<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Wolfgang</first-name><last-name>Hohlbein</last-name></author><book-title>Das tote Land</book-title><annotation><p>Alle M�hen waren umsonst gewesen: Skar hatte Uns�gliches auf sich genommen, um den �Stein der Macht� aus der brennenden Stadt Combat zu holen - da war er ihm von Vela in einem Handstreich wieder entrissen worden. Mit den Gef�hrten nimmt Skar die Verfolgung Velas auf. So ziehen sie �ber die gl�sernen Ebenen von Tuan - das �tote Land� - und treffen schlie�lich auf die Hexe und Ehrw�rdige Frau. Die letzte Schlacht scheint unmittelbar bevorzustehen. Da greift der �steinerne Wolf�, der W�chter des Steins aus Combat, in das Geschehen ein ... </p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Enwor" number="3"><sequence name="Der Stein der Macht" number="2"/></sequence></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-01">01 April 2012</date><id>C1BFFFFA-2EF3-447C-934A-82C9D5351907</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>Tosa Verlag</publisher><city>Wien</city><year>1984</year><isbn>ISBN 3-442-24949-X</isbn></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><p><strong>Wolfgang Hohlbein - Die Enwor Saga 3 </strong></p><p><strong>Das tote Land </strong></p><empty-line/><p>Umschlag: Der Graph, Wien </p><p>Illustrationen: Christian Mogg </p><p>Ungek�rzte und genehmigte Lizenzausgabe f�r Tosa Verlag, Wien </p><p>� der Originalausgabe 1984 by Wilhelm Goldmann Verlag GmbH, M�nchen </p><p>� der vorliegenden Ausgabe 1995 by Tosa Verlag, Wien </p><p>Gesamtherstellung: Der Graph, Wien </p><empty-line/><p>Printed in Austria</p><empty-line/><p><emphasis><strong>Coverr�ckseite </strong></emphasis></p><p>Alle M�hen waren umsonst gewesen: Skar hatte Uns�gliches auf sich genommen, um den �Stein der Macht� aus der brennenden Stadt Combat zu holen - da war er ihm von Vela in einem Handstreich wieder entrissen worden. Mit den Gef�hrten nimmt Skar die Verfolgung Velas auf. So ziehen sie �ber die gl�sernen Ebenen von Tuan - das �tote Land� - und treffen schlie�lich auf die Hexe und Ehrw�rdige Frau. Die letzte Schlacht scheint unmittelbar bevorzustehen. Da greift der �steinerne Wolf�, der W�chter des Steins aus Combat, in das Geschehen ein ... </p><empty-line/></section><section><title><p id="_54">1.</p></title><p>Gegen Morgen kam das Fieber, kamen das Fieber und die Tr�ume. Skar hatte den gr��ten Teil der Nacht neben Gowennas Lager zugebracht, stumm wie sie und von Schmerzen und Schw�che, am meisten aber von dem Gef�hl der Hilflosigkeit gepeinigt, das von ihm Besitz ergriffen hatte. Es war eine sinnlose Wache, denn er konnte ihr nicht helfen, nicht einmal Trost zusprechen. Er wollte es auch nicht. Jedes Wort, das er h�tte sagen k�nnen, w�re ihm in ihrer Situation wie grausamer Spott vorgekommen. Sie hatten nicht mehr miteinander geredet; die wenigen Worte, die sie zu ihm gesprochen hatte, schienen ihre gesamten Kraftreserven aufgebraucht zu haben, und sie war in einen unruhigen, von Kr�mpfen und Sch�ttelfrost heimgesuchten Zustand irgendwo zwischen Bewu�tlosigkeit und Schlaf verfallen. Die Nacht breitete einen barmherzigen Schleier aus Dunkelheit �ber ihr zerst�rtes Gesicht, und erst gegen Morgen wurde ihr Schlaf ein wenig ruhiger, keine Agonie mehr, sondern das tiefe, ersch�pfte Ruhen eines K�rpers, der bis �ber die Grenzen des Ertr�glichen hinaus belastet worden war. Daf�r begann Skars Krise, als h�tte das Schicksal nur gewartet, um ihm einen kurzen Blick in seine eigene Zukunft zu gew�hren. Zu Anfang war es lediglich ein dumpfer, kaum wahrnehmbarer Druck hinter seiner Stirn, nur ein Schmerz unter unz�hligen anderen, die seinen zerschundenen K�rper qu�lten, der jedoch rasch st�rker und nach einer Weile zur Qual wurde; ein Schmerz aber, der sich mehr auf geistiger als auf k�rperlicher Ebene auszubreiten begann und dem er sich nicht wie gewohnt entgegenzustellen und ihn zu bek�mpfen vermochte. Er hatte gewu�t, da� er kommen w�rde, so wie in den N�chten zuvor, und doch war es anders. Seine Hand glitt in einer Bewegung, die schon zum Reflex geworden war und die er wie das Luftholen oder Blinzeln schon nicht mehr bewu�t wahrnahm, an seinen Hals und suchte den kleinen Lederbeutel, aber diesmal war nichts mehr da, sein Vorrat an Leben und geliehener St�rke war verschwunden, und das Brennen in ihm wurde st�rker. Er stand auf und ging m�hsam und schleppend und mit h�ngenden Schultern wie ein alter Mann zum entgegengesetzten Rand des Kraters hin�ber, wie ein Tier, das das nahende Ende sp�rt und sich von der Herde absondert, um in Ruhe zu sterben. Es war seltsam - jetzt, wo er wu�te, da� ihn die Droge nicht t�ten w�rde, sch�mte er sich vor den anderen. Er wollte nicht, da� sie sahen, wie er litt, wie er sich herumwerfen und nach dem Gift schreien w�rde, das in seinen Adern pulsierte.</p><p>Er war noch immer stark genug, trotzdem einzuschlafen, einfach, weil er es wollte, aber er wachte immer wieder auf, schweratmend und in Schwei� gebadet und mit klopfendem Herzen, bitteren Blutgeschmack im Mund und mit der Erinnerung an die Bilder, die irgendwo hinter seinen Gedanken lauerten, ohne sich zu zeigen. Er konnte sich - anders als zuvor - nicht an die Tr�ume erinnern, aber irgendwie erschien es ihm, als ob sie immer gleich w�ren, gleich und doch verschieden: so, als s�he er jedesmal eine neue Version ein und derselben Szene. Die Sonne ging auf und lie� den brodelnden Feuerbaldachin Combats verblassen, und es wurde w�rmer, zumindest hier, am Grunde des Kraters, dessen steil aufragende W�nde sie vor dem eisigen Wind sch�tzten. Skars Bewu�tsein begann sich zu verschleiern, zuerst nur zum Teil, als w�ren seine Gedanken entlang einer gezackten Ri�linie gespalten, aber die Grenze, hinter der er noch klar denken konnte, verschob sich, wurde mit jeder Handbreit, die die Sonne am Himmel emporstieg, kleiner, bis er schlie�lich ganz in einem Sumpf aus Fieberphantasien und Qual versank.</p><p>Als er erwachte, war wieder Nacht.</p><p>Es war ein Erwachen, ganz anders als sonst; nicht das pl�tzliche, abrupte Heraufsteigen aus einem langen, st�rkenden Schlaf, sondern ein bizarrer, in Etappen stattfindender, furchteinfl��ender Proze�: langsam und m�hevoll, als w�re sein Geist in einen tiefen, unendlich tiefen Abgrund in seiner eigenen Seele gest�rzt, aus dem er sich nur mit �u�erster M�he emporarbeiten konnte. Das erste, was er sp�rte, war K�lte. Er lag nicht mehr auf dem nackten Boden, auf den er sich gelegt hatte, sondern auf einem Lager aus Kleidern und Stoffetzen, und jemand hatte ihn mit einem Mantel zugedeckt. Seine H�nde und Ellbogen waren zerschrammt und bluteten; wahrscheinlich hatte er um sich geschlagen und sich die Haut an scharfkantigem Lavagestein aufgesch�rft. Seine gebrochenen Rippen schmerzten unertr�glich, aber der Druck hinter seiner Stirn war verschwunden.</p><p><emphasis>War es so leicht? </emphasis>dachte er erschrocken. Hatte er deshalb all die Tage und Wochen der Angst durchgestanden - wegen einer Nacht Fieber und Alptr�ume? Aber noch w�hrend er diesen Gedanken dachte, sp�rte er bereits, wie das Gift schon wieder mit d�nnen, knochigen Fingern bei ihm anklopfte. Es war noch lange nicht vorbei, hatte vielleicht noch nicht einmal richtig begonnen. Alles, was er gewonnen hatte, war eine kurze Erholungspause, ein Moment der Ruhe, nach dem das Gift neu und vielleicht st�rker zuschlagen w�rde.</p><p>Er setzte sich auf, sah sich um und stemmte sich umst�ndlich auf H�nde und Knie hoch. Der Schlaf hatte ihn nicht erfrischt, sondern ihn im Gegenteil Kraft gekostet; er sp�rte es, als er vollends aufstand. Seine H�nde zitterten, und seine Beine schienen das Gewicht seines K�rpers kaum tragen zu k�nnen. Sekundenlang blieb er reglos stehen, hielt sich mit beiden H�nden am rissigen schwarzen Glas der Kraterwand fest und wartete, bis das Schwindelgef�hl schw�cher wurde.</p><p>Trotzdem liefen seine Gedanken mit seltener Klarheit ab. Er sah alles um sich herum wie auf einem Bild, auf dem ein geschickter Maler die wichtigen Details hervorgehoben und alles andere nur mit knappen Strichen angedeutet hatte, ohne da� der Unterschied bewu�t ins Auge fiel. Der Krater war von flachen schwarzen Schatten erf�llt, dazwischen Grau und gl�nzendes schwarzes Glas in allen nur denkbaren Schattierungen, durchwoben mit dem flackernden blutigen Feuerschein der brennenden Stadt. Er fuhr sich mit der Hand �ber die Augen, verzog das Gesicht, als er mit einer ungeschickten Bewegung sein gebrochenes Nasenbein ber�hrte und ein scharfer Schmerz wie die Klinge eines schmalen Silberdolches zwischen seine Augen fuhr, und ging unsicher zu den beiden Sumpfm�nnern hin�ber. Sie hatten sich nicht ger�hrt, die ganze Zeit nicht, seit er aufgewacht war, und vielleicht standen sie schon seit Stunden so da: reglos, zwei kleine, graugekleidete Statuen, die Schattengesichter einander zugewandt, als w�rden sie miteinander reden. Irgendwo wieherte ein Pferd, es war ein Laut, der seltsam verloren klang und die Leblosigkeit der Ebene, die sie umgab, betonte, und f�r einen kurzen Moment drang der Geruch von gebratenem Fleisch durch den Nebel aus Schw�che und �belkeit, der Skars Sinne umgab.</p><p>Einer der beiden El-tra wandte den Kopf, als Skar n�her kam. �Du bist wach.� Frage, Feststellung, aber auch Ausdruck von Besorgnis, alles schien in diesen drei Worten enthalten zu sein. Die Schattenm�nner sprachen selten, und wenn, dann dr�ckten sie selbst dieses wenige mit sparsamen, knappen Worten aus. Und doch vermochten sie mit einem Satz mehr zu sagen, als so mancher, den Skar kannte, in einer stundenlangen Rede.</p><p>Er nickte, blieb eine Arml�nge vor den beiden Sumpfbewohnern stehen und hob erneut die Hand an den Kopf. �Wie lange ... habe ich geschlafen?� fragte er stockend. Der Klang seiner eigenen Stimme versetzte ihn in Schrecken. Er war heiser, und das Sprechen bereitete ihm M�he. Er mu�te geschrien haben. �Den ganzen Tag und die halbe Nacht�, antwortete El-tra, einer der beiden El-tra, ohne da� Skar - obgleich er kaum einen Meter vor ihnen stand - feststellen konnte, welcher.</p><p>�Was ist mit Gowenna?� fragte er. Sein Blick glitt an den beiden Schattenm�nnern vorbei dorthin, wo Gowenna lag, aber er konnte nicht mehr als einen dunklen Umri� vor dem schimmernden Lavaglas der Wand erkennen.</p><p>El-tra hob hastig den Arm und hielt ihn zur�ck, als er zu ihr hin�bergehen wollte. Skar konnte die winzigen feuchten Schuppen seiner Haut f�hlen, obwohl die Hand nicht mehr als ein wirbelnder Schatten war. Ein Gef�hl nach Feuchtigkeit und Sumpf durchstr�mte ihn.</p><p>�La� sie�, bat El-tra. �Sie ist wach, aber sie ...� Zum ersten Mal, seit Skar die Sumpfm�nner kennengelernt hatte, erlebte er, da� einer von ihnen sp�rbar nach den richtigen Worten suchte, und die Erkenntnis erschreckte ihn mehr als alles andere. �Sie will dich nicht sehen�, sagte der Sumpfmann schlie�lich. �Weder dich noch einen von uns. Bist du hungrig?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Dann komm. Wir haben Fleisch und Fr�chte.�</p><p>Einer der Schattenm�nner geleitete ihn zum westlichen Ende des Kraters, w�hrend der andere stumm und ohne die geringste Regung dort stehenblieb, wo er war. Skar sp�rte wieder die K�lte. Der Sturm raste heulend �ber den steinernen Krater hinweg, aber die Windb�en schickten einen eisigen Hauch in den glasierten Kessel hinunter. Skar fr�stelte. Die K�lte schien nicht nur seinen K�rper, sondern auch seine Seele zu ber�hren.</p><p>Dicht vor der Felswand brannte ein Feuer. El-tra hatte die Flammen so geschickt mit Steinen und Teilen ihrer Ausr�stung abgeschirmt, da� ihr Schein selbst aus zwei Schritten Entfernung nicht zu erkennen war. Skar lie� sich mit einem dankbaren Nicken neben der Feuerstelle nieder, hielt die Finger �ber die Flammen und geno� das Prickeln, mit dem sich die K�lte St�ck f�r St�ck aus seinen H�nden entfernte. W�rme... Er wu�te schon gar nicht mehr, was W�rme war. Selbst das Feuer w�rmte nicht wirklich, sondern milderte nur die K�lte.</p><p>El-tra lie� sich auf der anderen Seite des Feuers nieder, griff unter seinen Mantel und reichte Skar stumm eine lederne Feldflasche. Skar trank. Das Wasser schmeckte seltsam, und es dauerte eine Weile, bis Skar begriff, da� es kein Quellwasser, sondern geschmolzener Schnee war. Nach den ersten Schlucken sp�rte er, wie durstig er wirklich war. Zwanzig Stunden Fieber hatten seinem K�rper mehr Fl�ssigkeit entzogen, als er geglaubt hatte. Er leerte die Flasche bis zur H�lfte, setzte sie ab und trank nach einem aufmunternden Nicken des Sumpfmannes auch den Rest. Hinterher war sein Mund so trocken wie zuvor, und als er sich mit der Zunge �ber die Lippen fuhr, sp�rte er, da� sie aufgesprungen und vereitert waren.</p><p>Er gab El-tra die leere Flasche zur�ck, griff nach dem Braten, der in d�nnen Streifen an einem Stock �ber dem Feuer hing, und begann vorsichtig zu essen. Sein Magen revoltierte schon nach dem ersten Bissen; �belkeit stieg in d�nnen, salzigen Linien in ihm auf, aber er zwang sich, weiterzuessen.</p><p>�Tantor?� fragte er mit einer Kopfbewegung auf das Fleisch. El-tra verneinte. �Mein Bruder war in den Bergen�, sagte er, �an der Stelle, die Tantor dir bezeichnet hat. Wir fanden einen Beutel voller Salben und Medizin und etwas Feuerholz. Keine Pferde.� Skar sah verwirrt auf. Er hatte das Wiehern eines Pferdes geh�rt, und selbst jetzt glaubte er von Zeit zu Zeit trotz des monotonen Heulens des Sturmes ein leises Schnauben und Schaben zu h�ren; Pferdehufe, die �ber Gestein schrammten.</p><p>�Vela hat sie zur�ckgelassen�, sagte El-tra, als h�tte er seine Gedanken gelesen. �Die Pferde ihrer Krieger. Sie hat sie auseinandergetrieben, aber wir konnten sie wieder einfangen.�</p><p><emphasis>Vela. </emphasis>Der Klang dieses Namens l�ste irgend etwas in ihm aus, aber er wu�te nicht, was.</p><p>�Wir haben eines der Tiere geschlachtet�, fuhr El-tra fort. �Sein Fleisch wird reichen, bis wir bewohntes Gebiet finden.� Skar beugte sich vor, griff nach einer weiteren Bratenscheibe und bi� hinein. Allm�hlich begann er den Geschmack zu sp�ren. Seine Sinne erwachten nach und nach, aber ein Teil seines Denkens war noch immer verschleiert. Vielleicht nahm er deshalb alles so ruhig hin - er erinnerte sich an jede Einzelheit, die geschehen war, aber es war, als w�ren es nicht <emphasis>seine </emphasis>Erinnerungen, sondern die eines Fremden; Bilder, die irgendwo in seinem Ged�chtnis waren, ohne da� er wu�te, wie sie dorthin gekommen waren, und die ihn nichts angingen.</p><p>�Wie geht es Gowenna?� fragte er noch einmal. Auch seine Stimme begann sich zu normalisieren, wenngleich sie ihm noch immer fremd erschien: heiser und zus�tzlich verzerrt durch die hallenden Echos von den mit Glas �berzogenen Kraterw�nden. �Sie wird leben�, antwortete El-tra. �Aber sie wird nicht mehr die gleiche sein, die sie war.�</p><p>El-tras Worte h�tten Skar erschrecken m�ssen, aber sie taten es nicht. Noch immer erschien ihm alles unwirklich. Szenen eines Traumes. Doch er war nicht mehr der, der er gewesen war. El-tra stand auf, verschwand lautlos in der Dunkelheit und kam nach wenigen Augenblicken zur�ck. In seiner Hand blitzte ein schlankes, silbernes Schwert. Er setzte sich, beugte sich vor, ohne auf die z�ngelnden Flammen zu achten, die an seinem Mantel leckten, und reichte Skar das <emphasis>Tschekal. </emphasis>Skar nahm die Waffe mit gemischten Gef�hlen entgegen.</p><p>Es war <emphasis>sein </emphasis>Schwert, und obwohl es das zweite Mal war, da� er diesen Gedanken dachte, traf ihn die Erkenntnis mit der gleichen grausamen Wucht wie beim ersten Mal. Es war seine Waffe, nicht irgendein Schwert, sondern ein Einzelst�ck, zu dem es auf ganz Enwor keinen passenden Gegenpart gab, so unverwechselbar wie er selbst. Der Rat der Dreizehn hatte es f�r ihn gefertigt und ihm gegeben, das Zeichen seiner W�rde als Satai, verliehen in einer Zeremonie, die zu lange zur�cklag, als da� die Zeit, die seither vergangen war, noch mehr als ein abstrakter Begriff h�tte sein k�nnen. Es war kein St�ck toten, geh�mmerten Metalls, wie die Waffen, die Gowenna und die Sumpfm�nner an ihren Seiten trugen, sondern ein Ding mit einer Pers�nlichkeit und einem Charakter. Er dachte an das, was Gowenna �ber das Schwert gesagt hatte, da� es nichts als ein Ausdruck �bersteigerter M�nnlichkeit, eine Art Ersatzgott sein sollte, aber das stimmte nicht. Die Waffe geh�rte zu ihm, und die d�nnen, silbernen Linien der Gravur auf ihrer Klinge waren ihm so vertraut wie die Linien in seinem Gesicht, der verschlungene f�nfzackige Stern auf ihrem Griff war so wenig von ihm wegzudenken wie die Narbe auf seiner Wange. �Warum wehrst du dich dagegen?� fragte El-tra pl�tzlich. Skar sah auf. Der Sturm trug Schnee in d�nnen, wirbelnden Schleiern �ber den Krater, und eine einzelne Flocke l�ste sich aus seinem br�llenden Griff und sank lautlos auf die Klinge des <emphasis>Tschekal </emphasis>herab, als h�tte sie im letzten Moment ihren Kurs gewechselt, um den z�ngelnden Flammen, die darunter auf sie warteten, zu entgehen. Skar hob die Hand, um sie fortzuwischen, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende, sondern legte die Klinge behutsam neben sich auf den Boden, weit genug vom Feuer entfernt, da� seine Hitze die Schneeflocke nicht erreichen konnte. �Wogegen?� fragte er nach einer Weile. Unn�tig, ein dummes Spiel mit Worten, um das, was er im Grunde l�ngst wu�te, noch einmal hinauszuz�gern, und sei es nur um wenige Sekunden. El-tra l�chelte. Er sah es nicht, aber er sp�rte es durch die wirbelnden Schleier unter seiner Kapuze hindurch.</p><p>�Gegen das, was diese Klinge bedeutet�, sagte der Sumpfmann geduldig. �Del.�</p><p>Skar zuckte beim Klang des Namens sichtlich zusammen. F�r einen winzigen Moment erschien das Bild des h�nenhaften, dunkelhaarigen Satai vor seinen Augen, aber nur, um sofort von einer anderen, schrecklicheren Vision abgel�st zu werden. Del mit einem scharzen Visier, gepanzert von schwarzem Leder und an d�nnen, unsichtbaren F�den h�ngend, deren Bewegungen ein graues Gespenst bestimmte.</p><p>Nat�rlich war Del der schwarze Satai. Er hatte es sofort gewu�t, im allerersten Moment, in dem sie sich gegen�berstanden, aber etwas in ihm hatte sich geweigert, dieses Wissen als Wahrheit anzuerkennen. Er hatte den Gedanken von sich geschoben, ihn irgendwo tief in sich vergraben, aber jetzt, als die unmittelbare Gefahr vor�ber war, kam er mit Macht zur�ck.</p><p>�Warum wehrt ihr euch gegen das Wissen, betrogen worden zu sein?� gab er statt einer direkten Antwort zur�ck.</p><p>�Wir wurden nicht betrogen, Satai�, antwortete El-tra. �Wir dienen Gowenna, doch wir sind nicht mehr als Werkzeuge. Kannst du dein Schwert betr�gen?�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf und griff wieder nach einem St�ck Fleisch, diesmal jedoch nicht aus Hunger, sondern allein, um seine H�nde zu besch�ftigen. �Eine seltsame Philosophie�, murmelte er.</p><p>�Nicht seltsamer als die deine, Satai. Versuche nicht, uns zu verstehen. Wir sind hier. Das gen�gt.�</p><p>Skar seufzte. Vielleicht sollte er wirklich nicht versuchen, diese beiden Wesen, die nicht einmal Menschen waren, zu verstehen, aber es irritierte ihn, in Begleitung zweier M�nner zu sein, deren Reaktionen er noch nicht einmal zu erraten vermochte.</p><p>�Erz�hl mir von Gowenna�, bat er nach einer Weile.</p><p>El-tra sah auf und blickte an ihm vorbei dorthin, wo Gowenna in der Dunkelheit lag, als m�sse er erst mit einem stummen Blick um Erlaubnis fragen. �Es gibt nichts, was du wissen m��test und nicht bereits wei�t�, sagte er schlie�lich. �Wir sind hier, wir dienen ihr, das ist alles.�</p><p>�Und Vela?�</p><p>�Sie ist eine Fremde f�r uns, wie du es warst und wie Del es noch ist.�</p><p>Skar entging die Einschr�nkung in El-tras Worten keineswegs, aber er fragte nicht, was sie zu bedeuten hatte. El-tra w�rde sowieso - wenn �berhaupt - nur mit einem neuen R�tsel antworten. Das kurze Gespr�ch, das Skar am Vorabend des Kampfes mit ihm - oder seinem Bruder - gef�hrt hatte, war das einzige Zeichen von Vertrauen gewesen, das ihm die Sumpfm�nner entgegengebracht hatten, und er sp�rte, da� der n�chste Schritt von ihm ausgehen mu�te. Aber er wu�te nicht einmal, wie er auszusehen hatte. Schlie�lich stand er auf und ging - eigentlich ziellos - ein paar Schritte. Die K�lte griff mit d�nnen, klammen Fingern nach ihm. Er ging zu der Stelle unter der Felswand zur�ck, an der er gelegen hatte, hob seinen Mantel auf und schlug ihn sich um die Schultern, aber der Stoff war feucht und atmete selbst K�lte aus. Er sah in dem Himmel, doch der brodelnde Feuerteppich Combats und die Schneewirbel, die der Sturm vor sich her peitschte, machten es ihm unm�glich, die Zeit zu sch�tzen, die bis zum Sonnenaufgang noch vergehen w�rde.</p><p>Nahe der Stelle, an der der Kampf stattgefunden hatte, gewahrte Skar eine Anzahl flacher l�nglicher Erhebungen. Die Gr�ber von Gowennas Kriegern, die hier so sinnlos gestorben waren. Unter einem dieser flachen H�gel lag Arsan, aber Skar konnte nicht erkennen, unter welchem. Nicht, da� es eine Rolle gespielt h�tte - Arsans Tod war so �berfl�ssig und grausam gewesen wie der der neun Krieger; nur eine weitere Szene in dem brutalen Spiel, das die <emphasis>Errish </emphasis>mit ihnen spielte. So �berfl�ssig wie der Kampf zwischen Del und ihm.</p><p>Skar versuchte vergeblich, sich Klarheit �ber seine eigenen Gef�hle zu verschaffen. Es war nicht das erste Mal, da� er auf einem Schlachtfeld erwachte, aber diesmal versp�rte er weder Triumph noch die Resignation, die sich nach Sieg oder Niederlage einstellten. Es war noch nicht vorbei. Sie hatten eine Schlacht verloren, aber das bedeutete nichts. Gar nichts.</p><p>�Wann brechen wir auf?� fragte er El-tra. Der Schattenmann war ihm gefolgt, ein dunkler Doppelg�nger, der immer einen Schritt hinter und neben ihm blieb.</p><p>�Das liegt bei dir, Satai.�</p><p>�Bei mir?� Skar sah den Sumpfmann einen Herzschlag lang �berrascht an und lachte dann. Doch es klang bitter. �Vielen Dank, da� du mich wieder zum Anf�hrer ernannt hast, El-tra, aber die Frage ist wohl weniger, was ich will, sondern was Gowenna zuzumuten ist.�</p><p>El-tra winkte ab. �Sie ist st�rker, als du glaubst, Skar�, sagte er. �Und ich schw�cher, als ich glaube, ich wei߫, knurrte Skar �bellaunig. Seine Unsicherheit machte sich schlagartig in Zorn und Mi�mut Luft. �Aber ich kann auch mit Fieber reiten.�</p><p>�Es geht nicht darum, was Gowenna kann, Skar�, sagte El-tra. Er sprach leise, wohl, damit Gowenna, deren Lager kaum zehn Meter entfernt war, seine Worte nicht verstand. Skar trat deshalb einen Schritt n�her. �Sie ist schwerverletzt, das stimmt. Aber wenn wir warten wollen, bis sie sich wirklich erholt hat, m�ssen wir eine Woche hierbleiben, wenn nicht noch l�nger. Und das k�nnen wir nicht.�</p><p>Skar sah nach Westen. Die schneegekr�nten Gipfel der Schattenberge hoben sich wie die Zinnen einer meilenhohen Festungsmauer �ber den Horizont: wei�e Giganten mit glitzernden eisigen Diademen, deren Flanken im Widerschein der brennenden Stadt rot und orange loderten, als gl�hten sie unter einem unseligen inneren Feuer. Der Gedanke, da� sie selbst vor wenigen Tagen erst diese Berge �berstiegen haben sollten, erschien ihm mit einem Male l�cherlich.</p><p>�Vielleicht finden wir irgendwo dort oben eine H�hle oder eine Schlucht, in der wir so lange warten k�nnen�, murmelte er. Extra sch�ttelte erneut den Kopf. �Wir werden nicht durch die Berge ziehen, Skar. Gowenna ist nicht in der Lage, den R�ckweg dort entlang durchzustehen. Und du auch nicht�, f�gte er nach einer kaum merklichen Pause hinzu. �Ihr habt den Weg hierher kaum geschafft, und da wart ihr ausgeruht und im Vollbesitz eurer Kr�fte. Au�erdem ist der Winter dort oben bereits hereingebrochen. Es wird jeden Tag k�lter.�</p><p>Skar schwieg. El-tra war kein Mann, mit dem man reden konnte, nur um des Redens willen, und es gab nicht viel Sachliches, was Skar gegen seine Argumentation h�tte vorbringen k�nnen. Es gab nur eine einzige Alternative - aber allein der Gedanke daran lie� Skar fr�steln.</p><p>�Die Ebenen�, sagte er leise.</p><p>El-tra nickte. �Wir wissen nicht, welche Gefahren auf uns warten�, sagte er. �Aber wir wissen, welche Gefahren uns in den Bergen erwarten w�rden. Keine, mit denen wir fertig werden k�nnten. Es sind zehn Tagesm�rsche bis �ber den Pa�, vielleicht f�nfzehn.�</p><p>�Und� - Skar deutete mit einer Kopfbewegung nach S�den - �dort entlang?�</p><p>El-tra �berlegte einen Moment. �Zwei Wochen, vielleicht drei�, antwortete er. �Vielleicht mehr, vielleicht weniger - es hat nicht viel Sinn, Vermutungen anzustellen, wenn wir nicht wissen, was hinter der n�chsten Erhebung auf uns wartet.�</p><p>Skar sah den Sumpfmann scharf an. �Wei�t du es wirklich nicht?� fragte er. �Oder willst du es nicht sagen? Dein Volk lebt seit Jahrtausenden am Rand der Ebenen - ihr m��t mehr dar�ber wissen.�</p><p>Der Sumpfmann gab ein leises, glucksendes Lachen von sich, es war ein Ger�usch, das Skar an platzende Gasblasen und brodelnden Sumpf erinnerte und Bilder in ihm aufsteigen lie�, die er nie selbst gesehen hatte. Irgend etwas, dachte er best�rzt, ist im Inneren des Tempels in Combat mit mir geschehen.</p><p>Er hatte nicht nur gegeben, sondern auch empfangen. Vielleicht mehr, als er jetzt schon zu begreifen imstande war.</p><p>�Wir wissen ein wenig �ber die Ebenen�, gestand El-tra schlie�lich. Sein Umhang bewegte sich raschelnd, als er mit dem Arm eine weit ausholende und doch knappe Geste nach S�den machte, und die Schatten unter seiner Kapuze schienen f�r einen Atemzug zu selbst�ndigem huschendem Leben zu erwachen. �Sicher mehr als ihr�, fuhr er fort, �doch nicht soviel, wie du glaubst.�</p><p>�Aber die S�mpfe von Cosh grenzen an die Ebenen�, widersprach Skar.</p><p>�Und? Welchen Grund sollte es f�r uns geben, sie zu erforschen? Es gibt nichts Lebendes auf den Ebenen, nichts, was uns gef�hrlich werden oder von Vorteil sein k�nnte. Und der s�dliche Rand Tuans mag anders sein als dieser Teil hier oder sein Inneres. Wir werden es herausfinden. F�hlst du dich stark genug, bei Morgengrauen loszureiten?�</p><p>Skar lauschte einen Moment in sich hinein. Sein Herz schlug schnell und hart. Er f�hlte sich schwach und m�de, und in jeder einzelnen Zelle seines K�rpers schien ein winziges, verzehrendes Feuer zu brennen. Aber was El-tra �ber Gowenna gesagt hatte, traf auch auf ihn zu, vielleicht sogar in noch st�rkerem Ma�e. Das Gift war noch lange nicht aus seinem K�rper heraus; wollte er warten, bis er die Wirkung des Rauschmittels vollends �berstanden hatte, w�rden sie eine Woche oder l�nger hierbleiben m�ssen. Er antwortete nicht, aber El-tra deutete sein Schweigen als Zustimmung und wies mit einer Kopfbewegung zum Kraterrand, dorthin, wo sie diesen winzigen k�nstlichen Talkessel vor zwei Tagen betreten hatten. �Mein Bruder und ich werden die Pferde satteln und alles zusammensuchen, was wir an Vorr�ten mitnehmen.� Er ging, und Skar blieb f�r einen Moment allein zur�ck und sah ihm nach, bis er mit der Nacht verschmolzen war und nur noch die leisen Ger�usche seines Hantierens davon k�ndeten, da� es ihn �berhaupt gab. Z�gernd drehte er sich herum, sah - wieder - in die Richtung, in der sich der brodelnde Feuerpilz Combats �ber der Ebene erhob, und senkte schlie�lich den Blick. Alles kam ihm mit einem Male unwirklich vor: diese Stadt dort dr�ben, die tote, verbrannte Ebene, die ich wie ein zerschrundetes Leichentuch rings um sie ausbreitete, der Himmel, in den Flammen ein zuckendes Muster gruben, ihre Lage. Er bewegte sich unschl�ssig und ging dann z�gernd zu Gowenna hin�ber. Einer der Schatten neben ihr bewegte sich, als er n�her kam, stand auf und wandte ihm f�r Sekunden ein nebelverhangenes Gesicht zu, ehe er ging. Diesmal schien er nichts dagegen zu haben, da� Skar mit Gowenna sprach.</p><p>Skar blieb f�r die Dauer von zwei, drei Atemz�gen reglos stehen und sah auf Gowenna hinunter. Sie lag - Zufall oder Absicht - so, da� ihr Gesicht im schwarzen Schlagschatten der Kraterwand verborgen war, aber er f�hlte, da� sie ihn ansah, irgend etwas, eine bestimmte Reaktion, ein Wort, von ihm erwartete. Vielleicht w�re dies der Moment gewesen, ihr zu verzeihen, ihr zu sagen, wie dumm und albern sein und ihr kleines Ringen um Vorherrschaft und Anerkennung gewesen war.</p><p>Aber er tat es nicht. Statt dessen hockte er sich mit angezogenen Knien neben sie, zog den Mantel enger um die Schultern und sah dorthin, wo er ihr Gesicht vermutete. Ein verirrter Lichtstrahl schimmerte auf dem frischen Narbengewebe auf ihren Z�gen, und f�r einen Moment glaubte er einen schwachen Geruch wie von fauligem, verbranntem Fleisch wahrzunehmen.</p><p>�El-tra hat dir gesagt, da� wir bei Tagesanbruch aufbrechen?� meinte Gowenna pl�tzlich.</p><p>Skar mu�te sich mit aller Macht beherrschen, um seinen Schrecken nicht zu zeigen, als er ihre Stimme h�rte. Sie klang kaum mehr menschlich: ein schrilles, h��liches Kr�chzen, aus dem er die Worte nur mit M�he heraush�ren konnte.</p><p>�Ja�, sagte er hastig. �F�hlst du dich kr�ftig genug dazu?� Statt einer Antwort zog Gowenna eine Hand unter den Decken, in die sie eingeh�llt war, hervor und deutete zum anderen Ende des Kraters. �Bring mir... einen Span aus dem Feuer, Skar�, bat sie. Skar z�gerte einen Moment, stand aber dann auf und kam mit einem brennenden Zweig zur�ck. Gowenna stemmte sich m�hsam hoch, nahm ihm die improvisierte Fackel aus der Hand und hielt sie dicht vor ihr Gesicht. Die winzige gelbe Flamme warf zuckende Lichtreflexe �ber die Felswand und ihr Haar und das geronnene Etwas, das einmal ihr Antlitz gewesen war. Skar fuhr zusammen, aber diesmal zwang er sich, sie anzusehen, wortlos und mit steinernem Gesicht, so lange, bis sie selbst den Zweig senkte und die Dunkelheit wie eine schwarze Welle wieder �ber ihren Oberk�rper flutete.</p><p>�Soviel, um deine Frage zu beantworten�, sagte sie. �Wenn man damit reiten kann, so kann ich es.�</p><p>Er wollte etwas darauf erwidern, aber seine Kehle war wie zugeschn�rt. Jetzt, zwei Tage alt, sah die Wunde auf ihrem Gesicht beinahe schlimmer aus als in dem Moment, in dem er sie das erste Mal gesehen hatte - eine schwarzbraune, pockennarbige Maske aus geronnenem Blut und verbranntem Fleisch, die sich wie ein bizarrer Aussatz auf ihr Antlitz gelegt hatte. Skar empfand es als eine grausame Ironie des Schicksals, da� sie jetzt, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, in dem sie bereit war, etwas f�r sich selbst zu tun und ihr wahres Gesicht zu zeigen, nicht mehr dazu f�hig sein w�rde. Gowenna war nie wirklich sie selbst gewesen. Sie hatte immer nur Rollen gespielt, war von einer Maske in die andere geschl�pft und hatte vielleicht nicht einmal wirklich gelebt. Jetzt, wo sie es zum ersten Mal wollte, konnte sie es nicht mehr. Ihr zerst�rtes Gesicht w�rde sie nun dazu zwingen, das zu sein, was sie bisher freiwillig gewesen war: eine Au�enseiterin. Sie war - nun auch sichtbar - anders, ausgesto�en, eine Auss�tzige, der man allenfalls Mitleid und versteckte, schuldbewu�te Ablehnung entgegenbringen w�rde, nur nicht das, was sie gerade jetzt am dringendsten brauchte - Vertrauen. Vertrauen und, wenn schon nicht Liebe, so doch Freundschaft und Offenheit.</p><p>Und dennoch - in dem winzigen Moment, in dem er ihr Gesicht im Schein der Flammen gesehen hatte, hatte ihr Anblick etwas seltsam Warmes, Vertrautes gehabt. F�r einen kurzen, ganz kurzen Augenblick hatte er in ihren Z�gen eine Sch�nheit entdeckt, die vorher nicht dagewesen war, etwas Sanftes und Weiches und M�dchenhaftes, das vielleicht jahrelang tief in ihr geschlummert hatte und erst jetzt hervorbrach.</p><p>Aber dann hob sie den brennenden Zweig erneut in die H�he, und Skar blickte wieder in die zerst�rte Kraterlandschaft, die fr�her einmal das Gesicht einer sch�ner Frau gewesen war. Die Illusion zerplatzte. Er begriff, da� es nur Mitleid gewesen war. �Du ... hast meine Frage noch nicht beantwortet�, sagte sie stockend.</p><p>�Was f�r eine Frage?�</p><p>�Die Frage, ob du in meine Dienste trittst, Skar. Du hattest einen Tag und zwei N�chte Zeit, dar�ber nachzudenken.�</p><p>Skar l�chelte. �Ich dachte, du h�ttest es vergessen�, sagte er. �Vergessen?� Gowenna lachte; ein Laut, der grausam und eher wie ein Schmerzensschrei klang. �Es war mein Ernst, Skar. Ich brauche dich.�</p><p><emphasis>�Du </emphasis>brauchst mich?� wiederholte Skar ungl�ubig. �Wozu? Als Schwertf�hrer? Als Werkzeug, um deine Rache an Vela zu vollziehen? Kaum.� Er sch�ttelte den Kopf, seufzte und schwieg sekundenlang. Es war zu fr�h, dachte er. Sie waren beide mehr tot als lebendig und hatten, was geschehen war, noch lange nicht verarbeitet.</p><p>�Vielleicht hast du recht�, sagte er pl�tzlich zu seiner eigenen �berraschung. �Vielleicht suche ich Vela so wie du, und vielleicht werde ich den Rest meines Lebens damit zubringen, sie zu verfolgen. Doch wenn, dann aus anderen Gr�nden als du.�</p><p>�Sei kein Narr, Skar. Glaubst du wirklich, du w�rdest sie ohne meine Hilfe auch nur finden? Und was deine Gr�nde angeht - sie hat dich erniedrigt, aber du bist nicht der Mann, der sein Leben aufs Spiel setzt, um eine Schmach zu r�chen. Du willst Del befreien. Du wei�t jetzt, da� er noch lebt.�</p><p>Wieder sp�rte Skar einen schmerzhaften, raschen Stich, als Gowenna Dels Namen erw�hnte, aber diesmal gelang es ihm nicht, den Gedanken zu verdr�ngen. Es war zu lange her, da� er an den jungen Satai gedacht hatte, und das Wissen, ihm vor nicht einmal achtundvierzig Stunden im Kampf gegen�bergestanden zu haben - das Wissen, da� er ihn <emphasis>hatte t�ten wollen - </emphasis>sa� wie ein bohrender Parasit in seiner Seele. Gowenna hatte unrecht. Vela hatte ihn nicht erniedrigt; das konnte sie nicht. Niemand konnte einen Mann, der wu�te, wie wenig Worte wie Ehre und Ansehen in einer Welt wie Enwor galten, erniedrigen. Sie hatte etwas anderes getan, etwas, das schlimmer war. Sie hatte ihn verkr�ppelt, ihm den Glauben an das letzte Ideal, das ihm das Leben gelassen hatte, genommen, hatte ihn dazu gebracht, das Ungeheuer, das in ihm schlummerte, gegen den einzigen Menschen zu hetzen, der ihm jemals wirklich etwas bedeutet hatte.</p><p>�Ich glaube nicht, da� du meinen Preis bezahlen kannst�, sagte er schlie�lich. �Wir Satai sind teuer, wei�t du?�</p><p>�Dann schlie�en wir einen Handel - du bringst mich zu ihr, und ich helfe dir, Del zu befreien.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. �Es geht nicht mehr darum, Gowenna�, sagte er sanft. �Vertrauen. Das Wort hei�t Vertrauen.� Gowenna lie� den brennenden Zweig sinken. Die Flamme erlosch mit leisem Zischen, und f�r einen Moment wurde es still, ganz still, als h�tte selbst der unerm�dlich tobende Sturm f�r einen Augenblick innegehalten. Die Dunkelheit schien sich um sie herum zu verdichten; ein Mantel aus Schweigen und Schw�rze, der sie zu ersticken drohte. Skar sp�rte, da� seine Worte sie getroffen, schmerzhaft getroffen hatten, h�rter und vielleicht brutaler als die Schl�ge, die er ihr versetzt hatte. Sie hatte all das, was er mit diesen f�nf Worten ausgedr�ckt hatte, bereits selbst begriffen. Sie hatte zwei Tage Zeit gehabt, zu �berlegen, und was immer er zu ihr sagen w�rde - sie war intelligent genug, es schon im voraus zu wissen. Er hatte nur das Messer in der Wunde herumgedreht. �Gut�, murmelte sie nach einer Weile. �Was willst du wissen?� Skar sch�ttelte erneut den Kopf. �Eine Menge, Gowenna, aber nicht auf diesem Weg. Ich will dir nicht weh tun, aber -�</p><p>�Du brauchst keine R�cksicht auf mich zu nehmen, Satai�, unterbrach ihn Gowenna. Ihre Stimme klang pl�tzlich ver�ndert: ruhiger, noch immer schrill und m�hsam, aber auch gleichzeitig von einer Entschlossenheit erf�llt, die ihn aufhorchen lie�. �Ich wei�, was du sagen willst. Ich habe dich belogen und get�uscht, so wie es Vela mit mir getan hat, und ich habe so wenig Recht, Vertrauen von dir zu verlangen, wie sie es umgekehrt von mir h�tte. Ich kann dich nur bitten. Frage mich, und ich werde dir antworten.�</p><p>�Du begreifst noch immer nicht, Gowenna�, erwiderte Skar. �Was du mir anbietest, ist kein Vertrauen. Du vertraust mir, solange du es mu�t, nicht? Im Moment brauchst du mich, vielleicht auch nur mein Schwert.�</p><p>Gowenna sog scharf die Luft ein und setzte dazu an, etwas zu erwidern, aber Skar sprach schnell und mit erhobener Stimme weiter: �Ich wei� nichts von dir, Gowenna, gar nichts. Ich wei� nicht, wer du bist und wo du herkommst, ich wei� nichts �ber deine beiden Begleiter, ich wei� nichts �ber Vela. Ich wei� nicht einmal, was dieser verdammte Stein in Wirklichkeit ist.�</p><p>�Aber ich bin bereit, dir diese Fragen zu beantworten!�</p><p>�Jetzt, ja. Jetzt, wo du mich brauchst. Aber das ist es nicht, was ich wollte. Du hast mich nicht verstanden, Gowenna. Der Preis eines Satai ist hoch, doch er ist nicht unbedingt in Gold zu messen. Was ich verlange, ist Ehrlichkeit.�</p><p>�Und wie hoch�, fragte Gowenna nach einer Weile, �ist der Preis einer <emphasis>Errish, </emphasis>Skar?�</p><p>Skar war f�r einen Moment verwirrt. �Wie ... meinst du das?�</p><p>�So wie ich es sage, Satai. Wie hoch ist der Preis einer <emphasis>Errish? </emphasis>Du hast mich einmal als schwertschwingende Amazone bezeichnet, und ich habe dich in dem Glauben gelassen, wirklich nicht mehr zu sein, aber das stimmt nicht.�</p><p>�Du -�</p><p>�Ich habe niemals die Ehrenweihe aus der Hand der Gro�en Mutter empfangen, wenn es das ist, was du wissen willst�, fuhr Gowenna fort. �Aber das macht keinen Unterschied. Nicht wirklich. Ich wei� alles, was auch Vela wei�, alles, was eine <emphasis>Errish </emphasis>wei�, und vielleicht mehr. Wie w�rdest du einen Mann bezeichnen, der zehn Jahre an deiner Seite geritten ist und dem du alles beigebracht hast, was du wei�t, Skar? Wie w�rdest du�, f�gte sie hinzu, als sie Skars Z�gern bemerkte, <emphasis>�Del </emphasis>bezeichnen, w�re er, wie er ist, ohne jemals der Kaste der Satai beigetreten zu sein? Er w�re noch immer Satai.�</p><p>�Nun�, sagte Skar unsicher, ��u�erlich sicher nicht, aber -�</p><p>�Ich rede nicht von <emphasis>�u�erlichkeiten, </emphasis>Skar�, fiel ihm Gowenna ins Wort. �Sieh mich an. Sieh dir mein Gesicht an. Es ist zerst�rt, und es wird nie wieder so werden, wie es war. Bin ich deshalb weniger Frau als zuvor?�</p><p>Skar schwieg betroffen. Die Art, in der Gowenna sprach, war unfair, aber vielleicht hatte sie keine andere Wahl mehr, als mit allen Waffen zu k�mpfen, die ihr geblieben waren. Er f�hlte sich in immer st�rkerem Ma�e in die Enge getrieben, verunsichert. Er begann zu begreifen, worauf Gowenna hinauswollte, aber es war so wie bei seinem ersten Gespr�ch mit Vela, damals in Ikne. Er wu�te genau, was Gowenna sagen w�rde, ahnte jedes Wort im voraus, aber er war trotzdem wehrlos dagegen. Es war ein Kampf mit Waffen, die er nicht beherrschte. Ein schwaches Gef�hl von Zorn glomm in ihm auf, erlosch aber sofort wieder.</p><p>�Ich verlange kein <emphasis>Vertrauen </emphasis>von dir, Skar�, fuhr Gowenna fort. �Ich bin nicht in der Lage, �berhaupt etwas zu verlangen. Ich werde dir alles sagen, was du wissen willst, und du selbst kannst entscheiden, was du mit diesem Wissen anf�ngst.�</p><p>W�re er nicht so ersch�pft gewesen, h�tte er gelacht. Es war ein so billiger psychologischer Trick, und doch ein wirkungsvoller. Sie bot ihm nichts anderes an, als sich v�llig in seine Hand zu geben - und setzte ihn dadurch in ihre Schuld. Er h�tte aufstehen und weggehen k�nnen, aber selbst dann w�re ihr Angebot bestehen geblieben, und sie h�tte - auch ohne Gegenleistung - erreicht, was sie wollte.</p><p>�Dann erz�hl mir von dir�, sagte er leise. �Oder von Vela.� Er rutschte in eine bequemere Stellung und sah dorthin zur�ck, wo die beiden El-tra verschwunden waren. Von den Sumpfleuten war keine Spur mehr zu sehen, aber er war sicher, da� zumindest einer von ihnen in seiner unmittelbaren N�he war und �ber Gowenna wachte.</p><p>�Ihre und meine Geschichte sind gleich�, murmelte Gowenna. �Gleich und doch verschieden. Sie sind lang, Skar, aber das, was dich interessiert, ist rasch erz�hlt.� Sie bewegte sich leise, versuchte in eine halb sitzende Position zu gelangen und sank mit einem unterdr�ckten Schmerzenslaut wieder zur�ck. Skar beugte sich hastig vor und half ihr, sich so zu setzen, da� ihr Oberk�rper wie auf einem steinernen Kissen gegen die Felswand gelehnt war. Seine Finger ber�hrten dabei das ver�tzte Gewebe an ihrem Hals. Gowenna zuckte unter der Ber�hrung schmerzhaft zusammen, und Skar unterdr�ckte im letzten Moment den Impuls, die Hand angeekelt zur�ckzuziehen, als er das feuchte, zu einer hornigen, harten Masse zusammengebrannte Fleisch f�hlte. Wieder sp�rte er Mitleid, und er begriff, da� er den Kampf eigentlich jetzt schon verloren hatte.</p><p>�Danke, Satai�, murmelte Gowenna. Einen Moment lang blieb sie reglos sitzen, wohl, um sich von der Anstrengung zu erholen und neue Kr�fte zu sammeln, dann begann sie mit leiser Stimme und immer wieder von gro�en Pausen, in denen sie neue Energie sch�pfte, unterbrochen, zu erz�hlen.</p><p>�Vela und ich sind seit mehr als elf Jahren zusammen, so dicht, wie du und Del es gewesen sein m�ssen.�</p><p>�Ihr stammt aus dem gleichen Kloster?�</p><p>Gowenna verneinte. �Ich war nie in Elay, Skar�, sagte sie. �Die wenigen Male, die Vela dort war, lie� sie mich bei den Sumpfleuten in Cosh zur�ck. Ich habe niemals ein Kloster von innen gesehen. Ich lebte in einem Bergdorf im Norden, bis ich vierzehn war, ein Bauernm�dchen unter vielen, ohne Zukunft und mit einer Menge Tr�ume, von denen ich genau wu�te, da� sie niemals in Erf�llung gehen w�rden.� Wieder schwieg sie, lange, drei, vier, vielleicht f�nf Minuten, aber es war ein Schweigen ganz besonderer Art, und Skar sp�rte, wie ihre Gedanken, ihren Worten erst in einigem Abstand folgend, zur�ck in die Vergangenheit glitten, in eine Zeit, die l�ngst vergangen war und vielleicht in der Form, in der sie in ihrer Erinnerung weiterlebte, niemals stattgefunden hatte. Und so klang ihre Stimme auch ver�ndert, als sie nach einer Weile weitersprach, ver�ndert auf schwer zu beschreibende Art; die Stimme klang wie die eines Menschen, der �ber die Jugend erz�hlt, die er sich im nachhinein ertr�umte.</p><p>�Wir waren arm, Skar. Bitter arm.� Sie wandte den Kopf und sah zu den zehn Gr�bern hin�ber, die nebeneinander an der S�dwand des Kraters lagen. �Du hast mich gefragt, warum ich Arsan mitgenommen habe, Skar. Die Antwort ist einfach, aber du h�ttest sie damals nicht verstanden. Er hatte keine besonderen Talente, nichts, was wir wirklich gebraucht h�tten, aber er war arm. Ich konnte ihn verstehen. Ich wei�, was es hei�t, zu hungern, nicht f�r einen Tag oder zwei, sondern wochen-, monate-, jahrelang. Ich habe ihn mitgenommen, weil er mir leid tat. Und weil er mich an mich selbst erinnerte. An mich und die Menschen, bei denen ich aufgewachsen bin.�</p><p>�Und weil ihr ein Opfer brauchtet�, sagte Skar hart.</p><p>Gowenna nickte. �Ich glaube, ja. Sie mu� gewu�t haben, da� Combat seinen Preis fordern w�rde. Vielleicht sind er und Beral und Nol nur mitgekommen, um zu sterben. Aber das habe ich damals noch nicht gewu�t. Vielleicht sind wir alle nur aus diesem Grund mitgekommen. Ich glaube fast, du h�ttest den Stein auch allein holen k�nnen. Aber ich wollte von Vela erz�hlen.� Sie beugte sich zur Seite, hantierte ungeschickt an ihrer Wasserflasche und versuchte zu trinken. Skar half ihr.</p><p>�Es war w�hrend der gro�en D�rre vor elf Jahren�, fuhr sie dann fort. �Der ersten gro�en D�rre. Erinnerst du dich?� Skar nickte. Die Trockenheit, unter der Enwor seit Jahren litt, war nur eine unter zahllosen Hitzewellen, die in immer k�rzeren Abst�nden �ber die ausgelaugte Welt herfielen. Nicht alles, was Vela ihm erz�hlt hatte, war gelogen gewesen.</p><p>�Die Menschen, bei denen ich lebte, waren einfache Menschen, Bauern, die noch an die Macht der G�tter glaubten und daran, da� man sie mit einem Gebet wohlgesonnen stimmen k�nne. Und wir haben gebetet - immer und immer wieder; gebetet und geopfert, von dem wenigen, das wir hatten, noch einen Teil den G�ttern gegeben. Aber es nutzte nichts - das Land verdorrte weiter, und die Ernte verbrannte vor unseren Augen auf den Feldern. Eines Tages erreichte uns die Kunde von einer <emphasis>Errish, </emphasis>die in den Bergen in der N�he unseres Dorfes gesehen worden war. Mein Vater rief sie um Hilfe, und sie kam.�</p><p>�Vela.�</p><p>�Das war ihr Name, ja. Sie kam mit ihren beiden Drachen in unser Dorf, und sie erbot sich, uns zu helfen.�</p><p>Skar runzelte zweifelnd die Stirn. �Eine <emphasis>Errish, </emphasis>die Regen macht?� fragte er ungl�ubig.</p><p>Gowenna l�chelte. �Heute w�rde ich dieselbe Frage stellen, Skar, aber ich war ein Kind, damals, vergi� das nicht. Und die Menschen, bei denen ich lebte, waren einfache Menschen. Sie f�rchteten die Macht der <emphasis>Errish, </emphasis>aber sie hatten auch gro�en Respekt davor. Sie glaubten an sie. Wenn du in einer verzweifelten Lage bist, dann tust du alles. Aber der Preis, den sie verlangte, war hoch. Sie verlangte die Tochter des Stammesf�hrers.�</p><p>Wieder schwieg sie f�r einen Moment, diesmal nicht, um neue Kraft zu sammeln, sondern um ihm Gelegenheit zu geben, ihre Worte richtig zu verarbeiten, und Skar sp�rte, wie das Schweigen f�r einen Moment fast greifbar wurde. Nie war ihm die Kluft, die zwischen ihnen lag, deutlicher zu Bewu�tsein gekommen als jetzt. Eigentlich war es das erste Mal, da� er wirklich begriff, da� Gowenna ein lebender, f�hlender Mensch war, keine gesichtslose Figur in einem Spiel.</p><p>�Dieses Kind warst du�, sagte er.</p><p>Gowenna nickte.</p><p>�Und seither wart ihr zusammen?�</p><p>�Sie brachte mich aus dem Dorf, aber wir kamen nie nach Elay�, fuhr Gowenna fort. Ihre Stimme wurde jetzt zunehmend leiser, und Skar mu�te sich anstrengen, um ihre Worte �berhaupt noch zu verstehen. �Schon in der ersten Nacht stie�en wir auf eine Horde Quorrl-Banditen. Nat�rlich griffen sie uns nicht an - nicht einmal die Quorrl w�rden es wagen, Hand an eine <emphasis>Errish </emphasis>zu legen.�</p><p>Skar schwieg dazu, aber Gowenna mu�te den stummen Zweifel in seinem Blick bemerkt haben.</p><p>�Vielleicht war es auch nur die Furcht vor ihren Drachen und den Waffen einer <emphasis>Errish, </emphasis>die sie vor einem Angriff zur�ckschrecken lie�en�, schr�nkte sie ein. �Jedenfalls lie�en sie uns ziehen - Vela, mich und einen Mann namens Gord, den sie als Gehilfen bei sich hatte. Aber Vela ahnte, da� die Quorrl unser Dorf entdecken und angreifen w�rden. Sie schickte Gord, mich und einen ihrer beiden Drachen allein auf den Weg und ritt zur�ck, um die Dorfbewohner zu warnen.�</p><p>�Und was geschah dann?� fragte Skar, als Gowenna nicht weitersprach.</p><p>�Ich wei� es nicht�, murmelte sie. �Das hei�t - es ist nicht schwer, sich zusammenzureimen, was passierte, aber was wirklich geschah - <emphasis>warum </emphasis>sie es getan hat -, wei� ich bis heute nicht. Sie hat niemals dar�ber gesprochen. Gord und ich ritten einen halben Tag weiter nach Norden, doch dann kehrten wir um und kamen gegen ihren Befehl zur�ck zum Dorf. Wir fanden es zerst�rt vor. Niedergebrannt und geschleift. Die meisten Bewohner waren tot, und die, die den Angriff �berlebt hatten, waren geflohen.�</p><p>�Und Vela?�</p><p>�Sie lag schwer verwundet neben ihrem Drachen. Sie hat sich geopfert, Skar, sich und ihre Feuerechse. Den Spuren des Kampfes nach zu schlie�en, mu� sie die Quorrl praktisch allein vertrieben haben. Aber sie zahlte einen hohen Preis daf�r. Ihr Drache starb, und sie selbst lag wochenlang auf Leben und Tod darnieder. Es gelang Gord, sie zu retten, aber er konnte nur die Wunden in ihrem K�rper heilen.� Ihre Stimme bebte. Sie sprach jetzt immer schneller, als f�hle sie, da� ihre Kr�fte sie in wenigen Augenblicken verlassen und sie nicht mehr die Zeit haben w�rde, ihre Geschichte zu Ende zu bringen, aber Skar h�rte den Vorwurf, die unausgesprochene Anklage in ihren Worten, trotzdem. Die Leute, f�r die Vela gek�mpft hatte, hatten sie zum Dank sterbend und allein zur�ckgelassen; sie hatten nicht einmal den Versuch unternommen, ihr zu helfen.</p><p>�Es wurde Fr�hjahr, ehe sie wieder so weit bei Kr�ften war, da� wir den R�ckweg nach Elay antreten konnten�, fuhr Gowenna fort. �Ich blieb zusammen mit Gord bei den Sumpfleuten in Cosh zur�ck, und es verging ein weiteres halbes Jahr, ehe Vela wiederkam. Allein. Ohne ihren Drachen. Wei�t du, was mit einer <emphasis>Errish </emphasis>geschieht, die ihr Tier verliert?�</p><p>�Sie wird ausgesto�en�, murmelte Skar.</p><p>Gowenna lachte, aber vielleicht war es auch ein unterdr�ckter Aufschrei der Qual. <emphasis>�Ausgesto�en?� </emphasis>Sie spie das Wort regelrecht aus. �Ausgesto�en - wie leicht sich das spricht! Aber es bedeutet mehr, als aus einer Kaste versto�en zu werden, Skar. Mehr als du oder ich oder irgendein anderer jemals verstehen kann. Es ist schlimmer als der Tod. Aber sie gab nicht auf. Sie ist stark, Skar. Sie ist es heute, und sie war es damals schon. Sie blieb ein Jahr in Cosh, lernte von den Sumpfleuten und unterrichtete mich. Dann ging sie wieder, und diesmal blieb sie ein Jahr. Als sie zur�ckkam, hatte sie einen Staubdrachen gez�hmt - etwas, das noch keinem vor ihr gelungen war. Einen <emphasis>wilden </emphasis>Staubdrachen, begreifst du?� Skar nickte, aber er begriff nicht wirklich. Er konnte es nicht, und wahrscheinlich konnte es niemand. Bis vor wenigen Tagen hatte er nicht einmal gewu�t, da� es so etwas wie einen Staubdrachen wirklich gab.</p><p>�Sie brachte das Tier nach Elay�, berichtete Gowenna mit letzter Kraft. �Sie bot es der Gro�en Mutter als Geschenk an. Nicht als Preis, um wieder in den Orden aufgenommen zu werden, sondern lediglich als Geschenk, ohne auch nur im geheimen auf eine Gegenleistung zu hoffen. Alles, was sie wollte, war Anerkennung und vielleicht Vergebung. Wei�t du, was sie getan haben, diese ach so <emphasis>ehrw�rdigen </emphasis>Frauen? Sie haben sie verjagt, zum zweiten Mal. Sie hatte eine Bestie gez�hmt, vor der sich selbst die Zuchtmeister der <emphasis>Errish </emphasis>f�rchten, und sie bot dieses Tier und das Wissen, wie man es beherrscht, den <emphasis>Errish </emphasis>als Geschenk an, und sie verjagten sie. So kehrte sie zum zweiten Mal als Ausgesto�ene nach Cosh zur�ck. Diesmal ging ich mit ihr. Ich und die drei Geistbr�der.�</p><p>Erneut brach sie ab, und jetzt sp�rte Skar, da� sie nicht weiterreden w�rde, da� sie zu ersch�pft dazu war, aber auch alles gesagt hatte, was es im Moment zu sagen gab. Ihre Geschichte war noch nicht zu Ende, noch lange nicht, und er hatte l�ngst nicht alles erfahren. Und doch hatte sie ihm mehr, viel mehr erz�hlt, als er hatte wissen wollen. Einiges, was er geahnt, und vieles, was ihn �berrascht hatte. Nichts davon war wirklich wichtig gewesen. Wichtig war das, was sie <emphasis>nicht </emphasis>ausgesprochen, daf�r aber um so deutlicher gesagt hatte.</p><p>Sie glaubte, Vela zu hassen, aber das stimmte nicht. Im Gegenteil, sie liebte sie noch immer, vielleicht jetzt mehr als zuvor. Nach einer Weile stand er auf und ging, ziellos und nur von dem Wunsch erf�llt, allein zu sein, zu der niedergebrannten Feuerstelle am anderen Ende des Kraters hin�ber. Die Flammen waren zu einem H�ufchen schwach glimmender Glut geworden und w�rmten nicht mehr, und die beiden Bratenscheiben, die noch immer an einem Stock �ber der Feuerstelle hingen, waren schwarz und verkohlt. Erst jetzt kam ihm richtig zu Bewu�tsein, wie lange er neben Gowennas Lager gesessen und ihr zugeh�rt hatte; eine Stunde, vielleicht mehr. Sie hatte sehr langsam gesprochen, aber ihr Bericht hatte ihn so in seinen Bann geschlagen, da� er das Verstreichen der Zeit kaum mehr bemerkt hatte.</p><p>Skar kauerte sich im Schutz der Felswand zusammen, zog den Mantel enger um die Schultern und sah nach Osten. Es d�mmerte, und am Horizont, weit hinter dem wabernden Feuerpilz Combats, begann sich das erste zaghafte Grau zu zeigen: ein d�nner, verlorener Streifen, der von dem br�llenden Feuergiganten davor zur L�cherlichkeit degradiert wurde. Der Wind wurde k�lter und verspottete die lodernde Glut, und der Schnee fiel jetzt dichter, selbst hier unten, im Schutz der Felsw�nde. Sicher w�re es vern�nftiger gewesen, die wenigen kostbaren Minuten, die ihm noch blieben, zu nutzen, um zu schlafen oder wenigstens auszuruhen, aber Skar wu�te, da� dann die Alptr�ume wiederkommen w�rden, und er hatte Angst davor. So stand er nach wenigen Augenblicken wieder auf und ging zu den beiden Sumpfleuten.</p><p>Der Wind traf ihn mit voller Wucht, als er aus dem Schutz des Kraterwalles heraustrat, aber nicht nur der Wind traf ihn, sondern auch der Gluthauch Combats, der selbst �ber die gro�e Entfernung hinweg noch deutlich zu sp�ren war. Hastig vergrub er die H�nde unter seinem Mantel und ging mit schnellen Schritten auf die El-tra zu. Sie standen, zusammen mit den Pferden, im Windschutz eines zusammengefallenen Mauerrestes, aber es gab hier nur die Wahl zwischen der klirrenden K�lte des Eissturmes, der vom Gebirge herabfauchte, auf der einen und dem Glutatem der brennenden Stadt auf der anderen Seite. Es gab kein Dazwischen, keinen noch so winzigen Fleck des Ausgleichs, sondern nur Extreme, so wie alles in diesem Teil der Welt extrem zu sein schien, und die eher an W�rme als an K�lte gew�hnten Sumpfm�nner hatten sich - wie nicht anders zu erwarten - auf der windabgewandten Seite des Mauerst�ckes postiert. Skar konnte im unsicheren Licht der heraufziehenden D�mmerung nicht erkennen, was sie taten. Ihre Bewegungen, ohnehin nur schwer zu bestimmen, wurden zu einem huschenden Hin und Her zwischen tanzenden Lichtflecken und flackernden grauen Schatten. Die Pferde waren unruhig. Die Hitze mu�te ihrer empfindlichen Haut Schmerzen bereiten, und das unabl�ssige Heulen des Sturmes, f�r Skar und die anderen schon so zur Gewohnheit geworden, da� sie es kaum mehr bewu�t wahrnahmen, schien sie allm�hlich zur Raserei zu treiben. Die Schattenm�nner hatten die schweren Leder- und Stahlpanzer entfernt, in die die Tiere geh�llt gewesen waren, und aus den schwarzen Ungeheuern, denen sie sich vor zwei Tagen gegen�bergesehen hatten, waren wieder Pferde geworden. Aber unter den wuchtigen R�stungen war noch mehr zum Vorschein gekommen: Skar sah mit Schrecken die unz�hligen wunden Stellen, die tr�b entz�ndeten Augen und die schnellen, m�hsamen St��e, mit denen der Atem der Tiere ging. F�r einen Moment fragte er sich ernsthaft, ob diese Pferde �berhaupt noch die Kraft hatten, ein Kind zu tragen, geschweige denn einen ausgewachsenen Mann. Ihre Chancen standen schlechter, als er geglaubt hatte. Er b�ckte sich, hob einen der massigen schweren Brocken auf, die den Boden so weit er sehen konnte wie scharfkantiger schwarzer Schnee bedeckten, und drehte ihn unschl�ssig in den H�nden. Der Brocken war hei�, hei� und schwerer, als er h�tte sein d�rfen, und Skar erkannte, da� es sich nicht, wie er bisher angenommen hatte, um Lava handelte, sondern um geschmolzenes und zu einer krumigen schwarzen Masse zusammengefallenes Metall.</p><p>�Du solltest das nicht anfassen�, sagte eine Stimme hinter ihm. Skar schrak so heftig zusammen, da� ihm der Brocken entglitt und auf den Boden zur�ckfiel. Das Heulen des Sturmes hatte die ohnehin leisen Schritte El-tras verschluckt, und Skar hatte dadurch nicht gemerkt, da� der Sumpfmann hinter ihn getreten war. �Man sagt, dieses Land atme den Tod aus�, fuhr El-tra fort. �Ber�hre nicht mehr davon, als n�tig ist.�</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>El-tra deutete ein Schulterzucken an; eine Geste, die Skar noch nie an ihm oder einem seiner Br�der beobachtet hatte und die er sich vielleicht nur zulegte, um in Skars Augen menschlicher zu erscheinen - seltsamerweise schien sie den Unterschied eher zu betonen, statt ihn zu verwischen. �Man nennt die Ebenen von Tuan auch das Tote Land�, sagte er. �Doch was tot ist, mu� auch einmal gelebt haben.� Damit wandte er sich um und ging wieder zu den Pferden hin�ber, ohne mehr Zeit mit weiteren Erkl�rungen zu verschwenden.</p><p>Skar sah ihm mit einer Mischung aus �rger und Erheiterung hinterher. Er hatte sich daran gew�hnt, von den El-tra selten eine klare Antwort auf eine klare Frage zu bekommen. Aber er wu�te auch, da� sie niemals etwas �berfl�ssiges oder Dummes sagen w�rden. Reden nur um den Redens willen schien den Sumpfm�nnern unbekannt zu sein.</p><p>�Was tot ist, mu� auch einmal gelebt haben ...�, wiederholte er El-tras Worte, und pl�tzlich, als er sie zum zweiten Mal und mit seiner eigenen Stimme gesprochen h�rte, sp�rte er den dunklen, unheilschwangeren Unterton, der darin mitschwang.</p><p>Vielleicht, dachte er, lebte es <emphasis>noch, </emphasis>nur auf eine Weise, die sie niemals begreifen w�rden. Vielleicht waren <emphasis>sie </emphasis>die Toten.</p></section><section><title><p id="_189">2.</p></title><p>Die Ebene war endlos. Sie waren kurz nach Sonnenaufgang losgeritten, aber Skar wu�te l�ngst nicht mehr, wieviel Zeit seither vergangen war. Es wurde nicht hell; nicht wirklich. Der Schneesturm hatte noch an Kraft zugenommen, und wenn er auch, durch eine gn�dige Laune der Natur, erst in hundert oder mehr Mannesl�ngen H�he seine volle Wucht entfaltete und sie hier am Boden nichts als einen schwachen Hauch seiner wirklichen Macht sp�rten, so war der Himmel doch hinter einer grauwei�en, wirbelnden Decke verborgen, unter der sie wie unter der Kuppel eines gewaltigen nat�rlichen Gew�lbes nach S�den krochen, und der Tag schien nichts als eine Fortsetzung der D�mmerung zu sein, so wie die Landschaft, durch die sie ritten, eine getreuliche Wiederholung jener Gegend war, durch die sie auf dem Weg vom Gebirge nach Combat und zur�ck gekommen waren. Skar hatte es l�ngst aufgegeben, nach irgendwelchen Zeichen oder besonderen Landmarken Ausschau zu halten. Sie ritten durch eine Apokalypse, eine bizarre Vision des Weltuntergangs, schlimmer, als sie sich jede Phantasie h�tte ausmalen k�nnen. Der Boden bestand aus schwarzgeschmolzenem Glas, und jeder einzelne Hufschlag ihrer Pferde erzeugte einen hellen, harten Ton, als w�rde ein Spiegel zerschlagen. Die schwarzen Lavabrocken lagen auch hier noch in gro�er Zahl, wenn auch nicht mehr ganz so zahlreich wie in der unmittelbaren N�he Combats, und sie passierten immer wieder die zerfallenen �berreste einstiger Geb�ude; Opfer der Zeit und des best�ndig heulenden Windes, der seit Urzeiten mit ungeb�ndigter Kraft von den Bergen herunterraste; manchmal aber auch zermalmt, zerschmolzen von den Urgewalten, die dieses Land verbrannt und verst�mmelt hatten.</p><p>Skar bildete zusammen mit einem El-tra die Spitze der kleinen Kolonne. Er hockte vornr�ber gebeugt im Sattel, den Blick starr nach S�den gerichtet, und es fiel ihm zunehmend schwerer, sich noch auf dem R�cken des Pferdes zu halten. Der Schmerz in seinen gebrochenen Rippen war zu einem dumpfen, qualvollen Pochen geworden, und er hatte das Gef�hl, langsam von innen heraus zu verbrennen. Es war Stunden her, seit er sich das letzte Mal im Sattel umgedreht und den Weg zur�ckgeblickt hatte, den sie gekommen waren. Sie mu�ten, obwohl sie nur langsam vorankamen und immer wieder Umwege zu machen hatten, schon mehr als zwanzig Meilen zur�ckgelegt haben, aber das lodernde Fanal am Horizont war bisher nicht sichtbar kleiner geworden. Der Anblick des brennenden Giganten gab ihm das Gef�hl, zur Gr��e eines Insekts zusammenzuschrumpfen, und er hatte beschlossen, nicht mehr hinzusehen. Er hatte nicht mehr die Kraft, sich irgendeinem Kampf zu stellen. Nicht einmal diesem.</p><p>Sein Pferd strauchelte, als seine Hufe auf dem glatten Boden pl�tzlich keinen Halt mehr fanden. Es fing sich sofort wieder, aber die abrupte Bewegung ri� Skar schmerzhaft aus der Lethargie, in die er im Laufe der vergangenen Stunden versunken war. Er fuhr auf, t�tschelte ihm mit einer unbewu�ten, z�rtlichen Geste den Hals und legte die linke Hand mit sanftem Druck zwischen seine Ohren. Das Tier schnaubte, beruhigte sich aber beinahe augenblicklich wieder und fiel in normale Gangart zur�ck.</p><p>Skar sah besorgt nach rechts. Auch das Tier des Sumpfmannes lief lange nicht mehr so elegant und ruhig wie am Morgen. Es setzte zwar noch immer gehorsam einen Fu� vor den anderen, aber es schien vor jedem Schritt unmerklich zu z�gern, und der Ausdruck in seinen dunklen Augen k�ndete eindeutig von Schmerz. Das Laufen auf dem Boden Tuans, der h�rter war als Stein, mu�te den Tieren uns�gliche Qualen bereiten. Ihre empfindlichen Fesseln waren f�r federnden Pr�rieboden, allenfalls f�r eine kurze Strecke �ber Felsen oder Sand, geschaffen. Die Tiere werden keine zwei Wochen durchhalten, dachte Skar. Nicht einmal zwei Tage.</p><p>El-tra sah seinen Blick, und er mu�te auch sp�ren, was hinter seiner Stirn vorging. Aber er sch�ttelte nur stumm den Kopf und deutete nach S�den. Sie konnten keine Rast einlegen, weder jetzt noch in den n�chsten Stunden, und Skar f�gte sich stumm. W�re es nur um ihn und die beiden M�nner aus Cosh gegangen, w�re er trotz seiner Schw�che aus dem Sattel gestiegen und neben dem Pferd hergegangen. Aber es ging nicht nur um sie.</p><p>Er drehte sich halb im Sattel um, hob die Hand vor das Gesicht, als der Wind wie ein schneidendes Messer in seine Augen stach, und lie� sein Pferd ein wenig langsamer gehen, um an Gowennas Seite zu gelangen. Ihre Gestalt schien vor dem brennenden Hintergrund Combats zu flackern, und die Flammen versahen ihr Haar mit einem d�nnen lodernden Kranz. Ihr linker Arm hing schlaff herunter, und als sie n�her kam, drehte sie den Kopf ein wenig, um die verbrannte H�lfte ihres Gesichts abzuwenden. Ihre Miene war starr und ausdruckslos, aber es war jene Art von Ausdruckslosigkeit, hinter der sich Schmerz und ein fast �bermenschliches Ma� an Selbstbeherrschung verbargen. Um ihre H�fte und ihren Oberk�rper schlang sich ein Geflecht von d�nnen ledernen Riemen; die Sumpfm�nner hatten sie auf dem R�cken des Pferdes festgebunden, um zu verhindern, da� sie bei einem pl�tzlichen Schw�cheanfall aus dem Sattel st�rzte. Sie hatten bei den Medikamenten, die Tantor ihnen zur�ckgelassen hatte, auch einen Beutel mit einem schmerzstillenden Pulver gefunden, einem Mittel, das einen Menschen in die Lage versetzte, wei�gl�hendes Eisen zu ber�hren und dabei zu l�cheln, das aber auch die Gedanken vernebelte und die Sinne abstumpfte. Gowenna hatte sich geweigert, es zu nehmen.</p><p>�Wie f�hlst du dich?� fragte er. Es war eine dumme und �berfl�ssige Frage, doch der Anblick ihres zerst�rten Gesichts l�hmte ihn und lie� ihn Zuflucht zu einem Gemeinplatz suchen, um nicht nur wortlos neben ihr herzureiten und sie anzustarren.</p><p>Gowenna versuchte zu l�cheln, aber ihre Lippen, zur H�lfte gel�hmt und starr, lie�en eine Grimasse daraus werden. Eine pl�tzliche Windb� griff nach ihrem Haar und warf es nach vorne, so da� es wie ein dichter schwarzer Schleier vor ihrem Gesicht wehte. Sie hob die Hand, um es zur�ckzustreifen, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende.</p><p>�Ich glaube, ich f�hle mich ungef�hr so, wie du aussiehst, Skar�, antwortete sie mit einiger Versp�tung auf seine Frage. Die gezwungene Fr�hlichkeit in ihrer Stimme versetzte Skar einen schmerzhaften Stich.</p><p>�Wenn du willst, rasten wir eine Weile�, erwiderte Skar. �Den Pferden w�rde eine Pause auch guttun.�</p><p>Gowenna sch�ttelte den Kopf. �Nein. Wir m�ssen weiter. Wenn wir �berhaupt eine Chance haben, lebend hier herauszukommen, dann nur, wenn wir keine Zeit verschwenden.�</p><p>Skar wollte widersprechen, aber Gowenna hatte recht - sie hatten genug Fleisch, und er war sicher, da� sie auch Wasser finden w�rden; das war nicht das Problem. Aber es war - und jetzt, als ihm dieser Vergleich einfiel, wunderte er sich fast, da� er ihm nicht schon viel fr�her eingefallen war - wie in Combat: Auch dort hatte es Pl�tze gegeben, an denen sie sicher und von keiner Gefahr bedroht gewesen waren, aber es reichte, dort zu sein. Ihre blo�e Anwesenheit hier war ein Frevel, der nicht unges�hnt bleiben w�rde. Er war nie abergl�ubisch gewesen, und noch vor wenigen Tagen h�tte er �ber diesen Gedanken gelacht, aber Tuan hatte mit der Welt, die er kannte, nichts gemein. Es war mehr als ein <emphasis>totes </emphasis>Land - es war <emphasis>fremd. </emphasis>Es w�rde seinen Preis fordern, wie Combat ihn gefordert hatte.</p><p>Er deutete mit einer Kopfbewegung nach S�den. �Was wei�t du �ber dieses Land?�</p><p>�Nichts. Nichts jedenfalls, was uns weiterhelfen w�rde. Es ... gibt eine Menge Legenden, die sich um Tuan und seine Geister ranken, aber Enwor hat mehr Legenden als Menschen, und ich wei� sowenig wie du, was uns erwartet.�</p><p>�Aber du warst schon einmal hier.�</p><p>Gowenna sch�ttelte den Kopf. �Nicht hier, Skar. Ich war in Combat, aber ich nahm den gleichen Weg, den wir genommen haben - �ber die Berge. Auch zur�ck. Doch ich glaube nicht, da� wir etwas anderes finden als das, was wir bereits gefunden haben.� Skars Blick glitt eine Weile unsicher �ber die zerrissene, von Kratern und Ruinen und j�h aufklaffenden Spalten verst�mmelte Landschaft. �Was mag hier geschehen sein?� murmelte er. Seine Worte waren nicht als Frage gedacht gewesen, aber Gowenna antwortete trotzdem darauf. �Der Atem der G�tter, Skar. Die gleiche Macht, die Combat in Brand setzte.�</p><p>�G�tter ...� Skar l�chelte d�nn. �Ich glaube nicht an G�tter, Gowenna. Ich habe Enwor von einem Ende zum anderen durchstreift, aber ich habe nirgends einen getroffen. Vielleicht�, f�gte er nach kurzem Z�gern hinzu, obwohl ihn der Gedanke fast selbst erschreckte, �war es eine Waffe.�</p><p>�Eine Waffe, die Stein zu Glas zerschmilzt und ein ganzes Land verbrennt?� fragte Gowenna zweifelnd.</p><p>�Was ist daran absurder als an der Vorstellung einer Stadt, die gro� wie ein Land ist, absurder als an der Vorstellung einer Stadt, die brennt, ohne jemals zu verbrennen, oder eines Kristalls, der t�tet, wenn man ihn ber�hrt?� gab Skar zur�ck. �Diese Ruinen begleiten uns, seit wir die Berge verlassen haben, Gowenna. Diese Stadt mu� mehr Einwohner gehabt haben als Besh-Ikne, Malab und Endor zusammengenommen.�</p><p>�Das hat sie sicher�, nickte Gowenna. �Combat war nur ihr Zentrum, das Herz Tuans, das Stadt und Land in einem war. Eine Festung. Wei�t du, da� Combat in der Sprache der Alten nichts anderes als <emphasis>Kampf </emphasis>bedeutet?�</p><p>�Ich dachte, du wei�t nichts �ber dieses Land�, erwiderte Skar �berrascht.</p><p>�Ich wei� auch nichts dar�ber�, antwortete Gowenna ruhig. �Eine Legende, mehr nicht. Das Praktische an Legenden ist, da� man sich immer die f�r wahr heraussuchen kann, die einem am dienlichsten erscheint.� Sie lachte, stockte f�r die Dauer eines Atemzugs und begann dann pl�tzlich und scheinbar ohne jeden Grund zuerst zu schluchzen, dann zu weinen. Ihre Schultern bebten.</p><p>Skar lenkte sein Tier n�her an das Gowennas heran, streckte die Hand aus und ber�hrte sie fl�chtig an der Schulter. Gowenna fuhr auf, schlug seinen Arm beiseite und wandte sich mit einem Ruck ab.</p><p>�La� mich, Satai!� stie� sie hervor. �Ich brauche dein Mitleid nicht! Deines am allerwenigsten!�</p><p>Skar erstarrte. �Das glaube ich dir gerne, Gowenna�, sagte er gepre�t. �Du hast genug davon in dir. Wer so viel Selbstmitleid hat wie du, braucht das anderer nicht mehr. Er hat auch kein Anrecht mehr darauf.�</p><p>Seine Worte trafen sie wie ein Schlag ins Gesicht. Sie fuhr herum, �ffnete den Mund, um etwas zu sagen, brachte aber nur ein schmerzhaftes Kr�chzen zustande. Ihr unverletzt gebliebenes Auge spr�hte vor Zorn.</p><p>�Satai!� zischte sie, und diesmal klang es, wie es gemeint war: als Beschimpfung. �Ihr versteht nichts. <emphasis>Nichts. </emphasis>Ihr wi�t ein Schwert zu f�hren, aber was wi�t Ihr von einem Menschen?�</p><p>�Genug�, antwortete Skar so ruhig, wie er konnte. Die Kluft zwischen ihnen war wieder da, un�berbr�ckbar wie zuvor, und Skar begriff pl�tzlich, da� alles, was er bisher gef�hlt - nicht einmal <emphasis>wirklich </emphasis>gef�hlt, sondern nur zu f�hlen geglaubt hatte - nur eine barmherzige L�ge gewesen war. Sie waren von einem Moment zum anderen von Feinden zu Verb�ndeten geworden, aber es war nur ein Burgfrieden, eine aus Not geschmiedete Gemeinschaft, und die alte Feindschaft war noch da und w�rde immer da sein, ganz egal, wie lange sie zusammen blieben. �Genug jedenfalls�, fuhr er fort, �um zu wissen, da� weder Selbstmitleid noch blinder Ha� eine L�sung sind. Wenn du ein Ziel erreichen willst, dann nur durch H�rte. Ich wei�, da� du stark wie ein Mann und stolz darauf bist, aber das ist es nicht, was ich meine.� Die Flamme brannte h�her, griff gierig nach der Nahrung, die er ihr so lange vorenthalten hatte.</p><p>Er hatte Gowenna vom ersten Tag an zur Zielscheibe des Hasses gemacht, der Vela geb�hrt h�tte. Ohne da� er sagen konnte warum, hatte es ihm stets ein Gef�hl der Befriedigung bereitet, sie zu qu�len, zu schlagen, wenn schon nicht mit F�usten, so mit Worten, und trotz allem, was geschehen war, bereitete es ihm noch immer dasselbe boshafte Vergn�gen, zu sehen, wie sie unter seinen Worten zusammenzuckte, obwohl auch jetzt in seinem Inneren eine Stimme war, die ihn anschrie, aufzuh�ren, sie nicht weiter zu peinigen.</p><p>�Du glaubst, Vela zu hassen�, fuhr er fort, �und nicht einmal das ist wahr. Der einzige Mensch auf der Welt, den du ha�t, bist du selbst. Du ha�t dich, weil du wei�t, da� du nie wieder unter Menschen treten kannst, ohne da� man dir Blicke nachwirft und dir entweder Ekel oder Furcht entgegenbringen wird. Du ha�t dich, weil du es nie wieder wagen wirst, in einen Spiegel zu schauen. Und du ha�t dich, weil du versagt hast.�</p><p>�Ich habe -�</p><p>�Du <emphasis>hast </emphasis>versagt, Gowenna. Ich rede nicht von Combat. Du wu�test vorher, da� ich es sein w�rde, der den Stein holt. Ich rede davon, da� Vela dich betrogen hat. Daf�r ha�t du dich. Nicht sie. Was sie getan hat, ist ihre Sache, aber du wirst dir - dir selbst, Gowenna - niemals verzeihen, <emphasis>da� </emphasis>sie es tat. <emphasis>Deshalb </emphasis>habe ich dein Angebot abgelehnt, in deine Dienste zu treten. Du verachtest uns <emphasis>Satai� - </emphasis>er betonte das Wort auf die gleiche Weise wie sie zuvor, aber er sah an der Reaktion auf ihrem Gesicht, da� sie den Unterschied genau sp�rte - �aber du hast immer noch nicht begriffen, was wir wirklich sind. Sowenig�, f�gte er, leiser und nach einer genau bemessenen Pause hinzu, �wie du jemals begreifen wirst, was eine <emphasis>Errish </emphasis>ist. Es geh�rt mehr dazu, eine Ehrw�rdige Frau zu werden, als Krankheiten zu heilen und ein wenig Hokuspokus auff�hren zu k�nnen, so wie mehr dazu geh�rt, als ein Schwert zu f�hren, um ein Satai zu sein. H�rte, Gowenna. Vela konnte dich schlagen, weil sie <emphasis>hart </emphasis>ist, und ich werde sie besiegen, weil ich ebenso hart bin. Nicht H�rte anderen gegen�ber, sondern dir selbst gegen�ber. Erst, wenn du begriffen hast, da� dein eigenes Leben nichts, absolut nichts wert ist, erst dann kannst du wirklich stark werden.�</p><p>�Und das bist du, ja?� fragte Gowenna sp�ttisch. Er hatte sie in die Enge getrieben, und sie fl�chtete sich in Sarkasmus und Hohn. �Der gro�e, tapfere Satai. Der Supermann. Warum hast du sie nicht get�tet, Satai, wenn du so verdammt stark bist? Warum hast du sie nicht erschlagen? Du hast mehr Grund als ich, sie zu hassen, und einer dieser Gr�nde hei�t Del. Sie hat dich dazu gebracht, einem Mann, den du als deinen Freund bezeichnest, in einem Kampf auf Leben und Tod gegen�berzutreten. Warum hast du sie nicht get�tet, wenn dir dein eigenes Leben so wenig gilt? <emphasis>Du kannst es nicht, Skar. Ein kleiner Liebeszauber, von dem du nichts gemerkt hast - ich hoffe, du verzeihst mir diesen kleinen Kunst - griff�, </emphasis>versuchte sie Velas Worte nachzu�ffen. �Aber sag mir, Satai, wie kann man einen Mann behexen, der keine Gef�hle kennt? Man kann es - jedenfalls bei dir. Sie hat es bei eurem zweiten Treffen in Ikne getan, und du hast es nicht einmal gesp�rt. Ich h�tte es auch tun k�nnen, Skar. Ich kann alles, was sie kann. H�tte ich gewollt, w�rdest du mich abg�ttisch lieben und im Staub kriechen, wenn ich nur mit den Fingern schnippe. Aber ich wollte, da� du mir freiwillig hilfst. Ich wollte keine Marionette, sondern einen <emphasis>Freund.</emphasis>�</p><p>Pl�tzlich kam Skar ihre Unterhaltung absurd vor, absurd und l�cherlich. Sie waren beide mehr tot als lebendig, Gowenna verbrannt vom S�ureatem des Drachen, er noch immer verseucht von dem Gift, das in seinen Adern pulsierte, und sie hatten nichts Besseres zu tun, als sich zu streiten. Er lachte.</p><p>Gowenna pre�te die Lippen zusammen. �Verzeih mir, wenn ich etwas Dummes gesagt habe, Satai�, sagte sie. �Aber ich bin nur ein naives M�dchen, vergi� das nicht.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. �Das war es nicht, Gowenna. Ich habe mich nur f�r einen Moment gefragt, warum wir nicht aus den S�tteln steigen und uns mit Sand bewerfen.�</p><p>Gowenna starrte ihn verst�ndnislos an, und sein L�cheln erlosch schlagartig. �Verzeih�, murmelte er. �Das war unfair. Ich ... ich wollte dir nicht weh tun.�</p><p>�Doch, Skar, das wolltest du. Und du hast es erreicht. Du wolltest mich verletzen, so wie ich dich vom ersten Tage an verletzen wollte.�</p><p>�Und jetzt?� fragte Skar. �Willst du es nicht mehr?�</p><p>Gowenna sch�ttelte verwirrt den Kopf. �Ich ... versuche es nicht mehr zu wollen�, sagte sie stockend. �So, wie -�</p><p>�So, wie du versuchst, Vela zu hassen�, vollendete Skar den Satz. �Und du kannst beides nicht. Und das ist auch der Grund, aus dem du sie niemals besiegen wirst, Gowenna. Vielleicht wirst du deine Worte wahr machen und sie bis ans Ende der Welt jagen und t�ten. Aber <emphasis>besiegen </emphasis>wirst du sie nie.�</p><p>Er sah an ihrem Blick, da� sie etwas darauf erwidern wollte, aber bevor sie Gelegenheit dazu bekam, zwang er sein Pferd herum und ritt schnell zu El-tra an die Spitze der Kolonne.</p></section><section><title><p id="_233">3.</p></title><p><emphasis>Wieder tr�umte er, aber diesmal konnte er sich hinterher an den Traum erinnern. Er lief �ber eine gewaltige schwarze Ebene, die mit Tr�mmern und formlosen, brennenden Dingen �bers�t war. Tuan und nicht Tuan, oder wenn doch, dann ein Tuan, das er niemals wirklich gesehen hatte, ein Totes Land, wie es vielleicht ausgesehen hatte, als es noch nicht tot oder gerade im Sterben begriffen war. Feuer fiel vom Himmel, und im ersten Moment glaubte er, wieder in Combat zu sein, aber alles um ihn herum war schwarz und geduckt, und der Boden zuckte und bebte unter seinen F��en wie ein gewaltiges lebendes Wesen, das sich in Krampten wand. Vor ihm war etwas Schwarzes und Monstr�ses, das sich seinen Blicken best�ndig entzog, aber trotzdem auch immer da war, egal, wohin er sah. Er h�tte Angst davor haben m�ssen, aber er empfand im Grunde gar nichts. Pl�tzlich war er wirklich in Combat, wieder in dem kleinen Raum unter der Kuppel des Tempels, aber er wu�te mit einem Mal, da� es kein Tempel war, sondern das Zentrum eines unsagbar fremden Etwas, das er niemals begreifen w�rde, Herz einer... Magie(?), die vor hunderttausend Jahren untergegangen war, zusammen mit den Wesen, die sie geschaffen hatten, und vor ihm stand der wei�e, aus schimmerndem Glas gewachsene Gral des Steines, bewacht von einem gewaltigen schwarzen Granitwolf. Aber als er danach greifen wollte, schmolz er zusammen und wurde zum h�hnisch grinsenden Kopf des Staubdrachen, und aus dem Wolf wurde ein h�hnenhafter schwarz gepanzerter Krieger. Die dunklen Augen hinter dem geschlitzten Visier erschienen ihm seltsam vertraut, aber er wu�te nicht, wem er gerade gegen�berstand, Del oder seinem Dunklen Bruder, vielleicht auch beiden. Der Traum endete an dieser Stelle, aber Skar wachte nicht auf, sondern trieb noch eine Weile haltlos durch den grauen Nebel, der zwischen Schlaf und Erwachen liegt. Das Ger�usch des Windes drang schwach an sein Bewu�tsein, doch der Laut erschien ihm pl�tzlich wie ein langgezogenes, klagendes Heulen, das Heulen des steinernen Wolfes von Combat, der den Verlust seines Schatzes beklagte. Noch einmal glitt er - f�r Sekunden, wie es ihm schien - hin�ber in den Schlaf, und als w�re sein Traum noch nicht zu Ende gewesen, setzte er sich fort. Pl�tzlich war er nicht mehr in Combat, sondern in Urc�un, der Stadt am Rand der Nonakesh-W�rste. Wieder sah er den schwarzen Riesen, aber dann wuchsen aus seinem Kopf und seinen Schultern lange, dornige Stacheln, und als er die Hand hob und das Gesichtsvisier zur Seite schob, da war es nicht Dels Gesicht oder sein eigenes, sondern eine schwarze, brodelnde, formlose Masse.</emphasis></p><p>Diesmal erwachte er endg�ltig.</p><p>Er fuhr so abrupt hoch, da� El-tra, der auf einem Mauerrest �ber dem provisorischen Lager sa� und Wache hielt, erschrocken herumguckte und die Hand auf das Schwert legte. Skar sch�ttelte hastig den Kopf, gab dem Sumpfmann mit einer stummen Geste zu verstehen, da� alles in Ordnung sei, und setzte sich - leiser, um Gowenna und den anderen El-tra, die rechts und links von ihm lagen und schliefen, nicht zu wecken - vollends auf. Seine Stirn war hei�, und das Brennen auf seinen Handfl�chen und der trockene, �ble Geschmack im Mund sagten ihm deutlich, da� er in den letzten Stunden erneut Fieber gehabt und sein K�rper den Kampf gegen die Rauschdroge noch lange nicht gewonnen hatte.</p><p>Aber es gelang ihm nicht, den Traum als Fieberphantasie abzutun. Er war zu klar gewesen, und er verbla�te nicht in der Art normaler Alptr�ume bald nach dem Erwachen, sondern schien im Gegenteil erst jetzt, in Skars Erinnerung, an Klarheit zu gewinnen. Es war fast, als w�re es kein Traum, sondern eine Botschaft gewesen, etwas, das von au�en an ihn herangekommen und sich in seine Tr�ume geschlichen hatte, um sie als Vehikel zu benutzen, als wolle ihm irgend jemand oder etwas - vielleicht sein eigenes Unterbewu�tsein - auf diesem Wege etwas mitteilen.</p><p>Aber wenn es eine Botschaft war, dann verstand er sie nicht. Er blieb eine Weile reglos sitzen und wartete darauf, da� die M�digkeit zur�ckkam, aber sie kam nicht. Sein K�rper und vielmehr noch sein Geist befanden sich in Aufruhr; er w�rde in dieser Nacht keinen Schlaf mehr finden. Leise beugte er sich zu Gowenna hin�ber und betrachtete sie sekundenlang. Sie lag auf dem R�cken und schlief; ihre Hand hatte die Decke, in die sie sich gewickelt hatte, bis zur Stirn hochgezogen, so da� der Stoff wie ein grober Schleier die gesch�ndete Seite ihres Gesichtes verbarg. Ihre Hand hatte sich selbst im Schlaf noch so fest in das Gewebe gekrallt, da� ihre Kn�chel wei� und deutlich hervortraten.</p><p>Pl�tzlich machte sich ein widersinniges Gef�hl von Verlangen in Skar breit. Es war wie beim ersten Mal, als er sie schlafend gesehen hatte - jetzt, wo er nur ihren K�rper sah, sah er auch nicht mehr als die Frau in ihr, die sie war. Er empfand nichts von dem Ha� und dem Zorn, den er der wachen Gowenna entgegenbrachte, sondern f�hlte nur noch Z�rtlichkeit, ein Empfinden, das er zu lange entbehrt hatte, und - ja, und Vertrauen. Als h�tten dieses schlafende M�dchen neben ihm und die Frau, zu der sie wurde, wenn er sie jetzt an der Schulter ber�hren und wecken sollte, nichts, aber auch gar nichts miteinander gemein.</p><p>Er merkte es nicht einmal, aber seine Hand machte sich pl�tzlich selbst�ndig, glitt in einer unendlich behutsamen Bewegung �ber die Decke und suchte ihre Hand. Und als h�tte Gowenna - die <emphasis>schlafende </emphasis>Gowenna - nur darauf gewartet, schlossen sich ihre Finger um seine, pre�te sich ihre Haut gegen die seine, die eine so hei� und trocken und rissig und vom Fieber ausged�rrt wie die andere, und f�r einen kurzen, ganz kurzen Moment sp�rte er Lust - nicht Lust auf irgendeine Frau, nicht das Verlangen nach reinem Sex, der ihm nicht mehr bedeutete als ein nat�rliches Bed�rfnis seines K�rpers und den er beherrschen und nach Belieben unterdr�cken konnte wie Hunger oder Durst, sondern ein hei�es, dr�ngendes Verlangen nach ihr, eine morbide Lust, sie an sich zu rei�en, sie in die Arme zu schlie�en und die Lippen auf ihr verbranntes Gesicht zu pressen, sie zu streicheln ...</p><p>Skar ri� seine Hand so abrupt zur�ck, da� Gowenna beinahe erwachte und sich st�hnend herumwarf. Er schlo� die Augen, ballte die F�uste und versuchte seine Gedanken dorthin zur�ckzujagen, wo sie hergekommen waren.</p><p>F�r einen Moment dachte er an gar nichts, schuf bewu�t eine schwarze, endlose Leere in seinem Geist und �ffnete nur zaghaft wieder die Augen.</p><p>Er stand auf, legte sich seinen Mantel um die Schultern und nahm nach kurzem Z�gern auch die Decke auf, um sie wie einen zweiten Umhang �ber den ersten zu werfen. Es waren noch Stunden bis zum Sonnenaufgang, und wenn auch der Wind sie in der halboffenen Ruine, in der sie Zuflucht gesucht hatten, nicht erreichen konnte, so kroch doch die K�lte wie ein glitzerndes eisiges Tier durch die W�nde und den Boden und nagte beharrlich an seinen Kr�ften. Er b�ckte sich noch einmal, hob seine Waffe auf und schob sie lautlos in den G�rtel. Das Gewicht des <emphasis>Tschekal </emphasis>an seiner Seite gab ihm ein Gef�hl der Sicherheit, obwohl er wu�te, da� die Gefahren, die hier auf sie lauern mochten, sicher nicht mit herk�mmlichen Waffen zu bek�mpfen waren.</p><p>Das schwarze Glas Tuans knirschte unter seinen Stiefeln, als er zu El-tra hin�berging. Sie waren trotz ihrer Ersch�pfung bis weit in die Nacht hinein geritten und hatten an die f�nfzig Meilen zwischen sich und Combat gebracht, und die Landschaft begann sich hier langsam, aber doch sp�rbar zu ver�ndern. Der Boden war nicht mehr ganz so glatt und hart, und an manchen Stellen war das Glas wie unter einer Folge ungeheurer Hammerschl�ge geborsten und zu einer zersplitterten, krumigen Masse zersprungen, und der Wind trug nicht nur Schnee und K�lte, sondern auch Schleier schwarzen, staubfeinen Glases mit sich. Skar senkte den Blick, drehte den Kopf, um dem Bombardement winziger schneidender Partikel zu entgehen, und arbeitete sich geb�ckt zu El-tra durch. Der Sumpfmann hockte reglos auf einem Mauerst�ck, als g�be es weder den Wind noch die schneidende K�lte. H�tte er nicht bei Skars N�herkommen den Kopf gedreht und genickt, h�tte man ihn f�r eine leblose Statue halten k�nnen; ein Teil dieses Landes, trotz seiner Menschen�hnlichkeit so bizarr und fremdartig wie die Welt, in die sie eingedrungen waren.</p><p>Er deutete auf die Mauer neben sich und machte eine einladende Handbewegung, aber Skar blieb stehen. Er versuchte mehr von ihrer Umgebung zu erkennen. Am Abend, als sie aus den S�tteln gestiegen und hinter der zerfallenen Mauer Zuflucht gesucht hatten, war er zu m�de gewesen, um mehr als Schatten wahrzunehmen, aber die wenigen Stunden Schlaf hatten ihn - trotz der Alptr�ume und des Fiebers - in �berraschendem Ma�e gest�rkt. Es war nicht wirklich dunkel: Combats Feuer leuchtete selbst hier noch hell genug, um die Landschaft in flackerndes rotes D�mmerlicht zu tauchen. Trotzdem schien alles, was weiter als zehn, f�nfzehn Fu� entfernt war, hinter einen unsichtbaren kochenden Schleier verborgen zu sein, den sein Blick wohl durchdringen konnte, der es aber trotzdem unm�glich machte, irgendwelche Einzelheiten zu erkennen. Er sah Schatten und Konturen und seltsame, fremdartige Dinge, ohne wirklich sagen zu k�nnen, was er sah.</p><p>�Warum schl�fst du nicht?� fragte El-tra nach einer Weile. �Es ist noch Zeit. Du wirst deine Kraft brauchen.�</p><p>Skar sch�ttelte unwillig den Kopf. �Ich kann nicht�, antwortete er. �Aber du solltest dich hinlegen. Es reicht, wenn einer von uns wacht.� Er h�tte gerne hinzugef�gt, da� es im Grunde nicht einmal n�tig war, Wachen aufzustellen, aber er tat es nicht. Wenn El-tra es f�r n�tig hielt zu wachen, so w�rde er seine Gr�nde haben. �Ich bin nicht m�de, Skar�, antwortete El-tra. �Mein Bruder schl�ft. Das reicht.�</p><p>Skar blinzelte verwirrt. �Soll das hei�en, ihr ruht beide, wenn einer von euch ruht?� fragte er ungeschickt.</p><p>El-tra antwortete nicht. Er stand auf, mit einer raschen, flie�enden Bewegung, wie es die Art seiner Rasse war, packte sein Schwert mit beiden H�nden und deutete nach S�den. Skar sah die Waffe des Schattenmannes jetzt zum ersten Mal bewu�t an - es war kein Schwert wie das, das er oder Gowenna trugen, sondern ein wuchtiges, m�rderisches Ding mit zwei Schneiden und zahlreichen, rei�enden Spitzen; keine Waffe f�r einen ehrenvollen Kampf, sondern ein brutales Mordinstrument, ein Ding zum Schlachten und Verst�mmeln. Er schauderte.</p><p>�Vielleicht ist es gut, da� du kommst�, fuhr El-tra nach sekundenlangem Schweigen fort. �Ich bin mir nicht sicher,... aber ...� Er sprach den Satz nicht zu Ende, doch seine Worte lie�en Skar aufhorchen. Er fragte sich, wie El-tra in dem brodelnden Nichts dort vor ihnen �berhaupt etwas wahrnehmen konnte.</p><p>�Komm.�</p><p>Sie gingen los, nebeneinander und mit gezogenen Waffen. Das Geb�ude, in dem sie Schutz gesucht hatten, war das erste in einer vielleicht dreihundert Fu� langen, geometrisch exakten Linie abgeschmirgelter Ruinen, die sich in s�dlicher Richtung dahinzogen. Was dahinter lag, war nicht mehr zu erkennen. El-tra ging vielleicht zwanzig Schritte weit, blieb dann stehen und deutete wortlos nach links. Skar sah konzentriert in die angegebene Richtung. Er erkannte eine Mauer, etwas h�her als die, hinter der ihr Nachtlager war, und an einer Stelle von einem breiten, halbkreisf�rmigen Durchgang unterbrochen, dessen oberes Drittel fehlte. Nebeneinander traten sie hindurch und blieben abermals stehen. Es fiel Skar nicht schwer, sich vorzustellen, wie dieses Geb�ude einmal ausgesehen haben mu�te. Von seinem Inneren war nichts erhalten, der Boden war geschmolzen und zu Glas erstarrt wie das gesamte Antlitz Tuans - aber es mu�te ann�hernd rechteckig gewesen sein, und dicht neben dem Eingang f�hrte ein schwarzer, lichtloser Schacht, an dessen oberen Ende die ersten Stufen einer Treppe zu erkennen waren, in die Tiefe. Skar lie� sich daneben auf die Knie sinken, legte sein Schwert neben sich auf den Boden und beugte sich vor, so weit es ging. Aber er erkannte nichts. Die Finsternis unter ihm war total, und selbst die flackernden dunkelroten Lichtblitze Combats, die wie eine stumme Drohung �ber dem Land lagen und ihre Umgebung in das Szenario eines Alptraumes verwandelten, schienen eine knappe Handbreit unter dem Beginn der Treppe aufgesogen und verschluckt zu werden. Aber daf�r f�hlte er um so deutlicher, was El-tra gemeint hatte. Sie waren nicht allein. Es war keine bewu�te Wahrnehmung, nichts, was er normalerweise mit seinen Sinnen aufnehmen oder erkl�ren konnte, sondern nur ein Gef�hl, weniger sogar noch, etwas wie die Stimme in dem Traum, aus dem er aufgeschreckt war - leise, nicht greifbar, aber doch deutlich, ein Empfinden, als h�tte er zu seinen normalen Sinnen pl�tzlich einen weiteren, neuen hinzubekommen. Er war irritiert.</p><p>Er sah sich einen Moment suchend um und ri�, als er nichts anderes fand, einen Streifen von der Decke, die er �ber seinen Mantel geworfen hatte. Rasch wickelte er ihn um das obere Drittel seines Schwertes und knotete ihn fest. El-tra lie� sich neben ihn auf ein Knie sinken und griff unter seinen Umhang. Tantor hatte ihnen nicht nur Heilkr�uter und Fleisch, sondern auch einen kleinen Vorrat des Brandpulvers zur�ckgelassen, mit dessen Hilfe er auf dem Weg durch die Berge selbst aus tropfnassem Holz Feuer entz�ndet hatte, und die Chemikalie wirkte auch jetzt noch - El-tra tupfte eine Fingerspitze davon auf den Stoffstreifen, und schon nach wenigen Sekunden begann sich der erste Rauchfaden emporzukr�useln.</p><p>Skar wartete nicht, bis seine improvisierte Fackel vollends Feuer gefangen hatte. Der zundertrockene Stoff w�rde nur wenige Augenblicke brennen, ehe er zu Asche zerfiel. Vorsichtig, beide Arme ausgestreckt, um nicht im Dunkeln gegen ein Hindernis zu sto�en, und mit den Fu�spitzen �ber die steinernen Stufen tastend, stieg Skar in die Tiefe. Der Stoffstreifen begann zu glimmen, dann in wachsenden, rauchenden Flammen zu brennen, trotzdem wurde es nicht hell. Das Licht wurde eine knappe Arml�nge unter ihm aufgesogen; er bewegte sich im Inneren einer unregelm��igen, blakenden Kugel aus flackernder Helligkeit, an deren R�ndern ein best�ndiger verzweifelter Kampf zwischen Licht und Finsternis zu toben schien.</p><p>Als er das Ende der Treppe erreichte, war seine provisorische Fackel zur H�lfte heruntergebrannt. Der Griff des <emphasis>Tschekal </emphasis>begann sich bereits sp�rbar zu erw�rmen. In wenigen Augenblicken w�rde er so hei� sein, da� Skar ihn nicht mehr halten konnte. Skar z�gerte einen Moment, ri� einen weiteren Streifen von seiner Decke und setzte auch ihn in Brand.</p><p>Skar schlo� geblendet die Augen, als der Stoff hell aufloderte, hob instinktiv die Hand vor das Gesicht und lie� den Streifen fallen, der wie ein gl�hender Feuerschmetterling zu Boden flatterte und dort weiterbrannte.</p><p>Im ersten Moment hatte Skar das Gef�hl, sich im Inneren eines gewaltigen, in Millionen und Abermillionen verschiedenf�rmiger Facetten geschliffenen Kristalls zu befinden. Die W�nde des Kellerraums bestanden aus Glas, wie der Boden �ber ihm, aber anders als er waren sie von kristallener Klarheit; blitzendes Eis und Kaskaden von spr�hendem, mitten in der Bewegung erstarrtem Wasser, in denen sich das Licht der Flammen millionenfach brach und spiegelte.</p><p>F�r einen Moment hatte er das Gef�hl, als ob der Boden unter seinen F��en bebte, aber dann merkte er, da� er es war, der wankte, unter dem pl�tzlichen Ansturm von Licht und Helligkeit zur�cktaumelte wie unter einem Schlag. Er blinzelte, schlo� die Augen und �ffnete sie erst nach Sekunden vorsichtig wieder. Der Anblick war bizarr, erschreckend und faszinierend zugleich. Sie standen am Eingang einer niedrigen, aber weitl�ufigen Kuppelhalle. Der Boden war eben, oder war einmal eben gewesen, bevor er sich wie ein gewaltiges Tier in zuckenden Kr�mpfen gewunden hatte und dann wieder erstarrt war. Eine der Seitenw�nde war geborsten, die Steine in einer gefrorenen, zeitlosen Explosion in den milchigwei�en Schwaden gefangen. Gl�serne Stalaktiten wuchsen von der Decke herab, und da und dort spannten sich d�nne, durchbrochene Netze wie verwunschene Spinnweben durch den Raum. Skar glaubte f�r einen kurzen Moment im Widerschein des Feuers die ungeheure Glut zu sp�ren, die diesen Raum einmal erf�llt haben mu�te, Hitze, die Sand zu Dampf und dann zu Glas werden lie�, ein H�llenfeuer, das auf geheimnisvolle Weise noch immer da zu sein schien, als w�re es nie erloschen, sondern gefangen in den wei�en, durchsichtigen Schleiern, schlafend, aber noch da.</p><p>Skar versuchte sich vorzustellen, wie es gewesen sein mu�te: Irgendwann einmal hatten hier Menschen - Menschen oder G�tter, aber auf jeden Fall <emphasis>lebende </emphasis>Wesen - gelebt. Sie hatten St�dte gebaut, Festungen, Burgen, hatten vielleicht Kriege gegeneinander gef�hrt, waren gl�cklich oder ungl�cklich gewesen. Und dann war das Ende gekommen; schnell, wahrscheinlich zu schnell, als da� noch irgendeiner �berhaupt etwas von dem Unheil sp�rte, das pl�tzlich �ber sie hereinbrach, war die Sonne mit einem einzigen br�llenden Schlag vom Himmel gest�rzt, hatte Combat in Brand gesetzt und dieses Land get�tet...</p><p>Das Ger�usch leiser Schritte ri� ihn aus seinen Gedanken. Er sah auf, drehte sich um und sah El-tra nachdenklich an. Das Licht wurde schw�cher. Skar streifte den verkohlten Stoff von seinem Schwert, ri� wieder ein St�ck von seiner Decke und entz�ndete es. Diesmal war er auf den Ansturm von Licht vorbereitet, aber es schien ihm auch weniger schlimm, zwar noch immer schmerzhaft intensiv, aber nicht mehr so voller Wut wie beim ersten Mal. El-tra ging stumm an ihm vorbei. Skar konnte die Anspannung, unter der der Sumpfmann stand, sp�ren. Das Gef�hl, beobachtet, belauert zu werden, war hier st�rker. Aber er war auch pl�tzlich sicher, da� sie allein waren. Was sie f�hlten, war nichts als ein schwacher Hauch der Vergangenheit. Die Spuren, die die Jahrtausende, ohne auch nur die mindeste Ver�nderung im Flu� der Zeit zu bewirken, hinterlassen hatten. Sie standen in einem Grab. Und sie f�hlten es.</p><p>El-tra deutete auf den Boden neben sich und lie� sich auf die Knie nieder. Skar trat neben ihn. Er sah die obersten Stufen einer Treppe, die weiter in die Tiefe f�hrte, hinab in einen Schacht, der von gesprungenem Glas wie von einem gewaltigen Pfropfen ausgef�llt war. Das Geb�ude mu�te sich auch unter diesem Keller noch fortsetzen, vielleicht Teil eines gewaltigen, Stockwerk um Stockwerk in die Tiefe reichenden Labyrinthes, das noch intakt sein mochte, unversehrt und gesch�tzt durch den Panzer aus Glas und geschmolzenem Stein, der �ber ihm lag.</p><p>�Gehen wir�, murmelte er. �Hier ist nichts.� Er sprach leise, und doch erf�llten seine Worte den Raum mit bizarrem kicherndem Leben. Dies war kein Ort, an dem Menschen sein sollten. El-tra stand auf und drehte sich um, blieb aber noch einmal stehen und sah zu einer Stelle neben der zerborstenen Seitenwand. Etwas Dunkles, ungeheuer Massiges und Gro�es ragte halb aus dem erstarrten Glas.</p><p>Skar trat z�gernd n�her. Es war schwer zu erkennen, <emphasis>was </emphasis>sie eigentlich vor sich hatten; sein Blick schweifte immer wieder ab, und er mu�te seine Augen bewu�t zwingen, hinzusehen.</p><p>Das Ding hatte entfernte �hnlichkeit mit einem Menschen. Es war gr��er, sehr viel gr��er, und auf schwer zu beschreibende Art massig, von der Wucht und Unaufhaltsamkeit einer Naturgewalt. Es mu�te eine Statue sein, irgendein blasphemischer Gott, den die Menschen, die hier gelebt hatten, angebetet und in Stein oder Eisen geschaffen hatten. Es war schwarz, eine Farbe wie uraltes, gl�nzendes Horn, und obwohl es in einer halb kauernden, aufspringenden Haltung in die Wand eingebettet war, sah Skar, da� es aufgerichtet weit �ber drei Meter messen mu�te. Sein K�rper war vollkommen in eine glatte R�stung geh�llt, aus deren Schultern, Knien und Ellbogen fingerlange, rei�ende Dornen wuchsen. Seine Pranken waren gro� wie Skars Kopf; f�rchterliche Klauen mit f�nf Fingern und zwei gegeneinander gerichteten, kr�ftigen Daumen. Das Gesicht war abgewendet; Skar konnte es nicht erkennen.</p><p>�Was ... was ist das?� fl�sterte er. Seine Stimme bebte, ersch�ttert von einer Furcht, gegen die er hilflos war. �Ein Lebewesen?� El-tra sch�ttelte den Kopf; eine rasche, abgehackte Bewegung, die zu rasch kam, um wirklich eine Antwort auf Skars Frage sein zu k�nnen. Der Sumpfmann wu�te sowenig wie er, ob dieses Ungeheuer jemals gelebt hatte oder nicht. Er wollte es nicht. Ein Ding wie dieses <emphasis>durfte </emphasis>niemals gelebt haben.</p><p>Skar streckte z�gernd die Hand aus und ber�hrte die vorgestreckte Klaue des Ungeheuers mit den Fingern. Die Bewegung kostete ihn unglaubliche �berwindung; in ihm blitzte pl�tzlich die Vision auf, da� dieses Ding im gleichen Moment, in dem er es ber�hrte, wieder zum Leben erwachen, sich mit einem br�llenden Schrei aus seinem gl�sernen Gef�ngnis befreien und �ber ihn und den Sumpfmann herfallen w�rde. Und doch, obwohl es seiner ganzen Kraft bedurfte, die Bewegung zu Ende zu f�hren, war da noch etwas anderes in ihm, etwas, das ihn zwang, die Statue anzustarren, sie zu ber�hren.</p><p>Sein dunkler Bruder ... Es war das erste Mal seit dem Kampf mit Del und der <emphasis>Errish, </emphasis>da� sich die unsichtbare Stimme in ihm wieder meldete, nicht mit Worten oder Gef�hlen diesmal, sondern als sanfter, auf morbide Weise beinahe wohltuender Druck, k�rperlos und nur als das Wissen, da zu sein.</p><p>Skars Finger glitten �ber die Krallenhand der Statue, glitten an ihrem Arm hinauf und verharrten, als er gegen die wasserklare Wand aus Glas stie�, in die das Ungeheuer zum Gro�teil eingebettet war.</p><p>�Was ist es?� fragte El-tra. �Eisen?�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. Er war sich nicht sicher - vielleicht lag es an den verzerrten Echos, die die glitzernden W�nde zur�ckwarfen, vielleicht an seiner eigenen Nervosit�t -, aber er glaubte fast so etwas wie Furcht in der Stimme des Sumpfmannes zu versp�ren; ein Gef�hl, von dem er bisher nicht einmal gewu�t hatte, da� die Schattenm�nner es kannten.</p><p>�Nein�, antwortete er nach einer Weile. El-tra schien eine weitere Erkl�rung zu erwarten, aber Skar schwieg. Es war kein Eisen, weder Eisen noch Stein - das Material sah aus wie Horn, und es f�hlte sich an wie Horn, Horn oder vielleicht Knochen. Nichts an der R�stung, die der Gigant trug, schien geschmiedet oder auf andere Weise bearbeitet worden zu sein. Seine Formen wirkten, obwohl gewaltig und fremder als alles, was er jemals zu Gesicht bekommen hatte, auf schwer zu bestimmende Art nat�rlich. <emphasis>Gewachsen.</emphasis></p><p>Skar zog die Hand so hastig zur�ck, als h�tte er unvermittelt gl�hendes Eisen ber�hrt. Mit einem schnellen Schritt trat er neben El-tra und deutete auf die Treppe.</p><p>�Wir sollten gehen�, sagte er noch einmal.</p><p>Diesmal widersprach der Schattenmann nicht, und als Skar in das wogende Nebelgesicht unter der Kapuze blickte, erkannte er Furcht, Furcht, die ebenso tief und vielleicht tiefer als seine eigene war. Es war nicht das, was sie wirklich <emphasis>gesehen </emphasis>hatten - die Statue war bei aller Schrecklichkeit doch nicht mehr als eine leblose Skulptur aus Stein oder Horn oder irgendeinem anderen Material, in dem die Bewohner dieses Landes ihren Gott, vielleicht auch einen D�mon, den sie f�rchteten und auf diese Weise zu bannen hofften, nachgebildet hatten. Es h�tte Skar nicht einmal sehr viel mehr erschreckt, einem solchen Ungeheuer lebend und leibhaftig gegen�berzustehen. Schlimmer war das, was sie beide sp�rten, nicht mit ihren Sinnen, daf�r aber um so deutlicher mit ihren Seelen wahrnahmen: das ungeheure Gewicht der Jahrtausende, die auf diesem halb eingest�rzten Gew�lbe lasteten, den fremden, eisigen Hauch, der sie wie eine Vision aus einer vollkommen anderen Welt gestreift hatte. Sie hatten einen kurzen, einen ganz kurzen Blick in das Tuan geworfen, das hier gewesen war, lange bevor der Mensch seinen Fu� auf die Oberfl�che dieser Welt gesetzt hatte, und schon diese fl�chtige Vision hatte gen�gt, etwas in ihnen erstarren zu lassen.</p><p>Der eisige Wind schlug ihnen mit Macht entgegen, als sie den Treppenschacht verlie�en und wieder zwischen die glasierten Mauern der Ruine traten. El-tra entfernte sich rasch ein paar Schritte vom Ende der Treppe und blieb stehen. Seine Hand spannte sich so fest um das Schwert, da� Skar das leise Knacken seiner Gelenke h�ren konnte; ein Laut, der das Heulen des Sturmes zu unterlaufen und ungemildert an sein Geh�r zu dringen schien, so, wie alle seine Wahrnehmungen pl�tzlich zweigeteilt waren: Der Sturm und die jagenden grauen Schatten lie�en seine Umgebung noch immer zu einer bizarren Alptraumlandschaft werden, zu einem Ort, an dem Furcht etwas ebenso Selbstverst�ndliches war wie Licht und Dunkelheit oder W�rme und K�lte; aber gleichzeitig sah er manches mit beinahe erschreckender Klarheit.</p><p>Z�gernd ging er an El-tra vorbei, trat durch den halbierten Torbogen und wollte sich nach rechts wenden, zur�ck in die Richtung, in der ihr Lager war. Der Sumpfmann ber�hrte ihn an der Seite, sch�ttelte den Kopf und deutete in die entgegengesetzte Richtung. Und jetzt, als h�tte es El-tras Hinweis bedurft, um einen weiteren, verborgenen Sinn in ihm zu aktivieren, sp�rte er es wieder.</p><p>Sie waren nicht allein. Vor ihnen war etwas Lebendes; und sie sp�rten es, sp�rten die reine Anwesenheit von Leben in diesem Reich des Schweigens und Toten, wie sie das Gl�hen einer Flamme in einem Land ewiger Finsternis gesehen h�tten.</p><p>El-tra deutete stumm nach Norden und ging los; schnell, aber nicht hastig. Skar folgte ihm, Staub und feines, pulverisiertes Glas knirschte unter ihren Stiefelsohlen. Skar sp�rte ein leises, dr�ngendes Pochen in sich, ein Gef�hl jenseits seiner normalen Empfindungen, nicht so deutlich, wie es unten im Keller gewesen war, und lange nicht so machtvoll wie w�hrend seines Kampfes gegen die <emphasis>Errish, </emphasis>aber doch nicht leise genug, um �berh�rt oder gar geleugnet werden zu k�nnen. Sein dunkler Bruder war noch immer da, schlafend, doch nicht tot; ein Gef�hl, als w�re in ihm etwas dabei, sich zu verpuppen, einzuspinnen in einen Kokon aus Schweigen und lastender Dunkelheit, um irgendwann, vielleicht schon bald, neu und mit schrecklicherer Macht als zuvor herauszubrechen.</p><p>Er blieb stehen, pre�te die Lippen zusammen und schlo� f�r Sekunden die Augen. Seine H�nde begannen zu zittern, und trotz der K�lte bedeckte feiner, kalter Schwei� seine Stirn.</p><p>�Was hast du?� fragte El-tra.</p><p>Skar sch�ttelte hastig den Kopf. �Nichts�, sagte er. �Es ist schon vorbei.� Er versuchte zu l�cheln. �Eine vor�bergehende Schw�che, mehr nicht.�</p><p>Er konnte El-tras Blick nicht sehen, aber er glaubte den Zweifel darin zu sp�ren.</p><p>�Die Droge�, f�gte er schnell hinzu. �Ich sp�re sie noch immer. Mehr nicht.�</p><p>El-tra sch�ttelte den Kopf. �Das ist es nicht, Bruder�, sagte er sanft und doch in einem Tonfall, der jeglichen Widerspruch von vornherein ausschlo�. �Es ist etwas anderes. Da ist etwas in dir, das mich �ngstigt.�</p><p>Skar lachte. �Vielleicht meine schwarze Seele�, sagte er leichthin. �Ich verspeise normalerweise zum Fr�hst�ck kleine Kinder, wei�t du? Und abends Sumpfm�nner.�</p><p>El-tra machte eine rasche, �rgerliche Handbewegung. �Du wei�t, wor�ber ich rede�, sagte er scharf. �Und du versuchst es herunterzuspielen, weil es dich selbst �ngstigt. Was ist es, das einen Mann dazu bringt, Furcht vor sich selbst zu haben?�</p><p>Skar hielt dem Blick der unsichtbaren Augen einen Herzschlag lang stand, dann drehte er sich mit einem Ruck um und wies mit der Spitze seiner Waffe nach Norden. �Wir sollten erst einmal nachsehen, was <emphasis>dort </emphasis>ist�, sagte er betont. ��ber mich k�nnen wir sp�ter noch reden.�</p><p>Er hatte mit Widerspruch gerechnet, aber El-tra lie� das Thema ohne ein weiteres Wort fallen und ging weiter. Die Reihe zerfallener Ruinen blieb rasch hinter ihnen zur�ck, und nach weiteren zwanzig, drei�ig Schritten standen sie auf einer vollkommen flachen, glatten Ebene, die sich unversehrt wie ein gewaltiger gr�ner Spiegel mehr als eine Meile vor ihnen ausbreitete. Der Sturm lie� kleine, wirbelnde Staubschleier und Wolken von Schnee vor ihnen tanzen, und am Himmel flackerten noch immer rote und orangefarbene Lichter, aber vor ihnen war nichts, nichts au�er wogendem Chaos und den Schrecken, den sie selbst hineinlegten. Zehn, vielleicht zwanzig Minuten standen sie reglos da und blickten in die Unendlichkeit hinaus, gepeitscht von Wind und bei�ender K�lte. Skar kam sich pl�tzlich unglaublich klein und einsam vor, l�cherlich, eine Ameise, die sich vorgenommen hatte, einen Ozean zu �berqueren. Es bedurfte gar keiner Feinde, sie zu t�ten. Dieses Land selbst w�rde sie umbringen, ehe sie es auch nur zu einem Zehntel durchquert hatten, w�rde sie mit seiner ungeheuren Leere erschlagen, das Leben aus ihnen heraussaugen. Vielleicht, dachte er, war es nur erschaffen worden, um leer zu sein, so wie Combat nur erschaffen worden war, um gro� zu sein. Vielleicht sollten sie aufh�ren, einen Sinn darin zu suchen, irgendeine andere Begr�ndung als einfach die, da zu sein. Sie waren Menschen, und es war wohl einer der Grundz�ge des menschlichen Charakters, immer und �berall nach dem Warum zu fragen. Aber was, dachte Skar, wenn es in diesem Land kein Warum gab? Wenn dies alles hier nicht irgendeinem Plan, einem Muster oder einem bestimmten Zweck folgte, sondern einfach <emphasis>war?</emphasis></p><p>Der Gedanke entglitt ihm, zu abstrakt, um wirklich zu Ende verfolgt zu werden, aber er lie� ein seltsames Gef�hl von Entt�uschung zur�ck, eine Leere, die irgendwie mit der sie umgebenden verwandt schien.</p><p>Der Wind wurde st�rker. Eine gewaltige B� ri� die wirbelnde Decke aus Schnee und Wolken �ber ihren K�pfen auf, und f�r einen Moment loderte Combats Glut so grell, als h�tte der gesamte Himmel Feuer gefangen. Ein hoher, klagender Ton mischte sich in das Winseln des Sturmes, und als Skar sich umwandte, glaubte er �ber der gezackten Schattenlinie des Horizonts einen m�chtigen schwarzen Schatten zu erkennen, ein Ungeheuer aus Stein und lodernder Wut, brennend und verzehrt von einem Ha�, der Skar wie eine eisige Hand zu ber�hren schien. Dann verschwand die Vision so rasch, wie sie gekommen war. Nur das helle, klagende Heulen des Sturmes blieb zur�ck.</p></section><section><title><p id="_293">4.</p></title><p>Am n�chsten Morgen fanden sie den Toten. Sie waren weiter geritten - nicht, wie Skar urspr�nglich vorgehabt hatte, unmittelbar nach Sonnenaufgang, sondern eine gute Stunde nach Anbruch des Tages; er hatte keinen Schlaf mehr gefunden, sondern den Rest der Nacht zuerst wortlos neben El-tra, dann mit geschlossenen Augen, aber nichtsdestominder hellwach, auf seinem Lager liegend, und die M�digkeit war erst bei Anbruch der D�mmerung mit Macht zur�ckgekehrt. Zudem hatte Gowenna eine sehr unruhige Nacht hinter sich, wohl die schlimmste �berhaupt seit ihrem Fortgang von Combat. Sie litt, ganz wie Skar es erwartet hatte, stumm, und nur manchmal im Schlaf entrang sich ihrer Brust ein halblautes, unterdr�cktes Echo der Qual, die sie ausstehen mochte. Aber als sie am Morgen die Augen aufschlug, war ihr Blick klar, und Skar erkannte, da� sie das Schlimmste �berstanden hatte.</p><p>Trotzdem waren ihre Bewegungen noch fahrig und schwach. Das Fieber hatte das bi�chen Kraft, das noch in ihr gewesen sein mochte, vollends aufgezehrt, und sie besa� nicht einmal mehr die Energie, aus eigener Kraft in den Sattel zu steigen. Skar und einer der Sumpfm�nner mu�ten ihr helfen. Aber sie w�rde nicht sterben; jetzt nicht mehr.</p><p>Sie ritten weiter, in der gleichen Marschordnung wie am Tage zuvor: El-tra und Skar an der Spitze, hinter ihnen die Reservepferde, dann Gowenna, gefolgt von dem zweiten Sumpfmann, der sich - wie Skar erst jetzt auffiel - immer so hielt, da� er mit seinem K�rper den eisigen Wind auffing und Gowenna so wenigstens einigerma�en sch�tzte. Wie durch ein Wunder hatten sich die Pferde in der kurzen Pause sichtlich erholt und trabten mit neuer Kraft dahin; trotzdem kamen sie nicht mehr so rasch voran wie am Tag zuvor. Irgend etwas war in dem steinernen Karree, in dessen Schutz sie die Nacht verbracht hatten, zur�ckgeblieben. Sie waren, wie ein Stein, der einmal geworfen und in Bewegung war, aus der unmittelbaren Umgebung Combats geflohen, aber ihr Vorw�rtskommen hatte seinen Schwung verloren und war nun auch �u�erlich zu dem geworden, was es vom ersten Augenblick an gewesen war: ein m�hsames, nur noch von Trotz und nicht mehr von wirklicher Energie aufrechterhaltenes Voranschleppen. Die Pferde w�rden nicht vor ihnen sterben, das begriff Skar, als sie die Ruinen hinter sich lie�en und auf den gl�sernen Spiegel hinausritten. Sie waren in gewissem Sinne besser dran als ihre Reiter - an ihren Kr�ften zehrten nur die K�lte und der Sturm, vielleicht sp�ter auch noch der Hunger. Aber sie waren mit ihren stumpfen Sinnen und ihrem Denken, das nur von Instinkten und angeborenen Reflexen bestimmt wurde, gesch�tzt vor der wahren Gefahr, die Tuan barg. Nur die Menschen sp�rten den Atem des B�sen und Toten, der �ber diesem Land lag.</p><p>Sie waren weniger als zwei Stunden geritten - die Glasebene hatte sich nicht, wie es am Abend zuvor erschienen war, meilenweit dahinerstreckt, sondern war bereits nach wenigen hundert Schritten wieder in den zerborstenen Boden Tuans �bergegangen - als El-tra pl�tzlich die Hand hob und sein Pferd mit einem harten Ruck zum Stehen brachten.</p><p>Skar sah diesmal gleich, was die Aufmerksamkeit des Sumpfmannes erregt hatte. Vor ihnen, in einer Entfernung, die durch die wehenden Staub- und Schneeschleier nicht zu sch�tzen war, bewegte sich ein verwaschener grauer Fleck �ber den Horizont. Manchmal brach ein verirrter Sonnenstrahl durch die wirbelnde grauwei�e Decke �ber ihren K�pfen und spiegelte sich in Metall, und als sie weiterritten und n�her kamen, erkannte Skar, da� es ein Pferd war. Nicht irgendein Pferd - was schon ungew�hnlich genug gewesen w�re -, sondern eines der gleichen schwarzen gepanzerten Tiere, auf denen sie selbst ritten.</p><p>El-tra gab ihnen zum zweiten Mal das Zeichen, zur�ckzubleiben, und galoppierte in scharfem Tempo los. Skar folgte ihm, w�hrend Gowenna und der Bruder des Sumpfmannes ohne ein weiteres Wort der Verst�ndigung zur�ckblieben. Skar hatte sich allm�hlich an den Gedanken gew�hnt, da� die beiden M�nner aus Cosh nicht unbedingt miteinander reden mu�ten, um sich zu verst�ndigen. Trotzdem irritierte ihn diese wortlose Art der Kommunikation immer wieder, sooft er sie erlebte.</p><p>Eine Weile schien es, als w�rden sie sich ihrem Ziel �berhaupt nicht n�hern, obwohl sie schneller ritten, als bei dem ersch�pften Zustand ihrer Pferde im Grunde zu verantworten war. Dann wieder kam das fremde Pferd mit einem Ruck n�her oder verschwand ganz hinter wallenden Nebel- und Schneewolken. Auch Entfernung schien in diesem Land nicht unbedingt dasselbe zu sein wie dort, wo sie herkamen. Sie trennten sich, kurz bevor sie das Pferd erreichten - Skar galoppierte weiter geradeaus, wenn auch langsamer, darauf zu, w�hrend El-tra einen weit geschwungenen Bogen in westlicher Richtung schlug, um einem eventuellen Hinterhalt auszuweichen. Trotzdem kamen sie nahezu gleichzeitig bei dem Tier an.</p><p>Skar tauschte einen raschen Blick mit El-tra; der Sumpfmann sch�ttelte den Kopf. Er hatte niemanden gesehen, nichts, was auf eine Falle hindeutete. Mit einer raschen Bewegung beugte er sich im Sattel vor, griff nach den Z�geln des fremden Pferdes und bog seinen Kopf zu sich herum. Es stampfte einen Moment unruhig mit den Hinterl�ufen, beruhigte sich dann aber erstaunlich schnell und lie� es zu, da� El-tra seinen Nacken- und Kopfpanzer l�ste und die schweren Lederplatten abnahm.</p><p>Skar erschrak, als er das Tier sah. Es war am Ende. Die steinharten Kanten der Panzerung hatten tiefe, eiterige Linien in sein Fell gescheuert; seine Augen waren tr�b und glanzlos, und vor seinem Maul stand grauwei�er, flockiger Schaum. Seine N�stern zitterten, d�nne, halb eingetrocknete Blutf�den rannen aus seinen Augenwinkeln und den Ohren. Skar begriff pl�tzlich, warum das Tier nicht vor ihnen geflohen war - es hatte einfach nicht die Kraft dazu gehabt. Eigentlich war es ein Wunder, da� es noch lebte.</p><p>Er sah auf. El-tras Hand lag in einer beruhigenden Geste zwischen den Ohren des Tieres, aber sein Blick irrte �ber die Ebene im S�den. �Dieses Pferd hatte einen Reiter�, sagte er.</p><p>Skar nickte. �Sicher. Aber sieh es dir doch an - es kann seit Tagen herrenlos hier herumirren.�</p><p>El-tra sch�ttelte �berzeugt den Kopf. �Er ist hier�, murmelte er. �Ich wei� es. Dort.� Er l�ste die Hand mit einer bed�chtigen Bewegung vom Kopf des Tieres und deutete nach S�den, dorthin, woher die Spuren des Pferdes kamen, Spuren, die nur hier und da als einzelner Hufabdruck in einem H�ufchen pulverisierten Glases oder als halbrunder Ri� im por�sen Gr�n des Grundes sichtbar waren und trotzdem in dieser Ein�de auffielen, als w�ren sie mit Leuchtfarbe gemalt. Skar widersprach nicht - er hatte ihr gemeinsames Erlebnis vom vergangenen Abend nicht vergessen, und das Gef�hl, beobachtet zu werden, war noch immer da.</p><p>Er nickte, dr�ngte sein Tier herum und z�gerte noch einmal. �Was ist mit ihm?� fragte er mit einer Kopfbewegung auf das herrenlose Pferd.</p><p>El-tra schwieg einen Moment und zog dann sein Schwert unter dem Mantel hervor. Skar wandte sich ab. Der Sumpfmann hatte nat�rlich recht - sie hatten weder die Zeit noch die n�tigen Mittel, um sich um das Tier zu k�mmern; wenn sie es versorgten, w�rden sie seine Qual nur verl�ngern. Trotzdem schien sich in ihm etwas zu verkrampfen, als er den schneidenden Laut und den dumpfen Aufprall des schweren K�rpers h�rte. Er liebte Tiere, Pferde vor allem. Er war zu oft in Situationen gewesen, in denen sein �berleben einzig und allein von der Schnelligkeit und Treue seines Pferdes abgehangen hatte. Dazu kam, da� er Pferde fast mehr achtete als die meisten Menschen, die er kannte. Ein Tier - und ganz besonders ein Pferd - war ehrlich. Er hatte noch nie ein Pferd kennengelernt, das ihn betrogen h�tte.</p><p>Sie galoppierten weiter, schneller als zuvor, obwohl es eigentlich keinen Grund zu solcher Eile gab. El-tra deutete auf eine Ansammlung flacher schwarzer Ruinen, �hnlich denen, in deren Schutz sie �bernachtet hatten, und wich erneut in westlicher Richtung aus, um sie zu umgehen und sich ihnen von hinten zu n�hern - ein im Grunde l�cherliches Unterfangen, denn es gab auf der vollkommen flachen Ebene keinerlei Deckung. Aber Skar h�tte auch dann nicht protestiert, wenn er noch die Energie dazu gehabt h�tte.</p><p>Er ritt langsamer und lie� sein Tier die letzten hundert Fu� im Schrittempo gehen. Sein Blick tastete aufmerksam �ber die geschw�rzten, runden Buckel, die wie steinerner Ausschlag aus dem gr�nlichen Glas Tuans wuchsen. Der Schneesturm hatte kleine, wei�e Dreiecke in Winkeln und unter Kanten zur�ckgelassen und die Spuren des Pferdes - wenn es jemals hier gewesen war - l�ngst verweht. Er stieg aus dem Sattel, schlug seinen Mantel zur�ck und zog das <emphasis>Tschekal </emphasis>aus der Scheide. Vorsichtig, immer wieder nach rechts und links sehend, stieg er �ber die kaum wadenhohe erste Mauer und drang tiefer in das steinerne Labyrinth ein. Das Feuer schien hier nicht mehr mit der gleichen Urgewalt zugeschlagen zu haben wie weiter im Norden - da und dort waren ganze W�nde stehengeblieben oder wenigstens nur geringf�gig besch�digt worden, an anderen Stellen brachen die dunklen Linien der Grundmauern pl�tzlich ab und verschwanden in runden, schimmernden Teichen, in denen der Sand wie Wasser gekocht haben mu�te, ehe er zu Glas erstarrte.</p><p>Skar drang etwa zwanzig Schritte in das steinerne Labyrinth ein, ehe er stehenblieb und sich vorsichtig aufrichtete. Von El-tra war keine Spur mehr zu sehen; er mu�te mittlerweile die R�ckseite der Ruine erreicht haben und n�herte sich nun von dort. Dann h�rte er das Ger�usch. Es wehte mit der Stimme des Windes zu ihm her�ber, leise und kaum wahrnehmbar, aber Skars angespannten Sinne nahmen es trotzdem auf: ein leises Schaben, das Ger�usch von Leder und Eisen, die �ber glasierten Stein schrammten, dazwischen etwas wie Schritte. Skar drehte sich einmal im Kreis. Die Ruine war leer bis auf den nie endenden Tanz von Licht und Staub, und von Zeit zu Zeit schien ein lautloses Grollen durch den Boden zu laufen. Skars Hand krampfte sich fester um das Schwert, w�hrend er sich einem der weniger zerst�rten Teile des Geb�udes n�herte. Er h�rte das Ger�usch nicht noch einmal, aber er wu�te auch so, da� er sich diesmal nicht get�uscht hatte.</p><p>Geb�ckt duckte er sich unter einem niedrigen, halb zerschmolzenen Torbogen hindurch. Ein Schatten lag auf dem glasierten Boden dahinter, der verzerrte, graue Schatten eines Menschen ... Seine eigenen Reaktionen spielten ihm einen Streich. Er dachte nicht mehr, sondern handelte, kaum mehr Mensch, sondern ein einziger, blitzartiger Reflex. Sein Schwert zuckte hoch, beschrieb einen rasenden Halbkreis und prallte mit vernichtender Wucht gegen El-tras Klinge. Der Schlag war so gewaltig, da� der Sumpfmann drei, vier Schritte weit zur�cktaumelte und mit einem unterdr�ckten Schmerzenslaut seine Waffe fallen lie�.</p><p>Skar blieb mitten in der Bewegung stehen, lie� das <emphasis>Tschekal </emphasis>sinken und starrte El-tra mit einer Mischung aus Verbl�ffung und Schrecken an. Der Sumpfmann hatte sich wieder gefangen und sein Schwert aufgehoben, schien aber nicht minder �berrascht zu sein als Skar. Sein Schattengesicht kochte.</p><p>�Ich ...�, murmelte Skar verwirrt, �Verzeih. Ich sah nur einen Schatten und -�</p><p>Er brach ab, schob sein Schwert mit einer linkischen Bewegung in die Scheide zur�ck und trat unruhig von einem Fu� auf den anderen. Er h�tte sich selbst ohrfeigen k�nnen - ein Fehler wie dieser war ihm noch nie unterlaufen. H�tte hinter der Mauer statt des Sumpfmannes ein normaler Mensch gestanden, w�re er jetzt tot. Nicht einmal die Reaktionen eines Satai w�ren schnell genug gewesen, den blitzartigen Hieb aufzufangen oder ihm auszuweichen.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte er noch einmal.</p><p>El-tra winkte ab. �Schon gut�, murmelte er. �Aber du solltest besser auf dich selbst achtgeben.�</p><p>Skar nickte. Jeder andere h�tte ihn jetzt mit Vorw�rfen �berh�uft, aber die ruhige, selbstverst�ndliche Art, mit der der Sumpfmann den Zwischenfall abtat, traf ihn fast h�rter. Er war froh, als El-tra sich umwandte und ohne ein weiteres Wort zur�ck in die Richtung ging, aus der er gekommen war.</p><p>Sie �berquerten einen flachen Innenhof, gingen durch eine beinahe unbesch�digt gebliebene Galerie und betraten schlie�lich einen trapezf�rmigen, an einer Seite offenen Raum, der wohl einmal Teil eines weitaus gr��eren Geb�udes gewesen sein mochte, jetzt jedoch als einziges Zeugnis einstiger Gr��e �briggeblieben war. Auch hier hatte der Sturm wei�e D�nen aus Pulverschnee abgeladen und die zerborstenen Mauern mit einem schimmernden Panzer �berzogen, aber im Gegensatz zu dem Teil der Ruine, den Skar bisher zu Gesicht bekommen hatte, war die Schneedecke zertrampelt und mit dunklen Flecken von Unrat und Schmutz besudelt.</p><p>In einem gesch�tzten Winkel dicht neben dem Eingang lag ein Mann. Er war tot, das sah Skar sofort. Er lag auf dem Bauch, das Gesicht tief im weichen Schnee vergraben, die H�nde blau und an den Fingerspitzen schwarz angelaufen, erfroren, zu Krallen verkr�mmt, die sich tief in den Schnee gew�hlt hatten, flache, blutige Krater hinterlassend. Seine Kleider waren schwarz, oder waren es einmal gewesen, bevor er sie in einem vielleicht Tage w�hrenden Todeskampf mit Blut und seinem eigenen Schmutz besudelt hatte. Skar tauschte einen fragenden Blick mit El-tra, aber der Sumpfmann zuckte nur die Achseln. Er mu�te den Toten gefunden und sofort weitergegangen sein, um Skar zu rufen.</p><p>Skar kniete z�gernd neben dem Leichnam nieder. Er mu�te schon lange tot sein; Tage, wenn nicht Wochen, aber die eisige Luft und der Schnee hatten den Moment seines Todes festgehalten, und Skar glaubte in seinen gebrochenen, weit aufgerissenen Augen noch die Mischung aus Unglauben und Schrecken zu lesen, die ihn �berkommen hatte, als er begriff, da� er starb. Er z�gerte, beugte sich dann vor und drehte den Toten auf die Seite. Die steifen, gleicherma�en von Totenstarre wie von K�lte gel�hmten Glieder lie�en den Leichnam zu einer grauenhaften Skulptur werden, und Skar lockerte unwillk�rlich seinen Griff, als h�tte er Angst, die steifen Glieder k�nnten bei einer zu heftigen Ber�hrung wie spr�des Glas brechen.</p><p>El-tra kniete nieder und fuhr pr�fend mit der Handfl�che �ber den Brustpanzer des Toten; es knirschte; Metall auf Glas, nicht Fleisch auf Leder oder Eis.</p><p>Es war das erste Mal, da� Skar Gelegenheit hatte, sich einen der Krieger wirklich in Ruhe anzusehen. Es war einer von Velas Reitern, darin bestand kein Zweifel - der gleiche hochgewachsene, kr�ftige Typ, den die <emphasis>Errish </emphasis>f�r ihre Privatarmee zu bevorzugen schien, der gleiche schwarze Panzer aus Leder und hineingearbeitetem Metall, die gleiche durchbrochene Gesichtsplatte, jetzt zur Seite gerutscht und von verkrustetem Eis und Blut zu einer bizarren Larve geworden, die ihren Tr�ger noch im Tod zu verspotten schien. Trotzdem hatte Skar das Gef�hl, zum ersten Mal bewu�t einen der Krieger zu sehen; w�hrend des Kampfes hatte er keine Gelegenheit gehabt, sie genau zu studieren, und als er am n�chsten Morgen erwacht war, hatten die beiden Sumpfm�nner die Toten l�ngst begraben. So fiel ihm auch der bizarre Schnitt ihrer Kleidung und die au�ergew�hnliche Form der Waffen erst jetzt wirklich auf. Der Mann trug einen Panzer, einen Lederharnisch �hnlich dem, den auch die Satai trugen, wenn sie in den Kampf zogen, nur da� er seinen ganzen K�rper einh�llte und sich die einzelnen Platten an den Kanten �berlappten, so da� kaum ein Quadratzentimeter seiner Haut - einschlie�lich des Gesichts - ungesch�tzt blieb.</p><p>Aber der Panzer hatte ihm nichts genutzt, dachte Skar mit einem seltsamen Gef�hl der Trauer. Er war auf einen Feind gesto�en, dem R�stungen und Waffen keinen Widerstand entgegenbrachten. Im Gegenteil - der zentnerschwere Lederharnisch hatte seine Kr�fte noch schneller versiegen und ihn eher sterben lassen.</p><p>El-tra zog seine Hand zur�ck und betrachtete erst die Kn�chel, dann das Gesicht des Toten. �Zehn Stunden�, sagte er ruhig. �Eher weniger.�</p><p>Skar begriff nicht gleich. �Was meinst du?�</p><p>�Er ist seit zehn Stunden tot�, wiederholte El-tra. �Allerh�chstens. Aber es hat lange gedauert, bis er starb.�</p><p>Skar sah verirrt auf das eisverkrustete Gesicht des Soldaten hinab. Die Augen waren weit ge�ffnet und schienen ihn klagend anzusehen; d�nne, glitzernde Eiskappen hatten sich wie Nickh�ute �ber seine Aug�pfel gelegt. Das Feuer Combats spiegelte sich darin.</p><p>�Aber das ist unm�glich�, widersprach er. �Wir sind mehr als zwei Tage unterwegs, und ...� Er brach ab, als ihm klar wurde, was El-tras Worte bedeuteten. Noch einmal sah er zu dem toten Krieger hinab, und diesmal schien die Gestalt nicht mehr Schmerz und Leid, sondern eine stumme Drohung auszustrahlen.</p><p>�Du meinst...�</p><p>�Ich meine nichts�, unterbrach ihn El-tra. �Ich sage nur, da� dieser Mann seit l�ngstens zehn Stunden tot ist. Aber sein Tod kann Tage gedauert haben.�</p><p>�Zehn Stunden�, murmelte Skar. �Das w�rde bedeuten, da� sie den gleichen Weg genommen haben wie wir. Direkt �ber die Ebenen. Und damit...�</p><p>�Wissen wir, wo ihr Versteck ist�, beendete El-tra den Satz, als Skar nicht weitersprach. �Irgendwo hier.�</p><p>�Irgendwo ...� Skar hatte M�he, ein Lachen zu unterdr�cken. Das Irgendwo, von dem El-tra so selbstverst�ndlich sprach, bedeutete ein Gebiet von dreihundert Meilen L�nge und gut zweihundert Meilen Breite. Selbst wenn sie davon ausgingen, da� Vela und ihre Reiter den gleichen Weg wie sie genommen hatten, n�mlich direkt nach S�den, lag vor ihnen noch immer ein Areal, das gro� genug war, da� man jahrzehntelang hindurchstreifen konnte, ohne auch nur die geringste Spur der <emphasis>Errish </emphasis>zu finden. �Wir h�tten gleich darauf kommen k�nnen�, murmelte er, eher w�tend als �berrascht. �Sie kann mit ihrem Drachen kaum �ber die Berge gekommen sein.�</p><p>�Sieh dir die R�stung an�, sagte El-tra. Er wies mit einer knappen Geste auf den Brustschild des Toten, und Skar erkannte, was er meinte. Der Krieger war ein Mensch, irgendein armer Teufel vermutlich, der gleich Skar und Del in das Netz der <emphasis>Errish </emphasis>gegangen war und noch viel weniger wie sie eine Chance gehabt hatte, sich ihrem Einflu� zu entziehen. Aber seine R�stung war nicht f�r einen Menschen gedacht. Sie war zu gro�, zu schwer und in Form und Funktion einem K�rper angepa�t, der nur ungef�hr menschliche Proportionen haben konnte. Seine Kanten waren nachtr�glich beschnitten und mit d�nnen Metalleisten begrenzt worden, und die metallenen �sen, an denen die Halteriemen befestigt waren, hatte man mehr mit grober Gewalt als mit Geschick eingef�gt. Und was f�r den Brustschild galt, traf auch auf die �brigen Teile der R�stung zu: R�cken- und Beinkleider, selbst die Armschienen und Gelenksch�tzer waren mit gro�er M�he bearbeitet und geschliffen worden, aber das Ergebnis sah ganz so aus, als h�tte ein Kind versucht, die R�stung eines Riesen auf seine K�rperma�e zu stutzen. Und Skar erkannte auch, <emphasis>was </emphasis>der Sumpfmann ihm wirklich hatte zeigen wollen: Der Schnitt der R�stung war der gleiche, den sie in dem versch�tteten Kellerraum im Norden gesehen hatten. Der Mann trug eine verkleinerte Ausgabe des Panzers, den der schwarze Gigant getragen hatte.</p><p>Und jetzt, endlich, begriff er.</p></section><section><title><p id="_337">5.</p></title><p>Gowenna und der zweite Sumpfmann erreichten die Ruine, als Skar zu seinem Pferd zur�ckkam. El-tra starrte ihn unverwandt an; ein Blick, der obwohl Skar seine Augen nicht sehen konnte, durchbohrend und beinahe schmerzhaft war; Warnung, Herausforderung, aber auch Ausdruck von Verst�ndnis und beinahe Mitleid zugleich. Skar hatte kein Wort mehr gesprochen, sondern war nur stumm neben dem toten Krieger sitzen geblieben, bis El-tra sich erhoben und ihm das Zeichen gegeben hatte, mitzukommen. Aber er war sicher, da� der Mann aus Cosh genau wu�te, was in ihm vorging. Auch ohne die kaum zu verstehende Seelenverwandschaft zwischen ihnen w�re es im Moment wohl nicht schwer gewesen, seine Gedanken zu erraten. Vielleicht, dachte er grimmig, hatten sie sich schon seit Tagen gefragt, wie lange es noch dauern w�rde, bis dieser arme kleine Narr endlich begriff, was hier vorging.</p><p>Er wartete, bis Gowenna ihr Pferd neben dem seinen z�gelte, trat mit einem raschen Schritt neben sie und streckte die Hand aus, um ihr beim Absteigen zu helfen.</p><p>�Ich habe mit dir zu reden�, sagte er hart.</p><p>Gowenna hob m�de den Kopf. Skar erschrak, als er ihr Gesicht sah. Es war nicht so sehr die Narbe; daran hatte er sich schon beinahe gew�hnt, so schrecklich der Anblick auch war. Aber auf dem unversehrten Teil ihres Gesichts lag ein Ausdruck so tiefer M�digkeit, wie ihn Skar noch nie zuvor an einem lebenden Menschen gesehen hatte. F�r einen Moment zweifelte er ernsthaft daran, da� in diesem ausgebrannten K�rper �berhaupt noch Leben war. Sie erschien ihm mehr denn je wie eine verzehrte H�lle, Fleisch, in dem keine Seele, sondern nur noch Ha� war.</p><p>�Jetzt?� fragte sie. Ihre Stimme klang nicht mehr ganz so schrill und unmenschlich wie am Abend zuvor, aber noch immer schlimm genug, um seinen Zorn f�r einen winzigen Moment in Mitleid umschlagen zu lassen.</p><p><emphasis>�Jetzt.� </emphasis>Irgend etwas in seiner Stimme oder seinem Gesicht schien anders zu sein als sonst, obwohl er sich M�he gab, ruhig zu erscheinen. Gowenna hielt seinem Blick eine halbe Sekunde lang stand, nickte dann und stieg, seine Hand als St�tze gebrauchend, aus dem Sattel.</p><p>�Bitte.�</p><p>�Nicht hier�, sagte Skar. �Gehen wir irgendwo hin, wo wir ungest�rt sind.� Er deutete mit einer Kopfbewegung auf die zerborstene Ruine hinter sich und machte mit der Linken eine auffordernde Geste. Ein grauer, geb�ckter Schatten erschien neben Gowenna, die Hand in einer vielleicht zuf�lligen, wahrscheinlich aber beabsichtigten Geste unter dem Umhang verborgen.</p><p>�Nur wir beide�, sagte Skar.</p><p>El-tra zeigte keine sichtbare Reaktion auf seine Worte, aber auf Gowennas Z�gen erschien beinahe ein Ausdruck von Erheiterung. �Du entwickelst in letzter Zeit ein beachtliches Talent f�r dramatische Auftritte�, seufzte sie. �Aber wenn du darauf bestehst ...� Sie seufzte, l�chelte ein etwas verungl�cktes L�cheln und wandte sich an ihren W�chter. <emphasis>�Kehlem getrama�, </emphasis>sagte sie. <emphasis>�Toman.� </emphasis>Dann drehte sie sich wieder zu Skar um. �Gehen wir.�</p><p>�Was hast du ihm gesagt?�</p><p>�Da� er dir die Kehle durchschneiden soll, wenn du allein zur�ckkommst�, sagte Gowenna. �Was sonst?�</p><p>Skars Mi�trauen wuchs. Gowennas Worte pa�ten nicht zu dem Eindruck, den sie zu erwecken versuchte. Er sah einen Menschen vor sich, der am Rande des k�rperlichen und geistigen Zusammenbruchs stand - sie sprach schleppend, mit gro�en, ersch�pften Pausen zwischen den einzelnen Worten, aber die <emphasis>Wahl </emphasis>ihrer Worte war nicht so, wie er es erwartet hatte. Trotzdem verzichtete er auf eine Antwort. Er fuhr herum, eilte ein paar Schritte in das steinerne Labyrinth hinein und blieb im Windschutz einer zerborstenen Wand stehen. Gowenna folgte ihm, langsamer und mit unsicheren, schleppenden Schritten. Und trotzdem sp�rte er in ihren Bewegungen eine Kraft, die �ber das hinausging, was sie ihm vorzuspielen versuchte.</p><p>Gowenna blieb einen halben Schritt neben ihm stehen, schlang die Arme um den Oberk�rper und klapperte demonstrativ mit den Z�hnen.</p><p>�Ich hoffe, du hast einen guten Grund daf�r, mich hierherzuschleifen�, sagte sie. �Ich friere nicht gerne, wei�t du?�</p><p>Skar ignorierte ihre Worte. �Du kannst mit dem Theater aufh�ren�, sagte er. Seine Stimme bebte, und seine H�nde zuckten, als m�sse er mit aller Macht gegen den Wunsch ank�mpfen, sie um ihren Hals zu legen und zuzudr�cken.</p><p>Auf Gowennas Gesicht erschien ein wachsamer, lauernder Ausdruck. Der Wind schien pl�tzlich ein ganz kleines bi�chen k�lter zu werden. �Was - meinst du?�</p><p>Skar atmete h�rbar ein. �Gut�, sagte er, m�hsam beherrscht. �Wenn du Wert darauf legst, da� ich dich wie eine N�rrin behandele, dann tue ich es. Du bist nicht so krank, wie du mich glauben machen wolltest. Die Verbrennungen sind nur oberfl�chlich, und Tantors Medizin hat das Fieber wahrscheinlich schon in der ersten Nacht besiegt. Ich war ein Narr, Gowenna, da� ich es nicht gleich gemerkt habe. Du bist stark wie ein Mann, und du w�rst wahrscheinlich eher in der Lage gewesen, den R�ckweg �ber die Berge zu bew�ltigen, als ich.�</p><p>Gowenna schwieg eine Weile, aber es war ein Schweigen ganz besonderer Art, etwas, das mehr ausdr�ckte, als Worte es gekonnt h�tten. �Und warum sollte ich das tun?� fragte sie. Pl�tzlich schwankte ihre Stimme nicht mehr, sondern war fest, von einer fast gelassenen Ruhe. Sie hatte erkannt, da� Skar ihr Spiel durchschaut hatte.</p><p>�Um mich zu bewegen, genau hier entlangzuziehen�, grollte er. �Ich habe dich untersch�tzt, Gowenna - meine Gratulation! Es gelingt nicht vielen Menschen, mich so gr�ndlich hinters Licht zu f�hren. Bisher dachte ich, Vela w�re die einzige. Aber du bist ihr ebenb�rtig. Du sagst, du willst kein Mitleid, wie? Dabei ist es genau das, worauf du spekuliert hast. Ich h�tte dich vor Combat zur�cklassen und allein durch die Berge reiten k�nnen, aber du wu�test, da� ich es nicht tun w�rde.�</p><p>�Worauf willst du hinaus?�</p><p><emphasis>�Darauf, da� du die ganze Zeit gewu�t hast, wo sich Vela verbirgt !� </emphasis>br�llte Skar. �Sie ist hier, irgendwo hier, und du hast es gewu�t!�</p><p>Gowenna wirkte nicht im mindesten �berrascht. Auf der unversehrten H�lfte ihres Gesichts erschien ein leicht erstaunter Ausdruck, aber es schien Skar eher ein Erstaunen �ber die Tatsache zu sein, da� er es erst jetzt entdeckt hatte.</p><p>�Wir haben einen ihrer Krieger gefunden�, fuhr er, etwas leiser, aber noch immer erregt, fort. �Er ist tot. Wahrscheinlich an Entkr�ftung gestorben. Sie ist <emphasis>hier </emphasis>entlanggezogen, Gowenna, und die Ausr�stung des Mannes stammt aus <emphasis>diesem </emphasis>Land. Wahrscheinlich ist Tuan der einzige Ort auf der Welt, an dem man einen Staubdrachen verbergen und sich eine Privatarmee aufbauen kann, ohne da� es jemand merkt.�</p><p>�Das stimmt�, antwortete Gowenna ruhig. �Aber es ist nur die halbe Geschichte. Sie w�re zu lang, um sie jetzt zu erz�hlen.�</p><p>�Ich m�chte sie trotzdem h�ren.�</p><p>�Nicht jetzt.� Gowenna sch�ttelte den Kopf. �Ich wei�, ich h�tte es dir l�ngst sagen sollen, aber es �ndert ohnehin nichts. Nicht f�r dich.�</p><p>�Es �ndert vieles�, antwortete Skar. �Wenn nicht alles.�</p><p>Gowenna gab ein abf�lliges Ger�usch von sich. �Und was?�</p><p>�Ich will ... endlich wissen, was hier gespielt wird�, sagte Skar stockend. Er wunderte sich beinahe selbst, woher er die Beherrschung nahm, noch so ruhig zu sprechen. �Ich will wissen, worum es wirklich geht, Gowenna. Ihr habt mich vom ersten Augenblick an belogen und get�uscht, sowohl du als auch Vela. Ihr -�</p><p>�Du bist nicht der einzige, der get�uscht wurde, Skar�, fiel ihm Gowenna ins Wort. �Ich werde dir alles erkl�ren, aber nicht jetzt. Der tote Krieger sollte dir eine Warnung sein. Es ist nicht gut, zu lange in diesem Land zu bleiben.�</p><p>�Jetzt!� beharrte Skar. �Ich will es wissen, Gowenna, jetzt, nicht sp�ter, nicht irgendwann einmal, sondern jetzt! Ich bin es einfach leid, als einziger nicht zu wissen, was wir hier �berhaupt tun!�</p><p>�Wir versuchen zu �berleben�, konterte Gowenna gelassen. �Falls dir das entgangen sein sollte, Satai. Und wir versuchen deinen Freund zu befreien.�</p><p>�Lenk nicht ab�, knurrte Skar. �Ich will jetzt endlich Antworten, keine Ausfl�chte, kein Sp�ter, und keine weiteren R�tsel mehr. Ich komme mir allm�hlich vor wie eine Figur auf einem Spielbrett, aber ich m�chte wenigstens die Regeln kennen, wenn ich schon die Z�ge nicht bestimmen darf.�</p><p>�Du wei�t so gut wie ich, worum es geht�, antwortete Gowenna aufgebracht. �Erinnere dich, was du selbst zu mir gesagt hast. Warst du nicht der Meinung, da� ...�</p><p>Skar griff blitzschnell nach Gowennas Hand, verdrehte sie und dr�ckte mit der Linken kr�ftig auf ihren Ellbogen. Sie schrie auf, mehr �berrascht als vor Schmerz, brach in die Knie und versuchte sich seinem Griff zu entziehen. Aber er hielt sie erbarmungslos fest und verst�rkte seinen Druck noch. �Ich habe dich gewarnt, Gowenna�, sagte er leise. �Spiel nicht mit mir. Sag mir jetzt endlich die Wahrheit.�</p><p>Gowenna keuchte. �La� ... los ... du ... tust... mir ... weh ...!�</p><p>Skar lockerte seinen Griff f�r einen Moment, aber nur, um sofort erneut und noch st�rker zuzudr�cken. �Ich wei߫, sagte er gelassen. �Aber warst du es nicht, die immer wie ein Mann behandelt sein wollte? Ich verspreche dir, es zu tun. Gowenna. Rede, oder ich breche dir den Arm.�</p><p>�Du wei�t nicht, was du tust�, wimmerte Gowenna. �El-tra -� Sie brach mit einem neuerlichen Keuchen ab, als Skar den Druck auf ihr Ellbogengelenk noch weiter verst�rkte.</p><p>�Es ist mir vollkommen egal, was deine beiden Halbaffen mit mir anstellen, Gowenna�, sagte er. �Du kannst sie mir gerne auf den Hals hetzen, wenn es dir Spa� macht, aber jetzt wirst du mir antworten!� Er dr�ckte noch einmal, noch fester zu, ri� Gowenna pl�tzlich in die H�he und schmetterte sie so wuchtig gegen die Wand, da� ihr Kopf zur�ckflog und mit dumpfem Ger�usch gegen den Stein stie�.</p><p><emphasis>�Rede!�</emphasis></p><p>�Sie ist... hier�, keuchte Gowenna. Ihr Gesicht gl�nzte vor Schwei�. Ein d�nner Blutfaden sickerte aus ihrem Haar, lief �ber das blinde Auge und hinterlie� eine glitzernde Spur auf dem Narbengewebe darunter. �Auf den Ebenen. Sie ... lebt in einer der toten St�dte, zusammen mit ihrem Drachen und den M�nnern, die ihr dienen.�</p><p>�Und Del?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich ...� Sie zuckte zusammen, als Skar drohend die Faust ballte, hob sch�tzend die H�nde vors Gesicht und duckte sich ein wenig. Ihr Blick irrte hilfesuchend �ber die Ruinenlandschaft, aber von den beiden Sumpfm�nnern war keine Spur zu sehen. �Er wird bei ihr sein�, sagte sie hastig. �Ich bin mir nicht sicher, aber er ist noch immer Satai. Sie wird nicht auf einen Mann wie ihn verzichten, nur weil du ihn besiegt hast.�</p><p>�Und wo ist diese tote Stadt?�</p><p>�Ich wei� es nicht, Skar. Irgendwo vor uns. Ich war niemals dort, und sie hat niemals dar�ber gesprochen. Doch das wenige, das ich aufschnappen konnte, wird reichen, sie zu finden. Die beiden El-tra sind die besten F�hrtensucher, die du auftreiben kannst. Wir folgen ihrer Spur schon von der ersten Minute an, ohne da� du es gemerkt h�ttest.�</p><p>Skar spannte sich, aber diesmal blieb Gowenna unbeeindruckt. �Du kannst mich totschlagen, wenn du willst�, sagte sie. �Aber das ist alles, was ich wei�. Weiter im S�den gibt es St�dte, die nicht so zerst�rt sind wie diese. Sie ist dort, in einem Ort jenseits der Hellgor.�</p><p>�Hellgor?� fragte Skar.</p><p>�Eine Schlucht�, erkl�rte Gowenna. �Ein Ri�, der quer durch Tuan geht, so tief wie ein Abgrund und eine Meile breit, wenn die Legenden nicht l�gen. Aber es gibt einen Weg hin�ber. Sie wird dort auf uns warten, Skar. Sie oder ihre M�nner. Das ist alles, was ich wei�.�</p><p>�Alles!� schnaubte Skar. �Du verlangst nicht wirklich, da� ich dir glaube?�</p><p>�Nat�rlich nicht�, antwortete Gowenna. �Aber ich habe dir erz�hlt, was ich wei�.�</p><p>�Nicht ganz. Bisher kenne ich nur die halbe Geschichte.�</p><p>�Kannst du dir den Rest nicht selbst zusammenreimen?� fragte Gowenna. �Sie braucht den Stein, um wieder in den Orden aufgenommen zu werden. Nicht aus Machtgier oder Ha�, wie du glaubst.�</p><p>Skar schnaubte w�tend. �Du sprichst sehr ehrf�rchtig von einem Menschen, dem du den Tod geschworen hast.�</p><p>Gowenna schwieg eine Weile. In ihrem Gesicht zuckte es, aber es war nicht allein die Reaktion auf den Schmerz, den er ihr zugef�gt hatte. �Ich habe geschworen, sie zu t�ten�, sagte sie. �Das stimmt. Und ich werde es tun. Aber aus Gr�nden, die du nie begreifen w�rdest.�</p><p>�Versuche sie mir zu erkl�ren.�</p><p>�Nein. Was du miterlebt hast, war nicht alles, Satai. Aber meine Gr�nde gehen dich nichts an. Rache! Ausgerechnet du, ein Satai, sprichst von Rache! Bei allen G�ttern, Skar, hat dir das, was du selbst erlebt hast, nicht die Augen ge�ffnet? W�re es ihr um Rache gegangen, w�re all dies nicht n�tig gewesen. Sie hat einen Staubdrachen gez�hmt, Skar. Dieses Tier allein h�tte gereicht, Elay zu schleifen. Sie braucht den Stein der Macht nicht, um sich zu r�chen.�</p><p>�Und wozu sonst?�</p><p>Gowenna machte eine w�tende Bewegung. �Aus dem Grund, den sie dir nannte, Skar. Um aus dieser Welt wieder eine Welt zu machen, in der es sich lohnt zu leben. Sie wollte den Stein einzig, um ihn der Ehrw�rdigen Mutter als Geschenk zu F��en zu legen. Um den <emphasis>Errish </emphasis>die Macht zu geben, die sie brauchen, um ihr Werk zu vollenden.�</p><p>�Geschwafel!� grollte Skar. �Nichts als leeres Gerede! Von welcher Macht sprichst du? Von der Macht, die Welt in Flammen zu setzen, so wie es die Herren Combats taten?�</p><p>�Enwor stirbt�, sagte Gowenna, als h�tte sie seine Worte gar nicht geh�rt. �Diese Welt stirbt einen langsamen, qualvollen Tod, und die <emphasis>Errish </emphasis>sind die einzigen, die versuchen, sie zu retten. Aber sie k�nnen es nicht. Sie sind zu wenige, und ihr Wissen reicht nicht aus. Sie k�mpfen seit Jahrtausenden gegen eine Welt voller Barbarei und Ungeheuer, aber es ist ein Kampf, den sie nicht gewinnen k�nnen.�</p><p>�Und mit dem Stein der Macht k�nnen sie es?� fragte Skar h�hnisch.</p><p>�Vielleicht�, antwortete Gowenna. �Niemand wei�, was dieser Stein wirklich ist, Skar. Vielleicht ist er nicht mehr als ein St�ck buntes Glas, vielleicht der Schl�ssel zum Paradies.�</p><p>Skar starrte Gowenna durchdringend an. In seinem Gesicht arbeitete es. Aber seine Stimme klang ruhig, als er antwortete: �Und um dieses <emphasis>Vielleicht </emphasis>willen mu�ten Gerrion und Nol und Beral und El-tra sterben�, sagte er. �Und <emphasis>vielleicht </emphasis>auch Del und ich und du, alle, die hier sind.�</p><p>�Vielleicht noch mehr�, nickte Gowenna. �Welche Rolle spielen ein oder auch hundert Menschenleben, wenn es um die Zukunft einer Welt geht, Skar?�</p><p>Skar f�hlte, wie seine Wut von einem Gef�hl der Hilflosigkeit abgel�st wurde. <emphasis>Es </emphasis>war nicht das erste Mal, da� er Worte wie diese h�rte, und es war nicht das erste Mal, da� er keine Antwort darauf fand.</p><p>�Ich werde nicht schlau aus dir, Gowenna�, murmelte er. �Du bist besessen von dem Gedanken, Vela zu t�ten, aber wenn man dich reden h�rt, k�nnte man glauben, ihr gegen�berzustehen.� Er brach ab, senkte den Blick und starrte sekundenlang wortlos auf das schimmernde Glas zu seinen F��en. �Gibt es noch etwas, das du mir verschwiegen hast?� fragte er.</p><p>�Nein. Nur etwas, das du schon lange wei�t, aber vielleicht erst jetzt begriffen hast.�</p><p>Skar sah auf. Die Unsicherheit war aus Gowennas Stimme gewichen und hatte wieder der alten �berheblichkeit Platz gemacht. Er hatte sie mit seinem Angriff �berrascht, aber dieser Zustand h�tte nicht lange angehalten. F�r einen Moment hatte er sie in eine Ecke gedr�ngt, aber eine zweite Chance w�rde sie ihm nicht geben.</p><p>�Was w�re das?�</p><p>�Da� du mich begleiten wirst�, sagte Gowenna k�hl. �Da� du bei mir bleiben wirst, bis wir sie gefunden haben. Du hast recht - ich h�tte dir sagen k�nnen, wo wir Vela finden, und es h�tte nichts ge�ndert. Du suchst Del, und wo Del ist, ist auch Vela. Wir kommen entweder gemeinsam zum Ziel oder gar nicht.�</p><p>�Vielleicht�, gestand Skar. �Aber das bedeutet nicht, da� ich dir helfen werde. Ein Begleiter mu� nicht unbedingt ein Verb�ndeter sein.�</p><p>Gowenna machte eine wegwerfende Handbewegung. �Es reicht, wenn du da bist, Skar.�</p><p>Skar setzte zu einer w�tenden Entgegnung an, belie� es aber dann bei einem �rgerlichen Achselzucken. Er h�tte es besser wissen m�ssen. Er kannte Gowenna lange genug, um erkennen zu k�nnen, da� er nicht der Mann war, es mit ihr aufzunehmen. Sie hatte zu viel von Vela gelernt. F�r einen kurzen Moment hatte er ihre Deckung durchbrochen, aber die Mauer war wieder da, und sie erschien ihm r�tselhafter als zuvor.</p><p>�Warum?� fragte er, aber diesmal tat er es in ver�ndertem, fast resignierendem Tonfall. �Warum das alles? Seit wir zusammen sind, hast du mich belogen, und dort, wo du nicht gelogen hast, hast du mir Dinge verschwiegen und mich mit Halbwahrheiten abgespeist. Es ist nicht das erste Mal, da� wir dieses Gespr�ch f�hren, und -�</p><p>�Und es wird nicht das letzte Mal sein�, unterbrach ihn Gowenna, �wenn du weiter versuchst, mit dem Kopf durch die Wand zu brechen, statt mir zu vertrauen. Ich bin nicht dein Feind, Skar. Ich bin es nie gewesen und bin es auch jetzt nicht.�</p><p>Skar sch�rzte w�tend die Lippen. �Was bist du dann?� fragte er. Aber der bei�ende Spott, den er in seine Stimme legte, verfehlte seine Wirkung.</p><p>�Mu� ich dich wirklich daran erinnern, da� du mir dein Leben verdankst, Skar?� fragte Gowenna ruhig. �Und nicht nur einmal. Vela gab mir den Auftrag, dich zu t�ten, vergi� das nicht.�</p><p>�Ich wei߫, knurrte Skar �bellaunig. Er <emphasis>war </emphasis>in Gowennas Schuld, und es w�re nicht n�tig gewesen, da� sie ihn daran erinnerte. Trotz allem war er noch immer ein Mann, ein Mann in einer Welt dazu, in der <emphasis>ihm </emphasis>die Besch�tzerrolle zugeschrieben war. Ihre Worte weckten Schuldgef�hle in ihm, und in der Folge Zorn. �Aber wenn du daraus irgendwelche Anspr�che ableitest�, fuhr er gereizt fort, �wenn du glaubst, das Recht auf irgendwelche Forderungen zu haben, dann stell sie endlich. Aber h�r auf, mich wie einen dummen Jungen zu behandeln. Keiner von uns wei�, ob er den morgigen Tag erlebt. Ich will aber wenigstens wissen, warum ich sterbe.�</p><p>Seine Worte erzeugten eine andere Wirkung, als er erwartet hatte. Ein rascher Schatten von Schmerz, aber auch von etwas anderem, von etwas, das er nicht beschreiben, nicht greifen konnte, huschte �ber Gowennas Z�ge. Es dauerte einen Moment, bis Skar begriff, da� es keine Reaktion auf seine Worte war, zumindest keine direkte, auf ihn bezogene Reaktion, sondern da� er irgend etwas in ihr ber�hrt hatte, etwas, das er niemals begreifen w�rde. Gowenna war noch immer eine Fremde f�r ihn, und sie w�rde es auch immer bleiben.</p><p>�Wie weit ist es bis zu dieser Schlucht?� fragte er, nicht aus wirklichem Interesse, sondern nur, um das qu�lend werdende Schweigen zu durchbrechen.</p><p>Gowenna atmete h�rbar ein; ein irgendwie endg�ltiger, abschlie�ender Laut, mit dem sie einen unsichtbaren Schlu�strich unter den bisherigen Teil ihres Gespr�ches zog, eine Grenze, die sie beide beachten w�rden.</p><p>�Nicht weit�, sagte sie nach kurzem �berlegen. �Ich glaube es jedenfalls nicht. Die Reiter hatten nur wenig Wasser und kaum Nahrungsmittel mit. Ich denke, wir werden sie morgen erreichen. Sp�testens �bermorgen. Wenn sie �berhaupt exisiert. Es ist nur eine Legende, vergi� das nicht.�</p><p>�Auch Combat war nur eine Legende�, murmelte Skar unsicher. �Ich -� Er brach ab, sah Gowenna verwirrt an und schlug hilflos die H�nde ineinander. So, wie seine Gedanken in Aufruhr waren, waren es auch seine Gef�hle, Verzweiflung, Schrecken und Furcht mischten sich mit Wut, Wut und einem Gef�hl der Hilflosigkeit, wie er es nie zuvor erlebt hatte. Er wu�te, da� Gowenna ihm diesmal die Wahrheit gesagt hatte, und er glaubte auch zu wissen, warum sie ihn die ganze Zeit hingehalten und belogen hatte. Sie hatte ihn falsch eingesch�tzt, versucht, seine Reaktionen im voraus zu berechnen, und die falschen Schl�sse daraus gezogen, aber das war im Grunde nichts anderes, als wie er umgekehrt bei ihr verfahren war.</p><p>Gowenna l�chelte, doch es war wieder dieses seltsame, so vollends humorlose L�cheln, das er schon ein paarmal an ihr beobachtet hatte und das ihn beinahe �ngstigte. �Sie hat einen Fehler gemacht, Skar�, sagte sie. �Nur einen. Einen einzigen Fehler, aber er wird t�dlich sein. Sie hat geglaubt, wir w�rden in diesem Krater sterben oder, wenn nicht, auf dem R�ckweg durch die Berge umkommen. Sie wird versuchen, diesen Fehler wieder gutzumachen, sobald sie es merkt. In gewissem Sinne hast du recht, es ist ein Spiel. Wir jagen sie, sie jagt uns.�</p><p>Skar knurrte w�tend. Er fand den Gedanken ganz und gar nicht belustigend. �Und warum?� fragte er. �Sie hat, was sie wollte. Wenn es ihr wirklich nur darum geht, den Stein der Macht zu bekommen, warum l��t sie Del und die anderen dann nicht frei? Ich bin keine Gefahr f�r sie. Von mir aus kann sie halb Enwor erobern. Ich will Del, mehr nicht.�</p><p>Wieder z�gerte Gowenna mit der Antwort, doch diesmal war es nicht Unsicherheit oder Furcht. Etwas in seiner Stimme, in der lockeren und doch angespannten Art, in der er ihr gegen�berstand, schien ihr zu sagen, da� er sie nicht mehr schlagen w�rde. Er hatte es getan, zweimal, und es hatte nichts genutzt. Sie wu�ten beide, da� er es kein drittes Mal tun w�rde. Mit den wenigen Worten, die sie zu ihm gesagt hatte, hatte sie ihm die Berechtigung dazu ein f�r allemal genommen. Er hatte die Hand gegen sie erhoben, ohne (zumindest beim ersten Mal) zu wissen, da� er die ganze Zeit unter ihrem Schutz gestanden hatte, da� ihre L�gen und T�uschungen auch dazu dienten, <emphasis>ihn </emphasis>zu sch�tzen. Er konnte es wieder tun, aber es h�tte keinen Sinn mehr. Er h�tte versuchen k�nnen, die Wahrheit - die ganze Wahrheit - aus ihr herauszupr�geln, hier und jetzt, ohne Furcht vor den Sumpfleuten haben zu m�ssen. Aus irgendeinem Grund war er sicher, da� die El-tra ihm nichts tun w�rden. Seit dem Geschehen im Tempelraum von Combat waren sie mindestens ebenso seine wie ihre Besch�tzer. Aber er war genauso sicher, da� ihn Gewalt in diesem Fall nicht weiterbrachte. In einem Punkt waren Gowenna und er gleich wie Zwillinge: Sie f�rchtete ihn, weil sie wu�te, <emphasis>wie </emphasis>�berlegen er ihr war, aber ihre Furcht reichte nicht so weit, sich deswegen selbst aufzugeben.</p><p>�Vielleicht hat sie einfach Angst�, sagte Gowenna nach einer kleinen Ewigkeit.</p><p>�Unsinn�, murrte Skar. Er starrte Gowennas verbrannte Gesichtsh�lfte an, so offen, da� sie sp�ren mu�te, wohin er sah. �Jemand, der so etwas zu tun vermag, soll Angst vor mir haben? Das ist nicht dein Ernst.�</p><p>Gowenna hielt seinem Blick einen Herzschlag lang stand, senkte dann den Kopf und drehte das Gesicht aus dem Wind. Der Sturm trug einen Hagel winziger Eiskristalle mit sich, die sich in ihren Haaren und Brauen festsetzen und ihren Z�gen einen seltsam weichen Anstrich gaben, und erneut mu�te Skar an einen gefallenen Engel denken: Sch�nheit und Zerfall und Leben und Tod und Liebe und Ha� in einem. Aber der Ha� �berwog. Und hie� es nicht, nichts sei grausamer und h�rter als ein Engel, der gest�rzt ist?</p><p>�Doch, Skar. Sie hat dich nach Combat geschickt, weil du der einzige warst, der die Aufgabe �berhaupt bew�ltigen konnte.�</p><p>�Quatsch�, widersprach Skar. �Ich habe so gut wie nichts getan. Ihr h�ttet diesen verdammten Kiesel auch ohne mich gefunden.�</p><p>�Das stimmt nicht. Es ...� Sie stockte, lehnte sich gegen die eisverkrustete Wand und strich mit der Hand dar�ber, unbewu�t mit den Fingerspitzen die Linien verfolgend, die die Flammen in den schwarzen Stein ge�tzt hatten. �Es ist das gleiche wie jetzt�, setzte sie nach einer Weile erneut an. �Sie hat dich nicht gebraucht, weil du ein Satai bist und besonders gut k�mpfen kannst. Du hast die W�chter Combats erlebt - es sind keine Wesen, die man mit Schwert oder Muskelkraft besiegen k�nnte. Und selbst wenn - M�nner, die ein Schwert zu f�hren verm�gen, gibt es zuhauf. Sie brauchte <emphasis>dich, </emphasis>Skar.�</p><p><emphasis>Mich? </emphasis>dachte Skar. <emphasis>Mich oder das Ding in meiner Seele? </emphasis>Sie mu�te es gewu�t haben. Mein dunkler Bruder war ihr nicht verborgen geblieben.</p><p>Laut sagte er: �Was soll besonderes an mir sein?�</p><p>Gowenna hob beinahe unmerklich die Schultern. �Das wei� ich nicht. Sie hat es mir nie gesagt, so, wie sie mir vieles nie gesagt hat. Aber sie hat lange nach dir gesucht. Mehr als ein Jahr. Ich war vor dir in Combat, Skar, und vor mir waren andere da. Alle sind gescheitert. Nicht einer ist auch nur in die N�he des Steines gekommen. Erinnerst du dich, wie ich dir sagte, ich w��te nicht, wo er ist? Das war die Wahrheit. Ich wu�te es nicht, und ich hatte auch keine Chance, ihn zu finden. <emphasis>Du </emphasis>hast ihn gefunden, du allein, auch wenn du es vielleicht nicht einmal gemerkt hast. Ich bin sicher, der Stein w�re nicht einmal da gewesen, wo wir ihn fanden, w�rest du nicht bei uns gewesen. Nur du konntest ihn finden, nur du konntest die W�chter Combats besiegen und ihn aus der Stadt herausbringen. Ich wei� nicht, warum, aber ich wei�, da� es so war. Und sie wu�te es ebenfalls. Sie brauchte dich, aber sie f�rchtet dich auch.�</p><p>�So sehr, da� sie Befehl gab, mich zu t�ten?� fragte Skar. �Vielleicht�, murmelte Gowenna. �Vielleicht war es auch etwas anderes. Sie ...� Sie schluckte, und pl�tzlich war sie es, die hilflos wirkte. �Die Frau, die du vor Combat erlebt hast, war nicht Vela�, sagte sie. �Nicht die Vela, die ich gekannt und geliebt habe. Etwas ist mir ihr geschehen. Eine ... eine Ver�nderung, die ich mir nicht erkl�ren kann.�</p><p>�Und wenn du es k�nntest, w�rdest du es zumindest mir nicht erkl�ren, nicht?� grollte Skar. Die Worte taten ihm fast im gleichen Augenblick schon wieder leid. Es war eine unn�tige Spitze gewesen, unn�tig und grausam, und doch war da etwas in ihm, das sich �ber den Schmerz in ihrem Blick freute.</p><p>�Ich bin nicht dein Feind, Skar�, sagte Gowenna noch einmal. �Bitte glaub mir das. Ich wei�, ich h�tte dir vieles schon eher sagen m�ssen, aber ... da war so vieles, das ich selbst nicht begriff, und so vieles, das mir auch jetzt noch ein R�tsel geblieben ist, und ...� Ihre Stimme schwankte. Sie stockte, setzte nach Sekunden dazu an, weiter zu sprechen und brach dann endg�ltig ab. Aber Skar wu�te auch so, was sie hatte sagen wollen. Er w�re selbst nicht in der Lage gewesen, es mit Worten auszudr�cken, aber er verstand sie.</p><p>Lange Zeit schwiegen sie beide. Skar suchte vergeblich nach irgend etwas, das er h�tte sagen k�nnen. Es gab nichts. Diese Auseinandersetzung war die letzte gewesen. Er hatte verloren, endg�ltig, und sie wu�ten es beide. Gowenna hatte seine Niederlage nur vergr��ert, in dem sie ihm das gesagt hatte, wonach er so lange gefragt hatte. Aber er sp�rte auch, da� es nicht in ihrer Absicht gelegen hatte, ihm weh zu tun. Im Gegenteil.</p><p>�Und wie geht es weiter?� fl�sterte er. Die Worte waren bedeutungslos, einzig dazu gedacht, die Stille zu durchbrechen und das Schweigen nicht noch dr�ckender werden zu lassen, als es ohnehin schon war. Der Wind ri� die Silben von seinen Lippen und trug sie davon, aber Gowenna verstand ihn trotzdem.</p><p>�Auf dem einzig m�glichen Weg�, antwortete sie. Sie l�ste sich von der Wand, trat neben ihn und deutete nach S�den. Die Ebene war noch immer unter wirbelnden Schneewolken verborgen. �Dort entlang. Wir sind im Vorteil, Skar. Sie wei� nicht, da� wir noch leben, und sie wei� nicht, da� wir auf dem Weg zu ihr sind. Wenn wir sie �berraschen k�nnen, haben wir eine Chance.�</p><p>�Das habe ich nicht gemeint�, sagte Skar.</p><p>�Ich wei�. Aber die Frage, die du wirklich gemeint hast, kann ich dir nicht beantworten. Ich wei� nicht, was sie mit deinem Freund gemacht hat, und ich wei� nicht, wie oder ob man es �berhaupt wird r�ckg�ngig machen k�nnen.�</p><p>�Du hast das Wissen einer <emphasis>Errish.�</emphasis></p><p>Gowenna l�chelte. �Sicher�, murmelte sie. �Wenn ich es �berlebe, und wenn du es dann noch willst, werde ich ihm helfen, irgendwie.�</p><p>�Irgendwie ...� Skar lie� das Wort langsam auf der Zunge zergehen. Es hatte einen bitteren Beigeschmack, einen von Niederlage und Tod. <emphasis>Irgendwie </emphasis>w�rde es weitergehen. Er hatte sich schon einmal auf dieses Wort eingelassen, hatte geglaubt, Velas Pl�ne <emphasis>irgendwie </emphasis>durchkreuzen zu k�nnen, vor einer Ewigkeit in Ikne. Das einzige, was er bisher geschafft hatte, war <emphasis>irgendwie </emphasis>zu �berleben. Und auch das war nicht endg�ltig.</p><p>Er atmete h�rbar ein. �Eine Frage noch, Gowenna�, sagte er, ohne den Blick von der Ebene zu wenden.</p><p>�Ja?�</p><p>�Del�, sagte er. �Welche Rolle spielt er? Nur die eines Kriegers? Oder braucht sie ihn so wie mich oder dich?�</p><p>�Er spielt keine Rolle�, antwortete Gowenna. �Er war zuf�llig bei dir, das ist alles. Sie benutzte ihn als Druckmittel, aber h�tte es ihn nicht gegeben, h�tte sie etwas anderes gefunden. Er lebt wohl nur noch, weil er ein Satai ist und zwanzig ihrer Krieger ersetzt. Er spielt keine Rolle. Sie h�tte etwas anderes gefunden, um dich zu erpressen - eine Frau, ein M�dchen ... Hast du ein M�dchen, irgendwo?�</p><p>Skar antwortete nicht. Er hatte Frauen gehabt, zu Dutzenden. Einem Satai fiel es nicht schwer, f�r ein paar Stunden Gunst zu erkaufen, mit Gold oder seinem Ruf. Aber in dem Sinn, in dem Gowenna die Frage gestellt hatte?</p><p>�Ja�, sagte er nach einer Weile. �Aber es ist lange her. Und ... ich habe eigentlich erst hinterher begriffen, da� ich sie geliebt habe. Es ist vorbei.�</p><p>�Sie h�tte etwas gefunden, sei sicher�, sagte Gowenna. �Aber Del - Del als Person - spielt keine Rolle. Er ist dein Freund, mehr nicht.�</p><p><emphasis>Mehr nicht... </emphasis>Skar ballte in hilflosem Zorn die F�uste. �Du wirst es nie begreifen, Gowenna�, sagte er. �Du wirst nie begreifen, da� man Menschenleben und Schicksale nicht in Zahlen und Ziffern ausdr�cken kann. Del ist mehr als ein Freund f�r mich. Aber das wirst du nicht verstehen.�</p><p>�Doch, Skar�, fl�sterte Gowenna �Ich wei�, was er dir bedeutet. Du sprichst fast nie �ber ihn, und ich glaube beinahe, da� du es versucht hast, ihn aus deinen Gedanken zu verbannen. Aber ich wei� genau, wie du f�hlst. Er ist ein Teil von dir, nicht nur dein Freund.� Sie z�gerte, senkte f�r einen Moment den Blick und sah ihn dann offen an. �Du bist nicht der einzige, der etwas verloren hat, Skar�, fuhr sie fort. �Sieh mich an. Sieh dir genau an, was sie mir angetan hat, und dann sag mir noch einmal, da� ich sie nicht hassen darf.� Sie streifte mit einer raschen Bewegung ihre Kapuze zur�ck, nahm seine Hand und dr�ckte sie auf das verbrannte Gewebe ihres Gesichts.</p><p>Skar unterdr�ckte mit M�he ein Schaudern. Das verschmorte Fleisch sah hart und trocken aus, aber es f�hlte sich warm und feucht an, voller pulsierendem Leben, als h�tte der �tzende Staub, der es gestreift hatte, seine Sch�nheit nicht zerst�rt, sondern nur eingesperrt, gefangen in einem Mantel aus eiteriger H��lichkeit, unter der sie weiterlebte, angekettet wie ein gefangenes Tier, schrie, schrie, schrie ... Er widerstand der Versuchung, seine Finger zur�ckzuziehen, sondern hob statt dessen auch noch die andere Hand und ber�hrte sanft ihre Lippen, fuhr mit den Fingerspitzen �ber das verbrannte br�unliche Narbengewebe, weiter �ber die unsichtbare Grenze, die die L�hmung durch ihr Gesicht gezogen hatte, �ber gesundes, weiches, bebendes, verlockendes Fleisch, ber�hrte ihren Mundwinkel und fuhr den Weg zur�ck, der Kr�mmung der Unterlippe folgend, hinein in den Bereich, wo ihr Gesicht taub und entstellt war. Gowenna erbebte unter seiner Ber�hrung. Der Blick ihres gesunden Auges bohrte sich in den seinen, und Skar erkannte einen wahren Sturm von Gef�hlen: Furcht, Verzweiflung, Ha�, aber auch stumme, unendlich flehende Hilferufe. Und er sp�rte etwas - zum zweiten Mal -, das ihn selbst in ma�lose Verwirrung st�rzte. Er sp�rte, da� etwas in ihm - ein Skar, der ihm bis zu diesem Augenblick fremd und verborgen gewesen war und es auch vielleicht immer bleiben w�rde - ihre Gef�hle erwiderte.</p><p>Langsam l�ste er die H�nde von ihrem Gesicht, legte sie sanft um ihre Schultern und zog sie zu sich heran. Sie wehrte sich und versuchte ihn wegzuschieben, aber er sp�rte, da� es ihr - trotz aller Kraft, die sie aufwandte - nicht ernst damit war, da� etwas in ihr nach dieser Ber�hrung schrie.</p><p>�Bitte, Skar�, flehte sie. �Kein Mitleid. Jetzt nicht mehr.� Er sch�ttelte sanft den Kopf. �Kein Mitleid�, fl�sterte er. Ihre Blicke trafen sich erneut. Zum ersten Mal - wirklich zum ersten Mal, wie er pl�tzlich begriff - sah er Gowenna so, wie sie war: eine Frau. Eine Frau, die trotz allem noch stolz auf ihren K�rper und seine Sch�nheit war, aber die diese Tatsache vielleicht erst jetzt, jetzt, als es zu sp�t war, begriff. Sie hatte sich selbst ihr Leben lang verleugnet, und das, worauf es ihr ankam, das, was sie in Wirklichkeit sein wollte, n�mlich nicht mehr als eine Frau, die lieben und geliebt werden konnte, die wie jeder Mensch ein Bed�rfnis nach Z�rtlichkeit und Geborgenheit hatte, war ihr im gleichen Augenblick genommen worden, in dem sie es gefunden hatte. Skar verstand sie, verstand nur zu gut, wie sie die Frau, die ihr das alles angetan hatte, hassen mu�te. Und er verstand auch den Ausdruck in ihrem Blick, diesen stummen Schrei nach Liebe und Z�rtlichkeit. Und etwas in ihm antwortete darauf, etwas, das nicht neu, sondern die ganze Zeit �ber dagewesen war, vom ersten fl�chtigen Blick an, den sie in RACHES WACHT in Ikne getauscht hatten.</p><p>Nein - es war kein Mitleid, und es war auch keine barmherzige L�ge, als er ihr Gesicht zwischen die H�nde nahm und sie, zuerst behutsam, dann wild und so heftig, da� es sie schmerzen mu�te, k��te.</p></section><section><title><p id="_459">6.</p></title><p>W�hrend der n�chsten vier Tage ritten sie weiter nach S�den, in einem flachen, sanft geschwungenen Bogen der Kr�mmung des Gebirges folgend, das von Zeit zu Zeit noch immer als m�chtiger grauer Schatten im Westen sichtbar war. Skar sch�tzte die Strecke, die sie zur�cklegten, auf etwas mehr als hundert Meilen - wenig, bedachte man die Zeit, die sie unterwegs waren, aber viel, setzte man ihren eigenen und den ersch�pften Zustand der Pferde in Rechnung. Drei der Tiere starben; eines mu�te get�tet werden, als der tr�gerische Glasboden unter seinem Gewicht einbrach und es sich an den messerscharfen Kanten die Fesseln aufri�, die beiden anderen brachen einfach vor Entkr�ftung unter ihren Reitern zusammen, so da� ihnen nur noch ein Ersatzpferd blieb. Die beiden Sumpfm�nner stiegen jetzt von Zeit zu Zeit ab und liefen neben den Tieren her, aber selbst ihre Kr�fte lie�en nun auch sichtlich nach.</p><p>Skar sprach kaum noch mit den anderen, weder mit Gowenna noch mit einem der Sumpfm�nner. Irgendwann w�hrend des zweiten Tages verfiel er in einen D�mmerzustand zwischen Wachsein und Trance, in dem das Verstreichen der Zeit bedeutungslos wurde und selbst seine Gedanken nach und nach zu erl�schen schienen. Seine gebrochenen Rippen schmerzten kaum noch, und schon am zweiten Abend konnte er den Verband abnehmen und das erste Mal seit Tagen wieder frei durchatmen, ohne das Gef�hl zu haben, einen Dolch in die Seite gerammt zu bekommen, und auch das Fieber ging von Nacht zu Nacht zur�ck. Als verlange das Schicksal einen Preis f�r das allm�hliche Zur�ckkehren seiner k�rperlichen Kraft, verwirrten sich aber seine Gedanken mehr und mehr. Es fiel ihm schwer, an irgend etwas anderes als den Augenblick zu denken, und als er am f�nften Abend, seit sie von Combat fortgeritten waren, aus dem Sattel stieg, waren seine Bewegungen so fahrig und unkoordiniert, da� er das Gleichgewicht verlor und st�rzte, wobei er sich auf dem stahlharten Boden Tuans um ein Haar das Handgelenk gebrochen h�tte.</p><p>El-tra kommentierte sein Mi�geschick mit einem stummen Kopfsch�tteln, aber danach blieb einer der Sumpfm�nner stets in seiner unmittelbaren N�he, so, wie der zweite nicht von Gowennas Seite wich.</p><p>Die Landschaft, durch die sie ritten, ver�nderte sich langsam, aber stetig. Als bewegten sie sich nicht nur r�umlich, sondern auch in der Zeit zur�ck, war die Zerst�rung, die sich ihren Blicken bot, weiter im S�den nicht mehr ganz so total. Sie ritten noch immer �ber Glas, das bei jedem Schritt die empfindlichen Fesseln der Pferde wie ein Hammerschlag treffen mu�te, aber die Ruinen, zuerst nur einzeln und weit verstreut, nahmen nach und nach an Zahl und Gr��e zu, und hier und da gewahrten sie flache, geborstene Krater, auf deren Grund Sand und zusammengebackenes Erdreich, manchmal auch geschw�rzte, verbogene Tr�mmer aus Stahl oder Bronze, lagen. Die Gewalt des H�llenfeuers, mit dem die G�tter Combat geschlagen hatten, war hier nicht ganz so gro� gewesen; der Ring der Vernichtung wurde d�nner, je weiter sie nach S�den kamen.</p><p>Aber Skar war sich nicht sicher, ob er sich dar�ber freuen sollte. Sie lagerten weiter im Schutz der Ruinen, aber die niedergebrannten, geschmolzenen R�ume waren jetzt nicht mehr leer - nicht immer zumindest -, sondern manchmal voll von schwarzen, geschmolzenen Dingen, deren urspr�ngliche Form und Funktion sie nicht erraten konnten.</p><p>Combats Feuer schrumpfte jetzt mehr und mehr hinter ihnen zusammen, und manchmal, wenn der Schneesturm besonders heftig tobte, erlosch es ganz. Oder jedenfalls fast ganz.</p><p>Da war dieser Lichtpunkt. Ein winziger, flackernder Funke, wie ein Stern, der vom Himmel heruntergekommen war und sich auf ihre Spur gesetzt hatte. Weder El-tra noch sein Bruder oder Gowenna schienen ihn zu bemerken, und Skar erw�hnte seine Beobachtung auch kaum. Aber er war trotzdem sicher, sich nicht zu t�uschen. Er hatte es am ersten Tag, seit sie aus der brennenden Stadt geflohen waren, bemerkt, und er sah - <emphasis>sp�rte - </emphasis>es jetzt wieder. Irgend etwas folgte ihnen. Combat w�rde den Diebstahl seines Schatzes nicht unges�hnt lassen. Der W�chter hatte sich auf ihre F�hrte gesetzt, und so wie Velas Staubdrachen eine Spur nie wieder loslie�, bis er sein Opfer geschlagen hatte, w�rde auch er nicht von ihrer F�hrte weichen, bis der Stein entweder wieder dort war, wo er seit �onen geruht hatte oder die Diebe ihre Strafe erfahren hatten.</p><p>Gegen Abend des sechsten Tages tauchte ein Schatten vor ihnen am Horizont auf, ein d�nner, flackernder grauer Strich, gezogen mit mathematischer Pr�zision und, obwohl noch unendlich weit entfernt und nicht deutlicher als ein Haar, das von Zeit zu Zeit hinter den wogenden Schneewirbeln auftauchte, gewaltig, <emphasis>gro�. </emphasis>Sie wu�ten alle, was sie vor sich hatten, aber niemand sprach das Wort laut aus; es war die zweite Legende, auf die sie stie�en und die sich als wahr herausstellte, und in jedem - auch in den Sumpfm�nner - mochte die Angst sitzen, da� sich auch diesmal die Wirklichkeit als schlimmer und bedrohlicher als der Mythos herausstellte. Die Legende hatte gesagt, da� Combat existierte und von den G�ttern verdammt worden war - und Combat hatte existiert und war �berdies voller t�dlicher Gefahren gewesen, beladen mit einem Fluch, der vier M�nnern das Leben gekostet hatte und auch noch auf ihnen lastete, sie vielleicht noch treffen w�rde. Die Legende sagte, da� es die Hellgor gab, eine Schlucht, die bis ins Herz der Erde hinabf�hrte, einen Schacht zur H�lle, un�berwindlich und b�se. Was, dachte Skar, wenn auch hier die Realit�t die Legende �bertraf, wenn die Hellgor nicht einfach ein Ri� in der Erde, sondern ein Hort der D�monen, vielleicht der Kr�fte, die Tuan dies alles angetan hatten, war?</p><p>Er versuchte den Gedanken zu verscheuchen, aber es ging nicht. Der Gedanke war einmal erwacht und hatte sich wie eine schleichende Krankheit in seinem Inneren eingenistet, und selbst wenn es ihm gelang, ihn irgendwo tief in sich zu vergraben, so w�rde er doch bei der ersten sich bietenden Gelegenheit wieder hervorbrechen. Die Seele Tuans war Angst. Und sie hatten gerade erst einen sanften Hauch davon versp�rt. Den ganzen Abend und noch bis weit nach Sonnenuntergang ritten sie weiter nach S�den, pl�tzlich erf�llt von Furcht, aber auch von einem Fieber, das sie weitertrieb, selbst als der schwache Schimmer von Tageslicht, der durch die Sturmwolken Tuans brach, l�ngst erloschen war und ihnen nur noch das schwache Glimmen Combats den Weg erhellte. So trotzten sie dem Tag noch ein paar Stunden ab, um so rasch wie m�glich an jener Kluft zu sein, an der sich ihr Schicksal entscheiden w�rde.</p><p>Erst kurz vor Mitternacht hielten sie an, um - vielleicht zum letzten Mal - im Schutz einer hufeisenf�rmigen, nach Osten offenen Mauer zu rasten und bis Sonnenaufgang zu schlafen. Aber Skar fand keine Ruhe, trotz der bleiernen M�digkeit, die von ihm Besitz ergriffen hatte. Er schlief ein, wachte jedoch schon nach kurzem wieder auf und warf sich fast eine Stunde unruhig hin und her, ehe er resignierend aufstand, um El-tra bei seiner Nachtwache Gesellschaft zu leisten.</p><p>Er war nicht einmal sonderlich �berrascht, als er nicht nur beide Sumpfm�nner, sondern auch Gowenna vorfand. Auch die anderen mu�ten es sp�ren: diese seltsame, knisternde Unruhe, die nicht nur in ihnen, sondern wie ein �bler Hauch �ber dem gesamten Land zu liegen schien; ein schwer zu definierendes Gef�hl der Erwartung, als hielte die Sch�pfung selbst den Atem an und ducke sich unter der Vorahnung kommenden Unheils.</p><p><emphasis>Unsinn, </emphasis>dachte er w�tend. <emphasis>Hier ist nichts. Nur wir.</emphasis></p><p>�Bist du sicher?� fragte Gowenna.</p><p>Skar schrak zusammen. Er hatte den letzten Gedanken laut ausgesprochen, ohne es selbst zu merken - ein deutliches Anzeichen daf�r, <emphasis>wie </emphasis>ersch�pft er war.</p><p>�Nat�rlich�, antwortete er verlegen. �Warum?�</p><p>Gowenna hob kaum merklich die Schultern, drehte sich weg und sah lange nach S�den. Der Schatten der Hellgor war mit der Nacht verschmolzen, aber sie mu�ten sie nicht sehen, um zu wissen, da� sie da war.</p><p>�Sp�rst du es nicht?� fl�sterte sie nach einer Weile.</p><p>�Was?�</p><p>Sie sah ihn an; l�chelte. Die Nacht breitete einen Schleier aus barmherzigen Schatten �ber ihr zerfressenes Gesicht.</p><p>�Nichts�, murmelte sie nach einer Weile. �Es ist... nichts. Ich frage mich nur�, fuhr sie nach einer sp�rbaren Pause mit ver�nderter Stimme fort, �warum wir nicht weiter reiten. So wie es aussieht, k�nnen wir sowieso nicht schlafen.�</p><p>�Die Pferde brauchen Ruhe�, wandte El-tra ein. �Wir sollten uns �berlegen, ob wir nicht einen oder zwei Tage hierbleiben. Wir werden nicht mehr viel Zeit zum Schlafen und Ruhen haben, wenn wir erst einmal auf der anderen Seite sind.�</p><p>Gowenna machte eine wegwerfende Handbewegung. �Wenn wir auf der anderen Seite das finden, was ich vermute�, sagte sie, �k�nnen wir frische Pferde stehlen. Wenn nicht, spielt es keine Rolle mehr, ob wir einen Tag fr�her oder sp�ter zu Fu� gehen m�ssen. Au�erdem haben wir kein Wasser mehr.�</p><p>Skar sah instinktiv zu den Packpferden hin�ber. Gowenna hatte nat�rlich recht - sie hatten noch immer genug Fleisch, um eine weitere Woche durchhalten zu k�nnen, ohne hungern zu m�ssen, aber das Wasser w�rde zu einem Problem werden. Sie hatten keine Quellen gefunden, nur ein paar Brunnen, die aber nichts als gl�serne, vielleicht schon vor Jahrtausenden ausgetrocknete Sch�chte darstellten, auf deren Grund nur Staub und zermahlener Stein lag. El-tra hatte versucht, Schnee zu sammeln und zu schmelzen. Es war nicht gegangen. Sie hatten es vorher nicht gemerkt, durchgefroren und gebeutelt vom Wind, wie sie waren, aber der Boden Tuans war <emphasis>warm. </emphasis>Nicht so warm, da� sie es durch ihre Stiefelsohlen oder die Decken, auf denen sie schliefen, gemerkt h�tten, aber warm genug, um den pulverfeinen Schnee zu schmelzen, ehe er eine Decke bilden konnte. Nur hier und da hatten sich in Winkeln kleine Schneeverwehungen gebildet, wo der Sturm die wei�en Kristalle rascher herantrug, als sie zu Wasser zerfallen konnten, aber das daraus gewonnene Schmelzwasser hatte sich als ungenie�bar erwiesen. Es schmeckte bitter und hinterlie� ein pelziges Gef�hl auf der Zunge. Nicht einmal die Pferde hatten es getrunken.</p><p>�Wir k�nnen laufen und die Pferde neben uns hergehen lassen�, schlug Skar vor. �Gowenna hat recht - wir k�nnen sowieso nicht schlafen. Und wenn die M�digkeit zu gro� wird, suchen wir uns einen anderen Platz.�</p><p>Sein Vorschlag schien El-tra nicht zu begeistern, aber der Sumpfmann wandte sich trotzdem gehorsam um, um ihre Decken und S�ttel zu holen, w�hrend sein Bruder wortlos zu den Pferden hin�berging.</p><p>Gowenna wartete, bis die beiden Schattenm�nner au�er H�rweite waren.</p><p>�Danke�, sagte sie.</p><p>Skar sah verwundert auf. �Wof�r?�</p><p>�Da� du mir zugestimmt hast�, sagte Gowenna mit einem leisen, verzeihenden L�cheln.</p><p>�Ich verstehe nicht -�</p><p>�Es ist nicht so ganz einfach, auch noch das letzte zu verlieren, dessen man sich sicher glaubte�, fuhr Gowenna fort, ohne auf seinen Einwurf einzugehen. �El-tra und seine Br�der geh�ren mir seit zehn Jahren. Aber ich sollte vielleicht besser sagen, sie <emphasis>geh�rten </emphasis>mir.�</p><p>�Geh�rten?� wiederholte Skar ungl�ubig. �Wie meinst du das?�</p><p>�So, wie ich es gesagt habe, Skar. Du hast sie f�r meine W�chter oder Freunde oder sonst etwas gehalten, aber das ist nicht die Wahrheit, obwohl ich dich in dem Glauben lie�. Sie sind mein Eigentum. Das Volk von Cosh hat sie mir geschenkt.� Sie stockte, l�chelte und gab ein kleines, schwer zu deutendes Ger�usch von sich. �Aber so, wie es aussieht, bist du jetzt ihr Herr.�</p><p>�Unsinn�, widersprach Skar. �Ich habe niemals -�</p><p>�Du bist ein Teil von ihnen, ob es dir gef�llt oder nicht�, fiel ihm Gowenna ins Wort. �Nat�rlich w�rden sie dich immer noch in St�cke rei�en, wenn ich es ihnen befehlen w�rde, aber das besagt nichts. Sie geh�ren dir. Und du hast damit auch die Verantwortung �ber ihr Leben. Wenn ich ... diesen Ritt nicht �berleben sollte, dann gib auf sie acht, ja?� Damit wandte sie sich um und ging zu den Pferden hin�ber, ohne ihm Gelegenheit zu weiteren Fragen zu geben.</p><p>Zehn Minuten sp�ter brachen sie auf. Die Sumpfleute hatten ihr Gep�ck - das im Laufe der letzten Tage ohnehin auf das Allernotwendigste zusammengeschrumpft war - gleichm��ig auf die f�nf verbleibenden Pferde verteilt, so da� die einzelnen Tiere kaum etwas von dem zus�tzlichen Gewicht sp�rten. Trotzdem waren ihre Schritte schleppend und m�hsam, und ihr Atem ging so laut, da� Skar sich einbildete, das Ger�usch m�sse meilenweit zu h�ren sein, obwohl der Sturm noch immer mit unverminderter Wucht tobte.</p><p>Erneut verlor er das Gef�hl f�r Raum und Zeit. Der Sturm wob sie in einen Mantel von L�rm und K�lte ein, und irgendwo �ber ihnen, jenseits der kochenden Decke aus grauwei�em Chaos, zogen die Sterne unbeeindruckt ihre Bahn, aber Skar selbst schien auf magische Weise aus diesem Verstreichen der Zeit ausgeklammert zu sein, ein Automat, der nicht mehr dachte, nicht mehr f�hlte, sondern nur stur und unf�hig, von der einzigen Aufgabe, f�r die er geschaffen war, abzuweichen, einen Fu� vor den anderen setzte. Nach einiger Zeit begann er selbst die K�lte nicht mehr so deutlich zu f�hlen; die Schmerzen in seinen Fingern und Zehen sanken zu einem dumpfen, auf ihre Weise beinahe wohltuenden Druck herab, und die Atemz�ge waren nicht mehr wie Glas, das seine Kehle zerschnitt. Die Nacht war voller Ger�usche, und nicht alle hatten ihre Ursache im Sturm. Er glaubte ein Lachen zu h�ren, oder wenigstens etwas wie ein Lachen, ein hohes, sp�ttisches Keckern wie die Laute der Feuerkinder Combats, dann wieder ein dumpfes Poltern, das den Boden unter seinen F��en unmerklich vibrieren lie�, und von Zeit zu Zeit huschten winzige blaue Elmsfeuer �ber den Horizont im S�den, blaustrahlende Br�der der W�chter Combats. Vielleicht war es aber auch nur Illusion, die Rache seiner �beranstrengten Nerven. Aber er wehrte sich nicht dagegen, gab sich einfach der M�digkeit und Trance hin und g�nnte seinem Geist die Ruhe, die sein K�rper nicht annehmen wollte.</p><p>Nach einer Ewigkeit, vielleicht aber auch nur nach Augenblicken, ri� die Wolkendecke �ber ihren K�pfen auf, und das erste Grau der D�mmerung schickte schattige Finger �ber die Ebene. El-tra blieb stehen, hob in einer Bewegung, die nun nicht nur m�de wirkte, sondern es auch war, die Hand und deutete nach vorn. Skar trat neben ihn, l�ste die verkrampften Finger vom Z�gel seines Pferdes und blickte in die Richtung, in die der Sumpfmann deutete.</p><p>Vor ihnen lag die Hellgor. Und es war keine Schlucht, es war eine Klippe.</p><p>Die L�cke in der Wolkendecke schlo� sich wieder, aber die Sonne war aufgegangen, und das Licht reichte auch so dazu aus, da� man die gewaltige Kluft vor ihnen erkennen konnte. Sie waren n�her, als Skar vermutet hatte; der d�nne, graue Strich, den sie am Abend zuvor erblickt hatten, war nicht die Schlucht selber gewesen, sondern ihr gegen�berliegender Rand - er und ein Teil des Felsens, der senkrecht und so glatt, als w�re er mit einem gewaltigen Messer geschnitten und hinterher sorgsam poliert worden, in die Tiefe st�rzte. Der jenseitige Rand der Kluft lag allerh�chstens noch anderthalb Meilen entfernt.</p><p>�Bei allen G�ttern!� keuchte Gowenna. Ihre Stimme bebte. Skar konnte sehen, da� sie vergeblich versuchte, den Anblick zu verarbeiten und sich gegen die Gewaltigkeit der Erscheinung zu wappnen. Ein grauer, halb durchsichtiger Nebel hing wie eine Decke �ber der Schlucht, seltsamerweise war es unber�hrt vom Toben des Sturmes, und die Luft auf der anderen Seite schien zu flimmern, als koche sie vor Hitze. Was dahinter lag, war nicht zu erkennen.</p><p>�Das ist... gewaltig�, sagte Gowenna stockend. Sie hatte ihre Fassung wiedergefunden, aber der Ausdruck in ihrer Stimme sagte Skar, da� es in ihrem Inneren immer noch kochte.</p><p>M�de sch�ttelte er den Kopf. �Ich kann das Wort <emphasis>gewaltig </emphasis>nicht mehr h�ren�, murrte er. �Seit wir dieses Land betreten haben, beginne ich mir allm�hlich wie ein Zwerg vorzukommen. Hast du eine Idee, wie wir dort hin�berkommen sollen?�</p><p>�Es mu� einen Weg geben�, sagte Gowenna schnell. Zu schnell, fand Skar. �Vela und ihre M�nner sind hier entlanggeritten. Es mu� eine Br�cke geben, einen Steg, oder ...� Sie verstummte, als sie Skars Blick begegnete. Der Anblick der Schlucht lie� jeden Gedanken an eine Br�cke schlichtweg l�cherlich klingen.</p><p>�Vielleicht sind sie auch geflogen�, knurrte Skar. �Wenn sie �berhaupt jemals hier waren.�</p><p>�Sie waren hier�, mischte sich El-tra ein.</p><p>Skar fuhr mit einem Ruck herum. �So?� sagte er aufgebracht. �Und woher willst du das wissen?� Er deutete mit einem abf�lligen Grinsen auf den Boden und stampfte zur Demonstration mit dem Fu� auf. �Erz�hl mir nicht, da� du auf diesem Grund Spuren erkennen kannst. Hier kann eine Armee vorbeiziehen, ohne auch nur einen Kratzer zu hinterlassen.�</p><p>�Das stimmt�, sagte El-tra unger�hrt. �Aber es gibt andere Spuren als die, die du mit dem Auge siehst, Bruder. Sie waren hier - der Drache und acht Reiter, vielleicht auch zehn. Und es ist noch nicht sehr lange her. Nicht l�nger als drei Tage.�</p><p>�So!� sagte Skar noch einmal. �Und wohin sind sie?�</p><p>El-tra deutete auf die Schlucht und folgte der Linie des Felsabbruches mit der Hand. �Dorthin. Sie sind geritten, sehr schnell. Schneller als jemand, der noch eine weite Strecke vor sich hat und sein Pferd schonen mu�. Es kann nicht mehr weit sein.�</p><p>�Nicht mehr weit...� Skars Blick folgte dem Monstrum von Canyon, bis er sich irgendwo im S�dosten im Grau der D�mmerung verlor. Selbst auf diese gro�e Entfernung glaubte er den Sog der Tiefe zu sp�ren, den dumpfen, verlockenden Ruf, der aus der H�llenkluft emporwehte. Vielleicht, dachte er, w�re es das Beste: einen Schritt zu machen, sich fallen zu lassen und auf den Aufprall zu warten.</p><p>Er verscheuchte den Gedanken mit einem w�tenden Knurren, ging zu seinem Pferd zur�ck und schwang sich in den Sattel. Das Tier scheute, und einen Moment lang mu�te er all seine Kraft und Geschicklichkeit aufwenden, um nicht wieder zu Boden zu st�rzen.</p><p>�Wenn es nicht mehr weit ist, dann la�t uns reiten.�</p><p>El-tra z�gerte sichtlich. �Wir sollten bis zum Abend ausruhen�, sagte er. �Wenn es eine Br�cke gibt, wird sie bewacht sein. Wir werden k�mpfen m�ssen.�</p><p>Skar starrte ihn finster an. �Und?� fragte er. �Dazu habt ihr mich doch mitgenommen, oder?�</p></section><section><title><p id="_516">7.</p></title><p>Die Br�cke war unm�glich, aber sie existierte. Sie tauchte irgendwann um die Mittagszeit aus dem Dunst der Ebene auf, ein d�nnes, mit Schatten gemaltes Filigran, das mit jedem Hufschlag der Pferde an Substanz - aber nicht an Glaubw�rdigkeit - gewann. Ihre St�tzen zogen sich in einem k�hnen, weit geschwungenen Bogen �ber die Schlucht; ein doppeltes, sichelf�rmiges Gel�nder, das sich irgendwo auf der anderen Seite in wehenden Nebel aufzul�sen schien, kurz bevor es den Boden ber�hrte. Die ganze Konstruktion schien zu beben und im Rhythmus des Windes �ber dem Nichts zu tanzen; eine optische T�uschung, bedingt durch die Entfernung und die schlechten Sichtverh�ltnisse, aber trotzdem eindrucksvoll.</p><p>Sie hielten, noch immer in respektvollem Abstand von der Felskante, nebeneinander an und starrten das bizarre Bauwerk stumm und lange an, und selbst Skar, der geglaubt hatte, gegen alles gewappnet zu sein und sich von keinem auch noch so gewaltigen Anblick mehr beeindrucken zu lassen, rang lange und vergeblich nach Worten. Es war nicht die Gr��e der Br�cke allein - das Goldene Tor von Kohon, das die Zufahrt des Kriegshafens �berspannte, war nahezu ebenso lang wie diese Br�cke, und seine steinernen St�tzpfeiler mu�ten ebenso hoch, wenn nicht h�her in die Luft ragen, aber dem Goldenen Tor fehlte - wie eigentlich jedem Bauwerk, an das er sich erinnern konnte - die grazi�se Leichtigkeit, die dieser Steg trotz seiner ungeheuren Abmessungen ausstrahlte. Der Bogen, in dem er sich �ber das Nichts spannte, spottete der Schwerkraft und den Naturgesetzen, jeder einzelne Pfeiler, jede St�tze, war ein Triumph �ber die Natur, eine Absage an alles, was er jemals �ber Anziehungskraft und Statik geh�rt hatte.</p><p>Schlie�lich war es El-tra, der das Schweigen brach. �Wir sollten uns weiter von der Schlucht zur�ckziehen�, sagte er mit dem ihm eigenen Pragmatismus. �Wenn es Wachen gibt, so sehen sie uns zu fr�h.�</p><p>Skar l�ste widerwillig den Blick von der Br�cke und sah nach Westen. Sie waren, ohne da� er es bisher bewu�t wahrgenommen h�tte, seit Stunden �ber vollkommen flaches, deckungsloses Gel�nde geritten, aber es war nur ein Streifen, der - wenn auch Meilen breit - sich doch eng an die Konturen der Hellgor anschmiegte und ihr folgte wie gr�ner Uferbewuchs dem Lauf eines Flusses. Zur Rechten, jenseits der polierten dunkelgr�nen Glasebene, zogen sich die zerborstenen Ruinen Tuans in gleichbleibender Monotonie dahin. Dort w�rden sie sich der Br�cke n�hern k�nnen, ohne zu fr�h gesehen zu werden.</p><p>�K�nnt ihr ... feststellen, ob sie bewacht ist?� fragte er unsicher.</p><p>El-tra wandte den Blick, sah ihn an und sch�ttelte nach einer merklichen Pause den Kopf. �Wir k�nnen sehen, was war und was ist�, erkl�rte er geheimnisvoll. �Nicht was sein wird.�</p><p>Skar grinste s�uerlich. �Wenn das, was du jetzt so umst�ndlich erkl�rt hast, <emphasis>nein </emphasis>hei�en soll, dann stimme ich dir zu�, sagte er. �Reiten wir ein St�ck nach Westen.�</p><p>El-tra gab einen Laut von sich, der �hnlichkeit mit einem Lachen hatte. �Das soll es hei�en�, best�tigte er.</p><p>Sie wichen im rechten Winkel von ihrem bisherigen Weg ab und ritten zur�ck in die Alptraumlandschaft, der sie vor wenigen Stunden erst entronnen waren. Der Wind blies ihnen jetzt in die Gesichter, und schon aus diesem Grunde war eine Unterhaltung unm�glich. Sie legten den Weg schweigend zur�ck, langsam, aber mit verbissener Stetigkeit, und bewegten sich auch dann noch weiter von der Hellgor fort, als sich die Reihe der geschw�rzten Ruinen wie eine dunkle Festungsmauer hinter ihnen geschlossen hatte; ein Wall, der nicht dem Ansturm des Feuers, wohl aber dem der Zeit standgehalten hatte. Erst, als El-tra sicher war, da� ihre Bewegungen in dem schwarzgr�nen Labyrinth der toten Stadt nicht mehr auszumachen sein w�rden, schwenkten sie abermals herum und ritten wieder parallel zur Hellgor. Das gewaltige schwarze Gespinst der Br�cke wanderte langsam auf sie zu, schwang schlie�lich, der Kr�mmung des Weges, den sie nahmen folgend, ein St�ck zur�ck und lag dann neben ihnen.</p><p>El-tra z�gelte sein Pferd, deutete wahllos auf eine niedrige, halbrunde Mauer und winkte mit der anderen Hand seinen Bruder zu sich heran.</p><p>�Wir reiten voraus, um den Weg zu erkunden�, sagte er. �Skar und Gowenna bleiben zur�ck. Ruht euch aus. Vor Dunkelwerden k�nnen wir nicht weiter.�</p><p>Diesmal war es kein Vorschlag, begriff Skar, sondern ein Befehl, nicht aus einem F�hrungsanspruch geboren, sondern aus dem Wissen, da� dieser Weg der einzig m�gliche war. Zwischen ihnen und der Schlucht lag noch immer ein zwei Meilen breiter, deckungsloser Streifen; selbst wenn sie das Letzte von ihren Pferden verlangten, war er zu breit, um die W�chter der Br�cke - wenn es sie gab - noch �berraschen zu k�nnen. Skar stieg kommentarlos aus dem Sattel, f�hrte das Pferd in einen windgesch�tzten Winkel und hockte sich ersch�pft auf den Boden. Gowenna unterhielt sich leise mit einem der Sumpfm�nner, aber Skar h�tte auch nicht hingeh�rt, wenn er ihre Sprache verstanden h�tte. Mit einem Mal schlug die M�digkeit mit aller Kraft zu; eine bleierne, eisige Decke, die sich auf ihn herabsenkte und seine Glieder l�hmte. Sie waren einen Tag, eine Nacht und einen weiteren halben Tag unterwegs gewesen, und er sp�rte pl�tzlich jede Meile, die sie zur�ckgelegt hatten.</p><p>Die beiden Sumpfm�nner verschwanden, und er blieb allein mit Gowenna zur�ck. Sie sprachen nicht miteinander; nicht aus Feindschaft oder Furcht, sondern einfach, weil es nichts zu bereden gab. Die unz�hligen Stunden angespannten, lauernden Schweigens, die zwischen ihnen und dem Felstrichter, in dem ihre Odyssee begonnen hatte, lagen, hatten alles ausgedr�ckt, was sie h�tten sagen k�nnen.</p><p>Er schlo� die Augen, lehnte sich m�de mit dem R�cken gegen den glasierten Fels und lauschte in sich hinein. Aber auch in ihm war nur Schweigen. Sein Dunkler Bruder schien fort zu sein. Er hatte ihn gesp�rt, einmal, aber auch da war es anders gewesen als die Male zuvor, leiser, m�der - ersch�pft, als h�tte die dunkle Kraft, die irgendwo in ihm schlummerte, ihre gesamte Energie beim Kampf mit Del und den S�ldnern verbraucht.</p><p>Irgendwann schlief er ein, trotz der unbequemen Stellung, in der er dahockte, und der K�lte, die ihn auch hier noch mit den Z�hnen klappern lie�. Er war so ersch�pft, da� er nicht einmal tr�umte, und als er sp�ter, geweckt durch Hufschlag und hektische Bewegung neben sich, die Augen aufschlug, f�hlte er sich ausgeruht und frisch, als h�tte er tagelang geschlafen. Trotzdem war es nur Illusion - er mochte sich im Moment stark f�hlen, aber das w�rde nicht lange anhalten.</p><p>Skar stand auf, fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Augen, um den letzten Rest von Schlaf daraus zu vertreiben, und sah fl�chtig in den Himmel. Die Sonne war ein gutes St�ck weitergewandert und schimmerte als verzerrter, r�tlicher Kreis mit zerfaserten R�ndern durch die Wolken. Sp�ter Nachmittag. Er mu�te sechs, sieben Stunden geschlafen haben.</p><p>�El-tra kommt zur�ck�, sagte Gowenna mit einer Kopfbewegung nach Osten. Sie ging mit keinem Wort darauf ein, da� er geschlafen und ihr die Last der Wache aufgeb�rdet hatte. Aber ihre Stimme klang m�de.</p><p>Skar schlug seinen Umhang zur�ck, trat neben Gowenna und lauschte. Der Hufschlag kam rasch n�her, und schon nach wenigen Augenblicken erschien einer der Sumpfm�nner, tief �ber den Hals seines Pferdes gebeugt, zwischen den gezackten Felsklauen der Ruinenlandschaft. �Versteckt euch!� rief er. �Die Pferde weg und dann in Deckung! Wir werden verfolgt!�</p><p>Zum ersten Mal, seit Skar mit den beiden Br�dern aus Cosh zusammen war, h�rte er echte Erregung in der Stimme El-tras. Er fuhr herum, hastete zu den Pferden hin�ber und f�hrte zwei der Tiere tiefer in der Schutz der zerborstenen Mauern hinein. Gowenna ergriff den Z�gel des dritten Pferdes, aber das Tier scheute, aufgeschreckt durch die pl�tzliche Bewegung und die Aufregung, die es mit seinen feinen Instinkten deutlicher sp�rte als die Menschen, stieg auf die Hinterl�ufe und schlug mit den Hufen aus. Gowenna brachte sich mit einem hastigen Sprung in Sicherheit, fluchte lauthals und versuchte erneut, sich dem Tier zu n�hern. El-tra sprengte wortlos an ihr vor�ber, b�ckte sich im Sattel nach dem Z�gel und ri� den Kopf des Pferdes mit einem brutalen Ruck herum.</p><p>�Schnell!� befahl er. �Geht in Deckung! Sie m�ssen in wenigen Augenblicken hier sein!�</p><p>�Wer mu� hier sein?� fragte Skar, ohne sich von der Stelle zu r�hren.</p><p>El-tra fuhr ungeduldig herum. �Krieger�, keuchte er. �Eure Bef�rchtung war berechtigt - die Br�cke wird bewacht. Und sie reiten Patrouille. Zwei von ihnen verfolgen meinen Bruder. Er wird versuchen, sie hierherzulocken. Rasch jetzt!�</p><p>�Nur zwei?� wunderte sich Gowenna. �Und darum -�</p><p>�Bitte!� unterbrach El-tra sie. �Es ist keine Zeit zu reden. Sie m�ssen jeden Augenblick hier sein! Verbergt euch! Wenn sie die Falle erkennen und fliehen, war alles umsonst. Wir kommen niemals �ber die Schlucht, wenn die W�chter gewarnt sind.�</p><p>Gowenna wollte noch mehr sagen, aber Skar ergriff sie einfach am Arm und zog sie hinter sich her in Deckung. El-tra schlug seinem Pferd die Abs�tze in die Flanken und verschwand hinter einem Mauerrest.</p><p>Gowennas Hand glitt zum Schwert. Skar legte ihr rasch die Rechte auf den Unterarm, sch�ttelte den Kopf und gab ihr mit Gesten zu verstehen, in Deckung zu bleiben. Dann richtete er sich vorsichtig wieder auf, schob sich, den R�cken eng an die Wand geschmiegt, bis zum Ende ihrer Deckung und sp�hte nach Osten. Wieder war Hufschlag zu h�ren, das hektische, arhythmische Stampfen mehrerer Pferde diesmal, dazwischen ein helles Sirren, der Klang einer Bogen- oder Armbrustsehne. Ein Schauen erschien zwischen den Mauerresten, verschwand und tauchte wieder auf, verdreifacht diesmal. El-tra sprengte heran, setzte, seinem Pferd gnadenlos die Sporen gebend, �ber eine brusthohe Wand hinweg und wurde durch den Aufprall beinahe aus dem Sattel geschleudert. Sein Pferd scheute, stieg auf die Hinterl�ufe und schrie vor Schmerz und Angst.</p><p>Skars Herz schien einen erschrockenen Sprung zu machen, als er sah, wie einer der Verfolger seine Armbrust hob und auf den Sumpfmann zielte. El-tra registrierte die Gefahr im letzten Moment, warf sich zur Seite und versuchte sein Pferd herumzuzwingen. Aber so gewaltig seine Kraft auch war, das Tier war halb wahnsinnig vor Furcht und widersetzte sich ihm. Die Armbrust des S�ldners entspannte sich mit einem peitschenden Knall, der Bolzen verwandelte sich in einen flirrenden Schatten, ri� eine blutige Spur in den Hals des Pferdes und bohrte sich tief in El-tras Schulter. Das Tier b�umte sich auf, verlor auf dem spiegelglatten Boden die Balance und fiel mit einem schmerzerf�llten Klageruf auf die Seite. El-tra wurde in hohem Bogen aus dem Sattel geschleudert, prallte mit furchtbarer Wucht auf dem Boden auf und blieb, nachdem er sich sieben-, acht-, neunmal �berschlagen hatte, reglos liegen.</p><p>Gowenna stie� einen halblauten Schreckensschrei aus. Skar machte eine hastige Geste, warf ihr einen warnenden Blick zu und lief, im Zickzack von einer Deckung zur anderen hastend, los. Er erreichte den Kampfplatz im gleichen Moment, in dem die beiden Krieger aus den S�tteln stiegen, um nach ihrem Opfer zu sehen. Seine Schritte waren zu laut, und das Gel�nde bot, so un�bersichtlich es schien, nicht genug Deckung; die M�nner waren gewarnt, lange bevor er nahe genug heran war. Einer von ihnen wirbelte herum und ri� sein Schwert aus dem G�rtel, in einer Bewegung, die schnell genug war, einem Satai Ehre zu machen. Der andere griff hastig an seine Seite, nahm einen neuen Bolzen aus dem ledernen K�cher und legte ihn mit raschen, sicheren Bewegungen auf die Sehne.</p><p>Skar erstarrte. Zwischen ihm und den beiden Kriegern lagen noch f�nf, vielleicht sechs Schritte. Unter normalen Umst�nden h�tte er nicht gez�gert, einen Angriff zu riskieren. Aber er war ersch�pft und am Ende seiner Kr�fte. Seine Reaktionen waren die eines Greises, und das St�rkegef�hl in ihm t�uschte. Jeder weitere Schritt w�re Selbstmord gewesen.</p><p>Die beiden Krieger schienen zu erraten, was hinter seiner Stirn vorging. Der Armbrustbolzen deutete drohend auf seine Brust; der Finger des Mannes kr�mmte sich um den Abzug. Es war eine schwere Waffe, die fingerlange, nadelspitz geschliffene Eisenbolzen verscho�. Selbst ein Harnisch w�rde Skar keinen ausreichenden Schutz bieten.</p><p>�La� die Waffe fallen, Satai�, sagte einer der Krieger. Seine Stimme klang schrill, m�hsam beherrscht, aber voller Furcht. �Leg dein Schwert auf den Boden! Schnell!�</p><p>Skar gehorchte. Langsam, um die Krieger nicht durch eine zu hastige Bewegung zum Angriff zu reizen, legte er sein Schwert vor sich ab, l�ste die Haltespange seines Umhanges und lie� ihn von den Schultern gleiten.</p><p>�Jetzt komm her!� befahl der Mann mit der Armbrust. �Aber langsam! Und mit ausgestreckten Armen!� Sein Kamerad schob das Schwert zur�ck in die Scheide, nahm seine Armbrust vom R�cken und spannte sie ebenfalls.</p><p>�Die Falle war nicht schlecht�, sagte er anerkennend. �Diese Sumpfkreatur sollte uns hierherlocken, wie?� Er l�chelte, aber es war nur ein Ausdruck seiner Nervosit�t. �Wo ist der andere?�</p><p>�Welcher andere?� fragte Skar ruhig. �Wir waren allein.� Der Finger spannte sich ein wenig mehr um den Abzug. Der Druckpunkt war erreicht. Ein winziges, nerv�ses Zucken noch, und die Waffe w�rde ihr t�dliches Gescho� abfeuern. Skar spannte sich.</p><p>�Ihr seid zu dritt�, behauptete der Krieger. In seinem Gesicht arbeitete es. Die Waffe blieb starr auf Skars Brust gerichtet, aber der Blick seiner dunklen Augen irrte unstet �ber die Felsen hinter Skar.</p><p>�Sumpfmann!� rief er mit erhobener Stimme. �Ich wei�, da� du da bist! H�r mir zu!�</p><p>�Du solltest deine Stimme schonen�, sagte Skar gelassen. �Hier ist niemand. Nur El-tra und ich.�</p><p>�H�r zu!� fuhr der Krieger unbeeindruckt fort. �Wir haben einen von euch erledigt. Und der Satai stirbt, wenn du nicht ohne Waffen und mit erhobenen H�nden herkommst. Ich spa�e nicht.� Skar machte einen halben Schritt auf die beiden Krieger zu und blieb abrupt stehen, als sich nun auch die zweite Armbrust auf ihn richtete.</p><p>�Ich meine es ernst!� schrie der Mann. Unter dem Stirnschutz seines bizarr geformten Helmes perlte feiner, glitzernder Schwei� hervor. �Ich z�hle jetzt bis f�nf! Wenn du danach nicht hier bist, erschie�e ich den Satai. Eins!�</p><p>�H�rt auf! Ich komme!� El-tras Stimme kam von irgendwo hinter und neben Skar. Ein Pferd schnaubte, dann h�rte Skar rasche, klirrende Schritte.</p><p>Der Ausdruck von Furcht auf den Gesichtern der beiden M�nner vertiefte sich. Skar sah, wie ihre H�nde zu zittern begannen, unmerklich, aber doch zu stark, als da� sie es ganz unterdr�cken konnten.</p><p>�Ich gebe auf!� rief El-tra noch einmal. �Tut ihm nichts!� Die Schritte wurden lauter. Eine der beiden Armbr�ste schwenkte herum und deutete jetzt auf eine Stelle hinter Skar. Ein grauer Schatten zuckte hinter den beiden Kriegern vom Boden hoch und warf sich auf sie. Skar lie� sich zur Seite fallen, rollte �ber die Schulter ab und war, das Schwert in den H�nden, wieder auf den Beinen, noch bevor der Armbrustbolzen dort durch die Luft schnitt, wo er gestanden hatte.</p><p>Der Kampf war vorbei, bevor er bei den beiden Kriegern ankam. El-tras F�uste hatten mit gnadenloser Kraft unter ihnen gew�tet; einer der M�nner lag reglos auf dem Gesicht, der andere kr�mmte sich st�hnend zusammen und pre�te die H�nde gegen den Leib. Aus seinem Mund lief Blut. Skar kniete neben ihm nieder, legte das Schwert griffbereit neben sich und drehte ihn auf die Seite. Der Mann war schwer. Skar konnte selbst durch den eisenharten Panzer hindurch f�hlen, wie er zitterte. Behutsam l�ste er den Kinnriemen seines Helmes, zog ihn ab und ber�hrte den Mann im Gesicht.</p><p>�Kannst du mich verstehen?� fragte er.</p><p>Die Augen hinter den geschlossenen Lidern bewegten sich hektisch hin und her. Das Blut, das aus dem Mundwinkel des Mannes lief, wurde heller; schaumig.</p><p>�Er stirbt�, sagte Skar vorwurfsvoll. Er hob den Kopf, sah El-tra einen halben Herzschlag lang ausdruckslos an und beugte sich dann wieder �ber den Krieger. �Du h�ttest ihn nicht gleich t�ten m�ssen�, sagte er ruhig.</p><p>El-tra schwieg einen Moment. Seine Hand kam unter dem Umhang hervor, tastete nach seiner Schulter und spannte sich um den federbewehrten Schaft des Bolzens. Als Skar den Laut h�rte, mit dem das Gescho� aus der Schulter des Sumpfmannes glitt, wurde ihm �bel. An der Spitze klebte kein Blut.</p><p>Hinter ihm wurden Schritte laut, als der andere El-tra herankam. Eine Hand legte sich auf seine Schulter, leicht und doch von unendlicher St�rke erf�llt, dr�ckte in einer kurzen, beinahe tr�stenden Geste zu und schob ihn dann mit sanfter Gewalt zur Seite. Skar nahm sein Schwert, stand gehorsam auf und entfernte sich drei, vier Schritte. Die beiden Sumpfm�nner knieten wortlos neben den beiden Soldaten nieder; ihre H�nde legten sich auf Gesicht und Stirn der M�nner.</p><p>Augenblicke lang geschah nichts. Das St�hnen des Sterbenden wurde leise, verklang. Seine Glieder zuckten noch einmal wie unter einem letzten, knochenbrechenden Krampf, dann erschlaffte er, mit einem schnellen, endg�ltigen Rucken, das Skar sagte, da� er tot war.</p><p>Skar wandte sich ab. Er wu�te nicht, <emphasis>was </emphasis>die beiden M�nner aus Cosh da taten, und er wollte es auch nicht wissen. Es war irgend eine barbarische Zeremonie, vielleicht die Art, in der sie ihre Opfer t�teten. <emphasis>Schlugen, </emphasis>dachte Skar. Pl�tzlich, zum ersten Mal seit Tagen wieder, wurde ihm bewu�t, da� El-tra keine Menschen waren. Sie handelten anders, dachten - <emphasis>lebten - </emphasis>nach eigenen, f�r ihn unverst�ndlichen Gesetzen und Regeln.</p><p>Er rammte sein Schwert in die Scheide zur�ck, drehte sich vollends um und ging in die Richtung, aus der er gekommen war. Hinter ihm erscholl ein spitzer, unmenschlicher Schrei.</p><p>Gowenna kam ihm entgegen, als er die halbe Strecke zur�ckgelegt hatte.</p><p>�Ich habe alles gesehen�, sagte sie.</p><p>Skar blieb stehen. Sein Blick mu�te Zorn ausdr�cken, denn sie wich unwillk�rlich einen halben Schritt zur�ck und hob in einer unbewu�ten, instinktiven Abwehrbewegung die H�nde. �Urteile nicht, bevor du nicht alles wei�t�, sagte sie hastig. �Sie hatten keine andere Wahl. Sie h�tten dich erschossen, wenn El-tra sie nicht niedergeschlagen h�tte.�</p><p>�O ja, und das durftest du nicht zulassen, wie?� fragte er gepre�t. �Mein Leben wiegt mehr als das zweier Unschuldiger. Verzeih, da� ich das verga�.� Seine Stimme bebte vor Zorn. �Es war nicht n�tig, sie umzubringen�, zischte er. �Wenn sie dir <emphasis>geh�ren, </emphasis>wie du sagst, dann h�ttest du sie zur�ckhalten k�nnen.�</p><p>�Wir mu�ten sie t�ten, Skar�, sagte Gowenna.</p><p><emphasis>�Wir?� </emphasis>Skar hob die H�nde und betrachtete demonstrativ seine Finger. <emphasis>�Ich </emphasis>habe sie nicht get�tet, Gowenna. Und es war nicht notwendig. Sowenig wie das, was sie jetzt mit ihnen tun. Auch wenn ich nicht wei�, was es ist.�</p><p>�Sie sind unsere Feinde, Skar�, fuhr Gowenna eindringlich fort. �Wir konnten sie nicht am Leben lassen. Du bist ein Krieger und solltest wissen, da� man einen Feind im R�cken nicht dulden kann.�</p><p>Skar starrte an ihr vorbei zum Horizont. Die schwarzen Pfeiler der Br�cke streckten sich in k�hnem Bogen zur Sonne empor, aber mit einem Mal erschienen sie ihm nicht mehr grazi�s und elegant, sondern irgendwie feindselig. Ein klebriges Spinnennetz, in dem sie sich verfangen und elend zugrunde gehen w�rden. �In diesem Land ist ein Mann ohne Pferd und Waffen kein Feind�, sagte er halblaut.</p><p>Er redete Unsinn, und er wu�te es. Aber in ihm war Zorn, nicht einmal Zorn �ber die Tatsache, da� die Sumpfm�nner die beiden Krieger so gnadenlos abgeschlachtet hatten, sondern Zorn - eigentlich mehr Schmerz - dar�ber, da� ihre erste Begegnung mit Menschen (das erste Mal, da� sie nach dieser bizarren Reise durch ein Land des Schweigens und des Todes auf Leben stie�en) wieder mit dem Tod geendet hatte.</p><p>�Es ist der Fluch Tuans�, sagte Gowenna pl�tzlich. Skar drehte �berrascht den Kopf. Gowenna sah an ihm vorbei, aber ihr Blick schien ins Leere zu gehen. Wie leicht es in diesem Land ist, dachte er, die Gedanken eines Menschen zu erraten. �Man nennt es wohl nicht umsonst das Tote Land. Vielleicht hat der Tod hier Leben gewonnen und l��t nichts Lebendes neben sich zu.�</p><p>�Unsinn�, murmelte Skar. Aber er sp�rte auch, da� Gowenna - wenn auch vielleicht in einer ganz anderen Art, als ihr selbst bewu�t war - recht hatte. Trotzdem fuhr er aufgebracht fort: �Vielleicht machst du es dir auch einfach nur zu leicht, Gowenna.� Er wollte sich abwenden und wieder zu den beiden Sumpfm�nnern zur�ckgehen, aber Gowenna hielt ihn rasch am Arm zur�ck und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Jetzt nicht, Skar�, sagte sie. �Sie brauchen Zeit.�</p><p>�Wozu?� fragte er in absichtlich verletzendem Tonfall. �Werden sie sie auffressen, oder begn�gen sie sich damit, sie -�</p><p>�Bitte, Skar!� Ihr Griff verst�rkte sich, so heftig, da� es schmerzte und Skar seinen Arm mit einem Ruck befreite. �Sie brauchen eine Stunde. Gib sie ihnen, und du wirst alles verstehen.�</p><p>�Ich glaube, ich verstehe jetzt schon zuviel�, antwortete er. �Ich beginne jedenfalls zu verstehen, warum du Vela nicht wirklich hassen kannst, Gowenna. Ihr seid euch zu �hnlich. Du wirfst ihr vor, unmenschlich zu sein, aber bisher bist du es, die �ber Menschenleben spricht, als w�ren sie nichts.�</p><p>Gowenna schwieg eine Weile. Als sie weitersprach, klang ihre Stimme nicht mehr bittend oder traurig, sondern nur noch verwundert. �Ich begreife deinen Zorn nicht, Skar. Du hast mehr Menschen get�tet als sie. <emphasis>Du </emphasis>bist der Krieger, nicht sie oder ich.� Skar lachte bitter. �Das Stirnband eines Satai ist kein Freibrief f�r Mord, Gowenna�, sagte er.</p><p>Sie setzte dazu an, etwas zu sagen, sch�ttelte aber statt dessen blo� stumm den Kopf und senkte den Blick.</p><p>�Wie du meinst. Ich werde mich nicht mit dir streiten, nicht jetzt.� Sie drehte sich um, machte einen Schritt und blieb noch einmal stehen. �Ich hole ihre Pferde�, sagte sie. �Vielleicht haben sie Wasser bei sich. Das hei�t�, f�gte sie hinzu, �wenn du ein solches Vorgehen gestattest. Vielleicht legst du es ja als Leichenfledderei aus.�</p><p>Skar zog es vor, darauf nicht zu antworten. Er lie� sie stehen, ging ziellos ein paar Schritte und st�tzte sich schwer mit den H�nden auf einen brusthohen Mauerrest. Der Stein war kalt, von einem eisigen Hauch erf�llt, der nicht allein aus den niedrigen Temperaturen und dem Wind resultierte. Skar wu�te nicht, ob die glitzernde Schicht unter seinen Fingern Glas oder Eis war; beides versinnbildlichte in seiner schimmernden Starre mehr als alle Worte den Geist Tuans.</p><p>Er schlo� die Augen, atmete ein paarmal tief durch und geno� das Gef�hl von Leere, das die eisige Luft in seinem Sch�del schuf. <emphasis>Ich benehme mich wie ein Narr, </emphasis>dachte er. Gowenna mu�te ihn f�r einen kompletten Idioten halten, nach dem, was er geredet hatte. Aber seine Worte waren nur Ausdruck seiner Hilflosigkeit gewesen, des ohnm�chtigen Zornes, der in ihm war. Er hatte es vielleicht bis jetzt nicht begriffen, aber der Kampf, f�r den Gowenna ihn hatte kaufen wollen, hatte l�ngst begonnen, im gleichen Moment, in dem sie nicht in Richtung des Gebirges, sondern hierher, hinein ins Herz Tuans, losgeritten waren. Und es war ein Kampf gegen einen Gegner, den er nicht besiegen konnte, ein Kampf gegen dieses Land, gegen den Geist Tuans, wie Gowenna es ausgedr�ckt hatte. Nicht der Kampf gegen Vela oder ihren Drachen - das war nur die Spitze des Eisberges, vielleicht die letzte Runde -, sondern eine fundamentale Auseinandersetzung zwischen Leben und Tod. Und sie hatten schon verloren, ehe sie ihren Gegner �berhaupt erkannt hatten.</p><p>Gowenna kam zur�ck, zwei prall gef�llte Wasserschl�uche in den H�nden. Sie legte einen davon vorsichtig auf den Boden, l�ste den Verschlu� des anderen und reichte ihn Skar, nachdem sie selbst einen tiefen Zug genommen hatte.</p><p>Skar trank, go� wenige Tropfen der kostbaren Fl�ssigkeit in seine Handfl�che und fuhr sich damit �ber das Gesicht. Das Wasser war eisig und prickelte auf der Haut, aber es tat gut. Er gab Gowenna den Schlauch zur�ck und sah zu, wie sie noch einmal trank und sich anschlie�end, seinem Beispiel folgend, ebenfalls das Gesicht benetzte. Ihre Bewegungen hatten, trotz der Fertigkeit, die die K�lte ihren Gliedern aufzwang, etwas seltsam Grazi�ses an sich. Sie stand so, da� er nur den unversehrten Teil ihres Gesichts sehen konnte, so wie sie sich seit Tagen zunehmend so bewegte, da� ihre Narben unsichtbar blieben, und wieder - wieder nach einem Streit, dachte Skar mit einer Mischung aus Staunen und Erheiterung - sp�rte er Erregung. Pl�tzlich und ehe er sich selbst wirklich �ber die Bedeutung seines Handels im klaren war, ergriff er sie bei den Schultern, zog sie zu sich heran und k��te sie. Sie wehrte sich, aber nur einen Moment lang. Dann wurden ihre Lippen weich, und ihre Arme schlangen sich so heftig um seine Schultern, da� sie ihm fast den Atem abschn�rten. Er sp�rte die W�rme ihres K�rpers durch den dicken Stoff ihrer und seiner Kleidung hindurch, und ein aberwitziges, bohrendes Gef�hl der Lust stieg in ihm auf. Er wollte sie schlagen, k�ssen, qu�len und streicheln zugleich, sich an sie klammern wie ein Ertrinkender an einen Ast, die N�he des einzigen lebenden Wesens, das es vielleicht in diesem Teil der Welt gab, sp�ren.</p><p>Und als er ihrem Blick begegnete, sp�rte er, da� sie es <emphasis>wu�te.</emphasis> F�r die Dauer von drei, vier bangen Herzschl�gen sah er sie an, und wie schon einmal sah er pl�tzlich alles mit phantastischer Klarheit - jedes winzige Detail ihres Gesichts, jede Falte, jede Linie, die die Jahre oder irgendein l�ngst vergessener Schmerz hineingegraben hatten, und er sah auch das Gesicht unter dieser Maske, die <emphasis>wirkliche </emphasis>Gowenna, die sich unter stolzer Unantastbarkeit auf der einen und fleischgewordenen Flammen auf der anderen Seite ihres Antlitzes verbarg, das lebende, atmende, <emphasis>f�hlende </emphasis>Wesen, und mit fast schmerzhafter Wucht wurde ihm klar, da� sie das, was er in diesem Moment f�hlte, die ganze Zeit �ber gef�hlt haben mu�te, da� sie ihn hatte haben wollen, vielleicht schon vom ersten Augenblick an. Und er sah noch mehr. Als w�re pl�tzlich ein unsichtbarer Schleier, den sie die ganze Zeit �ber getragen hatte, beiseitegezogen worden, sprang ihn die Erkenntnis an, da� sie in Wirklichkeit viel mehr Frau war, als er jemals begriffen hatte. Eine sehr sch�ne Frau, eine Frau, die stolz auf ihren K�rper und seine Vollendung gewesen war. Aber dieser K�rper hatte erst zerst�rt werden m�ssen, ehe sie selbst soweit war, es zuzugeben.</p><p><emphasis>Warum jetzt? </emphasis>dachte er m�de. Warum hatten sie sich erst bis ans Ende der Welt jagen lassen m�ssen, ehe sie - beide - erkannt hatten, was sie wirklich f�reinander empfanden?</p><p>Gowenna drehte mit einer kraftlosen Bewegung den Kopf zur Seite, damit sein Mund nur den lebenden, unversehrten Teil ihrer Lippen ber�hrte, aber er hielt sie mit sanfter Gewalt fest.</p><p>�Eigentlich m��test du mich hassen�, sagte sie.</p><p>�Ich habe es versucht�, antwortete Skar.</p><p>�Und?� Sie l�chelte, m�de, traurig, aber auch resignierend. �Ist es dir gelungen?�</p><p>Skar hob die Schultern. �Ich wei� es nicht�, antwortete er offen. �Ich wei�, da� ich irgend etwas f�r dich empfinde, Gowenna. Aber ich wei� nicht, ob es Ha� oder Liebe ist. Vielleicht beides. Vielleicht... Nein, ich glaube nicht, da� ich dich wirklich hassen kann.�</p><p>�Und warum nicht? Weil ich eine Frau bin und es vielleicht das letzte Mal ist?� Pl�tzlich, von einer Sekunde zur anderen, versteifte sie sich in seinen Armen, und ihre Stimme, die zuvor weich und voller zitternder Begierde geklungen hatte, wurde pl�tzlich so spr�de wie das Glas, das sie umgab. Ihre rechte Hand l�ste sich mit einem Ruck aus seiner Umklammerung und fuhr zu ihrem ver�tzten Gesicht, krallte sich in die kaum verheilten Narben, die der Atem des Drachen in ihr Fleisch gegraben hatte. �Nimmst du deshalb sogar <emphasis>das </emphasis>in Kauf? Lieber eine verst�mmelte Frau als gar keine?�</p><p>Ihre Worte hatten bewu�t verletzend klingen sollen, aber der einzige Schmerz, den Skar sp�rte, war ihr eigener. Die Waffe war stumpf geworden, und ihr Angriff auf ihn nichts als ein letzter verzweifelter Versuch, sich selbst zu bel�gen. Mit einer pl�tzlichen w�tenden Bewegung machte sie sich ganz los, ri� Umhang und Kettenhemd herunter und streifte die Bluse ab. Nicht nur ihr Gesicht war verunstaltet. Ein breiter, wie blasig erstarrter roter Schaum aussehender Streifen ver�tzter Haut zog sich �ber ihren Hals bis weit hinab zur Schulter, d�nne, rote Finger bis zu ihrem Ellbogengelenk und ihrer linken Brust herabschickend. Dar�ber lag ein Netz grauer F�den, der Baumwollstoff ihrer Bluse, vom H�llenatem der Bestie f�r alle Zeit in ihre Haut gebrannt.</p><p>�Gef�llt dir, was du siehst?� keuchte sie. �Du kannst es haben, Satai! Sei stolz darauf - du bist der erste Mann, dem ich mich freiwillig hingebe. Und wenn dich der Anblick zu sehr st�rt, dann wirf einfach ein Tuch �ber mein Gesicht, damit du es nicht zu sehen brauchst...� Ihre Stimme zitterte, verlor den Halt und ging pl�tzlich in ein w�rgendes Schluchzen �ber. Sie kr�mmte sich wie unter Schmerzen, schlug die H�nde vor das Gesicht und begann haltlos zu weinen.</p><p>�Warum qu�lst du dich?� fragte Skar.</p><p>Ihr Kopf flog mit einem Ruck in den Nacken. Ihre Lippen zitterten, aber sie brachte keinen Laut hervor. Skar trat auf sie zu, nahm sie in die Arme und hielt sie, wortlos und fest, bis ihre Schultern aufh�rten zu zucken und die Tr�nen an seiner Brust versiegten. Dann nahm er sie auf - sie war seltsam leicht, als w�re ihr K�rper nicht mehr als eine leere H�lle - trug sie wie ein Kind in den Schutz der Ruine zur�ck und legte sie behutsam hin. Sie liebten sich auf einem Bett aus Glas und unter einem Himmel aus wirbelndem Wei�, und die ganze Zeit �ber sp�rte Skar, da� es nichts Echtes war, da� seine und ihre Gef�hle noch immer so starr und kalt waren wie die schimmernden W�nde, die sie umgaben, da� das, was sie taten, im Grunde nichts als Trotz und Verzweiflung ausdr�ckte; die vielleicht letzte M�glichkeit, sich gegen die K�lte und den Tod, die dieses Land beherrschten, zur Wehr zu setzen. Die Gef�hle, die er noch vorhin zu sp�ren geglaubt hatte, waren da, aber sie waren eingesperrt, f�r ewig gefangen hinter der Kluft, die sie voneinander trennte.</p><p>Gowenna schlief hinterher ein, eingeh�llt in ihren Mantel und an seine Seite gepre�t, aber Skar lag weiter wach auf dem harten Glas. Er war m�de, doch je tiefer seine k�rperliche M�digkeit wurde, desto unruhiger und wacher wurde sein Geist. Es war seltsam still in dem nach oben offenen Raum, und selbst das Atemholen des Windes schien ged�mpft. Vorsichtig drehte er den Kopf und sah auf die schlafende Frau neben sich herab. Ihr Gesicht war bleich, und w�re das regelm��ige Heben und Senken ihrer Brust nicht gewesen, so h�tte er sie f�r tot gehalten. Aber vielleicht waren sie es ja auch bereits, so wie diese beiden Krieger dort dr�ben und all die anderen, die auf dem Weg hierher gestorben waren. Vielleicht.</p><p>Aber vielleicht, dachte er, kann man ein Totes Land auch nur mit einer Armee von Toten erobern.</p><p>Er stand auf, so behutsam, wie er konnte, um Gowenna nicht zu wecken, zog sich rasch an und breitete eine zweite Decke �ber sie, ehe er sie verlie�. Die Sonne senkte sich dem Horizont entgegen, und die Schatten wurden l�nger. Er blieb einen Moment stehen, sah sich unschl�ssig um und ging schlie�lich wieder zu den beiden Sumpfm�nnern zur�ck.</p><p>Die Stunde, von der Gowenna gesprochen hatte, war vor�ber, zweimal, aber sie hockten noch immer in der gleichen Stellung, in der er sie verlassen hatte, neben den beiden gefallenen Kriegern, die H�nde flach auf Gesichtern und Stirnen der M�nner.</p><p>Er blieb stehen, r�usperte sich - mehrmals und so laut, da� sie es h�ren mu�ten - und ging erst weiter, als die beiden Schattenm�nner aus ihrer Starre erwachten und ihm die Gesichter zuwandten.</p><p>Der Anblick traf ihn wie ein Fausthieb.</p><p>Unter den tief in die Stirn gezogenen Kapuzen waren keine Schatten mehr, keine Nebelgesichter, in denen nur wogendes Grau und Geheimnisse waren.</p><p>Die Gesichter der beiden El-tra waren menschlich; das des einen schmal und mit d�nnen, wie mit einem Griffel gezogenen Linien, dunkel�ugig - das des anderen breitfl�chiger, ger�tet und j�nger, versehen mit einem d�nnen Oberlippenbart, der vergeblich versuchte, ihm einen etwas markanteren Anstrich zu geben.</p><p><emphasis>Die Gesichter der beiden Krieger, die sie get�tet haben!!! </emphasis>durchzuckte es Skar. Ein eisiges Gef�hl der L�hmung machte sich in ihm breit, eine Furcht, die ihn warnungslos ansprang und sein Denken �bermannte.</p><p>Auch ihre Gestalten waren ver�ndert. Bisher waren sie identisch gewesen, kleine, graue gef�hrliche Zwillinge, einer der Schatten des anderen. Jetzt war einer von ihnen, der J�ngere, deutlich gr��er und breitschultriger, und seine Bewegungen waren eckig und starr, nicht mehr die eines Sumpfgeistes, sondern eines Menschen. F�r einen winzigen Moment dachte Skar an den Tag zur�ck, an dem er die Sumpfm�nner zum ersten Mal gesehen hatte. Sie waren, damals noch zu dritt, in der Maske von Menschen aufgetreten. Es war keine Maske gewesen.</p><p>�Bist du bereit?� <emphasis>Es </emphasis>war nicht mehr El-tras Stimme, die zu ihm sprach.</p><p>�Ich ...� Skar stockte verwirrt, sah hilflos von einem der Sumpfm�nner zum anderen und sch�ttelte den Kopf. �Was ist geschehen?� fragte er. �Wie ...�</p><p>�Die Zeit dr�ngt�, fiel ihm El-tra ins Wort. �Verion und Bend sind bereits �berf�llig. Die Wachen an der Kluft werden mi�trauisch werden, wenn sie nicht zur�ckkehren. Wir haben nur diese eine Chance. Geh und wecke Gowenna.�</p><p>Noch w�hrend Skar, noch immer starr vor �berraschung und ungl�ubigem, nur allm�hlichem Begreifen, dastand und die beiden auf so unglaubliche Weise verwandelten Br�der anstarrte, begannen diese sich ihrer Umh�nge zu entledigen. Darunter waren sie nackt; wie ihre Gesichter waren auch die K�rper der beiden Krieger perfekt nachgeahmt bis ins letzte Detail. Skar sah, da� die M�nner krank sein mu�ten - ihre Haut wies gro�e, haarlose Flecken auf, in deren Zentren kleine entz�ndete Eiterpusteln sa�en. Sie b�ckten sich, zogen die Toten aus und schl�pften hastig in deren Kleider; die Helme hoben sie zwar auf, streiften sie jedoch nicht �ber. Skar l�ste sich m�hsam von dem bizarren Anblick und ging mit eiligen Schritten zu Gowenna zur�ck. Sie schlief noch immer, �ffnete jedoch sofort die Augen, als er sie an der Schulter ber�hrte. Ihr Blick war klar.</p><p>�Sind sie bereit?� fragte sie.</p><p>Skar nickte wortlos. Gowenna w�rde �ber die Verwandlung der El-tra nicht erstaunt sein. Sie mu�te gewu�t haben, was geschehen w�rde.</p><p>Sie stand auf, zog sich eilig an und begab sich dann an seiner Seite zu den El-tra. Die Sumpfm�nner waren mittlerweile damit fertig, sich umzuziehen. Es gab jetzt nichts mehr, was sie noch von den beiden echten Kriegern unterschieden h�tte. Sie waren perfekte Kopien; mehr noch, sie ahmten die beiden Soldaten nicht nach - sie <emphasis>waren </emphasis>es.</p><p>�Wir nehmen die Tiere von Verion und Bend�, sagte der J�ngere. �Ihr sucht euch unter den anderen die ausgeruhtesten Pferde aus.�</p><p>Skar setzte sich gehorsam in Bewegung, blieb aber nach zwei Schritten wieder stehen und sah den Sumpfmann verwirrt an. �Du meinst, wir - sollen euch begleiten?� fragte er stockend.</p><p>�Nat�rlich. Ihr seid unsere Gefangenen. Die M�nner an der Schlucht haben gesehen, wie die Patrouille hinter uns hergejagt ist. Wenn wir euch als Gefangene mitbringen, haben wir noch am ehesten eine Chance, sie zu �berraschen. Aber wir m�ssen uns beeilen. Wir sind schon zu lange fort, und sie werden mi�trauisch werden.�</p><p><emphasis>Wir, </emphasis>dachte Skar. El-tra sprach, als w�re er einer der Krieger. �Wie viele sind es?� fragte Gowenna, w�hrend sie zu den Pferden hin�bergingen.</p><p>�Sechs�, antwortete El-tra. �Mit uns. Also noch vier. Aber sie sind gut ausgebildet und haben Befehl, beim geringsten Verdacht zu schie�en. Auch auf ihre Kameraden.�</p><p>Gowenna nickte, als h�tte sie nichts anderes erwartet. �Sie ist mi�trauisch�, sagte sie halblaut. �Sie ahnt, da� wir noch leben. Werden die M�nner den Befehl ausf�hren?�</p><p>El-tra nickte. �Ja.�</p><p>Skars Verwirrung wuchs mit jedem Wort, das er h�rte. �Ich verstehe nichts mehr�, murmelte er. �Soll das hei�en, ihr habt ihre Gedanken gelesen?�</p><p>�Nicht ihre Gedanken�, antwortete Gowenna an El-tras Stelle. �Ihre Erinnerungen. Sie <emphasis>sind sie. </emphasis>Was diese M�nner wu�ten, wissen auch sie.�</p><p>�Nicht ganz�, sagte El-tra. �Etwas ist anders.�</p><p>Gowenna blickte zuerst den Sumpfmann, dann Skar, dann wieder El-tra verwundert an. �Wie meinst du das?�</p><p>�Die Matrix war vorhanden�, antwortete El-tra. Skar sp�rte, wie schwer es ihm fiel, auf die Frage zu antworten. Seine Worte kamen schleppend, als m�sse er sich jede Silbe genau �berlegen. �Aber da war noch etwas anderes. Etwas, das ich nicht beschreiben kann. Es ...� Er stockte, sah Skar in die Augen und l�chelte fl�chtig. �Die Matrix war �berlagert. Ein fremder Einflu� hat diese M�nner ergriffen.�</p><p>�Matrix?� wiederholte Skar verst�ndnislos.</p><p>Gowenna machte eine ungeduldige Handbewegung. �Nenn es von mir aus Seele�, sagte sie rasch. �Das eine Wort ist so falsch wie das andere.� Sie wandte sich wieder an El-tra. �Was soll das hei�en - ein fremder Einflu�?�</p><p>El-tra schwieg einen Moment. �Ihre Seelen sterben�, sagte er schlie�lich. �Diese M�nner waren nicht mehr als leere H�llen. Ihre Matrix war schwach, aber da war etwas anderes an ihrer Stelle. Etwas wie Tuan.� Damit wandte er sich um und ging ohne ein weiteres Wort der Erkl�rung zu seinem Kameraden hin�ber.</p><p>Skar schwang sich mit einem Kopfsch�tteln in den Sattel. �Irgendwann�, knurrte er �bellaunig, �wirst du mir vielleicht einmal erkl�ren, wer diese beiden Br�der wirklich sind.�</p><p>Gowenna blieb ernst. �Bist du sicher�, fragte sie, �da� du es �berhaupt wissen willst?�</p></section><section><title><p id="_638">8.</p></title><p>Die zwei Meilen bis zur Schlucht nahmen kein Ende. Der Himmel war, wie ein blutiges Symbol, in flammendes Rot getaucht, und obwohl die Sonne bereits unterging und mit lodernden Flammenfingern den Horizont ber�hrte, wurde es heller; die Wolkendecke ri� auf, und gleichzeitig flaute der Sturm ab. Zum ersten Mal seit Tagen sank das Br�llen des Windes so weit ab, da� sie sich auch �ber eine Entfernung von mehr als zwei, drei Metern unterhalten konnten, ohne zu schreien.</p><p>Sie bewegten sich in der gleichen Marschordnung wie seit Tagen - El-tra, der das Aussehen Verions angenommen, seine R�stung �bergestreift und sein Pferd bestiegen hatte, voraus, dahinter Skar und Gowenna. Bend, der zweite Sumpfmann, bildete den Abschlu�. Skars H�nde waren gebunden, und zwar so, da� man den Strick, der seine Handgelenke fesselte und in einem lockeren Bogen unter dem Leib des Pferdes hindurch auf der anderen Seite eine Schlinge um seinen Hals bildete, schon von weitem deutlich sehen konnte, w�hrend Gowenna, schlaff und mit lose pendelnden Armen, um f�r tot oder bewu�tlos gehalten zu werden, �ber dem Hals ihres Reittieres lag.</p><p>Skar f�hlte sich mit jedem Schritt, den sie sich der Kluft n�herten, unbehaglicher. Ihr Vorgehen erschien ihm nach allem, was hinter ihnen lag, beinahe zu einfach. Sich in der Verkleidung des Gegners dessen Lager zu n�hern, war wahrlich kein neuer Einfall. Aber andererseits war es auch nicht gerade normal, nicht nur die Kleider eines gefangenen Gegners, sondern auch sein Gesicht und seinen K�rper �berzustreifen.</p><p>Die Br�cke kam nur langsam n�her. Sie war gr��er, als es von weitem den Anschein gehabt hatte, und entsprechend war auch die Strecke, die zwischen ihr und dem Rand des Ruinenfeldes lag, weiter, als Skar angenommen hatte. Die dunkelfarbigen Metalltr�ger, zwischen denen sich die verzweigten Streben des halbmondf�rmigen Gel�nders spannten, waren so stark wie ein Pferdeleib, aber auch an ihnen war das Chaos nicht spurlos vor�bergegangen. Weiter zur anderen Seite hin war das Eisen zerborsten, da und dort geschmolzen und zu bizarren mannsgro�en Tropfen erstarrt; die vierzig Mannesl�ngen breite Br�cke selbst war von zahllosen L�chern und Rissen �bers�t und auf halber Strecke bis auf einen d�nnen, �ber die gro�e Entfernung nur wie ein Faden erscheinenden Steg zerbrochen.</p><p>So grandios der Anblick von weitem gewirkt hatte, so ern�chternd war die Realit�t. Die Br�cke �ber die Hellgor war, wie alles hier, nur ein weiteres Symbol der Zerst�rung. Ihr Metall war unter der Hitze des G�tteratems spr�de und br�chig geworden. Es erschien Skar fast wie ein Wunder, da� sie die Jahrtausende des Sturmes, der an ihr gezerrt und ger�ttelt hatte, �berhaupt �berstanden hatte.</p><p>�Wo sind die Wachen?� fragte er.</p><p>�In dem Turm links neben dem Aufstieg�, antwortete Verion El-tra, ohne sich umzudrehen. �Keinen Laut mehr jetzt. Die Luft tr�gt weit. Und sie d�rfen nicht sehen, da� wir reden.�</p><p>Skar unterdr�ckte ein Nicken. Sein R�cken begann, von der unnat�rlich-aufrechten Haltung, die er einnehmen mu�te, um die Schlinge um seinen Hals nicht zu sehr zu spannen, zu schmerzen, aber er widerstand der Versuchung, das Seil ein wenig zu lockern. Die Stricke lagen nur lose um seine H�nde; ein kr�ftiger Ruck w�rde reichen, sie abzustreifen.</p><p>Aufmerksam sah er zu dem Turm hin�ber, den El-tra bezeichnet hatte. Verglichen mit der Gigantomanie der Br�cke, die er bewachte, wirkte er winzig: ein vielleicht zwanzig Fu� hoher und halb so breiter Zylinder, dessen flaches Dach von dreieckigen Zinnen ges�umt wurde. Trotzdem eine Festung - der Eingang lag auf der anderen, der Schlucht zugewandten Seite, und die wenigen Fenster waren nur als d�nne Linien zwischen den Fugen des Mauerwerks zu erkennen; Schie�scharten, mehr nicht. Eine Handvoll M�nner w�rde diesen Turm gegen eine Armee halten k�nnen.</p><p>Ein zweiter, gleichartiger Turm erhob sich auf der anderen Seite der Br�cke; in ihrer Einfachheit eine nahezu un�berwindliche Verteidigungsanlage.</p><p><emphasis>Verteidigung? </emphasis>dachte er. <emphasis>Gegen wen?</emphasis></p><p>El-tra z�gelte sein Pferd, als sie sich dem Turm bis auf drei�ig Schritte gen�hert hatten. Skar glaubte eine Bewegung hinter einem der schmalen Fenster wahrzunehmen. Ein Schatten erschien auf dem Dach des Turmes und huschte geduckt hinter die Deckung der Zinnen.</p><p>�Die Losung!� forderte eine Stimme.</p><p>El-tra richtete sich ein wenig im Sattel auf und formte mit den H�nden einen Trichter. �Tuan lebt!� antwortete er laut. Skar fuhr beim Klang der beiden Worte unmerklich zusammen, beherrschte sich aber.</p><p>Der Mann hinter den Zinnen z�gerte. F�r einen qu�lend langen Augenblick herrschte Schweigen, ehe er sich - noch immer langsam und z�gernd - aufrichtete und aus seiner Deckung hervortrat. In seinen H�nden lag eine gespannte Armbrust.</p><p>�Wen bringt ihr da?� fragte er mi�trauisch.</p><p>El-tra deutete erst auf Skar, dann auf Gowenna, deren schulterlanges Haar unter der hochgeschlagenen Kapuze verborgen war. �Den Satai und eine dieser Sumpfkreaturen�, antwortete er. �Der andere ist tot.�</p><p>Wieder schwieg der W�chter eine Weile. Die Sonne sank tiefer und verwandelte seinen K�rper in einen flachen schwarzen Schattenri�, aber Skar glaubte den stechenden Blick seiner Augen selbst durch das heruntergelassene Visier seines Helmes zu f�hlen. �Gut�, sagte er schlie�lich. �Kommt n�her.�</p><p>El-tra machte eine befehlende Geste, und Skar und die anderen setzten sich in Bewegung. Ein eisiger Hauch stieg aus den Tiefen der Hellgor empor und h�llte sie ein. Skar fr�stelte. Irgendwo in ihm schien sich etwas zu regen. Das Puppenstadium war fast beendet. Irgendwann, bald, vielleicht schon sehr bald, w�rde der Kokon aufbrechen.</p><p>Sie umrundeten den Turm, n�herten sich der zerborstenen eisernen Rampe, die hinauf auf die Br�cke f�hrte, bis auf wenige Schritte und ritten dann zur R�ckseite des Geb�udes. Ihre Pferde scheuten, als sie sie bis auf wenige Schritte an den j�h aufklaffenden Abgrund heranlenkten. Skar warf einen fl�chtigen Blick in die Tiefe und sah dann hastig weg. Unter ihm war nichts als brodelnde Finsternis.</p><p>Auf der R�ckseite des Turmes war eine schmale, mit einem zus�tzlichen Eisengitter gesicherte T�r. Als sie n�her kamen, wurde sie ge�ffnet, und der flackernde rote Lichtschein einer Fackel fiel aus dem Geb�ude. Das Gitter schwang quietschend nach au�en, und zwei untersetzte, in schwarzes Leder geh�llte Gestalten traten aus dem Turm.</p><p>Skar sah unauff�llig nach oben. Der dritte Mann stand noch immer hinter den Zinnen und blickte zu ihnen herab. Seine Haltung verriet Anspannung. Von dem vierten W�chter war keine Spur zu sehen.</p><p>El-tra stieg aus dem Sattel, nahm mit einer raschen Bewegung seine Armbrust vom R�cken und legte sie auf Skar an, w�hrend der andere Sumpfmann sein Pferd neben ihn dirigierte und mit einem raschen Schnitt das Seil durchtrennte, das ihn am Sattel festhielt.</p><p>�Steig ab, Satai�, sagte Verion-El-tra. Seine Stimme bebte: die Stimme eines Mannes, der sich dar�ber im klaren ist, da� er einen gef�hrlichen Gegner vor sich hat.</p><p>Skar nickte, stieg umst�ndlich aus dem Sattel und trat mit h�ngenden Schultern auf die beiden Turmw�chter zu.</p><p>�Seid vorsichtig�, mahnte El-tra. �Er ist gef�hrlich. Immer noch.�</p><p>Skar warf dem Sumpfmann einen w�tenden Blick zu. F�r seinen Geschmack spielte er seine Rolle fast zu gut. Aber vielleicht <emphasis>spielte </emphasis>er sie ja auch gar nicht.</p><p>Die beiden M�nner zogen ihre Schwerter aus den G�rteln und glitten hastig ein paar Schritte auseinander, so da� er, sogar wenn er selbstm�derisch genug gewesen w�re, einen Angriff zu versuchen, nur einen von ihnen h�tte �berraschen k�nnen, ehe ihm der andere sein Schwert in den Leib gerammt h�tte.</p><p>�Was ist mit dieser Sumpfbestie?� fragte einer der W�chter. El-tra zuckte betont gelassen die Achseln. �Er stirbt�, sagte er. �Du h�ttest ihn t�ten sollen.�</p><p>�Mag sein. Aber vielleicht lebt er lange genug, da� wir ihn zu Tantor bringen k�nnen. Er wollte die Gefangenen lebend haben.�</p><p>�Nicht <emphasis>die </emphasis>Gefangenen�, verbesserte ihn der W�chter. �Nur <emphasis>ihn.� </emphasis>Er deutete mit der freien Hand auf Skar, �berlegte einen Moment und wies dann mit einer Kopfbewegung auf den Turm. �Nun gut. Vielleicht war es richtig, so zu handeln. Das sollen andere entscheiden. Bringt sie erst einmal herein. Larn wird sich um euere Pferde k�mmern. Kommt.�</p><p>Er wandte sich mit einer abgehackten Bewegung um und verschwand im Inneren des Geb�udes. Skar stolperte - ermuntert durch einen r�den Sto� El-tras - hinterher, w�hrend der zweite Sumpfmann Gowenna wie eine gewichtslose Stoffpuppe aus dem Sattel hob und sich �ber die Schulter legte. Der zweite W�chter steckte seine Waffe zur�ck und nahm El-tras Pferd beim Z�gel. Skar spannte sich. Seine Rechte schlo� sich fester um den f�nfzackigen Metallstern, der darin verborgen war.</p><p>�Noch nicht�, raunte El-tras Stimme an seinem Ohr. Skar nickte unmerklich.</p><p>Hintereinander betraten sie den Turm. Sein Inneres war gr��er, als es von au�en den Anschein gehabt hatte; der schwarze Stein, aus dem er erbaut worden war, und die gedrungene, wehrhafte Form suggerierten eine Beengtheit, von der hier drinnen nichts mehr zu sp�ren war. Ein halbes Dutzend blakender Fackeln erf�llten die Luft mit bei�endem Rauch, der nur tr�ge abzog. Vor der gegen�berliegenden Wand gab es vier schmale, strohgedeckte Pritschen, davor einen niedrigen Tisch mit vier Schemeln, au�erdem einen offenen Schrank, in dem sich Geschirr und Vorrate stapelten. �ber das Glas des Bodens war Erdreich gestreut und festgestampft worden, nur hier und da lugte ein winziger Splitter der br�chigen gr�nen Leichendecke Tuans hervor. El-tra versetzte Skar einen Sto�, der ihn durch den Raum und vor den Tisch taumeln lie�, trat vom Eingang zur�ck und gab seinem Bruder ein Zeichen, nachzukommen. Wie durch Zufall stand er dadurch so, da� er den beiden Soldaten den Blick auf die reglose Gestalt �ber El-tras Schulter verwehrte.</p><p>�Leg den Schlammfresser auf eines der Betten�, befahl der Krieger, der schon drau�en das Wort gef�hrt hatte; offenbar der Kommandant der Wachgruppe.</p><p>Bren El-tra nickte stumm, schob sich rasch an ihm vor�ber und lud Gowenna unsanft auf einer Liege ab. Ihr Gesicht war zur Wand gedreht.</p><p>�Ich helfe Larn bei den Pferden�, sagte er. Ohne eine Antwort des Offiziers abzuwarten, wandte er sich um, verlie� den Turm und warf die T�r hinter sich zu.</p><p>Skar tauschte einen fragenden Blick mit Verion-El-tra. Der Sumpfmann deutete ein Kopfsch�tteln an. Skar begriff. Sie hatten zwei der W�chter vor sich. El-tra w�rde sich um den dritten k�mmern. Aber einer von Velas Soldaten war noch immer oben auf dem Dach des Turmes - und der einzige Weg dort hinauf f�hrte �ber eine schmale, nahezu senkrechte Treppe, die unter einer massiven Eisenklappe endete. Sie mu�ten warten, bis er herunterkam.</p><p>Der Offizier sah ihn aus mi�trauisch zusammengekniffenen Augen an. Er hatte ein schmales, pockennarbiges Gesicht, das von grauen Str�hnen ungepflegten Haares eingerahmt war. Um seinen Mund lag ein grausamer Zug. Als er n�herkam und Skar im Licht der Fackeln betrachtete, sah Skar eine gl�nzende, m�nzgro�e Stelle �ber seinem linken Auge. In ihrem Zentrum sa� ein winziger roter Punkt.</p><p>�Du bist also dieser Satai�, sagte er abf�llig. �Skar. Das war doch dein Name, oder?�</p><p>�Warum fragst du, wenn du es wei�t?� gab Skar patzig zur�ck. Der Offizier stie� ein w�tendes Zischen aus, hob die Hand und trat einen Schritt auf ihn zu, aber Verion hielt ihn mit einer raschen Bewegung zur�ck. �Nicht, Crom�, sagte er eilig. �Er ist gef�hrlich. Wenn du ihm eine Chance gibst, t�tet er dich.�</p><p>�Unsinn.� Crom ri� seine Hand mit einem Ruck los, bedachte El-tra mit einem �rgerlichen Blick und baute sich breitbeinig vor Skar aus. Aber ein Teil seiner �berheblichkeit war aus seiner Stimme gewichen.</p><p>�Wo ist dieses Weib?� fragte er.</p><p>Skar verzog geringsch�tzig die Lippen und sah demonstrativ weg.</p><p>�Sie mu� tot sein�, sagte El-tra.</p><p>�Tot?� Crom legte den Kopf auf die Stelle und musterte Skar aus kleinen, t�ckischen Augen. �Stimmt das?�</p><p>�Von ihm erf�hrst du kein Wort�, sagte El-tra.</p><p>�Und woher wei�t du es dann?�</p><p>�Wir haben sie �berrascht, Crom. Er und der Sumpfmann� - damit deutete er auf Gowenna, die noch immer reglos und wie tot auf der Pritsche lag - �schliefen. Sie hatten drei Pferde und drei Lagerstellen.�</p><p>�Geschlafen habt ihr, so?� Crom lachte. Ein leiser, unangenehmer Laut. �Ein Satai, der sich im Schlaf �berraschen l��t�, fuhr er kopfsch�ttelnd fort. �Eigentlich sollte ich entt�uscht sein. Man h�rt Wunderdinge von euch, und dann la�t ihr euch im Schlaf gefangennehmen.� Er sch�ttelte noch einmal den Kopf, drehte sich um und schlenderte auf Gowenna zu. Skar hielt instinktiv den Atem an.</p><p>�Sei lieber froh, <emphasis>da� </emphasis>er geschlafen hat�, sagte Verion-El-tra hastig. �Sonst w�ren wir n�mlich jetzt tot. Wir hatten M�he, mit den Sumpfleuten fertig zu werden.�</p><p>Crom sah einen Moment nachdenklich auf die zusammengekr�mmte graue Gestalt auf der Liege hinunter, streckte die Hand aus, als wolle er sie ber�hren, und drehte sich dann um, ohne die Bewegung zu Ende zu f�hren.</p><p>�Ich h�tte nicht gedacht, da� ihr so weit kommt�, fuhr er, nun wieder an Skar gewandt, fort. �Es scheint, als w�ren wir gut beraten gewesen, hier auf euch zu warten.�</p><p>Skars Blick irrte verzweifelt an ihm vorbei die Leiter empor. Er konnte die ged�mpften, regelm��igen Schritte des Mannes oben auf der Plattform h�ren. Wenn es ihnen nicht gelang, ihn zu �berw�ltigen, dann war alles umsonst gewesen.</p><p>�Ist Tibor noch oben?� fragte El-tra.</p><p>Crom sah ihn verwundert an. �Sicher�, antwortete er. �Wo soll er sonst sein? Und warum fragst du?�</p><p>�Es ist Zeit f�r die n�chste Patrouille�, erwiderte El-tra ruhig. �Und er ist an der Reihe.�</p><p>Crom machte eine wegwerfende Handbewegung. �Die Patrouillen werden nicht mehr n�tig sein�, sagte er. �Unsere G�ste sind bereits angekommen. Wir brauchen nicht l�nger zu warten. Aber du hast recht - es ist kalt dort oben, und ein Becher hei�en Weines wird ihm guttun. Au�erdem ist es vielleicht besser, wenn wir diesen Satai zu viert bewachen, nachdem du doch so gro�en Respekt vor ihm hast.� Der sp�ttische Unterton in seiner Stimme klang nicht ganz �berzeugend.</p><p>Er trat an die Leiter, nahm eine lange Holzstange, die griffbereit daneben an der Wand lehnte, und stie� mehrmals hintereinander wuchtig gegen die eiserne Klappe. �Du kannst herunterkommen!� rief er mit erhobener Stimme. �Deine Wache ist vorbei!� Die Schritte stockten f�r einen Moment, kamen dann eilig auf die Klappe zu und brachen erneut ab. Ein schmaler Streifen blutroten Lichts wurde sichtbar, als die Luke ge�ffnet wurde. Crom wandte sich von der Leiter ab und blieb neben Gowennas Lager stehen. �Und nun zu dir�, sagte er, w�hrend er sich herabbeugte und sie auf den R�cken drehte. �Du -�</p><p>Seine Stimme versagte, als er in das Gesicht unter der grauen Kapuze blickte. F�r den Bruchteil einer Sekunde schien er starr vor �berraschung, aber diese winzige Zeitspanne gen�gte, ihn das Leben zu kosten. Gowenna schlug seine Hand mit dem Unterarm beiseite, fuhr hoch und stie� mit der anderen Hand zu. Der winzige, nadelspitze Dolch, den sie die ganze Zeit unbemerkt darin verborgen gehalten hatte, fuhr zielsicher durch den schmalen Spalt zwischen Harnisch und Helm Croms, bohrte sich in seinen Hals und t�tete ihn auf der Stelle.</p><p>Sein Kamerad �berlebte ihn nicht einmal eine Sekunde. Skar ri� mit einer blitzschnellen Drehung die Handfesseln herunter, holte aus und schleuderte seinen <emphasis>Shuriken. </emphasis>Die Waffe verwandelte sich in ein flirrendes silbernes Rad, traf den Mann auf der Leiter im Nacken und lie� ihn mit einem kr�chzenden Schrei nach hinten kippen. Er war tot, noch bevor sein K�rper auf dem Boden aufschlug.</p><p>Skar fuhr blitzartig herum, aber auch der dritte W�chter schien nicht einmal Zeit gefunden zu haben, wirklichen Schrecken zu empfinden. Er lag, in seltsam verkr�mmter Haltung und mit weit ge�ffneten, starren Augen, zu El-tras F��en, die H�nde in einer erloschenen Bewegung, die er nicht mehr hatte zu Ende f�hren k�nnen, zu seinem gebrochenen Genick erhoben.</p><p>Skar atmete h�rbar aus. Die Anspannung fiel pl�tzlich von ihm ab, seine H�nde und Knie begannen zu zittern. Haltsuchend griff er hinter sich, bekam die Tischkante zu fassen und klammerte sich daran fest.</p><p>Die T�r ging auf, und der zweite Sumpfmann betrat den Turm.</p><p>�Was ist mit dem W�chter?� fragte Gowenna. Skar fand die Frage �berfl�ssig, aber El-tra antwortete trotzdem darauf, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit.</p><p>�Er ist tot�, sagte er. �Oder jedenfalls bald.�</p><p>Skar runzelte die Stirn. �Was hei�t das?�</p><p>El-tra-Ben grinste, deutete mit dem Zeigefinger auf den Boden zu seinen F��en und wippte auf den Abs�tzen, als hole er Schwung f�r einen Sprung. �Er ist auf dem Weg nach <emphasis>unten�, </emphasis>sagte er.</p></section><section><title><p id="_708">9.</p></title><p>Der Krug war leer, aber Skar winkte ab, als Gowenna aufstehen und einen neuen Schlauch mit Wein aus dem Regal nehmen wollte. Er hatte zwei Becher des s��en, schweren Rotweines getrunken, und hinter seiner Stirn begann es bereits jetzt zu summen; der Wein war nicht gut, und das, was Skar im Moment am wenigsten gebrauchen konnte, war ein schwerer Kopf.</p><p>Sie waren nun eine Stunde in dem steinernen Turm, hatten die Toten weggeschafft, gegessen, getrunken und sich an dem flackernden Feuer im Kamin aufgew�rmt. Das Mahl war einfach gewesen: trockenes, hartes Brot, ein Rest Schmalz, den sie in einer Holzschale auf dem Regal gefunden hatten, und f�r jeden eine Handvoll trockener Datteln. Trotzdem war es Skar - nach einer Woche, in der er von abgestandenem Wasser und scharfem Pferdefleisch gelebt hatte - wie ein Festmahl vorgekommen. Er war noch immer m�de, und die W�rme im Inneren des Turmes tat ein �briges, seine Lider schwer werden zu lassen.</p><p>Gowenna stand nun doch auf, ging zum Regal und schenkte sich einen weiteren Becher Wein ein. Die Schw�che lie� ihre H�nde zittern.</p><p>�Du solltest nicht so viel trinken�, sagte Skar halblaut. �Wir brauchen morgen einen klaren Kopf. Auch du.�</p><p>Gowenna l�chelte, leerte den Becher mit einem Zug und schenkte ihn erneut voll. �Morgen ist morgen�, sagte sie leichthin. Sie kam zur�ck zum Tisch, setzte sich und sah mit einem sehns�chtigen Blick zu den Betten hin�ber. �Wer �bernimmt die erste Wache?� sagte sie, ohne auf seine Worte einzugehen.</p><p>Skar wollte antworten, aber einer der El-tra - Verion - mischte sich ein. �Es wird nicht notwendig sein, Wachen aufzustellen�, sagte er, w�hrend er zu ihnen an den Tisch trat. �Die M�nner bleiben jeweils eine Woche hier. Die Abl�sung ist erst in drei Tagen f�llig. Aber ihr werdet nicht schlafen k�nnen.�</p><p>Gowenna sah �berrascht auf. �Wie meinst du das?�</p><p>�Wir k�nnen nicht hierbleiben�, fuhr El-tra fort. �Nicht f�r die n�chsten Tage und nicht f�r diese Nacht.�</p><p>Skar schob sich eine weitere Dattel in den Mund. Er war l�ngst satt, aber nach einer Woche voller Entbehrungen schrie sein K�rper noch nach Nahrung. �Warum nicht?� fragte er kauend. �Dieser Ort ist nicht gut�, antwortete El-tra ernsthaft.</p><p>�Ihr wollt �ber die Br�cke?� fragte Gowenna. �Jetzt?�</p><p>El-tra nickte.</p><p>�Aber ich sehe keinen vern�nftigen Grund dazu�, sagte Skar. �Uns allen w�rde eine Nacht Schlaf und ein wenig W�rme guttun - euch auch.� Und der Gedanke, bei Dunkelheit �ber die halbzerfallene Br�cke zu reiten, bereitete ihm Unbehagen. Selbst bei Tageslicht w�re es ein Wagnis gewesen, �ber die Schlucht zu reiten. Aber das sprach er nicht laut aus.</p><p>�Es gibt Gr�nde genug�, fuhr El-tra nach einer Weile fort. �Dieses Land ist nicht gut f�r uns. Wir sollten nicht l�nger hierbleiben als n�tig. Und wir k�nnen nicht lange in diesen K�rpern bleiben. Sie sind krank.�</p><p>Skar schwieg. Er wu�te, wie wenig Sinn es hatte, mit den Sumpfm�nnern zu diskutieren, wenn sie einmal einen Entschlu� gefa�t hatten. Er nickte resigniert, go� sich nun doch einen weiteren Becher Wein ein und trank einen Schluck, ehe er aufstand und zum Feuer hin�berging. Zum ersten Mal seit Wochen fror er nicht.</p><p>�Wie weit ist es bis zu Velas Lager?� fragte er.</p><p>�Drei�ig Meilen. Weniger als einen Tagesritt.�</p><p>�Weniger als einen Tagesritt, so.� Er sch�ttelte den Kopf, seufzte und rieb die H�nde �ber den Flammen aneinander. �Und wie kommen wir hinein? Ich kann mir nicht vorstellen, da� sie uns mit offenen Armen empf�ngt.�</p><p>�Sicher nicht. Aber solange wir diese K�rper tragen, wird es kein Problem werden. Zumindest nicht f�r uns.�</p><p>�Und wir?�</p><p>El-tra machte eine wegwerfende Handbewegung. Er hatte nicht nur den K�rper Verions �bernommen, sondern auch seine Gestik und seine Art zu reden. �Sie lebt in einer der alten St�dte Tuans�, sagte er. �Ein Labyrinth, in dem selbst ihre hundert Krieger verschwinden k�nnen. Wir werden einen Weg finden, euch hineinzubringen. Aber wir k�nnen nicht warten, bis diese K�rper zu schwach sind. Sie sterben.�</p><p>Skar ma� den Sumpfmann mit einem langen Blick. �So schwach siehst du gar nicht aus.�</p><p>�Der Wechsel hat viel Energie gebraucht. Wir zerfallen. Und auch ihr werdet sterben, wenn ihr zu lange hier verweilt. Der Atems Tuans ist t�dlich.�</p><p>Skar seufzte. �Ich warte auf den Tag, an dem ich einmal eine ganz einfache klare Antwort von dir bekomme, El-tra�, sagte er grinsend. �Ist es bei euch �blich, in R�tseln zu sprechen?�</p><p>�So, wie es bei euch �blich ist, die Unwahrheit zu sagen�, sagte El-tra. �Doch nun kommt. Mein Bruder hat die Pferde gesattelt und Fackeln zusammengesucht. Je schneller wir aufbrechen, desto rascher sind wir auf der anderen Seite.�</p><p>Skar grinste. �Eine fundamentale Weisheit.� Er ging zum Tisch zur�ck, leerte seinen Becher und stopfte den Rest an Datteln, der noch in der Schale lag, in seinen Beutel. Gowenna hatte die Zeit genutzt, ihre R�stung wieder anzulegen und den Umhang �berzustreifen, so da� sie bereits nach wenigen Augenblicken den Turm verlassen und zu den wartenden Pferden hin�bergehen konnten. Die Sonne war vollends untergegangen, und �ber der schimmernden gr�nen See Tuans lag die Schw�rze der Nacht. Der Wind kam Skar jetzt, nachdem er zum ersten Mal seit Tagen wieder wirklich aufgew�rmt war, doppelt eisig vor, und sein Gesicht begann augenblicklich zu prickeln, als er in die heulenden B�en hinaustrat. Pedantisch zog er die T�r hinter sich zu, blieb einen Moment stehen und sah nach Norden. Combat war nicht mehr als ein d�steres, blasses Flackern am Horizont, aber es erschien ihm jetzt fast drohender als zuvor.</p><p>Skar verscheuchte den Gedanken mit einem �rgerlichen Achselzucken, ging zu den Pferden hin�ber und schwang sich in den Sattel. Das Leder war so kalt, da� es an seiner Haut zu kleben schien, und selbst die Fackeln, die die beiden El-tra trugen, schienen K�lte statt W�rme zu verstrahlen. Ihr Licht flackerte und bog sich unter den Hieben des Windes; d�nne, durchbrochene Feuerstrahlen, die nach S�den fingerten, als wollten sie ihnen den Weg weisen.</p><p>Gowenna dr�ngte ihr Tier dicht neben das seine, schlug demonstrativ die Kapuze ihres Umhangs hoch und beugte sich nach vorne. Sie ritten los.</p><p>Skars Unbehagen wuchs, w�hrend sie sich der Schlucht n�herten. Die Nacht war so dunkel, da� der Abgrund unsichtbar blieb und selbst die Br�cke nicht mehr als ein gewaltiger schwarzer Schatten war, aber was Skar nicht sah, sp�rte er daf�r um so deutlicher: den eisigen, kalten Hauch, der aus den Tiefen der Erde emporstieg und sie streifte, ohne sich um das Heulen des Sturmes zu scheren; den Sog der Tiefe, als w�rden unsichtbare Geisterh�nde zu ihnen emporgreifen, um sie herabzuziehen.</p><p>Der Klang der Pferdehufe �nderte sich, als sie auf die Br�cke hinaufritten. Es war nicht mehr das helle Schlagen von Metall auf Glas, das sie w�hrend der letzten Woche begleitet hatte, sondern ein dumpfes, hallendes Dr�hnen, das meilenweit zu h�ren sein mu�te, das Schmiedeeisen der Hufe auf dem geh�mmerten Stahl der Br�cke. Skar beugte sich neugierig im Sattel herab, konnte aber nicht mehr als eine dunkle, geriffelte Fl�che erkennen. Die Br�cke bebte unter ihrem Gewicht, w�hrend sie die sanft ansteigende Rampe hinaufritten und sich den gewaltigen gebogenen St�tzpfeilern n�herten. Die Pferde wurden unruhig, und Skar mu�te die Z�gel fester ergreifen, um sein Tier zum Weitergehen zu bewegen. Ihr Instinkt verbot ihnen, auf unsicheren Grund zu treten, und wenn die Br�cke auch massiv aussah - und es sein mu�te, um dem beharrlichen Zerren und R�tteln des Windes zu widerstehen -, so schwang sie doch wie ein gewaltiges lebendes Wesen unter ihnen; eine Bewegung, die zu langsam und majest�tisch war, um sie sehen, aber auch zu deutlich, um sie nicht sp�ren zu k�nnen.</p><p>Sie konnten mehr Einzelheiten erkennen, als sie sich den Pfeilern n�herten. Der Lichtschein der Fackeln eilte ihnen voraus und ri� rote, verschwommene Details aus der Dunkelheit, flackernde Schemen, die wie huschende Schattentiere �ber den Pfeiler und den schwarzen Boden eilten und ein stummes Spalier bildeten. Vor dem Br�ckenpfeiler stand eine Skulptur. Skar sch�tzte ihre Gr��e auf mehr als zehn Fu� - ein gewaltiges, grob menschen�hnliches Ding in einer braunschwarzen R�stung, �hnlich der Statue, die El-tra und er vor Tagen gefunden hatten, nur gr��er, massiger, <emphasis>wilder. </emphasis>Sie ritten langsamer, w�hrend sie den stummen W�chter passierten, und Skar sp�rte, wie Gowenna ihr Pferd unwillk�rlich enger an seines heranlenkte, als suche sie in seiner N�he Schutz. Auch sie schien die stumme Drohung zu sp�ren, die der steinerne Kolo� ausstrahlte. Er war wohl aufgestellt worden, um den Weg gegen D�monen und b�se Geister zu sch�tzen, aber er verfehlte seine Wirkung auch auf die Lebenden nicht. Aus seinen Knie- und Ellbogengelenken, aus Schultern und Unterarmen, selbst aus der Stirn- und Hinterkopfpartie des gewaltigen geschlossenen Helmes wuchsen fingerlange, messerscharf gekr�mmte Stacheln wie nat�rliche �xte und Messer, und selbst die sechsfingrigen H�nde endeten in t�dlichen st�hlernen Dolchen. Hinter dem fingerbreiten, bis weit in die Schl�fen reichenden Sehschlitz des Visiers schien ein dunkelrotes Feuer zu glimmen; Widerschein ihrer eigenen Fackeln, aber trotzdem bedrohlich. Gowenna stie� pl�tzlich einen halblauten Schrei aus und fuhr im Sattel zusammen.</p><p>�Was ist los?� fragte Skar erschrocken.</p><p>Sie schwieg einen Moment, deutete nach rechts, dorthin, wo verborgen in der Nacht der jenseitige St�tzpfeiler und wahrscheinlich ein zweiter, gleichartiger W�chter stehen mu�ten, und fuhr sich mit einer kleinen nerv�sen Geste �ber die Stirn.</p><p>�Nichts�, sagte sie hastig. �Es ist...� Sie bracht ab, sah verwirrt zu Boden und fuhr dann in betont heiterem Tonfall fort: �F�r einen Moment dachte ich, die Statue h�tte sich bewegt. Es mu� das Licht gewesen sein.�</p><p>�Sicher�, murmelte Skar. �Es war das Licht. Es sind Statuen, mehr nicht.�</p><p>El-tra warf ihm einen seltsamen Blick zu. �Dieses Land ist auch so schon voller dunkler Geheimnisse�, sagte er. �Findet ihr es richtig, euch jetzt noch gegenseitig zu beunruhigen?�</p><p>Skar setzte zu einer scharfen Antwort an, belie� es aber dann bei einem stummen Achselzucken und ritt schneller weiter. Der St�tzpfeiler glitt �ber ihnen in die H�he und verschwand im Dunkel der Nacht.</p><p>Skars Fackel erlosch, getroffen von einer besonders heftigen Windb�. Er fluchte, beugte sich zu Gowenna hin�ber und entz�ndete seine Fackel an der ihren. Die Flammen streiften f�r einen Moment sein Gesicht, aber die K�lte hatte sich wie ein unsichtbarer sch�tzender Panzer �ber seine Haut gelegt, so da� er ihre Hitze kaum f�hlte.</p><p>�Weiter�, sagte El-tra ungeduldig. �Wir m�ssen hin�ber. Sturm kommt auf.�</p><p>Skar sah erschrocken zur�ck. Der Himmel war schwarz und voller brodelnder dunkler Wolken, aber weit im Norden erkannte er drohende dunkle Massen, gepeitscht von unsichtbaren F�usten. Combat schickte ihnen seinen Fluch hinterher; br�llender Sturm, wo sie der Reichweite seines flammenden Atems entronnen waren. Trotz seiner Geschwindigkeit w�rde es noch lange dauern, bis der Orkan hier war. Aber ihre Lage w�rde mehr als nur unangenehm werden, wenn der Sturm sie hier auf der Br�cke �berraschte.</p><p>Wortlos ritt er weiter. Sie bewegten sich hintereinander, dicht neben dem brusthohen, massigen Gel�nder, hinter dem die Schlucht lauerte. Skar sah immer wieder nerv�s nach links. Seine Augen gew�hnten sich allm�hlich an die Dunkelheit, und er konnte mehr Einzelheiten erkennen - soweit es Einzelheiten gab. Die W�nde der Hellgor st�rzten senkrecht in die Tiefe; eine meilenhohe Klippe, deren Fu� in einem Meer aus Schw�rze verschwand. Der Nebel, den sie bei ihrer Ann�herung gesehen hatten, war auch jetzt noch da, ungeachtet des Sturmes - ein schwarzes Weben auf noch schw�rzerem Untergrund, das, wenn man nur lange genug hinsah, bizarre Formen und Gestalten bildete, Gesichter und Fratzen.</p><p>Sie hatten etwa die H�lfte des Weges zur�ckgelegt und wurden langsamer. Der Boden war nicht mehr eben, sondern buckelig und aufgeworfen, und da und dort durchzogen Risse wie gezackte schwarze Blitze das Eisen. Der Wind fing sich heulend in dem unsichtbaren Pfeilern �ber ihren K�pfen. Rechts von ihnen g�hnte ein Loch im Boden, ein runder, zehn Mannesl�ngen durchmessender Krater, unter dem das Nichts lauerte, und die Zeichen der Zerst�rung wurden deutlicher, je mehr sie sich dem gegen�berliegenden Rand der Schlucht n�herten.</p><p>Schlie�lich hielt El-tra an und deutete wortlos nach vorn. Die Br�cke war hier eingest�rzt, zerschmolzen wie Wachs und bis auf einen schmalen Sims vernichtet. Skar hatte pl�tzlich das Gef�hl, als ob eine eisige, unsichtbare Hand �ber seinen R�cken strich - es war Angst. Der schmale, an den R�ndern zerbissene Steg f�hrte auf eine L�nge von neunzig, hundert Fu� �ber das Nichts, ehe er sich dr�ben mit dem stehengebliebenen Rest der Br�cke vereinigte, nicht viel mehr als f�nf, allerh�chstens sechs Fu� breit. Nebel kroch aus der Tiefe empor, quoll z�hfl�ssig wie sumpfiges Wasser �ber den Steg und bildete eine brodelnde Decke. Skar zwang sein Pferd mit sanftem Druck hinter El-tra auf den Steg hinaus und schlo� die Augen. Die Z�gel lagen lose in seinen H�nden; er verlie� sich ganz auf den Instinkt des Tieres, das - unruhig schnaubend und vorsichtig einen Fu� vor den anderen setzend - seinen Weg besser finden w�rde als er. Es kam ihm vor, als bliebe die Zeit stehen. Sein Herz h�mmerte, und als er nach einer Weile, die ihm wie Stunden vorkam, die andere Seite erreichte, war er in Schwei� gebadet. Es war nicht der erste Abgrund, den er �berschritt, und manche Wege, die er schon geritten war, waren schmaler und gef�hrlicher gewesen. Und ein Weg von f�nf Fu� Breite war normalerweise mehr, als ein Pferd brauchte, um sicher gehen zu k�nnen. Aber dies hier war nicht irgendein Abgrund, sondern die Hellgor, und dieses Land war nicht irgendein Land, sondern Tuan. Nichts war hier normal. Nicht einmal die Furcht. Gowenna war die letzte, die wieder festen Boden erreichte. Sie zitterte, und von den Flanken ihres Pferdes troff flockiger Schwei�. Ihr Gesicht war so bleich, da� Skar es trotz der schlechten Beleuchtung erkennen konnte.</p><p>�Weiter�, sagte El-tra ungeduldig. �Wir haben das Schlimmste hinter uns.�</p><p>Skar sah nach Norden. Der schwarze Wolkenkeil war n�her gekommen, und in das Kreischen des Windes hatte sich ein neuer, drohender Ton gemischt.</p><p>Sie ritten - jetzt nebeneinander - weiter und n�herten sich rasch dem gegen�berliegenden Rand der Schlucht und der Br�cke. Blaue Flammen krochen �ber den Horizont, und dazwischen glaubte Skar Bewegung und wirbelnde Schatten wahrzunehmen. Dann glomm ein winziger r�tlicher Funke am Fu�e der Br�cke auf, verwandelte sich in einen funkenspr�henden Strich und zischte zu ihnen her�ber.</p><p>Skar duckte sich instinktiv, als der Brandpfeil heranjagte. Das Gescho� flog weit �ber ihre K�pfe hinweg und verschwand in der Schlucht, aber noch in der gleichen Sekunde glommen ein zweiter, dritter und vierter Pfeil auf. Auch sie gingen weit fehl, aber sie waren wahrscheinlich auch gar nicht dazu gedacht, zu treffen. �Verdammt!� schrie Gowenna. �Was ist das?!�</p><p>Sie brachte ihr Pferd mit einem so harten Ruck zum Stehen, da� das Tier gequ�lt aufschrie und sie beinahe abwarf. Wieder jagte ein Pfeil heran, fiel klappernd vor ihnen auf das Eisen der Br�cke und erlosch.</p><p>�Eine Falle�, sagte El-tra ruhig. �Sie haben uns erwartet.� Ohne Grund brachte die Gelassenheit, mit der der Sumpfmann die Worte aussprach, Skar in Wut. �Was hei�t hier Falle?� br�llte er. �Ich denke, die Wachabl�sung ist erst in Tagen f�llig?�</p><p>�Das ist sie auch�, gab El-tra gelassen zur�ck. �Das dort vorn ist keine Patrouille.� Er wies mit einer Kopfbewegung auf die Schatten, die n�her gekommen waren und allm�hlich menschliche Umrisse anzunehmen begannen. Zwanzig Krieger, sch�tzte Skar. Vielleicht mehr.</p><p>�Aber wie -�</p><p>�Ich wei� nicht, wieso sie es gewu�t haben�, fiel ihm El-tra ins Wort. �Verion und Bren wu�ten nichts davon. Und auch die anderen nicht.�</p><p>�Aber das ist unm�glich�, sagte Gowenna verzweifelt. �Wie h�tten wir die M�nner so leicht �berw�ltigen k�nnen, wenn ...� Sie schwieg pl�tzlich, als ihr klar wurde, was El-tras Worte bedeuteten.</p><p>�Sie haben sie geopfert�, sprach Skar den Gedanken laut aus. �Wie so viele zuvor. Glaubst du wirklich, Vela w�rde R�cksicht auf vier Menschenleben nehmen?� Seine Worte klangen holprig, und er redete eigentlich nur, um seine Unsicherheit zu �berspielen. Es war viel zu schnell gegangen, als da� er die Situation wirklich schon h�tte verarbeiten k�nnen.</p><p>�Sie kommen�, sagte El-tra.</p><p>Skar sah wieder nach S�den. Aus den Schatten waren mittlerweile M�nner geworden - zwei Dutzend Krieger in den schwarzen Panzern, die sie schon kannten, angef�hrt von einer winzigen, gnomenhaften Gestalt in einem rote Cape. Sie kamen n�her, blieben aber in respektvollem Abstand stehen, als die beiden Sumpfm�nner ihre Armbr�ste von den R�cken nahmen.</p><p>�Skar!� dr�hnte Tantors Stimme durch den Sturm zu ihnen her�ber. �Gowenna! El-tra - seid vern�nftig! Widerstand ist sinnlos!�</p><p>Skar lachte rauh. �Vielleicht hat es Sinn, wenn wir dich noch mitnehmen k�nnen, Tantor!� rief er zur�ck. �Komm her und hol uns!�</p><p>Gowenna ber�hrte ihn am Arm. �Das ist sinnlos, Skar�, sagte sie. �Wir m�ssen zur�ck.�</p><p>Skar sah nach oben. Der Sturm war n�her gekommen, und er glaubte bereits, ein Auffrischen des Windes zu sp�ren.</p><p>�Wir k�nnen es schaffen�, sagte Gowenna, die seinen Blick richtig deutete. �Wenn wir schnell reiten, sind wir auf der anderen Seite, ehe der Sturm hier ist.�</p><p>Skar war nicht davon �berzeugt. Aber er wu�te auch, da� sie gar keine andere Wahl hatten. Die �bermacht war zu gro�. Selbst wenn sie gegen die zwei Dutzend Krieger eine Chance gehabt h�tten - was sie nicht hatten -, w�rden sie Tantor nicht �berwinden. Skar hatte schon mehr als eine Kostprobe von der Magie des Zwerges bekommen.</p><p>�Jetzt fehlt nur noch Vela mit ihrem Drachen, und wir sind wieder komplett�, knurrte er. �Zur�ck! Aber langsam!�</p><p>�Nun?� schrie Tantor. �Habt ihr euch entschieden? Was wollt ihr? K�mpfen und sterben, oder aufgeben und weiterleben?� Skar pre�te seinem Pferd die Schenkel in die Flanken und zog behutsam am Z�gel. Das Tier setzte sich gehorsam in Bewegung und begann mit kleinen, trippelnden Schritten r�ckw�rts zu gehen. Gowenna und die beiden Sumpfleute verfuhren ebenso. Skar hoffte, da� Tantor das Man�ver nicht bemerkte. Die Entfernung zwischen ihnen war noch immer gro�, und Dunkelheit und Nebel lie�en die Sicht schlecht werden.</p><p>Die Phalanx der Krieger r�ckte n�her, blieb aber sofort wieder stehen, als El-tra seine Armbrust hob und einen Bolzen abfeuerte. Das Gescho� fiel irgendwo auf halber Strecke zu Boden, aber die M�nner verstanden die Warnung.</p><p>�Sei vern�nftig, Skar!� br�llte Tantor. �In wenigen Augenblicken bricht ein Unwetter los. Ihr werdet von der Br�cke gefegt! Schau um!� Skar wollte antworten, besann sich dann aber anders und drehte sein Pferd herum, als hielte er wirklich nach dem Sturm Ausschau.</p><p>Dann, ohne ein weiteres Wort, preschte er los. Gowenna und die beiden Sumpfbr�der rissen ihre Pferde im gleichen Moment herum und sprengten hinter ihm her.</p><p>Aus den Reihen der Krieger erhob sich ein halb w�tender, halb �berraschter Aufschrei. Bogensehnen sirrten. Ein Schatten jagte an Skar vorbei und prallte mit hellem Splittern weit vor ihm gegen das Gel�nder.</p><p>�H�rt auf zu schie�en!� dr�hnte Tantor. �Wir brauchen sie lebend!� Ein zweiter Pfeil, abgeschossen, bevor der Befehl zu Ende gesprochen worden war, zischte an Skar vor�ber und verschwand in der Nacht, dann zerri� das dumpfe H�mmern von hundert Pferdehufen das Heulen des Sturmes. Skar beugte sich tief �ber den Hals seines Tieres, preschte an Gowenna vorbei und jagte, ohne zu z�gern, auf den schmalen Steg �ber das Nichts hinaus. Vor ihnen wirbelte der Sturm, eine kochende schwarze Wand, hinter der die Welt zu L�rm und reiner Bewegung reduziert wurde. Der Wind schlug mit eisigen Krallen nach seinem Gesicht. Skar duckte sich noch tiefer, verbarg das Gesicht in der fliegenden M�hne des Pferdes und hielt instinktiv den Atem an, bis sie auf der anderen Seite des Abgrunds angelangt waren. Die Br�cke schien zu vibrieren, als Gowenna und die beiden El-tra hinter ihm �ber den Steg galoppierten.</p><p>�Schneller!� schrie El-tra. Seine Worte klangen hoch und schrill, der Sturm verlieh ihnen einen zus�tzlichen, unheilschwangeren Klang. Skar warf einen Blick �ber die Schulter zur�ck. Die Verfolger hatten am jenseitigen Rand der zerborstenen Stelle haltgemacht. Ihre Gestalten schienen hinter den wogenden Nebelschleiern zu tanzen, nur Tantors leuchtendroter Umhang schimmerte wie ein blutiges Juwel zu ihnen her�ber. Keiner von ihnen machte Anstalten, sie zu verfolgen.</p><p>�Skar!� Tantors Stimme war kaum noch zu h�ren, obwohl er mit aller Kraft schrie. �Komm zur�ck! Ihr habt keine Chance!� Skar verzichtete auf eine Antwort. Er ritt f�r einen Moment langsamer und gab seinem Tier erneut die Sporen, als Gowenna und El-tra aufgeholt hatten. Sie hatten eine halbe Stunde gebraucht, um die Kluft das erste Mal zu �berqueren; jetzt, auf dem Weg in die entgegengesetzte Richtung und in einem verzweifelten Wettlauf mit dem herantobenden Sturm, brauchten sie nicht einmal f�nf Minuten.</p><p>Die Br�cke bebte. Ein erster, machtvoller Hieb des Orkans lie� die gewaltige Eisenkonstruktion wie ein geschlagenes Tier vor Schmerz aufst�hnen, r�ttelte mit Urgewalt an Pfeilern und Streben und schlug mit unsichtbaren F�usten auf Skar und die anderen ein. Skar schrie erschrocken auf, aber der Sturm ri� den Laut von seinen Lippen, so da� nicht einmal er selbst das Ger�usch h�rte.</p><p>Gowenna schrie etwas, das er nicht verstand, und deutete mit hektischen Bewegungen nach vorn. Skar hob den Kopf, blinzelte in die wirbelnden Schwaden aus Schnee und Eiskristallen und versuchte etwas zu erkennen. Seine Augen tr�nten, und die pl�tzliche Anstrengung lie� ihn seine gebrochenen Rippen wieder schmerzhaft sp�ren. Aber er sah, worauf ihn Gowenna aufmerksam machen wollte: Vor der dunklen Mauer des Sturmes erhoben sich zwei m�chtige gedrungene schwarze Schatten. Das Wetterleuchten der Blitze spiegelte sich auf gl�nzendem Horn und rei�enden Stacheln, die sechsfingrigen H�nde, vorhin noch zu F�usten geballt, waren jetzt ausgestreckt und zu t�dlichen Klauen verkr�mmt. <emphasis>Die schwarzen Giganten waren zum Leben erwacht!</emphasis></p><p>Alles schien gleichzeitig zu geschehen - ein hoher, knisternder Laut, ein Ger�usch, als zerbreche irgendwo eine gewaltige Eisscholle unter dem Griff einer Titanenhand, lie� das Heulen des Orkans f�r eine Sekunde verstummen. Skars Pferd b�umte sich auf, stieg, mitten im Galopp, auf die Hinterl�ufe und schleuderte ihn aus dem Sattel, gleichzeitig kreischten Gowennas und El-tras Tiere wie unter unertr�glichem Schmerz, brachen nach rechts und links aus und warfen auch ihre Reiter ab. Die schwarzen Giganten kamen n�her, mit einer Leichtf��igkeit, die ihrem plumpen �u�eren Hohn sprach, drangen mit weit ausgebreiteten, t�dlichen Krallenh�nden auf Skar und die anderen ein, in ihrem Gefolge Sturm und Chaos bringend. Skar prallte schmerzhaft auf dem eisernen Boden auf, rollte sich instinktiv zu einem Ball zusammen und kam, den Schwung seines Sturzes ausnutzend, wieder auf die F��e. Vor seinen Augen wirbelten Schnee und Schw�rze, durchzogen von blitzenden roten F�den aus Schmerz; er ahnte den schwarzen Giganten mehr, als er ihn sah. Und in ihm erwachte etwas. Die Entwicklung war abgeschlossen. Die Puppe brach auf und gebar etwas Dunkles, Grauenhaftes.</p><p>Er wich zur�ck, prallte gegen das brusthohe Gel�nder der Br�cke und sah sich verzweifelt nach Gowenna und den anderen um. Einer der Sumpfm�nner kam dicht neben ihm auf die F��e; nicht mehr l�nger Verion oder Bren, sondern wieder ein Mann aus Cosh mit flinken Bewegungen und einem Schattengesicht; Gowenna und der zweite Sumpfmann waren irgendwo im Sturm verschwunden. Skar konnte nur hoffen, da� sie den Sturz unverletzt �berstanden hatten.</p><p><emphasis>�Skar! Vorsicht!�</emphasis></p><p>El-tras Schrei lie� ihn herumfahren. Etwas Schwarzes, Gigantisches wuchs vor ihm empor, griff mit schrecklichen H�nden nach ihm und verfehlte ihn, als er sich blitzschnell zur Seite kippen lie�. El-tra stie� einen gellenden Kampfschrei aus, setzte �ber ihn hinweg und warf sich dem Panzerriesen entgegen. Sein Schwert blitzte auf, zerschnitt den wirbelnden Schnee und prallte mit ungeheurer Wucht gegen den Helm des Giganten.</p><p>Skar wartete den Erfolg von El-tras Angriff nicht ab. Noch w�hrend er fiel, ri� er sein <emphasis>Tschekal </emphasis>aus dem G�rtel, packte die Klinge mit beiden H�nden und hieb nach den F��en des Riesen. Es gab einen Laut, als h�tte er gegen Stahl geschlagen. Das <emphasis>Tschekal </emphasis>sprang zur�ck, wurde ihm aus der Hand geprellt und verschwand klappernd in der Dunkelheit. Ein l�hmender Schmerz scho� durch seine H�nde. Er stemmte sich hoch, fiel mit einem Schmerzenslaut erneut auf die Knie und st�rzte vollends, als seine Handgelenke unter dem Gewicht seines K�rpers nachgaben. Einen Moment war er gel�hmt vor Schmerzen und �berraschung, aber die Schw�che verging so schnell, wie sie gekommen war. Er sprang auf, brachte sich mit einem verzweifelten Satz vor den zuschnappenden Klauen des Riesen in Sicherheit und suchte nach seinem Schwert. Aber als ob sich nun auch noch die Elemente gegen sie verschworen h�tten, br�llte der Sturm pl�tzlich mit doppelter Macht los, ri� ihn erneut von den Beinen und trieb ihn von dem Panzerriesen, aber auch von der Stelle, an der seine Waffe liegen mu�te, fort. Wieder st�rzte er, und diesmal war der Aufprall so hart, da� er sekundenlang benommen liegenblieb. In seinem Inneren war ein Schrei, ein stummes, wortloses Lachen, die Stimme seines Dunklen Bruders, der endlich wieder aus seinem Schlaf erwacht war.</p><p>Aber es war nur dieser Schrei, mehr nicht. Der Strom von Kraft, von Wildheit und Energie, auf den er jetzt zum ersten Mal, seit er Bekanntschaft mit der furchtbaren Macht, die in ihm schlummerte, gewartet hatte, blieb aus. Er sp�rte ihn, f�hlte die Anwesenheit seines Dunklen Bruders wie einen lautlosen Zwilling, der in ihm, hinter und neben seinen Gedanken war, lauerte, aber es war keine Verbindung zwischen ihnen, sie schienen nichts als zwei verschiedene, grundverschiedene Wesen zu sein, die sich nur durch Zufall den gleichen K�rper teilten. Er f�hlte sich im Gegenteil mit einem Mal kraftlos - nein, nicht kraftlos - <emphasis>gebunden, </emphasis>als l�gen pl�tzlich zentnerschwere unsichtbare Ketten auf seinen Gliedern. Das Monstrum in ihm war wieder da, aber diesmal l�hmte es ihn. Trotzdem stand er auf, warf sich noch einmal in den kreischenden Wind und eilte auf den Alptraumkrieger zu. Er kam gerade noch zurecht, um zu sehen, wie El-tra unter einem fast spielerischen Hieb des Titanen zusammenbrach.</p><p>�Skar! Gib auf! Gib auf, oder der Sumpfmann stirbt.�</p><p>Wieder verstummte der Sturm f�r Sekunden. Die wirbelnden wei�en Schwaden rissen auf, und hinter dem schwarzen Panzerriesen, hinter und neben ihm, wie ein Kind, das �ngstlich die N�he eines Erwachsenen sucht, dies aber nicht zugeben will, erschien eine kaum metergro�e rotgekleidete Gestalt.</p><p>Skar erstarrte mitten in der Bewegung. El-tra lag reglos vor den F��en des schwarzen Titanen, und etwas sagte Skar, da� Tantor diesmal keine leere Drohung ausstie�, da� seine Worte bitter ernst gemeint waren und er nicht z�gern w�rde, die Bestie auf El-tra loszulassen. Seine H�nde sanken kraftlos herab.</p><p>�Du hast gewonnen�, sagte er. �Ich gebe auf.�</p><p>Tantor nickte. �Das ist vern�nftig von dir. Ich will deinen Tod nicht, Skar, das solltest du wissen. Aber ich werde nicht z�gern -�</p><p>�Red dir keine Blasen an die Zunge�, unterbrach ihn Skar grob. �Was willst du?�</p><p>In Tantors Augen erschien ein am�siertes Glitzern. �Noch immer der alte Satai, wie? Gleich zur Sache, ohne Umschweife.� Er sch�ttelte den Kopf, trat - noch immer z�gernd - hinter der fast dreimal so gro�en schwarzen H�llenkreatur hervor und deutete �ber die Schlucht.</p><p>�Ihr wolltet zur toten Stadt, nicht?� fragte er. �Ich denke, es liegt in meiner Macht, euch diesen Wunsch zu erf�llen. Ihr werdet sogar schneller da sein, als ihr geglaubt habt. Geh.�</p><p>Skar sah zur�ck. Die Br�cke war in kochenden wei�en Schwaden verschwunden. Der Blick reichte nicht weiter als zwei, drei Schritte. �Und der Sturm?�</p><p>Tantor grinste. �Mach dir darum keine Sorgen. Du wirst sicher hin�berkommen.�</p><p>Skar sah auf. Der Himmel war noch immer von schwarzen Wolken bedeckt, aber noch w�hrend Skar hinsah, drehte sich der Wind und blies nun - zum ersten Mal seit mehr als einer Woche - nach Norden. Die Wolken begannen zu brodeln, liefen einen Moment wie ein Schiff, das von seinem eigenen Schwung vorw�rts getrieben wird, gegen den Wind und setzten sich dann widerwillig in entgegengesetzte Richtung in Bewegung.</p><p>�Wie du siehst�, l�chelte Tantor, �ist f�r eure Sicherheit gesorgt.�</p><p>�So wie du f�r unseren Empfang gesorgt hast, wie?� grollte Skar, ohne sich von der Stelle zu r�hren. �Wie lange wu�test du es schon ?�</p><p>�Was?� fragte Tantor. �Da� ihr auf dem Weg hierher seid? Vom ersten Moment an, Skar. Ihr habt nicht einen Schritt getan, �ber den ich nicht informiert gewesen w�re. Tuan mag tot sein, aber es hat trotzdem Augen. Du h�ttest auf meinen Rat h�ren und zur�ck nach Ikne reiten sollen.�</p><p>�Die W�chter�, sagte Skar m�de. �Die sechs M�nner im Turm - warum das?�</p><p>�Warum <emphasis>was?� </emphasis>machte Tantor mit gespielter �berraschung. <emphasis>�Ihr </emphasis>habt sie get�tet, Skar, nicht <emphasis>ich.�</emphasis></p><p>Skar machte eine unwillige Kopfbewegung. �Red keinen Unsinn, Tantor. Es w�re nicht n�tig gewesen.�</p><p>�Vielleicht�, gestand Tantor. �Aber es ist nun einmal geschehen. Und wenn es dich beruhigt - sie w�ren so oder so gestorben. Was machen da ein paar Monate Unterschied? Und nun geh. Wir haben schon viel zuviel Zeit verloren. Vela erwartet euch.� Skar starrte den Zwerg noch einen Moment finster an, drehte sich dann mit einem Ruck um und trat - zum dritten Mal - auf die Br�cke �ber das Nichts hinaus. Der Wind trug ein triumphierendes Wolfsgeheul mit sich.</p></section><section><title><p id="_806">10.</p></title><p>Den Rest der Nacht ritten sie nach S�den. Der Sturm blieb hinter ihnen zur�ck, und auch der Wind drehte sich, kaum da� sie die Br�cke �berquert hatten, wieder in die gewohnte Richtung. Sie wurden getrennt - je vier der schweigenden Krieger umringten Gowenna und die beiden Sumpfbr�der, ihm selbst teilte Tantor eine Eskorte von sechs M�nnern zu. Skar h�tte dar�ber gelacht, wenn ihre Situation nicht so ernst gewesen w�re. Er h�tte nicht einmal mehr die Kraft gehabt, es mit <emphasis>einem </emphasis>der Soldaten aufzunehmen und - was das Schlimmste war und ihn trotz der Lethargie, in die er verfallen war, noch immer erschreckte - er wollte auch nicht mehr. Er hatte dort auf der Br�cke mehr verloren als einen Kampf. Er war m�de - eine M�digkeit, die sich nicht allein auf seinen K�rper beschr�nkte.</p><p>Als der Morgen d�mmerte, rasteten sie im Schutz einer Ruine, in der sich ein Lager mit Lebensmitteln, Feuerholz und Wasser befand. Skar wurde von seinen sechs W�chtern sorgf�ltig abgeschirmt und bekam nicht einmal Gelegenheit, auch nur einen Blick mit Gowenna oder einem der Sumpfleute zu wechseln. Wasser und Schalen mit kaltem Fleisch wurden herumgereicht, aber Skar lehnte beides ab, obwohl ihn der Ritt erneut hatte hungrig werden lassen. Er hockte sich in eine Ecke, schlo� die Augen und versuchte die Anwesenheit seiner Bewacher so gut es ging zu vergessen. Trotz allem forderten die zwei Tage und N�chte, die er jetzt fast pausenlos auf den Beinen war, nun ihren Preis - er schlief ein, schrak aber fast sofort wieder hoch, als das Ger�usch von Schritten in seinen Schlummer drang. Im ersten Moment sah er nichts als graue Schemen. Er blinzelte, fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Augen und erkannte einen verschwommenen roten Fleck.</p><p>�Ich h�re, da� du nicht i�t und trinkst�, sagte Tantor.</p><p>Skar fuhr sich noch einmal mit den Kn�cheln �ber die Augen, g�hnte ungeniert und setzte sich auf. Sein Gesicht befand sich jetzt mit dem des Zwerges auf gleicher H�he.</p><p>�Offenbar redest du auch nicht mehr�, fuhr Tantor fort, als Skar nach einer Weile noch nicht geantwortet hatte.</p><p>Skar l�chelte, setzte sich noch weiter auf und bettete den Kopf gegen den k�hlen Stein. Die Soldaten hatten ein Feuer entz�ndet, aber seine W�rme reichte nicht, um das klamme Gef�hl aus Skars Gliedern zu verjagen.</p><p>Tantor ma� ihn mit einen undefinierbaren Blick, wandte sich dann in einer abrupten Bewegung an die sitzenden Krieger und stie� einen scharfen Befehl aus. Die M�nner erhoben sich stumm und gingen.</p><p>Skar runzelte die Stirn. �Du schickst deine Wachhunde weg?� fragte er mit gespielter �berraschung. �Hast du keine Angst, da� ich endlich das tue, was ich in Ikne vers�umt habe, und dir den Hals umdrehe?�</p><p>Tantor grinste. �Es ist nicht notwendig, da� du den starken Mann spielst, Skar�, antwortete er. �Du bist es nicht. Au�erdem sind wir allein, und du hast kein Publikum.�</p><p>Skar starrte den Zwerg finster an. �Was willst du?� fragte er grob.</p><p>�Mit dir reden, was sonst?� Tantor zuckte mit den Achseln, lie� sich dicht neben dem Feuer nieder und kreuzte die Beine. Sein Umhang klaffte ein wenig auseinander, und Skar sah, da� er trotz der K�lte darunter nur ein d�nnes, �rmelloses Hemd trug. Er hatte nie zuvor bemerkt, <emphasis>wie </emphasis>d�rr der Zwerg wirklich war. Tantor schien nicht mehr als ein mit Haut �berzogenes Skelett zu sein; selbst sein Kopf, nur so gro� wie der eines Kindes, wirkte auf diesem K�rper wie der Sch�del eines Riesen. F�r einen Moment �berkam Skar fast so etwas wie Mitleid. Jemand, den das Schicksal mit einem so mi�gestalteten K�rper geschlagen hatte, konnte vielleicht gar nicht anders sein, als b�se und verschlagen.</p><p>Tantor beugte sich �chzend zur Seite, nahm eine Bratenscheibe aus der Schale, die die Krieger stehengelassen hatten, und begann lustlos daran herumzuknabbern.</p><p>�Willst du nicht doch?� fragte er mit einer einladenden Geste. �Es nutzt dir nicht viel, wenn du in einen Hungerstreik trittst, wei�t du?�</p><p>Skar sch�ttelte �rgerlich den Kopf. �Du wolltest mit mir reden�, sagte er grob. �Also rede, oder la� mich in Ruhe!� Tantor starrte ihn einen Herzschlag lang verbl�fft an und begann pl�tzlich aus vollem Hals zu lachen. �Ich glaube, du �nderst dich nie, Skar. W��te ich es nicht besser, dann k�men mir ernsthafte Zweifel, wer von uns beiden der Besiegte ist.�</p><p><emphasis>�Besiegt </emphasis>hast <emphasis>du </emphasis>mich nicht, Tantor�, sagte Skar mit Nachdruck.</p><p>Tantor machte eine wegwerfende Handbewegung. �Das spielt wohl im Moment keine Rolle�, sagte er. �Au�erdem - du bist in meiner Gewalt, und das allein z�hlt.�</p><p>�Wenn du gekommen bist, um mir nur das zu sagen, dann verschwendest du deine Zeit�, knurrte Skar. �Ich habe es bemerkt.�</p><p>�Leider zu sp�t�, erwiderte Tantor gelassen. �Du h�ttest wirklich auf meinen Rat h�ren und nach Hause gehen sollen, Satai. <emphasis>Damals </emphasis>meinte ich es ehrlich.�</p><p>�Und jetzt nicht mehr?�</p><p>Tantor setzte sich auf, warf den Rest seines Fleisches ins Feuer und wischte sich die H�nde an einem Zipfel seines Umhangs ab. �Meine Absichten spielen jetzt keine Rolle mehr�, sagte er ernsthaft. �Ich habe einmal gegen Velas Willen gehandelt, und du kannst gewi� sein, da� ich es kein zweites Mal mehr tun werde. Mach mich nicht f�r das verantwortlich, was jetzt geschehen ist. Ich bin nur Velas Arm, mehr nicht. T�te ich nicht, was sie befiehlt, so t�te es ein anderer.�</p><p>�Wie bequem�, sagte Skar. �Irgendwie kommen mir diese Worte bekannt vor. Aber verrate mir eines, Tantor - damals vor Combat wollte sie uns t�ten.�</p><p>�Das stimmt nicht, Skar. Wenn es in -�</p><p>�Jedenfalls hat sie es in Kauf genommen, da� wir sterben�, fuhr Skar unger�hrt fort. �Ich gebe zu, da� wir in deiner Schuld stehen. Ohne deine Heilkr�uter und das Wasser w�ren wir umgekommen. Gowenna zumindest. Und jetzt seid ihr pl�tzlich daran interessiert, uns lebend in die H�nde zu bekommen? Woher kommt dieser pl�tzliche Sinneswandel?�</p><p>Tantor zuckte die Schultern. �Wer sagt dir, da� es so ist?� fragte er lauernd.</p><p>�Die Anwesenheit von zwei Dutzend Kriegern und einem h��lichen Gnom�, gab Skar ruhig zur�ck. �Um uns zu t�ten, h�tten ein paar Bogensch�tzen gereicht. Oder diese Kreaturen. Was waren das f�r Bestien?�</p><p>Tantor �berging den letzten Teil der Frage. �Nimm an, uns ist wirklich daran gelegen, euch lebend in die H�nde zu bekommen�, sagte er. �Und nimm weiter an, da� ich noch immer dein Freund bin.�</p><p>�Wenn du mein Freund bist�, sagte Skar ernsthaft, �dann danke ich den G�ttern, da� ich meine Feinde noch nicht kennengelernt habe.�</p><p>Tantor schnitt eine Grimasse, beugte sich vor und deutete mit einem seiner spitzen Spinnenfinger auf Skars Brust, als wolle er ihn aufspie�en. �Du bist entschieden nicht in der Lage, Scherze zu treiben, Satai�, sagte er ruhig. �Und mir kommen allm�hlich Zweifel, ob es Sinn hat, meine Zeit mit dir zu verschwenden.�</p><p>�Verzeiht, gro�er Meister�, sagte Skar mit �bertrieben gespielter Zerknirschung. �Ich gelobe, es nie wieder zu tun.�</p><p>Tantor ma� ihn mit einem w�tenden Blick, ging aber nicht weiter auf seine Worte ein. �H�r mir zu, Satai�, sagte er. �H�r mir einfach nur zu und entscheide dich sp�ter. Auch, wenn du es anscheinend nicht begreifen willst, aber ich bin dein Freund. Oder - wenn dir das Wort lieber ist - dein Verb�ndeter. Wir beide stehen n�mlich auf der gleichen Seite.�</p><p>�O ja�, sagte Skar sp�ttisch. �Auf der richtigen, nicht?�</p><p>Zwischen Tantors Brauen entstand eine steile Falte. �Ich habe einmal versucht, euch zu helfen, Skar�, fuhr er unbeeindruckt fort, �und das, was geschehen ist, sollte mich lehren, es nicht wieder zu tun. Aber ich werde es trotzdem versuchen.� Er brach ab, sah sich mit einem raschen Blick nach beiden Seiten um, als h�tte er pl�tzlich Angst, belauscht zu werden, und fuhr, rascher und mit gesenkter Stimme, fort: �Ich will dir sagen, <emphasis>warum </emphasis>wir strengen Befehl hatten, dich lebend zu fangen, Skar. Weil wir dich brauchen. Weil <emphasis>Vela </emphasis>dich braucht.�</p><p>Skars Blick verd�sterte sich. �Wozu?� erwiderte er. �Sie hat doch schon einen Satai. Oder ist ihr Del nicht mehr gut genug?� Tantor machte ein ungeduldige Handbewegung. �H�r endlich auf, Skar. Die Zeit wird knapp, und vielleicht ist dies das letzte Mal, da� ich allein mit dir reden kann. Sie hat einen Fehler begangen.�</p><p>�Ja�, stimmte Skar zu. �Sie h�tte mich <emphasis>wirklich </emphasis>vergiften sollen.�</p><p>�Der Stein der Macht�, fuhr Tantor, der nun offenbar beschlossen hatte, Skars verletzenden Spott zu ignorieren, fort, �ist wertlos f�r sie.�</p><p>Skar war f�r einen Moment starr vor �berraschung.</p><p>�Jedenfalls so, wie es im Moment aussieht�, f�gte Tantor nach einer angemessenen Pause hinzu.</p><p>�Wertlos?� fragte Skar verwirrt. �Was soll das hei�en? Und warum erz�hlst du mir das?�</p><p>�Weil es offenbar die einzige M�glichkeit ist, dich zum Zuh�ren zu bewegen�, knurrte Tantor ungeduldig. �Ich wei� nicht warum, und ich glaube, nicht einmal Vela selbst wei� es genau, aber es sieht so aus, als w�re der Stein ohne dich nur ein wertloses Juwel. Wir brauchen dich, Skar.�</p><p>�Mich?�</p><p>�Dich oder einen Mann wie dich�, sagte Tantor ungeduldig. �Das bleibt sich gleich. Du bist sicher nicht der einzige Mensch auf Enwor, der die Macht h�tte, den Stein zum Leben zu erwecken, aber wir haben nicht die Zeit, nach einem anderen zu suchen.�</p><p>�Ich wei� nicht, von welcher Macht du sprichst�, sagte Skar hilflos.</p><p>Tantor sah ihn sekundenlang durchdringend an. �Seltsam�, murmelte er. �aber ich glaube dir sogar. Trotzdem ist es so, wie ich sagte. Hat dir Gowenna nie erz�hlt, wie lange wir nach dir gesucht haben?�</p><p>Skar war versucht, nein zu sagen, nickte aber dann doch. �Das hat sie. Doch ich habe nicht begriffen, warum.�</p><p>�Wenn man dich reden h�rt, dann begreift man es wirklich nicht�, seufzte Tantor. �Und doch ist es so. Gowenna war vor dir in Combat, und vor und nach ihr waren andere da. Keiner ist dem Stein auch nur nahe gekommen. Keiner au�er dir. Frag mich jetzt nicht, warum das so ist - ich wei� es nicht. Vela hat selbst vor mir Geheimnisse, wenn auch lange nicht so viele, wie sie selbst annimmt.�</p><p>�Aber ich habe diesen verdammten Kiesel geholt!� begehrte Skar auf. �Sie hat, was sie will! Warum l��t sie Del und mich nicht ziehen?�</p><p>�Sie hat es eben nicht�, sagte Tantor niedergeschlagen. �Du hast diesen Stein geholt, Skar. Combat hat dir seinen Schatz anvertraut, und so, wie die Dinge liegen, bist du der einzige, der seine Macht wecken kann. Sie braucht dich. Dich oder die Kraft, die in dir schlummert.�</p><p><emphasis>Die Kraft, die in dir schlummert... </emphasis>Skar lauschte in sich hinein, aber da war nichts. Sein Dunkler Bruder war noch da, st�ndig wach jetzt, aber nicht aktiv. Konnte es das sein, wovon Tantor sprach - dieses unselige, b�se Ding in ihm, das ganz nach Belieben Gewalt �ber seine Seele erlangte und ihn zum Killer werden lie�, zu einem Ding, vor dem er sich selbst f�rchtete? Unsinn.</p><p>�Und du glaubst, ich w�re in der Lage, all das zu tun, was ihr von mir verlangt?� fragte er schwerf�llig.</p><p>�Es ist unsere letzte Hoffnung�, sagte Tantor ernsthaft. �Wenn nicht alles umsonst gewesen sein soll.�</p><p>�Selbst wenn es so w�re, was glaubst du, was ich t�te, wenn ich den Stein der Macht in H�nden hielte, Tantor? H�ltst du Vela f�r so dumm, mir zu vertrauen, nach allem, was sie mir angetan hat?�</p><p>�Mit Sicherheit nicht�, antwortete Tantor. Er schien den Einwand erwartet zu haben. �Aber sie hat Mittel, dich gef�gig zu machen. Del ist noch immer in ihrer Gewalt.�</p><p>Skar schwieg einen Moment. �Du kennst uns Satai nicht, wenn du dir einbildest, wir w�rden R�cksicht aufeinander nehmen�, sagte er dann. �Nicht, wenn so viel auf dem Spiel steht.�</p><p>Tantor seufzte erneut und rang in einer fast komisch anmutenden Geste die H�nde. �Vielleicht kenne ich euch Satai wirklich nicht, aber ich kenne dich, Skar. Du bist kein Satai. Nicht wirklich.�</p><p>Skar wollte widersprechen, aber Tantor fuhr mit erhobener Stimme fort: �Sicher - du beherrscht die Kampfk�nste eines Satai, du lebst wie ein Satai und denkst wie ein Satai. Aber das macht dich noch lange nicht zu einem Satai, ebensowenig, wie es Gowenna zu einer <emphasis>Errish </emphasis>macht, die K�nste der Ehrw�rdigen Frauen zu beherrschen. W�re es, wie du sagst, so w�rest du nicht hier. Ich wei� - du wirst jetzt sagen, du h�ttest dich nur zum Schein gef�gt, um Velas Vorhaben zu durchkreuzen, nicht, weil du glaubtest, vergiftet zu sein oder Del in ihrer Gewalt zu wissen. Und du wirst sagen, da� du Gowenna nur begleitet hast, um zu verhindern, da� Vela mit dem Stein der Macht Unheil anrichtet. Humbug! Die hunderte Tage Frist, die du hattest, h�tten mehr als nur ausgereicht, zum Berg der G�tter zu reiten und den Rat der Satai zu alarmieren. Der Bund der Dreizehn h�tte Mittel und Wege gefunden, Velas Pl�ne zu durchkreuzen. Du bist mitgekommen, weil Del dein Freund ist, weil du um sein Leben f�rchtetest, und aus dem gleichen Grund hast du Gowenna in den Bergen nicht verlassen, sondern sie begleitet, hierher, obwohl du wu�test, was dich erwartet.� Er schwieg einen Moment, um seine Worte geb�hrend wirken zu lassen, lehnte sich dann zur�ck und redete leiser und in ruhigem Tonfall weiter: �Sie wird dich gef�gig machen, auf die eine oder andere Weise, Skar, verla� dich darauf. Sie braucht dich - mehr noch, sie <emphasis>will </emphasis>dich, und wenn ich jemals einen Menschen kennengelernt habe, der alles bekommt, was er will, so ist es Vela.�</p><p>�Und warum erz�hlst du mir das alles?�</p><p>Tantor l�chelte; es war ein seltsames, unsicheres L�cheln, das zum ersten Mal, seit Skar den Zwerg kannte, echt wirkte. �Vielleicht, weil ich selbst Angst vor ihr habe�, murmelte er. �Vielleicht, weil ich einen Verb�ndeten brauche.�</p><p>�Einen Verb�ndeten?� echote Skar. �Mich?�</p><p>�Glaubst du, es bereitet mir Freude, f�r sie zu arbeiten?� gab Tantor scharf zur�ck. �Sie zwingt mich dazu, so, wie sie dich zwingt oder Del oder jeden einzelnen dieser Krieger. Sie ist kein Mensch, Skar. Diese Frau ist eine Bestie. Sie ist zerfressen von Ha� und dem Gedanken an Rache.�</p><p>Skar starrte lange und wortlos zu Boden. Es war nicht das erste Mal, da� er �ber Vela sprach, und irgendwie kam ihm die Situation mit jedem Augenblick absurder vor. Er hatte mit Gowenna, einem Menschen, der an nichts anderes dachte als daran, Vela zu t�ten, geredet, und sie hatte sie verteidigt, und jetzt sprach er mit Tantor, ihrem rechten Arm, und er bezeichnete sie als Bestie. Und irgendwie hatte er das Gef�hl, da� keiner von ihnen recht hatte. �Du glaubst mir nicht, nicht wahr?� kr�chzte Tantor. �Du hast mit Gowenna gesprochen, und sie hat dir erz�hlt, wie gut und edel Vela ist, wie sanft und voller Liebe. So voller Liebe, da� sie ihr Ungeheuer auf den einzigen Menschen gehetzt hat, der ihr grenzenlos vertraute.� Er machte ein halb w�tendes, halb abf�lliges Ger�usch, schlug die Faust in die ge�ffnete Linke und stie� mit dem Fu� in die Flammen. Brennende �ste und Funken stoben auseinander.</p><p>�Vielleicht hat sie recht�, murmelte er. �Vielleicht war Vela so, damals, als sie sie kennenlernte. Aber wenn, dann ist sie heute nicht mehr der Mensch, den Gowenna kannte. Sie war zu lange hier, Skar, in Tuan, und dieses Land ist b�se. Sp�rst du deinen Atem nicht. F�hlst du nicht, wie es sich in deine Seele schleicht und sie t�tet, langsam, aber unbarmherzig?� Er sah auf und machte eine weit ausholende Handbewegung, die von einem Horizont zum anderen reichte. �Die G�tter haben dieses Land verbrannt, Skar, mit dem Feuer der H�lle, und sie wu�ten, warum sie es taten. Du hast gesehen, wozu seine Bewohner f�hig waren. Du warst in Combat, und du hast die Toten Ebenen durchstreift. Sie waren Menschen mit der Macht von G�ttern, aber sie zahlten daf�r mit dem Verlust ihrer Seele. Und der Atem Tuans weht noch immer. Sieh dir die Krieger an. Sieh sie dir an, jeden einzelnen. Sie sind krank. Ihre K�rper sind vergiftet. Sie verfaulen bei lebendigem Leib, und sie merken es nicht einmal. Und die, die f�hig sind, sich davor zu sch�tzen, verbrennen auf andere Weise. Vela hat l�nger hier gelebt als irgendein anderer Mensch vorher. Die Jahre, die Gowenna bei den Sumpfleuten verbrachte, verbrachte sie hier. Sie hat den Preis daf�r gezahlt.�</p><p>�Hier?� sagte Skar zweifelnd.</p><p>�In der Stadt, zu der wir reiten�, knurrte Tantor. �Was glaubst du, woher sie ihr Wissen �ber die Alten G�tter und Combat hat? Woher sie wei�, da� der Stein der Macht mehr als eine Legende ist? Vielleicht war es wirklich so, wie Gowenna dir erz�hlt hat, und sie kam hierher, um zu sterben, an den einzigen Ort auf der Welt, der einer Ausgesto�enen w�rdig ist. Aber sie fand nicht den Tod, sondern das Geheimnis der G�tter.�</p><p>Tantor brach ab, ersch�pft von seiner Rede und der Eindringlichkeit, die er in seine Worte gelegt hatte, und auch Skar schwieg f�r endlose, qu�lende Minuten.</p><p>�Selbst wenn du die Wahrheit sprichst�, sagte er dann, �selbst wenn alles so ist, wie du sagtest - was erwartest du von mir? Du hast selbst gesagt, sie wird Mittel finden, mich gef�gig zu machen.�</p><p>�Du sollst mir vertrauen, Skar, mehr nicht�, antwortete Tantor. �Ich wei�, es ist viel verlangt, nach allem. Aber wenn du mir nicht vertrauen kannst, so vergi� wenigstens nie, welche Macht du in H�nden h�ltst. Auch wenn es eine Macht ist, die du nicht anwenden kannst.�</p><p>�Was meinst du?�</p><p>Tantor starrte einen Moment in die Flammen, fuhr sich mit der Zungenspitze �ber die Lippen und nahm einen Glassplitter auf, um nerv�s damit zu spielen.</p><p>�Du erinnerst dich an die beiden Panzerriesen?� fragte er. �Die Wesen, die El-tra und dich besiegten?�</p><p>Skar nickte. Die Giganten waren ihnen nicht weiter gefolgt, aber er w�rde den Anblick nie wieder vergessen k�nnen. �Was du gesehen hast, war nur ein winziger Teil der Macht, die noch immer unter dem verbrannten Gesicht dieses Landes schlummert�, sagte Tantor. �Was glaubst du, was eine Armee dieser Ungeheuer anrichten kann. Einer von ihnen, Skar, ein einziger nur, reichte, um einen Satai und einen Sumpfmann zu besiegen, die beiden gef�rchtetsten Krieger, die Enwor in hunderttausend Jahren hervorgebracht hat. Nur einer!�</p><p>Skar begriff nur allm�hlich, worauf Tantor hinauswollte. �Du meinst, sie ... Vela k�nnte mehr von diesen Bestien wecken?�</p><p>�Vela?� Tantor lachte meckernd. <emphasis>�Du, </emphasis>Skar! Du hast sie geweckt, nicht Vela, nicht ich oder irgendein anderer. Du allein! Tuan ist nicht tot! Er schl�ft, aber der Stein der Macht erm�glicht es seinem Besitzer, seine Kr�fte zu beherrschen. Und du, Skar, du hast die Macht, es zu wecken.�</p><p>Skar schlo� mit einem nur halbwegs unterdr�ckten St�hnen die Augen. Er begriff pl�tzlich - endlich -, was Tantor ihm die ganze Zeit hatte sagen wollen, und die Erkenntnis traf ihn mit der Gewalt eines Keulenhiebes. In einer blitzartigen, bizarren Vision sah er sich selbst weiter durch Tuan ziehen, in seinem Kielwasser eine Armee von Monstern und Schrecken auferstehend, die durch seine blo�e Anwesenheit aus ihrem �onenlangen Schlaf geweckt worden waren. Er hatte mehr getan, als einen Schatz aus einem Tempel zu stehlen. Er hatte eine Entwicklung in Gang gesetzt, deren Ende er nicht einmal erraten konnte. Pl�tzlich wu�te er, was Gowenna gemeint hatte, als sie sagte, es reiche vollkommen aus, wenn er bei ihr war. Er mu�te nichts <emphasis>tun. </emphasis>Er mu�te nur da sein, mehr nicht. Er - etwas in ihm - war der Schrei, der Tuan wachrief. Und der Stein der Macht war der Schl�ssel, es zu beherrschen. �Ich habe nicht gewu�t, was das Wort <emphasis>Macht </emphasis>wirklich bedeutet, bevor ich dieses Land sah�, fuhr Tantor fort. Er starrte an Skar vorbei ins Leere, und es schien ihm auch vollkommen egal zu sein, ob Skar ihm �berhaupt noch zuh�rte. Er sprach nicht <emphasis>mit </emphasis>ihm, sondern eher in der Art eines Menschen, der sich etwas lange, zu lange Angestautes von der Seele redete. �Wei�t du, was ein Mensch anrichten kann, der die Macht hat, einem Land <emphasis>so etwas </emphasis>anzutun?!� Die letzten drei Worte schrie er. Er fuhr pl�tzlich herum, hieb mit der Faust auf den zu Glas geschmolzenen Boden und starrte Skar aus weit aufgerissenen Augen an. �Du willst wissen, warum ich dir das alles erz�hle�, keuchte er. �Ich habe Angst, Skar. Angst vor Vela, aber noch mehr Angst vor dir.�</p><p>�Dann t�te mich�, murmelte Skar. Er erschrak selbst �ber seine Worte, aber sie sprudelten einfach aus ihm heraus, ohne da� er etwas dagegen tun konnte, einfach deshalb, weil sie die einzig logische Konsequenz aus Tantors Worten waren.</p><p>�T�ten!� Tantor lachte bitter. �Ich habe daran gedacht�, gestand er. �Lange, Skar. Es h�tte auch mich das Leben gekostet, aber das spielt keine Rolle.�</p><p>�Und warum hast du es dann nicht getan?�</p><p>Wieder lachte Tantor, und diesmal klang es eher wie ein Schmerzenslaut. �Weil es nichts �ndern w�rde, Skar�, murmelte er. Er stand auf, zog - pl�tzlich wieder fr�stelnd - seinen Umhang enger um die Schultern und wandte sich zum Gehen. �Weil es nichts �ndern w�rde�, sagte er noch einmal. �Gar nichts.�</p></section><section><title><p id="_885">11.</p></title><p>Kurz darauf zogen sie weiter. Skar wurde, wie zuvor, sorgf�ltig von den anderen abgeschirmt, und auch Tantor zeigte sich nicht mehr in seiner N�he. Doch auch das Verhalten der Krieger, die Skar bewachten, schien sich zu �ndern - vielleicht fiel ihm aber auch jetzt, nachdem Tantor mit ihm geredet hatte, das sonderbare Benehmen der M�nner erst auf. Sie bewachten ihn sorgf�ltig, und zumindest einer, meistens jedoch mehrere, hielten immer eine gespannte und schu�bereite Armbrust in H�nden. Trotzdem f�hlte er, da� er mehr war als ein x-beliebiger Gefangener. Keiner der M�nner sprach mit ihm - so wie sie auch nicht miteinander sprachen -, aber er f�hlte, obwohl er die Gesichter hinter den schwarzen Masken nicht sehen konnte, ihre halb �ngstlichen, halb respektvollen Blicke, mit denen sie ihn ma�en, wenn sie glaubten, er merke es nicht.</p><p>Als es heller wurde, konnte Skar mehr von ihrer Umgebung erkennen. Die Hellgor schien mehr zu sein als ein willk�rlich entstandener Ri� - hier, auf dieser Seite der H�llenschlucht, bot sich Tuan dem Betrachter anders dar als hinter ihrer n�rdlichen Begrenzung. Der Boden war noch immer mit gr�nwei�em, geschmolzenem Sand bedeckt, und die Ruinen zogen weiter wie stumme schwarze W�chter an ihnen vor�ber, aber der glitzernde Panzer aus Glas war hier nicht ann�hernd so massiv wie weiter im Norden. Immer wieder passierten sie weite, flache Krater, an denen der gl�serne Mantel Tuans durchbrochen war und auf deren Grund Erde und Sand - verbrannt und zu schwarzer Asche verkohlt, aber nicht mehr geschmolzen - sichtbar wurden, und manche der Ruinen schienen kaum besch�digt. Und es gab Pflanzen; jedenfalls glaubte Skar anfangs, da� es sich um solche handelte: d�nne, glitzernde B�schel, die wie erstarrte Spinnweben aus dem aufgebrochenen Boden wuchsen. Erst nach einer Weile sah er, da� die Gew�chse - <emphasis>wenn </emphasis>es sich um Pflanzen handelte - eine ebenso bizarre Verwandlung durchgemacht hatten wie Tuan selbst. Sie schimmerten, je nachdem, wie sich das Licht der Sonne auf ihren Oberfl�chen brach, gr�n, manchmal auch wei� oder silbern, aber sie schienen aus Glas oder einer unbekannten wasserklaren Art von Kristall zu bestehen, und als Skars Pferd einmal versehentlich auf einen der kniehohen B�sche trat, zersprangen die Bl�tter wie por�ses Glas und zerfielen zu pulverigem, glitzerndem Staub. Skar wandte sich an einen seiner Bewacher und erkundigte sich nach den Kristallgew�chsen, bekam jedoch nur ein Kopfsch�tteln zur Antwort. Aber die Zahl und Gr��e der Kristallgew�chse nahm zu, je weiter sie nach S�den kamen, und schlie�lich waren es keine kleinen vereinzelten B�sche mehr, sondern gewaltige, baumgro�e Ansammlungen schimmernder Glasdolche und -speere.</p><p>Ist es Zufall, dachte Skar, da� hier alles zu Glas und glitzernder Starre gefroren ist? Oder haben die G�tter diesen Effekt beabsichtigt, um ihnen irgend etwas, irgend etwas, das sie vielleicht niemals begreifen w�rden, zu sagen?</p><p>Er fand keine Antwort auf diese Frage, wie auf so viele andere nicht, und nach einer Weile verga� er sie wieder. Sie ritten nicht sehr schnell, aber stetig, nach S�den und wichen nur einmal kurz von ihrem eingeschlagenen Kurs ab, um einem m�chtigen, undurchdringlich erscheinenden Wald der blitzenden Kristallb�ume auszuweichen. Erst lange, nachdem die Sonne den Zenit �berschritten hatte, tauchte ein Schatten vor ihnen am Horizont auf, wuchs langsam zu einem dunklen See aus Grau und Schwarz und gelegentlich aufblitzenden Lichtreflexen heran.</p><p>Skar fuhr aus dem ersch�pften, schon halb schlafenden D�mmerzustand hoch, in den er im Lauf des Nachmittages verfallen war, als Tantor neben ihm auftauchte. Der Zwerg hatte sein rotes Cape gegen eine entsprechend kleinere Ausgabe der schwarzen Lederharnische ausgetauscht und unterschied sich nun nur noch in Gr��e und Statur von seinen Kriegern. �Wir sind da�, sagte er. �Denke daran, was ich dir gesagt habe.�</p><p>Skar sah neugierig nach vorn. Er hatte mit einer Festung gerechnet, einer zerfallenen Stadt oder einer Ansammlung gewaltiger, geborstener T�rme, aber vor ihm lag ein g�hnender Krater, ein rundes, wie ausgestanzt wirkendes Loch in der glitzernden Panzerhaut Tuans, wo der Boden �ber einen Hohlraum zusammengebrochen und so einen fast hundert Mannesl�ngen messenden Schacht gebildet hatte. Seine R�nder waren scharf, wie abgeschnitten, und eine schr�ge, gut zehn Fu� messende Rampe f�hrte in einer weit gezogenen Spirale bis zu seinem Grund hinab. Skar sah weder W�chter noch irgendein anderes Anzeichen von Leben, aber die W�nde des Kraters, der sich nach unten verj�ngte und in einem gewaltigen Schuttberg endete, waren mit zahllosen �ffnungen und Eing�ngen �bers�t; ein unterirdisches Labyrinth, ein gewaltiger Ameisenbau, in dem sich eine ganze Armee verbergen konnte, ohne da� man eine Spur von ihr entdeckt h�tte.</p><p>�Irgendwie pa�t das zu dem Bild, das ich von euch habe�, murmelte er, w�hrend er neben Tantor in die Tiefe ritt. Der Wind blieb �ber ihnen zur�ck, und es wurde merklich w�rmer. Ein schwacher Geruch von Alter und Verfall wehte zu ihnen empor. �Ein Rattenloch.�</p><p>Tantor lachte leise. �H�te deine Zunge, Satai�, sagte er am�siert. �Sonst k�nnte es sein, da� dich die Ratten auffressen.� Skar schnitt eine Grimasse, schwieg aber. Er wu�te nicht, ob er Tantor vertrauen konnte. All das, was der Zwerg ihm erz�hlt hatte, konnte wahr sein - es konnte aber auch ein weiterer Trick sein, um sein Vertrauen zu erschleichen.</p><p>�Was machst du eigentlich, wenn ich Vela von unserem kleinen Gespr�ch erz�hle?� fragte er so leise, da� nur Tantor und nicht die vor und hinter ihnen reitenden Krieger die Worte verstehen konnten.</p><p>Tantor schwieg einen Moment. �Ich werde es leugnen, denke ich�, sagte er dann. �Obwohl es mir wohl nicht viel nutzen w�rde. Aber dir auch nicht. Und nun schweig. Auch diese W�nde haben Ohren.�</p><p>�Wo?� fragte Skar mit einem demonstrativen Rundblick.</p><p>Tantor warf ihm einen w�tenden Blick zu. �Dein Sinn f�r Humor ist manchmal recht eigentartig, Satai�, murmelte er. �Sieh hinunter auf den Grund des Kraters. Vielleicht d�mpft das deinen �bermut ein wenig.�</p><p>Skar gehorchte. Im ersten Moment erkannte er nichts au�er Bergen von Schutt und zerborstenem Fels, durchsetzt mit einem Diadem glitzernder Glasnester. Dann erkannte er, was Tantor ihm hatte zeigen wollen: Am Fu�e der Rampe, flankiert von vier von Velas Kriegern, stand eine Gestalt, ein sieben Fu� gro�er, breitschultriger H�ne, gekleidet in einen bodenlangen schwarzen Umhang, knielange Hosen und einen knapp sitzenden Lederharnisch. Das <emphasis>Tschekal </emphasis>an seiner Seite blitzte unter den schr�g einfallenden Strahlen der Sonne wie ein gefangener Lichtstrahl. Auf dem Haupt des Riesen sa� ein wulstiger, stachelbewehrter Helm, aber das Gesichtsvisier war hochgeschoben, und Skar bildete sich trotz der Entfernung ein, seine Z�ge zu erkennen. Sein rechter Arm war bandagiert und hing in einer Schlinge.</p><p>�Nun?� fragte Tantor, nachdem Skar eine Zeitlang stumm zu der Gestalt hinabgestarrt hatte. �Du lachst ja gar nicht mehr? Wo bleibt dein Humor, Satai?�</p><p>Skars Bewegung war zu schnell, als da� selbst Tantor noch h�tte reagieren k�nnen. Er fuhr im Sattel herum, ri� den Zwerg mit einer spielerischen Geste hoch und hielt ihn mit ausgestreckten Armen in der Luft. �Ich habe noch mehr davon, als du glaubst�, knurrte er. �Zum Beispiel f�nde ich es ungeheuer komisch, dich jetzt einfach loszulassen.�</p><p>Tantor begann zu kreischen. Unter seinen strampelnden Beinen lag ein fast hundert Fu� tiefer Abgrund. Wenn Skar ihn loslie�, w�rde er mit Sicherheit von der Rampe fallen und in die Tiefe st�rzen.</p><p>�H�r auf!� keuchte er. �Du bist irre!�</p><p>Skar lachte, setzte den Zwerg mit einem schmerzhaften Ruck in den Sattel zur�ck und gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter, der ihn um ein Haar wieder vom R�cken seines Tieres geschleudert h�tte. Mit einem neuerlichen, verzweifelten Kreischen krallte sich der Zwerg in der M�hne des Pferdes fest, angelte mit den F��en nach den Steigb�geln und richtete sich m�hsam auf.</p><p>�Dir werden die Scherze schon noch vergehen, Skar�, giftete er. �Rascher, als du glaubst. Warte, bis du dem Drachen gegen�berstehst.�</p><p>Skar ignorierte ihn und sah weiter zu Del hinab. Der junge Satai stand reglos wie eine Statue am Fu� der Rampe und erwartete ihr N�herkommen. In Skar krampfte sich irgend etwas zusammen, ein Gef�hl, als w�rde eine Stahlfeder gespannt, mit jedem Schritt, den sie n�her kamen, mehr. Er hatte gewu�t, was ihn erwartete, und er hatte geglaubt, darauf vorbereitet zu sein. Aber wie so oft war es eine Sache, �ber einen Schrecken nachzudenken, und eine andere, eine ganz andere, mit ihm konfrontiert zu werden.</p><p>Seine Attacke auf Tantor war nichts als eine Reaktion darauf gewesen, ein stummer optischer Schrei der Hilflosigkeit und Wut. Es kostete ihn unendliche M�he, seinen Blick von der Gestalt am Fu� der Rampe zu l�sen und sich im Sattel herumzudrehen. Er hatte w�hrend des gesamten Rittes wenig mehr als einen fl�chtigen Blick auf Gowenna oder die beiden Sumpfleute erh�schen k�nnen, und selbst jetzt noch ritt zwischen ihm und Gowenna fast ein Dutzend Krieger. Er konnte Gowennas Gesicht nicht erkennen, aber er sah, da� sie m�de und weit nach vorn gebeugt im Sattel hockte und offenbar alle M�he hatte, sich �berhaupt noch aufrechtzuhalten.</p><p>�Mach dir keine Sorgen�, sagte Tantor, als er seinen Blick bemerkte. �Ihr geschieht nichts. Und auch diesen beiden Schlammfressern nichts - solange du vern�nftig bist und tust, was man von dir verlangt, versteht sich.�</p><p>Skar drehte sich wieder herum, sah zuerst Tantor, dann Del, und dann wieder den Zwerg an. Er sprach kein Wort, aber etwas in seinem Blick brachte Tantor dazu, sein Pferd ein wenig weiter zur Seite zu lenken, obgleich er dadurch dem Abgrund bedrohlich nahe kam.</p><p>Sie erreichten den Fu� der Rampe, und die Krieger, die bisher vor und hinter Skar geritten waren, bildeten einen weit auseinandergezogenen Kreis um ihn herum. Gowenna und El-tra blieben weiter im Hintergrund.</p><p>In Skars Mund machte sich ein �bler Geschmack breit. Er war pl�tzlich ruhig, ganz ruhig, aber es war keine entspannende Ruhe, sondern jene angespannte Gelassenheit, die ihn normalerweise vor einem Kampf �berkam - seine Nerven schienen wie Stahlsaiten zum Zerrei�en angespannt, und er sah pl�tzlich jedes noch so winzige Detail seiner Umgebung mit �bernat�rlicher Klarheit. Die Reihe der Reiter vor ihm teilte sich, und Del trat, flankiert von seinen vier Begleitern, in den Kreis.</p><p>Mit raschen Schritten n�herte er sich Skar, blieb dicht vor ihm stehen und machte eine Bewegung mit der Linken. �Steig ab.� Skar fuhr beim Klang seiner Stimme zusammen, als h�tte er einen Schlag erhalten. Sein Blick saugte sich an Dels Gesicht fest, und was er sah, war schlimmer als alles, was er erwartet hatte. �Del�, keuchte er stockend, �du -�</p><p>�Steig ab, Skar�, unterbrach ihn Del hart. �Reden k�nnen wir sp�ter. Vela erwartet dich.�</p><p>Skar blieb noch sekundenlang reglos sitzen, ehe er - langsam und umst�ndlich wie ein alter Mann - aus dem Sattel stieg und neben dem Pferd stehenblieb. F�r lange Sekunden kreuzten sich ihre Blicke, und was Skar in den dunklen Augen des anderen sah, war <emphasis>Leben. </emphasis>Er h�tte es ertragen - hatte es sogar erwartet -, Del als seelenlose Puppe vorzufinden, als eine Marionette gleich den Kriegern, die sie get�tet hatten oder ihren W�chtern. Aber es war nicht so. Was immer mit Del geschehen war - es war kein Bann, kein Zauber oder wie immer man es nennen wollte. Pl�tzlich, ohne da� es einer Erkl�rung oder eines sichtlichen Grundes bedurft h�tte, wu�te Skar, da� Del alles, was er tat, <emphasis>freiwillig </emphasis>tat. Er stand unter Velas Bann, sicher, aber es war ein Bann anderer Art, als Skar erwartet hatte. Sie hatte ihn nicht <emphasis>gezwungen, </emphasis>mit ihm zu k�mpfen, begriff er pl�tzlich. Er hatte es aus freien St�cken getan, allein der Gedanke erschien Skar so wahnwitzig, da� er am liebsten laut aufgelacht h�tte.</p><p>�Hallo Del�, murmelte er. �Es ist lange her, da� wir uns gesehen haben.� Seine Stimme klang belegt, fremd in seinen eigenen Ohren.</p><p>In Dels Gesicht zuckte ein Muskel. Seine unverletzte Linke glitt mit einer kleinen nerv�sen Bewegung an seinem Umhang herab und umklammerte den Griff des Schwertes durch den Stoff hindurch. Sein Blick flackerte. Er drehte mit einem Ruck den Kopf, sah f�r die Dauer von drei, vier Atemz�gen weg und wandte sich dann �bertrieben hastig um. �Komm mit�, sagte er. �Du wirst alles erfahren.�</p><p>Skar r�hrte sich nicht. �Ich glaube, ich wei� schon zuviel, Del�, sagte er leise.</p><p>Del blieb stehen, sah ihn unsicher, aber auch trotzig und mit einem Ausdruck, der Skar fast wie Mitleid vorkam, an und sch�ttelte den Kopf. �Du wei�t nichts, Skar�, sagte er rauh. �Es ist zuviel geschehen, seit wir uns getrennt haben. Du bist nicht mehr der Mann, den ich kannte.�</p><p>Skar lachte leise. �Du auch nicht, Del.�</p><p>�Nun, dann haben wir wenigstens noch eines gemeinsam. Komm jetzt.� Diesmal klang Dels Stimme h�rbar ungeduldig, aber Skar r�hrte sich noch immer nicht.</p><p>�Was geschieht mit Gowenna und den beiden Sumpfm�nnern?� fragte er.</p><p>Del machte eine wegwerfende Handbewegung. �Mach dir keine Sorgen. Sie werden Nahrung und einen Platz zum Ausruhen bekommen. Was weiter geschieht, h�ngt von dir ab.�</p><p>�Du machst noch immer keine Umwege, wie?� fragte Skar. �Wenn ich nicht so handele, wie ihr wollt, dann t�tet ihr sie.�</p><p>�Vielleicht�, sagte Del kalt. �Aber wenn es dir lieber ist, da� ich dich bel�ge, dann sag es. Und nun komm - <emphasis>bitte.�</emphasis></p><p>Skar nickte, warf Tantor einen letzten, bitteren Blick zu und ging hinter Del her. Die Reihe der Krieger teilte sich vor ihnen. Ihre Eskorte blieb - einschlie�lich des Zwerges - zur�ck, und nur die vier Krieger, die zusammen mit Del hier unten auf sie gewartet hatten, begleiteten sie. Sie �berquerten den Kratergrund und stiegen �ber eine schr�ge, aus Schutt aufgesch�ttete und sorgf�ltig mit Sand gegl�ttete Rampe zu einem der Eing�nge hinauf.</p><p>Der Gang war von unz�hligen Fackeln taghell erleuchtet. Ein frischer, k�hler Luftzug schlug Skar entgegen, als er hinter Del geb�ckt durch den niedrigen Eingang trat. Der Weg f�hrte in sanfter Neigung in die Tiefe, und ein paarmal durchquerten sie hohe, verschieden geformte Hallen und R�ume, winzige Ausschnitte des unendlichen Labyrinths, das hier unten liegen mu�te.</p><p>Skars Verwirrung wuchs, w�hrend er Del tiefer in den Irrgarten aus steinernen G�ngen und Arkaden folgte. Die Architektur der R�ume war nicht menschlich, sie glich nichts, was er je gesehen hatte. Die G�nge waren verschieden hoch und breit, jeder anders geformt, und an den W�nden prangten Bilder oder jedenfalls etwas, das er f�r Bilder hielt. Es gab bizarre Dinge, deren Bestimmung er nicht einmal erraten konnte, dann wieder Treppen, die scheinbar vollkommen sinnlos nach oben oder unten f�hrten, manchmal gar vor massiven W�nden oder nach wenigen Stufen einfach in der Luft endeten. Und doch kam ihm all dies bekannt vor. Er hatte das Gef�hl, schon einmal hier gewesen zu sein, Dinge, die er nie zuvor gesehen hatte, genau zu kennen; das Gef�hl von etwas Vertrautem, ja, beinahe Heimeligem.</p><p>Nach einer Weile blieb Del stehen. Sie waren vor einer hohen, aus zwei ungleichm��igen Fl�geln zusammengesetzten T�r angekommen, zu der eine Anzahl schr�ger Stufen hinauff�hrte. Auf dem kleineren der T�rfl�gel prangte ein Symbol, das Skar vage an eine geballte Faust erinnerte, die einen Blitz umklammerte. Aber es konnte auch etwas vollkommen anderes sein.</p><p>�Ihr k�nnt gehen�, sagte Del, zu den Kriegern gewandt, die sie bis hierher begleitet hatten. Die M�nner drehten sich gehorsam um und gingen, aber Del wartete auch als sie den Raum verlassen hatten noch, bis ihre Schritte nicht mehr zu h�ren waren.</p><p>Skar l�chelte d�nn. �Ich nehme an, deine Herrin erwartet uns hinter dieser T�r�, sagte er.</p><p>Dels Gesicht blieb ausdruckslos, wie aus Stein gemei�elt. Er trat an die T�r, �ffnete sie mit einem Mechanismus, den Skar nicht erkannte, und machte eine einladende Handbewegung. Skar trat z�gernd an ihm vorbei.</p><p>Der Anblick traf ihn wie eine Ohrfeige.</p><p>Der Raum hinter der T�r war kein Raum, sondern streng genommen nur ein vergleichsweise schmaler, sichelf�rmiger Sims, hinter dem sich eine gewaltige, bodenlose H�hle erstreckte. Ihre gegen�berliegende Wand verlor sich in wogender Weite; Nebel stieg in d�nnen, geisterfingrigen Schwaden aus ihrer Tiefe empor und kroch �ber den Rand des Simses. Aber davon sah Skar kaum etwas. Auch nicht von der schlanken, wei�gekleideten Frauengestalt, die am Rand des Abgrundes stand und ihm und Del, der die T�r hinter ihm schlo� und sich neben ihm aufbaute, entgegensah. Sein Blick saugte sich an dem schwarzen Gewebe fest, das die H�hle wie klebrige Spinnf�den durchzog; ein Netz aus straff gespannten, miteinander verwobenen F�den, stark wie ein M�nnerarm und schwarz, ein Schwarz, das Skar in dieser Tiefe erst einmal gesehen hatte, langgestreckt, organische, verquollene Formen, die sich wie Teer, der zu F�den gezogen und dann erstarrt war, durch die Weite der H�hle zogen, hier und da zu Knoten und m�chtigen pulsierenden Klumpen zusammengewachsen, lebend, lebend, <emphasis>lebend...</emphasis></p><p>Daher dieses Gef�hl, dachte er. Selbst das Denken schien ihm M�he zu bereiten. Es war zu viel. Der Schock war zu gro�, und der Hieb kam aus einer Richtung, aus der er ihn nicht erwartet hatte. Daher dieses aberwitzige Gef�hl, schon einmal hiergewesen zu sein. Es war keine Einbildung gewesen. Er <emphasis>war </emphasis>schon einmal hiergewesen, oder zumindest an einem Ort wie diesem, irgendwo, am anderen Ende der Welt. <emphasis>Urc�un.</emphasis></p><p>Irgendwann, nach Stunden, wie es ihm vorkam, nach Stunden, die er gel�hmt und bet�ubt am Rand des Abgrundes gestanden und hinabgestarrt hatte, hinab in eine Tiefe, die tiefer als die Hellgor war, bodenloser als die H�lle, brach Del das Schweigen. �Das war es, was wir dir zeigen wollten�, sagte er. �Vielleicht begreifst du jetzt.�</p><p>Skar drehte sich um, sah zuerst Del, dann Vela an und sch�ttelte stumm den Kopf. Nein. Er begriff nicht. Aber er begann damit. Er begann Dinge zu ahnen, ein Wissen zu sp�ren, das er nicht haben wollte und gegen das er sich wehrte.</p><p>Es war nutzlos. Er hatte es die ganze Zeit �ber geahnt, aber irgend etwas in ihm hatte sich gegen die Erkenntnis gewehrt, hatte sie unterdr�ckt und verzweifelt vergraben.</p><p>Er sah auf, als er Schritte neben sich h�rte. Vela war sch�n, wie er sie in Erinnerung hatte, vielleicht noch sch�ner, jetzt, wo sich ihr Antlitz nicht hinter einem unansehnlichen grauen Schleier verbarg, sondern nur von lose fallendem Haar und einem d�nnen, silbernen Diadem eingerahmt wurde. <emphasis>Es w�re so einfach, </emphasis>dachte er. Sie standen kaum einen Fu�breit vom Abgrund entfernt, und auch Del, so nahe er war, w�rde nicht rasch genug reagieren k�nnen. Eine kurze Bewegung, ein Sto� ...</p><p>�Aber du bist kein M�rder, Skar�, sagte sie. Ihre Stimme klang sanft, gar nicht so, wie er sie erwartet hatte, und die Leere unter ihm sang eine unh�rbare Begleitmelodie zu ihren Worten. �Und du bist nicht sicher, ob es �berhaupt etwas �ndern w�rde.�</p><p>�Liest du meine Gedanken?� fragte er, nicht einmal sonderlich �berrascht.</p><p>Vela sch�ttelte den Kopf. �Es ist das zweite Mal, da� du mir diese Frage stellst�, sagte sie mit einem fl�chtigen, entschuldigenden L�cheln. �Und ich sage zum zweiten Mal nein. Aber es ist leicht zu erraten, was du denkst.�</p><p>Skar wandte sich ab, starrte wieder in die Tiefe. Nichts bewegte sich unter ihm, nur die Schatten wogten hierhin und dorthin, und trotzdem sp�rte er, da� unter ihm etwas war, <emphasis>lebte, </emphasis>ein pulsierendes, gro�es, unendlich gro�es und altes Etwas, kein Wesen, K�rper oder Geist, vielleicht Leben in seiner reinsten Form. Bisher hatte er Leben mit Bewu�tsein gleichgesetzt, aber vielleicht war das falsch. Vielleicht mu�te, was lebte, nicht denken, und vielleicht lebte nicht alles, was dachte.</p><p>�Del hat mir alles erz�hlt�, sagte Vela nach einer Weile.</p><p>Skar sah Del an, l�chelte und starrte weiter wortlos in die Tiefe. Er sp�rte den unsichtbaren Hauch, der ihn - nein, eigentlich nicht ihn, sondern vielmehr seine Seele, oder etwas <emphasis>in </emphasis>seiner Seele - streifte, und er wu�te pl�tzlich, da� die anderen es nicht sp�rten. Da� es trotz allem noch ein Geheimnis gab, das er nicht mit ihnen teilte.</p><p>�H�tte ich es vorher gewu�t -�</p><p>�Dann h�ttest du nicht Befehl gegeben, mich zu t�ten?� unterbrach Skar sie kalt.</p><p>Vela schwieg einen Moment. Irgend etwas ging in ihrem Gesicht vor, aber Skar konnte nicht erkennen, was. �Wie du willst�, sagte sie pl�tzlich ver�ndert, kalt und so hart wie das Glas, �ber das sie geritten waren. �Ich wollte fair zu dir sein, dir eine Chance geben -�</p><p>�Danke�, unterbrach Skar sie erneut. �Ich habe gen�gend Kostproben deiner <emphasis>Fairness </emphasis>bekommen. Ich brauche keine weiteren.� Er dachte an das, was ihm Tantor gesagt hatte, und jetzt wu�te er, da� der Zwerg die Wahrheit gesprochen hatte. Sie war kein Mensch mehr, nicht mehr wirklich. Er hatte den Atem des B�sen gesp�rt, als er zum ersten Mal in eine H�hle wie diese gekommen war, jenseits der Grenzen Tuans, tief unter den Sandmeeren der Nonokesh, und er sp�rte ihn jetzt wieder. Vielleicht war es nicht einmal b�se, sondern nur fremd. Doch wenn, dann war es so fremd, war diese Form von Leben so anders, da� sich das Ergebnis gleichblieb.</p><p>�Was du hier siehst�, sagte Vela, wieder in anderem Tonfall, dozierend, ruhig, als erkl�re sie einem Kind das kleine Einmaleins, w�hrend sie an den Abgrund trat und mir einer weit ausholenden Geste in die Tiefe deutete, �ist nur ein kleiner Teil eines gewaltigen Systems von H�hlen und Katakomben, die sich unter den Ebenen von Tuan erstrecken. Del erz�hlte mir, ihr w�ret auf eine �hnliche H�hle gesto�en, tief im Herzen der Nonakesh.� Skar nickte.</p><p>�Vielleicht ist es die gleiche�, sagte Vela versonnen. �Die Grenzen Tuans sto�en an die der gro�en W�ste - es w�re m�glich.�</p><p>�Und wenn?� fragte Skar achselzuckend. �Ich wei� nicht, worauf du hinauswillst, Vela - aber ich werde dir nie dienen.�</p><p>�Wie kommst du darauf, da� ich das im Sinn habe?� fragte Vela lauernd.</p><p>Skar deutete auf das Geflecht aus schwarzen Str�ngen. In einer der m�chtigen Verdickungen, nicht weit vom Rand des Simses entfernt, pulsierte etwas. �Es ist wohl kein Zufall, oder? Und es ist kein Zufall, da� die Festung am Rand der Nonakesh von den gleichen Wesen errichtet wurde, die Tuan erbauten. Nur die Rolle, die ich darin spiele, ist mir noch nicht ganz klar.�</p><p>Vela sch�rzte abf�llig die Lippen. �Du solltest deine Wichtigkeit nicht �bersch�tzen, Satai�, sagte sie, so betont gleichm�tig, da� dadurch schon fast wieder das Gegenteil zum Ausdruck kam. �Del erz�hlte mir von Urc�un und diesen n�rrischen Wilden, die eine verrottete Ruine als Sitz der G�tter anbeten. Setz mich nicht mit dieser N�rrin Coar gleich, Skar. Die Herren Urc�uns waren auch die Erbauer Tuans, das stimmt, aber sie waren keine G�tter. Sie waren Wesen wie wir.�</p><p>�Wesen wie wir?� Skar dachte an die Hoger und ihre t�dliche Brut, an den eisigen Hauch, der wie ein giftiger Nebel �ber den Ruinen Urc�uns gelegen hatte, und an seinen Dunklen Bruder, dieses Etwas, das er aus der H�hle unter der Tuan mitgebracht hatte.</p><p>�Wesen wie wir�, best�tigte Vela, �doch auf einer ungleich h�heren Stufe der Entwicklung.�</p><p>�Ja�, nickte Skar mit einem bitteren, humorlosen Lachen, �das habe ich gesehen. In Combat und auf dem Weg hierher.� Vela machte eine �rgerliche Geste. �Urteile nicht vorschnell, Skar. Was du gesehen hast, ist nichts als ein k�mmerlicher Rest ihrer einstigen Gr��e. Doch selbst dieses wenige, das �briggeblieben ist, w�rde ausreichen, diese Welt zu retten.�</p><p>Skar seufzte. �Schon wieder die alte Leier, Vela?� fragte er. �Ich bin in deiner Hand. Du hast den Stein, du hast Del und mich und Gowenna, und du hast die Macht, dir alles zu nehmen, was du willst. Es ist nicht mehr notwendig, die Heilige zu spielen.� Vela schwieg einen Moment. �Ich mache dir nichts vor, Skar�, sagte sie dann. �Was ich dir damals, in Ikne, gesagt habe, war die Wahrheit. Ich habe all dies getan, um diese Welt zu retten. Mit der Macht der Alten kann Enwor wieder werden, was es war - eine bl�hende Welt.�</p><p>�Unter deiner Herrschaft?�</p><p>�Und wenn? Was ist dir lieber - ein Enwor, wie es jetzt ist, eine sterbende Welt, die in unz�hlige kleine Reiche zerfallen ist, L�nder, in denen die Menschen entweder verhungern oder sich gegenseitig umbringen, oder ein Enwor, in dem Frieden herrscht. Ich will Macht, ja. Aber was ist dagegen zu sagen? Ich w�rde dieser Welt den Frieden bringen. Frieden und Wohlstand. Glaubst du nicht, da� der Preis, den ich daf�r verlange, angemessen erscheint?�</p><p><emphasis>Ihr G�tter, </emphasis>dachte Skar entsetzt, <emphasis>sie glaubt, was sie sagt!</emphasis> �Und selbst�, fuhr Vela fort, �wenn es so w�re, wie du glaubst, selbst wenn ich die machthungrige Bestie w�re, die du in mir siehst - Enwor ist gro�. Zu gro�, als da� die Spanne, die ich noch zu leben habe, ausreichen w�rde, diese ganze Welt zu erobern und zu unterdr�cken. Du kannst es drehen wie du willst: Ich werde mehr Nutzen als Schaden bringen. Denke daran, was du auf dem Weg hierher gesehen hast. Mit der Macht, die ich - die wir beide haben, Skar! -, k�nnen wir Enwor den Frieden bringen. Wir k�nnen die Quorrl in ihre Berge zur�ckjagen und all die kleinlichen Kriege und Grenzstreitigkeiten beenden.�</p><p>�Wie?� unterbrach Skar sie hart. �Indem wir die Welt verbrennen, so wie es die Herren Tuans taten?�</p><p>Vela sch�ttelte ungeduldig den Kopf. �Was geschah, wird sich nie mehr wiederholen k�nnen�, sagte sie �berzeugt. �Du kennst die Geschichte der Alten nicht, Skar, nicht so gut wie ich. Tuan und Combat verbrannten nicht unter dem Zorn der G�tter. Die Alten selbst waren es, die die Gewalten der Sch�pfung heraufbeschworen, aber sie wurden ihrer nicht mehr Herr. Es war ein Krieg, gef�hrt mit unvorstellbaren Waffen, aber er wird sich nie wiederholen k�nnen.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte Skar. �Wie auch, wenn es au�er dir niemanden g�be, der die Macht der Alten h�tte. Und sollte es irgend jemand doch versuchen, dann verbrennen wir sein Land und seine St�dte, bevor er zur Gefahr werden kann, nicht? So einfach ist das. Und warum auch nicht?� fuhr er mit bei�endem Spott fort. �Immerhin schneidet man einen Krankheitsherd auch heraus, bevor er den ganzen K�rper vergiften kann. Was macht es da f�r einen Unterschied, da� der Krankheitsherd eine Stadt ist und die Keime Menschen sind?�</p><p>�Es macht keinen Unterschied�, sagte Vela kalt. �Ich rede hier �ber den Fortbestand der menschlichen Rasse, Skar. Nicht �ber eine Stadt oder ein Volk.�</p><p>�Und nur das z�hlt.� Skars Stimme vibrierte vor ohnm�chtigem Zorn. �Du bist im falschen K�rper zur Welt gekommen, Vela. Du h�ttest eine Ameise werden sollen.�</p><p>�Beleidige mich ruhig, wenn es dich erleichtert�, sagte Vela. �Du wei�t sehr gut, wor�ber ich spreche.�</p><p><emphasis>O ja, </emphasis>dachte Skar. <emphasis>Und gerade das erschreckt mich.</emphasis></p><p>�Und was willst du nun wirklich von mir?� fragte er. �Meine Hilfe?�</p><p>Vela strich sich mit einer unbewu�ten Geste eine Haarstr�hne aus der Stirn. Im d�steren Licht der H�hle sah sie pl�tzlich um Jahre j�nger aus. �Ja�, sagte sie. �Es w�rde schon reichen, wenn ich dich in meiner N�he hielte, und ich k�nnte es, glaube mir. Ich k�nnte dich zu einer Puppe machen, wenn ich das wollte. Du hast die M�nner gesehen, die mir dienen? Was mit ihnen geschah, kann auch dir geschehen, Satai. Aber ich werde es nur tun, wenn du mich dazu zwingst. �berlege dir deine Entscheidung gut. Tantor hat die Wahrheit gesprochen, als er sagte, da� ich deine Hilfe nicht brauche.�</p><p>Skar fuhr unmerklich zusammen. Ein d�nnes, grausames L�cheln erschien auf Velas Lippen. �Ich wei�, was du jetzt denkst�, sagte sie. �Aber urteile nicht vorschnell �ber Tantor. Er hat nicht in meinem Auftrag gehandelt. Er war nur dumm. So dumm, zu glauben, da� ich seine l�cherliche Verschw�rung nicht durchschauen w�rde. Er hat mir sogar einen Gefallen getan. �berlege dir, ob du an meiner Seite die Welt regieren oder lieber zu einer hirnlosen Marionette werden willst.�</p><p>�Die Welt regieren ...� Skar lachte, aber es klang nicht halb so �berheblich, wie er beabsichtigt hatte. �Du bist nicht der erste Mensch, der davon tr�umt, Vela. Aber ich habe noch von keinem geh�rt, dem es gelungen ist.�</p><p>�Ich werde jetzt nicht mit dir streiten, Skar�, antwortet Vela k�hl. �Ich gebe dir drei Tage Zeit, deine Entscheidung zu bedenken. Vorher werde ich ein Nein nicht akzeptieren.�</p><p>�Was geschieht mit Gowenna?� fragte Skar.</p><p>Vela hob die Schultern. �Sei unbesorgt. Meine Leute geben ihr alles, was sie braucht. Wenn du die richtige Wahl triffst, Skar, wird sie weiterleben. Und wer wei� - wenn ich mit dir zufrieden bin, dann gebe ich ihr vielleicht sogar eines Tages ihr h�bsches Puppengesicht wieder.�</p><p>Skars H�nde zuckten. <emphasis>Hilf mir! </emphasis>dachte er. <emphasis>Gib mir Kraft, diese Bestie in Menschengestalt zu vernichten!</emphasis></p><p>Aber die Stimme seines Dunklen Bruder schwieg.</p></section><section><title><p id="_978">12.</p></title><p>Die n�chsten zwei Tage verbrachte er in einem winzigen, fensterlosen Raum, in den ihn Del nach dem Gespr�ch mit Vela brachte. Jedenfalls glaubte er, da� es zwei Tage waren; er bekam viermal Essen und schlief, zuerst lange und tief, dann noch mehrmals, aber jeweils nur f�r kurze Zeit. Die Alptr�ume kamen nicht wieder, und der Heiltrank, den Tantor ihm am ersten Abend brachte, vertrieb auch das Fieber vollkommen. Weder Del noch Vela lie�en sich w�hrend der Zeit seiner Gefangenschaft blicken, und die M�nner, die ihm Essen und Trinken brachten, waren wie die W�chter, die sie hierhergeleitet hatten - respektvoll, freundlich, aber stumm; nicht mehr als Maschinen, die ihre Aufgaben erf�llten und kaum in der Lage waren, einen eigenen Gedanken zu denken. Der Anblick der stummen Krieger erf�llte ihn jedesmal aufs neue mit Unbehagen, schlie�lich mit Furcht. Er hatte Velas Worte nicht vergessen, und auch, wenn er sich im ersten Augenblick eingeredet hatte, da� ihre Drohungen ihn nicht schrecken konnten, so tat der Anblick der stummen Puppen-Menschen doch seine Wirkung. Er zweifelte keinen Moment daran, da� sie auch ihn in eine leere H�lle verwandeln w�rde, wenn er sie dazu zwang. Und er wu�te auch, da� er sie nicht w�rde hintergehen k�nnen. Er hatte es versucht, Gowenna hatte es versucht, Tantor glaubte vielleicht jetzt noch, da� es ihm gelang ... Nein - wenn er sich ihr hingab, dann w�rde er es wirklich tun m�ssen. Vela geh�rte zu jenen Menschen, die - ganz egal, was man tat - alles zu ihrem Vorteil umm�nzen w�rden. Und sie wu�te, da� er es wu�te. Er w�rde ihr entweder freiwillig folgen, wie Del es tat, oder gar nicht. Die Alternative war ein Weiterleben als Zombie - oder der Tod.</p><p>Aber vielleicht war nicht einmal das ein Ausweg. Tantor hatte gesagt, da� es nichts �ndern w�rde, wenn er tot w�re, und je l�nger er in seiner Zelle sa� und gr�belte, desto mehr erschienen ihm die Worte des Zwerges wie eine d�stere Prophezeiung. Er brauchte nicht einmal mehr einen Beweis daf�r - Velas Verhalten, die trotz allem sorglose Art, in der er behandelt wurde, die Tatsache, da� sie ihm bewu�t die M�glichkeit gelassen hatte, diesen letzten Ausweg zu w�hlen, zeigte es ihm deutlich genug. Er hatte Angst vor dem Sterben, so wie jeder andere Mensch auch, aber er war auch ein Mann, zu dessen Leben der Tod viel intensiver und direkter geh�rte, als dies im allgemeinen der Fall war, und der es gewohnt war, den Tod - als letzte Konsequenz - einzuplanen und auch hinzunehmen. Nein - auch dieser Ausweg war ihm verwehrt.</p><p>Skar schrak aus seinen �berlegungen hoch, als er das Ger�usch des Riegels h�rte. Ein schmaler, flackernder Lichtstreifen fiel in seine Zelle, dann trat Del geb�ckt, eine brennende Fackel in der Rechten, durch den niedrigen Eingang. Er blieb stehen, sah sich demonstrativ in dem winzigen, kaum f�nf mal f�nf Schritte messenden Gela� um und deutete mit einer Kopfbewegung auf die T�r hinter seinem R�cken. �Komm mit.�</p><p>Skar stemmte sich langsam hoch. Seine Glieder waren steif vom langen reglosen Sitzen, und die Stunden der Ruhe schienen ihn eher geschw�cht als gest�rkt zu haben.</p><p>�Ist das nicht seltsam?� sagte er. �In einem Verlie� wie diesem haben wir uns kennengelernt - erinnerst du dich? Und auch damals warst du es, der mich herausgeholt hat.�</p><p>Dels Lippen zuckten. Er versuchte vergeblich, Skars Blick standzuhalten, trat schlie�lich mit einer �bertrieben hastigen Bewegung zur Seite und deutete erneut auf die T�r. Drau�en war das Ger�usch anderer Krieger zu h�ren. Del war nicht allein gekommen.</p><p>�Damals war es anders�, murmelte er. �Damals war ich dir etwas schuldig.�</p><p>�Und heute nicht?�</p><p>�Niemand hat dich gebeten, hierherzukommen�, gab Del heftig zur�ck. Skar hatte lange �berlegt, was er zu ihm sagen sollte, und es schien, als h�tte er die richtigen Worte gew�hlt. �Du bist gewarnt worden. Mehr als nur einmal.�</p><p>�Ich habe es nicht gewu�t�, sagte Skar. �Und ich h�tte es nicht geglaubt, wenn ich es gewu�t h�tte. Ich h�tte nicht geglaubt, da� ein Mann von einem Augenblick zum anderen zehn Jahre seines Lebens so einfach streichen kann.�</p><p>Del fuhr sichtlich zusammen. Seine Hand, die die Fackel hielt, zitterte. Erneut - und wieder vergeblich - versuchte er, Skars Blick standzuhalten, sah schlie�lich zu Boden und sog h�rbar die Luft zwischen den Z�hnen ein.</p><p>�So ist es nicht, Skar�, sagte er halblaut.</p><p>�Nein? Dann sag mir, wie es ist? Hat sie dich verhext? Erz�hl mit nicht, da� du den Verlockungen einer sch�nen Frau erlegen bist.� Del wollte antworten, aber Skar trat mit einem raschen Schritt an ihm vorbei, zog die Zellent�r ins Schlo� und baute sich mit verschr�nkten Armen davor auf.</p><p>�Was soll das?� fragte Del.</p><p>�Ich will mit dir reden�, antwortete Skar ruhig. �Allein.�</p><p>�Gib die T�r frei!� Del versuchte an ihm vorbeizukommen, aber Skar versetzte ihm einen so heftigen Sto� vor die Schulter, da� er durch den winzigen Raum taumelte und gegen die Wand stie�.</p><p>�Ich will dir nur ein paar Fragen stellen, mehr nicht�, fuhr er ruhig fort. �Und ich schw�re dir, da� ich dich windelweich dresche, wenn du versuchst, durch diese T�r zu gehen.�</p><p>Del wollte auffahren, belie� es aber bei einem finsteren Blick. Er schien zu sp�ren, da� Skar seine Worte ernst meinte. Und er wu�te, da� er keine Chance haben w�rde; nicht in diesem engen Raum und mit einer gebrochenen Hand.</p><p>�Dann sprich�, knurrte er. �Aber mach es kurz. Vela erwartet uns.�</p><p>�Vela erwartet uns�, �ffte Skar seine Worte nach. �Vela will dies, Vela will das - ich glaube, sie braucht nur mit den Fingern zu schnippen, und du kommst angekrochen wie ein Hund.�</p><p>�Was geht dich das an?� gab Del patzig zur�ck. Aber er brachte es immer noch nicht �ber sich, Skars Blick standzuhalten. �Vielleicht nichts�, murmelte Skar. �Du bist alt genug, um zu wissen, was du tust. Ich m�chte nur wissen, warum - das ist alles. Was hat sie dir versprochen, da� du von einem Tag auf den anderen alles vergi�t, was du jemals gesagt und gedacht hast.� Del schwieg einen Moment. �Vergessen�, murmelte er. �Was wei�t du denn! Was wei�t du, was ich denke oder gedacht habe! Was wei�t du �berhaupt von mir!�</p><p>�Genug, Junge�, sagte Skar sanft. �Genug, um -�</p><p>�Nenn mich nicht Junge!� br�llte Del in pl�tzlichem, j�hem Zorn. �Ich bin verdammt alt genug, um zu wissen, was ich zu tun und zu lassen habe. Und h�r auf�, fuhr er ruhiger, aber noch immer deutlich erregt fort, �an unserer <emphasis>Freundschaft </emphasis>zu appellieren !� Er spie das Wort aus, als w�re es etwas Obsz�nes. �Wir sind seit zehn Jahren zusammen, Skar, und in diesen zehn Jahren ist kein Tag vergangen, an dem du mir nicht ununterbrochen gesagt hast, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich habe genug davon!� Skar l�chelte. �Ist es das?� fragte er sp�ttisch. �Hat sie dir erz�hlt, da� du endlich erwachsen geworden bist?�</p><p>�Unsinn�, widersprach Del. �Es ist nicht <emphasis>das. </emphasis>Aber es ist <emphasis>auch das. </emphasis>Du hast mich niemals verstanden, Skar. Du wolltest es nicht. F�r dich ...� Er stockte, suchte sichtlich nach Worten. �F�r dich war ich nur ein ... nur Material. Ein Rohling, aus dem du einen Satai formen konntest, ein ... ein Ding, das du bearbeitet, geknetet und geschnitzt hast, so lange, bis es deinen Vorstellungen entsprach.�</p><p>�Ich habe dich niemals zu etwas gezwungen.�</p><p>Del lachte bitter. �O ja, Skar, das stimmt. Das hast du nicht n�tig gehabt. Du hast auch so erreicht, was du erreichen wolltest.�</p><p>�Aber du hast es freiwillig getan�, sagte Skar erschrocken. �Du h�ttest jederzeit aufh�ren k�nnen. Ein Wort h�tte ge-�</p><p>�Das ist nicht wahr, und du wei�t es�, unterbrach ihn Del. �Du hast niemals wirklich einen Menschen in mir gesehen, Skar. F�r dich war ich immer nur ein Satai, und ich glaube fast, du siehst die ganze Welt so - zwei Gruppen, von denen die eine Satai und die andere keine Satai sind, nicht? Du hast es mir eingeredet, immer und immer wieder, so lange, bis ich selbst es geglaubt habe, bis ich selbst nicht mehr wu�te, da� es da noch etwas anderes gibt. Du hast mir alles beigebracht, was du wu�test, Skar - hundert M�glichkeiten, einen Menschen zu t�ten, mit hundert verschiedenen Waffen, mit tausend Tricks, einen Gegner zu �berlisten, ein Heer in die Irre zu f�hren oder ein Schiff zu versenken. Aber es gibt Dinge, die hast du mit keinem Wort erw�hnt. Weil du sie selbst nicht kennst. Du bist seit vierzig Jahren Satai, aber hast du in all der Zeit auch nur einen Tag <emphasis>gelebt?�</emphasis></p><p>Skar antwortete nicht. Langsam, ganz langsam nur, begann er zu ahnen, was mit Del geschehen war.</p><p>�Du -�</p><p>�Ich bin dir dankbar, Skar�, fuhr Del fort. �F�r alles, was du f�r mich getan hast. Und ich bin nicht dein Feind, das mu�t du mir glauben. Ich ... du darfst nicht denken, da� ich gerne gegen dich gek�mpft habe.�</p><p>�Und doch w�rdest du es wieder tun�, murmelte Skar, �wenn sie es von dir verlangte.�</p><p>Del nickte.</p><p>�Nun gut�, fuhr Skar nach einer Ewigkeit bedr�ckenden Schweigens, das sich wie ein erstickender Hauch in der winzigen Kammer ausbreitete, fort, �ich glaube, ich habe begriffen. Aber wenn dir unsere Freundschaft und die zehn Jahre, die wir Seite an Seite geritten sind, nichts mehr bedeuten, dann beantworte wenigstens deinem Lehrmeister eine Frage. Das bist du ihm schuldig.�</p><p>�Ich schulde dir mehr als das, Skar�, murmelte Del. Seine Stimme zitterte. �Aber ich werde meine Schuld nicht zur�ckzahlen k�nnen.�</p><p>�Ist eine Antwort zuviel verlangt f�r zehn Jahre meiner Zeit?� fragte Skar hart.</p><p>�Welche Antwort? Die Antwort auf die Frage, f�r welche Seite ich mich entscheiden w�rde, wenn ich w�hlen mu�?�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. �Nein, Del. Diese Antwort kenne ich schon, und ich nehme sie hin, auch wenn es schmerzt. Aber bist du dir dar�ber im klaren, da� Vela dich benutzt, so wie sie mich und Gowenna und all die anderen benutzt hat? Da� du f�r sie nur ein Werkzeug bist.�</p><p>Del starrte ihn sekundenlang ausdruckslos an, senkte dann den Blick und schluckte schwer. �Ja�, sagte er. �Ich wei� es. Und ich wei� auch, da� sie mich nur so lange an ihrer Seite dulden wird, wie ich ihr n�tzlich oder zumindest nicht hinderlich bin. Ich wei�, da� sie mich benutzen und dann wegwerfen wird, vielleicht in zehn Jahren, vielleicht schon morgen. Das war es doch, was du sagen wolltest, oder?�</p><p>Diesmal war es Skar, der vergeblich nach Worten suchte. �Ich wei� das alles�, sagte Del noch einmal. �Ich wei� es, und es ist mir gleich, Skar. Ich kenne sie, vielleicht besser als dich, und ich wei�, da� das einzige wirkliche Gef�hl, zu dem sie f�hig ist, der Durst nach Macht ist. Ich wei�, da� es nicht ewig dauern wird, und da� sie mich verjagen oder t�ten wird, wenn die Zeit um ist. Aber es ist mir gleich. Selbst wenn ich w��te, da� es nur noch bis zum n�chsten Sonnenaufgang dauert, w�re es mir gleich. Zwischen uns ist etwas, das du niemals begreifen kannst, Skar. Ich kenne den Preis, und ich wei�, wie hoch er ist, aber es macht mir trotzdem nichts aus, ihn zu zahlen.</p><p>Ich liebe sie, Skar.�</p></section><section><title><p id="_1021">13.</p></title><p>Vela erwartete ihn im Innenhof der unterirdischen Festung, dem Boden des Kraters, durch den sie das Labyrinth betreten hatten. Skar blinzelte ein paarmal, als er nach zwei Tagen wieder ins Freie trat und zum ersten Mal wieder das Licht der Sonne sah. Er h�rte Ger�usche und sp�rte, da� er von zahlreichen Menschen umgeben sein mu�te, sah aber im ersten Moment nichts au�er verschwommenen Schleiern und Schatten. Es dauerte Minuten, bis sich seine Augen wieder an das grellrote, gnadenlose Licht der Sonne gew�hnt hatten und er wieder klar sehen konnte.</p><p>Der Krater war nicht mehr leer wie beim ersten Mal, als er ihn betreten hatte. Sie waren auf einem Segment der Rampe herausgekommen, das vielleicht zwanzig Fu� �ber dem eigentlichen Kraterboden lag, und neben, �ber und unter ihm befand sich eine gro�e Anzahl von Kriegern; an die hundert, sch�tze er nach einem kurzen Rundblick. Wenig, wenn man die Zahl h�rt und in Dimensionen von Heeren und Armeen zu denken gewohnt ist; und doch beeindruckend viel, wenn man sie vor sich sieht; einhundert stumme, schwarz gekleidete Krieger, keiner weniger als sechs Fu� gro� und jeder eine zum T�ten abgerichtete Kampfmaschine. Genug, ein K�nigreich zu erobern, dachte Skar. Oder die Welt.</p><p>Del ber�hrte ihn am Arm und wies in den Krater hinab. Vela war am Fu� des Schuttberges, der einen wesentlichen Teil des Innenraumes ausf�llte, erschienen. Sie trug das gleiche wei�e Kleid, in dem er sie zum ersten Mal gesehen hatte, und in ihrem Haar schimmerten Juwelen. An ihrer Seite hing etwas Kleines, Blitzendes.</p><p>Und hinter ihr hockte der Drache.</p><p>Im ersten Moment hatte Skar das Tier vor dem zerkl�fteten Gebirge aus Stein- und Glastr�mmern nicht gesehen. Der K�rper der Bestie war grau, ein Alptraum aus Panzerplatten und gestaltgewordenem Schrecken, aber seine Konturen schienen best�ndig zu zerflie�en, hierhin und dorthin zu wogen und wie Nebel zu wallen, so da� es Skar schwerfiel, seine genauen Umrisse auszumachen. Mimikri, dachte er, die perfekteste Tarnung, die er jemals - vielleicht mit Ausnahme der Sumpfleute - erlebt hatte. Die Haut des Ungeheuers schien zu leben, und wenn es auch in Wirklichkeit nur die Schattierungen und Graut�ne seines Panzers waren, die sich best�ndig ver�nderten, auf jeden Schatten, jeden einfallenden Lichtstrahl reagierten, so t�uschten sie Skars Auge selbst jetzt noch nachhaltig. Das Tier war gewaltig. Sein Gewicht mu�te das eines Walfisches �bersteigen, und sein h��licher, dreieckiger Sch�del pendelte zwanzig, f�nfundzwanzig Fu� �ber seiner Herrin. Im ersten Moment dachte Skar, das Tier schliefe, aber als er n�her kam, fing er einen Blick der l�cherlich kleinen, t�ckischen roten Augen der Bestie auf.</p><p>Das Monstrum ruhte, aber es schlief nicht. Wie das Land, das es geboren hatte, lag es best�ndig auf der Lauer, bereit, unvermittelt loszubrechen und den Tod oder Schlimmeres zu bringen. Ein scharfer Geruch nach S�ure und Tod wehte zu Skar her�ber, und f�r einen winzigen Moment sah er Gowennas ver�tztes Gesicht vor sich.</p><p>Vela beendete ihre Unterhaltung mit Tantor, als Del und er n�her kamen. Sie wandte sich ihm zu, scheuchte die Krieger, die in ihrer unmittelbaren N�he standen, beiseite und trat dann mit einer genau �berlegten Bewegung neben Del.</p><p>�Ich sehe, du hast dich erholt�, begann sie. �Verzeih, wenn deine Unterbringung nicht allzu bequem war. Aber wir sind hier nicht auf Besuch eingerichtet.�</p><p>�Die drei Tage sind noch nicht um�, sagte Skar. Pl�tzlich wollte er nichts als weg hier. Selbst der Gedanke an das finstere, feuchte Verlie� und die Angst, die in ihm lauerte, erschien ihm nicht so schrecklich wie die Gegenwart Velas und ihrer Bestie.</p><p>�Selbstverst�ndlich nicht�, sagte Vela. �Aber es ist... etwas geschehen, das mich bewegen hat, meine Pl�ne zu �ndern. Wir werden diesen Ort verlassen, noch heute. Ich w�rde es begr��en, deine Entscheidung vorher zu wissen.�</p><p>�Du kennst sie�, antwortete Skar. �Ich bin nicht Del. Du kannst mich in St�cke schneiden, wenn du willst, aber ich werde nie vor dir kriechen.�</p><p>Vela l�chelte, aber es war ein L�cheln, das Skar einen eisigen Schauer �ber den R�cken laufen lie�. �Da w�re ich an deiner Stelle nicht so sicher�, sagte sie freundlich. �Aber bitte - ich habe dir drei Tage Bedenkzeit versprochen, und ich halte mein Wort. Der Weg nach Elay ist weit. Du hast noch Zeit genug, dir deine Entscheidung zu �berlegen. Du -�</p><p>�Was ist mit Gowenna?� unterbrach Skar sie.</p><p>�Was soll mit ihr sein? Sie lebt. Noch.�</p><p>�Ich will sie sehen�, verlangte Skar. �Sie und die beiden Sumpfm�nner.�</p><p>�Jetzt?�</p><p>�Jetzt�, best�tigte Skar. �Vorher sage ich kein Wort.�</p><p>Vela seufzte. �Wie edel! Der gro�e Satai besinnt sich auf seine Rolle als R�cher der Hilflosen und Schwachen, wie? Aber wie du willst.� Sie gab Tantor einen Wink und fuhr, ohne sich zu dem Zwerg umzuwenden, fort: �Wir werden dicht an der Grenze zu Cosh vor�berkommen, wenn wir Tuan verlassen. Wenn du willst, lasse ich die beiden Sumpfm�nner frei. Ich habe keine Verwendung mehr f�r sie.�</p><p>�Warum bringst du sie dann nicht um?� fragte Skar b�se. Vela �berging die Beleidigung, ohne mit der Wimper zu zucken. �Es scheint dir Freude zu bereiten, mich f�r eine M�rderin zu halten�, sagte sie ruhig. �Aber ich bin keine. Ich t�te nicht ohne Notwendigkeit.�</p><p>Skar starrte sie finster an. �O verzeih, ich verga�. Du t�test nicht, du <emphasis>l��t t�ten. </emphasis>Aber der Unterschied ist nicht so gro�, wie du denkst. Vielleicht klebt an meinen H�nden mehr Blut als an deinen, aber ich habe niemals M�nner um eines grausamen Effektes willen in den sicheren Tod geschickt.�</p><p>�Du meinst die W�chter der Br�cke?� Vela machte eine wegwerfende Handbewegung. �Ja, ich erinnere mich - Tantor erz�hlte mir, da� du es f�r Mord hieltest.�</p><p>�Und wof�r h�ltst du es?�</p><p>Der Drache knurrte; ein tiefer, grollender Laut, der den Boden unter seinen F��en vibrieren lie�. Der gewaltige Schlangenhals senkte sich mit einer flie�enden, raschelnden Bewegung, und der Blick seiner t�ckischen Augen richtete sich auf Skar, der unwillk�rlich einen halben Schritt zur�ckwich.</p><p>�Du kennst diese M�nner nicht�, antwortete Vela. �Ich habe jeden einzelnen meiner Krieger sorgsam ausgesucht. Es ist nicht einer unter ihnen, der nicht mindestens einen Mord begangen h�tte. Sie sehen vielleicht aus wie Menschen, Skar, aber sie sind keine. Sie sind Dreck, Abschaum, f�r den der Tod noch zu schade ist. Ich habe die meisten aus Gef�ngnissen oder vom Strick freigekauft. Was spielt es f�r eine Rolle, wenn sie sterben?�</p><p>Skar resignierte. Es hatte keinen Sinn, mit Vela zu reden, nicht �ber dieses Thema und nicht jetzt. Sie sprachen zwei verschiedene Sprachen, und dort, wo sie sich vielleicht verstehen konnten, wollten sie es nicht. Er senkte m�de den Kopf, drehte sich halb um und sah an Vela vorbei an der Kraterwand hinauf. Vela hatte so laut gesprochen, da� zumindest ein gro�er Teil der Krieger ihre Worte verstanden haben mu�te. Aber keiner von ihnen zeigte auch nur die mindeste Reaktion.</p><p>�Wohin�, fragte er nach einer Weile, �gehen wir von hier aus?�</p><p>�Nach Elay�, antwortete Vela. �Auf dem direkten Weg - an Cosh vorbei, um das Gebirge herum und dann nach Norden.�</p><p>�Ein weiter Weg.�</p><p>�Wir haben Zeit. Ich habe ein Jahrzehnt gewartet - was machen da ein paar Monate f�r einen Unterschied?� Sie lachte, trat zu ihrem Drachen und schlug ihm wuchtig mehrmals hintereinander mit der flachen Hand an die Seite. Es klang, als h�tte sie gegen Stahl geschlagen. Das Tier knurrte zufrieden, obwohl es die Ber�hrung kaum gesp�rt haben konnte. Der Sch�del auf dem unm�glich langen Schlangenhals beugte sich zu der Errish herab; das Maul klaffte auf. Ein scharfer, bei�ender Gestank wehte hinter seinen Sichelz�hnen hervor. Seine Zunge, gespalten wie die einer Schlange und lang wie ein M�nnerarm, tastete nach Velas Gesicht, ber�hrte es aber nicht.</p><p>�Siehst du, Skar�, sagte Vela im Plauderton. �Das ist Macht.� Sie schlug noch einmal mit der Faust gegen die grauen Schuppen des Ungeheuers, drehte sich um und lehnte sich l�ssig gegen die Flanke des Drachen. �Wie w�rde es dir gefallen, ein solches Ungeheuer zu beherrschen?�</p><p>Skar antwortete nicht, aber Vela schien auch gar nicht damit gerechnet zu haben. �Und das ist nur der Anfang�, fuhr sie fort. �Es wird nicht mehr lange dauern, dann liegt uns die Welt zu F��en. <emphasis>Uns, </emphasis>Skar. <emphasis>Dir und mir. </emphasis>Ein Wort von dir gen�gt, und du herrschst an meiner Seite.�</p><p>Skar sah in Dels Gesicht. Die Z�ge des jungen Satai waren starr, von jener Ausdruckslosigkeit, hinter der sich m�hsam aufrechterhaltene Beherrschung verbarg. Aber tief unter ihnen, unter der Oberfl�che des Sichtbaren, schien ein gro�er, qualvoller Schmerz zu lodern. Und f�r einen Moment teilte Skar diesen Schmerz mit ihm, empfand er nichts mehr von dem Zorn und der Entt�uschung, die noch vor Augenblicken in ihm gewesen waren, sondern nur noch Mitleid.</p><p>Und trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb, das blieb sich gleich - stie� er das Messer noch tiefer in die Wunde und drehte es herum. �Du hast es geh�rt, ja?� fragte er bewu�t sp�ttisch und verletzend. �Sie bietet mir an, was <emphasis>du </emphasis>haben willst, Del.�</p><p>Del schwieg. Seine unverletzte Hand zuckte.</p><p>�Vielleicht hast du dich get�uscht, vorhin�, fuhr er fort. �Vielleicht dauert es nicht einmal mehr bis zum n�chsten Sonnenaufgang, Junge. Ein Wort von mir gen�gt -�</p><p>�Ich unterbreche eure kleine Unterhaltung nur ungern�, fiel ihm Vela ins Wort, �aber du verschwendest deine Zeit, Satai. Del dient mir freiwillig, und er wei�, da� er den Platz an meiner Seite zwar einnehmen, aber niemals beanspruchen kann. Du siehst, ich bin ehrlich. So ehrlich, wie ich auch zu dir bin.�</p><p>Skar fuhr mit einer w�tenden Bewegung herum. Aber er sagte nichts von alldem, was ihm auf der Zunge lag. Velas Worte waren nicht nur einfach hingeworfen - sie hatte sich jeden Satz, jede Betonung, ja, selbst jede kleine Geste �berlegt. Alles was sie tat, war Berechnung, ein weiterer Zug in dem Spiel, das sie spielte. Sie <emphasis>wollte </emphasis>ihn verletzen, <emphasis>wollte, </emphasis>da� er sie ha�te, mit aller Inbrunst, die er aufbringen konnte.</p><p>Das Ger�usch schwerer, klirrender Schritte durchbrach das Schweigen. Eine Abteilung Soldaten trat in den Krater, in ihrer Mitte Gowenna und die beiden Sumpfm�nner f�hrend. Die beiden El-tra waren in Ketten; zus�tzliche, aus Leder geflochtene Stricke fesselten ihre F��e, so da� sie sich nur mit winzigen trippelnden Schritten vorw�rts bewegen konnten. Ihre Umh�nge waren zerschlissen und verschmutzt. Gowenna selbst war nicht gebunden, aber von einem dichten Kordon von Kriegern umgeben. Die Abteilung blieb stehen, und der Anf�hrer wandte sich mit einem fragenden Blick an Vela. �Bringt sie her!�</p><p>Die Reihe der Krieger teilte sich, und Gowenna stolperte, durch einen r�den Sto� in den R�cken vorw�rts getrieben, auf Skar zu. Sie taumelte. Skar trat rasch einen Schritt vor, fing sie auf und hielt sie fest. Er sp�rte, wie ihre Glieder zitterten. Sie roch schlecht, nach Krankheit und Blut und ihrem eigenen Schmutz, und als sie den Kopf hob, sah Skar frische blutige Striemen auf der unverletzten Seite ihres Gesichtes.</p><p>Ein w�tender Schmerz erwachte in seinem Inneren. �Ungeheuer�, fl�sterte er. �Du verdammtes, seelenloses Ungeheuer. Du ... du hast sie foltern lassen.�</p><p>Vela l�chelte kalt. Sie kam n�her, ma� Gowenna mit einem mitleidlosen Blick und gab ein kleines sp�ttisches Ger�usch von sich. �R�hrend�, sagte sie. �Ein wirklich herzergreifendes Bild.� Skar fuhr mit einer so abrupten Bewegung herum, da� Gowenna vor Schmerz aufst�hnte. �Warum hast du das getan?� br�llte er.</p><p>�Wir hatten eine kleine ... Meinungsverschiedenheit�, sagte Vela achselzuckend. �Aber ich hoffe, unsere Diskrepanzen sind jetzt beigelegt. Nicht wahr, mein Liebes?� Sie l�chelte zuckers��, legte die Hand unter Gowennas Kinn und bog ihren Kopf in den Nacken, so da� sie sie ansehen mu�te. �Wir sind wieder vers�hnt, nicht?� Gowennas Lippen zuckten. �Ja ... Herrin�, fl�sterte sie. Skar hatte das Bed�rfnis zu schreien, als er ihre Stimme h�rte. Sie hatte nichts mehr mit der Gowenna gemein, die er kannte. Das zitternde B�ndel, das er in den Armen hielt, war nicht mehr die stolze Kriegerin, sondern ein gebrochener, ver�ngstigter Mensch, der au�er zu Furcht zu keiner anderen Regung mehr f�hig schien. Er wu�te nicht, was Vela ihr angetan hatte, aber nicht einmal zwei Tage hatten gereicht, sie zu zerbrechen.</p><p>�Genug�, sagte Vela in ver�ndertem Tonfall. �Du wolltest sie sehen, und dein Wunsch wurde erf�llt. Aber ich werde gro�z�gig sein - wir brechen in zwei Stunden auf. So lange k�nnt ihr euch von mir aus gegenseitig bemitleiden.� Sie trat zur�ck und klatschte in die H�nde. �Bringt sie fort!�</p></section><section><title><p id="_1066">14.</p></title><p>Die Zelle war klein und fensterlos wie die, in der er die letzten beiden Tage gewesen war, aber sie hatten ihm wenigstens eine Fackel gegeben und Wasser und sauberes Tuch, um Gowennas Wunden zu versorgen. Es war nicht viel, was er tun konnte - die Striemen auf ihrem Gesicht und die Wunden auf ihrem R�cken waren oberfl�chlich, nicht mehr als Kratzer. Die wirkliche Wunde blieb unsichtbar, tief in ihr vergraben, eine Verletzung, die - wenn sie �berhaupt wieder heilen w�rde - eine tiefe, schw�rende Narbe auf ihrer Seele hinterlassen w�rde. Skar zog ihr Umhang und Unterzeug aus, versorgte die Striemen, die die Peitsche gerissen hatte, und wusch sie mit dem kleinen Rest schmutzigen Wassers, das ihm verblieben war. Ihre Kleider stanken unertr�glich, und es kostete Skar ein gro�es Ma� an �berwindung, wenigstens den gr�bsten Schmutz zu entfernen und sie zu waschen. Er fragte Gowenna nicht, aber ihr Zustand zeigte ihm deutlich, da� sie w�hrend der letzten beiden Tage wie ein Tier gehalten worden war: gefesselt, geschlagen, unf�hig, selbst die dringendsten k�rperlichen Bed�rfnisse zu verrichten. Es war nicht so sehr geschehen, um ihr Schmerzen zuzuf�gen - wie er war Gowenna ein Mensch, dem Schmerz etwas Vertrautes war und der ihn ertragen konnte. Was sie nicht hatte ertragen k�nnen, war die Erniedrigung. Sie sagte es nicht, aber er las es in ihrem Blick, in der reglosen, starren Art, in der sie dalag und teilnahmslos alles mit sich geschehen lie�.</p><p>Es dauerte fast eine Stunde, bis er fertig war und sie ihren Mantel wieder �berstreifte. Danach sa�en sie lange, wortlos und aneinandergeklammert in einer Ecke der Zelle. Gowenna weinte leise, aber auch ihre Tr�nen versiegten schon bald wieder.</p><p>Nach einer Weile h�rten sie Schritte. Die Zelle wurde ge�ffnet, und ein Krieger brachte eine Schale mit frischem Wasser und trug das verschmutzte fort. Skar wartete reglos, bis sie wieder allein waren, dann lehnte er Gowenna behutsam gegen die Wand, nahm die Schale auf und setzte sie ihr an die Lippen.</p><p>�Trink�, sagte er. �Du mu�t durstig sein.�</p><p>Gowenna versuchte es, aber ihre Lippen weigerten sich, ihrem Willen zu gehorchen, so da� sie das meiste versch�ttete. Skar nahm ihr Gesicht in die Hand, �ffnete ihren Mund mit sanfter Gewalt und zwang sie zu trinken. Erst als die Schale vollends geleert war, setzte er sie ab und nahm Gowenna erneut in die Arme. Sie zitterte, aber nicht vor K�lte, obwohl die Luft auch hier, tief unter der Erde, noch eisig war und ihr Atem in blassen Dampfschwaden kondensierte. Nicht einmal die Fackel spendete sp�rbare W�rme.</p><p>�Warum hat sie das getan?� fragte er leise. �Was ... was wollte sie von dir?�</p><p>Gowenna sah auf. Ihr Blick flackerte, und das Narbengewebe auf ihrem Gesicht schien f�r Augenblick von pulsierendem, absto�endem Leben erf�llt zu sein.</p><p>�Sie hat...� Ihre Stimme versagte, ging in ein w�rgendes Keuchen �ber. Sekundenlang rang sie qualvoll nach Atem, setzte sich dann mit einem Ruck auf und fing noch einmal an. �Es gab keinen Grund, Skar�, sagte sie. �Sie hat mir nicht eine einzige Frage gestellt. Keine Forderung. Nichts. Sie hat mich nur schlagen lassen. Schlagen, und ...� Wieder schwieg sie, und wieder dauerte es endlose Sekunden, bis sie die Kraft gefunden hatte, weiterzureden.</p><p>�Aber warum?� murmelte Skar. �Weil du dich ihr widersetzt hast? Aus Grausamkeit?�</p><p>Gowenna sch�ttelte den Kopf. �Nein. Ich glaube, sie ... sie hat es nur getan, um ... um dich zu treffen, Skar. Die Schl�ge galten dir, nicht mir.�</p><p>Skar senkte betroffen den Blick. Gowenna hatte nur ausgesprochen, was er schon lange gewu�t hatte. Alles, was Vela inszenierte, diente nur einem einzigen Zweck: ihn zu qu�len, seinen Ha� zu wecken. Und er verstand auch, warum. Es war nicht er, dessen Hilfe sie brauchte. Er, Skar, war nur eine leere H�lle, der sie nicht mehr als Gleichg�ltigkeit entgegenbrachte. Sie wollte das Ding in seinem Inneren. Sein Dunkler Bruder war es, dessen Hilfe, dessen Macht sie brauchte, dieses Ungeheuer in ihm, das aus Ha� geschaffen und nur durch Ha� geweckt werden konnte. Sie hatte es einmal geweckt - versehentlich - und jetzt versuchte sie es wieder, aber diesmal, um es zu benutzen, sich seiner Macht zu bedienen. Und sie w�rde es schaffen. Irgendwann. Noch war er stark genug zu widerstehen, aber sie w�rde ihn weiter qu�len, ihn erniedrigen und foltern, ihm seine eigene Hilflosigkeit so lange vor Augen f�hren, bis er aufgab, bis dieses Monstrum in ihm erneut und diesmal vielleicht endg�ltig erwachte. In einer blitzartigen Vision sah er sich selbst, hoch aufgerichtet und mit weit ausgebreiteten Armen, das Gesicht vor Qual verzerrt, h�rte seinen eigenen, unmenschlichen Todesschrei, das ekelhafte Ger�usch, mit dem seine Haut ri�, sein K�rper auseinanderklaffte wie ein trockener Kokon und ein neues, aus schwarzem Horn und Wildheit geborenes Wesen hervorbrach, den alten Skar vernichtend, zermalmend wie der Sturm ein trockenes Blatt...</p><p>�Was will sie von dir, Skar?� fragte Gowenna leise.</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. �Nichts. Zumindest nichts, woran ich sie hindern k�nnte.� Er lachte; es war ein bitteres, metallisches Ger�usch, das an den feuchten W�nden sp�ttische kleine Echos hervorrief.</p><p><emphasis>Du hast verloren, Skar, </emphasis>wisperte eine Stimme in ihm, aber er wu�te, da� es nicht wirklich sein Dunkler Bruder, sondern nur die Stimme seiner Einbildung war, etwas, das er h�rte, weil er es h�ren wollte. <emphasis>Der Kreis schlie�t sich. Du bist mit dem Gift in Ber�hrung gekommen, als du die H�hlen unter der Nonakesh betreten hast, aber es wirkt langsam.</emphasis></p><p>�Wer bist du, Skar?� fragte Gowenna.</p><p>�Wer ich bin?� Skar schwieg einen Moment. �Ich wollte, ich w��te es. Ich wei� nur, da� ich nicht tun werde, was sie von mir verlangt.�</p><p>�Doch, Skar�, widersprach Gowenna. �Das wirst du. Du willst es nicht, aber du wirst es tun. Man kann dieser Frau nicht widerstehen. Niemand kann es.�</p><p>Diesmal antwortete Skar nicht.</p><p>Erneut senkte sich Schweigen �ber sie, eine Stille ganz besonderer Art, jene Stille, in der man schreien, toben, irgend etwas <emphasis>tun </emphasis>will, es aber nicht kann. Wie in einem Alptraum, in dem man dazu verdammt ist, zuzusehen, alles mit sich geschehen zu lassen, hockte Skar da und war sich seiner Hilflosigkeit bewu�t. Und er sp�rte, wie das d�nne Gef�hl von Ha� in seinem Inneren wuchs, wie der Panzer aus Willenskraft und Selbstbeherrschung, den er �ber die Abgr�nde seiner Seele gest�lpt hatte, br�chig wurde. Noch hielt er, aber Skar sp�rte bereits, wie das furchtbare Ding in ihm kr�ftiger wurde.</p><p>An der T�r entstand ein Ger�usch. Der Riegel wurde zur�ckgeschoben. Ein schmaler Lichtstreifen fiel in die Zelle, dann huschte eine geb�ckte, zwergenhafte Gestalt zu ihnen herein.</p><p>Skar musterte den Zwerg kalt. �Was willst du?� fragte er. �Schickt dich Vela?�</p><p>Tantor zog hastig die T�r hinter sich zu, eilte zu ihnen her�ber und lie� sich vor Skar auf die Knie sinken. �H�r jetzt auf�, zischte er leise, als h�tte er selbst hier drinnen Angst, belauscht zu werden. �Wir haben nicht viel Zeit. H�rt mir zu.�</p><p>Skar verzog sp�ttisch die Lippen. �Du kannst ruhig laut reden�, sagte er abf�llig. �Vela wei� alles. Sie wei�, da� du mich� - er betonte die Worte auf ganz eigene Art - <emphasis>�ins Vertrauen gezogen </emphasis>hast.�</p><p>Tantor sch�ttelte ungeduldig den Kopf. �Ich wei߫, sagte er gehetzt. �Und deshalb bin ich hier. Ihr m��t fort!�</p><p>�Sicher�, sagte Skar. �In einer Stunde, oder -�</p><p>�Unsinn�, unterbrach ihn Tantor. �Ihr m��t fliehen, Skar. Aus dieser Festung gibt es kein Entrinnen, aber auf dem Weg nach Cosh wird sich eine Gelegenheit bieten.�</p><p>Skar schwieg, doch Tantor schien seinen Blick richtig zu deuten. �Ich wei�, was du jetzt denkst�, sagte er. �Aber so, wie die Dinge liegen, hast du gar keine andere Wahl, als mir zu vertrauen. Ich helfe euch.�</p><p>�Du?� fragte Skar �berrascht. �Du willst uns helfen? Warum denn?�</p><p>�Du kennst die Gr�nde.� Tantor sprach schnell, gehetzt. Sein Blick irrte immer wieder zur T�r, und seine H�nde vollf�hrten kleine nerv�se Bewegungen unter seinem Cape. �Sie ist wahnsinnig. Und sie wird erreichen, was sie will, wenn du l�nger in ihrer N�he bist, Skar. Ich wei� nicht, wie du es h�ltst, aber ich will nicht sterben, und ich will auch nicht zu einem lebenden Toten werden wie ihre Krieger. Sie ... sie wei�, da� ich sie hintergangen habe, und sie wird mich daf�r bestrafen. Wenn du l�nger in ihrer N�he bist, wird ihre Macht ins Unerme�liche steigen.�</p><p>�Und wie soll das vonstatten gehen?�</p><p>�La�t das meine Sorge sein�, antwortete Tantor. �Ich war bereits bei den Sumpfleuten und habe sie �ber meinen Plan informiert. Er ist riskant, aber wir haben nichts zu verlieren.�</p><p>Gowenna setzte sich m�hsam auf. �Und welche Bedingung kn�pfst du daran?� fragte sie. Ihre Stimme klang pl�tzlich ganz ruhig, aber Skar entging der angespannte Unterton in ihren Worten nicht.</p><p>�Nur eine�, sagte Tantor. �Ihr nehmt mich mit. Allem wird es keinem von uns gelingen, zu entkommen. Zusammen haben wir eine Chance.�</p><p>Skar nickte. �Dein Vorschlag h�rt sich gut an. Aber er hat einen Fehler - ich traue dir nicht.�</p><p>Tantor lachte. �Das ist dein Problem, Skar. Aber ich w��te nicht, was du verlieren k�nntest - au�er deinem Leben. Und glaube mir - wenn du bei Vela bleibst, wirst du bald nach dem Tod schreien.� Er z�gerte, griff unter sein Cape und dr�ckte Skar einen flachen Lederbeutel in die Hand. �Nimm das�, sagte er, �und versteck es gut. Sie wird dich in Ketten legen lassen. Wenn ich dir das Zeichen gebe, streust du den Inhalt auf das Metall und z�hlst bis hundert. Danach wird das Eisen f�r kurze Zeit br�chig werden, so da� du die Ketten sprengen kannst.�</p><p>Skar drehte den Beutel mi�trauisch in den H�nden. �Was ist das?� fragte er. �Wieder eines von deinen Zaubermitteln?�</p><p>�Ich bin sowenig Zauberer wie du�, knurrte Tantor. �Ich verstehe nur ein wenig mehr vom Aufbau der Dinge. Und jetzt frag nicht weiter. Ich mu� weg.�</p><p>Er wollte aufstehen und gehen, aber Skar hielt ihn mit einem raschen Griff am Umhang zur�ck.</p><p>�Auf ein Wort noch, Tantor�, sagte er.</p><p>Der Gnom knurrte ungeduldig und versuchte sein Cape loszurei�en, aber Skar hielt weiter fest. Der Stoff �chzte h�rbar. �Was?�</p><p>�Was geschieht, wenn unsere Flucht fehlschl�gt - <emphasis>falls </emphasis>wir uns entschlie�en, zu fl�chten?�</p><p>�Was soll geschehen? Sie wird uns alle t�ten. Mit Ausnahme von dir, vielleicht.�</p><p>�Und trotzdem hilfst du uns?�</p><p>�Quatsch�, sagte Tantor. �Ich helfe <emphasis>mir, </emphasis>Satai. Ich will weg von ihr, aber allein habe ich keine Chance. Der einzige Grund, aus dem ich euch helfe, ist, weil ihr mir helfen m��t. Ihre Krieger w�rden mich fassen, lange bevor ich irgendeine Stadt oder einen anderen sicheren Ort erreichen k�nnte. Die einzige Sicherheit im Umkreis von hundert Tagesritten bilden die S�mpfe von Cosh. Und ohne die beiden Sumpfbr�der h�tte ich wohl keine gro�e Aussicht, sie lebend zu durchqueren. Und die gehen nun einmal nicht ohne euch. Und jetzt la� los!�</p><p>Skar sch�ttelte abermals den Kopf. �Noch eine Frage, Tantor�, sagte er. �Warum dieser pl�tzliche Aufbruch?�</p><p>�Es ist kein Aufbruch�, murmelte Tantor. �Sie flieht.�</p><p>�Flieht?� wiederholte Skar verbl�fft. <emphasis>�Vela flieht? </emphasis>Vor wem?�</p><p>�Das wei� ich sowenig wie du, Skar�, antwortete Tantor. �Doch bei Sonnenaufgang kam eine unserer Patrouillen zur�ck. Sie waren zu sechst, als sie aufbrachen, und nur zwei kehrten zur�ck. Ich wei� nicht, welche Kunde sie brachten - Vela lie� sie sofort zu sich bringen, und seither sind sie verschwunden. Aber kurz darauf begann sie mit den Vorbereitungen f�r den Abmarsch.�</p><p>�Vela flieht...�, wiederholte Skar nachdenklich. �Aber vor...�</p><p>�Vielleicht vor diesen Kreaturen, auf die wir unterwegs gesto�en sind�, vermutete Gowenna.</p><p>Tantor ri� sein Cape nun endg�ltig los und wich mit zwei schnellen Schritten zur T�r zur�ck. �Wohl kaum�, sagte er. �Ich wei� sowenig wie ihr, welcher Gegner f�hig sein sollte, Vela und ihrem Drachen Angst einzujagen. Und ich hoffe bei allen G�ttern, die die Menschen Enwors jemals angebetet haben, da� ich es niemals herausfinde.� Damit wandte er sich endg�ltig um und verlie� die Zelle. Der Riegel rastete ein, und die Schritte des Zwerges verklangen drau�en auf dem Gang.</p><p>Skar drehte den Lederbeutel, den ihm Tantor gegeben hatte, unentschlossen in der Hand. Nach einer Weile kroch er - ohne sich die M�he zu machen, f�r die drei Schritte aufzustehen - auf H�nden und Knien zu Gowenna zur�ck.</p><p>�Was h�ltst du davon?� fragte er.</p><p>�Wovon? Von Velas Flucht oder von Tantors Angebot?�</p><p>�Von beidem�, murmelte Skar. �Mir erscheint das eine so unglaubhaft wie das andere.�</p><p>�Ich glaube nicht, da� es eine Rolle spielt, was ich oder du davon halten�, antwortete sie. �In einem hat Tantor recht - wir haben nichts zu verlieren. Vielleicht ist es ein neuer Trick von ihr, vielleicht nicht.�</p><p>�Ein neuer Trick? Du meinst - uns entkommen zu lassen, nur um uns sp�ter wieder einzufangen?�</p><p>�Warum nicht? Sie liebt grausame Spiele.� Gowenna stockte, sah an Skar vorbei in das blakende Feuer der Fackeln und tastete mit einer unbewu�ten Bewegung nach Skars Hand. Ihre Haut war kalt und trocken, und obwohl ihre Stimme in den letzten Minuten zunehmend kr�ftiger geworden war, sp�rte er, da� sie noch immer vor Schw�che zitterte.</p><p>Zu seiner �berraschung fuhr sie fort: �Wir sollten es tun.�</p><p>�Fliehen?�</p><p>Gowenna nickte. �Mehr als den Tod k�nnen wir nicht finden, Skar. Und ich sterbe lieber, statt weiter in ihrer Gewalt zu sein.�</p><p><emphasis>Mehr als den Tod k�nnen wir nicht finden ... </emphasis>Skar wiederholte den Satz ein paarmal in Gedanken, und mit jedem Mal, da er es tat, schienen die Worte sp�ttischer und unglaubhafter zu klingen. Mehr als den Tod ... Nein, <emphasis>mehr </emphasis>sicher nicht.</p><p>Aber war es nicht Gowenna selbst gewesen, die ihm gesagt hatte, da� es <emphasis>Schlimmeres </emphasis>als den Tod gab?</p></section><section><title><p id="_1131">15.</p></title><p>Wenig sp�ter wurden sie abgeholt von zwei Abteilungen der schwarzen Krieger, die Gowenna und ihn in verschiedene Richtungen davontrieben. Zu Skars Erstaunen f�hrte ihn seine Eskorte nicht - wie er erwartet hatte - wieder zum Krater, in dem sich Velas Truppe auf den Aufbruch vorbereitete, sondern in die entgegengesetzte Richtung, tiefer ins Herz der unterirdischen Festung hinein. Wie schon beim ersten Mal verlor er nach wenigen Augenblicken die Orientierung; keiner der G�nge und Treppen, �ber die sie kamen, �hnelte dem anderen, und doch schienen sie auf schwer zu bestimmende Art alle gleich zu sein, so da� Skar nicht zu sagen wu�te, ob er schon einmal in diesem Teil der Festung gewesen war oder nicht.</p><p>Sie hielten vor einer hohen, aus schwarzem Eisen geschmiedeten T�r. Einer seiner Begleiter deutete mit einer stummen Geste darauf und nickte aufmunternd, als Skar z�gernd die Hand nach dem Riegel ausstreckte. Dahinter lag ein langgestreckter, niedriger Raum mit schwarzen W�nden und einer schweren, in der Mitte ein wenig nach unten gew�lbten Decke, die fast den Eindruck erweckte, da� sie sich im Inneren eines gewaltigen steinernen Schiffes befanden. Hunderte von unterschiedlich gro�en und verschieden geformten Lampen und Leuchtern verbreiteten taghelles und doch mildes Licht, und ein schwerer, s��licher Duft hing wie der Geruch eines exotischen Parf�ms in der Luft. Skar trat z�gernd durch die T�r und sah sich mit einer Mischung aus Neugierde und �berraschung um. Ein Teil der Wand zur Linken war mit Vorh�ngen bedeckt; schwerer, wie Blei h�ngender Stoff, der mit kostbaren Stickereien und goldenen Borten verziert war; dahinter konnte man durch einen schmalen Spalt ein �berbreites geschnitztes Bett mit wei�em Laken und einer Unzahl bunter Kissen erkennen. Davor gruppierten sich Sessel und Sitzkissen und mehrere kleine, verspielte Tische in perfekt arrangierter Unordnung. Auf einem der Tische war ein Mahl vorbereitet. Es war eine winzige Insel der Behaglichkeit inmitten der bizarren Fremde der Festung, ein winziger Bereich menschlicher Zivilisation, der - trotz allem Prunk - die liebevolle Hand einer Frau erahnen lie�. �Komm n�her, Skar. Aber schlie� die T�r hinter dir.�</p><p>Velas Stimme klang nur ged�mpft hinter dem schweren Vorhang hervor. Trotzdem fuhr er erschrocken zusammen, drehte sich mit �bertriebener Hast um und zog die schwere T�r ins Schlo�.</p><p>Als er sich wieder umwandte, teilte sich der Vorhang, und Vela trat hervor. Sie trug noch immer das wei�e Kleid wie am Morgen, hatte aber dar�ber einen ebenfalls wei�en, kn�chellangen Mantel aus Wolfsfellen geworfen, um sich vor der K�lte, die auch hier unten noch schmerzhaft zu sp�ren war, zu sch�tzen. Ihr Haar fiel lose bis weit �ber die Schultern herab und war jetzt bar jeden Schmuckes.</p><p>�Tritt n�her�, sagte sie freundlich.</p><p>Skar z�gerte. Sein Blick tastete �ber den Vorhang. Vela l�chelte. �Wir sind allein, wenn es das ist, was du f�rchtest�, sagte sie mit einer einladenden Geste. ��berzeuge dich.�</p><p>Skar l�ste sich von seinem Platz, ging wortlos an ihr vorbei und schlug den Vorhang beiseite. Dahinter lag eine gut zehn Fu� tiefe und dreimal so breite Nische, in der sich au�er dem Bett nur ein winziges, mit Flaschen und Sch�lchen �bers�tes Tischchen und ein h�lzerner Schrank befanden.</p><p>�Unter dem Bett ist auch niemand�, sagte Vela sp�ttisch. �Und es gibt auch keine geheimen T�ren in den W�nden. Wir sind wirklich allein.�</p><p>Skar lie� den Vorhang los und wandte sich wieder zu Vela um. �Allein�, sagte er. �So viel Mut h�tte ich dir gar nicht zugetraut.� Er stand auf Arml�nge vor ihr. Ein rascher Schritt w�rde gen�gen, sie zu packen.</p><p>Aber Vela schien nicht einmal eine leise Spur von Furcht zu empfinden.</p><p>�Vielleicht ist es auch Dummheit�, sagte sie sp�ttisch. �Oder aber ein Beweis meines Vertrauens. Nimm Platz.� Sie deutete auf den Tisch, setzte sich selbst auf einen der niedrigen, bequemen St�hle und deutete auf einen anderen.</p><p>�Du mu�t hungrig sein. Und ein Schluck hei�er Br�he wird dich aufw�rmen.� Sie mimte ein Fr�steln. �Es wird Zeit, da� wir hier wegkommen�, sagte sie. �Ich wei� schon kaum mehr, wie es ist, <emphasis>nicht </emphasis>zu frieren.�</p><p>Skar trat langsam, noch immer mi�trauisch, an den Tisch, setzte sich und griff auf eine weitere auffordernde Geste Velas hin nach der Tonschale mit dampfender Suppe. Vielleicht w�re es in seiner Situation angebrachter gewesen, nicht zu trinken, aber er war nicht in der Position - und schon gar nicht in der Stimmung - sich melodramatische Gesten leisten zu k�nnen, und der Geruch der Suppe erinnerte ihn daran, da� er seit Tagen nichts Anst�ndiges mehr gegessen hatte. Er leerte die Schale zur H�lfte, setzte sie ab und griff nach dem Brot, das daneben lag.</p><p>�Es freut mich, da� es dir mundet�, sagte Vela, nachdem sie ihm eine Zeitlang schweigend beim Essen zugesehen hatte. Sie selbst r�hrte nichts an, sondern trank nur von Zeit zu Zeit aus einem winzigen, kristallges�umten Zinnbecher.</p><p>�Was willst du?� fragte Skar. �Ist das jetzt die sanfte Tour?� Vela lachte. �Wenn du es so nennen willst... Aber ich m��te mich sehr in dir t�uschen, wenn ich damit wirklich etwas erreichen w�rde. Nein.� Sie beugte sich vor, st�tzte den Ellbogen auf die Tischplatte und nahm eine Frucht auf, a� jedoch noch immer nicht. Skar roch den leisen Duft ihres Parf�ms, als sie sich vorbeugte. �Ich wollte nur mit dir reden, Skar. Vielleicht werden wir f�r lange Zeit keine Gelegenheit mehr haben, in Ruhe miteinander zu sprechen.�</p><p>�Ich w��te nicht, was es zwischen uns zu besprechen g�be�, sagte Skar. �Du hast gesagt, was du von mir willst. Und du kennst meine Antwort.�</p><p>Vela seufzte und bi� nun doch in die Frucht. Ein winziger Tropfen r�tlich schimmernden Saftes glitzerte auf ihren Lippen. Er sah aus wie Blut.</p><p>�Du bist ein seltsamer Mann, Skar�, sagte sie. �Ein Mann mit erstaunlichen F�higkeiten, aber auch einer jener selten anzutreffenden Menschen, die ihre Grenzen kennen. Du wei�t, wann du verloren hast. Warum gibst du nicht auf?�</p><p>Skar nahm sich eine weitere Scheibe Brot. Sein Hunger schien durch die wenigen Bissen, die er zu sich genommen hatte, erst richtig geweckt worden zu sein. Er sah starr an Vela vorbei zur gegen�berliegenden Seite des Raumes.</p><p>Trotz der schon fast zu hellen Beleuchtung fiel es ihm schwer, Einzelheiten zu erkennen. Ein unsichtbarer, wogender Schleier aus Nebel schien zwischen ihm und der Wand zu liegen. Es war, als wehre sich die fremdartige Architektur dieses Raumes dagegen, von Augen betrachtet zu werden, f�r die sie nicht geschaffen worden war.</p><p>�Es t�te mir wirklich leid, wenn ich dich zerbrechen m��te, Skar�, fuhr Vela im Plauderton fort. �Aber ich mu� es tun, wenn du mich dazu zwingst.�</p><p>�So wie du Gowenna zerbrochen hast?�</p><p>Velas L�cheln blieb unver�ndert, aber f�r einen kurzen Moment versteifte sich ihre Haltung. Dann hatte sie sich wieder in der Gewalt.</p><p>�Liebst du sie?� fragte sie.</p><p>Skar antwortete nicht.</p><p>�Oder glaubst du nur, sie zu lieben?� fuhr Vela fort. �Ich wei� - es geht mich nichts an, und ich werde mich auch nicht einmischen. Ich stehe zu meinem Wort - du kannst sie haben, wenn du willst. Ich schenke sie dir.�</p><p>�Hast du mich deshalb kommenlassen, um mich zu fragen, was ich haben will?� erwiderte Skar. �Ich bin nicht zu kaufen. Zumindest nicht f�r dich. Der Preis w�re zu hoch.�</p><p>�Das glaube ich sogar. Aber nat�rlich habe ich dich nicht deshalb gerufen.� Sie beugte sich noch weiter vor, schenkte Skars Becher, der halb geleert war, wieder voll und stellte den Krug mit einem Ruck auf den Tisch zur�ck.</p><p>�Ich habe dir ein Angebot gemacht, Skar�, begann sie, ��fter als einmal, und du hast es abgelehnt. Ich habe dich rufen lassen, um es zu wiederholen. Doch vorher m�chte ich dir ein paar Dinge erz�hlen, die du nicht wissen kannst und die deine Entscheidung vielleicht noch beeinflussen.�</p><p>�Was?� fragte Skar. �Neue L�gen?�</p><p>�L�gen? Warum sollte ich l�gen, Skar? Ich habe alles erreicht, was ich wollte. Ich habe dich, Del, den Stein - ich k�nnte dich zwingen, mir dienstbar zu sein, und du w�rest sogar gl�cklich dar�ber. Warum also sollte ich l�gen? Au�erdem - ich kenne dich vielleicht besser als du dich selbst. Du bist kein Mann, den man bel�gen kann. Nicht auf Dauer.�</p><p>�Und warum tust du es dann nicht?� fragte Skar. �Warum zwingst du mich nicht, wenn du es angeblich kannst?�</p><p>�H�r mir zu, und du kommst vielleicht selbst auf die Antwort. Und denk auch einmal dar�ber nach, da� der Platz auf einem Thron sehr einsam sein kann.�</p><p>�Du hast Del.�</p><p>�Del!� Sie lachte wieder, aber diesmal klang es abf�llig. �Er ist ein netter Junge, Skar, mehr aber nicht. Ich brauche einen Mann an meiner Seite.�</p><p>Skar sah an ihr vorbei auf den Vorhang, hinter der sich ihr Schlafgemach verbarg. Vela bemerkte seinen Blick. �Ja, Skar, auch daf�r. Aber nicht nur.�</p><p>Es war absurd. Sie sa�en hier in den Ruinen eines Volkes, das untergegangen war, bevor es Menschen gab, waren Feinde, die sich gegenseitig mit Freuden umbringen w�rden, wenn sie die Gelegenheit dazu h�tten, und trieben Konversation. �Komm zur Sache�, sagte er. �Was genau willst du?�</p><p>Vela wirkte f�r die Dauer eines Lidzuckens entt�uscht, und sie gab sich nicht einmal M�he, dieses Gef�hl zu verbergen. �Ich will dir die Geschichte des Volkes von Tuan erz�hlen�, sagte sie nach einer Weile. �Des Volkes, das Urc�un erbaute, Combat und Tuan und viele andere Orte, die heute nur noch in Legenden leben. Manche nicht einmal mehr dort.�</p><p>�Und du glaubst, das w�rde mich interessieren?�</p><p>Vela �berging seine Frage. �Del erz�hlte mir von Urc�un�, fuhr sie fort. �Wie lange wart ihr dort?�</p><p>Skar sah sie irritiert an. �Nicht ... lange�, antwortete er stockend. �Eine Nacht und einen halben Tag.�</p><p>�Aber lange genug, um zu begreifen, da� es keine Menschen waren, die diese Stadt erbauten, nicht? Sowenig, wie die Erbauer Tuans Menschen waren. Jedenfalls glaubt ihr das. Alle glauben es. Aber es stimmt nur zum Teil.�</p><p>�Legenden�, sagte Skar abf�llig.</p><p>Vela l�chelte. �So wie Combat und Tuan, ja. Was mu� noch geschehen, bis du bereit bist, zuzugeben, da� die alten Lieder die Wahrheit sagen?�</p><p>Skar schwieg, und Vela fuhr, nach einer weiteren, lang anhaltenden Pause, fort: �Du wei�t, da� wir lange nach dir gesucht haben, Skar. Nach einem Mann wie dir, um genauer zu sein. Einem Mann oder einer Frau. Zuerst war es Gowenna, die ich fand. Ich dachte, sie w�re die Richtige, aber ich habe mich geirrt. Trotzdem war sie von allen, die ich nach Combat sandte, die, die am weitesten kam. Du wirst mich verstehen, wenn ich dir die Geschichte der Alten erz�hle - soweit ich sie kenne.� Sie lehnte sich, den Trinkbecher mit einer grazi�sen Geste haltend, zur�ck und machte mit der freien Hand eine weit ausholende Geste, perfekt wie die lange ge�bte Bewegung einer T�nzerin und doch leicht und nat�rlich. <emphasis>Wie sch�n sie ist, </emphasis>dachte Skar. �Diese Welt, Skar, war nicht immer so, wie wir sie kennen. Vor uns lebten andere V�lker hier, und vor diesen wieder andere. Das Leben kommt und geht, aber ich glaube, es ist ein Naturgesetz, da� niemals Leere zur�ckbleibt, sondern das Alte immer wieder von neuem ersetzt wird. Unsere Geschichte reicht lange zur�ck, aber es gab bereits Menschen hier, lange bevor die Berge entstanden sind und die Meere sich mit Wasser gef�llt haben. Und eines dieser V�lker, vielleicht das erste, vielleicht auch nur eines in einer unendlichen Kette, waren die Alten, die, die wir heute G�tter nennen. Niemand wei� mehr, wie sie ausgesehen haben, wie und was sie gedacht haben. Ich habe mich lange mit ihnen besch�ftigt, doch nicht einmal ich wei� wirklich, wer sie waren. Aber ich glaube, sie waren uns �hnlich. Vielleicht nicht im Aussehen, aber in ihrer Art zu leben. Sie waren ein altes Volk, Skar, alt, weise und m�chtig. Ihre Macht war so gro�, da� sie nach den Sternen griffen und in gewaltigen st�hlernen Schiffen zu ihnen hinauffuhren. Und so, wie sie dorthin gingen, kamen andere Wesen von anderen Welten hierher. Viele kamen, die meisten gingen wieder, aber einige blieben auch und bauten St�dte wie Urc�un oder Tuan. Sie ... brachten ihre Welt auf die unsere, ein winziges St�ckchen nur, aber genug, um hier zu leben und wenigstens die Illusion zu haben, zu Hause zu sein. Ich wei� nicht, wie lange es gedauert hat - vielleicht nur wenige Jahrzehnte, vielleicht �onen. Doch irgendwann, eines Tages, geschah etwas; vielleicht war es Machtgier und Ha� wie bei uns, vielleicht waren es auch Gr�nde, die mit ihren St�dten versunken sind und uns immer verborgen bleiben werden. Es kam zum Krieg. Zum Krieg zwischen den Alten und den Wesen von jenseits der Sterne.�</p><p>Skar runzelte die Stirn. Velas Worte erschienen ihm im ersten Augenblick lachhaft, und doch ... waren nicht die Feuerkinder Combats Wesen aus Licht und Hitze, winzige S�hne und T�chter der Sonne, und war ihm nicht selbst schon der Gedanke gekommen, da� all das - Tuan, Combat, all die Dinge, die er gesehen und gesp�rt hatte - nichts mit dieser Welt gemein hatten? Aber er schwieg und h�rte weiter zu.</p><p>�Es war ein Krieg, der mit Waffen gef�hrt wurde, die wir uns heute nicht mehr vorzustellen verm�gen. Sie setzten den Himmel in Brand und schmolzen die Sterne, und ganze L�nder versanken in den Meeren. Die Alten waren stark, Skar, aber die Fremden von den Sternen waren ebenso stark, und w�hrend sie sich beide in ihren uneinnehmbaren Festungen verkrochen, verbrannte dieser Planet zu Asche. Schlie�lich gab es nur noch Combat, die letzte Bastion der Alten, eingekesselt von einem Belagerungsring der anderen: Tuan. Als die Alten begriffen, da� sie diesen Krieg nicht mehr gewinnen konnten, schufen sie eine letzte, finale Waffe. Sie versuchten sich an der Sch�pfung selbst, und vielleicht war es das, was ihnen den Untergang brachte.�</p><p>Sie schwieg, und Skar sp�rte, da� sie jetzt irgendeine Frage von ihm zu erwarten schien, aber er blieb weiter stumm. Ein seltsames Gef�hl des Unbehagens hatte ihn ergriffen, w�hrend er Velas Erz�hlung lauschte.</p><p>�Sie ver�nderten einige der Ihren�, berichtete Vela weiter. �Sie versuchten, Frauen ihres Volkes mit Gefangenen der Fremden zu kreuzen, um ein Wesen zu erschaffen, das gleicherma�en zu beiden V�lkern geh�rte - vielleicht die einzige M�glichkeit, Frieden zwischen zwei V�lkern zu finden, die einander einfach zu fremd waren, um nebeneinander existieren zu k�nnen. Aber die endg�ltige Auseinandersetzung kam, bevor ihr Vorhaben Erfolg hatte, und beide V�lker gingen unter. Du hast es gesehen. Tuan zerschmolz zu Glas, und Combat begann zu brennen.�</p><p>�Und was hat das alles mit mir zu tun?� fragte Skar. Seine Stimme klang belegt.</p><p>�Nicht alle starben�, sagte Vela. �Ein paar von ihnen �berlebten. Nur wenige - vielleicht f�nfzig, verteilt �ber den ganzen Planeten. Sie verga�en ihr Erbe und ihre Herkunft, aber sie lebten weiter.�</p><p>Skar sa� starr da, unf�hig zu denken, sich zu r�hren. Er wu�te, was Vela sagen w�rde. Und er wu�te, da� es die Wahrheit war. �Ihre Nachkommen lebten weiter unter den Menschen�, fuhr sie fort. �Unerkannt, ohne selbst zu wissen, welches Erbe sie in sich trugen. Aber die Alten hatten vorgesorgt - ich sagte dir, da� sie ein weises Volk waren, trotz allem. Sie sorgten daf�r, da� Combats W�chter ihre Kinder erkannten. Nur einem von ihnen sollte es m�glich sein, das Herz der Stadt zu stehlen. Deshalb habe ich dich gesucht, Skar, dich und andere, von denen ich glaubte, sie tr�gen das Erbe der Alten in sich.�</p><p>�Das ist...�</p><p>�Sag jetzt nichts�, unterbrach ihn Vela hastig. ��berlege - Del hat mir alles erz�hlt, alles, was euch widerfahren ist, als ihr in Urc�un und Went wart. Glaubst du wirklich, es war alles Zufall? Warum, glaubst du, warst du der erste, dem es gelang, in die Hogerh�hlen einzudringen? Der erste, der den Bi� eines <emphasis>Khta�m </emphasis>�berlebte? Zufall?� Sie sch�ttelte den Kopf. �Ich habe viel erlebt, Skar, und ich bin zu dem Schlu� gekommen, da� es so etwas wie Zufall nicht gibt. Wir m�gen vieles nicht verstehen, aber es folgt alles einem Plan.�</p><p>�Unsinn�, murmelte Skar. �Das sind doch alles nur Geschichten. Ammenm�rchen.� Aber seine Worte waren nur Ausdruck der Furcht, die Vela in ihm geweckt hatte. �An mir ist nichts Besonderes, Vela. Ich bin ein Mensch, mehr nicht.�</p><p>Vela trank einen Schluck und setzte den Becher ab. Ihr Wolfsfellmantel raschelte leise, und wieder sp�rte er den bet�renden Duft ihres Parf�ms.</p><p>�Ich verstehe, da� du mir nicht glaubst�, sagte sie nachsichtig. �Aber ich wollte dir all dies sagen, bevor wir aufbrechen. Ich glaube, ich war es dir schuldig.� Sie stand auf, blieb f�nf, sechs Sekunden reglos neben dem Tisch stehen und ging dann, sehr langsam, auf ihr Schlafgemach zu.</p><p>�Komm�, sagte sie.</p><p>Skar erhob sich. Die Bewegung kam nicht aus ihm heraus; seine Glieder gehorchten ohne, vielleicht sogar gegen seinen Willen, und er f�hlte sogar einen schwachen Anflug von Entsetzen, w�hrend er hinter Vela auf das breite Bett zuging. Trotzdem war er unf�hig, sich zu wehren. Und schon nach wenigen Augenblicken wollte er es auch gar nicht mehr. Sein Widerstand schmolz dahin, mit jedem Schritt, den er ihr n�her kam, und als er vor ihr stand, schien sein Denken ausgel�scht.</p><p>Sie drehte sich um, warf den Fellmantel mit einer grazi�sen Bewegung von den Schultern und streifte ihr Kleid ab. Darunter war sie nackt. Und sie war sch�n. Sch�ner als jede Frau, die Skar jemals zuvor erblickt hatte. Er trat auf sie zu, streckte die H�nde aus und blieb in einer letzten verzweifelten Anstrengung stehen. Aber es war sinnlos.</p><p>�Wehr dich nicht, Skar�, sagte Vela leise. �In dem Wein war ein Aphrodisiakum. Nimm es als Geschenk.�</p><p>Skar schlo� die Augen. Seine H�nde begannen zu zittern. Er machte einen Schritt, blieb noch einmal stehen und ber�hrte sie. Ihre Haut war k�hl, glatt und so angenehm wie polierter Marmor, und ein unsichtbarer elektrischer Funke schien auf ihn �berzuspringen, als er sie ber�hrte. Sie pre�te sich an ihn, l�ste die Spange, die seinen Umhang zusammenhielt, und tastete mit geschickten Fingern nach den Schnallen seines Harnisches. Er zitterte, gleicherma�en vor Begierde wie in dem verzweifelten und vergeblichen Versuch, sich noch zur Wehr zu setzen.</p><p>�Hexe�, murmelte er. �Du -�</p><p>Vela legte ihm den Finger auf die Lippen, stellte sich auf die Zehenspitzen und k��te ihn. Ihre Arme schlossen sich um seinen Hals, zogen ihn, sanft und doch kraftvoll, zu ihr herab auf das k�hle Leinen des Bettes.</p><p>Und irgendwann h�rte er auf, sich zu wehren.</p></section><section><title><p id="_1198">16.</p></title><p>Bei den letzten Strahlen der untergehenden Sonne brachen sie auf. Skar war nach Stunden, wie es ihm vorkam, eingeschlafen, ersch�pft, ausgelaugt und von jener wohligen Mattigkeit erf�llt, die er zu lange vermi�t hatte, neben sich den schlanken, alabasterwei�en K�rper Velas. Erwacht war er allein. Der zerschlissene Fetzen, den er w�hrend der letzten Wochen als Umhang getragen hatte, war verschwunden. Statt dessen hatte er ein neues, dunkelrotes Cape vorgefunden. Es war bestickt mit einem komplizierten Muster, das ihn an manche der Reliefs erinnerte, die er auf den W�nden der Festung gesehen hatte und, je nachdem, wie er den Stoff bewegte, von geheimnisvollem eigenem Leben erf�llt zu sein schienen. Au�erdem entdeckte er frische W�sche und neue, aus einem ihm unbekannten Material gefertigte Stiefel, die so genau pa�ten, als w�ren sie eigens f�r ihn gemacht worden. Von seinen eigenen Kleidern war nur der zerschrammte Lederharnisch und der Waffengurt geblieben.</p><p>Aber der war nicht mehr leer. Aus der schmalen, lederbezogenen Metallscheide ragte der Griff seines <emphasis>Tschekal, </emphasis>und in den Seitentaschen blitzten die rasiermesserscharfen Z�hne seiner <emphasis>Shuriken. </emphasis>Skar �berlegte lange, was diese Geste zu bedeuten hatte - ein Versehen? Wohl kaum. Und auch kaum ein Zeichen daf�r, da� Vela das, was geschehen war, als eine Art Vers�hnung betrachtete, denn das war es nicht. Aber er kam zu keiner befriedigenden L�sung. Wie fast alles, was die <emphasis>Errish </emphasis>tat, blieben ihm ihre Gr�nde verborgen; vielleicht gab es auch keine. Vielleicht tat sie vieles nur, um ihn zu verwirren. Da� er seine Waffen hatte, bedeutete nichts, allenfalls eine Geste. Er war allein mit ihr gewesen, so allein, wie zwei Menschen nur sein konnten, und so dicht bei ihr, wie er nur sein konnte, und sie hatte vom ersten Moment an gewu�t, da� er die Situation nicht ausnutzen w�rde. Nicht konnte, verbesserte er sich in Gedanken. So wie die Male zuvor war es ihm unm�glich gewesen, auch nur ernsthaft an einen Angriff auf sie zu denken. Sie war unantastbar, vielleicht sogar unverwundbar; der K�nig in einem Schachspiel, der bedroht, nicht jedoch geschlagen werden konnte.</p><p>Er schnallte den Gurt um, legte den Umhang um die Schultern - trotz seiner barbarischen Pracht und der Dicke des Stoffes war er �berraschend leicht und angenehm auf der Haut zu tragen - und nahm noch eine Handvoll Fr�chte aus der Schale, die noch immer auf dem Tisch stand, ehe er den Raum verlie�. Die Soldaten, die ihn hierhergeleitet hatten, warteten noch immer reglos auf dem Gang. Stumm gaben sie ihm mit Gesten zu verstehen, da� er ihnen zu folgen hatte, und f�hrten ihn nach drau�en.</p><p>Ein seltsames Hochgef�hl �berkam ihn, als er in den Krater hinaustrat und Velas Armee, gesattelt und bereit zum Aufbruch, vor sich sah. F�r einen Moment, einen winzigen Moment nur, sp�rte er einen schwachen Hauch dessen, was ihm Vela hatte begreiflich machen wollen: Macht. Er f�hlte, da� jeder, jeder einzelne dieser schwarzen, von Stahl und Leder gepanzerten Krieger <emphasis>ihm </emphasis>geh�rte, sp�rte die Macht, die er mit einem einzigen Wort haben konnte. Aber dann sah er eine geb�ckte, in ein zerfetztes graues Gewand gekleidete Gestalt, und das Gef�hl der Euphorie zerplatzte wie eine Seifenblase. Zur�ck blieb nur Leere. Leere und ein bitterer Geschmack auf der Zunge.</p><p>F�r die Dauer eines Herzschlages kreuzten sich ihre Blicke, und als er in Gowennas Gesicht sah, sp�rte er, da� sie genau wu�te, was geschehen war. Es war kein Vorwurf in ihrem Blick, nicht einmal Bedauern. Aber vielleicht war es gerade das, was ihn so schmerzte.</p><p>Mit einem Mal kam ihm das pr�chtige Gewand, das er trug, sch�big vor, und die Waffe an seiner Seite erschien ihm nur noch wie h�hnischer Spott.</p><p>Er wandte sich mit einem Ruck um und ging zu dem Pferd, das zwei der Krieger f�r ihn bereithielten. Wie auf dem Weg hierher war er von Gowenna und den Sumpfm�nnern getrennt, obgleich er kaum mehr das Gef�hl hatte, ein Gefangener zu sein. Er stieg in den Sattel, setzte die F��e in die wuchtigen Steigb�gel und sah sich neugierig um. Weder von Vela und ihrem Drachen, noch von Del oder dem Zwerg war irgendwo eine Spur zu entdecken, und bis auf ein gelegentliches nerv�ses Schnauben oder Hufscharren war es beinahe geisterhaft still in dem tiefen, vom Licht der sinkenden Sonne in Blut getauchten Krater. Er versuchte einen weiteren Blick von Gowenna zu erh�schen, aber sie befand sich nahezu am entgegengesetzten Ende der abmarschbereiten Kolonne und war nicht mehr als eine winzige Gestalt zwischen den anderen.</p><p>Schlie�lich, ohne da� er ein Zeichen oder einen Ruf bemerkt h�tte, brachen sie auf. Die Kolonne setzte sich tr�ge wie ein gewaltiges, vielgliedriges Tier in Bewegung und kroch, nunmehr in umgekehrter Richtung, die Rampe empor.</p><p>Die Sonne ber�hrte den Horizont, als sie den oberen Rand der Kraterstadt erreichten, aber vor der blutroten Scheibe erhob sich ein gewaltiger grauer Schatten, und der Wind brachte den Geruch von S�ure und Tod mit sich.</p><p>Tantors Worte fielen ihm wieder ein: �Es ist kein Aufbruch, sondern eine Flucht...� Er drehte sich im Sattel herum und sah zur�ck nach Norden, dorthin, wo sie hergekommen waren und wo Combats Feuer - nun unsichtbar - noch immer hinter dem Horizont loderte, und f�r einen ganz kurzen Augenblick glaubte er, einen winzigen hellodernden Punkt irgendwo zwischen sich und der dunstigen Linie der Berge zu erkennen. Aber als er genauer hinsah, war der Punkt verschwunden. Und Skar war sich nicht einmal sicher, ob er ihn wirklich gesehen hatte.</p></section><section><title><p id="_1210">17.</p></title><p>Es war eine Flucht. </p><p>W�hrend der n�chsten vier Tage ritten sie stur weiter nach Westen, zw�lf, manchmal vierzehn, f�nfzehn Stunden am Tag, so lange, bis die Pferde einfach vor Ersch�pfung stehenblieben und auch mit Gewalt nicht mehr dazu zu bringen waren, noch einen Schritt zu tun. Ihr Tempo wurde von dem des Staubdrachens bestimmt, und sie ritten schnell, sehr schnell. Die Bewegungen des grauen Giganten wirkten auf den ersten Blick schwerf�llig, aber ein einziger Schritt seiner gewaltigen schuppigen Beine trug ihn zehn, f�nfzehn Fu� weiter, und trotz seiner ungeheuren Masse schien er weder M�digkeit noch Ersch�pfung zu kennen. Daf�r forderte der erbarmungslose Marsch einen um so h�heren Tribut von Velas M�nnern; zuerst nur einer, dann mehr - f�nf, zehn, vielleicht ein Dutzend - sanken entweder ersch�pft aus den S�tteln oder blieben, wenn sie morgens nach einer viel zu kurzen Rast weiterzogen, einfach liegen, um zu sterben, und auch Skar sp�rte, wie ihn seine gerade neu gewonnene Kraft wieder verlie�. Er sprach w�hrend der ganzen Zeit kein Wort mit Gowenna, El-tra, Del oder Vela - sowohl w�hrend des Rittes als auch nachts wurde er h�flich und respektvoll, aber unnachgiebig, von den anderen abgeschirmt; lediglich Tantor tauchte ein paarmal in seiner N�he auf, wechselte jedoch nur einige belanglose Worte mit ihm und beschr�nkte sich im �brigen auf gelegentliche verschw�rerische Blicke, ein Verhalten, das Skar mehr und mehr l�cherlich vorkam.</p><p>Ihre Umgebung ver�nderte sich zusehends. Die Ruinen wurden weniger, und oft ritten sie �ber weite, �de Fl�chen, die nur hier und da von B�schen der sonderbaren Kristallgew�chse bewachsen waren. Erst am Mittag des vierten Tages - sie mu�ten mittlerweile an die zweihundert Meilen zwischen sich und die Hellgor gebracht haben - sah Skar einen Schatten am Horizont, der im Lauf des Tages zu einer gewellten, blitzenden Linie heranwuchs; ein ungeheurer kristallener Wald der gl�sernen B�sche, ineinander verfilzt und so un�bersteigbar wie eine Mauer scharfgeschliffener S�bel.</p><p>Seine Grenzen reichten weiter, als Skar sehen konnte, und die Kolonne schwenkte kurz vor ihm von ihrem Kurs ab und bewegte sich in westlicher Richtung weiter. Nicht einmal Vela mit ihrem Staubdrachen schien es sich zuzutrauen, dieses Labyrinth aus t�dlichen Glasdolchen und Speeren zu durchbrechen.</p><p>Es waren vielleicht noch drei Stunden bis Sonnenuntergang, als Tantor sein Pferd neben das Skars lenkte.</p><p>�Wir n�hern uns den Grenzen Tuans�, sagte er. �Bist du bereit?�</p><p>�Bereit? Wozu?�</p><p>Tantor knurrte �rgerlich. �H�r auf, den Dummen zu mimen, Skar. Wenn wir jetzt nicht fliehen, dann nie.� Er deutete mit einer Kopfbewegung auf die schimmernde Kristallwand, an der sie in einem Abstand von weniger als einer halben Meile entlangritten. �Hinter jenem Wald liegt die Grenze zu Cosh�, sagte er. �Wenn wir es schaffen, ihn zu durchqueren, sind wir in Sicherheit.� Skar sah sich mit einem demonstrativen Blick um. Die Truppe war zusammengeschmolzen, aber sie waren noch immer eingekreist von mehr als siebzig Kriegern, Vela und ihren Drachen nicht mitgerechnet. Und sein Pferd hatte, ebenso wie die der anderen, mit Sicherheit nicht mehr die Kraft, eine vielleicht Stunden w�hrende Verfolgungsjagd durchzuhalten.</p><p>�Dort hindurch?� fragte er zweifelnd. �Wei�t du vielleicht auch einen Zauber, der uns einen Weg durch dieses Labyrinth bahnt, ohne da� wir aufgespie�t und zerschnitten werden?� Er war ganz ruhig. Tantors Worte schienen ihm seltsam irreal, und obwohl er w�hrend der letzten vier Tage an fast nichts anderes gedacht hatte als daran, wie er fliehen konnte, fehlte ihm jetzt jede Beziehung dazu.</p><p>�Der Wald ist nicht so dicht, wie es scheint�, murmelte der Zwerg. �Wir werden eine Schneise erreichen, wenige Meilen weiter im Westen. Sei bereit.�</p><p>�Bereit...� Skar lachte. �Willst du Velas Staubdrachen dazu �berreden, ein Schl�fchen zu halten?�</p><p>�Die Sumpfm�nner werden sich um das Tier k�mmern�, gab Tantor zur�ck. �Deine Aufgabe ist es nur zu reiten, Skar. Wenn wir den Waldrand lebend erreichen, haben wir eine Chance.� Er sah Skar scharf an. �Nun?�</p><p>Skar zuckte mit den Achseln. �Es ist dein Hals, den du riskierst�, sagte er gleichm�tig. �Du bist ein seltsamer Mann, Tantor - erst setzt du alles daran, mich in deine Gewalt zu bekommen, dann rettest du uns, nimmst mich wieder gefangen und riskierst schlie�lich dein Leben f�r uns.�</p><p>�Ich riskiere es nicht f�r euch�, widersprach Tantor. �Nenne es einen Handel, wenn es dir lieber ist. Ich helfe euch, und ihr helft mir. Aber mir scheint, du hast keine rechte Lust mehr dazu, Skar.�</p><p>�Es wird nicht klappen�, gab Skar ruhig zur�ck. �Vela wei�, was wir vorhaben.�</p><p>Er hatte damit gerechnet, da� Tantor Schrecken oder wenigstens �berraschung zeigen w�rde, aber der Zwerg blieb ruhig. �Sie mag es ahnen�, sagte er, �aber ...�</p><p>�Sie <emphasis>wei� es�, </emphasis>beharrte Skar. �Erinnerst du dich an den Beutel, den du mir gegeben hast?� Er nahm die H�nde von den Z�geln und legte die Gelenke �bereinander, als w�re er gefesselt. �F�r den Fall, da� sie mich in Ketten legen w�rde?�</p><p>Tantor nickte. �Hast du ihn noch?�</p><p>�Nein. Aber ich bin ziemlich sicher, da� Vela ihn hat. Sie lie� mir neue Kleider geben -�</p><p>�Das sehe ich�, knurrte Tantor.</p><p>�Und meine alten entfernen�, fuhr Skar beeindruckt fort.</p><p>�Sie m��te schon blind sein, ihn �bersehen zu haben. Und dumm, nicht die richtigen Schl�sse daraus zu ziehen. Leider ist sie weder das eine noch das andere.�</p><p>�Sicher nicht. Und gerade darauf baue ich. Nat�rlich wei� sie, da� ich euch zur Flucht verhelfen will. Sie soll es wissen.� Diesmal war Skar ehrlich �berrascht.</p><p>Auf Tantors Gesicht erschien ein �berlegenes L�cheln. �Du glaubst, Vela w�re die einzige, die sich darauf versteht, Intrigen zu spinnen?� fragte er. �O nein, Skar. Sie wei�, was ich vorhabe, aber der einzig m�gliche Ort f�r eine Flucht w�re die Grenze zu Cosh, f�nfzig Meilen weiter im Westen. Hier zu fliehen ist beinahe Selbstmord. Deshalb habe ich gerade diesen Ort ausgew�hlt. Wenn wir eine Chance haben, dann hier, wo es aussichtslos zu sein scheint.�</p><p>Skar schwieg einen Moment. �Ihr seid ein seltsames Volk, ihr Zwerge�, murmelte er.</p><p>Tantor machte ein ordin�res Ger�usch. �Wir sind keine Zwerge�, sagte er. �Ihr seid Riesen. Und bevor du fragst - wir leben auf einer verbotenen Insel im Nebelmeer und verspeisen nichtsahnende Reisende, die sich an unsere K�sten wagen. Willst du sonst noch etwas wissen?�</p><p>�Ja�, antwortete Skar ernsthaft. �Wie willst du denn Gowenna und die beiden Sumpfleute mitten aus den Kriegern herausholen?�</p><p>�La� das meine Sorge sein�, antwortete Tantor. �Achte auf den Wald. Und wenn ich dir das Zeichen gebe, dann reite, als w�ren s�mtliche Geister Tuans hinter dir her.�</p><p>�Wer wei߫, murmelte Skar, �vielleicht sind sie es sogar.� Tantor musterte ihn mit einem seltsamen Blick, zwang sein Pferd herum und ritt ohne ein weiteres Wort zu seinem Platz am Ende der Kolonne zur�ck. Skar widerstand der Versuchung, sich umzudrehen und ihm nachzublicken. Noch immer erschien ihm der Gedanke, fliehen zu wollen, direkt lachhaft, vielleicht gerade <emphasis>weil </emphasis>es die einzig logische Konsequenz aus seiner Situation war. Er sah nach links und versuchte Einzelheiten hinter der Wand aus Glas und Kristall zu erkennen, die den Rand des versteinerten Waldes markierte, aber alles, was er sah, waren silberne Schatten und ein gelegentliches Blitzen, wenn sich ein Lichtstrahl tiefer ins Innere des Kristallwaldes verirrte. Tantor mochte durchaus recht haben - wenn es ihnen gelang, den Wald zu erreichen, hatten sie eine Chance. In einer Umgebung wie dieser konnten sie sich selbst gegen eine hundertfache �bermacht behaupten - wenn sie sie nicht vorher selbst umbrachte.</p><p>Er lockerte seinen Umhang, r�ckte ihn zurecht, da� er ihn beim Reiten nicht behindern w�rde, und schlo� die Spangen sorgf�ltig wieder. Seine Hand tastete nach dem Schwert, f�hrte die Bewegung jedoch nicht zu Ende. Er w�rde die Waffe nicht brauchen - nicht einmal brauchen <emphasis>d�rfen, </emphasis>wenn er Erfolg haben wollte. Die �bermacht war zu gro�, als da� er sich auf einen wie auch immer gearteten Kampf einlassen konnte.</p><p>Ihr Vorankommen erschien ihm pl�tzlich qu�lend langsam, und der kristallene Wald war in seiner Gleichf�rmigkeit so monoton, da� Skar f�r Momente glaubte, gar nicht vom Fleck zu kommen.</p><p>Es schien Stunden zu dauern, bis die Stelle, von der Tantor gesprochen hatte, endlich vor ihnen auftauchte. Sie sah aus wie eine halbierte Lichtung; eine gewaltige, halbrunde Bresche, an den R�ndern scharfzackig ausgebrochen, als h�tte ein Gigant ein St�ck aus dem Wald herausgebissen. Skar sah, da� der Boden da, wo sich vorher Wald befunden hatte, aufgebrochen und geborsten war; eine Landschaft aus Kratern und j�h aufklaffenden Rissen, auf der ein Reiten beinahe unm�glich sein mu�te. Tantor hatte recht, dachte er grimmig: An dieser Stelle einen Fluchtversuch zu wagen, grenzte dicht an Wahnsinn.</p><p>Er drehte sich nun doch im Sattel um und hielt nach dem Zwerg Ausschau. Tantors rotes Cape war nicht mehr als ein h�pfender Farbklecks zwischen dem blitzenden Schwarz der R�stungen; er konnte nicht genau erkennen, was er tat, meinte jedoch eine allm�hlich st�rker werdende Unruhe unter den Kriegern wahrzunehmen, ohne da� er diesen Eindruck im einzelnen begr�nden konnte.</p><p>Vielleicht sp�rten Menschen und Tiere auch nur, da� das Ende ihrer verzweifelten Odyssee nahte.</p><p>Die L�cke im Waldrand kam langsam n�her, aber das Zeichen, von dem Tantor gesprochen hatte, blieb aus. Skar sp�rte nun doch eine - wenn auch nur leise - Nervosit�t, und er ertappte sich selbst ein paarmal dabei, wie er unsicher in die Runde blickte und Bewegungen und Position der Krieger zu seiner Linken taxierte. Ein heller, erschrockener Aufschrei lie� ihn herumfahren. Am hinteren Ende der Kolonne entstand Aufregung, Tumult. Ein Pferd b�umte sich auf, dann noch eines, irgend etwas st�rzte mit dumpfem Ger�usch zu Boden, und ein Mann schrie. F�r einen Moment sah Skar eine graue, schattenhafte Gestalt, die in ein verzweifeltes Handgemenge mit einem Krieger verwickelt war. Dann begruben Soldaten den Sumpfmann regelrecht unter sich. Skar spannte sich.</p><p>�Noch nicht!� zischte eine Stimme neben ihm. Skar sah auf und erblickte Tantor. Der Zwerg war neben ihm aufgetaucht, ohne da� er es bemerkt hatte.</p><p>�Sch�ner Fluchtversuch�, sagte Skar. �War das dein phantastischer Plan?� Seine Stimme zitterte. �Sollen sich die beiden El-tra opfern, nur um ein wenig Verwirrung zu stiften?�</p><p>Tantor antwortet nicht, sondern blickte gebannt in die Richtung, in der das Handgemenge noch immer im Gange war. Aber es konnte nur noch Augenblick dauern. Skar wu�te aus eigener schmerzhafter Erfahrung, wie stark die beiden Br�der aus Cosh waren, aber gegen eine dutzendfache �bermacht hatten nicht einmal sie eine Chance.</p><p>Verzweifelt sah er sich um. Ihr Vormarsch war ins Stocken gekommen, aber der Kordon aus Kriegern hatte sich eher noch enger um ihn und den Zwerg zusammengezogen.</p><p>Der Boden dr�hnte, als Velas Staubdrachen kehrtmachte und mit weit ausgreifenden Schritten zur�ckpreschte. Das Ungeheuer stie� einen gellenden Schrei aus; die Krieger spritzten auseinander, um dem herantobenden Kolo� Platz zu machen; eine schwarze Flut, die sich vor dem grauen Giganten teilte.</p><p><emphasis>�Aufh�ren!�</emphasis></p><p>Velas Stimme �bert�nte f�r einen Augenblick selbst den Tumult, der dem fehlgeschlagenen Fluchtversuch der beiden Sumpfm�nner gefolgt war. Skars H�nde krampften sich um die Z�gel, als wolle er sie zerrei�en.</p><p>Er versuchte, Gowenna irgendwo in dem chaotischen Durcheinander zu erkennen, aber es war sinnlos.</p><p>�Noch nicht�, fl�sterte Tantor. Seine Stimme klang gehetzt, beinahe beschw�rend. �Jetzt noch nicht, Skar. Warte.�</p><p>Der Drachen hatte den Kampfplatz erreicht und blieb mit einem w�tenden Trompeten stehen. Die letzten Krieger flohen, zogen sich - bis auf die, die die beiden El-tra aus den S�tteln gerungen hatten und nun am Boden festhielten, aus der unmittelbaren N�he des geschuppten Giganten zur�ck. Der Drachen schien die Aufregung, die um ihn herum herrschte, zu sp�ren. Sein Schwanz peitschte nerv�s, ri� Glassplitter und Staub aus dem Boden und trieb die Soldaten noch weiter zur�ck. Seine ungeheure Gr��e verlieh seinen Bewegungen etwas tr�gerisch Langsames, aber Skar sah, da� Vela M�he hatte, sich im Sattel zu halten.</p><p>�H�rt sofort auf!� schrie sie. Wieder sch�ttelte sich der Staubdrachen, eine Bewegung, die Vela um ein Haar aus dem Sattel geschleudert h�tte. Ein r�hrender, ungeheuer, <emphasis>lauter </emphasis>Schrei drang aus seiner Brust und lie� die M�nner ringsum aufst�hnen.</p><p>�Skar!� schrie Vela. �Bring sie zur Ruhe!� Sie klammerte sich verzweifelt am Sattelknauf fest, beugte sich vor und versuchte auf dem bockenden Schlangenhals des Ungeheuers das Gleichgewicht zu halten. Ihr Blick suchte verzweifelt nach Skar, und trotz der gro�en Entfernung glaubte er beinahe Furcht auf ihren Z�gen wahrzunehmen. �Bring sie zur Ruhe!� schrie sie noch einmal. �Ich lasse sie t�ten, wenn sie nicht sofort aufh�ren!�</p><p>Tantor legte Skar in einer hastigen Bewegung die Hand auf den Unterarm. �Nicht!� zischte er. �Tu nichts!�</p><p>Skar h�tte es nicht einmal gekonnt, wenn er gewollt h�tte. Er verstand nicht mehr, was dort dr�ben vorging. Die beiden Sumpfm�nner wehrten sich noch immer, aber es war nur mehr ein nutzloses Aufbegehren gegen das Dutzend M�nner, die sie hielten. Die Pferde, die bei dem pl�tzlichen L�rm zum Teil in Panik geraten waren, beruhigten sich zusehends.</p><p>Trotzdem wurde der Drachen nicht ruhiger.</p><p>Im Gegenteil.</p><p>Pl�tzlich und ohne eine weitere Vorwarnung b�umte sich das Ungeheuer auf. Der gewaltige, dreieckige Sch�del ruckte hoch, bi� wie in einem irren Schmerz nach den tiefh�ngenden Wolken; seine Reiterin wurde durch diesen neuerlichen Ruck endg�ltig aus dem Sattel geworfen, sie flog in einem unm�glich weit gestreckten Bogen durch die Luft und verschwand hinter dem graugeschuppten Leib. Ein Ton, lauter und schriller als alles, was Skar jemals zuvor geh�rt hatte, entrang sich der Brust des Staubdrachen. Das Ungeheuer stellte sich wie ein bockendes Pferd auf die Hinterl�ufe, schlug mit den kleineren, mit messerscharfen Krallen bewehrten Vordertatzen in die Luft. Sein Schwanz drosch wie eine gewaltige Keule aus tonnenschweren Muskeln und Horn auf den Boden, zuckte hierhin und dorthin und lie� die Krieger in wilder Panik auseinanderspritzen. Steine und winzige, scharfkantige Glassplitter fuhren wie t�dliche Schrapnellgeschosse unter die Reiter und verletzten Menschen und Tiere. Die Erde bebte. Und dann begann das Ungeheuer endg�ltig zu toben.</p><p>Mit einem Br�llen, noch wilder und grauenhafter als zuvor, fuhr der Kolo� herum, stie� auf die fl�chtenden Reiter herab und spuckte eine brodelnde Wolke grauen, �tzenden Staubes aus. Sein Schwanz peitschte, zerschmetterte Pferde und M�nner und ri� eine sichelf�rmige Bresche in die Reihen der S�ldner. Eine ganze Abteilung der Reiter verschwand in der kochenden Wolke des Drachenatems; ihre Schreie �nderten sich, wurden von Lauten der Furcht zu Todes- und Schmerzensgebr�ll. Pferde b�umten sich auf, brachen zusammen, als sich Fleisch und Knochen unter dem �tzenden Bi� des Drachenatems aufl�sten. Ein Tier raste schreiend vor Schmerz, aus der kochenden Wolke hervor; seine Haut war eine einzige blutige Wunde, der Reiter auf seinem R�cken war schon tot, nicht mehr als eine leere, verbrennende R�stung, die sich ein wenig langsamer aufl�ste als der empfindliche K�rper, den sie gegen den m�rderischen Staub nicht hatte sch�tzen k�nnen.</p><p><emphasis>�Jetzt!� </emphasis>schrie Tantor. <emphasis>�Reite, Skar!!� </emphasis>Seine Stimme ging im Schreien von M�nnern und Pferden fast unter, und Skar erriet die Worte mehr, als er sie h�rte. Der Drachen tobte noch st�rker, sein Schwanz zuckte erneut, beendete den t�dlichen Halbkreis, den er mit seiner ersten Bewegung begonnen hatte. Ein scharfer, unertr�glich bei�ender Geruch lag pl�tzlich in der Luft, legte sich wie ein d�nner brennender Film �ber Skars Gesicht und H�nde und verwandelte seine Atemz�ge in fl�ssiges Feuer. Sein Pferd b�umte sich auf. Seine wirbelnden Vorderhufe streiften einen der Krieger und schleuderten ihn aus dem Sattel. Skar zerrte verzweifelt an den Z�geln, warf sich nach vorne und bekam das Tier mit einer gewaltigen Kraftanstrengung wieder unter Kontrolle. Tantor schrie etwas, aber Skar verstand die Worte nicht. Irgendwo vor ihm bewegte sich der Drachen, halb verschwunden hinter einer gewaltigen Wolke aus brodelndem grauem Nebel.</p><p>Skar ri� mit aller Gewalt an den Z�geln, zwang das Pferd herum und sprengte los - geradewegs auf den Drachen zu! <emphasis>�Skar!� </emphasis>Tantors Stimme �berschlug sich fast vor Schrecken. �Was tust du? Du bringst dich um! Komm zur�ck, du verdammter Idiot!�</p><p>Aber Skar h�rte gar nicht mehr hin. Tief �ber den Hals seines Pferdes gebeugt, mit angehaltenem Atem und einen Zipfel seines Umhanges sch�tzend vor das Gesicht haltend preschte er zwischen die fliehenden Krieger, galoppierte ein St�ckweit direkt auf den tobenden grauen Giganten zu und wich im letzten Moment zur Seite aus. Ein schwacher Hauch des Drachenatems streifte ihn; sein Umhang schwelte, und auf dem Hals seines Pferdes erschien eine Unzahl winziger roter Punkte. Dann hatte er die t�dliche Barriere durchbrochen, jagte an dem Ungeheuer vorbei und war pl�tzlich wieder inmitten einer Gruppe von Kriegern. Etwas ungeheuer Gro�es, Massiges tauchte vor ihm auf, glitt mit einer t�uschend langsamen Bewegung �ber ihn hinweg und schmetterte dem Reiter neben ihm Helm und Sch�del von den Schultern. Das Pferd galoppierte, blind vor Furcht, weiter, und der kopflose Torso blieb noch einige Meter aufrecht im Sattel sitzen.</p><p>Skar ri� sein Tier herum, richtete sich auf und sah sich gehetzt um. Der Drachen war neben ihm, weniger als zwanzig Fu� entfernt; sein Schwanz zuckte wieder, schleuderte M�nner und Tiere wie Spielzeuge durch die Luft, gleichzeitig senkte sich der gewaltige Sch�del mit einer schlangenhaften Bewegung, verfolgte den verzweifelten Zickzack-Kurs eines fl�chtenden Reiters. Die f�rchterlichen Kiefer schlossen sich, und auf dem Sattel war pl�tzlich nur noch Blut.</p><p>Skar sah einen Schatten vor sich, ri� sein Schwert aus dem G�rtel und schlug zu. Sein Hieb prellte dem Krieger die Waffe aus der Hand und schleuderte ihn aus dem Sattel. Skar wartete nicht, bis der Mann wieder auf den F��en war. Er sprengte weiter, setzte �ber einen gefallenen Krieger hinweg und sah endlich, was er gesucht hatte.</p><p><emphasis>�Del!!!�</emphasis></p><p>Trotz des unbeschreiblichen L�rmes schien der junge Satai seinen Namen zu h�ren. Er erkannte Skar und griff mit der Linken nach seinem Schwert.</p><p>Seine Bewegung kam zu sp�t.</p><p>Skar lie� ihm nicht die geringste Chance. Er kannte Del zu gut, um nicht zu wissen, da� er trotz allem auf jeden nur denkbaren Angriff vorbereitet war. Deshalb versuchte er erst gar nicht, ihn mit irgendeinem Trick zu �berw�ltigen.</p><p>Er ritt ihn schlichtweg �ber den Haufen.</p><p>Del wurde in hohem Bogen aus dem Sattel geschleudert, als Skars Pferd gegen das seine krachte. Die beiden Tiere b�umten sich auf. Skar verlor ebenfalls das Gleichgewicht, st�rzte und brachte sich im letzten Moment vor den wirbelnden Hufen der Tiere in Sicherheit.</p><p>Er war eine halbe Sekunde vor Del auf den F��en. Dels Hieb verfehlte ihn um eine Winzigkeit, und zu einem zweiten lie� Skar ihm keine Zeit. Seine Faust scho� vor und traf Dels bandagierte Hand mit gnadenloser Kraft.</p><p>Del schrie auf, f�r eine Sekunde blind vor Schmerz, als der gerade geheilte Knochen zum zweiten Mal brach. Er kr�mmte sich zusammen, sank in die Knie und pre�te die verletzte Hand gegen den Leib. Skar schleuderte ihn mit einem Fu�tritt vollends zu Boden und schlug ihm die gefalteten F�uste in den Nacken. Dels K�rper erschlaffte.</p><p>Wieder bebte die Erde, und als Skar sich umsah, sah er, da� der Staubdrachen kehrtgemacht hatte und mit einem trompetenden Kampfesschrei auf die fl�chtenden Krieger eindrang. Skar b�ckte sich, warf sich Del wie einen leblosen Sack �ber die Schulter und griff mit der Linken nach den Z�geln seines Pferdes. Das Tier scheute und schlug aus, aber die Furcht gab Skar zus�tzliche Kr�fte. Er zwang den Kopf des Pferdes herab, sprang in den Sattel und legte Del vor sich �ber den Leib des Tieres. Ein Krieger sprengte auf ihn zu, starr, in seltsam verkrampfter Haltung. Aus den Ritzen seines Panzers und durch den Sehschlitz des Visiers quoll dunkelbrauner, fettiger Qualm.</p><p>Skar ri� das Pferd herum und galoppierte los. �berall lagen Tote - Dutzende, hundert, wie es ihm vorkam, zertrampelte, verbrannte, halb aufgel�ste K�rper, M�nner, die nach dem Tod schrien. Irgendwo zwischen den fl�chtenden Gestalten waren zwei schmale graue Schatten, zwischen sich eine dritte, reglose Gestalt schleifend. Dann sah er Tantor, der ein winziger h�pfender Farbklecks auf dem R�cken eines bockenden Pferdes war und mit wild gestikulierenden Armen auf den Waldrand deutete, wobei er ununterbrochen schrie. Skar sprengte auf ihn zu, gab seinem Pferd gnadenlos die Sporen und deutete auch zum Wald hin�ber. Tantor ri� sein Pferd herum, aber irgend etwas schien mit dem Tier nicht zu stimmen: Es lahmte, warf immer wieder den Kopf hin und her und weigerte sich, zu laufen, obwohl Tantors Sporen tiefe blutige Gr�ben in seine Haut rissen.</p><p>�Skar!� br�llte der Zwerg. �Hilf mir!� In seiner Hand blitzte pl�tzlich ein winziger nadelspitzer Dolch. Mit einem gellenden Schrei stie� er seinem Pferd die Spitze in den Hals und ri� an den Z�geln, als das Tier vor Schmerz einen Satz machte. �Hilf mir!� kreischte er. Sein Pferd ging durch, bockte, brach in den Hinterbeinen ein und kam wie durch ein Wunder noch einmal hoch. Tantor beugte sich verzweifelt im Sattel vor, griff nach Skars Umhang und glitt ab, bekam aber einen Steigb�gel zu fassen. Skar sp�rte einen schmerzhaften Ruck, als Tantor aus dem Sattel gerissen und mitgeschleift wurde. Der Zwerg begann zu kreischen, griff mit der anderen Hand nach Skars Sattel und klammerte sich fest.</p><p>�La� los!� schrie Skar, aber Tantor h�rte seine Worte nicht. Sein Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung, w�hrend er versuchte, sich zu Skar auf den R�cken des Pferdes zu ziehen. Das Tier scheute. Seine Schritte kamen aus dem Takt, wurden zu einem m�hsamen, arhythmischen Stampfen. Skar k�mpfte mit aller Kraft um seine Gleichgewicht und versuchte gleichzeitig, Del vor sich festzuhalten. �La� los!� schrie er noch einmal, aber wieder reagierte Tantor nicht. Er klammerte sich am Sattel fest, schrie vor Furcht und Schmerz und zog sich mit erstaunlicher Kraft Zentimeter f�r Zentimeter nach oben.</p><p>Skar lie� den Z�gel los, klammerte sich nur mit der Kraft seiner Beine fest und schlug zu. Seine Faust traf Tantor �ber dem Auge; der Schlag war so wuchtig, da� Skar ihn als dumpfen Schmerz bis in die Schulter hinauf sp�rte. Tantors Schreie verstummten. Seine H�nde l�sten sich. Er st�rzte zu Boden, �berschlug sich wie ein kleiner, bunter Stoffball und blieb reglos liegen. Skar griff hastig wieder nach den Z�geln, verschwendete drei, vier Sekunden damit, das bockende Pferd zu beruhigen, und ritt weiter. Die beiden Sumpfbr�der und Gowenna waren bereits ein gutes St�ck vor ihm, kaum hundert Schritte vom Waldrand und der rettenden Schneise entfernt, und hinter ihnen tobte nach immer das Chaos. Die Schreie des Drachen waren leiser geworden, aber daf�r brach in einer versp�teten, bisher durch ungl�ubigen Schrecken gel�hmten Reaktion, unter Velas Kriegern endg�ltig Panik aus. Er glaubte Gowennas Stimme in dem unbeschreiblichen L�rm zu h�ren, war sich aber nicht sicher.</p><p>Sein Pferd begann zu lahmen. Die Haut des geschundenen Tieres war blutig, von zahllosen ver�tzten Wunden und Rissen �bers�t, und das Gewicht zweier ausgewachsener M�nner war mehr, als es noch zu tragen imstande war. Skar sah sich abermals um. Noch schien keiner der Soldaten daran zu denken, sie zu verfolgen, aber es waren noch immer mehr als zweihundert Schritte bis zum Waldrand, eine l�cherliche Entfernung, und doch zu weit, wenn man von M�nnern mit Armbr�sten und B�gen verfolgt wurde. Er trieb das Pferd noch einmal an, zwang es mit brutaler Kraft, weiterzustolpern, und sprang aus dem Sattel, als es endlich, zitternd und wimmernd vor Schmerz und Ersch�pfung, stehenblieb. Vom Waldrand her drang ein hoher, vibrierender Ruf zu ihm. Er warf sich Del �ber die Schultern, ging unter dem Gewicht f�r einen Moment in die Knie und rannte los. Ein Schatten l�ste sich vom Waldrand, aber die Zeit schien pl�tzlich stehenzubleiben, und Dels Gewicht nahm mit jeder Sekunde zu. Skar taumelte weiter, rang nach Luft und fiel auf die Knie. Hinter ihm erscholl ein w�tender Schrei, und irgend etwas Dunkles, Schlankes zischte an ihm vorbei. Er sp�rte kaum noch, wie El-tra neben ihm anlangte und sich Del so m�helos, als w�re er nicht mehr als eine Stoffpuppe, �ber die Schulter warf. Eine Hand packte ihn, ri� ihn mit unmenschlicher Kraft vom Boden hoch und zerrte ihn mit sich. Ein zweiter Pfeil zischte heran, zersplitterte wenige Fu� neben ihm auf dem spr�den Glasboden, dann ein dritter, besser gezielt und nahe, zu nahe. Der Boden dr�hnte pl�tzlich unter dem h�mmernden Stampfen von Pferdehufen. Er wollte sich umsehen, aber El-tra ri� ihn r�cksichtslos mit sich, so da� er M�he hatte, mit ihm Schritt zu halten und auf den Beinen zu bleiben.</p><p>Die Reiter hatten sie fast eingeholt, als sie den Waldrand erreichten. Skar taumelte blind an El-tra vorbei, brach durch eine schmale, von rasiermesserscharfen Glasz�hnen eingerahmte L�cke zwischen den St�mmen und sank in die Knie. �belkeit stieg wie eine schleimige Woge in ihm empor. Er sp�rte kaum, wie El-tra das <emphasis>Tschekal </emphasis>aus seinem G�rtel ri� und sich - gemeinsam mit seinem Bruder, der sich Dels Waffe bem�chtigt hatte - den Reitern entgegenwarf. Der Wald begann sich vor seinen Augen zu drehen. Die �belkeit verschwand und kam dann, urpl�tzlich und zehnmal schlimmer, zur�ck. Skar �bergab sich w�rgend, immer und immer wieder, bis sein Magen leer war und er nur noch bittere Galle erbrach.</p><p>Jemand ber�hrte ihn an der Schulter. M�hsam hob er den Kopf und blickte in ein schmales, zweigeteiltes Gesicht.</p><p>�Bist du verletzt?� fragte Gowenna.</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf und versuchte zu l�cheln, aber er brachte nur eine Grimasse zustande. �Nein�, sagte er. �Ich glaube jedenfalls nicht.� Hinter ihnen erscholl Kampfesl�rm, das berstende Ger�usch von Stahl und R�stungen, die Schreie von M�nnern und Tieren. Skar griff blind nach einem Halt, zog sich unter erheblicher Anstrengung auf die F��e und drehte sich um, aber Gowenna hielt ihn mit einer hastigen Bewegung zur�ck. �Nicht�, sagte sie. �Es sind nur vier. Die Sumpfbr�der werden sie abwehren. Wir m�ssen weg.�</p><p>Skar z�gerte. Sie waren nur wenige Schritte in den Wald eingedrungen, aber selbst von hier aus war es schon fast unm�glich, zu sehen, was sich drau�en abspielte. Die blitzenden Kristallst�mme standen so dicht, da� alles, was mehr als einen Schritt entfernt vor sich ging, hinter einem Vorhang aus Licht und tanzenden Reflexen verborgen blieb. Seine Hand glitt an den G�rtel, ehe ihm einfiel, da� El-tra seine Waffe hatte. Aber schlie�lich k�mpfte er auch seinen Kampf.</p><p>�Wir m�ssen weiter�, sagte Gowenna noch einmal. �Hier sind wir nicht sicher. Sie haben sich noch nicht von der �berraschung erholt, aber wenn Vela alle ihre Krieger hinter uns herschickt, dann erwischen sie uns.�</p><p>Skar nickte, doch es war eigentlich nur ein Reflex auf den Klang ihrer Stimme, nicht auf die Worte. Er b�ckte sich zu Del herab, drehte ihn auf den R�cken und untersuchte ihn fl�chtig. Der Verband an Dels Hand war ger�tet von frischem Blut, aber sein Atem ging ruhig und gleichm��ig. �Du mu�t mir helfen, ihn zu tragen�, sagte er. �Ich schaffe es nicht mehr allein.�</p><p>Gowenna runzelte die Stirn, schwieg aber. Gemeinsam hoben sie Del hoch, wobei Skar ihn unter den Schultern ergriff und sich bem�hte, den Gro�teil des Gewichts zu �bernehmen. �Wohin?� Gowenna deutete mit einer Kopfbewegung nach S�den, tiefer in den Wald hinein. Sie gingen los, aber es erwies sich als fast unm�glich, neben- oder hintereinander zu gehen und Dels reglosen K�rper mitzuschleppen. Das Geflecht der B�ume und B�sche war zu eng, die St�mme, die zum Teil nur d�nn wie Schilf, mancherorts aber auch so stark wie ein Menschenleib waren, standen zu eng, und dort, wo ein Durchkommen m�glich schien, waren die Zwischenr�ume Fallgruben aus t�dlichen Klingen und Dolchen. Skar, der vorausging, war schon nach Augenblicken am ganzen Leib zerstochen und zerschnitten; er blutete aus unz�hligen winzigen Wunden, und einer der harten Stengel war wie ein Dolch durch die z�he Sohle seines Stiefels gefahren und hatte sich in seinen Fu� gebohrt.</p><p>Skar blieb stehen, sch�ttelte ersch�pft den Kopf und lie� Del behutsam zu Boden sinken. �Sinnlos�, sagte er. �Wir m�ssen warten, bis er erwacht.�</p><p>�Er wird nicht sehr begeistert sein�, vermutete Gowenna. Etwas in ihrer Stimme, ein Unterton, den sie angestrengt zu verbergen versuchte, der aber trotzdem h�rbar blieb, lie� Skar aufsehen. �Und du auch nicht�, sagte er.</p><p>Gowenna antwortete nicht. Die d�stere Beleuchtung hier im Inneren des Waldes machte es Skar unm�glich, den Ausdruck auf ihren Z�gen zu erkennen, aber er sp�rte trotzdem, da� er mit seiner Vermutung ins Schwarze getroffen hatte.</p><p>�Er wird uns keine Schwierigkeiten bereiten, das verspreche ich�, sagte er.</p><p>Gowenna drehte sich um und sah eine Weile in die Richtung zur�ck, aus der sie gekommen waren. Sie hatten sich kaum weiter als drei�ig oder vierzig Schritte vom Waldrand entfernt, aber selbst hier war der L�rm des Kampfes kaum noch zu h�ren. Die silbrigwei�en St�mme und Bl�tter des erstarrten Waldes schienen nicht nur das Licht, sondern auch jegliches Ger�usch zu verschlucken.</p><p>�Was war mit Tantor?� fragte sie, ohne ihn anzusehen.</p><p>�Was soll mit ihm gewesen sein? Du hast es gesehen.�</p><p>Gowenna nickte. �Ja. Aber ich m�chte eine Erkl�rung f�r das, was ich gesehen habe.�</p><p>Skar sch�rzte w�tend die Lippen. �Was gibt es da zu erkl�ren? Er hat sein Pferd zuschanden geritten. Wenn ich ihn nicht weggesto�en h�tte, h�tte er mich mit aus dem Sattel gerissen. Und mein Tier h�tte keine drei M�nner getragen.�</p><p>Gowenna drehte sich nun doch herum, schnell, mit einer abgehackten, fast w�tenden Bewegung, starrte sekundenlang wortlos auf Del hinab und ballte die F�uste.</p><p>�Drei nicht, aber zwei.�</p><p>�Del ist mein Freund�, sagte Skar betont. �Und es ist mir vollkommen egal, was er getan oder gesagt hat, Gowenna. Ich werde herausfinden, was diese Hexe mit ihm getan hat, und ich werde ihm helfen.�</p><p>�So wie du Tantor geholfen hast?�</p><p>Skar machte eine w�tende Geste. �Was ist in dich gefahren?� regte er sich auf. �Hast du pl�tzlich dein Herz f�r diesen Gnom entdeckt? Er wu�te genau, welches Risiko diese Flucht bedeutet. Und ich kann nichts daf�r, wenn er mit einem Messer auf sein Pferd einsticht, um es weiterzutreiben! Was h�tte ich tun sollen? Del aus dem Sattel werfen, um <emphasis>ihm </emphasis>zu helfen? Oder warten, bis Velas Schergen uns alle drei wieder eingefangen h�tten?�</p><p>�Er hat uns geholfen�, sagte Gowenna leise. �Ohne ihn w�re es El-tra niemals gelungen, den Drachen abzulenken.�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>Gowenna l�chelte, aber es wirkte eher wie ein Vorwurf. �Was glaubst du, warum die Bestie pl�tzlich durchdrehte?� fragte sie. �Tantor hat die Sumpfbr�der den Ruf des Drachen gelehrt.�</p><p>�Den Ruf des Drachen? Was ist das?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, sagte Gowenna. �Er nannte es so, aber El-tra schien sofort zu wissen, was er meinte. Ein Laut - vielleicht etwas wie ein Brunftschrei - was wei� ich? Wu�test du nicht, da� die Sumpfleute mit den Tieren reden?�</p><p>�Geschw�tz.�</p><p>�Sicher. Sie <emphasis>reden </emphasis>nicht mit ihnen, wenn du das meinst, aber sie verm�gen sie zu beruhigen - oder zur Raserei zu bringen, je nachdem.�</p><p>�Und selbst wenn�, murmelte Skar. �Er kannte das Risiko.� Pl�tzlich schrie er: �Verdammt noch mal, Gowenna - wenn dir dieser verlogene Zwerg so sehr am Herzen liegt, dann geh doch hinaus und hole ihn! Vela wird sich sicher freuen, dich wiederzusehen!�</p><p>Sein Zorn prallte an ihr ab. Sie blieb ruhig, hielt seinem Blick stand und kam im Gegenteil noch einen Schritt n�her. �Was hat sie mit dir gemacht, Skar?� fragte sie. �Dich behext?�</p><p>Skar wollte auffahren, aber er sp�rte, da� er ihr, ganz gleich, was er auch sagen konnte, nur recht geben w�rde. So schwieg er, auch, als Gowenna neben ihm niederkniete und ihm die Hand auf den Unterarm legte. Das vertraute Gef�hl, das ihre Ber�hrung sonst in ihm ausgel�st hatte, blieb aus. Sie schienen pl�tzlich nur noch Fremde f�reinander zu sein.</p><p>�Verdammt, Gowenna - was h�tte ich denn tun sollen?�</p><p>Sie schwieg einen Moment, sah auf Del herab und ber�hrte sein Gesicht mit den Fingerspitzen. �Ich wei� es nicht�, sagte sie leise und ohne ihn anzusehen. �Aber ich kannte einmal einen Skar, der h�tte diese Frage nicht gestellt.�</p><p>Ein sonderbares irreales Gef�hl von Schuld machte sich in Skar breit. Keine Schuld Tantor gegen�ber - er f�hlte sich dem Zwerg in keiner Hinsicht verpflichtet und hatte schlimmstenfalls mit gleicher M�nze zur�ckgezahlt - aber das pl�tzliche Gef�hl, vor sich selbst versagt zu haben, auch wenn er vielleicht subjektiv richtig gehandelt hatte. Gowenna war der Wahrheit n�hergekommen, als sie wahrscheinlich selbst ahnte. Vela hatte etwas mit ihm <emphasis>gemacht, </emphasis>aber es war nicht heute morgen geschehen, auch nicht in den Tagen zuvor, die er im Kerker verbracht hatte, sondern viel, viel fr�her. Sie hatte einen Keim gelegt, den Keim zu einer Ver�nderung, die ebenso langsam wie unaufhaltsam mit ihm geschah. Wie lange hatte er in sich hineingelauscht, hatte auf die Stimme, das Erwachen seines Dunklen Bruder, gewartet? Der war stumm geblieben, als h�tten Velas Bem�hungen, ihn zu erwecken, das Gegenteil bewirkt, aber Skar begriff pl�tzlich, da� das gar nicht stimmte. Er war l�ngst erwacht, und er hatte - vielleicht schon, bevor sie dieses Land und die Brennende Stadt erreicht hatten - damit begonnen, seine Seele zu ver�ndern, ihn langsam, ganz langsam erstarren zu lassen. Und er w�rde fortfahren, ganz gleich, ob er sich dagegen wehrte oder nicht, er w�rde seine Seele vergiften und ihn t�ten, St�ck f�r St�ck, bis er so kalt und berechnend wie Vela selbst geworden war.</p><p>Del st�hnte leise. Er erwachte nicht, aber sein Gesicht zuckte. Der Verband an seinem Handgelenk war mittlerweile vollkommen durchblutet, und etwas D�nnes, Spitzes stie� von unten gegen den Stoff. Der Knochen mu�te gesplittert, nicht nur gebrochen sein.</p><p>�Kannst du ... etwas gegen seine Schmerzen tun?� fragte Skar stockend.</p><p>Gowenna sch�ttelte den Kopf. �Mit leeren H�nden? Er wird durchhalten m�ssen, bis wir in Cosh sind.�</p><p>Skar seufzte ergeben. Del war stark, das wu�te er. Und die Verletzung w�rde ihn vielleicht davon abhalten, einen Fluchtversuch zu unternehmen. �Wie weit ist es?�</p><p>Gowenna �berlegte einen Moment. �F�nf, vielleicht zehn Meilen. Genau wei� ich das nicht - aber die Grenze zu Cosh liegt auf der anderen Seite dieses Kristallwaldes. Es wird nicht leicht sein, ihn zu durchqueren, wir -�</p><p>Die R�ckkehr der beiden Sumpfbr�der unterbrach sie. Die beiden M�nner aus Cosh erschienen Skar gleicher denn je - ihre Umh�nge waren zerfetzt und blutig, beide nicht von ihrem Blut und beide auf die gleiche Weise - und selbst die Art, in der sie die Schwerter hielten, der eine rechts, der zweite, wie in einer spiegelverkehrten Abbildung, in der linken Hand, �hnelte sich auf verbl�ffende Weise.</p><p>�Wir m�ssen weg. Rasch.� Es war nicht festzustellen, welcher der beiden El-tra sprach; die blitzenden W�nde des Kristallgew�lbes verzerrten seine Stimme und warfen sie in tausendfachen leisen, glockenhellen Echos zur�ck, so da� sie aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen schien. �Kann er gehen?� Einer der beiden deutete auf Del. Skar sch�ttelte den Kopf. Der Sumpfmann schob das Schwert - es war Dels <emphasis>Tschekal, </emphasis>wie Skar mit einem raschen Blick feststellte - in den G�rtel, b�ckte sich und lud sich den bewu�tlosen Satai auf die Schulter. Skar war sich nicht sicher, aber er hatte f�r einen Moment den Eindruck, als ob der Sumpfmann unter dem Gewicht des reglosen K�rpers wanke. Auch die Kraft der Sumpfleute war nicht unersch�pflich.</p><p>�Kommt.�</p><p>Sie gingen los, El-tra mit Del �ber der Schulter an der Spitze, gefolgt von Skar und Gowenna. Der zweite Sumpfmann bildete den Abschlu�. Skar fiel auf, da� er sich immer wieder mit kleinen, nerv�sen Blicken umsah.</p><p>Skar verlor schon nach wenigen Schritten die Orientierung. Das glitzernde Dach �ber ihren K�pfen lie� zwar das Tageslicht hindurch, aber er konnte weder die Sonne noch den Himmel wirklich sehen, und es gab in diesem Labyrinth aus Licht und Glas und t�dlichen Spitzen keine Geradeaus, sondern nur ein scheinbar zielloses Hin und Her, eine m�hsame Suche nach L�cken und Durchl�ssen, die nur zu oft damit endete, da� sie weit auf ihrer eigenen Spur zur�ckgehen und einen anderen Weg suchen mu�ten. Skar h�tte schon nach Augenblicken nicht mehr sagen k�nnen, in welche Richtung sie sich nun bewegten.</p><p>�Wie viele M�nner verfolgen uns?� fragte er.</p><p>�Keiner�, antwortete El-tra. �Sie sind noch dabei, ihre Wunden zu lecken und die �berlebenden zu versorgen. Die <emphasis>Errish </emphasis>mu� die H�lfte ihrer Leute eingeb��t haben. Aber sie hat andere M�glichkeiten, uns zu verfolgen.�</p><p>Skar h�tte den Sumpfmann gern nach diesen M�glichkeiten gefragt, doch der Weg wurde schwieriger, und f�r die n�chsten Minuten, vielleicht auch f�r Stunden, hatte er alle M�he, hinter El-tra zu bleiben und sich dabei keine schweren Verletzungen zuzuziehen. Nach einer Weile begann sich der �Wald� aufzulockern; die St�mme traten ein wenig weiter auseinander, und sie kamen etwas schneller voran.</p><p>Nach einer Weile blieb El-tra stehen und lie� Del zu Boden sinken, nun sichtlich ersch�pft. Er wankte, und im unsicheren Licht des verzauberten Kristallwaldes schien es Skar f�r einen Augenblick, als flackere seine Gestalt, als w�ren die Kr�fte, die die wogenden Nebel unter der spitzen Kapuze in ihrer Form hielten, erlahmt. Er warf dem Sumpfmann einen langen, besorgten Blick zu, kniete neben Del nieder und versuchte ihn aufzuheben. Es ging nicht. Auch er war ersch�pft durch den langen, kr�ftezehrenden Marsch, aber auch durch den Verlust an Blut, das aus unz�hligen winzigen Schnittwunden �ber seine Arme und Beine lief. Mit einem ersch�pften Keuchen richtete er sich, schwankend und die H�nde haltsuchend ausgestreckt, auf, lehnte sich gegen einen der k�hlen, glatten St�mme und schlo� die Augen. Das Blut rauschte hinter seinen Schl�fen, und die Atemz�ge waren scharf wie geriebenes Glas und schmeckten nach Blut.</p><p>�Wir schaffen es nicht�, fl�sterte Gowenna. Sie war neben ihm zusammengesunken, den Kopf auf die Knie gest�tzt und die H�nde wie in Schmerzen gegen den Leib gepre�t. �Diesmal sind wir erledigt, Skar.�</p><p>Skar �ffnete m�hsam die Augen. Das Licht flackerte und verlieh den starren Kristallstrukturen um sie herum scheinbares Leben. �Wir werden es schaffen�, widersprach er. �Ich denke gar nicht daran, aufzugeben. Jetzt nicht mehr. Ich werde ... Del tragen. Gib mir nur ein paar Augenblicke, um neue Kraft zu sch�pfen.�</p><p>Gowenna hob m�de den Kopf und sah ihn an. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht konnte ein L�cheln sein, vielleicht aber auch etwas ganz, ganz anderes.</p><p>�Mach dich nicht zum Narren, Skar�, sagte sie ruhig. �Du bist am Ende, genau wie wir. Du kannst ja kaum mehr aus eigener Kraft stehen.�</p><p>�Und was schl�gst du vor, das wir tun sollen?� fragte Skar b�se. �Hier warten, bis Velas M�nner uns eingeholt haben?�</p><p>�Nat�rlich nicht�, mischte sich El-tra ein. �Aber Gowenna hat recht - wir waren zu lange in Tuan. Unsere Kr�fte sind ersch�pft. Mein Bruder wird allein vorausgehen und Hilfe holen.�</p><p>�Hilfe?� Skar lachte leise, als h�tte der Sumpfmann einen Scherz gemacht. �Und wo?�</p><p>�Cosh ist nicht weit, Bruder�, antwortete El-tra ernst. �Mit etwas Gl�ck k�nnen wir bei Sonnenaufgang zur�cksein. So lange m��t ihr euch hier verbergen.�</p><p>�Und wenn er nicht zur�ckkommt?�</p><p>�Ich komme zur�ck�, sagte El-tra. Er schien einen Moment zu �berlegen, griff dann unter seinen Mantel und zog Dels Schwert hervor. Ohne ein weiteres Wort dr�ckte er Skar die Waffe in die Hand, drehte sich um und verschwand im Unterholz. Seine Schritte waren noch eine Weile auf dem klingenden Boden zu h�ren.</p><p>Skar f�hlte sich pl�tzlich auf seltsame Weise alleingelassen. F�r einen Moment mu�te er mit aller Macht gegen den irrsinnigen Impuls ank�mpfen, blindlings hinter dem Sumpfmann herzust�rzen. El-tra war l�ngst kein Fremder mehr f�r ihn, sondern so vertraut wie ein guter Freund, mit dem er seit Jahrzehnten zusammen war. �Keine Sorge, Bruder�, murmelte der andere Sumpfmann. �Er wird zur�ckkommen. Wir kennen diese W�lder. Auch ihre Gefahren.� Obwohl die Worte dazu gedacht waren, Skar zu beruhigen, bewirkten sie eher das Gegenteil. Aber er beherrschte sich und schwieg.</p><p>�Wir sollten trotzdem weitergehen�, fuhr der Sumpfmann fort. �Wir sind noch zu dicht am Waldrand. Velas Arm reicht weit.�</p><p>�So?� Skar stie� sich von dem Baumstamm, an dem er gelehnt hatte, ab, machte einen Schritt auf den Sumpfmann zu und sah ihn scharf an. �Wahrscheinlich ist es sinnlos�, sagte er sp�ttisch, �aber vielleicht kannst du dir irgendwann einmal angew�hnen, nicht in R�tseln zu sprechen. Was hei�t: Velas Arm reicht weit?�</p><p>�W��te ich es, w�ren wir nicht hier�, entgegnete El-tra. �Doch ich sp�re, da� wir noch nicht in Sicherheit sind. Vielleicht gew�hren uns nicht einmal die Grenzen von Cosh wirklichen Schutz. Du kennst diese Frau besser noch als wir, Skar. Sie wird nicht eher ruhen, als bis sie erreicht hat, was sie will.�</p><p>�Vielleicht k�nntet ihr f�r einen Moment damit aufh�ren, euch ununterbrochen Dinge zu erkl�ren, die ihr l�ngst wi�t�, sagte Gowenna spitz. �Del erwacht.�</p><p>Skar fuhr schuldbewu�t zusammen und kniete neben Del nieder. Das Gesicht des jungen Satai gl�nzte vor Schwei�, trotz der K�lte und der Feuchtigkeit, die sie auch hierherverfolgt hatte und beharrlich durch ihre Kleider kroch. An seinem Hals pochte eine Ader. Skar erschrak, als er sah, <emphasis>wie </emphasis>schlecht Dels Zustand wirklich war. Der gebrochene Arm mu�te sehr schmerzhaft sein - aber darin allein konnte der Grund f�r das Beinahe-Koma, in dem Del lag, kaum liegen. Seine Augenlider flatterten, �ffneten sich f�r einen Moment und fielen dann wieder zu, als fehle ihm selbst f�r diese Bewegung noch die Kraft. Skar sah auf und blickte erst Gowenna, dann den Sumpfmann hilfesuchend an.</p><p>�Was ... ist mit ihm?� fragte er.</p><p>Gowenna bedeutete ihm mit einer Geste, beiseite zu treten, und Skar gehorchte. Del bewegte sich st�rker, �ffnete noch einmal die Augen und versuchte sich hochzustemmen. Sein Blick war verschleiert. Er sah Skar an, aber in seinen Augen war kein Erkennen. Ohne ein weiteres Wort lie� sich El-tra neben ihm nieder, zwang ihn mit sanfter Gewalt wieder zur�ck und legte Mittel- und Zeigefinger der linken Hand �ber seine Augen.</p><p>�Was habt ihr vor?� fragte Skar besorgt.</p><p>Gowenna winkte ungeduldig ab. �Nichts, was dir Anla� zur Sorge geben k�nnte�, sagte sie ausweichend.</p><p><emphasis>�Aber -�</emphasis></p><p>�Bitte, Skar - la� ihn. Wenn du willst, da� dein Freund lebend in Cosh ankommt, dann vertraue El-tra. Wenn du es sonst schon nicht kannst.�</p><p>Skar schluckte den kaum verh�llten Vorwurf in Gowennas Worten widerspruchslos hinunter und wandte sich ab. Sie waren alle nerv�s, nerv�s, ver�ngstigt und dazu am Ende ihre physischen Kraft. Wenn er sich jetzt auf einen Streit mit Gowenna einlie�, dann w�rde er vielleicht Dinge sagen, die ihm hinterher leid t�ten. Eine Zeitlang ging er unruhig auf und ab, w�hrend El-tra weiter reglos dahockte, die Linke auf Dels Gesicht, und leise, unverst�ndliche Worte murmelte. Aber was immer er tat - es wirkte. Dels Atem beruhigte sich. Sein Blick wurde wieder klar, wenn auch auf eine Art, die Skar bewies, da� er noch immer nicht Herr seiner Sinne war. Nach einer Weile stand El-tra auf, trat einen Schritt zur�ck und hob die Hand. Dels Blick hing wie gebannt an seinem Schattengesicht. Wieder stemmte er sich hoch, versuchte aufzustehen und sank mit einem schmerzhaften Seufzer zur�ck. El-tra sch�ttelte den Kopf. �Sinnlos�, sagte er. �Velas Einflu� ist zu stark in ihm. Und ich bin allein nicht stark genug, ihn brechen zu k�nnen.� Er schwieg einen Moment, drehte sich um und fuhr fort: �Wir werden ihn tragen m�ssen. Oder hierbleiben.� Skar antwortete nicht darauf. Und er wollte auch pl�tzlich gar nicht mehr wissen, was El-tra getan oder gemeint hatte. Er war so lange mit den Sumpfbr�dern zusammengewesen, da� er zu vergessen begann, was sie wirklich waren - n�mlich keine Menschen, sondern M�nner eines Volkes, das vielleicht ebenso fremd und unverst�ndlich war, wie es die Erbauer Combats gewesen sein mochten.</p><p>�Bleiben wir eine Weile hier und ruhen uns aus�, schlug Gowenna vor. �Wir k�nnten sp�ter weitergehen. Das hei�t, wenn wir hier sicher sind.�</p><p>�Das sind wir nicht.� El-tra machte eine rasche Geste mit beiden H�nden, die den gesamten Wald einschlo�. �Aber wir sind auch weiter im S�den nicht sicherer. Nicht, ehe wir nicht die Grenzen zu Cosh �berschritten haben. Und ich glaube nicht�, f�gte er nach kurzem �berlegen hinzu, �da� sie wei�, wo wir sind.�</p><p>Wieder schwiegen sie eine Weile, bedr�ckt, ersch�pft, aber auch aus dem Wissen heraus, da� es nichts gab, was noch zu sagen gewesen w�re. Schlie�lich hockte sich Skar - so wie schon zuvor - neben Del auf den Boden und lehnte sich gegen einen Baum. Der glatte Kristall erschien ihm k�lter als noch vor wenigen Augenblicken, und der Boden war, obgleich sie schon lange wieder �ber normales Erdreich und Stein, nicht mehr �ber Glas marschierten, hart und unnachgiebig wie geschmiedeter Stahl. Das Licht, das verzerrt und tausendfach gebrochen durch das kristallene Dach �ber ihren K�pfen sickerte, verlor allm�hlich an Intensit�t; es mu�te Abend werden. Trotzdem wurde es nicht dunkel, zumindest nicht vollst�ndig. Die Sonne ging unter, aber das Sternenlicht spiegelte sich in den unz�hligen Facetten und Fl�chen der Diamantb�ume, so da� der Kristallwald auch nach Sonnenuntergang noch von gr�ulicher, von unz�hligen flirrenden Lichtpunkten durchsetzter Helligkeit erf�llt war; ein Licht, das gleicherma�en faszinierend wie unheimlich war. Skar versuchte zu schlafen, aber die zunehmende K�lte und die Furcht, die sich wie ein schleichendes Gift in seinen Gedanken festgesetzt hatten, hielten ihn wach. Del schlief - Schlaf oder Bewu�tlosigkeit, das blieb sich gleich -, w�hrend El-tra und Gowenna sich darin abl�sten, Wache zu halten und ihre n�here Umgebung zu erkunden. Skar hatte sich angeboten, seinen Teil der Wache zu �bernehmen, aber der Sumpfmann hatte das rundweg abgelehnt, und Skar war nicht allzu ungl�cklich dar�ber gewesen. Er fragte sich ohnehin, wie El-tra das Kunstst�ck fertigbrachte, nicht die Orientierung zu verlieren. So beschr�nkte er sich darauf, wach zu bleiben und - eigentlich nur, um seine H�nde besch�ftigt zu wissen und nicht, weil er ernsthaft daran glaubte, angegriffen zu werden - sein <emphasis>Tschekal </emphasis>griffbereit zu halten.</p><p>Der Laut zaghafter Schritte ri� ihn aus seinen Gedanken. Er sah auf, nickte Gowenna wortlos zu und fuhr fort, seine Waffe zu polieren, w�hrend sie neben ihm Platz nahm. Eine Weile sah sie ihm schweigend zu, wie er das Schwert sorgf�ltig mit einem Tuchstreifen, den er von seinem Umhang gerissen hatte, reinigte, immer wieder absetzte und ins Licht hielt, um sich davon zu �berzeugen, da� auch nirgendwo ein Fleck oder ein Kratzer zur�ckgeblieben war. Ihre Hand ber�hrte seinen Arm. Skar hielt einen Moment inne, sah auf ihre Finger hinab und fuhr dann fort, das <emphasis>Tschekal </emphasis>zu streicheln. Einen Herzschlag lang erstarrte Gowennas Bewegung, und er dachte, da� sie die Hand zur�ckziehen w�rde, aber ihre Finger glitten weiter, ber�hrten sein Handgelenk und schmiegten sich gleichzeitig sanft und kr�ftig um dieses. Skar lie� die Waffe sinken und sah Gowenna an. Ihr Gesicht lag im Schatten, aber das kristallene Dach �ber ihren K�pfen lie� winzige Lichtmotten dar�berflattern, so da� es eine eigene, fremde Art von Leben bekam. Skar lauschte einen Moment in sich hinein, aber alles, was er f�hlte, war M�digkeit und ein vager, noch weit entfernter Schmerz.</p><p>�Was ich vorhin gesagt habe�, murmelte Gowenna, �tut mir leid.�</p><p>�Was?�</p><p>�Tantor. Du hast richtig gehandelt. Ich ... habe mich hinrei�en lassen. Verzeih.�</p><p>Skar l�chelte, schob die Waffe in den G�rtel zur�ck und legte den Arm um Gowennas Schulter. Aber es war eigentlich nur ein Reflex, etwas, das er im Grund nur tat, weil sie es von ihm erwartete. �Schon gut. Du hattest recht.�</p><p>Gowenna schmiegte sich eng an ihn, aber er wartete weiter vergeblich auf irgendeine Regung in sich.</p><p>�Wir k�nnten uns jetzt nat�rlich wieder streiten, wer von uns beiden nun im Recht war�, sagte Gowenna. �Aber ich bin zu m�de dazu. Wie geht es Del?�</p><p>Skar wandte den Kopf und sah auf die schlafende Gestalt hinab. �Er schl�ft�, antwortete er. �Das Beste, was ihm passieren kann. Was ... hat El-tra mit ihm gemacht?�</p><p>Gowenna schwieg einen Moment. Ihr Atem ging schneller als normal, und Skar sp�rte durch den dicken Stoff ihres Mantels hindurch, wie sie zitterte, aber das konnte ebenso an seiner N�he wie an der K�lte liegen. Er hoffte, da� es die K�lte war. �Ich wei� es nicht genau�, sagte sie nach einer Weile. �Die Sumpfleute sind ein seltsames Volk. Ich habe lange bei ihnen gelebt, aber du mu�t nicht denken, da� ich sie kenne. Ich wei� nur das von ihnen, was sie wollten, da� ich wissen darf. Und das ist nicht viel. Vielleicht�, f�gte sie pl�tzlich und �berraschend hinzu, �h�tten sie Tantor get�tet, wenn er ihre S�mpfe betreten h�tte. M�glicherweise hast du ihm das Leben gerettet.�</p><p>Skar lachte rauh. �Das bezweifle ich. Wenn er den Sturz vom Pferd �berlebt hat, wird Vela ihre Wut an ihm auslassen.�</p><p>�Wut?� Gowenna betonte das Wort auf seltsame Art. �Ich glaube nicht, da� sie so etwas wie Wut �berhaupt kennt, Skar. Sie ist...� Sie brach ab, l�ste seinen Arm von ihrer Schulter und setzte sich auf. �Spielst du Schach?� fragte sie.</p><p>Skar versuchte gleichzeitig zu nicken und den Kopf zu sch�tteln. �Nicht sehr gut.�</p><p>�Sie beherrscht es meisterhaft, Skar. Und sie spielt ohne Gef�hle.�</p><p>�Aber sie benutzt lebende Figuren�, murmelte Skar.</p><p>�Tun wir das nicht alle? Versuchen wir es nicht wenigstens alle irgendwann einmal?�</p><p>Skar begann sich unbehaglich zu f�hlen. Er hatte nicht �ber Vela reden wollen, wenigstens jetzt nicht. Aber das schien unm�glich zu sein. Die <emphasis>Errish </emphasis>war mit der Unaufhaltsamkeit einer Naturkatastrophe in sein Leben gebrochen und hatte es ver�ndert, grundlegender als irgend jemand oder irgend etwas zuvor. Selbst wenn es ihm gelang, sie zu besiegen, w�rde er hinterher nicht mehr derselbe sein wie vorher.</p><p>Er lehnte sich zur�ck, sah zu dem lichtdurchwobenen Kristalldach �ber sich empor und deutete mit einer fragenden Geste auf den Wald. �Was ist das hier eigentlich?� fragte er, nicht aus wirklicher Neugier, sondern nur, um auf ein anderes Thema �berzulenken.</p><p>�Ich wei� es nicht. Niemand wei� es, glaube ich. Tuan steckt voller Geheimnisse, und manche von ihnen werden wohl nie gel�ftet werden. Vielleicht war es einmal ein Wald, der zu Glas wurde wie Tuan, vielleicht auch etwas anderes ... aber es ist sch�n.�</p><p>�Sch�n?�</p><p>Gowenna nickte. �Sch�n und unheimlich, jedenfalls f�r mich.� Ihre Stimme bekam einen seltsam weichen Klang. �Es ist, als ... als w�re man im Inneren eines gewaltigen Diamanten. Man f�hlt sich so geborgen.�</p><p>�Geborgen ...� Skar lachte leise. �Kennst du den gelben Stein, der manchmal vom Meer ans Land geworfen wird? Ich habe einmal ein solches St�ck gefunden. In seinem Inneren war eine Spinne begraben, ein winziges Tier nur, noch in der Luftblase, die sie mitgenommen hatte, um unter Wasser zu atmen. Glaubst du, da� sie sich geborgen gef�hlt hat?�</p><p>Gowenna sah ihn lange und schweigend an.</p><p>�Sind alle Satai so wie du?� fragte sie pl�tzlich.</p><p>�Wie meinst du denn, da� ich bin?�</p><p>�Auf jeden Fall seltsam�, seufzte Gowenna. �Wir sind nun schon lange zusammen, und ich kenne dich immer noch nicht. Vielleicht kennst du dich nicht einmal selbst. Du bist ein Mann des Krieges, und doch kannst du sanft wie ein Kind sein. Und zeigt man dir etwas Sch�nes, siehst du �berall Bedrohung und Gefahr.�</p><p>�Ein Mann des Krieges?� Skar sch�ttelte den Kopf. �Das bin ich mit Sicherheit nicht. Vielleicht bin ich ein Krieger, aber das bedeutet nicht, da� mir das, was ich tun mu�, Freude bereitet.�</p><p>�Wie viele M�nner hast du get�tet, Skar? Hundert? Zweihundert?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte Skar ehrlich. �Ich habe sie nicht gez�hlt.�</p><p>�Und doch ha�t du es, zu t�ten. Das ist es, was ich nicht verstehe. Nur die wenigsten schaffen es, die Ausbildung eines Satai abzuschlie�en ...�</p><p>�Und die, denen das T�ten Freude bereitet, mit Sicherheit nicht�, fiel ihr Skar ins Wort.</p><p>�Aber das ist verr�ckt!�</p><p>�Und doch logisch. Jemand mu� es tun.�</p><p>�Was? T�ten?�</p><p>Skar nickte. �Ich kann mir so gut wie du eine Welt vorstellen, in der es keine Kriege und keinen Streit gibt, aber solange wir in der Welt leben m�ssen, in die wir hineingeboren sind, mu� es auch Krieger geben. Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, kriegerisch zu sein, und vielleicht h�ren wir auf, diese Welt zu beherrschen, wenn wir aufh�ren, Kriege zu f�hren.�</p><p>�Lernt man das auch als Satai?� fragte Gowenna. �Zynisch zu sein?�</p><p>�Zynisch?� Skar l�chelte. �Es klingt vielleicht so, aber ich f�rchte, es ist die Wahrheit. Auch, wenn sie mir nicht gef�llt. Die Welt braucht uns - nat�rlich nicht dich oder mich oder Del, nicht einmal die Satai -, aber sie braucht Krieger.�</p><p>�Krieger vielleicht. Aber M�nner wie euch? M�nner wie ...�</p><p>�Mordmaschinen�, sagte Skar, als Gowenna nicht weitersprach. �Sprich es ruhig aus - es verletzt mich nicht. Ich wei�, da� man uns so nennt, da� man uns diesen und andere, schlimmere Namen gegeben hat. Es ist ein Teil des Planes.�</p><p>�Welches Planes?� fragte Gowenna verwirrt.</p><p>Skar l�chelte. �Nun, vielleicht ist Plan nicht der richtige Ausdruck. Doch es geh�rt dazu, irgendwie. Du selbst hast es gesagt: M�nner wie wir ... M�nner, vor denen man Angst hat, die man f�rchtet, auch wenn man keinen Grund dazu hat. Sie f�rchten uns, weil wir die Gewalt symbolisieren, weil wir leben, um zu t�ten. All diese Herz�ge und Barone, die reichen Kaufleute und Ritter - was tun sie, wenn sie Streit mit ihrem Nachbarn haben, wenn sie sich bedroht oder ins Unrecht gesetzt f�hlen? Sie rufen uns, die Satai. Sie geben uns Gold, manchmal nur ein Essen und ein Nachtlager, und <emphasis>wir </emphasis>tragen <emphasis>ihren </emphasis>Streit aus. <emphasis>Wir </emphasis>sind es, die die Waffe in die Hand nehmen, die <emphasis>t�ten. </emphasis>Und schlie�lich, wenn alles getan ist, k�nnen sie <emphasis>uns </emphasis>sogar noch die Schuld geben. Deshalb gibt es die Satai, Gowenna. Nicht, weil wir Freude am Morden haben, sondern weil wir gebraucht werden. G�be es uns nicht, g�be es andere.�</p><p>�Aber -�</p><p>�Vielleicht schlimmere�, fuhr Skar mit leicht erhobener Stimme fort, als Gowenna etwas einwerfen wollte. �Ich wei�, was du sagen willst. Es gibt immer andere, und es ist keine Entschuldigung. Aber vielleicht w�ren diese anderen schlimmer. Vielleicht verhindern wir Satai die Gewalt, gerade, indem wir sie aus�ben. Vielleicht w�rde Enwor binnen einer Generation in Barbarei versinken, g�be es nicht die Satai und Veden und die anderen Kriegerkasten. Wer die Gewalt beherrscht, kann sie auch lenken.�</p><p>Gowenna sch�ttelte den Kopf. �Klingt das nicht alles nach einer Entschuldigung?�</p><p>�Es ist eine�, best�tigte Skar ruhig. �Ich behaupte nicht, da� es so ist. Wir Satai glauben, es w�re so, aber auch wir sind Menschen und k�nnen uns irren. Vielleicht w�re Enwor besser ohne uns. Vielleicht.�</p><p>�Eine seltsame Philosophie f�r einen Mann, der gelernt hat, einen Menschen mit einem Finger zu t�ten.�</p><p>�Und doch notwendig. Nenne es Selbstschutz. Wer gelernt hat� - er zitierte sie absichtlich, sogar auch noch im Tonfall - �einen Menschen mit einem Finger zu t�ten, der mu� sich selbst Regeln auferlegen. Es ist kein Zufall, da� wir Satai eine so komplizierte und anderen manchmal unverst�ndliche Moral haben. Ohne sie h�tten wir nicht �berlebt. Wir h�tten uns selbst vernichtet.�</p><p>�Aber ihr habt diese Welt einmal beherrscht.�</p><p>Skar sch�ttelte erneut den Kopf. �Nicht wirklich�, sagte er. �Wir hatten Gewalt �ber sie, das stimmt. Aber wer ein Ding in seiner Gewalt hat, der mu� es nicht beherrschen. Wir ...�</p><p>Der Boden erzitterte. Skar stockte mitten im Satz, fuhr auf und sah sich aufmerksam um. Ein leises Klingen, ein Ger�usch, als striche sanfter Wind durch einen Wald gigantischer gl�serner Harfensaiten, drang an sein Ohr, dann lief ein neuerliches schwaches Zittern durch den Boden.</p><p>�Was ist das?� fragte er.</p><p>Gowenna zuckte mit den Achseln. Aber auch ihre Haltung wirkte mit einem Mal angespannt. Sie stand mit einer flie�enden Bewegung auf, machte einen Schritt und blieb, unsicher nach rechts und links sehend, stehen.</p><p>Wieder zitterte der Boden, und das helle Klingen und Schlagen wurde durchdringender, wenn auch nicht lauter. Auch Skar erhob sich und sp�hte aufmerksam in die Runde. Aber selbst wenn es in ihrer Umgebung irgendeine Ver�nderung gegeben h�tte, w�re kaum etwas davon zu bewirken gewesen; es war nicht wirklich hell. Seine Augen hatten sich an das schwache Licht gew�hnt, und er hatte wenige Schritte weit sehen k�nnen, doch auch das nur, weil er wu�te, was die Schatten und Umrisse vor ihm bedeuteten. Sie waren eingewoben in ein Spinnennetz aus Licht und Grau und unsicheren Dingen, deren Konturen nur zu erraten waren und sich zudem best�ndig zu wandeln schienen, und es war wie in jenen Momenten zwischen Tag und D�mmerung, in denen das Licht noch ausreichte, man aber trotzdem fast weniger sah als bei Dunkelheit.</p><p>�Verschwinden wir von hier�, murmelte Gowenna. Sie gab sich sichtlich M�he, ruhig zu bleiben, aber ihre Stimme zitterte h�rbar, und ihre Bewegungen erschienen Skar ein klein wenig zu hastig, als sie sich umdrehte und auf Del deutete. �Kannst du ihn tragen ?�</p><p>�Und El-tra?�</p><p>Gowenna winkte ab. �Er wird uns finden, keine Sorge. Beeil dich.�</p><p>Der Harfenklang wurde lauter; h�rter, kein Streicheln mehr, sondern eine Folge harter, fordernder Schl�ge, die von einem vibrierenden, unangenehmen Gef�hl in der Luft begleitet wurden. Skar eilte rasch zu Del hin�ber, lie� sich auf ein Knie sinken und hob ihn behutsam hoch. Del st�hnte leise, wurde aber nicht wach. Skar wankte einen Moment unter dem Gewicht des reglosen K�rpers. Er hatte vergessen, wie schwer Del war, selbst ohne den schwarzen Hornpanzer. M�hsam lud er ihn sich auf die Schulter, blieb einen Herzschlag lang mit gespreizten Beinen stehen, um sicheren Stand zu finden, und sah Gowenna fragend an. �Wohin?�</p><p>�Nach S�den�, sagte Gowenna unsicher.</p><p>�Und wo�, fragte Skar betont, <emphasis>�ist </emphasis>hier S�den?�</p><p>Gowenna blickte ratlos in die Runde. Das Klingen und Schlagen hatte weiter zugenommen, so da� Skar bereits die Stimme heben mu�te, um sich verst�ndlich zu machen, und der Boden erzitterte nun beinahe ununterbrochen, nicht mehr so sanft wie zu Anfang, sondern in harten, mahlenden St��en, die mehr und mehr in ein ununterbrochenes Beben �bergingen, so da� Skar beinahe Schwierigkeiten hatten, mit Dels zus�tzlichem Gewicht auf den Schultern �berhaupt auf den Beinen zu bleiben.</p><p>�Was ist das?� fragte er noch einmal. �Gowenna - was geht hier vor?!�</p><p>Gowennas Antwort ging in einem ungeheuren Bersten und Krachen unter. Flackerndes rotes Licht l�schte die Schatten ringsum aus, und Skar taumelte, von einer unsichtbaren Riesenfaust getroffen, gegen einen Baum. Er sah, wie Gowenna st�rzte, klammerte sich verzweifelt mit der Linken fest, versuchte gleichzeitig, Del mit der anderen Hand festzuhalten, und ging unter einem zweiten, noch h�rteren Schlag zu Boden. Alles um ihn herum war rot, rot und d�ster und flackernd, und als er herumfuhr und sich hochstemmte, sah er eine br�llende, dunkelrote Feuers�ule �ber den Wipfeln des Kristallwaldes emporsteigen. Ein Hagel winziger, messerscharfer Kristallsplitter regnete auf ihn herunter und f�gte neue Wunden zu den kaum verheilten Schnitten auf seinem Gesicht und seinen H�nden hinzu.</p><p>Wieder erbebte der Boden, und hinter der ersten stieg eine zweite, kochende Feuers�ule in den Himmel. Es wurde warm, f�r einen winzigen Moment hei�, dann fegte eine zweite, von einem neuerlichen Hagel scharfkantiger Tr�mmer begleitete Druckwelle Gowenna und Skar wieder zu Boden. Skar warf sich sch�tzend �ber Del und vergrub sein Gesicht zwischen den Armen. Irgend etwas schrammte �ber seinen R�cken, hei�, brennend und unglaublich <emphasis>scharf, </emphasis>und ein harter Schlag traf sein linkes Bein und l�hmte es f�r Sekunden.</p><p>Skar blieb einen Moment benommen liegen, ehe er sich hochstemmte. Dicht neben ihm kam Gowenna mit unsicheren Bewegungen auf die F��e. Auf ihrem Gesicht war frisches Blut zu sehen, aber sie schien, wie er, im gro�en und ganzen unverletzt geblieben zu sein. Skar blieb f�r die Dauer von drei, vier Herzschl�gen reglos sitzen und lauschte, aber es gab keine dritte Explosion. Es war still wie zuvor, jetzt, nach dem ungeheuren Krachen und Klirren, das den Kristallwald bis ins Herz ersch�ttert hatte, fast noch stiller, so da� Skar das Ger�usch seiner eigenen Atemz�ge unangemessen laut und st�rend vorkam. Als hielte die Natur in Erwartung eines weiteren Hiebes den Atem an, dachte er. Nur in seinen Ohren war noch ein leises Klingeln und Klirren, ein Nachhall des Br�llens, das seine Trommelfelle gemartert hatte.</p><p>Es dauerte eine Weile, bis er begriff, da� der Laut wirklich und nicht eingebildet war. Er stand auf, blickte sich verwirrt um und warf Gowenna einen fragenden Blick zu. Sie wirkte bla�.</p><p>Skar trat mit einem raschen Blick auf sie zu, packte sie an den Schultern und zwang sie, ihn anzusehen. �Was war das?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich -�</p><p>Skar sch�ttelte sie so heftig, da� sie mit einem schmerzhaften Keuchen verstummte. �Du wei�t es ganz genau�, sagte er w�tend. �Und ich will endlich wissen, was hier los ist! Verdammt, Gowenna, ich habe dir gesagt, da� du mich nicht l�nger bel�gen sollst!�</p><p>El-tras Erscheinen bewahrte Gowenna f�r den Moment davor, antworten zu m�ssen. Der Sumpfmann st�rzte heran, eilte ohne ein erkl�rendes Wort oder Geste an Skar vor�ber und b�ckte sich nach Del. Skar wollte ihm helfen, aber El-tra winkte hastig ab und warf sich Del wie ein Spielzeug �ber die Schulter. �Geh voraus!� sagte er befehlend. �Dort entlang!�</p><p>Skar st�rmte wortlos in die Richtung, in die der Sumpfmann gedeutet hatte. Er begriff schon nach wenigen Augenblicken, warum El-tra diesmal darauf bestanden hatte, da� er vorausging. Der Wald wurde wieder dichter, so da� Skar sich schon nach kurzer Zeit gezwungen sah, sein Schwert zu ziehen und eine Gasse durch das glitzernde Unterholz zu hacken. Der Kristall zersplitterte schon bei der geringsten Ber�hrung, aber die Schl�ge kosteten trotzdem Kraft, und sie kamen nicht halb so rasch voran, wie Skar sich gew�nscht h�tte. Zudem verursachten sie einen h�llischen L�rm. Das Klirren, mit dem die Kristallgew�chse zerbarsten, mu�te meilenweit zu h�ren sein.</p><p>Skar wu�te hinterher nicht, wie weit sie gelaufen waren - zwei, drei, vielleicht f�nf Meilen, vielleicht aber auch nicht einmal eine. Irgendwann konnte er einfach nicht mehr. Er blieb stehen, taumelte gegen einen Baum und lie� kraftlos die Arme sinken. Sein Schwert schien pl�tzlich Zentner zu wiegen. Sein Herz schlug so hart, da� er jeden einzelnen Schlag mit fast schmerzhafter Intensit�t sp�rte, und in seiner Kehle stieg schon wieder �belkeit empor. Das Klirren und T�nen in seinen Ohren blieb. Er atmete zehn, f�nfzehnmal hintereinander tief durch, schlo� die Augen und versuchte, das Schwindelgef�hl zu vertreiben, das sich hinter seiner Stirn breitmachte. Jemand ber�hrte ihn an der Schulter und sch�ttelte ihn; die Bewegung lie� Wellen von �belkeit in ihm aufsteigen, und als er die Augen �ffnete, sah er im ersten Moment nichts als wogende Schatten.</p><p>�Wir m�ssen weiter, Skar!� Er erkannte El-tra nur an seiner Stimme, und sein Nicken war keine Zustimmung, sondern nur noch ein Reflex; der Instinkt zu �berleben, der ihm so lange eingeh�mmert worden war, bis er selbst dann noch funktionierte, wenn sein Wille l�ngst aufgegeben hatte. Er stie� sich von dem Baumstamm ab, wankte und w�re gest�rzt, wenn El-tra ihn nicht aufgefangen h�tte. Das Klingen in seinen Ohren wurde st�rker. Irgend etwas bewegte sich vor ihm.</p><p>Unendlich m�de schob er die Waffe in den G�rtel zur�ck, griff blindlings nach Gowennas hilfreich ausgestreckter Hand und taumelte, halb auf sie gest�tzt, halb mit der anderen Hand Halt an B�umen und gl�sernem Buschwerk suchend, weiter.</p><p>�Es ist nicht mehr weit. Halte durch.� Diesmal durchbrachen El-tras Worte den Mantel aus Ersch�pfung, der sich um sein Bewu�tsein gelegt hatte.</p><p>�Cosh?�</p><p>Der Sumpfmann nickte. �Zwei, vielleicht drei Meilen. Wir haben Gl�ck.�</p><p>Skar hatte pl�tzlich das Bed�rfnis zu lachen - zwei Meilen oder die andere Seite des Schattengebirges, das blieb sich gleich. Er w�rde keine zwei Schritte mehr gehen k�nnen. Nicht jetzt; vielleicht �berhaupt nicht mehr. Er wankte, lie� Gowennas Hand los und fiel schwer auf die Knie. Zum ersten Mal, seit er Ikne verlassen hatte, dachte er ernsthaft daran, aufzugeben.</p><p>Gowenna versuchte ihn auf die F��e zu zerren, aber er war zu schwer. �Bitte, Skar�, sagte sie verzweifelt. �Rei� dich zusammen! El-tra kann dich nicht auch noch tragen!�</p><p>Skar st�tzte sich schwer mit den Handkn�cheln auf dem eisenharten Boden ab, hob den Blick und sah Gowenna an. Der Boden vibrierte noch immer, und die Bewegung pflanzte sich durch seine H�nde und die bis zur Grenze des Ertr�glichen gespannten Arm- und Schultermuskeln fort und erf�llte ihn mit einem nicht einmal unangenehmen Kribbeln.</p><p>�Geht allein weiter�, murmelte er. �Bringt... Del in Sicherheit. Ihr k�nnt mich sp�ter holen.�</p><p>�Es wird kein Sp�ter f�r dich geben, du verdammter Idiot!� schrie Gowenna. �Das hier ist kein Spiel, begreifst du das nicht? Wir sind in Gefahr!�</p><p>�Ach�, machte Skar. �Seit wann?�</p><p>Gowennas Gesicht verd�sterte sich. Sie schwieg einen Moment, fuhr dann mit einer blitzartigen Bewegung herum und krallte die Linke in Dels Haar. In ihrer anderen Hand blitzte pl�tzlich ein schmaler, zweischneidiger Dolch.</p><p>�Ich schw�re dir, da� ich ihm die Kehle durchschneide, wenn du nicht weitergehst�, sagte sie. Ihre Stimme klang pl�tzlich ganz ruhig, aber es war gerade diese Ruhe, die Skar zeigte, da� ihre Worte keine leere Drohung waren. �Ich tue es, Skar. Er ist ohnehin nur Ballast f�r uns und wird mehr Schaden als Nutzen bringen.�</p><p>Skar musterte sie eisig. Er war nicht einmal mehr in der Lage, Zorn zu empfinden. �Du hast dich wirklich nicht ver�ndert�, sagte er.</p><p>�Warum auch?� Die Spitze des Dolches ritzte Dels Haut. Ein winziger Blutstropfen erschien auf seinem Hals, leuchtend wie eine rote Tr�ne. �Sein Hiersein ist vielleicht der Preis f�r deine Begleitung, Skar. Aber ohne dich bringt er keinen Nutzen f�r uns. Nicht f�r uns und nicht f�r unsere Mission. Warum sollten wir uns mit ihm belasten, wenn es dich nicht mehr gibt?�</p><p>Skar ballte in ohnm�chtigem Zorn die F�uste, stand aber trotzdem gehorsam auf und begann weiterzugehen, nicht mehr vor, sondern hinter El-tra jetzt, und mit m�hsamen, schleppenden Schritten. Gowenna lie� ihren Dolch wieder unter dem Gewand verschwinden, aber allein die Art, in der sie es tat, sagte Skar, da� sie ihn jederzeit erneut hervorholen und ihre Drohung wahrmachen w�rde.</p><p>Das klingende Ger�usch, das sie die ganze Zeit begleitet hatte, wurde wieder leiser, als sie sich weiter nach S�den bewegten; es blieb jedoch die ganze Zeit in ihrer N�he wie ein unsichtbares, nur aus T�nen und gespenstischer Musik bestehendes Raubtier, das sie beschlich und auf eine Gelegenheit wartete, �ber sie herzufallen. Skar wu�te nicht, warum es ausgerechnet dieser Vergleich war, der sich ihm aufdr�ngte, aber er erschien ihm auf schwer zu fassende Art passend. Der Laut hatte etwas Drohendes an sich, obwohl er so klar wie der Kristall des Waldes und hoch war, eher der Gesang von Engeln als der von D�monen. Und Gowenna schien ebenso zu empfinden. Ihr Blick streifte immer wieder nach rechts und links, tastete unsicher �ber den Boden und das gew�lbte kristallene Dach �ber ihren K�pfen; sie wirkte ganz wie ein Mensch, der irgend etwas Bestimmtes sucht, voller Ungeduld darauf wartet und gleichzeitig Angst davor hat.</p><p>Ein winziger Lichtfleck l�ste sich aus den Baumwipfeln, fiel vor Skar auf den Boden und erlosch. Er blieb stehen, b�ckte sich neugierig und erkannte, da� es ein Bruchst�ck des Kristalls war; klar und rein wie ein geschliffener Edelstein, nur an einer Seite zerborsten und milchig wie ein uraltes Glas. Aber noch w�hrend er hinsah, begann sich die Bruchkante zu gl�tten.</p><p>�Was ...�</p><p>Gowenna stie� einen halblauten, erschrockenen Ruf aus und deutete nach links.</p><p>Skars Herz schien einen schmerzhaften Sprung zu tun, als er sah, was Gowenna zu ihrem Ausruf veranla�t hatte. Der Wald war nicht l�nger tot. Die kristallene Starre war unter einem Wirbel flie�ender, wogender Bewegung verschwunden; blitzende Kristallspinnen, die auf glatten, beinlosen K�rpern gesch�ftig hin und her huschten und dabei winzige, haard�nne F�den hinter sich herzogen, hier und da Netz und feine, zerbrechliche Gespinste formend, Knoten und gro�e, durchbrochene Platten, die das Licht einfingen und wie eine Million unterschiedlich angeordneter Spiegelscherben zur�ckwarfen. Das Klingen wurde wieder lauter, und dazwischen h�rte Skar ein neues Ger�usch: einen Laut, als w�rde irgendwo ein gewaltiges St�ck Pergament von einer noch gewaltigeren Faust ergriffen und langsam, ganz langsam zusammengedr�ckt.</p><p>�Nein!� keuchte Gowenna. �Das ...� Sie brach ab, stie� einen schrillen, kaum mehr artikulierten Schrei aus und hetzte dann wie von Furien gejagt los. Auch El-tra fuhr mit einem keuchenden Laut herum und st�rmte davon. Skar rannte hinter ihnen her, auf der Flucht vor einer Gefahr, die er weder sehen noch begreifen konnte, die er jedoch instinktiv sp�rte.</p><p>Der Wald bebte. Nicht nur der Boden, jeder einzelne Stamm, jeder Halm und jeder gl�serne Dorn schienen zu vibrieren, hohe, einzeln nicht h�rbare summende Laute auszusto�en, die in ihrer Gesamtheit wie eine Flutwelle aus L�rm �ber ihnen zusammenschlugen. Licht blitzte �berall auf, und die winzigen Kristallspinnen schienen pl�tzlich allgegenw�rtig - zwischen den St�mmen, im Ge�st und im Unterholz, auf dem Boden, ja selbst scheinbar freischwebend in der Luft, Millionen und Abermillionen winziger lebloser Lebewesen, die lautlos hin und her huschten und den Wald in einen Kokon haarfeiner gl�serner F�den einspannen. Sie schienen �berall zugleich zu sein - je weiter sie liefen, desto dichter wurde das Gewebe, und ein paarmal brach El-tra mit sichtlichem Kraftaufwand durch gro�e, wehende Vorh�nge aus gl�serner Seide, die quer zwischen den B�umen gesponnen waren und den Zwischenraum wie blitzender Nebel ausf�llten. Eine der Glasspinnen fiel direkt auf Skars Hand; er versuchte instinktiv, sie abzustreifen, aber es ging nicht. Sie sa� auf seiner Haut wie festgeklebt, bewegte sich tr�ge und hinterlie� eine Spur eisiger tauber K�lte auf seinem Arm. Skar fluchte, griff noch einmal zu und ri� das Ding mit aller Kraft herunter. Auf seinem Arm blieb ein runder, blutiger Fleck von der Gr��e eines Fingernagels zur�ck, aber er sah jetzt auch, da� die Spinne keine wirkliche Spinne, sondern ein tropfenf�rmiger, glatter Kristall ohne sichtbare Vorspr�nge oder Unregelm��igkeiten war. Sein Inneres war von vager, unbestimmbarer Bewegung erf�llt, und aus seinem spitzen Ende drang ein haarfeiner, glatter Faden, der bei der leisesten Ber�hrung zerri�. Skar schleuderte den Stein, von pl�tzlichem Widerwillen erf�llt, von sich, und rannte geduckt und den wehenden Netzen im Zickzack ausweichend, weiter.</p><p>Es wurde schlimmer, je weiter sie kamen. Die Glasspinnen mu�ten �berall gleichzeitig, vielleicht wirklich in dem gesamten Waldgebiet, mit ihrem Werk begonnen haben, und so winzig sie waren, so unendlich schien ihre Zahl. Das Durchkommen wurde bald zur Qual, und selbst El-tras ungeheure Kraft reichte nicht mehr immer, um die schimmernden Netze zu zerrei�en, so da� Skar nach einer Weile wieder die F�hrung �bernahm und wie wild mit seinem Schwert um sich schlug und hackte. Und auch auf dem Boden waren die gesch�ftigen Spinnen am Werk. Skars Schritte waren von einem nicht endenwollenden Klirren und Bersten begleitet; er watete durch ein erst nur fingerdickes, dann bis an die Kn�chel und schlie�lich bis zu den Knien reichendes Unterholz aus gl�sernen F�den und nadelspitzen Dornen. Seine Beine begannen unertr�glich zu schmerzen, und als er an sich herabblickte, sah er, da� seine Stiefel in Fetzen hingen und seine Haut zerschunden und blutig war; er sah aus, als tr�ge er glitzernde rote Str�mpfe. Auch Gowenna und dem Sumpfmann erging es nicht besser. Ihre Schritte hinterlie�en blutige Fu�abdr�cke in der wei�en Decke.</p><p>Dann erreichten sie eine Stelle, an der es kein Weiterkommen mehr zu geben schien. Die Zwischenr�ume zwischen den B�umen waren ausgef�llt von Netzen, die so dicht waren, da� sie wie eine kompakte gl�serne Wand wirkten. Skar schlug beidh�ndig mit dem <emphasis>Tschekal </emphasis>zu und legte all seine verbliebene Kraft in den Hieb. Die Klinge ri� eine lange Scharte in die Wand, eine Platte der gl�sernen Subtanz l�ste sich und fuhr dicht vor Skars F��en wie eine durchsichtiges Fallbeil in den Boden. Aber die Glasspinnen waren �berall; ihr gesch�ftiges Hin und Her f�llte die L�cke fast im gleichen Tempo, in dem sie entstanden war - ein Vorgang, der so bizarr war, da� Skar eine Sekunde reglos stehenblieb und zusah. Es war wie das allm�hliche Wachsen einer Schneeflocke, nur unendlich gr��er und rascher: Einzelne Kristalle, gewoben aus unz�hligen einzelnen F�den, wuchsen zu Gruppen zusammen, bildeten blitzende Schr�gen und Facetten, vereinigten sich zu Stegen und Br�cken, �ber die neue F�den fielen und die Zwischenr�ume ausf�llten.</p><p><emphasis>�Skar!� </emphasis>Gowennas Schrei ri� ihn abrupt in die Wirklichkeit zur�ck. In seinen Beinen tobten Schmerzen. Es war, als w�rde seine Haut von tausenden winziger Z�hne heruntergerissen.</p><p>�Lauf, Skar!� schrie Gowenna. �Es ist der Stein! <emphasis>Sie setzt die Macht des Steines gegen uns ein!� </emphasis>Und als w�ren ihre Worte ein Signal gewesen, wurde es schlimmer. Eine klirrende Woge der gl�sernen Weber rollte heran, breitete sich wie fallender Schnee �ber B�ume und Boden aus und begann auch die L�cke, durch die sie gekommen waren, zu f�llen. Skar schrie auf, als er erkannte, da� sie pl�tzlich in einer Falle sa�en, einer Falle, die sich rascher schlo�, als er zu reagieren imstande war. Er wu�te, da� er es nicht schaffen w�rde; trotzdem rannte er los, warf sich mit einem kr�chzenden Schrei gegen das Netz, das pl�tzlich da war, wo es vor Sekunden noch einen Durchgang gegeben hatte, und schlug wie ein Tobender zu. Das <emphasis>Tschekal </emphasis>sprang mit einem hellen Klingen zur�ck und wurde ihm aus der Hand geprellt. Die gl�serne Wand schien nicht einmal einen Kratzer zu haben.</p><p>Wimmernd vor Schmerz b�ckte er sich nach seiner Waffe, aber der Sumpfmann war schneller. Er warf Del von den Schultern, raffte das Schwert auf und schlug beidh�ndig und mit der ganzen unmenschlichen Kraft seines K�rpers zu. Die Klinge krachte gegen einen Baumstamm, sprang zur�ck und hackte fast im gleichen Moment erneut in den entstandenen Ri�. Der Baum wankte. Kristallspinnen und Bruchst�cke regneten wie Dolche aus seinem Ge�st und lie�en Skar und Gowenna zur�ckspringen. Ein langer, dreieckiger Splitter bohrte sich in El-tras Schulter und blieb zitternd stecken, und ein Dutzend Spinnen begann �ber seinen K�rper zu kriechen und ihn einzuweben. Er beachtete sie nicht. Immer und immer wieder schwang er die Waffe, schlug er mit einer Gewalt, die Skar beinahe mehr erschreckte als das Treiben um sie herum, zu, und hackte einen Keil aus dem Stamm. Wieder erzitterte das gewaltige Kristallgew�chs, bebte, schrie seinen Schmerz in hohen, klagenden T�nen hervor. Aber selbst die Kraft des Sumpfmannes schien dem Treiben der Spinnen - <emphasis>der Macht des Steines, </emphasis>der Gedanke scho� mit schmerzhafter Wucht durch Skars Kopf - nicht gewachsen zu sein. Der Baum neigte sich nach einem letzten gewaltigen Hieb, kippte langsam zur Seite und blieb, lange bevor er den Boden erreichte, vom Griff der Netze gehalten, h�ngen. El-tra stie� einen w�tenden Schrei aus, sprang vor und hackte wie ein Rasender auf die singenden Str�nge ein. Der Baum zitterte, fing sich noch einmal und st�rzte dann vollends zu Boden.</p><p><emphasis>�Lauft!!�</emphasis></p><p>Noch w�hrend El-tra zur�ckeilte, um Del zu holen, rannten Gowenna und Skar los. Die L�cke begann sich bereits wieder zu schlie�en, aber sie schafften es, wenn auch keiner von ihnen hinterher genau zu sagen wu�te, wie. Neue Netze wehten ihnen entgegen, keine starren W�nde diesmal, sondern d�nne, bewegliche Gespinste, die sich wie Altweibersommer um ihre Glieder und auf ihre Gesichter legten, sie zu fesseln und zu ersticken trachteten, als h�tte der Wald eingesehen, da� er seine Taktik �ndern mu�te, um seiner Opfer habhaft zu werden. Skar schlug schreiend um sich, ri� sich H�nde und Arme an dem gl�sernen Gewebe blutig und taumelte, blind den beiden Schatten folgend, in die sich Gowenna und El-tra verwandelt hatten, weiter. Der bei�ende Schaumteppich auf dem Boden reichte ihm jetzt bis an die Oberschenkel, und bei jedem Schritt scho� eine feurige Lohe durch seine Beine; er schwang seine Waffe wie eine Sense und sp�rte, wie das Gespinst rascher nachwuchs, als er es kappen konnte. <emphasis>�Lauf, Skar!� </emphasis>Gowennas Stimme war voller Blut, und sie drang durch einen Nebel von Glas zu ihm. Er wankte, schlug blindlings um sich, prallte gegen ein Hindernis, ri� sich die Seite auf und f�hlte, wie etwas bei�end und eisig seinen Nacken hinunterlief. Und dann war es vorbei. Pl�tzlich war der Wald <emphasis>wirklich </emphasis>Wald, die B�ume gr�n und schwarz, wie sie sein sollten, der Boden weich und federnd, nicht mehr l�nger aus schneidenden Messern gemacht, und es gab keine Kristallspinnen und keine Netze mehr.</p><p>Nur noch Schmerz. Der Schmerz war ihm gefolgt wie ein dunkler Bruder des Waldes. Alles um ihn herum begann sich zu drehen, zu wanken; der Boden zitterte. Aber noch bevor er merkte, da� diesmal er es war, der wankte, verlor er endg�ltig das Bewu�tsein.</p></section><section><title><p id="_1460">18.</p></title><p>Er erinnerte sich hinterher kaum, wie er die n�chsten drei Tage verbrachte. Er war nicht die ganze Zeit bewu�tlos, aber doch in einem Zustand, der dem der Bewu�tlosigkeit sehr nahekam. Es gab Zeiten des Schmerzes und Zeiten, in denen er taub und jenseits aller Gef�hle dahind�mmerte, vage Laute und Geschehen um sich wahrnahm aber nicht wirklich begriff, was vorging.</p><p>Das erste, was er wieder bewu�t wahrnahm, war K�lte; nicht die bei�ende Eisigkeit Tuans, sondern ein klammes, feuchtes Gef�hl wie Nebel. Er �ffnete die Augen und sah ein durchbrochenes Bl�tterdach �ber sich, kunstvoll verwobene Zweige, mit Erdreich und Moos abgedeckt, aber so alt, da� es schon wieder zu verfallen begann. Sein Kopf f�hlte sich seltsam leicht an, und er sp�rte, da� Zeit vergangen war. Viel Zeit. Er lag auf einem niedrigen, aus Moos und geflochtenen Grasb�scheln gefertigten Lager; eine d�nne, aus braunen Pflanzenfasern gekn�pfte Decke war �ber seine Beine gebreitet, und in seinen F��en pochte ein sanfter, beinahe wohltuender Schmerz. Er setzte sich auf, schlug die Decke zur�ck und begutachtete seine Beine. Bis zu den Knien herauf waren sie verbunden; grauer, grober Stoff, unter dem sich noch etwas anderes befinden mu�te, denn der Verband war dicht und hatte das Aussehen von Stiefeln. Er bewegte pr�fend die Zehen; es ging, wenn es auch weh tat.</p><p>�Du solltest das nicht tun�, sagte eine Stimme. �Unsere Heilkunst ist sehr gut, aber Wunder k�nnen wir auch nicht wirken. Du mu�t deinem K�rper Ruhe g�nnen.�</p><p>Skar sah erschrocken auf. Im ersten Moment erkannte er nicht, woher die Stimme gekommen war, dann gewahrte er einen grauen, gebeugten Schatten, der in einer Ecke der H�tte hockte. �El-tra?�</p><p>Der Schatten vollf�hrte eine Bewegung, die Skar als Kopfsch�tteln deutete. �Mein Name ist Kor-tel�, antwortete er. �Doch du kannst mit mir reden wie mit ihm. Was er wei�, wei� auch ich, und was ich wei�, wei� auch er.�</p><p>Skar seufzte. �Ich vermute, ich bin in Cosh�, murmelte er. �Jedenfalls h�rt es sich so an.�</p><p>Kor-tel nickte. �Du bist in Sicherheit. Deine Freunde auch.�</p><p>�Dann haben wir es geschafft. Habt ihr uns aus dem Wald herausgeholt?�</p><p>�Aus dem Kristalldschungel? Nein. Ihr habt euch aus eigener Kraft gerettet. El-tra kam zu uns, doch wir waren nicht rechtzeitig zur�ck. Und wir h�tten euch auch nicht helfen k�nnen. Doch nun sollst du ruhen. Zum Reden ist sp�ter noch Zeit genug.�</p><p>�Ruhen?� Skar �chzte. �Wie lange bin ich hier?�</p><p>�Drei Tage und zwei N�chte, bald drei. Die Sonne geht bereits unter.�</p><p>Skar l�chelte. �Und du glaubst, ich w�rde Ruhe brauchen, nachdem ich drei Tage geschlafen habe?� Er setzte sich vollends auf, verlagerte das K�rpergewicht auf die Seite und versuchte sich hochzustemmen. Seine F��e quittierten die Bewegung mit stechenden Schmerzen, aber sie trugen sein K�rpergewicht. Er stand auf, blieb f�r die Dauer von drei, vier Lidschl�gen reglos stehen und b�ckte sich dann nach seinen Kleidern. Kor-tel sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Du bist ein erstaunlicher Mann, Skar. Was Gowenna �ber dich erz�hlt hat, scheint zu stimmen.�</p><p>Skar versuchte zu l�cheln. �Warum auch nicht?� fragte er. �Offen gestanden w�rde ich lieber liegenbleiben, aber wir haben schon viel zuviel Zeit verloren. Drei Tage ...� Er sch�ttelte den Kopf, schlo� mit zitternden Fingern die Schnalle seines Umhangs und sah pr�fend an sich hinunter. Er wirkte eher wie die boshafte Karikatur eines Satai als wie ein Angeh�riger der Kriegerkaste: Sein K�rper war �ber und �ber mit Verb�nden und Pflastern bedeckt, und dort, wo die Haut sichtbar blieb, war sie zerschunden und rot, mit winzigen Linien wie Messerschnitten �bers�t. Seine Kleider waren nur noch Fetzen, und selbst sein Harnisch war zerschrammt und eingerissen. Aber f�r den Moment w�rde es gehen. �Bring mich zu Gowenna�, sagte er.</p><p>Kor-tel stand auf, ging geb�ckt an ihm vorbei und schlug die Decke zur Seite, die den Ausgang verschlo�. Skar blinzelte, als er hinter dem Sumpfmann ins Freie trat. Die Sonne sank, wie Kor-tel gesagt hatte, aber ihr Licht war noch grell und stechend und suggerierte eine W�rme, die nicht da war.</p><p>Der Anblick war beinahe entt�uschend. Wie jedermann auf Enwor hatte Skar viel �ber Cosh geh�rt; viel und doch wenig, eigentlich, wenn er es recht bedacht, nichts au�er Vermutungen. Gowenna war der erste Mensch, den er traf, der Cosh wirklich betreten - und auch wieder verlassen - hatte. Er wu�te nicht, <emphasis>was </emphasis>er erwartet hatte; aber das nicht.</p><p>Die H�tte lag am Rand einer kreisrunden, vielleicht tausend Fu� durchmessenden Lichtung. Der Boden war mit kurzem, hartem Gras und B�scheln einer dornigen Pflanze bewachsen; hier und da lugte der gelbe oder wei�e Farbfleck einer Blume hervor, und vom Waldrand aus schl�ngelte sich ein schmaler Trampelpfad in scheinbar sinnlosen Windungen heran. Es gab drei weitere Bauwerke - wie das, in dem er erwacht war; halbrunde Kuppeln aus geflochtenem Gras und Ranken ohne Fenster oder feste T�ren. Sonst nichts. Cosh war keine Stadt, nicht einmal ein Dorf. Selbst diese vier H�tten sahen aus, als w�ren sie schon seit langem verlassen. Die Anzeichen des Verfalls waren un�bersehbar. �Was hast du?� fragte Kor-tel, als Skar �berrascht stehenblieb. �Entt�uscht?�</p><p>Skar wollte nicken, besann sich aber im letzten Moment anders; schlie�lich wollte er den Sumpfmann nicht verletzen. So suchte er Zuflucht in einem verlegenen L�cheln. �Nein�, sagte er hastig. �Ich war nur ... �berrascht. Ich h�tte etwas anderes erwartet.� Obwohl er Kor-tels Schattengesicht nicht sehen konnte, war er fast sicher, da� der Sumpfmann l�chelte. �Du hast eine Stadt erwartet�, vermutete er. �Oder eine Burg. Eine von Ranken und Baumwurzeln �berwucherte Festung im Herzen der S�mpfe.� Seine Stimme klang am�siert. �Du wirst sie nicht finden. Dies hier ist Cosh.�</p><p>�Aber wo lebt ihr?� fragte Skar verwirrt.</p><p>Kor-tel machte eine weit ausholende Geste. �In den S�mpfen, Skar. Unsere Heimat ist der Wald und der Sumpf. Wir brauchen keine H�user oder gar� - diesmal klang seine Stimme eindeutig abf�llig - �Festungen. Braucht ihr sie?�</p><p>Skar antwortete nicht gleich. Im Grunde hatte der Sumpfmann recht - die Zeiten, da er selbst ein festes Dach �ber dem Kopf hatte, waren selten. Den gr��ten Teil seines Lebens hatte er im Sattel oder unter freiem Himmel verbracht. Trotzdem konnte er sich mit der Vorstellung eines Volkes, das st�ndig im Freien lebte, dort schlief und a� und seine Kinder gebar, nicht anfreunden. Seine Vorstellung von Zivilisation war zu sehr mit der von Festungen und H�usern und St�dten verbunden.</p><p>�Wo ist... Gowenna?� fragte er stockend.</p><p>Kor-tel deutete wortlos auf eine der H�tten und setzte sich in Bewegung. Skar folgte ihm, langsam und mit kleinen, behutsamen Schritten, als w�re er ein alter Mann. Er f�hlte sich auch beinahe so; das Gef�hl der St�rke, das er nach seinem Erwachen versp�rt hatte, war verschwunden, und er bereute schon, nicht auf Kor-tels Rat geh�rt zu haben.</p><p>Der Sumpfmann blieb vor dem Eingang der H�tte stehen und machte eine einladende Bewegung. �Ich werde hier warten�, sagte er. �Ruf mich, wenn du etwas brauchst.�</p><p>Skar nickte, schlug die Decke beiseite und trat geb�ckt in die H�tte. Im ersten Moment erkannte er nicht viel; seine Augen hatten sich in den wenigen Minuten, die er drau�en gewesen war, bereits an die Helligkeit gew�hnt. Aber die H�tte schien sich kaum von der zu unterscheiden, in der er erwacht war. Sie bestand aus einem einzigen runden Raum, und die gesamte Einrichtung bestand aus zwei niedrigen Lagern und einer grob zusammengezimmerten Kiste. Gowenna kauerte vor einer der Lagerst�tten und wandte ihm den R�cken zu, als er die H�tte betrat. Vor ihr lag eine reglose, halbnackte Gestalt. Del.</p><p>Skar trat lautlos neben Gowenna, lie� sich auf die Knie sinken und ber�hrte sie am Arm. Sie wandte kurz das Gesicht, nickte und legte den Finger auf die Lippen. Er verstand. Del schlief, zumindest hatte er die Augen geschlossen.</p><p>Gowennas Hand strich sanft �ber die Stirn des jungen Satai, verweilte einen Moment �ber seinen Augen und ber�hrte sie. Del regte sich; die langsamen, unsicheren Bewegungen eines Mannes, der aus einem sehr sehr tiefen Schlaf erwacht. Er �ffnete die Augen, starrte einen Moment blicklos zur Decke und hob dann den Kopf. Sein Gesicht zeigte nicht die mindeste Regung, als er Skar ansah.</p><p>�Erkennst du mich?� fragte Skar.</p><p>In Gowennas Gesicht zuckte es, und Skar bereute die Worte schon wieder.</p><p>Del nickte. �Was f�r eine dumme Frage�, sagte er. �Warum sollte ich dich nicht erkennen? Du bist Skar.�</p><p>Skar unterdr�ckte einen Schreckenslaut, als er Dels Stimme h�rte. Sie klang flach, tonlos, wie von einem Mann, der im Schlaf oder in Trance sprach.</p><p>Trotzdem l�chelte Skar.</p><p>�Nat�rlich war es dumm�, sagte er, gezwungen fr�hlich. �Verzeih.�</p><p>�Du solltest ihn schlafen lassen�, meinte Gowenna. �Er braucht noch sehr viel Ruhe.�</p><p>�Ja�, best�tigte Del. �Ich brauche Ruhe. Ich bin m�de.� Sein Kopf sank zur�ck, die Augen schlossen sich, und er schien im gleichen Moment wieder einzuschlafen. Skar wollte etwas sagen, aber Gowenna sch�ttelte hastig den Kopf und deutete auf den Ausgang. Erst, als sie die H�tte verlassen hatten, fiel die Spannung von ihr ab.</p><p>�Verzeih, Skar�, sagte sie. �Ich hatte keine Gelegenheit, dich darauf vorzubereiten.�</p><p>�Worauf?� fragte Skar scharf. Die Bet�ubung fiel von ihm ab und machte einem dumpfen Zorn Platz. �Was hast du mit ihm gemacht, Gowenna?�</p><p>�Alles, was ich konnte�, antwortete Gowenna, ohne ihn anzusehen. �Ich habe versucht, ihm zu helfen, Skar.�</p><p>�Helfen?� Skar hatte M�he, wenigstens �u�erlich ruhig zu bleiben. �Das was ich gerade gesehen habe, sah nicht sehr nach Hilfe aus.�</p><p>Gowenna l�chelte. Es wirkte traurig. �Ich wei߫, sagte sie leise. �Es war ... der letzte Ausweg. Das hei�t, nicht einmal das. Ein Versuch.�</p><p>�Was f�r ein Versuch?�</p><p>�Du warst lange bewu�tlos�, erwiderte Gowenna statt einer direkten Antwort. �Ich habe dich versorgt, so gut ich konnte, und dann habe ich mich um Del gek�mmert. Aber ich glaube nicht, da� ich ihm helfen kann. Ich wei� alles, was eine <emphasis>Errish </emphasis>wei�, aber was immer Vela mit ihm gemacht hat...�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf, starrte zu Boden und breitete in einer hilflosen Geste die H�nde aus. �Ich f�rchte, ich bin machtlos dagegen.�</p><p>�Sie hat nichts mit ihm gemacht�, murmelte Skar.</p><p>Gowenna sah auf. �Woher wei�t du das?�</p><p>�Er hat es mir gesagt, Gowenna. Sie hat ihn nicht verzaubert oder behext. Er liebt sie. Das ist alles.�</p><p>�Er ...� Sie brach verwirrt ab. �Das ist nicht dein Ernst! Wie kann jemand diese Hexe lieben?�</p><p>Diesmal war es an Skar zu lachen. �Diese Frage mu�t gerade du stellen?� Er sch�ttelte den Kopf, trat einen Schritt auf sie zu, blieb aber au�erhalb ihrer Reichweite stehen.</p><p>�Findest du es nicht reichlich albern, da� wir uns schon wieder streiten?� fragte Gowenna, ohne auf seinen verletzenden Tonfall einzugehen.</p><p>Skar verzog geringsch�tzig die Lippen. �Warum nicht? Vielleicht k�nnen wir hinterher wieder miteinander schlafen.�</p><p>Diesmal trafen sie seine Worte. Sie starrte ihn an, �ffnete den Mund, als wolle sie etwas sagen, drehte sich aber dann wortlos herum und ballte die F�uste.</p><p>Skar begann sich sch�big zu f�hlen. �Ich ... es tut mir leid�, murmelte er. Er hob die Hand und ber�hrte sie an der Schulter, aber Gowenna machte einen raschen Schritt zur Seite und streifte seinen Arm ab.</p><p>�Nein, Skar�, sagte sie. �Es tut dir nicht leid.�</p><p>�Gowenna, ich -�</p><p>�Nicht.� Sie unterbrach ihn mit einem sanften, aber entschlossenen Kopfsch�tteln. �Es ist der falsche Moment und der falsche Ort, aber es wird Zeit, da� wir endlich ehrlich zueinander sind. Wir haben ein paarmal miteinander geschlafen, aber ich glaube nicht, da� du jemals mehr als Mitleid mit mir empfunden hast, Skar. Und - wenn ich ehrlich bin - mir erging es nicht viel anders. Ich liebe dich nicht, so wenig, wie du mich liebst.� Skar lauschte vergeblich auf einen Unterton von Bitterkeit oder Schmerz in ihrer Stimme. Sie sprach sehr ruhig, fl�ssig, als h�tte sie die Rede lange vorbereitet und nur auf einen passenden Moment gewartet. Aber ihre Stimme klang kalt, so, als spr�che sie �ber einen vollkommen Fremden, nicht �ber sich. �Belassen wir es dabei�, fuhr die fort. �Bleiben wir das, was wir immer waren: Verb�ndete, und vielleicht Freunde. Es ist gut so.�</p><p>�Und warum hast du es getan, wenn es so ist?�</p><p>Gowenna schwieg einen Moment. �Vielleicht ist es mir schon so in Fleisch und Blut �bergegangen, andere Menschen zu benutzen, da� ich in der Wahl meiner Mittel nicht mehr vorsichtig genug bin�, sagte sie mit einem traurigen L�cheln. �Aber wenn ich ehrlich bin - ich wei� es nicht. Spielt es eine Rolle?�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. �Nein. Eigentlich nicht.�</p><p>�Reden wir �ber etwas anderes�, sagte Gowenna. �Wie f�hlst du dich?�</p><p>�So, wie ich aussehe�, antwortete Skar ernsthaft. �Aber nicht halb so schlimm, wie ich mich f�hlen m��te. Du hast gut f�r mich gesorgt.�</p><p>�Es war nicht viel, was ich f�r dich tun konnte. Es ist leichter, Wunden zu schlagen, als sie zu heilen. Aber du bist sehr kr�ftig. Ein paar Tage Ruhe, und du bist wieder im Vollbesitz deiner Kr�fte.�</p><p>�Ein paar Tage ...� Skar drehte sich nach Norden, dorthin, wo hinter der schwellenden gr�nen Wand Coshs Tuan und der Kristallwald lagen. �Ich f�rchte, wir werden diese paar Tage nicht haben.�</p><p>�Vela?� Gowenna machte eine wegwerfende Handbewegung. �Mach dir keine Sorgen darum. Nicht einmal sie w�rde es wagen, die Grenzen von Cosh zu �berschreiten. Und wenn sie es t�te, w�re sie tot, bevor sie auch nur hundert Schritte in die S�mpfe vorgedrungen w�re.�</p><p>Skar runzelte zweifelnd die Stirn. �Nach dem, was du mir erz�hlt hast...�</p><p>�Das war fr�her�, unterbrach ihn Gowenna. �Es war eine andere Vela, die hierherkam. Sie kam als Gejagte, und sie bat um Hilfe. Die Sumpfmenschen sind ein hartes Volk, Skar, aber sie verwehren keinem Hilfe, der in Not ist. Doch sie t�ten jeden, der den Speer des Krieges �ber ihre Grenzen tr�gt. Nein�, sagte sie noch einmal, �wir sind in Sicherheit.�</p><p>�Gefangen, meinst du�, sagte Skar. �Wir sind in Sicherheit, solange wir hierbleiben.�</p><p>�Richtig.�</p><p>�Und wie lange willst du dich verstecken? Einen Monat? Ein Jahr? F�nf?�</p><p>Der bei�ende Spott in seiner Stimme verfehlte seine Wirkung. Gowenna blieb ruhig. �Du solltest mit dieser Rede warten, bis du wieder in der Lage bist, ein Wettrennen mit einem Greis zu gewinnen�, sagte sie ruhig, beinahe heiter. �Sieh dich an, Skar. Vor drei Tagen warst du mehr tot als lebendig, und du wirst ganz tot sein, wenn du auch nur einen Schritt aus diesen S�mpfen hinaustust. Also spiel dich nicht auf.�</p><p>�Ich spiele mich nicht auf�, grollte Skar. �Ich wei� selbst, da� ich nicht in der Lage bin, zu reiten, geschweige denn zu k�mpfen. Aber es ist auch nicht meine Art, tatenlos herumzusitzen und zu warten, bis etwas geschieht. Fr�her oder sp�ter m�ssen wir weiter, und ich w�rde dann ganz gerne wissen, was auf uns zukommt.�</p><p>�Ich auch�, murmelte Gowenna. �Doch so, wie die Dinge liegen, k�nnen wir nichts anderes tun, als abzuwarten. Du bist verletzt, und auch ich brauche eine Pause. Au�erdem - was immer wir tun, wir k�nnen nicht anders als warten. Wir haben unseren Zug gemacht. Jetzt ist sie an der Reihe. Sie wird warten, Skar. Irgendwo dort drau�en. Warten und planen und darauf hoffen, da� wir einen Fehler machen.�</p><p>�Ich f�rchte, da wird sie nicht allzu lange warten m�ssen�, knurrte Skar. �Hierbleiben und abwarten ist vielleicht schon der erste Fehler. Sie wird mit jedem Tag st�rker, vergi� das nicht.� Gowenna schnaubte. �Sie ist schon so stark, wie sie nur sein kann�, sagte sie. �Zumindest stark genug f�r uns. Hast du vergessen, wie du zu diesen Wunden gekommen bist?� Sie deutete auf seine Beine und sch�ttelte den Kopf. �Glaubst du eigentlich immer noch ernsthaft, sie besiegen zu k�nnen. Diese Frau hat die Macht, dich wie eine Fliege zu zerquetschen, Skar, dich, mich - alle hier.�</p><p>�Sagtest du nicht gerade, wir w�ren sicher?�</p><p>�Das sind wir�, nickte Gowenna. �Aber nicht, weil sie schwach oder das Volk der Sumpfm�nner zu stark f�r sie w�re. Wir sind in Sicherheit, weil Cosh unangreifbar ist. Keine Armee der Welt k�nnte dieses Land besetzen. Du kannst keinen Krieg gegen B�ume und S�mpfe f�hren, Skar.�</p><p>�Wenn es so ist�, gab Skar leise zur�ck, �warum wehren wir uns dann noch? Warum gehen wir nicht zu ihr und geben auf?� Gowenna schwieg, aber mit einem Mal schien sie es nicht mehr zu ertragen, ihn anzusehen. Erneut wandte sie sich um, starrte zu Boden und scharrte unruhig mit den F��en.</p><p>�Warum ... Warum hast du Del mitgenommen, wenn du doch gewu�t hast, da� ich ihm nicht helfen kann? Vielleicht aus Gewohnheit. Vielleicht, weil ich noch nie einen Kampf verloren habe.�</p><p>Skar sagte nichts mehr, und mit der hereinbrechenden Dunkelheit legte sich Schweigen wie eine unsichtbare Mauer zwischen sie. Und wieder, wie schon so oft zuvor, hatte er das Gef�hl, zum ersten Mal mit Gowenna zu reden, zum ersten Mal die wirkliche Gowenna zu sehen, sie sprechen zu h�ren. Wie oft noch? dachte er. Wie oft w�rde diese Frau noch die Maske herunternehmen, nur um darunter eine neue, noch perfektere zu tragen? Wie lange mu�ten sie noch zusammen sein, bis er sich durch die unz�hligen verschiedenen Schichten ihrer Pers�nlichkeit zu dem Wesen durchgearbeitet hatte, das sie wirklich war?</p><p>Aber vielleicht, dachte er, gab es sie ja auch gar nicht. Nicht mehr, vielleicht war ihre wirkliche Pers�nlichkeit ausgel�scht, schon vor einem Jahrzehnt von Vela ausradiert, vielleicht aber auch einfach versickert, wie ein Tropfen im Meer aufgegangen in den unz�hligen Scheinwesen, in die sie sich verwandelt hatte.</p><p>�Wie ist dein richtiger Name?� fragte er.</p><p>Gowenna sah auf, verwirrt, aber auch erschreckt. �Was ... meinst du damit?� fragte sie stockend.</p><p>Skar wu�te es selbst nicht, ebensowenig, wie er wu�te, warum er die Frage �berhaupt gestellt hatte. Sie war ihm einfach in den Sinn gekommen. Aber eigentlich hatte nichts von dem, was er seit seinem Erwachen gesagt oder getan oder gedacht hatte, in Wahrheit Sinn. Sie redeten und stritten und beschimpften sich, aber es war nur Gewohnheit.</p><p>�Ich meine den Namen, den du getragen hast, als du hierherkamst. Das erste Mal.�</p><p>�Spielt er eine Rolle?�</p><p>Skar verneinte. �Sicher nicht. Es ... interessierte mich nur.� Gowenna schwieg einen Moment. Ihre Zunge fuhr in einer nerv�sen Bewegung �ber ihre Lippen. Skar sah pl�tzlich, da� sie aufgesprungen und rissig waren, auch der gesunde Teil. Sie mu�te Fieber haben. Zum ersten Mal, seit er erwacht war und sie getroffen hatte, kam ihm in den Sinn, da� auch sie verletzt sein mu�te, mindestens so schlimm wie er. Er war nicht der einzige gewesen, dessen Spuren blutig waren.</p><p>�Kiina�, sagte sie pl�tzlich. �Mein Name war Kiina. Aber es ist lange her, da� ich Kiina war. Namen bedeuten nichts. Ich trage ihn nicht mehr, und ich bin auch nicht mehr das Kind, das ich war, damals.�</p><p>�Ich wei߫, nickte Skar. �Kiina ... Ein h�bscher Name. Er klingt gut. Viel besser als Gowenna. Werde ich ... sie kennenlernen, diese Kiina?�</p><p>Gowenna schwieg. Aber als Skar sich umdrehte und zu seiner H�tte zur�ckging, lief eine Tr�ne �ber ihr Gesicht.</p></section><section><title><p id="_1549">19.</p></title><p>Skar schlief an diesem Abend lange nicht ein, obwohl es in seiner H�tte kein Licht gab und er m�de war. Kor-tel begleitete ihn und nahm wie ein schweigender grauer Schatten neben ihm Platz. Skar wu�te, da� es wenig Zweck hatte, ihn fortzuschicken. Vielleicht w�rde er gehen, vielleicht nicht, aber das eine wie das andere w�rde nichts daran �ndern, da� er trotzdem in seiner N�he war. Er war auch w�hrend seines Gespr�ches mit Gowenna anwesend gewesen; ein stummer schmaler Schatten, der so nat�rlich in seine Umgebung zu passen schien, da� Skar ihn nicht einmal bemerkt hatte. Erst sp�ter, als er zur�ckging, hatte er seine Schritte neben sich vernommen.</p><p>�Etwas bedr�ckt dich, Bruder�, sagte Kor-tel. Es war dunkel geworden, und das durchbrochene Dach der H�tte sperrte auch das sp�rliche Sternenlicht aus, so da� Skar den Sumpfmann auch nicht h�tte sehen k�nnen, wenn er einen normalen K�rper gehabt h�tte. Aber allein das Wissen, da� unter seiner Kapuze nichts als wirbelnde Schatten waren, ber�hrte Skar auf unangenehme Weise. Er setzte sich auf, sah in die Richtung, aus der Kor-tels Worte gekommen waren, und lauschte, versuchte die winzigen Ger�usche zu h�ren, die ein Mensch immer verursacht, ob er will oder nicht: das Rascheln von Kleidung, das leise Ger�usch der Atemz�ge, selbst der Laut von Haar, das sich bewegte. Aber er h�rte nichts. Er war, als g�be es Kor-tel gar nicht, als w�re er wirklich nicht mehr als eine k�rperlose Stimme.</p><p>�Wie kommst du darauf�, fragte Skar. Es war seltsam - er war lange Wochen mit M�nnern aus Cosh zusammen gewesen und hatte sich an ihr schattenhaftes Wesen und ihre manchmal unverst�ndliche Art gew�hnt - oder hatte es zumindest geglaubt -, aber jetzt, als er bei ihnen war, als er eigentlich zum ersten Mal das Gef�hl h�tte haben m�ssen, unter Freunden zu sein, begann er wieder Furcht vor ihnen zu empfinden.</p><p>�Ich sp�re es�, antwortete Kor-tel nach einer langen Pause, als h�tte er ihm Gelegenheit geben wollen, seinen Gedanken zu Ende zu denken. �Du bist verwirrt, und du hast Furcht in dir. Und da ist noch etwas.�</p><p>�Etwas in mir?� fragte Skar. Gegen seinen Willen klang seine Stimme lauernd, beinahe drohend.</p><p>�Etwas in dir�, best�tigte Kor-tel. �Etwas, das mich verwirrt und das mir Angst macht wie dir. Was ist es?�</p><p>Skar l�chelte, und er hatte das bestimmte Gef�hl, da� Kor-tel es sehen konnte, trotz der Dunkelheit.</p><p>�Wei�t du, da� ich das gleiche Gespr�ch schon einmal gef�hrt habe?� fragte er. �Auch mit einem Mann deines Volkes.�</p><p>�Ich wei�. Ich bin El-tra, und El-tra ist ich. Alle sind einer und einer ist alle.�</p><p>Skar seufzte. �Ich beginne es zu glauben�, murmelte er. �Doch wenn es so ist, warum stellst du die gleichen Fragen wie er?�</p><p>�Weil du auch ihm nicht geantwortet hast. Nicht wirklich Bruder�, sagte Kor-tel. �Damals wu�test du die Antwort nicht.�</p><p>�Ich wei� sie heute ebensowenig�, gab Skar zur�ck. �Ich wei� vieles, was ich damals nur vermuten konnte, aber es ist nicht das, was ich wissen wollte.�</p><p>�Der Stein der Macht, die alten G�tter und ihre Erben�, murmelte Kor-tel. �Dein Freund hat uns alles erz�hlt. Doch du hast recht - die Antworten, die die <emphasis>Errish </emphasis>dir gab, sind nicht die Antworten auf deine Fragen. Sie erkl�ren, doch sie bedeuten nichts.� Skar dachte einen Moment �ber den Sinn dieser Worte nach, kam jedoch zu keinem Ergebnis. Vielleicht hatten sie keinen. �Wi�t ihr sie?�</p><p>�Wie k�nnen wir wissen, was nicht einmal du wei�t, Bruder? Etwas ist in dir, und du tust recht daran, es zu f�rchten.�</p><p>Skar h�rte Ger�usche, dann wurde der Vorhang vor der T�r zur Seite geschlagen, und Kor-tel erschien in der �ffnung. �Ich werde dich allein lassen�, sagte er. �Morgen, wenn die Sonne erwacht, werden wir uns um deinen Freund k�mmern. Und um dich. Denk dar�ber nach, was in dir ist, Skar. Ich sp�re eine Macht, die <emphasis>stark </emphasis>ist, unglaublich stark, st�rker als alles, was Vela jemals gegen dich aufbieten k�nnte. Sie kann uns alle vernichten, Skar. Doch sie kann uns auch retten. Wende sie richtig an.�</p></section><section><title><p id="_1567">20.</p></title><p>Kor-tel begleitete ihn am n�chsten Morgen zu Del, wie er es versprochen hatte. Von Gowenna war keine Spur zu sehen, aber die H�tte war nicht leer: Eine Anzahl Sumpfleute reihte sich schweigend entlang der niedrigen, geflochtenen W�nden, aber Skar vermochte nicht zu sagen, ob El-tra unter ihnen war. Nicht nur die beiden Sumpfbr�der, <emphasis>alle </emphasis>Sumpfleute schienen sich zu gleichen wie eineiige Zwillinge; graue, geb�ckte, schmale Gestalten, die etwas gleicherma�en Beruhigendes wie Gef�hrliches ausstrahlten. Der Anblick lie� Skar unwillk�rlich an eine Form denken, von der zahlreiche identische Abg�sse gemacht worden sind. Pl�tzlich war er gar nicht mehr so sicher, da� Kor-tels Behauptung, sie alle w�ren einer und einer w�re alle, nur eine Floskel war. Vielleicht waren sie nur ein Wesen. Wer sagte, da� ein Bewu�tsein sich auf einen einzigen K�rper beschr�nken mu�te?</p><p>Kor-tel deutete mit einer einladenden Geste auf Dels Lager und lie� sich auf der anderen Seite auf die Knie sinken. Die �brigen Sumpfm�nner r�hrten sich nicht. Es gab nicht das mindeste Anzeichen, da� �berhaupt Leben in ihnen war.</p><p>Die Szene kam ihm vage bekannt vor: Kor-tel beugte sich vor, legte die Hand auf Dels Stirn und erstarrte. Minuten vergingen, reihten sich aneinander zu einer Viertel-, dann zu einer halben Stunde, bis sein Zeitgef�hl erlosch und er selbst beinahe in eine Art Trance verfiel. Das helle Rechteck, das das Sonnenlicht hinter den Eingang malte, wanderte langsam herum, aber sonst ver�nderte sich scheinbar nichts in der winzigen H�tte; Del schlief weiter, tief, ruhig, fast unnat�rlich ruhig. Und doch sp�rte Skar, da� etwas geschah, f�hlte er, wie sich etwas bildete, ein k�rperloses, unsichtbares, vibrierendes Ding, das �berall zugleich und nirgends war - die geballte Faust, bereit, zuzuschlagen, zu zermalmen, zu zerschmettern. Es war kein Zufall, da� ihm gerade dieser Vergleich einfiel. Er f�hlte die Gewaltt�tigkeit, die pl�tzlich im Raum hing. Macht von negativer, zerst�render Kraft. Was immer dieser geistige Hammer tat - es w�rde zerst�ren. Unwiderruflich. Pl�tzlich hatte er Angst, als er auf Del herabsah.</p><p>Kor-tel schien seine Besorgnis zu sp�ren. Er sah auf, blickte ihm aus unsichtbaren Augen ins Gesicht und machte mit der freien Hand eine komplizierte, unverst�ndliche Geste.</p><p>�Keine Sorge, Bruder�, sagte er. Pl�tzlich klang seine Stimme sanft, beruhigend. �Wir tun nichts ohne dein Einverst�ndnis. Wir forschen.�</p><p>�Ihr forscht?� Skars Stimme klang hohl, als h�tte sich die Laubh�tte von einem zum anderen Augenblick in eine feuchte steinerne Gruft verwandelt. Tausende von Meilen unter der Erde. �Sein Geist ist stark�, fuhr Kor-tel fort. �So stark wie der deine, wenn auch auf andere Art.�</p><p>�K�nnt ihr ... ihm helfen?� fragte Skar. Sein Mund war trocken. Er hatte M�he, �berhaupt zu sprechen.</p><p>�Wir k�nnen es, Bruder. Doch die Art, in der wir es t�ten, w�rde dir nicht gefallen.�</p><p>�Was hei�t das?� Skar sah mit einem Ruck auf.</p><p>�Was Gowenna mit ihm tat, war gut, f�r den Augenblick�, antwortete Kor-tel. �Doch er wird zerbrechen, wenn sein Geist weiter gefesselt ist. Unwiderruflich zerbrechen. Aber wenn wir ihn wecken, wird er zum Feind.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf, eine Bewegung, die nicht einmal ihn selbst �berzeugte.</p><p>�Unsinn�, widersprach er kraftlos. �Del ist mein Freund. Wir kennen uns l�nger als zehn Jahre.�</p><p>�Liebe und Ha� liegen eng beisammen, Bruder�, murmelte Kor-tel. �Und das eine ist als Macht so stark wie das andere.� Skar hob in einer hilflosen Geste die H�nde. �Bitte, Kor-tel�, sagte er. �Ich bin nicht in der Stimmung, mir eure R�tsel anzuh�ren. Was meinst du?�</p><p>Kor-tel nahm einen tiefen, h�rbaren Atemzug. �Ich werde versuchen, es mit euren Worten auszudr�cken. Doch sie sind unvollkommen und umst�ndlich. Gowenna hat ihm einen Bann auferlegt, der ihn vergessen lie�. Vergessen, was geschah, was er f�hlte und dachte. Doch sein Geist k�mpft dagegen an. Er ist nicht stark genug, ihn zu sprengen, und nicht schwach genug, den Kampf aufzugeben. L�sen wir ihn nicht, so wird er wahnsinnig werden.� Skar nickte. �Soweit habe ich verstanden�, sagte er schwach. �K�nnt ihr ihm helfen?�</p><p>�Wir k�nnen ihn nicht alles vergessen lassen. Skar, nicht auf Dauer und nicht, ohne ihn zu zerst�ren. Er w�rde stets Ha� in seinem Herzen tragen, ohne zu wissen, warum. Aber der Ha� w�rde ihn verzehren. Und doch gibt es einen Weg. Seine Matrix ist unbesch�digt, und sie ist stark. Wir k�nnten ihn neu erwecken.�</p><p>�Und was hei�t das?�</p><p>�Wir w�rden mit ihm tun, was du mit El-tra getan hast, als einer von ihnen starb. Wir k�nnen ihm nicht mehr geben, als er hat, doch es steht in unserer Macht, ihn vergessen zu lassen. Es w�re so, als w�re er Vela nie begegnet. Sie w�re eine Fremde f�r ihn. Das Leben eines Menschen ist wie ein Buch, Skar. Ein Buch mit unendlich vielen Seiten. Wir k�nnen keine dieser Seiten herausrei�en, ohne den Rest zu zerst�ren. Doch wir k�nnen es neu schreiben. Vom ersten Wort an.�</p><p><emphasis>Das, was du mit El-tra getan hast... </emphasis>dachte Skar. <emphasis>Als einer von ihnen starb ...</emphasis></p><p>Pl�tzlich sah er noch einmal die Szene in Combat vor sich, fast deutlicher als damals.</p><p>Nicht einer von ihnen war gestorben. Sie <emphasis>alle </emphasis>waren gestorben. Alle drei. Und er hatte zwei von ihnen ins Leben zur�ckgerufen. �Ja, Skar, das bedeutet es�, sagte Kor-tel ernst. �Mit euren Worten ausgedr�ckt. Wir w�rden ihn t�ten m�ssen. Doch er k�nnte leben, neu geschaffen und so, wie er war.�</p><p>Skar wollte etwas sagen, aber seine Kehle war zugeschn�rt, und die Zunge verweigerte ihm den Dienst. T�ten ... Del t�ten ... Auch wenn es nur ein Tod auf Widerruf war, er w�rde sterben. Sterben durch ein einziges Wort, vielleicht nur ein Kopfnicken von ihm. Wieder sp�rte er die unsichtbare Faust, die �ber Dels Lager schwebte. Eine Faust, die bereit war, herabzusto�en und seinen Geist zu zermalmen.</p><p>Und dann ? dachte er. Er wu�te nicht wie, aber er wu�te, da� die Sumpfm�nner ihr Versprechen wahrmachen und ihn erwecken w�rden, und es w�rde ein Del sein, der den Namen Vela niemals geh�rt, der niemals gegen ihn gek�mpft und niemals auf der anderen Seite gestanden hatte.</p><p>Ein Fremder.</p><p>Es w�rde nichts nutzen, ihm die Erinnerung zu nehmen. Nicht, solange er, Skar, seine eigenen Erinnerungen noch hatte. Was geschehen war, w�rde immer zwischen ihnen stehen, in jedem Blick, in jeder Bewegung, jedem Wort Dels. Es w�rde nicht mehr derselbe Del sein, sondern ein Wesen wie die Krieger Velas, eine Puppe. Wenn er Kor-tels Vorschlag akzeptierte, w�rde er ihn t�ten, unwiderruflich t�ten, und was immer danach entstand, w�re nicht mehr Del.</p><p>�Nein�, sagte er.</p><p>Kor-tel nickte. Seine Hand l�ste sich von Dels Stirn. �Ich wu�te, da� du so entscheiden w�rdest�, sagte er.</p><p>�Ich kann es nicht tun. Ich ... er...�</p><p>�Du brauchst nichts zu erkl�ren, Bruder�, unterbrach ihn Kor-tel. �Wir verstehen und achten deine Gr�nde. Es ist eine schwere B�rde, die du �bernimmst. Er wird dich hassen f�r das, was du getan hast.�</p><p>Skar schluckte. Sein Hals begann zu schmerzen. �Weckt ihn auf�, sagte er m�hsam.</p><p>�Er wird von selbst erwachen�, sagte Kor-tel. �Doch gib ihm Zeit. Wenige Stunden, nach Tagen der Gefangenschaft.� Er schwieg einen Moment und fuhr dann, in ver�ndertem, bedauerndem Tonfall, fort: �Du wei�t, da� ihr nicht bleiben k�nnt?� Skar nickte. Nat�rlich nicht. Sie w�rden einen Feind im Herzen ihres Reiches nicht dulden. Und noch w�hrend er den Gedanken dachte, sp�rte er einen zweiten, weit schlimmeren: Es war umsonst gewesen.</p><p>Er hatte Del mitgebracht, weil er gehofft hatte, Hilfe bei den Sumpfleuten zu finden, aber er wu�te auch, da� Kor-tel ihn nicht weiter als Gefangenen halten konnte. Er w�rde ihn gehenlassen, und wenn Del ging, mu�te auch er, Skar, gehen. Der Gedanke war grausam, aber schl�ssig. Sie w�rden dieses Land beide verlassen oder gar nicht.</p><p>�La�t mich allein�, bat er.</p><p>Die Schatten an den W�nden verschwanden, doch Kor-tel blieb reglos sitzen und sah ihn an. �Es tut mir leid, Bruder�, sagte er. �Wir schulden dir viel, mehr, als wir gutmachen k�nnen.� Skar rang sich zu einem L�cheln durch. �Ich bin nicht gekommen, um Schulden einzutreiben�, sagte er.</p><p>�Ich wei�. Doch wer nicht fordert, fordert dadurch um so mehr. Wir werden dir helfen, wo wir k�nnen. Aber diesen Kampf mu�t du allein durchstehen. Wir k�nnen ihn f�r dich verlieren, doch nicht gewinnen. Denke an das, was ich dir gestern nacht sagte. Die Macht von Cosh ist nichts gegen das, was in dir schlummert, Skar. Du k�nntest ein Gott sein, wenn du wolltest.�</p><p>�Ein Gott?� Skar lachte. Der Laut klang hohl von den gekr�mmten W�nden zur�ck. �Oder ein D�mon?�</p><p>�Wo ist der Unterschied?�</p><p>�Ich wollte, ich w��te es�, murmelte Skar. �Was waren die Erbauer Combats? G�tter oder D�monen?�</p><p>�Vielleicht beides�, antwortete Kor-tel. Er erhob sich nun ebenfalls, ging aber noch nicht. �Gowenna wird sich um deine Wunden k�mmern, und danach ...�</p><p>�Danach gehen wir�, nickte Skar.</p><p>Kor-tel machte eine unwillige Bewegung. �Du kannst bleiben, so lange du willst�, sagte er. �Warte den Winter ab, ehe du weiterziehst.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. �Ich danke dir f�r dein Angebot, aber je eher wir von hier verschwinden, desto besser. Besser f�r uns und besser f�r euch. Wir brechen morgen bei Sonnenaufgang auf.�</p><p>Kor-tel sah ihn an, als wolle er etwas sagen, wandte sich dann jedoch wortlos um und lie� ihn allein.</p><p>Skar schlo� die Augen. In seiner Brust begann sich eine Spannung aufzubauen, ein Gef�hl wie ein Schrei, der hinauswollte und es nicht konnte. Hilflos ballte er die F�uste, pre�te sie gegen die Augen und kr�mmte sich neben Dels Lager zusammen. Umsonst. Es war alles umsonst gewesen. Er wu�te pl�tzlich, da� er nicht mehr gewinnen konnte. Sie w�rden Cosh verlassen - ob morgen oder in sechs Monaten spielte keine Rolle - und der Kampf w�rde weitergehen.</p><p>Vela w�rde auf sie warten, irgendwo dort drau�en.</p><p>Pl�tzlich, f�r einen ganz kurzen, verg�nglichen Moment, packte ihn Zorn, ein Zorn, der so heftig war wie der Schmerz zuvor. Er richtete sich auf, warf den Kopf in den Nacken und schlug die F�uste auf die Oberschenkel, so fest es ging.</p><p>Der dumpfe Schmerz ri� ihn in die Wirklichkeit zur�ck. Er stand auf, wandte sich nach einem letzten Blick auf Del um und verlie� die H�tte.</p><p>Gowenna kam ihm entgegen, als er auf halbem Wege zu seinem eigenen Quartier war. In ihrer Begleitung befanden sich zwei Sumpfm�nner. El-tra. Sie hob die Hand, um ihn zum Stehenbleiben zu veranlassen, und vertrat ihm mit einer �rgerlichen Bewegung den Weg, als er ihr ausweichen wollte. Als er in ihr Gesicht sah, wu�te er, da� sie alles geh�rt hatte.</p><p>�Was soll das bedeuten?� begann sie �bergangslos. �Du hast dich geweigert, Del...�</p><p>�Ich habe mich geweigert, ihn umzubringen�, fiel ihr Skar ins Wort. �Und ich bin nicht bereit, mit dir dar�ber zu diskutieren.� Pl�tzlich war es so wie fr�her - sie war nicht mehr als eine Zielscheibe, auf die er seinen Zorn entladen konnte, und er tat es, w�tend und mit einem fast sadistischen Gef�hl der Befriedigung. �Wir werden gehen, Gowenna�, fuhr er in scharfem Tonfall fort, �schon morgen fr�h, ganz egal, ob es dir pa�t oder nicht. Wir werden Cosh verlassen, und ich stelle es dir frei, uns zu begleiten oder nicht.�</p><p>Sein pl�tzlicher Angriff schien Gowenna vollkommen zu �berraschen. Sie schwieg einen Moment, rang sichtlich nach Worten und starrte ihn fassungslos an. �Du wei�t nicht, was du tust�, sagte sie schwach.</p><p>�O doch, Gowenna, ich wei� es.�</p><p>�Das wei�t du nicht!� schrie sie. �Du bist irre geworden, Skar! Du kannst Del nicht Hunderte von Meilen in Ketten mit dir herumschleppen! Er ist eine Gefahr f�r dich und uns! Du ...� Sie brach ab. Ihre Augen weiteten sich ungl�ubig. �Du ... du hast nicht vor, ihn ...�</p><p>�Ich werde ihn gehenlassen, ja�, sagte Skar ruhig.</p><p>�Du willst ihn zur�ckschicken?� keuchte Gowenna. �Zur�ck zu <emphasis>Vela?�</emphasis></p><p>�Ich werde ihn nirgends <emphasis>hinschicken�, </emphasis>verbesserte sie Skar. �Del ist nicht mein Eigentum. Ich werde ihn gehenlassen, das ist alles.�</p><p>�Du bringst uns damit alle in Gefahr!�</p><p>�O nein, Gowenna. Ich bringe euch in Gefahr, wenn ich bleibe. Du hast es selbst gesagt - ich kann ihn nicht in Ketten legen, und wenn ich es k�nnte, w�rde ich es nicht tun. Er wird in wenigen Stunden erwachen, und er wird als freier Mann von hier fortgehen.� Gowenna wollte etwas sagen, aber Skar sprach schnell und mit erhobener Stimme weiter: �Es �ndert nichts, Gowenna, gar nichts. Wir kamen hierher, um Vela zu entkommen und einen Ort zu haben, an dem wir f�r ein paar Tage ausruhen k�nnen. Wir hatten nicht vor, Del mitzubringen.�</p><p>�Aber er ist nun einmal hier. Er kann zu einer Gefahr werden, Skar.�</p><p>�So?� erwiderte Skar sp�ttisch. �Zu welcher? Was hat er gesehen? Ein paar B�ume und B�sche, sonst nichts. Er kann uns nicht schaden, nicht mehr, als w�re er die ganze Zeit bei ihr geblieben.�</p><p>�Aber du -�</p><p>�Ich glaube eher�, fiel ihr Skar erneut ins Wort, �da� es dein Stolz nicht zul��t, ihn gehenzulassen. Was ist es, Gowenna? Macht dir dieses eine Schwert mehr, das Vela hat, solche Sorgen? Oder ertr�gst du einfach den Gedanken nicht, ihr einen Hieb versetzen zu k�nnen und es nicht zu tun?�</p><p>Gowenna wurde bla�. Ihre Lippen begannen zu zittern. Aber sie sagte nichts mehr, sondern wandte sich mit einer abrupten Bewegung um und verschwand zwischen den B�umen. Einer der Sumpfm�nner folgte ihr, w�hrend der andere zur�ckblieb und Skar kopfsch�ttelnd ansah.</p><p>�Das war unn�tig, Skar�, sagte er. �Unn�tig und grausam.� Skar musterte ihn finster. Gowenna war gegangen, aber sein Zorn war geblieben, und El-tra erschien ihm in diesem Moment als beinahe ebenso guter Pr�gelknabe. �Vielleicht�, grollte er. �Aber auf jeden Fall hat es gutgetan. Und es war die Wahrheit. Warum bist du geblieben? Um mir Vorhaltungen zu machen? Spar es dir - ich wei� recht gut, was ich tun und lassen mu�.�</p><p>El-tra �berging die Frage, wie es seine Art war. �Es kommt mir so vor, als w��test du es nicht�, entgegnete er ruhig. �Du willst fort, und ich habe Verst�ndnis daf�r. Aber wenn du fliehst, bevor deine Wunden verheilt sind, wirst du dir selbst schaden. Du bist nicht in der Verfassung, weitere Strapazen zu ertragen. Deine Wunden bed�rfen der Pflege, und dein K�rper der Ruhe.�</p><p>�Wie edel�, sagte Skar �tzend. �Ihr seid besorgt um mich wie um euren Sohn. Aber ich kann schon auf mich aufpassen.�</p><p>�Denk an den Wald�, sagte El-tra. �Du hast ihre Macht geschmeckt, Skar, zum ersten Mal. War dir das, was wir erlebt haben, nicht Warnung genug?�</p><p>El-tras Worte d�mpften Skars Zorn wie ein Gu� kalten Wassers. Er hatte ihre verzweifelte Flucht durch den Kristallwald bisher verdr�ngt, hatte krampfhaft versucht, nicht daran zu denken, aber El-tra hatte die Erinnerung wieder geweckt.</p><p>�Das war ... etwas anderes�, murmelte er hilflos.</p><p>�Das war es nicht, Skar. Sie beginnt gerade erst, ihre M�glichkeiten zu entdecken. Sie spielt mit dem Stein, mehr nicht. Sie h�tte tausendmal mehr tun k�nnen, w��te sie seine Kr�fte richtig einzusetzen. Aber sie wird es lernen.�</p><p>�Und was soll ich dagegen tun?� fragte Skar. �Mich ihr mit dem Schwert in der Hand entgegenstellen und sie erschlagen?� El-tra sch�ttelte den Kopf. �Auch wenn du es k�nntest, w�rde es nichts �ndern. Die Macht des Steines ist nun einmal geweckt. Es w�rde nichts nutzen, Vela zu t�ten. Ein anderer w�rde kommen und ihn finden, und er w�re vielleicht schlimmer.�</p><p>�Du hast eine herzerfrischende Art, mir Mut zu machen�, grollte Skar.</p></section><section><title><p id="_1640">21.</p></title><p>Die H�tte war still wie die ersten beiden Male, als er sie betreten hatte. Durch das durchbrochene Bl�tterdach sickerte Licht in schr�gen goldenen Bahnen und verwandelte den Boden in ein Mosaik aus Braun und Gr�n und Helligkeit, auf dem Einzelheiten kaum noch zu erkennen waren. Es war warm hier drinnen, obwohl die d�nnen W�nde kaum geeignet schienen, der K�lte ernsthaften Widerstand entgegenzusetzen; trotzdem hatte er das Gef�hl, durch eine unsichtbare warme Wand zu schreiten, als er das Geb�ude betrat. Ein leiser Geruch nach gebratenem Fleisch und Wein lag in der Luft.</p><p>Del war wach. Er hockte mit untergeschlagenen Beinen, den verletzten Arm auf dem linken Knie ruhend und gebeugt, neben seinem Lager auf dem nackten Boden und sah ihm finster entgegen. Skar konnte sein Gesicht in der verwirrenden Beleuchtung nicht erkennen, aber allein das Wissen, da� Del sich an jede Einzelheit erinnerte, versetzte ihm einen schmerzhaften Stich.</p><p>Wortlos ging er zu ihm hin�ber, nahm auf die gleiche Weise wie Del auf dem zweiten, freien Lager Platz und legte das B�ndel, das er mitgebracht hatte, vor sich auf den Boden. Del folgte jeder seiner Bewegungen mit mi�trauischen Blicken, h�llte sich aber weiter beharrlich in Schweigen.</p><p>�Wie f�hlst du dich?� fragte Skar. Die Worte kamen ihm albern vor; eine abgedroschene Phrase, die irgendwie fehl am Platze schien. Aber vielleicht war es immer noch besser, als weiter zu schweigen und sich gegenseitig anzustarren.</p><p>�Gut�, antwortete Del nach Sekunden. �Aber das habe ich wohl nicht dir zu verdanken.�</p><p>Skar lachte. Es wirkte gezwungen. Ohne ein weiteres Wort beugte er sich vor, nahm das B�ndel auf und reichte es Del. �Nimm.�</p><p>Del z�gerte. In seinen Augen spiegelte sich Mi�trauen, aber er streckte gehorsam die rechte Hand aus, nahm das B�ndel und begann, ungeschickt und nur mit einer Hand, die darumgewickelten T�cher abzustreifen. Ein Laut der Verbl�ffung entrang sich seiner Brust.</p><p>�Das ist...�</p><p>�Dein Schwert�, nickte Skar. �Du hast mir meines wiedergegeben, jetzt bin ich an der Reihe.�</p><p>Del sah ihn verbl�fft an. �Aber was ...� Er brach ab. Seine Rechte krampfte sich um den lederbezogenen Griff der Waffe. �Was bedeutet das?� fragte er lauernd.</p><p>�Nicht das, was du jetzt denkst�, antwortete Skar. �Ich bin nicht hier, um dich herauszufordern. Wir haben einmal miteinander gek�mpft, und es war einmal zuviel.� Er deutete mit einer knappen Geste auf den Ausgang. �Du bist frei, Del. Du kannst gehen.�</p><p>Dels Augen weiteten sich erstaunt. �Ich kann <emphasis>gehen?� </emphasis>wiederholte er ungl�ubig. �Was ist das? Eine neue Falle?�</p><p>�Keine Falle, Del. Ich brachte dich hierher, weil ich dachte, Hilfe bei den Sumpfbr�dern finden zu k�nnen. Ich habe mich geirrt.�</p><p>�Du l��t mich gehen?� fragte Del noch einmal. �Einfach so? Ohne Bedingungen, ohne Hintergedanken?�</p><p>�Ohne Bedingungen�, best�tigte Skar. �Das hei�t - mit einer Bitte: Geh nicht sofort zu Vela zur�ck. Bleib ein paar Tage allein und denk �ber alles nach.�</p><p>Del lachte. �Ich wu�te, da� irgendso ein sentimentaler Quatsch kommen w�rde�, sagte er. �Was erwartest du? Da� ich mich ein halbes Jahr als Eremit in die W�ste zur�ckziehe und �ber den Sinn des Lebens nachdenke? Oder� - er versuchte jetzt bewu�t, seinen Worten einen h�hnischen Klang zu verleihen - �da� ich zum Berg der G�tter reite und den Rat der Dreizehn um Hilfe ersuche?�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. Er hatte Stunden um Stunden reglos in seiner H�tte gesessen und nachgedacht. Und er wu�te, was Del sagen w�rde. Sie waren zu lange beisammen gewesen, als da� er nicht jedes Wort, jede Antwort und jedes Argument im voraus geahnt h�tte.</p><p>�Ich appelliere an unsere Freundschaft, Del�, sagte er ruhig. �Ich will nicht gegen dich k�mpfen, weder jetzt noch zu irgendeinem anderen Zeitpunkt. Aber ich werde es m�ssen, wenn du zu Vela zur�ckkehrst. Geh nicht zu ihr. Warte ... warte von mir aus, bis alles vorbei ist und ich tot bin.�</p><p>�Was hast du?� fragte Del h�hnisch. �Angst?�</p><p>Skar nickte. �Ja, Del. Angst, dir noch einmal mit dem Schwert in der Hand gegen�berzustehen. Das n�chste Mal m��te ich dich t�ten.�</p><p>�Du scheinst ziemlich sicher zu sein, da� du es schaffst.�</p><p>Skar senkte den Blick. Es war vollkommen sinnlos, weiter mit Del zu reden. Er war hergekommen, um ihm sein Schwert und seine Freiheit zu geben, und vielleicht war es das Kl�gste, es dabei zu belassen. Trotzdem fuhr er wider besseres Wissen fort: �Und wie denkst du, da� es weitergeht?�</p><p>�Wie soll es weitergehen? Du wei�t, was ich tun werde. Ich werde zu ihr zur�ckkehren. Ich habe dich nicht gebeten, mich hierherzubringen. Und ich habe dich nicht gebeten, mich wieder gehenzulassen. Mach mich nicht f�r deine Fehler verantwortlich, Skar.�</p><p>Skar musterte ihn schweigend, aber als er weitersprach, war in seiner Stimme nichts von der Bitterkeit, die er empfand; h�chstens so etwas wie Bedauern. �Du glaubst wirklich, diese Frau zu lieben, wie?�</p><p>Dels Gesicht schien zu Stein zu erstarren. �Und wenn?� fragte er gepre�t.</p><p>Skar zuckte mit den Achseln. �Wei�t du, da� ich mit ihr geschlafen habe?� fragte er. �Am letzten Tag vor unserem Aufbruch?�</p><p>Del nickte. Die Mitteilung schien ihn nicht im mindesten zu �berraschen. �Ich wei� es�, best�tigte er. �Aber du siehst die Sache vom falschen Ende aus - nicht <emphasis>du </emphasis>hast mit <emphasis>ihr </emphasis>geschlafen; <emphasis>sie </emphasis>war es, die mit <emphasis>dir </emphasis>geschlafen hat.�</p><p>�Und das ist ein Unterschied?� Skar konnte ein mitleidiges L�cheln nicht unterdr�cken.</p><p>�Es ist einer�, nickte Del. �Und selbst wenn es keiner w�re, w�re es mir gleich. Aber das wirst du nie verstehen.� Er stemmte sich, mit der Rechten auf das Schwert gest�tzt, hoch, und sah sich suchend im Raum um. �Wo sind meine Kleider?�</p><p>Skar deutete mit einer Kopfbewegung auf die Kiste, die in einer Ecke stand. �Dort drinnen. Deine R�stung ist drau�en. El-tra wird dir Pferd, Sattel und Panzer bringen. Aber du kannst noch bleiben, bis du dich kr�ftiger f�hlst.�</p><p>Del gab einen undefinierbaren Laut von sich. �Ich f�hle mich kr�ftig genug, die paar Meilen zu reiten. Vielleicht falle ich ja auch in ein Sumpfloch - du w�rst dann alle Sorgen los.�</p><p>�Die Sumpfleute werden dich bis zu den Grenzen ihres Reiches eskortieren�, sagte Skar.</p><p>�Habt ihr Angst, da� ich spioniere?� fragte Del sp�ttisch. Er ging mit einem raschen Schritt zu der Kiste, �ffnete sie und entnahm ihr seine zusammengefalteten Kleider. Umst�ndlich und langsam begann er sich anzukleiden. Sein geschienter und bandagierter Arm war ihm dabei sichtlich im Wege, aber Skar verzichtete darauf, ihm seine Hilfe anzubieten.</p><p>Schweigend sah er zu, wie Del Hemd und Unterkleider �berstreifte, vorsichtig seinen Arm aus der Schlinge hob und das Kettenhemd anlegte. Es war seltsam - er empfand eher Verwunderung als Trauer oder gar Zorn. Sie waren l�nger als ein Jahrzehnt zusammen geritten, und jetzt, pl�tzlich und von einem Tag auf den anderen, waren sie zu Fremden geworden, sogar zu Feinden. Die Vorstellung war einfach zu absurd, um sie wirklich schon begreifen zu k�nnen. Es war alles so glatt gegangen - es gab keine dramtische Abschiedszene, keine gro�en Worte, keine Gesten; sie waren wie Fremde, die sich zuf�llig getroffen hatten, und deren Wege sich nun ebenso zuf�llig wieder trennten. Ein schneller, schmerzloser Schnitt.</p><p>Und trotzdem k�mpfte er f�r einen Augenblick gegen die Tr�nen an.</p><p>Schnell, so hastig, da� es ihm selbst beinahe wie eine Flucht vorkam, stand er auf und verlie� die H�tte. Der Platz zwischen den H�usern war nicht mehr leer; eine Anzahl der Sumpfm�nner hatte sich im Halbkreis darum versammelt - zw�lf, vielleicht f�nfzehn - es war Skar nicht m�glich, ihre genaue Zahl zu erkennen. Selbst jetzt, im hellen Tageslicht, glichen sie sich wie identische Spiegelbilder, und sie waren st�ndig in Bewegung. Keiner von ihnen sprach, und selbst die leisen Ger�usche des Waldes schienen ged�mpft, wie �ber gro�e Entfernung oder einen unsichtbaren Nebel her�berwehend.</p><p>�Skar?�</p><p>Skar drehte sich herum und erkannte El-tra, der, Dels Pferd am Z�gel und seinen schwarzen Harnisch �ber dem anderen Arm, hinter der H�tte gestanden war. Durch die d�nnen W�nde mu�te er jedes Wort verstanden haben. Es sollte Skar peinlich sein, war es aber nicht. Er hatte eine Niederlage erlitten, aber er hatte vorher gewu�t, da� es geschehen w�rde.</p><p>�Du hast alles geh�rt?� fragte er.</p><p>El-tra nickte, lie� den Z�gel los und entfernte sich ein paar Schritte von der H�tte, wohl um sicherzugehen, da� Del seine Worte nicht verstand. Skar folgte ihm.</p><p>�Es ist deine Entscheidung�, begann El-tra �bergangslos, �aber bist du sicher, da� es klug ist, ihn gehenzulassen?�</p><p>Skar l�chelte. �Ich bin ziemlich sicher, da� es ein Fehler ist�, sagte er.</p><p>�Warum tust du es dann?�</p><p>�Habe ich eine andere Wahl? Au�er der, ihn - wie nennt ihr es? Seine Matrix neu schaffen?�</p><p>�Du bist der erste Mensch, der dieses Angebot von meinem Volk erhielt�, sagte El-tra anstelle einer direkten Antwort. Skar sah an ihm vorbei zum H�tteneingang hin�ber. Von Del war noch nichts zu sehen, aber er konnte ihn h�ren. �Verpflichtet mich diese Tatsache, es anzunehmen?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Doch ich sehe, welchen Schmerz es dir bereitet, ihn gehenzulassen. Ich ... ich will dir helfen, Bruder.�</p><p>�Ich wei߫, murmelte Skar. �Aber es gibt nur einen winzigen Menschen, der mir helfen k�nnte. Und der� - er wies auf die verfallene Laubh�tte und lachte leise und bitter - �wird in wenigen Augenblicken davonreiten.�</p><p>�Aber du -�</p><p>�Ich will nichts mehr davon h�ren�, sagte Skar scharf. �Ich wei� euer Angebot zu sch�tzen, El-tra, und ich werde niemandem euer Geheimnis verraten, aber ich kann es nicht tun. Du wirst es f�r dumm halten, aber f�r mich w�re es Mord. Schlimmer noch.�</p><p>�Er wird dich t�ten, wenn ihr euch das n�chste Mal gegen�bersteht.�</p><p>�Vielleicht. Er wird es versuchen, aber vielleicht werde ich ihn t�ten. Doch das w�re etwas anderes, El-tra.� Er stockte, sah den Sumpfmann durchdringend an und fuhr in sch�rferem Tonfall fort: �Hat Gowenna dich geschickt, um mir ins Gewissen zu reden? Wo ist sie �berhaupt?�</p><p>�Nicht hier. Sie ist vor Sonnenaufgang fortgeritten und wird nicht vor dem n�chsten zur�ck sein. Und sie hat mich nicht geschickt, Skar. Ich kam nur, weil ich deinen Schmerz sp�rte. Du bist ein Teil von mir, vergi� das nicht.�</p><p>�Naja, dann habe ich wenigstens jemanden, der mit mir leidet�, meinte Skar sp�ttisch. Seine Worte bedauerte er sofort wieder, aber El-tra schien den verletzenden Ton nicht einmal zu registrieren. Er sah ihn an, machte eine Geste, deren Bedeutung Skar nicht verstand, und ging dann wortlos zu dem wartenden Pferd zur�ck. Skar atmete unmerklich auf. Er sp�rte, da� El-tra dicht daran gewesen war, ihn zu �berzeugen.</p><p>Etwas in ihm hatte danach geschrien, El-tras Dr�ngen nachzugeben, zu tun, was er ihm anbot. Und er wu�te, da� er seinen Entschlu� bereuen w�rde, im gleichen Moment, in dem Del das Lager verlie�.</p><p>Und trotzdem war es das einzige, was er hatte tun k�nnen. Langsam ging er zu Dels H�tte zur�ck und wartete neben dem Ausgang, bis der junge Satai ins Freie trat. Del blinzelte, geblendet durch das pl�tzliche Sonnenlicht, vor dem er vier Tage lang gesch�tzt worden war. Er hob die Hand �ber die Augen, blieb stehen und sah sich mit einer Mischung aus Neugier, Verachtung und nicht ganz perfekt �berspielter Furcht auf dem Platz um. �Keine Sorge�, sagte Skar leise. �Es ist keine Falle. Sie werden dir nichts tun.�</p><p>Del erwiderte nichts. Er ging zu El-tra hin�ber, nahm dem Sumpfmann die R�stung ab und begann sie umst�ndlich anzulegen.</p><p>�Du wirst sie nicht brauchen�, sagte Skar. �Cosh ist sicher, solange du nicht von dem Weg abweichst, den die Sumpfm�nner dir zeigen. Der Panzer wird dich nur behindern.�</p><p>Del fuhr fort, sich anzukleiden, als h�tte Skar seine Worte gar nicht geh�rt. Ein kurzes, schmerzhaftes Zucken lief �ber sein Gesicht, als die steinharte Kante des Lederharnisches gegen das bandagierte Handgelenk stie�. Skar eilte zu ihm, nahm ihm den Harnisch ab und half ihm, die anderen Teile seiner Panzerung anzulegen. Del widersprach nicht.</p><p>Ein bedr�ckendes Gef�hl machte sich in Skar breit, w�hrend er zusah, wie Del Arm- und Beinschienen aus schwarzem, hornig gl�nzendem Metall anlegte und umst�ndlich in den Lamellenrock schl�pfte, der seine Oberschenkel sch�tzte. Sie hatten unz�hlige Male so beieinander gestanden und sich gegenseitig geholfen, ihre Ausr�stungen �berpr�ft, hier und da eine Schnalle festgezogen, eine Falte gegl�ttet, hundert Mal vor hundert K�mpfen, die sie R�cken an R�cken ausgefochten hatten. Skar wartete, bis Del den Lederharnisch vor der Brust hatte, trat gewohnheitsm��ig mit einem raschen Schritt hinter ihn und lie� die Kupferspangen einrasten, die Brust- und R�ckenteil des Panzers verbanden. Del schien unter seiner Ber�hrung zusammenzufahren, aber Skar war nicht sicher, ob er sich die Bewegung nicht nur einbildete.</p><p>Als er fertig war, schlug er Del kr�ftig mit der flachen Hand zwischen die Schulterbl�tter, so, wie er es unz�hlige Male zuvor getan hatte. �In Ordnung�, sagte er.</p><p>Del drehte sich halb um und sah zu ihm herab. Skar mu�te den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen sehen zu k�nnen. Er war so lange mit ihm zusammen gewesen, da� er fast vergessen hatte, wie gro� Del war.</p><p>�Nichts ist in Ordnung, Skar�, sagte Del tonlos. �Aber wenn du glaubst, da� jetzt der richtige Moment f�r ein paar dramatische Worte des Abschiedes ist, dann sprich sie. Ich werde nicht l�nger warten.�</p><p>Skar hatte mit einem Mal M�he, seinem Blick standzuhalten. Er schluckte, setzte dazu an, etwas zu sagen, und trat schlie�lich kopfsch�ttelnd zur�ck. �Dein Pferd ist bereit�, sagte er mit einer Geste auf das Tier. �Geh.�</p><p>Del fuhr mit einem Ruck herum, ri� El-tra die Z�gel aus der Hand und sprang in den Sattel. Das Pferd scheute einen Moment, aber Del brachte es mit einem harten Ruck am Z�gel zum Stehen. Sein Gesicht war noch immer unbewegt, eine Maske, auf der nicht die geringste Regung abzulesen war. Nur in seinen Augen loderte es; ein Feuer, das Skar beinahe Furcht einjagte.</p><p>Vom anderen Ende des Platzes n�herten sich vier Reiter; Sumpfm�nner auf Pferden, die dem Tier Dels �hnelten wie Zwillinge. Sie nahmen dicht hinter Skar Aufstellung.</p><p>�Ist das meine <emphasis>Eskorte?� </emphasis>fragte Del abf�llig.</p><p>Skar nickte. �Sie werden daf�r sorgen, da� du sicher �ber die Grenzen Coshs kommst�, sagte er. �Richte dich genau nach ihren Anweisungen. Die S�mpfe sind t�ckisch.�</p><p>Del pre�te seinem Pferd die Schenkel in die Seiten und ritt los. Die Reihe der Sumpfleute teilte sich vor ihm, und auch Skar wich ein St�ck zur Seite, trat dann aber pl�tzlich wieder vor und ergriff die Z�gel seines Pferdes. Del spannte sich. Seine Hand zuckte zum Schwert, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende.</p><p>�Was ist los?� fragte er. �Hast du es dir anders �berlegt? Du solltest die Hand da wegnehmen, wenn du sie behalten willst.� Skar zog die Hand nicht zur�ck. �Nur ein Wort noch�, sagte er. �Dann kannst du reiten.�</p><p>Del wirkte pl�tzlich nerv�s. Seine Hand glitt das St�ck, das sie sich in Richtung auf das Schwert bewegt hatte, zur�ck, aber seine ganze Haltung verriet Anspannung. Seine Selbstbeherrschung war nur gespielt. Und er war, so wie Skar, an den Grenzen seiner Kraft angelangt.</p><p>�Wir werden uns wiedersehen�, sagte Skar. �Und ich m�chte, da� du dich dann daran erinnerst, da� du mir dein Leben schuldest, <emphasis>Satai.�</emphasis></p><p>Etwas schien in ihm zu zerbrechen, als er diese Worte aussprach. Das Flackern in Dels Augen erlosch, und f�r einen Moment war alles, was Skar in seinem Blick las, Verbl�ffung und ungl�ubiges Staunen. Dann machte der Ausdruck einem anderem Platz, etwas, das Skar mehr traf als alles, was vorher geschehn war.</p><p>�Ich ... werde es tun, Skar�, sagte er stockend. Er ri� Skar den Z�gel aus der Hand, stie� dem Tier r�cksichtslos die Sporen in den Leib und preschte los, gefolgt von seinen vier Begleitern. Skar sah ihm nicht nach. Lange, bevor Del die jenseitige Grenze der Lichtung erreichte und zwischen den ersten B�umen verschwand, drehte Skar sich um und ging zu seiner H�tte zur�ck. Der Schmerz, auf den er wartete, kam nicht, und dort, wo Trauer sein sollte, schien nur Leere zu sein, als h�tte der Hieb, den er erhalten hatte, selbst dieses Gef�hl abget�tet. Geb�ckt trat er durch den Eingang seiner H�tte, wankte zu seinem Lager und lie� sich schwer auf die Knie fallen. Er versuchte zu denken, an irgend etwas Sinnloses zu denken, nur um die Leere hinter seiner Stirn zu vertreiben, aber es ging nicht.</p><p>Es dauerte lange, bis er merkte, da� er nicht mehr allein war. Ein Schatten war ihm gefolgt und hatte sich lautlos neben der T�r niedergelassen. Er wu�te, da� es El-tra war.</p><p>�Warum hast du das getan?� fragte der Sumpfmann.</p><p>�Was?�</p><p>El-tra machte eine Geste in die Richtung, in der Del verschwunden war. �Deine letzten Worte, Skar. Ich habe sie geh�rt, doch ich verstehe sie nicht.�</p><p>Skar l�chelte bitter. �Es h�tte wenig Sinn, sie dir erkl�ren zu wollen, El-tra�, sagte er.</p><p>�Du wei�t, da� er dich daf�r verachten wird.�</p><p>Skar nickte. �Vielleicht war es das, was ich wollte, Bruder. Es war ... leichter f�r ihn, so.�</p><p>El-tra schwieg eine Weile. �Leichter ...� wiederholte er. �Du sprichst in seltsamen Ton von einem Mann, der dich t�ten wird, wenn du ihm die Gelegenheit dazu gibst.�</p><p>�Vielleicht wird er es tun�, best�tigte Skar. �Aber ihn trifft keine Schuld daran. Sowenig wie dich oder mich oder irgendeinen. Vielleicht...� Er stockte, ballte hilflos die F�uste und sprach mit ver�nderter Stimme weiter: �Verzeih, El-tra. Ich f�rchte, ich rede einen ganz sch�nen Bl�dsinn daher.�</p><p>�Es macht nichts, Bruder. Ich wei�, was du f�hlst. Auch ich habe einen Bruder verloren, vergi� das nicht.�</p><p>Einen Bruder ... War Del ein Bruder f�r ihn gewesen? Wohl kaum. Manchmal, vor allem in den ersten Jahren, die sie zusammen gewesen waren, hatte er sich fast wie ein Vater gef�hlt, aber dieses Gef�hl war bald erloschen und hatte etwas anderem, viel Komplizierterem Platz gemacht, etwas, �ber das er eigentlich bis heute nicht wirklich nachgedacht hatte. Selbst als er in Velas Gefangenschaft gewesen und mit Del geredet hatte, hatte er es noch nicht wirklich geglaubt. Ja, er hatte etwas verloren, aber er h�tte in diesem Moment nicht sagen k�nnen, was. Nur das Gef�hl des Verlustes war da. Es war da, und es war gro�, und es war schrecklich.</p><p>�Vielleicht ist es besser, wenn ich dich jetzt allein lasse�, murmelte El-tra.</p><p>Skar h�rte es nicht einmal.</p></section><section><title><p id="_1728">22.</p></title><p>Gowenna kehrte nach Mitternacht ins Lager zur�ck. Skar hatte den Rest des Tages in seiner Unterkunft verbracht und war nur einmal aufgestanden, als Kor-tel hereinkam und die Verb�nde an seinen Beinen wechselte. Er hatte die Wunden gesehen, die der gl�serne Tod geschlagen hatte - unz�hlige schmale, wie mit d�nnen Dolchen gezogene Schnitte, die teilweise bis auf den Knochen gingen - aber der Anblick hatte ihn kaum ber�hrt; der Schmerz in seinem Inneren war schlimmer. Lange nach Sonnenuntergang war er eingeschlafen, und es war - anders, als er erwartet hatte - ein tiefer und traumloser Schlaf gewesen, als w�re sein Geist selbst zum Tr�umen zu ersch�pft, ersch�pft von dem Kampf, der in seinem Inneren stattgefunden hatte.</p><p>Donnernder Hufschlag weckte ihn. Er fuhr auf, f�r einen Moment desorientiert und hilflos. Durch die d�nnen W�nde der H�tte drangen aufgeregte Stimmen: das Organ Gowennas, aber auch Worte in der kehligen schnellen Sprache der Sumpfleute, dazwischen das unruhige Stampfen von Pferden und das Klirren von Geschirr.</p><p>Er stand auf, warf sich die Decke, unter der er geschlafen hatte, wie einen Mantel um die Schultern und verlie� die H�tte.</p><p>Die Lichtung war vom Schein zahlreicher Fackeln erhellt. Skar sch�tzte, da� etwa drei�ig bis vierzig der Sumpfleute zusammengekommen waren; mehr als er jemals auf einmal gesehen hatte. Die meisten von ihnen dr�ngten sich eng um Gowenna, die noch immer auf dem R�cken ihres Pferdes sa� und mit erhobener Stimme auf die Menge einredete. Skar verstand die Worte nicht, aber ihrer Gestik und der erregten, schnellen Art, in der sie sprach nach zu urteilen, schienen es keine guten Nachrichten zu sein, die sie brachte.</p><p>Als sie Skar sah, sprang sie mit einer zornigen Bewegung aus dem Sattel, bahnte sich einen Weg durch die Sumpfleute und kam mit weit ausgreifenden, energischen Schritten auf ihn zu.</p><p>�Du hast es also wirklich getan!� begann sie �bergangslos. Skar blinzelte. �Was?� fragte er verwirrt. �Ich habe geschlafen, bis du angefangen hast, den halben Sumpf zusammenzuschreien und -�</p><p>�Du wei�t genau, was ich meine!� unterbrach ihn Gowenna. Ihre Stimme zitterte vor Erregung. Als sie n�her kam, sah Skar, da� ihre Kleider in gro�en, dunklen Flecken an ihrem K�rper klebten. Sie mu�te wie von Furien gehetzt geritten sein. �Du hast ihn gehenlassen! Kor-tel hat es mir gesagt. Du hast Del fortgeschickt.�</p><p>�Ich habe ihn nicht fortgeschickt�, sagte Skar ruhig. �Er ist gegangen.�</p><p>�H�r auf!� schrie Gowenna. �Ich habe keine Lust mehr, mir deine Haarspaltereien anzuh�ren. Du hast ihn weggeschickt, und er ist jetzt wahrscheinlich schon auf halbem Wege zu dieser Hexe! Du verdammter Narr hattest nicht einmal genug Geduld, meine R�ckkehr abzuwarten.�</p><p>Skar trat mit einem raschen Schritt auf sie zu, packte ihr Handgelenk und dr�ckte es so kr�ftig, da� sich ihr Gesicht vor Schmerz verzerrte. �Ich habe dir gesagt, du sollst nicht in diesem Ton mit mir reden�, zischte er. �Was zwischen Del und mir ist, geht dich nichts an. Du bist vielleicht meine Verb�ndete, aber nicht mein Vormund, Gowenna.�</p><p>Aber diesmal prallte sein Zorn von ihr ab. Gowenna ri� ihre Hand los, wich einen halben Schritt zur�ck und funkelte ihn w�tend an. �Narr�, sagte sie leise. �Ich habe dich f�r klug gehalten, Skar, aber es scheint, da� ich mich get�uscht habe. Soll ich dir sagen, was dein Del getan hat? Dein Freund, der nur irregeleitet ist? Er hat seine Bewacher get�tet, kaum da� er f�nf Meilen vom Lager entfernt war. Er hat sie umgebracht, heimt�ckisch und brutal !�</p><p>Ein Schlag vor die Stirn h�tte Skar nicht h�rter treffen k�nnen. �Das... das ist nicht wahr�, stammelte er hilflos. �Du l�gst!� Gowenna lachte abf�llig. �Es ist wahr. Wir haben ihre Leichen gefunden. Wahrscheinlich ist er jetzt bereits bei Vela und erkl�rt ihr den Weg hierher in allen Einzelheiten.�</p><p>�Aber das ist unm�glich!� keuchte Skar. Sein Schreck begann sich in Entsetzen zu verwandeln. Sein Herz pochte, jeder Schlag war ein d�nner, blitzender Schmerz, der ihn zusammenzucken lie�.</p><p>�Warum sollte es unm�glich sein?� fuhr Gowenna gnadenlos fort. �Nur weil sie Sumpfm�nner waren und er nur ein gew�hnlicher Mensch? Du vergi�t anscheinend, da� Del dein Sch�ler ist, dein bester Sch�ler, Skar. Einem Mann wie ihm d�rfte es nicht schwerfallen, vier Ahnungslose zu ermorden. Selbst wenn sie Sumpfm�nner sind.�</p><p>�Das glaube ich einfach nicht�, sagte Skar hilflos. �Del ist kein M�rder.�</p><p>�Du glaubst es nicht? Warum? Weil du dann zugeben m��test, da� dich die Schuld am Tod der vier Sumpfbr�der trifft? Oder weil es dein Stolz nicht zul��t, einzugestehen, da� du einen Fehler begangen hast?�</p><p>�Aber Del -�</p><p>�Der Del, den du kanntest, existiert nicht mehr, Skar�, unterbrach ihn Gowenna. �Er starb in Ikne, im ersten Augenblick, in dem er Vela gegen�berstand. Du hattest die Chance, ihn wieder zum Leben zu erwecken, aber du wolltest es ja nicht.� Sie schwieg einen Moment, erregt und schnell, beinahe hastig atmend. Sie war ersch�pft gewesen, als sie vom Pferd stieg, und die kurze Rede hatte sie noch mehr Kraft gekostet. Skar sah, da� ihre H�nde zitterten. �Du kannst ihn selbst fragen, Skar�, fuhr sie fort. �Er wird hierherkommen, schon bald. Vielleicht bist du bereit, mir zu glauben, wenn Vela mit ihren Kriegern und ihrem Drachen auf diese Lichtung gest�rmt kommt. Sie sind auf dem Weg hierher.�</p><p>�Sie -�</p><p>�Das war der Grund f�r mein Fortgehen�, sagte Gowenna ein wenig ruhiger, aber noch immer erregt. �Ich wollte mich selbst davon �berzeugen, was sie tat. Sie hat den Kristallwald umgangen und die Grenzen von Cosh �berschritten. Sie, der Drachen und vierzig Krieger, die ihr geblieben sind. Wenn wir sie nicht aufhalten, ist sie morgen bei Sonnenuntergang hier.�</p><p>Skar suchte vergeblich nach Worten. Es war zuviel, selbst f�r ihn. Er wu�te, da� Gowenna die Wahrheit sprach, und trotzdem glaubte er ihr nicht. Allein die Vorstellung, da� jemand die Sumpfleute in ihrem ureigensten Gebiet angreifen sollte, erschien ihm l�cherlich. Er wu�te, obwohl vor ihm wohl weniger als ein Dutzend Menschen �berhaupt so tief in das Geheimnis von Cosh vorgedrungen war, noch immer so gut wie nichts �ber das Volk der Sumpfleute, aber die W�lder und Moore, die die Lichtung wie ein sch�tzender Wall umgaben, erschienen ihm wie das Sinnbild der St�rke, Sicherheit und Unangreifbarkeit. Den Krieg nach Cosh tragen zu wollen, das war f�r ihn das gleiche, wie den Winter oder die W�ste bek�mpfen zu wollen: unm�glich, schlicht und einfach unm�glich.</p><p>Und doch hatte sie es getan.</p><p>Und sie war der einzige Mensch auf der Welt, dem er zutraute, dieses Unternehmen sogar erfolgreich abschlie�en zu k�nnen. �Was werdet... ihr tun?� fragte er stockend.</p><p>Es war El-tra, der anstelle von Gowenna antwortete. �Wir werden sie vernichten, Skar. Wir werden sie und jeden, der in ihrer Begleitung ist, t�ten. Noch heute.�</p><p>Skar nickte. Nat�rlich hatte er die Antwort gewu�t. �Ich werde euch begleiten�, murmelte er.</p><p>El-tra z�gerte einen Moment. �Du mu�t es nicht�, sagte er leise. �Du wei�t, da� Del bei ihr sein wird, und -�</p><p>�Ich wei�!� unterbrach ihn Skar. Seine Stimme war leise, stand aber trotzdem dicht davor, �berzukippen. Ohne es zu merken, hatte er die F�uste geballt. Er hatte pl�tzlich das dringende Bed�rfnis, etwas zu zerst�ren, zu zerschlagen. Irgend etwas. �Ich wei�, da� ihr es ehrlich meint, und ich danke euch�, fuhr er fort. �Aber ich mu� es tun. Es war mein Fehler. Ich h�tte Del niemals hierherbringen d�rfen. Wann ... brecht ihr auf?�</p><p>�So rasch wie m�glich�, sagte El-tra. �Sie ist bereits tief in die S�mpfe vorgedrungen, und sie zieht eine Bahn der Vernichtung. Wir m�ssen sie aufhalten, ehe der Schaden, den sie anrichtet, zu gro� geworden ist. Ich werde Kor-tel zu dir schicken, damit er deine Verb�nde wechselt. Damit� - er deutete auf Skars dick bandagierte Waden - �kannst du nicht reiten.�</p><p>El-tra entfernte sich, und Skar und Gowenna blieben allein zur�ck. Auf dem Platz begann sich eine hektische Aktivit�t zu entfalten, obwohl Skar nicht erkennen konnte, was die Sumpfleute im einzelnen taten. Er sah eine Weile zu, drehte sich dann um und ging in die H�tte zur�ck. Gowenna folgte ihm nach kurzem Z�gern, aber er beachtete sie gar nicht. Vorsichtig und mit zusammengebissenen Z�hnen begann er die Verb�nde von seinen Beinen abzuwickeln. Ein paar der Schnitte rissen wieder auf und bluteten, aber diesmal begr��te er den Schmerz, konzentrierte sich ganz auf das schneidende Brennen, das ihn wenigstens f�r Sekunden von der Qual in seinem Inneren ablenkte. Er setzte sich, griff nach der Wasserschale und begann ungeschickt das frische Blut von seiner Haut zu tupfen. Gowenna sah ihm eine Weile zu, kniete dann wortlos vor ihm nieder und nahm ihm das Tuch aus der Hand. Er lie� es geschehen, aber es bedeutete jetzt nichts mehr. Wenn sie ihm half, dann nicht mehr aus Mitleid oder gar Liebe, sondern nur, um ihn auf den Kampf vorzubereiten. Sie versorgte einen Krieger, keinen Freund. Vela h�tte dasselbe f�r einen ihrer Puppensoldaten getan, h�tte er ihre Hilfe ben�tigt.</p><p>�Wo werden sie ihre Truppen sammeln?� fragte er nach einer Weile.</p><p>Gowenna tauchte das Tuch ins Wasser, schwenkte es ein paarmal hin und her und wrang es sorgf�ltig aus. Ihre Bewegungen waren schnell und sicher; die routinierten H�nde einer Heilerin, die dasselbe schon tausend Mal getan hatten. �Welche Truppen?� fragte sie, ohne ihn anzusehen.</p><p>�Die der Sumpfleute.�</p><p>�Truppen ...� Gowenna betonte das Wort auf eine Art, die ein Alarmsignal in Skar ausl�ste. �Sie haben keine Truppen, Skar.�</p><p>�Keine ...� Skar schluckte verbl�fft und sah unwillk�rlich zum Ausgang, aber hinter dem niedrigen Rechteck waren nur Dunkelheit und das gelegentliche Flackern einer Fackel zu erkennen. Gowenna setzte sich auf, legte die H�nde flach nebeneinander auf die Oberschenkel und sah ihn fest an.</p><p>�Es gibt keine Truppen, Skar�, sagte sie noch einmal. �Das, was du dort drau�en gesehen hast, war das Volk der Sumpfleute.� Skar begriff nur langsam, widerwillig.</p><p>�Sie sind wenige�, fuhr Gowenna fort. �Sie waren nie viele, und in den letzten Jahren ist ihre Zahl weiter gesunken. Vielleicht leben noch einmal so viele verstreut in den S�mpfen, aber ich glaube nicht, da� ihre Zahl die Hundert �berschreitet. Warum, glaubst du, verlassen sie so selten diese S�mpfe?�</p><p>�Nur hundert...�, murmelte Skar.</p><p>�Nur hundert�, best�tigte Gowenna. �Und die H�lfte von ihnen wird vielleicht sterben, bevor die Sonne aufgeht. Es geht hier nicht um verletzten Stolz, Skar. Es ist ein Kampf ums �berleben. Das �berleben eines ganzen Volkes!�</p><p>Skar starrte sie weiter ungl�ubig an. �Nur hundert...�, sagte er zum dritten Mal, noch immer ungl�ubig, schockiert.</p><p>�Sie waren niemals ein gro�es Volk, Skar�, sagte Gowenna leise. Ihr Tonfall klang jetzt fast vers�hnlich, aber Skar wu�te, da� das nur an den Worten lag, die sie sprach. Es war nicht das, was sie f�hlte. �Die Legende von ihrer Unbesiegbarkeit war ihr Schutz; eine Festung aus Mythen und Legenden, hinter der sie sicher waren. Sie haben sie sorgsam gepflegt. Aber vielleicht endet dieser Mythos morgen.� Sie seufzte, beugte sich wieder herab und begann, einen frischen Verband um Skars Beine zu wickeln; d�nn und sehr eng anliegend diesmal, so da� er dar�ber noch seine Stiefel tragen konnte.</p><p>�Ich w�rde dir raten, im Sattel zu bleiben, wenn es zum Kampf kommt�, sagte sie, pl�tzlich das Thema wechselnd. �Zu Fu� w�rdest du keine sehr gute Figur machen, f�rchte ich.�</p><p>Skar h�rte ihre Worte kaum. Er sp�rte auch kaum, wie Kor-tel die H�tte betrat und damit begann, Gowenna zur Hand zu gehen. Als sie fertig waren, stand er auf, zog sich an und verlie� ohne ein weiteres Wort die H�tte.</p><p>Er wu�te nicht, welche der grauen Gestalten, die sich auf der Lichtung eingefunden hatten, El-tra war, und so hielt er den n�chstbesten Sumpfmann an und fragte nach ihm.</p><p>�Sprich, Bruder�, sagte der Sumpfmann. �Was immer du El-tra sagen willst, er wird es wissen.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. �Ich wei߫, murmelte er. �Aber ...�</p><p>�Ich verstehe�, sagte der Sumpfmann, als Skar nicht weitersprach. �Ihr Menschen seid es gewohnt, mit Namen zu reden, nicht mit Personen. Komm.� Er wandte sich um, machte eine einladende Geste und f�hrte Skar �ber den Platz. Andere Sumpfm�nner kamen ihm entgegen, und obwohl Skar sich einzuh�mmern versuchte, da� es nicht so sei, glaubte er einen stummen Vorwurf in ihren Blicken zu sp�ren.</p><p>El-tra erwartete ihn am jenseitigen Rand der Lichtung. Sechs andere Sumpfm�nner standen bei ihm, doch sie gingen, als Skar n�her kam, und auch sein F�hrer entfernte sich rasch, um ihn und El-tra allein zu lassen.</p><p>�Du wirst uns also begleiten�, begann El-tra.</p><p>�Ja�, sagte Skar. �Aber das ist es nicht, wor�ber ich mit dir reden wollte.�</p><p>�Ich wei�, Bruder.�</p><p>Skar senkte den Blick und scharrte betreten mit der Fu�spitze im Boden. �K�nnen wir ... irgendwo hingehen, wo wir allein sind?� fragte er.</p><p>�Wir k�nnen es. Aber ...�</p><p>�Ich wei�, da� ich zu euch allen rede, wenn ich mit dir spreche�, sagte Skar hastig. �Aber es w�re mir trotzdem lieber.�</p><p>El-tra nickte. Sie verlie�en die Lichtung und drangen ein paar Schritte weit in den Wald ein. Der Boden federte unter Skars Schritten, und ein schwerer, s��licher Geruch schlug ihm entgegen, der Geruch von Feuchtigkeit und Leben und Verwesung, gemischt mit Dunkelheit und den verwobenen Ger�uschen des n�chtlichen Waldes. Erst als die roten Lichtpunkte der Fackeln hinter ihnen erloschen waren, drehte sich El-tra um und blieb stehen. �Wir sind allein, Bruder�, sagte er. �Sprich.�</p><p>Etwas Seltsames geschah. Die Dunkelheit hatte den Sumpfmann vollends verschluckt, und Skar erkannte nur noch am Klang seiner Stimme, wo er stand. Aber selbst diese Stimme schien pl�tzlich nicht mehr die eines einzelnen Mannes zu sein; es war, als spr�che der Wald selbst mit ihm, als forme das Wispern und Raunen der Bl�tter Worte und Gedanken, die von �berallher gleichzeitig auf ihn eindrangen.</p><p>�Gowenna hat mir erz�hlt, da� euer Volk klein ist�, begann er, �und da� -�</p><p>�Gowenna wei� nicht alles, Skar�, unterbrach ihn El-tra sanft. Aber war es �berhaupt noch El-tra, der da sprach? Oder h�rte Skar die Stimme des Sumpfes?</p><p>�Unser Volk ist klein, doch was z�hlt, sind nicht seine M�nner, Skar. Auch die Satai sind nicht viele.�</p><p>�Es ist nicht euer Krieg, den ihr f�hren wollt�, widersprach Skar. �Erinnerst du dich an das, was du selbst zu mir gesagt hast? Ihr k�nnt diesen Kampf f�r mich verlieren, aber nicht gewinnen.� El-tra (El-tra?) schwieg einen Moment. �Und was willst du tun, Bruder?� fragte er.</p><p>�Das, was ich schon lange h�tte tun sollen�, sagte Skar. �Gebt mir ein Pferd und einen Mann, der mir den Weg weist. Ich werde mich Vela stellen.�</p><p>�Ein Mann gegen vierzig Krieger und den Drachen?� El-tra lachte leise, aber es klang nicht verletzend, sondern eher gutm�tig. �Jetzt �bersch�tzt du dich.�</p><p>�Ich wei�, da� ich sie nicht besiegen kann�, sagte Skar ruhig. �Aber vielleicht geht sie, wenn sie hat, was sie will.�</p><p>�Und du glaubst, du w�rst das?� Wieder lachte El-tra, und jetzt war Skar sicher, da� das Ger�usch nicht allein aus seiner Kehle kam. �Du t�uschst dich, Bruder. Sie wird versuchen, deiner habhaft zu werden, doch der wahre Grund f�r ihr Eindringen in unser Land ist ein anderer. Sie kam aus dem gleichen Grund, aus dem sie ihre Festung im Herzen Tuans verlie�. Ihr seid euch �hnlicher, als du wei�t. Auch sie ist eine Gejagte. Und es ist nicht mehr dein Krieg, Skar. Sie hat den Frieden unseres Landes gest�rt, und sie wei�, welche Strafe den erwartet, der den Krieg nach Cosh tr�gt.�</p><p>�Euer Volk wird einen hohen Preis f�r diesen Sieg zahlen m�ssen�, murmelte Skar.</p><p>�Keinen so hohen, wie du glaubst�, antwortete El-tra. �Vielleicht sterben einige von uns, vielleicht alle. Doch wir f�rchten den Tod nicht so wie ihr. Cosh wird weiterleben, auch wenn wir sterben.�</p><p>�Und daf�r wollt ihr euch opfern?�</p><p>�Willst du es nicht auch, Bruder? Bist du nicht mit mir hierhergekommen, um mir dein Leben anzubieten? Ich h�tte dein Opfer angenommen, h�tte es Sinn. Doch es hat keinen. Du kamst hierher, um mit mir zu sprechen, mit dem K�rper, den du als El-tra kennst. Doch es gibt mich nicht, nicht so, wie du mich siehst. Ich bin El-tra, doch ich bin auch Kor-tel, auch der Teil El-tras, der in Combat verbrannte, und jeder einzelne Sumpfmann, den du gesehen hast. Du hast es nie verstehen wollen, Skar, doch wir sind eins. Solange Cosh existiert, wird auch das Volk der Sumpfleute leben. Vielleicht fallen viele von uns in der Schlacht, vielleicht alle. Ich will ehrlich zu dir sein - wir wissen nicht, ob wir Vela besiegen k�nnen. Der Drachen ist stark, und auch wir sind nicht gegen seinen Atem gefeit. Vielleicht schl�gt sie uns, doch wir werden weiterleben in jedem Strauch, in jedem Fu�breit Boden, in jedem Baum von Cosh. So wie auch du weiterleben wirst. Denn du bist ein Teil von uns.�</p><p>Etwas Unsichtbares, K�rperloses und unglaublich Weises ber�hrte Skars Seele. Es war ein zeitloser Moment, zu kurz, um ihn wirklich wahrzunehmen, aber pl�tzlich wu�te Skar. Pl�tzlich verstand er alles, jede Andeutung, jedes Wort, das er f�r eine leere Phrase gehalten hatte, jeden Blick, die Bedeutung jeder Geste. Das Volk von Cosh - das waren nicht die Sumpfm�nner, nicht die schattenhaften, kleinen Gestalten, die Furcht und Schrecken verbreiteten, wo immer sie auftauchten. Sie waren seine H�nde, seine Arme und Beine und M�nder, mehr nicht. Und pl�tzlich begriff er auch, was Gowenna gemeint hatte, als sie ihm erz�hlte, Cosh h�tte ihr die drei El-tra <emphasis>geschenkt. </emphasis>Es war ein Geschenk, eine Gabe, die Cosh - nicht die Sumpfleute, sondern das wirkliche Cosh, das Wesen, das in diesem Land lebte, dieses Land war - ihr mit auf den Weg gegeben hatte.</p><p>�Jetzt wei�t du es�, sagte die Stimme des Sumpfes. �Was morgen geschieht, hat keine Bedeutung. W�re mehr Zeit, k�nnten wir ihr Tausende von Kriegern entgegenwerfen, doch wir w�rden es nicht tun. Vielleicht wird sie uns schlagen, aber sie wird einen hohen Preis daf�r zahlen, Skar.�</p><p>Skar nickte m�hsam. �Und ... Del?�</p><p>�Ich werde versuchen, ihn zu schonen�, antwortete Cosh. �Um deinetwillen. Du bist ein Teil von uns, und er ist ein Teil von dir. Doch ich kann es dir nicht versprechen.�</p><p>�Ist er ... schon bei ihr?�</p><p>�Noch nicht. Doch er wird sie erreichen, lange bevor wir auf sie sto�en. Versuche ihn zu sch�tzen, Skar. Ich werde dich dabei nicht behindern. Doch ich kann dir auch nicht helfen. Diesen Kampf mu�t du allein f�hren.�</p><p>Skar sagte nichts mehr. Er sp�rte, da� Cosh nicht mehr antworten w�rde, da� alles gesagt war, was zwischen ihnen gesagt werden mu�te.</p><p>�Wir m�ssen jetzt gehen, Skar.� Es war wieder El-tra, der sprach. Der Zauber des Augenblicks war verflogen, und der Wald um sie herum war wieder zu Dunkelheit und schweigenden B�umen geworden. Irgendwo platzten Gasblasen im Sumpf; ein monotones, seltsam gleichm��iges Ger�usch, fast wie der Takt einer Melodie. F�r einen Moment fragte sich Skar, ob er all das wirklich erlebt oder nur getr�umt hatte. Aber schon El-tras n�chste Worte bewiesen ihm, da� es nur zu wahr gewesen war.</p><p>�Du wei�t jetzt alles�, sagte der Sumpfmann. �Mehr als je ein Mann eures Volkes von dir erfahren hat, mehr, als Vela oder Gowenna auch nur ahnen. Es ist eine schwere Last, die du auf dich genommen hast, Skar.�</p><p>�Ich ... werde schweigen�, antwortete Skar stockend, obwohl er wu�te, wie �berfl�ssig diese Worte waren. Cosh h�tte nicht mit ihm geredet, h�tte er seine Antwort nicht schon vorher gewu�t. �Meine Br�der sind bereit, aufzubrechen�, fuhr El-tra fort. �Du hast noch Zeit, dich zu entscheiden. Ich wei�, da� du dir die Schuld an dem gibst, was geschehen ist. Aber ganz egal, wie es wirklich war - es ist nicht mehr dein Kampf. Du kannst gehen. Wohin du willst.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. �Ich begleite euch�, sagte er mit fester Stimme.</p><p>Pl�tzlich hatte er das Bed�rfnis zu schreien. Aber nat�rlich tat er es nicht.</p></section><section><title><p id="_1809">23.</p></title><p>Sie trafen am n�chsten Tag nicht auf Velas Streitmacht; wohl aber auf ihre Spuren. El-tra und er hatten die kleine Heerschar angef�hrt, die zwei Stunden nach Mitternacht die Lichtung im Herzen Coshs verlassen hatte: sechsundvierzig Reiter, Gowenna und Skar mitgez�hlt. Ein erb�rmlicher Haufen, bedachte man den Gegner, gegen den sie zogen, und doch eine ungeheure Streitmacht, wu�te man, was Skar in dieser Nacht erfahren hatte.</p><p>Gowenna hatte kein weiteres Wort mehr mit ihm gewechselt, und er war froh dar�ber gewesen. Sie und der Bruder El-tras hatten sich ans Ende der Kolonne gesetzt, so wie Skar die kleine Heerschar anf�hrte, aber es waren nicht nur die zweihundert Schritte Entfernung, die sie trennten. Was in Combat und Tuan geschehen war, hatte sie zusammengef�hrt, doch nur f�r kurze Zeit. Skar sp�rte, da� sie sich trennen w�rden, ganz egal, wie die Begegnung mit Vela ausging, einfach so, weil es richtig und die einzige M�glichkeit war. Und obwohl seine Furcht vor einer erneuten Begegnung mit Vela und Del mit jedem Schritt, den sie weiter nach Norden ritten, wuchs, sehnte er den Augenblick beinahe herbei.</p><p>Die Sonne ging auf, als sie auf die Spur der <emphasis>Errish </emphasis>stie�en: eine gewaltige, mehr als f�nfzig Fu� breite Bresche, die der Drachen und die gepanzerten Reiter in den Wald gebrochen hatten. Wie ein gewaltiger Ri� schnitt sie, von Norden kommend und in sanftem, kaum wahrnehmbarem Bogen nach S�dwesten abbiegend, durch den Dschungel, B�ume, Unterholz und Gras zermalmt habend, als w�re ein Felsbrocken durch den Wald gebrochen und h�tte alles Lebende niedergewalzt. Zur�ckgeblieben waren Schmutz und Morast und die breiten, tiefen Spuren der Drachenf��e, flankiert von einer gewaltigen Allee geborstener, mit brutaler Gewalt zur Seite geschobener und geknickter B�ume.</p><p>Keiner der Sumpfleute sprach auch nur ein Wort, w�hrend sie am Rand der gewaltigen Spur standen und die sinnlose Zerst�rung betrachteten, aber Skar glaubte zu sp�ren, was in ihnen vorging. Vielleicht war es so, wie El-tra immer wieder behauptet hatte: Er hatte nicht nur gegeben, er hatte auch empfangen. Er f�hlte den Zorn, die kalte, entschlossene Wut, die von den Sumpfm�nnern Besitz ergriff, sp�rte, wie sich in ihrem Verhalten etwas �nderte, wie Entschlossenheit zuerst Verzweiflung und ohnm�chtige Wut, schlie�lich Ha� und dem kalten, berechnenden Willen zum T�ten Platz machte. Es war nicht der Zorn von vierzig Individuen, den er sp�rte, sondern der lautlose Aufschrei Coshs, dieses Wesens aus Gr�n und Bl�ttern und Sumpf - <emphasis>Leben, </emphasis>Leben vielleicht in der reinsten Form, die es jemals gegeben hatte. F�r einen kurzen Moment f�hlte er sich an das Volk von Cearn erinnert, an diese Menschen, die in und mit ihrem Wald, der zugleich ihr ganzes Universum darstellte, lebte, aber dieser Vergleich stimmte nicht. Vela hatte nicht allein ihren Lebensraum zerst�rt, sie hatte einen Teil von ihnen get�tet, sie verletzt. Und sie w�rde daf�r bezahlen. El-tra hatte recht gehabt; dies war nicht mehr sein Kampf. Skar l�ste sich mit einem Ruck aus seiner Erstarrung, zwang sein Pferd herum und ritt ans Ende der Kolonne, zu Gowenna. Sie sa� wie die Sumpfm�nner aufrecht im Sattel und starrte mit steinernem Gesicht auf die Bahn der Zerst�rung hinaus. Vielleicht ahnte sie den Zorn der Sumpfleute, aber Skar bezweifelte, da� sie ihn wie er sp�rte. Als er n�her kam, lenkte sie ihr Pferd aus der Kolonne heraus und ritt ihm entgegen, weit genug, um aus der H�rweite der Sumpfm�nner zu sein.</p><p>�Sie kommen noch schneller voran, als ich bef�rchtet habe�, begann sie �bergangslos. �Als ich gestern auf ihre Spur stie�, war sie noch mehr als drei�ig Meilen entfernt.� Sie sch�ttelte den Kopf. �Sie mu� ihre Leute buchst�blich zu Tode hetzen. In diesem Gel�nde ist das Tempo m�rderisch. Das Ganze sieht mir fast nach einer Flucht aus.�</p><p>Flucht... Skar dachte wieder an El-tras Worte. <emphasis>Sie ist eine Gejagte wie du. </emphasis>Aber Flucht? Vor wem?</p><p>�Vielleicht�, sagte er unsicher, �hat sie eingesehen, da� es ein Fehler war, hierherzukommen. Und jetzt versucht sie, die S�mpfe so rasch wie m�glich zu durchqueren.� Er f�hlte selbst, wie wenig �berzeugend seine Worte klangen, aber es war das Beste, was ihm im Moment einfiel.</p><p>Gowenna zuckte die Achseln. Die Bewegung schien sich wie eine schattige Welle �ber das erstarrte Fleisch ihres Gesichts fortzusetzen. Im unsicheren Licht des Waldes wirkte ihr Gesicht, als tr�ge sie auf einer Seite eine Maske aus Horn. �Vielleicht�, murmelte sie, so wenig �berzeugt wie Skar. �Aber warum ist sie von ihrem Weg abgewichen. Ist dir aufgefallen, da� die Spur nach Westen f�hrt?�</p><p>Skar nickte. �Was liegt dort?�</p><p>�Der Besh�, antwortete Gowenna nach kurzem �berlegen. �Einer seiner Quellfl�sse. Er f�hrt nicht viel Wasser, jetzt im Winter. Der schnellste Weg, hier wieder herauszukommen. Aber das ergibt keinen Sinn.� Sie starrte eine Weile nachdenklich zu Boden, drehte sich dann im Sattel um und winkte El-tra zu sich heran. Skar sah, wie schwer es dem Sumpfmann fiel, sich vom Anblick des zerst�rten Waldes zu l�sen. Sein Schattengesicht war in Aufruhr, als er sein Pferd neben dem Gowennas z�gelte. Skar konnte seine Erregung fast sehen.</p><p>�Wie alt ist die Spur?� fragte Gowenna.</p><p>�Nur wenige Stunden. Vier, vielleicht drei. Wir k�nnten sie in der gleichen Zeit einholen.�</p><p>�Ihr <emphasis>k�nntet?� </emphasis>wiederholte Gowenna betont. �Soll das hei�en, ihr tut es nicht?�</p><p>El-tra verneinte. �Nein. Es wird zum Kampf kommen, aber nicht hier und nicht jetzt. Cosh ist schon zuviel Schaden zugef�gt worden.�</p><p>Gowenna blickte �berrascht. �Aber ihr k�nnt sie nicht entkommen lassen!� sagte sie. �Sie ist in der Falle. Hier im Wald kann sie ihre Reiterei nicht einsetzen, und die S�mpfe sind eure Heimat. Einer von euch wiegt zehn ihrer Krieger auf.�</p><p>�Das mag sein. Doch Cosh ist ein Ort des Friedens, nicht des Krieges. Es ist schon zuviel Gewalt �ber seine Grenzen getragen worden. Und du vergi�t den Drachen.�</p><p>�Unsinn!� begehrte Gowenna auf. �El-tra hat ihn schon einmal ausgeschaltet.�</p><p>�Der <emphasis>Ruf </emphasis>ist eine Waffe, die schon beim ersten Gebrauch stumpf wird�, belehrte sie der Sumpfmann sanft. �Du bist eine <emphasis>Errish </emphasis>wie sie, Gowenna. Du solltest wissen, da� sie die Sprache der Tiere beherrscht wie wir. Wir konnten sie �berraschen, doch das wird nicht noch einmal funktionieren.� Er schwieg einen Moment, sah an Skar vorbei auf die zertrampelte Schneise hinaus und richtete sich dann im Sattel auf. Die Bewegung schien sich lautlos und unsichtbar durch die Reihen der Sumpfm�nner fortzupflanzen. �Es wird zum Kampf kommen, doch nicht hier�, sagte er noch einmal. �Ihr Weg f�hrt nach Westen, zum Besh und zu den Bergen hinauf. Wir haben es vermutet, doch ihre Spur ist der letzte Beweis - es gibt ein altes Kastell in den Bergen, dicht oberhalb der Stelle, an welcher sie an unsere S�mpfe grenzen. Sie wird dorthin wollen, um in seinem Schutz den Winter abzuwarten. Die P�sse nach Elay sind verschneit.�</p><p>�Ein Kastell?� wiederholte Gowenna ungl�ubig.</p><p>�Eine Ruine, nicht mehr. Aber ein besserer Ort zum �berwintern und Verstecken als Cosh oder die Ebenen. Wir werden sie dort erwarten.�</p><p>Gowenna wollte erneut widersprechen, aber Skar legte ihr rasch die Hand auf den Unterarm und dr�ckte kurz zu. �Wie weit ist es bis zu diesem Kastell?� fragte er hastig.</p><p>�Drei Tage, auf dem Weg, den sie nimmt�, antwortete El-tra. �Aber wir werden vor ihr da sein. Kommt.�</p></section><section><title><p id="_1833">24.</p></title><p>Die n�chsten beiden Tage waren die H�lle. Sie waren wenige Meilen auf ihrer eigenen Spur zur�ckgeritten und dann nach Nordwesten abgewichen, in gro�em Bogen die Spur Velas und ihres Drachen umgehend, dorthin, wo hinter dem undurchdringlichen Bl�tterdach Coshs die letzten Ausl�ufer der Schattenberge und der Winter auf sie warteten. Die Sonne war �ber den Himmel gewandert und untergegangen, doch sie waren weitergeritten, nicht sehr schnell, aber stetig und ohne die kleinste Rast, die Nacht hindurch und bis weit in den n�chsten Morgen hinein. Erst als die Sonne schon fast wieder im Zenit gestanden hatte, hatten sie eine kurze Rast eingelegt; nicht einmal eine Stunde, um die Pferde zu tr�nken und ihren verspannten Muskeln ein wenig Bewegung zu g�nnen. Danach waren sie weitergezogen. Skar erinnerte sich an den zweiten Tag ihres Rittes nur undeutlich. Er war ein paarmal vor Ersch�pfung im Sattel eingeschlafen und schlie�lich in eine Art D�mmerzustand irgendwo zwischen Schlaf und Wachsein verfallen; starr, die Linke um den Z�gel und die Rechte um den Sattelknauf gekrallt, unf�hig, eines von beiden loszulassen. Irgendwann war wieder die Sonne untergegangen, und sp�t in der Nacht hatten sie eine weitere Rast eingelegt. Er hatte geschlafen und war nach wenigen Stunden so steif und verkrampft erwacht, da� El-tra ihn halb auf den R�cken seines Pferdes heben mu�te, als sie weiterritten.</p><p>Als die Sonne das n�chste Mal aufging, erreichten sie den Besh. Der gewaltige, mehr als eine Meile breite Flu�, den Skar kannte, war hier oben nur ein kaum knietiefes, tr�ge dahinflie�endes Rinnsal voller Schlamm und zerborstener Eisschollen, nicht einmal zweihundert Fu� breit und mit kr�nklichem Schilf und Wasserpflanzen durchsetzt. Vom Wasser stieg ein eisiger, unsichtbarer Hauch zu ihnen empor, und der Winter begr��te sie mit bei�ender K�lte, als sie den Schutz des Waldes verlie�en und Richtung auf die Berge nahmen. Der Weg wurde steiniger, und mit jeder Meile wichen der Wald und der Sumpf ein St�ck weiter vom Flu�ufer zur�ck, bis sie nicht mehr als ein d�nner, dunkelgr�ner Streifen zu ihrer Rechten waren, der schlie�lich hinter den ersten Felszacken des Vorgebirges verschwand. Es gab keinen festen, markierten Weg, nicht einmal so etwas wie einen Trampelpfad; nur Schnee und Steine und glitzerndes Eis, unter dem sich oftmals t�ckisch lockeres Ger�ll oder Spalten verbargen, die j�h und warnungslos vor ihnen aufklafften. Irgendwie kamen sie aber doch voran, schl�ngelten sich an Felsen und ger�ll�bers�ten �berh�ngen vorbei und drangen tiefer in das Gebirge ein. Die bei�ende K�lte vertrieb Skars M�digkeit f�r eine Weile, aber in ihrem Gefolge kamen Ersch�pfung und Schmerzen und schlie�lich doch auch wieder M�digkeit, schlimmer als zuvor.</p><p>Als sie das Kastell endlich erreichten, h�tte Skar beinahe nicht einmal bemerkt, da� sie ein k�nstliches Bauwerk vor sich hatten. Es war eine Ruine, wie El-tra gesagt haue: grau und gewaltig wie die Felsen, die es umgaben, mit Mauern, die wie zerborstene Reihen grobknochiger F�uste aus dem Stein geschlagen waren, ein Bauwerk, das Gewalt ausstrahlte wie die Berge K�lte und Tod, von einem l�ngst vergangenen Baumeister so perfekt in seine Umgebung eingepa�t, als w�re es gewachsen, nicht gemacht. Wie ein gewaltiges sterbendes Tier lag es zwischen den senkrechten Felsw�nden des Massivs eingebettet, zerst�rt und geschleift, aber noch immer gigantisch, ein Monstrum mit hundert Fu� hohen Mauern, die zinnenbewehrt und bizarr wie schwarze H�nde nach den tiefh�ngenden Wolken zu krallen schienen. Es h�tte El-tras Erkl�rung nicht bedurft, um Skar zu sagen, da� es die Sumpfleute gewesen waren, die dieses Bauwerk errichtet hatten.</p><p>Der Weg schl�ngelte sich in zahllosen, scheinbar willk�rlichen Kehren und Windungen am Fu� der zerbrochenen Mauer entlang. Es gab ein Tor, einen gewaltigen, bogenf�rmigen Durchgang, der einmal breit genug gewesen war, eine Armee hindurchzulassen, jetzt jedoch von heruntergest�rzten Steinen und Schutt und Schnee bis auf einen schmalen Weg versch�ttet war. Dahinter lauerten Dunkelheit und wogendes Grau. Langsam und hintereinander ritten sie hindurch, auch die M�nner Coshs jetzt sichtlich ersch�pft und am Ende ihrer Kr�fte. Es bereitete Skar ein kurzes, kindisches Gef�hl der Befriedigung, zu sehen, da� sich auch einige von ihnen nur mehr mit M�he im Sattel hielten.</p><p>Er war der letzte, der durch den halb versch�tteten Eingang ritt. Der Innenhof der Festung war klein, kleiner, als er erwartet hatte - ein langgestrecktes Trapez von hundert mal drei�ig Fu�, �bers�t mit zerborstenen Steinen, Schutt und Unrat. Die gewaltigen Mauern hatten den Schnee ferngehalten, nur hier und da gewahrte Skar kleine, wei�e Nester glitzernder K�lte, und aus den Ritzen und Spalten der W�nde wucherte k�rgliches Unkraut; graue Pflanzen, die sich in Farbe und Wuchs der Feindseligkeit ihrer Umgebung angepa�t zu haben schienen. Es gab nur ein einziges, ungeheuer massiges Geb�ude, einen W�rfel aus Fels, direkt aus der Wand herausgehauen und mit einer Krone von Zinnen und nach au�en gekr�mmten Steinkrallen versehen.</p><p>Skars Ersch�pfung machte noch einmal f�r einen kurzen Moment einem Aufwallen von Trotz Platz, als er aus dem Sattel stieg und mit m�hsamen, schwankenden Schritten �ber den Festungshof ging. Sein Blick tastete an der Mauer entlang. Ihre Krone war geborsten, und die herunterst�rzenden Steine hatten, zusammen mit dem Staub und Unrat von Jahrhunderten, eine schr�ge, bis zur H�lfte ihrer H�he reichende Rampe gebildet. Aber der verbliebene Rest war noch immer hoch, hoch genug, um ihn auch gegen einen zahlenm��ig weit �berlegenen Gegner halten zu k�nnen. Es gab nur einen einzigen schmalen und fast senkrecht in der H�he f�hrenden Aufstieg, und der Wehrgang, von dem noch Bruchst�cke an der Innenseite der Mauer stehengeblieben waren, war so angelegt, da� er auch zum Innenhof hin Schutz bot, als h�tten seine Erbauer damit gerechnet, da� ein Feind das Tor st�rmen und in den Hof eindringen k�nne.</p><p>Eine perfekte Falle.</p><p>Und trotzdem wu�te Skar, da� es nicht funktionieren w�rde. Das Ger�usch von Schritten drang in seine Gedanken. Er wandte sich um und erkannte El-tra, der ihm gefolgt war und jetzt stehenblieb. Der Sumpfmann ging langsam, schleppend und vorn�bergebeugt wie ein alter Mann. Seine Gestalt schien zu flackern. �Du solltest hineingehen und dich ausruhen, Bruder�, murmelte der Sumpfmann. Selbst seine Stimme klang flach, kraftlos. �Du wirst morgen all deine Kr�fte brauchen.�</p><p>Skar rang sich mit M�he ein L�cheln ab. �Ihr nicht?�</p><p>�Es ist noch Zeit�, erwiderte El-tra. �Die Soldaten k�nnen nicht vor Sonnenaufgang hier sein. Der Weg, den sie nahmen, war weiter als der, den wir gekommen sind. Und anstrengender. Sie werden so ersch�pft sein wie wir.�</p><p>Skar antwortete nicht gleich. Vor seinem geistigen Augen entstand das Bild eines drei Meter hohen, stachelbewehrten Hornkolosses mit �xten statt H�nden und der Kraft eines Bantas. �Wir werden Wachen aufstellen m�ssen�, sagte er matt. Er wankte. Jetzt, nachdem er aus dem Sattel war und die Anspannung allm�hlich von ihm abzufallen begann, schlug die Ersch�pfung mit aller Kraft zu. �Und die Spuren beseitigen.�</p><p>El-tra machte eine Geste zum Himmel. �Er wird schneien, sobald die Sonne untergegangen ist. Niemand wird merken, da� wir hier sind. Nicht, bevor es zu sp�t ist.�</p><p>Skar h�tte El-tras Optimismus gerne geteilt, aber er konnte es nicht. Vela war kein normaler Gegner.</p><p>�Und was, wenn sie nicht hierherkommt?� fragte er. �Wenn sie weiterzieht und versucht, einen anderen Weg durch die Berge zu finden?�</p><p>�Es gibt keinen�, sagte El-tra. �So wenig, wie es ein Zur�ck gibt. Sie wird kommen, Skar.�</p><p><emphasis>Ja, </emphasis>dachte Skar dumpf. <emphasis>Und sei es nur, weil sie wei�, da� wir auf sie warten. </emphasis>Aber das sprach er nicht laut aus.</p></section><section><title><p id="_1851">25.</p></title><p>Gowenna weckte ihn, als die Sonne aufging. </p><p>Das Erwachen war schwierig, ein m�hsamer Kampf gegen M�digkeit und Ersch�pfung, die sich in seine Muskeln gekrampft hatten, aber auch wieder nicht so schwer, wie er erwartet hatte.</p><p>Er setzte sich auf, st�tzte die Ellbogen auf die Knie und verbarg f�r einen Moment das Gesicht in den Handfl�chen. Um ihn herum waren Ger�usche: Schritte, das Klirren von Metall, das unruhige Wiehern von Pferden, denen das Eingesperrtsein in dem steinernen Gew�lbe mit seiner K�lte und seinen Ger�uschen Furcht bereitete. Von irgendwoher wehten W�rme und ein schwacher Geruch nach Essen zu ihm.</p><p>�Wirst du von selbst wach, gro�er Krieger, oder soll ich einen Eimer Wasser holen?� fragte Gowenna. Ihre Stimme klang ungeduldig, aber auch am�siert. Skar nahm die H�nde herunter, sah sie einen Moment lang aus m�den, verschleierten Augen an, g�hnte ungeniert. �Eine vorgew�rmte Decke und ein kr�ftiges Fr�hst�ck w�ren mir lieber�, erkl�rte er. �Aber damit kannst du nicht dienen, f�rchte ich.�</p><p>Gowenna l�chelte fl�chtig. Skar fand, da� sie an diesem Morgen sch�ner war als zuvor; die Ersch�pfung hatte das, was von ihren Z�gen �brig war, gezeichnet, aber sie wirkte gleichzeitig auch entspannt, beinahe gel�st. Vielleicht weil die Zeit des Wartens und der Ungewi�heit vorbei war und die Entscheidung jetzt fallen w�rde. �Du wirst mit dem vorlieb nehmen m�ssen, was wir haben�, sagte sie. �Kaltes Wasser und eine Br�he. Cosh ist nicht gerade f�r seine K�che ber�hmt�, f�gte sie mit einem neuerlichen L�cheln hinzu.</p><p>Skar lachte ebenfalls, stand auf und reckte sich ausgiebig. Seine Gelenke knackten, und sein R�cken schmerzte vom Schlafen auf dem nackten, unebenen Felsboden, aber er sp�rte auch, da� die fast f�nfzehn Stunden, die er geruht hatte, ihm wenigstens einen Teil seiner normalen Kraft und Geschmeidigkeit wiedergegeben hatten.</p><p>�Ist es schon soweit?�</p><p>Gowenna verneinte. �Wir haben Kundschafter ausgeschickt, Skar. Sie hat den Besh �berschritten, doch es wird noch Stunden dauern, ehe sie hier ist. Zeit genug.�</p><p>�Zeit genug?� Skar b�ckte sich nach seinem Umhang und schlang ihn fr�stelnd um die Schultern. Das Innere der Festung bestand aus einem einzigen gro�en zugigen Raum, in dem es nur wenig w�rmer war als drau�en. Sie hatten Feuer angez�ndet, aber die klammen Felsw�nde hatten die W�rme schneller verschluckt, als die Flammen sie erzeugen konnten. �Wozu?�</p><p>Gowenna zuckte mit den Achseln. �Eine letzte Mahlzeit, ein Gebet, Zeit, uns auf den Angriff vorzubereiten ...�</p><p>�Jetzt wirst du pathetisch�, unterbrach Skar sie.</p><p>Sie lachte wieder, aber Skar sp�rte, da� ihre Fr�hlichkeit nichts als eine weitere Maske war, Schutz vor der Hysterie, die dicht unter ihrer Oberfl�che lauerte. Die Chancen, da� sie beide den n�chsten Sonnenaufgang erleben w�rden, standen eins zu hundert, und Gowenna wu�te das ebensogut wie er.</p><p>�Sagtest du nicht etwas von Essen?�</p><p>�Oh, nat�rlich.� Gowenna eilte davon und kam nach wenigen Augenblicken mit einer flachen Holzschale zur�ck. Die Br�he, von der sie gesprochen hatte, erwies sich als d�nne, zum Gro�teil aus Wasser bestehende Suppe, in der d�nne Str�nge eines graugr�nen Gem�ses und ein paar einsame Fleischst�cke trieben. Und ihr Geschmack war ungef�hr das Schlechteste, was Skar jemals gekostet hatte. Aber sie war warm, und sie stillte wenigstens den �rgsten Hunger. Skar lie� sich mit �berkreuzten Beinen auf sein Lager sinken und begann tapfer zu essen.</p><p>Gowenna sah ihm eine Weile schweigend zu, und ein seltsames vertrautes Gef�hl machte sich in ihm breit. Das Gef�hl - so aberwitzig es in ihrer Situation und Umgebung erschien - geborgen zu sein, und sei es nur die Geborgenheit, die die Anwesenheit einer vertrauten Person vermittelte. Aber er wu�te auch, da� dieses Gef�hl, so wie alles, was er im Moment zu sp�ren glaubte, nicht echt war. Die Kluft zwischen ihnen war zu gro�. Sie w�rden sie nicht �berbr�cken k�nnen, selbst wenn sie es wollten. Es war die Gefahr, die ihnen beiden f�r den Augenblick noch einmal etwas vorgaukelte, das Wissen um den bevorstehenden Tod, das sie glauben lie�, f�r ein paar kurze Momente noch einmal so etwas wie Gl�ck zu empfinden.</p><p>�Ich h�tte dir gern etwas Besseres angeboten�, sagte Gowenna, als er mit seiner Mahlzeit zu Ende war und die Sch�ssel abstellte. �Ein Krieger sollte nicht mit knurrendem Magen in die Schlacht ziehen.�</p><p>Skar l�chelte aufmunternd. �Wir holen die Siegesfeier nach�, sagte er. �Morgen. Vielleicht mit gebratenem Drachen.�</p><p>Gowenna wurde �bergangslos ernst. �Glaubst du, da� wir eine Chance haben?� fragte sie leise.</p><p>Skar sah sekundenlang an ihr vorbei zum Ausgang, ehe er antwortete. Rotes Sonnenlicht f�llte das niedrige Rechteck aus und versah es mit einem Glorienschein von Blut. Es erschien ihm wie ein schlechtes Omen. �Was willst du h�ren?� fragte er. �Eine ehrliche Antwort oder eine Ermunterung?�</p><p>�Oh�, erwiderte Gowenna. �Ich glaube, das reicht schon.� Skar lachte, aber diesmal klang es nicht sehr heiter. �Ich wei� einfach nicht, was geschehen wird�, sagte er nach einer Weile. <emphasis>�Wenn </emphasis>sie wirklich hierherkommt und in die Falle tappt, dann werden wir sie schlagen. Wenn ...�</p><p>�El-tra sagt, sie h�tte keine Wahl. Es gibt nur diesen Weg.�</p><p>�Das ist es ja, was mir Sorgen macht�, knurrte Skar. �Sie w�re nicht die Frau, die wir beide kennen, wenn sie die Falle nicht ahnen w�rde. Und auch wenn sie keine Wahl hat - eine Falle, die man erkennt, kann leicht umgedreht werden, so da� sie den schl�gt, der sie aufgestellt hat.�</p><p>�Eine alte Satai-Weisheit?�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. �Nein. Das geh�rt zu den Grundlagen des �berlebens.� Er reckte sich, beugte sich im Sitzen hin�ber und nahm seinen Schwertgurt auf. Der Griff seines <emphasis>Tschekal </emphasis>war mit einer glitzernden Raureifschicht �berzogen. Er band den Gurt um, zog die Waffe aus der Scheide und begann sie mit einem Zipfel seines Mantels zu polieren. �Aber vielleicht hast du recht�, fuhr er, den Gedanken wieder aufnehmend, fort. �Selbst wenn sie wei�, da� wir hier auf sie warten, wird sie nicht sehr viel dagegen tun k�nnen. Und die Karten sind nicht schlecht verteilt - vierzig Sumpfleute gegen die gleiche Anzahl von Kriegern Velas ...� Er lachte, lie� sein Schwert sinken und machte eine wegwerfende Handbewegung. �Das einzige, was mir Sorgen bereitet, ist der Drachen.�</p><p>�Nicht einmal er ist stark genug, diese Mauern einzurei�en�, sagte Gowenna. �Und wenn sie so wahnsinnig ist, es trotzdem zu versuchen, t�ten die Sumpfm�nner ihn. Auch er ist nur ein Lebewesen, kein D�mon.�</p><p>Es h�tte viel gegeben, was Skar ihr h�tte entgegenhalten k�nnen, aber er tat es nicht. Sie war l�nger mit Vela zusammengewesen und wu�te besser als er, �ber welche M�glichkeiten die <emphasis>Errish </emphasis>verf�gte, und wenn sie im Moment vorzog, alles zu vergessen, was sie gemeinsam erlebt hatten - angefangen von ihrer Begegnung mit den Hornkriegern bis hin zu ihrer verzweifelten Flucht durch den Kristallwald -, so hatte er nicht das Recht, ihr zu sagen, was sie nicht h�ren wollte.</p><p>Er fuhr fort, seine Waffe zu polieren, steckte sie schlie�lich in die H�lle zur�ck und stand auf. Ein tr�gerisches Gef�hl von Sicherheit und Kraft durchstr�mte ihn. �Wir sollten sehen, ob wir El-tra und den anderen helfen k�nnen.�</p><p>Hintereinander verlie�en sie das Geb�ude, Das Bild, das sich Skar bot, hatte kaum mehr etwas mit dem vom vergangenen Mittag gemein - die Sumpfm�nner hatten den Hof ges�ubert, Steine und Felstr�mmer beiseitegeschafft und einen Teil der zerborstenen Wehrg�nge wieder aufgebaut, notd�rftig, wie Skar mit einem raschen Blick erkannte, aber fest genug, um einem ersten Ansturm standzuhalten. Die schmale Steintreppe, die zur Mauerkrone hinauff�hrte, war niedergerissen und durch eine Strickleiter ersetzt worden. Hinter den Zinnen lehnten Waffen: Speere, Armbr�ste und Wurfgeschosse; eine Anzahl der gezackten, f�rchterlichen Schwerter der Sumpfleute.</p><p>�Dort oben ist El-tra.� Gowenna deutete auf eine der grauen Gestalten hinter den Zinnen und setzte sich in Bewegung.</p><p>Skar folgte ihr. Er hatte es l�ngst aufgegeben, sich zu fragen, woran Gowenna den Sumpfmann erkannte. F�r ihn waren sich die M�nner aus Cosh noch immer �hnlich wie ein eineiiger Zwilling dem anderen.</p><p>Sie �berquerten den Hof und stiegen hintereinander die Strickleiter hinauf. Der h�lzerne Boden des Wehrganges bebte unter Skars Gewicht, als er den Fu� daraufsetzte, und ein paarmal l�sten sich trockener M�rtel und kleinere Steinbrocken, um polternd auf den Hof hinabzust�rzen. Aber im gro�en und ganzen war die Konstruktion in einem besseren Zustand, als Skar bef�rchtet hatte. Die Jahrhunderte hatten ihre Spuren hinterlassen und ihren Tribut gefordert, doch die Festung war nicht gefallen. Obwohl eine Ruine, war sie noch immer stark.</p><p>El-tra begr��te ihn mit einer freundlichen Geste. Von der Schw�che, die Skar am vergangenen Tag an ihm bemerkt hatte, war nichts mehr zu sp�ren. Im Gegenteil, wie Gowenna und auch er selbst schien El-tra von vibrierender, nur m�hsam zur�ckgehaltener Aktivit�t erf�llt zu sein. Und nicht nur er. Auch von den anderen Sumpfleuten schienen M�digkeit und Ersch�pfung abgefallen zu sein wie abgelegte Kleidungsst�cke.</p><p>Skar begann sich zunehmend unbehaglicher zu f�hlen. Er kannte Situationen wie diese nur zu gut. Er hatte sie erlebt, unz�hlige Male vor unz�hligen Schlachten, die er ausgetragen hatte: M�nner, die lachend und mit Begeisterung in den Kampf zogen, vor Erregung bebten, den Augenblick, in dem sie dem Gegner ins Auge schauten, kaum erwarten konnten.</p><p>Die meisten von ihnen hatten die Schlacht nicht �berlebt.</p><p>�Bist du mit unseren Vorbereitungen zufrieden?� fragte El-tra. Skar nickte. �Perfekt, bedenkt man die K�rze der Zeit, die ihr hattet. Ich h�tte es nicht besser machen k�nnen.� <emphasis>Aber das hie� nicht, da� er zufrieden war. Die Falle war perfekt, ein strategisches Planspiel, eines Meisters der Kriegskunst w�rdig. Aber Vela war eine hervorragende Spielerin.</emphasis></p><p>Er trat mit einem raschen Schritt an El-tra vorbei, legte die H�nde auf den zerm�rbten Stein der Zinnen und sah nach Osten. Als sie hergekommen waren, war ihm nicht aufgefallen, wie steil der Weg bis zur Festungsmauer anstieg. Jeder Angriff w�rde schon auf der H�lfte des ger�ll�bers�ten Hanges seinen Schwung verlieren; und es gab bis auf f�nfhundert Fu� vor der Mauer nichts, was auch nur einem Hund h�tte Deckung gew�hren k�nnen.</p><p>Er beugte sich vor, sah in die Tiefe und nickte ein weiteres Mal anerkennend. Das Kastell hockte wie ein Ungeheuer aus grauem Fels �ber dem Hang. Zu beiden Seiten zogen sich senkrechte, wie poliert wirkende Felsw�nde hundert Fu� und mehr in die H�he. Der einzige Weg f�hrte direkt am Kastell vorbei. Es war schlichtweg unm�glich, den Hang zu �berwinden, ohne das Kastell vorher zu st�rmen.</p><p>Trotzdem war er nicht beruhigt, im Gegenteil. Er richtete sich auf, fuhr sich mit einer nerv�sen Geste �ber Kinn und Mund und blinzelte aus zusammengekniffenen Augen nach Osten.</p><p>�Wie lange wird es noch dauern?� fragte er.</p><p>�Bis sie hier sind?� El-tra schwieg einen Moment. �Zwei Stunden. Vielleicht drei.�</p><p>�Ihr habt Sp�her ausgesandt?�</p><p>El-tra nickte. �Sp�her und Bogensch�tzen. F�nf Mann auf jeder Seite.� Er deutete auf die lotrecht abfallenden Felsen, die das untere Ende des Hanges flankierten; eine zweite, von der Natur errichtete Festung, so uneinnehmbar wie die, in der sie waren. El-tras Bogensch�tzen konnten den Hang in eine Todesfalle verwandeln.</p><p>�Du l��t ihr nicht die geringste Chance, wie?� fragte er leise. �Sollte ich?�</p><p>Skar antwortete nicht. Es war das alte Problem: Man konnte einen Gegner schlagen, ihm jeden nur denkbaren Schaden zuf�gen - aber es war nicht immer klug, ihn in die Enge zu treiben. Wie im Kampf Mann gegen Mann hatte Skar auch im Feld fast immer selbst daf�r gesorgt, da� dem Feind eine letzte M�glichkeit zur Flucht offenblieb. Ein Gegner, der keinen Ausweg mehr sieht, neigt zu Verzweiflungstaten.</p><p>Trotzdem sch�ttelte er nach einer Weile den Kopf und trat von der Br�stung zur�ck. Der <emphasis>Errish </emphasis>eine Chance zu lassen, hie�e mit fast hundertprozentiger Sicherheit den Sieg zu verspielen.</p><p>�Nein�, sagte er noch einmal. �Ihr habt gute Arbeit geleistet. Ich glaube, wir k�nnen jetzt nur noch warten.�</p><p>�Unsere Sp�her werden uns warnen, wenn sie n�her kommt�, sagte El-tra. �Du kannst zur�ckgehen und im Inneren der Festung warten. Ich lasse dich rufen.�</p><p>Skar lehnte ab. Es war kalt und ungem�tlich hier oben auf der Mauer, aber unten in den d�steren, fensterlosen Hallen der Festung w�re er sich wie lebendig begraben vorgekommen. Hier drau�en konnte er wenigstens frei atmen. Wieder glitt sein Blick den Hang hinunter und verweilte auf dem schmalen Spalt im Fels, dem einzigen Weg hier herauf. Es hatte geschneit, wie El-tra prophezeit hatte, und ihre Spuren waren verschwunden, als h�tte es sie niemals gegeben. Er hob den Kopf und blinzelte aus zusammengekniffenen Augen zur oberen Kante der Felsen hinauf, aber obwohl er wu�te, wonach er zu suchen hatte, konnte er nicht die geringste Spur von Leben entdecken. El-tras Bogensch�tzen schienen mit dem Gestein verschmolzen zu sein.</p><p>�Du bist nerv�s�, sagte Gowenna leise.</p><p>Skar nickte, ohne den Blick von den Felsen zu wenden. �Zwei Stunden sind eine lange Zeit, Gowenna.�</p><p>�Du f�rchtest dich, nicht?� fragte Gowenna. �Nicht vor dem Kampf oder der Begegnung mit Vela. Du hast Angst, Del wieder gegen�berzustehen.� Sie trat neben ihn und lehnte sich schwer gegen die Br�stung. �Was ich in Cosh gesagt habe, tut mir leid�, sagte sie. �Ich war zornig, und ich war erschrocken, als ich sah, da� Del fort war.�</p><p>Skar drehte den Kopf und sah sie an. Sie schien eine Antwort zu erwarten, etwas ganz Bestimmtes - vielleicht nur ein L�cheln, ein Wort; es h�tte viel gegeben, was er h�tte tun oder sagen k�nnen, ohne sich dabei etwas zu vergeben. Aber er hatte nicht vergessen, da� ihr Messer an Dels Kehle gewesen war.</p><p>�Es ist nicht der Moment, zu l�gen, Gowenna�, murmelte er. Sie hielt seinem Blick einen Herzschlag lang stand und sah dann zu Boden.</p><p>�Wahrscheinlich hast du recht�, sagte sie. Dann drehte sie sich mit einem Ruck um und ging.</p><p>Skar dachte einen Moment daran, sie zur�ckzurufen, aber sie war bereits den Wehrgang und die Strickleiter hinuntergestiegen, ehe er den Entschlu� endg�ltig gefa�t hatte.</p><p>Rings um ihn fuhren die Sumpfm�nner fort, sich auf die Schlacht vorzubereiten, aber Skar f�hlte sich seltsam isoliert, ausgeschlossen, als ginge ihn dies alles nichts an. Er war ein Fremder, nicht mehr als ein im Grunde unbeteiligter Zuschauer. El-tra hatte recht. Es war nicht sein Kampf. Was hier geschehen w�rde, ging ihn nichts an.</p><p>Lange, sehr lange stand er reglos hinter den Zinnen der zerborstenen Wehrmauer. Er dachte nicht, nicht bewu�t. Aber langsam, allm�hlich und fast, ohne da� er sich dessen selbst bewu�t wurde, reifte ein Entschlu� in ihm. Etwas, das irgendwie mit dem Ding in ihm verkettet schien, ein schwaches Echo auf die Pr�senz seines Dunklen Bruders. Dieser war erwacht, endg�ltig, schon vor langer, langer Zeit, ohne da� Skar es selbst bemerkt h�tte, aber jetzt sp�rte er ihn wie einen gro�en, schweigenden Schatten, der hinter seinen Gedanken lauerte, eine Gewalt, ungleich st�rker, als selbst Vela ahnte. Wie hatte Kor-tel gesagt? <emphasis>Wende es richtig an. Es kann uns den Sieg bringen - oder uns alle vernichten. </emphasis>Er hatte geglaubt, es nicht zu k�nnen, aber das stimmte nicht. Der Bruder war wach, war es die ganze Zeit gewesen, und gerade sein Schweigen h�tte ihm dies deutlich machen m�ssen. Aber anders als die Male zuvor w�rde er diesmal nicht Gewalt �ber ihn erlangen, nicht, ehe er es selbst wollte.</p><p>Diesmal w�rde er das Monstrum in sich freiwillig entfesseln m�ssen, ihm vollst�ndig und ohne Vorbehalte Macht �ber sich, seine Gedanken und sein Tun geben m�ssen. Und er wu�te, da� der Dunkle Bruder diesmal nicht wieder gehen w�rde. Er hatte ihn zweimal zur�ckgedr�ngt; ein drittes Mal hatte er nicht die Kraft dazu.</p><p>Aber er w�rde es tun. Die <emphasis>Errish </emphasis>hatte den Kampf begonnen, ohne zu ahnen, mit welcher Macht sie sich anlegte. Sie hatte ihn haben wollen, ihn - oder <emphasis>das Ding in ihm - </emphasis>und sie w�rde es bekommen.</p><p>Er wu�te pl�tzlich, was zu tun war. Der Gedanke erschreckte ihn selbst jetzt noch, aber er war gepaart mit dem Wissen, da� es die letzte verbliebene M�glichkeit war. Er w�rde seinem Dunklen Bruder ein letztes Mal gestatten, Gewalt �ber ihn zu erlangen. Und er w�rde die <emphasis>Errish </emphasis>vernichten, sie, den Drachen und diesen verfluchten Stein der Macht. Er wu�te, da� er es konnte.</p><p>Aber er wu�te auch, da� er hinterher sterben w�rde.</p></section><section><title><p id="_1914">26.</p></title><p>Irgend etwas stimmte nicht. Er hatte das Kastell verlassen, ohne aufgehalten oder auch nur angesprochen zu werden. Sein Pferd hatte gesattelt und fertig ger�stet neben dem Ausgang gestanden, als er die Wehrmauer verlie�; wenn es noch eines Beweises daf�r bedurft h�tte, da� die Sumpfm�nner seine Gedanken lasen, so war es dieser. Aber er verschwendete nicht mehr als eine halbe Sekunde an diesen Gedanken. Gowenna war im Inneren des Festungsgeb�udes geblieben. Vielleicht wu�te sie nicht, was er tat, vielleicht wu�te sie es auch und respektierte seinen Wunsch, allein zu bleiben. Seitdem war er geritten, eine winzige Gestalt am Ende einer langsam l�nger werdenden Spur, die sich vom Kastell den Weg, den sie vor Tagesfrist gekommen waren, zur�ckschl�ngelte. Die Felsen wichen vor ihm auseinander, als er den Spalt am unteren Ende des Hanges durchschritten hatte, aber das gewaltige, schneebedeckte Plateau unter ihm war leer. Weder von Vela noch von ihren Kriegern zeigte sich die geringste Spur. Er war weiter geritten, �ber das Plateau, tiefer hinein in das Labyrinth aus Fels und glitzerndem Eis, in das der Winter das Vorgebirge verwandelt hatte. Er ritt eine Stunde, dann zwei, ohne auf ein Anzeichen des n�herr�ckenden Heeres zu sto�en. Die Berge waren leer, tot, so tot wie Tuan, von dem sie nur der Flu� und ein schmaler Streifen der S�mpfe trennte.</p><p>Als die Sonne im Zenit stand, erreichte er den Fu� des Gebirges. Er tr�nkte sein Pferd, g�nnte ihm und sich selbst eine halbe Stunde Rast und ritt weiter, auf das schimmernde wei�e Band des Flusses zu. Irgendwo auf dem Weg zwischen ihm und den Bergen w�rde er auf Velas Armee sto�en. Die Sp�her, die El-tra ausgeschickt hatte, hatten berichtet, da� sie den Flu� bereits durchschritten hatte; vor Stunden, lange, bevor die Sonne aufging. Skar hatte damit gerechnet, sie irgendwo auf halbem Wege zwischen hier und dem Kastell zu treffen, aber aus irgendeinem Grund war sie nicht weitergezogen. Vielleicht, dachte er, um ihren Kriegern eine letzte Rast vor der Schlacht zu g�nnen, wenige Stunden Schlaf, damit sie ausgeruht in den Kampf ziehen konnten.</p><p>Aber vielleicht wu�te sie auch, da� er kommen w�rde, und wartete auf ihn. Die letzten Felsen blieben hinter ihm zur�ck, und vor ihm lag eine gewaltige, brettflache Ebene, bedeckt mit Schnee und K�lte, einer glitzernden wei�en Decke, unversehrt; die Spuren ihres Gewaltmarsches waren mit dem Schnee der vergangenen Nacht getilgt. Hier und da wuchs ein verkr�ppelter Baum, die �ste unter einem Panzer aus wasserklarem Eis zu toten Krallen erstarrt, und in weiter Ferne glaubte er ein paar dunkle, flache Umrisse zu erkennen, halb im Schnee vergraben und zu klein, um Menschen oder Pferde zu sein. Jetzt, als er mit dem Flu� auf gleicher Ebene war, konnte er ihn nicht mehr sehen. Es schneite nicht mehr, aber in der Luft lag ein feiner, trockener Nebel aus pulverigem Schnee, dem der Wind immer wieder neue Nahrung zuf�hrte, so da� alles, was weiter als zwei-, dreihundert Fu� entfernt lag, nur mehr schemenhaft zu erkennen war. Der Horizont war verschwunden, aufgel�st in wirbelnden wei�en Dunst.</p><p>Skar �ffnete seinen Mantel, streifte ihn nach kurzem Z�gern ganz ab und legte ihn zusammengefaltet vor sich auf den Sattel. Er war am Vortag zu m�de gewesen, um noch auf seine Umgebung zu achten; die Trostlosigkeit und K�lte des Landes war ihm ebenso entgangen wie die genaue Entfernung zum Flu�. Aber er wu�te, da� es nicht mehr weit sein konnte. Eine Meile, vielleicht zwei; mehr nicht.</p><p>Nach hundert Schritten fand er den ersten Toten.</p><p>Es war wie eine bizarre Wiederholung des ersten Males, als er einen der schwarzen, horngepanzerten Krieger gesehen hatte. Auch er lag, lang ausgestreckt und halb unter wehendem Schnee vergraben, auf dem Gesicht, die H�nde in einer erstarrten Bewegung um den Griff eines Schwertes gekrampft, dessen Klinge zersplittert war. Aber er war nicht der K�lte oder dem Hunger zum Opfer gefallen, wie jener erste Krieger, den sie in Tuan gefunden hatten. Skar brachte sein Pferd dicht neben der reglosen Gestalt zum Stehen und beugte sich im Sattel vor. Er stieg nicht ab, aber was er vom R�cken des Tieres aus sah, lie� einen bitteren Geschmack auf seiner Zunge entstehen. Der Schnee war, entlang der breiten, zerw�hlten Spur, �ber die sich der Sterbende geschleppt hatte, schwarz vor geronnenem Blut und verklumpt. Die R�stung war zerschmettert, aber es war nicht die Spur einer Waffe, die Skar sah; zumindest nicht die irgendeiner, die er gekannt h�tte. Der Panzer schien wie von gewaltigen Hammerschl�gern zertr�mmert, eingedr�ckt und zerrissen wie d�nnes Pergament; Skar war pl�tzlich froh, den geschundenen K�rper darunter nicht sehen zu k�nnen. Er �berlegte einen Moment, ob er absteigen und den Leichnam genauer untersuchen sollte, richtete sich aber dann im Sattel auf und sah konzentriert in die Richtung, in die die Spur des Kriegers wies. Der Wind frischte auf, und mit den eisigen B�en wurde auch das Schneetreiben st�rker; Schnee, der nicht vom Himmel, sondern in tanzenden Schwaden vom Boden emporwirbelte, als wolle er ihm absichtlich den Blick auf das, was hinter ihm verborgen lag, verwehren.</p><p>Skar zog mit einer bed�chtigen Bewegung sein <emphasis>Tschekal </emphasis>aus dem G�rtel, l�ste den runden, lederbezogenen Schild, den ihm die Sumpfleute mitgegeben hatten, vom Sattelgurt und streifte ihn �ber den linken Arm, lie� die Halteschlaufen jedoch absichtlich offen. Sein Pferd ging auf einen knappen Schenkeldruck hin weiter, aber seine Schritte schienen langsamer, zaghaft und beinahe widerwillig, als sp�re es mit seinen feineren Instinkten eine Gefahr, die Skar selbst hinter dem tobenden Schneenebel nur erahnen konnte.</p><p>Skar lauschte, aber das monotone Heulen des Windes war das einzige Ger�usch. Selbst die Hufschl�ge des Pferdes wurden von der kn�cheltiefen Schneeschicht auf dem Boden verschluckt. Dann fand er den zweiten Toten. Er war halb begraben im Schnee, als h�tte er versucht, sich in den hartgefrorenen Boden darunter zu verkriechen. Seine R�stung war unbesch�digt, aber wo seine Beine sein sollten, waren nur zwei blutige St�mpfe. Neben seiner Spur war eine zweite, schmalere; ein d�nner senkrechter Graben im Schnee, der im spitzen Winkel auf die Spur des Fl�chtenden zustie� und sich mit ihr dort vereinigte, wo er gestorben war.</p><p>Skar ritt weiter. Er fand noch mehr Leichen, drei, f�nf, dann eine ganze Gruppe, die sich wie eine Herde fl�chtender Tiere aneinandergedr�ngt und gemeinsam versucht haben mu�te, sich zu verteidigen. Die Spuren waren jetzt im einzelnen nicht mehr zu erkennen: Der Schnee war zertrampelt, besudelt mit Blut, �bers�t mit zertr�mmerten Waffen und Bruchst�cken von R�stungen, mit Toten, manchmal auch nur mit abgeschlagenen, verst�mmelten Gliedma�en. Und es war still, unheimlich still. Skar kannte die bedr�ckende Ruhe eines Schlachtfeldes nach dem Kampf, aber dies hier war etwas anderes. Im Heulen des Windes schien Schweigen mitzuklingen, eine stumme, unh�rbare und gleichzeitig un�berh�rbare Drohung, nicht weiterzugehen, sondern umzudrehen und davonzureiten, so schnell er konnte. Aber er ritt weiter, zwang sich, jeden einzelnen Toten genau anzusehen und die dumpfe, qu�lende Angst zu ertragen. Schlie�lich tauchte ein gewaltiger grauer Schatten vor ihm auf, massig und gro� wie ein Teil der Berge, durch einen bizarren Zauber hierherversetzt. Skar wu�te, was es war, noch bevor er n�her kam und aus dem Schatten ein K�rper wurde, aus grauer Undeutlichkeit schuppige Platten und ein ungeheurer, borkiger Schlangenhals herauswuchsen, unm�glich verdreht und mehrfach gebrochen. Das Feuer in den t�ckischen roten Augen der Bestie war erloschen, die meisten ihrer handlangen, einw�rts gekr�mmten Rei�z�hne abgebrochen, zersplittert, als h�tte sie versucht, auf Stahl zu bei�en.</p><p>Skar ritt bis auf wenige Schritte an den gefallenen Kolo� heran. Es gab hier keinen Schnee mehr. Der Boden war zerw�hlt, ein Krater, aufgeworfen und verbrannt vom S�ureatem der Bestie, zerfetzt vom Toben der ungeheuren Krallen, mit denen sie im Todeskampf um sich geschlagen hatte, blindw�tig alles zermalmend, was in ihre Reichweite kam, selbst jetzt roch die Luft noch so durchdringend nach dem �tzenden Staub, da� Skar nur m�hsam atmen konnte und schlie�lich ein paar Schritte zur�ckwich. Er stieg aus dem Sattel, legte Schild und Schwert aus der Hand und begann den gefallenen Kolo� langsam zu umrunden. Er wu�te nicht, was hier geschehen war, und er versuchte gar nicht erst, es sich vorzustellen, aber es mu�te wie ein vorweggenommener Weltuntergang gewesen sein.</p><p>Die Panzerplatten des Ungeheuers waren zerborsten, zermalmt wie die R�stungen der Toten, die er gefunden hatte, gebrochen unter Hieben, deren Gewalt sein Vorstellungsverm�gen �berstieg.</p><p>Er fand noch mehr Tote; M�nner, die weniger in einem Kampf gefallen schienen als vielmehr <emphasis>gerissen </emphasis>worden waren, verst�mmelt und zerfetzt von einer Bestie, der gleichen, gnadenlosen Gewalt, die auch den Drachen get�tet hatte.</p><p>Dann fand er Del.</p><p>Er lag ein St�ck abseits der anderen, auf halbem Weg zum Flu�ufer hin, eine verkr�mmte, in schwarzes, zermalmtes Horn geh�llte Gestalt neben einem blutigen B�ndel, das einmal ein Pferd gewesen sein mochte. Der Schnee unter seiner R�stung war dunkel. Sein <emphasis>Tschekal </emphasis>lag noch neben ihm. Die Klinge aus graviertem Sternenstahl war gebrochen, zersplittert wie por�ses Glas. Er mu�te der erste gewesen sein, der sich den Angreifern entgegengeworfen hatte.</p><p>Und wahrscheinlich war er auch der erste gewesen, der gestorben war.</p></section><section><title><p id="_1931">27.</p></title><p>Er wu�te nicht, wieviel Zeit verging - vielleicht waren es Stunden, vielleicht nur Augenblicke, die er reglos neben der geschundenen Gestalt verharrte und ins Leere starrte. Irgendwann begann sich der Wind zu legen. Die wirbelnden wei�en Schwaden sanken langsam zu Boden und �berdeckten den Kampfplatz mit einer d�nnen, rotwei� gefleckten Decke, und irgendwann, noch sp�ter, h�rte er ged�mpften Hufschlag und wandte sich um. Der Schmerz, auf den er gewartet hatte, war nicht gekommen, aber es fiel ihm seltsam schwer, sich zu bewegen, zu denken, die grauen Gestalten, die einer nach der anderen aus dem Nebel hervorkamen, als das <emphasis>zu </emphasis>erkennen, was sie waren. Langsam, mit Bewegungen, die so m�hsam waren, als schleppe er eine unsichtbare, zentnerschwere Last mit sich, ging er den Sumpfm�nnern entgegen. Seine Augen brannten. Etwas lief warm und salzig �ber sein Gesicht und seine Lippen. Er sah Gowenna, die zusammen mit ihren beiden W�chtern an der Spitze der Kolonne ritt, nur noch wie durch einen durchsichtigen, wogenden Schleier. Ihr Gesicht wirkte bleich, blasser noch als der Schnee zu ihren F��en.</p><p>�Ich ... wei� nicht, wie du das gemacht hast�, begann sie, sprach aber nicht weiter, als Skar den Kopf sch�ttelte.</p><p>�Ich habe das nicht getan�, sagte er leise. �Ich fand diesen Platz so vor, wie du ihn siehst.� Pl�tzlich hatte er M�he, seine Stimme unter Kontrolle zu halten. Seine H�nde zuckten, und irgendwo, tief in seinem Inneren, begann sich ein Gef�hl zu formen, das jenseits von Schmerz und Verzweiflung war.</p><p>�Was... ist mit Vela?� fragte Gowenna stockend. �Ist sie -� Sie brach erneut ab, als sie den Ausdruck ins Skars Augen sah. Ihr Blick wanderte an ihm vorbei, glitt �ber die blutbefleckte Schneedecke und blieb f�r endlose Sekunden an dem verkr�mmelten schwarzen B�ndel im Schnee h�ngen.</p><p>�Del?� fl�sterte sie.</p><p>Skar nickte. Er wollte etwas sagen, irgend etwas, sinnlose Worte, nur, um nicht l�nger reglos dazustehen und Gefangener der Qual zu sein, die das Vakuum in seinen Gedanken langsam auszuf�llen begann, aber es ging nicht. Die Sumpfm�nner begannen aus den S�tteln zu steigen und die Toten zu untersuchen. El-tra und sein Bruder eilten an Skar vorbei und knieten neben Dels Leichnam nieder; er konnte nicht erkennen, was sie taten. Es interessierte ihn auch nicht. Er sp�rte nicht einmal, da� Gowenna ihn ansprach. Erst als sie ihn am Arm fa�te und ihn sch�ttelte, wandte er m�de den Kopf und sah zu ihr hinauf.</p><p>�Es tut mir leid, Skar�, sagte sie leise. �Wir ... sollten zur�ckreiten zum Kastell. Du kannst hier nichts mehr tun.�</p><p>Skar sah noch einmal zu Del hin�ber. Die beiden Sumpfm�nner knieten rechts und links von ihm im Schnee, ihre H�nde lagen flach auf Gesicht und Brust des toten Satai. Dann wandte er sich mit einem Ruck um und sprang neben Gowenna in den Sattel. Aber er ritt noch nicht los. Sein Blick glitt �ber den Flu�, bohrte sich in den grauwei�en Nebel, der das jenseitige Ufer verschleierte, und als h�tte die Natur auf dieses Zeichen von ihm gewartet, fauchte eine Windb� heran und ri� die wehenden Schleier auseinander.</p><p>Am jenseitigen Ufer des Flusses stand ein Wolf, ein gewaltiges, schwarzes Tier aus gemei�eltem Granit und erstarrten Flammen, so gro� wie ein Kalb und schwarz wie die H�lle. Er regte sich nicht, sondern stand einfach da und sah ihn an, und das einzige Leben an ihm war das Lohen in seinen Augen.</p><p>Der Vorhang aus Nebel und spr�hendem Dunst schlo� sich wieder, so rasch, da� Skar sicher war, der einzige gewesen zu sein, der das Tier gesehen hatte. Aber er wu�te jetzt, da� es da war, dort dr�ben, nicht einmal eine Pfeilschu�weite entfernt, unsichtbar und lautlos, so, wie es ihn die ganze Zeit �ber begleitet hatte: Combats Fluch und W�chter, der H�ter des Steines, W�chter, Bewahrer und Vollstrecker in einem. Und Skar wu�te ebenso, da� dieses Wesen nicht eher ruhen w�rde, bis der Frevel, der an der Heiligen Stadt begangen worden war, ges�hnt war. �Warum t�test du mich nicht?� fl�sterte er. Aber er wu�te die Antwort im gleichen Moment, in dem er die Worte aussprach.</p><p>Gowenna sah ihn irritiert an. �Was meinst du?�</p><p>Skar sch�ttelte hastig den Kopf. �Nichts�, murmelte er. �Ich habe nur laut gedacht. Vergi� es.� Er zwang sein Pferd herum, pre�te ihm die Schenkel in die Flanken und ritt an Gowennas Seite los. Sein Blick glitt nach Norden, dorthin, wo sich hinter den grauen Felsen des Schattengebirges Elay verbarg. Elay, das Land der Ehrw�rdigen Frauen und der Drachen - das Land und die Stadt, die Velas Ziel waren. Er wu�te, da� sie noch lebte. Er wu�te, da� sie auf ihn warten w�rde, und diesmal, dachte er entschlossen, diesmal w�rde er sie nicht warten lassen.</p><p>Sie sollte erfahren, was es hie�, die Rache eines Satai herauszufordern.</p><empty-line/><p>ENDE DES ZWEITEN TEILES </p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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