arina!�, bat ich. �Sie haben sich doch vorhin ganz normal ausgedr�ckt!�</p><p>�Da habe ich mich verstellt�, erkl�rte Arina, ohne mit der Wimper zu zucken. �Gut, wie Sie wollen. Nur verzichten Sie dann auch auf diesen Armeeton.�</p><p>Mit einer peniblen, engen Schrift schrieb sie rasch das ganze Blatt voll. Reichte es mir.</p><p>Sie war j�nger, als ich vermutet hatte. Noch nicht einmal zweihundert Jahre alt. Ihre Mutter war eine B�uerin, ihr Vater unbekannt, in ihrer Familie gab es keine Anderen. Mit elf Jahren wurde das M�dchen von einem Dunklen Magier oder, wie Arina die Magier hartn�ckig nannte, von einem Zauberkundigen initiiert. Einem Zugereisten aus Deutschland. Nebenbei entjungferte er sie, worauf Arina hinweisen zu m�ssen glaubte, wobei sie sich ein�geiler Bock�nicht verkneifen konnte. Ach - so war das! Der Deutsche hatte das M�dchen in seine Dienste genommen und es ausgebildet - in jeder Hinsicht des Wortes. Offenbar war er weder besonders klug noch besonders sensibel: Mit drei zehn Jahren verf�gte das M�dchen �ber so viel Kraft, dass sie in einem fairen Duell siegte und ihren Lehrer dematerialisierte. Bei dem es sich �brigens um einen Magier vierten Grades handelte. Danach fiel sie den damaligen Wachen auf. Weitere Straftaten hatte sie nicht begangen, schenkte man ihrer Erkl�rung Glauben. St�dte mochte sie nicht, sie lebte auf dem Lande und bestritt ihren Lebensunterhalts mit kleinen Zaubereien. Nach der Revolution wollte man sie mehrmals enteignen� Die Bauern wussten, dass es sich bei ihr um eine Hexe handelte, und beschlossen irgendwann, ihr die Tscheka auf den Hals zu hetzen. Mauser gegen Magie, das muss man sich mal vorstellen! Die Magie siegte, aber das konnte nat�rlich nicht ewig so weitergehen. Im Jahre 1934 beschloss Arina daher� Ich sah die Hexe an. �Wirklich?�, fragte ich.</p><p>�Ich hielt Winterschlaf�, gab Arina gelassen Auskunft. �Ich wusste, dass die rote Pest lange dauern w�rde. Den Umst�nden gem�� kann der Schlaf auf sechs, achtzehn oder sechzig Jahre festgelegt werden. Wir Hexen haben gelernt, alles M�gliche zu bedenken� Sechs oder achtzehn Jahre, das reicht bei Kommunisten nicht. Deshalb schlief ich f�r sechzig Jahre ein.�Sie z�gerte kurz. �Ich habe hier geschlafen�, gestand sie dann schlie�lich. �Ich habe die H�tte so gut umz�unt, wie ich konnte, damit weder ein Mensch noch ein Anderer an sie herankam��</p><p>Nun passte alles. Eine wirre Zeit, in der Andere fast so oft wie gew�hnliche Menschen starben. So mancher ging da verloren�</p><p>�Und Sie haben niemandem gesagt, dass Sie hier schlafen?�, hakte ich nach. �Keiner Freundin��</p><p>�Wenn ich etwas verraten h�tte�, am�sierte sich Arina, �dann w�rden wir beide jetzt nicht miteinander reden, Lichter. �</p><p>�Warum nicht?�</p><p>Sie nickte in Richtung Schrank. �Das ist mein Reichtum. Und das ist nicht wenig.�Ich faltete die Erkl�rung zusammen und steckte sie in die Tasche. �Stimmt�, meinte ich. �Trotzdem habe ich hier ein seltenes Buch nicht entdeckt. �</p><p>�Welches?�, wunderte sich die Hexe. �Das <emphasis>Fuaran.�</emphasis></p><p>�So ein gro�er Junge, und glaubt noch an M�rchen��, schnaubte Arina. �Dieses Buch gibt es nicht.�</p><p>�Na klar. Das M�dchen hat sich die Bezeichnung ganz allein ausgedacht.�</p><p>�Ich habe ihr Ged�chtnis nicht ges�ubert�, seufzte Arina. �Lohnt es sich denn nicht mehr, Gutes zu tun? �</p><p>�Wo ist das Buch?�, fragte ich scharf.</p><p>�Drittes Regal von unten, viertes Buch von links�, antwortete Arina �rgerlich. �Hast du deine Augen zu Hause vergessen?�Ich ging zum Schrank und b�ckte mich. Das <emphasis>Fuaran!</emphasis></p><p>Gro�e Goldbuchstaben auf schwarzem Leder. Ich zog das Buch heraus, sah die Hexe triumphierend an. Arina l�chelte.</p><p>Ich starrte auf den Titel auf dem Einband. <emphasis>Fuaran. Phantasie oder Wahrheit? </emphasis>Das Wort Fuaran war in gro�er, der Rest in kleiner Schrift gedruckt. Ich schaute mir den R�cken an� Hm. Die kleinen Buchstaben waren ausgeblichen, abgebl�ttert.</p><p>�Ein seltenes Buch�, r�umte Arina ein. �Es wurden nur dreizehn Exemplare davon gedruckt, in St. Petersburg, 1913, in der Druckanstalt Seiner Kaiserlichen Hoheit. Und zwar in einer Neumondnacht, wie es sich geh�rt. Ich habe keine Ahnung, wie viele davon noch existieren.�</p><p>Ob das ver�ngstigte kleine M�dchen nur das Wort registriert hatte, das in gro�er Schrift geschrieben worden war? Gut m�glich!</p><p>�Was geschieht jetzt mit mir?�, fragte Arina betr�bt. �Welche Rechte habe ich?�</p><p>Ich seufzte, setzte mich an den Tisch und bl�tterte das vermeintliche <emphasis>Fuaran </emphasis>durch. Ein interessantes Buch, ohne Frage�</p><p>�Nichts geschieht mit Ihnen�, versicherte ich. �Sie haben den Kindern geholfen, die Nachtwache erkennt das an.�</p><p>�Warum sollte ich Menschen nur um des Schreckens willen erschrecken?�, murmelte die Hexe. �Damit w�rde ich doch nur mir selbst schaden��</p><p>�Unter Ber�cksichtigung dieser Tatsache sowie der besonderen Umst�nde Ihres Lebens��Ich grub in meinem Ged�chtnis, rief mir die Paragraphen, Kommentare und Anmerkungen in Erinnerung. �Unter Ber�cksichtigung all dessen werden Sie nicht bestraft werden. Nur eine Frage� Auf welcher Kraftstufe stehen Sie?�</p><p>�Wei� ich nicht, das habe ich doch auch schon geschrieben�, antwortete Arina gelassen. �Gibt es denn eine M�glichkeit, das zumessen? �</p><p>�Aber so in etwa?�</p><p>�Als ich mich schlafen gelegt habe, bekleidete ich den ersten Rang�, teilte Arina mir nicht ohne Stolz mit. �Jetzt d�rfte ich wohl au�erhalb jedes Ranges sein.�</p><p>Das stimmte. Eben deshalb hatte ich auch ihre Illusion nicht durchbrechen k�nnen. �Wollen Sie nicht in der Tagwache arbeiten?�</p><p>�Was h�tte ich dort verloren?�, emp�rte sich Arina. �Vor allem, da es Sebulon inzwischen in die obersten Etagen geschafft hat, oder?�</p><p>�Ja�, best�tigte ich. �Wundert Sie das? Glauben Sie etwa, er sei nicht stark genug daf�r?�</p><p>�Kraft hat er immer genug gehabt�, knurrte Arina. �Nur opfert er seine Leute zu leicht. Seine Freundinnen� mit keiner hat er l�nger als zehn Jahre zusammengelebt, immer ist irgendetwas passiert� Trotzdem h�pfen diese dummen blutjungen Dinger zu ihm ins Bett. Und wie er die Ukrainer und Litauer hasst! Sobald Drecksarbeit anf�llt, l�sst er unter irgendeinem Vorwand eine Brigade aus der Ukraine kommen, und die Kohlen holt er auch nie selbst aus dem Feuer. Braucht er einen Pr�gelknaben, f�llt ihm als Erstes jemand aus Litauen ein� Nie h�tte ich gedacht, dass er sich mit diesen All�ren auf so einem Posten halten k�nnte.�Pl�tzlich lachte Arina. �Allerdings - einem Schlag ausweichen, das hat er offensichtlich gelernt! T�chtig!�</p><p>�Und wie�, meinte ich bitter. �Wenn Sie also nicht die Absicht haben, innerhalb der Tagwache zu arbeiten, sondern Ihr b�rgerliches Leben fortsetzen wollen, dann erhalten Sie das Recht, bestimmte magische Handlungen durchzuf�hren� zu pers�nlichen Zwecken. Pro Jahr zw�lf Handlungen siebten Grades, sechs sechsten, drei f�nften und eine vierten Grades. Alle zwei Jahren d�rfen sie eine Handlung dritten Grades vornehmen, alle vier eine zweiten Grades.�Ich verstummte.</p><p>�Und eine Handlung ersten Grades?�, wollte Arina wissen.</p><p>�Die maximale Kraft, die Andere, die nicht in den Wachen arbeiten, einsetzen d�rfen, wird durch ihr fr�heres Niveau bestimmt�, teilte ich ihr s�ffisant mit. �Wenn Sie eine Untersuchung und Registrierung als Hexe au�erhalb jeder Kategorie vornehmen lassen, d�rfen Sie einmal in sechzehn Jahren Magie ersten Grades einsetzen. Nat�rlich unter Abstimmung mit den Wachen und der Inquisition. Magie ersten Grades, das ist eine zu ernste Sache.�</p><p>Die Hexe grinste. Ein seltsames Grinsen, durch und durch altweiberhaft und unangenehm auf diesem sch�nen jungen Gesicht.</p><p>�Ich werde auch ohne den ersten Grad vorz�glich zurechtkommen. Soweit ich es verstehe, betrifft die Einschr�nkung nur Magie, die auf Menschen zielt?�</p><p>�Auf Menschen und Andere�, best�tigte ich. �Mit sich selbst und unbelebten Gegenst�nden k�nnen Sie machen, was Sie wollen.�</p><p>�Na immerhin�, meinte Arina. �Entschuldige �brigens, Lichter, dass ich versucht habe, dich zu t�uschen. Du bist eigentlich ganz in Ordnung. Fast wie wir.�Dieses zweifelhafte Kompliment lie� mich erschauern.</p><p>�Noch eine Frage�, sagte ich. �Wer waren diese Tiermenschen?�</p><p>Arina h�llte sich in Schweigen. �Was soll das?�, fragte sie dann. �Ist das Gesetz etwa abgeschafft worden? �</p><p>�Welches Gesetz?�, versuchte ich, mich dumm zu stellen.</p><p>�Ein altes Gesetz. Dass ein Dunkler einen Dunklen nicht zu verraten braucht, ein Lichter keinen Lichten��</p><p>�Es gibt so ein Gesetz�, gab ich zu.</p><p>�Dann finde deine Tiermenschen selbst. Ob sie nun Dummk�pfe sind oder blutr�nstig, ich werde sie nicht ausliefern.�</p><p>Sie hatte das voll �berzeugung, voll Entschlossenheit gesagt. Druck auf sie aus�ben konnte ich nicht. Schlie�lich hatte sie den Werw�lfen nicht geholfen. Im Gegenteil.</p><p>�Die magischen Handlungen gegen mich��Ich dachte kurz nach. �Sei's drum, die verzeihe ich Ihnen. �</p><p>�Einfach so?�, hakte die Hexe nach.</p><p>�Einfach so. Es hat mich gefreut, dass ich Ihnen widerstehen konnte.�</p><p>�Er hat mir widerstanden��, schnaubte die Hexe. �Deine Frau ist eine Zauberin. Was ist, glaubst du, dass ich blind bin und das nicht wittere? Sie hat dich verzaubert. Damit kein Weibsbild dich verf�hren kann. �</p><p>�Du l�gst�, entgegnete ich gelassen.</p><p>�Ja�, gab die Hexe zu. �Unglaublich! Zauberei ist hier keine im Spiel, du liebst sie einfach. Gr�� deine Frau von mir, und deine Tochter auch. Wenn du Sebulon triffst, sag ihm, dass er schon immer ein Esel war und auch immer einer bleiben wird.�</p><p>�Gern�, versprach ich. Was f�r eine Hexe! Traute sich sogar, Sebulon frech zu kommen! �Und was soll ich Geser ausrichten?�</p><p>�Dem lasse ich �berhaupt nichts ausrichten�, sagte Arina respektlos. �Was sollen wir alten Landpomeranzen uns schon um die gro�en tibetischen Magier scheren!�</p><p>Ich stand da und starrte die seltsame Frau an, die in ihrer menschlichen Gestalt so sch�n, tats�chlich aber so widerw�rtig aussah. Eine Hexe, eine m�chtige Hexe. Doch ob auch eine b�se? Bestimmt eine, die in keinen Rahmen passte��Bist du nicht einsam hier allein, Alte?�, fragte ich.</p><p>�Willst du mich beleidigen?�, antwortete Arina mit einer Gegenfrage.</p><p>�Nein, keinesfalls. Ein wenig habe ich aber doch begriffen.�Arina nickte, h�llte sich jedoch in Schweigen.</p><p>�Du hattest n�mlich �berhaupt nicht die Absicht, mich zu verf�hren, denn fleischliche Lust kennst du nicht mehr�, fuhr ich fort. �Bei Hexen ist das nicht so wie bei Zauberinnen. Du bist alt und f�hlst dich alt, M�nner interessieren dich nicht die Bohne. Allerdings kannst du noch tausend Jahre eine Alte bleiben. Deshalb hast du mich blo� aus rein sportlichem Interesse heraus zu verf�hren versucht.�</p><p>Ein Moment - und Arina hatte sich erneut verwandelt. In eine propere Alte, mit roten Wangen, leicht geb�ckter Haltung, wachen forschenden Augen, einem Mund, dem schon einige Z�hne fehlten, und grauen, streng zur�ckgek�mmten Haaren. �Ist es so besser?�, fragte sie.</p><p>�Ja, vermutlich schon�, gab ich mit leichtem Bedauern zu. Trotz allem hatte sie bisher einfach toll ausgesehen.</p><p>�So habe ich ausgesehen� vor hundert Jahren�, erkl�rte die Hexe. �Und so, wie ich dir die T�r aufgemacht habe, auch� irgendwann mal. Und wie ich erst mit sechzehn ausgesehen habe! Ach, Lichter, was war ich f�r ein lustiges, h�bsches junges Ding! Wenn auch eine Hexe� Wei�t du, wie und warum wir altern? �</p><p>�Irgendwas habe ich mal dar�ber geh�rt�, gab ich zu.</p><p>�Das ist der Preis, den wir f�r einen h�heren Rang zahlen.�Schon wieder benutzte sie dieses altmodische Wort, das in den letzten Jahren vollst�ndig von dem aus Computerspielen �bernommenen�Grad�verdr�ngt worden war. �Auch eine Hexe k�nnte einen jungen K�rper behalten. Nur w�rde sie sich dann auch mit dem dritten Rang abfinden m�ssen. Unsere Beziehung zur Natur ist sehr stark, und die Natur liebt eben keine F�lschungen. Verstehst du das? �</p><p>�Ja�, sagte ich.</p><p>�Gut, Lichter��Arina nickte. �Freu dich also, Lichter, dass deine Frau eine Zaubermeisterin ist. Du hast dich mir gegen�ber freundlich verhalten, das will ich gar nicht abstreiten. Darf ich dir ein Geschenk mitgeben?�</p><p>�Nein.�Ich sch�ttelte den Kopf. �Ich bin im Dienst. Und ein Geschenk von einer Hexe��</p><p>�Das wei� ich doch. Aber das Geschenk ist nicht f�r dich, sondern f�r deine Frau!�</p><p>Das verwirrte mich. Arina humpelte munter zu einer mit Eisenbeschl�gen versehene Truhe hin�ber (vorher hatte hier eine unauff�llige Kommode gestanden), �ffnete sie und lie� die Hand darin verschwinden. Schon im n�chsten Moment kam sie mit einem kleinen beinernen Kamm zu mir zur�ck.</p><p>�Nimm das, W�chter. Ohne Hintergedanken, ohne Verschlagenheit meinerseits, weder zu deinem Schaden noch Kummer. Will zum Schatten werden, wenn ich l�ge, dass ich spurlos mit dem Wind verfliege��</p><p>�Was ist das?�, fragte ich.</p><p>�Ein Kleinod.�Arina runzelte die Stirn. �Oder, wie es jetzt hei�t� ein Artefakt. �</p><p>�Und wozu?�</p><p>�Deine Kraft reicht wohl nicht, um das zu erkennen?�, fragte Arina mitleidig. �Deine Frau wird es wissen. Und wozu brauchst du Erkl�rungen, Lichter? Ich k�nnte schlie�lich auch l�gen, das w�rde mir nicht schwer fallen. K�nnte l�gen, und du w�rdest mir glauben. Schlie�lich bist du schw�cher als ich, das wei�t du selbst.�</p><p>Ich schwieg, biss mir auf die Lippe. Hm� Immerhin hatte ich sie ein paar Mal ziemlich angefahren. Nun zahlte sie es mir heim.</p><p>�Nimm das, keine Angst�, wiederholte Arina. �Auch Baba-Jaga ist zwar schlecht, hilft aber guten jungen M�nnern.�Warum eigentlich nicht?</p><p>�Besser w�rdest du mir die Werw�lfe ausliefern�, meinte ich, w�hrend ich den Kamm an mich nahm. �Ich nehme dein Geschenk nur als �berbringer entgegen, und diese Gabe bedeutet f�r niemanden irgendein Versprechen.�</p><p>�Du abgebr�hter Kerl�, nuschelte Arina. �Und die W�lfe� tut mir leid. Ihr werdet sie schon kriegen, das wei� ich. Aber ich werde sie nicht ausliefern. �brigens kannst du das Buch mitnehmen. Vor�bergehend. Um es zu pr�fen. Dazu hast du doch das Recht, oder?�</p><p>Erst jetzt bemerkte ich, dass ich immer noch das vermaledeite <emphasis>Fuaran. Phantasie oder Wahrheit? </emphasis>in der linken Hand hielt.</p><p>�Zum Studium, zeitweilig, im Rahmen meiner Rechte als W�chter�, meinte ich finster.</p><p>Trotzdem machte diese Frau mit mir, was sie wollte! Wenn ihr der Sinn danach gestanden h�tte, w�re mir erst zu Hause aufgefallen, dass ich das Buch zuf�llig mitgenommen hatte. Dann h�tte sie mit Fug und Recht bei den Wachen Beschwerde einlegen k�nnen: wegen Diebstahl eines wertvollen�Kleinods�.</p><p>Als ich das Haus verlie�, sah ich, dass es bereits tiefe Nacht geworden war. Und ich musste noch mindestens zwei, drei Stunden durch den Wald marschieren.</p><p>Doch kaum war ich die paar Stufen zum Haus hinunter, als vor mir ein geisterhaftes blaues Feuer aufleuchtete. Ich seufzte und linste zur H�tte hin�ber, in deren Fenster grelles elektrisches Licht brannte. Arina w�rde mich nicht begleiten. Das</p><p>Feuerchen tanzte auffordernd vor mir in der Luft.</p><p>Ich folgte ihm.</p><p>F�nf Minuten sp�ter h�rte ich das tr�ge Kl�ffen der Hunde.</p><p>Weitere zehn Minuten sp�ter gelangte ich zum Waldrand.</p><p>Was mir am meisten zu schaffen machte: Die ganze Zeit �ber hatte ich nicht die geringste Spur von Magie gesp�rt.</p></section><section><title><p>Vier</p></title><p>Das Auto im Schuppen hatte sein fr�heres �u�eres bereits zur�ckgewonnen. Allerdings wagte ich es nicht, mich ans Steuer zu setzen, um zu testen, ob der vielgeplagte Motor, nachdem russische Mechaniker, Spezialisten f�r landwirtschaftliche Maschinen, an ihm herumhantiert hatten, auch funktionierte. Mucksm�uschenleise schlich ich ins Haus, wobei ich lauschte: Meine Schwiegermutter schlief bereits in ihrem Zimmer, w�hrend in unserem matt das Nachtlicht brannte. Ich �ffnete die T�r und trat ein.</p><p>�Hat alles geklappt?�, wollte Swetlana wissen. Der fragende Ton in ihrer Stimme lie� sich �brigens kaum wahrnehmen. Sie sp�rte auch ohne Worte alles ganz genau.</p><p>�Mehr oder weniger�, nickte ich. Ich sah zu Nadjuschkas Bett hin�ber. Meine Tochter schlief fest. �Die Werw�lfe habe ich nicht gefunden. Mit der Hexe habe ich geredet.�</p><p>�Erz�hl mal�, forderte Swetlana mich auf. Sie sa� nur im Nachthemd im Bett, neben ihr lag das dicke Buch <emphasis>Die Mumins. </emphasis>Entweder hatte sie Nadja daraus vorgelesen - der war es noch egal, was sie vorm Einschlafen h�rte, es konnte auch ein Lehrbuch zur Festigkeitslehre sein, solange sie nur die Stimme ihrer Mutter vernahm -, oder sie hatte sich selbst vor dem Einschlafen mit einem guten Kinderbuch entspannen wollen.</p><p>Ich zog meine Schuhe aus und setzte mich neben sie. Dann fing ich zu erz�hlen an.</p><p>Ein paar Mal verzog Swetlana das Gesicht. Ein paar Mal l�chelte sie. Als ich die Worte der Hexe, �deine Frau hat dich verzaubert�wiederholte, wurde Swetlana ganz verlegen.</p><p>�H�r auf damit!�, rief sie v�llig hilflos. �Frag Geser� er sieht jeden meiner Zauber� Ich bin noch nicht mal auf den Gedanken gekommen!�</p><p>�Ich wei߫, beruhigte ich sie. �Die Hexe hat zugegeben, dass sie gelogen hat.�</p><p>�Freilich, dar�ber nachgedacht habe ich schon�, lachte Swetlana pl�tzlich. �Wer kann seinen Gedanken schon entkommen� Aber das war nur Spinnerei, nicht ernst gemeint. Als Olga und ich mal �ber M�nner gesprochen haben� vor ewigen Zeiten��</p><p>�Sehnst du dich nach der Wache?�, platzte ich heraus.</p><p>�Ja�, gab Swetlana zu. �Aber lass uns nicht dar�ber reden� Anton, du bist fabelhaft! Du bist wirklich in die dritte Schicht des <emphasis>Zwielichts </emphasis>vorgedrungen?�Ich nickte. �Erste Kategorie��, sagte Swetlana unsicher.</p><p>�Das ist eine Nummer zu gro� f�r mich�, widersprach ich. �Zweite. Eine solide zweite. Das ist meine Grenze. Und auch dar�ber werden wir nicht weiter sprechen, ja?�</p><p>�Lass uns lieber �ber die Hexe reden.�Swetlana l�chelte. �Sie hat sich also in Winterschlaf gelegt? Von so etwas habe ich schon geh�rt, aber es ist unglaublich selten. Du k�nntest einen Artikel dar�ber schreiben.�</p><p>�F�r wen? F�r die Zeitung <emphasis>Argumente und Fakten? </emphasis>Hexe gefunden, die sechzig Jahre lang in einem Wald bei Moskau geschlafen hat?�</p><p>�F�r die Informationsbrosch�re der Nachtwache�, schlug Swetlana vor. ��berhaupt, wir sollten unsere eigene Zeitung herausbringen. F�r Menschen m�sste sie einen zweiten Text enthalten� wor�ber auch immer. Irgendwas Hochspezielles. <emphasis>Der russische Aquarianer </emphasis>zum Beispiel. Wie man Skalare h�lt und in seiner Wohnung ein Aquarium mit Wasserabfluss aufstellt.�</p><p>�Woher wei�t du das alles?�, wunderte ich mich. Und erstarrte. Mir fiel wieder ein, dass ihr erster Mann, den ich nie gesehen hatte, sich f�r Aquarien begeisterte.</p><p>�Ach, das ist mir einfach so eingefallen�, meinte sie stirnrunzelnd. �Auf alle F�lle m�sste jeder Andere, selbst der schw�chste, den richtigen Text sehen k�nnen.�</p><p>�Mir schwebt bereits eine erste �berschrift vor�, sagte ich. <emphasis>�F�r progressive Magie. </emphasis>Im Zweifelsfall kann das erste R in <emphasis>progressive </emphasis>auch wegfallen�Wir l�chelten beide. �Zeig mir mal dieses <emphasis>Artefakt�, </emphasis>bat Swetlana.</p><p>Ich griff nach meiner Jacke und holte den in ein Taschentuch gewickelten Kamm heraus. �Ich kann darin keine Magie erkennen�, gab ich zu. Swetlana hielt den Kamm eine Zeit lang in H�nden.</p><p>�Und?�, fragte ich. �Was musst du tun? Ihn �ber die Schulter werfen, damit dort ein Wald entsteht?�</p><p>�Du solltest sie auch gar nicht sehen�, erkl�rte Swetlana mit einem L�cheln. �Das liegt nicht an der Kraft, da hat die Hexe dich hinters Licht gef�hrt. Vermutlich w�rde selbst Geser nichts erkennen� Das ist nichts f�r M�nner.�</p><p>Sie f�hrte den Kamm zum Haar und fing an, sich mit gleichm��igen Bewegungen zu k�mmen. �Stell dir mal vor��, sagte sie beil�ufig. �Es ist Sommer, hei�, du bist m�de, hast die Nacht �ber nicht geschlafen, den ganzen Tag gearbeitet� Und dann schwimmst du im k�hlen Wasser, wirst massiert, isst vorz�glich und trinkst ein Glas guten Weins. Danach geht es dir richtig gut��</p><p>�Er macht, dass es dir besser geht?�, begriff ich. �Nimmt dir die M�digkeit?�</p><p>�Nur bei Frauen�, l�chelte Swetlana. �Er ist schon alt, dreihundert Jahre mindestens. Anscheinend ein Geschenk eines m�chtigen Magiers f�r seine Geliebte. Bei der es sich m�glicherweise sogar um eine Menschenfrau handelte��</p><p>Sie sah mich an, ihre Augen leuchteten. �Au�erdem soll er eine Frau anziehend machen�, sagte sie sanft. �Unwiderstehlich. Bet�rend. Funktioniert es?�</p><p>Ich sah sie eine Sekunde lang an. Dann l�schte ich mit einem Blick das Nachtlicht.</p><p>Den magischen Baldachin, der alle Ger�usche erstickte, hatte Swetlana selbst �ber uns geworfen.</p><p>Ich wachte fr�h auf, es war noch nicht einmal f�nf Uhr morgens. Erstaunlicherweise f�hlte ich mich jedoch v�llig frisch, ganz wie die Herrin des magischen Kamms, die sich ordentlich gek�mmt hatte. Gro�e Taten wollte ich vollbringen. Und ein anst�ndiges Fr�hst�ck zu mir nehmen.</p><p>Ohne jemanden zu wecken, schlich ich leise in die winzige K�che, brach mir ein paar St�cke Wei�brot ab und fand ein P�ckchen mit Wurstaufschnitt. In einen gro�en Becher goss ich mir selbstgemachten Kwass - und mit all dieser Pracht ging ich nach drau�en.</p><p>Es tagte bereits, doch �ber dem Dorf lag noch Stille. Niemand musste hier fr�h die K�he melken, der Stall stand seit f�nf Jahren leer. �berhaupt musste niemand dringend irgendwohin�</p><p>Seufzend setzte ich mich ins Gras unter einen Apfelbaum, der schon lange einfach wild wucherte und nicht mehr trug. Ich a� ein riesiges St�ck Brot mit Wurst und trank den Kwass. Und, um meinem Wohlbefinden noch eins drauf zu geben, bef�rderte ich das Buch �ber das <emphasis>Fuaran </emphasis>auf magische Weise durchs Fenster. In der Hoffnung, dass meine Schwiegermutter noch schlief und das levitierende Ding nicht sah� Beim zweiten St�ck Brot vertiefte ich mich in die Lekt�re.</p><p>Die, ehrlich gesagt, h�chst aufschlussreich war!</p><p>Zu jener Zeit, als das <emphasis>Fuaran </emphasis>geschrieben worden war, gab es all die gelehrten Ausdr�cke wie�Gene�, �Mutation�samt der ganzen biologischen Schlauheit, die heutzutage die Natur der Anderen erkl�ren soll, noch nicht. Deshalb hat das Hexenkollektiv, das das Buch verfasst hatte (insgesamt f�nf Autorinnen, die nur mit Vornamen aufgez�hlt wurden) auf Formulierungen wie�Neigung zu Zauberkunst�, �Ver�nderung der Natur�und dergleichen zur�ckgegriffen. Zu den Autorinnen geh�rte auch Arina, wor�ber sich die Hexe gestern jedoch in aller Bescheidenheit ausgeschwiegen hatte!</p><p>Im ersten Kapitel diskutierten die belesenen Hexen lange �ber die Natur der Anderen selbst. Sie gelangten zu folgendem Schluss: In jedem Menschen findet sich�eine Neigung zur Zauberei�. Das Niveau dieser�Neigung�ist bei allen unterschiedlich. Als Bezugsgr��e kann man das nat�rliche Niveau der Magie nehmen, die �ber die ganze Welt ausgebreitet ist. Wenn die�Neigung�bei einem Menschen <emphasis>st�rker </emphasis>ist als das Niveau der Magie in seiner Umwelt, dann w�chst er zu einem ganz gew�hnlichen Menschen heran! Er wird nicht ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>eintreten k�nnen und nur in seltenen Ausnahmen, wenn es zu Schwankungen des nat�rlichen magischen Niveaus kommt, wird er etwas Seltsames wahrnehmen. Wenn die�Neigung�in einem Menschen jedoch <emphasis>schw�cher </emphasis>ist als in seiner Umwelt, wird er sich das <emphasis>Zwielicht </emphasis>zunutze machen k�nnen!</p><p>Das klang h�chst merkw�rdig. Ich selbst hatte immer angenommen, die Anderen seien Menschen mit stark entwickelten magischen Anlagen. Die Hexen vertraten genau den entgegengesetzten Standpunkt.</p><p>Als Beispiel f�hrten sie eine komische Analogie an: Einmal angenommen, die Temperatur betr�ge weltweit 36,5 �C. Dann w�rden die meisten Menschen, deren K�rpertemperatur ja h�her ist, W�rme abgeben und damit�die Natur aufheizen�. Die wenigen jedoch, deren K�rpertemperatur aus irgendeinem Grund unter 36,5 �C liegen sollte, w�rden die W�rme <emphasis>aufnehmen. </emphasis>Wenn nun der permanente Strom von Kraft auf sie st��t, k�nnen sie diese Kraft nutzen, w�hrend die w�rmeren Menschen ziellos�die Natur aufheizen�.</p><p>Eine interessante Theorie. Ich hatte mich mit verschiedenen m�glichen Erkl�rungen zu unserer Entstehung und den Unterschieden zu den Menschen auseinander gesetzt. Auf diese war ich bislang nicht gesto�en. Sie hatte etwas Dem�tigendes�</p><p>Doch was spielte das f�r eine Rolle! Am Ergebnis �nderte sie nichts! Es gab Menschen, und es gab Andere� Ich las weiter.</p><p>Das zweite Kapitel war den Unterschieden zwischen�Magiern und Zauberinnen�einerseits und�Hexen und Hexenmeistern�andererseits gewidmet. Zu dieser Zeit wurden mit dem Wort�Hexenmeister�nicht Dunkle Magier bezeichnet, sondern alle�Hexen m�nnlichen Geschlechts�, also alle Anderen, die Artefakte verwendeten. Das Kapitel war interessant, und ich hatte den Eindruck, Arina habe es geschrieben. Es lief darauf hinaus, dass es im Prinzip keine Unterschiede gebe. Eine Zauberin operiert unmittelbar mit dem <emphasis>Zwielicht, </emphasis>aus dem sie Kraft abzieht, um verschiedene magische Handlungen zu vollf�hren. Die Hexe schafft zun�chst ein�Kleinod�, das die Kraft des <emphasis>Zwielichts </emphasis>speichert und �ber einen langen Zeitraum eigenst�ndig funktioniert. Der Vorteil der Zauberinnen und Magier ist der, dass sie keine Utensilien, St�be oder Ringe, B�cher oder Amulette brauchen. Der Vorteil der Hexen und Hexenmeister ist der, dass sie, nachdem sie einen brauchbaren Artefakt kreiert haben, in ihm einen derartigen Vorrat an Kraft speichern k�nnen, wie man ihn nur mit �u�erster Anstrengung auf einen Schlag aus dem <emphasis>Zwielicht </emphasis>abziehen k�nnte. Die Schlussfolgerung dr�ngte sich von selbst auf, doch Arina formulierte sie auch explizit: Ein vern�nftiger Magier wird sich nicht gegen Artefakte sperren, ein kluger Hexenmeister versuchen zu lernen, auch direkt mit dem <emphasis>Zwielicht </emphasis>zu arbeiten. Nach Auffassung der Autorin werden wir�in hundert Jahren erleben, wie die gr��ten und hochm�tigsten Magier sich nicht mehr zu schade sind, Amulette zu benutzen, w�hrend es durch und durch orthodoxen Hexen nicht mehr zum Nachteil gereicht, ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>einzutreten�.</p><p>Mit dieser Prognose lag sie absolut richtig, daran lie� sich nicht r�tteln. In der Nachtwache arbeiten haupts�chlich Magier. Aber Artefakte benutzen wir st�ndig�</p><p>Ich ging in die K�che, brach mir noch Brot ab und goss mir Kwass ein. Sah auf die Uhr: sechs Uhr morgens. Irgendwo bellten zwar schon die ersten Hunde, aber das Dorf schlief noch.</p><p>Das dritte Kapitel behandelte die zahlreichen Versuche von Anderen, einen Menschen in einen Anderen zu verwandeln -in der Regel trieben Liebe oder der eigene Vorteil die Anderen dazu -, aber auch die Versuche von Menschen, zu einem Anderen zu werden, nachdem sie auf die eine oder andere Weise hinter die Wahrheit gekommen waren.</p><p>Ausf�hrlich wurde auf die Geschichte von Gilles de Rais eingegangen, dem Waffengef�hrten von Jeanne d'Arc. Jeanne war eine sehr schwache Dunkle, eine�Hexe siebten Ranges�, was sie im �brigen nicht daran hinderte, gr��tenteils edle Taten zu vollbringen. �ber Jeannes Tod wurde h�chst nebul�s berichtet, selbst eine Andeutung, sie habe den Blick der Inquisitoren abgelenkt und sich vom Scheiterhaufen retten k�nnen, fehlte nicht. Ich hegte da so meine Zweifel: Jeanne hatte den Gro�en Vertrag verletzt, indem sie ihre menschlichen Beziehungen magisch geregelt hatte, sodass auch unsere Inquisition ein Auge auf die Vollstreckung der Strafe gehabt hatte. Und deren Blick lenkt niemand ab� Die Geschichte des ungl�ckseligen Gilles de Rais wurde dagegen weitaus detaillierter wiedergegeben. Sei es aus Liebe, sei es aus Verschrobenheit oder Nachl�ssigkeit, jedenfalls hatte Jeanne ihm alles �ber die Natur der Anderen erz�hlt. Der junge Ritter, f�r seine K�hnheit und seinen Edelmut ber�hmt, geriet auf Abwege. Man konnte also, so sinnierte er, magische Kraft bei ganz normalen Menschen sammeln, bei jungen und gesunden Menschen. Daf�r m�sste man sie nur peinigen, dem Kannibalismus fr�nen und die dunklen Kr�fte um Hilfe bitten� Kurzum, der Mann wollte ein Dunkler Anderer werden. Er qu�lte mehrere hundert Frauen und Kinder, wof�r er - ebenso wie f�r unterlassene Zinszahlungen - am Ende ebenfalls auf dem Scheiterhaufen landete.</p><p>Aus dem Text ging hervor, dass selbst die Hexen dieses Vorgehen nicht billigen konnten. Die emp�rten Seitenhiebe gegen die Klatschbase Jeanne lie�en sich nicht �berlesen, die nicht druckreifen Beinamen f�r ihren �bergeschnappten Waffengef�hrten sprachen f�r sich. Die Schlussfolgerung dagegen fiel trocken und wissenschaftlich aus: Es gebe absolut keine M�glichkeit, die�Neigung zur Zauberei�bei einem gew�hnlichen Menschen zu nutzen, um ihn in einen Anderen zu verwandeln. Denn ein Anderer zeichnet sich nicht durch seine gr��ere�Neigung�aus, die der blutr�nstige und dumme Gilles de Rais zu erreichen hoffte, sondern durch seine geringere! Daher machten alle grausamen Experimente ihn nur mehr und mehr zum Menschen�</p><p>Das klang �berzeugend. Ich kratzte mir den Nacken. Also� meine magische Veranlagung war also weitaus geringer als die des Alkoholikers Onkel Kolja? Und nur deshalb konnte ich mir das <emphasis>Zwielicht </emphasis>zunutze machen? Na so was� Swetlana h�tte demnach wohl eine noch geringere�Neigung�?</p><p>Und sollte Nadjuschka dann theoretisch �berhaupt nicht magisch veranlagt sein? Weshalb die Kraft sich schier in sie ergoss? Ungehemmt, ohne jedes Problem? So sind sie, die Hexen, immer f�r einen Spa� zu haben!</p><p>Das n�chste Kapitel diskutierte die Frage, ob es m�glich sei, das Niveau der Kraft der Natur anzuheben, damit sich eine h�here Zahl von Menschen in Andere verwandelte. Das Ergebnis bot nicht viel Trost: nein. Denn die Kraft nutzen nicht nur die Anderen, die im Prinzip zeitweise auf Magie verzichten konnten. Auch das blaue Moos, die einzige bekannte Pflanze, die in der ersten <emphasis>Zwielicht-Schicht </emphasis>w�chst, fra� begeistert Kraft. Je mehr Kraft es gab, desto st�rker w�rde das <emphasis>Zwielicht-Moos </emphasis>wachsen. M�glicherweise gab es in tieferen Schichten weitere Kraftverbraucher� Daher stellt das Kraftniveau eine Konstante dar. Als ich diesen Ausdruck in dem alten Buch las, musste ich schmunzeln.</p><p>Danach folgte die Geschichte des <emphasis>Fuaran. </emphasis>Der Titel ging auf den Namen einer alten orientalischen Zaubermeisterin zur�ck, die unbedingt aus ihrer Tochter eine Andere machen wollte. Lange Zeit hatte die Zaubermeisterin experimentiert. Zun�chst schlug sie den Weg von Gilles de Rais ein, dann erkannte sie ihren Fehler und versuchte, das Kraftniveau der Natur anzuheben� Kurzum, sie irrte in alle denkbaren falschen Richtungen. Am Ende verstand sie, dass es n�tig war, die�Neigung der Tochter zu Zauberei herabzusenken�. Ihre entsprechenden Versuche sollen Ger�chten zufolge im <emphasis>Fuaran </emphasis>beschrieben sein. Das Ganze wurde zus�tzlich dadurch erschwert, dass die Natur der�Neigung�zu dieser Zeit nicht bekannt war. An dieser Situation hatte sich weder bis zum Erscheinungsjahr des Buches noch bis heute etwas ge�ndert. Dennoch hatte die Hexe mit der Methode von Versuch und Irrtum Erfolg und machte aus ihrer Tochter eine Andere!</p><p>Zum Pech der Hexe interessierte eine derma�en bedeutende Entdeckung ausnahmslos alle Anderen. Damals gab es noch keinen Gro�en Vertrag und keine Wachen, keine Inquisition� Kurzum, dem Zauberspruch jagten alle nach, die ger�chteweise von diesem Wunder geh�rt hatten. Eine Zeit lang wehrten sich Fuaran und ihre Tochter erfolgreich gegen alle Angriffe. Anscheinend hatte die ohnehin schon m�chtige Hexe nicht nur aus ihrer Tochter eine starke Andere gemacht, sondern auch ihre eigene Kraft noch gesteigert. Die erbitterten Anderen formierten sich zu einer ganzen Armee von Magiern, ohne in Dunkle und Lichte zu unterscheiden, schlugen gemeinsam zu und vernichteten in einer schrecklichen Schlacht die kleine Familie der Hexe. In ihrer letzten Stunde k�mpfte Fuaran verzweifelt um ihr Leben, verwandelte sogar ihre menschlichen Diener in Andere. Diese gewannen zwar tats�chlich Kraft, waren aber zu verzweifelt und ungeschickt. Nur ein Diener stellte sich als kl�ger als die �brigen heraus, indem er sich nicht blindlings in den Kampf st�rzte, sondern das Buch an sich nahm und Fersengeld gab. Als die siegreichen Magier merkten, dass der�Laborbericht�der Hexe verschwunden war (denn beim <emphasis>Fuaran </emphasis>handelte es sich schlicht um die Laboraufzeichnungen der Hexe), hatten sich die Spuren des Fl�chtlings bereits verloren. Danach suchte man lange und erfolglos nach dem Buch. Ab und an versicherte jemand, dem fl�chtigen Diener, der inzwischen zu einem recht starken Anderen geworden war, begegnet zu sein und das Buch gesehen und durchgebl�ttert zu haben. F�lschungen tauchten auf - teilweise stammten sie aus der Hand verr�ckter Anh�nger der Hexe, teilweise von abenteuerlustigen Anderen. Alle F�lle wurden sorgf�ltig untersucht und dokumentiert.</p><p>Das letzte Kapitel besch�ftigte sich mit dem Thema�Worauf war Fuaran gesto�en?�. Die Autorinnen bezweifelten nicht, dass die Frau wirklich Erfolg gehabt hatte, hielten das Buch jedoch f�r unwiederbringlich verloren. Sie zogen einen traurigen Schluss: Ihre Entdeckung muss so zuf�llig und au�ergew�hnlich gewesen sein, dass sich ihre Natur nicht mehr rekonstruieren l�sst.</p><p>Am meisten erstaunte mich das kurze Res�mee. Falls das <emphasis>Fuaran </emphasis>heute noch existieren sollte, dann sei es die Pflicht jedes einzelnen Anderen, es zu vernichten, und zwar�aus allgemein einsichtigen Gr�nden, ungeachtet der au�erordentlichen Versuchung und des eigenen Vorteils��Ach, diese Dunklen! Wie sie an ihrer Macht kleben!</p><p>Ich schloss das Buch und schlenderte durch den Garten. Abermals schaute ich in den Schuppen, wagte es aber auch diesmal nicht, den Motor anzulassen.</p><p>Fuaran und ihr Buch waren real. Daran hegten die Hexen keinen Zweifel. Ich lie� die M�glichkeit einer Mystifizierung zu, glaubte im tiefsten Herzen jedoch nicht daran.</p><p>Damit gab es also theoretisch die M�glichkeit, einen Menschen in einen Anderen zu verwandeln!</p><p>Das warf auch ein v�llig neues Licht auf die Ereignisse im Assol. Der Sohn von Geser und Olga war ein Mensch gewesen - wie es �blicherweise bei Anderen der Fall ist. Deshalb konnten die beiden Gro�en ihn nicht finden. Sobald sie ihn jedoch gefunden hatten, machten sie einen Anderen aus ihm, erst dann zogen sie das ganze Theater auf. Bei dem sie noch nicht einmal davor zur�ckschreckten, die Inquisition zu t�uschen.</p><p>Ich legte mich in die H�ngematte, griff nach meinem MD-Player. Stellte den Zufallsgenerator ein und schloss die Augen. Ich wollte mich aus der Welt ausklinken, meine Ohren mit irgendetwas Sinnlosem zustopfen� Doch ich hatte kein Gl�ck. Es kam <emphasis>Piknik.</emphasis></p><poem><stanza><v>Mir ist gar nicht mehr zum Lachen,</v><v>T�r und Fenster sind verschwommen,</v><v>Ist der Gro�e Inquisitor</v><v>Mich zu foltern doch gekommen.</v></stanza><stanza><v>Mich bedr�ngt der Inquisitor</v><v>Er sortiert die Instrumente:</v><v>�Sag mir, was du wei�t, sag alles,</v><v>weil es dir nur n�tzen k�nnte.�</v></stanza><stanza><v>Glaubt, er kriegt mich auf, als ob ich</v><v>Irgend so ein Koffer w�r,</v><v>Wei�, da ist ein Doppelboden,</v><v>Scheint der Koffer noch so leer.</v></stanza></poem><p>Solche Zuf�lle mag ich nicht! Selbst ganz gew�hnliche Menschen k�nnen die Realit�t beeinflussen, sie sind blo� nicht in der Lage, ihre Kraft zu lenken. Jeder Mensch kennt das: Der Autobus, der genau im richtigen Moment kommt - oder eben hartn�ckig nicht kommt; ein Lied aus dem Radio, das hundertprozentig zu deinen Gedanken passt; ein Anruf von jemandem, an den du gerade gedacht hast� Es gibt �brigens eine sehr einfache M�glichkeit, um herauszubekommen, ob du nah an den M�glichkeiten eines Anderen bist. Wenn du mehrere Tage hintereinander bei einem zuf�lligen Blick auf die Uhr die Ziffern 11:11, 22:22 oder 00:00 siehst, hei�t das, dass deine Beziehung zum <emphasis>Zwielicht </emphasis>an Bedeutung gewinnt. In diesen Tagen solltest du auf deine Vorgef�hle und Ahnungen h�ren�</p><p>Aber das sind Lappalien, die Menschen betreffen. F�r Andere ist die Beziehung mit dem <emphasis>Zwielicht </emphasis>genauso unbewusst wie f�r Menschen, wirkt sich aber weitaus st�rker aus. Und mir gefiel �berhaupt nicht, dass ausgerechnet jetzt das Lied vom Gro�inquisitor kam.</p><p>Wenn ich noch bei Kr�ften w�re, Sagte ich zu ihm: �Mein Herr, Ich wei� gar nicht, was hier vorgeht, Wo ich bin und was und wer;</p><p>So verwirrt sind alle Stra�en, dass ich kaum noch gehen kann.�Doch das will er mir nicht glauben, Zieht die Daumenschraube an.</p><poem><stanza><v>Glaubt, er kriegt mich auf, als ob ich</v><v>Irgend so ein Koffer w�r,</v><v>Wei�, da ist ein Doppelboden,</v><v>Scheint der Koffer noch so leer.</v></stanza></poem><p>Hm. Auch ich h�tte zu gern gewusst, was die Welt im Innerstenzusammenh�lt�</p><p>Jemand klopfte mir sanft auf die Schulter.</p><p>�Ich schlafe nicht, Sweta�, sagte ich. Und �ffnete die Augen.</p><p>Der Inquisitor Edgar sch�ttelte den Kopf und deutete ein L�cheln an. Von seinen Lippen las ich: �Tut mir leid, Anton, aber ich bin nicht Sweta.�Trotz der Hitze trug Edgar Anzug, Krawatte und schwarze Lackschuhe, auf denen sich nicht ein einziges Staubk�rnchen niedergelassen hatte. In dieser Stadtkleidung wirkte er noch nicht mal albern. Das nenn ich baltisches Blut!</p><p>�Ja, woher�!�, rief ich und w�lzte mich aus der H�ngematte. �Edgar?�</p><p>Edgar wartete geduldig. Ich st�pselte die Kopfh�rer aus den Ohren, atmete durch. �Ich habe Urlaub�, sagte ich. �Einen Mitarbeiter der Nachtwache in der arbeitsfreien Zeit zu st�ren ist laut Vorschrift��</p><p>�Anton, ich wollte Sie nur mal besuchen�, versicherte Edgar. �Haben Sie etwas dagegen?�</p><p>Edgar war mir nicht unsympathisch. Niemals w�rde aus ihm ein Lichter werden, doch sein Wechsel zur Inquisition hatte mir Respekt abgen�tigt. Wenn Edgar mit mir reden wollte, w�rde ich mich jederzeit mit ihm treffen.</p><p>Aber nicht auf der Datscha, wo Sweta und Nadjuschka Urlaub machten!</p><p>�Ja�, erwiderte ich eisern. �Wenn Sie keine offizielle Verf�gung haben, dann verlassen Sie mein Territorium!�</p><p>Mit einer unsagbar albernen Geste wies ich auf den schiefen Zaun. Territorium - das Wort war mir einfach so herausgerutscht.</p><p>Edgar seufzte. Und griff langsam in die Innentasche seines Jacketts.</p><p>Ich wusste, was er herausholen w�rde. Doch es war zu sp�t, um jetzt einen R�ckzieher zu machen.</p><p>Die Verf�gung des Moskauer B�ros der Inquisition teilte mir mit, dass�wir im Rahmen einer dienstlichen Aufkl�rung dem Mitarbeiter der Moskauer Nachtwache Anton Gorodezki, Lichter Magier zweiten Ranges, gebieten, er m�ge dem Inquisitor dritten Ranges Edgar alle nur denkbare Hilfe gew�hren�. Eine Verf�gung der Inquisition hatte ich nie zuvor gesehen, und auch jetzt fielen mir nur Kleinigkeiten auf: Die Inquisition ma� die Kraft weiterhin in den altmodischen�R�ngen�, genierte sich nicht, ein Wort wie�gebieten�zu gebrauchen und nannte die eigenen Mitarbeiter selbst in offiziellen Dokumenten nur mit dem Vornamen.</p><p>Dann bemerkte ich das Wesentliche. Unten prangte der Stempel der Nachtwache und in Gesers Schrift: �Zur Kenntnis genommen, stattgegeben�. Das wurde ja immer sch�ner!</p><p>�Und wenn ich ablehne?�, fragte ich. �Sie m�ssen wissen, es gef�llt mir nicht, wenn mir jemand etwas <emphasis>gebietet.�</emphasis></p><p>Edgar runzelte die Stirn und linste zu dem Formular hinunter. �Unsere Sekret�rin ist schon dreihundert Jahre alt�, erkl�rte er. �Nehmen Sie es nicht �bel, Anton. Das ist nur ihre archaische Ausdrucksweise. So wie <emphasis>Rang.�</emphasis></p><p>�Ist es auch Tradition, ohne Familiennamen auszukommen?�, hakte ich nach. �Nur interessehalber.�</p><p>Verst�ndnislos sah Edgar auf das Blatt Papier. Abermals runzelte er die Stirn. �Ach, die alte Blausocke��, meinte er �rgerlich. �Sie hat meinen Familiennamen vergessen, und mich danach zu fragen, hat der Stolz ihr verboten.�</p><p>�Das w�rde mir das Recht geben, die Verf�gung in den Komposthaufen zu werfen.�Meine Augen suchten die Datscha nach besagtem Haufen ab, fanden ihn jedoch nicht. �Oder ins Klo. Wenn in der Anordnung kein Familienname steht, hei�t das, sie ist nicht rechtskr�ftig. Oder etwa nicht?�Edgar h�llte sich in Schweigen.</p><p>�Und was droht mir, wenn ich die Zusammenarbeit verweigere?�, wiederholte ich meine Frage.</p><p>�Nichts Schlimmes�, meinte Edgar bedr�ckt. �Selbst wenn ich eine neue Verf�gung bringe. Eine Beschwerde an Ihren unmittelbaren Vorgesetzten, eine Strafe nach seinem Ermessen��</p><p>�Damit l�uft das strenge Papier also auf eine einfach Bitte um Hilfe hinaus? �</p><p>�Ja.�Edgar nickte.</p><p>Eine Situation ganz nach meinem Geschmack. Die schreckliche Inquisition, mit der Neulinge einander Angst einjagen, stellte sich als zahnlose alte Blausocke heraus!</p><p>�Was ist denn �berhaupt passiert?�, wollte ich wissen. �Ich bin schlie�lich im Urlaub. Mit meiner Frau und meiner Tochter. Und meiner Schwiegermutter. Ich bin nicht im Dienst.�</p><p>�Das hat Sie aber nicht daran gehindert, Arina zu besuchen�, antwortete Edgar, ohne mit der Wimper zu zucken.</p><p>Das hatte ich nun davon! Wieso musste ich das Ganze auch auf die leichte Schulter nehmen�</p><p>�Das geh�rt zu meinen unmittelbaren dienstlichen Verpflichtungen�, konterte ich. �Menschen zu sch�tzen, Dunkle zu kontrollieren. Immer und �berall. Woher wei� die Inquisition �brigens von Arina?�</p><p>Jetzt war die Reihe an Edgar zu grinsen und die Antwort hinauszuz�gern. �Geser hat es uns mitgeteilt�, sagte er schlie�lich. �Sie haben ihn doch gestern angerufen und ihm alles berichtet, oder? Da es eine ungew�hnliche Situation ist, hielt Geser es f�r seine Pflicht, die Inquisition in Kenntnis zu setzen. Als Zeichen unserer unver�ndert freundschaftlichen Beziehungen.�</p><p>Das sollte einer verstehen!</p><p>Wenn die Hexe irgendwie in die Geschichte mit Gesers Sohn verwickelt war� Oder war sie es am Ende doch nicht?</p><p>�Ich muss ihn anrufen�, sagte ich und ging demonstrativ zum Haus. Edgar blieb gehorsam neben der H�ngematte stehen. Er linste zwar zu dem Plastikstuhl hin�ber, hielt ihn aber nicht f�r sauber genug. Ich wartete, das Handy ans Ohr gepresst. �Hallo, Anton. �</p><p>�Edgar ist zu mir gekommen��</p><p>�Ja, ja, ja�, sagte Geser zerstreut. �Nach deinem Bericht gestern habe ich es f�r n�tig erachtet, die Inquisition �ber die Hexe zu informieren. Wenn du willst, hilf ihm. Wenn nicht, jag ihn sonst wohin. Seine Verf�gung ist nicht rechtskr�ftig, ist dir das aufgefallen?�</p><p>�Ja�, antwortete ich, w�hrend ich zu Edgar hin�berschielte. �Was ist mit diesen Werw�lfen, Chef?�</p><p>�Die �berpr�fen wir�, erwiderte Geser nach kurzem Z�gern. �Noch haben wir nichts.�</p><p>�Und noch einmal zu dieser Hexe��Ich linste zu dem Buch �ber das Buch. �Ich habe bei ihr ein erstaunliches Buch beschlagnahmt� <emphasis>Fuaran. Phantasie oder Wahrheit?�</emphasis></p><p>�Das kenn ich, das kenn ich�, sagte Geser in gutm�tigem Ton. �Wenn du das echte <emphasis>Fuaran </emphasis>gefunden h�ttest� Darauf h�ttest du dir was einbilden k�nnen. Ist das alles, Anton? �</p><p>�Ja�, gab ich zu. Und Geser unterbrach die Verbindung. Edgar wartete geduldig.</p><p>Ich ging zu ihm, legte eine Kunstpause ein. �Welches Ziel hat Ihre Untersuchung?�, fragte ich dann. �Und was soll ich dabei tun?�</p><p>�Sie werden mit mir zusammenarbeiten, Anton?�Edgar freute sich aufrichtig. �Meine Untersuchung betrifft die Hexe Arina, die Sie entdeckt haben. Sie m�ssten mir den Weg zu ihr zeigen.�</p><p>�Und was will die Inquisition von der Alten?�, wollte ich wissen. �Meiner Ansicht nach hat sie nicht das geringste Verbrechen begangen. Auch nicht aus Sicht der Nachtwache.�</p><p>Edgar geriet in Verlegenheit. Er wollte l�gen - und gleichzeitig wusste er, dass ich die L�ge sp�ren k�nnte. Von der Kraft her konnten wir beide uns ungef�hr messen. Und seine inquisitorischen Tricks mussten nicht immer funktionieren.</p><p>�Es geht da um eine alte Sache�, gab der Dunkle Magier zu. �Die seit den drei�iger Jahren anh�ngig ist. Die Inquisition hat eine Reihe von Fragen an sie��</p><p>Ich nickte. Von Anfang an hatte mich die Geschichte von den Ermittlungen des b�sen NKWD gest�rt. Gewiss, die Bauern h�tten durchaus versuchen k�nnen, die Hexe hintenrum loszuwerden. Aber eben nur versuchen. Mit einem Anderen niedrigen Grades konnte eine solche Sache durchaus noch klappen. Aber nicht mit einer so m�chtigen Hexe�</p><p>�Gut, ich zeig Ihnen, wo sie wohnt�, stimmte ich zu. �Wollen Sie noch etwas fr�hst�cken, Edgar?�</p><p>�Da sage ich nicht nein.�Der Magier zierte sich nicht. �Und� Ihre Gattin hat nichts dagegen? �</p><p>�Das werden wir gleich in Erfahrung bringen�, meinte ich.</p><p>Ein interessantes Fr�hst�ck. Trotz allem f�hlte sich der Inquisitor nicht ganz wohl in seiner Haut, versuchte krampfhaft, lustig zu sein, machte Swetlana und Ljudmila Iwanowna Komplimente, plapperte mit Nadjuschka in der Kindersprache und lobte das einfache Spiegelei.</p><p>Nadjuschka, meine kleine Kluge, sah den�Onkel Edgar�aufmerksam an und sch�ttelte den Kopf. �Du bist ein andrer�, sagte sie. Danach wich sie ihrer Mutter nicht von der Seite.</p><p>Swetlana am�sierte Edgars Besuch. Sie stellte Edgar verschiedene unverf�ngliche Fragen, erinnerte ihn an die�Geschichte mit dem Spiegel�und verhielt sich insgesamt so, als ob ein Arbeitskollege oder guter Bekannter gekommen sei.</p><p>Daf�r zeigte sich Ljudmila Iwanowna schier entz�ckt von Edgar. Ihr gefiel seine Art, sich zu kleiden, zu reden, selbst dass er die Gabel in der linken Hand hielt und das Messer in der rechten, begeisterte meine Schwiegermutter. Man h�tte glauben k�nnen, alle �brigen ��en mit Fingern� Als Edgar dann auch noch ganz entschieden ein Schn�pschen ablehnte, erntete ich einen derart gouvernantenhaften Blick, als ob ich die Angewohnheit h�tte, mir jeden Morgen erst mal ein oder zwei Gl�schen Wodka hinter die Binde zu kippen.</p><p>Deshalb machten Edgar und ich uns satt, aber leicht ver�rgert auf den Weg. Ich �ber die Begeisterung meiner Schwiegermutter, er anscheinend �ber ihre Aufmerksamkeit.</p><p>�K�nnen Sie mir sagen, was Sie der Hexe vorzuwerfen haben?�, fragte ich, w�hrend wir auf den Wald zusteuerten.</p><p>�Eigentlich haben wir doch Br�derschaft getrunken�, erinnerte mich Edgar. �Wollen wir wieder zum Du �bergehen? Oder steht meine neue Arbeit��</p><p>�Die ist nicht schlechter als die Arbeit in der Tagwache�, unterbrach ich ihn. �Gut, duzen wir uns.�</p><p>Zufrieden dr�ckte sich Edgar nicht l�nger um die Antwort. �Arina ist eine starke und ehrenwerte Hexe� innerhalb ihrer engen Kreise. Wie du wei�t, Anton, hat jede Gruppe ihre eigene Hierarchie. Geser kann sich noch so sehr �ber Viteszlav lustig machen, aber unter den Vampiren ist er der st�rkste. Bei den Hexen nimmt Arina eine vergleichbare Position ein. Eine sehr hohe.�</p><p>Ich nickte. O nein, sie war keine einfache Hexe, meine neue Bekannte�</p><p>�Die Tagwache hat sie mehrmals zur Mitarbeit aufgefordert�, fuhr Edgar fort. �Genauso hartn�ckig, wie ihr um Swetlana gek�mpft habt� Nimm's mir nicht �bel, Anton!�</p><p>Das tat ich nicht.</p><p>�Die Hexe lehnte entschieden ab. Gut, das ist ihr Recht! Vor allem, da sie sich verschiedentlich auf eine zeitweilige Zusammenarbeit eingelassen hat. Aber zu Beginn des letzten Jahrhunderts, genauer, nach der sozialistischen Revolution, geschah etwas Unangenehmes��</p><p>Er verstummte, z�gerte. Wir gingen in den Wald, wobei ich Edgar, wenn auch mit einer gewissen aufgesetzten Sicherheit, f�hrte. Der Dunkle Magier stapfte, so albern er in seiner Stadtkleidung auch wirkte, unger�hrt durch B�sche und �ber holprigen Boden. Noch nicht mal die Krawatte lockerte er.</p><p>�Damals haben die Nacht- und die Tagwache um das Recht auf ein gesellschaftliches Experiment gerungen��, berichtete Edgar. �Den Kommunismus haben sich ja bekanntlich die Lichten ausgedacht��</p><p>�Und die Dunklen verdorben�, konnte ich mir nicht verkneifen.</p><p>�H�r doch auf, Anton�, meinte Edgar beleidigt. �Wir haben gar nichts verdorben. Die Menschen haben frei entschieden, welche Gesellschaft sie aufbauen wollen! Doch zur�ck zum Thema: Die Wachen haben Arina um Hilfe gebeten. Sie hat sich einverstanden erkl�rt� eine kleine Mission zu �bernehmen. An ihr hatten sowohl die Dunklen wie auch die Lichten ein Interesse, aber auch die Hexe selbst. Jede Seite war mit� mit dieser Mission einverstanden. Jede Seite hoffte darauf, am Ende zu gewinnen. Die Inquisition schaute sich das Ganze an, einen Grund zum Eingreifen gab es jedoch nicht. Alles lief ja mit Zustimmung beider Wachen��</p><p>Eine interessante Neuigkeit! Was das wohl f�r eine Mission sein mochte, die sowohl die Dunklen wie auch die Lichten guthie�en?</p><p>�Arina hat ihre Mission brillant erf�llt�, fuhr Edgar fort. �Die Wachen haben sie sogar belobigt� Wenn ich mich nicht irre, haben ihr die Lichten das Recht auf dunkle Magie zweiten Grades einger�umt.�</p><p>Eine Geschichte, mit der nicht zu spa�en war. Mit einem Nicken nahm ich die Information zur Kenntnis.</p><p>�Mit der Zeit kamen der Inquisition jedoch Zweifel an der Rechtm��igkeit von Arinas Vorgehen�, berichtete Edgar in sachlichem Ton. �Es tauchte der Verdacht auf, sie sei im Zuge ihrer Arbeit von einer der beiden Seiten beeinflusst worden und habe dann in deren Interesse gehandelt. �</p><p>�Und von welcher Seite?�</p><p>�Der lichten�, antwortete Edgar finster. �Eine Hexe hilft den Lichten - das klingt unwahrscheinlich, nicht wahr? Ebendeshalb hat man sie auch lange Zeit �berhaupt nicht in Verdacht gehabt, doch irgendwann gab es zu viele indirekte Hinweise auf einen Verrat� Die Inquisition beorderte Arina� zu einem Gespr�ch. Daraufhin verschwand diese. Eine Zeit lang suchte man nach ihr, aber in jenen Jahren, na ja, du wei�t selbst, wie das damals gewesen ist��</p><p>�Worin bestand denn eigentlich ihre Aufgabe?�, fragte ich, ohne wirklich mit einer Antwort zu rechnen.</p><p>Edgar seufzte. �Manipulation des Bewusstseins von Menschen��, sagte er dann aber. �Eine vollst�ndige Remoralisation.�</p><p>Ich schnaubte. Welches Interesse sollten die Dunklen denn daran gehabt haben?</p><p>�Das erstaunt dich?�, brummte Edgar. �Hast du eigentlich eine Ahnung, was so eine Remoralisation bedeutet? �</p><p>�Ich habe sie sogar durchgef�hrt. Bei mir selbst.�</p><p>Ein paar Sekunden lang sah Edgar mich �berrascht an. Dann nickte er. �Ach� ja. Nat�rlich. Dann ist es nicht schwer, das Ganze zu erkl�ren. Eine Remoralisation ist ein relativer Prozess, kein absoluter. Letzten Endes gibt es in der Welt eben keine allgemein g�ltige Moral. Deshalb zwingt die Remoralisation einen Menschen zwar, sich absolut ethisch zu verhalten, jedoch nur im Rahmen seiner moralischen Grundwerte. Grob gesagt, wird ein papuanischer Kannibale, der das Verspeisen seines Feindes nicht f�r ein Verbrechen h�lt, sein Gelage seelenruhig fortsetzen. Aber das, was die Moral ihm verbietet, wird er dann in der Tat unterlassen. �</p><p>�Das ist mir klar�, sagte ich.</p><p>�Siehst du, und diese Remoralisation damals war eben nicht ganz relativ. Bestimmten Menschen - von etlichen hast du sicher geh�rt, aber Namen tun hier nichts zur Sache - ist die kommunistische Ideologie ins Bewusstsein gepflanzt worden.�</p><p>�Der moralische Kodex zum Aufbau des Kommunismus�, brummte ich.</p><p>�Der war damals noch nicht erfunden�, antwortete Edgar sehr ernst. �Aber etwas in der Art wird es wohl gewesen sein. Diese Menschen fingen an, in v�lliger �bereinstimmung mit den Normen zu handeln, die als kommunistische Ethik deklariert worden sind.�</p><p>�Ich kann mir vorstellen, welches Interesse die Nachtwache daran hatte�, sagte ich. �Die kommunistischen Prinzipien haben viel f�r sich� Aber das Interesse der Dunklen?�</p><p>�Die Dunklen wollten sich �berzeugen, dass eine oktroyierte, lebensunf�hige Ethik zu nichts Gutem f�hrt. Dass die Opfer des Experiments entweder den Verstand verlieren, sterben oder anfangen, entgegen der Remoralisation zu handeln.�</p><p>Ich nickte. Was f�r ein Experiment! Was waren da schon die Nazi�rzte, die K�rper verst�mmelten! Hier kamen die Seelen unters Messer�</p><p>�Emp�rt dich das Verhalten der Lichten?�, fragte Edgar einschmeichelnd.</p><p>�Nein.�Ich sch�ttelte den Kopf. �Ich bin �berzeugt, dass sie diesen Menschen nichts B�ses wollten. Sondern darauf hofften, dass ein solches Experiment zum Aufbau einer neuen, einer gl�cklichen Gesellschaft f�hrt.�</p><p>�In der KPdSU bist du nicht gewesen?�Edgar grinste.</p><p>�Nur bei den Pionieren. Gut, den Kern des Experiments habe ich verstanden. Aber warum wurde daf�r ausgerechnet eine Hexe herangezogen?�</p><p>�In diesem Fall war die Anwendung von Hexerei weitaus �konomischer als der Einsatz von Magie�, erkl�rte Edgar. �Das Objekt des Experiments waren Tausende von Menschen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichem gesellschaftlichen Status. Kannst du dir vorstellen, welche Kr�fte Magier h�tten sammeln m�ssen? Eine Hexe konnte das jedoch mit einem Kr�utertrank bewerkstelligen��</p><p>�Hat sie den ins Trinkwasser gemischt?�</p><p>�Ins Brot. F�r Arina wurde eine Stelle in einer Brotfabrik besorgt.�Edgar l�chelte. �Sie hat eine neue, �konomische Art des Brotbackens vorgeschlagen, bei der verschiedene Kr�uter dazugegeben wurden. Daf�r hat sie sogar eine Pr�mie bekommen. �</p><p>�Alles klar. Und welches Interesse hatte Arina daran?�</p><p>Edgar schnaubte. Beh�nde sprang er �ber einen umgest�rzten Baum. �Du kannst Fragen stellen, Anton!�Er sah mir in die Augen. �Wer wollte nicht mit Magie von dieser Kraft herumspielen, noch dazu mit der Erlaubnis der Wachen und der Inquisition!�</p><p>�Schon m�glich��, murmelte ich. �Das war das Experiment� Und das Ergebnis?�</p><p>�Wie es zu erwarten war�, sagte Edgar, wobei in seinen Augen Ironie auffunkelte. �Einige haben den Verstand verloren, sind dem Alkohol verfallen oder haben sich umgebracht. Einige fielen der Verfolgung zum Opfer - weil sie ihren Idealen die Treue hielten. Die Dritten haben schlie�lich eine M�glichkeit gefunden, die Remoralisation zu umgehen.�</p><p>�Die Sichtweise der Dunklen hat also gesiegt?�, staunte ich und blieb sogar stehen. �Trotzdem glaubt die Inquisition, die Hexe habe ihren Zauber auf Befehl der Lichten abgewandelt?�</p><p>Edgar nickte.</p><p>�Quatsch�, sagte ich und ging weiter. �Absoluter M�ll! Die Dunklen haben ihre Sicht faktisch bewiesen. Und ihr behauptet, die Lichten h�tten sich etwas zu Schulden kommen lassen.�</p><p>�Nicht alle Lichten�, entgegnete Edgar unger�hrt. �Nur einer� m�glicherweise eine kleine Gruppe. Weshalb, das wei� ich nicht. Aber die Inquisition ist unzufrieden. Die Reinheit des Experiments wurde nicht gewahrt, das Gleichgewicht der Kr�fte geriet ins Wanken, irgendeine sehr langfristige und undurchsichtige Intrige ist damit eingeleitet worden��</p><p>�Na klar�, meinte ich nickend. �Haben wir erst mal eine Intrige, k�nnen wir auch alles auf Geser abw�lzen.�</p><p>�Ich habe keine Namen genannt�, meinte Edgar rasch. �Ich kenne sie auch gar nicht! Au�erdem m�chte ich dich daran erinnern, dass der verehrte Geser damals in Zentralasien gearbeitet hat, sodass es absurd w�re, ihm irgendetwas anzulasten��</p><p>Er seufzte. Ob er an die Ereignisse im Assol dachte? �Aber ihr wollt hinter die Wahrheit kommen?�, fragte ich.</p><p>�Unbedingt!�, erwiderte Edgar entschieden. �Tausende von Menschen wurden gewaltsam zum Licht bekehrt - das ist ein Verbrechen gegen die Tagwache. All diese Menschen haben gelitten - das ist ein Verbrechen gegen die Nachtwache. Die Erlaubnis der Inquisition f�r ein gesellschaftliches Experiment wurde missbraucht - das ist ein Verbrechen��</p><p>�Schon verstanden�, unterbrach ich ihn. �Mir gef�llt diese Geschichte ja auch ganz und gar nicht��</p><p>�Hilfst du mit, die Wahrheit herauszubekommen?�, fragte Edgar. Und l�chelte.</p><p>�Ja�, antwortete ich ohne zu z�gern. �Denn das ist in der Tat ein Verbrechen.�</p><p>Edgar streckte mir die Hand hin, ich ergriff sie. �Ist es noch weit?�, wollte der Inquisitor wissen.</p><p>Ich sah mich um. Und erkannte voller Freude die bekannten Umrisse der Lichtung wieder, in der ich gestern die Pilzmetropole entdeckt hatte. Heute waren �brigens keine Pilze mehr da.</p><p>�Es ist ganz in der N�he�, beruhigte ich den Dunklen Magier. �Hauptsache, die Frau ist �berhaupt zu Hause��</p></section><section><title><p>F�nf</p></title><p>Die Hexe Arina braute einen Kr�utertrank - ganz wie es sich f�r eine praktizierende Hexe in ihrem H�uschen im Wald geh�rt. Sie stand an ihrem russischen Ofen mit einer Zange in der Hand, die einen gusseisernen, in gr�nliche Wolken geh�llten Topf umspannte. Dabei murmelte sie:</p><poem><stanza><v>Wei�er Ginster, Spindelbaum, </v><v>Sand, vom Hang gebrochen,</v><v>Vom Abszess noch Eiterschaum, </v><v>Farnkraut, Finkenknochen�</v></stanza></poem><p>Edgar und ich gingen ins Haus, blieben aber an der T�r stehen. Die Hexe tat so, als bemerke sie uns nicht. Sie stand mit dem R�cken zu uns, sch�ttelte den Topf und murmelte weiter:</p><poem><stanza><v>Wieder Ginster, Spindelbaum, </v><v>Adlerfedern drei�</v></stanza></poem><p>Edgar h�stelte und fuhr dann fort:</p><poem><stanza><v>Phosphor, Selters, Fiebertraum, </v><v>Kurze Gerten zwei?</v></stanza></poem><p>�Heiliger Strohsack aber auch!�, rief Arina und h�pfte von einem Fu� auf den andern.</p><p>Das klang absolut echt� Dennoch begriff ich mit unumst��licher Sicherheit, dass die Hexe uns erwartet hatte.</p><p>�Guten Tag, Arina�, sagte Edgar ausdruckslos. �Die Inquisition. Ich bitte Sie, die Zauberei einzustellen.�</p><p>Beh�nd schob Arina den Topf in den Ofen. Erst danach drehte sie sich um. Sie wirkte jetzt wie eine vierzigj�hrige Frau, wie eine kr�ftige, korpulente sch�ne B�uerin. Und wie eine sehr w�tende. �Tagchen auch Ihnen, Herr Inquisitor!�, polterte sie b�rbei�ig los, die H�nde in die H�ften gestemmt. �Die Zauberei st�rt Sie wohl, ja? Und ich? Ich darf mir dann meine Finken wohl noch mal fangen und den Adlern noch mal ein paar Federn ausrupfen?�</p><p>�Ihre Knittelverse sind nichts weiter als eine St�tze, um die Menge der Zutaten und die Abfolge der einzelnen Schritte im Ged�chtnis zu behalten�, erwiderte Edgar unger�hrt. �Ihren Trank der unbeschwerten Fortbewegung haben Sie schon l�ngst gebraut, meine Worte konnten daran nichts �ndern. Setzen Sie sich, Arina. Schlie�lich steckt die Wahrheit nicht in den Beinen, oder?�</p><p>�In den Beinen nicht, und weiter oben auch nicht�, antwortete Arina patzig und ging zum Tisch. Setzte sich und strich mit der Hand �ber die fr�hlich mit Kamillen und Kornblumen bedruckte Sch�rze. Dann schielte sie zu mir hin�ber.</p><p>�Guten Tag, Arina�, sagte ich. �Herr Edgar hat mich gebeten, ihn hierher zu bringen. Sie haben doch nichts dagegen?�</p><p>�Wenn ich etwas dagegen h�tte, h�ttet ihr euch im Moor verlaufen!�, lie� sich Arina leicht beleidigt vernehmen. �Ich bin ganz Ohr, Herr Inquisitor Edgar. Was f�hrt Sie denn zu mir?�</p><p>Edgar nahm Arina gegen�ber Platz. Er griff mit der Hand unter sein Jackett und zog eine kleine Ledermappe hervor. Wo hatte er die denn versteckt gehabt?</p><p>�Ihnen wurde eine Vorladung zugesandt, Arina�, sagte der Inquisitor h�flich. �Haben Sie die bekommen?�</p><p>Arina versank in Nachdenken. Edgar �ffnete seine Mappe, um Arina einen schmalen Streifen gelben Papiers zu zeigen.</p><p>�Von 1931!�, st�hnte die Hexe. �Was f�r ein alter Wisch� Nein, den habe ich nicht bekommen. Ich habe schon dem Herrn von der Nachtwache erkl�rt, dass ich mich schlafen gelegt habe. Die Tschekisten wollten mir was anh�ngen��</p><p>�Die Tscheka ist nicht das Schlimmste im Leben eines Anderen�, wandte Edgar ein. �Bei weitem nicht� Also, Sie haben diese Vorladung bekommen��</p><p>�Nein�, widersprach Arina prompt.</p><p>�Sie haben sie nicht bekommen�, korrigierte sich Edgar. �Belassen wir es dabei. Der Bote ist nicht zur�ckgekehrt� Nat�rlich, dem angeheuerten Mitarbeiter kann in den finsteren Moskauer W�ldern alles M�gliche passiert sein.�Arina h�llte sich in Schweigen.</p><p>Ich stand an der T�r und beobachtete. Interessant. Die Arbeit des Inquisitors lie� sich zwar mit der eines x-beliebigen W�chters vergleichen, dennoch war die Situation nicht allt�glich. Ein Dunkler Magier verh�rte eine Dunkle Hexe. Die obendrein weitaus st�rker war als er - das musste Edgar klar sein.</p><p>Andererseits stand hinter ihm die Inquisition. Und damit konnte er auf die Hilfe�seiner�Wache verzichten.</p><p>�Nehmen wir einmal an, Sie bek�men die Vorladung jetzt�, fuhr Edgar fort. �Mir ist aufgetragen, mit Ihnen ein erstes Gespr�ch zu f�hren, bevor wir eine endg�ltige Entscheidung treffen. Also��</p><p>Er holte ein weiteres Blatt Papier heraus. �Im M�rz 1931 haben Sie im Ersten Moskauer Brotkombinat gearbeitet?�, fragte Edgar mit Blick auf das Blatt.</p><p>�Ja�, nickte Arina.</p><p>�Mit welchem Ziel?�</p><p>Arina sah zu mir her�ber.</p><p>�Er wei� Bescheid�, sagte Edgar. �Antworten Sie.�</p><p>�Sowohl die Leitung der Nacht- wie auch die der Tagwache Moskaus hatten sich an mich gewandt�, meinte Arina seufzend. �Die Anderen wollten sehen, wie sich Menschen verhalten, wenn sie in strenger �bereinstimmung mit den kommunistischen Idealen leben. Da beide Wachen dasselbe wollten und die Inquisition ihr Anliegen unterst�tzte, habe ich zugestimmt. St�dte habe ich nie gemocht, da ist es immer��</p><p>�Weichen Sie nicht vom Thema ab��, bat Edgar.</p><p>�Ich habe meine Aufgabe erf�llt�, kam Arina kurzerhand zum Ende. �Ich habe ein Elixier gebraut, das ich in den folgenden zwei Wochen in den Brotteig gegeben habe. Das war's! Die Wachen haben mich ihrer Dankbarkeit versichert, ich habe die Brotfabrik verlassen und bin in mein Dorf zur�ckgekehrt. Und da sind die Tschekisten v�llig��</p><p>��ber ihre komplizierte Beziehung zur Staatssicherheit k�nnen Sie sich in Ihren Memoiren auslassen�, fuhr Edgar sie pl�tzlich an. �Ich will wissen, warum Sie sich nicht an das Rezept gehalten haben!�</p><p>Langsam erhob sich Arina. Ihre Augen funkelten w�tend, ihre Stimme dr�hnte, als st�nde in dieser H�tte nicht eine Frau, sondern das Weibchen von King Kong. �Merken Sie sich eins, junger Mann! Arina irrt sich niemals bei einem Rezept! Niemals!�Edgar beeindruckte sie damit nicht im Mindesten.</p><p>�Ich habe ja nicht gesagt, dass Sie sich geirrt h�tten. Sie haben sich absichtlich nicht an das Rezept gehalten. Mit dem Ergebnis��Er legte eine Pause ein.</p><p>�Mit welchem Ergebnis?�, emp�rte sich Arina. �Der fertige Trunk ist getestet worden! Er hatte genau die Wirkung, die er haben sollte!�</p><p>�Mit dem Ergebnis, dass die Wirkung des Kr�utertranks unverz�glich einsetzte�, sagte Edgar. �Die Nachtwache ist noch nie eine Sammelst�tte f�r dumme Idealisten gewesen. Die Lichten haben genau gewusst, dass alle zehntausend Versuchspersonen, die mit einem Schlag die kommunistische Moral �bernehmen, verloren sind. Die Wirkung des Kr�utertranks h�tte allm�hlich einsetzen m�ssen, damit die Remoralisation in vollem Umfang erst in zehn Jahren zum Tragen gekommen w�re, also im Fr�hjahr 1941.�</p><p>�Sicher�, erwiderte Arina vern�nftig. �Mein Trank war ja auch entsprechend.�</p><p>�Der Kr�utertrank hat praktisch sofort gewirkt�, widersprach Edgar. �Wir haben nicht gleich durchschaut, was da vor sich ging, doch bereits nach einem Jahr hatte die Zahl der Probanden um die H�lfte abgenommen. Weniger als einhundert Menschen haben bis 1941 �berlebt, n�mlich diejenigen, die die Remoralisation �berwinden konnten� indem sie eine gewisse moralische Flexibilit�t an den Tag legten.�</p><p>�Och, wie betr�blich.�Arina hob bedauernd die H�nde. �Schlimm, schlimm, schlimm� die armen kleinen Menschen��Sie setzte sich wieder. Schielte zu mir her�ber. �Was ist, Lichter?�, fragte sie. �Glaubst du auch, dass ich den Dunklen in die H�nde gearbeitet habe?�</p><p>Sollte sie l�gen, dann tat sie das ausgesprochen �berzeugend. Ich zuckte mit den Achseln.</p><p>�Ich habe alles genau richtig gemacht�, meinte Arina stur. �Die Hauptzutaten wurden ins Mehl gemischt� Wissen Sie eigentlich, wie schwierig in jenen Jahren Sabotage gewesen ist? Als Verz�gerungsmittel f�r das Elixier diente einfacher Zucker��Abermals hob sie die H�nde. Dann sah sie Edgar triumphierend an. �Daran muss es gelegen haben! Hungerjahre, die Menschen haben den Zucker geklaut� Deshalb hat das Elixier zu schnell gewirkt��</p><p>�Eine interessante Version�, kommentierte Edgar, w�hrend er seine Papiere durchbl�tterte.</p><p>�Mich trifft keine Schuld�, erkl�rte Arina fest. �Der Operationsplan ist abgesegnet worden. Wenn die Weisen der Wachen derart simple Sachen nicht bedenken, wessen Schuld ist das dann?�</p><p>�Das ist ja alles sch�n und gut�, versicherte Edgar und hielt ein Blatt Papier hoch. �Allerdings haben sie das erste Experiment an den Arbeitern der Brotfabrik vorgenommen. Hier ist Ihr Bericht, erkennen Sie ihn? Danach h�tten sie keinen Zucker mehr stehlen d�rfen. Damit bleibt nur eine M�glichkeit: Sie haben die Operation mit Absicht in den Sand gesetzt.�</p><p>�Wollen wir nicht weitere Versionen in Betracht ziehen?�, sagte Arina kl�glichen Tones. �Zum Beispiel��</p><p>�Zum Beispiel die Aussagen Ihrer Freundin Luisa gegen sie�, schlug Edgar vor. �Dar�ber, dass sie zuf�llig beobachtet hat, wie Sie an den Tagen, an denen die Operation durchgef�hrt wurde, mit einem bislang noch nicht identifizierten Lichten Magier Kontakt gehabt haben, mit dem sie sich bei den Trib�nen der Pferderennbahn getroffen haben. Dar�ber, dass sie beide lange miteinander gestritten und gefeilscht haben, bis der Lichte Ihnen schlie�lich ein P�ckchen aush�ndigte und Sie nickten. Anschlie�end haben sie beide sich die Hand gesch�ttelt. Luisa konnte sogar einen Satz aufschnappen: �Ich mache es, und es wird kein Jahr vergehen��Mir ist erinnerlich, dass es Ihnen w�hrend der Dauer des Experiments verboten war, mit Anderen Kontakt aufzunehmen. Das stimmt doch, oder? �</p><p>�Ja�, sagte Arina und senkte den Kopf. �Lebt Luschka noch?�</p><p>�Leider nicht�, antwortete Edgar. �Doch ihre Aussagen sind zu Protokoll genommen worden��</p><p>�Schade��, murmelte Arina. Worauf sie dieses�schade�bezog, erkl�rte sie nicht. Aber man brauchte nicht viel Phantasie, um darauf zu kommen, dass Luisa noch einmal Gl�ck gehabt hatte.</p><p>�K�nnen Sie uns sagen, mit welchem Lichten Sie in Kontakt gestanden haben, was Sie zu tun versprochen und was Sie von ihm bekommen haben?�</p><p>Arina hob den Kopf und l�chelte mich bitter an. �Zu dumm��, bemerkte sie. �In was f�r dumme Situationen ich immer gerate� wegen Kleinigkeiten. Wie mit dem Teekessel��</p><p>�Arina, ich bin gezwungen, Sie zwecks weiterer Befragungen mitzunehmen�, erkl�rte Edgar. �Im Namen der Inquisition��</p><p>�Versuch es doch mal, Zweitrangiger�, entgegnete Arina am�siert. Und verschwand.</p><p>�Sie ist ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>eingetaucht!�, rief ich, w�hrend ich mich von der Wand abstie� und mit dem Blick meinen Schatten suchte. Edgar z�gerte jedoch noch eine Sekunde: Er pr�fte erst, ob die Hexe nicht unseren Blick abgelenkt hatte.</p><p>Wir tauchten fast gleichzeitig in die erste Schicht ein. Leicht ver�ngstigt sah ich zu Edgar hin�ber. In wen er sich wohl in der <emphasis>Zwielicht-Welt </emphasis>verwandelt hatte?</p><p>Gut, das ging. Nur minimale Ver�nderungen. Blo� weniger Haare.</p><p>�Tiefer!�Energisch fuchtelte ich mit der Hand. Edgar sch�ttelte den Kopf, hob die Hand vors Gesicht - die ihn f�rmlich aufzusaugen schien. Beeindruckend, diese Tricks der Inquisitoren.</p><p>In der zweiten Schicht, in der das H�uschen sich in eine Holzh�tte verwandelt hatte, blieben wir stehen und sahen uns an. Arina war auch hier nat�rlich nirgends zu entdecken.</p><p>�Sie ist weiter in die dritte Schicht��, fl�sterte Edgar. Er hatte jetzt �berhaupt keine Haare mehr, daf�r einen lang gestreckten Sch�del, der wie ein Entenei aussah. Sonst war alles in Ordnung, das Gesicht fast menschlich.</p><p>�Kannst du das auch?�, fragte ich.</p><p>�Einmal habe ich es schon geschafft�, antwortete Edgar ehrlich. Unser Atem w�lkte auf. Obwohl es uns nicht sehr kalt vorkam, kroch ein eisiger Schauder heran�</p><p>�Ich habe es auch schon einmal geschafft�, gestand ich.</p><p>Wir drucksten herum wie selbstbewusste Schwimmer, denen pl�tzlich klar wird, dass der Fluss vor ihnen zu st�rmisch und zu kalt ist. Keiner wollte den ersten Schritt machen. �Anton� hilfst du mir?�, fragte Edgar schlie�lich.</p><p>Ich nickte. Wozu hatte ich mich denn sonst ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>gest�rzt?</p><p>�Gehen wir��, sagte der Inquisitor, wobei er konzentriert zu Boden sah.</p><p>Kurz darauf traten wir in die dritte Schicht ein, in die normalerweise nur Magier ersten Grades vordringen d�rfen. Die Hexe war nirgends zu sehen.</p><p>�Ein komischer Sinn� f�r Humor��, fl�sterte Edgar, w�hrend er sich umsah. Die H�tte aus Zweigen war in der Tat beeindruckend. �Anton� sie hat es selbst gebaut� sie kann sich hier lange aufhalten��</p><p>Langsam - der Raum um mich herum widersetzte sich abrupten Bewegungen - ging ich zur�Wand�. Bog die Zweige auseinander. Schaute hindurch. Das sah absolut nicht wie die Menschenwelt aus.</p><p>Am Himmel zogen glei�ende Wolken - Stahlsp�ne, in Glyzerin getaucht. Statt der Sonne loderte weit, weit oben eine glutrote Feuerwolke, der einzige Farbfleck im grauen H�henrauch. Um uns herum erstreckten sich bis zum Horizont jene knorrigen, flachen B�ume, aus denen die Hexe ihr Haus gebaut hatte. Doch ob das wirklich B�ume waren? So blattlos, nur mit diesem eigenartig verflochtenen Ge�st�</p><p>�Anton, sie ist noch tiefer gegangen. Anton, sie steht au�erhalb jeder Kategorie�, sagte Edgar hinter mir. Ich drehte mich um und sah den Magier an. Dunkelgraue Haut, ein kahler, langgezogener Sch�del, eingefallene Augen� Immerhin Menschen augen. �Wie sehe ich aus?�Edgar bleckte die Z�hne zu einem L�cheln. Was er nicht h�tte tun sollen: Er hatte spitze kegelf�rmige Z�hne. Wie ein Hai.</p><p>�Nicht sehr gut�, gab ich zu. �Aber vermutlich sehe ich auch nicht besser aus, oder?�</p><p>�Das ist nur �u�erlich�, antwortete Edgar unger�hrt. �Kannst du dich halten?�</p><p>Das konnte ich. Das zweite Abtauchen in diese Tiefe des <emphasis>Zwielichts </emphasis>fiel mir schon leichter.</p><p>�Wir m�ssen in die vierte Schicht gehen!�, sagte Edgar. In seinen Augen - da konnten es hundertmal die eines Menschen sein - gl�hte das Feuer des Fanatismus.</p><p>�Stehst du au�erhalb jeder Kategorie?�, fragte ich zur�ck. �Edgar, mir wird schon die R�ckkehr schwer fallen! �</p><p>�Wir k�nnen unsere Kr�fte vereinigen, W�chter!�</p><p>�Wie?�Ich war verwirrt. Sowohl Dunkle als auch Lichte kennen den Kraftkreis. Aber das ist eine gef�hrliche Sache, die mindestens drei oder vier Andere erfordert� Au�erdem: Wie sollten lichte und dunkle Kraft vereinigt werden?</p><p>�Lass das meine Sorge sein!�Edgar sch�ttelte energisch den Kopf. �Anton, sie verschwindet! Sie verschwindet in die vierte Schicht! Vertrau mir! �</p><p>�Einem Dunklen?�</p><p>�Einem Inquisitor!�, fuhr mich der Magier an. �Ich bin Inquisitor, klar? Anton, vertrau mir, ich befeh��Edgar verstummte, um dann in freundlicherem Ton hinzuzuf�gen: �Ich bitte dich!�</p><p>Keine Ahnung, was mich packte. Jagdeifer? Der Wunsch, diese Hexe zu erwischen, die Tausende von Menschen in den Tod getrieben hatte? Dass ein Inquisitor mich bat?</p><p>Oder vielleicht schlicht der Wunsch, die vierte Schicht zu sehen? Die geheimsten Tiefen des <emphasis>Zwielichts, </emphasis>die auch Geser nicht oft zu Gesicht bekam und in der Swetlana niemals gewesen war?</p><p>�Was soll ich tun?�, fragte ich.</p><p>Auf Edgars Gesicht erstrahlte ein L�cheln. Er streckte mir die Hand entgegen - die Finger endeten in stumpfen, hakenf�rmigen Krallen. �Im Namen des Gro�en Vertrages, des Gleichgewichts, das ich bewahre� rufe ich das Licht und das Dunkel an� erbitte ich Kraft� im Namen des Dunkels!�</p><p>Auf seinen fordernden Blick hin streckte ich ebenfalls die Hand aus. �Im Namen des Lichts��, sagte ich.</p><p>Das Ganze lie� sich in gewisser Weise mit einem Eid vergleichen, den ein Dunkler und ein Lichter sich schw�ren. Aber nur in gewisser Weise. In meiner Hand loderte kein Flammenz�ngchen auf, auf Edgars ballte sich kein Krumen Dunkelheit. Alles lief ohne unser Zutun ab: Die graue, verschwommene Welt um uns herum gewann pl�tzlich an Sch�rfe. Nein, die Farben kehrten nicht zur�ck, wir befanden uns noch immer im <emphasis>Zwielicht. </emphasis>Schatten bildeten sich. Wie auf einem Fernsehbildschirm, bei dem man zuvor die Farbe so weit wie m�glich herausgenommen hatte und auf dem man dann wieder ein buntes und kontrastreiches Bild einstellte.</p><p>�Unser Recht wird anerkannt��, fl�sterte Edgar, w�hrend er sich umsah. In seinem Gesicht spiegelte sich echtes Gl�ck wider. �Sie erkennen unser Recht an, Anton! �</p><p>�Und wenn sie es nicht anerkannt h�tten?�, hakte ich nach.</p><p>Edgar runzelte die Stirn. �Das h�tte sein k�nnen� Aber schlie�lich haben sie es doch anerkannt, oder? Gehen wir!�</p><p>In diesem neuen, �kontrastreichen�<emphasis>Zwielicht </emphasis>fiel jede Bewegung entschieden leichter. Ich hob meinen Schatten genauso m�helos auf wie in der gew�hnlichen Welt.</p><p>Und gelangte dorthin, wo nur Magier au�erhalb jeder Kategorie hindurften.</p><p>B�ume - wenn es denn B�ume waren - gab es hier nicht mehr. Die ganze Welt um uns herum war eben, flach, ganz wie im Mittelalter der Fladen der Erde, den drei Wale trugen. Kein Relief, blo� eine endlose Sandebene� Ich b�ckte mich, lie� eine Hand voll Sand durch meine Finger rieseln. Der war grau, wie im <emphasis>Zwielicht </emphasis>nicht anders zu erwarten. Doch in diesem Grau lie�en sich die ersten Farben erkennen, ein rauchiges Perlmutt, bunte Funken, goldschimmernde K�rner�</p><p>�Da l�uft sie��, sagte Edgar mir direkt ins Ohr. Und streckte die Hand aus, die �berraschend lang und d�nn war.</p><p>Ich schaute in die angezeigte Richtung. Und sah in der Ferne - nur in einer Ebene kann man so weit sehen - eine sich rasch entfernende graue Silhouette. Die Hexe bewegte sich mit riesigen Spr�ngen vorw�rts, schwang sich in die Luft auf, flog gut zehn Meter �ber die Erde hinweg, mit ausgebreiteten Armen und komisch schlenkernden Beinen, einem fr�hlichen Kind gleich, das �ber eine Fr�hlingswiese h�pft.</p><p>�Sie hat ihr Elixier ausgetrunken?�, erriet ich. Sonst konnte ich mir diese Spr�nge nicht erkl�ren.</p><p>�Ja. Das hat sie nicht umsonst gebraut�, sagte Edgar. Er holte aus und schleuderte Arina etwas hinterher.</p><p>Eine Reihe kleiner Feuerb�lle schoss auf die Hexe zu. Der Geschwader-Fireball, ein ganz gew�hnlicher Kampfzauber bei den Wachen, allerdings in einer besonderen Version der Inquisition.</p><p>Einige Kugeln platzten, bevor sie die Hexe erreichten. Eine beschleunigte enorm, traf sie aber dennoch, schnappte nach ihrem R�cken, explodierte und h�llte die Hexe in Feuer. Die Flamme erlosch jedoch augenblicklich wieder, w�hrend die Hexe ohne sich umzusehen etwas �ber ihre Schulter warf - worauf sich dort eine Pf�tze aus funkelnder, quecksilbriger Fl�ssigkeit bildete. Sobald die �brigen Geschosse �ber diese Lache flogen, verloren sie an Tempo und H�he, st�rzten in die Fl�ssigkeit und verschwanden. �Hexentricks��, presste Edgar angewidert hervor. �Anton!�</p><p>�Ja? Was?�, fragte ich, ohne die am Horizont verschwindende Arina aus den Augen zu lassen.</p><p>�Wir m�ssen zur�ckgehen. Uns war nur Kraft f�r die Festnahme der Hexe zugeteilt worden, aber die Jagd ist zu Ende�Wir haben sie nicht gekriegt.�</p><p>Ich sah nach oben. Die glutrote Wolke, die in der vorigen <emphasis>Zwielicht-Schicht </emphasis>geleuchtet hatte, gab es hier nicht. Der ganze Himmel strahlte in einem gleichm��igen Rosawei�. Wie seltsam. Hier gab es also wieder Farben��Gibt es noch mehr Schichten, Edgar?�, fragte ich.</p><p>�Die gibt es immer.�Edgar machte sich offenbar langsam Sorgen. �Gehen wir, Anton! Gehen wir, sonst sitzen wir hier fest.�</p><p>Die Welt um uns herum verlor ihre Sch�rfe, h�llte sich in grauen Rauch. Doch nach wie vor gab es Farben, den perlmutt-farbenen Sand, den rosawei�en Himmel�</p><p>W�hrend ich bereits das kalte Prickeln des <emphasis>Zwielichts </emphasis>auf meiner Haut sp�rte, folgte ich Edgar zur�ck in die dritte Schicht. Als h�tte die Welt nur auf diesen Moment gewartet, blich sie endg�ltig aus, ergraute, f�llte sich mit kaltem tosendem Wind. Wir packten uns bei den H�nden - nicht, um Kraft auszutauschen, das ist hier praktisch unm�glich, sondern um uns auf den Beinen zu halten - und versuchten wieder und wieder, in die zweite Schicht zur�ckzukehren. Die�B�ume�um uns barsten mit einem kaum h�rbaren Knistern, das Baumzelt der Hexe krachte seitw�rts ein - doch wir konnten unsere Schatten einfach nicht finden. Ich erinnerte mich nicht einmal mehr an den Augenblick, als sich das <emphasis>Zwielicht </emphasis>vor mir �ffnete und ich in die zweite Schicht trat - die fast gew�hnlich wirkte, �berhaupt nicht schrecklich.</p><p>Schwer atmend sa�en wir auf dem sauberen, abgeschabten Fu�boden. Uns beiden ging es gleicherma�en schlecht, uns, dem Dunklen Inquisitor und dem Lichten W�chter.</p><p>�Puh.�Edgar schob die Hand ungeschickt in die Tasche seines Jacketts und holte eine Tafel Schokolade der Marke Gardist heraus. �Iss��</p><p>�Und du?�, fragte ich, w�hrend ich die Verpackung aufriss.</p><p>�Ich habe noch��Edgar kramte lange in seinen Taschen, bis er schlie�lich eine weitere Tafel fand. Diesmal eine der Marke Inspiration, bei der jeder Riegel einzeln eingepackt war. Er wickelte sie einen nach dem andern aus.</p><p>Danach a�en wir blo� gierig. Das <emphasis>Zwielicht </emphasis>saugt einem alle Kr�fte aus, und zwar nicht nur die magische Kraft, sondern auch ganz banal die Glukose im Blut. Das ist eines der wenigen Details, die mit Hilfe der modernen Wissenschaft bez�glich des <emphasis>Zwielichts </emphasis>festgestellt werden konnten. Der Rest ist nach wie vor ein R�tsel. �Edgar, wie viele Schichten hat das <emphasis>Zwielicht?</emphasis>�<emphasis>, </emphasis>fragte ich.</p><p>Edgar kaute einen weiteren Riegel Schokolade. �Ich wei� von f�nf�, antwortete er. �In der vierten bin ich eben zum ersten Mal gewesen. �</p><p>�Und was ist dort? In der f�nften?�</p><p>�Ich wei� nur, dass es sie gibt, W�chter. Mehr nicht. Ich habe auch �ber die vierte Schicht vorher nichts gewusst.�</p><p>�Dort gibt es wieder Farben�, sagte ich. �Sie� sie ist v�llig anders, nicht wahr?�</p><p>�Hm�, murmelte Edgar. �Das ist sie. Aber dar�ber brauchen wir uns nicht den Kopf zu zerbrechen, Anton. Das geht �ber unsere Kr�fte. Sei stolz, dass du in der vierten Schicht gewesen bist, das k�nnen nicht mal alle Magier ersten Grades von sich behaupten. �</p><p>�Ihr k�nnt also dahin?�</p><p>�Wenn die Arbeit es erfordert�, best�tigte Edgar. �Zur Inquisition kommen nicht unbedingt die st�rksten Anderen. Und wir m�ssen doch einem durchgedrehten Magier au�erhalb jeder Kategorie etwas entgegenzusetzen haben, oder?�</p><p>�Wenn Geser oder Sebulon durchdrehen, werdet ihr ihnen nichts entgegenzusetzen haben�, bemerkte ich. �Es hat ja nicht mal bei der Hexe geklappt��</p><p>Nach kurzem Nachdenken pflichtete Edgar mir bei, dass das Moskauer B�ro der Inquisition wenig gegen Geser oder Sebulon ausrichten k�nne. Allerdings nur in dem Falle, wenn beide gleichzeitig den Gro�en Vertrag verletzten. Sonst� sonst d�rfte Geser wohl mit Freuden dabei helfen, Sebulon zu neutralisieren, und umgekehrt. Auch darauf gr�ndet sich die Inquisition. �Was passiert jetzt mit der Hexe?�, fragte ich.</p><p>�Wir werden sie suchen�, antwortete Edgar gesch�ftig. �Ich habe mich schon mit meinen Leuten in Verbindung gesetzt. Der Bezirk wird abgesperrt. Kann ich auch in Zukunft auf dich rechnen?�Ich �berlegte.</p><p>�Nein, Edgar. Arina ist eine Dunkle. Irgendwas hat sie bestimmt gemacht� damals, vor rund siebzig Jahren. Aber wenn die Lichten sie benutzt haben��</p><p>�Du h�ltst also an deiner Seite fest�, konstatierte Edgar angewidert. �Verstehst du das denn wirklich nicht, Anton? Es gibt weder Licht noch Dunkel in reiner Form. Die beiden Wachen sind doch letzten Endes wie die Demokraten und die Republikaner in den USA. Sie streiten sich, hetzen gegeneinander - und treffen sich abends zur Cocktailparty. �</p><p>�Noch ist nicht Abend.�</p><p>�Es ist immer Abend�, entgegnete Edgar finster. �Glaube mir, ich bin ein gesetzestreuer Dunkler gewesen. Bis man mich in die Enge getrieben hat� bis ich zur Inquisition gegangen bin. Und wei�t du, was ich jetzt denke? �</p><p>�Sag's mir.�</p><p>�Die Kraft der Nacht und die Kraft des Tages - die kannst du beide gleicherma�en vergessen. Ich sehe zwischen Sebulon und Geser keinen Unterschied mehr. Dich mag ich� als Mensch.</p><p>Tr�test du der Inquisition bei, w�rde ich gern mit dir zusammenarbeiten. �</p><p>�Wirbst du mich gerade an?�, am�sierte ich mich.</p><p>�Ja. Jeder W�chter hat das Recht, zur Inquisition zu kommen. Niemand hat das Recht, dich daran zu hindern. Man darf dir deine Entscheidung noch nicht einmal ausreden!�</p><p>�Vielen Dank, aber mir braucht auch niemand etwas auszureden. Ich habe nicht die Absicht, zur Inquisition �berzuwechseln.�</p><p>�chzend stand Edgar vom Boden auf. Er strich �ber seinen Anzug - auf dem freilich weder ein St�ubchen noch ein F�ltchen zu sehen war. �Dein feiner Anzug ist verzaubert�, konstatierte ich.</p><p>�Ich verstehe ihn nur zu tragen. Und es ist gutes Tuch.�Edgar ging zum B�cherschrank, holte ein Buch heraus und bl�tterte darin. Dann ein zweites, ein drittes��Was f�r eine Bibliothek!�, brachte er voller Neid hervor. �Hochspeziell, aber��</p><p>�Ich habe gedacht, dass sie auch das <emphasis>Fuaran </emphasis>hat�, gab ich zu. Edgar lachte nur. �Was machen wir mit der H�tte?�, fragte ich.</p><p>�Siehst du, du denkst immer noch wie mein Partner!�, bemerkte Edgar prompt. �Ich wirke ein paar Schutz- und Wachzauber� Hm, was noch? In zwei, drei Stunden m�ssten die Experten hier sein. Die sollen dann alles gr�ndlich untersuchen. Gehen wir? �</p><p>�Willst du denn nicht selbst alles inspizieren?�, fragte ich.</p><p>Edgar sah sich aufmerksam um und meinte dann, nein, das wolle er nicht. Denn in dem H�uschen k�nnten eine Unmenge b�ser �berraschungen warten, die die durchtriebene Hexe hinterlassen habe. Au�erdem sei es gesundheitsgef�hrdend, in den Sachen einer Hexe au�erhalb jeder Kategorie herumzuw�hlen� sollten sich damit ruhig diejenigen besch�ftigen, deren Pflicht das sei.</p><p>Ich wartete, bis Edgar um die H�tte ein paar Wachzauber gelegt hatte. Hilfe brauchte er dabei nicht. Danach machten wir uns auf zum Dorf.</p><p>Der R�ckweg kam uns wesentlich l�nger vor. Als ob ein nicht zu fassender Zauber verschwunden sei, der uns geholfen hatte, zum Haus der Hexe zu gelangen. Daf�r gab sich Edgar jetzt entschieden gespr�chiger. Ob meine Unterst�tzung zu dieser Offenheit gef�hrt hatte?</p><p>Er erz�hlte mir von seiner Ausbildung, davon, wie man ihm beigebracht hatte, nicht nur dunkle Kraft, sondern auch lichte zu nutzen. Berichtete von weiteren Auszubildenden bei der Inquisition, darunter waren zwei Lichte Zauberinnen aus der Ukraine, ein Werwolf aus Ungarn, ein holl�ndischer Magier und viele weitere, h�chst unterschiedliche Andere. Erkl�rte mir, die Ger�chte von den Sonderdepots der Inquisition, die angeblich von magischen Artefakten bersten w�rden, seien pure �bertreibung: Es gebe zwar viele Artefakte, die meisten h�tten ihre magische Kraft jedoch l�ngst eingeb��t und taugten nun nichts mehr. Schilderte gesellige Abende und Partys, die die Auszubildenden in ihrer Freizeit veranstalteten�</p><p>All das war sehr komisch, doch ich wusste genau, worauf Edgar zielte. Deshalb fing ich an, mich mit �berzogener Begeisterung an die Jahre meiner Ausbildung zu erinnern, an diverse lustige Ereignisse in der Geschichte der Nachtwache, die historischen Erz�hlungen von Semjon�</p><p>Edgar seufzte und ging nicht weiter auf das Thema ein. Au�erdem waren wir zum Dorf gelangt. Edgar blieb am Waldrand stehen. �Ich warte hier auf meine Leute�, sagte er. �Sie m�ssen gleich hier sein. Viteszlav hat sogar seine Abreise verschoben und versprochen herzukommen.�</p><p>Ich hatte nicht die Absicht, den Inquisitor in mein Haus einzuladen. Vor allem nicht in Gesellschaft eines Hohen Vampirs.</p><p>Deshalb nickte ich nur. �Was meinst du, wie geht es weiter?�, wollte ich aber noch wissen.</p><p>�Ich habe rechtzeitig Alarm gegeben, die Hexe wird die Gegend nicht verlassen�, erkl�rte Edgar sachlich. �Jetzt kommen die Experten von der Spurensicherung, wir werden alles �berpr�fen, wir werden Arina festnehmen. Sie verurteilen. Wenn du gebraucht wirst, wird man dich als Zeugen einbestellen.�</p><p>Ich teilte Edgars Optimismus nicht uneingeschr�nkt, nickte aber dennoch. Er wusste besser, was die Inquisition fertig brachte. �Und die Werw�lfe?�</p><p>�Auf die hat die Nachwache das Vorrecht, oder?�, antwortete Edgar mit einer Gegenfrage. �Wenn wir auf sie sto�en, geben wir Bescheid, aber wir werden nicht extra im Wald Jagd auf sie machen. Woher willst du �berhaupt wissen, ob sie noch hier sind? Vielleicht sind es die �blichen St�dter, die ins Umland gefahren sind, um zu jagen. Du solltest die Augen besser aufhalten, Anton.�</p><p>�Irgendwie habe ich den Eindruck, dass sie noch hier sind�, murmelte ich. Das stimmte, obwohl ich nicht erkl�ren konnte, woher ich diese �berzeugung nahm. Im Dorf war alles sauber� Und Werw�lfe stromern selten l�nger als einen Tag in ihrem Wolfsk�rper herum.</p><p>��berpr�f die Nachbard�rfer�, riet Edgar mir. �Zumindest das, in dem die Hexe ihre Eink�ufe gemacht hat. Obwohl� das wird nichts bringen. Nach einer erfolglosen Jagd ziehen sie sofort den Schwanz ein und verstecken sich� Ich kenne ihre Natur.�</p><p>Ich nickte. Der Rat hatte, obwohl reichlich elementar, etwas f�r sich. Ich h�tte gleich die Gegend abklappern sollen, statt hinter einer harmlosen Hexe herzujagen. Ein toller Detektiv - den das <emphasis>Fuaran </emphasis>interessierte� nicht die allt�gliche, �de Arbeit. Verbrechensvorbeugung, wie es zu Sowjetzeiten so sch�n hie�.</p><p>�Viel Gl�ck, Edgar�, sagte ich.</p><p>�Dir auch, Anton.�Nach kurzem Nachdenken f�gte Edgar hinzu: �Ach, �brigens, die Situation ist ganz interessant, weil in den Fall mit der Hexe beide Wachen involviert sind. Du vertrittst sozusagen die Interessen der Nachtwache. Aber ich glaube, dass Sebulon auch jemanden schickt� solange die Lage noch nicht gekl�rt ist.�Ich seufzte. Mit jeder Stunde wurde das Ganze verzwickter.</p><p>�Ich kann mir schon vorstellen, wen er schickt�, erwiderte ich. �Sebulon genie�t es, mir kleine gemeine �berraschungen zu bereiten.�</p><p>�Du solltest dich lieber dar�ber freuen, dass er sich keine gro�en gemeinen �berraschungen ausdenkt�, blaffte Edgar. �Die kleinen musst du halt ertragen. Niemand kann die Natur eines Menschen �ndern, wenn dein Freund ein Dunkler ist, dann wird er auch als Dunkler sterben.�</p><p>�Kostja ist l�ngst tot. Und er ist kein Mensch, sondern ein Vampir. Ein Anderer.�</p><p>�Was macht das f�r einen Unterschied aus?�, fragte Edgar finster. Er steckte die H�nde in die Taschen seiner teuren Hosen, die er so vorz�glich zu tragen verstand, sackte leicht in sich zusammen und betrachtete die am Horizont untergehende rote Sonne. �Alles ist eins in dieser Welt, W�chter��</p><p>Hm! Die Arbeit bei der Inquisition wirkt sich doch seltsam auf die Anderen aus! L�sst sie einen nihilistischen Blick aufs Leben werfen. Nimmt ihnen alle Ideale�</p><p>�Viel Gl�ck�, wiederholte ich und machte mich daran, den H�gel hinabzusteigen. W�hrend Edgar sich ohne R�cksicht auf seinen Anzug ins Gras legte und in den Himmel starrte.</p></section><section><title><p>Sechs</p></title><p>Auf halbem Weg zum Haus traf ich Xjuscha und Romka. Die beiden Kinder gingen z�gig die staubige Stra�e entlang, hielten sich bei den H�nden. Ich winkte ihnen zu.</p><p>�Ihre Nadjuschka ist mit ihrer Omi zum Fluss hinuntergegangen!�, rief Xjuscha mir sofort entgegen.</p><p>Ich musste grinsen. Alles in allem bekam Ljudmila Iwanowna nur selten ein�Oma�zu h�ren - doch wie jede Moskauer Frau um die f�nfzig hasste sie diese Bezeichnung. �Sch�n, sollen sie ruhig noch spazieren gehen�, sagte ich.</p><p>�Haben Sie die W�lfe schon gefunden?�, rief Romka.</p><p>�Nein, deine W�lfe sind verschwunden�, erwiderte ich.</p><p>Oder h�tte ich aus psychotherapeutischen Gr�nden sagen sollen, ich h�tte die W�lfe gefangen und einem Zoo �bergeben? Allerdings hatte ich nicht den Eindruck, dass der Junge nach seiner Begegnung mit den Tiermenschen irgendwie ver�ngstigt war. Arina hatte wirklich gute Arbeit geleistet.</p><p>Auf dem Weg nach Hause begr��te ich noch ein paar weitere Dorfbewohner. Swetlana hatte meine H�ngematte okkupiert - mit einer Flasche Bier und dem <emphasis>Fuaran. Phantasie oder Wahrheit? </emphasis>in der Hand, dessen letzte Seite sie bereits erreicht hatte. �Interessant, oder?�, fragte ich.</p><p>�Hm�, nickte Swetlana. Das Bier trank sie ohne Umschweife direkt aus der Flasche. �Lustiger als <emphasis>Mumins wundersame Inselabenteuer </emphasis>von Tove Jansson. Mir ist jetzt klar, warum fr�her nicht alle Geschichten der Mumins gedruckt worden sind. Die letzten sind absolut nichts f�r Kinder. Tove Jansson muss in einem tiefen Loch gesteckt haben, als sie sie geschrieben hat.�</p><p>�Auch eine Schriftstellerin hat das Recht auf Niedergeschlagenheit�, erkl�rte ich.</p><p>�Wenn sie Kinderb�cher schreibt, dann nicht�, widersprach Swetlana scharf. �Kinderb�cher sollen gut sein. Sonst ist es wie bei einem Traktorfahrer, der das Feld schief pfl�gt und dann sagt: �Ich bin heute so traurig, da war es f�r mich verlockender, Kreise zu fahren.�Oder ein Arzt, der einem Patienten ein Abf�hrmittel und Schlaftabletten verschreibt und erkl�rt: �Ich bin schlechter Stimmung und will mich auf diese Weise mal entspannen.�</p><p>Sie beugte sich zum Tisch vor und legte das vermeintliche <emphasis>Fuaran </emphasis>weg. �Du bist streng, Mutter.�Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich bin Mutter, deshalb bin ich streng�, erwiderte Swetlana. Dann lachte sie. �Ich mache nur Spa�. Die B�cher sind einfach wunderbar. Nur die letzten sind sehr traurig.�</p><p>�Nadjuschka ist mit deiner Mutter zum Fluss runtergegangen�, sagte ich. �Hast du sie getroffen?�</p><p>�Nein, Oxana hat es mir erz�hlt. �Ihre Nadja ist mit ihrer Omi spazieren gegangen���</p><p>Swetlana prustete los. Gleich darauf setzte sie jedoch wieder ein ernstes Gesicht auf. �Sag das ja nicht in Gegenwart meiner Mutter! Das verkraftet sie nicht. �</p><p>�F�r wen h�ltst du mich? F�r einen Kamikaze? �</p><p>�Erz�hl mir lieber, was euer Ausflug gebracht hat.�</p><p>�Die Hexe ist uns entwischt�, berichtete ich. �Wir haben sie bis in die vierte Schicht des <emphasis>Zwielichts </emphasis>verfolgt, aber sie ist uns trotzdem entkommen��</p><p>�Bis in die vierte?�Swetlanas Augen funkelten auf. �Schwindelst du auch nicht?�</p><p>Ich setzte mich neben sie. Die H�ngematte schaukelte emp�rt, die B�ume knarzten, hielten aber stand. Mit knappen Worten gab ich unsere Abenteuer wieder.</p><p>�Ich bin noch nie in der vierten Schicht gewesen��, meinte Swetlana nachdenklich. �Wie es da wohl� Dort gibt es also wieder Farben? �</p><p>�Ich glaube, es gibt da sogar Ger�che.�</p><p>Abwesend nickte Swetlana. �Ja, solche Ger�chte kursieren� Interessant.�</p><p>Ein paar Sekunden schwieg ich. �Swetlana, du musst in die Wache zur�ckkehren�, sagte ich dann.</p><p>Entgegen ihrer Gewohnheit schwieg Swetlana. Was mich ermutigte fortzufahren. �Du darfst nicht nur mit halber Kraft leben. Fr�her oder sp�ter wirst du��</p><p>�Lassen wir das, Anton. Ich m�chte keine Gro�e Zauberin werden.�Swetlana grinste. �Kleine Alltagsmagie, das ist alles, was ich brauche.�</p><p>Die Pforte ging, und Ljudmila Iwanowna kam zur�ck. Ich sah fl�chtig zu ihr hin�ber, wollte schon wieder woanders hinsehen - als sich mein Blick verst�ndnislos an ihr festhakte.</p><p>Meine Schwiegermutter strahlte. Man h�tte glauben k�nnen, sie habe gerade eine impertinente Verk�uferin erfolgreich zur Schnecke gemacht, auf der Stra�e hundert Rubel gefunden oder den Fernsehstar Jakubowitsch, ihren Liebling, mit Handschlag begr��t.</p><p>Sie ging noch nicht mal wie sonst, sondern leichten Schrittes, mit geraden Schultern und hocherhobenem Kinn. Und mit einem absolut entr�ckten L�cheln auf den Lippen. �Wir sind geboren, damit das M�rchen Wahrheit wird��, sang sie leise vor sich hin.</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. Meine Schwiegermutter l�chelte uns sanft an, winkte und ging weiter in Richtung Haus.</p><p>�Mama!�, rief Swetlana ihr hinterher und sprang auf. �Mama!�</p><p>Meine Schwiegermutter blieb stehen und sah Sweta an - wobei auf ihrem Gesicht immer noch Jenes entr�ckte L�cheln lag. �Ist mit dir alles in Ordnung, Mama?�, fragte Swetlana.</p><p>�Aber sicher�, erwiderte Ljudmila Iwanowna z�rtlich.</p><p>�Mama, wo ist Nadjuschka?�, brachte Swetlana mit leicht erhobener Stimme hervor.</p><p>�Sie geht mit einer Freundin spazieren�, antwortete meine Schwiegermutter unger�hrt. Ich erschauerte.</p><p>�Was sagst du da, Mama?�, schrie Swetlana. �Es ist schon Abend� die Kinder sind allein unterwegs� mit was f�r einer Freundin?�</p><p>�Mit einer Freundin von mir�, erkl�rte meine Schwiegermutter, nach wie vor l�chelnd. �Mach dir keine Sorgen. Ich bin doch kein dummes Weibsbild, dass ich die Kleine allein lassen w�rde!�</p><p>�Mit was f�r einer Freundin von dir?�, fuhr Swetlana sie an. �Mama! Was ist mit dir? Wer ist bei Nadja?�</p><p>Langsam kroch das L�cheln vom Gesicht meiner Schwiegermutter, um einem verlegenen Ausdruck Platz zu machen.</p><p>�Mit jener� dieser��Sie runzelte die Stirn. �Mit Arina. Meine Freundin� Arina� meine Freundin?�</p><p>Was genau Swetlana tat, konnte ich nicht erkennen, doch �ber meine Haut huschte ein K�lteschauder aus dem zerspaltenen <emphasis>Zwielicht. </emphasis>Swetlana hatte sich nur leicht zu ihrer Mutter vorgebeugt - die daraufhin mit offenem Mund erstarrte und in kleinen Schlucken nach Luft schnappte.</p><p>Die Gedanken von Menschen zu lesen ist recht schwierig, weitaus leichter ist es, sie zum Reden zu bringen. Doch von nahen Verwandten kann man Informationen auf die gleiche Weise bekommen, die wir unter uns anwenden, um Zeit zu sparen.</p><p>Im Grunde brauchte ich diese Informationen jedoch gar nicht.</p><p>Ich hatte auch so alles verstanden.</p><p>Und nicht Angst packte mich - sondern Leere. Als ob die ganze Welt um mich herum zu Eis erstarrt und stehen geblieben sei.</p><p>�Geh schlafen!�, rief Swetlana ihrer Mutter zu. Ljudmila Iwanowna drehte sich um und stakste zombiegleich aufs Haus zu.</p><p>Swetlana sah mich an. Ihr Gesicht war sehr ruhig - was mich selbst enorm hinderte, mich zu konzentrieren. Letzten Endes f�hlt sich ein Mann einfach st�rker, wenn seine Frau ver�ngstigt wirkt.</p><p>�Sie ist auf die beiden zugekommen. Hat sie angepustet. Dann hat sie Nadenka bei der Hand genommen. Ist mit ihr in den Wald gegangen�, presste Swetlana heraus. �Und sie, diese ausgemachte Obern�rrin� geht noch eine Stunde lang spazieren!�</p><p>In diesem Moment begriff ich, dass Swetlana kurz davor stand, hysterisch zu werden. Und konnte mich selbst konzentrieren.</p><p>�Was sollte sie gegen eine Hexe schon ausrichten?�Ich packte Swetlana bei den Schultern und sch�ttelte sie. �Deine Mutter ist nur ein Mensch!�</p><p>In Swetlanas Augen schimmerten Tr�nen, die jedoch gleich wieder verschwanden. Pl�tzlich stie� sie mich sanft weg. �Geh zur Seite, Anton, ich hake mich bei ihr an��, sagte sie. �Und du kannst mir sowieso nicht helfen��</p><p>Ich lie� mich auf keinen Streit ein. Nach Edgars und meinem Abenteuer war ich keine gro�e Hilfe mehr. Auch �ber Kraft, die ich mit Swetlana h�tte teilen k�nnen, verf�gte ich kaum noch.</p><p>Ich lief ein paar Schritte weg, umfasste den Stamm des k�mmerlichen Apfelbaums, der bald absterben w�rde. Dann schloss ich die Augen.</p><p>Die Welt um mich herum erbebte. Ich sp�rte, wie das <emphasis>Zwielicht </emphasis>sich bewegte.</p><p>Swetlana sammelte keine Kraft aus der Umgebung, wie ich es getan h�tte. Ihr reichte die eigene, die sie so hartn�ckig ignorierte, ungenutzt lie� - und von der sie dabei nur immer mehr anh�ufte. Angeblich sollen weibliche Andere nach einer Geburt einen enormen Kraftzustrom versp�ren, doch bei Swetlana hatte ich damals keine Ver�nderung gesp�rt. Alles war irgendwohin verschwunden, hatte sich verkrochen, angesammelt. F�r einen schwarzen Tag - wie sich jetzt zeigte.</p><p>Die Welt verlor ihre Farbe. Ich begriff, dass ich ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>gefallen war, in die erste Schicht. Die Magie dr�ngte derma�en auf alles ein, dass nichts, was nur ein wenig magisch war, sich in der menschlichen Realit�t halten konnte. Das Buch <emphasis>Fuaran, Phantasie oder Wirklichkeit? </emphasis>fiel durch den Holztisch und schlug hart auf dem Boden auf. In der Nachbarschaft, drei H�user weiter, loderten auf dem Dach Klumpen blauen Mooses - diese im <emphasis>Zwielicht </emphasis>lebenden Parasiten unserer Emotionen - auf, die sofort verbrannten.</p><p>Ein wei�es Leuchten h�llte Swetlana ein. Sie fuhr rasch mit den H�nden auf und ab, als spinne sie unsichtbares Garn. Im n�chsten Augenblick tauchte dieses�Garn�auf, d�nne, spinnenwebartige F�den l�sten sich von ihren Fingern und flogen davon, getrieben von einem nicht vorhandenen Wind. Um Swetlana herum tobte ein Schneesturm. Der sich legte, sobald die funkelnden F�den in alle Richtungen davongeweht waren. �Was tust da?�, schrie ich. �Sweta!�</p><p>Ich kannte den Zauber, den sie gerade eben gewirkt hatte. Selbst ich h�tte das�Schneeige Spinnennetz�aufwerfen k�nnen, eventuell nicht so effektiv, nicht so schnell, aber trotzdem�</p><p>Swetlana antwortete nicht. Wie bei einem Gebet reckte sie die Arme zum Himmel. Dabei glauben wir weder an G�tter noch an Gott. Wir sind unsere eigenen G�tter und unsere eigenen D�monen.</p><p>Von Swetlanas Hand riss sich eine regenbogenfarbige, �ber-ballgro�e Kugel los, eine Seifenblase, die voller Grandezza am Himmel dahinsegelte. Die Blase vergr��erte sich und begann, sich langsam um die eigene Achse zu drehen. Ein dunkelroter Fleck auf der durchscheinenden regenbogenfarbigen H�lle gemahnte an den Planeten Jupiter. Als der rote Fleck mir bei einer Drehung gegen�berstand, nahm ich eine kalte sengende Ber�hrung wahr, gleichsam als streife mich eisiger Wind.</p><p>Swetlana hatte das�Auge des Magiers�geschaffen. Abermals Magie ersten Grades. Und das sofort nach dem�Schneeigen Spinnennetz�!</p><p>Beim dritten Zauber, den sie so unfassbar schnell wirkte, dass ich vermutete, Swetlana habe ihn seit langer Zeit f�r ebensolche F�lle einge�bt, schickte sie eine Schar mattwei�er, geisterhafter V�gel aus ihren Handfl�chen gen Himmel. Man h�tte sie als Tauben bezeichnen k�nnen - w�ren die Schn�bel dieser Geisterv�gel nicht reichlich gro� und spitz gewesen. Schn�bel von Raubv�geln. Diesen Zauber kannte ich nicht einmal.</p><p>Swetlana lie� die Arme sinken. Worauf sich das <emphasis>Zwielicht </emphasis>beruhigte. Zu uns zur�ckkroch, unsere Haut mit einer leichten bei�enden K�lte ber�hrte. Ich kehrte in die normale Welt zur�ck. Swetlana folgte mir.</p><p>Hier hatte sich nichts ver�ndert. Selbst das zu Boden segelnde Buch, im Fallen aufgegangen, hatte sich noch nicht wieder geschlossen. Nur die Hunde winselten, kl�fften, jaulten im ganzen Dorf.</p><p>�Sweta, was hast du gemacht?�, fragte ich, w�hrend ich auf sie zust�rzte.</p><p>Sie drehte sich mir zu, mit verschleierten Augen. Ihre unsichtbaren magischen Abgesandten, die sich noch nicht in alle Winde zerstreut hatten, �berbrachten gerade, Dutzende oder Hunderte Kilometer von uns entfernt, ihre Botschaften. Ich wusste, welche.</p><p>�Nichts��, fl�sterte Swetlana. ��berall Leere. Keine Nadjuschka� keine Hexe��</p><p>In ihre Augen kehrte das Leben zur�ck. Was bedeutete: Das magische Spinnennetz l�ste sich auf, die wei�en V�gel fielen zu Boden und schmolzen, am Himmel platzte die regenbogenfarbige Kugel.</p><p>��berall Leere�, wiederholte Swetlana. �Anton� wir d�rfen uns nicht verr�ckt machen.�</p><p>�Sie kann nicht weit sein�, erwiderte ich. �Und sie hat Nadja nichts Schlimmes getan, glaub mir!�</p><p>�Geiselnahme?�, fragte Swetlana. Auf ihrem Gesicht spiegelte sich Hoffnung wider.</p><p>�Die Inquisition hat das Gebiet abgesperrt. Und die hat ihre eigenen Methoden. Selbst Arina wird nicht unbemerkt an ihnen vorbeikommen. �</p><p>�Also��, fl�sterte Swetlana. �Gut.�</p><p>�Um zu fliehen, braucht sie Hilfe von au�en�, meinte ich -sei es zu Swetas Beruhigung, sei es zu meiner eigenen. �Freiwillig wird die ihr niemand anbieten. Also hat sie sich auf Erpressung verlegt.�</p><p>�K�nnen wir ihre Forderung erf�llen?�, packte Swetlana den Stier gleich bei den H�rnern. Ohne auch nur darauf einzugehen, ob wir sie erf�llen wollten� Was blieb uns denn �brig? Wir w�rden alles erf�llen - wenn wir es konnten. �Wir m�ssen die Forderungen abwarten.�</p><p>Swetlana nickte. �Gut� warten wir. Worauf genau? Auf einen Anruf?�</p><p>Im n�chsten Moment riss sie eine Hand hoch und visierte das Schlafzimmerfenster an. Prompt kam, die Scheibe zerschlagend, aus dem Schlafzimmer der Kamm angeflogen, den Arina ihr geschenkt hatte. Swetlana nahm ihn in die Hand, so angewidert, als handle es sich um ein ekliges Insekt. Ein paar Sekunden lang sah sie den Kamm an, bis sie die Stirn runzelte und sich damit durchs Haar fuhr.</p><p>Ein leises, gutm�tiges Lachen lie� sich vernehmen. Und irgendwo um Swetas Kopf herum erklang Arinas Stimme: �Guten Tag auch, meine Liebe. So lernen wir uns also kennen. Ein n�tzliches Geschenk, nicht wahr?�</p><p>�Merk dir eins, du alte Kr�te��, setzte Swetlana an, w�hrend sie den Kamm vor sich hielt.</p><p>�Ich wei�, ich wei�, meine Schwester. Alles wei� ich, nichts vergesse ich. Wenn Nadenka nur ein Haar gekr�mmt wird, verfolgst du mich bis ans Ende der Welt, ziehst mich aus der f�nften Schicht, rei�t mir jede Ader einzeln aus, hackst mich in St�ckchen und verf�tterst mich an die Schweine. Alles wei� ich, was du sagen willst. Und ich bin �berzeugt, dass du genau das machen w�rdest.�</p><p>Arinas Stimme klang ernst. Sie machte sich nicht �ber Swet-lana lustig, sondern erkl�rte uns v�llig ernsthaft, wie wir ihrer Meinung nach mit ihr verfahren m�ssten. Swetlana schwieg, hielt den Kamm jedoch in der Hand gepackt. Erst als die Hexe verstummte, sagte sie etwas. �Gut. Dann lass uns keine Zeit vergeuden. Ich m�chte mit Nadjuschka sprechen. �</p><p>�Nadenka, sag deiner Mama Hallo�, bat Arina. Wir vernahmen ein ungetr�bt lustiges Stimmchen. �Hallo! �</p><p>�Geht es dir gut, Nadjuscha?�, fragte Swetlana besorgt.</p><p>�Hm��, antwortete Nadja.</p><p>Dann mischte sich Arina wieder ein. �Zauberin, ich werde deiner Tochter kein Leid zuf�gen. Wenn du keine Dummheiten machst. Ich brauche eine Kleinigkeit von euch: Bringt mich durch die Sperren, und ihr bekommt eure Tochter zur�ck. �</p><p>�Arina�, sagte ich, w�hrend ich nach Swetlanas Hand griff,</p><p>�die Inquisition hat den Bezirk abgesperrt. Du wei�t, was das hei�t?�</p><p>�Sonst h�tte ich nicht um Hilfe gebeten�, blaffte Arina trocken. �Lass dir was einfallen, Zauberkundiger! In jedem Zaun gibt es eine lockere Latte, in jedem Netz ein Loch. Bring mich hier raus, dann gebe ich dir deine Tochter zur�ck. �</p><p>�Und wenn ich das nicht kann?�</p><p>�Dann ist mir alles einerlei�, drohte Arina. �Dann werde ich versuchen, mit Gewalt durchzubrechen. Und euer M�dchen werde ich ohne Diskussion umbringen.�</p><p>�Wozu?�, fragte ich mit �u�erster Ruhe. �Was w�rde dir das bringen?�</p><p>�Wie, was w�rde mir das bringen?�, wunderte sich Arina. �Wenn ich durchbreche, ist jedem sofort klar, dass mit mir nicht zu spa�en ist. Au�erdem� wei� ich genau, wer sich freuen w�rde, wenn jemand die Drecksarbeit f�r ihn erledigt. F�r den Tod eurer Tochter w�rde er mich gut bezahlen.�</p><p>�Wir werden alles versuchen�, versicherte Swetlana und dr�ckte mir fest die Hand. �H�rst du, Hexe? R�hr das Kind nicht an, wir werden dich retten!�</p><p>�Abgemacht�, meinte Arina offenkundig erleichtert. �Denkt dar�ber nach, wie ihr mich durch die Sperren bringt. Ihr habt drei Stunden Zeit. Wenn dir fr�her etwas einf�llt, Zaubermeisterin, dann nimm den Kamm und k�mm dich.�</p><p>�Aber r�hr Nadjuschka nicht an!�, schrie Swetlana mit bebender Stimme. Dann f�hrte sie mit der linken Hand Passes aus.</p><p>Der Kamm �berzog sich mit einer Eiskruste. Swetlana knallte ihn auf den Tisch. �Dieses bl�de alte Ding��, murmelte sie. �Anton?�</p><p>Eine Sekunde sahen wir einander an. Als w�rfen wir uns gegenseitig den Ball zu, um nicht selbst die Initiative zu ergreifen.</p><p>�Es ist sehr riskant, Sweta�, sagte ich schlie�lich. �In einem offenen Kampf zieht sie gegen uns den K�rzeren. Deshalb bringt sie sich in Gefahr, wenn sie Nadja zur�ckgibt.�</p><p>�Wir bringen sie durch die Sperre� finden einen Weg��, fl�sterte meine Frau. �Soll sie doch aus dem Sperrgebiet rauskommen und Nadenka irgendwo au�erhalb zur�cklassen. Ich finde sie sofort. Soll sie doch in irgendeine Stadt fahren und Nadja dort lassen! Ich bahne einen Weg� ich wei�, wie. Ich kann das! Und in einer Minute w�re ich dort!�</p><p>�Richtig�, nickte ich. �In einer Minute. Und dann? Die Hexe w�re noch nicht weit. Und sobald Nadja bei uns ist, w�rdest du Arina finden und sie dematerialisieren wollen.�</p><p>�Zerrei�en, nicht dematerialisieren��, meinte Swetlana nickend. �Genau das h�tte diese Hexe verdient: Sie beansprucht unsere Hilfe, ermordet Nadja aber trotzdem. Was sollen wir blo� machen, Anton? Geser rufen? �</p><p>�Was, wenn sie das wittert?�, fragte ich zur�ck.</p><p>�Und ein Anruf?�, schlug Swetlana vor.</p><p>Ich �berlegte. Nickte. Arina hatte sich zu lange aus dem Leben ausgeklinkt. Ob sie �berhaupt wusste, dass wir uns mit Geser nicht nur auf magische Weise, sondern auch mit einem simplen Funktelefon in Verbindung setzen konnten?</p><p>Swetlana hatte ihr Handy im Haus gelassen. Sie bef�rderte es mit denselben beil�ufigen Passes herbei wie den Kamm. Dann sah sie mich noch einmal an. Ich nickte.</p><p>Es war Zeit, um Hilfe zu bitten. Zeit, Hilfe zu fordern. Die gesamte Moskauer Nachtwache. Schlie�lich kn�pfte Geser an Nadenka seine eigenen, uns nicht bekannten Hoffnungen��Wartet!�, rief uns jemand von der Pforte her zu.</p><p>Wir drehten uns um, wobei wir - vermutlich �berfl�ssiger Weise - die H�nde abrupt hochrissen und Kampfstellung einnahmen. Die Welt war f�r uns nicht die normale Menschenwelt. Wir lebten jetzt in der Welt der Anderen, einer gef�hrlichen Welt, in der die Kraft der Zauber und das Reaktionsverm�gen alles entscheiden.</p><p>Doch wir brauchten uns nicht in den Kampf zu st�rzen.</p><p>An der Pforte stand ein junger Mann, hinter ihm drei Kinder, zwei Jungen und ein M�dchen. Sowohl der Mann wie auch die Kinder trugen eine grau-gr�ne paramilit�rische Kluft, die an die Uniform einer zerschlagenen Armee erinnerte. Der Mann mochte f�nfundzwanzig sein, die Kinder zehn. Ihr Vater konnte er nicht sein, ihr Bruder wohl auch nicht, dazu sahen die vier Gesichter zu unterschiedlich aus.</p><p>Nur eins verband sie: die dunkle Aura. Eine wilde, zottelige Aura, die in keiner Weise zu den freundlichen Gesichtern und den ordentlich geschnittenen Haaren passte. �Da h�tten wir also auch unsere Werw�lfe�, murmelte ich. Der Mann senkte kurz den Kopf und gab mir Recht. Was bin ich nur f�r ein Bl�dmann!</p><p>Ich suche einen Erwachsenen mit drei Kindern, denke aber nicht an das Pionierlager!</p><p>�Seid ihr gekommen, um euch zu stellen?�, fragte Swetlana kalt. �Dazu ist es zu sp�t!�</p><p>Wie schwach diese Anderen auch sein mochten, sie mussten den Kraftwirbel gesp�rt haben, der sich hier eben erhoben hatte. Und auch die von Swetlana ausgehende Kraft, die Tiermenschen, Vampiren und sonstigem magischen Kleinvieh keine Chance l�sst. Mit einer einzigen Handbewegung k�nnte Swetlana die vier jetzt bis zum Hals in die Erde stampfen.</p><p>�Warten Sie!�, sagte der Mann rasch. �H�ren Sie uns an! Ich hei�e Igor. Ich bin� ich bin ein registrierter Dunkler sechsten Grades.�</p><p>�Stadt?�, fragte Swetlana knapp.</p><p>�Sergijew Possad. �</p><p>�Die Kinder?�, fuhr sie mit ihrem Verh�r fort.</p><p>�Petja aus Swenigorod, Anton aus Moskau, Galja aus Kolomna��</p><p>�Registriert?�, fragte Swetlana weiter. Ohne Zweifel wollte sie ein Nein h�ren - womit das Schicksal Igors besiegelt gewesen w�re.</p><p>Wortlos hoben die Jungen ihr Hemd hoch. Das M�dchen genierte sich ein wenig, �ffnete dann aber doch den obersten Knopf. Alle hatten ihr Siegel.</p><p>�Das wird dir nicht viel n�tzen�, murmelte Swetlana. �Geht in den Schuppen und wartet dort auf die Einsatzgruppe. Du kannst dem Tribunal erkl�ren, warum du deine Jungen Jagd auf Menschen machen l�sst.�</p><p>Abermals sch�ttelte Igor den Kopf. Auf seinem Gesicht spiegelte sich unverf�lschte Angst wider, und zwar - was erstaunlich war! - nicht um sich.</p><p>�Warten Sie! Ich bitte Sie! Das ist wichtig! Sie haben doch eine Tochter, oder? Eine Andere, eine Lichte von zwei oder drei Jahren?�</p><p>�Wir haben gesehen, wohin die Frau sie gebracht hat�, sagte mein kleiner Namensvetter leise.</p><p>Ich schob Swetlana zur Seite. Trat vor. �Was wollt ihr?�, fragte ich.</p><p>Wir wussten, was diese Tiermenschen wollten. Und die Werw�lfe wussten, dass wir das wussten. Was am traurigsten war: Sie zweifelten nicht im Mindesten daran, dass wir uns auf den Handel einlassen w�rden. Doch es gibt immer Details, die besprochen werden m�ssen.</p><p>�Eine Anklage auf geringf�gige Fahrl�ssigkeit�, brachte Igor schnell hervor. �W�hrend eines Spaziergangs haben uns die Kinder zuf�llig entdeckt und sind erschrocken.�</p><p>�Du hast sie gejagt, du Tier!�, konnte Swetlana sich nicht verkneifen. �Du hast mit deinen Jungen Jagd auf Menschenkinder gemacht!�</p><p>�Nein!�Igor sch�ttelte den Kopf. �Die Kinder haben herumgetobt und wollten mit den kleinen Menschenkindern spielen. Als ich dazugekommen bin, habe ich sie weggezogen. Es ist meine Schuld, denn ich habe nicht richtig aufgepasst.�</p><p>Er hatte alles genau kalkuliert. Ich konnte die Augen nicht v�llig vor dem verschlie�en, was geschehen war, selbst wenn ich das noch sehr wollte. Denn der Stein war bereits ins Rollen gebracht. Es blieb nur die Frage, wie man den Vorfall klassifizierte. Als Mordversuch - was mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit f�r Igor Dematerialisierung und f�r die Wolfsjungen strengste Kontrolle bedeutet h�tte? Oder als Fahrl�ssigkeit im minder schweren Fall - was nur ein Protokoll, eine Strafe und eine�besondere Kontrolle�von Igors zuk�nftigem Verhalten nach sich ziehen w�rde?</p><p>�Gut�, sagte ich. Rasch, damit Swetlana mir nicht ins Wort fiel. �Wenn ihr uns helft, belassen wir es bei geringf�giger Fahrl�ssigkeit.�Und daf�r werde ich auch geradestehen.</p><p>Igor entspannte sich. Vermutlich hatte er mit z�heren Verhandlungen gerechnet.</p><p>�Erz�hl alles, Galja�, verlangte er. Uns erkl�rte er: �Sie hat sie gesehen� unsere Galja hat Hummeln im Hintern, nie kann sie stillsitzen��</p><p>Swetlana ging zu dem M�dchen. Ich forderte Igor mit einer Geste auf, zu mir zu kommen. Abermals verkrampfte er sich, folgte mir aber gehorsam ein St�ck zur Seite.</p><p>�Ich habe einige Fragen�, erkl�rte ich. �Und ich empfehle dir, ehrlich zu antworten.�Igor nickte.</p><p>�Wie hast du das Recht bekommen, drei fremde Kinder zu initiieren?�, wollte ich wissen, wobei ich den Wunsch runterschluckte, �du Schwein�an meine Frage anzuh�ngen.</p><p>�Alle drei waren zum Tode verdammt�, erkl�rte Igor. �Ich habe Medizin studiert. Mein Praktikum habe ich auf einer Station f�r krebskranke Kinder gemacht� Die drei w�ren an Leuk�mie gestorben. Ein Arzt dort war ebenfalls ein Anderer. Ein Lichter. Er hat mir vorgeschlagen� die drei zu bei�en und sie in Tiermenschen zu verwandeln, damit sie gesund werden. Im Gegenzug w�rde er daf�r das Recht erhalten, ebenfalls einige Kinder zu heilen.�</p><p>Ich schwieg. Ich erinnerte mich an diesen Fall von vor einem Jahr. Ein idiotischer, klarer Handel zwischen einem Dunklen und einem Lichten, den beide Wachen lieber unter den Teppich gekehrt h�tten. Der Lichte hatte zwei Dutzend Kinder gerettet, obwohl es im Grunde �ber seine Kr�fte ging, sie zu heilen. Doch er wollte die seltene Chance nicht ungenutzt lassen - und gerettet hat er sie dann ja auch. Die Dunklen bekamen drei Werw�lfe. Ein kleiner Tausch. Alle waren gl�cklich, die Kinder und ihre Eltern inbegriffen. Wieder einmal wurden danach einschr�nkende Bestimmungen in den Gro�en Vertrag aufgenommen, um solche F�lle in Zukunft zu vermeiden. Und diesen Pr�zedenzfall wollte man so schnell wie m�glich vergessen��Verurteilst du mich?�, fragte Igor.</p><p>�Es ist nicht an mir, dich zu verurteilen�, fl�sterte ich. �Gut. Was auch immer dein Motiv war� lassen wir das. Zweite Frage: Warum hast du sie mit auf die Jagd genommen? L�g nicht, l�g jetzt blo� nicht! Denn du hast Jagd auf die Kinder gemacht! Du wolltest den Vertrag verletzen!�</p><p>�Es ist mit mir durchgegangen�, antwortete Igor gelassen. �Warum sollte ich l�gen. Ich bin mit den Kleinen drau�en herumgepirscht. Ich habe extra die ruhigste Gegend ausgesucht. Und pl�tzlich tauchen diese Kinder auf� Lebendige Kinder. Die gut riechen. Mit mir geht es durch, es packt mich. Und dann meine Kleinen� Sie haben in diesem Jahr ihr erstes Kaninchen gefangen, den Geschmack von Blut kennen gelernt.�</p><p>Und er l�chelte - schuldbewusst, gequ�lt, sehr aufrichtig. �Dein Kopf funktioniert ganz anders, wenn du in einem Tierk�rper steckst�, erkl�rte er mir. �N�chstes Mal werde ich besser aufpassen. �</p><p>�Gut�, meinte ich.</p><p>Was h�tte ich auch sonst sagen sollen? Jetzt, wo Nadjuschkas Leben an einem seidenen Faden hing? Selbst wenn er log, w�rde ich ihn nicht in die Mangel nehmen.</p><p>�Anton!�, rief Sweta mir zu. �Fang!�</p><p>Ich sah sie an - und in meinem Kopf wirbelten unz�hlige Bilder durcheinander.</p><p>Eine sch�ne Frau in einem langen altmodischen Gewand, mit einem gro� gebl�mten Tuch�</p><p>Ein M�dchen, das neben ihr einhergeht� stehen bleibt� die Frau nimmt es bei der Hand� In der N�he ein Fluss�</p><p>Gras� hohes Gras� Warum ist es so hoch?� Es reicht ihr bis �ber den Kopf�</p><p>Ich springe �ber einen Bach, auf vier Pfoten, mit der Nase am Boden, wittere die Spur�</p><p>Ein kahler Wald, der in h�ckeriges Feld �bergeht� Gr�ben, Rinnen�</p><p>Geruch� ein seltsamer Geruch steigt von dieser Erde auf� er w�hlt mich auf� zwingt mich, den Schwanz einzuziehen�</p><p>Die Frau mit dem M�dchen an der Hand steigt in einen tiefen Graben hinab�</p><p>Zur�ck� zur�ck� das ist genau die Hexe, das ist die Hexe, ihr Geruch�</p><p>�Was bedeutet das?�, fragte Swetlana. �Wenn es so dicht ist, warum habe ich die beiden dann nicht gefunden?�</p><p>�Ein Schlachtfeld�, fl�sterte ich, w�hrend ich aus meinem Kopf die Bilder von dem M�dchen und dem Wolf vertrieb. �Dort verlief die Front, Sweta. Der ganze Boden ist mit Blut getr�nkt. Dort muss man gezielt suchen, um wenigstens etwas zu finden. Es ist, als wolltest du den Kreml auf magische Weise sondieren.�</p><p>Igor trat an uns heran, taktvoll h�stelnd. �Ist alles in Ordnung?�, fragte er. �Sollen wir im Lager auf das Verh�r warten? Oder k�nnen wir das Ganze auch ruhiger angehen? In einer Woche ist meine Zeit hier zu Ende, dann melde ich mich selbst bei der Nachtwache und erkl�re alles��</p><p>Ich �berlegte. Versuchte das, was ich gesehen hatte, auf einer Karte der Umgebung zu orten, die ich in mir ins Ged�chtnis rief. Zwanzig Kilometer - da war die Hexe mit Nadjuschka nicht zu Fu� hingekommen. Sie hatte den Weg abgek�rzt, Hexen k�nnen so was. Mit dem Auto w�rden wir sie nicht erwischen, denn ich hatte keinen Jeep und im ganzen Dorf gab es keinen Niwa, keinen Uas. Vielleicht k�me man mit einem Traktor �ber solche Wege�</p><p>Nat�rlich k�nnte ich ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>gehen. Oder noch besser: Mich in es hineinst�rzen. �Sweta.�Ich sah ihr in die Augen. �Du bleibst hier. �</p><p>�Was?�Diese Worte warfen sie um.</p><p>�Die Hexe ist nicht dumm. Sie gibt uns keine drei Stunden zum Nachdenken. Sie setzt sich fr�her mit uns in Verbindung. Mit dir, besser gesagt, denn von mir verspricht sie sich nichts. Du bleibst hier, und wenn die Hexe sich meldet, redest du mit ihr. Sag ihr, dass ich einen Weg durch die Absperrung bahnen w�rde� l�g irgendwas zusammen. Ich rufe dich sp�ter und lenke sie ab.�</p><p>�Das schaffst du nicht�, sagte Swetlana. �Anton, du hast nicht die Kraft, um sie zu �berw�ltigen! Und ich habe keine Ahnung, wie schnell ich ein Portal �ffnen kann. Ich wei� nicht mal, ob ich das �berhaupt kann. Ich habe das noch nie versucht, sondern nur dar�ber gelesen! Anton! �</p><p>�Ich bin nicht allein�, erwiderte ich. �Nicht wahr, Igor?�</p><p>Er erbleichte und sch�ttelte den Kopf. �He, he, W�chter� das haben wir aber nicht vereinbart.�</p><p>�Wir haben abgemacht, dass du mir hilfst�, erinnerte ich ihn. �Wie die Hilfe aussieht, haben wir nicht gesagt. Stimmt's?�</p><p>Igor schielte zu seinen Sch�tzlingen hin�ber. Runzelte die Stirn. �Du bist ein Schwein, W�chter��, seufzte er. �Es w�re f�r mich einfacher, mich mit einem Magier als mit einer Hexe anzulegen! Ihre Magie kommt ausschlie�lich aus der Erde! Sie wei� auf Anhieb, wo sie dich am schmerzlichsten trifft��</p><p>�Keine Angst, wir sind ja zusammen�, beruhigte ich ihn. �Zu f�nft.�</p><p>Die Jungen - ich zwang mich, in ihnen ausschlie�lich Wolfsjungen zu sehen - wechselten Blicke. Galja stie� Petja die Faust in die Seite und fl�sterte etwas.</p><p>�Was haben sie dir getan?�, fragte Igor mit erhobener Stimme. �W�chter! Das sind Kinder!�</p><p>�Junge Werw�lfe�, korrigierte ich ihn. �Die beinahe Kinder gerissen h�tten. M�chtest du dich von deiner Schuld freikaufen? Mit einer Verwarnung davonkommen? Dann h�r auf, hier sinnlos herumzukl�ffen!�</p><p>�Wir haben keine Angst, Onkel Igor�, sagte pl�tzlich der Junge, der Petja hie�.</p><p>�Wir bleiben bei dir!�, stie� mein Namensvetter ins gleiche Horn.</p><p>Mich sahen sie gelassen an, ohne mir etwas �bel zu nehmen. Anscheinend hatten sie genau das von mir erwartet. �Sie k�nnen noch gar nichts��, sagte Igor. �W�chter��</p><p>�Keine Bange, sie werden die Hexe ablenken. Daf�r w�re ich ihnen dankbar. Mutiert jetzt!�Swetlana drehte sich um. Sagte aber kein Wort.</p><p>Wortlos fingen die Werw�lfe an, sich auszuziehen. Nur das M�dchen sah sich in ihrer Scham um - und verschwand hinter einem Johannesbeerstrauch, die �brigen scherten sich nicht um uns.</p><p>Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich eine Bauersfrau mit einem Eimer voll Kartoffeln, die den Weg entlangkam. Vermutlich hatte sie die auf dem Feld der Kolchose gesammelt. Als sie sah, was jenseits des Zauns vor sich ging, blieb sie kurz stehen, doch ich konnte mich jetzt nicht weiter um sie k�mmern. Ich war sowieso nicht in Hochform, geschweige denn, dass ich noch Kraft an eine zuf�llige Zeugin vergeuden konnte. Ich musste rennen lernen. Schnell rennen, damit die Werw�lfe mich nicht abh�ngten.</p><p>�Lass mich dir helfen�, sagte Swetlana. Sie fuhr mit der Hand durch die Luft, und ich sp�rte, wie mein K�rper angenehm aufheulte und Kraft in meine Beinmuskeln schoss. Sofort wurde mir derma�en hei�, als sei ich in eine �berheizte Sauna gekommen. Der�Lauf�, ein einfacher Zauber, der jedoch nur �u�erst vorsichtig angewendet werden darf. Wenn du au�er den Beinen den Herzmuskel erwischst, erleidest du einen Infarkt.</p><p>Neben mir st�hnte Igor heiser auf und kr�mmte sich auf allen vieren, wobei das R�ckgrat, als sei es in zwei H�lften gebrochen, zum Himmel zeigte. Daher r�hren alle die M�rchen von der Notwendigkeit, �ber einen morschen Baumstumpf zu springen� Die Haut dunkelte ein, ein grellroter Ausschlag �berzog sie, der sich in kleinen Klumpen zu einem feuchten, rasch wachsenden Fell aufbl�hte.</p><p>�Schneller!�, schrie ich. Hei� und feucht quoll mir die Luft aus dem Mund, ich meinte sogar, wie im Winter den Dampf vom meinem Atem zu sehen. Zu stehen fiel mir unglaublich schwer - mein K�rper jieperte nach Bewegung. Einen Trost hatte ich: Den Werw�lfen erging es genauso.</p><p>Der gro�e Wolf fletschte die Z�hne. Aus irgendeinem Grund mutierten seine Z�hne als Letztes. In der Wolfsschnauze sahen die Menschenz�hne komisch und zugleich schrecklich aus. Mir schoss pl�tzlich der seltsame Gedanke durch den Kopf, dass Werw�lfe ohne Plomben und Kronen leben m�ssen.</p><p>Allerdings ist ihr Organismus auch wesentlich st�rker als der eines Menschen. Werw�lfe kriegen keine Karies.</p><p>�Ge-he-hen wir��, bellte der Wolf vernuschelt. �Es� bre-re-rennt.�</p><p>Winselnd rannten die Wolfsjungen zum Wolf, auch sie nass, wie schwei�gebadet. Eines hatte noch Menschenaugen, aber mir war nicht klar, ob es sich dabei um einen der Jungen oder um das M�dchen handelte. �Los�, sagte ich.</p><p>Und schoss davon, ohne mich noch einmal zu Swetlana umzudrehen, ohne dar�ber nachzudenken, ob man uns sah oder nicht. Damit w�rde ich mich sp�ter auseinander setzen. Oder Swetlana w�rde die Spuren beseitigen.</p><p>Auf den Stra�en war niemand, nicht einmal die Frau mit dem Eimer. Ob Swetlana die Menschen in die H�user getrieben hatte? Falls ja, war das nur gut. Denn es ist ein komischer Anblick: Ein Mensch, der schneller l�uft, als die Natur es ihm erlaubt, und vier W�lfe, die ihm folgen.</p><p>Meine Beine trugen mich wie von selbst vorw�rts. Die Siebenmeilenstiefel aus den Kinderm�rchen, der Schnelll�ufer, der der Gef�hrte des Barons M�nchhausen war - so spiegelt sich diese kleine Magie in den Mythen der Menschen wider. Nur wird in den M�rchen nicht gesagt, wie schmerzhaft der Asphalt gegen die Fu�sohlen schl�gt�</p><p>Innerhalb einer Minute gelangten wir zum Fluss, und �ber die weiche Erde zu laufen war entschieden angenehmer. Ich hielt mich mit dem Wolf auf gleicher H�he, ein taktvoller Iwan Zarewitsch, der seinen grauen Freund nicht erm�den will. Die Jungen blieben etwas zur�ck, denn ihnen machte die Rennerei mehr zu schaffen. Werw�lfe sind sehr stark, doch ihre Schnelligkeit wird nicht durch Magie hervorgerufen.</p><p>�Was� hast� du� dir� �berlegt?�, bellte der Wolf. �Was� willst� du� tun?�Wenn ich darauf eine Antwort w�sste!</p><p>Ein Kampf zwischen Anderen, das ist eine Manipulation der Kraft, die im <emphasis>Zwielicht </emphasis>liegt. Ich bin ein Magier zweiten Grades, was nicht zu verachten ist. Arina f�llt g�nzlich aus dem Klassifikationsschema. Aber Arina ist eine Hexe, das ist ein Plus und ein Minus zugleich. Sie hat keinen Talisman oder Gl�cksbringer, keinen Trank und kein Amulett mitnehmen k�nnen� oder allenfalls etwas ganz Kleines. Daf�r kann sie unmittelbar aus der Natur Kraft sch�pfen. In der Stadt sinken ihre M�glichkeiten, hier steigen sie. F�r ernsthafte Magie m�sste sie irgendein Amulett einsetzen, das kostet Zeit� Andererseits k�nnte im Amulett ein Kraftvorrat von unglaublicher St�rke gespeichert sein.</p><p>Ich wei� nicht. Zu viele Wenn und Aber. Ich w�rde mir nicht einmal zutrauen, den Ausgang eines Kampfs zwischen Geser und Arina zu prognostizieren. Vermutlich w�rde der Gro�e Magier gewinnen, doch einfach w�re es nicht. Was konnte ich der Hexe entgegensetzen? Schnelligkeit?</p><p>Dann tritt sie ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>ein, wo sie sich weitaus sicherer f�hlt. Und mit jeder tieferen <emphasis>Zwielicht-Schicht </emphasis>w�rde ich f�r sie langsamer und langsamer werden. Das �berraschungsmoment?</p><p>Teilweise. Denn trotz allem hoffte ich, dass Arina nicht mit meinem Erscheinen rechnete.</p><p>Schlichte K�rperkraft? Ihr mit einem Stein eins �berbraten? Daf�r musste ich erst mal an sie rankommen.</p><p>Alles in allem lief es darauf hinaus, dass ich so dicht wie m�glich an sie heran musste. Um auf die Hexe loszugehen, sobald sie abgelenkt war. Um hart und ohne jede Raffinesse auf sie einzudreschen.</p><p>�H�r zu!�, rief ich dem Wolf zu. �Wenn wir in ihre N�he kommen, gehe ich ins <emphasis>Zwielicht. </emphasis>Ich �berhol dich und pirsch mich an die Hexe ran. Ihr geht offen auf sie zu. Wenn sie mit euch spricht und abgelenkt ist, st�rze ich mich auf sie. Dann helft mir.�</p><p>�Gu-gut�, knurrte der Wolf, ohne im Geringsten anzudeuten, wie er zu dem Plan stand.</p></section><section><title><p>Sieben</p></title><p>Ob dieser Ort auf den Karten des Zweiten Weltkriegs vermerkt ist? Vielleicht ist das ein den Historikern bekanntes, in B�chern besungenes Schlachtfeld, wo sich einst zwei Armeen in blutigem Kampf ineinander verbissen haben - sodass die ins Stocken geratene Maschinerie des Blitzkrieges zur�ckrollte?</p><p>Vielleicht ist dies aber auch eines jener namenlosen Felder unserer Schande, wo die Eliteeinheiten der Deutschen die ihnen entgegengeworfenen, nicht ausgebildeten und schlecht bewaffneten Landwehrsoldaten niedertrampelten? Sodass der Ort nur noch in den Archiven des Verteidigungsministeriums seinen Platz hat?</p><p>Ich bin in Geschichte nicht sehr bewandert. Aber vermutlich trifft das zweite zu. Denn hier ist es schmerzlich leer, finster, tot. Vergessene, aufgegebene Erde, auf die noch nicht einmal Kolchose scharf waren.</p><p>In unserem Land errichtet man auf den Feldern der Niederlage nicht gern Denkm�ler.</p><p>Ob vielleicht deshalb auch mit den Siegen nicht alles so glatt l�uft?</p><p>Ich stand am Ufer des kleinen Flusses und sah auf das tote Feld. Es war nicht sehr gro�: ein Streifen Erde zwischen dem Wald und dem Fluss, einen Kilometer breit, zehn Kilometer lang. Hier konnten nicht so viele Menschen gefallen sein. Eher Hunderte als Tausende.</p><p>Falls man das wirklich wenig nennen kann�</p><p>Das Feld war absolut leer. Mit meinem gew�hnlichen Blick sah ich niemanden, auch ein Blick durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>brachte nichts.</p><p>Als ich meinen Schatten aufnahm, brannte die untergehende Sonne in meinem R�cken. Ich trat ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>ein.</p><p>In der ersten Schicht bedeckte blaues Moos den Boden, jedoch nicht sehr dicht. Die �blichen dicken Klumpen, die sich gierig auf die Echos menschlicher Gef�hle st�rzen.</p><p>Doch etwas lie� mich aufmerken. Das Moos schien einen bestimmten Punkt ringf�rmig einzukreisen. Ich wusste, dass das Moos kriechen kann - um sich langsam, aber sicher seiner Nahrung zu n�hern.</p><p>Hier konnte es nur einen Grund geben, warum es Kreise bildete.</p><p>Ich ging durch den wolkigen grauen Rauch, um mich herum schimmerte die Menschenwelt durch wie eine unscharfe, �berbelichtete Schwarzwei�fotografie. Es war kalt und ungem�tlich - mit jeder Sekunde verlor ich hier mehr Energie. Was jedoch auch ein Plus bedeutete. Selbst Arina kann sich nicht permanent im <emphasis>Zwielicht </emphasis>aufhalten. Sie kann aus der Menschenwelt in die erste Schicht blicken, doch auch das kostet Kraft.</p><p>Und momentan befindet sie sich nicht in der Lage, un�berlegt den Vorrat von Jahren zu vergeuden.</p><p>In der ersten Schicht entsprach das Profil der Landschaft fast dem der realen Welt. Hier gab es Erde, Bodenrinnen und kleinere H�gel. Aber auch noch was. Ich sah - besser erahnte - in der Erde alte Waffen. Nicht alle, nat�rlich nicht, sondern nur die, die jemanden get�tet hatten. Halb verrostete Maschinenpistolen, kaum besser erhaltene Gewehre� Die Gewehre �berwogen.</p><p>Hundert Meter vor Arina ging ich in die Hocke und lief im Entengang weiter. Swetlanas Zauber wirkte noch, sonst w�r mir ziemlich bald die Puste ausgegangen. F�nfzig Meter vor ihr legte ich mich hin und robbte weiter. Der Boden war feucht, ich saute mich sofort ein. Nur gut, dass dieser Dreck abbr�ckeln w�rde, sobald ich aus dem <emphasis>Zwielicht </emphasis>heraustrat. Das blaue Moos wogte, wusste nicht, was es jetzt tun sollte: auf mich zukriechen oder sich in Sicherheit bringen. Das war nicht gut. Arina k�nnte ahnen, weshalb das Moos in Aufregung geriet�</p><p>Und ganz in der N�he, f�nf Meter vor mir, erhob sich langsam ein schwarzhaariger Kopf. Es sah aus, als wachse Arina direkt aus der Erde heraus. Zu eng und zu dicht bewachsen war dieser Graben� Ich erstarrte.</p><p>Aber Arina blickte nicht in meine Richtung. Ganz, ganz langsam richtete sie sich zu voller Gr��e auf. Zuvor musste sie am Boden eines dieser alten Sch�tzengr�ben gesessen haben. Elegant schirmte sie die Augen mit der Hand ab. Mir war klar, dass sie durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>sp�hte. Zum Gl�ck nicht zu mir hin. Meine unfreiwilligen Rekruten n�herten sich.</p><p>Wie sch�n sie rannten! Selbst aus dem <emphasis>Zwielicht </emphasis>heraus sah ihr Lauf schnell aus, nur bei den Spr�ngen hingen sie etwas zu lange in der Luft. Vorneweg das alte, weise Leittier, hinter ihm die Wolfsjungen. Ein Mensch h�tte Angst bekommen.</p><p>Arina lachte. Sie stand da, die H�nde in die H�ften gestemmt, eine junge kr�ftige Ukrainerin, die beobachtet, wie ein leichtsinniger Mann samt seinen Zechkumpanen auf sie zust�rmt. Als sie anfing zu reden, schwangen tiefe, hohle T�ne durch die Luft. Sie hatte keine Eile, ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>einzutreten. Ich begab mich jetzt ebenfalls in die Menschenwelt.</p><p>�� Kl�ffh�lse!�, klang es zu mir her�ber. �Habe ich euch etwa schlecht gef�ttert?�</p><p>Die W�lfe trabten jetzt nur noch. Sie hielten zwanzig Meter vor Arina an.</p><p>Der Leitwolf trat vor. �Hexe!�, bellte er. �Reden� wir m�ssen reden! �</p><p>�Sprich, Grauer�, sagte Arina gutm�tig.</p><p>Lange w�rde Igor die Hexe nicht ablenken k�nnen, das wurde mir klar. Jeden Augenblick k�nnte sie ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>abtauchen und sich ordentlich umsehen. Wo war Nadjuschka?</p><p>�Gib� das M�dchen� raus�, stie� der Wolf in einer Mischung aus Gebr�ll und Heulen heraus. �Der Lichte� tobt� Gib das M�dchen raus� sonst wird alles schlimmer��</p><p>�Du willst mir doch nicht irgendwie drohen?�, wunderte sich Arina. �Du bist ja v�llig verr�ckt geworden. Wer w�rde schon W�lfen ein M�dchen anvertrauen? Macht lieber, dass ihr fortkommt!�Komisch, sie schien irgendwie auf Zeit zu spielen.</p><p>�Das Kind� ist in Ordnung?�, brachte der Wolf etwas deutlicher hervor.</p><p>�Nadenka, ist mit dir alles in Ordnung?�, fragte Arina, wobei sie nach unten sp�hte. Dann beugte sie sich hinunter und hob das M�dchen aus dem Graben, um es oben auf den Boden abzusetzen.</p><p>Mir stockte der Atem. Nadjuschka sah �berhaupt nicht verschreckt oder m�de aus. Ihr schien zu gefallen, was hier passierte - und zwar weitaus besser als die Spazierg�nge mit ihrer Oma. Aber sie stand nah, viel zu nah an der Hexe!</p><p>�Ein kleiner Wolf�, sagte Nadja und betrachtete den Tiermenschen. Sie streckte die Patschhand nach ihm aus und lachte fr�hlich.</p><p>Der Werwolf wedelte mit dem Schwanz!</p><p>Freilich, das dauerte nur ein paar Sekunden. Dann spannte Igor sich an, str�ubte sein Fell - und vor uns stand wieder ein wildes Tier, kein Scho�hund. Trotzdem hatte es diesen Moment gegeben, in dem der Werwolf vor einem zweij�hrigen M�dchen, vor einer nicht initiierten Anderen, scharwenzelt hat!</p><p>�Ein Wolf�, pflichtete Arina ihr bei. �Nadenka, guck doch mal, wer noch da ist. Mach die Augen zu und guck. So, wie ich es dir beigebracht habe.�</p><p>Bereitwillig deckte Nadjuschka die Augen mit den H�nden ab. Und drehte sich in meine Richtung um. Auf die Weise w�rde sie sie ja initiieren!</p><p>Wenn Nadjuschka tats�chlich gelernt haben sollte, durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>zu sehen�</p><p>Meine Tochter drehte sich zu mir um. L�chelte. �Papka��Zwei Dinge gingen mir im n�chsten Moment auf.</p><p>Erstens: Arina wusste ganz genau, dass ich in der N�he war! Die Hexe spielte mit mir.</p><p>Zweitens: Nadjuschka sah nicht durchs <emphasis>Zwielicht! </emphasis>Sie hatte die Finger gespreizt und linste durch sie hindurch.</p><p>Sofort trat ich ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>zur�ck. Meine Nerven waren so angespannt, dass ich prompt in der zweiten Schicht landete, in dieser dumpfen wattigen Stille, in jenem fahlen grauen Schatten.</p><p>Arinas Aura loderte orangefarben und t�rkis. Nadjuschka h�llte eine reine wei�e Aureole ein, gleichsam als h�mmere ein Leuchtturm seine Botschaft in den Raum: eine potenzielle Andere! Eine Lichte! Von enormer Kraft!</p><p>Und die Werw�lfe, die losrasten, rote und purpurne Klumpen, Wut und Bosheit, Hunger und Angst�</p><p>�Swetlana!�, schrie ich hochschnellend. Hinein in den grauen Raum, hinein in die weiche Stille. �Komm!�Eine Stelle f�r das Portal markierte ich problemlos, indem ich einfach reine Kraft ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>schleuderte, als wollte ich eine Lichterkette spannen, eine Landebahn schaffen. Zwischen mir und Arina.</p><p>Gleichzeitig rannte ich los, damit Nadjuschka Arina nicht gegen mich abschirmte, und feuerte aus meinen Fingerspitzen vor langer Zeit gelernte Zauber ab. Den�Freeze�, mit dem die Zeit vor Ort angehalten wird. �Opium�, der Schlaf bringt. Die�Dreifachschneide�, der gr�bste und einfachste Kraftzauber. �Thanatos�, den Tod.</p><p>Von keinem von ihnen versprach ich mir viel. All das konnte funktionieren, wenn du es mit einem sehr schwachen Anderen zu tun hast. Ein Anderer, dessen Kraft deine �bersteigt, pariert alle Schl�ge, egal, ob er sich im <emphasis>Zwielicht </emphasis>oder in der Menschenwelt aufh�lt.</p><p>Ich musste die Hexe jedoch nur ablenken und aufhalten. Sie zwingen, ihre Verteidigung zu verpulvern, die vermutlich aus Amuletten und Talismanen bestand. All diese imposanten Feuerwerksspiele sollten nur die L�cke in ihrem Schutz ausfindig machen. Der�Freeze�schien im Nichts zu verpuffen.</p><p>Der Schlafzauber verfehlte sein Ziel und schoss in den Himmel hinauf. Hoffentlich flog �ber uns nicht gerade ein Flugzeug.</p><p>Die�Dreifachschneide�versagte nicht: Die funkelnden Klingen bohrten sich in die Hexe. Nur dass sie auf die drei Schneiden schiss.</p><p>Mit der Anrufung des Todes erlebte ich ein Desaster! Es hat seinen Grund, dass ich diese Magie nicht mag, die den Zaubern der Dunklen so gef�hrlich �hnelt. Arina konnte, da sie sich in der Menschenwelt befand, die Hand heben. Ein Klumpen grauen Dunkels, der den Willen t�tet und das Herz stillstehen l�sst, legte sich ihr gehorsam auf den Handteller.</p><p>Arina sah mich durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>an und l�chelte. Ihre Hand schwebte �ber Nadjuschkas Kopf, die graue Masse sickerte langsam durch die Finger der Hexe.</p><p>Ich sprang zu den beiden hin. Abwehren konnte ich den Schlag nicht - aber ihn auf mich umlenken, das ja�</p><p>Doch Arina, die schnelle und blendend sch�ne, war bereits in der zweiten <emphasis>Zwielicht-Schicht </emphasis>Mit einer Bewegung ihrer Finger kn�llte sie meinen Zauber zusammen - und warf ihn achtlos gegen die W�lfe.</p><p>��berst�rze nichts��, riet die Hexe mir, jede Silbe in die L�nge ziehend. In der Stille der zweiten Schicht dr�hnten ihre Worte - und meine Beine lie�en mich im Stich. Einen Schritt vor Arina und Nadjuschka fiel ich auf die Knie. �R�hr sie nicht an!�, schrie ich.</p><p>�Ich habe dich doch gebeten��, sagte die Hexe leise. �Willst du mir nicht raushelfen� Was habe ich alte Hexe dir denn getan? �</p><p>�Ich glaube dir nicht!�</p><p>Arina nickte. �Und Recht hast du��, sagte sie mit m�der, bitterer Stimme. �Aber was soll ich denn machen, Zauberkundiger?�</p><p>Sie huschte mit einer Hand �ber den Rocksaum und zog einen kleinen Zweig getrockneter Trauben daraus hervor. Als sie ihn in die lodernden wei�en Feuer warf, stiegen Wolken schwarzen Rauchs auf. Und die Markierung f�r das Portal verschwand. Swetlana hatte es nicht geschafft!</p><p>�Du l�sst mir keine Wahl, Lichter��Arina setzte ein schiefes L�cheln auf. �Hast du verstanden? Ich werde dich ermorden m�ssen, und deine Tochter wird niemandem mehr n�tzen. Was willst du mit deinem zweiten Grad schon ausrichten?�</p><p>In diesem Moment traf ein lodernder wei�er Keil Arina im R�cken. Einen Moment lugte er aus ihrer Brust heraus, dann zog er sich langsam, einer unsichtbaren Hand gehorchend, zur�ck.</p><p>�Ah, ah, ah��, st�hnte die Hexe, die unwillk�rlich nach vorn st�rzte.</p><p>Die Feuerschneide loderte im <emphasis>Zwielicht. </emphasis>Dann verzog sich die graue Finsternis und gab Swetlana frei.</p><p>Die Hexe schien sich bereits von dem Schlag erholt zu haben. T�nzelnd wich sie zur�ck, ohne Swetlana aus den Augen zu lassen. Von dem angesengten Riss in ihrem Kleid stieg Rauch auf, Blut floss jedoch nicht. In ihren Augen stand eher Respekt als Hass zu lesen.</p><p>�Ach du� Gro�e��Arina stie� ein kr�chzendes Gel�chter aus. �Habe ich dich �bersehen?�</p><p>Swetlana antwortete nicht. Nie h�tte ich mir einen solchen Hass in ihren Augen vorstellen k�nnen: Ein Mensch w�re gestorben, wenn er sie blo� angesehen h�tte. In ihrer rechten Hand hielt sie ein wei�es Schwert, die Finger ihrer linken fuhrwerkten in der Luft herum, als drehten sie an einem unsichtbaren Zauberw�rfel.</p><p>Das <emphasis>Zwielicht </emphasis>dunkelte ein. Um Nadjuschka herum bildete sich eine regenbogenfarbene Kugel. Die n�chsten Passes Swetla-nas galten mir: Mein K�rper bekam seine Beweglichkeit zur�ck. Ich sprang auf und lief hinter die Hexe. In diesem Krieg spielte ich nur eine Nebenrolle.</p><p>�Aus welcher Schicht bist du gekommen, du Irrlichternde?�, fragte die Hexe fast gutm�tig. �Doch wohl nicht aus der vierten? Aber die dritte habe ich abgesucht��Ich sp�rte, dass ihr sehr, sehr viel an der Antwort lag. �Aus der f�nften�, sagte Swetlana pl�tzlich.</p><p>�Das ist nicht gut��, murmelte die Hexe. �Das schafft sie, die Wut einer Mutter��Sie linste aus den Augenwinkeln zu mir her�ber, richtete den Blick dann jedoch wieder auf Swetlana. �Behalte besser f�r dich, was du dort gesehen hast��</p><p>�Spar dir deine klugen Ausf�hrungen�, meinte Swetlana. Die Hexe nickte. Abrupt krempelte sie die �rmel hoch und riss sich ein paar Haare aus. Ich wei� nicht, ob Swetlana damit gerechnet hatte - ich hielt es jedoch f�r geboten wegzuspringen. Woran ich gut tat: Um die Hexe herum toste ein schwarzer Schneesturm los, als ob sich jedes einzelne Haar in eine d�nne, feine Klinge aus schwarzem Stahl verwandelt h�tte. Die Hexe ging auf Swetlana zu. Diese schleuderte das wei�e Schwert gegen die Hexe. Die Klingen zerst�ckelten es jedoch, l�schten es aus. Daraufhin bildete sich vor Swetlana ein durchscheinender, durch die Luft gleitender Schild. Ich glaube, er hei�t�Lushin-Verteidigung�.</p><p>Lautlos und fast unverz�glich zerbrachen die Klingen an dem Schild.</p><p>�Ach, diese Mamotschkas��, sagte Arina kl�glich. Komisch, aber ich hegte keinen Zweifel daran, dass sie das ernst meinte. Gleichzeitig war es theatralisch, f�r ein Publikum gedacht. In dem Fall f�r mich.</p><p>�Ergib dich, du Mistst�ck�, sagte Swetlana. �Noch biete ich dir das an: dich zu ergeben!�</p><p>�Und wenn� wenn ich tats�chlich��, meinte Arina pl�tzlich. �Was dann?�</p><p>Diesmal hatte sie nicht nach ihren Amuletten gelangt. Sondern nur in einer Art Singsang ihre Knittelverse vorgetragen.</p><poem><stanza><v>Staub, zu andrem Staub gerafft,</v><v>In den H�nden sp�re Kraft,</v><v>Diener sollst du sein und Halt,</v><v>Sonst verstreue ich dich bald!</v></stanza></poem><p>Von Arina hatte ich alles M�gliche erwartet. Aber nicht das.</p><p>Selbst bei den Dunklen trifft man nur selten echte Nekromanten an.</p><p>Langsam stiegen die Toten aus der Erde!</p><p>Die deutschen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg zogen abermals in den Kampf!</p><p>Vier in Lumpen geh�llte Skelette. Zwischen den Knochen klebte Erde, das Fleisch war l�ngst zerfallen. Sie stellten sich im Kreis um Arina herum auf. Einer torkelte blind auf mich zu, fuchtelte ungeschickt mit den fingerlosen H�nden; die Fingerknochen waren vollst�ndig verrottet. Bei Jedem Schritt des plumpen Zombies fielen Erdklumpen herunter. Die drei andern ungl�ckseligen Monster bewegten sich auf Swetlana zu. Einer von ihnen hielt sogar eine schwarze Maschinenpistole in den H�nden, deren Magazin jedoch fehlte.</p><p>�Kannst du die Rote Armee auferstehen lassen?�, schrie Arina keck.</p><p>Das h�tte sie besser nicht getan. Swetlana schien zu versteinern. �Mein Gro�vater hat den Krieg mitgemacht�, presste sie zwischen den Z�hnen hervor. �Glaubst du, du kannst mir damit Angst einjagen?�</p><p>Was sie tat, kriegte ich nicht mit. Ich h�tte die�graue Andacht�eingesetzt, doch sie griff auf h�here Magie zur�ck, die mir verschlossen war. Die Zombies zerfielen zu Staub. Swetlana und Arina starrten sich feindselig an. Der Spa� hatte ein Ende.</p><p>Jetzt w�rden die Zauberin und die Hexe ihre Kr�fte in einem offenen Zweikampf messen.</p><p>Ich nutzte die kurze Pause, um ebenfalls Kraft zu sammeln. Sollte Swetlana �berraschend ins Hintertreffen geraten, w�rde ich zuschlagen� Doch es war Arina, die das Nachsehen hatte.</p><p>Als Erstes fiel ihr das Gewand vom K�rper. Einen Mann h�tte das sicher demoralisiert.</p><p>Dann fing die Hexe an, mit ungeheurem Tempo zu altern. Das pr�chtige schwarze Haar verwandelte sich in einen erb�rmlichen wei�grauen Mopp. Die Br�ste fielen ein, Arme und Beine trockneten aus. Sie sah aus wie die Hexe Gingema aus den M�rchen von Wolkow, wie die Gagool von Rider Haggard.</p><p>Schluss mit den sch�nen Effekten. �Name!�, schrie Swetlana. Arina z�gerte nur kurz.</p><p>Der zahnlose Mund bewegte sich. �Arina��, nuschelte sie. �Ich bin in deiner Macht, Zaubermeisterin��</p><p>Erst jetzt entspannte sich Swetlana - und schien f�rmlich in sich zusammenzusacken. Ich ging um die ruhig gestellte Arina herum, um meine Frau zu st�tzen.</p><p>�Schon gut� ich halte mich.�Swetlana l�chelte. �Es hat geklappt.�</p><p>Die Alte - meine Zunge weigerte sich, sie Arina zu nennen - sah uns traurig an.</p><p>�Erlaubst du ihr, ihr bisheriges Aussehen wieder anzunehmen?�, fragte ich.</p><p>�War das etwa ansprechender?�, versuchte Swetlana zu scher zen.</p><p>�Sie kann jeden Augenblick an Altersschw�che sterben�, sagte ich. �Schlie�lich ist sie �ber zweihundert Jahre alt��</p><p>�Soll sie doch verrecken��, murmelte Swetlana. Von unten herauf sah Swetlana Arina an. �Hexe! Ich erlaube dir, j�nger zu werden!�</p><p>Z�gig richtete sich Arinas K�rper auf, str�mte Leben in ihn. Gierig rang die Hexe nach Luft. Sie sah mich an. �Danke, Zauberkundiger��, sagte sie.</p><p>�Gehen wir hier raus�, befahl Swetlana. �Und keine Dummheiten� Ich habe dir nur das Recht einger�umt, das <emphasis>Zwielicht </emphasis>zu verlassen!�</p><p>Die ganze Kraft der Hexe - jener Teil, der nicht mit der Kleidung und den Amuletten verschwunden war - unterlag jetzt der uneingeschr�nkten Kontrolle Swetlanas. Bildlich gesprochen hatte sie die Hand am Hebel.</p><p>�Zauberkundiger��, brachte Arina heraus, ohne den Blick von mir zu wenden. �Nimm als Erstes die Schilde von deiner Tochter. Unter ihr liegt eine Granate mit herausgezogenem Sicherungssplint. Die kann jede Sekunde hochgehen.�Swetlana schrie auf.</p><p>Ich st�rzte zu der regenbogenfarbigen Kugel. Zerschlug sie und drang in die Negationssph�re ein. Unter ihr lagen noch zwei Schilde, die ich mit roher Gewalt zerst�rte, ausschlie�lich mit K�rperkraft. Von der zweiten Schicht aus lie� sich nichts erkennen.</p><p>Ich fand meinen Schatten, st�rzte mich in die erste Schicht. Hier war alles sauber, keine Spuren des blauen Mooses. Der Kampf hatte alles verbrannt.</p><p>Fast sofort sah ich die alte Handgranate, die unter Nadjuschka lag. Arina hatte sie im <emphasis>Zwielicht </emphasis>dorthin gepackt. Gut abgesichert hatte sie sich, das Luder�</p><p>Der Sicherungssplint war herausgezogen. Irgendwo in der Granate brannte langsam der Z�ndkanal. In der Menschenwelt waren bereits drei, vier Sekunden vergangen� Die Reichweite lag bei zweihundert Metern.</p><p>Sollte die Granate unter den Schilden explodieren, w�rde von Nadjuschka nur blutiger Staub �brig bleiben�</p><p>Ich b�ckte mich, griff nach der Granate. Solange man sich im <emphasis>Zwielicht </emphasis>aufh�lt, ist es sehr schwierig, mit Gegenst�nden der realen Welt zu hantieren. Immerhin besa� die Granate einen gut erkennbaren Doppelg�nger im <emphasis>Zwielicht: </emphasis>ein genauso geripptes Ding, verdreckt und verrostet� Ob ich es wegschmei�en sollte? Nein.</p><p>In der Menschenwelt w�rde die Granate nicht weit fliegen. Holte ich sie ins <emphasis>Zwielicht, </emphasis>w�rde sie hier explodieren.</p><p>Mir fiel nichts Kl�geres ein, als die Granate zu halbieren. Als sch�lte ich den Kern aus einer Avocado heraus. Und teilte die Frucht dann noch in mehrere St�ckchen. Wobei ich zwischen dem Splitterk�rper und dem Sprengstoff den gl�henden Strang des Verz�gerers suchte. Mit einer imagin�ren Klinge, einem Keil reiner Kraft, zerschnitt ich die Granate, als handle es sich um eine reife Tomate.</p><p>Schlie�lich entdeckte ich das winzige Feuerchen, das schon an den Z�nder herangekrochen war. Ich erstickte es mit den Fingern.</p><p>Und st�rzte zur�ck in die Menschenwelt. Schwei�gebadet, mich kaum auf den zitternden Beinen haltend, meine Hand wild sch�ttelnd: Die verbrannten Finger schmerzten.</p><p>�M�nnern braucht man doch blo� was zum Rumschrauben zu geben�, bemerkte Arina, die hinter mir auftauchte, giftig. �H�ttest du sie doch unter den Schilden gelassen, selbst wenn sie dann in die Luft gegangen w�re! Oder sie mit Eis �berzogen, damit sie bis morgen gefroren bleibt��</p><p>�Papka, du musst mir beibringen, mich auch so zu verstecken�, sagte Nadjuschka, als ob nichts gewesen w�re. Als sie Arina sah, emp�rte sie sich lautstark: �Bist du denn verr�ckt, Tante? Hier nackig herumzulaufen!�</p><p>�Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du so nicht mit Erwachsenen reden sollst�, mischte sich Swetlana ein. Um im selben Augenblick Nadjuschka auf den Arm zu nehmen und sie zu k�ssen. Was f�r ein Irrenhaus�</p><p>Fehlte nur noch meine Schwiegermutter mit ihren Kommentaren�</p><p>Ich setzte mich an den Rand des Grabens. Wollte rauchen. Und trinken. Und essen. Und schlafen. Oder wenigstens rauchen.</p><p>�Ich mache es nie wieder�, murmelte Nadja wie �blich. �Der Wolf ist ja krank!�</p><p>Erst jetzt fielen mir die Werw�lfe wieder ein. Ich drehte mich um.</p><p>Der Wolf lag am Boden und zappelte kraftlos mit den Pfoten. Die Jungen wuselten um ihn herum.</p><p>�Tut mir leid, Zauberkundiger�, sagte Arina. �Ich habe deinen Todeszauber gegen den Werwolf geschleudert. Die Zeit war zu knapp, um mir etwas Besseres einfallen zu lassen.�</p><p>Ich sah Swetlana an. �Thanatos�, das bedeutet nicht unbedingt den sicheren Tod. Der Zauber konnte noch aufgehoben werden.</p><p>�Ich bin leer��, sagte Swetlana leise. �Ich habe alles gegeben.�</p><p>�Wenn ihr wollt, rette ich den Dreckskerl�, schlug Arina vor. �Ich hab damit keine Probleme.�Wir sahen uns an.</p><p>�Warum hast du mir von der Granate erz�hlt?�, fragte ich.</p><p>�Was h�tte es mir gebracht, wenn das Kind gestorben w�re?�, erwiderte Arina gleichm�tig.</p><p>�Sie wird eine Gro�e Lichte�, sagte Swetlana. �Die Allergr��te!�</p><p>�Von mir aus.�Arina l�chelte. �Vielleicht erinnert sie sich ja an Tante Arina, mit der sie �ber Kr�uter und Blumen gesprochen hat� Keine Angst, niemand wird aus ihr eine Dunkle machen. Bei diesem Kind ist das nicht so einfach, ohne Magie kommt man hier nicht weiter� Was wollen wir jetzt mit dem Wolf machen? �</p><p>�Rette ihn�, sagte Swetlana blo�.</p><p>Arina nickte. �Dort im Graben�, wandte sie sich pl�tzlich an mich, �steht eine Tasche� In ihr ist was zu rauchen und was zu essen. Ich habe schon vor langer Zeit f�r Proviant gesorgt��</p><p>F�r Igor brauchte die Hexe zehn Minuten. Zun�chst vertrieb sie die br�llenden Wolfsjungen. Diese liefen zur Seite, versuchten sich in Kinder zur�ckzuverwandeln, was ihnen jedoch nicht gelang, worauf sie sich in die B�sche legten. Dann fl�sterte sie etwas und pfl�ckte w�hrenddessen bald dieses, bald jenes Kraut. Die Wolfsjungen herrschte sie an, endlich Ruhe zu geben, woraufhin diese in alle Richtungen auseinander stoben und nach einer Weile, das Maul voller Zweige und Wurzeln, zur�ckkehrten.</p><p>Swetlana und ich sahen einander an. Ohne ein Wort zu sagen. Auch so war alles klar. Ich rauchte meine zweite Zigarette zu Ende, zerquetschte die dritte in meiner Hand und holte aus der schwarzen Stofftasche eine Tafel Schokolade. Abgesehen von den Zigaretten, der Schokolade und einem B�ndel englischer Pfund - die vorausplanende Hexe! - befand sich nichts in der Tasche.</p><p>Dabei hatte ich aus irgendeinem Grund immer noch auf das <emphasis>Fuaran </emphasis>gehofft�</p><p>�Hexe!�, schrie Swetlana, als der Werwolf, nach wie vor leicht zitternd, auf die Beine kam. �Komm her!�</p><p>Arina kehrte zu uns zur�ck - sich grazi�s in den H�ften wiegend und sich ihrer Nacktheit in keiner Weise genierend. Der Werwolf legte sich ebenfalls in unserer N�he hin. Er atmete schwer. Die Jungen gruppierten sich um ihn herum und fingen an, ihn zu belecken. Als Swetlana die Szene betrachtete, machte sie ein angewidertes Gesicht. Dann richtete sie den Blick auf Arina. �Was wirft man dir vor?�</p><p>�Auf Befehl eines nicht identifizierten Lichten vom Rezept f�r das Elixier abgewichen zu sein. Damit h�tte ich ein gemeinsames Experiment der Inquisition, der Nacht- und der Tagwache hintertrieben.�</p><p>�Und stimmt das?�, hakte Swetlana nach.</p><p>�Ja�, gab Arina ohne Umschweife zu. �Weshalb?�</p><p>�Vom ersten Tag der Revolution an wollte ich den Roten schaden.�</p><p>�L�g nicht.�Swetlana verzog das Gesicht. �Ob Rot, Wei� oder sonst wer, das ist dir doch ganz egal. Weshalb bist du das Risiko eingegangen?�</p><p>�Welchen Unterschied macht das denn f�r dich aus, Zaubermeisterin?�Arina seufzte.</p><p>�Es macht einen aus. Vor allem f�r dich.�</p><p>Die Hexe warf den Kopf in den Nacken. Sah erst mich an, dann Swetlana. Ihre Lider zitterten.</p><p>�Bist du traurig, Tante Arina?�, fragte Nadjuschka. Sie schielte zu ihrer Mutter hin�ber und legte von sich aus die Hand vor den Mund.</p><p>�Ja�, antwortete die Hexe.</p><p>Arina wollte auf gar keinen Fall der Inquisition in die H�nde fallen.</p><p>�Alle Anderen haben das Experiment unterst�tzt�, berichtete Arina. �Die Dunklen haben geglaubt, dass es nichts �ndern w�rde, wenn an der Spitze des Landes - und die Brotfabrik produzierte in erster Linie f�r den Kreml und das Volkskommissariat - Tausende von �berzeugten Kommunisten st�nden. Im Gegenteil, die ganze �brige Welt w�rde sich gegen die Sowjetunion zusammenschlie�en. Die Lichten haben geglaubt, dass die UdSSR nach einem harten, aber gewonnenen Krieg gegen Deutschland - die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem solchen Krieg kommen w�rde, haben die Seher schon damals klar erkannt - zu einer wirklich attraktiven Gesellschaft werden w�rde. Es gab da einen geheimen Bericht, wonach� kurzum, die Menschen w�rden den Kommunismus bis zum Jahr 1980 aufgebaut haben.�</p><p>�Und Mais w�rde zur Hauptnahrungsquelle werden�, schnaubte Swetlana.</p><p>�Spotte nicht, Zaubermeisterin�, wies die Hexe Sweta gelassen zurecht. �An den Mais erinnere ich mich nicht mehr. Aber eine Stadt auf dem Mond sollte bereits in den siebziger Jahren errichtet sein. Wir wollten zum Mars fliegen und au�erdem� Ganz Europa sollte kommunistisch werden. Und zwar nicht durch die Knute. Heute sollte es auf der Welt nur noch eine riesige Sowjetunion und das riesige Reich der Vereinigten Staaten geben� zu denen Gro�britannien, Kanada und Australien geh�ren sollten� Als weiteres selbstst�ndiges Land w�rde noch China existieren.�</p><p>�Sind die Lichten denn von falschen Voraussetzungen ausgegangen?�, fragte ich.</p><p>�Nein.�Arina sch�ttelte den Kopf. �Das sind sie nicht. Sicher, Blut w�re in Str�men geflossen. Aber das, was am Ende herausgekommen w�re, h�tte sie zufrieden gestellt. Es w�re weitaus besser als alle heutigen Regime� Die Lichten haben aber eins nicht bedacht: Wenn alles nach Plan gelaufen w�re, h�tten die Menschen etwa jetzt von der Existenz der Anderen erfahren!�</p><p>�Verstehe�, meinte Swetlana. Nadjuschka zappelte unruhig auf ihrem Scho� herum. Das Stillsitzen reichte ihr, sie wollte zu�dem Wolf�.</p><p>�Deshalb ist dieser� nicht identifizierte Lichte��Arina l�chelte. �� der die Zukunft eben besser als jeder sonst vorhersehen konnte, zu mir gekommen. Wir haben uns ein paar Mal getroffen und die Situation durchgesprochen. Das Ungl�ck bestand darin, dass das Experiment nicht nur Gro�e Magier geplant hatten, die einsch�tzen konnten, welche Gefahren unsere Demaskierung mit sich brachte, sondern auch etliche Magier der ersten oder zweiten Kategorie� sogar einige der dritten und vierten. Das Projekt ist ausgesprochen popul�r gewesen� Um es offiziell zu kippen, h�tte man Tausende von Anderen umfassend informieren m�ssen. Darauf konnten wir es nicht ankommen lassen.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Swetlana. Was ich von mir nicht behaupten konnte!</p><p>Wir verbergen unsere Existenz vor den Menschen, weil wir Angst haben. Letzten Endes sind wir zu wenige, und keine Magie w�rde uns retten, wenn eine neue�Hexenjagd�einsetzte. Aber drohte uns wirklich auch in einer guten und gl�cklichen Zukunft, die Arinas Worten zufolge inzwischen schon l�ngst h�tte aufgebaut sein k�nnen, noch Gefahr?</p><p>�Deshalb haben wir beschlossen, das Experiment zu sabotieren�, fuhr Arina fort. �Das erh�hte die Zahl der Opfer im Zweiten Weltkrieg, verringerte jedoch die Zahl der Opfer, die mit dem Export der Revolution nach Europa und Nordafrika verbunden war. Mehr oder weniger hielt sich das die Waage� Nat�rlich ist das Leben in Russland heute nicht so sch�n und angenehm, wie es sein sollte. Doch wer sagt, dass sich Gl�ck in einem vollem Bauch zeigt?�</p><p>�In der Tat�, konnte ich mich nicht beherrschen zu sagen. �Jeder Lehrer aus dem Wolgagebiet oder jeder Kumpel aus der Ukraine wird dir Recht geben.�</p><p>�Gl�ck muss man im geistigen Reichtum suchen!�, fuhr Arina mich an. �Nicht in einer Badewanne voll Seifenschaum oder in einem beheizten Klo. Daf�r wissen die Menschen wenigstens nichts von den Anderen!�</p><p>Ich h�llte mich in Schweigen. Die vor uns sitzende Frau hatte keine geringe Schuld auf sich geladen. Sie geh�rte vors Tribunal und in die Mangel genommen, so eine durfte man nicht mit Glacehandschuhen anfassen! Was hei�t hier Stadt auf dem Mond? Gut, wir haben keine St�dte auf dem Mond. Und brauchen sie auch nicht. Aber dass die normalen St�dte nur noch dahinsiechen, dass die ganze Welt bis heute mit Schrecken auf uns blickt��Du Arme�, sagte Swetlana. �Hast du sehr gelitten?�</p><p>Im ersten Moment glaubte ich, sie mache sich �ber Arina lustig.</p><p>Den gleichen Gedanken muss die Hexe gehabt haben. �Hast du Mitleid mit mir oder verarschst du mich?�, fragte sie. �Ich habe Mitleid�, antwortete Swetlana.</p><p>�Die Menschen tun mir nicht leid, das brauchst du nicht zu denken�, fuhr die Hexe fort. �Das Land ja, das tut mir leid. Es ist mein Land, wie auch immer es sein mag, aber es ist meins! Und so, wie alles gekommen ist, ist es besser. Das Leben geht weiter. Die Menschen werden neue Menschen zur Welt bringen, neue St�dte bauen, neue Felder pfl�gen.�</p><p>�Du hast dich nicht wegen der Tscheka in den Winterschlaf gelegt�, sagte Swetlana pl�tzlich. �Und auch nicht wegen der Inquisition. Denen h�ttest du irgendeinen Unsinn erz�hlt, das wei� ich� Nein, du wolltest nicht sehen, was nach deiner Sabotage aus Russland wird.�Arina schwieg. Swetlana sah mich an. �Was sollen wir jetzt tun?�, fragte sie.</p><p>�Entscheide du�, antwortete ich, da ich nicht genau wusste, worauf die Frage abzielte. �Wohin wolltest du fliehen?�, wollte Swetlana wissen.</p><p>�Nach Sibirien�, sagte Arina gelassen. �Das ist in Russland doch so �blich: Entweder wird man nach Sibirien verbannt oder man flieht dorthin. Ich werde mir ein sauberes Dorf suchen und mich etwas abseits davon niederlassen. F�r meinen Unterhalt kann ich sorgen� Ich werde einen Mann finden.�L�chelnd strich sie mit der Hand �ber die volle Brust. �Dann warte ich noch zwanzig J�hrchen, gucke mir an, was geschieht. Und ich werde mir Gedanken dar�ber machen, was ich der Inquisition sage, wenn sie mich schnappt.�</p><p>�Allein kommst du nicht durch die Sperren�, murmelte Swetlana. �Und wir d�rften dich kaum rauskriegen.�</p><p>�Ich� verstecke� dich��, h�stelte der Werwolf heiser. �Bin� dir� noch� was� schuldig.�</p><p>Arina kniff die Augen zusammen. �Weil ich dich gerettet habe?�, fragte sie.</p><p>�Nein� nicht daf�r��, antwortete der Werwolf nebul�s. �Ich bringe� dich durch den Wald� ins Lager� dort verstecke ich dich� sp�ter� gehst du��</p><p>�Niemand wird irgendwohin��, setzte ich an. Doch Swetlanas Hand ber�hrte sanft meine Lippen - ganz so, als bringe sie Nadjuschka zum Schweigen.</p><p>�Es ist besser so, Anton. Arina sollte besser gehen. Schlie�lich hat sie Nadenka nicht anger�hrt, oder?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. Das war doch alles Mist. Unsinn. Quatsch. Ob die Hexe es fertig gebracht hatte, Sweta ihrem Willen zu unterwerfen? �Es ist besser so!�, wiederholte Swetlana nachdr�cklich.</p><p>Dann wandte sie sich an Arina. �Hexe! Schw�re, dass du nie wieder einem Menschen oder einem Anderen das Leben nehmen wirst!�</p><p>�Einen solchen Schwur kann ich nicht leisten.�Arina sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Schw�re, dass du in den n�chsten hundert Jahren weder einem Menschen noch einem Anderen das Leben nimmst, sofern er dein Leben nicht bedroht� und dir keine sonstigen M�glichkeiten zu deiner Verteidigung bleiben�, sagte Swetlana nach kurzem Z�gern.</p><p>�Das h�rt sich schon besser an!�Arina l�chelte. �Man merkt gleich, dass du jetzt eine Gro�e bist� Ein Jahrhundert zahnlos zu verbringen ist keine Freude. Trotzdem beuge ich mich. M�ge das Dunkel mein Zeuge sein!�</p><p>Sie hob die Hand, auf der sich im n�chsten Moment ein Klumpen Dunkelheit bildete. Die Tiermenschen, sowohl der Erwachsene wie auch die Kinder, winselten leise.</p><p>�Ich gebe dir deine Kraft zur�ck�, sagte Swetlana, noch bevor ich sie daran hindern konnte. Daraufhin verschwand Arina.</p><p>Ich sprang auf und stellte mich neben die ruhig dasitzende Swetlana. Ein wenig Kraft war mir noch geblieben� F�r ein paar Schl�ge w�rde es reichen, nur dass die Hexe diese Schl�ge�</p><p>Abermals tauchte Arina vor uns auf. Bereits angezogen, anscheinend sogar gek�mmt. L�chelnd.</p><p>�Ich kann dir auch schaden, ohne dich zu t�ten�, sagte sie gemein. �Dich l�hmen oder in ein Monster verwandeln.�</p><p>�Stimmt�, pflichtete Swetlana ihr bei. �Das streite ich nicht ab. Nur, was h�ttest du davon?�</p><p>Einen kurzen Moment loderte in Arinas Augen eine solch durchdringende Wehmut auf, dass etwas in meiner Brust zu schmerzen begann.</p><p>�Nichts, Zaubermeisterin. Gut, lebe wohl. Gutes vergesse ich, aber ich bin mir nicht zu fein, dir zu danken� Danke, Gro�e. Du wirst es schwer haben� jetzt. �</p><p>�Das habe ich bereits verstanden�, meinte Swetlana leise.</p><p>Arinas Blick blieb auf mir ruhen. Sie l�chelte kokett. �Und auch du leb wohl, Zauberkundiger. Bedauer mich nicht, das mag ich nicht. Ach� schade, dass du deine Frau liebst��</p><p>Sie hockte sich hin und streckte die Hand nach Nadjuschka aus. Und Swetlana griff nicht ein!</p><p>�Auf Wiedersehen, mein M�dchen�, sagte die Hexe fr�hlich. �Ich bin eine b�se Tante, aber dir w�nsche ich alles Gute. Derjenige, der dein Schicksal schon fr�hzeitig bestimmt hat, war nicht dumm� O nein, das war er nicht� Vielleicht gelingt dir das, was wir nicht geschafft haben? Nimm auch du ein kleines Geschenk von mir��Sie linste zu Swetlana hin�ber. Swetlana nickte!</p><p>Arina fasste Nadjuschka bei einem ihrer kleinen Finger. �Soll ich dir Kraft w�nschen?�, murmelte sie. �Davon hast du ohnehin viel. Man hat dir alles gegeben� im �berma߅ Aber du liebst Blumen, nicht wahr? Nimm von mir die Gabe, Blumen und Kr�uter zu nutzen. Das schadet auch einer Lichten Zauberin nicht.�</p><p>�Auf Wiedersehen, Tante Arina�, sagte Nadjuschka leise. �Vielen Dank.�</p><p>Die Hexe sah mich noch einmal an. Ich war wie vom Donner ger�hrt, verwirrt, verstand nichts. Dann drehte sie sich zu den Tiermenschen um. �Was ist nun? Los, Grauer!�, rief sie.</p><p>Die Wolfsjungen st�rzten hinter der Hexe und ihrem Lehrer her. Einer dieser Dreckskerle blieb sogar stehen, scharrte mit der Pfote vor einem Busch und pisste los - den Blick demonstrativ auf uns gerichtet. Nadjuschka kicherte. �Swetlana��, fl�sterte ich. �Sie gehen��</p><p>�Sollen sie�, erwiderte sie. �Sollen sie.�Dann drehte sie sich mir zu.</p><p>�Was ist passiert?�, fragte ich, indem ich ihr in die Augen sah. �Was und wann?�</p><p>�Lass uns nach Hause gehen�, bat Swetlana. �Wir� wir m�ssen miteinander reden, Anton. Ein ernstes Gespr�ch f�hren.�Wie ich diese Worte hasse! Die verhei�en nie etwas Gutes!</p></section><section><title><p>Epilog</p></title><p>Meine Schwiegermutter schnatterte in einem fort, w�hrend sie Nadjuschka schlafen legte. �Ach du Schwindlerin, ach du M�rchentante��</p><p>�Wir sind mit der Tante spazieren gegangen��, beharrte meine Tochter mit m�der Stimme.</p><p>�Ja, ja, spazieren gegangen��, best�tigte meine Schwiegermutter fr�hlich.</p><p>Swetlana verzog schmerzlich das Gesicht. Fr�her oder sp�ter m�ssen alle Anderen das Ged�chtnis ihrer Verwandten manipulieren. Was keine angenehme Sache ist.</p><p>Nat�rlich haben wir die Wahl. Wir k�nnten uns nahe stehenden Menschen auch die Wahrheit enth�llen - oder einen Teil der Wahrheit. Doch was br�chte das? �Gute Nacht, mein T�chterchen�, sagte Swetlana.</p><p>�Geht jetzt, raus hier�, schnaubte meine Schwiegermutter. �Ihr habt mir meine Kleine schon ganz m�de gemacht, meine S��e��</p><p>Wir verlie�en das Zimmer. Swetlana schloss die T�r fest zu. Alles war ruhig, nur die alte Uhr an der Wand tickte.</p><p>�Diese ewigen dutzi, dutzi�, murrte ich. �So kann man doch nicht mit einem Kind��</p><p>�Mit einem M�dchen schon�, winkte Swetlana ab. �Vor allem, wenn es erst drei Jahre ist. Anton� gehen wir in den Garten.�</p><p>�Ab in den Garten, ich kann's kaum erwarten�, stimmte ich munter zu. �Gehen wir.�</p><p>Ohne ein Wort zu sagen, steuerten wir auf die H�ngematte zu. Wir setzten uns nebeneinander in sie hinein, wobei ich sp�rte, dass Swetlana gern etwas abger�ckt w�re - so schwierig das in einer H�ngematte auch sein mochte. �Fang ganz von vorn an�, riet ich ihr.</p><p>�Also von Anfang an��Swetlana seufzte. �Aber das klappt nicht. Dazu ist das Ganze zu verworren. �</p><p>�Dann erkl�r mir, warum du die Hexe hast laufen lassen?�</p><p>�Sie wei� zu viel, Anton. Und wenn sie vor Gericht kommt� wenn all das herauskommt��</p><p>�Aber sie ist eine Verbrecherin!�</p><p>�Arina hat uns doch nichts getan�, brachte Swetlana so leise hervor, als wolle sie sich selbst davon �berzeugen. �Ich glaube, sie ist nicht wirklich blutr�nstig. Die meisten Hexen sind richtig b�se, aber es gibt eben auch welche��</p><p>�Ich geb's auf!�Ich hob die H�nde. �Und die Werw�lfe hat sie auch zurechtgewiesen und Nadenka hat sie nicht anger�hrt. Die reinste Arina Rodionowna, die Amme Puschkins! Und was ist mit dem missgl�ckten Experiment? �</p><p>�Das hat sie doch erkl�rt.�</p><p>�Was hat sie erkl�rt? Dass es mit der Geschichte Russland in knapp hundert Jahren gewaltig bergab gegangen ist? Dass man statt einer normalen Gesellschaft eine b�rokratische Diktatur aufgebaut hat� mit allen daraus resultierenden Konsequenzen?�</p><p>�Du hast es doch geh�rt: Am Ende h�tten die Menschen von uns erfahren!�Schwer seufzend versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen.</p><p>�Sweta� was sagst du denn da? Vor f�nf Jahren bist du selbst noch ein Mensch gewesen! Au�erdem bleiben wir Menschen� nur eben fortschrittlichere. Eine neue Stufe in der Evolution. Sollen die Menschen doch von uns erfahren, das ist doch nicht schlimm!�</p><p>�Wir sind nicht fortschrittlicher!�Swetlana sch�ttelte den Kopf. �Anton, als du mich gerufen hast� habe ich geahnt, dass die Hexe das <emphasis>Zwielicht </emphasis>observieren w�rde. Ich bin sofort in die f�nfte Schicht gesprungen. Ich glaube, au�er Geser und Olga ist noch keiner von unseren Leuten dort gewesen��</p><p>Sie verstummte. Und ich begriff: Genau dar�ber wollte Swetlana sprechen. �ber etwas unendlich Grauenvolles. �Was ist dort, Sweta?�, fl�sterte ich.</p><p>�Ich bin relativ lange dort gewesen�, fuhr Swetlana fort. �Also� ich habe etwas verstanden. Im Moment spielt es keine Rolle, auf welche Weise. �</p><p>�Und?�</p><p>�Was in diesem Hexenbuch steht, stimmt alles, Anton. Wir sind keine richtigen Magier. Wir verf�gen �ber keine gr��eren F�higkeiten als die Menschen. Wir sind genau wie das blaue Moos aus der ersten Schicht. Erinnerst du dich noch an das Beispiel in dem Hexenbuch, bei dem es um die K�rpertemperatur und die Temperatur der Umwelt ging? Bei allen Menschen liegt die magische Temperatur bei 36,6 �C. Wenn jemand gro�es Gl�ck oder gro�es Ungl�ck hat, bekommt er Fieber. Die Temperatur dieser Menschen ist also h�her. Und all diese Energie, all diese Kraft w�rmt die Welt. Unsere K�rpertemperatur liegt unter der Norm. Wir sch�pfen fremde Kraft und k�nnen sie umverteilen. Wir sind Parasiten. Bei einem schwachen Anderen wie Jegor liegt die Temperatur bei 34 �C. Bei dir betr�gt sie beispielsweise 20 �C. Bei mir 10 �C.�</p><p>Wie aus der Pistole geschossen antwortete ich. Dar�ber habe ich n�mlich schon nachgedacht, als ich das Buch gelesen hatte. �Ja und, Sweta? Was folgt daraus? Die Menschen k�nnen ihre Kraft nicht nutzen. Wir schon. Wo ist da der Unterschied?�</p><p>�Der Unterschied besteht darin, dass die Menschen sich damit niemals zufrieden geben w�rden. Selbst anst�ndige, selbst gute Menschen schielen immer ein wenig neidisch auf diejenigen, denen mehr gegeben ist. Auf Sportler, sch�ne M�nner und Frauen, geniale und talentierte Menschen. Dar�ber muss man sich nicht beklagen� Das ist Schicksal, Zufall. Aber jetzt stell dir mal vor, du seist ein ganz gew�hnlicher Mensch. Absoluter Durchschnitt. Pl�tzlich erf�hrst du, dass jemand hundert Jahre alt wird, die Zukunft voraussagen kann, Krankheiten heilt und Unheil anrichtet. Und zwar richtig, ohne Pfusch! Und all das auf deine Kosten! Wir sind Parasiten, Anton. Genau wie die Vampire. Genau wie das blaue Moos. Wenn das herauskommt, wenn jemand einen Apparat erfindet, um Menschen und Andere voneinander zu unterscheiden, dann beginnt die Jagd auf uns, dann wird man uns ausrotten. Vereinzelt w�rden wir inmitten der Menschen leben und irgendwann von ihnen erwischt werden. Oder wir w�rden uns zu Gruppen zusammenschlie�en und einen eigenen Staat gr�nden. Mit Atombomben werfen.�</p><p>�Abgrenzen und sch�tzen��, fl�sterte ich die Hauptlosung der Nachtwache.</p><p>�Richtig. Abgrenzen und sch�tzen. Und zwar nicht Menschen vor Dunklen, sondern Menschen vor Anderen �berhaupt.�</p><p>Ich lachte. Sah in den Nachthimmel hinauf und lachte, erinnerte mich daran, wie ich selbst gewesen war, vor nicht allzu langer Zeit, als ich eine dunkle Stra�e entlangging, den Vampiren entgegen. Mit hei�em Herzen, sauberen H�nden und einem leeren, k�hlen Kopf�</p><p>�Wie oft haben wir dar�ber gesprochen, wodurch wir uns von den Dunklen unterscheiden��, sagte Swetlana leise. �Einmal bin ich auch auf folgende Formulierung gesto�en: Wir sind die guten Hirten. Wir k�mmern uns um die Herde. Das ist vermutlich nicht mal wenig. Nur sollten wir weder uns selbst noch andern etwas vormachen. Niemals werden alle Menschen Andere werden. Niemals werden wir uns den Menschen zu erkennen geben. Und niemals werden wir den Menschen erlauben, eine mehr oder weniger anst�ndige Gesellschaft aufzubauen. Kapitalismus, Kommunismus - darum geht es doch gar nicht. Was wir wollen, ist eine Welt, in der die Menschen sich einzig um die Gr��e der Futtertr�ge und die Qualit�t des Heus Sorgen machen m�ssen. Denn sobald sie den Kopf aus dem Futtertrog ziehen, sich umsehen und uns erblicken, w�re das unser Ende.�</p><p>Ich sah in den Himmel - und streichelte Swetlanas Hand auf meinen Knien. Nur ihre Hand, diese warme und schlaffe Hand - die vor kurzem Blitz und Donner gegen eine sch�dliche verr�terische Hexe geschleudert hatte�</p><p>Die hilflose Hand einer Gro�en Zauberin, in der nur halb so viel Magie steckte wie in mir.</p><p>�Und wir k�nnten nichts machen�, fl�sterte Swetlana. �Die Wachen werden die Menschen niemals aus dem Stall lassen. In den Staaten gibt es gro�e und gut gef�llte Futtertr�ge, in die du gern den Kopf steckst. In Uruguay gibt es nur ab und an etwas Gr�n an einem Abhang, sodass dir keine Zeit bleibt, in den Himmel zu schauen. Alles, was wir tun k�nnen, ist, einen m�glichst freundlichen Viehstall auszusuchen und ihn in einer fr�hlichen Farbe anzustreichen. �</p><p>�Was, wenn du das den Anderen erz�hlst?�</p><p>�Die Dunklen schert das nicht. Die Lichten w�rden sich damit abfinden. Ich habe etwas erfahren, was ich nie erfahren wollte, Anton - und mich damit abgefunden. Vielleicht sollte ich dir nichts davon erz�hlen? Aber das w�re nicht fair. Es w�rde dich quasi zu einem Teil der Herde machen.�</p><p>�Sweta��Ich sah zu dem schwachen Schein des Nachtlichts im Fenster hin�ber. �Sweta, welche magische Temperatur hat unsere Nadjuschka?�Sie z�gerte, bevor sie antwortete. �Null. �</p><p>�Die Gr��te der Gro�en��, sagte ich.</p><p>�Absolut frei von jeder Magie��, versicherte Swetlana noch einmal. �Was sollen wir jetzt tun?�</p><p>�Leben�, sagte Swetlana blo�. �Ich bin eine Andere� und es ist zu sp�t, die Unschuldige zu mimen. Ich kriege meine Kraft von den Menschen, ziehe sie aus dem <emphasis>Zwielicht, </emphasis>doch auch das ist fremde Kraft. Aber das ist nicht meine Schuld. �</p><p>�Ich gehe zu Geser, Sweta. Gleich jetzt. Ich verlasse die Wache. �</p><p>�Ich wei�. Fahr.�</p><p>Ich erhob mich, hielt die schaukelnde H�ngematte an. Es war dunkel, nicht einmal Swetlanas Gesicht konnte ich erkennen.</p><p>�Fahr, Anton�, wiederholte sie. �Es wird uns schwer fallen, einander in die Augen zu sehen. Wir werden Zeit brauchen, um uns daran zu gew�hnen. �</p><p>�Was ist dort? In der f�nften Schicht?�, fragte ich. �Das solltest du besser nicht wissen. �</p><p>�Gut. Dann frage ich Geser. �</p><p>�Soll er dir antworten� wenn er will.�</p><p>Ich beugte mich vor und ber�hrte ihre Wange - die tr�nenfeucht war.</p><p>�Es ist widerw�rtig��, fl�sterte sie. �Widerw�rtig� ein Parasit zu sein. �</p><p>�Halte durch��</p><p>�Das tu ich.�</p><p>Als ich in den Schuppen ging, fiel eine T�r zu. Swetlana war ins Haus gegangen. Ohne Licht anzuschalten, setzte ich mich ins Auto und schlug die T�r hinter mir zu.</p><p>Was hatte Onkel Kolja hier wohl angestellt? Ob ich losfahren konnte? Der BMW sprang sofort an, leise und ruhig surrte der Motor.</p><p>Ich schaltete die Scheinwerfer an und fuhr aus dem Schuppen. Die Regeln der Maskierung?</p><p>Schei� drauf. Was soll sich ein Hirte vor seinem Schaf verstecken!</p><p>Mit leichten Passes �ffnete ich das Tor, ohne aus dem Auto zu steigen. Ich fuhr auf die Stra�e und gab Gas. Das Dorf wirkte leer und tot. Man hatte den Schafen Schlafmittel ins Futter gesch�ttet�</p><p>Das Auto lie� den Ort hinter sich. Ich schaltete das Fernlicht ein, dr�ckte weiter aufs Gas. Durch das offene Fenster schlug der Wind herein. Ich tastete auf dem Armaturenbrett nach der Fernbedienung, stellte den MD-Player ein.</p><poem><stanza><v>Ohne Mantel kam ich in die winddurchwehte Stadt,</v><v>Die sich mir wie Efeu um den Hals geschlungen hat.</v><v>Schlangenringe schn�ren mir die Seele ein,</v><v>Der ich unter schwarzer Sonne keine Tr�ne wein.</v><v>Dreist geworden, tu ich oft, was nicht richtig ist;</v><v>Was wohl das Kaninchen hofft, das die Schlange frisst?</v><v>Wenn man sich gew�hnt hat, st�ren Schlangenringe kaum,</v><v>Eine schwarze Sonne seh ich, einen schwarzen Traum.</v><v>Tugend, Laster klar zu trennen, kannst du nicht verlangen;</v><v>Jene, die die Wahrheit kennen, macht man wohl zu Schlangen.</v><v>Unter jeder Flagge bin ich willens, hinzusiechen,</v><v>Und bereit, im Zickzack auf dem Boden langzukriechen,</v><v>Und von Liebe singen, bis mir zum Kotzen ist,</v><v>Wenn es f�r mein Vaterland denn von Nutzen ist.</v></stanza></poem><p>Vor mir, an der Autobahneinfahrt, brannte ein Licht. Mit zusammengekniffenen Augen sp�hte ich durchs <emphasis>Zwielicht. </emphasis>Quer �ber der Stra�e stand ein Sperrgitter der Miliz. Daneben warteten zwei Menschen und zwei Andere. Dunkle Andere. L�chelnd drosselte ich die Geschwindigkeit.</p><poem><stanza><v>Ameisen statt Bienenschw�rme wimmeln mir im Sinn,</v><v>Das Geschoss hat eine Unwucht zu der Liebe hin.</v><v>Doch die Schlangenringe sind eine feste Wehr,</v><v>Eine schwarze Sonne seh ich, und sie hasst mich sehr.</v><v>Kampflos k�nnte ich dem Teufel in den Rachen springen,</v><v>Doch ich werde stehend sterben in den Schlangenringen.</v><v>Denn die Ringe machen, dass ich starr und reglos steh.</v><v>Stets die schwarze Sonne sehen tut den Augen weh.</v></stanza></poem><p>An der Sperre hielt ich an, wartete, bis der Polizist zu mir kam, der eine Maschinenpistole vor die Brust gepresst hielt. Die Inquisition hat noch nie Probleme damit gehabt, bei der Abrigelung eines Gebiets Menschen einzusetzen.</p><p>Ich hielt dem Polizisten meinen F�hrerschein und die Fahrzeugpapiere hin und stellte den Ton ab. Dann sah ich mir die Anderen an.</p><p>Den einen Inquisitor kannte ich nicht, ein hagerer, �lterer Asiat. Ich w�rde sch�tzen, er stand auf der zweiten oder dritten Kraftstufe, doch bei Inquisitoren l�sst sich so was immer schwer sagen.</p><p>Der zweite war ein gew�hnlicher Dunkler aus der Moskauer Tagwache. Der Vampir Kostja.</p><p>�Wir suchen eine Hexe�, sagte der Inquisitor. Die Polizisten ignorierten die beiden v�llig, denn ihnen war befohlen worden, nichts zu sehen.</p><p>�Bei mir ist Arina nicht�, sagte ich. �Leitet Edgar die Razzia?�Der Inquisitor nickte. �Fragen Sie ihn nach mir. Anton Gorodezki, Nachtwache.�</p><p>�Ich kenne ihn�, murmelte Kostja, w�hrend er sich zum Inquisitor beugte. �Alles in Ordnung. Ein gesetzestreuer Lichter��</p><p>�Fahren Sie weiter.�Der Polizist gab mir meine Papiere zur�ck.</p><p>�Ja, Sie k�nnen weiterfahren�, nickte der Inquisitor. �Es kommen noch mehr Stra�ensperren.�</p><p>Ich nickte und fuhr auf die Autobahn. Kostja stand da und sah mir nach. Ich stellte den Ton wieder an.</p><poem><stanza><v>Bin nicht gut, nicht b�se, nein; ich bin f�r alles offen.</v><v>Heimat, hast es doch mit mir m�chtig gut getroffen!</v><v>Deine Schlangenringe sind mir Wohnung und Verschlag.</v><v>Und so werd ich weiterkriechen</v><v>Unter dieser Teufelssonne,</v><v>Hin und her, hin und her,</v><v>Bis zum J�ngsten Tag.</v></stanza></poem></section></section><section><title><p>Dritte Geschichte</p><p>Niemandskraft</p></title><image l:href="#3"/><section><title><p>Prolog</p></title><p>Er tr�umte selten. Momentan schlief er nicht einmal. Und trotzdem kam ihm das alles fast wie ein Traum vor, eine Phantasie, kurz vor dem Aufwachen�</p><p>Eine leichte, reine, nahezu kindliche Phantasie� �Treibstoff� Oxydationsmittel� Start�� Der silbrige K�rper einer Rakete in leichtem Nebel. Aus den D�sen herausschlagende Flammen.</p><p>Jedes Kind tr�umt davon, Kosmonaut zu werden, bis es dann zum zehnten Mal gefragt wird: �Was m�chtest du werden? Kosmonaut?�</p><p>Andere h�ren auf, vom Kosmos zu tr�umen, sobald sie Andere werden.</p><p>Das <emphasis>Zwielicht </emphasis>ist interessanter als fremde Planeten. Die neue Kraft verlockender als der Ruhm des Kosmonauten.</p><p>Doch jetzt phantasierte er wieder von einer Rakete - einer alten, plumpen Rakete, die in den Himmel aufstieg. Die Erde zog unter den F��en oder �berm Kopf vorbei. Dicke Fensterscheiben aus Quarzglas. Seltsame Tr�ume f�r einen Anderen, oder?</p><p>Die Erde� der Wolkenschleier� die Lichter in den St�dten� die Menschen. Millionen. Milliarden.</p><p>Und er, der aus dem Orbit auf sie herunterblickte.</p><p>Ein Anderer im Weltall - was k�nnte es Absurderes geben? Vielleicht ein Anderer im Kampf gegen einen Au�erirdischen. Als er einmal einen SF-Film gesehen hatte, war ihm pl�tzlich der Gedanke gekommen, dass es f�r die tapfere Ripley allerh�chste Zeit war, ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>einzutreten. Und zuzuschlagen, wieder und wieder auf diese beh�bigen, hilflosen Mistwesen einzuschlagen.</p><p>Bei dem Gedanken hatte er lachen m�ssen. Es gab keine Au�erirdischen.</p><p>Aber es gab den Kosmos. Nur dass fr�her nicht klar war, wozu. Jetzt hatte er es verstanden.</p><p>Mit geschlossenen Augen stand er da und hing seiner Phantasie von der kleinen, sich langsam unter ihm drehenden Erde nach.</p><p>Jedes Kind tr�umt davon, ein Riese zu werden - solange es nicht dar�ber nachdenkt, wozu das n�tig ist. Jetzt wusste er alles.</p><p>Die Teile des Puzzles passten zusammen. Sowohl seine Vorherbestimmung als Anderer. Als auch sein alberner Traum vom Kosmos.</p><p>Wie auch das schmale Buch, gebunden in Menschenhaut, geschrieben in akkurater Schn�rkelschrift.</p><p>Er hatte das Buch genommen, das direkt auf dem Holzfu�boden lag. Die erste Seite aufgeschlagen.</p><p>Dort prangten unversehrt die Buchstaben, die eine leichte, aber zuverl�ssige Magie sch�tzte.</p><p>Schon seit langer Zeit erklang diese Sprache nicht mehr auf der Erde. Einen Indologen h�tte sie an Sanskrit erinnert, doch nur wenige wussten, was es mit Paisaci auf sich hatte. Ein Anderer indes versteht selbst eine tote Sprache.</p><p><emphasis>�M�ge euch der Elefantengesichtige sch�tzen, der mit dem Kopf nickt, ihn nach oben rei�t, ihn nach unten dr�ckt, gleich Shiva, wie er auf Uma auf und ab wippt! Und m�ge Ganapati in mich den s��en Saft der Weisheit gie�en!</emphasis></p><p><emphasis>Mein Name ist Fuaran, ich bin eine Frau aus der ruhmreichen Stadt Kanakapura.</emphasis></p><p><emphasis>Der Erf�ller aller W�nsche und Gatte der Parvati hat mich in den Tagen meiner Jugend reich bedacht, als er mir das Verm�gen schenkte, in der Welt der Gespenster zu wandeln. W�hrend in unserer Welt ein Bl�tenblatt, sich im Winde drehend, von einem bl�henden Baum herabsegelt, vergeht in jener Welt ein Tag. Denn das ist ihre Natur. Und es ist in jener Welt dort eine gro�e Kraft verborgen��</emphasis>Er schloss das <emphasis>Fuaran. </emphasis>Das Herz h�mmerte ihm in der Brust. Eine gro�e Kraft!</p><p>Ihm aus den H�nden einer Hexe zugefallen, die vor fast zweitausend Jahren umgekommen war.</p><p>Eine herrenlose, verwahrloste, selbst den Anderen verborgene Kraft. Eine Niemandskraft.</p></section><section><title><p>Eins</p></title><p>Kurz nach sieben Uhr morgens fuhr ich am Geb�ude der Nachtwache vor. Da ist am wenigsten los - es ist die Zeit zwischen den Schichten. Die Fahnder, die nachts durch die Stra�en patrouilliert sind, haben bereits ihren Bericht abgeliefert und sind nach Hause gegangen. Die Mitarbeiter aus dem Innendienst tauchen den Moskauer Gewohnheiten gem�� nicht vor neun auf der Bildfl�che auf.</p><p>Schichtwechsel gab es auch im Raum der Wachleute. Die Kollegen, die Feierabend machten, unterschrieben irgendwelche Papiere, diejenigen, die den Dienst antraten, warfen einen Blick ins Dienstbuch. Ich begr��te alle mit Handschlag und betrat ohne die vorgeschriebene Kontrolle das Haus. Eigentlich eine Nachl�ssigkeit der Wachhabenden - auch wenn sie in erster Linie f�r Menschen zust�ndig sind.</p><p>Im zweiten Stock hatte der Wachtposten bereits gewechselt. Jetzt schob Garik Dienst, der mir nichts durchgehen lie�: Er betrachtete mich durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>und forderte mich mit einem Nicken auf, das Amulett zu ber�hren, eine verspielte Hahnendarstellung aus Golddraht. Bei uns hie� das Ding nach dem Zaren in Puschkins M�rchen�Gru� dem Dadon�: Theoretisch sollte der Hahn anfangen zu kr�hen, sobald ein Dunkler ihn ber�hrte. Einige Witzbolde behaupteten sogar, der Hahn w�rde mit menschlicher Stimme�Widerling!�qu�ken, wenn er einen Dunklen sp�rte.</p><p>Erst danach l�chelte Garik mich zur Begr��ung an und gab mir dir Hand. �Ist Geser in seinem B�ro?�, fragte ich.</p><p>�Wer wei� das schon?�, antwortete Garik mit einer Gegenfrage.</p><p>In der Tat, die Frage h�tte ich mir schenken k�nnen! Den Hohen Magiern stehen viele Wege offen.</p><p>�Hast du nicht noch Urlaub�?�Meine seltsame Frage schien Garik aufmerken zu lassen.</p><p>�Ich hab genug vom Urlaub. Wie hei�t es doch so sch�n: <emphasis>Der Montag beginnt</emphasis>��</p><p>�Aber du bist v�llig fertig��, fuhr der Magier immer misstrauischer fort. �Fass den Hahn noch mal an!�</p><p>Abermals begr��te ich Dadon, stand dann unbeweglich da, bis Garik meine Aura mit Hilfe eines ausgebufften Amuletts aus Buntglas kontrolliert hatte.</p><p>�Entschuldige�, sagte Garik, als er das Amulett wegsteckte. Verunsichert f�gte er hinzu: �Du bist nicht wie sonst.�</p><p>�Ich habe mit Swetka in einem Dorf Urlaub gemacht, wo eine alte Hexe aufgetaucht ist�, erkl�rte ich. �Au�erdem eine Horde Werw�lfe, die die Gegend unsicher gemacht haben. Ich musste die W�lfe jagen, die Hexe��Ich winkte ab. �Nach einem solchen Urlaub musst du dich eigentlich krankschreiben lassen.�</p><p>�Wenn das so ist�, meinte Garik gleich ruhiger, �reich einen Antrag ein, wir haben anscheinend noch Reserven zur Wiederherstellung der Kraft.�</p><p>Erschauernd sch�ttelte ich den Kopf. �Ich schaff das schon selbst, vielen Dank.�</p><p>Ich verabschiedete mich von Garik und ging in den dritten Stock hoch. Blieb vor Gesers Vorzimmer stehen. Klopfte. Als mir niemand antwortete, trat ich ein.</p><p>Die Sekret�rin war nat�rlich nicht da, die T�r zu Gesers Arbeitszimmer fest verschlossen. Allerdings blinkte am Kaffeeautomaten fr�hlich das Stand-by-L�mpchen, lief der Computer, und sogar der Fernseher brachte ganz leise die Nachrichten. Der Sprecher berichtete, dass ein Sandsturm die amerikanischen Truppen erneut an einer ihrer Friedensmissionen gehindert, einige Panzerwagen umgeworfen und sogar zwei Hubschrauber zum Absturz gebracht habe.</p><p>�Au�erdem hat er den Soldaten die Fresse poliert und einige gefangen genommen�, f�gte ich unwillk�rlich hinzu.</p><p>Was hatten einige Andere doch f�r eine komische Angewohnheit beim Fernsehen? Entweder glotzten sie irgendwelche hirnlosen Seifenopern oder die L�genm�rchen in den Nachrichten. Mit einem Wort: Menschen� Mit einem andern Wort: Vieh?</p><p>Die sind daran aber nicht schuld. Sie sind schwach und zersplittert. Sie sind Menschen, kein Vieh! Das Vieh sind wir. Die Menschen sind das Gras.</p><p>Ich stand da, gest�tzt auf den Schreibtisch der Sekret�rin, und schaute zum Fenster hinaus, in die �ber der Stadt dahinziehenden Wolken. Warum h�ngt der Himmel �ber Moskau so tief? Nirgendwo sonst habe ich einen so tiefen Himmel gesehen� h�chstens noch im Moskauer Winter�</p><p>�Gras kann man m�hen�, lie� sich hinter mir eine Stimme vernehmen. �Oder mit der Wurzel ausrei�en. Was gef�llt dir besser?�</p><p>�Guten Morgen, Chef�, sagte ich und drehte mich um. �Ich habe geglaubt, Sie seien nicht da.�</p><p>Geser g�hnte. Er trug einen Morgenmantel und Pantoffeln. Unter dem Morgenmantel lugte ein Pyjama hervor.</p><p>Niemals h�tte ich gedacht, dass der Gro�e Geser einen Pyjama tr�gt, den Walt Disneys Figuren zieren! Angefangen bei Mickey Maus und Donald Duck bis hin zu Lilo und Stitch. Wie kann ein Gro�er, der schon Tausende von Jahren alt ist und ohne Probleme fremde Gedanken liest, einen solchen Pyjama tragen!</p><p>�Ich habe geschlafen�, erkl�rte Geser finster. �Ich habe s�� und selig geschlafen. Allerdings bin ich erst um f�nf Uhr morgens ins Bett gekommen.�</p><p>�Entschuldigen Sie, Chef�, sagte ich. Aus irgendeinem Grund kam mir als Anrede blo߻Chef�in den Sinn. �Ist heute Nacht viel los gewesen?�</p><p>�Ich habe ein interessantes Buch gelesen�, sagte Geser und setzte den Kaffeeautomaten in Betrieb. �F�r mich schwarz mit Zucker, f�r dich mit Milch und ohne Zucker��</p><p>�Irgendwas Magisches?�, wollte ich wissen.</p><p>�Nein, zum Kuckuck, SF von Golowatschew!�, schnaubte Geser. �Ich werde in Rente gehen und ihn fragen, ob er mich als Koautor nimmt, damit wir zusammen B�cher schreiben! Hier, dein Kaffee.�Ich nahm die Tasse und folgte Geser in sein Arbeitszimmer.</p><p>Hier empfingen mich noch mehr Kuriosit�ten als beim letzten Mal. In einem der Schr�nke tummelten sich jetzt unz�hlige kleine M�usefiguren aus Glas, Zinn und Holz, standen Porzellantassen und lagen Stahlmesser. An die Innenwand des Schranks war eine alte Brosch�re der Freiwilligen Gesellschaft zur Zusammenarbeit mit Armee, Luftwaffe und Flotte der UdSSR geheftet, auf deren Umschlag eine Jury abgebildet war, die einen Fallschirm begutachtete, daneben lehnte eine einfache Lithographie mit einer gr�nen Waldlandschaft gegen die Wand.</p><p>Aus irgendeinem Grund - mir war absolut nicht klar, aus welchem - lie� mich das an eine Grundschulklasse denken.</p><p>An der Decke hing au�erdem ein goldfarbener Hockeyhelm, der verbl�ffend an einen Glatzkopf erinnerte. Im Helm steckten einige Dartpfeile.</p><p>Mit einem Blick auf all diese Dinge - die irgendeine wichtige Bedeutung haben mochten, genauso gut aber auch nichts zu bedeuten brauchten - nahm ich in einem der Besuchersessel Platz. Und bemerkte, dass in dem Papierkorb aus Metall ein Buch mit einem bunten Einband lag. Ob Geser wirklich Golowatschew gelesen hatte? Dann beschloss ich, einen Blick drauf zu werfen, und kam zu dem Schluss, dass ich mich geirrt hatte: Da hie� es n�mlich <emphasis>Meisterwerke der internationalen Science Fiction.</emphasis></p><p>�Trink deinen Kaffee, morgens muss man das Hirn durchsp�len�, brummte Geser immer noch in diesem unzufriedenen Ton. Er selbst trank seinen Kaffee ger�uschvoll, schl�rfte, und ich dachte schon, wenn ich ihm eine Untertasse und W�rfelzucker br�chte, w�rde er auch daraus trinken.</p><p>�Ich brauche Antworten auf ein paar Fragen, Chef�, sagte ich. �Auf viele Fragen. �</p><p>�Die bekommst du�, meinte Geser nickend.</p><p>�Die Anderen sind in magischer Hinsicht viel schw�cher als Menschen.�</p><p>Geser runzelte die Stirn. �Quatsch. Das ist ein Widerspruch in sich. �</p><p>�Aber die magische Kraft der Menschen��</p><p>Geser hob den Finger und drohte mir. �Stopp! Verwechsel jetzt nicht die potenzielle Energie mit der kinetischen!�</p><p>Jetzt war die Reihe an mir, mich in Schweigen zu h�llen. W�hrend Geser mit der Tasse in der Hand durchs Arbeitszimmer schritt und geduldig dozierte: �Erstens: Ja, alle Lebewesen sind in der Lage, magische Kraft zu produzieren. Alle Lebewesen, nicht nur Menschen! Sondern auch Tiere, sogar Pflanzen. Ob diese magische Kraft eine physische Grundlage hat? Ob man sie mit wissenschaftlichen Methoden messen kann? Das wei� ich nicht. M�glicherweise wird das niemals irgendjemand herausfinden. Zweitens: Niemand kann die eigene magische Kraft lenken. Sie verteilt sich im Raum, wird vom <emphasis>Zwielicht </emphasis>aufgesaugt, teilweise vom blauen Moos gefressen, teilweise von den Anderen aufgenommen. Verstehst du? Es sind zwei Prozesse: die Ausstrahlung der eigenen magischen Kraft und die Aufnahme fremder. Der erste ist unfreiwillig und nimmt zu, je weiter wir ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>eintauchen. Der zweite ist in gewisser Weise ebenfalls f�r alle typisch, f�r Menschen und Andere. Ein krankes Kind bittet seine Mutter: �Setz dich zu mir, streich mir �ber den Bauch!�Die Mutter streichelt es - und der Schmerz verschwindet! Eine Mutter m�chte ihrem Kind helfen, und ihre Kraft wirkt zumindest teilweise zielgerichtet. Die so genannten �bersinnlichen Menschen - kastrierte Andere, wenn du so willst - k�nnen ihre Kraft nicht nur bei ihnen nahe stehenden Menschen einsetzen und nicht nur in einem Zustand psychischer Erregung, sondern auch fremde Menschen heilen oder verfluchen. Die aus ihnen herausstr�mende Kraft ist bereits st�rker geformt. Kein Dampf mehr, aber auch noch kein Eis, sondern Wasser. Drittens: Wir sind die Anderen. Bei uns ist das Gleichgewicht zwischen Abgabe und Aufnahme zugunsten der Absorption verschoben. �</p><p>�Was?�, rief ich aus.</p><p>�Du hast wohl gedacht, alles sei so einfach wie bei den Vampiren?�Geser l�chelte belustigt. �Du glaubst wohl, die Anderen nehmen nur, ohne im Gegenzug etwas zu geben? Nein, wir alle geben die Kraft ab, die wir produzieren. Aber w�hrend sich der Prozess von Aufnahme und Abgabe bei einem normalen Menschen in einem dynamischen Gleichgewicht befindet, das nur selten - in F�llen innerer Anspannung - gest�rt wird, liegen die Dinge bei uns anders. Bei uns ist das Gleichgewicht prinzipiell gest�rt. Wir sch�pfen aus unserer Umwelt mehr, als wir abgeben.�</p><p>�Und �ber die Differenz k�nnen wir frei verf�gen?�, fragte ich. �Ja?�</p><p>�Wir arbeiten mit den Unterschieden zwischen den einzelnen Potenzialen.�Geser drohte mir abermals mit dem Finger. �Es ist nicht wichtig, welche <emphasis>magische Temperatur </emphasis>du hast� Diesen Ausdruck haben fr�her die Hexen benutzt. Du k�nntest sehr viel Kraft generieren, aber dann w�rde das Tempo ihrer Abgabe in einer geometrischen Progression wachsen. Es gibt solche Andere� Sie stecken sogar mehr Kraft als die Menschen in die allgemeine Sparb�chse, nehmen aber auch verst�rkt Kraft auf. Diesen Unterschied zwischen den Potenzialen machen sie sich bei ihrer Arbeit zunutze.�</p><p>Geser verstummte kurz, um dann selbstkritisch hinzuzuf�gen: �Das sind allerdings Einzelf�lle, das gebe ich zu. Viel �fter bleiben die Anderen hinter den Menschen zur�ck, wenn es um die Produktion magischer Kraft geht, sind ihnen daf�r bei der Aufnahme von Kraft aber ebenb�rtig oder �berlegen. Dinge wie eine Durchschnittstemperatur bei Kranken gibt es nicht, Anton. Wir sind keine banalen Vampire. Wir sind eben auch noch Spender.�</p><p>�Warum kl�rt uns dar�ber niemand auf?�, wollte ich wissen. �Warum nicht?�</p><p>�Weil wir, simpel betrachtet, eben doch nur fremde Kraft verbrauchen!�, polterte Geser. �Was kreuzt du hier �berhaupt in aller Herrgottsfr�he auf? Warum kommst du mir mit diesen w�sten Beschimpfungen? Hach Gottchen, wir verbrauchen die Kraft, die die Menschen erarbeitet haben! Dabei musstest du sie dir sogar schon mal direkt holen! Sie wie ein richtiger Vampir absaugen! Das war n�tig, und damals hat dir das auch keine schlaflosen N�chte bereitet! Du bist losgezogen, die Unschuld selbst, und Traurigkeit stand dir auf die edle Stirn geschrieben! W�hrend hinter dir kleine Kinder geweint haben!�Nat�rlich hatte er Recht. Teilweise.</p><p>Doch ich hatte schon lange genug in der Wache gearbeitet, um zu verstehen: Eine Halbwahrheit ist auch eine L�ge. �Lehrer��, sagte ich leise, worauf Geser zusammenzuckte.</p><p>Ich hatte mich genau an dem Tag geweigert, sein Sch�ler zu sein, als ich mir von den Menschen Kraft holte.</p><p>�Was ist, Sch�ler?�, erwiderte er, indem er mir in die Augen sah.</p><p>�Es kommt doch nicht darauf an, wie viel Kraft wir verbrauchen und wie viel wir abgeben�, meinte ich. �Ist das Ziel der Nachtwache, abzugrenzen und zu sch�tzen, Lehrer?�Geser nickte.</p><p>�Abzugrenzen und zu sch�tzen bis zu dem Tag, an dem die Moral der Menschen eine bessere ist und neue Andere sich nur noch dem Licht zuwenden?�Abermals nickte Geser. �Und alle Menschen in Andere zu verwandeln?�</p><p>�Quatsch.�Geser sch�ttelte den Kopf. �Wer hat dir diesen B�ren aufgebunden? Gibt es auch nur in einem Dokument der Wachen einen solchen Satz? Oder im Gro�en Vertrag?�</p><p>Ich schloss die Augen, um die gehorsam auflodernden Zeilen zu betrachten. <emphasis>� Wir sind die Anderen��</emphasis></p><p>�Nein, dar�ber steht nirgends ein Wort�, gab ich zu. �Aber unsere gesamte Ausbildung, all unsere Handlungen� sind so aufgebaut, dass genau dieser Eindruck entsteht. �</p><p>�Ein falscher Eindruck. �</p><p>�Aber dieser Selbstbetrug ist doch gewollt!�</p><p>Geser seufzte schwer. Sah mir in die Augen. �Jeder braucht einen Sinn im Leben, Anton�, sagte er. �Einen h�heren Sinn. Sowohl die Menschen als auch die Anderen. Selbst wenn dieser Sinn eine L�ge ist.�</p><p>�Aber das ist eine Sackgasse��, fl�sterte ich. �Das ist eine Sackgasse, Lehrer. Wenn wir die Dunklen besiegen��</p><p>�Dann besiegen wir das B�se. Egoismus, Selbstherrlichkeit, Gleichg�ltigkeit.�</p><p>�Aber unsere Existenz an sich, die ist ebenfalls Egoismus und Selbstherrlichkeit. �</p><p>�Was hast du f�r Vorschl�ge?�, wollte Geser wissen.</p><p>Ich schwieg.</p><p>�Hast du gegen die operative Arbeit der Wachen etwas einzuwenden? Dagegen, dass wir die Dunklen kontrollieren? Oder den Menschen helfen? Versuchen, das Gesellschaftssystem zu verbessern?�Hier sah ich eine Gelegenheit zur Revanche.</p><p>�Was genau haben Sie Arina 1931 �bergeben, Lehrer? Als Sie sich mit ihr im Hippodrom getroffen haben?�</p><p>�Ein St�ck chinesischer Seide�, antwortete Geser gelassen. �Schlie�lich ist und bleibt sie eine Frau, die gern sch�ne Kleider tr�gt� Und die Jahre damals waren schwer. Ein Bekannter aus der Mandschurei hatte mir den Stoff geschickt, und was sollte ich schon damit anfangen� Verurteilst du mich daf�r?�Ich nickte.</p><p>�Ich bin von Anfang an gegen dieses globale Experiment an Menschen gewesen, Anton�, sagte Geser mit offenem Ekel. �Eine idiotische Idee, die bereits im 19. Jahrhundert ausgeheckt worden ist. Die Dunklen hatten schon ihre Gr�nde, als sie dem Experiment zugestimmt haben. Es h�tte keine positiven Ergebnisse gebracht. Nur Blut, Kriege, Hunger, Repressionen��</p><p>Er verstummte und �ffnete polternd eine Schublade seines Schreibtischs. Holte eine Zigarre heraus.</p><p>�Aber Russland w�re jetzt ein gl�ckliches Land��, setzte ich an.</p><p>�Bla, bla, bla��, murmelte Geser. �Nicht Russland, sondern die Eurasische Union. Ein satter sozialdemokratischer Staat. Der gegen die Asiatische Union mit China an der Spitze und die Konf�deration englischsprachiger L�nder mit den USA vorneweg k�mpft. F�nf, sechs lokal begrenzte atomare Konflikte pro Jahr� in L�ndern der Dritten Welt. Ein Kampf um Ressourcen, ein Wettr�sten, die schlimmer w�ren als heute��</p><p>Ich war geschlagen und vernichtet. Am Boden zerst�rt. Zappelte aber noch. �Arina hat gesagt� eine Stadt auf dem Mond��</p><p>�Ja, sicher�, meinte Geser nickend. �St�dte auf dem Mond h�tten wir jetzt. Um Basen mit Atomraketen herum. Liest du hin und wieder Science Fiction?�</p><p>Ich zuckte mit den Schultern und schielte zu dem Buch im M�lleimer hin�ber.</p><p>�Das, was die amerikanischen Schriftsteller in den f�nfziger Jahren geschrieben haben, das w�re passiert�, erkl�rte Geser. �Ja, Raumschiffe mit Atomantrieb� milit�rische. Du musst wissen, Anton, f�r den Kommunismus in Russland gab es drei Wege. Erstens: Es konnte eine wunderbare, herrliche Gesellschaft entstehen. Doch das widerspricht der Natur der Menschen. Zweitens: Er konnte verkommen und untergehen. Das ist dann ja auch passiert. Drittens: Er konnte die Form einer sozialdemokratischen Gesellschaft skandinavischen Typs annehmen und sich einen gro�en Teil Europas und Nordafrikas unterwerfen. Leider h�tte dieser letzte Weg auch eine Aufteilung der Welt in drei Bl�cke bedeutet, die einander gegen�berstehen w�rden und fr�her oder sp�ter einen Weltkrieg angezettelt h�tten. Doch zuvor h�tten die Menschen noch von unserer Existenz erfahren und die Anderen entweder vernichtet oder unterjocht. Verzeih, Anton, aber ich bin der Ansicht gewesen, dass St�dte auf dem Mond und hundert Wurstsorten im Jahre 1980 diesen Preis nicht wert sind. �</p><p>�Daf�r ist jetzt Amerika��</p><p>�Du mit deinem Amerika�, blaffte Geser. �Warte bis 2006, dann reden wir noch mal dar�ber.�</p><p>Ich schwieg. Fragte noch nicht einmal, was Geser f�r das gar nicht mehr so ferne Jahr 2006 vorausgesehen hatte�</p><p>�Ich verstehe deine Gewissensqualen�, meinte Geser, w�hrend er nach dem Feuerzeug langte. �Es ist doch nicht zu zynisch, wenn ich jetzt rauche?�</p><p>�Von mir aus k�nnen Sie auch Wodka trinken, Lehrer�, konterte ich.</p><p>�Morgens trinke ich keinen Wodka.�Geser steckte sich die Zigarre an und paffte. �Deine Qualen� deine Zweifel� kann ich wirklich gut verstehen. Mir selbst passt die heutige Situation auch nicht. Aber was w�rde passieren, wenn wir in eine Depression fallen und unsere Arbeit aufgeben w�rden? Ich werd's dir sagen! Die Dunklen w�rden nur zu gern die Rolle der Hirten f�r die menschliche Herde �bernehmen! Keine Sekunde w�rden sie z�gern! Freuen w�rden sie sich, dass sie es am Ende doch noch geschafft haben� Also triff deine Entscheidung. �</p><p>�Welche?�</p><p>�Du bist doch hergekommen, um den Dienst zu quittieren!�Geser hatte die Stimme erhoben. �Also entscheide dich, ob du in der Wache bleiben willst oder ob dir unsere Ziele nicht licht genug sind.�</p><p>�In der Nachbarschaft von Schwarz erscheint Grau wei߫, antwortete ich.</p><p>Geser schnaubte. �Was ist mit Arina?�, fragte er etwas ruhiger. �Ist sie entkommen?�</p><p>�Ja. Sie hat Nadjuschka als Geisel genommen und von Swetlana und mir verlangt, dass wir ihr helfen.�In Gesers Gesicht zuckte nicht ein Muskel.</p><p>�Die alte Vettel hat ihre eigenen Prinzipien, Anton. Sie kann so viel bluffen, wie sie will, aber sie w�rde sich nie an einem Kind vergreifen. Glaub mir das, ich kenne sie.�</p><p>�Und wenn sie die Nerven verloren h�tte?�, fragte ich in Erinnerung an die durchlebte Angst. �Die Wachen und die Inquisition sind ihr v�llig schnuppe! Sie hat noch nicht mal vor Sebulon Angst.�</p><p>�Vor Sebulon vielleicht schon��, meinte Geser l�chelnd. �Ich habe die Inquisition �ber die Hexe informiert, mich aber auch mit Arina in Verbindung gesetzt. �brigens absolut offiziell. Das ist alles protokolliert. Was deine Familie angeht, da habe ich die Hexe gewarnt. Und zwar aufs Sch�rfste.�</p><p>Das war neu f�r mich.</p><p>Ich sah Geser in das ruhige Gesicht und wusste nicht, was ich sagen sollte.</p><p>�Arina und mich verbindet eine langj�hrige, von gegenseitigem Respekt gepr�gte Beziehung�, erkl�rte Geser.</p><p>�Wie schaffen Sie das?�, wollte ich wissen.</p><p>�Was meinst du damit?�, fragte Geser. �Den gegenseitigen Respekt? Wei�t du��</p><p>�Jedes Mal, wenn ich zu der felsenfesten �berzeugung gekommen bin, dass Sie ein mieser Intrigant sind, beweisen Sie mir innerhalb von zehn Minuten, dass ich Unrecht habe. Wir sind Parasiten, die die Menschen ausnutzen? - Na, das ist doch nur zu ihrem Besten. Das Land liegt am Boden? - Es k�nnte noch viel schlimmer sein. Meine Tochter ist in Gefahr gewesen? - Aber nein, sie war so sicher beh�tet wie der kleine Sascha Puschkin in der Obhut seiner alten Kinderfrau��</p><p>Gesers Blick wurde weicher. �Vor langer, langer Zeit, Anton, da war ich ein schm�chtiges Kerlchen mit ewig laufender Nase��Gedankenversunken sah er durch mich hindurch. �Ja. Schm�chtig und verrotzt. Und ich habe mich mit meinen Mentoren gestritten, deren Namen dir nichts sagen werden, denn ich war �berzeugt davon, dass sie miese Intriganten sind. Dann haben sie mich vom Gegenteil �berzeugt. Jahrhunderte sind vergangen, ich habe selbst Sch�ler bekommen��</p><p>Er stie� eine Rauchwolke aus und verfiel in Schweigen. Was h�tte er auch noch sagen sollen?</p><p>Jahrhunderte? Ha! Tausende von Jahren! Und das ist ein ausreichender Zeitraum, um zu lernen, jeden Angriff der eigenen Sch�tzlinge zu parieren. Damit sie, wenn sie vor Emp�rung kochend zu ihm kommen, voller Liebe und Hochachtung f�r ihren Chef wieder von dannen ziehen. Erfahrung ist eine gewaltige Kraft. Be�ngstigender als jede magische.</p><p>�Ich w�rde Sie gern mal ohne Maske sehen, Chef�, sagte ich. Geser l�chelte gro�m�tig.</p><p>�Sagen Sie mir wenigstens, ob Ihr Sohn wirklich ein Anderer gewesen ist?�, fragte ich. �Oder haben Sie ihn zu einem Anderen gemacht? Ich verstehe ja, dass Sie das Geheimnis nicht preisgeben d�rfen, sollen doch ruhig alle glauben��</p><p>Krachend schlug Gesers Faust auf den Tisch. Geser selbst erhob sich. Beugte sich �ber den Tisch. �Wie oft willst du das Thema noch durchkauen?�, br�llte er. �Ja, Olga und ich haben die Inquisition ausgetrickst, um das Recht auf eine Remoralisation f�r Timur zu bekommen! Er sollte ein Dunkler werden, was mir nicht gepasst hat! Verstehst du? Wenn du willst, schmier mich bei der Inquisition an! Aber lass mich mit diesem Mist zufrieden!�</p><p>Einen Moment lang bekam ich es mit der Angst zu tun. Dann tigerte Geser wieder durchs Zimmer, permanent aus seinen Pantoffeln rutschend und wild gestikulierend. �Man kann aus einem Menschen keinen Anderen machen! Niemals! Unter keinen Umst�nden! Soll ich dir die Wahrheit �ber deine Frau und deine Tochter sagen? Olga hat sich in Swetlanas Schicksal eingemischt! F�r sie hat sie die zweite H�lfte der Schicksalskreide gebraucht! Doch selbst mit der Schicksalskreide w�re es nicht m�glich gewesen, aus deiner ungeborenen Tochter eine Andere zu machen, wenn sie nicht als Andere auf die Welt gekommen w�re! Wir haben sie nur noch st�rker gemacht, ihr absolute Kraft gegeben! �</p><p>�Ich wei߫, meinte ich nickend. �Woher?�, wunderte sich Geser. �Arina hat das angedeutet.�</p><p>�Sie ist eine kluge Frau�, sagte Geser. Dann erhob er abermals die Stimme. �Das reicht! Jetzt wei�t du alles, was dieses Thema angeht! Ein Mensch kann kein Anderer werden. Mit Hilfe sehr starker Artefakte kann man ihn im Anfangsstadium oder noch fr�her st�rker oder schw�cher machen, ihn zum Licht oder zum Dunkel bringen� In einem eng gesteckten Rahmen, Anton! Wenn der kleine Jegor nicht von Anfang an neutral gewesen w�re, h�tten wir die Initiierung durch die Dunklen nicht r�ckg�ngig machen k�nnen. Wenn deine Tochter nicht als Gro�e Zauberin h�tte auf die Welt kommen sollen, h�tten wir sie nicht zur Allergr��ten machen k�nnen! Um ein Gef�� mit Licht oder Dunkel zu f�llen, muss es erst mal da sein, dieses Gef��! Von uns h�ngt ab, was hineingegossen wird, aber das Gef�� selbst k�nnen wir nicht herstellen! Wir m�ssen uns mit Kleinigkeiten, mit den geringsten Kleinigkeiten begn�gen! Und du glaubst, man k�nne einen Menschen in einen Anderen verwandeln!�</p><p>�Boris Ignatjewitsch��Ich wusste selbst nicht, warum ich Geser mit seinem russischen Namen ansprach. �� entschuldigen Sie, wenn ich Unsinn rede. Aber ich kann einfach nicht verstehen, warum Sie Timur nicht schon fr�her gefunden haben. Schlie�lich ist er der Sohn von Ihnen und Olga! Und Sie sollen ihn nicht gesp�rt haben? Selbst wenn Sie r�umlich getrennt gewesen sind?�</p><p>In dem Moment knickte Geser �berraschend ein. Auf seinem Gesicht spiegelten sich zugleich ein Schuldgef�hl und Verzweiflung wider.</p><p>�Anton, ich mag ja ein alter Intrigant sein��Er verstummte. �Aber du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass ich meinen Sohn in einem Waisenhaus h�tte aufwachsen lassen? In Armut und Leid? Glaubst du etwa, ich w�rde nicht auch gern ein bisschen W�rme und Z�rtlichkeit genie�en? Mich als Mensch f�hlen? Mein Baby wiegen, mit meinem kleinen Sohn zum Fu�ball gehen, meinem heranwachsenden Jungen das Rasieren beibringen und den jungen Mann in die Wache aufnehmen? Nenn mir nur einen Grund, warum ich h�tte zulassen sollen, dass mein Sohn allein in der Fremde lebt und alt wird? Bin ich ein schlechter Vater? Ein herzloser Kerl? Vielleicht. Aber warum h�tte ich dann einen Anderen aus ihm machen sollen? Warum h�tte ich mir diese Probleme aufhalsen sollen?�</p><p>�Aber warum haben Sie ihn nicht fr�her gefunden?�, konterte ich.</p><p>�Weil er bei seiner Geburt ein stinknormaler Junge war! Ohne die geringsten Anlagen zum Anderen! �</p><p>�Das k�nnte sein�, sagte ich unsicher.</p><p>�Du kannst dir das nicht vorstellen?�, fragte Geser. �Siehst du, ich auch nicht� Andererseits h�tte ich in Timur die Kraft sp�ren m�ssen! Da war aber keine��</p><p>Er breitete die Arme aus. Setzte sich. �Aber schreib nicht mir diese Heldentat zu�, murmelte er. �Ich kann aus einem Menschen keinen Anderen machen.�Geser verstummte. Um mit einem Mal aufgew�hlt hinzuzuf�gen: �Aber du hast Recht. Ich h�tte ihn fr�her sp�ren m�ssen! Man kann in einem fremden Menschen erst im Alter den Anderen erkennen. Aber in dem eigenen Sohn? Den du auf deinen Armen gehalten hast? In dem du unbedingt den Anderen erkennen willst? Ich wei� nicht. Seine Anlagen m�ssen zu schwach gewesen sein� oder ich einfach zu bl�d. �</p><p>�Es gibt noch eine Variante�, brachte ich unsicher hervor.</p><p>Geser sah mich von unten herauf an und zuckte mit den Schultern. �Varianten gibt es immer mehr als eine. Was meinst du genau?�</p><p>�Irgendjemand kann Menschen in Andere verwandeln. Und dieser Jemand hat Timur gefunden und zu einem potenziellen Anderen gemacht. Danach haben Sie ihn dann gesp�rt��</p><p>�Olga hat ihn gesp�rt�, brummte Geser.</p><p>�Gut, Olga. Dann haben Sie angefangen zu handeln. Sich �berlegt, wie Sie die Inquisition und die Dunklen t�uschen. Dabei sind Sie es, der get�uscht worden ist.�Geser schnaubte.</p><p>�Nehmen Sie doch wenigstens f�r einen Augenblick an, dass man einen Menschen in einen Anderen verwandeln kann!�, bat ich.</p><p>�Und weshalb sollte jemand das getan haben?�, fragte Geser. �Ich bin bereit, alles zu glauben, wenn du mir die Gr�nde daf�r nennst. Wollte man Olga und mich in irgendwas hineinreiten? Das kann nicht sein. Schlie�lich ist alles reibungslos �ber die B�hne gegangen.�</p><p>�Ich wei� es nicht�, gab ich zu. Und w�hrend ich aufstand, f�gte ich rachs�chtig hinzu: �Aber ich an Ihrer Stelle w�rde mich noch nicht zur�cklehnen. Sie sind daran gew�hnt, dass Ihre Intrige immer die raffinierteste ist. Aber es gibt immer mehr als eine Variante.�</p><p>�Kluger Junge��Geser verzog das Gesicht. �Geh jetzt zu Sweta� Nein, warte.�</p><p>Er steckte die Hand in die Tasche seines Morgenmantels und holte sein Handy heraus. Das klingelte nicht, vibrierte aber nerv�s.</p><p>�Ich mach's kurz��, meinte Geser, w�hrend er mir zunickte. �Hallo�, sagte er dann ins Mobiltelefon, bereits mit seiner Telefonstimme.</p><p>Taktvoll ging ich zu den Schr�nken und guckte mir den magischen Nippes an. Gut, die Figuren von Ungeheuern d�rften der Anrufung von Monstern dienen. Zum Beispiel. Aber wof�r war die Peitsche n�tig? War das eine Art Gei�el des Schaab?</p><p>�Wir sind gleich da�, meinte Geser knapp. Dann klappte er sein Handy zu. �Anton!�</p><p>Als ich mich zu Geser umdrehte, war er gerade mit dem Umziehen fertig. Er hatte sich einfach mit den H�nden �ber den K�rper gestrichen, worauf Morgenmantel samt Pyjama Farbe und Stoff �nderten, sich in einen streng geschnittenen grauen Anzug verwandelten. Mit einer letzten Handbewegung legte Geser eine Krawatte um seinen Hals. Bereits komplett mit strengem Windsorknoten. All das war keine Illusion, sondern Geser hatte tats�chlich einen Anzug aus seinem Pyjama gemacht.</p><p>�Wir m�ssen eine kleine Reise machen, Anton� In das H�uschen dieser b�sen Zauberin.�</p><p>�Ist sie gefasst worden?�, fragte ich, wobei ich versuchte, mir �ber meine Gef�hle klar zu werden. Ich trat an Geser heran.</p><p>�Nein, schlimmer. Gestern Abend ist im Zuge einer Hausdurchsuchung bei Arina ein Geheimversteck entdeckt worden.�Geser fuchtelte mit der Hand, worauf in der Luft ein Portal entstand. �Es sind schon� ein paar Leute da�, f�gte er nebul�s hinzu. �Gehen wir. �</p><p>�Was war in dem Versteck?�, rief ich.</p><p>Aber Gesers Hand schubste mich bereits in das wei�e leuchtende Oval hinein. �Geh in Position�, vernahm ich seinen Rat.</p><p>Der Weg durch ein Portal braucht seine Zeit. Mal Sekunden oder Minuten, manchmal auch Stunden. Das h�ngt nicht von der Entfernung ab, sondern von der Pr�zision der Einstellung. Ich wusste nicht, wer das Portal in Arinas Haus ge�ffnet hatte, ich wusste auch nicht, wie lange ich in der milchwei�en Leere bleiben musste.</p><p>Ein Geheimversteck in Arinas Haus. Ja und? Jeder Andere konnte in seinem Haus ein Versteck f�r magische Gegenst�nde anlegen.</p><p>Was hatte Geser so beunruhigt? Denn ich war �berzeugt davon, dass der Chef beunruhigt und irritiert war - zu steinern und gelassen wirkte seine Miene!</p><p>Aus irgendeinem Grund stellte ich mir f�rchterliche Dinge vor, zum Beispiel Kinderleichen im Keller. Das w�rde Gesers Panik erkl�ren, der so �berzeugt gewesen war, dass Arina Nad-juschka nicht anger�hrt hatte! Aber nein, das konnte nicht sein�</p><p>Mit diesem Gedanken st�rzte ich aus dem Portal, mitten hinein in das kleine Zimmer. Da waren in der Tat reichlich viele Leute.</p><p>�Aus dem Weg!�, schrie Kostja und packte mich bei der Hand. Ich hatte kaum einen Schritt zur Seite getan, als Geser aus dem Portal trat.</p><p>�Ich gr��e dich, Gro�er�, sagte Sebulon erstaunlich freundlich, ganz ohne seine sonstige Geh�ssigkeit.</p><p>Ich blickte mich um. Sechs unbekannte Inquisitoren, in Kitteln, die Kapuzen auf dem Kopf, alles so, wie es sich geh�rt. Edgar, Sebulon und Kostja - das war nicht weiter verwunderlich. Aber Swetlana! Voller Angst sah ich sie an, doch zu meiner Beruhigung sch�ttelte sie sofort den Kopf. Mit Nadja war also alles in Ordnung. �Wer leitet die Untersuchung?�, fragte Geser.</p><p>�Ein Triumvirat�, antwortete Edgar knapp. �Ich von der Inquisition, Sebulon von den Dunklen und��Er sah Swetlana an. �� wen ihr bestimmt.�</p><p>�Ich�, nickte Geser. �Vielen Dank, Swetlana. Ich wei� das sehr zu sch�tzen.�</p><p>Erkl�rungen brauchte ich nicht. Was auch immer hier geschehen war, Swetlana war als erste Lichte eingetroffen - und hatte im Namen der Nachtwache gehandelt. Der Dienst hatte sie zur�ck, wenn man so wollte. �Sollen wir Sie informieren?�, fragte Edgar. Geser nickte.</p><p>�Und Gorodezki?�, fragte Edgar.</p><p>�Bleibt bei mir.�</p><p>�Das ist Ihr gutes Recht.�Edgar nickte mir zu. �Also, wir haben es hier mit einem au�ergew�hnlichen Zwischenfall zu tun��Warum verst�ndigte er sich mit Worten?</p><p>Ich versuchte Swetlana danach zu fragen, streckte mich gedanklich nach ihr aus�</p><p>Und schlug gegen eine blinde Mauer.</p><p>Die Inquisition hatte die Gegend blockiert. Deshalb hatte man Geser angerufen, statt sich telepathisch mit ihm in Verbindung zu setzen. Worum es hier auch gehen mochte, sollte geheim bleiben. Die n�chsten Worte Edgars best�tigten meinen Gedanken.</p><p>�Da das, was hier geschehen ist, strengster Geheimhaltung unterliegt�, sagte Edgar, �bitte ich alle Anwesenden, ihren Schutz aufzugeben und sich f�r die Markierung mit dem Straffeuer bereitzuhalten.�</p><p>Ich schielte zu Geser hin�ber, der bereits sein Hemd aufkn�pfte. Sebulon, Swetlana, Kostja und sogar Edgar - alle entkleideten sich!</p><p>Ich fand mich damit ab und zog meinen Pullover aus. Kriegte also auch ich jetzt das Straffeuer�</p><p>�Wir, die hier Anwesenden, schw�ren, niemals irgendwo jemanden dar�ber zu informieren, was wir im Zuge der Untersuchung dieses Vorfalls in Erfahrung bringen, abgesehen vom obersten Tribunals der Inquisition als einziger Ausnahme�, sagte Edgar. �Ich schw�re!�</p><p>�Ich schw�re�, sagte Swetlana und fasste mich bei der Hand.</p><p>�Ich schw�re�, fl�sterte ich.</p><p>�Ich schw�re, ich schw�re, ich schw�re��, erklang es von allen Seiten.</p><p>�Wenn ich dieses Geheimnis preisgebe, m�ge mich die Hand des Straffeuers vernichten!�, schloss Edgar.</p><p>Seine Finger loderten in blendend roten Strahlen auf. In der Luft schien der brennende Abdruck einer Hand zu h�ngen, die in einzelne Schichten zerfiel, um flackernd zw�lffach auf uns zuzukommen. Sehr langsam - und nichts jagte mir eine derartige Angst ein wie diese Bed�chtigkeit.</p><p>Als Ersten ber�hrte das Zeichen des Straffeuers Edgar selbst. Das Gesicht des Inquisitors verzog sich, auf seiner Haut leuchteten f�r einen kurzen Moment noch weitere solcher glutroten Abdr�cke auf. Offenbar tat das weh�</p><p>Geser und Sebulon nahmen die Einbrennung des Zeichens stoisch hin. Wenn meine Augen mich nicht t�uschten, �berzog bereits ein dichtes Netz dieser Zeichen ihren K�rper. Einer der Inquisitoren winselte auf. Offenbar tat das sehr weh�</p><p>Dann kam ich an die Reihe und begriff, dass ich mich geirrt hatte. Das tat nicht sehr weh - das war unertr�glich! Als ob man mich mit einem gl�henden Brandeisen kennzeichnete. Und mich dabei nicht nur an einer Stelle brandmarkte, sondern das Feuer durch meinen ganzen K�rper jagte.</p><p>Sobald sich der blutige Schleier vor meinen Augen gehoben hatte, bemerkte ich zu meinem Erstaunen, dass ich mich - im Gegensatz zu zwei Inquisitoren - immer noch auf den Beinen hielt.</p><p>�Und da hei�t es, eine Geburt sei schmerzhaft��, sagte Swetlana leise, w�hrend sie ihre Bluse zukn�pfte. �Ha��</p><p>�Ich m�chte daran erinnern� Wenn das Zeichen zum Einsatz kommt, wird es weitaus schmerzhafter sein��, murmelte Edgar. In den Augen des Dunklen standen Tr�nen. �Das ist zum Wohle der Allgemeinheit.�</p><p>�Genug der sch�nen Worte!�, unterbrach ihn Sebulon. �Wenn du hier nun schon mal das Sagen hast, dann benimm dich auch entsprechend.�In der Tat, wo war Viteszlav? War er trotz allem nach Prag abgeflogen?</p><p>�Wenn Sie mir jetzt bitte folgen wollten�, meinte Edgar, der immer noch ein gequ�ltes Gesicht machte. Dann ging er zur Wand.</p><p>Ein Geheimversteck kann man auf verschiedene Weise anlegen. Ganz banal als magisch maskierten Safe in der Wand, aber auch im <emphasis>Zwielicht, </emphasis>gesichert durch etliche m�chtige Zauber.</p><p>Dieses Versteck war recht originell. Als Edgar in die Wand schl�pfte, tat sich vor ihm f�r einen kurzen Moment ein schmaler, irgendwie nicht f�r einen Menschen gedachter Spalt auf. Sofort erinnerte ich mich an Jene heimt�ckische und komplizierte Methode, diese Mischung aus Magie der Illusion und Magie der Verschiebung. Aus einem begrenzten Raum, zum Beispiel aus einem Zimmer, wird ein St�ck entfernt - hier schmale Streifen aus der Wand - und magisch zu einer einzigen�Kammer�verbunden. Eine recht komplizierte und gef�hrliche Sache, aber Edgar trat ruhig in das Geheimversteck ein.</p><p>�Alle passen da nicht rein�, murmelte Geser und schielte zu den Inquisitoren hin�ber. �Wenn ich es richtig verstanden habe, sind Sie bereits drinnen gewesen? Dann k�nnen Sie jetzt warten.�</p><p>In der Sorge, man k�nne auch mich zur�ckhalten, machte ich einen Schritt nach vorn - und die Wand �ffnete sich gehorsam vor mir. Die Verteidigungszauber waren bereits durchbrochen.</p><p>Die Kammer erwies sich als gar nicht so klein: drei mal drei Meter, mindestens. Darin gab es sogar ein Fenster, das ebenfalls aus St�cken der �brigen Fenster�zusammengeschnitten�worden war. Durch das Fenster lie� sich eine phantasmagorische Landschaft erkennen: ein Waldstreifen, ein halber Baum, ein Fetzen Himmel - alles v�llig chaotisch miteinander kombiniert.</p><p>Es gab in der Kammer aber noch etwas, das weit gr��ere Aufmerksamkeit verdiente.</p><p>Ein guter Anzug aus festem grauen Stoff, ein schickes Hemd (wei�, aus Seide, mit Spitze am Kragen und an den Manschetten), eine elegante Krawatte (silbergrau mit einem rot gl�nzenden Streifen), ein Paar herrlicher schwarzer Lederschuhe, aus denen wei�e Socken hervorlugten. All das lag mitten in der Kammer auf dem Boden. Im Anzug w�rde sich mit Sicherheit seidene Unterw�sche mit handgesticktem Monogramm finden.</p><p>Allerdings versp�rte ich nicht den Wunsch, in der Kleidung des Hohen Vampirs Viteszlav herumzuw�hlen. Denn die homogene graue Asche in der Kleidung und um sie herum - das war alles, was von dem Inspektor des Europab�ros der Inquisition noch �brig war.</p><p>Swetlana, die die Kammer nach mir betreten hatte, seufzte nur und nahm mich bei der Hand. Geser grunzte finster. Sebulon seufzte, anscheinend sogar aufrichtig.</p><p>Kostja, der als Letzter hereinkam, brachte keinen Laut heraus. Sondern stand wie angewurzelt da und betrachtete die traurigen �berreste seines Artgenossen.</p><p>�Wie Sie verstehen, meine Herren�, sagte Edgar leise, �ist das, was hier geschehen ist, schon an sich grauenvoll. Ein Hoher Vampir ist ermordet worden. Schnell und ohne jede Kampfspuren. Ich vermute, dass selbst den verehrten Hohen, die hier anwesend sind, das nicht m�glich w�re.�</p><p>�Die hier anwesenden Hohen sind nicht so dumm, einen Mitarbeiter der Inquisition anzugreifen�, presste Geser angewidert heraus. �Sollte die Inquisition jedoch auf einer �berpr�fung bestehen��</p><p>Edgar sch�ttelte den Kopf. �Nein. Gerade weil ich nicht den geringsten Verdacht gegen Sie hege, habe ich Sie hierher gerufen. Bevor ich das Europab�ro in Kenntnis setze, hielt ich es f�r angebracht, Ihren Rat einzuholen. Schlie�lich ist das hier das Territorium der Moskauer Wachen.�</p><p>Sebulon hockte sich neben die �berreste, nahm ein wenig Asche auf, rieb sie zwischen den Fingern, roch daran und ber�hrte sie anscheinend sogar mit der Zunge. Mit einem Seufzer erhob er sich. �Viteszlav��, murmelte er. �Ich kann mir nicht vorstellen, wer ihn umgebracht haben k�nnte. Ich w�rde��Er z�gerte. �� ich w�rde es mir dreimal �berlegen, bevor ich mich auf einen Kampf mit ihm einlie�e. Und Sie, Kollege?�</p><p>Er sah Geser an. Der lie� sich mit der Antwort Zeit, sah sich die Asche mit der Begeisterung eines jungen Naturwissenschaftlers an. �Geser?�, fragte Sebulon.</p><p>�Ja, ja��, meinte Geser nickend. �Ich h�tte es gekonnt. Ehrlich gesagt, hatten wir schon die Gelegenheit� es gab da verschiedentlich Missverst�ndnisse. Aber so schnell� und so sauber��Geser breitete die Arme aus. �Nein, das h�tte ich nicht geschafft. Leider nicht. Man k�nnte fast neidisch werden.�</p><p>�Das Siegel�, erinnerte ich vorsichtig. �Vampire bekommen bei einer tempor�ren Registrierung ein Siegel��</p><p>Edgar sah mich an, als rede ich Unsinn. �Aber nicht die Mitarbeiter der Inquisition.�</p><p>�Und nicht die Hohen Vampire!�, f�gte Kostja streitlustig hinzu. �Das Kleinvieh kriegt ein Siegel, das sich nicht unter Kontrolle hat, Vampire und Tiermenschen in ihrer Lehrzeit.�</p><p>�Eigentlich wollte ich schon lange die Frage zur Diskussion stellen, ob wir diese diskriminierende Behandlung nicht abschaffen�, warf Sebulon ein. �Vampire und Tiermenschen sollten kein Siegel bekommen, sobald sie den zweiten, besser noch den dritten Grad erlangt haben.�</p><p>�Lass uns noch die Registrierung bei der jeweils andern Wache am Wohnort abschaffen�, schlug Geser am�siert vor.</p><p>�Schluss mit dem Streit!�, lie� sich Edgar in �berraschend herrischem Ton vernehmen. �Gorodezkis Unwissenheit ist kein Grund, hier einen Disput vom Zaun zu brechen! Au�erdem� ist das Ende der Existenz des Vampirs Viteszlav noch nicht das schlimmste.�</p><p>�Was k�nnte denn noch schlimmer sein als ein Anderer, der spielend einen Hohen umbringt?�, fragte Sebulon.</p><p>�Das <emphasis>Fuaran�, </emphasis>antwortete Edgar nur. �Das <emphasis>Fuaran, </emphasis>dessentwegen er ermordet worden ist.�</p></section><section><title><p>Zwei</p></title><p>Sebulon grinste. Die Worte Edgars, das war nicht zu �bersehen, nahm er auch nicht ansatzweise f�r bare M�nze.</p><p>Geser wiederum schien w�tend zu werden. Kein Wunder. Erst war ich ihm mit dem <emphasis>Fuaran </emphasis>gekommen, jetzt der Inquisitor.</p><p>�Verehrter� europ�ischer Inquisitor.�Nach kurzem Z�gern hatte der Chef doch noch eine in Ma�en b�sartige Anrede gefunden. �Ich interessiere mich nicht weniger als Sie f�r Mythologie. Unter Hexen sind die Erz�hlungen �ber das <emphasis>Fuaran </emphasis>sehr verbreitet, aber wir sind uns doch wohl einig, dass dies nur ein Versuch ist, der eigenen� Kaste mehr Glanz zu verleihen. Vergleichbare folkloristische Erz�hlungen sind auch bei Werw�lfen, Vampiren und sonstigen Anderen in Umlauf, deren Schicksal es ist, eine untergeordnete Rolle in unserer Gemeinschaft zu spielen. Doch wir stehen hier vor einem realen Problem und sollten uns nicht im Dickicht alten Aberglaubens verlieren��</p><p>�Ich verstehe Ihren Standpunkt, Geser�, unterbrach Edgar ihn. �Aber die Sache ist die, dass Viteszlav sich vor zwei Stunden mit mir in Verbindung gesetzt hat, indem er mich auf meinem Handy angerufen hat. Er hatte Arinas Sachen �berpr�ft und war dabei unversehens �ber das Geheimversteck gestolpert. Kurz gesagt� Viteszlav war v�llig aufgel�st. Er hat behauptet, im Versteck liege das <emphasis>Fuaran. </emphasis>Und dass es echt sei. Ich� muss zugeben, dass ich das Ganze mit Skepsis aufgenommen habe. Viteszlav lie� sich leicht beeindrucken.�</p><p>Geser sch�ttelte zweifelnd den Kopf.</p><p>�Ich bin nicht sofort hergekommen�, fuhr Edgar fort. �Vor allem weil Viteszlav gesagt hatte, dass er Mitarbeiter der Inquisition aus der Absperrung abziehen werde. �</p><p>�Hat er denn vor etwas Angst gehabt?�, fragte Sebulon scharf.</p><p>�Viteszlav? Ich glaube, vor nichts Konkretem. Das ist einfach die �bliche Prozedur, wenn derart starke Artefakte entdeckt werden. Ich hatte gerade die �berpr�fung der Posten beendet und mit Konstantin gesprochen, als unsere Mitarbeiter uns dar�ber informierten, dass sie sich um das Haus herum aufgestellt h�tten, Viteszlavs Anwesenheit aber nicht sp�rten. Daraufhin habe ich sie angewiesen, ins Haus zu gehen. Sie haben mir mitgeteilt, dass im Haus niemand sei. Das hat mich��Edgar stockte. �� leicht irritiert. Warum sollte sich Viteszlav vor seinen Kollegen verstecken? Ich habe mir Kostja geschnappt, und wir beide sind so schnell wie m�glich hergekommen. Es hat etwa vierzig Minuten gedauert, denn wir wollten nicht durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>gehen, da wir m�glicherweise all unsere Kraft brauchen w�rden. Und unsere Kollegen konnten f�r uns kein ordentliches Portal aufh�ngen, da es hier nur so von magischen Artefakten strotzt��</p><p>�Verstehe�, sagte Geser. �Weiter.�</p><p>�Das Haus war abgeriegelt worden, zwei Mitarbeiter hatten drinnen Posten bezogen. Zusammen mit diesen beiden haben wir das Geheimversteck betreten und dort die �berreste von Viteszlav entdeckt.�</p><p>�Wie lange ist Viteszlav ohne Schutz gewesen?�, erkundigte sich Geser. Immer noch ungl�ubig, doch jetzt zumindest mit einem Anflug von Interesse.</p><p>�Etwa eine Stunde.�</p><p>�Und dann haben die Inquisitoren noch vierzig Minuten lang seine Leiche bewacht. Sie sind zu sechst gewesen, alle vierte und dritte Kraftstufe.�Geser runzelte die Stirn. �Ein starker Magier h�tte an ihnen vorbeigehen k�nnen.�</p><p>�Wohl kaum.�Edgar sch�ttelte den Kopf. �Ja, sie stehen auf der vierten und dritten Stufe, nur Roman schafft es mitunter, wenn er sich anstrengt, auf die zweite. Aber sie sind mit <emphasis>unseren </emphasis>Wachamuletten ausger�stet. Selbst ein Gro�er w�re nicht an ihnen vorbeigekommen.�</p><p>�Also muss der M�rder vor ihnen hier gewesen sein, oder? �</p><p>�Vermutlich�, gab Edgar ihm Recht.</p><p>�Und zwar ein Magier, der relativ stark sein muss, damit er einen Hohen Vampir so schnell ermorden kann��, Geser sch�ttelte den Kopf. �Ich habe nur einen Kandidaten.�</p><p>�Die Hexe�, murmelte Sebulon. �Wenn sich das <emphasis>Fuaran </emphasis>tats�chlich in ihrem Besitz befand, dann k�nnte sie deswegen zur�ckgekehrt sein.�</p><p>�Erst l�sst sie es hier, und dann kommt sie deswegen zur�ck?�, rief Swetlana aus. Mir war klar, dass sie versuchte, Arina zu verteidigen. �Das ist unlogisch!�</p><p>�Anton und ich haben sie verfolgt�, antwortete Edgar treuherzig. �Sie ist in Panik davongerannt. Offenbar ist sie jedoch nicht gleich geflohen, wie wir angenommen haben, sondern hat sich in der N�he versteckt. Als Viteszlav das Buch gefunden hat, hat sie das gesp�rt und es mit der Angst zu tun bekommen.�</p><p>Geser blickte Swetlana und mich finster an. Sagte aber kein Wort.</p><p>�Vielleicht ist Viteszlav ja auch ohne Fremdverschulden gestorben�, lie� Swetlana nicht locker. �Er hat das Buch gefunden, hat versucht, einen der darin beschriebenen Zauber zu wirken� und ist gestorben. Solche F�lle hat es schlie�lich bereits gegeben!�</p><p>�Ach ja�, h�hnte Sebulon. �Und in der Zwischenzeit sind dem Buch Beinchen gewachsen, und es ist weggelaufen.�</p><p>�Selbst diese Version w�rde ich nicht ausschlie�en.�Jetzt ergriff Geser Swetlanas Partei. �Vielleicht sind ihm ja welche gewachsen. Vielleicht ist es ja weggelaufen.�</p><p>Stille senkte sich herab, und in dieser Stille erschall Sebulons Lachen besonders laut. �K�stlich! Glauben wir jetzt also an das <emphasis>Fuaran?�</emphasis></p><p>�Ich glaube daran, dass jemand m�helos einen Hohen Vampir ermordet hat�, sagte Geser. �Und dieser Jemand f�rchtet weder die Wachen noch die Inquisition. Allein deswegen sollte der Fall schnell und gr�ndlich untersucht werden. Meinen Sie nicht auch, Kollege?�Gegen seinen Willen musste Sebulon nicken.</p><p>�Gehen wir doch mal einen Moment lang davon aus, dass das <emphasis>Fuaran </emphasis>tats�chlich hier aufbewahrt worden ist��Geser sch�ttelte den Kopf. �Dass alle Ger�chte �ber dieses Buch stimmen��Sebulon nickte erneut.</p><p>Die beiden Gro�en erstarrten. Sahen einander an. Vielleicht, um sich mit Blicken zu messen, vielleicht, um ungeachtet s�mtlicher Schutzma�nahmen irgendein magisches Gespr�ch zu f�hren.</p><p>Ich ging zu den �berresten des Vampirs und hockte mich hin. Ein unangenehmer Typ. Selbst f�r einen Vampir. Und trotzdem einer von uns. Ein Anderer.</p><p>Hinter mir brummte Edgar etwas von der Notwendigkeit, neue Leute anzufordern und davon, dass es jetzt lebenswichtig geworden sei, Arina zu fangen. Diesmal w�rde die Hexe nicht entkommen. Die Verletzung des Gro�en Vertrages - mochte sie auch noch so schwerwiegend sein, so war sie doch immerhin recht lange her - war eine Sache. Der Mord an einem Inquisitor eine andre.</p><p>Und alle Fakten sprachen gegen sie. Wer sonst w�re so stark, einen Hohen Vampir abzumurksen?</p><p>Trotzdem glaubte ich aus irgendeinem Grund nicht an Arinas Schuld�</p><p>Viteszlavs �berreste riefen nicht den geringsten Ekel in mir hervor. Vielleicht, weil ihnen so gar nichts Menschliches anhaftete und selbst Knochen v�llig fehlten. Graue Asche, �hnlich der von einer feucht gewordenen Zigarette, die die Form bewahrt hatte, aber eine absolut homogene Struktur aufwies. Ich ber�hrte etwas, das vage an eine geballte Faust erinnerte - und wunderte mich nicht im Geringsten, als die Asche zerfiel und ein zerkn�lltes wei�es Blatt freigab.</p><p>Grabesstille senkte sich herab. Da niemand Einw�nde erhob, nahm ich das Blatt, drehte es um und las es. Erst danach schaute ich die Magier an.</p><p>Alle hatten so angespannte Gesichter, als erwarteten sie zu h�ren: �Viteszlav hat vor seinem Tod den Namen seines M�rders aufgeschrieben� Sie waren es!�</p><p>�Das hat nicht Viteszlav geschrieben�, sagte ich. �Das ist Arinas Handschrift. Sie hat mir eine Erkl�rung geschrieben��</p><p>�Lies vor�, verlangte Edgar.</p><p>�An die Herren Inquisitoren!�, las ich laut. �Wenn Sie das lesen, hei�t das, Sie haben sich an Vergangenes erinnert und geben keine Ruhe. Ich schlage Ihnen vor, die Angelegenheit friedlich beizulegen. Sie bekommen das Buch, das Sie suchen. Ich bekomme eine Begnadigung.�</p><p>�Sie haben also danach gesucht?�, fragte Geser in sehr ruhigem Ton.</p><p>�Die Inquisition sucht alle Artefakte�, erwiderte Edgar gelassen. �Auch die, die als mythisch eingestuft werden. �</p><p>�W�re sie begnadigt worden?�, fragte Swetlana pl�tzlich.</p><p>Missmutig sah Edgar sie an. �Wenn das <emphasis>Fuaran </emphasis>hier gewesen w�re?�, meinte er. �Ich treffe diese Entscheidung zwar nicht, aber vermutlich schon. Wenn es das echte <emphasis>Fuaran </emphasis>gewesen w�re.�</p><p>�Allm�hlich neige ich der Auffassung zu, dass es das echte war��, sagte Geser leise. �Edgar, ich m�chte mich gern mit meinen Mitarbeitern beratschlagen.�</p><p>Edgar breitete nur die Arme aus. M�glicherweise war er nicht sonderlich erpicht darauf, mit Sebulon und Kostja allein zu bleiben, doch die Miene des Inquisitors verriet nichts.</p><p>Swetlana und ich folgten Geser aus dem Geheimversteck hinaus.</p><p>Die Inquisitoren empfingen uns mit derma�en misstrauischen Blicken, als verd�chtigten sie uns, alle Dunklen umgebracht zu haben. Geser nahm es gelassen hin.</p><p>�Wir ziehen uns zu einem Gespr�ch zur�ck�, warf er ihnen achtlos hin, w�hrend er sich zur T�r wandte. Die Inquisitoren wechselten beredte Blicke, erhoben jedoch keine Einw�nde. Nur einer steuerte auf das Geheimversteck zu. Doch da hatten wir das Haus der Hexe bereits verlassen.</p><p>Hier, in der Tiefe des Waldes, kam es mir vor, als sei es noch nicht einmal Morgen. Ein geheimnisvolles Halbdunkel, ganz wie in den fr�hen D�mmerstunden. Verwundert blickte ich nach oben. Und bemerkte, dass der Himmel in der Tat unnat�rlich grau aussah, als blicke ich ihn durch eine Sonnenbrille an. So wirkte sich in unserer Welt also der magische Schutzschild aus, den die Inquisitoren aufgestellt hatten.</p><p>�Alles geht den Bach runter��, murmelte Geser. �Alles ganz falsch��</p><p>Sein Blick huschte von mir zu Swetlana und zur�ck. Als k�nne er sich nicht entscheiden, wen von uns beiden er jetzt brauchte. �Hat sie das <emphasis>Fuaran </emphasis>wirklich gehabt?�, fragte Swetlana.</p><p>�Anscheinend ja. Anscheinend existiert dieses Buch.�Geser verzog das Gesicht. �Wie dumm� wie unsch�n��</p><p>�Wir m�ssen die Hexe finden�, sagte Swetlana. �Wenn Sie wollen��</p><p>Geser sch�ttelte den Kopf. �Nein, das will ich nicht. Arina muss entkommen.�</p><p>�Das wei� ich.�Ich fasste nach Swetlanas Hand. �Wenn man Arina fasst, k�nnte sie sagen, wer dieser Lichte war��</p><p>�Arina wei� nicht, wer dieser Lichte gewesen ist�, fiel Geser mir ins Wort. �Dieser Lichte kam in einer Maskierung zu ihr. Sie k�nnte einen Verdacht haben, etwas ahnen, vielleicht sogar �berzeugt sein, aber sie hat keine Beweise. Nein, was weitaus schlimmer ist��Pl�tzlich durchschaute ich alles.</p><p>�Das <emphasis>Fuaran?�</emphasis></p><p>�Ja�, meinte Geser nickend. �Deshalb w�rde ich euch bitten��</p><p>Bevor er den Satz beendete, sagte ich schnell: �Wir wissen nicht, wo Arina ist. Das stimmt doch, oder, Swetlana?�Swetlana blickte finster drein, nickte aber.</p><p>�Danke�, sagte Geser. �Das war das Erste. Jetzt zum Zweiten. Wir m�ssen das <emphasis>Fuaran </emphasis>finden. Um jeden Preis. Vermutlich wird ein Suchtrupp gebildet. Ich m�chte, dass von unserer Seite Anton daran teilnimmt. �</p><p>�Ich bin st�rker�, sagte Swetlana leise.</p><p>�Das spielt in dem Fall keine Rolle.�Geser sch�ttelte den Kopf. �Nicht die geringste. Au�erdem brauche ich dich hier, Swetlana. �</p><p>�Wozu?�, wollte Swetlana misstrauisch wissen.</p><p>Einen Moment lang z�gerte Geser. Dann sagte er: �Um im Notfall Nadja zu initiieren.�</p><p>�Das kommt �berhaupt nicht in Frage!�, sagte Swetlana mit eisiger Stimme. �In ihrem Alter und mit ihrer Kraft kann sie noch keine Andere werden!�</p><p>�M�glicherweise bleibt uns nichts andres �brig�, murmelte Geser. �Swetlana, die Entscheidung triffst du. Ich bitte dich nur, dass du in der N�he des Kindes bleibst.�</p><p>�Da mach dir mal keine Gedanken�, zischte Swetlana. �Ich werde sie nicht aus den Augen lassen.�</p><p>�Richtig so.�Geser l�chelte und ging wieder zum Haus zur�ck. �Kommt, jetzt beginnt unser Rat in Fili.�</p><p>Kaum hatte sich die T�r hinter ihm geschlossen, als Swetlana sich mir zudrehte. �Kannst du dir einen Reim darauf machen?�, fragte sie mit allem Nachdruck.</p><p>�Geser hat seinen Sohn nicht finden k�nnen�, meinte ich. �Der ist n�mlich wirklich nur ein Mensch gewesen! Und erst vor kurzem zum Anderen geworden. �</p><p>�Arina?�</p><p>�Sieht so aus. Sie ist aus ihrem Winterschlaf erwacht und hat sich orientiert. Hat in Erfahrung gebracht, wer jetzt der Chef bei welcher Wache ist��</p><p>�Und hat das <emphasis>Fuaran </emphasis>benutzt, um Geser insgeheim ein kleines Geschenk zu machen? Um seinen Sohn in einen Anderen zu verwandeln?�Swetlana zuckte die Achseln. �Das glaub ich nicht. Weshalb h�tte sie das tun sollen? So dick ist ihre Freundschaft doch wohl nicht, oder?�</p><p>�Was hei�t, weshalb? Jetzt wird Geser alles daransetzen, damit Arina nicht gefunden wird. Das ist ihre R�ckversicherung, oder etwa nicht?�</p><p>Swetlana kniff die Augen zusammen. Dann nickte sie. �Aber was ist, wenn die Tagwache��</p><p>�Woher wollen wir wissen, was sie im Hinblick auf Sebulon unternommen hat?�Ich zuckte mit den Schultern. �Irgendwie glaube ich, dass auch die Tagwache es mit der Suche nach der Hexe nicht �bertreiben wird.�</p><p>�Das ist doch ein durchtriebenes Weibsbild�, sagte Swetlana ohne jede H�me. �Ich h�tte Hexen nicht so untersch�tzen d�rfen! Durchschaust du auch die Geschichte mit Nadja?�Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>Das, was Geser gesagt hatte, war in der Tat v�lliger Quatsch. Manchmal wurden Andere im Alter von f�nf oder sechs Jahre initiiert. Aber niemals fr�her. Ein Kind, das die F�higkeiten eines Anderen erh�lt, das diese aber noch nicht kontrolliert einsetzen kann, w�re eine wandelnde Bombe. Vor allem eine so starke Andere wie Nadjuschka. Selbst Geser w�rde das M�dchen nicht aufhalten k�nnen, wenn es �berm�tig wird und seine Kraft einsetzt. Nein, die Worte Gesers ergaben einfach keinen Sinn!</p><p>�Ich rei�e ihm die Beine aus und pflanze sie ihm an Stelle der Arme wieder an!�, versprach Swetlana v�llig gelassen. �Sobald er noch einmal darauf zu sprechen kommt, dass Nadja initiiert werden soll. Was ist, wollen wir gehen?�</p><p>Hand in Hand - wir beide hatten im Moment das starke Bed�rfnis, einander nahe zu sein - gingen wir zum Haus zur�ck.</p><p>Die Inquisitoren, die durch eine Laune des Zufalls in das Geheimnis eingeweiht worden waren, sollten erneut eine Kette rund um das Haus bilden. Wir sechs setzten uns an den Tisch.</p><p>Geser trank Tee. Er hatte ihn selbst aufgebr�ht, wobei er nicht nur normalen Sud benutzt, sondern auch Kr�uter aus den reichen Vorr�ten der Hexe hinzugegeben hatte. Auch ich nahm eine Tasse. Der Tee roch nach Minze und Wachholder, war bitter und streng, machte mich aber munter. Sonst konnte er niemand verf�hren: Swetlana murmelte freundlich etwas und stellte ihre Tasse weg. Auf dem Tisch lag der Brief.</p><p>�Vor zweiundzwanzig, dreiundzwanzig Stunden�, meinte Sebulon mit einem Blick auf das Blatt Papier. �Sie hat den Brief vor Ihrem Besuch geschrieben, Inquisitor!�</p><p>Edgar nickte. �Schon m�glich��, f�gte er widerwillig hinzu. �M�glicherweise sogar w�hrend unseres Besuchs. Wir hatten Probleme, sie in den tiefen Schichten des <emphasis>Zwielichts </emphasis>zu verfolgen. Ihr w�re also genug Zeit geblieben, sich in aller Ruhe hinzusetzen und den Brief zu schreiben.�</p><p>�Damit haben wir keinen Grund, die Hexe zu verd�chtigen�, murmelte Sebulon. �Sie hat das Buch dagelassen, um sich freizukaufen. Arina h�tte also keine Veranlassung gehabt, deswegen zur�ckzukommen und einen Inquisitor umzubringen. �</p><p>�Einverstanden�, meinte Geser z�gerlich.</p><p>�Welch erstaunliche �bereinstimmung zwischen Dunklen und Lichten��, bemerkte Edgar. �Sie machen mir Angst, meine Herren.�</p><p>�Das ist nicht die Zeit f�r Unstimmigkeiten�, erwiderte Sebulon. �Wir m�ssen den M�rder und das Buch finden.�O ja, er hatte seine Gr�nde, Arina zu verteidigen!</p><p>�Gut.�Edgar nickte. �Kommen wir zum Anfang zur�ck. Viteszlav hat mich angerufen und mir vom <emphasis>Fuaran </emphasis>erz�hlt. Das Gespr�ch hat niemand mitgeh�rt.�</p><p>�Alle Gespr�che �ber Handy werden abgeh�rt und aufgezeichnet��, warf ich ein.</p><p>�Was du nicht sagst, Anton!�Edgar bedachte mich mit einem ironischen Blick. �Ermitteln etwa Geheimdienste der Menschen gegen die Anderen? Um dann, sobald sie etwas von dem Buch geh�rt haben, einen Agenten hierher zu schicken? Der dann einen Hohen Vampir ermordet?�</p><p>�Anton hat so Unrecht nicht�, sprang Geser mir zur Seite. �Ihnen ist doch bekannt, Edgar, dass wir jedes Jahr Schritte der Menschen zu unterbinden haben, die auf unsere Entdeckung zielen. Und was die Spezialabteilungen der Geheimdienste angeht��</p><p>�Dort sitzen welche von uns�, warf Edgar ein. �Doch selbst wenn wir davon ausgehen, dass wieder einmal nach Anderen gefahndet wird, dass irgendwo Informationen nach drau�en dringen, bleibt Viteszlavs Tod ein R�tsel. Nicht einmal James Bond k�nnte unbemerkt zu ihm vordringen. �</p><p>�James Bond? Wer ist denn das?�, wollte Sebulon wissen.</p><p>�Das geh�rt in den Bereich der Mythologie�, meinte Geser schmunzelnd. �Der modernen Mythologie. Lassen Sie uns hier nicht sinnlos unsere Zeit vergeuden, meine Herren. Die Situation ist doch v�llig klar: Viteszlav ist von einem Anderen ermordet worden. Einem starken Anderen. Und aller Wahrscheinlichkeit nach von jemandem, dem der Inquisitor vertraut hat.�</p><p>�Er hat niemandem vertraut, noch nicht einmal mir�, murmelte Edgar. �Vampire nehmen das Misstrauen einfach mit dem Mutterblut auf� wenn Sie den Scherz entschuldigen wollen.�</p><p>Niemand l�chelte. Kostja schielte finster zu Edgar hin�ber, sagte jedoch kein Wort.</p><p>�Willst du von allen Anwesenden das Ged�chtnis �berpr�fen lassen?�, erkundigte sich Geser h�flich. �W�rden Sie dem denn zustimmen?�, wollte Edgar wissen.</p><p>�Nein�, entgegnete Geser. �Ich wei� die Arbeit der Inquisition zu sch�tzen, aber alles hat seine Grenze.�</p><p>�Damit w�ren wir in einer Sackgasse gelandet.�Edgar breitete die Arme aus. �Meine Herren, wenn Sie nicht kooperationsbereit sind��</p><p>Swetlana h�stelte taktvoll. �Darf ich vielleicht etwas dazu sagen?�, fragte sie. �Aber ja, sicher.�Edgar nickte freundlich.</p><p>�Ich glaube, wir schlagen einen falschen Weg ein�, sagte Swetlana. �Sie sind der Ansicht, wir sollten den M�rder suchen, dann w�rden wir auch das Buch finden. Das stimmt, aber den M�rder kennen wir nicht. Warum versuchen wir nicht einfach, das Buch aufzusp�ren? �ber das <emphasis>Fuaran </emphasis>kommen wir dann auch an den M�rder.�</p><p>�Und wie w�rdest du das Buch suchen, Lichte?�, fragte Sebulon in ironischem Ton. �Willst du James Bond anrufen?�</p><p>Swetlana streckte die Hand aus und ber�hrte vorsichtig Arinas Brief. �Also� Soweit ich es verstanden habe, hat die Hexe den auf das Buch gelegt, m�glicherweise sogar zwischen die Seiten gesteckt. Eine gewisse Zeit lang lagen diese beiden Gegenst�nde also zusammen. Das Buch selbst ist eine magische, eine m�chtige Sache. Wenn wir ein Ebenbild herstellen� Sie wissen schon, in der Weise, wie man es den jungen Magiern beibringt��</p><p>Unter den Blicken der Hohen wurde sie unsicher und geriet aus dem Konzept. Doch sowohl Sebulon wie auch Geser blickten Swetlana wohlwollend an.</p><p>�Ja, stimmt, es gibt eine solche Magie�, murmelte Geser. �Wie ist das gleich, jetzt f�llt's mir wieder ein� Einmal ist mir ein Pferd gestohlen worden, ich hatte dann nur noch das Zaumzeug��</p><p>Er verstummte. Schielte zu Sebulon hin�ber. �Ich bitte Sie, Dunkler�, sagte er in ausgesucht freundlichem Ton. �Erschaffen Sie das Ebenbild!�</p><p>�Ich w�rde es lieber sehen, wenn Sie das t�ten�, erwiderte Sebulon nicht weniger h�flich. �Damit mir nicht unterstellt wird, ich sei unehrlich gewesen.�Irgendwas stimmte hier nicht! Aber was?</p><p>�Nun, wie hei�t es doch im Volksmund so sch�n: Den ersten Peitschenhieb f�r den Denunzianten!�, meinte Geser fr�hlich. �Swetlana, dein Vorschlag ist angenommen. Stell das Ebenbild her.�</p><p>Gequ�lt sah Swetlana Geser an. �Boris Ignatjewitsch� Es tut mir leid, das ist eine so einfache Sache� die habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Vielleicht k�nnten wir einen Magier mit niedrigerem Grad bitten?�</p><p>Daran hakte es also. Die Gro�en Magier beherrschten das ABC der Magie, das allen neuen Anderen beigebracht wird, nicht mehr. Hatten es vergessen - wie ein Akademiker das kleine Einmaleins oder Sch�nschrift!</p><p>�Wenn Sie nichts dagegen haben�, sagte ich. Ohne die Antwort abzuwarten, streckte ich eine Hand nach dem Brief aus. Ich kniff die Augen zusammen, damit der Schatten meiner Wimpern auf meine Augen fiel, und sah durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>auf das graue Blatt Papier. Ich stellte mir ein Buch vor, einen dicken Schm�ker, gebunden in Menschenhaut, das Tagebuch einer von Menschen und Anderen verfluchten Hexe�</p><p>Langsam formte sich das Bild. Das Buch sah fast so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte, nur die Ecken des Einbands waren mit goldfarbenen Metalldreiecken beschlagen. Anscheinend waren sie erst sp�ter angebracht worden, von einem der Besitzer des <emphasis>Fuaran, </emphasis>der nicht wollte, dass das Buch besch�digt wurde.</p><p>�Da ist es!�, sagte Geser mit lebhaftem Interesse. �In der Tat, in der Tat��</p><p>Die Magier erhoben sich, beugten sich �ber den Tisch, betrachteten das nur f�r Andere sichtbare Bild des Buchs. Das Papier auf dem Tisch erzitterte leicht, als gehe hier ein Luftzug. �Kann man es nicht �ffnen?�, fragte Kostja.</p><p>�Nein, das ist nur ein Bild, das die Sache selbst nicht in sich birgt��, sagte Geser freundlich. �Weiter, Anton. Fixiere es� und �berleg dir einen Suchmodus.�</p><p>Das Bild des Buchs zu fixieren gelang mir ohne weiteres. Aber die Bitte, mir einen Suchmodus zu �berlegen, hatte mich kalt erwischt. Am Ende entschied ich mich f�r eine groteske Kompass-Analogie: ein riesiger, tellergro�er Kompass mit einer Nadel, die sich um die eigene Achse drehte. Ein Ende der Nadel leuchtete heller - es musste das <emphasis>Fuaran </emphasis>anzeigen.</p><p>�Lad ihn mit Energie auf�, bat Geser. �Er muss mindestens eine Woche funktionieren� f�r alle F�lle.�Ich lud ihn auf. V�llig ersch�pft, aber zufrieden entspannte ich mich.</p><p>Wir starrten auf den im <emphasis>Zwielicht </emphasis>h�ngenden�Kompass�. Die Nadel wies direkt auf Sebulon.</p><p>�Was soll das, Gorodezki?�, wollte Sebulon wissen. Er stand auf und trat zur Seite. Die Nadel r�hrte sich nicht.</p><p>�Gut�, meinte Geser zufrieden. �Edgar, deine Mitarbeiter sollen reinkommen.�</p><p>Rasch ging Edgar zur T�r, rief sie und kam an den Tisch zur�ck.</p><p>Einer nach dem andern betraten die Inquisitoren das Zimmer. Die Nadel r�hrte sich nicht. Sondern wies ins Leere.</p><p>�Was zu beweisen war�, brachte Edgar beruhigt hervor. �Keiner der hier Anwesenden hat etwas mit dem Diebstahl des Buches zu tun.�</p><p>�Sie zittert�, sagte Sebulon, indem er auf den�Kompass�guckte. �Die Nadel zittert. Aber da wir bei dem Buch keine Beinchen entdecken konnten��</p><p>Er brach in ein unsch�nes, b�ses Gel�chter aus. Er schlug Edgar auf die Schulter. �Was nun, alter Genosse?�, fragte er. �Brauchst du Hilfe bei der Festnahme?�</p><p>Edgar fixierte den�Kompass�ebenfalls aufmerksam. �Wie genau arbeitet das Ger�t, Anton?�, fragte er dann.</p><p>�Ich glaube, nicht sehr genau�, gestand ich. �Schlie�lich war die Spur des Buchs nur sehr schwach. �</p><p>�Die Genauigkeit!�, wiederholte Edgar.</p><p>�Auf hundert Meter genau�, vermutete ich. �Vielleicht auf f�nfzig. Soweit wie ich es verstehe, wird das Signal in gr��erer N�he zu stark, und die Nadel f�ngt dann an, sich nur noch chaotisch um sich selbst zu drehen. Tut mir leid.�</p><p>�Keine Sorge, Anton, du hast alles richtig gemacht�, lobte mich Geser. �Bei einer so schwachen Verbindung h�tte das niemand besser machen k�nnen. Hundert Meter sind hundert Meter� Kannst du die Entfernung zum Ziel bestimmen?�</p><p>�Ann�hernd, anhand der Helligkeit des Leuchtens� Hundertzehn, hundertzwanzig Kilometer.�</p><p>Geser blickte finster drein. �Das Buch ist bereits in Moskau. Wir verschwenden hier unsere Zeit, meine Herren. Edgar!�</p><p>Der Inquisitor steckte die Hand in die Tasche und holte eine gelblich-wei�e Kugel aus Knochen heraus. �u�erlich sah sie wie eine gew�hnliche Billardkugel aus, nur etwas kleiner. Au�erdem �berzogen willk�rlich eingravierte, unverst�ndliche Piktogramme ihre Oberfl�che. Edgar nahm die Kugel in beide H�nde und konzentrierte sich.</p><p>Im n�chsten Moment sp�rte ich, wie sich etwas ver�nderte. Als habe bis eben in der Luft ein mit blo�em Augen nicht zu erkennender, aber dennoch wahrnehmbarer Schleier gehangen - der jetzt verschwand, zusammenschrumpfte, in die beinerne Kugel kroch.</p><p>�Ich habe gar nicht gewusst, das die Inquisition noch minoische Kugeln in ihrem Besitz hat�, bemerkte Geser.</p><p>�Kein Kommentar�, sagte Edgar, zufrieden mit seinem Auftritt, l�chelnd. �Gut, die Barrieren werden aufgel�st. H�ngen Sie ein Portal auf, Gro�e!�</p><p>Nat�rlich. Ein direktes Portal, das vorher�dr�ben�nicht markiert wird, das ist eine Aufgabe f�r Gro�e. Edgar selbst konnte das entweder nicht oder wollte Kraft sparen�</p><p>Geser schielte zu Sebulon hin�ber. �Vertrauen Sie mir noch einmal?�, fragte er.</p><p>Sebulon fuchtelte schweigend mit der Hand - und in der Luft �ffnete sich ein im Dunkel klaffender Spalt. Sebulon trat als Erster hinein, danach, uns mit einem Zeichen auffordernd, ihm zu folgen, Geser. Ich nahm den wertvollen Brief Arinas zusammen mit dem unsichtbaren�Kompass�an mich und folgte Swetlana.</p><p>Obwohl das direkte Portal �u�erlich anders aussah, war im Innern alles wie sonst. Ein milchiger Nebel, der Eindruck, sich schnell fortzubewegen, der vollst�ndige Verlust des Zeitgef�hls. Ich versuchte mich zu konzentrieren - gleich w�rden wir in die N�he des Verbrechers kommen, des M�rders eines Hohen Vampirs. Geser und Sebulon w�rden nat�rlich das Kommando �bernehmen. Swetlana war ihnen, wenn auch nicht an Erfahrung, so doch an Kraft sogar noch �berlegen. Kostja mochte jung sein, war aber bereits ein Hoher. Und dann hatten wir noch Edgar mit seinem Team und den Taschen voller Artefakte aus den Best�nden der Inquisition. Trotzdem konnte ein Kampf lebensgef�hrlich sein.</p><p>Im n�chsten Moment begriff ich allerdings, dass es keinen Kampf geben w�rde. Zumindest nicht gleich.</p><p>Wir standen auf dem Bahnsteig des Kasaner Bahnhofs. Unmittelbar um uns herum g�hnende Leere - die Menschen sp�ren, wenn in ihrer N�he ein Portal ge�ffnet wird, und ziehen sich unwillk�rlich etwas zur�ck. Ansonsten herrschte ein Gedr�nge, wie es selbst in Moskau nur im Sommer und nur auf einem Bahnhof denkbar ist. Die Menschen eilten zur Eisenbahn, stiegen aus Fernz�gen, zogen Gep�ck hinter sich, rauchten im Wartesaal an der Anzeigetafel, bis ihr Zug darauf erschien, tranken Bier oder Limonade, a�en die schrecklichen Bahnhofspiroggen und die nicht weniger suspekten Schawarma. Vermutlich befanden sich im Radius von hundert Metern nicht weniger als zwei-, dreitausend Menschen.</p><p>Ich blickte auf den imagin�ren�Kompass�. Langsam drehte sich die Nadel.</p><p>�Wir sollten umgehend Aschenbr�del anheuern�, sagte Geser, w�hrend er sich umsah. �Wir m�ssen einen Mohnsamen in einem Sack Hirse finden.�</p><p>Einer nach dem andern tauchten die Inquisitoren neben uns auf. Edgars Gesicht, der sich bereits auf einen harten Kampf eingestellt und vorbereitet hatte, spiegelte seine Verwirrung wider.</p><p>�Er versucht, sich zu verstecken�, sagte Sebulon. �Sch�n, soll er��</p><p>Doch auch in seinem Gesicht stand keine besondere Freude geschrieben.</p><p>Unserer Gruppe n�herte sich eine schwer befrachtete Frau mit gestreiften Plastiktaschen auf einem Handwagen. In dem verschwitzten roten Gesicht zeigte sich jene Entschlossenheit, wie sie nur eine russische Frau haben kann, die als so genanntes Shuttle arbeitet, indem sie Sachen aus dem Ausland heranschafft und sie hier verkauft, um ihren nichtsnutzigen Mann sowie drei oder vier Kinder durchzuf�ttern.</p><p>�Der Zug nach Uljanowsk ist noch nicht ausgerufen, oder?�, wollte sie wissen.</p><p>Swetlana schloss kurz die Augen. �In sechs Minuten auf Gleis 1, f�hrt mit drei Minuten Versp�tung ab�, antwortete sie dann.</p><p>�Vielen Dank�, meinte die Frau, die sich �ber die Pr�zision der Auskunft nicht im Mindesten verwunderte. Dann ging sie zu Gleis 1.</p><p>�Das ist sehr freundlich, Swetlana�, murmelte Geser. �Aber welchen Vorschlag hast du, damit wir das Buch finden?�Swetlana breitete nur die Arme aus.</p><p>Das Cafe war so gem�tlich und so sauber, wie ein Bahnhofscafe gem�tlich und sauber sein kann. Vielleicht, weil es etwas komisch lag, im Souterrain, neben den Schlie�f�chern. Hierher kamen kaum Bahnhofspenner, anscheinend hatten die Betreiber des Cafes ihnen das abgew�hnt. Eine �ltere russische Hausfrau stand hinter dem Tresen, aus der K�che brachten einsilbige, freundliche Kaukasier das Essen herbei. Ein komischer Ort.</p><p>Ich holte f�r Sweta und mich trockenen Wein aus einem Dreiliter-Tetrapack. Der zu meinem Erstaunen billig und zu meinem noch gr��eren Erstaunen gut war. Damit kehrte ich zu dem Ecktisch zur�ck, an den wir beide uns gesetzt hatten.</p><p>�Es ist noch immer hier�, sagte Swetlana, indem sie in Richtung Arinas Brief nickte. Die Nadel des�Kompasses�drehte sich langsam.</p><p>�Vielleicht ist das Buch in einem Schlie�fach versteckt�, schlug ich vor.</p><p>Swetlana nippte an ihrem Wein und nickte - entweder meinem Vorschlag zustimmend oder sich mit dem Merlot aus Kras nodar abfindend. �Ist irgendwas nicht in Ordnung?�, fragte ich vorsichtig.</p><p>�Warum der Bahnhof?�, antwortete Swetlana mit einer Gegenfrage.</p><p>�Um zu fliehen. Sich zu verstecken. Der T�ter muss damit gerechnet haben, dass wir ihn verfolgen.�</p><p>�Der Flughafen. Ein Flugzeug. Egal wohin�, entgegnete Swetlana lakonisch, wobei sie ihren Wein in kleinen Schlucken trank. Ich breitete die Arme aus.</p><p>In der Tat, das war seltsam. Ein Anderer - wer auch immer er sein mochte - konnte, nachdem er das <emphasis>Fuaran </emphasis>gestohlen hatte, versuchen unterzutauchen oder zu fliehen. Unser Kandidat w�hlte die zweite Variante. Aber warum mit dem Zug? Im 21. Jahrhundert eine Flucht per Zug? �Vielleicht hat er Angst vorm Fliegen�, mutma�te Swetlana.</p><p>Ich schnaubte nur. Nat�rlich h�tte auch ein Anderer kaum Chancen, einen Flugzeugabsturz zu �berleben. Aber er k�nnte sich drei, vier Stunden vorher die Wahrscheinlichkeitslinien ansehen, kl�ren, ob bei einem Flug eine Katastrophe droht. Dazu ist sogar ein schwacher Anderer in der Lage. Und der M�rder von Viteszlav war nicht schwach.</p><p>�Er muss irgendwohin, wo keine Flugzeuge hinfliegen�, schlug ich vor.</p><p>�Immerhin k�nnte er Moskau erst mit dem Flugzeug verlassen, um seine Verfolger abzusch�tteln.�</p><p>�Nein�, korrigierte ich Swetlana voller Vergn�gen. �Das w�rde ihm nichts bringen. Wir k�nnten seinen Aufenthaltsort ann�hernd bestimmen, w�rden ahnen, in welchem Flugzeug der T�ter sitzt, die Passagiere befragen, die Aufzeichnungen der �berwachungskameras im Flughafen auswerten und seine Identit�t feststellen. Dann w�rde Geser oder Sebulon ein Portal �ffnen� und zwar genau da, wo er hin wollte. Damit h�tte er im Vergleich zur jetzigen Situation nichts gewonnen, wir aber w�rden unseren Feind pers�nlich kennen.�</p><p>Swetlana nickte. Sah auf die Uhr. Sch�ttelte den Kopf. Einen Moment lang schloss sie die Augen und l�chelte gelassen. Mit Nadjuschka war also alles in Ordnung.</p><p>�Warum sollte er �berhaupt fliehen��, meinte Swetlana nachdenklich. �Die Durchf�hrung des Rituals, das im <emphasis>Fuaran </emphasis>beschrieben wird, d�rfte kaum viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Zauberin hat schlie�lich noch eine gro�e Zahl ihrer Dienstboten in Andere verwandelt, als sie angegriffen wurde. F�r den M�rder w�re es viel leichter gewesen, das Buch zu benutzen und ein Gro�er zu werden� der Allergr��te. Dann k�nnte er sich entweder auf einen Kampf mit uns einlassen oder das <emphasis>Fuaran </emphasis>vernichten und untertauchen. Wenn er n�mlich st�rker als wir geworden w�re, k�nnten wir ihn einfach niemals enttarnen.�</p><p>�Vielleicht ist er jetzt bereits st�rker als wir�, bemerkte ich. �Wo Geser schon die Sprache auf die Initiierung von Nadja gebracht hat��</p><p>Swetlana nickte. �Keine sehr verlockende Perspektive. Ob Edgar selbst vielleicht das <emphasis>Fuaran </emphasis>benutzt hat? Und jetzt diese Kom�die aufzieht und so tut, als suche er den T�ter. Sein Verh�ltnis zu Viteszlav war ausgesprochen kompliziert, Edgar ist sehr verschlossen� und jetzt wollte er eben der st�rkste Andere weltweit werden��</p><p>�Wozu brauchte er dann das Buch?�, konterte ich. �Er h�tte es vor Ort lassen k�nnen, und Schluss! Wir h�tten nicht mal mitgekriegt, dass Viteszlav ermordet worden ist. Sondern alles den Verteidigungszaubern zugeschrieben, die der Vampir nicht beachtet hat.�</p><p>�Du bringst mich auf einen Gedanken�, meinte Swetlana. �Der M�rder hat offensichtlich nicht die Kraft gebraucht. Oder nicht nur die Kraft. Er braucht auch das Buch.�</p><p>Pl�tzlich fiel mir Semjon ein. �Es muss jemanden geben, den der M�rder zum Anderen machen will!�, sagte ich. �Er hat gewusst, dass man ihm nicht erlauben w�rde, das Buch zu benutzen. Deshalb hat er Viteszlav umgebracht� Im Moment spielt keine Rolle, wie. Er hat das Ritual vollzogen und ist zu einem sehr starken Anderen geworden. Dann hat er das Buch versteckt� irgendwo hier, auf dem Bahnhof. Und jetzt hofft er, es rauszubringen.�</p><p>Swetlana streckte die Hand nach mir aus, und wir dr�ckten uns �ber den Tisch hinweg triumphierend die H�nde.</p><p>�Nur, wie bringt er es raus?�, hakte Swetlana nach. �Hier und jetzt sind die beiden st�rksten Magier Moskaus vor Ort��</p><p>�Drei�, korrigierte ich sie.</p><p>Swetlana runzelte die Stirn. �Dann sogar vier�, entgegnete sie. �Kostja ist immerhin ein Hoher��</p><p>�Ein Rotzbengel ist er, wenn auch ein Hoher��, murmelte ich. Irgendwie wollte mir nicht in den Kopf, dass der Junge innerhalb weniger Jahre ein Dutzend Menschen umgebracht hatte.</p><p>Noch widerw�rtiger war, dass wir ihm daf�r die Lizenz erteilt hatten.</p><p>Swetlana wusste, woran ich dachte. Sie streichelte meine Hand. �Nimm's nicht so schwer�, sagte sie leise. �Er kann nicht gegen seine Natur handeln. Was h�ttest du tun sollen? Ihn ermorden?�Ich nickte.</p><p>Nat�rlich h�tte ich das niemals fertig gebracht. Aber das wollte ich nicht einmal mir selbst eingestehen.</p><p>Leise ging die T�r auf, und Geser, Sebulon, Edgar und Kostja kamen herein. Und Olga. Angesichts der Tatsache, dass sie alle</p><p>lebhaft miteinander diskutierten, musste Olga schon im Bilde sein.</p><p>�Edgar hat erlaubt, Reserveleute hinzuzuziehen��, sagte Swetlana leise. �Die Sache sieht nicht gut aus.�</p><p>Die Magier kamen an unseren Tisch. Mir fiel auf, wie alle rasch den Blick �ber den�Kompass�gleiten lie�en. Kostja ging zum Tresen und bestellte ein Glas Rotwein. Die Frau dahinter l�chelte ihn an. Ob er seinen vampirischen Charme spielen lie� oder ob er ihr einfach gefiel? Ach, Frau� du solltest diesen Jungen nicht anl�cheln, der sonst was bei dir hervorruft: Mutterinstinkte oder durch und durch weibliche Gef�hle. Denn dieser Junge kann dich so k�ssen, dass dir das L�cheln f�r ewig auf dem Gesicht gefriert�</p><p>�Kostja und die Inquisitoren haben alle Schlie�f�cher durchsucht�, sagte Geser. �Nichts.�</p><p>�Wir haben den ganzen Bahnhof durchgek�mmt�, berichtete Sebulon mit freundlichem Lachen. �Sechs Andere, die ganz klar nichts mit der Sache zu tun haben.�</p><p>�Und ein nicht initiiertes M�dchen��, f�gte Olga hinzu, das L�cheln erwidernd. �Ja, ja, das habe ich bemerkt. Um sie werden wir uns sp�ter noch k�mmern.�</p><p>Sebulon l�chelte noch breiter - ich musste im Cafe des L�chelns gelandet sein. �Tut mir leid, Gro�e, aber um sie k�mmert man sich <emphasis>gerade.�</emphasis></p><p>In einer normalen Situation w�re das Gespr�ch an diesem Punkt erst richtig losgegangen!</p><p>�Es reicht, Ihr Gro�en!�, br�llte Edgar. �Es geht hier nicht um eine potenzielle Andere. Es geht hier um unsere Existenz!�</p><p>�V�llig richtig�, pflichtete ihm Sebulon bei. �Wollen Sie mir nicht helfen, Boris Ignatjewitsch?�</p><p>Geser und er r�ckten einen weiteren Tisch an unseren heran. Kostja schleppte schweigend St�hle herbei, und dann sa�en wir alle beieinander. Eine ganz normale Sache: Menschen fahren in den Urlaub oder gehen auf Gesch�ftsreise, schlagen vorher im Bahnhofscafe die Zeit tot�</p><p>�Entweder ist er nicht hier, oder er kann sich sogar vor uns tarnen�, sagte Swetlana. �So oder so w�rde ich darum bitten, mich zur�ckziehen zu d�rfen. Wenn etwas sein sollte, ruft mich einfach.�</p><p>�Mit deiner Tochter ist alles in Ordnung�, kr�chzte Sebulon. �Da gebe ich dir mein Wort drauf. �</p><p>�Wir k�nnten dich brauchen�, unterst�tzte Geser ihn. Swetlana seufzte.</p><p>�Geser, wirklich, lassen Sie Swetlana gehen�, bat ich. �Ihnen ist doch klar, dass es nicht Kraft ist, die wir jetzt brauchen. �</p><p>�Sondern?�, wollte Geser wissen.</p><p>�Gerissenheit und Geduld. Was das Erste angeht, da sind Sie und Sebulon unschlagbar. Und das Zweite d�rfen Sie von einer besorgten Mutter niemals erwarten.�</p><p>Geser sch�ttelte den Kopf und schielte zu Olga hin�ber. Die kaum merklich nickte.</p><p>�Fahr zu deiner Tochter, Sweta�, sagte Geser. �Du hast Recht. Wenn was ist, ruf ich dich und h�nge dir ein Portal auf.�</p><p>�Dann gehe ich mal�, sagte Swetlana. Kurz beugte sie sich zu mir r�ber, ber�hrte mit den Lippen meine Wange - und l�ste sich in Luft auf. Das Portal war so winzig, dass ich es nicht mal bemerkt hatte.</p><p>Die Menschen im Cafe hatten das Verschwinden Swetlanas �berhaupt nicht mitbekommen. F�r sie waren wir unsichtbar, denn sie wollten uns nicht sehen.</p><p>�Sie ist stark�, sagte Sebulon. Er streckte die Hand aus, nahm sich Kostjas Glas, das der Vampir nicht anger�hrt hatte, und nippte daran. �Du wirst wissen, was du tust, Geser� Was weiter, Herr Inquisitor?�</p><p>�Wir warten�, antwortete Edgar blo�. �Er wird kommen, um das Buch zu holen.�</p><p>�Oder sie�, korrigierte Sebulon ihn. �Oder sie��</p><p>Wir bildeten keinen operativen Stab. Sondern sa�en einfach im Cafe, a�en etwas, tranken etwas. Kostja bestellte Fleisch � la Tatar. Die Tresenfrau wollte sich schon wundern, flitzte aber nur sofort in die K�che. Kurz darauf sprang ein junger Mann heraus und lief los, um Fleisch zu besorgen.</p><p>Geser bestellte H�hnchen nach Kiewer Art. Die �brigen begn�gten sich mit Wein, Bier und Kleinigkeiten wie getrockneten Tintenfischringen und Pistazien.</p><p>Ich sa� da, beobachtete, wie Kostja das fast rohe Fleisch verputzte, und dachte �ber das Verhalten des unbekannten T�ters nach. �Suchen Sie das Motiv!�, hatte Sherlock Holmes uns beigebracht. Wenn wir das Motiv finden, haben wir auch den T�ter. Sein Ziel besteht nicht darin, der allerst�rkste Andere zu werden. Das war er schon oder konnte er jeden Moment werden. Was sonst? Erpressung? Das w�re dumm. Er w�rde nicht beiden Wachen und der Inquisition seinen Willen aufzwingen k�nnen, sondern das gleiche Schicksal nehmen wie Fuaran� Vielleicht wollte der T�ter eine eigene, alternative Organisation von Anderen gr�nden? In Petersburg war in diesem Fr�hling die Organisation der�Wilden Dunklen�zerschlagen worden� Mit gro�er M�he. Das schlechte Beispiel k�nnte Schule gemacht, ansteckend auf jemanden gewirkt haben. Und das Schlimmste: Das konnte sogar ein Lichter sein. Der eine neue Nachtwache gr�nden wollte. Eine Superwache. Um die Dunklen samt und sonders zu vernichten, die Inquisition zu zerschlagen und einen Teil der Lichten auf die eigene Seite zu ziehen�</p><p>Schlecht. Sehr schlecht - falls es stimmen sollte. Die Dunklen w�rden sich nicht ohne Kampf ergeben. In der Welt von heute, die mit Massenvernichtungswaffen, Chemiefabriken und Kernkraftwerken gespickt ist, k�nnte ein Schlag von ihnen die ganze Welt vernichten. Die Zeiten, in denen der St�rkere gesiegt hat, sind vorbei. Vielleicht hatte es sie auch nie gegeben, diese Zeiten��Die Nadel�, sagte Edgar. �Seht doch mal!�</p><p>Mein�Kompass�h�rte auf, sich wie ein Ventilator aufzuf�hren. Die Nadel verlangsamte ihre Drehungen. Erstarrte, zitterte - und drehte sich langsam, um dann eine Richtung anzuzeigen.</p><p>�Yes!�, rief Kostja und stand auf. �Jetzt schnappen wir ihn uns!�</p><p>Den Bruchteil einer Sekunde erkannte ich in ihm wieder den kleinen Vampir, der noch kein Menschenblut gekostet hatte und �berzeugt war: F�r die Kraft muss man niemals irgendwas bezahlen�</p><p>�Dann los, meine Herren.�Edgar sprang auf. Sah auf die Nadel, folgte der Richtung mit dem Blick - und stie� auf die Wand. �Zu den Z�gen�, verk�ndete er voller �berzeugung.</p></section><section><title><p>Drei</p></title><p>Eine typische Bahnhofsszene: �ber die Bahnsteige hastete eine Hand voll Menschen, die versuchten herauszukriegen, von wo ihr Zug abf�hrt - wenn er nicht schon l�ngst abgefahren war. Aus irgendeinem Grund �bernahmen die Rolle der Zusp�tkommenden am h�ufigsten entweder als Shuttles arbeitende Frauen, die mit gestreiften Plastiktaschen beladen waren, oder - das absolute Gegenteil <emphasis>von </emphasis>ihnen - intelligente Menschen, die lediglich einen Aktenkoffer von Samsonite und ein ledernes Handt�schchen bei sich trugen.</p><p>Wir geh�rten zu einer exotischen Unterart der zweiten Kategorie: Gep�ck hatten wir �berhaupt nicht, �u�erlich wirkten wir in erster Linie seltsam, dabei aber respekteinfl��end.</p><p>Auf dem Bahnsteig fing die Nadel wieder an, sich zu drehen: Wir n�herten uns dem Buch.</p><p>�Er versucht abzuhauen�, verk�ndete Sebulon triumphierend. �Also� kl�ren wir als Erstes, welche Z�ge abfahren��</p><p>Der Blick des Dunklen verschleierte sich, als er in die Zukunft sah, um festzustellen, welcher Zug als n�chster abfahren w�rde.</p><p>Ich studierte die Informationstafel, die hinter mir hing. �Jetzt f�hrt der Zug Moskau - Almaty ab. In f�nf Minuten. Von Gleis 2.�</p><p>Sebulon kehrte aus seinen seherischen Gefilden zur�ck. �Ein Zug nach Kasachstan von Gleis 2�, teilte er uns mit. �In f�nf Minuten.�</p><p>Er machte eine sehr zufriedene Miene. Kostja schnaubte kaum h�rbar.</p><p>Geser starrte demonstrativ auf die Tafel. �Ja, du hast Recht, Sebulon��, sagte er. �Der n�chste geht dann erst in einer halben Stunde.�</p><p>�Halten wir den Zug auf und durchk�mmen alle Abteile�, schlug Edgar schnell vor. �Ja?�</p><p>�Sind deine Jungs imstande, den Anderen zu finden?�, fragte Geser. �Wenn er sich maskiert? Wenn er ein Magier au�erhalb jeder Kategorie ist?�</p><p>Von einer Sekunde zur n�chsten fiel Edgar in sich zusammen. Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Siehst du�, meinte Geser nickend. �Das Buch ist im Bahnhof gewesen. Er ist im Bahnhof gewesen. Doch wir haben weder das <emphasis>Fuaran </emphasis>noch den T�ter aufsp�ren k�nnen. Woher nimmst du die Gewissheit, dass es im Zug leichter w�re?�</p><p>�Wenn er im Zug ist, w�re es am einfachsten, den Zug in die Luft zu sprengen�, bemerkte Sebulon. �Dann h�tten unsere Probleme ein Ende.�Stille senke sich herab. Geser sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Mir ist klar, dass das eine unangenehme Entscheidung ist�, meinte Sebulon. �Mir gef�llt sie ja auch nicht. Weshalb sollten wir einfach so Tausende von Menschenleben ausl�schen� Aber haben wir denn eine Wahl? �</p><p>�Was schl�gst du vor, Gro�er?�, fragte Edgar.</p><p>�Wenn��Sebulon betonte dieses Wort ausdr�cklich. �� das <emphasis>Fuaran </emphasis>tats�chlich im Zug ist, m�ssen wir einen Moment abpassen, in dem der Zug durch eine unbewohnte Gegend f�hrt. Die kasachische Steppe b�te sich an. Alles Weitere w�rde dann� entsprechend den Pl�nen ablaufen, die die Inquisition f�r solche F�llen bereith�lt.�Edgar sch�ttelte nerv�s den Kopf. Wie immer, wenn er sich aufregte, schlug ein leichter baltischer Akzent bei ihm durch.</p><p>�Das ist kein guter Plan, Gro�er. Au�erdem kann ich ihn nicht allein bewilligen, den m�sste das Tribunal sanktionieren.�</p><p>Sebulon zuckte mit den Achseln und brachte durch sein ganzes Gebaren zum Ausdruck: Er wollte ja blo� einen Vorschlag machen.</p><p>�Auf alle F�lle m�ssen wir uns �berzeugen, dass das Buch im Zug ist�, meinte Geser. �Ich schlage vor��Er schaute zu mir hin�ber und deutete ein Nicken an. �Ich schlage vor, Anton von der Nachtwache, Konstantin von der Tagwache und jemanden von der Inquisition in den Zug zu setzen. Damit sie ihn �berpr�fen. Eine gro�e Gruppe ist daf�r nicht n�tig. Wir� wir w�rden morgen fr�h dazusto�en. Und dann entscheiden, was wir weiter unternehmen.�</p><p>�Fahr, Kostja�, sagte Sebulon z�rtlich und klopfte dem jungen Vampir auf die Schulter. �Geser hat Recht. Das ist eine gute Gruppe, ihr habt einen langen Weg vor euch, eine interessante Sache - das wird dir gefallen.�Der am�sierte Blick in meine Richtung fiel kaum auf.</p><p>�Das� gibt uns Zeit�, stimmte Edgar dem Vorschlag zu. �Ich werde selbst mitfahren. Und meine Leute nehme ich ebenfalls mit. Alle.�</p><p>�Es bleibt noch eine Minute�, sagte Olga leise. �Wenn ihr das tun wollt, m�sst ihr jetzt los.�</p><p>Edgar winkte seinen Trupp heran, und wir rannten zum Zug. Am ersten Waggon sagte Edgar etwas zum Waggonbetreuer, einem jungen Kasachen mit Schnurrbart. Seine Gesichtsz�ge wurden weich, spiegelten M�digkeit wider - aber auch Fr�hlichkeit. Dann trat der Mann einen Schritt zur Seite, um uns einsteigen zu lassen. Wir zw�ngten uns rein. Ich drehte mich noch einmal um. Sebulon, Geser und Olga standen auf dem Bahnsteig und blickten uns nach. Olga sagte leise etwas.</p><p>�In der jetzigen Situation werde ich die Gesamtleitung �bernehmen�, erkl�rte Edgar. �Gibt es Einw�nde dagegen?�</p><p>Ich schielte zu den sechs Inquisitoren hin�ber, die hinter ihm standen, und schwieg. Kostja konnte sich jedoch nicht beherrschen. �Kommt auf die Befehle an. Ich bin nur der Tagwache zu Gehorsam verpflichtet.�</p><p>�Ich wiederhole noch einmal: Die Operation leite ich�, sagte Edgar kalt. �Wenn Sie nicht einverstanden sind, schlage ich vor, dass Sie abziehen.�</p><p>Kostja schwankte nur eine Sekunde, dann senkte er den Kopf. �Verzeihen Sie, Inquisitor. Das war ein dummer Scherz. Nat�rlich �bernehmen Sie das Kommando. Aber wenn es n�tig sein sollte, w�rde ich mich mit meinem Chef in Verbindung setzen.�</p><p>�Erst wirst du springen, dann die Erlaubnis erbitten.�Edgar machte N�gel mit K�pfen.</p><p>�Gut�, sagte Kostja. �Verzeihen Sie, Inquisitor.�</p><p>Damit war jeder Aufstand im Keim erstickt. Edgar nickte und lehnte sich zur T�r hinaus, um den Waggonbetreuer zu rufen. �Wann fahren wir ab?�</p><p>�Jetzt!�, antwortete der Mann, der Edgar mit der Begeisterung eines treu ergebenen Hundes anschaute. �Jetzt! Wir m�ssen einsteigen! �</p><p>�Dann steig ein.�Edgar gab die T�r frei.</p><p>Der Mann stieg ein, immer noch den Ausdruck freudiger Unterw�rfigkeit im Gesicht. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Um Gleichgewicht ringend, stand der Waggonbetreuer in der offenen T�r. �Wie hei�t du?�, fragte Edgar. �Ashat. Ashat Kurmangalijew.�</p><p>�Schlie� die T�r. Gehe deiner Arbeit entsprechend deinen Anweisungen nach.�Edgar runzelte die Stirn. �Wir sind deine besten Freunde. Wir sind deine G�ste. Du musst uns in diesem Zug unterbringen. Verstanden?�</p><p>Die T�r schlug zu, Ashat schloss sie ab und wandte sich wieder Edgar zu. �Ja. Wir m�ssen zum Zugf�hrer. Ich habe kaum Platz. Nur noch vier freie Pl�tze.�</p><p>�Gehen wir zu deinem Chef�, stimmte Edgar zu. �Anton, was ist mit dem�Kompass�?�</p><p>Ich hob den Brief an und schaute auf den im <emphasis>Zwielicht </emphasis>h�ngenden�Kompass�. Die Nadel drehte sich langsam. �Offensichtlich ist das Buch im Zug.�</p><p>�Um sicher zu sein, werden wir noch ein bisschen warten�, verk�ndete Edgar.</p><p>Doch auch nachdem wir den Bahnhof gut einen Kilometer hinter uns gelassen hatten, drehte die Nadel sich immer noch. Der T�ter, wer immer es auch sein mochte, sa� mit uns im Zug.</p><p>�Er ist im Zug, das Schwein�, sagte Edgar. �Wartet hier auf mich. Ich geh zum Zugf�hrer, wir m�ssen irgendwo unterkommen.�</p><p>Zusammen mit dem zufrieden l�chelnden Ashat ging er den Gang hinunter. Ein zweiter Waggonbetreuer sagte, sobald er seinen Kollegen sah, etwas auf Kasachisch und fuchtelte w�tend mit den Armen. Doch dann fing er Edgars Blick auf und verstummte.</p><p>�Wir k�nnen uns auch gleich ein Schild umh�ngen: <emphasis>Wir sind die Anderen�, </emphasis>bemerkte Kostja. �Was denkt er sich denn? Wenn in dem Zug wirklich ein Hoher Anderer sein sollte, sp�rt er die Magie��</p><p>Kostja hatte Recht. Weitaus kl�ger w�re es, alles mit Geld zu regeln - dessen Magie ist bei Menschen nicht weniger effektiv. Aber Edgar war vermutlich zu konfus�</p><p>�Und du? Sp�rst du die Magie?�, fragte pl�tzlich einer der niedrigeren Inquisitoren.</p><p>Irritiert drehte sich Kostja zu ihm um. Dann sch�ttelte er den Kopf.</p><p>�Auch sonst sp�rt sie niemand. Edgar hat ein Gehorsamsamulett. Es wirkt nur aus der N�he.�</p><p>�Die Tricks der Inquisition��, murmelte Kostja eingeschnappt. �Trotzdem sollten wir besser nicht auffallen, oder, Anton?�Widerwillig nickte ich.</p><p>Zwanzig Minuten sp�ter kam Edgar zur�ck. Auf welche Weise er sich mit dem Zugf�hrer geeinigt hatte - mit Geld oder, was wahrscheinlicher war, unter Zuhilfenahme seines mysteri�sen Gehorsamsamuletts -, fragte ich nicht. In Edgars Gesicht standen Zufriedenheit und Beruhigung geschrieben.</p><p>�Wir teilen uns in zwei Gruppen.�Sofort �bernahm er das Kommando. �Ihr�- er nickte in Richtung der Inquisitoren -�bleibt in diesem Waggon. Ihr bekommt den Raum der Waggonbetreuer und dazu noch das Abteil 1, das sind genau sechs Pl�tze. Ashat wird es euch zeigen� �berhaupt, z�gert nicht, euch an ihn zu wenden, falls etwas sein sollte. Handelt nicht auf eigene Faust, spielt nicht Detektiv. Benehmt euch wie� wie Menschen. Liefert mir alle drei Stunden pers�nlich einen Bericht �ber die Lage� oder wann immer es sonst n�tig ist. Wir sind im Waggon 7.�</p><p>Schweigend folgten die Inquisitoren dem l�chelnden Waggonbetreuer zu ihrem Abteil. Edgar drehte sich zu Kostja und mir um. �Wir sind in Waggon 7, Abteil 4. Das k�nnen wir als unsere zeitweilige Basis betrachten. Gehen wir.�</p><p>�Haben Sie irgendeinen Plan, Chef?�, fragte Kostja in einer Mischung aus Ironie und Aufrichtigkeit.</p><p>Edgar sah ihn kurz an. Offenbar versuchte er, sich dar�ber klar zu werden, was in dieser Frage �berwog, das Interesse oder die Frechheit, auf die er dann nicht antworten m�sste. �Wenn ich einen Plan habe, werdet ihr es erfahren�, sagte er schlie�lich doch. �Alles zu seiner Zeit. Im Moment m�chte ich nur einen Kaffee trinken und zwei, drei Stunden schlafen. In dieser Reihenfolge.�</p><p>Kostja und ich folgten Edgar. Der Vampir grinste. Wohl oder �bel zwinkerte ich ihm daraufhin zu. Letzten Endes verband uns die untergeordnete Stellung ja doch - ungeachtet dessen, was ich �ber Kostja dachte.</p><p>Der Waggon, in dem der Zugf�hrer mitf�hrt, ist der beste im ganzen Zug. Die Klimaanlage f�llt hier nie aus. Es gibt immer hei�es Wasser f�r Tee und beim Waggonbetreuer auch Sud. Au�erdem ist es hier sauber, selbst in den asiatischen Z�gen, die Bettw�sche wird in verschwei�ten P�ckchen ausgegeben und tats�chlich nach jeder Fahrt gewaschen. Beide Toiletten funktionieren, und man kann sie beherzt ohne Gummistiefel betreten.</p><p>Zur Kr�nung des anspruchslosen Gl�cks eines Reisenden liegt der Waggon direkt zwischen Speisewagen und Schlafwagen - falls es den �berhaupt gibt.</p><p>Im Zug Moskau-Almaty gab es einen Schlafwagen. W�hrend wir durch ihn hindurchgingen, betrachteten wir neugierig die Passagiere. Bei den meisten handelte es sich um wichtige, wohlgen�hrte Kasachen. Fast alle trugen ein Aktenk�fferchen in der Hand, von dem sie sich auch nicht trennten, wenn sie mal in den Gang hinaustraten. Einige tranken bereits Tee aus bunten Porzellanschalen, einige breiteten ihren Wurstaufschnitt aus, stellten Flaschen auf und tranchierten gekochtes Huhn. Die meisten standen jedoch noch im Gang, um auf die vorbeiziehenden Moskauer Vororte zu schauen.</p><p>Was sie wohl empfinden m�gen, die B�rger des heute unabh�ngigen Landes, wenn sie auf ihre ehemalige Hauptstadt blicken? Ob ihnen die Unabh�ngigkeit wirklich Genugtuung verschafft? Oder ob sie nicht doch Nostalgie bef�llt?</p><p>Keine Ahnung. Fragen kannst du sie nicht, und selbst wenn du fragst, w�re nicht gesagt, dass du eine ehrliche Antwort bekommst. Und in ihr Bewusstsein eindringen, sie zwingen, die Wahrheit zu sagen, das ist nicht mein Ding.</p><p>Sollen sie sich ruhig freuen und stolz sein - auf ihre Unabh�ngigkeit, ihren eigenen Staat, ihre Korruption. Als man vor kurzem in St. Petersburg das dreihundertj�hrige Bestehen der Stadt gefeiert hat, machte ein Wort die Runde-. �Sollen sie uns doch nach Strich und Faden bestehlen - immerhin sind es unsere Diebe, keine Moskauer.�Warum sollten Kasachen und Usbeken, Ukrainer und Tadschiken nicht dieselben Gef�hle hegen? Wenn schon innerhalb eines Landes ein Graben zwischen den Republiken und St�dten verl�uft, was sollte man dann den Nachbarn aus der einstigen Wohngemeinschaft vorwerfen? Man sondert sich ab, wenn man ein Zimmer mit Fenster zur Ostsee hat, die stolzen Georgier und die Kirgisen mit der einzigen Hochgebirgs-Kriegsflotte der Welt - alle haben mit Freuden abgespalten. Am Ende bleibt dann nur eine gro�e K�che �brig, Russland n�mlich, wo fr�her einmal in einem einzigen imperialen Kessel die verschiedenen V�lker gekocht wurden. Ach ja. Was will man da schon machen. Wir haben zu Hause Gas. - Und ihr, werdet ihr da nicht ganz blass?</p><p>Sollen sie sich doch freuen. Sollen es sich doch alle gut gehen lassen. Sowohl die mit ihrem Jubil�um begl�ckten Petersburger - denn ein solches Fest reicht bekanntlich f�r ein ganzes Jahrhundert - wie auch die Kasachen und Kirgisen, die jetzt erstmals ihren eigenen Staat haben, wobei sie nat�rlich eine Unmenge an Beweisen f�r ihre Staatlichkeit in der Vergangenheit vorgebracht haben. Und auch unsere slawischen Br�der sollen es sich gut gehen lassen, die so unter der Existenz des gro�en Bruders gelitten haben, und nicht zuletzt wir, die Russen, die wir uns mit Feuereifer verachten: die Moskauer die Provinzler und umgekehrt.</p><p>Einen Moment lang empfand ich zu meiner eigenen �berraschung Ekel. Nein, nicht vor den hier mitfahrenden Kasachen oder meinen russischen Mitb�rgern. Vor den Menschen. Vor allen Menschen auf der Welt. Womit besch�ftigen wir von der Nachtwache uns denn? Abgrenzen und sch�tzen? Quatsch! Nicht ein Dunkler, nicht eine Tagwache f�gt den Menschen so viel B�ses zu wie sie sich selbst. Was ist schon ein hungriger Vampir im Vergleich zu einem stinknormalen Verr�ckten, der in Fahrst�hlen kleine M�dchen vergewaltigt und ermordet? Was ist eine mitleidlose Hexe, die gegen Geld Unheil wirkt, im Vergleich mit einem humanen Pr�sidenten, der Langstreckenraketen losschickt - wegen �l? Verflucht seien sie alle�</p><p>Ich blieb vor der Waggont�r stehen, lie� Kostja vorbei. Erstarrte, glotzte auf den vollgerotzten Boden, wo sich bereits das erste Dutzend stinkender Kippen angesammelt hatte. Was war nur mit mir los? Hatte ich diese Gedanken?</p><p>O nein, ich brauchte mir da nichts vorzumachen. Das waren meine, keine fremden. Niemand kroch in meinen Kopf hinein, selbst ein Hoher Anderer h�tte das nicht unbemerkt geschafft. Das war ich. Pur. Ein ehemaliger Mensch. Ein sehr m�der, von allem auf der Welt entt�uschter Lichter.</p><p>In diesen F�llen gehen Andere zur Inquisition. Wenn du den Unterschied zwischen Lichten und Dunklen nicht mehr bestimmen kannst. Wenn die Menschen f�r dich nicht mal mehr eine Hammelherde sind, sondern eine Hand voll Spinnen im Glas. Wenn du nicht mehr daran glaubst, dass alles besser wird, sondern nur noch eins willst: den Status quo erhalten. F�r dich. F�r die wenigen, an denen dir noch liegt.</p><p>�Ich will nicht�, sagte ich, gleichsam als rezitiere ich einen Zauberspruch, als h�be ich einen unsichtbaren Schild gegen meinen Feind - der ich selbst war. �Ich will nicht! Du hast� keine Macht� �ber mich� Anton Gorodezki!�</p><p>Zwei T�ren und vier dicke Scheiben weiter drehte Kostja sich um und sah mich verst�ndnislos an. Hatte er etwas geh�rt? Oder konnte er sich einfach keinen Reim darauf machen, warum ich nicht nachkam?</p><p>Mit einem verkrampften L�cheln �ffnete ich die T�r und ging in den rumpelnden Ziehharmonikadurchgang zwischen den beiden Waggons.</p><p>Der Waggon des Zugf�hrers genoss in der Tat eine Vorzugsstellung. Saubere kleine Teppiche auf dem Fu�boden, ein L�ufer im Gang. Wei�e Vorh�nge vor den Fenstern, weiche Matratzen, die nicht an jenen mit Maiskolben gestopften Sack des Negers Jim denken lie�en.</p><p>�Wer schl�ft unten? Wer oben?�, erkundigte sich Edgar gesch�ftig.</p><p>�Mir ist es egal�, antwortete Kostja.</p><p>�Ich w�rde lieber oben schlafen�, sagte ich.</p><p>�Ich auch�, meinte Edgar. �Dann w�re das klar.�H�flich klopfte jemand an der T�r.</p><p>�Herein!�Der Inquisitor wandte nicht einmal den Kopf um.</p><p>Es war der Zugf�hrer - mit einem Tablett in der Hand, auf dem ein vernickelter Kessel mit hei�em Wasser, eine kleine Kanne mit Teesud, Tassen, Waffelgeb�ck und sogar ein P�ckchen Kondensmilch standen. Ein ernster Mann, kr�ftig, mit einem pr�chtigen Schnurrbart und einer Uniform, die wie angegossen sa�.</p><p>Das Gesicht war jedoch so einf�ltig wie bei einem neugeborenen H�ndchen. �Lassen Sie sich den Tee schmecken, meine lieben G�ste!�</p><p>Alles klar. Die Wirkung des Amuletts. Letzten Endes dr�ckte die Tatsache, dass Edgar ein Dunkler war, seiner Arbeitsweise eben doch einen Stempel auf.</p><p>�Vielen Dank. Informieren Sie uns bitte �ber alle, die in Moskau eingestiegen sind und vor Almaty aussteigen, mein Bester�, bat Edgar, w�hrend er dem Mann das Tablett abnahm. �Vor allem �ber diejenigen, die nicht an ihrem Ziel aussteigen, sondern fr�her.�</p><p>�Wird gemacht, Euer Wohlgeboren�, meinte der Zugf�hrer mit einem Nicken. Kostja kicherte.</p><p>Ich wartete, bis der arme Kerl wieder drau�en war. �Euer Wohlgeboren - was soll das?�, fragte ich dann.</p><p>�Woher soll ich das wissen?�Edgar zuckte mit den Schultern. �Das Amulett zwingt die Menschen zu Gehorsam. Aber es ist einzig und allein ihre Sache, wen sie dann in mir sehen: einen gestrengen Revisor, den hei�geliebten Opa, einen Schauspieler, den sie verehren, oder den Generalissimus Stalin. Der da muss Akunin gelesen haben. Oder sich alte Filme anschauen.�Kostja schnaubte.</p><p>�Das ist nicht lustig�, blaffte Edgar. �Aber auch nicht schrecklich. Es ist die Methode, die die Psyche der Menschen am meisten schont. Die H�lfte der Geschichten, wie jemand den Fernsehmoderator Jakubowitsch im Auto mitnimmt oder Gorbatschow seinen Platz in einer Schlange anbietet, ist solchen Manipulationen zuzuschreiben.�</p><p>�Deswegen lache ich ja gar nicht�, erkl�rte Kostja. �Ich habe Sie mir in der Uniform eines wei�gardistischen Offiziers vorgestellt� Chef. Sie fl��en wirklich Respekt ein.�</p><p>�Lach nur, lach��, sagte Edgar, w�hrend er sich Kaffee einschenkte. �Was macht der�Kompass�?�</p><p>Schweigend legte ich den Brief auf den Tisch. Das <emphasis>ZwielichtBild </emphasis>hing sich in die Luft - ein runder�Kompass�, eine sich langsam drehende Nadel.</p><p>Ich goss mir Tee ein und trank einen Schluck. Der Tee war gut. Mit Liebe gemacht, wie es sich geh�rt, wenn man ihn�Wohlgeboren�serviert.</p><p>�Er ist also im Zug, der Mistkerl��, seufzte Edgar. �Meine Herren, ich werde euch unsere Alternativen nicht vorenthalten. Entweder wir fassen den T�ter oder wir m�ssen den Zug eliminieren. Zusammen mit allen Passagieren.�</p><p>�Wie?�, wollte Kostja sachlich wissen.</p><p>�Es gibt verschiedene Varianten. In der N�he des Zuges k�nnte eine Gasleitung explodieren, ein Jagdflugzeug k�nnte versehentlich eine Rakete abwerfen� im Extremfall wird diese Rakete einen Atomsprengkopf haben.�</p><p>�Edgar!�Alles in mir wollte glauben, dass er blo� in allzu dicken Farben auftrug. �Im Zug sitzen mindestens f�nfhundert Menschen.�</p><p>�Leicht dar�ber�, korrigierte mich der Inquisitor. �Das d�rfen wir nicht tun!�</p><p>�Wir d�rfen das Buch nicht verlieren. Wir d�rfen nicht zulassen, dass ein prinzipienloser Anderer sich eine Garde aufbaut und sich daran macht, die Welt nach seinem Gusto umzubauen. �</p><p>�Aber wir wissen doch gar nicht, was er will!�</p><p>�Wir wissen, dass er ohne zu z�gern einen Inquisitor umgebracht hat. Wir wissen, dass er sehr stark ist und ein uns nicht bekanntes Ziel verfolgt. Was hat er in Zentralasien verloren, Gorodezki?�Ich zuckte mit den Achseln.</p><p>�Dort gibt es eine Reihe von alten Kraftzentren��, murmelte Edgar. �Ein paar spurlos verschwundener Artefakte, einige schlecht zu kontrollierende Gebiete� Was noch? �</p><p>�Eine Milliarde Chinesen�, mischte sich Kostja pl�tzlich ein. Die Dunklen starrten einander an.</p><p>�Du bist ja v�llig verr�ckt geworden��, brachte Edgar unsicher hervor.</p><p>�Eine Milliarde und ein paar Zerquetschte�, pr�zisierte Kostja am�siert. �Was, wenn er vorhat, sich von Kasachstan aus nach China durchzuschlagen? Eine Armee k�nnte er da aufbauen! Eine Milliarde Andere! Dann gibt es noch Indien��</p><p>�Nun krieg dich mal wieder ein�, winkte Edgar ab. �Kein Idiot w�rde so etwas versuchen. Woher will er Kraft sch�pfen, wenn er ein Drittel der Bev�lkerung zu Anderen macht?�</p><p>�Vielleicht ist er ein Idiot?�, gab Kostja nicht nach.</p><p>�Deshalb greifen wir ja auch zu extremen Ma�nahmen�, fuhr Edgar ihn an.</p><p>Was sie sagten, meinten sie ernst. Ohne jeden Zweifel: Sie durften diese manipulierten Waggonbetreuer, dickwangigen Gesch�ftsreisenden und die armen Menschen in den Waggons dritter Klasse ermorden. Was sein muss, muss sein. Ein Landwirt, der das an Maul- und Klauenseuche erkrankte Vieh schlachten muss, leidet schlie�lich auch darunter.</p><p>Irgendwie stand mir der Sinn nicht mehr danach, Tee zu trinken. Ich erhob mich und verlie� das Abteil. Edgar schickte mir einen wissenden, aber keinesfalls mitf�hlenden Blick hinterher.</p><p>Im Waggon war es bereits ruhiger geworden, die Leute bereiteten sich auf die Nacht vor. Einige Abteilt�ren standen zwar noch offen, irgendjemand dr�ckte sich im Gang zwischen zwei Waggons herum und wartete, bis die Toilette frei wurde, irgendwo war zu h�ren, wie Leute anstie�en; die meisten Mitreisenden aber hatte Moskau sehr m�de gemacht.</p><p>Unger�hrt lie� ich mir den Gedanken durch den Kopf gehen, dass nach allen Gesetzen des Melodramas jetzt engelsgleiche Kinderchen mit unschuldigen Gesichtern durch den Gang rennen m�ssten. Damit mir die Perversit�t von Edgars Plan so richtig aufginge�</p><p>Kinder kamen keine vorbei. Stattdessen sp�hte aus einem Abteil ein fetter Kerl in verwaschener Trainingshose und ausgeleiertem Hemd heraus. Das rote, verschwitzte Gesicht war durch den bereits genossenen Alkohol schon aufgedunsen. Der Mann schaute mit tr�bem Blick durch mich hindurch, hickste und zog sich ins Abteil zur�ck.</p><p>Meine H�nde griffen ganz von selbst nach dem MD-Player. Ich st�pselte mir die Kopfh�rer in die Ohren, legte aufs Geratewohl eine Scheibe ein und presste mich ans Fenster. Ich sah nichts, ich h�rte nichts. Und - aber das verstand sich von selbst - ich sagte nichts.</p><p>Eine leise, sanfte Melodie erklang, eine zarte Stimme sang.</p><poem><stanza><v>Du kannst dich nicht mehr in die B�sche schlagen,</v><v>Wenn dich der Schuss aus der Lupara f�llt.</v><v>Es ist f�rwahr das Sch�nste auf der Welt,</v><v>Morphinbefl�gelt allem zu entsagen.</v></stanza></poem><p>Ach ja, von Lass, meinem Bekannten aus dem Assol. Die Scheibe hatte er mir geschenkt. Grinsend stellte ich den Ton lauter. Das war's, was ich jetzt brauchte�</p><poem><stanza><v>Die Seele kehrt zur�ck zu Kindertagen,</v><v>Man schmilzt das Eisen, das das Blut enth�lt,</v><v>Es ist f�rwahr das Sch�nste auf der Welt,</v><v>Morphinbefl�gelt allem zu entsagen.</v></stanza></poem><p>Wow, das ging ab� Oberpunk. Da konnte selbst <emphasis>Schnur </emphasis>mit den �berdrehten Schreih�lsen abstinken�</p><p>Eine Hand schlug mir auf die Schulter.</p><p>�Jeder entspannt auf seine Weise, Edgar�, murmelte ich.</p><p>Jemand pikte mich leicht in die Rippen.</p><p>Ich drehte mich um.</p><p>Und erstarrte.</p><p>Vor mir stand Lass. Zufrieden grienend und im Takt tanzend: Hatte ich die Musik also doch zu laut eingestellt.</p><p>�Ach nee!�, rief er begeistert, sobald ich die Kopfh�rer ausgest�pselt hatte. �Da gehst du so durch den Waggon, nichts B�ses ahnend - und pl�tzlich h�rt da jemand deine Songs! Was machst du denn hier, Anton?�</p><p>�Ich fahr weg��, konnte ich nur herausbringen, w�hrend ich den MD-Player ausschaltete.</p><p>�Wirklich?�, rief Lass begeistert. �Ich w�r im Leben nicht darauf gekommen, dich hier zu treffen! Wohin f�hrst du? �</p><p>�Nach Alma-Ata.�</p><p>�Das hei�t jetzt Almaty!�, dozierte Lass. �Aber gut, setzen wir unser Gespr�ch fort. Warum fliegst du nicht?�</p><p>�Warum fliegst du nicht?�Allm�hlich ging mir auf, dass das Ganze mich an ein Verh�r erinnerte.</p><p>�Ich bin aerophob�, verk�ndete Lass stolz. �Gut, wenn es unbedingt sein muss, hilft mir ein Liter Whisky, an die Aerodynamik zu glauben. Aber das kommt nur �u�erst selten vor, wenn ich nach Japan muss oder in die Staaten�, wo keine Z�ge hinfahren. �</p><p>�Bist du gesch�ftlich unterwegs?�</p><p>�Zum Vergn�gen�, grinste Lass. �In der T�rkei oder auf den Kanaren kann man doch wohl keinen Urlaub machen, oder? Und du? Bist du auf Gesch�ftsreise?�</p><p>�Hm.�Ich nickte. �Ich will in Moskau einen Handel f�r Kumys und Schubat aufziehen. �</p><p>�Was ist denn Schubat?�, wollte Lass wissen.</p><p>�Das ist� Kefir aus Kamelmilch. �</p><p>�Cool�, begeisterte sich Lass. �Bist du allein unterwegs? �</p><p>�Mit Freunden.�</p><p>�Wollen wir zu mir gehen? Mein Abteil ist leer. Schubat habe ich zwar nicht, aber deine Stutenmilch werden wir schon auftreiben.�Eine Falle?</p><p>Ich betrachtete Lass durchs <emphasis>Zwielicht. </emphasis>So aufmerksam wie m�glich. Nicht das kleinste Zeichen eines Anderen.</p><p>Entweder war er ein Mensch - oder ein Anderer von unvorstellbarer Kraft. Imstande, sich in allen Schichten des <emphasis>Zwielichts </emphasis>zu tarnen.</p><p>Sollten wir doch Gl�ck haben? Stand hier, vor mir, der mysteri�se Dieb des <emphasis>Fuaran!</emphasis></p><p>�Gleich. Ich hol nur noch schnell was�, antwortete ich l�chelnd.</p><p>�Aber ich hab doch alles!�, protestierte Lass. �Bring deine Freunde ruhig mit. Ich bin im n�chsten Waggon, Abteil 2.�</p><p>�Sie haben sich schon schlafen gelegt�, tischte ich ihm eine grobe L�ge auf. �Also, es dauert nicht lange��</p><p>Nur gut, dass Lass seitlich von mir stand und nicht sehen konnte, wer im Abteil sa�. Ich �ffnete die T�r nur einen Spalt und schl�pfte hinein. Lass musste denken, hinter der T�r verberge sich eine halb nackte Frau. �Was ist passiert?�Edgar sah mich forschend an.</p><p>�Da ist jemand aus dem Assol�, berichtete ich schnell. �Der Musiker, vielleicht erinnert ihr euch noch an ihn, den wir auch in Verdacht hatten, aber anscheinend ist er kein Anderer� Er hat mich auf ein Gl�schen in sein Abteil eingeladen.�</p><p>Auf Edgars Gesicht zeichnete sich Jagdfieber ab. Kostja sprang sogar auf. �Schnappen wir ihn uns?�, rief er. �Der wird singen��</p><p>�Stopp.�Edgar sch�ttelte den Kopf. ��berst�rzen wir nichts. Das kann alles M�gliche bedeuten. Anton, nimm das.�</p><p>Ich erhielt ein kleines gl�sernes Fl�schchen, das mit einem kupfernen oder einem bronzenen Draht umwickelt war. Es sah furchtbar alt aus. In der Flasche schwappte eine dunkelbraune Fl�ssigkeit. �Was ist das?�</p><p>�Allergew�hnlichster Armagnac, zwanzig Jahre alt. Aber die Flasche hat es in sich. Die kann nur ein Anderer �ffnen.�Edgar grinste. �Im Grunde ist das Firlefanz. Irgendwann vor langer Zeit hat ein Magier all seine Flaschen auf diese Weise verzaubert, damit seine Diener sie ihm nicht stahlen. Wenn dein Bekannter sie �ffnen kann, dann ist er ein Anderer.�</p><p>�Aber ich sp�re keine Magie��, sagte ich, w�hrend ich die Flasche in den H�nden drehte.</p><p>�Darum geht es ja gerade�, meinte Edgar zufrieden. �Es ist ein einfacher und zuverl�ssiger Test.�Ich nickte.</p><p>�Und hier habt ihr noch eine Kleinigkeit, die ihr dazu essen k�nnt.�Edgar holte aus der Innentasche seines Mantels eine dreieckige Stange Toblerone. �Das ist alles, mach dich an die Arbeit. Halt! Welches Abteil? �</p><p>�Der Schlafwagen, Abteil 2.�</p><p>�Wir werden euch im Auge behalten�, versprach Edgar. Er stand auf und schaltete das Licht im Abteil aus. �Kostja, unter die Decke!�, kommandierte er. �Wir schlafen schon!�</p><p>So lagen meine Reisegef�hrten kurz darauf, als ich mit der Flasche und der Schokolade in den Gang hinaustrat, wirklich friedlich unter der Decke.</p><p>Lass schaute �brigens taktvoll an der ge�ffneten T�r vorbei - offenbar hatte er in der Tat seine eigenen Vorstellungen, was das Geschlecht meiner Freunde anging.</p><p>�Kognak?�, fragte Lass, als er die Flasche in meiner Hand sah.</p><p>�Besser. Zwanzig Jahre alter Armagnac.�</p><p>�Der ist nicht von schlechten Eltern�, stimmte Lass mir zu. �Manch andere kennen noch nicht einmal das Wort.�</p><p>�Andere?�, hakte ich nach, w�hrend ich Lass in den Nachbarwaggon folgte.</p><p>�Hm. Irgendwie ernste Menschen, durch deren H�nde Millionen gehen und deren Wissen im Bereich der Trinkkultur sich auf das <emphasis>Wei�e Pferd </emphasis>und <emphasis>Napoleon </emphasis>beschr�nkt. Mich hat der enge Horizont unserer politischen und wirtschaftlichen Elite immer erstaunt. Warum ist bei uns das Symbol f�r Erfolg ein 600er-Mercedes? Du unterh�ltst dich mit einem ernsten, seri�sen Menschen, und pl�tzlich platzt der voller Stolz heraus: �Mein Benz ist Schrott, ich muss jetzt eine Woche lang mit dem 500er fahren!�Und in seinen Augen liegt sowohl die Selbstbeherrschung des Asketen, der sich mit einem 500er begn�gt, wie auch der Stolz des Besitzers eines 6ooer! Fr�her habe ich gedacht, solange die neureichen Russen nicht auf den ihnen angemessenen Bentley oder Jaguar umsteigen, wird es mit diesem Land nicht bergauf gehen. Jetzt sitzen sie in den Schlitten, aber ge�ndert hat sich trotzdem nichts! Die roten Jacketts schimmern immer noch unter den Hemden von Versace durch� �brigens� einen tollen Modemacher haben sie da f�r kultig erkl�rt��</p><p>Ich folgte Lass in ein gem�tliches Abteil des Schlafwagens. Hier gab es nur zwei Betten, einen kleinen Ecktisch, ein darunter verstecktes dreieckiges Waschbecken und einen hochklappbaren Stuhl.</p><p>�Ehrlich gesagt ist es hier kleiner als in einem normalen Abteil�, bemerkte ich.</p><p>�Hm. Daf�r funktioniert die Klimaanlage. Und dann das Waschbecken� eine Vorrichtung, die in vielen Situationen des Lebens gute Dienste leistet��</p><p>Lass zog unter einer Bank seinen Aluminiumkoffer hervor und fing an, darin herumzukramen. Im Handumdrehen stand eine Einliterflasche aus Plastik auf dem Tisch. Ich langte danach, um mir das Etikett anzugucken. Tats�chlich: Kumys.</p><p>�Hast du gedacht, ich mach Spa�?�, grinste mein�Nachbar�. �Das ist ein sehr gesundes Getr�nk. Damit willst du handeln? �</p><p>�Ja, genau damit�, brummte ich.</p><p>�Daraus wird nichts, das Zeug ist kirgisisch. Du solltest sowieso besser nach Ufa fahren. Das ist n�her, und du hast keine Probleme mit dem Zoll. Die machen Kumys und Busa. Hast du schon mal Busa probiert? Das ist eine Mischung aus Kumys und Haferschleim. Absolut widerlich! Macht dich aber schlagartig n�chtern!�</p><p>Auf dem Tisch waren in der Zwischenzeit eine Wurst, Karbonade, ein angeschnittenes Brot, eine Literflasche franz�sischer Kognak der Marke Polignac, die ich nicht kannte, und eine Flasche franz�sisches Evian-Wasser erschienen.</p><p>Ich schluckte und erg�nzte das kulinarische Angebot um meine bescheidene Gabe. �Lass uns als Erstes den Armagnac probieren�, schlug ich vor.</p><p>�Gut�, meinte Lass, w�hrend er Plastikbecher f�r Wasser und zwei kleine Becher aus Neusilber f�r den Kognak hinstellte. ��ffne du.�</p><p>�Deinen Armagnac musst du schon selbst aufmachen�, parierte Lass m�helos. Stimmt schon, irgendwie klang da was faul!</p><p>�Mach du das lieber!�, verlangte ich ganz direkt. �Bei mir kriegen nie alle gleich viel.�</p><p>Lass guckte mich an, als sei ich ein Idiot. �Du nimmst das Ganze aber ernst�, konstatierte er. �Genehmigst dir wohl oft ein Gl�schen mit Freunden?�</p><p>Trotzdem nahm er die Flasche an sich und machte sich daran, den Verschluss aufzudrehen. Ich wartete.</p><p>Lass keuchte und verzog das Gesicht. H�rte auf, an dem Verschluss zu drehen, um ihn stattdessen sorgf�ltig zu inspizieren. �Er muss eingetrocknet sein��, murmelte er. Von wegen ein maskierter Anderer!</p><p>�Gib mal her�, sagte ich.</p><p>�Nein, jetzt warte�, emp�rte sich Lass. �Was ist das? Erh�hter Zuckergehalt? Gleich��</p><p>Er packte den Saum seines T-Shirts, wickelte ihn um den Verschluss und drehte so heftig daran, dass seine Adern hervortraten. �Er kommt!�, rief er hitzig. �Er kommt!�Etwas splitterte. �Er kommt��, wiederholte Lass unsicher. �Oh��</p><p>Bedripst streckte er mir die H�nde hin. In der einen hielt er die gl�serne Flasche, in der andern den Verschluss - der fest in dem abgebrochenen Hals steckte. �Tut mir leid� so ein Mist��</p><p>Doch schon im n�chsten Moment flackerte in Lass' Blick so etwas wie Stolz auf. �Mann, hab ich Kr�fte! Niemals h�tte ich gedacht��</p><p>Ich schwieg, w�hrend ich mir Edgars Gesicht vorstellte, der seinen kostbaren Artefakt eingeb��t hatte.</p><p>�War das eine wertvolle Flasche?�, fragte Lass schuldbewusst. �Antiquarisch oder so?�</p><p>�Ouatsch�, murmelte ich. �Um den Armagnac tut es mir leid. Da ist jetzt Glas drin.�</p><p>�Das macht nichts�, versicherte Lass munter. Er stellte die l�dierte Flasche auf dem Tisch ab und kramte abermals in seinem Koffer herum. Schlie�lich bef�rderte er ein Taschentuch zu Tage und riss theatralisch das Etikett ab. �Das ist sauber. Nicht einmal gewaschen. Und kein chinesisches, sondern ein tschechisches, sodass wir keine Lungenentz�ndung bef�rchten m�ssen!�</p><p>Er faltete das Taschentuch zweimal, legte es �ber die Flaschen�ffnung und goss den Armagnac unger�hrt in die Becher. Dann hob er seinen. �Auf die Reise! �</p><p>�Auf die Reise!�, wiederholte ich.</p><p>Der Armagnac war mild, aromatisch und leicht s��, fast wie warmer Traubensaft. Er trank sich gut, lie� nicht mal den Gedanken aufkommen, man m�sse etwas dazu essen - und explodierte bereits irgendwo tief in meinem Innern, so human und pr�zise, dass jede amerikanische Rakete vor Neid erblassen k�nnte.</p><p>�Ein ausgezeichnetes Tr�pfchen�, lobte Lass und atmete tief aus. �Aber wie ich schon gesagt habe, ein zu hoher Zuckergehalt! Mir schmeckt armenischer Kognak gerade deshalb besser, weil er ein Minimum an Zucker enth�lt, daf�r aber das ganze Aromaspektrum bewahrt� Lass uns noch einen trinken.�</p><p>Die zweite Runde kam in die Becher. Lass guckte mich herausfordernd an. �Auf die Gesundheit?�, schlug ich unsicher vor.</p><p>�Auf die Gesundheit�, stimmte Lass zu. Er trank aus und schn�ffelte an dem Taschentuch. Dann schaute er zum Fenster hinaus und zuckte zusammen. �Mannomann� das Zeug haut dich um. �</p><p>�Was ist?�</p><p>�Du wirst denken, ich spinne, aber ich glaube, neben dem Waggon fliegt eine Fledermaus!�, rief Lass aus. �Eine riesige, so gro� wie ein Sch�ferhund. Br, rr, rr��</p><p>Ich nahm mir vor, mit Kostja mal ein paar freundliche Takte zu reden. �Das ist keine Fledermaus�, versuchte ich das Ganze als Scherz abzutun. �Sondern vermutlich ein Eichh�rnchen.�</p><p>�Ein fliegendes Eichh�rnchen�, grummelte Lass. �Ja, ja, keiner entkommt seinem Schicksal� Nein, das ist eine riesige Fledermaus, Ehrenwort!�</p><p>�Die ist blo� ziemlich dicht an die Scheibe herangeflogen�, vermutete ich. �Da du nur kurz hingeschaut hast, konntest du die Entfernung nicht richtig einsch�tzen, und da ist dir das Tier viel gr��er vorgekommen, als es eigentlich ist.�</p><p>�Hm, kann schon sein��, meinte Lass nachdenklich. �Und was macht sie hier? Warum fliegt sie neben dem Zug her?�</p><p>�Daf�r gibt es eine ganz einfache Erkl�rung�, sagte ich, griff mir die Flasche und schenkte die dritte Runde aus. �Eine Lok, die sich mit hoher Geschwindigkeit vorw�rts bewegt, schafft vor sich eine Art Luftschild. Dieser Schild schl�gt M�cken, Schmetterlinge und alles m�gliche fliegende Getier k. o. und st��t es in die Luftstrudel hinein, die auf allen Seiten um den Zug herumwirbeln. Daher lieben Flederm�use es, nachts neben einem fahrenden Zug herzufliegen und die ausgeschalteten M�cken zu fressen.�</p><p>Lass dachte dar�ber nach. �Und warum fliegen dann tags�ber nicht V�gel neben den Z�gen her?�</p><p>�Das ist genauso einfach!�Ich hielt ihm den Becher hin. �V�gel sind viel d�mmere Gesch�pfe als S�ugetiere. Daher haben Flederm�use bereits mitgekriegt, wie sie einen Zug zur Nahrungsbeschaffung ausnutzen k�nnen, und V�gel eben noch nicht! In hundert, zweihundert Jahren wird auch zu den V�geln vorgedrungen sein, wie sie von Z�gen profitieren k�nnen.�</p><p>�Und warum bin ich nicht selbst dahintergekommen?�, wunderte sich Lass. �Das ist in der Tat h�chst simpel! Also dann� auf einen guten Gedanken!�Wir tranken auf ex.</p><p>�Tiere sind eine erstaunliche Sache�, sagte Lass tiefsinnig. �Viel kl�ger, als Darwin es darstellt. Bei mir lebte mal��</p><p>Was mal bei ihm gelebt hatte, ein Hund, eine Katze, ein Hamster oder ein Aquariumsfisch, bekam ich nicht mehr zu h�ren. Lass schaute erneut aus dem Fenster und wurde ganz gr�n im Gesicht.</p><p>�Da ist wieder� diese Fledermaus! �</p><p>�Sie f�ngt Fliegen�, erinnerte ich ihn.</p><p>�Aber was f�r Fliegen! Sie fliegt hinter dem Zug her wie auf Befehl! Ich sage dir, gro� wie ein ausgewachsener Sch�ferhund!�</p><p>Lass stand auf und zog mit einer energischen Bewegung das Rouleau herunter. �Zum Teufel mit� Ich wei� ja, man soll abends nicht King lesen� Das nenn ich Fledermaus! Der reinste Pterodaktylus! Die f�ngt Eulen und Uhus, aber keine M�cken!�</p><p>Kostja ist doch ein Monster! Freilich, ein Vampir in Tiergestalt ist ebenso wie ein Werwolf ein Schwachkopf, der sich nicht mehr unter Kontrolle hat. Vermutlich gefiel es ihm, so um den n�chtlichen Zug herumzufliegen, durch die Fenster zu sp�hen und auf Lichtmasten Pause zu machen. Aber die grundlegenden Vorsichtsma�regeln durfte er dabei doch nicht einfach au�er Acht lassen!</p><p>�Das sind Mutationen�, hatte Lass inzwischen befunden. �Strahlenbelastung, Risse im Reaktor, elektromagnetische Wellen, Funktelefone� Und wir lachen die ganze Zeit dar�ber, sagen, das ist Science Fiction� Dann noch die st�ndigen L�gen in den Boulevardbl�ttern. Wenn ich das jemandem erz�hlen w�rde, w�rde der doch denken, ich sei entweder besoffen oder l�ge wie gedruckt!�</p><p>Entschlossen �ffnete er seinen Kognak. �Glaubst du eigentlich an Mystik?�, fragte er.</p><p>�Das tu ich�, antwortete ich w�rdevoll.</p><p>�Ich auch�, gab Lass zu. �Jetzt. Fr�her nicht���ngstlich schaute er zu dem verhangenen Fenster hin�ber. �Du lebst so vor dich hin, dann triffst du irgendwo im Moor von Pskow einen lebenden Yeti und drehst v�llig durch! Oder du siehst eine meterlange Ratte. Oder��Er wedelte mit der Hand und goss Kognak in unsere Becher. �Vielleicht leben ja wirklich in deiner Nachbarschaft Hexen, Vampire oder Tiermenschen? Schlie�lich gibt es keine zuverl�ssigere Tarnung, als das eigene Erscheinungsbild in die Popul�rkultur einzuschleusen. Eine Beschreibung in einem belletristischen Werk, eine Darstellung im Film - und schon h�rst du auf, schrecklich und geheimnisvoll zu sein. Echter Horror braucht die m�ndliche Rede, braucht einen alten Opa, der vor seinem H�uschen hockt und mit Angst einfl��ender Stimme anf�ngt: �Und dann hat der Herr sich ihm gezeigt und gesagt: Ich lass dich nicht laufen, ich fessel dich, ich schn�r dich zusammen, du wirst im Windbruch verfaulen!�So ist dann auch die echte Angst vor anormalen Erscheinungen entstanden! Kinder sp�ren das �brigens, deshalb erz�hlen sie auch so gern Geschichten wie die von der Schwarzen Hand und dem Sarg auf R�dern. Die moderne Literatur und vor allem das Kino h�hlen diesen instinktiven Horror aus. Wie soll man vor Dracula Angst haben, wenn er schon hundert Mal get�tet worden ist? Wie soll man sich vor Au�erirdischen f�rchten, wenn unsere Leute sie immer in Staub verwandeln? Nein, Hollywood - das ist der gro�e Bet�uber der menschlichen Wachsamkeit! Trinken wir auf den Tod von Hollywood, das uns die gesunde Angst vor dem Unbekannten nimmt!�</p><p>�Darauf immer!�, sagte ich begeistert. �Was treibt dich eigentlich wirklich nach Kasachstan, Lass? Da kann man doch nicht etwa tats�chlich gut Urlaub machen?�</p><p>Lass zuckte mit den Schultern. �Ich wei� es selbst nicht�, antwortete er. �Pl�tzlich wollte ich was Exotisches, Kumys im Melkeimer, Kamelreiten, Hammelk�mpfe, Hammeleintopf aus einem Kupfernapf, Sch�nheiten mit ungew�hnlichen Gesichtsz�gen, baumartige Haschpflanzen in den st�dtischen Gr�nanlagen��</p><p>�Was?�, fragte ich begriffsstutzig. �Was f�r Hasch?�</p><p>�Baumartiger. Hasch ist eigentlich ein Baum, nur dass niemand ihn so hoch wachsen l�sst�, erkl�rte Lass mit einem ebenso ernsten Gesicht, wie ich es bei meiner Geschichte �ber Flederm�use und sonstiges fliegendes Getier aufgesetzt hatte. �Mir ist das v�llig egal, ich versau mir mit Tabak die Gesundheit, aber ich will ein bisschen Exotik��</p><p>Er holte eine Packung Belomor heraus und z�ndete sich eine Zigarette an. �Gleich kommt der Waggonbetreuer�, warnte ich.</p><p>�Der kommt nicht, ich habe ein Kondom �ber den Rauchmelder gezogen.�Mit einer Kopfbewegung deutete Lass nach oben. �ber den aus der Wand herauslugenden Melder war tats�chlich ein leicht aufgeblasenes Kondom gest�lpt. Zartrosa, mit Plastiknoppen.</p><p>�Trotzdem glaube ich, dass du dir falsche Vorstellungen von der kasachischen Exotik machst�, sagte ich.</p><p>�Jetzt ist es zu sp�t, um dar�ber nachzudenken, schlie�lich sitz ich ja schon im Zug�, brummte Lass. �Heute Morgen ist es mir so durch den Kopf geschossen, warum ich eigentlich nicht mal nach Kasachstan fahre. Dann habe ich meine Sachen zusammengepackt, meinen Stellvertreter instruiert - und ab in den Zug.�Ich merkte auf.</p><p>�Du bist einfach so los? Bist du immer so spontan?�</p><p>Lass dachte nach. Sch�ttelte den Kopf. �Eigentlich nicht. Aber diesmal hat es mich irgendwie angepikt� Ach, lassen wir das. Genehmigen wir uns lieber noch ein letztes Schl�ckchen��</p><p>W�hrend er eingoss, schaute ich ihn mir abermals durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>an.</p><p>Selbst jetzt, da ich wusste, wonach ich suchte, nahm ich nur mit M�he die Spur wahr - so elegant und leicht war die Ber�hrung des unbekannten Anderen gewesen. Eine Spur, die bereits verlosch, die fast erkaltet war.</p><p>Eine einfache Intervention, zu der selbst der schw�chste Andere in der Lage ist. Aber unglaublich akkurat!</p><p>�Gut�, stimmte ich zu. �Mir fallen die Augen auch schon zu� Aber ich hoffe, wir quatschen noch mal miteinander.�</p><p>In der n�chsten Stunde durfte ich an Schlaf allerdings nicht denken. Mir stand ein Gespr�ch mit Edgar bevor, m�glicherweise auch eins mit Geser.</p></section><section><title><p>Vier</p></title><p>Betr�bt blickte Edgar auf die Scherben der Flasche. Leider eignete sich seine Aufmachung jedoch so gar nicht, schweren Kummer auszudr�cken: weite, fr�hlich bedruckte Unterhosen, ein ausgeleiertes Hemd und ein zwischen Unterhose und Hemd hervorlugendes B�uchlein. Um ihr k�rperliches Erscheinungsbild sorgen sich Inquisitoren nicht sehr, sie vertrauen offenbar ganz auf kraftvolle Magie.</p><p>�Du bist hier nicht in Prag�, versuchte ich ihn zu tr�sten. �Das ist Russland. Wenn sich eine Flasche nicht ergibt, wird ihr hier der Hals umgedreht.�</p><p>�Jetzt muss ich eine Erkl�rung schreiben�, sagte Edgar finster. �Die B�rokraten in Tschechien sind nicht besser als die in Russland. �</p><p>�Daf�r wissen wir jetzt aber, dass Lass kein Anderer ist.�</p><p>�Nichts wissen wir�, brummte der Inquisitor m�rrisch. �Ein positives Resultat w�re eindeutig gewesen. So ist es ein negatives� nun, es k�nnte schlie�lich sein, dass er als sehr starker Anderer die Falle gesp�rt hat. Und sich dann einen Scherz erlaubt hat� zumindest was er daf�r h�lt.�</p><p>Ich h�llte mich in Schweigen. Diese M�glichkeit durften wir in der Tat nicht au�er Acht lassen.</p><p>�Er wirkt nicht wie ein Anderer�, bemerkte Kostja leise. Er sa� blo� in Unterhose im Bett, schwei�gebadet und schwer atmend.</p><p>Offenbar hatte er zu lange im K�rper einer Fledermaus Unfug getrieben. �Ich habe ihn im Assol �berpr�ft. Mit allen Mitteln. Und jetzt auch� Er wirkt nicht wie ein Anderer.�</p><p>�Wir beiden haben auch noch ein W�rtchen miteinander zu reden�, fuhr ihn Edgar an. �Warum bist du direkt vor seinem Fenster herumgeflattert? �</p><p>�Ich habe ihn beobachtet.�</p><p>�H�ttest du nicht an die Decke fliegen und dich kopf�ber da hinh�ngen k�nnen?�</p><p>�Bei einer Geschwindigkeit von hundert Stundenkilometern? Ich bin zwar ein Anderer, aber die Gesetze der Physik kann ich nicht �ndern. Es h�tte mich fortgerissen!�</p><p>�Aber die Physik hindert dich nicht daran, mit einer Geschwindigkeit von hundert Stundenkilometern zu fliegen? Du kannst dich halt blo� nicht auf das Dach des Zuges setzen, ja?�</p><p>Kostja zog die Brauen zusammen und h�llte sich in Schweigen. Er langte nach seinem Jackett und bef�rderte eine kleine Flasche zu Tage. Und trank einen Schluck, irgendein dickes dunkelrotes, fast schwarzes Zeug.</p><p>Edgar runzelte die Stirn. �Was ist? Brauchst du bald was� zu essen?�</p><p>�Wenn ich mich nicht mehr transformieren muss, erst morgen Abend.�Kostja sch�ttelte die Flasche. Etwas gluckerte tr�ge. �Zum Fr�hst�ck reicht es noch.�</p><p>�Ich k�nnte� angesichts der besonderen Umst�nde��Edgar schielte zu mir her�ber. �� dir eine Lizenz geben.�</p><p>�Nein�, sagte ich schnell. �Das w�rde den derzeitigen Status quo zerst�ren.�</p><p>�Konstantin steht jetzt in Diensten der Inquisition�, erinnerte mich Edgar. �Die Lichten werden entsprechend Kompensation erhalten. �</p><p>�Nein�, wiederholte ich.</p><p>�Er braucht Nahrung. Und die Menschen in diesem Zug sind vermutlich eh alle verdammt. Alle, bis auf den letzten.�Kostja schwieg. Sah mich an. Ohne zu l�cheln, v�llig ernst�</p><p>�Dann verlasse ich den Zug�, sagte ich. �Dann k�nnt ihr machen, was ihr wollt.�</p><p>�Jetzt spricht die Nachtwache aus dir�, brachte Kostja leise heraus. �Du w�schst deine H�nde in Unschuld, nicht wahr? Das macht ihr ja immer. Ihr selbst weist uns die Menschen zu - um dann abf�llig das Gesicht zu verziehen.�</p><p>�Ruhe jetzt!�, br�llte Edgar, indem er sich erhob und sich zwischen uns stellte. �Und zwar alle beide! Wenn ihr euch streiten wollt, verschiebt das auf sp�ter! Kostja, brauchst du eine Lizenz? Oder kannst du noch durchhalten?�</p><p>�Ich brauche keine Lizenz�, antwortete Kostja kopfsch�ttelnd. �In Tambow machen wir Halt, da verschwinde ich kurz und fang mir ein paar Katzen.�</p><p>�Warum gerade Katzen?�, wollte Edgar wissen. �Warum nicht� �h� beispielsweise Hunde?�</p><p>�Es w�rde mir leid tun, einen Hund zu t�ten�, erkl�rte Kostja. �Bei Katzen ist es eigentlich genauso� aber wo kriege ich denn in Tambow eine Kuh oder ein Schaf her? Und auf den kleinen Bahnh�fen h�lt der Zug nicht lange.�</p><p>�Du bekommst in Tambow einen Hammel�, versprach Edgar. �Wir brauchen� der Mythenbildung keine neue Nahrung zu geben. So hat schlie�lich einmal alles angefangen: Jemand findet eine blutlose Tierleiche, schreibt einen Artikel f�r ein Boulevardblatt��</p><p>Er holte sein Handy heraus und w�hlte eine eingespeicherte Nummer. Er musste lange warten, bis der friedlich schlafende Mensch endlich ranging.</p><p>�Dmitri? Spar dir das Gejammer, zum Schlafen ist jetzt keine Zeit, die Heimat ruft��Er schielte zu uns her�ber. �Einen ganz herzlichen und hochoffiziellen Gru� von Solomon�, sagte Edgar dann betont.</p><p>Eine Zeit lang schwieg Edgar, entweder um dem Menschen Zeit zu lassen, zu sich zu kommen, oder um sich die Antwort anzuh�ren.</p><p>�Ja. Edgar. Erinnerst du dich noch? Genau der�, sagte Edgar. �Wir haben dich nicht vergessen. Und jetzt br�uchten wir deine Hilfe. In vier Stunden macht in Tambow der Zug MoskauAlmaty Halt. Wir brauchen einen Hammel. Was?�</p><p>Eine Sekunde lang hielt Edgar das Handy vom Ohr weg und legte die Hand dar�ber. �Was f�r Esel, diese angeheuerten Leute!�, emp�rte sich Edgar.</p><p>�Einen Esel w�rde ich auch nehmen�, feixte Kostja.</p><p>Dann sprach Edgar wieder ins Handy. �Nein, nicht du. Ja, ein Hammel. Ein Tier. Oder ein Schaf. Oder eine Kuh. Das ist mir egal. In vier Stunden wartest du mit dem Tier in der N�he des Bahnhofs. Nein, ein Hund geht nicht! Weil es eben nicht geht! Nein, niemand wird ihn essen. Das Fleisch und das Fell kannst du mitnehmen. Das war's, ich melde mich wieder, kurz bevor wir ankommen.�</p><p>Damit beendete Edgar das Gespr�ch. �In Tambow m�ssen wir mit einem sehr bescheidenen� Kontingent zurechtkommen�, erkl�rte er. �Momentan gibt es dort keine Anderen, nur Menschen, die wir angeheuert haben.�</p><p>�Oh, oh�, konnte ich nur sagen. In den Wachen haben noch nie Menschen gearbeitet.</p><p>�Manchmal kommt man da nicht drum herum�, meinte Edgar nebul�s. �Aber keine Sorge, er wird das schon schaffen. Schlie�lich wird er daf�r bezahlt. Du kriegst deinen Hammel, Kostja.�</p><p>�Danke�, erwiderte Kostja friedlich. �Ein Schaf w�re nat�rlich besser gewesen. Aber ein Hammel tut's auch.�</p><p>�Habt ihr die kulinarische Diskussion jetzt beendet?�, konnte ich mir nicht verkneifen. �Unsere Kampff�higkeit ist ebenfalls ein wichtiger Faktor��, brachte Edgar mit Nachdruck hervor. �Du bleibst also dabei, dass bei diesem� Lass� eine magische Intervention vorgenommen worden ist?�</p><p>�Ja. Heute Morgen. Ihm ist der Wunsch eingegeben worden, mit dem Zug nach Alma-Ata zu fahren.�</p><p>�Sinnvoll w�re das schon�, meinte Edgar. �Wenn du die Spur nicht entdeckt h�ttest, h�tten wir ihn vermutlich f�r unseren Mann gehalten. Und h�tten jede Menge Kraft und Zeit mit ihm vergeudet. Aber das hei�t��</p><p>�Dass der T�ter mit den F�llen der Wachen aufs Beste vertraut ist�, meinte ich nickend. �Er wei� �ber die Ermittlungen im Assol Bescheid, wei�, wen wir in Verdacht hatten. Das hei�t��</p><p>�Jemand von ganz oben�, pflichtete mir Edgar bei. �F�nf, sechs Andere aus der Nachtwache, genauso viele aus der Tagwache. Sagen wir mal insgesamt zwei Dutzend� Das sind immer noch sehr, sehr wenige. �</p><p>�Oder jemand von der Inquisition�, gab Kostja zu bedenken.</p><p>�Nun mach mal halb lang! Und nenn mir einen Namen, Freundchen! Einen Namen!�Edgar grinste. �Wer?�</p><p>�Viteszlav.�Kostja schwieg kurz und f�gte dann hinzu: �Zum Beispiel.�</p><p>Ein paar Sekunden lang glaubte ich, der normalerweise so unersch�tterliche Dunkle Magier w�rde aufs �belste losschimpfen. Obendrein mit baltischem Akzent. Doch Edgar riss sich zusammen. �Nach deiner Transformation musst du doch sehr m�de sein, oder, Konstantin? Vielleicht solltest du dich schlafen legen?�</p><p>�Edgar, ich bin j�nger als du, aber wir beide, du und ich, sind die reinsten Wickelkinder im Vergleich zu Viteszlav�, erwiderte Kostja gelassen. �Was haben wir denn gesehen? Einen Anzug voller Asche. Haben wir die Asche pers�nlich �berpr�ft?�Edgar h�llte sich in Schweigen.</p><p>�Ich bin nicht sicher, dass man die �berreste eines Vampirs bestimmen kann��, warf ich ein.</p><p>�Weshalb sollte Viteszlav��, setzte Edgar an.</p><p>�Macht�, sagte Kostja lakonisch.</p><p>�Was hat Macht damit zu tun? Wenn er das Buch h�tte stehlen wollen, warum hat er dann seinen Fund erst bekannt gegeben? Er h�tte es klammheimlich an sich nehmen und verschwinden k�nnen. Als er es gefunden hat, war er allein! Verstehst du? Allein!�</p><p>�Vielleicht hat er nicht gleich begriffen, was er da gefunden hatte�, parierte Kostja. �Oder sich nicht sofort zu dem Verbrechen durchgerungen. Aber den eigenen Tod zu inszenieren und mit dem Buch unterzutauchen, w�hrend wir seinen M�rder jagen, ist ein brillanter Schachzug!�</p><p>Edgars Atem beschleunigte sich. �Gut�, meinte er. �Ich werde darum bitten, das man dem nachgeht. Ich setze mich gleich mit� mit den Hohen in Moskau zusammen und bitte sie, die Asche zu �berpr�fen.�</p><p>�Vorsichtshalber solltest du auch Geser und Sebulon bitten, die �berreste zu pr�fen�, riet Kostja. �Wir k�nnen nicht sicher sein, dass die beiden nichts mit der Sache zu tun haben.�</p><p>�Bring einer Henne nicht das Eierlegen bei��, brummte Edgar. Er setzte sich bequemer hin - und klinkte sich aus dem Geschehen aus.</p><p>O ja, Geser und Sebulon d�rften diese Nacht auch kein Auge zutun.</p><p>Ich g�hnte. �Meine Herren, machen Sie, was Sie wollen, aber ich leg mich jetzt schlafen�, verk�ndete ich.</p><p>Edgar antwortete nicht, da er gerade telepathisch mit einem der Gro�en kommunizierte. Kostja nickte und verschwand ebenfalls unter der Bettdecke.</p><p>Ich kletterte zur oberen Liege, zog mich aus und stopfte Jeans und Hemd in das Fach �ber dem Bett. Dann nahm ich die Uhr ab und legte sie neben mich, denn ich schlafe nicht gern mit dem Ding. Unter mir kippte Kostja den Schalter vom Nachtlicht um - es wurde dunkel.</p><p>Edgar sa� reglos da. Die R�der ratterten gem�tlich. In Amerika sollen in die langen, in einem St�ck gegossenen Schienen angeblich spezielle Rillen eingelassen sein, um das Rattern zu imitieren und dieses gem�tliche Geklopfe der R�der zu erzeugen� Ich konnte nicht einschlafen.</p><p>Jemand hatte einen Hohen Vampir ermordet. Oder dieser Vampir hatte seinen Tod selbst inszeniert. Das spielte keine Rolle. In beiden F�llen verf�gte da jemand �ber unvorstellbare Kraft.</p><p>Warum hatte er fliehen m�ssen? Sich in einem Zug verstecken - und dabei das Risiko eingehen, dass der ganze Zug gesprengt oder beispielsweise von Hunderten von Hohen umstellt wird, die jeden Einzelnen �berpr�fen? Das ist dumm, unn�tig und riskant. Wenn du erst mal der st�rkste Andere geworden bist, f�llt dir die Macht fr�her oder sp�ter sowieso zu. In hundert Jahren, in zweihundert, wenn alles vergessen ist, was die Hexe Arina und das mythenumwobene Buch angeht. Wenn auch nicht jedem, aber Viteszlav w�re das klar gewesen.</p><p>Das sieht zu sehr� nach einem Menschen aus. Verworren und unlogisch. �berhaupt nicht wie die Tat eines weisen starken Anderen.</p><p>Doch nur ein solcher Anderer konnte Viteszlav ermordet haben. Schon wieder passten nicht alle Teile zusammen�</p><p>Unten r�hrte sich Edgar. Seufzte, raschelte mit der Decke und kletterte ebenfalls auf seine Liege hinauf.</p><p>Ich schloss die Augen und versuchte mich so gut es ging zu entspannen.</p><p>Ich stellte mir vor, wie sich die Gleise hinter dem Zug dahinzogen� von einem gro�en Bahnhof zu einem kleinen, vorbei an St�dten und St�dtchen, bis hin nach Moskau, wo f�cherf�rmig vom Bahnhof Stra�en abgingen, um hinter der Ringautobahn zu einer Berg- und Talbahn zu werden, um sich hundert Kilometer weiter in holprige kleine Wege zu verwandeln, die zu einem gotterb�rmlichen D�rflein f�hrten, zu einem alten Holzhaus�</p><p><emphasis>�Swetlana?�</emphasis></p><p><emphasis>�Ich hab dich schon erwartet, Anton. Was macht ihr?�</emphasis></p><p><emphasis>�Wir sind im Zug. Hier ist was Merkw�rdiges passiert��</emphasis></p><p>Ich versuchte, mich ihr maximal zu �ffnen� na ja, fast maximal. Ich rollte mein Ged�chtnis aus wie eine Stoffbahn auf dem Tisch einer Schneiderin. Der Zug, die Inquisitoren, das Gespr�ch mit Lass, das Gespr�ch mit Edgar und Kostja�</p><p><emphasis>�Komisch�, </emphasis>sagte Swetlana nach einer kurzen Pause. <emphasis>�Sehr komisch. Ich habe den Eindruck, als ob jemand mit euch spielt. Das gef�llt mir nicht, Anton. �</emphasis></p><p><emphasis>�Mir auch nicht. Wie geht es Nadja? �</emphasis></p><p><emphasis>�Sie schl�ft schon lange.�</emphasis></p><p>In einem Gespr�ch wie diesem, das nur Andere verstehen k�nnen, fehlt jede Intonation. Allerdings wird sie durch irgendwas ersetzt. Und ich sp�rte eine leichte Unsicherheit Swetlanas. <emphasis>�Du bist nicht zu Hause, oder? �</emphasis></p><p><emphasis>�Stimmt. Ich bin zu Besuch bei einer alten Frau. �</emphasis></p><p><emphasis>�Swetlana!�</emphasis></p><p><emphasis>�Ich bin wirklich zu Besuch, also mach dir keine Sorgen! Ich wollte mit ihr die ganze Situation durchgehen� und etwas �ber das Buch erfahren.�</emphasis></p><p>Ich h�tte doch gleich wissen m�ssen, dass nicht nur die Sorge um unsere Tochter Swetlana gezwungen hat, uns zu verlassen. <emphasis>�Und was hast du rausbekommen?�</emphasis></p><p><emphasis>�Es war das </emphasis>Fuaran. <emphasis>Ebendas. Das echte. Und� was Gesers Sohn anging, da hatten wir Recht. Unsere Alte war mit sich und der Welt zufrieden� und hat n�tzliche Kontakte wiederhergestellt. �</emphasis></p><p><emphasis>�Und dann hat sie das Buch geopfert?�</emphasis></p><p><emphasis>�Ja. Sie hat es in der hundertprozentigen �berzeugung zur�ckgelassen, dass das Geheimversteck schnell gefunden wird und man dann die Fahndung nach ihr einstellt.�</emphasis></p><p><emphasis>�Und was h�lt sie von dem, was passiert ist?�</emphasis>Angestrengt versuchte ich, Namen zu vermeiden - als ob so ein Gespr�ch abgeh�rt werden k�nnte.</p><p><emphasis>�Ich glaube, sie ist in Panik geraten. Obwohl sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen.�</emphasis></p><p><emphasis>�Swetlana, wie schnell kann das Fuaran einen Menschen in einen Anderen verwandeln?�</emphasis></p><p><emphasis>�Fast sofort. Man braucht etwa zehn Minuten, um alle Zauberspr�che aufzusagen, dann sind noch ein paar Zutaten n�tig� oder genauer gesagt eine - das Blut von zw�lf Menschen. Selbst wenn von jedem nur ein Tropfen gebraucht wird, aber es m�ssen zw�lf verschiedene Menschen sein. �</emphasis></p><p><emphasis>�Weshalb?�</emphasis></p><p><emphasis>�Das musst du Fuaran fragen. Ich bin �berzeugt, dass statt Blut auch jede andere Fl�ssigkeit ginge, aber die Hexe hat den Zauberspruch an Blut gebunden� Also zehn Minuten Vorbereitung, zw�lf Tropfen Blut, und du kannst aus einem Menschen einen Anderen machen. Oder aus einer ganzen Gruppe von Menschen. Hauptsache, sie sind alle in deinem Blickfeld. �</emphasis></p><p><emphasis>�Und wie stark werden sie sein?�</emphasis></p><p><emphasis>�Das variiert. Aber schwache Andere k�nnen mit dem n�chsten Zauberspruch auf eine h�here Stufe gezogen werden. Theoretisch kannst du aus jedem Menschen einen Hohen Magier machen.�</emphasis></p><p>Etwas hatte sie gesagt. Etwas Wichtiges. Nur kriegte ich diesen Faden im Moment noch nicht zu fassen� <emphasis>�Und was f�rchtet� die Alte, Sweta? �</emphasis></p><p><emphasis>�Eine Massenverwandlung der Menschen in Andere. �</emphasis></p><p><emphasis>�Will sie nicht herkommen und ein Gest�ndnis ablegen? �</emphasis></p><p><emphasis>�Nein, sie will die Beine in die Hand nehmen. Und ich verstehe sie.�</emphasis></p><p>Ich seufzte. Arina sollte eigentlich schon zur Verantwortung gezogen werden� wenn die Inquisition sie dann nicht wegen Sabotage anklagen w�rde. Und wieder einmal hatte Geser seine Finger im Spiel�</p><p><emphasis>�Sweta, frage sie doch�frage sie, weshalb der Dieb nach Osten fahren k�nnte? Hat das </emphasis>Fuaran <emphasis>vielleicht mehr Kraft an dem Ort, wo es geschrieben worden ist?�</emphasis></p><p>Pause. Zu dumm, dass das kein Handy war, dass ich mit der Hexe nicht pers�nlich sprechen konnte. Denn ein direktes Gespr�ch ist nur zwischen Anderen m�glich, die sich nahe stehen. Oder zumindest Gleichgesinnte sind.</p><p><emphasis>�Nein� Sie wundert sich sehr dar�ber. Sie sagt, dass es keine Verbindung zwischen dem </emphasis>Fuaran <emphasis>und dieser Gegend gebe. Das Buch w�rde auch im Himalaja funktionieren oder an der Antarktis oder der Elfenbeink�ste.�</emphasis></p><p><emphasis>�Dann� dann frag sie, ob Viteszlav es benutzen k�nnte. Immerhin ist er ein Vampir, ein niederer Anderer��</emphasis>Abermals Pause.</p><p><emphasis>�Er k�nnte. Ob Vampir oder Tiermensch, das spielt keine Rolle. Auch nicht, ob Dunkler oder Lichter. Es gibt keine Einschr�nkungen. Bis auf die, dass Menschen das Buch nicht benutzen k�nnen. �</emphasis></p><p><emphasis>�Das ist klar� Sonst noch was?�</emphasis></p><p><emphasis>�Nein, Anton. Ich hatte gehofft, sie k�nne uns einen Hinweis geben� Aber ich habe mich geirrt. �</emphasis></p><p><emphasis>�Gut. Vielen Dank. Ich liebe dich.�</emphasis></p><p><emphasis>�Ich dich auch. Schlaf gut. Ich bin �berzeugt, dass morgen fr�h alles besser aussieht��</emphasis></p><p>Das d�nne F�dchen, das zwischen uns gespannt gewesen war, riss. Ich zuckte zusammen, dann machte ich es mir gem�tlich. Schlie�lich hielt ich es nicht mehr aus und schaute zum Tisch hinunter.</p><p>Die Nadel des�Kompasses�drehte sich nach wie vor. Das <emphasis>Fuaran </emphasis>war im Zug.</p><p>Nachts wachte ich zwei Mal auf. Einmal, als einer der Inquisitoren zu Edgar kam, um ihm zu berichten, dass sie bestimmte Beweise nicht hatten entdecken k�nnen. Das zweite Mal, als der Zug in Tambow hielt und Kostja sich leise aus dem Abteil schlich.</p><p>Erst nach zehn stand ich auf.</p><p>Edgar trank Tee. Kostja, rosig und frisch, kaute ein Wurstbrot. Die Nadel drehte sich. Alles wie gehabt.</p><p>Ich zog mich gleich im Bett an und sprang nach unten. Zu meinem Bettzeug geh�rte ein winziges St�ck Seife - das war jedoch alles, was mir f�r meine K�rperpflege zur Verf�gung stand.</p><p>�Nimm das�, brummte Kostja und reichte mir eine Plastikt�te. �Ich habe was besorgt� in Tambow��</p><p>In der T�te entdeckte ich ein P�ckchen Einwegrasierklingen und eine kleine Flasche mit Rasiercreme von Gillette, eine Zahnb�rste und Zahncreme der Marke Neue Perle.</p><p>�Eau de Cologne habe ich vergessen�, f�gte Kostja hinzu. �Ich habe nicht daran gedacht.�</p><p>Kein Wunder, dass er es vergessen hatte. Vampire und Tiermenschen haben etwas gegen starke Ger�che. Ob vielleicht auch die Wirkung des Knoblauchs, der im Grunde f�r Vampire absolut unsch�dlich ist, darauf beruht, dass er Vampire daran hindert, ihre Opfer zu wittern? �Danke�, sagte ich.</p><p>�Was kriegst du?�Kostja winkte ab.</p><p>�Ich habe ihm schon Geld gegeben�, teilte Edgar mit. �Du bekommst �brigens auch Tagegeld f�r eine Dienstreise. F�nfzig Dollar pro Tag plus die Summe f�r die Verpflegung, die du mit Quittungen nachweisen kannst.�</p><p>�Die Inquisition lebt nicht schlecht�, stichelte ich. �Gibt es Neuigkeiten?�</p><p>�Geser und Sebulon versuchen, alles �ber die Gebeine von Viteszlav herauszubekommen.�So dr�ckte er sich aus, die Gebeine, feierlich und offiziell. �Es ist schwierig, etwas zu sagen.</p><p>Du wei�t ja: Je �lter ein Vampir, desto weniger bleibt von ihm nach dem Tod �brig��</p><p>Kostja kaute konzentriert sein Brot.</p><p>�Ja�, pflichtete ich ihm bei. �Ich geh mich mal waschen.�</p><p>Im Waggon waren bereits fast alle wach, nur bei ein paar Abteilen, wo es gestern Abend hei� hergegangen war, waren die T�ren noch geschlossen. Nachdem ich in der kurzen Schlange angestanden hatte, zw�ngte ich mich in das Zugklo mit seinem Armeekomfort. Das warme Wasser kam in einem d�nnen Strahl tr�ge aus dem Hahn. Die polierte Stahlfolie, die den Spiegel ersetzte, war seit langem �ber und �ber mit kleinen Spritzern �bers�t. W�hrend ich mir die Z�hne mit der harten Zahnb�rste aus China putzte, lie� ich mir mein n�chtliches Gespr�ch mit Sweta noch einmal durch den Kopf gehen.</p><p>Irgendwas Wichtiges hatte sich zwischen ihren Worten versteckt. Es war da - aber weder Swetlana noch ich verstanden es. Dabei musste ich es verstehen.</p><p>Als ich ins Abteil zur�ckkehrte, war ich der Wahrheit zwar kein St�ck n�her gekommen, hatte aber eine Idee, die mir Erfolg versprechend schien. Meine Reisegef�hrten hatten ihr Fr�hst�ck bereits beendet. Ich schloss die T�r und packte den Stier gleich bei den H�rnern. �Edgar, ich habe eine Idee. Deine Jungs sollen auf einem langen Streckenabschnitt die Waggons abkoppeln. Einen nach dem andern. Einer von ihnen soll den Maschinisten kontrollieren, damit der Zug nicht anh�lt. Wir behalten den�Kompass�im Auge. Sobald der Waggon mit dem Buch abgekoppelt ist, zeigt die Nadel uns das an. �</p><p>�Ja und?�, fragte Edgar desinteressiert.</p><p>�Wir orten das Buch. Mit der Genauigkeit von einem Waggon. Dann k�nnen wir den Waggon umstellen und jeden Fahrgast einzeln mit seinem Gep�ck herauslotsen. Sobald wir den M�rder haben, wird die Nadel uns das zeigen. Das war's! Dann brauchen wir den Zug nicht zu sprengen!�</p><p>�Ich habe auch schon dar�ber nachgedacht�, gab Edgar ungern zu. �Es gibt ein einziges Argument dagegen, das ist jedoch ausschlaggebend. Der T�ter wird merken, was im Gang ist. Und k�nnte als Erster zuschlagen.�</p><p>�Dann kommen eben auch Geser, Sebulon, Swetlana, Olga� haben die Dunklen noch weitere starke Magier?�Ich sah Kostja an.</p><p>�Die werden sich finden�, wich Kostja aus. �Reichen unsere Kr�fte denn? �</p><p>�Gegen einen einzigen Anderen?�</p><p>�Der nicht irgendein Anderer ist�, erinnerte mich Edgar. �Der Legende zufolge haben sich mehrere hundert Magier zusammengefunden, um Fuaran zu t�ten.�</p><p>�Dann werden auch wir unsere Kr�fte zusammenziehen. Die Nachtwache hat fast zweihundert Mitarbeiter, in der Tagwache sind es nicht weniger. Hinzu kommen noch Hunderte von Reservisten. Jede Seite kann mindestens tausend Andere aufstellen.�</p><p>�Die in der Regel schwach sind, sechster, siebter Grad. Die echten Magier, vom dritten Grad an aufw�rts, z�hlen nicht mehr als ein paar Hundert.�Edgar sprach so �berzeugt, dass kein Zweifel aufkommen konnte: Er hatte die Variante eines direkten Kr�ftemessens tats�chlich schon in Gedanken durchgespielt. �Das k�nnte reichen, wenn die Dunklen und die Lichten durch Inquisitoren unterst�tzt werden, die Amulette einsetzen und beide Kr�fte vereinen. Aber es muss nicht reichen. Dann w�rden die st�rksten K�mpfer sterben, und der T�ter h�tte freie Hand. Meinst du nicht, dass er genau darauf hofft?�Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Dar�ber habe ich n�mlich schon nachgedacht�, meinte Edgar mit d�sterer Genugtuung. �Der T�ter kann den Zug als Falle benutzen, in die alle starken Magier Russlands tappen. Er k�nnte den ganzen Zug mit Zaubern beladen haben, die wir nicht sp�ren.�</p><p>�Warum machen wir uns dann �berhaupt noch die M�he?�, fragte ich. �Warum sind wir dann hier? Eine Atombombe - und alle unsere Probleme w�ren gel�st.�</p><p>�Ja�, meinte Edgar nickend. �Wir brauchten eine Atombombe, denn sie geht durch alle Schichten des <emphasis>Zwielichts </emphasis>hindurch. Aber zun�chst m�ssen wir sicherstellen, dass uns das Zielobjekt nicht im letzten Moment entwischt. �</p><p>�Schl�gst du dich jetzt auf Sebulons Seite?�, wollte ich wissen.</p><p>Edgar seufzte. �Ich schlage mich auf die Seite des gesunden Verstandes. Bei einer vollst�ndigen �berpr�fung des Zuges unter Hinzuziehung etlicher Kr�fte droht uns ein magisches Gemetzel. Die Menschen sterben jedoch so oder so. Sprengen wir den Zug - ja, dann w�rden mir die Menschen leid tun. Aber immerhin w�rden wir auf diese Weise weltweite Konflikte vermeiden. �</p><p>�Aber wenn es noch eine Chance gibt��, setzte ich an.</p><p>�Die gibt es�, pflichtete Edgar mir bei. �Deshalb schlage ich vor, unsere Suche fortzusetzen. Kostja und ich schnappen uns meine Jungs als Hilfe und durchk�mmen den Zug - gleichzeitig vom ersten und vom letzten Waggon aus. Wir werden Amulette einsetzen und gegebenenfalls versuchen, den Verd�chtigen durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>zu �berpr�fen. Und du sprich noch mal mit Lass. Schlie�lich geh�rt er immer noch zu unseren Verd�chtigen.�</p><p>Ich zuckte mit den Schultern. All das erinnerte mich blo� schrecklich an die Imitation einer Suche. Im tiefsten Herzen hatte Edgar bereits kapituliert. �Wann ist die Stunde X?�, fragte ich.</p><p>�Morgen Abend�, antwortete Edgar. �Wenn wir durch die menschenleeren Landstriche bei Semipalatinsk kommen. Dort sind sowieso schon Bomben gez�ndet worden� ein taktischer Sprengk�rper mehr richtet dort keinen gro�en Schaden an. �</p><p>�Erfolgreiche Jagd�, sagte ich und ging aus dem Abteil.</p><p>Das war doch Wahnsinn. Das alles war nur eine Zeile in einem Bericht, an dem Edgar innerlich schon schrieb. �Ungeachtet der ergriffenen Ma�nahmen konnten weder der T�ter lokalisiert noch das <emphasis>Fuaran </emphasis>sichergestellt werden��</p><p>Ab und zu hatte ich schon mal dar�ber nachgedacht, ob die Inquisition nicht eine reale Alternative zu den Wachen ist. Womit besch�ftigen wir uns denn schon? Wir grenzen Menschen und Andere voneinander ab. Achten darauf, dass die Menschen durch die Handlungen der Anderen nur minimal betroffen sind. Gewiss, praktisch ist das unm�glich, denn einige Andere sind von Natur aus Parasiten. Und die Widerspr�che zwischen Dunklen und Lichten sind nun mal so, dass Konfrontationen unvermeidlich sind.</p><p>Aber es gibt noch die Inquisition, sie steht �ber den Wachen, sie bewahrt das Gleichgewicht, sie ist die dritte Kraft und die abgrenzende Struktur einer h�heren Ordnung, sie korrigiert die Fehler der Wachen� Und jetzt stellte sich raus: Dem ist nicht so.</p><p>Es gibt keine dritte Kraft. Es gibt sie nicht - und hat sie nie gegeben.</p><p>Die Inquisition ist das Werkzeug, um Dunkle und Lichte voneinander abzugrenzen. Mehr nicht. Sie achtet auf die Einhaltung des Gro�en Vertrages, aber nicht im Interesse der Menschen, sondern ausschlie�lich im Interesse der Anderen. Die Inquisition, das sind die Anderen, die wissen: Wir sind alle Parasiten, ein Lichter Magier ist um keinen Deut besser als ein Vampir.</p><p>Und in der Inquisition zu arbeiten hei�t, sich damit abzufinden. Es hei�t, endg�ltig erwachsen zu werden, den naiven jugendlichen Maximalismus gegen einen gesunden erwachsenen Zynismus einzutauschen. Anzuerkennen, dass es Menschen gibt und dass es Andere gibt - und das die beiden nichts miteinander verbindet.</p><p>Bin ich bereit, das anzuerkennen? Ja, vermutlich.</p><p>Aber aus irgendeinem Grund will ich nicht in die Inquisition wechseln.</p><p>Lieber rei� ich in der Nachtwache meine Stunden ab. Gehe meiner absolut �berfl�ssigen Arbeit nach, die darin besteht, absolut �berfl�ssige Menschen zu sch�tzen.</p><p>Und warum �berpr�fte ich dann nicht jetzt unsern einzigen Verd�chtigen? Noch hatte ich Zeit.</p><p>Lass war bereits wach. Er sa� in seinem Abteil, schaute finster auf die erb�rmliche Landschaft drau�en. Der Tisch war hochgeklappt, im Waschbecken k�hlte er unter dem d�nnen Wasserstrahl eine Flasche Kumys.</p><p>�Hier fehlt ein K�hlschrank�, sagte er traurig. �Selbst im besten Waggon ist kein K�hlschrank im Abteil vorgesehen. Willst du Kumys?�</p><p>�Ich habe bereits gefr�hst�ckt. �</p><p>�Wann? �</p><p>�Na gut, ein klitzekleines Schl�ckchen��, stimmte ich zu.</p><p>Den Kognak goss Lass in der Tat tr�pfchenweise ein, gerade so viel, um die Lippen zu befeuchten. Wir tranken ex. �Was hat mich nur gestern gepikt?�, meinte Lass nachdenklich. �Sag mir mal ganz ehrlich, warum ein normaler Mensch pl�tzlich auf die Idee kommt, in Kasachstan Urlaub zu machen? Spanien, gut. T�rkei, ja. Peking, ja - zum Kussfestival, falls du auf Extremtourismus stehst. Aber Kasachstan?�Ich zuckte mit den Schultern.</p><p>�Das muss eine merkw�rdige Fluktuation meines Bewusstseins gewesen sein�, sagte Lass. �Ich habe einfach gedacht��</p><p>�Und jetzt willst du aussteigen�, fuhr ich fort.</p><p>�Richtig. Und dann steige ich in den n�chsten Zug wieder ein. In die entgegengesetzte Richtung.�</p><p>�Eine kluge Entscheidung�, sagte ich ehrlich. Erstens waren wir damit einen Verd�chtigen los. Zweitens w�rde ein anst�ndiger Mensch gerettet.</p><p>�In ein paar Stunden sind wir in Saratow�, �berlegte Lass laut. �Da steige ich aus. Ich rufe jetzt meinen Gesch�ftspartner an und bitte ihn, mich abzuholen. Saratow ist eine sch�ne Stadt. �</p><p>�Und was ist daran sch�n?�, wollte ich wissen.</p><p>�Nun��Abermals f�llte Lass unsere Becher, diesmal etwas gro�z�giger. �Im Gebiet von Saratow leben seit Jahrhunderten Menschen. Das unterscheidet es auch aufs Vorteilhafteste von den Gebieten im Hohen Norden und �hnlichen Gegenden. Zur Zarenzeit gab es dort ein Gouvernement, das jedoch in der Entwicklung etwas hinterherhinkte. Nicht umsonst hat Tschazki gesagt: �Auf in die Wildnis, auf nach Saratow!�Heute ist es das Industrie- und Kulturzentrum der Region, ein gro�er Eisenbahnknotenpunkt.�</p><p>�Nun �bertreib mal nicht�, merkte ich vorsichtig an. Mir war nicht klar, ob er das ernst meinte oder einfach Unsinn faselte, bei dem er Saratow leicht durch Kostroma, Rostow am Don oder jede x-beliebige andre Stadt h�tte austauschen k�nnen.</p><p>�Das Wichtigste dort ist der Eisenbahnknotenpunkt�, erkl�rte Lass. �Ich werde in einem McDonald's essen - und dann ab nach Hause. Au�erdem gibt es dort noch eine alte Kathedrale, die werde ich bestimmt besichtigen. Damit habe ich die Reise nicht umsonst gemacht, oder?�</p><p>Ach ja, hatte unser unbekannter Gegner am Ende doch nicht richtig aufgepasst. Die Intervention war zu schwach und verflog innerhalb von vierundzwanzig Stunden.</p><p>�Und weshalb wolltest du nun unbedingt nach Kasachstan?�, fragte ich noch einmal.</p><p>�Ich habe es dir doch schon gesagt: einfach so�, seufzte Lass.</p><p>�Wirklich einfach so?�</p><p>�Na ja� ich habe so rumgesessen, nichts B�ses ahnend, die Saiten meiner Gitarre gewechselt. Pl�tzlich klingelt das Telefon. Jemand hatte sich verw�hlt, wollte irgendeinen Kasachen sprechen� den Namen habe ich schon wieder vergessen. Kaum hatte ich den H�rer aufgelegt, fing ich an dar�ber nachzudenken, wie viele Kasachen in Moskau leben. Auf meiner Gitarre waren gerade genau zwei Saiten aufgezogen, wie bei einer Dombra, so einer Art kasachischer Balalaika. Ich spannte sie und fing an zu klimpern. Das war komisch. Denn es kam irgendeine Melodie heraus� die sich in mir festsetzte und mich bet�rte. Da habe ich gedacht: Jetzt fahre ich nach Kasachstan! �</p><p>�Eine Melodie?�, hakte ich nach.</p><p>�Hmm. Eine bet�rende, lockende. Die Steppe, Kumys, all das��</p><p>Ob es doch Viteszlav gewesen war? Ein normaler Mensch bemerkt die Magie in der Regel nicht. Aber die Magie der Vampire steht zwischen richtiger Magie und sehr starker Hypnose. Sie ist auf Blickkontakt angewiesen, auf Ger�usche, eine Ber�hrung - auf einen wenn auch minimalen Kontakt zwischen Vampir und Mensch. Und sie hinterl�sst Spuren: Der Mensch meint, einen Blick zu sp�ren, eine Ber�hrung, ein Ger�usch zu h�ren� Ob der alte Vampir uns alle betrogen hatte?</p><p>�Anton�, sagte Lass nachdenklich. �Du handelst doch nicht wirklich mit Milch, oder?�Ich schwieg.</p><p>�Wenn da irgendwas w�re, was den FSB interessieren k�nnte, dann w�rde ich mir vor Angst in die Hosen pinkeln�, fuhr Lass fort. �Nur glaube ich, dass auch der FSB in meiner Situation Angst h�tte.�</p><p>�Wir wollen diese Frage nicht weiter vertiefen, ja?�, schlug ich vor. �Das ist besser.�</p><p>�Hmm�, stimmte Lass mir schnell zu. �Gut. Was ist? Kann ich in Saratow aussteigen?�</p><p>Ich nickte. �Steig aus und fahr nach Hause. Danke f�r den Kognak. �</p><p>�Zu Befehl�, entgegnete Lass. �Ich helfe immer gern.�</p><p>Mir war nicht klar, ob er mich verarschte. Bei manchen Menschen ergibt sich diese Art zu sprechen wohl von selbst.</p><p>Lass und ich dr�ckten uns recht feierlich die Hand, ich trat in den Gang hinaus und steuerte auf meinen Waggon zu.</p><p>Also doch Viteszlav? Ach ja, dieser schlaue Kerl� dieser verdiente Mitarbeiter der Inquisition!</p><p>Jagdfieber packte mich. Nat�rlich konnte Viteszlav sich die Unvorstellbarkeit des Ganzen zunutze machen und sich als sonst wer tarnen. Als dieser Rotzbengel von zwei Jahren, der vorsichtig aus einem Abteil heraussp�hte. Als diese dicke junge Frau mit den geschmacklosen, gro�en goldenen Ohrringen. Als Waggonbetreuer, der um Edgar herumscharwenzelte. Warum nicht? Sogar als Edgar oder Kostja�</p><p>Ich blieb stehen, sah auf den Vampir und den Inquisitor, die vor unserer Abteilt�r im Gang standen. Und wenn er wirklich�</p><p>Nein, stopp. Langsam werde ich wahnsinnig. Alles ist m�glich - aber nicht alles geschieht auch. Ich bin ich, Edgar ist Edgar, Viteszlav ist Viteszlav. Sonst k�nnte ich gar nicht arbeiten.</p><p>�Es gibt was Neues�, sagte ich, als ich zwischen Kostja und Edgar trat.</p><p>�Ja?�, meinte Edgar.</p><p>�Lass ist von einem Vampir manipuliert worden. Er erinnert sich� dass er so etwas wie Musik geh�rt hat, die ihn zur Reise aufgefordert hat.�</p><p>�Wie poetisch�, schnaubte Edgar. Er l�chelte jedoch nicht, lobte mich aber: �Musik? Das klingt sehr nach einem Blutsau� entschuldige, Kostja. Nach einem Vampir.�</p><p>�Du k�nntest dich auch einer politisch korrekten Ausdrucksweise bedienen: nach einem H�moglobinabh�ngigen�, meinte Kostja, wobei er die Lippen zu einem L�cheln verzog.</p><p>�Das H�moglobin hat damit nichts zu tun, das wei�t du selbst�, fuhr Edgar ihn an. �Gut, das ist eine Spur.�Pl�tzlich l�chelte er und klopfte mir auf die Schultern. �Du bist hartn�ckig. Nun denn, so hat der Zug eine Chance. Wartet hier auf mich.�</p><p>Mit schnellen Schritten ging Edgar den Gang hinunter. Ich glaubte schon, er wolle zu seinen K�mpfern, aber Edgar betrat das Abteil des Zugf�hrers und schloss hinter sich die T�r. �Was er wohl vorhat?�, fragte Kostja.</p><p>�Woher soll ich das wissen?�Ich schielte zu ihm hin�ber. �Vielleicht gibt es ja spezielle Zauberspr�che, mit denen man einen Vampir erkennen kann.�</p><p>�Nein�, entgegnete Kostja scharf. �Das ist so wie bei allen Anderen. Wenn Viteszlav sich als Mensch tarnt, k�nnen wir ihn mit keinem Zauberspruch aufdecken. Das ist zu dumm��</p><p>Er wurde nerv�s. Ich verstand ihn. Es ist schwer, der am st�rksten diskriminierten Minderheit der Anderen anzugeh�ren - und dann den eigenen Artgenossen zu jagen. Was hatte er mir mal gesagt� als ich noch ein junger, k�hner Vampirj�ger war: <emphasis>�Wir sind nur sehr wenige, Anton. Wenn einer von uns stirbt, sp�ren wir das sofort. �</emphasis></p><p><emphasis>�</emphasis>Kostja, hast du Viteszlavs Tod gesp�rt? �</p><p>�Was meinst du, Anton?�</p><p>�Du hast mal gesagt, dass ihr sp�rt, wenn� einer von euch stirbt.�</p><p>�Wir sp�ren es, wenn es ein Vampir mit Lizenz ist. Wenn ihn das Registrierungssiegel t�tet - dann f�hlen alle in der N�he ein schmerzhaftes Echo. Viteszlav hatte kein Siegel.�</p><p>�Aber Edgar hat doch offenbar etwas vor?�, murmelte ich. �Ist das irgendein Trick der Inquisition?�</p><p>�Vermutlich.�Kostja kniff die Augen zusammen. �Warum, Anton? Warum sind wir die einzigen, die permanent gejagt werden� selbst von den eigenen Leuten? Die Dunklen Magier morden schlie�lich auch!�</p><p>Pl�tzlich redete er mit mir genauso wie fr�her. Als er noch ein unschuldiger Vampirjunge gewesen war� Obwohl: Wie kann ein Vampir unschuldig sein?</p><p>Und das war schrecklich, das stellte alles auf den Kopf. Verfluchte Fragen und verfluchte Vorherbestimmung, das alles pr�sentiert von jemandem, der diese Grenze bereits �berschritten hatte. Der jagte und mordete��Ihr mordet� um an Nahrung zu kommen�, sagte ich.</p><p>�Aber f�r Macht, f�r Geld, zum Spa� - das ist anst�ndiger?�, fragte Kostja bitter. Er wandte sich mir zu und schaute mich an. �Warum� widert es dich so an, mit mir zu reden? Wir sind doch mal Freunde gewesen. Was hat sich blo� ge�ndert? �</p><p>�Du bist ein Hoher Vampir geworden. �</p><p>�Ja, und? �</p><p>�Ich wei�, wie Vampire zu Hohen Vampiren werden, Kostja.�</p><p>Einige Sekunden lang sah er mir in die Augen. Dann zeichnete sich ein L�cheln auf seinen Lippen ab. Ein Vampirl�cheln - bei dem du im Mund die Eckz�hne zwar noch nicht sehen kannst, du die Dinger aber schon an deinem Hals sp�rst.</p><p>�Ach ja� Man muss das Blut unschuldiger junger Frauen und Kinder trinken, sie ermorden� Das alte, klassische Rezept. So ist Viteszlav ein Hoher Vampir geworden� Willst du damit sagen, du h�ttest niemals einen Blick in mein Dossier geworfen? �</p><p>�Ja�, best�tigte ich.</p><p>Er sackte f�rmlich in sich zusammen. Sein L�cheln wirkte mit einem Mal mitleidheischend und verwirrt. �Nicht einmal?�</p><p>�Genau�, antwortete ich, obwohl mir bereits schwante, dass ich einen Fehler gemacht hatte.</p><p>Ungeschickt breitete Kostja die Arme aus - und dann legte er los, wobei er ausschlie�lich mit Konjunktionen, Interjektion und Pronomen auskam. �Ah� ha� wie� du� dabei� ich� aber du��</p><p>�Ich schaue nicht gern in das Dossier eines Freundes�, sagte ich und f�gte dummerweise hinzu: �Selbst wenn es ein ehemaliger Freund ist.�</p><p>�Und ich habe gedacht, du h�ttest es dir angesehen�, sagte Kostja. �Gut. Wir leben im 21. Jahrhundert, Anton. Also��Er griff in die Tasche seines Jacketts und zog sein Fl�schchen heraus. �Das ist ein Konzentrat� Spenderblut. Zw�lf Menschen haben ihr Blut gegeben� Man muss niemanden umbringen. H�moglobin hat in der Tat nichts damit zu tun! Wichtiger sind die Emotionen, die ein Mensch empfindet, wenn er Blut spendet. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie viele Menschen eine Todesangst davor haben und trotzdem zum Arzt gehen, um Blut f�r ihre Verwandten zu spenden. Mein pers�nliches Rezept� das Sauschkin-Rezept. Meist spricht man jedoch vom Sauschkin-Cocktail. Vermutlich steht das im Dossier.�</p><p>Triumphierend sah er mich an - und konnte einfach nicht begreifen, warum ich nicht l�chelte. Warum ich nicht schuldbewusst murmelte: �Kostja, verzeih mir, ich habe dich f�r ein Arschloch und einen M�rder gehalten� dabei bist du ein ehrlicher Vampir, ein guter Vampir, ein moderner Vampir��</p><p>Ja, auch das war er. Ehrlich, gut und modern. Nicht umsonst hatte er in einem Wissenschaftlichen Forschungsinstitut f�r H�matologie gearbeitet.</p><p>Aber warum hatte er die Zusammensetzung erw�hnt? Das Blut von zw�lf Menschen?</p><p>Obwohl schon klar war, warum. Woher sollte ich den Inhalt des <emphasis>Fuaran </emphasis>kennen? Woher sollte ich wissen, dass f�r den Zauber eben das Blut von zw�lf Menschen n�tig ist?</p><p>Viteszlav standen keine zw�lf Menschen zur Verf�gung. Er konnte den Zauber aus dem <emphasis>Fuaran </emphasis>nicht wirken und seine Kraft auf diese Weise nicht erh�hen. Aber Kostja hatte sein Fl�schchen.</p><p>�Anton, was hast du?�, fragte Kostja. �Warum sagst du denn nichts?�</p><p>Gerade trat Edgar aus dem Abteil des Zugf�hrers, sagte etwas, dr�ckte dem Mann die Hand und kam auf uns zu, auf den Lippen immer noch ein zufriedenes L�cheln. Ich starrte Kostja an. Und las alles in seinen Augen. Er hatte verstanden, dass ich verstanden hatte.</p><p>�Wo hast du das Buch versteckt?�, fragte ich. �Sag's. Das ist deine letzte Chance. Deine einzige Chance. Mach dich nicht ungl�cklich��</p><p>In dem Augenblick schlug er zu. Ohne jede Magie - wenn man die �bermenschliche Kraft eines Vampirs nicht als Magie betrachtet. Mit einem wei�en Blitz explodierte die Welt, in meinem Mund knackten die Z�hne, und mein Kiefer schien wie gel�hmt. Ich flog bis ans eine Ende des Ganges und prallte auf einen Mitreisenden, der nicht rechtzeitig aus dem Weg gegangen war. Vermutlich sollte ich mich bei ihm bedanken, dass ich nicht das Bewusstsein verloren hatte - an meiner Stelle wurde er ohnm�chtig.</p><p>Kostja stand da und rieb sich die Faust. Sein K�rper flimmerte, weil er immer wieder kurz ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>eintrat, weil er zwischen den Welten hin und her huschte. Wie hatte mich diese Besonderheit der Vampire einst fasziniert: Gennadi, Kostjas Vater, war �ber den Hof auf mich zugekommen, Kostjas Mutter Polina hatte dem damals noch so jungen Vampir den Arm um die Schulter gelegt� wir sind gesetzestreu� wir ermorden niemanden� was m�ssen wir auch ausgerechnet mit einem Lichten Magier T�r an T�r leben! �Kostja?!�, rief Edgar und blieb stehen.</p><p>Langsam drehte ihm Kostja den Kopf zu. Ich sah nicht, sp�rte aber, wie er die Z�hne fletschte.</p><p>Edgar riss die H�nde hoch, worauf den Gang eine tr�be Mauer versperrte, die an Bergkristall erinnerte. M�glicherweise durchschaute er noch nicht hundertprozentig, was hier vor sich ging - doch die Instinkte des Inquisitors funktionierten einwandfrei.</p><p>Kostja stie� ein tiefes Heulen aus und dr�ckte mit den H�nden gegen die Mauer. Die gab nicht nach. Der Waggon erbebte, hinter mir fing eine Frau an, langsam und gedehnt zu kreischen. Kostja schwankte hin und her und versuchte, Edgars Verteidigung zu durchbrechen.</p><p>Ich hob die Hand und schickte eine�graue Andacht�auf Kostja, jenen alten Zauber gegen die Untoten. Jeden Organismus, der sich aus seinem Grab erhoben hat, kein Bewusstsein besitzt, sondern nur durch den Willen eines Zauberers lebt, hackt die�graue Andacht�kurz und klein. Vampiren nimmt sie die Schnelligkeit und St�rke.</p><p>Kostja drehte sich um, als die d�nnen grauen F�den ihn im <emphasis>Zwielicht </emphasis>umwickelten. Er kam auf mich zu und sch�ttelte sich - worauf der Zauber sich sofort aufl�ste. Niemals hatte ich eine derart grobe, aber effektive Arbeit gesehen.</p><p>�St�r mich nicht!�, br�llte er. Kostjas Gesicht war spitz geworden, die Eckz�hne hatten sich jetzt wirklich gebildet. �Ich will dich nicht� ich will dich nicht umbringen��</p><p>Ich konnte mich hochrappeln und kroch �ber den zu Boden gegangenen Mann in ein Abteil. Auf den oberen Liegen fingen irgendwelche M�nner mit beeindruckenden Fratzen an zu winseln, und zwar keinesfalls schlechter als jene Frau, die vor der Toilettent�r stand und schrie. �ber den Fu�boden rollten Gl�ser und Flaschen.</p><p>Mit einem Sprung tauchte Kostja in der T�rf�llung auf. Er bedachte die M�nner mit einem einzigen Blick - und sie verstummten.</p><p>�Ergib dich��, fl�sterte ich, w�hrend ich mich vor dem Tisch auf den Boden setzte. Mit meinem Kiefer stimmte was nicht - er schien zwar nicht ausgerenkt, aber jede Bewegung tat mir weh.</p><p>Kostja lachte. �Ich erledige euch alle hier� Wenn ich will. Komm mit mir, Anton. Komm! Ich will nichts B�ses! Was hast du bei der Inquisition verloren? Was bei den Wachen? Wir werden alles ver�ndern!�Er sprach absolut aufrichtig. Sogar bittend.</p><p>Warum musste er der Allerst�rkste werden, um sich diese Schw�che zu leisten? �Wach auf��, fl�sterte ich.</p><p>�Du bist ein Idiot! Ein Oberidiot!�, br�llte Kostja, w�hrend er einen Schritt auf mich zumachte. Er streckte die Hand aus. Seine Finger m�ndeten bereits in Krallen. �Du��</p><p>Eine offene Flasche <emphasis>Posolskaja, </emphasis>aus der tr�ge der Wodka tropfte, fiel mir von selbst in die H�nde. �Es ist an der Zeit, Br�derschaft zu trinken�, sagte ich.</p><p>Er schaffte es zwar auszuweichen, doch ein paar Spritzer trafen sein Gesicht dennoch. Kostja heulte auf und warf den Kopf in den Nacken. Selbst wenn du der Allerh�chste Vampir bist - Alkohol ist und bleibt Gift f�r dich.</p><p>Ich stand auf, griff mir vom Tisch ein nicht ausgetrunkenes Glas und holte aus. �Nachtwache!�, schrie ich. �Du bist verhaftet! H�nde hinter den Kopf! Zieh die Eckz�hne ein!�</p><p>Genau in diesem Moment zw�ngten sich drei Inquisitoren durch die T�r herein. Ob Edgar sie gerufen hatte? Oder ob sie selbst gesp�rt hatten, dass etwas nicht stimmte? Sie st�rzten sich auf Kostja, der sich immer noch das blut�berstr�mte Gesicht rieb. Einer versuchte Kostja eine graue Metallscheibe an den Hals zu dr�cken, ein Ding, das bis zum Anschlag magisch aufgeladen sein musste�</p><p>Im n�chsten Moment stellte Kostja unter Beweis, wozu er in der Lage war.</p><p>Mit dem Fu� trat er mir das Glas aus der Hand und presste mich mit dem R�cken gegen das Fenster. Der Rahmen knackte. Dort, wo eben noch Kostja gestanden hatte, erhob sich jetzt ein grauer Wirbel - und mit einer unsagbaren, nur Kinohelden eigenen Schnelligkeit hagelten Fausthiebe und Tritte auf mich ein. Von allen Seiten spritzte Blut und flogen Fleischfetzen durch die Luft, so, als ob jemand Frischfleisch mit einem Mixer p�riere.</p><p>Dann sprang Kostja in den Gang, sah sich um - und schl�pfte durchs Fenster, als bemerke er die dicke Doppelglasscheibe gar nicht. Umgekehrt bemerkte die Scheibe ihn auch nicht.</p><p>Kostja tauchte noch einmal kurz im Fenster auf, dann schl�pfte er seitlich nach unten weg - der Zug hatte ihn hinter sich gelassen.</p><p>Wann immer ich von diesem Vampirtrick geh�rt hatte, hatte ich ihn als reines Phantasieprodukt abgetan. Selbst in Nachschlagewerken stand unter dem Eintrag zu den M�glichkeiten�in der realen Welt durch W�nde und Fenster zu gehen�, ein versch�mtes�n.b.�, ein�nicht bewiesen�.</p><p>Im Abteil lagen zwei Inquisitoren in einem formlosen Haufen. Sie waren derart zerfetzt, dass niemand auf die Idee kam, ihren Puls zu f�hlen.</p><p>Der dritte hatte Gl�ck gehabt, er sa� auf einer Liege und hielt sich eine Bauchwunde. Der Boden schwamm in Blut.</p><p>Die Reisenden in den oberen Liegen schrien nicht mehr. Der eine hatte den Kopf unter ein Kissen gesteckt, der zweite sah mit starren Augen nach unten und kicherte leise.</p><p>Ich kroch unterm Tisch hervor und trat auf wackligen Beinen in den Gang hinaus.</p></section><section><title><p>F�nf</p></title><p>Wie sagt der Held in einem b�sen alten Witz: �Aber das Leben richtet sich jetzt wieder ein!�</p><p>Die Mitreisenden in unserem Waggon sa�en in ihren Abteilen und starrten mit leeren Augen zum Fenster raus. Die Menschen, die durch unseren Waggon liefen, beschleunigten aus irgendeinem Grund den Schritt und blickten stur geradeaus. In einem abgeschlossenen Abteil lag - zusammen mit den in schwarze Plastiks�cke verpackten K�rpern - der verletzte Inquisitor, den ein Kollege bereits seit einer Viertelstunde mit Heilzaubern behandelte. Zwei weitere Inquisitoren standen an der T�r zu unserem Abteil Wache. �Wie bist du darauf gekommen?�, fragte Edgar.</p><p>Nachdem er zun�chst seinem verletzten Kollegen geholfen hatte, kurierte er meinen Kiefer binnen drei Minuten. Ich fragte nicht, was ich gehabt hatte, eine schlichte Quetschung, einen Riss oder einen Bruch. Er war wieder in Ordnung, das gen�gte. Allerdings fehlten mir zwei Vorderz�hne, und die Stelle mit der Zunge zu ber�hren, war unangenehm.</p><p>�Ich habe mich an etwas aus dem <emphasis>Fuaran </emphasis>erinnert��, sagte ich. In den chaotischen ersten Minuten nach Kostjas Flucht hatte ich genug Zeit gehabt, mir eine Erkl�rung zu �berlegen. �Die Hexe� also, Arina� sie hat gesagt, dass der Legende zufolge die Zauber aus dem <emphasis>Fuaran </emphasis>wirken, wenn man das Blut von zw�lf Menschen hat. Selbst wenn es nur sehr wenig Blut ist��</p><p>�Warum bist du nicht schon fr�her damit herausger�ckt?�, fragte Edgar scharf.</p><p>�Ich habe dem keine Bedeutung beigemessen. Damals hielt ich die ganze Geschichte mit dem <emphasis>Fuaran </emphasis>f�r ein reines Phantasieprodukt� Dann hat Kostja mir erz�hlt, dass sein Cocktail aus dem Blut von zw�lf Spendern besteht� und da habe ich zwei und zwei zusammengez�hlt.�</p><p>�Verstehe. Viteszlav hatte kein Dutzend Menschen zur Hand�, meinte Edgar. �Wenn du das gleich gesagt h�ttest� wenn du das doch blo� gesagt h�ttest��</p><p>�Kennst du die Zusammensetzung des Cocktails?�</p><p>�Ja, nat�rlich. In der Inquisition ist �ber den Sauschkin-Cocktail diskutiert worden. Das Zeug vollbringt keine Wunder, du wirst damit nicht st�rker, als es dir von der Natur gegeben ist. Aber es erlaubt einem Vampir in der Tat, sich voll zu entfalten, ohne Menschen t�ten zu m�ssen��</p><p>�Sich zu entfalten oder sich gehen zu lassen?�, fragte ich.</p><p>�Wenn kein Mord n�tig ist, kann man ohne Bedenken von Entfaltung sprechen�, antwortete Edgar sachlich. �Nun sag blo� nicht, du h�ttest� davon nichts gewusst��Ich schwieg.</p><p>Nein, ich hatte es nicht gewusst. Denn ich hatte es nicht wissen wollen. Ich wollte ein Held sein. Mit dem Ergebnis, dass jetzt zwei Inquisitoren in schwarzen Plastiks�cken liegen, denen niemand mehr helfen kann�</p><p>�Lassen wir das�, meinte Edgar. �Was hat er nur jetzt� Er fliegt, siehst du?�</p><p>Ich schielte zum�Kompass�hin�ber. Ja� ganz offenbar. Der Abstand zu Kostja - genauer zum Buch - blieb konstant, obwohl der Zug mit einer Geschwindigkeit von mindestens 70 bis 80 Stundenkilometern dahinraste. Er flog uns also nach. Floh nicht!</p><p>�Anscheinend hat er in Zentralasien wirklich etwas vor��, sagte Edgar irritiert. �Nur was��</p><p>�Wir m�ssen die Gro�en rufen�, sagte ich.</p><p>�Die kommen von selbst�, winkte Edgar ab. �Ich habe ihnen alles berichtet, ein Portal aufgeh�ngt� sie werden selbst entscheiden, was sie tun.�</p><p>�Ich wei� schon, was sie entscheiden werden�, murmelte ich. �Sebulon verlangt, dass ihm Kostja ausgeliefert wird, damit er ihn bestrafen kann. Und vor allem wird er das <emphasis>Fuaran </emphasis>haben wollen.�</p><p>�Das Buch wird niemand bekommen, da mach dir keine Sorgen.�</p><p>�Au�er der Inquisition?�Edgar h�llte sich in Schweigen. Ich setzte mich bequemer hin. Betastete meinen Kiefer. Er tat nicht mehr weh.</p><p>Aber um meine Z�hne tat es mir leid. Entweder musste ich zum Zahnarzt oder zu einem Heiler. Doch selbst die besten Lichten Heiler k�nnen Z�hne nicht schmerzlos heilen! Sie k�nnen es nicht - Punkt, aus, Ende.</p><p>Die Nadel des�Kompasses�zitterte, hielt aber die Richtung. Der Abstand ver�nderte sich nicht: zehn, zw�lf Kilometer. Kostja musste sich ausgezogen und in eine Fledermaus verwandelt haben. Oder in sonst ein Tier. In eine gigantische Ratte, einen Wolf. Egal. Er hatte sich in eine Fledermaus verwandelt und flog dem Zug hinterher, dabei das B�ndel mit seinen Sachen und das Buch in den Pfoten haltend. Wo hatte er es eigentlich versteckt gehabt, der Dreckskerl? Am K�rper? In einer geheimen Tasche in seiner Kleidung?</p><p>Ein Dreckskerl, sicher� aber wie abgebr�ht! Wie mies und wie mutig - auf sich selbst Jagd zu machen, sich Versionen auszudenken, zu beratschlagen� Alle hatte er zum Besten gehalten.</p><p>Aber wozu? Wollte er absolute Macht? Letzten Endes standen die Chancen f�r einen Sieg nicht gut, und Kostja hatte sich noch nie durch besonderen Ehrgeiz ausgezeichnet. Das hei�t: Er war ehrgeizig, erhob jedoch keine verr�ckten Anspr�che, die Weltherrschaft zu erlangen.</p><p>Weshalb floh er jetzt eigentlich nicht? An seinen H�nden klebte das Blut von drei Inquisitoren. Das wird man ihm nie verzeihen, selbst wenn er mit einem Gest�ndnis ankommt, selbst wenn er das Buch rausr�ckt. Er m�sste fliehen� und sicherheitshalber das Buch vernichten, an das der Suchzauber gekoppelt ist. Aber nein, er schleppt das Buch mit sich rum und folgt dem Zug. Was f�r ein Wahnsinn� Oder hoffte er immer noch auf einen Dialog?</p><p>�Wie wolltest du Viteszlav unter den Mitreisenden ausmachen?�, fragte ich Edgar.</p><p>�Wie bitte?�, erwiderte der in seine Gedanken versunkene Inquisitor nach einer Weile. �Eine dumme Frage. Nat�rlich auf die gleiche Weise, wie es dir gelungen ist: mit der Unvertr�glichkeit von Alkohol. Wir h�tten uns wei�e Kittel angezogen und w�ren als medizinische Inspektoren durch alle Waggons gegangen. Mit der Begr�ndung, Kranke mit einer atypischen Lungenentz�ndung zu suchen. Jedem h�tten wir ein Thermometer gegeben, das tief in Alkohol getaucht worden war. Wer es nicht in den H�nden halten konnte oder Verbrennungen davontrug, w�re unser Verd�chtiger gewesen.�</p><p>Ich nickte. Freilich, es h�tte auch schief gehen k�nnen. Und nat�rlich w�ren wir dabei ein Risiko eingegangen - aber etwas zu riskieren, das ist unsere Arbeit. Die Gro�en w�ren in der N�he gewesen, �auf Abruf�, um im Notfall mit ganzer Kraft zuzuschlagen.</p><p>�Das Portal �ffnet sich��Edgar packte mich beim Arm und zog mich auf die Liege. Wir setzten uns nebeneinander hin, mit untergeschlagenen Beinen. Im Abteil breitete sich ein flackerndes wei�es Licht aus. Ein leiser Aufschrei war zu h�ren: Geser hatte sich beim Verlassen des Portals den Kopf an einer der Liegen gesto�en.</p><p>Nach ihm tauchte Sebulon auf, der im Unterschied zum Chef rundum zufrieden wirkte und l�chelte.</p><p>Geser rieb sich den Sch�del und sah uns b�se an. �Warum habt ihr das Portal nicht gleich in einem Auto aufgeh�ngt��, brummte er. �Wie ist die Lage?�</p><p>�Die Reisenden haben sich beruhigt, das Blut ist aufgewischt, der Verletzte ist behandelt�, berichtete Edgar. �Der Verd�chtige Konstantin Sauschkin bewegt sich parallel zum Zug mit einer Geschwindigkeit von 70 Stundenkilometern.�</p><p>�Jetzt ist er also� unser <emphasis>Verd�chtiger</emphasis>��, brachte Sebulon giftig hervor. �Dabei war er so ein begabter Junge� so aussichtsreich.�</p><p>�Du hast kein Gl�ck mit den Aussichtsreichen, Sebulon�, bemerkte Edgar leise. �Irgendwie kannst du sie nicht halten.�</p><p>Die beiden Dunklen Magier ma�en sich mit kalten Blicken. Edgar hatte mit Sebulon noch eine Rechnung zu begleichen, die auf die Geschichte mit Fafnir und der finnischen Sekte zur�ckging. Niemand macht gern den Bauern.</p><p>�Sparen Sie sich Ihre Sticheleien, meine Herren�, bat Geser. �Sonst h�tte ich dazu auch noch etwas zu sagen� was sowohl dich betr�fe, Sebulon, als auch dich, Edgar� Wie stark ist er?�</p><p>�Sehr stark�, antwortete Edgar, den Blick unverwandt auf Sebulon gerichtet. �Der Junge war ohnehin schon ein Hoher��</p><p>�Vampir.�Sebulon grinste ver�chtlich.</p><p>�Ein Hoher Vampir. Sicher, es mangelte ihm an Erfahrung� da konnte er mit Ihnen nicht mithalten. Aber mit Hilfe des Buches ist er st�rker als Viteszlav geworden. Und das will etwas hei�en. Ich neige der Auffassung zu, dass Viteszlav mit Ihnen auf einer Stufe stand, verehrte Gro�e.�</p><p>�Wie hat er Viteszlav get�tet?�, fragte Sebulon. �Gibt es daf�r schon eine Erkl�rung?�</p><p>�Jetzt ja�, meinte Edgar. �Vampire haben ihre eigene Hierarchie. Der Junge hat ihn zu einem Duell um die F�hrungsposition herausgefordert. Das ist� kein Vergn�gen. Ein Zweikampf des Verstandes, ein Duell des Willens. Etwas in der Art wie das Ausguckspiel. Ein paar Sekunden lang starren sich die beiden in die Augen, dann gibt einer nach und unterwirft sich vollst�ndig dem Willen des Gegners. Wann immer die Inquisition es mit Vampiren zu tun bekam, hat Viteszlav sie sich alle problemlos gef�gig gemacht. Aber dieses Mal hat er das Spiel verloren. �</p><p>�Und ist daran gestorben�, sagte Sebulon.</p><p>�Was nicht zwangsl�ufig so sein musste�, stellte Edgar fest. �Kostja h�tte ihn auch zu seinem Sklaven machen k�nnen. Aber� entweder hatte er Angst, die Kontrolle �ber ihn zu verlieren, oder er wollte die Sache bis zum bitteren Ende durchziehen. Kurzum, er hat Viteszlav befohlen, sich zu dematerialisieren. Und der musste ihm gehorchen.�</p><p>�Ein talentierter Junge�, bemerkte Geser in ironischem Ton. �Ich kann nicht behaupten, dass der endg�ltige Tod Viteszlavs mich sonderlich betr�bt� Aber gut, Konstantin ist jetzt st�rker als Viteszlav. Sch�tz mal seine Kraft ein!�</p><p>Edgar zuckte mit den Achseln. �Wie denn? Er ist st�rker als ich. Vermutlich st�rker als jeder von Ihnen. M�glicherweise sogar st�rker als wir alle zusammen.�</p><p>�Nur keine Panik�, murmelte Sebulon. �Er ist unerfahren. Magie ist kein blo�es Kr�ftemessen, Magie ist eine Kunst. Wenn du einen Degen in H�nden h�ltst, ist es wichtig, pr�zise zuzusto�en, nicht, mit aller Wucht zuzuschlagen��</p><p>�Ich kriege keine Panik�, meinte Edgar leise. �Ich sch�tze nur seine Kraft ein. Sie ist sehr hoch. Ich habe den�Kristallschild�gegen ihn eingesetzt - und Kostja h�tte ihn beinahe eingedr�ckt.�</p><p>Die Gro�en wechselten beredte Blicke. �Den�Kristallschild�dr�ckt niemand ein�, bemerkte Geser. �Wie kommst du �berhaupt zu� ach ja, klar. Die Artefakte aus den Spezialdepots.�</p><p>�Er h�tte den�Schild�beinahe zerquetscht�, wiederholte Edgar.</p><p>�Und wie hast du das �berlebt?�, fragte Geser mich. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, vielleicht schwang in seiner Stimme aber tats�chlich ein Hauch von Mitleid mit.</p><p>�Kostja wollte mich nicht umbringen�, erkl�rte ich schlicht. �Er hat sich auf Edgar gest�rzt� Als Erstes habe ich mit der�grauen Andacht�auf ihn eingeschlagen�- Geser nickte zustimmend -, �dann habe ich eine Flasche Wodka zu fassen gekriegt und ihm davon etwas ins Gesicht gespritzt. Kostja ist ausgerastet. Trotzdem wollte er mich nicht umbringen. Dann hat er sich die Inquisitoren vorgenommen, sie zerfetzt und ist geflohen.�</p><p>�Typisch Russe-. Probleme mit einem Glas Wodka zu l�sen�, kommentierte Geser finster. �Weshalb? Weshalb hast du ihn so auf die Palme gebracht? Er ist schlie�lich kein Anf�nger mehr. Ist dir denn wirklich nicht klar, dass du gegen ihn keine Chance gehabt h�ttest? Dass ich dann Swetlana deine �berreste h�tte bringen k�nnen?�</p><p>�Ich bin genauso ausgerastet wie er�, gab ich zu. �Das kam alles zu �berraschend. Und dann wollte Kostja mich auf seine Seite ziehen: �Komm mit mir mit, ich will dir nichts B�ses�.</p><p>�Ich will dir nichts B�ses�, echote Geser bitter. �Ein reformorientierter Vampir. Ein progressiver Herrscher �ber die Welt��</p><p>�Geser, wir m�ssen eine Entscheidung treffen�, sagte Sebulon leise. �Ich kann Jagdflugzeuge vom Milit�rflughafen aus losschicken.�Die Magier schwiegen.</p><p>Ich stellte mir vor, wie reaktive Jagdflugzeuge �ber den Nachthimmel einer Fledermaus nachsetzten, sie beschossen und Raketen auf sie abfeuerten� Eine Phantasmagorie.</p><p>�Dann eher Hubschrauber��, sagte Geser nachdenklich. �Nein, das ist Quatsch, Sebulon. Er wird die Menschen aus dem Weg r�umen. �</p><p>�Also doch die Bombe?�, wollte Sebulon neugierig wissen.</p><p>�Nein!�Geser sch�ttelte den Kopf. �Nein. Nicht hier. Au�erdem kann ihm das nichts anhaben� er ist vorsichtig. Man muss ihn mit Magie schlagen.�Sebulon nickte. Und lachte pl�tzlich leise los. �Was ist?�, fragte Geser.</p><p>�Davon tr�ume ich schon mein ganzes Leben lang�, sagte Sebulon. �Glaubst du das, alter Feind? Ich tr�ume davon, einmal mit dir zusammenzuarbeiten! Offenbar ist doch was dran� vom Hass zur Liebe��</p><p>�Du bist und bleibst doch ein hoffnungsloser Fall�, bemerkte Geser leise.</p><p>�Ganz in Ordnung ist das Oberst�bchen ja bei keinem von uns�, kicherte Sebulon. �Was ist? Du und ich? Oder sollen wir <emphasis>unsere </emphasis>Leute noch dazuziehen? Sollen sie uns Kraft nachliefern, w�hrend wir die Speerspitze bilden.�Geser sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein, Sebulon. Wir brauchen uns nicht auf Konstantin zu st�rzen. Ich w�sste eine Alternative��Er sah mich an.</p><p>Ich tastete mit der Zunge nach der Zahnl�cke. Wie dumm doch alles gelaufen war��Ich bin bereit, Geser.�</p><p>�Das k�nnte eine Chance sein�, meinte Sebulon zustimmend. �Wenn Kostja noch irgendwelche sentimentalen Gef�hle hegt� Aber wirst du auch zuschlagen k�nnen, Anton?�</p><p>Ich antwortete nicht gleich. Denn ich musste wirklich erst dar�ber nachdenken.</p><p>Es ging hier nicht um eine Verhaftung. Vermutlich w�rde ich t�dlich zuschlagen m�ssen. Zur Spitze werden, zum Zentrum der Kraft, die Geser, Sebulon, Edgar und m�glicherweise noch weitere Magier in mich hineinpumpen w�rden. Sicher, ich besitze weniger Erfahrung als die Gro�en. Doch ich hatte die Chance, mich Kostja ohne Kampf zu n�hern. Wenn man von jenen�sentimentalen Gef�hlen�ausgeht.</p><p>Die Alternative s�he einfach aus: Die Gro�en w�rde alle Kraft in eine Faust legen. Selbst Nadjuschkas Kraft w�rden sie brauchen. Geser w�rde von Swetlana verlangen, unsere Tochter zu initiieren�</p><p>Also gab es keine Alternative. �Ich werde Kostja umbringen�, sagte ich.</p><p>�Nicht so�, sagte Geser leise. �Rede nicht so, W�chter. �</p><p>�Ich werde einen Vampir t�ten�, fl�sterte ich. Geser nickte.</p><p>�Denk nicht zu viel dar�ber nach, Gorodezki�, f�gte Sebulon hinzu. �Zeig jetzt R�ckgrat. Den netten Jungen Kostja, den gibt es nicht. Und es hat ihn nie gegeben. Gewiss, er hat keine Menschen umgebracht, um an ihr Blut zu kommen. Aber er ist ein Vampir. Ein Untoter.�Geser nickte zustimmend. Einen Augenblick lang schloss ich die Augen. Ein Untoter.</p><p>Der nicht �ber das verf�gt, was wir der Einfachheit halber Seele nennen.</p><p>�ber eine selbst f�r uns, die Anderen, nicht fassbare Komponente. Nicht einmal in der fr�hesten Kindheit, daf�r hatten seine Eltern gesorgt. Er wuchs auf, der Bezirksarzt h�rte sein Herz ab und lobte die Gesundheit des Jungen. Von einem Jungen verwandelte er sich in einen jungen Mann, und keine Frau h�tte behauptet, seine Lippen seien beim K�ssen kalt. Er h�tte Kinder haben k�nnen - ganz normale Kinder von einer ganz normalen Menschenfrau. Aber all das ist ein Nicht-Leben. Ist Ersatz, ist gestohlen. Und Doch zumindest leben wir bis zum Tod.</p><p>�Lasst mich mit Anton allein�, sagte Geser. �Ich werde versuchen, ihn vorzubereiten.�</p><p>Ich h�rte, wie Sebulon und Edgar aufstanden. Sie gingen in den Gang hinaus und schlossen die T�r hinter sich. Etwas raschelte, anscheinend schirmte Geser uns gegen jede Beobachtung ab. Dann fragte er: �Nimmt es dich mit?�</p><p>�Nein.�Ich sch�ttelte den Kopf, ohne jedoch die Augen zu �ffnen. �Ich denke nach. Schlie�lich hat Kostja versucht, sich nicht wie ein Vampir zu verhalten��</p><p>�Und zu welchem Schluss bist du gekommen?�</p><p>�Er wird es nicht aushalten.�Ich �ffnete die Augen und sah Geser ins Gesicht. �Er wird es nicht aushalten, er wird zusammenbrechen. Den physischen Bedarf nach Menschenblut konnte er ersticken, aber alles andre� Er ist ein Nicht-Lebender unter Lebenden und leidet darunter. Fr�her oder sp�ter wird Kostja zusammenbrechen.�Geser wartete ab.</p><p>�Einmal ist das schon passiert�, fuhr ich fort. �Als er Viteszlav und die Inquisitoren ermordet hat� Einer der Inquisitoren war ein Lichter, oder?�Geser nickte.</p><p>�Ich werde tun, was n�tig ist�, versprach ich. �Kostja tut mir leid, aber das �ndert nichts.�</p><p>�Ich glaube dir, Anton�, sagte Geser. �Und jetzt stell mir die Frage, die du eigentlich stellen willst! �</p><p>�Was h�lt Sie in der Nachtwache, Chef?�, fragte ich. Geser l�chelte.</p><p>�Wir haben doch alle mehr oder weniger den gleichen Dreck am Stecken�, sagte ich. �Wir k�mpfen nicht gegen die Dunklen, sondern wir k�mpfen gegen diejenigen, die auch von den Dunklen verachtet werden� gegen Psychopathen, Verr�ckte, Gr��enwahnsinnige. Aus verst�ndlichen Gr�nden gibt es bei Vampiren und Tiermenschen mehr davon. Und das sind halt Dunkle� Die Tagwache f�ngt die Lichten, die mit einem Schlag die ganze Menschheit gl�cklich machen wollen� also letzten Endes diejenigen, die den Menschen unsere Existenz enth�llen. Die Inquisition� sie sollte irgendwie �ber dem Kampf stehen, achtet aber eigentlich nur darauf, dass die Wachen ihre Aufgabe nicht �bertrieben ernst nehmen. Dass die Dunklen nicht nach der f�rmlichen Macht �ber die Menschenwelt streben, dass die Lichten die Dunklen nicht vollst�ndig ausrotten� Geser, die Nachtwache und die Tagwache - das sind zwei H�lften eines Ganzen.�Geser schwieg. Sah mich an und schwieg.</p><p>�Hat� hat man das mit Absicht so gemacht?�, fragte ich. Und gab mir gleich darauf selbst die Antwort: �Vermutlich schon. Die Jugend, die frisch initiierten Anderen w�rden niemals eine gemeinsame Wache aus Lichten und Dunklen anerkennen. Wie s�he das denn aus, wenn es hie�e: Geh mit einem Vampir auf Patrouille! Ich selbst w�rde mich auch dar�ber aufregen. Deshalb wurden zwei Wachen geschaffen. Und die unteren R�nge bekriegen sich heute mit Feuereifer, w�hrend die Chefs ihre Intrigen spinnen, aus Langweile und um die Form zu wahren. Aber �ber beiden Wachen steht eine gemeinsame Leitung!�</p><p>Geser seufzte und holte sich eine Zigarre raus. Schnitt das Ende ab und z�ndetet sie an.</p><p>�Ich bin ein Idiot, dass ich die ganze Zeit gr�ble�, murmelte ich, ohne den Blick von Geser zu wenden. �Wie k�nnen wir �berhaupt existieren? Hier die Wache in Samara, hier die in Gro� Nowgorod, hier die im Dorf Kirejewski im Tomsker Gebiet. Alle scheinen irgendwie selbstst�ndig zu sein. Aber im Grunde kommen bei Problemen alle zu uns gerannt, nach Moskau� Freilich, de jure ist nichts festgelegt, aber de facto ist es so: Die Moskauer Nachtwache leitet die Nachtwachen in ganz Russland.�</p><p>�Und von noch drei GUS-Staaten��, murmelte Geser. Er stie� Rauch aus. Der Qualm ballte sich in der Luft zu einer dichten, schweren Wolke, die im Abteil h�ngen blieb.</p><p>�Gut, und wie weiter?�, fragte ich. �Wie k�nnen denn dann die unabh�ngigen Wachen Russlands und beispielsweise die Litauens zusammenarbeiten? Oder die Russlands, Litauens, der USA und Ugandas? In der Menschenwelt ist das alles klar: Wer den gr��eren Kn�ppel und das dickere Portemonnaie hat, der bestellt auch die Musik. Aber die russischen Wachen sind gr��er als die amerikanischen! Ich glaube sogar��</p><p>�Die st�rkste Wache ist die franz�sische�, erkl�rte Geser mit gelangweilter Stimme. �Stark, aber extrem faul. Ein erstaunliches Ph�nomen. Wir k�nnen nicht begreifen, worauf es zur�ckzuf�hren ist - doch wohl nicht auf den Genuss von trockenem Wein und Austern in unvorstellbaren Mengen��</p><p>�Die Inquisition regiert die Wachen�, sagte ich. �Sie entscheidet keine Streitigkeiten, bestraft keine Aussteiger, sondern regiert. Sie gibt die Erlaubnis f�r verschiedene gesellschaftliche Experimente, bestimmt und entl�sst die Chefs� versetzt jemanden von Usbekistan nach Moskau� Es gibt eine Inquisition, und die hat zwei Arbeitsorgane. Die Nachtwache und die Tagwache. Und das einzige Ziel der Inquisition besteht im Erhalt des gegenw�rtigen Status quo. Deshalb w�re ein Sieg der Dunklen genauso wie einer der Lichten eine Niederlage f�r die Inquisition als solche.�</p><p>�Und weiter, Anton?�, fragte Geser. Ich zuckte mit den Achseln.</p><p>�Weiter? Nichts weiter. Die Menschen leben ihr kleines Menschenleben. Freuen sich an den kleinen Menschenfreunden. Ern�hren uns mit ihrer Energie� und liefern neue Andere. Die Anderen, die nicht so ehrgeizig sind, f�hren weiterhin ein fast normales Leben. Nur dass es satter, ges�nder und l�nger ist als das von normalen Menschen. Wer unbedingt Auseinandersetzungen und Abenteuer braucht, Ideale und Kampf in seinem Leben haben will, kommt in die Wache. Wer sein Vertrauen in die Wache verliert, geht zur Inquisition. �</p><p>�Ja und?�, ermunterte mich Geser.</p><p>�Was machen Sie dann noch in der Nachtwache, Chef?�, fragte ich. �Haben Sie es nicht �ber� nach Tausenden von Jahren?�</p><p>�Nehmen wir einmal an, dass mir die Auseinandersetzungen und Abenteuer immer noch gefallen�, gab Geser zu bedenken. �Was dann?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. �Nein, Boris Ignatjewitsch. Das glaube ich nicht. Ich habe Sie schon� anders gesehen. Zu m�de. Zu entt�uscht.�</p><p>�Dann gehen wir halt davon aus, dass ich trotz allem noch mit Sebulon abrechnen will�, sagte Geser ruhig.</p><p>Ich dachte kurz dar�ber nach. �Das kann auch nicht sein. In all den Jahrhunderten� da h�tte einer von Ihnen den andern schon l�ngst erledigt haben k�nnen. Sebulon hat gerade gesagt, dass die Magie wie ein Sto� mit einem Degen ist. Sie k�mpfen jedoch gar nicht mit Degen, sondern mit Sportfloretts. Sie deuten den Sto� an, spie�en den Feind aber nicht auf.�</p><p>Nach kurzem Z�gern nickte Geser. Abermals ergoss sich dichter Qualm in die nebelgraue Rauchwolke.</p><p>�Was denkst du, Anton, kann man Jahrtausende leben und die Menschen nach wie vor bedauern? �</p><p>�Bedauern?�, fragte ich zur�ck.</p><p>Geser nickte. �Ja, bedauern. Nicht lieben, denn es steht nicht in unseren Kr�ften, die ganze Welt zu lieben. Nicht bewundern, denn wir wissen nur zu gut, was das ist, ein Mensch.�</p><p>�Bedauern kann man sie vermutlich�, sagte ich. �Aber wozu brauchen sie Ihr Mitleid, Chef? Es ist leer und unfruchtbar. Die Anderen machen diese Welt nicht besser.�</p><p>�Das machen wir, Anton. Wie auch immer sie jetzt ist, aber genau das tun wir. Glaub einem alten Mann, der schon viel gesehen hat. �</p><p>�Aber trotzdem��</p><p>�Ich warte auf ein Wunder, Anton.�Fragend sah ich Geser an.</p><p>�Ich wei� nicht, auf was f�r eins. Dass alle Menschen die F�higkeiten von Anderen bekommen. Dass die Anderen wieder zu Menschen werden. Dass irgendwann die Teilung nicht nach�Mensch oder Anderen�vorgenommen wird, sondern nach�gut oder schlecht�.�Geser l�chelte sanft. �Ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie das vor sich gehen sollte und ob es irgendwann dazu kommt. Aber wenn�, dann w�rde ich es vorziehen, auf der Seite der Nachtwache zu stehen. Und nicht in der Inquisition zu sein, dieser starken, weisen, gerechten, allm�chtigen Inquisition. �</p><p>�Ob Sebulon auf dasselbe wartet?�, fragte ich.</p><p>�Vielleicht�, antwortete Geser. �Ich wei� es nicht. Aber lieber habe ich es mit einem alten Feind zu tun, den ich kenne, als mit einem jungen, unberechenbaren Dummkopf. Halte mich f�r konservativ, aber die Sportfloretts und Sebulon sind mir lieber als ein Baseballschl�ger und ein progressiver Dunkler Magier. �</p><p>�Und was raten Sie mir?�</p><p>�Was ich dir rate?�Geser breitete die Arme aus. �Dass du selbst eine Entscheidung triffst. Du kannst uns verlassen und ein normales Leben f�hren. Du kannst in die Inquisition wechseln� Ich w�rde dich nicht daran hindern. Und du kannst in der Nachtwache bleiben. �</p><p>�Und warten?�</p><p>�Und warten. In dir das Menschliche bewahren, das noch da ist. Dich weder zu Ekstase noch zu R�hrung hinrei�en lassen, indem du den Menschen ein Licht bringst, das sie nicht wollen. Nicht in Zynismus und Misstrauen verfallen und dich nicht selbst f�r rein und vollkommen halten. Und das Schwierigste: nicht verzagen, den Glauben nicht verlieren, nicht gleichg�ltig werden. �</p><p>�Keine gro�e Auswahl��, sagte ich.</p><p>�Ha!�Geser l�chelte. �Sei froh, dass du �berhaupt eine hast.�</p><p>Drau�en blitzte der Stadtrand von Saratow auf. Der Zug wurde langsamer.</p><p>Ich sa� in einem leeren Abteil und sah auf die kreisende Nadel.</p><p>Kostja folgte uns weiter.</p><p>Worauf wartete er?</p><p>In den Kopfh�rern erklang die Stimme von Arbenin:</p><poem><stanza><v>Zwischen Verrat und Ruchlosigkeit</v><v>Nur Manna vom Himmel schneit.</v><v>Von einer Siesta zur n�chsten</v><v>Man uns abf�ttert mit Manifesten.</v><v>Einer stirbt, einer verschwindet,</v></stanza><stanza><v>Damit meine Wahl auch schon endet.</v><v>Doch mein siebter Sinn, der fl�stert mir:</v><v>Wir sind nicht wie alle,</v><v>Anders sind wir.</v></stanza></poem><p>Ich sch�ttelte den Kopf. Wir sind die Anderen. Doch selbst wenn es uns nicht g�be, w�rden die Menschen sich und andere gegeneinander abgrenzen. Was auch immer diese Anderen dann ausmachen w�rde.</p><p>Die Menschen k�nnen ohne Andere nicht auskommen. Setze zwei Menschen auf einer unbewohnten Insel aus, dann wird einer ein Mensch und einer ein Anderer. Und der Unterschied besteht darin, dass der Andere immer unter seinem Anderssein leidet. Die Menschen haben es leichter. Sie haben keine Komplexe. Sie wissen, dass sie Menschen sind - und das auch sein sollen. Dass alle das sein sollen. Alle. F�r immer.</p><poem><stanza><v>Wir stehen in der Mitte der Gleise,</v><v>Verbrennen als Lagerfeuer auf dem Eise.</v><v>Dabei wollten wir nur W�rme schmecken,</v><v>Doch das Ziel wir hinter den Mitteln verstecken.</v><v>So brennen wir nieder bis zur Seele Grund</v><v>Bei diesem Blick in der �dnis Schlund.</v></stanza></poem><p>Die T�r �ffnete sich, und Geser kam ins Abteil. Ich st�pselte die Kopfh�rer aus.</p><p>�Schau mal.�Geser legte einen Palm auf den Tisch. Auf dem Display des Organizers kroch ein Punkt �ber eine Karte, unser Zug. Geser sah fl�chtig auf den�Kompass�, nickte und zog selbstsicher mit dem Metallstift eine dicke Linie auf dem Display.</p><p>�Was hei�t das?�, fragte ich, w�hrend ich das Rechteck betrachtete, in dem Kostjas Flugbahn lag. Und gab mir selbst die Antwort: �Der Flughafen?�</p><p>�Genau. Er rechnet nicht mit Verhandlungen.�Geser grinste. �Er fliegt auf k�rzestem Weg zum Flughafen. �</p><p>�Ist das ein Milit�rflughafen?�</p><p>�Nein, ein ziviler. Aber was macht das f�r einen Unterschied? Das Modul mit den Pilotenkenntnissen ist in ihm abgespeichert.�</p><p>Ich nickte. Alle Fahnder verf�gen�auf Vorrat��ber eine Auswahl n�tzlicher F�higkeiten: Sie k�nnen mit Autos, Flugzeugen und Hubschraubern umgehen, erste Hilfe leisten, beherrschen den Nahkampf� Nat�rlich ersetzt ein solches Modul die entsprechenden F�higkeiten nur ansatzweise. Ein erfahrener Autofahrer h�ngt einen Anderen mit seinen Modulkenntnissen ab, ein guter Arzt operiert unvergleichlich besser. Aber jedes x-beliebige Flugger�t in die Luft bringen, das konnte Kostja.</p><p>�Das ist doch ganz gut�, sagte ich. �Wir schnappen uns ein paar Jagdflugzeuge und��</p><p>�Und die Passagiere?�, fragte Geser scharf.</p><p>�Im Vergleich zum Zug ist das trotzdem besser�, sagte ich leise. �Es w�rde weniger Opfer geben.�</p><p>In diesem Moment zog sich etwas in mir schmerzhaft zusammen. Zum ersten Mal wog ich auf der unsichtbaren Waage der Rationalit�t die menschlichen Opfer aus - und befand die eine Schale f�r leichter.</p><p>�Das w�rde nichts bringen��, sagte Geser. Und f�gte hinzu: �Zum Gl�ck. Was sollte ihm die Zerst�rung des Flugzeugs schon anhaben? Er w�rde sich in eine Fledermaus verwandeln und entwischen.�</p><p>Drau�en kam der Bahnsteig in Sicht. Schnaufend fuhr die Lok in den Bahnhof ein. �Atomare Abfangraketen�, sagte ich ganz offen.</p><p>Erstaunt sah mich Geser an. �Was ist denn mit dir los?�, fragte er. �Was f�r Kernsprengk�pfe� die sind l�ngst abger�stet. M�glicherweise gibt es um Moskau noch einen Raketenabwehrg�rtel� Aber Kostja wird nicht nach Moskau kommen. �</p><p>�Sondern?�, hakte ich nach.</p><p>�Woher soll ich das wissen? Es ist deine Aufgabe, dass er nirgendwo hingeht�, entgegnete Geser scharf. �Aha! Er h�lt an!�</p><p>Ich sah auf den�Kompass�. Der Abstand zwischen uns und Kostja begann sich zu vergr��ern. Ob er wie eine Fledermaus geflogen oder wie der Graue Wolf aus dem M�rchen gerannt war - jetzt hielt er jedenfalls an.</p><p>Geser hatte interessanterweise noch nicht einmal auf den�Kompass�geschaut.</p><p>�Der Flughafen�, sagte er voller Genugtuung. �Schluss jetzt, der Worte sind genug gewechselt. Geh. Schnapp dir jemandem mit einem guten Auto und sieh zu, dass du zum Flughafen kommst.�</p><p>�Aber��, setzte ich an. �Keine Artefakte, das w�rde er wittern�, widersprach Geser gelassen. �Und keine Partner. Momentan sp�rt er uns alle, verstehst du? Alle! Los!�</p><p>Die Bremskl�tze zischten, der Zug hielt an. Einen Moment lang blieb ich in der T�r stehen und h�rte: �Ja, mit der�grauen Andacht�. Nur nichts Kompliziertes. Wir pumpen dich so voll, dass es ihn auf dem Flugfeld zu Brei zerquetscht.�</p><p>In Ordnung. Der Chef war anscheinend der Ansicht, ich br�uchte nicht mehr mit ihm zu reden. Er h�rte meine Gedanken, bevor ich sie in Worte gebracht hatte.</p><p>Im Gang ging ich an Sebulon vorbei - und zuckte unwillk�rlich zusammen, als der mir aufmunternd auf den R�cken klopfte.</p><p>Sebulon nahm es nicht krumm. �Viel Erfolg, Anton!�, w�nschte er mir. �Du bist unsere Hoffnung.�</p><p>Die Menschen sa�en friedlich in ihren Abteilen. Nur der Zugf�hrer, der etwas in ein Mikrofon sprach, begleitete mich mit gl�sernem Blick.</p><p>Ich �ffnete die Zugt�r selbst, lie� das Trittbrett herunter und sprang auf den Bahnsteig. Alles irgendwie ziemlich schnell. Zu schnell�</p><p>Auf dem Bahnhof herrschte das �bliche Gedr�nge. Eine laute Reisegesellschaft, die aus dem Nachbarwaggon ausstieg, fragte gr�lend: �Wo bleiben denn die Omas mit unserm guten Tr�pfchen?�</p><p>Die�Omas�im Alter von zwanzig bis siebzig Jahren kamen bereits auf den Ruf herbeigeeilt. Jetzt w�rde es Bier und Wodka und gebratenen Schinken und Piroggen mit zweifelhafter F�llung geben. �Anton!�</p><p>Ich drehte mich um. Neben mir stand Lass mit einer Tasche �ber der Schulter. In seinem Mund steckte eine nicht angez�ndete Papirossa, er machte einen zufriedenen und aufger�umten Eindruck.</p><p>�Steigst du auch aus?�, fragte Lass. �Kann ich dich vielleicht irgendwo absetzen? Mein Auto wartet hier. �</p><p>�Ist es ein gutes Auto?�, hakte ich nach.</p><p>�So was wie ein VW.�Lass runzelte die Stirn. �Geht der? Oder f�hrst du nur im Cadillac?�</p><p>Ich drehte mich zur�ck zum Fenster unseres Waggons. Geser, Sebulon und Edgar sahen mich an.</p><p>�Der geht�, sagte ich finster. �Also� tut mir leid. Ich hab's wirklich ziemlich eilig, da brauchte ich ein Auto. Ich bekehre dich zum��</p><p>�Was stehen wir dann hier rum, wenn du es eilig hast? Gehen wir�, meinte Lass und lie� mich damit die Standardformel zur Anwerbung eines Freiwilligen nicht zu Ende sprechen.</p><p>Er f�delte sich so geschickt in die Menge ein, dass mir nichts weiter �brig blieb, als ihm zu folgen.</p><p>Wir schlugen uns durch die Menschenmenge und erreichten den Platz vor dem Bahnhofsgeb�ude. Ich schloss zu Lass auf, packte ihn bei der Schulter. �Ich bekehre dich zum��</p><p>�Da, ich seh ihn schon!�Lass sch�ttelte meine Hand ab. �Hallo, Roma!�</p><p>Auf uns kam ein Mann zu - am liebsten h�tte ich ihn, warum auch immer, �B�rger�genannt -, der relativ gro� und irgendwie kindlich pummelig war: Alles an ihm war rund, weich und leicht eingeschn�rt. Der Mund war klein, die Lippen wie ein H�hnerhintern, die Augen waren ebenfalls winzig und wirkten selbst hinter der Brille ausdruckslos und gelangweilt.</p><p>�Hallo, Alexander�, begr��te der B�rger Lass ausgesprochen zeremoniell und streckte ihm eine schlaffe Hand entgegen. Dann richtete er den Blick auf mich.</p><p>�Das ist Anton, ein Freund von mir. K�nnen wir ihn mitnehmen?�, sagte Lass.</p><p>�Warum nicht?�, meinte Roma melancholisch. �Die R�der sind in Ordnung, die Stra�e ebenfalls.�</p><p>Daraufhin wandte er sich um und steuerte auf einen neuen VW Bora zu.</p><p>Erst stieg er ins Auto ein, dann wir. R�cksichtslos w�hlte ich den Beifahrersitz. Lass schnaubte, nahm aber gehorsam hinten Platz. Roman lie� den Motor an. �Wohin m�ssen Sie, Anton?�</p><p>Er redete sogar rund und weich, als spreche er nicht, sondern schreibe die W�rter in die Luft. �Zum Flughafen, und zwar schnell�, sagte ich finster.</p><p>�Wohin?�, fragte Roman ehrlich erstaunt. Dann sah er Lass an. �Sollen wir nicht lieber ein Taxi f�r deinen Freund suchen?�</p><p>Bedripst sah Lass mich an. Dann richtete er seinen Blick - genauso bedripst - auf Roman.</p><p>�Gut�, sagte ich. �Ich bekehre dich zum Licht. Verleugne das Dunkel, verteidige das Licht. Ich verleihe dir den Blick, um das Gute vom B�sen zu unterscheiden. Ich verleihe dir den Glauben, dem Licht zu folgen. Ich verleihe dir die K�hnheit, gegen das Dunkel zu k�mpfen.�Lass kicherte. Und verstummte gleich darauf.</p><p>Nat�rlich sind hier nicht die Worte entscheidend. Worte k�nnen nichts �ndern, selbst wenn jedes Einzelne so ausgesprochen w�rde, als sei es in Gro�buchstaben geschrieben. Das ist wie bei den Zauberspr�chen der Hexen. Es ist blo� eine Formel, die das in meinem Ged�chtnis abgelegte Modul aktiviert. Ich h�tte mir einen Menschen auch selbst gef�gig machen k�nnen, aber so� so war es irgendwie richtiger. Denn so kam ein vor langer Zeit abgesegneter Mechanismus zum Tragen.</p><p>Roman nahm eine w�rdevolle Haltung an, sogar die Rundlichkeit seiner Wangen schien zu verschwinden. Eben noch sa� neben mir ein dicker und etwas verw�hnter Junge, jetzt ein Mann! Ein K�mpfer!</p><p>�Das Licht sei mit dir!�, beendete ich die Formel. �Zum Flughafen!�, rief Roman begeistert aus. Der Motor heulte auf, und wir schossen davon, indem wir aus dem deutschen Wagen alles rausholten, was in ihm steckte. Ich h�tte schw�ren k�nnen, dass dieser sportive Kasten noch nie gezeigt hatte, wozu er in der Lage war!</p><p>Ich schloss die Augen und sah durchs <emphasis>Zwielicht </emphasis>in das von bunten F�den durchzogene Dunkel. In dieses verkn�ulte B�ndel von Lichtr�hren, in gr�ne, gelbe, rote. Ich kann die Wahrscheinlichkeitslinien nicht sehr gut ausmachen, doch jetzt fiel es mir �berraschend leicht. Ich sp�rte, dass ich in Form war wie nie zuvor.</p><p>Was bedeutete, dass bereits fremde Kraft in mich hineinstr�mte. Die Kraft von Geser und Sebulon, von Edgar und den Inquisitoren. M�glicherweise erstarrten ja gerade in ganz Moskau Andere, Lichte wie Dunkle, alle, von denen Geser und Sebulon etwas <emphasis>nehmen </emphasis>durften.</p><p>Nur einmal hatte ich bislang etwas Vergleichbares gesp�rt. Und zwar damals, als ich mir von den Menschen Kraft geholt hatte.</p><p>�An der dritten Kreuzung nach links, sonst kommen wir in einen Stau�, sagte ich. �Dann biegen wir nach rechts ab, in einen Hof rein, wir fahren durch das Tor� dort ist eine Gasse��</p><p>Ich war noch nie in Saratow gewesen. Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr.</p><p>�Zu Befehl!�, salutierte Roman munter. �Gib Gas! �</p><p>�Wird gemacht!�</p><p>Ich sah Lass an. Der hatte ein P�ckchen Papirossy herausgeholt und sich eine angesteckt. Das Auto raste durch die verlassenen Stra�en. Roman sa� hinterm Steuer mit dem Eifer eines Stra�enbahnfahrers, der die Chance bekommen hatte, Schumacher bei einem Formel-1-Rennen zu besiegen.</p><p>Lass seufzte. �Und was wird jetzt mit mir?�, fragte er. �Holst du eine Taschenlampe heraus und sagst�Das war eine Sumpfgasexplosion�?�</p><p>�Du siehst doch, dass eine Taschenlampe daf�r gar nicht n�tig ist�, erwiderte ich.</p><p>�Aber ich werde das doch �berleben?�, lie� Lass nicht locker.</p><p>�Das wirst du�, beruhigte ich ihn. �Aber du wirst dich an nichts erinnern. Tut mir leid, aber das ist eben die �bliche Prozedur.�</p><p>�Alles klar�, sagte Lass traurig. �Mist� Was soll das blo� alles� Aber wo ich jetzt schon mit drinh�nge, k�nntest du mir wenigstens sagen��</p><p>Das Auto raste ohne R�cksicht auf Verluste durch die Gasse und h�pfte �ber Schlagl�cher hinweg. Lass machte die Papirossa aus. �Wer bist du?�, fragte er. �Ein Anderer. �</p><p>�Was f�r ein Anderer? �</p><p>�Ein Magier. Aber keine Angst, ich bin ein Lichter Magier.�</p><p>�Du bist erwachsen geworden, Harry Potter��, bemerkte Lass. �Was man nicht alles mitmacht. Oder bin ich vielleicht verr�ckt geworden?�</p><p>�Da besteht leider keine Hoffnung��, sagte ich und stemmte die Hand gegen die Decke. Roman m�hte sich gewaltig, jagte �ber Blumenbeete und schnitt Kurven. �Pass auf, Roman! Wir m�ssen schnell <emphasis>und </emphasis>sicher ankommen!�</p><p>�Dann sag mir auch noch eins�, fing Lass wieder an. �Diese Jagd� autsch� h�ngt die mit dieser anormalen Riesenfledermaus zusammen, die wir gestern Nacht gesehen haben?�</p><p>�Du wirst dar�ber lachen - aber das tut sie!�, best�tigte ich. Die Kraft brodelte in mir, machte mich trunken wie Champagner. Ich wollte albern sein, meinen Spa� haben. �Hast du Angst vor Vampiren?�</p><p>Lass holte eine Flasche Whisky aus seiner Tasche, schraubte sie mit einer heftigen Bewegung auf und setzte sie an den Mund. �Kein bisschen!�, behauptete er munter.</p></section><section><title><p>Sechs</p></title><p>Auf halber Strecke h�ngte sich ein Polizeiwagen an uns an. Ich wirkte f�r den Bora einen Zauber, der die Aufmerksamkeit der Menschen ablenkt, und sofort entfernten die Polizisten sich. Normalerweise sch�tzen Andere ihre Autos mit diesem Zauber gegen Diebstahl - jetzt freute ich mich, eine neue Anwendung f�r ihn gefunden zu haben. Allerdings w�re kurz darauf beinah ein LKW in uns reingefahren, worauf ich den Zauber umgehend wieder aufhob.</p><p>�In f�nfzehn bis zwanzig Minuten sind wir am Flughafen�, erstattete Roma Bericht, der wild mit dem Lenkrad hantierte. �Welche Instruktionen haben Sie dann, Chef?�</p><p>Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich, wie Lass den Kopf sch�ttelte und einen weiteren Schluck trank. Wir waren bereits aus der Stadt raus und rasten �ber die Stra�e zum Flughafen dahin. Eine ziemlich gute Stra�e - f�r die Verh�ltnisse in Mittelrussland.</p><p>�Schalte das Radio an�, bat ich. �Sonst macht die Fahrt keinen Spa�.�</p><p>Roma schaltete das Radio ein. Wir erwischten gerade noch die letzten Nachrichten. �� zur Freude von Millionen von Lesern hat das Warten nach drei Jahren nun ein Ende�, verk�ndete die Sprecherin. �Zum Abschluss noch eine Mitteilung vom Kosmodrom Baikonur, wo in Kooperation von Russen und Amerikanern eine Rakete ins All geschickt werden soll. Der Start ist f�r 18.32 Uhr Moskauer Zeit geplant. Und jetzt setzen wir unser Musikprogramm fort��</p><p>�Willst du auch einen Whisky?�, fragte Lass.</p><p>�Nein, ich muss noch arbeiten.�</p><p>�Rei� dich zusammen, Alexander, das ist nicht die Zeit zum Trinken!�, rief Roman munter. �Wir haben noch Arbeit!�</p><p>Dieser gutm�tige Mann, der normalerweise wohl keiner Fliege etwas zuleide tun konnte, hielt sich jetzt f�r James Bond. Oder seinen Assistenten.</p><p>Irgendwie haben wir alle in unserer Kindheit nicht genug gespielt.</p><p>�Du wirst das Auto bewachen�, sagte ich ihm. �Das ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Wir z�hlen auf dich. �</p><p>�Ich diene dem Licht!�, schrie Roman.</p><p>�Niemals h�tte ich geglaubt��, st�hnte Lass auf der R�ckbank. �Soll ich auch auf das Auto aufpassen?�</p><p>�Ja�, meinte ich. �Nur� ich habe eine gro�e Bitte: Versuch nicht wegzurennen.�</p><p>Von hinten war abermals ein Gluckern zu h�ren. Ob ich auch Lass dem Licht empfehlen sollte? Das w�re humaner� Warum sollte ich den Menschen unn�tig qu�len?</p><p>Zeit zum Nachdenken blieb mir jedoch nicht. Das Auto raste auf den Platz vor dem Flughafengeb�ude zu und hielt mit quietschenden Bremsen vorm Eingang an. Niemand achtete besonders auf uns: Jemand, der zu sp�t zu seinem Flug kam, nichts Au�ergew�hnliches. Ich holte Arinas Brief heraus. Sah auf den�Kompass�.</p><p>Die Nadel bewegte sich leicht hin und her, gab aber noch keine Richtung an.</p><p>Ob Kostja meine Ankunft sp�rte? Zumindest Geser war �berzeugt davon. Was w�rde nun auf mich zukommen?</p><p>Seltsamerweise empfand ich bis jetzt keine Angst. Innerlich war ich nicht bereit, Kostja als Feind zu sehen - noch dazu als einen Feind, der f�hig ist zu morden. Ich bin ein Magier zweiten Grades, das ist nicht schlecht. Hinter mir stand die gesamte Kraft der Nachtwache und nun auch - was noch nie da gewesen war - die der Tagwache. Was sollte mir ein einziger Vampir da schon anhaben? Selbst wenn er ein Hoher war.</p><p>Doch dann fiel mir das verzerrte Gesicht Viteszlavs wieder ein. Kostja hatte ihn ermordet. Ihn �berw�ltigt.</p><p>�Lass�, sagte ich. �Ich h�tte eine kleine Bitte� Komm hinter mir her. In gewissem Abstand. Wenn was passiert� Wenn du etwas bemerkst, sagst du es mir.�</p><p>Lass nahm den letzten Schluck Whisky und warf die leere Flasche auf die R�ckbank. �Warum sollte ich nicht mitkommen?�, sagte er vern�nftig. �Vorw�rts, bleichgesichtiger Blade.�</p><p>Ihm war jetzt anscheinend alles schnuppe. Er hatte sich einen angetrunken - was auch eine gute Methode ist, um sich gegen einen Vampir zu sch�tzen. Das Blut eines angetrunkenen Menschen bekommt ihm nicht, das eines stark betrunkenen kann ihn sogar umbringen. Ob sich Vampire deswegen immer lieber in Europa rumgetrieben haben als in Russland?</p><p>Aber ein Vampir ist keinesfalls gezwungen, das Blut eines get�teten Menschen zu trinken. Futter ist Futter, und Dienst ist Dienst. �Komm mir nicht zu nah�, wiederholte ich. �Halte Abstand!�</p><p>�Passen Sie auf sich auf, Chef!�, bat Roman. �Viel Erfolg. Sie sind unsere Hoffnung!�</p><p>Ich sah ihn an und erinnerte mich an die Abschiedsworte Sebulons. Wie �hnlich wir uns doch sind.</p><p>Wie �hnlich wir uns doch alle sind. Menschen und Andere, Dunkle und Lichte.</p><p>�Leise, geduldig, ohne Aggression�, sagte ich vor mich her, w�hrend ich die vor dem Eingang zum Flughafengeb�ude rauchenden M�nner anstarrte. �berwiegend intelligente Menschen mit Krawatte. Eine Putzfrau in einer orangefarbenen Jacke, die eine Prima qualmte, sah neben ihnen v�llig wild aus. �Leise und friedlich��</p><p>Ich steuerte auf das Geb�ude zu. Die Raucher wichen mir aus, denn in mir steckte jetzt zu viel Kraft, sogar normale Menschen konnte das sp�ren.</p><p>Und sobald sie es sp�rten, brachten sie sich klugerweise in Sicherheit.</p><p>Als ich hineinging, sah ich mich um. Lass kam mit einem gutm�tigen L�cheln hinter mir hergetrottet. Wo bist du, Kostja?</p><p>Wo bist du, Hoher Vampir, der nie einen Menschen um der Kraft willen umgebracht hat?</p><p>Wo bist du, der du davon tr�umst, wie in einem billigen Hollywoodstreifen der Herrscher �ber die Welt zu werden?</p><p>Dort, wo auch der kleine Vampir ist, der versucht hat, sein Schicksal zu �berlisten� Ich werde dich t�ten.</p><p>Nicht�Ich muss t�ten�, nicht�Ich kann t�ten�, nicht�Ich will t�ten�. Genug mit den Pr�zisierungen. Ich habe das�M�ssen�, habe Rotz und Tr�nen hinter mir, die intellektuelle Selbstzerfleischung und Selbstrechtfertigung. Ich habe das�K�nnen�, habe die Komplexe und Qualen eines Magiers dritten Grades hinter mir, die Anspannung eines Anderen, der seine Grenze erreicht hatte. Ich habe das�Wollen�, habe die Emotionen und Leidenschaften hinter mir, den Zorn und das Mitleid. Jetzt tu ich nur, was getan werden muss.</p><p>Falsche Ideale und Pseudoziele, fiebrige Losungen und doppeldeutige Postulate interessierten mich nicht mehr. Ich glaube nicht mehr an das Licht und nicht mehr an das Dunkel. Das Licht, das ist nur ein Photonenstrom. Das Dunkel nichts weiter als die Abwesenheit von Licht. Die Menschen sind unsere kleinen Br�der. Die Anderen sind das Salz der Erde. Wo bist du, Kostja Sauschkin?</p><p>Wo auch immer du hingerannt bist - zu den alten Artefakten des Ostens, zu einer milliardenstarken Armee aus chinesischen Magiern - ich werde deinen Sieg nicht zulassen. Wo bist du?</p><p>In der Mitte der Halle - der nicht allzu gro�en Halle eines Provinzflughafens - blieb ich stehen. Ich hatte den Eindruck, ihn zu sp�ren�</p><p>Ein verschwitzter Mann mit einem Koffer stolperte in mich hinein, entschuldigte sich und ging weiter. Ich erhaschte einen kurzen Blick auf seine Aura: ein nicht initiierter Anderer, ein Lichter, der Angst vorm Fliegen hatte, der aber gerade gl�cklich gelandet war und sich entspannte. Ein zufriedener Mann - der eben deshalb auffiel. Im Moment interessierte mich das nicht. Kostja?</p><p>Ich drehte mich um, als habe jemand meinen Namen gerufen. Ich starrte auf das Schild�Personaleingang�und auf das Codeschloss.</p><p>Im L�rm des Flughafens erhob sich eine f�r niemandem h�rbare Melodie. Offenbar rief er mich.</p><p>Die Kn�pfe des Codeschlosses leuchteten gehorsam auf, als ich meine Hand danach ausstreckte. Vier, drei, zwei, eins. Ein wirklich schlauer Code�</p><p>Ich �ffnete die T�r, sah mich um und nickte Lass zu, um die T�r dann vorsichtig, damit sie nicht wieder ins Schloss fiel, anzulehnen.</p><p>Leere, in einem trostlosen Gr�n gestrichene G�nge. Durch die ich jetzt ging.</p><p>Die Melodie schwoll an, schlingerte durch die Luft, schwang sich empor und sank wieder. Wie eine versponnene Melodie auf einer klassischen Gitarre. Dazu die zarten Kl�nge einer Geige.</p><p>Das ist er also, der richtige Ruf eines Vampirs, der Ruf, der dir gilt.</p><p>�Ich komme ja schon�, murmelte ich, w�hrend ich auf eine weitere T�r mit Codeschloss zusteuerte. Hinter mir ging eine T�r: Lass folgte mir.</p><p>Ein neues Schloss, ein neuer Code. Sechs, drei, acht, eins. Ich �ffnete die T�r - und fand mich auf dem Rollfeld wieder.</p><p>Langsam kroch ein dickb�uchiger Airbus �ber den Beton. Weiter hinten heulten die Turbinen einer Tupolew, die auf die Startbahn zusteuerte.</p><p>F�nf Meter vor der T�r stand Kostja. In der Hand hielt er einen kleinen, piekfeinen Aktenkoffer aus Hardplastik. Mir war klar, dass er das <emphasis>Fuaran </emphasis>enthielt. Kostjas Hemd war eingerissen als ob es ihm zwischendurch zu klein gewesen sei.</p><p>Offenbar war er aus dem Zug gesprungen und hatte mit der Transformation begonnen, bevor er sich vollst�ndig ausgezogen hatte.</p><p>�Hallo�, sagte Kostja.</p><p>Die Musik verstummte, riss mitten im Ton ab.</p><p>�Hallo�, erwiderte ich. �Du bist schnell hergeflogen.�</p><p>�Geflogen?�Kostja sch�ttelte den Kopf. �Nein� eine Fledermaus schafft diese Strecke kaum. �</p><p>�Und in was hast du dich dann verwandelt? In einen Wolf?�</p><p>Kostjas Antwort setzte der absurden Profanit�t unseres Gespr�chs die Krone auf: �In einen Hasen. Eine gro�en grauen Hasen. Sprung f�r Sprung��</p><p>Ich konnte nicht an mich halten - und kicherte los, als ich mir den gigantischen Hasen vorstellte, der durch G�rten rannte, mit riesigen Spr�ngen �ber B�che und Z�une setzte. �Stimmt��Kostja breitete die Arme aus. �Es war wirklich komisch. Ist mit dir alles in Ordnung? Habe ich dich nicht� zu sehr�? Sind die Z�hne in Ordung?�</p><p>Ich versuchte, so breit wie m�glich zu l�cheln.</p><p>�Entschuldige.�Kostja wirkte ehrlich bedr�ckt. �Das lag daran, dass alles so �berraschend kam. Wie bist du dahinter gekommen, dass ich das Buch habe? Der Cocktail? �</p><p>�Ja. F�r den Zauber ist das Blut von zw�lf Menschen n�tig.�</p><p>�Woher wei�t du das?�, fragte Kostja gedankenversunken. �Euch ist doch gar nicht bekannt, was im <emphasis>Fuaran </emphasis>steht� Na ja, egal. Ich m�chte mit dir reden, Anton.�</p><p>�Ich mit dir auch�, sagte ich. �Gib auf. Noch kannst du dein Leben retten.�</p><p>�Ich lebe seit langem nicht mehr.�Kostja l�chelte. �Hast du das etwa vergessen? �</p><p>�Du wei�t, was ich meine.�</p><p>�L�g mich nicht an, Anton. Du glaubst ja selbst nicht, was du da sagst. Ich habe vier Inquisitoren ermordet!�</p><p>�Drei�, korrigierte ich ihn. �Viteszlav und zwei im Zug. Der dritte hat �berlebt.�</p><p>�Ein gewaltiger Unterschied.�Kostja runzelte die Stirn. �Schon einen w�rden sie mir niemals verzeihen.�</p><p>�Das ist ein besonderer Fall�, entgegnete ich. �Ich sage es ganz offen, die Gro�en haben es mit der Angst bekommen. Sie k�nnten dich umbringen, doch der Preis f�r ihren Sieg w�re sehr hoch. Die Gro�en w�rden sich auf Verhandlungen einlassen.�Kostja schwieg und sah mich unverwandt an.</p><p>�Wenn du das <emphasis>Fuaran </emphasis>zur�ckgibst, wenn du dich freiwillig ergibst, kr�mmen sie dir kein Haar�, fuhr ich fort. �Du bist doch ein gesetzestreuer Vampir. Das liegt alles an dem Buch, du hast im Affekt gehandelt��</p><p>Kostja sch�ttelte den Kopf. �Das habe ich nicht. Edgar hat die Worte Viteszlavs nicht f�r voll genommen. Aber ich habe sie geglaubt. Ich bin umgekehrt und zur H�tte zur�ckgeflogen. Viteszlav hat nicht mit einer Falle gerechnet� Er hat mir das Buch gezeigt und alles erkl�rt. Als ich das von dem Blut von zw�lf Menschen geh�rt habe� da war mir klar, dass das meine Chance ist. Er hat noch nicht einmal Einw�nde gegen das Experiment erhoben. Vermutlich wollte er so schnell wie m�glich herauskriegen, ob es sich wirklich um das echte Buch handelt. Erst in dem Moment hat er begriffen, dass ich st�rker geworden bin� und dann hat er seine Kr�fte angespannt. Aber es war bereits zu sp�t.�</p><p>�Wozu?�, fragte ich. �Das ist doch Wahnsinn, Kostja! Wozu brauchst du die Weltherrschaft?�</p><p>Kostja zog die Brauen hoch. Eine Zeit lang sah er mich an - dann lachte er los. �Wovon redest du, Anton? Was f�r eine Herrschaft? Du hast ja rein gar nichts verstanden!�</p><p>�Ich verstehe sehr wohl�, sagte ich trotzig. �Du fliehst nach China, oder? Bringst eine Milliarde Magier unter deine Macht?�</p><p>�Idioten�, sagte Kostja leise. �Ihr seid alle Idioten. Ihr k�nnt immer nur an eins denken� Macht und Kraft� Ich brauche diese Macht nicht! Ich bin ein Vampir! Verstehst du? Ich bin ein Ausgesto�ener! Mieser als jeder sonstige Andere! Ich will nicht der st�rkste Ausgesto�ene werden! Ich will ganz normal werden! Ich will so sein wie alle!�</p><p>�Aber mit dem <emphasis>Fuaran </emphasis>kannst du einen Anderen nicht in einen Menschen umwandeln��, murmelte ich.</p><p>Kostja kicherte. �Ach!�Er sch�ttelte den Kopf. �Schalt mal dein Hirn ein, Anton! Die haben dich mit Kraft aufgetankt und losgeschickt, um mich umzubringen, das wei� ich. Aber denk vorher wenigstens nach, Anton! Mach dir klar, was ich will!�</p><p>Hinter mir quietschte die T�r. Lass kam herein. Verwirrt sah er mich an, dann schielte er zu Kostja hin�ber. Kostja sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich st�re wohl?�, sagte Lass, nachdem er die Situation abgesch�tzt hatte. �Tut mir leid, ich bin schon wieder weg� �</p><p>�Stopp�, meinte Kostja sachlich. �Du kommst gerade recht.�</p><p>Lass erstarrte. Ich hatte in Kostjas Stimme keinen Befehl herausgeh�rt, aber da war wohl doch einer gewesen.</p><p>�Ein kleines Experiment zur Veranschaulichung�, sagte Kostja. �Schau dir an, wie es gemacht wird��</p><p>Heftig sch�ttelte er seinen Aktenkoffer, worauf die Schl�sser gehorsam aufsprangen, der Koffer sich �ffnete und aus ihm ein schweres, solides Buch herausflog. Das <emphasis>Fuaran.</emphasis></p><p>Der Einband war in der Tat aus Leder, aus grau-gelbem Leder. Kupferne Dreiecke sch�tzten die Ecken. Au�erdem gab es noch eine sinnreiche Schlie�e, die verhinderte, dass das Buch sich �ffnete.</p><p>Kostja fing das Buch mit einer Hand und schlug es mit so erstaunlicher Leichtigkeit auf, als hantiere er nicht mit einem mehrere Kilogramm schweren Folianten, sondern bl�ttere eine Zeitung durch. Er lie� den Aktenkoffer fallen, der auf den Beton krachte.</p><p>�Hier steht gr��tenteils Gew�sch drin�, am�sierte sich Kostja. �Eine Chronik missgl�ckter Experimente. Die Anleitung kommt am Ende� Es ist ganz einfach.�</p><p>Mit der freien Hand holte Kostja aus der Ges��tasche seiner Jeans die kleine Metallflasche. Schraubte den Verschluss ab und gab einen Tropfen direkt auf die aufgeschlagene Seite. Worauf wartete ich noch? Was hatte er vor?</p><p>Alles in mir schrie: Greif ihn an! Schlag mit voller Kraft zu, solange er abgelenkt ist! Doch ich wartete, von dem Anblick wie gebannt.</p><p>Der Blutstropfen verschwand von der Seite. Schmolz dahin, gab braunen Rauch ab. Und das Buch� das Buch fing an zu singen. Es stie� einen Laut aus, der einem kehligen Gesang �hnelte, an eine menschliche Stimme erinnerte. Es lag nichts Artikuliertes darin.</p><p>�Beim Dunkel und beim Licht��, sagte Kostja, w�hrend er auf die aufgeschlagenen Seiten blickte. Er sah etwas, das mir verborgen blieb. �Om� Mrigankandata gauri� Auchitya dhvani� Nach meinem Willen� Mokscha gauri��</p><p>Die Stimme des Buches - und ich hegte nicht den geringsten Zweifel, dass hier das Buch sprach - schwoll an. Erstickte Kostjas Stimme, erstickte die Worte des Zauberspruchs, sowohl die russischen als auch jener alten Sprache, in der das <emphasis>Fuaran </emphasis>abgefasst worden war.</p><p>Kostja hob die Stimme, als versuche er das Buch zu �berschreien.</p><p>Ich verstand nur das letzte Wort, wieder ein Om. Der Gesang riss mit einem scharfen, dissonanten Ton ab. Hinter mir fluchte Lass. �Was war das denn?�, fragte er.</p><p>�Ein Meer�, am�sierte sich Kostja. Er b�ckte sich, hob den Aktenkoffer auf und legte sowohl das Buch als auch die Flasche hinein. �Ein ganzes Meer neuer M�glichkeiten.�</p><p>Ich drehte mich um - obwohl ich bereits wusste, was ich sehen w�rde. Kniff die Augen zusammen und fing mit den Pupillen den Schatten meiner Wimpern auf. Ich betrachtete Lass durchs <emphasis>Zwielicht.</emphasis></p><p>Die Aura eines nicht initiierten Anderen war absolut klar zu erkennen. Herzlich willkommen in unserem Freundeskreis�</p><p>�So funktioniert es bei Menschen�, sagte Kostja. Auf seiner Stirn standen jetzt zwar Schwei�tropfen, dennoch wirkte er rundum zufrieden. �Genau so. �</p><p>�Was hast du jetzt vor?�, fragte ich.</p><p>�Ich m�chte ein Anderer unter Anderen sein�, sagte Kostja. �Ich m�chte, dass das alles aufh�rt� Lichte und Dunkle, Menschen und Andere, Magier und Vampire. Alle sollen zu Anderen werden, begreifst du das? Alle Menschen auf der Welt.�</p><p>Ich lachte. �Kostja� du brauchst zwei oder drei Minuten pro Mensch. Wie steht's mit deinen Kenntnissen in Arithmetik?�</p><p>�Hier h�tten auch zweihundert Menschen stehen k�nnen�, erkl�rte Kostja. �Dann w�ren sie jetzt alle Andere geworden. Hier h�tten zweitausend Menschen stehen k�nnen. Der Zauber wirkt auf alle, die sich in meinem Blickfeld befinden. �</p><p>�Trotzdem��</p><p>�In anderthalb Stunden startet vom Kosmodrom Baikonur die n�chste Rakete zur Internationalen Raumstation�, sagte Kostja. �Ich glaube, der deutsche Weltraumtourist wird mir seinen Platz �berlassen m�ssen.�Einen Moment lang schwieg ich und wog seine Worte ab.</p><p>�Ich werde ganz ruhig am Fenster sitzen und auf die Erde glotzen�, verk�ndete Kostja. �Wie es sich f�r einen Weltraumtouristen geh�rt. Ich werde auf die Erde schauen, etwas Blut aus der Flasche auf den Seiten verschmieren und den Zauberspruch fl�stern. Und weit unter mir werden die Menschen zu Anderen. Alle Menschen, verstehst du? Vom S�ugling in der Wiege bis zum Greis im Rollstuhl.�</p><p>Jetzt wirkte er fast wie ein Lebender. Durch und durch. In seinen Augen loderte etwas, das nicht der Vampirkraft entsprang, sondern normalem menschlichen Eifer.</p><p>�Anton, du hast doch selbst auch schon davon getr�umt, oder? Dass es keine Menschen mehr gibt! Dass alle gleich sind!�</p><p>�Ich habe davon getr�umt, dass alle zu Anderen werden�, sagte ich. �Aber nicht davon, dass es keine Menschen mehr gibt.�</p><p>Kostja verzog das Gesicht. �H�r doch auf! Das sind Wortklaubereien� Wir haben die Chance, die Welt zum Guten zu ver�ndern, Anton. Fuaran konnte das nicht, denn zu ihrer Zeit gab es noch keine Raumschiffe. Geser und Sebulon k�nnen das nicht, denn sie haben das Buch nicht. Aber wir, wir k�nnen es! Ich will keine Macht, versteh mich doch! Ich will Gleichheit! Freiheit!�</p><p>�Gl�ck f�r alle, und umsonst?�, fragte ich. �Und dass niemand gekr�nkt fortgeht?�Er verstand mich nicht.</p><p>�Ja, Gl�ck f�r alle! Die Erde den Anderen! Und keine Kr�nkungen! Ich will, dass du mit mir kommst, Anton. Dass du dich auf meine Seite stellst.�</p><p>�Das ist eine vorz�gliche Idee�, rief ich und sah ihm in die Augen. �Kostja, du bist einfach fabelhaft!�</p><p>L�gen konnte ich noch nie. Und einen Vampir zu t�uschen, das ist fast unm�glich. Aber offenbar wollte Kostja unbedingt h�ren, dass ich ihm zustimmte. Er l�chelte. Entspannte sich.</p><p>In dem Moment hob ich die Hand und schlug mit der�grauen Andacht�zu.</p><p>Das hatte nichts mehr mit dem Schlag zu tun, den ich ihm im Zug versetzt hatte. Die Kraft brodelte in mir, str�mte aus meinen Fingerspitzen heraus! Ohne Ende! Wer kann schon wissen, dass er eine Leitung ist, solange kein Strom flie�t?</p><p>Der Zauber lie� sich sogar in der Menschenwelt erkennen. Schlingernde graue F�den schossen aus meinen H�nden, spannen Kostja ein, zogen sich um ihn zusammen, schnappten ihn sich, bildeten einen zuckenden grauen Kokon um ihn. Im <emphasis>Zwielicht </emphasis>geschah etwas Unvorstellbares: Ein tosender grauer Schneesturm brandete durch die Welt, im Vergleich zu dem der normale graue Nebel direkt farbenfroh wirkte. Jedem normalen, registrierten Vampir in einem Radius von mehreren Kilometern, so schoss es mir durch den Kopf, d�rfte es jetzt auch nicht gerade pr�chtig gehen. Einzelne abprallende Zauberfragmente w�rden ihn wegfegen und dematerialisieren�</p><p>Kostja fiel auf ein Knie. Er hielt sich, versuchte zu entkommen, aber die�graue Andacht�saugte die Kraft schneller aus ihm heraus, als er dem Zauber entgehen konnte. �Mein lieber Schieber!�, rief Lass begeistert hinter mir. Nie zuvor war so viel Kraft durch mich hindurchgestr�mt.</p><p>Mit der Welt um mich herum geschah etwas Seltsames. Das Flugzeug auf der Startbahn verlor seine Farbe, verwandelte sich in einen grauen steinernen Klotz. Der Himmel bleichte aus, wurde fahl und hing jetzt tief. Die Ohren schienen mit Watte zugestopft. Anscheinend dr�ngte das <emphasis>Zwielicht </emphasis>in unsere Welt�</p><p>Aber ich konnte nicht aufh�ren. Ich sp�rte: Sollte ich auch nur eine Sekunde erlahmen, w�rde Kostja sich losrei�en, w�rde zum Gegenschlag ausholen. Und dann so zuschlagen, dass mir H�ren und Sehen verging� Dann w�rde ich und nicht Kostja da auf dem Asphalt liegen, zu Brei zerquetscht�</p><p>Er hob den Kopf. Sah mich an. Nicht b�se, sondern eher verletzt und ungl�ubig. Ganz langsam breitete er die Arme aus� Sollte er tats�chlich noch Kraftreserven haben?</p><p>Um Kostja herum zeichnete sich ein hellblaues, durchscheinendes Prisma in der Luft ab. Es zerschnitt die grauen F�den des Zaubers, kreiste und schrumpfte zu einem Punkt zusammen. Dann verschwand es. Zusammen mit dem Vampir. Kostja war durch ein Portal geflohen.</p><p>Nach wie vor brandete die Kraft in mir. Die Kraft von Tausenden von Anderen, die Geser und Sebulon mir zugeleitet hatten, eine �berbordende, unkontrollierte Kraft, die nach Anwendung verlangte. Menschenkraft, die durch dritte Hand zu mir gelangt war� Es reichte�</p><p>Ich f�hrte meine H�nde zusammen und ballte die grauen F�den zu einem festen Kn�uel. Es reichte�</p><p>Der Feind stand nicht mehr vor mir. Es reichte�</p><p>Ein Duell der Magier - das bedeutet zu fechten, nicht mit einem Kn�ppel zuzuhauen. Es reichte. Kostja hatte sich als der Raffiniertere erwiesen.</p><p>Ein leichtes Zittern sch�ttelte mich, trotzdem h�rte ich auf. Der Himmel gewann seine Farbe zur�ck, auf der Startbahn raste das Flugzeug los. Kostja war weg. Geflohen?</p><p>Nein, er war einfach weg. Noch nie hatte ich von Vampiren geh�rt, die imstande sind, ein direktes Portal zu �ffnen. Und die Gro�en hatten offenbar ebenfalls nicht erwartet, dass Kostja uns mit einer solchen Finte t�uschen w�rde.</p><p>Als er zum Flughafen gekommen war, hatte er damit gerechnet, dass alle nur an Flugzeuge und Hubschrauber denken w�rden. Sich entspannen w�rden, denn ihnen blieb noch genug Zeit, sie konnten den Vampir ja in der Luft abfangen, Jagdflugzeuge losschicken, sie konnten Raketen abfeuern�</p><p>Kostja hatte sich jedoch von Anfang an auf einen Sprung in ein direktes Portal vorbereitet. Anderthalb Stunden vor dem Start der Rakete� Niemals h�tte er es geschafft, mit einem Flugzeug p�nktlich in Baikonur einzutreffen! Au�erdem flog da sowieso keins hin, schlie�lich gab es in dem Gebiet - wozu auch immer es jetzt erkl�rt sein mochte - noch eine Luftabwehr. Und nur deshalb hatte er den Sprung selbst unter dem Druck der�grauen Andacht�geschafft: Der Zauber f�r das Portal war bereits gewirkt, bereits�aufgehangen�- genau wie die Kampfzauber bei uns Fahndern.</p><p>Also hatte er doch nicht geglaubt, dass ich zu ihm �berlaufen w�rde. Oder zumindest ernsthafte Zweifel daran gehabt. Trotzdem war es f�r ihn wichtig - sehr wichtig -, mich zu besiegen. Und zwar nicht durch reine Kraft. Was bedeutet schon Kraft, wenn er nun ein Hoher und ich immer noch ein Magier zweiten Grades war, selbst wenn man noch so viel geliehene Kraft in mich gepumpt hatte. Nein, der reinste, der �berzeugendste Sieg ist der, wenn der Gegner deine Wahrheit anerkennt. Sich kampflos ergibt. Sich unter deine Fahne stellt.</p><p>Letzten Endes bin ich doch ein Dummkopf. Ich hatte ihn f�r einen Freund oder einen Feind gehalten. Doch er war keins von beiden. Er gedachte lediglich seine Wahrheit zu beweisen. Und wie es der Zufall so wollte, sollte ich als Mittel der Beweisf�hrung dienen. Schon kein Freund mehr, aber noch kein Feind. Sondern nur der Tr�ger einer alternativen Wahrheit. �Hat er sich mit Teleportation davongemacht?�, fragte Lass.</p><p>�Was?�Ich drehte mich um und sah ihn an. �Nun� etwas in der Art. Er hat ein Portal ge�ffnet und ist verschwunden. Wie bist du dahintergekommen?�</p><p>�In einem Computerspiel habe ich mal etwas gesehen, das kam dem hier ziemlich nahe��, sagte Lass leicht zweifelnd. Um dann ver�rgert zu pr�zisieren: �Sehr nahe!�</p><p>�Diese Spiele werden nicht nur von Menschen gemacht��, erkl�rte ich. �Ja, er ist verschwunden. Nach Baikonur. Er m�chte einen Weltraumtouristen ersetzen��</p><p>�Das habe ich geh�rt�, sagte Lass. �So ein Idiot. �</p><p>�Ist dir klar, warum er ein Idiot ist?�, fragte ich.</p><p>Lass schnaubte. �Wenn alle Menschen Magier werden� Heute p�belt man dich in der Stra�enbahn an, und morgen verbrennt man dich auf der Stelle zu Asche. Heute zerkratzt man einem unangenehmen Nachbarn die T�r mit einem Nagel oder denunziert dich beim Finanzamt, morgen wirkt man irgendein Unheil oder saugt ihm das Blut aus. Ein Affe auf einem Motorrad ist nur im Zirkus am�sant, nicht im Stra�enverkehr� Und schon gar nicht, wenn der Affe eine Maschinenpistole in der Hand hat.�</p><p>�Glaubst du, dass die Mehrheit aus Affen besteht?�, wollte ich wissen.</p><p>�Wir alle sind Affen.�</p><p>�Dein Weg f�hrt in die Wache�, murmelte ich. �Wart mal gerade� ich muss mir Rat holen.�</p><p>�Was f�r eine Wache?�, fragte Lass misstrauisch. �Vielen Dank auch! Gl�cklicherweise bin ich n�mlich kein Magier!�</p><p>Ich schloss die Augen und lauschte. Stille.</p><p><emphasis>�Geser!�</emphasis></p><p>Stille.</p><p><emphasis>�Geser! Lehrer!�</emphasis></p><p><emphasis>�Wir beratschlagen gerade, Anton.�</emphasis></p><p>In einem telepathischen Gespr�ch fehlt jede Intonation. Und trotzdem� trotzdem witterte ich einen Hauch von M�digkeit in Gesers Worten.</p><p><emphasis>�Er ist nach Baikonur unterwegs. Das Fuaran funktioniert wirklich. Er will alle Menschen auf der Welt in Andere verwandeln!�</emphasis></p><p>Ich verstummte, weil ich begriff: Geser wusste bereits Bescheid. Er hatte alles, was passiert war, angesehen und angeh�rt - ob mit meinen Augen und meinen Ohren oder mit sonstigen magischen Methoden, was spielte das f�r eine Rolle. <emphasis>�Du musst ihn aufhalten, Anton. Folge ihm und halte ihn auf. �</emphasis></p><p><emphasis>�Und Sie?�</emphasis></p><p><emphasis>�Wir halten den Kanal aufrecht, Anton. Versorgen dich mit Kraft. Wei�t du, wie viele Andere ihre Kraft f�r die�graue Andacht�gegeben haben? �</emphasis></p><p><emphasis>�Ich ahne es.�</emphasis></p><p><emphasis>�Anton, ich kann mich nicht mit ihm messen. Sebulon auch nicht. Und auch Swetlana nicht. Wir k�nnen jetzt nur noch eins machen: dich mit Energie versorgen. Wir ziehen aus allen Anderen Moskaus Kraft. Falls n�tig, fangen wir an, sie direkt bei den Menschen abzupumpen. Wir haben keine Zeit, jetzt noch was umzuorganisieren oder weitere Magier als Leiter hinzuziehen. Du bist es, der Kostja aufhalten muss� mit unserer Hilfe. Die Alternative w�re ein Atomangriff auf Baikonur. �</emphasis></p><p><emphasis>�Ich kann kein direktes Portal �ffnen, Geser.�</emphasis></p><p><emphasis>�Doch. Das Portal ist noch nicht endg�ltig wieder geschlossen. Du musst den Eingangsschacht finden und es erneut aktivieren.�</emphasis></p><p><emphasis>��bersch�tzen Sie mich nicht, Geser! Selbst mir Ihrer Hilfe bin ich nur ein Magier zweiten Grades!�</emphasis></p><p><emphasis>�Wach auf, Anton. Du hast Sauschkin gegen�bergestanden, als er den Zauberspruch rezitiert hat. Du bist �ber den zweiten Grad hinaus. �</emphasis></p><p><emphasis>�Und welchen�?�</emphasis></p><p><emphasis>��ber dem ersten gibt es nur noch eine Kategorie. Die h�chste. Schluss jetzt mit dem Gerede! Folge ihm! �</emphasis></p><p><emphasis>�Aber wie kann ich ihn besiegen? �</emphasis></p><p><emphasis>�Wie du willst.�</emphasis>Ich �ffnete die Augen.</p><p>Lass stand vor mir und fuchtelte mit der Hand vor meinem Gesicht herum.</p><p>�Oh! Er lebt noch!�, freute er sich. �Was ist das f�r eine Wache? Und soll das hei�en, dass ich jetzt auch ein Magier bin? �</p><p>�Fast.�Ich machte einen Schritt nach vorn.</p><p>Hier hatte Kostja gestanden� er war hingefallen� hatte die Arme ausgebreitet� das Portal war entstanden� Die Menschenwelt war leer.</p><p>Wind ging, die zerkn�llte Zellophanh�lle einer Zigarettenschachtel raschelte �ber den Beton� Das <emphasis>Zwielicht </emphasis>war leer.</p><p>Die graue Finsternis, die steinernen Kl�tze anstelle des elastischen, wabernden Geflechts aus blauem Moos� Die zweite Schicht des <emphasis>Zwielichts.</emphasis></p><p>Der schwere schieferfarbene Nebel� das gespenstische tote Licht unter schweren Wolken� ein winziger blauer Funken, wo das Portal gewesen war� Ich streckte die Hand aus -in der Menschenwelt, in der ersten Schicht des <emphasis>Zwielichts, </emphasis>in der zweiten Schicht des <emphasis>Zwielichts� </emphasis>Und erfasste mit den Fingern den ersterbenden blauen Funken.</p><p>Halt! Erlisch nicht! Hier bekommst du es mit einer Kraft, mit einer w�tenden Energie zu tun, die die Grenzen zwischen den Welten aufhebt. Von meinen Fingern regneten brennende Tropfen. Herab auf die verl�schende Glut�</p><p>Wachse, �ffne dich, kriech unter die hei�e Sonne, denn du musst noch arbeiten! Ich nahm die Spur desjenigen wahr, der das Portal ge�ffnet hatte. Sah, wie er es gemacht hatte. Konnte seinen Weg nachgehen.</p><p>Und ich brauchte dazu nicht einmal mehr Zauber, nicht all diese komischen Formeln in unverst�ndlichen alten Sprachen. Auf die auch die Hexe Arina nicht angewiesen ist, wenn sie ihren Kr�utertrunk braut. Auf die auch Geser und Swetlana nicht angewiesen sind. Ist es das, was einen Hohen Magier ausmacht?</p><p>Dass er keine Schemata mehr lernen muss, sondern die Bewegung der Kraft sp�rt? Wie erstaunlich - und wie einfach.</p><p>Dabei sind noch nicht mal die M�glichkeiten das Erstaunlichste, nicht die beeindruckende Kraft des Fireballs oder die St�rke des�Freeze�. Denn mit abgezapfter fremder Kraft oder mit kunstvoll angesammelter eigener kann selbst ein gew�hnlicher Magier so loslegen, dass er einen Hohen Mores lehrt. Nein, alles steht und f�llt mit der Freiheit. Ein Unterschied wie zwischen einem Schwimmer - und m�ge er noch so begabt sein - und einem Delphin - selbst wenn dieser extrem tr�ge ist.</p><p>Wie schwer muss es f�r Swetlana gewesen sein, mit mir zusammenzuleben, ihre Kraft zu vergessen, ihre Freiheit zu vergessen? Das l�sst sich nicht mit dem Unterschied zwischen stark und schwach vergleichen, sondern nur mit dem zwischen einem Gesunden und einem Invaliden�</p><p>Aber die gew�hnlichen Menschen leben doch auch, oder? Zusammen mit Blinden und Lahmen. Denn das Wichtigste ist eben nicht die Freiheit. Freiheit - das ist eine Rechtfertigung f�r Arschl�cher und Idioten. Wenn die von Freiheit sprechen, denken sie nicht an die Freiheit der andern, sondern an die eigene Sklaverei.</p><p>Und selbst Kostja - der kein Idiot und kein Arschloch ist - h�ngt an jenem Haken, an dem sich schon die Revolution�re aller Couleur die Lippen aufgerissen haben - von Spartakus bis Trotzki, vom B�rger Robespierre bis zum Commandante Che Guevara, von Jemelka Pugatschow bis zum namenlosen Selbstmordattent�ter.</p><p>W�re ich selbst nicht auch daran h�ngen geblieben? Noch vor f�nf oder zehn Jahren?</p><p>Wenn man mir gesagt h�tte: �Man kann alles auf einen Schlag �ndern - und zwar zum Guten!�Aber das hat zum Gl�ck keiner.</p><p>So bin ich noch einmal davongekommen, zusammen mit denjenigen, die mir etwas bedeuten. Die bei den Worten�Freiheit und Gleichheit�immer voller Zweifel den Kopf sch�tteln.</p><p>Vor mir �ffnete sich das Portal: ein hellblaues Prisma, leuchtende Schn�re als Rippen, eine glimmernde H�lle als Grenze�</p><p>Ich schob die Schn�re mit den H�nden auseinander und trat ins Portal.</p></section><section><title><p>Sieben</p></title><p>Was an Portalen nicht gut ist: Man hat keine M�glichkeit, sich auf den neuen Ort einzustellen. Ein Zug ist in dieser Hinsicht ideal. Du betrittst dein Abteil, wechselst die Jeans gegen Trainingshosen und die Schuhe gegen Gummilatschen, entspannst dich bei Speis und Trank und kommst - falls du das Pech hast, allein zu fahren - mit deinen Mitreisenden ins Gespr�ch. Die R�der rattern, der Bahnsteig entschwindet. Das war's, du bist unterwegs. Du bist ein andrer Mensch. Du teilst deine geheimsten Sorgen mit Unbekannten, streitest �ber Politik, obwohl du dir gelobt hast, nie �ber sie zu streiten, trinkst fragw�rdigen, auf einem kleinen Bahnhof erworbenen Wodka. Du bist nicht hier und nicht da. Du bist unterwegs. Unternimmst deine eigene kleine <emphasis>Queste, </emphasis>in dir steckt etwas von Frodo und etwas von Paganel, dann noch ein Tr�pfchen Robinson und ein ganz klein wenig von Radischtschew. Vielleicht dauert deine Reise nur ein paar Stunden, vielleicht ein paar Tage. Das Land ist gro�, und es zieht vor den Fenstern deines Abteils vorbei. Du bist nicht hier. Du bist nicht da. Du bist ein Reisender.</p><p>Bei einem Flugzeug sieht die Sache schon anders aus. Trotzdem bereitest du dich auch hier auf deine Reise vor. Du kaufst ein Ticket, stehst in aller Herrgottsfr�he auf, setzt dich in ein Taxi und f�hrst zum Flughafen. Die R�der schlucken die Kilometer, du guckst in den Himmel, bist in Gedanken bereits in der Luft. Das nerv�se Durcheinander im Wartesaal, l�slicher Kaffee im Restaurant, das Einchecken, die Sicherheitskontrolle, wenn du ins Ausland fliegst der Zoll und der Duty-free-Shop, die kleinen Freuden der Reise vor den engen Flugzeugsitzen, dem Heulen der Turbinen und dem optimistischen Slogan der Stewardess. �Die Notausg�nge befinden sich��Und dann verschwindet die Erde bereits unter dir, die Hinweisschilder gehen aus, die Raucher verdr�cken sich schamhaft in die Toilette, die Stewardessen �bersehen sie taktvoll, das Mittagessen wird in kleinen Plastiksch�sseln gebracht, denn aus irgendeinem Grund schlagen sich bei Fl�gen immer alle den Magen voll. Das ist keine Reise im eigentlichen Sinne. Das ist ein Ortswechsel. Aber� aber trotzdem siehst du unter dir St�dte und Fl�sse dahinschwinden, bl�tterst im Reisef�hrer oder �berpr�fst, ob die Best�tigung deiner Dienstreise in Ordnung ist, denkst dar�ber nach, wie du die Gesch�ftsverhandlungen f�hren sollst oder wie du den zehnt�gigen Urlaub im gastfreundlichen Land T�rkei/Spanien/Kroatien am vergn�glichsten verbringen kannst. So oder so, du bist unterwegs.</p><p>Ein Portal ist ein Schock. Ein Portal ist ein Wechsel im B�hnenbild, ist eine Drehb�hne im Theater. Du bist hier - und du bist da. Ohne unterwegs zu sein. Und ohne Zeit zum Nachdenken.</p><p>Ich st�rzte aus dem Portal. Mit einem Bein schlug ich auf dem gefliesten Boden auf, mit dem andern landete ich im Klosett.</p><p>Nur gut, dass es ein recht sauberes Klo war. Als ob ich in einem anst�ndigen amerikanischen Film w�re, wo sich die Helden auf der Toilette die Fresse polieren. Trotzdem zog ich mein Bein heraus - und Schmerz lie� mich das Gesicht verziehen.</p><p>Eine winzige Kabine. An der Decke eine Minilampe und ein L�ftungsgitter, ein Halter mit einer Rolle Klopapier. Ein tolles Portal! Aus irgendeinem Grund hatte ich erwartet, dass Kostja das Portal direkt an der Startrampe aufh�ngen w�rde, an der Einstiegsluke der Rakete.</p><p>Mit immer noch schmerzverzerrtem Gesicht �ffnete ich die T�r einen Spalt und lugte vorsichtig hinaus. Anscheinend war die Toilette leer. Kein Ger�usch war zu h�ren, nur an einem der Waschbecken tropfte der Hahn�</p><p>In diesem Augenblick prallte mir etwas voller Wucht in den R�cken, sodass ich aus der Kabine flog, indem ich die T�r mit dem Kopf aufstie�. Ich st�rzte auf den R�cken und riss eine Hand hoch, bereit zuzuschlagen.</p><p>In der Kabine stand Lass - der, gegen die Wand gelehnt, mit den Armen ruderte und sich verdutzt umsah.</p><p>�Was machst du denn hier?�, br�llte ich. �Warum bist du mir gefolgt?�</p><p>�Du hast mir doch selbst gesagt, ich soll dir nachkommen!�, schmollte Lass. �Du hundsmiserabler Zauberer!�Ich stand auf. Jetzt zu streiten w�re in der Tat dumm.</p><p>�Ich muss einen durchgedrehten Vampir aufhalten�, sagte ich. �Den heute st�rksten Magier der Welt. Es� es wird hier sehr hei� hergehen��</p><p>�Wo sind wir? In Baikonur?�, fragte Lass, der nicht die geringste Angst zeigte. �Wow! Einfach klasse! Aber war es unbedingt n�tig, f�r die Teleportation die Kanalisation zu w�hlen?�</p><p>Ich winkte blo� ab. H�rte in mich hinein. Ja, Geser war in der N�he. Geser und Sebulon� und Swetlana� und noch Hunderte oder Tausende von Anderen. Sie alle warteten. Sie hofften auf mich.</p><p>�Wie kann ich dir helfen?�, fragte Lass. �Soll ich vielleicht St�cke aus Espenholz suchen? �brigens werden Streichh�lzer aus Espenholz gemacht, wusstest du das? Ich habe mich immer gefragt, warum ausgerechnet aus diesem Holz. Das brennt doch wohl nicht besser, oder? Jetzt ist mir klar, dass man es macht, um Vampire zu bek�mpfen. Du spitzt einfach ein Dutzend Streichh�lzer an��Ich sah Lass an.</p><p>Der breitete die Arme aus. �Schon gut, schon gut� War ja blo� ein Vorschlag.�</p><p>Ich ging zur Toilettent�r und sp�hte nach drau�en. Ein langer Gang, Neonlicht, keine Fenster. Am Ende des Gangs stand ein Mann in Uniform mit einer Pistole am G�rtel. Ein Wachtposten? Ja, vermutlich d�rfte es hier Wachen geben. Sogar in der heutigen Zeit.</p><p>Aber warum war der Mann in dieser unnat�rlichen Pose erstarrt?</p><p>Ich ging den Gang hinunter, auf den Soldaten zu. �Entschuldigen Sie bitte�, sprach ich ihn leise an. �D�rfte ich Sie kurz st�ren?�</p><p>Der Soldat erwiderte nichts. Er starrte in den Raum - und l�chelte. Ein junger Mann, noch keine drei�ig. V�llig reglos. Und sehr blass.</p><p>Ich legte ihm die Finger an die Halsschlagader. Der Puls lie� sich kaum noch sp�ren. Die Bissspuren waren fast nicht zu sehen, nur am Kragen entdeckte ich ein paar Blutstropfen. Ja, Kostja musste nach der Flucht sehr m�de gewesen sein. Er hatte sich st�rken m�ssen - und eine Katze war ihm nicht �ber den Weg gelaufen.</p><p>Wenn der Soldat jetzt noch am Leben war, hatte er �brigens Chancen, das Ganze zu �berstehen.</p><p>Ich zog die Pistole aus seinem Halfter - offenbar hatte er nach ihr greifen wollen, als der Befehl des Vampirs ihn zwang zu erstarren - und legte den Mann sorgf�ltig auf den Fu�boden. Sollte er ruhig ein bisschen liegen. Dann drehte ich mich um.</p><p>Nat�rlich war Lass mir gefolgt. Jetzt betrachtete er schweigend den reglosen Wachtposten. �Kannst du schie�en?�, fragte ich.</p><p>�Ich werde es versuchen.�</p><p>�Falls n�tig, schie� ihm ins Herz und in den Kopf. Wenn du triffst, haben wir Chancen, ihn aufzuhalten.�</p><p>Selbstverst�ndlich machte ich mir nichts vor. Selbst wenn Lass das ganze Magazin in Kostja abfeuerte - was ihm wohl kaum gelingen d�rfte -, w�rden die Kugeln den Hohen Vampir nicht aufhalten. Besser rechneten wir mit dem Schlimmsten.</p><p>Und Hauptsache, er schoss mir nicht vor lauter Angst in den R�cken�</p><p>Kostja zu finden war nicht schwer, selbst ohne Magie anzuwenden. Wir stie�en noch auf drei weitere M�nner, einen Wachtposten und zwei Zivilpersonen, die erstarrt und gebissen waren. Vermutlich bewegte sich Kostja in dieser Vampirmanier fort, bei der jede Bewegung unfassbar schnell wird und der Prozess des�Essens�nur ein paar Sekunden in Anspruch nimmt. �Werden sie jetzt zu Vampiren?�, wollte Lass wissen.</p><p>�Nur wenn er das gewollt hat. Und nur wenn sie selbst einverstanden waren. �</p><p>�Ich h�tte nicht gedacht, dass man noch die Wahl hat.�</p><p>�Man hat immer die Wahl�, antwortete ich, w�hrend ich die n�chste T�r �ffnete. Und begriff, dass wir am Ziel angelangt waren.</p><p>Ein weitl�ufiger heller Saal. Voller Menschen, mindestens zwanzig Menschen. Darunter auch Kosmonauten, der russische Kommandant des Raumschiffs, ein Amerikaner und der Weltraumtourist, ein Schokoladenfabrikant aus Deutschland.</p><p>Nat�rlich wiesen alle die gleiche wonnige Starre auf - mit Ausnahme von zwei Technikern in wei�en Kitteln, deren Augen zwar ebenso ausdruckslos waren, deren H�nde Kostja jedoch mit gewohnter Leichtigkeit in den Skaphander halfen. Keine leichte Aufgabe, denn die Raumanz�ge sind ma�geschneidert und Kostja war etwas gr��er als der Deutsche.</p><p>Der gl�cklose Tourist sa� v�llig nackt - Kostja war sich nicht zu fein gewesen, sogar seine Unterw�sche anzuziehen - etwas abseits und nuckelte an seinem Zeigefinger.</p><p>�Ich habe nur noch zwei, drei Minuten�, sagte Kostja fr�hlich. �Halt mich also nicht auf, Anton. Wenn du versuchst, dich mir in den Weg zu stellen, bring ich dich um.�Nat�rlich �berraschte ihn mein Auftauchen nicht.</p><p>�Die Rakete bekommt keine Starterlaubnis�, sagte ich. �Worauf hoffst du eigentlich? Die Hohen wissen, was du vorhast.�</p><p>�Die Rakete wird starten, da kannst du machen, was du willst�, antwortete Kostja gelassen. �Die Luftverteidigung hier ist durchaus akzeptabel, das kannst du mir glauben. Und der Chef der Wachtposten vom Kosmodrom hat gerade eben alle notwendigen Befehle gegeben. Willst du mir weismachen, ihr w�rdet zum massiven Angriff mit ballistischen Raketen gegen mich blasen? �</p><p>�Ja.�</p><p>�Du bluffst�, antwortete Kostja unger�hrt. �Ein Schlag seitens der Chinesen oder Amerikaner ist ausgeschlossen, das w�rde einen Weltkrieg ausl�sen. Unsere Raketen sind nicht auf Baikonur gerichtet. Flugzeuge mit taktischen Geschossen kommen hier nicht rein. Euch bleibt kein Ausweg. Lehnt euch zur�ck und genie�t das Ganze.�Vielleicht hatte er Recht.</p><p>Aber vielleicht hatten die Gro�en auch einen Plan, wie sie Baikonur durch einen Atomschlag vernichten konnten, ohne einen Weltkrieg zu provozieren. Das spielte keine Rolle.</p><p>Das Wichtigste war, dass Kostja f�r sich schon alles entschieden hatte. Er w�rde sich nicht aufhalten lassen. Gleich w�rde man ihn zur Rakete bringen, ihn hineinsetzen� Und dann?</p><p>Was k�nnte er tun, wenn er in diesem Eisenfass sa� und ein Dutzend Hohe ihre Portale im Raumfahrtzentrum �ffnen w�rden? Wenn sie im Handumdrehen das Ged�chtnis des Chefs der Wachtposten reinigen w�rden und von all denjenigen, die auf einen Startknopf dr�cken m�ssen? Wenn sie den Befehl zur Sprengung der Rakete geben oder�aus der H�fte�mit einem transportablen Kernsprengkopf schmei�en oder irgendeinen geheimen Sputnik mit einem R�ntgenlaser einsetzen w�rden? Nichts k�nnte er machen!</p><p>Ein Raumschiff ist kein Automobil, das man einfach klauen kann! Bei einem Raketenstart m�ssen Tausende von Menschen Hand anlegen, und in jeder Phase gibt es gen�gend�Kn�pfchen zu dr�cken�, damit das Raumschiff auf gar keine Umlaufbahn kommt.</p><p>Selbst wenn Kostja ein Idiot w�re - er ist jetzt ein Hoher Vampir und sollte die Realit�tslinien lesen, die Zukunft voraussagen k�nnen und begreifen, dass wir ihn aufhalten w�rden. Oder�</p><p>Oder das Kosmodrom, die Menschen, die er unter seine Kontrolle gebracht beziehungsweise bet�ubt hatte - all das musste eine Finte sein. Eine Finte, wie der Flughafen in Saratow. Er brauchte keine Rakete! Genau wie er kein Flugzeug brauchte! Er w�rde das Portal direkt im Kosmos �ffnen.</p><p>Aber warum war er dann erst nach Baikonur gekommen? F�r den Skaphander? Quatsch. Das Zentrum zur Ausbildung von Kosmonauten w�re weitaus n�her gewesen, und dort h�tte er mit Sicherheit einen passenden Skaphander gefunden. Also war er nicht nur wegen des Anzugs hier�</p><p>�Ich muss die Zauberspr�che lesen�, sagte Kostja. �Blut �ber die Seite verteilen. Im Vakuum geht das nicht.�</p><p>Er erhob sich und schob die Techniker beiseite, die gehorsam strammstanden.</p><p>�Ich muss das Portal in der Raumstation �ffnen. Daf�r muss ich die genaue Lage kennen. Trotzdem kann ich Fehler machen� Manche lassen sich gar nicht vermeiden.�</p><p>Ich hatte nicht gesp�rt, wie er meine Gedanken gelesen hatte. Obwohl er genau das getan hatte.</p><p>�Du hast alles richtig verstanden, Anton. Ich bin bereit, jede Sekunde zur Station zu starten. Bevor ihr noch irgendwas dagegen unternehmen k�nnt. Und selbst wenn Geser und Sebulon sich gewaltig ins Zeug legen w�rden, w�rden eure Kr�fte nicht ausreichen. Ich habe meine Kraft n�mlich maximal entfaltet. Ich habe die absolute Kraft erlangt! Dar�ber gibt es nichts mehr! Geser hat davon getr�umt, dass deine Tochter die erste Zauberin mit einer solchen Kraft wird��Kostja grinste. �Aber jetzt bin ich es geworden! �</p><p>�Eine Zauberin?�Ich gestattete mir ein Grinsen.</p><p>�Ein absoluter Magier�, entgegnete Kostja scharf. �Deshalb werdet ihr mich nicht besiegen. Denn ihr werdet nicht mehr Kraft zusammenbekommen, als ich habe, das ist euch doch klar, oder? Ich bin absolut!�</p><p>�Du bist eine absolute Null�, sagte ich. �Du bist ein absoluter Vampir.�</p><p>�Ein Vampir, ein Magier� was macht das schon f�r einen Unterschied? Ich bin ein absoluter Anderer.�</p><p>�Stimmt, es gibt keinen Unterschied. Wir leben n�mlich alle auf Kosten der menschlichen Kraft. Und du bist mit Sicherheit nicht der St�rkste, du bist der Schw�chste. Du bist die absolute Leere, in die fremde Kraft str�mt.�</p><p>�Von mir aus auch das.�Kostja lie� sich auf keinen Streit ein. �Das �ndert n�mlich gar nichts, Anton! Ihr werdet mich nicht aufhalten, und ich werde das tun, was ich vorhabe.�Er z�gerte kurz, dann f�gte er hinzu: �Und du schl�gst dich sowieso nicht auf meine Seite� Wor�ber denkst du nach?�Ich antwortete nicht. Ich sch�pfte Kraft.</p><p>Von Geser und Sebulon, von den Dunklen und den Lichten, von den Guten und den B�sen. Irgendwo dort, weit weg von mir, gaben mir diejenigen, die ich liebte, ihre Kraft. Und auch diejenigen, die ich hasste. Jetzt spielte es f�r mich keine Rolle mehr, ob die Kraft licht oder dunkel war. Wir alle sa�en im selben Boot� in einem Raumschiff, das in die absolute Leere flog�</p><p>�Was ist? Schlag schon zu�, sagte Kostja am�siert. ��berraschen wirst du mich sowieso nie wieder.�</p><p><emphasis>�Schlag�, </emphasis>fl�sterte Geser. <emphasis>�Schlag mit dem�wei�en H�henrauch�.�</emphasis></p><p>Das Wissen, was es mit dem�wei�en H�henrauch�auf sich hatte, kroch mit der lichten Kraft in mich hinein. Ein schreckliches Wissen, ein be�ngstigendes - deshalb hatte selbst Geser diesen Zauber nur ein einziges Mal angewendet und danach geschworen, es nie wieder zu tun�</p><p><emphasis>�Schlag�, </emphasis>riet Sebulon. <emphasis>�Am besten mit dem�Schatten der Herrscher�.�</emphasis></p><p>Das Wissen, was es mit dem�Schatten der Herrscher�auf sich hatte, huschte mit der dunklen Kraft in mich hinein. Ein ekelhafter Zauber, der Entsetzen verbreitete - deshalb hatte selbst Sebulon es nie riskiert, diesen Schatten aus der f�nften Schicht des <emphasis>Zwielichts </emphasis>aufzuheben�</p><p><emphasis>�Schlag�, </emphasis>sagte Edgar. <emphasis>�Mit dem�Sarkophag der Zeiten�. Unbedingt mit dem�Sarkophag der Zeiten�.�</emphasis></p><p>Das Wissen, was es mit dem�Sarkophag der Zeiten�auf sich hatte, sprudelte mit der Kraft der Inquisitoren in mich. Ein kaltes Wissen, ein t�dliches - denn derjenige, der den Zauber wirkte, blieb zusammen mit seinem Opfer im Sarkophag. F�r immer, bis ans Ende des Universums�</p><p>�Und wenn wir ihm den Skaphander durchl�chern?�, fragte Lass, der mit der Pistole in der T�r stand. Ein absoluter Anderer. Eine absolute Null. Der St�rkste, der Schw�chste� Ich sammelte die mir verliehene Kraft - und legte sie in einen</p><p>Zauber siebten Grades, einen der einfachsten Zauber, die jeder Andere beherrscht.</p><p>Den�Schild des Magiers�.</p><p>Vermutlich wurde noch nie so viel Kraft so sinnlos vergeudet.</p><p>Und vermutlich war noch nie ein Magier auf der Welt so gut abgeschirmt. Gegen alles.</p><p>Ein wei�er netzartiger Kokon entstand um mich herum. Die durch die F�den des Kokons str�mende Energie lie� sie leise knistern. Der Kokon verlor sich im Nirgendwo, tief im Universum, dort, wo man aufh�rt, die Schichten des <emphasis>Zwielichts </emphasis>zu z�hlen, wo es keine Materie mehr gibt, keinen Raum, keine Zeit, rein gar nichts, was ein Mensch oder ein Anderer verstehen k�nnte.</p><p>�Was� machst du da?�, fragte Kostja - und sein Gesicht nahm einen kindlich verletzten Ausdruck an. �Was machst du, Anton?�</p><p>Ich schwieg. Stand da und sah ihn an. Nicht einmal der Schatten eines Gedankens durfte �ber mein Gesicht huschen. Sollte Kostja doch denken, was er wollte. Sollte er doch.</p><p>�Hast du Angst bekommen?�, fragte Kostja. �Du� ja� du bist ein Angsthase, Anton!�Ich schwieg.</p><p>Und die Hohen schwiegen. Nein, vermutlich schwiegen sie nicht. Sie schrien, schimpften, verfluchten mich - weil ich die von ihnen gesammelte Kraft zum absoluten Schutz von mir selbst verschwendete.</p><p>Wenn in diesem Moment �ber Baikonur eine Wasserstoffbombe abgeworfen werden w�rde, w�rde ich heil und unversehrt bleiben. In einer Wolke aus Plasma schwimmend, eingeschmolzen in einen kochenden Stein, aber absolut unversehrt. �Ich wei� gar nicht, was ich sagen soll��Kostja breitete die Arme aus. �Ich wollte dich doch nicht umbringen! Ich wei� doch noch, dass du einmal mein Freund gewesen bist!�Ich schwieg.</p><p>Verzeih mir, aber ich kann dich jetzt nicht mehr als meinen Freund bezeichnen. Denn du darfst nicht das verstehen, was ich verstanden habe. Du darfst meine Gedanken nicht lesen. �Leb wohl, Anton�, sagte Kostja.</p><p>Die Techniker kamen zu ihm und lie�en die Scheibe des Druckhelms herunter. Er sah mich noch einmal durch das Glas an - verst�ndnislos, gekr�nkt. Dann drehte er sich um.</p><p>Ich dachte, er w�rde das Portal in den Kosmos jetzt gleich �ffnen. Aber Kostja hatte sich in der Tat gr�ndlich auf den Sprung vorbereitet. Gewiss, ich habe nie zuvor auch nur von dem Versuch geh�rt, sich an Bord eines in der Luft befindlichen Flugzeugs zu katapultieren. Geschweige denn auf eine Raumstation.</p><p>Kostja lie� die Kosmonauten und Techniker einfach in ihrer Erstarrung zur�ck und ging aus dem Saal. Lass wich ihm aus, schielte zu mir hin�ber und deutete mit dem Blick auf die Pistole. Ich sch�ttelte den Kopf, und er schoss nicht. Wir folgten ihm nur.</p><p>Im Koordinationsraum sa�en die Techniker und Programmierer irgendwie schlaftrunken hinter ihren Computern.</p><p>Wann hatte er es geschafft, sie alle seinem Willen zu unterwerfen?</p><p>Doch nicht gleich in dem Moment, als er in Baikonur angekommen war?</p><p>Ein normaler Vampir bringt leicht ein oder zwei Menschen unter seiner Kontrolle. Ein Hoher kann es mit ein paar Dutzend aufnehmen.</p><p>Aber Kostja war in der Tat zu einem absoluten Anderen geworden - der gesamte Betrieb des riesigen Raumfahrtzentrums drehte sich jetzt um ihn. Man brachte ihm irgendwelche Listen. Zeigte ihm etwas auf den Bildschirmen. Er h�rte zu, nickte - und blickte noch nicht einmal in unsere Richtung.</p><p>Ein kluger Junge. Mit solider Bildung. Er hatte erst Physik studiert, dann Biologie, aber Physik und Mathematik konnte er anscheinend immer noch etwas abgewinnen. Mir h�tten diese Schemata und Graphiken nichts gesagt, aber er bereitete alles vor, um im Orbit ein Portal aufzuh�ngen. Mit magischen Mitteln in den Kosmos zu gelangen, das ist ein kleiner Schritt f�r einen Anderen, aber ein gro�er Sprung f�r die ganze Menschheit� Wenn er jetzt blo� nicht tr�delte. Wenn Geser blo� keine Panik bekam.</p><p>Wenn sie blo� auf einen atomaren Schlag verzichteten, denn der brachte nichts und war �berfl�ssig. V�llig �berfl�ssig!</p><p>Kostja sah mich erst an, als er das Prisma des Portals �ffnete. Blickte mich herablassend und beleidigt an. Die Lippen hinter der Scheibe seines Helms bewegten sich. �Lebe wohl�, las ich. �Lebe wohl�, w�nschte auch ich ihm.</p><p>Mit dem Beh�lter der Lebenserhaltungssysteme in der einen Hand und dem Aktenkoffer mit dem <emphasis>Fuaran </emphasis>in der andern betrat Kostja das Portal.</p><p>In dem Moment erlaubte ich mir, den Schild zu senken. Die fremde Kraft brandete in den Raum, ergoss sich �berall hin. <emphasis>�Wie willst du das alles erkl�ren?�, </emphasis>fragte Geser.</p><p>�Was meinen Sie?�Ich nahm auf dem n�chstbesten Stuhl Platz. Ich zitterte am ganzen K�rper. Wie lange reicht der Sauerstoff in einem leichten Skaphander, der nicht f�r einen Ausstieg im Weltall gedacht ist? Ein paar Stunden? Bestimmt nicht l�nger. Kostja Sauschkin w�rde nicht mehr lange leben.</p><p><emphasis>�Warum bist du sicher��, </emphasis>setzte Geser an. Um dann zu verstummen. Ich meinte sogar, ein Gespr�ch zwischen ihm und Sebulon aufzuschnappen. In dem es um Befehle ging, die ge�ndert werden m�ssten, um die Bomber, die ins Kosmodrom zur�ckkehren m�ssten. Um ein Team von Magiern, das die Spuren des Wahnsinns in Baikonur beseitigen sollte. Um eine offizielle Version f�r den geplatzten Start.</p><p>�Was ist passiert?�, fragte Lass, w�hrend er sich zu mir setzte. Der Techniker, den er ohne zu fackeln von seinem Stuhl vertrieben hatte, sah sich begriffsstutzig um. Die Menschen in unserer N�he kamen wieder zu sich.</p><p>�Schluss�, sagte ich. �Jetzt ist alles aus. Fast.�</p><p>Aber ich wusste, dass das noch nicht das Ende war. Denn irgendwo weit oben am Himmel, �ber den Wolken, in der kalten Sternenwelt, purzelte der absolute Andere Kostja Sauschkin in einem gestohlenen Skaphander herum. Er wollte ein Portal �ffnen - und schaffte es nicht. Wollte die an ihm vorbeiziehende Weltraumstation erreichen - und schaffte es nicht. Wollte zur Erde zur�ckkehren - und schaffte es nicht. Denn er war eine Absolute Null. Denn wir alle sind Vampire.</p><p>Und dort, jenseits der warmen, lebenden Erde, weit weg von Mensch und Tier, von Pflanzen und Mikroben, von allem, was atmet, sich bewegt, leben will - dort werden wir alle zu absoluten Nullen. Dort sind wir jener Gratiskraft beraubt, die es uns erlaubt, uns gegenseitig mit so sch�nen und grellen Blitzen zu befeuern, Krankheiten zu heilen und Unheil anzurichten, ein Ahornblatt in eine Banknote zu verwandeln und saure Milch in alten Whisky.</p><p>Unsere ganze Kraft ist eine fremde. Unsere ganze Kraft liegt in unserer Schw�che.</p><p>Und das war das, was der brave Junge Kostja Sauschkin nicht verstehen konnte und wollte.</p><p>Ich h�rte Sebulons Gel�chter, weit, weit weg, in der Stadt Saratow, wo er in einem Gartencafe mit einem Glas Bier unter einem Sonnenschirm stand und in den Abendhimmel hinaufschaute - an dem er einen neuen, schnell dahinziehenden Stern suchte, der seine Bahn klar, aber nur kurz beschreiben w�rde.</p><p>�Ich glaube, du weinst�, sagte Lass. �Nur ohne Tr�nen.�</p><p>�Stimmt�, antwortete ich. �Ich habe keine Tr�nen, und ich habe keine Kraft. Ich kann kein Portal f�r den R�ckweg �ffnen. Wir m�ssen fliegen. Oder auf die Gruppe von Putzmagiern warten, vielleicht kann die uns helfen.�</p><p>�Wer sind denn Sie?�, fragte ein Techniker. �Was geht hier eigentlich vor?�</p><p>�Wir sind Inspektoren vom Gesundheitsministerium�, sagte Lass. �Und Sie sollten uns lieber mal erkl�ren, wer auf die Idee gekommen ist, abgeernteten Hanf im Luftf�nger des Entl�ftungssystems zu verbrennen! �</p><p>�W-was f�r Hanf?�, fing der Techniker an zu stottern.</p><p>�Baumartigen!�, gab ich scharf zur�ck. �Gehen wir, Lass. Ich schulde dir noch ein paar Erkl�rungen.�</p><p>Wir verlie�en den Saal. Ein paar Mitarbeiter und ein paar Soldaten mit Maschinenpistolen kamen uns entgegengerannt. Bei der enormen Aufregung achtete niemand auf uns. Vielleicht sch�tzten uns aber auch die Reste des magischen Schilds. Am Ende des Ganges leuchtete kurz der rosarote Hintern des deutschen Weltraumtouristen auf: H�pfend rannte er davon, den Finger immer noch im Mund. Ihm folgten zwei M�nner in wei�en Kitteln.</p><p>�H�r mal�, sagte ich zu Lass. �Au�er der normalen Menschenwelt, die du mit dem Auge sehen kannst, gibt es noch die Welt des <emphasis>Zwielichts. </emphasis>Und ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>eintreten k�nnen nur diejenigen��</p><p>Ich schluckte und stockte. Ein Bild von Kostja tauchte wieder auf. Kostja, wie er vor langer Zeit einmal gewesen ist, dieser Vampirjunge, der nichts zustande brachte�</p><p>�Guck mal, ich verwandel mich! Ich bin eine schreckliche Fledermaus! Ich fliege! Ich fliege!�Leb wohl. Du hast es in der Tat geschafft. Du fliegst.</p><p>�Ins <emphasis>Zwielicht </emphasis>eintreten k�nnen nur diejenigen, die �ber etwas verf�gen, das��, fuhr ich fort.</p></section><section><title><p>Epilog</p></title><p>Semjon betrat das Arbeitszimmer zusammen mit Lass, den er vor sich herstie�, als sei er ein kleiner Dunkler Zauberer, den er auf frischer Tat ertappt hatte. Lass fuchtelte mit einer fest zusammengerollten Papierr�hre in den H�nden herum und versuchte, sie hinter seinem R�cken zu verstecken.</p><p>Semjon lie� sich in einen Sessel fallen. �Das ist doch dein Protege, Anton, oder?�, brummte er. �Dann k�mmer dich gef�lligst auch um ihn. �</p><p>�Was ist passiert?�, fragte ich alarmiert.</p><p>Lass blickte nicht im Mindesten schuldbewusst drein. Eher leicht verwirrt.</p><p>�Den zweiten Tag im Praktikum�, sagte Semjon. �Die simpelsten und elementarsten Aufgaben. Die noch nicht mal was mit Magie zu tun haben��</p><p>�Was denn?�, wollte ich wissen.</p><p>�Ich habe ihn gebeten, Herrn Sisuke Sasaki von der Tokioer Wache am Flughafen abzuholen��Ich schnaubte.</p><p>Semjon wurde puterrot. �Das ist ein v�llig normaler japanischer Name! Auch nicht lustiger als Anton Sergejewitsch!�</p><p>�Schon verstanden�, beschwichtigte ich ihn. �Ist das der Sasaki, der 1994 den Fall mit den Tierfrauen geleitet hat? �</p><p>�Genau der.�Semjon rutschte nerv�s im Sessel hin und her.</p><p>Lass stand nach wie vor neben der T�r. �Er ist auf der Durchreise nach Europa, will aber etwas mit Geser besprechen. �</p><p>�Was ist denn nun passiert?�</p><p>Semjon warf Lass einen w�tenden Blick zu. H�stelte. �Der Herr Praktikant hat sich h�chst angelegentlich bei mir erkundigt, ob der verehrte Sasaki Russisch k�nne�, sagte er dann. �Ich habe ihm erkl�rt, dass er es nicht kann. Daraufhin hat der Herr Praktikant an seinem Rechner ein Plakat ausgedruckt und ist nach Scheremetjewo gefahren, um den Japaner abzuholen� Nun zeig dein Plakat schon!�Seufzend entrollte Lass das Papier.</p><p>In sehr gro�er Schrift standen dort die Hieroglyphen eines japanischen Namens. Lass hatte sich alle M�he gegeben und sogar einen Treiber f�r Japanisch installiert.</p><p>Dar�ber stand in einer etwas kleineren Schrift: �Zweiter Moskauer Kongress der Opfer von zwangsweiser Cholerainfektion�</p><p>Es kostete mich gewaltige M�he, eine steinerne Miene beizubehalten. �Weshalb hast du das geschrieben?�, fragte ich.</p><p>�Ich mache das immer, wenn ich Ausl�nder abhole�, sagte Lass beleidigt. �Sowohl bei meinen Gesch�ftspartnern wie auch bei Verwandten� ich habe noch Familie im Ausland� Wenn sie kein Wort Russisch verstehen, schreibe ich ihren Namen ganz gro� in ihrer Muttersprache und etwas kleiner irgendwas Komisches auf Russisch. Zum Beispiel: �Konferenz Transsexueller mit nicht traditioneller Orientierung�, �Europ�isches Festival taubstummer Musiker und S�nger�, �Forum der Aktivisten der Werlbewegung f�r vollst�ndige sexuelle Enthaltsamkeit� Dann warte ich also mit meinem Plakat� drehe mich mit dem Ding nach allen Seiten um, damit alle Ankommenden es sehen��</p><p>�Den Teil habe ich verstanden�, sagte ich. �Was ich wissen will, ist, weshalb du das alles schreibst.�</p><p>�Wenn der Mensch dann durch den Zoll kommt, interessiert sich bereits die ganze Halle f�r ihn�, erkl�rte Lass unersch�tterlich. �Sobald er auftaucht, l�cheln ihn alle an, viele klatschen, pfeifen und winken. Der Mensch versteht sowieso nicht, was diese Reaktion ausgel�st hat! Er sieht nur, dass alle sich �ber sein Erscheinen freuen, bemerkt seinen Namen und kommt zu mir. Ich rolle das Plakat dann schnell ein und bringe ihn zum Auto. Danach wird dieser Mensch allen erz�hlen, wie einzigartig und gastfreundlich die Russen sind! Alle haben ihn mit einem L�cheln auf den Lippen empfangen!�</p><p>�Du Dummerjan�, meinte ich voller Mitleid. �Das sind Menschen. Aber Sasaki ist ein Anderer. Ein Hoher Anderer �brigens! Er kann zwar kein Russisch, aber den Sinn des Plakats nimmt er �ber die reine Bedeutungsebene auf!�</p><p>Lass seufzte. �Das habe ich inzwischen ja begriffen��, meinte er mit gesenktem Kopf. �Also, wenn ich mir etwas habe zu Schulden kommen lassen, schmei�t mich halt raus! �</p><p>�Ist Herr Sasaki denn beleidigt?�, fragte ich. Semjon zuckte mit den Schultern.</p><p>�Als ich ihm alles erkl�rt hatte, hat Herr Sasaki geruht, lange dar�ber zu lachen�, verk�ndete Lass.</p><p>�Trotzdem�, bat ich, �lass das in Zukunft sein, ja? �</p><p>�Generell? �</p><p>�Zumindest bei Anderen!�</p><p>�Klar, ich tu's nicht mehr�, versprach Lass. �Der Spa� verliert sowieso seinen Sinn.�Ich breitete die Arme aus. Sah Semjon an.</p><p>�Warte drau�en auf mich�, befahl Semjon. �Und das Plakat bleibt hier.�</p><p>�Aber eigentlich sammel ich��, setzte Lass an, lie� das Plakat dann aber doch da und ging hinaus.</p><p>Sobald die T�r zu war, grinste Semjon, griff nach dem Plakat und entrollte es noch einmal. �Ich geh mit dem Ding mal durch die Abteilungen und heiter unsere Leutchen ein bisschen auf��, verk�ndete er. �Wie geht's dir?�</p><p>�So lala.�Ich lehnte mich im Sessel zur�ck. �Ich bin dabei, mich einzugew�hnen.�</p><p>�Ein Hoher��Semjon betonte jede Silbe. �Ha� Und dabei hei�t es immer, man solle nicht nach den Sternen greifen. Ein Hoher Magier� Was f�r eine Karriere du gemacht hast, Gorodezki!�</p><p>�Semjon� das ist nicht mein Verdienst. Es ist einfach so passiert.�</p><p>�Ich wei� ja, ich wei߅�Semjon erhob sich und tigerte durch mein Arbeitszimmer. Ein kleiner Raum, aber immerhin mein eigenes Arbeitszimmer. �Stellvertretender Personalchef� ha. Wer wei�, was die Dunklen jetzt wieder aushecken? Mit dir und Swetlana sind wir vier Hohe. Und in der Tagwache ist nach dem Verlust Sauschkins nur noch Sebulon �brig��</p><p>�Sollen sie doch jemanden aus der Provinz rekrutieren�, sagte ich. �Ich h�tte nichts dagegen. Oder wir warten auf das Auftauchen eines neuen Spiegels.�</p><p>�Wir sind jetzt kl�ger�, meinte Semjon. �Wir lernen immer aus unseren Fehlern.�</p><p>Er ging zur T�r und kratzte sich den Bauch durch sein ausgeblichenes T-Shirt hindurch. Ein weiser, guter, m�der Lichter Magier. Wir alle werden weise und gut, wenn wir m�de sind. An der T�r blieb er noch einmal stehen und sah mich nachdenklich an. �Sauschkin tut mir leid. Er war ein prima Kerl, soweit das m�glich ist� bei einem Dunklen. Machst du dir gro�e Vorw�rfe?�</p><p>�Ich hatte keine Wahl�, erwiderte ich. �Er hatte keine� und ich auch nicht. �</p><p>�Und um das <emphasis>Fuaran </emphasis>ist es auch schade��, f�gte Semjon hinzu.</p><p>Kostja war in der Atmosph�re verbrannt, vierundzwanzig Stunden nach seinem Sprung in den Orbit. So pr�zise war seine Umlaufbahn dann eben doch nicht berechnet.</p><p>Zusammen mit ihm war sein Aktenkoffer verbrannt. Bis zum letzten Moment waren sie im Ortungsger�t zu erkennen. Die Inquisition hatte verlangt, ein Shuttle loszuschicken, um das Buch zu retten, aber daf�r hatte die Zeit nicht gereicht. Was meiner Meinung nach nur zu begr��en war.</p><p>Vielleicht hatte er sogar noch gelebt, als in einer H�he von mehreren hundert Kilometern sein Skaphander unter den feurigen K�ssen der Atmosph�re in Flammen aufging. Immerhin war er ein Vampir, und Sauerstoffmangel konnte ihm nicht so viel anhaben wie einem normalen Anderen. Auch die �berhitzung oder die Unterk�hlung oder sonstige Lieblichkeiten des Weltalls nicht, die einen nur mit einem Skaphander ausgestatteten Kosmonauten erwarten. Ich wei� das nicht, aber ich werde deswegen keine Lexika w�lzen. Und sei es auch nur, weil niemand wissen kann, was schlimmer ist: Tod durch Ersticken oder Tod durch Feuer. Denn niemand stirbt zweimal, selbst ein Vampir nicht.</p><p><emphasis>�Guck mal, ich bin ein schrecklicher, unsterblicher Vampir! Ich kann mich in einen Wolf oder in eine Fledermaus verwandeln! Ich kann fliegen!�</emphasis></p><p>Semjon ging hinaus, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Lange sa� ich da und sah aus dem Fenster. Hinaus in den reinen wolkenlosen Himmel. Der Himmel ist nichts f�r uns. Es ist uns nicht gegeben zu fliegen.</p><p>Und alles, was wir tun k�nnen, ist zu versuchen, nicht zu fallen.</p></section></section></body><binary id="cover" 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