<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>detective</genre><author><first-name>John</first-name><last-name>Grisham</last-name><nickname>&#x41D;&#x435;&#x438;&#x437;&#x432;&#x435;&#x441;&#x442;&#x43D;&#x44B;&#x439; &#x430;&#x432;&#x442;&#x43E;&#x440;</nickname></author><book-title>Das Testament</book-title><annotation><p>Troy Phelan ist ein milliardenschwerer Exzentriker, der des Lebens m�de ist. Doch nicht so m�de, da� er sein Imperium kampflos seinen geldgierigen Erben �berlassen w�rde. Bevor er sich aus dem 13. Stock st�rzt, verf�gt er, da� sein gesamtes Verm�gen an seine bis dato v�llig unbekannte, uneheliche Tochter Kachel geht. In der Phelan-Familie bricht ein Sturm der Entr�stung los, und es wird sofort alles in Bewegung gesetzt, um das Testament anzufechten. Unterdessen versucht der ehemalige Staranwalt Nate O'Riley, mit dessen Karriere es schon seit Jahren bergab geht, die legitime Erbin aufzutreiben. Doch wie Rachel finden, die irgendwo im unzug�nglichen brasilianischen Regenwald als Missionarin arbeitet? Als O'Riley nach einer abenteuerlichen und lebensgef�hrlichen Reise schlie�lich zu ihr gelangt, scheint alles umsonst gewesen zu sein - Rachel interessiert sich nicht f�r das Erbe ihres Vaters, daf�r um so mehr f�r die Lebensgeschichte von Nate. Doch die Zeit l�uft. Wenn O'Riley Rachel nicht umzustimmen vermag, f�llt das gesamte Verm�gen in die H�nde des uners�ttlichen Phelan-Clans.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>K.</first-name><last-name> Schatzhauser</last-name></translator></title-info><document-info><author><nickname>&#x41D;&#x435;&#x438;&#x437;&#x432;&#x435;&#x441;&#x442;&#x43D;&#x44B;&#x439; &#x430;&#x432;&#x442;&#x43E;&#x440;</nickname></author><program-used>ABBYY FineReader 11, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-03-17">129764162763900000</date><src-ocr>ABBYY FineReader 11</src-ocr><id>{37F5E047-57A6-48F2-B30B-B33DC2FDA690}</id><version>1</version><history><p>1.0 - &#x441;&#x43E;&#x437;&#x434;&#x430;&#x43D;&#x438;&#x435; fb2 &#x444;&#x430;&#x439;&#x43B;&#x430; - walter_52</p></history></document-info><publish-info><book-name>Grisham John  Das Testament</book-name><publisher>WILHELM HEYNE VERLAG</publisher><city>M�nchen</city><year>2000</year><isbn>3-453-17309-0</isbn></publish-info></description><body><title><p>John Grisham</p><p>Das Testament</p></title><section><title><p>EINS</p></title><p>Das d�rfte der letzte Tag sein, und wohl auch die letzte Stunde. Niemand liebt mich, ich bin alt, einsam und krank, habe Schmerzen und bin des Lebens m�de. Ich bin f�r das Jenseits bereit. Dort kann es nur besser sein als hier.</p><p>Mir geh�ren neben dem gl�sernen Verwaltungshochhaus, in dem ich sitze, auch 97 Prozent des Unternehmens in den Stockwerken weiter unten, au�er den zweitausend Menschen, die hier arbeiten, auch die zwanzigtausend, die es nicht tun, sowie aller Grund und Boden fast einen Kilometer weit in drei Himmelsrichtungen um das Geb�ude herum mitsamt der darunter verlaufenden Rohrleitung, durch die mein Erdgas aus Texas hierher gepumpt wird, nicht zu vergessen die Freileitung, die den Strom liefert. Der Satellit viele Kilometer �ber mir, mit dessen Hilfe ich fr�her Befehle in mein die Welt umspannendes Reich gebellt habe, ist geleast. Mein Verm�gen bel�uft sich auf mehr als elf Milliarden Dollar. Ich besitze nicht nur Silberbergwerke in Nevada und Kupferbergwerke in Montana, sondern auch Kohlezechen in Angola, Kaffeepflanzungen in Kenia, Kautschukplantagen in Malaysia, Erdgas-Lagerst�tten in Texas, �lfelder in Indonesien und Stahlwerke in China. Mein Firmenimperium umfasst Kraftwerke, Unternehmen, die Computer produzieren, Staud�mme bauen, Taschenb�cher drucken und Signale an meinen Satelliten schicken, und es verf�gt �ber Tochterunternehmen mit Gesch�ftsbereichen in mehr L�ndern, als irgendein Mensch aufzusp�ren vermag.</p><p>Fr�her einmal besa� ich alles an Spielzeug, was das Leben sch�ner macht: Jachten, Privatjets, Blondinen, Wohnsitze in Europa, gro�e G�ter in Argentinien, eine Insel im Pazifik, reinrassige Rennpferde, Vollbl�ter, und sogar eine Eishockeymannschaft. Aber ich bin inzwischen zu alt f�r Spielzeug.</p><p>Die Wurzel meines Elends ist das Ge ld.</p><p>Dreimal habe ich eine Familie gegr�ndet. Meine drei Ehefrauen haben mir sieben Kinder geboren, von denen sechs noch leben und tun, was sie nur k�nnen, um mich zu qu�len. Soweit ich wei�, habe ich sie alle sieben selbst gezeugt, und einen Sohn habe ich beerdigt. Eigentlich m�sste ich sagen, dass ihn seine Mutter beerdigt hat. Ich war damals nicht im Lande.</p><p>Ich habe mich mit meinen drei ehemaligen Frauen und s�mtlichen Kindern auseinandergelebt. Sie alle sind heute hier zusammengekommen, weil ich bald sterben werde und es an der Zeit ist, das Geld zu verteilen.</p><p>Ich habe diesen Tag lange im voraus geplant. Gleich einem gro�en Hufeisen umschlie�en die drei langgezogenen und tiefen Geb�udefl�gel meiner vierzehnst�ckigen Firmenzentrale einen schattigen, nach hinten offenen Hof, auf dem ich einst im Sonnenschein Mittagsgesellschaften gegeben habe. Ich wohne und arbeite im Dachgescho� auf gut tausend Quadratmetern, deren �ppige Au�tattung manch einer obsz�n findet, was mich aber nicht im mindesten st�rt. Ich habe mein gesamtes Verm�gen mit meinem Schwei�, meinem Verstand und mit Gl�ck selbst erarbeitet, und das gibt mir das Recht, das Geld so auszugeben, wie ich es f�r richtig halte. Es ist mein gutes Recht, es zu verschenken, und trotzdem werde ich von allen Seiten bedr�ngt.</p><p>Warum sollte ich mir den Kopf dar�ber zerbrechen, wer es bekommt? Ich habe alles Erdenkliche mit dem Geld getan. W�hrend ich hier allein in meinem Rollstuhl sitze und warte, kann ich mir nichts vorstellen, was ich kaufen oder sehen m�chte. Mir f�llt kein einziger Ort ein, an den ich reisen, und kein weiteres Abenteuer, das ich bestehen m�chte.</p><p>Ich habe alles hinter mir, und ich bin sehr m�de.</p><p>Es geht mir nicht darum, wer das Geld bekommt. Es geht mir darum, wer es nicht bekommt.</p><p>Jeden Quadratmeter dieses Geb�udes habe ich selbst entworfen und wei� daher genau, wo jeder bei dieser kleinen Zeremonie seinen Platz hat. Sie sind alle da und warten geduldig. Das macht ihnen nichts aus - f�r das, was ich zu erledigen habe, w�rden sie sich sogar nackt in einen Schneesturm stellen.</p><p>Da ist als erstes Lillian und ihre Brut - vier meiner Nachkommen hat eine Frau zur Welt gebracht, die sich kaum je von mir hat anfassen lassen. Wir haben jung geheiratet - ich war vierundzwanzig und sie achtzehn -, und daher ist jetzt auch Lillian alt. Ich habe sie seit Jahren nicht gesehen und werde sie auch heute nicht sehen. Ich bin �berzeugt, dass sie nach wie vor die Rolle der bedauernswerten pflichtgetreuen ersten Gattin spielt, die gegen ein j�ngeres Modell ausgetauscht worden ist. Sie hat nie wieder geheiratet, und ich bin �berzeugt, dass sie in den letzten f�nfzig Jahren nichts mit einem Mann gehabt hat. Ich wei� selbst nicht, wie wir zu unseren Kindern gekommen sind.</p><p>Der �lteste, Troy Junior, ist inzwischen siebenundvierzig, ein nichtsnutziger Trottel, der meinen Namen wie einen Fluch tr�gt. Als Junge hat man ihn TJ gerufen, und dieser Spitzname ist ihm nach wie vor lieber als Troy. Von meinen sechs hier versammelten Nachkommen ist er der d�mmste, allerdings mit knappem Vorsprung.</p><p>Er musste das College mit neunzehn Jahren wegen Drogenhandels verlassen und hat, wie alle seine Geschwister, zum einundzwanzigsten Geburtstag f�nf Millionen Dollar bekommen. Wie allen anderen ist auch ihm das Geld durch die Finger gelaufen, als w�re es Wasser.</p><p>Ich bringe es nicht �ber mich, alle entsetzlichen Geschichten von Lillians Kindern hier auszubreiten. Der Hinweis mag gen�gen, dass sie alle bis �ber die Ohren verschuldet und praktisch nicht vermittelbar sind. Da nur wenig Hoffnung besteht, dass sich etwas daran �ndert, ist die Teilnahme am feierlichen Akt der Unterzeichnung meines Letzten Willens das einschneidendste Ereignis in ihrem Leben.</p><p>Zur�ck zu meinen einstigen Ehefrauen. Von Lillians Frigidit�t habe ich mich in die hei�e Leidenschaftlichkeit Janies gefl�chtet. Sie war ein h�bsches junges Ding, das als Sekret�rin in der Buchhaltung arbeitete, aber rasch aufstieg, als ich das Bed�rfnis empfand, sie auch auf Gesch�ftsreisen um mich zu haben. Nach einer Weile habe ich mich von Lillian scheiden lassen und Janie geheiratet. Sie war zweiundzwanzig Jahre j�nger als ich und entschlossen, mich stets zufrieden zustellen. So rasch es ihr m�glich war, hat sie zwei Kinder in die Welt gesetzt und sie dazu benutzt, mich an sie zu ketten. Rocky, der j�ngere, ist mit zwei Kumpeln in einem Sportwagen ums Leben gekommen. Es hat mich sechs Millionen gekostet, die Folgen dieses Unfalls au�ergerichtlich zu regeln.</p><p>Mit vierundsechzig habe ich Tira geheiratet. Sie war dreiundzwanzig und von mir schwanger. Dem von ihr in die Welt gesetzten kleinen Ungeheuer hat sie aus Gr�nden, die mir nie klargeworden sind, den Namen Ramble gegeben, was von Strolch bis Schwafler alles m�gliche bedeuten kann. Obwohl der Junge erst vierzehn ist, hat er bereits zweimal vor dem Jugendrichter gestanden - einmal wegen Ladendiebstahls und das andere Mal, weil er im Besitz von Marihuana war. Das Haar, das ihm bis auf den R�cken f�llt, klebt ihm am Nacken, so fettig ist es, und er tr�gt Ringe an Ohrmuscheln, Augenbrauen und in der Nase. Ich habe geh�rt, dass er zur Schule geht, wenn er gerade Lust dazu hat.</p><p>Der Junge sch�mt sich, dass sein Vater fast achtzig Jahre alt ist, und sein Vater sch�mt sich, dass sich sein Sohn die Zunge hat piercen lassen.</p><p>Wie alle anderen erwartet Ramble, dass ich mein Testament unterschreibe und ihm damit ein angenehmes Leben verschaffe. So gro� mein Verm�gen auch ist, diese Dummk�pfe werden nicht lange etwas davon haben.</p><p>Wer kurz vor dem Sterben steht, sollte nicht hassen, aber ich kann es nicht �ndern. Sie sind ein elender Haufen, alle miteinander. Die M�tter hassen mich und haben daher ihren Kindern beigebracht, dass sie mich ebenfalls hassen sollen.</p><p>Sie sind Geier, die mit scharfen Krallen, spitzen Schn�beln und gierigen Augen �ber mir kreisen, benommen von der Vorfreude auf unendlich viel Geld.</p><p>Von besonderer Bedeutung ist die Frage, ob ich im Vollbesitz meiner geistigen Kr�fte bin. Alle sind �berzeugt davon, dass ich einen Gehirntumor habe, weil ich sonderbare Dinge sage. Bei Sitzungen und am Telefon rede ich zusammenhangloses Zeug, und meine Mitarbeiter fl�stern hinter meinem R�cken, nicken einander bedeutungsvoll zu und denken: Ja, es stimmt. Es ist der Tumor.</p><p>Ein Testament, das ich vor zwei Jahren verfasst habe, sah als Universalerbin meine letzte Gespielin vor, die damals in Hosen mit Leopardenmuster und sonst nichts am Leibe durch meine Wohnung get�nzelt ist. Ja, vermutlich bin ich verr�ckt nach zwanzigj�hrigen Blondinen mit all den Kurven. Sie ist aber sp�ter ausgezogen, und das Testament ist in den Rei�wolf gewandert. Ich hatte einfach keine Lust mehr.</p><p>Vor drei Jahren habe ich einfach so zum Spa� ein Testament gemacht, in dem ich alles wohlt�tigen Einrichtungen hinterlassen habe, �ber hundert. Eines Tages habe ich TJ angebr�llt, er hat zur�ckgebr�llt, und dann habe ich ihm von diesem neuen Testament erz�hlt. Daraufhin haben seine Mutter und seine Geschwister ein ganzes Rudel von Winkeladvokaten angeheuert und sind vor Gericht gezogen, um zu erreichen, dass ich in eine Anstalt gesteckt werde, wo man mich behandeln und auf meinen Geisteszustand untersuchen sollte. Das war eigentlich ziemlich gerissen von ihren Anw�lten, denn wenn man mich f�r unzurechnungsf�hig erkl�rt h�tte, w�re mein Testament ung�ltig gewesen.</p><p>Aber ich besch�ftige viele Anw�lte, denen ich tausend Dollar die Stunde daf�r zahle, dass sie das Recht so drehen, wie es meinen Bed�rfnissen entspricht. Daher wurde ich nicht in eine Anstalt eingewiesen, obwohl eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, dass ich damals wirklich nicht ganz dicht war.</p><p>Ich habe meinen eigenen Rei�wolf, in den ich all die fr�heren Testamente gesteckt habe. Jetzt sind alle weg, von einer kleinen Maschine zerschnippelt.</p><p>Ich trage lange wei�e Gew�nder aus Thaiseide, rasiere mir den Sch�del kahl wie ein M�nch und esse kaum etwas, so dass mein K�rper ganz eingefallen ist. Man h�lt mich f�r einen Buddhisten, aber in Wirklichkeit besch�ftige ich mich mit der Lehre Zarathustras. Sie kennen den Unterschied nicht. Ich kann fast verstehen, warum sie glauben, dass meine geistigen Kr�fte nachgelassen haben.</p><p>Lillian und ihre Kinder befinden sich im Konferenzzimmer der Gesch�ftsleitung im zw�lften Stock, unmittelbar unter mir. Es ist ein gro�er Raum mit Marmor und Mahagoni, dicken Teppichen und einem langen, ovalen Tisch in der Mitte, und im Augenblick ist er voller sehr nerv�ser Menschen. Es �berrascht niemanden, dass mehr Anw�lte als Familienangeh�rige da sind. Lillian hat einen eigenen Anwalt, wie auch jedes ihrer vier Kinder. Nur TJ hat drei mitgebracht - einmal, um zu zeigen, wie wichtig er ist, aber auch, um sicherzugehen, dass f�r alle Eventualit�ten die richtige L�sung gefunden wird. Er steckt in gr��eren juristischen Schwierigkeiten als die meisten Insassen einer Todeszelle. An einem Ende des Tisches befindet sich ein gro�er Bildschirm, auf dem man verfolgen kann, was hier oben vor sich geht.</p><p>TJs Bruder, mein zweiter Sohn, Rex, ist vierundvierzig und zur Zeit mit einer Stripperin namens Amber verheiratet, ein armes hirnloses Gesch�pf mit gewaltigen Silikonbr�sten. Sie ist seine zweite oder dritte Frau - einerlei, wer bin ich, dass ich mich zum Richter dar�ber aufschwingen d�rfte? Jedenfalls ist sie da, ebenso wie die anderen gegenw�rtigen Ehegatten und/oder Lebensgef�hrt(inn)en, und rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her, w�hrend sie darauf wartet, dass elf Milliarden aufgeteilt werden.</p><p>Libbigail ist Lillians erste Tochter, meine �lteste. Ich habe das Kind abg�ttisch geliebt, bis sie aufs College ging und mich vergessen hat. Als sie dann einen Afrikaner geheiratet hat, habe ich sie in meinen Testamenten nicht</p><p>mehr ber�cksichtigt.</p><p>Das letzte Kind, das Lillian zur Welt gebracht hat, war Mary ROSS. Sie ist mit einem Arzt verheiratet, der gern superreich sein m�chte, aber sie stecken bis zum Hals in Schulden.</p><p>In einem Raum im neunten Stock wartet Janie mit den Kindern aus meiner zweiten Ehe. Sie hat seit unserer viele Jahre zur�ckliegenden Scheidung zweimal geheiratet. Ich besch�ftige Privatdetektive, die mich auf dem laufenden halten, und bin fast sicher, dass sie im Augenblick allein lebt, aber nicht einmal das FBI w�re imstande, mit ihren Bettgeschichten Schritt zu halten. Wie ich schon gesagt habe, lebt ihr Sohn Rocky nicht mehr. Ihre Tochter Geena ist mit ihrem zweiten Mann, Cody, hier, einem Schwachkopf mit einem Diplom in Betriebswirtschaftslehre; ihm ist durchaus zuzutrauen, dass er eine halbe Milliarde innerhalb von drei Jahren gekonnt auf den Kopf haut.</p><p>Dann ist da noch Ramble, der sich im vierten Stock auf einem Sessel fl�zt und an dem goldenen Ring leckt, den er im Mundwinkel tr�gt. Er f�hrt sich mit den Fingern durch das klebrige gr�ne Haar und knurrt seine Mutter an, die doch tats�chlich die Frechheit besessen hat, mit einem behaarten kleinen Gigolo hier aufzutauchen. Ramble ist �berzeugt, dass ihm heute ein Verm�gen �bertragen wird, einfach deshalb, weil ich ihn gezeugt habe. Auch er hat einen Anwalt mitgebracht, einen radikalen Hippie, den Tira im Fernsehen gesehen und engagiert hat, gleich nachdem sie mit ihm im Bett war. Sie warten wie alle anderen.</p><p>Ich kenne diese Leute. Ich beobachte sie.</p><p>Jetzt taucht Snead hinten aus meiner Wohnung auf. Er ist seit etwa drei�ig Jahren mein Faktotum, ein rundlicher, umg�nglicher Mann in wei�er Weste, duldsam und dem�tig, stets in der H�fte abgeknickt, als verbeuge er sich vor einem K�nig. Er bleibt vor mir stehen, die H�nde wie immer auf dem Bauch gefaltet, den Kopf zur Seite geneigt, und fragt mit schiefem L�cheln und einem affektierten Tonfall, den er sich angew�hnt hat, als wir vor Jahren miteinander in Irland waren: �Wie geht es Ihnen, Sir?�</p><p>Ich sage nichts, denn weder habe ich es n�tig, ihm zu antworten, noch rechnet er damit.</p><p>�Etwas Kaffee, Sir?�</p><p>�Mittagessen.�</p><p>Snead zwinkert mit beiden Augen und verbeugt sich noch tiefer. Dann watschelt er hinaus, wobei seine Hosenaufschl�ge �ber den Boden schleifen. Auch er rechnet damit, reich zu werden, wenn ich sterbe, und vermutlich z�hlt er die Tage wie alle anderen.</p><p>Wenn jemand Geld hat, m�chten alle etwas davon haben. Nur ein winziges Scheibchen. Was bedeutet eine Million einem Mann, der Milliarden besitzt? Gib mir eine Million, alter Junge, und du merkst den Unterschied nicht einmal. Leih mir was, und wir k�nnen es beide vergessen. Quetsch meinen Namen irgendwo in dein Testament mit rein; da ist bestimmt Platz daf�r.</p><p>Snead ist entsetzlich neugierig, und ich habe ihn vor Jahren dabei ertappt, wie er in meinem Schreibtisch herumgest�bert hat. Wahrscheinlich hat er nach dem gerade g�ltigen Testament gesucht. Er m�chte, dass ich sterbe, weil er mit ein paar Millionen rechnet.</p><p>Welches Recht hat er, �berhaupt mit etwas zu rechnen? Ich h�tte ihn vor Jahren rauswerfen sollen.</p><p>Sein Name taucht in meinem neuen Testament nicht auf.</p><p>Er stellt ein Tablett vor mich hin: eine unge�ffnete Packung Ritz-Kekse, ein Gl�schen Honig, dessen Deckel noch versiegelt ist, und eine kleine Dose Fresca auf Zimmertemperatur. Bei der kleinsten Abweichung w�rde Snead sofort gefeuert.</p><p>Ich sage ihm, dass er gehen kann, und tauche die Kekse in den Honig. Meine Henkersmahlzeit.</p></section><section><title><p>ZWEI</p></title><p>Ich sitze da und starre durch die get�nten Glasw�nde. An klaren Tagen kann ich die Spitze des WashingtonDenkmals sehen, das zehn Kilometer von hier entfernt ist. Aber heute ist der Himmel bedeckt. Es ist unfreundlich, kalt und windig, kein schlechter Tag, um zu sterben. Der Wind rei�t das letzte welke Laub von den Zweigen und weht es unten �ber den Parkplatz.</p><p>Warum mache ich mir Sorgen wegen der Schmerzen? Was ist gegen ein bi�chen Leiden einzuwenden? Ich habe mehr Elend verursacht als zehn beliebige andere Menschen.</p><p>Ich dr�cke auf einen Knopf, und Snead kommt herein. Er verbeugt sich und schiebt meinen Rollstuhl aus der Wohnungst�r in die mit Marmor ausgekleidete Empfangshalle und von dort durch eine andere T�r. Es kommt n�her, aber ich sp�re keine Beklemmung.</p><p>Ich habe die Psychiater �ber zwei Stunden warten lassen.</p><p>Wir kommen an meinem B�ro vor�ber, und ich nicke Nicolette zu, meiner letzten Sekret�rin, einem niedlichen jungen Ding, das ich recht gut leiden kann. Wenn mir Zeit bliebe, k�nnte sie die Nummer vier werden.</p><p>Aber mir bleibt keine Zeit. Es sind nur noch Minuten.</p><p>Die Meute wartet - ganze Rudel von Anw�lten und drei Psychiater, die dar�ber befinden werden, ob ich bei klarem Verstand bin. Sie dr�ngen sich um einen langen Tisch in meinem Besprechungszimmer. Als ich hereinkomme, h�rt ihr Gespr�ch schlagartig auf. Alle starren mich an. Snead schiebt mich an eine der L�ngsseiten des</p><p>Tisches neben meinen Anwalt Stafford.</p><p>Kameras zeigen in alle Richtungen, und die Techniker sind eifrig mit ihnen und den Mikrophonen besch�ftigt. Jeder gefl�sterte Laut, jede noch so geringe Bewegung, jeder Atemzug wird aufgezeichnet, denn es geht um ein Verm�gen.</p><p>Im letzten von mir unterschriebenen Testament waren meine Kinder kaum bedacht worden. Wie immer hatte es Josh Stafford aufgesetzt. Ich habe es heute morgen in den Rei�wolf gesteckt.</p><p>Ich sitze hier, um aller Welt zu beweisen, dass meine Geisteskr�fte ausreichen, ein neues Testament abzufassen. Sobald dieser Beweis erbracht ist, kann niemand die Verf�gungen anfechten, die ich �ber mein Verm�gen treffe. Mir unmittelbar gegen�ber sitzen drei Psychofritzen - jede der Familien hat einen benannt. Auf geknickten Karteikarten, die sie vor sich gestellt haben, hat jeder in Gro�buchstaben seinen Namen geschrieben - Dr. Zadel, Dr. Flowe und Dr. Theishen. Ich sehe mir ihre Augen und Gesichter aufmerksam an. Da ich als normal gelten will, muss ich Blickkontakt herstellen.</p><p>Sie sind �berzeugt, dass ich ein bi�chen wirr im Kopf bin, dabei stehe ich im Begriff, sie im gro�en Stil reinzulegen.</p><p>Stafford wird die ganze Sache deichseln. Als alle Platz genommen haben und die Kameras bereit sind, sagt er:</p><p>�Ich hei�e Josh Stafford und bin der von Mr. Troy Phelan, der rechts neben mir sitzt, bevollm�chtigte Anwalt.� Ich nehme mir einen der Psychofritzen nach dem anderen vor, Auge in Auge, bis sie blinzeln oder den Blick abwenden. Alle drei tragen sie dunkle Anz�ge. Zadel und Flowe haben Zottelb�rte, Theishen, der eine Fliege um den Hals hat, sieht aus, als w�re er h�chstens drei�ig. Jede der Familien hatte das Recht, einen Psychiater ihres Vertrauens zu benennen.</p><p>Jetzt redet wieder Stafford. �Zweck dieser Zusammenkunft ist es, Mr. Phelan von einer psychiatrischen Kommission untersuchen zu lassen, die seine Testierf�higkeit feststellen soll. Vorausgesetzt, sie erkennt ihm den Vollbesitz seiner geistigen Kr�fte zu, beabsichtigt er, eine letztwillige Verf�gung zu unterzeichnen, mit der er f�r den Fall seines Todes die Verteilung seines Verm�gen regelt.�</p><p>Stafford klopft mit dem Bleistift auf den gut zweieinhalb Zentimeter dicken Papierstapel, der vor uns liegt: das Testament. Bestimmt fahren jetzt die Kameras mit ihren Gummilinsen zu einer Nahaufnahme darauf zu, und bestimmt l�uft meinen Kindern und ihren M�ttern, die im ganzen Geb�ude verteilt sind, bei seinem blo�en Anblick ein Schauer �ber den R�cken.</p><p>Sie haben es bisher nicht gesehen und haben auch keinen Anspruch darauf. Eine letztwillige Verf�gung ist ein privatrechtlicher einseitiger Vertrag, dessen Inhalt erst nach dem Tode des Erlassers bekannt gegeben wird. Diejenigen, die als Erben in Frage kommen, k�nnen dar�ber lediglich spekulieren. Meine Erben haben Hinweise bekommen, von mir sorgf�ltig in Umlauf gesetzte Falschinformationen.</p><p>Daher sind sie �berzeugt, dass der gr��te Teil meines Nachlasses mehr oder weniger gerecht zwischen den Kindern aufgeteilt wird und die Ex-Frauen ebenfalls gro�z�gig bedacht werden. Das wissen sie; sie k�nnen es sp�ren. Seit Wochen, ja Monaten, beten sie inbr�nstig darum, dass das Testament, das jetzt vor mir liegt, sie reich macht und dem Gez�nk ein Ende bereitet. Stafford hat es aufgesetzt und mit meiner Erlaubnis dessen angeblichen Inhalt im Verlauf von Gespr�chen mit ihren Anw�lten in groben Z�gen dargelegt. Jedes der Kinder darf mit einem Betrag in der Gr��enordnung von drei- bis f�nfhundert Millionen rechnen, und die drei Ex-Frauen mit jeweils f�nfzig Millionen. Ich habe bei jeder Scheidung gut f�r die jeweilige Frau gesorgt, aber das ist selbstverst�ndlich in Vergessenheit geraten.</p><p>Der f�r die Angeh�rigen ausgesetzte Betrag bel�uft sich insgesamt auf rund drei Milliarden Dollar. Was �brigbleibt, nachdem sich die Regierung mehrere Milliarden unter den Nagel gerissen hat, geht an wohlt�tige Einrichtungen. Man kann also verstehen, warum sich alle herausgeputzt haben und n�chtern (jedenfalls die meisten) hergekommen sind und, den Blick begierig auf die Bildschirme gerichtet, warten und hoffen, dass mir, dem alten Mann, mein Vorhaben gelingt. Bestimmt haben sie ihren Psychoheinis gesagt: �Haben Sie etwas Nachsicht mit dem Alten. Wir m�chten, dass er bei klarem Verstand ist.�</p><p>Wenn alle so rundum zufrieden sind, warum dann �berhaupt diese psychiatrische Untersuchung? Weil ich sie alle ein letztes Mal reinlegen m�chte, und zwar nach Strich und Faden.</p><p>Die Sache mit den Psychiatern war meine Idee, und meine Kinder und ihre Anw�lte haben nicht gemerkt, was dahintersteckt.</p><p>Zadel spricht als erster. �Mr. Phelan, k�nnen Sie uns sagen, welchen Tag wir heute haben, wie viel Uhr es ist und wo wir uns befinden?�</p><p>Ich komme mir vor wie ein Erstkl�ssler, lasse mein Kinn wie ein Trottel auf die Brust sinken und denke so lange �ber die Frage nach, bis sie sich an den Rand ihres Sessels vorschieben und fl�stern: �Los, du verr�ckter alter Mistkerl! Du wei�t doch bestimmt, welchen Tag wir heute schreiben.�</p><p>�Montag�, sage ich leise. �Es ist Montag, der 9. Dezember 1996. Wir befinden uns in meinem B�ro.�</p><p>�Und wie sp�t ist es?�</p><p>�Gegen halb drei�, sage ich. Ich trage keine Uhr am Arm.</p><p>�Und wo befindet sich Ihr B�ro?�</p><p>�In McLean, im Staat Virginia.�</p><p>Flowe beugt sich �ber sein Mikrophon. �K�nnen Sie uns Namen und Geburtstage Ihrer Kinder sagen?�</p><p>�Nein. Die Namen vielleicht, aber die Geburtsdaten nicht.�</p><p>�Na sch�n, dann die Namen.�</p><p>Ich lasse mir Zeit. Noch ist nicht der richtige Augenblick gekommen zu zeigen, wie sehr ich auf Draht bin. Sie sollen ruhig schwitzen. �Troy Phelan jun., Rex, Libbigail, Mary ROSS, Geena und Ramble.� Ich sage die Namen, als falle mir schon der blo�e Gedanke an sie schwer.</p><p>Flowe hat Anspruch auf einen Nachschlag. �Es gab ein siebtes Kind, nicht wahr?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wissen Sie seinen Namen?�</p><p>�Rocky.�</p><p>�Und was ist mit ihm geschehen?�</p><p>�Er ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen.� Ich sitze aufrecht in meinem Rollstuhl, den Kopf hoch erhoben, lasse den Blick von einem der Psychoheinis zum n�chsten wandern und demonstriere f�r die Kameras geistige Klarheit. Bestimmt sind meine Kinder und meine Ex-Frauen stolz auf mich, w�hrend sie in kleinen Gruppen vor den Bildschirmen sitzen, ihrem gegenw�rtigen Ehegenossen die Hand dr�cken und ihren gierigen Anw�lten zul�cheln, weil der alte Troy die Einleitung hingekriegt hat.</p><p>Schon m�glich, dass meine Stimme leise und hohl klingt, schon m�glich, dass ich mit meinem wei�en Seidengewand, meinem runzligen Gesicht und dem gr�nen Turban au�ehe wie verst�rt, aber ich habe ihre Fragen beantwortet.</p><p>Vorw�rts, alter Junge, fordern sie mich auf.</p><p>Theishen fragt: �Wie ist derzeit Ihr k�rperlicher Zustand?�</p><p>�Ich hab mich schon besser gef�hlt.�</p><p>�Es hei�t, dass Sie einen b�sartigen Tumor haben.�</p><p>Na, du redest aber nicht lange um den hei�en Brei herum, was?</p><p>�Ich war der Ansicht, dass es sich hier um eine psychiatrische Untersuchung handelt�, sage ich mit einem Blick auf Stafford, der sich ein L�cheln nicht verkneifen kann. Aber die Vorschriften lassen jede beliebige Frage zu. Wir sind hier nicht vor Gericht.</p><p>�So verh�lt es sich auch�, sagt Theishen h�flich. �Aber dieser Punkt ist sachdienlich.�</p><p>�Aha.�</p><p>�Wollen Sie also die Frage beantworten?�</p><p>�Welche?�</p><p>�Die nach dem Tumor.�</p><p>�Nat�rlich. Ich habe einen inoperablen Gehirntumor von der Gr��e eines Golfballs, und mein Arzt gibt mir h�chstens noch zwei Monate.�</p><p>Ich kann f�rmlich die Champagnerkorken unter mir knallen h�ren. Der Tumor ist best�tigt!</p><p>�Stehen Sie im Augenblick unter dem Einfluss irgendeines Medikaments, einer Droge oder von Alkohol?� �Nein.�</p><p>�Besitzen Sie irgendein schmerzstillendes Mittel?�</p><p>�Noch nicht.�</p><p>Wieder Zadel: �Mr. Phelan, vor drei Monaten hat die Zeitschrift Forbes Ihr Nettoverm�gen mit acht Milliarden Dollar beziffert. Kommt diese Zahl der Wirklichkeit nahe?�</p><p>�Seit wann steht Forbes f�r Genauigkeit?�</p><p>�Die Angabe entspricht also nicht der Wahrheit?�</p><p>�Der Wert meines Verm�gens liegt zwischen elf und elfeinhalb, je nach Marktlage.� Ich sage das betont langsam, aber meine Worte klingen scharf, meine Stimme hat Gewicht. Niemand zweifelt daran, dass meine Angabe stimmt.</p><p>Flowe beschlie�t, die Frage nach dem Geld noch ein wenig zu vertiefen. �Mr. Phelan, k�nnen Sie ganz allgemein den Aufbau Ihres Unternehmens skizzieren?�</p><p>�Ich denke schon.�</p><p>�Wollen Sie das tun?�</p><p>�Nun ja.� Ich mache eine Pause und lasse sie weiter schwitzen. Stafford hat mir versichert, dass wir nicht ins Detail zu gehen brauchen. Nur ein Gesamtbild, hat er gesagt.</p><p>�Die Phelan-Gruppe ist eine privatrechtliche Gesellschaft, in deren Besitz sich siebzig verschiedene Firmen befinden, von denen einige an der B�rse notiert werden.�</p><p>�Ein wie gro�er Anteil der Phelan-Gruppe befindet sich in Ihrem Besitz?�</p><p>�Etwa siebenundneunzig Prozent. Der Rest geh�rt einer Handvoll Firmenangeh�riger.�</p><p>Auch Theishen nimmt jetzt die F�hrte auf. Lange hat er dazu nicht gebraucht. �Mr. Phelan, ist Ihr Unternehmen an der Firma Spin Computer beteiligt?�</p><p>�Ja�, sage ich langsam, w�hrend ich Spin Computer im Dschungel meiner Unternehmungen einzuordnen versuche.</p><p>�Wie viel davon besitzen Sie?�</p><p>�Achtzig Prozent.�</p><p>�Und Spin Computer ist eine Aktiengesellschaft?�</p><p>�So ist es.�</p><p>Theishen macht sich an einem Stapel amtlich aussehender Papiere zu schaffen, und ich kann von hier aus sehen, dass er den Jahres-Abschlu�bericht und einige Vierteljahresberichte vor sich liegen hat, Dokumente, die sich jeder des Lesens und Schreibens halbwegs kundige College-Student beschaffen kann.</p><p>�Wann haben Sie Spin erworben?� fragt er.</p><p>�Vor etwa vier Jahren.�</p><p>�Wie viel haben Sie daf�r bezahlt?�</p><p>�Zwanzig Dollar pro Aktie, insgesamt dreihundert Millionen.� Eigentlich m�chte ich diese Fragen langsamer beantworten, bringe es aber nicht fertig. Ich brenne mit meinen Blicken L�cher in Theishen, so ungeduldig warte ich auf seine n�chste Frage.</p><p>�Und was ist das Unternehmen jetzt wert?�</p><p>�Nun, gestern bei B�rsenschluss wurden die Aktien mit dreiundvierzigeinhalb notiert, sie waren gegen�ber dem Vortag um einen Punkt zur�ckgegangen. Seit ich das Unternehmen gekauft habe, ist es zweimal zu einem Aktiensplit gekommen, so dass es inzwischen rund achtf�nfzig wert ist.�</p><p>�Achthundertf�nfzig Millionen?�</p><p>�Richtig.�</p><p>An dieser Stelle ist die Befragung im gro�en und ganzen vor�ber. Wenn es mir meine geistigen F�higkeiten erlauben, die gestrigen Schlusskurse an der Aktienb�rse mitzubekommen, sind meine Widersacher sicherlich zufrieden. Ich kann schon fast ihr d�mliches Grinsen sehen und ihr ged�mpftes Hurragebr�ll h�ren. Gut gemacht, Troy, gib ihnen Saures!</p><p>Zadel greift in die Vergangenheit zur�ck. Damit will er wohl die Grenzen meines Ged�chtnisses ausloten. �Mr. Phelan, wo sind Sie zur Welt gekommen?�</p><p>�In Montclair, im Staat New Jersey.�</p><p>�Wann?�</p><p>�Am 12. Mai 1918.�</p><p>�Wie war der M�dchenname Ihrer Mutter?�</p><p>�Shaw.�</p><p>�Wann ist sie gestorben?�</p><p>�Zwei Tage vor dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor.�</p><p>�Und Ihr Vater?�</p><p>�Was ist mit dem?�</p><p>�Wann ist er gestorben?�</p><p>�Das wei� ich nicht. Er hat sich aus dem Staub gemacht, als ich ein kleiner Junge war.�</p><p>Zadel sieht zu Flowe hin�ber, der auf einem Notizblock eine ganze Reihe Fragen stehen hat. Flowe fragt. �Wer ist Ihre j�ngste Tochter?�</p><p>�Aus welcher Familie?�</p><p>��h, der ersten.�</p><p>�Das m�sste Mary ROSS sein.�</p><p>�Stimmt-�</p><p>�Nat�rlich stimmt es.�</p><p>�Und welches College hat sie besucht?�</p><p>�Tulane, in New Orleans.�</p><p>�Was hat sie studiert?�</p><p>�Irgendwas Mittelalterliches. Dann hat sie schlecht geheiratet, wie die anderen auch. Das Talent dazu haben sie wohl von mir geerbt.� Ich kann richtig sehen, wie sie erstarren und alle Stacheln ausfahren. Und ich kann fast sehen, wie die Anw�lte und die derzeitigen Lebensgef�hrten und/oder Ehepartner ein leichtes L�cheln unterdr�cken, weil niemand bestreiten kann, dass ich in der Tat schlecht geheiratet habe.</p><p>Und mit meinem Nachwuchs habe ich mich noch schlimmer in die Nesseln gesetzt.</p><p>Auf einmal ist Flowe mit dieser Runde fertig. Theishen, der erkennbar ins Geld verliebt ist, fragt: �Besitzen Sie eine Mehrheit am Unternehmen Mountain Com?�</p><p>�Ja. Bestimmt haben Sie es da in Ihrem Papierstapel vor sich. Es ist eine Aktiengesellschaft.�</p><p>�Wie viel haben Sie urspr�nglich investiert?�</p><p>�Zehn Millionen Aktien zu rund achtzehn das St�ck.�</p><p>�Und jetzt ist-�</p><p>�Der gestrige Schlusskurs war einundzwanzig. Nach einem Aktientausch und einem Aktiensplit in den letzten sechs Jahren ist das Unternehmen inzwischen rund vierhundert Millionen wert. Ist Ihre Frage damit beantwortet?�</p><p>�Ich glaube schon. In wie vielen Aktiengesellschaften besitzen Sie die Anteilsmehrheit?�</p><p>�In f�nf.�</p><p>Flowe sieht zu Zadel hin�ber, und ich frage mich, wie lange das noch dauern soll. Mit einem Mal bin ich m�de. �Weitere Fragen?� m�chte Stafford wissen. Wir werden die �ndern auf keinen Fall unter Zeitdruck setzen, weil wir m�chten, dass sie mit mir rundum zufrieden sind.</p><p>Zadel fragt: �Haben Sie die Absicht, heute eine neue letztwillige Verf�gung zu unterzeichnen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Handelt es sich dabei um die vor Ihnen auf dem Tisch liegenden Papiere?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Haben Sie in diesem Testament einen betr�chtlichen Anteil Ihres Verm�gens f�r Ihre Kinder vorgesehen?�</p><p>�So ist es.�</p><p>�Sind Sie bereit, das Testament jetzt zu unterzeichnen?�</p><p>�Ja.�</p><p>Zadel legt seinen Stift auf den Tisch, faltet bed�chtig die H�nde und sieht nachdenklich Stafford an. �Meiner Meinung nach ist Mr. Phelan zur Zeit hinreichend testierf�hig, um in g�ltiger Weise �ber sein Verm�gen zu verf�gen.� Er sagt das mit gro�em Nachdruck, als seien sie sich ihrer Sache aufgrund meiner Vorstellung nicht so recht sicher.</p><p>Die beiden anderen stimmen ihm rasch zu. �Ich habe keinen Zweifel, dass er im Vollbesitz seiner geistigen Kr�fte ist�, sagt Flowe zu Stafford. �Er scheint mir geradezu unglaublich auf dem Damm zu sein.�</p><p>�Irgendwelche Zweifel?� fragt Stafford.</p><p>�Nicht die geringsten.�</p><p>�Dr. Theishen?�</p><p>�Wir wollen uns nichts vormachen. Mr. Phelan wei� genau, was er tut. Sein Verstand ist weit sch�rfer als unserer.�</p><p>Vielen Dank. Das bedeutet mir sehr viel. Ihr seid eine Bande von Psychoheinis, die sich abstrampeln m�ssen, um hunderttausend im Jahr zu verdienen. Ich habe Milliarden verdient, trotzdem t�tschelt ihr mir den Kopf und sagt mir, wie klug ich bin.</p><p>�Ihr Votum ist also einstimmig?� fragt Stafford.</p><p>�Ja. Absolut.� Sie k�nnen gar nicht schnell genug nicken.</p><p>Stafford schiebt mir das Testament her�ber und gibt mir einen Stift. Ich sage: �Das ist das Testament von Troy L. Phelan, mit dem alle fr�heren letztwilligen Verf�gungen und Testamentsnachtr�ge hinf�llig werden.� Der Stapel umfasst neunzig Seiten, die von Stafford und einem seiner Mitarbeiter aufgesetzt worden sind. Ich verstehe, worum es im gro�en und ganzen geht, kenne aber nicht alle Einzelheiten. Ich habe sie nicht gelesen und werde es auch nicht tun. Ich bl�ttere nach ganz hinten, kritzele einen Namenszug, den niemand lesen kann, und lege dann erst einmal meine H�nde darauf.</p><p>Die Geier werden das nie zu sehen bekommen.</p><p>�Die Sitzung ist geschlossen�, sagt Stafford, und alle packen rasch zusammen. Gem�� meinen Anweisungen werden die drei Familien aus ihren jeweiligen R�umen geleitet und aufgefordert, das Geb�ude zu verlassen.</p><p>Eine Kamera bleibt auf mich gerichtet, die Bilder, die sie aufnimmt, sind ausschlie�lich f�r das Archiv bestimmt. Die Anw�lte und Psychiater verlassen den Raum unverz�glich. Ich fordere Snead auf, sich an den Tisch zu setzen. Stafford und einer seiner Sozii, Durban, bleiben da, sie sitzen ebenfalls. Als wir allein sind, greife ich unter mein Gewand und hole einen Umschlag hervor, den ich �ffne. Ich nehme drei Bogen gelbes Stempelpapier heraus und lege sie vor mich auf den Tisch. Nur noch einige Sekunden, und ein leichter Schauer der Furcht durchl�uft mich. Das wird mehr Kraft kosten, als ich in Wochen aufgebracht habe.</p><p>Stafford, Durban und Snead starren verbl�fft auf die gelben Bl�tter.</p><p>�Das ist meine letztwillige Verf�gung�, erkl�re ich und nehme einen Stift zur Hand. �Ein eigenh�ndiges Testament, das ich Wort f�r Wort erst vor wenigen Stunden verfasst habe. Es tr�gt das heutige Datum und wird unter diesem Datum von mir unterzeichnet.� Ich kritzele meinen Namen. Stafford ist so baff vor Staunen, dass er kein Wort herausbringt.</p><p>�Hiermit widerrufe ich alle fr�heren Testamente, einschlie�lich dessen, das ich vor weniger als f�nf Minuten unterzeichnet habe.� Ich falte die Bl�tter und stecke sie wieder in den Umschlag.</p><p>Ich bei�e die Z�hne zusammen und denke daran, wie sehr ich mich danach sehne zu sterben.</p><p>Ich schiebe den Umschlag �ber den Tisch Stafford zu und erhebe mich im selben Augenblick aus dem Rollstuhl. Meine Beine zittern. Mein Herz h�mmert. Nur noch Sekunden. Bestimmt werde ich tot sein, bevor ich auf dem Boden lande.</p><p>�He!� ruft jemand, vermutlich Snead. Aber ich entferne mich von ihnen.</p><p>Der Lahme geht, rennt beinahe an der Reihe von Ledersesseln vor�ber, an einem meiner Portr�ts, einem schlechten Gem�lde, das eine meiner Frauen in Auftrag gegeben hat, an allem vor�ber, zu den Schiebet�ren, die nicht abgeschlossen sind. Ich wei� das, weil ich das Ganze vor ein paar Stunden geprobt habe.</p><p>�Halt!� schreit jemand, und jetzt sind sie hinter mir her. Seit einem Jahr hat mich niemand gehen sehen. Ich greife nach der Klinke und �ffne die T�r. Die Luft ist bitterkalt. Ich trete barfuss auf die schmale Terrasse im obersten Stockwerk meines Geb�udes. Ohne nach unten zu sehen, st�rze ich mich �ber das Gel�nder.</p></section><section><title><p>DREI</p></title><p>Snead war zwei Schritte hinter Mr. Phelan und nahm eine Sekunde lang an, er werde ihn einholen. Er war so</p><p>entsetzt gewesen, als er den alten Mann nicht nur aufstehen und gehen, sondern praktisch zur T�r sprinten sah, dass er f�rmlich erstarrt war. Schon seit Jahren hatte sich Mr. Phelan nicht so schnell bewegt.</p><p>Snead erreichte das Gel�nder gerade noch rechtzeitig, um einen Entsetzensschrei auszusto�en, musste dann aber hilflos mit ansehen, wie Mr. Phelan lautlos fiel, mit Armen und Beinen um sich schlug und immer kleiner wurde, bis er auf dem Boden aufschlug. Snead krallte sich am Gel�nder fest, w�hrend er ungl�ubig nach unten sah.</p><p>Dann begannen ihm die Tr�nen �ber das Gesicht zu laufen.</p><p>Josh Stafford erreichte die Terrasse einen Schritt hinter Snead und bekam den Sturz zum gr��ten Teil mit. Es geschah so schnell, zumindest der Sprung; der anschlie�ende Sturz in die Tiefe schien eine Stunde zu dauern. Zwar f�llt ein Mann von knapp siebzig Kilo in weniger als f�nf Sekunden aus einer H�he von neunzig Metern, aber Stafford erz�hlte sp�ter allen Leuten, der alte Mann habe eine Ewigkeit lang in der Luft geschwebt, wie eine Feder, die im Wind dahintreibt.</p><p>Tip Durban, der unmittelbar hinter Stafford das Gel�nder erreichte, bekam lediglich den Aufprall des K�rpers auf der mit Ziegelsteinen gepflasterten Fl�che zwischen dem Haupteingang und einer kreisf�rmigen Auffahrt mit. Aus irgendeinem Grund hielt Durban den Umschlag in der Hand, den er, ohne es zu merken, vom Tisch genommen hatte, w�hrend sie dem alten Troy nachsetzten. Er f�hlte sich sehr viel schwerer an, als Durban in der bei�end kalten Luft dastand und auf eine Szene aus einem Horrorfilm hinabsah, der sich die ersten Zuschauer n�herten.</p><p>Troy Phelans Sturz verlief nicht so dramatis ch, wie er es sich gew�nscht hatte. Er flog weder wie ein Engel der Erde entgegen, mit einem vollkommenen Kopfsprung, bei dem das Seidengewand hinter ihm flatterte, noch landete er genau in dem Augenblick tot vor den Augen seiner entsetzten Angeh�rigen, in dem sie das Geb�ude verlie�en. Lediglich ein untergeordneter Angestellter aus der Lohnbuchhaltung, der nach einer sehr langen Mittagspause in einer Bar �ber den Parkplatz eilte, wurde Zeuge des Sturzes. Er h�rte eine Stimme, hob den Blick zum obersten Stockwerk und sah entsetzt einen blassen, nackten K�rper, um dessen Hals etwas wie ein Bettlaken flatterte. Wie nicht anders zu erwarten, landete er mit einem dumpfen Aufschlag auf dem Boden.</p><p>Gerade als der Angestellte zu dem Punkt rannte, wo der K�rper mit dem R�cken aufgeprallt war, merkte ein Angeh�riger des Werkschutzes, dass etwas nicht in Ordnung war, und verlie� seinen Posten neben dem Haupteingang des Phelan-Turms. Da weder der Wachmann noch der Angestellte Mr. Troy Phelan je gesehen hatte, wusste keiner von beiden zun�chst, wessen blutigen, aberwitzig verdrehten und nackten Leichnam sie da betrachteten, den in H�he der Arme ein Laken umgab. Mit Sicherheit wussten sie nur, dass der Mann tot war. Drei�ig Sekunden sp�ter h�tte sich Troys Wunsch erf�llt. Da sich Tira und Ramble im vierten Stock befunden hatten, verlie�en sie zusammen mit Dr. Theishen und ihrem Aufgebot von Anw�lten als erste das Geb�ude und erreichten daher auch als erste den Ort des Schreckens. Tira kreischte, nicht aus Schmerz, Liebe oder unter dem Eindruck eines Verlustes, sondern einfach wegen des Schocks, den der Anblick des alten Troy auf den Ziegelsteinen in ihr ausl�ste. So durchdringend war der Schrei, dass ihn Snead, Stafford und Durban dreizehn Stockwerke h�her deutlich h�ren konnten.</p><p>Ramble fand den Anblick ziemlich stark. Da er mit dem Fernsehen aufgewachsen und s�chtig nach VideoSpielen war, lockte ihn jede Schreckensszene geradezu magnetisch an. Er l�ste sich von seiner kreischenden Mutter und kniete sich neben seinen toten Vater. Der Wachmann legte ihm die Hand fest auf die Schulter.</p><p>�Das ist Troy Phelan�, sagte einer der Anw�lte, w�hrend� sich �ber den Leichnam beugte.</p><p>�Sagen Sie blo߫, sagte der Wachmann.</p><p>�Ist ja 'n Ding�, sagte der Angestellte.</p><p>Weitere Menschen kamen aus dem Geb�ude gerannt.</p><p>Die n�chsten waren Janie, Geena und Cody mit ihrem Psychiater Dr. Flowe und ihren Anw�lten. Aus ihrem Mund h�rte man keine Schreie, niemand brach zusammen. Sie dr�ngten sich dicht aneinander, hielten Abstand von Tira und ihrer Gruppe und glotzten wie alle anderen zu dem armen Troy hin�ber.</p><p>Funkger�te knisterten, als ein weiterer Wachmann eintraf und die Sache in die Hand nahm. Er rief nach einem Rettungswagen.</p><p>�Welchen Sinn soll das haben?� fragte der Angestellte aus der Lohnbuchhaltung, der sich in den Vordergrund spielte, weil er als erster am Ort des Geschehens eingetroffen war.</p><p>�Wollen Sie ihn etwa in Ihrem eigenen Wagen wegbringen?� fragte der Wachmann.</p><p>Ramble sah zu, wie das Blut die M�rtelfugen zwischen den Steinen f�llte und in vollkommenen rechten Winkeln ein leichtes Gefalle hinablief, auf einen eingefrorenen Springbrunnen und einen Fahnenmast in der N�he zu. Ein Aufzug voller Menschen hielt in der Eingangshalle. Die T�ren �ffneten sich, und Lillian trat mit ihren Kindern und deren Begleitern heraus. Die ganze Gruppe wandte sich nach links einem Nebenausgang entgegen, denn TJ und Rex hatten hinter dem Geb�ude geparkt, weil sie sich auskannten: Beide hatten einst ein eigenes B�ro in dem Geb�ude besessen. Mit einem Mal rief jemand vom Haupteingang des Geb�udes her: �Mr. Phelan ist gesprungen!� Sie �nderten ihre Richtung und eilten zum gepflasterten Vorplatz in der N�he des Springbrunnens, wo sie ihn fanden.</p><p>Jetzt brauchten sie doch nicht auf den Gehirntumor zu warten.</p><p>Es dauerte rund eine Minute, bis sich Joshua Stafford von seinem Entsetzen erholt hatte und wieder wie ein Anwalt denken konnte. Er wartete, bis die Angeh�rigen der dritten und letzten Familie unten zu sehen waren, dann bat er Snead und Durban in den Raum zur�ck.</p><p>Snead stellte sich vor die immer noch eingeschaltete Kamera, und nachdem er geschworen hatte, die Wahrheit zu sagen, berichtete er, was er soeben mit angesehen hatte. Dabei musste er gegen seine Tr�nen ank�mpfen. Stafford �ffnete den Umschlag und hielt die gelben Bl�tter so nahe vor die Kamera, dass die Schrift lesbar war.</p><p>�Ich habe gesehen, wie er diese Bl�tter vor wenigen Sekunden unterschrieben hat�, best�tigte Snead.</p><p>�Und erkennen Sie das als seine Unterschrift?� fragte Stafford.</p><p>�Ja, ja, das ist sie.�</p><p>�Hat er erkl�rt, dass es sich dabei um seine letztwillige Verf�gung handelt?�</p><p>�Er hat es als sein Testament bezeichnet.�</p><p>Stafford nahm die Bl�tter wieder an sich, bevor Snead lesen konnte, was darauf stand. Er lie� Durban dieselbe Aussage machen, stellte sich dann selbst vor die Kamera und erkl�rte, was er zum Ablauf der Ereignisse zu sagen hatte. Die Kamera wurde abgeschaltet, und die drei fuhren nach unten, um Mr. Phelan die letzte Ehre zu erweisen. Der Fahrstuhl war voller Angestellter der Firma, die zwar tief betroffen waren, es sich aber auf keinen Fall entgehen lassen wollten, den Alten ein letztes Mal zu sehen, noch dazu in dieser sonderbaren Situation. Allm�hlich leerte sich das Geb�ude. In einer Ecke h�rte man Snead erstickt schluchzen.</p><p>Wachm�nner hatten die Menge abgedr�ngt. Man h�rte eine Sirene n�herkommen. Jemand machte letzte Erinnerungsfotos von Troy Phelan, der in einer Blutlache lag, dann wurde eine schwarze Decke �ber den Leichnam ausgebreitet.</p><p>Bei den Angeh�rigen �berlagerte schon bald leichter Kummer das Entsetzen �ber den Tod. Gesenkten Hauptes standen sie da, den Blick betr�bt auf die Decke gerichtet, und dachten an das, was zu erledigen sein w�rde. Es war unm�glich, Troy anzusehen und nicht an das viele Geld zu denken. Die Trauer um einen Verwandten, dem man entfremdet ist, h�lt nicht lange an, wenn man damit rechnen darf, eine halbe Milliarde Dollar zu erben -auch nicht, wenn es der eigene Vater ist.</p><p>Bei den Angestellten trat Verwirrung an die Stelle des Entsetzens. Zwar hie� es, er wohne da oben �ber ihnen, aber kaum jemand hatte ihn je gesehen. Er galt als exzentrisch, verr�ckt und krank - aber alles gr�ndete sich auf Ger�chte, auch, dass er ein Menschenfeind sei. Wichtige Mitglieder der Unternehmensspitze sahen ihn einmal im Jahr. Wenn die Firma ohne sein Eingreifen so erfolgreich war, durften die Angestellten ihre Arbeitspl�tze getrost f�r sicher halten.</p><p>Die Psychiater - Zadel, Flowe und Theishen - sahen sich mit einem Mal in einer beklemmenden Lage. Da erkl�rt man, jemand sei bei klarem Verstand, und gleich darauf geht er hin und springt in den Tod. Doch auch ein Ve r-r�ckter hat gelegentlich einen lichten Augenblick - diese rettende Formel wiederholten sie unaufh�rlich, w�hrend sie inmitten der Menge zitterten. W�hrend so jemand kurzzeitig bei klarem Verstand ist, kann er ohne weiteres ein g�ltiges Testament errichten. Von dieser Position w�rden sie auf keinen Fall abr�cken. Gott sei Dank war alles auf Band aufgenommen worden. Der alte Troy war ein Fuchs, und er war bei klarem Verstand gewesen.</p><p>Und die Anw�lte �berwanden ihren Schock rasch und ohne Kummer zu empfinden. Mit entschlossener Miene betrachteten sie, neben ihren Mandanten stehend, das kl�gliche Bild, das sich ihnen bot. Das Honorar w�rde gewaltig sein.</p><p>Ein Rettungswagen fuhr auf die gepflasterte Fl�che und blieb in unmittelbarer N�he des Leichnams stehen. Stafford kroch unter dem Absperrband durch und fl�sterte den Wachm�nnern etwas zu.</p><p>Rasch wurde Troy auf eine Bahre geladen und fortgebracht.</p><p>Zwanzig Jahre zuvor hatte Troy Phelan seinen Firmensitz in den Norden des Staates Virginia verlegt, um der hohen Besteuerung in New York zu entgehen. Die vierzig Millionen, die er f�r das Grundst�ck und das Hochhaus hatte aufwenden m�ssen, hatte er durch den Wechsel des Firmensitzes nach Virginia mehrfach eingespart. Den aufstrebenden Washingtoner Anwalt Joshua Stafford hatte er im Zusammenhang mit einem �blen Prozess kennengelernt, den er verloren hatte. Stafford hatte die Gegenseite vertreten und gewonnen. Troy, der seine Art des Vorgehens und seine Beharrlichkeit bewunderte, hatte ihn fortan mit der Wahrnehmung seiner Interessen beauftragt. Im zur�ckliegenden Jahrzehnt hatte Stafford die Gr��e seiner Kanzlei verdoppelt und mit den Einnahmen aus den juristischen Scharm�tzeln, die er f�r Troy f�hrte, ein Verm�gen gemacht.</p><p>Niemand hatte Troy Phelan in seinen letzten Lebensjahren n�hergestanden als Josh Stafford. Er kehrte jetzt mit Durban ins Konferenzzimmer im dreizehnten Stock zur�ck, verschloss die T�r und schickte Snead mit der Anweisung fort, sich hinzulegen.</p><p>Vor laufender Kamera �ffnete Stafford den Umschlag und entnahm ihm die drei gelben Bogen. Der erste enthielt eine f�r ihn bestimmte Mitteilung Troys. Er sagte in die Kamera: �Dieser an mich gerichtete handschriftliche Brief Troy Phelans tr�gt das Datum des heutigen Tages, Montag, 9. Dezember 1996. Er besteht aus f�nf Abs�tzen. Ich lese ihn im Wortlaut vor:</p><p>&gt;Lieber Josh, ich bin jetzt tot. Nachstehend meine Anweisungen, die ich Sie genau zu befolgen bitte. Ich m�chte, dass meine W�nsche ausgef�hrt werden. Notfalls m�ssen Sie vor Gericht gehen, um sie durchzusetzen. Erstens soll aus Gr�nden, deren Bedeutung sich sp�ter zeigen wird, eine baldige Autopsie durchgef�hrt werden. Zweitens will ich keinerlei Beisetzungsfeierlichkeit, Gedenkgottesdienst oder eine �hnliche Veranstaltung. Man soll mich verbrennen und meine Asche aus der Luft �ber meiner Ranch in Wyoming verstreuen.</p><p>Drittens m�chte ich, dass der Inhalt meines Testaments bis zum 15. Januar 1997 vertraulich bleibt. Dem Gesetz nach sind Sie nicht verpflichtet, es sogleich offen zulegen. Halten Sie es also einen Monat zur�ck.</p><p>Bis dann. Troy.&lt;�</p><p>Bed�chtig legte Stafford das erste Blatt auf den Tisch und nahm das zweite zur Hand. Er �berflog es und sagte dann in die Kamera: �Das hier ist ein aus einer Seite bestehendes Dokument, das als Letzter Wille des Troy L. Phelan gekennzeichnet ist. Ich lese es im Wortlaut vor:</p><p>&gt;Letztwillige Verf�gung von Troy L. Phelan. Ich, Troy L. Phelan, widerrufe hiermit im Vollbesitz meiner geistigen Kr�fte nachdr�cklich jedes fr�her von mir abgefasste Testament sowie alle Nachtr�ge dazu und verf�ge �ber mein Verm�gen wie folgt:</p><p>Meinen Kindern Troy Phelan jun., Rex Phelan, Libbigail Jeter, Mary ROSS Jackman, Geena Strong sowie Ramble Phelan hinterlasse ich einen Geldbetrag, der ausreicht, ihre jeweiligen Schulden in der H�he zu begleichen, die sie am heutigen Tag aufweisen. Nach dem heutigen Datum anfallende Schulden werden davon nicht gedeckt. Sollte einer der genannten Nachkommen den Versuch unternehmen, dieses Testament anzufechten, entf�llt das f�r ihn vorgesehene Geldgeschenk vollst�ndig.</p><p>Meine ehemaligen Ehefrauen Lillian, Janie und Tira bekommen nichts. Sie sind bei der Scheidung jeweils angemessen versorgt worden.</p><p>Mein verbleibendes Verm�gen hinterlasse ich meiner am 2. November 1954 im katholischen Krankenhaus von New Orleans, Louisiana, geborenen Tochter Rachel Lane. Ihre Mutter, eine Frau namens Evelyn Cunningham, ist zwischenzeitlich verstorben.�</p><p>Keinen dieser beiden Namen hatte Stafford je geh�rt. Er musste Luft holen, bevor er mit dem Vorlesen fortfuhr. &gt;�Zum Verwalter meines Nachlasses setze ich den Anwalt meines Vertrauens, Josh Stafford, ein und lasse ihm weitgehende Entscheidungsfreiheit in der Frage, wie er dabei vorgeht.</p><p>Es handelt sich um ein eigenh�ndiges Testament, das ich Wort f�r Wort selbst verfasst habe und nachstehend unterschreibe.</p><p>Unterschrieben am 9. Dezember 1996 um drei Uhr nachmittags von Troy L. Phelan&lt;.�</p><p>Stafford legte das Blatt auf den Tisch und blinzelte in die Kamera. Obwohl er das Bed�rfnis hatte, um das Geb�ude herumzugehen, sich vielleicht ein wenig von der frischen Luft durchblasen zu lassen, fuhr er fort. Er nahm das dritte Blatt zur Hand und sagte: �Hierbei handelt es sich um eine aus einem Absatz bestehende Mitteilung, die wieder an mich gerichtet ist. Ich lese sie vor: Josh: Rachel Lane ist an der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien als Missionarin einer Organisation namens World Tribes Missions t�tig. Sie arbeitet in einer als Panta-nal bezeichneten abgelegenen Gegend unter Indianern. Die n�chstgelegene Stadt ist Corumba. Ich habe seit zwanzig Jahren keine Verbindung zu ihr gehabt und sie auch jetzt nicht auftreiben k�nnen. Gezeichnet Troy Phelan&lt;.�</p><p>Durban schaltete die Kamera ab und ging zweimal um den Tisch herum, w�hrend Stafford das Dokument immer wieder las.</p><p>�Wussten Sie, dass er eine uneheliche Tochter hatte?�</p><p>Stafford sah abwesend auf eine Wand. �Nein. Ich habe f�r Troy elf Testamente aufgesetzt, und er hat sie in keinem von ihnen auch nur einmal erw�hnt.�</p><p>�Vermutlich d�rfte uns das nicht �berraschen.�</p><p>Stafford hatte h�ufig gesagt, Troy Phelan k�nne ihn nicht mehr �berraschen. Im Gesch�ftsleben wie auch in seinen privaten Angelegenheiten war er launisch und sprunghaft gewesen. Obwohl Stafford Millionen damit verdient hatte, sich um diesen Mandanten zu k�mmern und brisante Angelegenheiten f�r ihn zu entsch�rfen, war er wie vor den Kopf geschlagen. Er war soeben Zeuge eines recht dramatischen Selbstmords geworden, bei dem ein an den Rollstuhl gefesselter Mann mit einem Mal aufgesprungen und losgerannt war. Jetzt hatte er ein g�ltiges Testament vor sich, das in einigen knappen Abs�tzen eins der bedeutendsten Verm�gen auf der Welt einer unbekannten Erbin hinterlie�, ohne den geringsten Hinweis darauf, was mit dem Geld geschehen sollte. Die Erbschaftssteuer w�rde exorbitant sein.</p><p>�Ich brauche was zu trinken, Tip�, sagte er.</p><p>�Es ist ein bi�chen fr�h daf�r.�</p><p>Sie gingen nach nebenan in Phelans B�ro, wo sie alles unverschlossen vorfanden. Seine gegenw�rtige Sekret�rin und alle anderen im dreizehnten Stock Besch�ftigten waren noch unten.</p><p>Die beiden M�nner schlossen die T�r hinter sich ab und gingen eilig daran, alles zu durchsuchen. Offensichtlich hatte Troy damit gerechnet, sonst h�tte er nie und nimmer Schubladen und Aktenschr�nke unverschlossen gelassen, die private Papiere enthielten. Offenbar war ihm klar gewesen, dass Josh sofort handeln w�rde. In der mittleren Schublade seines Schreibtischs fanden sie einen f�nf Wochen zuvor unterschriebenen Vertrag mit einem Krematorium in Alexandria. Darunter lag eine Akte �ber die World Tribes Missions.</p><p>Sie suchten zusammen, was sie tragen konnten, holten dann Snead und veranlassten ihn, das B�ro abzuschlie�en. �Was steht in dem Testament, dem letzten?� fragte Snead, blass und mit geschwollenen Augen. Unm�glich konnte Mr. Phelan einfach so sterben, ohne ihm etwas zu hinterlassen, wovon er leben konnte. Immerhin hatte er ihm drei�ig Jahre lang treu gedient.</p><p>�Das kann ich nicht sagen�, antwortete Stafford. �Ich komme morgen wieder, um alles zu inventarisieren. Lassen Sie keinen Menschen hier rein.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, fl�sterte Snead und brach erneut in Tr�nen aus.</p><p>Stafford und Durban brachten eine halbe Stunde mit einem Polizeibeamten zu, der routinem��ig gekommen war.</p><p>Sie zeigten ihm die Stelle, an der Troy �ber das Gel�nder geklettert war, nannten ihm die Namen von Zeugen,</p><p>beschrieben den letzten Brief und das letzte Testament, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Sie versprachen ihm eine Kopie des Autopsieberichts. Der Beamte betrachtete den Fall schon als abgeschlossen, bevor er das Geb�ude verlie�.</p><p>Sie fuhren zum B�ro des Gerichtsmediziners, wo der Leichnam bereits eingetroffen war, und veranlassten die Autopsie.</p><p>�Wozu soll die dienen?� fragte Durban fl�sternd, w�hrend sie auf Formulare warteten, die ausgef�llt werden mussten.</p><p>�Sie soll den Beweis liefern, dass weder Drogen noch Alkohol im Spiel waren, nichts, was seine geistigen F�higkeiten h�tte beeintr�chtigen k�nnen. Er hat an alles gedacht.�</p><p>Erst kurz vor sechs konnten sie eine Bar im Willard Hotel aufsuchen, das in der N�he des Wei�en Hauses zwei Querstra�en von ihrem B�ro entfernt lag. Nach einem kr�ftigen Schluck brachte Stafford zum ersten Mal ein L�cheln zustande. �Er hat wirklich an alles gedacht, nicht wahr?�</p><p>�Er ist sehr grausam�, sagte Durban, tief in Gedanken versunken. Zwar lie�en die Auswirkungen des Schocks langsam nach, daf�r aber meldete sich die Wirklichkeit zu Wort.</p><p>�Sie meinen wohl, er war grausam.�</p><p>�Nein, Troy ist noch immer da. Er bestimmt nach wie vor die Regeln, nach denen gespielt wird.�</p><p>�K�nnen Sie sich vorstellen, wie viel Geld diese Dummk�pfe im n�chsten Monat ausgeben werden?�</p><p>�Es kommt mir wie ein Verbrechen vor, es ihnen nicht zu sagen.�</p><p>�Wir d�rfen nicht. Wir haben unsere Anweisungen.�</p><p>Angesichts der Tatsache, dass es sich um Anw�lte handelte, deren Mandanten nur selten miteinander sprachen, war die Sitzung ein seltener Fall von Kooperationsbereitschaft. Das ausgepr�gteste Ego im Raum geh�rte Hark Gettys, einem auf Prozesse geradezu erpichten Anwalt, der seit mehreren Jahren Rex Phelan vertrat. Hark hatte diese Sitzung einberufen, kurz nachdem er in seine Kanzlei an der Massachusetts Avenue zur�ckgekehrt war. Er hatte sogar TJs und Libbigails Anw�lten seinen Vorschlag zugefl�stert, w�hrend sie zusahen, wie man den Alten in den Rettungswagen lud.</p><p>Der Einfall war so gut, dass seine Kollegen nichts dagegen vorbringen konnten. Gemeinsam mit Flowe, Zadel und Theishen trafen sie nach f�nf Uhr in Gettys Kanzlei ein. Ein Gerichtsstenograph und zwei Videokameras warteten bereits.</p><p>Verst�ndlicherweise machte sie der Selbstmord nerv�s. Die drei Psychiater wurden einzeln beiseite genommen und ausf�hrlich �ber alles befragt, was sie an Mr. Phelan unmittelbar vor seinem Ende wahrgenommen hatten. Keiner der drei hatte den geringsten Zweifel daran, dass er genau gewusst hatte, was er tat, dass er bei klarem Verstand und mehr als nur testierf�hig gewesen war. Sie wiesen mit Nachdruck darauf hin, dass man nicht verr�ckt zu sein braucht, um sich das Leben zu nehmen.</p><p>Als alle dreizehn Anw�lte jede nur denkbare Meinung aus den Anwesenden herausgefragt hatten, beendete Gettys die Sitzung. Es war fast acht Uhr abends.</p></section><section><title><p>VIER</p></title><p>Torbes Magazine hatte Troy Phelan als zehntreichsten Amerikaner bezeichnet. Sein Tod war auf jeden Fall ein berichtenswertes Ereignis; die Art und Weise, wie er gestorben war, machte es zur Sensation.</p><p>Auf der Stra�e vor Lillians Villa in Falls Church wartete eine Schar Reporter darauf, dass sich ein Sprecher der Familie zu der Angelegenheit �u�erte. Sie filmten Bekannte und Nachbarn, die kamen und gingen, und stellten ihnen allgemeine Fragen �ber die Familie.</p><p>Im Innern des Hauses hatten sich Phelans vier �lteste Nachkommen mit ihren Ehepartnern und Kindern versammelt, um Beileidsbekundungen entgegenzunehmen. Die Stimmung war ged�mpft, solange sich Au�enstehende in der N�he befanden. Als sie fort waren, �nderte sich die Stimmung schlagartig. Da auch Troys Enkel anwesend waren - insgesamt elf-, sahen sich TJ, Rex, Libbigail und Mary ROSS gezwungen, ihre Hochstimmung zumindest ansatzweise zu unterdr�cken. Es fiel ihnen schwer. Erlesene Weine und Champagner fl�ssen in Str�men.</p><p>Der alte Troy w�rde ja wohl nicht wollen, dass sie vor Kummer vergingen, oder? Die �lteren Enkel tranken mehr als ihre Eltern.</p><p>Ein Fernsehger�t im Wohnzimmer war auf CNN geschaltet, und alle halbe Stunde kamen sie zusammen, um die letzten Meldungen �ber Troys dramatischen Tod zu verfolgen. Ein Finanzkorrespondent �u�erte sich zehn Minuten lang �ber Phelans gewaltiges Verm�gen, und alle l�chelten.</p><p>Lillian bewahrte Haltung und lieferte eine recht glaubw�rdige Vorstellung in der Rolle der bek�mmerten Witwe ab. Morgen w�rde sie sich um die Einzelheiten der Beisetzung k�mmern.</p><p>Hark Gettys kam gegen zehn und erkl�rte den Versammelten, dass er mit Josh Stafford gesprochen habe. Es werde weder eine Beisetzung noch irgendeine andere Feier geben; nach einer Autopsie werde man den Verstorbenen ein�schern und die �berreste verstreuen. So habe dieser es schriftlich verlangt, und Stafford sei bereit, notfalls vor Gericht zu ziehen, um den W�nschen seines Mandanten Geltung zu verschaffen.</p><p>Zwar war es Lillian und ihren Kindern ziemlich gleichg�ltig, was mit Troy geschah, doch erhoben sie Einw�nde</p><p>und redeten auf Gettys ein. Es sei nicht recht, dem Toten seine Gedenkfeier zu verweigern. Libbigail brachte sogar ein winziges Tr�nchen und eine brechende Stimme zustande.</p><p>�Ich an Ihrer Stelle w�rde nicht dagegen angehen�, riet ihnen Gettys mit Nachdruck. �Mr. Phelan hat das unmittelbar vor seinem Tod schriftlich festgelegt, und die Gerichte werden seinen Willen achten.�</p><p>Sie f�gten sich rasch. Es war sinnlos, einen Haufen Zeit und Geld f�r ein Gerichtsverfahren aufzuwenden, und ebenso sinnlos war es, die Trauer in die L�nge zu ziehen. Warum die Sache verschlimmern? Troy hatte immer schon seinen Kopf durchgesetzt, und wer von ihnen versucht hatte, sich mit Josh Stafford anzulegen, hatte sich eine blutige Nase geholt.</p><p>�Wir werden uns seinen W�nschen f�gen�, sagte Lillian, und die anderen vier nickten traurig dazu.</p><p>Die Frage nach dem Inhalt des Testaments und wann sie es sehen k�nnten, wurde nicht angesprochen, brodelte aber dicht unter der Oberfl�che. Am besten war es, noch einige Stunden lang zu trauern, wie es sich geh�rte, dann konnte man sich dem Gesch�ftlichen zuwenden. Da es weder Totenwache noch Beisetzungsfeierlichkeiten geben w�rde, konnten sie unter Umst�nden schon am n�chsten Tag zusammenkommen und �ber den Nachlass reden.</p><p>�Wozu eigentlich die Autopsie?� fragte Rex.</p><p>�Ich habe nicht die geringste Ahnung�, erwiderte Gettys. �Stafford hat gesagt, dass das schriftlich festgelegt ist, aber was dahintersteckt, wei� er selbst nicht genau.�</p><p>Gettys ging, und sie tranken weiter. Da keine Besucher mehr kamen, legte sich Lillian schlafen. Libbigail und Mary ROSS brachen mit ihren Kindern auf. TJ und Rex gingen ins Billardzimmer im Keller, wo sie die T�r hinter sich abschl�ssen und auf Whisky umstiegen. Um Mitternacht stie�en sie stockbetrunken die Billardkugeln �ber den Tisch und feierten ihren unermesslichen neuen Reichtum.</p><p>Am Tag nach Mr. Phelans Tod stand Josh Stafford um acht Uhr vor den besorgten Direktoren der Phelan-Gruppe. Mr. Phelan hatte ihn zwei Jahre zuvor in den Vorstand des Unternehmens berufen, doch diese Rolle gefiel ihm nicht.</p><p>In den vergangenen sechs Jahren hatte das Unternehmen ohne gr��ere Mitwirkung seines Gr�nders ordentliche Gewinne abgeworfen. Aus irgendeinem Grund, vermutlich altersbedingter Depression, hatte Troy jegliches Interesse an den mit seinem Imperium verbundenen Alltagsgesch�ften verloren. Es gen�gte ihm, die M�rkte und die Gewinnberichte im Auge zu behalten.</p><p>Vorstandssprecher war Pat Solomon, ein Mann, den Troy fast zwanzig Jahre zuvor eingestellt hatte und der seither im Unternehmen aufgestiegen war. Als Stafford hereinkam, war er ebenso unruhig wie die sieben anderen Mitglieder der Firmenleitung.</p><p>Gr�nde zur Unruhe gab es reichlich. Im Unternehmen waren zahlreiche phantasievolle Ger�chte um Troys Nachkommen und seine Frauen im Umlauf. Die leiseste Andeutung, die Firmengruppe k�nne auf irgendeine Weise diesen Leuten in die H�nde fallen, h�tte jeden Unternehmensvorstand in Angst und Schrecken versetzt. Als erstes gab Josh Mr. Phelans W�nsche hinsichtlich seiner Bestattung bekannt. �Es wird keine Beisetzungsfeier geben�, sagte er ernst. �Offen gestanden werden Sie keine M�glichkeit haben, ihm die letzte Ehre zu erweisen.�</p><p>Sie nahmen das wortlos zur Kenntnis. Beim Tod eines normalen Sterblichen h�tte man eine solche Haltung sonderbar gefunden, doch von Troy noch �berrascht zu werden war schwierig.</p><p>�Wer bekommt die Verf�gungsgewalt �ber die Firmengruppe?� fragte Solomon.</p><p>�Das kann ich jetzt noch nicht sagen�, erwiderte Stafford. Ihm war klar, wie unbefriedigend die Antwort war und dass sie wie eine Ausflucht wirkte. �Troy hat, wenige Augenblicke bevor er gesprungen ist, ein Testament unterschrieben und mich angewiesen, dessen Inhalt eine gewisse Zeit f�r mich zu behalten. Ich darf mich unter keinen Umst�nden dar�ber �u�ern, jedenfalls nicht im Moment.�</p><p>�Wann?�</p><p>�Bald, aber nicht jetzt.�</p><p>�Hei�t das, es bleibt alles beim alten?�</p><p>�So ist es. Die Zusammensetzung des Vorstands �ndert sich nicht; jeder beh�lt seinen Arbeitsplatz. Im Unternehmen geht alles seinen gewohnten Gang.�</p><p>Das klang zwar gut, aber niemand glaubte es. Ein Eigent�merwechsel stand bevor. Troy hatte nie viel von Mitbestimmung gehalten. Er zahlte seinen Leuten ordentliche Geh�lter, war aber nicht bereit gewesen, wie viele andere Unternehmen Belegschaftsaktien auszugeben. Etwa drei Prozent der Aktien befanden sich in den H�nden einiger seiner bevorzugten Mitarbeiter.</p><p>Sie stritten sich eine Stunde lang �ber den Wortlaut einer Presseerkl�rung, dann vertagten sie sich auf den n�chsten Monat.</p><p>Stafford traf Tip Durban im Foyer, und sie fuhren gemeinsam zum Gerichtsmediziner in McLean. Die Autopsie war beendet.</p><p>Die Todesursache war offenkundig. Es gab keinerlei Hinweise auf Alkohol oder irgendwelche Drogen.</p><p>Und es gab keinen Tumor. Keine Spur von Krebs. Troy war zum Zeitpunkt seines Todes in guter k�rperlicher Verfassung gewesen, nur ein wenig unterern�hrt.</p><p>W�hrend sie auf der Roosevelt-Br�cke den Potomac �berquerten, brach Tip das Schweigen. �Hat er Ihnen gesagt, dass er einen Gehirntumor hatte?� �Ja. Mehrfach.� Stafford fuhr, ohne gro� auf Br�cken, Stra�en oder den Verkehr zu achten. Welche �berraschungen hielt Troy noch f�r sie bereit?</p><p>�Warum hat er gelogen?�</p><p>�Wer wei�? Sie versuchen das Denken eines Mannes zu analysieren, der vor kurzem von einem Hochhaus heruntergesprungen ist. Der Gehirntumor hat alles schrecklich dringend gemacht. Jeder, auch ich, war �berzeugt, dass sein Tod unmittelbar bevorstand. Sein Zustand lie� es als gro�artigen Einfall erscheinen, die Psychiater hinzuzuziehen. Er hat die Falle gestellt, seine Verwandten sind hineingerannt, und jetzt schw�ren ihre eigenen Psychiater Stein und Bein, dass Troy bei v�llig klarem Verstand war. Au�erdem wollte er Mitgef�hl.�</p><p>�Aber er war doch verr�ckt, oder nicht? Schlie�lich ist er gesprungen.�</p><p>�Troy war in vieler Hinsicht komisch, aber er hat genau gewusst, was er tat.�</p><p>�Und warum ist er dann gesprungen?�</p><p>�Weil er depressiv war. Ein sehr einsamer alter Mann.�</p><p>W�hrend sie im dichten Verkehr auf der Constitution Avenue festsa�en und auf die R�cklichter vor ihnen starrten, versuchten sie den Fall zu durchdenken.</p><p>�Das riecht nach Betrug�, sagte Durban. �Er lockt sie mit der Aussicht auf Geld; er stellt ihre Psychiater zufrieden und unterschreibt dann in letzter Sekunde ein Testament, das ihnen so gut wie nichts hinterl�sst.�</p><p>�Stimmt, das ist betr�gerisch. Aber hier geht es um ein Testament und nicht um einen Vertrag. Ein Testament ist ein Geschenk. Niemand ist nach den Gesetzen des Staates Virginia verpflichtet, seinen Kindern auch nur einen roten Heller zu hinterlassen.�</p><p>�Aber sie werden das Testament anfechten, oder nicht?�</p><p>�Wahrscheinlich. Sie haben einen ganzen Haufen Anw�lte. Es geht um zuviel Geld.�</p><p>�Warum hat er sie nur so sehr gehasst?�</p><p>�In seinen Augen waren sie Blutsauger. Sie haben ihn bel�stigt. Sie haben mit ihm gestritten. Sie haben in ihrem Leben keinen Cent auf ehrliche Weise verdient und so manche seiner Millionen zum Fenster rausgeworfen. Troy hatte nie die Absicht, ihnen etwas zu hinterlassen. Wer Millionen verschwenden konnte, nahm er an, w�rde auch mit Milliarden keine Probleme haben. Und damit hatte er recht.�</p><p>�Wie viel Schuld hatte er an den Streitigkeiten in der Familie?�</p><p>�'ne ganze Menge. Troy zu lieben war nicht einfach. Er hat mir mal gesagt, er sei ein schlechter Vater und ein katastrophaler Ehemann gewesen. Er konnte seine Finger nicht von den Frauen lassen, zumal wenn sie f�r ihn arbeiteten. Er war �berzeugt, sie geh�rten ihm.�</p><p>�Ich erinnere mich an einige F�lle, in denen man ihm sexuelle Bel�stigung vorgeworfen hat.�</p><p>�Die haben wir stillschweigend aus der Welt geschafft. Das hat ein Heidengeld gekostet. Troy wollte den damit verbundenen �rger vermeiden.�</p><p>�Meinen Sie, dass es noch mehr unbekannte Erben gibt?�</p><p>�Das bezweifle ich. Aber was wei� ich schon? Ich h�tte nie geglaubt, dass da noch eine Erbin auftaucht, und der Gedanke, dass er ihr alles hinterlassen hat, ist mir v�llig unverst�ndlich. Troy und ich haben stundenlang �ber seinen Nachlass gesprochen und dar�ber, wie er aufgeteilt werden soll.�</p><p>�Wie k�nnen wir die Frau finden?�</p><p>�Keine Ahnung. Dar�ber habe ich noch nicht nachgedacht.�</p><p>Als Josh Stafford zur�ckkehrte, herrschte in seiner Kanzlei, die nach Washingtoner Ma�st�ben mit ihren sechzig Anw�lten nicht besonders gro� war, hektische Betriebsamkeit. Josh war der Gr�nder und Seniorpartner, und Tip Durban und vier weitere Anw�lte waren Partner, was bedeutete, dass Josh ihnen gelegentlich zuh�rte und sie am Gewinn beteiligte. Drei�ig Jahre lang war die Kanzlei vor keinem Prozess zur�ckgeschreckt, doch als Josh auf die Sechzig zuging, verbrachte er weniger Zeit in Gerichtss�len und mehr hinter seinem mit Papieren �berh�uften Schreibtisch. Er h�tte hundert Anw�lte besch�ftigen k�nnen, wenn er als Mandanten die in Washington �bliche Klientel aus fr�heren Senatoren, Lobbyisten und Beratern von Aufsichtsbeh�rden gewollt h�tte. Josh aber zog Prozesse und Gerichtss�le vor und stellte ausschlie�lich solche jungen Kollegen ein, die zumindest in zehn Prozessen vor einem Geschworenengericht pl�diert hatten.</p><p>Ein Prozessanwalt h�lt im Schnitt f�nfundzwanzig Jahre lang durch. Dann sorgt gew�hnlich der erste Herzinfarkt daf�r, dass er k�rzer tritt, um den zweiten so lange wie m�glich hinauszuschieben. Damit, dass er Ordnung in das verworrene Geflecht von Mr. Phelans Rechtsgesch�ften gebracht hatte - Auslegungsfragen im Zusammenhang mit dem Wertpapiergesetz, Kartellklagen, Personalfragen, Firmenzusammenschl�sse und Dutzende pers�nlicher Angelegenheiten -, war Josh vorzeitigem Verschlei� aus dem Weg gegangen.</p><p>Drei Arbeitsgruppen von Anw�lten warteten im Vorzimmer seines gro�en B�ros. Zwei Sekret�rinnen schoben ihm Memoranden und Telefonnotizen zu, w�hrend er den Mantel auszog und sich hinter den Schreibtisch setzte. �Was ist am dringendsten?� fragte er.</p><p>�Ich glaube, das hier�, sagte eine Sekret�rin.</p><p>Es war eine Telefonnotiz �ber einen Anruf von Hark Gettys, einem Kollegen, mit dem Josh im letzten Monat mindestens dreimal w�chentlich gesprochen hatte. Er w�hlte Harks Nummer und hatte ihn sofort am Apparat. Nach dem �blichen Austausch der H�flichkeiten kam Hark gleich zur Sache.</p><p>�H�ren Sie, Josh, Sie k�nnen sich bestimmt vorstellen, wie mir die Familie die H�lle hei� macht.�</p><p>�Aber ja.� �Sie wollen das verdammte Testament sehen. Oder zumindest wissen, was drinsteht.�</p><p>Die n�chsten S�tze w�rden entscheidend sein, und Josh hatte sie sich sorgf�ltig zurechtgelegt. �Nicht so schnell, Hark.�</p><p>Nach einer sehr kurzen Pause kam die Frage: �Warum? Stimmt was nicht?�</p><p>�Der Selbstmord macht mir Sorgen.�</p><p>�Was wollen Sie damit sagen?�</p><p>�Sehen Sie mal, Hark, wie kann jemand bei klarem Verstand sein, der Sekunden sp�ter in den Tod springt?�</p><p>Harks nerv�se Stimme stieg um eine Oktave, und seine Worte verrieten eine immer gr��ere Unruhe. �Aber Sie haben selbst geh�rt, was unsere Psychiater sagen. Zum Kuckuck, das ist doch alles auf Band festgehalten.�</p><p>�Und bleiben die drei trotz des Selbstmords bei ihrer �berzeugung?�</p><p>�Ja, verdammt und zugen�ht!�</p><p>�K�nnen Sie das beweisen? Ich bin auf Ihre Hilfe angewiesen, Hark.�</p><p>�Josh, wir haben uns gestern Abend unsere drei Seelenbohrer noch einmal vorgenommen. Wir haben nicht lockergelassen, und sie sagen, dass sie eisern bei dem bleiben, was sie festgestellt haben. Jeder von ihnen hat eine eidesstattliche Erkl�rung unterschrieben, einen acht Seiten langen Schriftsatz, in dem sie best�tigen, dass Mr. Phelan bei klarem Verstand war.�</p><p>�Kann ich die Schrifts�tze sehen?�</p><p>�Ich schick sie gleich mit Kurier r�ber.�</p><p>�Bitte tun Sie das.� Josh legte auf und l�chelte vor sich hin. Die jungen Mitarbeiter wurden hereingef�hrt, drei Arbeitsgruppen aufgeweckter und furchtloser Anw�lte. Sie nahmen an einem Mahagonitisch in einer Ecke des Raumes Platz.</p><p>Josh begann damit, dass er den Inhalt von Troys eigenh�ndigem Testament und die juristischen Schwierigkeiten kurz zusammenfasste, die vermutlich zu erwarten waren. Der ersten Arbeitsgruppe gab er den Auftrag, die Frage von Troys Testierf�higkeit zu kl�ren. Er machte sich Sorgen wegen des zeitlichen Abstandes zwischen Zurechnungsf�higkeit und Unzurechnungsf�higkeit. Die Leute sollten Analysen aller F�lle beschaffen, die auch nur entfernt mit der Erstellung eines Testaments durch einen Menschen zu tun hatten, der als verr�ckt galt.</p><p>Die zweite Gruppe bekam den Auftrag, sich um alles zu k�mmern, was mit eigenh�ndigen Testamenten zu tun hatte, insbesondere um die besten M�glichkeiten, sie anzufechten, und auf dem Klagewege vorgebrachte Anspr�che abzuweisen.</p><p>Als er mit der dritten Gruppe allein war, entspannte er sich und setzte sich gleichfalls. Sie hatten Gl�ck, denn sie w�rden nicht die n�chsten drei Tage in Bibliotheken verbringen m�ssen. �Sie sollen eine Frau suchen, von der ich annehme, dass sie nicht gefunden werden m�chte.�</p><p>Er teilte ihnen mit, was er �ber Rachel Lane wusste. Viel war es nicht. In der Akte aus Troys Schreibtisch stand nur wenig �ber sie.</p><p>�Erstens, versuchen Sie festzustellen, um was f�r einen Verein es sich bei World Tribes Missions handelt. Wie arbeiten die Leute? Nach welchen Kriterien w�hlen sie ihre Mitarbeiter aus? Wohin schicken sie die? Alles. Zweitens, hier in Washington gibt es ein paar ausgezeichnete Privatdetektive. Normalerweise sind das fr�here Mitarbeiter des FBI, die sich darauf spezialisiert haben, vermisste Personen aufzusp�ren. Suchen Sie die beiden besten davon aus, wir treffen dann morgen eine Entscheidung. Drittens, Rachels Mutter hie� Evelyn Cunningham, sie lebt nicht mehr. Wir brauchen m�glichst viele biographische Angaben �ber die Frau. Vermutlich hatte sie mit Mr. Phelan eine Aff�re, deren Ergebnis das Kind ist.�</p><p>�Vermutlich?� fragte einer der Mitarbeiter.</p><p>�Ja. Wir setzen nichts als gegeben voraus.�</p><p>Er lie� sie gehen und suchte den Raum auf, in dem Tip Durban eine kleine Pressekonferenz arrangiert hatte.</p><p>Keine Fernsehkameras, zugelassen waren nur die Printmedien. Erwartungsvoll sa� ein Dutzend Journalisten um einen Tisch voller Aufzeichnungsger�te und Mikrophone. Sie vertraten gro�e Tageszeitungen und angesehene Finanzzeitschriften.</p><p>Die ersten Fragen wurden gestellt. Ja, es gebe ein Testament, das im letzten Augenblick vorgelegt worden sei, aber man k�nne noch nichts �ber den Inhalt sagen. Ja, es habe eine Autopsie stattgefunden, aber man k�nne noch nicht dar�ber sprechen. Das Unternehmen arbeite weiter wie bisher. Man k�nne sich noch nicht zu der Frage �u�ern, wer die neuen Eigent�mer sein w�rden.</p><p>Niemand war �berrascht, als sich herausstellte, dass die Familien im Laufe des Tages bereits privat mit Reportern gesprochen hatten.</p><p>�Man h�rt ger�chtweise, dass Mr. Phelan in seinem Testament sein ganzes Verm�gen unter seinen sechs Kindern aufgeteilt hat. K�nnen Sie das best�tigen oder verneinen?�</p><p>�Weder noch. Es ist einfach ein Ger�cht.�</p><p>�Hat er nicht an einer Krebserkrankung im Endstadium gelitten?�</p><p>�Um diese Frage zu beantworten, m�sste ich �ber die Autopsie sprechen, und das kann ich nicht.�</p><p>�Wir haben geh�rt, dass ihn eine Gruppe von Psychiatern kurz vor seinem Tod befragt und anschlie�end erkl�rt hat, dass er bei klarem Verstand war. K�nnen Sie das best�tigen?�</p><p>�Ja�, sagte Stafford. �Das entspricht der Wahrheit.� Die n�chsten zwanzig Minuten verbrachten die Journalisten damit, ihn nach Einzelheiten �ber die Befragung auszuhorchen. Josh hielt ihnen stand und r�umte lediglich ein,</p><p>dass Mr. Phelan �allem Anschein nach� bei klarem Verstand gewesen war.</p><p>Die Vertreter der Finanzzeitschriften wollten Zahlen. Man wusste nicht viel �ber die Phelan-Gruppe, da sie als Unternehmen privaten Rechts nicht der Publizit�tspflicht unterlag und mit Informationen nach au�en stets gegeizt hatte. Jetzt witterten die Journalisten die Gelegenheit, einen Fu� in die T�r zu bekommen. Doch von Josh erfuhren sie nicht viel.</p><p>Nach einer Stunde entschuldigte er sich und kehrte in sein B�ro zur�ck, wo ihm eine Sekret�rin mitteilte, dass das Krematorium angerufen habe. Mr. Phelans sterbliche �berreste konnten abgeholt werden.</p></section><section><title><p>F�NF</p></title><p>TJ pflegte seinen Kater vom Vorabend bis gegen Mittag, trank dann ein Bier und beschloss, dass es an der Zeit sei, seine Muskeln spielen zu lassen. Er rief seinen Haupt-Anwalt an, um sich nach dem neuesten Stand der Dinge zu erkundigen. Dieser riet ihm zur Geduld. �Es wird ein Weilchen dauern, TJ�, sagte er.</p><p>�Ich bin aber nicht in der Stimmung zu warten�, knurrte TJ. Sein Sch�del brummte entsetzlich.</p><p>�Nur ein paar Tage.�</p><p>Er knallte den H�rer auf die Gabel und ging nach hinten in seine schmuddelige Eigentumswohnung. Gl�cklicherweise war seine Frau, die drei�igj�hrige Biff, deren zwei Kinder bei ihrem Ex-Ehemann lebten, nicht zu sehen. Sie arbeitete als Immobilienmaklerin und verkaufte reizende Einsteigerh�user an Jungverheiratete. Heute hatten sie sich schon dreimal gestritten, und dabei war es kaum Mittag. Vielleicht war sie einkaufen gegangen, einen Teil seines neuen Reichtums verjubeln. Jetzt machte ihm ihre Kaufsucht nichts mehr aus.</p><p>�Der alte Bock ist tot�, sagte er laut vor sich hin. Niemand konnte ihn h�ren. Seine beiden Kinder aus der vorigen Ehe waren im College. F�r ihre Ausbildung kam Eillian auf, die noch immer einen Teil des Geldes besa�, das sie Troy bei der Scheidung vor Jahrzehnten abgekn�pft hatte.</p><p>TJ machte sich noch ein Bier auf und betrachtete sich im bis zum Boden reichenden Spiegel in der Diele. �Troy Phelan jun.�, sagte er mit Betonung. �Sohn Troy Phelans, des mit elf Milliarden netto zehntreichsten Mannes in Amerika, inzwischen verstorben, betrauert von seinen liebenden Ehefrauen und Kindern, die ihn nach der gerichtlichen Testamentser�ffnung alle noch mehr lieben werden. Jawohl!�</p><p>Er entschied sich, ab sofort den Spitznamen TJ aufzugeben und k�nftig als Troy Phelan jun. durchs Leben zu gehen. Dieser Name hatte Zauberkraft.</p><p>In der Wohnung hing ein sonderbarer Geruch, weil Biff nicht bereit war, sich um den Haushalt zu k�mmern. Sie besch�ftigte sich zuviel mit ihren Mobiltelefonen. Alle m�glichen Gegenst�nde waren auf dem Fu�boden verstreut, aber die W�nde waren kahl. Das Mobiliar stammte von einer Leasingfirma, die Anw�lte eingeschaltet hatte, um alles zur�ckzuholen. Er trat gegen ein Sofa und schrie: �Kommt schon und holt den Schei� hier ab! Ich lass mir jetzt Innenarchitekten kommen.�</p><p>Am liebsten h�tte er die Wohnung abgefackelt. Vielleicht w�rde er nach ein oder zwei weiteren Dosen Bier anfangen, mit Streichh�lzern herumzuspielen.</p><p>Er zog seinen besten Anzug an, den grauen, den er am Vortag getragen hatte, als sich der Liebe Alte Papa den Psychiatern gestellt und sich so gro�artig gehalten hatte. Da keine Beisetzungsfeier vorgesehen war, brauchte er sich auch keinen schwarzen Anzug zu kaufen. �Armani, ich komme!� pfiff er munter, w�hrend er den Rei�verschluss seiner Hose hochzog.</p><p>Immerhin fuhr er einen BMW. Schon m�glich, dass er auf einer M�llkippe wohnte, doch davon bekam die Welt nichts zu sehen. Wohl aber sah sie sein Auto, weshalb er sich jeden Monat die gr��te M�he gab, die 680 Dollar f�r die Leasingrate zusammenzukratzen. Er verfluchte die Wohnung, als er auf dem Parkplatz zur�cksetzte. Es war eine von achtzig neuen Einheiten, die in einem Neubaugebiet au�erhalb von Manassas um einen flachen Gartenteich herum angelegt worden waren.</p><p>In seiner Jugend war es ihm bessergegangen. W�hrend der ersten zwanzig Jahre hatte er ein angenehmes Leben im Luxus gef�hrt und dann seinen Anteil ausgezahlt bekommen. Aber die f�nf Millionen waren dahin gewesen, bevor er drei�ig war, und sein Vater hatte ihn deswegen verachtet.</p><p>Immer wieder war es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihnen gekommen. Er hatte mehrere Jobs innerhalb der Phelan-Gruppe gehabt, und alle hatten mit einer Katastrophe geendet. Mehrfach hatte ihm der Alte den Stuhl vor die T�r gesetzt. Wann immer sein Vater sich an ein risikoreiches Vorhaben gemacht hatte, waren zwei Jahre sp�ter Millionen dabei herausgekommen, w�hrend am Ende von Juniors Einf�llen Bankrott und gerichtliche Auseinandersetzungen standen.</p><p>In den letzten Jahren hatten die Streitigkeiten fast aufgeh�rt. Da sich keiner von beiden �ndern konnte, ignorierten sie einander einfach. Aber nach dem Auftreten des Tumors hatte TJ seine Hand wieder ausgestreckt.</p><p>Was f�r eine Villa er sich bauen lassen w�rde! Er wusste auch schon, von wem. Eine japanische Architektin aus Manhattan, von der er in einem Lifestyle-Magazin gelesen hatte. Wahrscheinlich w�rde er im Laufe des n�chsten Jahres nach Malibu, Aspen oder Palm Beach ziehen, wo er das Geld zur Schau stellen konnte und man ihn ernst nehmen w�rde.</p><p>�Was macht man mit einer halben Milliarde Dollar?� fragte er sich, w�hrend sein Wagen auf der Schnellstra�e dahinschoss. �F�nfhundert Millionen Dollar steuerfrei.� Er lachte.</p><p>Ein Bekannter leitete die BMW- und Porsche-Vertretung, bei der er seinen W agen geleast hatte. Mit selbstgef�lligem L�cheln stolzierte Junior wie Graf Rotz in den Ausstellungsraum. Er k�nnte den ganzen verdammten Laden aufkaufen, wenn ihm danach war. Auf dem Schreibtisch eines der Verk�ufer sah er die Morgenzeitung: eine h�bsche fette Schlagzeile �ber den Tod seines Vaters. Er empfand nicht die Spur von Trauer.</p><p>Der Gesch�ftsf�hrer, Dickie, st�rzte aus seinem B�ro und sagte: �TJ, mein herzliches Beileid.�</p><p>�Danke �, sagte Troy Junior und legte sein Gesicht einen Augenblick lang in betr�bte Falten. �Es ist besser so f�r ihn.�</p><p>�Trotzdem, noch mal herzliches Beileid.�</p><p>�Schon gut.� Sie traten in Dickies B�ro und schl�ssen die T�r.</p><p>Dickie sagte: �In der Zeitung steht, dass er unmittelbar vor seinem Tod ein Testament unterschrieben hat. Stimmt das?�</p><p>Troy Junior bl�tterte bereits in den bunten Hochglanzbrosch�ren mit den neuesten Modellen. �Ja. Ich war dabei. Er hat seinen Nachlass durch sechs geteilt, ein Anteil f�r jeden von uns.� Er sagte das ganz beil�ufig, ohne den Blick zu heben, als k�nne er bereits �ber das Geld verf�gen und als sei es ihm schon zur Last geworden.</p><p>Dickie riss den Mund auf und setzte sich auf seinen Sessel. Sollte sein Kunde mit einem Mal in unermesslichem Reichtum schwimmen? War dieser nichtsnutzige TJ Phelan etwa mit einem Schlag Milliard�r? Wie alle anderen, die ihn kannten, hatte Dickie angenommen, der Alte h�tte ihn auf alle Zeiten von finanziellen Zuwendungen ausgeschlossen.</p><p>� Biff h�tte gern einen Porsche �, sagte Troy Junior, der nach wie vor in den Prospekten bl�tterte, �'nen roten Neunelfer Carrera Turbo, mit Klappverdeck und Hardtop.�</p><p>�Wann?�</p><p>Troy Junior blitzte ihn entr�stet an. �Sofort.�</p><p>�Kein Problem, TJ. Und was ist mit der Bezahlung?�</p><p>�Ich zahle den zusammen mit meinem schwarzen, auch nen Neunelfer. Was kosten die?�</p><p>�Um die neunzigtausend pro.�</p><p>�Ist in Ordnung. Wann k�nnen wir sie abholen?�</p><p>�Ich muss sie erst besorgen. Das kann ein oder zwei Tage dauern. Bar?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Wann kriegen Sie denn das Geld?�</p><p>�In etwa einem Monat. Aber die Autos will ich gleich.�</p><p>Dickie hielt die Luft an und zuckte zusammen. �Ich kann aber keine zwei neuen Autos ohne irgendeine Art von Bezahlung rausr�cken.�</p><p>�Sch�n. Dann seh ich mich bei der Konkurrenz um. Biff wollte sowieso schon immer nen Jaguar haben.�</p><p>�Nicht so hastig, TJ.�</p><p>�Ich k�nnte diesen ganzen Laden hier kaufen. Ich k�nnte in jede beliebige Bank gehen und zehn oder zwanzig Millionen verlangen oder wie viel auch immer n�tig ist, den Schuppen hier aufzukaufen, und die w�rden mir das Geld liebend gern auf zwei Monate geben. Verstehen Sie das?�</p><p>Dickie nickte, seine Augen zu schmalen Schlitzen zusammengezogen. Doch, er verstand durchaus. �Wie viel hat er Ihnen hinterlassen?�</p><p>�So viel, dass ich auch die Bank kaufen k�nnte. Krieg ich jetzt die Autos, oder muss ich ein Haus weiter gehen?�</p><p>�Ich muss sie erst auftreiben.�</p><p>�Kluger Junge�, sagte TJ. �Machen Sie Dampf dahinter. Ich melde mich heute Nachmittag. Nun rufen Sie schon an.� Er warf die Prospekte auf Dickies Schreibtisch und verlie� das B�ro.</p><p>Rambles Trauer �u�erte sich darin, dass er sich den ganzen Tag �ber in seiner Bude im Keller einschloss, Marihuana rauchte, Rapmusik h�rte und sich nicht im geringsten darum k�mmerte, wer an die T�r klopfte oder anrief. Seine Mutter hatte ihm wegen der Familientrag�die erlaubt, der Schule f�r den Rest der Woche fernzubleiben. Wenn sie nicht v�llig ahnungslos gewesen w�re, h�tte sie gewusst, dass man ihn dort schon einen Monat nicht mehr gesehen hatte.</p><p>Am Vortag hatte ihm sein Anwalt auf der R�ckfahrt vom Phelan-Hochhaus erkl�rt, das Ge ld werde treuh�nderisch verwaltet, bis er entweder achtzehn oder einundzwanzig Jahre alt sei, je nach den Bedingungen des Testaments. Zwar k�nne er zur Zeit nicht an das Kapital heran, werde aber sicherlich bis dahin ein gro�z�giges Taschengeld bekommen.</p><p>Sein Traum war es, eine Musikgruppe zu gr�nden, alternativer Rock mit starken Rap-Einfl�ssen, etwas v�llig Neues. Er war schon dabei, es zu erfinden. Er beschloss, sie Ramble zu nennen. Mit seinem Geld konnten sie Platten aufnehmen. Er kannte junge M�nner, die mit ihrer Gruppe keinen Erfolg hatten, weil sie es sich nicht leisten konnten, ein Studio zu mieten. Das w�rde bei ihm anders sein. Er w�rde nicht nur Bassgitarre spielen, sondern auch Leads�nger sein, und die M�dchen w�rden sich um ihn rei�en.</p><p>Zwei Stockwerke weiter oben in ihrem ger�umigen Haus verbrachte Tira den Tag am Telefon und plauderte mit Freundinnen, die angerufen hatten, um halbherzig ihr Beileid auszusprechen.</p><p>Die meisten fragten sie nach l�ngerem Austausch von Klatsch und Tratsch, wie viel sie wohl aus dem Nachlass</p><p>bekommen w�rde, aber sie scheute sich, eine Vermutung auszusprechen. Sie hatte Troy 1982 mit dreiundzwanzig Jahren geheiratet und zuvor einen umfangreichen Ehevertrag unterschrieben, der ihr f�r den Fall einer Scheidung lediglich zehn Millionen und ein Haus zubilligte.</p><p>Vor sechs Jahren waren sie auseinandergegangen. Jetzt besa� sie nur noch zwei Millionen.</p><p>Ihre Bed�rfnisse waren aber auch bescheiden. W�hrend alle ihre Bekannten Strandh�user in stillen Buchten auf den Bahamas hatten, musste sie sich damit begn�gen, in Luxushotels abzusteigen. Ihre Freundinnen fuhren f�r ihre Designer-Kleidung nach New York; sie musste alles hier kaufen. Die Kinder der anderen waren im Internat und st�rten zu Hause nicht; Ramble sa� im Keller und dachte nicht daran, herauszukommen.</p><p>Bestimmt hatte ihr Troy um die f�nfzig Millionen hinterlassen. Allein schon ein Prozent seines Nachlasses d�rfte sich auf etwa hundert Millionen belaufen. Sie rechnete sich das auf einer Papierserviette aus, w�hrend sie mit ihrem Anwalt telefonierte.</p><p>Geena Phelan Strong war drei�ig und bem�hte sich, die Ehe mit ihrem zweiten Mann Cody durchzustehen, die sich ausgesprochen st�rmisch entwickelt hatte. Er stammte aus einer steinreichen alten Familie aus dem Osten der Vereinigten Staaten, deren Geld sich bisher aber nur als Ger�cht gezeigt hatte. Geena jedenfalls hatte noch nichts davon gesehen. Codys Bildungsweg war eindrucksvoll - er hatte nach dem Besuch eines Prestige-Internats und des Dartmouth College ein BWL-Diplom an der New Yorker Columbia-Universit�t erworben. Seiner eigenen Einsch�tzung nach war er ein Vision�r der Finanzwelt, doch hielt es ihn in keinem seiner Jobs. Die W�nde eines B�ros vermochten seine Begabung nicht zu fassen. Die Vorschriften launischer Vorgesetzter sollten die Entfaltung seiner Tr�ume nicht behindern. Cody w�rde eines Tages Milliard�r sein, nat�rlich aus eigener Kraft und vermutlich der j�ngste in der Geschichte.</p><p>Doch auch nach sechs gemeinsam verbrachten Jahren hatte Cody seine Nische noch nicht gefunden. Die Verluste, die er erlitt, waren wirklich atemberaubend. Ein misslungenes Termingesch�ft mit Kupfer hatte 1992 mehr als eine Million von Geenas Geld verschlungen. Zwei Jahre sp�ter hatte er bei einer Spekulation mit ungesicherten Optionspapieren Schiffbruch erlitten, als der Aktienmarkt eingebrochen war. Geena hatte sich vier Monate lang von ihm getrennt, war aber zur�ckgekehrt, nachdem sie eine Eheberatung aufgesucht hatten. Codys Gesch�ftsidee, �H�hnchen im Eismantel� unters Volk zu bringen, hatte ihn lediglich eine halbe Million gekostet.</p><p>Sie verbrauchten viel Geld. Ihr Eheberater hatte ihnen als Therapie empfohlen zu reisen, und so hatten sie die Welt gesehen. Zwar wurden viele ihrer Schwierigkeiten dadurch gemildert, dass sie jung und wohlhabend waren, aber das Geld schwand nur so dahin. Von den f�nf Millionen, die Geena zum einundzwanzigsten Geburtstag von ihrem Vater bekommen hatte, war nicht einmal mehr eine da, und ihre Schulden nahmen immer mehr zu. Als Troy von der Dachterrasse sprang, war der auf ihrer Ehe lastende Druck unertr�glich geworden.</p><p>Daher waren sie an diesem Vormittag damit besch�ftigt, nach einem Haus in Swinks Mill zu suchen, dem Ziel ihrer hochfliegenden Tr�ume. Von Stunde zu Stunde wurden ihre Anspr�che gr��er, und um die Mittagszeit erkundigten sie sich schon nach H�usern, die mehr als zwei Millionen kosteten. Um zwei Uhr trafen sie sich mit einer abschlussgeilen hochtoupierten Immobilienmaklerin namens Lee, die mit zwei Mobiltelefonen und einem blitzenden Cadillac ausgestattet war. Geena stellte sich ihr als �Geena Phelan� vor, wobei sie den Nachnamen un�berh�rbar betonte. Doch die Frau schien keine Finanzzeitschriften zu lesen, denn der Name sagte ihr offensichtlich nichts. Daher sah sich Cody bei der Besichtigung des dritten Objekts gen�tigt - Geena inspizierte gerade eine kleine Sauna, die in der Eingangshalle in einen Wandschrank eingebaut war -, sie beiseite zu nehmen und ihr zuzufl�stern, um wen es sich bei seinem Schwiegervater gehandelt hatte.</p><p>�Der reiche Kerl, der gesprungen ist?� fragte die M�klerin und schlug sich die goldberingte Hand vor den Mund. Betr�bt nickte Cody.</p><p>Am Abend besichtigten sie ein leerstehendes Haus, das viereinhalb Millionen kosten sollte, und �berlegten sich ernsthaft, ein Kaufangebot abzugeben. Lee hatte nur selten mit so betuchten Kunden zu tun und war daher inzwischen in helle Aufregung geraten.</p><p>Der vierundvierzigj�hrige Rex, TJs j�ngerer Bruder, war zum Zeitpunkt von Troys Tod das einzige seiner Kinder, gegen das ein strafrechtliches Untersuchungsverfahren lief. Seine Schwierigkeiten gingen auf den Bankrott einer Bank zur�ck, der zahllose Prozesse und Untersuchungen nach sich zog. Schon seit drei Jahren waren Bankrevisoren und das FBI mit eingehenden Nachforschungen besch�ftigt.</p><p>Um seine Verteidigung und seinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren, hatte Rex im Gebiet von Fort Lauderdale eine ganze Reihe Oben-ohne-Lokale und Striptease-Clubs aus dem Nachlass eines Mannes erworben, der bei einem Schusswechsel get�tet worden war. Das Gesch�ft mit der nackten Haut war eintr�glich, denn G�ste kamen in gro�er Zahl. Da die Entnahme gr��erer Barbetr�ge keine Schwierigkeiten bereitete, konnte er aus jedem seiner sechs Etablissements Monat f�r Monat etwa viertausend Dollar in die eigene Tasche stecken, ohne den Bogen zu �berspannen, insgesamt rund vierundzwanzigtausend Dollar, steuerfrei.</p><p>Die Lokale waren auf den Namen seiner Frau Amber Rockwell eingetragen, eine ehemalige Stripperin, die er eines Nachts an einer Bartheke kennengelernt hatte. Es verursachte ihm keine geringe Besorgnis, dass sein ganzer Besitz auf ihren Namen lief. Kaum jemand kannte Ambers Vergangenheit, und so spielte sie z�chtig bekleidet, ohne Make-up und die schr�gen Schuhe in den Kreisen, in denen die beiden in Washington verkehrten, glaubw�rdig die Rolle der achtbaren Frau. Doch im tiefsten Inneren war sie eine Hure, und die Tatsache, dass sie alles besa�, brachte den armen Rex manche Nacht um den Schlaf.</p><p>Als sein Vater starb, stand Rex bei allen m�glichen Gesch�ftspartnern sowie Leuten, die Einlagen in seiner Bank</p><p>besessen hatten, mit �ber sieben Millionen Dollar in der Kreide, und der Betrag wurde st�ndig h�her. Teils besa�en diese Gl�ubiger Pfandrechte, teils hatten sie vollstreckbare Titel gegen ihn erwirkt. Doch gab es nichts zu pf�nden und zu vollstrecken, da er �ber keinerlei verwertbares Verm�gen verf�gte. Nicht einmal sein Auto geh�rte ihm. Er und Amber lebten in einer Mietwohnung, die Corvettes, die sie fuhren, waren geleast, und alle Papiere waren auf Ambers Namen ausgestellt. Die Clubs und Lokale geh�rten einem in einer Steueroase ans�ssigen Unternehmen, bei dem sie die F�den in der Hand hielt. Ihm war nicht die geringste Beziehung zu ihnen nachzuweisen. Bisher war Rex durch alle Maschen gerutscht.</p><p>Die Ehe war so fest gegr�ndet, wie man es von zwei Menschen mit einem so unsicheren Hintergrund erwarten konnte; sie feierten wilde Feste, und ihr halbseidener Bekanntenkreis bestand aus der Art Menschen, die sich vom Namen Phelan angezogen f�hlten. Trotz aller finanziellen Misslichkeiten genossen sie das Leben, aber Rex machte sich gro�e Sorgen wegen Amber und des auf ihren Namen eingetragenen Verm�gens. Ein h�sslicher Streit, und sie konnte verschwinden.</p><p>Diese Sorgen h�rten mit Troys Tod auf. Die Gewichte auf der Wippe hatten sich verschoben. Mit einem Mal sa� Rex oben, und sein Nachname war pl�tzlich ein Verm�gen wert. Er w�rde die Lokale und die Clubs absto�en, alle Schulden auf einen Schlag begleichen und sich dann mit seinem Geld am�sieren. Eine falsche Bewegung Ambers, und sie konnte wieder auf Tischen tanzen und sich Dollarscheine in ihren String-Tanga stecken lassen. Rex verbrachte den Tag mit seinem Anwalt Hark Gettys. Er brauchte das Geld dringend und so bald wie m�glich und bedr�ngte daher Gettys, Josh Stafford anzurufen und daf�r zu sorgen, dass er einen Blick in das Testament werfen konnte. Rex hatte genaue Vorstellungen davon, was mit dem Geld geschehen sollte. Es waren gewaltige und ehrgeizige Pl�ne, und Hark sollte ihn bei jedem Schritt auf diesem Weg begleiten. Sein Ziel war die Herrschaft �ber die Phelan-Gruppe. Bestimmt w�rde sein Anteil am Aktienkapital, ganz gleich, wie der au�ehen mochte, zusammen mit dem TJs und dem der beiden Schwestern sie zu Mehrheitsaktion�ren machen. Aber da waren noch Fragen zu kl�ren: W�rde man ihnen die Aktien aush�ndigen, war das Verm�gen unter treuh�nderische Verwaltung gestellt oder auf irgendeine vertrackte Weise festgelegt? Dar�ber w�rde sich Troy in seinem Grabe bestimmt ins F�ustchen lachen.</p><p>�Wir m�ssen das verdammte Testament sehen!� schrie er Hark den ganzen Tag immer wieder an. Hark beruhigte ihn mit einem sich lang hinziehenden Mittagessen und gutem Wein, dann gingen sie am fr�hen Nachmittag zu Scotch �ber. Amber kam vorbei, war aber nicht ver�rgert, weil beide betrunken waren. Jetzt konnte Rex sie nicht mehr �rgern. Sie liebte ihn mehr denn je.</p></section><section><title><p>SECHS</p></title><p>Der Ausflug in den Westen sollte Stafford eine willkommene Atempause in dem Chaos verschaffen, das Mr. Phelan durch seinen Sprung hervorgerufen hatte. Die Ranch befand sich in der N�he von Jackson Hole in den Tetons, wo der Schnee bereits drei�ig Zentimeter hoch lag und man mit noch mehr rechnete. Was sagten die Benimmregeln �ber das Verstreuen von sterblichen �berresten auf verschneitem Land? Sollte man warten, bis Tauwetter einsetzte, oder sie trotzdem verstreuen? Josh war es egal. Ihn w�rde keine Naturkatastrophe daran hindern, Phelans Auftrag auszuf�hren.</p><p>Die Anw�lte der Phelan-Erben sa�en ihm im Nacken. Seine Hark Gettys gegen�ber gemachten zur�ckhaltenden �u�erungen zur Testierf�higkeit des Alten hatten Schockwellen durch die Familien gesandt, und die Erben reagierten mit vorau�agbarer Hysterie und Drohungen. Der Ausflug w�rde nur einen kurzen Aufschub bedeuten. Er und Durban konnten die ersten Ergebnisse ihrer Nachforschungen sichten und ihre Pl�ne dementsprechend abstimmen.</p><p>Sie flogen in Mr. Phelans Gulfstream IV vom National Airport ab. Erst einmal zuvor hatte Josh das Privileg genossen, mit dieser Maschine zu fliegen, die f�nfunddrei�ig Millionen gekostet hatte. Es war die neueste in Mr. Phelans Privatflotte und sein Lieblingsspielzeug gewesen. Im Sommer des Vorjahres waren sie damit nach Nizza geflogen, wo der Alte nackt am Strand herumspaziert war und junge Franz�sinnen angestarrt hatte. Josh und seine Frau waren lieber nicht seinem Beispiel gefolgt und hatten sich mit den �brigen Amerikanern am Schwimmbad in die Sonne gelegt.</p><p>Eine Stewarde� brachte ihnen Fr�hst�ck und verschwand in der Bordk�che im Heck, als sie ihre Papiere auf einem runden Tisch ausbreiteten. Der Flug w�rde vier Stunden dauern.</p><p>Die von den drei Psychiatern Dr. Flowe, Dr. Zadel und Dr. Theishen unterzeichneten eidesstattlichen Erkl�rungen waren langatmig und wortreich, voller pers�nlicher Meinungen und Wiederholungen, die sich �ber ganze Abs�tze erstreckten und nicht den Funken eines Zweifels daran lie�en, dass Troy nicht nur im Vollbesitz seiner geistigen Kr�fte gewesen war, sondern geradezu in Hochform. Es hie� darin, er habe genau gewusst, was er in den Augenblicken vor seinem Tod tat.</p><p>Stafford und Durban lasen die Erkl�rungen und waren am�siert. Sobald das neue Testament er�ffnet wurde, w�rde man diese drei Fachleute nat�rlich an die frische Luft setzen und ein halbes Dutzend andere herbeischaffen, die allerlei finstere und gr��liche Mutma�ungen �ber den wirren Geisteszustand des armen Troy vorbringen w�rden.</p><p>Dann wandten sie sich Rachel Lane zu. Viel hatte man �ber die reichste Missionarin der Welt nicht in Erfahrung zu bringen vermocht. Die von der Kanzlei angestellten Detektive suchten fieberhaft nach ihr.</p><p>Den im Internet gefundenen Angaben zufolge befand sich die Zentrale der Organisation World Tribes Missions in Houston, Texas. Sie war 1920 gegr�ndet worden und besch�ftigte auf der ganzen Welt viertausend Missionare, die ausschlie�lich bei Eingeborenenst�mmen t�tig waren. Ihr einziges Ziel war es, jedem noch so fern von der Zivilisation lebenden Stamm auf der Welt die Frohe Botschaft zu verk�nden. Es war offensichtlich, dass Rachel ihre religi�sen Vorstellungen nicht von ihrem Vater geerbt hatte.</p><p>Gegenw�rtig k�mmerten sich Missionare von World Tribes um nicht weniger als achtundzwanzig Indianerst�mme in Brasilien, mindestens zehn in Bolivien und weitere dreihundert Eingeborenenv�lker auf der �brigen Welt. Da diese St�mme von der modernen Zivilisation abgeschnitten waren, wurden die Missionare gr�ndlich in �berlebenstechniken, Sprachen und Medizin ausgebildet.</p><p>Mit gro�er Aufmerksamkeit las Josh den Bericht eines Missionars, der sieben Jahre lang unter einer Art Wetterschutzdach im Urwald gelebt und sich bem�ht hatte, so viel von der Sprache des primitiven Stammes zu lernen, dass er sich mit dessen Angeh�rigen verst�ndigen konnte. Von einem Umgang mit ihm hatten die Indianer, die so gut wie keine Kontakte zur Au�enwelt gehabt hatten und deren Leben sich in tausend Jahren kaum ge�ndert hatte, kaum etwas wissen wollen. Schlie�lich war er ein Wei�er aus Missouri, der mit seinem Rucksack in ihrem Dorf eingetroffen und lediglich imstande gewesen war, �hallo� und �danke� zu sagen. Wenn er einen Tisch haben wollte, baute er sich einen, und seine Nahrung musste er jagen. F�nf Jahre vergingen, bis die Indianer anfingen, ihm zu trauen. Fast sechs Jahre waren um, als er ihnen seine erste Geschichte aus der Bibel erz�hlte.</p><p>Zu seiner Ausbildung hatten Geduld geh�rt, die F�higkeit, Beziehungen aufzubauen, Sprachen zu lernen, kulturelle Zusammenh�nge zu erkennen und dann ganz allm�hlich mit der Verk�ndigung von Gottes Wort zu beginnen.</p><p>Was f�r Menschen mussten das sein, die ein so gro�es Ma� an Glauben und Hingabe aufbrachten, dass sie der modernen Gesellschaft entsagten und in eine solche pr�historische Welt eintauchten? Der Missionar schrieb, dass ihn die Indianer erst akzeptiert hatten, als sie merkten, dass er nicht wieder fortgehen w�rde. Er hatte sich entschieden, auf alle Zeiten bei ihnen zu leben. Er liebte sie und wollte einer von ihnen sein.</p><p>Also d�rfte wohl auch Rachel in einer H�tte oder unter einem Schutzdach leben, auf einem selbstgebauten Bett schlafen, �ber einem offenen Feuer kochen, von ihrer Jagdbeute oder dem leben, was sie angebaut hatte, den Kindern Geschichten aus der Bibel und den Erwachsenen das Evangelium nahebringen. Sie wusste nichts von den Ereignissen, den Sorgen und N�ten der Welt und wollte sicher auch nichts von ihnen wissen. Sie war zufrieden. Sie ruhte fest in ihrem Glauben.</p><p>Sie aufzust�ren schien Stafford fast grausam zu sein.</p><p>Durban, der all das ebenfalls las, sagte: �Wom�glich finden wir sie nie. Es gibt da kein Telefon und keinen Strom; man muss �ber das Gebirge marschieren, um diese Leute zu erreichen.�</p><p>�Uns bleibt keine Wahl�, sagte Josh.</p><p>�Haben wir schon Kontakt mit World Tribes aufgenommen?�</p><p>�Das machen wir im Lauf des Tages.�</p><p>�Was wollen Sie denen sagen?�</p><p>�Das wei� ich noch nicht. Jedenfalls nicht, dass wir nach einer ihrer Missionarinnen suchen, weil sie gerade elf Milliarden Dollar geerbt hat.�</p><p>�Das ist der Bruttobetrag.�</p><p>�Auch nach Steuern wird ein nettes S�mmchen �brigbleiben.�</p><p>�Was sagen wir denen also?�</p><p>�Dass es sich um eine dringende juristische Angelegenheit handelt und wir Rachel pers�nlich sprechen m�ssen.� Eins der im Flugzeug installierten Faxger�te begann zu summen und Aktennotizen auszuspucken. Die erste kam von Joshs Sekret�rin und enthielt eine Liste der am Vormittag eingegangenen Anrufe - fast alle waren von Anw�lten der Phelan-Erben. Zwei Reporter hatten ebenfalls angerufen.</p><p>Die jungen Kollegen schickten, was sie �ber die unterschiedlichen Aspekte des in Virginia geltenden Rechts gefunden hatten. Mit jeder Seite, die Josh und Durban lasen, gewann das offenbar in aller Eile niedergeschriebene Testament des alten Troy an Durchsetzbarkeit.</p><p>Zu Mittag servierte die Stewardess belegte Brote und Obst. Sie blieb im hinteren Teil der Kabine und tauchte immer genau dann auf, wenn die Kaffeetassen der beiden M�nner leer waren.</p><p>Als sie in Jackson Hole landeten, war der Himmel klar. Links und rechts der Landebahn lagen vom Schneepflug aufget�rmte Schneemassen. Stafford und Durban verlie�en das Flugzeug und stiegen nach rund f�nfundzwanzig Metern in einen Sikorsky S-76C um, Troys Lieblingshubschrauber. Zehn Minuten sp�ter schwebten sie �ber seiner geliebten Ranch. B�en lie�en den Hubschrauber auf und ab tanzen, so dass Durban bleich im Gesicht wurde. Als Josh langsam und ziemlich nerv�s eine T�r aufschob, fuhr ihm ein eiskalter Windsto� ins Gesicht.</p><p>Der Pilot hielt die Maschine auf sechshundert Meter H�he, w�hrend Josh die kleine schwarze Urne entleerte. Sogleich trug der Wind Troys �berreste in alle Richtungen, so dass die Asche l�ngst verschwunden war, bevor sie den Schnee am Boden erreichen konnte. Als die Urne leer war, schloss Josh die T�r. Hand und Arm waren ihm fast erfroren.</p><p>Die St�mme und Balken, aus denen das Geb�ude im Stil einer Blockh�tte erbaut war, lie�en es rustikal erschei-</p><p>nen. Doch mit einer Grundfl�che von gut tausend Quadratmetern war es alles andere als eine H�tte. Troy hatte es von einem Schauspieler gekauft, dessen Karriere den Bach runtergegangen war.</p><p>Ein in Cordsamt gekleideter Butler nahm ihr Gep�ck, und ein Dienstm�dchen machte ihnen Kaffee. Durban bewunderte die ausgestopften Jagdtroph�en an den W�nden, w�hrend Josh in der Kanzlei anrief. Ein Feuer brannte im Kamin, und die K�chin erkundigte sich nach ihren W�nschen f�r das Abendessen.</p><p>Montgomery, ein Mann, den Stafford pers�nlich ausgesucht hatte und der seit vier Jahren in der Kanzlei arbeitete, verlief sich dreimal im H�usergewirr von Houston, bis er die Zentrale der World Tribes Missions fand, die ihre R�ume im Erdgeschoss eines f�nfst�ckigen Hauses hatte. Er parkte seinen Mietwagen und r�ckte sich die Krawatte zurecht.</p><p>Zweimal hatte er mit Mr. Trill telefoniert, und obwohl er zu ihrer Verabredung eine ganze Stunde zu sp�t kam, schien das nichts auszumachen. Zwar war Mr. Trill h�flich und zur�ckhaltend, machte aber nicht den Eindruck, besonders hilfsbereit zu sein. Nach Austausch der �blichen Floskeln fragte er: �Was kann ich f�r Sie tun?�</p><p>�Ich brauche einige Angaben �ber eine Ihrer Missionarinnen �, sagte Montgomery.</p><p>Trill nickte und schwieg.</p><p>�Sie hei�t Rachel Lane.�</p><p>Trills Augen wanderten umher, als versuche er, sie sich vorzustellen. �Der Name kommt mir nicht bekannt vor. Allerdings haben wir auch viertausend Leute drau�en.�</p><p>�Sie arbeitet in der N�he der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien.�</p><p>�Was wissen Sie �ber sie?�</p><p>�Nicht viel. Aber wir m�ssen sie finden.�</p><p>�Wozu?�</p><p>�Eine juristische Angelegenheit�, sagte Montgomery und z�gerte gerade lange genug, um diese Au�age verd�chtig klingen zu lassen.</p><p>Trill runzelte die Brauen und legte die Ellbogen dicht an den K�rper. Sein angedeutetes L�cheln verschwand. �Gibt es Schwierigkeiten?� fragte er.</p><p>�Nein. Aber die Sache ist ziemlich dringend. Wir m�ssen unbedingt mit ihr sprechen.�</p><p>�L�sst sich das nicht auf dem Postweg erledigen?�</p><p>�Leider nein. Sie muss an der Sache mitwirken und au�erdem einen Schriftsatz unterschreiben.�</p><p>�Vermutlich handelt es sich um eine vertrauliche Angelegenheit.�</p><p>��u�erst vertraulich.�</p><p>Etwas klickte, und Trills Stirnfalten gl�tteten sich ein wenig. �Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.� Er verschwand aus dem Raum, und Montgomery hatte Gelegenheit, die spartanische Einrichtung zu betrachten. Der einzige Schmuck im Raum war eine Anzahl vergr��erter Aufnahmen von Indianerkindern an den W�nden.</p><p>Trill war wie ausgewechselt, als er zur�ckkehrte. Er blieb stehen und sagte f�rmlich, ohne zu l�cheln und ohne die geringste Bereitschaft, ihm behilflich zu sein: �Tut mir leid, Mr. Montgomery. Wir k�nnen nichts f�r Sie tun.�</p><p>�Befindet sie sich in Brasilien?�</p><p>�Bedaure.�</p><p>�Bolivien?�</p><p>�Bedaure.�</p><p>�Gibt es sie �berhaupt?�</p><p>�Ich kann Ihre Fragen nicht beantworten.�</p><p>�Nichts?�</p><p>�Nichts.�</p><p>�Kann ich mit Ihrem Vorgesetzten sprechen?�</p><p>�Sicher.�</p><p>�Wo ist er?�</p><p>�Im Himmel.�</p><p>Nach dem Abendessen, das aus gewaltigen Steaks mit Pilzso�e bestand, zogen sich Josh Stafford und Tip Durban in einen wohnlichen Aufenthaltsraum zur�ck, in dem ein Feuer brannte. Ein anderer Butler, ein Mexikaner in gest�rkten Jeans und wei�em Jackett, stellte ihnen sehr alten schottischen Single-Malt-Whisky aus Mr. Phelans Best�nden hin. Dazu lie�en sie sich Havannazigarren bringen. Auf einer irgendwo versteckten Stereoanlage sang Pavarotti Weihnachtslieder.</p><p>�Ich habe eine Idee�, sagte Josh, w�hrend er ins Feuer sah. �Wir m�ssen jemanden hinschicken, der diese Rachel Lane f�r uns findet, nicht wahr?�</p><p>Da Tip gerade einen kr�ftigen Zug aus seiner Zigarre nahm, nickte er nur.</p><p>�Wir k�nnen nicht irgend jemanden dorthin schicken. Erstens muss er Anwalt sein, weil die juristischen Hintergr�nde erkl�rt werden m�ssen. Au�erdem muss es wegen der Vertraulichkeit der Sache jemand aus unserer Kanzlei sein.�</p><p>Tips Mund war voll Rauch. Er nickte wieder.</p><p>�Wen also k�nnen wir schicken?�</p><p>Langsam stie� Tip den Rauch durch Mund und Nase aus, So dass er sein Gesicht umnebelte. �Wie lange wird das dauern?� fragte er schlie�lich.</p><p>�Ich wei� nicht, aber schnell geht es bestimmt nicht. Immerhin ist Brasilien fast so gro� wie die Vereinigten Staaten ohne Alaska und Hawaii, ein Land voller Urw�lder und Gebirgsz�ge. Manche Menschen dort leben so weit von der �brigen Welt weg, dass sie noch nie ein Auto gesehen haben.�</p><p>�Ich fahr da nicht hin.�</p><p>�Auch mit ortskundigen F�hrern kann das ohne weiteres eine Woche dauern.�</p><p>�Gibt es da nicht sogar Kannibalen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Anakondas?�</p><p>�Beruhigen Sie sich, Tip. Sie sollen ja gar nicht hin.�</p><p>�Vielen Dank.�</p><p>�Aber Sie sehen die Schwierigkeiten, nicht wahr? Wir haben sechzig Anw�lte, von denen jeder mehr zu tun hat, als er erledigen kann. Keiner von uns kann einfach so alles stehen und liegen lassen, um diese Frau zu suchen.� �Dann schicken Sie doch einen Anwaltsgehilfen.�</p><p>Der Gedanke gefiel Josh nicht. Er nippte an seinem Whisky, sog an seiner Zigarre und lauschte auf das Knistern des Kaminfeuers. �Es muss ein gestandener Anwalt sein�, sagte er vor sich hin.</p><p>Der Butler kehrte mit frisch gef�llten Gl�sern zur�ck. Er erkundigte sich, ob die Besucher Nachtisch und Kaffee wollten, aber sie waren mit allem versorgt.</p><p>�Was ist mit Nate?� fragte Josh, als sie wieder allein waren.</p><p>Offensichtlich hatte er schon die ganze Zeit an Nate gedacht, und das �rgerte Tip ein wenig. �Ist das Ihr Ernst?� fragte er.</p><p>�Ja.�</p><p>Beide dachten eine Weile �ber die Frage nach, ob man Nate hinschicken sollte oder nicht, und �berlegten, ob ihre Einw�nde und Bef�rchtungen gerechtfertigt waren. Nate O'Riley, einer der Teilhaber, war seit dreiundzwanzig Jahren in der Kanzlei, hielt sich aber zur Zeit in einer Entw�hnungsklinik in den Blue Ridge Mountains westlich von Washington auf. Im Verlauf der vergangenen zehn Jahre hatte er sich des �fteren in einer solchen Einrichtung aufgehalten. Jedesmal war er braungebrannt und mit dem festen Entschluss zur�ckgekehrt, dem Alkohol ein f�r alle Mal abzuschw�ren. Aber die einzigen Fortschritte, die er machte, betrafen sein Tennisspiel, denn auf jede dieser garantiert letzten Entw�hnungskuren war ein schlimmerer R�ckfall als zuvor gefolgt. Jetzt, mit achtundvierzig Jahren, war er finanziell am Ende, zweimal geschieden und stand unter Anklage wegen Steuerhinterziehung. Seine Zukunft sah alles andere als rosig aus.</p><p>�Der hatte es doch immer mit dem Leben im Freien, oder?� fragte Tip.</p><p>�Aber ja. Sporttauchen, Felsklettern, lauter so verr�ckte Sachen. Dann ist es mit ihm abw�rtsgegangen, und er hat nur noch gearbeitet.�</p><p>Dieser Niedergang hatte mit etwa Mitte Drei�ig begonnen, ungef�hr um die Zeit, als er eine beeindruckende Reihe von Erfolgen in Kunstfehlerprozessen gegen �rzte erzielt hatte. Nate O'Riley war auf diesem Gebiet geradezu ein Staranwalt geworden, zugleich aber hatte er sich dem Alkohol und dem Kokain verschrieben. Er vernachl�ssigte seine Familie und wurde von seiner Sucht f�rmlich aufgesogen. Irgendwie gelang es ihm, zwischen seinen Prozesserfolgen und seiner Abh�ngigkeit von Alkohol und Drogen das Gleichgewicht zu halten, doch er stand immer am Rande des Abgrunds. Als er dann einen Prozess verlor, st�rzte er zum ersten Mal ab. Die Kanzlei hatte ihn in einen schicken Kurort abgeschoben, bis er trocken genug war, um ein eindrucksvolles Comeback hinzulegen. Das erste von vielen.</p><p>�Wann kommt er denn raus?� fragte Tip, dem Joshs Einfall immer besser gefiel.</p><p>�Bald.�</p><p>Inzwischen allerdings war Nate ein schwerer Fall geworden. Er brachte es fertig, monate-, ja sogar jahrelang trocken zu bleiben, aber irgendwann kam der neue R�ckfall. Er war an Leib und Seele zerr�ttet, sein Verhalten wurde sonderbar, die Nachricht von seiner Verschrobenheit verbreitete sich in der Kanzlei und wurde schlie�lich zum allgemeinen Thema beim Anwaltsklatsch.</p><p>Knapp vier Monate zuvor hatte er sich mit Tabletten und einer Flasche Rum in einem Motelzimmer eingeschlossen, ein Verhalten, in dem viele seiner Kollegen einen Selbstmordversuch sahen.</p><p>Josh hatte ihn zum vierten Mal in zehn Jahren zur Therapie geschickt.</p><p>�Vielleicht tut es ihm ja gut, eine Weile aus all dem rauszukommen�, sagte Tip.</p></section><section><title><p>SIEBEN</p></title><p>Am dritten Tag nach Mr. Phelans Selbstmord suchte Hark Gettys sein B�ro in der Kanzlei schon vor Morgengrauen auf; trotz seiner M�digkeit konnte er es nicht erwarten, den Tag zu beginnen. Seine Augen waren rot ger�ndert und geschwollen - kein Wunder, hatte er doch am Vortag mit Rex Phelan ein ausgedehntes Abendessen eingenommen und im Anschluss daran mehrere Stunden lang in einer Bar mit ihm �ber das Testament gesprochen und Pl�ne f�r ihr weiteres Vorgehen geschmiedet. Ungeachtet seiner Kopfschmerzen machte er sich</p><p>jetzt mit Hilfe von reichlich Kaffee an die Arbeit.</p><p>Hark hatte unterschiedliche Stundens�tze. Im vergangenen Jahr hatte er in einem �blen Scheidungsfall lediglich zweihundert Dollar berechnet, doch nannte er m�glichen Mandanten grunds�tzlich dreihundertf�nfzig. Das war eher wenig f�r einen ehrgeizigen Anwalt in Washington, doch wenn er jemanden f�r dreihundertf�nfzig an der Angel hatte, konnte er dessen Rechnung immer noch etwas aufblasen und auf diese Weise verdienen, was er wert war. Eine indonesische Zementfirma hatte ihm f�r eine unbedeutende Angelegenheit vierhundertf�nfzig pro Stunde zugesagt, dann aber versucht, Schwierigkeiten zu machen, als die Rechnung kam. Auf der anderen Seite hatte er mit Erfolg einen Schadensersatzprozess wegen einer fahrl�ssigen T�tung gef�hrt und dabei knapp hundertzwanzigtausend Dollar verdient. Seine Bandbreite in Honorarfragen war also betr�chtlich.</p><p>Hark war Prozess-Spezialist in einer zweitklassigen Soziet�t mit vierzig Anw�lten, deren best�ndige Machtk�mpfe und Streitigkeiten die Vergr��erung der Kanzlei behinderten, und er hatte keinen sehnlicheren Wunsch, als sich selbst�ndig zu machen. Die laufenden Kosten fra�en nahezu die H�lfte des von ihm erwirtschafteten Umsatzes auf - seiner Ansicht nach musste das Geld eigentlich in seine eigene Tasche flie�en.</p><p>Irgendwann im Laufe der schlaflos verbrachten Nacht hatte er beschlossen, seinen Stundensatz auf f�nfhundert Dollar zu erh�hen und zwar r�ckwirkend um eine Woche. Er hatte in den vergangenen sechs Tagen an nichts anderem gearbeitet als an dem Fall Phelan. Jetzt, da der Alte nicht mehr lebte, war die verr�ckte Familie ein gefundenes Fressen f�r jeden Anwalt.</p><p>Harks Ziel war eine Anfechtungsklage gegen das Testament - das versprach ein langer, mit Z�hnen und Klauen gef�hrter Kampf zu werden, bei dem ganze Meuten von Anw�lten tonnenweise juristischen Schwachsinn zu Papier brachten. Am besten w�re ein richtiger Prozess, eine in aller �ffentlichkeit ausgetragene Schlacht um eines der gr��ten Verm�gen in den Vereinigten Staaten, bei der Hark im Mittelpunkt stand. Zwar w�re es sch�n, wenn er den Proze� gewinnen k�nnte, aber entscheidend war das nicht. So oder so w�rde er dabei ein Verm�gen machen und ber�hmt werden, und genau darum ging es im heutigen Anwaltsgesch�ft.</p><p>Bei einem Stundensatz von f�nfhundert Dollar, einer Arbeitswoche von sechzig Stunden und f�nfzig Arbeitswochen im Jahr l�ge das j�hrliche Bruttohonorar bei anderthalb Millionen. Die laufenden Kosten f�r Miete, Sekret�rinnen und Anwaltsgehilfen d�rften sich h�chstenfalls auf eine halbe Million belaufen. Damit bliebe Hark eine Bruttoeinnahme von einer Million, sofern er diese miese Kanzlei verlie� und einige Stra�enecken weiter selbst eine aufmachte.</p><p>So w�rde er es machen. Er trank einen Schluck Kaffee und nahm insgeheim Abschied von seinem unaufger�umten B�ro. Er w�rde sich mit dem Fall Phelan und vielleicht einem oder zwei anderen auf und davon machen, und zwar schon bald, bevor die Kanzlei Anspruch auf Honorare aus der Erbsache Phelan erhob. Seine Sekret�rin und seinen Anwaltsgehilfen w�rde er mitnehmen.</p><p>Sein Puls beschleunigte sich, w�hrend er an den neuen Start und all die M�glichkeiten dachte, gegen Josh Stafford vom Leder zu ziehen. Grund dazu gab es reichlich. Stafford war nicht bereit gewesen, ihm den Inhalt von Phelans letztem Testament mitzuteilen. Als Begr�ndung hatte er angef�hrt, angesichts des Selbstmords sei dessen G�ltigkeit fraglich. Die Ver�nderung in Staffords Stimme unmittelbar nach dem Selbstmord hatte Hark aufmerksam gemacht. Seither hatte Stafford nicht auf Anrufe reagiert und war inzwischen sogar aus der Stadt verschwunden.</p><p>Hark sehnte sich f�rmlich nach einem Kampf.</p><p>Um neun Uhr traf er sich mit Libbigail Phelan Jeter und Mary ROSS Phelan Jackman, den beiden T�chtern aus Troys erster Ehe. Rex hatte das auf Harks Betreiben arrangiert. Zwar wurden beide Frauen bereits durch einen Anwalt vertreten, doch wollte Hark sie auf seine Seite ziehen. Je mehr Mandanten er in diesem Fall hatte, desto gr��er wurde sein Einfluss am Verhandlungstisch und im Gerichtssaal - ganz davon abgesehen, dass er allen dreien f�r ein und dieselbe Arbeit jeweils f�nfhundert Dollar pro Stunde berechnen konnte.</p><p>Die Besprechung verlief nicht nach Wunsch. Keine der beiden Frauen traute Hark, weil sie ihrem Bruder Rex nicht trauten. Warum sollten sie gemeinsame Sache machen, wenn sonst niemand dabei mitzog? TJ besch�ftigte drei Anw�lte, und auch ihre Mutter hatte einen eigenen Anwalt. Wo so viel Geld auf dem Spiel stand, war es doch sicher besser, wenn sie ihre bisherigen Anw�lte behielten.</p><p>Eindringlich versuchte Hark ihnen die Vorteile eines gemeinsamen Vorgehens klarzumachen, kam aber nicht weit. Obwohl er entt�uscht war, betrieb er seinen Plan, die Soziet�t sofort zu verlassen, mit Nachdruck. Er konnte das Geld schon riechen.</p><p>Libbigail Phelan Jeter, ein aufs�ssiges kleines M�dchen, hatte ihre Mutter Lillian nicht au�tehen k�nnen und um die Aufmerksamkeit des Vater gebuhlt, der selten zu Hause war. Sie war neun Jahre alt, als sich ihre Eltern scheiden lie�en.</p><p>Lillian, die �berzeugt war, dass Troy nichts von Kindererziehung verstand, steckte die Tochter mit vierzehn Jahren ins Internat. W�hrend der ganzen High School bem�hte sich Troy entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, mit Libbigail in Kontakt zu bleiben. Oft sagte er ihr, sie sei ihm die liebste von allen. Auf jeden Fall war sie die kl�gste.</p><p>Doch er kam nicht zu ihrer Abschlussfeier und verga� auch, ihr ein Geschenk zu schicken. In den Sommerferien, bevor sie aufs College ging, malte sie sich aus, womit sie ihm weh tun konnte. Sie fl�chtete sich nach Berkeley. Angeblich wollte sie dort mittelalterliche irische Lyrik studieren, in Wahrheit aber stand ihr der Sinn nicht nach Studieren. Troy war der Gedanke zuwider, dass sie ein College in Kalifornien besuchte, noch dazu ein so radika-</p><p>les. Der Vietnam-Krieg stand kurz vor dem Ende. Die Studenten hatten gewonnen. Es war Zeit zu feiern.</p><p>Sie stieg schnell in die Welt der Drogen und des sorglosen Geschlechtsverkehrs ein. Zusammen mit anderen Studentinnen und Studenten jeglicher Hautfarbe und sexueller Vorlieben bewohnte sie ein dreist�ckiges Haus. Ihre Anzahl und ihre Konstellationen wechselten von Woche zu Woche. Sie bezeichneten sich als Kommune, doch gab es weder eine Struktur noch Regeln. Geld spielte keine Rolle, weil die meisten Kinder reicher Eltern waren. Man kannte Libbigail einfach als junges M�dchen aus einer wohlhabenden Fami lie in Connecticut. Zu jener Zeit besa� Troy nur rund hundert Millionen.</p><p>Voll Experimentierfreude arbeitete sie sich durch die verschiedenen Drogen, bis sie dem Heroin verfiel. Ihr Dealer war Tino, ein Schlagzeuger in einer Jazzband, den es irgendwie in ihre Kommune verschlagen hatte. Er stammte aus Memphis, war Ende Drei�ig, hatte die High School nicht zu Ende gemacht, und niemand wusste genau, auf welche Weise oder wann er zu ihnen gesto�en war. Allerdings wollte das auch niemand wissen. Libbigail brachte es fertig, zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag einigerma�en clean nach Osten zu reisen, denn bei dieser Gelegenheit bekam jedes der Phelan-Kinder vom Alten das sehnlich erwartete Geschenk. Troy hielt nichts davon, f�r seine Kinder Geld treuh�nderisch anzulegen. Wenn sie mit einundzwanzig noch nicht gefestigt waren, warum sollte er ihnen dann immer noch Z�gel anlegen? Ein m�ndelsicher angelegtes Verm�gen verlangte zu seiner Ve rwaltung nach Treuh�ndern und Anw�lten und f�hrte zu st�ndigen Auseinandersetzungen mit den Beg�nstigten, denen es nicht behagte, dass Buchhalterseelen dar�ber befanden, wie viel Geld sie bekommen sollten. Gib es ihnen, war Troys Devise, und dann wird man sehen, ob sie schwimmen oder untergehen. Die meisten Phelan-Kinder gingen rasch unter.</p><p>Troy war zu Libbigails Geburtstag nicht da, sondern auf einer Gesch�ftsreise irgendwo in Asien. Inzwischen war er l�ngst wieder verheiratet. Seine zweite Frau, Janie, hatte ihm Rocky und Geena geboren, und seine erste Familie interessierte ihn nicht mehr.</p><p>Libbigail vermisste ihn nicht. Die Anw�lte erledigten alles, was f�r die �bergabe des Geldgeschenks n�tig war, und sie verbrachte mit Tino eine Woche bekifft in einem piekfeinen Hotel in Manhattan.</p><p>Ihr Geld reichte fast f�nf Jahre. In diesem Zeitraum gab es zwei Ehem�nner, zahlreiche Lebensgef�hrten, zwei Festnahmen, drei l�ngere Aufenthalte in geschlossenen Entziehungsanstalten und einen Autounfall, der sie fast das linke Bein gekostet h�tte.</p><p>Ihr gegenw�rtiger Mann, Spike, den sie bei einer ihrer Entziehungskuren kennengelernt hatte, war fr�her mit dem Motorrad durch die Lande gefahren. Er wog fast hundertf�nfzig Kilo und hatte einen wirren grauen Bart, der ihm bis auf die Brust fiel. Er hatte sich inzwischen zu einem anst�ndigen Kerl gemausert und baute in einer Werkstatt hinter ihrem bescheidenen Heim in Baltimores Vorort Lutherville Schr�nke zusammen.</p><p>Nach der Besprechung mit Hark suchte Libbigail umgehend die kleine Kanzlei ihres Anwalts Wally Bright auf und berichtete ihm br�hwarm alles, was Hark gesagt hatte. Wallys Spezialit�t waren schnelle Scheidungen, f�r die er an den Bushaltestellen im Gebiet von Bethesda warb. Er hatte einen von Libbigails Scheidungsf�llen abgewickelt und geduldig ein Jahr lang auf sein Honorar gewartet. Immerhin war sie eine Phelan. Durch sie w�rde er endlich an die fetten Honorare herankommen, die bisher au�erhalb seiner Reichweite gelegen hatten.</p><p>In ihrer Gegenwart rief er Hark Gettys an und brach einen wilden Streit vom Zaun, der eine Viertelstunde tobte. Mit den Armen fuchtelnd stampfte er um seinen Schreibtisch herum und schimpfte aufgebracht ins Telefon. Schlie�lich schrie er: �F�r meine Mandantin gehe ich �ber Leichen!� Libbigail war tief beeindruckt.</p><p>Als er fertig war, begleitete er sie freundlich zur T�r und k�sste sie sanft auf die Wange. Er t�tschelte und streichelte sie und umwarb sie mit all der Aufmerksamkeit, die sie sich ihr Leben lang ersehnt hatte. Sie sah nicht schlecht aus. Zwar war sie eher mollig und von den Spuren eines schweren Lebens gezeichnet, aber Wally hatte weit Schlimmere gesehen und auch mit weit Schlimmeren geschlafen. Im richtigen Augenblick w�rde er m�glicherweise aktiv werden.</p></section><section><title><p>ACHT</p></title><p>Auf dem kleinen H�gel lagen f�nfzehn Zentimeter Neuschnee, als die Chopin-Kl�nge Nate O'Riley weckten, die in sein Zimmer geleitet wurden. Letzte Woche war es Mozart gewesen. An die Woche davor konnte er sich nicht mehr erinnern. Vivaldi hatte es irgendwann in der j�ngeren Vergangenheit gegeben, doch vieles davon lag hinter einem Schleier.</p><p>Wie jeden Morgen seit fast vier Monaten trat er ans Fenster und warf einen Blick auf das Shenandoah-Tal neunhundert Meter unter ihm. Auch dort war alles wei�, und ihm fiel ein, dass bald Weihnachten war.</p><p>Er w�rde rechtzeitig zum Fest herauskommen. Das hatten sie - seine �rzte und Josh Stafford - ihm versprochen. Beim Gedanken an Weihnachten wurde er melancholisch. In nicht allzu ferner Vergangenheit hatte es einige recht angenehme Weihnachtsfeiern gegeben, als die Kinder noch klein waren und sein Leben in geordneten Bahnen verlief. Jetzt waren die Kinder fort, teils erwachsen, teils mit ihren M�ttern fortgegangen, und das letzte, was Nate wollte, war ein weiteres Weihnachten in einer Kneipe, bei dem er mit anderen Betrunkenen, denen es genauso dreckig ging, Weihnachtslieder sang und sich den Anschein von Fr�hlichkeit gab.</p><p>Fern im wei�en und stillen Tal bewegten sich einige Autos wie Ameisen.</p><p>Man erwartete von ihm, dass er zehn Minuten lang meditierte, entweder im Gebet oder mit Yoga-�bungen, die man ihm in Walnut Hill beizubringen versucht hatte. Statt dessen machte er �bungen zur St�rkung seiner Bauchmuskulatur und ging dann schwimmen.</p><p>Das Fr�hst�ck, das er zusammen mit Sergio einnahm, der zugleich als sein Berater, Therapeut und Guru fungierte, bestand aus schwarzem Kaffee und einem Muffin. W�hrend der letzten vier Monate war Sergio, der alles �ber Nate O'Rileys elendes Leben wusste, sein bester Freund gewesen.</p><p>�Du bekommst Besuch�, sagte Sergio.</p><p>�Wer ist es?�</p><p>�Mr. Stafford.�</p><p>�Wunderbar.�</p><p>Jeder Kontakt zur Au�enwelt war willkommen, in erster Linie, weil es so selten vorkam. Josh hatte ihn einmal pro Monat besucht. Zwei weitere gute Freunde aus der Kanzlei hatten einmal die dreist�ndige Autofahrt von Washington auf sich genommen, doch sie hatten viel zu tun, was Nate verstand.</p><p>Fernsehen war in Walnut Hill verboten - wegen der Bierreklame und weil das Trinken in so vielen Programmen verherrlicht wurde. Aus demselben Grunde enthielt man ihnen die meisten Zeitschriften vor. Nate war das gleichg�ltig. Nach vier Monaten lie�en ihn die Dinge kalt, die sich im Capitol, in der Wall Street oder im Nahen Osten ereigneten.</p><p>�Wann?�</p><p>�Am sp�ten Vormittag.�</p><p>�Nach meinem Konditionstraining?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>Nichts st�rte das Training, eine zweist�ndige Orgie aus Schwei�, Knurren und Br�llen unter der Aufsicht einer in k�rperlicher Hochform befindlichen sadistischen Trainerin, die ihm pers�nlich zugeteilt war. Insgeheim bewunderte er sie.</p><p>Er ruhte sich gerade in seiner Suite aus, wobei er eine Blutapfelsine a� und wieder ins Tal hinabsah, als Josh eintraf.</p><p>�Du siehst gro�artig aus�, sagte Josh. �Wie viel hast du abgenommen?�</p><p>�Sechs Kilo�, erwiderte Nate und t�tschelte seinen flachen Bauch.</p><p>�Richtig schlank. Vielleicht sollte ich mich auch eine Weile hier einmieten.�</p><p>�Kann ich nur empfehlen. Die Mahlzeiten werden ohne eine Spur von Fett und Geschmack von einem Koch mit einem starken Dialekt zubereitet. Die Portionen sind halb so gro� wie eine Untertasse, du bei�t zweimal rein und bist fertig. Wenn du sch�n langsam kaust, dauern Mittag- und Abendessen etwa sieben Minuten.�</p><p>�F�r tausend Dollar am Tag kann man schlie�lich erstklassige Verpflegung erwarten.�</p><p>�Hast du mir ein bi�chen Knabberkram mitgebracht, Josh? Vielleicht 'ne T�te Kartoffelchips oder Kekse? Du hast bestimmt in deiner Aktentasche was versteckt.�</p><p>�Tut mir leid, Nate. Ich bin sauber.�</p><p>�Ein paar Mais -Chips oder wenigstens Schokolinsen?�</p><p>�Tut mir leid.�</p><p>Nate a� ein St�ck von seiner Apfelsine. Sie sa�en nebeneinander und genossen die Aussicht. Mehrere Minuten vergingen.</p><p>�Wie geht es dir denn so?� fragte Josh.</p><p>�Ich muss hier raus, Josh, bevor ich zum Roboter mutiere.�</p><p>�Dein Arzt sagt, noch eine Woche oder so.�</p><p>�Ist ja toll. Und dann?�</p><p>�Wir werden sehen.�</p><p>�Was hei�t das?�</p><p>�Das hei�t, wir werden sehen.�</p><p>�Mach schon, Josh!�</p><p>�Wir werden in Ruhe abwarten und sehen, was passiert.�</p><p>�Kann ich in die Kanzlei zur�ck, Josh? Sag es mir.�</p><p>�Nicht so hastig, Nate. Du hast Feinde.�</p><p>�Wer hat die nicht? Immerhin bist du der Chef. Die Burschen werden tun, was du sagst.�</p><p>�Du hast da ein paar Probleme.�</p><p>�Ich hab tausend Probleme. Aber du kannst mich nicht auf die Stra�e setzen.�</p><p>�Die Sache mit deinem finanziellen Ruin kriegen wir hin. Das mit der Anklage ist nicht so einfach.�</p><p>Nein, das war es nicht, und Nate konnte das auch nicht ohne weiteres abtun. Von 1992 bis 1995 hatte er es unterlassen, dem Internal Revenue Service sechzigtausend Dollar sonstige Einnahmen anzugeben.</p><p>Er warf die Apfelsinenschale in einen Abfallbeh�lter und fragte: �Und was soll ich tun? Den ganzen Tag im Haus rumhocken?�</p><p>�Wenn du Gl�ck hast.�</p><p>�Was hei�t das schon wieder?�</p><p>Josh musste mit Umsicht vorgehen. Nate kam gerade aus einem tiefen schwarzen Loch hervor. �berraschungen</p><p>aller Art mussten vermieden werden.</p><p>�Meinst du, ich muss ins Gef�ngnis?� fragte Nate.</p><p>�Troy Phelan ist tot�, sagte Josh, und Nate b rauchte einen Augenblick, um dem Gedankensprung zu folgen. �Ach ja, Mr. Phelan�, sagte er.</p><p>Nate hatte in der Kanzlei seinen eigenen kleinen Fl�gel am Ende eines langen Ganges im f�nften Stock gehabt, wo er mit einem weiteren Anwalt und drei Anwaltsgehilfen Klagen gegen �rzte ausarbeitete. Mit dem Betrieb der �brigen Kanzlei verband sie wenig. Zwar wusste er, um wen es sich bei Troy Phelan handelte, aber er hatte mit dessen F�llen nie zu tun gehabt. �Das tut mir leid�, sagte er.</p><p>�Du wei�t es also noch gar nicht?�</p><p>�Ich erfahre hier nichts. Wann ist er gestorben?�</p><p>�Vor vier Tagen. Er ist von seiner Dachterrasse runtergesprungen.�</p><p>�Ohne Fallschirm?�</p><p>�Du hast es erfasst.�</p><p>�Und er konnte nicht fliegen.�</p><p>�Nein. Er hat es auch nicht versucht. Ich hab es mit angesehen. Er hatte gerade zwei Testamente unterschrieben -das erste von mir aufgesetzt; das zweite und letzte hatte er eigenh�ndig verfasst. Dann ist er losgelaufen und gesprungen.�</p><p>�Und du hast es gesehen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Mann! Das muss ja ein ziemlich verr�ckter Hund gewesen sein.�</p><p>Eine Spur Belustigung lag in Nates Stimme. Vor fast vier Monaten hatte ihn ein Zimmerm�dchen in einem Motel mit dem Magen voller Tabletten und Rum aufgefunden.</p><p>�Er hat alles einer unehelichen Tochter hinterlassen, von der ich noch nie geh�rt hatte.�</p><p>�Ist sie verheiratet? Wie sieht sie aus?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Du sollst sie suchen.�</p><p>�Ich?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ist sie denn verschwunden?�</p><p>�Wir wissen nicht, wo sie sich aufh�lt.�</p><p>�Wie viel hat er -�</p><p>�So um die elf Milliarden, brutto.�</p><p>�Wei� sie das?�</p><p>�Nein. Sie wei� nicht mal, dass er tot ist.�</p><p>�Wei� sie denn wenigstens, dass Troy ihr Vater ist?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung, was sie wei�.�</p><p>�Wo ist sie?�</p><p>�Vermutlich in Brasilien. Sie ist Missionarin bei einem Indianerstamm, der am Ende der Welt lebt.�</p><p>Nate stand auf und ging im Zimmer umher. �Ich war mal eine Woche in Brasilien�, sagte er. �Als Student. Es war Karneval, auf den Stra�en von Rio haben nackte Frauen getanzt, dann die Samba-Bands, eine Million Menschen, die die ganze Nacht durchgefeiert haben.� Seine Stimme verlor sich, w�hrend die Erinnerung auftauchte und rasch wieder dahinschwand.</p><p>�Hier geht es nicht um Karneval.�</p><p>�Nein, bestimmt nicht. M�chtest du Kaffee?�</p><p>�Ja, schwarz.�</p><p>Nate dr�ckte einen Knopf an der Wand und sagte seinen Wunsch in die Gegensprechanlage. Die tausend Dollar am Tag schl�ssen auch einen Zimmerservice ein.</p><p>�Wie lange w�re ich weg?� fragte er und setzte sich wieder ans Fenster.</p><p>�Ich w�rde sagen, zehn Tage. Es eilt nicht, und vielleicht ist die Frau schwer zu finden.�</p><p>�In welchem Landesteil soll ich suchen?�</p><p>�Im Westen, in der N�he der bolivianischen Grenze. Der Verein, f�r den sie arbeitet, schickt seine Eeute in erster Linie in den Urwald, wo sie sich um die Indianer k�mmern, die da wie in der Steinzeit leben. Wir haben uns ein bi�chen mit der Sache besch�ftigt. Es sieht so aus, als ob sie ihren besonderen Stolz daransetzten, die abgelegensten Menschen auf dem Erdkreis zu finden.�</p><p>�Du willst also, dass ich zuerst den richtigen Urwald finde, dann da reinmarschiere, um den richtigen Indianerstamm aufzust�bern und die Leute irgendwie davon zu �berzeugen, dass ich ein wohlmeinender Anwalt aus den Vereinigten Staaten bin und sie mir helfen m�ssen, eine Frau zu finden, die h�chstwahrscheinlich gar nicht gefunden werden m�chte.�</p><p>�So in der Art.�</p><p>�K�nnte Spa� machen.�</p><p>�Sag dir einfach, dass es ein Abenteuer ist.�</p><p>�Au�erdem h�ltst du mich damit aus der Kanzlei raus, Josh. Stimmt doch? Ein Man�ver, mit dem du dir Luft verschaffst, w�hrend du �berlegst, wie es weitergehen soll.� �Irgend jemand muss da runter, Nate. Ein Anwalt unserer Kanzlei muss dieser Frau pers�nlich gegen�bertreten, ihr eine Kopie des Testaments zeigen, ihr erkl�ren, was es damit auf sich hat, und herausfinden, was sie tun will. Daf�r kommt weder einer unserer Anwaltsgehilfen noch ein brasilianischer Anwalt in Frage.�</p><p>�Und warum ich?�</p><p>�Weil alle anderen bis �ber die Ohren in Arbeit stecken. Du wei�t doch, wie das ist. Schlie�lich hast du selbst mehr als zwanzig Jahre lang so gelebt. Alles kreist um die Kanzlei, du isst im Gericht zu Mittag, schl�fst im Zug. Au�erdem k�nnte es dir gut tun.�</p><p>�Willst du daf�r sorgen, dass ich nicht auf der Stra�e lande, Josh? Das ist Zeitverschwendung. Ich bin clean. Clean und trocken. F�r mich gibt es keine Kneipen mehr, keine Feiern, keine Dealer. Ich bin clean, Josh, und bleibe es. F�r alle Zeiten.�</p><p>Josh nickte zustimmend, weil er vermutete, dass das von ihm erwartet wurde. Aber er hatte das schon mal geh�rt. �Ich glaube dir�, sagte er und w�nschte aus ganzem Herzen, dass es zutraf.</p><p>Es klopfte, und jemand brachte ein silbernes Kaffeetablett.</p><p>Nach einer Weile fragte Nate: �Was ist mit der Anklage? Ich darf das Land nicht verlassen, solange die Sache nicht erledigt ist.�</p><p>�Ich hab mit dem Richter gesprochen und ihm erkl�rt, dass es eilt. Du sollst in neunzig Tagen vor ihm erscheinen.�</p><p>�Ist er umg�nglich?�</p><p>�Der reinste Weihnachtsmann.�</p><p>�Meinst du, dass er mir eine Chance gibt, falls ich verurteilt werde?�</p><p>�Bis dahin ist noch ein ganzes Jahr Zeit. Wir wollen uns dar�ber sp�ter Gedanken machen.�</p><p>Nate sa� an einem Tischchen �ber seinen Kaffee gebeugt und sah in die Tasse, w�hrend er sich Fragen �berlegte. Josh sa� ihm gegen�ber und sah nachdenklich in die Ferne.</p><p>�Und wenn ich nein sage?� fragte Nate.</p><p>Josh zuckte die Achseln, als sei das unerheblich. �Ist nicht weiter schlimm. Wir finden jemand anders. Stell dir einfach vor, es ist ein Urlaub f�r dich. Du hast ja wohl keine Angst vor dem Urwald.�</p><p>�Nat�rlich nicht.�</p><p>�Dann geh los und am�sier dich.�</p><p>�Und wann m�sste ich aufbrechen?�</p><p>�In einer Woche. F�r Brasilien brauchst du ein Visum. Daf�r m�ssen wir ein paar Beziehungen spielen lassen. Au�erdem sind hier noch ein paar Dinge zu kl�ren.�</p><p>In Walnut Hill wurde von den Insassen erwartet, dass sie sich mindestens eine Woche lang auf die Entlassung vorbereiten lie�en, bevor man sie wieder den W�lfen zum Fra� vorwarf. Man hatte sie verw�hnt, ausgen�chtert, einer Gehirnw�sche unterzogen sowie k�rperlich, geistig und seelisch auf Vordermann gebracht. Jetzt wurden sie f�r den Wiedereintritt in die Gesellschaft ert�chtigt.</p><p>�Eine Woche�, wiederholte Nate f�r sich.</p><p>�Ja, etwa eine Woche.�</p><p>�Und es dauert zehn Tage?�</p><p>�Das ist nur so eine Vermutung von mir.�</p><p>�Das hei�t, ich werde �ber die Feiertage da unten sein.�</p><p>�So d�rfte es au�ehen.�</p><p>�Eine gro�artige Idee.� .</p><p>�Du m�chtest wohl Weihnachten gern ausfallen lassen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und was ist mit deinen Kindern?�</p><p>Er hatte vier, zwei von jeder Frau. Eins stand kurz vor dem Studienabschluss, eins war im College, und zwei besuchten die Mittelschule.</p><p>Er r�hrte seinen Kaffee um und sagte: �Ich hab nichts von ihnen geh�rt, Josh. Seit fast vier Monaten bin ich hier, und von keinem auch nur ein Wort.� Seine Stimme klang ungl�cklich, und seine Schultern hingen herab. Er sah einen Augenblick lang ziemlich zerbrechlich aus.</p><p>�Das tut mir leid�, sagte Josh.</p><p>Josh hatte allerdings von den Familien geh�rt. Beide Frauen lie�en sich von Anw�lten vertreten, und die hatten angerufen, um festzustellen, ob es Geld zu holen gab. Nates �ltester studierte an der Northwestern University und brauchte Geld f�r seine Studiengeb�hren. Er hatte pers�nlich bei Josh angerufen, nicht etwa, um sich nach dem Befinden oder dem Aufenthaltsort seines Vaters zu erkundigen, sondern, weit wichtiger, nach der H�he seiner vorj�hrigen Gewinnbeteiligung an der Kanzlei. Er war anma�end und unh�flich, und Josh hatte ihm schlie�lich gesagt, er solle sich zum Teufel scheren.</p><p>�Ich will nichts mit all den Feiern und der aufgesetzten Fr�hlichkeit zu tun haben�, sagte Nate. Er stand auf und ging auf blo�en F�ssen durch das Zimmer.</p><p>�Hei�t das, du f�hrst hin?�</p><p>�Liegt es am Amazonas?�</p><p>�Nein, im Pantanal, dem gr��ten �berschwemmungsgebiet' der Welt.� �Mit Piranhas, Anakondas und Alligatoren?�</p><p>�Na klar doch.�</p><p>�Gibt es da auch Kannibalen?�</p><p>�Nicht mehr als in Washington.�</p><p>�Ernsthaft.�</p><p>�Nein, wohl nicht. Die Leute haben in elf Jahren keinen einzigen ihrer Missionare verloren.�</p><p>�Und was ist mit Anw�lten?�</p><p>�Bestimmt w�rde es ihnen gro�en Spa� machen, einen zu filetieren. H�r mal, Nate. Die Sache ist nicht besonders schwierig. Wenn ich nicht so viel zu tun h�tte, w�rde ich selbst gern hinfahren. Das Pantanal ist ein gro�es �kologisches Reservat.�</p><p>�Ich hab noch nie im Leben davon geh�rt.�</p><p>�Weil du schon seit Jahren nicht mehr reist. Du warst immer nur in deinem B�ro und im Gerichtssaal.� �Abgesehen von den Entw�hnungskuren.�</p><p>�Mach mal Urlaub. Lern einen �ndern Teil der Welt kennen.�</p><p>Nate nahm einen gro�en Schluck Kaffee und steuerte dann das Gespr�ch in eine andere Richtung. �Und was ist danach? Krieg ich dann mein B�ro wieder? Bleibe ich Teilhaber?�</p><p>�M�chtest du das denn?�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, sagte er, z�gerte aber ein wenig.</p><p>�Bestimmt?�</p><p>�Was sollte ich wohl sonst wollen?�</p><p>�Was wei� ich? Immerhin ist das jetzt schon deine vierte Entziehungskur in zehn Jahren. Es wird immer schlimmer mit dir. Wenn du jetzt rausk�mst, w�rdest du auf dem k�rzesten Weg in die Kanzlei gehen und sechs Monate lang der beste Anwalt f�r Kunstfehlerverfahren sein. Du w�rdest die alten Freunde meiden, die Kneipen und die Stadtviertel, in denen du fr�her verkehrt hast. Nichts als Arbeit, Arbeit und noch mal Arbeit. Es w�rde nicht lange dauern, und du h�ttest ein paar gro�artige Prozesse. Du w�rdest gro�e Erfolge feiern und unter gro�em Druck stehen. Dann w�rdest du einen Gang zulegen, und ein Jahr sp�ter w�rde sich irgendwo ein Riss zeigen. Ein alter Freund trifft dich auf der Stra�e, eine Frau aus einem anderen Leben taucht auf. Vielleicht l�uft ein Prozess nicht so gut, und das Urteil entspricht nicht deinen Erwartungen. Ich w�rde dich genau im Auge behalten, aber ich kann nicht vorAussagen, wann du wieder abrutschst.�</p><p>�Ich rutsche nicht mehr ab, Josh. Das schw�re ich.�</p><p>�Das w�rde ich dir gern glauben, aber ich hab das schon mal geh�rt. Und was ist, wenn sich deine D�monen wieder melden, Nate? Beim letzten Mal fehlten nur ein paar Minuten, und du w�rst tot gewesen.�</p><p>�So was kommt nicht wieder vor.�</p><p>�Das n�chste Mal wird das letzte Mal sein, Nate. Dann gibt es eine feierliche Beisetzung, wir nehmen Abschied von dir und sehen zu, wie man dich ins Grab runterl�sst. Das m�chte ich nicht miterleben.�</p><p>�Soweit kommt es nicht. Das schw�re ich.�</p><p>�Wenn du das ernsthaft willst, schlag dir die Sache mit dem B�ro aus dem Kopf. Der Druck ist viel zu gro� f�r dich.�</p><p>Am meisten waren Nate bei den Entziehungskuren die langen Perioden der Stille zuwider, der Meditation, wie Sergio es nannte. Man erwartete von den Patienten, dass sie sich wie M�nche ins Halbdunkel hockten, die Augen schl�ssen und inneren Frieden fanden. Das mit dem Hocken und den geschlossenen Augen kriegte Nate hin, aber hinter den Lidern k�mpfte er alte Prozesse noch einmal durch, legte sich mit dem Internal Revenue Service an und schmiedete R�nke gegen seine fr�heren Ehefrauen. Vor allem aber machte er sich Sorgen um die Zukunft. Dieses Gespr�ch mit Josh hatte er in Gedanken schon viele Male durchgespielt.</p><p>Aber jetzt fielen ihm seine klugen Antworten und seine schlagfertigen Erwiderungen nicht ein. Er hatte nahezu vier Monate lang so gut wie allein gelebt, und das hatte seine Reflexe erschlaffen lassen. Er brachte lediglich einen tr�bseligen Blick zustande. �Na h�r mal, Josh. Du kannst mich nicht einfach auf die Stra�e setzen.�</p><p>�Du hast �ber zwanzig Jahre lang Prozesse gef�hrt, Nate. Das ist ungef�hr der Durchschnitt. Es ist Zeit, was anderes zu machen.�</p><p>�Hei�t das, ich soll als Lobbyist mit den PR-Leuten von tausend kleinen Kongressabgeordneten zum Mittagessen gehen?�</p><p>�Wir finden was f�r dich. Aber nicht im Gerichtssaal.�</p><p>�Ich tauge nicht f�r solche Arbeitsessen. Ich m�chte Prozesse f�hren.�</p><p>�Kommt nicht in Frage. Du kannst in der Kanzlei bleiben, eine Menge Geld verdienen, deine Gesundheit pflegen, anfangen, Golf zu spielen, und ein sch�nes Leben f�hren, immer vorausgesetzt, dass dich der IRS nicht ins Gef�ngnis schickt.�</p><p>Einige angenehme Augenblicke lang hatte er den IRS ganz vergessen. Jetzt ergriff er wieder von seinem Bewusstsein Besitz, und Nate setzte sich. Er dr�ckte aus einer Portionspackung etwas Honig in seinen lauwarmen Kaffee; eine so auf Gesundheit bedachte Einrichtung wie Walnut Hill duldete weder Zucker noch S��stoff.</p><p>�Ein paar Wochen im brasilianischen Schwemmland klingen eigentlich ganz gut�, sagte er.</p><p>�Hei�t das, du gehst?�</p><p>�Ja.�</p><p>Da Nate reichlich Zeit zu lesen hatte, lie� ihm Josh eine dicke Akte �ber den Phelan-Nachla� und dessen geheimnisvolle neue Erbin da, au�erdem zwei B�cher �ber fern von der Zivilisation lebende Indianerst�mme in S�damerika.</p><p>Nate las acht Stunden lang ohne Pause und lie� sogar das Abendessen ausfallen. Mit einem Mal wollte er unbedingt fort, sein Abenteuer m�glichst bald beginnen. Als ihn Sergio um zehn Uhr noch einmal aufsuchte, sa� er wie ein M�nch mitten auf dem Bett, von Papieren umgeben, gedankenverloren in einer anderen Welt.</p><p>�Es ist Zeit f�r mich zu gehen�, sagte Nate.</p><p>�Das stimmt�, gab Sergio zur Antwort. �Ich fang morgen an, die Formulare auszuf�llen.�</p></section><section><title><p>NEUN</p></title><p>Das Gerangel wurde schlimmer. Die Phelan-Erben redeten immer weniger miteinander und verbrachten immer mehr Zeit in den Kanzleien ihrer Anw�lte. Eine ganze Woche verging, in der weder der Inhalt des Testaments bekannt gegeben, noch genaue Pl�ne f�r einen Antrag auf Feststellung seiner G�ltigkeit gemacht wurden. Je dichter die Erben das Verm�gen vor Augen sahen, das gerade au�erhalb ihrer Reichweite lag, desto gr��er wurde ihre Nervosit�t. Mehrere Anw�lte wurden in die W�ste geschickt und ebenso rasch durch andere ersetzt. Mary ROSS Phelan Jackman entzog ihrem Anwalt das Mandat, weil ihr sein Stundensatz nicht hoch genug war. Ihr Mann war ein erfolgreicher orthop�discher Chirurg mit zahlreichen Kontakten in der Gesch�ftswelt, der t�glich mit Anw�lten zu tun hatte. Ihr neuer Anwalt war ein Energieb�ndel namens Grit, der sich f�r sechshundert Dollar pro Stunde mit vollem Einsatz ins Get�mmel st�rzte.</p><p>W�hrend sie auf das Erbe warteten, h�uften sie immense Schulden an. Kaufvertr�ge f�r hochherrschaftliche Villen wurden unterschrieben. Neue Autos wurden geliefert. Berater f�r die unterschiedlichsten Dinge wurden beauftragt. Da war ein Badeh�uschen zu entwerfen, ein privates D�senflugzeug aufzutreiben und eine Empfehlung auszusprechen, welches Rennpferd man kaufen sollte. Wenn sich die Erben nicht in den Haaren lagen, kauften sie in gro�em Stil ein. Die einzige Ausnahme war Ramble, aber auch nur deshalb, weil er noch minderj�hrig war. Er dr�ckte sich fortw�hrend in Gesellschaft seines Anwalts herum, der sicherlich die Schulden seines Mandanten vergr��erte.</p><p>Eine Prozesslawine wird h�ufig dadurch ausgel�st, dass die Leute dem Gericht die T�r einrennen. Da sich Josh Stafford weigerte, das Testament offenzulegen, und gleichzeitig geheimnisvolle Hinweise �ber Troys mangelnde Testierf�higkeit fallen lie�, gerieten die Anw�lte der Phelan-Erben schlie�lich in Panik.</p><p>Zehn Tage nach Troys Selbstmord reichte Hark Gettys beim Gericht des Fairfax County im Staat Virginia eine Klage ein, um zu erzwingen, dass Troy L. Phelans Testament �ffentlich bekannt gemacht wurde. Mit der Ve r-schlagenheit eines ehrgeizigen Anwalts, mit dem man rechnen muss, gab er einem Reporter der Washington Post einen Wink. Sie unterhielten sich eine Stunde lang, nachdem er den Antrag eingereicht hatte, und dabei lie� Gettys neben �u�erungen, die ihn ins rechte Licht r�cken sollten, auch die eine oder andere vertrauliche Angabe durchsickern. Ein Fotograf machte einige Aufnahmen.</p><p>Sonderbarerweise stellte Hark seinen Antrag im Namen aller Phelan-Erben und gab ihre Namen und Anschriften an, als w�ren sie seine Mandanten. Nachdem er in die Kanzlei zur�ckgekehrt war, faxte er ihnen Kopien des Antrags durch. Wenige Minuten sp�ter war bei ihm telefonisch kein Durchkommen mehr.</p><p>Der Bericht in der Post vom n�chsten Morgen wurde von einem gro�en Foto erg�nzt, auf dem sich Hark mit nachdenklicher Miene den Bart strich. Der Artikel war noch l�nger, als er es sich ertr�umt hatte. Er las ihn bei Sonnenaufgang in einem Cafe in Chevy Chase und fuhr dann rasch in seine neue Kanzlei.</p><p>Einige Stunden sp�ter, kurz nach neun, herrschte im Gesch�ftszimmer des f�r den Bezirk Fairfax zust�ndigen Gerichts ein noch gr��eres Gedr�nge von Anw�lten als sonst. Sie kamen in kleinen Gruppen, redeten in abgehackten S�tzen auf die Mitarbeiter der Gesch�ftsstelle ein und gaben sich gro�e M�he, einander nicht zur Kenntnis zu nehmen. Sosehr sich ihre Antr�ge unterschieden, so wollten doch alle ein und dasselbe - im Fall Phelan als zust�ndig anerkannt werden und einen Blick in das Testament werfen.</p><p>Nachlassangelegenheiten wurden im Bezirk Fairfax nach dem Zufallsprinzip unter einem Dutzend Richter verteilt, und so landete der Fall Phelan auf dem Schreibtisch F. Parr Wycliffs. Dieser sechsunddrei�igj�hrige Richter besa� nur wenig Erfahrung auf dem Gebiet, war aber �u�erst ehrgeizig und hoch erfreut, einen so wichtigen Fall �bertragen zu bekommen.</p><p>In seinem Amtszimmer im Gericht besch�ftigte er sich den ganzen Vormittag �ber mit der Akte. Seine Sekret�rin legte ihm die Antr�ge vor, die er sogleich las.</p><p>Nachdem sich seine erste Aufregung gelegt hatte, rief er Josh Stafford an, um sich mit ihm bekannt zu machen. Wie es in solchen F�llen unter Juristen �blich ist, unterhielten sie sich h�flich, aber steif und zur�ckhaltend, weil noch wichtige Dinge auf sie zukommen w�rden. Von einem Richter namens Wycliff hatte Josh noch nie geh�rt. �Liegt ein Testament vor?� fragte Wycliff schlie�lich.</p><p>�Ja, Euer Ehren. Ein Testament liegt vor.� Josh w�hlte seine Worte mit Bedacht. Es galt im Staat Virginia als Vergehen, ein Testament zur�ckzuhalten. Falls der Richter wissen wollte, was darin stand, w�rde Josh ihm das nicht verschweigen.</p><p>�Wo befindet es sich?�</p><p>�Hier in meiner Kanzlei.�</p><p>�Wer ist der Testamentsvollstrecker?�</p><p>�Ich.�</p><p>�Wann gedenken Sie es vorzulegen?�</p><p>� Mein Mandant hat mich gebeten, bis zum f�nfzehnten Januar damit zu warten.�</p><p>�Hmmm. Gibt es einen bestimmten Grund daf�r?�</p><p>Der Grund lag auf der Hand. Troy wollte, dass seine habgierigen Kinder noch ein letztes Mal richtig mit Geld um sich warfen, bevor er ihnen den Teppich unter den F�ssen wegzog. Es war gemein, grausam und sah Troy nur allzu �hnlich.</p><p>�Das entzieht sich meiner Kenntnis�, sagte Josh. �Es handelt sich um ein eigenh�ndiges Testament. Mr. Phelan hat es wenige Sekunden unterschrieben, bevor er in die Tiefe gesprungen ist.�</p><p>�Ein eigenh�ndig verfasstes Testament, sagen Sie?� �Ja.�</p><p>�Waren Sie nicht bei ihm?�</p><p>�Doch. Aber das ist eine lange Geschichte.�</p><p>�Vielleicht sollte ich sie erfahren.�</p><p>�Vielleicht sollten Sie das.�</p><p>Josh hatte viel zu tun. Bei Wycliff war das nicht der Fall, aber er gab sich den Anschein, als sei jede Minute seines Tages verplant. Sie einigten sich darauf, sich zum Mittagessen auf ein paar Sandwiches in Wycliffs Amt s-zimmer zu treffen.</p><p>Sergio konnte sich mit Nates Vorhaben, nach S�damerika zu verreisen, nicht anfreunden. Nach nahezu vier Monaten in einer Einrichtung wie Walnut Hill mit einem genau geregelten Tagesablauf, wo T�r und Tor verriegelt waren, ein bewaffneter Wachmann die Stra�e anderthalb Kilometer weiter unten im Tal beobachtete, ohne dass man ihn sah, und wo Fernsehen, Filme, Spiele, Zeitschriften und Anrufe einer strengen Zensur unterlagen, geriet die R�ckkehr in eine vertraute Umgebung h�ufig zu einer traumatischen Erfahrung. Die Vorstellung aber, dass jemand diese R�ckkehr auf dem Umweg �ber Brasilien vollziehen wollte, war mehr als beunruhigend.</p><p>Nate lie� das kalt. Ihn hatte kein Gerichtsbeschluss in Walnut Hill eingewiesen, sondern Josh hatte ihn hingeschickt, und wenn Josh ihn aufforderte, im Urwald Versteck zu spielen, war ihm das recht. Sergio mochte daran herumm�keln und sich beschweren, soviel er wollte.</p><p>Die Woche vor der Entlassung war die H�lle. Zu den Mahlzeiten gab es statt fettfreier jetzt fettarme Gerichte mit so unvermeidlichen Zutaten wie Salz, Pfeffer, K�se und ein wenig Butter, damit sich sein Stoffwechsel auf die drau�en zu erwartenden Widrigkeiten einstellen konnte. Nates Magen rebellierte, und er verlor noch mal �ber ein Kilo.</p><p>�Das ist erst ein kleiner Vorgeschmack auf das, was dich da unten erwartet�, sagte Sergio von oben herab.</p><p>Sie stritten sich w�hrend der Therapie, was in Walnut Hill an der Tagesordnung war. Die Leute mussten sich vor ihrer Entlassung eine dicke Haut zulegen, mussten lernen, sich zu wehren. Sergio begann sich von seinem Sch�tzling zur�ckzuziehen. Ein Abschied war gew�hnlich schwierig, und Sergio verk�rzte die Sitzungen und wurde reservierter. Jetzt, wo das Ende abzusehen war, begann Nate die Stunden zuz�hlen.</p><p>Richter Wycliff wollte wissen, was in dem Testament stand, und Josh entzog sich seiner Bitte h�flich. An einem kleinen Tisch im kleinen Amtszimmer des Richters a�en sie belegte Brote aus einer Feinkosthandlung. Dem Gesetz nach war Josh nicht verpflichtet, den Inhalt des Testaments bekannt zugeben, zumindest nicht zum gegenw�rtigen Zeitpunkt. Wycliff �berschritt mit seiner Aufforderung seine Kompetenzen, doch seine Neugier war verst�ndlich.</p><p>�Ich kann die Motive der Antragsteller nachempfinden�, sagte er. �Sie haben ein Recht zu erfahren, was in dem Testament steht. Warum z�gern Sie das hinaus?�</p><p>�Ich erf�lle lediglich den Wunsch meines Mandanten�, antwortete Josh.</p><p>�Fr�her oder sp�ter m�ssen Sie das Testament aber offen legen.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>Wycliff schob seinen Terminkalender an den Plastikteller heran und sah �ber den Rand seiner Lesebrille hinein. �Heute ist der zwanzigste Dezember. Wir k�nnen unm�glich alle vor Weihnachten zusammentrommeln. Was halten Sie vom siebenundzwanzigsten?�</p><p>�Woran denken Sie?�</p><p>�An ein Verlesen des Testaments.�</p><p>Als sich Josh vorstellte, was das bedeuten w�rde, w�re er fast an einem Dillstengel erstickt. Die Phelans und ihr Gefolge, samt ihren neuen Freunden und sonstigem Anhang sowie all ihre temperamentvollen Anw�lte, w�rden in Wycliffs Gerichtssaal zusammenkommen. Au�erdem musste man noch die Presse informieren. W�hrend er ein weiteres St�ck Gew�rzgurke zerbiss und in sein kleines schwarzes B�chlein schaute, musste er sich gro�e M�he geben, ein breites Grinsen zu unterdr�cken. Er konnte schon das Keuchen und St�hnen, die unterdr�ckten Fl�che h�ren, das Entsetzen und die bittere Entt�uschung sp�ren. Vielleicht w�rde es auch das eine oder andere Schluchzen geben, w�hrend die Phelans versuchten, mit dem fertig zu werden, was ihnen der geliebte Vater angetan hatte.</p><p>Es w�re ein einzigartiger und wunderbarer Augenblick in der Geschichte der amerikanischen Rechtswesens,</p><p>voller T�cken, und mit einem Mal konnte Josh es kaum mehr abwarten. �Der siebenundzwanzigste passt mir gut�, sagte er.</p><p>�Sch�n. Ich werde die Parteien davon in Kenntnis setzen, sobald ich alle einander zugeordnet habe. Das sind ja geradezu Heerscharen von Anw�lten.�</p><p>�Die Sache ist f�r Sie einfacher, wenn Sie daran denken, dass es sechs Kinder und drei fr�here Ehefrauen gibt, also neun Hauptgruppen von Anw�lten.�</p><p>�Hoffentlich ist mein Gerichtssaal gro� genug.�</p><p>Ausschlie�lich Stehpl�tze, h�tte Josh fast gesagt. Die Leute dicht gedr�ngt, kein Laut zu h�ren, w�hrend der Umschlag ge�ffnet, das Testament entfaltet wird und die unglaublichen Worte vorgelesen werden. �Ich schlage vor, dass Sie das Testament verlesen�, sagte Josh.</p><p>Dazu war Wycliff entschlossen. Er sah dieselbe Szene vor sich wie Josh. Ein Testament zu verlesen, in dem �ber elf Milliarden Dollar verf�gt wird, w�re einer der gr��ten Augenblicke seiner Laufbahn.</p><p>�Ich vermute, das Testament macht es nicht allen Beteiligten recht�, sagte der Richter.</p><p>�Es ist ausgesprochen boshaft.�</p><p>Seine Ehren brachten tats�chlich ein L�cheln zustande.</p></section><section><title><p>ZEHN</p></title><p>Vor seinem j�ngsten R�ckfall hatte Nate in einem �lteren Haus im Stadtteil Georgetown zur Miete gewohnt.</p><p>Auch diese W ohnung, die er sich nach der letzten Scheidung genommen hatte, war seiner Zahlungsunf�higkeit zum Opfer gefallen, und so gab es buchst�blich keinen Ort auf der Welt, an dem er seine erste Nacht in Freiheit verbringen konnte.</p><p>Wie auch schon bei fr�heren Gelegenheiten hatte Josh die Entlassung gewissenhaft geplant. Er kam am vereinbarten Tag und brachte eine Reisetasche mit, die neue und frisch geb�gelte Shorts und Hemden der Marke J. Crew f�r die Reise nach S�den enthielt. Er hatte Nates Pass und Visum bei sich, reichlich Bargeld, Reisedokumente und neben zahlreichen Anweisungen auch einen genauen Plan, wie er vorgehen sollte. Nicht einmal ein Erste-Hilfe-P�ckchen fehlte.</p><p>Nate hatte keine Gelegenheit, nerv�s zu werden. Er verabschiedete sich von einigen Mitarbeitern der Klinik, doch die meisten mieden Abschiede und behaupteten, sie h�tten woanders zu tun. Stolz durchschritt er nach hundertvierzig Tagen herrlicher N�chternheit die Eingangst�r; sauber, gebr�unt und in guter k�rperlicher Ve r-fassung. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wog er weniger als achtzig Kilo; acht hatte er abgenommen.</p><p>Josh fuhr, und w�hrend der ersten f�nf Minuten fiel kein Wort. Schnee bedeckte die Weidefl�chen, wurde aber rasch weniger, w�hrend sie das Gebirge hinter sich lie�en. Ganz leise spielte das Autoradio Weihnachtslieder. Es war der zweiundzwanzigste Dezember.</p><p>�K�nntest du das abschalten?� fragte Nate schlie�lich.</p><p>�Was?�</p><p>�Das Radio.�</p><p>Josh dr�ckte einen Knopf, und die Musik, die er gar nicht wahrgenommen hatte, h�rte auf.</p><p>�Wie f�hlst du dich?� fragte er.</p><p>�K�nntest du am n�chsten Laden anhalten?�</p><p>�Klar. Warum?�</p><p>�Ich m�chte mir einen Sechserpack kaufen.�</p><p>�Sehr lustig.�</p><p>�F�r 'ne gro�e Cola w�rde ich glatt jemand umbringen.�</p><p>Sie kauften in einem Laden an der Stra�e Erfrischungsgetr�nke und Erdn�sse. Als ihnen die Frau an der Kasse munter �Frohe Weihnachten� w�nschte, brachte Nate keine Antwort zustande. Im Wagen erkl�rte Josh, er fahre zum Dulles Airport, noch knapp zwei Stunden.</p><p>�Dein Flug geht nach Sao Paulo. Von da kannst du nach drei Stunden Aufenthalt eine Maschine nach Campo Grande nehmen. �</p><p>�Sprechen die Leute da Englisch?�</p><p>�Nein. Es sind Brasilianer. Sie sprechen Portugiesisch.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Aber am Flughafen k�nnen bestimmt welche Englisch.�</p><p>�Wie gro� ist dieses Campo Grande?�</p><p>�Eine halbe Million Einwohner. Aber das ist nicht dein Ziel. Von dort nimmst du einen Zubringerflug nach Corumba. Die St�dte werden immer kleiner.�</p><p>�Und die Flugzeuge auch.�</p><p>�Ja, genau wie bei uns.�</p><p>�Aus irgendeinem Grund sagt mir die Vorstellung eines brasilianischen Zubringerflugs nicht besonders zu. Ich bin ziemlich nerv�s, Josh.�</p><p>�Du kannst auch sechs Stunden mit dem Bus fahren.�</p><p>�Und weiter.�</p><p>�In Corumba triffst du dich mit einem Anwalt namens Valdir Ruiz. Er kann Englisch.�</p><p>�Hast du mit ihm gesprochen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und verstanden, was er gesagt hat?�</p><p>�Ja, jedenfalls das meiste. Er ist sehr nett. Er arbeitet f�r etwa f�nfzig Dollar die Stunde, falls du das f�r m�glich h�ltst.�</p><p>�Wie gro� ist dieses Corumba?�</p><p>�Etwa neunzigtausend Einwohner.�</p><p>�Das hei�t, man findet da was zu essen, zu trinken und einen Platz zum Schlafen.�</p><p>�Ja, Nate, du bekommst ein Zimmer. Das ist mehr, als du hier hast.�</p><p>�Autsch.�</p><p>�Tut mir leid. M�chtest du einen R�ckzieher machen?�</p><p>�Ja, aber ich mach es nicht. Ich kenne kein anderes Ziel, als dies Land zu verlassen, bevor ich noch ein einziges Mal Jingle Bells h�re. Ich w�rde die n�chsten zwei Wochen im Stra�engraben �bernachten, wenn das der Preis daf�r w�re, mir nicht dies vorweihnachtliche Gedudel anh�ren zu m�ssen.�</p><p>�Lass gut sein. Es ist kein Stra�engraben, sondern ein h�bsches Hotel.�</p><p>�Und was soll ich mit diesem Ruiz machen?�</p><p>�Er sucht dir einen F�hrer, der dich ins Pantanal bringt.�</p><p>�Wie komm ich da hin? Mit dem Flugzeug, mit dem Hubschrauber?�</p><p>�Wahrscheinlich mit dem Boot. Wenn ich das richtig verstanden habe, besteht das ganze Gebiet da unten aus S�mpfen und Wasserl�ufen.�</p><p>�Au�erdem gibt es da Schlangen, Alligatoren und Piranhas.�</p><p>�Was f�r ein kleiner Feigling du doch bist. Ich dachte, du wolltest da hin.�</p><p>�Will ich auch. Fahr schneller.�</p><p>�Immer mit der Ruhe.� Josh wies auf eine Aktentasche hinter dem Beifahrersitz. �Mach die auf�, sagte er. �Die sollst du mitnehmen.�</p><p>Nate zog sie hervor und knurrte: �Die wiegt ja eine Tonne. Was ist da drin?�</p><p>�Lauter gute Sachen.�</p><p>Die neue, braune Ledertasche sah aus, als w�re sie schon lange in Gebrauch gewesen, und sie war gro� genug f�r eine kleine juristische Handbibliothek. Nate stellte sie sich auf die Knie und �ffnete die Verschl�sse. �Spielzeug�, sagte er.</p><p>�Das winzige graue Ger�t da ist ein digitales Telefon. Der letzte Stand der Technik�, sagte Josh mit offenbarem Stolz auf die von ihm zusammengetragenen Sachen. �Valdir w�hlt dich in das �rtliche Netz ein, sobald du in Corumba bist.�</p><p>�Das hei�t, die haben in Brasilien Telefone.�</p><p>�Nicht zu knapp. Die Telekommunikation ist da unten eine Wachstumsindustrie. Alle Leute laufen da mit Handys rum.�</p><p>�Die armen Menschen. Und was ist das da?�</p><p>�Ein Computer.�</p><p>�Was zum Teufel soll ich damit?�</p><p>�Es ist das neueste auf dem Gebiet. Sieh nur, wie klein!�</p><p>�Ich kann nicht mal die Zeichen auf der Tastatur lesen.�</p><p>�Du kannst ihn mit dem Telefon verbinden und auf diese Weise deine E-Mails empfangen.�</p><p>�Mann! Und was hilft mir das mitten im Sumpf, wo es nichts als Schlangen und Alligatoren gibt?�</p><p>�Das h�ngt von dir ab.�</p><p>�Josh, ich hab nicht mal im B�ro mit E-Mail gearbeitet.�</p><p>�Das ist nicht f�r dich, sondern f�r mich. Ich m�chte immer mit dir in Verbindung bleiben und sofort Bescheid wissen, wenn du die Frau findest.�</p><p>�Und was ist das da?�</p><p>�Das beste Spielzeug in der ganzen Kiste. Ein Satelliten-Telefon. Du kannst es �berall auf der Welt einsetzen. Solange du darauf achtest, dass die Batterien geladen sind, kannst du mich immer erreichen.�</p><p>�Du hast doch gerade gesagt, dass die da unten ein gro�artiges Telefonsystem haben.�</p><p>�Nicht im Pantanal. Das sind zweihundertf�nfzigtausend Quadratkilometer Schwemmland, in dem es keine einzige Stadt und nur sehr wenige Menschen gibt. Das Satelliten-Telefon ist sozusagen die Nabelschnur, die dich mit der Au�enwelt verbindet, sobald du Corumba verlassen hast.�</p><p>Nate �ffnete das Etui aus Hartplastik und betrachtete aufmerksam das gl�nzende kleine Telefon. �Wie viel hat dich das</p><p>gekostet?� fragte er. �Keinen Cent.�</p><p>�Na sch�n, wie viel hat es den Phelan-Nachla� gekostet?� �Viertausendvierhundert Dollar. Es ist jeden einzelnen davon wert.�</p><p>�Haben meine Indianer denn Strom?� Nate bl�tterte in der Betriebsanleitung.</p><p>�Nat�rlich nicht.�</p><p>�Und wie soll ich dann daf�r sorgen, dass die Batterien geladen bleiben?�</p><p>�Du hast eine Ersatzbatterie. Irgendwas wird dir schon einfallen.�</p><p>�Soviel zum Thema Abgeschiedenheit.�</p><p>�Es wird sehr abgeschieden sein. Du wirst mir noch f�r das Spielzeug dankbar sein, wenn du da unten bist.� �Kann ich dir auch jetzt schon danken?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Vielen Dank, Josh. F�r alles.�</p><p>�Nicht der Rede wert.�</p><p>Im Menschengew�hl des Abfertigungsgeb�udes tranken sie an einem Tischchen, das ein St�ck von einem Biertresen entfernt stand, d�nnen Espresso und lasen Zeitung. Der Tresen brannte sich tief in Joshs Bewusstsein ein. Nate hingegen schien von dessen Existenz nichts zu merken, obwohl die Heineken-Leuchtreklame kaum zu �bersehen war.</p><p>Ein d�rrer Nikolaus zog m�de vor�ber und hielt Ausschau nach Kindern, die sich billige Geschenke aus seinem Sack holen konnten. Aus einem Musikautomaten neben dem Tresen sang Elvis &gt;Blue Christmas&lt;. Menschen schoben und stie�en sich, der L�rm war unertr�glich. Alle schienen f�r die Feiertage nach Hause fliegen zu wollen.</p><p>�Wie f�hlst du dich?� fragte Josh.</p><p>�Gut. Warum gehst du nicht? Bestimmt hast du was Besseres zu tun.�</p><p>�Ich bleibe.�</p><p>�H�r mal, Josh. Mir geht es wirklich gut. Wenn du glaubst, ich warte blo� darauf, dass du gehst, damit ich r�ber an den Tresen renne und mir den Wodka nur so reinsch�tte, irrst du dich. Ich hab keinerlei Bed�rfnis nach Alkohol. Ich bin trocken und ausgesprochen stolz darauf.�</p><p>Josh sah ein wenig verlegen drein, in erster Linie, weil Nate seine Gedanken erraten hatte. Nates Sauftouren waren in der Kanzlei legend�r. Falls er der Versuchung erlag, gab es am ganzen Flughafen nicht genug Alkohol, um ihn zufrieden zustellen. �Dar�ber mach ich mir keine Sorgen�, log er.</p><p>�Dann geh. Ich bin alt genug.�</p><p>Sie verabschiedeten sich am Flugsteig, umarmten sich und verabredeten, m�glichst immer genau zur vollen Stunde Verbindung miteinander aufzunehmen. Nate konnte es nicht abwarten, sich in seinen Sitz in der ersten Klasse fallen zu lassen. Josh hatte tausend Dinge im B�ro zu erledigen.</p><p>Zwei kleine Vorsichtsma�nahmen hatte er getroffen. Erstens hatte er f�r den Flug zwei nebeneinanderliegende Pl�tze gebucht. Nate konnte am Fenster sitzen, der Sitz zum Gang hin w�rde frei bleiben. Es w�re zu gef�hrlich, wenn neben ihm ein durstiger Gesch�ftsmann s��e und sich mit Wein und Whisky vollaufen lie�e. Zwar kostete jeder der Pl�tze hin und zur�ck �ber siebentausend Dollar, aber Geld spielte keine Rolle.</p><p>Zweitens hatte er mit einem Mitarbeiter der Fluglinie ein ausf�hrliches Gespr�ch �ber Nates Entziehungskur gef�hrt. Unter keinen Umst�nden durfte ihm Alkohol serviert werden. An Bord der Maschine befand sich ein Schreiben von Josh an die Fluggesellschaft, falls man es vorzeigen musste, um Nate zu �berzeugen.</p><p>Eine Stewardess brachte ihm Orangensaft und Kaffee. Er wickelte sich in eine d�nne Decke und sah zu, wie das ins Umland wuchernde Washington unter ihm verschwand, w�hrend die Maschine der Fluggesellschaft Varig durch die Wolken emporstieg.</p><p>Es war eine Erleichterung f�r ihn, allem zu entkommen: Walnut Hill und Sergio, der Stadt und ihrer Tretm�hle, dem �rger mit seiner letzten Frau, seiner Zahlungsunf�higkeit und der Auseinandersetzung mit dem IRS. In zehntausend Meter H�he hatte Nate fast beschlossen, dass er nie zur�ckkehren w�rde.</p><p>Aber jeder Neueinstieg kostete unm��ig viel Kraft. Immer lauerte die Angst vor einem erneuten R�ckfall unmittelbar unter der Oberfl�che. Er war schon so oft aus der Entziehung zur�ckgekehrt, dass er sich wie ein Veteran vorkam, und das war be�ngstigend. Wie bei Ehefrauen und Prozesserfolgen konnte er jetzt Vergleiche anstellen. W�rde es immer wieder dazu kommen?</p><p>Beim Abendessen merkte er, dass Josh hinter den Kulissen die F�den gezogen hatte. Man bot ihm keinen Wein an. Er stocherte mit der Vorsicht eines Menschen im Essen herum, der gerade fast vier Monate damit zugebracht hatte, s�mtliche Salatsorten der Welt durchzuprobieren; bis vor wenigen Tagen hatte es f�r ihn weder Fett noch Zucker gegeben. Das letzte, was er brauchen konnte, war ein verdorbener Magen.</p><p>Er d�ste ein wenig, hatte aber keine Lust zu schlafen. Als vielbesch�ftigter Anwalt und Nachtschw�rmer hatte er gelernt, mit wenig Schlaf auszukommen. Im ersten Monat in Walnut Hill hatte man ihn so mit Tabletten vollgestopft, dass er zehn Stunden am Tag geschlafen hatte. Wer im Koma liegt, kann sich nicht wehren.</p><p>Er stellte seine Spielzeugsammlung auf den leeren Nebensitz und begann, die verschiedenen Betriebsanleitungen durchzugehen. Das Satelliten-Telefon hatte es ihm besonders angetan, obwohl er nicht glauben konnte, dass er es wirklich brauchen w�rde.</p><p>Ein weiteres Telefon erregte seine Aufmerksamkeit. Es war die neueste technische Errungenschaft in der Luftfahrt, ein schmales Ger�t, das unauff�llig neben seinem Sitz an der Kabinenwand hing. Er nahm ab und rief Sergio in seiner Wohnung an. Sergio sa� bei einem sp�ten Abendessen, freute sich aber trotzdem, von ihm zu h�ren.</p><p>�Wo bist du?� wollte er wissen.</p><p>�In einer Kneipe�, antwortete Nate mit leiser Stimme, weil die Lichter in der Kabine herunter gedimmt waren. �Sehr witzig.�</p><p>�Wahrscheinlich bin ich jetzt �ber Miami und habe noch acht Stunden vor mir. Ich habe gerade das Telefon hier entdeckt und wollte es mal ausprobieren.�</p><p>�Das hei�t, es geht dir gut?�</p><p>�Blendend. Fehle ich dir?�</p><p>�Noch nicht. Ich dir?�</p><p>�Ist das dein Ernst? Ich bin ein freier Mensch und fliege dem Dschungel entgegen, wo ich ein herrliches Abenteuer erleben werde. Sp�ter wirst du mir fehlen, okay?�</p><p>�Okay. Und ruf mich an, wenn du Schwierigkeiten bekommst.�</p><p>�Die gibt es diesmal nicht, Serge.�</p><p>�Recht so, Nate.�</p><p>�Danke, Serge.�</p><p>�Nichts zu danken. Ruf mich einfach an.�</p><p>Ein Film begann, aber niemand sah hin. Die Stewardess brachte noch einmal Kaffee. Als n�chstes rief Nate seine Sekret�rin Alice an, eine Frau, die fast zehn Jahre lang hinter ihm herger�umt und ziemlich unter ihm gelitten hatte. Sie wohnte mit ihrer Schwester in einem alten Haus in Arlington. In den letzten vier Monaten hatte Nate einmal mit ihr gesprochen.</p><p>Die Unterhaltung dauerte eine halbe Stunde. Alice schien �bergl�cklich, seine Stimme zu h�ren. Von seiner Reise nach S�damerika wusste sie angeblich nichts, was ihm ein wenig merkw�rdig vorkam, weil sie normalerweise alles wusste. Aber sie gab sich am Telefon zur�ckhaltend, fast misstrauisch. Der Prozessanwalt Nate witterte Unrat und nahm sie f�rmlich ins Kreuzverh�r.</p><p>Sie arbeitete nach wie vor in der Prozessabteilung, sa� am selben Schreibtisch wie eh und je und tat mehr oder weniger dasselbe wie sonst auch, nur f�r einen anderen Anwalt. �Wer ist das?� wollte Nate wissen.</p><p>Ein Neuer. Ebenfalls ein Prozessanwalt. Sie antwortete �berlegt, und Nate begriff, dass Josh sie pers�nlich instruiert haben musste. Nat�rlich war ihm klar gewesen, dass Nate sie anrufen w�rde, sobald er wieder drau�en war.</p><p>In welchem B�ro sa� der Neue? Wer war sein Anwaltsgehilfe? Woher kam er? Wie viele Kunstfehler-Prozesse hatte er bearbeitet? War sie ihm nur vor�bergehend zugeteilt?</p><p>Alice antwortete ziemlich ausweichend. '</p><p>�Wer ist in meinem B�ro?� fragte er.</p><p>�Niemand. Es ist v�llig unber�hrt. Es liegen sogar noch kleine Aktenstapel in allen Ecken herum.�</p><p>�Was tut Kerry?�</p><p>�Hat reichlich zu tun und wartet auf Sie.� Kerry war die Anwaltsgehilfin, mit der Nate am liebsten zusammenarbeitete.</p><p>Alice wusste auf alles die richtige Antwort und gab kaum etwas preis. Vor allem �ber den neuen Prozessanwalt sagte sie so gut wie nichts.</p><p>�Halten Sie sich bereit�, sagte er, als es nicht mehr viel zu besprechen gab. �Es ist Zeit f�r ein Comeback.�</p><p>�Es war ziemlich langweilig, Nate.�</p><p>Langsam legte er auf und h�rte sich auf dem Aufzeichnungsger�t noch einmal an, was sie gesagt hatte. Irgend etwas war anders als fr�her. Josh stand im Begriff, seine Kanzlei umzustrukturieren. W�rde Nate dabei auf der Strecke bleiben? Wahrscheinlich nicht, aber seine Tage im Gerichtssaal waren wohl vor�ber.</p><p>Er beschloss, sich den Kopf dar�ber sp�ter zu zerbrechen. Es gab so viele Leute, die er anrufen musste, und so viele Telefone, mit denen er das tun konnte. Er kannte einen Richter, der vor zehn Jahren dem Alkohol abgeschworen hatte. Ihm wollte er das gro�artige Ergebnis seiner eigenen Entw�hnung mitteilen. Er konnte auch seine erste Frau anrufen und sie zur Schnecke machen, war aber nicht in der richtigen Stimmung. Au�erdem wollte er seine vier Kinder anrufen und sie fragen, warum sie nicht angerufen oder geschrieben hatten.</p><p>Statt dessen nahm er einen Aktenordner aus seiner Tasche und begann nachzulesen, was �ber Mr. Troy Phelan und seinen gegenw�rtigen Auftrag darin stand. Um Mitternacht, irgendwo �ber der Karibik, schlief er ein.</p></section><section><title><p>ELF</p></title><p>Eine Stunde vor Sonnenaufgang begann die Maschine ihren Landeanflug. Nate hatte das Fr�hst�ck verschlafen, und als er wach wurde, brachte eine Stewardess eilends Kaffee.</p><p>Sao Paulo wurde sichtbar, eine Stadt, die sich �ber gut zweitausend Quadratkilometer ausbreitete. Er hielt den Blick auf das Lichtermeer unter sich gerichtet und fragte sich, wie es m�glich war, dass eine einzige Stadt zwanzig Millionen Einwohner hatte.</p><p>Der Flugkapit�n w�nschte den G�sten an Bord einen guten Morgen und sagte dann in raschem Portugiesisch mehrere S�tze, von denen Nate nichts verstand. Die englische �bersetzung, die darauf folgte, war nicht viel</p><p>verst�ndlicher. Hoffentlich w�rde er nicht gezwungen sein, sich mit Gesten und Grunzlauten seinen Weg durch das Land zu bahnen. Einen Augenblick lang machten ihm die Sprachschwierigkeiten Sorge, doch verga� er sie, als ihn eine h�bsche brasilianische Stewardess aufforderte, den Sicherheitsgurt anzulegen.</p><p>Im Flughafen, der von Menschen wimmelte, war es hei�. Er holte seine nagelneue Reisetasche vom Gep�ckband, ging durch den Zoll, ohne dass jemand auch nur einen Blick darauf warf, und gab sie am Varig-Schalter f�r den Flug nach Campo Grande erneut auf. Dann suchte er ein Cafe, in dem eine Speisekarte an der Wand hing. Er wies darauf, sagte Espresso, und die Kassiererin tippte den Betrag ein. Sie betrachtete sein amerikanisches Geld zwar missbilligend, gab ihm aber heraus. Ein bras ilianischer Real entsprach einem Dollar. Nate besa� jetzt einige Reais.</p><p>Er schl�rfte den Kaffee Schulter an Schulter mit einigen ungesittet wirkenden japanischen Touristen. Um ihn herum ert�nte ein Sprachengewirr; Deutsch und Spanisch vermischte sich mit dem Portugiesisch der Lautsprecheransagen. H�tte er sich einen Sprachf�hrer gekauft, dann k�nnte er wenigstens das eine oder andere Wort verstehen.</p><p>Allm�hlich sp�rte er, wie er sich von der Au�enwelt abkoppelte. Inmitten der Menge war er einsam. Er kannte keine Menschenseele. Fast niemand wusste, wo er sich befand, und kaum jemandem war es wichtig. Der Zigarettenrauch der Touristen stieg um ihn herum auf, und er ging rasch in die Haupthalle, wo er die Decke zwei Stockwerke �ber sich und das Erdgescho� unter sich sehen konnte. Mit der schweren Aktentasche in der Hand begann er ziellos durch die Menge zu streifen und verfluchte Josh, weil er sie mit soviel unn�tzem Kram gef�llt hatte.</p><p>Er h�rte jemanden laut Englisch sprechen und trat n�her. Einige Gesch�ftsleute warteten unweit vom Schalter der United Airlines, und er suchte sich einen Platz in ihrer N�he. Er h�rte, dass es in Detroit schneite und sie unbedingt an Weihnachten zu Hause sein wollten. Sie arbeiteten in Brasilien an einer Pipeline, und schon bald war Nate ihres Gew�schs m�de. Sie hatten seine Anwandlung von Heimweh rasch kuriert.</p><p>Sergio fehlte ihm. Nach der letzten Entziehungskur hatte die Klinik Nate eine Woche lang in ein Haus zur Wiedereingew�hnung gesteckt, um ihm den �bergang zur�ck ins Alltagsleben zu erleichtern. Ihm war das Haus ebenso zuwider gewesen wie der Tagesablauf dort, aber im R�ckblick war die Idee nicht unvern�nftig. Man brauchte einige Tage, um sich wieder zurechtzufinden. Vielleicht hatte Sergio recht. Er rief ihn von einer Telefonzelle aus an und weckte ihn. In Sao Paulo war es halb sieben, in Virginia aber erst halb f�nf.</p><p>Es machte Sergio nichts aus. Das geh�rte mit zum Job.</p><p>In der Maschine, die nach Campo Grande flog, einer Boeing 727, gab es weder eine erste Klasse noch auch nur einen freien Platz. Angenehm �berrascht merkte Nate, dass s�mtliche Flugg�ste ihr Gesicht in bemerkenswert viele verschiedene Tageszeitungen steckten, die ebenso gut aufgemacht und modern waren wie die in den Vereinigten Staaten. Die Menschen, die sie lasen, schienen geradezu versessen auf Neuigkeiten zu sein. Vielleicht war Brasilien doch kein so zur�ckgebliebenes Land, wie er angenommen hatte. Die Leute konnten lesen! Das Flugzeug war sauber und im Inneren frisch �berholt. Der Getr�nkewagen bot Cola und Sprite an; Nate f�hlte sich fast wie zu Hause.</p><p>Ohne die Informationsschrift �ber die Indianer, die er auf dem Scho� liegen hatte, weiter zu beachten, lie� er von seinem Fensterplatz in der zwanzigsten Reihe aus den Blick �ber die sich weithin erstreckende H�gellandschaft gleiten. Der leuchtend orangefarbene Boden war mit �ppigem Gr�n bedeckt und in wildem Durcheinander von roten, unbefestigten Stra�en durchzogen, die von einer kleinen Ansiedlung zur n�chsten f�hrten. Fernstra�en schien es so gut wie keine zu geben. Hier und da sah man eine Ranch.</p><p>Dann wurde eine befestigte Stra�e mit Fahrzeugen sichtbar. Die Maschine verlor an H�he, und der Flugkapit�n teilte ihnen mit, dass sie gleich in Campo Grande landen w�rden. In der Innenstadt dr�ngten sich die H�user dicht aneinander, man sah Hochh�user, das unvermeidliche Fu�ballstadion und viele Stra�en voller Autos. Alle Wohngeb�ude schienen mit roten Ziegeln gedeckt zu sein. Dank der sprichw�rtlichen T�chtigkeit einer gro�en Kanzlei war Nate im Besitz eines - zweifellos vom j�ngsten Sozius, der f�r dreihundert Dollar die Stunde arbeitete, zusammengestellten - Informationsblatts, das Campo Grande auf eine Weise beschrieb, als sei die Stadt f�r die Angelegenheit, die zu erledigen er gekommen war, von entscheidender Bedeutung: sechshunderttausend Einwohner, Viehhandelszentrum, viele Gauchos, rasches Wachstum, moderne Infrastruktur. Zwar waren diese Angaben ganz nett, aber warum sollte er sich damit belasten? Er w�rde dort nicht einmal die Nacht verbringen. Der Flughafen kam ihm f�r eine Stadt dieser Gr��e bemerkenswert klein vor. Dann begriff er, dass er alles mit den Vereinigten Staaten verglich. Damit musste Schluss sein. Als er aus dem Flugzeug stieg, traf ihn die Hitze wie ein Schlag. Zwei Tage vor Weihnachten betrug die Temperatur dort mindestens zweiunddrei�ig Grad. Er blinzelte zur strahlenden Sonne empor und hielt sich mit einer Hand am Gel�nder fest, als er die Treppe zum Vorfeld hinabstieg.</p><p>Er schaffte es, im Flughafenrestaurant ein Mittagessen zu bestellen, und als es kam, sah er voll Freude, dass es sogar genie�bar war. Zu einem �berbackenen H�hnersandwich gab es Pommes, die so gro� waren wie in irgendeinem Schnellrestaurant daheim. W�hrend er bed�chtig a�, richtete er den Blick abwechselnd auf die sonderbare Semmel, in der das H�hnerfleisch steckte, denn so eine hatte er noch nie gesehen, und auf die Landebahn. Als er mit seiner Mahlzeit zur H�lfte fertig war, landete eine zweimotorige Turboprop-Maschine von Air Pantanal und rollte ans Flughafengeb�ude. Sechs Personen stiegen aus.</p><p>Er h�rte auf zu kauen, w�hrend er versuchte, einen pl�tzlichen Anflug von Angst zu �berwinden. Zubringerfl�ge</p><p>tauchten immer wieder in den Zeitungen und im Programm des Senders CNN auf, nur dass zu Hause niemand je etwas davon erfahren w�rde, wenn diese Maschine abst�rzte.</p><p>Aber eigentlich sah das Flugzeug recht stabil und sauber aus. Es schien sogar ziemlich modern zu sein, und die Piloten erwiesen sich als gutgekleidete Berufsflieger. Nate a� weiter. Positiv denken, mahnte er sich.</p><p>Eine Stunde lang durchstreifte er das kleine Abfertigungsgeb�ude. An einem Zeitschriftenkiosk erstand er einen portugiesischen Sprachf�hrer und begann sich W�rter einzupr�gen. Er las Werbeplakate f�r einen Abenteuerurlaub im Pantanal, der �kotourismus genannt wurde. Man konnte Autos mieten. Es gab einen Stand, wo man Geld wechseln konnte, eine Bar mit Bierreklamen und auf einem Regal aufgereihte Whiskyflaschen. In der N�he des Haupteingangs stand ein schlanker k�nstlicher Weihnachtsbaum mit einer einzelnen Lichterkette. Nate sah zu, wie die Birnchen zu den Kl�ngen eines brasilianischen Weihnachtslieds aufblinkten, und musste trotz aller M�he, es nicht zu tun, unwillk�rlich an seine Kinder denken.</p><p>Es war der Tag vor Heiligabend. Nicht alle Erinnerungen waren qu�lend.</p><p>Er bestieg das Flugzeug mit zusammengebissenen Z�hnen und durchgedr�cktem R�ckgrat und schlief fast die ganze Stunde, die der Flug bis Corumba dauerte. Der kleine Flughafen dort war voller Bolivianer, die auf einen Flug nach Santa Cruz warteten. Sie waren mit Kartons und Taschen beladen, die von Weihnachtsgeschenken �berquollen.</p><p>Vor dem Flughafengeb�ude war die Luft dr�ckend schw�l. Nate trieb einen Taxifahrer in einem alten, ungepflegten Mazda auf, der kein Wort Englisch konnte. Doch nachdem er ihm die W�rter �Hotel Palace� auf seinem Reiseplan gezeigt hatte, ging die Fahrt los. Im Wagen war es hei� und stickig.</p><p>Corumba habe neunzigtausend Einwohner, erfuhr er aus einem weiteren der von Joshs Mitarbeiter ausgearbeiteten Merkbl�tter. Die Stadt liege nahe der bolivianischen Grenze am Fluss Paraguay und schm�cke sich schon seit langem mit der Bezeichnung &gt;Hauptstadt des Pantanal&lt;. Der Verkehr auf dem Fluss und der Handel, dem die Stadt ihre Entstehung verdanke, werde wohl auch ihren Weiterbestand sichern.</p><p>Corumba machte auf Nate einen angenehmen Eindruck und wirkte in keiner Weise hektisch. Die baumbestandenen breiten Stra�en waren gepflastert. H�ndler sa�en im Schatten vor ihrem Ladeneingang und unterhielten sich miteinander, w�hrend sie auf Kunden warteten. Halbw�chsige flitzten auf ihren Motorrollern zwischen den Autos umher. Barf�ssige Kinder schleckten an Tischen auf den B�rgersteigen ihr Eis.</p><p>W�hrend sich das Taxi dem Gesch�ftsviertel n�herte, wurde der Autoverkehr immer dichter, bis er ganz zum Stillstand kam. Der Fahrer murmelte etwas, schien aber nicht weiter beunruhigt zu sein. In New York oder W a-shington h�tte ein Taxifahrer in einer solchen Situation und bei dieser Hitze vor einem Gewaltausbruch gestanden.</p><p>Aber hier waren sie in Brasilien. In S�damerika gingen die Uhren langsamer. Nichts hatte Eile. Zeit war nicht so wichtig. Nimm deine Uhr ab, sagte sich Nate. Er nahm sie aber doch nicht ab, schloss statt dessen die Augen und atmete die schw�le Luft ein.</p><p>Das Hotel lag mitten in der Stadt an einer Stra�e, die mit leichtem Gefalle zum Fluss Paraguay hinabf�hrte, der majest�tisch in der Ferne blinkte. Nate gab dem Taxifahrer eine Handvoll Reais und wartete geduldig auf sein Wechselgeld. Er brachte ein kl�gliches �Obrigado� heraus, um dem Fahrer zu danken. Dieser l�chelte und sagte etwas, was er nicht verstand. Die T�ren zur Hotelhalle standen offen, wie alle T�ren in Corumba, die auf die B�rgersteige f�hrten.</p><p>Die ersten W�rter, die er beim Eintritt h�rte, wurden von jemandem aus Texas geschrien. Ein Trupp von Rowdys, die getrunken hatten und in festlicher Stimmung zu sein schienen, verlie� gerade das Hotel. Sie wollten offenbar rechtzeitig zu den Feiertagen nach Hause kommen. Nate setzte sich in die N�he eines Fernsehger�ts und wartete, bis sie verschwanden.</p><p>Sein Zimmer lag im siebten Stock. F�r achtzehn Dollar am Tag bekam er einen Raum, der knapp f�nfzehn Quadratmeter gro� war und in dem ein schmales Bett stand. Sofern es eine Matratze hatte, musste die ziemlich d�nn sein, denn man lag dicht �ber dem Fu�boden. Von Sprungfedern war nichts zu sehen. Au�erdem gab es einen Tisch, einen Stuhl, eine am Fenster angebrachte Klimaanlage, einen kleinen K�hlschrank mit Flaschen voll Wasser, Cola und Bier sowie ein sauberes Badezimmer mit Seife und vielen Handt�chern. Gar nicht so schlecht, sagte sich Nate. Das war ein Abenteuer. Es war kein Luxushotel, aber bestimmt konnte man da leben.</p><p>Eine halbe Stunde lang versuchte er Josh anzurufen, doch die Sprachbarriere war un�berwindlich. Der Hotelangestellte am Empfang konnte zwar genug Englisch, um ihn mit der Auslandsvermittlung zu verbinden, aber von da an ging es nur noch auf portugiesisch weiter. Er probierte sein neues Mobiltelefon aus, aber offensichtlich lag Corumba in einem Funkloch.</p><p>Er streckte seinen m�den K�rper auf der ganzen L�nge des klapprigen Betts aus und schlief ein.</p><p>Valdir Ruiz war zweiundf�nfzig Jahre alt, klein, hatte eine schmale Taille, olivbraune Haut und trug die wenigen Haare, die ihm geblieben waren, nach hinten gek�mmt. Sie gl�nzten �lig. Seine schwarzen Augen waren von zahlreichen F�ltchen umgeben, Ergebnis drei�igj�hrigen starken Rauchens. Als Siebzehnj�hriger hatte er ein Jahr lang mit einem Stipendium der Rotarier als Austauschstudent bei einer Familie in lowa gelebt und war stolz auf sein Englisch, f�r das er normalerweise in Corumba nicht viel Verwendung hatte. Um in �bung zu bleiben, sah er sich abends meist CNN und amerikanische Unterhaltungsprogramme an.</p><p>Nach dem Jahr in lowa hatte Valdir Ruiz ein Hochschulvorbereitungsjahr in Campo Grande absolviert und dann in Rio Jura studiert. Nur z�gernd war er nach Corumba zur�ckgekehrt, um in der kleinen Kanzlei seines Onkels zu arbeiten und sich um seine Eltern zu k�mmern. L�nger als ihm lieb war, hatte er den gem�chlichen Rhythmus einer Anwaltst�tigkeit in Corumba ertragen und gleichzeitig davon getr�umt, wie es in der gro�en Stadt gewesen w�re.</p><p>Aber er war ein freundlicher Mann und, wie die meisten Brasilianer, mit dem Leben zufrieden. Er f�hrte seine kleine Kanzlei, die lediglich aus ihm selbst und einer Sekret�rin bestand, sehr effizient. Die Sekret�rin versah den Telefondienst und tippte f�r ihn. Am liebsten waren ihm Immobiliengesch�fte, Grundbucheintragungen, Kaufvertr�ge und dergleichen. Valdir Ruiz war nie als Prozessanwalt t�tig geworden. Das lag in erster Linie daran, dass in Brasilien das Auftreten vor Gericht nicht zum Alltag eines Anwalts geh�rt, denn da man dort nicht wegen jeder Kleinigkeit vor Gericht zieht, sind Prozesse eher selten. Ruiz war erstaunt dar�ber, was Anw�lte im Sender CNN sagten und was man dort �ber ihr Tun erfuhr. Warum lenken sie die Aufmerksamkeit der �ffentlichkeit so sehr auf sich? hatte er sich oft gefragt. Ein Anwalt, der Pressekonferenzen gibt und von einer Talkshow zur n�chsten eilt, um sich dort �ber seine Mandanten auszulassen - so etwas war in Brasilien unerh�rt. Senhor Ruiz' Kanzlei lag drei Querstra�en von Nates Hotel entfernt auf einem ausgedehnten schattigen Grundst�ck, das sein Onkel vor Jahrzehnten erworben hatte. Da dicke B�ume mit ihrem Laub das Dach des Geb�udes beschatteten, standen die Fenster trotz der Hitze offen. Senhor Ruiz mochte die schwache Ger�uschkulisse, die von der Stra�e hereindrang. Um Viertel nach drei sah er, dass ein Mann, den er nicht kannte, vor dem Haus stehen blieb und es musterte. Er war ganz offensichtlich Ausl�nder, und zwar Amerikaner. Das konnte nur Mr. O'Riley sein.</p><p>Die Sekret�rin brachte ihnen cafezinho, den starken schwarzen Kaffee mit reichlich Zucker, den Brasilianer den ganzen Tag aus winzigen T�sschen schl�rfen, und Nate war sogleich geradezu s�chtig danach. Er sa� in Senhor Ruiz' B�ro und bewunderte seine Umgebung: den quietschenden Ventilator an der Decke, die offenen Fenster, durch welche die Ger�usche der Stra�e ged�mpft hereindrangen, die ordentlichen Reihen verstaubter Akten in Regalen, die hinter Valdir standen - sie redeten einander bereits mit Vornamen an -, den abgetretenen Dielenboden zu ihren F�ssen. Im Raum war es ziemlich warm, aber durchaus ertr�glich. Nate kam sich vor wie in einem vor f�nfzig Jahren gedrehten Film.</p><p>Valdir rief in Washington an und bekam Josh an den Apparat. Sie unterhielten sich kurz, dann reichte er den H�rer �ber den Tisch. �Hallo, Josh�, sagte Nate. Josh war erkennbar erleichtert, seine Stimme zu h�ren. Nate berichtete ihm �ber den Flug nach Corumba und betonte, dass es ihm gut ging, er nach wie vor n�chtern war und sich auf den Rest des Abenteuers freute.</p><p>Valdir machte sich in einer Ecke des Raumes mit einer Akte zu schaffen. Obwohl er so tat, als interessiere ihn das Gespr�ch nicht im geringsten, bekam er jedes Wort mit. Warum nur mochte dieser Nate O'Riley so stolz darauf sein, dass er n�chtern war?</p><p>Nach dem Telefongespr�ch holte Valdir eine gro�e Verkehrskarte des Staates Mato Grosso do Sul heraus, der etwa dieselbe Gr��e wie Texas hat, und entfaltete sie. Er zeigte auf das gelb schattierte Schwemmland des Pantanal. Es nahm den gesamten Nordwesten des Staates ein und erstreckte sich nach Norden ins Mato Grosso und westlich bis nach Bolivien. Hunderte von Flussl�ufen und kleineren Ge w�ssern durchzogen das Gebiet. Man sah auf der Karte weder kleine noch gro�e St�dte, weder Stra�en noch Autobahnen. Zweihundertf�nfzigtausend Quadratkilometer Sumpf, erinnerte sich Nate, hatte er in einer der zahlreichen Beschreibungen gelesen, die ihm Josh auf die Reise mitgegeben hatte.</p><p>Valdir steckte sich eine Zigarette an, w�hrend sie gemeinsam die Karte betrachteten. Er hatte seine Hausaufgaben gemacht. Am westlichen Rand der Karte in der N�he der bolivianischen Grenze waren vier rote Kreuze eingezeichnet.</p><p>�Dort leben Eingeborenenst�mme�, sagte er und wies auf die Kreuze. �Guato und Ipica.�</p><p>�Wie gro� sind die?� fragte Nate und beugte sich dicht �ber die Karte. Es war sein erster Blick auf das engere Gebiet, das er auf der Suche nach Rachel Lane durchforschen sollte.</p><p>�Das wei� niemand genau�, sagte Valdir sehr langsam und betont. Er gab sich gro�e M�he, den Amerikaner mit seinem Englisch zu beeindrucken. �Vor hundert Jahren gab es sehr viel mehr von ihnen. Aber mit jeder Generation nimmt die Zahl der Stammesangeh�rigen ab.�</p><p>�Wie viel Kontakt haben sie mit der Au�enwelt?� wollte Nate wissen.</p><p>� Sie kommen mit ihr kaum in Ber�hrung. Ihre Kultur ist in tausend Jahren unver�ndert geblieben. Sie treiben einen gewissen Handel mit den Besatzungen der Flussboote, haben aber nicht das Bed�rfnis, ihr Leben zu �ndern.�</p><p>�Und wei� man, wo sich die Missionare aufhalten?�</p><p>�Schwer zu sagen. Ich habe mit dem f�r den S�dteil des Mato Grosso zust�ndigen Gesundheitsminister gesprochen, den ich pers�nlich kenne. In seinem Ministerium hat man eine ungef�hre Vorstellung davon, wo die Missionare t�tig sind. Au�erdem habe ich Kontakt mit einem Vertreter der FUNAI aufgenommen, unserer f�r Indianerfragen zust�ndigen Beh�rde.� Valdir wies auf zwei der Kreuze. �Hier leben Guato. Wahrscheinlich leben dort Missionare.�</p><p>�Und sind ihre Namen bekannt?� fragte Nate, doch h�tte er sich die Frage ebenso gut sparen k�nnen. Einer weiteren Aktennotiz Joshs zufolge war Valdir der Name Rachel Lane nicht mitgeteilt worden. Man hatte ihm lediglich gesagt, dass die gesuchte Frau f�r World Tribes Missions arbeitete.</p><p>Valdir sch�ttelte l�chelnd den Kopf. �Das w�re zu einfach. Sie m�ssen verstehen, dass mindestens zwanzig</p><p>verschiedene amerikanische und kanadische Organisationen Missionare nach Brasilien entsandt haben. Es ist nicht schwer, in unser Land zu gelangen, und jeder kann sich hier ungehindert bewegen. Das gilt vor allem in den unentwickelten Gebieten. Niemand k�mmert sich so recht darum, wer sich da drau�en aufh�lt und was die Leute da treiben. Wir sind der Ansicht, wenn es Missionare sind, kann es nichts Schlechtes sein.�</p><p>Nate zeigte auf Corumba und dann auf das dem Ort am n�chsten liegende rote Kreuz. �Wie lange dauert es von hier bis da?�</p><p>�Kommt drauf an. Mit dem Flugzeug etwa eine Stunde. Mit dem Boot zwischen drei und f�nf Tagen.�</p><p>�Und wo ist dann mein Flugzeug?�</p><p>�So einfach ist das nicht�, sagte Valdir und holte eine weitere Karte hervor. Er entrollte sie und legte sie auf die erste. �Das ist eine topographische Karte des Pantanal, und das hier sind fazen-das.�</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Fazendas? Gro�e landwirtschaftliche Betriebe.�</p><p>�Ich dachte, das ist alles Sumpf.�</p><p>�Nein. Viele Gebiete liegen gerade hoch genug, dass man auf ihnen Viehzucht treiben kann. Die Fazendas hat man vor zweihundert Jahren angelegt. Sie werden nach wie vor von den pan-taneiros betrieben. Nur wenige von ihnen sind mit Booten zu erreichen, weshalb die Leute Kleinflugzeuge benutzen. Die Start-und Landepisten sind blau gekennzeichnet.�</p><p>Nate sah, dass es in der N�he der Indianergebiete nur sehr wenige solche Pisten gab.</p><p>Valdir fuhr fort: �Selbst wenn Sie dahin fliegen w�rden, m�ssten Sie anschlie�end mit einem Boot weiterfahren, um zu den Indianern zu gelangen.�</p><p>�Wie sehen diese Pisten aus?�</p><p>�Es sind Grasbahnen. Manchmal werden sie abgem�ht, manchmal nicht. Die K�he bereiten die gr��ten Schwierigkeiten.�</p><p>�Wieso das?�</p><p>�Nun ja, sie fressen gern Gras. Manchmal ist eine Landung schwierig, weil sie gerade die Landebahn abfressen.� Er sagte das ohne die geringste Absicht, witzig zu sein.</p><p>�Kann man die denn nicht verscheuchen?�</p><p>�Ja, wenn man wei�, dass jemand kommt. Aber es gibt keine Telefone.�</p><p>�Auf den Fazendas gibt es keine Telefone?�</p><p>�Nein. Sie liegen sehr abgeschieden.�</p><p>�Ich k�nnte also nicht einfach ins Pantanal fliegen und mir dann ein Boot mieten, um die Indianer zu suchen?� �Nein. Alle Flussboote sind hier in Corumba, und auch die F�hrer. �</p><p>Nate betrachtete aufmerksam die Karte, vor allem den Paraguay, der sich nordw�rts in Richtung auf die Indianersiedlungen zuschl�ngelte. Irgendwo an diesem Fluss, hoffentlich in seiner N�he, lebte inmitten dieses ungeheuer gro�en Schwemmlandes eine einfache Dienerin Gottes tagein, tagaus in Frieden und Ruhe vor sich hin, besch�ftigte sich nur wenig mit der Zukunft und h�tete still ihre Herde.</p><p>Sie musste er finden.</p><p>�Ich w�rde das Gebiet zumindest gern mal �berfliegen.�</p><p>Valdir rollte die Karte wieder zusammen, die sie zuletzt betrachtet hatten. �Ich kann ein Flugzeug und einen Piloten besorgen.�</p><p>�Und was ist mit einem Boot?�</p><p>�Ich versuche es. Wir befinden uns mitten in der Zeit des Hochwassers, da werden die meisten Boote gebraucht. Um diese Jahreszeit herrscht mehr Verkehr auf dem Fluss.�</p><p>Wie aufmerksam von Troy, sich w�hrend der Regenzeit umzubringen. Soweit er aus den ihm von der Kanzlei zur Verf�gung gestellten Unterlagen wusste, begannen die Regenf�lle im November und dauerten bis Februar. W�hrend dieser Zeit waren alle tiefliegenden Gebiete und viele der Fazendas �berschwemmt.</p><p>�Ich muss Sie aber darauf hinweisen�, sagte Valdir, w�hrend er sich eine weitere Zigarette ansteckte und auch die erste Karte zusammenfaltete, �dass das Fliegen nicht ungef�hrlich ist. Die Flugzeuge sind klein, und wenn es �rger mit den Motoren gibt, nun ja... � Er verstummte, w�hrend er die Augen rollte und die Achseln zuckte, als sei alle Hoffnung dahin.</p><p>�Was hei�t das?�</p><p>�Nun ja - es gibt nirgends eine M�glichkeit zur Notlandung. Vorigen Monat musste eine Maschine runter. Man hat sie in der N�he eines Flussufers gefunden, inmitten von Kaimanen.�</p><p>�Was war mit den Flugg�sten?� fragte Nate und f�rchtete die Antwort.</p><p>�Fragen Sie die Kaimane.�</p><p>�Lassen Sie uns von etwas anderem reden.�</p><p>�Noch etwas Kaffee?�</p><p>�Ja, gern.�</p><p>Valdir gab seiner Sekret�rin Anweisung, weiteren Kaffee zu bringen. Dann traten er und Nate ans Fenster und sahen auf den Verkehr hinaus. �Ich glaube, ich habe einen F�hrer f�r Sie gefunden�, sagte er.</p><p>�Gut. Kann er Englisch?�</p><p>�Ja, sogar sehr gut. Er ist noch jung, hat k�rzlich den Milit�rdienst hinter sich gebracht. Ein pr�chtiger Junge.</p><p>Sein Vater war Flusslotse.�</p><p>�Wie sch�n.�</p><p>Valdir trat an seinen Schreibtisch und nahm den H�rer ab. Die Sekret�rin brachte Nate ein weiteres T�sschen cafezinho, das er am Fenster stehend schl�rfte. Auf der anderen Stra�enseite lag ein kleines Lokal, vor dem unter einer Markise drei Tische auf dem Gehweg standen. Eine rote Reklame pries Antartica-Bier an. Zwei M�nner, die zwar ihre Jacketts abgelegt hatten, nicht aber ihre Krawatten, sa�en vor einer gro�en Flasche Antartica an einem Tisch. Es war eine vollkommene Situation - ein hei�er Tag, festliche Stimmung, ein kaltes Getr�nk, das zwei gute Freunde im Schatten sitzend gemeinsam einnahmen.</p><p>Mit einem Mal �berkam Nate ein Schwindelgef�hl. Die Bierreklame verschwamm ihm vor den Augen. Das Bild, das er gesehen hatte, verschwand, kam dann wieder. Sein Herz h�mmerte, und sein Atem stockte. Er hielt sich an der Fensterbank fest, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Da seine H�nde zitterten, stellte er die Kaffeetasse auf einen Tisch. Valdir stand hinter ihm und sagte etwas in schnellem Portugiesisch, ohne etwas zu merken.</p><p>Der Schwei� lief ihm in Str�men von der Stirn in die Augen. Er konnte das Bier schmecken. Er kam ins Rutschen. Ein Riss in der R�stung. Die Mauer der Entschlossenheit, die er in den letzten vier Monaten gemeinsam mit Sergio aufgebaut hatte, begann zu wanken. Nate holte tief Luft und konzentrierte sich. Der Moment w�rde vor�bergehen, das wusste er. Er hatte das schon oft erlebt.</p><p>Er nahm die Tasse und trank entschlossen den Kaffee, w�hrend Valdir auflegte und ihm mitteilte, dass der Pilot keine rechte Lust habe, am Heiligabend irgendwohin zu fliegen. Nate setzte sich wieder auf seinen Stuhl unter dem quietschenden Ventilator. � Bieten Sie ihm mehr Geld an�, sagte er.</p><p>Der nordamerikanische Anwalt Mr. Josh Stafford hatte Valdir bereits gesagt, dass bei diesem Unternehmen Geld keine Rolle spiele. �Er ruft mich in einer Stunde zur�ck�, sagte er.</p><p>Nate war zum Aufbruch bereit. Er nahm sein nagelneues Mobiltelefon heraus, und Valdir half ihm, einen Angestellten der Telefongesellschaft AT &amp; T aufzutreiben, der Englisch sprach. Um das Telefon auszuprobieren, w�hlte Nate Sergios Nummer und landete auf dessen Anrufbeantworter. Dann rief er seine Sekret�rin Alice an und w�nschte ihr fr�hliche Weihnachten.</p><p>Das Telefon funktionierte gl�nzend. Nate war sehr stolz darauf. Er dankte Valdir und verlie� das B�ro. Sie hatten vereinbart, vor dem Abend noch einmal miteinander zu reden.</p><p>Er ging auf den Fluss zu, der nur wenige H�userblocks von der Kanzlei entfernt lag. In einem kleinen Park stellten Arbeiter St�hle f�r ein weihnachtliches Konzert auf. Der Sp�tnachmittag war schw�l; Nates Hemd klebte ihm schwei�nass auf der Brust. Der kleine Vorfall in Valdirs Kanzlei hatte ihm mehr Angst eingejagt, als er sich eingestehen mochte. Er setzte sich auf die Kante eines Picknicktischs und starrte auf das gro�e Pantanal, das vor ihm lag. Ein verwahrlost wirkender Halbw�chsiger tauchte aus dem Nichts auf und wollte ihm Marihuana verkaufen. Er hatte es in winzigen T�tchen abgepackt, die er in einem kleinen h�lzernen Kasten bei sich trug. Nate winkte ab. Vielleicht in einem anderen Leben.</p><p>Ein Musiker begann seine Gitarre zu stimmen, und langsam sammelte sich eine Menschenmenge um ihn, w�hrend die Sonne hinter den nicht besonders fernen Bergen Boliviens versank.</p></section><section><title><p>ZW�LF</p></title><p>Das Geld tat seine Wirkung. Z�gernd erkl�rte sich der Pilot bereit zu fliegen, wollte aber auf jeden Fall fr�h aufbrechen, um gegen Mittag wieder in Corumba zu sein. Immerhin sei Heiligabend, er habe kleine Kinder und eine w�tende Frau. Valdir beschwichtigte ihn, machte Versprechungen und zahlte ihm einen betr�chtlichen Vo r-schuss in bar aus.</p><p>Auch Jevy, der F�hrer, mit dem Valdir schon seit einer Woche verhandelte, bekam einen Vorschuss. Er war vierundzwanzig Jahre alt, ledig, ein Gewichthebertyp mit kr�ftigen Armen. Als er federnden Schritts in die Hotelhalle trat, trug er einen verwegenen Hut, Shorts aus Jeansstoff, schwarze Soldatenstiefel und ein �rmelloses T-Shirt. In seinem G�rtel steckte ein blitzendes Bowie-Messer mit gut zwanzig Zentimeter langer Klinge, wohl f�r den Fall, dass er etwas h�uten musste. Er dr�ckte Nates Hand, dass es diesem vorkam, als splitterten seine Fingerkn�chel. �Born dia�, sagte er mit breitem L�cheln.</p><p>�Born dia�, erwiderte Nate mit vor Schmerz zusammengebissenen Z�hnen.</p><p>�Sprechen Sie Portugiesisch?� fragte Jevy.</p><p>�Nein, nur Englisch.�</p><p>�Kein Problem�, sagte er und lockerte endlich seinen t�dlichen Griff. �Ich spreche Englisch.� Zwar tat er das mit starkem Akzent, aber bisher hatte Nate jedes Wort verstanden. �Hab ich beim Milit�r gelernt�, sagte Jevy stolz.</p><p>Der Mann war Nate auf Anhieb sympathisch. Er nahm Nates Aktentasche und warf der jungen Frau hinter der Theke irgendeine flotte Bemerkung zu. Sie err�tete und wollte noch mehr h�ren.</p><p>Sein in dunklen Tarnfarben lackierter Ford Pickup Baujahr 1978 war das gr��te Fahrzeug, das Nate bisher in Corumba gesehen hatte. Mit seinen breiten Reifen, der Seilwinde auf der vorderen Sto�stange und den kr�ftigen</p><p>Schutzgittern vor den Scheinwerfergl�sern erweckte es den Eindruck, urwaldtauglich zu sein. Es hatte keine Kotfl�gel und keine Klimaanlage.</p><p>Mit lautem R�hren ging es durch die Stra�en der Stadt. Ohne auf Stoppschilder zu achten, scheuchte Jevy Autos und Motorr�der aus dem Weg, deren Fahrer nichts anderes im Sinn zu haben schienen, als seinem Panzer zu entkommen. Er verlangsamte die Fahrt lediglich an roten Ampeln. Die Auspuffanlage schien den L�rm des Motors so gut wie nicht zu d�mpfen, es war unklar, ob das Absicht war oder auf mangelnder Wartung beruhte. Trotz des H�llenl�rms wollte Jevy unbedingt ein Gespr�ch mit seinem Fahrgast f�hren, w�hrend er das Lenkrad wie ein Rennfahrer hin und her wirbelte. Nate, der kein Wort h�rte, l�chelte und nickte t�richt und bem�hte sich mit fest auf den Boden gestemmten F�ssen, auf seinem Platz zu bleiben. Mit der einen Hand hielt er sich am Fensterrahmen, mit der anderen umklammerte er den Griff der Aktentasche. An jeder Kreuzung drohte sein Herz stehen zubleiben.</p><p>Offensichtlich fuhr man hierzulande nach einem System, bei dem jeder die Vorschriften der Stra�enverkehrsordnung, sofern es eine solche gab, vollst�ndig au�er acht lie�. Trotzdem gab es kein Gemetzel und keine Unf�lle. Jeder, auch Jevy, brachte sein Fahrzeug jeweils im letzten Augenblick zum Stehen, lie� den anderen vorbei oder wich ihm aus.</p><p>Der Flugplatz war verlassen. Jevy stellte den Wagen in der N�he des kleinen Abfertigungsgeb�udes ab. Von dort gingen sie zu Fu� zur geteerten Start- und Landebahn, an deren Rand vier Kleinflugzeuge standen. Eines von ihnen wurde gerade abflugbereit gemacht. Da Jevy den Mann nicht kannte, stellte er sich und Nate auf portugiesisch vor. Der Name des Piloten klang so �hnlich wie Milton. Er wirkte freundlich, doch war ihm deutlich anzumerken, dass er am Heiligabend lieber nicht fliegen oder sonst wie arbeiten w�rde.</p><p>W�hrend sich die beiden Brasilianer miteinander unterhielten, nahm Nate das Flugzeug n�her in Augenschein.</p><p>Als erstes fiel ihm an der alten einmotorigen Cessna 206 auf, dass sie einen Anstrich ben�tigte. Das machte ihm gro�e Sorgen. Wenn au�en der Lack abbl�tterte, konnte es dann im Inneren viel besser au�ehen? Die Reifen waren glatt. Um das Motorgeh�use herum sah man �1flecken.</p><p>Das Auftanken nahm eine Viertelstunde in Anspruch, und der Start verz�gerte sich. Allm�hlich n�herte sich der Uhrzeiger der Zehn. Nate holte sein hochelegantes Mobiltelefon aus der tiefen Tasche seiner Khakishorts und rief Sergio an.</p><p>Sergio trank gerade Kaffee mit seiner Frau und machte Pl�ne f�r letzte Weihnachtseink�ufe. Wieder war Nate dankbar, dass er sich au�erhalb des Landes befand, fern von dem Festtagstrubel dort. An der Atlantikk�ste, erfuhr er, sei es nicht nur kalt, sondern sie h�tten auch Schneeregen. Nate versicherte Sergio, dass es ihm nach wie vor gl�nzend gehe; keine Probleme.</p><p>Ich habe den R�ckfall verhindert, dachte er. Er war mit frischer Entschlossenheit und Kraft aufgewacht; also erw�hnte er den fl�chtigen Augenblick der Schw�che Sergio gegen�ber erst gar nicht. Das h�tte er zwar eigentlich tun m� ssen, aber warum sollte er Sergio beunruhigen?</p><p>W�hrend sie sich unterhielten, glitt die Sonne hinter eine dunkle Wolke, und vereinzelte Regentropfen fielen vom Himmel. Nate merkte es kaum und beendete das Gespr�ch nach dem �blichen �Frohe Weihnachten�.</p><p>Der Pilot erkl�rte, dass er bereit sei. �F�hlen Sie sich sicher?� fragte Nate Jevy, w�hrend sie die Aktentasche und einen Rucksack ins Flugzeug hievten.</p><p>Lachend erwiderte Jevy: �Was meinen Sie! Der Mann hier hat vier kleine Kinder und, wie er sagt, eine h�bsche Frau. Warum sollte er sein Leben aufs Spiel setzen?�</p><p>Jevy wollte Flugstunden nehmen und nahm daher gern auf dem Sitz rechts neben Milton Platz. Das war Nate nur recht. Er hockte hinter den beiden in einem engen Sitz, Bauch- und Schultergurte so fest wie m�glich gezurrt. Z�gernd, f�r Nates Geschmack zu z�gernd, sprang der Motor an. In der kleinen Kabine war es wie in einem Backofen, bis Milton sein Fenster aufschob. Die vom Propeller erzeugten Luftwirbel verhalfen ihnen zu frischer Atemluft. Die Cessna rollte h�pfend ans Ende der Startbahn. Platz war genug, denn es gab keinerlei Verkehr. Als die Maschine abhob, klebte Nate das Hemd auf der Brust, und Schwei� lief ihm �ber den R�cken.</p><p>Schon bald lag die Stadt unter ihnen. Sie sah von oben besser aus als vom Boden, denn aus der Luft wirkten die an den Stra�en aufgereihten H�user sauber und ordentlich. Im Zentrum herrschte so starker Verkehr, dass sich die Autos stauten. Fu�g�nger eilten �ber die Stra�en. Corumba, das allm�hlich hinter ihnen zur�ckblieb, w�hrend die Maschine an H�he gewann, lag auf einem Felsvorsprung �ber dem Paraguay, dem sie nach Norden folgten. Hier und da sah man Wolken. Sie sp�rten eine leichte Turbulenz.</p><p>Als sie in einer H�he von zw�lfhundert Metern eine gro�e unheilverk�ndende Wolke durchflogen hatten, lag mit einem Mal das Pantanal in all seiner Majest�t unter ihnen. Im Osten und Norden wand sich ein Dutzend kleiner Wasserl�ufe in Spiralen um- und durcheinander, ohne irgendwo zu enden; sie verbanden eine Sumpffl�che mit hundert anderen. Da die Fl�sse Hochwasser f�hrten, gingen sie an manchen Stellen ineinander �ber. Das Wasser wies unterschiedliche Farbschattierungen auf: Sie reichten vom Gr�n der tieferen T�mpel bis hin zum Dunkelblau der stehenden Gew�sser in den Sumpfgebieten und waren an manchen Stellen mit starkem Bewuchs sogar schwarz. Die lehmige Erde, welche die kleineren Nebenfl�sse mit sich f�hrten, hatte sie r�tlich gef�rbt, wohingegen der breite Paraguay tiefbraun wie Schokolade war. Am Horizont zeigte sich das Wasser blau, soweit das Auge reichte, und die Erde war dort gr�n.</p><p>W�hrend Nate seinen Blick ost- und nordw�rts schweifen lie�, sahen die beiden Brasilianer nach Westen, zu den fernen Bergen Boliviens hin�ber. Eine Handbewegung Jevys erregte Nates Aufmerksamkeit. Hinter den Bergen war der Himmel deutlich dunkler.</p><p>Eine Viertelstunde nach dem Start sah Nate die erste menschliche Ansiedlung, ein Geh�ft ganz in der N�he des Paraguay. Das Wohnhaus war klein und ordentlich, mit dem �blichen Dach aus roten Ziegeln. Wei�e K�he grasten auf einer Weide und gingen am Flussufer zur Tr�nke. Au�er der W�sche, die an einer Leine in der N�he des Hauses hing, gab es keinen Hinweis auf die Gegenwart von Menschen - kein Fahrzeug, keine Freileitung, keine Fernsehantenne. Ein kleiner eingefriedeter quadratischer Garten lag ein St�ck weit vom Haus entfernt am Ende eines unbefestigten Weges. Als das Flugzeug in eine Wolke hineinflog, entschwand die Farm ihren Blicken. Weitere Wolken folgten. Sie wurden dichter, und Milton ging auf knapp tausend Meter herunter, um sich unter ihnen zu halten. Jevy hatte ihm gesagt, dass Nate sich das Gebiet ansehen wolle und er daher so tief wie m�glich bleiben m�sse. Die erste Ansiedlung der Guato lag etwa eine Flugstunde von Corumba entfernt.</p><p>Als sie einige Minuten lang den Fluss verlie�en, �berflogen sie eine Fazenda. Jevy entfaltete seine Karte, beschrieb mit einem Finger einen Kreis um etwas herum und reichte sie Nate nach hinten. �Fazenda da Prata�, sagte er und zeigte nach unten. Auf der Karte hatten alle Fazendas Namen, ganz so, als w�ren es gro�e Herrensitze. In Wahrheit wirkte die Fazenda da Prata nicht viel gr��er als das erste Geh�ft, das Nate gesehen hatte. Es gab lediglich mehr K�he, einige kleine Nebengeb�ude, und das Wohnhaus war etwas gr��er. Au�erdem sah man einen langen geraden Landstreifen, von dem Nate erst nach einer Weile begriff, dass es sich um eine Start- und Landepiste handelte. Es gab dort keinen Fluss in der N�he und mit Sicherheit keine Stra�en. Man konnte nur auf dem Luftweg dorthin gelangen.</p><p>Die ostw�rts ziehenden dunklen Wolken im Westen bereiteten Milton immer gr��ere Sorgen. Da die Maschine nach Norden flog, schien ein Zusammentreffen unausweichlich. Jevy drehte sich um und rief Nate zu: �Ihm gef�llt der Himmel dort dr�ben nicht.�</p><p>Das konnte Nate gut verstehen, aber er war nicht der Pilot. Da ihm nichts einfiel, was er darauf h�tte sagen k�nnen, zuckte er die Achseln.</p><p>�Wir behalten die Sache ein paar Minuten im Auge�, sagte Jevy. Milton erkl�rte, es sei das beste, umzukehren. Nate wollte zumindest die Indianersiedlungen sehen. Noch hatte er die schwache Hoffnung nicht aufgegeben, er k�nne einfach dort hinfliegen, Rachel aufsuchen und vielleicht mit nach Corumba nehmen, wo man sich bei einem Mittagessen in einem netten Restaurant �ber den Nachlass ihres Vaters unterhalten konnte. Diese schwache Hoffnung schwand rasch.</p><p>Mit einem Hubschrauber m�sste es vielleicht gehen. Bestimmt konnte Josh als Nachla�verwalter die Kosten daf�r aufbringen. Sobald Jevy die richtige Indianersiedlung und die richtige Stelle f�r eine Landung fand, w�rde Nate einen Hubschrauber mieten.</p><p>Er gab sich Tagtr�umen hin.</p><p>Wieder �berflogen sie eine kleine Fazenda, diesmal nahe am Paraguay. Regentropfen prallten gegen die Scheiben der Kabine, und Milton ging auf sechshundert Meter herunter. Links von ihnen zeigte sich ganz in der N�he eine majest�tische Bergkette, und unter ihnen schl�ngelte sich der Fluss durch dichte Waldgebiete.</p><p>�ber die Gipfel des Gebirges raste die Gewitterfront heran. Mit einem Mal war der Himmel viel dunkler als zuvor, und B�en beutelten die Cessna so heftig, dass sie durchsackte, wobei Nate mit dem Kopf ans Kabinendach schlug. Angst packte ihn.</p><p>�Wir kehren um�, rief ihm Jevy zu. Nate h�tte nichts dagegen gehabt, wenn Jevys Stimme gelassener geklungen h�tte. Auf Miltons Gesicht war keine Regung zu erkennen, aber die l�ssige Flieger-Sonnenbrille war verschwunden, und Schwei� bedeckte seine Stirn. Die Maschine machte einen scharfen Schwenk nach rechts, ostw�rts, dann s�dostw�rts. Als die Kehre nach S�den vollzogen war, erwartete sie ein Anblick, der Nates Herz stocken lie�. Auch in Richtung Corumba war der Himmel schwarz.</p><p>Damit wollte Milton nichts zu tun haben. Rasch drehte er nach Osten ab und sagte etwas zu Jevy.</p><p>�Wir k�nnen nicht nach Corumba zur�ck�, br�llte Jevy nach hinten. �Er will Ausschau nach einer Fazenda halten. Da landen wir und warten, bis die Gewitterfront vorbei ist.� Seine Stimme war schrill und besorgt, der Akzent, mit dem er sprach, deutlicher ausgepr�gt als vorher.</p><p>Nate nickte, so gut er konnte. Sein Kopf flog von einer Seite auf die andere, vom Schlag ans Kabinendach hatte er Kopfschmerzen. Au�erdem sp�rte er, wie sich sein Magen hob.</p><p>Einige Minuten lang sah es so aus, als k�nne die Cessna das Rennen gewinnen. Na klar, dachte Nate, ein Flugzeug, ganz gleich, ob klein oder gro�, kann einem Gewitter auf jeden F all davonfliegen. Er rieb sich den Sch�del und verkniff es sich, nach unten zu sehen. Doch jetzt kamen die dunklen Wolken von beiden Seiten.</p><p>Was f�r ein zur�ckgebliebener, hirnrissiger Pilot war das eigentlich, dass er ohne den geringsten Blick auf das Wetterradar einen Flug antrat? Andererseits war das Radar, immer vorausgesetzt, die Leute hatten �berhaupt eins, wahrscheinlich zwanzig Jahre alt und bereits wegen der Feiertage abgeschaltet.</p><p>Die Winde umtosten das Kleinflugzeug, und der Regen h�mmerte gegen Scheiben und Rumpf. Dichte Wolken zogen vor�ber. Die Gewitterfront holte sie ein, �berholte sie, und die Maschine wurde von einer Seite zur anderen geschleudert, tanzte auf und ab. Volle zwei Minuten lang gehorchte sie wegen der Turbulenzen dem Steuer nicht. Es war eher ein Ritt auf einem Mustang als ein Flug durch die Wolken.</p><p>Bei einem Blick aus dem Fenster merkte Nate, dass nichts zu sehen war: weder Wasser noch Sumpf, und erst recht keine freundliche kleine Fazenda mit einer Landebahn. Er lie� sich noch tiefer in seinen Sitz sinken. Mit zusammengebissenen Z�hnen nahm er sich vor, sich auf keinen Fall zu �bergeben.</p><p>Als die Maschine in einem Luftloch in weniger als zwei Sekunden drei�ig Meter durchsackte, stie�en alle drei M�nner Verw�nschungen aus. Die Angst in der Kabine war geradezu mit H�nden zu greifen.</p><p>Dann trat eine sehr kurze Pause ein, in der die Luft stillzustehen schien. Milton schob den Steuerkn�ppel nach vorn und zog die Maschine steil nach unten. Nate hielt sich mit beiden H�nden an der R�ckenlehne vor ihm fest und kam sich zum ersten und hoffentlich einzigen Mal in seinem Leben wie ein Kamikazeflieger vor. Sein Herz raste, sein Magen schien ihm in der Kehle zusitzen. Er schloss die Augen und dachte an Sergio und an den Yogalehrer von Walnut Hill, der ihm Beten und Meditieren beigebracht hatte. Er versuchte beides, aber das erwies sich f�r jemanden, der in einem zu Boden st�rzenden Flugzeug gefangen sa�, als unm�glich. Der Tod war nur noch Sekunden entfernt.</p><p>Ein Donnerschlag unmittelbar �ber der Cessna bet�ubte und ersch�tterte sie bis ins Mark. Es war, als h�tte man in einem dunklen Zimmer ein Gewehr abgefeuert. Nate hatte den Eindruck, seine Trommelfelle w�ren geplatzt.</p><p>In hundertf�nfzig Metern H�he fing Milton die Maschine ab. Der Sturzflug war zu Ende, die B�en aber nicht. �Halten Sie Ausschau nach einer Fazenda\� schrie Jevy vom Vordersitz, und Nate sah z�gernd hinaus. Regen und Sturm h�mmerten auf den Boden unter ihnen. Die B�ume schwankten, und auf den Wasserfl�chen tanzten Schaumkronen. Jevy suchte auf der Karte herum, aber sie hatten nicht die geringste Vorstellung davon, wo sie sich befanden.</p><p>Der wei� wie Gischt herabstr�mende Regen verminderte die Sicht auf hundert, vielleicht zweihundert Meter. Mitunter konnte Nate den Boden kaum erkennen. Wahre Sturzb�che von Regen umgaben sie, die der orkanartige Wind seitw�rts trieb. Wie ein Kinderdrachen tanzte das Flugzeug durch die Luft. Milton bem�hte sich mit allen Kr�ften, die Herrschaft �ber die Maschine zu behalten, w�hrend Jevy verzweifelt in alle Richtungen sp�hte. Sie waren nicht bereit, kampflos unterzugehen.</p><p>Aber Nate gab auf. Wie wollte jemand sicher landen, der nicht einmal den Boden sehen konnte? Das Gewitter hatte seinen H�hepunkt noch vor sich. Alles war aus.</p><p>Er dachte nicht daran, mit Gott zu feilschen. Das Schicksal, das ihn erwartete, hatte er mit seinem Lebenswandel verdient. Hunderte von Menschen kommen jedes Jahr bei Flugzeugabst�rzen um; er war nicht besser als andere. Unmittelbar unter ihnen sah er ein St�ck Fluss, und mit einem Mal fielen ihm die Kaimane und Anakondas ein.</p><p>Die Vorstellung einer Notlandung im Sumpf erf�llte ihn mit Entsetzen. Er sah sich schon schwer verletzt ums �berleben k�mpfen, stellte sich vor, wie er versuchte, das verdammte Satellitentelefon in Gang zu setzen, w�hrend er gleichzeitig hungrige Reptilien abwehrte.</p><p>Ein erneuter Donnerschlag ersch�tterte die Kabine. Nate beschloss, jetzt doch zu k�mpfen. Er sp�hte im vergeblichen Bem�hen unter sich, eine Fazenda zu entdecken. Ein Blitz blendete sie einen Augenblick lang. Der Motor geriet ins Stottern und w�re fast stehen geblieben, fing sich dann und lief weiter. Milton ging auf hundertzwanzig Meter herunter. Unter normalen Umst�nden war das im Pantanal eine sichere Flugh�he. Zumindest brauchte man sich dort keine Sorgen wegen H�geln oder anderen Bodenerhebungen zu machen.</p><p>Nate zerrte seinen Schultergurt noch fester und �bergab sich dann zwischen die Beine. Es war ihm nicht im geringsten peinlich. Er sp�rte nichts als nacktes Entsetzen.</p><p>Die Dunkelheit verschlang sie. Milton und Jevy wurden so durchgesch�ttelt, dass sie mit den Schultern aneinander stie�en. Immer wieder gaben sie br�llende Laute von sich, w�hrend sie sich bem�hten, die Herrschaft �ber das Flugzeug nicht zu verlieren. Die Karte hing Jevy zwischen den Beinen, sie war mittlerweile v�llig nutzlos.</p><p>Die Gewitterfront schob sich jetzt auch unter sie. Milton ging auf sechzig Meter herunter, so dass man hin und wieder einen Blick auf den Boden erhaschen konnte. Eine B� schleuderte die Cessna buchst�blich beiseite, und Nate begriff, wie hilflos sie waren. Er sah etwas Wei�es unter sich, schrie und zeigte hin. �Eine Kuh, eine Kuh!� Jevy br�llte Milton das portugiesische Wort ins Ohr.</p><p>In so dichtem Regen, dass er ihnen jegliche Sicht nahm, gingen sie durch die Wolken auf f�nfundzwanzig Meter herunter und flogen unmittelbar �ber das rote Dach eines Hauses. Erneut schrie Jevy etwas und wies nach rechts. Die Landebahn kam Nate nicht l�nger vor als eine Garagenauffahrt in einer Vorstadtsiedlung. Vermutlich war eine Landung dort sogar bei gutem Wetter ein gef�hrliches Unterfangen. Aber ihnen blieb keine Wahl. Im Fall einer Bruchlandung waren zumindest Menschen in der N�he.</p><p>F�r eine Landung mit dem Wind war es zu sp�t, und so wendete Milton mit gr��ter Anstrengung, um gegen den Wind heruntergehen zu k�nnen. Die B�en schleuderten sie hierhin und dorthin, und es kam Nate vor, als stehe die Cessna �ber dem Boden still. Wegen des dichten Regens betrug die Sicht inzwischen fast null. Nate beugte sich vor, um die Landebahn sehen zu k�nnen, erkannte aber lediglich Wasserstr�me auf der Windschutzscheibe. In f�nfzehn Meter H�he wurde die Cessna zur Seite geschleudert. Milton fing sie ab und brachte sie wieder in die richtige Lage. Jevy br�llte: �Vacas! Vacas!� Nate begriff sofort, dass er damit K�he meinte. Er sah sie ebenfalls. Es gelang ihnen, der ersten aus-zuweichen.</p><p>In dem sich wirr abspulenden Film, den Nate wahrnahm, bevor die Maschine aufschlug, sah er einen Jungen mit einem Stock, der angstvoll und klatschnass durch das hohe Gras wankte, und eine Kuh, die davonlief. Er sah, wie sich Jevy in seinem Sitz feststemmte, w�hrend er mit wildem Blick nach vorn starrte. Sein Mund war weit ge�ffnet, aber kein Laut kam heraus.</p><p>Sie setzten auf dem Gras auf, rollten aber weiter. Es war eine sehr harte Landung, aber kein Absturz, und in diesem Sekundenbruchteil hoffte Nate, dass sie nicht sterben w�rden. Eine weitere B� hob sie einige Meter hoch, dann setzte die Maschine erneut auf.</p><p>�Vaca! Vaca!�</p><p>Der Propeller erfasste eine gro�e Kuh, die neugierig stehen geblieben war. Die Maschine wurde herumgerissen, alle Scheiben fielen heraus, alle drei M�nner schrien ihre letzten Worte.</p><p>Als Nate zu sich kam, merkte er, dass er blut�berstr�mt war. Er lag auf der Seite, hatte entsetzliche Angst, aber er lebte. Mit einem Mal fiel ihm auf, dass es immer noch regnete. Der Wind heulte durch das Flugzeug. Milton und Jevy lagen mit wirr ineinander verschlungenen Gliedma�en aufeinander, bewegten sich aber ebenfalls und versuchten sich aus den Gurten zu befreien.</p><p>Nate steckte den Kopf zum Fenster hinaus. Das Flugzeug lag seitw�rts auf einer abgeknickten Tragfl�che. Alles war mit Blut bedeckt, das aber stammte von der Kuh und nicht von den Menschen in der Kabine. Der Regen, der immer noch in dichten Str�men herunterkam, wusch es rasch ab.</p><p>Der Junge mit dem Stock f�hrte sie zu einem kleinen Stallgeb�ude nahe der Landebahn. In Sicherheit vor dem Gewitter lie� sich Milton auf die Knie nieder und murmelte ein aufrichtiges Gebet zur Jungfrau Maria vor sich hin. Nate sah ihm zu und betete sozusagen mit ihm.</p><p>Niemand war ernsthaft verletzt. Milton hatte eine leichte Schnittwunde auf der Stirn. Jevys rechtes Handgelenk war geschwollen. Sp�ter w�rden ihnen wahrscheinlich alle Knochen im Leibe weh tun.</p><p>Sie sa�en lange auf dem nackten Boden, sahen in den Regen hinaus, h�rten den Wind, dachten an das, was h�tte geschehen k�nnen, und schwiegen.</p></section><section><title><p>DREIZEHN</p></title><p>Der Besitzer der Kuh tauchte etwa eine Stunde sp�ter auf, als das Unwetter allm�hlich nachlie� und es eine Weile nicht regnete. Er war barfuss, trug ausgebleichte Shorts aus Jeansstoff und ein fadenscheiniges T-Shirt mit der Aufschrift Chicago Bulls. Er hie� Marco und war nicht vom weihnachtlichen Geist erf�llt.</p><p>Er schickte den Jungen weg und begann dann mit Jevy und Milton heftig �ber den Wert des get�teten Tiers zu streiten. Milton machte sich mehr Sorgen um sein Flugzeug und Jevy um sein geschwollenes Handgelenk. Nate stand am Fenster und fragte sich, wieso er eigentlich, voll blauer Flecken und mit dem Blut einer Kuh bedeckt, am Heiligabend mitten in der brasilianischen Wildnis herumstand und sich anh�rte, wie drei M�nner in einer fremden Sprache wild aufeinander einredeten. Auf diese Frage gab es keine eindeutige Antwort. Dabei konnte er noch von Gl�ck sagen, dass er am Leben war.</p><p>Nach den anderen K�hen zu urteilen, die in der N�he weideten, konnte das Tier nicht viel wert gewesen sein.</p><p>�Ich zahl f�r das verdammte Ding�, sagte Nate zu Jevy.</p><p>Jevy fragte den Mann, wie viel er haben wolle, und dieser sagte: �Hundert Reais.� Also hundert Dollar. Diesen Betrag war es Nate allein schon wert, dass Marco mit Lamentieren aufh�rte.</p><p>�Ich zahl es. Nimmt er auch American Express?� fragte er, aber der Witz fand keine Resonanz.</p><p>Die Abmachung wurde besiegelt, und der Mann verwandelte sich in ihren Gastgeber. Er f�hrte sie in sein Haus, wo eine kleine barf�ssige Frau, die sie l�chelnd und wortreich willkommen hie�, gerade das Mittagessen zubereitete. Aus naheliegenden Gr�nden waren im Pantanal G�ste etwas Unbekanntes, und als die Leute begriffen, dass Nate aus den Vereinigten Staaten kam, riefen sie die Kinder herbei. Der Junge mit dem Stock hatte zwei Br�der, und seine Mutter forderte alle drei auf, sich Nate gut anzusehen, weil er Amerikaner war.</p><p>Sie nahm die Hemden der M�nner und weichte sie in einem Waschbecken voll Regenwasser in Seifenlauge ein. Ohne sich wegen ihres blo�en Oberk�rpers zu genieren, a�en sie an einem runden Tisch schwarze Bohnen mit Reis. Nate war stolz auf seine deutlich sichtbaren Armmuskeln und seinen flachen Bauch. Jevys K�rper sah aus wie der eines Gewichthebers. Der arme Milton n�herte sich erkennbar dem mittleren Lebensalter, was ihm aber nichts auszumachen schien.</p><p>W�hrend des Essens sagten die drei nur sehr wenig. Der Schrecken der Bruchlandung sa� ihnen noch in den Knochen. Die Kinder hockten auf dem Fu�boden neben dem Tisch, a�en Fladenbrot und Reis und lie�en Nate nicht aus den Augen.</p><p>Einen halben Kilometer weiter gab es ein Fl�sschen, und Marco hatte ein Boot mit Au�enbordmotor. Bis zum Paraguay waren es f�nf Stunden. Vielleicht hatte er genug Benzin, vielleicht auch nicht. Aber alle drei M�nner konnte er in seinem Boot auf keinen Fall unterbringen. Als sich der Himmel aufhellte, gingen Nate und die Kinder zu dem besch�digten Flugzeug hin�ber und holten seine Aktentasche heraus. Auf dem Weg dorthin brachte er ihnen bei, auf englisch bis zehn zu z�hlen, und sie brachten es ihm auf portugiesisch bei. Es waren reizende Jungen, anfangs zwar au�erordentlich sch�chtern, doch tauten sie von Minute zu Minute mehr auf. Nate erinnerte sich daran, dass es Heiligabend war. Ob der Weihnachtsmann auch ins Pantanal kam? Zu erwarten schien ihn niemand.</p><p>Auf einem glatten Baumstumpf im Garten vor dem Haus holte Nate vorsichtig das Satellitentelefon heraus und machte es betriebsfertig. Die Sende- und Empfangsantenne nahm eine Fl�che von nicht einmal einem Zehntel Quadratmeter ein, und das Ger�t selbst war nicht gr��er als ein Laptop. Beide wurden durch ein Kabel miteinander verbunden. Nate schaltete das Telefon ein, gab seine pers�nliche Geheimzahl ein und drehte dann langsam die Antenne, bis sie das Signal des Astar-East-Satelliten auffing, der irgendwo in der N�he des �quators hundertf�nfzig Kilometer �ber dem Atlantik stand. Ein deutliches Piepen zeigte ein starkes Signal an, und Marco und seine Familie dr�ngten sich noch dichter um Nate. Er fragte sich, ob sie je ein Telefon gesehen hatten.</p><p>Jevy nannte ihm die Telefonnummer von Miltons Wohnung in Corumba. Nate gab eine Ziffer nach der anderen ein und wartete dann mit angehaltenem Atem. Falls der Ruf nicht durchging, w�rden sie �ber Weihnachten bei Marco und seiner Familie festsitzen. Das Haus war klein; Nate nahm an, dass er dann im Stall w�rde schlafen m�ssen. Super.</p><p>Die Alternative bestand darin, Jevy und Marco mit dem Boot loszuschicken. Es war jetzt fast ein Uhr mittags.</p><p>Sie w�rden also den Paraguay, immer vorausgesetzt, es war genug Benzin da, kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Dort mussten sie dann Hilfe finden, was Stunden dauern konnte. Sofern das Benzin nicht ausreichte, w�rden sie irgendwo mitten im Pantanal liegen bleiben. Jevy hatte gegen diese Variante zwar nicht gerade aufbegehrt, aber es unterst�tzte sie auch niemand nachhaltig.</p><p>Man musste auch andere Faktoren ber�cksichtigen. Marco war es nicht recht, so sp�t am Tag noch aufzubrechen. Normalerweise verlie� er das Haus bei Sonnenaufgang, wenn er zum Paraguay fuhr, um Handel zu treiben. Zwar konnte man m�glicherweise bei einem Nachbarn Marcos, der eine Stunde entfernt lebte, Benzin auftreiben, aber sicher war das nicht.</p><p>�Oi�, ert�nte eine Frauenstimme im Lautsprecher, und alle l�chelten. Nate gab Milton das Telefon, der seine Frau begr��te und ihr dann das betr�bliche Missgeschick schilderte. Jevy dolmetschte fl�sternd. Die Kinder bestaunten sein Englisch.</p><p>Eine gewisse Erregung kam in die Unterhaltung, dann brach das Gespr�ch pl�tzlich ab. �Sie sucht eine Telefonnummer von einem Piloten, den Milton kennt�, erkl�rte Jevy. Dann war die Nummer gefunden. Milton versprach seiner Frau, zum Abendessen zu Hause zu sein, und legte auf.</p><p>Der Pilot war nicht zu Hause. Seine Frau sagte, er habe beruflich in Campo Grande zu tun, werde aber noch vor Einbruch der Dunkelheit zur�ckkehren. Milton erkl�rte, wo er sich befand, und sie suchte weitere Telefonnummern heraus, unter denen ihr Mann vielleicht zu erreichen war.</p><p>�Sagen Sie ihm, dass er schnell reden soll�, bat Nate Jevy, w�hrend er eine weitere Nummer eingab. �Die Batterie h�lt nicht ewig.�</p><p>Unter der n�chsten Nummer meldete sich niemand. Bei der �bern�chsten erkl�rte der Pilot, dass seine Maschine gerade repariert wurde. Dann riss die Verbindung ab.</p><p>Erneut waren Wolken aufgezogen.</p><p>Nate sah ungl�ubig zum sich verdunkelnden Himmel hinauf. Milton war den Tr�nen nahe.</p><p>Die Kinder spielten drau�en im k�hlen Regen, der rasch vor�berzog. W�hrenddessen sa�en die Erwachsenen auf der Veranda und sahen ihnen schweigend zu.</p><p>Jevy hatte noch einen Plan. Am Stadtrand von Corumba gab es eine Kaserne. Zwar hatte er nicht dort gedient, kannte aber einige der dort stationierten Offiziere vom Gewichtheben. Als der Himmel wieder klar war, kehrten sie zum Baumstumpf zur�ck und dr�ngten sich um das Telefon. Jevy rief einen Bekannten an, der ihm Telefonnummern heraussuchte.</p><p>Das Heer besa� Hubschrauber, und immerhin ging es hier um die Bruchlandung eines Flugzeugs. Als sich der Offizier meldete, an den der Anruf weitergegeben worden war, erkl�rte Jevy rasch, worum es sich handelte, und bat um Hilfe.</p><p>F�r Nate war es eine Qual, Jevy zu beobachten. Er verstand kein Wort, begriff aber aufgrund von Jevys K�rpersprache, was ablief. L�cheln und Stirnrunzeln, dringliches Bitten, entt�uschte Pausen, dann die Wiederholung all dessen, was bereits gesagt worden war.</p><p>Als Jevy fertig war, sagte er zu Nate: �Er will mit seinem Kommandanten sprechen. Ich soll ihn in einer Stunde wieder anrufen.�</p><p>Die Stunde dehnte sich wie eine Woche. Die Sonne zeigte sich wieder am Himmel und trocknete das nasse Gras. Die Luftfeuchtigkeit war erdr�ckend. Nate, der nach wie vor kein Hemd trug, merkte, dass er einen Sonnenbrand bekam.</p><p>Sie zogen sich in den Schatten eines Baums zur�ck. Die Frau des Hauses sah nach den Hemden, die beim letzten Schauer drau�en h�ngen geblieben waren. Sie waren immer noch nass.</p><p>Jevy und Milton, deren Haut deutlich dunkler war als Nates, machte die Sonne nichts aus, und auch Marco k�mmerte sich nicht weiter darum. Als die drei zum Flugzeug hin�bergingen, um sich den Schaden genauer zu besehen, blieb Nate in der Sicherheit des Schattens zur�ck. Die Hitze des Nachmittags war erdr�ckend. Er sp�rte Schmerzen in Brust und Schultern und fand, dass ein kleines Nickerchen nichts schaden k�nnte. Aber die Jungen hatten anderes im Sinn. Nach einer Weile wusste er auch, wie sie hie�en. Luis, der Sekunden vor ihrer Landung die Kuh von der Bahn getrieben hatte, war der �lteste, Oli der mittlere und Tomas der j�ngste. Mit Hilfe des Sprachf�hrers aus seiner Aktentasche �berwand Nate allm�hlich die Sprachbarriere. Hallo! Wie geht es dir? Wie hei�t du? Wie alt bist du? Guten Tag. Die Jungen wiederholten die portugiesischen S�tze, so dass Nate die richtige Au�prache lernen konnte, dann mussten sie es auf englisch sagen.</p><p>Jevy kehrte mit Karten zur�ck, und sie riefen wieder auf dem St�tzpunkt an. Das Heer schien einer Hilfsexpedition nicht abgeneigt zu sein. Milton wies auf eine Karte und sagte: �Fazenda Esperanqa.� Jevy wiederholte die Worte mit gro�er Begeisterung, die aber schon Sekunden sp�ter abflaute. Dann legte er auf. �Er kann den Kommandanten nicht finden�, sagte er auf englisch, bem�ht, seine Stimme hoffnungsvoll klingen zu lassen. �Sie</p><p>wissen ja, es ist Weihnachten.�</p><p>Weihnachten im Pantanal. F�nfunddrei�ig Grad im Schatten und �ber f�nfundneunzig Prozent Luftfeuchtigkeit. Sengende Hitze und kein Sonnenschutzmittel. Heimt�ckische Insekten aller Art und keinerlei Mittel dagegen. Fr�hliche Kinder, die nicht damit rechnen durften, irgendein Spielzeug zu bekommen. Keine Musik, weil es keinen Strom gab. Kein Weihnachtsbaum. Kein Festessen, kein Wein, kein Champagner.</p><p>Das hier ist ein Abenteuer, wiederholte sich Nate immer wieder. Wo bleibt dein Sinn f�r Humor?</p><p>Er packte das Telefon wieder in seinen Kasten und verschloss ihn. Milton und Jevy gingen noch einmal zum Flugzeug hin�ber. Die Frau kehrte ins Haus zur�ck. Marco hatte etwas hinter dem Haus zu tun. Nate suchte erneut den Schatten auf und �berlegte, wie h�bsch es w�re, bei einem Glas Schampus nur eine einzige Strophe von �White Christmas� zu h�ren.</p><p>Luis tauchte mit drei Pferden auf, die struppiger waren als alles, was Nate je gesehen hatte. Eins trug einen Sattel, ein Marterwerkzeug aus Leder und Holz. Das leuchtend orangefarbene Kissen darunter schien aus einem alten zotteligen Teppich herausgeschnitten zu sein. Wie sich zeigte, war der Sattel f�r Nate bestimmt. Ohne die geringste M�he sprangen Luis und Oli auf ihre ungesattelten Pferde, waren im Nu oben und sa�en v�llig sicher. Nate betrachtete sein Pferd. �Onde?� fragte er. Wohin?</p><p>Luis zeigte auf einen Pfad. Aus den beim Mittagessen und danach gef�hrten Gespr�chen wusste Nate, dass der Pfad zum Fluss f�hrte, an dem Marcos Boot lag.</p><p>Warum nicht? Es war ein Abenteuer. Was sonst h�tte er tun k�nnen, w�hrend sich die Stunden dahinschleppten? Er holte sein Hemd von der W�scheleine und schaffte es dann, sein armes Pferd zu besteigen, ohne herunterzufallen oder sich zu verletzen.</p><p>Ende Oktober waren er und einige andere Insassen von Walnut Hill an einem sch�nen Sonntag durch das Blue-Ridge-Gebirge geritten und hatten die Farbenpracht des Herbstes in sich aufgenommen. Zwar hatte er damals seine Oberschenkel und sein Hinterteil noch eine ganze Woche lang schmerzhaft gesp�rt, aber seine Angst vor den Tieren �berwunden. Jedenfalls mehr oder weniger.</p><p>Er k�mpfte mit den Steigb�geln, bis seine F��e fest darin steckten, dann fasste er das Tier am Zaum, damit es stillhielt. Die Jungen sahen �u�erst belustigt zu und trabten dann davon. Auch Nates Pferd setzte sich schlie�lich in langsamen Trab, wobei ihn jeder Schritt zwischen den Beinen schmerzte und ihn von einer Seite zur anderen warf. Da er es vorzog, dass es im Schritt ging, riss er am Zaum, und das Tier verlangsamte das Tempo. Die Jungen kamen im gro�en Bogen zur�ckgeritten und lie�en ihre Pferde neben ihm ebenfalls in Schritt fallen.</p><p>Der Pfad f�hrte �ber eine kleine Kuhweide und machte eine Biegung, so dass das Haus bald nicht mehr zu sehen war. Vor ihnen lag Wasser - ein Sumpfgebiet, wie Nate zahllose aus der Luft gesehen hatte. Die Jungen schreckte das nicht. Der Weg f�hrte mitten hindurch, und die Pferde, die ihn schon oft gegangen waren, z�gerten nicht eine Sekunde. Zuerst stand das Wasser lediglich eine Handbreit tief, dann waren es ungef�hr drei�ig Zentimeter, und schlie�lich reichte es bis zu den Steigb�geln. Nat�rlich waren die Jungen barfuss, hatten eine wettergegerbte Haut und machten sich nicht das geringste aus dem Wasser oder aus dem, was sich darin befinden mochte. Nate trug seine Lieblings-Sportschuhe, die schon bald durchn�sst waren.</p><p>Das ganze Pantanal war voll von Piranhas, den t�ckischen kleinen Fischen mit rasiermesserscharfen Z�hnen.</p><p>Er w�re am liebsten umgekehrt, wusste aber nicht, wie er den Jungen das mitteilen sollte. �Luis�, sagte er mit einer Stimme, der die Angst anzuh�ren war. Die Jungen sahen ihn ohne die geringste Spur von Besorgnis an.</p><p>Als das Wasser den Pferden bis zur Brust reichte, gingen sie von selbst ein wenig langsamer. Kurz darauf sah Nate seine F��e wieder. Die Tiere stiegen auf der anderen Seite des Sumpfes aus dem Wasser, wo der Weg seinen Fortgang nahm.</p><p>Zu ihrer Linken wurden die Reste eines Zaunes sichtbar, und dann ein verfallenes Geb�ude. Der Pfad erweiterte sich und wurde ein breiter Karrenweg. Vor vielen Jahren war die Fazenda wohl gr��er gewesen, mit vielen St�ck Vieh und zahlreichen Knechten.</p><p>Nate wusste aus seiner Sammlung von Lesestoff, dass das Pantanal vor �ber zweihundert Jahren besiedelt worden war und sich seither wenig ge�ndert hatte. Es war erstaunlich, wie einsam die Menschen dort lebten. Man sah nicht den geringsten Hinweis auf Nachbarn oder andere Kinder, und immer wieder musste Nate an Schulen und Ausbildung denken. Was taten die Kinder aus dem Pantanal eigentlich, wenn sie �lter wurden - machten sie sich dann nach Corumba auf, um Arbeit und Ehepartner zu finden, oder f�hrten sie den kleinen landwirtschaftlichen Betrieb der Eltern weiter und zogen die n�chste Generation pantaneiros auf? Konnten Marco und seine Frau �berhaupt lesen und schreiben, und falls ja, brachten sie es auch ihren Kindern bei?</p><p>Er nahm sich vor, Jevy diese Fragen zu stellen. Vor ihnen lag jetzt erneut Wasser, ein gr��erer Sumpf mit Gruppen verfaulter B�ume zu beiden Seiten. Nat�rlich verlief der Pfad mitten hindurch. Jetzt, in der Regenzeit, stand das Wasser �berall hoch, doch war der Sumpf in den trockenen Monaten lediglich eine Schlammfl�che, auf der selbst ein Neuling dem Pfad folgen konnte, ohne f�rchten zu m�ssen, er w�rde aufgefressen. Dann sollte ich wiederkommen, sagte sich Nate. Nicht sehr wahrscheinlich.</p><p>Die Pferde arbeiteten sich voran wie Maschinen, ohne auf den Sumpf und das Wasser zu achten, das dicht unter Nates Knien aufspritzte. Je tiefer das Wasser wurde, desto langsamer gingen die Tiere. Als es Nate �ber die Knie stieg und er gerade Luis voll Verzweiflung etwas zurufen wollte, wies Oli mit gro�er Gelassenheit nach rechts auf eine Stelle, wo sich zwei verrottete Baumst�mpfe drei Meter hoch erhoben. Zwischen ihnen lag ein gro�es schwarzes Reptil im Wasser.</p><p>�Jacare�, sagte Oli gleichsam �ber die Schulter, als ob ihn Nate danach gefragt h�tte. Ein Kaiman.</p><p>Die Augen des Tieres ragten �ber den Kopf hinaus, und Nate war sicher, dass sie vor allem ihm folgten. Sein Herz raste, und er h�tte am liebsten laut um Hilfe geschrien. Dann drehte sich Luis um und grinste breit, weil ihm klar war, dass sein Gast Angst hatte. Also versuchte dieser zu l�cheln, als w�re er ganz begeistert, endlich eins dieser Tiere so nahe zu sehen.</p><p>Die Pferde hoben den Kopf, als das Wasser noch tiefer wurde. Nate trat dem seinen unter Wasser in die Weichen, aber nichts geschah. Langsam lie� sich das Reptil ins Wasser gleiten, bis man au�er seinen Augen nichts mehr sehen konnte. Dann nahm es Richtung auf die Gruppe und verschwand im Wasser. Nate ri� die F�sse aus den Steigb�geln und zog die Knie bis zur Brust hoch, so dass er im Sattel hin und her schwankte. Die Jungen sagten etwas und kicherten. Es war ihm gleichg�ltig.</p><p>Als sie die Mitte des Sumpfes hinter sich hatten, reichte das Wasser den Pferden nur noch bis zu den Beinen, dann bis zu den Hufen. Als sie das andere Ufer sicher erreicht hatten, entspannte sich Nate. Dann lachte er �ber sich selbst. Diese Geschichte w�rde sich zu Hause gut machen. Eine ganze Reihe seiner Bekannten begeisterte sich f�r jede Art von Abenteuerurlaub: Sie unternahmen Flo�fahrten im Wildwasser, Safaris zur Beobachtung von Gorillas, zogen mit dem Rucksack durch die Wildnis. Alle versuchten, einander mit den Berichten von Erlebnissen am anderen Ende der Welt zu �bertrumpfen, bei denen sie um ein Haar ums Leben gekommen w�ren. Wenn man ihnen noch den �kologischen Aspekt nahe brachte, w�rden sie sich f�r zehntausend Dollar mit Begeisterung auf ein Pferd setzen und im Pantanal durch S�mpfe waten und dabei Schlangen und Kaimane fotografieren.</p><p>Als immer noch kein Fluss in Sicht kam, fand Nate, dass es an der Zeit sei umzukehren. Er wies auf seine Uhr, und Luis f�hrte die Gruppe nach Hause zur�ck.</p><p>Der Kommandant wurde ans Telefon geholt. Jevy unterhielt sich f�nf Minuten lang mit ihm �ber Dinge, die das Milit�r betrafen - Orte, an denen sie stationiert gewesen waren, Leute, die sie kannten -, w�hrend es immer bedenklicher um den Ladezustand der Batterie f�r das Satellitentelefon stand. Nate wies auf die rasch gegen Null sinkende Anzeige; daraufhin erkl�rte Jevy dem Kommandanten, dass das ihre letzte Gelegenheit sei.</p><p>Zum Gl�ck war alles kein Problem. Ein Hubschrauber, erkl�rte der Kommandant, stehe bereit, eine Besatzung werde zusammengetrommelt. Wie schlimm die Verletzungen seien?</p><p>Innere, sagte Jevy mit einem Blick auf Milton.</p><p>Den Angaben der Heerespiloten nach lag die Fazenda vierzig Hubschrauberminuten von Corumba entfernt. Rechnen Sie eine Stunde, sagte der Kommandant. Zum ersten Mal an diesem Tag trat ein L�cheln auf Miltons Z�ge.</p><p>Nach einer Stunde sank ihre zuversichtliche Stimmung. Die Sonne ging im Westen rasch unter; die Abendd�mmerung brach herein. Eine Rettung mitten in der Nacht kam nicht in Frage.</p><p>Sie gingen zu dem besch�digten Flugzeug, an dem Milton und Jevy den ganzen Nachmittag hindurch gearbeitet hatten. Die abgeknickte Tragfl�che war abmontiert, ebenso der Propeller. Er lag nahe dem Flugzeug im Gras und war noch immer mit Blut bedeckt. Die rechte Strebe des Fahrgestells war verbogen, brauchte aber nicht ersetzt zu werden.</p><p>Marco und seine Frau hatten mittlerweile die tote Kuh zerlegt. Das Gerippe war im Geb�sch in der N�he der Landebahn kaum zu sehen.</p><p>Soweit Nate Jevy verstanden hatte, wollte Milton mit dem Boot zur Fazenda zur�ckkehren, sobald er Ersatz f�r die Tragfl�che und den Propeller gefunden hatte. Nate erschien das undurchf�hrbar. Wie konnte er eine riesige Flugzeug-Tragfl�che auf einem Boot transportieren, das klein genug war, sich durch die schmalen Wasserl�ufe des Pantanal zu winden, und es dann durch die S�mpfe schleppen, die Nate vom Pferd aus gesehen hatte?</p><p>Doch dar�ber mochte sich Milton den Kopf zerbrechen. Nate hatte andere Sorgen.</p><p>Die Frau brachte hei�en Kaffee und m�rbes Geb�ck. Sie setzten sich neben dem Stall ins Gras und unterhielten sich. Nates drei kleine Schatten wichen ihm nicht von der Seite; sie f�rchteten wohl, er k�nne sie verlassen. Eine weitere Stunde verging.</p><p>Tomas, der j�ngste, h�rte das Brummen als erster. Er sagte etwas, stand auf, erhob die Hand, und die anderen erstarrten. Das Ger�usch wurde lauter, dann h�rte man das unverkennbare Knattern eines Hubschrauberrotors. Sie liefen auf die Landebahn und suchten den Himmel ab.</p><p>Als der Hubschrauber landete, sprangen vier Soldaten aus der offenen T�r und rannten der Gruppe entgegen. Nate kniete sich zwischen die Jungen, gab jedem zehn Reais und sagte: �Feliz Natal!� Fr�hliche Weihnachten. Dann umarmte er sie fl�chtig, nahm die Aktentasche und lief zum Hubschrauber.</p><p>Jevy und Nate winkten der kleinen Familie zu, w�hrend die Maschine abhob. Milton war damit besch�ftigt, den Piloten und den Soldaten immer wieder zu danken. Aus hundertf�nfzig Metern H�he sah man das Pantanal, das sich bis zum Horizont erstreckte. Im Osten war es schon dunkel.</p><p>Auch in Corumba war es dunkel, als sie eine halbe Stunde sp�ter die Stadt �berflogen. Ein herrlicher Anblick -die Geb�ude, die Weihnachtsbeleuchtung, der Stra�enverkehr inmitten der H�user. Sie landeten auf dem Kasernenhof, der westlich der Stadt auf einem Felsvorsprung oberhalb des Paraguay lag. Der Kommandant begr�sste sie und nahm ihren �berstr�menden Dank entgegen, den er sich redlich verdient hatte. Es �berraschte ihn zu sehen, dass es keine ernsthaften Verletzungen gab, doch war er trotzdem mit dem Erfolg der Mission zufrieden und stellte ihnen f�r die Heimfahrt einen offenen Jeep zur Verf�gung, den ein junger Gefreiter fuhr.</p><p>Bei der Einfahrt in die Stadt machte der Jeep einen unerwarteten Schwenk und bremste vor einem kleinen Gesch�ft. Jevy ging hinein und kehrte mit drei Flaschen Brahma-Bier zur�ck. Eine gab er Milton, die andere Nate. Nach kurzem Z�gern drehte Nate den Verschlussdeckel auf und setzte die Flasche an. Das Bier war erfrischend, kalt und einfach k�stlich. Au�erdem war Weihnachten. Was sollte es. Er hatte alles im Griff.</p><p>W�hrend sich Nate hinten im Jeep, die kalte Bierflasche in der Hand, die dr�ckende Luft um die Nase wehen lie�, wurde er sich dar�ber klar, was f�r ein Gl�ck er hatte, noch am Leben zu sein.</p><p>Fast vier Monate war es her, dass er sich umzubringen versucht hatte. Vor sieben Stunden hatte er eine Bruchlandung �berlebt.</p><p>Nur erreicht hatte er an diesem Tag nichts, war Rachel Lane um nichts n�her als am Vortag.</p><p>Als erstes hielt der Jeep nach seiner Fahrt durch die staubigen Stra�en vor dem Hotel. Nate w�nschte allen fr�hliche Weihnachten, ging auf sein Zimmer, zog sich aus und stellte sich zwanzig Minuten lang unter die Dusche. Im K�hlschrank waren vier Dosen Bier. Er leerte sie alle in einer Stunde und versicherte sich bei jeder Dose erneut, dass das kein R�ckfall war. Er hatte alles im Griff, es w�rde f�r ihn keinen erneuten Absturz geben. Er war dem Tod von der Schippe gesprungen - warum sollte er nicht ein bi�chen Weihnachten feiern? Niemand w�rde es je erfahren. Er konnte damit umgehen.</p><p>Au�erdem hatte er n�chtern im Leben noch nie etwas erreicht. Er w�rde sich selbst beweisen, dass ihm ein bi�chen Alkohol nichts ausmachte. Kein Problem. Ein paar Bierchen hier und da. Was konnte das schon schaden?</p></section><section><title><p>VIERZEHN</p></title><p>Das Telefon weckte ihn, aber es dauerte eine Weile, bis er den H�rer gefunden hatte. Au�er einem schlechten Gewissen hatte das Bier offenbar keinerlei Nachwirkungen hinterlassen, wohl aber forderte das kleine Abenteuer mit der Cessna seinen Tribut. Die Stellen an Hals und Schultern, an denen ihn die Gurte beim Aufprall der Maschine auf dem Boden gehalten hatten, waren blau unterlaufen, und um die Taille zog sich ein wie mit dem Lineal gezogener Bluterguss, au�erdem hatte er mindestens zwei Beulen am Kopf. Die erste stammte von dem Sto� ans Kabinendach, an den er sich erinnern konnte, die zweite musste auf einen Sto� zur�ckgehen, von dem er nichts wusste. Er war mit den Knien gegen die R�ckenlehnen der Pilotensitze gekracht und hatte die daraus resultierenden Prellungen zun�chst f�r unbedeutend gehalten; im Laufe der Nacht waren sie aber schlimmer geworden. Auf Armen und Nacken hatte er einen Sonnenbrand.</p><p>�Fr�hliche Weihnachten�, begr��te ihn eine Stimme. Es war Valdir, und ein Blick auf die Uhr zeigte Nate, dass es fast neun war.</p><p>�Danke, gleichfalls�, sagte er.</p><p>�Wie geht es Ihnen?�</p><p>�Gut, danke.�</p><p>�Nun ja, Jevy hat mich gestern Abend angerufen und mir die Sache mit dem Flugzeug berichtet. Milton muss ja verr�ckt sein, dass er in ein Gewitter fliegt. Ich werde ihn nie wieder besch�ftigen.�</p><p>�Ich auch nicht.�</p><p>�Und geht es Ihnen gut?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Brauchen Sie einen Arzt?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Jevy meint, dass Ihnen nichts weiter fehlt.�</p><p>�Mir geht es gut - ich habe nur ein paar Bluterg�sse.�</p><p>Nach einer kurzen Pause fuhr Valdir fort: �Heute Nachmittag feiern wir bei mir zu Hause Weihnachten - nur meine Familie und ein paar Freunde. W�rden Sie gern kommen?�</p><p>Die Einladung klang f�rmlich. Nate wusste nicht recht, ob Valdir sie nur aus H�flichkeit aussprach oder ob seine Steifheit mit seiner Sprechweise zusammenhing; immerhin war Englisch f�r ihn eine Fremdsprache.</p><p>�Das ist sehr freundlich von Ihnen�, sagte er. �Aber ich muss viel lesen.� ,</p><p>�Sind Sie sicher?�</p><p>�Ja, vielen Dank.�</p><p>�Nun gut. Ich habe �brigens eine gute Nachricht f�r Sie. Es ist mir gestern gelungen, ein Boot f�r Sie zu mieten.� Er brauchte nicht lange, um von der Weihnachtsfeier auf das Boot zu kommen.</p><p>�Gut. Wann kann ich aufbrechen?�</p><p>�Vielleicht morgen. Es muss noch dies und jenes vorbereitet werden. Jevy kennt das Boot.�</p><p>�Ich kann es gar nicht abwarten, auf den Fluss zu kommen, vor allem nach dem gestrigen Tag.�</p><p>Dann berichtete ihm Valdir langatmig, wie hart er mit dem Besitzer des Bootes hatte verhandeln m�ssen. Von diesem Mann sei allgemein bekannt, dass er den Hals nicht voll bekommen k�nne. Anfangs habe er tausend Reais pro W oche verlangt, doch h�tten sie sich schlie�lich auf sechshundert geeinigt. Nate h�rte zu, aber es interessierte ihn nicht. Der Phelan-Nachla� konnte sich das leisten.</p><p>Valdir verabschiedete sich mit einem weiteren �Fr�hliche Weihnachten�.</p><p>Nates Sportschuhe waren immer noch nass, aber er zog sie trotzdem an, dazu eine Laufhose und ein T-Shirt. Er wollte versuchen, ein wenig zu joggen, und falls sein K�rper nicht mitspielte, w�rde er einfach etwas gehen. Er brauchte frische Luft und Bewegung. W�hrend er sich im Zimmer zu schaffen machte, sah er die leeren Bierdosen im Papierkorb.</p><p>Darum w�rde er sich sp�ter k�mmern. Das war kein R�ckfall, und es w�rde nicht zu einem Absturz f�hren. Sein Leben war am Vortag wie ein Film vor ihm abgelaufen, und damit hatte sich alles ge�ndert. Er k�nnte tot sein. Jetzt war jeder neue Tag ein Geschenk, musste er jeden Augenblick genie�en. Warum nicht einige der Freuden des Lebens mitnehmen? Ein bi�chen Bier und Wein, nichts St�rkeres, und auf keinen Fall Drogen.</p><p>Das war vertrautes Gel�nde; mit diesen L�gen hatte er schon fr�her gelebt.</p><p>Er nahm zwei Tylenol und rieb sich mit Sonnencreme ein. Auf dem Fernseher in der Hotelhalle lief ein Weihnachtsprogramm, aber niemand sah hin. Es gab kein Publikum. Die junge Dame am Empfang l�chelte und w�nschte ihm einen guten Morgen. Durch die offenen Glast�ren kam die lastende klebrige Hitze herein. Nate blieb stehen, um rasch einen Schluck s��en Kaffee zu trinken. Neben der Thermosflasche auf der Empfangstheke warteten die ineinandergestapelten winzigen Papierbecher darauf, dass sich jemand einen Schluck cafezinho g�nnte.</p><p>Nach zwei T�sschen schwitzte er schon, bevor er die Hotelhalle verlie�. Auf dem B�rgersteig versuchte er, einige Dehn�bungen zu machen, aber seine Muskeln begehrten heftig dagegen auf, und seine Gelenke waren steif. Rennen kam gar nicht in Frage, es fiel ihm schon schwer genug zu gehen, ohne sichtbar zu humpeln.</p><p>Aber niemand sah ihn. Die L�den waren geschlossen und die Stra�en menschenleer, wie er es auch nicht anders erwartet hatte. Nach zwei Querstra�en klebte ihm bereits das Hemd am Leibe. Er kam sich vor wie in einer Sauna.</p><p>Die Avenida Rondon war die letzte gepflasterte Stra�e auf dem Felsvorsprung �ber dem Fluss. Er folgte ihr ein ganzes St�ck leicht humpelnd, w�hrend sich die Muskeln z�gernd ein wenig lockerten und die Gelenke aufh�rten zu knirschen. Nach einer Weile fand er sich in dem kleinen Park wieder, in dem er zwei Tage zuvor gewesen war, am dreiundzwanzigsten, als sich die Leute dort versammelt hatten, um sich Weihnachtslieder anzuh�ren. Einige der Klappst�hle standen noch da. Seine Beine konnten eine Pause brauchen. Er setzte sich auf denselben Picknicktisch wie zuvor und hielt Ausschau nach dem verwahrlosten Teenager, der ihm Marihuana hatte verkaufen wollen.</p><p>Aber keine Menschenseele war zu sehen. Er rieb sich leicht die Knie und sah auf das gro�e Pantanal hinaus, das sich vor ihm erstreckte, bis es in den Horizont �berging. Eine gro�artige �dnis. Er dachte an seine kleinen Begleiter - Luis, Oli und Tomas -, die drei Jungen, die sich f�r ihre zehn Reais nirgendwo etwas kaufen konnten. Weihnachten bedeutete ihnen nichts; f�r sie war ein Tag wie der andere.</p><p>Irgendwo in dem ungeheuren Schwemmland vor ihm lebte eine gewisse Rachel Lane, zur Zeit noch eine bescheidene Dienerin Gottes, die im Begriff stand, eine der reichsten Frauen der Welt zu werden. Falls er sie fand, wie w�rde sie auf die Mitteilung von dem ungeheuren Verm�gen reagieren? Was w�rde sie sagen, wenn sie ihn sah, einen amerikanischen Anwalt, dem es gelungen war, sie aufzusp�ren?</p><p>Die m�glichen Antworten auf diese Fragen bereiteten ihm Unbehagen.</p><p>Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass Troy vielleicht doch verr�ckt gewesen war. W�rde ein vern�nftig denkender Mensch jemandem elf Milliarden Dollar hinterlassen, der sich nicht das geringste aus Geld machte? Noch dazu, wenn es sich um einen Menschen handelte, den so gut wie niemand kannte, nicht einmal der Mann, der das eigenh�ndige Testament unterzeichnet hatte? Dieses Verhalten erschien Nate verr�ckt, vor allem jetzt, wo er f�nftausend Kilometer von zu Hause entfernt den Blick �ber die Wildnis des Pantanal schweifen lie�.</p><p>Man hatte �ber Rachel kaum etwas in Erfahrung bringen k�nnen. Ihre Mutter Evelyn Cunningham war mit neunzehn Jahren aus ihrer Heimat, dem St�dtchen Delhi, Louisiana, nach Baton Rouge gegangen. Dort hatte sie bei einer Firma, die sich mit der Erkundung von Erdgasvorkommen besch�ftigte, eine Anstellung als Sekret�rin gefunden. Troy Phelan, dem die Firma geh�rte, hatte Evelyn Anfang 1954 bei einem der Besuche kennengelernt, die er von New York aus von Zeit zu Zeit unternahm. Offenkundig war diese naive Kleinstadt-Bewohnerin eine Sch�nheit gewesen, und Troy, der es nicht lassen konnte, hatte sich gleich an sie herangemacht. Schon bald darauf war sie schwanger geworden und hatte am 2. November ihr Kind zur Welt gebracht. Troys Beauftragte in der Unternehmenszentrale hatten unauff�llig daf�r gesorgt, dass man sie ins katholische Krankenhaus von New Orleans brachte. Sie hatte ihre Tochter Rachel nie zu sehen bekommen.</p><p>Unter Aufbietung einer ganzen Reihe von Anw�lten hatte Troy daf�r gesorgt, dass ein in Kalispell, Montana, lebender Geistlicher und dessen Frau Rachel rasch adoptierten. Da er zu jener Zeit in Montana Kupfer- und Zink-Minen aufkaufte, hatte er dort �ber die Firma Kontakte. Die Adoptiveltern wussten nicht, wer Rachels wirkliche Eltern waren.</p><p>Evelyn hatte das Kind nicht gewollt, und sie wollte auch nichts mehr mit Troy Phelan zu tun haben. Mit den zehntausend Dollar, die er ihr gegeben hatte, war sie nach Delhi zur�ckgekehrt, wo Ger�chte �ber ihren S�ndenfall, wie nicht anders zu erwarten, bereits im Umlauf waren. Sie zog erneut zu ihren Eltern, und alle drei warteten geduldig darauf, dass sich der Sturm legte. Dazu kam es nicht. Mit der f�r Kleinst�dter so kennzeichnenden Grausamkeit wurde Evelyn von den Menschen, die sie am meisten brauchte, als Au�enseiterin behandelt. Nur selten verlie� sie das Haus und zog sich im Laufe der Zeit in die Dunkelheit ihres Schlafzimmers zur�ck. Dort, in der Tr�bsal ihrer eigenen kleinen Welt, merkte sie allm�hlich, dass ihr die Tochter fehlte.</p><p>Sie schrieb Briefe an Troy, auf die sie nie eine Antwort erhielt. Eine Sekret�rin hob sie heimlich auf. Zwei Wochen nach Troys Selbstmord hatte einer von Joshs Sp�rhunden sie in Troys pers�nlichen Unterlagen in dessen Wohnung gefunden.</p><p>Im Laufe der Jahre versank Evelyn immer tiefer in ihrem eigenen Abgrund. Die Ger�chte verstummten nie ganz. Kaum zeigten sich Evelyns Eltern in der Kirche oder beim Lebensmittelh�ndler, wurden sie angestarrt, und man begann hinter ihrem R�cken zu munkeln, bis auch sie sich schlie�lich aus der �ffentlichkeit zur�ckzogen.</p><p>Am 2. November 1959, Rachels f�nftem Geburtstag, beging Evelyn Selbstmord. Sie verlie� mit dem Wagen ihrer Eltern die Stadt und sprang von einer Br�cke.</p><p>Auf irgendeine Weise gelangten der Nachruf und die Geschichte ihres Todes in der Lokalzeitung in Troys B�ro in New Jersey und wurden im selben Ordner abgeheftet wie ihre Briefe.</p><p>�ber Rachels Kindheit hatte man nur wenig in Erfahrung gebracht. Der Geistliche und seine Frau waren zweimal umgezogen, erst von Kalispell nach Butte und dann nach Helena. Der Reverend starb an Krebs, als Rachel siebzehn Jahre alt war. Eigene Kinder hatte das Ehepaar nicht.</p><p>Aus Gr�nden, die niemand au�er Troy h�tte erkl�ren k�nnen, beschloss er, in ihr Leben einzugreifen, als sie die High School abschloss. Vielleicht empfand er ein gewisses Schuldbewusstsein, vielleicht f�rchtete er, sie werde ihre College-Ausbildung nicht finanzieren k�nnen. Rachel wusste zwar, dass sie adoptiert worden war, hatte aber nie den Wunsch ge�u�ert, ihre wahren Eltern kennenzulernen.</p><p>Die n�heren Umst�nde waren nicht bekannt, aber irgendwann im Sommer 1972 waren Troy und Rachel einander begegnet. Vier Jahre sp�ter hatte sie ihr Studium an der Universit�t des Staates Montana abgeschlossen. Danach wies ihr Lebenslauf gro�e L�cken auf, die niemand zu f�llen vermocht hatte.</p><p>Nate vermutete, dass lediglich zwei Menschen Genaueres �ber diese Beziehung wussten. Einer von ihnen war tot, und der andere lebte wie die Ureinwohner des Landes irgendwo da drau�en am Ufer eines von tausend Fl�ssen.</p><p>Er versuchte ein St�ck zu joggen, gab es aber unter Schmerzen auf. Zwei Autos kamen vor�ber. Offensichtlich verlie�en die Menschen allm�hlich ihre H�user. Rascher, als er reagieren konnte, n�herte sich ein Dr�hnen von hinten. Unmittelbar neben dem B�rgersteig trat Jevy auf die Bremsen. �Born dia�, schrie er, um den L�rm seines Motors zu �bert�nen.</p><p>Nate nickte ihm zu. �Born dia.�</p><p>Jevy drehte den Z�ndschl�ssel um, und der Motor erstarb. �Wie geht es Ihnen?�</p><p>�Mir tut jeder Knochen im Leibe weh. Und Ihnen?�</p><p>�Alles bestens. Die Frau am Empfang hat gesagt, dass Sie ein bi�chen laufen. Lassen Sie uns ein St�ckchen fahren.�</p><p>Zwar w�re Nate lieber unter Schmerzen gelaufen, als mit Jevy im Auto zu fahren, aber es herrschte nicht viel Verkehr, und deshalb schien die Gefahr nicht so gro�.</p><p>Sie fuhren durch die Innenstadt, wobei Jevy wie gewohnt weder Ampeln noch Stoppschilder beachtete. Ohne nach links oder rechts zu blicken, brauste er �ber die Kreuzungen.</p><p>�Ich m�chte, dass Sie sich das Boot ansehen�, sagte Jevy. Falls er unter den Wirkungen der Bruchlandung litt, war das nicht zu erkennen. Nate nickte blo�.</p><p>Am Ostrand der Stadt gab es eine kleine Werft. Sie lag am Fu� des Felsvorsprungs in einer Art Bucht, wo das Wasser tr�be und voller �lflecken war. Eine kl�gliche Ansammlung von Booten d�mpelte auf dem Wasser -einige hatte man offenbar schon vor Jahrzehnten abgewrackt, andere wirkten wie kaum benutzt. Zwei dienten erkennbar als Viehtransporter, denn ihre Decks waren in verschmutzte h�lzerne Pferche unterteilt.</p><p>�Da dr�ben�, sagte Jevy und wies zum Fluss. Er stellte das Auto am Stra�enrand ab, und sie gingen zum Ufer hinunter. Dort lagen mehrere kleine Fischerboote tief im Wasser. Nate h�tte nicht sagen k�nnen, ob ihre Besitzer gerade kamen oder gingen. Jevy rief zweien von ihnen etwas zu und erntete daf�r irgendeine witzige Bemerkung.</p><p>�Mein Vater war Bootsf�hrer�, erkl�rte Jevy. �Als Junge war ich jeden Tag hier unten.�</p><p>�Und wo ist er jetzt?� fragte Nate.</p><p>�Er ist bei einem Unwetter ertrunken.�</p><p>Ist ja gro�artig, dachte Nate. Die Unwetter erwischen einen hier sowohl in der Luft wie auf dem Wasser.</p><p>Ein durchh�ngendes St�ck Sperrholz �berbr�ckte das schmutzige Wasser und f�hrte zu ihrem Boot, das den Namen Santa Loura trug. Sie blieben am Ufer stehen, um es zu bewundern.</p><p>�Wie gef�llt es Ihnen?� fragte Jevy.</p><p>�Ich wei� nicht�, antwortete Nate. Auf jeden Fall war das Boot ansehnlicher als die Viehtransporter. Irgend jemand h�mmerte im Heck herum.</p><p>Ein Eimer Farbe w�rde einen enormen Unterschied ausmachen. Mit knapp zwanzig Metern L�nge war das Boot gr��er, als Nate erwartet hatte. Es hatte zwei Decks und am oberen Ende des Niedergangs eine Art Kommandobr�cke.</p><p>�Bin ich der einzige Passagier?� fragte er.</p><p>�So ist es.�</p><p>� Und sonst ist niemand an Bord ?�</p><p>�Nein. Nur Sie, ich und ein Matrose, der auch kochen kann.�</p><p>�Wie hei�t der?�</p><p>�Welly.�</p><p>Die Sperrholzplatte knarrte, hielt aber. Das Boot neigte sich ein wenig zur Seite, als sie an Bord sprangen. F�sser mit Dieseltreibstoff und Wasser standen am Bug. Sie �ffneten eine T�r und standen, nachdem sie zwei Stufen hinabgegangen waren, in der Kaj�te. Der niedrige Raum enthielt vier Kojen mit wei�bezogenen d�nnen Schaumgummimatratzen. Nates schmerzende Muskeln zuckten bei der blo�en Vorstellung, eine Woche jede Nacht auf einer davon schlafen zu m�ssen. In der Kaj�te war es wie in einem Backofen. Die Bullaugen waren geschlossen, und es gab keine Klimaanlage.</p><p>�Wir besorgen noch einen Ventilator�, sagte Jevy, der zu merken schien, was in Nate vorging. �Wenn das Boot f�hrt, ist es auch nicht so schlimm.� Nate konnte das unm�glich glauben. Auf dem Weg zum Heck mussten sie sich seitw�rts durch einen schmalen Gang dr�cken. Dabei kamen sie an der mit einem Propangaskocher und einem Sp�lbecken ausgestatteten kleinen Komb�se, dem Maschinenraum und schlie�lich einer Art Badezimmer vorbei. Im Maschinenraum machte sich gerade ein �lverschmierter schwitzender Mann mit nacktem Oberk�rper zu schaffen. Er sah den Schraubenschl�ssel in seiner Hand an, als h�tte dieser ihn beleidigt.</p><p>Jevy, der den Mann kannte, musste wohl etwas Falsches gesagt haben, denn mit einem Mal erf�llten scharfe Worte die Luft. Nate folgte dem Gang bis zum Heck und sah, dass die Santa Loura ein kleines Aluminiumboot im Schlepp hatte. Es war mit Paddeln und einem Au�enbordmotor ausger�stet. Nate stellte sich vor, wie er mit Jevy durch seichte Gew�sser streifte, zwischen Baumst�mmen und Wasserpflanzen hindurch, Kaimanen auswich, von einer erneuten ergebnislosen Suche zur�ckkehrte. Das Abenteuer wurde immer greifbarer.</p><p>Jevy lachte, und die Spannung l�ste sich. Er trat zu Nate ans Heck und sagte: �Er braucht 'ne �lpumpe, aber der Laden hat heute zu.�</p><p>�Und was ist mit morgen?� fragte Nate.</p><p>�Kein Problem.�</p><p>�Wozu dient das kleine Boot da?�</p><p>�F�r vieles.�</p><p>Sie stiegen �ber die Gr�ting zur Br�cke empor, wo sich Jevy das Steuerruder und die Bedienungsschalter genau ansah. Hinter der Br�cke lag ein kleiner offener Raum mit zwei Kojen; dort w�rden Jevy und der Matrose abwechselnd schlafen. Noch weiter hinten befand sich ein mehrere Quadratmeter gro�es offenes Deck, �ber das sich eine hellgr�ne Persenning spannte. Unter ihr sah Nate eine H�ngematte, die recht bequem au�ah und sofort seine Aufmerksamkeit erweckte.</p><p>�Die ist f�r Sie�, sagte Jevy mit einem L�cheln. �Sie werden viel Zeit zum Lesen und zum Schlafen haben.�</p><p>�Wie sch�n�, sagte Nate.</p><p>�Mit diesem Boot werden manchmal Touristen herumgefahren, die das Pantanal sehen m�chten, meistens Deutsche.�</p><p>�Haben Sie es schon fr�her gef�hrt?�</p><p>�Ja, mehrere Male. Vor ein paar Jahren. Der Eigner ist kein besonders angenehmer Mensch.�</p><p>Nate setzte sich pr�fend auf die H�ngematte und zog dann die schmerzenden Beine nach, bis er richtig darin lag. Jevy gab ihmeinen Sto� und ging dann, um noch einmal mit dem Mechaniker zu reden.</p></section><section><title><p>F�NFZEHN</p></title><p>Lillian Phelans Tr�ume von einem gem�tlichen Weihnachtsmahl verflogen, als Troy Junior betrunken und mit Versp�tung eintraf. Er und Biff stritten heftig miteinander. Sie waren in zwei Autos gekommen, neuen Porsches in unterschiedlichen Farben. Das Gebr�ll wurde lauter, als der auch nicht mehr ganz n�chterne Rex dem �lteren Bruder vorwarf, er verderbe seiner Mutter das Weihnachtsfest. Das Haus war voll. Au�er Lillians vier Kindern -Troy Junior, Rex, Libbigail und Mary ROSS - waren auch alle elf Enkel gekommen. Sie hatten eine ganze Reihe von Freunden mitgebracht, von denen Lillian die meisten nicht eingeladen hatte.</p><p>Wie ihre Eltern hatten auch die Phelan-Enkel seit Troys Tod zahlreiche neue Freunde und Vertraute angelockt. Bis zu Troy Juniors Ankunft war die Weihnachtsfeier ausgesprochen angenehm verlaufen. Noch nie waren so viele herrliche Geschenke ausgetauscht worden. Die Phelan-Erben hatten nicht geknausert, als sie f�reinander und f�r Lillian eingekauft hatten: Designer-Kleidung, Schmuck, elektronische Spielereien, sogar Kunstgegenst�nde. Ihre Gro�z�gigkeit kannte keine Grenzen, und einige Stunden lang brachte das Geld das Beste in ihnen zum Vorschein.</p><p>In zwei Tagen sollte die Testamentser�ffnung stattfinden.</p><p>Als Libbigails Mann, Spike, den Streit zwischen Troy Junior und Rex zu schlichten versuchte, musste er sich von Troy Junior den Vorwurf anh�ren, er sei nichts als �ein fetter Hippie, dem LSD das Gehirn gegrillt hat�. Als die gekr�nkte Libbigail daraufhin Biff eine Schlampe nannte, schloss sich Lillian in ihrem Schlafzimmer ein. Die Enkel und ihre Trabanten verschwanden im Keller, wo jemand einen Kasten Bier deponiert hatte.</p><p>Mary ROSS, vermutlich die vern�nftigste und bestimmt die am wenigsten launische der vier, brachte ihre Br�der und Libbigail dazu, sich nicht weiter anzubr�llen, und schickte die Streith�hne in unterschiedliche Ringecken.</p><p>Damit zerfiel die Gesellschaft in kleine Gr�ppchen; die einen gingen ins Wohnzimmer und die anderen ins Arbeitszimmer. Es war ein unbehaglicher Waffenstillstand.</p><p>Die Anw�lte hatten nicht dazu beigetragen, die Situation zu entsch�rfen. Sie gingen jetzt getrennt voneinander vor, und jeder erkl�rte das dem von ihm vertretenen Phelan-Erben damit, dass er in dessen wohlverstandenem Interesse handele. Vor allem brachten sie Stunden mit �berlegungen zu, auf welche Weise man sich ein m� glichst gro�es St�ck von dem Kuchen sichern konnte. Vier getrennte kleine Armeen von Anw�lten - sechs, wenn man die von Geena und Ramble dazu z�hlte - befanden sich in heftigster Aktivit�t. Je mehr Zeit die Phelan-Erben mit ihren Anw�lten zubrachten, desto weniger trauten sie einander.</p><p>Nach einer Stunde unbehaglichen Friedens tauchte Eillian auf, um die Lage zu erkunden. Wortlos ging sie in die K�che, wo sie letzte Hand anlegte, um das Abendessen auf den Tisch zu bringen. Ein B�ffet war jetzt genau das Richtige. Die Gruppen konnten eine nach der anderen kommen, ihre Teller f�llen und sich in die Sicherheit ihrer Ecke zur�ckziehen.</p><p>So kam es, dass die erste Familie Phelan doch ein friedliches Weihnachtsessen genie�en konnte. Troy Junior verzehrte ganz allein Schinken und S�sskartoffeln auf der hinteren Veranda. Biff a� mit Eillian in der K�che.</p><p>Rex und seine Frau Amber, die Stripperin, genossen im Schlafzimmer Truthahn und sahen sich dabei ein Football-Spiel im Fernsehen an. Libbigail, Mary ROSS und ihre M�nner a�en im Arbeitszimmer von Tabletts, die sie auf den Knien hielten.</p><p>Und die Enkel und ihr Anhang nahmen Pizzen mit in den Keller, wo das Bier in Str�men floss.</p><p>Die zweite Familie feierte �berhaupt nicht Weihnachten, jedenfalls nicht gemeinsam. Janie, die den Feiertagen noch nie etwas hatte abgewinnen k�nnen, war nach Klosters in der Schweiz verschwunden, wo sich Europas Schickeria versammelt, um gesehen zu werden und Ski zu fahren. Ihr Begleiter, ein Bodybuilder namens Eance, war zwar mit seinen achtundzwanzig Jahren nur halb so alt wie sie, kam aber gern mit, da ihn die Reise nichts kostete.</p><p>Ihre Tochter Geena sah sich gezwungen, Weihnachten bei den Schwiegereltern in Connecticut zu verbringen. Normalerweise h�tte schon der blo�e Gedanke daran sie mit Grauen erf�llt, aber die Dinge hatten sich grundlegend gewandelt. F�r Geenas Mann Cody war es eine triumphale R�ckkehr auf den in die Jahre gekommenen Landsitz der Familie in der N�he von Waterbury.</p><p>Einst hatten die Strongs als Reeder ein Verm�gen gemacht, doch war von dem Geld nach Jahrhunderten der Misswirtschaft und der Inzucht so gut wie nichts mehr da. Zwar standen den Strongs dank ihrem Namen und Stammbaum nach wie vor die richtigen Schulen und Klubs offen, und Hochzeiten der Familie wurden immer noch ausf�hrlich angek�ndigt, doch der Trog ging allm�hlich zur Neige. Zu viele Generation hatten sich daraus bedient.</p><p>Die Familie war hochn�sig, stolz auf ihren Namen, ihre Sprechweise und ihre Abstammung und tat nach au�en hin so, als mache es ihr nichts aus, dass ihr Verm�gen rapide geschrumpft war. Ihre Mitglieder arbeiteten in New York und Boston und verbrauchten, was sie verdienten, weil sie daran gew�hnt waren, dass der Reichtum im Hintergrund als Auffangnetz zur Verf�gung stand.</p><p>Der letzte mit Weitblick gesegnete Strong, der dies Ende vorausgesehen zu haben schien, hatte daf�r gesorgt, dass Gelder treuh�nderisch f�r die Ausbildung junger Strongs festgelegt wurden. Die Stiftungsurkunden hatten Scharen von Anw�lten abgefasst, dicke Dokumente, die gleich uneinnehmbaren Festungen den verzweifelten Sturmangriffen k�nftiger Strong-Generationen standhalten sollten. Als diese Angriffe dann kamen, zeigte sich, dass die Stiftungen nicht wankten und wichen, und so durfte sich jeder junge Strong nach wie vor darauf verlassen, eine erstklassige Ausbildung zu bekommen.</p><p>Codys Familie hatte es nicht besonders gut aufgenommen, dass er Geena Phelan geheiratet hatte, vor allem, weil es schon ihre zweite Ehe war. Da aber Troy Phelans Verm�gen zum Zeitpunkt der Hochzeit auf sechs Milliarden Dollar gesch�tzt wurde, hatte man ihrer Aufnahme in die Familie keine Steine in den Weg gelegt. Dennoch w�rde man immer auf sie herabsehen, nicht nur weil sie geschieden war und keine Elite-Universit�t besucht hatte, sondern auch weil Cody ein wenig sonderbar war.</p><p>Doch an diesem Weihnachtstag waren alle da, um sie zu begr��en. Noch nie hatte sie so viele dieser Menschen, die sie verabscheute, l�cheln sehen, noch nie hatten so viele von ihnen sie steif umarmt, ihr verlegene K�sschen auf die Wangen gedr�ckt und ihr auf die Schultern geklopft. Diese Scheinheiligkeit ihrer Verwandtschaft machte Geene w�tend.</p><p>Nach einigen Gl�sern wurde Cody gespr�chig. Die anderen M�nner versammelten sich im Wohnzimmer um ihn, und es dauerte nicht lange, bis einer fragte: �Wie viel?�</p><p>Er verzog das Gesicht, als sei es ihm schon jetzt eine B�rde. �Wahrscheinlich eine halbe Milliarde.� Diesen Satz hatte er lange vor dem Badezimmerspiegel einstudiert.</p><p>Einige der M�nner schnappten nach Luft. Andere verzogen angewidert das Gesicht, weil sie Cody kannten. Da sie zur Familie Strong geh�rten, war ihnen klar, dass sie keinen Cent davon sehen w�rden. Alle schienen insgeheim vor Neid zu platzen. Das Ger�cht breitete sich aus, und schon bald fl�sterten sich die Frauen an verschiedenen Stellen des Hauses die Kunde von der halben Milliarde zu. Codys Mutter, eine verschrumpelte, pr�de Frau, in deren Gesicht die Falten aufbrachen, wenn sie l�chelte, zeigte sich entsetzt. Ein solches Verm�gen war obsz�n. �Das ist neues Geld �, sagte sie zu einer ihrer T�chter. Zusammengescharrt hatte dieses neue Geld ein skandalumwitterter alter Bock mit drei Frauen und einem Haufen mi�ratener Kinder, von denen kein einziges</p><p>auf eine der besseren Schulen und Universit�ten gegangen war.</p><p>Neu oder nicht, die j�ngeren Frauen beneideten Geena um das Geld. Sie konnten sich schon die privaten D�senflugzeuge, die Strandh�user und die hinrei�enden Familientreffen auf abgelegenen Inseln vorstellen. Wahrscheinlich w�rde es Treuhandstiftungen f�r die Erziehung von Nichten und Neffen geben, und vielleicht sogar Bargeschenke.</p><p>Der Gedanke an das Geld lie� die Strongs in einer Weise auftauen, wie das einem Au�enseiter gegen�ber noch nie geschehen war, fast bis zum Schmelzpunkt. Er lehrte sie Offenheit und Liebe und sorgte f�r ein angenehmes, gem�tliches Weihnachten.</p><p>Als sich die Familie am Sp�tnachmittag zum traditionellen Festmahl versammelte, begann es zu schneien. Weihnachten wie im Bilderbuch, sagten die Strongs. Geena hasste sie mehr als je zuvor.</p><p>Ramble verbrachte den Feiertag in Gesellschaft seines Anwalts Yancy, was ihn sechshundert Dollar die Stunde kostete. Dieser Posten w�rde allerdings auf der Rechnung so gut versteckt werden, wie es nur Anw�lte fertig bringen.</p><p>Wie Janie war auch Tira mit einem jungen Gigolo ins Ausland gereist. Vermutlich hielt sie sich gerade irgendwo am Strand auf, hatte bestimmt das Oberteil ihres Bikinis abgelegt und wahrscheinlich auch das H�schen. Es k�mmerte sie nicht im geringsten, was ihr vierzehnj�hriger Sohn treiben mochte.</p><p>Yancy, der zweimal geschieden war und nicht wieder geheiratet hatte, hatte aus seiner zweiten Ehe zwei elfj�hrige S�hne. Die Zwillinge waren f�r ihr Alter erstaunlich aufgeweckt, und da Ramble f�r sein Alter eher zur�ckgeblieben war, am�sierten sich alle drei k�niglich mit Video-Spielen im Schlafzimmer, w�hrend Yancy im Fernsehen ein Football-Spiel ansah.</p><p>Die �blichen f�nf Millionen Dollar, die sein Mandant an seinem einundzwanzigsten Geburtstag bekommen sollte, w�rden angesichts seiner mangelnden Reife und fehlender h�uslicher Unterweisung wohl nicht mal so lange halten wie bei den anderen Phelan-Nachkommen. Aber Yancy ging es nicht um magere f�nf Millionen; zum Teufel, soviel w�rde er schon f�r seine Bem�hungen um Rambles Anteil am Nachlass bekommen.</p><p>Yancy hatte andere Sorgen. Tira hatte den Anwalt gewechselt und eine in der N�he des Capitols ans�ssige aggressive Kanzlei beauftragt, die gute Verbindungen hatte. Da sie lediglich eine ehemalige Ehefrau und keine Blutsverwandte war, w�rde ihr Anteil am Erbe weit geringer sein als der Rambles, was nat�rlich auch den neuen Anw�lten klar war. Sie setzten Tira unter Druck, damit sie Yancy ausbootete und ihnen Ramble zuf�hrte. Zum Gl�ck lag der Mutter nicht viel an ihrem Sohn, und so kostete es Yancy keine gro�e M�he, einen Keil zwischen die beiden zu treiben. Das Lachen der drei Jungen war ihm Musik in den Ohren.</p></section><section><title><p>SECHZEHN</p></title><p>Am Sp�tnachmittag blieb Nate vor dem Schaufenster eines kleinen Feinkostladens stehen, der sich einige Querstra�en vom Hotel entfernt befand. Bei seinem ziellosen Umherspazieren hatte er gesehen, dass der Laden ge�ffnet war, und er ging hinein, weil er dort Bier zu bekommen hoffte. Nur eine Dose, vielleicht zwei. Er befand sich allein auf der anderen Seite der Erdkugel, ohne mit jemandem Weihnachten feiern zu k�nnen. Eine Welle der Einsamkeit und Niedergeschlagenheit durchflutete ihn, und in einem Anfall von Selbstmitleid gab er nach.</p><p>Er sah die Reihen von Flaschen mit harten Getr�nken, alle voll und unge�ffnet. Whisky, Gin und Wodka der verschiedensten Sorten standen aufgereiht wie h�bsche kleine Soldaten in bunten Uniformen in den Regalen. Sein Mund wurde von einem Augenblick auf den anderen trocken, war wie ausged�rrt. Sein Unterkiefer fiel herab, und die Augen schl�ssen sich. Er hielt sich an der Theke fest, weil ihm schwindelig wurde. Sein Gesicht verzog sich qualvoll beim Gedanken an Sergio in Walnut Hill, an Josh, seine Ex-Frauen und die anderen Menschen, die unter seinen h�ufigen R�ckf�llen gelitten hatten. Wild tobten die Gedanken durch seinen Kopf, und er war einem Ohnmachtsanfall nahe, als der Mann hinter der Theke etwas sagte. Nate sah ihn zornig an, bi� sich auf die Lippe und wies auf den Wodka. Zwei Flaschen, acht Reais.</p><p>Jeder R�ckfall war anders gewesen. Manche hatten sich ganz langsam entwickelt: ein Glas hier, ein Schl�ckchen da, ein Ri� im Deich, auf den weitere folgten. Einmal war er sogar selbst mit dem Auto in eine Entgiftungsklinik gefahren. Ein anderes Mal war er, mit einen intraven�sen Schlauch im Handgelenk, auf ein Krankenhausbett geschnallt gewesen, als er zu sich kam. Beim letzten Mal hatte ihn ein Zimmerm�dchen in einem billigen Motel zu drei�ig Dollar die Nacht im Koma gefunden.</p><p>Er packte die Papiert�te und eilte zielstrebig seinem Hotel entgegen. Er ging um eine Gruppe schwitzender kleiner Jungen herum, die auf dem B�rgersteig Fu�ball spielten. Gl�ckliche Kinder, dachte er. Unbek�mmert, ohne Sorgen. Morgen ist nur ein weiteres Spiel.</p><p>Eine Stunde vor Einbruch der Dunkelheit erwachte Corumba allm�hlich zum Leben. Die Stra�encafes und Kneipen �ffneten, und vereinzelt fuhren Autos auf der Stra�e. Von der Hotelhalle aus h�rte man die Musikkapelle, die am Schwimmbecken spielte, und einen Augenblick lang war Nate versucht, sich an einen Tisch zu setzen und noch ein wenig zuzuh�ren.</p><p>Aber das tat er nicht. Er suchte sein Zimmer auf, verschloss die T�r und f�llte einen gro�en Kunststoffbecher mit Eis. Er stellte die beiden Flaschen Wodka nebeneinander, �ffnete eine, goss den Inhalt langsam �ber das Eis und</p><p>gelo bte sich, erst aufzuh�ren, wenn beide leer waren.</p><p>Jevy wartete schon vor der T�r des Ersatzteilh�ndlers, als dieser um acht Uhr eintraf. Die Sonne stand am wolkenlosen Himmel. Die Hitze des B�rgersteigs drang ihm durch die Schuhsohlen.</p><p>Der H�ndler, der keine passende �lpumpe hatte, rief zwei m�gliche Lieferanten an, und Jevy fuhr in seinem dr�hnenden Pickup davon. Am Rande von Corumba hatte ein Bootsh�ndler einen Schrottplatz mit den Resten von Dutzenden abgewrackter Wasserfahrzeuge. Ein Junge brachte Jevy eine in einen schmuddeligen Putzlappen eingewickelte �lpumpe, die mit Schmierfett und �l bedeckt war. Bereitwillig zahlte Jevy zwanzig Reais daf�r.</p><p>Er fuhr zum Fluss und stellte den Wagen nahe dem Ufer ab. Die Santa Loura lag noch an derselben Stelle wie am Vorabend. Voll Freude sah er, dass Welly schon da war. Er arbeitete zum ersten Mal mit dem nicht einmal achtzehnj�hrigen Jungen, der von sich behauptete, er besitze die F�higkeiten eines Kochs, eines Lotsen, eines Bootsf�hrers und eines Navigators. Au�erdem k�nne er das Boot sauberhalten und alle anderen gew�nschten Dienste leisten.</p><p>Es war Jevy klar, dass er log, andererseits war diese Art von Aufschneiderei unter jungen M�nnern, die am Fluss nach Arbeit suchten, nichts Besonderes.</p><p>�Hast du Mr. O'Riley gesehen?� fragte Jevy.</p><p>�Ist das der Amerikaner?� erkundigte sich Welly.</p><p>�Ja.�</p><p>�Nein. Der ist hier nicht aufgetaucht.�</p><p>Ein Fischer in einem Holzboot rief Jevy etwas zu, der aber hatte andere Sorgen. Er sprang �ber die Sperrholzplanke auf das Boot, wo das Geh�mmer im Heck wieder angefangen hatte. Derselbe verschmierte Mechaniker k�mpfte mit dem Motor, sein schwei�nasser Oberk�rper steckte tief im Maschinenraum. Die Luft war zum Ersticken. Jevy gab ihm die �lpumpe, und er fuhr mit seinen kurzen Wurstfingern pr�fend dar�ber.</p><p>Der Motor war ein F�nf-Zylinder-Reihendiesel, und die Pumpe sa� ganz unten im Kurbelgeh�use, unmittelbar unter dem Gitterboden. Der Mechaniker zuckte die Achseln, als k�nne die von Jevy beschaffte Pumpe in der Tat die L�sung sein, wand dann den Bauch um den Ansaugkr�mmer herum, lie� sich vorsichtig auf die Knie nieder und beugte sich so weit vor, dass sein Kopf auf dem Auspuffrohr lag.</p><p>Er knurrte etwas, und Jevy gab ihm einen Schraubenschl�ssel. Der Einbau der Ersatzpumpe machte Fortschritte. Jevys Hemd und Shorts waren binnen zehn Minuten schwei�durchn�sst.</p><p>Nach einer Weile tauchte Welly auf und fragte, ob man ihn brauche. Da das nicht der Fall war, forderte Jevy ihn auf, Ausschau nach dem Amerikaner zu halten, und wischte sich in der Enge des Maschinenraums den Schwei� von der Stirn.</p><p>Fluchend hantierte der Mechaniker eine halbe Stunde lang mit seinen Schraubenschl�sseln, dann bezeichnete er die Pumpe als einsatzbereit. Er lie� den Motor anlaufen und hielt einige Minuten lang den Blick auf den �ldruckanzeiger gerichtet. Nach einer Weile sammelte er l�chelnd sein Werkzeug ein.</p><p>Jevy fuhr in die Stadt, um Nates Hotel aufzusuchen.</p><p>Die sch�chterne junge Frau am Empfang hatte Mr. O'Riley nicht gesehen. Sie rief in seinem Zimmer an, doch niemand meldete sich. Ein vor�berkommendes Zimmerm�dchen wurde gefragt und erkl�rte, soweit sie wisse, habe er sein Zimmer noch nicht verlassen. Z�gernd gab die junge Frau Jevy einen Schl�ssel.</p><p>Die T�r war verschlossen, doch Nate hatte die Kette nicht vorgelegt. W�hrend Jevy langsam eintrat, fiel ihm auf, dass das zerw�hlte Bett leer war. Dann sah er die Flaschen. Eine war leer und lag umgest�rzt auf dem Fu�boden. Die andere war noch zur H�lfte gef�llt. Im Zimmer war es sehr k�hl, da die Klimaanlage auf vollen Touren lief.</p><p>Jevy sah einen nackten Fu� und entdeckte, als er n�her trat, dass Nate vollst�ndig unbekleidet zwischen der Wand und dem Bett lag. Er hatte ein Laken heruntergezogen und sich um die Knie gewickelt. Als Jevy ihn vorsichtig am Fu� anstie�, zuckte das Bein.</p><p>Zumindest war der Mann nicht tot.</p><p>Jevy sprach ihn an und fasste ihn an der Schulter. Nach einigen Sekunden h�rte er ein leises gequ�ltes Knurren. Er hockte sich auf das Bett, verschr�nkte die H�nde vorsichtig unter einer der Achseln und zog Nate vom Boden hoch. Es gelang ihm, ihn von der Wand fort auf das Bett zu rollen. Rasch verh�llte er Nates Geschlechtsteile mit einem Laken.</p><p>Ein weiteres gequ�ltes St�hnen ert�nte. Nate lag auf dem R�cken, ein Fu� hing aus dem Bett, seine nach wie vor geschlossenen Augen waren geschwollen. Das Haar hing ihm wirr um den Kopf, der Atem kam langsam und m�hevoll. Jevy stellte sich ans Fu�ende des Bettes und sah ihn an.</p><p>Das Zimmerm�dchen und die junge Frau vom Empfang tauchten vor der angelehnten T�r auf, und Jevy winkte sie fort. Er schloss ab und nahm die leere Flasche vom Boden auf.</p><p>�Es ist Zeit aufzubrechen�, sagte er, bekam aber keinerlei Antwort. Vielleicht sollte er Senhor Ruiz anrufen, der dann den Amerikanern Bescheid geben konnte, die den armen S�ufer nach Brasilien geschickt hatten. Vielleicht sp�ter.</p><p>�Sagen Sie etwas, Nate!� forderte er ihn laut auf.</p><p>Er bekam keine Antwort. Falls der Mann nicht bald zu sich kam, w�rde Jevy einen Arzt rufen. Eineinhalb Flaschen Wodka konnten einen Menschen umbringen. Vielleicht litt Nate an einer Alkoholvergiftung und musste ins Krankenhaus.</p><p>Im Badezimmer tr�nkte Jevy ein Handtuch mit kaltem Wasser und legte es Nate auf den Nacken. Daraufhin</p><p>begann dieser zu zucken und �ffnete den Mund, als ob er etwas sagen wollte. �Wo bin ich?� knurrte er mit schwerer Zunge. ;</p><p>�In Brasilien. In Ihrem Hotelzimmer.�</p><p>�Ich lebe also.�</p><p>�Mehr oder weniger.�</p><p>Jevy wischte mit einer Ecke des Handtuchs Nates �ber Gesicht und Augen. �Wie f�hlen Sie sich?� fragte er.</p><p>�Ich m�chte sterben�, sagte Nate und griff nach dem Handtuch. Er steckte sich einen Zipfel in den Mund und begann, daran zu saugen.</p><p>�Ich hol Ihnen Wasser�, sagte Jevy. Er �ffnete den K�hlschrank und nahm eine Flasche Wasser heraus. �K�nnen Sie den Kopf heben?� fragte er.</p><p>�Nein�, knurrte Nate.</p><p>Jevy tr�pfelte Nate Wasser auf Lippen und Zunge. Ein Teil lief ihm �ber die Wangen ins Handtuch. Es war ihm gleichg�ltig. Sein Kopf dr�hnte, als wolle er bersten, und sein erster Gedanke war, wie zum Teufel er �berhaupt wach geworden war.</p><p>Er �ffnete das rechte Auge einen Spaltbreit. Die Lider des linken Auges waren noch verklebt. Wie ein gl�hender Strahl fuhr ihm das Tageslicht ins Gehirn, und eine Welle der �belkeit stieg ihm aus den Knien in die Kehle. Mit �berraschender Pl�tzlichkeit warf er sich herum und erhob sich auf alle viere, als sein Mageninhalt aus ihm hervorbrach.</p><p>Jevy sprang beiseite und holte ein weiteres Handtuch. Er blieb eine Weile im Badezimmer, w�hrend er sich Nates ersticktes R�cheln anh�rte. Auf den Anblick eines nackten Mannes, der sich mitten im Bett auf H�nden und Knien die Seele aus dem Leib w�rgte, konnte er verzichten. Er drehte die Dusche an und stellte die Wassertemperatur ein.</p><p>Sein Vertrag mit Senhor Ruiz sah vor, dass er tausend Reais daf�r bekam, Mr. O'Riley ins Pantanal zu bringen, die Person aufzusp�ren, die dieser suchte, und ihn wieder in Corumba abzuliefern. Das war gutes Geld, aber er war weder Krankenpfleger noch Kinderm�dchen. Das Boot war zur Abfahrt bereit. Wenn Nate der Aufforderung mitzukommen nicht folgen konnte, w�rde sich Jevy um seinen n�chsten Auftrag k�mmern.</p><p>Als das W�rgen aufh�rte, schleppte er Nate ins Badezimmer und schob ihn unter die Dusche, wo er auf dem Boden zusammensank. �Tut mir leid�, sagte er immer wieder. Jevy lie� ihn liegen, wo er lag. Von ihm aus mochte er ertrinken. Er faltete die Laken zusammen und versuchte die Schweinerei zu beseitigen, dann ging er nach unten, um eine Kanne starken Kaffee zu holen.</p><p>Es war fast zwei Uhr, als Welly den Pickup kommen h�rte. Der L�rm, den Jevy machte, als er den Wagen an der Uferb�schung abstellte, weckte die Fischer. Von dem Amerikaner war nichts zu sehen.</p><p>Dann hob jemand irgendwo in der Kabine des Wagens ganz langsam den Kopf. Er hatte sich eine M�tze so tief wie m�glich in die Stirn gezogen, und seine Augen lagen hinter einer dunklen Sonnenbrille. Jevy �ffnete die Beifahrert�r und half Mr. O'Riley, den Fu� auf die Uferfelsen zu setzen. Welly ging zum Wagen und nahm Nates Gep�ck vom R�cksitz. Er wollte Mr. O'Riley gern kennenlernen, aber es war ein ung�nstiger Zeitpunkt. Es schien dem Mann ziemlich schlecht zu gehen. Schwei� bedeckte seine bleiche Haut, und er war zu schwach, um allein zu gehen. Welly folgte den beiden ans Ufer und half Jevy, den Mann �ber die altersschwache Sperrholzplanke aufs Boot zu bringen. Jevy trug Mr. O'Riley praktisch die Gr�ting zur Br�cke empor und von dort auf das kleine offene Deck, wo er ihn in die wartende H�ngematte legte.</p><p>Wieder auf dem Unterdeck, lie� Jevy den Motor anlaufen, und Welly holte die Leinen ein. �Was fehlt ihm?� fragte er.</p><p>�Er ist betrunken.�</p><p>�Aber es ist doch erst zwei Uhr.�</p><p>�Er ist schon seit langem betrunken.�</p><p>Langsam schob sich die Santa Loura vom Ufer fort und bewegte sich stromaufw�rts.</p><p>Nate sah, wie Corumba vor�berglitt. Die Persenning �ber ihm bestand aus ausgebleichtem gr�nem Segelleinen, das �ber einen Metallrahmen gespannt und mit vier Pfosten auf dem Deck verzurrt war. Zwei dieser Pfosten trugen seine H�ngematte, die unmittelbar nach dem Ablegen ein wenig geschaukelt hatte. Die �belkeit machte sich wieder bemerkbar. Er versuchte, vollst�ndig still zu liegen. Nichts sollte sich regen. Gem�chlich glitt das Boot den glatten Fluss entlang. Da es windstill war, konnte Nate tief in seiner H�ngematte liegen, zu dem gr�nen Dach �ber sich emporblicken und versuchen, die Dinge in seinem schmerzenden Kopf zu kl�ren. Das allerdings fiel ihm schwer, denn alles wirbelte darin durcheinander. Sich zu konzentrieren war alles andere als einfach.</p><p>Er hatte Josh aus seinem Zimmer angerufen, unmittelbar bevor er das Hotel verlie�. Mit Eisbeuteln auf dem Nacken und einem Papierkorb zwischen den F�ssen hatte er die Nummer gew�hlt und sich gro�e M�he gegeben, seiner Stimme einen normalen Klang zu geben. Jevy hatte Senhor Ruiz nichts erz�hlt, so dass dieser Josh nichts erz�hlen konnte. Niemand au�er Nate und Jevy wusste etwas, und sie hatten sich darauf geeinigt, dass es so bleiben sollte. Auf dem Boot gab es keinen Alkohol, und Nate hatte versprochen, bis zu ihrer R�ckkehr n�chtern zu bleiben. Wie sollte er auch im Pantanal etwas zu trinken finden?</p><p>Sofern sich Josh Sorgen gemacht hatte, war das seiner Stimme nicht anzumerken gewesen. Die Kanzlei, hatte er gesagt, sei nach wie vor �ber Weihnachten geschlossen und so weiter, aber er habe entsetzlich viel zu tun. Das �bliche.</p><p>Nate hatte erkl�rt, es gehe ihm gro�artig. Das Boot sei dem Zweck durchaus angemessen und jetzt auch ordentlich repariert. Er k�nne die Abreise gar nicht erwarten. Als er aufgelegt hatte, musste er sich erneut �bergeben. Dann hatte er noch einmal geduscht. Anschlie�end hatte ihm Jevy zum Aufzug und durch die Hotelhalle geholfen.</p><p>Der Fluss machte eine leichte Biegung, dann noch eine, und Corumba war nicht mehr zu sehen. Der um die Stadt herum ziemlich starke Bootsverkehr nahm deutlich ab, w�hrend sie sich von ihr entfernten. Von oben konnte Nate die Heckwelle des Bootes und das schlammig-braune Wasser sehen, das hinter ihnen Blasen warf. Der Paraguay war keine hundert Meter breit und wurde an den Kr�mmungen rasch schmaler. Sie kamen an einem klapprigen Boot vor�ber, das mit gr�nen Bananen beladen war. Zwei kleine Jungen winkten ihnen zu.</p><p>Zwar h�rte das fortw�hrende Stampfen des Dieselmotors nicht auf, wie Nate gehofft hatte, aber es wurde ein leises Summen, eine best�ndige Abfolge von Schwingungen, die das ganze Boot durchzogen. Es gab keine andere M�glichkeit, als sich damit abzufinden. Er versuchte, in der H�ngematte zu schaukeln. Eine leichte Brise hatte sich erhoben. Die �belkeit war vor�ber.</p><p>Denk nicht an Weihnachten, denk nicht an zu Hause, die Kinder und kaputte Erinnerungen, und denk nicht an deine Sucht. Der Absturz ist vorbei, sagte er sich. Das Boot war seine Suchtklinik, Jevy sein Berater und Welly sein Pfleger. Er w�rde im Pantanal trocken werden und dann nie wieder auch nur einen Tropfen trinken.</p><p>Wie oft konnte er sich noch bel�gen?</p><p>Die Wirkung des Aspirins, das ihm Jevy gegeben hatte, lie� nach, und in seinem Kopf begann es erneut zu h�mmern. Er fiel in eine Art Halbschlaf und wurde wach, als Welly mit einer Flasche Wasser und einer Sch�ssel Reis kam. Nates H�nde zitterten so sehr, dass ihm der Reis vom L�ffel auf das Hemd und in die H�ngematte fiel. Er war warm und salzig, und Nate a� jedes Korn.</p><p>�Mais?� fragte Welly.</p><p>Nate sch�ttelte den Kopf. Dann trank er das Wasser in kleinen Schlucken. Anschlie�end lie� er sich in die H�ngematte sinken und versuchte zu d�sen.</p></section><section><title><p>SIEBZEHN</p></title><p>Nach einigen fehlgeschlagenen Anl�ufen zu schlafen �bermannten Nate schlie�lich die Folgen der Zeitverschiebung zusammen mit seiner M�digkeit und den Nachwirkungen des Wodkas. Auch der Reis trug seinen Teil dazu bei, dass er in tiefen Schlaf fiel. Welly sah in Stundenabst�nden nach ihm. �Er schnarcht�, berichtete er Jevy, der im Ruderhaus am Steuer stand.</p><p>Nates traumloser Schlaf dauerte vier Stunden. W�hrend dieser Zeit schob sich die Santa Loura gegen Str�mung und Wind St�ck f�r St�ck in ungef�hrer Nordrichtung voran. Als Nate wieder erwachte, hatte er trotz des st�ndigen Dr�hnens der Maschine nicht den Eindruck, dass sich das Boot bewegte. Er erhob sich ein wenig von der H�ngematte und sp�hte �ber den Bootsrand, um zu sehen, ob am dichtbewachsenen Ufer irgendwelche Hinweise auf ein Vorankommen zu sehen waren. Die Gegend, durch die sie kamen, schien v�llig unbewohnt zu sein. Er sah das Kielwasser hinter dem Boot und merkte, als er einen Baum fest im Auge behielt, dass sie tats�chlich vorankamen, wenn auch �u�erst langsam. Die Navigation war auf dem durch die Regenf�lle gestiegenen Fluss leichter als sonst, daf�r aber ging es flussaufw�rts nicht besonders schnell.</p><p>Zwar waren �belkeit und Kopfschmerzen verschwunden, doch f�hlte er sich noch immer ziemlich wacklig. Er versuchte aus der H�ngematte zu klettern, in erster Linie, weil er seine Blase erleichtern musste. Es gelang ihm, ohne Zwischenf�lle die F��e auf das Deck zu setzen. W�hrend er kurz innehielt, tauchte Welly wie aus dem Nichts auf und gab ihm eine Tasse Kaffee.</p><p>Nate umschloss das warme Porzellan mit beiden H�nden und schnupperte. Noch nie hatte etwas besser gerochen. � Obrigado�, dankte er Welly.</p><p>�Sim�, gab dieser mit noch breiterem L�cheln als sonst zur�ck.</p><p>Nate schl�rfte den k�stlichen s��en Kaffee und bem�hte sich, nicht auf Wellys neugierigen Blick zu reagieren. Der Junge trug die auf dem Fluss �bliche Kleidung: eine abgetragene kurze Sporthose, ein altes T-Shirt und billige Gummisandalen, die seine zernarbten harten Fu�sohlen sch�tzten. Wie Jevy, Valdir und die meisten Brasilianer, die Nate bisher kennengelernt hatte, war auch Welly schwarzhaarig und dunkel�ugig, hatte mehr oder weniger europ�ische Gesichtsz�ge und eine braune Haut. Manche Brasilianer waren heller, manche dunkler, auf jeden Fall aber war es ein unverkennbarer Farbton.</p><p>Ich lebe und bin n�chtern, dachte Nate, w�hrend er weiterschl�rfte. Wieder einmal bin ich hart am Rande der H�lle entlanggeschrammt und hab es �berlebt. Ich bin abgest�rzt, war unten, habe das verschwommene Spiegelbild meines Gesichts gesehen und w�re am liebsten gestorben. Jetzt aber sitze ich hier und atme. Zweimal in drei Tagen hab ich meine letzten Worte gesagt. Vielleicht ist meine Zeit noch nicht gekommen.</p><p>�Mais?� fragte Welly mit einem Kopfnicken zur leeren Tasse.</p><p>�Sim�, antwortete Nate und gab sie ihm. Mit zwei Schritten war der Junge fort.</p><p>Noch steif von der Bruchlandung und zittrig vom Wodka, versuchte Nate, auf die Beine zu kommen. Er blieb einen Augenblick stehen, ohne sich festzuhalten. Das war immerhin schon etwas. Der Weg zur�ck bestand nur aus einer Reihe kleiner Schritte, und jeder von ihnen war ein kleiner Sieg. Wer sie ohne Niederlage aneinander reihen kann und kein einziges Mal strauchelt, hat es geschafft. Endg�ltig geheilt allerdings ist man nie. Es ist immer nur ein vorl�ufiger Sieg, er gilt f�r eine Weile, solange es dauert. Er hatte das Puzzle fr�her schon einmal gespielt; man musste jedes St�ck feiern, das man an die richtige Stelle brachte.</p><p>Im n�chsten Augenblick streifte das Boot rumpelnd eine Sandbank, und Nate fiel gegen die H�ngematte. Als der Ruck in die Gegenrichtung kam, wurde er zu Boden geschleudert, wo er mit dem Kopf auf eine Planke schlug.</p><p>Er rappelte sich auf und hielt sich mit einer Hand an der Reling, w�hrend er mit der anderen seinen Kopf betastete. Kein Blut, nur eine kleine Beule. Aber der Sto� hatte ihn aufgeweckt, und als er wieder klar sehen konnte, schob er sich an der Reling entlang langsam zur kleinen, engen Br�cke vor, wo Jevy auf einem Hocker sa� und eine Hand l�ssig �ber das Steuerrad gelegt hatte.</p><p>Sein brasilianisches L�cheln blitzte auf, dann fragte er: �Wie f�hlen Sie sich?�</p><p>�Viel besser�, sagte Nate, fast besch�mt. Allerdings war Scham eine Empfindung, die er schon vor Jahren abgelegt hatte. Ein S�chtiger kennt kein Schamgef�hl. Er hat sich so oft mit Schande bedeckt, dass er dagegen immun wird.</p><p>Kaffeetassen in beiden H�nden kam Welly die Stufen empor geeilt. Eine Tasse gab er Nate, die andere Jevy.</p><p>Dann setzte er sich auf eine schmale h�lzerne Bank neben den Bootsf�hrer.</p><p>Langsam ging die Sonne hinter den fernen Bergen Boliviens unter. Im Norden, unmittelbar vor ihnen, bildeten sich Wolken. Die Luft war leicht und viel k�hler als zuvor. Jevy holte sein T-Shirt und zog es an. Nate f�rchtete, es werde wieder ein Unwetter geben. Da der Fluss nicht breit war, konnten sie doch bestimmt das verdammte Boot am Ufer an einem Baum festmachen.</p><p>Sie n�herten sich einem kleinen, quadratischen Haus. Es war die erste menschliche Behausung, die Nate seit Corumba sah. Man konnte Anzeichen von Leben erkennen: ein Pferd, eine Kuh, W�sche auf der Leine, ein Kanu nahe dem Ufer. Ein Mann mit einem Strohhut, ein richtiger pantaneiro, trat auf die Veranda und winkte ihnen tr�ge zu.</p><p>Als das Haus hinter ihnen lag, wies Welly auf eine Stelle, wo das Unterholz bis an den Fluss reichte. �Jacares�, sagte er. Jevy sah hin, schien aber gelangweilt. Er hatte schon eine Million Kaimane gesehen, Nate hingegen erst einen, vom Pferd aus. Als er jetzt zu den glatten Reptilien hinsah, die sie aus dem Schlamm zu beobachten schienen, fiel ihm auf, um wie viel kleiner sie vom Deck eines Bootes aus wirkten. Aus sicherer Entfernung waren sie ihm lieber.</p><p>Irgend etwas sagte ihm allerdings, dass er sie bestimmt noch einmal aus unangenehmer N�he erleben w�rde, bevor die Fahrt vorbei war. Das Beiboot, das die Santa Loura im Schlepp hatte, w�rden sie wohl auf der Suche nach Rachel Lane benutzen m�ssen. Er und Jevy w�rden damit durch schmale Flussl�ufe fahren, die K�pfe einziehen, wenn das Unterholz bis ans Wasser reichte, durch dunkle Gew�sser voller Wasserpflanzen waten. Sicherlich warteten dort auch Jacares und andere t�ckische Reptilien auf ihre Mahlzeit.</p><p>Aber merkw�rdigerweise ber�hrte ihn das im Augenblick nicht. Bisher hatte er sich in Brasilien eigentlich recht gut gehalten. Es war ein Abenteuer, und sein F�hrer schien keine Furcht zu kennen.</p><p>Nate hielt sich am Gel�nder fest und ging vorsichtig Schritt f�r Schritt den Niedergang hinunter und dann durch den schmalen Gang an der Kaj�te und der Komb�se vorbei, wo Welly einen Topf auf dem Propangasherd stehen hatte. Der Diesel dr�hnte im Maschinenraum. Sein Ziel war das kleine Bad, das au�er einer Toilettensch�ssel in einer Ecke ein schmutziges Waschbecken sowie einen Duschkopf enthielt, der nur wenige Zentimeter �ber ihm hin und her pendelte. W�hrend sich Nate erleichterte, betrachtete er aufmerksam die Kette, die dazu diente, die Dusche in Gang zu setzen. Er trat einen Schritt zur�ck und zog daran. Br�unliches Wasser kam in recht kr�ftigem Strahl heraus. Wie es aussah, stammte es aus dem unersch�pflichen Wasservorrat des Flusses und war wahrscheinlich ungefiltert. �ber der T�r war ein Drahtkorb angebracht, der zur Aufnahme eines Handtuchs und der Kleidung diente. Man musste sich also ausziehen, irgendwie die Toilette zwischen die Beine nehmen, sich mit der einen Hand einseifen und mit der anderen die Kette ziehen, die daf�r sorgte, dass Wasser aus der Dusche kam.</p><p>Was soll's, dachte Nate. So oft w�rde er schon nicht duschen.</p><p>Im Topf auf dem Herd sah er Reis und schwarze Bohnen und fragte sich im stillen, ob wohl alle Mahlzeiten gleich au�ehen w�rden. Doch war ihm das nicht wirklich wichtig. Essen spielte bei ihm keine besondere Rolle. W�hrend man die Patienten auf Walnut Hill austrocknete, absolvierten sie gleichzeitig eine sanfte Fastenkur. Schon seit Monaten hatte er kaum noch Appetit.</p><p>Mit dem R�cken zu Jevy und Welly setzte er sich auf die Gitterroste der Stufen, die zur Br�cke f�hrten, und sah zu, wie es auf dem Fluss dunkel wurde. In der Abendd�mmerung machten sich die Tiere zur Nachtruhe bereit. V�gel flogen in geringer H�he �ber dem Wasser von Baum zu Baum und hielten Ausschau nach einem letzten Fisch, bevor es ganz dunkel wurde. Ihre Rufe und ihr Gesang �bert�nten das unaufh�rliche Dr�hnen des Diesels, als das Boot vor�berzog. Das Wasser spritzte an den Ufern auf, wenn sich ein Kaiman in den Fluss gleiten lie�. Vielleicht gab es dort auch Schlangen, gro�e Anakondas, die ihre Lagerst�tte aufsuchten, aber Nate dachte lieber nicht an sie. Auf der Santa Loura f�hlte er sich sicher. Die angenehme Brise, die ihn umf�chelte, war w�rmer als zuvor. Das Unwetter war ausgeblieben.</p><p>Woanders mochte die Zeit dahinrasen, hier im Pantanal hatte sie nicht die geringste Bedeutung. Allm�hlich gew�hnte er sich an den tr�gen Rhythmus. Er dachte an Rachel Lane. Auf welche Weise w�rde das Geld ihr Leben</p><p>ver�ndern? Ganz gleich, wie fromm oder seiner Aufgabe verpflichtet jemand war, es konnte niemanden unber�hrt lassen. W�rde sie mit ihm in die Staaten fliegen und sich um den Nachla� ihres Vaters k�mmern? Sp�ter konnte sie immer noch zu ihren Indianern zur�ckkehren. Wie w�rde sie die Mitteilung aufnehmen? Wie w�rde sie �berhaupt auf den Anblick eines amerikanischen Anwalts reagieren, der sie mitten in der Wildnis aufgesp�rt hatte?</p><p>Welly klimperte eine Melodie auf einer alten Gitarre, und Jevy brummte irgendeinen Liedtext dazu. Es klang fast einlullend, das Lied einfacher M�nner, in deren Leben Tage und nicht Minuten z�hlten, M�nner, die nur wenige Gedanken an das Morgen verschwendeten und keine an das, was im kommenden Jahr geschehen mochte oder auch nicht. Er beneidete sie, zumindest solange sie sangen.</p><p>F�r jemanden, der noch am Vortag versucht hatte, sich selbst zu Tode zu trinken, war das eine beachtliche Wende. Er genoss den Augenblick, war gl�cklich, am Leben zu sein, und freute sich auf den weiteren Verlauf seines Abenteuers. Seine Vergangenheit lag buchst�blich in einer Lichtjahre entfernten anderen Welt, auf den kalten, nassen Stra�en von Washington.</p><p>Dort konnte nichts Gutes geschehen. Er hatte deutlich bewiesen, dass er unf�hig war, dort zu leben, ohne r�ckf�llig zu werden, wo er denselben Menschen wie vorher begegnete, dieselbe Arbeit wie vorher tat, sich bem�hte, die alten Gewohnheiten zu vergessen - bis zum n�chsten Absturz. Er w�rde immer wieder abst�rzen.</p><p>Welly begann ein Solo, das Nate aus den Gedanken an seine Vergangenheit riss. Es war eine langsame, traurige Ballade. Als sie zu Ende war, lag der Fluss vollkommen im Dunkeln. Jevy schaltete zwei links und rechts vom Bug angebrachte Scheinwerfer ein. Das Navigieren auf dem Fluss war einfach. Der Pegel stieg und fiel mit den Jahreszeiten und war nie besonders hoch. Die flachb�digen Boote waren so gebaut, dass ihnen die Ber�hrung mit den Sandb�nken nichts ausmachte, die bisweilen im Weg waren. Unmittelbar nach Einbruch der Dunkelheit lief Jevy auf eine solche Sandbank, und die Santa Loura sa� fest. Er fuhr r�ckw�rts, dann wieder vorw�rts, und nachdem er f�nf Minuten auf diese Weise man�vriert hatte, kam das Boot wieder frei. Es war unsinkbar.</p><p>In einer Ecke der Kaj�te, nicht weit von den vier Kojen entfernt, a� Nate allein an einem Tis ch, der am Fu�boden festgeschraubt war. Welly stellte Bohnen und Reis mit H�hnerfleisch sowie eine Apfelsine vor ihn hin. Dazu trank Nate kaltes Wasser aus einer Flasche. Eine nackte Gl�hlampe pendelte �ber dem Teller hin und her. In der Kaj�te war es hei� und stickig. Welly hatte ihm vorgeschlagen, in der H�ngematte zu schlafen.</p><p>Jevy kam mit einer Flusskarte des Pantanal. Er wollte die bisher auf dem Paraguay zur�ckgelegte Strecke einzeichnen, so kurz sie war. Sie kamen wirklich kaum voran. Zwischen ihrer gegenw�rtigen Position und Corumba lag nur ein winziges St�ckchen Karte.</p><p>� Das liegt am Hochwasser �, erkl�rte Jevy. � Zur�ck geht es viel schneller.�</p><p>�ber den R�ckweg hatte sich Nate noch nicht viele Gedanken gemacht. �Kein Problem�, sagte er. Jevy wies in verschiedene Richtungen und stellte einige Berechnungen an. �Das erste Indianerdorf liegt in diesem Gebiet�, sagte er und wies auf eine Stelle, die angesichts der bisher zur�ckgelegten Strecke noch Wochen entfernt schien. �Guato?�</p><p>�Sim. Ja. Ich denke, dass wir es da zuerst versuchen sollten. Wenn sie da nicht ist, wei� vielleicht jemand, wo sie sich aufh�lt.�</p><p>�Wie lange dauert es, da hinzukommen?�</p><p>�Zwei Tage, vielleicht drei.�</p><p>Nate zuckte die Achseln. Die Zeit stand still. Seine Armbanduhr hatte er in der Hosentasche. Seine Sammlung von Stunden-, Tages-, Wochen- und Monatsplanern war l�ngst vergessen. Sein Prozesskalender, die gro�e, unverletzliche Richtschnur seines Lebens, lag in der Schublade irgendeiner Sekret�rin. Er war dem Tod um Haaresbreite entronnen; jetzt war jeder neue Tag ein Geschenk.</p><p>�Ich habe viel zu lesen�, sagte er.</p><p>Jevy faltete die Karte sorgf�ltig wieder zusammen. �Ist mit Ihnen alles in Ordnung?� fragte er.</p><p>�Mir geht es gut. Ich f�hle mich wohl.�</p><p>Jevy h�tte gern noch viel mehr gefragt, aber Nate war nicht in der Stimmung, eine Lebensbeichte abzulegen.</p><p>�Mir geht es gut�, wiederholte er. �Die kurze Reise wird mir gut tun.�</p><p>Er las eine Stunde lang am Tisch im Licht der schwankenden Lampe, bis er merkte, dass er in Schwei� gebadet war. Von seiner Koje nahm er Insektenschutzmittel, eine Taschenlampe und einen Stapel von Joshs Aktennotizen und machte sich vorsichtig auf den Weg nach vorn. Als er die Stufen zum Ruderhaus emporstieg, sah er, dass Welly am Ruder stand und Jevy ein Nickerchen machte.</p><p>Er bespr�hte Arme und Beine und kletterte dann in die H�ngematte. Es dauerte eine Weile, bis er seine Gliedma�en so geordnet hatte, dass der Kopf h�her lag als das Hinterteil. Als er mit seiner Lage zufrieden war und die H�ngematte sacht im Rhythmus des Flusses schaukelte, schaltete Nate die Taschenlampe an und begann wieder zu lesen.</p></section><section><title><p>ACHTZEHN</p></title><p>Es ging lediglich um die Verlesung eines Testaments, aber die Einzelheiten waren von entscheidender Bedeutung. Der Richter F. Parr Wycliff hatte w�hrend der Weihnachtstage kaum an etwas anderes gedacht. Jeder Platz im Gericht w�rde besetzt sein, und diejenigen, die keinen Sitzplatz bekommen hatten, w�rden in mehreren Reihen an den W�nden stehen. So sehr hatte ihn die Angelegenheit besch�ftigt, dass er am Tag nach Weihnachten den leeren Gerichtssaal aufgesucht und �berlegt hatte, wohin er jeden einzelnen setzen w�rde.</p><p>Wie nicht anders zu erwarten, waren die Medien nicht zu b�ndigen. Man wollte mit im Gang aufgestellten Kameras durch die kleinen, viereckigen Fensterchen in den T�ren Aufnahmen machen, doch das hatte er abgelehnt. Die Leute wollten Pl�tze in den vordersten Reihen, und wieder hatte die Antwort �Nein� gelautet. Man wollte Interviews mit ihm, doch zumindest im Augenblick war er dazu nicht bereit.</p><p>Auch die Anw�lte tauchten auf. Die einen bestanden darauf, die �ffentlichkeit samt und sonders auszuschlie�en, andere wollten aus leicht zu begreifenden Gr�nden, dass das Fernsehen die Testamentser�ffnung aufzeichnete. Man stellte Forderungen, meldete W�nsche an, machte Anregungen: Wer in den Gerichtssaal durfte und wer nicht, wo sie sitzen sollten und wo nicht und dergleichen. Einige der Anw�lte regten sogar an, ihnen solle gestattet werden, das Testament zu �ffnen und zu lesen. Da es sich um ein sehr umfangreiches Schriftst�ck handele, k�nne es sich ohne weiteres als n�tig erweisen, die eine oder andere komplizierte Bestimmung w�hrend des Verlesens zu erl�utern.</p><p>Wycliff kam schon fr�h ins Gericht. Gefolgt von seiner Sekret�rin, der Protokollbeamtin und den von ihm angeforderten zus�tzlichen Polizeibeamten ging er im Gerichtssaal umher und wies Pl�tze an, z�hlte die St�hle und probierte die Lautsprecheranlage aus. Er legte Wert darauf, dass alle Einzelheiten stimmten. Als jemand sagte, ein Fernsehteam versuche sich im Eingangsbereich festzusetzen, schickte er rasch einen Polizeibeamten hin, der das Geb�ude r�umen sollte.</p><p>Nachdem im Saal alles bereit war, kehrte er in sein Dienstzimmer zur�ck, um sich mit anderen Dingen zu besch�ftigen. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Nie wieder w�rde ein so aufregender Programmpunkt auf seinem Terminplan stehen. Nicht ganz uneigenn�tzig hoffte er, Troys Testament werde heftig umstritten sein und beispielsweise einer seiner fr�heren Frauen und ihren Kindern alles Geld zu Lasten einer anderen zusprechen. Oder vielleicht enthielt er seinen verr�ckten Kindern alles vor und machte jemand anders reich. Eine sich lange hinziehende Anfechtungsklage, bei der man ausgiebig schmutzige W�sche wusch, w�rde Wycliffs eher beschauliches Dasein am Nachlassgericht mit Sicherheit interessanter machen. Er st�nde im Mittelpunkt der ganzen Auseinandersetzung, bis zu deren Ende zweifellos Jahre ins Land gehen w�rden, denn immerhin standen elf Milliarden auf dem Spiel.</p><p>Er war sicher, dass das Testament angefochten w�rde. Hinter verschlossener T�r b�gelte er in seinem Amtszimmer eine volle Viertelstunde lang seine Robe.</p><p>Kurz nach acht traf der erste Zuschauer ein. Es war ein Reporter, und weil er der erste war, unterzogen ihn die nerv�sen Sicherheitsleute, die an der Doppelt�r zum Gerichtssaal Aufstellung genommen hatten, einer besonders gr�ndlichen Behandlung. Sie begr��ten ihn m�rrisch, verlangten seinen Presseausweis. Dann musste er sich in eine f�r Medienvertreter vorgesehene Liste eintragen, und sie untersuchten seinen Stenoblock, als w�re es eine Handgranate. Als er durch die Sicherheitsschleuse ging, waren die beiden Wachm�nner offenbar entt�uscht, dass der Metalldetektor nicht Alarm gab. Der Mann war dankbar, dass er keine vollst�ndige Leibesvisitation �ber sich ergehen lassen musste. Im Gerichtssaal f�hrte ein weiterer Uniformierter ihn durch den Mittelgang an einen Platz in der dritten Reihe. Erleichtert setzte er sich. Der Saal war noch leer.</p><p>Die Testamentser�ffnung war f�r zehn Uhr angesetzt, doch hatte sich im Vorraum bereits um neun eine betr�chtliche Menschenmenge angesammelt. Die Leute standen im Gang Schlange, denn die Sicherheitsleute lie�en sich Zeit mit der Durchsuchung und der Sichtung der Papiere.</p><p>Einige der Anw�lte der Phelan-Erben st�rmten herbei und waren ver�rgert, dass man sie nicht sofort in den Saal lie�. Harte Worte fielen von beiden Seiten, Anw�lte und Polizeibeamte stie�en Drohungen aus. Jemand schickte nach Wycliff, doch dieser polierte gerade seine Schuhe auf Hochglanz und dachte nicht daran, sich st�ren zu lassen. Au�erdem wollte er, ganz wie eine Braut bei der Hochzeit, nicht vor seinem gro�en Auftritt gesehen werden. Nach einer Weile gingen die Sicherheitskr�fte dazu �ber, die Erben und ihre Anw�lte mit Vorrang zu behandeln, was die Situation ein wenig entspannte.</p><p>Allm�hlich f�llte sich der Saal. Tische wurden in Hufeisenform vor dem Richtertisch aufgestellt. Auf diese Weise w�rde Wycliff von seinem Platz aus alle sehen k�nnen: Anw�lte, Erben und Zuschauer. Die Mitglieder der Familie Phelan kamen an einen langen Tisch links vom Richtertisch, unmittelbar vor der Geschworenenbank.</p><p>Troy Junior kam als erster. Er und Biff wurden in unmittelbare N�he des Richters gesetzt, wo sie mit dreien ihrer Anw�lte Platz nahmen und sich gro�e M�he gaben, einen feierlichen Eindruck zu machen und zugleich niemanden sonst im Saal zur Kenntnis zu nehmen. Biff war w�tend, weil die Wachm�nner ihr Mobiltelefon konfisziert hatten. Jetzt konnte sie keine Anrufe in Immobilienangelegenheiten vornehmen.</p><p>Als n�chster kam Ramble. Auch dieser Anlass hatte ihn nicht dazu bewegen k�nnen, sein Haar, das zwei Wochen lang nicht gewaschen worden war und immer noch Spuren von Limetten-gr�n aufwies, in Fasson zu bringen. �berall hatte er Ringe, an Ohren, Nase und Augenbrauen. Er trug zerfetzte Jeans, alte Stiefel und eine schwarze Lederweste. Seine d�rren Arme waren voller Abziehbild-T�towierungen. Au�erdem war er m�rrisch.</p><p>Auf seinem Weg durch den Mittelgang erregte er die Aufmerksamkeit der Journalisten. Sein Anwalt Yancy, der alternde Hippie, der es irgendwie geschafft hatte, seinen kostbaren Mandanten zu behalten, war auf Schritt und Tritt wie eine Glucke um ihn.</p><p>Nach einem kurzen Blick auf die Sitzordnung verlangte Yancy, so weit wie m�glich von Troy Junior entfernt gesetzt zu werden. Der Polizeibeamte tat ihm den Gefallen und brachte ihn und Ramble am Ende eines herangeschobenen Tisches gegen�ber dem Richtertisch unter. Ramble l�mmelte sich so auf seinen Stuhl, dass das gr�ne Haar �ber die Lehne hing. Die Zuschauer waren entsetzt - dieser Kerl sollte eine halbe Milliarde Dollar erben?</p><p>Gar nicht auszudenken, was f�r Unfug er damit anrichten k�nnte.</p><p>Als n�chste kam Geena Phelan Strong mit ihrem Mann Cody und zweien der von ihnen besch�ftigten Anw�lte. Sie sahen, dass Troy Junior und Ramble weit voneinander entfernt sa�en, und suchten sich einen Platz so weit wie m� glich von beiden. Cody, der besonders ernst und bedr�ckt wirkte, machte sich sogleich daran, mit einem seiner Anw�lte einige wichtige Papiere durchzugehen. Geena glotzte unverhohlen zu Ramble hin�ber; sie konnte einfach nicht glauben, dass das ihr Halbbruder sein sollte.</p><p>Die Stripperin Amber hatte einen gro�en Auftritt in einem kurzen Rock und einer Bluse, die so tief ausgeschnitten war, dass ihre beachtlichen Br�ste fast vollst�ndig frei lagen. Der Polizeibeamte, der sie durch den Mittelgang geleitete, konnte sein Gl�ck nicht fassen. Er redete unaufh�rlich mit ihr, ohne den Blick vom Rand ihrer Bluse zu nehmen. Rex folgte in einem dunklen Anzug, eine prallgef�llte Aktentasche in der Hand, als h�tte er heute ernste Dinge zu erledigen. Ihm folgte Hark Gettys, nach wie vor der lauteste Anwalt von allen. Er brachte zwei seiner neuen Kollegen mit; seine Kanzlei wurde w�chentlich gr��er. Da Amber und Biff nicht miteinander sprachen, schritt Rex ein und wies auf eine Stelle zwischen Ramble und Geena.</p><p>Allm�hlich wurde der freie Platz an den Tischen knapper. Es w�rde nicht mehr lange dauern, bis einige der Phelans einander nicht mehr ausweichen konnten.</p><p>Rambles Mutter, Tira, brachte zwei etwa gleichaltrige junge M�nner mit. Der eine trug eine enganliegende Jeans und g�nnte allen einen Blick auf seine behaarte Brust, der andere war gepflegt und kam im Nadelstreifenanzug. Mit dem Gigolo ging sie ins Bett, der Anwalt w�rde seinen Lohn sp�ter bekommen.</p><p>Eine weitere L�cke f�llte sich. Klatsch und Spekulationen flogen im Zuschauerraum hin und her. �Kein Wunder, dass der Alte vom Balkon gesprungen ist�, sagte ein Reporter beim Anblick der Familienmitglieder des Phelan-Clans zu einem anderen.</p><p>Die Enkel mussten beim gemeinen Volk im Saal Platz nehmen. Mit ihrem Gefolge und ihren Anh�ngern bildeten sie kleine Gr�ppchen und kicherten nerv�s, w�hrend sie darauf warteten, dass sich die Waagschale der G�ttin Fortuna ihnen zuneigte.</p><p>Libbigail Jeter kam mit ihrem Mann Spike, dem ehemaligen Motorradfahrer, der nach wie vor gut hundertvierzig Kilo wog. W�hrend sie hinter ihrem Anwalt Wally Bright durch den Mittelgang watschelten, wirkten sie denkbar fehl am Platz, obwohl sie wei� Gott oft genug einen Gerichtssaal von innen gesehen hatten. Wally, den sie im Branchenverzeichnis gefunden hatten, trug einen fleckigen Regenmantel, der auf dem Boden schleifte, ein Hemd mit abgesto�enen Kragenecken und einen zwanzig Jahre alten Polyesterschlips. Aus einer Abstimmung im Zuschauerraum �ber den am sch�bigsten gekleideten Anwalt w�re er mit weitem Abstand als Sieger hervorgegangen. Seine Papiere trug er in einem Ziehharmonika-Ordner, der ihm vor Gericht schon bei zahllosen Ehescheidungen und anderen F�llen gedient hatte. Aus irgendeinem Grund hatte er sich nie einen Aktenkoffer gekauft. Zielsicher strebten sie der gr��ten L�cke zu und nahmen Platz. Dann machte sich Wally Bright ger�uschvoll daran, seinen Regenmantel auszuziehen, wobei dessen zerfetzter Saum den Hals eines von Harks namenlosen jungen Anw�lten streifte. Angewidert wich der ernsthaft wirkende junge Mann vor Brights K�rpergeruch zur�ck.</p><p>�Passen Sie doch gef�lligst auf!� sagte er scharf, w�hrend er mit dem Handr�cken nach Bright schlug und ihn verfehlte. Die Worte knisterten in der angespannten Atmosph�re. K�pfe hoben sich von wichtigen Dokumenten auf den Tischen und fuhren herum. Jeder verabscheute jeden.</p><p>�Tut mir leid�, erwiderte Bright mit unverhohlenem Sarkasmus. Zwei Polizeibeamte schoben sich n�her, um erforderlichenfalls einzugreifen. Aber der Regenmantel fand ohne weiteren Zwischenfall einen Platz unter dem Tisch, und schlie�lich gelang es Bright auch, sich neben Libbigail zu setzen, an deren anderer Seite Spike sa�, sich den Bart strich und Troy Junior einen Blick zuwarf, als h�tte er ihn am liebsten geohrfeigt.</p><p>Kaum jemand unter den Anwesenden nahm an, das sei das letzte Scharm�tzel unter den Phelans.</p><p>Wer bei seinem Tod elf Milliarden hinterl�sst, darf damit rechnen, dass man sich f�r sein Testament interessiert, vor allem, wenn es so aussieht, als werde eins der bedeutendsten Verm�gen auf der Welt den Geiern in den Rachen gestopft. So war es kein Wunder, dass au�er den Massenbl�ttern und den �rtlichen Zeitungen auch alle wichtigen Finanzzeitschriften vertreten waren. Die drei Stuhlreihen, die Wycliff f�r die Presse reserviert hatte, waren um halb zehn gef�llt. Die Journalisten genossen es offensichtlich zu beobachten, wie sich die Mitglieder der Familie Phelan vor ihren Augen versammelten. Fieberhaft strichelten drei Pressezeichner; was sie sahen, bot ihnen reichlich Material. Der gr�nhaarige Punker wurde h�ufiger skizziert, als er es verdient hatte.</p><p>Um zehn vor zehn erschien Josh Stafford, von Tip Durban, zwei weiteren Anw�lten aus seiner Kanzlei und einigen Anwaltsgehilfen begleitet. Mit w�rdiger Miene nahmen sie ihre reservierten Pl�tze ein. Verglichen mit der drangvollen Enge, die an den Tischen der Phelans und ihrer Anw�lte herrschte, ging es bei ihnen gro�z�gig zu. Josh legte eine einzige dicke Akte vor sich, und sogleich richteten sich die Augen aller darauf. Sie schien einen Schriftsatz von fast f�nf Zentimetern St�rke zu enthalten, sehr �hnlich dem, den Troy vor den Videokameras unterzeichnet hatte. Das lag gerade neunzehn Tage zur�ck.</p><p>Au�er Ramble sahen alle unwillk�rlich hin. Den Gesetzen des Staates Virginia zufolge waren Zahlungen an</p><p>Erben fr�hzeitig m�glich, sofern der Nachlass liquide war und keinerlei Bedenken wegen Steuerr�ckst�nden und zu begleichenden Schulden bestanden. Die Sch�tzungen der Phelan-Anw�lte reichten von mindestens zehn Millionen pro Erben bis hin zu den von Bright vermuteten f�nfzig Millionen. Er selbst hatte in seinem Leben noch nie auch nur f�nfzigtausend Dollar gesehen. Das mochte damit zu tun haben, dass er an der Abendschule f�r Juristen beim Abschluss seines Jahrgangs lediglich auf dem zehnten Platz gelandet war.</p><p>Um zehn Uhr wurden die T�ren verschlossen, und wie auf ein Stichwort hin tauchte Wycliff in einer Wand�ffnung hinter dem Richtertisch auf. Schlagartig herrschte im Raum Schweigen. Der Richter setzte sich, wobei er seine frisch geb�gelte Robe um sich ausbreitete. Mit einem L�cheln sagte er �Guten Morgen� in das Mikrophon, das vor ihm stand.</p><p>Alle erwiderten sein L�cheln. Mit gro�er Befriedigung stellte er fest, dass der Raum bis an die Grenzen seines Fassungsverm�gens gef�llt war. Ein rascher Blick zeigte ihm, dass insgesamt acht bewaffnete Polizeibeamte bereitstanden. Er sah zu den Phelan-Familien hin�ber: An ihren Tischen gab es nicht die kleinste L�cke. Manche ihrer Anw�lte sa�en praktisch auf Tuchf�hlung nebeneinander.</p><p>�Sind alle Parteien anwesend?� fragte er. An den Tischen wurde heftig genickt.</p><p>�Ich muss jeden einzelnen identifizieren�, sagte er und griff nach seinen Unterlagen. �Den ersten Antrag hat Rex Phelan eingereicht.� Bevor er ausgesprochen hatte, erhob sich Hark Gettys.</p><p>�Euer Ehren, ich bin Hark Gettys�, sagte er mit laut t�nender Stimme zum Richtertisch hin�ber, nachdem er sich ger�uspert hatte. �Ich vertrete Mr. Rex Phelan.�</p><p>�Vielen Dank. Sie k�nnen sitzen bleiben.�</p><p>Er nahm sich Tisch f�r Tisch vor und notierte die Namen der Erben wie auch die ihrer Anw�lte, aller Anw�lte.</p><p>Die Reporter schrieben so rasch mit wie der Richter. Insgesamt sechs Erben, drei ehemalige Gattinnen. Alle waren anwesend.</p><p>�Zweiundzwanzig Anw�lte�, murmelte Wycliff vor sich hin.</p><p>�Haben Sie das Testament, Mr. Stafford?� fragte er.</p><p>Josh erhob sich mit einer anderen Akte in der Hand. �Ja.�</p><p>�W�rden Sie bitte den Zeugenstand aufsuchen?�</p><p>Josh ging um die Tische und an der Protokollbeamtin vorbei zum Zeugenstand, wo er die rechte Hand hob und schwor, die Wahrheit zu sagen.</p><p>�Sie haben Troy Phelan vertreten?� fragte Wycliff.</p><p>�Ja. �ber mehrere Jahre.�</p><p>�Haben Sie f�r ihn ein Testament erstellt?�</p><p>�Mehrere.�</p><p>�Haben Sie auch sein letztes Testament erstellt?�</p><p>Eine Pause trat ein, und je l�nger sie wurde, desto n�her reckten sich die H�lse der Phelans dem Zeugenstand entgegen.</p><p>�Nein, das letzte nicht�, sagte Josh langsam und sah die Geier an. Seine leisen Worte verbreiteten sich im Saal wie Donnerhall. Die Anw�lte reagierten deutlich schneller als die Erben, von denen mehrere nicht so recht wussten, was diese Au�age zu bedeuten hatte. Auf jeden Fall war sie schwerwiegend und unerwartet. Spannung lag erkennbar �ber den Tischen. Es wurde noch leiser im Gerichtssaal.</p><p>�Wer hat das letzte Testament erstellt?� fragte Wycliff wie ein Schmierenkom�diant, der seinen Part abliest.</p><p>�Mr. Phelan selbst.�</p><p>Das konnte nicht stimmen. Die Erben hatten mit eigenen Augen gesehen, wie der Alte, von seinen Anw�lten flankiert, den drei Psychiatern - Zadel, Flowe und Theishen - gegen�ber am Tisch gesessen hatte. Sekunden nach der Best�tigung seiner Zurechnungsf�higkeit durch diese hatte er ein von Stafford und einem seiner Mitarbeiter ausgearbeitetes dickes Testament ergriffen, erkl�rt, dass es sich um seinen Letzten Willen handele, und es unterschrieben.</p><p>Das war nicht zu bestreiten.</p><p>� Gro�er Gott�, sagte Hark Gettys. Obwohl er fl�sterte, konnte es jeder h�ren.</p><p>�Wann hat er es unterzeichnet?� fragte Wycliff.</p><p>�Wenige Augenblicke bevor er �ber das Gel�nder gesprungen ist.�</p><p>�Handelt es sich um ein eigenh�ndiges Testament?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Hat er es in Ihrer Gegenwart unterzeichnet?�</p><p>�Ja. Es gibt auch weitere Zeugen. Au�erdem ist der Akt auf Video festgehalten worden.�</p><p>�Bitte �bergeben Sie mir das Testament.�</p><p>Betont langsam entnahm Josh dem Aktendeckel einen Umschlag und gab ihn dem Richter. Er wirkte schrecklich d�nn. Auf keinen Fall war das Testament ausf�hrlich genug, um all das zu enthalten, was den Phelans von Rechts wegen zustand.</p><p>�Was zum Teufel soll das sein?� zischte Troy Junior dem neben ihm sitzenden Anwalt zu, doch der konnte ihm darauf keine Antwort geben.</p><p>Der Umschlag enthielt ein einziges gelbes Blatt. Vor aller Augen zog Wycliff es langsam heraus, entfaltete es sorgf�ltig und betrachtete es einen Augenblick lang.</p><p>Panik �berfiel die Phelans, aber sie waren ohnm�chtig. Hatte der Alte sie ein letztes Mal reingelegt? Entglitt ihnen der Reichtum? Vielleicht hatte er es sich anders �berlegt und ihnen sogar noch mehr zugesprochen? Um die Tische herum stie�en sie mit dem Ellbogen ihre Anw�lte an, die alle bemerkenswert still waren.</p><p>Der Richter r�usperte sich und beugte sich noch ein wenig tiefer �ber das Mikrophon. �Ich habe hier ein aus einem Blatt bestehendes Dokument in der Hand, bei dem es sich dem Vernehmen nach um ein eigenh�ndiges Testament Troy Phelans handelt. Ich werde es jetzt verlesen:</p><p>&gt;Letztwillige Verf�gung von Troy L. Phelan. Ich, Troy L. Phelan, widerrufe hiermit im Vollbesitz meiner geistigen Kr�fte nachdr�cklich jedes fr�her von mir abgefasste Testament sowie alle Nachtr�ge dazu und verf�ge �ber mein Verm�gen wie folgt:</p><p>Meinen Kindern, Troy Phelan Jr., Rex Phelan, Libbigail Jeter, Mary ROSS Jackman, Geena Strong sowie Ramble Phelan, hinterlasse ich einen Geldbetrag, der ausreicht, ihre jeweiligen Schulden in der H�he zu begleichen, die sie am heutigen Tag aufweisen. Nach dem heutigen Datum anfallende Schulden werden davon nicht gedeckt. Sollte einer der genannten Nachkommen den Versuch unternehmen, dies Testament anzufechten, entf�llt das f�r ihn vorgesehene Geldgeschenk vollst�ndige�</p><p>Selbst Ramble h�rte das und verstand, was es bedeutete. Geena und Cody begannen lautlos zu weinen. Rex beugte sich vor, st�tzte die Ellbogen auf den Tisch und vergrub das Gesicht in den H�nden. Sein Gehirn war vollst�ndig leer. Libbigail sah an Bright vorbei zu Spike hin�ber und sagte: �Der Schweinehund.� Spike stimmte ihr zu. Mary ROSS schlug die H�nde vor die Augen, w�hrend ihr der Anwalt beruhigend das Knie t�tschelte. Ihr Mann t�tschelte das andere. Lediglich Troy Junior brachte es fertig, ein teilnahmsloses Gesicht zu machen, hielt es aber nicht lange durch.</p><p>Noch war das Schlimmste nicht vor�ber. Wycliff war noch nicht fertig. �&gt;Meine ehemaligen Ehefrauen Lillian, Janie und Tira bekommen nichts. Sie sind bei der Scheidung jeweils angemessen versorgt worden.&lt;�</p><p>Bei diesen Worten fragten sich Lillian, Janie und Tira, was sie eigentlich im Gerichtssaal wollten. Hatten sie wirklich erwartet, dass ein Mann, den sie hassten, ihnen noch mehr Geld geben w�rde? Sie sp�rten die Blicke, die auf ihnen ruhten, und versuchten sich hinter ihren Anw�lten zu verstecken.</p><p>Den Journalisten war regelrecht schwindlig. Sie wollten mitschreiben, bef�rchteten aber, ihnen k�nnte ein Wort entgehen. Manche konnten sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.</p><p>�&gt;Mein verbleibendes Verm�gen hinterlasse ich meiner am 2. November 1954 im katholischen Krankenhaus von New Orleans, Louisiana, geborenen Tochter Rachel Lane. Ihre Mutter, eine Frau namens Evelyn Cunningham, ist zwischenzeitlich verstorben.&lt;�</p><p>Der Richter lie� eine Pause eintreten, allerdings nicht, um die Wirkung der Worte zu steigern. Die Bombe war eingeschlagen. Jetzt blieben nur noch zwei kurze Abs�tze vorzulesen. Die elf Milliarden waren an eine uneheliche Erbin gegangen, von deren Existenz der Richter nichts gewusst hatte. Die Angeh�rigen der Familien Phelan, die vor ihm sa�en, w�rden leer ausgehen. Er musste einfach zu ihnen hinsehen.</p><p>�&gt;Zum Verwalter meines Nachlasses setze ich den Anwalt meines Vertrauens, Josh Stafford, ein und lasse ihm weitgehende Entscheidungsfreiheit in der Frage, wie er dabei vorgeht.&lt;�</p><p>Bisher hatte keiner von ihnen an Josh gedacht, der wie ein unschuldiger Zuschauer bei einem Autounfall im Zeugenstand sa�. Jetzt sahen sie ihn so hasserf�llt an, wie sie konnten. Wie viel hatte er gewusst? War er an der Verschw�rung beteiligt? Zweifellos h�tte er etwas unternehmen k�nnen, um das hier zu verhindern.</p><p>Josh gab sich gro�e M�he, keine Miene zu verziehen.</p><p>�&gt;Es handelt sich um ein eigenh�ndiges Testament, das ich Wort f�r Wort selbst verfasst habe und nachstehend unterschreibe&lt;�</p><p>Wycliff lie� das Blatt sinken und sagte: �Dies Testament hat Troy L. Phelan am 9. Dezember 1996 um drei Uhr nachmittags unterschrieben.�</p><p>Er legte es hin und sah sich im Gerichtssaal um, dem Epizentrum des Erdbebens. Gleich w�rden die Nachbeben einsetzen. Die Phelans sa�en zusammengesunken da, manche rieben sich Stirn und Augen, andere sahen verzweifelt die W�nde an. Noch brachte keiner der zweiundzwanzig Anw�lte ein Wort heraus.</p><p>Die Schockwellen pflanzten sich durch die Zuschauerreihen fort, in denen man sonderbarerweise das eine oder andere L�cheln sah. Ach ja, wegen der Medienvertreter, die auf einmal kein anderes Ziel kannten, als den Raum m�glichst rasch zu verlassen und ihre Berichte zu schreiben.</p><p>Amber schluchzte laut und fing sich dann. Sie gr�mte sich nicht um den Verlust eines geliebten Menschen. Sie war Troy lediglich ein einziges Mal begegnet, und bei dieser Gelegenheit hatte er einen unverbl�mten Ann�herungsversuch unternommen. Geena weinte lautlos, Mary ROSS ebenfalls. Libbigail und Spike fluchten. �Keine Sorge�, sagte Bright und machte eine wegwerfende Handbewegung, als werde es ihn nur wenige Tage kosten, diese Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen.</p><p>Biff warf Troy Junior w�tende Blicke zu, in denen die Drohung einer Scheidung lag. Seit dem Selbstmord seines Vaters hatte er sich ihr gegen�ber besonders hochn�sig und herablassend verhalten. Sie hatte sich das aus nachvollziehbaren Gr�nden gefallen lassen, jetzt aber war Schluss. Sie freute sich schon auf den ersten Streit, der zweifellos beginnen w�rde, kaum dass sie den Gerichtssaal verlassen hatten.</p><p>Auch andere Weichen waren gestellt. Die dickfelligen Anw�lte hatten die �berraschung zur Kenntnis genommen und dann instinktiv abgesch�ttelt wie eine Ente das Wasser. Der Fall w�rde sie reich machen. Ihren hochverschuldeten Mandanten blieb keine Wahl, als das Testament anzufechten. Die Prozesse w�rden sich �ber Jahre</p><p>hinziehen.</p><p>�Wann gedenken Sie, das Testament gerichtlich best�tigen zu lassen?� wandte sich der Richter an Josh. �Im Lauf einer Woche.�</p><p>�Sehr wohl. Sie k�nnen jetzt den Zeugenstand verlassen.�</p><p>Josh kehrte im Triumph an seinen Platz zur�ck, w�hrend sich die Anw�lte daran machten, ihre Papiere einzusammeln. Sie taten so, als stehe alles zum besten.</p><p>�Die Sitzung ist geschlossen.�</p></section><section><title><p>NEUNZEHN</p></title><p>Nach dem Ende der Sitzung kam es auf dem Gang zu drei Zusammenst��en. Gl�cklicherweise war keiner davon ein Kampf zwischen Phelans. Diese Auseinandersetzungen w�rden sp�ter folgen.</p><p>W�hrend sich drinnen die Mitglieder der Phelan-Familien von ihren Anw�lten Trost spenden lie�en, wartete drau�en eine Meute von Reportern. Troy Junior, der als erster hinausging, sah sich sogleich von einem Rudel W�lfe umgeben, von denen ihm einige angriffslustig das Mikrophon entgegenreckten. Er hatte schon am fr�hen Morgen einen entsetzlichen Kater gehabt und war jetzt, eine halbe Milliarde Dollar �rmer, nicht in der Stimmung, �ber seinen Vater zu reden.</p><p>�Sind Sie �berrascht?� fragte ihn ein Trottel hinter einem Mikrophon.</p><p>�So kann man das sagen�, sagte er und versuchte, durch die Gruppe hindurchzugehen.</p><p>�Wer ist Rachel Lane?� fragte ein anderer.</p><p>�Ich nehme an, meine Schwester�, blaffte er ihn an.</p><p>Ein kleiner, d�rrer J�ngling mit t�richten Augen und ungesunder Gesichtsfarbe blieb unmittelbar vor ihm stehen, schob ihm ein Aufnahmeger�t unter die Nase und fragte dann: �Wie viele uneheliche Kinder hatte Ihr Vater?� Reflexartig stie� Troy Junior den Kassettenrekorder in Richtung auf seinen Besitzer zur�ck. Das Ger�t stie� an die Nase des jungen Mannes, und als dieser zur�ckwich, traf ihn Troy Junior mit einem harten linken Haken am Ohr. Daraufhin ging der junge Mann zu Boden. In dem Durcheinander, das nun folgte, schob ein Polizeibeamter Troy Junior in eine andere Richtung, und beide verschwanden rasch.</p><p>Als Ramble einen anderen Reporter anspuckte, musste dieser von einem Kollegen zur�ckgehalten werden, der ihn daran erinnerte, dass der Junge noch nicht vollj�hrig war.</p><p>Zum dritten Zusammensto� kam es, als Spike mit der in Tr�nen aufgel�sten Libbigail schwerf�llig hinter Wally Bright aus dem Gerichtssaal kam. �Kein Kommentar!� br�llte der Anwalt den Medienvertretern zu, die sich um die kleine Gruppe dr�ngte. �Kein Kommentar! Bitte machen Sie den Weg frei!�</p><p>Libbigail stolperte �ber ein Fernsehkabel und taumelte gegen einen Reporter, der zu Boden fiel. Fl�che und Ausrufe ert�nten, und als sich der Reporter auf H�nden und Knien aufzurichten versuchte, trat ihn Spike in die Rippen. Mit einem Schrei st�rzte der Mann erneut zu Boden. Als er sich bem�hte, auf die Beine zu kommen, verfing er sich im Saum von Libbigails Kleid, was ihm eine saftige Ohrfeige von ihr eintrug. Spike wollte ihn sich gerade gr�ndlich vornehmen, als ein Polizeibeamter eingriff.</p><p>Jede der Auseinandersetzungen wurde von Polizeibeamten beendet, und jedesmal schlugen sie sich auf die Seite der bedr�ngten Erben. Sie halfen ihnen und ihren Anw�lten, m�glichst rasch die Treppe hinab zur Eingangshalle und zum Ausgang zu kommen.</p><p>Der Anblick so vieler Reporter �berw�ltigte den Anwalt Grit, der Mary ROSS Phelan Jackman vertrat, und erinnerte ihn offenbar an den ersten Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung oder, besser gesagt, an das fragw�rdige Verst�ndnis, das er davon hatte. Auf jeden Fall hielt er es f�r seine Pflicht, seine Meinung frei zu �u�ern. Den Arm um seine v�llig verst�rte Mandantin gelegt, sagte er, was sie und er hinsichtlich des �berraschenden Testaments empfanden. Seine Mandantin habe ihren Vater stets bewundert, liebe ihn �ber alles und verehre ihn, doch sei das Testament ganz offenkundig das Werk eines Geisteskranken. Wie lasse sich sonst erkl�ren, dass er ein so gewaltiges Verm�gen einer unbekannten Erbin vermacht hatte? W�hrend sich Grit weiter �ber die geradezu unglaublich enge Beziehung zwischen Phelan und seiner Tochter Mary ROSS verbreitete, begann diese zu schluchzen - endlich hatte sie verstanden, worauf er hinauswollte. Auch Grit schien am Rande der Tr�nen zu sein. Ja, fuhr er fort, sie w�rden k�mpfen und gegen diese schreiende Ungerechtigkeit angehen - notfalls bis zum Obersten Gerichtshof. Warum? Weil in diesem Testament nicht der Troy Phelan zu erkennen sei, den sie kannten. Zwischen ihm und seinen Kindern habe stets gegenseitige Zuneigung geherrscht, und ihre Bindung aneinander, die sich durch Schicksalsschl�ge und schwere Zeiten hindurch bew�hrt habe, sei unvorstellbar eng gewesen. Ja, sie seien entschlossen zu k�mpfen, weil ihr geliebter Vater bei der Abfassung dieses schrecklichen Schriftst�cks nicht er selbst gewesen sei.</p><p>Josh Stafford hatte nicht die geringste Eile, den Gerichtssaal zu verlassen. In aller Seelenruhe unterhielt er sich mit Hark Gettys und einigen der Anw�lte von den anderen Tischen und versprach, ihnen Exemplare des furchtbaren Testaments zu schicken. Dann aber wurde die anfangs freundliche Atmosph�re feindselig. Ein Reporter von der Washington Post, den er kannte, wartete auf dem Gang, und Josh lie� sich volle zehn Minuten von ihm befragen, ohne wirklich etwas zu sagen. Das besondere Interesse des Reporters galt Rachel Lane. Wie ihr Lebenslauf au�ehe, wollte er wissen, und wo sie sich aufhalte. Auf keine seiner zahllosen Fragen hatte Josh eine Antwort.</p><p>Doch er war sicher, dass Nate sie fr�her finden w�rde als jeder andere.</p><p>Die Geschichte zog Kreise. Auf den Funkwellen der neuesten hochspezialisierten Telekommunikations-Ger�te verlie� sie das Gerichtsgeb�ude. Die Reporter hantierten mit ihren Mobiltelefonen, Laptops und Modems und redeten drauflos, ohne eine Sekunde nachzudenken.</p><p>Die wichtigsten Sender brachten die Nachricht schon zwanzig Minuten nach Sitzungsende, und eine Stunde sp�ter unterbrach der erste Nachrichtensender, der rund um die Uhr Informationsm�ll verbreitete, sein Programm f�r eine Direktschaltung zum Gericht, wo eine Mitarbeiterin vor der Kamera verk�ndete, dass es verbl�ffende Neuigkeiten gebe, und dann die ganze Geschichte erz�hlte, die sie zum gr��ten Teil richtig wiedergab.</p><p>Hinten im Gerichtssaal sa� Pat Solomon. Er war der letzte noch von Troy pers�nlich verpflichtete Vorstandssprecher der Phelan-Gruppe und hatte diese Position sechs sehr ereignislose und sehr ertragreiche Jahre hindurch ausgef�llt.</p><p>Er verlie� das Gericht, ohne auch nur von einem einzigen Reporter erkannt zu werden. W�hrend er im Fond seiner Limousine zur�ckgefahren wurde, versuchte er zu verstehen, was sich hinter der von Troy gez�ndeten Bombe verbarg. Er war nicht schockiert. Immerhin hatte er zwanzig Jahre lang f�r Troy gearbeitet, da konnte ihn nichts mehr �berraschen. Die Reaktion von Troys d�mlichen Kindern und deren Anw�lten fand er tr�stlich. Troy hatte Solomon einmal mit der unm�glichen Aufgabe betraut, im Unternehmen eine T�tigkeit zu finden, die Troy Junior aus�ben konnte, ohne dass die Quartalsgewinne darunter litten. Es war ein Alptraum gewesen. Der verzogene, unreife junge Mann, der weder Umgangsformen noch die primitivsten kaufm�nnischen Kenntnisse besa�, hatte im Gesch�ftszweig Mineralvorkommen ein Chaos angerichtet, bis Solomon schlie�lich gr�nes Licht bekam, ihn an die Luft zu setzen.</p><p>Einige Jahre sp�ter war es bei einer �hnlichen Episode Rex gewesen und sein Bestreben um Troys Beifall und sein Geld. Am Ende war Rex zu seinem Vater gegangen, um Solomons Entlassung zu erwirken.</p><p>Obwohl sich Troys Gattinnen und auch die anderen Kinder jahrelang immer wieder eingemischt hatten, war er unersch�tterlich geblieben. Sein Privatleben war ein Fiasko, aber nichts kam seiner geliebten Firma in die Quere. Zwischen Solomon und Troy hatte nie eine enge pers�nliche Beziehung bestanden. Mit der m�glichen Ausnahme Josh Staffords war eigentlich niemand wirklich von Troy ins Vertrauen gezogen worden. Zwar hatte ein ganzer Tross von Blondinen die �blichen Intimit�ten genossen, doch Freunde hatte Troy nie gehabt. W�hrend er sich von allen Menschen zur�ckzog und sowohl k�rperlich wie geistig verfiel, kam es unter denen, die seine Alltagsgesch�fte f�hrten, gelegentlich zu gefl�sterten Spekulationen �ber die Zukunft des Unternehmens. Seinen Kindern w�rde Troy es bestimmt nicht hinterlassen, darin war man sich einig.</p><p>Das hatte er auch nicht getan, jedenfalls nicht den �blichen Verd�chtigen.</p><p>Der Vorstand wartete in demselben Konferenzzimmer in der dreizehnten Etage, in dem Troy sein Testament aus der Tasche gezogen und dann die Flucht ergriffen hatte. Gutgelaunt schilderte Solomon in lebhaften Farben, was sich im Gerichtssaal abgespielt hatte. Die Vorstellung, die Erben k�nnten Einfluss auf das Unternehmen gewinnen, hatte bei seinen Kollegen gro�e Besorgnis ausgel�st. Troy Junior hatte bereits durchblicken lassen, dass er zusammen mit seinen Geschwistern die Aktienmehrheit bes��e und die Absicht h�tte, klar Schiff zu machen, damit das Unternehmen k�nftig satte Gewinne abwarf.</p><p>Sie wollten wissen, was mit Janie war, Troys zweiter Frau. Sie hatte als Sekret�rin f�r das Unternehmen gearbeitet, bis sie zur Geliebten und schlie�lich zur Ehefrau bef�rdert wurde. Nachdem sie ganz oben war, hatte sie viele Angestellte derart drangsaliert, dass Troy ihr Hausverbot f�r das Verwaltungsgeb�ude erteilt hatte.</p><p>�Sie hat beim Rausgehen aus dem Gerichtssaal geheult�, sagte Solomon. Seine Stimme klang beschwingt.</p><p>�Und Rex?� fragte der Finanzdirektor, dem jener einmal im Aufzug mitgeteilt hatte, er sei mit sofortiger Wirkung entlassen.</p><p>�Kein gl�cklicher Zeitgenosse. Gegen ihn l�uft ja ein Ermittlungsverfahren. �</p><p>Sie redeten �ber die meisten der Kinder und s�mtliche Ehefrauen, und im Raum machte sich eine festliche Stimmung breit.</p><p>�Ich habe zweiundzwanzig Anw�lte gez�hlt�, sagte Solomon l�chelnd. �Das war vielleicht ein tr�bsinniger Haufen.�</p><p>Da es keine offizielle Vorstandssitzung war, spielte es keine Rolle, dass Josh fehlte. Der Leiter der Rechtsabteilung bezeichnete das Testament als wahren Segen. Statt um sechs Dummk�pfe brauchten sie sich nur um eine einzige Erbin Gedanken zu machen, die allerdings niemand kannte.</p><p>�Haben Sie eine Ahnung, wer das ist?�</p><p>�Absolut nicht�, antwortete Solomon. �Vielleicht wei� Josh was �ber sie.�</p><p>Am Sp�tnachmittag hatte sich Josh gezwungen gesehen, sein B�ro in der Kanzlei zu verlassen und sich in einen kleinen Bibliotheksraum im Keller zur�ckzuziehen. Bei hundertzwanzig h�rte seine Sekret�rin auf, die Anrufe zu z�hlen. Seit Ende des Vormittags dr�ngten sich die Reporter in der Eingangshalle. Josh hatte den Sekret�rinnen strenge Anweisung hinterlassen, dass er eine Stunde von niemandem gest�rt werden wolle. Daher empfand er es als besonders �rgerlich, als es an der T�r klopfte.</p><p>�Wer ist das?� rief er.</p><p>�Es ist dringend, Sir�, gab eine Sekret�rin zur Antwort.</p><p>�Kommen Sie rein.�</p><p>Sie steckte den Kopf gerade weit genug zur T�r herein, um ihn sehen zu k�nnen, und sagte: �Es ist Mr. O'Riley.� Josh h�rte auf, sich die Schl�fen zu reiben, und l�chelte sogar. Suchend sah er sich um, bis ihm einfiel, dass es in diesem Raum kein Telefon gab. Sie kam zwei Schritte auf ihn zu, legte einen schnurlosen H�rer auf den Tisch und verschwand wieder.</p><p>�Nate�, sagte er.</p><p>�Bist du das, Josh?� kam die Antwort. Der Empfang war besser als bei den meisten Autotelefonen, und er konnte ohne weiteres verstehen, was Nate sagte. Nur seine Stimme klang etwas kratzig.</p><p>�Ja. Kannst du mich h�ren?�</p><p>�Einwandfrei.�</p><p>�Wo bist du?�</p><p>�Ich ruf �ber das Satellitentelefon von Bord meiner kleinen Yacht auf dem Paraguay an. Kannst du mich h�ren?�</p><p>�Ja. Alles in Ordnung. Geht es dir gut, Nate?�</p><p>�Bestens. Ich am�siere mich k�niglich. Nur mit dem Boot haben wir ein bi�chen �rger.�</p><p>�Inwiefern?� ;</p><p>�Im Augenblick treiben wir stromab, weil sich die Schraube in einem St�ck Tauwerk verfangen hat und der Motor ausgegangen ist. Meine Besatzung bem�ht sich, die Sache in Ordnung zu bringen, und ich f�hre die Aufsicht.�</p><p>�Es klingt, als ob du dich gro�artig f�hltest.�</p><p>�Ein Abenteuer, Josh, nicht wahr?�</p><p>�Na klar. Irgendein Zeichen von der Frau?�</p><p>�Keine Spur. Wir brauchen bestenfalls noch zwei Tage bis zu ihrem vermutlichen Aufenthaltsort, und jetzt treiben wir flussabw�rts. Ich bin nicht sicher, ob wir je dort ankommen werden.�</p><p>�Das musst du unbedingt, Nate. Heute morgen war die Testamentser�ffnung vor Gericht. Bald wird die ganze Welt nach Rachel Lane suchen.�</p><p>�Dar�ber w�rde ich mir keine Gedanken machen. Die findet keiner.�</p><p>�Am liebsten w�re ich selbst da unten.�</p><p>Eine heranziehende Wolke unterbrach das Signal. �Was hast du gesagt?� fragte Nate mit lauter Stimme.</p><p>�Nichts. In zwei Tagen wirst du sie also sehen, ja?�</p><p>�Wenn wir Gl�ck haben. Wir fahren Tag und Nacht, aber gegen die Str�mung, und die ist jetzt in der Regenzeit ziemlich stark. Au�erdem wissen wir nicht genau, wohin wir m�ssen. Wenn ich sage, zwei Tage, ist das ausgesprochen optimistisch. Au�erdem gilt das nur unter der Voraussetzung, dass wir das mit der verdammten Schraube hinkriegen.�</p><p>�Ihr habt also schlechtes Wetter?� sagte Josh fast aufs Geratewohl. Viel gab es nicht zu besprechen. Nate lebte, es ging ihm gut, und er war auf dem richtigen Weg.</p><p>�Es ist hei� wie in der H�lle und regnet f�nfmal am Tag. Davon abgesehen, ist es zauberhaft.�</p><p>�Schlangen?�</p><p>�Ein paar. Anakondas, l�nger als das Boot. Jede Menge Kaimane. Ratten, so gro� wie Hunde. Sie leben am Flussufer zwischen den Kaimanen. Die Leute hier nennen sie capivaras, und wenn sie richtig Hunger kriegen, t�ten sie sie und essen sie.�</p><p>�Ihr habt aber genug zu essen?�</p><p>�Aber ja. Unsere Ladung besteht aus schwarzen Bohnen und Reis. Welly kocht mir die dreimal am Tag.�</p><p>Nates Stimme klang munter und abenteuerlustig.</p><p>�Wer ist Welly?�</p><p>�Mein Leichtmatrose. Im Augenblick ist er drei bis vier Meter unter Wasser, h�lt die Luft an und versucht, das Seil von der Schraubenwelle zu schneiden. Wie schon gesagt, ich f�hre die Aufsicht.�</p><p>�Geh mir ja nicht ins Wasser, Nate.�</p><p>�Was glaubst du wohl? Ich sitze auf dem Oberdeck. H�r zu, ich muss aufh�ren. Ich muss sparsam mit dem Strom umgehen. Wer wei�, wo ich die n�chste Steckdose finde, um die Akkus aufzuladen.�</p><p>�Wann rufst du wieder an?�</p><p>�Ich versuche zu warten, bis ich Rachel Lane gefunden habe.�</p><p>�Guter Gedanke. Aber melde dich, falls du Schwierigkeiten hast.�</p><p>�Was f�r einen Sinn h�tte das, dich anzurufen, Josh? Du k�nntest doch sowieso nichts daran �ndern.�</p><p>�Du hast recht. Ruf nicht an.�</p></section><section><title><p>ZWANZIG</p></title><p>Das Unwetter brach in der Abendd�mmerung �ber sie herein, w�hrend Welly in der Komb�se Reis kochte und Jevy zusah, wie es �ber dem Fluss dunkel wurde. Der pl�tzlich heranbrausende Wind weckte Nate, denn es r�t-telte so heftig an der H�ngematte, dass er auf den F�ssen landete. Donner und Blitz folgten sogleich. Nate ging zu Jevy hin�ber und sah, dass im Norden eine riesige finstere Wand lag. �Ein schweres Gewitter�, sagte Jevy. Es klang unbeteiligt.</p><p>M�ssten wir das Ding nicht irgendwo parken? dachte Nate. Zumindest seichteres Wasser aufsuchen? Jevy schien sich keine Sorgen zu machen; sein Gleichmut wirkte beruhigend auf Nate. Als es anfing zu regnen, ging er nach unten und a� schweigend mit Welly in einer Ecke der Kaj�te Reis mit Bohnen. Die Gl�hlampe �ber ihnen schwang hin und her, w�hrend der Sturm das Boot packte und sch�ttelte. Schwere Regentropfen prasselten gegen die Bullaugen.</p><p>Oben auf der Br�cke zog Jevy eine fettverschmierte gelbe �ljacke an und k�mpfte gegen den Regen, der ihm ins Gesicht peitschte. Das winzige Ruderhaus war nicht verglast. Die beiden Scheinwerfer m�hten sich nach Kr�ften, ihm den Weg durch die Dunkelheit zu zeigen, doch waren voraus lediglich etwa f�nfzehn Meter aufgew�hltes Wasser zu sehen. Jevy kannte den Fluss gut, und er hatte schon schlimmere Unwetter erlebt.</p><p>Es fiel Nate schwer zu lesen, w�hrend das Boot kr�ngte und rollte. Schon nach wenigen Minuten war ihm �bel.</p><p>In seiner Reisetasche fand er ein knielanges Regencape mit einer Kapuze. Josh hatte an alles gedacht. An das Gel�nder geklammert, arbeitete er sich langsam Stufe f�r Stufe emp or, bis dorthin, wo Welly, v�llig durchn�sst, zusammengekauert neben dem Ruderhaus hockte.</p><p>Der Fluss beschrieb eine Kr�mmung nach Osten, dem Zentrum des Pantanal entgegen. Als sie ihr folgten, erfasste der Sturm das Boot von der Seite, so dass Nate und Welly hart gegen die Reling geschleudert wurden. Jevy stemmte sich mit den F�ssen gegen die T�r des Ruderhauses, hielt sich mit den muskul�sen Armen am Steuerrad fest und hatte alles unter Kontrolle.</p><p>In Abst�nden von wenigen Sekunden kamen die Windst��e, einer nach dem anderen, erbarmungslos. Die Santa Loura machte keinerlei Fahrt mehr, sondern wurde vom Sturm in Richtung auf das Ufer geschoben. Die riesigen Tropfen des str�menden Regens f�hlten sich kalt und hart an. Jevy fand in einem Kasten neben dem Steuerrad eine gro�e Stablampe und gab sie Welly.</p><p>�Such das Ufer!� schrie er, bem�ht, den heulenden Wind und das Geprassel des Regens zu �bert�nen.</p><p>Nate hangelte sich an der Reling entlang neben Welly, weil auch er gern sehen wollte, wohin die Fahrt ging.</p><p>Aber der Lichtstrahl zeigte nichts als Regen, der so dicht war, dass es aussah, als wirbelte Nebel �ber dem Wasser.</p><p>Dann kamen ihnen ein Blitz zu Hilfe. Mit einem Mal sahen sie das dichtbewachsene Ufer genau vor sich. Der Sturm schob sie unaufhaltsam darauf zu. Welly schrie etwas, und Jevy schrie etwas zur�ck. Im selben Augenblick prallte eine weitere B� gegen das Boot und warf es heftig auf die Steuerbordseite. Der pl�tzliche Ruck riss Welly die Taschenlampe aus der Hand, und sie sahen nur noch, wie sie im Wasser verschwand.</p><p>W�hrend sie durchn�sst und zitternd am Bootsrand hockten und die Reling mit beiden H�nden umklammerten, begriff Nate, dass nur zweierlei geschehen konnte, und auf keins von beiden hatten sie Einfluss. Entweder w�rde das Boot kentern, oder sie w�rden ans Ufer geschoben, in den Sumpf, wo die Reptilien hausten. Er hatte kaum Angst. Dann aber fielen ihm die Papiere ein.</p><p>Sie durften unter keinen Umst�nden verloren gehen. Mit einem Mal richtete er sich auf, gerade als das Boot erneut soweit kr�ngte, dass er fast �ber die Reling ins Wasser gefallen w�re. �Ich muss runter!� schrie er Jevy zu, der das Steuerrad umklammert hielt. Auch der Bootsf�hrer hatte Angst.</p><p>Mit dem R�cken zum Wind schob sich Nate Stufe f�r Stufe nach unten. Das Deck war schmierig und glatt von Dieseltreibstoff. Ein Fass war umgest�rzt und leckte. Er versuchte es wieder hinzustellen, dazu aber waren wohl zwei M�nner n�tig. Geb�ckt trat er in die Kaj�te, schleuderte sein Regencape in eine Ecke und holte die Aktentasche unter der Matratze hervor. Der Sturm sch�ttelte das Boot erneut, gerade als sich Nate nicht festhielt. Er st�rzte hart zu Boden, und seine F��e strampelten hilflos in der Luft.</p><p>Zwei Dinge durfte er auf keinen Fall verlieren: die Papiere und das Satellitentelefon. Beide befanden sich in der Aktentasche, die zwar neu und sch�n, aber wohl auf keinen Fall wasserdicht war. Er dr�ckte sie an die Brust und legte sich auf seine Koje, w�hrend das Unwetter die Santa Loura beutelte.</p><p>Das Motorger�usch h�rte auf. Er hoffte, dass Jevy die Maschine abgestellt hatte. Er konnte die Schritte der beiden unmittelbar �ber sich h�ren. Gleich knallen wir aufs Ufer, fuhr es ihm durch den Kopf, und da ist es besser, wenn die Schraube sich nicht dreht. Ein Motorschaden war es sicher nicht.</p><p>Das Licht ging aus. Nichts war mehr zu sehen.</p><p>W�hrend Nate in der Finsternis dalag, sein K�rper den Bewegungen des Bootes folgte und er darauf wartete, dass die Santa Loura ans Ufer geworfen wurde, kam ihm ein entsetzlicher Gedanke. Sofern sich diese Frau weigerte zu unterschreiben, dass sie vom Testament Kenntnis erlangt hatte, oder das Erbe nicht antreten wollte, war es unter Umst�nden n�tig, die Reise noch einmal zu unternehmen. Monate, wenn nicht Jahre sp�ter w�rde jemand, vermutlich er selbst, erneut den Paraguay empor fahren m�ssen, um die reichste Missionarin der Welt davon in Kenntnis zu setzen, dass alle Formalit�ten erledigt waren und das Geld endg�ltig ihr geh�rte.</p><p>Er hatte gelesen, dass Missionaren von Zeit zu Zeit ein l�ngerer Heimaturlaub zugebilligt wurde, der ihnen Gelegenheit geben sollte, zu Hause neue Kraft f�r ihre Aufgabe zu sch�pfen. Warum konnte Rachel nicht jetzt einen solchen Urlaub antreten, in die Vereinigten Staaten zur�ckfliegen - vielleicht sogar mit ihm zusammen - und so lange dort bleiben, bis die Angelegenheiten ihres Vaters gekl�rt waren? Er w�rde es ihr vorschlagen, falls es ihm je verg�nnt war, ihr zu begegnen. Es schien ihm das mindeste, was sie f�r elf Milliarden tun konnte.</p><p>Ein lautes Krachen ert�nte, und Nate wurde zu Boden geschleudert. Sie sa�en im Ufergeh�lz fest.</p><p>Die kiellose, flachb�dige Santa Loura war wie alle Boote im Pantanal daf�r gebaut, �ber Sandb�nke zu gleiten und die St��e zu ertragen, die das Treibgut im Fluss ihr zuf�gen mochte. Als das Unwetter vor�ber war, lie� Jevy die Maschine wieder anlaufen und bewegte das Boot eine halbe Stunde lang vor- und r�ckw�rts, womit er es allm�hlich aus dem Sand und Schlamm am Ufer hinausman�vrierte. Als es wieder frei war, beseitigten Welly und Nate Buschwerk und �ste, die sich auf dem Deck angesammelt hatten, und durchsuchten das Innere des Bootes gr�ndlich. Zum Gl�ck fanden sie keine neuen Passagiere, weder Schlangen noch jacares. In einer kurzen Kaffeepause erz�hlte Jevy von einer Anakonda, die vor Jahren ihren Weg an Bord gefunden und einen schlafenden Matrosen angegriffen hatte.</p><p>Nate sagte, Schlangengeschichten h�re er nicht besonders gern. Danach suchte er besonders langsam und gr�ndlich weiter.</p><p>Nachdem sich die Wolken verzogen hatten, hing ein sch�ner Halbmond �ber dem Fluss. Welly machte Kaffee. Nach dem Toben des Gewitters schien das Pantanal gewillt, in v�lliger Ruhe dazuliegen. Der Fluss war glatt wie ein Spiegel. Der Mond zeigte ihnen den Weg, verschwand, wenn der Paraguay eine Biegung machte, war aber gleich wieder da, sobald es nordw�rts ging.</p><p>Nate hatte sich gr�ndlich an das Leben in Brasilien gew�hnt und daher seine Armbanduhr abgelegt. Die genaue Zeit spielte keine Rolle. Es war schon sp�t, vermutlich Mitternacht. Regen und Sturm hatten mehrere Stunden hindurch gew�tet.</p><p>Nate schlief einige Stunden in der H�ngematte und erwachte beim Morgengrauen. Jevy schnarchte auf seiner Koje in der winzigen Kaj�te hinter dem Ruderhaus. Welly steuerte das Boot im Halbschlaf. Nate schickte ihn Kaffee machen und �bernahm das Ruder selbst.</p><p>Erneut waren Wolken aufgezogen, doch schien es nicht regnen zu wollen. Infolge des Gewitters vom Vorabend f�hrte der Fluss zahlreiche �ste und Laub mit sich. Da er breit war und keinerlei Schiffsverkehr herrschte, erteilte Kapit�n Nate dem Leichtmatrosen Welly den Befehl, sich eine Weile in die H�ngematte zu legen, w�hrend er das Steuer �bernahm.</p><p>Es war tausendmal besser als im Gerichtssaal. Mit nacktem Oberk�rper und blo�en F�ssen schl�rfte er Kaffee, w�hrend er eine Expedition ins Innere des gr��ten Schwemmlandgebietes der Erde leitete. Auf dem H�hepunkt seiner Karriere war er immer unterwegs zu irgendeiner Verhandlung gewesen, hatte mit zehn B�llen gleichzeitig jongliert und in jeder Tasche ein Telefon gehabt. Nichts von dem fehlte ihm jetzt. Kein Anwalt, der bei klarem Verstand ist, sehnt sich nach einem Gerichtssaal, aber zugeben w�rde er es unter keinen Umst�nden.</p><p>Das Boot steuerte sich praktisch selbst. Mit Jevys Glas hielt er Ausschau nach jacares, Schlangen und capivaras am Ufer. Au�erdem versuchte er die Schlangenhalsv�gel mit wei�em Rumpf und braunem Kopf zu z�hlen, die ihm geradezu ein Symbol des Pantanal zu sein schienen. Zw�lf von ihnen standen reglos auf einer Sandbank und sahen das Boot vor�berziehen.</p><p>Der Kapit�n und seine schl�frige Besatzung fuhren nordw�rts, w�hrend sich der Himmel rosa f�rbte und der Tag begann. Tiefer und tiefer ging es ins Pantanal. Wohin ihre Reise sie f�hren w�rde, war alles andere als sicher.</p></section><section><title><p>EINUNDZWANZIG</p></title><p>Neva Collier koordinierte bei World Tribes Mission die Arbeit der nach S�damerika entsandten Mitarbeiter. Sie war in einem Iglu in Neufundland zur Welt gekommen, wo ihre Eltern zwanzig Jahre lang unter den Eskimos gearbeitet hatten. Sie selbst hatte elf Jahre in den Bergen Neuguineas Missionsarbeit geleistet und kannte daher aus eigener Anschauung die Schwierigkeiten und Herausforderungen, mit denen die rund neunhundert Menschen zu k�mpfen hatten, f�r die sie zust�ndig war.</p><p>Au�er ihr wusste niemand, dass Rachel Porter Troy Phelans uneheliche Tochter war und urspr�nglich Lane gehei�en hatte. Nach ihrem Medizinstudium hatte Rachel einen anderen Namen angenommen, um sich soweit wie m�glich von ihrer Vergangenheit zu l�sen. Nach dem Tod ihrer Adoptiveltern hatte sie keinerlei Angeh�rige, weder Geschwister noch Tanten, Onkel, Vettern oder Kusinen. Jedenfalls wusste sie von niemandem. Es gab lediglich Troy, und ihn bem�hte sie sich nach Kr�ften aus ihrem Leben herauszuhalten. Erst nach dem Abschluss ihres Studiums am Missionsseminar hatte sie Neva Collier die Einzelheiten ihres Privatlebens anvertraut.</p><p>Der F�hrungsspitze der Organisation war bekannt, dass es in Rachels Leben Geheimnisse gab, doch war ihnen zugleich bekannt, dass diese ihrem Streben, Gott zu dienen, nicht im Wege standen. Sie war �rztin, hatte mit Erfolg die Missionarausbildung abgeschlossen und war als ergebene und dem�tige Dienerin Christi bereit, in der Mission zu arbeiten. Man versprach ihr, niemandem Auskunft �ber sie zu erteilen, auch nicht, in welchem Teil S�damerikas sie sich aufhielt.</p><p>Jetzt las Neva in ihrem kleinen, aufger�umten B�ro in Houston den erstaunlichen Bericht �ber die Er�ffnung von Mr. Phelans Testament. Seit dem Bericht �ber seinen Selbstmord hatte sie die Angelegenheit in der Presse verfolgt.</p><p>Mit Rachel Kontakt aufzunehmen kostete Zeit. Zweimal j�hrlich, im M�rz und im August, schrieben sie einander, und gew�hnlich rief Rachel einmal im Jahr aus einer Telefonzelle in Corumba an, wenn sie dort einkaufte, was sie an Medizin und dergleichen brauchte. Neva hatte im vergangenen Jahr mit ihr gesprochen. Zum letzten Mal war Rachel 1992 in den Staaten gewesen. Sie hatte ihren Urlaub nach sechs Wochen abgebrochen und war ins Pantanal zur�ckgekehrt. Sie k�nne dem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten nichts abgewinnen und f�hle sich dort nicht zu Hause, hatte sie Neva anvertraut. Sie geh�re zu den Menschen, unter denen sie auch sonst lebte.</p><p>Danach zu urteilen, was die Anw�lte in der Zeitung von sich gaben, war die Nachlassangelegenheit im Falle Phelan alles andere als endg�ltig gekl�rt. Neva nahm sich vor, dem Vorstand zu gegebener Zeit mitzuteilen, wer Rachel in Wirklichkeit war.</p><p>Vielleicht aber war das gar nicht n�tig, hoffte sie. Wie verheimlicht man elf Milliarden Dollar, fragte sie sich. Niemand hatte wirklich damit gerechnet, dass sich die Anw�lte �ber einen Treffpunkt einigen w�rden. Jede Kanzlei bestand darauf, selbst den Ort f�r das Gipfeltreffen zu bestimmen. Es war bereits mehr als beachtlich, dass sie sich so kurzfristig geeinigt hatten, �berhaupt zusammenzutreffen.</p><p>Schlie�lich fand die Ve rsammlung im Hotel Ritz in Tysons Corner statt, in einem Bankettsaal, dessen Tische man in aller Eile zu einem Quadrat zusammenger�ckt hatte. Als sich die T�r endlich schloss, befanden sich an die f�nfzig Menschen im Saal, denn jede Kanzlei hatte sich verpflichtet gef�hlt, weitere Anw�lte, Anwaltsgehilfen und sogar Sekret�rinnen mitzubringen, um den anderen zu imponieren.</p><p>Die Spannung lie� sich fast mit H�nden greifen. Da die Rechtsvertreter unter sich sein wollten, war von der Familie Phelan niemand anwesend.</p><p>Hark Gettys bat um Ruhe und erz�hlte einen sehr lustigen Witz. Das war eine gute Idee. Wie in einem Gerichtssaal, wo jeder nerv�s und besorgt ist und nicht mit einem Spa� rechnet, wirkte das laute Gel�chter befreiend. Danach schlug er vor, dass f�r jeden der Phelan-Erben einer der Anw�lte rund um den Tisch sagen sollte, was er oder sie jeweils auf dem Herzen hatte. Er selbst werde als letzter das Wort ergreifen.</p><p>Jemand fragte: �Und wer genau sind die Erben?�</p><p>�Phelans sechs Kinder�, erwiderte Hark. �</p><p>�Und was ist mit den drei Frauen?�</p><p>�Das sind keine Erbinnen, sondern Ex-Frauen.�</p><p>Das ver�rgerte deren Anw�lte, die nach l�ngerem Hin und Her drohten, den Raum zu verlassen. Als jemand vorschlug, man m�ge ihnen trotzdem die M�glichkeit geben, sich zu �u�ern, war die Schwierigkeit aus der Welt geschafft.</p><p>Grit, der dynamische Prozessanwalt, der Mary ROSS Phelan Jackman und ihren Mann vertrat, stand auf und sprach sich f�r eine offene Kriegserkl�rung aus. �Uns bleibt keine Wahl, als das Testament anzufechten�, sagte er. �Da niemand den alten Knacker in unzul�ssiger Weise beeinflusst hat, m�ssen wir beweisen, dass er verr�ckt war. Teufel, er ist vom Dach gesprungen. Und er hat eins der bedeutendsten Verm�gen der Welt einer unbekannten Frau vermacht. In meinen Augen ist das verr�ckt. Bestimmt k�nnen wir Psychiater finden, die das best�tigen.�</p><p>�Was ist denn mit den dreien, die ihn begutachtet haben, bevor er gesprungen ist?� fragte jemand �ber den Tisch hinweg.</p><p>�Das war d�mlich�, knurrte Grit zur�ck. �Man hat euch eine Falle gestellt, und ihr seid prompt reingetappt.�</p><p>Das �rgerte Hark und die anderen Anw�lte, die sich mit der Begutachtung von Troy Phelans Geisteszustand einverstanden erkl�rt hatten. �Hinterher ist man immer kl�ger�, sagte Yancy und brachte Grit damit erst einmal zum Schweigen.</p><p>Das Juristenteam von Geena und Cody Strong wurde von einer hochgewachsenen und �ppigen Anw�ltin in einem Armani-Kost�m angef�hrt. Ms. Langhorne war fr�her einmal Juradozentin in Georgetown gewesen, und als sie jetzt das Wort an die Versammelten richtete, tat sie das mit der Aura der Allwissenheit. Punkt eins: Im Staate Virginia w�rden lediglich zwei Gr�nde anerkannt, ein Testament anzufechten - unzul�ssige Beeinflussung und Unzurechnungsf�higkeit des Erblassers. Da niemand Rachel Lane kenne, d�rfe man als sicher annehmen, dass sie nur wenig oder keinen Kontakt mit dem Erblasser gehabt habe. Mithin werde man nur schwer, wenn �berhaupt, beweisen k�nnen, dass sie ihn bei der Abfassung seines Letzten Willens auf irgendeine Art in unzul�ssiger Weise beeinflusst habe. Punkt zwei: Mithin bleibe nichts anderes �brig, als alles auf die Karte &gt;Unzurech-nungsf�higkeit&lt; zu setzen. Punkt drei: Es sei sinnlos, mit &gt;Betrug&lt; zu argumentieren. Zwar habe der alte Troy zweifellos Anw�lte und Angeh�rige unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu dieser Demonstration seiner Zurechnungsf�higkeit zusammengebracht, doch lasse sich daraus kein Anfechtungsgrund herleiten. Bei einem zwischen zwei Parteien geschlossenen Vertrag sei das m�glich, nicht aber bei einem Testament. Ihre Kanzlei habe bereits die n�tigen Erkundigungen angestellt, und sie k�nne die einschl�gigen F�lle zitieren, falls jemand das w�nsche.</p><p>Sie bediente sich eines Merkzettels, auf dem die wichtigsten Punkte zusammengefasst waren, und wirkte gl�nzend vorbereitet. Hinter ihr sa�en sechs Anw�lte aus ihrer Kanzlei, um sie notfalls zu unterst�tzen.</p><p>Punkt vier: Es werde ausgesprochen schwierig sein, den Befund der drei Psychiater zu ersch�ttern. Sie habe das Videoband gesehen. Vermutlich w�rden die Anw�lte eine solche Auseinandersetzung verlieren, aber man w�rde sie f�r ihre M�he bezahlen m�ssen. Daher lautete ihre Schlussfolgerung, man solle das Testament mit Nachdruck anfechten und auf eine eintr�gliche au�ergerichtliche Einigung hoffen.</p><p>Obwohl ihr Vortrag volle zehn Minuten dauerte, erbrachte er nur wenig Neues. Man lie� sie ausreden, und niemand unterbrach sie, um sich nicht den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit einzuhandeln.</p><p>Als n�chster war Wally Bright - der Mann mit den Abendkursen - an der Reihe. Ganz im Gegensatz zu Ms. Langhorne war er v�llig unvorbereitet, hatte weder einen Stichwortzettel noch Unterlagen und schien auch nicht zu wissen, was er als n�chstes sagen w�rde. Er lie� einfach Dampf ab, sagte, was ihm gerade in den Sinn kam, und tobte voller Inbrunst gegen Ungerechtigkeit im allgemeinen.</p><p>Zwei von Lillians Anw�lten erhoben sich gleichzeitig, wie an der H�fte zusammengewachsene siamesische Zwillinge. Beide trugen schwarze Anz�ge und hatten die bleichen Gesichtsz�ge von Immobilienanw�lten, die nur selten die Sonne zu sehen bekamen. Wenn der eine einen Satz begann, beendete ihn der andere. Stellte der eine eine rhetorische Frage, lieferte der andere die Antwort. Der eine erw�hnte ein Dokument, und der andere holte es aus dem Aktenkoffer. Sie gingen z�gig vor, sprachen zur Sache und wiederholten in knappen Worten, was bereits gesagt worden war.</p><p>Rasch einigte man sich zu k�mpfen, denn erstens hatte man nur wenig zu verlieren, zweitens konnte man nichts anderes tun, und drittens war es die einzige M�glichkeit, einen Vergleich zu erzwingen - ganz zu schweigen davon, dass man viertens dabei einen beachtlichen Stundensatz f�r die beim Kampf aufgewendete Arbeitszeit in Rechnung stellen konnte.</p><p>Yancy bef�rwortete mit besonderem Nachdruck einen Prozess. Dazu hatte er allen Grund. Ramble war der einzige minderj�hrige Erbe und hatte so gut wie keine Schulden. Die m�ndelsichere Anlage, aus der er am einundzwanzigsten Geburtstag f�nf Millionen bekommen w�rde, war schon vor Jahrzehnten treuh�nderisch festgelegt worden und lie� sich nicht widerrufen. Mit diesen garantierten f�nf Millionen stand Ramble finanziell sehr viel besser da als all seine Geschwister. Warum sollte er, der nichts zu verlieren hatte, nicht klagen, um vielleicht mehr zu bekommen?</p><p>Erst nach einer geschlagenen Stunde sprach jemand die Anfechtungsklausel im Testament an. Mit Ausnahme Rambles liefen die Erben Gefahr, das Wenige zu verlieren, das ihnen Troy hinterlassen hatte, sofern sie das Testament anfochten. Diesen Einwand taten die Anw�lte mit leichter Hand ab. F�r sie war die Anfechtung beschlossene Sache, und sie wussten, dass ihre habgierigen Mandanten tun w�rden, was sie ihnen rieten.</p><p>Vieles blieb ungesagt. Zuerst einmal w�rde der Prozess beschwerlich sein. Am kl�gsten und zugleich kosteng�nstigsten w�re es, eine auf diesem Gebiet erfahrene Kanzlei als Prozessbeauftragten zu benennen. Die anderen konnten aus dem zweiten Glied nach wie vor ihre Mandanten betreuen und w�rden von jeder Entwicklung der Sache in Kenntnis gesetzt. F�r ein solches Vorgehen war zweierlei n�tig: Kooperationsbereitschaft und eine freiwillige Beschneidung der meisten Egos im Raum.</p><p>Diese Punkte wurden w�hrend der dreist�ndigen Sitzung nicht einmal angesprochen.</p><p>Ohne dass sie es geplant h�tten - denn dazu w�re Zusammenarbeit n�tig gewesen -, war es den Anw�lten gelungen, einen Keil zwischen die Erben zu treiben, so dass sich keine zwei von derselben Kanzlei vertreten lie�en.</p><p>Mit Hilfe einer geschickten Manipulation, die zwar im Jurastudium nicht gelehrt wird, die man aber gleichwohl danach auf ganz nat�rliche Weise erwirbt, hatten sie ihre Mandanten dazu gebracht, ausf�hrlicher mit ihnen zu reden als mit den Miterben. Vertrauen war ebenso wenig eine Tugend der Phelans wie ihrer Anw�lte.</p><p>Alles deutete auf einen langen, verwickelten Prozess hin.</p><p>Nicht eine einzige tapfere Stimme erhob sich mit dem Vorschlag, das Testament so anzuerkennen, wie es war. Niemandem lag im entferntesten daran, den Wunsch des Mannes zu achten, der das Verm�gen angeh�uft hatte, zu dessen Aufteilung sie sich jetzt verschworen.</p><p>Als das Gespr�ch zum dritten oder vierten Mal um die Tische kreiste, schlug jemand vor festzustellen, wie hoch die Schulden eines jeden der sechs Erben zum Zeitpunkt von Mr. Phelans Tod gewesen waren, doch ging dieser Antrag in einem Sperrfeuer kleinlicher juristischer Erw�gungen unter.</p><p>�Die Schulden der Ehepartner inklusive?� fragte Hark, der Anwalt von Rex, dessen Frau Amber, die Stripperin, als Inhaberin der Sexclubs auch f�r den gr��ten Teil der Verbindlichkeiten haftete.</p><p>�Was ist mit Steuerschulden?� fragte der Anwalt Troy Juniors, der seit f�nfzehn Jahren mit dem IRS �ber Kreuz lag.</p><p>�Meine Mandanten haben mich nicht erm�chtigt, Angaben �ber ihre Finanzlage zu machen�, sagte Langhorne und brachte damit den Vorsto� zum Stillstand.</p><p>Die mangelnde Bereitschaft der Anw�lte, �ber diesen Punkt zu reden, best�tigte, was ohnehin jedem klar war -die Phelan-Erben waren bis �ber die Ohren verschuldet und bis an den Dachfirst ihrer H�user mit Hypotheken belastet.</p><p>Jeder der Anw�lte war in erster Linie darauf bedacht, in der �ffentlichkeit eine gute Figur zu machen. Das geh�rte nun einmal zu ihrem Beruf. Also war es ihnen wichtig, sich bei ihrem Kampf in den Medien positiv pr�sentieren zu k�nnen. Sie wussten, dass von ganz entscheidender Bedeutung ist, aufweiche Weise etwas in der �ffentlichkeit wahrgenommen wird, und da es sich bei ihren Mandanten um einen Haufen verzogener, habgieriger Nachkommen handelte, die ihr Vater von der Erbschaft ausgeschlossen hatte, f�rchteten deren Anw�lte, die Presse k�nne den Fall auch in diesem Licht darstellen.</p><p>�Ich schlage vor, dass wir eine PR-Agentur einschalten�, sagte Hark. Mehrere andere fanden den Einfall so gro�artig, dass sie ihn sogleich als ihren eigenen ausgaben. Man m�sse einen Profi damit beauftragen, die Phe-lan-Erben als untr�stliche Kinder hinzustellen, die einen Mann geliebt hatten, der kaum je Zeit f�r sie gehabt habe. Ein halbverr�ckter exzentrischer Sch�rzenj�ger... ja, das war es! Man m�sse Troy der �ffentlichkeit als</p><p>B�sewicht pr�sentieren und ihre Mandanten als die armen Opfer!</p><p>Der Plan wurde ausgeschm�ckt, und rund um die Tische malte man sich in buntesten Farben aus, wie diese Kampagne ablaufen sollte, bis jemand fragte, wie man eigentlich f�r die Dienste einer solchen Agentur zahlen wolle.</p><p>�Die sind schrecklich teuer�, sagte ein Anwalt, der f�r seine eigenen Dienste sechshundert Dollar pro Stunde berechnete, und f�r jeden seiner drei nutzlosen Mitarbeiter immerhin noch vierhundert.</p><p>Sogleich wirkte der Vorschlag weniger verlockend. Dann regte Hark z�gernd an, jede Kanzlei k�nne einen Teil des Betrags vorschie�en. Daraufhin wurde es unvorstellbar ruhig im Raum. Diejenigen, die bisher so ungeheuer viel �ber alles und jedes zu sagen gehabt hatten, besch�ftigten sich angelegentlich mit Unterlagen, die vor ihnen auf dem Tisch lagen.</p><p>�Dar�ber k�nnen wir sp�ter reden�, sagte Hark im Bem�hen, das Gesicht zu wahren. Zweifellos w�rde diese Anregung nie wieder zur Sprache kommen.</p><p>Dann spekulierten sie �ber Rachel und �ber die Frage, wo sie sich aufhalten mochte. Sollte man ein erstklassiges Detektivb�ro damit beauftragen, sie aufzusp�ren? Nahezu jeder Anwalt kannte eins. Dieser verlockende Gedanke erhielt mehr Beachtung, als n�tig gewesen w�re. Welcher Anwalt h�tte nicht am liebsten die eigentliche Erbin vertreten?</p><p>Aber sie beschlossen, nichts dergleichen zu tun - in erster Linie, weil sie sich nicht darauf einigen konnten, was zu tun war, falls man sie fand.</p><p>Sie w�rde bestimmt fr�h genug auf der Bildfl�che erscheinen, und zweifellos mit ihrem eigenen Gefolge von Anw�lten.</p><p>Die Zusammenkunft endete nicht unfreundlich. Jeder der Anw�lte nahm das Ergebnis mit nach Hause, das er haben wollte. Sie wollten sogleich ihre Mandanten anrufen und stolz von den Fortschritten berichten, die man gemacht hatte. Sie konnten definitiv sagen, alle Anw�lte der Phelan-Erben seien einhellig der Ansicht, dass man das Testament mit Nachdruck anfechten m�sse.</p></section><section><title><p>ZWEIUNDZWANZIG</p></title><p>Der Fluss stieg den ganzen Tag �ber an, trat an einigen Stellen langsam �ber die Ufer, verschluckte Sandb�nke, stieg bis ins dichte Unterholz, �berflutete die kleinen, schlammigen G�rten von H�usern, an denen sie in Abst�nden von etwa drei Stunden vor�berkamen. Immer mehr trieb im Wasser: Laub und Gr�ser, �ste und mitsamt den Wurzeln aus dem Boden gesp�lte junge B�ume. Mit zunehmender Breite des Paraguay wurde sein; Str�mung st�rker und verlangsamte die Fahrt des Bootes noch mehr.</p><p>Aber niemand sah auf die Uhr. Taktvoll war Nate von seinem Posten als Schiffsf�hrer abgel�st worden, nachdem ein im Wasser treibender Baumstamm, den er nicht gesehen hatte, die Santa Loura ersch�ttert hatte. Zwar blieb das Boot unbesch�digt, aber der Aufprall lie� Jevy und Welly sofort zum Ruderhaus eilen. Nate kehrte zu seinem eigenen kleinen Deck mit der H�ngematte zur�ck und brachte den Vormittag mit Lesen zu und dam t, dass er die Tierwelt beobachtete.</p><p>Jevy setzte sich mit einer Tasse Kaffee zu ihm. �Wie finden Sie das Pantanal?� fragte er. Sie sa�en nebeneinander auf de: Bank und lie�en, die Arme durch die St�be der Reling gesteckt, die blo�en F��e �ber dem Wasser baumeln.</p><p>�Es ist herrlich.�</p><p>�Kennen Sie den Staat Colorado?�</p><p>�Ich war schon mal da.�</p><p>�In der Regenzeit treten die Fl�sse im Pantanal so sehr �ber die Ufer, dass sie ein Gebiet von der Gr��e Colorados unter Wasser setzen.�</p><p>�Waren Sie denn schon mal da?�</p><p>�Ja, ich hab da einen Vetter.�</p><p>�Und wo waren Sie noch?�</p><p>�Vor drei Jahren bin ich mit meinem Vetter in einem Greyhound durch die USA gefahren. Bis auf sechs Staaten haben wir alle gesehen.�</p><p>Nate war doppelt so alt wie Jevy mit seinen vierundzwanzig Jahren und hatte meist viel Geld verdient. Trotzdem hatte Jevy viel mehr von den Vereinigten Staaten gesehen als er.</p><p>Solange Nate genug Geld hatte, war er immer nach Europa gereist. Seine Lieblingsrestaurants waren in Rom und Paris .</p><p>�Wenn die �berflutungen nachlassen�, fuhr Jevy fort, �beginnt die Trockenzeit. Dann gibt es Grasland, Sumpfgebiete und zahllose Lagunen und �berschwemmte Fl�chen. Dieser st�ndige Wechsel von Regen- und Trockenzeit sorgt daf�r, dass es hier eine vielf�ltigere Fauna gibt als irgendwo sonst auf der Erde. Hier leben sechshundertf�nfzig Vogelarten, mehr als in den Vereinigten Staaten und Kanada zusammen, au�erdem mindestens zweihundertsechzig Fischarten. Dann haben wir noch Schlangen und Kaimane. Sogar Riesenotter leben im Wasser.� Wie auf Bestellung wies er auf ein Dickicht am Rande eines W�ldchens. �Sehen Sie, ein St�ck Rotwild�, sagte</p><p>er. �Davon gibt es hier Unmengen. Au�erdem Jaguare, gro�e Ameisenb�ren, capivaras, Tapire und HyazinthAras. Der Artenreichtum im Pantanal ist unersch�pflich.�</p><p>�Sind Sie hier geboren?�</p><p>�Meinen ersten Atemzug hab ich im Krankenhaus von Corumba getan, aber wirklich zur Welt gekommen bin ich an diesen Fl�ssen. Hier ist meine Heimat.�</p><p>�Sie haben gesagt, dass Ihr Vater Flusslotse war.�</p><p>�Ja. Als kleiner Junge bin ich oft mit ihm gefahren. Fr�hmorgens, wenn alle anderen noch schliefen, durfte ich immer das Steuer �bernehmen. Als ich zehn Jahre war, kannte ich schon die wichtigsten Fl�sse.�</p><p>�Und ist er auf dem Fluss hier gestorben?�</p><p>�Nicht auf diesem, auf dem Taquiri, weiter im Osten. Er hat ein Boot mit deutschen Touristen gef�hrt, das in ein Unwetter geriet. Der einzige �berlebende war ein Matrose.�</p><p>�Wann war das?�</p><p>�Vor f�nf Jahren.�</p><p>Der Prozessanwalt in Nate hatte noch ein Dutzend Fragen zu dem Unfall. Er brannte darauf, Einzelheiten zu erfahren - Einzelheiten, mit denen man Prozesse gewinnt. Aber er stellte die Fragen nicht, sondern sagte lediglich: �Das tut mir leid.�</p><p>�Man will das Pantanal zerst�ren�, sagte Jevy.</p><p>�Wer?�</p><p>�Viele. Gro�konzerne, denen riesige landwirtschaftliche Betriebe geh�ren. Im Norden und Osten sind sie schon dabei, Fl�chen f�r den Sojaanbau zu roden. Sie wollen Sojabohnen exportieren. Je mehr B�ume gef�llt werden, desto mehr Regenwasser sammelt sich im Pantanal, und desto mehr Ablagerungen werden in die Fl�sse geschwemmt. Die Ackerkrume ist nicht besonders gut, also setzen die Konzerne Kunstd�nger und Sch�dlingsbek�mpfungsmittel ein. All das landet in den Gew�ssern. Viele der landwirtschaftlichen Gro�betriebe stauen Fl�sse auf, um zus�tzliche Weidefl�chen zu schaffen. Damit ger�t der Zyklus von �berschwemmung und Trockenzeit aus dem Takt. Au�erdem fallen die Fische dem Quecksilber zum Opfer.�</p><p>�Woher kommt das?�</p><p>�Aus dem Bergbau. Im Norden wird Gold abgebaut, und dazu verwendet man Quecksilber. Es gelangt in die Fl�sse, und die flie�en ins Pantanal. Unsere Fische schlucken das Zeug und gehen ein. Aller Umweltmist landet im Pantanal. Cuiaba, eine Stadt im Osten, hat eine Million Einwohner und keine Kl�ranlage. Dreimal d�rfen Sie raten, wo die Abw�sser landen.�</p><p>�Unternimmt denn die Regierung nichts?� Jevy stie� ein bitteres Lachen hervor. �Haben Sie schon mal von Hidrovia geh�rt?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Das ist ein geplanter gewaltiger Graben quer durch das ganze Pantanal, der sp�ter einmal die L�nder Brasilien, Bolivien, Paraguay, Argentinien und Uruguay miteinander verbinden soll. Angeblich will man damit S�damerika retten, aber in Wirklichkeit legt man damit das Pantanal trocken - und unsere Regierung unterst�tzt das Projekt auch noch.�</p><p>Fast h�tte Nate etwas �ber die Notwendigkeit gesagt, sich verantwortlich gegen�ber der Umwelt zu verhalten, dann aber fiel ihm ein, dass seine Landsleute die gr��ten Energieverschwender waren, die die Welt je gesehen hat. � Es ist immer noch sehr sch�n �, sagte er.</p><p>�Das stimmt.� Jevy trank seinen Kaffee aus. �Manchmal denke ich, es ist so gro�, das k�nnen sie gar nicht zerst�ren.�</p><p>Sie kamen an einem schmalen Flussarm vor�ber, der dem Paraguay noch mehr Wasser zuf�hrte. Ein kleines Rudel Rehwild watete durch das stehende Wasser am Ufer und benagte gr�ne Ranken, ohne auf das vom Fluss her�berdringende Ger�usch zu achten. Sie z�hlten sieben St�cke, zwei von ihnen waren gesprenkelte Jungtiere. �Ein paar Stunden von hier liegt eine kleine Handelsstation�, sagte Jevy und stand auf. �Wir sollten es bis zum Einbruch der Dunkelheit dahin schaffen.�</p><p>�Was wollen wir denn einkaufen?�</p><p>�Eigentlich nichts. Aber Fernande, der Inhaber, erf�hrt alles, was am Fluss passiert. Vielleicht wei� er etwas �ber Missionare.�</p><p>Er leerte seine Tasse in den Fluss und reckte die Arme. �Manchmal hat er auch Bier da. Cerveja.�</p><p>Nate hielt den Blick auf die Wasserfl�che gerichtet.</p><p>�Wir sollten aber keins kaufen�, sagte Jevy und ging fort.</p><p>Mir recht, dachte Nate. Er trank seine Tasse aus und schluckte den Kaffeesatz und den nicht aufgel�sten Zucker mit herunter.</p><p>Eine kalte braune Flasche, vielleicht Antartica oder Brahma, die beiden Marken, die er in Brasilien bereits probiert hatte. Ausgezeichnetes Bier. Besonders gern war er fr�her in eine Studentenkneipe in der N�he der Georgetown University gegangen, mit hundertzwanzig ausl�ndischen Biersorten auf der Karte. Er hatte sie alle durchprobiert. K�rbchen mit Erdn�ssen standen auf den Tischen, und niemand fand etwas dabei, wenn man die Schalen auf den Fu�boden warf. Mit Studienfreunden, die nach Washington kamen, hatte er sich immer in der Kneipe getroffen und mit ihnen Erinnerungen an alte Zeiten nachgehangen. Das Bier war eiskalt, die M�dchen waren jung und ungebunden, die Erdn�sse scharf und salzig, und wenn man �ber den Fu�boden ging, krachten die</p><p>Schalen unter den F�ssen. Das Lokal hatte es schon immer gegeben, und bei jeder Entziehungskur, bei jedem Klinikaufenthalt, war es das gewesen, was Nate am meisten gefehlt hatte.</p><p>Er begann zu schwitzen, obwohl die Sonne hinter den Wolken versteckt war und ein k�hles L�ftchen wehte. Er verkroch sich in der H�ngematte und betete darum, schlafen zu k�nnen, betete um ein tiefes Koma f�r die Zeit, wenn sie anlegten, bis sie wieder in die Nacht weiterfuhren. Der Schwei�ausbruch verst�rkte sich, bis sein Hemd durchn�sst war. Er begann, ein Buch �ber den Untergang der brasilianischen Indianer zu lesen, und versuchte dann erneut einzuschlafen.</p><p>Er war hellwach, als die Maschine auf langsame Fahrt gestellt wurde und das Boot sich ans Ufer schob. Man h�rte Stimmen, dann gab es einen leichten Ruck, als sie gegen den Anleger stie�en. Langsam kletterte Nate aus der H�ngematte, ging zur Bank an der Reling und setzte sich.</p><p>Es war eine Art Gemischtwarenhandlung auf Pf�hlen - ein winziges Geb�ude aus unbehandelten Brettern mit einem Blechdach und einer schmalen Veranda, auf der einige Einheimische sa�en, die Zigaretten rauchten und Tee tranken, was ihn nicht weiter �berraschte. Ein schmaler Flusslauf umrundete das Geb�ude, neben dem sich ein gro�er Brennstofftank befand, und verschwand im Pantanal.</p><p>Ein Anleger, der nicht besonders stabil aussah, sprang in den Fluss vor, damit Boote an ihm festmachen konnten. Jevy und Welly schoben das Boot langsam am Anleger entlang, denn die Str�mung war stark. Sie unterhielten sich mit den pantaneiros auf der Veranda und traten dann durch die offene T�r ins Innere des Geb�udes.</p><p>Nate hatte sich fest vorgenommen, auf dem Boot zu bleiben. Er ging zur gegen�berliegenden Seite hin�ber, setzte sich dort auf die Bank, steckte Arme und Beine durch die Reling und sah �ber die volle Breite des Flusses hinweg. Er w�rde hier oben bleiben, an Armen und Beinen von der Reling gehalten. Das k�lteste Bier auf der Welt w�rde ihn nicht von hier weglocken k�nnen.</p><p>Ihm war bereits bekannt, dass es in Brasilien keine kurzen Besuche gab, und schon gar nicht am Fluss, wo selten ein Fremder auftauchte. Nach einer Weile kehrte Jevy mit hundertzehn Litern Diesel in Kanistern zur�ck; es war Ersatz f�r den Kraftstoff, den sie im Unwetter verloren hatten. Dann wurde die Maschine wieder angelassen. �Fernando sagt, dass es hier in der Gegend eine Missionarin bei den Indianern gibt.� Er gab ihm eine Flasche kaltes Wasser. Das Boot fuhr wieder.</p><p>�Wo?�</p><p>�Er wei� es nicht genau. Einige Ansiedlungen liegen im Norden in der N�he der Grenze zu Bolivien. Aber die Indianer fahren nicht auf dem Fluss, und so wei� er nicht viel �ber sie.�</p><p>�Wie weit ist die n�chste Ansiedlung entfernt?�</p><p>�Wir k�nnen morgen fr�h in der N�he sein. Aber nicht mit diesem Boot hier. Wir m�ssen das kleine nehmen.� �Macht sicher Spa�.�</p><p>�Erinnern Sie sich noch an den Bauern Marco, dessen Kuh wir mit unserem Flugzeug get�tet haben?�</p><p>�Nat�rlich. Er hatte drei kleine Jungen.�</p><p>�Ja. Er war gestern hier�, sagte Jevy und wies auf die Handelsstation, die gerade hinter einer Biegung verschwand. �Er kommt einmal im Monat.�</p><p>�Hatte er die Jungen dabei?�</p><p>�Nein. Das ist zu gef�hrlich.�</p><p>Wie klein die Welt doch war. Nate hoffte, dass die Jungen das Geld ausgegeben hatten, das er ihnen zu Weihnachten geschenkt hatte. Er hielt den Blick auf die Handelsstation gerichtet, bis von ihr nichts mehr zu sehen war.</p><p>Vielleicht w�rde es ihm auf dem R�ckweg so gut gehen, dass er einkehren und sich ein oder zwei k�hle Bier genehmigen konnte, um den Erfolg seiner Expedition zu feiern. Er kroch zur�ck in die Sicherheit seiner H�ngematte und verfluchte sich wegen seiner Schw�che. In der Wildnis eines riesigen Sumpfgebiets w�re er fast dem Alkohol erlegen, und stundenlang hatten seine Gedanken um nichts anderes gekreist. Die Vorfreude, die Angst, der Schwei�ausbruch und die �berlegungen, wie er es anstellen k�nnte, etwas zu trinken zu bekommen. Dann das knappe Verfehlen seines Ziels, das Entkommen, das nicht sein Verdienst war, und jetzt, gleich danach, durchlebte er schon wieder in Gedanken die Wonnen einer neuen Begegnung mit dem Alkohol. Nur ein paar Schluck, das w�re sch�n, denn dann k�nnte er leicht aufh�ren. Damit belog er sich am liebsten.</p><p>Er war schlicht und einfach ein S�ufer. Auch wenn man ihn in eine noch so noble Entw�hnungsklinik schickte, die tausend Dollar am Tag kostete, er war und blieb s�chtig. Man mochte ihn Dienstagabend im Untergeschoss einer Kirche zum Treffen einer Gruppe Anonymer Alkoholiker schicken, er war und blieb ein S�ufer.</p><p>Seine Sucht �berfiel ihn, und er wurde von Verzweiflung erfasst. Er zahlte f�r das verdammte Boot; Jevy arbeitete f�r ihn. Wenn er darauf bestand, dass sie umkehrten und auf k�rzestem Wege zu der Handelsstation zur�ckfuhren, w�rden sie das tun. Er konnte so viel Bier kaufen, wie Fernando in seinem Laden hatte, es unterwegs auf Eis packen und den ganzen Weg bis Bolivien ein Brahma nach dem anderen schl�rfen. Niemand konnte daran auch nur das geringste �ndern.</p><p>Wie eine Fata Morgana tauchte Welly mit breitem L�cheln und einer Tasse frisch gebr�htem Kaffee auf. � Vou cozinhar�, sagte er. Ich werde etwas kochen.</p><p>Etwas zu essen w�rde helfen, �berlegte Nate - und wenn es auch wieder ein Teller mit Bohnen, Reis und H�hnchen war. Das Essen w�rde ihn bes�nftigen oder zumindest seine Aufmerksamkeit von anderen Begierden ablenken.</p><p>W�hrend er in der Dunkelheit allein auf dem Oberdeck bed�chtig seine Mahlzeit verzehrte, schlug er immer wieder nach Moskitos, die sein Gesicht umsirrten. Am Ende der Mahlzeit spr�hte er sich vomHals bis zu den blo�en F�ssen mit Insektenschutzmittel ein. Der Anfall war vor�ber. Er hatte den Geschmack von Bier nicht mehr im Mund und roch auch nicht mehr die Erdn�sse aus seiner Lieblingsbar.</p><p>Er zog sich in seine Zuflucht zur�ck. Es regnete wieder, still, ohne Wind oder Donner. Josh hatte ihm vier B�cher f�r Mu�estunden eingepackt. Da er inzwischen alle Aktennotizen und Anweisungen mehrfach gelesen hatte, blieben ihm nur die B�cher. Die H�lfte des d�nnsten hatte er bereits gelesen.</p><p>Er vergrub sich tief in die H�ngematte und wandte sich erneut dem Buch zu, das die traurige Geschichte von Brasiliens Ureinwohnern beschrieb.</p><p>Als der Portugiese Pedro Alvares Cabral im April des Jahres 1500 an der K�ste von Bahia zum ersten Mal den Fu� auf brasilianischen Boden setzte, lebten dort f�nf Millionen Indianer, die sich auf rund neunhundert St�mme mit elfhundertf�nfundsiebzig Sprachen verteilten. Sah man von den �blichen Stammesfehden ab, handelte es sich um friedliche Menschen.</p><p>Nach knapp f�nfhundert Jahren der &gt;Zivilisierung&lt; durch Europ�er gab es nur noch zweihundertsiebzigtausend Indianer in zweihundertsechs St�mmen, die sich mit Hilfe von einhundert-siebzig Sprachen verst�ndigten. Krieg, Mord, Sklaverei, Gebietsraub, Krankheiten - die Vertreter der zivilisierten L�nder hatten keine M�glichkeit ausgelassen, die indianische Bev�lkerung zu dezimieren.</p><p>Es war eine �ble Geschichte voller Gewalt. Verhielten sich die Indianer friedfertig und bem�hten sich, mit den Siedlern auszukommen, fielen sie Krankheiten wie Pocken, Masern, Gelbfieber, Grippe, Tuberkulose zum Opfer, die bei ihnen bis dahin unbekannt waren und gegen die sie keine Abwehrkr�fte besa�en. Waren sie nicht friedfertig, wurden sie von M�nnern abgeschlachtet, deren Waffen raffinierter waren als Blasrohre und Giftpfeile. Sofern sie sich gegen ihre Angreifer zur Wehr setzten und sie t�teten, wurden sie als Wilde gebrandmarkt.</p><p>Sie wurden von Bergbauunternehmern, Viehz�chtern und Kautschukbaronen versklavt, und jeder, der genug Schusswaffen hatte, konnte sie aus ihren angestammten Wohngebieten vertreiben. Priester verbrannten sie auf dem Scheiterhaufen, Banditenhorden jagten sie, jeder, dem danach war, t�tete sie ungestraft und vergewaltigte ihre Frauen. Sobald die Interessen der brasilianischen Eingeborenen und der Wei�en aufeinander prallten, hatten die Indianer verloren, ganz gleich, ob es dabei um wichtige oder unwichtige Ereignisse ging.</p><p>Wer nahezu ein halbes Jahrtausend lang immer nur auf der Verliererseite steht, erwartet nur wenig vom Leben. Das gr��te Problem f�r einige der St�mme war in neuerer Zeit der Selbstmord ihrer jungen Leute.</p><p>Endlich beschloss die Regierung des Landes nach Jahrhunderten des V�lkermords, es sei an der Zeit, die �edlen Wilden� zu sch�tzen. Da Massaker in j�ngerer Zeit zu internationaler Kritik gef�hrt hatten, richtete man Beh�rden ein und erlie� Gesetze. Nicht ohne auf die eigene Gro�z�gigkeit hinzuweisen, gab man den Eingeborenen einen Teil ihrer Stammesgebiete zur�ck und zog auf amtlichen Karten Linien, mit denen diese zu Sicherheitszonen erkl�rt wurden.</p><p>Doch die Regierung war zugleich der Feind. Als im Jahre 1967 die f�r die Indianerfragen zust�ndige Beh�rde �berpr�ft wurde, waren die meisten Brasilianer von dem Ergebnis entsetzt. Aus dem Bericht ging hervor, dass Agenten, Bodenspekulanten und Viehz�chter - Kriminelle, die entweder im Dienst der Beh�rde standen oder denen die Beh�rde zuarbeitete - mit Hilfe chemischer und bakteriologischer Waffen systematisch Indianer ausgerottet hatten. Entweder hatten sie mit Pocken- und Tuberkulose-Erregern infizierte Kleidungsst�cke unter sie verteilt oder von Flugzeugen und Hubschraubern aus t�dliche Bakterien �ber ihrem Siedlungsgebiet und ihren D�rfern verbreitet.</p><p>Im �brigen nahmen Viehz�chter und Bergbauunternehmer im Amazonasbecken und anderen Grenzgebieten die Linien auf der Landkarte so gut wie nicht zur Kenntnis.</p><p>Im Jahre 1986 verseuchte ein Viehz�chter in Rondonia ein in der N�he seines Besitzes gelegenes Indianergebiet mit t�dlich wirkenden Sch�dlingsbek�mpfungsmitteln, die er aus dem Flugzeug verspr�hte. Er wollte dort Weidefl�chen anlegen und musste dazu zuvor die Bewohner eliminieren. Obwohl drei�ig Indianer dabei umkamen, wurde der Mann nie vor Gericht gestellt. Im Mato Grosso zahlte 1989 ein Viehz�chter Kopfgeldj�gern eine Belohnung f�r die Ohren ermordeter Indianer.</p><p>Goldgr�ber griffen 1993 in Manaus die Angeh�rigen eines friedfertigen Stammes an, die nicht bereit waren, ihnen zuliebe von ihrem Land zu weichen. Dreizehn Indianer wurden ermordet, ohne dass man jemanden daf�r zur Rechenschaft gezogen h�tte.</p><p>Da es im Norden des Pantanal zahlreiche Bodensch�tze gibt, hatte sich die Regierung in den neunziger Jahren mit Nachdruck bem�ht, das Amazonasbecken dort zu erschlie�en. Dabei waren ihr immer noch im dortigen Urwald lebende Indianer im Weg: Sch�tzungen zufolge war es immerhin f�nfzig St�mmen gelungen, Kontakte mit der Zivilisation zu vermeiden.</p><p>Diese schlug jetzt erneut zu. Die �bergriffe gegen Indianer wurden h�ufiger, je mehr Bergleute, Holzf�ller und Viehz�chter mit Unterst�tzung der Regierung in jenes Gebiet vordrangen.</p><p>Eine fesselnde, aber auch eine deprimierende Geschichte. Nate las vier Stunden ununterbrochen, dann hatte er das Buch aus.</p><p>Er ging zum Ruderhaus hin�ber und trank Kaffee mit Jevy. Es regnete nicht mehr.</p><p>�Werden wir morgen fr�h dort ankommen?� fragte er.</p><p>�Ich glaube schon.�</p><p>Die Lichter des Bootes bewegten sich ganz sacht mit der Str�mung.</p><p>�Haben Sie Indianerblut in Ihren Adern?� fragte Nate nach einigem Z�gern. Es war eine pers�nliche Frage, wie sie in den Vereinigten Staaten niemand zu stellen wagen w�rde.</p><p>Jevy l�chelte, ohne den Blick vom Fluss zu nehmen. �Das hat hier jeder. Warum fragen Sie?�</p><p>�Ich habe gerade ein Buch �ber die Geschichte der Indianer in Brasilien gelesen.�</p><p>�Und was meinen Sie dazu?�</p><p>�Sie ist ziemlich tragisch.�</p><p>�Das stimmt. Glauben Sie, dass man die Indianer hier schlecht behandelt hat?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Und wie war das bei Ihnen?�</p><p>Aus irgendeinem Grund kam ihm als erstes General G�ster in den Sinn. Einmal zumindest hatten auch sie gewonnen. Au�erdem haben wir sie nicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt, mit Chemikalien bespr�ht oder in die Sklaverei verkauft. Oder? Was ist mit all den Reservaten? �berall Land.</p><p>�Ich f�rchte, nicht viel besser�, sagte er und gab sich geschlagen. Er legte keinen Wert auf diese Art von Diskussion.</p><p>Nach einem langen Schweigen machte sich Nate auf den Weg zur Toilette. Bevor er den kleinen Raum verlie�, zog er die Kette. Hellbraunes Flusswasser f�llte die Toilettensch�ssel und sp�lte alles durch ein Rohr unmittelbar in den Fluss.</p></section><section><title><p>DREIUNDZWANZIG</p></title><p>Es war noch dunkel, als der Motor verstummte und Nate wach wurde. Er fasste nach dem linken Handgelenk, doch dann fiel ihm ein, dass er keine Uhr trug. Er h�rte, wie sich Welly und Jevy weiter unten am Heck bewegten. Sie sprachen leise miteinander.</p><p>Er war stolz, dass es ihm gelungen war, einen weiteren Morgen n�chtern zu erleben, einen weiteren Tag. Vor sechs Monaten war jedes Aufwachen mit verquollenen Augen, verworrenen Gedanken, einem brennenden Mund, einer gl�henden Zunge, stinkendem Atem und der t�glichen Frage verbunden gewesen: �Warum habe ich das nur getan?� Oft hatte er sich in der Dusche �bergeben m�ssen, mitunter hatte er sich einen Finger in den Hals gesteckt, um es hinter sich zu haben. Stets stand nach dem Duschen die Frage im Raum, wie er den Tag beginnen sollte: mit einem fetten warmen Fr�hst�ck, um den Magen zu bes�nftigen, oder lieber mit einer Bloody Mary, um die Nerven zu beruhigen? Dann war er in die Kanzlei gegangen. Stets hatte er Punkt acht am Schreibtisch gesessen, um einen weiteren harten Tag als Prozessanwalt durchzustehen.</p><p>Morgen f�r Morgen, ohne Ausnahme. Gegen Ende seines letzten Zusammenbruchs hatte er wochenlang keinen Vormittag bei klarem Bewusstsein erlebt. Aus lauter Verzweiflung hatte er eine Beratungsstelle aufgesucht und die Frage, ob er sich erinnern k�nne, wann er zum letzten Mal einen ganzen Tag n�chtern geblieben war, mit Nein beantworten m�ssen.</p><p>Er vermisste das Trinken, nicht aber die Folgen.</p><p>Welly zog das Beiboot auf die Backbordseite der Santa Loura und vert�ute es. Sie waren gerade dabei, es zu beladen, als Nate herunterkam. Das Abenteuer trat in eine neue Phase ein. Nate war f�r einen Szenenwechsel bereit.</p><p>Der Himmel war bedeckt. Es sah nach Regen aus. Als die Sonne schlie�lich durchbrach, war es sechs Uhr. Nate wusste das, weil er seine Armbanduhr wieder angelegt hatte.</p><p>Ein Hahn kr�hte. Sie hatten den Bug ihres Bootes nahe einem kleinen Bauernhof an einem Balken vert�ut, der einst einen Anleger getragen hatte. Links, im Westen, m�ndete ein sehr viel kleinerer Fluss in den Paraguay.</p><p>Die Aufgabe bestand darin, das Beiboot nicht zu �berladen. Die kleineren Nebenfl�sse, zu denen sie wollten, waren �berschwemmt, und die Ufer lie�en sich nicht immer erkennen. Falls das Boot zu tief im Wasser lag, konnten sie auf Grund laufen oder, schlimmer noch, die Schraube des Au�enbordmotors besch�digen. Einen Ersatzmotor gab es nicht, lediglich ein Paar Paddel, die Nate von Deck aus betrachtete, w�hrend er seinen Kaffee trank. Sie w�rden sicherlich ihren Dienst tun, �berlegte er, vor allem, wenn wilde Indianer oder hungrige Tiere sie verfolgten.</p><p>Drei Kanister mit je zwanzig Litern Kraftstoff standen fein s�uberlich in der Mitte des Bootes. �Das m�sste f�r f�nfzehn Betriebsstunden reichen�, erkl�rte Jevy.</p><p>�Das ist eine ganze Menge.� : �Ich gehe gern auf Nummer Sicher.� �Wie weit ist es bis zu der Ansiedlung?� �Das wei� ich nicht genau.� Er wies zu dem H*US hin�ber. �Der Bauer da drin hat gesagt, vier Stunden. �</p><p>�Kennt er die Indianer?�</p><p>�Nein. Er mag sie nicht. Er sagt, am Fluss hat er noch keine gesehen. �</p><p>Jevy lud ein kleines Zelt und ein Regen�berdach daf�r ins Boot, zwei Wolldecken, zwei Moskitonetze, zwei Eimer, um Wasser aus dem Boot zu sch�pfen, und sein Regencape. Welly f�gte eine Kiste mit Lebensmitteln und einen Kasten mit Wasserflaschen hinzu. Nate hatte sich auf seine Koje in der Kaj�te gesetzt. Er entnahm seiner Aktentasche die Kopie des Testaments samt dem Formblatt f�r die Empfangsbest�tigung und die Ver-</p><p>zichterkl�rung, die sie unterschreiben musste, falls sie das Erbe ausschlagen wollte, faltete alles s�uberlich und steckte es in einen Briefumschlag mit dem Aufdruck der Kanzlei Stafford. Da es an Bord weder wasserfeste Dokumentenh�llen aus Kunststoff noch M�lls�cke gab, wickelte er den Umschlag in ein quadratisches St�ck Plastik von f�nfundzwanzig Zentimetern Kantenl�nge, das er aus dem unteren Ende seines Regencapes geschnitten hatte. Er verschloss das P�ckchen mit Klebeband, bis er es f�r wasserdicht hielt. Dann klebte er es sich mit Pflaster vor der Brust auf das T-Shirt und zog ein Jeanshemd dar�ber.</p><p>Die Tasche mit den Kopien der Dokumente gedachte er auf der Santa Loura zu lassen. Da sie ihm weit sicherer erschien als das kleine Beiboot, beschloss er, auch das Satellitentelefon dort zu lassen. Er kontrollierte noch einmal Papiere und Telefon, verschloss die Aktentasche und legte sie auf seine Koje. Heute k�nnte es klappen, dachte er bei sich. Die Vorstellung, Rachel Lane endlich kennenzulernen, erf�llte ihn mit einem Gef�hl erregender Vorfreude.</p><p>Zum Fr�hst�ck verzehrte er rasch ein Br�tchen mit Butter. Er stand oberhalb des Beiboots an Deck und betrachtete die Wolken. Er wusste, wenn in Brasilien jemand �vier Stunden� sagte, bedeutete das sechs oder acht Stunden, und so brannte er darauf, dass sie endlich abfuhren. Als letztes lud Jevy eine gl�nzende Machete mit langem Griff ins Beiboot. �F�r die Anakondas�, sagte er lachend. Nate bem�hte sich, das zu �berh�ren. Er winkte Welly zum Abschied und wandte sich seiner letzten Tasse Kaffee zu. Dann legten sie ab, und Jevy warf den Au�enbordmotor an.</p><p>Es war k�hl, und Dunst hing dicht �ber dem Wasser. Seit Corumba hatte Nate den Fluss aus der Sicherheit des Oberdecks betrachtet; jetzt sa� er praktisch auf dem Wasser. Er sah sich um, konnte aber keine Rettungswesten entdecken. Das Wasser klatschte gegen den Aluminiumrumpf. Aufmerksam hielt Nate im Dunst Ausschau nach Treibgut: ein zersplitterter Baumstamm, und das kleine Boot w�re hin.</p><p>Sie mussten kr�ftig gegen die Str�mung ank�mpfen, bis sie die Einm�ndung des Nebenflusses erreichten, der sie zu den Indianern bringen w�rde. Dort war das Wasser weit ruhiger. Beim Aufjaulen des Motors erzeugte die Schraube des Bootes ein sch�umendes Kielwasser. Rasch blieb der Paraguay hinter ihnen zur�ck.</p><p>Auf Jevys Karte war das Gew�sser als Cabixa eingezeichnet. Jevy hatte diesen Fluss noch nie befahren, weil es dazu keinen Anlass gegeben hatte. Er wand sich wie ein abgewickeltes St�ck Schnur zwischen Brasilien und Bolivien hin und her, ohne erkennbar irgendwo zu enden. War er an seiner M�ndung in den Paraguay h�chstenfalls vierundzwanzig Meter breit gewesen, verengte er sich im Laufe der Zeit noch weiter auf etwa f�nfzehn Meter. An manchen Stellen war er �ber die Ufer getreten, an anderen wuchs das Unterholz an den R�ndern dichter als am Paraguay.</p><p>Nach einer Viertelstunde sah Nate auf die Uhr. Er hatte sich vorgenommen, genau auf die Zeit zu achten. Jevy nahm Fahrt weg, als sie sich der ersten Gabelung n�herten; zahllose weitere w�rden folgen. Ein Fluss von gleicher Breite ging nach links ab, und Jevy stand vor der Entscheidung, welcher Richtung sie folgen mussten, um auf dem Cabixa zu bleiben. Sie hielten sich rechts, fuhren jetzt aber langsamer und gelangten bald auf eine gro�e Wasserfl�che, die wie ein See aussah. Jevy stellte den Motor ab. �Augenblick�, sagte er, stellte sich auf die Treibstoffkanister und sah auf das Wasser um sie herum. Das Boot lag vollkommen still. Dann fiel ihm eine Reihe gezackter niedriger B�ume auf. Er wies in die Richtung und sagte etwas.</p><p>Nate wusste nicht, wie sicher Jevy seiner Sache war. Er hatte die Flusskarten gr�ndlich studiert und sich lange auf diesen Gew�ssern aufgehalten. Sie alle f�hrten zum Paraguay zur�ck. Falls er eine falsche Richtung einschlug und sich verirrte, w�rde die Str�mung sie schlie�lich zu Welly zur�ckbringen.</p><p>Sie fuhren an der Linie der niedrigen B�ume und �berschwemmten Dickichte vor�ber, die w�hrend der Trockenzeit das Ufer bildete, und befanden sich bald in der Mitte einer seichten Wasserfl�che, �ber der sich ein Baumdach w�lbte. In Nates Augen sah das nicht wie der Cabixa aus, aber ein rascher Blick zu Jevy zeigte nichts als Zuversicht.</p><p>Nach einer Stunde erreichten sie die erste menschliche Ansiedlung - eine kleine H�tte mit einem roten Ziegeldach. Das Wasser stand an den schlammbedeckten Mauern fast einen Meter hoch, und man sah nicht den geringsten Hinweis auf Mensch oder Tier. Jevy nahm Fahrt weg, damit sie miteinander reden konnten.</p><p>�In der Regenzeit gehen viele Menschen im Pantanal mit ihren K�hen und Kindern in h�hergelegenes Gel�nde.</p><p>Da bleiben sie dann drei Monate.�</p><p>�Ich habe hier aber nichts gesehen, was h�her liegt.�</p><p>�Viel gibt es davon auch nicht. Aber jeder pantaneiro kennt eine Stelle, die er um diese Jahreszeit aufsuchen kann.�</p><p>�Und was ist mit den Indianern?�</p><p>�Die ziehen auch umher.�</p><p>�Ist ja gro�artig! Wir wissen nicht, wo sie sich aufhalten, und sie ziehen gern umher.�</p><p>Leise vor sich hin lachend, sagte Jevy: �Wir finden sie schon.�</p><p>Sie trieben an der H�tte vor�ber, die weder T�ren noch Fenster hatte. Besonders einladend sah sie nicht aus. Neunzig Minuten. Nate hatte seine Furcht, gefressen zu werden, schon ganz vergessen, doch dann sahen sie nach einer Flusskr�mmung einen Trupp Kaimane, die dicht beieinander im nur etwa eine Handbreit tiefen Wasser ruhten. Die Ankunft des Bootes st�rte sie auf. Schwanzschlagend suchten sie tieferes Wasser auf. Nate warf einen Blick auf die Machete, f�r alle F�lle, und lachte dann �ber seine eigene Dummheit.</p><p>Die Reptilien dachten gar nicht daran, anzugreifen, und sahen nur tr�ge zu, wie das Boot vor�berglitt.</p><p>Zwanzig Minuten lang entdeckten sie keine weiteren Tiere. Wieder wurde das Gew�sser schmaler. Die Ufer r�ckten so dicht aneinander, dass B�ume von beiden Seiten sich �ber dem Wasser ber�hrten. Mit einem Mal war es dunkel. Sie trieben durch einen Tunnel. Nate sah auf die Uhr. Sie waren zwei Stunden von der Santa Loura entfernt.</p><p>W�hrend sie im Zickzack durch das Sumpfgebiet fuhren, erhaschten sie Blicke auf den Horizont. Die aufragenden Bergketten Boliviens schienen n�her zu kommen. Der Fluss wurde wieder breiter, die B�ume wichen auseinander, und sie befanden sich auf einer gro�en Wasserfl�che, in die mehr als ein Dutzend gewundene Flussl�ufe m�ndeten. Langsam fuhren sie das Gew�sser einmal im Kreise ab, dann noch einmal langsamer. Ein Wasserlauf sah haargenau so aus wie der andere. Der Cabixa war einer von einem Dutzend, und Jevy wusste nicht, welcher.</p><p>Er stellte sich wieder auf die Benzinkanister und sp�hte �ber das Wasser, w�hrend Nate regungslos sitzen blieb. Ihnen gegen�ber sahen sie einen Angler im R�hricht. Dass sie ihn entdeckt hatten, sollte der einzige Moment des Tages sein, an dem ihnen das Gl�ck beistand.</p><p>Der Mann sa� geduldig in einem kleinen Kanu, das vor langer Zeit aus einem Baumstamm herausgehauen worden war. Sein zerfetzter Strohhut verbarg sein Gesicht fast vollst�ndig. Als sie so nah herangekommen waren, dass sie Einzelheiten erkennen konnten, merkte Nate, dass er ohne Angelrute fischte und sich die Schnur einfach um die Hand gewickelt hatte.</p><p>Jevy sagte genau das Richtige auf portugiesisch und gab dem Mann eine Flasche Wasser. Nate lauschte l�chelnd den verschliffenen Lauten der sonderbaren Sprache, die etwa so nasal klang wie Franz�sisch und langsamer gesprochen wurde als Spanisch. Sofern sich der Fischer freute, in dieser Einsamkeit einem Mitmenschen zu begegnen, zeigte er das nicht. Wo mochte der Arme nur leben?</p><p>Dann begannen die beiden, in Richtung der Berge zu gestikulieren. Nach l�ngerer Zeit kam es Nate so vor, als h�tte der Mann mit seinen Richtungsangaben den ganzen See erfa�t. Sie redeten noch eine Weile miteinander, und Nate hatte den Eindruck, dass Jevy aus dem Mann herausholte, was sich von ihm nur erfahren lie�. Es konnte Stunden dauern, bevor sie einem anderen Menschen begegneten. Angesichts der �berschwemmten Sumpffl�chen und der Hochwasser f�hrenden Fl�sse erwies sich die Navigation als schwierig. Erst zweieinhalb Stunden waren sie unterwegs, und schon wussten sie nicht mehr, wo sie waren.</p><p>Eine Wolke kleiner schwarzer Moskitos schwebte �ber ihnen, und Nate suchte nach dem Insektenschutzmittel.</p><p>Der Angler beobachtete ihn neugierig.</p><p>Sie verabschiedeten sich und paddelten, von einem leichten Wind geschoben, davon. �Seine Mutter war Indianerin�, sagte Jevy.</p><p>�Sch�n f�r ihn�, gab Nate zur Antwort, w�hrend er Moskitos erschlug.</p><p>�Ein paar Stunden von hier liegt eine Ansiedlung.�</p><p>�Ein paar Stunden?�</p><p>�Vielleicht drei.�</p><p>Sie hatten Kraftstoff f�r f�nfzehn Stunden, und Nate nahm sich vor, jede Minute zu z�hlen. Der Cabixa begann erneut an einer Einm�ndung, wo auch ein weiterer Fluss, der v�llig gleich au�ah, den See verlie�. Er weitete sich, und sie brausten mit Vollgas davon.</p><p>Nate setzte sich tiefer ins Boot und fand zwischen der Kiste mit Lebensmitteln und den Sch�pfeimern eine Stelle auf dem Boden, wo er sich mit dem R�cken an den Sitz lehnen konnte. Hier erreichte die Gischt sein Gesicht nicht. Er hatte sich gerade auf ein Nickerchen eingestellt, als der Motor zu stottern begann. Das Boot schwankte hin und her und wurde langsamer. Nate hielt den Blick fest auf den Fluss gerichtet, denn er hatte Angst, sich umzudrehen und Jevy anzusehen.</p><p>�ber Motorenprobleme hatte er sich noch keine Gedanken gemacht. Es hatte bei der Reise schon genug gef�hrliche Situationen gegeben. Wenn sie zu Welly zur�ckpaddeln mussten, w�rde das Tage harter Arbeit kosten. Sie w�rden im Boot schlafen m�ssen, von dem leben, was sie an Vorr�ten mitgenommen hatten, bis es zur Neige ging, Regenwasser auffangen und hoffen, dass auch auf dem Heimweg der Angler wieder da war, um ihnen den Weg zur�ck in die Sicherheit zu zeigen.</p><p>Mit einem Mal hatte er entsetzliche Angst.</p><p>Dann ging es weiter. Der Motor jaulte auf, als w�re nichts geschehen. Das wurde zur Gewohnheit: Etwa alle zwanzig Minuten, kaum, dass Nate wegsacken wollte, unterbrach der Motor sein gleichf�rmiges Lied. Der Bug tauchte ins Wasser, Nate warf einen raschen Blick zu den Ufern, um zu sehen, welche Tiere sich dort aufhielten. Jevy fluchte auf portugiesisch, spielte ein wenig mit Gas und Choke, dann war f�r die n�chsten zwanzig Minuten wieder alles in Ordnung.</p><p>Als sie unter einem Baum an einer kleinen Flussgabelung Mittagspause machten - es gab K�se, Kekse und Salzgeb�ck -, begann es zu regnen.</p><p>�Kennt der Angler da hinten die Indianer?� fragte Nate.</p><p>�Ja. Etwa einmal im Monat kommen sie mit dem Boot zum Paraguay, um Handel zu treiben. Er hat sie schon ein paar Mal gesehen.�</p><p>�Haben Sie ihn gefragt, ob je eine Missionarin bei ihnen war?�</p><p>�Habe ich. Hat er nicht. Sie sind der erste Nordamerikaner, dem er je begegnet ist.� -�Der Gl�ckliche.�</p><p>Den ersten Hinweis auf die Ansiedlung bekamen sie, nachdem sie nahezu sieben Stunden unterwegs gewesen waren. Nate sah eine d�nne blaue Rauchfahne �ber den B�umen nahe dem Fu� eines H�gels. Jevy war sicher, dass sie sich inzwischen auf bolivianischem Gebiet befanden. Die �berschwemmten Gebiete lagen hinter ihnen. Das Gel�nde war h�her als zuvor, sie waren ganz in der N�he der Berge.</p><p>Sie kamen an eine L�cke in den B�umen und sahen zwei Kanus auf einer Lichtung. Jevy lenkte das Boot dorthin. Rasch sprang Nate ans Ufer, er wollte sich unbedingt die Beine vertreten und festen Boden unter den F�ssen sp�ren.</p><p>�Bleiben Sie in der N�he�, forderte ihn Jevy auf, w�hrend er sich an den Benzinkanistern zu schaffen machte.</p><p>Nate sah zu ihm hin. Ihre Blicke begegneten sich, und Jevy nickte zu den B�umen hin�ber.</p><p>Ein Indianer beobachtete sie. Die Haut seines nackten Oberk�rpers gl�nzte bronzefarben. Um die H�ften trug er eine Art Strohrock, und er schien unbewaffnet zu sein. Nate war ungeheuer erleichtert, denn anfangs hatte er bei seinem Anblick gro�e Angst empfunden. Der Mann hatte langes schwarzes Haar und rote Streifen auf der Stirn. H�tte er einen Speer in der Hand gehabt, Nate h�tte sich ihm ohne ein Wort ergeben.</p><p>�Ist er uns freundlich gesonnen?� fragte er, ohne den Blick von ihm zu wenden.</p><p>�Ich glaube schon.�</p><p>�Spricht er Portugiesisch?� �Ich wei� nicht.�</p><p>�Warum gehen Sie nicht hin und stellen es fest?�</p><p>�Immer mit der Ruhe.�</p><p>Jevy trat aus dem Boot. �Er sieht aus wie ein Kannibale fl�sterte er. Dieser Witz verfehlte seine Wirkung.</p><p>Sie machten einige Schritte auf den Indianer zu, und er machte ein paar Schritte auf sie zu. Dann blieben alle drei stehen, einen deutlichen Abstand zwischen sich. Nate war versucht, die Hand zu heben und �Hallo� zu sagen. �Fala portugues?� fragte Jevy mit freundlichem L�cheln.</p><p>Der Indianer dachte lange �ber die Frage nach. Es wurde immer offensichtlicher, dass er nicht Portugiesisch sprach. Er wirkte noch jung, vermutlich war er nicht mal zwanzig Jahre alt. Wahrscheinlich hatte er sich zuf�llig in der N�he des Flusses befunden, als ihm das Ger�usch des Au�enbordmotors aufgefallen war.</p><p>W�hrend sie sich aus etwa sechs Meter Abstand musterten, �berlegte Jevy, wie es weitergehen sollte. Im Gestr�uch hinter dem Indianer nahm er eine Bewegung wahr. Dann tauchten am Waldrand drei seiner Stammesbr�der auf, gl�cklicherweise alle ohne Waffen. Angesichts der �berzahl und im Bewusstsein, dass sie sich auf fremdem Territorium befanden, h�tte Nate am liebsten die Flucht ergriffen. Die M�nner waren zwar nicht besonders gro�, hatten aber den Heimvorteil. Au�erdem wirkten sie nicht besonders freundlich. Weder l�chelten noch gr��ten sie.</p><p>Mit einem Mal tauchte eine junge Frau aus den B�umen auf und trat neben den ersten Indianer. Auch ihre Haut war bronzefarben und ihr Oberk�rper unbekleidet. Nate gab sich gro�e M�he, sie nicht anzustarren. �Fa/o�, sagte sie.</p><p>Betont langsam sprechend erkl�rte Jevy, was sie wollten, und bat, mit dem Stammesoberhaupt sprechen zu d�rfen. Die Frau dolmetschte seine Worte f�r die M�nner, die dicht beieinander standen und mit finsteren Gesichtern aufeinander einredeten.</p><p>�Ein paar wollen uns gleich fressen�, sagte Jevy leise, �und die anderen wollen lieber bis morgen warten.�</p><p>�Sehr witzig.�</p><p>Nach einer Weile teilten die M�nner der Frau das Ergebnis ihrer Beratung mit. Sie erkl�rte den Eindringlingen, dass sie am Fluss warten sollten, bis die Nachricht von ihrer Ankunft weitergemeldet wurde. Nate pa�te das gl�nzend, w�hrend Jevy diese Mitteilung eher zu beunruhigen schien. Er fragte, ob eine Missionarin bei den Indianern lebe.</p><p>Ihr m�sst warten, sagte sie.</p><p>Die Indianer verschwanden unter den B�umen.</p><p>�Was meinen Sie?� fragte Nate, als sie fort waren. Weder er noch Jevy hatten sich auch nur einen Zentimeter von der Stelle ger�hrt. Sie standen im kn�chelhohen Gras und sahen zu dem dichten Wald hin�ber. Nate war �berzeugt, dass man sie von dort aus beobachtete.</p><p>�Sie stecken sich leicht mit Krankheiten an, wenn sie mit Fremden in Ber�hrung kommen�, erkl�rte Jevy. �Deswegen sind sie so vorsichtig.�</p><p>�Ich fasse schon keinen an.�</p><p>Sie zogen sich zum Boot zur�ck, wo sich Jevy damit besch�ftigte, die Z�ndkerzen zu reinigen. Nate zog beide Hemden aus und kontrollierte den Inhalt der behelfsm��ig wasserdicht gemachten Umh�llung. Die Papiere waren noch trocken.</p><p>�Sind das Papiere f�r die Frau?� fragte Jevy.</p><p>�Ja.�</p><p>�Was ist mit ihr passiert?�</p><p>Die strengen Vorschriften, die f�r den Umgang mit vertraulichen Angelegenheiten von Mandanten galten, schienen in jenem Augenblick nicht so wichtig zu sein. Zwar waren sie einem Anwalt heilig, aber wer in einem Boot tief im Pantanal sa�, ohne dass ein anderer Amerikaner in der N�he war, konnte sich auch ein wenig �ber die</p><p>Vorschriften hinwegsetzen. Was konnte es schaden, wenn Nate ein bi�chen plauderte? Wem k�nnte Jevy diese Dinge schon weitererz�hlen?</p><p>Josh hatte Valdir Ruiz strikte Anweisung erteilt, Jevy nur zu sagen, dass es sich um eine wichtige Angelegenheit handelte, die es erforderlich machte, Rachel Lane zu finden.</p><p>�Ihr Vater ist vor ein paar Wochen gestorben. Er hat ihr einen Haufen Geld hinterlassen.�</p><p>�Wieviel?� ....</p><p>�Mehrere Milliarden.�</p><p>�Milliarden?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Dann war er wohl sehr reich.�</p><p>�Ja, das war er.�</p><p>�Hatte er noch mehr Kinder?�</p><p>�Ich glaube, sechs.�</p><p>�Hat er denen auch mehrere Milliarden hinterlassen?�</p><p>�Nein. Sehr viel weniger.�</p><p>�Und warum ihr soviel?�</p><p>�Das wei� niemand. Es kam �berraschend.�</p><p>�Wei� sie, dass ihr Vater tot ist?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Hat sie ihren Vater geliebt?�</p><p>�Das bezweifle ich. Sie ist eine uneheliche Tochter. Es sieht ganz so aus, als h�tte sie versucht, vor ihm und allem anderen davonzulaufen. Das kann man doch sagen, oder?� Nate wies bei diesen Worten auf das sie umgebende Pantanal.</p><p>�Ja. Das hier ist ein gl�nzendes Versteck. Hat er bei seinem Tod gewusst, wo sie sich befindet?�</p><p>�Nicht genau. Er hat nur gewusst, dass sie als Missionarin irgendwo hier in der Gegend bei den Indianern arbeitet.�</p><p>Ohne auf die Z�ndkerze, die er in der Hand hielt, zu achten, nahm Jevy die Neuigkeit in sich auf. Er hatte viele Fragen. Die Verletzung des Anwaltsgeheimnisses wurde gravierender.</p><p>�Welchen Grund h�tte er haben k�nnen, einem Kind, das ihn nicht geliebt hat, so viel Geld hinterlassen?� �Vielleicht war er verr�ckt. Er ist von einem Hochhaus gesprungen.�</p><p>Das war mehr, als Jevy auf einmal verdauen konnte. Mit zusammengekniffenen Augen sp�hte er, tief in Gedanken versunken, auf den Fluss hinaus.</p></section><section><title><p>VIERUNDZWANZIG</p></title><p>Die Indianer geh�rten zum Stamm der Guato. Sie waren schon lange in dieser Gegend ans�ssig, lebten wie ihre Vorfahren und mieden Kontakte mit Au�enstehenden. Sie fischten in den Fl�ssen, jagten mit Pfeil und Bogen und bauten auf kleinen St�cken Land Gem�se an.</p><p>Sie schienen sich Zeit zu lassen. Nach einer Stunde stieg Jevy Rauch in die Nase. Er kletterte auf einen Baum in der N�he des Bootes, wo er aus gut zehn Metern H�he die D�cher ihrer H�tten erkennen konnte. Er forderte Nate auf, gleichfalls nach oben zu kommen.</p><p>Nate war seit vierzig Jahren auf keinen Baum gestiegen, aber er hatte gerade nichts anderes zu tun. Er war weniger behende als Jevy und machte auf einem nicht besonders dicken Ast halt, wobei er den Stamm mit einem Arm umschlang.</p><p>Sie sahen drei H�tten, deren D�cher aus dicken, sauber aufgeschichteten Strohlagen bestanden. Der Rauch stieg zwischen zwei der H�tten von einer Stelle auf, die ihren Blicken verborgen war.</p><p>Waren sie m�glicherweise Rachel Lane schon so nahe? Befand sie sich etwa dort unten, h�rte zu, was die Indianer berichteten, und �berlegte, wie sie sich verhalten sollte? W�rde sie einen Krieger schicken, um die beiden Besucher abzuholen, oder zu ihrer Begr��ung selbst durch die B�ume herbeikommen?</p><p>�Es ist nur eine kleine Ansiedlung�, sagte Nate und bem�hte sich, keine Bewegung zu machen.</p><p>�Vielleicht gibt es noch mehr H�tten.�......</p><p>�Was tun die Ihrer Ansicht nach gerade?�</p><p>�Sie reden miteinander.�</p><p>�Ich spreche das nur ungern an, aber wir m�ssen allm�hlich an Aufbruch denken. Wir sind vor achteinhalb Stunden losgefahren. Ich w�rde Welly gern wiedersehen, bevor es dunkel wird.�</p><p>�Kein Problem. Auf dem R�ckweg fahren wir mit der Str�mung. Au�erdem kenne ich jetzt den Weg. Da geht es viel schneller. �</p><p>�Sorgen machen Sie sich keine?�</p><p>Jevy sch�ttelte den Kopf, als h�tte er nie daran gedacht, was es bedeuten k�nnte, den Cabixa im Dunkeln hinabzufahren. Nate hatte das schon getan. Besonders gro�e Sorge machten ihm die beiden ausgedehnten Seen, die sie</p><p>durchquert hatten, mit ihren vielen Zufl�ssen, die schon tags�ber v�llig gleich ausgesehen hatten.</p><p>Sein Plan war einfach. Er wollte Ms. Lane guten Tag sagen, ihr kurz den Hintergrund berichten, die erforderlichen juristischen Erl�uterungen abgeben, ihr die Papiere zeigen, ihre wichtigsten Fragen beantworten, sie unterschreiben lassen, ihr danken und die Zusammenkunft so rasch wie m�glich beenden. Die fortgeschrittene Tageszeit, das Stottern des Au�enbordmotors und die R�ckfahrt zur Santa Loura bereiteten ihm Kopfzerbrechen. Wahrscheinlich w�rde die Frau reden wollen, aber vielleicht ja auch nicht. Vielleicht w�rde sie kaum etwas sagen, lediglich die Eindringlinge auffordern, zu verschwinden und nie wiederzukommen.</p><p>Sie kletterten vom Baum herunter. Kaum hatte Nate es sich zu einem Schl�fchen im Boot gem�tlich gemacht, als Jevy die Indianer kommen sah. Er sagte etwas, zeigte zum Waldrand hin�ber, und Nate sah dorthin.</p><p>Hinter ihrem F�hrer, dem �ltesten der Guato, den er bisher gesehen hatte, n�herten sie sich im G�nsemarsch dem Fluss. Der Mann war untersetzt, wohlbeleibt und hielt etwas in der Hand, das wie ein langer Stock au�ah. Eine gef�hrliche Waffe schien es nicht zu sein. Von der Spitze hingen h�bsche Federn herab, und Nate vermutete, dass es sich einfach um eine Art Zeremonialspeer handelte.</p><p>Der Anf�hrer fasste die beiden Eindringlinge kurz ins Auge und richtete seine Worte an Jevy.</p><p>�Was wollt ihr hier?� fragte er auf portugiesisch. Sein Gesichtsausdruck war nicht freundlich, aber er wirkte auch nicht feindselig. Nate musterte aufmerksam den Speer.</p><p>�Wir sind auf der Suche nach einer amerikanischen Missionarin�, erkl�rte Jevy.</p><p>�Woher kommt ihr?� W�hrend der H�uptling diese Frage stellte, sah er zu Nate hin�ber.</p><p>�Corumba.�</p><p>�Und er?� Alle Augen ruhten auf Nate.</p><p>�Er ist Amerikaner. Er sucht die Frau.�</p><p>�Und warum?�</p><p>Das war der erste Hinweis darauf, dass die Indianer m�glicherweise wussten, wo sich Rachel Lane befand. Hielt sie sich wom�glich irgendwo hinten im Dorf verborgen, oder h�rte sie gar, im Wald versteckt, das Gespr�ch mit an?</p><p>Jevy erkl�rte umst�ndlich, dass Nate eine lange, gefahrvolle Reise hinter sich gebracht und dabei fast das Leben verloren hatte. Die Sache sei f�r die Amerikaner von gro�er Bedeutung, etwas, das weder er, Jevy, noch die Indianer verstehen konnten.</p><p>�Ist sie in Gefahr?�</p><p>�Nein. �berhaupt nicht.�</p><p>�Sie ist nicht hier.�</p><p>�Er sagt, dass sie nicht hier ist�, sagte Jevy zu Nate.</p><p>� Sagen Sie ihm, dass ich ihn f�r einen verlogenen Mistkerl halte�, forderte Nate ihn leise auf.</p><p>�Das glaube ich nicht.�</p><p>�Habt ihr je eine Missionarin hier in der Gegend gesehen?� fragte Jevy Der Anf�hrer sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Habt ihr je von einer geh�rt?�</p><p>Zuerst kam keine Antwort. Die Augen des Mannes verengten sich, w�hrend er Jevy absch�tzend ansah, als wolle er fragen: Kann man diesem Mann trauen? Dann nickte er kaum wahrnehmbar.</p><p>�Wo ist sie?� fragte Jevy.</p><p>�Bei einem anderen Stamm.�</p><p>�Wo?�</p><p>Er sagte, er sei nicht sicher, wies dann aber nach Nordwesten. Irgendwo in dieser Richtung, sagte er und beschrieb mit seinem Speer einen Bogen �ber das halbe Pantanal.</p><p>�Guato?� fragte Jevy.</p><p>Der Mann verzog finster das Gesicht und sch�ttelte den Kopf, als wohne sie inmitten von Menschen, mit denen er nichts zu tun haben wollte. �Ipicas�, sagte er ver�chtlich.</p><p>�Wie weit fort?�</p><p>�Einen Tag.�</p><p>Jevy versuchte, ihn auf eine genaue Zeitangabe festzulegen, erfuhr aber bald, dass Stunden den Indianern nichts bedeuteten. Ein Tag hatte weder vierundzwanzig noch zw�lf Stunden, sondern war einfach ein Tag. Er versuchte es mit dem Begriff halber Tag und kam ein wenig weiter.</p><p>�Zw�lf bis f�nfzehn Stunden�, sagte er zu Nate.</p><p>�Wenn man in einem dieser kleinen Kanus f�hrt, oder?� fl�sterte Nate.</p><p>�Ja.�</p><p>�Und wie schnell schaffen wir das dann?�</p><p>�In drei bis vier Stunden. Immer vorausgesetzt, wir finden die richtige Stelle.�</p><p>Jevy holte zwei Karten heraus und breitete sie im Gras aus. Neugierig dr�ngten sich die Indianer herbei und hockten sich dicht um ihren Anf�hrer auf den Boden.</p><p>Um zu wissen, wohin sie fahren mussten, war es vor allem wichtig, festzustellen, wo sie sich befanden. Dabei erlebten sie eine b�se �berraschung, denn der Anf�hrer teilte ihnen mit, dass es sich bei dem Fluss, auf dem sie gekommen waren, nicht um den Cabixa handele. Irgendwann nach ihrer Begegnung mit dem Angler hatten sie</p><p>eine falsche Abzweigung genommen und waren �ber die Guato gestolpert. Diese Mitteilung traf Jevy schwer, und er gab sie im Fl�sterton an Nate weiter. Nate war erschrocken; immerhin hatte er Jevy sein Leben anvertraut. Da bunte Flusskarten den Indianern wenig bedeuteten, verloren sie jegliches Interesse daran, als Jevy begann, seine eigene Karte zu zeichnen. Er fing mit dem namenlosen Fluss an, an dessen Ufer sie sich befanden, und arbeitete sich, w�hrend er unaufh�rlich mit dem H�uptling redete, allm�hlich nach Norden vor. Der H�uptling lie� sich von zwei jungen M�nnern informieren, gl�nzende Fischer, wie er Jevy mitteilte, die gelegentlich zum Paraguay fuhren.</p><p>�Heuern Sie sie an�, fl�sterte Nate.</p><p>Das versuchte Jevy, erfuhr aber im Verlauf der Verhandlungen, dass die beiden die Ipicas noch nie gesehen hatten, keinen gro�en Wert darauf legten, nicht genau wussten, wo sie sich aufhielten, und auch nicht verstanden, was es bedeutete, f�r eine Arbeit bezahlt zu werden. Au�erdem wollte der H�uptling nicht, dass sie fortgingen.</p><p>Die Strecke f�hrte von einem Fluss zum n�chsten, wandte sich nach Norden, bis sich der H�uptling und die Fischer nicht mehr darauf einigen konnten, wie es weitergehen sollte. Jevy verglich das von ihm Gezeichnete mit den Angaben auf seinen Karten.</p><p>�Wir haben sie gefunden�, sagte er zu Nate.</p><p>�Wo?�</p><p>�Hier ist eine Ipica-Siedlung�, sagte er und zeigte auf eine Karte. �S�dlich von Porto Indio, am Fu� der Berge. Mit der Wegbeschreibung der Indianer hier kommen wir ziemlich nahe dahin.�</p><p>Nate beugte sich vor und betrachtete aufmerksam die eingezeichneten Hinweise. �Und wie machen wir das?� �Ich denke, dass wir am besten zur Santa Loura zur�ckkehren und einen halben Tag lang auf dem Paraguay nordw�rts fahren. Dann nehmen wir wieder das kleine Boot, um die Ansiedlung aufzusuchen.�</p><p>Der Paraguay kam ihrem Zielgebiet mit einer Flusswindung ziemlich nahe, und Nate gefiel der Gedanke, mit der Santa Loura dort hinzufahren. �Wie viele Stunden im Beiboot sind es dann noch?� fragte er.</p><p>�Ungef�hr vier.�</p><p>Ungef�hr konnte in Brasilien alles m�gliche bedeuten, doch schien die Entfernung k�rzer zu sein als die, die sie seit dem fr�hen Morgen zur�ckgelegt hatten.</p><p>�Worauf warten wir dann noch?� fragte Nate, erhob sich und l�chelte den Indianern zu.</p><p>Jevy dankte den Indianern ausf�hrlich, w�hrend er seine Karten zusammenfaltete. Jetzt, als die Fremden im Begriff waren aufzubrechen, wurden die Indianer entgegenkommend und wollten sich von ihrer gastfreundlichen Seite zeigen. Sie boten ihnen zu essen an, was Jevy ablehnte. Er erkl�rte, sie h�tten es eilig, da sie den gro�en Fluss vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wollten.</p><p>Nate l�chelte ihnen zu, w�hrend er sich an den Fluss zur�ckzog. Die Indianer wollten das Boot in Augenschein nehmen. Sie standen am Ufer und beobachteten mit gro�er Neugier, wie Jevy den Motor startklar machte. Als er ihn anspringen lie�, traten sie einen Schritt zur�ck.</p><p>Der Fluss, ganz gleich, wie er hei�en mochte, sah in der Gegenrichtung v�llig anders aus. Als sie sich der ersten Biegung n�herten, warf Nate einen Blick �ber die Schulter und sah die Guat�, die nach wie vor im Wasser standen.</p><p>Es war fast vier Uhr nachmittags. Mit etwas Gl�ck konnten sie die gro�en Seen vor Einbruch der Dunkelheit durchqueren und den Cabixa erreichen. Welly w�rde mit Bohnen und Reis auf sie warten. W�hrend Nate diese Gedanken durch den Kopf gingen, sp�rte er die ersten Regentropfen.</p><p>Die St�rungen am Motor r�hrten nicht von verschmutzten Z�ndkerzen her. F�nfzig Minuten nachdem sie die R�ckfahrt angetreten hatten, gab er den Geist auf. Das Boot trieb mit der Str�mung, w�hrend Jevy die Abdeckung abnahm und dem Vergaser mit einem Schraubenzieher zu Leibe r�ckte. Nate fragte, ob er helfen k�nne, und erfuhr, dass das nicht der Fall sei. Jedenfalls nicht, was den Motor betraf. Allerdings k�nne er einen Eimer nehmen und anfangen, das Regenwasser auszusch�pfen. Au�erdem k�nne er mit Hilfe eines Paddels versuchen, das Boot in der Mitte des Flusses zu halten, wie auch immer er hei�en mochte.</p><p>Er tat beides. Die Str�mung trug sie flussabw�rts, wenn auch weit langsamer, als es Nate lieb war. Es regnete immer wieder mit Pausen. Die Wassertiefe nahm stark ab, als sie sich einer scharfen Biegung n�herten, doch war Jevy so in seine Arbeit vertieft, dass er nichts davon merkte. Das Boot nahm Fahrt auf und wurde von den Stromschnellen einem Dickicht entgegengeschoben.</p><p>�Ich brauche Hilfe�, sagte Nate.</p><p>Jevy nahm das andere Paddel zur Hand. Er drehte das Boot so, dass es mit dem Bug auflief und nicht kenterte. �Halten Sie sich fest�, sagte er, w�hrend sie mit voller Fahrt ins Dickicht rauschten. Ranken und �ste peitschten in Nates Gesicht, und er versuchte, sie mit dem Paddel abzuwehren.</p><p>Eine kleine Schlange fiel neben seiner Schulter ins Boot. Er sah sie nicht. Jevy schob sein Paddel darunter und schleuderte sie in den Fluss zur�ck. Es war am besten, den Zwischenfall nicht zu erw�hnen.</p><p>Einige Minuten lang k�mpften sie mit der Str�mung und gegeneinander. Irgendwie schaffte Nate es, Wasser in alle m�glichen falschen Richtungen zu schieben; seine Begeisterung f�r das Paddeln brachte das Boot immer wieder in unmittelbare Gefahr zu kentern.</p><p>Als das Boot wieder frei war, nahm Jevy beide Paddel an sich und erteilte Nate den Auftrag, sein Regencape auszubreiten und �ber den Motor zu halten, damit der Vergaser nicht nass wurde. So stand er wie eine Art</p><p>Schutzengel mit ausgebreiteten Armen da, einen Fu� auf einem Benzinkanister und den anderen auf dem Bootsrand, starr vor Angst.</p><p>Jetzt konnte sich Jevy wieder an die Reparatur machen. Volle zwanzig Minuten verstrichen qu�lend langsam, w�hrend sie steuerlos den schmalen Fluss hinabtrieben. Mit dem Phelan-Nachla� h�tte man jeden neuen Au�enbordmotor in ganz Brasilien kaufen k�nnen, und da stand Nate und sah zu, wie ein Hobbymechaniker einen Motor zu reparieren versuchte, der �lter war als er selbst.</p><p>Nachdem Jevy alles wieder zusammengeschraubt hatte, machte er sich eine Ewigkeit an der Drosselklappe zu schaffen. Nate entfuhr ein Sto�gebet, als Jevy am Anlasserzug riss. Beim vierten Mal geschah das Wunder. Der Motor lief, wenn auch nicht so rund wie zuvor. Es gab immer wieder Z�ndaussetzer, und Jevy verstellte die Bowdenz�ge, ohne dass es viel gen�tzt h�tte.</p><p>�Wir m�ssen langsamer fahren�, sagte er, ohne Nate anzusehen.</p><p>�Von mir aus. Solange wir nur wissen, wo wir sind.� �Kein Problem.�</p><p>Das Gewitter schob sich �ber die Berge Boliviens heran und st�rmte dann ins Pantanal hinab, �hnlich der Front, die sie im Flugzeug fast umgebracht h�tte. Nate sa�, tief ins Boot gedr�ckt, in der Sicherheit seines Regencapes und suchte den Fluss im Osten ab, bem�ht, irgend etwas zu entdecken, das er schon einmal gesehen hatte. Dann erfasste der erste Windsto� das Boot, und der Regen begann erbarmungslos hernieder zuprasseln. Langsam drehte sich Nate um und blickte hinter sich. Jevy hatte bereits gesehen, was da heranzog, aber nichts gesagt.</p><p>Der Himmel war dunkelgrau, fast schwarz. Wolken schoben sich fast in Bodenh�he heran, so dass man die Berge nicht mehr sehen konnte. Der Regen durchn�sste sie immer mehr. Nate f�hlte sich ausgeliefert und v�llig hilflos.</p><p>Nirgendwo gab es einen Unterschlupf, keinen Hafen, in dem man anlegen und auf das Ende des Unwetters warten konnte. Kilometerweit um sie herum war in allen Richtungen nichts als Wasser zu sehen. Sie befanden sich inmitten einer gewaltigen Wasserfl�che, lediglich die Spitzen von Buschwerk und B�umen leiteten sie durch die Fl�sse und S�mpfe. Sie hatten keine Wahl, als im Boot zu bleiben.</p><p>Eine B� trieb das Boot voran, w�hrend ihnen der Regen auf den R�cken prasselte. Der Himmel wurde noch dunkler. Am liebsten h�tte sich Nate unter der Aluminiumsitzbank zusammengerollt, das aufblasbare Kissen umklammert und sich unter seinem Regencape versteckt. Aber zu seinen F�ssen stieg das Wasser bereits. Ihre Vorr�te wurden nass. Er griff den Eimer und begann, Regenwasser aus dem Boot zu sch�pfen.</p><p>Sie gelangten an eine Abzweigung, von der Nate �berzeugt war, dass sie sie auf dem Hinweg nicht gesehen hatten, und schlie�lich an einen Zusammenfluss, den sie kaum erkennen konnten. Jevy nahm das Gas zur�ck und betrachtete pr�fend die Wasserl�ufe, dann gab er wieder Gas und fuhr scharf nach rechts, als wisse er genau, wohin sein Weg f�hre. Nate war �berzeugt, dass sie sich verfahren hatten.</p><p>Nach wenigen Minuten endete der Fluss in einer Ansammlung verrottender Baumst�mme - ein eindrucksvolles Bild, das sie zuvor nicht gesehen hatten. Rasch wendete Jevy das Boot. Jetzt jagten sie dem Gewitter entgegen. Der schwarze Himmel bot einen f�rchterlichen Anblick, und das Wasser des Flusses trug wei�e Schaumkronen. Als sie die Abzweigung wieder erreicht hatten, berieten sie eine Weile miteinander, gegen Wind und Regen anbr�llend, und entschieden sich dann f�r einen anderen Fluss.</p><p>Unmittelbar vor Einbruch der Dunkelheit durchquerten sie eine gro�e, �berschwemmte Ebene, die aussah wie der See, an dessen Rand sie den Angler im R�hricht gesehen hatten. Er war nicht da.</p><p>Jevy fuhr in einen der Zufl�sse hinein, als sei ihm dieser Teil des Pantanal von tagt�glichen Fahrten vertraut.</p><p>Dann zuckten Blitze auf, und eine Zeitlang konnten sie fast sehen, wohin sie fuhren. Der Regen lie� nach. Allm�hlich zog das Gewitter ab.</p><p>Jevy stellte den Motor ab und musterte die Ufer.</p><p>�Was haben Sie vor?� fragte Nate. W�hrend des Gewitters hatten sie sich kaum unterhalten. Es war klar, dass sie sich hoffnungslos verfahren hatten, aber Nate wollte Jevy nicht zwingen, das zuzugeben.</p><p>�Wir k�nnten ein Lager aufschlagen�, sagte Jevy. Es war eher ein Vorschlag als ein Plan.</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil wir irgendwo schlafen m�ssen.�</p><p>�Das k�nnen wir doch abwechselnd hier im Boot tun�, regte Nate an. �Da ist es sicherer.� Er sagte das mit der �berzeugung eines erfahrenen Flusslotsen.</p><p>�M�glich. Trotzdem denke ich, dass wir hier anlegen sollten. Wenn wir im Dunkeln weiterfahren, k�nnten wir uns verirren.�</p><p>Wir haben uns schon vor drei Stunden verirrt, h�tte Nate am liebsten gesagt.</p><p>Jevy steuerte auf ein mit B�schen bestandenes Ufer zu. W�hrend das Boot stromab dahintrieb, suchten sie mit ihren Taschenlampen das flache Wasser ab. Zwei unmittelbar �ber der Wasseroberfl�che glimmende kleine rote Punkte h�tten bedeutet, dass auch ein Kaiman Wache hielt, aber zum Gl�ck sahen sie keinen. Sie machten das Boot mit einem Seil an einem kr�ftigen Ast wenige Meter vom Ufer entfernt fest.</p><p>Zum Abendessen gab es halbtrockenes Salzgeb�ck, eingelegte kleine Fische aus der Dose, die Nate noch nicht kannte, Bananen und K�se.</p><p>Als der Wind aufh�rte, kamen die Moskitos. Nate rieb sich Hals und Gesicht, ja sogar Augenlider und Haare, mit Insektenschutzmittel ein. Die winzigen Tiere waren flink und t�ckisch und zogen in kleinen schwarzen Wolken von einem Ende des Boots zum anderen. Obwohl es nicht mehr regnete, hatte keiner der beiden M�nner sein</p><p>Regencape ausgezogen. Soviel M�he sich die Moskitos auch gaben, dessen Kunststoff konnten sie nicht durchdringen.</p><p>Etwa eine Stunde vor Mitternacht klarte der Himmel ein wenig auf, doch war vom Mond nichts zu sehen. Der Fluss schaukelte das Boot sacht. Jevy bot sich an, die erste Wache zu halten, und Nate versuchte, eine Stellung zu finden, in der er ein wenig d�sen konnte. Er legte den Kopf auf das Zelt und streckte die Beine aus. Dabei entstand ein kleiner Spalt in seinem Cape, und sogleich st�rzten sich ein Dutzend Moskitos darauf, um ihm Blut aus der Seite zu zapfen. Irgend etwas platschte im Wasser, vielleicht ein Reptil. Das kleine Aluminiumboot war nicht daf�r geschaffen, dass sich jemand darin ausstreckte.</p><p>Von Schlaf konnte keine Rede sein.</p></section><section><title><p>F�NFUNDZWANZIG</p></title><p>Flowe, Zadel und Theishen, die drei Psychiater, die erst vor wenigen Wochen Troy Phelan untersucht und sowohl auf dem Videoband als auch sp�ter in langen eidesstattlichen Erkl�rungen die einhellige Meinung vertreten hatten, dass er bei klarem Verstand gewesen sei, wurden entlassen. Nicht nur das, die Phelan-Anw�lte stellten sie als Spinner hin, wenn nicht gar als Irre.</p><p>Neue Psychiater wurden gefunden. Den ersten verpflichtete Hark f�r einen Stundensatz von dreihundert Dollar. Er hatte ihn in einer Zeitschrift f�r Prozessanw�lte entdeckt, deren Kleinanzeigen Spezialisten f�r alle Dienstleistungen von Abschleppunternehmen bis hin zu Zytologen anboten. Es handelte sich um einen gewissen Dr. Sabo, der seine Praxis aufgegeben hatte und jetzt bereit war, sein Zeugnis zu verkaufen. Schon ein kurzer Blick auf Mr. Phelans Verhalten veranlasste ihn zu der vorl�ufigen Ansicht, dieser Mann sei eindeutig nicht testierf�hig gewesen. Wer sich von einem Hochhaus st�rze, sei offenkundig nicht bei klarem Verstand, und wer einer ihm selbst unbekannten Erbin ein Verm�gen von elf Milliarden Dollar hinterlasse, m�sse auf jeden Fall geistesgest�rt sein. Sabo war mit Begeisterung bereit, am Fall Phelan mitzuarbeiten. Das Urteil seiner drei Fachkollegen zur�ckzuweisen, betrachtete er als Herausforderung. Auch lockte ihn die Aussicht, dass der Fall in der �ffentlichkeit Aufmerksamkeit erregen w�rde - er war noch nie in einem ber�hmten Prozess aufgetreten. Au�erdem w�rde er sich von seinem Honorar eine Ostasienreise leisten k�nnen.</p><p>Alle Phelan-Anw�lte gaben sich die gr��te M�he zu erreichen, dass das Gutachten von Flowe, Zadel und Theishen widerlegt wurde. Die einzige M�glichkeit, deren Glaubw�rdigkeit zu ersch�ttern, bestand darin, andere Fachleute zu finden, die eine abweichende Meinung vertraten.</p><p>Da die Erben keinesfalls imstande sein w�rden, die hohen monatlichen Honorarrechnungen zu bezahlen, die auflaufen w�rden, erkl�rten sich ihre Anw�lte entgegenkommenderweise bereit, die Dinge zu vereinfachen, indem sie sich prozentual am Ergebnis beteiligten, und so wurden statt der exorbitanten Stundens�tze Erfolgshonorare vereinbart. Das Beteiligungsverh�ltnis war atemberaubend, wenn auch keine Kanzlei je nach au�en dringen lassen w�rde, wie viel Prozent sie berechnete. Hark wollte urspr�nglich vierzig, doch als ihm Rex Habgier vorwarf, einigten sie sich schlie�lich auf f�nfundzwanzig. So viel quetschte auch Grit aus Mary ROSS Phelan Jackman heraus.</p><p>Eindeutiger Sieger blieb der Stra�enk�mpfer Wally Bright, der von Libbigail und Spike die H�lfte dessen verlangte, was sie bekommen w�rden.</p><p>Im allgemeinen Durcheinander, das herrschte, bevor die Phelan-Erben ihre Anfechtungsklage einreichten, fragte sich keiner von ihnen, ob sie richtig handelten. Sie vertrauten ihren Anw�lten. Schlie�lich ging es um schwindelerregend hohe Summen. Da konnte es sich niemand leisten zur�ckzustehen.</p><p>Da Hark von allen Phelan-Anw�lten am meisten in Erscheinung getreten war, erweckte er die Aufmerksamkeit von Troys langj�hrigem Faktotum Snead. In der Zeit nach dem Selbstmord hatte niemand einen Gedanken an Snead verschwendet; er war beim allgemeinen Wettrennen zum Gericht einfach vergessen worden, und sein Besch�ftigungsverh�ltnis war durch das Ableben seines Arbeitgebers beendet. Er hatte w�hrend der Verlesung des Testaments im Gerichtssaal gesessen, hinter einer Sonnenbrille versteckt, damit ihn niemand erkannte. Tr�-nen�berstr�mt war er gegangen.</p><p>Er hasste die Phelan-Kinder, weil Troy sie gehasst hatte. Im Laufe der Jahre hatte Snead allerlei unangenehme Auftr�ge erledigen m�ssen, um unn�tigen �rger mit seinen Angeh�rigen von Troy fernzuhalten. Er hatte f�r Abtreibungen gesorgt und Polizeibeamte bestochen, wenn die Jungen mit Drogen erwischt wurden. Er hatte die Ehefrauen belegen, damit die Beziehung zur jeweiligen Geliebten nicht offenbar wurde - und als sie dann selbst Ehefrauen wurden, hatte der arme Snead auch sie bel�gen m�ssen, um zu verhindern, dass etwas �ber die neuen Freundinnen bekannt wurde.</p><p>Zum John f�r seine unerm�dlichen Bem�hungen hatten ihn Troys Kinder und Ehefrauen als schwul beschimpft, und nun hatte ihm Mr. Phelan trotz seiner treuen Dienste nichts hinterlassen. Nicht einen Cent. Zwar war er f�r seine Arbeit jeweils gut bezahlt worden und hatte etwas Geld angelegt, aber nicht genug, um davon leben zu k�nnen. Er hatte sich im Dienst f�r seinen Herrn verzehrt und aufgeopfert. Ein normales Privatleben war ihm versagt geblieben, weil Mr. Phelan von ihm erwartet hatte, dass er zu jeder Stunde des Tages verf�gbar war. So hatte er weder eine Familie gr�nden k�nnen, noch besa� er wirkliche Freunde.</p><p>Mr. Phelan war alles f�r Snead gewesen, sein Freund, sein Vertrauter, der einzige Mensch, auf den er sich hatte verlassen k�nnen.</p><p>Im Laufe der Jahre hatte der Alte so manches Mal versprochen, sich um seine Zukunft zu k�mmern. Snead wusste mit Sicherheit, dass er in einem fr�heren Testament namentlich aufgef�hrt war. Mit eigenen Augen hatte er das Dokument gesehen, in dem es hie�, er werde bei Mr. Phelans Tod eine Million erben. Damals hatte sich Troys Verm�gen auf drei Milliarden netto belaufen, und Snead wusste noch, wie ihm der Gedanke gekommen war, dass eine Million im Vergleich dazu eigentlich sehr wenig war. Als der Reichtum des Alten immer mehr zunahm, hatte Snead angenommen, auch sein Anteil werde mit jedem Testament anwachsen.</p><p>Gelegentlich hatte er sich nach dem Stand der Dinge erkundigt, seiner festen �berzeugung nach unauff�llig, zur�ckhaltend und im richtigen Augenblick. Aber jedesmal hatte Mr. Phelan ihn beschimpft und gedroht, ihn vollst�ndig zu �bergehen. �Sie sind genauso schlimm wie meine Kinder�, hatte er gesagt, was den armen Snead tief getroffen hatte.</p><p>Auf die eine oder andere Weise hatte sich die ihm einst zugedachte Million also in nichts aufgel�st, und das verbitterte ihn. Ihm w�rde keine andere Wahl bleiben, als sich auf die Seite seiner Feinde zu schlagen.</p><p>Er fand die neue Kanzlei mit dem Schild Hark Gettys &amp; Partner nahe dem Dupont Circle. Die Dame am Empfang teilte ihm mit, Mr. Gettys habe viel zu tun. �Ich auch�, gab Snead grob zur�ck. Wegen seiner st�ndigen N�he zu Troy hatte er den gr��ten Teil seines Lebens mit Anw�lten zu tun gehabt. Sie hatten immer viel zu tun. �Geben Sie ihm das hier�, sagte er und h�ndigte ihr einen Umschlag aus. �Es ist dringend. Ich warte zehn Minuten da dr�ben. Wenn bis dahin nichts passiert ist, gehe ich zur n�chsten Kanzlei.�</p><p>Snead setzte sich und sah sich um. Den Boden bedeckte billige neue Auslegeware. Nach kurzem Z�gern verschwand die Empfangsdame durch eine T�r. Der Umschlag enthielt einen Bogen Papier mit der handschriftlichen Mitteilung: �Ich habe drei�ig Jahre lang f�r Troy Phelan gearbeitet. Ich wei� alles. Malcolm Snead.�</p><p>Mit diesem Blatt in der Hand kam Hark, von der Empfangsdame gefolgt, praktisch im Laufschritt aus einem der umliegenden B�ror�ume. Er l�chelte t�richt, als ob er Snead mit Freundlichkeit beeindrucken k�nnte. Hark bat Snead, ihm in sein B�ro zu folgen. Dieser lehnte den angebotenen Kaffee ebenso ab wie Tee, Wasser oder Cola. Hark warf die T�r ins Schloss.</p><p>Es roch nach frischer Farbe. Schreibtisch und Regale waren neu, die Holzarten pa�ten nicht zueinander. Kartons mit Akten und diesem und jenem stapelten sich an den W�nden. Snead musterte alles ausf�hrlich. �Gerade eingezogen?� fragte er.</p><p>�Vor ein paar Wochen.�</p><p>Snead waren die R�umlichkeiten zuwider, und auch, was den Anwalt betraf, hatte er seine Bedenken. Er trug einen Anzug aus billigem Wollstoff, der viel weniger gekostet hatte als der Sneads.</p><p>�So so, drei�ig Jahre�, sagte Hark, den Bogen Papier nach wie vor in der Hand.</p><p>�So ist es.�</p><p>�Waren Sie bei ihm, als er gesprungen ist?�</p><p>�Nein. Er ist allein gesprungen.�</p><p>Ein gek�nsteltes Lachen, dann war das L�cheln wieder da. �Ich meine, waren Sie im Besprechungszimmer?�</p><p>�Ich h�tte ihn fast noch erwischt.�</p><p>�Das muss schrecklich gewesen sein.�</p><p>�Stimmt, und das ist es immer noch.�</p><p>�Waren Sie Zeuge, als er das Testament unterschrieben hat, ich meine, das letzte?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Haben Sie ihn das verdammte Ding auch schreiben sehen?�</p><p>Snead war zu jeder L�ge bereit. Die Wahrheit bedeutete ihm nichts, da ihn der Alte belogen hatte. Was hatte er schon zu verlieren?</p><p>�Ich habe eine ganze Menge gesehen�, sagte er, �und ich wei� noch viel mehr. Bei diesem Besuch hier geht es ausschlie�lich um Geld. Mr. Phelan hat mir versprochen, mich in seinem Testament zu ber�cksichtigen. Diese Zusage hat er nicht eingehalten.�</p><p>�Sie sitzen also im selben Boot wie mein Mandant�, sagte Hark.</p><p>�Das will ich nicht hoffen. Ich empfinde f�r ihn und seine elenden Geschwister nichts als Verachtung. Das m�chte ich von Anfang an klarstellen.�</p><p>�Ich glaube, das haben Sie getan.�</p><p>�Kein Mensch war Troy Phelan n�her als ich. Ich habe Dinge gesehen und geh�rt, �ber die sonst niemand Aussagen machen kann.�</p><p>�Sie wollen also als Zeuge auftreten?�</p><p>�Ich bin ein Zeuge, ein Sachverst�ndiger. Au�erdem bin ich sehr teuer.�</p><p>Einen Augenblick lang sahen sie einander in die Augen. Die Botschaft war angekommen.</p><p>�Dem Gesetz nach ist es zwar unzul�ssig, dass Laien ihre Meinung dar�ber �u�ern, in welchem Geisteszustand sich ein Erblasser bei der Abfassung seines Letzten Willens befunden hat, aber sicherlich k�nnen Sie etwas zu bestimmten Handlungsweisen und Vorg�ngen sagen, die auf eine Geistesgest�rtheit hinweisen.�</p><p>�Das ist mir alles bekannt�, sagte Snead unh�flich.</p><p>�War er verr�ckt?� �Er war's, oder er war's nicht. Mir ist es egal. Ich kann beides belegen.�</p><p>Dar�ber musste Hark eine Weile nachdenken. Er kratzte sich die Wange und betrachtete aufmerksam die Wand. Snead beschloss, ihm zu helfen. �Ich sehe das so: Der Junge, den Sie vertreten, ist ebenso reingelegt worden wie seine Geschwister. Jeder von ihnen hat zum einundzwanzigsten Geburtstag f�nf Millionen gekriegt, und wir wissen, was sie mit dem Geld gemacht haben. Weil sie alle bis �ber die Halskrause verschuldet sind, bleibt ihnen gar nichts anderes �brig, als das Testament anzufechten. Aber keine Jury wird Mitleid mit ihnen haben. Sie sind ein Haufen habgieriger Verlierer. Obwohl sich der Fall nicht ohne weiteres gewinnen l��t, werden Sie und die anderen Rechtsverdreher gegen das Testament vorgehen, und die Massenbl�tter werden haarklein dar�ber berichten. Immerhin geht es um elf Milliarden. Weil Sie aber so recht nichts in der Hand haben, hoffen Sie auf eine Einigung, bevor es zum Prozess kommt.�</p><p>�Sie begreifen rasch.�</p><p>�Nein. Ich habe Mr. Phelan drei�ig Jahre lang aufmerksam zugesehen. Auf jeden Fall h�ngt es von mir ab, wie viel bei einer solchen Einigung rausspringt. Wenn ich mich genau an Einzelheiten erinnern kann, kann es sein, dass mein fr�herer Arbeitgeber bei der Abfassung seines Testaments nicht testierf�hig war.�</p><p>�Das hei�t, Ihr Erinnerungsverm�gen kommt und geht.�</p><p>�Es ist so, wie ich es haben m�chte. Da kann mir niemand reinreden.�</p><p>�Was wollen Sie?�</p><p>�Geld.�</p><p>�Wie viel?�</p><p>�F�nf Millionen.�</p><p>�Das ist ne ganze Menge.�</p><p>�Es ist so gut wie nichts. Ich nehme es von Ihnen oder von der Gegenseite. Mir ist das egal.�</p><p>� Und wie soll ich Ihnen die f�nf Millionen zukommen lassen ?�</p><p>�Keine Ahnung. Ich bin kein Anwalt. Bestimmt k�nnen Sie und Ihre Kumpel das irgendwie einf�deln.�</p><p>Eine lange Pause entstand, w�hrend Hark in Gedanken mit dem Einf�deln begann. Er hatte viele Fragen, vermutete aber, dass er nicht viele Antworten bekommen w�rde. Jedenfalls nicht jetzt.</p><p>�Gibt es weitere Zeugen?� fragte er.</p><p>�Noch eine Frau, Nicolette. Sie war Mr. Phelans letzte Sekret�rin.�</p><p>�Wie viel wei� sie?�</p><p>�Kommt drauf an. Man kann sie kaufen.�</p><p>�Sie haben also schon mit ihr gesprochen?�</p><p>�Das tu ich jeden Tag. Uns gibt es nur im Zweierpack.�</p><p>�Wie viel will sie?�</p><p>�Die f�nf Millionen sind f�r uns beide.�</p><p>�Das ist ja das reinste Schn�ppchen. Sonst noch jemand?�</p><p>�Niemand von Bedeutung.�</p><p>Hark schloss die Augen und massierte seine Schl�fen. �Gegen Ihre f�nf Millionen habe ich nichts einzuwenden�, sagte er und zwickte sich in die Nase. �Mir ist nur noch nicht klar, wie wir Ihnen das Geld r�berschieben sollen.�</p><p>�Da f�llt Ihnen bestimmt noch was ein.�</p><p>�Ich muss dar�ber nachdenken. Lassen Sie mir etwas Zeit. Einverstanden?�</p><p>�Ich hab's nicht eilig. Ich gebe Ihnen eine Woche. Wenn Sie nein sagen, geh ich zur Gegenseite.�</p><p>�Es gibt keine Gegenseite.�</p><p>�Da war ich mir nicht so sicher.�</p><p>�Wissen Sie was �ber Rachel Lane?�</p><p>�Ich wei� alles�, sagte Snead und verlie� das B�ro.</p></section><section><title><p>SECHSUNDZWANZIG</p></title><p>Das erste D�mmerlicht des neuen Tages brachte keine �berraschungen mit sich. Sie hatten ihr Boot nahe dem Ufer eines kleinen Flusses angebunden, der sich nicht im geringsten von den anderen unterschied, die sie bisher gesehen hatten. Wieder hingen die Wolken tief, das Tageslicht kam nur z�gernd.</p><p>Zum Fr�hst�ck gab es eine kleine Schachtel Kekse - der Rest der Vorr�te, die Welly f�r sie eingepackt hatte.</p><p>Nate a� bed�chtig und fragte sich bei jedem Bissen, wann er wieder etwas bekommen w�rde.</p><p>Die Str�mung war stark, und so lie�en sie sich mit ihr treiben, als die Sonne aufgegangen war. Au�er dem Ger�usch des Wassers war nichts zu h�ren. Sie sparten Benzin und z�gerten den Augenblick hinaus, da Jevy gezwungen sein w�rde, den Motor wieder anzuwerfen.</p><p>Sie trieben an eine Stelle, an der drei Wasserl�ufe aufeinander stie�en und wegen der �berschwemmung eine gewaltige Wasserfl�che bildeten. Einen Augenblick lang verharrten sie schweigend.</p><p>�Vermutlich wissen wir nicht, wo wir sind�, sagte Nate.</p><p>�Ich wei� genau, wo wir sind.�</p><p>�Wo?�</p><p>�Im Pantanal. Von da aus flie�en alle Fl�sse zum Paraguay.�</p><p>�Irgendwann.�</p><p>�Ja, irgendwann.� Jevy entfernte die Motorabdeckung und wischte den Vergaser trocken. Er stellte den Choke ein, pr�fte den �lstand und versuchte dann, den Motor anzuwerfen. Beim f�nften Zug am Knebel sprang er an, stotterte und ging aus.</p><p>Hier werde ich sterben, sagte Nate zu sich. Entweder ich ertrinke, verhungere oder werde gefressen, aber jedenfalls werde ich in diesem riesigen Sumpf meinen letzten Atemzug tun.</p><p>Zu ihrer �berraschung h�rten sie einen Ruf. Offenbar hatte das Knattern des Motors Aufmerksamkeit erregt. Die Stimme war hoch, wie die eines jungen M�dchens, und kam aus dem R�hricht am Ufer eines der Wasserl�ufe. Jevy rief etwas, und einige Sekunden sp�ter ert�nte die Stimme erneut.</p><p>Ein h�chstens f�nfzehn Jahre alter Junge kam in einem kleinen Kanu, einem ausgeh�hlten St�ck Baumstamm, durch die Wasserpflanzen herbei. Mit Hilfe eines selbstgemachten Paddels durchschnitt er das Wasser verbl�ffend leicht und schnell. �Born dia�, sagte er mit breitem L�cheln. Sein kleines Gesicht war braun und quadratisch und vermutlich das sch�nste, das Nate seit Jahren gesehen hatte. Er warf ein Tauende her�ber, um eine Verbindung zwischen den beiden Booten herzustellen.</p><p>Eine lange, behagliche Unterhaltung folgte, bis Nate nach einer Weile unruhig wurde. �Was sagt er?� dr�ngte er Jevy.</p><p>Der Junge blickte auf Nate, und Jevy sagte: �Americano.�</p><p>�Er sagt, dass wir noch weit vom Cabixa entfernt sind�, erwiderte Jevy.</p><p>�Das h�tte ich Ihnen auch sagen k�nnen.�</p><p>�Er sagt, dass der Paraguay einen halben Tag im Osten liegt.�</p><p>�Mit dem Kanu da, oder?�</p><p>�Nein, mit dem Flugzeug.�</p><p>�Sehr witzig. Wie lange werden wir brauchen?�</p><p>�Vier Stunden, mehr oder weniger.�</p><p>Das bedeutete f�nf oder sechs Stunden. Immer vorausgesetzt, der Motor lief einwandfrei. Wenn sie paddeln mussten, konnte es eine Woche dauern.</p><p>Das auf portugiesisch gef�hrte Gespr�ch wurde ohne erkennbare Eile fortgesetzt. Das Kanu enthielt lediglich eine Rolle Angelschnur, die um eine Konservendose gewickelt war, und ein Glas voll Schlamm, von dem Nate vermutete, dass es W�rmer oder irgendeine andere Art K�der enthielt. Was verstand er vom Angeln? Er kratzte an den Stellen herum, an denen ihn die Moskitos gestochen hatten.</p><p>Vor einem Jahr war er mit seinen Kumpels zum Skifahren in Utah gewesen. Der angesagte Cocktail war irgendein Tequila-Gebr�u gewesen, das Nate in gro�en Mengen konsumiert hatte, bis er das Bewusstsein verlor. Der Kater danach hatte zwei Tage gedauert.</p><p>Das Gespr�ch wurde lebhafter, und mit einem Mal gestikulierten die beiden. Jevy sah zu Nate her, w�hrend er sprach.</p><p>�Was gibt's?� fragte Nate.</p><p>�Die Indianer leben nicht weit von hier.�</p><p>�Wie weit?�</p><p>�Eine Stunde, m�glicherweise zwei.�</p><p>�Kann er uns dahin f�hren?�</p><p>�Ich wei� den Weg.�</p><p>�Davon bin ich �berzeugt. Aber ich w�rde mich besser f�hlen, wenn er mitk�me.�</p><p>Damit kr�nkte er zwar Jevys Stolz, doch konnte dieser angesichts der Umst�nde nicht viel dagegen anf�hren. �Vielleicht m�chte er daf�r etwas Geld.�</p><p>�Jeden Betrag.� Solange der Junge nur Bescheid wusste. Auf der einen Seite war der Phelan-Nachla� und auf der anderen der d�rre, kleine pantaneiro. Nate l�chelte bei dieser Vorstellung. Wie w�re es mit einer ganzen Flottille aus Kanus mit Angelruten, Rollen und Tiefenanzeige? Sag blo�, was du willst, mein Sohn, und es geh�rt dir.</p><p>�Zehn Reais�, sagte Jevy nach kurzer Verhandlung.</p><p>�Gern.� F�r etwa zehn Dollar w�rde man sie zu Rachel Lane bringen.</p><p>Jevy kippte den Au�enborder hoch, so dass die Schraube in die Luft ragte, und sie begannen zu paddeln. Nachdem sie dem Jungen im Kanu zwanzig Minuten lang gefolgt waren, gelangten sie in ein schmales, flaches Gew�sser mit einer starken Str�mung. Nate zog sein Paddel ein, atmete durch und wis chte sich den Schwei� von der Stirn. Sein Herz h�mmerte, und seine Muskeln schmerzten bereits. Inzwischen war die Wolkendecke aufgerissen, und die Sonne brannte herab.</p><p>Jevy machte sich am Motor zu schaffen. Zum Gl�ck sprang er an und ging auch nicht wieder aus. Sie folgten dem Jungen, der ihnen und ihrem stotternden Au�enbordmotor mit seinem Kanu m�helos vorauspaddelte.</p><p>Es war fast ein Uhr, als sie ansteigendes Gel�nde erreichten. Allm�hlich blieben die �berschwemmten Gebiete zur�ck, und die Wasserl�ufe hatten wieder erkennbare Ufer mit dichtem Unterholz. Der Junge wirkte bedr�ckt</p><p>und schien sich sonderbarerweise Sorgen um den Sonnenstand zu machen.</p><p>Da hinten, sagte er zu Jevy. Gleich hinter der Kurve. Er schien nicht gern weiterfahren zu wollen.</p><p>Ich halte hier, sagte er. Ich muss nach Hause zur�ck.</p><p>Nate gab ihm das Geld, und sie dankten ihm. Er wendete sein Kanu und verschwand rasch mit der Str�mung. Sie qu�lten sich mit dem immer wieder stotternden Motor ab, kamen aber trotz ihrer geringen Geschwindigkeit voran.</p><p>Bald r�ckte ein Wald an die Ufer des Flusses, dessen B�ume tief �ber das Wasser hingen, so dass �ber ihnen eine Art Tunnel entstand, der das Tageslicht ausschloss. Im Halbd�mmer hallte das ungleichm��ige Dr�hnen ihres Motors von den Ufern wider. Nate konnte sich des unheimlichen Eindrucks nicht erwehren, dass sie beobachtet wurden. Er sp�rte f�rmlich, wie Blasrohre auf ihn zielten. Innerlich war er daraufgefasst, dass jeden Augenblick Wilde in Kriegsbemalung, denen man beigebracht hatte, dass jedes Bleichgesicht umgebracht werden m�sse, ihre todbringenden Pfeile her�berschickten.</p><p>Doch als erstes sahen sie kleine braune Kinder, die gl�cklich im Wasser planschten. Das Bl�tterdach endete in der N�he einer Ansiedlung.</p><p>Auch die M�tter badeten, ebenso nackt wie ihre Kinder, und offenbar ohne deswegen im geringsten gehemmt zu sein. Als sie das Boot sahen, zogen sie sich ans Ufer zur�ck. Jevy stellte den Motor ab und begann zu reden und zu l�cheln, w�hrend sie n�her trieben. Ein etwas gr��eres M�dchen lief in Richtung der H�tten davon.</p><p>�Fala portugues!� rief Jevy den vier Frauen und sieben Kindern zu. Sie sahen einfach nur her�ber. Die kleineren versteckten sich hinter ihren M�ttern. Die Frauen waren kleinw�chsig mit �ppigen Leibern und kleinen Br�sten. �Sind die freundlich?� fragte Nate.</p><p>�Das werden wir sehen, wenn die M�nner kommen.�</p><p>Schon nach wenigen Minuten kamen drei M�nner, ebenfalls klein, stattlich und muskul�s. Immerhin hatten sie ihre Geschlechtsteile mit einer Art Lederfutteral verh�llt.</p><p>Der �lteste behauptete, Portugiesisch zu sprechen, doch waren seine Kenntnisse �u�erst d�rftig. Nate blieb im Boot, weil er sich dort am sichersten f�hlte, w�hrend Jevy, der an einem Baum in der N�he des Wassers lehnte, sich verst�ndlich zu machen versuchte. Die Indianer umdr�ngten ihn. Er war einen ganzen Kopf gr��er als sie. Nachdem sie mehrere Minuten lang immer wieder dasselbe gesagt und herumgestikuliert hatten, sagte Nate: ��bersetzung bitte.�</p><p>Die Indianer sahen Nate an.</p><p>�Americano�, erkl�rte Jevy, und ein weiteres Gespr�ch folgte.</p><p>�Was ist mit der Frau?� fragte Nate.</p><p>�Soweit sind wir noch nicht. Ich bin noch dabei, die Leute zu �berzeugen, dass sie Sie nicht bei lebendigem Leibe verbrennen sollen.�</p><p>�Geben Sie sich M�he.�</p><p>Weitere Indianer kamen. Man konnte ihre H�tten sehen, die rund hundert Meter entfernt am Rande eines Waldes standen. Weiter stromaufw�rts lag ein halbes Dutzend Kanus am Ufer vert�ut. Die Kinder begannen sich zu langweilen. Langsam l�sten sie sich von ihren M�ttern und wateten n�her an das Boot heran, um es in Augenschein zu nehmen. Auch der Mann mit dem wei�en Gesicht erweckte ihre Neugier. Nate l�chelte, zwinkerte und entlockte ihnen schon bald ein sch�chternes L�cheln. W�re Welly nicht so verdammt geizig mit den Keksen gewesen, k�nnte ihnen Nate jetzt etwas anbieten.</p><p>Das Gespr�ch schleppte sich dahin. Der Indianer, der mit Jevy sprach, wandte sich von Zeit zu Zeit zu seinen Begleitern um und erstattete ihnen Bericht, woraufhin unter ihnen jedesmal gro�e Unruhe ausbrach. Ihre Sprache schien aus einer Abfolge von Grunz- und Quieklauten zu bestehen, bei denen die Lippen so wenig wie m�glich bewegt wurden.</p><p>�Was sagt er?� knurrte Nate.</p><p>�Keine Ahnung�, gab Jevy zur�ck.</p><p>Ein kleiner Junge legte eine Hand auf den Bootsrand und sah Nate mit schwarzen Pupillen an, die so gro� wie Vierteldollarst�cke waren. Ganz leise sagte er: �Hallo.� Nate begriff, dass sie am richtigen Ort angekommen waren.</p><p>Au�er Nate h�rte niemand den Jungen. Nate beugte sich vor und sagte leise ebenfalls: �Hallo�.</p><p>� Good-bye �, sagte der Junge, ohne sich zu r�hren. Rachel hatte ihm mindestens zwei W�rter beigebracht.</p><p>�Wie hei�t du?� fragte Nate fl�sternd.</p><p>�Hallo�, wiederholte der Junge.</p><p>Die Unterhaltung am Ufer kam auch nicht weiter. Die M�nner hockten im angeregten Gespr�ch beieinander, w�hrend die Frauen kein Wort sagten.</p><p>�Was ist mit der Frau?� wiederholte Nate.</p><p>�Ich habe gefragt. Sie antworten nicht.�</p><p>�Was hei�t das?�</p><p>�Ich bin nicht sicher. Ich vermute, dass sie hier ist, aber sie r�cken aus irgendeinem Grund nicht mit der Sprache heraus.�</p><p>�Und warum nicht?�</p><p>Jevy verzog das Gesicht und sah beiseite. Woher sollte er das wissen?</p><p>Sie redeten noch ein wenig miteinander, dann brachen die Indianer auf- zuerst die M�nner, dann die Frauen und zum Schluss die Kinder. Im G�nsemarsch zogen sie der Ansiedlung entgegen, bis man nichts mehr von ihnen sah.</p><p>�Haben Sie sie ver�rgert?�</p><p>�Nein. Sie wollen irgendeine Versammlung einberufen.�</p><p>�Glauben Sie, dass die Frau hier ist?�</p><p>�Ich denke schon.� Jevy machte es sich im Boot bequem und wollte ein Nickerchen halten. Es war fast eins, ganz gleich in welcher Zeitzone sie sich befinden mochten. Zum Mittagessen hatte es nicht mal einen aufgeweichten Salzkeks gegeben.</p><p>Gegen drei durften sie sich auf den Weg machen. Eine kleine Gruppe junger M�nner f�hrte sie vom Fluss �ber den Pfad zum Dorf, zwischen den H�tten hindurch, vor denen alle Bewohner reglos standen und sie beobachteten, dann weiter in den Wald.</p><p>Wenn das mal kein Todesmarsch ist, dachte Nate. Die bringen uns bestimmt zu irgendeinem steinzeitlichen Blutopfer in den Urwald. Er folgte Jevy, der zuversichtlich vorausschritt. �Wohin zum Teufel bringen die uns?� zischte Nate wie ein Kriegsgefangener, der seine W�chter aufzubringen f�rchtete.</p><p>�Nur die Ruhe.�</p><p>Der Wald �ffnete sich zu einer Lichtung, und sie sahen, dass sie wieder in der N�he des Flusses waren. Unvermittelt blieb der Anf�hrer stehen und machte eine Handbewegung. Am Rande des Wassers r�kelte sich eine Anakonda in der Sonne. Das Tier war schwarz und trug an der Unterseite eine gelbe Zeichnung. An der dicksten Stelle betrug der Durchmesser seines Rumpfes mindestens drei�ig Zentimeter. �Wie lang ist sie?� fragte Nate. �Sechs oder sieben Meter. Endlich haben Sie eine Anakonda gesehen�, sagte Jevy.</p><p>Nate zitterten die Knie, und sein Mund war wie ausged�rrt. Der Anblick eines so langen und kr�ftigen Exemplars war wahrhaft eindrucksvoll. �ber diese Schlangen hatte er Witze gerissen.</p><p>�Manche Indianer verehren sie als Gottheiten�, sagte Jevy.</p><p>Und was tun dann unsere Missionare hier? �berlegte Nate. Er nahm sich vor, Rachel nach diesem Kult zu fragen. Die Moskitos schienen es ausschlie�lich auf ihn abgesehen zu haben. Die Indianer waren offensichtlich immun gegen die Qu�lgeister, und Jevy schlug nicht ein einziges Mal nach ihnen. Immer wieder fuhr Nates Hand klatschend auf seine Haut, und immer wieder kratzte er, bis es blutete. Das Insektenschutzmittel lag im Boot, zusammen mit dem Zelt, dem Haumesser und allem anderen, was im Augenblick seine Habe ausmachte. Zweifellos wurde sie gerade ausf�hrlich von den Kindern begutachtet.</p><p>W�hrend der ersten halben Stunde erschien ihm der Marsch als Abenteuer, dann stumpften ihn die Hitze und die Insekten ab. � Wie weit m�ssen wir noch ?� fragte Nate, ohne eine genaue Antwort zu erwarten.</p><p>Jevy sagte etwas zu dem Mann an der Spitze und �bersetzte dessen Antwort. �Nicht weit.� Sie �berquerten einen Pfad, dann einen breiteren Weg. In der Gegend schienen die Leute ziemlich viel herumzulaufen. Schon bald sahen sie die erste H�tte, dann rochen sie Rauch.</p><p>Zweihundert Meter von der Ansiedlung entfernt wies der Anf�hrer auf eine schattige Stelle nahe dem Fluss.</p><p>Nate und Jevy wurden zu einer Bank gef�hrt, die man aus miteinander verbundenen hohlen Bambu�t�ben hergestellt hatte. Dort blieben sie, von zwei Indianern bewacht, w�hrend die anderen im Dorf Meldung machten.</p><p>Nach einer Weile wurden die W�chter m�de, lehnten sich an einen Baumstamm und schliefen bald tief und fest. �Ich vermute, dass wir fliehen k�nnten�, sagte Nate.</p><p>�Wohin?�</p><p>�Haben Sie Hunger?�</p><p>�Eigentlich schon. Und Sie?�</p><p>�Nein, ich bin bis oben hin satt�, sagte Nate. �Immerhin hab ich vor neun Stunden sieben d�nne Kekse gegessen. Vergessen Sie nicht, mich daran zu erinnern, dass ich Welly einen Klaps gebe, wenn ich ihn sehe.�</p><p>�Ich hoffe, es geht ihm gut.�</p><p>�Warum sollte es ihm nicht gut gehen? Er ist in Sicherheit, trinkt frisch gebr�hten Kaffee und liegt mit vollem Magen sch�n trocken in meiner H�ngematte.�</p><p>Vermutlich h�tten die M�nner sie keinesfalls so weit gef�hrt, wenn nicht Rachel in der N�he w�re. W�hrend Nate auf der Bank sa� und den Blick auf die H�tten in der Ferne gerichtet hielt, deren oberste Spitzen man sah, gingen ihm viele Fragen �ber diese Frau durch den Kopf. Wie sie wohl au�ehen mochte? Von ihrer Mutter hatte es gehei�en, dass sie eine Sch�nheit gewesen war. Troy Phelan hatte ein Auge f�r Frauen gehabt. Was sie wohl trug? Die Ipicas, denen sie Gottes Wort bringen wollte, gingen nackt. Wie lange war sie schon nicht mehr in der zivilisierten Welt gewesen? War er der erste Amerikaner, der je in dieses Dorf kam?</p><p>Wie w�rde sie auf seine Anwesenheit reagieren? Und wie auf das Geld?</p><p>Je mehr sich die Zeit hinschleppte, desto dringender wollte Nate die Erbin sehen.</p><p>Beide W�chter schliefen, als aus der Ansiedlung eine Bewegung erkennbar wurde. Jevy warf ein Steinchen zu ihnen hin�ber und stie� einen leisen Pfiff aus. Sie sprangen auf und nahmen wieder Haltung an.</p><p>Man konnte sehen, dass sich ein Trupp �ber den Pfad n�herte, zu dessen beiden Seiten die Pflanzen kniehoch wuchsen. Rachel geh�rte dazu, denn inmitten der nackten braunen Oberk�rper leuchtete ein gelbes Hemd. Schon aus hundert Metern Entfernung konnte Nate sehen, dass das Gesicht unter dem Strohhut heller war als das der Indianer.</p><p>�Wir haben sie gefunden�, sagte er.</p><p>�Ja, das glaube ich auch.�</p><p>Es dauerte eine Weile, bis der Trupp sie erreicht hatte. Drei junge M�nner gingen voran, und drei folgten der Frau. Sie war ein wenig gr��er als die Indianer und ging mit nat�rlicher Anmut. Man h�tte glauben k�nnen, dass sie einen Spaziergang auf einer Blumenwiese machte. Niemand hatte es eilig.</p><p>Nate beobachtete sie bei jedem Schritt. Sie war sehr schlank und hatte breite, knochige Schultern. Als der Trupp n�her kam, begann sie her�berzusehen. Nate und Jevy erhoben sich, um sie zu begr��en.</p><p>Die Indianer blieben am Waldsaum stehen, w�hrend Rachel weiterging. Sie nahm den Hut ab. Graue F�den durchzogen ihr sehr kurz geschnittenes braunes Haar. Wenige Schritte von Jevy und Nate entfernt blieb sie stehen.</p><p>�Boa tarde, senhor�, sagte sie zu Jevy und sah dann Nate an. Ihre Augen waren dunkelblau, fast indigofarben. Keine Falten, kein Make-up. Er wusste, dass sie zweiundvierzig Jahre alt war, aber sie wirkte alterslos. Sie strahlte die Gelassenheit eines Menschen aus, der unter keinerlei Druck steht.</p><p>�Boa tarde.�</p><p>Weder bot sie den beiden die Hand, noch stellte sie sich vor. Sie mussten die Initiative �bernehmen.</p><p>�Ich hei�e Nate O'Riley. Ich bin Anwalt aus Washington.�</p><p>�Und Sie?� fragte sie Jevy.</p><p>�Jevy Cardozo, aus Corumba. Ich bin sein F�hrer.�</p><p>Mit feinem L�cheln sah sie die beiden aufmerksam an. Sie schien die Begegnung zu genie�en.</p><p>�Was f�hrt Sie her?� Sie sprach ohne jeden regionalen Akzent. In ihrer gepflegten Sprechweise lag nicht der geringste Hinweis auf eine Herkunft aus Louisiana oder Montana.</p><p>�Wir haben geh�rt, dass man hier gut angeln kann�, sagte Nate.</p><p>Sie ging nicht darauf ein. �Er macht schlechte Witze�, sagte Jevy entschuldigend.</p><p>�Tut mir leid. Ich suche Rachel Lane und habe Grund zu der Annahme, dass Sie das sind.�</p><p>Sie h�rte sich das an, ohne ihren Gesichtsausdruck zu ver�ndern. �Und warum suchen Sie Rachel Lane?�</p><p>�Weil ich Anwalt bin und meine Kanzlei eine wichtige rechtliche Frage mit ihr zu kl�ren hat.�</p><p>�Worum geht es da?�</p><p>�Das kann ich nur ihr selbst sagen.�</p><p>�Bedaure, ich bin nicht Ihre Rachel Lane.�</p><p>Jevy seufzte, und Nates Schultern sanken. Ihr entging keine Bewegung und nicht die kleinste Regung. �Haben Sie Hunger?� fragte sie.</p><p>Beide M�nner nickten. Sie rief den Indianern etwas zu. �Jevy�, sagte sie, �gehen Sie mit diesen M�nnern ins Dorf. Dort bekommen Sie etwas zu essen, und man wird Ihnen auch etwas f�r Mr. O'Riley hier mitgeben.�</p><p>Sie setzte sich mit Nate im Schatten auf die Bank, von wo aus sie schweigend zusahen, wie die Indianer Jevy ins Dorf f�hrten. Er drehte sich einmal um, wie um sich zu vergewissern, dass es Nate gut ging.</p></section><section><title><p>SIEBENUNDZWANZIG</p></title><p>Als die Indianer fort waren, kam ihm die Frau nicht mehr so gro� vor. Sie schien die Speisen zu meiden, von denen die Indianerfrauen so dick wurden. Sie hatte lange, schlanke Beine und trug Ledersandalen, was in einer Kultur, in der jeder barfuss ging, sonderbar wirkte. Woher mochte sie die haben? Und woher das gelbe, kurz�rmelige Hemd und die Khakishorts? Er hatte so viele Fragen.</p><p>Ihre einfache Kleidung wirkte ziemlich abgetragen. Sofern sie nicht selbst Rachel Lane war, wusste sie bestimmt, wo sich diese aufhielt.</p><p>Sie sa�en so dicht beieinander, dass sich ihre Knie fast ber�hrten. �Rachel Lane hat vor vielen Jahren aufgeh�rt zu existieren�, sagte sie mit einem Blick auf das Dorf in der Ferne. �Ich habe den Vornamen beibehalten, den Nachnamen aber aufgegeben. Es muss sich um eine bedeutende Angelegenheit handeln, sonst w�ren Sie nicht gekommen.� Sie sprach leise, langsam und deutlich. Jedes Wort wirkte abgewogen.</p><p>�Troy Phelan ist tot. Er hat vor drei Wochen Selbstmord begangen.�</p><p>Sie senkte den Kopf ein wenig und schloss die Augen. Es sah aus, als ob sie bete. Dann folgte eine lange Pause. Das Schweigen schien ihr nicht unbehaglich zu sein. �Haben Sie ihn gekannt?� fragte sie ihn schlie�lich.</p><p>�Ich bin ihm vor Jahren mal begegnet. In unserer Kanzlei gibt es viele Anw�lte, und ich selbst hatte nie mit seinen Angelegenheiten zu tun. Nein, gekannt habe ich ihn nicht.�</p><p>�Ich auch nicht. Er war mein irdischer Vater, und ich habe viele Stunden f�r ihn gebetet, aber er war mir immer fremd.�</p><p>�Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?� Nate sprach leiser und langsamer als zuvor. Sie �bte einen beruhigenden Einfluss aus.</p><p>�Vor vielen Jahren. Bevor ich zum College ging�, sagte sie. �Was wissen Sie �ber mich?�</p><p>�Nicht viel. Sie hinterlassen ja kaum Spuren.�</p><p>�Wie haben Sie mich dann gefunden?�</p><p>�Mit Troys Hilfe. Er wollte Sie vor seinem Tod aufsp�ren, hat es aber nicht geschafft. Er wusste, dass Sie als Missionarin bei World Tribes Missions arbeiten und sich in diesem Teil der Welt aufhalten. Alles andere musste ich selbst herausbekommen.�</p><p>�Woher mag er das gewusst haben?�</p><p>�Er hatte schrecklich viel Geld.�</p><p>�Und deswegen sind Sie hier.�</p><p>�Ja. Wir m�ssen �ber Geldangelegenheiten reden.�</p><p>�Er hat mir vermutlich etwas hinterlassen.�</p><p>�Das kann man sagen.�</p><p>�Ich m�chte nicht �ber Geldangelegenheiten sprechen, sondern mich mit Ihnen unterhalten. Wissen Sie, wie oft ich jemanden in meiner Muttersprache reden h�re?�</p><p>�Selten, denke ich mir.�</p><p>�Ich fahre einmal im Jahr nach Corumba, um Vorr�te zu kaufen. Bei der Gelegenheit rufe ich in der Zentrale an und spreche etwa zehn Minuten lang englisch. Das macht mir jedesmal Angst.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ich bin nerv�s. Meine H�nde zittern, w�hrend ich den H�rer halte. Ich kenne die Menschen, mit denen ich rede, f�rchte aber, nicht die richtigen Ausdr�cke zu benutzen. Manchmal stottere ich sogar. Zehn Minuten pro Jahr.� �Jetzt machen Sie Ihre Sache aber gut.�</p><p>�Ich bin schrecklich aufgeregt.�</p><p>�Ganz ruhig. Ich bin ein prima Kerl.�</p><p>�Aber Sie haben mich gefunden. Ich war vor einer Stunde bei einem Patienten, als die M�nner gekommen sind, um mir zu sagen, dass ein Amerikaner hier ist. Ich bin zu meiner H�tte gerannt und habe gebetet. Gott hat mir Kraft gegeben.�</p><p>�Ich bin in friedfertiger Absicht gekommen.�</p><p>�Sie scheinen nett zu sein.�</p><p>Wenn du w�sstest, dachte Nate. �Vielen Dank. Sagten Sie nicht etwas �ber einen Patienten?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich dachte, Sie sind Missionarin.�</p><p>�Stimmt. Aber ich bin auch �rztin.�</p><p>Und ausgerechnet Nates Spezialgebiet war es, �rzte zu verklagen. Aber das war weder der rechte Zeitpunkt noch der rechte Ort f�r ein Gespr�ch �ber �rztliche Kunstfehler. �Das steht nicht in meinen Unterlagen.�</p><p>�Ich habe meinen Namen nach dem College ge�ndert, bevor ich Medizin studiert und das Seminar besucht habe. Wahrscheinlich war die Spur da zu Ende.�</p><p>�Genau. Und warum haben Sie Ihren Namen ge�ndert?�</p><p>�Das ist eine verwickelte Geschichte. Jedenfalls war es das damals. Jetzt scheint mir das nicht mehr wichtig.�</p><p>Eine leichte Brise wehte vom Fluss her�ber. Es war fast f�nf Uhr. Dunkle Wolken hingen tief �ber dem Wald.</p><p>Sie sah, dass er einen Blick auf die Uhr warf. �Die M�nner bringen Ihnen Ihr Zelt. Das hier ist ein guter Schlafplatz.�</p><p>�Vielen Dank. Ich nehme ja wohl an, dass wir hier sicher sind?�</p><p>�Ja. Gott wird Sie sch�tzen. Beten Sie einfach.�</p><p>In diesem Augenblick nahm sich Nate vor, zu beten, wie er es von Predigern kannte. Die N�he des Flusses beunruhigte ihn besonders. Er brauchte nur die Augen zu schlie�en, um vor sich die Anakonda auf sein Zelt zugleiten zu sehen.</p><p>�Sie beten doch gewiss regelm��ig, Mr. O'Riley?�</p><p>�Nennen Sie mich bitte Nate. Ja, ich bete.�</p><p>�Sind Sie Ire?�</p><p>�Eher eine Promenadenmischung. Mehr deutsch als sonst was. Mein Vater hatte irische Vorfahren. Unsere Familiengeschichte hat mich aber nie besonders interessiert.�</p><p>�Welcher Kirche geh�ren Sie an?�</p><p>�Der Episkopalkirche.� Religion war ein Thema, �ber das er nicht gern sprach. Ob Katholik, Lutheraner oder Episkopalist, es war ihm gleichg�ltig. Seit seiner zweiten Eheschlie�ung hatte er keine Kirche mehr von innen gesehen.</p><p>Seine Kenntnisse auf religi�sem Gebiet waren eher bescheiden, und er wollte nicht ausgerechnet mit einer Missionarin dar�ber sprechen. Wieder lie� sie eine Pause eintreten, und er wechselte das Thema. �Sind die Indianer friedlich?�</p><p>�Meistens. Die Ipicas sind keine Krieger, aber sie trauen den Wei�en nicht.�</p><p>�Und was ist mit Ihnen?�</p><p>�Ich lebe seit elf Jahren hier. Mich erkennen sie an.�</p><p>�Wie lange hat das gedauert?�</p><p>�Ich hatte Gl�ck, weil vor mir schon Missionare hier waren, ein Ehepaar. Sie hatten die Sprache gelernt und das Neue Testament �bersetzt. Als �rztin habe ich rasch das Vertrauen der Frauen gewonnen, denn ich habe ihnen geholfen, ihre Kinder zu bekommen.�</p><p>�Ihr Portugiesisch klang ziemlich gut.�</p><p>�Das spreche ich flie�end. Au�erdem Spanisch, Ipica und Machiguenga.�</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Die Sprache von Eingeborenen, die in den Bergen von Peru leben. Dort habe ich sechs Jahre zugebracht. Ich hatte mich gerade mit der Sprache der Machiguenga vertraut gemacht, als ich dort fort musste.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Wegen der Guerrilleros.�</p><p>Als ob Schlangen, Kaimane, Krankheiten und �berschwemmungen nicht gen�gten.</p><p>�Sie haben in einem Dorf nicht weit von mir zwei Missionare entf�hrt. Aber Gott hat sie gerettet. Sie wurden vier Jahre sp�ter freigelassen, ohne dass ihnen ein Haar gekr�mmt worden war.�</p><p>�Gibt es auch hier in der Gegend Guerilla-Krieger?�</p><p>�Nein. Hier in Brasilien sind die Menschen sehr friedfertig. Bisweilen trifft man auf Drogenkuriere, aber so tief ins Pantanal dringt niemand vor.�</p><p>�Eine Frage: Wie weit ist es von hier bis zum Paraguay?�</p><p>�Um diese Jahreszeit acht Stunden.�</p><p>�Brasilianische Stunden?�</p><p>Sie l�chelte. �Sie wissen also schon, dass die Zeit hier langsamer verstreicht. Acht bis zehn amerikanische Stunden.�</p><p>�Mit dem Kanu?�</p><p>�So reisen wir hier. Ich hatte fr�her ein Motorboot. Aber es war alt und irgendwann nicht mehr zu gebrauchen.� �Wie lange dauert es mit einem Motorboot?�</p><p>�Ungef�hr f�nf Stunden. Allerdings verf�hrt man sich jetzt w�hrend der Regenzeit leicht.�</p><p>�Das habe ich schon gemerkt.�</p><p>�Die Fl�sse gehen ineinander �ber. Sie m�ssen einen unserer Fischer mitnehmen, wenn Sie abreisen. Ohne F�hrer kann man den Paraguay nicht finden.�</p><p>�Und Sie fahren einmal im Jahr nach Corumba?�</p><p>�Ja, aber in der Trockenzeit, im August. Dann ist es k�hler, und es gibt nicht so viele Moskitos.�</p><p>�Fahren Sie allein?�</p><p>�Nein. Lako, ein guter Freund aus dem Stamm, bringt mich zum Paraguay. Au�erhalb der Hochwasserzeit dauert es mit dem Kanu etwa sechs Stunden. Am Paraguay warte ich, bis ein Boot vorbeikommt, das mich nach Corumba mitnimmt. Dort bleibe ich einige Tage, erledige meine Angelegenheiten und kehre mit einem Boot zur�ck.�</p><p>Nate dachte daran, wie wenige Boote er auf dem Paraguay gesehen hatte. �Irgendeins?�</p><p>�Gew�hnlich ist es ein Viehtransporter. Die Bootsf�hrer nehmen gern Fahrg�ste mit.�</p><p>Sie f�hrt mit dem Kanu, weil ihr altes Motorboot den Geist aufgegeben hat. Sie l��t sich auf Viehtransportern mitnehmen, um nach Corumba zu reisen, ihrem einzigen Kontakt mit der zivilisierten Welt. Welche Ver�nderungen wird das Geld wohl bewirken? fragte sich Nate. Es war ihm unm�glich, eine Antwort darauf zu finden. Einzelheiten w�rde er ihr am folgenden Tag sagen, wenn der Tag jung und er selbst ausgeruht war, gegessen hatte und Stunden vor ihnen lagen, um alles zu besprechen. M�nner n�herten sich von der Ansiedlung her.</p><p>�Da kommen sie ja�, sagte sie. �Hier essen die Menschen unmittelbar vor Anbruch der Dunkelheit und legen sich dann schlafen.�</p><p>�Vermutlich gibt es danach auch nichts zu tun.�</p><p>�Nichts, wor�ber wir reden k�nnen�, sagte sie rasch. Es war lustig.</p><p>Jevy kam mit einer Gruppe Indianer, von denen einer Rachel ein kleines viereckiges K�rbchen gab. Sie reichte es an Nate weiter, und dieser entnahm ihm einen kleinen, harten Brotlaib.</p><p>�Das ist aus Maniokmehl gebacken�, sagte sie. �Unser Hauptnahrungsmittel.�</p><p>Wahrscheinlich auch ihr einziges. Jedenfalls bei jener Mahlzeit. Nate hatte gerade den zweiten Laib herausgenommen, als Indianer aus dem ersten Dorf zu ihnen stie�en. Sie brachten das Zelt, das Moskitonetz, Decken und Wasserflaschen vom Boot.</p><p>�Wir bleiben heute nacht hier�, sagte Nate zu Jevy.</p><p>�Wer sagt das?�</p><p>�Es ist die beste Stelle�, erkl�rte ihm Rachel. �Ich w�rde Sie gern im Dorf unterbringen, aber der Anf�hrer muss einen Besuch von Wei�en erst genehmigen.�</p><p>�Das w�re ich�, sagte Nate.</p><p>�Ja.�</p><p>�Und er nicht?� Er nickte zu Jevy hin�ber.</p><p>�Er war zum Essen dort, nicht zum Schlafen. Die Vorschriften sind kompliziert.�</p><p>Das erschien Nate am�sant - primitive Eingeborene, die splitternackt herumliefen, aber nach einem komplizierten System von Vorschriften lebten.</p><p>�Ich w�rde morgen gern gegen Mittag zur�ckfahren�, sagte Nate.</p><p>�Auch das muss der Anf�hrer entscheiden.�</p><p>�Wollen Sie damit sagen, dass wir nicht aufbrechen k�nnen, wann wir wollen?� �Sie fahren, wenn er sagt, dass Sie fahren k�nnen. Machen Sie sich keine Sorgen.�</p><p>�Verstehen Sie sich gut mit dem H�uptling?�</p><p>�Wir kommen miteinander aus.�</p><p>Sie schickte die M�nner ins Dorf zur�ck. Die Sonne war hinter den Bergen verschwunden. Die Schatten des Waldes umschlossen sie.</p><p>Einige Minuten lang sah Rachel zu, wie sich Jevy und Nate mit dem Zelt abm�hten. Es sah in seiner H�lle ziemlich klein aus und wurde auch nicht viel gr��er, als sie die St�be zusammensteckten. Nate war nicht sicher, ob Jevy hineinpasste, von ihnen beiden zusammen ganz zu schweigen. Vollst�ndig aufgestellt war es h�fthoch, sehr steil und wirkte f�r zwei erwachsene M�nner ausgesprochen winzig.</p><p>�Ich gehe jetzt�, erkl�rte sie. �Ihnen wird hier nichts geschehen.�</p><p>�Versprochen?� fragte Nate. Es war ihm ernst damit.</p><p>�Ich kann zwei M�nner her�berschicken, die Wache halten, wenn Sie das wollen.�</p><p>�Es geht schon�, sagte Jevy.</p><p>�Um wie viel Uhr steht man denn hier in der Gegend so auf?� fragte Nate.</p><p>�Eine Stunde vor Sonnenaufgang.�</p><p>� Bestimmt sind wir dann auch wach �, sagte er mit einem Blick auf das Zelt. �K�nnen wir uns am fr�hen Morgen treffen? Wir m�ssen viel miteinander besprechen.�</p><p>�Ja. Ich werde Ihnen bei Tagesanbruch etwas zu essen schicken. Dann k�nnen wir miteinander reden.�</p><p>�Das w�re sch�n.�</p><p>�Vergessen Sie nicht zu beten, Mr. O'Riley.�</p><p>�Ich denke dran.�</p><p>Sie trat in die Dunkelheit und ging davon. Eine Weile konnte Nate sie noch auf dem Pfad erkennen, dann war sie verschwunden. Das Dorf lag unsichtbar in der Schw�rze der Nacht.</p><p>Sie sa�en stundenlang auf der Bank, warteten darauf, dass die Luft abk�hlte und schraken vor dem Augenblick zur�ck, in dem sie gen�tigt waren, in das Zelt zu kriechen und verschwitzt und �belriechend R�cken an R�cken darin zu schlafen. Eine andere M�glichkeit hatten sie nicht. So winzig das Zelt war, es w�rde sie vor Moskitos und anderen Insekten sch�tzen und auch sonstiges Getier fernhalten, das �ber den Boden kroch.</p><p>Sie sprachen �ber das Dorf. Jevy erz�hlte Indianergeschichten, bei denen immer jemand umkam. Schlie�lich fragte er: �Haben Sie ihr von dem Geld erz�hlt?�</p><p>�Nein, das mache ich morgen.�</p><p>�Was glauben Sie, wie sie sich dazu stellt? Sie kennen sie ja jetzt ja schon ein bi�chen.�</p><p>�Keine Ahnung. Sie ist hier gl�cklich. Es kommt mir grausam vor, sie aus der Bahn zu werfen.�</p><p>�Dann geben Sie doch mir das Geld! Mich wirft es nicht aus der Bahn.�</p><p>Wie es ihm nach der Hackordnung zukam, kroch Nate zuerst ins Zelt. Da er die Nacht zuvor damit zugebracht hatte, vom Boden des Bootes aus den Sternenhimmel zu betrachten, war er entsetzlich m�de.</p><p>Als er Nate schnarchen h�rte, �ffnete Jevy vorsichtig den Rei�verschluss des Eingangs und schob ihn behutsam ein wenig hin und her, bis er Platz hatte. Nate merkte nichts davon.</p></section><section><title><p>ACHTUNDZWANZIG</p></title><p>Nach neun Stunden Schlaf erhoben sich die Ipicas vor Morgengrauen, um ihren Tag zu beginnen. Die Frauen machten vor den H�tten kleine Feuer zum Kochen, gingen dann mit den Kindern zum Fluss, um Wasser zu holen und zu baden. Gew�hnlich warteten sie das Tageslicht ab, bevor sie die Pfade betraten. Es war besser, man sah, was vor einem lag.</p><p>Die an den Gew�ssern im S�den Brasiliens sehr h�ufige Schlange, deren Biss oft t�dlich ist und die auf portugiesisch urutu hei�t, wurde von den Indianern bima genannt. Ayesh, ein siebenj�hriges M�dchen, bei dessen Geburt die Missionarin Hilfe geleistet hatte, ging vor ihrer Mutter, statt, wie es �blich war, hinter ihr. Mit einem Mal sp�rte sie, wie sich unter ihrem nackten Fu� die bima wand.</p><p>Das Tier biss Ayesh unterhalb des Fu�kn�chels, und das M�dchen schrie laut auf. Bis der Vater bei ihr war, befand sie sich im Schock, und ihr rechter Fu� war auf doppelte Dicke angeschwollen. Ein f�nfzehnj�hriger Junge, der schnellste L�ufer des Stammes, wurde ausgesandt, um Rachel zu holen.</p><p>An den beiden Wasserl�ufen, die sehr nahe der Stelle zusammenfl�ssen, an der Jevy und Nate angelegt hatten, lagen insgesamt vier kleine Ipica-Siedlungen, und in jeder von ihnen lebte eine Sippe unabh�ngig von den anderen. Doch sie alle geh�rten demselben Volk an, hatten dieselbe Sprache, dieselbe Kultur und dieselben Br�uche. Sie verkehrten miteinander und heirateten untereinander. Von der Flussgabelung bis zur letzten H�tte der Ipicas waren es h�chstens acht Kilometer.</p><p>Ayesh geh�rte zur dritten Siedlung hinter der Gabelung, und Rachel lebte in der zweiten, der gr��ten. Der L�ufer fand sie in ihrer kleinen H�tte, in der sie seit elf Jahren lebte. Sie las gerade in der Bibel. Rasch packte sie ihre kleine Arzttasche.</p><p>In jenem Teil des Pantanal gab es vier Arten von Giftschlangen, und h�ufig hatte Rachel f�r alle das Gegengift zur Hand. Diesmal aber nicht. Zwar wurde das Gegengift f�r den Biss der bima in Brasilien selbst hergestellt, doch hatte sie es bei ihrer letzten Reise nach Corumba nicht bekommen k�nnen. Die dortigen Apotheken f�hrten weniger als die H�lfte der Medikamente, die sie brauchte.</p><p>Sie schn�rte ihre Lederstiefel zu und verlie� die H�tte mit der Tasche in der Hand. Lako und zwei andere junge M�nner aus ihrem Dorf begleiteten sie, w�hrend sie im Laufschritt durch die hohen Pflanzen in den Wald eilte. Rachels statistischen Unterlagen zufolge lebten in den vier Ansiedlungen insgesamt 239 Ipicas: 86 Frauen, 81 M�nner und 72 Kinder. Als sie elf Jahre zuvor ihre Arbeit aufgenommen hatte, waren es noch 280 gewesen. Die Malaria forderte in Abst�nden von wenigen Jahren ihre Opfer unter den Schw�cheren, und im Jahre 1991 hatte die Cholera in einem Dorf zwanzig Menschen dahingerafft. H�tte Rachel nicht auf einer Quarant�ne bestanden, w�ren die meisten der Ipicas dieser Epidemie erlegen.</p><p>Mit der Sorgfalt einer Anthropologin f�hrte sie akribisch Buch �ber Geburten, Todesf�lle, Hochzeiten, Stammb�ume, Krankheiten und deren Behandlung. Meist wusste sie, wer eine au�ereheliche Beziehung hatte und mit wem. Sie kannte jeden Dorfbewohner mit Namen. Sie hatte Ayeshs Eltern in dem Fluss getauft, in dem die Dorfbewohner badeten.</p><p>Die kleine, zierliche Ayesh musste wahrscheinlich sterben, weil kein Medikament zur Verf�gung stand. In den Vereinigten Staaten und den gr��eren St�dten Brasiliens war das Gegengift ohne weiteres erh�ltlich und nicht einmal besonders teuer. Sogar mit dem kleinen Etat, den ihr die Missionsgesellschaft zur Verf�gung stellte, konnte sie es sich leisten. Drei Spritzen in sechs Stunden, und der Tod lie� sich abwenden. Ohne das Mittel w�rde das Kind unter einer furchtbaren �belkeit leiden, anschlie�end w�rde ein Fieber einsetzen, auf welches das Koma und schlie�lich der Tod folgte.</p><p>Zum letzten Mal hatte es unter den Ipicas vor drei Jahren einen Todesfall durch Schlangenbiss gegeben. Zum ersten Mal in zwei Jahren besa� Rachel kein Gegengift.</p><p>Ayeshs Eltern waren Christen, neue Heilige, die sich mit einer neuen Religion abm�hten. Etwa ein Drittel der Ipicas waren bekehrt. Dank der Arbeit Rachels und ihrer Vorg�nger konnte die H�lfte von ihnen lesen und schreiben. Sie betete, w�hrend sie im Laufschritt den jungen M�nnern folgte. Sie war schlank und z�h. Sie legte jeden Tag viele Kilometer zur�ck und a� wenig. Die Indianer bewunderten ihre Ausdauer.</p><p>Jevy wusch sich schon im Fluss, als Nate die M�ckenklappe des Zelts �ffnete und sich heraussch�lte. Da er die letzten N�chte im Boot und auf dem Erdboden verbracht hatte, meldeten sich die Verletzungen vom Flugzeugabsturz wieder. Er streckte den schmerzenden R�cken und die Beine und sp�rte dabei jedes einzelne seiner achtundvierzig Jahre. Er sah Jevy bis zur H�fte im Wasser stehen, das weit klarer war als im �brigen Pantanal.</p><p>Ich befinde mich in der Wildnis, fl�sterte Nate vor sich hin. Ich habe Hunger, und es gibt kein Toilettenpapier. Vorsichtig betastete er seine Zehen, w�hrend er diese traurige Inventur machte.</p><p>Es war ein Abenteuer, zum Kuckuck! Es war die Jahreszeit, in der Anw�lte mit dem Vorsatz ins neue Jahr gingen, k�nftig mehr Stunden in Rechnung zu stellen, in Prozessen h�here Entsch�digungss�tze zugesprochen zu bekommen, die Gemeinkosten zu senken und mehr Geld nach Hause zu bringen. Auch er hatte sich das jahrelang immer wieder vorgenommen, und jetzt kam ihm das mit einem Mal albern vor.</p><p>Mit etwas Gl�ck w�rde er heute nacht in seiner H�ngematte schlafen, in der leichten Brise schaukeln und Kaffee trinken. Soweit sich Nate erinnern konnte, hatte er sich noch nie zuvor nach schwarzen Bohnen mit Reis gesehnt. Jevy kehrte zur�ck, als ein Indianertrupp aus dem Dorf herbeikam. Der H�uptling wollte mit ihnen sprechen. �Er m�chte Brot haben�, sagte Jevy, als sie fortgingen.</p><p>�Brot ist okay. Fragen Sie, ob sie Schinken und Eier haben.�</p><p>�Die Eingeborenen essen viel Affenfleisch.�</p><p>Es kam Nate nicht so vor, als h�tte er das im Spa� gesagt. Am Rande des Dorfes stand eine Gruppe Kinder, um einen Blick auf die Fremden zu erhaschen. Nate begr��te sie mit einem gefrorenen L�cheln. Er wollte, dass man ihn mochte, und er war sich noch nie im Leben so wei� vorgekommen. Einige nackte M�tter glotzten aus der ersten H�tte. Als er und Jevy die gro�e, freie Fl�che zwischen den H�tten betraten, hielten alle mit ihrem Tun inne und starrten die Fremden an.</p><p>Es war kurz nach sieben und schon sehr hei�. Kleine Feuer waren niedergebrannt; vielleicht war die Fr�hst�ckszeit schon vor�ber. Wie Nebel hing der Rauch �ber den D�chern und machte die feuchte Luft noch schwerer. Wer auch immer die Anlage des Dorfes, die ein gro�es Oval bildete, geplant haben mochte, hatte gute Arbeit geleistet. Alle H�tten waren vollkommen quadratisch und gingen auf eine gro�e, freie Fl�che, den Dorfplatz. Ihr steiles Strohdach reichte fast bis zum Boden. Einzelne waren etwas gr��er als die �brigen, doch der Grundriss war stets derselbe. In der Mitte des Platzes standen vier gro�e H�tten mit den gleichen dicken Strohd�chern wie die Wohnh�tten. Zwei von ihnen waren rund, die beiden anderen rechteckig.</p><p>Der H�uptling, der gr��te Indianer, den sie bisher gesehen hatten, wartete auf die beiden Fremden. Es wunderte sie nicht im geringsten, dass er die gr��te H�tte bewohnte. Er war jung und hatte weder die tiefen Stirnfalten noch den dicken Bauch, den die �lteren M�nner mit Stolz trugen. Er stand da und sah Nate mit einem Blick an, der John Wayne Entsetzen eingefl��t h�tte. Ein �lterer Krieger dolmetschte, und nach wenigen Minuten wurden Nate und Jevy aufgefordert, am Feuer Platz zu nehmen, �ber dem die unbekleidete Frau des H�uptlings das Fr�hst�ck zubereitete.</p><p>Als sie sich vorbeugte, pendelten ihre Br�ste, und der arme Nate sah unwillk�rlich hin, wenn auch nur eine lange Sekunde. An dieser nackten Frau oder ihren Br�sten war nichts besonders Verlockendes. Ihn erstaunte lediglich, dass sie sich ihrer Nacktheit so wenig bewusst zu sein schien.</p><p>Wo hatte er seine Kamera? Das w�rden die Jungs im B�ro ohne Beweis nie glauben.</p><p>Die Frau gab Nate einen Holzteller, auf dem etwas lag, das aussah wie gekochte Kartoffeln. Er sah zu Jevy hin, der rasch nickte, als h�tte die Indianerk�che vor ihm keinerlei Geheimnisse. Die Frau bediente den H�uptling zuletzt, und als dieser mit den Fingern zu essen begann, folgte Nate seinem Beispiel. Die Speise schien so etwas wie ein Mittelding zwischen wei�en R�ben und Kartoffeln zu sein und schmeckte fast nach nichts.</p><p>Jevy sprach mit dem H�uptling, w�hrend er a�, und dieser schien die Unterhaltung zu genie�en. Nach jeweils wenigen S�tzen setzte Jevy Nate �ber das Gesagte in Kenntnis.</p><p>Das Dorf wurde nie �berschwemmt, diese Indianer lebten schon seit �ber zwanzig Jahren da, denn der Boden war gut. Am liebsten w�rden sie an ein und derselben Stelle bleiben, aber bisweilen zwinge der Zustand des Ackerbodens sie weiterzuziehen. Sein Vater sei auch H�uptling gewesen. Ein H�uptling sei, so der H�uptling, der kl�gste, gerechteste und weiseste unter ihnen allen und d�rfe sich auf keinen Fall eine au�ereheliche Beziehung leisten. Die meisten anderen M�nner t�ten das, aber kein H�uptling.</p><p>Nate konnte sich nicht vorstellen, dass es dar�ber hinaus viel Abwechslung gab.</p><p>Der H�uptling erkl�rte, er habe den Paraguay noch nie gesehen. Da er lieber jage als Fische fange, verbringe er mehr Zeit in den W�ldern als auf dem Wasser. Seine Portugiesisch-Kenntnisse habe er von seinem Vater und den wei�en Missionaren.</p><p>Nate a�, h�rte zu und suchte mit den Augen das Dorf nach einem Hinweis auf Rachels Anwesenheit ab.</p><p>Sie sei nicht da, erkl�rte der H�uptling. Sie m�sse im Nachbardorf ein Kind behandeln, das von einer Schlange gebissen worden war. Er wisse nicht, wann sie zur�ckkehre.</p><p>Ist ja gro�artig, dachte Nate.</p><p>�Er m�chte, dass wir heute nacht hier im Dorf bleiben�, sagte Jevy. Die Frau f�llte ihre Teller nach.</p><p>�Ich wusste gar nicht, dass wir bleiben�, sagte Nate.</p><p>�Er sagt ja.�</p><p>�Sagen Sie ihm, dass ich dar�ber nachdenken werde.�</p><p>�Sagen Sie es ihm selbst.�</p><p>Nate verfluchte sich, weil er das Satellitentelefon nicht mitgebracht hatte. Bestimmt machte sich Josh die gr��ten Sorgen und schritt in seinem B�ro unruhig auf und ab. Sie hatten fast eine Woche nicht miteinander gesprochen. Jevy sagte etwas halbwegs Komisches, das durch die �bersetzung richtig witzig wirkte. Der H�uptling br�llte vor Lachen, und schon bald lachten alle anderen auch. Selbst Nate schloss sich dem Lachen an, weil es so ansteckend war.</p><p>Sie schlugen eine Einladung zur Jagd aus. Ein Trupp junger M�nner f�hrte sie zum ersten Dorf zur�ck an ihr Boot. Jevy wollte noch einmal die Z�ndkerzen s�ubern und versuchen, den Vergaser besser einzustellen. Nate hatte nichts weiter zu tun.</p><p>Der Anwalt Valdir Ruiz nahm Mr. Staffords fr�hen Anruf entgegen. Die einleitenden F�rmlichkeiten nahmen nur wenige Sekunden in Anspruch.</p><p>�Ich habe seit mehreren Tagen nichts von Nate O'Riley geh�rt�, sagte Stafford.</p><p>�Aber er hat doch so ein Telefon�, sagte Ruiz entschuldigend, als m�sse er Mr. O'Riley in Schutz nehmen. �Stimmt. Deswegen mache ich mir ja auch Sorgen. Er kann mich jederzeit von jedem beliebigen Ort aus anrufen.�</p><p>�Kann er es auch bei schlechtem Wetter benutzen?�</p><p>�Nein, vermutlich nicht.�</p><p>�Wir hatten hier viele Gewitter. Es ist schlie�lich die Regenzeit. �</p><p>�Von Ihrem jungen Mann haben Sie auch nichts geh�rt?�</p><p>�Nein. Sie sind zusammen unterwegs. Er ist ein sehr guter F�hrer. Auch das Boot ist sehr gut. Bestimmt fehlt ihnen nichts.�</p><p>�Warum h�re ich dann nichts von ihm?�</p><p>�Dazu kann ich nichts sagen. Aber der Himmel war st�ndig bedeckt. Vielleicht kann er sein Telefon dann nicht benutzen.�</p><p>Sie vereinbarten, dass sich Ruiz melden sollte, sobald er etwas erfuhr. Er trat ans offene Fenster und sah auf Corumbas gesch�ftige Stra�en hinaus. Der Paraguay floss am Fu� des H�gels entlang. Es gab zahllose Berichte von Menschen, die ins Pantanal gegangen und nie zur�ckgekehrt waren. Das geh�rte zur �berlieferung und trug zur Verlockung bei.</p><p>Jevys Vater hatte drei�ig Jahre lang die Fl�sse als Lotse befahren, und man hatte seinen Leichnam nie gefunden. Eine Stunde sp�ter traf Welly in der Kanzlei ein. Er kannte Senhor Ruiz nicht, wusste aber von Jevy, dass der Anwalt f�r die Kosten der Expedition aufkam.</p><p>�Es ist sehr wichtig�, sagte er der Sekret�rin. �Und dringend.�</p><p>Senhor Ruiz bekam die Unruhe im Vorzimmer mit und trat aus seinem B�ro. �Wer bist du?� wollte er wissen.</p><p>�Ich hei�e Welly. Jevy hat mich als Leichtmatrose auf der Santa Loura eingestellt.�</p><p>� Auf der Santa Loura?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wo ist Jevy?� . .</p><p>�Im Pantanal.�</p><p>�Und das Boot?�</p><p>�Das ist untergegangen.�</p><p>Der Anwalt merkte, wie m�de und ver�ngstigt der Junge war. �Setz dich�, sagte er, und die Sekret�rin lief, um Wasser zu holen. �Erz�hl alles der Reihe nach.�</p><p>Welly umklammerte die Armlehnen des Sessels, auf dem er sa�, und sprach schnell. �Jevy und Mr. O'Riley sind mit dem Beiboot aufgebrochen, um die Indianer zu suchen.�</p><p>�Wann war das?�</p><p>�Wei� ich nicht genau. Vor ein paar Tagen. Ich sollte auf der Santa Loura bleiben. Ein Unwetter, das schlimmste, das ich je erlebt habe, hat das Boot mitten in der Nacht vom Ufer losgerissen und zum Kentern gebracht. Ich bin ins Wasser gefallen. Ein Viehtransportboot hat mich sp�ter rausgefischt.�</p><p>�Wann bist du hier angekommen?�</p><p>�Erst vor einer halben Stunde.�</p><p>Die Sekret�rin brachte ein Glas Wasser. Welly dankte ihr und bat um Kaffee. Auf den Schreibtisch der Sekret�rin gest�tzt, betrachtete der Anwalt den armen Jungen. Er war schmutzig und roch nach Kuhmist.</p><p>�Das Boot ist also verloren?� fragte Valdir.</p><p>�Ja. Tut mir leid. Ich konnte nichts machen. Ich habe so ein Unwetter noch nie erlebt.�</p><p>�Und wo war Jevy bei dem Unwetter?�</p><p>�Irgendwo auf dem Cabixa. Ich mache mir Sorgen um ihn.�</p><p>Senhor Ruiz ging in sein B�ro, schloss die T�r und trat erneut ans Fenster. Mr. Stafford war f�nftausend Kilometer entfernt. Jevy konnte in einem kleinen Boot �berleben. Es gab keinen Anlass, �bereilte Schl�sse zu ziehen.</p><p>Er beschloss, erst einmal einige Tage nichts zu unternehmen. Gewiss w�rde Jevy bis dahin nach Corumba zur�ckkehren.</p><p>Der Indianer stand im Boot und hielt sich an Nates Schulter fest. Der Motor lief nicht erkennbar besser als vorher. Er stotterte, hatte Aussetzer und brachte bei Vollgas weniger als die H�lfte der anf�nglichen Leistung zustande.</p><p>Sie fuhren an der ersten Indianeransiedlung vor�ber. Der Fluss schl�ngelte sich in einer Weise, dass man annehmen konnte, er drehe sich im Kreise. Dann gabelte er sich, und ihr Begleiter wies ihnen die Richtung. Zwanzig Minuten sp�ter sahen sie ihr kleines Zelt. Sie legten dort an, wo Jevy zuvor sein Bad genommen hatte, brachen das Zelt ab und begaben sich mit ihrer Habe ins Dorf. Dort wollte der H�uptling sie haben.</p><p>Rachel war noch nicht zur�ck.</p><p>Weil sie nicht zum Stamm geh�rte, lebte sie nicht in einer der H�tten um den Dorfplatz, sondern etwa drei�ig Meter entfernt allein, n�her am Waldrand. Ihre H�tte wirkte kleiner als die �brigen, und als sich Jevy nach dem Grund daf�r erkundigte, erkl�rte der Indianer, den man ihnen zugeteilt hatte, schlie�lich lebe sie allein. W�hrend sie zu dritt - Nate, Jevy und ihr Indianer - unter einem Baum am Rande des Dorfes auf Rachel warteten, sahen sie dem t�glichen Treiben zu.</p><p>Der Indianer hatte von den Coopers, dem Missionars-Ehepaar, das vor Rachel da gewesen war, Portugiesisch gelernt. Au�erdem kannte er eine Handvoll englischer W�rter, die er ab und zu an Nate ausprobierte. Vor den Coopers hatten die Ipicas noch nie einen Wei�en gesehen. Mrs. Cooper war an Malaria gestorben, und Mr. Cooper war dorthin zur�ckgekehrt, woher er gekommen war.</p><p>Die M�nner seien beim Fischfang und auf der Jagd, erkl�rte er den G�sten, und die J�ngeren h�tten sich zweifellos zu ihren Freundinnen geschlichen. Den Frauen oblag die schwere Arbeit - Kochen, Backen, Waschen und die Aufsicht �ber die Kinder. Aber was auch immer es war, jede T�tigkeit wurde gem�chlich erledigt. Bereits s�dlich des �quators verging die Zeit langsamer als im Norden, aber den Ipicas war der Begriff Zeit v�llig fremd.</p><p>Die T�ren der H�tten blieben offen, und die Kinder rannten aus einer in die andere. Junge M�dchen flochten sich im Schatten gegenseitig Z�pfe, w�hrend ihre M�tter am Feuer arbeiteten.</p><p>Das �u�ere der H�tten sah sauber und gepflegt aus. Gemeinsam benutzte Fl�chen wurden mit Strohbesen gekehrt. Ganz allgemein schienen die Ipicas gro�en Wert auf Sauberkeit zu legen. Frauen und Kinder badeten dreimal t�glich im Fluss; die M�nner zweimal, und nie mit den Frauen zusammen. Zwar waren alle nackt, aber es gab durchaus private Bereiche.</p><p>Am Sp�tnachmittag versammelten sich die M�nner vor dem M�nnerhaus, dem gr��eren der beiden rechteckigen Geb�ude in der Mitte des Platzes. Nachdem sie sich eine Weile mit ihren Haaren besch�ftigt hatten, sie schnitten und reinigten, begannen sie zu ringen. Dabei stellten sie sich Mann gegen Mann und Fu� gegen Fu�. Das Ziel der �bung bestand darin, den Gegner zu Boden zu werfen. Zwar ging es bei diesem Zeitvertreib rauh zu, aber er folgte strengen Regeln, und zum Schluss l�chelten die beiden Kontrahenten einander fr�hlich an. F�r den Fall, dass es zu Streitigkeiten kam, griff der H�uptling schlichtend ein. Die Frauen sahen mit fl�chtigem Interesse aus den T�ren der H�tten zu, als erwarte man das von ihnen. Kleine Jungen ahmten ihre V�ter nach.</p><p>Nate sa� auf einem Baumstumpf und beobachtete dies Schauspiel, das aus einem anderen Zeitalter stammte. Er fragte sich, wohin er da eigentlich geraten war, und es war nicht das erste Mal, dass er sich diese Frage stellte.</p></section><section><title><p>NEUNUNDZWANZIG</p></title><p>Nur wenige der Indianer um Nate herum wussten, dass das kleine M�dchen Ayesh hie�. Schlie�lich war sie nur ein Kind und lebte in einem anderen Dorf. Doch alle wussten, dass eine Schlange ein M�dchen gebissen hatte.</p><p>Sie unterhielten sich den ganzen Tag lang dar�ber und achteten darauf, dass ihre eigenen Kinder in der N�he blieben.</p><p>Beim Abendessen kam die Mitteilung, dass das M�dchen tot war. Ein Bote kam gerannt und brachte dem H�uptling die Nachricht, die sich binnen Minuten in allen H�tten verbreitete. M�tter zogen ihre Kinder noch n�her an sich.</p><p>Nach einer Weile sah man Rachel auf dem Hauptweg mit Lako und den beiden M�nnern, die sie den ganzen Tag lang begleitet hatten. Als sie das Dorf betrat, h�rten alle auf zu essen und zu reden und sahen zu dem kleinen Trupp hin. W�hrend Rachel an den H�tten vor�berging, senkten die Leute die K�pfe. Sie l�chelte einigen zu, sprach leise mit anderen, blieb stehen, um dem H�uptling etwas zu sagen, und ging dann zu ihrer H�tte. Ihr folgte Lako, der st�rker hinkte als am Vormittag.</p><p>Sie kam in der N�he des Baumes vor�ber, unter dem Nate mit Jevy und dem Indianer den gr��ten Teil des Nachmittags zugebracht hatten, schien sie aber nicht wahrzunehmen. Jedenfalls sah sie nicht zu ihnen hin. Sie war m�de und schien darauf bedacht, in ihre H�tte zur�ckzukehren.</p><p>�Und was tun wir jetzt?� fragte Nate. Jevy gab die Frage auf portugiesisch weiter.</p><p>�Wir warten�, kam die Antwort.</p><p>�Was f�r eine �berraschung.�</p><p>Lako stie� zu ihnen, als die Sonne hinter den Bergen unterging. Jevy und der Indianer gingen ins Dorf, um zu essen, was vom Abendessen �briggeblieben war. Nate folgte dem Jungen zu Rachels H�tte. Sie hatte sich bereits umgezogen, stand mit nassen Haaren im Eingang und trocknete sich das Gesicht mit einem Handtuch ab.</p><p>�Guten Abend, Mr. O'Riley�, sagte sie mit ihrer leisen, langsamen Sprechweise.</p><p>�Hallo, Rachel. Bitte nennen Sie mich doch Nate.�</p><p>�Setzen Sie sich da dr�ben hin, Nate�, sagte sie und wies auf einen niedrigen Baumstumpf, der dem, auf dem er die letzten sechs Stunden verbracht hatte, bemerkenswert �hnlich sah. Er stand vor der H�tte in der N�he eines Steinrings, in dem sie vermutlich ihr Kochfeuer entz�ndete. Er setzte sich. Sein Hinterteil war immer noch gef�hllos.</p><p>�Das mit dem kleinen M�dchen tut mir leid�, sagte Nate.</p><p>�Sie ist bei ihrem Herrn.�</p><p>�Aber nicht ihre armen Eltern.�</p><p>�Nein. Sie sind tief bek�mmert. Es ist sehr traurig.�</p><p>Die Arme um die Knie geschlungen, den Blick verloren in die Ferne gerichtet, sa� sie im Eingang ihrer H�tte.</p><p>Der Junge stand unter einem Baum in der N�he Wache. Man sah ihn in der Dunkelheit kaum.</p><p>�Ich w�rde Sie gern hereinbitten�, sagte sie, �aber das geh�rt sich nicht.�</p><p>�Kein Problem.�</p><p>�Nur Verheiratete d�rfen sich um diese Zeit im Inneren einer H�tte aufhalten. Das ist hier so Brauch.�</p><p>�Ein sehr vern�nftiger Brauch.�</p><p>�Das stimmt. Haben Sie Hunger?�</p><p>�Sie?�</p><p>�Nein. Aber ich esse sowieso nicht viel.�</p><p>�Ich bin ganz zufrieden. Wir m�ssen miteinander reden.�</p><p>�Das mit heute tut mir leid. Bestimmt haben Sie daf�r Verst�ndnis.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Ich kann Ihnen etwas Maniok und ein wenig Saft zu trinken anbieten.�</p><p>�Nein, ehrlich, ich brauch nichts.�</p><p>�Wie haben Sie den Tag zugebracht?�</p><p>�Na ja, wir sind dem H�uptling vorgestellt worden, haben an seinem Tisch gefr�hst�ckt, sind zum ersten Dorf zur�ckgekehrt, haben das Boot geholt, daran gearbeitet, unser Zelt hinter der H�tte des H�uptlings aufgeschlagen und dann auf Sie gewartet.�</p><p>�Hat der H�uptling Zutrauen zu Ihnen gefasst?�</p><p>�Ganz offensichtlich. Er m�chte, dass wir bleiben.�</p><p>�Was halten Sie von meinen Leuten?�</p><p>�Sie laufen alle nackt rum.�</p><p>�Das war schon immer so.�</p><p>�Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich daran gew�hnt hatten?�</p><p>�Das wei� ich nicht mehr. Ein paar Jahre. Allm�hlich wird es einem so selbstverst�ndlich wie alles andere. Ich hatte drei Jahre lang Heimweh, und manchmal �berf�llt mich auch heute noch der pl�tzliche Wunsch, Auto zu fahren, eine Pizza zu essen und einen guten Film zu sehen. Aber man passt sich an.�</p><p>�Ich kann mir das gar nicht richtig vorstellen.�</p><p>�Man muss dazu berufen sein. Ich habe mich mit vierzehn Jahren entschieden, mein Leben als bewusste Christin zu verbringen. Damals ist mir aufgegangen, dass mich Gott zur Missionarin bestimmt hatte. Ich wusste nicht genau, wo, aber ich habe auf den Herrn vertraut.�</p><p>�Da hat er Ihnen aber einen verdammt abgeschiedenen Ort ausgesucht.�</p><p>�Ich spreche gern englisch mit Ihnen, aber bitte fluchen Sie nicht.�</p><p>�Tut mir leid. K�nnen wir �ber Troy reden?� Die Schatten wurden rasch dunkler. Sie sa�en drei Meter voneinander entfernt und konnten einander noch sehen, doch bald w�rde die Schw�rze der Nacht sie voneinander trennen.</p><p>�Wie Sie wollen�, sagte sie m�de und resigniert.</p><p>�Er war dreimal verheiratet und hatte, soweit wir wissen, insgesamt sieben Kinder. Sie waren f�r uns nat�rlich eine �berraschung. Die anderen sechs hat er nicht leiden k�nnen und ihnen daher so gut wie nichts hinterlassen, gerade genug, dass sie ihre Schulden bezahlen k�nnen. Sie hingegen scheint er in sein Herz geschlossen zu haben, denn alles andere geht an Rachel Lane, die am 2. November 1954 im katholischen Krankenhaus von New Orleans als uneheliches Kind der inzwischen verstorbenen Evelyn Cunningham zur Welt gekommen ist. Jene Rachel d�rften Sie sein.�</p><p>In der Stille, die sie umgab, schienen diese Worte besonderes Gewicht zu haben. Rachel nahm das Gesagte auf und dachte wie immer lange nach, bevor sie etwas sagte. �Nein, er hatte mich nicht ins Herz geschlossen. Wir haben einander zwanzig Jahre lang nicht gesehen.�</p><p>�Das ist unerheblich. Er hat Ihnen sein Verm�gen hinterlassen. Niemand hatte Gelegenheit, ihn zu fragen, warum, denn nachdem er dies Testament unterschrieben hatte, ist er von einer Dachterrasse gesprungen. Ich habe eine Kopie mitgebracht.�</p><p>�Ich m�chte sie nicht sehen.�</p><p>�Au�erdem habe ich einige weitere Papiere, die Sie bitte unterschreiben wollen, vielleicht gleich morgen fr�h, wenn wir wieder etwas sehen k�nnen. Dann kann ich zur�ckkehren.�</p><p>�Was f�r Papiere sind das?�</p><p>�Alle m�glichen gesetzlich vorgeschriebenen Dokumente, alles zu Ihrem Besten.�</p><p>�Ihnen liegt nichts an meinem Besten.� Diesmal kam ihre Antwort sehr viel schneller und sch�rfer, und Nate zuckte unter dem Vorwurf zusammen.</p><p>�Das stimmt nicht�, gab er zur�ck. Es klang kl�glich.</p><p>�Doch, es stimmt. Sie wissen weder, was ich m�chte oder brauche, noch, was ich mag oder was nicht. Sie kennen mich nicht, Nate, woher wollen Sie also wissen, was zu meinem Besten ist und was nicht?�</p><p>�Na sch�n, Sie haben recht. Ich kenne Sie nicht, und Sie kennen mich nicht. Ich bin hier, weil der Nachlass Ihres Vaters geregelt werden muss. Mir f�llt es immer noch sehr schwer zu glauben, dass ich tats�chlich in der Dunkelheit vor einer H�tte in einem primitiven Indianerdorf sitze, mitten in einem Sumpfgebiet, das so gro� ist wie der Staat Colorado, in einem Land der dritten Welt, das ich nie zuvor gesehen habe, und mit einer ganz reizenden Missionarin rede, die zuf�llig die reichste Frau der Welt ist. Ja, Sie haben recht, ich wei� nicht, was zu Ihrem Besten ist. Aber es ist sehr wichtig, dass Sie diese Dokumente sehen und unterschreiben.�</p><p>�Ich unterschreibe nichts.�</p><p>�Na h�ren Sie mal!�</p><p>�Ich bin nicht an Ihren Dokumenten interessiert.�</p><p>�Sie haben sie doch noch gar nicht gesehen.�</p><p>�Sagen Sie mir, worum es darin geht.�</p><p>�Es sind reine Formalit�ten. Meine Kanzlei muss daf�r sorgen, dass das Nachla�gericht den Erbschein au�tellen kann. Jeder der im Testament Ihres Vaters namentlich genannten Erben muss dem Gericht pers�nlich oder schriftlich best�tigen, dass er Kenntnis von dem damit verbundenen Verfahren hat und auf die M�glichkeit hingewiesen wurde, sich daran zu beteiligen. So will es das Gesetz.�</p><p>�Und wenn ich mich weigere?�</p><p>�Dar�ber habe ich, ehrlich gesagt, noch nicht nachgedacht. Es ist eine solche Selbstverst�ndlichkeit, dass alle es einfach machen.�</p><p>�Das w�rde hei�en, ich unterwerfe mich dem Gericht in...�</p><p>�Virginia. Das dortige Nachlassgericht ist f�r Sie zust�ndig, auch wenn Sie sich woanders aufhalten.�</p><p>�Ich bin nicht sicher, ob mir das gef�llt.�</p><p>�Na sch�n, dann springen Sie ins Boot, und wir fliegen nach Washington.�</p><p>�Ich gehe hier nicht weg.� Darauf folgte ein langes Schweigen, das durch die v�llige Finsternis um sie herum noch vertieft wurde. Der junge Mann unter dem Baum regte sich nicht. Von den Indianern in ihren H�tten h�rte man mit Ausnahme eines schreienden S�uglings keinen Laut.</p><p>�Ich hole uns etwas Saft�, sagte sie mit leiser Stimme und ging dann hinein. Nate stand auf, streckte sich und schlug nach Moskitos.</p><p>Im Haus sah man flackernden Lichtschein. Rachel hielt eine Art t�nerne Schale mit einer Flamme in der Mitte. �Das sind Bl�tter von dem Baum da dr�ben �, erkl�rte sie, w�hrend sie die Schale auf den Boden neben die T�r stellte. �Wir verbrennen sie, um die Moskitos zu vertreiben. Setzen Sie sich ganz nahe daran.�</p><p>Nate befolgte die Aufforderung. Sie kehrte mit zwei Bechern zur�ck. Sie enthielten eine Fl�ssigkeit, die er nicht</p><p>sehen konnte. �Es ist macajuno, so �hnlich wie Orangensaft.� Sie sa�en dicht nebeneinander auf den Boden, den R�cken an die Wand der H�tte gelehnt. Die Schale mit der Flamme stand nicht weit von ihren F�ssen.</p><p>�Sprechen Sie leise�, sagte sie. �Die Stimmen tragen in der Dunkelheit weit, und die Leute versuchen zu schlafen. Au�erdem sind sie schrecklich neugierig.�</p><p>�Sie k�nnen nichts verstehen.�</p><p>�Schon, aber sie h�ren trotzdem zu.�</p><p>Er hatte sich mehrere Tage nicht mit Seife gewaschen und machte sich mit einem Mal Sorgen um seine K�rperhygiene. Er nahm einen kleinen Schluck, dann noch einen.</p><p>�Haben Sie Familie?� fragte sie.</p><p>�Ich hab es zweimal probiert. Zwei Ehen, zwei Scheidungen, vier Kinder. Jetzt lebe ich allein.�</p><p>�Es ist sehr leicht, sich scheiden zu lassen, nicht wahr?�</p><p>Nate nahm ein winziges Schl�ckchen der warmen Fl�ssigkeit. Bisher war er von den entsetzlichen Durchf�llen verschont geblieben, die so manchen Ausl�nder heimsuchten. Sicherlich war diese dunkle Fl�ssigkeit harmlos. Zwei Amerikaner mitten in der Wildnis. Es gab so vieles, wor�ber sie reden konnten - warum musste sie da ausgerechnet das Thema Scheidung ansprechen.</p><p>�Ehrlich gesagt war es ziemlich qualvoll.�</p><p>�Aber wir machen alle weiter. Wir heiraten und lassen uns wieder scheiden. Lernen einen anderen Menschen kennen, heiraten, lassen uns scheiden. Lernen wieder einen anderen Menschen kennen.�</p><p>�Wir?�</p><p>�Damit meine ich zivilisierte, gebildete, komplizierte Menschen. Die Indianer hier kennen keine Scheidung.�</p><p>�Die haben auch meine erste Frau nicht gesehen.�</p><p>�War sie unangenehm?�</p><p>Nate stie� die Luft aus und nahm einen weiteren Schluck. Tu ihr den Gefallen, sagte er sich. Sie m�chte sich unbedingt mit einem Landsmann unterhalten.</p><p>�Tut mir leid�, sagte sie. �Ich will mich nicht in Ihre Privatangelegenheiten dr�ngen. Es ist nicht wichtig.�</p><p>�Sie war kein schlechter Mensch, jedenfalls nicht in den ersten Jahren. Ich habe viel gearbeitet und noch mehr getrunken. Wenn ich nicht in der Kanzlei war, war ich in einer Kneipe. Sie war nicht damit einverstanden, hat mir dann Vorw�rfe gemacht und ist zum Schluss richtig b�sartig geworden. Die Dinge sind derart au�er Kontrolle geraten, dass wir uns gegenseitig gehasst haben.�</p><p>Die kleine Beichte war im Nu vor�ber, und es gen�gte beiden. An jenem Ort schienen die Tr�mmer seiner Lhe v�llig unerheblich zu sein.</p><p>�Haben Sie nie geheiratet?� fragte er.</p><p>�Nein.� Sie nahm einen Schluck. Sie war Linksh�nderin und stie� mit ihrem Ellbogen an seinen, als sie den Becher hob. �Auch Paulus hat nie geheiratet, wissen Sie.�</p><p>�Welcher Paulus?�</p><p>�Der Apostel.�</p><p>�Ach so, der.�</p><p>�Lesen Sie in der Bibel?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ich habe auf dem College einmal geglaubt, verliebt zu sein. Ich wollte ihn heiraten, aber der Herr hat mich auf einen anderen Weg gef�hrt.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil es sein Wille war, dass ich hierher kam. Zwar war der Junge, in den ich verliebt war, ein guter Christ, aber er w�re den Anforderungen eines Lebens als Missionar physisch nicht gewachsen gewesen.�</p><p>�Wie lange werden Sie hier bleiben?�</p><p>�Ich habe nicht die Absicht fortzugehen.�</p><p>�Das hei�t, die Indianer werden Sie begraben.�</p><p>�Vermutlich. Dar�ber mache ich mir keine Gedanken.�</p><p>�Sterben viele Missionare von World Tribes im Einsatz?�</p><p>�Nein. Die meisten gehen in den Ruhestand und kehren nach Hause zur�ck. Die haben aber auch Angeh�rige, die sich um ihre Beisetzung k�mmern k�nnen.�</p><p>�Sie h�tten jede Menge Angeh�rige und Freunde, wenn Sie jetzt zur�ckkehren w�rden. Sie w�ren hochber�hmt.�</p><p>�Das ist erst recht ein guter Grund hier zubleiben. Hier bin ich zu Hause. Ich will das Geld nicht.�</p><p>�Seien Sie nicht t�richt.�</p><p>�Ich bin nicht t�richt. Geld bedeutet mir nichts. Das m�sste Ihnen klar sein.�</p><p>�Sie wissen nicht einmal, wie viel es ist.�</p><p>�Ich will es auch nicht wissen. Ich habe heute meine Arbeit getan, ohne an das Geld zu denken. Morgen und �bermorgen werde ich das gleiche tun.�</p><p>�Es sind, grob gesch�tzt, elf Milliarden.�</p><p>�Soll mich das beeindrucken?�</p><p>�Ich finde den Betrag bemerkenswert.�</p><p>�Aber Sie verehren das Geld. Sie geh�ren einer Kultur an, in der Geld der Ma�stab f�r alles ist. Es ist eine Religion.�</p><p>�Stimmt. Aber auch Sex ist ziemlich wichtig.�</p><p>�Von mir aus. Geld und Sex. Was noch?�</p><p>�Ruhm. Jeder m�chte ber�hmt sein.�</p><p>�Eine traurige Kultur. Die Menschen machen sich verr�ckt. Sie arbeiten ununterbrochen, um Geld zu verdienen, damit sie sich Dinge kaufen k�nnen, mit denen sie andere Menschen beeindrucken wollen. Man sch�tzt jeden nach dem ein, was er besitzt.�</p><p>�Z�hlen Sie mich unter diese Menschen?�</p><p>�Und Sie selbst?�</p><p>�Ich denke schon.�</p><p>�Dann f�hren Sie ein Leben ohne Gott. Sie m�ssen ein sehr armer Mensch sein, Nate, das kann ich sp�ren. Sie kennen Gott nicht.�</p><p>Er zuckte zusammen und �berlegte, was er zu seiner Verteidigung sagen k�nnte, aber die Wahrheit entwaffnete ihn. Es gab nichts, womit er sich zur Wehr setzen, kein Fundament, auf dem er stehen konnte. �Ich glaube an Gott�, sagte er ohne gro�e �berzeugungskraft, obwohl es der Wahrheit entsprach.</p><p>�Das sagt sich leicht�, erwiderte sie, nach wie vor sanft und bed�chtig. �Ich zweifle auch nicht daran. Aber es ist eines, etwas zu sagen, und ein anderes, danach zu leben. Der verkr�ppelte Junge da dr�ben unter dem Baum hei�t Lako. Er ist siebzehn Jahre alt, klein f�r sein Alter und immer krank. Seine Mutter hat mir gesagt, dass er eine Fr�hgeburt war. Er bekommt jede Krankheit hier im Dorf als erster. Ich bezweifle, dass er drei�ig wird. Er macht sich dar�ber keine Gedanken. Er hat sich vor einigen Jahren f�r das Christentum entschieden und ist der angenehmste Mensch, den man sich denken kann. Er spricht den ganzen Tag mit Gott, wahrscheinlich betet er jetzt gerade. Sorgen und �ngste sind ihm fremd. Wenn ihn etwas belastet, geht er damit direkt zu Gott und l�dt die Last bei ihm ab.�</p><p>Nate sah in der Dunkelheit zu dem Baum hin�ber, unter dem Lako betete, konnte aber nichts erkennen.</p><p>Sie fuhr fort: �Dieser Indianerjunge hat nichts auf dieser Erde, aber er sammelt Sch�tze im Himmel. Er wei�, dass er dort die Ewigkeit bei seinem Sch�pfer verbringen wird, wenn er einmal stirbt. Lako ist reich.�</p><p>�Was ist mit Troy?�</p><p>�Ich bezweifle, dass er im Glauben an Christus gestorben ist. Vermutlich brennt er jetzt in der H�lle.�</p><p>�Das glauben Sie doch selbst nicht.�</p><p>�Die H�lle ist durchaus real, Nate. Lesen Sie die Bibel. In diesem Augenblick w�rde Troy seine elf Milliarden f�r ein Glas k�hles Wasser hergeben.�</p><p>Nate fehlten die Voraussetzungen, mit einer Missionarin theologische Fragen zu er�rtern, und das war ihm auch klar. So sagte er eine Weile nichts, und sie verstand. Minuten verstrichen, und selbst der letzte S�ugling im Dorf schlief ein. Die Nacht war v�llig schwarz und still, man sah weder Mond noch Sterne. Das einzige Licht kam von der schmalen gelben Flamme zu ihren F�ssen.</p><p>Sehr sanft ber�hrte sie ihn. Sie t�tschelte dreimal seinen Arm und sagte: �Es tut mir leid. Ich h�tte nicht sagen sollen, dass Sie einsam sind. Woher sollte ich das wissen?�</p><p>�Es ist schon in Ordnung.�</p><p>Sie lie� ihre Finger auf seinem Arm liegen, als wolle sie unbedingt etwas ber�hren.</p><p>�Sie sind ein guter Mensch, nicht wahr, Nate?�</p><p>�Ach, eigentlich nicht. Ich tu vieles, was ich nicht tun sollte. Ich bin ein schwacher Mensch, und ich m�chte nicht dar�ber reden. Ich bin nicht hergekommen, um Gott zu finden. Sie aufzust�bern war schwer genug. Das Gesetz verlangt von mir, dass ich Ihnen diese Papiere aush�ndige.�</p><p>�Ich unterschreibe sie nicht, und ich m�chte das Geld nicht.�</p><p>�Ach, kommen Sie -�</p><p>�Bitten Sie mich nicht. Meine Entscheidung ist endg�ltig. Wir wollen nicht �ber das Geld reden.�</p><p>�Aber es ist der einzige Grund daf�r, dass ich hier bin.�</p><p>Sie nahm ihre Finger fort, schob sich aber ein wenig n�her an ihn, so dass ihre Knie einander ber�hrten. �Es tut mir leid, dass Sie gekommen sind. Sie haben den Weg vergeblich gemacht.�</p><p>Wieder trat eine Pause ein. Er musste sich erleichtern, doch die Vorstellung, auch nur einen Schritt in irgendeine Richtung zu tun, entsetzte ihn.</p><p>Lako sagte etwas und schreckte Nate damit auf. Er stand weniger als drei Meter entfernt, doch man sah ihn nicht. �Er muss zu seiner H�tte gehen�, sagte sie und stand auf. �Folgen Sie ihm.�</p><p>Nate erhob sich langsam mit schmerzenden Gelenken. Z�gernd dehnten sich seine Muskeln. �Ich w�rde gern morgen aufbrechen.�</p><p>�Gut. Ich werde mit dem H�uptling sprechen.�</p><p>�Das wird doch nicht schwierig sein?�</p><p>�Wahrscheinlich nicht.�</p><p>�Sie sollten mir eine halbe Stunde widmen, damit wir uns zumindest gemeinsam die Papiere ansehen und ich Ihnen die Kopie des Testaments zeigen kann.�</p><p>�Wir k�nnen uns unterhalten. Gute Nacht.�</p><p>Auf dem kurzen Weg ins Dorf folgte er Lako so dicht, dass er ihm fast auf die Fersen getreten h�tte.</p><p>�Hier�, fl�sterte Jevy aus der Dunkelheit. Irgendwie hatte er erreicht, dass man ihnen gestattete, zwei H�ngematten auf der kleinen Veranda des M�nnerhauses zu nutzen. Nate fragte, wie Jevy das angestellt hatte. Er versprach, es ihm am n�chsten Morgen zu erkl�ren.</p><p>Lako verschwand in der Nacht.</p></section><section><title><p>DREISSIG</p></title><p>F. Parr Wycliff war damit besch�ftigt, im Gerichtssaal sein Tagespensum an �den m�ndlichen Verhandlungen abzuarbeiten. Er war bereits im R�ckstand. Im Richterzimmer wartete Josh mit dem Videoband. Er schritt in dem vollgestellten Raum auf und ab, griff nach seinem Mobiltelefon, war mit den Gedanken in einer anderen Hemisph�re. Er hatte immer noch nichts von Nate geh�rt.</p><p>Valdirs beruhigende Worte - das Pantanal ist gro�, der F�hrer ist zuverl�ssig, es ist ein gutes Boot, die Indianer ziehen von einem Ort zum anderen und wollen von niemandem gefunden werden, alles ist in bester Ordnung -kamen ihm einstudiert vor. Er werde sich melden, sobald er etwas von Nate h�rte. Josh hatte schon erwogen, eine Rettungsaktion zu organisieren. Aber vermutlich war es nicht m�glich, ins Pantanal vorzudringen, um einen verlorengegangenen Anwalt zu finden. Wie es aussah, war es schon schwierig genug, bis Corumba zu gelangen. Dennoch konnte er hinfliegen, sich zu Valdir ins B�ro setzen und warten, bis eine Meldung kam.</p><p>Josh arbeitete an sechs Tagen die Woche zw�lf Stunden t�glich, und der Fall Phelan stand kurz vor der Explosion. Ihm blieb kaum Zeit zum Mittagessen, von einer Reise nach Brasilien ganz zu schweigen.</p><p>Er versuchte, Valdir �ber sein Mobiltelefon zu erreichen, aber die Leitung war besetzt.</p><p>Wycliff kam herein, entschuldigte sich und zog sich gleichzeitig die Robe aus. Ihm lag daran, einen einflussreichen Anwalt wie Stafford mit der Bedeutung der bei ihm anliegenden F�lle zu beeindrucken.</p><p>Sie waren allein im Richterzimmer. Schweigend betrachteten sie den Anfang des Videobandes. Auf ihm war zu sehen, wie der alte Troy im Rollstuhl sa� und Josh ihm das Mikrophon zurechtr�ckte. Dann traten die drei Psychiater mit ihren langen Fragelisten auf. Die Befragung dauerte einundzwanzig Minuten und endete mit der einhellig ge�u�erten Meinung, dass Mr. Phelan durchaus wisse, was er tue. Wycliff konnte ein breites L�cheln nicht unterdr�cken.</p><p>Das Konferenzzimmer leerte sich. Die unmittelbar auf Troy gerichtete Kamera blieb eingeschaltet. Er holte das eigenh�ndige Testament hervor und unterschrieb es vier Minuten nach dem Ende der Befragung durch die Psychiater.</p><p>�Und jetzt springt er�, sagte Josh.</p><p>Die Kamera bewegte sich nicht. Sie erfasste Troy, als er sich unvermittelt vom Tisch abstie� und aus dem Rollstuhl aufstand. W�hrend er vom Bildschirm verschwand, starrten Josh, Snead und Tip Durban eine Sekunde lang ungl�ubig, dann rannten sie hinter dem alten Mann her. Die Bilder waren durchaus dramatisch.</p><p>F�nfeinhalb Minuten lang zeichnete die Kamera lediglich leere St�hle auf. Man h�rte Stimmen. Dann sah man, wie sich der arme Snead auf Troys Platz setzte. Er war sichtlich ersch�ttert und den Tr�nen nahe, brachte es aber fertig, in die Kamera zu sagen, was er soeben miterlebt hatte. Josh und Tip Durban taten das gleiche. Neununddrei�ig Minuten Videoband.</p><p>�Wie wollen sie nur dagegen angehen?� fragte Wycliff, als es vor�ber war. Auf diese Frage blieb ihm Josh die Antwort schuldig. Zwei der Nachkommen Troys - Rex und Libbigail - hatten bereits den Antrag gestellt, das Testament anzufechten. Ihren Anw�lten Hark Gettys und Wally Bright war es gelungen, ein betr�chtliches Ma� an Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und zu erreichen, dass Presseleute sie interviewten und fotografierten.</p><p>Die anderen Nachkommen w�rden bald ihrem Beispiel folgen. Josh hatte mit den meisten ihrer Anw�lte gesprochen; alle waren praktisch schon auf dem Weg zum Gericht.</p><p>�Jeder zweifelhafte Psychofritze im Land m�chte ein St�ck von diesem Kuchen haben�, sagte Josh. �Wir werden viele abweichende Meinungen zu h�ren bekommen.�</p><p>�Macht Ihnen der Selbstmord Sorgen?�</p><p>�Nat�rlich. Aber Troy hatte alles auf das sorgf�ltigste geplant, sogar seinen Selbstmord. Er wusste haargenau, wann und auf welche Weise er sterben wollte.�</p><p>�Was ist mit dem anderen Testament, dem dicken Dokument, das er als erstes unterschrieben hat?�</p><p>�Er hat es nicht unterschrieben.�</p><p>�Aber ich habe es doch selbst gesehen. Man sieht es auf dem Video.�</p><p>�Trotzdem. Er hat den Namen Micky Maus darunter geschrieben.�</p><p>Wycliff hatte sich Notizen gemacht, doch jetzt verharrte seine Hand mitten im Satz. �Micky Maus?� wiederholte er.</p><p>�Die Sache verh�lt sich wie folgt: Zwischen 1982 und 1996 habe ich f�r Mr. Phelan elf Testamente vorbereitet, teils umfangreiche, teils knappe. Darin hat er auf mehr verschiedene Arten �ber sein Verm�gen verf�gt, als Sie sich vorstellen k�nnen. Das Gesetz verlangt, dass ein Testament vernichtet wird, wenn es durch ein neues ersetzt werden soll. Also habe ich ihn mit der jeweiligen neuesten letztwilligen Verf�gung in seinem B�ro aufgesucht,</p><p>wir haben sie zwei Stunden lang Punkt f�r Punkt durchgearbeitet, und er hat unterschrieben. Ich habe sie in meiner Kanzlei aufbewahrt und immer das jeweils letzte Testament mitgebracht. Sobald er das neue unterschrieben hatte, haben wir - das hei�t, Mr. Phelan und ich - das alte in den Aktenvernichter neben seinem Schreibtisch gesteckt. Er hat diese kleine Zeremonie jedesmal aufs h�chste genossen. Dann war er einige Monate lang zufrieden, bis er sich �ber eins seiner Kinder �rgerte, und er hat angefangen, davon zu reden, dass er sein Testament ab�ndern wollte.</p><p>Sofern die Nachkommen beweisen k�nnen, dass er bei der Abfassung des handschriftlichen Testaments nicht bei klarem Verstand war, gibt es gar keins. Alle anderen sind vernichtet worden.�</p><p>�In dem Fall m�sste man ihn wie einen Erblasser behandeln, der kein Testament errichtet hat�, f�gte Wycliff hinzu.</p><p>�Ja, und wie Sie sehr wohl wissen, w�rde sein Nachlass in einem solchen Fall gem�� den Gesetzen des Staates Virginia vollst�ndig unter seinen s�mtlichen Nachkommen aufgeteilt.�</p><p>�Sieben Kinder. Elf Milliarden Dollar.�</p><p>�Sieben, von denen wir wissen. Der Betrag kommt ziemlich genau hin. W�rden Sie in einem solchen Fall als Erbe, der sich �bergangen f�hlt, nicht auch versuchen, das Testament anzufechten?�</p><p>Wycliff konnte sich nichts Sch�neres vorstellen als eine langwierige Auseinandersetzung um das Erbe, bei der die Fetzen flogen. Und ihm war klar, dass die Anw�lte, Josh Stafford nicht ausgenommen, bei einer solchen Auseinandersetzung noch reicher w�rden als ohnehin.</p><p>Aber zu einem Streit braucht man zwei Parteien, und vorerst war nur eine aufgetreten. Irgend jemand musste die Anfechtung von Mr. Phelans letztem Testament abwehren.</p><p>�Haben Sie schon etwas �ber Rachel Lane in Erfahrung gebracht?� fragte er.</p><p>�Nein. Aber wir sind auf der Suche nach ihr.�</p><p>�Wo befindet sie sich?�</p><p>�Vermutlich irgendwo in S�damerika, wo sie als Missionarin t�tig ist. Nur gefunden haben wir sie noch nicht. Aber wir haben Leute da unten.� Josh merkte, dass er mit dem Wort &gt;Leute&lt; ziemlich locker umging. Gedankenversunken sah Wycliff zur Decke empor. �Warum wollte er seine elf Milliarden einer unehelichen Tochter hinterlassen, die als Missionarin arbeitet?�</p><p>�Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Er hat mich im Laufe der Jahre schon mit so vielen Dingen �berrascht, dass ich abgeh�rtet bin.�</p><p>�Aber es klingt doch ein bi�chen verr�ckt, oder nicht?�</p><p>�Es ist merkw�rdig.�</p><p>�Wussten Sie von ihr?�</p><p>�Nein.�</p><p>�K�nnte es noch andere Erben geben?�</p><p>�M�glich ist alles.�</p><p>�Sind Sie der Ansicht, dass er nicht ganz bei Trost war?� �Nein. Seltsam, schrullig, launenhaft, ein ausgewachsenes Ekel. Aber er hat genau gewusst, was er tat.� �Schaffen Sie die Frau her, Josh.� �Wir geben uns M�he.� Das Gespr�ch zwischen dem H�uptling und Rachel fand unter vier Augen statt. Von dort, wo Nate auf der Veranda unter seiner H�ngematte sa�, konnte er ihre Gesichter sehen und ihre Stimmen h�ren. Irgend etwas am Himmel schien den H�uptling zu beunruhigen. Er sagte etwas, h�rte dann auf Rachels Worte und hob langsam den Blick, als ob er erwarte, dass aus den Wolken der Tod herabregne. Es war Nate klar, dass der H�uptling Rachel nicht nur zuh�rte, sondern auch ihren Rat suchte.</p><p>W�hrend um sie herum das Fr�hst�ck allm�hlich zu Ende ging, bereiteten sich die Ipicas auf einen weiteren Tag vor. Die J�ger sammelten sich in kleinen Gruppen vor dem M�nnerhaus, um ihre Pfeilspitzen zu sch�rfen und die Bogensehnen einzuh�ngen. Die Fischer legten Netze und Schn�re zurecht. Die jungen Frauen begannen mit ihrer den ganzen Tag nicht endenden Aufgabe, die Fl�che um ihre H�tte mit dem Besen sauber zuhalten. Ihre M�tter brachen zu den G�rten und Feldern in der N�he des Waldes auf.</p><p>�Er ist �berzeugt, dass es ein Gewitter gibt�, erkl�rte Rachel, als die Besprechung vor�ber war. �Er sagt, dass Sie fahren k�nnen, aber er gibt Ihnen keinen F�hrer mit. Es ist zu gef�hrlich.�</p><p>�K�nnen wir es ohne F�hrer schaffen?� fragte Nate.</p><p>�Ja�, sagte Jevy, und Nate warf ihm einen vielsagenden Blick zu.</p><p>�Es w�re nicht klug�, sagte sie. �Die Fl�sse gehen ineinander �ber, und man verirrt sich leicht. Selbst die Ipicas haben w�hrend der Regenzeit schon Fischer verloren.�</p><p>�Wann wird das Gewitter vor�ber sein?� fragte Nate.</p><p>�Das m�ssen wir abwarten.�</p><p>Nate holte tief Luft und lie� die Schultern sinken. Sein ganzer K�rper schmerzte. Er hatte Hunger, war m�de, �ber und �ber mit M�ckenstichen bedeckt und hatte das kleine Abenteuer satt. Au�erdem f�rchtete er, dass sich Josh Sorgen machte. Bisher war alles fehlgeschlagen. Zwar hatte er kein Heimweh, weil er nirgendwo daheim war, aber er wollte Corumba mit seinen gem�tlichen kleinen Cafes, den angenehmen Hotels und den Stra�en wiedersehen, auf denen das Leben gem�chlich dahintrieb. Er wollte eine weitere Gelegenheit haben, allein zu sein, sauber und n�chtern und ohne die Angst, sich zu Tode zu trinken.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte sie.</p><p>�Ich muss wirklich zur�ck. In der Kanzlei erwartet man meinen Bericht. Die Sache hat schon viel l�nger gedauert als angenommen.�</p><p>Sie h�rte ihm zwar zu, nahm aber nicht wirklich Anteil. Dass sich einige Leute in einer Kanzlei in Washington Sorgen machten, lie� sie ziemlich kalt.</p><p>�K�nnen wir miteinander reden?� fragte er.</p><p>�Ich muss zum Begr�bnis des kleinen M�dchens ins Nachbardorf. Warum kommen Sie nicht mit? Unterwegs haben wir viel Zeit, miteinander zu reden.�</p><p>Lako ging voran. Sein rechter Fu� war zur Innenseite hin verdreht, so dass er bei jedem Schritt nach links wegsackte und sich dann wieder rechts hochriss. Es tat weh, das mit ansehen zu m�ssen. Rachel folgte ihm, hinter ihr ging Nate, der ihre Tuchtasche trug. Jevy hielt sich hinter ihnen au�er H�rweite, um nicht mitzubekommen, wor�ber sie sprachen.</p><p>Nachdem sie das H�ttenoval verlassen hatten, kamen sie an brachliegenden kleinen quadratischen Feldern vor�ber, auf denen allerlei Buschwerk wucherte. �Die Ipicas bauen ihre Nutzpflanzen auf kleinen Fl�chen an, die sie dem Urwald abgewinnen�, erkl�rte sie. Es fiel Nate schwer, mit ihr Schritt zu halten. Ein Marsch von drei Kilometern L�nge durch die W�lder war f�r sie offenbar eine Kleinigkeit, und sie schritt auf ihren sehnigen Beinen kr�ftig aus. �Der Ackerbau laugt den Boden aus, so dass er nach einigen Jahren nichts mehr hergibt. Dann werden die Felder aufgegeben, die Natur erobert das Gebiet zur�ck, und die Ipicas legen neue Felder an. Langfristig gesehen wird kein Schaden angerichtet, denn alles kehrt zu seinem vorigen Zustand zur�ck. Land ist f�r diese Menschen das ein und alles, denn sie leben davon. Allerdings hat die zivilisierte Welt ihnen den gr��ten Teil davon fortgenommen.�</p><p>�Kommt mir irgendwie bekannt vor.�</p><p>�Nicht wahr? Wir vermindern die Bev�lkerungszahl durch Blutvergie�en und Krankheiten und nehmen den Menschen das Land. Dann bringen wir sie in Reservate und k�nnen nicht verstehen, warum sie dort nicht gl�cklich sind.�</p><p>Sie begr��te zwei nackte Frauen, die in der N�he des Pfades den Boden bearbeiteten. �Die Frauen m�ssen die schwere Arbeit tun�, bemerkte Nate.</p><p>�Ja. Aber verglichen damit, was es bedeutet, Kinder in die Welt zu setzen, ist das leicht.�</p><p>�Ich sehe ihnen lieber bei der Arbeit zu.�</p><p>Die Luft war feucht, aber frei von dem Rauch, der best�ndig �ber dem Dorf hing. Nate schwitzte schon, als sie den Wald betraten.</p><p>�Erz�hlen Sie mir etwas von sich, Nate�, sagte sie �ber die Schulter.</p><p>�Das k�nnte ziemlich lange dauern.�</p><p>�Nur die H�hepunkte.�</p><p>�Es gibt mehr Tiefpunkte.�</p><p>�Vorw�rts, Nate! Sie wollten reden, so lassen Sie uns reden. Der Marsch dauert eine halbe Stunde. Fangen Sie einfach damit an, wo Sie zur Welt gekommen sind.�</p><p>�In Baltimore, als �ltester von zwei S�hnen. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich f�nfzehn war. Ich hab die High School in St. Paul besucht, das Hopkins-College, in Georgetown Jura studiert und bin danach nicht aus W ashington hinausgekommen.�</p><p>�Hatten Sie eine gl�ckliche Kindheit?�</p><p>�Vermutlich schon. Sport hat darin eine gro�e Rolle gespielt. Mein Vater hat drei�ig Jahre lang f�r die Firma National Brewery gearbeitet und hatte immer Eintrittskarten f�r die Colts und die Orioles. Baltimore ist eine gro�artige Stadt. Reden wir auch �ber Ihre Kindheit?�</p><p>�Wenn Sie wollen. Sie war nicht besonders gl�cklich.�</p><p>Was f�r eine �berraschung, dachte Nate. Die arme Frau hatte noch keine Gelegenheit, gl�cklich zu sein.</p><p>�Wollten Sie schon als Junge Anwalt werden?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Das will kein normaler Junge. Ich wollte f�r die Colts oder die Orioles spielen, vielleicht sogar f�r beide.�</p><p>�Sind Sie zur Kirche gegangen?�</p><p>�Klar. Immer zu Weihnachten und zu Ostern.�</p><p>Der Pfad war fast verschwunden, und sie wateten jetzt durch hartes Gras. Nate hielt den Blick auf ihre Schn�rstiefel gerichtet. Als er sie nicht mehr sehen konnte, fragte er: �Was f�r eine Schlange war das eigentlich, die das kleine M�dchen gebissen hat?�</p><p>�Eine bima, aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Weil Sie hohe Schuhe tragen. Es ist eine kleine Schlange, die unterhalb des Fu�kn�chels zubei�t.�</p><p>�Die gro�e wird mich schon finden.�</p><p>�Nur keine Angst.�</p><p>�Was ist mit Eako da vorne? Der tr�gt doch nie Schuhe.�</p><p>�Nein, aber er sieht alles.�</p><p>�Soweit ich verstanden habe, ist der Biss der bima t�dlich.�</p><p>�Das kann er sein, aber es gibt ein Gegengift. Ich hatte es fr�her schon einmal hier. H�tte ich es gestern gehabt,</p><p>w�re die Kleine nicht gestorben.�</p><p>�Das hei�t, wenn Sie eine Menge Geld h�tten, k�nnten Sie eine Menge von dem Zeug kaufen. Sie k�nnten sich einen Vorrat von allen Medikamenten anlegen, die Sie brauchen, sich einen h�bschen kleinen Au�enborder kaufen, mit dem Sie nach Corumba und wieder zur�ckfahren k�nnen. Sie k�nnten eine Klinik, eine Kirche und eine Schule bauen und das Evangelium im ganzen Pantanal verbreiten.�</p><p>Sie blieb stehen und wandte sich unvermittelt um, so dass sie sich von Angesicht zu Angesicht gegen�berstanden. �Ich habe nichts getan, um das Geld zu verdienen. Ich habe den Mann, dem es geh�rte, nicht einmal wirklich gekannt. Bitte sprechen Sie das Thema nicht mehr an.� Ihre Worte klangen entschlossen, aber in ihrem Gesicht gab es keinen Hinweis darauf, dass sie ver�rgert war.</p><p>�Verschenken Sie es. Geben Sie es irgendwelchen wohlt�tigen Einrichtungen.�</p><p>�Es geh�rt mir nicht.�</p><p>�Es w�rde sonst nur verschleudert. Die Anw�lte werden Millionen bekommen, und das �brige wird unter Ihren Halbgeschwistern verteilt. Das k�nnen Sie doch nicht wollen. Glauben Sie mir. Sie haben keine Vorstellung von dem Elend und dem Kummer, den diese Menschen verursachen werden, wenn sie das Geld bekommen. Was sie nicht selbst verschleudern, werden sie ihren Nachkommen hinterlassen, und das Phelan-Geld wird die n�chste Generation gleich mit vergiften.�</p><p>Sie fasste ihn am Handgelenk und dr�ckte es. Ganz langsam sagte sie: �Das ist mir gleichg�ltig. Ich werde f�r sie beten.�</p><p>Dann wandte sie sich wieder um und ging forschen Schrittes weiter. Lako war weit voraus, und Jevy hinter ihnen war kaum zu sehen. Schweigend �berquerten sie eine Lichtung nahe einem Wasserlauf, bevor sie wieder in dichten Wald eintauchten. Die ineinandergeschlungenen Zweige der m�chtigen hohen B�ume bildeten ein dunkles Dach. Mit einem Mal war die Luft k�hl.</p><p>�Machen wir eine Pause�, sagte sie. Der Wasserlaufwand sich durch die W�lder, und der Pfad f�hrte an einer Stelle �ber ihn hinweg, an der bl�uliche und orangefarbene Steine lagen. Sie kniete sich nieder und besprengte ihr Gesicht mit Wasser.</p><p>�Das k�nnen Sie trinken�, sagte sie. �Es kommt aus den Bergen.�</p><p>Nate hockte sich neben sie und hielt die H�nde ins Wasser. Es war kalt und klar. �Das ist meine Lieblingsstelle�, sagte sie. �Ich komme fast t�glich hierher, um zu baden, zu beten und zu meditieren.�</p><p>�Es f�llt mir schwer zu glauben, dass wir im Pantanal sind. Es ist viel zu k�hl.�</p><p>�Wir befinden uns an seinem Rand. Die bolivianischen Berge sind nicht weit. Das Pantanal beginnt irgendwo hier in der N�he und dehnt sich endlos weit nach Osten aus.�</p><p>�Ich wei�. Wir sind auf der Suche nach Ihnen dr�ber weggeflogen.�</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Ja. Der Flug war nur kurz, aber ich konnte das Pantanal gut sehen.�</p><p>�Aber Sie haben mich nicht gefunden.�</p><p>�Nein. Wir sind in ein Unwetter gekommen und mussten notlanden. Ich hatte Gl�ck und bin mit dem Leben davongekommen. Ich setz mich nie wieder in so ein kleines Flugzeug.�</p><p>�Es gibt hier in der N�he ohnehin keine Landem�glichkeit.�</p><p>Sie zogen Schuhe und Socken aus und lie�en die F��e ins Wasser h�ngen. Sie sa�en auf den Steinen und lauschten dem murmelnden Bach. Sie waren allein, weder Lako noch Jevy waren zu sehen.</p><p>�Als kleines M�dchen habe ich in Montana in einer Kleinstadt gelebt, in der mein Vater, mein Adoptivvater, Priester war. Nicht weit vom Rand der Stadt floss ein Bach wie der hier. Dort gab es eine Stelle unter einigen hohen B�umen, so ungef�hr wie diese hier, wo ich stundenlang meine F��e ins Wasser geh�ngt habe.�</p><p>�Haben Sie sich da versteckt?�</p><p>�Manchmal.�</p><p>�Verstecken Sie sich jetzt?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ich glaube schon.�</p><p>�Nein, Nate, da irren Sie sich. Ich lebe in v�lligem Einklang mit mir. Ich habe mich vor vielen Jahren Christus anvertraut und folge ihm, wohin er mich f�hrt. Sie halten mich f�r einsam - das stimmt aber nicht. Er ist auf jedem Schritt meines Wegs bei mir. Er kennt meine innersten Gedanken, meine Bed�rfnisse und befreit mich von meinen �ngsten und Sorgen. Ich lebe in dieser Welt in g�nzlichem Frieden.�</p><p>�So was habe ich noch nie zuvor geh�rt.�</p><p>�Sie haben gestern Abend gesagt, dass Sie ein schwacher Mensch sind. Was meinen Sie damit?�</p><p>Beichten tut der Seele gut, hatte ihm Sergio w�hrend der Therapie gesagt. Wenn sie es nicht anders haben wollte, w�rde er sie eben mit der Wahrheit zu schockieren versuchen.</p><p>�Ich bin Alkoholiker�, sagte er, wie man es ihn w�hrend der Entw�hnung gelehrt hatte. Es klang fast stolz. �Ich war in den letzten zehn Jahren viermal ganz unten und hatte gerade wieder eine Entziehungskur hinter mir, als ich diese Reise angetreten habe. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob mit dem Trinken f�r alle Zeiten Schluss ist. Ich habe dreimal mit dem Kokain aufgeh�rt und nehme an, dass ich das Zeug nie wieder anfasse. Allerdings kann man da nie ganz sicher sein. Ich hab vor vier Monaten w�hrend des Entzugs vor Gericht meine Zahlungsunf�higkeit erkl�rt. Zur Zeit l�uft gegen mich ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung, und die Chancen, dass</p><p>ich ins Gef�ngnis muss und mir die Zulassung als Anwalt entzogen wird, stehen f�nfzig zu f�nfzig. Von den beiden Scheidungen wissen Sie schon. Beide Frauen k�nnen mich nicht au�tehen, und sie haben die Seelen meiner Kinder vergiftet. Ich habe mein Leben gr�ndlich versaut.�</p><p>Bei dieser Selbstentbl��ung empfand er weder Erleichterung, noch schien er sich daran zu weiden.</p><p>Sie h�rte sich all das an, ohne mit der Wimper zu zucken. �Sonst noch etwas?� fragte sie.</p><p>�Oh ja. Ich habe mindestens zweimal versucht, mir das Leben zu nehmen - jedenfalls kann ich mich an zwei Gelegenheiten erinnern. Einmal im vorigen August. Daraufhin hat man mich in die Entzugsklinik geschickt.</p><p>Dann vor ein paar Tagen in Corumba. Ich glaube, es war am Weihnachtstag.�</p><p>�In Corumba?�</p><p>�Ja. In meinem Hotelzimmer. Ich hab mich mit billigem Wodka fast zu Tode gesoffen.�</p><p>�Sie armer Mann.�</p><p>�Sch�n, ich bin krank. Ich habe das schon oft in Gegenwart von vielen Leuten gesagt, die mir helfen wollten.� �Haben Sie es je Gott gebeichtet?�</p><p>�Ich bin sicher, dass Er das wei�.�</p><p>�Nat�rlich wei� Er es. Aber Er hilft Ihnen erst, wenn Sie Ihn darum bitten. Er ist allm�chtig, aber Sie m�ssen sich Ihm bu�fertig im Gebet n�hern.�</p><p>�Und was passiert dann?�</p><p>�Ihre S�nden werden vergeben. Er wird all Ihre Schuld ausl�schen. Ihre Sucht wird von Ihnen genommen. Der Herr wird alles vergeben, was Sie getan haben, und Sie werden in den Kreis derer eintreten, die an Christus glauben.�</p><p>�Und was ist mit meinen Schulden beim IRS?�</p><p>�Die bleiben bestehen. Aber Sie werden die Kraft haben, damit umzugehen. Das Gebet vermag alle Widrigkeiten zu �berwinden.�</p><p>Nate waren solche Ansprachen nicht fremd. Er hatte sich schon so oft den H�heren Kr�ften ausgeliefert, dass er die Predigten fast selbst h�tte halten k�nnen. Geistliche, Therapeuten, Gurus und Psychiater jeglicher Art hatten ihm gut zugeredet. Er hatte sogar, als er einmal drei Jahre lang trocken gewesen war, als Berater der Anonymen Alkoholiker gearbeitet und anderen Alkoholikern im Keller einer alten Kirche in Alexandria den Zw�lf-PunktePlan erl�utert. Dann war er erneut abgest�rzt.</p><p>Warum sollte sie nicht versuchen, ihn zu retten? War es nicht ihre Berufung, die Verlorenen zu bekehren?</p><p>�Ich wei� nicht, wie man betet�, sagte er.</p><p>Sie nahm seine Hand und dr�ckte sie kr�ftig. �Schlie�en Sie die Augen, Nate, und sprechen Sie mir nach: Lieber Gott, vergib mir meine Schuld und hilf mir, dass ich denen vergebe, die an mir schuldig geworden sind.� Murmelnd sprach Nate ihr nach und dr�ckte ihre Hand fester. Was sie sagte, klang so �hnlich wie das Vaterunser. �Gib mir die Kraft, Versuchungen und S�chte zu �berwinden und die vor mir liegenden Pr�fungen zu bestehen.� Murmelnd wiederholte er ihre Worte, doch das kleine Ritual verwirrte ihn. F�r Rachel war es einfach zu beten, denn sie tat das st�ndig. F�r ihn war es eine sonderbare �bung.</p><p>�Amen�, sagte sie. Sie �ffneten die Augen, hielten einander aber weiter bei der Hand. Sie lauschten auf das Wasser, das mit leisem Murmeln �ber die Steine rieselte. Er hatte das sonderbare Gef�hl, als werde seine Last von ihm genommen; seine Schultern waren weniger niedergedr�ckt, sein Kopf kam ihm klarer, seine Seele nicht mehr so beunruhigt vor. Doch war er so beladen, dass er nicht sicher war, welche seiner Lasten von ihm genommen waren und welche blieben.</p><p>Die wirkliche Welt machte ihm nach wie vor angst. Es war leicht, tief im Pantanal tapfer zu sein, wo es nur wenige Versuchungen gab, aber er wusste, was ihn zu Hause erwartete.</p><p>�Ihre S�nden sind Ihnen vergeben, Nate�, sagte sie.</p><p>�Welche? Es sind so viele.�</p><p>�Alle.�</p><p>�Das ist zu einfach. Mein Leben ist ein un�berschaubares Chaos.�</p><p>�Wir beten heute Abend wieder.�</p><p>�Bei mir geh�rt mehr dazu als bei den meisten anderen.�</p><p>�Vertrauen Sie mir. Und vertrauen Sie auf Gott. Er hat Schlimmeres gesehen.�</p><p>�Ihnen vertraue ich. Mit Gott hab ich so meine Probleme.�</p><p>Sie dr�ckte seine Hand fester, und eine ganze Weile sahen sie schweigend auf das Wasser, das um sie herum str�mte. Schlie�lich sagte sie: �Wir m�ssen gehen.� Aber sie r�hrten sich nicht.</p><p>�Ich habe �ber diese Beerdigung nachgedacht, �ber das kleine M�dchen�, sagte Nate.</p><p>�Was ist damit?�</p><p>�Werden wir ihren Leichnam sehen?�</p><p>�Ich denke schon. Man wird ihn kaum �bersehen k�nnen.�</p><p>�Dann m�chte ich lieber nicht hingehen. Ich kehre um und gehe mit Jevy ins Dorf zur�ck. Da warten wir dann.� �Sind Sie sicher, Nate? Wir k�nnten stundenlang miteinander reden.�</p><p>�Ich m�chte kein totes Kind sehen.�</p><p>�Sch�n. Ich verstehe.�</p><p>Er half ihr auf die F��e, obwohl sie bestimmt keine Hilfe gebraucht h�tte. Sie hielten sich bei den H�nden, bis</p><p>sie nach ihren Stiefeln griff. Wie immer tauchte Lako aus dem Nichts auf, und schon bald waren die beiden in der Finsternis des Urwalds verschwunden.</p><p>Er fand Jevy unter einem Baum schlafend. W�hrend sie den R�ckweg antraten, achteten sie bei jedem Schritt auf Schlangen und erreichten nach einiger Zeit das Dorf.</p></section><section><title><p>EINUNDDREISSIG</p></title><p>Der H�uptling schien kein gro�er Wetterprophet zu sein. Das Gewitter blieb aus. Es regnete lediglich zweimal kurz, w�hrend Nate und Jevy in den geliehenen H�ngematten d�sten, um den langweiligen Tag irgendwie herumzubringen. Nach jedem der beiden Schauer schien gleich wieder die Sonne, und vom nassen Lehmboden stiegen Dampfschwaden auf. Die Luftfeuchtigkeit war so hoch, dass die beiden M�nner sogar im Schatten schwitzten, obwohl sie sich sowenig wie m�glich bewegten.</p><p>Sie sahen dem Treiben der Indianer zu, wenn es etwas zu sehen gab, aber die Hitze verminderte auch deren Lust an der Arbeit und am Spiel. Als die Sonne hoch am Himmel stand, zogen sich die Ipicas in ihre H�tten oder in den Schatten dahinter zur�ck. W�hrend der Regenschauer spielten die Kinder im Regen. Wenn sich Wolken vor die Sonne schoben, wagten sich die Frauen heraus, um ihre Arbeiten zu erledigen und zum Fluss zu gehen.</p><p>Der tr�ge Lebensrhythmus hatte Nate nach einer Woche im Pantanal abgestumpft. Jeder Tag schien ebenso zu verlaufen wie der vorige. In Jahrhunderten hatte sich nichts ge�ndert.</p><p>Rachel kehrte mit Lako um die Mitte des Nachmittags zur�ck. Ihr erster Weg f�hrte sie zum H�uptling, dem sie berichtete, was im anderen Dorf vorgefallen war. Dann sprach sie mit Nate und Jevy. Sie war m�de und wollte ein wenig ausruhen, bevor sie mit Nate �ber die gesch�ftlichen Dinge sprechen wollte.</p><p>Also noch eine Stunde totschlagen, dachte Nate, w�hrend er ihr nachsah. Sie war schlank und z�h wie eine Marathonl�uferin.</p><p>�Was gibt es da zu sehen?� fragte Jevy mit breitem Grinsen.</p><p>�Nichts.�</p><p>�Wie alt ist sie?�</p><p>�Zweiundvierzig.�</p><p>�Wie alt sind Sie?�</p><p>�Achtundvierzig.� -</p><p>�War sie schon mal verheiratet?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Glauben Sie, dass sie je mit einem Mann zusammen war?�</p><p>�Warum fragen Sie sie nicht?�</p><p>�Fragen Sie sie?�</p><p>�Es interessiert mich wirklich nicht.�</p><p>Sie schliefen wieder eine Weile, denn etwas anderes gab es nicht zu tun. In ein paar Stunden w�rden die Indianer anfangen zu ringen, dann w�rde es Abendessen geben, danach w�rde es dunkel. Nate tr�umte von der Santa Loura, g�nstigstenfalls ein bescheidenes Boot, das aber mit jeder Stunde, die verging, gro�artiger wurde. In seinen Tr�umen �hnelte sie schon bald einer schnittigen, eleganten Jacht.</p><p>Als sich die M�nner versammelten, um sich ihrer Haarpflege zu widmen und sich auf ihre Spiele vorzubereiten, machten sich Nate und Jevy aus dem Staub. Einer der kr�ftigeren Ipicas rief ihnen etwas zu und forderte sie mit blitzenden Z�hnen auf, sich am Ringen zu beteiligen. Daraufhin entfernte Nate sich noch schneller. Er sah vor seinem geistigen Auge, wie ihn irgendein st�mmiger kleiner Krieger mit wild schlenkernden Genitalien zu Boden schleuderte. Auch Jevy schien der Sache keinen Geschmack abgewinnen zu k�nnen. Rachel rettete sie.</p><p>Sie wanderte mit Nate zum Fluss hin�ber, an die alte Stelle unter den B�umen. Dort sa�en sie auf der schmalen Bank so dicht beieinander, dass ihre Knie sich wieder ber�hrten.</p><p>�Es war klug von Ihnen, nicht hinzugehen�, sagte sie. Ihre Stimme klang m�de. Die Ruhepause hatte offensichtlich nicht die gew�nschte Erholung bewirkt. �Warum?�</p><p>�Jedes Dorf hat einen Heilkundigen, shalyun hei�t er in der Sprache der Menschen hier, der seine Medizin aus Kr�utern und Wurzeln braut. Au�erdem beschw�rt er Geister, die bei allen m�glichen Schwierigkeiten helfen sollen.� �Ach so, der gute alte Medizinmann.�</p><p>�Etwas in der Art. Eher ein Zauberheiler. In der Welt der Indianer gibt es viele Geister, und die shalyun vermitteln angeblich im Umgang mit ihnen. Auf jeden Fall sind diese M�nner meine nat�rlichen Feinde, denn ich bedrohe ihre Stellung. Daher suchen sie fortw�hrend nach M�glichkeiten, mir eins auszuwischen. Sie bel�stigen Angeh�rige ihres Stammes, die sich zum Christentum bekennen. Vor allem Neubekehrten setzen sie zu. Sie wollen, dass ich von hier verschwinde, und liegen den H�uptlingen unaufh�rlich in den Ohren, sie sollten mich fortschicken. Es ist Tag f�r Tag ein neuer Kampf. Im letzten Dorf unten am Fluss hatte ich eine kleine Schule, in der ich den Leuten Lesen und Schreiben beigebracht habe. Wenn sie auch in erster Linie f�r Gl�ubige gedacht war, so stand sie doch allen anderen offen. Als nun vor einem Jahr in jenem Dorf drei Menschen an Malaria gestorben sind, hat der dortige shalyun dem H�uptling eingeredet, diese Krankheit sei eine Strafe f�r meine</p><p>Schule. Jetzt ist sie geschlossen.�</p><p>Nate h�rte ihr zu, ohne selbst etwas zu sagen. Seine Bewunderung f�r ihren Mut war grenzenlos. Die Hitze und der tr�ge Lebensrhythmus hatten ihn zu der Annahme verleitet, dass die Ipicas ein friedliches Leben f�hrten. Kein Besucher h�tte vermutet, dass ein Kampf um ihre Seelen tobte.</p><p>�Die Eltern Ayeshs, des M�dchens, das am Schlangenbiss gestorben ist, sind �berzeugte Christen. Der shalyun hat �berall herumerz�hlt, es w�re ihm ohne weiteres m�glich gewesen, die Kleine zu retten, aber ihre Eltern h�tten ihn nicht gerufen. Nat�rlich wollten sie, dass ich mich um die Kleine k�mmerte. Die bima ist hier schon immer heimisch, und die shalyun brauen ihre eigenen Mittel gegen das Gift dieser Schlange. Ich habe kein einziges Mal erlebt, dass sie damit Erfolg gehabt h�tten. Gestern nun hat der shalyun nach meinem Weggang einige Geister beschworen und in der Mitte des Dorfes eine Zeremonie gehalten, bei der er mir die Schuld am Tod des M�dchens gab. Mir und Gott.�</p><p>Ihre Worte kamen rasch, sie sprach schneller als sonst, als habe sie es eilig, noch einmal ihre Muttersprache zu benutzen.</p><p>�W�hrend der Beisetzungsfeier heute haben er und einige Unruhestifter angefangen, ganz in der N�he ihre Ges�nge anzustimmen und ihre T�nze aufzuf�hren. Die bek�mmerten Eltern sind vor Scham vergangen. Es war mir unm� glich, die Feier zu beenden.� Ihre Stimme war ein wenig unsicher, sie biss sich auf die Lippe.</p><p>Nate legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. � Es ist schon gut. Es ist vorbei.�</p><p>Vor den Indianern konnte sie nicht weinen. Sie musste stark und unersch�tterlich sein, unter allen Umst�nden ihren Glauben und ihren Mut beweisen. Aber vor Nate konnte sie weinen, er w�rde es verstehen. Er fand nichts dabei.</p><p>Sie wischte sich die Augen und sammelte sich wieder. �Es tut mir leid�, sagte sie.</p><p>�Ach was�, sagte Nate. Er war gern bereit, ihr zu helfen. Vor Frauentr�nen schmolz jede gespielte Selbstsicherheit dahin, ganz gleich ob in einer Kneipe oder am Ufer eines Flusses im Urwald.</p><p>Vom Dorf her�ber ert�nten laute Rufe. Das Ringen hatte begonnen. Nate dachte kurz an Jevy. Bestimmt war er nicht der Versuchung erlegen, mit den M�nnern herumzutollen.</p><p>�Sie sollten jetzt abreisen�, brach sie mit einem Mal das Schweigen. Sie hatte ihre Gef�hle wieder unter Kontrolle, ihre Stimme klang wie immer.</p><p>�Was?�</p><p>�Ja, jetzt. So schnell wie m�glich.�</p><p>�Nichts lieber als das. Aber warum pl�tzlich diese Eile? In drei Stunden ist es dunkel.�</p><p>�Es gibt Gr�nde zur Besorgnis.�</p><p>�Ich h�re.�</p><p>�Ich vermute, dass ich heute im anderen Dorf einen Fall von Malaria gesehen habe. Die Moskitos verbreiten die Krankheit sehr schnell.�</p><p>Nate kratzte sich sogleich und w�re am liebsten sofort ins Boot gesprungen. Dann fielen ihm seine Tabletten ein. �Mir kann nichts passieren. Ich nehme irgendwas, das mit Chloro anf�ngt.�</p><p>�Chloroquine?�</p><p>�Genau.�</p><p>�Wann haben Sie damit angefangen?�</p><p>�Zwei Tage bevor ich aus den USA abgeflogen bia.�</p><p>�Und wo haben Sie die Tabletten jetzt?�</p><p>�Auf dem gro�en Boot.�</p><p>Missbilligend sch�ttelte sie den Kopf. �Sie m�ssen sie ohne Unterbrechung einnehmen, vor, w�hrend und nach der Reise.� Jetzt sprach sie im Ton einer strengen �rztin, als stehe sein Tod kurz bevor.</p><p>�Und was ist mit Jevy?� fragte sie. �Nimmt er die auch?�</p><p>�Er war Soldat. Dem passiert bestimmt nichts.�</p><p>�Ich will nicht mit Ihnen streiten, Nate. Ich habe bereits mit dem H�uptling gesprochen. Er hat heute morgen vor Sonnenaufgang zwei Fischer zur Erkundung ausgeschickt. Wegen der �berschwemmung sind die Gew�sser hier auf den ersten zwei Stunden der Strecke schwierig, dann wird es einfacher. Er wird Ihnen drei F�hrer in zwei Kanus zur Verf�gung stellen, und ich gebe Ihnen Eako mit, damit Sie keine Schwierigkeiten wegen der Sprache haben. Sobald Sie den Xeco erreicht haben, geht es immer geradeaus zum Paraguay.�</p><p>�Wie weit ist das?�</p><p>�Der Xeco liegt etwa vier Stunden entfernt, und bis zum Paraguay sind es sechs. Au�erdem fahren Sie mit der Str�mung.�</p><p>�Wenn Sie das f�r richtig halten. Sie scheinen ja alles geplant zu haben.�</p><p>�Vertrauen Sie mir, Nate. Ich hatte schon zweimal Malaria. Das ist alles andere als angenehm. Beim zweiten Mal h�tte es mich fast das Leben gekostet.�</p><p>Nate hatte noch nie an die M�glichkeit gedacht, dass Rachel sterben k�nnte. Die Regelung des Phelan-Nachlasses d�rfte chaotisch genug sein, solange sie sich im Urwald versteckte und nicht bereit war, die Papiere zu unterschreiben. Sofern sie starb, w�rde es Jahre dauern, Ordnung in den Wirrwarr zu bringen, der dadurch entst�nde.</p><p>Au�erdem bewunderte er sie im hohen Ma�e. Sie war alles, was er nicht war - stark und tapfer, unersch�tterlich</p><p>im Glauben, zufrieden mit einem einfachen Leben, sicher in ihrer Gewissheit, wohin sie auf der Erde wie im Jenseits geh�rte. � Sterben Sie nicht Rachel�, sagte er.</p><p>�Der Tod macht mir keine angst. F�r uns Christen ist er eine Belohnung. Aber beten Sie f�r mich, Nate.�</p><p>�Ich verspreche, dass ich k�nftig mehr beten will.�</p><p>�Sie sind ein guter Mensch. Sie brauchen nur ein wenig Hilfe.�</p><p>�Ich wei�. Ich bin nicht besonders stark.�</p><p>Er hatte die Papiere in einem zusammengefalteten Umschlag in der Tasche. Jetzt nahm er sie heraus. �K�nnen wir wenigstens dar�ber sprechen?�</p><p>�Ja, aber nur, weil ich Ihnen einen Gefallen tun m�chte. Wenn Sie schon den ganzen Weg hierher gemacht haben, kann ich mit Ihnen zumindest �ber die juristischen Fragen reden.�</p><p>�Danke.� Er gab ihr das erste Blatt, eine Kopie der einen Seite, aus der Troys Testament bestand. Sie las es bed�chtig und hatte an einigen Stellen Schwierigkeiten, die Handschrift zu entziffern. Zum Schlu� fragte sie: �Erf�llt dies Testament denn die gesetzlichen Anforderungen?�</p><p>�Eigentlich schon.�</p><p>�Aber es kommt mir irgendwie behelfsm��ig vor.�</p><p>�Ein eigenh�ndiges Testament ist g�ltig. So will es das Gesetz.�</p><p>Sie las es erneut. Nate sah, dass die Schatten am Waldrand l�nger wurden. Seit einiger Zeit hatte er Angst vor der Dunkelheit, sowohl zu Lande wie auf dem Wasser. Er wollte m�glichst bald fort.</p><p>�Troy hat f�r seine anderen Nachkommen wohl nicht besonders viel empfunden, was?� fragte sie belustigt.</p><p>�Das w�rde Ihnen genauso gehen. Allerdings war er ihnen wohl auch kein besonders guter Vater.�</p><p>�Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem mir meine Adoptivmutter von ihm erz�hlt hat. Da war ich siebzehn.</p><p>Es war im Sp�tsommer. Ihr Mann war gerade an Krebs gestorben, und das Leben sah ziemlich trist aus. Troy hatte mich irgendwie aufgest�bert und wollte uns unbedingt besuchen. Sie hat mir gesagt, wer meine wirklichen Eltern waren, und es hat mir nichts bedeutet. Mir waren diese Menschen gleichg�ltig. Ich hatte sie nie gekannt und empfand nicht das Bed�rfnis, sie kennenzulernen. Sp�ter habe ich erfahren, dass meine Mutter Selbstmord begangen hatte. Wie finden Sie das, Nate? Meine biologischen Eltern haben sich beide das Leben genommen.</p><p>Ob etwas davon in meinen Genen ist?�</p><p>�Nein. Sie sind viel st�rker als beide.�</p><p>�Mir ist der Tod willkommen.�</p><p>�Sagen Sie das nicht. Wann haben Sie Troy kennengelernt?�</p><p>�Ein Jahr sp�ter. Er und meine Adoptivmutter haben ziemlich oft miteinander telefoniert. Er hat sie davon �berzeugt, dass er es gut meint, und uns eines Tages besucht. Wir haben Tee getrunken und Kekse gegessen, dann ist er wieder gefahren. Er hat Geld f�r das College geschickt. Sp�ter hat er angefangen, mich zu bedr�ngen, ich sollte in eine seiner Firmen eintreten. Er hat sich aufgef�hrt wie ein Vater, und das hat mich gest�rt. Als dann meine Adoptivmutter starb, ist die Welt um mich herum zusammengebrochen. Ich habe einen anderen Nachnamen angenommen und Medizin studiert. Im Lauf der Jahre habe ich f�r Troy gebetet, so wie ich f�r alle verlorenen Menschen bete, die ich kenne. Ich hatte angenommen, er h�tte mich vergessen.�</p><p>�Sieht nicht so aus�, sagte Nate. Ein schwarzer Moskito setzte sich auf seinen Oberschenkel, und er schlug mit einer Kraft zu, die ausgereicht h�tte, ein St�ck Brennholz zu spalten. Falls das Tier den Malariaerreger in sich trug, w�rde es ihn nicht weiterverbreiten. Rot zeichnete sich der Umriss von Nates Hand auf seiner Haut ab.</p><p>Er gab ihr die Annahmebest�tigung und die Verzichterkl�rung. Sie las beide Formulare sorgf�ltig durch und sagte dann: �Ich unterschreibe nichts. Ich m�chte mit dem Geld nichts zu tun haben.�</p><p>�Behalten Sie die Papiere einfach hier. Beten Sie dar�ber.�</p><p>�Machen Sie sich �ber mich lustig?�</p><p>�Nein. Ich wei� einfach nicht, was ich als n�chstes tun soll.�</p><p>�Da kann ich Ihnen nicht helfen. Aber eine Bitte habe ich an Sie.�</p><p>�Wird gemacht. Alles, was Sie wollen.�</p><p>�Sagen Sie niemandem, wo ich mich aufhalte, Nate. Bitte achten Sie meine Zur�ckgezogenheit.�</p><p>�Das verspreche ich. Aber Sie m�ssen realistisch sein.�</p><p>�Was wollen Sie damit sagen?�</p><p>�Die Story ist unwiderstehlich. Sofern Sie das Geld nehmen, sind Sie wahrscheinlich die reichste Frau auf der Welt. Falls Sie es ablehnen sollten, ist die Geschichte noch verlockender.�</p><p>�Wen interessiert das denn?�</p><p>�Sie sind ein Herzchen. Sie kennen die Massenmedien nicht. Heutzutage wird bei uns alles, was passiert, vierundzwanzig Stunden am Tag ununterbrochen vor der �ffentlichkeit ausgebreitet. Stunden um Stunden von Nachrichtensendungen, Nachrichtenmagazinen, Gerede �ber dies und jenes, Sensationsmeldungen. Lauter Informationsm�ll. Nichts ist zu geringf�gig, als dass es sich nicht zur Sensation aufbauschen lie�e.�</p><p>�Aber wie k�nnte man mich finden?�</p><p>� Das ist eine gute Frage. Wir hatten Gl�ck, weil Troy Ihre Spur aufgenommen hatte. Unseres Wissens hat er sonst keinem davon erz�hlt.�</p><p>�Das hei�t aber doch, dass ich in Sicherheit bin, nicht wahr? Sie werden es keinem weitersagen, und die Kollegen in Ihrer Kanzlei ja wohl auch nicht.�</p><p>�Das stimmt.�</p><p>�Und Sie haben nur hergefunden, weil Sie sich verirrt haben, nicht wahr?�</p><p>�V�llig verirrt.�</p><p>� Sie m�ssen mich besch�tzen, Nate. Das hier ist mein Zuhause. Ich geh�re zu diesen Menschen. Ich m�chte nicht wieder davonlaufen m�ssen.�</p><p>IM URWALD LEBENDE MISSIONARIN SCHL�GT ELF-MILLIARDEN-ERBSCHAFT AUS</p><p>Was f�r eine Schlagzeile! Wie die Geier w�rde man das Pantanal mit Hubschraubern und Amphibienfahrzeugen</p><p>absuchen, um Rachels Geschichte zu bekommen. Sie tat Nate jetzt schon leid.</p><p>�Ich tue, was ich kann�, sagte er. �Geben Sie mir Ihr Wort darauf?�</p><p>�Ja.�</p><p>Der H�uptling selbst, gefolgt von seiner Frau und einem Dutzend M�nnern, bildete die Spitze des Verabschiedungstrupps. Mindestens zehn weitere M�nner hinter Jevy bildeten die Nachhut. Im G�nsemarsch kamen sie �ber den Pfad auf den Fluss zu. �Es ist Zeit aufzubrechen�, sagte Rachel.</p><p>�Scheint mir auch so. Und Sie meinen, dass wir in der Dunkelheit sicher sind?�</p><p>�Aber gewiss. Der H�uptling gibt Ihnen seine besten Fischer mit. Gott wird Sie sch�tzen. Sie m�ssen nur beten.� �Das tue ich.�</p><p>�Ich werde jeden Tag f�r Sie beten, Nate. Sie sind ein guter Mensch und haben ein gutes Herz. Es ist der M�he wert, Sie zu retten.�</p><p>�Danke. Wollen Sie mich heiraten?�</p><p>�Das kann ich nicht.�</p><p>�Nat�rlich k�nnen Sie. Ich k�mmere mich um das Geld, und Sie k�mmern sich um die Indianer. Wir besorgen uns eine gr��ere H�tte und werfen unsere Kleider fort.�</p><p>Beide lachten. Sie l�chelten noch, als der H�uptling sie erreichte. Nate stand auf, um hallo oder auf Wiedersehen oder etwas anderes zu sagen, und konnte eine Sekunde lang nichts sehen. Schwindel stieg ihm aus der Brust zum Kopf. Er kniff die Augen zusammen und sah zu Rachel hin�ber, ob sie etwas gemerkt hatte.</p><p>Es sah nicht so aus. Seine Augenlider begannen zu schmerzen. In den Ellbogengelenken pochte es. Ipica-Grunzlaute ert�nten, und alle kamen zum Ufer. Lebensmittel wurden in Jevys Boot und in den beiden schmalen Kanus verstaut, in denen die F�hrer und Lako die Besucher begleiten sollten. Nate dankte Rachel, die ihrerseits dem H�uptling dankte, und als alle Abschiedsgr�sse ausgetauscht waren, war es Zeit zum Aufbruch. Er stand kn�cheltief im Wasser, dr�ckte Rachel sacht an sich, klopfte ihr auf den R�cken und sagte: �Danke.�</p><p>� Wo f�r?�</p><p>�Was wei� ich? Weil Sie daf�r gesorgt haben, dass die Anw�lte ein Verm�gen verdienen.�</p><p>L�chelnd sagte sie: �Ich mag Sie, Nate, aber das Geld und die Anw�lte bedeuten mir nichts.�</p><p>�Ich mag Sie auch.�</p><p>�Kommen Sie bitte nicht noch einmal.�</p><p>�Keine Sorge.�</p><p>Alle warteten. Die Fischer waren bereits in die Flussmitte gefahren. Jevy hielt sein Paddel in der Hand und wartete darauf, absto�en zu k�nnen.</p><p>Nate setzte einen Fu� ins Boot und sagte: �Wir k�nnten unsere Flitterwochen in Corumba verbringen.�</p><p>�Alles Gute, Nate. Sagen Sie einfach Ihren Leuten, dass Sie mich nicht gefunden haben.�</p><p>�Wird gemacht. Bis dann.� Er wandte sich um, stieg ins Boot und setzte sich hart auf die Bank. Wieder drehte sich ihm alles im Kopf. W�hrend das Boot davontrieb, winkte er Rachel und den Indianern zu, doch das Bild, das er sah, war unscharf.</p><p>In der Str�mung glitten die Kanus flussabw�rts. Die Indianer paddelten in vollkommenem Einklang. Sie verschwendeten keine Zeit, offenbar hatten sie es eilig. Der Motor sprang beim dritten Versuch an, und schon bald holte Jevy die Kanus wieder ein. Als er Gas wegnahm, fing der Motor an zu stottern, ging aber nicht aus. An der ersten Flussbiegung sah Nate �ber die Schulter. Rachel und die Indianer hatten sich nicht von der Stelle ger�hrt. Der Schwei� brach ihm am ganzen K�rper aus, obwohl Wolken vor die tiefstehende Sonne gezogen waren und eine angenehme Brise wehte. Seine Arme und Beine waren schwei�bedeckt. Er rieb sich Nacken und Stirn und betrachtete die nassen Finger. Statt zu beten, wie er versprochen hatte, murmelte er: �Schei�e, mich hat's erwischt.�</p><p>Das Fieber war nicht hoch, setzte aber rasch ein. Die Brise war unangenehm kalt. Er kroch auf seinem Sitz in sich zusammen und sah sich nach etwas um, das er �berziehen konnte. Jevy merkte das und fragte nach einer Weile: �Fehlt Ihnen was, Nate?�</p><p>W�hrend er verneinend den Kopf sch�ttelte, schoss ihm der Schmerz aus den Augen ins R�ckgrat. Ihm lief die Nase.</p><p>Nach zwei weiteren Biegungen wurden die B�ume sp�rlicher und das Gel�nde flacher. Der Fluss weitete sich, bis sie sich mit einem Mal auf einer Art See befanden, in dessen Mitte drei verrottete B�ume aufragten. Nate wusste, dass sie an diesen B�umen noch nicht vor�bergekommen waren. Offensichtlich fuhren sie jetzt eine andere Strecke. Ohne die Unterst�tzung durch die Str�mung wurden die Kanus etwas langsamer, schnitten aber nach wie vor verbl�ffend rasch durch das Wasser. Die F�hrer achteten nicht weiter auf den See. Sie wussten genau, wohin sie wollten.</p><p>�Ich glaube, ich habe Malaria�, sagte Nate. Seine Stimme klang heiser; seine Kehle war bereits entz�ndet.</p><p>�Woher wollen Sie das wissen?� Jevy nahm kurz das Gas zur�ck.</p><p>�Rachel hat mich gewarnt. Sie hat gestern im anderen Dorf einen Fall erlebt. Deswegen sind wir jetzt auch aufgebrochen.�</p><p>�Haben Sie Fieber?�</p><p>�Ja. Au�erdem sehe ich manchmal nichts.�</p><p>Jevy verlangsamte die Fahrt weiter und rief den Indianern etwas zu, die schon fast au�er Sichtweite waren. Er schob leere Benzinkanister und die Reste ihrer Vorr�te hin und her und entrollte rasch das Zelt. �Sie werden Sch�ttelfrost bekommen�, sagte er dabei. Das Boot schaukelte hin und her, w�hrend er sich darin bewegte. �Hatten Sie schon mal Malaria?�</p><p>�Nein. Aber die meisten meiner Freunde sind daran gestorben.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>� Ein schlechter Witz. Man stirbt nur selten daran, aber Sie werden sehr krank sein.�</p><p>Vorsichtig schob sich Nate, den Kopf m�glichst ruhig haltend, hinter die Bank und legte sich in die Mitte des Bootes. Zusammengerolltes Bettzeug diente ihm als Kissen. Jevy breitete das entfaltete Zelt �ber ihn und beschwerte die Enden mit zwei leeren Benzinkanistern.</p><p>Die Kanus waren jetzt neben ihnen. Lako erkundigte sich auf portugiesisch, was es gebe. Nate h�rte, dass Jevy das Wort Malaria aussprach und die Indianer daraufhin in ihrer Sprache miteinander verhandelten. Dann waren s ie fort.</p><p>Es kam ihm vor, als fahre das Boot jetzt schneller. Vielleicht lag das daran, dass er auf dem Boden lag und sp�rte, wie es durch das Wasser glitt. Gelegentlich zuckte er zusammen, wenn ein Ast, den Jevy nicht gesehen hatte, an den Rumpf stie�, achtete aber nicht weiter darauf. Sein Kopf dr�hnte und h�mmerte wie noch bei keinem Kater, den er erlebt hatte. Muskeln und Gelenke schmerzten so sehr, dass er sich nicht r�hren mochte. Au�erdem war ihm kalt. Der Sch�ttelfrost hatte eingesetzt.</p><p>In der Ferne h�rte man ein Grollen. Vielleicht war es Donner. Gro�artig, dachte Nate. Das hat uns gerade noch gefehlt.</p><p>Der Regen blieb aus. Als sich der Fluss nach Westen wandte, sah Jevy die Sonne orangefarben und gelb vergl�hen. Dann wandte er sich wieder nach Osten der Dunkelheit entgegen, die sich �ber das Pantanal senkte. Zweimal wurden die Kanus langsamer, w�hrend die Ipicas beratschlagten, welchem Zweig einer Gabelung sie folgen sollten. Jevy hatte das Boot immer rund drei�ig Meter hinter ihnen gehalten, schloss aber zu ihnen auf, als es dunkler wurde. Er konnte Nate nicht sehen, der unter dem Zelt lag, wusste aber, dass er litt. Tats�chlich hatte er einmal jemanden gekannt, der an Malaria gestorben war.</p><p>Nach zwei Stunden f�hrten die Indianer sie in eine verwirrende Folge schmaler Wasserl�ufe und stiller Lagunen, und als sie einen breiteren Fluss erreichten, verlangsamten die Kanus eine Weile ihre Fahrt. Die Indianer mussten sich ausruhen. Lako erkl�rte Jevy durch Zurufe, dass sie in Sicherheit seien. Der schwierige Teil liege hinter ihnen, jetzt m�sse man mit keinen Hindernissen mehr rechnen. Bis zum Xeco seien es noch rund zwei Stunden, und der f�hre geradezu in den Paraguay.</p><p>Schaffen wir das allein? fragte Jevy. Nein, lautete die Antwort. Es gebe immer noch Abzweigungen. Au�erdem kannten die Indianer eine Stelle am Xeco, die nicht �berschwemmt sei. Dort k�nnten sie die Nacht verbringen.</p><p>Wie geht es dem Amerikaner? fragte Lako. Nicht gut, antwortete Jevy.</p><p>Der Amerikaner h�rte ihre Stimmen und merkte, dass sich das Boot nicht bewegte. Das Fieber w�tete in seinem K�rper vom Kopf bis zu den F�ssen. Er war v�llig nass, und auch seine Kleider waren durchn�sst. Die N�sse bedeckte ebenfalls das Aluminium des Bootsrumpfes unter ihm. Seine Augen waren zugeschwollen, und sein Mund war so trocken, dass es schmerzte, wenn er ihn nur �ffnete. Er h�rte, wie Jevy etwas auf englisch sagte, aber er konnte nicht antworten. Das Bewusstsein kam und ging.</p><p>In der Dunkelheit fuhren die Kanus langsamer. Jevy blieb n�her an ihnen dran und leuchtete von Zeit zu Zeit mit der Taschenlampe, damit ihre F�hrer die Abzweigungen und Zufl�sse besser erkennen konnten. Die Indianer machten eine Pause, um einen Laib Brot zu essen, etwas Saft zu trinken und sich zu erleichtern. Bei dieser Gelegenheit banden sie die drei Boote aneinander und lie�en sie zehn Minuten lang treiben.</p><p>Lako machte sich Sorgen um den Amerikaner. Was soll ich der Missionarin �ber seinen Zustand sagen? wollte er von Jevy wissen. Sag ihr, dass er Malaria hat.</p><p>Blitze in der Ferne bereiteten ihrer kurzen Abendessenpause ein Ende. Die Indianer paddelten eifriger denn je.</p><p>Seit Stunden hatte niemand festen Boden gesehen. Es gab keine Stelle, an der man h�tte anlegen und ein Gewitter abreiten k�nnen.</p><p>Schlie�lich ging der Motor aus. Jevy nahm seinen letzten vollen Kanister und startete ihn erneut. Wenn er mit halbem Gas fuhr, w�rde sein Treibstoff etwa sechs Stunden lang reichen, genug, um bis zum Paraguay zu gelangen. Dort gab es Schiffsverkehr und H�user. Au�erdem wartete irgendwo die Santa Loura. Er kannte die Stelle, wo der Xeco in den Paraguay m�ndete. Wenn sie von dort flussabw�rts fuhren, w�rden sie gegen Morgengrauen auf Welly sto�en.</p><p>Als die Blitze aufzuckten, legten sich die F�hrer noch mehr in die Paddel, doch war un�bersehbar, dass sie allm�hlich m�de wurden. Einmal hielt sich Lako an einer Seite des Motorboots fest und ein anderer Ipica an der anderen. Jevy reckte die Taschenlampe hoch �ber den Kopf, und sie fuhren zu Tal wie ein Schleppkahn mit zwei</p><p>seitlich daran befestigten Schuten.</p><p>Allm�hlich sah man mehr B�ume und dichteres Unterholz. Der Fluss wurde breiter. Zu beiden Seiten war fester Boden. Die Indianer redeten wieder �fter miteinander. Als sie den Xeco erreichten, h�rten sie auf zu paddeln. Sie waren ersch�pft und bereit, ihr Geleit zu beenden. Immerhin w�rden sie normalerweise schon drei Stunden schlafen, �berlegte Jevy. Sie fanden die Stelle, die sie suchten, und gingen an Land.</p><p>Lako erkl�rte, dass er der Missionarin schon seit Jahren half. Er hatte viele Malariaf�lle gesehen und die Krankheit selbst dreimal gehabt. Behutsam zog er das Zelt von Nates Kopf und Brust und fasste nach seiner Stirn. Sehr hohes Fieber, sagte er zu Jevy, der im Schlamm stand und die Taschenlampe hielt und m�glichst bald zur�ck ins Boot wollte.</p><p>Machen kann man da nichts, sagte der Indianer, als er seine Diagnose gestellt hatte. Das Fieber geht zur�ck, und in achtundvierzig Stunden kommt der n�chste Anfall. Ihn beunruhigten die angeschwollenen Augenlider. Das hatte er bisher noch bei keinem Malariafall erlebt.</p><p>Der �lteste der F�hrer sagte etwas zu Lako und wies auf den dunklen Fluss. Dieser erkl�rte Jevy, er solle sich in der Mitte halten, die schmalen Abzweigungen, vor allem auf der linken Seite, nicht zur Kenntnis nehmen, dann werde er nach zwei Stunden den Paraguay erreichen. Jevy dankte ihnen �berschw�nglich und legte ab.</p><p>Das Fieber ging nicht zur�ck. Eine Stunde sp�ter sah Jevy nach Nate und merkte, dass sein Gesicht immer noch gl�hte. Er hatte sich wie ein Fetus zusammengekr�mmt, war kaum bei Bewusstsein und murmelte unzusammenh�ngende Worte. Jevy veranlasste ihn dazu, ein wenig Wasser zu trinken, und goss den Rest �ber sein Gesicht. Der Xeco war breit und lie� sich leicht befahren. Sie kamen an einem Haus vor�ber. Es hatte den Anschein, als w�re es das erste in einem ganzen Monat. Wie ein Leuchtturm, der ein verirrtes Schiff gr�sst, brach der Mond durch die Wolken und erhellte das Wasser vor ihnen.</p><p>�K�nnen Sie mich h�ren, Nate?� fragte Jevy, ohne dass seine Worte an Nates Ohr drangen. �Unsere Pechstr�hne ist zu Ende.�</p><p>Er lie� sich vom Mond zum Paraguay leiten.</p></section><section><title><p>ZWEIUNDDREISSIG</p></title><p>Das Boot war eine chalana. Es hatte einen flachen Boden, sah aus wie ein Schuhkarton, war zehn Meter lang, zweieinhalb Meter breit, und diente dazu, Fracht durch das Pantanal zu transportieren. Jevy hatte Dutzende solcher chalanas gef�hrt. Er sah das Licht um eine Biegung herum, und als er das Ger�usch des Diesels h�rte, wusste er gleich, was f�r eine Art Boot es war.</p><p>Au�erdem kannte er den Bootsf�hrer, der in seiner Koje schlief, als der Matrose die chalana stoppte. Es war fast drei Uhr morgens. Jevy band sein Boot am Bug fest und sprang an Bord. Man gab ihm zwei Bananen, w�hrend er in wenigen Worten seine Situation schilderte. Der Matrose brachte ges��ten Kaffee. Sie waren auf dem Weg nach Norden, wo sie am Milit�rst�tzpunkt Porto Indio mit den Soldaten Handel treiben wollten. Sie konnten Jevy zwanzig Liter Treibstoff abtreten. Jevy versprach, ihnen das Geld in Corumba zu geben. Kein Problem, auf dem Fluss half man sich gegenseitig.</p><p>Es gab noch mehr Kaffee und einige mit Zucker bestreute Waffeln. Dann erkundigte er sich nach der Santa Loura und Welly. �Sie liegt an der Einm�ndung des Cabixa�, sagte Jevy. �Da, wo fr�her der alte Anleger war.�</p><p>Die M�nner sch�ttelten den Kopf. �Da war sie nicht�, sagte der Bootsf�hrer. Der Matrose stimmte ihm zu. Sie kannten die Santa Loura, sie hatten sie nicht gesehen. Sie zu �bersehen w�re unm�glich gewesen.</p><p>�Sie muss da sein�, sagte Jevy.</p><p>�Ist sie nicht. Wir sind gestern Mittag am Cabixa vorbeigekommen. Von der Santa Loura haben wir keine Spur gesehen.�</p><p>Vielleicht war Welly einige Kilometer weit den Cabixa hinaufgefahren, um nach ihnen Ausschau zu halten. Bestimmt hatte er sich entsetzliche Sorgen gemacht. Jevy w�rde ihm verzeihen, dass er die Santa Loura eigenm�chtig gef�hrt hatte, aber erst nachdem er ihn kr�ftig zusammengestaucht hatte.</p><p>Das Boot musste da sein, davon war er �berzeugt. Er trank noch mehr Kaffee und berichtete von Nate und seiner Malaria. In Corumba erz�hlte man sich, dass die Krankheit seit neuestem wieder im Pantanal w�tete. Solche Ger�chte hatte Jevy schon sein Leben lang geh�rt.</p><p>Sie f�llten einen Kanister aus einem Fass an Bord der chalana. Als Faustregel galt, dass man w�hrend der Regenzeit dreimal so schnell flussabw�rts fuhr wie flussaufw�rts. Ein Boot mit einem guten Motor m�sste den Cabixa in vier Stunden erreichen, die Handelsniederlassung in zehn, und Corumba in achtzehn. Die Santa Loura w�rde l�nger brauchen, immer vorausgesetzt, dass sie sie fanden, doch zumindest h�tten sie dann H�ngematten und etwas zu essen.</p><p>Jevy hatte sich vorgenommen, bei der Santa Loura anzulegen und kurze Rast zu halten. Er wollte Nate ins Bett bringen und mit Hilfe des Satellitentelefons Senhor Ruiz in Corumba anrufen. Der konnte dann einen guten Arzt auftreiben, der wissen w�rde, was zu tun war, wenn sie in Corumba eintrafen.</p><p>Der Bootsf�hrer gab ihm noch eine Schachtel mit Waffeln und einen Pappbecher Kaffee. Jevy versprach, die M�nner in der kommenden Woche in Corumba aufzusuchen. Er dankte ihnen und l�ste sein Boot. Nate lebte,</p><p>regte sich aber nicht. Das Fieber war nach wie vor nicht zur�ckgegangen.</p><p>Der Kaffee beschleunigte Jevys Puls und hielt ihn wach. Er spielte mit dem Gas und schob den Hebel langsam vor, bis der Motor zu stottern begann, dann nahm er ihn zur�ck, bis zu einer Stelle, wo er gerade nicht ausging. Als die Dunkelheit wich, legte sich dichter Nebel auf den Fluss.</p><p>Er erreichte die Einm�ndung des Cabixa eine Stunde nach der Morgend�mmerung. Von der Santa Loura war nichts zu sehen. Jevy band das Boot am alten Anleger an und suchte nach dem Besitzer des einzigen Hauses in der N�he. Er fand ihn im Stall, wo er eine Kuh molk. Er erinnerte sich an Jevy und berichtete von dem Gewitter, bei dem sich das Boot losgerissen hatte. Das schlimmste Unwetter, das sie je erlebt hatten. Es sei mitten in der Nacht ausgebrochen, und er habe nicht viel gesehen. Der Sturm habe so heftig getobt, berichtete er, dass er sich mit Frau und Kind unter dem Bett versteckt habe.</p><p>�Wo ist die Santa Loura gesunken?� fragte Jevy.</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>�Was ist mit dem Jungen?�</p><p>�Welly? Keine Ahnung.� �;,,</p><p>�Haben Sie mit sonst niemandem geredet? Hat jemand den Jungen gesehen?�</p><p>Niemand. Er hatte mit keinem Menschen auf dem Fluss gesprochen, seit Welly im Unwetter verschwunden war. Er zeigte sich tief betr�bt und �u�erte zu allem �berfluss die Meinung, dass Welly vermutlich tot war.</p><p>Nate lebte. Das Fieber ging deutlich zur�ck, und als er zu sich kam, fror er und hatte Durst. Er schob sich die Augenlider mit den Fingern hoch und sah nur Wasser um sich herum, das Strauchwerk am Ufer und das Bauernhaus.</p><p>�Jevy�, sagte er. Seine Kehle war entz�ndet, seine Stimme schwach. Er setzte sich auf und machte sich eine Weile an seinen Augen zu schaffen. Er konnte nichts deutlich sehen. Jevy gab keine Antwort. Alles tat ihm weh -Muskeln, Gelenke, sogar das Blut, das im Gehirn zirkulierte. Auf seinem Nacken und seiner Brust brannte Ausschlag, und er kratzte daran, bis er aufbrach. Ihm wurde von seinem eigenen Geruch �bel.</p><p>Der Bauer und seine Frau folgten Jevy zum Boot. Sie hatten keinen Tropfen Benzin, und das �rgerte ihren Besucher.</p><p>�Wie geht es Ihnen, Nate?� fragte er, als er ins Boot trat. �Ich sterbe.� Seine Stimme war kaum h�rbar. Jevy tastete nach seiner Stirn und legte dann sanft die Hand auf seine Brust. �Ihr Fieber ist zur�ckgegangen.� �Wo sind wir?�</p><p>�Am Cabixa. Welly ist nicht da. Das Boot ist in einem Unwetter gesunken.�</p><p>�Unsere Pechstr�hne h�lt also an�, sagte Nate und verzog das Gesicht, als ihm der Schmerz durch den Kopf schoss. �Wo ist Welly?�</p><p>�Ich wei� nicht. K�nnen Sie bis Corumba durchhalten?�</p><p>�Ich w�rde lieber gleich sterben.�</p><p>�Legen Sie sich hin, Nate.�</p><p>Als sie ablegten, standen der Bauer und seine Frau bis zu den Kn�cheln im Schlamm und winkten, doch Jevy achtete nicht auf sie.</p><p>Nate setzte sich eine Weile auf. Der Luftzug tat seinem Gesicht gut. Doch schon bald fror er wieder. Ein K�lteschauer lief ihm �ber die Brust, und er legte sich wieder unter das Zelt. Er versuchte, f�r Welly zu beten, doch vermochte er sich nur wenige Sekunden lang auf seine Gedanken zu konzentrieren. Er konnte einfach nicht glauben, dass er Malaria hatte.</p><p>Hark plante den Brunch, der in einem Saal des Hotels Hay-Adams stattfinden sollte, in allen Einzelheiten. Es gab Austern und Eier, Kaviar und Lachs, Champagner und Mimosas. Um elf waren alle da, in legerer Kleidung, und tranken einen Champagner mit Orangensaft nach dem �ndern.</p><p>Er hatte den Eingeladenen versichert, die Zusammenkunft sei von gr��ter Bedeutung und m�sse vertraulich bleiben. Er habe den einzigen Zeugen gefunden, der ihnen dazu verhelfen k�nne, den Prozess zu gewinnen. Eingeladen waren au�chlie�lich die Anw�lte von Phelans Kindern, denn die fr�heren Gattinnen hatten das Testament bisher nicht angefochten und schienen dazu auch nicht recht willens zu sein. Freilich war ihre juristische Position auch nicht besonders g�nstig, und Richter Wycliff hatte einem ihrer Rechtsvertreter unter der Hand zu verstehen gegeben, dass eine leichtfertige Klage der fr�heren Gattinnen bei ihm kein geneigtes Ohr finden werde.</p><p>Ob leichtfertig oder nicht, die Kinder jedenfalls hatten das Testament umgehend angefochten. Alle sechs hatten sich mit derselben Behauptung ins Get�mmel gest�rzt: dass Troy Phelan nicht bei klarem Verstand gewesen sei, als er sein letztes Testament unterschrieben hatte.</p><p>Bei der Besprechung waren pro Nachkommen h�chstens zwei Anw�lte zugelassen, doch hatte man den Kanzleien empfohlen, sich m�glichst auf einen zu beschr�nken. Hark war als einziger Vertreter von Rex gekommen, und Wally Bright als einziger von Libbigail. Ramble kannte ohnehin keinen anderen Anwalt als Yancy, Grit vertrat Mary ROSS, und Ms. Langhorne, die einstige Juraprofessorin, war in Vertretung Geenas und Codys gekommen. Troy Junior hatte seit dem Tod seines Vaters viermal die Kanzlei gewechselt. Seine neuesten Rechtsvertreter arbeiteten in einer Kanzlei mit vierhundert Anw�lten. Sie hie�en Hemba und Hamilton und stellten sich dem losen B�ndnis der anderen vor.</p><p>Hark schloss die T�r und wandte sich an die Versammelten. Er lieferte einen kurzen Abriss des Lebens von</p><p>Malcolm Snead, eines Mannes, mit dem er schon eine ganze Weile t�glich zusammenkam. �Er hat drei�ig Jahre lang in Mr. Phelans Diensten gestanden�, sagte er mit Nachdruck. �Vielleicht hat er ihm geholfen, das letzte Testament abzufassen. Vielleicht ist er bereit auszusagen, dass der Alte dabei von allen guten Geistern verlassen war.�</p><p>Diese Nachricht �berraschte die Anw�lte. Hark betrachtete eine Weile die erfreuten Gesichter in der Runde und sagte dann: �Vielleicht sagt er aber auch aus, er habe von dem handschriftlichen Testament nichts gewusst und Mr. Phelan sei am Tag seines Todes bei v�llig klarem Verstand gewesen.�</p><p>�Wie viel will er?� Wally Bright kam gleich zur Sache.</p><p>�F�nf Millionen. Ein Zehntel sofort, den Rest, nachdem der Vergleich geschlossen ist.�</p><p>Der Betrag brachte die Anw�lte nicht aus dem Konzept. Dazu stand zu viel auf dem Spiel. Eigentlich fanden sie Sneads Forderung eher bescheiden.</p><p>�Unsere Mandanten haben das Geld nat�rlich nicht�, sagte Hark. �Falls wir also seine Au�age kaufen wollen, m�ssen wir es vorstrecken. Wir k�nnen f�r etwa f�nfundachtzigtausend Dollar pro Erben ein Abkommen mit Mr. Snead unterschreiben. Meiner festen �berzeugung nach wird er dann in einer Weise Aussagen, die daf�r sorgt, dass wir entweder den Prozess gewinnen oder eine Einigung erzwingen k�nnen.�</p><p>Die Verm�gensverh�ltnisse der Anwesenden waren �u�erst unterschiedlich. Wally Brights Kanzleikonto war �berzogen, und er hatte Steuerr�ckst�nde. Am entgegengesetzten Ende des Spektrums befand sich die Kanzlei, in der Hemba und Hamilton arbeiteten; in ihr gab es Partner, die j�hrlich mehr als eine Million verdienten.</p><p>�Wollen Sie damit sagen, wir sollen einen Zeugen daf�r bezahlen, dass er die Unwahrheit sagt?� fragte Hamilton.</p><p>�Wir wissen nicht, ob es die Unwahrheit ist�, antwortete Hark. Er hatte auf jede Frage die richtige Antwort bereit. �Das wei� niemand. Er war mit Mr. Phelan allein. Weitere Zeugen gibt es nicht. Was auch immer Mr.</p><p>Snead sagt, ist die Wahrheit.�</p><p>�Das kommt mir zweifelhaft vor�, sagte Hemba.</p><p>�Haben Sie einen besseren Vorschlag?� knurrte Grit, der seine vierte Mimosa trank.</p><p>Als Mitarbeiter einer gro�en Kanzlei waren Hemba und Hamilton mit dem Schmutz der Stra�e bisher nicht in Ber�hrung gekommen. Das bedeutete nicht, dass sie oder ihresgleichen nicht k�uflich waren, aber ihre Mandanten waren Gro�unternehmen, die mit Hilfe von Lobbyisten Politiker bestachen, um gro�e Regierungsauftr�ge zugeschanzt zu bekommen, und die f�r ausl�ndische Despoten Geld auf Schweizer Konten in Sicherheit brachten, wozu sie sich ihrer vertrauensw�rdigen Anw�lte bedienten. Aber weil sie Mitarbeiter einer gro�en Kanzlei waren, sahen sie nat�rlich auf die Art standeswidrigen Verhaltens herab, das Hark anregte und das von Grit, Bright und den anderen Winkeladvokaten offenbar gutgehei�en wurde.</p><p>�Ich wei� nicht recht, ob unser Mandant damit einverstanden w�re�, sagte Hamilton.</p><p>�Ihr Mandant springt sofort darauf an�, sagte Hark. Es war fast ein Witz, dass jemand TJ Phelan moralische Anwandlungen zutraute. �Wir kennen ihn besser als Sie. Die Frage ist eher, ob Sie da mitmachen wollen.� �Wollen Sie damit andeuten, dass wir, die Anw�lte, die f�nf-hunderttausend Dollar Anzahlung aufbringen?� fragte Hemba im Ton tiefster Verachtung.</p><p>�Genau das�, sagte Hark.</p><p>�Unsere Kanzlei w�rde derlei nie auch nur erw�gen.�</p><p>�Dann wird er sich eine andere suchen�, meldete sich Grit zu Wort. �Vergessen Sie nicht, dass Sie die vierte in einem Monat sind.�</p><p>In der Tat hatte Troy Junior bereits gedroht, der Kanzlei das Mandat zu entziehen. Also h�rten die beiden schweigend mit an, was Hark zu sagen hatte.</p><p>�Um die Peinlichkeit zu vermeiden, dass jeder von uns einen entsprechenden Betrag vorlegen muss, habe ich eine Bank ausfindig gemacht, die bereit ist, f�nfhunderttausend Dollar auf ein Jahr zur Verf�gung zu stellen. Wir brauchen lediglich sechs Unterschriften daf�r. Ich selbst habe bereits unterschrieben.�</p><p>�Ich unterzeichne das verdammte Ding�, sagte Bright in bester Macho-Manier. Er war furchtlos, weil er nichts zu verlieren hatte.</p><p>�Ich will das noch einmal genau wissen�, sagte Yancy. �Erst zahlen wir, dann redet Snead. Ist das richtig?�</p><p>�Das ist richtig.�</p><p>�Sollten wir uns nicht zuerst mal seine Version anh�ren?�</p><p>�Daran muss noch gefeilt werden. Das ist ja das Sch�ne an der Sache. Sobald wir ihn bezahlt haben, geh�rt er uns. Wir k�nnen seine Au�age entsprechend unseren Bed�rfnissen hinbiegen. Vergessen Sie nicht, es gibt keine anderen Zeugen, eventuell mit Ausnahme einer Sekret�rin.�</p><p>�Und was soll die kosten?� fragte Grit.</p><p>�Nichts. Die kriegen wir als Dreingabe.� Wie oft in seiner beruflichen Laufbahn hatte ein Anwalt schon Gelegenheit, sich seinen Anteil aus dem zehntgr��ten Verm�gen des Landes herauszuschneiden? Die Anw�lte rechneten leise f�r sich. Ein kleines Risiko jetzt, und sp�ter eine Goldmine.</p><p>Ms. Langhorne �berraschte die anderen mit den Worten: �Ich werde meiner Kanzlei vorschlagen, dass wir uns dem Abkommen anschlie�en. Aber jeder muss dar�ber schweigen wie ein Grab.�</p><p>�Wie ein Grab�, wiederholte Yancy. �So etwas k�nnte uns die Zulassung kosten; au�erdem w�rden wir, wenn es herausk�me, wahrscheinlich unter Anklage gestellt. Anstiftung zur Falschaussage ist eine Straftat.� �Sie haben das nicht richtig verstanden�, sagte Grit. �Es kann keine Falschaussage geben. Was die Wahrheit ist, bestimmt Snead, und niemand au�er ihm. Wenn er sagt, dass er bei der Abfassung des Testaments mitgewirkt hat und der Alte damals verr�ckt war - wer auf der Welt kann was dagegen sagen? Es ist einfach eine gl�nzende Gelegenheit. Ich unterschreibe.�</p><p>�Das sind dann schon vier�, sagte Hark.</p><p>�Ich unterschreibe auch�, sagte Yancy.</p><p>Hemba und Hamilton waren unschl�ssig. �Wir m�ssen das mit unserer Kanzlei abkl�ren�, sagte Hamilton schlie�lich.</p><p>�M�ssen wir Sie daran erinnern, dass das hier vertraulich ist?� fragte Bright. Es war nicht ohne Komik, dass der Stra�enk�mpfer aus den Abendkursen die Herausgeber juristischer Fachzeitschriften an die Standesrichtlinien erinnerte.</p><p>�Nein�, sagte Hemba, �das m�ssen Sie nicht.�</p><p>Hark w�rde Rex anrufen, ihm die Sache schildern, worauf dieser seinen Bruder TJ anrufen und ihm mitteilen w�rde, dass seine neuen Anw�lte die Abmachung torpedierten. Binnen achtundvierzig Stunden w�ren Hemba und Hamilton Schnee von gestern.</p><p>�Machen Sie schnell�, warnte Hark sie. �Mr. Snead behauptet, er sei pleite, und hat absolut nichts dagegen, eine Abmachung mit der Gegenseite zu treffen.�</p><p>�Wo wir gerade davon sprechen�, sagte Langhorne, �wissen wir inzwischen mehr �ber die Gegenseite? Wir alle fechten das Testament an. Irgend jemand muss es ja annehmen. Wo steckt diese Rachel Lane?�</p><p>�Sie h�lt sich offenbar verborgen�, sagte Hark. �Josh hat mir versichert, dass seine Leute wissen, wo sie sich aufh�lt, und Kontakt mit ihr haben, und dass sie im Begriff steht, Anw�lte mit der Wahrnehmung ihrer Interessen zu beauftragen.�</p><p>�Bei elf Milliarden will ich das schwer hoffen�, f�gte Grit hinzu.</p><p>Sie dachten eine Weile �ber den Betrag nach, teilten ihn in Gedanken durch sechs und rechneten sich ihren eigenen Anteil aus. F�nf Millionen f�r Snead schienen wirklich nicht �bertrieben.</p><p>Jevy und Nate erreichten am fr�hen Nachmittag die Handelsniederlassung. Der Au�enbordmotor setzte immer wieder aus, und Jevy hatte kaum noch Benzin. Fernando, der Ladenbesitzer, lag in einer H�ngematte auf der Veranda, um der gl�henden Sonne zu entgehen. Er war schon alt, ein bew�hrter Veteran des Flusses, der noch Jevys Vater gekannt hatte.</p><p>Die beiden M�nner halfen Nate aus dem Boot. Er gl�hte wieder vor Fieber. Seine Beine waren gef�hllos und schwach. Sie schoben und zogen ihn Zentimeter f�r Zentimeter �ber den schmalen Anleger und die Stufen zur Veranda hinauf. Nachdem sie ihn in die H�ngematte bugsiert hatten, berichtete Jevy rasch, was in der vergangenen Woche geschehen war. Fernando entging nichts auf dem Fluss.</p><p>�Die Santa Loura ist gesunken�, sagte er. �Es war ein schreckliches Unwetter.�</p><p>�Haben Sie Welly gesehen?� fragte Jevy.</p><p>�Ja. Ein Viehtransporter hat ihn aus dem Wasser gefischt. Sie haben hier angelegt. Er hat mir die Geschichte erz�hlt. Bestimmt ist er mittlerweile wieder in Corumba.�</p><p>Jevy war erleichtert, dass Welly noch lebte. Der Verlust des Bootes allerdings war schlimm. Die Santa Loura hatte zu den besseren Booten im Pantanal geh�rt, und er war f�r ihren Untergang verantwortlich.</p><p>Fernando sah Nate aufmerksam an, w�hrend sie redeten. Nate konnte kaum h�ren, was sie sagten, und bestimmt nichts davon verstehen. Doch selbst, wenn er etwas verstanden h�tte, w�re es ihm gleichg�ltig gewesen.</p><p>�Das ist keine Malaria�, sagte Fernando und legte einen Finger auf den Ausschlag an Nates Nacken. Jevy trat an die H�ngematte und sah seinen Gef�hrten an. Nates Haar war verfilzt und nass, die geschwollenen Augen waren immer noch geschlossen.</p><p>�Und was ist es dann?� fragte er.</p><p>�Denguefieber. Bei Malaria gibt es keinen solchen Hautausschlag.�</p><p>�Denguefieber?�</p><p>�Ja. Es wird ebenfalls von Moskitos �bertragen und �hnelt der Malaria: Fieber, Sch�ttelfrost, Muskel- und Gelenkschmerzen. Aber an dem Ausschlag sieht man, dass es Dengue ist.�</p><p>�Das hatte mein Vater mal. Er war damals sehr krank.�</p><p>�Du musst ihn so schnell wie m�glich nach Corumba bringen.�</p><p>�Kann ich mir Ihren Motor ausleihen?�</p><p>Fernandos Boot lag unter dem bauf�lligen Geb�ude. Der Au�enbordmotor war in besserem Zustand als der Jevys, und er hatte f�nf PS mehr. Sie tauschten die Motoren und f�llten Kanister. Nach einer Stunde in der H�ngematte wurde der arme Nate wieder �ber den Anleger ins Boot geschleppt und dort unter das Zelt gebettet. Er war kaum bei Bewusstsein und merkte fast nichts von dem, was geschah.</p><p>Es war beinahe halb drei. Bis Corumba brauchte man neun oder zehn Stunden. Jevy gab Fernando die Telefonnummer von Senhor Ruiz. Manche Boote auf dem Paraguay verf�gten �ber Funk. Jevy bat Fernando, den Anwalt von der j�ngsten Entwicklung in Kenntnis zu setzen, falls eins vorbeikommen sollte.</p><p>Mit Vollgas fuhr er davon, hocherfreut, wieder ein Boot zu haben, das den Fluss rasch durchschnitt. Das Kielwasser sch�umte hinter ihm auf.</p><p>Das Denguefieber konnte t�dlich verlaufen. Sein Vater hatte eine ganze Woche mit dem Tod gerungen, entsetz-</p><p>liche Kopfschmerzen und starke Fieberanf�lle gehabt. Seine Augen hatten so weh getan, dass die Mutter ihn tagelang in einen verdunkelten Raum gelegt hatte. Er war ein z�her Flussschiffer, der Verletzungen und Schmerzen zu ertragen verstand, und als Jevy ihn wie ein kleines Kind jammern h�rte, war ihm klar, dass sein Vater im Sterben lag. Der Arzt war jeden zweiten Tag gekommen, und schlie�lich hatte das Fieber aufgeh�rt.</p><p>Von Nate konnte er nur die F��e sehen, die unter dem Zelt vorstanden, sonst nichts. Bestimmt w�rde er nicht sterben.</p></section><section><title><p>DREIUNDDREISSIG</p></title><p>Er wurde einmal f�r kurze Zeit wach, konnte aber nichts sehen. Als er das n�chste Mal aufwachte, war es dunkel. Er wollte Jevy bitten, ihm etwas zu trinken zu geben, einen Schluck Wasser und vielleicht einen Bissen Brot. Aber seine Stimme gehorchte ihm nicht. Es kostete ihn gro�e M�he zu sprechen, vor allem weil er den L�rm des Motors �bert�nen musste. Seine schmerzenden Gelenke zogen ihn zu einem Kn�uel zusammen. Er war mit der Aluminiumhaut des Bootes wie verschmo lzen.</p><p>Rachel lag neben ihm unter dem stinkenden Zelt. Auch sie hatte die Knie eng an den K�rper gezogen. Wie damals, als sie vor ihrer H�tte auf dem Boden und sp�ter auf der Bank unter dem Baum am Fluss gesessen hatten, ber�hrten ihre Knie einander ganz leicht. Eine Frau, die danach hungerte, die unschuldige Ber�hrung eines anderen Menschen zu sp�ren. Sie hatte elf Jahre unter den Ipicas gelebt, deren Nacktheit bei einem Menschen, der aus der Zivilisation kam, f�r einen gewissen Abstand sorgte. Schon eine einfache Umarmung war eine komplizierte Angelegenheit. Wo h�lt man den anderen? Wo t�tschelt man ihn? Wie lange dr�ckt man ihn an sich? Bestimmt hatte sie keinen der M�nner je anger�hrt.</p><p>Er wollte sie k�ssen, und sei es nur auf die Wange, denn offensichtlich hatte sie Jahre ohne ein solches Zeichen der Zuneigung auskommen m�ssen. �Wie lange liegt Ihr letzter Kuss zur�ck, Rachel?� wollte er sie fragen. �Sie waren doch mal verliebt. Wie weit sind Sie gegangen?�</p><p>Aber er behielt seine Fragen f�r sich, und sie unterhielten sich statt dessen �ber Menschen, die sie nicht kannten. Sie hatte einmal eine Klavierlehrerin gehabt, deren Atem so schlecht war, dass sich die wei�en Tasten gelb verf�rbten. Er hatte einen Lacrosse-Trainer gehabt, der von der H�fte abw�rts gel�hmt war, weil er sich bei einem Lacrosse-Spiel das R�ckgrat gebrochen hatte. Eine junge Frau in ihrer Kirchengemeinde war schwanger geworden, und ihr Vater hatte sie von der Kanzel herab �ffentlich verdammt. Eine Woche sp�ter hatte sie sich das Leben genommen. Einer seiner Br�der war an Leuk�mie gestorben.</p><p>Er rieb ihr die Knie, und es schien ihr zu gefallen. Aber das war das �u�erste. Einer Missionarin gegen�ber durfte man sich nichts herausnehmen.</p><p>Sie war gekommen, um zu verhindern, dass er starb. Zweimal hatte sie selbst gegen die Malaria gek�mpft. Das Fieber kommt und geht, der Sch�ttelfrost packt den Kranken mit eiskalter Faust im Unterleib und h�rt dann wieder auf. Die �belkeit meldet sich immer wieder. Dann sp�rt man stundenlang nichts. Sie t�tschelte seinen Arm und versprach ihm, dass er nicht sterben w�rde. Das sagt sie jedem, dachte er. Der Tod w�re ihm willkommen.</p><p>Dann sp�rte er auf einmal keine Ber�hrung mehr. Er �ffnete die Augen und streckte die Hand nach Rachel aus, aber sie war fort.</p><p>Jevy h�rte ihn zweimal im Fieber phantasieren. Beide Male legte er an und nahm das Zelt von Nate. Er gab ihm Wasser zu trinken und goss ihm vorsichtig etwas davon �ber das schwei�nasse Haar.</p><p>�Wir sind fast da�, sagte er immer wieder. �Es dauert nicht mehr lange.�</p><p>Als er die ersten Lichter von Corumba in der Ferne auf dem H�gel aufblitzen sah, traten ihm Tr�nen in die Augen. Zwar hatte er diese Lichter schon oft gesehen, wenn er aus dem n�rdlichen Pantanal heimkehrte, doch noch nie waren sie ihm so willkommen gewesen. Er z�hlte sie, bis sie zu einem ununterscheidbaren Fleck verschmo l-zen.</p><p>Es war fast elf Uhr abends, als er ins seichte Wasser sprang und das Boot an den br�chigen Betonanleger zog. Niemand war zu sehen. Er lief den H�gel hinauf zu einer Telefonzelle.</p><p>Senhor Valdir Ruiz sa� im Schlafanzug vor dem Fernseher und rauchte die letzte Zigarette des Tages, ohne auf die Vorhaltungen seiner Frau zu achten, als das Telefon klingelte. Er nahm gelassen ab, sprang dann aber mit einem Satz auf.</p><p>�Was gibt es?� fragte seine Frau, als er zum Schlafzimmer rannte.</p><p>�Jevy ist zur�ck�, antwortete er �ber die Schulter.</p><p>�Wer ist das?�</p><p>Als er angekleidet wieder an ihr vorbeiging, sagte er: �Ich gehe zum Fluss.� Nichts h�tte ihr gleichg�ltiger sein k�nnen.</p><p>Aus dem Auto rief er einen befreundeten Arzt an, der gerade zu Bett gegangen war, und �berredete ihn, am Krankenhaus auf ihn und den Patienten zu warten.</p><p>Als er den Fluss erreichte, sah er Jevy, der unruhig am Anleger auf und ab ging. Der Amerikaner sa� auf einem Stein, der Kopf lag auf den Knien. Wortlos hoben sie ihn vorsichtig auf den R�cksitz, dann fuhr Ruiz davon,</p><p>dass der Kies hinter den Reifen aufspritzte.</p><p>Er hatte so viele Fragen, dass er nicht wusste, mit welcher er anfangen sollte. Die Vorw�rfe konnten warten. �Wann ist er krank geworden?� fragte er auf portugiesisch. Jevy sa� neben ihm, rieb sich die Augen und versuchte, wach zu bleiben. Zum letzten Mal geschlafen hatte er im Indianerdorf. �Ich wei� nicht�, sagte er. �Die Tage gehen ineinander �ber. Er hat Denguefieber. Der Ausschlag zeigt sich am vierten oder f�nften Tag, und ich glaube, er hat ihn jetzt seit zwei Tagen. Ich wei� es aber nicht genau.�</p><p>Ohne auf Schilder und Ampeln zu achten, jagten sie durch die Stadt. Es gab nur wenig Verkehr. Die Stra�encafes schl�ssen allm�hlich.</p><p>�Haben Sie die Frau gefunden?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wo?�</p><p>�In der N�he des Gebirges. Ich vermute, dass das in Bolivien liegt. Einen Tag s�dlich von Porto Indio.�</p><p>�Ist das Dorf auf der Karte eingezeichnet?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Und wie haben Sie sie dann gefunden?�</p><p>Kein Brasilianer w�rde je zugeben, dass er sich verirrt hatte, schon gar nicht ein erfahrener F�hrer wie Jevy. Das w�rde nicht nur seinem Selbstwertgef�hl schaden, sondern unter Umst�nden auch dem Gesch�ft. �Wir waren in einem �berschwemmten Gebiet, wo Karten �berhaupt nichts n�tzen. Ich bin da auf einen Fischer gesto�en, der uns Auskunft gegeben hat. Wie geht es Welly?�</p><p>�Gut. Das Boot ist verloren.� Valdir machte sich weit gr��ere Sorgen um das Boot als um dessen Matrosen.</p><p>�Ein solches Unwetter wie die drei, die wir mitgemacht haben, hab ich noch nie erlebt.�</p><p>�Was hat die Frau gesagt?�</p><p>�Ich wei� nicht. Ich habe gar nicht mit ihr gesprochen.�</p><p>�War sie �berrascht, Sie zu sehen?�</p><p>�Eigentlich nicht. Sie hat ziemlich gelassen auf mich gewirkt. Ich glaube, sie kann unseren Freund dahinten gut leiden.�</p><p>�Was ist bei der Begegnung herausgekommen?�</p><p>�Fragen Sie ihn.�</p><p>Nate lag zusammengekr�mmt auf dem R�cksitz und h�rte nichts. Da Jevy wohl nichts wusste, drang Senhor Ruiz auch nicht weiter in ihn. Die Anw�lte konnten sp�ter miteinander reden, sobald Nate dazu imstande war.</p><p>Ein Rollstuhl wartete auf dem B�rgersteig, als sie am Krankenhaus eintrafen. Sie setzten Nate hinein und folgten dem Pfleger. Die Luft war warm und feucht und noch sehr hei�. Auf den Eingangsstufen zum Krankenhaus rauchten ein Dutzend Schwestern und Helfer in wei�er Tracht ihre Zigaretten und unterhielten sich leise miteinander. Das Krankenhaus hatte keine Klimaanlage.</p><p>Der mit Valdir befreundete Arzt war kurz angebunden und kam direkt zur Sache. Der Papierkram konnte bis zum n�chsten Morgen warten. Sie schoben Nate durch die leere Vorhalle und mehrere G�nge in ein kleines Untersuchungszimmer, wo eine schl�frige Schwester ihn in Empfang nahm. Jevy und der Anwalt sahen aus einer Ecke zu, wie sie und der Arzt den Patienten entkleideten. Dann wusch sie ihn mit alkoholgetr�nkten wei�en T�chern. Aufmerksam sah sich der Arzt den Ausschlag an, der am Kinn begann und bis zur H�fte reichte. Nates Haut war von M�ckenstichen �bers�t, von denen er viele aufgekratzt hatte. Sie ma�en seine Temperatur, seinen Blutdruck und seinen Puls.</p><p>�Sieht ganz nach Denguefieber aus�, sagte der Arzt nach zehn Minuten. Dann schnurrte er eine Reihe von Anweisungen f�r die Schwester herunter, die kaum zuh�rte, weil sie Erfahrung mit solchen F�llen hatte. Sie machte sich daran, Nate die Haare zu waschen.</p><p>Nate murmelte etwas, doch es betraf keinen der Anwesenden. Seine geschwollenen Lider waren nach wie vor geschlossen. Er hatte sich seit einer Woche nicht rasiert und sah aus wie jemand, der in der Gosse vor einer Kneipe lebt.</p><p>� Er hat hohes Fieber und redet wirr �, sagte der Arzt. �Wir werden ihm intraven�s Antibiotika und Schmerzmittel geben. Au�erdem bekommt er viel Wasser und sp�ter vielleicht etwas zu essen.�</p><p>Die Schwester legte eine dicke Mullbinde auf Nates Augen, die sie dann mit Heftpflaster an den Ohren befestigte. Anschlie�end legte sie ihn an den Tropf, holte ein gelbes Fl�gelhemd aus einer Schublade und streifte es ihm �ber.</p><p>Der Arzt kontrollierte erneut Nates Temperatur. �Sie m�sste bald zur�ckgehen�, sagte er zur Schwester. �Sollte das nicht der Fall sein, rufen Sie mich zu Hause an.� Er sah auf die Uhr.</p><p>�Danke�, sagte Valdir.</p><p>�Ich sehe morgen fr�h nach ihm�, sagte der Arzt und ging.</p><p>Jevy wohnte am Rande der Stadt, wo die H�user klein und die Stra�en ungepflastert waren. W�hrend Senhor Ruiz ihn nach Haus fuhr, schlief er zweimal ein.</p><p>Mrs. Stafford war nach London gereist, um Antiquit�ten zu erwerben. Das Telefon klingelte ein Dutzend Mal, bevor Josh abnahm. Auf der Uhr am Bett sah er, dass es kurz vor halb drei in der Nacht war.</p><p>�Hier spricht Valdir�, ert�nte eine Stimme.</p><p>�Ach ja, Valdir.� Josh rieb sich die Haare und blinzelte. �Sie Sollten mir besser was Angenehmes mitzuteilen</p><p>haben.� �Ihr Mann ist zur�ck.� �Gott sei Dank.� �Allerdings ist er sehr krank.� �Was?! Was hat er denn?� �Denguefieber. Das ist so �hnlich wie Malaria. Es wird von Moskitos �bertragen. Hier in der Gegend kommt das ziemlich oft vor.�</p><p>�Ich dachte, er h�tte Mittel gegen alle Krankheiten dabei.� Inzwischen war Josh aus dem Bett gesprungen. �Gegen Denguefieber gibt es keine solchen Mittel.� �Er wird doch nicht sterben, oder?�</p><p>�Nein. Er ist im Krankenhaus. Ich habe einen guten Freund, der Arzt ist und der sich um ihn k�mmert. Er sagt, dass er wieder auf die Beine kommt.�</p><p>�Wann kann ich mit ihm reden?�</p><p>�Vielleicht morgen. Er hat hohes Fieber und ist bewusstlos.� �Hat er die Frau gefunden?� �Ja.�</p><p>Gut gemacht, dachte Josh. Erleichtert stie� er die Luft aus und setzte sich auf die Bettkante. Sie war also tats�chlich da drau�en. �Geben Sie mir seine Zimmernummer.�</p><p>�Die haben hier keine Telefone auf den Zimmern.� �Es ist aber doch ein Einzelzimmer, nicht wahr? Geld spielt in diesem Fall wirklich keine Rolle. Sagen Sie, k�mmert man sich auch richtig um ihn?�</p><p>�Er ist in guten H�nden. Aber das Krankenhaus ist ein wenig anders als bei Ihnen.�</p><p>�Meinen Sie, dass ich runterkommen sollte?� �Wenn Sie wollen. N�tig ist es nicht. Sie k�nnen das Krankenhaus nicht �ndern. Er hat einen guten Arzt.� �Wie lange muss er dort bleiben?� �Ein paar Tage. Morgen fr�h wissen wir mehr.� �Rufen Sie mich so bald wie m�glich an. Unbedingt. Ich muss schnellstens mit ihm reden.�</p><p>�Ja, das tue ich.�</p><p>Josh ging in die K�che, um sich Eiswasser zu holen. Dann schritt er in seinem Wohnzimmer auf und ab. Als er um drei merkte, dass er nicht wieder einschlafen w�rde, machte er sich eine Kanne starken Kaffee und suchte sein Arbeitszimmer im Keller auf.</p><p>Weil Nate ein reicher Amerikaner war, wurde an nichts gespart. Er bekam die besten Medikamente, die es in der Krankenhausapotheke gab. Das Fieber ging ein wenig zur�ck, die Schwei�ausbr�che h�rten auf. Die Schmerzen verschwanden dank der Wirkung bester amerikanischer Arzneimittel. Als ihn die Schwester und ein Pfleger zwei Stunden nach seiner Ankunft im Krankenhaus in das f�r ihn vorgesehene Zimmer schoben, schnarchte er laut. Bis zum n�chsten Morgen w�rde er sich ein Zimmer mit f�nf anderen Patienten teilen m�ssen. Zum Gl�ck hatte er eine Binde �ber den Augen und war nicht bei Bewusstsein. Er konnte die offenen Wunden nicht sehen, nicht das unkontrollierte Zittern des alten Mannes neben ihm und auch nicht die leblos wirkende verschrumpelte Ge s-talt auf der anderen Seite des Zimmers. Er konnte die Exkremente nicht riechen.</p></section><section><title><p>VIERUNDDREISSIG</p></title><p>Obwohl alles, was Rex Phelan besa�, auf den Namen seiner Frau eingetragen war und er den gr��ten Teil seines Erwachsenenlebens finanziell am G�ngelband gehalten worden war, konnte er mit Zahlen umgehen - eine der wenigen Begabungen, die er von seinem Vater geerbt hatte. Er war der einzige Phelan-Erbe, der das Beharrungsverm�gen und die F�higkeit besa�, alle sechs Anfechtungsklagen gegen Troys Testament von vorn bis hinten zu lesen. Als er damit fertig war, ging ihm auf, dass sechs Kanzleien im gro�en und ganzen dieselbe Arbeit leisteten. In manchen F�llen kam es ihm vor, als seien die juristischen Formulierungen aus der vorigen oder der vorvorigen Eingabe Wort f�r Wort abgeschrieben worden.</p><p>Sechs Kanzleien, die denselben Kampf f�hrten, und jede von ihnen wollte ein unm��ig gro�es St�ck von dem zu verteilenden Kuchen. Es war an der Zeit, dass die Angeh�rigen eine Spur Familiensinn zeigten. Er beschloss, mit seinem Bruder TJ zu beginnen. Das schien ihm am einfachsten, weil es so aussah, als ob sich dessen Anw�lte an die Standesrichtlinien klammerten.</p><p>Telefonisch teilte er Troy Junior mit, dass es ein Gebot der wirtschaftlichen Klugheit sei, das Kriegsbeil zu begraben. Die Br�der vereinbarten, sich heimlich zu treffen, damit es keinen �rger mit ihren Frauen gab, die einander nicht au�tehen konnten.</p><p>Sie trafen sich zum Fr�hst�ck in einer Imbissstube in einem Vorort und redeten eine Weile �ber Football, w�hrend sie Waffeln vertilgten. Es zeigte sich, dass sie ganz gut miteinander auskamen. Dann sprach Rex die Snead-Geschichte an. �Das ist ein Hammer�, erkl�rte er. �Je nachdem, was der Mann sagt, kann er uns buchst�blich zugrunde richten oder reich machen.� Er schm�ckte die Geschichte aus und kam schlie�lich auf die Zahlungsverpflichtung zu sprechen, welche die Anw�lte unterschreiben wollten, alle bis auf die von Troy Junior beauftragten. �Deine Anw�lte versauen die Sache�, sagte er finster und sah sich misstrauisch um, als s��en Spione an der Imbisstheke.</p><p>�Der Schweinehund will also f�nf Millionen?� fragte Troy Junior, der das Snead nach wie vor nicht recht zutraute.</p><p>�Das ist so gut wie geschenkt. Er ist bereit zu sagen, dass er als einziger in der N�he war, als unser Vater das Testament abgefasst hat. Wir m�ssen unbedingt verhindern, dass er uns um unser Erbe bringt. Als Anzahlung will er nur eine halbe Million. Sp�ter k�nnen wir ihn immer noch um den Rest beschei�en.�</p><p>Dieser Plan gefiel Troy Junior. Den Anwalt zu wechseln war f�r ihn nichts Neues. W�re er ehrlich gewesen, h�tte er zugegeben, dass ihn die Kanzlei, f�r die Hemba und Hamilton arbeiteten, einsch�chterte. Vierhundert</p><p>Anw�lte. Eine mit Marmor ausgekleidete Eingangshalle. Gem�lde an den W�nden. Irgend jemand musste das Geld f�r den guten Geschmack dieser Leute aufbringen.</p><p>Rex kam auf etwas anderes zu sprechen. �Hast du die sechs Schrifts�tze gelesen?� fragte er.</p><p>Troy Junior zerbiss eine Erdbeere und sch�ttelte den Kopf. Er hatte nicht einmal den in seinem Namen eingereichten gelesen. Hemba und Hamilton hatten mit ihm dar�ber gesprochen, und er hatte unterschrieben. Es war ein dicker Stapel gewesen, und Biff hatte im Auto vor der T�r gewartet.</p><p>�Nun, ich habe sie alle gr�ndlich gelesen, und in allen steht genau dasselbe. Jede dieser sechs Kanzleien tut haargenau, was auch die anderen tun: Sie alle fechten dasselbe Testament an. Es ist absurd.�</p><p>�Daran habe ich auch schon gedacht�, beeilte sich Troy Junior seinem Bruder zu versichern.</p><p>�Und alle sechs hoffen darauf, reich zu werden, wenn wir zu einer Einigung kommen. Wie viel kriegen deine Leute?�</p><p>�Wie viel zahlst du Hark Gettys?�</p><p>�F�nfundzwanzig Prozent.�</p><p>�Meine wollten drei�ig. Wir haben uns auf zwanzig geeinigt.� Troy Junior strahlte vor Stolz, dass es ihm gelungen war, mehr herauszuhandeln als Rex.</p><p>�Sehen wir uns doch mal die Zahlen an�, fuhr Rex fort. �Stellen wir uns vor, wir verpflichteten Snead. Er sagt, was n�tig ist, wir haben unsere Seelenheinis, die Kacke beginnt zu dampfen, und die Gegenseite erkl�rt sich zu einem Vergleich bereit. Angenommen, jeder Erbe bekommt, was wei� ich, sagen wir zwanzig Millionen. Das w�ren vierzig hier an diesem Tisch. F�nf kriegt Hark, vier gehen an deine Jungs. Das sind neun, bleiben einunddrei�ig f�r uns beide.�</p><p>�Damit w�re ich einverstanden.�</p><p>�Ich auch. Aber wenn wir deine Jungs aus dem Spiel lassen und uns zusammentun, ist Hark sicher bereit, bei seinem Honorarsatz Zugest�ndnisse zu machen. Wir brauchen diese vielen Anw�lte nicht, TJ. Das sind lauter Trittbrettfahrer, die nur darauf warten, unser Geld einzusacken.�</p><p>�Ich kann Hark Gettys nicht au�tehen.� �Von mir aus. Dann verhandle ich mit ihm. Du sollst dich ja auch nicht mit ihm anfreunden.�</p><p>�Warum setzen wir nicht Hark auf die Stra�e und bleiben bei meinen Leuten?�</p><p>�Weil er derjenige ist, der Snead aufgetrieben hat. Er hat auch die Bank aufgetrieben, die das Geld vorschie�t, mit dem wir Snead kaufen k�nnen. Au�erdem ist er bereit, die Papiere zu unterschreiben, w�hrend deine Leute Bedenken haben. Das ist eine h�ssliche Angelegenheit, TJ, und Hark wei�, wie man so was handhabt.�</p><p>�Ich halte ihn f�r einen korrupten Sauhund.� �Ist er auch! Aber er steht auf unserer Seite. Wenn wir uns zusammentun, bekommt er statt f�nfundzwanzig nur zwanzig Prozent. Falls wir Mary ROSS auch mit auf unsere Seite ziehen k�nnen, geht er sicher auf siebzehneinhalb runter, und mit Libbigail auf f�nfzehn.� �Die kriegen wir nie.� �Es besteht zumindest die M�glichkeit. Wenn wir zu dritt sind, ist vielleicht auch Libbigail bereit, sich die Sache anzuh�ren.�</p><p>�Und was ist mit dem Schl�gertyp, mit dem sie verheiratet ist?� Troy Junior stellte diese Frage in vollem Ernst, als w�re nicht sein Bruder mit einer Stripperin verheiratet.</p><p>�Wir nehmen uns einen nach dem anderen vor. Erst m�ssen wir uns einigen, dann reden wir mit Mary ROSS. Ihr Anwalt Grit scheint mir keine besondere Leuchte zu sein.�</p><p>�Es hat keinen Sinn, sich zu streiten�, sagte Troy Junior betr�bt.</p><p>�Das w�rde uns ein verdammtes Verm�gen kosten. H�chste Zeit f�r einen Waffenstillstand.�</p><p>�Mama wird stolz sein.�</p><p>Das hochliegende Gel�nde am Xeco kannten die Indianer schon seit Jahrhunderten. Es diente ihnen als Lager f�r Fischer, die bisweilen �ber Nacht fortblieben, und als Rastplatz bei Fahrten auf den Fl�ssen. Rachel, Lako und ein weiterer Indianer namens Ten dr�ngten sich unter einem strohgedeckten Schutzdach aneinander und warteten auf das Ende des Unwetters. Das Dach war undicht, und der Wind blies ihnen den Regen von der Seite ins Gesicht. Das Kanu lag zu ihren F�ssen. Sie hatten es vom Fluss hergeschleppt, nachdem sie eine entsetzliche Stunde lang gegen das Unwetter angek�mpft hatten. Rachel war bis auf die Haut durchn�sst, aber zumindest war das Regenwasser warm. Mit Ausnahme einer Schnur um die H�ften und einer Lederh�lle f�r ihre Geschlechtsteile waren die M�nner nackt.</p><p>Fr�her hatte sie ein h�lzernes Boot mit einem alten Au�enbordmotor gehabt. Es hatte den Coopers geh�rt, ihren Vorg�ngern. Wenn Benzin da war, hatte sie es f�r Fahrten zwischen den vier Ipica-D�rfern benutzt. Au�erdem war sie damit nach Corumba gefahren, zwei lange Tage auf dem Hinweg und vier zur�ck.</p><p>Schlie�lich hatte der Motor den Geist aufgegeben, und Geld f�r einen neuen gab es nicht. Jahr f�r Jahr hatte sie, immer wenn sie bei der Missionsgesellschaft ihren bescheidenen Etat vorlegte, gebeten, ihr einen neuen Au�enbordmotor oder zumindest einen guten gebrauchten zur Verf�gung zu stellen. Sie hatte in Corumba einen gesehen, der f�r dreihundert Dollar zu haben war. Aber Geld war �berall auf der Welt knapp. Was sie bekam, brauchte sie f�r Medikamente und religi�se Schriften. Beten Sie weiter, hatte es jedes Mal gehei�en. Vielleicht im n�chsten Jahr.</p><p>Sie hatte das widerspruchslos hingenommen. Wenn der Herr es wollte, w�rde sie einen neuen Au�enbordmotor bekommen. �ber das Ob und Wann zu entscheiden war nicht ihre Aufgabe. Das stand allein Ihm zu.</p><p>Da sie �ber kein Boot verf�gte, zog sie zu Fu� zwischen den D�rfern umher, fast immer in Begleitung des hin-</p><p>kenden Lako. Und einmal im Jahr, jeweils im August, brachte sie den H�uptling dazu, ihr ein Kanu und einen F�hrer f�r die Fahrt zum Paraguay zur Verf�gung zu stellen. Dort wartete sie auf ein Viehtransportboot oder eine chalana nach S�den. Zwei Jahre zuvor hatte sie drei Tage warten m�ssen und im Stall einer kleinen Fazenda am Fluss �bernachtet. In diesen drei Tagen war aus der Fremden erst eine Freundin und dann eine Missionarin geworden, denn der Bauer und seine Frau hatten sich dank ihrer Lehre und ihres Gebets zum Christentum bekehrt. Bei ihnen w�rde sie am n�chsten Tag auf ein Boot nach Corumba warten.</p><p>Der Wind pfiff durch das Schutzdach. Sie hielt Lakos Hand, und sie beteten gemeinsam - nicht um ihre eigene Sicherheit, sondern um die Gesundheit ihres Freundes Nate.</p><p>Mr. Stafford lie� sich sein Fr�hst�ck aus Getreideflocken und Obst am Schreibtisch servieren. Er war nicht bereit, das B�ro zu verlassen. Als er erkl�rte, er werde den ganzen Tag dableiben, machten sich seine beiden Sekret�rinnen eilends daran, sechs Termine zu verlegen. Um zehn a� er ein Br�tchen, gleichfalls am Schreibtisch. Er rief Senhor Ruiz an und erfuhr, dass er nicht in der Kanzlei sei, sondern irgendwo in der Stadt einen Termin wahrn�hme. Valdir hatte ein Mobiltelefon. Warum hatte er nicht angerufen?</p><p>Ein Mitarbeiter legte ihm eine zweiseitige Zusammenfassung �ber Denguefieber vor, die er aus dem Internet gefischt hatte. Er teilte ihm mit, dass er einen Termin bei Gericht habe, und wollte wissen, ob Mr. Stafford noch mehr medizinische Aufgaben f�r ihn habe. Mr. Stafford fand das nicht lustig.</p><p>Josh las die Zusammenfassung, w�hrend er sein Br�tchen a�. Darin hie� es, dass es sich bei Denguefieber um eine Virusinfektion handelt, die sich in allen tropischen Gebieten der Erde findet. Sie wird von einer M�cke der Gattung Ae'des �bertragen, die vorwiegend tags�ber sticht. Das erste Anzeichen der Krankheit ist Abgeschla-genheit, darauf folgen rasch starke Kopfschmerzen hinter den Augen sowie leichtes Fieber, das sich bald verst�rkt und von Schwei�ausbr�chen, �belkeit und Erbrechen begleitet wird. W�hrend das Fieber steigt, beginnen die Waden- und R�ckenmuskeln zu schmerzen. Volkst�mlich wird die Krankheit wegen der entsetzlichen Muskel- und Gelenkschmerzen auch als �Knochenbrecherfieber� bezeichnet. Nachdem alle anderen Symptome aufgetreten sind, zeigt sich ein Hautausschlag. Das Fieber kann durchaus etwa einen Tag au�etzen, kehrt aber gew�hnlich verst�rkt zur�ck. Nach etwa einer Woche klingen die Symptome ab, und die Gefahr ist vor�ber. Es gibt weder ein Heilmittel noch einen Impfstoff. Nach einmonatiger Bettruhe und reichlich Fl�ssigkeitsaufnahme kann der Patient als wiederhergestellt gelten.</p><p>So verl�uft die Krankheit in einem minder schweren Fall, doch kann sie auch als h�morrhagisches Denguefieber oder Dengue-Schocksyndrom auftreten. In dieser Form verl�uft sie bisweilen t�dlich, besonders bei Kindern.</p><p>Josh war bereit, Mr. Phelans Privatjet mit einem Arzt, einer Schwester und allem anderen, was n�tig w�re, nach Corumb a zu schicken.</p><p>�Mr. Ruiz�, sagte eine Sekret�rin durch die Gegensprechanlage. Keine anderen Anrufe wurden durchgestellt. Valdir rief aus dem Krankenhaus an. �Ich war gerade bei Mr. O'Riley�, sagte er langsam und deutlich. �Es geht ihm gut, aber er ist nicht vollst�ndig bei Bewusstsein.�</p><p>�Kann er sprechen?� fragte Josh.</p><p>�Nein. Noch nicht. Er bekommt Mittel gegen seine Schmerzen.�</p><p>�Hat er einen guten Arzt?�</p><p>�Den besten. Es ist ein Bekannter von mir. Er ist gerade bei ihm.�</p><p>�Fragen Sie ihn, wann Mr. O'Riley nach Hause fliegen kann. Ich schicke ein privates D�senflugzeug mit einem Arzt nach Corumba.�</p><p>Man h�rte, wie im Hintergrund gesprochen wurde. �Nicht so bald�, berichtete Ruiz. �Er braucht Ruhe, wenn er aus dem Krankenhaus kommt.�</p><p>�Wann wird das sein?�</p><p>Wieder eine Unterhaltung. �Das kann er jetzt noch nicht sagen.�</p><p>Josh sch�ttelte den Kopf und warf die Reste seines Br�tchens in den Papierkorb. �Haben Sie Mr. O'Riley etwas gesagt?� knurrte er ins Telefon.</p><p>�Nein�, sagte Ruiz. �Ich glaube, er schl�ft.�</p><p>�H�ren Sie, es ist sehr wichtig, dass ich so bald wie m�glich mit ihm rede. Ist das klar?�</p><p>�Das verstehe ich. Aber Sie m�ssen Geduld haben.�</p><p>�Ich bin kein geduldiger Mensch.�</p><p>�Das verstehe ich. Aber Sie m�ssen es versuchen.�</p><p>�Rufen Sie mich heute Nachmittag noch einmal an.�</p><p>Josh knallte den H�rer auf die Gabel und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Es war nicht klug gewesen,</p><p>Nate in seinem anf�lligen Zustand den Gefahren der Tropen auszusetzen. Diese Entscheidung war von reiner Bequemlichkeit diktiert worden. Man konnte ihn f�r einige Wochen aus dem Weg schaffen, ihn woanders besch�ftigen, w�hrend die Kanzlei das von ihm hinterlassene Chaos ordnete. Es gab au�er Nate noch vier von Josh handverlesene Juniorpartner in der Kanzlei, die er selbst eingestellt und angelernt hatte. Er hatte sie in einigen Fragen der Gesch�ftsf�hrung um ihre Ansicht gebeten. Als einziger hatte sich Tip f�r Nate ausgesprochen. Die drei anderen wollten, dass er aus der Kanzlei ausschied.</p><p>Nates Sekret�rin war einem anderen Anwalt zugeteilt worden. Ein aufstrebender Kollege hatte in j�ngster Zeit Nates B�ro belegt, und es hie�, er f�hle sich dort ganz heimisch.</p><p>F�r den Fall, dass das Denguefieber dem armen Nate nicht den Garaus machte, wartete bereits der IRS auf ihn.</p><p>Ohne dass jemand etwas davon merkte, lief der Tropf um die Mitte des Tages leer, und es k�mmerte sich auch niemand darum. Mehrere Stunden sp�ter wurde Nate wach. Sein Kopf f�hlte sich leicht an, er sp�rte weder Schmerzen noch Fieber. Seine Glieder waren steif, doch er schwitzte nicht. Er f�hlte die dicke Binde �ber den Augen, ertastete das Heftpflaster, das sie hielt, und beschloss nach einigem �berlegen, einmal nachzusehen. Da die Kan�le des Infusionsschlauchs im linken Arm steckte, zupfte er mit den Fingern der rechten Hand am Pflaster. Er h�rte Stimmen in einem anderen Zimmer und Schritte auf einem harten Boden. Im Gang gingen Menschen hin und her. Irgendwo in seiner N�he st�hnte jemand leise vor Schmerzen.</p><p>Nach einer Weile gelang es ihm, das Heftpflaster von seinen Haaren und seiner Haut zu l�sen, wobei er denjenigen verfluchte, der es angebracht hatte. Er klappte die Binde zur Seite, so dass sie ihm �ber das linke Ohr hing. Das erste, was er sah, war abbl�tternde Farbe, ein stumpfes, ausgebleichtes Gelb an der Wand unmittelbar �ber ihm. Das Licht war ausgeschaltet, durch ein Fenster drangen Sonnenstrahlen herein. Die Deckenfarbe wies ebenfalls Risse auf, unter gro�en schwarzen L�cken hingen Spinnweben. Ein klappriger Ventilator eierte unter der Zimmerdecke.</p><p>Zwei F��e erregten seine Aufmerksamkeit, zwei alte, knotige, mit Narben �bers�te F��e, die von den Zehen bis zur Ferse mit Wunden und Schwielen bedeckt waren. Als er den Kopf ein wenig hob, sah er, dass sie einem verschrumpelten kleinen Mann geh�rten, dessen Bett mit dem Fu�ende fast an seines stie�. Er schien tot zu sein. Das St�hnen kam von der Wand neben dem Fenster. Der arme Kerl in dem Bett da dr�ben war ebenso klein und ebenso verschrumpelt. Er sa� mit verschr�nkten Armen und Beinen fast wie zu einer Kugel zusammengerollt mitten im Bett, als w�re er bewusstlos.</p><p>Die Luft war schwer vom Geruch abgestandenen Urins, menschlicher Exkremente und antiseptischer Mittel. Krankenschwestern lachten auf dem Gang. Von allen W�nden bl�tterte die Farbe. Au�er Nates Bett standen noch f�nf weitere im Raum, alle auf Rollen, einfach ohne erkennbare Ordnung hier und da abgestellt.</p><p>Sein dritter Zimmergenosse lag in der N�he der T�r. Mit Ausnahme einer durchn�ssten Windel war er nackt, und sein ganzer Leib war mit offenen roten Schw�ren bedeckt. Auch er schien tot zu sein, und Nate hoffte im Interesse des Mannes, dass es sich so verhielt.</p><p>Nirgendwo gab es Kn�pfe, auf die man h�tte dr�cken k�nnen, keine Schnur, an der man ziehen konnte, um jemanden herbeizuholen, keine M�glichkeit, Hilfe anzufordern, au�er indem man laut schrie. Dann aber wurden m�glicherweise die Toten wach, erhoben sich von ihren Betten und suchten ihn heim.</p><p>Er wollte davonlaufen, die F��e �ber den Bettrand schwingen, sich den Infusionsschlauch aus dem Arm rei�en und in die Freiheit rennen. Er w�rde sein Gl�ck auf der Stra�e versuchen. Dort gab es bestimmt nicht soviel Krankheit wie hier. Alles war besser als diese Leprastation.</p><p>Aber seine F��e waren wie Ziegelsteine. Nate gab sich gro�e M�he, sie zu heben, doch einer wie der andere r�hrte sich kaum.</p><p>Er lie� den Kopf aufs Kissen sinken, schloss die Augen und �berlegte, ob er weinen sollte. Hier liege ich in einem Land der dritten Welt im Krankenhaus, sagte er immer wieder vor sich hin. Ich bin aus Walnut Hill weggegangen, wo man tausend Dollar am Tag zahlen musste, alles auf Knopfdruck kam, wo sie Teppiche und Duschen hatten und Therapeuten darauf warteten, dass ich sie kommen lie�.</p><p>Der �ber und �ber mit offenen Wunden bedeckte Mann stie� einen Grunzlaut aus, und Nate lie� sich noch tiefer ins Bett sinken. Dann griff er vorsichtig nach der Binde, legte sie sich �ber die Augen und klebte sie mit dem Pflaster exakt an die Stelle, wo sie gewesen war, nur fester.</p></section><section><title><p>F�NFUNDDREISSIG</p></title><p>Snead kam zu der Sitzung mit einem eigenen Vertragsentwurf, den er ohne Hilfe eines Anwalts ausgearbeitet hatte. Hark las ihn und musste zugeben, dass er nicht schlecht war. Er trug den Titel &gt;Vertrag �ber Dienstleistungen eines Sachverst�ndigem. Sachverst�ndige vertreten eine Meinung, w�hrend Snead in erster Linie mit Fakten zu tun hatte, doch war es Hark gleichg�ltig, was da stand. Er unterschrieb den Vertrag und gab Snead einen best�tigten Bankscheck �ber eine halbe Million. Dieser nahm ihn vorsichtig entgegen, pr�fte ihn sorgf�ltig, faltete ihn zusammen und steckte ihn in die Jackentasche. �Und wo fangen wir an?� fragte er l�chelnd.</p><p>Es gab ungeheuer viel zu besprechen. Die anderen Phelan-Anw�lte wollten dabei sein. Hark hatte lediglich Zeit f�r eine erste Erkundigung und fragte daher: �Wie war der Geisteszustand des Alten am Vormittag seines Todes, ganz allgemein gesagt?�</p><p>Snead wand sich und runzelte die Stirn, als m�sse er gr�ndlich nachdenken. Er wollte wirklich das Richtige sagen. Er hatte das Gef�hl, als lasteten jetzt viereinhalb Millionen auf seinen Schultern. �Er war nicht bei Verstand�, sagte er. Die Worte hingen in der Luft, w�hrend er auf die Billigung seines Gegen�bers wartete.</p><p>Hark nickte. So weit, so gut. �War das ungew�hnlich?�</p><p>�Nein. In seinen letzten Lebenstagen hat er kaum je vern�nftig reagiert.�</p><p>�Wie viel Zeit haben Sie mit ihm verbracht?�</p><p>�Von kleinen Unterbrechungen abgesehen, vierundzwanzig Stunden am Tag.�</p><p>�Wo haben Sie geschlafen?�</p><p>�Mein Zimmer war am anderen Ende des Ganges, aber er konnte mich jederzeit �ber einen Rufknopf holen. Ich habe ihm vierundzwanzig Stunden am Tag zur Verf�gung gestanden. Manchmal ist er mitten in der Nacht wach geworden und wollte Saft oder eine Tablette. Er hat dann einfach auf einen Knopf gedr�ckt, der Summer hat mich geweckt, und ich habe ihm gebracht, was er haben wollte.�</p><p>�Wer hat sonst noch bei ihm im Hause gelebt?�</p><p>�Niemand.�</p><p>�Mit wem hat er sonst noch seine Zeit verbracht?�</p><p>�Vielleicht mit seiner Sekret�rin, der jungen Nicolette. Er mochte sie.�</p><p>�Ist er mit ihr ins Bett gegangen?�</p><p>�W�re das f�r unseren Fall g�nstig?�</p><p>�Ja.�</p><p>�In dem Fall haben sie gerammelt wie die Kaninchen.�</p><p>Unwillk�rlich musste Hark l�cheln. Die Behauptung, Troy habe seiner letzten Sekret�rin nachgestellt, w�rde niemanden �berraschen.</p><p>Es hatte nicht lange gedauert, bis sie sich aufeinander eingestimmt hatten. �Sehen Sie mal, Mr. Snead, was wir brauchen, ist folgendes: Schrullen, Marotten, Fehlleistungen, sonderbare Dinge, die er gesagt und getan hat, lauter Sachen, die zusammengenommen jeden �berzeugen w�rden, dass er nicht bei Verstand war. Sie haben Zeit. Setzen Sie sich hin, und schreiben Sie auf, was Ihnen einf�llt. Erinnern Sie sich an m�glichst vieles. Unterhalten Sie sich mit Nicolette, sorgen Sie daf�r, dass die beiden es miteinander getrieben haben, h�ren Sie sich an, was sie zu sagen hat.�</p><p>�Sie sagt alles, was wir brauchen.�</p><p>�Dann proben Sie es mit ihr, und sorgen Sie daf�r, dass es keine L�cken gibt, in denen Anw�lte der Gegenseite herumstochern k�nnten. Was Sie und Nicolette sagen, muss sich hundertprozentig decken.�</p><p>�Es gibt niemanden, der uns widersprechen k�nnte.�</p><p>�Wirklich niemanden? Keinen Chauffeur, kein Hausm�dchen, keine fr�here Geliebte oder irgendeine andere Sekret�rin?�</p><p>�Das hat es nat�rlich alles gegeben. Aber au�er Mr. Phelan und mir hat niemand im dreizehnten Stock gewohnt. Er war sehr einsam und ziemlich verr�ckt.�</p><p>�Und wie kommt es dann, dass er bei den drei Psychiatern einen so guten Eindruck hinterlassen hat?�</p><p>Snead dachte einen Augenblick dar�ber nach. Ihm fiel nichts ein. �Was vermuten Sie?� fragte er.</p><p>�Etwa folgendes: Mr. Phelan wusste, dass die Befragung sehr schwierig w�rde, weil ihm klar war, dass er mitunter Aussetzer hatte. Daher hat er Sie aufgefordert, Listen mit zu erwartenden Fragen zusammenzustellen. Dann haben Sie und Mr. Phelan den ganzen Vormittag Antworten auf die Fragen geprobt. Tag und Datum, weil er die immer wieder verga�; die Namen der Kinder, die er praktisch nicht mehr wusste; wo sie zum College gegangen waren, wen sie geheiratet hatten und so weiter. Anschlie�end sind Sie mit ihm Fragen zu seinem Gesundheitszustand durchgegangen. Ich k�nnte mir vorstellen, dass Sie sich, nachdem Sie ihm diese grundlegenden Dinge eingetrichtert haben, mindestens zwei Stunden lang damit besch�ftigt haben, ihm die Verflechtungen der Phelan-Gruppe klarzumachen, ihm zu Bewusstsein zu bringen, welche Firmen ihm geh�rten, welche Aktien er gekauft hatte und wie die Schlusskurse bestimmter Aktien aussahen. Da er sich in Finanzdingen immer mehr auf Sie verlassen hatte, war das f�r Sie einfach. Es war zwar m�hselig f�r den Alten, aber Sie wollten ihn unbedingt in Form bringen, bevor Sie ihn f�r die Befragung in den Raum geschoben haben. Kommt Ihnen das bekannt vor?� Snead gefiel der Gedanke gl�nzend. Die Gabe des Anwalts, L�gen aus dem Handgelenk zu sch�tteln, beeindruckte ihn sehr. �Ja, genau so ist es! Auf diese Weise hat Mr. Phelan den Psychiatern Sand in die Augen gestreut.�</p><p>�Dann arbeiten Sie das noch etwas gr�ndlicher aus, Mr. Snead. Sie sind als Zeuge um so glaubw�rdiger, je mehr Sie an Ihren Geschichten feilen. Die Anw�lte der Gegenseite werden es Ihnen nicht leicht machen. Sie werden Ihre Aussagen anzweifeln und Sie als L�gner hinstellen, also m�ssen Sie gewappnet sein. Schreiben Sie alles auf, damit Sie jederzeit Unterlagen �ber Ihre Aussagen haben.�</p><p>�Der Gedanke gef�llt mir.�</p><p>�Daten, Uhrzeiten, Orte, Vorf�lle, Sonderbarkeiten. Alles, Mr. Snead. Das gleiche gilt f�r Nicolette. Sorgen Sie daf�r, dass auch sie alles aufschreibt.�</p><p>�Sie kann nicht besonders gut schreiben.�</p><p>�Helfen Sie ihr. Es h�ngt alles von Ihnen ab, Mr. Snead. Wenn Sie das �brige Geld wollen, m�ssen Sie es sich verdienen.�</p><p>�Wie viel Zeit habe ich?�</p><p>�Meine Kollegen und ich w�rden gern in ein paar Tagen ein Video von Ihnen aufnehmen. Wir h�ren uns an, was Sie zu erz�hlen haben, bombardieren Sie mit Fragen und sehen dann, wie Sie darauf reagieren. Bestimmt wollen Sie noch dies und jenes �ndern. Wir werden Sie trainieren und vielleicht noch mehr Videos machen. Sobald alles einwandfrei ist, sind Sie f�r Ihre Au�age bereit.�</p><p>Snead ging eilends davon. Er wollte den Scheck bei seiner Bank einreichen und sich ein neues Auto kaufen. Auch Nicolette brauchte eins.</p><p>Ein Pfleger, der Nachtdienst hatte, sah den leeren Infusionsbeutel. In Druckbuchstaben war auf die R�ckseite</p><p>geschrieben, dass der Tropf nicht unterbrochen werden durfte. Er nahm den Beutel mit in die Krankenhausapotheke, wo eine Teilzeit-Schwester die entsprechenden Mittel zusammenmischte und ihm den Beutel zur�ckgab.</p><p>Im Krankenhaus waren Ger�chte �ber den reichen amerikanischen Patienten im Umlauf.</p><p>W�hrend des Schlafs wurde Nate mit Medikamenten gest�rkt, die er nicht brauchte.</p><p>Als Jevy ihn vor dem Fr�hst�ck aufsuchte, war er halb wach. Seine Augen waren noch bedeckt, weil ihm die Dunkelheit lieber war. �Welly ist auch hier�, fl�sterte Jevy.</p><p>Die diensttuende Schwester half ihm, Nates Bett aus dem Zimmer und �ber den Gang in einen kleinen Hofraum zu schieben, wo die Sonne schien. Sie drehte eine Kurbel, und das halbe Bett richtete sich auf. Dann nahm sie Nate Pflaster und Binde ab, ohne dass er mit der Wimper zuckte. Langsam �ffnete er die Augen und versuchte etwas zu erkennen. Jevy, der sich nur wenige Zentimeter von ihm entfernt befand, sagte: �Die Schwellung ist zur�ckgegangen.�</p><p>�Hallo, Nate�, sagte Welly. Er stand auf der anderen Seite. Die Schwester ging.</p><p>�Hallo, Welly�, sagte Nate. Seine Worte kamen langsam und klangen verschliffen. Er war benommen, f�hlte sich aber wohl. Wie gut er das Gef�hl kannte, bekifft zu sein.</p><p>Jevy fasste nach seiner Stirn und erkl�rte: �Auch das Fieber ist weg.� Die beiden Brasilianer l�chelten sich an, erleichtert, dass sie den Amerikaner, mit dem sie ins Pantanal gefahren waren, nicht auf dem Gewissen hatten. �Was ist mit dir passiert?� fragte Nate, zu Welly gewandt. Er bem�hte sich, die W�rter sauber voneinander zu trennen, damit es nicht klang, als w�re er betrunken. Jevy gab die Frage auf portugiesisch weiter. Welly begann sofort begeistert seinen langen Bericht �ber das Unwetter und den Untergang der Santa Loura. Jevy unterbrach ihn jeweils nach einer halben Minute, um zu dolmetschen. Nate h�rte zu und versuchte, die Augen offen zuhalten, verlor aber immer wieder f�r Augenblicke das Bewusstsein.</p><p>Valdir stie� zu ihnen. Er begr��te Nate herzlich, froh dar�ber, dass ihr Gast schon im Bett sitzen konnte und es ihm offensichtlich besser ging. Er nahm ein Mobiltelefon heraus und sagte, w�hrend er w�hlte: �Sie m�ssen mit Mr. Stafford sprechen. Er macht sich gro�e Sorgen.�</p><p>�Ich wei� nicht so recht, ob ich...� Nate schwamm wieder alles im Kopf.</p><p>�Hier, setzen Sie sich auf! Es ist Mr. Stafford�, sagte Valdir, gab ihm das Telefon und schob die Kissen hinter ihm zurecht. Nate nahm das Telefon und sagte: �Hallo.�</p><p>�Nate!� kam die Antwort. �Bist du das?�</p><p>�Josh.�</p><p>�Nate, sag mir, dass du nicht stirbst. Bitte sag es mir.�</p><p>�Da bin ich mir gar nicht so sicher�, sagte Nate. Vorsichtig schob Valdir den H�rer n�her an Nates Kopf und half ihm, es zu halten. �Sie m�ssen lauter sprechen�, fl�sterte er. Jevy und Welly traten ein wenig beiseite.</p><p>�Hast du Rachel Lane gefunden?� schrie Josh ins Telefon.</p><p>Nate runzelte die Stirn im Versuch, sich zu konzentrieren. Dann sagte er: �Nein.�</p><p>�Was?�</p><p>�Sie hei�t nicht Rachel Lane.�</p><p>�Was zum Teufel soll das hei�en?� .</p><p>Nate �berlegte eine Weile, dann �berw�ltigte ihn die M�digkeit. Er sank ein wenig in sich zusammen, w�hrend er nach wie vor versuchte, sich an ihren Namen zu erinnern. Vielleicht hatte sie ihm ihren neuen Nachnamen gar nicht gesagt. �Ich wei� nicht�, murmelte er. Seine Lippen bewegten sich kaum. Valdir dr�ckte den H�rer kr�ftiger an sein Gesicht.</p><p>�Nate, sag schon! Hast du die richtige Frau gefunden?�</p><p>�Aber ja. Hier unten ist alles in Ordnung, Josh. Mach dir keine Sorgen.�</p><p>�Was ist mit der Frau?�</p><p>�Sie ist wundersch�n.�</p><p>Josh z�gerte einen Augenblick, konnte aber keine Zeit vergeuden. �Das ist gut, Nate. Hat sie die Papiere unterschrieben?�</p><p>�Mir f�llt ihr Name nicht ein.�</p><p>�Hat sie die Papiere unterschrieben?�</p><p>Eine lange Pause trat ein, w�hrend Nate das Kinn auf die Brust sank und es so aussah, als sei er eingeschlafen. Valdir stie� ihn vorsichtig an und versuchte mit Hilfe des Telefons, seinen Kopf wieder aufzurichten. �Ich mag sie wirklich�, plapperte Nate pl�tzlich. �Sehr.�</p><p>�Du bist high, Nate, stimmt's? Die haben dich doch unter Schmerzmittel gesetzt, nicht wahr?�</p><p>�Ja.�</p><p>�H�r mal, Nate, ruf mich an, wenn du wieder klar im Kopf bist, okay?�</p><p>�Ich hab kein Telefon.�</p><p>�Dann nimm das von Valdir. Bitte ruf mich an, Nate!�</p><p>Er nickte und schloss die Augen. �Ich hab ihr einen Heiratsantrag gemacht�, sagte er ins Telefon, dann sank sein Kopf zum letzten Mal herab.</p><p>Ruiz nahm das Telefon an sich und ging beiseite. Er versuchte, Nates Zustand zu beschreiben.</p><p>�Muss ich da runterkommen?� br�llte Josh zum dritten oder vierten Mal.</p><p>�Das ist nicht erforderlich. Bitte haben Sie Geduld.�</p><p>�Ich hab es satt, mir sagen zu lassen, dass ich Geduld haben soll.�</p><p>�Das verstehe ich.�</p><p>�Sehen Sie zu, dass er auf die Beine kommt, Valdir.�</p><p>�Ihm geht es gut.�</p><p>�Nein, tut es nicht. Rufen Sie mich sp�ter noch mal an.�</p><p>Als Tip Durban in Joshs B�ro trat, sah er, dass dieser am Fenster stand und auf den Geb�udekomplex hinausstarrte, der sich davor erhob. Tip schloss die T�r, setzte sich und fragte: �Na, was hat er gesagt?�</p><p>Josh starrte weiter aus dem Fenster. �Er hat gesagt, dass er sie gefunden hat, dass sie wundervoll ist und er ihr einen Heiratsantrag gemacht hat.�In seiner Stimme lag nicht der geringste Anflug von Humor.</p><p>Tip hingegen fand das lustig. Bei Frauen war Nate nicht sehr w�hlerisch, schon gar nicht nach einer Scheidung. �Wie geht es ihm?�</p><p>�Er ist nur halb bei Bewusstsein und hat keine Schmerzen, weil sie ihn mit Schmerzmitteln vollgepumpt haben. Valdir sagt, dass das Fieber zur�ckgegangen ist und er schon viel besser aussieht.�</p><p>�Er stirbt also nicht?�</p><p>�Sieht so aus.�</p><p>Durban lachte leise vor sich hin. �Das ist Nate, wie er leibt und lebt. Dem ist noch nie eine Frau �ber den Weg gelaufen, die er nicht gemocht hat.�</p><p>Als Josh sich schlie�lich umwandte, schien er recht am�siert zu sein. �Einfach gro�artig�, sagte er. �Nate ist pleite. Sie ist erst zweiundvierzig und hat wahrscheinlich seit Jahren keinen Wei�en gesehen.�</p><p>�Nate w�rde es nicht mal was ausmachen, wenn sie so h�sslich w�re wie die Nacht. Sie ist nun mal die reichste Frau der Welt.�</p><p>�Wenn ich es recht bedenke, �berrascht es mich nicht. Ich dachte, ich tu ihm einen Gefallen, wenn ich ihm zu einem Abenteuer verhelfe. Ich war nie auf den Gedanken gekommen, dass er versuchen w�rde, eine Missionarin zu vernaschen.�</p><p>�Meinen Sie, dass er es geschafft hat?�</p><p>�Wer wei�, was die im Urwald getrieben haben?�</p><p>�Ich bezweifle es�, bemerkte Tip nach einer Weile. �Dazu sind zwei n�tig. Wir kennen zwar Nate, aber nicht die Frau.�</p><p>Josh setzte sich auf die Schreibtischkante und sah l�chelnd zu Boden. �Da haben Sie recht. Ich kann mir nicht gut vorstellen, dass sie auf Nate fliegen w�rde. Der hat ziemlich viel am Hals.�</p><p>�Hat sie die Papiere unterschrieben?�</p><p>�So weit sind wir gar nicht gekommen. Ich denke aber schon. Sonst h�tte er bestimmt keine Ruhe gegeben.� �Wann kommt er nach Hause?�</p><p>�Sobald er reisef�hig ist.�</p><p>�Da w�re ich nicht so sicher. F�r elf Milliarden w�rde ich noch eine Weile da unten bleiben.�</p></section><section><title><p>SECHSUNDDREISSIG</p></title><p>Der Arzt fand seinen Patienten im Bett sitzend im Schatten des Hofes. Er schnarchte mit offenem Mund, die Augenbinde war abgenommen, der Kopf zur Seite gefallen. Sein Freund vom Fluss hatte sich zu einem Schl�fchen auf den Boden gelegt. Nach einem kurzen Blick auf den Infusionsbeutel stellte der Arzt den Tropf ab. Er legte Nate die Hand auf die Stirn und sp�rte keine erh�hte Temperatur.</p><p>�Senhor O'Riley�, sagte er laut und klopfte ihm auf die Schulter. Jevy sprang auf. Der Arzt sprach kein Englisch. Er wollte, dass Nate in sein Zimmer zur�ckkehrte, doch als Jevy das �bersetzte, kam es nicht gut an. Nate argumentierte mit Jevy, und Jevy flehte den Arzt an. Er hatte die anderen Patienten gesehen, die offenen Wunden, die Sterbenden im Gang, die Anf�lle miterlebt, und er versprach dem Arzt, er werde bei seinem Freund im Schatten sitzen bleiben, bis es dunkel wurde. Der Arzt gab nach. Es war ihm nicht besonders wichtig.</p><p>Auf der anderen Seite des Hofes lag eine kleine, abgetrennte Station, deren Fenster mit dicken schwarzen Eisenstangen vergittert waren. Von Zeit zu Zeit kamen Patienten und starrten durch die St�be in den Hof. Sie konnten nicht hinaus. Am sp�ten Vormittag steckte ein Mann mit braungefleckter Haut und rotem Zottelhaar, der so verr�ckt aussah, wie er war, das Gesicht zwischen zwei St�ben durch und begann, durchdringend zu schreien. Offenbar sagte ihm Nates und Jevys Anwesenheit nicht zu. Seine kreischende Stimme brach sich im Hof und hallte durch die G�nge.</p><p>�Was sagt er?� fragte Nate. Das Br�llen des Verr�ckten hatte ihn aufger�ttelt und ihm geholfen, einen klaren Kopf zu bekommen.</p><p>�Ich verstehe kein Wort. Er ist verr�ckt.�</p><p>�Hei�t das, ich bin hier in ein und demselben Krankenhaus mit Verr�ckten?�</p><p>�Ja. Tut mir leid. Es ist eine kleine Stadt.�</p><p>Das Gebr�ll wurde st�rker. Eine Schwester erschien und rief ihm zu, er solle den Mund halten. Er fiel mit Ausdr�cken �ber sie her, die sie zur Flucht veranlassten. Dann konzentrierte er sich erneut auf Nate und Jevy. Er</p><p>umkrallte die Stangen, bis seine Fingerkn�chel wei� waren, und sprang auf und ab, w�hrend er schrie.</p><p>�Armer Kerl�, sagte Nate.</p><p>Aus dem Schreien wurde ein Jammern, und nach einigen Minuten ununterbrochenen L�rms tauchte hinter dem Mann ein Pfleger auf und versuchte ihn fortzuf�hren. Er wollte aber nicht gehen, und eine kurze Rangelei folgte. Im Angesicht von Zeugen verhielt sich der Pfleger bei aller Entschlossenheit zur�ckhaltend, und daher gelang es ihm nicht, die H�nde des Mannes von den Stangen zu l�sen. W�hrend er von hinten zog, wurde aus dem Jammern ein Kreischen.</p><p>Schlie�lich gab der Pfleger auf und verschwand. Der Br�llende lie� die Hose herunter und urinierte in hohem Bogen durch die Stangen, wobei er laut lachend auf Nate und Jevy zielte, die aber au�er Reichweite waren. Jetzt, da der Mann die H�nde nicht mehr um die Stangen gekrallt hielt, packte der Pfleger mit einem Mal von hinten zu, umschlang ihn und zerrte ihn fort. Sobald der Mann au�er Sicht war, h�rte das Gekreisch schlagartig auf.</p><p>Als dies allt�gliche Schauspiel vor�ber war und erneut Stille im Hof herrschte, sagte Nate: �Jevy, holen Sie mich hier raus.�</p><p>�Wie stellen Sie sich das vor?�</p><p>�Ich will hier raus. Mir geht es gut. Ich habe kein Fieber mehr und f�hle mich auch schon wieder recht kr�ftig. Lassen Sie uns gehen.�</p><p>�Wir k�nnen hier nicht weg, bevor der Arzt Sie entlassen hat. Au�erdem haben Sie das da�, sagte er und wies auf den Infusionsschlauch in Nates linkem Handgelenk.</p><p>�Kleinigkeit�, sagte Nate, zog die Nadel rasch heraus und l�ste den Schlauch. �Besorgen Sie mir was anzuziehen, Jevy. Ich verschwinde hier.�</p><p>�Sie kennen das Denguefieber nicht. Mein Vater hatte es.�</p><p>�Es ist vorbei. Das sp�re ich.�</p><p>�Das ist es nicht. Es kommt wieder, und zwar schlimmer, viel schlimmer.�</p><p>�Das glaube ich nicht. Bitte bringen Sie mich in ein Hotel. Da geht es mir bestimmt gut. Ich bezahle Sie daf�r, dass Sie bei mir bleiben, und sobald das Fieber zur�ckkommt, k�nnen Sie mir Tabletten geben. Bitte, Jevy.�</p><p>Jevy stand am Fu� des Bettes. Er sah sich um, als f�rchte er, dass jemand Englisch verstand. �Ich wei� nicht�, sagte er z�gernd. Eigentlich war es keine schlechte Idee.</p><p>�Ich gebe Ihnen zweihundert Dollar. Damit k�nnen Sie mir was anzuziehen besorgen und mich ins Hotel bringen. Au�erdem zahle ich Ihnen f�nfzig Dollar am Tag, um auf mich aufzupassen, bis ich wieder ganz auf dem Damm bin.�</p><p>�Es geht nicht um das Geld, Nate. Ich bin Ihr Freund.�</p><p>�Und ich Ihrer, Jevy. Freunde m�ssen sich gegenseitig helfen. Ich kann nicht wieder in das Zimmer zur�ck Sie haben die armen Kranken da drin ja gesehen. Die verfaulen, liegen im Sterben und pissen sich voll. Es stinkt nach Schei�e. Die Schwestern k�mmern sich einen Dreck. Die �rzte sehen nicht nach einem. Die Irrenanstalt ist gleich nebenan. Bitte, Jevy, bringen Sie mich hier raus. Ich zahle auch gut.�</p><p>�Ihr Geld ist mit der Santa Loura untergegangen.�</p><p>Das brachte Nate zum Schweigen. Er hatte nicht mal an die Santa Loura und seine Sachen gedacht - seine Kleidung, sein Geld, sein Pass, die Aktentasche mit all dem technischen Spielzeug und den Papieren, die ihm Josh mitgegeben hatte. Seit dem Aufbruch aus dem Indianerdorf hatte er nur wenige lichte Momente gehabt. Dann hatte er �ber Leben und Tod nachgedacht, nicht aber �ber Besitz oder dergleichen. �Ich kann jede Menge Geld bekommen, Jevy. Ich lasse Geld aus Amerika anweisen. Bitte helfen Sie mir!�</p><p>Jevy wusste, dass Denguefieber nur selten t�dlich verlief. In Nates Fall schien es unter Kontrolle zu sein, obwohl es sicherlich wiederkehren w�rde. Niemand konnte es Nate verdenken, wenn er das Krankenhaus verlassen wollte. �Na sch�n�, sagte er und sah sich erneut vorsichtig um. Niemand war in der N�he. �Ich bin in ein paar Minuten wieder da.�</p><p>Nate schloss die Augen und dachte dar�ber nach, was der Verlust seines Passes bedeutete. Au�erdem hatte er kein Geld, nicht einen Cent. Nichts anzuziehen, keine Zahnb�rste. Kein Satellitentelefon, kein Mobiltelefon, keine Telefonkarten. Und zu Hause standen die Dinge auch nicht viel besser. Nach seinem pers�nlichen Konkurs durfte er damit rechnen, sein geleastes Auto, seine Kleidung und sein bescheidenes Mobiliar zu behalten sowie das Geld, das er f�r seine Altersversorgung eingezahlt hatte. Sonst nichts. Seine kleine Wohnung in Georgetown war ihm w�hrend der Entziehungskur genommen worden. Er wusste nicht, wohin er nach seiner R�ckkehr gehen k�nnte. Angeh�rige hatte er so recht auch keine. Seine beiden �lteren Kinder wohnten weit fort und wollten nichts von ihm wissen. Die beiden j�ngeren aus der zweiten Ehe hatte ihre Mutter mitgenommen. Er hatte sie ein halbes Jahr lang nicht gesehen und zu Weihnachten kaum an sie gedacht.</p><p>An seinem vierzigsten Geburtstag hatte Nate einen Prozess gegen einen Arzt gewonnen, der eine Krebserkrankung nicht erkannt hatte. Die dabei erstrittenen zehn Millionen Dollar waren der h�chste Betrag, den er je f�r einen Patienten herausgeholt hatte. Nachdem zwei Jahre sp�ter die Berufungsverhandlungen vor�ber waren, war der Kanzlei ein Honorar von �ber vier Millionen Dollar �berwiesen worden. In dem Jahr hatte Nate eine Pr�mie von anderthalb Millionen Dollar bekommen. Er war einige Monate lang Million�r gewesen, bis er das neue Haus gekauft hatte. Es hatte Pelze gegeben und Diamanten, Autos und Reisen. Einige unsichere Investitionen. Dann hatte er eine junge Studentin kennengelernt, die Kokain nahm, und sein Leben hatte Risse bekommen. Der Absturz war tief gewesen, und er hatte zwei Monate hinter Sanatoriumsmauern verbracht. Seine zweite Frau hatte</p><p>ihn mit dem Geld verlassen, war dann kurze Zeit sp�ter ohne das Geld zur�ckgekommen.</p><p>Er war Million�r gewesen und stellte sich jetzt vor, wie er auf jemanden wirken musste, der ihn vom Dach �ber dem Krankenhaushof aus betrachtet h�tte: krank, einsam, pleite, ein Mann, der wegen Steuerhinterziehung angeklagt war und Angst hatte, nach Hause und zu den Versuchungen zur�ckzukehren, die dort auf ihn warteten. Seine Suche nach Rachel hatte ihm ein Ziel gegeben. Es war eine erregende Jagd gewesen. Jetzt war sie vor�ber, er lag wieder flach, dachte an Sucht, Sergio und die Entw�hnung und all den �rger, der auf ihn wartete. Erneut drohte ihn die Finsternis zu verschlingen.</p><p>Er konnte nicht den Rest seines Lebens damit verbringen, fern von Alkohol, Drogen und Frauen mit Jevy und Welly auf cbalanas den Paraguay auf und ab zu fahren und nicht an seine Schwierigkeiten mit den Beh�rden zu denken. Er musste zur�ck. Er musste die Suppe ausl�ffeln, die er sich eingebrockt hatte.</p><p>Ein durchdringendes Geheul riss ihn aus seinen Tagtr�umen. Der rothaarige Schreihals war wieder da.</p><p>Jevy schob das Bett wieder ins Geb�ude und dann durch einen Korridor auf den Eingangsbereich zu. Er hielt neben einem kleinen Raum an, in dem Putzger�t untergebracht war, und half Nate aus dem Bett. Zwar war dieser schwach auf den Beinen und zitterte, aber er war entschlossen zu entfliehen. In dem kleinen Raum riss er sich das Krankenhausnachthemd herunter und zog eine kurze Turnhose an, die ihm zu weit war, ein rotes T-Shirt, die unerl�sslichen Gummisandalen. Dann setzte er eine Jeansm�tze und eine Plastik-Sonnenbrille auf. Obwohl er ganz wie ein Brasilianer aussah, f�hlte er sich nicht im geringsten so. Jevy hatte nur wenig f�r seine Ausr�stung ausgegeben. Als er sich die M�tze zurechtr�ckte, verlor er das Bewusstsein.</p><p>Jevy h�rte, wie er gegen die T�r prallte. Er �ffnete sie rasch und sah Nate zwischen Eimern und Schrubbern am Boden liegen. Er fasste ihn unter den Armen und zerrte ihn zum Bett zur�ck.</p><p>Dann schob er ihn auf die Matratze und deckte ihn mit dem Laken zu.</p><p>Nate schlug die Augen auf und fragte: �Was ist passiert?�</p><p>�Sie sind ohnm�chtig geworden�, kam die Antwort. Das Bett rollte, Jevy war hinter ihm. Sie kamen an zwei Schwestern vor�ber, denen nichts aufzufallen schien. �Das ist keine gute Idee�, sagte Jevy.</p><p>�Gehen Sie nur weiter.�</p><p>In der N�he der Eingangshalle schob sich Nate vom Bett herunter und begann zu gehen, obwohl er sich wieder schwach f�hlte. Jevy legte ihm schwer einen Arm um die Schultern und hielt ihn am Oberarm fest. �Immer mit der Ruhe�, sagte er. �Sch�n langsam.�</p><p>Niemand an der Pforte hielt sie auf, und auch die Schwestern und Pfleger, die auf der Treppe vor dem Krankenhaus rauchten, warfen ihnen keinen misstrauischen Blick zu. Die Sonne machte Nate zu schaffen, und er st�tzte sich auf Jevy. Sie �berquerten die Stra�e zu Jevys Ford.</p><p>Schon an der ersten Kreuzung entkamen sie dem Tod nur knapp. �K�nnten Sie bitte langsamer fahren�, blaffte Nate ihn an. Er schwitzte, und sein Magen revoltierte.</p><p>�Entschuldigung�, sagte Jevy. Er fuhr deutlich langsamer.</p><p>Mit seinem Charme und dem Hinweis auf baldige Bezahlung gelang es Jevy, der jungen Frau am Empfang des Palace Hotels ein Doppelzimmer zu entlocken. �Mein Freund ist krank�, fl�sterte er ihr zu und nickte zu Nate hin�ber, der ganz so aussah. Jevy wollte nicht, dass die h�bsche Dame einen falschen Eindruck von ihnen bekam. Immerhin hatten sie kein Gep�ck dabei.</p><p>Kaum im Zimmer angekommen, fiel Nate aufs Bett. Seine Flucht hatte ihn schrecklich mitgenommen. Jevy fand im Fernsehen die Wiederholung eines Fu�ballspiels, langweilte sich aber schon nach f�nf Minuten. Er ging nach unten, um weiter zu flirten.</p><p>Nate versuchte zweimal, die internationale Vermittlung zu bekommen. Er erinnerte sich undeutlich, Joshs Stimme am Telefon geh�rt zu haben, und vermutete, dass dieser mehr von ihm wissen wollte. Beim zweiten Versuch wurde er mit einem Schwall Portugiesisch �bersch�ttet. Als die Frau es mit Englisch probierte, glaubte er, das Wort &gt;Telefonkarte&lt; verstanden zu haben. Er legte auf und schlief ein.</p><p>Der Arzt rief Senhor Ruiz an. Dieser sah den Pickup vor dem Palace Hotel geparkt und suchte nach Jevy. Er fand ihn im Swimmingpool, wo er ein Bier trank.</p><p>Der Anwalt hockte sich an den Beckenrand. �Wo ist Mr. O'Riley?� fragte er. Er war sichtlich ver�rgert.</p><p>�Oben in seinem Zimmer�, antwortete Jevy und nahm einen weiteren Schluck.</p><p>�Wieso ist er nicht im Krankenhaus?�</p><p>�Weil er da rauswollte. K�nnen Sie das nicht verstehen?�</p><p>Senhor Ruiz hatte sich einmal einer Operation unterziehen m�ssen und hatte dazu das vier Flugstunden entfernte Campo Grande aufgesucht. Niemand, der Geld hatte, w�rde je freiwillig in Corumba ins Krankenhaus gehen.</p><p>�Wie geht es ihm?�</p><p>�Ich glaube, gut.�</p><p>�Bleiben Sie bei ihm.�</p><p>�Ich arbeite nicht mehr f�r Sie, Mr. Ruiz.�</p><p>�Schon, aber da ist noch die Sache mit dem Boot.�</p><p>�Daf�r kann ich nicht aufkommen. Ich habe es nicht versenkt. Das war ein Unwetter. Was soll ich Ihrer Ansicht nach tun?�</p><p>�Auf Mr. O'Riley aufpassen.�</p><p>�Er braucht Geld. K�nnen Sie f�r ihn telegrafisch welches besorgen?�</p><p>�Ich glaube schon.�</p><p>�Und einen Pass. Er hat alles verloren.�</p><p>�Passen Sie einfach auf ihn auf. Ich k�mmere mich um alles andere.�</p><p>Das Fieber kehrte in der Nacht wieder, w�rmte sein Gesicht im Schlaf und steigerte sich ganz allm�hlich zum gro�en Angriff. Zuerst zeigte sich eine Anzahl winziger Schwei�tr�pfchen, die wie eine Perlenkette �ber den Augenbrauen lagen, dann wurden die Haare auf dem Kissen nass. Das Fieber k�chelte vor sich hin, w�hrend Nate schlief, und machte sich zur Explosion bereit. Es schickte leise Schauer durch seinen K�rper, aber er war m�de, und es gab darin noch Reste von so vielen Medikamenten, dass er weiterschlief. Es steigerte den Druck hinter seinen Augen, so dass er am liebsten geschrien h�tte, als er sie �ffnete. Es machte seinen Mund trocken.</p><p>Schlie�lich st�hnte Nate. Er sp�rte das erbarmungslose H�mmern zwischen den Schl�fen. Als er die Augen �ffnete, wartete der Tod auf ihn. Er lag in seinem eigenen Schwei� gebadet, sein Gesicht gl�hte, Knie und Ellbogen waren vor Schmerz gekr�mmt. �Jevy�, fl�sterte er. �Jevy!�</p><p>Jevy schaltete die zwischen ihnen stehende Nachttischlampe ein, und Nate st�hnte noch lauter. �Machen Sie das aus!� sagte er. Jevy rannte ins Bad und schaltete dort die Beleuchtung ein, die f�r indirektes Licht sorgte. F�r den zu erwartenden Anfall hatte er Wasser in Flaschen gekauft, Eis, Aspirin, rezeptfreie Schmerzmittel und ein Thermometer. Er hielt sich f�r ger�stet.</p><p>Eine Stunde verging, und Jevy z�hlte jede Minute. Das Fieber stieg auf neununddrei�ig Grad. Der Sch�ttelfrost kam in so heftigen Wellen, dass das kleine Bett auf dem Fu�boden tanzte. Wenn Nate gerade nicht zitterte, stopfte ihm Jevy Tabletten in den Mund und goss Wasser hinterher. Er benetzte ihm das Gesicht mit nassen Handt�chern. Nate litt schweigend, biss tapfer die Z�hne zusammen, um nicht vor Schmerzen schreien zu m� s-sen. Er war entschlossen, die Fieberanf�lle im vergleichsweise luxuri�sen Hotelzimmer zu ertragen. Jedesmal, wenn er das Bed�rfnis hatte zu schreien, erinnerte er sich an die Risse im Putz und die Ger�che im Krankenhaus. Um vier Uhr morgens stieg das Fieber auf neununddrei�igeinhalb, und Nate begann das Bewusstsein zu verlieren. Seine Knie ber�hrten fast sein Kinn. Er hatte die Arme um die Waden gelegt und hielt sie fest umkrallt.</p><p>Dann lief ein K�lteschauer in Wellen �ber ihn hinweg, und sein K�rper streckte sich.</p><p>Nach einer Weile betrug die Temperatur vierzigeinhalb Grad. Jevy begriff, dass Nate irgendwann in einen Schock verfallen w�rde. Schlie�lich erfasste ihn Panik, nicht wegen der Temperatur, sondern weil er sah, wie der Schwei� vom Laken auf den Fu�boden lief. Nate hatte genug gelitten. Im Krankenhaus gab es bessere Medikamente.</p><p>Er fand einen schlafenden Nachtw�chter im zweiten Stock, und mit seiner Hilfe schleppte er Nate zum Aufzug, durch die leere Hotelhalle und zu seinem Pickup. Um sechs Uhr morgens weckte er Senhor Ruiz mit seinem Anruf.</p><p>Als dieser Jevy genug verflucht hatte, erkl�rte er sich bereit, den Arzt zu rufen.</p></section><section><title><p>SIEBENUNDDREISSIG</p></title><p>Der Arzt gab seine Behandlungsanweisungen vom Bett aus telefonisch durch. Den Infusionsbeutel mit vielen guten Sachen f�llen, ihm die Nadel in den Arm stechen, versuchen, ein besseres Zimmer f�r ihn zu finden. Da alle Zimmer voll waren, lie� man ihn einfach auf dem Gang der M�nnerabteilung in der N�he eines unaufger�umten Tisches stehen, der als Schwesternzimmer fungierte. Zumindest konnte man ihn dort nicht �bersehen. Jevy wurde aufgefordert zu gehen. Er konnte nichts tun als warten.</p><p>Irgendwann am Vormittag tauchte, als der Betrieb gerade nicht besonders hektisch war, ein Krankenpfleger mit einer Schere auf. Er schnitt die neue Turnhose und das neue rote T-Shirt durch und legte Nate wieder ein gelbes Fl�gelhemd an. W�hrend dieses Vorgangs lag er volle f�nf Minuten lang vor den Augen aller Vor�berkommenden splitternackt auf dem Bett. Niemand sah hin; und er selbst bekam nichts davon mit. Die Laken wurden gewechselt, weil sie v�llig durchn�sst waren. Nate O'Rileys zerschnittene Kleidungsst�cke wurden fortgeworfen, und wieder einmal hatte er nichts anzuziehen.</p><p>Wenn er zu sehr zitterte oder zu laut st�hnte, erh�hte ein Arzt, Pfleger oder eine Schwester, je nachdem, wer sich gerade in der N�he befand, den Durchfluss der Infusion ein wenig, und wenn er zu laut schnarchte, drehte jemand sie ein wenig ab.</p><p>Durch einen Krebstoten wurde ein Platz in einem Zimmer frei. Nate wurde in den n�chstgelegenen Raum zwischen einen Arbeiter, der einen Fu� eingeb�sst hatte, und einen Mann geschoben, der wegen Nierenversagens im Sterben lag. Im Lauf des Tags sah der Arzt zweimal nach ihm. Das Fieber pendelte st�ndig zwischen neununddrei�ig und vierzig Grad. Im Lauf des Sp�tnachmittages kam Senhor Ruiz vorbei, um sich mit Nate zu unterhalten, aber der Patient war nicht wach. Der Anwalt teilte Mr. Stafford vom Gang aus �ber sein Mobiltelefon die Ereignisse des Tages mit. Was Josh da h�rte, gefiel ihm nicht.</p><p>�Der Arzt sagt, dass das v�llig normal ist�, sagte Valdir. �Mr. O'Riley kommt bald wieder auf die Beine.�</p><p>�Lassen Sie ihn blo� nicht sterben, Valdir�, knurrte Josh.</p><p>Geld war telegrafisch angewiesen. Au�erdem bem�hte man sich um einen Pass f�r Nate.</p><p>Wieder einmal lief der Tropf leer, ohne dass es jemandem auffiel. Stunden vergingen, und die Wirkung der Medikamente lie� allm�hlich nach. Es war pechschwarze Nacht, und niemand r�hrte sich in den drei anderen Betten, als Nate endlich die Spinnweben seiner Bewusstlosigkeit absch�ttelte und Lebenszeichen von sich gab. Er konnte kaum sehen, wer da au�er ihm im Zimmer war. Durch die offene T�r fiel ein leichter Lichtschimmer aus dem Gang herein. Man h�rte keine Stimmen, und keine F��e schlurften vor�ber.</p><p>Er fasste nach seinem schwei�nassen Hemd und merkte, dass er darunter wieder nackt war. Er rieb sich die geschwollenen Augen und versuchte die steifen Beine zu strecken. Seine Stirn f�hlte sich sehr hei� an. Er hatte Durst und konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal gegessen hatte. Er bem�hte sich, keine Bewegung zu machen, um niemanden um sich herum zu wecken. Bestimmt w�rde bald eine Schwester vorbeikommen.</p><p>Die Laken waren nass von Schwei�, und als der Sch�ttelfrost erneut einsetzte, gab es keine M�glichkeit, warm zu werden. Er zitterte, seine Z�hne schlugen aufeinander, und er rieb sich Arme und Beine. Nachdem der Sch�ttelfrost abgeklungen war, versuchte er wieder zu schlafen, was ihm w�hrend der Nacht auch f�r jeweils kurze Zeit gelang, doch als es am dunkelsten war, stieg das Fieber erneut. Es h�mmerte so sehr in Nates Schl�fen, dass ihm die Tr�nen kamen. Er legte sich das Kissen um den Kopf und dr�ckte zu, so fest er konnte.</p><p>Eine schattenhafte Gestalt trat in das dunkle Zimmer, ging von Bett zu Bett und blieb schlie�lich neben dem Nates stehen. Sie sah eine Weile zu, wie seine Gliedma�en unter den Laken zuckten und h�rte sein vom Kissen ged�mpftes leises St�hnen. Dann fasste sie ihn sacht am Arm und fl�sterte: �Nate.�</p><p>Unter normalen Umst�nden w�re er hochgeschreckt, aber inzwischen hatte er sich an solche Erscheinungen gew�hnt. Er legte sich das Kissen auf die Brust und versuchte, die Gestalt zu erkennen.</p><p>�Ich bin es, Rachel�, fl�sterte sie.</p><p>�Rachel?� fl�sterte er zur�ck. Sein Atem ging schwer. Er versuchte sich aufzusetzen und bem�hte sich dann, seine Lider mit den Fingern hochzuschieben. �Rachel?�</p><p>�Ich bin hier, Nate. Gott hat mich geschickt, Sie zu sch�tzen.�</p><p>Er streckte die Hand nach ihrem Gesicht aus, und sie nahm sie. Sie k�sste seine Handfl�che. �Sie werden nicht sterben�, sagte sie. �Gott hat Pl�ne mit Ihnen.�</p><p>Er konnte nichts sagen. Allm�hlich gew�hnten sich seine Augen an die Dunkelheit, und er konnte sie sehen. �Ja, Sie sind es�, sagte er. Oder war das wieder ein Traum?</p><p>Er sank wieder zur�ck, legte den Kopf auf das Kissen und sp�rte, wie sich die Anspannung in seinen Muskeln und die Verkrampfung seiner Gelenke l�ste. Er schloss die Augen, lie� ihre Hand aber nicht los. Das H�mmern hinter seinen Augen lie� nach. Die Hitze schwand von seiner Stirn und aus seinem Gesicht. Das Fieber hatte seine Kr�fte ersch�pft, und er sank wieder in Schlummer, einen tiefen Schlaf, den nicht die Medikamente bewirkt hatten, sondern seine v�llige Ersch�pfung.</p><p>Er tr�umte von Engeln - junge M�dchen in wei�en Gew�ndern schwebten zu seinem Schutz in den Wolken �ber ihm, summten Melodien, die er nie geh�rt hatte, die ihm aber trotzdem vertraut vorkamen.</p><p>In Jevys und Valdirs Begleitung verlie� Nate, mit Anweisungen des Arztes versehen, das Krankenhaus am n�chsten Mittag. Es gab keine Spur von Fieber, keinen Ausschlag, lediglich Gelenke und Muskeln schmerzten ein wenig. Er bestand darauf zu gehen, und der Arzt erkl�rte sich rasch damit einverstanden. Er war froh, ihn loszuwerden.</p><p>Zuerst machten sie in einem Restaurant halt, wo er eine gro�e Sch�ssel Reis und einen Teller gekochte Kartoffeln verzehrte. Anders als Jevy w�rdigte er die Steaks und Koteletts keines Blicks. Beide hatten noch Hunger von ihrem gemeinsamen Abenteuer. Der Anwalt trank Kaffee, rauchte Zigaretten und sah ihnen beim Essen zu. Niemand hatte Rachel beim Betreten oder Verlassen des Krankenhauses gesehen. Nate hatte Jevy das Geheimnis zugefl�stert, der seinerseits die Schwestern und Helferinnen befragt hatte. Nach dem Mittagessen verlie� Jevy die beiden und machte sich zu Fu� in der Stadt auf die Suche nach Rachel. Er ging zum Fluss und sprach mit den Matrosen auf dem letzten Viehtransportboot, das in der Stadt eingetroffen war. Mit ihnen war sie nicht gereist. Auch die Fischer hatten sie nicht gesehen. Niemand schien etwas �ber das Eintreffen einer Wei�en aus dem Pantanal zu wissen.</p><p>Als Nate allein in Valdirs B�ro war, w�hlte er die Nummer von Staffords Kanzlei, an die er sich nur mit M�he erinnern konnte. Sie holten Josh aus einer Besprechung. �Leg los, Nate�, sagte er. �Wie geht es dir?�</p><p>�Das Fieber ist vorbei�, sagte er, in Valdirs Lehnstuhl schaukelnd. �Ich f�hle mich gro�artig. Ein bi�chen m�de und mitgenommen, aber sonst prima.�</p><p>�Es klingt auch danach. Du solltest zur�ckkommen.�</p><p>�Lass mir ein paar Tage.�</p><p>�Ich schicke eine D�senmaschine, Nate. Sie fliegt heute Abend ab.�</p><p>�Tu das nicht, Josh. Es ist keine gute Idee. Ich komme, wenn mir danach ist.�</p><p>�Von mir aus. Erz�hl mir von der Frau, Nate.�</p><p>�Wir haben sie gefunden. Sie ist Troy Phelans uneheliche Tochter und will von dem Geld nichts wissen.�</p><p>�Und wie hast du es geschafft, sie zu �berreden, dass sie es doch nimmt?�</p><p>�Josh, diese Frau kann man zu nichts �berreden. Ich habe es versucht, aber nichts erreicht und aufgegeben.�</p><p>�Na h�r mal, Nate! Niemand l�sst so viel Geld einfach sausen. Du hast ihr doch bestimmt klarmachen k�nnen, wie unvern�nftig das w�re.�</p><p>�Keine Chance, Josh. Sie ist der gl�cklichste Mensch, den ich je kennengelernt habe, und vollkommen bereit,</p><p>den Rest ihres Lebens bei den Indianern zuzubringen. Dort hat Gott sie abgestellt. �</p><p>�Aber die Papiere hat sie doch unterschrieben?�</p><p>�Nein.�</p><p>Eine l�ngere Pause trat ein, w�hrend Josh diese Mitteilung verdaute. �Du machst Witze�, sagte er schlie�lich so leise, dass es in Brasilien kaum h�rbar war.</p><p>�Nein. Tut mir leid, Chef. Ich habe mir die gr��te M�he gegeben, sie dazu zu bringen, dass sie zumindest die Papiere unterschrieb, aber sie wollte nicht. Sie wird sie nie unterschreiben.�</p><p>�Hat sie das Testament gelesen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und hast du ihr gesagt, dass es sich um elf Milliarden Dollar handelt?�</p><p>�Ja. Sie lebt allein in einer H�tte mit einem Strohdach, ohne sanit�re Einrichtungen und Strom, hat kaum Anspr�che an Nahrung und Kleidung, kein Telefon und kein Fax und macht sich nicht im geringsten Sorgen um das, was ihr fehlen k�nnte. Sie lebt in der Steinzeit, Josh, und genau da m�chte sie auch leben. Und Geld w�rde das ver�ndern.�</p><p>�Unfassbar.�</p><p>�Das hab ich auch gedacht, und ich war selbst da.�</p><p>�Ist sie klug?�</p><p>�Sie ist promoviert, Josh, eine �rztin. Au�erdem hat sie einen Abschlu� von ihrem Missionsseminar und spricht f�nf Sprachen. �</p><p>�Sie ist �rztin?�</p><p>�Ja, aber wir haben uns nicht �ber Kunstfehlerprozesse unterhalten.�</p><p>�Du hast gesagt, dass sie wundersch�n sei.�</p><p>�Habe ich das?�</p><p>�Ja, vor zwei Tagen am Telefon. Ich glaube, da hast du unter dem Einfluss von Medikamenten gestanden.� �Stimmt. Aber ich nehme kein Wort zur�ck.�</p><p>�Hei�t das, du magst sie?�</p><p>�Wir sind Freunde geworden.� Es h�tte keinen Sinn, Josh mitzuteilen, dass sie in Corumba war. Nate hoffte, sie bald zu finden und mit ihr �ber Troys Nachlass zu reden, solange sie sich in der Zivilisation befand.</p><p>�Das war ein ziemliches Abenteuer�, sagte Nate. �Milde gesagt.�</p><p>�Ich hab vor Sorge um dich nicht schlafen k�nnen.�</p><p>�Reg dich ab. Unkraut vergeht nicht.�</p><p>�Ich hab dir f�nftausend Dollar runter telegrafiert. Valdir hat das Geld.�</p><p>�Danke, Chef.�</p><p>�Ruf mich morgen wieder an.�</p><p>Valdir lud ihn zum Abendessen ein, aber er lehnte ab. Er holte sich das Geld und durchstreifte zu Fu� die Stra�en von Corumba. Als erstes kleidete er sich ein: Unterw�sche, Safarishorts, einfache wei�e T-Shirts; au�erdem kaufte er Wanderstiefel. Als er seine Neuerwerbungen vier Nebenstra�en weiter ins Palace Hotel geschleppt hatte, war er so ersch�pft, dass er zwei Stunden lang schlief.</p><p>Jevy fand nicht die geringste Spur von Rachel. Er suchte mit den Augen die Menschenmenge ab, die sich auf den Stra�en dr�ngte. Er sprach mit den Leuten vom Fluss, die er so gut kannte, aber keiner von ihnen hatte sie ankommen sehen. Er steckte den Kopf in alle Hotelhallen der Stadt und sch�kerte mit den Frauen am Empfang. Niemand hatte eine alleinreisende etwa vierzigj�hrige Amerikanerin gesehen.</p><p>Je l�nger sich der Nachmittag hinzog, desto mehr zweifelte Jevy an Nates Geschichte. Das Denguefieber ruft Halluzinationen hervor, man sieht Dinge, h�rt Stimmen, glaubt an Gespenster, vor allem in der Nacht. Trotzdem suchte er weiter.</p><p>Auch Nate streifte umher, nachdem er wieder aufgewacht war und eine weitere Mahlzeit zu sich genommen hatte. Er trug eine Flasche Wasser mit sich, achtete darauf, dass er langsam ging, und hielt sich m�glichst im Schatten. Auf dem Felsabsturz �ber dem Fluss machte er eine Pause und betrachtete das Pantanal, das sich majest�tisch Hunderte von Kilometern vor ihm erstreckte.</p><p>Dann �berfiel ihn die Ersch�pfung, und er schleppte sich ins Hotel zur�ck, um wieder zu schlafen. Er wurde davon wach, dass Jevy an die T�r klopfte. Sie hatten sich f�r sieben Uhr zum Abendessen verabredet, und es war acht Uhr durch. Beim Eintreten hielt Jevy misstrauisch Ausschau nach leeren Flaschen. Es gab keine.</p><p>Sie a�en Brath�hnchen in einem Stra�encafe. Fu�g�nger belebten die Stra�en, und Musik erf�llte die Luft. Paare mit kleinen Kindern kauften Eiscreme und kehrten nach Hause zur�ck. Halbw�chsige zogen in Gruppen ohne erkennbares Ziel umher. Vor den Lokalen standen die G�ste auf dem B�rgersteig. Junge M�nner und Frauen zogen von einem Lokal zum n�chsten. Auf den Stra�en war es warm und sicher; kein Mensch schien zu bef�rchten, dass man auf ihn schie�en oder ihn ausrauben k�nnte.</p><p>An einem Tisch in der N�he trank ein Mann kaltes Brahma-Bier aus einer braunen Flasche, und Nate sah ihm bei jedem Schluck zu.</p><p>Nach dem Nachtisch verabschiedeten sie sich voneinander und verabredeten, fr�h am n�chsten Morgen gemeinsam weiterzusuchen. Jevy ging in die eine Richtung, und Nate in die andere. Er war ausgeruht und hatte es satt, im Bett herumzuliegen.</p><p>Zwei Nebenstra�en vom Fluss entfernt wurde es stiller. Die L�den waren geschlossen, in den H�usern brannte kein Licht, es herrschte kaum Verkehr. Vor sich sah Nate die Lichter einer kleinen Kapelle. Da wird sie sein, sagte er sich. Fast h�tte er es laut gesagt.</p><p>Da die T�r weit offen stand, konnte er vom B�rgersteig aus h�lzerne Bankreihen sehen, die leere Kanzel, das Wandbild mit Christus am Kreuz und die R�cken einiger Menschen, die mit gesenkten K�pfen versunken beteten. Leise Orgelmusik lockte ihn ins Innere. Er blieb in der T�r stehen und sah, dass insgesamt f�nf Menschen in den B�nken verteilt sa�en. Keiner von ihnen sah Rachel auch nur im entferntesten �hnlich. Die Orgelbank unter dem Wandgem�lde war leer. Die Musik kam aus einem Lautsprecher.</p><p>Er hatte Zeit und konnte warten. Vielleicht w�rde sie ja kommen. Langsam ging er an der hintersten Bankreihe entlang und setzte sich. Er betrachtete die Kreuzigungsszene, die N�gel in Seinen H�nden, den Lanzenstich in Seiner Seite, die Qual auf Seinen Z�gen. Hatte man Ihn wirklich auf so abscheuliche Weise umgebracht? Irgendwann in seinem kl�glichen und auf weltliche Dinge gerichteten Leben hatte auch Nate die Geschichten aus dem Leben Jesu gelesen oder erz�hlt bekommen: die jungfr�uliche Geburt, daher Weihnachten; das Gehen auf dem Wasser; dann noch das eine oder andere Wunder; hatte der Wal Ihn verschlungen, oder war das ein anderer gewesen? Dann der Verrat durch Judas, das Verfahren vor Pilatus, die Kreuzigung, daher Ostern, und schlie�lich die Himmelfahrt.</p><p>Ja, die grundlegenden Tatsachen waren Nate bekannt. Vielleicht hatte seine Mutter sie ihm erz�hlt. Keine seiner Frauen war zur Kirche gegangen, obwohl Gattin Nummer zwei katholisch gewesen war und sie jedes zweite Jahr die Christmette besucht hatten.</p><p>Drei weitere Menschen kamen von der Stra�e herein. Ein junger Mann mit einer Gitarre trat durch einen Seiteneingang und ging zur Kanzel. Es war genau halb zehn. Er schlug einige Akkorde an und begann zu singen, wobei sein Gesicht vor Begeisterung gl�hte. Eine winzige Frau, die eine Bank weiter sa�, klatschte in die H�nde und sang mit.</p><p>Unter Umst�nden w�rde die Musik Rachel anlocken. Sie musste doch gro�e Sehnsucht nach dem Gottesdienst in einer richtigen Kirche mit einem Holzfu�boden und Buntglasfenstern haben, in der vollst�ndig angezogene Menschen in einer Kultursprache aus der Bibel lasen. Gewiss suchte sie die Kirchen auf, wenn sie in Corumba war.</p><p>Als das Lied zu Ende war, las der junge Mann einen Bibeltext und begann dar�ber zu sprechen. Nate hatte im Verlauf seines kleinen Abenteuers noch niemanden so langsam portugiesisch sprechen h�ren. Die leisen, ver-schliffenen Laute und der getragene Rhythmus fesselten ihn. Obwohl er kein Wort verstand, versuchte er, sich die S�tze zu wiederholen. Dann schweiften seine Gedanken ab.</p><p>Sein K�rper hatte sich von den Auswirkungen der Fieberanf�lle und der Medikamente erholt. Er war gut gen�hrt, ausgeruht und tatendurstig. Er war wieder er selbst, und das bedr�ckte ihn mit einem Mal. Die Gegenwart stand wieder vor ihm, Hand in Hand mit der Zukunft. Die Last, die er bei Rachel abgeladen hatte, drohte ihm wieder, hier in dieser Kirche. Rachel musste sich unbedingt zu ihm setzen, seine Hand halten und ihm beten helfen.</p><p>Er hasste seine Schw�chen. Er z�hlte sie eine nach der anderen auf, und die L�nge der Liste betr�bte ihn. Die D�monen warteten zu Hause auf ihn - die guten und die schlechten Freunde, die Orte, an denen er sich aufzuhalten pflegte, und die Gewohnheiten, denen er anhing, der Druck, dem er nicht l�nger standhalten konnte. Weder vermochte er f�r tausend Dollar am Tag ein Leben mit den Sergios dieser Welt zu f�hren, noch eines, bei dem er frei auf der Stra�e umherzog.</p><p>Jetzt betete der junge Mann, die Augen fest geschlossen, w�hrend er die Arme flehend zum Himmel erhob. Auch Nate schloss die Augen und sagte den Namen Gottes. Gott wartete auf ihn.</p><p>Mit beiden H�nden umklammerte er die Lehne der Bank vor ihm. Murmelnd wiederholte er die Liste, sagte leise jede Schw�che, jede S�nde, jede Qual und jedes �bel vor sich hin, die ihn heimsuchten. Er beichtete alles. In einem einzigen langen Bekenntnis seines Versagens stellte er sich nackt und blo� vor Gott hin. Er verschwieg nichts. Er lud so viele B�rden ab, dass sie gen�gt h�tten, drei M�nner unter sich zu begraben. Als er schlie�lich endete, standen ihm Tr�nen in den Augen. �Es tut mir leid�, fl�sterte er Gott zu. �Bitte hilf mir.�</p><p>Ebenso rasch, wie das Fieber seinen K�rper verlassen hatte, f�hlte er seine Seele von ihrer Last befreit. Mit einer sanften Handbewegung war sein S�ndenregister getilgt. Er stie� einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus, aber sein Puls jagte.</p><p>Wieder h�rte er die Gitarre. Er �ffnete die Augen und wischte sich die Wangen. Jetzt sah er nicht den jungen Mann auf der Kanzel, sondern das von Leid und Schmerz verzerrte Gesicht Christi, der am Kreuz starb. F�r ihn. Eine Stimme rief ihn. Sie kam aus seinem Inneren und wollte ihn durch den Mittelgang der kleinen Kirche f�hren. Aber die Aufforderung verwirrte ihn. In ihm lagen viele Empfindungen im Widerstreit miteinander. Mit einem Mal waren seine Augen trocken.</p><p>Warum weine ich eigentlich in einer kleinen Kapelle, in der es hei� ist, und h�re mir Musik an, die ich nicht verstehe, in einer Stadt, die ich nie wiedersehen werde? Die Fragen best�rmten ihn, ohne dass er eine Antwort darauf fand.</p><p>Es war sch�n und gut, dass Gott ihm seine verbl�ffende Zahl von Missetaten vergab, und es kam Nate tats�chlich so vor, als w�re seine Last leichter geworden - aber dass von ihm erwartet wurde, die Nachfolge Christi anzutreten, dieser Schritt war sehr viel schwerer zu vollziehen.</p><p>W�hrend er weiter der Musik zuh�rte, f�hlte er sich verwirrt. Es war unm�glich, dass Gott ihn rief. Er war Nate</p><p>O'Riley - S�ufer, Drogens�chtiger, Weiberheld, ein Vater, der seine Kinder vernachl�ssigte, ein schlechter Ehemann, ein habgieriger Anwalt, ein Steuerbetr�ger. Die traurige Liste h�rte �berhaupt nicht auf.</p><p>Ihm war schwindelig. Die Musik h�rte auf, und als sich der junge Mann daran machte, ein weiteres Lied anzustimmen, verlie� Nate die Kirche in aller Eile. W�hrend er eine Ecke umrundete, warf er einen Blick hinter sich. Er hoffte, Rachel zu sehen, wollte sich aber auch vergewissern, dass ihm Gott nicht jemanden nachschickte.</p><p>Er musste mit jemandem reden. Er war sicher, dass sie sich in Corumba aufhielt, und er nahm sich vor, sie unter allen Umst�nden zu finden.</p></section><section><title><p>ACHTUNDDREISSIG</p></title><p>Ein despachante ist unabdingbarer Bestandteil des Lebens in Brasilien. Keine Firma, Bank, Anwaltskanzlei oder Arztpraxis, keine Privatperson, die �ber Geld verf�gt, kann ohne die Dienste eines despachante auskommen. Er ist das Schmiermittel im Getriebe eines Landes, in dem eine �berholte B�rokratie wuchert, er kennt nicht nur die Beamten der Stadtverwaltung, sondern auch jeden bei Gericht, alle Zollbeamten und jeden anderen Amtstr�ger. Er durchschaut das System und wei�, wie man sich seiner bedient. In Brasilien kann man ohne endlos langes Schlangestehen kein amtliches Dokument bekommen, und der despachante ist derjenige, der sich f�r andere in die Schlange stellt. Gegen eine kleine Geb�hr wartet er acht Stunden lang, um die Autozulassung zu verl�ngern, und klebt dann seinem Auftraggeber die Plakette an die Windschutzscheibe, w�hrend dieser seiner Arbeit im B�ro nachgeht. Er w�hlt f�r andere, erledigt Bankgesch�fte, fertigt Paket- und Briefsendungen ab - die Liste ist endlos.</p><p>Kein b�rokratisches Hindernis ist f�r ihn un�berwindbar.</p><p>Ganze Unternehmen von despachantes preisen auf Schildern ihre Dienste an wie �rzte und Anw�lte. Man findet sie in den Gelben Seiten. F�r die Aufgabe ist keine vorgeschriebene Ausbildung n�tig. Man braucht nichts als eine flinke Zunge, Geduld und m�glichst viel Unverfrorenheit.</p><p>Valdirs despachante in Corumba kannte einen Kollegen in Sao Paulo, der �ber Kontakte zu hohen Stellen verf�gte und daf�r sorgen w�rde, dass Nate gegen Zahlung von zweitausend Dollar ein neuer Pass ausgestellt wurde.</p><p>Jevy verbrachte die n�chsten Vormittage am Fluss und half einem Bekannten bei der Reparatur einer chalana. Er behielt alles im Auge und h�rte auf alles, was erz�hlt wurde. Kein Wort �ber die Frau. Am Freitag mittag war er �berzeugt, dass sie zumindest in den vergangenen zwei Wochen nicht in Corumba eingetroffen war. Er kannte alle Fischer, Bootsf�hrer und Matrosen, und jeder von ihnen redete gern. Sofern eine Amerikanerin, die bei den Indianern lebte, mit einem Mal in der Stadt aufgetaucht w�re, sie h�tten es gewusst.</p><p>Nate suchte bis zum Wochenende. Er durchstreifte die Stra�en, beobachtete jede Menschenansammlung, sah sich in Hotelhallen und Stra�encafes um, betrachtete die Gesichter der Menschen auf der Stra�e, ohne eine Frau zu entdecken, die Rachel auch nur entfernt �hnlich gesehen h�tte.</p><p>Um ein Uhr an seinem letzten Tag holte er sich in Valdirs Kanzlei seinen Pass ab. Sie verabschiedeten sich wie alte Freunde und versprachen, einander bald wiederzusehen. Beide wussten, dass es nie dazu kommen w�rde. Um zwei Uhr fuhr ihn Jevy zum Flughafen. Sie sa�en eine halbe Stunde in der Abflughalle und sahen zu, wie das einzige Flugzeug entladen und f�r den R�ckflug vorbereitet wurde. Jevy wollte eine Weile in die Vereinigten Staaten und war dazu auf Nates Hilfe angewiesen. �Ich brauche einen Job�, sagte er. Nate h�rte ihm aufmerksam zu und war nicht sicher, ob er selbst noch einen Job hatte.</p><p>�Ich sehe zu, was ich tun kann.�</p><p>Sie sprachen �ber Colorado, den Westen und �ber Orte, an denen Nate nie gewesen war. Jevy war begeistert vom Gebirge, und nach zwei Wochen im Pantanal verstand Nate das. Als es Zeit war zu gehen, umarmten sie einander freundschaftlich und sagten sich Lebewohl. Nate ging �ber den hei�en Asphalt zum Flugzeug; seine gesamte Garderobe befand sich in einer kleinen Sporttasche.</p><p>Die zwanzigsitzige Turboprop-Maschine machte bis Campo Grande zwei Zwischenlandungen. Dort stiegen die Flugg�ste in ein D�senflugzeug nach Sao Paulo um. Die Dame neben ihm lie� sich vom Getr�nkewagen ein Bier servieren. Nate betrachtete aufmerksam die Dose, die kaum weiter als zwei Handbreit von ihm entfernt stand. Damit ist Schluss, sagte er sich. Er schloss die Augen und bat Gott um Kraft. Er bestellte Kaffee.</p><p>Die Maschine zum Dulles Airport flog um Mitternacht ab und sollte am n�chsten Morgen um neun Uhr in W a-shington eintreffen. Seine Suche nach Rachel hatte ihn fast drei Wochen lang au�er Landes gef�hrt.</p><p>Er war nicht sicher, wo sich sein Auto befand. Er hatte keine Wohnung und keine Mittel, sich eine zu beschaffen. Trotzdem machte er sich keine Sorgen. Um all das w�rde sich Josh k�mmern.</p><p>Die Maschine ging durch die Wolken auf zweitausendsieben-hundert Meter herunter. Nate war wach, trank Kaffee und f�rchtete sich vor den Stra�en Washingtons. Sie waren kalt und wei�. Tiefer Schnee bedeckte sie. W�hrend sich der Flughafen n�herte, war das Bild einige Minuten lang herrlich, dann erinnerte sich Nate, wie sehr er den Winter verabscheute. Er trug eine d�nne Hose, keine Socken, billige, leichte Schuhe und ein gef�lschtes Marken-Polohemd, f�r das er am Flughafen Sao Paulo sechs Dollar bezahlt hatte. Einen Mantel hatte er nicht.</p><p>Er w�rde die Nacht irgendwo verbringen, vermutlich in einem Hotel, zum ersten Mal ohne Aufsicht in Washing-</p><p>ton seit dem 4. August, dem Tag, an dem er in einem Motelzimmer in einem der Vororte zusammengebrochen war. Es war das Ende eines langen, j�mmerlichen Wegs nach unten gewesen. Er hatte sich gro�e M�he gegeben, das alles zu vergessen.</p><p>Das aber war der alte Nate gewesen. Jetzt war er ein neuer Mensch. Er war achtundvierzig Jahre alt, w�rde in dreizehn Monaten f�nfzig werden und war zu einem anderen Leben bereit. Gott hatte ihm Kraft gegeben und ihn in seiner Entschlossenheit best�rkt. Drei�ig weitere Jahre lagen vor ihm. Er w�rde sie weder mit leeren Flaschen in den H�nden noch auf der Flucht verbringen.</p><p>Schneepfl�ge fuhren �ber das Vorfeld, w�hrend die Maschine dem Abfertigungsgeb�ude entgegenrollte. Die Start- und Landebahnen waren nass, und nach wie vor fiel schwerer Schnee. Als Nate die Fluggastbr�cke bestieg, traf ihn der Winter mit aller Kraft, und er musste an die feuchtwarmen Stra�en von Corumba denken. Josh wartete am Gep�ckband und hatte selbstverst�ndlich einen Mantel f�r ihn mitgebracht.</p><p>�Du siehst grauenhaft aus�, waren seine ersten Worte.</p><p>�Vielen Dank.� Nate nahm den Mantel und zog ihn an.</p><p>�Du bist klapperd�rr.�</p><p>�Wenn du sieben Kilo verlieren willst, musst du dir nur den richtigen Moskito au�uchen.�</p><p>Sie schoben sich mit der Menge der einander sto�enden und rempelnden Menschen zum Ausgang. Je n�her sie den T�ren kamen, desto entsetzlicher wurde das Gedr�nge. Willkommen zu Hause, dachte Nate.</p><p>�Du reist ja mit leichtem Gep�ck�, sagte Josh und zeigte auf seine Sporttasche.</p><p>�All meine irdische Habe.�</p><p>Ohne Socken und Handschuhe fror Nate, w�hrend er am Stra�enrand darauf wartete, dass Josh mit dem Auto kam. In der Nacht hatte ein so schlimmer Schneesturm getobt, dass sich der Schnee an den Geb�uden �ber einen halben Meter hoch aufget�rmt hatte.</p><p>�Gestern waren es in Corumba vierunddrei�ig Grad im Schatten�, sagte Nate, w�hrend sie den Flughafen hinter sich lie�en.</p><p>�Sag mir blo� nicht, dass dir das fehlt.�</p><p>�Doch. Mit einem Mal schon.�</p><p>�H�r mal, Gayle ist in London. Ich dachte, du k�nntest ein paar Tage bei mir zu Hause unterkriechen.�</p><p>Joshs Haus hatte Platz f�r f�nfzehn Personen. �Na klar, gern. Wo ist mein Wagen?�</p><p>�In meiner Garage.�</p><p>Nat�rlich stand der geleaste Jaguar da, und zweifellos war er einwandfrei gewartet, gewaschen und gewachst, und Josh hatte sicher auch die monatlichen Leasing-Raten bezahlt. �Danke, Josh.�</p><p>�Ich habe deine M�bel bei einer Spedition eingelagert. Deine Kleidung und pers�nliche Habe sind im Wagen.� �Danke.� Nate war nicht im mindesten �berrascht.</p><p>�Wie f�hlst du dich?�</p><p>� Gro�artig.�</p><p>�H�r mal, Nate, ich hab �ber das Denguefieber nachgelesen. Es dauert einen Monat, bis man sich vollst�ndig davon erholt hat. Erz�hl mir also keinen Schei�.�</p><p>Einen Monat. Das war die Er�ffnung in dem Schlagabtausch �ber seine Zukunft in der Kanzlei. Nimm noch einen Monat Urlaub, alter Junge. Vielleicht bist du ja zu krank, um zu arbeiten. Nate konnte das Drehbuch schreiben.</p><p>Aber es w�rde keinen Kampf geben.</p><p>�Ich bin ein bi�chen schwach, nichts weiter. Ich schlafe ziemlich viel und muss viel Fl�ssigkeit zu mir nehmen.� �Und was f�r Fl�ssigkeit ist das?�</p><p>�Du kommst gleich zur Sache, was?� .v �Das tu ich immer.�</p><p>�Ich bin trocken, Josh. Du kannst ganz beruhigt sein. Es gibt keinen R�ckfall.�</p><p>Das hatte Josh schon oft geh�rt. Da der Ton des Gespr�chs etwas sch�rfer geworden war, als beide beabsichtigt hatten, schwiegen sie eine Weile. Stellenweise kamen sie nur im Schritttempo voran.</p><p>Gro�e Eisschollen trieben langsam den stellenweise zugefrorenen Potomac in Richtung auf Georgetown hinab. W�hrend sie auf der Chain Bridge im Verkehr festsa�en, erkl�rte Nate k�hl: �Ich gehe nicht wieder in die Kanzlei, Josh. Die Zeiten sind vorbei.�</p><p>Es war nicht zu erkennen, wie Josh darauf reagierte. Er h�tte entt�uscht sein k�nnen, weil ein alter Freund und guter Prozessanwalt aufgab. Er h�tte sich freuen k�nnen, weil jemand, der ihm schon lange Kopfschmerzen bereitete, die Kanzlei ohne gro�es Aufsehen verlie�. Er h�tte sich gleichg�ltig zeigen k�nnen, da Nates Fortgang vermutlich ohnehin nicht zu vermeiden war. Letzten Endes w�rde ihn das Verfahren wegen Steuerhinterziehung ohnehin die Zulassung als Anwalt kosten.</p><p>Er aber fragte einfach: �Warum?�</p><p>�Da gibt's 'ne Menge Gr�nde, Josh. Sagen wir einfach, dass ich m�de bin.�</p><p>�Bei den meisten Prozessanw�lten ist nach zwanzig Jahren die Luft raus.�</p><p>�Davon hab ich auch geh�rt.�</p><p>Damit war genug �ber den Ruhestand geredet worden. Nate hatte seinen Entschluss gefasst, und Josh hatte nicht die Absicht, daran etwas zu �ndern. Also sprachen sie �ber Football, wie das M�nner zu tun pflegen, die angesichts wichtigerer Aufgaben das Gespr�ch in Gang halten wollen. In zwei Wochen fand der Super Bowl statt, und die Redskins hatten sich nicht daf�r qualifiziert.</p><p>Selbst unter ihrer dicken Schneeschicht wirkten die Stra�en auf Nate sch�big.</p><p>Die Staffords besa�en au�er einem gro�en Haus in Wesley Heights im Nordwesten der Stadt ein Sommerh�uschen an der Chesapeake Bay und eine Blockh�tte in Maine. Alle vier Kinder waren aus dem Haus, und w�hrend Mrs. Stafford gern reiste, arbeitete ihr Mann lieber.</p><p>Nate holte sich einige warme Kleidungsst�cke aus dem Kofferraum seines Wagens, dann nahm er im G�stetrakt des Hauses eine hei�e Dusche. Der Wasserdruck war in Brasilien niedriger und das Wasser der Dusche in seinem Hotel nie wirklich warm und nie wirklich kalt gewesen. Die Seifenst�ckchen waren kleiner gewesen. Er verglich alles um sich herum mit dem, was er in Brasilien gesehen hatte. Belustigt dachte er an die Dusche auf der Santa Loura, die lauwarmes Wasser von sich gegeben hatte, wenn man an einer Kette �ber der Toilette zog.</p><p>Er war belastbarer, als er angenommen hatte, das hatte er bei diesem Abenteuer gemerkt.</p><p>Nach dem Rasieren putzte er sich die Z�hne, alles ganz wie immer. In mancher Hinsicht war es sch�n, wieder zu Hause zu sein.</p><p>Zum Kaffee trafen sie sich in Joshs Arbeitszimmer im Keller, das gr��er war als sein B�ro in der Kanzlei und ebenso unaufger�umt. Es war Zeit f�r einen ausf�hrlichen Bericht. Nate begann mit dem mi�lungenen Versuch, Rachel vom Flugzeug aus zu suchen, berichtete �ber die Bruchlandung, die tote Kuh, die drei kleinen Jungen, das �de Weihnachten im Pantanal. In allen Einzelheiten erz�hlte er von seinem Ritt durch das Sumpfgebiet und die Begegnung mit dem neugierigen Kaiman. Dann die Errettung durch den Hubschrauber. Sein exzessives Trinken am Weihnachtsabend erw�hnte er nicht; das w�rde zu nichts f�hren, und er sch�mte sich entsetzlich. Er beschrieb Jevy, Welly, die Santa Loura und die Fahrt nach Norden. Er erinnerte sich daran, welche Angst er empfunden hatte, als er und Jevy sich mit dem kleinen Beiboot verirrt hatten. Zugleich aber war er viel zu besch�ftigt gewesen, als dass er sich dieser Angst h�tte �berlassen k�nnen. Jetzt, in der Sicherheit der Zivilisation, kam ihr Umherirren ihm furchteinfl��end vor.</p><p>Das Abenteuer, das da vor ihm ausgebreitet wurde, erschreckte Josh. Er wollte Nate um Entschuldigung bitten, weil er ihn an einen so gef�hrlichen Ort geschickt hatte, aber offensichtlich hatte er die Exkursion spannend gefunden. Die Kaimane wurden im Verlauf der Erz�hlung immer gr��er. Zu der einsamen Anakonda, die sich am Flussufer gesonnt hatte, gesellte sich eine weitere, die in der N�he des Bootes umhergeschwommen war.</p><p>Nate beschrieb die Indianer, ihre Nacktheit, die fade Kost, das eint�nige Leben, den H�uptling und dessen anf�ngliche Weigerung, sie ziehen zu lassen.</p><p>Und Rachel. Als Nate an dieser Stelle in seinem Bericht angekommen war, nahm Josh seinen Notizblock zur Hand und schrieb sich verschiedenes auf. Nate beschrieb Rachel in allen Einzelheiten, angefangen von ihrer sanften Stimme und ihrer langsamen Sprechweise bis hin zu ihren Sandalen und Wanderstiefeln. Ihre H�tte, ihre Medikamententasche, den hinkenden Lako und die Art, wie die Indianer sie ansahen, wenn sie vor�berkam. Er erz�hlte die Geschichte des kleinen M�dchens, das an einem Schlangenbiss gestorben war, und berichtete Josh alle Einzelheiten, die er von Rachel erfahren hatte.</p><p>Mit der Genauigkeit des altgedienten Prozessanwalts kam Nate auf jedes Rachel betreffende Detail zu sprechen, das ihm im Verlauf seines Besuchs aufgefallen war. Er zitierte w�rtlich, was sie �ber Geld und die zu unterschreibenden Papiere gesagt hatte. Er erinnerte sich an das, was sie �ber Troys eigenh�ndiges Testament gesagt hatte, n�mlich dass es ihr behelfsm��ig vorkomme.</p><p>Er schloss den Bericht mit dem wenigen, was er �ber seine und Jevys R�ckkehr aus dem Pantanal wusste. Dabei spielte er die Bedrohlichkeit des Denguefiebers herunter. Er hatte es �berlebt, und das allein schon �berraschte ihn.</p><p>Ein Dienstm�dchen brachte Suppe und hei�en Tee. �Die Sache sieht also so aus�, sagte Josh, nachdem er einige L�ffel Suppe gegessen hatte. �Wenn sie Troys Erbschaft ausschl�gt, bleibt das Geld in seinem Nachlass. Falls sich allerdings erweisen sollte, dass das Testament aus irgendeinem Grund ung�ltig ist, wird der Nachlass so behandelt, als w�re Troy ohne Testament gestorben.�</p><p>�Wie kann es ung�ltig sein? Man hat ihn doch, wenige Minuten bevor er gesprungen ist, psychiatrisch begutachten lassen?�</p><p>�Inzwischen gibt es noch mehr Psychiater, die gut bezahlt werden und eine andere Meinung vertreten. Die Sache wird unangenehm. All seine fr�heren Testamente sind in den Rei�wolf gewandert. Sollte sich eines Tages he-rau�tellen, dass er ohne g�ltiges Testament gestorben ist, werden ihn seine Kinder zu gleichen Teilen beerben, und zwar alle sieben. Da aber Rachel nichts haben will, wird ihr Anteil unter den anderen sechs aufgeteilt.�</p><p>�Und dann bekommen diese Dummk�pfe pro Nase eine Milliarde Dollar.�</p><p>�So ungef�hr.�</p><p>�Wie stehen die Aussichten, das Testament anzufechten?�</p><p>�Nicht besonders gut. Ich m�chte lieber unsere Seite vertreten als die Gegenseite, aber das kann sich �ndern.� Nate ging im Zimmer auf und ab, knabberte an einem Salzkeks und �berdachte alles. �Warum sollen wir f�r die Rechtsg�ltigkeit des Testaments k�mpfen, wenn Rachel das Geld nicht will?�</p><p>�Aus drei Gr�nden�, sagte Josh rasch. Wie immer, hatte er bereits alles aus jedem m�glichen Blickwinkel analysiert. Er w�rde ihm die Zusammenh�nge St�ck f�r St�ck enth�llen.</p><p>�Erstens, und das ist das wichtigste, hat mein Mandant ein g�ltiges Testament errichtet. Darin hat er genau auf</p><p>die Weise �ber sein Verm�gen verf�gt, die seinen Vorstellungen entsprach. Mir als seinem Anwalt bleibt keine M�glichkeit, als f�r die Durchsetzung dieses Testaments zu k�mpfen. Zweitens ist mir bekannt, wie Mr. Phelan zu seinen Kindern gestanden hat. Ihm war die Vorstellung unertr�glich, das Geld k�nnte auf irgendeine Weise in ihre H�nde gelangen. Ich teile seine Ansichten �ber seine Kinder absolut und mag mir �berhaupt nicht ausmalen, was geschehen w�rde, wenn jeder von denen eine Milliarde bek�me. Drittens besteht immer noch die M�glichkeit, dass Rachel es sich anders �berlegt.�</p><p>�Damit w�rde ich nicht rechnen.�</p><p>�Sieh mal, Nate, sie ist auch nur ein Mensch. Du hast ihr die Papiere dagelassen. Nach ein paar Tagen f�ngt sie an, dar�ber nachzudenken. Vielleicht hatte sie noch nie die M�glichkeit erwogen, reich zu werden, aber irgendwann muss ihr doch der Gedanke kommen, wie viel Gutes sie mit dem Geld tun k�nnte. Hast du sie auf die M�glichkeit einer gemeinn�tzigen Stiftung und dergleichen hingewiesen?�</p><p>�Dar�ber wei� ich doch selber kaum was, Josh. Vergiss nicht, dass ich Prozessanwalt war.�</p><p>�Jedenfalls werden wir darum k�mpfen, Mr. Phelans Testament zu sch�tzen. Bedauerlicherweise ist der wichtigste Platz am Tisch leer. Rachel braucht jemanden, der sie vertritt.�</p><p>�Braucht sie nicht. Sie will von all dem nichts wissen.�</p><p>�Der Prozess kann nur gef�hrt werden, wenn sie einen Anwalt hat.�</p><p>Nate war dem Meister der Strategie nicht gewachsen. Das schwarze Loch �ffnete sich unversehens, und schon war er dabei, hineinzufallen. Er schloss die Augen und sagte: �Du machst Witze.�</p><p>�Nein. Wir k�nnen die Sache auf keinen Fall l�nger hinausz�gern. Troys Tod liegt einen ganzen Monat zur�ck. Richter Wycliff will unbedingt wissen, wo sich Rachel Lane aufh�lt. Die Anw�lte der Kinder haben sechs Antr�ge auf Anfechtung des Testaments eingereicht und machen erheblichen Druck, dass es vorangeht. Die ganze Sache wird von A bis Z in der Presse breitgetreten. Wenn wir auch nur den kleinsten Hinweis darauf liefern, dass Rachel die Absicht hat, das Erbe auszuschlagen, verlieren wir die Kontrolle. Die Phelan-Kinder und ihre Anw�lte drehen durch, und der Richter hat auf einmal kein Interesse mehr daran, Troys letztem Testament zur Geltung zu verhelfen.�</p><p>�Willst du damit sagen, dass ich ihr Anwalt bin?�</p><p>�Wir haben keine andere M�glichkeit, Nate. Wenn du aus der Kanzlei au�teigen willst, soll mir das recht sein, aber diesen letzten Fall musst du noch durchziehen. Setz dich einfach an den Tisch und wahre Rachels Interessen. Die Kanzlei arbeitet dir zu.�</p><p>�Aber da gibt es doch einen Interessenkonflikt. Schlie�lich bin ich Teilhaber in dieser Kanzlei.�</p><p>�Das ist halb so schlimm, denn unsere Interessen sind identisch. F�r uns - die Nachla�verwaltung und Rachel -lautet die Aufgabe, das Testament zu sch�tzen. Wir sitzen im selben Boot. Au�erdem k�nnen wir ohne weiteres behaupten, dass du der Kanzlei seit August nicht mehr angeh�rst.�</p><p>�Da ist viel Wahres dran.�</p><p>Beide best�tigten diese traurige Wahrheit. Josh nippte an seinem Tee, ohne Nate aus den Augen zu lassen. �Irgendwann gehen wir zu Wycliff und sagen ihm, dass du Rachel zwar gefunden hast, sie aber zur Zeit noch nicht selbst in Erscheinung treten m�chte und nicht sicher ist, was sie tun will. Vorsichtshalber aber hat sie dich mit der Wahrnehmung ihrer Interessen beauftragt.�</p><p>�Damit w�rden wir ihn bel�gen.�</p><p>�Das ist eine harmlose L�ge, und der Richter wird sp�ter daf�r dankbar sein. Er will unbedingt anfangen, kann das aber erst tun, wenn er von Rachel geh�rt hat. Sobald du als ihr Anwalt auftrittst, f�ngt der Krieg an. Das L�gen �berlass mir.�</p><p>�Das hei�t, ich arbeite als Ein-Mann-Kanzlei an meinem letzten Fall.�</p><p>�So ist es.�</p><p>�Ich verlasse die Stadt, Josh. Ich kann hier nicht bleiben.� Nachdem Nate das gesagt hatte, lachte er. �Wo sollte ich denn auch wohnen?�</p><p>�Wohin willst du?�</p><p>�Ich wei� noch nicht. So weit habe ich noch nicht gedacht.�</p><p>�Ich habe eine Idee.�</p><p>�Davon bin ich �berzeugt.�</p><p>�Zieh doch in mein Sommerh�uschen in St. Michaels an der Chesapeake Bay. Es steht im Winter sowieso leer.</p><p>Es sind zwei Stunden bis dorthin, du kannst also herkommen, wenn du hier gebraucht wirst, und bei mir �bernachten. Noch einmal, Nate, alles, was an Vorarbeiten n�tig ist, erledigt die Kanzlei.�</p><p>Nate betrachtete eine Weile die B�cherregale. Erst vor vierundzwanzig Stunden hatte er auf einer Parkbank in Corumba ein Sandwich gegessen, den Vor�berkommenden zugesehen und darauf gewartet, dass Rachel auftauchte. Er hatte sich geschworen, nie wieder freiwillig einen Gerichtssaal zu betreten.</p><p>Aber widerwillig r�umte er ein, dass der Plan etwas f�r sich hatte. Einen besseren Mandanten als Rachel konnte er sich auf keinen Fall w�nschen. Der Fall w�rde nie vor Gericht kommen. Und bei den Betr�gen, um die es ging, hatte er die M�glichkeit, zumindest einige Monate lang seinen Lebensunterhalt zu verdienen.</p><p>Josh beendete seine Suppe und sprach den n�chsten Punkt auf der Tagesordnung an. �Ich schlage vor, dass du zehntausend Dollar im Monat bekommst.�</p><p>�Das ist gro�z�gig, Josh.�</p><p>�Ich denke, dass wir das aus dem Nachlass des Alten rausquetschen k�nnen. Da du keine laufenden Kosten hast, kannst du damit wieder auf die Beine kommen.�</p><p>�Bis... �</p><p>�Genau, bis wir die Sache mit dem IRS kl�ren.�</p><p>�Hast du schon was vom zust�ndigen Richter geh�rt?�</p><p>�Ich rufe ihn von Zeit zu Zeit an. Vorige Woche haben wir miteinander zu Mittag gegessen.�</p><p>�Ist das ein guter Kumpel von dir?�</p><p>�Wir kennen uns schon lange. Du musst auf keinen Fall ins Gef�ngnis, Nate. Man wird sich mit einer hohen Geldstrafe und einem f�nfj�hrigen Entzug deiner Zulassung als Anwalt begn�gen.�</p><p>�Meine Zulassung k�nnen sie haben.� �Noch nicht. Wir brauchen sie f�r einen weiteren Fall.� �Wie lange sind sie bereit zu warten?� �Ein Jahr. Es eilt ihnen nicht besonders damit.� �Danke, Josh.� Nate war wieder m�de.</p><p>Die Strapazen im Urwald, der Nachtflug, das anstrengende Gespr�ch mit Josh. Er sehnte sich nach einem weichen, warmen Bett in einem dunklen Zimmer.</p></section><section><title><p>NEUNUNDDREISSIG</p></title><p>Um sechs Uhr am Sonntag morgen nahm Nate seine dritte warme Dusche in vierundzwanzig Stunden und �berlegte, wie er Washington m�glichst rasch verlassen konnte. Eine Nacht in der Stadt hatte ihm gen�gt. Das H�uschen an der Bucht lockte ihn. Sechsundzwanzig Jahre war er in dieser Stadt zu Hause gewesen, jetzt, da er sich entschlossen hatte, ihr den R�cken zu kehren, konnte es ihm nicht schnell genug gehen.</p><p>Da er keine Wohnung auszur�umen hatte, ging der Umzug einfach vonstatten. Er suchte Josh und fand ihn in seinem Arbeitszimmer, wo er gerade mit einem Mandanten in Thailand telefonierte. Allem Anschein nach ging es um Erdgasvorkommen. W�hrend Nate mith�rte, war er froh, die Anwaltspraxis aufzugeben. Obwohl Josh steinreich war und zw�lf Jahre �lter als er, kannte er, wie es aussah, kein gr��eres Vergn�gen, als um halb sieben am Sonntag morgen am Schreibtisch zu sitzen. Hoffentlich passiert mir das nicht, sagte Nate zu sich selbst. Doch ihm war klar, dass es nicht dazu kommen w�rde. H�tte er allerdings seine Arbeit in der Kanzlei wiederaufgenommen, w�rde es mit Sicherheit im alten Trott weitergehen. Vier Entziehungskuren bedeuteten nichts anderes, als dass die f�nfte schon auf ihn wartete. Er war nicht so stark wie Josh und w�re bestimmt zehn Jahre sp�ter tot. Sich all dem zu entziehen war aufregend. Auf das unangenehme Gesch�ft, �rzte wegen Kunstfehlern zu verklagen, konnte er gut verzichten, und auch der hektische Betrieb einer Kanzlei, in der es zuging wie in einem Taubenschlag, w�rde ihm nicht fehlen. Er hatte seine Karriere und seine Triumphe hinter sich. Der Erfolg hatte ihm nichts als Elend gebracht; er konnte nicht damit umgehen. Der Erfolg hatte ihn in die Gosse geschickt.</p><p>Jetzt, da die Schreckensvorstellung, ins Gef�ngnis zu m�ssen, von ihm genommen war, konnte er sein neues Leben genie�en.</p><p>Er verlie� Washington mit einen Kofferraum voll Kleidungsst�cke; alles andere lie� er in einer Kiste in Joshs Garage zur�ck. Es hatte aufgeh�rt zu schneien, aber die Schneepfl�ge hatten noch zu tun. Nach wenigen hundert Metern fiel Nate ein, dass er �ber f�nf Monate lang kein Lenkrad in der Hand gehabt hatte. Es herrschte kaum Verkehr, und er kroch �ber die Wisconsin Avenue nach Chevy Chase, bis er den Beltway erreichte, der vollst�ndig ger�umt war.</p><p>Als er allein in seinem eleganten Auto sa�, kam er sich allm�hlich wieder wie ein Amerikaner vor. Er dachte an Jevy und seinen lauten, gef�hrlichen Pickup. Wie lange die beiden wohl auf dem Beltway �berdauern w�rden?</p><p>Er musste auch an Welly denken. Der Junge stammte aus einer Familie, die so arm war, dass sie nicht einmal ein Auto besa�. Nate nahm sich vor, in den n�chsten Tagen Briefe zu schreiben, unter anderem einen an seine Reisegef�hrten aus Corumba.</p><p>Sein Blick fiel auf das Telefon. Er nahm den H�rer ab: Es schien zu funktionieren. Nat�rlich hatte Josh daf�r gesorgt, dass die Rechnungen bezahlt wurden. Er rief Sergio zu Hause an, und sie sprachen zwanzig Minuten lang miteinander. Er musste sich Vorw�rfe anh�ren, weil er sich nicht fr�her gemeldet hatte. Sergio hatte sich Sorgen gemacht. Nate schob alles darauf, dass es im Pantanal keine Telefone gab. Er berichtete ihm, dass die Dinge jetzt in eine andere Richtung gingen, es zwar verschiedene Unbekannte gebe, sein Abenteuer aber noch nicht zu Ende sei. Er werde seinen Beruf aufgeben und brauche nicht ins Gef�ngnis.</p><p>Sergio fragte nicht, ob er n�chtern geblieben war. Was Nate sagte, klang eindrucksvoll und ganz so, als wisse er, was er wollte. Nate gab Sergio die Telefonnummer des Hauses, in dem er wohnen w�rde, und sie verabredeten, demn�chst einmal gemeinsam zum Mittagessen zu gehen.</p><p>Dann rief er seinen �ltesten Sohn an, der in Evanston an der Northwestern University studierte, und hinterlie� eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Wo hielt sich ein dreiundzwanzig-j�hriger Student an einem Sonntagmorgen um sieben auf? In der Fr�hmesse bestimmt nicht. Nate wollte es aber gar nicht so genau wissen. Was auch immer sein Sohn gerade tat, er w�rde sein Leben mit Sicherheit nicht so verpfuschen wie sein Vater. Seine Tochter war einundzwanzig Jahre alt und studierte, wie sie gerade Lust hatte, an der Pitt University. Bei ihrem letzten Gespr�ch, einen Tag bevor Nate mit einer Flasche Rum und einem Sack voll Tabletten in das bewusste Motelzimmer gezogen war, war es um ihre Studiengeb�hren gegangen.</p><p>Er konnte ihre Telefonnummer nicht finden.</p><p>Die Mutter seiner �lteren Kinder hatte seit der Trennung von Nate zweimal wieder geheiratet. Da er sie nicht au�tehen konnte, rief er sie nur an, wenn es gar nicht anders ging. Er nahm sich vor, einige Tage zu warten und sie dann um Kaitlins Telefonnummer zu bitten.</p><p>Er war entschlossen, die beschwerliche Reise nach Oregon im Westen zu unternehmen, um zumindest seine beiden J�ngsten zu besuchen. Auch deren Mutter hatte wieder geheiratet, erstaunlicherweise wieder einen Anwalt, der aber, wie es aussah, ein einwandfreies Leben f�hrte. Nate wollte die Kinder um Verzeihung bitten und versuchen, eine neue Beziehung anzukn�pfen. Er wusste selbst nicht, wie er das bewerkstelligen sollte, nahm sich aber fest vor, den Versuch zu unternehmen.</p><p>In Annapolis hielt er an einer Imbissstube an, um zu fr�hst�cken. Er h�rte zu, wie einige Stammg�ste in einer Sitznische lautstark die Wetteraussichten kommentierten, und �berflog gedankenlos die Washington Post. Weder in den Schlagzeilen noch in den letzten Meldungen der Zeitung fand er etwas, das ihn auch nur im geringsten interessiert h�tte. Es ging immer um dasselbe: Unruhen im Nahen Osten, Unruhen in Nordirland; Skandale im Kongress; die Aktienkurse stiegen und fielen; ein �lteppich bedrohte das Leben im Meer; ein neues Heilmittel gegen Aids; Guerillakrieger brachten Bauern in Lateinamerika um; Chaos in Russland.</p><p>Seine Hose war ihm zu weit geworden, also a� er drei Eier mit Speck und Toast. In der Sitznische herrschte vage �bereinstimmung, dass noch mehr Schnee in der Luft lag.</p><p>Er fuhr �ber die Chesapeake Bay Bridge. Da die Stra�en am �stlichen Ufer der Bucht nicht gut ger�umt waren, geriet der Jaguar zweimal ins Rutschen. Er nahm Gas weg. Der Wagen war ein Jahr alt, und er wusste nicht mehr, wann der Leasingvertrag auslief. Seine Sekret�rin hatte allen Papierkram f�r ihn erledigt; er hatte die Farbe ausgesucht. Er beschloss, den Wagen so schnell wie m�glich abzusto�en und sich ein gebrauchtes Auto mit Allrad-Antrieb zuzulegen. Fr�her einmal war ihm der flotte Anwaltswagen wichtig gewesen, jetzt brauchte er ihn nicht mehr.</p><p>Bei Easton bog er auf die State Route 33 ein. Der Schnee lag noch f�nf Zentimeter hoch. Nate folgte den Spuren anderer Fahrzeuge und kam bald durch verschlafene kleine Ortschaften mit H�fen voller Segelboote. Das Ufer der Bucht war mit hohem Schnee bedeckt; das Wasser war tiefblau.</p><p>In St. Michaels wurde die State Route 33 f�r einige hundert Meter zur Hauptstra�e. Zu beiden Seiten lagen Gesch�fte und standen guterhaltene alte H�user; jedes von ihnen ein Postkartenmotiv.</p><p>Den Namen St. Michaels kannte Nate schon, solange er sich erinnern konnte. In diesem St�dtchen mit einer Bev�lkerungszahl von eintausenddreihundert Seelen und einem gesch�ftigen Segelboothafen gab es ein Meeresmuseum und Dutzende niedlicher Pensionen, die an langen Wochenenden von Leuten aus der Stadt besucht wurden. Au�erdem fand dort allj�hrlich ein Austernfest statt. Er kam am Postamt und einer kleinen Kirche vor�ber, deren Eingangsstufen der Pfarrer von Schnee freischaufelte.</p><p>Joshs im viktorianischen Stil errichtetes H�uschen mit einem spitzen Doppelgiebel lag im Norden, zwei Querstra�en von der Hauptstra�e entfernt, an der Green Street. Man hatte von der Veranda des schieferblau gestrichenen und wei� mit gelb abgesetzten Hauses, die sich �ber die ganze Vorderseite und einen Teil der Schmalseiten erstreckte, einen Blick auf den Hafen. Da die Auffahrt von einem guten halben Meter Schnee bedeckt war, stellte Nate den Wagen am B�rgersteig ab und k�mpfte sich durch Schneewehen zur Haust�r durch. Er trat ein und machte Licht. In einem Besenschrank nahe der Hintert�r fand er eine Schneeschaufel aus Kunststoff.</p><p>Er verbrachte eine herrliche Stunde damit, die Veranda, die Auffahrt und den B�rgersteig von Schnee zu befreien, bis er sich schlie�lich zu seinem Wagen vorgearbeitet hatte.</p><p>Es �berraschte ihn nicht, dass das aufger�umte Haus, in dem alles an seinem Platz zu sein schien, voller Gegenst�nde aus der Zeit seiner Entstehung war. Josh hatte gesagt, dass jeden Mittwoch eine Frau zum Putzen und Staubwischen komme. Normalerweise wohnte Joshs Frau zwei Wochen im Fr�hling und eine Woche im Herbst darin. Josh hatte in den letzten achtzehn Monaten drei N�chte dort verbracht. Es gab vier Schlafzimmer und vier B�der. Ein H�uschen eben.</p><p>Aber nirgendwo fand sich Kaffee - ein echter Notfall. Nate schlo� das Haus ab und machte sich auf den Weg in den Ort. Die B�rgersteige waren ger�umt und na� vom geschmolzenen Schnee. Wenn man dem Thermometer im Fenster des Friseurladens glauben durfte, waren es zwei Grad �ber Null. Alle L�den waren geschlossen. Im Vor�bergehen sah Nate in ihre Schaufenster. Vor ihm ert�nten die Kirchenglocken.</p><p>Dem Merkblatt zufolge, das ihm der �ltliche Kirchendiener in die Hand dr�ckte, hie� der Gemeindepfarrer Phil Lancaster. Dieser kleine, drahtige Mann mit einer dicken Hornbrille und rotgrau meliertem, gelocktem Haar konnte ebenso gut f�nfunddrei�ig wie f�nfzig Jahre alt sein. Die Gemeinde, die sich zum Elf-Uhr-Gottesdienst versammelt hatte, war nicht eben zahlreich, was vermutlich auf das Wetter zur�ckzuf�hren war. Nate z�hlte einundzwanzig Menschen, Pfarrer und Organist eingerechnet. Viele K�pfe waren schon ergraut.</p><p>Es war eine h�bsche kleine Kirche mit einer gew�lbten Decke und Buntglasfenstern. B�nke und Fu�boden bestanden aus dunklem Holz. Als der Kirchendiener in der letzten Bank Platz nahm, erhob sich der Pfarrer in seinem schwarzen Talar und hie� die Besucher in der Dreifaltigkeits-Kirche willkommen, in der jeder zu Hause sei.</p><p>Er sprach laut und mit n�selnder Stimme; ein Mikrophon brauchte er nicht. In seinem Gebet dankte er Gott f�r den Schnee und den Winter, f�r die Jahreszeiten, die uns daran erinnern sollten, dass Er stets die F�den in der Hand hat.</p><p>Die Gemeinde stolperte durch die Lieder und Gebete. W�hrend der Predigt fiel der Blick des Pfarrers auf Nate,</p><p>den einsamen Besucher in der vorletzten Reihe. Sie l�chelten beide, und einen kurzen Moment lang f�rchtete Nate, er wolle ihn der kleinen Gemeinde vorstellen.</p><p>Das Thema der Predigt war Begeisterungsf�higkeit. Es kam ihm angesichts des Durchschnittsalters der Gemeinde merkw�rdig vor. Nate gab sich gro�e M�he zuzuh�ren, doch lie� seine Aufmerksamkeit bald nach. Seine Gedanken kehrten zur kleinen Kirche in Corumba zur�ck, deren T�ren und Fenster offengestanden hatten, so dass die hei�e Luft hindurchstrich, zum sterbenden Christus, der am Kreuze litt, zu dem jungen Mann mit der Gitarre.</p><p>Um den Pfarrer nicht zu kr�nken, hielt er den Blick auf einen dunklen Lichtkreis an der Wand hinter der Kanzel gerichtet. Angesichts der dicken Brillengl�ser des Predigers nahm er an, dass seine mangelnde Anteilnahme nicht auffallen werde.</p><p>W�hrend er so in der W�rme der kleinen Kirche sa�, endlich in Sicherheit vor den Ungewissheiten seines gro�en Abenteuers, vor Fieber und Unwettern, den Gefahren der Stadt Washington, vor seiner Sucht, in Sicherheit davor, seelisch zu verk�mmern, hatte Nate zum ersten Mal, seit er sich erinnern konnte, den Eindruck, im Frieden mit sich selbst zu leben. Er f�rchtete nichts. Gott zog ihn irgendwohin. Er wusste nicht, in welche Richtung, aber er empfand auch keine Angst. Hab Geduld, mahnte er sich.</p><p>Dann fl�sterte er ein Gebet. Er dankte Gott, weil dieser sein Leben bewahrt hatte, und betete f�r Rachel, weil er wusste, dass auch sie f�r ihn betete.</p><p>Die innere Gelassenheit veranlasste ihn zu l�cheln. Als das Gebet vor�ber war, �ffnete er die Augen und sah, dass ihm der Pfarrer zul�chelte.</p><p>Nach dem Segen gingen alle am Pfarrer vor�ber zum Ausgang, dankten ihm f�r die gelungene Predigt und �u�erten sich zu dieser oder jener Neuigkeit aus der Gemeinde. Langsam schob sich die Schlange voran; es war ein allsonnt�glich ge�btes Ritual.</p><p>�Wie geht es Ihrer Tante?� fragte der Pfarrer jemanden aus seiner Herde und h�rte dann aufmerksam zu, als die Gebrechen der Tante beschrieben wurde. �Wie geht es der H�fte?� fragte er einen anderen. �Wie war es in Deutschland?� Er sch�ttelte jedem die Hand und beugte sich vor, um sich kein Wort entgehen zu lassen. Er wusste, was diese Menschen besch�ftigte.</p><p>Nate wartete geduldig am Ende der Schlange. Kein Grund zur Eile. Er hatte nichts weiter zu tun. �Willkommen�, sagte der Geistliche, als er Nate schlie�lich an Hand und Unterarm ergriff. �Willkommen in der Dreifaltigkeitsgemeinde.� Er dr�ckte Nate die Hand so fest, dass er sich fragte, ob er der erste Besucher seit Jahren war. �Ich hei�e Nate O'Riley�, sagte er und f�gte hinzu, �aus Washington�, als sei das irgendwie bezeichnend f�r ihn.</p><p>�Ich freue mich, dass Sie heute morgen bei uns waren�, sagte der Pfarrer, wobei seine gro�en Augen hinter den Brillengl�sern tanzten. Aus der N�he betrachtet, lie� sich an den Falten seines Gesichts erkennen, dass er mindestens f�nfzig war. Er hatte mehr graue Locken als rote.</p><p>�Ich bin f�r ein paar Tage im H�uschen der Staffords�, sagte Nate.</p><p>�Ja, ja, ein herrliches Haus. Wann sind Sie gekommen?�</p><p>�Heute morgen.�</p><p>�Sind Sie allein?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nun, in dem Fall m�ssen Sie mit uns zu Mittag essen.�</p><p>Nate musste �ber diese unverbl�mte Gastfreundschaft lachen. �Nun, �h, danke, aber -�</p><p>Der Pfarrer erwiderte l�chelnd: �Nein, wirklich! Wenn es schneit, macht meine Frau immer Lammeintopf. Er steht schon auf dem Herd. Wir haben im Winter kaum G�ste. Bitte, das Pfarrhaus ist gleich hinter der Kirche.� Nate war in den H�nden eines Mannes, der seinen sonnt�glichen Mittagstisch schon mit Hunderten geteilt hatte. �Wirklich, ich habe nur hereingeschaut, und ich -�</p><p>�Es w�rde uns gro�e Freude machen�, sagte Phil, der Nate bereits am �rmel zupfte und zur�ck zur Kanzel f�hrte. �Was tun Sie in Washington?�</p><p>�Ich bin Anwalt�, sagte Nate. Eine ausf�hrliche Antwort w�rde kompliziert werden.</p><p>�Und was f�hrt Sie zu uns nach St. Michaels?�</p><p>�Das ist eine lange Geschichte.�</p><p>�Wunderbar! Laura und ich lieben Geschichten. Wir wollen ganz gem�tlich zu Mittag essen und uns gegenseitig Geschichten erz�hlen. Das wird sicher sehr interessant.� Seine Begeisterung war unwiderstehlich. Der arme Kerl war offensichtlich ausgehungert nach Gespr�chsstoff. Warum eigentlich nicht? dachte Nate. In Joshs H�uschen gab es nichts zu essen, und alle Gesch�fte schienen geschlossen zu sein.</p><p>Sie gingen an der Kanzel vor�ber und durch eine T�r in den hinteren Teil der Kirche. Die Frau des Pfarrers l�schte die Lichter. �Das ist Mr. O'Riley aus Washington�, sagte Phil mit lauter Stimme zu ihr. �Er hat sich bereit erkl�rt, mit uns zu Mittag zu essen.�</p><p>L�chelnd sch�ttelte sie ihm die Hand. Sie hatte kurzes, graues Haar und sah mindestens zehn Jahre �lter aus als ihr Mann. Sofern ein �berraschungsgast an ihrem Tisch sie aus dem Konzept brachte, lie� sie sich das nicht anmerken. Nate hatte den Eindruck, dass so etwas st�ndig geschah. �Nennen Sie mich bitte Nate�, sagte er.</p><p>�In Ordnung�, erkl�rte der Pfarrer und zog sich den Talar aus.</p><p>Das Pfarrhaus, das auf eine Nebenstra�e ging, stie� gleich an das Kirchengel�nde. Vorsichtig gingen sie durch den Schnee. �Wie war meine Predigt?� fragte der Pfarrer seine Frau, w�hrend sie zur Veranda emporstiegen. �Gl�nzend, mein Schatz�, sagte sie ohne die Spur von Begeisterung. Nate h�rte l�chelnd zu. Bestimmt hatte sein Gastgeber diese Frage seit Jahren jeden Sonntag an derselben Stelle und zum selben Zeitpunkt gestellt und immer wieder dieselbe Antwort bekommen.</p><p>Auch der letzte Zweifel, ob seine Teilnahme an der Mahlzeit schicklich sei, verpuffte, als er das Haus betrat. Der verlockende Geruch nach Lammeintopf hing in der Luft. Der Pfarrer sch�rte die orangefarben gl�henden Kohlen im Kamin, w�hrend seine Frau die Mahlzeit auf den Tisch brachte.</p><p>Im schmalen Esszimmer zwischen K�che und Wohnzimmer war ein Tisch f�r vier Personen gedeckt. Nate war froh, die Einladung angenommen zu haben; allerdings h�tte er auch gar keine M�glichkeit gehabt, sie abzulehnen.</p><p>�Wir sind wirklich froh, dass Sie hier sind�, sagte der Pfarrer, w�hrend sie sich setzten. �Ich hatte so ein Gef�hl, dass wir heute einen Gast haben w�rden.�</p><p>�Wessen Platz ist das?� fragte Nate und wies mit dem Kopf zu dem leeren Gedeck hin�ber.</p><p>�Wir decken sonntags immer f�r vier�, sagte die Frau ohne weitere Erkl�rung. Sie hielten einander bei den H�nden, w�hrend der Pfarrer erneut Gott f�r den Schnee, die Jahreszeiten und das Essen dankte. Er schloss mit den Worten: �Und lass uns immer an die Bed�rfnisse und N�te der anderen denken.� Das weckte in Nate eine Erinnerung. Er hatte diese Worte schon einmal geh�rt, vor vielen, vielen Jahren.</p><p>W�hrend die Sch�ssel von einem zum anderen ging, unterhielten sich Phil und Laura, wie vermutlich immer, �ber die Ereignisse des Vormittags. Den Elf-Uhr-Gottesdienst besuchten durchschnittlich vierzig Personen. Tats�chlich hatte der Schnee einige gehindert zu kommen, au�erdem ging auf der Halbinsel die Grippe um. Nate begl�ckw�nschte die beiden zur schlichten Sch�nheit ihrer Kirche. Sie waren seit sechs Jahren in St. Michaels. Schon bald sagte Laura: �Wenn man bedenkt, dass Januar ist, sind Sie erstaunlich braun. Das stammt doch bestimmt nicht aus Washington?�</p><p>�Nein. Ich komme gerade aus Brasilien zur�ck.� Die beiden h�rten auf zu essen und beugten sich aufmerksam vor. Das Abenteuer begann erneut. Nate nahm einen gro�en L�ffel Eintopf, der wirklich k�stlich war, und fing an zu erz�hlen.</p><p>� Bitte, essen Sie doch �, forderte ihn Laura von Zeit zu Zeit auf. Nate nahm einen Bissen, kaute langsam und fuhr dann fort. Er sprach von Rachel lediglich als �Tochter eines Mandanten�. Die Unwetter wurden wilder, die Schlangen l�nger, das Boot kleiner, die Indianer weniger freundlich. Phils Augen tanzten vor Erstaunen, w�hrend Nate Kapitel um Kapitel erz�hlte.</p><p>Zum zweiten Mal seit seiner R�ckkehr berichtete er seine Geschichte. Von kleinen �bertreibungen hier und da abgesehen, blieb er bei der Wahrheit. Selbst ihn erstaunte die Geschichte. Sie war in der Tat bemerkenswert, und seine Gastgeber kamen in den Genuss einer langen, ausgeschm�ckten Ve rsion, die sie mit Fragen unterbrachen, wo sie nur konnten.</p><p>Als Laura die Teller abger�umt und zum Nachtisch kleine braune Kuchen aufgetragen hatte, waren Nate und Jevy gerade an der Ipica-Ansiedlung angekommen.</p><p>�War sie �berrascht, Sie zu sehen?� fragte Phil, als Nate beschrieb, wie die Indianer ihm und Jevy die Frau aus dem Dorf entgegenf�hrten.</p><p>�Eigentlich nicht�, sagte Nate. �Sie schien zu wissen, dass wir kommen w�rden.�</p><p>Nate gab sich gr��te M�he, die Indianer und ihre Steinzeitkultur zu beschreiben, doch Worte waren der Wirklichkeit nicht gewachsen. Er a� zwei braune Kuchen, von denen er w�hrend kurzer Pausen in seinem Bericht jeweils gro�e St�cke abbiss.</p><p>Anschlie�end gab es Kaffee. Am sonnt�glichen Mittagstisch ging es bei Phil und Laura eher um Unterhaltung als um Nahrungsaufnahme. Nate fragte sich, wer als letzter das Gl�ck gehabt haben mochte, zu Geschichten und Essen eingeladen zu werden.</p><p>Die Schrecken des Denguefiebers herunterzuspielen war schwierig, aber Nate bem�hte sich mannhaft. Einige Tage im Krankenhaus, etwas Medizin, und er war wieder auf den Beinen. Als er fertig war, kamen die Fragen.</p><p>Phil wollte alles �ber die Missionarin wissen - welcher Kirche sie angeh�rte, Einzelheiten �ber ihren Glauben sowie �ber ihre Arbeit bei den Indianern. Lauras Schwester hatte f�nfzehn Jahre in einem kirchlichen Krankenhaus in China gearbeitet; das bot Stoff f�r weitere Geschichten.</p><p>Es war fast drei Uhr, als Nate das Haus verlie�. Seine Gastgeber h�tten nur allzu gern weiter mit ihm am Esstisch oder im Wohnzimmer gesessen und wohl am liebsten bis zum Einbruch der Dunkelheit weiter geredet, aber Nate brauchte unbedingt etwas Bewegung. Er dankte ihnen f�r ihre Gastfreundschaft, und als er ihnen zum Abschied von der Veranda zuwinkte, hatte er den Eindruck, diese Menschen schon seit Jahren zu kennen.</p><p>Er brauchte eine Stunde, um den Ort zu durchwandern. Hundert Jahre alte H�user s�umten die schmalen Stra�en. Alles war, wie es sich geh�rte, kein Hund lief frei herum, es gab keine ungepflegten Grundst�cke oder verlassenen Geb�ude. Selbst den Schnee hatte man ordentlich und voll Sorgfalt beiseite geschaufelt, damit Stra�en und B�rgersteige frei waren und kein Nachbar sich gekr�nkt f�hlen musste. Nate blieb am Anleger stehen und bewunderte die Segelboote. Er hatte noch nie einen Fu� auf eines gesetzt.</p><p>Er beschloss, St. Michaels nur zu verlassen, wenn es sich nicht vermeiden lie�. Er w�rde in Joshs H�uschen wohnen und dort bleiben, bis ihn der Eigent�mer h�flich auf die Stra�e setzte. Er w�rde sein Geld sparen, und wenn der Fall Phelan vor�ber war, w�rde er irgendeine M�glichkeit finden, sich weiter durchs Leben zu schla-gen.</p><p>In der N�he des Hafens stie� er auf einen kleinen Lebensmittelladen, der gerade schlie�en wollte. Er kaufte Kaffee, Dosensuppen, Salzgeb�ck und Hafergr�tze f�r das Fr�hst�ck. Nahe der Theke stand eine ganze Anzahl von Bierdosen. Er l�chelte sie an, froh, dass diese Zeiten hinter ihm lagen.</p></section><section><title><p>VIERZIG</p></title><p>Grit bekam sein Mandat per Fax und E-Mail entzogen, was in seiner Kanzlei bisher noch nie vorgekommen war. Absenderin war Mary ROSS, die ihn am fr�hen Montag morgen nach einem Wochenende mit ihren Br�dern, bei dem es hoch hergegangen war, von ihrer Entscheidung in Kenntnis setzte.</p><p>Der Anwalt dachte nicht daran, so ohne weiteres von der Bildfl�che zu verschwinden. Er faxte Mary ROSS umgehend eine Rechnung f�r seine bisherigen Bem�hungen zu: rund hundert-f�nfzig Stunden zu je sechshundert Dollar, also insgesamt fast neunzigtausend Dollar. Verglichen mit dem Betrag, auf den er bei einer au�ergerichtlichen Einigung oder einem anderen g�nstigen Ergebnis Anspruch gehabt h�tte, war das mehr als d�rftig. Was sollte er mit sechshundert Dollar die Stunde? Er wollte ein ordentlichen St�ck vom Kuchen, einen Anteil von dem, was er f�r seine Mandantin herauszuholen gedachte, n�mlich die f�nfundzwanzig Prozent, auf die er sich mit ihr geeinigt hatte. Grit hatte mit Millionen gerechnet und starrte jetzt in seinem verschlossenen B�ro fassungslos das Fax an. Es war doch nicht m�glich, dass ihm da ein Verm�gen durch die Finger geglitten war! Er war fest �berzeugt, dass die Verwalter von Phelans Nachlass nach einigen Monaten eines mit harten Bandagen gef�hrten Kampfes um das Erbe einer einvernehmlichen L�sung zugestimmt h�tten. Selbst, wenn man jedem der sechs Nachkommen nur zwanzig Millionen zubilligte, auf die sich diese wie verhungerte Stra�enk�ter st�rzen w�rden, bliebe das Phelan-Verm�gen nach wie vor so gut wie unangetastet. Zwanzig Millionen f�r seine Mandantin w�ren f�nf Millionen f�r ihn, und allein in seinem B�ro musste Grit zugeben, dass er bereits �berlegt hatte, wie er sie verbraten wollte.</p><p>Er rief Hark Gettys Kanzlei an, um ihn zu beschimpfen, erfuhr aber, dass Mr. Gettys im Augenblick unabk�mmlich sei.</p><p>Mittlerweile vertrat Mr. Gettys drei der vier Kinder aus Troy Phelans erster Ehe. Sein prozentualer Anteil war von f�nfundzwanzig �ber zwanzig auf siebzehneinhalb Prozent zur�ckgegangen; aber die Hebelwirkung war enorm.</p><p>Er betrat kurz nach zehn den Besprechungsraum seiner Kanzlei, begr��te die verbliebenen Anw�lte der Phelan-Nachkommen, die dort zu einer wichtigen Sitzung zusammengekommen waren, und sagte munter: �Ich habe Ihnen mitzuteilen, dass sich Mr. Grit nicht mehr mit dem Fall besch�ftigt. Mary ROSS Phelan Jackson, seine ehemalige Mandantin, hat mich mit der Vertretung ihrer Interessen betraut, und ich habe mich nach l�ngerem �berlegen dazu bereit erkl�rt.�</p><p>Seine Worte trafen die um den Konferenztisch Versammelten wie eine kleine Bombe. Yancy strich sich den sch�tteren Bart und �berlegte, mit Hilfe welcher Druckmittel es dem Kollegen gelungen sein mochte, die Frau aus Grits F�ngen zu l�sen. Er selbst f�hlte sich recht sicher. Zwar hatte Rambles Mutter alles getan, was sie konnte, um ihren Sohn zu veranlassen, dass er seinen Anwalt wechselte, aber der Junge konnte seine Mutter nicht au�tehen.</p><p>Auch Ms. Eanghorne war �berrascht, zumal da Hark gerade erst Troy Junior als Mandanten gewonnen hatte.</p><p>Ihre Mandantin, Geena Phelan Strong, verabscheute ihre �lteren Halbgeschwister und w�rde sich bestimmt nicht vom selben Anwalt vertreten lassen. Trotzdem war eine Krisensitzung mit Geena und Cody erforderlich. Sie w�rde die beiden gleich nach Ende der Besprechung zum Mittagessen ins Promenade in der N�he des Capitols einladen. Mit etwas Gl�ck konnten sie einen fl�chtigen Blick auf einen der m�chtigen M�nner erhaschen, die den Lauf der R�der der politischen Maschinerie aus der zweiten Reihe heraus bestimmen.</p><p>Wally Brights Nacken verf�rbte sich bei Harks Mitteilung rot. Offensichtlich betrieb der Kollege Mandantenraub. Als einziges der Kinder aus Troys erster Ehe befand sich Libbigail noch au�erhalb seines Einflussbereichs, und Wally Bright war entschlossen, Hark umzubringen, falls er versuchen sollte, sie ihm abspenstig zu machen. �H�nde weg von meiner Mandantin, verstanden?� sagte er laut und verbittert, und alle Anwesenden erstarrten. �Immer mit der Ruhe.�</p><p>�Das k�nnte Ihnen so passen! Wie soll man ruhig bleiben, wenn Sie Ihren Kollegen die Mandanten abjagen?� �Ich habe Mrs. Jackman niemandem abgejagt. Sie hat mich angerufen, nicht ich sie.�</p><p>�Wir wissen, welches Spiel Sie spielen, Hark. Wir sind nicht dumm.� W�hrend Wally das sagte, sah er seine Kollegen an. Bestimmt hielt sich keiner von ihnen f�r dumm, aber sie waren sich nicht so sicher, was Wally betraf. Doch eines war klar: Niemand konnte dem anderen trauen. Wo so viel Geld auf dem Spiel stand, musste man mit allem rechnen, auch damit, dass einem ein Kollege das Messer an den Hals setzte.</p><p>Dann wurde Snead hereingef�hrt, und die Aufmerksamkeit aller richtete sich auf einen anderen Gegenstand.</p><p>Hark stellte ihn den Versammelten vor. Der arme Snead, der am Ende des Tisches vor zwei Videokameras Platz nahm, sah aus, als st�nde er einem Erschie�ungskommando gegen�ber. �Kein Grund zur Sorge�, versuchte Hark ihn zu beruhigen. �Das ist nur eine Probe.� Die Anw�lte zogen Schreibblocks mit vorbereiteten Fragen hervor</p><p>und schoben sich n�her an Snead heran.</p><p>Hark trat hinter den Mann, legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte: �Sehen Sie, Mr. Snead, wenn Sie Ihre Au�age machen, haben die Anw�lte der Gegenseite das Recht, Sie als erste zu befragen. Tun Sie also w�hrend der n�chsten Stunde mal so, als w�ren wir der Feind. Einverstanden?�</p><p>Zwar war deutlich zu sehen, dass Snead damit nicht einverstanden war, aber er hatte das Geld genommen und musste mitspielen.</p><p>Hark nahm seine Notizen zur Hand und machte sich daran, Fragen zu stellen. Es ging um einfache Dinge wie sein Geburtsdatum, seine Familienverh�ltnisse, seine Schulausbildung und dergleichen, und Snead kam gut damit zurecht. Dann ging es um</p><p>die ersten Jahre in Mr. Phelans Dienst, worauf tausend Fragen folgten, die mit der Sache nicht das geringste zu tun zu haben schienen.</p><p>Nach einer kurzen Pause �bernahm Ms. Langhorne die Befragung und wollte von Snead allerlei Einzelheiten zu den verschiedenen Familien Phelan wissen, angefangen von den Ehefrauen und den Kindern bis hin zu den Scheidungen und den diversen Geliebten. Sneads Ansicht nach war all das v�llig �berfl�ssige Schmutzw�sche, doch den Anw�lten schien es Spa� zu machen.</p><p>�Wussten Sie von der Existenz Rachel Lanes?� fragte Eanghorne.</p><p>Snead �berlegte einen Augenblick und sagte dann: �Daran habe ich nicht gedacht.� Das hie� im Klartext, dass man ihm bei der Antwort helfen musste. �Was meinen Sie?� fragte er Mr. Gettys.</p><p>Hark fiel sofort etwas ein. �Meiner Ansicht nach wissen Sie alles �ber Mr. Phelan, insbesondere was seine Weibergeschichten und seine Nachkommen angeht. Nichts ist Ihnen entgangen. Der Alte hat Ihnen alles anvertraut, auch, dass er eine uneheliche Tochter hatte. Sie war zehn oder elf, als Sie bei Mr. Phelan angefangen haben. Er hat sich im Laufe der Jahre darum bem�ht, in Kontakt mit ihr zu treten, aber sie wollte nichts von ihm wissen.</p><p>Ich k�nnte mir vorstellen, dass ihn das tief getroffen hat. Da er ein Mensch war, der immer bekam, was er haben wollte, hat sich sein Schmerz in Wut verwandelt, als ihn Rachel links liegen lie�. Ich k�nnte mir vorstellen, dass er sie regelrecht gehasst hat. Aus diesem Grunde liefert die Tatsache, dass er sie als Universalerbin eingesetzt hat, einen un�bersehbaren Hinweis darauf, dass er v�llig verr�ckt war.�</p><p>Wieder einmal hatte Snead Grund zu bewundern, wie flink Hark eine Geschichte aus dem Nichts herbeizaubern konnte. Sogar seine Kollegen waren beeindruckt. �Was glauben Sie?� fragte Hark in die Runde.</p><p>Die anderen Anw�lte nickten zustimmend. �Er sollte alles in Erfahrung bringen, was sich �ber Rachel ermitteln l�sst�, sagte Bright.</p><p>Dann wiederholte Snead f�r die Kameras, was ihm Hark gerade souffliert hatte, wobei er eine beachtliche F�higkeit an den Tag legte, ein vorgegebenes Thema auszuschm�cken. Als er fertig war, konnten die Anw�lte ihre Zufriedenheit nicht verbergen. Der Kerl w�rde sagen, was man von ihm erwartete - und es gab niemanden, der ihm widersprechen k�nnte.</p><p>Immer, wenn Snead eine Frage gestellt wurde, bei der er Hilfe brauchte, sagte er: �Daran habe ich nicht gedacht�, und die Anw�lte sprangen ihm bei. Hark, der die schwachen Stellen vorauszuahnen schien, hatte gew�hnlich sogleich etwas Passendes zur Hand. Doch immer wieder gab es auch f�r die anderen Anw�lte Gelegenheiten, L�cken mit erfundenen Details zu f�llen, und jeder war bestrebt zu zeigen, wie gut er l�gen konnte.</p><p>So wurde Schicht um Schicht aufgetragen, poliert und sorgf�ltig �berarbeitet, um ohne jeden Zweifel zu beweisen, dass Mr. Phelan an dem Vormittag, da er sein letztes Testament verfasst hatte, nicht bei Verstand gewesen war. Die Anw�lte trainierten Snead, und er erwies sich als gelehriger Sch�ler. Unter Umst�nden war er zu gelehrig, f�rchteten sie und machten sich Sorgen, dass er zuviel sagen k�nnte. Seine Glaubw�rdigkeit war unbestreitbar. In seiner Au�age durfte es keine Unstimmigkeiten geben.</p><p>Drei Stunden lang arbeiteten sie an seiner Au�age und bem�hten sich dann zwei weitere Stunden hindurch, sie mit einem erbarmungslosen Kreuzverh�r in St�cke zu fetzen. Snead bekam kein Mittagessen. Er wurde verh�hnt und als L�gner hingestellt. Einmal h�tte ihn Ms. Langhorne fast zum Weinen gebracht. Als er ersch�pft war und kurz vor dem Zusammenbruch stand, schickte man ihn mit einem Stapel Videokassetten und der Aufforderung nach Hause, sie immer wieder gr�ndlich durchzugehen.</p><p>Man teilte ihm mit, dass man im gegenw�rtigen Stadium noch nichts mit ihm anfangen k�nne, da seine Aussagen noch nicht hieb- und stichfest seien. M�de und verwirrt fuhr der arme Snead in seinem neuen Range Rover nach Hause, entschlossen, seine L�gen so lange zu proben, bis ihm die Anw�lte Beifall zollten.</p><p>Richter Wycliff genoss es, mit Josh im Richterzimmer zu Mittag zu essen. Wie beim vorigen Mal hatte Josh Sandwiches aus einer von einem Griechen betriebenen Imbissstube in der N�he des Dupont Circle mitgebracht. Er packte sie aus und stellte auch Eistee und Gew�rzg�rkchen auf den kleinen Ecktisch. W�hrend sie a�en, redeten sie zuerst �ber ihre berufliche �berlastung, kamen dann aber rasch auf den Phelan-Nachla� zu sprechen. Irgend etwas musste geschehen sein, sonst w�re Josh nicht gekommen.</p><p>�Wir haben Rachel Lane gefunden�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Gro�artig. Wo?� Die Erleichterung auf Wycliffs Z�gen war un�bersehbar.</p><p>� Sie will, dass wir das nicht bekannt geben. Jedenfalls nicht zum gegenw�rtigen Zeitpunkt.�</p><p>�Ist sie hier im Lande?� Der Richter verga�, in sein mit Corned beef belegtes Br�tchen zu bei�en.</p><p>�Nein. Sie befindet sich an einem sehr abgelegenen Ort der Erde und m�chte auch sehr gern dort bleiben.�</p><p>�Wie haben Sie sie gefunden?�</p><p>�Ihr Anwalt hat sie aufgesp�rt.�</p><p>�Wer ist das?�</p><p>�Ein fr�herer Partner meiner Kanzlei, der aber schon im August ausgeschieden ist. Er hei�t Nate O'Riley.�</p><p>Wycliff kniff die Augen zusammen und dachte dar�ber nach. �Was f�r ein sonderbarer Zufall. Sie l��t sich von einem ehemaligen Partner der Kanzlei vertreten, mit der ihr Vater verbunden war.�</p><p>�Von einem Zufall kann keine Rede sein. Als Nachla�verwalter musste ich unbedingt mit ihr in Kontakt treten. Also habe ich O'Riley gebeten, sie zu suchen. Er hat sie gefunden, und sie hat ihn mit ihrer Vertretung beauftragt. Eigentlich ist das ganz einfach.�</p><p>�Wann wird sie vor Gericht auftreten?�</p><p>�Ich bezweifle, dass sie pers�nlich erscheinen wird.�</p><p>�Und was ist mit der Annahme - oder Verzichtserkl�rung?�</p><p>�Wird nachgereicht. Die Frau ist sehr sprunghaft. Offen gestanden kenne ich zur Zeit ihre Pl�ne �berhaupt noch nicht.�</p><p>�Wir haben es mit einer Anfechtungsklage zu tun, Josh. Die Sache l�sst sich nicht l�nger hinausz�gern. Sie muss dem Gericht zur Verf�gung stehen.�</p><p>�Sie wird von einem Anwalt vertreten, der ihre Interessen wahrnimmt. Wir k�nnen also den Kampf er�ffnen. Ich schlage vor, wir teilen der Gegenseite mit, dass wir die Erbin gefunden haben. Dann wird man ja sehen, was sie dagegen aufbieten k�nnen. �</p><p>�Kann ich mit ihr sprechen?�</p><p>�Unm�glich.�</p><p>�Na h�ren Sie, Josh!�</p><p>�Ich schw�re es. Sehen Sie, sie ist als Missionarin in einer sehr entlegenen Gegend t�tig, in einer anderen Hemisph�re. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.�</p><p>�Ich m�chte mit Mr. O'Riley sprechen.�</p><p>�Wann?�</p><p>Wycliff trat an seinen Schreibtisch und griff nach einem der Terminkalender, die seinen Lebensrhythmus bestimmten: Anh�rungen, Prozesse, Antr�ge. Au�erdem f�hrte seine Sekret�rin einen Kalender f�r die allgemeinen Termine. �Wie war's mit diesem Mittwoch?�</p><p>�Sch�n. Zum Mittagessen. Nur wir drei, ganz unter uns.�</p><p>�Klar.�</p><p>Nate O'Riley hatte vorgehabt, den ganzen Vormittag hindurch zu lesen und zu schreiben. Dies Vorhaben aber durchkreuzte ein Anruf des Pfarrers. �Sind Sie gerade sehr besch�ftigt?� fragte er mit seiner kr�ftigen Stimme. �Eigentlich nicht�, sagte Nate. Er sa� mit einer Steppdecke auf den Knien in einem bequemen Ledersessel am Kamin, trank Kaffee und las Mark Twain.</p><p>�Bestimmt nicht?�</p><p>�Bestimmt nicht.�</p><p>�Nun, ich bin gerade im Keller unter der Kirche mit einem kleinen Umbau besch�ftigt und k�nnte Hilfe gebrauchen. Da ist mir der Gedanke gekommen, dass Sie sich vielleicht langweilen k�nnten, denn hier in St. Michaels gibt es ja nicht viel zu tun, jedenfalls nicht im Winter. Es soll heute �brigens wieder schneien.�</p><p>Der Lammeintopf kam Nate in den Sinn, von dem ziemlich viel �briggeblieben war. �Ich bin in zehn Minuten bei Ihnen.�</p><p>Der Keller lag unmittelbar unter dem Altarraum. Als Nate vorsichtig die wacklige Holztreppe hinabging, h�rte er H�mmern. Schon seit l�ngerer Zeit plante der Pfarrer, von dem gro�en, niedrigen Raum entlang der Au�enmauern mehrere kleine R�ume abzuteilen. Ein Bandma� in der Hand und S�gemehl auf den �rmeln, stand Phil in Arbeitshose, Arbeitsschuhen und Flanellhemd da. Man h�tte ihn ohne weiteres f�r einen Zimmermann halten k�nnen.</p><p>�Danke, dass Sie gekommen sind�, sagte er l�chelnd.</p><p>�Gern geschehen. Ich hab mich sowieso gelangweilt�, sagte Nate.</p><p>�Ich bin dabei, Trennw�nde aus Pressspan einzusetzen�, erkl�rte der Pfarrer und wies mit einem Arm auf die Rahmenkonstruktion. �Das geht zu zweit einfacher. Fr�her hat mir Mr. Fuqua bei solchen Dingen geholfen, aber der ist mittlerweile achtzig Jahre alt, und sein R�cken macht nicht mehr richtig mit.�</p><p>�Was soll das werden?�</p><p>�Sechs kleine R�ume f�r Bibelarbeit. Der gro�e Raum in der Mitte soll als Gemeindesaal dienen. Mit dem Projekt haben wir vor zwei Jahren angefangen, aber da unser Etat f�r solche Vorhaben nicht besonders �ppig ist, mache ich alles allein. Au�erdem bleibe ich so in Form.�</p><p>Pfarrer Phil war seit Jahren nicht mehr in Form gewesen. �Sagen Sie mir, was ich tun soll�, sagte Nate, �und vergessen Sie nicht, dass ich Anwalt bin.�</p><p>�Nicht gewohnt an ehrliche Arbeit, was?�</p><p>�Nein.�</p><p>Jeder nahm ein Ende der Spanplatte von einem Meter zwanzig auf einen Meter achtzig, die sie gemeinsam dorthin trugen, wo einer der Gruppenr�ume f�r Bibelarbeit entstehen sollte. Als sie die schwere Platte einsetzten, merkte Nate, dass das wirklich eine Arbeit f�r zwei Leute war. Phil verzog das Gesicht, bi� sich auf die Zunge und sagte, als die Platte an Ort und Stelle sa�: �Halten Sie bitte mal fest.� Rasch schlug er einige N�gel ein, um die Platte mit den Kanth�lzern der Rahmenkonstruktion zu verbinden. Als er fertig war, bewunderte er das Werk seiner H�nde, nahm dann das Bandma� zur Hand und ma� die Fl�che f�r die n�chste Platte aus.</p><p>�Wo haben Sie diese Arbeit gelernt?� fragte Nate, w�hrend er interessiert zusah.</p><p>�Das habe ich im Blut. Auch Joseph war Schreiner.�</p><p>�Wer ist das?�</p><p>�Der Vater von Jesus.�</p><p>�Ach so, der Joseph.�</p><p>�Lesen Sie in der Bibel, Nate?�</p><p>�Nicht oft.�</p><p>�Das sollten Sie aber tun.�</p><p>�Das t�te ich auch gern.�</p><p>�Ich kann Ihnen dabei helfen, wenn Sie m�chten.�</p><p>�Vielen Dank.�</p><p>Mit einem Zimmermannsbleistift schrieb Phil die Ma�e auf die Platte, die sie gerade eingesetzt hatten, ma� dann sorgf�ltig nach und sicherheitshalber gleich noch einmal. Schon bald merkte Nate, warum das Projekt nicht so recht vorankam. Phil lie� sich reichlich Zeit und unterbrach die Arbeit immer wieder mit Kaffeepausen.</p><p>Nach einer Stunde gingen sie nach oben in die Sakristei, wo auf einer Warmhalteplatte eine Kanne mit starkem Kaffee stand. Phil go� zwei Tassen ein und suchte mit den Augen die B�cherreihen auf den Regalen ab. �Hier ist ein wundervolles Stundenbuch. Es geh�rt zu meinen Lieblingsschriften�, sagte er, nahm das Buch heraus, wischte es ab, als w�re es voll Staub, und gab es dann Nate. Es war ein fest gebundenes Buch, das noch seinen Schutzumschlag hatte. Offenbar ging Phil mit seinen B�chern �u�erst pfleglich um.</p><p>Er nahm ein weiteres Buch heraus und gab es Nate. �Und das ist eine Anleitung zum Bibellesen f�r Leute, die viel zu tun haben. Sie ist sehr gut.�</p><p>�Wie kommen Sie auf den Gedanken, dass ich viel zu tun haben k�nnte?�</p><p>�Sie sind doch Anwalt in Washington, oder nicht?�</p><p>�Theoretisch schon, aber damit ist demn�chst Schluss.�</p><p>Phil legte die Fingerspitzen aneinander und sah Nate an, wie das nur Geistliche k�nnen. In seinen Augen stand die unausgesprochene Aufforderung: Reden Sie ruhig weiter. Ich bin dazu da, Ihnen zu helfen.</p><p>Also lud Nate einige seiner fr�heren und gegenw�rtigen Probleme ab, wobei er die bevorstehende Auseinandersetzung mit dem IRS und den baldigen Entzug seiner Zulassung als Anwalt in den Vordergrund r�ckte. Zwar bestehe keine Gefahr, dass er zu Gef�ngnis verurteilt w�rde, er m�sse aber mit einer Geldstrafe rechnen, die so hoch sein w�rde, dass er sie sich nicht leisten konnte.</p><p>Trotzdem, erkl�rte er, sehe er der Zukunft voll Zuversicht entgegen. Eigentlich sei er sogar erleichtert, den Beruf aufzugeben.</p><p>�Was werden Sie tun?� fragte Phil.</p><p>�Ich habe keine Ahnung.�</p><p>�Vertrauen Sie auf Gott?�</p><p>�Ich glaube schon.�</p><p>�Dann seien Sie getrost. Er wird Ihnen den rechten Weg zeigen.�</p><p>Sie redeten so lange miteinander, dass der Vormittag nahtlos in die Essenszeit �berging. Als es soweit war, gingen sie nach nebenan und taten sich erneut am Lammeintopf g�tlich. Laura stie� erst sp�ter dazu. Sie arbeitete in der Vorschule und hatte nur eine halbe Stunde Mittagspause.</p><p>Gegen zwei Uhr kehrten sie in den Keller zur�ck und nahmen z�gernd ihre Arbeit wieder auf. W�hrend Nate dem Pfarrer zusah, kam er zu der �berzeugung, dass das Projekt zu dessen Lebzeiten nicht fertig w�rde. Joseph mochte ein guter Zimmermann gewesen sein, aber Phil geh�rte auf die Kanzel. Jede einzelne �ffnung musste gemessen, nachgemessen, lange und gr�ndlich bedacht, aus verschiedenen Winkeln pr�fend betrachtet und dann erneut gemessen werden. Die Spanplatte, die dazu bestimmt war, sie zu f�llen, wurde auf die gleiche Weise behandelt. Nachdem Phil dann so viele Bleistiftmarkierungen angebracht hatte, dass kein Architekt aus ihnen schlau geworden w�re, nahm er mit gr��ter Zur�ckhaltung die Elektros�ge und schnitt die Platte zu. Dann trugen sie sie gemeinsam an die vorgesehene Stelle, sicherten sie mit einigen Hammerschl�gen und nagelten sie dann endg�ltig fest. Jedesmal passte die Platte auf den Millimeter genau, und jedesmal wirkte Phil richtig erleichtert. Zwei Gruppenr�ume schienen soweit fertig zu sein, dass die W�nde nur noch gestrichen zu werden brauchten.</p><p>Am Sp�tnachmittag kam Nate zu dem Ergebnis, dass er am n�chsten Tag Maler sein w�rde.</p></section><section><title><p>EINUNDVIERZIG</p></title><p>Zwei Tage angenehmer Besch�ftigung brachten die Arbeit im kalten Keller der Dreifaltigkeitskirche nicht wirklich weiter, wohl aber wurde viel Kaffee getrunken. Der Lammeintopf wurde schlie�lich ganz aufgegessen, einige weitere Spanplatten wurden als Wandverkleidung angebracht und gestrichen, und eine Freundschaft entstand.</p><p>Als sich Nate am Dienstag Abend Farbe unter den Fingern�geln hervorkratzte, klingelte das Telefon. Josh war am Apparat und rief ihn in die Wirklichkeit zur�ck. �Richter Wycliff m�chte dich morgen sehen�, sagte er. �Ich hab dich schon fr�her zu erreichen versucht.�</p><p>�Was will er?� fragte Nate mit vor Furcht tonloser Stimme.</p><p>�Vermutlich hat er Fragen �ber deine neue Mandantin.�</p><p>�Ich hab wirklich viel zu tun, Josh. Ich bin mit einem Umbau besch�ftigt, anstreichen, Wandplatten und so weiter.�</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Ja, ich arbeite am Umbau eines Kirchenkellers mit, und das muss z�gig vorangehen.�</p><p>�Ich habe gar nicht gewusst, dass du ein H�ndchen f�r solche Dinge hast.�</p><p>�Muss ich wirklich kommen, Josh?�</p><p>�Ich glaube schon, mein Freund. Du hast dich bereit erkl�rt, den Fall Rachel Lane zu �bernehmen. Das hab ich dem Richter auch schon gesagt. Du wirst gebraucht, alter Junge.�</p><p>�Wann und wo?�</p><p>�Komm morgen in mein B�ro. Wir fahren dann gemeinsam r�ber.�</p><p>�Ich m�chte nicht in die Kanzlei, Josh. Das sind lauter unangenehme Erinnerungen. K�nnen wir uns nicht im Gericht treffen?�</p><p>�Von mir aus. Sei um zw�lf Uhr im Zimmer von Richter Wycliff.�</p><p>Nate legte ein weiteres Scheit in den Kamin und sah dem Schneetreiben vor der Veranda zu. Er wusste, wie man in Anzug und Krawatte mit einem Aktenkoffer auftritt, konnte sich verhalten und reden wie ein Anwalt, sagen, �Euer Ehren� und �Ich bitte das Gericht, zu ber�cksichtigen�, und er konnte Einspr�che in den Saal rufen und Zeugen in die Mangel nehmen. Er war zu allem imstande, was eine Million anderer taten, aber als Anwalt betrachtete er sich nicht mehr. Diese Zeiten waren Gott sei Dank vorbei.</p><p>Ein weiteres Mal w�rde er es tun, aber nur dies eine Mal. Er versuchte sich einzureden, dass er es f�r seine Mandantin Rachel tue, wusste aber, dass ihr das v�llig gleichg�ltig war.</p><p>Er hatte ihr immer noch nicht geschrieben, obwohl er es sich oft vorgenommen hatte. Schon der Brief an Jevy hatte ihn zwei Stunden harte Arbeit gekostet, bei der nur anderthalb Seiten herausgekommen waren.</p><p>Nach drei Schneetagen fehlten ihm die feuchthei�en Stra�en von Corumba mit dem gem�chlichen Fu�g�ngerverkehr, den Stra�encafes und dem Lebensrhythmus, dessen un�ber-h�rbare Botschaft war: Es gibt nichts, das nicht bis morgen warten kann. Es schneite von Minute zu Minute heftiger. Vielleicht gibt es wieder einen Schneesturm, dachte er, dann werden die Stra�en gesperrt, und ich brauche doch nicht hinzufahren.</p><p>Wieder einmal Sandwiches aus der griechischen Imbissstube, wieder Gew�rzg�rkchen und Tee. Josh richtete den Tisch her, w�hrend er und Nate auf Richter Wycliff warteten. �Hier ist die Gerichtsakte�, sagte er und gab Nate einen umfangreichen roten Ordner. �Und hier ist deine Antwort�, sagte er und gab ihm einen braunen Aktendeckel. �Du musst das so schnell wie m�glich durchlesen und unterzeichnen.�</p><p>�Hat die Nachlass Verwaltung bereits darauf reagiert?� fragte Nate.</p><p>�Unsere Stellungnahme kommt morgen. Da drin liegt die von Rachel Lane, fix und fertig. Du musst sie nur noch unterschreiben.�</p><p>�Hier stimmt was nicht, Josh. Ich reiche eine Stellungnahme zu einer Testamentsanfechtung im Namen einer Mandantin ein, die nichts davon wei�.�</p><p>�Dann schick ihr eine Kopie.�</p><p>�Und wohin?�</p><p>�An ihre einzige bekannte Anschrift, die von World Tribes Missions in Houston, Texas. Steht alles in der Akte.� Kopfsch�ttelnd nahm Nate zur Kenntnis, dass Josh bereits alles Erforderliche vorbereitet hatte. Er kam sich vor wie ein Bauer auf einem Schachbrett. In ihrer vierseitigen Stellungnahme bestritt die Erbin Rachel Lane alle von den sechs Antragstellern, die das Testament anfochten, gemachten Behauptungen im allgemeinen und im besonderen, St�ck f�r St�ck. Nate las die sechs Anfechtungsantr�ge, w�hrend sich Josh mit seinem Mobiltelefon besch�ftigte.</p><p>Letztlich liefen alle Anw�rfe und juristisch verklausulierten Formulierungen auf die eine Frage hinaus: Hatte Troy Phelan gewusst, was er tat, als er sein letztes Testament verfa�te ? Das Verfahren w�rde der reinste Zirkus werden, denn bestimmt w�rden die Anw�lte Psychiater aller Schulen und Schattierungen aufbieten, aber auch Angestellte vor Gericht auftreten lassen, fr�here Mitarbeiter, einstige Freundinnen, Hausmeister, Zimmerm�dchen, Chauffeure, Piloten, Leibw�chter, �rzte und Prostituierte - kurz, jeden, der irgendwann einmal f�nf Minuten mit dem Alten zugebracht hatte.</p><p>Nate war das alles zuviel. Die Akte belastete ihn immer mehr, je weiter er las. Am Ende der Auseinandersetzung w�rde der Aktenberg bestimmt ein ganzes Zimmer anf�llen.</p><p>Richter Wycliff kam um eins, wie immer in gro�er Eile. W�hrend er sich die Robe herunterzerrte, entschuldigte er sich f�r die Versp�tung. �Sie sind Nate O'Riley�, sagte er und hielt ihm die Hand hin.</p><p>�Ja, ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.�</p><p>Josh l�ste sich endlich von seinem Mobiltelefon. Sie dr�ngten sich um den kleinen Tisch und begannen zu essen. �Josh hat mir gesagt, dass Sie die reichste Frau der Welt aufgest�bert haben�, sagte Wycliff mit vollem Mund. �Stimmt. Vor etwa zwei Wochen.�</p><p>�Und Sie k�nnen mir nicht sagen, wo sie sich aufh�lt?�</p><p>�Sie hat mich gebeten, das nicht zu tun. Ich hab's ihr versprochen.�</p><p>�Wird sie zum gegebenen Zeitpunkt hier auftreten und Aussagen?�</p><p>�Das wird nicht n�tig sein�, erkl�rte Josh. Nat�rlich befand sich in seiner Handakte eine von der Kanzlei Stafford vorbereitete Aktennotiz �ber die Notwendigkeit ihres Erscheinens im Laufe des Verfahrens. �Wenn sie nichts �ber Mr. Phelans Geisteszustand wei�, kann sie als Zeugin nichts zur Kl�rung der Sachlage beitragen.� �Aber sie ist eine der Parteien�, sagte Wycliff.</p><p>�Das ist richtig. Aber man kann sie von der Anwesenheitspflicht entbinden. Wir k�nnen die Auseinandersetzung auch ohne sie f�hren.�</p><p>�Und wer soll sie von der Anwesenheitspflicht entbinden?�</p><p>�Sie, Euer Ehren.�</p><p>�Ich beabsichtige, zum gegebenen Zeitpunkt einen Antrag zu stellen�, sagte Nate, �mit dem ich das Gericht bitte zu gestatten, dass das Verfahren in ihrer Abwesenheit durchgef�hrt werden kann.� Josh l�chelte �ber den Tisch. Gut gemacht, Nate.</p><p>�Ich denke, dar�ber werden wir uns sp�ter den Kopf zerbrechen�, sagte Wycliff. �Im Augenblick geht es mir mehr um die Zeugenaussagen. Ich muss nicht betonen, wie sehr die Phelan-Nachkommen darauf dr�ngen, dass die Sache vorangeht. �</p><p>�Die Nachlassverwaltung wird morgen ihre Stellungnahme vorlegen�, sagte Josh. �Wir sind f�r die Auseinandersetzung bereit.�</p><p>�Und was ist mit der Erbin?�</p><p>�Ich arbeite noch an ihrer Stellungnahme�, sagte Nate d�ster, als sitze er seit Tagen daran. �Aber bis morgen habe ich sie fertig.�</p><p>�Sind Sie f�r die Zeugenvernehmung bereit?�</p><p>�Ja, Sir.�</p><p>�Wann d�rfen wir damit rechnen, dass Sie die von Ihrer Mandantin unterzeichnete Annahmeerkl�rung und Gerichtsstandvereinbarung vorlegen k�nnen?�</p><p>�Das wei� ich noch nicht.�</p><p>�Genaugenommen bin ich erst f�r Ihre Mandantin zust�ndig, wenn ich diese Dokumente in H�nden habe.�</p><p>�Ja, ich verstehe. Bestimmt werden sie bald vorliegen. Die Post arbeitet da unten sehr langsam.�</p><p>Josh l�chelte seinem Sch�tzling zu.</p><p>�Sie haben sie also tats�chlich gefunden, ihr ein Exemplar des Testaments vorgelegt, ihr erl�utert, was es mit der Gerichtsstandvereinbarung und der Annahmeerkl�rung auf sich hat, und sich bereit erkl�rt, sie zu vertreten?�</p><p>�Ja, Sir�, sagte Nate, aber nur, weil er musste.</p><p>�Sind Sie bereit, diesen Tatbestand in Form einer eidesstattlichen Erkl�rung in der Akte zu vermerken?�</p><p>�Ist das nicht ein bi�chen ungew�hnlich?� fragte Josh.</p><p>�M�glich, aber wenn wir ohne ihre Vollmacht und Annahmeerkl�rung das Vorverfahren er�ffnen, m�chte ich irgendwas Schriftliches in der Akte haben, woraus hervorgeht, dass die Nachlassverwaltung Kontakt mit ihr aufgenommen hat und ihr bekannt ist, was wir hier tun.�</p><p>�Guter Gedanke�, sagte Josh, als stamme der Einfall von ihm selbst. �Nate unterschreibt das.�</p><p>Nate nickte und biss ein gro�es St�ck von seinem Brot ab, wobei er hoffte, man werde ihn in Frieden essen lassen, ohne ihn zu weiteren L�gen zu zwingen.</p><p>�Hat sie Troy nahegestanden?� fragte Wycliff.</p><p>Nate kaute, solange er konnte, bevor er antwortete. �Das bleibt aber unter uns, nicht wahr?�</p><p>�Nat�rlich. Reines Geplauder.�</p><p>Ja, und solches Geplauder kann dazu f�hren, dass Prozesse gewonnen oder verloren werden. �Ich glaube nicht. Sie hatte ihn seit Jahren nicht gesehen.�</p><p>�Wie hat sie reagiert, als sie das Testament gesehen hat?�</p><p>Wycliff sagte das tats�chlich im Plauderton, und Nate war klar, dass er alle Einzelheiten wissen wollte. �Sie war �berrascht, um es zur�ckhaltend zu formulieren�, sagte er trocken.</p><p>�Das kann ich mir vorstellen. Hat sie gefragt, um wie viel Geld es geht?�</p><p>�Zun�chst nicht, sp�ter schon. Ich glaube, sie war �berw�ltigt, wie wohl jeder an ihrer Stelle.�</p><p>�Ist sie verheiratet?�</p><p>�Nein.�</p><p>Josh begriff, dass der Richter noch eine ganze Weile weiter Fragen �ber Rachel stellen konnte. Das aber konnte gef�hrlich werden. Wycliff durfte zumindest jetzt noch nicht wissen, dass Rachel keinerlei Interesse an dem Geld hatte. Wenn er weiter bohrte, konnte Nate wom�glich die Wahrheit herausrutschen. �Wissen Sie, Euer Ehren�, sagte er im Versuch, das Gespr�ch vorsichtig in eine andere Richtung zu lenken, �der Fall ist nicht kompliziert. Das Vorverfahren dauert bestimmt nicht lange. Die anderen wollen, dass die Sache schnell �ber die B�hne geht, und wir wollen das auch. Da liegt ein ganzer Haufen Geld auf dem Tisch, und jeder will da ran.</p><p>Warum k�nnen wir nicht das Vorverfahren kurzfristig terminieren und einen Zeitpunkt f�r das Verfahren festsetzen?�</p><p>Die Auseinandersetzung im Fall einer Testamentsanfechtung zu beschleunigen war alles andere als �blich. In</p><p>Nachlasssachen t�tige Anw�lte wurden nach Stunden bezahlt. Warum also dann die Eile?</p><p>�Interessant�, sagte Wycliff. �Woran denken Sie?�</p><p>�Vielleicht k�nnten wir so bald wie m�glich eine Besprechung ansetzen, bei der alle Anw�lte an einem Tisch sitzen. Jeder soll eine Liste m�glicher Zeugen und Dokumente vorlegen, die er im Verfahren aufzubieten gedenkt. Man k�nnte drei�ig Tage f�r alle Aussagen vorsehen und den eigentlichen Proze�beginn von heute an gerechnet in neunzig Tagen.� .</p><p>�Das ist aber schrecklich schnell.�</p><p>�Beim Bundesgericht machen wir das immer so. Es funktioniert. Die Jungs auf der Gegenseite werden drauf anspringen, weil ihre Mandanten alle pleite sind.�</p><p>�Was ist mit Ihnen, Mr. O'Riley? Hat Ihre Mandantin es eilig, an das Geld zu kommen?�</p><p>�H�tten Sie es nicht eilig?� fragte Nate den Richter.</p><p>Darauf lachten alle drei.</p><p>Als Grit schlie�lich durch den telefonischen Stacheldrahtverhau zu Hark durchdrang, waren seine ersten Worte: �Ich �berlege, ob ich nicht zum Richter gehen soll.�</p><p>Hark dr�ckte den Knopf an seinem Telefon, der die Bandaufnahme in Gang setzte, und sagte: �Guten Tag, Grit.� �Ich k�nnte ihm die Wahrheit sagen, dass sich n�mlich Snead seine Au�age f�r f�nf Millionen hat abkaufen lassen und dass nichts von dem, was er sagt, der Wahrheit entspricht.�</p><p>Hark lachte gerade so laut, dass Grit es h�ren konnte. �Das k�nnen Sie nicht, Grit.�</p><p>�Nat�rlich kann ich das.�</p><p>�Besonders klug sind Sie wohl nicht, was? H�ren Sie mir gut zu, Grit. Erstens haben Sie wie wir alle die Vereinbarung mit unterschrieben, sind also in ein rechtswidriges Vorgehen verwickelt, das Sie offen legen wollen. Zweitens, und das ist noch viel wichtiger, wissen Sie von Snead, weil Sie als Rechtsvertreter von Mary ROSS an dem Fall beteiligt waren. Das ist eine vertrauliche Beziehung. Wenn Sie Informationen weitergeben, die Ihnen als ihr Anwalt zu Ohren gekommen sind, dann verletzen Sie das Anwaltsgeheimnis. Sofern Sie etwas T�richtes tun, kommen Sie vor das Ehrengericht, und ich werde pers�nlich daf�r sorgen, dass man Ihnen die Zulassung als Anwalt entzieht. Haben Sie das verstanden, Grit?�</p><p>�Sie sind ein Drecksack, Gettys. Sie haben mir meine Mandantin abspenstig gemacht.�</p><p>401</p><p>�H�tte sie sich nach einem anderen Anwalt umgesehen, wenn sie mit Ihnen zufrieden gewesen w�re?�</p><p>�Ich bin mit Ihnen noch nicht fertig.�</p><p>��berlegen Sie sich gut, was Sie tun!�</p><p>Grit knallte den H�rer auf. Hark genoss den Moment, und machte sich wieder an die Arbeit.</p><p>Nate fuhr allein �ber den Potomac in die Stadt, am Lincoln Memorial vorbei, rollte ohne jede Eile im flie�enden Verkehr. Ab und zu fielen Schneeflocken auf die Windschutzscheibe, aber der schwere Schneefall war ausgeblieben. An einer roten Ampel auf der Pennsylvania Avenue sah er im R�ckspiegel, von einem Dutzend �hnlicher Geb�ude umgeben, das Hochhaus, in dem er den gr��ten Teil seiner letzten dreiundzwanzig Jahre verbracht hatte. Das Fenster seines B�ros lag im f�nften Stock. Er konnte es kaum sehen.</p><p>An der M-Stra�e, die nach Georgetown f�hrte, kam er an den Stellen vor�ber, die er fr�her so h�ufig aufgesucht hatte: an alten Kneipen und Bars, in denen er viele dunkle Stunden mit Menschen zugebracht hatte, an die er sich nicht mehr erinnern konnte. Wohl aber wusste er noch die Namen der Barkeeper. Jedes dieser Lokale hatte seine eigene Geschichte. Als er noch trank, musste ein harter Tag in der Kanzlei oder bei Gericht durch einige Stunden Alkohol abgemildert werden, sonst h�tte er nicht nach Hause gehen k�nnen. An der Wisconsin bog er nach Norden ab und sah ein Lokal, wo er sich mal mit einem College-Studenten gepr�gelt hatte, der betrunkener gewesen war als er selbst, und das alles wegen einer Schlampe von Studentin. Der Barkeeper hatte sie aufgefordert, ihre Pr�gelei drau�en auszutragen. Als Nate am n�chsten Morgen zum Gericht ging, hatte er ein Pflaster im Gesicht gehabt.</p><p>Als n�chstes kam er an einem kleinen Cafe vor�ber, wo er so viel Kokain gekauft hatte, dass er sich damit fast umgebracht h�tte. Die Drogenpolizei hatte dort eine Razzia durchgef�hrt, w�hrend er sich im Entzug befand, und zwei Aktienh�ndler, die er gut kannte, mussten ins Gef�ngnis.</p><p>In diesen Stra�en hatte er seine besten Jahre zugebracht, w�hrend seine Frauen zu Hause gewartet hatten und seine Kinder ohne ihren Vater aufgewachsen waren. Er sch�mte sich des Elends, das er heraufbeschworen hatte, und als er aus Georgetown hinausfuhr, schwor er sich, nie wieder dorthin zur�ckzukehren.</p><p>In Staffords Haus lud er weitere Kleidungsst�cke und pers�nliche Habe ins Auto und fuhr dann eilends davon.</p><p>In der Tasche hatte er als Vorschuss f�r den ersten Monat einen Scheck �ber zehntausend Dollar. Der IRS wollte sechzig-tausend Dollar Steuerr�ckst�nde, und die Geldstrafe w�rde sich mindestens noch einmal auf denselben Betrag belaufen. Bei seiner zweiten Frau war er mit rund drei�igtausend Dollar Unterhaltszahlungen im R�ckstand, monatliche Zahlungsverpflichtungen, die w�hrend seiner Entziehungskur aufgelaufen waren.</p><p>Dadurch, dass er sich f�r zahlungsunf�hig erkl�rt hatte, waren diese Schulden nicht getilgt. Er musste sich eingestehen, dass seine finanzielle Zukunft wirklich d�ster aussah. Jedes seiner j�ngeren Kinder kostete ihn pro Monat dreitausend Dollar. Die Studiengeb�hren samt Verpflegung und Unterkunft der beiden �lteren im Studentenheim kosteten fast ebenso viel. Von dem Geld, das er mit dem Fall Phelan verdiente, konnte er einige Monate leben, aber wenn er Josh und Wycliff richtig verstanden hatte, w�rde die Entscheidung eher fr�her als sp�ter fallen.</p><p>Nach Abschluss der Nachlassangelegenheit w�rde sich Nate vor einem Bundesrichter der Steuerhinterziehung schuldig bekennen und seine Zulassung als Anwalt zur�ckgeben.</p><p>Phil sagte ihm, er solle sich keine Sorgen um die Zukunft machen, darum werde sich Gott k�mmern.</p><p>Wieder einmal fragte sich Nate, ob sich Gott damit nicht mehr M�he einhandelte, als Er erwartet h�tte.</p><p>Da Nate au�erstande war, auf etwas anderem zu schreiben als den in Anwaltskreisen �blichen Notizbl�cken mit ihren weit auseinanderliegenden Linien und breiten R�ndern, nahm er einen davon und versuchte, einen Brief an Rachel zustande zu bringen. Er wollte ihn mit dem Vermerk �pers�nlich und vertraulich� an die Adresse von World Tribes Missions in Houston schicken und in einem Begleitschreiben an die Mitarbeiter dort darum bitten, dass sie den Brief an Rachel weiterleiteten.</p><p>Irgend jemand dort wusste bestimmt, wer und wo sie war. Vielleicht gab es sogar jemanden, dem bekannt war, dass es sich bei ihr um Troy Phelans Tochter handelte. Sofern dieser Jemand seine Schl�sse zog, w�rde er m� g-licherweise merken, dass Rachel die Milliardenerbin war.</p><p>Au�erdem vermutete Nate, sie w�rde sich mit World Tribes in Verbindung setzen - wenn sie das nicht ohnehin schon getan hatte. Sie war in Corumba gewesen und hatte ihn dort im Krankenhaus aufgesucht. Daher konnte er annehmen, dass sie in Houston angerufen und irgend jemandem von seinem Besuch berichtet hatte.</p><p>Sie hatte von ihrem j�hrlichen Etat gesprochen, den ihr die Mission zuteilte, also musste es irgendeine Art der postalischen Verbindung geben. Sofern dieser Brief in Houston in die richtigen H�nde fiel, w�rde er vielleicht nach Corumba weitergeleitet, wo ihn Rachel zu gegebener Zeit abholen w�rde.</p><p>Er schrieb das Datum und begann dann: �Liebe Rachel�.</p><p>Eine Stunde verging, w�hrend er ins Feuer sah und nach Worten suchte, die nicht albern klangen. Schlie�lich begann er den Brief mit einem Absatz �ber den Schnee. Er fragte sie, ob ihr der Schnee fehle und wie die Winter ihrer Kindheit in Montana gewesen seien. Er f�gte hinzu, dass der Schnee vor seinem Fenster drei�ig Zentimeter hoch liege.</p><p>Er kam nicht umhin, ihr zu gestehen, dass er als ihr Anwalt t�tig war. Als er in den Juristenjargon verfiel, ging ihm der Brief flott von der Hand. Er erkl�rte die Auseinandersetzung vor Gericht in so einfachen Worten, wie ihm das m� glich war.</p><p>Dann erz�hlte er ihr von Pfarrer Phil, der Kirche und dem Kellerraum. Er lese in der Bibel, und es gefalle ihm gut. Er bete f�r sie.</p><p>Schlie�lich war der Brief drei Seiten lang, und Nate war recht stolz auf sich. Er las ihn zweimal durch und befand ihn f�r wert, abgeschickt zu werden. Er war sicher, falls der Brief es je bis zu ihrer H�tte schaffte, w�rde sie ihn immer wieder lesen, ohne stilistischen Schw�chen irgendwelche Beachtung zu schenken.</p><p>Nate sehnte sich danach, sie wiederzusehen.</p></section><section><title><p>ZWEIUNDVIERZIG</p></title><p>Einer der Gr�nde daf�r, dass es mit der Arbeit im Keller der Kirche so schleppend voranging, war der, dass Pfarrer Phil morgens erst sp�t aufstand. Laura sagte, wenn sie werktags das Haus um acht Uhr zu ihrer Arbeit in der Vorschule verlasse, sei er meist noch tief unter den Decken vergraben. Er verteidigte sich mit der Erkl�rung, er sei nun einmal eine Nachteule und sehe sich gern nach Mitternacht im Fernsehen alte Schwarzwei�filme an. Daher war Nate ziemlich erstaunt, als ihn Phil am Freitag bereits um halb acht anrief. �Haben Sie schon die Washington Pos? gelesen?� fragte er.</p><p>�Ich lese keine Zeitungen�, gab Nate zur Antwort. Er hatte es sich w�hrend des Entzugs abgew�hnt. Phil hingegen las jeden Tag f�nf Zeitungen, in denen er reichlich Material f�r seine Predigten fand.</p><p>�Vielleicht sollten Sie das aber tun�, sagte er.</p><p>�Warum?�</p><p>�Es steht etwas �ber Sie drin.�</p><p>Nate zog seine festen Schuhe an und besorgte sich in einem Laden zwei Ecken weiter eine Zeitung. Auf der ersten Seite stand eine h�bsche Geschichte �ber die Auffindung von Troy Phelans verschwundener Erbin. Darin hie� es, dem Bezirksgericht des Fairfax County seien Dokumente vorgelegt worden, mit denen sie, vertreten durch ihren Anwalt, einen Mr. Nate O'Riley, die Behauptungen derer zur�ckweise, die das Testament ihres verstorbenen Vaters anfochten. Da es �ber sie nicht viel zu sagen gab, konzentrierte sich der Artikel auf den Anwalt. Entsprechend seiner eidesstattlichen Erkl�rung, die ebenfalls dem Gericht vorliege, habe er Rachel Lane aufgesp�rt, ihr ein Exemplar des Testaments vorgelegt, die verschiedenen damit verbundenen Rechtsfragen mit ihr besprochen und es auf die eine oder andere Weise fertiggebracht, von ihr mit der Wahrnehmung ihrer Interessen betraut zu werden. Genaue Hinweise auf Rachel Lanes Aufenthaltsort gab es nicht.</p><p>Von Nate O'Riley hie� es, er sei fr�her ein prominenter Prozessanwalt und Partner der Kanzlei Stafford gewesen, die er aber im August vergangenen Jahres verlassen habe. Im Oktober habe er einen Antrag auf Er�ffnung des Konkursverfahrens �ber sein Verm�gen gestellt, sei im November wegen Steuerhinterziehung unter Anklage gestellt worden, �ber die noch nicht entschieden sei. Dabei gehe es um dem Staat vorenthaltene Steuern in H�he von sechzigtausend Dollar. Zu allem �berfluss hatte der Reporter den nebens�chlichen Umstand erw�hnt, dass</p><p>er zweimal geschieden war, und um die Dem�tigung zu vervollst�ndigen, war der Artikel mit einem schlechten Foto illustriert, das Nate bei einer Feier des Washingtoner Anwaltsvereins vor einigen Jahren mit einem Drink in der Hand zeigte. Aufmerksam betrachtete er die k�rnige Aufnahme, auf der er mit verschwommenen Augen, aufgequollenen Wangen und einem t�richten L�cheln zu sehen war, das den Eindruck erweckte, als genie�e er die Gesellschaft der Menschen um sich herum. Das war peinlich, aber es geh�rte zu einem anderen Leben. Nat�rlich konnte eine solche Geschichte nicht vollst�ndig sein ohne eine knappe Darstellung der unerfreulichen statistischen Daten im Zusammenhang mit Troys Leben und Tod: drei Ehen, sieben Kinder, von denen man wusste, rund elf Milliarden Verm�genswerte, sein Sprung aus dem dreizehnten Stock.</p><p>Man habe Mr. O'Riley nicht erreichen k�nnen, und Mr. Stafford habe nichts zu sagen. Offensichtlich hatten die Anw�lte der Phelan-Kinder bereits so viel gesagt, dass sie nicht um eine weitere �u�erung gebeten worden waren.</p><p>Nate faltete die Zeitung zusammen und kehrte in Joshs H�uschen zur�ck. Es war halb neun. Ihm blieben anderthalb Stunden, bis die Arbeit im Keller der Kirche begann.</p><p>Auch wenn die Bluthunde jetzt seinen Namen wussten, w�rde es ihnen schwer fallen, seine Spur aufzunehmen. Josh hatte daf�r gesorgt, dass Nates Post an eine Postfachadresse in Washington ging, und au�erdem auf den Namen des Anwalts Nathan F. O'Riley eine neue Telefonleitung einrichten lassen. Anrufe, die dort eingingen, wurden von einer Sekret�rin in der Kanzlei Stafford entgegengenommen und notiert.</p><p>In St. Michaels wusste au�er dem Pfarrer und seiner Frau niemand, wer Nate war. Ger�chte besagten, er sei ein verm�gender Anwalt aus Baltimore, der ein Buch schreiben wolle.</p><p>Sich verstecken machte s�chtig. Vielleicht war das der Grund daf�r, dass Rachel es tat.</p><p>Kopien von Rachel Lanes Stellungnahme wurden an alle Anw�lte der Phelan-Kinder geschickt, die von dieser Nachricht geradezu elektrisiert waren. Sie lebte also und war bereit, sich dem Kampf zu stellen! Allerdings rief der Name ihres Anwalts ein gewisses Stirnrunzeln hervor; O'Rileys Ruf eilte ihm voraus: ein t�chtiger Prozessanwalt, mitunter brillant, der dem Druck nicht gewachsen war. Das lie� die Phelan-Anw�lte, wie schon Richter Wycliff, vermuten, dass in Wahrheit Josh Stafford die F�den in der Hand hielt. Bestimmt hatte er O'Riley aus dem Entzug geholt, ihn herausgeputzt, ihm die Papiere in die Hand gedr�ckt und den Weg zum Gericht gezeigt. Die Phelan-Anw�lte sa�en am Freitag morgen in der Kanzlei Langhorne zusammen, einem modernen Bau unter vielen im Finanzdistrikt an der Pennsylvania Avenue. Zwar war die Kanzlei mit ihren vierzig Anw�lten nicht gro� genug, um wirkliche Topmandanten anzuziehen, doch ihr Ehrgeiz ging eindeutig in diese Richtung. Die Einrichtung der R�ume war von jener pr�tenti�sen Erlesenheit, die verriet, dass die dort t�tigen Anw�lte fest entschlossen waren, ans ganz gro�e Geld zu kommen.</p><p>Die Phelan-Anw�lte hatten beschlossen, sich jede Woche am Freitag um acht zu treffen, um h�chstens zwei Stunden lang �ber Strategiefragen und den Fortgang des Verfahrens zu reden. Der Einfall ging auf Ms. Langhorne zur�ck. Ihr war klargeworden, dass sie als Vermittlerin w�rde auftreten m�ssen, denn die M�nner hatten alle H�nde voll damit zu tun, sich zu spreizen und gegenseitig zu bek�mpfen. Doch wo so viel Geld auf dem Spiel stand, durfte man nicht zulassen, dass sich Leute, die in einem Boot sa�en, gegenseitig in den R�cken fielen.</p><p>Sie hatte den Eindruck, dass die Zeiten des Mandantenraubs vor�ber waren. Ihre Mandanten, Geena und Cody, waren entschlossen, bei ihr zu bleiben, und Yancy schien Ramble fest in der Hand zu haben. Wally Bright wohnte praktisch mit Libbigail und Spike zusammen. Die anderen drei - Troy Junior, Rex und Mary ROSS - hatte Hark am Haken, und er schien mit seiner Beute zufrieden zu sein. Allm�hlich legte sich der Staub. Nachdem klar war, worum es ging, wurden die Beziehungen freundlicher. Den Anw�lten war klar, dass ihre Sache zum Scheitern verurteilt war, wenn sie nicht zusammenarbeiteten.</p><p>Punkt eins der Tagesordnung war Snead. Sie hatten mehrere Stunden lang die Videoaufnahmen seiner ersten Vorstellung betrachtet und sich ausf�hrlich notiert, wie man daf�r sorgen k�nne, dass er besser wurde. Es wurde schamlos gelogen. Yancy, der in jungen Jahren eine Karriere als Drehbuchautor angestrebt hatte, war sogar so weit gegangen, f�r Snead eine f�nfzigseitige Textvorlage zu verfassen. Sie enthielt eine solche Anzahl haarstr�ubender Behauptungen, dass Troy jedem als hirnloser Trottel erscheinen musste.</p><p>Punkt zwei war Nicolette, die Sekret�rin. Man wollte sie sich einige Tage sp�ter gleichfalls auf Video vornehmen, und es gab bestimmte Dinge, die sie sagen musste. Bright regte an, man k�nne beide Aussagen lassen, der Alte habe beim Geschlechtsverkehr mit ihr, ein paar Stunden bevor er sich den drei Psychiatern stellte, einen Schlaganfall erlitten. Ein solcher Schlaganfall w�rde die geistigen F�higkeiten erkennbar herabsetzen. Der Einfall wurde ganz allgemein mit Beifall aufgegriffen und f�hrte zu einer l�ngeren Disku�ion �ber die Autopsie, �ber deren Ergebnisse sie bislang noch keine schriftlichen Unterlagen zu Gesicht bekommen hatten. Wie nicht anders zu erwarten, musste Troys Aufprall auf die Ziegelfl�che zu entsetzlichen Sch�delverletzungen gef�hrt haben. Lie� sich unter solchen Umst�nden bei einer Autopsie ein Schlaganfall �berhaupt diagnostizieren?</p><p>Punkt drei war die Frage ihrer eigenen Sachverst�ndigen. Der von Grit vorgeschlagene Psychiater war den gleichen Weg gegangen wie der Anwalt selbst, so dass jetzt nur noch vier da waren, einer pro Kanzlei. Das war bei einer Verhandlung keine �berm��ig gro�e Zahl, eher konnte man zu viert mit einem gewissen Nachdruck argumentieren, vor allem, wenn die Psychiater auf unterschiedlichen Wegen zum selben Ergebnis kamen. Sie einigten sich, auch ihre Psychiater gr�ndlich in die Mangel zu nehmen, ihre Aussagen zu proben und festzustellen, ob die M�nner unter Druck wom�glich zusammenbrachen.</p><p>Punkt vier war die Frage weiterer Zeugen. Sie brauchten unbedingt noch mehr Menschen, die in den letzten</p><p>Lebenstagen bei Troy gewesen waren. Da konnte ihnen Snead sicherlich helfen.</p><p>Letzter Punkt der Tagesordnung war das Auftreten Rachel Lanes und ihres Anwalts. �In der Akte ist nicht ein Blatt, das diese Frau unterschrieben hat�, sagte Hark. �Sie ist eine Einsiedlerin. Mit Ausnahme ihres Anwalts wei� kein Mensch, wo sie sich aufh�lt, und der sagt nichts. Er hat einen ganzen Monat gebraucht, um sie zu finden. Sie hat nichts unterschrieben. Theoretisch ist das Gericht f�r sie gar nicht zust�ndig. F�r mich ist sonnenklar, dass die Frau Bedenken hat, an die �ffentlichkeit zu treten.�</p><p>�So verhalten sich auch manche Lotteriegewinner�, merkte Bright an. �Sie wollen nicht, dass die Sache an die gro�e Glocke geh�ngt wird, damit sie nicht von Hinz und Kunz angeschnorrt werden.�</p><p>�Und was ist, wenn sie das Geld gar nicht will?� fragte Hark. Fassungslosigkeit machte sich breit.</p><p>�Das w�re verr�ckt�, sagte Bright spontan. Seine Worte hingen noch im Raum, w�hrend er �ber das Unm�gliche nachdachte.</p><p>Bevor sich die anderen gefasst hatten, fuhr Hark unbeirrt fort: �Das ist nur so ein Einfall, aber ganz au�er acht lassen sollten wir diese M�glichkeit nicht. Nach dem Gesetz des Staates Virginia ist kein Erbe verpflichtet, eine Erbschaft auch anzutreten. In einem solchen Fall geh�rt der entsprechende Betrag nach wie vor zum Nachlass, bis anderweitig dar�ber verf�gt wird. Falls dies Testament f�r ung�ltig erkl�rt wird und es keine anderen Testamente gibt, bekommen Troy Phelans sieben Kinder alles. Falls Rachel Lane auch davon nichts m�chte, teilen sich unsere Mandanten den gesamten Nachlass.�</p><p>Man konnte f�rmlich sehen, dass alle wie wild rechneten: elf Milliarden abz�glich Erbschaftssteuer, geteilt durch sechs. Dann der jeweilige Prozentsatz f�r die anwaltliche T�tigkeit - betr�chtlicher Wohlstand schien in Reichweite. Statt siebenstelliger Honorare sahen sie mit einem Mal achtstellige vor ihrem geistigen Auge.</p><p>�Das ist ja wohl ein bi�chen an den Haaren herbeigezogen�, sagte Langhorne langsam. Sie war von dem vielen Kopfrechnen noch ganz benommen.</p><p>�Finde ich nicht�, sagte Hark. Offensichtlich wusste er mehr als die anderen. �Eine Erkl�rung, mit der man sich dem Gerichtsstand unterwirft, ist eine einfache Sache. Will man uns wirklich weismachen, dass Mr. O'Riley nach Brasilien gereist ist, dort Rachel Lane gefunden, ihr die Sache mit dem Erbe auseinandergesetzt und dass sie ihn als Anwalt verpflichtet hat, ohne dass es ihm gelungen w�re, sich von ihr ein kurzes Dokument unterschreiben zu lassen, das die Zust�ndigkeit des hiesigen Gerichts anerkennt? Irgendwas stimmt da nicht.�</p><p>Yancy fragte als erster. �Brasilien?�</p><p>�Ja. Er ist gerade aus Brasilien zur�ckgekehrt.�</p><p>�Woher wissen Sie das?�</p><p>Hark griff langsam nach einer Akte und nahm einige Bl�tter heraus. �Ich habe einen sehr guten Ermittler an der Hand�, sagte er, und sofort herrschte Stille. �Ihn habe ich gestern angerufen, nachdem ich, ebenso wie Sie, Rachels Antwort und O'Rileys eidesstattliche Erkl�rung bekommen habe. Im Laufe von drei Stunden hat er folgendes herausgebracht: Am 22. Dezember hat Nate O'Riley den Dulles Airport mit dem Varig-Flug 882 nonstop nach Sao Paulo verlassen. Von dort ist er mit dem Varig-Flug 146 nach Campo Grande geflogen, wo er eine Zubringermaschine der Air Pantanal zu einer Kleinstadt namens Corumba genommen hat. Dort ist er am 23. eingetroffen. Nach fast drei Wochen ist er dann wieder hierher zur�ckgekehrt.�</p><p>�Vielleicht hat er Urlaub gemacht�, murmelte Bright. Er war ebenso verbl�fft wie die anderen.</p><p>�M�glich, aber ich bezweifle das. Mr. O'Riley hat den ganzen Herbst in einer Entw�hnungsklinik verbracht, und das war nicht das erste Mal. Da war er auch, als Troy Phelan gesprungen ist. Er ist am 22. Dezember entlassen worden und am selben Tag nach Brasilien geflogen. Diese Reise hatte nur ein einziges Ziel: Rachel Lane zu finden.�</p><p>�Woher wissen Sie das alles?� fragte Yancy.</p><p>� So schwer ist das nicht. Vor allem die Fluginformationen kann ein guter Hacker ohne weiteres ermitteln.�</p><p>�Und woher wussten Sie, dass er eine Entziehungskur gemacht hat?�</p><p>�Ich habe meine Informanten.�</p><p>L�ngeres Schweigen herrschte, w�hrend sie diese Mitteilungen verdauten. Sie bewunderten und verachteten Hark gleichzeitig. Er schien grunds�tzlich �ber Informationen zu verf�gen, die sie nicht hatten, aber jetzt war er auf ihrer Seite. Sie waren ein Team.</p><p>�Es geht jetzt einfach darum, wer am l�ngeren Hebel sitzt�, fuhr Hark fort. �Ohne zu sagen, dass das Gericht f�r Rachel Lane gar nicht zust�ndig ist, werden wir darauf dr�ngen, dass die Sache sofort anh�ngig gemacht wird, und fechten das Testament mit allem Nachdruck an. Wenn weder die Frau noch die von ihr unterschriebenen Erkl�rungen auftauchen, kann das nur bedeuten, dass sie das Geld nicht will.�</p><p>�Das glaube ich im Leben nicht�, sagte Bright.</p><p>�Weil Sie Anwalt sind.�</p><p>�Und was sind Sie?�</p><p>� Dasselbe, aber nicht ganz so habgierig. Ob Sie es glauben oder nicht, Wally, es gibt Menschen auf dieser Welt, die nicht an Geld interessiert sind.�</p><p>�Vielleicht zwanzig�, sagte Yancy. �Und sie sind alle meine Mandanten.�</p><p>Ein leises Gel�chter rund um den Tisch l�ste die Spannung.</p><p>Bevor man sich auf die folgende Woche vertagte, verpflichteten sich alle Anwesenden gegenseitig erneut zu strengstem Stillschweigen �ber alles, was gesagt worden war. Zwar war es jedem ernst damit, aber keiner traute</p><p>dem anderen. Vor allem die Neuigkeit �ber Brasilien war ein heikler Punkt.</p></section><section><title><p>DREIUNDVIERZIG</p></title><p>Der gro�e braune Umschlag trug au�er der Adresse von World Tribes Missions in Houston in gro�en schwarzen Druckbuchstaben den Hinweis: F�r Rachel Lane, Missionarin in S�damerika, pers�nlich und vertraulich.</p><p>Die f�r den Posteingang zust�ndige Angestellte betrachtete ihn eine Weile und schickte ihn dann ein Stockwerk h�her zu einem Vorgesetzten. So gelangte er schlie�lich kurz vor Mittag, nachdem er Station nach Station durchlaufen hatte, immer noch unge�ffnet, auf Neva Colliers Schreibtisch. Ungl�ubig starrte die Koordinatorin der Missionen in S�damerika darauf: Soweit ihr bekannt war, wusste au�er ihr niemand, dass Rachel Lane f�r ihre Missionsgesellschaft t�tig war.</p><p>Offensichtlich hatten diejenigen, die den Brief weitergeleitet hatten, keinen Zusammenhang zwischen dem Namen auf dem Umschlag und jenem gesehen, der in j�ngster Zeit immer wieder in den Nachrichten aufgetaucht war. Es war Montag morgen, und in den B�ros war nicht viel los.</p><p>Neva schloss ihre T�r ab. Sie �ffnete den Umschlag und fand darin einen Brief mit der Aufschrift: &gt;An den zust�ndigen Sachbearbeiter sowie einen kleineren versiegelten Umschlag. Sie las den Brief laut, nach wie vor verbl�fft, dass jemand auch nur in etwa wusste, wer Rachel Lane in Wahrheit war.</p><p>An den zust�ndigen Sachbearbeiter:</p><p>Anliegend �bersende ich Ihnen einen Brief f�r Rachel Lane, die f�r Sie in Brasilien als Missionarin t�tig ist.</p><p>Bitte leiten Sie ihn unge�ffnet an sie weiter.</p><p>Ich habe Rachel vor etwa zwei Wochen im Pantanal gefunden, wo sie, wie Ihnen bekannt ist, seit elf Jahren bei einer Gruppe Ipicas lebt. Der Zweck meiner Suche war eine wichtige juristische Angelegenheit.</p><p>Zu Ihrer Information sei gesagt, dass es Rachel gut geht. Ich habe ihr versprochen, dass ich ihren Aufenthaltsort unter keinen Umst�nden irgend jemandem preisgeben werde. Sie m�chte k�nftig nicht mehr mit juristischen Angelegenheiten bel�stigt werden, und ich habe mich ihrem Wunsch gef�gt.</p><p>Sie braucht aber Geld f�r ein neues Boot mit einem Motor sowie zus�tzliche Mittel f�r Medikamente. Ich bin gern bereit, Ihrer Organisation f�r diese Ausgaben einen Scheck zu �bersenden, und bitte Sie, mir die n�tigen Angaben zu machen.</p><p>Ich beabsichtige, Rachel auch k�nftig wieder zu schreiben, wei� allerdings nicht, auf welchem Weg sie ihre Post bekommt. K�nnten Sie mir bitte best�tigen, dass Sie dieses Schreiben bekommen und meinen f�r Rachel bestimmten Brief weitergeleitet haben? Vielen Dank.</p><p>Unterschrieben hatte ein gewisser Nate O'Riley. Unten auf der Seite stand die Anschrift einer Anwaltskanzlei in Washington und eine Telefonnummer in St. Michaels, Maryland.</p><p>Der Postverkehr mit Rachel verlief sehr einfach. Zweimal j�hrlich, und zwar jeweils am 1. M�rz und 1. August, schickte die Missionsgesellschaft Pakete mit Medikamenten, Verbandsmaterial, christlicher Literatur und was Rachel sonst brauchte oder w�nschen mochte, an das Postamt von Corumba. Man hatte sich mit der Postverwaltung darauf geeinigt, dass sie das jeweilige August-Paket einen Monat lang aufbewahrte und es nach Houston zur�ckschickte, wenn es in diesem Zeitraum nicht abgeholt w�rde. Das war bisher noch nicht geschehen. Jedes Jahr im August unternahm Rachel ihre Fahrt nach Corumba und rief in der Zentrale an, wobei sie Gelegenheit hatte, zehn Minuten lang Englisch zu sprechen. Dann holte sie ihre Postsendungen und kehrte zu den Ipicas zur�ck. Im M�rz, nach der Regenzeit, wurde die Sendung mit einer cbalana flussaufw�rts geschickt und bei einer Fazenda in der N�he der Xeco-M�ndung abgegeben, wo Lako sie irgendwann abholte. Die M�rzsendungen waren immer weniger umfangreich als die im August.</p><p>In elf Jahren hatte Rachel nicht einen einzigen pers�nlichen Brief bekommen, jedenfalls nicht �ber World Tribes Missions.</p><p>Neva notierte sich die Telefonnummer und Adresse und brachte den Brief dann in einer Schublade in Sicherheit. Sie w�rde ihn in etwa einem Monat zusammen mit der �blichen M�rzsendung auf den Weg bringen.</p><p>Fast eine Stunde lang s�gten sie Kanth�lzer von f�nf mal zehn Zentimetern f�r den n�chsten kleinen Gruppenraum zu. Der Fu�boden war mit S�gemehl bedeckt. Phil hatte etwas davon in den Haaren. Das Kreischen der S�ge dr�hnte noch in ihren Ohren. Es war Zeit f�r eine Kaffeepause. Sie setzten sich, den R�cken an die Wand gelehnt, in der N�he eines tragbaren Heiz�fchens auf den Boden. Phil goss kr�ftigen Milchkaffee aus einer Thermosflasche ein.</p><p>�Sie haben gestern eine gro�artige Predigt verpasst�, sagte er mit breitem L�cheln.</p><p>�Wo?�</p><p>�Was hei�t, wo? Nat�rlich hier.�</p><p>�Worum ging es?� .</p><p>�Ehebruch.�</p><p>�Daf�r oder dagegen?�</p><p>�Dagegen, wie immer.�</p><p>�Bei Ihrer Gemeinde scheint mir das keine besonders brennende Frage zu sein.� �Ich halte die Predigt jedes Jahr einmal.�</p><p>�Immer dieselbe?�</p><p>�Ja, aber immer wieder neu.�</p><p>�Und wann hatte zum letzten Mal jemand aus Ihrer Gemeinde etwas mit Ehebruch zu tun?�</p><p>�Vor ein paar Jahren. Eine der j�ngeren Frauen vermutete, dass ihr Mann in Baltimore eine andere hatte. Er musste einmal w�chentlich gesch�ftlich dorthin, und ihr ist aufgefallen, dass er jedesmal als v�llig anderer Mensch zur�ckkehrte. Er hatte mehr Schwung und mehr Lebensfreude als sonst. Das hielt jeweils zwei oder drei Tage an, dann war er wieder so verkniffen wie immer. Sie war �berzeugt, dass er sich verliebt hatte.�</p><p>�Und was war?�</p><p>�Er ging in Baltimore zu einem Chiropraktiker.�</p><p>Phil stimmte ein lautes gackerndes Lachen an, das ansteckend und in der Regel lustiger war als die Pointe. Als er sich beruhigt hatte, tranken sie schweigend ihren Kaffee weiter. Nach einer Weile fragte Phil: �Hatten Sie in Ihrem anderen Leben je Schwierigkeiten mit Ehebruch?�</p><p>�Absolut keine Schwierigkeit. Ehebruch war ein integraler Bestandteil meines Lebens. Ich habe allem nachgejagt, was auf zwei Beinen ging. Jede Frau, die auch nur halbwegs gut au�ah, war f�r mich nur eine potentielle schnelle Nummer. Ich war verheiratet, aber ich habe das nie als Ehebruch angesehen. Das war keine S�nde, sondern ein Spiel. Ich war krankhaft unerwachsen, Phil.�</p><p>�Ich h�tte Sie nicht danach fragen sollen.�</p><p>�Doch, eine Beichte tut der Seele gut. Ich sch�me mich des Menschen, der ich fr�her war. Meine Frauengeschichten, der Alkohol, die Drogen, die Kneipenbesuche, Schl�gereien, Scheidungen, dass ich meine Kinder vernachl�ssigt habe - mein Leben war ein einziger Schlamassel. Am liebsten h�tte ich die vergeudete Zeit noch einmal, um was daraus zu machen. Aber jedenfalls ist es f�r mich wichtig, dass ich daran denke, welchen Weg ich gegangen bin.�</p><p>�Sie haben noch viele gute Jahre vor sich, Nate.�</p><p>�Das hoffe ich. Ich wei� nur nicht so recht, was ich tun soll.�</p><p>�Nur Geduld, Gott wird Sie leiten.�</p><p>�Wenn ich andererseits sehe, in welchem Tempo wir hier vorankommen, k�nnte ich das hier zu meinem Beruf machen.�</p><p>Phil l�chelte, gackerte aber nicht. �Lesen Sie Ihre Bibel gr�ndlich, Nate, und beten Sie. Gott braucht Menschen wie Sie.�</p><p>�Vermutlich.�</p><p>�Vertrauen Sie mir. Ich habe zehn Jahre gebraucht, bis ich wusste, was Gott von mir wollte. Ich bin eine ganze Weile gerannt, dann aber bin ich stehen geblieben und habe ihm zugeh�rt. Schritt f�r Schritt hat er mich zum Priesteramt gef�hrt.�</p><p>�Wie alt waren Sie da?�</p><p>�Ich bin mit sechsunddrei�ig Jahren ins Seminar eingetreten.�</p><p>�Und waren Sie der �lteste?�</p><p>�Nein. Vierzigj�hrige sind da kein besonders seltener Anblick. Das kommt immer wieder vor.�</p><p>�Wie lange dauert die Ausbildung?�</p><p>�Vier Jahre.�</p><p>�Das ist ja schlimmer als das Jurastudium.�</p><p>�Es war �berhaupt nicht schlimm. Ehrlich gesagt hat es sogar Spa� gemacht.�</p><p>�Das kann ich vom Jurastudium nicht sagen.�</p><p>Sie arbeiteten noch eine Stunde, dann war es Zeit zum Mittagessen. Ein St�ck weiter, in Tilghman, gab es ein Fischrestaurant, in dem Phil gern a�. Nate lud ihn ein, denn da der Schnee endlich vollst�ndig geschmolzen war, konnte man ohne Schwierigkeiten dort hinfahren.</p><p>�H�bscher Wagen�, sagte Phil, als er den Gurt anlegte. Dabei fiel S�gemehl von seiner Schulter auf den makellosen Ledersitz des Jaguar. Es war Nate gleichg�ltig.</p><p>�Ein typisches Anwaltsauto. Nat�rlich habe ich es geleast, weil ich nicht genug Geld hatte, bar daf�r zu zahlen. Es kostet achthundert im Monat.�</p><p>�Entschuldigung.�</p><p>�Ich w�rde es gern absto�en und mir statt dessen einen h�bschen Chevrolet Blazer oder etwas in der Art zulegen.�</p><p>Nachdem sie den Ort verlassen hatten, wurde die Stra�e, welche die ganze Bucht entlang f�hrte, schmal und kurvenreich.</p><p>Er lag im Bett, als das Telefon klingelte. Er schlief noch nicht, das w�rde noch eine Stunde dauern. Es war erst zehn, doch ungeachtet seiner Reise nach S�den war sein K�rper nach wie vor an den Tagesablauf von Walnut Hill gew�hnt. Au�erdem machte sich die Ersch�pfung durch das Denguefieber bisweilen noch bemerkbar.</p><p>Es fiel ihm selbst schwer zu glauben, dass er den gr��ten Teil seines Berufslebens hindurch oft bis abends neun oder zehn gearbeitet, dann in einem Restaurant zu Abend gegessen und bis ein Uhr nachts getrunken hatte. Schon der blo�e Gedanke daran ersch�pfte ihn.</p><p>Da das Telefon nur selten klingelte, nahm er rasch ab, in der festen �berzeugung, dass es Schwierigkeiten gab.</p><p>Eine Frauenstimme sagte: �Bitte Nate O'Riley.�</p><p>�Am Apparat.�</p><p>�Guten Abend, Sir. Ich hei�e Neva Collier. Sie haben mir einen Brief f�r unsere Freundin in Brasilien geschickt.�</p><p>Die Decken flogen beiseite, w�hrend Nate aus dem Bett sprang. �Ja! Sie haben ihn also bekommen?�</p><p>�Ja. Ich habe ihn heute morgen gelesen und werde den f�r Rachel bestimmten Brief an sie weiterleiten.� �Gro�artig. Wie bekommt sie die Post?�</p><p>�Ich schicke sie zu bestimmten Terminen nach Corumba.�</p><p>�Vielen Dank. Ich w�rde ihr gern wieder schreiben.�</p><p>�Dagegen ist nichts einzuwenden, aber setzen Sie ihren Namen bitte nicht auf den Umschlag.�</p><p>Nate fiel ein, dass es in Houston neun Uhr sein musste. Also rief sie ihn von zu Hause an, und das kam ihm mehr als sonderbar vor. Die Stimme klang zwar angenehm, aber zugleich z�gernd.</p><p>�Stimmt etwas nicht?� fragte er.</p><p>�Nein, nur wei� hier au�er mir niemand, wer sie ist. Jetzt, da Sie mit der Sache zu tun haben, gibt es zwei Menschen auf der Welt, die ihren Aufenthaltsort und ihre Identit�t kennen.�</p><p>�Ich habe ihr fest versprochen, dass ich das geheim halte.�</p><p>�War sie schwer zu finden?�</p><p>�K�nnte man sagen. Ich w�rde mir keine Sorgen dar�ber machen, ob jemand anders sie aufsp�rt.�</p><p>�Aber wie ist Ihnen das gelungen?�</p><p>�Nicht mir, ihrem Vater. Wissen Sie �ber Troy Phelan Bescheid?�</p><p>�Ja, ich habe Zeitungsausschnitte gesammelt.�</p><p>�Bevor er sich von dieser Welt verabschiedet hat, hat er ihre Spur bis ins Pantanal verfolgt. Ich habe allerdings keine Ahnung, wie er das geschafft hat.�</p><p>�Er hatte die n�tigen Mittel.�</p><p>�Das stimmt. Wir wussten also in etwa, wo sie sich aufhielt, ich bin hingeflogen, habe mir vor Ort einen F�hrer genommen, wir haben uns verirrt und sind dabei auf sie gesto�en. Kennen Sie sie gut?�</p><p>�Ich bin nicht sicher, ob irgend jemand Rachel gut kennt. Ich spreche einmal im Jahr mit ihr, wenn sie im August aus Corumba anruft. Vor f�nf Jahren hat sie einen Heimaturlaub genommen, und da habe ich einmal mit ihr zu Mittag gegessen. Besonders gut kenne ich sie also nicht.�</p><p>�Haben Sie in letzter Zeit von ihr geh�rt?�</p><p>�Nein.�</p><p>Rachel war erst vor zwei Wochen in Corumba gewesen. Das wusste er mit Sicherheit, weil sie zu ihm ins Krankenhaus gekommen war. Sie hatte ihn angesprochen, ihn ber�hrt und war dann verschwunden, wobei sie sein Fieber mitgenommen hatte. Bei dieser Gelegenheit sollte sie nicht in der Zentrale angerufen haben? Wie sonderbar.</p><p>�Es geht ihr gut�, sagte er. �Sie f�hlt sich bei ihren Indianern zu Hause.�</p><p>�Warum haben Sie sie aufgesp�rt?�</p><p>�Irgend jemand musste das tun. Begreifen Sie, was ihr Vater getan hat?�</p><p>�Ich versuche es.�</p><p>�Jemand musste Rachel von der Sache in Kenntnis setzen, und es musste ein Anwalt sein. Zuf�llig war ich in unserer Kanzlei der einzige, der gerade nichts Besseres zu tun hatte.�</p><p>�Und jetzt vertreten Sie sie?�</p><p>�Sie verfolgen die Sache ziemlich aufmerksam, was?�</p><p>�Wir haben ein mehr als nur fl�chtiges Interesse daran. Sie geh�rt zu uns und ist zur Zeit etwas weit vom Schuss, k�nnte man sagen.�</p><p>�Das ist sehr zur�ckhaltend formuliert.�</p><p>�Was gedenkt sie mit dem Nachlass ihres Vaters zu tun?�</p><p>Nate rieb sich die Augen und schwieg eine Weile, um das Gespr�ch zu verlangsamen. Die freundliche Dame am anderen Ende der Leitung ging zu weit. Er war nicht sicher, ob ihr das klar war. �Ich m�chte nicht unh�flich sein, Ms. Collier, aber ich kann mit Ihnen nicht �ber Dinge reden, die Rachel und ich in der Nachlasssache ihres Vaters er�rtert haben.�</p><p>�Nat�rlich nicht. Ich hatte nicht die Absicht, in Geheimnisse einzudringen. Ich bin nur einfach nicht sicher, was World Tribes zu diesem Zeitpunkt unternehmen m�sste.�</p><p>�Nichts. Sie haben mit der Sache erst dann etwas zu tun, wenn Rachel Sie dazu auffordert.�</p><p>�Aha. Das hei�t, ich verfolge einfach die Mitteilungen in den Zeitungen.�</p><p>�Ich bin sicher, dass das ganze Verfahren darin ausf�hrlich behandelt wird.�</p><p>�Sie haben in Ihrem Brief bestimmte Dinge angesprochen, die sie da unten braucht.�</p><p>Nate erz�hlte die Geschichte von dem kleinen M�dchen, das sterben musste, weil Rachel kein Gegengift hatte. �Sie findet in Corumba nicht die erforderlichen Medikamente. Ich w�rde ihr gern schicken, was n�tig ist.�</p><p>�Vielen Dank. �bersenden Sie das Geld zu meinen H�nden an die Adresse von World Tribes, und ich sorge daf�r, dass Rachel bekommt, was sie braucht. Wir betreuen viertausend Rachels auf der ganzen Welt, und unsere Mittel sind begrenzt.�</p><p>�Sind die anderen ebenso bemerkenswert wie Rachel?�</p><p>�Ja. Sie sind von Gott auserw�hlt.�</p><p>Sie einigten sich darauf, in Verbindung miteinander zu bleiben. Neva sagte, er k�nne so viele Briefe schicken, wie er wolle, und sie werde sie nach Corumba weiterleiten. Au�erdem vereinbarten sie, dass derjenige von ihnen, der etwas von Rachel h�rte, den anderen davon in Kenntnis setzte.</p><p>Als Nate wieder im Bett lag, spielte er die Kassette mit dem Anruf ab. Erstaunlich, was unerw�hnt geblieben war. Rachel hatte gerade durch ihn vom Tod ihres Vaters erfahren, der ihr eins der gr��ten Verm�gen der Welt vererbt hatte. Dann war sie heimlich nach Corumba gereist, weil sie von Lako wusste, dass Nate sehr krank war. Und dann war sie zur�ckgekehrt, ohne mit irgend jemandem bei World Tribes �ber das Geld zu reden.</p><p>Als er sie am Flussufer verlassen hatte, war er sicher gewesen, dass sie das Geld nicht wollte. Jetzt war er davon mehr �berzeugt als zuvor.</p></section><section><title><p>VIERUNDVIERZIG</p></title><p>Die Reihe der f�rmlichen Befragungen unter Eid, von denen jede einzelne protokolliert werden musste, begann am Montag, dem 17. Februar, in einem langen, kahlen Raum des Gerichts des Fairfax County. Eigentlich war er als Wartezimmer f�r Zeugen vorgesehen, doch Richter Wycliff hatte seinen Einfluss geltend gemacht und ihn f�r die zweite Monatsh�lfte reserviert. Mindestens f�nfzehn Personen sollten als Zeugen geh�rt werden, und da sich die Anw�lte nicht auf Ort und Zeit hatten einigen k�nnen, hatte Wycliff ein Machtwort gesprochen und festgesetzt, dass die Zeugen nacheinander Stunde um Stunde, Tag f�r Tag befragt w�rden, bis alles vor�ber war. Zwar war eine solche Marathonveranstaltung selten, doch stand auch nicht oft ein so hohes Verm�gen auf dem Spiel. Die Anw�lte hatten eine verbl�ffende F�higkeit bewiesen, ihre Terminkalender f�r den Zeitraum, in dem es um die Kl�rung des Phelan-Nachlasses gehen sollte, frei zur�umen. Man hatte Prozesse und andere Gerichtstermine verschoben, wichtige letzte Fristen erneut verl�ngern lassen, den Gerichten einzureichende Schrifts�tze Kollegen zugeschoben und Urlaubspl�ne auf den Sommer verlegt. Juniorpartner wurden damit beauftragt, kleinere F�lle zu bearbeiten. Nichts war wichtiger als das Phelan-Chaos.</p><p>Nate erschien die Aussicht, zwei Wochen lang in einem Raum voller Anw�lte Zeugen durch die Mangel zu drehen, fast so schlimm wie die H�lle.</p><p>Wenn seine Mandantin das Geld nicht wollte, warum sollte ihm dann nicht egal sein, wer es bekam?</p><p>Diese Haltung �nderte sich, als er Troy Phelans Nachkommen kennen lernte.</p><p>Als erster wurde Mr. Troy Phelan jun. vernommen. Trotz seiner Vereidigung durch den Gerichtsdiener b��te er mit seinen unruhig umherhuschenden Augen und den ger�teten Wangen jede Glaubw�rdigkeit ein, kaum dass er am Kopfende des Tischs Platz genommen hatte. Eine Videokamera am anderen Ende nahm sein Gesicht in Gro�aufnahme auf.</p><p>Ein halbes Dutzend Anw�lte aus Joshs Kanzlei, denen Nate nie begegnen w�rde, hatte Hunderte von Fragen vorbereitet, mit denen er ihn in die Ecke treiben konnte. Allerdings war Nate �berzeugt, dass ihm das auch aus dem Handgelenk und ohne jede Vorbereitung m�glich gewesen w�re. Zeugenbefragungen hatte er schon tausend Mal vorgenommen.</p><p>Nate stellte sich Troy Junior vor, der ihm nerv�s zul�chelte, etwa so wie der Insasse einer Todeszelle gegen�ber dem Henker. Sein Blick schien zu fragen: �Es wird doch nicht weh tun?�</p><p>Schon mit seiner freundlichen Einleitungsfrage, ob Troy Junior derzeit unter dem Einfluss von Alkohol, Drogen oder Medikamenten stehe, ver�rgerte Nate die Phelan-Anw�lte auf der anderen Seite des Tisches. Lediglich Hark ordnete die Frage richtig ein. Er hatte fast ebenso viele Zeugenbefragungen durchgef�hrt wie Nate O'Riley.</p><p>Das L�cheln verschwand. �Nein�, blaffte Troy Junior. Zwar hatte er entsetzliche Kopfschmerzen von einem Kater, aber er war n�chtern.</p><p>�Und Ihnen ist klar, dass Sie soeben mit einem Eid bekr�ftigt haben, die Wahrheit zu sagen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ist Ihnen auch klar, was Meineid bedeutet?�</p><p>�Absolut.�</p><p>�Wer ist Ihr Anwalt?� fragte Nate mit einer Handbewegung zur anderen Seite des Tisches.</p><p>�Hark Gettys.�</p><p>Mr. O'Rileys �berheblichkeit �rgerte die Anw�lte erneut, diesmal auch Hark. Nate hatte sich nicht die M�he gemacht, in Erfahrung zu bringen, welcher Anwalt welchen Mandanten vertrat. Seine Geringsch�tzung war beleidigend.</p><p>Innerhalb der ersten zwei Minuten hatte Nate den b�sen Ton etabliert, den er den ganzen Tag �ber beibehalten sollte. Er lie� wenig Zweifel daran, dass er Troy Junior kein Wort glaubte, und vielleicht war der Mann ja doch nicht n�chtern. Es war ein alter Trick.</p><p>�Wie oft waren Sie verheiratet?�</p><p>�Und Sie?� blaffte Junior zur�ck, woraufhin er sich beifallheischend zu seinem Anwalt umsah. Hark betrachtete ein Blatt Papier.</p><p>Nate bewahrte die Ruhe. Wer wusste schon, was die Phelan-Anw�lte �ber ihn gesagt hatten? Es war ihm egal. �Ich m�chte Ihnen etwas erkl�ren, Mr. Phelan�, sagte Nate ohne die geringste Spur von Erregung. �Ich werde das sehr langsam tun, und h�ren Sie bitte gut zu. Ich bin der Anwalt, Sie sind der Zeuge. K�nnen Sie mir bis dahin folgen?�</p><p>Troy Junior nickte langsam.</p><p>�Ich stelle die Fragen, Sie antworten. Verstehen Sie das?�</p><p>Wieder nickte der Zeuge.</p><p>�Sie stellen keine Fragen, und ich gebe keine Antworten. Verstanden?�</p><p>�Ja.�</p><p>�So. Ich glaube nicht, dass Sie Schwierigkeiten mit den Antworten haben werden, wenn Sie gut zuh�ren, was ich frage. In Ordnung?�</p><p>Wieder nickte Junior.</p><p>�Sind Sie nach wie vor unsicher?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Sch�n. Falls Sie bei einer Frage nicht sicher sind, d�rfen Sie sich gern mit Ihrem Anwalt beraten. Dr�cke ich mich verst�ndlich aus?�</p><p>�Absolut.�</p><p>�Wunderbar. Dann probieren wir es noch einmal. Wie oft waren Sie verheiratet?�</p><p>�Zweimal.�</p><p>Eine Stunde sp�ter waren Juniors Ehe, Kinder und seine Scheidung abgehandelt. Schwitzend fragte er sich, wie lange seine Befragung dauern w�rde. Die Phelan-Anw�lte hielten den Blick ausdruckslos auf irgendwelche Bogen Papier gerichtet und fragten sich dasselbe. Dabei hatte Nate noch nicht ein einziges Mal auf die Bl�tter mit den f�r ihn vorbereiteten Fragen geschaut. Er konnte einen Zeugen schon dadurch in die gr��te Verlegenheit bringen, dass er ihm in die Augen sah und eine Frage an die andere kn�pfte. Keine Einzelheit war ihm zu unbedeutend. Wo ist Ihre erste Frau zur Schule gegangen, wo hat sie studiert, was war ihre erste Stelle? War das ihre erste Ehe? Berichten Sie uns �ber die verschiedenen Anstellungen Ihrer Frau. Wir wollen uns einmal �ber die Scheidung unterhalten. Zu welchen Unterhaltszahlungen sind Sie verpflichtet? Sind Sie damit in R�ckstand?</p><p>Die meisten dieser Aussagen hatten mit der Sache nicht das geringste zu tun, sondern dienten ausschlie�lich dem Zweck, den Zeugen zu reizen und ihm klarzumachen, dass man jederzeit Leichen aus dem Keller holen konnte. Troy Junior hatte die Anfechtungsklage eingereicht und musste jetzt die Folgen tragen.</p><p>Die verflossenen Jobs des Zeugen nahmen den Rest des Vormittags in Anspruch. Junior kam ziemlich ins Stottern, als ihn Nate nach den verschiedenen Positionen fragte, die er in den Unternehmen seines Vaters innegehabt hatte. Es gab Dutzende von Zeugen, die aufgerufen werden konnten, um seine Selbsteinsch�tzung in Frage zu stellen. Bei jeder T�tigkeit fragte Nate nach den Namen seiner s�mtlichen Mitarbeiter und Vorgesetzten. Die Falle konnte jederzeit zuschnappen. Hark sah das kommen und beantragte eine Unterbrechung. Er trat mit seinem Mandanten auf den Gang hinaus und hielt ihm einen Vortrag �ber die Notwendigkeit, bei der Wahrheit zu bleiben.</p><p>Die Nachmittagssitzung war besonders hart. Als Nate nach dem Verbleib der f�nf Millionen Dollar fragte, die Troy Junior zu seinem einundzwanzigsten Geburtstag bekommen hatte, schienen s�mtliche Anw�lte des Phelan-Clans zu erstarren.</p><p>�Das ist schon lange her�, sagte Troy Junior resigniert. Nach vier Stunden mit Nate O'Riley war ihm klar, dass die n�chste Runde f�r ihn qualvoll w�rde.</p><p>�Nun, dann wollen wir mal versuchen, uns zu erinnern�, sagte Nate mit einem L�cheln. Ihm waren keinerlei Zeichen von Erm�dung anzumerken. Er machte eher den Eindruck, als lege er gr��ten Wert darauf, sich die Details vorzunehmen.</p><p>Er spielte seine Rolle gl�nzend. Es war ihm zuwider, Menschen zu qu�len, die er nie wiederzusehen hoffte. Je mehr Fragen er stellte, desto mehr wuchs seine Entschlossenheit, seinen Beruf an den Nagel zu h�ngen.</p><p>�In welcher Form wurde Ihnen das Geld zur Verf�gung gestellt?� fragte er.</p><p>�Urspr�nglich lag es auf einem Bankkonto.�</p><p>�Hatten Sie Zugang zu diesem Konto?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Hatte sonst noch jemand Zugriff darauf?� .</p><p>�Nein, nur ich.�</p><p>�Und auf welche Weise haben Sie den Zugriff auf das Konto ausge�bt?�</p><p>�Indem ich Schecks ausgestellt habe.�</p><p>Und das hatte er flei�ig getan. Als erstes hatte er sich einen fabrikneuen dunkelblauen Maserati gekauft. Allein �ber den verdammten Wagen redeten sie eine volle Viertelstunde.</p><p>Als Troy Junior das Geld bekommen hatte, war er nicht aufs College zur�ckgegangen. Er feierte schlicht und einfach, doch kam das nicht etwa in Form eines Gest�ndnisses zutage. Nate befragte ihn eingehend nach seiner beruflichen T�tigkeit zwischen dem einundzwanzigsten und drei�igsten Lebensjahr, und aus dem, was er dabei erfuhr, sch�lte sich allm�hlich heraus, dass Troy Junior in diesen neun Jahren �berhaupt nicht gearbeitet hatte. Er hatte Golf und Rugby gespielt, ein Auto nach dem anderen f�r das jeweils n�chste in Zahlung gegeben, ein Jahr</p><p>auf den Bahamas und ein Jahr im Schickeria-Ort Vail zugebracht, war mit einer erstaunlichen Anzahl von Frauen herumgezogen, bis er schlie�lich mit neunundzwanzig Jahren die erste Ehe eingegangen war, und hatte mit dem Geld nur so um sich geworfen, bis nichts mehr da war.</p><p>Erst dann war der verlorene Sohn zum Vater zur�ckgekehrt und hatte ihn um einen Job gebeten.</p><p>W�hrend der Nachmittag verging, bekam Nate allm�hlich eine Vorstellung davon, was f�r eine Katastrophe es f�r diesen Zeugen und alle Menschen in seinem Umfeld bedeuten w�rde, wenn er das Phelan-Verm�gen in seine klebrigen Finger bek�me. Er w�rde sich mit dem Geld umbringen.</p><p>Um vier Uhr nachmittags bat Troy Junior um eine Vertagung. Dazu war Nate nicht bereit. Die Anw�lte baten um eine Pause, eine Mitteilung wurde an Richter Wycliff gesandt, und w�hrend man wartete, warf Nate zum ersten Mal einen Blick auf die Bl�tter mit Joshs Fragen.</p><p>Der Richter entschied, die Befragung sei fortzusetzen.</p><p>Eine Woche nach Troys Selbstmord hatte Josh eine Detektivagentur damit beauftragt, die Phelan-Kinder unter die Lupe zu nehmen. Es war ihm dabei mehr um ihre finanzielle Lage als um ihr Privatleben gegangen. Nate �berflog die wichtigsten Ergebnisse, w�hrend der Zeuge auf dem Gang rauchte.</p><p>�Was f�r ein Auto fahren Sie zur Zeit?� fragte Nate, als die Befragung wieder aufgenommen wurde. Er schlug jetzt eine andere Richtung ein.</p><p>�Einen Porsche.�</p><p>�Wann haben Sie den gekauft?�</p><p>�Den habe ich schon eine Weile.�</p><p>�Versuchen Sie bitte die Frage zu beantworten. Wann haben Sie ihn gekauft?�</p><p>�Vor ein paar Monaten.�</p><p>�Vor oder nach dem Tod Ihres Vaters?�</p><p>�Das wei� ich nicht mehr genau. Ich glaube, vorher.�</p><p>Nate hob einen Bogen Papier. �An welchem Tag ist Ihr Vater gestorben?�</p><p>�Mal sehen. Es war ein Montag, �h, der neunte Dezember, glaube ich.�</p><p>�Haben Sie den Porsche vor oder nach dem neunten Dezember gekauft?�</p><p>�Wie schon gesagt, ich glaube, vorher.�</p><p>�Wieder falsch. Haben Sie nicht am Dienstag, dem zehnten Dezember, die Firma Irving Motors in Arlington aufgesucht und dort zum Preis von rund neunzigtausend Dollar einen schwarzen Porsche Carrera Turbo 911 erworben?� W�hrend Nate die Frage formulierte, hielt er den Blick auf das Blatt in seiner Hand gerichtet.</p><p>Troy Junior wand sich erkennbar und rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Er sah hilfesuchend zu Hark hin�ber, der die Achseln zuckte, als wolle er sagen: �Beantworten Sie die Frage. Er hat es schriftlich.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Haben Sie an dem Tag noch weitere Autos gekauft?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wie viele?�</p><p>�Insgesamt zwei.�</p><p>�Zwei Porsches?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Zum Gesamtbetrag von rund hundertachtzigtausend Dollar?�</p><p>�So etwa.�</p><p>�Wie haben Sie die Autos bezahlt?�</p><p>��berhaupt nicht.�</p><p>�Hei�t das, dass Irving Motors Ihnen die Autos geschenkt hat?�</p><p>�Nicht genau. Ich habe sie auf Kredit gekauft.�</p><p>�Waren Sie denn kreditw�rdig?�</p><p>�Auf jeden Fall bei Irving Motors.�</p><p>�Und will die Firma ihr Geld?�</p><p>�Das denke ich schon.�</p><p>Nate nahm weitere Bl�tter zur Hand. �Sie hat sogar auf Herausgabe des Fahrzeugs geklagt, falls Sie nicht bezahlen, nicht wahr?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Haben Sie den Porsche heute auf dem Weg hierher gefahren?�</p><p>�Ja. Er steht auf dem Parkplatz.�</p><p>�Wir wollen das mal festhalten. Am zehnten Dezember, einen Tag nach dem Tod Ihres Vaters, haben Sie die Firma Irving Motors aufgesucht und zwei teure Autos auf Kredit gekauft, und jetzt, zwei Monate sp�ter, haben Sie noch nichts bezahlt und werden auf Zahlung oder Herausgabe verklagt. Stimmt das so?�</p><p>Der Zeuge nickte.</p><p>�Das ist aber nicht der einzige Prozess, in den Sie verwickelt sind, nicht wahr?�</p><p>�Nein�, sagte Troy Junior frustriert. Er tat Nate fast leid.</p><p>Eine Firma verlangte ihr Geld f�r gelieferte und nicht bezahlte M�bel, bei American Express stand er mit �ber f�nfzehntausend Dollar in der Kreide. Eine Woche nach der Er�ffnung von Troy Phelans Testament hatte eine</p><p>Bank Troy Junior verklagt, der sie dazu �berredet hatte, ihm f�nfundzwanzigtausend Dollar auf keine andere Sicherheit als seinen Namen hin zu leihen. Nate besa� Kopien der entsprechenden Dokumente, und so gingen sie die Einzelheiten aller Verfahren gr�ndlich durch.</p><p>Um f�nf Uhr wurde erneut eine Vertagung beantragt. Wieder wurde dem Richter eine Mitteilung geschickt. Diesmal erschien er selbst und fragte, wieweit die Sache gediehen sei. �Wann werden Sie Ihrer Ansicht nach mit diesem Zeugen fertig sein?� fragte er Nate.</p><p>�Ein Ende ist nicht in Sicht�, sagte Nate, den Blick auf Junior gerichtet, der wie benommen schien und sich vermutlich nach einem ordentlichen Schluck Alkohol sehnte.</p><p>�Dann machen Sie bis sechs weiter�, sagte Wycliff.</p><p>�K�nnen wir morgen um acht anfangen?� fragte Nate, als ginge es um einen Strandausflug.</p><p>�Halb neun�, entschied der Richter und ging.</p><p>W�hrend der letzten Stunde bombardierte Nate seinen Zeugen mit beliebigen Fragen zu vielen Themen. Junior hatte nicht die geringste Vorstellung, was Nate damit beabsichtigte, der sich als Meister seines Fachs erwies. Wenn sich der Befragte gerade ein wenig sicher f�hlte, schlug Nate einen anderen Kurs ein und konfrontierte ihn mit einem neuen Thema.</p><p>So wollte er wissen, wie viel Geld Junior vom 9. bis zum 27. Dezember, dem Tag der Testamentser�ffnung, ausgegeben hatte. Welche Weihnachtsgeschenke er seiner Frau gekauft und wie er daf�r bezahlt hatte. Was hatte er f�r seine Kinder gekauft? Zur�ck zu den f�nf Millionen: Hatte er einen Teil des Geldes in Verm�genswerten oder Aktien angelegt? Wie viel Geld hatte Biff im letzten Jahr verdient? Warum hatte ihr erster Mann die Kinder zugesprochen bekommen? Wie viele verschiedene Anw�lte hatte Junior seit dem Tode seines Vaters mit der Vertretung seiner Interessen beauftragt? So ging es weiter und weiter.</p><p>Um Punkt sechs Uhr erhob sich Hark und erkl�rte, dass die Befragung vertagt werde. Zehn Minuten sp�ter sa� Troy Junior in einer drei Kilometer entfernten Hotelhalle an der Bar.</p><p>Nate verbrachte die Nacht im G�stezimmer der Staffords. Joshs Frau war zwar irgendwo im Hause, doch bekam er sie nicht zu sehen. Josh selbst hatte gesch�ftlich in New York zu tun.</p><p>Der zweite Tag der Befragung begann p�nktlich. Die Besetzung war dieselbe, allerdings hatten sich die Anw�lte deutlich legerer gekleidet. Junior trug einen roten Baumwollpullover.</p><p>Nate erkannte das Gesicht eines Betrunkenen - die Haut um die ger�teten Augen war aufgedunsen, Wangen und Nase waren rot angelaufen, der Schwei� stand ihm auf der Stirn. So hatte sein eigenes Gesicht jahrelang ausgesehen. Der Kater geh�rte ebenso zum Morgen danach wie die Dusche und die Zahnseide. Tabletten einnehmen, starken Kaffee trinken und viel Wasser. Wer dumm sein wollte, musste auch hart gegen sich selbst sein.</p><p>�Ihnen ist klar, dass Sie nach wie vor vereidigt sind, Mr. Phelan?� begann er.</p><p>�Ja.�</p><p>�Stehen Sie unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen?�</p><p>�Nein, Sir.�</p><p>�Gut. Besch�ftigen wir uns noch einmal mit dem neunten Dezember, dem Tag, an dem Ihr Vater gestorben ist.</p><p>Wo befanden Sie sich, als ihn die drei Psychiater begutachtet haben?�</p><p>�Im Verwaltungsgeb�ude seiner Firma, in einem Besprechungsraum mit meinen Angeh�rigen.�</p><p>�Und Sie haben die gesamte Befragung verfolgt, nicht wahr?�</p><p>�Ja.�</p><p>�In dem Raum befanden sich zwei Farbfernseher mit einer Bildschirmdiagonale von Sechsundsechzig Zentimetern. Stimmt das?�</p><p>�Wenn Sie das sagen. Ich habe nicht nachgemessen.�</p><p>�Aber Sie konnten sie auf jeden Fall sehen, oder?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und Ihre Sicht war unbehindert.�</p><p>�Ich hatte einen deutlichen Blick darauf. Ja.�</p><p>�Und Sie hatten auch allen Grund, Ihren Vater aufmerksam zu beobachten.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Hatten Sie Schwierigkeiten zu h�ren, was er sagte?�</p><p>�Nein.�</p><p>Den Anw�lten war klar, worauf Nate hinauswollte. Es war eine unangenehme Seite ihres Falles, die sich aber nicht vermeiden lie�. Jeder der sechs Nachkommen w�rde diesen Weg gehen m�ssen.</p><p>�Sie haben also die gesamte Befragung mit angesehen und mit angeh�rt?� , �</p><p>�Ja.�</p><p>�Und Ihnen ist nichts entgangen?�</p><p>�Mir ist nichts entgangen.�</p><p>�Einer der drei Psychiater, n�mlich Dr. Zadel, war von Ihnen und Ihren Angeh�rigen beauftragt worden, stimmt das?�</p><p>�Das stimmt.�</p><p>�Wer hat ihn ausgew�hlt?�</p><p>�Die Anw�lte.�</p><p>� Sie haben Ihre Anw�lte damit beauftragt, den Psychiater auszuw�hlen?�</p><p>�Ja.�</p><p>Zehn Minuten lang befragte Nate ihn, aufgrund welcher Kriterien die Familie Dr. Zadel f�r eine so entscheidende Befragung ausgew�hlt hatte, und bekam schlie�lich, was er wollte. Man hatte sich f�r Zadel entschieden, weil er nachdr�cklich empfohlen worden war und �ber eine gro�e Erfahrung verf�gte.</p><p>�Waren Sie mit der Art und Weise zufrieden, wie er die Befragung gehandhabt hat?� fragte Nate.</p><p>�Ich glaube schon.�</p><p>�Gab es etwas an Dr. Zadels Verhalten, was Ihnen nicht gefallen hat?�</p><p>�Ich kann mich nicht erinnern.�</p><p>Der Weg zum Rand des Steilhangs ging weiter. Troy Junior gab zu, dass er mit der Befragung und mit Zadel selbst wie auch mit der Schlussfolgerung zufrieden gewesen sei, zu der die drei Psychiater gelangt waren, und dass er das Geb�ude mit der �berzeugung verlassen hatte, sein Vater wisse, was er tue.</p><p>�Und zu welchem Zeitpunkt nach der Befragung haben Sie erstmals am Geisteszustand Ihres Vaters gezwei-felt?� fragte Nate.</p><p>�Als er gesprungen ist.�</p><p>�Also am neunten Dezember?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Das hei�t, Sie hatten sofort Zweifel?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und was hat Dr. Zadel zu Ihnen gesagt, als Sie diese Zweifel ge�u�ert haben?� .</p><p>�Ich habe nicht mit ihm gesprochen.�</p><p>�Ach nein?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Wie oft haben Sie zwischen dem neunten und dem siebenundzwanzigsten Dezember, dem Tag, an dem das Testament im Gericht verlesen wurde, mit Dr. Zadel gesprochen?�</p><p>�Ich kann mich an kein einziges Mal erinnern.�</p><p>�Sind Sie irgendwann mit ihm zusammengetroffen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Haben Sie in seinem B�ro angerufen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Haben Sie ihn seit dem neunten Dezember gesehen?�</p><p>�Nein.�</p><p>Nachdem ihn Nate an den Abgrund gef�hrt hatte, war es Zeit, ihm einen Sto� zu geben. �Warum haben Sie Dr. Zadel gefeuert?�</p><p>Auf diese Frage war Junior in gewisser Weise vorbereitet worden. �Danach m�ssen Sie meinen Anwalt fragen�, sagte er und hoffte, Nate werde ihn eine Weile zufrieden lassen.</p><p>�Ich befrage nicht Ihren Anwalt, Mr. Phelan. Ich frage Sie, warum Sie Dr. Zadel gefeuert haben.�</p><p>�Danach m�ssen Sie die Anw�lte fragen. Das ist Teil unserer Vorgehensweise.�</p><p>�Haben sich die Anw�lte mit Ihnen in Verbindung gesetzt, bevor Dr. Zadel gefeuert wurde?�</p><p>�Das wei� ich nicht. Ich kann mich nicht daran erinnern.�</p><p>�Ist es Ihnen recht, dass Dr. Zadel nicht mehr f�r Sie t�tig ist?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil er sich geirrt hat. Sehen Sie, mein Vater war ein Meister darin, andere Leute hinters Licht zu f�hren. So hat er es sein Leben lang gemacht, und auch bei der Befragung durch die Psychiater. Immerhin ist er anschlie�end von der Dachterrasse gesprungen. Er hat Zadel und die anderen reingelegt, und sie sind ihm auf den Leim gegangen. Es ist ganz klar, dass er verr�ckt gewesen sein muss.�</p><p>�Weil er gesprungen ist?�</p><p>�Ja, weil er gesprungen ist, weil er sein Geld irgendeinem unbekannten Menschen hinterlassen und nicht den geringsten Versuch gemacht hat, sein Verm�gen vor der Erbschaftssteuer in Sicherheit zu bringen. Er muss schon eine ganze Weile den Verstand verloren haben. Was glauben Sie, warum wir diese Befragung angesetzt hatten? Wenn er nicht verr�ckt gewesen w�re, w�ren dann drei Psychiater n�tig gewesen, die ihn auf seinen Geisteszustand �berpr�fen sollten, bevor er sein Testament unterzeichnete?�</p><p>�Aber die drei haben gesagt, dass alles in Ordnung war.�</p><p>�Ja, und damit haben sie v�llig falsch gelegen. Er ist �ber das Terrassengel�nder gesprungen. Leute, die bei klarem Verstand sind, tun so was nicht.�</p><p>�Und was w�re, wenn Ihr Vater das andere Testament und nicht das eigenh�ndige unterschrieben h�tte und anschlie�end gesprungen w�re? W�re er dann auch verr�ckt gewesen?�</p><p>�Dann w�ren wir nicht hier.�</p><p>Das war die einzige Gelegenheit w�hrend seines zweit�gigen Martyriums, bei der Troy Junior ein Unentschieden herausholte. Nate war klar, dass er jetzt besser weitermachte und sp�ter noch einmal darauf zur�ckk�me.</p><p>�Lassen Sie uns �ber die Roosters Inns sprechen�, erkl�rte er, und Troy Juniors Schultern sanken eine Hand-breit. Dabei handelte es sich lediglich um eine seiner weiteren Unternehmungen, mit denen er finanziellen Schiffbruch erlitten hatte. Nate wollte alle noch so unbedeutenden Einzelheiten wissen. Ein Bankrott f�hrte zum n�chsten, und sobald man auf einen dieser F�lle zu sprechen kam, w�rde automatisch nach den anderen gefragt. Junior hatte ein trauriges Leben gef�hrt. Zwar fiel es Nate schwer, mit ihm zu f�hlen, doch war ihm klar, dass der arme Kerl nie einen Vater gehabt hatte. Er hatte sich nach dessen Anerkennung gesehnt, doch sie war ihm stets versagt geblieben. Soweit Nate von Josh wusste, hatte es Troy Phelan gro�es Vergn�gen bereitet, wenn eine Unternehmung seiner Kinder fehlschlug.</p><p>Am zweiten Tag entlie� er seinen Zeugen um halb sechs. Der n�chste war Rex. Er hatte schon den ganzen Tag auf dem Gang gewartet und war h�chst aufgebracht, als er h�rte, dass er wieder vergeblich gekommen war.</p><p>Josh war aus New York zur�ck, und Nate a� gemeinsam mit ihm zu Abend.</p></section><section><title><p>F�NFUNDVIERZIG</p></title><p>R ex Phelan hatte den gr��ten Teil des Vortags vom Gang aus telefoniert, w�hrend sich Nate O'Riley seinen Bruder vornahm. Er hatte genug Prozesse hinter sich, um zu wissen, dass sie vor allem die F�higkeit zu warten vorau�etzen: Man musste auf Anw�lte warten, auf Richter, auf Zeugen, auf Gutachter, auf Prozesstermine f�r Berufungsinstanzen. Wenn es dann endlich soweit ist, wartet man auf dem Gang, bis man an der Reihe ist, selbst auszusagen. Als er die Rechte hob und schwor, die Wahrheit zu sagen, empfand er Nate gegen�ber bereits eine tiefe Abneigung.</p><p>Hark und Troy Junior hatten ihm klargemacht, was ihm bevorstand. Der Anwalt O'Riley, hatten sie gesagt, gehe einem unter die Haut und setze sich da fest wie eine Eiterbeule.</p><p>Wieder begann Nate mit Fragen, die sein Opfer zur Wei�glut bringen sollten, und binnen zehn Minuten erf�llte eine feindselige Atmosph�re den Raum. Drei Jahre lang hatte das FBI Rex im Visier gehabt. Eine Bank, in die Rex investiert hatte und in deren Vorstand er sa�, hatte 1990 Bankrott angemeldet. Dabei hatten Anleger ihr Geld verloren. Prozesse zogen sich �ber Jahre hin, ohne dass ein Ende in Sicht war. Der Vorstandssprecher der Bank sa� im Gef�ngnis, und Fachleute waren der Ansicht, als n�chster sei Rex an der Reihe. Es gab genug schmutzige W�sche, um Nate stundenlang zu besch�ftigen.</p><p>Es schien ihm Spa� zu machen, Rex immer wieder daran zu erinnern, dass er unter Eid stehe. Au�erdem st�nden die Chancen nicht schlecht, dass das FBI Einblick in das Protokoll dieser Befragung nehmen werde.</p><p>Der Nachmittag war schon ziemlich weit fortgeschritten, als Nate endlich zu den Striptease-Clubs kam, von denen Rex im Gebiet von Fort Lauderdale sechs besa�, auch wenn sie auf den Namen seiner Frau eingetragen waren. Er hatte sie von einem Mann gekauft, der sp�ter bei einem Schusswechsel get�tet worden war. Sie waren als Thema der Befragung einfach unwiderstehlich, und Nate ging sie eins nach dem anderen durch und stellte hundert Fragen dazu: Lady Luck, Lolita's, Club Tiffany und wie sie alle hie�en. Er fragte nach den dort t�tigen Damen, wollte wissen, woher sie stammten, wie viel sie verdienten, ob sie Drogen nahmen und, falls ja, welche, ob sie die G�ste ber�hrten und vieles weitere. Er stellte eine Frage nach der anderen �ber die wirtschaftlichen Hintergr�nde dieser Art von Betrieb. Nachdem er drei Stunden lang mit gr��ter Sorgfalt ein Bild des schmuddeligsten Gesch�fts auf der Welt gezeichnet hatte, fragte er: �Hat Ihre gegenw�rtige Frau nicht in einem solchen Club gearbeitet?�</p><p>Zwar entsprach das den Tatsachen, doch konnte Rex das nicht so ohne weiteres sagen. Sein Hals verf�rbte sich leuchtend rot, und einen Augenblick lang sah es so aus, als wolle er �ber den Tisch springen.</p><p>�Als Buchhalterin�, sagte er mit zusammengebissenen Z�hnen.</p><p>�Hat sie je getanzt, ich meine, auf den Tischen?�</p><p>Wieder trat eine Pause ein, w�hrend Rex mit den Fingern die Tischkante umkrallte. �Ganz bestimmt nicht.� Es war eine L�ge, und jeder im Raum wusste das.</p><p>Nate bl�tterte einige Papiere durch, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Alle sahen aufmerksam zu und rechneten mehr oder weniger damit, dass er ein Foto herausziehen w�rde, das Amber mit hochhackigen Schuhen und in einem String-Tanga zeigte.</p><p>Wieder einmal wurde die Befragung um sechs Uhr vertagt, mit der Aussicht, dass es am n�chsten Morgen weiterging. Als die Videokamera abgeschaltet war und die Protokollbeamtin ihre Stenomaschine wegr�umte, blieb Rex in der T�r stehen, wies mit dem Finger auf Nate und sagte: �Keine weiteren Fragen �ber meine Frau, verstanden?�</p><p>�Das ist unm�glich. Alle Verm�genswerte sind auf ihren Namen eingetragen.� Nate wedelte mit einem Stapel Papiere, als h�tte er das alles schriftlich. Hark schob seinen Mandanten durch die T�r.</p><p>W�hrend Nate eine Stunde lang allein am Tisch sa� und seine Notizen durchging, w�nschte er sich, er s��e in St. Michaels auf der Veranda des H�uschens mit dem herrlichen Blick auf die Bucht. Er musste unbedingt mit Phil sprechen.</p><p>Das ist dein letzter Fall, sagte er sich immer wieder. Und du tust es f�r Rachel.</p><p>Am folgenden Tag fragten sich die Anw�lte gegen Mittag, ob die Befragung Rex' drei oder vier Tage dauern w�rde. Gegen ihn lagen vollstreckbare Forderungen in H�he von mehr als sieben Millionen Dollar vor, doch</p><p>waren den Gl�ubigern die H�nde gebunden, weil all seine Verm�genswerte auf seine Frau Amber eingetragen waren, die ehemalige Stripperin. Nate nahm eins der Vollstreckungsurteile nach dem anderen zur Hand, legte sie vor sich, betrachtete sie aus jedem denkbaren Blickwinkel und legte sie dann in die Akte zur�ck, wo sie bleiben w�rden, oder auch nicht. Die Z�higkeit, mit der die Befragung voranging, machte jeden verr�ckt, au�er Nate, der es irgendwie schaffte, seiner Aufgabe mit ernster Miene nachzugehen.</p><p>Im Lauf der Nachmittagssitzung kam er auf Troys Sprung und die Ereignisse zu sprechen, die dazu gef�hrt hatten. Dabei verfolgte er die gleiche Taktik wie bei der Befragung Juniors, und es war deutlich zu sehen, dass Rex von Hark vorbereitet worden war. Seine Antworten auf die Fragen, die Nate zu Dr. Zadel stellte, waren einstudiert, aber zutreffend. Rex hielt sich an die einmal eingeschlagene Richtung - es sei klar, dass alle drei Psychiater unrecht haben mussten, denn wenige Minuten nach der Befragung sei Troy in den Tod gesprungen.</p><p>Sie gelangten auf vertrauteres Gebiet, als Nate ihn nach seiner ungl�ckseligen beruflichen Laufbahn in der Phe-lan-Gruppe befragte. Anschlie�end verbrachten sie zwei qualvolle Stunden mit Fragen dar�ber, wohin die f�nf Millionen verschwunden waren, die Rex als v�terliche Starthilfe ins Leben erhalten hatte.</p><p>Um halb sechs erkl�rte Nate unvermittelt, er sei fertig, und verlie� den Raum.</p><p>Zwei Zeugen in vier Tagen. Zwei M�nner, deren Innerstes nach au�en gekehrt und auf Videob�ndern blo�gelegt worden war. Es war kein erhebender Anblick. Die Phelan-Anw�lte strebten ihren Autos entgegen und fuhren davon. M�glicherweise lag das Schlimmste hinter ihnen, vielleicht aber stand es ihnen auch noch bevor.</p><p>Ihre Mandanten waren in der Kindheit ma�los verzogen und von ihrem Vater nicht beachtet worden. Sp�ter hatte er ihnen in einem Alter, in dem sie mit Geld noch nicht umgehen konnten, einen gewaltigen Betrag zur Verf�gung gestellt und erwartet, dass sie damit re�ssierten. Die Schuld daran, dass sie nichts daraus zu machen verstanden, trug nach einhelliger Ansicht aller Phelan-Anw�lte Troy.</p><p>Libbigail wurde am Freitag morgen hereingef�hrt und auf den Ehrenplatz gesetzt. Ihr Kopf war an den Seiten fast kahlgeschoren, und oben auf dem Kopf waren etwa zweieinhalb Zentimeter lange graue Haare stehen geblieben, eine Art B�rstenhaarschnitt. Billiger Schmuck an Hals und Armen klirrte, als sie die Hand zum Schwur hob.</p><p>Sie sah Nate voll Entsetzen an. Ihre Br�der hatten sie auf das Schlimmste vorbereitet.</p><p>Aber es war Freitag, und Nates Bed�rfnis, die Stadt zu verlassen, war dringender als das eines Hungrigen, der etwas zu essen brauchte. Er l�chelte ihr zu und begann mit einfachen Fragen zu ihrem Lebenslauf: Kinder, Jobs, Ehen. Eine halbe Stunde lang verlief alles angenehm. Dann begann er, ihre Vergangenheit zu erforschen. Als er sie fragte: �Wie oft haben Sie eine Alkohol- oder Drogenentziehungskur mitgemacht?� war sie entsetzt. Darauf sagte er: �Ich habe das selbst viermal durchgemacht. Sie brauchen sich also nicht zu sch�men.� Sein Freimut entwaffnete sie.</p><p>�Ich wei� es wirklich nicht mehr genau�, sagte sie. �Aber ich bin seit sechs Jahren nicht r�ckf�llig geworden.� �Gro�artig�, sagte Nate, gleichsam von einem S�chtigen zum anderen. �Gut f�r Sie.�</p><p>Danach sprachen die beiden �ber alles, als w�ren sie allein. Nate musste sie nach privaten Dingen fragen und bat daf�r um Entschuldigung. Er erkundigte sich nach dem Verbleib ihrer f�nf Millionen, und sie erz�hlte, durchaus nicht ohne Humor, Geschichten von guten Drogen und schlechten M�nnern. Im Unterschied zu ihren Br�dern hatte Libbigail einen festen Halt im Leben gefunden. Er hie� Spike, ein fr�herer Motorradfahrer, der ebenfalls Entziehungskuren durchgemacht hatte. Sie lebten in einem kleinen Haus in einem Vorort von Baltimore.</p><p>�Was w�rden Sie tun, wenn Sie ein Sechstel des Nachlasses Ihres Vaters bek�men?� fragte Nate.</p><p>�Erst einmal richtig einkaufen�, sagte sie. �Das w�rde wohl jeder tun, Sie bestimmt auch. Aber diesmal w�rde ich vern�nftig mit dem Geld umgehen, wirklich vern�nftig.�</p><p>�Was w�rden Sie als erstes kaufen?�</p><p>�Die gr��te Harley, die es gibt, f�r Spike. Dann ein h�bscheres Haus als unser jetziges, aber keine protzige Villa.� Ihre Augen gl�nzten, w�hrend sie das Geld ausgab.</p><p>Ihre Befragung dauerte keine zwei Stunden. Auf sie folgte ihre Schwester Mary ROSS Phelan Jackman, die Nate ebenfalls anstarrte, als h�tte er Rei�z�hne. Von den f�nf erwachsenen Phelan-Kindern war Mary ROSS als einzige noch mit ihrem ersten Ehepartner zusammen, einem Orthop�den, f�r den es aber schon die zweite Ehe war.</p><p>Sie war geschmackvoll gekleidet und trug h�bschen Schmuck.</p><p>Die Antworten auf die ersten Fragen ergaben, dass auch sie sich �berm��ig lange auf dem College herumgedr�ckt hatte, doch ohne Drogensucht, Verhaftungen oder Zwangsexmatrikulation. Mit dem v�terlichen Geld war sie drei Jahre lang in die Toskana und zwei weitere Jahre nach Nizza gezogen. Mit achtundzwanzig hatte sie den Orthop�den geheiratet, dann zwei Kinder bekommen. Die M�dchen waren inzwischen sieben und f�nf Jahre alt. Wie viel von den f�nf Millionen noch vorhanden war, lie� sich nicht genau feststellen. Ihr Mann k�mmerte sich um die Bankgesch�fte, und Nate vermutete, dass sie zu den Leuten geh�rten, die zwar wohlhabend sind, aber enorme Schulden haben. Das von Josh zur Verf�gung gestellte Material �ber Mary ROSS f�hrte ein gro�es Haus und teure Importwagen, eine Eigentumswohnung in Florida und ein gesch�tztes Jahreseinkommen des Orthop�den von 750000 Dollar auf. Er zahlte jeden Monat zwanzigtausend an eine Bank, seine Abzahlungsrate f�r ein fehlgeschlagenes Unternehmen, bei dem er gemeinsam mit einem Partner s�mtliche Autowaschanlagen im n�rdlichen Teil Virginias in seine Hand hatte bringen wollen.</p><p>Au�erdem besa� der Orthop�de eine Wohnung in Alexandria, wo er eine Geliebte unterhielt. Man sah Mary ROSS und ihren Mann nur selten zusammen. Nate beschloss, nicht darauf einzugehen. Mit einem Mal hatte er es eilig, achtete aber sehr darauf, das nicht zu zeigen.</p><p>Ramble schlurfte nach der Mittagspause mit seinem Anwalt Yancy herein, der offensichtlich v�llig durcheinander war, weil sein Mandant ein intelligentes Gespr�ch f�hren sollte. Inzwischen waren die Haare des Jungen leuchtend rot, was irgendwie zu seinen Pickeln passte. Sein ganzes Gesicht schien seiner Piercing-Sucht zum Opfer gefallen zu sein, alles sa� voller Ringe und Stecker. Den Kragen seiner schwarzen Lederjacke hatte er hochgeschlagen wie James Dean, so dass er an seine Ohrringe stie�.</p><p>Nach wenigen Fragen war klar, dass der Junge so dumm war, wie er aussah. Da er bisher noch keine Gelegenheit gehabt hatte, Geld zu verschleudern, stellte ihm Nate kaum eine Frage dazu. Sie einigten sich darauf, dass er selten zur Schule ging, allein im Keller lebte, noch nie Geld verdient hatte, gern Gitarre spielte und schon bald ein richtiger Rockstar sein wollte. Seine neue Gruppe trug den passenden Namen Demon Monkeys, doch war er nicht sicher, ob es klug war, unter diesem Namen Aufnahmen zu machen. Er trieb keinen Sport, hatte noch nie eine Kirche von innen gesehen, sprach so wenig wie m�glich mit seiner Mutter und sah am liebsten MTV, wenn er nicht schlief oder Musik machte.</p><p>Diesen verkorksten Jungen zu therapieren w�rde eine Milliarde Dollar kosten, dachte Nate bei sich. Er war in weniger als einer Stunde mit ihm fertig.</p><p>Die letzte Zeugin der Woche war Geena. Vier Tage nach dem Tod ihres Vaters hatte sie mit ihrem Mann Colby den Kaufvertrag f�r ein Haus unterschrieben, das knapp vier Millionen Dollar gekostet hatte. Als Nate sie unmittelbar nach ihrer Vereidigung damit konfrontierte, begann sie zu stottern und hilflose Blicke zu ihrer Anw�ltin Ms. Langhorne hin�berzuwerfen, die ebenso �berrascht war wie sie selbst. Diesen Vertrag hatte ihre Mandantin ihr verschwiegen.</p><p>�Wie wollten Sie f�r das Haus zahlen?� fragte Nate.</p><p>Die Antwort lag auf der Hand, das aber durfte sie auf keinen Fall zugeben. �Wir haben Geld�, sagte sie trotzig und �ffnete Nate damit eine T�r, die er sofort weit aufstie�.</p><p>�Dann wollen wir �ber Geld reden�, sagte er l�chelnd. �Sie sind drei�ig Jahre alt und haben vor neun Jahren f�nf Millionen Dollar bekommen, nicht wahr?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wie viel davon ist noch da?�</p><p>Sie k�mpfte lange mit der Antwort, denn die war nicht einfach. Cody, erkl�rte sie, habe viel Geld verdient, und sie h�tten einen Teil investiert, vieles ausgegeben, es sei alles so verwickelt, man k�nne nicht einfach auf den gegenw�rtigen Kontostand sehen und sagen, dass von den f�nf Millionen noch so und so viel �brig sei. Nate reichte ihr den Strick, an dem sie sich gehorsam aufh�ngte.</p><p>�Wie viel Geld befindet sich gegenw�rtig auf Ihren Konten und denen Ihres Mannes?� fragte er.</p><p>�Das m�sste ich nachsehen.�</p><p>�Nur sch�tzungsweise.�</p><p>�Sechzigtausend Dollar.�</p><p>�Und was haben Sie an Haus- und Grundbesitz?�</p><p>�Nur unser Haus.�</p><p>�Wie viel ist das zur Zeit wert?�</p><p>�Das m�sste ich feststellen lassen.�</p><p>�Raten Sie einfach. Sagen Sie irgendeine Z�hl, die Ihnen zuzutreffen scheint.�</p><p>�Dreihunderttausend.�</p><p>�Und wie hoch ist die Hypothek darauf?�</p><p>�Zweihunderttausend.�</p><p>�Auf welchen Wert veranschlagen Sie in etwa Ihren Aktienbesitz?�</p><p>Sie kritzelte einige Zahlen und schloss die Augen. �Rund zweihunderttausend.�</p><p>�Verf�gen Sie �ber weitere bedeutende Verm�genswerte?�</p><p>�Eigentlich nicht.�</p><p>Nate rechnete rasch. �Das hei�t, dass nach neun Jahren von Ihren f�nf Millionen so ungef�hr drei- bis vierhunderttausend Dollar �briggeblieben sind. Stimmt das?�</p><p>�Das kann nicht sein. Ich meine, das kommt mir ziemlich wenig vor.�</p><p>�Sagen Sie uns doch bitte noch einmal, wie Sie das Geld f�r das neue Haus aufbringen wollten?�</p><p>�Durch Codys Arbeit.�</p><p>�Was ist mit dem Nachlass Ihres verstorbenen Vaters? Haben Sie je daran gedacht?�</p><p>�Vielleicht ein bi�chen.�</p><p>�Inzwischen hat Sie der Verk�ufer des Hauses verklagt, nicht wahr?�</p><p>�Ja, wir haben aber Gegenklage eingereicht. Es gibt eine Reihe von Dingen zu kl�ren.�</p><p>Sie wich seinen Fragen aus und war rasch mit Halbwahrheiten bei der Hand. Nate kam zu dem Ergebnis, dass sie sich von allen Phelan-Nachkommen als die gef�hrlichste erweisen konnte. Sie gingen Codys Unternehmungen durch, und es zeigte sich rasch, wo das Geld geblieben war. Er hatte im Jahre 1992 eine Million im Kupfertermingesch�ft verloren, eine weitere halbe Million in ein Projekt gesteckt, bei dem er mit tiefgek�hlten H�hnchen reich werden wollte, und das Geld ebenfalls verloren. Eine Anlage zur Zucht von Angelw�rmern in Georgia hatte ihm einen Verlust von sechshunderttausend Dollar eingetragen, als eine Hitzewelle alle W�rmer dahinraff-</p><p>te.</p><p>Cody wie Geena waren unreif, f�hrten mit dem Geld eines Dritten ein sorgloses Leben und tr�umten davon, eines Tages den ganz gro�en Erfolg zu landen.</p><p>Am Ende ihrer Befragung erkl�rte sie, ohne mit der Wimper zu zucken, dass ihre Anfechtungsklage gegen das Testament nicht das geringste mit Geld zu tun habe. Nate lie� sie gew�hren. Sie f�gte hinzu, dass sie ihren Vater sehr geliebt habe, wie er �brigens auch sie, und dass er seine Kinder im Testament bedacht h�tte, wenn er bei klarem Verstand gewesen w�re. Dass er einer Unbekannten alles hinterlassen habe, sei ein klarer Hinweis auf seine Geisteskrankheit. Ihr einziges Bestreben sei es, f�r den guten Ruf ihres Vaters zu k�mpfen.</p><p>Es war eine gut einstudierte Ansprache, die niemanden �berzeugte. Nate lie� es dabei bewenden. Es war f�nf Uhr am Freitag Nachmittag, und er hatte keine Lust mehr zu k�mpfen.</p><p>Als er die Stadt verlie� und sich durch den dichten Verkehr auf dem Interstate 95 in Richtung Baltimore vorarbeitete, dachte er an die Kinder Troy Phelans. Er hatte so tief in ihr Leben geblickt, dass es ihm peinlich war. Er empfand Mitleid mit ihnen, es tat ihm leid, dass sie ohne Werte aufgewachsen waren, dass sich ihr sinnloses Leben um nichts als Geld drehte.</p><p>Doch er war �berzeugt, dass Troy sehr wohl gewusst hatte, was er tat, als er sein handschriftliches Testament aufsetzte. Gr��ere Geldbetr�ge in den H�nden seiner Kinder w�rden das reinste Chaos und unvorstellbares Leid hervorrufen. Er hatte sein Verm�gen Rachel vermacht, die nichts davon wissen wollte, und die anderen ausgeschlossen, denen der Sinn nach nichts anderem stand.</p><p>Nate war entschlossen, f�r die G�ltigkeit von Troys letztem Testament zu k�mpfen, doch war ihm durchaus klar, dass niemand, der auf der n�rdlichen Halbkugel lebte, dar�ber entscheiden w�rde, was am Ende mit dem Geld geschah.</p><p>Er erreichte St. Michaels ziemlich sp�t. Als er an der Dreifaltigkeitskirche vor�berkam, hatte er das Bed�rfnis anzuhalten, hineinzugehen, niederzuknien und Gott im Gebet um Vergebung f�r die S�nden zu bitten, die er im Laufe der Woche auf sich geladen hatte. Nach f�nf Tagen der Befragung war ein solches S�ndenbekenntnis ebenso dringend erforderlich wie ein hei�es Bad.</p></section><section><title><p>SECHSUNDVIERZIG</p></title><p>Als geplagter Gro�stadtanwalt hatte Nate nie gelernt, ruhig irgendwo zu sitzen, w�hrend Phil in dieser Fertigkeit viel �bung besa�. Zwei �ltere M�nner seiner Gemeinde erwarteten von Phil, dass er einmal in der Woche vorbeikam und sich eine Stunde zu ihnen setzte, w�hrend sie am Kamin d�sten. Ein Gespr�ch war angenehm, aber nicht erforderlich. Es gen�gte, einfach dazusitzen und die Stille zu genie�en. Wenn ein Gemeindemitglied erkrankte, wurde vom Pfarrer erwartet, dass er die Familie besuchte und l�ngere Zeit im Hause verbrachte, bei Todesf�llen tr�stete er die Hinterbliebenen, und wann immer jemand aus der Nachbarschaft ins Pfarrhaus kam, setzten sich Laura und er mit dem Besucher hin und plauderten, ganz gleich, welche Tageszeit es sein mochte. Bisweilen sa�en sie auch ganz allein auf der Veranda in der Schaukel.</p><p>Doch Nate holte rasch auf. Er setzte sich in einem dicken Pullover mit Phil auf die Stufen vor dem H�uschen der Staffords und trank mit ihm Kakao, den er in der Mikrowelle hei� gemacht hatte. Dabei lie�en sie den Blick auf der Bucht ruhen, die sich unter ihnen erstreckte, auf dem kleinen Hafen und dem schaumgekr�nten Meer dahinter. Gelegentlich sagten sie etwas, aber meist wurde geschwiegen. Phil wusste, dass sein Gef�hrte eine anstrengende Woche hinter sich hatte. Inzwischen hatte Nate ihn in die meisten Einzelheiten der Erbschaftssache Phelan eingeweiht. Sie vertrauten einander.</p><p>�Ich m�chte eine kleine Reise unternehmen�, k�ndigte Nate ruhig an. �Wollen Sie mitkommen?�</p><p>�Wohin?�</p><p>�Ich muss meine Kinder sehen. Wahrscheinlich fahre ich zuerst nach Salem in Oregon. Da wohnen meine beiden j�ngsten, Austin und Angela. Mein �lterer Sohn studiert an der Northwestern University in Evanston, und seine j�ngere Schwester Kaitlin in Pittsburgh. Es wird eine h�bsche kleine Rundreise.�</p><p>�Wie lange soll sie dauern?�</p><p>�Ich habe keine Eile. Zwei Wochen. Ich fahre mit dem Auto.�</p><p>�Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?�</p><p>�Die beiden aus der ersten Ehe schon �ber ein Jahr nicht. Mit den Kleinen habe ich im Juli ein Spiel der Orioles besucht. Dabei habe ich mich betrunken. Ich wusste nicht mal mehr, dass ich anschlie�end nach Arlington zur�ckgefahren war.�</p><p>�Fehlen sie Ihnen?�</p><p>�Na klar. Eigentlich hab ich nie viel Zeit mit ihnen verbracht. Ich wei� kaum etwas �ber sie.�</p><p>�Sie haben viel gearbeitet.�</p><p>�Das stimmt, und noch mehr getrunken. Ich war nie zu Hause. Wenn ich mir ab und zu etwas freie Zeit geg�nnt hab, bin ich mit den Kollegen nach Las Vegas gefahren, habe Golf gespielt oder war zum Hochseeangeln auf den Bahamas. Die Kinder habe ich nie mitgenommen.�</p><p>�Daran k�nnen Sie nichts �ndern.�</p><p>�Nein. Warum kommen Sie nicht mit? Wir k�nnen uns stundenlang unterhalten.�</p><p>�Vielen Dank, aber das geht nicht. Ich habe da unten im Keller endlich etwas in Gang gebracht und m�chte nicht aus dem Tritt kommen.�</p><p>Nate hatte einige Stunden zuvor einen Blick in den Keller geworfen. Der Pfarrer schien dort unten tats�chlich mit der Arbeit vorangekommen zu sein.</p><p>Phils und Lauras einziges Kind war ein Sohn von gut zwanzig Jahren, der das College ohne Abschlu� verlassen hatte und sich irgendwo an der Westk�ste herumtrieb. Laura hatte einmal beil�ufig gesagt, sie h�tten keine Ahnung, wo. Er hatte sich seit �ber einem Jahr nicht zu Hause gemeldet.</p><p>� Rechnen Sie damit, dass Ihre Reise ein Erfolg wird?� fragte Phil.</p><p>�Ich habe keine Ahnung, womit ich rechnen soll. Ich m�chte meine Kinder in den Arm nehmen und um Entschuldigung daf�r bitten, dass ich ein so schlechter Vater war, aber ich wei� nicht recht, ob ihnen das jetzt hilft.� �Ich w�rde das lassen. Dass Sie ein schlechter Vater waren, wissen sie selbst. Zerknirschung n�tzt da �berhaupt nichts. Aber es ist wichtig, dass Sie da sind und den ersten Schritt zu einer neuen Beziehung unternehmen.�</p><p>�Ich habe meinen Kindern gegen�ber so schrecklich versagt.�</p><p>�Sie k�nnen sich nicht gut selbst daf�r schlagen, Nate. Sie d�rfen die Vergangenheit vergessen. Gott hat es bestimmt vergessen. Paulus hat Christen get�tet, bevor er selbst einer wurde, und er hat sich f�r seine fr�heren Taten nicht gegei�elt. Alles ist vergeben. Zeigen Sie Ihren Kindern, was Sie jetzt sind.�</p><p>Ein kleines Fischerboot verlie� den Hafen und fuhr in die Bucht hinaus. Es war der einzige bewegliche Punkt auf dem Bild, das sie sahen, und sie beobachteten es mit gespannter Aufmerksamkeit. Nate musste an Jevy und Welly denken, die vermutlich gerade mit einer cbalana voller landwirtschaftlicher Erzeugnisse und anderer Waren den Paraguay befuhren und vom stetigen Takt des Diesels immer tiefer ins Pantanal getrieben wurden. Jevy w�rde am Steuerruder stehen und Welly auf der Gitarre klimpern. Bestimmt herrschte in ihrer Welt Frieden.</p><p>Sp�ter, lange nachdem Phil ins Pfarrhaus zur�ckgekehrt war, setzte sich Nate ans Kaminfeuer und begann einen weiteren Brief an Rachel. Es war der dritte. Nachdem er geschrieben hatte, �Samstag, 22. Februar�, fuhr er fort: �Liebe Rachel, ich habe soeben eine sehr unerfreuliche Woche mit Ihren Halbgeschwistern zugebracht.�</p><p>Er schilderte ihr die Br�der und Schwestern, begann mit Troy Junior und endete drei Seiten sp�ter mit Ramble.</p><p>Er machte kein Hehl aus ihren Schw�chen und dem Schaden, den sie sich selbst und anderen antun w�rden, wenn sie das Geld bek�men. Doch er zeigte zugleich, dass er Mitleid f�r sie empfand.</p><p>Er legte einen f�r die Missionsgesellschaft bestimmten Scheck �ber f�nftausend Dollar bei, der die Kosten f�r ein Boot, einen Motor, Medikamente und Verbandsmittel decken sollte, und teilte ihr mit, es stehe noch weit mehr Geld zur Verf�gung, wenn sie welches brauche. Ihr Verm�gen werfe t�glich etwa zwei Millionen Dollar an Zinsen ab, Geld, mit dem sich viel Gutes tun lasse.</p><p>Als Hark Gettys und seine Mitverschw�rer auf die Dienste von Dr. Flowe, Dr. Zadel und Dr. Theishen verzichteten, begingen sie einen schweren Fehler. Die Anw�lte hatten den Psychiatern Vorw�rfe gemacht, sie beleidigt und nicht wiedergutzumachenden Schaden angerichtet.</p><p>Die neu verpflichteten Psychiater konnten ihr Urteil auf Sneads j�ngste Aussagen st�tzen. Flowe, Zadel und Theishen hatten diesen Vorteil nicht gehabt. Als Nate sie am Montag befragte, befolgte er bei allen dreien die gleiche Taktik. Er begann mit Zadel und zeigte ihm das Videoband, das bei Troy Phelans Begutachtung aufgenommen worden war. Er fragte ihn, ob er irgendeinen Grund sehe, seine Meinung zu �ndern. Wie nicht anders zu erwarten, verneinte Zadel die Frage. Wenige Stunden nach der Videoaufnahme und dem Selbstmord hatten die Psychiater auf Betreiben Harks und der anderen Phelan-Anw�lte ihr achtseitiges Gutachten abgefa�t und mit einer eidesstattlichen Versicherung unterzeichnet. Nate forderte Zadel nunmehr auf, es der Protokollbeamtin des Gerichts vorzulesen.</p><p>�Haben Sie irgendeinen Grund, von einer der in diesem Gutachten enthaltenen Ansichten abzur�cken?� fragte Nate.</p><p>�Nein�, sagte Zadel mit einem Blick auf Hark.</p><p>�Heute ist der vierundzwanzigste Februar: Ihre Begutachtung Mr. Phelans liegt also �ber zwei Monate zur�ck. Sind Sie zum gegenw�rtigen Zeitpunkt der Ansicht, dass sein damaliger Geisteszustand die Abfassung eines g�ltigen Testaments zulie�?�</p><p>�Allerdings�, sagte Zadel und l�chelte Hark an.</p><p>Flowe und Theishen l�chelten ebenfalls; es schien beide aufrichtig zu freuen, den Anw�lten, die sie zuerst beauftragt und ihnen dann den Auftrag wieder entzogen hatten, Schwierigkeiten machen zu k�nnen. Nate zeigte einem nach dem anderen das Videoband, stellte jedem dieselben Fragen und bekam dieselben Antworten. Jeder verlas das gemeinsam abgefasste Gutachten f�r das Protokoll. Am Montag Nachmittag um vier wurde die Befragung vertagt.</p><p>P�nktlich um halb neun am n�chsten Morgen wurde Snead in den Raum gef�hrt und auf den Ehrenplatz gesetzt. Zu seinem braunen Anzug trug er eine Fliege, die ihm eine unverdiente intellektuelle Note verlieh. Die Anw�lte hatten gro�e Sorgfalt auf die Auswahl seiner Kleidung verwendet. Sie hatten den Armen wochenlang programmiert und auf seine Rolle festgelegt, bis er selbst daran zweifelte, ob er auch nur ein einziges spontanes oder ehrliches Wort herausbringen w�rde. Jede Silbe musste sitzen. Er musste Zuversicht au�trahlen, durfte aber zugleich nicht im entferntesten den Verdacht erwecken, �berheblich zu sein. Er und er allein bestimmte, was als zutreffend zu gelten hatte, und daher war von grundlegender Bedeutung, dass alles, was er sagte, glaubw�rdig</p><p>war.</p><p>Josh kannte Snead seit vielen Jahren. Oft hatte Mr. Phelan davon gesprochen, dass er sein Faktotum loswerden wollte. Lediglich in einem einzigen der elf Testamente, die Josh f�r Troy Phelan ausgearbeitet hatte, war der Name Malcolm Snead aufgetaucht. Darin war ihm eine Million Dollar zugedacht gewesen, doch hatte ein Monate sp�ter abgefasstes neues Testament diese Zuwendung r�ckg�ngig gemacht. Mr. Phelan hatte seinen Namen gestrichen, weil Snead sich erkundigt hatte, mit wie viel Geld er nach seinem Ableben rechnen d�rfe.</p><p>Snead war f�r den Geschmack seines Arbeitgebers zu sehr hinter dem Geld her gewesen. Dass sein Name auf der Zeugenliste derjenigen stand, die das Testament anfochten, konnte nur einen Grund haben - Geld. Er wurde f�r seine Au�age bezahlt, und das wusste Josh. Zwei Wochen der Beschattung durch einen Privatdetektiv hatten ergeben, dass sich Snead einen neuen Range Rover zugelegt, eine Flugreise nach Rom in der ersten Klasse geg�nnt und eine Wohnung in einem Geb�ude gemietet hatte, in dem die Mieten bei achtzehnhundert Dollar pro Monat begannen.</p><p>Snead sa� vor der Videokamera und f�hlte sich einigerma�en sicher. Er hatte den Eindruck, ein volles Jahr lang nichts anderes getan zu haben, als in eine Videokamera zu blicken. Den ganzen Samstag und den halben Sonntag war er in Harks Kanzlei noch einmal auf Herz und Nieren gepr�ft worden. Er hatte sich die Videoaufnahmen seiner Aussagen stundenlang angesehen und Dutzende von Seiten erdachter Ereignisse aus den letzten Tagen von Troy Phelans Leben zu Papier gebracht. Au�erdem hatte er mit der hirnlosen Puppe Nicolette geprobt.</p><p>Snead war bereit. Die Anw�lte hatten vorausgesehen, dass man ihn fragen w�rde, ob Geld im Spiel sei, und ihn angewiesen, zu l�gen, wenn man ihn fragte, ob er f�r seine Aussagen bezahlt werde. So einfach war das. Es gab keine andere M�glichkeit. Snead musste bestreiten, die halbe Million bekommen zu haben, die er bereits hatte, wie auch, dass er im Falle eines g�nstigen Ausgangs weitere viereinhalb Millionen Dollar bekommen w�rde. Er musste die Existenz des zwischen ihm und den Anw�lten geschlossenen Vertrags bestreiten. Da er �ber Mr. Phelan log, konnte er sicher auch �ber das Geld l�gen.</p><p>Nate stellte sich vor und fragte dann mit lauter Stimme: �Mr. Snead, wie viel Geld bekommen Sie f�r Ihre Au-</p><p>�age?�</p><p>Sneads Anw�lte hatten mit der Frage gerechnet: �Bekommen Sie Geld f�r Ihre Au�age?� Die mit Snead einstudierte Antwort darauf lautete: �Nein, nat�rlich nicht!� Aber auf die Frage, die jetzt noch im R�ume hing, fiel ihm keine rasche Antwort ein. Er z�gerte und schien lautlos zu keuchen, w�hrend er verzweifelt zu Hark hin�bersah, der wie versteinert und mit starrem Blick dasa�.</p><p>Man hatte Snead darauf hingewiesen, dass sich Mr. O'Riley gr�ndlich vorbereiten und den Anschein erwecken w�rde, schon alles zu wissen, bevor er seine Fragen stellte. In den langen, qualvollen Sekunden, die auf diese erste Frage folgten, sah er Snead mit gerunzelten Brauen und zur Seite geneigtem Kopf an, wobei er einige Bl�tter hob.</p><p>�Na h�ren Sie, Mr. Snead, ich wei� doch, dass Sie Geld bekommen. Wie viel ist es?�</p><p>Snead knackte mit den Fingerkn�cheln, als wolle er sie durchbrechen. Schwei�perlen standen in den Falten seiner Stirn. �Hm, �h, ich bekomme kein -�</p><p>�Ach was, Mr. Snead. Haben Sie im vergangenen Monat einen neuen Range Rover gekauft oder nicht?�</p><p>�Nun ja, ehrlich gesagt -�</p><p>�Eine Dreizimmerwohnung in Palm Court gemietet?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und Sie sind doch auch erst k�rzlich von einer zehnt�gigen Flugreise nach Rom zur�ckgekehrt. Das stimmt doch?�</p><p>�Ja.�</p><p>Er wusste alles! Die Phelan-Anw�lte sanken auf ihren Sitzen in sich zusammen, duckten sich, als k�nnten sie so den Querschl�gern von Nates Fragen ausweichen.</p><p>�Wie viel zahlt man Ihnen?� fragte Nate w�tend. �Vergessen Sie nicht, dass Sie unter Eid stehen.� �F�nfhunderttausend Dollar�, platzte Snead heraus. Nate sah ihn ungl�ubig an. Selbst die Protokollbeamtin erstarrte.</p><p>Zwei der Phelan-Anw�lten gelang es, leicht auszuatmen. So entsetzlich der Augenblick war, es h�tte viel schlimmer kommen k�nnen. Was, wenn Snead noch mehr in Panik geraten w�re und die vollen f�nf Millionen zugegeben h�tte?</p><p>Aber das war nur ein schwacher Trost. Im Augenblick sah es ganz so aus, als sei ihre Sache damit, dass sie dem Zeugen eine halbe Million Dollar gezahlt hatten, zum Scheitern verurteilt.</p><p>Nate suchte in seinen Papieren herum, als brauche er ein bestimmtes Blatt. Die Worte klangen noch in den Ohren aller im Raum Anwesenden nach.</p><p>�Vermutlich haben Sie das Geld bereits bekommen?� fragte er.</p><p>Unsicher, ob er l�gen oder bei der Wahrheit bleiben sollte, sagte Snead: �Ja.�</p><p>Einer Eingebung folgend, fragte Nate ihn: �Eine halbe Million gleich. Und wie viel soll es sp�ter geben?�</p><p>Darauf bedacht, die einstudierten L�gen abzuspulen, sagte Snead: �Nichts.� Das wirkte beil�ufig und glaubw�rdig. Auch die beiden anderen Phelan-Anw�lte atmeten auf.</p><p>�Sind Sie sich da auch ganz sicher?� fragte Nate aufs Geratewohl. Wenn ihm danach gewesen w�re, h�tte er Snead auch fragen k�nnen, ob man ihn je wegen Grabr�uberei verurteilt h�tte.</p><p>Es war ein Spiel, bei dem es darum ging, wer zuerst die Nerven verlor, und Snead hielt stand. �Nat�rlich bin ich sicher�, sagte er mit gerade genug Emp�rung in der Stimme, um glaubw�rdig zu wirken.</p><p>�Wer hat Ihnen das Geld gezahlt?�</p><p>�Die Anw�lte der Familie Phelan.�</p><p>�Und wer hat den Scheck unterschrieben?�</p><p>�Es war ein best�tigter Bankscheck.�</p><p>�Haben Sie verlangt, dass man Sie f�r Ihre Au�age bezahlt?�</p><p>�Ich denke, das kann man so sagen.�</p><p>�Sind Sie zu den Anw�lten gegangen, oder sind die an Sie herangetreten?�</p><p>�Ich bin zu ihnen gegangen.�</p><p>�Und warum?�</p><p>Endlich schien das Gespr�ch in die gew�nschte Richtung zu laufen. Die Phelan-Anw�lte entspannten sich und begannen, sich Notizen zu machen.</p><p>Snead schlug unter dem Tisch die Beine �bereinander und runzelte die Stirn. �Weil ich bei Mr. Phelan war, bevor er starb, und wusste, dass der Arme den Ve rstand verloren hatte.�</p><p>�Seit wann?�</p><p>�Den ganzen Tag.�</p><p>�Das hei�t, als er morgens wach wurde, war er verr�ckt?�</p><p>�Als ich ihm das Fr�hst�ck gebracht habe, wusste er meinen Namen nicht.�</p><p>�Was hat er zu Ihnen gesagt?�</p><p>�Nichts. Er hat nur geknurrt.�</p><p>Nate st�tzte die Ellbogen auf und achtete nicht weiter auf die um ihn herum verstreuten Papiere. Dieser Zweikampf begann ihm Freude zu machen. Er wusste, worauf er hinauswollte, der arme Snead aber nicht.</p><p>�Haben Sie gesehen, wie er gesprungen ist?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und wie er gefallen ist?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und wie er unten aufgeschlagen ist?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Haben Sie in seiner N�he gestanden, als ihn die drei Psychiater befragten?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Das war gegen halb drei am Nachmittag, nicht wahr?�</p><p>�Ja, soweit ich mich erinnern kann.�</p><p>�Und er war den ganzen Tag schon verr�ckt gewesen, nicht wahr?�</p><p>�Ich bedaure, das sagen zu m�ssen, ja.�</p><p>�Wie lange haben Sie f�r Mr. Phelan gearbeitet?�</p><p>�Drei�ig Jahre.�</p><p>�Und Sie wussten alles �ber ihn, nicht wahr?�</p><p>� So viel, wie man �ber einen anderen Menschen wissen kann.�</p><p>�Dann kennen Sie auch seinen Anwalt, Mr. Stafford?�</p><p>�Ja. Ich habe ihn oft gesehen.�</p><p>�Hat Mr. Phelan ihm vertraut?�</p><p>�Ich denke schon.� ,</p><p>�Ich dachte, Sie w�ssten alles?�</p><p>�Ich bin sicher, dass er Mr. Stafford vertraut hat.�</p><p>�Hat Mr. Stafford w�hrend der Befragung durch die Psychiater neben ihm gesessen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wie w�rden Sie Mr. Phelans Geisteszustand w�hrend dieser Befragung einsch�tzen?�</p><p>�Er war nicht bei klarem Verstand, wusste weder, wo er war, noch, was er tat.�</p><p>�Sind Sie sich dessen sicher?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wem haben Sie das gesagt?�</p><p>�Es war nicht meine Aufgabe, es jemandem zu sagen.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Man h�tte mir gek�ndigt. Es geh�rte zu meiner Aufgabe, den Mund zu halten. Man nennt das Diskretion.�</p><p>�Sie wussten aber, dass Mr. Phelan im Begriff stand, ein Testament zu unterschreiben, in dem er sein gewaltiges Verm�gen aufteilte. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt nicht bei klarem Verstand war, haben Sie seinem Anwalt, einen Mann, dem er vertraute, nichts davon gesagt?�</p><p>�Das war nicht meine Aufgabe.� ,</p><p>�Mr. Phelan h�tte Sie auf die Stra�e gesetzt?�</p><p>�Sofort.�</p><p>�Und nachdem er gesprungen war? Wem haben Sie es danach gesagt?�</p><p>�Niemandem.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>Snead holte Luft und schlug erneut die Beine �bereinander. Seiner Ansicht nach lief die Sache nicht schlecht.</p><p>�Es war eine Privatangelegenheit�, sagte er ernst. �Ich habe meine Beziehung zu Mr. Phelan als vertraulich betrachtet.�</p><p>�Bis jetzt. Bis man Ihnen eine halbe Million Dollar angeboten hat, nicht wahr?�</p><p>Snead fiel keine rasche Antwort ein, und Nate gab ihm auch keine Gelegenheit, sich eine zu �berlegen. �Sie verkaufen also nicht nur Ihre Au�age, sondern auch Ihre vertrauliche Beziehung zu Mr. Phelan, nicht wahr, Mr. Snead?�</p><p>�Ich versuche, ein Unrecht wieder gut zumachen.�</p><p>�Wie edelm�tig. W�rden Sie das auch tun, wenn man Sie nicht daf�r bezahlte?�</p><p>Snead brachte ein zittriges �Ja� heraus, und Nate stimmte ein lautes und langgezogenes Gel�chter an. Dabei sah er zu den Phelan-Anw�lten hin�ber, die sich bem�hten, ernsthafte Gesichter zu machen, soweit sie sie nicht versteckten. Er lachte Snead ins Gesicht, stand auf und trat ans Ende des Tisches. �Was f�r eine Scharade�, sagte er und setzte sich wieder.</p><p>Er warf einen Blick auf seine Notizen und fuhr dann fort: �Mr. Phelan ist am neunten Dezember gestorben. Sein Testament wurde am siebenundzwanzigsten desselben Monats er�ffnet. Haben Sie in der Zwischenzeit jemandem anvertraut, dass er nicht bei klarem Verstand war, als er das Testament unterschrieb?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Nat�rlich nicht. Sie haben gewartet, bis es er�ffnet war, und als Sie merkten, dass Sie daraus gestrichen worden waren, haben Sie sich entschlossen, die Anw�lte aufzusuchen und mit ihnen ein Abkommen zu treffen. So ist es doch, Mr. Snead?�</p><p>Der Zeuge antwortete zwar �Nein�, aber Nate achtete nicht darauf.</p><p>�War Mr. Phelan geisteskrank?�</p><p>�Ich bin kein Fachmann auf diesem Gebiet.�</p><p>�Sie haben gesagt, dass er nicht bei klarem Verstand war. War das ein Dauerzustand bei ihm?�</p><p>�Es kam und ging.�</p><p>�Und wie lange kam und ging das schon so?�</p><p>�Seit Jahren.�</p><p>�Seit wie vielen Jahren?�</p><p>�Vielleicht zehn. Das ist aber nur eine Vermutung.�</p><p>�In den letzten vierzehn Jahren seines Lebens hat Mr. Phelan elf Testamente abgefasst und Ihnen in einem davon eine Million Dollar hinterlassen. Haben Sie damals erwogen, jemandem mitzuteilen, er sei bei dieser Gelegenheit nicht bei klarem Verstand gewesen?�</p><p>�Das war nicht meine Aufgabe.�</p><p>�Hat er je einen Psychiater aufgesucht?�</p><p>�Meines Wissens nicht.�</p><p>�Hat er je irgend jemanden aufgesucht, der ihn auf seinen Geisteszustand untersucht hat?�</p><p>�Meines Wissens nicht.�</p><p>�Haben Sie ihm je empfohlen, einen solchen Fachmann aufzusuchen?�</p><p>�Es war nicht meine Aufgabe, ihm derlei mitzuteilen.�</p><p>�Falls Sie ihn nach einem Schlaganfall auf dem Fu�boden liegend gefunden h�tten - w�ren Sie dann hingegangen und h�tten jemandem gesagt, dass er Hilfe brauchen k�nnte?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Und wenn Sie gesehen h�tten, dass er Blut hustet, h�tten Sie dann jemandem etwas gesagt?�</p><p>�Ja.�</p><p>Nate hatte einen f�nf Zentimeter dicken Aktenstapel mit Einzelheiten �ber Mr. Phelans Industriebeteiligungen vor sich liegen.</p><p>Er schlug aufs Geratewohl eine Seite auf und fragte Snead, ob er etwas �ber die Firma Xion Drilling wisse.</p><p>Snead gab sich gr��te M�he, seinem Ged�chtnis den Namen zu entlocken, doch war in j�ngster Zeit so viel Neues auf ihn eingest�rmt, dass es ihm nicht gelang. Delstar Communications? Wieder verzog Snead das Gesicht; er konnte nichts dar�ber sagen.</p><p>Das f�nfte Unternehmen, das Nate nannte, kam ihm bekannt vor. Stolz teilte Snead dem Anwalt mit, dass er die Firma kenne. Mr. Phelan habe sie ziemlich lange besessen. Nate stellte Fragen �ber Umsatz, Erzeugnisse, Besitzverh�ltnisse, Ertr�ge, eine endlose Liste von Einzelheiten. Snead gab keine einzige richtige Antwort.</p><p>�Wie viel wussten Sie �ber Mr. Phelans Industriebeteiligungen?� fragte Nate mehrfach. Dann stellte er Fragen �ber den Aufbau des Phelan-Konzerns. Snead hatte sich zwar die gro�en Zusammenh�nge eingepr�gt, Einzelheiten aber waren ihm nicht gel�ufig. Er konnte den Namen keines einzigen Mitarbeiters der mittleren F�hrungsebene nennen und kannte auch die Steuerberater des Unternehmens nicht.</p><p>Nate bombardierte ihn mitleidlos mit Fragen, auf die er keine Antwort wusste. Als Snead am Sp�tnachmittag ersch�pft und benommen war, sagte Nate unmittelbar nach der tausendsten Frage �ber das Finanzwesen der Phelan-Gruppe ohne Vorank�ndigung: �Haben Sie eigentlich mit den Anw�lten einen Vertrag unterzeichnet, als</p><p>Sie die halbe Million genommen haben?�</p><p>Ein schlichtes �Nein� h�tte als Antwort gen�gt, aber Snead war �berrascht worden. Er z�gerte, sah zu Hark und dann zu Nate hin, der erneut in Papieren bl�tterte, als h�tte er eine Kopie des Vertrags vor sich. Zwei Stunden lang hatte Snead nicht einmal gelogen, und so antwortete er nicht rasch genug.</p><p>��h, nat�rlich nicht�, stotterte er, �berzeugte aber niemanden.</p><p>Nate erkannte zwar, dass er die Unwahrheit sagte, lie� die Sache aber auf sich beruhen. Es gab andere M�glichkeiten, ein Exemplar des Vertrags in die H�nde zu bekommen.</p><p>Anschlie�end trafen sich die Phelan-Anw�lte in einer dunklen Bar, um ihre Wunden zu lecken. Nach zwei Runden starker Drinks schien ihnen Sneads katastrophales Abschneiden noch schrecklicher als zuvor. Zwar konnte man ihn f�r die Fortsetzung der Befragung noch ein wenig trainieren, aber die blo�e Tatsache, dass man ihm so viel gezahlt hatte, w�rde entwerten, was auch immer er sagte.</p><p>Woher hatte O'Riley das nur gewusst? Er war so sicher gewesen, dass Snead bezahlt worden war.</p><p>�Das muss Grit gewesen sein�, sagte Hark. Grit, wiederholte jeder f�r sich. Bestimmt war Grit zur Gegenseite �bergelaufen.</p><p>�Das kommt davon, wenn man jemandem die Mandanten abspenstig macht�, sagte Wally Bright nach langem Schweigen.</p><p>�Halten Sie den Mund�, sagte Ms. Langhorne.</p><p>Hark war zu m�de zum K�mpfen. Er leerte sein Glas und bestellte ein weiteres. �ber all den Aussagen hatten die anderen Phelan-Anw�lte gar nicht mehr an Rachel gedacht. In den Unterlagen des Gerichts gab es nach wie vor keine amtliche Best�tigung ihrer Existenz.</p></section><section><title><p>SIEBENUNDVIERZIG</p></title><p>Die Befragung der Sekret�rin Nicolette dauerte acht Minuten. Sie gab Namen, Anschrift und eine kurze Darstellung ihrer bisherigen Arbeitspl�tze zu Protokoll, und die Phelan-Anw�lte auf der anderen Seite des Tisches machten es sich auf ihren St�hlen bequem, um sich keine Einzelheit ihrer sexuellen Eskapaden mit Mr. Phelan entgehen zu lassen. Sie war dreiundzwanzig Jahre alt und verf�gte, abgesehen von einem schlanken K�rper, einer beachtlichen Oberweite und einem h�bschen Gesicht mit strohblondem Haar, kaum �ber Qualifikationen.</p><p>Sie konnten es gar nicht abwarten, mit anzuh�ren, wie sie ein paar Stunden �ber Sex redete.</p><p>Ohne Umwege steuerte Nate auf die Frage zu. �Hatten Sie je geschlechtliche Beziehungen mit Mr. Phelan?�</p><p>Sie gab sich M�he, den Eindruck zu erwecken, als sei ihr die Frage peinlich, sagte aber ja.</p><p>�Wie oft?�</p><p>�Ich habe nicht gez�hlt.�</p><p>�Wie lange?�</p><p>�Gew�hnlich zehn Minuten.�</p><p>�Nein, ich meine, �ber welchen Zeitraum hat sich die Beziehung erstreckt? In welchem Monat hat sie angefangen, und wann war sie zu Ende?�</p><p>�Ich habe nur f�nf Monate dort gearbeitet.�</p><p>�Rund gerechnet zwanzig Wochen. Wie oft pro Woche hatten Sie durchschnittlich Sex mit Mr. Phelan?�</p><p>�Ich glaube, zweimal.�</p><p>�Also insgesamt vierzigmal.�</p><p>�M�glich. Das klingt nach ziemlich viel, was?�</p><p>�Finde ich nicht. Hat sich Mr. Phelan dabei ausgezogen?�</p><p>�Klar. Wir haben uns beide ausgezogen.�</p><p>�Das hei�t, er war vollst�ndig nackt?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Hatte er irgendwelche Muttermale?�</p><p>Zeugen, die sich aufs L�gen verlegen, �bersehen oft das N�chstliegende. Das gilt auch f�r ihre Anw�lte. Sie besch�ftigen sich so gr�ndlich mit allem, was sie sich aus den Fingern saugen, dass sie dabei die eine oder andere Tatsache �bersehen. Hark und seine Kollegen h�tten von Phelans fr�heren Ehefrauen - Eillian, Janie und Tira - ohne die geringste M�he erfahren k�nnen, dass Troy unmittelbar unter der Taille auf dem rechten Oberschenkel ein rundes Muttermal von der Gr��e eines Silberdollars gehabt hatte.</p><p>�Soweit ich mich erinnere, nicht�, antwortete Nicolette.</p><p>Die Antwort �berraschte Nate erst, doch als er dar�ber nachdachte, kam sie ihmweniger �berraschend vor. Er h�tte ohne weiteres geglaubt, dass Troy seine Sekret�rin umlegte - das hatte er jahrzehntelang getan. Ebenso konnte er sich vorstellen, dass Nicolette log.</p><p>�Keine sichtbaren Muttermale?� fragte Nate erneut.</p><p>�Nein.�</p><p>Die Phelan-Anw�lte beschlich Angst. War es m�glich, dass da der n�chste ihrer Hauptzeugen vor ihren Augen demontiert wurde?�</p><p>�Keine weiteren Fragen�, sagte Nate und verlie� den Raum, um sich eine weitere Tasse Kaffee einzugie�en. Nicolette sah zu den Anw�lten hin�ber. Sie hatten die Blicke auf den Tisch gesenkt und �berlegten angestrengt, was f�r ein Muttermal Troy wohl gehabt haben mochte.</p><p>Nachdem sie gegangen war, schob Nate seinen verwirrten Gegnern wortlos ein Foto �ber den Tisch, das bei der Obduktion gemacht worden war. Es war nicht n�tig, etwas dazu zu sagen. Der alte Troy lag auf dem Seziertisch, ein Haufen verwelktes und �bel zugerichtetes Fleisch, von welchem dem Betrachter das Muttermal entgegenstarrte.</p><p>Sie brachten den Rest des Mittwochs und den ganzen Donnerstag mit den vier neuen Psychiatern zu, die mit dem Auftrag verpflichtet worden waren zu sagen, dass die drei ersten keine Ahnung hatten. Ihre Au�age war vorhersehbar und wiederholte immer dasselbe: Kein geistig gesunder Mensch springt �ber eine Terrassenbr�stung.</p><p>Sie waren auf ihrem Gebiet keine solchen Koryph�en wie Flowe, Zadel und Theishen. Zwei waren pensioniert und verdienten sich hier und da als Gutachter etwas hinzu. Einer lehrte an einem nicht besonders angesehenen College, und der letzte schlug sich mit einer kleinen Beratungspraxis in einem Vorort Washingtons recht und schlecht durchs Leben.</p><p>Aber man hatte sie auch nicht daf�r bezahlt, dass sie Eindruck machten; sie sollten lediglich mit ihrer Au�age die Sache noch verworrener erscheinen lassen. Es war allgemein bekannt, dass Troy Phelan wunderlich und sprunghaft gewesen war. Vier Gutachter erkl�rten, dass er nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kr�fte war und daher kein g�ltiges Testament hatte abfassen k�nnen, drei hingegen sagten das Gegenteil. Wenn man die Sache nur lange genug als kompliziert und verwickelt darstellte, durfte man darauf hoffen, dass diejenigen, die das Testament als g�ltig ansahen, der Auseinandersetzung eines Tages m�de wurden und sich zu einem Vergleich bereit fanden. Falls aber nicht, w�rde es Aufgabe einer Gruppe fachunkundiger Geschworener sein, sich durch den Wust von Fachbegriffen durchzuarbeiten und zu entscheiden, welche der widerspr�chlichen �u�erungen richtig sein mochte.</p><p>Die neuen Gutachter bekamen ein gro�z�giges Honorar daf�r, dass sie bei ihrer Meinung blieben, und Nate gab sich keine M�he, sie davon abzubringen. Er hatte genug �rzte verh�rt, um zu wissen, dass es sinnlos gewesen w�re, auf fachlicher Ebene mit ihnen in ein Streitgespr�ch einzutreten. Statt dessen konzentrierte er sich auf ihre Zeugnisse, Referenzen und Berufserfahrung. Er verlangte, dass sie sich das Videoband ansahen und die drei fr�heren Psychiater kritisierten.</p><p>Als man sich am Donnerstag Nachmittag trennte, waren f�nfzehn Befragungen durchgef�hrt. Eine weitere Runde war f�r Ende M�rz vorgesehen, und das gerichtliche Verfahren, das die Entscheidung bringen w�rde, hatte Wycliff f�r Mitte Juli angesetzt. Dieselben Zeugen w�rden noch einmal Aussagen m�ssen, dann aber im Gerichtssaal, wo das Publikum und die Geschworenen jedes ihrer Worte auf die Goldwaage legen w�rden.</p><p>Nate floh aus der Stadt. Er fuhr in westlicher Richtung durch Virginia, dann nach S�den durch das Shenandoah-Tal. Er war wie benommen von den neun Tagen, an denen er r�cksichtslos im Privatleben anderer herumgestochert hatte. Zu irgendeinem Zeitpunkt in seinem Leben, an den er sich nicht mehr erinnern konnte, hatte er unter dem Druck seiner Arbeit und seiner Sucht jedes Schamgef�hl und jeden Anstand verloren. Er hatte gelernt, ohne den geringsten Anflug von Schuldbewusstsein zu l�gen, zu t�uschen, zu betr�gen, Versteck zu spielen sowie unschuldige Zeugen in die Enge zu treiben und ihnen erbarmungslos zuzusetzen.</p><p>Doch in der Stille seines Autos und der Dunkelheit der Nacht sch�mte er sich jetzt. Er empfand Mitgef�hl f�r Troy Phelans Kinder, und sogar Snead tat ihm leid, ein trauriger, unbedeutender Mensch, der zu �berleben versuchte. Nate w�nschte, er h�tte die neuen Gutachter nicht so heftig angegriffen.</p><p>Er freute sich, dass sein Schamgef�hl zur�ckgekehrt war. Er war stolz, dass er wieder so empfinden konnte. Immerhin war er ein Mensch.</p><p>Um Mitternacht machte er an einem billigen Motel nahe Knoxville halt. Im Mittleren Westen, in Kansas und lowa, gab es heftige Schneef�lle. W�hrend er im Bett lag, plante er mit dem Stra�enatlas seine Route durch den S�dwesten.</p><p>Die zweite Nacht verbrachte er in Shawnee im Staat Oklahoma; die dritte in Kingman, Arizona, und die vierte in Redding, Kalifornien.</p><p>Austin und Angela, seine Kinder aus zweiter Ehe, waren zw�lf und elf Jahre alt und gingen in die siebte und sechste Klasse. Zuletzt hatte er sie im Juli des vergangenen Jahres gesehen, drei Wochen vor seinem letzten R�ckfall, als er mit ihnen zu einem Spiel der Orioles gefahren war. Was als sch�ner Ausflug begonnen hatte, hatte ein h�ssliches Ende genommen. Im Verlauf des Spiels hatte Nate sechs Bier getrunken - die Kinder hatten mitgez�hlt, da ihre Mutter sie dazu angehalten hatte - und war in diesem Zustand zwei Stunden von Baltimore nach Arlington gefahren.</p><p>Damals stand der Umzug der Kinder mit ihrer Mutter Christi und deren zweitem Mann Theo nach Oregon bevor. Der Besuch des Baseball-Spiels w�re f�r eine geraume Zeit die letzte Begegnung mit seinen Kindern gewesen, doch statt das Zusammensein mit ihnen zu genie�en, hatte er sich betrunken. Er hatte sich vor den Augen der Kinder, die solche Szenen nur allzu gut kannten, mit seiner fr�heren Frau auf der Auffahrt ihres Hauses gestritten, und Theo hatte ihm mit einem Besenstiel gedroht. Sp�ter war Nate, einen leeren Sechserpack auf dem Beifahrersitz neben sich, in seinem Auto aufgewacht, das auf einem Behindertenparkplatz vor einem McDonald's stand, ohne dass er h�tte sagen k�nnen, wie es dorthin gekommen war.</p><p>Als er Christi vierzehn Jahre zuvor als eine der Geschworenen bei einem Prozess kennengelernt hatte, in dem er</p><p>als Anwalt auftrat, war sie Leiterin einer Privatschule in Potomac gewesen. Am zweiten Prozesstag trug sie einen kurzen schwarzen Rock, und die Verhandlung kam praktisch zum Stillstand. Eine Woche sp�ter hatten sie ihre erste Verabredung. Drei Jahre lang hielt sich Nate von Alkohol und Drogen fern, was gen�gte, um wieder zu heiraten und zwei Kinder in die Welt zu setzen. Als der Damm erste Risse zeigte, bekam Christi Angst und wollte davonlaufen, und als er wirklich brach, floh sie mit den Kindern. Sie kehrte ein ganzes Jahr nicht zur�ck. Die Ehe dauerte zehn chaotische Jahre.</p><p>Jetzt arbeitete sie an einer Schule in Salem, wo Theo als Anwalt in einer kleinen Kanzlei t�tig war. Nate war �berzeugt, dass er Christi und die Kinder aus Washington vertrieben hatte. Er konnte ihnen keinen Vorwurf machen, dass sie an die Westk�ste geflohen waren.</p><p>Als er in Medford angekommen war, etwa vier Autostunden von ihrem Wohnort entfernt, rief er aus dem Wagen in der Schule an. Er musste f�nf Minuten warten - sicher brauchte sie die Zeit, um ihre T�r abzuschlie�en und sich zu sammeln. �Hallo�, sagte sie schlie�lich.</p><p>�Christi, ich bin's, Nate.� Er kam sich albern vor, dass er einer Frau, mit der er zehn Jahre zusammengelebt hatte, am Telefon sagte, wer er war.</p><p>�Wo bist du?� fragte sie, als stehe ein Angriff bevor.</p><p>�In der N�he von Medford.�</p><p>�In Oregon?�</p><p>�Ja. Ich m�chte gern die Kinder besuchen.�</p><p>�Wann?�</p><p>�Heute abend oder morgen. Ich hab's nicht eilig. Ich bin seit ein paar Tagen ohne festen Reiseplan unterwegs und sehe mir die Gegend an.�</p><p>�Bestimmt k�nnen wir was arrangieren, Nate. Aber die Kinder haben reichlich zu tun, du wei�t schon, Schule, Ballett, Fu�ball.�</p><p>�Wie geht es ihnen?�</p><p>�Sehr gut. Sch�n, dass du fragst.�</p><p>�Und dir?�</p><p>�Gut. Uns gef�llt es in Oregon.�</p><p>�Mir geht es auch gut. Sch�n, dass du fragst. Ich bin clean und n�chtern, Christi, wirklich. Ich habe den Alkohol und die Drogen f�r immer zum Teufel gejagt. Vermutlich h�re ich als Anwalt auf, aber es geht mir wirklich gut.�</p><p>Das hatte sie schon fr�her geh�rt. �Das ist sch�n, Nate.� Es klang zur�ckhaltend. Offenbar �berlegte sie immer zwei S�tze im voraus, was sie sagen w�rde.</p><p>Sie verabredeten sich f�r den folgenden Abend zum Essen. Das gab ihr genug Zeit, die Kinder vorzubereiten, im Haus aufzur�umen, und auch Theo konnte sich �berlegen, wie er sich zu der Sache stellen wollte. Es war genug Zeit, sich Ausfl�chte zu �berlegen und Ausreden einzustudieren.</p><p>�Ich will euch nicht zur Last fallen�, versprach Nate und legte auf.</p><p>Theo beschloss, bis zum sp�ten Abend zu arbeiten und sich das Zusammentreffen zu ersparen. Nate dr�ckte Angela kr�ftig an sich. Austin sch�ttelte ihm einfach die Hand. Nate hatte sich vorgenommen, auf keinen Fall sein Erstaunen dar�ber zu �u�ern, wie sehr die Kinder gewachsen waren. Christi tr�delte eine geschlagene Stunde in ihrem Zimmer herum, w�hrend Nate seine Bekanntschaft mit den Kindern erneuerte.</p><p>Er war entschlossen, sie nicht mit Entschuldigungen f�r Dinge zu �berh�ufen, an denen er nichts mehr �ndern konnte. Sie sa�en im Wohnzimmer auf dem Fu�boden und unterhielten sich �ber Schule, Ballett und Fu�ball. Salem war ein h�bsches St�dtchen, viel kleiner als Washington, die Kinder hatten sich gut ein- "| gelebt, hatten viele Freunde, eine gute Schule und angenehme Lehrer.</p><p>Zum Abendessen, das eine volle Stunde dauerte, gab es Spaghetti und Salat. Nate berichtete, was er im brasilianischen Urwald auf der Suche nach seiner Mandantin erlebt hatte. Offensichtlich hatte Christi nicht die richtigen Zeitungen gelesen, denn sie wusste nichts von der Phelan-Sache.</p><p>Um Punkt sieben sagte Nate, er m�sse gehen. Die Kinder hatten Hausaufgaben zu erledigen und mussten am n�chsten Morgen fr�h zur Schule. �Ich habe morgen ein Fu�ballspiel, Papa�, sagte Austin. Nate w�re fast das Herz stehen geblieben. Er konnte sich nicht erinnern, wann jemand zuletzt Papa zu ihm gesagt hatte.</p><p>�Es ist in der Schule�, sagte Angela. �K�nntest du da nicht kommen?�</p><p>Einen Augenblick lang sahen alle einander unbehaglich an. Nate wusste nicht, was er sagen sollte.</p><p>Christi rettete die Situation, indem sie sagte: �Ich gehe hin. Wir k�nnten uns dann dort unterhalten.�</p><p>�Nat�rlich komme ich�, sagte Nate. Die Kinder umarmten ihn zum Abschied. W�hrend er fortfuhr, argw�hnte Nate, dass Christi ihn nur deshalb an zwei aufeinanderfolgenden Tagen sehen wollte, um seine Augen zu studieren. Sie kannte die Anzeichen.</p><p>Er blieb drei Tage in Salem. Er sah sich das Fu�ballspiel an und platzte vor Stolz auf seinen Sohn. Als er wieder zum Abendessen eingeladen wurde, erkl�rte er, nur kommen zu wollen, wenn auch Theo teiln�hme. Zu Mittag a� er mit Angela und ihren Freundinnen in der Schulkantine.</p><p>Nach drei Tagen war es Zeit zum Aufbruch. Die Kinder brauchten ihren normalen Tagesablauf, ohne die Komplikationen, die Nates Besuch mit sich brachte. Christi hatte es satt, so tun zu m�ssen, als w�re nie etwas zwischen ihnen geschehen, und Nate f�hlte sich zu sehr zu seinen Kindern hingezogen. Er versprach anzurufen, E-</p><p>Mails zu schicken und sie bald wieder zu besuchen.</p><p>Er verlie� Salem mit gebrochenem Herzen. Wie tief konnte ein Mann sinken, dass er eine so gro�artige Familie aufgab? Er konnte sich an fast nichts aus Angelas und Austins fr�her Kindheit erinnern - keine Schultheaterauf-f�hrungen, Halloween-Verkleidungen, Weihnachtsbescherungen, gemeinsame Fahrten zum Einkaufszentrum.</p><p>Jetzt waren sie so gut wie erwachsen, und ein anderer Mann zog sie auf.</p><p>Er wandte sich ostw�rts und lie� sich mit dem Verkehr treiben.</p><p>W�hrend Nate ziellos durch Montana fuhr und an Rachel dachte, reichte Hark Gettys einen Antrag auf Abweisung ihrer Stellungnahme zur Testamentsanfechtung ein. Seine Gr�nde waren klar und unabweisbar, und er untermauerte seinen Antrag mit einem zwanzigseitigen Schriftsatz, an dem er einen ganzen Monat gefeilt hatte. Man schrieb den 7. M�rz. Nahezu drei Monate nach Troy Phelans Tod, nicht ganz zwei Monate, nachdem Nate O'Riley hinzugezogen worden war, fast drei Wochen nach Beginn des Vorverfahrens und vier Monate vor der Verhandlung war das Gericht immer noch nicht f�r Rachel Lane zust�ndig. Au�er den auf nichts Greifbares gest�tzten Behauptungen ihres Anwalts gab es kein Eebenszeichen von ihr. Keines der dem Gericht vorliegenden Dokumente trug ihre Unterschrift.</p><p>Hark bezeichnete sie in seinem Antrag als �Phantom� und erkl�rte, er und die Antragsteller k�mpften gegen einen Schatten. Die Frau solle schlie�lich elf Milliarden Dollar erben. Sie k�nne zumindest die erforderliche Gerichtsstandvereinbarung unterschreiben. Wenn sie sich die M�he gemacht habe, einen Anwalt zu beauftragen, k�nne sie sich gewiss auch der Zust�ndigkeit des Gerichts unterwerfen.</p><p>Je mehr Zeit verstrich, desto g�nstiger schien es um die Sache der Phelan-Kinder zu stehen. Trotzdem fiel es ihnen schwer, Geduld zu bewahren, w�hrend sie von ihrem unermesslichen Reichtum tr�umten. Sie durften jede Woche, die ohne Lebenszeichen von Rachel verging, als weiteren Beweis daf�r verbuchen, dass sie kein Interesse an dem Verfahren hatte. Bei ihren Freitagvormittag-Sitzungen gingen die Phelan-Anw�lte noch einmal die Zeugenbefragung durch, sprachen �ber ihre Mandanten und brachten letzte Korrekturen an ihrer Prozessstrategie an. Die meiste Zeit aber spekulierten sie �ber die Gr�nde, die Rachel haben mochte, sich dem Gericht gegen�ber nicht auszuweisen. Die lachhafte Vorstellung, dass sie das Geld m�glicherweise nicht wollte, lie� ihnen keine Ruhe. Der blo�e Gedanke war widersinnig, tauchte aber trotzdem jeden Freitagmorgen erneut auf.</p><p>Aus den Wochen wurden Monate. Die Lottok�nigin erschien nicht, um ihren Gewinn abzuholen.</p><p>Es gab einen weiteren wichtigen Grund, Druck auf die Verwalter von Troys Verm�gen auszu�ben, und der hie� Snead. Hark, Yancy, Bright und Langhorne hatten die Aufzeichnung der Befragung ihres Hauptzeugen so oft angesehen, bis sie sie auswendig konnten. Sie waren unsicher, ob er imstande sein w�rde, Geschworene auf seine Seite zu ziehen. Nate O'Riley hatte ihn zum Narren gemacht, und dabei hatte es sich lediglich um eine Befragung gehandelt. Man konnte sich vorstellen, welche Waffen er bei einem Prozess aufbieten w�rde, �ber dessen Ausgang Geschworene zu entscheiden hatten, vorwiegend Menschen aus der Mittelschicht, denen es schwerfiel, Monat f�r Monat ihre Rechnungen zu bezahlen. Dass Snead eine halbe Million eingesteckt hatte, um seine Geschichte zu erz�hlen, w�rde bei ihnen nicht gut ankommen.</p><p>Die Schwierigkeit mit Snead lag auf der Hand. Er log, und L�gen haben vor Gericht meist kurze Beine. Nachdem er bei der Befragung so versagt hatte, waren den Anw�lten die gr��ten Bedenken gekommen, ihn vor den Geschworenen auftreten zu lassen. Sofern auch nur eine oder zwei weitere L�gen aufgedeckt wurden, konnten sie alle Hoffnungen begraben.</p><p>Durch die Sache mit dem Muttermal war Nicolette als Zeugin v�llig nutzlos geworden.</p><p>Ihre eigenen Mandanten waren auch nicht besonders sympathisch. Mit Ausnahme Rambles, der den unangenehmsten Eindruck machte, war jeder von ihnen von seinem Vater mit einem Startkapital von f�nf Millionen Dollar ins Leben geschickt worden - so viel w�rde keiner der Geschworenen in seinem ganzen Leben verdienen. Troys Kinder konnten darauf hinweisen, dass ihr Vater sich an ihrer Erziehung nicht beteiligt hatte, doch kam vermutlich die H�lfte der Geschworenen aus zerr�tteten Familien.</p><p>Am meisten Sorgen aber machten ihnen die Psychiater. Sie w�ren nie und nimmer imstande, Nate O'Rileys erbarmungslosem Kreuzverh�r standzuhalten, eines Mannes, der �ber zwanzig Jahre lang �rzten nach allen Regeln der Kunst im Gerichtssaal die H�lle hei� gemacht hatte.</p><p>Um einen Prozess zu vermeiden, mussten sie unbedingt einen au�ergerichtlichen Vergleich anstreben. Dazu aber war es unerl�sslich, auf der Gegenseite einen Schwachpunkt zu entdecken. Rachel Lanes offenkundiger Mangel an Interesse war mehr als hinreichend und mit Sicherheit ihre beste Chance.</p><p>Josh war voll Bewunderung f�r Harks Abweisungsantrag. Er begeisterte sich f�r juristische Taktik und Winkelz�ge, und wenn jemandem ein solches Man�ver fehlerfrei gelang, applaudierte er im stillen, selbst wenn es sich um einen Gegner handelte. Alles an Harks Vorgehen war perfekt - der Zeitpunkt, die Begr�ndung, der brillant aufgebaute Schriftsatz.</p><p>Zwar stand die Sache der von Troy Phelan get�uschten Erben auf schwachen F�ssen, doch waren ihre Schwierigkeiten nichts im Vergleich mit denen Nates, der keine Mandantin hatte. Wohl war es ihm im Verein mit Josh gelungen, das zwei Monate lang zu vertuschen, doch inzwischen lie� sich niemand mehr von dieser List t�uschen.</p></section><section><title><p>ACHTUNDVIERZIG</p></title><p>Daniel, sein �ltester, wollte sich unbedingt in einer Kneipe mit ihm treffen. Nate fand sie nach Einbruch der Dunkelheit, zwei Nebenstra�en vom Universit�tsgel�nde entfernt, in einer Stra�e voller Bars und Klubs. Die Atmosph�re dort war ihm nur allzu vertraut: Musik, die grelle Bierreklame, die Studentinnen, die �ber die Stra�e riefen. Genauso war es noch vor wenigen Monaten in Georgetown gewesen, und an nichts davon konnte er Geschmack finden. Vor einem Jahr h�tte er zur�ckgerufen, die jungen Frauen von einem Lokal ins n�chste verfolgt, sich vorgemacht, selbst zwanzig Jahre alt zu sein und die ganze Nacht durchmachen zu k�nnen.</p><p>Daniel wartete in einer engen Sitznische mit einer Freundin. Auf dem Tisch standen zwei Flaschen Bier. Beide rauchten. Vater und Sohn sch�ttelten sich die Hand. Augenscheinlich w�re Daniel jede liebevollere Geste Nates peinlich gewesen.</p><p>�Das ist Stef�, sagte Daniel und wies auf seine Begleiterin. �Sie ist Mannequin�, f�gte er rasch hinzu, wohl um dem Vater zu beweisen, dass er mit Klassefrauen Umgang hatte.</p><p>Aus irgendeinem Grund hatte Nate gehofft, einige Stunden allein mit seinem Sohn verbringen zu k�nnen. Das sollte offenbar nicht sein.</p><p>An Stef fiel ihm als erstes der Schmollmund und der dick aufgetragene graue Lippenstift auf. Zur Begr��ung g�nnte sie ihm kaum die Andeutung eines L�chelns. Auf jeden Fall war sie h�bsch und d�rr genug, um tats�chlich Mannequin zu sein. Ihre Arme sahen aus wie Besenstiele. Zwar konnte Nate ihre Beine nicht sehen, doch vermutete er, dass sie d�nn waren und ihr bis zu den Achselh�hlen reichten. Zweifellos hatte sie um die Fu�kn�chel herum mindestens zwei T�towierungen.</p><p>Nate konnte sie vom ersten Augenblick an nicht leiden, und es kam ihm ganz so vor, als beruhe das auf Gegenseitigkeit. Und wer wei�, was Daniel ihr �ber seinen Vater berichtet hatte.</p><p>Daniel hatte vor einem Jahr das College in Grinnell beendet und den darauffolgenden Sommer in Indien verbracht. Nate hatte ihn seit dreizehn Monaten nicht gesehen. Weder war er zu seiner Abschlussfeier gegangen, noch hatte er ein Geschenk oder auch nur eine Gl�ckwunschkarte geschickt. Nicht einmal angerufen hatte er. Daher herrschte am Tisch genug Spannung, ohne dass das Mannequin Rauchringe blies und Nate ausdruckslos anstarrte.</p><p>�M�chtest du ein Bier?� fragte Daniel seinen Vater, als ein Kellner in der N�he auftauchte. Es war eine grausame Frage, ein kleiner Pfeil, der abgefeuert wurde, um ihn zu qu�len.</p><p>�Nein, einfach Wasser�, sagte Nate. Daniel rief dem Kellner die Bestellung zu und fragte dann: �Immer noch abstinent, was?�</p><p>�Na klar�, sagte Nate l�chelnd.</p><p>�Und seit dem vorigen Sommer kein R�ckfall?�</p><p>�Nein. Lass uns von was anderem reden.�</p><p>�Dan hat mir gesagt, dass Sie im Entzug waren�, sagte Stef und stie� den Rauch durch die Nasenl�cher aus. Es �berraschte Nate, dass sie einen vollst�ndigen Satz herausbrachte. Sie sprach langsam, und ihre Stimme klang so hohl, wie ihre Augenh�hlen aussahen.</p><p>�Ja, mehrfach. Was hat er Ihnen noch erz�hlt?�</p><p>�Da war ich auch schon�, sagte sie, �aber erst einmal.� Sie schien stolz auf ihre Leistung zu sein und zugleich ihren Mangel an Erfahrung zu bedauern. Die beiden Bierflaschen auf dem Tisch waren inzwischen leer.</p><p>�Wie sch�n�, sagte Nate k�hl. Er brachte es nicht fertig, so zu tun, als w�re sie ihm sympathisch. In ein oder zwei Monaten w�re sie ohnehin mit einem anderen Mann zusammen.</p><p>�Was macht das Studium?� fragte er Daniel.</p><p>�Das habe ich an den Nagel geh�ngt.� Es klang gezwungen und �rgerlich. Daniel stand erkennbar unter Druck. Bestimmt trug Nate eine Mitschuld daran, dass sein Sohn das Studium aufgegeben hatte, nur war ihm nicht recht klar, inwiefern und warum. Sein Wasser kam. �Habt ihr beiden schon gegessen?� fragte er.</p><p>Stef vermied jegliche Nahrungsaufnahme, und Daniel hatte keinen Appetit. Nate hatte zwar schrecklichen Hunger, wollte aber nicht allein essen. Er sah sich im Lokal um. Irgendwo in einer Ecke wurde Haschisch geraucht.</p><p>Die Ger�uschkulisse war laut. Es war noch nicht lange her, dass er sich in solchen Lokalen wohl gef�hlt hatte. Daniel steckte sich die n�chste Zigarette an, eine filterlose Camel, der schlimmste Sargnagel auf dem Markt, und blies eine dicke Rauchwolke gegen den billigen Kneipenleuchter, der von der Decke hing. Er war schlecht gelaunt und gereizt.</p><p>Bestimmt hatte er die junge Frau mitgebracht, damit es keinen Streit oder gar eine Pr�gelei gab. Nate vermutete, dass Daniel pleite war und seinem Vater einmal ordentlich die Meinung sagen wollte, weil er ihn nicht genug unterst�tzt hatte. Auf der anderen Seite aber f�rchtete er wohl, dass sich Nate, den er als nicht besonders belastbar kannte, dar�ber gleich wieder aufregte. Stefs Anwesenheit sollte daf�r sorgen, dass er sich zusammennahm. Au�erdem wollte er vermutlich das Zusammentreffen so kurz wie m�glich halten. Es dauerte etwa eine Viertelstunde, bis Nate das durchschaut hatte.</p><p>�Wie geht es deiner Mutter?� fragte er.</p><p>Daniel bem�hte sich zu l�cheln. �Gut. Ich war Weihnachten bei ihr. Du warst verschwunden.�</p><p>�Ich war in Brasilien.�</p><p>Eine Studentin in enganliegenden Jeans ging vor�ber. Stef musterte sie von Kopf bis Fu�, wobei endlich Anzeichen von Leben in ihre Augen traten. Die junge Frau war noch d�rrer als sie selbst. Wieso galt es eigentlich auf einmal als cool, wie ein Gerippe herumzulaufen?</p><p>�Was gibt es denn in Brasilien?� fragte Daniel.</p><p>�Eine Mandantin.� Nate war es leid, immer wieder von seinem Abenteuer zu erz�hlen.</p><p>�Mama hat gesagt, dass du �rger mit dem IRS hast.�</p><p>�Dar�ber freut sie sich bestimmt.�</p><p>�M�glich. Besondere Sorgen schien es ihr jedenfalls nicht zu machen. Musst du daf�r ins Gef�ngnis?�</p><p>�Nein. K�nnten wir �ber etwas anderes reden?�</p><p>�Genau das ist der Haken, Papa. Es gibt nichts anderes, nur die Vergangenheit, und da k�nnen wir nicht hin.�</p><p>Die Schiedsrichterin Stef rollte mit den Augen, als wolle sie sagen: �Das reicht.�</p><p>�Warum hast du das Studium geschmissen?� fragte Nate, um die Frage hinter sich zu bringen.</p><p>�Aus verschiedenen Gr�nden. Es wurde langweilig.�</p><p>�Er hatte kein Geld mehr�, sagte Stef hilfreich. Sie sah Nate so ausdruckslos an, wie ihr das nur m�glich war. �Stimmt das?� fragte Nate.</p><p>�Das ist ein Grund.�</p><p>Nate sp�rte den Impuls, das Scheckbuch zu z�cken, um dem Jungen aus der Patsche zu helfen. So hatte er es immer gehalten. Elternschaft war f�r ihn nichts anderes gewesen als eine unaufh�rliche Kette von Zahlungen. Wenn du schon nicht selbst da sein kannst, schick wenigstens Geld. Aber inzwischen war Daniel dreiundzwanzig, hatte das College abgeschlossen und zog mit Gestalten wie Fr�ulein Bulimie herum. Es war h�chste Zeit, dass er lernte, auf eigenen F�ssen zu stehen, sonst w�rde er umfallen.</p><p>Au�erdem war Nates Scheckbuch nicht mehr das, was es einmal war.</p><p>�Das ist gar nicht so schlecht�, sagte er daher. �Arbeite eine Weile, dann lernst du vermutlich die Uni sch�tzen.� Stef widersprach. Sie hatte zwei Freundinnen, die das Studium abgebrochen hatten und damit in ein tiefes Loch gefallen waren. W�hrend sie weiterplapperte, zog sich Daniel in seine Ecke der Nische zur�ck und leerte seine dritte Flasche Bier. Nate kannte jeden denkbaren Vortrag zum Thema Alkohol, wusste aber auch, wie scheinheilig es klingen w�rde, wenn ausgerechnet er solche T�ne anschl�ge.</p><p>Nach vier Bier war Stef nicht mehr ansprechbar, und Nate hatte nichts mehr zu sagen. Et kritzelte seine Telefonnummer in St. Michaels auf eine Papierserviette und gab sie Daniel. �Hier bin ich in den n�chsten Monaten zu erreichen. Ruf an, wenn du mich brauchst.�</p><p>�Bis dann, Pa�, sagte Daniel.</p><p>�Gib auf dich acht.�</p><p>Nate trat in die kalte Nacht hinaus und ging zum Lake Michigan hin�ber.</p><p>Zwei Tage sp�ter traf er in Pittsburgh ein, doch zur vorgesehenen dritten und letzten Wiederbegegnung kam es nicht. Zweimal hatte er Kaitlin, seine Tochter aus erster Ehe, angerufen, und sie hatten sich auf halb acht zum Abendessen in der Halle seines Hotels in der Stadtmitte verabredet. Ihre Wohnung lag zwanzig Minuten entfernt. Um halb neun rief sie an und teilte ihm mit, sie sei im Krankenhaus bei einer Freundin, die bei einem Autounfall eine schwere Kopfverletzung erlitten habe.</p><p>Nate schlug vor, am n�chsten Tag miteinander zu Mittag zu essen, doch Kaitlin erkl�rte, das sei nicht m�glich, weil die Freundin auf der Intensivstation liege und sie in ihrer N�he bleiben wolle, bis sich ihr Zustand stabilisiert habe. Als Nate merkte, dass seine Tochter auf Abstand zu ihm ging, erkundigte er sich nach der Adresse des Krankenhauses. Zuerst wusste sie sie nicht, dann war sie nicht recht sicher, bis sie schlie�lich nach weiterem Nachdenken erkl�rte, ein Besuch dort sei keine gute Idee, denn sie k�nne ihre Freundin nicht allein lassen.</p><p>Er a� in seinem Zimmer an einem Tischchen neben dem Fenster, von wo sein Blick auf die Stra�e fiel. Lustlos stocherte er auf dem Teller herum und �berlegte, warum seine Tochter ihn nicht sehen wollte. Trug sie einen Ring durch die Nase? Eine T�towierung auf der Stirn? War sie einer obskuren Religion beigetreten und hatte sich den Sch�del kahl rasieren lassen? Hatte sie f�nfzig Kilo zu- oder f�nfundzwanzig abgenommen? War sie schwanger?</p><p>Er versuchte, ihr die Schuld zuzuschieben, damit er sich nicht dem stellen musste, was auf der Hand lag. War es m�glich, dass sie ihn so sehr hasste?</p><p>In der Einsamkeit seines Hotelzimmers in einer Stadt, in der er niemanden kannte, war es leicht, sich selbst zu bemitleiden und sich erneut durch die Fehler der Vergangenheit runterziehen zu lassen.</p><p>Er griff zum Telefon und rief Phil an, um sich zu erkundigen, wie es in St. Michaels stehe. Phil hatte die Grippe, und da es im Keller der Kirche k�hl war, lie� ihn seine Frau nicht dort arbeiten. Wunderbar, dachte Nate. Wie viele Ungewissheiten auch auf seinem Weg liegen mochten, die eine Konstante zumindest in der n�heren Zukunft war die Aussicht darauf, dass ihm die Arbeit im Keller der Dreifaltigkeitskirche nicht ausgehen w�rde.</p><p>Dann erledigte er seinen allw�chentlichen Anruf bei Sergio und berichtete ihm, dass er die D�monen unter Kontrolle habe und sich �berraschend wohl f�hle. Er habe nicht einmal einen Blick in die Minibar in seinem Hotelzimmer geworfen.</p><p>Er rief in Salem an und f�hrte ein angenehmes Gespr�ch mit Angela und Austin. Wie sonderbar, dass die j�ngeren Kinder bereit waren, mit ihm zu reden, die �lteren aber nicht.</p><p>Schlie�lich rief er Josh an, der sich im Arbeitszimmer im Keller seines Hauses aufhielt und �ber das Chaos des</p><p>Phelan-Falls nachdachte. �Du musst zur�ckkommen, Nate�, sagte er. �Ich habe einen Plan.�</p></section><section><title><p>NEUNUNDVIERZIG</p></title><p>Zur ersten Runde der Friedensgespr�che wurde Nate nicht eingeladen. Ein Grund daf�r war, dass diese Gipfelkonferenz in Joshs R�umen stattfinden musste, da er sie anberaumt hatte, und Nate, der es bisher vermieden hatte, die Kanzlei aufzusuchen, wollte das auch weiterhin so halten. Der andere Grund war der, dass die Phelan-Anw�lte Josh und Nate als Verb�ndete ansahen, wozu sie auch alle Ursache hatten. Wenn aber Josh in der Rolle des Vermittlers und Friedensstifters auftreten wollte, musste er, um das Vertrauen der einen Seite zu erwerben, die andere vernachl�ssigen, und sei es nur f�r eine Weile. Also sah sein Plan vor, dass er zuerst mit Hark und den anderen zusammentraf, sich anschlie�end mit Nate besprach und dann, sofern sich das als n�tig erwies, einige Tage zwischen den beiden Seiten hin und her pendelte, bis Einigkeit erzielt war.</p><p>Nachdem man eine Weile miteinander geplaudert hatte, bat Josh um Aufmerksamkeit. Es gab vieles zu besprachen. Die Anw�lte der Phelans brannten darauf, die Sache in Angriff zu nehmen.</p><p>Eine einvernehmliche L�sung l�sst sich binnen Sekunden finden, beispielsweise in einer Sitzungspause bei einem mit harten Bandagen gef�hrten Prozess, wenn ein Zeuge ins Stolpern ger�t oder ein neuer Firmenchef einen Neuanfang machen und belastende Auseinandersetzungen aus dem Weg r�umen will. Bis es zu einer solchen Einigung kommt, kann es aber auch Monate dauern, w�hrend sich das Verfahren dem Termin der Hauptverhandlung entgegenschleppt. Die Phelan-Anw�lte tr�umten von einer raschen L�sung, und die Zusammenkunft in Joshs R�umen sollte der erste Schritt auf dem Wege dahin sein. Sie waren fest �berzeugt, dass ihnen schon bald Millionen in den Scho� fallen w�rden.</p><p>Josh er�ffnete die Gespr�che mit dem diplomatischen Hinweis darauf, dass die Erfolgsaussichten der Testamentsanfechtung recht d�rftig seien. Zwar sei ihm nichts von der Absicht seines Mandanten bekannt gewesen, ein eigenh�ndiges Testament hervorzuzaubern und damit ein Chaos anzurichten, dennoch m�sse man sich dar�ber klar sein, dass es sich um ein g�ltiges Testament handele. Erst einen Tag davor habe er zwei volle Stunden mit Troy Phelan �ber dem anderen neuen Testament zugebracht und sei bereit zu bezeugen, dass dieser genau gewusst habe, was er tat. �berdies werde er, sofern sich das als n�tig erweise, bezeugen, dass sich Snead bei ihrem Gespr�ch zu keinem Zeitpunkt auch nur in der N�he befunden hatte.</p><p>Die drei Psychiater, die Mr. Phelan begutachtet hatten, seien sorgf�ltig von dessen Kindern und fr�heren Gattinnen sowie von deren jeweiligen Anw�lten ausgew�hlt worden und verf�gten �ber einwandfreie Zeugnisse und Referenzen, w�hrend die vier zur Zeit von der Gegenseite aufgebotenen Psychiater nicht w�ssten, wovon sie sprachen; ihre Gutachten seien fragw�rdig. Sollte es zu einer Auseinandersetzung zwischen den Gutachtern kommen, w�rden sich seiner festen �berzeugung nach die drei urspr�nglichen mit ihrem Votum durchsetzen. Wally Bright trug seinen besten Anzug, was allerdings nicht viel hie�. Er nahm die kritischen �u�erungen mit zusammengebissenen Kinnbacken auf und hatte die Unterlippe zwischen die Z�hne gezogen, damit ihm nichts Dummes entfuhr. Er machte sich �berfl�ssige Notizen, weil auch alle anderen das taten. Es entsprach nicht seinem Wesen, ruhig dazusitzen und sich solch herabsetzende �u�erungen anzuh�ren, nicht einmal, wenn ein so bekannter Anwalt wie Josh Stafford sie von sich gab. Aber f�r den Geldbetrag, um den es ging, w�rde er alles tun. Letzten Monat, also im Februar, hatte seine kleine Kanzlei zweitausendsechshundert Dollar an Honorar eingenommen und die �blichen viertausend an laufenden Kosten verursacht, so dass f�r ihn nichts �briggeblieben war. Nat�rlich hatte er den gr��ten Teil seiner Zeit mit dem Fall Phelan verbracht.</p><p>Als Josh die Aussagen ihrer Mandanten zusammenfasste, begab er sich auf d�nnes Eis. �Ich habe mir die Videoaufnahmen der Befragungen angesehen�, sagte er betr�bt. �Offen gestanden bin ich �berzeugt, dass Ihre Mandanten mit Ausnahme von Mary ROSS bei einem Prozess eine sehr schlechte Figur abgeben werden.�</p><p>Die Anw�lte lie�en das unkommentiert. Hier handelte es sich um eine Besprechung, die zu einem Vergleich f�hren sollte, nicht um einen Prozess.</p><p>Josh hielt sich nicht l�nger mit den Phelan-Kindern auf. Je weniger �ber sie gesagt wurde, desto besser. Ihren Anw�lten war klar, dass ihre Mandanten vor den Geschworenen gnadenlos blo�gestellt w�rden.</p><p>�Damit kommen wir zu Snead�, sagte er. �Auch die Aufzeichnung seiner Befragung habe ich mir angesehen. Lassen Sie mich sagen, dass es ein schrecklicher Fehler w�re, ihn als Zeugen zu benennen. Meiner Auffassung nach bewegt sich das hart am Rande rechtswidrigen Verhaltens.�</p><p>Bright, Gettys, Langhorne und Yancy beugten sich noch tiefer �ber ihre Notizen. Der Name Snead war f�r sie inzwischen so etwas wie ein Schimpfwort geworden, und sie versuchten sich gegenseitig die Schuld daran zuzuschieben, dass die Sache so verfahren war. Der blo�e Gedanke an den Mann raubte ihnen den Schlaf- da hatten sie eine halbe Million f�r jemanden ausgegeben, der als Zeuge v�llig wertlos war.</p><p>�Ich kenne Snead seit fast zwanzig Jahren�, sagte Josh und malte eine volle Viertelstunde lang das Bild eines m��ig t�chtigen Butlers, eines Faktotums, das nicht immer zuverl�ssig war, eines Dieners, von dem Mr. Phelan oft gesagt hatte, er werde ihn vor die T�r setzen. Sie glaubten ihm jedes Wort.</p><p>Damit war das Thema Snead erledigt. Es gelang Josh, ihren Hauptzeugen unm�glich zu machen, ohne auch nur zu erw�hnen, dass man ihn mit f�nfhunderttausend Dollar bestochen hatte, damit er seine Version der Geschich-</p><p>te vortrug.</p><p>Damit war auch Nicolette erledigt. Sie hatte ebenso gelogen wie ihr Kumpan.</p><p>Weitere Zeugen aufzutreiben war den Anw�lten nicht gelungen. Zwar gab es im Unternehmen eine gewisse Anzahl unzufriedener Angestellter, doch war von denen keiner bereit, vor Gericht auszusagen. Ohnehin w�rde man sie als befangen betrachten. Dann gab es noch zwei Konkurrenten, die Troy aus dem Rennen geworfen hatte, die aber nichts �ber seinen Geisteszustand h�tten Aussagen k�nnen.</p><p>Mithin m�sse man sagen, beschloss Josh seine Ansprache, dass die Anfechtung auf schwachen F�ssen stehe. Andererseits sei man bei einer Verhandlung vor einem Geschworenengericht nie vor �berraschungen sicher. Dann kam er auf Rachel Lane zu sprechen. Es klang, als kenne er sie seit vielen Jahren. Er hielt sich nicht mit Einzelheiten auf, gab aber genug allgemeine Informationen preis, um den Eindruck zu erwecken, als sei er gut mit ihr bekannt. Es handele sich um eine reizende Frau, die ein sehr schlichtes Leben in einem unterentwickelten Land f�hre und nichts von gerichtlichen Auseinandersetzungen halte. Sie gehe Kontroversen grunds�tzlich aus dem Weg und habe f�r keinerlei Art von Zank und Streit etwas �brig. Au�erdem habe sie dem alten Troy n�hergestanden, als den meisten Menschen bekannt sei.</p><p>Hark wollte Josh fragen, ob er ihr je begegnet sei. Hatte er sie je gesehen? Je ihren Namen geh�rt, bevor das Testament verlesen wurde? Aber es war weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort f�r Mi�t�ne. Demn�chst w�rde eine Menge Geld auf den Tisch gelegt werden, und Harks Anteil betrug siebzehnein-halb Prozent. Ms. Langhorne hatte sich �ber die Stadt Corumba kundig gemacht und fragte sich erneut, was eine zweiundvier-zigj�hrige Amerikanerin an einem solchen Ort verloren hatte. Sie und Get-tys hatten, ohne dass Bright und Yancy davon wussten, in aller Stille ein Vertrauensverh�ltnis aufgebaut. Sie hatten lange miteinander �ber die M�glichkeit beraten, gewissen Reportern Hinweise auf Rachel Lanes Aufenthaltsort zukommen zu lassen. Bestimmt w�rde die Presse sie da unten finden. Man w�rde sie ausr�uchern, und die Welt w�rde im Laufe der Zeit erfahren, was sie mit dem Erbe vorhatte. Falls sie es wirklich nicht wollte, was ihren geheimsten Hoffnungen und Tr�umen entsprach, konnten ihre Mandanten verlangen, dass man den gesamten Betrag unter ihnen aufteilte. Die Sache war riskant, und sie waren sich nach wie vor nicht einig, wie sie vorgehen sollten.</p><p>�Was hat Rachel Lane mit dem ganzen Geld vor?� fragte Yancy.</p><p>�Das ist noch nicht entschieden�, sagte Josh, als unterhielte er sich jeden Tag mit Rachel �ber das Thema. �Wahrscheinlich wird sie das meiste an wohlt�tige Einrichtungen geben und lediglich einen Bruchteil f�r sich behalten. Ich denke, das ist auch der Grund, warum Troy sie zur Universalerbin eingesetzt hat. Er war fest �berzeugt, dass das Geld keine drei Monate vorhalten w�rde, wenn Ihre Mandanten es bek�men. Indem er es Rachel hinterlie�, konnte er sicher sein, dass es f�r Menschen verwendet wird, die es brauchen.�</p><p>Nach diesen Worten trat eine lange Pause ein. Tr�ume zerplatzten wie Seifenblasen. Es gab also jene Rachel Lane doch, und sie dachte offenbar nicht daran, das Erbe auszuschlagen.</p><p>�Warum ist sie nicht selbst hier aufgetaucht?� fragte Hark schlie�lich.</p><p>�Nun, man muss die Frau kennen, um diese Frage zu beantworten. Geld bedeutet ihr nichts. Sie hatte nicht damit gerechnet, im Testament ihres Vaters bedacht zu werden, und merkt nun mit einem Mal, dass sie Milliarden geerbt hat. Sie steht nach wie vor unter Schock.�</p><p>Eine weitere lange Pause trat ein, in der die Phelan-Anw�lte auf ihren Blocks herumkritzelten. �Falls n�tig, sind wir bereit, bis zum Obersten Gericht zu gehen�, sagte Langhorne schlie�lich. �Ist der Frau klar, dass das Jahre dauern kann?�</p><p>�Absolut�, gab Josh zur Antwort. �Genau das ist einer der Gr�nde, warum sie mich gebeten hat, Vergleichsm� g-lichkeiten zu sondieren.�</p><p>Na also. Es ging also doch weiter.</p><p>�Wo fangen wir an?� fragte Wally Bright.</p><p>Das war eine schwierige Frage. Einerseits stand da sozusagen ein Topf voll Gold, der rund elf Milliarden wert war. Erbschaftssteuern d�rften mehr als die H�lfte ausmachen, womit immer noch rund f�nf Milliarden zum Herumspielen blieben. Auf der anderen Seite standen die Phelan-Kinder, die bis auf Ramble praktisch pleite waren. Wer w�rde als erster eine Zahl nennen? Wie hoch w�rde sie sein? Zehn Millionen pro Kopf? Oder hundert?</p><p>Josh hatte sich alles zurechtgelegt. �Wir sollten mit dem Testament anfangen�, sagte er. �Einmal vorausgesetzt, dass es als g�ltig anerkannt wird, legt es in unmissverst�ndlichen Worten fest, dass kein Nachkomme, der es anficht, mit irgendeiner Zahlung rechnen darf. Dieser Passus bezieht sich auf Ihre Mandanten, und deshalb fangen Sie bei null an. Als n�chstes sieht das Testament f�r jeden Ihrer Mandanten einen Betrag in H�he ihrer Schulden zum Zeitpunkt von Troy Phelans Tod vor.� Josh hob ein weiteres Blatt und warf einen kurzen Blick darauf. �Soweit uns bekannt ist, hat Ramble Phelan bislang keine Schulden. Geena Phelan Strong hatte am Stichtag, dem neunten Dezember, vier-hundertzwanzigtausend Dollar Schulden, Libbigail und Spike rund achtzigtausend, Mary ROSS und der Orthop�de, mit dem sie verheiratet ist, neunhunderttausend. Troy Junior hatte sich zwar in diversen Konkursverfahren des gr��ten Teils seiner Schulden entledigt, stand aber immer noch mit hundertdrei�igtausend Dollar zu Buche. Den Vogel schie�t Rex ab, denn wie wir alle wissen, standen er und seine reizende Gattin Amber am neunten Dezember mit insgesamt sieben Millionen sechshunderttausend Dollar in der Kreide. Haben Sie gegen diese Darstellung irgendwelche Einw�nde zu erheben?�</p><p>Das war nicht der Fall. Die Zahlen stimmten. Den Anw�lten ging es ausschlie�lich um die n�chste Zahl.</p><p>�Nate O'Riley hat sich mit seiner Mandantin in Verbindung gesetzt. Weil ihr daran liegt, die Sache aus der Welt zu schaffen, bietet sie jedem der Nachkommen zehn Millionen Dollar.�</p><p>Noch nie hatten die Anw�lte so rasch geschrieben und gerechnet. Hark hatte drei Mandanten; siebzehneinhalb Prozent bedeuteten f�r ihn ein Honorar von f�nfeinviertel Millionen. Geena und Cody hatten einem Erfolgshonorar in H�he von einem F�nftel f�r Langhorne zugestimmt, womit ihre kleine Kanzlei zwei Millionen einnehmen w�rde. Das gleiche galt f�r Yancy, vorbehaltlich der Genehmigung durch das Gericht, da Ramble noch minderj�hrig war. Und Wally Bright, der Winkeladvokat, der seinen Lebensunterhalt damit zusammenkratzte, dass er an den Warteh�uschen von Bushaltestellen z�gige Scheidungen anpries, w�rde entsprechend dem skrupellosen Vertrag, den er mit Libbigail und Spike geschlossen hatte, die H�lfte der zehn Millionen kassieren.</p><p>Wally Bright reagierte als erster. Obwohl sich sein Herz wie ein Eisklumpen anf�hlte und seine Speiser�hre wie von einer st�hlernen Klammer umschlossen war, brachte er mit betr�chtlicher Dreistigkeit heraus: �Meine Mandantin denkt gar nicht daran, sich mit weniger als f�nfzig Millionen zufriedenzugeben.� Obwohl er nicht wusste, wie viele Nullen diese Zahl hatte, sagte er sie mit der Miene eines Menschen, der es gewohnt ist, in Las Vegas die Bank zu sprengen.</p><p>Auch die anderen sch�ttelten den Kopf. Stirnrunzelnd bem�hten sie sich, den Eindruck zu erwecken, als widere sie der angebotene l�cherliche Betrag geradezu an, w�hrend sie in Wahrheit bereits �berlegten, wie sie das Geld ausgeben w�rden.</p><p>Sie hatten sich darauf geeinigt, sofern von Geld gesprochen wurde, auf keinen Fall weniger als f�nfzig Millionen pro Erben zu akzeptieren. Vor der Besprechung hatte das gut geklungen. Jetzt sahen die zehn Millionen, die als Angebot auf dem Tisch lagen, ausgesprochen verlockend aus.</p><p>�Das entspricht etwa einem Prozent des Netto-Nachlasses�, sagte Hark.</p><p>� So kann man das sehen �, sagte Josh. � Es gibt eine ganze Reihe von M�glichkeiten, die Sache zu betrachten. Ich fange aber lieber bei null an, denn da befinden Sie sich zur Zeit, und arbeite mich nach oben, als dass ich den ganzen Nachlass ins Auge fasse und mich nach unten arbeite.�</p><p>Doch da Josh an ihrem Vertrauen gelegen war, sagte er, nachdem sie eine Weile mit Zahlen jongliert hatten: �Wenn ich einen der Nachkommen zu vertreten h�tte, w�rde ich auch zehn Millionen nicht akzeptieren.�</p><p>Sie erstarrten und h�rten aufmerksam zu.</p><p>�Rachel Lane ist nicht knauserig. Ich denke, dass Nate sie �berreden k�nnte, sich mit zwanzig Millionen f�r jeden Erben einverstanden zu erkl�ren.�</p><p>Damit verdoppelten sich ihre Honorare. �ber zehn Millionen f�r Hark. Vier Millionen f�r Langhorne und Yancy. Der arme Wally, der jetzt bei zehn stand, hatte pl�tzlich einen Anfall von Diarrh�e und bat, hinausgehen zu d�rfen.</p><p>Nate war eifrig dabei, einen T�rrahmen zu streichen, als sein Mobiltelefon summte. Josh hatte verlangt, dass er das verdammte Ding st�ndig in Reichweite hatte.</p><p>�Falls es f�r mich ist, notieren Sie einfach die Nummer�, sagte Phil. Er ma� gerade eine komplizierte Ecke f�r das n�chste St�ck Spanplatte aus.</p><p>Es war Josh. �Es h�tte gar nicht besser laufen k�nnen�, verk�ndete er. �Ich habe bei zwanzig Millionen pro Nase aufgeh�rt obwohl sie f�nfzig wollten.�</p><p>�F�nfzig?� fragte Nate ungl�ubig.</p><p>�Ja, aber sie sind schon dabei, das Geld auszugeben. Ich m�chte wetten, dass zumindest zwei von ihnen inzwischen beim Mercedes-H�ndler sind.�</p><p>�Und wer gibt es schneller aus, die Anw�lte oder die Mandanten?�</p><p>�Ich w�rde auf die Anw�lte tippen. Ich habe gerade mit Wycliff gesprochen. Wir treffen uns am Mittwoch um drei im Hinterzimmer. Bis dahin m�ssten wir alles fertig haben.�</p><p>�Ich kann es nicht erwarten�, sagte Nate und klappte das Telefon zu. Zeit f�r eine Kaffeepause. Sie setzten sich, den R�cken an die Wand gelehnt, auf den Fu�boden und tranken Milchkaffee.</p><p>�F�nfzig wollten sie?� Inzwischen kannte Phil die Einzel ten. Seit sie allein unten im Keller der Kirche arbeiteten, hatten die beiden kaum noch Geheimnisse voreinander. Das Gespr�ch zwischen ihnen war wichtiger als der Fortschritt, den sie machten. Phil war Geistlicher und Nate Anwalt. So unterlag alles, was gesagt wurde, irgendeiner Art von Amtsgeheimnis.</p><p>�Das ist eine beachtliche Forderung�, sagte Nate. �Aber sie geben sich bestimmt mit viel weniger zufrieden.� �Rechnen Sie damit, dass es zu einem Vergleich kommt?�</p><p>�Klar. Wir treffen uns am Mittwoch beim Richter. Er wird ein bi�chen Druck aus�ben. Bis dahin werden die Anw�lte und ihre Mandanten wohl das Geld schon z�hlen.�</p><p>�Und wann fliegen Sie?�</p><p>�Vermutlich am Freitag. Wollen Sie mitkommen?�</p><p>�Das kann ich mir nicht leisten.�</p><p>�Nat�rlich k�nnen Sie. Meine Mandantin zahlt alles. Sie k�nnen unterwegs mein geistlicher Berater sein. Geld spielt keine Rolle.�</p><p>�Es w�re nicht recht.�</p><p>�H�ren Sie, Phil. Ich zeige Ihnen das Pantanal. Sie k�nnen meine guten Freunde Jevy und Welly kennenlernen. Wir unternehmen eine Bootsfahrt.�</p><p>�Sie schildern das sehr verlockend.�</p><p>�Es ist �berhaupt nicht gef�hrlich. Viele Touristen reisen ins Pantanal. Es ist ein phantastisches �kologisches Reservat. Ernsthaft, Phil, falls Sie interessiert sind, kann ich das deichseln.�</p><p>�Ich habe keinen Pass�, sagte er und trank einen Schluck Kaffee. �Au�erdem habe ich hier viel zu tun.�</p><p>Nate plante, eine Woche fortzubleiben, und irgendwie gefiel ihm die Vorstellung, dass es im Keller nach seiner R�ckkehr genauso au�ehen w�rde wie jetzt.</p><p>�Mrs. Sinclair kann jetzt jederzeit sterben�, sagte Phil leise. �Ich kann nicht weg.�</p><p>Man rechnete schon seit mindestens einem Monat mit Mrs. Sinclairs Ableben, so dass Phil sogar Bedenken hatte, nach Baltimore zu fahren, obwohl es sozusagen um die Ecke lag. Es war Nate klar, dass er das Land nie verlassen w�rde.</p><p>�Sie werden die Frau also wiedersehen�, sagte Phil.</p><p>�Ja.�</p><p>�Sind Sie aufgeregt?�</p><p>�Ich wei� nicht. Ich freue mich darauf, aber ich bin nicht sicher, ob sie mich sehen will. Sie ist da unten sehr gl�cklich und m�chte mit dieser Welt hier nichts zu tun haben. Es wird ihr �berhaupt nicht recht sein, dass ich sie wieder mit all dem juristischen Krim bel�stige.�</p><p>�Und warum tun Sie es dann?�</p><p>�Weil es nichts zu verlieren gibt. Wenn sie das Geld wieder nicht will, sind wir in derselben Situation wie jetzt.</p><p>Die Gegenseite bekommt alles.�</p><p>�Das w�re eine Katastrophe.�</p><p>�Ja. Es d�rfte schwierig sein, Menschen zu finden, die weniger geeignet sind, mit gro�en Betr�gen umzugehen, als die Phelan-Nachkommen. Sie bringen sich damit nur um.�</p><p>�K�nnen Sie das Rachel nicht erkl�ren?�</p><p>�Das habe ich versucht. Sie will nichts davon h�ren.�</p><p>�Und sie wird es sich nicht anders �berlegen?�</p><p>�Nein. Nie.�</p><p>�Das hei�t, die Fahrt dorthin ist Zeitverschwendung?�</p><p>�Ich f�rchte, ja. Aber wir wollen es zumindest versuchen.�</p></section><section><title><p>F�NFZIG</p></title><p>Mit Ausnahme Rambles bestanden alle Phelan-Nachkommen darauf, sich w�hrend der Besprechung zwischen den Anw�lten und Richter Wycliff entweder im Gericht selbst oder in Steinwurfweite davon entfernt aufzuhalten. Jeder von ihnen hatte ein Mobiltelefon zur Hand, jeder der Anw�lte im Richterzimmer ebenfalls.</p><p>Mandanten und Anw�lte hatten nicht viel geschlafen in den letzten beiden N�chten.</p><p>Wie oft im Leben wird man schon auf einen Schlag Million�r? Zumindest f�r die Phelan-Nachkommen w�rde es ein Ereignis sein, das zweimal stattfand, und jeder von ihnen nahm sich vor, diesmal weit �berlegter mit dem Geld umzugehen. Noch einmal w�rden sie dazu keine Gelegenheit bekommen.</p><p>Sie gingen auf den G�ngen des Gerichtsgeb�udes auf und ab und warteten. Sie rauchten drau�en vor dem Haupteingang. Sie sa�en in ihren warmen Autos auf dem Parkplatz und rutschten unruhig hin und her. Sie sahen auf die Uhr, versuchten Zeitung zu lesen oder machten m�hsam Konversation, wenn sie einander zuf�llig �ber den Weg liefen.</p><p>Nate und Josh sa�en auf der einen Seite des Richterzimmers. Nat�rlich trug Josh einen teuren dunklen Anzug. Nate war in einem Jeanshemd mit wei�en Farbflecken auf dem Kragen gekommen und trug keine Krawatte.</p><p>Jeans und Wanderstiefel rundeten seinen Aufzug ab.</p><p>Wycliff wandte sich zuerst an die Phelan-Anw�lte auf der anderen Seite des Raumes. Er wies sie darauf hin, dass er, zumindest zum gegenw�rtigen Zeitpunkt, nicht daran denke, Rachel Lane vom Verfahren auszuschlie�en. Zu viel stehe f�r sie auf dem Spiel. Mr. O'Riley vertrete ihre Interessen in angemessener Weise, und daher werde das Verfahren den vorgeschriebenen Gang gehen.</p><p>Der Zweck der Zusammenkunft war es, die M�glichkeiten eines Vergleichs auszuloten. In jedem Zivilprozess ist einem Richter daran gelegen, eine Einigung herbeizuf�hren. Zwar freute sich Wycliff insgeheim auf eine sich m�glichst lang hinziehende, h�ssliche Auseinandersetzung der Parteien vor Gericht, die in der �ffentlichkeit gro�es Aufsehen erregen w�rde. Das aber durfte er sich keinesfalls anmerken lassen. Er war von Amts wegen verpflichtet, beide Seiten mit allen verf�gbaren Mitteln zu einem Vergleich zu bewegen, sei es durch sanften Druck, sei es durch �berredung.</p><p>In diesem Fall aber war weder Druck noch �berredung erforderlich.</p><p>Er hatte alle vorgelegten Dokumente und Antr�ge gr�ndlich durchgearbeitet und sich jede Minute der Zeugenbefragungen auf Band angesehen. Er fasste seine Einsch�tzung der Lage zusammen und teilte Hark, Bright, Langhorne und Yancy als seine wohlerwogene Schlussfolgerung mit, dass ihre Sache seiner Meinung nach nicht besonders g�nstig stehe.</p><p>Sie nahmen diese Mitteilung, die sie nicht �berraschte, mit Fassung auf. Das Geld war zum Greifen nahe, und sie wollten es unbedingt haben. Beleidige uns, soviel du willst, sagten sie sich, aber komm zur Sache, n�mlich zum Geld.</p><p>Andererseits, sagte Wycliff, kann man nie wissen, was Geschworene entscheiden werden. Er tat so, als stelle er jede Woche eine Geschworenenliste zusammen, was nicht der Fall war. Auch den Anw�lten war das bekannt.</p><p>Er forderte Josh auf vorzutragen, was bei der ersten Vergleichsbesprechung am Montag, vor zwei Tagen, gesagt worden war. �Ich m�chte genau wissen, wo wir stehen�, erkl�rte er.</p><p>Josh fasste sich kurz. Alles lie� sich in wenigen S�tzen sagen. Jeder der Nachkommen fordere f�nfzig Millionen Dollar. Rachel, die Universalerbin, biete jedem zwanzig Millionen an, und zwar auf der Basis eines au�ergerichtlichen Vergleichs, ohne damit einen Rechtsanspruch der anderen anzuerkennen.</p><p>�Die genannten Betr�ge weichen betr�chtlich voneinander ab�, merkte Wycliff an.</p><p>Nate war zwar gelangweilt, bem�hte sich aber, wachsam zu erscheinen. Immerhin ging es bei dieser Verhandlung um eins der bedeutendsten Verm�gen auf der ganzen Welt, das je von einem einzelnen Menschen zusammengetragen worden war. Josh hatte Nate wegen seiner Kleidung getadelt, doch das lie� ihn kalt. Er hielt sein Interesse wach, indem er aufmerksam die Gesichter der ihm gegen�ber sitzenden Anw�lte studierte. Sie wirkten unruhig, nicht etwa besorgt oder �ngstlich, sondern eher so, als k�nnten sie es nicht abwarten zu erfahren, wie viel sie bekommen w�rden. Ihre Augen huschten umher, ihre Handbewegungen waren fahrig-Was f�r ein Spa� w�re es doch, einfach aufzustehen, zu erkl�ren, Rachel biete niemandem auch nur einen Cent, und den Raum zu verlassen. Sie w�rden einige Augenblicke wie erstarrt dasitzen und ihn dann jagen wie halbverhungerte Hunde.</p><p>Als Josh fertig war, sprach Hark f�r die Gegenseite. Er hatte sich Notizen gemacht und gr�ndlich �berlegt, was er sagen wollte. Als er einr�umte, der Fall habe sich nicht so entwickelt, wie sie sich das vorgestellt hatten, h�rten sie ihm aufmerksam zu. Ihre Mandanten seien keine guten Zeugen und die neuen Psychiater nicht so zuverl�ssig wie die vorigen drei. Snead sei nicht glaubw�rdig. All das gab er mit bewundernswerter Aufrichtigkeit zu. Statt sich mit juristischen Konstruktionen abzugeben, konzentrierte sich Hark auf die Menschen. Er sprach �ber ihre Mandanten, Phelans Kinder, und r�umte ein, dass sie auf den ersten Blick nicht besonders sympathisch wirkten. Wer sie aber besser kenne, so gut wie ihre Anw�lte, m�sse sich eingestehen, dass sie einfach nie im Leben eine wirkliche Chance gehabt hatten. Als Kinder seien sie verzogen worden, die Kinderm�dchen h�tten sich die T�rklinke in die Hand gegeben, ihr Vater habe nichts von ihnen wissen wollen und entweder gerade in Asien Fabriken gekauft oder in seinem B�ro mit der jeweils neuesten Sekret�rin zusammengelebt. Geld sei immer in H�lle und F�lle da gewesen, ohne dass man daf�r einen Finger habe krumm machen m�ssen. Es sei keinesfalls seine Absicht, das Andenken des Toten herabzusetzen, aber man m�sse Troy Phelan so sehen, wie er gewesen sei. Auch den M�ttern m�sse man ein ger�ttelt Ma� an Schuld f�r die Fehlentwicklung der Kinder geben, doch h�tten sie selbst an Troys Seite ebenfalls die H�lle durchlebt.</p><p>Die Phelan-Kinder seien nun einmal nicht in einer normalen Familie aufgewachsen, und niemand habe ihnen je beigebracht, was die meisten anderen Kinder von ihren Eltern lernen. Der Vater sei ein bedeutender Gesch�ftsmann gewesen, dessen Anerkennung sie gesucht, aber nie bekommen h�tten. Die M�tter h�tten ihre Zeit mit Kaffeekr�nzchen, mildt�tigen Einrichtungen und der Kunst des Einkaufens totgeschlagen. Ihr Vater sei der Ansicht gewesen, sie damit, dass er ihnen zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag f�nf Millionen Dollar gab, hinreichend auf das Leben vorbereitet zu haben. Das sei gleichzeitig viel zu sp�t und viel zu fr�h gewesen. Das Geld habe auf keinen Fall die elterliche Anleitung und Liebe ersetzen k�nnen, die sie als Kinder gebraucht h�tten, und sie h�tten deutlich bewiesen, dass ihnen das Verantwortungsgef�hl abging, das sie f�r den Umgang mit dem schlagartig �ber sie hereingebrochenen Reichtum gebraucht h�tten.</p><p>Zwar h�tte sich diese Zuwendung f�r sie als katastrophal erwiesen, aber zugleich auch einen Reifeproze� ausgel�st. Jetzt, nach vielen Jahren, k�nnten die Phelan-Kinder ihre Fehler im R�ckblick richtig einsch�tzen. Sie empf�nden es als besch�mend, wie un�berlegt sie mit dem Geld umgegangen seien. Man m�sse sich einmal vorstellen, wie das sei, wenn man eines Tages aufwache wie der verlorene Sohn. Genau so aber sei es Rex einst mit zweiunddrei�ig Jahren gegangen: Geschieden und zahlungsunf�hig habe er vor einem Richter gestanden, der im Begriff stand, ihn zu einer Gef�ngnisstrafe zu verurteilen, weil er seinen Unterhaltsverpflichtungen nicht nachgekommen war. Man m�sse sich einmal vorstellen, wie es sei, wenn man elf Tage im Gef�ngnis sitze, w�hrend der Bruder, gleichfalls mittellos und geschieden, die Mutter zu �berzeugen versucht, die Kaution zu stellen. Rex habe ihm gesagt, er h�tte die ganze Zeit in der Haft �berlegt, wo all das Geld geblieben sei.</p><p>Das Leben sei mit den Phelan-Kindern hart umgesprungen. Zwar h�tten sie sich viele ihrer Wunden selbst zuzuschreiben, viele aber seien ihres Vaters wegen unvermeidlich gewesen.</p><p>Dessen eigenh�ndiges Testament nun bilde den kr�nenden Abschluss der Vernachl�ssigung durch ihn. Niemals w�rden sie verstehen, aus welchem Grund der Mann, der sie als Kinder verachtet, als Erwachsene bestraft und als Erben aus seinem Testament gestrichen hatte, ihnen gegen�ber so boshaft gewesen war.</p><p>Hark schloss mit den Worten: �Wie auch immer man die Dinge betrachtet, sie sind und bleiben Abk�mmlinge Troy Phelans, sein Fleisch und Blut, und sie verdienen sicherlich einen angemessenen Anteil am Nachlass ihres Vaters.�</p><p>Als er sich setzte, herrschte Stille im Raum. Mit dieser zu Herzen gehenden Schilderung hatte er Nate, Josh und sogar Wycliff ger�hrt. Vor einem Geschworenengericht w�re er damit nie durchgekommen, weil er in einer �ffentlichen Verhandlung nie h�tte zugeben d�rfen, dass keiner seiner Mandanten einen einklagbaren Anspruch hatte, aber f�r die Situation im Richterzimmer war sein Pl�doyer einfach perfekt gewesen.</p><p>Bei der Rollenverteilung war festgelegt worden, dass Nate die Verf�gung �ber das Geld haben sollte. Er h�tte ohne weiteres eine geschlagene Stunde lang feilschen, tricksen, bluffen und einige Millionen herunterhandeln k�nnen. Aber dazu hatte er einfach keine Lust. Wenn ein Hark Gettys imstande war, mit offenen Karten zu spielen, konnte er das auch. Ohnehin diente die ganze Veranstaltung ja nur der Verschleierung.</p><p>�Was ist Ihr letztes Wort?� fragte er Hark, ohne ihn aus den Augen zu lassen.</p><p>�Das mit dem letzten Wort ist so eine Sache, aber ich denke, f�nfzig Millionen sind angemessen. Ich wei�, dass sich das nach viel anh�rt, und es ist auch eine ganze Menge, aber andererseits muss man auch die H�he des Nachlasses bedenken. Nach Abzug der Steuern reden wir �ber nicht mehr als f�nf Prozent des Gesamtbetrags.� �F�nf Prozent ist nicht sehr viel�, sagte Nate und lie� die Worte zwischen ihnen stehen. Hark sah ihn aufmerksam an, doch die anderen beugten sich eifrig mit gez�ckten Stiften �ber ihre Blc)Cks um alles neu durchzurechnen.</p><p>�Das ist es wirklich nicht�, sagte Hark.</p><p>�Meine Mandantin ist mit f�nfzig Millionen einverstanden� sagte Nate. Vermutlich brachte seine Mandantin gerade kleinen Kindern im Schatten eines Baums am Fluss fromme Lieder bei.</p><p>Wally Bright, der gerade ein Honorar von f�nfundzwanzig Millionen verdient hatte, w�re am liebsten durch den Raum gest�rmt, um Nate die F��e zu k�ssen. Statt dessen runzelte er angestrengt die Stirn und notierte etwas auf seinem Block, was er selbst nicht lesen konnte.</p><p>Nat�rlich hatte Josh das Ergebnis vorhergesehen. Schlie�lich hatten seine Erbsenz�hler die n�tige Vorarbeit geleistet. Wycliff aber war sprachlos. Es war zu einer Einigung gekommen, ein Proze� w�rde nicht stattfinden.</p><p>Er musste den Eindruck erwecken, als sei er damit zufrieden. �Darf ich das so verstehen� sagte er �dass sich die Parteien geeinigt haben?�</p><p>Aus reiner Gewohnheit dr�ngten sich die Phelan-Anw�lte ein letztes Mal um Hark zusammen und versuchten, miteinander zu fl�stern, doch ihnen fehlten die Worte.</p><p>�Wir sind uns einig�, verk�ndete Hark, um sechsundzwanzig Millionen reicher.</p><p>Ganz zuf�llig hatte Josh einen fertigen Vergleichsentwurf zur Hand. Sie machten sich daran, die Leerstellen auszuf�llen, als den Phelan-Anw�lten mit einem Mal ihre Mandanten einfielen. Sie baten um Entschuldigung, eilten in den Gang hinaus und holten ihre Mobiltelefone hervor. Troy Junior wartete neben eifern Getr�nkeautomaten im Erdgeschoss. Geena und Cody lasen in einem leeren Gerichtssaal Zeitung. Spike und Libbigail sa�en in ihrem alten Kleinlaster, der ein St�ck weiter auf der Stra�e stand, und Mary ROSS sa� in ihrem Cadillac auf dem Parkplatz. Ramble war zu Hause im Keller, hatte die T�r abgeschlossen, die K(3pf-h�rer aufgest�lpt und befand sich in einer anderen Welt.</p><p>Um Rechtskraft zu erlangen, musste der Vertrag von Rachel Lane mit ihrer Unterschrift gebilligt werden. Die Phelan-Anw�lte baten darum, die Sache streng vertraulich zu behandeln, und Wycliff erkl�rte sich bereit, die Gerichtsakte einstweilen zu versiegeln. Nach einer Stunde war alles erledigt. Der Vertrag wurde von jedem der Phelan-Erben und ihren Anw�lten unterzeichnet. Auch Nate unterschrieb.</p><p>Nur eine Unterschrift fehlte. Nate teilte ihnen mit, es werde einige Tage dauern, sie zu beschaffen.</p><p>Wenn die w�ssten, dachte er, als er das Gericht verlie�.</p><p>Am Freitag Nachmittag fuhren Nate und der Pfarrer im geleasten Auto des Anwalts zum Flughafen BaltimoreWashington. Phil sa� am Steuer, um sich mit dem Wagen vertraut zu machen. Nate d�ste auf dem Beifahrersitz vor sich hin. Auf der Chesapeake Bay Bridge wurde er wach und las Phil, der alle Einzelheiten wissen wollte, die mit den Erben getroffene Vereinbarung vor.</p><p>Die elegante, gl�nzende Gulfstream IV des Phelan-Konzerns, die zwanzig Menschen an jeden Ort der Erde bringen konnte, stand abflugbereit. Da sich Phil einen Eindruck von dem Flugzeug verschaffen wollte, bat Nate die Piloten, ihnen die Maschine zu zeigen. Das bereitete nicht die geringsten Schwierigkeiten, Mr. O'Rileys Wunsch war ihnen Befehl. �berall in der Kabine sah man Leder und Holz, es gab Sofas, Lehnsessel, einen Besprechungstisch und mehrere Fernsehbildschirme. Ein normaler Passagierflug h�tte Nate gen�gt, aber Josh hatte darauf bestanden, dass er diese Maschine nahm.</p><p>Er sah Phil nach, w�hrend dieser davonfuhr, dann bestieg er das Flugzeug erneut. In neun Stunden w�rde er in Corumba sein.</p><p>Der Stiftungsvertrag war bewusst so knapp und klar formuliert, wie das bei einem so komplizierten juristischen Text �berhaupt m�glich war. Josh hatte seine Leute, die er mit dem Entwurf beauftragt hatte, dazu veranlasst, ihn mehrfach zu �berarbeiten. Sofern Rachel �berhaupt gesonnen war, den Vertrag zu unterschreiben, war es von gr��ter Bedeutung, dass sie seinen Sinn vollst�ndig erfasste. Zwar w�rde Nate da sein, um ihr alles Erforderliche zu erkl�ren, doch er wusste, dass sie mit solchen Dingen nicht viel Geduld hatte.</p><p>Der Vertrag sah vor, dass die gesamte Erbmasse, die Rachel gem�� dem Testament ihres Vaters zufiel, in eine Stiftung eingebracht wurde, die den Namen Rachel-Stiftung tragen sollte, denn etwas Originelleres war ihnen nicht eingefallen. Zehn Jahre lang durfte das Kapital nicht anger�hrt werden; lediglich die auflaufenden Zinsen und sonstigen Ertr�ge konnten f�r wohlt�tige Zwecke verwendet werden. Nach Ablauf dieser zehn Jahre war es nach Gutd�nken der Treuh�nder m�glich, j�hrlich f�nf Prozent des Kapitals zus�tzlich zu den Zinsen und sonstigen Ertr�gen auszugeben, und zwar ausschlie�lich f�r wohlt�tige Zwecke, wobei die Missionst�tigkeit von</p><p>World Tribes Missions im Vordergrund stand. Doch waren die Bedingungen bewusst so formuliert, dass die Treuh�nder das Geld auch f�r nahezu jeden Zweck verwenden konnten, der den Absichten der Stifterin entsprach. Als erste Treuh�nderin war Neva Collier von der Missionsgesellschaft eingetragen worden; sie hatte das Recht, bis zu einem Dutzend weiterer Treuh�nder zu benennen, die gemeinsam mit ihr die Aufgaben bew�ltigen sollten. Die Treuh�nder mussten Rachel auf Verlangen Rechenschaft ablegen, aber sonst niemandem.</p><p>Falls Rachel es w�nschte, w�rde sie selbst das Geld nie zu sehen bekommen. Errichtet w�rde die Stiftung mit Hilfe von der Missionsgesellschaft benannter Anw�lte.</p><p>Es war eine ganz einfache L�sung.</p><p>Lediglich zwei rasche Unterschriften von Rachel Lane, oder wie ihr Nachname auch lautete, waren n�tig. Eine unter den Stiftungsvertrag, die andere unter die Vereinbarung mit den Erben. Sobald das erledigt war, w�rden der Abwicklung des Phelan-Nachlasses keine weiteren Hemmnisse im Weg stehen. Danach konnte Nate tun, was er sich vorgenommen hatte, sich seinen Schwierigkeiten stellen, die unvermeidliche bittere Pille schlucken und danach sein Leben neu aufbauen. Er konnte es gar nicht abwarten, damit anzufangen.</p><p>Falls sie sich weigerte, den Stiftungsvertrag und die Einigungserkl�rung zu unterschreiben, brauchte Nate ihre Unterschrift unter einer Verzichtserkl�rung. Sie hatte das Recht, die Erbschaft auszuschlagen, musste das aber dem Gericht in rechtsverbindlicher Weise mitteilen.</p><p>Eine solche Verzichtserkl�rung w�rde aus Troys Testament ein wertloses Blatt Papier machen. Es w�re zwar g�ltig, lie�e sich aber nicht vollstrecken, und man musste so tun, als h�tte er kein Testament hinterlassen. In diesem Fall w�rde der Nachlass entsprechend der Zahl seiner ehelichen Nachkommen in sechs gleiche Teile geteilt.</p><p>Wie w�rde Rachel reagieren? Er w�nschte sich, dass sie sich freute, ihn zu sehen, aber was das betraf, war er seiner Sache alles andere als sicher. Er erinnerte sich, wie sie dem Boot nachgewinkt hatte, als er mit Jevy abgefahren war, unmittelbar bevor ihn das Fieber erfasst hatte. Sie hatte inmitten der Indianer gestanden und ihm auf immer Lebewohl gewinkt. Sie wollte nicht mit weltlichen Dingen behelligt werden.</p></section><section><title><p>EINUNDF�NFZIG</p></title><p>Valdir wartete schon, als die Gulfstream auf das kleine Empfangsgeb�ude des Flugplatzes von Corumba zurollte, Es war ein Uhr nachts, alles lag verlassen da. Nate sah zu der Handvoll Kleinflugzeuge am anderen Ende der Rollbahn hin und �berlegte, ob es Milton je gelungen war, seine Maschine aus dem Pantanal zu bergen.</p><p>Er und Valdir begr��ten sich wie alte Freunde. Nates gesundes Au�ehen �berraschte den Brasilianer angenehm. Bei ihrer letzten Begegnung war er vom Denguefieber gesch�ttelt gewesen und hatte wie ein Gerippe ausgesehen.</p><p>Sie fuhren in Valdirs Fiat in die Stadt. Die Fenster waren heruntergekurbelt, so dass die warme, feuchte Luft Nate ins Gesicht blies. Die Piloten w�rden ihnen in einer Taxe folgen. Die staubigen Stra�en lagen verlassen da. Niemand war unterwegs. Sie blieben vor dem Hotel Palace stehen. Valdir gab Nate einen Schl�ssel. �Zimmer zweihundertzw�lf�, sagte er. �Um sechs Uhr bin ich wieder da.�</p><p>Nate schlief vier Stunden und wartete schon auf dem B�rgersteig, als sich die Morgensonne zwischen den Geb�uden erhob. Der klare Himmel geh�rte zu den ersten Dingen, die ihm auffielen. Die Regenzeit war seit einem Monat vor�ber. Inzwischen wurde es allm�hlich k�hler, doch sank das Thermometer tags�ber selten unter f�nfundzwanzig Grad.</p><p>In seiner schweren Aktentasche hatte er die Papiere, eine Fotokamera, ein neues Satellitentelefon, ein neues Mobiltelefon, einen Funkrufempf�nger, eine Literflasche mit dem st�rksten Insektenschutzmittel, das zu haben war, ein kleines Geschenk f�r Rachel und zweimal W�sche zum Wechseln. Zu einer langen Khakihose trug er ein Hemd mit langen �rmeln. Zwar mochte es ihm unbehaglich werden, wenn er ein wenig schwitzte, aber kein Insekt w�rde seine R�stung durchdringen.</p><p>Um Punkt sechs Uhr kam Valdir, und sie fuhren zum Flughafen. Langsam erwachte die Stadt zum Leben.</p><p>Valdir hatte den Hubschrauber mit zwei Piloten zum Preis von tausend Dollar die Stunde von einer Firma in Campo Grande gemietet. Er bot vier Personen Platz, und seine Reichweite betrug f�nfhundert Kilometer.</p><p>Valdir und die Piloten hatten Jevys Karten des Xeco und seiner Nebenfl�sse genau studiert. Nachdem die �berschwemmungen zur�ckgegangen waren, war die Orientierung im Pantanal weit einfacher, sowohl auf dem Wasser als auch in der Luft. Fl�sse hatten sich wieder in ihre Betten zur�ckgezogen, Seen lagen da, wo sie hingeh�rten, Fazendas standen nicht mehr unter Wasser und lie�en sich mit Hilfe von Karten aus der Luft finden. W�hrend Nate seine schwere Tasche in den Hubschrauber wuchtete, versuchte er, nicht an seinen vorigen Flug �ber das Pantanal zu denken. Die Vorzeichen standen g�nstig. Auf keinen Fall w�rde er zweimal nacheinander eine Bruchlandung erleben.</p><p>Valdir blieb lieber, wo er war, in der N�he seines Telefons. Er flog nicht gern, schon gar nicht in einem Hubschrauber und erst recht nicht �ber dem Pantanal. Beim Start war der Himmel wolkenlos. Nate legte Bauchgurt und Schultergurte an und setzte einen Helm auf. Von Corumba aus folgten sie dem Paraguay. Fischer winkten ihnen zu. Kleine Jungen, die bis zu den Knien im Wasser standen, hoben den Blick zu ihnen empor. Sie flogen</p><p>�ber eine mit Bananen beladene chalana, die wie sie selbst nach Norden unterwegs war. Dann �ber eine klapprige chalana, die nach S�den fuhr.</p><p>Allm�hlich gew�hnte sich Nate an das Dr�hnen des Rotors und die Schwingungen. �ber seine Kopfh�rer bekam er mit, wie sich die Piloten auf portugiesisch miteinander unterhielten. Er musste an die Santa Loura denken und an den Kater, den er gehabt hatte, als er beim vorigen Mal Corumba in n�rdlicher Richtung verlassen hatte.</p><p>Der Hubschrauber stieg auf sechshundert Meter H�he. Nach einer halben Stunde erkannte Nate Fernandos Handelsniederlassung am Ufer des Flusses.</p><p>Es verbl�ffte ihn zu sehen, wie sehr das Pantanal sein Au�ehen von einer Jahreszeit zur anderen ver�ndert hatte. Zwar war es nach wie vor eine endlose Folge von S�mpfen, Lagunen und Fl�ssen, die wild in alle Richtungen durcheinander str�mten, aber jetzt, nachdem die Fluten zur�ckgegangen waren, wirkte alles viel gr�ner.</p><p>Sie hielten sich �ber dem Paraguay. Der Himmel blieb vor Nates aufmerksamen Augen klar und blau. Er musste daran denken, wie sie damals am Heiligabend mit Miltons Maschine zu Boden gegangen waren. Das Unwetter hatte sich von einem Augenblick zum anderen �ber dem Gebirge zusammengebraut.</p><p>Die Piloten gingen in einer Spiralbewegung auf dreihundert Meter hinunter und machten Handbewegungen, als h�tten sie ihr Ziel gefunden. Nate h�rte das Wort Xeco und sah einen Fluss, der in den Paraguay m�ndete. Nat�rlich hatte er keine Erinnerungen an ihn. Bei seiner ersten Begegnung mit dem Xeco hatte er am Boden des Bootes unter einem Zelt gelegen und gehofft, er werde sterben. Jetzt ging es vom Paraguay aus nach Westen. Die Piloten folgten dem sich windenden Xeco in Richtung auf die bolivianischen Berge. Sie sp�hten mit gr��ter Aufmerksamkeit nach unten. Sie suchten eine blaugelbe cbalana.</p><p>Als Jevy das ferne Ger�usch des Hubschraubers h�rte, schoss er eine orangefarbene Signalrakete ab. Welly tat es ihm nach. Die Raketen brannten grell und zogen eine Spur blauen und silbernen Rauchs hinter sich her. Nach wenigen Minuten kam der Hubschrauber in Sicht. Er zog langsam seine Kreise.</p><p>Jevy und Welly hatten f�nfzig Meter vom Flussufer entfernt mit Haumessern eine Lichtung in ein dichtes Geb�sch geschlagen. Noch vor einem Monat hatte der Boden unter Wasser gestanden. Schwankend senkte sich der Hubschrauber der Erde entgegen.</p><p>Als der Rotor stand, sprang Nate heraus und umarmte seine alten Reisegef�hrten. Er hatte sie �ber zwei Monate nicht gesehen, und es bedeutete f�r alle drei eine �berraschung, dass er mit einem Mal da war.</p><p>Die Zeit war kostbar. Da Nate Gewitter, Dunkelheit, �berschwemmungen und Stechm�cken f�rchtete, wollte er so rasch wie m�glich aufbrechen. Sie gingen zur am Ufer vert�uten cbalana. Neben ihr d�mpelte ein langes, sauberes Beiboot, das aussah, als warte es auf seine Jungfernfahrt. An ihm war ein nagelneuer Au�enbordmotor befestigt, alles vom Phelan-Nachla� finanziert. Nate und Jevy stiegen rasch ein, verabschiedeten sich von Welly und den Piloten und brachen auf.</p><p>Bis zu den Indianersiedlungen sei es eine Strecke von zwei Stunden, erkl�rte Jevy, den Motor �berschreiend. Er war am Vortag mit Welly auf der cbalana eingetroffen. Als sich zeigte, dass der Fluss nicht einmal mehr f�r dies flachb�dige Schiff befahrbar war, hatten sie nahe einer Stelle angelegt, die f�r die Landung des Hubschraubers eben genug war. Dann hatten sie den Fluss mit dem Beiboot erkundet und waren ganz in die N�he des ersten Indianerdorfs gelangt. Jevy hatte die Stelle erkannt und gewendet, bevor man sie h�ren konnte.</p><p>Zwei Stunden, vielleicht drei. Hoffentlich w�rden es keine f�nf, hoffte Nate. Keinesfalls w�rde er auf dem Erdboden, in einem Zelt oder einer H�ngematte schlafen. Nicht das kleinste St�ckchen Haut w�rde er den Gefahren des Urwaldes au�etzen. Die schreckliche Erinnerung an das Denguefieber war noch zu frisch.</p><p>Falls sie Rachel nicht fanden, w�rde er mit dem Hubschrauber nach Corumba zur�ckkehren, mit Valdir gut zu Abend essen, im Hotel in einem Bett schlafen und es am n�chsten Tag erneut versuchen. Sofern es sich als n�tig erweisen sollte, konnte er mit dem Nachlass den verdammten Hubschrauber sogar kaufen.</p><p>Aber Jevy wirkte zuversichtlich, was nicht ungew�hnlich war. Angetrieben von seinem starken Motor, h�pfte das Boot mit dem Bug f�rmlich �ber das Wasser. Wie sch�n, einen Au�enborder zu haben, der mit gleichm��igem, beruhigendem Klang vor sich hin brummte. Sie waren unbesiegbar.</p><p>Das Pantanal fesselte Nate erneut; die Kaimane im seichten Wasser am Ufer, die V�gel, die ganz niedrig �ber der Wasserfl�che flogen, die unglaubliche Abgeschiedenheit. Dort, wo sie waren, gab es keine Fazendas mehr.</p><p>Sie suchten Menschen, deren Vorfahren schon vor Jahrhunderten an derselben Stelle gelebt hatten.</p><p>Noch vor vierundzwanzig Stunden hatte er mit einer Decke auf den Knien auf der Veranda von Joshs H�uschen in St. Michaels gesessen, Kaffee getrunken und zugesehen, wie die Boote in die Bucht einfuhren, w�hrend er darauf wartete, dass Phil anrief und ihm sagte, er wolle jetzt in den Keller gehen. Erst nach einer Stunde im Boot hatte er sich vollst�ndig an seine neue Umgebung gew�hnt.</p><p>Der Fluss kam ihm v�llig unbekannt vor. Bei ihrem ersten Besuch dort hatten sie nicht gewusst, wo sie sich befanden, waren voll Angst gewesen, durchn�sst, hungrig und auf die Angaben eines jungen Fischers angewiesen. Alles war von Wasser bedeckt, sie hatten die �blichen Landmarken nicht sehen k�nnen.</p><p>Nate suchte den Himmel ab, als rechne er mit der M�glichkeit, dass eine Bombe auf sie fiele. Beim geringsten Anzeichen einer dunklen Wolke w�rde er Rei�aus nehmen.</p><p>Dann kam ihm eine Biegung des Flusses bekannt vor. Vielleicht war es nicht mehr weit. W�rde Rachel ihn mit einem L�cheln begr��en, ihn umarmen, sich mit ihm in den Schatten setzen und Englisch reden wollen? Hatte sie ihn m�glicherweise vermisst oder auch nur an ihn gedacht? Hatte sie die Briefe bekommen? Es war Mitte M�rz, eigentlich mussten die f�r sie bestimmten Postsendungen eingetroffen sein. Hatte sie inzwischen ihr neues</p><p>Boot und all die neuen Medikamente?</p><p>Oder w�rde sie vor ihm davonlaufen? W�rde sie sich beim H�uptling verstecken und ihn bitten, sie zu sch�tzen, daf�r zu sorgen, dass der Amerikaner verschwand und nie wiederkam? W�rde er �berhaupt die M�glichkeit haben, sie zu sehen?</p><p>Nate war entschlossen, weniger nachgiebig zu sein als beim vorigen Mal. Es war nicht seine Schuld, dass Troy ein so albernes Testament verfasst hatte, und er konnte auch nichts daf�r, dass sie die uneheliche Tochter dieses Mannes war. Auch wenn sie ebenso wenig etwas am Stand der Dinge �ndern konnte, war ein bi�chen Entgegenkommen nicht zuviel verlangt. Sie brauchte ja nur der Stiftung zuzustimmen oder die Verzichtserkl�rung zu unterschreiben. Er w�rde nicht ohne ihre Unterschrift abreisen.</p><p>Sie konnte der Welt den R�cken kehren, doch immer w�rde sie Troy Phelans Tochter sein. Er forderte ein gewisses Ma� an Mitwirkung. Nate sagte seine Argumente laut vor sich hin. Jevy konnte ihn nicht h�ren.</p><p>Er w�rde sie �ber ihre Halbgeschwister ins Bild setzen und in den grellsten Farben ausmalen, was geschehen w�rde, falls ihnen das gesamte v�terliche Verm�gen in die H�nde fiele. Er w�rde aufz�hlen, welche wohlt�tigen Einrichtungen sie unterst�tzen konnte, einfach indem sie den Stiftungsvertrag unterschrieb. Er probte seinen Auftritt immer wieder.</p><p>Die B�ume an beiden Ufern wurden dichter und bildeten ein undurchdringliches Bl�tterdach �ber dem Wasser. Nate erkannte den nat�rlichen Tunnel wieder. �Sehen Sie, da�, sagte Jevy und wies nach rechts vorn. Dort lag die Stelle, wo sie bei ihrem ersten Besuch die im Fluss badenden Kinder gesehen hatten. Er verlangsamte die Fahrt. Sie schoben sich am ersten Dorf vor�ber, ohne einen einzigen Indianer zu Gesicht zu bekommen. Als die H�tten hinter ihnen lagen, gabelte sich der Fluss, und die Wasserl�ufe wurden schmaler.</p><p>Hier befanden sie sich in vertrautem Gebiet. Sie folgten dem Fluss, der sich fast im Kreise dahinschl�ngelte, tiefer in die W�lder, wobei Lichtungen gelegentlich den Blick auf das ferne Gebirge freigaben. An der zweiten Siedlung legten sie in der N�he des gro�en Baumes an, unter dem sie im Januar die erste Nacht verbracht hatten. Sie traten dort ans Ufer, wo Rachel gestanden und ihnen nachgewinkt hatte. Die Bank stand noch da, die Zuckerrohr-Stangen waren fest miteinander verbunden.</p><p>Nate hielt den Blick unverwandt auf das Dorf gerichtet, w�hrend Jevy das Boot festmachte. Ein junger Indianer kam ihnen �ber den Pfad entgegengelaufen. Man hatte im Dorf den Motor geh�rt.</p><p>Er sprach kein Portugiesisch, gab ihnen aber durch Grunzlaute und Handzeichen zu verstehen, dass sie dort am Fluss bleiben sollten, bis weitere Anweisungen kamen. Wenn er sie erkannt hatte, zeigte er das nicht. Er schien Angst zu haben.</p><p>Es war fast elf Uhr. Sie setzten sich auf die Bank und warteten. Es gab so vieles zu erz�hlen. Jevy hatte chalanas mit Waren �ber die Fl�sse im ganzen Pantanal gef�hrt und gelegentlich auch ein Boot mit Touristen, wof�r es mehr Geld gab.</p><p>Sie sprachen �ber Nates letzten Besuch, wie sie mit dem von Fernande geliehenen Motor �ber den Paraguay gebraust waren, die Schrecken des Krankenhauses, ihre Bem�hungen, Rachel in Corumba zu finden.</p><p>�Ich sage Ihnen�, sagte Jevy, �ich habe mich �berall auf dem Fluss umgeh�rt. Die Frau war nicht in Corumba.</p><p>Sie war nicht im Krankenhaus. Sie haben das getr�umt, mein Freund.�</p><p>Nate war nicht bereit, dar�ber zu diskutieren. Er war seiner Sache selbst nicht mehr sicher.</p><p>Der Eigner der Santa Loura hatte Jevy im ganzen St�dtchen angeschw�rzt. Zwar stimmte es, dass sie gesunken war, w�hrend er die Verantwortung f�r sie hatte, aber alle Welt wusste, dass das Unwetter schuld war. Der Mann war ohnehin ein Dummkopf.</p><p>Wie nicht anders zu erwarten, wandte sich das Gespr�ch schon bald Jevys Zukunftspl�nen in den Vereinigten Staaten zu. Er hatte ein Visum beantragt, brauchte aber einen B�rgen und einen Arbeitsplatz. Nate antwortete ausweichend und hinhaltend, weil er nicht den Mut aufbrachte, ihm zu sagen, dass auch er sich bald nach einer Arbeit w�rde umsehen m�ssen.</p><p>�Ich will sehen, was ich tun kann�, sagte er schlie�lich.</p><p>Jevys Vetter in Colorado suchte gleichfalls Arbeit.</p><p>Eine Stechm�cke kreiste �ber Nates Hand. Instinktiv wollte er sie mit einem kr�ftigen Schlag t�ten, doch dann beobachtete er sie lieber, um einsch�tzen zu k�nnen, wie wirksam sein Superinsektenschutzmittel war. Als die M�cke keine Lust mehr hatte, ihr Zielgebiet aus der Luft zu beobachten, tauchte sie pl�tzlich im Sturzflug dem R�cken seiner rechten Hand entgegen, drehte aber in f�nf Zentimetern Entfernung schlagartig bei und verschwand. Nate l�chelte. Er hatte auch Ohren, Hals und Gesicht mit dem �l eingerieben.</p><p>Bei jemandem, der zum zweiten Mal an Denguefieber erkrankt, treten gew�hnlich innere Blutungen auf. Es ist viel schlimmer als beim ersten Mal und verl�uft oft t�dlich. Soweit w�rde Nate O'Riley es nicht kommen lassen.</p><p>Sie lie�en das Dorf nicht aus den Augen, w�hrend sie miteinander sprachen. Nate entging keine Bewegung. Er rechnete damit, dass Rachel jeden Augenblick mit elegantem Schritt zu ihrer Begr��ung zwischen den H�tten �ber den Pfad auf sie zukam. Bestimmt wusste sie inzwischen, dass der wei�e Mann zur�ckgekehrt war.</p><p>Aber war ihr klar, dass es sich um Nate handelte? Was w�rde geschehen, wenn der Ipica ihn und Jevy nicht erkannt hatte und Rachel f�rchtete, jemand anders h�tte sie gefunden?</p><p>Dann sahen sie den H�uptling langsam auf sich zukommen. Er trug einen langen Zeremonialspeer. Ihm folgte ein Ipica, den Nate erkannte. Sie blieben am Rande des Pfads stehen, gut f�nfzehn Meter von der Bank entfernt. Sie l�chelten nicht. Es kam Nate ganz so vor, als mache der H�uptling einen ausgesprochen finsteren Eindruck.</p><p>Auf portugiesisch fragte er: �Was wollt ihr?�</p><p>� Sagen Sie ihm, dass wir mit der Missionarin sprechen wollen �, sagte Nate, und Jevy dolmetschte das. �Warum?� kam die Antwort.</p><p>Jevy erkl�rte, dass der Amerikaner eine lange Strecke zur�ckgelegt h�tte, und dass es sehr wichtig sei, mit der Frau zu sprechen. Wieder fragte der H�uptling: �Warum?�</p><p>Weil sie �ber Dinge miteinander reden m�ssten, wichtige Dinge, die weder Jevy noch der H�uptling verst�nden. Es sei von gr��ter Bedeutung, sonst w�re der Amerikaner nicht gekommen.</p><p>Soweit sich Nate erinnerte, war der H�uptling lebhaft gewesen, hatte h�ufig gel�chelt und oft laut gelacht. Jetzt war sein Gesicht fast ausdruckslos, und aus f�nfzehn Meter Entfernung wirkten seine Augen hart. Er hatte einmal darauf bestanden, dass sie sich zu ihm ans Feuer setzten und sein Fr�hst�ck mit ihm teilten. Jetzt hielt er sich m�glichst weit von ihnen entfernt. Irgend etwas stimmte nicht. Etwas hatte sich ver�ndert.</p><p>Der H�uptling forderte die Besucher auf zu warten und ging dann langsam wieder ins Dorf zur�ck. Eine halbe Stunde verging. Jetzt musste Rachel wissen, wer sie waren, der H�uptling hatte es ihr bestimmt mitgeteilt. Und sie schien nicht kommen zu wollen.</p><p>Eine Wolke schob sich vor die Sonne, und Nate sah aufmerksam hin. Sie war wei� und faserig, nicht im geringsten bedrohlich, trotzdem jagte sie ihm Angst ein. Wenn er den leisesten Donner in der Ferne h�rte, w�rde er aufbrechen. Im Boot a�en sie einige Waffeln und ein wenig K�se.</p><p>Mit einem Pfiff unterbrach der H�uptling ihren Imbiss. Er war allein aus dem Dorf zur�ckgekommen. Sie be-gegneten einander auf halbem Wege und folgten ihm etwa drei�ig Meter, dann �nderten sie die Richtung und gingen auf einem anderen Pfad hinter den H�tten vorbei. Nate konnte den offenen Dorfplatz sehen. Er war verlassen, kein einziger Ipica ging umher. Keine Kinder spielten. Keine jungen Frauen fegten den Platz um die H�tten frei. Niemand kochte und wusch. Man h�rte keinen Laut. Die einzige Bewegung kam vom aufsteigenden Rauch der Feuer.</p><p>Dann sah er Gesichter in den T�r�ffnungen. Man beobachtete sie. Der H�uptling hielt sie von den H�tten fern, als litten sie an einer schlimmen ansteckenden Krankheit. Er schlug wieder einen anderen Pfad ein, der zwischen den B�umen hindurchf�hrte. Als sie auf eine Lichtung traten, befanden sie sich vor Rachels H�tte.</p><p>Von Rachel war nichts zu sehen. Er f�hrte sie seitw�rts an der T�r vorbei. Dort sahen sie im tiefen Schatten der B�ume die Gr�ber.</p></section><section><title><p>ZWEIUNDF�NFZIG</p></title><p>Die Indianer hatten sorgf�ltig vier wei�e Holzst�cke zurecht-geschnitzt, poliert und mit Ranken zu zwei v�llig gleichen Kreuzen zusammengebunden. Sie waren klein, keine drei�ig Zentimeter hoch, und steckten am unteren Ende beider Gr�ber in der frischen Erde. Nichts stand darauf, weder ein Name noch ein Hinweis auf den Zeitpunkt des Todes.</p><p>Unter den B�umen war es dunkel. Nate stellte seine Tasche auf den Boden zwischen den Gr�bern und setzte sich darauf. Der H�uptling begann leise und rasch zu reden.</p><p>�Die Frau liegt links, Lako rechts. Sie sind vor etwa zwei Wochen am selben Tag gestorben �, dolmetschte Jevy. Der H�uptling sprach weiter. �Seit unserer Abreise sind zehn Menschen an Malaria gestorben�, sagte Jevy.</p><p>Der H�uptling sprach lange, ohne eine Pause zum Dolmetschen zu machen. Nate h�rte die Worte, und doch h�rte er nichts. Er sah auf den ordentlich angeh�ufelten und von gesch�lten �sten umrandeten schwarzen Erdh�gel zur Linken, der ein genaues Rechteck bildete. Dort lag Rachel Lane, der tapferste Mensch, dem er je begegnet war, denn sie hatte nicht die geringste Angst vor dem Tod gehabt. Im Gegenteil, sie hatte ihn willkommen gehei�en. Sie hatte ihren Frieden gefunden. Endlich war ihre Seele bei ihrem Gott, und ihr Leib ruhte auf alle Zeiten inmitten der Menschen, die sie geliebt hatte.</p><p>Neben ihr lag Lako, sein himmlischer Leib frei von jeglichem Makel und Leiden.</p><p>Der Schock kam und ging. Ihr Tod war tragisch, und auch wieder nicht. Sie war keine junge Mutter und Gattin, die Angeh�rige hinterlie�. Sie hatte keinen gro�en Kreis von Freunden, die zusammenkamen, um ihren Hingang zu betrauern. Nur eine Handvoll Menschen in ihrer Heimat w�rde je erfahren, dass sie nicht mehr lebte. Sie hatte als Fremde unter den Menschen gelebt, die sie begraben hatten.</p><p>Er hatte sie gut genug gekannt, um zu wissen, dass sie nicht betrauert werden wollte. Tr�nen w�ren ihr nicht recht, und Nate konnte um sie auch keine vergie�en. Eine Weile sah er ungl�ubig auf das Grab, dann aber meldete sich die Realit�t. Sie war keine alte Freundin, mit der er oft zusammengewesen war; er hatte sie kaum gekannt. Seine Gr�nde, sie zu finden, waren ausschlie�lich selbsts�chtiger Art gewesen. Er war in ihre Privatsph�re eingedrungen, und sie hatte ihn gebeten, nicht zur�ckzukehren.</p><p>Trotzdem schmerzte es ihn, dass sie nicht mehr lebte. Er hatte jeden Tag, seit er das Pantanal verlassen hatte, an sie gedacht. Er hatte von ihr getr�umt, ihre Ber�hrung gesp�rt, ihre Stimme geh�rt, sich an ihre Weisheit erinnert. Sie hatte ihn beten gelehrt und ihm Hoffnung gegeben. Sie war in Jahrzehnten der erste Mensch gewesen, der Gutes in ihm erkannt hatte.</p><p>Nie zuvor war er einem Menschen wie Rachel Lane begegnet, und er vermisste sie schmerzlich.</p><p>Der H�uptling schwieg. �Er sagt, dass wir nicht lange bleiben k�nnen�, sagte Jevy.</p><p>�Warum nicht?� fragte Nate, ohne den Blick von ihrem Grab zu nehmen.</p><p>�Die Geister sagen, dass wir an der Malaria schuld sind. Die Krankheit ist gekommen, als wir zum ersten Mal hier waren. Die Indianer sind nicht gl�cklich, uns hier zu sehen.�</p><p>�Sagen Sie ihm, dass seine Geister ein Haufen Clowns sind.�</p><p>�Er m�chte Ihnen etwas zeigen.�</p><p>Langsam erhob sich Nate und sah den H�uptling an. Sie traten durch die T�r in Rachels H�tte, wobei sie den Kopf einziehen mussten. Der Boden bestand aus gestampfter Erde. Im vorderen der zwei R�ume standen unglaublich primitive M�bel, ein Stuhl aus Zuckerrohr und Ranken und ein Sofa, dessen Beine Holzkl�tze waren und dessen Sitzkissen Strohb�ndel. Der hintere Raum hatte als Schlafzimmer und K�che gedient. Wie die Indianer hatte sie in einer H�ngematte geschlafen. Darunter stand auf einem Tischchen eine Kunststoffschachtel, die einst Medikamente enthalten hatte. Der H�uptling wies darauf und sagte etwas.</p><p>�Da ist was drin, das Sie sich ansehen sollen�, dolmetschte Jevy.</p><p>�Ich?�</p><p>�Ja. Sie hat gewusst, dass sie sterben w�rde, und den H�uptling gebeten, ihre H�tte zu bewachen. Wenn ein Amerikaner kommen w�rde, sollte er ihm die Schachtel zeigen.�</p><p>Nate hatte Angst, sie zu ber�hren. Der H�uptling nahm sie und gab sie ihm. Nate ging nach nebenan und setzte sich auf das Sofa. Der H�uptling und Jevy verlie�en die H�tte.</p><p>Seine Briefe hatten sie nie erreicht, jedenfalls lagen sie nicht in der Schachtel. Au�er einer brasilianischen Kennmarke, wie sie jeder Bewohner des Landes besitzen muss, der kein Ureinwohner ist, enthielt sie drei Briefe von der Missionsgesellschaft. Nate las sie nicht, denn am Boden der Schachtel sah er Rachels Testament.</p><p>Es steckte in einem wei�en Umschlag mit einem brasilianischen Absender. In ordentlichen Druckbuchstaben hatte sie darauf geschrieben: Letzter Wille Rachel Lane Porters.</p><p>Ungl�ubig sah Nate darauf. Mit zitternden H�nden �ffnete er behutsam den Umschlag. Er enthielt zwei gefaltete und durch eine Heftklammer verbundene Brief b�gen. Auf dem ersten stand noch einmal in gro�en Druckbuchstaben Letzter Wille Rachel Lane Porters.</p><p>Nate las:</p><p>Ich, Rachel Lane Porter, Gottes Kind, Bewohnerin Seiner Welt, B�rgerin der Vereinigten Staaten und im Vollbesitz meiner geistigen Kr�fte, setze dies als meinen Letzten Willen fest.</p><p>1. Ich habe keine fr�heren Testamente abgefasst, die ich widerrufen m�sste. Dies ist mein erstes und letztes. Jedes Wort habe ich von Hand geschrieben. Es soll ein eigenh�ndiges Testament sein.</p><p>2. In meinem Besitz habe ich eine Kopie des Testaments meines Vaters, Troy Phelan, vom 9. Dezember 1996, in dem er mich zur Universalerbin seines Verm�gens einsetzt. Ich versuche, dies Testament nach dem Muster des seinigen abzufassen.</p><p>3. Weder schlage ich das auf mich entfallene Erbe aus, noch m�chte ich es antreten, vielmehr ist mein Wunsch, dass mit dem Verm�gen eine Stiftung gegr�ndet wird.</p><p>4. Die Ertr�ge der Stiftung sollen dazu dienen, nachstehende Ziele zu unterst�tzen: a) das Werk der Missionare von World Tribes Missions auf der ganzen Welt fortsetzen, b) die frohe Botschaft des Christentums verbreiten, c) die Rechte der Eingeborenenv�lker Brasiliens und ganz S�damerikas sch�tzen, d) die Hungrigen speisen, die Kranken heilen, den Obdachlosen eine Heimstatt verschaffen und die Kinder retten.</p><p>5. Zum Treuh�nder der Stiftung berufe ich meinen guten Freund Nate O'Riley und gebe ihm die zu ihrer Verwaltung erforderlichen Vollmachten. Zugleich ernenne ich ihn zum Vollstrecker dieses Testaments.</p><p>Gezeichnet am sechsten Tag des Januar 1997 in Corumba, Brasilien.</p><p>RACHEL LANE PORTER</p><p>Er las ihr Testament immer wieder. Der Text auf dem zweiten Blatt war in Maschinenschrift auf portugiesisch abgefasst. Es w�rde eine Weile warten m�ssen.</p><p>Er betrachtete die gestampfte Erde zu seinen F�ssen. Die Luft war stickig und stand vollkommen still. Die Welt schwieg, auch vom Dorf her war kein Laut zu h�ren. Die Ipicas hielten sich immer noch vor dem wei�en Mann und seinen Krankheiten verborgen.</p><p>Fegt man einen Fu�boden aus gestampfter Erde, damit es in der H�tte ordentlich und sauber au�ieht? Und stehen, wenn das Strohdach undicht ist, bei Regen Pf�tzen auf dem Boden und verwandeln ihn in Matsch? An der Wand ihm gegen�ber sah er ein roh gezimmertes Regal mit B�chern - Bibeln, Anleitungen zum Lesen der Bibel, theologische Schriften. Es stand ein wenig schief und neigte sich einige Zentimeter nach rechts.</p><p>Elf Jahre lang war hier ihr Zuhause gewesen.</p><p>Er las das Testament erneut. Am sechsten Januar hatte er das Krankenhaus in Corumba verlassen. Sie war kein Traum gewesen. Sie hatte ihn ber�hrt und ihm gesagt, dass er nicht sterben w�rde. Dann hatte sie ihr Testament geschrieben.</p><p>Das Stroh, auf dem er sa�, raschelte, als er sich bewegte. Er war tief in Gedanken, als Jevy den Kopf zur T�r hereinsteckte und ihm mitteilte: �Der H�uptling m�chte, dass wir gehen.�</p><p>�Lesen Sie das�, sagte Nate und gab ihm die beiden Bl�tter, das maschinenschriftliche obenauf. Jevy trat einen Schritt vor, um etwas sehen zu k�nnen. Er las langsam und sagte dann: �Es handelt sich um eine Erkl�rung von zwei Personen. Die eine ist ein Anwalt, der best�tigt, dass er gesehen hat, wie Rachel Lane Porter in seiner</p><p>Kanzlei in Corumba ihr Testament unterschrieben hat. Sie war bei klarem Verstand und wusste, was sie tat.</p><p>Seine Unterschrift ist amtlich beglaubigt, durch einen, wie sagen Sie noch -�</p><p>�Einen Notar.�</p><p>�Ja, einen Notar. Die zweite Person, hier unten, ist die Sekret�rin des Anwalts. Sie sagt, wie es aussieht, dasselbe. Der Notar beglaubigt auch ihre Unterschrift. Was hat das zu bedeuten?�</p><p>�Ich erkl�re es Ihnen sp�ter.�</p><p>Sie traten in den Sonnenschein hinaus. Der H�uptling hatte die Arme vor der Brust verschr�nkt, seine Geduld schien fast am Ende zu sein. Nate nahm die Kamera aus der Tasche und machte Aufnahmen von der H�tte und den Gr�bern. Er lie� Jevy das Testament halten und hockte sich neben Rachels Grab. Dann hielt Nate es, w�hrend Jevy Aufnahmen machte. Der H�uptling war nicht bereit, sich mit Nate zusammen fotografieren zu lassen, und hielt sich so fern wie m�glich. Er knurrte etwas, und Jevy f�rchtete einen m�glichen Zornesausbruch.</p><p>Sie fanden den Pfad und gingen durch den Wald, mieden auch auf dem R�ckweg das Dorf. Als die B�ume dichter wurden, blieb Nate stehen und wandte sich zu einem letzten Blick auf Rachels H�tte um. Am liebsten h�tte er sie mitgenommen, sie irgendwie in die Vereinigten Staaten transportiert, um sie dort als Denkmal zu bewahren, damit die Millionen Menschen, die Rachels Hand sp�ren w�rden, einen Ort hatten, den sie aufsuchen und wo sie Dank sagen konnten. Auch ihr Grab h�tte er am liebsten mitgenommen. Sie verdiente einen Tempel.</p><p>Das aber w�re das letzte gewesen, was sie gewollt h�tte. Jevy und der H�uptling waren nicht mehr zu sehen, und so eilte Nate weiter.</p><p>Sie erreichten den Fluss, ohne jemanden anzustecken. Der H�uptling knurrte Jevy etwas zu, als sie ins Boot stiegen. �Er sagt, wir sollen nicht wiederkommen�, sagte Jevy.</p><p>�Sagen Sie ihm, dass er sich dar�ber keine Sorgen zu machen braucht.�</p><p>Wortlos warf Jevy den Motor an, und das Boot entfernte sich r�ckw�rts vom Ufer.</p><p>Der H�uptling hatte sich bereits wieder auf den Weg zum Dorf gemacht. Nate fragte sich, ob er Rachel vermis s-te. Elf Jahre hatte sie dort zugebracht. Sie schien betr�chtlichen Einfluss auf ihn gehabt zu haben, hatte ihn aber nicht zu bekehren vermocht. Betrauerte er ihr Dahinscheiden, oder war er erleichtert, dass seine G�tter und Geister jetzt wieder freie Bahn hatten? Was w�rde aus den Ipicas werden, die zum Christentum �bergetreten waren, jetzt, da Rachel nicht mehr bei ihnen war?</p><p>Er musste an die shalyuns denken, die Zauberheiler in den D�rfern, die Rachel das Leben schwergemacht hatten. Bestimmt feierten sie ihren Tod und setzten den von ihr Bekehrten zu. Sie hatte einen guten Kampf gek�mpft, jetzt ruhte sie in Frieden.</p><p>Jevy stellte den Motor ab und steuerte das Boot mit einem Paddel. Die Str�mung war langsam, das Wasser glatt. Vorsichtig klappte Nate die Parabolantenne des Satellitentelefons aus und stellte sie auf eine Bank. Der Himmel war klar, das Signal stark, und binnen zwei Minuten eilte Joshs Sekret�rin auf der Suche nach ihrem Chef durch das Haus.</p><p>�Sag mir, dass sie das verdammte Stiftungsdokument unterschrieben hat, Nate�, waren Joshs ersten Worte. Er schrie sie ins Telefon.</p><p>�Du brauchst nicht zu schreien, Josh. Ich kann dich gut h�ren.�</p><p>�Tut mir leid. Sag mir, dass sie es unterschrieben hat.�</p><p>� Sie hat ein Stiftungsdokument unterschrieben, aber nicht unseres. Sie ist tot, Josh.�</p><p>�Nein!�</p><p>�Doch. Sie ist vor einigen Wochen an Malaria gestorben und hat ein eigenh�ndiges Testament hinterlassen, genau wie ihr Vater.�</p><p>�Hast du das?�</p><p>�Ja. Es ist in Sicherheit. Das ganze Verm�gen flie�t in eine Stiftung. Ich bin Treuh�nder und Testamentsvollstrecker.�</p><p>�Ist das Testament g�ltig?�</p><p>�Ich glaube schon. Sie hat es handschriftlich abgefasst, unterschrieben und datiert. Ein Anwalt in Corumba und seine Sekret�rin haben als Zeugen unterschrieben.�</p><p>�Sieht ganz so aus, als ob es g�ltig w�re.�</p><p>�Und was passiert jetzt?� fragte Nate. Er sah Josh vor sich, wie er am Schreibtisch stand, die Augen konzentriert geschlossen hatte, mit einer Hand den Telefonh�rer hielt und sich mit der anderen Hand �ber das Haar strich. Er konnte ihn beinahe �ber das Telefon Pl�ne schmieden h�ren.</p><p>�Nichts passiert. Troys Testament ist g�ltig. Es wird Punkt f�r Punkt ausgef�hrt, was er festgesetzt hat.�</p><p>�Aber sie ist tot.�</p><p>�Sein Nachlass wird dem ihren zugeschlagen. So was kommt jeden Tag vor, wenn bei einem Autounfall ein Ehepartner heute und der andere einen Tag sp�ter stirbt.�</p><p>�Und die anderen Erben?�</p><p>�Der Vergleich ist bindend. Sie bekommen ihr Geld, besser gesagt, was davon �brigbleibt, nachdem sich die Anw�lte ihr St�ck vom Kuchen abgeschnitten haben. Sie sind die gl�cklichsten Menschen auf der Erde - vielleicht mit Ausnahme ihrer Anw�lte. Anzufechten gibt es nichts: Beide Testamente sind g�ltig. Sieht ganz so aus, als h�ttest du jetzt einen neuen Beruf, Treuh�nder.�</p><p>�Ich habe einen gro�en Ermessensspielraum.�</p><p>�Und eine ganze Menge mehr. Lies es mir vor.�</p><p>Tief in seiner Aktentasche fand Nate, was er suchte, und las� Josh ganz langsam vor, Wort f�r Wort.</p><p>�Mach schnell, dass du nach Hause kommst�, sagte Josh.</p><p>Auch Jevy bekam jedes Wort mit, obwohl er so tat, als betrachte er aufmerksam den Xeco. Als Nate das Gespr�ch beendete und das Telefon wieder verstaute, fragte er: � Geh�rt das Geld Ihnen?�</p><p>�Nein. Es flie�t in eine Stiftung.�</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Stellen Sie sich das wie ein Bankkonto mit einem hohen Haben-Saldo vor, das vor jedem Zugriff von dritter Seite sicher ist und Zinsen abwirft. Der Treuh�nder entscheidet, was mit diesen Zinsen geschieht.�</p><p>Jevy war nach wie vor nicht �berzeugt. Er hatte viele Fragen, und Nate sp�rte seine Zweifel. Es war nicht der richtige Augenblick f�r einen Einf�hrungskurs in die Vorschriften des anglo-amerikanischen Rechts �ber Testamente, Nachl�sse und Stiftungen.</p><p>�Fahren wir�, sagte Nate.</p><p>Erneut wurde der Motor angeworfen, und das Boot flog �ber das Wasser, umrundete Biegungen und lie� eine sch�umende Heckwelle hinter sich.</p><p>Am sp�ten Nachmittag erreichten sie die chalana. Welly angelte. Die Hubschrauberpiloten spielten auf dem Achterdeck Karten. Nate rief Josh noch einmal an und bat ihn, das D�senflugzeug von Corumba zur�ckzubeordern. Er w�rde es nicht brauchen, da er sich mit der R�ckkehr Zeit lassen wollte.</p><p>Josh machte Einw�nde, konnte aber weiter nichts sagen. Die verworrene Angelegenheit des Phelan-Nachlasses war geregelt. Es gab keinen Grund zur Eile.</p><p>Nate sagte den Piloten, dass sie zur�ckfliegen k�nnten, und bat sie, sich in Corumba mit Valdir in Verbindung zu setzen.</p><p>Die Besatzung der chalana sah zu, wie der Hubschrauber insektengleich verschwand, dann warf sie die Leinen los. Jevy stand am Steuerruder, Welly sa� ganz vorn am Bug und lie� seine Fu�spitzen wenige Zentimeter �ber dem Wasser baumeln. Nate legte sich in eine Koje und versuchte ein wenig zu d�sen. Aber das gleichm��ige Stampfen des Diesels gleich hinter der Wand der Kaj�te hinderte ihn, einzuschlafen.</p><p>Das Boot war nur ein Drittel so gro� wie die Santa Loura, und sogar die Kojen waren k�rzer. Nate rollte sich auf die Seite und sah zu, wie die Flussufer vor�berzogen.</p><p>Irgendwie hatte sie gemerkt, dass er kein Trinker mehr war, dass er von seiner Sucht geheilt war und die D�monen, die sein Leben beherrscht hatten, auf alle Zeiten eingesperrt hinter Schlo� und Riegel sa�en. Sie hatte etwas Gutes in ihm erkannt, hatte irgendwie gewusst, dass er auf der Suche war. Sie hatte seine Berufung f�r ihn gefunden. Gott hatte sie ihr gezeigt.</p><p>Jevy weckte ihn nach Einbruch der Dunkelheit. �Wir haben Vollmond�, sagte er. Sie setzten sich an den Bug. Welly, der dicht hinter ihnen am Steuerruder stand, folgte dem Licht des Mondes, w�hrend sich der Xeco dem Paraguay entgegenschl�ngelte.</p><p>�Es ist ein langsames Boot�, sagte Jevy. �Damit brauchen wir zwei Tage bis Corumba.�</p><p>Nate l�chelte. Von ihm aus konnte es einen Monat dauern.</p></section><section><title><p>ANMERKUNGEN DES AUTORS</p></title><p>Das in den brasilianischen Staaten Mato Grosso und Mato Grosso do Sul gelegene Schwemmlandgebiet, das den Namen Pantanal tr�gt, ist von gro�er nat�rlicher Sch�nheit und fasziniert den Besucher. Ich hoffe, dass ich es nicht als einen gro�en Sumpf voller Gefahren beschrieben habe, denn das ist es nicht. Es ist im Gegenteil ein �kologisches Wunder, das viele Touristen anlockt, von denen die meisten lebend nach Hause kommen. Ich war selbst zweimal dort und freue mich auf meinen n�chsten Besuch.</p><p>Mein Freund Carl King, Baptistenmissionar in Campo Grande, hat mich tief ins Pantanal mitgenommen. Ich bin nicht sicher, wie viele seiner Angaben stimmen, aber wir haben vier herrliche Tage damit verbracht, Kaimane zu z�hlen, freilebende Tiere zu fotografieren, Ausschau nach Anakondas zu halten, schwarze Bohnen mit Reis zu essen, uns Geschichten zu erz�hlen, und all das von einem Boot aus, das irgendwie immer kleiner zu werden schien. Ich danke Carl sehr herzlich f�r das Abenteuer.</p><p>Mein Dank gilt auch Rick Carter, Gene McDade, Penny Pyn-kala, Jonathan Hamilton, Fernande Catta-Preta,</p><p>Bruce Sanford, Marc Smirnoff und Estelle Laurence. Au�erdem danke ich, wie jedes Mal, David Gernert daf�r, dass er das Manuskript gr�ndlich durchgearbeitet und das Buch damit besser gemacht hat.</p></section></body><binary id="cover" 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