<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Wolfgang</first-name><last-name>Hohlbein</last-name></author><book-title>Der steinerne Wolf</book-title><annotation><p>Durch das Eingreifen des �steinernen Wolfs� hatte Skar den Stein der Macht von neuem verfehlt - Vela war ihm wieder entkommen, und die L�sung aller Probleme war nur noch im sagenhaften Elay, in der f�r alle verbotenen Hauptstadt der Ehrw�rdigen Frauen zu finden. Skars langer Weg dorthin ist entbehrungsreich und gef�hrlich, da der r�tselhafte steinerne Wolf ihn st�ndig umschleicht und zu allem Ungl�ck auch noch Vela mit Hilfe des Steins aus Combat s�mtliche Macht in Elay an sich gerissen hat. Da schl�gt der steinerne Wolf mit all seiner Kraft zum letzten Male zu und ersch�ttert alle Ordnungen, die bisher auf Enwor Geltung hatten.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Enwor" number="4"><sequence name="Der Stein der Macht" number="3"/></sequence></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-01">01 April 2012</date><id>862BF5BC-1A4A-43DB-9B45-0B40A2B6DB48</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>Tosa Verlag</publisher><city>Wien</city><year>1984</year><isbn>ISBN 3-442-24950-3</isbn></publish-info></description><body><section><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Wolfgang Hohlbein - Die Enwor Saga 4 </strong></p><p><strong>Der steinerne Wolf</strong></p><p>Umschlag: Der Graph, Wien </p><p>Illustrationen: Christian Mogg </p><p>Ungek�rzte und genehmigte Lizenzausgabe f�r Tosa Verlag, Wien </p><p>� der Originalausgabe 1984 by Wilhelm Goldmann Verlag GmbH, M�nchen </p><p>� der vorliegenden Ausgabe 1995 by Tosa Verlag, Wien </p><p>Gesamtherstellung: Der Graph, Wien </p><p>Printed in Austria </p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis><strong>Coverr�ckseite </strong></emphasis></p><empty-line/><p>Durch das Eingreifen des �steinernen Wolfs� hatte Skar den Stein der Macht von neuem verfehlt - Vela war ihm wieder entkommen, und die L�sung aller Probleme war nur noch im sagenhaften Elay, in der f�r alle verbotenen Hauptstadt der Ehrw�rdigen Frauen zu finden. Skars langer Weg dorthin ist entbehrungsreich und gef�hrlich, da der r�tselhafte steinerne Wolf ihn st�ndig umschleicht und zu allem Ungl�ck auch noch Vela mit Hilfe des Steins aus Combat s�mtliche Macht in Elay an sich gerissen hat. Da schl�gt der steinerne Wolf mit all seiner Kraft zum letzten Male zu und ersch�ttert alle Ordnungen, die bisher auf Enwor Geltung hatten.</p></section><section><title><p id="PROLOG">PROLOG</p></title><p><emphasis>Es war still in dem gro�en, leeren Raum. Obwohl die W�nde an vielen Stellen geborsten und durchbrochen waren und weder den Wind noch das rote, flackernde Licht der Sonne zur�ckhalten konnten, sperrten sie doch nachhaltig jedes Ger�usch, jeden noch so winzigen Laut und jedes Zeichen von Leben aus und verwandelten den steinernen Saal in eine Gruft. Die K�lte war auch hier bemerkbar, vielleicht st�rker als drau�en; ein unsichtbarer, klammer Hauch, der wie fl�sternder Nebel �ber dem Boden und zwischen den wenigen verfallenen M�belst�cken hing und ihn fr�steln lie�. Aber es war mehr als K�lte, das f�hlte er, weit mehr als der klirrende Hauch des Schnees, der die Berge und die verfallene Festung mit einem wei�en Leichentuch �berzog. Es war die Seele Coshs, die er sp�rte, die Stimme des Sumpfes, die ihnen wie ein unsichtbarer Begleiter gefolgt war: ihre Anwesenheit, ihren Atem, das sanfte Tasten unsichtbarer Finger, mit dem sie irgend etwas tief in seinem Inneren zu ber�hren oder vielleicht auch nur zu suchen schien. Die schlanke Gestalt auf dem steinernen Lager vor ihm schien hinter einer unsichtbaren Wand aus flimmernder Luft zu liegen, als h�tten sich die Gesetze der Natur auf den Kopf gestellt und lie�en die Luft nun vor K�lte wabern, und wenn er nur lange genug hinsah und sich dem Fl�stern des Nebels und der eisigen Feuchtigkeit hingab, dann begannen ihre Umrisse zu verschwimmen, sich aufzul�sen, und auf den erstarrten Lippen des Toten erschien wieder dieses fl�chtige, junge L�cheln, dessen wahre Bedeutung vielleicht nur Skar selbst gekannt hatte. Tr�nen f�llten seine Augen und zeichneten d�nne Spuren von W�rme auf seine erstarrte Gesichtshaut. </emphasis></p><p><emphasis>O ja, er f�hlte Schmerz, jetzt, nachdem alles vorbei war. Einen gr��eren und furchtbareren Schmerz als je zuvor. Er hatte geglaubt, jenseits von Trauer und Leid zu sein, nachdem er einmal den Ha� kennengelernt hatte, aber das stimmte nicht. Wie oft war er in den letzten vier Tagen hier gewesen? Ein dutzendmal? Zwei? Er wu�te es nicht mehr. Er wu�te auch nicht mehr, wie oft er so wie jetzt neben Dels Lager gesessen und die reglose, tote (es kostete ihn �berwindung, das Wort auch nur in Gedanken zu formulieren, denn es auszusprechen bedeutete, es zuzugeben, und es war das erste Mal in seinem Leben, da� er sich w�nschte, die Augen vor der Wahrheit verschlie�en und sich in irgendeinen Winkel verkriechen zu k�nnen) Gestalt des jungen Satai betrachtet hatte, wie oft ihr Leben - ihr gemeinsames Leben, denn das, was vorher gewesen war, z�hlte nicht (auch das begriff er erst jetzt) - an ihm vor�bergezogen war. Mit Del war ein Teil von ihm gestorben, ein Teil von ihm, von dem er bisher nicht einmal gewu�t hatte, da� es ihn gab. Ha�? Als er neben der blutbesudelten Gestalt im Schnee gekniet und in die offenen, mit Rauhreif bedeckten Augen des Toten gesehen hatte, hatte er f�r einen kurzen Moment geglaubt, Ha� zu empfinden, aber auch das war nicht wahr gewesen. Es war nichts als Schmerz, nur ein anderer Ausdruck dieses Gef�hles, und selbst das </emphasis>Ding <emphasis>in seinem Inneren, diese b�se, fl�sternde Stimme, die sonst jeden Augenblick der Schw�che ausnutzte, um ihn zu verh�hnen und zu verspotten, hatte geschwiegen. Del war tot, und das war alles. Es war so einfach, so brutal und so sinnlos, da� er am liebsten geschrien h�tte, und vielleicht war dies das einzige, das wirklichen Zorn in ihm hervorrufen konnte. Sein Tod hatte keinen Sinn gehabt, und wenn doch, dann nur den, ihn - Skar - zu treffen und zu verletzen. Der Wolf hatte </emphasis>ihn <emphasis>gemeint und Del get�tet, brutal und berechnend die Stelle ausw�hlend, an der er seinem Opfer den gr��tm�glichen Schmerz zuf�gen konnte.</emphasis></p><p><emphasis>Das Ger�usch leiser Schritte drang in seine Gedanken, und f�r einen winzigen Moment war es Skar, als husche eine unsichtbare, rasche Be wegung durch den Raum, ein lautloses Huschen und Fl�chten, als z� gen sich die Schatten und der klamme Griff Coshs eilig zur�ck. Er sah auf, starrte Gowenna eine endlose Sekunde lang an und erhob sich mit einer langsamen, m�hevollen Bewegung. Gowenna wollte etwas sa gen, aber er sch�ttelte rasch und mit einer Geste, die keinen Wider spruch duldete, den Kopf, deutete auf den Ausgang und ging an ihr vorbei. Eine schattenhafte Gestalt erhob sich neben ihm, wartete, bis Gowenna das Haus ebenfalls verlassen hatte, und trat dann lautlos hinein. Skar wu�te nicht, wer es war - El-tra, Kor-tel oder irgend einer der anderen namenund gesichtslosen Sumpfm�nner, die w�h rend der letzten vier Tage ununterbrochen Wache an Dels Lager ge halten hatten. Wenn er kam, dann gingen sie, immer und ohne auch nur einen Blick oder ein Wort mit ihm zu wechseln, als sp�rten und respektierten sie seinen Schmerz mit dem Instinkt wacher, finsterer Tiere, aber sie waren immer da; schweigende Schatten, die eine laut lose Totenwache hielten. Es w�re seine Aufgabe gewesen - vier Tage und N�chte ohne zu schlafen und ohne sich zu bewegen, Wache zu halten am Totenlager des Satai, wie es die uralten Riten vorschrieben - aber er war zu m�de dazu, und er war ihnen dankbar, da� sie ihm diese Last abnahmen. Jedenfalls konnte er sich einreden, da� sie es ta ten.</emphasis></p><p><emphasis>Es war keine Totenwache, das wu�te er, und sie waren alles andere als Schatten. Aber er wollte nicht wissen, was sie wirklich taten. Er hatte schon einmal bei ihnen gesessen, vor Tagen, die ihm wie Jahre vorka men, und er hatte schon einmal erlebt, wozu sie f�hig waren. Was er gesp�rt hatte - damals, in einem anderen Leben -, das war nur ein winziger Hauch ihrer Macht gewesen, ein winziges St�ckchen der un geheuren psionischen Gewalt, die zu entfesseln sie in der Lage waren, aber schon diese fl�chtige Ber�hrung hatte gen�gt, ihn bis ins Innerste seiner Seele erschauern zu lassen. Er </emphasis>wollte <emphasis>es nicht wissen. Er entfernte sich ein paar Schritte vom Eingang, blieb auf halbem Wege zwischen dem Haus und der halb verfallenen Wehrmauer ste hen und zog den Umhang enger um die Schultern. Die Zinnen der Mauer begannen rechteckige schwarze Zacken aus der Sonne zu bei �en, und die Nacht meldete sich mit einem merklichen Auffrischen des Windes und eisiger K�lte an. Es w�rde wieder kalt werden, k�lter als in der Nacht zuvor, die ihrerseits eine Winzigkeit k�lter als die vor hergehende gewesen war; ein winziges bi�chen nur, aber doch k�lter. Und auf dem Pa� w�rde wieder eine Winzigkeit Schnee mehr liegen. �Du solltest damit aufh�ren, Skar�, sagte Gowenna leise. Er hatte nicht gemerkt, da� sie ihm abermals gefolgt war. Er ging ihr aus dem Weg, seit vier Tagen; zuerst unauff�llig, schlie�lich so offen, da� sie es einfach merken mu�te. Aber augenscheinlich hatte sie sich entschlossen, seine kaum mehr versteckte Ablehnung zu ignorieren. �Womit?� fragte er, ohne sich umzudrehen. Der Wind peitschte sein Gesicht, und die winzigen Eiskristalle, die er mit sich trug, schmerz ten. Es war ihm egal.</emphasis></p><p><emphasis>�Du wei�t genau, </emphasis>womit�, <emphasis>sagte Gowenna betont. In ihrer Stimme schwang eine leise Spur von Ungeduld, hinter der sich �rger verber gen mochte. �Du qu�lst dich, Skar�, fuhr sie fort, als klarwurde, da� er nicht antworten w�rde. �Seit vier Tagen hockst du dort drinnen und qu�lst dich selbst. Findest du es sinnvoll, das Messer, das dir Vela in die Brust gesto�en hat, auch noch selbst herumzudrehen ?� </emphasis></p><p><emphasis>�Del ist tot�, sagte Skar dumpf. Er atmete h�rbar ein, drehte das Ge sicht aus dem Wind und sah sie nun doch an. </emphasis></p><p><emphasis>Gowennas Lippen zuckten. In ihrem sehenden Auge blitzte es zornig auf. �Das ist er nicht, Skar�, sagte sie gepre�t. �Die Sumpfm�nner werden ihn retten und -�</emphasis></p><p><emphasis>Skar hob mit einer so abrupten Bewegung die Hand, da� Gowenna erschrocken abbrach und einen halben Schritt zur�ckwich. �Sie wer den ihn wieder zum Leben erwecken, wie?� sagte er leise. �Sie werden ihn ... wie haben sie es genannt? Neu schaffen? Und was werden sie mir geben? Eine Puppe? Ein Ding, das aussieht wie Del, sich bewegt wie Del, redet wie Del und mir jeden Wunsch von den Lippen abliest, wie es deine drei Schattenm�nner bei dir getan haben ?� </emphasis></p><p>�Dir <emphasis>geben?� wiederholte Gowenna erschrocken. �Sie werden dir nichts geben, Skar. Sie werden Del das Leben zur�ckgeben, das ist al les.�</emphasis></p><p><emphasis>Skar erschrak f�r einen Moment vor seinen eigenen Worten. Er hatte - ohne es im ersten Moment selbst zu bemerken - den Gedanken aus gesprochen, den er seit Tagen sorgsam bek�mpft und irgendwo in sei nem Inneren vergraben hatte.</emphasis></p><p><emphasis>�Vielleicht ist es gar nicht wirkliche Trauer, Skar�, fuhr Gowenna fort. �Vielleicht bist du nur zornig, weil Vela dir Del weggenommen hat.�</emphasis></p><p><emphasis>�Unsinn�, sagte Skar verwirrt. �Ich </emphasis>-�</p><p><emphasis>�Ich bin nicht gekommen, um mich mit dir zu streiten�, unterbrach ihn Gowenna. Sie sch�ttelte den Kopf, versuchte zu l�cheln und fuhr sich mit einer raschen, unbewu�ten Geste �ber das Gesicht; eine Bewe gung, die sie sich in den letzten Tagen mehr und mehr angew�hnt hatte, beinahe als m�sse sie sich immer wieder neu davon �berzeugen, da� die eine H�lfte ihres Gesichts noch unbesch�digt und heil war und das verbrannte Narbengewebe nicht etwa �ber Nacht unbemerkt wei ter �ber die Grenze zwischen Engel und Teufel, die sich in ihr Antlitz gebrannt hatte, gekrochen war. �Die Sp�her sind zur�ck�, fuhr sie in ver�ndertem, bewu�t sachlichem Ton fort. �Es ist so, wie ich es gesagt habe: Der Pa� ist verschneit. Du mu�t schon fliegen lernen, um �ber die Berge zu kommen.�</emphasis></p><p><emphasis>�Ich werde trotzdem gehen�, sagte Skar ruhig. </emphasis></p><p><emphasis>Gowenna seufzte. �So nimm doch endlich Vernunft an, Skar. Es ist unm�glich. Du </emphasis>kannst <emphasis>nicht �ber den Pa�. Niemand kann das.� </emphasis></p><p><emphasis>�Niemand?� Skar l�chelte, bewu�t kalt und bewu�t verletzend. �Vela hat es geschafft.�</emphasis></p><p><emphasis>�Das vermutest du�, erwiderte Gowenna. �Aber es kann auch sein, da� sie irgendwo an einem gesch�tzten Ort �berwintert, w�hrend du in dein Ungl�ck rennst.�</emphasis></p><p><emphasis>�Du wei�t so gut wie ich, da� das nicht stimmt�, sagte Skar. �Sie ist jetzt bereits auf dem Weg nach Elay, und wenn wir warten, bis der Winter vorbei ist, dann wird sie ihre Macht bereits gefestigt haben, bevor wir �berhaupt aufbrechen.�</emphasis></p><p><emphasis>�Und du wirst unsere letzte Chance, sie aufzuhalten, verspielen, wenn du jetzt losreitest und dich umbringst. Wahrscheinlich hast du recht, aber du vergi�t dabei eine Kleinigkeit, Skar: Sie hat den Stein, um sich den Weg zu bahnen. Du nicht.�</emphasis></p><p><emphasis>Skar wandte sich um und sah lange und nachdenklich zu dem Geb�ude am anderen Ende des Hofes hin�ber. �Es ist sinnlos, Gowenna�, murmelte er. Er wollte nicht mehr diskutieren, weder mit ihr noch mit irgendwem. Vielleicht hatte sie recht, aber er war einfach m�de, zu m�de, um auch nur �ber ihre Argumente nachzudenken. �Ich werde gehen. Noch heute. Ich... h�tte es l�ngst tun sollen.� </emphasis></p><p><emphasis>�Wenn du stirbst, Skar, dann verliert Enwor vielleicht seine letzte Chance.� </emphasis></p><p><emphasis>�Enwor...� Die Schw�rze hinter dem rechteckigen Eingang schien sich zu verdichten. Es </emphasis>war <emphasis>ein Grab. Selbst wenn Del sich nach einer Weile von seinem Totenbett erheben und das Haus verlassen w�rde, w�rde es nur ein Schatten des jungen Satai sein. Und er, Skar, wollte es nicht erleben. �Was k�mmert mich die Welt, Gowenna�, sagte er abf�llig. �Sie wird nicht untergehen, wenn ich sterbe. Vielleicht hat Vela sogar recht, und Enwor wird besser, wenn es M�nner wie mich nicht mehr gibt.�</emphasis></p><p><emphasis>Gowenna erstarrte. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht verh�rtete sich. �Und Frauen wie mich, nicht wahr? Das meinst du doch?� Skar z�gerte einen Moment zu antworten. Er wu�te genau, wie sinnlos es war, dieses Spiel fortzusetzen. Es war wieder die alte Gowenna, wie er sie seit dem ersten Tag kannte. Sie wechselte ihre Taktik, schnell und ohne wirklich zu �berlegen, instinktiv auf der Suche nach einer verwundbaren Stelle, nach einer L�cke in seiner Deckung, nach irgend etwas, wo sie ihn packen und festhalten konnte. Sie hatte noch nicht begriffen, da� es den Skar, mit dem sie geritten war, nicht mehr gab.</emphasis></p><p>�<emphasis>Vielleicht�, sagte er schlie�lich. �Vielleicht sind wir beide nur �berbleibsel einer Welt, die schon l�ngst gestorben ist, Gowenna. Vielleicht </emphasis>ist <emphasis>unsere Welt schon tot, ohne da� wir es bisher bemerkt haben, und vielleicht geh�rt die Zukunft Menschen wie Vela.� Gowenna verzog abf�llig das Gesicht. �Wenn du wirklich so denkst, Skar�, sagte sie, �warum nimmst du dann nicht dein verdammtes Schwert und st�rzt dich hinein?�</emphasis></p><p>�<emphasis>Vielleicht werde ich das tun, Gowenna�, antwortete er ernst. �Wenn alles vorbei ist.�</emphasis></p><p><emphasis>Gowenna wollte etwas erwidern, aber Skar drehte sich ohne ein weiteres Wort um und lie� sie stehen.</emphasis></p></section><section><title><p id="_1">1.</p></title><p>Der schwere Regen der letzten zehn Tage hatte aufgeh�rt, und das Meer war so ruhig, wie man es sonst nur vor einem Sturm beobachten konnte. Aber der Himmel war leer, und als die Sonne aufging und mit ihren w�rmenden Strahlen auch den letzten Rest von Morgennebel und Dunst zu vertreiben begann, war nicht einmal die winzigste Wolke zu entdecken. Trotzdem machte die SHANTAR gute Fahrt - die Segel, die w�hrend der letzten Wochen mehr als nur einmal na� und schlaff von den Rahen gehangen hatten, bl�hten sich unter einer steifen, best�ndigen Brise, und die zwanzig Doppelruder auf jeder Seite verliehen dem Freisegler zus�tzliche Geschwindigkeit, so da� das scheinbar plumpe Schiff mit �berraschendem Tempo an der K�ste entlangglitt. Das verquollene Holz der Masten, zehn Tage lang vollgesogen mit Regen und Nebel, dessen Feuchtigkeit beharrlich in jede Pore und jeden noch so winzigen Ri� gekrochen war, �chzte unter der Belastung, als es die Kraft des Windes auffangen und an den Schiffsrumpf weitergeben mu�te, und das monotone Klatschen der Ruder begann einen einschl�fernden Einflu� auf Skar auszu�ben. Seine Augen brannten - zum Teil eine Wirkung des Salzwassers, das in einem d�nnen Spr�hregen von den Spieren empor und auf das Deck gewirbelt wurde, zum gr��eren Teil jedoch einfach vor M�digkeit. Er hatte w�hrend der zweieinhalb Wochen, die er an Bord der SHANTAR verbracht hatte, nicht sehr viel Schlaf gefunden. Das Schiff war gro�, bot jedoch kaum Platz f�r Passagiere, denn es war vom Bug bis zum Heck vollgestopft mit Lade- und Frachtr�umen, und die W�nde seiner Kabine waren so hellh�rig gewesen, da� er nahezu jedes Wort geh�rt hatte, das irgendwo an Bord des Schiffes gesprochen wurde. Dazu kam etwas, das so banal wie �rgerlich war - Seekrankheit. Von der ersten Stunde an, die er an Bord gewesen war, war ihm �bel gewesen, und wenn sich sein K�rper auch allm�hlich an das best�ndige Auf und Ab des Schiffes zu gew�hnen begann, so gen�gte doch noch immer eine unbedachte Bewegung, um seinen Magen in einen schmerzhaften Klumpen zu verwandeln. Zumindest konnte er der Situation ein gewisses Ma� an Ironie nicht absprechen - was Vela mit all ihrer Macht und Bosheit nicht gelungen war, das hatte das Meer geschafft. Er w�re im Moment nicht einmal f�hig gewesen, mit einem Kind zu k�mpfen.</p><p>�Nun, Satai?�</p><p>Skar sah auf, als eine hochgewachsene, in einen schwarzen, ledernen Regenmantel geh�llte Gestalt neben ihm an die Reling trat. Andred, der Kapit�n des Freiseglers. Skar mochte ihn. Er war ein schlanker Mann unbestimmbaren Alters, der sich gern selbst reden h�rte, dabei aber nicht ann�hernd solch haarstr�ubenden Unsinn verzapfte wie die meisten anderen M�nner seines Schlages. �Deine Wache ist zu Ende�, fuhr er mit einer Kopfbewegung zum Horizont fort. Die Sonne war vollends aufgegangen und stand als glosender roter Ball �ber dem Meer. �Du kannst in deine Kabine gehen. Ich lasse dich wecken, wenn Essenszeit ist.� Skar stemmte sich von der Reling hoch, massierte mit der Linken seinen steifen, schmerzenden R�cken und sch�ttelte den Kopf. Er war so m�de, da� er M�he hatte, die Augen offenzuhalten, aber irgend etwas sagte ihm, da� er sowieso keinen Schlaf finden w�rde. Vielleicht war es die N�he Elays, die ihn wach hielt. �Ich bleibe noch�, sagte er, ohne den Blick vom Meer zu nehmen. Die K�ste war als schwarzer, unregelm��iger Streifen an Backbord sichtbar, so wie w�hrend der gesamten vergangenen Woche. Die SHANTAR segelte - zumindest in nautischen Ma�st�ben - dicht an der K�ste entlang; weit genug entfernt, um vor den Untiefen und Riffen, die diese Gew�sser zu den gef�rchtetsten der Welt werden lie�en, sicher zu sein, aber auch nahe genug, um sich mit einem schnellen Man�ver in Sicherheit bringen zu k�nnen, falls Piraten auftauchen oder ein Sturm heraufziehen sollte. Ein T�mmler n�herte sich dem Schiff, lie� seine dreieckige R�ckenflosse eine Zeitlang parallel zu dem gewaltigen schwarzen Rumpf durch die Wellen schneiden und entfernte sich dann so rasch, wie er aufgetaucht war. Skar sah ihm nach, bis er verschwand.</p><p>�Wie du willst�, sagte Andred nach einer Weile. Er lehnte sich neben Skar gegen die Reling, starrte blicklos auf die Wellen hinab und sch�ttelte ein paarmal und ohne Skar irgendeinen Grund daf�r erkennen zu lassen, den Kopf. Sein Fu� h�mmerte den Takt zu einer unh�rbaren Melodie auf die Planken. �Unsere Reise endet bald, Satai�, sagte er pl�tzlich. �Wenn der Wind weiter so g�nstig bleibt, dann erreichen wir noch vor Sonnenuntergang Anchor.� Skar nickte. �Ich wei�.�</p><p>�Du willst dort wirklich von Bord?� fragte Andred, nachdem er eine Weile vergeblich darauf gewartet hatte, da� Skar das Gespr�ch von sich aus weiterf�hren w�rde.</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Anchor ist ein seltsamer Ort f�r einen Satai�, murmelte Andred. �Eine Stadt voller verr�ckter alter Weiber und bissiger Drachen - was sucht ein Mann wie du dort?�</p><p>Skar l�chelte. Wenn es etwas gab, das Andreds Schwatzhaftigkeit noch �bertraf, dann war es seine Neugier. Er hatte vom ersten Tag an versucht, mehr �ber den wahren Grund von Skars Reise in Erfahrung zu bringen.</p><p>�Nimm an, ich h�tte ein Gesch�ft zu erledigen�, sagte Skar. �Ein Gesch�ft?� Andred sah ihn einen Herzschlag lang verbl�fft an und lachte dann. Es klang unsicher. �Du? Seit wann sind die Satai unter die Kr�mer gegangen?�</p><p>Skar schwieg einen Moment. Er h�tte Andred eine scharfe Abfuhr erteilen k�nnen, aber er wollte den Freisegler nicht vor den Kopf sto�en. Immerhin hatte Andred ihm einen Platz auf der SHANTAR gew�hrt, ohne da� er f�r die Passage bezahlen konnte. Und es konnte sein, da� er schon bald in eine Situation kam, in der er einen Freund - oder wenigstens einen Mann, der <emphasis>nicht </emphasis>sein Feind war - gebrauchen konnte. �Ich ... suche jemanden�, sagte er ausweichend.</p><p>�In Anchor?�</p><p>�In Elay�, antwortete Skar. �Wenn du mich zuf�llig dorthin bringen kannst...�</p><p>Das L�cheln auf Andreds Z�gen wurde um eine Spur eisiger. �In Elay�, wiederholte er. �In Ordnung - du willst nicht dar�ber sprechen. Vielleicht hast du recht, und es geht mich nichts an.� Er drehte sich mit einer abrupten Bewegung um und wollte gehen, aber Skar hielt ihn noch zur�ck.</p><p>�Verzeih, Andred�, sagte er in vers�hnlichem Tonfall. �Ich wollte dich nicht br�skieren.�</p><p>�Das ... hast du nicht�, sagte Andred in einem Ton, der die Worte L�gen strafte. �Es geht mich wirklich nichts an. Ich bin nur ein Kauffahrer und sollte mich nicht in die Angelegenheiten eines Kriegers mischen. Ich ...� Er stutzte, sah an Skar vorbei in Richtung K�ste und streifte dessen Hand mit einer unbewu�ten Bewegung ab. Seine Augen wurden schmal.</p><p>Skar drehte sich ebenfalls um. Vor der dunklen Linie der K�ste war ein schlanker, noch dunklerer Schatten erschienen. Ein Schiff. Es war noch zu weit entfernt, als da� man seine Herkunft oder auch nur seine Bauart h�tte erkennen k�nnen, aber selbst f�r Skars nicht gerade seem�nnisch geschulten Blick war nach wenigen Sekunden klar, da� der fremde Segler direkten Kurs auf die SHANTAR hielt.</p><p>�Was ist das f�r ein Schiff?� fragte er.</p><p>Andred sch�ttelte langsam und nachdenklich den Kopf. �Ein Thbargscher Kapersegler�, murmelte er. �Aber hier? In diesen Gew�ssern?�</p><p>Skar sah den Freisegler an. �Glaubst du, da� er uns gef�hrlich werden wird?�</p><p>�Gef�hrlich?� Andred sah ihn einen Moment verwirrt an, als m�sse er sich erst ins Ged�chtnis rufen, was dieses Wort �berhaupt bedeutete. Dann sch�ttelte er den Kopf. �Nein. Das Wort klingt gef�hrlicher, als es ist - zumindest sind es keine Piraten, wenn es das ist, was du bef�rchtest. Aber sie halten sich normalerweise nur oben im Norden auf. Ich habe jedenfalls ...� Er stockte, fuhr herum und schrie, mit den H�nden einen Trichter vor dem Mund bildend, ein paar scharfe Kommandos zu den Matrosen in den Rahen hinauf. Skar sah erstaunt, wie die M�nner begannen, die Segel zu reffen. Gleichzeitig wurde der Ruderschlag langsamer und h�rte nach wenigen Augenblicken ganz auf. Die SHANTAR trieb, von ihrem eigenen Schwung getragen, noch weiter auf dem bisherigen Kurs, wurde aber bereits merklich langsamer.</p><p>�Was hast du vor?� fragte Skar mi�trauisch.</p><p>Andred zuckte abermals mit den Schultern, stellte sich wieder neben ihn und blinzelte aus zusammengekniffenen Augen zu dem anderen Segler hin�ber. �Ich nehme Fahrt weg�, sagte er. Skar schluckte die scharfe Entgegnung, die ihm auf der Zunge lag, im letzten Moment hinunter. �Das ist mir nicht entgangen�, sagte er spitz. �Aber warum?�</p><p>Der Freisegler deutete mit einer knappen Geste auf das schwarze Kaperschiff. �Er h�lt Kurs auf uns�, erkl�rte er geduldig. �Und das hei�t, da� sein Kapit�n mit mir sprechen will. Und er ist mindestens doppelt so schnell wie wir und w�rde uns so oder so einholen. Warum also sollten wir uns auf ein ebenso sinnloses wie kr�ftezehrendes Rennen mit ihm einlassen? Au�erdem haben wir keinen Streit mit ihm - weder mit ihm noch mit irgendeinem anderen Thbarg.� Er schwieg einen Moment, sah Skar mit einem langen, nachdenklichen Blick an und fuhr in ver�ndertem Tonfall fort: �Ich verstehe deine Nervosit�t nicht, Satai. Die Thbarg sind zwar gef�rchtete Kapersegler, doch sie tun keinem etwas, der ihre Grenzen nicht �berschreitet. Und einem Freisegler schon gar nicht.�</p><p>Skar schwieg. Seine Finger schlossen sich in einer unbewu�ten, kraftvollen Geste um das br�chige Holz der Reling. Andreds Worte klangen einleuchtend - ganz egal, aus welcher Richtung er es bedachte; er hatte keinen Grund, nerv�s oder gar �ngstlich zu sein. Und doch war etwas an diesem schwarzen, viermastigen Schiff dort dr�ben, das ihn alarmierte.</p><p>Vielleicht, versuchte er sich einzureden, war er auch nur �bernerv�s. Die zweiw�chige Schiffsreise hatte mehr an seinen Kr�ften gezehrt, als er zugeben wollte, und die N�he Elays und damit Velas tat ein �briges, ihn gereizt und vielleicht �bervorsichtig werden zu lassen. Seit er Vela und die Sumpfleute verlassen und sich allein auf den Weg zu der Verbotenen Stadt im Herzen des Drachenlandes gemacht hatte, hatte er fast ununterbrochen an die ehemalige <emphasis>Errish </emphasis>gedacht, an sie und an das, was ihn erwarten mochte. Wenn man lange genug �ber eine unbekannte Gefahr nachdachte, dann fing man irgendwann einmal an, Gespenster zu sehen.</p><p>Aber der Thbargsegler dort dr�ben war kein Gespenst. Ganz und gar nicht.</p><p>Skar atmete h�rbar ein, trat einen Schritt von der Reling zur�ck und sah sich unschl�ssig an Deck um. Am liebsten w�re er in seine Kabine gegangen und dort geblieben, bis der Thbarg weitergesegelt war, aber das h�tte zu sehr nach Flucht ausgesehen. Einen Moment �berlegte er, ob er einfach seinen Mantel abstreifen und sich unter die Mannschaft mischen sollte, verwarf diesen Gedanken aber sofort wieder. Die Besatzung der SHANTAR bestand ausschlie�lich aus kleinen, gelbh�utigen Freiseglern, unter denen er sofort aufgefallen w�re.</p><p>Er merkte pl�tzlich, da� Andred ihn beobachtete, drehte sich verlegen um und l�chelte. �Ist es normal, da� ein Schiff auf hoher See den Kurs �ndert, nur weil die Kapit�ne einen Plausch halten wollen?� fragte er, ehe Andred Gelegenheit hatte, eine Frage zu stellen. Skars Verhalten konnte dem Freisegler nicht entgangen sein.</p><p>Aber wenn er sich seine Gedanken dar�ber machte, so lie� er sich - jedenfalls im Augenblick - nichts anmerken. �Manchmal�, sagte er. �Zumindest auf hoher See. In K�stenn�he wie hier ... Vielleicht brauchen sie Wasser oder Proviant�, sagte er achselzuckend. �Oder einen Heilkundigen. Wir werden es in wenigen Augenblicken wissen.�</p><p>Skar zuckte zusammen und sah beinahe erschrocken an Andred vorbei nach Westen. Der Thbarg hatte schon fast die halbe Entfernung zur�ckgelegt und kam rasch n�her. Die Segel an den vier gro�en Masten waren gebl�ht, und vor dem beilscharfen Rammsporn des Schiffes gischtete eine wei�e Bugwelle. Andred hatte nicht �bertrieben - der Thbarg <emphasis>war </emphasis>doppelt so schnell wie die SHANTAR; mindestens.</p><p>�Wenn du unter Deck gehen willst�, sagte Andred pl�tzlich, �dann tu es, solange noch Zeit ist. Von der Mannschaft wird niemand verraten, da� du an Bord bist. Freisegler nehmen normalerweise keine Passagiere mit.�</p><p>�Ich ...� Skar sch�ttelte den Kopf, sah Andred jedoch nicht direkt an. �Wie kommst du darauf, da� ich unter Deck m�chte?� fragte er ausweichend.</p><p>Der Freisegler grinste, wurde jedoch sofort wieder ernst. �Nur so�, murmelte er. �Du siehst nicht gerade aus wie ein Mann, der sich �ber das Zusammentreffen freut.�</p><p>Skar warf ihm einen finsteren Blick zu, schwieg jedoch und starrte dem n�her kommenden Thbarg entgegen. Das Kaperschiff pfl�gte wie ein gewaltiger schwarzer Wal durch die Wellen. Es war gr��er als die SHANTAR, aber schlanker, so da� die Kraft des guten Dutzends Segel, die sich an den vier Masten bl�hten, optimal genutzt wurde und dem Schiff eine erstaunliche Geschwindigkeit - und wohl auch Wendigkeit - verlieh. Seine Bordwand war gut eine Mannesl�nge h�her als die des Freiseglers, und hinter der hohen, durchbrochenen Reling waren die Drachenk�pfe zahlreicher gespannter Katapulte zu erkennen, als das Schiff n�her kam.</p><p>�Das ist seltsam�, murmelte Andred.</p><p>�Was?�</p><p>�Der Rauch dort - siehst du ihn?� Der Freisegler deutete auf das Heck des Thbarg. Eine Anzahl d�nner, schwarzgrauer Rauchs�ulen erhob sich vom Achteraufbau des Kaperseglers. Sie trieben fast sofort im Wind auseinander, waren jedoch trotzdem deutlich zu erkennen. �ber dem hinteren Teil des Schiffes schien die Luft leicht zu flimmern, als w�re sie erhitzt. Skar nickte. �Kohlen�, erkl�rte Andred. �F�r die Katapulte. Sie sind in voller Kampfbereitschaft.�</p><p>�Hast du nicht gerade erst gesagt, da� du keinen Streit mit den Thbarg hast?� fragte Skar mit m�hsam beherrschter Stimme. �Das gilt nicht uns�, widersprach der Freisegler. �Wollten sie uns angreifen, h�tten sie es l�ngst getan. Wir sind l�ngst in ihrer Reichweite. Au�erdem w�rde er dann kaum l�ngsseits gehen, sondern uns im rechten Winkel rammen.� Seine Zunge fuhr in einer raschen, nerv�sen Bewegung �ber seine Unterlippe, und die Worte klangen nicht ganz so �berzeugt, wie sie es h�tten tun sollen. Der Freisegler war nerv�s, das sah Skar ganz deutlich. Schweigend beobachteten sie das N�herkommen des Kaperschiffes. Der Thbarg minderte seine Geschwindigkeit nicht, �nderte seinen Kurs erst im letzten Moment und segelte schlie�lich ein St�ck hinter und neben der SHANTAR. Die Segel wurden gerefft; Skar konnte sehen, wie das Schiff wie ein gro�es, schwerf�lliges Tier zitterte, als der Druck des Windes auf seine Spanten nachlie�. Es war noch immer schneller als die SHANTAR, verlor jedoch nun rasch an Fahrt und kam nach wenigen Minuten fast auf den Meter genau neben dem kleineren Freisegler zum Stehen. Andred begleitete das Man�ver mit einem fl�chtigen Stirnrunzeln, aber selbst Skar - der von Schiffen kaum mehr verstand, als da� sie gro� waren und schwimmen konnten - begriff, da� er hier Zeuge einer seem�nnischen Meisterleistung wurde.</p><p>�Ahoi, SHANTAR!� drohte eine Stimme vom Deck des Thbarg her�ber. �Wir kommen an Bord!�</p><p>Eine Anzahl dunkler, gegen den flammenden Morgenhimmel nur als flache schwarze Schattenrisse zu erkennende Gestalten erschien hinter der Reling des Kaperseglers. Das gewaltige Schiff zitterte wieder, neigte sich ein wenig zur Seite und trieb dann ganz langsam auf die SHANTAR zu. Skar sah weder Ruder noch sonstige Hilfsmittel, mit denen das Schiff bewegte wurde; trotzdem schmolz die Entfernung zwischen den beiden Seglern sichtlich zusammen.</p><p>�Wie macht er das?� fragte Skar.</p><p>Andred zuckte erneut mit den Achseln. �Ich habe keine Ahnung�, antwortete er. �Aber irgendwie hast du recht, Satai - die Sache gef�llt mir nicht.� Er hatte unwillk�rlich die Stimme gesenkt und fl�sterte nur noch; seine H�nde lagen auf der Reling, so fest, da� die Kn�chel wei� durch seine sonnenverbrannte Haut hindurchschimmerten. Er gab sich alle M�he, seine Unruhe zu verbergen, aber es gelang ihm nicht.</p><p>Der Thbarg kam n�her und hielt schlie�lich auf die gleiche, geheimnisvolle Weise, auf die er sich in Bewegung gesetzt hatte, weniger als eine Arml�nge neben der SHANTAR an. Ein schwacher Geruch nach frischem Teer und brennenden Kohlen wehte zu ihnen her�ber.</p><p>In die Gestalten hinter der Reling kam Bewegung. Eine Planke wurde zum Deck der SHANTAR herabgelassen und mit kleinen kupfernen Krallen festgehakt; dann traten drei der M�nner - rasch und mit ausgebreiteten Armen, um auf der absch�ssigen Laufplanke das Gleichgewicht zu halten - zu ihnen herab.</p><p>Skar musterte die Neuank�mmlinge mit unverhohlenem Mi�trauen. Sie waren allesamt gro� und sehr muskul�s und in bodenlange, dunkelblaue, mit silbernen Stickereien verzierte M�ntel geh�llt. Das einzige Unterscheidungsmerkmal war ein wuchtiger, goldbeschlagener Helm, den einer von ihnen trug. Nach dem einfachen, schon beinahe �rmlichen Leben, das Skar an Bord der SHANTAR kennengelernt hatte, erschien ihm die Aufmachung der drei Thbarg schon fast barbarisch in ihrer Pracht.</p><p>�Ich bin Gondered�, stellte sich der Anf�hrer der Thbarg vor. Es war der Mann mit dem Goldhelm. Sein Blick tastete, rasch und mit der Selbstsicherheit eines Mannes, der im Umgang mit Menschen ge�bt war, �ber Skars Gestalt, blieb eine halbe Sekunde an seinem Gesicht h�ngen und wandte sich dann Andred zu. �Ihr seid der Kapit�n?� Es war keine Frage, sondern eine Feststellung, und allein der herrische Ton, in dem sie vorgebracht wurde, kl�rte die Fronten zwischen ihnen deutlicher, als es die gespannten Katapulte gekonnt hatten.</p><p>Andred nickte. Die Bewegung wirkte abgehackt und verkrampft, und Skar sah, wie die Hand des Freiseglers langsam und in einer Bewegung, �ber die er sich wahrscheinlich selbst nicht im klaren war, zum G�rtel kroch. Der Griff seines Kurzschwertes zeichnete sich deutlich durch das gl�nzende Leder des Regenmantels ab. �Mein Name ist Andred�, sagte er m�hsam beherrscht. �Ich bin Eigner und Kapit�n der SHANTAR. W�rdet Ihr mir verraten, was der Grund f�r Euren Besuch ist?� Seine Stimme klang spr�de. Von der Freundlichkeit, die Skar an ihm kennen- und sch�tzengelernt hatte, war nichts mehr geblieben.</p><p>Auch Gondered entging der ablehnende Tonfall in den Worten des Freiseglers nicht, aber seine Reaktion fiel anders aus, als Skar erwartet hatte. In seinen Augen blitzte es am�siert auf. �Gern, Kapit�n�, sagte er. �Wir segeln im Auftrag der Ehrw�rdigen Frauen von Elay und kontrollieren jedes Schiff, das sich den K�sten des Drachenlandes n�hert.�</p><p>�Kontrollieren?� konterte Andred. �Wonach? Wenn Ihr nach Schmuggelgut sucht...�</p><p>Gondered unterbrach ihn mit einer abf�lligen Handbewegung. �Wer spricht von Schmugglern?� sagte er l�chelnd. �Wir sind Thbarg, Kapit�n, keine Steuereintreiber. Ihr solltet uns besser kennen. Wir suchen Quorrl.�</p><p>�Hier?� erwiderte Andred ungl�ubig. �Verzeiht, Kapit�n, aber -�</p><p>Erneut wurde er von Gondered unterbrochen. �Ich habe meine Befehle�, sagte der Thbarg hart. �Und die lauten nun einmal, mir jedes Schiff genau anzusehen.� Er schwieg einen Moment und l�chelte dann fl�chtig, wohl, um seinen Worten nachtr�glich etwas von ihrer Sch�rfe zu nehmen. �Nat�rlich glaube ich nicht, da� ich auf Eurem Schiff Quorrl oder sonstiges Kroppzeug antreffen werde, Kapit�n, aber Ihr werdet mir erlauben, Eure Lader�ume ganz kurz zu inspizieren?�</p><p>Skar sah alarmiert von Gondered zu Andred und wieder zur�ck. Er sp�rte, da� es in dem Freisegler kochte. Gondereds Freundlichkeit war bewu�t aufgesetzt, und der Spott, der sich dahinter verbarg, kaum mehr zu �berh�ren. Es schien dem Thbarg Freude zu bereiten, sich an der Hilflosigkeit seines Gegen�bers zu weiden.</p><p>�Mein Schiff steht Euch zur Verf�gung�, sagte Andred steif. �Wenn Ihr die Frachtpapiere sehen wollt...�</p><p>Gondered winkte ab. �Mit dem Papierkram sollen sich die Hafenbeh�rden befassen�, sagte er. �Ihr segelt nach Anchor?� Andred nickte. �Wir wollen noch heute einlaufen.�</p><p>�Das werdet Ihr�, versicherte Gondered. �Es dauert nicht lange, vorausgesetzt, da� wir nichts finden.�</p><p>Andreds L�cheln wurde um eine weitere Spur eisiger, aber er zog es vor zu schweigen. Der Thbarg drehte sich herum, gab seinen M�nnern an Deck des Kaperschiffes ein Zeichen und trat zur Seite, als weitere M�nner �ber die Planke zur SHANTAR herunter kamen. Sein Blick heftete sich wieder auf Skar.</p><p>�Ihr seid kein Freisegler?� fragte er.</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf, schwieg aber. Er sp�rte ganz genau, da� Gondered mehr war als ein einfacher Kaperkapit�n, der seine Befehle ausf�hrte. Und der Thbarg gab sich nicht einmal sonderliche M�he, sich zu verstellen.</p><p>�Wie kommt es, da� sich ein Thbarg in die Dienste der <emphasis>Errish </emphasis>stellt?� fragte Skar. �Ich dachte immer, ihr w�ret ein stolzes Volk, das sich nicht verkauft.� Seine Worte taten ihm im gleichen Moment schon wieder leid, aber Gondered geh�rte zu den M�nnern, die allein durch ihren Anblick schon Aggressionen in ihm weckten.</p><p>Die Mundwinkel des Thbarg zuckten. �Wir verkaufen uns nicht�, sagte er betont. �Aber wenn die <emphasis>Errish </emphasis>nach Hilfe rufen, dann kommen wir. Folgen nicht sogar die Satai dem Ruf der Ehrw�rdigen Frauen?�</p><p>Skar hatte M�he, nicht zusammenzufahren. Gondereds Gesicht wirkte entspannt und so herablassend-freundlich wie zuvor, aber es war gewi� kein Zufall, da� er ausgerechnet diese Frage stellte. Und das mi�trauische Glitzern in seinen Augen war un�bersehbar.</p><p>Skar zuckte mit den Achseln, wandte sich halb um und sah scheinbar interessiert zu, wie Gondereds M�nner �ber das Deck der SHANTAR ausschw�rmten und in den Frachtluken und Aufbauten verschwanden. �M�glich�, sagte er. �Ich k�mmere mich im allgemeinen nicht um solche Dinge.�</p><p>�Ihr habt nicht zuf�llig einen Satai getroffen, in letzter Zeit?� fuhr Gondered lauernd fort.</p><p>Skar wandte sich wieder zu ihm um, hielt seinem Blick eine endlose Sekunde lang stand und sch�ttelte den Kopf. �Der letzte, von dem ich h�rte, schlug sich gerade in der Arena von Ikne f�r Geld mit irgendwelchen Barbaren herum�, sagte er ruhig.</p><p>Gondered nickte. Einen Moment schien er �ber Skars Worte nachzugr�beln. �Und wer seid Ihr?� fuhr er dann fort. �Wenn die Frage gestattet ist - immerhin trifft man selten einen Passagier an Bord eines Freiseglers.�</p><p>Andred sog erschrocken die Luft ein. Gondered mu�te es erkennen, lie� sich jedoch keine Reaktion darauf anmerken. �Mein Name ist Bert�, log Skar. �Ich bin ein reisender H�ndler aus Malab. Kapit�n Andred war so freundlich, mir eine Passage auf seinem Schiff anzubieten. Der Landweg nach Elay ist weit und voller Gefahren.�</p><p>�Vor allem f�r einen hilflosen Kaufmann wie Euch, wie?�</p><p>Skar l�chelte d�nn. �Wer sagt, da� Kaufleute unbedingt hilflos sein m�ssen?� gab er zur�ck.</p><p>�Bert ist ein guter Bekannter von mir�, mischte sich Andred ein. �Ich stand seit langem in seiner Schuld. Er ... hat mir einmal zu einem guten Gesch�ft verholfen. Mit der �berfahrt kann ich das wettmachen.�</p><p>Gondered runzelte die Stirn, sah Andred einen Herzschlag lang zweifelnd an und wandte sich dann wieder an Skar. �Ihr werdet in Anchor keine guten Gesch�fte machen�, sagte er. �Die Stadt steht in Waffen, und die Menschen haben anderes zu tun, als Gesch�fte abzuschlie�en.�</p><p>�Gegessen wird immer�, gab Skar mit gespieltem Gleichmut zur�ck. �Und wo ein paar Goldst�cke zu verdienen sind, da ist auch der Krieg rasch vergessen.�</p><p>�Was soll das hei�en, die Stadt steht in Waffen?� fragte Andred hastig.</p><p>Gondered bedachte ihn mit einem beinahe mitleidigen Blick. �Ihr seid lange nicht mehr in diesem Teil Enwors gewesen, wie?� fragte er. �Das ganze Drachenland ist zu den Waffen geeilt, Kapit�n, aus dem gleichen Grund, aus dem wir hier patrouillieren.�</p><p>�Quorrl?� fragte Skar.</p><p>Der Thbarg nickte. �Die Ehrw�rdige Mutter ist endlich zur Besinnung gekommen und tut, was schon vor Jahrzehnten h�tte getan werden sollen. Ein Heereszug der Quorrl hat die Grenzen �berschritten und eine Stadt geschleift. Und jetzt jagen wir sie zur H�lle.�</p><p>Skar runzelte die Stirn. �Ihr sprecht sehr respektlos von Eurer Dienstherrin, Kapit�n�, sagte er leise.</p><p>�Elay ist weit�, antwortete Gondered achselzuckend. �Und wie Ihr schon so richtig bemerkt habt, <emphasis>Bert� - </emphasis>er betonte den Namen auf so seltsame Weise, da� Andred erneut zusammenfuhr -, �verkaufen wir Thbarg uns nicht. Wir erf�llen nur unsere Aufgabe. Aber das gr�ndlich, mein Wort darauf.�</p><p>Skar verbi� sich die b�se Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag. Gondered wu�te - oder ahnte zumindest -, da� er alles andere als ein harmloser Kauffahrer war, und wollte ihn provozieren. Skar mu�te zugeben, da� Gondered nahe daran war, sein Ziel zu erreichen. Vielleicht hatte die Reise an Bord der SHANTAR zu lange gedauert. Nach der ununterbrochenen Anspannung, unter der Skar seit seinem ersten Aufbruch aus Ikne gestanden hatte, lie�en ihn die zwei Wochen Ruhe an Bord des Seglers nicht nur m�de, sondern auch unvorsichtig werden.</p><p>�Seit wann treiben sich Quorrl auf dem offenen Meer herum?� fragte Andred, bevor Skar vollends einen Streit mit dem Thbarg beginnen konnte.</p><p>Gondered zuckte mit den Achseln, als interessiere ihn die Antwort auf diese Frage �berhaupt nicht. �Sie sind �berall�, sagte er. �Das Heer wurde zerschlagen, aber die �berlebenden haben sich zu kleinen Banden zusammengeschlossen und ziehen pl�ndernd durch das Land. Vor zwei Wochen haben sie einen K�stensegler gekapert und versucht, mit ihm das freie Meer zu erreichen.�</p><p>�Und?� fragte Skar.</p><p>Gondered l�chelte h��lich. �Unsere Katapulte schie�en sehr weit�, sagte er. �Und sehr genau, Bert. Die Quorrl haben das nicht geglaubt, aber wir haben es ihnen demonstriert.� Er wurde �bergangslos wieder ernst. �Ihr solltet auf der Hut sein, Bert, wenn Ihr Anchor verla�t und weiter durch das Land zieht.�</p><p>Skar l�chelte b�se. �Solange es M�nner wie Euch gibt, Gondered, f�rchte ich mich nicht vor Quorrl.�</p><p>Gondereds Hand schlo� sich um den Schwertgriff unter seinem Mantel. Der Stoff bewegte sich raschelnd, und Skar sah, da� Gondered darunter ein glitzerndes Panzerhemd trug. Auch die letzte Spur von Freundlichkeit verschwand aus Gondereds Gesicht. �Das braucht Ihr auch nicht, Bert�, sagte er dumpf. Er fuhr mit einer abrupten Bewegung herum, entfernte sich ein paar Schritte und begann seine Leute anzubr�llen und zur Eile anzutreiben. Skar und Andred sahen schweigend zu, wie die Thbarg das Schiff untersuchten. Es war alles andere als ein fl�chtiger Blick, wie Gondered angek�ndigt hatte. Sie brauchten weniger als eine halbe Stunde, aber es mu�ten an die hundert Mann sein, die nach und nach auf das Deck der SHANTAR herunterstiegen, unter Deck gingen und jeden Winkel und jede Ecke durchst�berten. Skar sp�rte, wie sich die Stimmung unter den Freiseglern mehr und mehr zuspitzte. Es war nicht viel, was er �ber das Volk der Freisegler wu�te - er war den M�nnern w�hrend der letzten vierzehn Tage aus dem Weg gegangen, soweit dies in einer so beengten Umgebung wie einem Schiff m�glich war; und sie ihm auch -, aber der Stolz dieser seefahrenden H�ndler war �berall auf Enwor zur Gen�ge bekannt. Es geh�rte nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, was jetzt hinter den scheinbar unbewegten Gesichtern der M�nner vorging, und er sah mehr als eine Hand, die mit einer unbewu�ten Geste nach S�bel, Tau oder Enterhaken tastete. Im stillen bewunderte er die Disziplin, die Andreds M�nner an den Tag legten. Gondereds Verhalten war mehr als eine blo�e Provokation. Es war eine Dem�tigung, wie sie schlimmer kaum sein konnte, und zugleich eine ebenso �berhebliche wie unn�tige Demonstration von St�rke. Skar beobachtete den Thbarg genau - Gondered wirkte nur �u�erlich gelassen und ruhig. Seine Freundlichkeit war nur eine d�nne, nicht einmal besonders sorgsam aufgetragene T�nche, und dem Blick seiner dunklen, stechenden Augen schien nicht die winzigste Kleinigkeit zu entgehen. Skar war sicher, da� Gondered die gereizte Stimmung unter den Freiseglern ebenso deutlich bemerkte wie er. Gondered geno� die Situation sichtlich. Wahrscheinlich, �berlegte Skar, wartete er nur darauf, seine St�rke und die Feuerkraft seines Seglers demonstrieren zu k�nnen.</p><p>Aber der gef�hrliche Moment ging vorbei, und schlie�lich zogen sich Gondereds M�nner so schnell und unauff�llig, wie sie gekommen waren, wieder zur�ck. Auch der Thbarg und seine beiden Begleiter wandten sich zum Gehen, blieben jedoch kurz vor Erreichen der Laufplanke noch einmal stehen.</p><p>�Ihr k�nnt weitersegeln, Andred�, sagte Gondered kalt. �Der Wind steht g�nstig, und wenn Eure Ruderer kr�ftig auslegen, dann erreicht Ihr Anchor noch vor Sonnenuntergang.� Er nickte, l�chelte wieder sein d�nnes, humorloses L�cheln und wandte sich noch einmal an Skar. �Auch wir segeln nach Anchor, Bert�, sagte er. �Ihr k�nnt den Rest der Reise auf unserem Schiff verbringen, wenn Ihr wollt. Ihr gewinnt einen halben Tag.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. �Es lohnt sich nicht mehr�, entgegnete er. �Mein Gep�ck m��te umgeladen werden, und ich will Euch nicht l�nger von der Jagd auf Quorrl abhalten als n�tig ist. Danke f�r das Angebot.�</p><p>Gondered zuckte die Achseln. �Wie Ihr wollt. Ich denke, wir sehen uns noch. In Anchor. Guten Wind, Kapit�n.�</p><p>�Guten Wind�, erwiderte Andred steif. Mit unbewegtem Gesicht sah er zu, wie Gondered und seine drei Begleiter an Bord des Kaperseglers zur�ckkehrten und die Laufplanke eingezogen wurde. Ein tiefes, mahlendes St�hnen ging durch den Rumpf des gr��eren Schiffes. Der Bug mit dem messerscharfen Rammsporn drehte sich ein wenig von der SHANTAR weg auf die entfernte K�ste zu, die Segel wurden gesetzt, und das Schiff nahm wieder Fahrt auf. Andred starrte ihm l�nger als eine Minute nach, fuhr dann mit einer abrupten Bewegung herum und ma� Skar mit einem undeutbaren Blick. �Ich glaube, Ihr seid mir eine Erkl�rung schuldig, Satai?� sagte er kalt.</p><p>Skar nickte. �Ich -�</p><p>Andred unterbrauch ihn mit einer hastigen Handbewegung. �Nicht hier�, sagte er. �In meiner Kabine. Ihr k�nnt schon hinuntergehen. Ich habe hier noch zu tun, komme aber gleich nach.� Er nickte, ging ohne ein weiteres Wort an Skar vorbei und begann seinen M�nnern Kommandos und Befehle zuzurufen.</p><p>Skar blieb noch einen Moment an der Reling stehen, ehe er sich ebenfalls umdrehte und langsam zum Achteraufbau der SHANTAR ging. Er hatte gesp�rt, wieviel M�he es Andred gekostet hatte, ihn zumindest h�flich zu behandeln - es war kein Zufall, da� der Freisegler nach fast zwei Wochen vom vertraulichen Du wieder zum reservierten Ihr zur�ckgekehrt war, und eigentlich kam es Skar jetzt erst richtig zu Bewu�tsein, da� Andred vielleicht nicht nur seine Freiheit, sondern sein Leben und sein Schiff riskiert hatte, als er ihn deckte.</p><p>Er erreichte die T�r, blieb noch einmal stehen und sah dem rasch kleiner werdenden Kapersegler nach. Der Thbarg hatte volle Segel gesetzt und jagte mit gro�er Geschwindigkeit nach Norden, wie die SHANTAR der K�ste folgend, jedoch n�her; wahrscheinlich nahe genug, da� man von Deck aus noch das Geschehen auf den K�stenfelsen verfolgen konnte und gleichzeitig durch den gewaltigen schwarzen Schauen der Basaltklippen vor einer Entdeckung von See aus gesch�tzt war. Skar konnte Gondered ein gewisses Ma� an Anerkennung nicht versagen. In seinen Augen war der Thbarg nichts als eine Ratte, doch eine intelligente, gef�hrliche Ratte. Aber im Grunde h�tte ihn diese Entwicklung nicht �berraschen d�rfen. Es war genau dieser Typ Mann, den Vela in ihre Dienste nehmen w�rde.</p><p>Mit einem entschlossenen Kopfsch�tteln vertrieb er den Gedanken, drehte sich herum und trat durch die T�r. Andreds Kabine lag am Ende eines langen, fensterlosen Ganges ganz im Heck des Schiffes. Es war der einzige Raum an Bord, der die Bezeichnung Kabine wirklich verdiente - auch er war klein, kaum f�nf mal zehn Schritte messend, aber die Decke war wenigstens hoch genug, da� man stehen konnte, ohne sich st�ndig den Sch�del anzusto�en, und durch die vier gro�en, aus farbigem Glas bestehenden Luken an der R�ckseite drang gen�gend Sonnenlicht herein, um dem Raum wenigstens etwas von seiner Kerkeratmosph�re zu nehmen.</p><p>Skar schlo� die T�r hinter sich, streifte seinen Umhang ab und warf ihn achtlos in eine Ecke. Gondereds M�nner waren auch hier gewesen - einige der B�cher auf dem schmalen, mit einer silbernen Kette gesicherten Regal neben der T�r waren umgeworfen und nur achtlos wieder aufgestellt worden, und die T�r des Wandschranks stand einen Spaltbreit offen. Skar trat besorgt an die niedrige, metallbeschlagene Seekiste des Freiseglers heran und lie� sich davor in die Hocke sinken. Das Haar, das er in eines der Scharniere geklemmt hatte, war noch da.</p><p>Skar atmete innerlich auf. Er war sicher, da� die Thbarg auch seine Kabine durchsucht hatten, vielleicht gr�ndlicher als jeden anderen Raum an Bord. Im nachhinein begl�ckw�nschte er sich zu dem Entschlu�, Andred gleich zu Beginn der Reise sein <emphasis>Tschekal </emphasis>und das schmale Satai-Stirnband in Verwahrung gegeben zu haben.</p><p>Als er sich wieder aufrichtete, wurde die T�r ge�ffnet, und Andred betrat den Raum. Er blieb einen Herzschlag lang stehen, sah zuerst Skar, dann die Seekiste an und ging schlie�lich mit �bertrieben eiligen Schritten zu seinem Tisch. �Setz dich, Satai�, sagte er knapp, nachdem er selbst hinter dem wuchtigen, mit kostbaren Schnitzereien verzierten Schreibtisch Platz genommen hatte. Skar zog sich einen der niedrigen dreibeinigen Schemel heran, lie� sich darauf nieder und sah Andred an. Der Freisegler hatte seinen Regenmantel abgelegt und wirkte jetzt noch schmaler, als er ohnehin war. Seine Finger spielten nerv�s mit einer zusammengerollten Karte. Aber er hielt Skars Blick gelassen stand.</p><p>Skar begann sich allm�hlich unwohl zu f�hlen. Ihm w�re wohler gewesen, wenn Andred ihm Vorhaltungen gemacht oder wenigstens <emphasis>irgend etwas </emphasis>gesagt h�tte.</p><p>�Du ... wartest auf eine Erkl�rung�, sagte er stockend.</p><p>Andred l�chelte. �Nicht unbedingt. Nur, wenn Euch danach ist, Satai�, sagte er sp�ttisch.</p><p>Skar zuckte zusammen. �Du hast dein Schiff und deine Ladung in Gefahr gebracht�, begann er, �und -�</p><p>�Ich habe mein und das Leben meiner Besatzung aufs Spiel gesetzt, wenn du es genau wissen willst�, unterbrach ihn Andred k�hl. �Dieser Thbarg h�tte uns mit Freuden die Wirkung seiner Katapulte demonstriert, wenn ich ihm Gelegenheit dazu gegeben h�tte. Aber ich habe es nicht wegen dir getan.�</p><p>�Sondern?� fragte Skar, obwohl er die Antwort bereits kannte. Andred verzog angewidert die Lippen. �Nimm an, da� ich M�nner wie Gondered nicht mag�, sagte er. �Und nimm weiter an, da� ich es nicht sch�tze, auf offener See aufgebracht und wie ein gemeiner Schmuggler behandelt zu werden. Aber das ist keine Antwort auf meine Frage, Skar. Warum hast du dich als malabesischer H�ndler ausgegeben?�</p><p>�H�tte ich es nicht getan�, antwortete Skar nach einer genau bemessenen Pause, �dann w�ren wir jetzt vielleicht alle schon tot.�</p><p>Andred zog die linke Augenbraue hoch, schwieg aber.</p><p>�Ich kann mich t�uschen�, fuhr Skar nach einer Weile fort, �aber ich glaube nicht, da� Gondered wirklich auf der Suche nach Quorrl oder Schmugglern ist. Er sucht mich.�</p><p>�Dich?�</p><p>Skar nickte. �Ich f�rchte�, best�tigte er. �Und ich f�rchte, er hat mir die Geschichte von dem malabesischen H�ndler nicht geglaubt. Es wird am besten sein, wenn ich von Bord gehe, ehe die SHANTAR den Hafen von Anchor anl�uft.�</p><p>Andred runzelte zweifelnd die Stirn und beugte sich ein wenig vor. �Wie kommst du darauf, da� sie dich suchen?� fragte er. �Das ist eine lange Geschichte�, antwortete Skar ausweichend. Er rutschte unruhig auf seinem Schemel hin und her und sah an Andred vorbei zur Luke. Das farbige Bleiglas zerst�ubte das Sonnenlicht zu glitzernden Streifen aus Blau und Rot und Orange und Gelb, und f�r einen Moment glaubte Skar einen m�chtigen, struppigen Schatten zwischen den farbigen Lichtbahnen zu gewahren.</p><p>Aber der Schatten war nat�rlich nicht wirklich da. Es war seine Vergangenheit, die ihn wieder eingeholt hatte. Die zwei Wochen auf See waren eine Atempause gewesen, mehr nicht. Es war nicht vorbei. Vielleicht hatte es noch nicht einmal wirklich begonnen. �Erz�hl sie�, sagte Andred. �Wir haben Zeit genug, und ich bin ein geduldiger Zuh�rer.�</p><p>�Wie kommst du darauf, da� ich sie erz�hlen will?� fragte Skar in einem Tonfall, der ihm fast sofort wieder leid tat. �Es w�re vielleicht nicht gut f�r dich, sie zu wissen�, f�gte er hastig hinzu. �Ich habe Feinde, Andred. M�chtige Feinde.�</p><p>Der Freisegler zuckte gleichm�tig die Achseln und lie� sich zur�cksinken. �Wenn du recht hast�, sagte er, �dann werde ich so oder so Schwierigkeiten bekommen. Aber nimm keine R�cksicht auf mich - ich habe dir schon gesagt, welche Gef�hle ich Gondered entgegenbringe. Ich h�tte ihn in Ketten legen und kielholen lassen, w�re sein verdammter Kapersegler nicht gewesen. Ich werde mich bei der Hafenbeh�rde von Anchor �ber ihn beschweren.�</p><p>Skar lachte hart. �Wenn du mich fragst, dann <emphasis>ist </emphasis>er die Hafenbeh�rde.�</p><p>Andred sah ihn einen Moment lang fast erschrocken an und lachte dann ebenfalls. �Seinem Benehmen nach zu urteilen, k�nntest du recht haben�, best�tigte er. �Aber nun einmal im Ernst, Skar� - er wurde �bergangslos wieder ernst, beugte sich ein St�ck vor und st�tzte die Ellbogen auf der Tischkante auf -, �was hat das zu bedeuten? Und was meinst du damit, da� er dich sucht?�</p><p>�Das, was ich sage�, murmelte Skar. �Hast du je davon geh�rt, da� die <emphasis>Errish </emphasis>thbargsche Kapersegler in ihre Dienste nehmen?� Andred sch�ttelte den Kopf. �Nein. Und ...�</p><p>�Oder da� sie zu einem Kriegszug gegen die Quorrl aufrufen? Es ist nicht das erste Mal, da� Quorrl oder andere Banditen die Grenzen des Drachenlandes verletzen.�</p><p>Andred nickte widerwillig. �Sicher�, sagte er, �aber ...� Er sprach den Satz nicht zu Ende, sondern sah Skar nur unsicher und mit wachsendem Schrecken an. Es war deutlich zu sehen, da� seine �berlegungen in die gleichen Richtungen wie die Skars gingen - aber es war auch ebenso deutlich zu sehen, da� er sich mit aller Macht gegen die Erkenntnis, die daraus folgerte, zu wehren versuchte. Skar verstand den Freisegler nur zu gut. Noch vor wenigen Monaten hatte er �hnlich reagiert. Die <emphasis>Errish </emphasis>waren weit mehr als ein Clan Unantastbarer, eine Vereinigung wohlt�tiger weiser Frauen. Wenn es in einer Welt wie Enwor �berhaupt noch ein Wort gab, das f�r Ehre und ein aufrechtes Leben stand, dann war es der Name der Ehrw�rdigen Frauen.</p><p>�Ich kann mich t�uschen�, fuhr er nach einer Weile fort. �Aber der Zufall w�re zu gro�. Und es pa�t alles zusammen - obwohl ich gehofft hatte, noch rechtzeitig anzukommen.�</p><p>Andred runzelte die Stirn, faltete die H�nde auf der Tischplatte und stand unvermittelt auf. Kopfsch�ttelnd ging er zur Backbordseite der Kabine, �ffnete einen verborgenen Wandschrank und entnahm ihm einen Krug und zwei schlanke, handgeschliffene Trinkbecher aus hauchd�nnem Kristall. Er stellte einen vor Skar auf den Tisch, go� ihn bis dicht unter den Rand voll und setzte sich wieder, ehe er sein eigenes Glas einschenkte. Skar trank einen winzigen Schluck, fuhr sich mit dem Handr�cken �ber den Mund und sah den Freisegler unsicher an. Eine innere Stimme schien ihn davor zu warnen, Andred ins Vertrauen zu ziehen. Aber er war so lange allein gewesen, so lange <emphasis>einsam, </emphasis>da� er im Augenblick auch mit einem Stuhl oder dem Wind geredet h�tte. Und vielleicht tat es gut, einmal wieder mit einem Menschen zu reden, mit jemandem, der - wenn schon nicht sein Freund - so doch wenigstens ein geduldiger Zuh�rer war.</p><p>Er trank wieder und leerte das Glas diesmal bis zur H�lfte. Andred l�chelte, beugte sich �ber den Tisch und f�llte es wieder auf. �Und jetzt erz�hle�, sagte er. �Und keine Sorge - wenn deine Bef�rchtungen zutreffen, dann stecke ich ohnehin viel zu tief in der Sache, um noch mit heiler Haut herauszukommen.�</p><p>�Das ist es ja, was ich bef�rchte�, murmelte Skar. �Ich stehe in deiner Schuld, und ich m�chte nicht, da� ...�</p><p>�Unsinn�, unterbrach ihn Andred. �H�r mit den dummen Spr�chen auf, da� du nicht willst, da� ich zu Schaden komme. Das passiert h�chstens, wenn du mir weiterhin die Wahrheit verschweigst und ich Gondered blindlings ins Messer laufe. Und ich glaube�, f�gte er nach einem weiteren Schluck Wein hinzu, �es tut dir gut, dich einmal auszusprechen.�</p><p>Skar �berlegte. Andred sagte nichts mehr, aber sein Blick sprach B�nde. Vielleicht w�rde er nicht weiter in Skar dringen, aber er hatte recht, mit jedem Wort. Wissen konnte gef�hrlich sein, aber in ihrer Lage war Unwissenheit wohl noch gef�hrlicher. Skar begann stockend zu berichten. Er fing an, mit ihrer R�ckkehr von der fehlgeschlagenen Expedition in die Nonakesh und mit den Wochen in Ikne, und ohne da� er es zuerst selbst merkte, wurde seine Rede immer fl�ssiger, schneller, bis die Worte schlie�lich nur so aus ihm heraussprudelten. Andred hatte recht gehabt - es tat gut, sich auszusprechen, und auch wenn Andred nicht viel mehr f�r ihn tun konnte als zuzuh�ren, sp�rte er, wie der Druck allm�hlich von seiner Seele wich. Es war das erste Mal �berhaupt, da� er einen Menschen so ins Vertrauen zog, aber er sp�rte einfach, da� er es mit Andred tun konnte. Er redete l�nger als eine Stunde und erz�hlte Andred - mit wenigen Einschr�nkungen - die ganze Geschichte, ohne da� ihn der Freisegler auch nur einmal unterbrach.</p><p>Es wurde sehr still in der kleinen Kabine, als Skar geendet hatte; selbst das Klatschen der Ruder, die die SHANTAR mit gleichm��iger Geschwindigkeit nach Norden trieben, schien leiser geworden zu sein, und das farbige Licht der Bleiglasluken trug dazu bei, die unwirkliche Atmosph�re noch zu verst�rken. �Das ist eine ... fast unglaubliche Geschichte�, sagte Andred nach einer Weile.</p><p>�Ich wei�.� Skar nickte, nahm sein mittlerweile geleertes Glas und drehte es nachdenklich in den Fingern. Der geschliffene Kristall zerlegte seinerseits das Licht wieder in einzelne Farben und lie� die unz�hligen Facetten in allen Nuancen des Regenbogens aufflammen.</p><p>�Und gerade darum bin ich fast geneigt, dir zu glauben�, sagte Andred. �Ich w��te keinen Grund, warum sich ein Mann wie du eine so haarstr�ubende Geschichte ausdenken sollte.� Er lachte, aber es war eher ein Laut der Unsicherheit. �Und du glaubst, diese - wie hie� sie? Vela?�</p><p>Skar nickte.</p><p>�Du glaubst, diese Vela ist bereits in Elay? In weniger als vier Monaten vom Quellgebiet des Besh hierher?� Der Zweifel in Andreds Stimme war un�berh�rbar, aber wie das Lachen zuvor schien auch er gek�nstelt und nur dem Zweck dienend, die Furcht, die Skars Erz�hlung in ihm wachgerufen hatte, zu d�mpfen. �Und in dieser Zeit soll sie auch noch die Macht in Elay �bernommen haben?�</p><p>�Du hast nicht erlebt, wozu diese Frau f�hig ist�, murmelte Skar. �Sie spielt mit Menschen wie mit Puppen. M�nner wie Gondered haben ihr nichts entgegenzusetzen. Und dieser verdammte Stein gibt ihr zus�tzlich noch die M�glichkeit, alles zu erreichen.� Er seufzte, sch�ttelte den Kopf und go� sich Wein ein. �Ich bin auf dein Schiff gekommen, weil ich dachte, so noch rechtzeitig in Elay sein zu k�nnen. Aber es sieht so aus, als h�tte ich mich get�uscht. Sie war vor mir hier, und sie wei�, da� ich sie verfolgen werde. Wahrscheinlich hat sie s�mtliche P�sse �ber die Berge sperren lassen.�</p><p>�Und die H�fen auch�, f�gte Andred finster hinzu.</p><p>Skar nickte. �Die H�fen auch. Deshalb mein Vorschlag, vorher an Land zu gehen. Gib mir ein Boot oder meinetwegen nur ein Holzst�ck, an dem ich mich festhalten und an Land schwimmen kann ...�</p><p>Andred unterbrach ihn mit einer resignierenden Geste. �Das ist unm�glich, Skar. Es sind acht Meilen bis zur K�ste, und selbst wenn du den Haien entgehen solltest, w�rde die Brandung dein Boot an den Klippen zerschmettern. Was glaubst du, <emphasis>warum </emphasis>wir so weit von der K�ste entfernt segeln. Der Hafen von Anchor ist die einzige Stelle auf hundert Meilen, an der ein Schiff anlegen kann. Du wirst schon an Bord bleiben m�ssen, bis wir den Hafen erreichen. Wie bist du �ber die Berge gekommen?�</p><p>Skar hatte f�r einen Moment M�he, dem pl�tzlichen Gedankensprung zu folgen. Er hatte seine Erz�hlung dort beendet, wo sie die Leichen von Velas M�nnern und des Drachen gefunden hatten.</p><p>�Gar nicht�, sagte er nach kurzem Z�gern. �Gowenna hatte recht - die P�sse waren verschneit, und ich w�re beinahe umgekommen, als ich versuchte, sie trotzdem zu �berwinden. Ich k�mpfte mich zur�ck, bis ich den Besh erreichte und einen Flu�schiffer fand, bei dem ich eine Passage erstehen konnte. F�r mein letztes Geld�, f�gte er grinsend hinzu. �Deshalb mu�te ich dir auch die Fahrt hierher abbetteln.�</p><p>�Was deinem Stolz als Satai nat�rlich einen ungeheuren Abbruch getan hat�, f�gte Andred in einer Mischung aus Ernst und gutm�tigem Spott hinzu.</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. �Nein, Andred. Mein Stolz ist auf den Ebenen von Tuan erfroren. Ich ... ich glaube nicht, da� ich wirklich noch Satai bin.�</p><p>Auf Andreds Gesicht erschien ein �berraschter Ausdruck. �Das klingt sehr verbittert, mein Freund�, sagte er. �Glaubst du wirklich, da� es sinnvoll ist, sein Leben wegzuwerfen - nur um Rache zu �ben?�</p><p>Skar sah den Freisegler an, ohne zu antworten. Es h�tte tausend Dinge geben k�nnen, die er erwidern konnte, so wie Andred tausend Antworten darauf finden konnte. Er hatte jede einzelne durchdacht, hundertmal, auf dem Weg den Besh herab und dann hier an Bord, und vielleicht hatte er sich geweigert, wirklich jemals dar�ber nachzudenken, <emphasis>weil </emphasis>er Angst hatte, eingestehen zu m�ssen, da� er sich irrte.</p><p>�Vielleicht nicht�, sagte er nach einer Weile.</p><p>�Aber du willst nicht dar�ber reden, ich verstehe�, murmelte Andred. �Und es geht mich wohl auch nichts an. Suchen wir lieber nach einer L�sung.�</p><p>�Wir?�</p><p>Andred nickte. �Du kannst nicht von Bord, Skar�, sagte er geduldig. �Sieh das endlich ein. Wir sind Partner - ob es dir pa�t oder nicht.� Er hob sein Glas und prostete Skar mit einer �bertriebenen Geste zu. �Wenn dein Verdacht stimmt, dann wird Gondered uns in Anchor erwarten.�</p><p>�Du wirst �rger bekommen�, prophezeite Skar d�ster.</p><p>Andred winkte gelangweilt ab. �Ich lebe vom �rger, Skar�, sagte er. �Aber ich glaube, du bist ein Mann, der dringend ein paar gute Freunde braucht. Nicht nur hier an Bord.� Er �berlegte einen Moment, starrte an Skar vorbei zu einem imagin�ren Punkt irgendwo auf halber Strecke zwischen seinem Schreibtisch und der Wand und faltete die H�nde unter dem Kinn. �Ich habe Bekannte in Anchor�, murmelte er, mehr zu sich als zu Skar gewandt. �Aber ich wei� nicht, ob ich ihnen trauen kann. Wenn diese Errish tats�chlich schon das ganze Land unterwandert hat...�</p><p>�Das ganze Land sicher nicht�, sagte Skar. �Auch sie kann nicht zaubern - jedenfalls nicht so. W�re ich sie, dann h�tte ich genau das getan, was sie getan hat - die Schl�sselpositionen mit meinen Leuten besetzt, die Grenzen geschlossen und dem Volk auf der Stra�e etwas gegeben, woran es sich begeistern kann.�</p><p>�Du meinst diesen Feldzug gegen die Quorrl.�</p><p>Skar nickte. �Auch. Die erste Lektion jedes M�chtegern-Diktators�, f�gte er l�chelnd hinzu. �Wirf dem Volk einen K�der hin und gib ihm etwas zu tun, damit es nicht zum Nachdenken kommt.�</p><p>Andred sog nachdenklich die Luft zwischen den Z�hnen ein. �Du wirst nach Elay m�ssen. Ein weiter Weg f�r einen einzelnen Mann. Vielleicht w�re es besser, du w�rdest warten, bis deine Freunde aus Cosh nachkommen.�</p><p>Skar sch�ttelte heftig den Kopf. �Dann ist es zu sp�t�, behauptete er. �Es w�re schon jetzt zu sp�t, f�rchte ich. Vela ist vorbereitet, und ein direkter Angriff mit Waffengewalt ist so ungef�hr das letzte, womit ihr beizukommen w�re.�</p><p>Andred nickte tr�bsinnig, seufzte erneut und stand auf. �Dieses Was-w�re-wenn-Spielchen hilft weder dir noch mir weiter�, sagte er bestimmt. �Zuerst einmal bringen wir dich von Bord. Und dann sehen wir weiter.� Er ging zur T�r, �ffnete sie und machte eine einladende Handbewegung. �Geh in deine Kabine und ruh dich noch ein paar Stunden aus�, sagte er. �Ich lasse dich wecken, sobald Anchor in Sicht ist. Mittlerweile bereite ich die Ladepapiere und das Zolldokument vor.� Er grinste. �Schlie�lich wollen wir Gondered keinen Anla� geben, das Schiff noch einmal zu durchsuchen, oder?�</p></section><section><title><p id="_2">2.</p></title><p>Die Sonne hatte den Gro�teil ihrer Wanderung hinter sich gebracht und ber�hrte schon fast wieder den Horizont, als die Hafeneinfahrt von Anchor vor ihnen auftauchte.</p><p>Skar stand am Bug des Schiffes; seit Stunden. Er hatte versucht, noch einmal mit Andred zu reden, aber der Freisegler war zu besch�ftigt gewesen. Und wahrscheinlich hatte er auch nicht mit Skar sprechen <emphasis>wollen; </emphasis>eine Reaktion, die dieser durchaus verstand und respektierte, nach allem, was geschehen war. Wenn auch nur die H�lfte seiner Bef�rchtungen zutraf, dann w�rde Andred in Anchor mehr als nur �rger bekommen, wie er es ausgedr�ckt hatte.</p><p>Das Schiff rollte arhythmisch von einer Seite auf die andere. Der Takt der Ruder war langsamer geworden; die M�nner auf den harten Ruderb�nken tief im Leib der SHANTAR mu�ten bis zum Umfallen ersch�pft sein. Und seit sie Kurs vom offenen Meer weg und fast im rechten Winkel zur K�ste hin eingeschlagen hatten, hatten die wechselnden Str�mungen, von denen Andred sprach, das Schiff ergriffen und wie einen Spielball hin und her geworfen. Skars Blick glitt �ber die sch�umenden Wellen, die die Meeresoberfl�che rechts und links des Freiseglers bedeckten. Andred hatte keineswegs �bertrieben - h�tte er es wirklich gewagt, sich mit einem Boot oder gar schwimmend der K�ste zu n�hern, dann w�re er wie ein St�ck Treibholz zerschmettert worden. Selbst die SHANTAR hatte M�he, sich dem Sog der heimt�ckischen Str�mungen und Strudel entgegenzustemmen. Ein kleineres Boot w�re in diesem Hexenkessel rettungslos verloren gewesen. Eine neue Woge traf die SHANTAR und brach sich br�llend an den Achteraufbauten. Der Gischt scho� sch�umend �ber Deck und fast bis zur Spitze des Focksegels hinauf, und der Sto�, der den Rumpf des Schiffes erbeben lie�, war so heftig, da� Skar sich unwillk�rlich fester an die Reling klammerte. Ein Schauer eisigen Spr�hregens durchn��te seinen Umhang.</p><p>�Du solltest ein wenig vorsichtiger sein, Skar�, sagte eine Stimme hinter ihm, �sonst mu�t du den Rest der Strecke am Ende doch noch schwimmen.�</p><p>Skar wandte den Kopf, wischte sich mit einer unbewu�ten Geste das Salzwasser aus dem Gesicht und schenkte Andred den finstersten Blick, zu dem er f�hig war. Der Freisegler grinste. �Im Ernst, Skar�, fuhr er fort. �Es wird Zeit, da� du unter Deck gehst. Der Hafen wird in wenigen Minuten in Sichtweite sein. Und wir in seiner. Es gibt scharfe Augen in Anchor.�</p><p>Skar sah instinktiv nach vorn. In Fahrtrichtung, weniger als eine Meile entfernt und die halbe Strecke backbord, erhob sich ein gewaltiger schwarzer Granitpfeiler aus dem Meer. Dahinter lag die Hafeneinfahrt: ein schmaler, zwei Meilen langer Kanal, der den eigentlichen Hafen vor dem Toben des Meeres sch�tzte und Anchor zu einem der wenigen Orte an der Westk�ste des gewaltigen Kontinents werden lie�, wo ein Schiff �berhaupt anlegen konnte. Trotzdem erforderte die Einfahrt gro�es seem�nnisches Geschick. Nur einer von zehn Kapit�nen wagte es �berhaupt, Anchor anzulaufen; und nicht allen gelang es.</p><p>Skar nickte knapp, drehte sich um und ging - eine Hand an der Reling, um nicht von einer neuerlichen Welle von den F��en gerissen zu werden - nach achtern. Andred folgte ihm. Er trug wieder sein schwarzes Regencape, war aber trotzdem durchn��t bis auf die Haut.</p><p>�Was wirst du tun?�</p><p>Andred zuckte mit den Achseln. �Das Einfachste�, sagte er. �Wir werden ganz normal einlaufen und mit den Entladearbeiten beginnen. Wenn es dir nichts ausmacht, ein B�ndel zu schleppen wie ein gemeiner Matrose, dann bist du von Bord, bevor Gondered auch nur merkt, da� das Schiff angelegt hat. Ich habe Freunde bei der Hafenverwaltung�, f�gte er hinzu, als er Skars zweifelnden Blick bemerkte.</p><p>Sie hatten den Achteraufbau erreicht, und Andred �ffnete die T�r, aber Skar z�gerte noch hindurchzutreten. Sein Blick glitt noch einmal nach vorn und bohrte sich in den gischtenden Nebel aus Schaum und Dunst, der das Schiff einh�llte. Alles schien ruhig und normal, aber Skar <emphasis>wu�te </emphasis>einfach, da� dieser Eindruck t�uschte. Er gab normalerweise nicht viel auf Ahnungen, aber dies war mehr. Es war ein Wissen, das irgendwo in ihm war, das er aber nicht greifen konnte. Er war f�nfmal schneller hierhergekommen, als er es eigentlich gekonnt h�tte, und er hatte alles getan, seine wahre Identit�t zu verschleiern. Er war sogar soweit gegangen, sich einen falschen Namen zuzulegen und seinen Stand als Satai zu verleugnen - etwas, das bei dem Skar, der er noch vor wenigen Monaten gewesen war, absolut undenkbar gewesen w�re. Aber Vela w�re nicht Vela gewesen, wenn sie nicht auch dies einkalkuliert h�tte.</p><p>�Was hast du?� fragte Andred.</p><p>Skar fuhr zusammen, sah den Freisegler erschrocken an und sch�ttelte dann hastig den Kopf. �Nichts�, sagte er. �Es ist nichts. Ich fange schon an, Gespenster zu sehen.� Hastig stie� er die T�r vollends auf, senkte den Kopf und trat in den niedrigen Gang. Andred folgte ihm, blieb jedoch vor der T�r zur Kapit�nskaj�te stehen und deutete mit einer Kopfbewegung hinter sich.</p><p>�Ich mu� an Deck bleiben, bis wir angelegt haben�, sagte er. �Du kannst hier warten. Zeig dich nicht, bevor ich dich rufen lasse. Und la� mir bitte noch etwas von meinem Wein �brig - ja?�</p><p>Skar wartete, bis Andred sich umgedreht hatte und wieder an Deck verschwunden war, ehe er die Kapit�nskaj�te betrat. Der Raum war noch so, wie er ihn vor Stunden verlassen hatte, nur auf dem Schreibtisch lag jetzt ein Stapel ordentlich aufgeschichteter Papiere, und der Weinkrug vor dem Stuhl, auf dem er gesessen hatte, war frisch aufgef�llt. Skar l�chelte fl�chtig, schlo� die T�r hinter sich und ging mit schnellen Schritten zu Andreds Seekiste. Seine Finger zitterten unmerklich, als er das Schlo� �ffnete und den schweren Deckel hochstemmte. Es war seltsam - w�hrend der ersten Tage an Bord war er sich beinahe nackt vorgekommen ohne den Waffengurt und seine Insignien als Satai, jetzt war es fast umgekehrt. Er nahm das schmale, in saubere wei�e T�cher eingeschlagene Paket heraus, schlo� den Deckel der Kiste und begann es - langsamer, als n�tig gewesen w�re - auszuwickeln. Die SHANTAR bebte. Von Deck her drangen die ged�mpften Stimmen Andreds und der Besatzung in die Kaj�te, und die farbigen Heckfenster waren stumpf und blind geworden, so da� in dem kleinen Raum schon eine fl�chtige Ahnung der Nacht hereingebrochen war. Er ging zum Tisch, legte das B�ndel darauf und band sich den Gurt um; mit einer raschen, beinahe w�tenden Bewegung. Das steife Leder f�hlte sich kalt und unangenehm auf der Haut an, und er hatte beinahe vergessen, wie schwer der Gurt war. Aber es war mehr als das Gewicht des Gurtes, das an ihm zerrte. Das breite Lederband mit den zw�lf Schlaufen, in denen die f�nfzackigen <emphasis>Shuriken </emphasis>aufbewahrt wurden, und mit dem f�nfstrahligen Stern der Satai und der schmucklosen Lederscheide, in der sein <emphasis>Tschekal </emphasis>ruhte, war mehr als ein Waffengurt. Mit diesem und dem Stirnband streifte er sich mehr als blo�e Schmuck- oder Ausr�stungsgegenst�nde �ber, sondern damit wurde er wieder zu dem, was er gewesen war, ehe er die SHANTAR betrat: zu Skar, dem Satai. Er wu�te jetzt pl�tzlich, woher das absurde Gef�hl der Furcht gekommen war: Es war Angst gewesen, Angst, wieder zu Skar zu werden. Er war es nicht gewesen die letzten beiden Wochen. Er war ein Mann gewesen, den es nicht gab, und selbst seine Erinnerungen waren ihm - ohne da� er sich dessen bewu�t gewesen w�re - wie die eines Fremden vorgekommen. Aber mit seiner endg�ltigen Verwandlung von Bert zu Skar kamen auch seine wirklichen Erinnerungen. Sie waren in Farben von Leid und Schmerz gemalt, in den d�steren Farben von Tod, Verzweiflung und dem Racheschwur, den er getan hatte. Fast glaubte er wirklich eine k�rperliche Ver�nderung zu sp�ren - ein Strom von Kraft, finsterer, entschlossener Kraft, der pl�tzlich durch seine Adern rann, eine knisternde, schwer in Worte zu fassende Spannung, die seinen K�rper wieder in das verwandelte, wozu er ihn einst selbst gemacht hatte: eine gnadenlose, unbesiegbare Kampfmaschine, ein Ding, das nur zum T�ten und Zerst�ren geeignet war, zu nichts anderem.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf, trat mit einem raschen Schritt ans Luk und �ffnete die Verriegelung. Ein heftiger Windsto� traf die Scheibe und ri� sie ihm um ein Haar aus der Hand. Er hielt sie fest, stemmte sich gegen den Wind, der sein Gesicht und seine Haare peitschte, und atmete den durchdringenden Salzwassergeruch in tiefen Z�gen ein, versuchte, die Gedanken und Erinnerungen dorthin zur�ckzudr�ngen, wo sie hergekommen waren. Es ging nicht. Seine Vergangenheit war wieder da, endg�ltig jetzt, und er begriff, da� er ihr niemals wirklich entronnen war, da� alles, was er bekommen hatte, eine kurze Atempause war, wenige fl�chtige Wochen, in denen sich sein K�rper und vor allem sein Geist von den Strapazen hatte erholen k�nnen. Gondered und sein schwarzes Kaperschiff waren nur eine erste Warnung gewesen, das erste h�hnische Lachen des Schicksals, mit dem es ihm hatte sagen wollen, da� dieses unmenschliche Spiel noch lange nicht vorbei war, sondern vielleicht erst jetzt richtig begann. Und noch w�hrend er diesen Gedanken dachte, dr�ngte sich ein zweiter, schlimmerer, mit unausweichlicher Macht in sein Bewu�tsein. Mit dem alten Skar war auch sein Fluch zur�ckgekehrt. Seit seinem Aufbruch aus Ikne hatte er Tod und Vernichtung verbreitet, hatte er eine Spur von Leid und Tr�nen hinter sich hergezogen. Jeder, mit dem er zusammengewesen war, war zugrunde gegangen, auf die eine oder andere Weise. Und auch Andred w�rde keine Ausnahme bilden.</p><p>Und als er dichter ans Luk herantrat und zu den gewaltigen Basaltklippen hinaufblinzelte, sah er den Schatten. Er war so schwarz wie der Felsen und viel zu weit entfernt, als da� er ihn wirklich h�tte sehen k�nnen, und er existierte in keinem anderen Ort als in seiner Phantasie, aber er war <emphasis>da.</emphasis></p><p>Als er das Luk schlo� und sich umwandte, h�rte sich das Ger�usch des Windes f�r einen Moment wie das Heulen eines Wolfes an.</p></section><section><title><p id="_3">3.</p></title><p>Die SHANTAR war das kleinste der f�nf Schiffe, die im Hafen von Anchor vor Anker lagen. Skar konnte von seinem Platz hinter den Kaj�tenfenstern nur einen kleinen Teil der Kaimauer und die Hafeneinfahrt �berblicken, aber er hatte sich - gegen Andreds Rat - kurz vor dem Anlegen des Schiffes f�r wenige Augenblicke an Deck gewagt, um sich einen Eindruck ihrer Umgebung zu verschaffen. Was er gesehen hatte, hatte ihm nicht gefallen. Anchor war nicht nur als Hafen, sondern auch als uneinnehmbare Festung bekannt, aber er hatte feststellen m�ssen, da� es �berdies auch eine Falle war - die beste, die Skar jemals zu Gesicht bekommen hatte. Das Hafenbecken war oval und wurde an drei Seiten von einer f�nf Meter hohen, glatten Kaimauer eingefa�t, so da� bei kleineren Schiffen - wie etwa der SHANTAR - nur der oberste Teil der Deckaufbauten auf das eigentliche Hafenniveau hinaufreichte. Hinter der Kaimauer erstreckte sich ein mehr als hundert Schritte breiter, vollkommen deckungsloser Streifen, vordergr�ndig wohl f�r das Entladen und Stapeln von Waren bestimmt, in Wirklichkeit jedoch eine t�dliche Falle f�r jeden, der etwa auf die Idee kommen sollte, die Stadt von dieser - scheinbar - ungesch�tzten Seite her angreifen zu wollen. Und dem Blick eines Kriegers blieb auch nicht verborgen, da� zumindest ein Teil der schwarzen, fensterlosen T�ren, die sich hinter diesem Areal erhoben, keine Silos, sondern Verteidigungsanlagen waren.</p><p>Skar fuhr aus seinen Gedanken hoch, als die T�r ge�ffnet wurde und Andred die Kaj�te betrat. Der Freisegler nickte anerkennend, als er Skars ver�ndertes Aussehen bemerkte, trat dann jedoch mit einem schnellen Schritt an seine Kiste, entnahm ihr einen zerschlissenen Kapuzenmantel und warf ihn Skar zu.</p><p>�Zieh das �ber�, sagte er, �sonst nimmt man dir den Matrosen nicht ab.�</p><p>Skar drehte das Kleidungsst�ck unschl�ssig in den H�nden, machte jedoch keine Anstalten, Andreds Aufforderung nachzukommen. Der Mantel roch muffig und nach Salzwasser und Tang, und ein Jahrzehnt in Wind und Sturm hatten die Farben ausbleichen lassen. Der Stoff f�hlte sich br�chig wie trockenes Laub an. �Wie sieht es aus?� fragte er.</p><p>Andred zuckte die Achseln, sammelte die Papiere von seinem Schreibtisch auf und deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung der Stadt. �Ich habe nach dem Hafenmeister schicken lassen�, sagte er, �und die Gelegenheit genutzt, mich unauff�llig umzusehen. Es ist alles friedlich. Kein Gondered, keine <emphasis>Errish </emphasis>und keine. Knochenkrieger�, f�gte er grinsend hinzu.</p><p>Skar blieb ernst. �Der Kapersegler liegt direkt neben der Einfahrt�, sagte er.</p><p>Andred nickte. Auch er hatte das schwarze Schiff aus Thbarg sofort wiedererkannt. �Irgendwo mu� er liegen�, meinte er gleichm�tig. �Und der Platz neben der Einfahrt bietet sich f�r ein Schiff an, das zum Schutze des Hafens da ist.�</p><p>Skar streifte wortlos den Mantel �ber, �berzeugte sich davon, da� sein Waffengurt und das Satai-Schwert unter dem Stoff verborgen waren, und schlug die Kapuze hoch.</p><p>�Ein wenig tiefer�, sagte Andred. �Man sieht dein Stirnband.� Skar nickte dankbar, zog die Kapuze tiefer in die Stirn und sah noch einmal aus dem Luk. �ber dem Hafen war die Nacht hereingebrochen, und das Wasser wirkte schwarz wie Teer, auf das winzige silberne Halbmonde gemalt waren. Der Geruch von Salzwasser und Schlick war hier beinahe st�rker als drau�en auf dem Meer, und f�r einen winzigen Moment glaubte Skar zu f�hlen, was M�nner wie Andred immer wieder hinaus auf das Meer trieb. Es war etwas, das in diesem Geruch war - eine schwer zu bestimmende Ahnung von Ferne und Freiheit, die st�rker wiegen mochte als die Gefahren, die auf dem Meer lauerten.</p><p>�Gehen wir an Deck�, sagte Andred. �Die Entladearbeiten beginnen, sobald der Hafenmeister die Papiere abgezeichnet hat. Das Beste wird sein, wenn du als einer der ersten von Bord gehst.� Er schwieg einen Moment und sah an Skar vorbei zum schwarzen Umri� des Kaperseglers hinaus. Offenbar erf�llte ihn die N�he des Kriegsschiffes doch mit mehr Nervosit�t, als er zugeben wollte.</p><p>�Wenn du in der Stadt bist�, fuhr er fort, w�hrend sie hintereinander die Kabine verlie�en und sich an Deck begaben, �dann frage nach einem Mann namens Herger. Er hat einen kleinen Laden in der Altstadt; eine heruntergekommene Bruchbude, in der sich allerlei Gelichter trifft. Aber er ist vertrauensw�rdig, und er steht in meiner Schuld. Wenn du sagst, da� ich dich schicke, dann wird er dir Geld und ein Pferd geben, damit du die Stadt verlassen kannst.�</p><p>Skar stieg hinter ihm die Treppe zum Achterdeck hinauf, trat an die Reling und warf einen langen, forschenden Blick zur Stadt hin�ber. Hinter den meisten Fenstern war bereits das flackernde Licht von Kerzen und �llampen zu sehen, und eine Anzahl M�nner trieb sich vor einem der Silos herum, ohne einer irgendwie erkennbaren Besch�ftigung nachzugehen. Ein zweiter Trupp M�nner n�herte sich dem Schiff aus der entgegengesetzten Richtung. �Das sind M�nner, die die Hafenbeh�rde schickt�, erkl�rte Andred auf Skars fragenden Blick. �Sie werden uns beim Entladen <emphasis>helfen.� </emphasis>Er betonte das Wort auf seltsame Art und l�chelte sp�ttisch. �Schlie�lich mu� alles seine Ordnung haben. Es k�nnte ja sonst sein, da� ein Fl�schchen �l von Bord geht, ohne da� der Zoll entrichtet wurde.�</p><p>�Warum tust du das, Andred?� fragte Skar, ohne auf die Worte des Freiseglers mit mehr als einem Stirnrunzeln zu reagieren. �Was?�</p><p>�Warum hilfst du mir? Gondered wird dich am h�chsten Turm der Stadt aufh�ngen lassen, wenn er davon erf�hrt.�</p><p>Andred schwieg einen Moment und sah an Skar vorbei zur Hafeneinfahrt hin�ber. �Vielleicht�, sagte er nach einer Weile, �weil es nicht unbedingt ein Fehler ist, einen Satai zum Freund zu haben.�</p><p>�Und einen Thbarg zum Feind?�</p><p>Andred verzog abf�llig die Lippen. �Ich glaube nicht, da� ich Gondered lieben w�rde, wenn du nicht an Bord gewesen w�rest�, sagte er. �Und wenn das, was du erz�hlt hast, wahr ist, dann habe ich keine andere Wahl, als mich f�r die eine oder andere Seite zu entscheiden. Und ich stehe gerne auf der Seite der Sieger, wei�t du?�</p><p>Skar seufzte. �Ich f�rchte, dann hast du einen Fehler gemacht.�</p><p>�Du irrst dich, Skar�, widersprach Andred ernst. �Ich kenne Vela nicht und wei� nicht, ob sie wirklich zu alldem f�hig ist, was du ihr zuzutrauen scheinst. Aber ich kenne M�nner wie Gondered. Sie sind stark und machen sich eine Freude daraus, die Muskeln spielen zu lassen. Aber sie sind keine Gewinner. M�nner wie er sind die geborenen Verlierer, Skar. Auch er wird st�rzen. Entweder weil M�nner wie du ihn zu Fall bringen oder weil Vela ihn wegwerfen wird, sobald er seinen Dienst getan hat.�</p><p>�Und wenn du dich irrst?� fragte Skar leise.</p><p>Andred zuckte abermals mit den Schultern. �Dann habe ich mir wenigstens f�r ein paar Stunden einbilden k�nnen, meinen Teil zur Errettung der Welt beizutragen�, sagte er mit �bertrieben komischer Dramatik in der Summe.</p><p>Skar mu�te gegen seinen Willen lachen. Andred schlug ihm freundschaftlich auf die Schultern, drehte sich um und rief ein Kommando zum Deck des Schiffes hinunter. Die SHANTAR hatte sich in den wenigen Stunden, die Skar unter Deck gewesen war, vollkommen ver�ndert. Die Segel waren aufgerollt und sorgsam verschn�rt worden, und die gewaltigen Doppelruder waren im Rumpf des Schiffes verschwunden; die Luken waren mit metallenen Laden verschlossen. Fast die gesamte Mannschaft befand sich an Deck und wartete auf den Beginn der Entladearbeiten; darauf und wohl auch auf den wohlverdienten Landurlaub, der sich daran anschlie�en w�rde. Die Ladeluken standen offen, und ein Teil der Fracht war bereits an Deck geschafft worden. Andred warf einen �rgerlichen Blick zur Stadt hin�ber. �Der Hafenmeister l��t sich verdammt viel Zeit�, murmelte er. �Ich glaube, ich habe bisher die falschen Leute geschmiert...�</p><p>Skar trat dichter an die Reling heran und sah ebenfalls zur Stadt hin�ber. Die Nacht verwandelte ihre Silhouette in einen m�chtigen grauen Schatten, vor dem die Bewegungen der M�nner auf dem Kai nur schemenhaft zu erkennen waren, aber sie trug auch den Klang ihrer Stimmen und die rauhen Scherzworte, die hin und her geworfen wurden, deutlich bis zu ihnen her�ber. Skar fiel pl�tzlich auf, wie still es trotz allem war. Die Stimmen der M�nner wirkten ... isoliert, akustische Farbtupfer auf einem ansonsten vollkommen leeren Hintergrund. Der Rumpf der SHANTAR knarrte leise, w�hrend sich das Schiff auf den Wellen wiegte, aber weder aus der Stadt noch von einem der vier anderen Schiffe war auch nur das leiseste Ger�usch zu h�ren.</p><p>Es ist <emphasis>zu </emphasis>still, dachte Skar erschrocken. Er fuhr herum, starrte alarmiert zur Hafeneinfahrt und dem schwarzen Schatten des Kaperseglers und dann wieder zum Kai hin�ber. Die Entlademannschaft hatte die SHANTAR fast erreicht, und auch ihre Gestalten waren nicht mehr als schwarze Umrisse. Aber es waren ausnahmslos die Umrisse gro�er, sehr gro�er und muskul�ser M�nner, M�nner, die f�r die schwere Arbeit in einem Hafen geeignet waren - oder f�r das Kriegshandwerk!</p><p>�Ich Narr!� keuchte Skar. �Ich verdammter Narr! Ich mu� blind gewesen sein!�</p><p>Andred sah alarmiert auf. �Was ist?� fragte er.</p><p>�Was los ist?� Skar hatte M�he, seine Stimme wenigstens so weit im Zaum zu halten, da� er nicht schrie. �Das ist eine Falle, Andred! Ein verdammter Hinterhalt!�</p><p>Andred sah ihn irritiert an, blickte dann ebenfalls zum Kai hin�ber und sch�ttelte den Kopf. �Du irrst dich, Skar�, murmelte er. �Es ist alles normal. Obwohl ...� Er stockte, starrte einen Herzschlag lang zur Wasseroberfl�che hinab und sog lautstark die Luft durch die Nase ein. �Dieser Geruch ...�, murmelte er. �Was ist das? Und sieh dir das Wasser an. Keine Wellen ...�</p><p>Skar sah erschrocken am Rumpf des Schiffes hinab. Andred hatte recht - das Wasser rings um die SHANTAR war glatt wie ein Spiegel, und als er genauer hinsah, glaubte er einen leichten �ligen Schimmer auf seiner Oberfl�che zu erkennen.</p><p>�Ihr G�tter!� keuchte Andred. �Dieser Hund! Wir...� Er brach ab, fuhr herum und war mit einem Satz bei der Treppe. <emphasis>�Verla�t das Schiff!� </emphasis>br�llte er. <emphasis>�Geht an Land! Schnell!�</emphasis> Aber die Matrosen kamen nicht mehr dazu, seinem Befehl zu folgen. Alles ging pl�tzlich unglaublich schnell. Die Hafenmannschaft hatte die Kaimauer erreicht und in einer langen, weit auseinandergezogenen Linie auf ihrer Krone Aufstellung genommen. Irgendwo klirrte Metall, ein verirrter Lichtstrahl brach sich auf dem Heft eines Schwertes, M�ntel und Kapuzen wurden zur�ckgeschlagen, und vor Skars erschrocken aufgerissenen Augen verwandelten sich die zwei Dutzend Hafenarbeiter in eine Abteilung gepanzerter Thbarg-Krieger.</p><p>Skar erkannte den breitschultrigen H�nen an ihrer Spitze sofort. Dessen Goldhelm funkelte wie ein kleines, boshaftes Auge, und der Blick seiner Augen schien sich in den Skars zu bohren. Er hatte Skar trotz seiner Verkleidung sofort erkannt, so, wie er ihn auch schon beim ersten Mal erkannt hatte.</p><p>Skars Hand zuckte zum Schwert, obwohl er wu�te, wie sinnlos diese Geste sein mu�te. �Gondered!� keuchte er.</p><p>Der Thbarg lachte, ein hohes, h��liches Ger�usch, das weit �ber das stille Hafenbecken zu h�ren war. In seiner Hand gl�hte pl�tzlich ein winziger greller Funke auf.</p><p><emphasis>�Fahr zur H�lle, Satai!� </emphasis>schrie er. Der Funke l�ste sich aus seiner Hand, beschrieb einen perfekten Halbkreis und fiel dicht neben dem Rumpf des Schiffes ins Wasser.</p><p>Skar schrie geblendet auf. Das Hafenbecken rings um die SHANTAR schien zu explodieren. Eine wei�e, lodernde Feuerwand h�llte das Schiff von einer Sekunde auf die andere ein, schlug mit unsichtbaren gl�henden Krallen nach seiner Besatzung, setzte Kleider, Takelage und Holz in Brand und w�lzte sich als br�llender Feuerpilz nach oben. F�r einen endlosen grauenhaften Moment schien sich der Hafen von Anchor in das Herz eines feurigen Vulkans zu verwandeln, wurde Wasser zu Glut und Atemluft zu fl�ssigem Feuer, das die Kehlen der M�nner verbrannte. Skar taumelte zur�ck, schlug w�tend den Arm vor die Augen, ri� Andred in einer instinktiven Bewegung zu Boden. Das Schiff hob sich wie unter einem gewaltigen Schlag, legte sich auf die Seite und fing mit einem ungeheuren schmetternden Krachen Feuer. Eine brennende Gestalt taumelte an Skar vor�ber, wankte blindlings auf die Feuerwand zu und brach pl�tzlich in die Knie. Andred schrie etwas, das Skar nicht verstand, begann wie von Sinnen um sich zu schlagen und traf Skar schmerzhaft an der Schl�fe.</p><p>Der Hieb ri� Skar abrupt in die Wirklichkeit zur�ck. F�r einen winzigen Moment sah er alles mit phantastischer Klarheit - das brennende Holz zu seinen F��en, die schreienden M�nner, die Segel, die sich in lodernden Fetzen von den Rahen l�sten, die wabernde Feuerwand, die das Schiff von allen Seiten umschlo�. Er dachte nicht mehr. Ein anderer Teil seines Bewu�tseins, der Teil, der nur aus Instinkten und Reflexen bestand, jahrzehntelang mit unendlicher Geduld trainiert und herangez�chtet, l�schte f�r einen Moment sein bewu�tes Denken aus. Er sprang auf, ri� Andred wie eine Puppe mit sich und flankte mit einem einzigen Satz �ber die Reling. Feuer h�llte sie ein, setzte seine Kleider und sein Haar in Brand und ri� seinen Schmerzensschrei davon. Er fiel, hielt Andred wie ein lebloses B�ndel fest und schrie, schrie, schrie. Sein K�rper war ein einziger Schmerz, ein wimmerndes B�ndel aus Pein und Angst, und der Sturz schien kein Ende zu nehmen. Irgendwo unter ihnen mu�te Wasser sein, aber er st�rzte immer weiter durch Flammen, tauchte in ein Meer von Hitze und t�dlicher Glut und schrie seinen letzten Atem hinaus.</p><p>Als er ins Wasser tauchte, verlor er fast das Bewu�tsein. Die eisige K�lte wirkte wie ein Schock und war f�r einen Moment fast noch schmerzhafter als das Feuer. Er kr�mmte sich zusammen, tauchte instinktiv noch tiefer und ri� Andred mit sich. Ein Wirbel packte ihn, schmetterte ihn mit erbarmungloser Kraft gegen den Rumpf des Schiffes und trieb das letzte bi�chen Luft aus seinen Lungen. Er schrie - oder wollte schreien -, schluckte Wasser und stie� sich mit einer verzweifelten Bewegung von der SHANTAR ab. Seine Lungen brannten, und die Hitze des brennenden �ls war selbst hier, einen Meter unter der Wasseroberfl�che, noch deutlich zu sp�ren. �ber ihnen loderte ein Himmel aus Feuer, ein gewaltiger, wabernder Kreis, dessen Grenzen irgendwo in unendlicher Entfernung zu sein schienen. Blind und ohne zu wissen, was er wirklich tat, schwamm Skar los, tauchte mit verzweifelter Kraft auf den Rand des brennenden �lfleckes zu und versuchte die Schmerzen in seiner Brust zu ignorieren. Sein Herz h�mmerte; schnell, unregelm��ig und mit w�tender, peinigender Kraft. Er sp�rte kaum noch, wie Andred in seinen H�nden erschlaffte und gro�e silberne Luftblasen aus seinem ge�ffneten Mund perlten. Ein st�hlerner Ring lag um seine Brust und zog sich unbarmherzig zusammen. Er kr�mmte sich, stie� sich noch einmal und mit einer Kraft, von der er selbst nicht wu�te, woher er sie nahm, ab und brach, kaum eine Handbreit hinter der lodernden Flammenwand, durch die Wasseroberfl�che. Die Luft war selbst hier unertr�glich hei�, aber er sog sie mit tiefen, gierigen Z�gen in die Lungen, hustete, erbrach qualvoll Wasser und hielt Andreds Kopf mit letzter Kraft �ber den Wellen. Die flimmernden Kreise vor seinen Augen begannen langsam zu verblassen, und die Schmerzen in seiner Brust waren jetzt nur noch qualvoll, nicht mehr unertr�glich. Die Hitze trieb ihn weiter. Er legte sich auf den R�cken, bettete Andreds reglosen K�rper auf seine Brust und schwamm mit langsamen, kr�ftesparenden St��en von dem lodernden Scheiterhaufen fort, in den sich die SHANTAR verwandelt hatte. Das Schiff war nur noch als dunkler Schatten durch die Feuerwand zu erkennen, und die Glut des brennenden �ls war so hell, da� die Kaimauer und die Stadt hinter ihr nur noch als vage Umrisse sichtbar waren. Aber vielleicht w�rde das Licht die Thbarg dort oben genauso blenden wie ihn.</p><p>F�r einen Moment kroch so etwas wie Zorn in Skar empor, aber das Gef�hl verging, noch bevor er es wirklich sp�rte. Sein Vorrat an Zorn war aufgebraucht, schon lange. Er f�hlte, wie die Kraft langsam in seine verspannten Muskeln zur�ckkehrte, und schwamm schneller.</p></section><section><title><p id="_4">4.</p></title><p>Die SHANTAR brannte immer noch, als Skar eine halbe Stunde sp�ter - nahezu am entgegengesetzten Ende des Hafenbeckens - an Land kroch. Das Schiff war gesunken, aber der ungew�hnlich gro�e Tiefgang des Rumpfes und die geringe Tiefe des Hafenbeckens verhinderten, da� es vollends unter der Wasseroberfl�che verschwand, und die Aufbauten und Masten brannten noch immer lichterloh. Von hier aus, aus einer Entfernung von einer dreiviertel Meile betrachtet, wirkte der Anblick beinahe harmlos: ein brennendes Spielzeugschiffchen, das auf einem Teich trieb.</p><p>Es gab an dieser Stelle keine Kaimauer. Die gewaltige schwarze Wand, die neben ihm aus dem Wasser stieg, war Teil des nat�rlich gewachsenen Felsens, der den Hafen zum Meer hin abschirmte, und w�hrend Skar weiter darauf zuschwamm, stie� er immer wieder schmerzhaft gegen Riffe und Korallenbl�cke, die sich unter der Wasseroberfl�che verbargen. Es verlie�en ihn beinahe die Kr�fte, als er zwischen den glitschigen Felsen auf den schmalen Uferstreifen hinaufkroch. Andred war noch immer ohne Bewu�tsein, vielleicht schon lange tot, aber Skar zog ihn trotzdem mit sich und bettete ihn so behutsam wie m�glich auf den harten Untergrund. Dann, schlagartig und ohne Vorwarnung, kam der Zusammenbruch. Skar wurde es schwarz vor den Augen. Er fiel auf H�nde und Knie hinab, blieb sekundenlang mit geschlossenen Augen hocken und versuchte die �belkeit und das Schwindelgef�hl niederzuk�mpfen. Sein Gesicht und seine H�nde waren �bers�t mit Brandblasen und Wunden, und das Salzwasser schmerzte h�llisch.</p><p>Andred regte sich st�hnend. Seine Augenlider flatterten, aber sein Blick blieb verschleiert. Seine H�nde zuckten; die Fingern�gel fuhren mit einem h�rbaren kratzenden Ger�usch �ber den feuchten Stein. Skar kroch hastig zu ihm hin�ber, griff unter seine Schultern und drehte ihn herum. Andred w�rgte, rang m�hsam nach Luft und erbrach sich mehrmals hintereinander: Salzwasser und bittere gr�ne Galle.</p><p>Er keuchte, wollte etwas sagen und hob den Blick, aber Skar sch�ttelte nur den Kopf und dr�ckte ihn mit sanfter Gewalt zur�ck.</p><p>�Nicht�, sagte er leise. �Wir sind in Sicherheit. Keine Angst.�</p><p>�In Sicherheit...�, wiederholte Andred bitter. �Was ist... mit dem Schiff?� Er hustete, schluckte ein paarmal krampfhaft und richtete sich auf die Ellbogen auf. Skar wollte ihn abermals zur�ckhalten, aber der Freisegler schob seine Hand mit erstaunlicher Kraft beiseite und starrte an ihm vorbei zu dem brennenden Wrack der SHANTAR. Das Feuer warf zuckende Lichtreflexe auf das bewegte Wasser des Hafens. Es sah aus, als kr�chen die Flammen wie kleine flackernde Tiere durch die Wellent�ler auf sie zu. �Sie sind tot�, murmelte Andred. Seine Lippen bewegten sich kaum beim Sprechen, und in seinen weit aufgerissenen Augen stand ein Ausdruck, der Skar erbeben lie�.</p><p>�Ich ... f�rchte�, sagte er stockend. �Gondereds M�nner werden daf�r gesorgt haben, da� keiner mehr von Bord kam. Au�er uns.�</p><p>�Au�er uns...�, wiederholte Andred. Seine Stimme klang flach, tonlos, kaum wie die eines Menschen, und wahrscheinlich plapperte er die Worte nur nach, ohne ihren wirklichen Sinn zu begreifen. �Warum hat er das getan, Skar?�</p><p>Skars Blick verd�sterte sich. �Wegen mir�, murmelte er. �Ich glaube, er hat mich schon drau�en auf dem Meer erkannt. Aber er war sich nicht vollkommen sicher.� Er lachte, leise und vollkommen ohne Humor, hob die Hand zum Gesicht und fuhr mit den Fingerspitzen an der langen, gezackten Narbe entlang, die von seinem Augenwinkel bis hinunter zum Kinn und zum Mund reichte. �So etwas ist nicht gerade von Vorteil, wenn man versucht, sich eine andere Identit�t zuzulegen.�</p><p>�Aber warum ...� Wieder stockte der Freisegler. Seine Mundwinkel zuckten. �Er hat das Schiff vernichtet und die M�nner ... es ... er hat sechsundvierzig M�nner verbrannt.�</p><p>Skar nickte. �Er wollte wohl sichergehen�, sagte er kalt. �Vielleicht hat er uns drau�en auf dem Meer nur ungeschoren gelassen, weil er sich erst neue Instruktionen holen mu�te. Vielleicht hatte er auch Angst.�</p><p>�Angst? Vor der SHANTAR?�</p><p>Skar zuckte mit den Achseln. �Wohl eher vor mir�, sagte er nach kurzem �berlegen. �Es ist nicht unbedingt von Vorteil, stark zu sein, Andred�, fuhr er leiser und verbittert fort. �Wenn du zu stark bist, dann beginnen dich die anderen zu f�rchten. Und dann passiert so etwas.�</p><p>�Aber sechsundvierzig Menschenleben!�</p><p>�Er wollte mich mit dem ersten Schlag erledigen�, sagte Skar. �Und da war es wohl das Einfachste, das Schiff mitsamt seiner Besatzung zu verbrennen. Aber vielleicht bereitet es ihm auch einfach nur Freude zu t�ten.� Und vielleicht ist es einfach meine Bestimmung, jedem, mit dem ich zusammen bin, den Tod zu bringen, f�gte er in Gedanken hinzu.</p><p>Aber das sprach er nicht laut aus.</p><p>Statt dessen stand er auf, warf den durchn��ten Umhang ab und deutete mit einer Kopfbewegung auf die Stadt. �Wir k�nnen nicht hierbleiben�, sagte er. �Sie werden bald anfangen, den Hafen nach den Leichen deiner M�nner abzusuchen. F�hlst du dich kr�ftig genug zu gehen?�</p><p>Andred nickte. Er stand auf, strauchelte und hielt sich im letzten Moment an einem Felsen fest, sch�ttelte aber den Kopf, als Skar ihm die Hand entgegenstreckte.</p><p>�Wei�t du einen Weg, auf dem wir ungesehen in die Stadt hineinkommen?� fragte Skar.</p><p>Andred sah lange und schweigend zur Stadt hin�ber. Sein Gesicht war ausdruckslos, starr; eine Maske, auf der nicht einmal mehr Schrecken oder Schmerz zu lesen waren. Die Glut des brennenden Schiffes warf zuckende Lichtfinger �ber den Hafen, verwandelte Gondereds M�nner in kleine, finstere Schatten, die sich mit abgehackten, flinken Bewegungen vor dem Hintergrund der Stadt abzeichneten, und erf�llte seine Augen mit blutrotem Widerschein. �Wir ... k�nnten versuchen, die Klippen zu ersteigen und die Stadt von der anderen Seite zu betreten�, sagte er tonlos. �Die Wand ist nicht so unbezwingbar, wie es den Anschein hat.� Skar legte den Kopf in den Nacken und blinzelte zur Krone der steinernen Barriere empor. Jetzt, im schwachen Sternenlicht der Nacht, war sie wenig mehr als ein senkrechter, konturloser Schatten. Er sch�tzte ihre H�he auf hundertf�nfzig, allerh�chstens zweihundert Fu� - kein un�berwindliches Risiko f�r einen entschlossenen Mann. Aber er verwarf diesen Gedanken fast sofort wieder. Das Risiko, vom Hafen aus gesehen zu werden, war zu gro�. Und er w�re nicht einmal �berrascht gewesen, wenn Gondered auch dort oben ein paar von seinen M�nnern postiert h�tte. Zumindest h�tte er das getan, w�re er an der Stelle des Thbarg gewesen.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf und wandte sich wieder an Andred. �Nein�, sagte er. �Zu gef�hrlich. Wenn wir entdeckt werden, dann bieten wir zwei prachtvolle Zielscheiben. Wir werden versuchen m�ssen, so in die Stadt zu gelangen. Was ist mit diesem Herger, von dem du gesprochen hast - glaubst du, da� er uns auch jetzt noch helfen wird?�</p><p>Andred nickte, aber Skar bezweifelte beinahe, da� er seine Worte �berhaupt geh�rt hatte. Er sah erst jetzt, da� der Freisegler weit schwerer verletzt war als er - sein linker Arm hing schlaff herunter, und die Hand begann sich allm�hlich dunkel zu f�rben, und aus seinem Haaransatz rieselte ein d�nner, aber best�ndiger Blutstrom �ber seine Schl�fe. Besorgt trat er auf ihn zu, um sich um seine Verletzungen zu k�mmern, aber Andred winkte erneut ab. �Nicht�, sagte er leise. �La� mich.�</p><p>Skar senkte schuldbewu�t den Blick. Nat�rlich machte Andred ihn - wenn auch unbewu�t - f�r alles verantwortlich, was geschehen war, und da� er den Gedanken nicht laut aussprach, nicht ein einziges Wort von Schmerz oder Vorwurf von sich gab, machte es eher noch schlimmer. Ohne Skar w�rden seine M�nner noch leben und sein Schiff kein brennender Tr�mmerhaufen sein. Skar war nur ein Bettler gewesen, als sie sich in Endor getroffen hatten, und er, Andred, ein stolzer, nicht gerade reicher, aber doch zumindest wohlhabender Freiseglerkapit�n, und ein Augenblick, ein winziger Moment der Gro�herzigkeit hatte ihn alles gekostet. Er hatte nicht nur sein Schiff verloren. Von einem Moment zum anderen war er zu einem Gejagten wie Skar geworden, und Skar wu�te pl�tzlich - so grundlos und so sicher, wie er zuvor gewu�t hatte, da� die SHANTAR in ihr Verderben segelte, da� Andred sterben w�rde.</p><p>Er dr�ngte den Gedanken zur�ck, wandte sich ab und drehte sich unschl�ssig um seine Achse. Das Felsband, auf das sie sich gerettet hatten, war wenig mehr als zwei Mannesl�ngen breit, aber die zerschr�ndeten Grate und Steine boten ihnen genug Deckung, selbst wenn sie bis zum Anbruch des Tages hierbleiben mu�ten. Schlie�lich konnte Gondered den Hafen nicht ewig abriegeln lassen. Aber Skar verwarf auch diesen Gedanken. Sie hatten nicht so viel Zeit. Sie brauchten Wasser und trockene Kleider, wenn sie nicht erfrieren wollten, und Andreds Wunden mu�ten versorgt werden. �Ich f�rchte, wir m�ssen es riskieren�, murmelte er. �Bleib immer dicht hinter mir. Und keinen Laut.�</p><p>Er wandte sich um, �berzeugte sich mit einem raschen Blick davon, da� Andred ihm folgte, und begann sich vorsichtig einen Weg zwischen den feuchtgl�nzenden Felsen hindurch zu suchen. Der Boden war glitschig und fiel zum Wasser hin leicht ab, so da� Skar vorsichtig auftreten und sich wie ein alter Mann von Stein zu Stein tasten mu�te, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Jetzt, als die Anspannung allm�hlich nachlie�, sp�rte er, wie kalt es war. Der Winter hatte zwar seinen H�hepunkt �berschritten, schon als Skar in Endor gewesen und auf ein Schiff gewartet hatte, aber die Temperaturen lagen trotzdem nur knapp �ber dem Gefrierpunkt, und vom Wasser schien K�lte wie unsichtbarer Nebel aufzusteigen und Skars durchn��te Kleider in einen Panzer aus Eis zu verwandeln.</p><p>Das steinerne Sims zog sich halbkreisf�rmig am Fu� der Klippe entlang, hier und da etwas h�her oder niedriger, so da� sie manchmal durch kn�chel- oder auch knietiefes Wasser waten mu�ten. Er f�hrte aber insgesamt ohne Unterbrechung bis zu der Stelle, an der die nat�rliche von der von Menschenhand geschaffenen Mauer des Kais abgel�st wurde. Skar gebot Andred mit einer Handbewegung zur�ckzubleiben, als sie sich der Hafenanlage n�herten. Ein gewaltiger plumper Lastensegler aus Kohon schaukelte dicht vor ihnen auf den Wellen und sch�tzte sie vor direkter Entdeckung; der Rumpf rieb sich knarrend an der Kaimauer, und von Zeit zu Zeit schlugen die schlaff herabh�ngenden Segel mit flappendem Ger�usch gegen die Masten. Ein leiser Geruch wie nach verfaultem Fisch und moderndem Tauwerk wehte vom Deck des Seglers her�ber, und weiter zur Stadt hin konnte Skar undeutliches Stimmengemurmel h�ren.</p><p>Sein Blick tastete aufmerksam �ber den Kai. Dieser war so flach und deckungslos wie dort, wo die SHANTAR angelegt hatte, aber der Segler warf einen m�chtigen dreieckigen Schatten auf das Kopfsteinpflaster - und von seinem Rand aus waren es vielleicht noch zehn Schritte bis zur Mauer des ersten Lagerschuppens. Zehn Schritte zuviel, dachte Skar d�ster. Gondered war kein solcher Narr, da� er nicht die einfachsten Sicherheitsvorkehrungen treffen und jeden Quadratfu� Boden zwischen der Kaimauer und der Stadt unter Beobachtung stellen w�rde.</p><p>Skar huschte zu Andred zur�ck, duckte sich neben ihn in den Schatten eines Felsens und blies in die H�nde. Die K�lte lie� seine Fingerspitzen taub werden und kroch langsam in seine Muskeln. Nein - sie konnten nicht warten, bis die Sonne aufging und Gondered die Sperre aufhob. Der Gedanke kam Skar im Moment beinahe l�cherlich banal vor - aber auch eine Lungenentz�ndung konnte t�dlich sein. Alle M�nner, die an Banalit�ten gestorben waren, zusammengenommen, erg�ben wahrscheinlich eine Kette dreimal von hier nach Ikne und zur�ck.</p><p>�H�r zu�, sagte er. �Ich werde versuchen, einen Weg in die Stadt f�r uns zu finden; irgendwie. Du wartest hier und r�hrst dich nicht von der Stelle, ganz gleich, was geschieht - und zwar genau eine Stunde lang. Wenn ich dann nicht zur�ck bin, oder wenn du siehst, da� ich gefangengenommen oder get�tet werde, dann versuche auf eigene Faust in die Stadt zu kommen. Wenn wir getrennt werden, dann treffen wir uns bei deinem Feund Herger. Hast du das verstanden?�</p><p>Andred nickte, aber sein Blick schien direkt durch Skar hindurch ins Leere zu gehen. Skar wollte noch etwas sagen, belie� es aber dann bei einem leichten Achselzucken und huschte zur�ck zur Kaimauer. Andred war nicht der erste Mann, den er in diesem Zustand sah: Der Schock und die Verletzungen waren zuviel gewesen, hatten seinen Geist aus der Bahn geworfen und ihn in einen Zustand versetzt, der noch nicht Trance, aber auch nicht wirkliches Wachsein war. Skar hatte so etwas oft beobachtet, und er wu�te, da� Andred stark genug war, sich zu fangen, wenn er nur gen�gend Zeit und ausreichende Pflege bekam. Wenigstens konnte er Skar und sich selbst so nicht in Gefahr bringen.</p><p>Skar blieb am Rand des Kais stehen, richtete sich - noch immer in Deckung der letzten Felsen - auf und sah konzentriert zur Stadt hin�ber. Die Schiffe waren nicht mehr als wuchtige Schatten, halbwegs mit der Nacht verschmolzen; vielleicht harmlos, vielleicht aber auch voller neugieriger Augen, die nur darauf warteten, da� er sich zeigte. Die SHANTAR brannte noch immer, aber die Flammen hatten bereits den Gro�teil ihrer Nahrung aufgezehrt und loderten nicht mehr halb so hoch wie noch vor Minuten, und das Wrack begann jetzt St�ck f�r St�ck auseinanderzubrechen. Skar sah, wie sich der Hauptmast zur Seite neigte, wie er zitterte, drei, vier Atemz�ge lang reglos und in beinahe unm�glicher Schr�glage verharrte und seinen Weg dann fortsetzte, auf die gemauerte Kante des Kais krachte, entzweibrach und brennende Tr�mmer und Funken verstreute. Ein paar der winzigen Gestalten sprangen hastig zur Seite, Stimmen klangen auf und gingen im Bersten des zerbrechenden Holzes unter, und f�r einen winzigen Moment loderten die Flammen noch einmal mit greller Glut auf; ein letzter, feuriger Todesschrei des sterbenden Schiffes.</p><p>Skar spurtete los.</p><p>Bis zum Schatten des Lastenseglers waren es nicht mehr als f�nfzig Schritte; drei, vielleicht vier Sekunden, aber er war am Ende seiner Kr�fte, als er ihn erreichte. Er fiel auf die Knie, kroch auf H�nden und F��en weiter und blieb, schwer atmend und mit h�mmerndem Herzen, im Zentrum des gro�en, rechteckigen Bereiches vollkommener Schw�rze hocken. Sein Blick glitt zur Stadt hin�ber, saugte sich an dem halben Hundert winziger schwarzer Gestalten fest und suchte angstvoll nach einer Reaktion, nach aufgeregten Gesten und dem Blitzen von Waffen.</p><p>Nichts. <emphasis>Nat�rlich nicht, du Narr, </emphasis>dachte er zornig. Er hatte den Augenblick mit Bedacht gew�hlt und wu�te, da� - wer immer den Auftrag gehabt hatte, den Hafen zu beobachten - ganz bestimmt f�r einen Moment weggesehen haben w�rde, als der Mast fiel. Aber die Unruhe wich nicht, im Gegenteil, sie wurde schlimmer. Vorhin, aus der Deckung der Felsen heraus betrachtet, war ihm der Schatten des Seglers absolut schwarz und lichtlos erschienen, aber mit jeder Sekunde, die er l�nger hier hockte, gew�hnten sich seine Augen an die Dunkelheit, nahm er mehr von seiner Umgebung wahr, sah er Schattierungen und Einzelheiten und tausend Nuancen von Schwarz und Grau, und eine lautlose, b�se Stimme hinter seinen Gedanken begann ihm zuzufl�stern, da� es seinen Gegnern ebenso ergehen mu�te, da� sie Zeit genug gehabt hatten, sich an die schlechten Lichtverh�ltnisse zu gew�hnen, da� sie ihn <emphasis>sehen </emphasis>mu�ten, so deutlich, als s��e er im Zentrum einer gewaltigen Zielscheibe.</p><p>Nat�rlich war das Unsinn. Er war sicher, und der schwarze Umhang gab ihm zus�tzliche Deckung. Aber die Stimme in seinem Inneren und seine Furcht scherten sich nicht viel um die Logik, mit der er sie bek�mpfen wollte, und seine Unruhe stieg weiter.</p><p>Er stand auf, drehte sich einmal um seine Achse und ging langsam auf den Rand des Schattens zu. Der Lastensegler bewegte sich, nur leicht, aber immerhin so viel, da� die zerfaserte schwarze Linie, die das Nebelgrau der Nacht begrenzte, langsam vor und zur�ck wanderte, und das Knarren, mit dem sich der Rumpf an der steinernen Mauer rieb, erschien ihm f�r einen Moment wie ein schweres, m�hsames Atemholen.</p><p>Skar blieb stehen, schlo� f�r einen Moment die Augen und ballte die F�uste so heftig, da� seine Fingerkn�chel knackten. Was geschah mit ihm? Er hatte Angst - <emphasis>diese </emphasis>Art von Angst - niemals gekannt. Er war Satai. Ein K�mpfer. Ein Mann, der zum K�mpfen und �berleben geschaffen war, der gelernt hatte, seine Gef�hle nach Bedarf ein- und auszuschalten. Und jetzt k�mpfte er. Aber die Ruhe, das scharfe, von keinen Emotionen beeintr�chtigte Denken des J�gers, seine beste und machtvollste Waffe, waren verschwunden. Er hatte Angst. Nicht die Art von Angst, die zum �berleben ebenso notwendig war wie ein gutes Auge und sichere Reaktionen, sondern blanke, nackte Furcht, die Angst des gehetzten Tieres, Angst, die blind und unvorsichtig machte und zu Fehlern verleitete.</p><p><emphasis>Was geht mit mir vor? </emphasis>dachte er erschrocken. Er begann sich zu ver�ndern, rasch, schmerzhaft und unaufhaltsam. Die Worte, die er Andred gegen�ber gebraucht hatte, fielen ihm wieder ein, und ein eisiger Schrecken zuckte durch seine Brust, als er begriff, <emphasis>wie </emphasis>wahr sie gewesen waren. <emphasis>Ich bin kein Satai mehr, </emphasis>hatte er gesagt. Und es war wahr. Er hatte seine Kleider, seine Waffen und seine Erinnerungen wieder an sich genommen, aber etwas, irgend etwas, war zur�ckgeblieben, auf dem brennenden Schiff, in Endor oder vielleicht schon in der verfallenen Festung am Rande des Schattengebirges. Nicht seine St�rke. Nicht seine Reaktionen und all die unz�hligen fairen und schmutzigen Tricks, die er gelernt hatte. Dies alles war noch da, irgendwo in ihm, abrufbereit, und er wu�te, da� er es haben w�rde, wenn er es brauchte. Nur dieses Wort, dieses kleine, harmlose Wort <emphasis>Satai, </emphasis>von dem jeder, der nicht selbst zur Kaste geh�rte, glaubte, da� es nicht mehr als <emphasis>Krieger </emphasis>bedeutete und das doch in Wirklichkeit Religion, Lebensanschauung, Philosophie und noch viel, viel mehr war, dieses Wort war nicht mehr da.</p><p>Es ging schnell, so furchtbar, grausam schnell. Ein Lidzucken, die Zeit, die ein Pfeil ben�tigt, um von der Sehne zu schnellen und sein Ziel zu treffen. Und pl�tzlich war er kein Satai mehr, sondern nur noch das, was Gowenna von Anfang an in ihm gesehen hatte - ein gedungener Killer, ein Mann, der das T�ten zum Beruf gemacht hatte. Der ...</p><p>Skar st�hnte. Seine Gedanken begannen einen wilden Tanz aufzuf�hren, ihm zu entgleiten, sich zu verwirren. Er k�mpfte dagegen an, dr�ngte sie zur�ck und grub die Fingern�gel in seine Handfl�chen, um den Schmerz als Waffe dagegenzusetzen. Aber es wurde nicht besser. Seine Gedanken kl�rten sich, aber die Furcht blieb, bohrend, nagend, ein gestaltloser, schwarzer Schrecken, der ihn von jetzt an auf Schritt und Tritt begleiten w�rde. Skar war beinahe froh, als sich das Ger�usch von Schritten in das Klatschen der Wellen mischte und die Nacht zwei Gestalten ausspie.</p><p>Es waren Thbarg; zwei von Gondereds Kriegern - schlank, hochgewachsen und in kn�chellange blaue M�ntel geh�llt. Sie redeten miteinander, leise und in einer Sprache, die Skar nicht verstand, blieben einen Moment stehen und kamen dann n�her, langsam und mit den unentschlossenen Bewegungen von M�nnern, die kein bestimmtes Ziel hatten. Skar wich einen halben Schritt zur�ck, schob die Hand unter den Mantel und zog zwei der winzigen <emphasis>Shuriken </emphasis>aus dem G�rtel. Das Metall f�hlte sich eisig an. Ein wenig von der K�lte des Hafenwassers war noch in ihm, und seine rasiermesserscharfen Kanten hinterlie�en d�nne, blutige Linien auf Skars Fingern. Er wich noch ein St�ck zur�ck, hob die Arme - langsam, um sich nicht durch eine unbedachte Bewegung oder das Rascheln von Stoff zu verraten - und drehte die f�nfzackigen Metallsterne, bis sie die richtige Position hatten: ein wenig schr�g und nach vorn geneigt, zwischen Daumen, Zeigefinger und dem ersten Gelenk des Mittelfingers ruhend. Jede Bewegung, jede winzige Geste kam ihm mit seltener Klarheit zu Bewu�tsein. Es war Mord.</p><p>Skar erschrak. Das waren nicht seine Gedanken.</p><p><emphasis>Aber es ist so, </emphasis>fuhr die Stimme fort. <emphasis>Du mu�t sie nicht t�ten. Sie kommen hierher, direkt auf dich zu, und sie wissen nicht, da� du auf sie wartest. Wenn du nicht gelernt hast, einen Mann zu bet�uben, ehe er schreien kann, was dann?</emphasis></p><p>Er erstarrte, lie� die H�nde ein wenig sinken und hob sie dann wieder mit einer schnellen, fast w�tenden Bewegung. Die Spitzen der <emphasis>Shuriken </emphasis>schrien nach Blut.</p><p><emphasis>Wenn du es tust, dann bist du nicht besser als sie, </emphasis>fuhr die Stimme fort. Seine H�nde begannen zu zittern.</p><p>Was ist das? dachte Skar. War das der Skar, der er gewesen war, bevor er Vela traf? War er sich selbst schon so fremd geworden, da� er ihn nicht wiedererkannte? War es die Stimme des Satai, die in ihm fl�sterte? Oder wurde er - auch dieser Gedanke kam ihm nicht zum ersten Mal - schlicht und einfach verr�ckt?</p><p>Die beiden Thbarg kamen n�her, blieben wieder stehen und gingen weiter, die H�nde nachl�ssig auf die Waffen gelegt. Skar verl�ngerte die imagin�re Linie, der sie folgten, in Gedanken. Sie w�rden den Schatten nicht betreten, sondern dicht an seiner Grenze entlang zum Ende des Kais gehen, dort wahrscheinlich kehrtmachen und zur�ckgehen. Er konnte stehenbleiben und einfach warten, und sie w�rden nicht einmal wissen, wie knapp sie dem Tode entronnen waren.</p><p><emphasis>Dann tu es, </emphasis>fl�sterte die Stimme. <emphasis>Zwei Menschenleben sind ein zu hoher Preis f�r zwei M�ntel.</emphasis></p><p>Sein Blick verschleierte sich. F�r einen Moment glaubte er Nebel zu sehen, schwarzen, hin und her tanzenden Nebel voller Blut und Gewalt, dann gewahrte er ein Paar dunkler, sp�ttischer Augen.</p><p>Und als er erkannte, wessen Augen es waren, schleuderte er die Waffen.</p><p>Die <emphasis>Shuriken </emphasis>jagten davon, rissen blutige Linien in seine H�nde und verwandelten sich in lautlose, t�dliche R�der aus Licht. Einer der beiden Thbarg brach lautlos zusammen, der andere schrie auf - ein halblauter, erstickter Ton, der nur wenige Schritte weit zu vernehmen war -, griff sich in den Nacken und drehte sich taumelnd um. Sein Gesicht war eine Maske aus Schmerz und ungl�ubigem Schrecken. Er wankte, nahm die H�nde herunter und betrachtete ungl�ubig seine Finger. Sie glitzerten dunkel und rot von seinem eigenen Blut. Sein Mund �ffnete sich, aber kein Laut kam �ber seine Lippen. Nur der Schrecken in seinen Augen wurde gr��er.</p><p>Dann fiel er.</p><p>Als Skar zu den beiden Toten hin�berging und ihnen die M�ntel auszog, glaubte er ein leises Lachen zu h�ren. Nicht die Stimme seines dunklen Bruders, nicht die seines Gewissens und nicht das Heulen des Wolfes, sondern das Lachen einer Frau. Velas Lachen.</p><p><emphasis>Willkommen, Bruder, </emphasis>sagte es. Er hatte den letzten Schritt getan. Es gab nichts mehr, was sie unterschied.</p><p>Jetzt - endg�ltig - waren sie sich gleich geworden. Es war nicht das erste Mal, da� er diesen Gedanken dachte, aber es war das erste Mal, da� er wu�te, da� er wahr war. Er hatte Vela geha�t, und ab heute w�rde er auch sich hassen.</p></section><section><title><p id="_5">5.</p></title><p>Andred sa� noch in der gleichen Stellung da, in der Skar ihn zur�ckgelassen hatte, zusammengesunken und reglos, als h�tte er sich die ganze Zeit �ber nicht bewegt, und sein Blick war so leer wie zuvor. Als Skar neben ihm niederkniete und ihm den blauen Mantel und den schweren Lederhelm in die Hand dr�ckte, zuckte er zusammen, als erwache er aus einem tiefen Schlaf.</p><p>�Zieh das an�, sagte Skar hastig. �Rasch. Bevor sie merken, da� die Patrouille nicht zur�ckkommt.� Er st�lpte selbst den Helm �ber, warf den zerschlissenen Mantel endg�ltig zu Boden und streifte statt dessen das dunkelblaue Kleidungsst�ck der Thbarg �ber. Der Stoff war erstaunlich leicht, obwohl er dick war und gut w�rmte, aber der Helm war um ein gutes St�ck zu klein und dr�ckte schmerzhaft auf Schl�fen und Nasenwurzeln. Skar hatte nicht vor, ihn lange zu tragen.</p><p>Andred drehte Helm und Mantel verwirrt in H�nden, als s�he er Gegenst�nde wie diese zum ersten Mal. Skar knurrte ungeduldig, nahm ihm den Helm aus den Fingern und setzte ihn unsanft auf Andreds Kopf. Der Freisegler machte eine schwache Abwehrbewegung, die Skar ignorierte. Skar ri� ihm auch noch den Mantel von den Schultern. Erst als er ihm dann den blauen Thbarg-Mantel umlegte und die d�nne Metallspange �ber der Schulter schlo�, schien Andred allm�hlich zu begreifen, was mit ihm geschah.</p><p>�Woher ... hast du das?� fragte er stockend.</p><p>�Geliehen�, knurrte Skar. �Zwei von Gondereds M�nnern waren so freundlich, es mir zu geben. Bist du bereit?�</p><p>Andred nickte, hob in einer verwirrten Geste die Hand an den Kopf und tastete mit den Fingerspitzen �ber das rauhe Leder des Helmes. Seine linke Hand hatte sich noch dunkler verf�rbt und war jetzt fast schwarz. Aber wenn er Schmerzen hatte, so beherrschte er sich willensstark.</p><p>�Glaubst du, wir kommen in dieser Verkleidung durch die Absperrung?� Er sprach langsam und mit gro�en Pausen, als m�sse er sich erst wieder m�hsam darauf besinnen, wie man �berhaupt redete.</p><p>Skar zuckte in gespieltem Gleichmut die Achseln. �Es ist die einzige Chance, die wir haben�, sagte er. �Die beiden Thbarg sind bestimmt nicht aus Langeweile auf dem Kai herumspaziert. Gondered scheint sich nicht sicher zu sein, uns wirklich erwischt zu haben. Wenn wir hierbleiben, dann werden sie uns fr�her oder sp�ter entdecken. Wenn wir nicht vorher erfroren sind. Wir m�ssen es riskieren.�</p><p>Andred nickte, r�hrte sich aber nicht von der Stelle. �Du ... du solltest allein gehen�, murmelte er unsicher. �Ohne mich hast du eine Chance.�</p><p>Skar lachte leise. �Auf diesen Gedanken kommst du ein bi�chen zu sp�t, Andred. Und er ist �berdies falsch - Gondered hat <emphasis>zwei </emphasis>M�nner auf Patrouille geschickt. Er w�rde sich fragen, warum nur einer von seiner Streife zur�ckkommt.�</p><p>�Sprichst du Thbarg?� fragte Andred unvermittelt.</p><p>Skar verneinte. �Warum?�</p><p>�Was tun wir, wenn wir angesprochen werden?�</p><p>Irgend etwas war in Andreds Stimme, das Skar warnte. Er blieb stehen und sah den Freisegler durchdringend an. Andred schien langsam in die Wirklichkeit zur�ckzufinden - aber es <emphasis>schien </emphasis>eben nur so. Die Logik in seinen Worten war nur vorget�uscht; ein letztes Aufbegehren, dem der endg�ltige Zusammenbruch folgen w�rde, vielleicht in wenigen Augenblicken, vielleicht erst in Stunden, aber <emphasis>bald. </emphasis>Skar zuckte betont gelassen mit den Achseln. �Laufen�, sagte er. �So schnell wie noch nie zuvor.�</p><p>Andred l�chelte pflichtschuldig. Es wirkte wie das L�cheln einer Statue.</p><p>Die Nacht schien k�lter zu werden, als sie nebeneinander zum Kai hinaufgingen. Auf Andreds Gesicht war nicht die leiseste Regung zu erkennen, als er die beiden toten Krieger sah, die Skar in den Schatten der Felsen zur�ckgezerrt hatte. Sie gingen - auf dem gleichen Weg, den die Krieger genommen h�tten - am Rand des Schattens entlang, ein wenig schneller als sie, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Skars H�nde glitten mit kleinen, nerv�sen Bewegungen �ber den Saum seines Mantels. Vorhin, als er im Schatten des Schiffes gelegen und zur Stadt hin�bergestarrt hatte, war ihm die Entfernung unendlich gro� vorgekommen; jetzt schien sie mit jedem Schritt zusammenzuschrumpfen, als galoppiere er auf einem durchgehenden Pferd.</p><p>�Rede�, fl�sterte er, ohne Andred anzusehen.</p><p>Das Gesicht des Freiseglers war unter dem wulstigen Rand des Helmes fast unkenntlich. Wenn sie nicht direkt angesprochen wurden, dann hatten sie eine Chance. Wenn Gondered nicht auch seine eigenen Leute �berwachte. Wenn Andred die Nerven behielt. Wenn ...</p><p>Zu viele Wenns, dachte Skar d�ster. Andred begann zu erz�hlen, wie Skar es verlangt hatte, sinnloses Zeug, das Skar auch nicht verstanden h�tte, wenn er hingeh�rt h�tte. Trotzdem nickte er von Zeit zu Zeit und steuerte eine Handbewegung oder ein verhaltenes Lachen bei. Er hatte pl�tzlich Angst, es zu �bertreiben. Man konnte auch <emphasis>zu </emphasis>nat�rlich sein.</p><p>�Der Lagerschuppen dort hinten�, murmelte er, ohne den Blick zu heben. �Der flache Bau zwischen den beiden Silos. Siehst du ihn?�</p><p>�Die T�r steht offen�, antwortete Andred. Seine Stimme zitterte, ein ganz klein wenig nur, aber h�rbar.</p><p>�Wir gehen dicht daran vorbei. Achte auf mein Zeichen.�</p><p>Andred nickte. Skar sah ihn noch immer nicht an, aber er sp�rte die Bewegung, ebenso wie er Andreds Nervosit�t sp�rte, die Furcht, die die Gestalt des Freiseglers wie ein unsichtbarer Mantel einh�llte.</p><p>Sein Blick wanderte nerv�s nach rechts. Das Schiff brannte noch, aber es waren nur noch wenige verkohlte Reste, bizarre Skelettfinger, die aus dem schwarzen Hafenwasser herauswuchsen. Sein Feuerschein reichte jetzt jedoch nur noch wenige Schritte auf den Hafen hinaus, und in den H�nden der Thbarg-Krieger erschienen die ersten Fackeln. Ein kurzes, scharfes Kommando klang auf; einige von Gondereds M�nnern hielten in ihren T�tigkeiten inne und begannen sich um ihren Anf�hrer zu scharen; andere zeigten keine Reaktion.</p><p>Skar fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen. Er hatte keine Ahnung, was Gondered gesagt hatte, ob das Kommando auch ihnen - oder den M�nnern, die sie darstellten - galt. Aber es waren noch drei�ig Schritte bis zum Schuppen; zu weit, um losrennen und dann auch noch hoffen zu k�nnen, da� sie nicht auffielen.</p><p>Er ertappte sich dabei, wie seine Hand unter den Mantel glitt und nach dem Griff des <emphasis>Tschekal </emphasis>tastete. Hastig zog er die Hand zur�ck, straffte sich und schritt ein wenig schneller aus. Er mu�te all seine Kraft aufwenden, um nicht immer wieder �ber die Schulter zur�ckzusehen.</p><p>Noch zehn Schritte. F�r einen kurzen Moment glaubte er eine Bewegung hinter der weit offenstehenden T�r des Lagerschuppens zu erkennen. Aber es war nur ein Schatten, vielleicht auch nur ein Trugbild, das ihm seine �berreizten Nerven vorgaukelten. Er sah sich nun doch um. Gondered stand hochaufgerichtet zwischen seinen M�nnern; sein Goldhelm war selbst bei der schwachen Beleuchtung deutlich zu erkennen. Er sagte irgend etwas, wechselte die Fackel von der rechten in die linke Hand und deutete wild gestikulierend �ber den Hafen und zum Schatten des Kaperseglers hin�ber. Skar glaubte jetzt, eine Anzahl winziger Gestalten an Deck des Schiffes zu erkennen, und f�r einen Moment war es ihm, als bewege sich der gewaltige Umri� des schwarzen Seglers.</p><p>Dann betraten sie den Schuppen. Ihre Schritte riefen pl�tzlich dumpfe Echos an den unsichtbaren W�nden hervor, und ein unbeschreibliches Gemisch der verschiedenartigsten Ger�che schlug ihnen entgegen: Feuchtigkeit, Moder, verfaulte Lebensmittel und Tuch und tausend andere Dinge, die Skar nicht auf Anhieb erkannte. Beiderseits des Eingangs wuchsen deckenhohe, roh zusammengezimmerte Regale empor, alt und durchgebogen unter der Last der Waren, die sich darauf stapelten. Dahinter, eingebettet in verschwommene Schw�rze, erhoben sich weitere Regale, auch sie bis zum Bersten gef�llt und so dicht beieinander, da� dazwischen nur schmale G�nge blieben, kaum breit genug f�r einen einzelnen Mann.</p><p>Sie entfernten sich ein paar Schritte vom Eingang und blieben stehen, als Skar sicher war, da� sie von drau�en nicht mehr gesehen werden konnten. Er h�tte erleichtert aufatmen k�nnen, tat es aber nicht. Die Furcht war ihnen gefolgt, und das Gef�hl der Bedrohung war hier drinnen beinahe st�rker als drau�en. Sie waren in Sicherheit - der Schuppen mu�te mehr als nur einen Ausgang haben, und selbst wenn Gondered jetzt, in diesem Moment, merken sollte, da� Skar ihm entkommen war, dann waren sie hinaus und in der Stadt, ehe er auch nur reagieren konnte.</p><p>Andred sah sich mit raschen, abgehackt wirkenden Bewegungen um. �Das ist seltsam�, murmelte er.</p><p>Skar sah auf. �Was?�</p><p>�Diese Waren hier�, fuhr Andred fort.</p><p>Skar zuckte mit den Achseln. �Und? Es ist ein Lagerhaus, oder? Komm weiter. Wir m�ssen zu deinem Freund.�</p><p>Andred setzte sich gehorsam in Bewegung, blieb jedoch nach wenigen Schritten wieder stehen. Sein Blick tastete unsicher �ber die prall gef�llten Regale und die Stapel von Kisten und Ballen dazwischen. �Es ist zuviel�, murmelte er.</p><p>Skar blieb ebenfalls stehen. Er sah nerv�s zur T�r, aber hinter dem niedrigen, grauen Rechteck blieb alles ruhig. �Wie meinst du das?� fragte er schlie�lich.</p><p>Andred deutete mit einer unsicheren Geste nach oben. �Ich ... komme seit f�nfzehn Jahren hierher�, sagte er stockend. �Aber ich habe nie ein Lagerhaus so wohlgef�llt gesehen. Das Drachenland ist gro�, Skar, und Anchor ist sein einziger Hafen. Die Schiffe k�nnen die Waren gar nicht so schnell herbeischaffen, wie sie abgeholt und verteilt werden.�</p><p>Skar schwieg verwirrt.</p><p>�Ich m�chte wissen, ob es in den anderen Schuppen ebenso aussieht�, fuhr der Freisegler fort.</p><p>�Und selbst wenn�, sagte Skar, �was w�rde das bedeuten?� Es war eine dumme Frage, und er wu�te die Antwort im gleichen Moment, in dem er sie aussprach. Gondered hatte gesagt, da� die Bewohner des Drachenlandes zu den Waffen eilten. Sie hatten am eigenen Leib gesp�rt, <emphasis>wie </emphasis>ernst seine Worte gemeint gewesen waren, und jetzt dies - brauchte er wirklich noch mehr Beweise? Jemand hatte hier begonnen, Vorr�te zu horten, in einem Ausma�, das jede Logik zu �bersteigen schien. Welchen anderen Grund mochte es daf�r geben als den, da� das Land auf einen Krieg vorbereitet wurde?</p><p>Aber Krieg? dachte er erschrocken. Gegen wen? Gegen eine Handvoll Quorrl?</p><p>Oder vielleicht gegen den Rest der Welt?</p><p>Und mit einemmal ergab alles einen Sinn. Er wu�te pl�tzlich, da� es in den anderen Schuppen ebenso aussehen w�rde, da� sie alle, sie und die Silos und die gewaltigen, flachen Lagerhallen, die sich am anderen Ende des Hafens aneinanderreihten, bis zum Bersten gef�llt sein w�rden, jetzt oder in naher Zukunft, und da� die Quorrl nichts als ein Vorwand waren. Er war blind gewesen. Blind und ziemlich �berheblich dazu. F�r ihn hatte die Welt nur noch aus zwei Menschen bestanden - aus Vela und ihm. Sein Racheschwur hatte ihn blind werden lassen. Verdammter Narr, der er gewesen war! Hatte er wirklich geglaubt, da� die <emphasis>Errish </emphasis>die Grenzen ihres Landes sperren und Schiffe mit Hunderten von Kriegern auf das Meer hinausschicken w�rde, nur weil sie Angst vor <emphasis>ihm </emphasis>hatte? Gondered hatte ihn gesucht, aber das war nur ein kleiner Teil seines eigentlichen Auftrages gewesen, etwas, das er so nebenbei mit erledigte, ebenso wie die W�chter an den P�ssen und die Truppen, die irgendwo an den Grenzen nach Kohon und Larn warten w�rden, <emphasis>auch </emphasis>nach ihm Ausschau hielten.</p><p>Skar h�tte sich am liebsten selbst geohrfeigt. Nat�rlich wu�te Vela, da� er kommen w�rde, aber wahrscheinlich war er nicht mehr als eine winzige Figur auf einem Brett mit Millionen Spielsteinen, ein Problem, an das man vielleicht einen fl�chtigen Gedanken verschwendet, ehe man sich seinen Hauptgesch�ften zuwendet. Ihre Pl�ne waren viel gewaltiger, viel gr��er, als er bisher in seiner Borniertheit geglaubt hatte. Sein Racheschwur!</p><p>Sie w�rde �ber diesen Schwur lachen, sofern sie �berhaupt davon wu�te. Gab es einen besseren Ort als Elay, um in aller Stille einen Krieg vorzubereiten? Ein besseres Land als dieses, von dem niemand, der au�erhalb seiner Grenzen lebte, <emphasis>wirklich </emphasis>wu�te, was in ihm vorging, und �ber das mehr Ger�chte und Legenden kursierten, als es Einwohner hatte?</p><p>Er hatte eine Vision, ein rasches, schreckliches Bild, das mit Urgewalt vor seinen Augen aufstieg: Er sah ein Heer, gewaltig und schwarz und gro�, wie eine Springflut �ber die Grenzen des Drachenlandes hinausschwappend, Heeresz�ge, angef�hrt von Velas schwarzen Hornmonstern, St�dte und D�rfer und Festungen schleifend, unaufhaltsam, unverwundbar, gesch�tzt von der Macht dieses verfluchten Steines; unbesiegbar. <emphasis>Velas Heer... Ein einziges Menschenleben ist nicht lang genug, eine Welt zu erobern, </emphasis>hatte Vela gesagt. Er hatte es geglaubt, aber es war eine L�ge. Sie hatte <emphasis>gewollt, </emphasis>da� er es glaubte, so wie sie <emphasis>gewollt </emphasis>hatte, da� er sie ha�te, sich nur noch auf seinen Ha� und seine pers�nliche Rache konzentrierte und den Blick f�r das, was sie wirklich beabsichtigte, verlor. Mit einemmal war alles logisch und klar. Seine Flucht, sein Aufenthalt in Cosh, Dels Tod - dies alles war nichts als Theater gewesen, ein gut inszeniertes Spiel, keinem anderen Zweck dienend als dem, ihn abzulenken. Sie hatte vom ersten Moment an gewu�t, da� es auf ganz Enwor nur einen Menschen - n�mlich ihn oder vielmehr das Ding in ihm - gab, der ihren Pl�nen wirklich gef�hrlich werden konnte. Und jeder Schritt, den er getan hatte, war von Vela vorausbestimmt gewesen. �Was hast du?�</p><p>Andreds Stimme ri� ihn abrupt aus seinen Gedanken. F�r einen Moment hatte er die Kontrolle �ber sich verloren, und sein Zorn mu�te deutlich auf seinem Gesicht gestanden haben. Andred wirkte erschrocken, und Skar h�tte beinahe laut aufgelacht, als ihm klarwurde, da� es gerade umgekehrt war, da� nicht Andred, sondern <emphasis>er </emphasis>zusammenbrechen w�rde.</p><p>�Nichts�, sagte er hastig. Seine Stimme klang belegt. �Es ist... nichts�, wiederholte er. �La� uns gehen. Ich m�chte aus der Stadt sein, wenn Gondered merkt, wie wir ihn genarrt haben.�</p></section><section><title><p id="_6">6.</p></title><p>Hergers Haus lag in einer heruntergekommenen Gegend der Stadt, unweit des Hafens. Sie hatten den Schuppen durch eine Hintert�r verlassen, ohne aufgehalten zu werden. Andred hatte Helm und Mantel ablegen wollen, als sie aus dem direkten Sichtbereich des Hafens heraus waren, aber Skar hatte es vorgezogen, die Verkleidung noch eine Weile beizubehalten. In der Stadt herrschte trotz der sp�ten Stunden noch reger Betrieb, und Skar fiel schon nach kurzem die unverh�ltnism��ig gro�e Zahl Bewaffneter auf - nicht nur M�nner aus Thbarg wie die, auf die sie im Hafen getroffen waren, sondern regul�re Soldaten, aber auch andere M�nner, die vor wenigen Tagen vielleicht noch als Kaufleute oder Handwerker ihr Brot verdient hatten und jetzt, mit Schwert, Helm und Brustschild bewehrt, Polizeidienste verrichteten. Nicht allen pa�ten die R�stungen, die sie trugen, und eine ganze Anzahl von ihnen wirkte eher l�cherlich als furcht- oder wenigstens respekteinfl��end. Und noch etwas fiel Skar auf: Nicht allen schien die Rolle zu gefallen, in die man sie gepre�t hatte. Skar und Andred bewegten sich rasch durch das dichter werdende Gew�hl der Altstadt und blieben kein einziges Mal stehen, aber Skar sp�rte die feindseligen Blicke, die ihnen viele Bewohner Anchors hinterherschickten, sehr deutlich. Die Thbarg schienen eher Besatzungs- als Schutzmacht zu sein. Trotzdem war Skar nach wenigen Augenblicken froh, weiter den Mantel eines Thbarg zu tragen. Man ging ihnen aus dem Weg; die beiden vermeintlichen Kaperschiffer fielen deshalb weniger auf als ein verletzter Freiseglerkapit�n und ein Satai.</p><p>Andred �bernahm die F�hrung, als sie in die verwinkelten Gassen der Altstadt vordrangen. Er hielt sich erstaunlich gut, bedachte man die Umst�nde, aber Skar fiel auch auf, da� Andreds Gang zwar nicht langsamer, aber merklich gezwungener und steifer wurde und sein linker Arm jetzt vollkommen nutzlos herabhing. Die Hand hatte er, wie in einer zuf�lligen Geste, in einen Zipfel des Mantels gewickelt. Es h�tte eine Blutvergiftung sein k�nnen, nach allem, was Skar gesehen hatte. Aber es ging zu schnell.</p><p>�Dort vorn ist es�, sagte Andred nach einer Weile. Skar folgte seinem Blick und gewahrte ein niedriges, aus morschen Lehmziegeln erbautes Haus, das selbst in dieser heruntergekommenen Umgebung noch sch�big wirkte. Die T�r bestand aus rohen Brettern, die lieblos zusammengenagelt waren und das Licht hindurchscheinen lie�en. �ber der T�r war ein verblichenes Schild angebracht, aber die Schrift war unleserlich und war es vermutlich schon gewesen, als die Farbe noch frisch war. Rechts und links des Einganges hingen ein paar zerfranste Netze, Enterhaken und allerlei anderer Kleinkram; offensichtlich Muster der Waren, die Herger feilbot. Nicht eines der Teile befand sich in einem Zustand, der des Stehlens wert gewesen w�re.</p><p>Andred trat mit einem raschen Schritt in die Gasse hinein, sah sich mi�trauisch um und streifte dann Helm und Mantel ab. Skar folgte seinem Beispiel, nachdem er sich davon �berzeugt hatte, da� niemand sie sah. Es war vielleicht nicht gut, in der Maske thbargscher Krieger zu Herger zu kommen.</p><p>Skar wickelte seinen und Andreds Helm in einen der M�ntel, drehte das Ganze zu einem straffen B�ndel zusammen und faltete aus dem zweiten Umhang einen improvisierten Sack. Die blaue Farbe w�rde kaum auffallen. Skar hatte noch nicht viel von Anchor gesehen, aber er war selten in eine Stadt gekommen, deren Bewohner so farbenfroh (oder geschmacklos - das kam auf den Standpunkt an) gekleidet waren wie die Anchors.</p><p>Andred sah sich noch einmal sichernd um, trat mit einem entschlossenen Schnauben an die T�r und klopfte. Das Licht, das durch die d�nnen Ritzen fiel, flackerte, und Skar h�rte leise, schlurfende Schritte. Trotzdem dauerte es lange, bis die T�r aufschwang. Ein dunkles, mi�trauisches Augenpaar lugte zu ihnen hinaus.</p><p>�Andred?� fragte der Mann zweifelnd.</p><p>Andred nickte ungeduldig, hob die Hand und dr�ckte so kr�ftig gegen die T�r, da� der Mann dahinter zur�ckgeschoben wurde. Er huschte ins Haus, winkte Skar ungeduldig, ihm zu folgen, und schob die T�r wieder zu. Skar unterdr�ckte ein Grinsen, als er den massiven, schmiedeeisernen Riegel sah, mit dem sie gesichert war. Der Riegel mochte selbst dem Ansturm eines Banta standhalten - aber er w�rde nicht viel nutzen, weil das morsche Holz der T�r schon unter einem halbherzigen Fu�tritt zersplittern w�rde.</p><p>�Was willst du hier?� fragte der Mann, der ihnen ge�ffnet hatte. Skar besah ihn sich genauer. Er war alt - wie alt wirklich, war nicht zu sagen, denn sein Gesicht bestand zum Gro�teil aus einer verw�steten Kraterlandschaft von Pockennarben und Schorf -, hatte str�hniges braunes Haar und roch, als h�tte er das letzte Mal nach seiner Geburt gebadet. Sein Blick irrte unstet zwischen Skar und Andred hin und her. Er hatte Angst.</p><p>�Ist Herger zu Hause?� fragte Andred, ohne auf die Frage einzugehen.</p><p>Der Alte nickte. �Ja, aber -�</p><p>�Ruf ihn.�</p><p>F�r einen Moment schien der Alte widersprechen zu wollen, aber dann wandte er sich mit einer beinahe hastigen Bewegung um, schlurfte durch den Raum und verschwand durch eine schmale, mit einem zerschlissenen Vorhang versehene T�r.</p><p>Skar sah ihm stirnrunzelnd nach. �Wer ist das?� fragte er. Andred zuckte die Achseln. �Irgend so ein verr�ckter Alter, der sich hier sein Gnadenbrot verdient�, meinte er. �Herger hat viele Leute, die f�r ihn arbeiten - ich sagte dir doch, da� sich hier das seltsamste Gelichter herumtreibt.� Er l�chelte aufmunternd, als er Skars besorgte Miene sah. �Keine Angst�, sagte er. �Ich kenne ihn seit f�nfzehn Jahren. Er ist vertrauensw�rdig - zumindest M�nnern gegen�ber, bei denen nichts zu holen ist�, f�gte er ironisch hinzu.</p><p>Skar knurrte etwas Unverst�ndliches, drehte sich weg und begann, das Innere des Ladens zu mustern. Der Raum war nicht gro�, aber bis in den letzten Winkel vollgestopft - mit Ger�mpel. Skar fiel beim besten Willen kein anderes Wort daf�r ein. Er mu�te seinen ersten Eindruck schon nach wenigen Augenblicken revidieren - das, was er drau�en vor der T�r gesehen hatte, waren keine ausgesonderten Teile, die Herger dort h�ngen hatte, um seine besseren Waren nicht dem Risiko eines Diebstahles auszusetzen. Was hier, verteilt auf Regale und B�nke und Kisten und provisorische Gestelle oder auch einfach auf dem Fu�boden aufgestapelt war, befand sich ausnahmslos im gleichen Zustand. Meistens Teile von Schiffsausr�stungen, soweit er in diesem M�llhaufen �berhaupt einen Sinn erkennen konnte, aber auch anderer Kleinkram, der irgendwann vor einem Jahrhundert oder l�nger einmal zu irgend etwas n�tzlich gewesen war. Es war nicht ein Teil darunter, f�r das er auch nur den Schmutz unter seinen Fingern�geln hergegeben h�tte.</p><p>�Wovon lebt dein Freund eigentlich?� fragte er nach einer Weile.</p><p>�Herger?� Andred l�chelte d�nn. �Offiziell ist er so eine Art Tr�dler. Es gibt immer wieder einen, der das eine oder andere aus diesem Abfallhaufen gebrauchen kann.�</p><p>�Und inoffiziell?�</p><p>Diesmal antwortete Andred nicht gleich. �Schmuggler�, sagte er dann, zuckte aber unmittelbar darauf mit den Achseln, um klarzumachen, da� es wohl nicht mehr als eine Vermutung war. �Er kennt jeden und alles, und wenn du irgendeine Information brauchst, dann bekommst du sie hier.�</p><p>Skar schwieg einen Moment. Halbwegs hatte er diese Antwort erwartet. M�nner wie Herger gab es in jeder Stadt, in die er gekommen war - M�nner, die einem f�r eine kleine M�nze einen F�hrer verschafften, die die besten Bordelle und die billigsten Tavernen kannten, die eine erstaunliche Anzahl von Neffen, Onkeln, Br�dern und Schwestern in jedem Gesch�ft und jedem Amt der Stadt aufzuweisen hatten und bei denen man f�r eine etwas gr��ere M�nze auch schon einmal einen Dolch mitsamt der dazugeh�rigen Hand kaufen konnte. Es gefiel ihm nicht. Wenn es jemanden gab, der ihn und Andred verstecken und unauff�llig aus der Stadt herausbringen konnte, dann war es vermutlich Herger. Aber genauso wahrscheinlich w�rde er auf Gondereds Liste ganz oben stehen, wenn der Thbarg daranging, die Stadt zu durchk�mmen. �Du siehst nicht sehr zufrieden aus�, sagte Andred.</p><p>Skar versuchte zu l�cheln, aber es mi�lang. �Du hast recht�, murrte er. �Ich schlage vor, da� wir so rasch wie m�glich hier verschwinden. Wenn du mich fragst, dann ist Gondered sp�testens morgen bei Sonnenaufgang hier.�</p><p>�Du irrst dich, Satai�, sagte eine Stimme von der T�r her. Skar zuckte zusammen, fuhr herum und legte instinktiv die Hand auf den Schwertgriff. Der Vorhang war zur Seite geschlagen worden, so leise, da� Skar nicht einmal das Rascheln von Stoff geh�rt hatte, und unter dem Durchgang war ein dunkelhaariger, schlanker Mann erschienen. Er war gro�, fast eine Handspanne gr��er als Skar, aber von so schlankem Wuchs, da� er kleiner wirkte. Und er war sehr jung; vielleicht drei�ig - wenn das Herger war, dann mu�te Andred ihn praktisch schon als Kind gekannt haben.</p><p>�Mein alter Freund Andred�, fuhr der Mann fort, �der gr��te Schmuggler zwischen hier und der �stlichen K�ste. Und ein leibhaftiger Satai?� Er l�chelte, sch�ttelte den Kopf und kam mit katzenhafter Geschmeidigkeit n�her. Skar �nderte sein erstes Urteil �ber Herger, als er die Weise sah, in der er sich bewegte. Dieser Mann war gef�hrlich. �Du bist der Mann, den sie suchen�, fuhr er fort, nachdem er auf Arml�nge vor Skar stehengeblieben und ihn einen Herzschlag lang gemustert hatte. �Kr�ftig, nicht mehr ganz jung und ein Gesicht, das irgendwann einmal jemand versucht hat aufzuschneiden.�</p><p>�Beschreibt man mich so?� fragte Skar.</p><p>Herger l�chelte. �Man nicht, aber Gondered. Und du hast dich geirrt, Skar - er wird nicht morgen, sondern in wenig mehr als einer Stunde hier sein. Ich erwarte ihn.�</p><p>�Was hast du mit diesem Hund zu schaffen?� fragte Andred. Seine Stimme klang nur eine ganz kleine Spur schriller als gewohnt, aber sowohl Skar als auch Herger bemerkten es.</p><p>�Nichts, was dich beunruhigen m��te�, erwiderte Herger ruhig. �Und jetzt kommt erst einmal mit nach hinten. Ihr seht beide aus, als k�nntet ihr eine Tasse hei�e Br�he und trockene Kleider brauchen.�</p><p>Andred wollte noch etwas sagen, aber Herger wandte sich mit einer raschen Bewegung um und ging, so da� sie ihm folgen mu�ten.</p><p>Der angrenzende Raum unterschied sich kaum von dem, aus dem sie kamen. Er war ein wenig gr��er und nicht ganz so �berladen, aber auch er glich eher einem Abfalldepot als einem Laden oder gar einem Zimmer, in dem ein Mensch wohnen konnte. Herger deutete wortlos auf eine schmale Couch und verschwand durch eine weitere T�r, ehe Skar Gelegenheit zu irgendwelchen Fragen hatte. Andred lie� sich mit einem Laut der Ersch�pfung auf das zerschlissene M�bel sinken, griff vorsichtig mit der rechten Hand nach seiner verletzten Linken und legte sie in seinen Scho�. Skar fiel auf, da� er einen Zipfel seines Hemdes dar�berlegte, als wolle er die Verletzung selbst hier noch verbergen. Sein Gesicht gl�nzte vor Schwei�, obwohl der Raum nicht geheizt war, und als Skar sich neben Andred setzte, stieg ihm ein schwacher �bler Geruch in die Nase.</p><p>�Ist er vertrauensw�rdig?� fragte er mit einer Kopfbewegung auf die T�r, durch die Herger verschwunden war.</p><p>Andred nickte. �Absolut. Ich kenne ihn, seit er ein Kind war. Und er ha�t die Thbarg so sehr wie ich.�</p><p>Skar sah den Freisegler mi�trauisch an. Seine Stimme klang wieder ruhig, <emphasis>zu </emphasis>ruhig. Das war nicht die Stimme eines Mannes, der vor Stundenfrist sein Schiff und seine Mannschaft verloren hatte. Aber Skar kam nicht dazu, eine entsprechende Frage zu stellen. Die T�r wurde laut ge�ffnet, und Herger kam - ein Tablett vor sich herbalancierend und ein frisch gewaschenes wei�es Tuch �ber dem Arm - zur�ck. In seiner Begleitung war der Alte, der sie eingelassen hatte. Herger l�chelte, stellte das Tablett - auf dem sich die versprochene Br�he und ein Krug mit einer dunklen, hei�en Fl�ssigkeit befand - in Ermangelung eines anderen freien Platzes auf den Boden und kniete vor Andred nieder.</p><p>�Zeig deinen Arm�, sagte er.</p><p>Andreds Rechte zuckte mit einer fast erschrockenen Bewegung herab und legte sich auf die verwundete Hand. Herger seufzte, griff nach Andreds Gelenk und dr�ckte den Arm ohne sichtliche Kraftanstrengung beiseite. Sein Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an, als er die schw�rzliche Verf�rbung sah. Andreds linke Hand war verkr�mmt wie eine Kralle. Wenn er einen Krampf hatte, dann mu�te er fast unertr�gliche Schmerzen ausstehen.</p><p>�Wie lange hast du das schon?� fragte er.</p><p>Andred antwortete nicht, und Herger wandte sich mit einem fragenden Blick an Skar.</p><p>�Nicht lange�, murmelte Skar. �Eine Stunde - zwei, allerh�chstens. Seit wir von Bord des Schiffes gefl�chtet sind.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Herger begriff. �Das ... das Schiff, das im Hafen gebrannt hat, war die <emphasis>SHANTAR?� </emphasis>fragte er ungl�ubig.</p><p>Skar nickte.</p><p>�Sie haben uns in eine Falle gelockt�, sagte er d�ster. �Gondereds M�nner haben im Hafen auf uns gewartet. Du wu�test es nicht?�</p><p>Herger sch�ttelte verwirrt den Kopf. �Ich ... Gondered sagte, da� ... da� sie einem Piraten auflauern wollen�, sagte er stockend.</p><p>Skar verzog mi�trauisch die Lippen. �Seit wann haben Piraten Satai an Bord?�</p><p>Herger schien dem Gedankensprung nicht sofort folgen zu k�nnen. Dann zuckte er zusammen, l�chelte und beugte sich wieder �ber Andreds Hand. �Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun�, sagte er, ohne Skar anzusehen. �Aber dar�ber reden wir sp�ter. Jetzt k�mmere ich mich erst einmal um deine Hand.� Der letzte Satz galt Andred. Herger ber�hrte seine Fingerkn�chel. Die Ber�hrung war sehr fl�chtig, aber Andred zuckte trotzdem vor Schmerz zusammen und stie� ein leises St�hnen aus.</p><p>�Zwei Stunden, sagst du?� fragte Herger zweifelnd.</p><p>�Allerh�chstens�, best�tigte Skar an Andreds Stelle.</p><p>Herger �berlegte wieder einen Moment, zog dann einen schmalen Dolch aus dem Stiefelschaft und begann Andreds Hemd s�uberlich von der Manschette bis zur Schulter aufzuschneiden. Skar fuhr zusammen, als er die abgebrochene Pfeilspitze sah, die dicht oberhalb des Ellbogengelenks aus dem Arm des Freiseglers ragte. Die Wunde hatte kaum geblutet, aber rings um die Pfeilspitze herum war die Haut schwarzblau verf�rbt, und ein d�nner, wie mit einer Tuschfeder gezeichneter Strich zog sich �ber seinen Arm bis zum Ellbogengelenk hinunter, um dort in einer Explosion von Blau und schlie�lich Schwarz Besitz von seiner Hand zu ergreifen.</p><p>�Gift�, sagte Herger trocken. �Sie haben auf euch geschossen? Ihr seid verfolgt worden?�</p><p>Skar sch�ttelte verwirrt den Kopf. Andred mu�te getroffen worden sein, als sie noch an Bord des Schiffes gewesen waren. Gondereds M�nner sind wirklich gr�ndlich gewesen, dachte er grimmig. Nicht genug, da� sie die SHANTAR in eine Fackel verwandelt hatten - sie hatten das brennende Schiff auch noch mit Pfeilen �bersch�ttet. Vergifteten Pfeilen dazu.</p><p>�Warum hast du nichts gesagt?� fragte er. �Narr!�</p><p>Andred wandte m�de den Kopf. �Was h�tte ich sagen sollen?� erwiderte er. Herger unterbrach die Unterhaltung mit einer bestimmenden Geste. �Streiten k�nnt ihr euch sp�ter�, sagte er. �Jetzt mu� erst einmal die Wunde versorgt werden.�</p><p>Andred nickte. �Gib mir einen Becher Wein�, sagte er. �Den st�rksten, den du hast. Und dann schneid das verdammte Ding raus.�</p><p>�Den Teufel werde ich tun�, gab Herger zur�ck. �Du gehst jetzt in mein Schlafgemach und legst dich hin, und ich schicke nach einem Heiler. An <emphasis>der </emphasis>Wunde schneide ich nicht herum.� Andred wollte protestieren, aber Herger h�rte gar nicht hin. Er gab seinem Gehilfen einen Wink, zog Andred mit sanfter Gewalt hoch und f�hrte ihn aus dem Raum. Der Freisegler wankte, und die beiden M�nner schleppten ihn mehr, als da� er aus eigener Kraft ging.</p><p>Skar sp�rte pl�tzlich seine M�digkeit. Er wollte nicht schlafen. Es gab zu viel zu bedenken, zu vieles abzuw�gen und zu entscheiden. Er konnte nicht hierbleiben, weder f�r die Nacht noch f�r wenige Stunden. Wahrscheinlich hatte Gondered jetzt bereits die Leichen seiner beiden M�nner gefunden. Wenn er, Skar, zu lange z�gerte, dann w�rden sich Anchors Tore schlie�en, und er war erneut gefangen.</p><p>Aber die M�digkeit war st�rker als sein Wille. Er schlief nicht ein, verfiel jedoch in einen leichten D�mmerzustand, in dem er seine Umgebung zwar noch wahrnahm, aber kaum mehr f�hig war, einen klaren Gedanken zu fassen oder gar auf etwas zu reagieren. Erst als Herger nach einer Weile zur�ckkam und laut die T�r hinter sich ins Schlo� warf, schrak Skar wieder hoch und fand verwirrt in die Wirklichkeit zur�ck.</p><p>Herger grinste, nahm mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden Platz und reichte Skar eine Sch�ssel mit dampfender Suppe.</p><p>�Andred schl�ft�, sagte er, w�hrend Skar nach dem h�lzernen L�ffel griff und vorsichtig zu essen begann. Der Gedanke an Speise und Trank war ihm bisher nicht einmal gekommen, aber nach den ersten behutsamen Schlucken meldete sich sein Magen ungest�m zu Wort, und er a� schneller.</p><p>�Bedien dich ruhig�, sagte Herger auffordernd. �Du kannst auch Andreds Portion noch haben. Ich glaube nicht, da� er im Moment gro�e Lust zum Essen hat.�</p><p>�Wie geht es ihm?� fragte Skar kauend.</p><p>Das L�cheln auf Hergers Gesicht erlosch. �Nicht gut�, sagte er ernst. �Ich bin kein Heilkundiger, aber ich habe genug Verletzungen gesehen. Seine ist keine von der harmlosen Art. Er hat dir nichts gesagt?�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Dieser Narr�, fuhr Herger fort. �Du h�ttest den Pfeil herausschneiden und das Gift aus der Wunde saugen k�nnen. Jetzt ist es zu sp�t daf�r. Ich f�rchte, er wird die Hand verlieren. Zumindest wird sie steif bleiben.�</p><p>Skar a� wortlos weiter und griff, nachdem er die erste Schale geleert hatte, auch noch nach Andreds Suppe. Jetzt wurde ihm vieles klar. Das Gift mu�te, w�hrend sie auf dem Weg hierher gewesen waren, bereits Andreds Gehirn erreicht und seine Sinne umnebelt haben. Es war nicht der Schock, der ihn hatte abstumpfen lassen. Und dieser Narr hatte nichts gesagt, wahrscheinlich aus Furcht, Skar mit seiner Verwundung noch mehr zu belasten. Skar sch�ttelte den Kopf, seufzte und fragte: �Kannst du ihn hierbehalten?�</p><p>�Andred?� Herger nickte, zog die Knie an und umschlang sie mit den Armen; eine Haltung, die nicht zu seiner Erscheinung pa�te und unecht war. Er war nicht halb so gelassen, wie er vorgab. �Warum nicht? Er ist mein Freund.�</p><p>�Aber er wird auch gesucht�, sagte Skar. �Und ich werde mich kaum um ihn k�mmern k�nnen. Ich mu� fort.�</p><p>�Er ist sicher bei mir�, sagte Herger noch einmal. �Und du auch. Ich habe ein zweites Zimmer, hinten im Anbau. Du kannst dort schlafen, wenn du willst.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Wenn es wegen Gondered ist�, sagte Herger, �so brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Mein Haus w�re wahrscheinlich der letzte Ort, an dem er euch suchen w�rde.�</p><p>�Es geht nicht um ihn�, sagte Skar. �Ich mu� weiter.�</p><p>�Und was treibt dich zu solcher Eile?�</p><p>Skar nahm einen weiteren L�ffel Suppe, ehe er antwortete: �Es ist besser, wenn du nichts wei�t.�</p><p>�Mi�traust du mir?� Herger grinste. �Ich bin verschwiegen, Satai. Man kann sagen, ich lebe von meiner Verschwiegenheit - manchmal. Aber ich bin auch neugierig.� Er legte eine winzige, genau bemessene Pause ein und fuhr fort: �Immerhin gehe ich ein Risiko ein, wenn ich dir Unterschlupf gew�hre. Du wirst gesucht.�</p><p>�Und auf meinen Kopf steht wahrscheinlich ein h�bscher Preis�, f�gte Skar hinzu.</p><p>�Wahrscheinlich�, best�tigte Herger unger�hrt. �Aber ich h�tte nicht viel davon, dich auszuliefern. Gondered w�rde mir das Geld sowieso bei der n�chsten Gelegenheit wieder abnehmen. Au�erdem - wer hat schon gerne einen Satai zum Feind?�</p><p>�Reicht dir Andreds Schicksal nicht?� fragte Skar ruhig. �Ich habe ihn ins Vertrauen gezogen. Du siehst, was ihm passiert ist.� Zu seiner �berraschung begann Herger leise zu lachen. �Der Mann mit dem Fluch�, sagte er. �Man hat mich gewarnt, da� du verr�ckt sein w�rdest.�</p><p>�So?� erwiderte Skar lauernd.</p><p>Herger nickte. �Ich wei� eine Menge �ber dich, Skar - sogar deinen Namen. Machen wir ein Gesch�ft - du sagst mir, was ich wissen will, und ich helfe dir weiter, wenn ich kann. Ich habe eine Menge Freunde in der Stadt.�</p><p>�Ich habe nicht vor, allzu lange in Anchor zu bleiben�, antwortete Skar kalt. Ihr Gespr�ch war schon lange keine harmlose Plauderei mehr. Herger wu�te genau, was er wollte.</p><p>�Wo hast du von mir geh�rt?� fuhr Skar fort. �Und was?� Herger z�gerte einen Moment, stand auf und zog sich einen zersprungenen Korbsessel mit abgebrochener Lehne heran, um sich darauf niederzulassen. �Ich habe Freunde in der Stadt�, sagte er noch einmal. �Und einer von ihnen berichtete mir, da� er ein Gespr�ch zwischen diesem Hundsfott von Thbarg und einem seiner Offiziere belauscht habe. Sie haben Anweisung bekommen, auf einen Satai zu achten, der vielleicht versuchen w�rde, �ber Anchor in das Land zu gelangen. Einen Verr�ckten�, f�gte er mit undeutbarer Betonung hinzu. �Man behauptet, du w�rest hier, um eine <emphasis>Errish </emphasis>zu t�ten. Stimmt das?�</p><p>Es kostete Skar M�he, sich seinen Schrecken nicht allzu deutlich anmerken zu lassen. Ein weiterer Punkt f�r Vela. Sie lie� ihn jagen, damit hatte er gerechnet. Womit er nicht gerechnet hatte, war die Offenheit, mit der sie dabei zu Werke ging. Sie log nicht einmal, sondern verdrehte die Wahrheit nur ein ganz kleines bi�chen. Nicht weit genug, da� irgend jemand au�er ihr selbst und Skar die Ver�nderung wirklich bemerken konnte. Schlie�lich <emphasis>war </emphasis>er hierhergekommen, um eine <emphasis>Errish </emphasis>zu t�ten.</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte er. �Ich bin vielleicht verr�ckt, aber so verr�ckt nun auch wieder nicht.�</p><p>�Warum bist du dann hier?� fragte Herger lauernd. �Und warum sucht dich die halbe Armee?�</p><p>�Ich ... suche wirklich jemanden�, gestand Skar nach kurzem �berlegen. Vielleicht war es das Beste, sich - f�r einen Moment wenigstens - Velas eigene Taktik zu eigen zu machen. Und hatte er nicht selbst - irgendwann, vor tausend Jahren und in einem anderen Leben - einmal zu Del gesagt, er solle sich, wenn es schon n�tig war, zu l�gen, so dicht wie m�glich an der Wahrheit bewegen? �Aber es ist keine <emphasis>Errish�, </emphasis>f�gte er hinzu.</p><p>�Wer dann?�</p><p>�Wer hat diese Armee aufgestellt?� gab Skar zur�ck. �Und warum?�</p><p>Auf Hergers Stirn erschien eine schmale Falte. �Zug um Zug, wie?� fragte er. �Ich sehe, du kennst die Regeln. Aber ich mu� dir die Antwort schuldig bleiben - ich wei� es nicht. Offiziell�, fuhr er nach sekundenlangem Schweigen fort, �hei�t es, da� Quorrl �ber die Grenzen gekommen sind.�</p><p>�Und inoffiziell?�</p><p>�Sie ziehen �berall Truppen zusammen. Und ich h�rte, da� die H�ndlerkarawanen nicht abrei�en. Das sieht mir verdammt nach Vorbereitungen f�r einen Krieg aus. Aber das sind Vermutungen - ich k�mmere mich nicht um Politik. Schlechte Zeiten sind gute Zeiten f�r mich. Aber gute auch�, f�gte er verschlagen hinzu. �Ich mache dir einen Vorschlag, Skar: Ich habe Freunde, auch au�erhalb Anchors. Ich sorge daf�r, da� du ungef�hrdet aus der Stadt und dorthin gelangst, wohin du willst.�</p><p>�Und was verlangst du daf�r?�</p><p>�Informationen�, erwiderte Herger. �Du sagst mir, was du unterwegs siehst und h�rst� - er zuckte mit den Achseln und starrte scheinbar versonnen gegen die Decke - �und was dieses ganze Affentheater soll.�</p><p>�Ich denke, du interessierst dich nicht f�r Politik?� fragte Skar. �Nur wenn es mir einen Vorteil bringt�, gestand Herger grinsend. �Das Wissen, wann und wo ein Krieg ausbricht, kann Gold wert sein, Satai.�</p><p>Skar wu�te f�r einen Moment nicht, ob er Herger nun bewundern oder verachten sollte. Die Vorstellung war verlockend - er traute ihm durchaus zu, da� er ihn aus der Stadt und sicher bis Elay bringen lassen konnte; und der Preis, den er verlangte, war nicht hoch; genaugenommen war er gleich Null - wenn Skar sein Ziel nicht erreichen w�rde, w�rde es keinen Krieg geben; wenn er vorher starb, ging Herger ebenfalls leer aus. Aber es war auch nicht mehr als eine Vorstellung. Letztlich war Herger nicht mehr als ein Spitzel und Hehler, und seine Freunde waren gemeine Stra�enr�uber oder noch Schlimmeres. Wahrscheinlich w�rden sie ihn bei der ersten sich bietenden Gelegenheit umbringen oder an Velas H�scher verkaufen. Die Geschichte von R�ubern und Ausgesto�enen, die sich im Moment der Gefahr erhoben und ihr Leben f�r die gerechte Sache und das Volk einsetzten, geh�rte ins Reich der Phantasie. Es waren M�nner wie Herger, die Vela zu ihren Statthaltern machen w�rde.</p><p>�Ich ... werde dar�ber nachdenken�, sagte er m�de.</p><p>In Hergers Augen blitzte es auf. Er wu�te, da� es nicht mehr als eine Ausflucht war. Und er hatte wohl auch nie ernsthaft mit einem �Ja� gerechnet.</p><p>�Du wirst auf jeden Fall die Nacht �ber hierbleiben�, sagte er bestimmt. �Morgen lasse ich dich aus der Stadt bringen.� Skar wollte protestieren, aber Herger lie� ihn nicht zu Wort kommen. �Ich wei� ja, da� ihr Satai gro�e Helden seid�, sagte er sp�ttisch. �M�nner aus Stahl, die nichts umwirft. Im Nebenzimmer h�ngt ein Spiegel, Skar. Sieh hinein, ehe du mir antwortest. Du hast Rost angesetzt. Wenn du jetzt losgehst, dann schl�fst du im Laufen ein und wirst erst wach, wenn du gegen den n�chsten Posten gerannt bist.� Er stand auf und deutete mit einer Kopfbewegung zur T�r. �Ich zeige dir dein Zimmer.�</p><p>�Warum tust du das?� fragte Skar Herger zuckte die Achseln. �Nimm an, weil du ein Freund von Andred bist�, sagte er.</p><p>�Unsinn�, knurrte Skar.</p><p>Herger nickte. �Sicher ist es Unsinn. Aber es klingt gut. Die Gesellschaft eines berufsm��igen Helden verleitet dazu, pathetisch zu werden, wei�t du?� Er wurde �bergangslos ernst. �Ich kann es mir gar nicht leisten, dich jetzt gehen zu lassen�, sagte er. �Wenn sie dich schnappen, dann werden sie bald wissen, wer dir geholfen hat. Und ich m�chte meinen Kopf noch eine Weile auf den Schultern tragen.�</p><p>Skar z�gerte noch immer. Hergers Worte klangen logisch - beinahe ein bi�chen zu logisch.</p><p>�Man kann das Mi�trauen auch �bertreiben, Satai�, fuhr Herger ungeduldig fort. �Wenn ich dich h�tte verraten wollen, dann h�tte ich es l�ngst getan. Es ist nicht weit bis zum Hafen.�</p><p>Skar erhob sich schwerf�llig. Seine Muskeln waren steif geworden, und das Essen und die Ruhe hatten ihn m�de werden lassen. Ohne ein weiteres Wort folgte er Herger.</p><p>Sie gingen durch einen niedrigen, fensterlosen Gang und betraten ein winziges Zimmer am hinteren Ende des Hauses. Durch das offenstehende Fenster drangen Sternenlicht und die Ger�usche der Stra�e herein; ein schwerer, s��licher Geruch hing in der Luft.</p><p>Herger deutete mit einer Kopfbewegung auf die strohgedeckte Pritsche unter dem Fenster. �Wahrscheinlich bist du Besseres gewohnt�, sagte er. �Aber das ist alles, was ich dir bieten kann. Jedenfalls bist du hier sicher. Ich wecke dich kurz vor Sonnenaufgang.� Er wandte sich um, streckte die Hand nach dem T�rgriff aus und hielt noch einmal inne. �T�r und Fensterl�den haben Riegel�, sagte er mit sanftem Spott. �Du kannst sie vorlegen, wenn du dich f�rchtest.�</p><p>�Eine Frage hast du noch nicht beantwortet�, sagte Skar ruhig. �Gondered. Was hast du mit ihm zu schaffen? Warum kommt er hierher?�</p><p>F�r den Bruchteil eines Lidzuckens glaubte Skar Schrecken auf Hergers Z�gen zu lesen. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt. �Ich dachte mir, da� du das noch einmal fragen w�rdest�, seufzte er. �Gondered ist oft hier, genau wie seine Offiziere, die M�nner der Stadtgarde ...� Er breitete die H�nde aus, drehte die Handfl�chen nach au�en und zauberte ein absichtlich �bertrieben-verschmitztes L�cheln auf seine Lippen. �Man mu� leben, Skar. Woher, glaubst du, bekomme ich meine Informationen?�</p><p>Skar �ffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, belie� es dann aber bei einem Achselzucken. Herger nickte, fuhr auf dem Absatz herum und zog die T�r hinter sich zu. Seine Schritte verklangen auf dem Korridor. Wenige Augenblicke sp�ter fiel eine zweite T�r ins Schlo�, weiter entfernt und ged�mpft, und Schweigen senkte sich �ber den Raum.</p><p>Skar schlurfte mit h�ngenden Schultern zum Bett, lie� sich auf die Kante sinken und schlo� die Augen. Er f�hlte sich m�de, m�de und schwach und hilflos wie ein alter Mann. Die Situation war absurd - er hatte sich auf Gedeih und Verderb einem Mann ausgeliefert, dem er normalerweise nicht einmal dann �ber den Weg getraut h�tte, wenn er das Messer an seiner Kehle h�tte. Aber er hatte nicht mehr die Kraft, sich wirklich Gedanken dar�ber zu machen.</p><p>Er lie� sich zur�cksinken, rutschte einen Moment unruhig hin und her, um auf der harten Pritsche eine einigerma�en bequeme Lage zu finden, und starrte zu dem ge�ffneten Fenster �ber seinem Kopf empor. Von drau�en drangen die verschiedenen Ger�usche der Stadt herein, und der Wind trug Salzwassergeruch mit sich. F�r einen Moment vermeinte Skar, brennendes Holz und schmorende K�rper zu riechen, aber das war nat�rlich Einbildung.</p><p>Nach einer Weile h�rte er Stimmen; die von Herger und eine andere, tiefere. Vielleicht Gondered, dachte er, der gerade mit Herger �ber den Preis meines Kopfes feilscht.</p><p>Aber noch w�hrend er diesen Gedanken dachte, schlief er ein.</p></section><section><title><p id="_7">7.</p></title><p>Es war eine unruhige Nacht gewesen. Er hatte getr�umt - irgendwelches wirres Zeug, an das er sich beim Erwachen nicht erinnern konnte, das aber einen unangenehmen Nachgeschmack und einen dumpfen Druck wie von einer noch weit entfernten, aber bereits sp�rbaren Gefahr hinterlie�. Ganz im Gegensatz zu seinen normalen Gewohnheiten blieb er noch ein paar Sekunden liegen, nachdem Herger ihn geweckt hatte. Vor dem Fenster herrschte noch Dunkelheit, aber �ber der gezackten Schattenlinie der Stadt zeigte sich bereits ein schmaler grauer Streifen. K�lte und Feuchtigkeit waren w�hrend der Nacht in das Haus gekrochen, und das Stroh, auf dem er lag, war klamm.</p><p>Herger runzelte mi�billigend die Stirn, als er sah, wie Skars Hand instinktiv zum G�rtel fuhr und nach dem Schwertgriff tastete. �Es ist noch da�, sagte er sp�ttisch. �Nicht einmal ich bin verr�ckt genug, ein <emphasis>Tschekal </emphasis>zu stehlen, obwohl ich es gerne einmal anfassen w�rde. Darf ich?�</p><p>Skar ben�tigte einige Sekunden, um zu begreifen, was Herger �berhaupt wollte. Irgend etwas stimmte nicht mit seinem Kopf. Seine Gedanken bewegten sich nur tr�ge, und er hatte M�he, sich �berhaupt darauf zu besinnen, wo er war.</p><p>Er setzte sich auf, legte die Unterarme auf die Knie und lie� die H�nde herabsinken. Sein R�cken war steif, und er sp�rte schmerzhaft jeden einzelnen Strohhalm, auf dem er gelegen hatte. Er hatte Durst. �Was ist... mit Andred?� murmelte er verschlafen.</p><p>Hergers Gesichtsausdruck wurde eine Spur ernster. �Der Heiler war gestern nacht noch hier�, sagte er. �Er wird leben, aber die Hand bleibt steif. Ich f�rchte, er wird nie wieder ein Schiff befehligen.� Er bewegte sich unruhig und mit den unsicheren kleinen Gesten eines Mannes, der vergeblich darum bem�ht ist, sich seine Ungeduld nicht anmerken zu lassen. �Ich habe ein Fr�hst�ck vorbereitet�, sagte er. �Und drau�en im Stall steht ein Pferd f�r dich bereit. Hast du �ber meinen Vorschlag nachgedacht?�</p><p>Skar fuhr sich m�de mit den H�nden �ber das Gesicht. �Was?� erwiderte er. �O ja - sicher. Wir... reden sp�ter dar�ber.� Er stand auf, sah - mehr aus Gewohnheit - aus dem Fenster und blickte einen Moment m�de auf das Treiben drau�en auf der Stra�e. In den meisten H�usern brannte - schon wieder oder noch immer - Licht, M�nner hasteten vorbei, zum Teil nur als dunkle Umrisse und an ihren Bewegungen zu erkennen, zum Teil mit Fackeln oder kleinen, flackernden �llampen ausgestattet. Anchor schien niemals ganz zur Ruhe zu kommen.</p><p>Eine seltsame Stimmung nahm von ihm Besitz. Obwohl er lange und trotz allem gut geschlafen hatte, ergriff ihn wieder M�digkeit, eine M�digkeit ganz eigener Art. F�r einen kurzen Moment wurde er sich seines K�rpers auf fast schmerzhafte Weise bewu�t - er sp�rte jede Zelle, jeden Quadratzentimeter Haut, und er glaubte auch jeden Schritt zu f�hlen, jeden Gedanken, den er seit seinem Weggang aus Ikne gedacht hatte.</p><p>Er straffte sich, drehte sich zu Herger herum und deutete mit einer �bertrieben heftigen Kopfbewegung zur T�r. �Gehen wir�, sagte er. �Ich bin schon viel zu lange hier.�</p><p>Herger l�chelte, �ffnete die T�r und wartete, bis Skar an ihm vorbei aus dem Zimmer getreten war. Das Haus war so still wie am Vorabend, aber durch die d�nnen W�nde drang der L�rm der erwachenden Stadt herein, und ein schwacher Geruch nach gebratenem Fleisch hing in der Luft.</p><p>�Wie komme ich aus der Stadt?� fragte Skar, nachdem sie wieder den Gesch�ftsraum erreicht und Herger mit einer einladenden Geste auf die durchgesessene Couch gedeutet hatte.</p><p>�Es gibt ein schmales Fluchttor an der Westseite�, erkl�rte Herger. �Ich habe die Wache bestochen. Du wirst hindurchgelassen, ohne da� man Fragen stellt.�</p><p>�Bestochen?� fragte Skar Herger grinste. �Ich bin Gesch�ftsmann, Satai. Man mu� investieren, wenn man Gewinn machen will.�</p><p>Skar setzte sich, griff nach dem Fleisch, das Herger ihm anbot, und begann zu essen. Er war nicht sehr hungrig, aber es konnte lange dauern, bis er wieder zum Essen kam. �Es w�re m�glich, da� du ein Verlustgesch�ft machst�, sagte er kauend.</p><p>Herger zuckte gleichm�tig die Achseln. �Mal gewinnt man, mal verliert man, Skar. Und du hast noch nicht geantwortet.�</p><p>Skar sah auf. Herger hielt seinem Blick einen Moment lang stand und sah dann weg.</p><p>�Nein?� murmelte Skar. �Habe ich nicht?�</p><p>Herger l�chelte unsicher. �O doch, du hast. Aber ich gebe nicht auf, wei�t du? Wenn du irgendwann einmal Hilfe brauchst, dann erinnere dich an mich.�</p><p>Skar a� mit erzwungener Ruhe weiter, ohne zu antworten. Hergers Angebot <emphasis>war </emphasis>verlockend, trotz allem. Elay war weit, und wenn auch nur ein Bruchteil der Ger�chte, die �ber das Drachenland im Umlauf waren, zutrafen, dann w�rde der Weg dorthin schwerer werden, als es die Wanderung nach Combat und ihre Odyssee �ber die toten Ebenen von Tuan zusammen gewesen waren.</p><p>Aber dann fiel ihm Andred ein, und jeder Gedanke daran, Hergers Hilfsangebot anzunehmen, erschien ihm mit einemmal l�cherlich. Er stellte den h�lzernen Teller ab, sp�lte den letzten Bissen mit einem Schluck Wasser hinunter und stand mit einem Ruck auf. �Ich habe schon viel zu vielen Ungl�ck gebracht�, sagte er. �Und ich bin viel zu lange hiergeblieben. La� uns gehen.�</p><p>Herger z�gerte. Er schien noch etwas sagen zu wollen, aber ein Blick in Skars Augen �berzeugte ihn davon, da� jedes weitere Wort nur Zeitverschwendung war. �Vielleicht hast du recht�, murmelte er nach einer Weile. �Je eher du aus der Stadt heraus bist, desto besser. F�r uns beide.� Er wandte sich um, hantierte eine Weile an einer offenstehenden Kiste herum und reichte Skar einen zusammengerollten dunkelbraunen Umhang. �Zieh das an�, sagte er.</p><p>Skar griff nach dem Mantel, wickelte ihn auseinander und betrachtete ihn stirnrunzelnd. �Die Kleidung eines Sekal?� fragte er zweifelnd.</p><p>�Warum nicht? Auf diese Weise spricht dich wenigstens niemand an. Und wenn du aus der Stadt bist, kannst du ihn ja wegwerfen. Nun mach schon. Und gib acht, da� niemand deine Waffen sieht. Ein Sekal mit einem Schwert ...� Er grinste, lehnte sich gegen die Wand und verschr�nkte die Arme vor der Brust. Das d�nne Hemd spannte sich deutlich �ber seinen Muskeln. Er war kr�ftiger, als Skar bisher geglaubt hatte.</p><p>Skar legte den Mantel neben sich, schnallte - sichtlich z�gernd - den Waffengurt ab und drehte ihn sorgf�ltig zusammen. Hergers Blick heftete sich auf sein Schwert.</p><p>�Darf ich es ... einmal in die Hand nehmen?� fragte er z�gernd.</p><p>Skar sah ihn einen Herzschlag lang durchdringend an. Dann zog er die schlanke Klinge aus der Scheide und reichte sie Herger. Der Schmuggler griff z�gernd nach dem Schwert, hielt es an Griff und Spitze und drehte es bewundernd. �Eine phantastische Waffe�, murmelte er. �Man sagt ihr wahre Wunderdinge nach. Stimmt es, da� sie Stahl schneidet?�</p><p>Skar mu�te gegen seinen Willen l�cheln. In diesem Moment kam ihm Herger wie ein gro�es Kind vor. �Eine Waffe ist immer nur so gut wie der Mann, der sie f�hrt�, sagte er. �Aber du hast schon recht - es ist ein phantastisches Schwert. Es gibt nicht sehr viele davon.�</p><p>Herger nickte, fa�te den Griff mit beiden H�nden und t�uschte einen Angriff vor. Die schlanke Klinge schnitt silberne Blitze aus der Luft.</p><p>�Es ist sehr leicht�, sagte Herger verbl�fft. �Man sp�rt es kaum. Woraus ist es gemacht?�</p><p>Skar streifte den Mantel �ber, befestigte die schmucklose Metallspange vor der Brust und zuckte mit den Achseln. �Ich wei� es nicht�, sagte er. �Ich ...� Er sprach nicht weiter. F�r einen winzigen Moment sah er nicht mehr das Schwert in Hergers Hand, sondern eine andere, identische Klinge, schlank, silbern und zerbrochen, das schmale Heft geborsten wie Eis...</p><p>Er verscheuchte die Vision, zog den Umhang straff und schlug die Kapuze hoch.</p><p>�Es wird Zeit�, sagte er. �Gib mir das Schwert, und dann gehen wir.� Er hob die Hand, trat einen Schritt auf Herger zu - und erstarrte.</p><p>Herger wich mit einem blitzschnellen Schritt zur�ck, drehte die Waffe herum und richtete die Spitze der Klinge auf Skars Gesicht. �Nein, Skar�, sagte er.</p><p>Skar blinzelte, eher verbl�fft als wirklich erschreckt.</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>Herger schluckte. In seinem Gesicht zuckte ein Nerv, aber sein Blick blieb fest. �Nein hei�t nein�, wiederholte er. �Ich werde dir das Schwert nicht geben. Und wir werden auch nicht von hier weggehen. Es tut mir leid.�</p><p>Skar lachte, leise, unsicher und gek�nstelt. �Mach dich nicht l�cherlich, Herger�, sagte er. �Du wei�t, da� du keine Chance gegen mich hast. Auch nicht mit einem Schwert.�</p><p>�Das braucht er auch nicht�, sagte eine Stimme hinter ihm. Ein Faustschlag zwischen die Schulterbl�tter h�tte Skar nicht h�rter treffen k�nnen. Er kannte die Stimme, sie und den Mann, dem sie geh�rte. Er hatte sie zweimal geh�rt, einmal drau�en auf See, das andere Mal gestern abend, im Hafen.</p><p>Langsam, mit erzwungenen, steifen Bewegungen drehte er sich um und sah den Thbarg an. Gondered trug noch den gleichen Mantel wie am vergangenen Abend. Sein Goldhelm funkelte wie ein b�ses D�monenauge.</p><p>�Sagte ich nicht, da� wir uns wiedersehen?� fragte Gondered mit einem d�nnen, fl�chtigen L�cheln. Skar blickte ihn sekundenlang durchdringend an und drehte sich dann wieder zu Herger um.</p><p>�Wieviel hat er dir bezahlt?� fragte er.</p><p>Hergers Blick flackerte unsicher. �Ich ... hatte keine Wahl�, sagte er. Seine Stimme klang leise, beinahe flehend, und das Schwert in seinen H�nden begann unmerklich zu zittern. �Er hat mich gezwungen, Skar. Ich ... mu�te dich ihm ausliefern, wenn ich Andreds Leben retten wollte.�</p><p>Skar l�chelte b�se. �Narr! Glaubst du wirklich, da� er dich oder Andred am Leben l��t? Ich h�tte dich f�r kl�ger gehalten.� Herger erbleichte, und in seinem Blick erschien ein neuer Ausdruck - Zweifel, Furcht, aber auch allm�hlich aufd�mmerndes Erkennen. �Du ...�</p><p>�Genug jetzt!� fiel ihm Gondered ins Wort. Er trat vollends hinter dem Kistenstapel, hinter dem er versteckt gewesen war, hervor, schlug mit einer raschen Bewegung seinen Mantel zur�ck und zog sein Schwert aus dem G�rtel. Sein Gesicht wurde hart. �Gibst du auf, oder soll ich dich gleich hier t�ten?� fragte er kalt.</p><p>Skar wich um eine Winzigkeit zur Seite, verlagerte sein K�rpergewicht auf das linke Bein und spannte sich. Er h�rte, wie Herger hinter ihm in Position ging.</p><p>�Du bist mutiger, als ich dachte, Gondered�, sagte Skar. �Ich h�tte nicht geglaubt, da� du allein kommst.� Er spannte sich, langsam, damit die Bewegung nicht trotz des Mantels auffiel. Seine H�nde pendelten lose vor dem K�rper; eine harmlos, t�uschend harmlose Haltung, die trotzdem jeden, der etwas von der Kampftechnik der Satai verstand, gewarnt h�tte.</p><p>Aber Gondered geh�rte entweder nicht zu diesen Menschen - oder er war noch �berheblicher, als Skar bisher geglaubt hatte. Seine Lippen verzogen sich zu einem abf�lligen L�cheln. Das Schwert in seiner Hand zuckte hoch und schnitt ein paarmal durch die Luft. Die Bewegung wirkte h�lzern. Gondered h�tte vermutlich selbst gegen einen Nicht-Satai keine sonderlich gute Figur abgegeben.</p><p>�Wer sagt dir, da� ich allein bin?�</p><p>Skar l�chelte. �Oh, ich bin sicher, da� das Haus umstellt ist�, sagte er sp�ttisch. �Wie viele M�nner hast du mitgebracht? Hundert? Oder noch mehr?�</p><p>�Genug�, sagte Gondered hart. �Jedenfalls genug, um mit dir fertig zu werden.�</p><p>�Du ... solltest nicht versuchen, dich zu wehren�, sagte Herger stockend zu Skar. �Du hast keine Waffe.�</p><p>Skar drehte sich beinahe gem�chlich um, musterte Herger einen Sekundenbruchteil und trat einen Schritt auf ihn zu. Herger zuckte zusammen und brachte das Schwert hoch. Skar t�uschte mit der Linken an, griff mit der anderen Hand zu und ri� ihm die Waffe aus der Hand.</p><p>�Wie du siehst�, sagte Skar gelassen, �stimmt das nicht ganz.� Er schenkte Herger ein fl�chtiges L�cheln, wandte sich dann wieder zu Gondered um und sah ihn mit einer Mischung aus Herablassung und Bedauern an.</p><p>�Ich f�rchte, ich habe einen Fehler gemacht, Herger zu vertrauen�, sagte er im Plauderton. �Aber du auch, Gondered.� Gondered schwieg. Sein Gesicht blieb unbewegt, aber sein Blick hatte viel von seiner Selbstsicherheit verloren. Er zitterte.</p><p>�Vielleicht komme ich hier nicht mehr lebend raus�, fuhr Skar fort. �Und vielleicht erf�llt sich dein Wunsch, da� ich zur H�lle fahre, Thbarg - aber wenn, dann befinde ich mich in guter Gesellschaft dabei.�</p><p>Gondered wich einen halben Schritt zur�ck. Sein Blick irrte ungl�ubig zwischen Skars Waffe und Herger hin und her. Die spielerische Leichtigkeit, mit der Skar dem Hehler das <emphasis>Tschekal </emphasis>entrissen hatte, schien ihn mehr beeindruckt zu haben, als wenn er Herger get�tet h�tte.</p><p><emphasis>Irgend etwas stimmt hier nicht, </emphasis>wisperte eine Stimme hinter Skars Gedanken. <emphasis>Gondered ist ein Feigling, vergi� das nicht. Er w�re nie allein hierher gekommen.</emphasis></p><p>Gondered wich bis zur Wand zur�ck und hob das Schwert ein wenig h�her. �Keinen Schritt n�her!� sagte er drohend. �Du hast keine Chance.�</p><p>�Ach?� grinste Skar.</p><p>Gondered wollte etwas erwidern, aber er kam nicht mehr dazu. Skars <emphasis>Tschekal zuckte </emphasis>vor, hackte mit einer unglaublich schnellen Bewegung nach Gondereds Waffe und prellte sie ihm aus der Hand. Der Thbarg stie� einen kr�chzenden Laut aus, wich einen Schritt zur Seite und hob sch�tzend die Unterarme vor das Gesicht.</p><p>Skar lachte leise.</p><p>�Sag mir einen Grund, Thbarg�, sagte er, �einen einzigen Grund, warum ich dich nicht t�ten sollte.�</p><p>Gondered nahm langsam die H�nde herunter. Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren, aber sein Blick wirkte noch immer hochm�tig, ja beinahe sp�ttisch. Skars Mi�trauen wuchs.</p><p>�Vielleicht�, sagte Gondered betont ruhig, �weil du es nicht kannst.�</p><p>Skar schwieg. Seine Sinne arbeiteten pl�tzlich mit jener seltenen Sch�rfe, die sich nur im Moment der Gefahr und selbst dann nur f�r kurze Momente einstellte. Er sah und h�rte alles mit phantastischer Klarheit - Gondereds Gesicht, jedes winzige Zucken eines Muskels oder Nervs, das Flackern in seinem Blick, Hergers Atemz�ge, die leisen Ger�usche der M�nner, die drau�en vor dem Haus Aufstellung genommen hatten.</p><p>Gondereds Gesicht begann zu zerflie�en. Seine Gestalt flackerte, als st�nde er hinter einer Wand unsichtbaren treibenden Nebels. Stoff raschelte. Sein Helm rutschte ein St�ck nach vorne, als schrumpfe sein Kopf auf geheimnisvolle Weise zusammen. Er wankte, hob die H�nde und schlug sie vor das Gesicht. Ein seufzender, fast schmerzhafter Laut kam �ber seine Lippen. Er taumelte, prallte gegen die Wand und rutschte an ihr herab.</p><p>Jedenfalls war es das, was Skar in der ersten Sekunde zu sehen glaubte. Aber dann erkannte er, da� er sich t�uschte. Gondered brach nicht zusammen - er <emphasis>schrumpfte. </emphasis>Der ganze Vorgang nahm nicht mehr als zwei, allerh�chstens drei Sekunden in Anspruch, aber als Gondered die H�nde herunternahm, waren es nicht mehr seine H�nde, und als er triumphierend zu Skar hinaufstarrte, waren es nicht mehr seine Augen, deren Glitzern Skar zu verh�hnen schien.</p><p>�Tantor!� keuchte Skar.</p><p>Der Zwerg nickte. �So nannte man mich dann und wann�, sagte er. Seine Stimme schien sich ver�ndert zu haben, seit Skar das letzte Mal mit ihm zusammengetroffen war. Sie klang schriller, deutlich h�rter, und in seinem Gesicht waren neue tiefe Linien erschienen, Spuren von Schmerz und erstarrtem Ha�. Er sah nun vollends aus wie ein h��licher, b�ser Gnom. �Es freut mich, da� du mich nicht ganz vergessen hast�, sagte er. �Zumindest an meinen Namen kannst du dich noch erinnern.� Er verzog das Gesicht, spuckte angewidert aus und kam mit kleinen, trippelnden Schritten auf Skar zu. Der Goldhelm wackelte auf seinem pl�tzlich viel <emphasis>zu </emphasis>kleinen Kopf, und der blaue Thbarg-Mantel, der wie eine Schleppe hinter ihm herschleifte, gab ihm das Aussehen einer Witzfigur. Trotzdem sp�rte Skar pl�tzlich Furcht, zum ersten Mal, seit er dem Zwerg begegnet war. Tantor hatte sich ver�ndert. Er reichte Skar noch immer kaum bis zur Brust, aber wenn er bisher allenfalls ein wenig unheimlich und verschlagen erschienen war, so konnte Skar nun den Ha�, der den Zwerg zerfra�, regelrecht sehen. Der Gnom war eine personifizierte Drohung.</p><p>�Eines mu� man dir lassen, Skar�, sagte er. �Du bist von einer geradezu aufdringlichen Hartn�ckigkeit. Du h�ttest die Chance nutzen und dich trollen sollen, irgendwohin ans andere Ende der Welt. Vielleicht w�rst du dann vor mir sicher gewesen.�</p><p>Skar wich einen halben Schritt zur�ck, obwohl er sich dabei fast l�cherlich vorkam. Er wu�te, wie gef�hrlich Tantor war, aber er kannte auch die Grenzen seiner Macht. Er hatte ihn schon einmal besiegt.</p><p>�Du hast mich verraten, Skar�, zischte Tantor. �Ich habe mein Leben riskiert, um das deine zu retten, und als Dank hast du mich an Vela ausgeliefert.� Steine Stimme bebte. Seine H�nde formten sich zu Krallen, als k�nne er nur noch m�hsam dem Drang widerstehen, sich auf den fast doppelt so gro�en Satai zu st�rzen. �Wei�t du, was sie mit mir gemacht hat, Skar?� fuhr er fort. �Wei�t du, was sie mir angetan hat?�</p><p>�Nicht genug, wie mir scheint�, sagte Skar. �Immerhin lebst du noch.�</p><p>Tantor erbleichte. �Ja�, zischte er. �Ich lebe noch. So wie du leben wirst, noch lange, lange Zeit. Aber du wirst mich anflehen, dich zu t�ten, Skar, das verspreche ich dir. Du ...�</p><p>Skar sprang. Sein Fu� traf Tantors Gesicht, schmetterte den Zwerg wie eine Stoffpuppe gegen die Wand und lie� ihn mit haltlos pendelnden Gliedern daran herabrutschen. Skar fiel, prallte ungeschickt mit der Schulter auf und kam mit einer Mischung aus Schmerzens- und Kampfschrei wieder auf die F��e. Sein Schwert beschrieb einen blitzenden, t�dlichen Halbkreis und raste auf Tantors Sch�del herab.</p><p>Jedenfalls h�tte es es tun sollen.</p><p>Irgend etwas geschah. Eine unsichtbare, unwiderstehliche Gewalt schien Skar zu ergreifen, zur�ck- und herumzuschleudern und ihm die Luft aus den Lungen zu pressen. Er schrie auf, lie� sein Schwert fallen und brach mit einem erstickten Keuchen in die Knie. Etwas pre�te seine Arme mit m�rderischer Kraft gegen seinen Leib. Er sah an sich herab, rang verzweifelt nach Luft und schrie erneut und diesmal vor Schreck auf, als er sah, was geschehen war. Der braune Sekal-Mantel schien zu bizarrem Leben erwacht zu sein. Seine Falten zuckten und bebten, zitterten wie die Haut eines lebenden Wesens. Eine rasche, wellenf�rmige Bewegung lief durch den braunen Stoff, mehr zu ahnen als wirklich zu sehen, w�hrend er sich enger und enger um Skars K�rper schmiegte, sich zusammenzog wie nasses Leder, das in der Sonne trocknete, Skars Arme an seinen Leib und die Luft aus seinen Lungen pre�te. Skar keuchte, b�umte sich auf und spannte jeden einzelnen Muskel, aber seine Anstrengungen schienen den irrsinnigen Druck eher noch zu verst�rken. Der W�rgegriff wurde unertr�glich. Skar bekam keine Luft mehr. Langsam kippte er zur Seite, schlug schmerzhaft zu Tantors F��en auf dem Boden auf und warf sich herum. Der Mantel zog sich enger zusammen; der Griff einer unsichtbaren st�hlernen Klaue, der das Leben aus seinem K�rper herauspre�te. Sein Rippen knackten h�rbar, w�hrend er sich langsam wie eine Feder, die von einer unwiderstehlichen Gewalt zusammengepre�t wird, kr�mmte.</p><p>Tantor schleuderte Helm und Mantel mit einer ungeduldigen Bewegung von sich, kam mit kleinen, trippelnden Schritten auf Skar zu und stemmte die F�uste in die H�ften. Skar drehte mit letzter Kraft den Kopf und sah zu ihm empor. Das Gesicht des Zwerges hing wie eine h��liche D�monenmaske �ber ihm, halb verborgen hinter einem Schleier aus Blut und Schmerzen.</p><p>�Er stirbt�, sagte Herger. Seine Stimme klang erschrocken. �Der Mantel erw�rgt ihn.�</p><p>Tantor nickte. Ein d�nnes, b�ses L�cheln spielte um seine Lippen. �Ich sollte ihn verrecken lassen�, sagte er, �so wie er mich den Geiern zum Fra� vorgeworfen hat.� Er trat zur�ck, schnippte mit den Fingern und stie� ein halblautes, kompliziertes Wort hervor.</p><p>Der Druck auf Skars Brust verschwand so pl�tzlich, da� es fast schmerzte. Skar schrie auf, warf sich herum und schlug die H�nde gegen den Hals. Tantor wich rasch einen Schritt zur�ck und hob die Hand. �Versuch keine Dummheiten�, warnte er ihn.</p><p>Skar blieb sekundenlang reglos liegen, rang keuchend nach Atem und suchte den grausamen Schmerz in seinen Lungen zu bek�mpfen. Vor seinen Augen tanzten bunte Kreise und Flecken. Er w�lzte sich herum, stemmte sich m�hsam auf H�nde und Knie hoch und sah Tantor an. Ohne Mantel und Helm wirkte Tantor noch d�rrer und bemitleidenswerter als sonst. Seine Gestalt wirkte irgendwie ... verzerrt, und die Haut seiner H�nde war grau wie die Haut eines Toten.</p><p>Tantor bemerkte seinen Blick. �Sieh mich nur an�, zischte er. �Das ist dein Werk, Satai. Das habe ich bekommen, zum Dank daf�r, da� ich dir zur Flucht verholfen habe.� Seine Stimme zitterte, und in den Worten schien ein schwaches Echo des Schmerzes mitzuschwingen, den er empfunden haben mu�te. Pl�tzlich sp�rte Skar nur noch Mitleid mit ihm.</p><p>�Du ... du hast immer noch Angst vor mir, wie?� sagte er keuchend. �Warum tust du dich nicht mit mir zusammen und r�chst dich an Vela?�</p><p>Tantor lachte, aber es war ein schriller, beinahe hysterischer Laut, der wohl eher an ein Schreien erinnerte.</p><p>�Mit dir?� keuchte er. �Danke, Skar - ich habe eine Kostprobe deiner Hilfe bekommen. Wenn ich die Wahl zwischen zwei Verr�tern habe, dann bleibe ich lieber auf der Seite des St�rkeren.� Skar richtete sich schwankend auf die Knie auf. Tantor wich einen weiteren Schritt zur�ck. �Keine Bewegung!� zischte er. �Der Mantel ist aus Seide. Selbst wenn du mich t�test, w�rde er dich hinterher erw�rgen. Er ist auf mich fixiert.�</p><p>Skar l�chelte. �Du hast dich in Unkosten gest�rzt, wie? Hast du solche Angst vor mir?�</p><p>Tantor antwortete nicht, aber sein Blick gl�hte vor Ha�. Skar resignierte innerlich. Wenn er jemals eine Chance gehabt hatte, Tantors Vertrauen zu gewinnen, dann hatte er sie an der Grenze des Kristallwaldes verspielt.</p><p>�Was hast du jetzt mit mir vor?� fragte er. �Willst du mich zu Vela bringen?�</p><p>Tantor sch�ttelte den Kopf. �Damit du unterwegs eine Gelegenheit findest zu entkommen?� fragte er. �O nein, Skar. Ich gebe zu, da� ich dich untersch�tzt habe - wir alle haben dich untersch�tzt. Aber ich mache einen Fehler grunds�tzlich nur einmal. Du wirst hingerichtet, noch heute. Du wirst ganz offen auf dem Marktplatz von Anchor hingerichtet.�</p><p>�Hingerichtet?� wiederholte Skar zweifelnd. �Ihr wollt einen Satai hinrichten lassen?�</p><p>Tantor gab ein abf�lliges Ger�usch von sich. �Satai!� Er spie das Wort aus, als handele es sich um eine Beschimpfung. �Du wirst es nicht mehr erleben, Skar, aber ich kann dir versichern, da� es bald keine Satai mehr geben wird. Ihr haltet euch f�r den Gipfel von Macht und Weisheit, wie? Ihr glaubt, die Welt w�rde ohne euch nicht mehr funktionieren, in Barbarei verfallen - ha! Es wird Zeit, da� ihr Satai von eurem hohen Ro� heruntergeholt werdet!� Skar setzte zu einer Antwort an, schwieg dann aber. Irgend etwas sagte ihm, da� Tantors Worte ernst gemeint waren. Und es war nicht nur der Ha�, der aus ihm sprach.</p><p>�Du ... hast Befehl, mich zu t�ten?� murmelte er.</p><p>Tantor nickte. �Was dachtest du? Hast du geglaubt, wir bringen dich im Triumphzug nach Elay?� Er lachte leise, wandte sich um und ging zur T�r. �Wir brauchen dich nicht mehr, Skar�, sagte er, w�hrend er �chzend den schweren Riegel zur�ckschob. �Du warst ein notwendiges �bel, aber jetzt bist du nur noch �berfl�ssig. Und l�stig.� Die T�r wurde von au�en aufgesto�en. Flackernder roter Fackelschein fiel durch den breiter werdenden Spalt. Skar konnte an Tantor vorbei einen Blick auf ein Dutzend Bewaffneter erh�schen, das drau�en vor dem Haus Stellung bezogen hatte. Der Zwerg �ffnete die T�r vollends und rief ein paar Worte in einer raschen, unverst�ndlichen Sprache hinaus. Drei der blaugekleideten Krieger l�sten sich aus der Gruppe und traten an Tantor vorbei ins Haus. Es waren Thbarg, die gleichen Krieger, die am vergangenen Abend drau�en am Kai gewesen waren. Sie gingen rasch an Tantor vorbei, zogen ihre Waffen und nahmen im Kreis um Skar Aufstellung. Skar fiel auf, da� sie sich krampfhaft zu bem�hen schienen, den Zwerg nicht direkt anzublicken. Sie wirkten nerv�s.</p><p>�Wei�t du, was man mit jemandem macht, der l�stig wird?� fuhr Tantor fort, nachdem er die T�r wieder geschlossen und den Riegel vorgelegt hatte. �Man beseitigt ihn.�</p><p>�Ihr habt mir versprochen, ihn nicht zu t�ten�, sagte Herger. Skar drehte den Kopf und sah den jungen Schmuggler an. Hergers Gesicht hatte alle Farbe verloren. Sein Blick irrte immer wieder zwischen Skar und Tantor hin und her, und das Schwert in seiner Hand wirkte deplaciert. Er schien nicht so recht zu wissen, was er �berhaupt mit der Waffe sollte.</p><p>Tantor wischte seinen Einwand mit einer ungeduldigen Geste beiseite. �Versprochen�, sagte er. �Frag deinen Freund Skar, wie <emphasis>er </emphasis>seine Versprechungen h�lt.�</p><p>�Aber du ...�</p><p>�Genug!� fauchte Tantor. �Sei still und bedanke dich lieber bei deinen G�ttern, da� ich es mir nicht anders �berlege und dich daf�r bestrafe, da� du ihm Unterschlupf gew�hrt hast.�</p><p>Herger wurde sichtlich noch bleicher. Die Drohung in Tantors Stimme war nicht zu �berh�ren. �Und ... Andred?� fragte er stockend.</p><p>Tantor runzelte in gespieltem Nichtverstehen die Stirn. �Was soll mit ihm sein?� fragte er �berrascht. �Er ist ein Verr�ter wie Skar und wird mit ihm gehenkt. Wenn du willst, lasse ich dir einen Platz in der vordersten Reihe reservieren. Du kommst doch zur Hinrichtung, oder?�</p><p>Herger keuchte, machte einen halben Schritt und hob das Schwert. Einer der Thbarg-Krieger vertrat ihm drohend den Weg. Tantor lachte leise. �Du bist und bleibst ein Idiot, Herger�, sagte er gleichm�tig. �Aber ich will gro�z�gig sein. Ich habe lange auf diesen Tag warten m�ssen, wei�t du ? Behalte das Schwert und den Waffengurt des Satai. Wer wei�, vielleicht wird das Zeug einmal wertvoll - f�r einen Tr�dler. Ich glaube ...�</p><p>Von drau�en drang ein gellender, schriller Schrei herein. Tantor zuckte zusammen, sah erschrocken zur T�r und gab den drei Thbarg einen Wink. Die Krieger traten n�her an Skar heran. Der Schrei wiederholte sich; h�her, schriller und verzweifelter diesmal, dann drang ein dumpfes, dr�hnendes Ger�usch durch das d�nne Holz der T�r, ein Laut, als schl�ge Fels gegen Metall. Skar richtete sich weiter auf und versuchte auf die F��e zu kommen. Tantor fuhr herum und hob die Hand. Der Mantel zog sich mit einem schmerzhaften Ruck enger um Skar zusammen und lie� ihn erneut auf die Knie sinken.</p><p>Der L�rm vor der T�r verst�rkte sich. Waffen klirrten, ein Mann schrie in Todesangst. Dann traf irgend etwas gegen die T�r, zerschmetterte den Riegel und das morsche Holz und brach in einem Wirbel von Kalk und fliegenden Holzsplittern in den Raum.</p><p>Skar reagierte um den Bruchteil einer Sekunde schneller als seine Bewacher. Er lie� sich zur Seite fallen, zog die Knie an den K�rper und stie� mit aller Macht zu. Seine gefesselten F��e trafen Tantor vor die Brust, schleuderten ihn gegen die Wand und lie�en ihn halb bewu�tlos zu Boden sinken. Jemand schrie. Etwas Gewaltiges, Schwarzes setzte �ber Skar hinweg, brach wie ein t�dlicher Sturmwind aus schwarzem Granit und rei�enden F�ngen �ber die drei Thbarg-Krieger herein und ri� sie von den F��en. Es ging zu schnell, als da� Skar wirklich Einzelheiten erkennen konnte. Eine Woge von Schwarz erfa�te die Krieger, rollte �ber sie hinweg und hinterlie� nichts als drei zerschmetterte, blutige B�ndel, die kaum mehr als menschliche Wesen zu erkennen waren. Herger stie� einen kr�chzenden, ungl�ubigen Schrei aus, wich zur Wand zur�ck und starrte aus weitaufgerissenen Augen auf das schwarze, steinerne Monstrum. Auch Skar versuchte sich hochzustemmen, aber der Mantel hatte sich so eng um seinen K�rper geschlungen, da� er kaum mehr zu einer Bewegung f�hig war.</p><p>Der Wolf wandte langsam den Kopf. Sein schwarzer Leib glitzerte wie ein St�ck lebendig gewordener Nacht. Etwas Dunkles, K�rperloses schien das Tier einzuh�llen, eine Aura von Macht und Gewaltt�tigkeit, die den Wolf begleitete wie ein letzter Hauch der fremden Welt, aus der er gekommen war. Skar versuchte vergeblich dem Blick seiner dunklen, lichtlosen Augen standzuhalten. Er sp�rte pl�tzlich, da� es nichts gab, was dem Blick dieser steinernen Pupillen verborgen bleiben konnte. Er sp�rte auch, da� das Tier so m�helos auf den Grund seiner Seele blickte wie er durch eine Glasscheibe, und da� es all seine Gef�hle, Gedanken und W�nsche kannte, �ber jeden seiner Schritte Bescheid wu�te, noch bevor er ihn tat. Der Wolf war vom ersten Tag an auf seiner F�hrte gewesen, und er hatte diese Spur nicht f�r eine Sekunde verloren. Er hatte mit ihm gespielt, ihn gehetzt, so wie ein wirklicher Wolf seine Beute hetzt, bis sie m�de und ersch�pft ist und er sie ohne gro�e Gefahr schlagen kann. Er hatte zugesehen, wie alles um ihn herum zerbrach, wie jeder Mensch, den er liebte oder dem er wenigstens Sympathie entgegenbrachte, auf die eine oder andere Weise zugrunde ging. Es war nicht so sehr eine Jagd �ber eine r�umliche Entfernung hinweg gewesen, sondern vielmehr eine Hatz durch seine Gef�hle, eine Jagd zum Ende der Verzweiflung. Der Tod war nicht genug f�r die Schmach, die Skar ihm zugef�gt hatte. Combats W�chter wollte Rache, und er hatte sie bekommen. Er hatte den Skar, der in die brennende Stadt gekommen und seinen Schatz geraubt hatte, vernichtet, nicht ein-, sondern ein dutzendmal, hatte ihn gehetzt, bis seine Welt, sein <emphasis>Leben, </emphasis>St�ck f�r St�ck zerbrochen war, bis aus Skar, dem Satai, ein Mann geworden war, der sich selbst verachtete, ha�te.</p><p>All dies lag in diesem einen kurzen Blick, dies und noch viel, viel mehr. Die Jagd war zu Ende, hier und jetzt. Skar hatte ihm allen Schmerz zugef�gt, den er ihm zuf�gen konnte, hatte ihn gequ�lt, ohne da� Skar bis jetzt begriffen hatte, wer sein <emphasis>wirklicher </emphasis>Gegner war.</p><p>Jetzt w�rde der ihn t�ten.</p><p>Langsam, aber mit einer Eleganz, die der scheinbaren Schwerf�lligkeit seines aus Granit gemei�elten K�rpers spottete, drehte sich das gewaltige Tier herum, machte einen Schritt in Skars Richtung und blieb abermals stehen. Sein Rachen �ffnete sich. Der Atem der H�lle schien Skar zu streifen.</p><p>Es war Tantor, der Skar das Leben rettete. Der Zwerg hatte sich unbemerkt aufgerichtet und einen Beutel aus dem blauen Mantel hervorgeholt. Sein Gesicht war blut�berstr�mt und geschwollen, und dort, wo er gegen die Wand geprallt war, war ein schmieriger roter Fleck zur�ckgeblieben. Doch von alldem schien er kaum etwas zu bemerken. Wankend, aber trotzdem hochaufgerichtet und mit festen Schritten trat er �ber Skar hinweg, breitete die Arme aus und verstellte dem Wolf den Weg.</p><p>Das Tier z�gerte. Der Blick seiner schwarzen, grundlosen Augen glitt �ber Tantors Gestalt, taxierte den neuen Gegner. Ein dumpfes Knurren drang aus der gewaltigen Brust des Wolfes. <emphasis>�Sharagey�, </emphasis>sagte Tantor. <emphasis>�Sharagey tehm!�</emphasis></p><p>Waren die Worte Skar auch fremd, so schien der Wolf ihre Bedeutung - oder zumindest ihren Sinn - doch zu verstehen. Seine Ohren zuckten. Skar sah, wie sich die gewaltigen Muskeln des Tieres zum Sprung spannten.</p><p><emphasis>�Nein!� </emphasis>schrie Tantor. �La� ihn! <emphasis>Er geh�rt mir!� </emphasis>Mit einem gellenden Schrei warf er sich dem Wolf entgegen, ri� die Hand hoch und warf das Pulver, das er bisher darin verborgen gehalten hatte.</p><p>F�r eine halbe Sekunde schien der Wolf hinter einer glitzernden wei�en Wolke zu verschwinden. Eine unsichtbare Woge m�rderischer, bei�ender K�lte rollte �ber Skar hinweg und lie� seine Haare und Augenbrauen gefrieren. Die Luft war pl�tzlich von Dampf und knisternder K�lte erf�llt. Auf dem Boden und an den W�nden bildete sich Eis, eine hauchd�nne, blitzende Schicht, schimmernd wie millionenfach geborstenes Glas. Die Atemluft schien in Skars Kehle zu gefrieren, und sein Gesicht brannte pl�tzlich wie Feuer. Der Sekal-Mantel zuckte, zog sich noch einmal wie unter einem gewaltigen Krampf um Skars K�rper zusammen und zerbrach wie Glas, als Skar sich instinktiv dagegenstemmte. Skar warf sich herum, h�rte Herger schreien und schlug sch�tzend die H�nde vor das Gesicht, als ihn eine zweite K�ltewelle wie ein Axthieb traf. Tantors Gestalt schien in einen Mantel aus blitzenden Eiskristallen eingeh�llt zu sein. Er schrie, aber auch seine Stimme war wie Glas, spr�de und geborsten. Der Wolf taumelte. Tantors Zauberpulver hatte seinen K�rper erstarren lassen und das matte Schwarz des Granits mit milchig-blinkendem Wei� �berzogen und seine Augen in geborstene Spiegelscherben verwandelt. Seine Bewegungen wurden langsamer, eckig, erstarrten schlie�lich in glitzerndem, gesprungenem Wei�.</p><p>Aber nur f�r einen Moment. Noch bevor Skar sich vollends aus den Resten des Mantels befreit und auf die F��e gestemmt hatte, ging der schwarze D�mon aus Combat zum Gegenangriff �ber. Winzige gelbe Flammen z�ngelten aus seinen N�stern, lie�en Eis zu Wasser und Wasser zu Dampf werden, h�llten sein Maul, den Kopf und dann, mit rasender Geschwindigkeit um sich greifend und gleichzeitig wachsend, seinen gesamten Leib ein. Ein berstender Schlag lie� das Geb�ude in den Grundfesten erbeben. Von einer Sekunde auf die andere verwandelte sich der Wolf in ein waberndes, flammengekleidetes Schemen, unertr�gliche, sengende Hitze verbreitend. Skar taumelte zur�ck, senkte den Kopf und schlug abermals die H�nde vor das Gesicht. Seine Kleider begannen zu schwelen. Er h�rte Schreie von Herger und Tantor, aber auch seine eigenen, sah ein glosendes Etwas auf sich zutaumeln und erkannte Tantor, Tantor, der brannte, schrie, seine verkohlten H�nde betrachtete und in blindem Schmerz zur�cktaumelte. Skar reagierte instinktiv. Mit einem verzweifelten Satz warf er sich zur Seite, wankte an den beiden brennenden, ineinander verbissenen Schemen vorbei und taumelte zur r�ckw�rtigen Wand des Raumes. Von drau�en drangen jetzt ged�mpfte Schreie herein, das Trappeln zahlreicher F��e, aufgeregte Rufe, das Klirren von Waffen. Skar wurde es pl�tzlich bewu�t, da� seit dem Auftauchen des Wolfes erst wenige Sekunden vergangen waren. Das Erscheinen des Monsters mochte Tantors M�nner �berrascht und f�r Augenblicke gel�hmt haben, aber schon in kurzer Zeit w�rde es hier drinnen von Kriegern wimmeln.</p><p>Herger wich mit einem gleicherma�en erschrockenen wie ungl�ubigen Keuchen zur�ck, als Skar auf ihn zutaumelte. Er hob das Schwert und versuchte ungeschickt, nach Skar zu schlagen, aber der Hieb h�tte nicht einmal einem Kind gef�hrlich werden k�nnen. Skar schlug ihm die Waffe aus der Hand, packte ihn grob bei der Schulter und warf ihn gegen die Wand. �Gibt es einen Hinterausgang?� keuchte er.</p><p>Herger nickte verkrampft. Der Widerschein der Flammen lie� sein Gesicht noch blasser erscheinen, als es ohnehin war. Skar packte ihn ohne ein weiteres Wort, ri� ihn herum und stie� ihn vor sich her. Der Vorhang an der T�r fing Feuer, als sie hindurchrannten.</p><p>Skar warf einen Blick �ber die Schulter zur�ck. Der Raum hatte sich in ein Chaos aus Flammen verwandelt, aus brodelndem Feuer, das wie unz�hlige Glieder eines wei�gl�henden, lodernden Tieres nach Decke und W�nden und den aufgestapelten Waren griff. Irgendwo in seinem Zentrum waren zwei Schatten, dunkle, zu einem unentwirrbaren Kn�uel verbissene K�rper, die einzeln nicht mehr zu erkennen waren.</p><p>�Weiter!� keuchte Skar, als Herger stehenbleiben wollte. Der Schmuggler stolperte blindlings weiter, wich vor dem Raum, in dem Skar die Nacht verbracht hatte, zur Seite und deutete auf eine weitere, nur angelehnte T�r. Das Schreien und Waffenklirren hinter ihnen wurde lauter, und als Skar sich abermals umblickte, sah er lodernden Feuerschein durch die T�r brechen. In wenigen Augenblicken w�rde das Haus einem brennenden Scheiterhaufen gleichen. Die Flammen fanden in dem Ger�mpel, das Herger �ber Jahre geduldig gesammelt hatte, reichliche Nahrung und fra�en sich fast mit der Geschwindigkeit einer Explosion weiter.</p><p>Sie durchquerten einen niedrigen Raum, der wie der Rest des Hauses bis unter die Decke mit Kisten und Ballen vollgestopft war, liefen durch einen kurzen Flur und standen pl�tzlich vor einer nur halbhohen verschlossenen T�r. Herger streckte die Hand nach der Klinke aus, f�hrte die Bewegung jedoch nicht zu Ende, sondern prallte mit einem halb �berraschten, halb erschrockenen Laut zur�ck. �Der Schl�ssel!� keuchte er. In seiner Stimme schwang Panik mit. �Ich habe den Schl�ssel nicht...�</p><p>Skar stie� ihn grob beiseite und trat die T�r kurzerhand ein. Das morsche Holz gab schon unter dem ersten Ansturm nach. Die T�r bebte, neigte sich langsam nach au�en und schlug krachend auf dem Boden auf. Skar versetzte Herger einen Sto�, der ihn mehr aus dem Haus fallen als aus eigener Kraft gehen lie�, setzte mit einem kraftvollen Sprung nach und lie� sich zur Seite fallen. Seine Vorsicht war nicht �bertrieben gewesen. Der Hof war voller M�nner. Skars pl�tzliches Auftauchen schien sie zu �berraschen, aber allein ihre gewaltige �bermacht machte diesen geringen Vorteil mehr als nur wett.</p><p>Skar rollte herum, parierte einen Schwerthieb und duckte sich, als er sah, wie einer der Krieger seinen Bogen hochri�. Der Pfeil zischte eine knappe Handbreit �ber Skars gekr�mmtem R�cken durch die Luft und zerbrach an der Wand. Ein zweiter Pfeil zischte aus der entgegengesetzten Richtung heran, ri� eine blutige Schramme in Skars Oberarm und lie� ihn zur�cktaumeln.</p><p>Dann waren sie �ber ihm - sieben, acht von Tantors M�nnern, die gleichzeitig und wild entschlossen auf ihn eindrangen und ihn zur�cktrieben. Skar wehrte sich verzweifelt, aber er sp�rte, da� er kaum eine reelle Chance hatte. Seine Gegner waren keine gedungenen M�rder und Stra�enr�uber, sondern Krieger, M�nner, die fast ebenso gut mit ihren Waffen umzugehen wu�ten wie er und genau wu�ten, wie gef�hrlich der Mann war, dem sie gegen�berstanden. Und er hatte einfach nicht genug Platz, um seine �berlegene Kampftechnik so anzuwenden, wie es notwendig gewesen w�re.</p><p>Schritt f�r Schritt wurde er zur�ckgedr�ngt. Die Hiebe und Stiche prasselten immer rascher auf ihn herab, und mehr als einer durchbrach seine Deckung. Schon nach wenigen Sekunden blutete er aus zahlreichen schmerzenden Wunden. Er sp�rte bereits, wie seine Kr�fte nachlie�en. Er schlug zu, duckte sich, parierte mit einer verzweifelten Bewegung drei, vier Hiebe gleichzeitig und t�tete mit einem blitzschnellen Konter einen Krieger, dessen Platz aber beinahe augenblicklich von einem anderen eingenommen wurde. Schlie�lich stand er mit dem R�cken zur Wand, eingekreist von fast einem Dutzend Thbarg. Seine H�nde zitterten. Ein Stich hatte seine Seite aufgerissen; der Schmerz trieb ihm die Tr�nen in die Augen.</p><p>�Gib auf, Satai!� keuchte einer der Thbarg. Die M�nner wichen zur�ck - kaum mehr als einen halben Schritt, gerade genug, um aus der Reichweite seines Schwertes zu sein -, aber der Halbkreis aus Schwertern und Dolchen, in dessen Zentrum er sich befand, lockerte sich nicht.</p><p>�Gib auf!� sagte der Mann noch einmal. �Du hast keine Chance mehr!�</p><p>Skar rang keuchend nach Atem. Das Gesicht des Mannes war bleich. Er blutete aus einem h��lichen gezackten Schnitt auf der Wange, und das Schwert in seinen H�nden zitterte. Er hatte Angst. Aber Gegner, die Angst haben, das hatte Skar in langer schmerzlicher Erfahrung erlernt, waren die gef�hrlichsten.</p><p>Aus dem Haus drang ein gellender Schrei, ein Laut, wie ihn Skar schon unz�hlige Male geh�rt hatte, ohne da� er jemals seinen Schrecken verloren h�tte. Der Todesschrei eines Menschen. Tantors Schrei.</p><p>F�r eine endlose, schreckliche Sekunde legte sich Schweigen wie ein erstickender Mantel �ber den winzigen Hinterhof. Selbst das Atmen der M�nner war nicht mehr zu h�ren. Der Thbarg erbleichte noch mehr, sah unsicher zu der zerborstenen T�r, durch die Skar gekommen war, und senkte das Schwert um eine Winzigkeit. Ein dumpfes, polterndes Krachen lie� das Haus erbeben, ein Ger�usch, als breche etwas Gewaltiges, Gro�es r�cksichtslos durch W�nde und Balken. Ein Teil des Daches sackte lautlos nach innen, und der Himmel flammte pl�tzlich im grellroten Widerschein lodernden Feuers. Der Boden zitterte.</p><p>Skar lie� sich einfach zur Seite fallen. Zwei, drei der Krieger rissen in einer instinktiven Bewegung ihre Waffen hoch und drangen erneut auf ihn ein, aber ihre Reaktion kam zu sp�t.</p><p>Der Faustschlag eines zornigen Gottes traf das Geb�ude. Die R�ckwand barst in einer Explosion von Steinen, Kalk, Holzsplittern und Flammen auseinander. Die M�nner schrien auf, brachen, von wirbelnden Tr�mmerst�cken oder Flammen getroffen, zusammen oder suchten ihr Heil in der Flucht. Ein flammenspeiendes schwarzes Ungeheuer brach aus dem Geb�ude hervor, ein zorniger Gott, gekleidet in einen Mantel aus Ha� und dem Feuer der Sterne. Skar schlug sch�tzend den Unterarm vor die Augen, als der Wolf mit einem gewaltigen Satz �ber ihn hinwegsprang. Der Boden dr�hnte, als das steinerne Ungeheuer zwischen den Kriegern aufprallte. Ein Ring aus Flammen strebte mit tr�gerischer Langsamkeit von dem Wolf weg �ber den Hof, erfa�te zwei, drei Thbarg und verwandelte sie in lebende Fackeln. Skar tastete blind nach seinem Schwert, stemmte sich hoch und wankte los. Die Hitze schlug wie eine gl�hende Pranke nach ihm und lie� ihn aufschreien.</p><p><emphasis>�Skar! Hierher!�</emphasis></p><p>Hergers Stimme ging im Schreien der M�nner und dem Br�llen der Flammen beinahe unter. Skar blieb stehen, sah sich gehetzt um und erkannte den Schmuggler am gegen�berliegenden Rand des Hofes. Herger stand geduckt unter einer niedrigen, halb offenstehenden T�r, gestikulierte verzweifelt mit beiden H�nden und schrie etwas, das Skar nicht verstand. Ein Thbarg taumelte auf ihn zu, brennend, brach in die Knie und starb, ehe er die halbe Strecke zur�ckgelegt hatte.</p><p>Skar erwachte endlich aus seiner Erstarrung. Hinter ihm w�tete der Wolf wie ein blutr�nstiger Todesengel unter den Thbarg, die seinem ersten Ansturm entgangen waren, aber der Kampf konnte nur noch Sekunden dauern. Skar rannte los. Herger fuhr herum und verschwand im Dunkel hinter der T�r. Skar erreichte den Durchgang, warf sich mit einem verzweifelten Sprung hindurch und glitt auf dem nassen Kopfsteinpflaster aus.</p><p>�Zum Stall, Skar!� br�llte Herger verzweifelt. Skar erkannte ihn nur als undeutlichen Schemen im grauen Licht der heraufziehenden D�mmerung. Er sprang wieder auf, hetzte, ohne sich noch ein weiteres Mal umzublicken, hinter ihm her und holte ihn mit wenigen Schritten ein.</p><p>Herger deutete auf ein flaches, strohgedecktes Geb�ude zwanzig Meter vor ihnen. Skar nickte, lief schneller und warf sich mit aller Macht gegen die T�r. Ein bet�ubender Schmerz zuckte durch seine Schulter, aber der Riegel gab unter dem ungest�men Anprall nach und zerbrach; die T�r flog krachend nach innen und prallte gegen die Wand. Skar taumelte, vom Schwung seiner eigenen Schritte vorw�rtsgerissen, ein St�ck weit in den Stall hinein, versuchte stehenzubleiben und glitt ein weiteres Mal aus. Der Stall roch nach Heu und Schwei� und Pferdemist, und die Tiere, die beiderseits der T�r in schmalen, h�lzernen Verschlagen untergebracht waren, begannen unruhig zu schnauben und mit den Hufen zu stampfen.</p><p>Herger langte keuchend neben der T�r an, griff mit der Linken nach dem Pfosten und deutete mit einer Kopfbewegung auf den Verschlag direkt neben dem Eingang. �Die ... die beiden dort�, stie� er schweratmend hervor.</p><p>Skar sprang auf, verlor erneut das Gleichgewicht und fing den Sturz im letzten Moment ab. F�r einen zeitlosen, schrecklichen Augenblick begann sich der Stall vor seinen Augen zu drehen; �belkeit und Schwindel ergriffen ihn. Er wankte, griff haltsuchend um sich und bekam etwas Warmes, Weiches zu fassen. �Warte�, keuchte Herger, �ich helfe dir.�</p><p>Das Schw�chegef�hl wurde st�rker. Skars Knie drohten nachzugeben. Er merkte kaum, wie Herger den Verschlag aufri� und die beiden Pferde ungeduldig an den Z�geln hervorzerrte. Eine Hand ber�hrte ihn an der Schulter, ri� ihn mit erstaunlicher Kraft auf die F��e und stie� ihn vorw�rts. Das Pferd tauchte wie ein massiger schwarzer Schatten aus den wallenden Nebelschwaden vor seinen Augen auf. Er griff blind nach dem Sattelknauf, zog sich mit letzter Kraft empor und tastete nach den Z�geln. Das Pferd scheute, warf den Kopf zur�ck und schlug aus. Seine Hufe trafen das Holz eines Verschlages und zerschmetterten es. �Skar!� Hergers Stimme zitterte vor Panik, �berschlug sich fast. �Verdammt noch mal, <emphasis>rei� dich zusammen!�</emphasis></p><p>Skar hob m�hsam den Kopf und sah Herger an. Der Hehler war ebenfalls in den Sattel gestiegen und deutete wild nach drau�en. Sein Gesicht war verzerrt; eine entstellte Grimasse, die kaum mehr �hnlichkeit mit einem menschlichen Gesicht zu haben schien. Skar h�rte die Worte, aber es dauerte lange, endlos lange, bis ihm ihr Sinn klarwurde.</p><p>�Wir m�ssen weg!� keuchte Herger.</p><p>Skar nickte, aber die Bewegung war nur ein blinder Reflex seines K�rpers. Das wattige Grau der D�mmerung vor der Stallt�r wich allm�hlich flackerndem, blutigem Feuerschein. Ein gellender Schrei wehte zu ihnen herein. �ber dem Hof von Hergers Haus lag ein lodernder Schirm aus wei�er und gelber Helligkeit; Feuerschein, der direkt aus den tiefsten Schl�nden der H�lle emporzuwabern schien. <emphasis>Das Feuer Combats, </emphasis>dachte Skar, von seinem W�chter hierher, ans andere Ende der Welt getragen, um ihn zu verbrennen ...</p><p>Der Gedanke ri� ihn endg�ltig aus seiner Lethargie. Er richtete sich im Sattel auf, sammelte noch einmal alle Kraft und pre�te dem Pferd die Schenkel in die Seiten. Das Tier schnaufte erschrocken, machte einen Satz und preschte los.</p><p>Seite an Seite jagten sie aus dem Stall hinaus.</p><p>Hinter ihnen griffen die Flammen allm�hlich auf die benachbarten H�user �ber. Als sie aus der Gasse hervorbrachen und auf die Hauptstra�e Anchors hinausgaloppierten, sah Skar sich noch einmal um. Hergers Haus brannte wie eine Fackel. Und davor, vor dem Hintergrund der lodernden Feuerwand �berdeutlich auszumachen, stand ein zottiger schwarzer Schatten.</p></section><section><title><p id="_8">8.</p></title><p>�Besser jetzt?� Herger l�chelte aufmunternd, knotete den Verband zusammen und sah Skar mit m�hsam verhohlener Besorgnis an. Sein Gesicht war noch immer grau vor Schrecken, aber seine H�nde hatten nicht gezittert, als er Skars Wunden ges�ubert und verbunden hatte.</p><p>Skar setzte sich auf, bewegte pr�fend den rechten Arm und ballte ein paarmal die Faust, so da� sich die Muskeln unter dem breiten wei�en Verband spannten. Die Wunde schmerzte kaum noch. Herger hatte sie mit Wasser aus dem Bach, an dem sie rasteten, ausgewaschen und hinterher eine farblose, �belriechende Paste aufgetragen, die die Blutung vollends zum Stillstand gebracht und die Schmerzen mit wohltuender K�hle vertrieben hatte. Der Verband war nicht der einzige - Herger hatte darauf bestanden, Skar gr�ndlich zu untersuchen, und hatte fast zwei Dutzend Wunden gefunden; die meisten waren allerdings nicht mehr als harmlose Kratzer, die nicht einmal eines Verbandes bedurften; einige waren aber auch tief und gef�hrlich, klaffende Schnitte, die Skar erst jetzt nach und nach zu sp�ren begann. Der Hehler hatte fast ihren gesamten Vorrat an Verbandszeug und Salben aufgebraucht, um ihn zu versorgen. Aber Skar mu�te zugeben, da� Hergers Behandlung wahre Wunder gewirkt hatte. Nicht nur die Schmerzen waren verschwunden, auch das Schw�chegef�hl hatte sich St�ck f�r St�ck zur�ckgezogen und, wenn auch nicht neuer Kraft, so doch einem Gef�hl angenehmen Wohlbefindens Platz gemacht.</p><p>Skar nickte dankbar, stemmte sich in eine halb sitzende, halb hockende Position hoch und griff nach Hergers hilfreich dargebotener Hand, um vollends aufzustehen.</p><p>�Du solltest ein paar Stunden ruhen�, sagte Herger. �Du hast viel Blut verloren. Und ich glaube, wir sind hier in Sicherheit. Vorl�ufig wenigstens.�</p><p>Skar sah sich zweifelnd um. Sie hatten Anchor verlassen und waren zwei, vielleicht drei Stunden - die genaue Zeit wu�te er nicht mehr - nach Norden geritten, �ber karges, nur von vereinzelten B�schen und halbvertrockneten Grasinseln bewachsenes Land zuerst, sp�ter �ber Steppe, und sie hatten schlie�lich diesen kleinen Hain am Fu� einer j�h aus der Ebene aufwachsenden H�gelkette erreicht. Hergers Worte klangen verlockend. Skar war noch immer m�de, und noch dringender als sie brauchten die Pferde eine Rast. Aber Skar wu�te auch, da� ihre Verfolger ihnen die Zeit, die sie brauchten, nicht zugestehen w�rden. Tantors Tod �nderte vieles, aber nicht alles, und er, Skar, war noch immer ein Gejagter, vielleicht noch mehr als zuvor.</p><p>�Wir m�ssen weiter�, sagte er. �Ich bin sicher, da� sie hinter uns her sind. Selbst ein Blinder k�nnte unsere Spuren verfolgen.�</p><p>�Die Thbarg?� Herger versuchte zu l�cheln, aber es mi�lang ihm kl�glich. Skars Worte hatten die Erinnerung an das, was in Anchor geschehen war, wieder geweckt, und in Hergers Augen glomm erneut Furcht auf. �Ich glaube kaum, da� noch genug von ihnen �brig sind, um uns zu verfolgen�, sagte er. Seine Worte sollten betont gleichm�tig klingen, bewirkten aber eher das Gegenteil. Skar musterte ihn scharf. Hergers Gesicht war bla�; von einer ungesunden, leicht ins Gr�uliche spielenden Farbe, die an feuchtes Wachs erinnerte. Er wirkte gefa�t, aber in seinen Augen stand ein verr�terisches Glitzern, und es war nicht nur die Ersch�pfung, die seine Z�ge gezeichnet hatte.</p><p>�Ich spreche nicht von Thbarg�, sagte Skar grob, �und das wei�t du genau.� Er ging an Herger vorbei, schwang sich in den Sattel und griff nach den Z�geln. Das Pferd scheute, versuchte auszubrechen und begann unruhig auf der Stelle zu t�nzeln, als Skar es mit einem harten Ruck am Z�gel zur R�son brachte. Sein Fell gl�nzte, und Skar konnte den scharfen Schwei� des Tieres riechen. Herger hatte zumindest in einem Teil seiner Versprechungen Wort gehalten - das Fluchttor an der Nordseite der Stadt hatte offengestanden, aber sie waren, nachdem sie Anchor verlassen hatten, fast ununterbrochen im Galopp geritten und hatten den Pferden das letzte abverlangt. Es war schon beinahe ein Wunder, da� noch keines der Tiere tot unter seinem Reiter zusammengebrochen war. Herger hatte recht - es war Wahnsinn, jetzt auf diesen Tieren weiterzureiten; aber es w�re ein noch gr��erer Wahnsinn gewesen, zu bleiben und auf die Verfolger zu warten. �Dieser ... Wolf�, fragte Herger, ohne sich von der Stelle zu r�hren, �was war das? Ein D�mon?�</p><p>Skar schwieg einen Moment. �Wenn man an D�monen und Geister glaubt, dann ja�, sagte er schlie�lich.</p><p>Herger dachte einen Moment �ber Skars Worte nach, kam aber sichtlich zu keinem Ergebnis. Langsam und mit deutlichem Widerwillen ging er zu seinem Pferd, stieg in den Sattel und sah unsicher zur�ck in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Skar folgte seinem Blick. Hinter ihnen lag nichts als die dichte, gr�ne Wand des Waldes, aber er konnte sich lebhaft vorstellen, was Herger hinter dem wuchernden Gr�n sah.</p><p>�Du brauchst dir keine Sorgen zu machen�, sagte er, ohne Herger anzusehen. �Er ... wird dir nichts tun.�</p><p>Herger runzelte die Stirn, schwieg aber. Das Schicksal Tantors und der Thbarg-Krieger strafte Skars Worte L�gen.</p><p>�Wir werden uns trennen�, sagte Skar hastig. �Am besten jetzt gleich. Solange du nicht in meiner N�he bist, bist du nicht in Gefahr, glaub mir.�</p><p>�Trennen?� wiederholte Herger. �Du scherzt, Skar.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. �Ganz und gar nicht. Ich danke dir f�r deine Hilfe, aber von jetzt an reite ich allein weiter. Ich w�rde dich nur in Gefahr bringen.�</p><p>Zu seiner �berraschung begann Herger zu lachen. �Gefahr, sagst du? Was ist das, Skar? Satai-Humor? Ich glaube nicht, da� du mich noch mehr in Gefahr bringen kannst, als du es bereits getan hast.�</p><p>�Mu� ich dich erst niederschlagen, oder reitest du freiwillig in einer anderen Richtung weiter?� fragte Skar, ohne auf Hergers Worte einzugehen. �Ich spa�e nicht, Herger. Du hast gesehen, was jemandem passieren kann, der mir zu nahe kommt.�</p><p>Herger verzog abf�llig die Lippen. �Skar, der Ungl�cksbringer�, sagte er sp�ttisch. �Der Mann mit dem Fluch, wie? H�r mit dem Unsinn auf. Ich habe euch Satai nie als Halbg�tter angesehen, wie es die anderen tun, und ich werde damit auch jetzt nicht anfangen. Du kennst dieses Land nicht, Skar. Du willst nach Elay, aber allein und ohne Hilfe wirst du es niemals bis dorthin schaffen. Du w�rest ja nicht einmal �ber Anchor hinausgekommen aus eigener Kraft. Und ich werde schon auf mich achtgeben, keine Sorge.�</p><p>Skar setzte zu einer scharfen Entgegnung an, belie� es aber dann bei einem wortlosen Achselzucken und ritt los. Herger folgte seinem Beispiel und dr�ngte sein Tier ans Skars Seite. �Ich habe dir ein Angebot gemacht gestern abend�, fuhr er fort, ohne Skars verbissenes Schweigen zu beachten. �Und es sieht so aus, als h�ttest du gar keine andere Wahl, als es anzunehmen.�</p><p>Skar schwieg noch immer. Das Schlimme ist, dachte er, da� Herger mit jedem Wort recht hat. Vielleicht w�rde er den Weg nach Elay aus eigener Kraft finden, aber er hatte keine Ahnung, welche Gefahren und Fallen unterwegs auf ihn lauerten, und das, was in Anchor geschehen war, bewies ihm �berdeutlich, wie gut Vela sich auf sein Kommen vorbereitet hatte. Sicher - Herger hatte ihn verraten, aber er hatte keine gro�e Wahl gehabt, und letztlich w�rde er, Skar, Freunde - oder wenigstens Verb�ndete - brauchen, wenn er auch nur in die N�he der Verbotenen Stadt kommen wollte.</p><p>Sie ritten eine Zeitlang schweigend nebeneinander her, bis der Weg so schmal wurde, da� Herger zur�ckbleiben mu�te. Der Wald wurde dichter und setzte sich auch hinter der H�gelkette fort. Sie ritten eine Weile parallel zum Bach, bis das glitzernde Band unter einem Wust von Unterholz und wuchernden Luftwurzeln verschwand und sie sich m�hsam ihren eigenen Weg suchen mu�ten. Herger sprach nicht mehr mit Skar, aber das lag wohl eher daran, da� der Weg mit jedem Meter schwieriger wurde und sie ihre ganze Konzentration dazu aufbringen mu�ten, immer wieder neue L�cken und Breschen im Unterholz zu ersp�hen, um nicht pl�tzlich in einer Dornenhecke oder einem Sumpfloch steckenzubleiben. Die Sonne kletterte allm�hlich h�her, und es wurde warm, selbst hier unter dem nahezu geschlossenen Bl�tterdach des Waldes. Skar streifte schon bald den Umhang von den Schultern und legte ihn zusammengefaltet vor sich �ber den Sattel. Der Wald schien wie ein gewaltiges lebendes Treibhaus zu funktionieren - die gr�ne Decke �ber ihren K�pfen lie� die W�rme der Sonne zwar herein, aber nicht wieder hinaus, und der Gedanke, da� auf den Felsen, die die Hafeneinfahrt von Anchor flankierten, noch Schnee und glitzernder Rauhreif gelegen hatten, erschien Skar beinahe l�cherlich.</p><p>Sp�ter wurde der Weg breiter, und Herger ritt wieder neben Skar, der demonstrativ in eine andere Richtung sah, obwohl er sich allm�hlich selbst albern vorzukommen begann. Herger wu�te so gut wie er, da� ihm letztlich gar nichts anderes �brigbleiben w�rde, als sein Hilfsangebot anzunehmen. Auch wenn sich das ungute Gef�hl, das ihn bei dieser Vorstellung beschlich, eher noch verst�rkte.</p><p>Gegen Mittag wurde der Wald lichter, und als die Sonne den h�chsten Punkt ihrer Wanderung erreicht hatte, lag vor ihnen wieder flaches, steppen�hnliches Land, das sich bis zum Horizont erstreckte und irgendwo mit dem Himmel verschmolz. Skar konnte die Weite und Endlosigkeit, die sie erwartete, beinahe sp�ren.</p><p>Sie hielten an, als der Wald vollends hinter ihnen zur�ckblieb. Die Sonne strahlte hei� von einem wolkenlosen Himmel herab, aber der Wind war noch immer kalt und schneidend, und Skar und Herger wickelten sich wieder in ihre M�ntel. Ein seltsames Gef�hl, �ber dessen Bedeutung Skar sich im ersten Augenblick selbst nicht ganz im klaren war, ergriff von ihm Besitz. Es war ... ja, es war fast so etwas wie Entt�uschung. Er wu�te nicht, <emphasis>was </emphasis>er erwartet hatte - im Grunde hatte er es die ganze Zeit �ber, selbst noch an Bord der SHANTAR, beinahe �ngstlich vermieden, �ber Elay und das Drachenland nachzudenken, zum Teil, weil er prinzipiell nichts davon hielt, Tag um Tag mit wilden Spekulationen und Vermutungen zuzubringen, nur um hinterher zu merken, da� die Realit�t doch ganz anders aussah, zum Teil aber auch aus reinem Selbstschutz. Es gab unz�hlige Legenden �ber das Drachenland, und wenn seine Grenzen f�r Fremde auch nicht geschlossen waren, so kam doch nur selten ein Reisender �ber Anchor oder eine der wenigen anderen Grenzst�dte hinaus, und diese Unkenntnis von der wahren Beschaffenheit des Landes n�hrte die Ger�chte und M�rchen noch. Nein - er wu�te nicht, was er erwartet hatte, aber <emphasis>das </emphasis>nicht. Schon Anchor kam ihm jetzt, da er das erste Mal die Ruhe hatte, wirklich �ber seine Eindr�cke nachzudenken, beinahe bedr�ckend normal vor: eine Hafenstadt wie hundert andere an den K�sten Enwors, vielleicht ein bi�chen besser befestigt und ein bi�chen weniger gut zug�nglich, aber im Grunde eine Stadt, mehr nicht. Und dieses Land und der Wald, durch den sie gekommen waren - nun, es war Wald, wie er �berall zu finden war, und Land, das sich in nichts von den Steppen Ma-labs oder des Treiberlandes unterschied.</p><p>�Du bist entt�uscht, wie?�</p><p>Skar wandte verwirrt den Kopf. Herger l�chelte, wenn auch auf sehr eigent�mliche Art. Skars Empfindungen mu�ten deutlich auf seinem Gesicht zu lesen sein. �Entt�uscht ist nicht das richtige Wort�, sagte er nach kurzem Z�gern.</p><p>�Jedermann ist entt�uscht, wenn er erst einmal so weit gekommen ist�, widersprach Herger. �Ich kenne das - du bist nicht der erste, den ich hierherbringe, und du wirst nicht der letzte sein. Ich wei� nicht, was man drau�en in der Welt �ber uns redet, aber jeder zweite, der hierherkommt, scheint Herden von Drachen und Hexen zu erwarten, verzauberte W�lder, Wunschbrunnen und Glasflaschen, in denen Geister gefangen sind und nur darauf warten, da� man sie befreit und drei W�nsche �u�ert.� Er lachte am�siert. �Es ist ein ganz normales Land, wie du siehst.�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Skar hastig. Hergers Worte machten ihn verlegen. Selbstredend hatte er nichts von alledem wirklich erwartet, aber vollkommen unrecht hatte Herger nicht. Zumindest war er mit der Erwartung von etwas Besonderem, Au�ergew�hnlichem hierhergekommen.</p><p>�Allerdings werden wir in Gebirge kommen, wenn wir weiter nach Norden ziehen�, schr�nkte Herger nach einer Weile ein. �Elay liegt zwar an der K�ste, aber der Weg dorthin ist alles andere als leicht.� Er schwieg einen Moment, starrte nachdenklich zum Horizont und beschattete die Augen mit der Hand. Zwischen seinen Brauen entstand eine schmale Falte; eine �bertrieben aufgesetzte Geste, die in seinem jugendlichen Gesicht beinahe komisch wirkte. �Dir ist doch klar, da� sie auf uns warten werden in Elay�, sagte er.</p><p>Skar nickte. �Auf mich�, verbesserte er den Hehler.</p><p>Herger seufzte. �Dann von mir aus auf dich�, sagte er geduldig. �Aber wer immer diesen komischen Zwerg und die Thbarg auf dich gehetzt hat, wird wissen, da� du kommst. Es ist noch keinem gelungen, in die Verbotene Stadt einzudringen - und sie auch lebend wieder zu verlassen.�</p><p>�Wer sagt, da� ich das vorhabe?� gab Skar ruhig zur�ck. Herger gab ein schwer zu definierendes Ger�usch von sich. �Du mu�t noch etwas leiser sprechen�, sagte er ernsthaft, �und mit Grabesstimme, damit der Satz richtig wirkt.�</p><p>Skar fuhr mit einem w�tenden Ruck herum. �Du scheinst das Ganze als einen gro�en Spa� anzusehen, Herger�, sagte er. �Aber das ist es nicht. Begreif das endlich. Ist dir das Schicksal Tantors und seiner M�nner nicht Warnung genug?�</p><p>Hergers L�cheln erlosch schlagartig. �Ich wei�, da� es kein Spa� ist, Skar�, sagte er ruhig. �Aber ich halte nichts davon, mich die n�chsten zwei Wochen mit Gedanken an den Tod zu belasten. Wenn es passiert, dann passiert es - Schicksal. Aber bis es soweit ist, werde ich k�mpfen.�</p><p>Skar schnaubte. �Geschwafel!� sagte er hart. �Du mischst dich in Dinge, die dich absolut nichts angehen. Ich wei� nicht, warum du es tust - ob aus Abenteuerlust oder Leichtsinn -, aber du machst einen Fehler, Herger.�</p><p>�So wie Andred?� fragte Herger ruhig.</p><p>Skar fuhr betroffen zusammen. Hergers Worte waren unfair, und er wu�te es.</p><p>�Wir sollten aufh�ren, uns zu streiten�, fuhr Herger - merklich sanfter - fort. �Wenn du recht hast und sie uns verfolgen, dann m�ssen wir hier weg, so schnell es geht.�</p><p>Skar nickte. Es kostete ihn M�he, seine Gedanken wieder auf den Weg und das, was vor ihnen liegen mochte, zu konzentrieren. Aber Herger hatte recht. Sie redeten nicht nur - beide - Unsinn, sondern vergeudeten auch wertvolle Zeit. Es w�rde eine Weile dauern, bis sich die Nachricht von Tantors Tod herumgesprochen und Velas H�scher sich neu formiert haben w�rden, aber fr�her oder sp�ter w�rden sie zur Verfolgung ansetzen. Und seine Gegner hatten einen gewaltigen Vorteil: Sie kannten jeden Schritt, den er machen w�rde, im voraus.</p><p>Er nickte noch einmal, sah fl�chtig zum Wald zur�ck, fast als ob er bef�rchte, die Verfolger dort bereits auftauchen zu sehen, und setzte sein Pferd in Bewegung. Sie trabten los; nicht sehr schnell, denn die Tiere waren immer noch m�de und w�rden ein sch�rferes Tempo kaum durchhalten.</p><p>Fast eine Stunde lang ritten sie schweigend nebeneinander her. Der Wind drehte sich ein paarmal, wurde aber auch zunehmend schw�cher, und mit seinem Abflauen stiegen die Temperaturen. Es war noch immer k�hl, aber trotzdem entschieden zu warm f�r die Jahreszeit. Skar war froh, nicht reden zu m�ssen; doch er war auch froh, nicht allein zu reiten. Obwohl er Herger noch vor wenig mehr als einer Stunde am liebsten zum Teufel gejagt h�tte - und obwohl er noch immer nicht wu�te, ob Herger nun sein Verb�ndeter oder nur ein weiterer Feind war, der nur darauf wartete, ihn in eine Falle zu locken -, war er pl�tzlich froh, nicht allein sein zu m�ssen. Es war seltsam - er hatte die Einsamkeit eigentlich immer geliebt; zumindest hatte sie ihm nichts ausgemacht, aber jetzt f�rchtete er sich davor. Vielleicht waren Einsamkeit und Alleinsein auch zwei grundverschiedene Dinge. Vielleicht lag es auch daran, da� sich alles ge�ndert hatte. Es war ... ja, vielleicht war das Gef�hl, das er vorhin versp�rt hatte, weniger Entt�uschung als vielmehr Furcht gewesen. Sein Weg hatte ihn quer �ber die gesamte bekannte Welt hierhergef�hrt, aber er wu�te, da� er sein Ende bald erreicht haben w�rde. Wenn er die Analogie zu einem Spiel, die er �fter benutzt hatte, weiterf�hrte, dann war dies die letzte Runde, in der sich alles �ndern konnte. Irgend etwas war geschehen, w�hrend er in Endor auf ein Schiff gewartet hatte. Er wu�te nur noch nicht, was.</p><p>Herger dr�ngte sein Tier dichter an das seine heran - eigentlich schon zu nahe, um noch wirklich bequem reiten zu k�nnen -, l�chelte fl�chtig, als er seinem Blick begegnete, und sah dann wieder starr nach Norden. Skars Blick tastete �ber das schwarze Fell des Pferdes von Herger. Es war ein sehr kr�ftiges Tier - schlank, aber mit gut entwickelten, starken Muskeln, deren Spiel durch das schwei�feuchte Fell deutlich zu beobachten war; wie seines ein Tier, das mit gro�er Sorgfalt ausgew�hlt worden war, und mit ebensogro�er Sorgfalt war ihre Ausr�stung zusammengestellt. Herger hatte sich auf das Allernotwendigste beschr�nkt, dabei aber nichts Wichtiges �bersehen. Skar hatte den Inhalt seiner Satteltaschen fl�chtig gepr�ft, als sie im Schutz des Waldes gerastet hatten. Wenn sie unterwegs ausreichend Wasser und Wild fanden, dann konnten sie Elay erreichen, ohne auf die Hilfe Dritter angewiesen zu sein.</p><p>�Wieso eigentlich zwei Pferde?� fragte er unvermittelt.</p><p>Herger sah auf. �Ich habe mich schon gefragt, wann du diese Frage stellen wirst�, sagte er.</p><p>�Jetzt�, knurrte Skar. �Und ich w�re dir dankbar f�r eine Antwort.� Der aggressive Ton in seiner Stimme �berraschte ihn fast selbst, aber Herger schien ihn gar nicht zu bemerken. �Hattest du von Anfang an vor, mit mir zu reiten?�</p><p>Herger z�gerte einen Moment mit der Antwort. �Nicht direkt�, sagte er schlie�lich. �Aber ich bin grunds�tzlich mi�trauisch, wei�t du. Ich wei� immer noch nicht, ob ich dir trauen kann, und ich habe auch Gondered nicht getraut.� Er lachte leise. �Ich habe es mir schon seit langer Zeit zur Regel gemacht, immer irgendwo eine Hintert�r zu wissen, durch die ich im Notfall rasch verschwinden kann, wei�t du.�</p><p>�Es scheint dir nicht allzuviel auszumachen, Hab und Gut zu verlieren�, murmelte Skar.</p><p>Herger machte eine wegwerfende Handbewegung. �Hab und Gut�, stie� er hervor. �Du hast das Ger�mpel gesehen. Die beiden Pferde, auf denen wir reiten, sind mehr wert, als ich f�r den Kram bekommen h�tte. Und Anchor hat mir schon lange nicht mehr gefallen. Ich w�re sowieso fr�her oder sp�ter weggegangen. Seit die Thbarg in der Stadt aufgetaucht sind, ist das Leben dort auch f�r einen Mann wie mich nicht mehr so sicher, wie es einmal war.� Skar sah ihn scharf an. Der Wind hatte Hergers Haar zerzaust, und im grellen Licht der Sonne wirkten die Linien in seinem Gesicht hart; er sah mit einemmal viel �lter aus, als Skar ihn bisher eingesch�tzt hatte.</p><p>�Ein Mann wie du ...�, wiederholte Skar nachdenklich. �Und was f�r ein Mann bist du?�</p><p>�Unter anderem dein Lebensretter�, sagte Herger, �wenn ich dich daran erinnern darf.�</p><p>�Nachdem du mich vorher verkauft hast�, konterte Skar ruhig, �wenn ich dich <emphasis>daran </emphasis>erinnern darf.�</p><p>Herger l�chelte d�nn. �Was hast du erwartet? Seit Wochen schleichen diese Thbarg durch die Stadt und erz�hlen von einem verr�ckten Satai, der hierherkommt, um einen Ein-Mann-Krieg gegen die <emphasis>Errish </emphasis>zu beginnen. Dann kommst du, bringst einen meiner Freunde mehr tot als lebendig in mein Haus und erz�hlst seelenruhig, da� sein Schiff mit seiner gesamten Besatzung verbrannt ist.� Er zuckte mit den Achseln und machte eine ungeduldige Handbewegung. �Au�erdem war Gondered schon <emphasis>vor </emphasis>euch bei mir, schon bevor das Schiff in den Hafen eingelaufen ist, wenn du es ganz genau wissen willst.�</p><p>�Aber wie konnte er wissen ...�</p><p>�Es ist kein Geheimnis, da� Andred und ich Freunde sind�, fuhr Herger fort. �Wahrscheinlich war er nicht sicher, euch wirklich im Hafen zu erwischen - womit er durchaus recht hatte, wie sich zeigte. Was ist an dieser Geschichte dran?�</p><p>Die Frage �berraschte Skar. Sie hatten, obwohl sie sich seit weniger als vierundzwanzig Stunden kannten, bereits so viel gemeinsam erlebt, da� er Herger unbewu�t schon als Gef�hrten akzeptiert hatte. Aber er hatte fast vergessen, da� der Hehler wenig mehr als seinen Namen von ihm wu�te.</p><p>�Nichts�, sagte er ausweichend. �Jedenfalls nicht an der Version, die du geh�rt hast.�</p><p>Hergers Reaktion kam v�llig �berraschend. Er beugte sich vor, griff nach dem Zaumzeug von Skars Pferd und brachte das Tier mit einem harten Ruck zum Stehen.</p><p>�Jetzt h�r mir einmal zu, Skar�, sagte er w�tend. �Ich habe einen meiner besten Freunde verloren durch deine Schuld. Mein Haus ist verbrannt, ich w�re um ein Haar umgebracht worden, und auf meinen Kopf ist wahrscheinlich schon ein Preis ausgesetzt deinetwegen. Jeder Halsabschneider von hier bis Elay wird sich einen Spa� daraus machen, mich umzubringen, und dieses Monster, das den Zwerg und die Thbarg get�tet hat, wird mich sicher nicht verschonen, wieder deinetwegen nicht, Skar. Und du glaubst, ich h�tte kein Recht, die Wahrheit zu erfahren?�</p><p>Skar seufzte. Hergers pl�tzlicher Ausbruch hatte ihn �berrascht, aber die Schauspielk�nste des jungen Hehlers waren nicht gut; nicht gut genug zumindest, ihn dar�ber hinwegzut�uschen, da� er sich die Worte - und auch die Betonung - sorgsam zurechtgelegt und nur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, sie m�glichst wirkungsvoll anzubringen. �Recht...�, wiederholte er, betont ruhig. �Mag sein, da� du ein <emphasis>Recht </emphasis>darauf hast - von deinem Standpunkt aus. Aber ich habe dich nicht gebeten, mich zu begleiten, und nach <emphasis>Rechten� - </emphasis>er betonte das Wort, als handele es sich um einen �blen Scherz -, �nach Rechten wird in diesem Spiel schon lange nicht mehr gefragt, Herger. Andere Leute hatten auch ein Recht weiterzuleben, und Andred hatte das Recht, seine Hand zu behalten.�</p><p>�Ich m�chte aber wenigstens wissen, <emphasis>warum </emphasis>man mir nach dem Leben trachtet�, sagte Herger unsicher. Skar hatte in sch�rferem Ton gesprochen, als er erwartet hatte. �Und wer?�</p><p>�Wenn du wirklich so gute Verbindungen hast�, knurrte Skar, gleicherma�en w�tend auf Herger wie auf sich selbst, da� er sich so hatte hinrei�en lassen, �dann solltest du die Antwort kennen. Ich bin erst seit ein paar Stunden in diesem Land, aber selbst ein Blinder w�rde sehen, da� hier zu einem Krieg ger�stet wird.� Herger nickte unger�hrt. �Wie �berall�, sagte er. �Die Quorrl...�</p><p>�Du wei�t so gut wie ich, da� es nicht nur um die Quorrl geht�, fiel ihm Skar ins Wort. �Hast du nicht gestern abend etwas �hnliches gesagt?�</p><p>Herger schwieg einen Moment. Seine dunklen Augen musterten Skar mit einer Mischung aus Neugierde und allm�hlich aufkeimender Furcht. Vielleicht fragte er sich, ob es nicht doch ein Fehler gewesen war, dem Satai zu helfen.</p><p>�Ich wei� so wenig wie du, was in diesem Land vorgeht�, sagte er schlie�lich. �Nat�rlich ist der Zug gegen die Quorrl nur ein Vorwand, und das ist nicht einmal ein Geheimnis. Aber es steht uns nicht zu, an den Entschl�ssen der <emphasis>Errish </emphasis>herumzukritisieren. Seit tausend Jahren halten sie ihre sch�tzende Hand �ber uns, und ich kann mich an keinen Fall erinnern, in dem es zu unserem Schaden gewesen w�re.�</p><p>Skar antwortete nicht gleich. Es war das erste Mal, da� Herger direkt �ber die wahren Herren dieses Landes, die <emphasis>Errish, </emphasis>sprach, und der unterw�rfige Ton, in dem er es tat, �berraschte ihn, vor allem nach dem Eindruck, den er bisher von Herger gewonnen hatte.</p><p>Aber h�tte er das nicht erwarten m�ssen? H�tte er nicht noch vor wenigen Monaten ebenso geredet und gedacht? Die Ehrw�rdigen Frauen waren seit jeher das Sinnbild f�r Gerechtigkeit und Ehre gewesen, eine kleine, verschworene Kaste, gleicherma�en gef�rchtet wie geachtet, deren blo�e Anwesenheit jeden Gedanken an Verrat und Betrug von vornherein l�cherlich erscheinen lie�?</p><p>�Und es ist dir gleich, wenn dein Land zum Krieg r�stet?� fragte Skar. Herger suchte einen Moment nach Worten. �Nat�rlich nicht�, sagte er. �Und das ist einer der Gr�nde, warum ich dich begleite. Ich ... bin nicht der einzige, der laut dar�ber nachdenkt, ob die Befugnisse der Thbarg wirklich so weit reichen, wie sie behaupten.�</p><p>Skar sah verwundert auf, aber Herger sprach schnell weiter. �Skar, <emphasis>wir </emphasis>wissen, da� die <emphasis>Errish </emphasis>keine Hexen sind und nicht zaubern k�nnen. Und sie k�mmern sich nicht viel um das, was hier im Lande vorgeht. Ein Befehl kann so oder so interpretiert werden. Krieg ...� Er sprach das Wort mit seltsamer Betonung aus. �Gegen wen? Gegen Kohon? Larn? Die Westl�nder?� Er l�chelte und begleitete jeden Namen, den er aufz�hlte, mit einem �berzeugten Kopfsch�tteln.</p><p>�Warum nicht gegen alle?� fragte Skar.</p><p>Herger erschrak, hatte sich aber sofort wieder in der Gewalt. �Warum nicht gleich gegen die ganze Welt?� In seiner Stimme war eine ganz leise Spur von Unsicherheit.</p><p>�Vielleicht�, murmelte Skar.</p><p>Herger antwortete nicht mehr, sondern sah Skar nur mit wachsendem Schrecken an und blickte dann abrupt weg. Er hatte sich auch weiter in der Gewalt, aber seine H�nde krampften sich ein wenig zu fest um die Z�gel, und der Ausdruck auf seinem Gesicht wirkte beinahe zu gefa�t.</p><p>Skar sch�ttelte verwirrt den Kopf. Was war nur mit ihm - mit ihnen beiden - los! Er versuchte sich an den Herger von gestern abend zu erinnern, aber es fiel ihm schwer. Von seiner �bertriebenen, schon fast an �berheblichkeit erinnernden Selbstsicherheit war nicht viel geblieben, und er sp�rte ganz genau, da� es unter der Maske aus Ruhe und nicht einmal sonderlich �berzeugend wirkendem Spott, die Herger aufgesetzt hatte, brodelte. Es schien, als ritte er, Skar, jetzt neben einem v�llig anderen Menschen, der nur noch zuf�llig �hnlichkeit mit dem Herger hatte, zu dem der Freisegler ihn gef�hrt hatte. Aber auch er selbst hatte sich ver�ndert, mehr, als ihm bis jetzt klargeworden war.</p><p>�Dieser Zwerg�, sagte Herger pl�tzlich. �Tantor - das war doch sein Name?�</p><p>Skar nickte. Herger starrte noch immer unverwandt geradeaus, aber seine Stimme hatte sich erneut ver�ndert; eine weitere Fracette des Chaos, das in seinem Inneren toben mu�te.</p><p>�Ist das, was er erz�hlt hat, wahr?�</p><p>�Was meinst du?�</p><p>�Er sagt, da� du ihn ... verraten hast�, pre�te Herger hervor. �Wie hat er das gemeint?�</p><p>Skar z�gerte. Er hatte nicht geglaubt, da� Herger sich so deutlich an Tantors Worte erinnerte; nicht nach allem, was geschehen war. Es w�re ein leichtes f�r ihn gewesen, einfach mit nein zu antworten, aber irgend etwas hielt ihn zur�ck.</p><p>�Es... ist wahr�, sagte er leise. �Und auch wieder nicht.� Er l�chelte unsicher und beinahe verlegen und fuhr nach einem verwirrten Kopfsch�tteln fort: �Von seinem Standpunkt aus betrachtet, habe ich ihn verraten, glaube ich. So wie du mich gestern nacht verraten hast, um einen Freund zu retten.�</p><p>Herger zuckte zusammen. �Ich ...�</p><p>�Kein Vorwurf, Herger�, sagte Skar rasch. �Du wolltest eine Antwort, und mehr war es nicht. Ich hatte die Wahl zwischen seinem Leben und dem eines Freundes.�</p><p>�Und?� fragte Herger. �Lebt dein Freund?�</p><p>Skars Miene verd�sterte sich. Leben? <emphasis>Lebte Del? </emphasis>Vielleicht w�rden ihn die Sumpfleute auferstehen lassen, aber w�rde er jemals wieder der Del sein, den er gekannt hatte?</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte er schlie�lich. �Und es spielt auch keine Rolle mehr. Jetzt nicht mehr.�</p><p>Herger seufzte. �Warum erz�hlst du mir nicht alles?� fragte er geduldig. �Fr�her oder sp�ter erfahre ich es ja doch. St�ckweise und unvollkommen, aber ich erfahre es.� Er wandte den Kopf, sah Skar einen Herzschlag lang nachdenklich an und pre�te die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Dann deutete er nach Norden. �Wir werden zwei Wochen unterwegs sein, mindestens. Vielleicht l�nger, wenn wir uns unterwegs verbergen m�ssen, und wahrscheinlich werden wir Umwege machen m�ssen, weil die P�sse gesperrt sind. Eine lange Zeit, wenn man sich jedes Wort �berlegen mu�, das man spricht.�</p><p>Skar schwieg.</p><p>�Du hast mich vorhin schon gefragt, was f�r ein Mann ich bin�, fuhr Herger fort.</p><p>�Du hast nicht geantwortet.�</p><p>Herger l�chelte und wurde sofort wieder ernst. �Zum einen bin ich sehr neugierig�, sagte er scherzhaft und dann ernsthafter: �Aber ich habe auch eine Menge Freunde. M�nner, die dir helfen k�nnen. Ich glaube nicht daran, da� die <emphasis>Errish </emphasis>in aller Stille einen Krieg gegen den Rest der Welt vorbereiten, Skar, aber ich glaube, da� in diesem Land irgend etwas vorgeht, das nicht gut ist. Und ich m�chte wissen, was. Deshalb habe ich dir geholfen. <emphasis>Auch </emphasis>deshalb�, f�gte er nach einer kaum merklichen Pause hinzu.</p><p>Skar schwieg noch immer, obwohl er selbst nicht zu sagen wu�te, warum. Der Mann, der er noch vor ein paar Monaten gewesen war, h�tte geantwortet. Er h�tte jede Chance ergriffen, M�nner um sich zu scharen, um gegen Vela zu ziehen.</p><p>Aber er war nicht mehr der Mann, der gegen Combat gezogen war. Nur war die Ver�nderung anders, als er bisher geglaubt hatte. Er hatte geglaubt, sich Vela anzupassen, hatte diesen fast schmerzhaften Wandel in sich zwar gesp�rt, aber in der falschen Richtung interpretiert. Seine Zweifel, die Unruhe, die ihn bereits in Hergers Haus �berkommen hatte, die unerkl�rliche Schw�che, die ihn �berfallen hatte, als sie flohen, und die jetzt noch nicht vollends verschwunden war ... Um ein Haar h�tte er laut aufgelacht. Hatte er sich wirklich eingebildet, <emphasis>h�rter </emphasis>geworden zu sein? Irgend etwas in ihm hatte ihm gesagt, da� er Vela nur besiegen konnte, wenn er wie sie wurde, wenn er genauso berechnend und kalt mit Menschenleben umging, wenn er t�tete, ohne zu denken, wenn er alles, was er je �ber Ehre und Ritterlichkeit gelernt hatte, �ber Bord warf und dem Ungeheuer in sich freie Bahn lie�.</p><p>Aber das Ungeheuer war nicht mehr in ihm. Sein Dunkler Bruder war fort, schon lange, und er begann erst jetzt allm�hlich zu sp�ren, wie sehr er bisher sein Leben bestimmt hatte. Seine Schw�che war nichts als Ekel gewesen, Ekel vor sich selbst, vor seinen H�nden, die - wieder einmal - get�tet hatten. Vielleicht, dachte er, war der steinerne Wolf nichts anderes als die Verk�rperung seines Dunklen Bruders, ein Ding, langsam �ber Jahrzehnte in ihm herangewachsen, das jetzt zu eigenem, b�sem Leben erwacht war.</p><p>�Wie lange, sagst du, brauchen wir bis Elay?� fragte er, m�hsam die Erinnerungen und Gedanken zur�ckdr�ngend, die seine Seele wie der Hauch einer �blen, schleichenden Krankheit zu verpesten begannen.</p><p>�Zwei Wochen�, antwortete Herger. �Eher drei, wenn wir einen Bogen um die St�dte schlagen, was wir wahrscheinlich tun m�ssen.�</p><p>�Drei Wochen ...� Skar atmete h�rbar ein. �Zeit genug zum Reden.�</p></section><section><title><p id="_9">9.</p></title><p>Der Flu� schnitt wie ein braunes, in willk�rlichen Schleifen und Kehren hingeworfenes Band unter ihnen durch die Ebene. Die schlammigen braunen Fluten schienen sich tr�ge zu Tal zu w�lzen, aber Skar wu�te, da� dieser Eindruck t�uschte. Sie waren noch eine gute Meile vom Ufer entfernt; vielleicht auch noch mehr. Das Land war hier flach und ohne sichtbare Markierungen - es gab nichts, was er als Vergleichsma�stab h�tte heranziehen k�nnen. Trotzdem konnte er bereits das Ger�usch des Wassers h�ren: ein dumpfes Murmeln und Raunen wie von weit entfernten Stimmen, ein Laut, der nach Feuchtigkeit und K�lte klang und ihn f�r einen winzigen Moment fr�steln lie�. Sein Pferd begann unruhig mit den Hufen zu scharren. Das Tier war durstig - wie er und Herger hatte es vor anderthalb Tagen das letzte Mal getrunken, eine schlammige braune Br�he aus einem stehenden Wasserloch, das die Bezeichnung Tr�nke selbst mit sehr viel gutem Willen kaum verdiente. Jetzt sp�rte das Tier die N�he des Wassers und wollte hinunter. Auch Skars Lippen waren rissig vor Durst, und sein Gaumen f�hlte sich pelzig an. Aber er beherrschte sich. Die letzten beiden Tage waren sie im Schutze des Waldes geritten, doch nun war vor ihnen nichts mehr, was als Deckung h�tte dienen k�nnen; weder auf dieser Seite des Flusses noch auf der anderen.</p><p>Sein Pferd begann sich st�rker gegen den Zug der Z�gel zu stemmen, und Skar sah sich ungeduldig um. Herger war dicht hinter ihm; der Hufschlag seines Pferdes hatte Skar seit Tagesanbruch wie ein arhythmisches Echo begleitet. Trotzdem schien eine Ewigkeit zu vergehen, ehe sich das Unterholz teilte und die gebeugte Gestalt des Schmugglers aus dem Wald heraustrat. Er war abgesessen und f�hrte sein Pferd am Z�gel. Sie wechselten sich in dieser Marschordnung ab, um die Kr�fte der Pferde zu schonen: Mal ritt er voraus, und Skar f�hrte sein Tier am Z�gel neben sich her, mal - wie jetzt - �bernahm Skar die F�hrung, und Herger folgte in geringem Abstand. Sie kamen auf diese Weise nicht halb so schnell voran, wie Skar es sich gew�nscht h�tte. Aber die Tiere waren am Ende.</p><p><emphasis>So wie ihre Reiter, </emphasis>f�gte er in Gedanken hinzu.</p><p>Herger blieb neben ihm stehen, fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Stirn und blinzelte mehrmals hintereinander. Die Sonne stand - obwohl sie erst vor wenigen Augenblicken aufgegangen war - bereits als wei�gl�hender Ball �ber dem Horizont, und ihr Licht war hart und schmerzhaft.</p><p>�Ist das der Flu�, von dem du gesprochen hast?� fragte er. Herger z�gerte einen Moment. Er seufzte, blickte erst nach rechts, dann nach links, als m�sse er sich das Bild m�hsam ins Ged�chtnis zur�ckrufen und mit seiner Erinnerung vergleichen, und nickte dann. �Der Eisflu߫, best�tigte er. �Wir haben die H�lfte geschafft.�</p><p>Vielleicht - sicher - waren seine Worte als Aufmunterung gedacht gewesen, aber wenn sie bei Skar �berhaupt etwas bewirkten, so eher das Gegenteil. �Die H�lfte�, murmelte er. �Das hei�t noch einmal zehn Tage.�</p><p>Herger sah ihn nachdenklich an, krauste die Stirn und sch�ttelte schlie�lich den Kopf. �Eher zw�lf, f�rchte ich�, sagte er. �Der Wald endet hier - von jetzt an werden wir vorsichtiger reiten m�ssen.�</p><p>Skar antwortete nicht darauf. Es gab auch nichts, was er h�tte sagen k�nnen. Sie hatten viel geredet, aber ihre Gespr�che waren mit jedem Tag mehr verflacht, wie Rinnsale versickert in der unglaublichen Weite des Landes, das sie durchquerten. Alles, was zu sagen war, war gesagt worden, und weder Herger noch er waren M�nner, die Freude daran fanden, das gleiche mit anderen Worten immer wieder neu zu sagen. Vielleicht, dachte er, lag es auch nur daran, da� er zu weit gewandert war. Wie viele Meilen hatte er zur�ckgelegt in den letzten Monaten? Viertausend? F�nftausend? Wie viele Hufschl�ge? Wie viele Worte, die nur gesprochen worden waren, um die Eint�nigkeit zu vertreiben?</p><p>Herger kletterte mit sichtlicher Anstrengung aus dem Sattel, fuhr sich erneut - und diesmal eindeutig m�de - mit der Hand �ber das Gesicht und sah zum Flu� hinunter. Sein rechtes Auge blinzelte noch immer. �Seltsam�, murmelte er.</p><p>�Was?�</p><p>Herger deutete mit einer Kopfbewegung nach unten. �Der Flu� f�hrt zu viel Wasser�, sagte er. �Selbst f�r diese Jahreszeit. Und die Str�mung ist zu stark.�</p><p>Skar blickte stirnrunzelnd auf das gewundene braune Band hinunter. Er konnte nichts Au�ergew�hnliches entdecken, aber schlie�lich war er hier auch nicht zu Hause wie Herger.</p><p>�Vielleicht hat die Schneeschmelze fr�her eingesetzt als sonst�, murmelte er ohne rechte �berzeugung.</p><p>Herger blickte instinktiv nach Norden. Die Berge waren als graue, verwaschene Schemen irgendwo vor dem Horizont zu erkennen; graue Giganten mit blitzenden wei�en Helmen, die hinter dem widerwillig weichenden Morgennebel allm�hlich sichtbar wurden. Der Anblick hatte sich seit zehn Tagen nicht ver�ndert. H�tte sich Skar nur am Bild der Berge orientiert, dann h�tte er kaum geglaubt, sich weiter als ein paar Meilen von Anchor entfernt zu haben.</p><p>�Nein�, sagte Herger schlie�lich. �Der Flu� ist voller Eis - siehst du es nicht?�</p><p>Skar hatte bis jetzt nicht mehr als einen fl�chtigen Blick f�r den Flu� �brig gehabt, aber als er genauer hinsah, merkte er, was Herger meinte: In den kochenden braunen Fluten blitzte es immer wieder auf. Eis - winzige K�rner, die wie achtlos hineingestreute Diamantsplitter durch die Wasseroberfl�che glitzerten, aber auch gro�e, unregelm��ige Brocken, auf denen ein Mann bequem h�tte stehen k�nnen. Hier und da lagerte sich auch am Ufer Eis ab; schimmernde wei�e Nester, die dem Ansturm des Fr�hlings trotzten, und der Flu� brachte nicht nur Schlamm und verklumpten Schnee mit sich, sondern auch K�lte. Der Nebel, der von seiner Oberfl�che aufstieg, atmete noch den Hauch des Winters. Nein - Herger hatte recht: Selbst die rasendste Str�mung war nicht schnell genug, Eis in solcher Menge �ber die f�nf- oder sechshundert Meilen, die es bis zu den Bergen sein mu�ten, zu tragen, ohne da� es geschmolzen w�re.</p><p>�Und was bedeutet das?� fragte er. �F�r uns?�</p><p>Herger antwortete nicht gleich, aber sein Blick nahm wieder jenen nachdenklichen, halb besorgten Ausdruck an, den Skar in den letzten Tagen oft an ihm beobachtet hatte. Sie waren - von ein paar kaum nennenswerten Umwegen abgesehen - zehn Tage ununterbrochen nach Norden geritten, aber es war trotzdem nicht k�lter, sondern im Gegenteil w�rmer geworden. Obwohl die Temperaturen in der Nacht noch immer unter den Gefrierpunkt sanken, war es tags�ber bereits doch so warm, da� sie die M�ntel ablegen und nur mit d�nnen wollenen Hemden bekleidet reiten konnten. Skar hatte bislang �ber diesen Umstand kein Wort verloren, aber er hatte ein paar unbewu�te Bemerkungen Hergers aufgeschnappt und daraus geschlossen, da� ein Wetter wie dieses auch hier nicht normal war.</p><p>�Es bedeutet auf jeden Fall einen Umweg�, murmelte Herger. �Die Pferde schaffen es nicht durch diese Str�mung. Und wir auch nicht.�</p><p>�Und was schl�gst du vor?�</p><p>Wieder �berlegte Herger sekundenlang. �Es gibt eine Furt�, sagte er nach einer Weile. �Einen Tagesritt westlich von hier.�</p><p>�Wohin flie�t dieser Flu�?� fragte Skar, Hergers letzte Bemerkung bewu�t ignorierend.</p><p>Herger grinste fl�chtig. �Dorthin, wo die meisten Fl�sse enden, Skar - zur K�ste.�</p><p>�In Richtung Elay?�</p><p>Herger nickte. �Ungef�hr. Wenn wir ihm folgen w�rden, dann w�rde er uns bis auf drei�ig Meilen an die Stadt heranf�hren.� Er runzelte die Stirn, als w�re ihm pl�tzlich etwas eingefallen, und f�gte hinzu: �Ich wei�, was du jetzt denkst - vergi� es.� Er sch�ttelte erneut den Kopf, st�tzte sich f�r die Dauer eines Atemzuges schwer auf dem Sattelknauf ab und seufzte h�rbar. �Reiten wir hinunter�, murmelte er schwach. �Den Pferden wird ein Schluck Wasser guttun. Und mir auch.� �chzend richtete er sich im Sattel auf, griff mit unsicheren Fingern nach den Z�geln und lie� sein Pferd antraben.</p><p>Skar warf einen raschen Blick �ber die Schulter zur�ck, ehe er ihm folgte: eine Bewegung, die ihm in den letzten Tagen so in Fleisch und Blut �bergegangen war, da� er sie schon unbewu�t ausf�hrte. Aber nat�rlich war hinter ihnen nichts als die gr�ne Mauer des Waldes.</p><p>Sein Blick glitt wieder �ber die eint�nige Landschaft. Seine Augen brannten, und wenn er lange genug hinsah, dann begannen die grauen Nebelfetzen vor ihm Umrisse und Formen zu bilden: Gesichter, Gestalten ... die Schemen aus seinem Inneren, die jede Gelegenheit nutzten, hervorzubrechen und ihn zu verh�hnen. O nein - er war nicht mehr der Mann, der er gewesen war. Er war sich so fremd geworden, da� er allm�hlich anfing, Furcht vor sich selbst zu empfinden. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er die Einsamkeit menschlicher Gesellschaft vorgezogen. Jetzt ha�te er sie. Sie hatten w�hrend der letzten neun Tage keinen Menschen gesehen, obwohl dieses Land alles andere als d�nn besiedelt war. Herger hatte bewu�t eine Route gew�hlt, auf der sie alle St�dte und D�rfer in weitem Bogen umgingen - eine Vorsichtsma�nahme, der Skar nach anf�nglichem Zweifel zugestimmt hatte, obwohl sie auf diesem Weg gut die doppelte Zeit brauchten, um Elay zu erreichen. Aber wenn sie jetzt dem Flu� folgten, dann w�rden sie Menschen treffen. Fl�sse haben die Eigenschaft, Siedlungen anzuziehen.</p><p>Die Pferde begannen schneller zu laufen, als sie das Wasser witterten. Skar hielt sein Tier jetzt nicht mehr zur�ck, obwohl ihm der Gedanke, offen und ohne die geringste Deckung dahinzugaloppieren, ein fast k�rperliches Unbehagen bereitete, und auch Herger lie� die Z�gel fahren und beschr�nkte sich darauf, sich krampfhaft am Sattelknauf festzuklammern. Der Boden federte unter den Hufschl�gen der Tiere, und vom Wasser drang ihnen ein Schwall eisiger Luft entgegen. Aber durch den Nebel schimmerte es gr�n, und ein paar der d�rren B�sche, die ihren Weg s�umten, trugen bereits erste zaghafte Knospen. Der Fr�hling hatte Einzug in diesen Teil der Welt gehalten. Zwei Monate zu fr�h.</p><p>Sie sa�en ab, und die Pferde senkten gierig die K�pfe zum Wasser, um zu trinken. Skar musterte die beiden Tiere besorgt. Sie waren sichtlich abgemagert. Ihr Fell war struppig und glanzlos geworden, und wo sich zu Beginn des Rittes kr�ftige Muskeln unter ihrer Haut abgezeichnet hatten, konnte man jetzt deutlich die Rippen sehen. Sie hatten nichts anderes als d�rres Gras zu fressen bekommen und selbst davon nicht genug. Der Wald, durch den sie geritten waren, war nur scheinbar fruchtbar gewesen. Das Land war arm an wirklich fruchtbaren Gebieten, und die Landstriche, in denen der Boden gut genug f�r fettes Gras und Ackerbau war, waren dicht besiedelt und somit f�r Herger und ihn tabu. Und auch sie waren kaum in einem besseren Zustand als ihre Pferde - Skars Hoffnung, jagdbares Wild finden und erlegen zu k�nnen, hatte getrogen. Ein halb verhungertes Kaninchen und ein Bussard, der leichtsinnig genug gewesen war, sich die beiden Reiter aus einer Entfernung zu betrachten, in der ihn Hergers Pfeil hatte treffen k�nnen, waren die einzigen Bereicherungen ihrer Speisekarte gewesen. Ansonsten hatten sie von dem gelebt, was in den Satteltaschen gewesen war - D�rrfleisch und trockenes Brot, das abscheulich schmeckte und durstig machte. Aber auch diese Vorr�te waren mittlerweile aufgebraucht. Vielleicht w�rden sie bald die N�he von Menschen suchen m�ssen, ob sie wollten oder nicht. Herger kniete am Flu�ufer nieder, tauchte vorsichtig die Hand ins Wasser und zog sie hastig wieder zur�ck. �Eisig�, stellte er fest.</p><p>�Das ist nicht weiter verwunderlich�, sagte Skar l�chelnd. �Immerhin ist genug Eis im Wasser. Wolltest du baden?�</p><p>Herger ignorierte seine Bemerkung, stand auf und rieb sich die Hand an der Hose trocken. �An Schwimmen ist jedenfalls nicht zu denken�, sagte er mi�mutig. �Wir w�ren erforen, ehe wir halb dr�ben w�ren. Ganz abgesehen von der Str�mung.�</p><p>Skar zuckte gleichm�tig die Achseln. Er hatte keine Lust, �ber Str�mungen und Fl�sse zu diskutieren. Dieser Flu� war nichts als ein weiteres Hindernis, das sie �berwinden w�rden. Eine Verz�gerung von einem Tag, nicht mehr. Der Gedanke lie� ihn fast unber�hrt. Irgendwo auf halbem Wege zwischen hier und den Bergen dort vorne lag Elay, die Stadt, in der er Vela finden w�rde, und er wu�te mit unersch�tterlicher Gewi�heit, da� es nichts mehr gab, was ihn noch aufhalten konnte. Sein Weg w�rde dort enden, auf die eine oder andere Weise, aber nicht vorher. Er wu�te es mit der gleichen Gewi�heit, mit der er wu�te, da� der Wolf noch immer auf seiner Spur war, obwohl er ihn nicht mehr sah und obwohl selbst das h�hnische Wolfsheulen des Windes verstummt war. Er war da, hier, irgendwo, ganz in seiner N�he, unsichtbar, lauernd und st�ndig bereit zuzuschlagen, wenn er, Skar, versuchen w�rde, einen anderen Weg als den nach Elay einzuschlagen. Skar hatte Zeit genug gehabt, �ber alles nachzudenken, und er wu�te jetzt, da� er sich get�uscht hatte, da� der Wolf in Hergers Haus in Anchor nicht eingegriffen hatte, um ihn zu t�ten, sondern - so absurd es klang - um ihn zu retten. Es w�re ein leichtes f�r das Ungeheuer gewesen, ihn zu vernichten, schon seit langem. Er hatte ihn gerettet, weil er noch nicht bereit war, so wie er ihn in Tuan gerettet hatte, indem er Vela zwang, ihre Festung auf den gl�sernen Ebenen zu verlassen, und ihm damit Gelegenheit zur Flucht verschaffte. Er war noch nicht soweit, zu sterben, in ihm war noch Hoffnung, ein winziger Funke, der gegen alle Logik noch immer brannte und ihn weitertrieb, und solange er noch hoffte - solange es noch eine Entt�uschung gab, die er noch erleben konnte -, so lange w�rde er am Leben bleiben.</p><p>Um ein Haar h�tte er laut aufgelacht. Der Gedanke war so makaber, da� er schon fast wieder komisch war. Vielleicht war niemals in der Geschichte dieser Welt ein Mann von einem so �berm�chtigen Feind verfolgt worden wie er - und trotzdem war es gerade dieser Umstand, der ihn sich so sicher f�hlen lie�.</p><p>Er wandte sich um, suchte sich einen einigerma�en trockenen Platz und lie� sich darauf nieder. Er f�hlte sich schwach, jetzt, wo er nicht mehr im Sattel sa�, aber auch das war etwas, woran er sich fast schon gew�hnt hatte. Der Schw�cheanfall w�hrend ihrer Flucht aus Anchor war kein Zufall gewesen. Seine Kraft lie� im gleichen Ma�e nach, in dem sie sich der Verbotenen Stadt n�herten.</p><p>�Wir sollten uns �berlegen, was wir tun�, sagte Herger pl�tzlich.</p><p>Skar fuhr aus seinen Gedanken hoch. Er hatte nicht gemerkt, da� Herger n�her gekommen und einen halben Schritt vor ihm stehengeblieben war. Er sah auf, starrte Herger eine Sekunde lang an und fuhr sich mit der Zungenspitze �ber die Lippen. Sein Gaumen schmerzte bereits vor Durst, aber er widerstand der Versuchung, aufzustehen und zum Flu� zu gehen und zu trinken. Er wu�te, da� das, was er tat, albern war, aber er wu�te, da� er diese Best�tigung einfach brauchte: einen winzigen Triumph �ber sich selbst, der �berfl�ssige und vermutlich sogar sch�dliche Beweis, da� er noch immer Herr seines K�rpers war; da� sein Wille noch immer st�rker war als dieses empfindliche Instrument, dessen er sich bediente.</p><p>�Was meinst du?� fragte er schwach. Er hatte M�he, sich �berhaupt auf Hergers Worte zu besinnen.</p><p>�Nichts Bestimmtes. Ich ...� Herger sch�ttelte den Kopf, setzte sich mit einer pl�tzlichen, abrupten Bewegung neben Skar auf den schlammigen Boden und zog die Knie an den K�rper, bis er das Kinn darauf st�tzen konnte. �Ich habe ein ungutes Gef�hl�, murmelte er.</p><p>Skar nickte. �Ich auch. Vor allem im Magen.�</p><p>�Es gibt ein kleines Dorf nicht sehr weit von hier�, sagte Herger. �Wir k�nnten versuchen, dort Lebensmittel und frische Pferde zu kaufen.�</p><p>Skar sch�ttelte heftig den Kopf. Ganz davon abgesehen, da� sie nichts hatten, womit sie h�tten bezahlen k�nnen, wollte er kein Risiko mehr eingehen. Sie hatten zu viele Entbehrungen auf sich genommen, um jetzt einfach in das n�chstbeste Dorf zu spazieren und nach Essen und einem Schlafplatz zu fragen. Vermutlich w�re das Risiko wirklich minimal gewesen - aber er wollte es trotzdem nicht eingehen, einfach aus dem gleichen Grund, aus dem er seinem Durst widerstand. Jetzt in das n�chste Dorf einzureiten und dort wom�glich Essen und einen warmen Schlafplatz zu finden, h�tte fast eine Entt�uschung bedeutet - ein Gef�hl �hnlich dem, das ein Mann empfinden mochte, der unter gro�en M�hen einen Berg besteigt und, am Gipfel angekommen, feststellen mu�, da� es auf der anderen Seite einen bequemen Pfad gibt. Herger schnitt eine Grimasse. �Ich glaube nicht, da� Velas Spione jetzt schon in jedem Bauernhaus sitzen�, sagte er ironisch. �Das Risiko ist nicht sehr gro�.�</p><p>�Nein�, sagte Skar einfach.</p><p>Herger seufzte, ri� einen d�rren Grashalm aus und begann, darauf herumzukauen. �Auch gut�, sagte er. �Ich wollte ohnehin schon immer wissen, wie lange ein Mensch ohne Nahrung auskommen kann.�</p><p>�L�nger als ohne Freiheit�, murmelte Skar.</p><p>Herger gab einen undefinierbaren Laut von sich. �Eigentlich h�tte ich mir denken sollen, da� du keine Gelegenheit ausl��t, eine deiner ber�chtigten dramatischen Bemerkungen anzubringen�, sagte er in einer Mischung aus Spott und echtem �rger. �Niemand zwingt dich, bei mir zu bleiben�, sagte Skar grob. �Ich frage mich ohnehin, warum du es tust.�</p><p>Herger grinste. �Du bist mein Kapital, Skar. Wenn dir etwas zust��t, dann bin ich runiert. So einfach ist das.�</p><p>Skar wu�te f�r einen Moment nicht, ob er nun w�tend werden oder lachen sollte, aber Herger sprach bereits weiter: �Nat�rlich k�nnte ich aufstehen und gehen�, sagte er gleichm�tig. �Und wie k�mst du dann nach Elay?�</p><p>Skar musterte ihn k�hl. �Ich bin um die halbe Welt gereist, Herger, und werde auch die letzten hundert Meilen noch schaffen, glaub mir.�</p><p>�Und wenn du auf H�nden und Knien kriechen m��test, wie?� Seltsamerweise sprach Herger die Worte vollkommen ernst aus. Der sp�ttische Unterton fehlte, und in seinem Blick war etwas, das Skar zusammenzucken lie�.</p><p>�Wei�t du, an wen du mich erinnerst, Skar?� fuhr Herger fort. �An Tantor.�</p><p>�So?�</p><p>�Nicht �u�erlich�, f�gte Herger - nun wieder sp�ttisch - hinzu. �Aber du hast mir genug von ihm erz�hlt. Du hast mehr von ihm, als du selbst ahnst, Skar. Ihr seid euch sehr �hnlich.�</p><p>�Wir <emphasis>waren </emphasis>es�, verbesserte ihn Skar. �Bei Tantor bietet es sich an, in der Vergangenheitsform zu sprechen.�</p><p>Herger ignorierte Skars Worte. �Ihr seid beide von Ha� zerfressen�, sagte er ernsthaft. �Ihm hat sein Ha� den Tod gebracht. Du hast gesehen, wie er endete.�</p><p>�Er hat es herausgefordert.�</p><p>�Wie du�, sagte Herger unbeeindruckt. �In Wirklichkeit willst du gar nicht nach Elay, um dich dort zu r�chen. Du suchst den Tod. Du forderst ihn heraus, wo immer du eine Gelegenheit findest.�</p><p>Skar hob widerwillig den Blick und sah Herger ins Gesicht. Der Schmuggler l�chelte, aber seine Augen blieben vollkommen ernst. Und Skar begann sich unter seinem Blick unbehaglich zu f�hlen. Das ganze Gespr�ch nahm allm�hlich eine Wende, die ihm nicht behagte. Es war nicht so sehr das, was Herger sagte, oder auf welche Art - er w�re niemals Satai geworden, wenn er nicht fr�hzeitig gelernt h�tte, sich selbst zu beobachten und sich �ber seine eigenen Gef�hle und Motivationen klarzuwerden -, sondern <emphasis>da� er </emphasis>es sagte. Was in ihm war, seine Gef�hle, der Ha�, der ihn hierhergetrieben hatte, dieser Ha� und die Furcht, die noch immer unter der Oberfl�che seiner Gedanken brodelte, die Furcht davor, da� das Ding in ihm vielleicht doch nicht tot war, sondern nur schlief, da� es irgendwo tief in ihm noch immer schlummerte und irgendwann einmal erwachen k�nnte, ein grausames Gegenst�ck zu der schwarzen Bestie, die sich auf seine Spur gesetzt hatte - all dies geh�rte ihm. Er wollte nicht, da� ein anderer wu�te, wie es in ihm aussah, da� irgendein Mensch hinter die Maske blickte, die zu tragen er sich bem�hte. Hergers Worte gaben ihm das Gef�hl, nackt und schutzlos zu sein, ein Mensch aus Glas, dessen geheimste Gedanken klar vor jedem ausgebreitet waren, der sich die M�he machte, sie lesen zu wollen.</p><p>�Das ist meine Sache�, knurrte er.</p><p>�Das stimmt nicht�, widersprach Herger ruhig. �Nicht, wenn nicht alles, was du mir erz�hlt hast, gelogen war.�</p><p>Skar sah mit einem Ruck weg und ballte so wuchtig die F�uste, da� seine Gelenke h�rbar knackten. F�r einen Moment hatte er Lust, einfach aufzustehen und wegzugehen, aber das w�re nur ein weiterer Beweis f�r seine Schw�che gewesen. �Es war die Wahrheit�, sagte er. �Aber du wirst trotzdem nie verstehen, weshalb ich hier bin.�</p><p>�O doch�, widersprach Herger. �Ich wei� -�</p><p><emphasis>�Nichts wei�t du!� </emphasis>fiel ihm Skar w�tend ins Wort. �Ich bin hier, um Del zu r�chen, und das ist alles.� Er hatte mit einem Mal M�he, nicht zu schreien. �Ich habe dir von Vela und ihren Pl�nen erz�hlt, aber ich habe es nicht getan, um dein Mitleid zu erregen, Herger. Ich habe dir von ihr erz�hlt, damit du wei�t, worauf du dich einl��t und du mir nicht hinterher vorwerfen kannst, ich h�tte dich blind in dein Ungl�ck rennen lassen.�</p><p>�Ich - oder du dir selbst?� fragte Herger ruhig.</p><p>Skar machte eine w�tende Handbewegung. �Nimm es, wie du willst. Vielleicht habe ich es auch getan, damit es wenigstens noch einen Menschen gibt, der die Wahrheit kennt, wenn ich sterben sollte. Ich bin hier, um eine pers�nliche Rechnung zu begleichen, das ist alles. Nicht mehr und nicht weniger, ganz gleich, was du hineingeheimnissen willst oder nicht. Ich habe dieser Hexe Rache geschworen, und wenn ich dabei zuf�llig auch noch die Welt rette - wie du es ausdr�cken w�rdest -, dann ist es in Ordnung. Wenn nicht...�</p><p>�Wenn nicht, soll ich es tun?�</p><p>Diesmal antwortete Skar nicht. Es erschien ihm pl�tzlich sinnlos, das Gespr�ch fortzuf�hren. Wie konnte er Herger erkl�ren, warum er hier war - wo er es doch im Grunde selbst nicht wu�te? Sicher - er redete sich ein, Del (und auch sich selbst) r�chen zu wollen. Aber er hatte sich auch einmal eingeredet, Velas Befehlen zu gehorchen, weil sie ihn vergiftet hatte, dann wieder, weil er seiner Aufgabe als Satai gerecht werden wollte. Unsinn. Es war alles Unsinn gewesen. Seit er dieses Land betreten hatte, f�hlte er sich verwirrt und hilflos wie nie zuvor in seinem Leben, aber vielleicht war es gar keine Verwirrung, vielleicht erkannte er sich nur jetzt zum ersten Mal selbst, vielleicht war es, weil er endlich zu begreifen begann, da� er sich belogen hatte, schon immer, nicht erst, seit er Vela begegnet war. Er begriff mit einem Mal, da� er nicht der gro�e starke Mann war, f�r den er sich selbst immer gehalten hatte; da� er sein Leben lang eigentlich nichts anderes getan hatte als das, was er Gowenna vorgeworfen hatte: sich zu verstecken; sich hinter der Maske des Supermanns zu verkriechen.</p><p><emphasis>Und was ist das jetzt? </emphasis>dachte er mit einem Zynismus, der ihn erschreckte. Selbstmitleid?</p><p>Vielleicht. Vielleicht war alles viel einfacher, und sein Geist war schlicht und einfach unter der st�ndigen Belastung zusammengebrochen. Vielleicht wurde er langsam verr�ckt. Und vielleicht... Ja, dachte er, was, wenn alles, was mich antrieb, wenn der brennende Ha� in meinem Inneren in Wirklichkeit nichts anderes als verletzter Stolz war? Wenn ich es nur nicht ertragen habe, gedem�tigt worden zu sein, noch dazu von einer Frau?</p><p>Wie hatte Herger ihn - (sp�ttisch?) - genannt? <emphasis>Mann aus Stahl?</emphasis> Aber was empfindet ein Mann aus Stahl, wenn er zerbrochen wird?</p></section><section><title><p id="_10">10.</p></title><p>Der Wind frischte merklich auf, als sie weiterritten. Sie hatten sich vom Ufer etwas entfernt, um der eisigen K�lte zu entgehen, ehe sie sich nach Westen wandten und ihren Weg fortsetzten, aber die Temperaturen fielen trotzdem weiter. Obwohl die Sonne rasch am Horizont emporkletterte und sich keine einzige Wolke am Himmel zeigte, wurde es k�lter, und der Wind schlug ihnen wie mit eisigen Krallen in die Gesichter. Skar sah sich schon nach kurzem gezwungen, abzusitzen und seinen Mantel wieder �berzustreifen, doch nicht einmal das schwere, gef�tterte Kleidungsst�ck vermochte den eisigen Bi� des Windes abzuhalten. Zu dem Hunger, der in seinen Eingeweiden w�hlte, gesellte sich nun auch noch K�lte, als h�tte sich das Schicksal im letzten Moment doch noch entschlossen, mit aller ihm zur Verf�gung stehenden Macht an seinen Kr�ften zu zehren.</p><p>Gegen Mittag kam Nebel auf; d�nne, treibende Schwaden zuerst, die wie tastende Finger vom Flu� heraufkrochen und um die Fesseln der Pferde spielten, sp�ter schwere, an Rauch erinnernde Wolken, die ihnen die Sicht nahmen und einen fremdartigen Geruch mit sich brachten - nicht den Geruch von Nebel, sondern etwas Fremdes, das Skar, obwohl er es nicht einordnen konnte, an Worte wie Gefahr und Bedrohung erinnerte.</p><p>Er wandte sich halb im Sattel um und sah pr�fend zu Herger hin�ber. Sie ritten nebeneinander, aber in gro�em Abstand, wie, um den Bruch zwischen ihnen nun auch r�umlich Sichtbarwerden zu lassen. Sie hatten das Gespr�ch nicht fortgesetzt, aber die Kluft, die zwischen ihnen war, war durch die wenigen Worte deutlich geworden - eine Kluft, die weniger auf Feindschaft als vielmehr auf der Tatsache beruhte, da� sie einander einfach zu fremd waren. Herger hatte ihm das Leben gerettet und sein eigenes dabei riskiert, und es verging kein Tag, an dem er sich diesen Umstand nicht mindestens einmal ins Ged�chtnis rief, aber es gab trotzdem kaum Gemeinsames zwischen ihnen. Die Gefahr, der sie beide ausgesetzt waren, hielt sie zusammen, doch Skar hatte zu viele solcher B�ndnisse erlebt, um nicht zu wissen, wie wenig dauerhaft sie waren. Sie ritten zusammen, aber sie hatten nicht den gleichen Weg.</p><p>Herger schien seinen Blick zu sp�ren. Er sah auf, rang sich ein gequ�ltes L�cheln ab und starrte dann wieder geradeaus, als g�be es hinter den schweren Nebelwolken vor ihnen etwas ungemein Wichtiges zu entdecken. Jetzt, als Skar ihn im hellen Sonnenlicht sah, fiel ihm auf, wie bla� Herger war. Sein Haar hing in Str�hnen herab, und sein Gesicht war grau. Seine linke Hand hatte sich um die Z�gel gekrampft, aber die Rechte lag in einer Geste, die wie zuf�llig wirkte und es gewi� nicht war, auf dem Schwertgriff. Wie immer, wenn Skar �ber den Hehler - oder was immer er sein mochte - nachdachte, �berkam ihn eine Mischung aus Unsicherheit und Mi�trauen. Er wu�te einfach nicht, was er von Herger halten sollte. Noch nie hatte ihn seine Menschenkenntnis so im Stich gelassen wie jetzt.</p><p>Aber vielleicht war er auch einfach nur zu mi�trauisch. Wenn man immer wieder betrogen und hintergangen wurde, dann fing man an, allen zu mi�trauen. Auch denen, die es vielleicht ehrlich meinten.</p><p>Herger stie� einen �berraschten Laut aus und deutete nach oben. Skar fuhr aus seinen �berlegungen hoch, legte den Kopf in den Nacken und beschattete die Augen mit der Hand, um gegen das grelle Licht der Sonne etwas erkennen zu k�nnen.</p><p>�V�gel�, sagte Herger laut. �Das sind V�gel. Geier vermutlich.�</p><p>Skar nickte. Die Tiere waren nur als winzige schwarze Punkte zu erkennen: ein Schwarm von drei�ig, vielleicht f�nfzig der gro�en Aasfresser, die lautlos und mit Bewegungen, die durch die gro�e Entfernung t�uschend langsam und tr�ge wirkten, vor der Sonne kreisten.</p><p>Skar nahm die Hand herunter, senkte den Blick und versuchte den Weg, den der Flu� nahm, in Gedanken zu verl�ngern. Wenn sein Verlauf sich nicht radikal �nderte, dann mu�ten die Geier ungef�hr �ber der Stelle kreisen, an der die Furt war.</p><p>Skar z�gelte sein Pferd und wartete, bis Herger herangekommen war. �Was h�ltst du davon?� fragte er.</p><p>Herger zuckte mit den Achseln. �Wo Geier sind, ist meistens auch Aas zu finden�, murmelte er unsicher.</p><p>�Vielleicht ein totes Tier?�</p><p>Herger unterdr�ckte ein Lachen. �Sei kein Narr, Skar�, sagte er. �Das ist ein halbes Hundert Aasfresser - und sie kreisen �ber der Furt. Dort vorne hat eine Schlacht stattgefunden.�</p><p>Skar bi� sich nachdenklich auf die Unterlippe. Sie waren so lange durch menschenleeres Gebiet geritten, da� er schon zu vergessen begann, da� in diesem Land Krieg herrschte. Und sie mochten nicht die einzigen sein, denen daran gelegen war, besiedelte Landstriche zu meiden.</p><p>�Quorrl?�</p><p>Herger machte eine Bewegung, die eine Mischung aus Kopfnicken und Achselzucken war. �Wer sonst? Die Hauptmacht wurde zerschlagen, aber es sind viele entkommen ...� Er z�gerte, griff pl�tzlich in die Tasche und f�rderte einen kleinen, kupfernen Gegenstand zutage. �Das habe ich gefunden�, sagte er, �vorhin, als wir am Flu� waren.�</p><p>Skar beugte sich neugierig im Sattel vor. Auf Hergers Handfl�che blinkte eine winzige, roh aus Kupfer gearbeitete Spange, ein schmuckloses Ding, wie man es braucht, um die verschiedenen Teile einer R�stung zusammenzuhalten.</p><p>�Sie stammt von einem Quorrl�, sagte Herger.</p><p>�Woher wei�t du das?�</p><p>Herger zuckte die Achseln. �Wenn jemand wei�, wie Quorrl-Ausr�stungen aussehen, dann ich.�</p><p>�Das ist keine Antwort�, knurrte Skar.</p><p>Herger seufzte. �Also gut, wenn du darauf bestehst - ich habe vor zwei Wochen eine ganze Partie von diesem Kram angekauft - Waffen, R�stungen ... was man eben so auf einem Schlachtfeld findet. Quorrl-Waffen, um genau zu sein. Und die hier� - er hielt die Spange demonstrativ hoch, so da� sich das Licht der Sonne auf dem blinkenden Metall brach - �stammt von einem Quorrl. Und sie hat noch nicht sehr lange im Schlamm gelegen.�</p><p>Skar �berlegte einen Moment. Die Geier vor dem Horizont kamen ihm mit einem Mal drohend vor; eine erste, stumme Warnung, nicht weiterzugehen.</p><p>�Warum hast du nichts davon gesagt?�</p><p>Herger steckte die Spange wieder ein und lie� sein Pferd weitertraben. �Vielleicht wollte ich dich nicht beunruhigen�, sagte er ausweichend. �Im Ernst - ich dachte mir nichts dabei.�</p><p>Skar knurrte. �Und dabei denkst du dir wohl auch nichts, wie?� fragte er mit einer Geste zum Horizont.</p><p>�Doch�, murmelte Herger. �Da� n�mlich eine Bande marodierender Quorrl genau das ist, was uns jetzt noch fehlt.�</p><p>Skar runzelte die Stirn, schluckte aber die scharfe Entgegnung hinunter, die ihm auf der Zunge lag. Bis zur Furt waren es noch Stunden. Vielleicht w�rden sie sie erst nach Dunkelwerden erreichen, und es hatte keinen Sinn, sich jetzt in wilden Vermutungen zu ergehen.</p><p>Trotzdem ritten sie jetzt wieder dicht nebeneinander. Der Nebel wich langsam wieder zum Flu� zur�ck, aber die Sicht wurde nicht besser - es blieb ein feiner, rauchiger Dunst, in dem alles, was weiter als drei�ig oder vierzig Schritte entfernt war, zu verschwimmen begann. Und die Temperaturen fielen weiter. Herger hielt nach einer Weile an, stieg aus dem Sattel und nahm die Decke herab, um sie wie einen zweiten Mantel �ber die Schulter zu werfen. Seine H�nde waren steif vor K�lte, und die eisige Luft lie� seinen Atem zu kleinen, rhythmischen Dampfw�lkchen vor dem Gesicht kondensieren. Skar sah schweigend zu, wie er wieder auf sein Pferd stieg und mit klammen Fingern nach den Z�geln tastete. In der M�hne seines Pferdes glitzerte Eis, und die Luft roch jetzt durchdringend nach Schnee.</p><p>Er zog den Mantel enger um die Schultern zusammen und drehte das Gesicht aus dem Wind. Sein Pferd schnaubte unruhig, und das Echo der Hufschl�ge des Tieres klang pl�tzlich anders, als der Boden, �ber den sie ritten, mit einem Mal hart gefroren war.</p><p>Herger hielt abermals an, kaum da� sie hundert Meter weitergeritten waren. Sein Blick tastete �ber den Himmel, glitt unsicher hierhin und dorthin und suchte schlie�lich den Blick Skars. �Ich verstehe das nicht�, murmelte er hilflos.</p><p>�Was?�</p><p>�Das Wetter�, sagte Herger. �Ich habe so etwas noch nie erlebt. Weder hier noch anderswo.�</p><p>�Was hast du noch nie erlebt? Eis?�</p><p>Herger machte eine �rgerliche Handbewegung. �Du wei�t genau, was ich meine�, sagte er. �Die letzten Tage war es zu warm, und jetzt -�</p><p>�Jetzt kommen wir gleich in Schnee�, beendete Skar den Satz. �Siehst du?� Er hatte den d�nnen, wei�en Streifen am Horizont schon vor einer geraumen Weile entdeckt, bisher aber geglaubt, es handele sich um eine weitere Nebelbank. Doch es war zu kalt f�r Nebel, und der sterile Geruch, der mit dem Wind heranwehte, sprach seine eigene Sprache.</p><p>Herger sch�ttelte verwirrt den Kopf. �Das ist Irrsinn�, murmelte er. �Spielt denn jetzt schon die ganze Welt verr�ckt?� Skar antwortete nicht. Er hatte einen Verdacht - nicht erst jetzt, sondern schon seit langem, aber es war zu fr�h, ihn auszusprechen.</p><p>�Schnee ist nicht das Schlechteste�, sagte er statt dessen. �Wir k�nnen wenigstens Spuren lesen und wissen, wer vor uns ist.� Herger schnaubte. �Das kann ich dir auch so sagen�, versetzte er �rgerlich.</p><p>Skar l�chelte. �Quorrl?�</p><p>�Wenn es nur das w�re. Aber wo Quorrl sind, sind auch Soldaten nicht weit�, antwortete Herger. �Au�erdem reicht der Schnee allein schon aus. Wir haben nicht die passende Kleidung, vergi� das nicht. Ich habe schon von F�llen geh�rt�, f�gte er ironisch hinzu, �in denen Menschen erfroren sein sollen.�</p><p>Skar grinste. �Wer leidet jetzt hier unter Verfolgungswahn? Du oder ich?�</p><p>�Wahrscheinlich wirkt er ansteckend�, knurrte Herger b�se. �Hast du schon einmal dar�ber nachgedacht, wie wir �ber den Flu� kommen sollen, bei diesen Temperaturen? Wir erfrieren, wenn wir durch das Wasser waten.�</p><p>Skar deutete mit einer Kopfbewegung auf die kreisenden schwarzen Punkte unter der Sonne. �Warten wir ab, wie sie das Problem gel�st haben�, murmelte er. �Vielleicht er�brigt sich die Antwort auf diese Frage ja auch.�</p><p>Herger setzte zu einer w�tenden Entgegnung an, aber Skar ritt rasch weiter und sah demonstrativ zum Flu� hinunter.</p><p>Die Temperaturen fielen weiter, nicht mehr ganz so schnell wie am Morgen, aber rasch genug. Nach einer Weile trabten sie wirklich �ber Eis, und die d�rren B�sche rechts und links des Weges verwandelten sich in bizarre, blinkende Skulpturen. Skar hielt die Z�gel nur mehr mit einer Hand und steckte die andere abwechselnd unter die Achselh�hle, um seine Finger geschmeidig zu halten, aber auch das nutzte nicht viel. Herger hatte recht - sie waren nicht dazu ausger�stet, l�nger als ein paar Stunden diese Temperaturen auszuhalten. Selbst wenn sie nicht ersch�pft und hungrig gewesen w�ren, w�rden sie sp�testens in der zweiten Nacht erfrieren.</p><p>Skar verscheuchte den Gedanken mit einem �rgerlichen Knurren, setzte sich im Sattel auf und konzentrierte sich auf das, was vor ihnen lag. Die zweite Nacht... er war nicht in der Lage, �ber solche Zeitr�ume vorzuplanen. Alles, was er von Anfang an hatte tun k�nnen, war reagieren. Abwarten, welchen Zug der Gegner machte, und sich darauf einstellen. Bisher war er auf diese Weise zumindest am Leben geblieben. Und eigentlich war das schon mehr, als er h�tte erwarten d�rfen.</p></section><section><title><p id="_11">11.</p></title><p>Beiderseits des Flusses lag Schnee, eine d�nne, durchbrochene wei�e Decke, die sich vergebens das zu verbergen bem�hte, was hier geschehen war. Da und dort hatten die Geier bereits mit ihrem grausigen Werk begonnen; der Schnee war aufgew�hlt und mit roten Fleischfetzen bedeckt, und an manchen Stellen blinkte Metall durch das Wei�. Ein schwacher, s��licher Geruch lag in der Luft, und im Heulen des Windes schienen noch die Schreie der Sterbenden mitzuschwingen.</p><p>�Zwei Tage�, murmelte Skar. �Allerh�chstens. Vielleicht auch weniger.� Er lie� sich in die Hocke sinken, wischte mit dem Handr�cken Schnee und vereisten Matsch vom Brustpanzer des toten Quorrl und versuchte, das Wesen herumzudrehen. Es gelang ihm nicht. Schlie�lich gab er auf, richtete sich wieder auf und sah zu Herger empor. Der Tote war nur einer von vielleicht f�nfzig, die auf dieser Seite des Flusses herumlagen. Das Ufer war hier flacher, und aus dem sch�umenden Wasser erhoben sich zahllose flache Steine. Hier und da konnte man trotz der rei�enden Str�mung und des schlammigen braunen Wassers den Grund des Flu�bettes erkennen. Ein idealer Ort, den Flu� zu durchqueren. Aber auch ein idealer Ort f�r einen �berfall. Die Furt war nicht sehr breit - f�nfzehn, vielleicht zwanzig Meter. Wer hier versuchte, das andere Ufer zu erreichen, der sa� so sicher in einer Falle, als bef�nde er sich auf einer schmalen Br�cke.</p><p>Skar wandte sich um, sah zum anderen Ufer hin�ber und sch�ttelte den Kopf. Er konnte sich gut vorstellen, wie es gewesen sein mu�te. Die Ebene war auf der anderen Seite des Flusses nicht ganz so flach und deckungslos wie hier - hinter dem sandigen Uferstreifen erhob sich eine Anzahl niedriger, unregelm��ig geformter H�gel, dazwischen lagen Felsen und d�rres, aber dicht wachsendes Gestr�pp. Deckung genug f�r M�nner, die wu�ten, wie man sich zu verstecken hatte.</p><p><emphasis>Aber nicht genug f�r eine Armee ...</emphasis></p><p>Skar sch�ttelte abermals den Kopf und zog sich mit einer entschlossenen Bewegung in den Sattel empor. Die meisten Quorrl schienen durch Pfeilsch�sse ums Leben gekommen zu sein. Vielleicht waren sie einfach �berrascht worden. Und vielleicht war ihnen ja auch ein zweiter Trupp auf den Fersen gewesen und hatte sie in den Pfeilregen derer, die dr�ben versteckt gewesen waren, hineingejagt.</p><p>�Zwei Tage, sagst du?� kn�pfte Herger an Skars Bemerkung an.</p><p>Skar nickte. �H�chstens. Vielleicht auch weniger. Es kann genausogut w�hrend der letzten Nacht passiert sein. Aber ich glaube nicht, da� uns hier Gefahr droht, wenn du das meinst. Wer immer diese Quorrl umgebracht hat, ist l�ngst weitergezogen.�</p><p>Herger schien sich mit dieser Antwort zufriedenzugeben - obwohl er so gut wie Skar wissen mu�te, da� es nicht mehr als eine Vermutung war. Die Toten hier bewiesen nicht, da� die Schlacht vor�ber war. Sie konnten ebenso hinter dem n�chsten H�gel auf einen Trupp Quorrl oder Soldaten treffen, wie es diesen Wesen hier ergangen war. Vielleicht ritten sie ahnungslos mitten in eine Schlacht hinein. Vielleicht - Vielleicht f�llt uns gleich der Himmel auf den Kopf, dachte Skar �rgerlich. H�r endlich auf, dich selbst nerv�s zu machen. Mit einer heftigen Bewegung zwang er sein Pferd herum und ritt zum Ufer hinunter. Das Tier scheute zur�ck, als es den eisigen Hauch sp�rte, der ihm von der Wasseroberfl�che entgegenwehte, und Skar mu�te es schlie�lich mit brutaler Kraft zwingen, ins Wasser zu gehen.</p><p>Der Flu� war so seicht, wie Skar gehofft hatte - das Wasser war kaum tiefer als zwei oder drei Handspannen und reichte ihm nicht einmal bis zu den F��en, aber die Str�mung war m�rderisch, und die Spritzer, die Skars ungesch�tzte Beine trafen, stachen wie winzige Messer in seine Haut. Das Pferd schnaubte vor Schmerz und warf unruhig den Kopf hin und her, und als sie die Mitte des Flu�bettes erreicht hatten, strauchelte es, und Skar w�re um ein Haar aus dem Sattel gefallen. Er zitterte vor K�lte und Anstrengung, als er endlich das gegen�berliegende Ufer erreicht hatte und absa�.</p><p>Herger folgte ihm in geringem Abstand. Er hockte in unnat�rlich steifer Haltung im Sattel, und als er endlich neben Skar anlangte, war er so verkrampft, da� er kaum aus eigener Kraft absteigen konnte. Er taumelte, fiel mit einem schmerzhaften Laut auf die Knie und kr�mmte sich, als h�tte er Schmerzen.</p><p>Skar trat rasch hinzu, aber Herger sch�ttelte verbissen den Kopf und schlug Skars Hand zur Seite. �La� mich�, zischte er. �Ich komme schon noch hoch.�</p><p>Skar trat einen halben Schritt zur�ck und runzelte die Stirn, sagte aber nichts. Er verstand Herger. Es war nicht das erste Mal, da� er so etwas beobachtete - der Hehler hatte, eigentlich die ganze Zeit �ber, ganz genau gewu�t, worauf er sich einlie�. Sie waren vom ersten Tag an in Lebensgefahr gewesen, jede einzelne Minute, seit sie Anchor verlassen hatten, und Herger war sich dieses Umstandes immer bewu�t gewesen. Er war innerlich nicht halb so ruhig, wie er vorgab. Herger war kein Held, und die st�ndige Angst, die Furcht, die ihn st�ndig begleitet haben mu�te, hatte an seinen Kr�ften gezehrt. Der Anblick des Schlachtfeldes mu�te ihm den Rest gegeben haben. Man konnte gut �ber den Tod und das Sterben reden, aber ein Schlachtfeld mit Toten, Verst�mmelten und Sterbenden zu sehen, war eine andere Sache. Skar war schon so lange Krieger, da� er manchmal verga�, wie dieser Anblick auf einen Menschen wirkte, dessen Alltag aus Handel und friedlichen Gesch�ften bestand.</p><p>�Was ist... hier passiert?� fragte Herger. Seine Stimme klang br�chig, obwohl er sich alle M�he gab, unbeeindruckt auszusehen. Sein Blick irrte unstet �ber das Flu�ufer. Auf der anderen Seite des Stromes hatte der Schnee das Schlimmste zugedeckt; hier, einer willk�rlichen Laune der Natur folgend, war die wei�e Decke weniger fest. �berall lagen Tote - drei-, vielleicht vierhundert, und es waren nicht nur Krieger.</p><p>�Eine Schlacht�, murmelte Skar.</p><p>Herger sch�ttelte heftig den Kopf. �Das war keine Schlacht�, kr�chzte er. Seine Lippen zitterten. �Das war ... ein Gemetzel.� Skar schwieg. Herger sprach nur das Wort aus, das ihm die ganze Zeit auf der Zunge gelegen hatte. Die Quorrl hatten sich bis zum letzten Mann - zum letzten Kind, verbesserte er sich in Gedanken - verteidigt. Sie mu�ten in der gewohnten Formation vorger�ckt sein - die Krieger au�en, einen weiten, drei- oder vierfach gestaffelten Kreis bildend, dahinter die Frauen; das machte bei Quorrl keinen so gro�en Unterschied; und ganz innen, gesch�tzt von der Hauptmacht der Graugeschuppten, die Wagen mit den Alten und Kranken und Kindern. Ihre verkohlten Reste waren noch deutlich zu erkennen; ein niedergebrannter Scheiterhaufen aus verkohltem Holz und dunklen, zusammengebackenen K�rpern, die einzeln nicht mehr zu erkennen waren. Ein paar von ihnen waren deutlich kleiner als die anderen. Es waren nicht einmal die Kinder verschont worden.</p><p>�Das ist...�</p><p>�Das ist Krieg�, sagte Skar hart. �Das, wovon ihr in Anchor beim Fr�hst�ck oder zwischen zwei Gesch�ften redet, Herger. Das, was dich erwartet, wenn du l�nger bei mir bleibst.�</p><p>Herger fuhr mit einer abrupten Bewegung herum. Seine Augen waren weit und voller Angst. Skar h�tte seine letzte Bemerkung am liebsten r�ckg�ngig gemacht. Vielleicht war jetzt der Augenblick gegeben, sich von Herger zu trennen. Skar war sicher, da� ein winziger Ansto� gen�gen w�rde - aber pl�tzlich wollte er es gar nicht mehr. �Entschuldige�, sagte er leise. �Ich ...�</p><p>�Warum haben sie das getan?� fragte Herger, als h�tte er Skars Worte gar nicht geh�rt. �Warum -�</p><p>Skar lachte, leise, bitter und mit einer raschen, bestimmenden Handbewegung. �Die Kinder?� fragte er. �Du willst wissen, warum sie auch die Kinder und die Frauen und die Alten umgebracht haben?�</p><p>Herger schluckte ein paarmal hintereinander. Die Bl�sse in seinem Gesicht r�hrte jetzt nicht mehr allein von seiner Ersch�pfung her.</p><p>�Auch aus kleinen Quorrl werden einmal Krieger�, fuhr Skar fort. �Krieger, die t�ten und pl�ndern und ihrerseits neue Krieger zeugen.� Er sah, da� Herger unter seinen Worten wie unter einem Hieb zusammenzuckte, und setzte - etwas sanfter - hinzu: �Das sind nicht meine Worte, Herger. Und das ist es auch gar nicht, worauf es hier ankommt.� Er schwieg einen Moment, griff gedankenverloren nach den Z�geln seines Pferdes und begann das Tier hinter den Ohren zu kraulen. �Sieh dich ruhig um�, fuhr er fort. �Du hast mich gefragt, warum ich Vela hasse, und hier siehst du die Antwort. Diese Krieger hier sind in Wirklichkeit keine Krieger, sondern Figuren, Spielsteine auf Velas Brett. Erinnerst du dich, was du gesagt hast? Dem Volk etwas geben, woran es seinen Zorn auslassen kann ...� Er sch�ttelte den Kopf und gab ein w�tendes Ger�usch von sich. �Das sagt sich so leicht, Herger. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Wahrheit, das ist Blut und Tod und Schrecken. Du -� Er brach ab, erschrocken �ber seine eigenen Worte. Herger konnte nichts daf�r. Er war ebenso entsetzt �ber das, was hier geschehen war, wie er selbst, und f�r einen Moment war Skar in Gefahr gewesen, ihn zu behandeln, wie er es mit Gowenna getan hatte. Seinen Zorn auf ihn zu entladen. Aber das w�re zu billig gewesen.</p><p>�Vergi� es�, murmelte er. �Ich rede Unsinn. Du hast recht - es sind Quorrl. Sie wu�ten, was sie taten, als sie in dieses Land kamen.�</p><p>Aber hatten sie es wirklich gewu�t? Hatte er gewu�t, was er tat, als er Combat betrat oder den Wald von Cosh? Nat�rlich nicht. Und sowenig wie er hatten diese Quorrl gewu�t, da� sie in Wirklichkeit nicht ihrem eigenen Willen gehorchten. Skar wu�te nicht, wie Vela es bewerkstelligt hatte, aber er war pl�tzlich vollkommen sicher, da� sie daf�r gesorgt hatte, da� die Quorrl-Armee im richtigen Augenblick die Grenzen dieses Landes �berschritt. Einen besseren Vorwand, zu einem Krieg zu r�sten, konnte sie sich nicht mehr w�nschen. Er wandte sich um, deutete mit einer Kopfbewegung auf die niedergebrannte Wagenburg im Zentrum des Schlachtfeldes und gab Herger mit einer Geste zu verstehen, ihm zu folgen. �Hilf mir�, sagte er. �Wir brauchen Holz, wenn wir nicht erfrieren wollen.�</p><p>Herger zuckte sichtlich zusammen. �Holz?� echote er d�mmlich. �Wozu?�</p><p>Skar seufzte. �F�r ein Feuer, Herger. Es brennt im allgemeinen besser als Schnee.�</p><p>�Du ... du willst hier ... hier �bernachten?� fragte Herger stockend.</p><p>Skar blickte demonstrativ in den Himmel. Die Sonne w�rde in weniger als einer Stunde untergehen, und im Norden zeigte sich bereits ein d�sterer grauer Streifen am Horizont. �Hast du eine bessere Idee?� fragte er, bewu�t grob.</p><p>�Aber es ist ein ... Schlachtfeld�, keuchte Herger.</p><p>Skar sch�rzte abf�llig die Lippen. �Solltest du Angst vor den Geistern der Erschlagenen haben�, sagte er, �dann la� dich beruhigen. Es ist nicht das erste Mal, da� ich auf einem Kampfplatz �bernachte, und ich bin noch keinem Geist begegnet.�</p><p>Er ging los, ehe Herger Gelegenheit zu einer Entgegnung fand, und suchte sich seinen Weg zwischen den Toten hindurch. Es waren Quorrl, ausnahmslos. Die Angreifer mu�ten ihre Toten und Verwundeten mitgenommen haben. Wenn es bei ihnen Tote und Verwundete gegeben hatte ...</p><p>Er erreichte die �berreste der Wagen, sah sich einen Moment unschl�ssig um und bi� die Z�hne zusammen, als sich der Wind drehte und einen durchdringenden Leichengestank mit sich brachte. Die Wagen waren ausnahmslos zerst�rt und verbrannt worden, der Gro�teil des Holzes war verkohlt und unbrauchbar. Aber zwischen den Tr�mmern gab es noch gen�gend Reste, und zur Not konnten sie die Kleider der Toten verbrennen. Der Gedanke, wie ein Leichenfledderer �ber das Schlachtfeld zu streifen und den Toten selbst noch die Hemden vom Leib zu ziehen, behagte ihm nicht. Aber wenigstens w�rden sie auf diese Weise nicht erfrieren. Und sie konnten sich mit warmen Kleidern versorgen, falls das schlechte Wetter anhalten sollte.</p><p>Er drehte sich zu Herger um und winkte ungeduldig. �Komm her und hilf mir!� rief er. Der Schmuggler war bei den Pferden stehengeblieben, setzte sich nun jedoch widerwillig in Bewegung und ging auf ihn zu. Auf halbem Wege stoppte er, beugte sich vor und fuhr pl�tzlich mit einer erschrockenen Bewegung wieder hoch. �Skar! Hier lebt noch einer!� Seine Hand fuhr zum G�rtel und ri� das Schwert aus der Scheide, aber es war eine reine Abwehrbewegung.</p><p>Skar fuhr herum und war mit zwei, drei schnellen Schritten neben Herger. �Nicht�, sagte er hastig. �Steck die Waffe weg.� Herger gehorchte, w�hrend Skar neben der zusammengekr�mmten Gestalt niederkniete. Im ersten Augenblick glaube er, Hergers Nerven h�tten diesem einen Streich gespielt; der Quorrl lag im Schnee, die H�nde auf die schreckliche Wunde an seiner Seite gepre�t, und war �ber und �ber mit Blut befleckt. Aus seiner linken Schulter ragte der zersplitterte Schaft eines Pfeiles, und der stachelbesetzte Kupferhelm auf seinem Kopf war unter einem f�rchterlichen Hieb geborsten und mit einem Kranz eingetrockneten Blutes besudelt. Aber dann sah Skar, wie sich die Augen des Schuppenwesens �ffneten, nur um eine Winzigkeit und f�r den Bruchteil einer Sekunde. Trotz seiner f�rchterlichen Verletzungen lebte das Wesen noch.</p><p>�Wir m�ssen ihn hier wegschaffen�, sagte Skar nach kurzem �berlegen. �Er braucht W�rme.�</p><p>Herger erschrak. �Du willst ihn ... retten?�</p><p>�Er kann uns vielleicht wertvolle Informationen geben�, sagte Skar ruhig. �Au�erdem ist er verletzt - keine Sorge. Er wird dir nichts mehr tun.�</p><p>�Aber er ist ein Quorrl�, begehrte Herger auf. �Diese Wesen haben unsere St�dte und D�rfer �berfallen und -�</p><p>Skar brachte ihn mit einem eisigen Blick zum Verstummen. Herger schluckte, trat unruhig von einem Fu� auf den anderen und schob schlie�lich seine Waffe in den G�rtel zur�ck. �Was soll ich tun?� fragte er, ohne Skar anzusehen.</p><p>�Hilf mir, ihn hier wegzuschaffen�, sagte Skar. Er stand auf, kniete �ber dem Kopf des Schuppenkriegers erneut nieder und schob die H�nde unter die Schultern des Verwundeten. �Nimm seine F��e�, sagte er zu Herger. �Wir schaffen ihn zu den Wagen hin�ber. Dort sind wir wenigstens vor dem Wind gesch�tzt.�</p><p>Herger lie� sich gehorsam auf die Knie sinken, ergriff die Beine des Quorrl und hob ihn an. Skar st�hnte unter dem Gewicht des reglosen K�rpers. Der Quorrl war ein besonders gro�es Exemplar seiner Rasse - ein zwei Meter hoher, unglaublich massiger Gigant von gut vier Zentnern Gewicht. Ein dumpfes, qualvolles St�hnen entrang sich seiner Brust, als Skar und Herger ihn �chzend �ber das Schlachtfeld trugen. Die Wunde an seiner Seite brach wieder auf und hinterlie� eine unregelm��ige Spur roter Tropfen im Schnee.</p><p>Herger taumelte vor Anstrengung, als sie endlich die verkohlte Wagenburg erreichten und den Quorrl wieder in den Schnee sinken lie�en. Hergers Atem ging pfeifend, und sein Blick glitt immer wieder �ber die gewaltige graue Gestalt zu seinen F��en.</p><p>Skar richtete sich auf, atmete ein paarmal tief ein und wartete, bis seine H�nde zu zittern aufh�rten. Das Gewicht des Quorrl hatte seine Kr�fte fast �berstiegen.</p><p>�Wir m�ssen ... ein Feuer entz�nden�, sagte er schweratmend. �Such Holz. Und hol unsere Pferde hierher. Ich werde mich inzwischen um seine Wunden k�mmern.�</p><p>Herger nickte und fuhr so rasch herum, da� es beinahe an eine Flucht grenzte. Er schien froh zu sein, wenigstens f�r kurze Zeit die N�he des Schuppenkriegers meiden zu k�nnen.</p><p>Skar sah ihm kopfsch�ttelnd nach. Herger ha�te den Quorrl nicht wirklich, das sp�rte Skar. Aber er schien halb von Sinnen vor Furcht zu sein. Die Quorrl waren ber�chtigt f�r ihre Grausamkeit, auch wenn das, was grausam erscheinen mochte, in den meisten F�llen wohl nur Ausdruck einer vollkommen fremden Lebensart war. Selbst Skar konnte sich eines unguten Gef�hles nicht erwehren, als er den graugeschuppten Riesen betrachtete. Er kniete erneut neben dem Quorrl nieder, bettete ihn m�hsam in eine einigerma�en bequeme Lage und machte sich daran, seine Wunden zu untersuchen. Viel war es nicht, was er tun konnte - die Verletzungen, jede f�r sich, h�tten den Quorrl eigentlich umbringen m�ssen. Es grenzte an ein Wunder, da� er �berhaupt noch am Leben war. Skar war sicher, da� das Wesen die Nacht nicht �berstehen w�rde. Selbst ein ausgebildeter Heiler w�re hier wohl machtlos gewesen. Sein Sch�del war zertr�mmert und wurde wahrscheinlich nur noch durch den zerbrochenen Helm zusammengehalten, und die Wunde an seiner Seite - ein Speerstich, wie Skar bei n�herer Betrachtung feststellte - war bereits brandig. Nein - der Quorrl w�rde sterben, schon bald.</p><p>Skar sah sich ungeduldig nach Herger um, nahm nach kurzem Z�gern seinen Mantel von den Schultern und breitete ihn �ber dem Quorrl aus - eine Geste, die allenfalls symbolische Bedeutung haben konnte; der Quorrl hatte einen Tag und vielleicht eine Nacht im Schnee gelegen und mu�te bis auf die Knochen ausgek�hlt sein.</p><p>Skar stand auf, bewegte die Finger, um das brennende Prickeln zu vertreiben, und begann Holz zu sammeln. Als Herger mit den Pferden zur�ckkam, hatte Skar bereits einen ansehnlichen Stapel zusammengetragen. Herger warf ihm wortlos die Satteltasche mit dem Verbandszeug zu und band die Pferde an ein zerbrochenes Wagenrad. Danach machte Herger sich daran, das Feuer zu entz�nden, w�hrend Skar erneut zu dem Quorrl hin�berging. Ihr Verbandszeug war auf einen kleinen Rest zusammengeschmolzen; kaum genug, um eine einzige der Wunden des Quorrl zu versorgen. Aber Skar fand eine Salbe, die wenigstens f�r kurze Zeit die Schmerzen des Verwundeten lindern w�rde. Behutsam schmierte Skar sie auf die Wundr�nder, jederzeit bereit, zur�ckzuspringen, falls sich der Quorrl regen w�rde. Aber das Wesen erwachte nicht, auch nicht, als Skar den Pfeil aus seiner Schulter zog und die Wunde mit einem schmalen Streifen Verbandszeug versorgte.</p><p>Herger trat zu ihm, als er das Feuer entfacht hatte. Zwischen seinen Brauen zeigte sich eine mi�billigende Falte, als er sah, was Skar getan hatte. �Hoffentlich denkst du daran, da� wir das Verbandszeug selbst noch brauchen k�nnten�, murrte er.</p><p>Skar schwieg. Herger hatte seinen ersten Schrecken �berwunden, und seine Unsicherheit schlug nun in Aggressivit�t um. �Reine Verschwendung�, fuhr er fort, als Skar nicht antwortete. �Es w�re menschlicher, wenn du dein Schwert nehmen und ihn erl�sen w�rdest.�</p><p>Skar legte seinen Mantel wieder �ber den Quorrl, sah sich suchend um und <emphasis>zog </emphasis>schlie�lich ein halbverkohltes Stoffb�ndel aus den Tr�mmern hervor, um es wie ein Kissen unter den Nacken des Quorrl zu schieben. �Ich will wissen, was hier geschehen ist�, sagte er. �Und dieser Quorrl kann es uns vielleicht noch sagen.� Herger gab ein abf�lliges Ger�usch von sich. �Sei kein Narr, Skar�, sagte er. �Wenn er �berhaupt noch einmal zu sich kommt, dann wird er versuchen, uns umzubringen, das wei�t du so gut wie ich. Also h�r mit deinem sentimentalen Quatsch auf und la� uns weiterziehen. Wir schaffen noch ein paar Meilen bis zum Dunkelwerden.�</p><p>�Und erfrieren irgendwo�, knurrte Skar. �Wir bleiben hier, Herger. Hier haben wir Holz und einen Schutz vor dem Wind, und die Geister der Toten, vor denen du dich so f�rchtest, werden uns Wegelagerer und anderes Gesindel vom Hals halten.�</p><p>�Und Pl�nderer anlocken�, sagte Herger lakonisch. �Ich habe meine Erfahrungen mit ihnen, Satai - wo ein Schlachtfeld ist, da sind auch Leichenfledderer nicht weit.�</p><p>�Dann wird es wohl das Beste sein, wenn du Wache h�ltst, w�hrend ich schlafe�, sagte Skar. �Oder?�</p><p>Herger starrte ihn einen Herzschlag lang mit unverhohlener Wut an, ehe er herumfuhr und durch den Schnee davonstapfte. Skar wandte sich um, nahm die Satteltaschen und die zusammengerollten Decken von den R�cken der Pferde und begann das Nachtlager vorzubereiten. Die verkohlten Wagen bildeten einen unregelm��igen Halbkreis, hinter dem man zumindest notd�rftig vor dem Wind gesch�tzt war, und auch der Schnee lag hier nicht so hoch wie drau�en auf dem Schlachtfeld. Skar breitete die Decken rechts und links des Feuers aus, legte ein wenig Holz nach und �ffnete seinen Wasserschlauch, der leer war bis auf einen schalen, �belriechenden Rest. Skar sch�ttete ihn aus, beugte sich noch einmal pr�fend �ber den Quorrl und ging dann zum Flu� hinunter. Herger hatte sich in der entgegengesetzten Richtung entfernt und stand, reglos und den Blick starr nach Norden gerichtet, auf der Kuppe eines H�gels. Das rote Licht der untergehenden Sonne verwandelte seinen K�rper in einen schwarzen, flachen Schatten. Skar �berlegte einen Augenblick, ob er zu ihm gehen und ihn um Verzeihung bitten sollte, tat es aber dann doch nicht. Vielleicht war es das erste Mal in Hergers Leben, da� er mit eigenen Augen sah, wie die Welt, in die er hineingeboren war, wirklich beschaffen war. Er mu�te damit fertig werden, je eher, desto besser.</p><p>Skar versuchte sich zu erinnern, was er empfunden hatte, damals, vor (wie vielen Jahren eigentlich? Drei�ig? Vierzig?), vor so langer Zeit, als er wie jetzt Herger als junger Satai-Novize auf einem H�gel �ber einem Schlachtfeld gestanden und auf das schreckliche Bild hinuntergesehen hatte. Er wu�te nicht mehr im einzelnen, wie es gewesen war. Er hatte seitdem zu viele Schlachtfelder gesehen, zu viele K�mpfe gek�mpft und zu oft dem Tod ins Auge geblickt, um wirklich noch zu wissen, was Furcht war. Er war... ja, abgestumpft, so wie jeder, der mit der Waffe in der Hand lebt und f�r den Tod Leben bedeutet, irgendwann abstumpft. Aber Skar hatte nie vergessen, wie schlimm es gewesen war, damals. Er konnte sich nicht mehr an Einzelheiten erinnern, doch der ungl�ubige Schrecken, der alle anderen Gef�hle �berwog, war ihm deutlich in seiner Erinnerung haftengeblieben. Der Schrecken und die Frage, was Menschen dazu bringen konnte, so etwas zu tun.</p><p>Er hatte nie eine Antwort auf diese Frage gefunden. Und irgendwann hatte er auch aufgeh�rt, nach ihr zu suchen.</p><p>Er verscheuchte den Gedanken und ging weiter. Vom Flu� wehte ihm K�lte wie ein eisiger Hauch entgegen, und zwischen den flachen Steinen, die den Verlauf der Furt markierten, hatte sich Eis angesammelt. Skar betrachtete die durchbrochene wei�e Linie stirnrunzelnd. Wenn die Temperaturen weiter so niedrig blieben, dann w�rde das Eis in K�rze einen Damm an der flachen Stelle bilden, und der Flu� w�rde �ber die Ufer treten. Vielleicht ein w�rdigeres Begr�bnis f�r die Toten, als den Geiern als Nahrung zu dienen.</p><p>Skar blieb am Flu�ufer stehen. Auch im Wasser lagen Tote - nicht ganz so viele wie diesseits des Flusses, aber mehr, als er vorhin auf den ersten Blick gesehen hatte. Aber es waren nur Quorrl. Kein Mensch. Nicht ein einziger Angreifer.</p><p>Er wandte sich nach links und ging flu�aufw�rts. Das Wasser war hier noch immer schlammig und braun, aber zumindest nicht mehr mit Leichen verseucht. Trotzdem kostete es ihn enorme �berwindung, am Ufer niederzuknieen und seinen Schlauch zu f�llen. Bei dem Gedanken, das Wasser am Morgen, wenn auch ahnungslos, getrunken zu haben, drehte sich ihm noch jetzt der Magen herum.</p><p>Er trank, f�llte seinen Schlauch und band die �ffnung sorgf�ltig zu, ehe er zu Herger und ihrem Lager zur�ckging. Die Sonne ber�hrte den Horizont, als er am Feuer anlangte und sich wortlos neben Heger niederlie�. Die Schatten wurden l�nger, und die toten Quorrl verwandelten sich in formlose graue H�gel. Skar schauderte. In Augenblicken wie diesem konnte er verstehen, da� sich Menschen wie Herger vor den Geistern der Toten f�rchteten. Mit der Dunkelheit kam die K�lte, und Skar r�ckte n�her ans Feuer heran. Die Flammen spendeten eine wohlige W�rme, und mit ihr kam die M�digkeit.</p><p>�War das dein Ernst, vorhin?� fragte Herger pl�tzlich. �Das mit der Wache?�</p><p>Skar sah auf. Hergers Gesicht wirkte im flackernden Licht der Flammen noch m�der als zuvor. Sein linkes Auge war entz�ndet und rot, was seinem Antlitz ein seltsam asymmetrisches Aussehen gab.</p><p>�Vorhin nicht�, murmelte er. �Aber jetzt. Ich glaube, es ist besser, wenn wir abwechselnd Wache halten. Schon wegen ihm�, f�gte er mit einer Kopfbewegung auf den reglosen Quorrl hinzu. Sie hatten das Wesen so dicht ans Feuer herangezogen, wie es ging, und Skar hoffte, da� die w�rmenden Flammen bald Wirkung zeigen w�rden.</p><p>Herger folgte Skars Blick. Er schwieg eine ganze Weile, aber Skar konnte direkt sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. �Was ich vorhin gesagt habe�, begann er stockend, �tut mir leid. Ich ...�</p><p>Skar unterbrach ihn mit einem sanften Kopfsch�tteln. �Schon gut�, sagte er. �Ich verstehe dich.�</p><p>�Aber ich bin trotzdem dagegen�, fuhr Herger nach einer weiteren Pause fort. �Wir h�tten ihn sterben lassen sollen.�</p><p>�Er wird sterben�, sagte Skar ruhig. �Noch heute nacht.�</p><p>�Und warum qu�lst du ihn dann?�</p><p>Skar blickte nachdenklich auf die gewaltige Gestalt des Quorrl. Das Wesen war noch immer ohne Bewu�tsein, aber seiner Brust entrang sich von Zeit zu Zeit ein tiefes, qualvolles St�hnen. Skar hatte schon vielen dieser Wesen im Kampf gegen�bergestanden und wu�te, wie stark und wild sie waren, und er hatte Menschen gesehen, die von Quorrl im wahrsten Sinne des Wortes in St�cke gerissen worden waren. Trotzdem empfand er keinen Triumph - nicht einmal diese schwer zu beschreibende Erleichterung, wenn man sich einer Gefahr erst dann bewu�t wird, nachdem sie vor�ber war. Alles, was er empfand, war Mitleid; Mitgef�hl mit einem Wesen, das verwundet war und Schmerzen litt.</p><p>Aber wahrscheinlich empfand der Quorrl im Moment weniger Schmerzen als Herger oder er.</p><p>�Ist dir nicht aufgefallen, da� hier nur Quorrl liegen?� fragte er nach einer Weile.</p><p>Herger sah ihn fragend an.</p><p>�Keine Menschen�, sagte Skar. �Ich habe mich umgesehen. Es sind nur Quorrl-R�stungen. Quorrl-Waffen. Quorrl-Pferde.�</p><p>�Sie werden ihre Toten und Verwundeten mitgenommen haben�, meinte Herger unsicher.</p><p>�Keine zerbrochenen Waffen�, fuhr Skar unbeeindruckt fort. �Keine abgeschlagenen H�nde und Arme, keine verlorenen Helme, kein totes Pferd.�</p><p>�Worauf ... willst du hinaus?� fragte Herger unsicher.</p><p>Skar zuckte mit den Achseln. �Vielleicht darauf, da� sie keine Verluste hatten�, murmelte er, mehr zu sich selbst. Der Gedanke war die ganze Zeit �ber in ihm gewesen, aber er begriff eigentlich erst jetzt, als er ihn laut aussprach, was er wirklich bedeutete. �Das ist unm�glich�, sagte Herger.</p><p>�Das ist es�, best�tigte Skar. �Aber ich wei� keine andere Erkl�rung.�</p><p>Herger schwieg sekundenlang. �Vielleicht haben sie sie in eine Falle gelockt�, murmelte er. �Wenn sie sie auf gro�e Distanz angegriffen ...� Er brach mitten im Satz ab und starrte mit unnat�rlich weit aufgerissenen Augen an Skar vorbei auf das Schlachtfeld hinaus. Die meisten Quorrl waren durch Pfeilsch�sse get�tet worden - aber l�ngst nicht alle. Selbst er erkannte eine Schwertwunde, wenn er sie sah.</p><p>�Vielleicht haben sie sich nicht gewehrt�, murmelte er.</p><p>Oder sie haben gegen einen Gegner gek�mpft, der nicht zu verwunden war, dachte Skar. Aber das sprach er nicht laut aus. Statt dessen stand er auf, h�ngte sich seinen Wasserschlauch �ber die Schulter und deutete mit einer Kopfbewegung auf die H�gelkette. �Ich werde die erste Wache �bernehmen�, sagte er. �Versuch ein wenig zu schlafen. Ich wecke dich kurz nach Mitternacht.�</p><p>�Skar!�</p><p>Irgend etwas war in Hergers Stimme, das ihn anhalten lie�. Er z�gerte, wandte sich noch einmal um und trat wieder ans Feuer heran. �Ja.�</p><p>�Ich ...� Herger schluckte. �Bleib hier�, bat er. �Du kannst auch hier Wache halten. Und ich auch.�</p><p>Wovor hat er Angst? dachte Skar. Vor den Geistern der Toten? Oder vor dem Quorrl? Oder vielleicht einfach davor, allein zu sein? Aber er sprach nichts von alledem aus, sondern lie� sich wortlos wieder am Feuer nieder und hielt die H�nde �ber die w�rmenden Flammen. Im Grunde war er ganz froh, am Feuer bleiben zu k�nnen.</p><p>Und obwohl er es niemals - auch sich selbst gegen�ber nicht - zugegeben h�tte, war er ebenso froh, nicht allein sein zu m�ssen. �Was wirst du tun, wenn wir Elay wirklich erreichen?� fragte Herger. �Sie t�ten?�</p><p>�Ja�, sagte Skar. �Und jetzt schlaf. Wir m�ssen morgen ausgeruht sein.�</p><p>Herger schien noch mehr fragen zu wollen, aber er sah ein, da� Skar nicht nach reden zumute war, und so legte er sich zur�ck und rollte sich in seine Decke ein. Schon nach wenigen Augenblicken wurde sein Atem ruhiger; er war eingeschlafen, der K�lte und der Furcht, die mit dunklen Schatten um das Lager strich, zum Trotz. Skar betrachtete ihn nachdenklich. Es war seltsam - sie kannten sich jetzt seit elf Tagen, aber er hatte bereits ein so vertrautes Gef�hl, als ritten sie schon seit Jahren zusammen. Obwohl ihm Herger so r�tselhaft wie am ersten Tag geblieben war, f�hlte er trotzdem so etwas wie ... Freundschaft? Nein, Freundschaft sicher nicht. Sie waren sich fremd, und sie w�rden sich auch immer fremd bleiben, ganz egal, wie lange sie zusammen sein w�rden. Und trotzdem war es eine Fremdheit, die - so absurd es klang - etwas Vertrautes hatte.</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf, zog die Decke enger um die Schultern und r�ckte n�her ans Feuer heran. Was war nur mit ihm los? Waren das wirklich seine Gedanken? Oder war er vielleicht auch psychisch so ersch�pft, da� er die Kontrolle �ber sich zu verlieren begann?</p><p>Es wurde dunkler, und hinter der flackernden Linie, an der der Feuerschein den Ansturm der Nacht aufhielt, schienen sich Schemen zu bewegen, formlose Dinge, die es nicht wirklich gab, die aber deswegen nicht weniger schrecklich waren. Irgendwo dort drau�en war der Wolf, vielleicht hundert Meilen entfernt, vielleicht auch nur einen Steinwurf. Sein dunkler Begleiter. Der Fluch, der auf ihm lastete, schwerer, als Herger jemals begreifen w�rde. Vielleicht war es einer jener Schatten, von denen er annahm, es handele sich um Einbildung, und vielleicht schlich der Wolf gerade jetzt um das Lager und suchte nach einer geeigneten Stelle f�r einen Angriff.</p><p>�Bist du dort, Freund?� sagte er. Seine Worte verklangen im Wind, aber er bildete sich ein, ein schwaches Echo zu h�ren, verzerrt und erst nach einigen Sekunden Verz�gerung einen Laut, als versuche jemand - oder etwas - mit Stimmorganen, die nicht f�r die menschliche Sprache geeignet waren, seine Worte nachzuahmen. Einbildung? Nat�rlich.</p><p>�Du bist dort�, fuhr er fort, und wieder beantwortete der Wind seine Worte mit dem gleichen unheimlichen Klang. �Du bist dort und wartest. Du wartest, da� ich einen Fehler mache, nicht?� Er lachte leise. �Aber ich werde keinen Fehler machen, Freund�, fuhr er fort. �Ich habe dein System durchschaut. Du wirst mir nichts tun, solange ich nicht in Elay bin. Und bis dorthin ist noch ein weiter Weg.�</p><p>�Ich hoffe, du irrst dich nicht, Skar�, sagte Herger.</p><p>Skar zuckte zusammen und fuhr mit einer abrupten, harten Bewegung herum. Herger hatte sich halb aufgesetzt und sah ihn mit einer Mischung aus Trauer und m�hsam verhohlener Sorge an. �Ich ... ich dachte, du w�rdest schlafen�, sagte Skar stockend. Es war ihm unangenehm, da� Herger seine Worte geh�rt hatte. Skar hatte sich im stillen immer �ber Leute am�siert, die Selbstgespr�che f�hrten; jetzt tat er es selber.</p><p>�Das habe ich auch�, sagte Herger. �Aber in einer Umgebung wie dieser schl�ft man nicht tief, wei�t du?� Er l�chelte, wurde �bergangslos wieder ernst und setzte sich vollends auf, die Decke wie einen Mantel �ber Kopf und Schultern gezogen, so da� ihr Schatten sein Gesicht in zwei scharf voneinander abgegrenzte H�lften teilte. Seine Augen lagen im Dunkeln, aber Skar sp�rte seinen Blick trotzdem.</p><p>�Du hast Angst, nicht?� sagte Herger pl�tzlich. �Warum gibst du es nicht zu? Es tut gut.�</p><p>Skar funkelte ihn w�tend an. �Ich w��te nicht, was dich das angeht�, sagte er �rgerlich. �Immerhin f�rchte ich mich nicht vor den Geistern toter Quorrl.� Die Spitze traf nicht; Herger l�chelte erneut, beugte sich vor und hielt die H�nde �ber die Flammen. �Jeder hat seine eigenen Geister�, sagte er, ohne Skar anzusehen. �Ich die Geister der Toten, du deinen Wolf - oder was immer er sein mag. Du bist sicher, da� er dich t�ten wird, wie? So, wie er Tantor get�tet hat.�</p><p>Skar schwieg. Er wu�te nicht, worauf Herger hinauswollte, aber er hatte das Gef�hl, da� es mehr war als ein belangloses Gespr�ch am Lagerfeuer.</p><p>�Ich wollte dich schon lange fragen�, fuhr Herger nach einer Weile fort. �Aber ich habe noch keine Gelegenheit gefunden.�</p><p>�Dann la� es jetzt auch sein�, knurrte Skar. �Ich w��te nicht, was an einem n�chtlichen Schlachtfeld -� Er brach mitten im Satz ab, als der Quorrl ein dumpfes St�hnen ausstie� und sich bewegte. Die Hand des Quorrl ruckte unter der Decke hervor und krallte sich in den hartgefrorenen Boden. Der gewaltige K�rper zuckte. �Er erwacht�, keuchte Herger.</p><p>Skar war mit einem Satz auf den F��en und neben dem Quorrl. Die Lider des Wesens flatterten. Er st�hnte erneut, versuchte sich zu bewegen und sackte mit einem sonderbar hohen Laut zur�ck. Seine Augen �ffneten sich, aber ihr Blick schien durch Skar hindurchzugehen.</p><p>�Sei vorsichtig�, sagte Herger gehetzt. �Wenn er dich erkennt ...�</p><p>Skar brachte ihn mit einer unwilligen Geste zum Verstummen. Der Quorrl bewegte sich st�rker. Seine grausamen Krallen w�hlten den Boden auf und fuhren mit scharrendem Ger�usch �ber Eis und Stein, aber es war trotz allem keine Kraft in dieser Bewegung. Die gro�en, pupillenlosen Augen waren verschleiert. Wenn das Wesen �berhaupt etwas sah, dann nicht ihn. Trotzdem spannte er sich, um im Notfall sofort zur Seite springen zu k�nnen. Es war nicht das erste Mal, da� er einem Quorrl begegnete, und er wu�te, da� die sechsfingrigen Klauen des Wesens stark genug waren, Stahl zu zermalmen.</p><p>�Kannst du mich h�ren?� fragte er.</p><p>Die Lippen des Quorrl zuckten, aber Skar war nicht sicher, ob das eine Reaktion auf seine Worte oder nur Schmerz war. Er beugte sich vor, tauschte einen raschen Blick mit Herger und legte dem Quorrl die Hand auf die Stirn. Die Schuppenhaut f�hlte sich hart und trocken an, und Skar konnte den h�mmernden Pulsschlag des Wesens f�hlen. Die beiden Herzen des Quorrl rasten; ihr Schlag war unregelm��ig.</p><p>�Verstehst du, was ich sage?� fragte Skar eindringlich. �Du bist in Sicherheit. Wir sind deine Freunde. Wir werden dir nichts tun.� Die Bewegung kam selbst f�r Skars Reaktionen zu schnell. Der Quorrl b�umte sich auf. Ein gellender, unglaublich lauter Schrei brach aus seinem lippenlosen Maul. Seine Pranke zuckte hoch, packte Skars Oberarm und dr�ckte zu. Skar schrie vor Schmerz auf und warf sich zur�ck, aber den unmenschlichen Kr�ften des Quorrl hatte er nichts entgegenzusetzen.</p><p>Herger stie� einen erschrockenen Ruf aus, ri� sein Schwert aus dem G�rtel und schwang die Waffe mit beiden H�nden.</p><p>�Nicht!� schrie Skar verzweifelt. �Tu es nicht!�</p><p>Herger erstarrte mitten in der Bewegung. Der Quorrl hatte sich wieder beruhigt. Er war zur�ckgesunken und st�hnte leise. Aber seine Linke umklammerte immer noch Skars Arm. Der Schmerz war f�r Skar fast unertr�glich.</p><p><emphasis>�Khomat�, </emphasis>fl�sterte der Quorrl. <emphasis>�She cedykhomat.� </emphasis>Nur diese drei Worte, immer wieder. Seine Lider waren abermals geschlossen, aber Skar konnte sehen, wie sich die Aug�pfel hinter den Lidern hektisch hin und her bewegten.</p><p>�Hilf mir�, pre�te Skar mit zusammengebissenen Z�hnen hervor. Er r�ckte von dem Quorrl ab, so weit es ging, lie� sich auf die Knie sinken und versuchte, die Finger des Wesens zur�ckzubiegen. Herger kniete neben ihm nieder, umklammerte das Handgelenk des Quorrl und versuchte mit der anderen Hand, die beiden Daumen des Wesens zur�ckzubiegen.</p><p>Selbst zu zweit schafften sie es kaum. In Skars Augen standen Tr�nen, als sein Arm endlich wieder frei war. Seine Hand begann zu prickeln, als das Blut in die abgeschn�rten Glieder zur�ckkehrte. Er stand auf, wich hastig ein paar Schritte von der graugeschuppten Gestalt zur�ck und massierte seine Hand. �Das war knapp�, murmelte er. �Ich h�tte auf dich h�ren sollen, Herger. Ich werde wohl langsam alt.�</p><p>Hergers Gesicht war grau vor Schrecken. Seine H�nde zitterten, als w�re er es gewesen, den der Quorrl gepackt hatte. �Was hast du?� fragte Skar. �Es ist vorbei - mir ist nichts passiert.�</p><p>Herger sch�ttelte den Kopf. �Du ... sprichst seine Sprache nicht?� fragte er.</p><p>Skar verneinte. �Nicht sehr gut. Was hat er gesagt?�</p><p>Herger sah auf. In seinen Augen flackerte Panik. <emphasis>�Khomat�, </emphasis>murmelte er.</p><p>�Und was bedeutet das?�</p><p>Hergers Lippen zuckten, aber er antwortete nicht. Er starrte an Skar vorbei in die Nacht hinein, und sein Blick irrte unstet �ber das dunkle Schlachtfeld. Seine H�nde zitterten.</p><p>�Was bedeutet dieses Wort, Herger?� fragte Skar noch einmal. �Rede!�</p><p>�D�monen�, murmelte Herger tonlos. �Er hat gesagt, die D�monen kommen.�</p></section><section><title><p id="_12">12.</p></title><p>�Er lebt immer noch�, sagte Herger leise. �Aber das d�rfte er nicht.�</p><p>Skar zog den Sattelgurt fest, streichelte fl�chtig die feuchten N�stern des Pferdes und ging zweimal um die beiden Tiere herum, um sich vom ordentlichen Sitz der Z�gel und S�ttel zu �berzeugen. Es wurde bereits hell. Im Osten zeigte sich ein d�nner, flackernder grauer Streifen am Horizont, und der Schnee schien wie unter einem geheimnisvollen inneren Licht zu strahlen, so da� die Sicht bis hinunter zum Flu� klar war. Das Feuer brannte noch immer, aber die Flammen waren klein und gelb und spendeten kaum noch W�rme. Sie hatten fast das gesamte Holz aufgebraucht; ein k�mmerlicher Rest hing zusammengeschn�rt an Hergers Sattel, kaum genug f�r ein einst�ndiges Feuer. Sie w�rden dem Flu� wieder bis zu der Stelle zur�ck folgen m�ssen, an der sie zum ersten Mal auf ihn getroffen waren. Ein Ritt von zwei Tagen, um eine Distanz von hundert Schritt zu �berwinden ... Aber es wurde auch nicht besser, wenn sie sich dar�ber beklagten.</p><p>Skar schnallte seinen Waffengurt ab, h�ngte ihn an den Sattelknauf seines Pferdes und ging zu Herger und dem Quorrl zur�ck. Der Schuppenkrieger hatte sich nicht mehr ger�hrt, sondern war wieder in ein tiefes Koma gesunken. Ein Schlaf, aus dem er wahrscheinlich nicht mehr erwachen w�rde. Trotzdem hatten sie - gewarnt durch das, was Skar passiert war - seine H�nde und F��e mit kr�ftigen Lederstreifen zusammengebunden. �Was hast du gesagt?�</p><p>Herger sah auf. �Er d�rfte nicht mehr leben�, wiederholte Herger. �Nicht bei diesen Verletzungen.�</p><p>Skar seufzte und unterdr�ckte ein G�hnen. Er war m�de - weder er noch Herger hatten viel Schlaf gefunden. Er war erst gegen Morgen eingeschlafen, aber schon nach kurzer Zeit schwei�gebadet und mit der dumpfen Erinnerung an einen Alptraum wieder aufgewacht.</p><p>Er nickte, rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Augen und sah erst Herger, dann den Quorrl nachdenklich an. �Ich wei߫, sagte er. �Aber er wei� es anscheinend nicht.�</p><p>�Und was tun wir?�</p><p>�Ihn mitnehmen�, antwortete Skar gleichm�tig. �Was sonst?�</p><p>�Das ist nicht dein Ernst�, sagte Herger erschrocken. �Du w�rdest ihn umbringen, wenn du ihn auf ein Pferd binden w�rdest.�</p><p>�Und was schl�gst du vor?� gab Skar zur�ck. �Wenn wir ihn hierlassen, dann leidet er vielleicht noch Tage. Und wir k�nnen nicht bleiben, bis er sich erholt hat oder gestorben ist.� Skar hatte lange �ber die Frage nachgedacht, �ber diese und andere - die Nacht war lang genug gewesen. Der Gedanke gefiel ihm so wenig wie Herger, doch sie hatten kaum eine andere Wahl.</p><p>�Aber das ist Wahnsinn!� protestierte Herger. �Willst du ihn tagelang mitschleppen, bis er endlich stirbt?�</p><p>Skar sah Herger k�hl an. �Ich werde ihn jedenfalls nicht hier zur�cklassen, damit ihn die Geier bei lebendigem Leibe auffressen�, sagte er.</p><p>�Dann m�ssen wir ihn t�ten�, sagte Herger. �Wir k�nnen ihn nicht mitnehmen.�</p><p>Skar schwieg einen Moment. Herger hielt seinem Blick stand, aber Skar sah deutlich, welche �berwindung es ihn kostete. �Vielleicht hast du recht�, murmelte er. �Hier.� Er ging in die Hocke, zog den schmalen Wurfdolch aus dem Stiefel und hielt ihn Herger auffordernd hin.</p><p>Herger betrachtete die Waffe stirnrunzelnd. �Was soll ich damit?�</p><p>�Ihn t�ten�, antwortete Skar. �Das wolltest du doch, oder?� Herger wich instinktiv zur�ck und besah den Dolch mit einer Mischung aus Schrecken und Abscheu. �Aber ...�</p><p>�Wenn du der Meinung sein solltest, da� es meine Aufgabe ist, ihn umzubringen, t�uschst du dich�, sagte Skar hart. �Es war deine Idee - also nimm ihn.� Er winkte mit dem Dolch. �Nimm ihn und schneide ihm die Kehle durch. Ich werde dich nicht hindern. Und ich werde auch kein Wort dar�ber verlieren. Aber verlang nicht von mir, da� ich es tue. Ich habe lange genug die Drecksarbeit f�r andere verrichtet.� Er stand mit einem Ruck auf, schleuderte Herger die Waffe vor die F��e und ging zu den Pferden zur�ck. Er beherrschte sich nur noch mit M�he. Hergers Verhalten hatte ihn in eine rasende, grundlose Wut versetzt - obwohl er ganz genau gewu�t hatte, was passieren w�rde. Aber er wollte einfach nicht mehr. Er hatte geglaubt (nein, nicht geglaubt - sich einzureden versucht), da� Herger anders war als die anderen, da� er in ihm nicht nur einen gedungenen M�rder sehen w�rde. Aber nat�rlich war es nicht so. F�r Herger war dies alles hier nichts als ein Abenteuer, etwas, in das er halb freiwillig, halb gegen seinen Willen hineingeschlittert war und aus dem er das Beste zu machen versuchte. F�r Herger war er nichts als ein Satai, ein Mann, vor dem man Furcht oder bestenfalls jene Art von Respekt, die auf Furcht basierte, empfand, und von dem man annahm, da� das T�ten f�r ihn etwas Allt�gliches war. Gab es denn niemanden auf dieser Welt, der begriff, da� er ein Mensch war, der Schmerz und Trauer und Mitleid empfinden konnte wie alle anderen auch? Aber das Gef�hl verging so rasch, wie es gekommen war. Er benahm sich kindisch. Vielleicht war ein vier Zentner schwerer Quorrl-Krieger nicht der rechte Anla�, Mitgef�hl zu demonstrieren. Aber vielleicht war es gerade ein solcher Anla�.</p><p>Nach einer Weile trat Herger neben Skar, der den Kopf drehte und den Hehler durchdringend ansah.</p><p>�Es tut mir leid�, murmelte Herger niedergeschlagen. Er trat unruhig von einem Fu� auf den anderen, senkte den Blick und drehte den Dolch unbehaglich in den H�nden. �Du hast recht, Skar. Wir k�nnen ihn nicht seinem Schicksal �berlassen. Hier.� Er gab Skar das Messer zur�ck, l�chelte unsicher und deutete mit einer Kopfbewegung auf die Pferde. �Wir m�ssen eine Bahre f�r ihn bauen�, sagte er.</p><p>�Eine Trage�, korrigierte Skar mit einem gutm�tigen L�cheln. �Auf einer Bahre transportiert man nur Tote.�</p><p>Herger sah ihn einen Herzschlag lang verwirrt an und lachte dann unsicher. �Gut, dann eine Trage. Glaubst du, da� es die Pferde schaffen?�</p><p>Skar sah nach Osten. �Ich denke schon�, antwortete er. �Wenn wir uns dicht am Ufer halten, dann ist das Gel�nde gar nicht so unwegsam.�</p><p>Nat�rlich w�rden sie noch mehr Zeit verlieren auf diese Weise. Aber es war nicht nur Barmherzigkeit, die Skar bewogen hatte, den Quorrl mitzunehmen. Die Schlacht lag noch nicht lange zur�ck, und die Toten bewiesen nicht, da� es nicht noch mehr Quorrl in der N�he gab. Aber das sprach Skar lieber nicht laut aus. Herger war auch so schon nerv�s genug.</p><p>�Machen wir uns an die Arbeit�, sagte Skar. �Ich m�chte fertig sein, wenn die Sonne aufgeht.�</p><p>Gemeinsam gingen sie an die Arbeit. Es war nicht sehr schwer, eine Trage anzufertigen - das Schlachtfeld bot genug Baumaterial, und sie hatten schon nach kurzer Zeit eine zwar primitive, aber haltbare Konstruktion zusammengebastelt, die selbst dem Gewicht des Quorrl gewachsen sein mu�te. Vorsichtig spannten sie die Trage zwischen die Pferde, zurrten sie fest und hoben den reglosen K�rper hinauf. Die Tiere begannen unruhig mit den Hufen zu scharren, als der fremde Geruch des Wesens in ihre N�stern stieg.</p><p>�Wir sollten ihn festbinden�, sagte Herger. �Vorsichtshalber. Wenn er aufwacht und um sich schl�gt...�</p><p>Skar nickte. Er hatte am eigenen Leib erlebt, welche Kraft das Wesen hatte; sein Arm war noch jetzt taub, und wenn er ihn zu rasch bewegte, scho� ein pochender Schmerz durch den Muskel. Er b�ckte sich, hob die Lederriemen auf, mit denen sie die Trage zusammengebunden hatten, und warf sie nach kurzem �berlegen wieder fort. �Ich suche etwas Festeres�, sagte er. �Die hier zerrei�t er wie Papier. Sieh dich inzwischen hier um - vielleicht findest du etwas, das wir gebrauchen k�nnen.�</p><p>Nat�rlich war das sinnlos - sie hatten die Tr�mmer schon am vergangenen Abend nach Lebensmitteln durchsucht, und das wenige, das sie gefunden hatten, war entweder verbrannt oder auf andere Weise verdorben gewesen. Auch die Quorrl mu�ten gehungert haben. Aber Skar hielt es einfach f�r besser, Herger auf die eine oder andere Weise besch�ftigt zu wissen. Wer etwas zu tun hat, der gr�belt weniger.</p><p>Skar sah sich unschl�ssig um. Er wu�te selbst nicht so recht, was er suchte - einen G�rtel, einen ledernen Waffenriemen, irgend etwas, das geeignet war, dem Toben eines Wesens standzuhalten, das f�nfmal so stark wie ein normal gewachsener Mann war. Der Kampfplatz bot eine reichliche Auswahl aller m�glichen Dinge - die Quorrl mu�ten eine geradezu unglaubliche Masse von Gep�ck mit sich geschleppt haben; Waffen vor allem, aber auch Hausrat, Schmuck, Kleider und Ger�te, wie man sie braucht, um Land zu bestellen. Vielleicht waren sie auf einem Beutezug gewesen, als der Tod nach ihnen gegriffen hatte. Aber es war nichts darunter, was f�r seine Zwecke geeignet war.</p><p>Ein paarmal kniete er nieder, nahm dies und das zur Hand und warf es jedesmal fort, um weiterzugehen. Schlie�lich, schon auf halbem Wege zum Flu� hinunter, fand er das, wonach er gesucht hatte: einen handbreiten, mit metallenen Gliedern verst�rkten G�rtel, der stabil genug erschien, einen Ochsen zu halten. Er hob ihn auf, wischte mit dem Handr�cken Schnee und verklumpten Matsch von den blinkenden Kupfergliedern und warf ihn sich mit einem zufriedenen Nicken �ber die Schulter.</p><p>Als er sich umdrehte, um zu Herger zur�ckzugehen, sah er die Spur.</p><p>Sie begann am Flu� und war eine schnurgerade Doppellinie, die aus dem Wasser hervorkam, wenige Schritte neben ihm vorbeif�hrte und dann, einen sanften, nach Westen geneigten Bogen schlagend, hinter den H�geln jenseits ihres Lagers verschwand. Es war keine menschliche Spur - die Abdr�cke waren gro� wie eine Hand, aber viel tiefer, als sie selbst ein schwerbeladenes Packpferd h�tte hinterlassen k�nnen, und ihre R�nder waren seltsam verwaschen, als w�re der Schnee halb geschmolzen und unter dem eisigen Wind sofort wieder erstarrt. W�re sie kleiner gewesen, h�tte es die Spur eines Hundes sein k�nnen.</p><p>Skars Herz schien einen schmerzhaften Sprung zu machen. F�r den Bruchteil einer Sekunde stieg Panik in ihm auf, eine graue, unbezwingbare Furcht, die jeden Ansatz klaren Denkens hinwegsp�lte. Er fuhr herum, drehte sich ein-, zweimal um seine Achse und griff instinktiv zum G�rtel, ehe ihm einfiel, da� der Waffengurt mit dem <emphasis>Tschekal </emphasis>am Sattel seines Pferdes hing, nur ein paar Schritte entfernt, aber trotzdem unerreichbar.</p><p>Der Gedanke brachte ihn wieder in die Realit�t zur�ck. Die Spur war mehrere Stunden alt. Wenn der Wolf gekommen w�re, um ihn zu t�ten, dann w�re er jetzt schon lange nicht mehr am Leben. Trotzdem blieb die Furcht; eine unsichtbare eisige Faust, die ihn umklammert hielt und ihm den Atem abschn�rte. Er atmete ein paarmal tief ein, ballte die F�uste, so fest er konnte, und versuchte das Gef�hl zur�ckzudr�ngen. Aber sein Herz h�mmerte weiter, und das eisige Gef�hl in seinem Magen schien eher schlimmer zu werden. Er mu�te sich mit aller Macht dazu zwingen, sich herumzudrehen und der F�hrte zu folgen.</p><p>Sie f�hrte knapp an ihrem Lager vorbei, bog dann nach Westen ab und verschwand hinter den H�geln. Herger rief etwas, als Skar an ihm vorbeiging, aber er, Skar, achtete gar nicht auf die Worte, sondern ging mit erzwungen ruhigen Schritten weiter, erklomm den H�gel und blieb auf seiner Kuppe stehen.</p><p>Er empfand nicht einmal Schrecken - allerh�chstens so etwas wie Verwunderung dar�ber, da� er nicht von selbst darauf gekommen war.</p><p>Die Wolfsf�hrte ging vor ihm weiter - in direkter Linie den H�gel hinab und den n�chsten wieder hinauf. Es sah aus, als h�tte das Ungeheuer nicht einmal im Schritt verharrt, um die beiden Krieger zu t�ten.</p><p>Sie lagen in seltsam verrenkter Haltung im Schnee, zwei mehr als zwei Meter gro�e Giganten, in schwarze, stachelbewehrte Hornpanzer gekleidet. Velas Krieger. Tuans Fluch, den sie heraufbeschworen und mit hierhergebracht hatten. Keine Menschen, sondern ... Dinger, leblose Scheusale, deren �u�ere Form allein deshalb der menschlichen zu �hneln schien, um ihre Vorbilder zu verspotten. Skar hatte es geahnt, als er das Schlachtfeld gesehen hatte, die Spuren eines Kampfes, der nur auf einer Seite Verluste forderte, und er hatte es gewu�t, als er den Quorrl von D�monen hatte reden h�ren.</p><p>Aber er war ein Narr gewesen, sich im Ernst einzubilden, da� sie keinen W�chter zur�cklassen w�rde. Welchen Auftrag hatten sie gehabt? Den, ihn zu t�ten? Oder nur den, ihn zu beobachten und jeden seiner Schritte zu registrieren? Aber eigentlich blieb es sich gleich - Vela wu�te jetzt, da� er hier war; sp�testens jetzt. Diese beiden Krieger dort unten waren mehr als ihr verl�ngerter Arm - sie waren ihre Augen und Ohren gewesen, zwei von Hunderten, die �ber das gesamte Land verstreut sein mochten und nach ihm Ausschau hielten.</p><p>Er atmete tief ein, pumpte die Lungen mit der schneidend kalten Luft voll und versuchte an nichts zu denken. Aber als er die Augen schlo�, sah er ein Gesicht vor sich - ein schmales, von glattem, dunklem Haar eingerahmtes Gesicht, dessen Augen ihn sp�ttisch anblickten. O nein - sie hatte diese beiden Hornkrieger nicht hier zur�ckgelassen, um ihn zu t�ten. Noch nicht. Sie mu�te gewu�t haben, da� er hier war, genau hier, so, wie sie wahrscheinlich die ganze Zeit �ber genau gewu�t hatte, wo er sich aufhielt. Sie spielte noch immer mit ihm. Und vielleicht war auch das, genau dieser Gedanke, den er jetzt dachte, nur ein weiterer Teil dieses grausamen Spieles, vielleicht sollte er glauben, das System durchschaut zu haben, nur um in eine weitere, noch teuflischere Falle zu tappen. Das Spiel wurde ernster und der Einsatz h�her. Sie schonte ihn nicht mehr, so wie sie es zuvor getan hatte, aber sie schlug noch nicht mit aller Macht zu. Vielleicht sah sie ihn auch jetzt, beobachtete ihn durch die Augen eines weiteren D�mons, der hinter einem der unz�hligen H�gel verborgen sein mochte, und am�sierte sich �ber seine Hilflosigkeit, den ohnm�chtigen Zorn, der seine Seele zerfra�.</p><p>�Siehst du mich?� fragte er. Und dann, pl�tzlich, schrie er mit aller Macht: <emphasis>�H�rst du mich, Vela? Ich wei�, da� du mich h�rst und siehst. Ich komme, so wie du es gewollt hast, du Hexe! Ich komme, und ich schw�re dir bei meinem Leben, da� ich dich vernichten werde!�</emphasis></p><p>Nat�rlich bekam er keine Antwort. Die schneebedeckte Weite vor ihm blieb stumm; unbeteiligt, wie sie es seit �onen gewesen war.</p><p>Nur der Wind heulte leise um die H�gel. Und irgendwo, nicht sehr weit von der einsamen Gestalt auf der H�gelkuppe entfernt, zog ein gewaltiger schwarzer Wolf seine Spur durch den Schnee.</p></section><section><title><p id="_13">13.</p></title><p>Gegen Mittag kam erneut Nebel auf. Der Flu� - nun zu ihrer Linken und in die gleiche Richtung flie�end, in der sie sich bewegten, verschwand unter einer brodelnden grauen Decke; es wurde w�rmer. Das Schlachtfeld hatte in einer kleinen Enklave des Winters gelegen, in einem Gebiet, das vielleicht in weniger als einem Tagesritt zu durchmessen war. Skar erschrak, als er diesen Gedanken dachte. Der eisige Wind, der ihnen folgte und sie trotz der dicken Kleidung frieren lie�, erschien ihm wie ein Hauch aus einer fremden, l�ngst vergessenen Welt. Eine Falle. Eis und Schnee und K�lte, auch sie waren Waffen, t�dlicher als jedes Schwert, wenn sie gezielt eingesetzt wurden. Und dabei war es immer noch nicht mehr als ein Spiel, ein erstes, noch unwissendes Herumexperimentieren mit einer Macht, die, wenn sie erst einmal entfesselt war, die Welt aus den Angeln heben konnte. Wozu w�rde sie f�hig sein, wenn sie erst die vollen Kr�fte des Steines zu beherrschen gelernt hat? dachte Skar erschrocken. Er w�rde es nie erfahren. Vielleicht konnte er es verhindern, wahrscheinlicher aber war, da� er vorher starb. Vela hatte ihm erkl�rt, da� sie ihn brauchte, ihn - oder genauer gesagt das Erbe, das unerkannt in ihm schlummerte, jenen Teil von ihm, der nicht menschlich, sondern Teil der G�tterrasse war, die vor �onen �ber diese Welt herrschte. Aber aus irgendeinem Grund hatte sie ihre Meinung ge�ndert. Vielleicht, dachte er, reichen ihr die Gewalten, �ber die sie jetzt schon gebietet, und vielleicht erschrickt sie sogar selbst vor der Macht, die der Stein wirklich birgt, und will sie gar nicht mehr kennenlernen.</p><p>Der Quorrl regte sich, und der Laut ri� Skar aus seinen �berlegungen. Skar gab Herger ein Zeichen anzuhalten, sprang aus dem Sattel und trat vorsichtig zwischen die Pferde. Sie hatten Arme und Beine des Schuppenwesens sorgf�ltig an die zusammengebundenen Speere, aus denen die Trage angefertigt war, gefesselt, so da� der Quorrl kaum mehr f�hig war, sich zu bewegen. Trotzdem hielt Skar vorsichtigen Abstand. Die Trage bebte unter dem Gewicht des gewaltigen Kriegers, und Skar war mit einem Mal gar nicht mehr so sicher wie noch vor Augenblicken, da� das Gebilde der Belastung wirklich standhalten w�rde.</p><p>Er nahm einen Wasserschlauch, �ffnete den Verschlu� und tr�ufelte dem Quorrl ein paar Tropfen der eisigen Fl�ssigkeit auf die Stirn. Das Wesen st�hnte. Aber es war ein anderer Laut als vorher: ein Ger�usch, das Schmerz ausdr�ckte, doch einen Schmerz, den es bewu�t empfand. Der Quorrl war wach. �Verstehst du mich?� fragte Skar. Im ersten Moment zeigte der Quorrl-Krieger keine sichtbare Reaktion; dann flatterten seine Augenlider, und Skar begegnete dem Blick gro�er, pupillenloser schwarzer Augen. Es waren sehr sanfte Augen. Schmerz spiegelte sich in ihnen wider, aber auch etwas anderes, etwas, das so gar nicht der Wildheit und Brutalit�t entsprach, die man den gepanzerten Riesen unterstellte.</p><p>�Ich spreche deine Sprache nicht�, sagte Skar. Er sprach langsam und mit �berm��iger Betonung und legte zwischen den Worten gro�e Pausen ein, so als rede er mit einem sehr kleinen Kind. �Aber vielleicht sprichst du meine. Wenn du mich verstehst und nicht antworten kannst, dann gib mir ein Zeichen.�</p><p>Wieder vergingen Sekunden, in denen sich der Blick des Quorrl in den Skars zu bohren schien. Dann schlo� er ganz langsam die Augen; die Andeutung eines Nickens, zu dem ihm die Kraft fehlte.</p><p>�Er versteht mich!� sagte Skar �berrascht. �Er spricht unsere Sprache.�</p><p>Herger antwortete nicht, aber sein Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an. Seine Rechte glitt nerv�s zum G�rtel und fingerte am Griff des Schwertes herum.</p><p>Skar wandte sich wieder an den Quorrl. �H�r mir zu�, sagte er. �Wir sind nicht deine Feinde. Wir haben dich auf dem Schlachtfeld gefunden und mitgenommen, aber wir geh�ren nicht zu denen, die deine Leute umgebracht haben. Verstehst du das?�</p><p>�Ich ... wei� ...�</p><p>Skar fuhr �berrascht zusammen. Die Lippen des Quorrl hatten sich kaum bewegt, und die Worte waren unter seinem rasselnden Atem kaum zu verstehen.</p><p>�Die M�nner, die euch �berfallen haben, sind auch unsere Feinde�, fuhr Skar nach einem Moment fort. �Wir haben dich zu deinem eigenen Schutz gebunden.�</p><p>Der Quorrl antwortete nicht mehr; die beiden Worte schienen seine gesamte Kraft aufgebraucht zu haben. Aber Skar war jetzt sicher, da� das Wesen ihn verstand.</p><p>�H�r mir zu�, fuhr er fort. �Ich verlange nicht, da� du antwortest, aber du mu�t mir glauben, da� wir dir nicht schaden wollen. Kannst du uns sagen, in welche Richtung die D�monen gezogen sind?�</p><p>Der Quorrl schlo� die Augen.</p><p>�Du wirst ihm doch nicht glauben ?� fragte Herger erschrocken. �Diese Wesen sind unsere Feinde, Skar. Er wird uns mit Freuden ins Verderben reiten lassen.�</p><p>Skar brachte ihn mit einer ver�rgerten Handbewegung zum verstummen. �Wohin sind sie geritten?� fuhr er fort. �Nach S�den?�</p><p>Der Quorrl reagierte nicht.</p><p>�Dann nach Norden, in Richtung Elay?�</p><p>�Ihr m��t... Rebellen gehen ...�, fl�sterte der Quorrl. �Norden ... ihr ... Menschen und ...� Er stockte, rang mit einem schrecklichen, rasselnden Ger�usch nach Atem und versuchte den Kopf zu heben. Sein Blick begann sich wieder zu verschleiern. �Nicht nur ... wir�, st�hnte er. �Rebellen ... wir ... k�mpfen ... zus ... <emphasis>Errish ...�</emphasis></p><p>�Was redet er da?� fragte Herger.</p><p>�Still!� zischte Skar. Er trat n�her an den Quorrl heran, ber�hrte ihn an der Schulter und beugte sich so tief �ber ihn, da� sein Ohr fast den Mund des Wesens ber�hrte. Aber der Quorrl sprach nicht mehr. Seine Augen waren wieder geschlossen, und nach wenigen Sekunden beruhigte sich sein Atem. Er hatte erneut das Bewu�tsein verloren.</p><p>Skar richtete sich kopfsch�ttelnd auf, trat entt�uscht zur�ck und lockerte nach kurzem Z�gern die Lederriemen, mit denen der Krieger gebunden war.</p><p>�Was hat er gesagt?� fragte Herger erneut.</p><p>Skar ging zu seinem Pferd und schwang sich in den Sattel, ehe er antwortete. �Du hast ihn doch verstanden, oder?�</p><p>Herger nickte. �Verstanden schon - aber nicht begriffen. Was redet er da von Rebellen?�</p><p>Skar deutete nach Norden. �Reiten wir dorthin, Herger. Dann erfahren wir sicher, was er gemeint hat.�</p><p>�Du bist verr�ckt, Skar�, entfuhr es Herger. �Du willst auf die Fieberphantasien eines Quorrl h�ren?�</p><p>Skar nickte unbeeindruckt. �Es waren keine Fieberphantasien, Herger. Er hat ganz genau gewu�t, was er sagte.�</p><p>�Das glaube ich�, sagte Herger grimmig. Er musterte den Quorrl mit einem feindseligen Blick und deutete nach Norden. �Und ich kann dir auch sagen, was wir dort finden werden: eine Horde blutr�nstiger Quorrl, die darauf warten, da� wir ihnen in die Speerspitzen rennen. Rebellen!� Er lachte. �Die einzigen Rebellen, die wir finden werden, sind Quorrl, die gegen den Rest der Welt k�mpfen.�</p><p>�Vielleicht�, murmelte Skar.</p><p>�Nicht vielleicht�, widersprach Herger aufgebracht, �sondern garantiert. Du wirst dieser Bestie doch nicht glauben?�</p><p>Skar schwieg einen Augenblick. Rebellen ... der Gedanke klang phantastisch, und Skar konnte Hergers Schrecken verstehen - aber auf der anderen Seite ergab der Gedanke auch Sinn. Warum sonst sollte Vela ihre Leibgarde ausgeschickt haben, nur um eine Handvoll Quorrl zu vernichten?</p><p>Herger schien seine Gedanken zu erraten. �Du bist verr�ckt, Skar�, keuchte er. �Selbst wenn er die Wahrheit gesprochen hat, ist es heller Wahnsinn.�</p><p>Ja, dachte Skar, das war es wohl. Nicht einmal der gr��te Narr w�rde den Worten eines sterbenden Quorrl glauben, geschweige denn ein Satai.</p><p>Er sah auf, l�chelte d�nn und deutete nach Norden. �Reiten wir�, sagte er.</p><p>�Aber...�</p><p>�Ich wei�, was du sagen willst�, fuhr Skar fort. �Aber ich habe mich gerade entschlossen, die Spielregeln zu �ndern.�</p></section><section><title><p id="_14">14.</p></title><p>Das Land wurde steinig, als sie nach Norden ritten. Die H�gel, die den Flu� auf seiner n�rdlichen Seite flankiert hatten, wurden von Meile zu Meile flacher, und wo anfangs noch rissiger Lehm und Sand gewesen waren, lag nun harter Granit unter den Hufen ihrer Pferde. Sie ritten den ganzen Nachmittag und bis weit in den Abend hinein, ohne da� Herger noch ein einziges Wort gesprochen h�tte. Skar war ein paarmal nahe daran, von sich aus das Eis zu brechen und das Wort an Herger zu richten, �berlegte es sich jedoch jedesmal im letzten Moment wieder anders. Hergers Verhalten erinnerte ihn an das eines Kindes, das seinen Willen nicht durchsetzen konnte und nun mit Bockigkeit reagierte. Es war nicht so, da� er Hergers Furcht nicht verstand - im Grunde teilte er sie sogar -, aber die Art, in der der Hehler ihr Ausdruck verlieh, machte ihn rasend. Er h�tte es noch begriffen, wenn Herger ihn im Stich gelassen und allein davongeritten w�re - halbwegs hatte er es sogar erwartet. Was er nicht erwartet hatte, war, da� Herger trotzdem bei ihm blieb und sich wie ein Kind benahm und schmollte.</p><p>Aber gab es �berhaupt etwas an Herger, das er verstehen konnte?</p><p>Das Land ver�nderte sich weiter. Bald ritten sie durch ein bizarres Labyrinth aus Granit und Felsen, zwischen denen sich nur noch wenige d�rre B�sche mit braunen Wurzelfingern festgekrallt hatten. Die Luft roch seltsam steril, und der Wind trug Wolken eines feink�rnigen, braunen Staubes heran, der sich in ihren Haaren festsetzte, unter ihre Kleider kroch und in den Augen brannte.</p><p>Erst als die Sonne vollends versank und das Grau der D�mmerung vom Schwarzblau der Nacht abgel�st wurde, hielten sie an; einfach da, wo sie waren, ohne nach einem besonderen Lagerplatz Ausschau zu halten.</p><p>Skar sprang von seinem Pferd, bewegte ein paarmal die Arme und Schultern, um das taube Gef�hl aus seinen Gliedern zu vertreiben, und trat an die Bahre mit dem bewu�tlosen Quorrl. Seine Hoffnung, da� der Krieger noch einmal erwachen und ihnen weitere Informationen geben w�rde, hatte sich nicht erf�llt, aber der Zustand des Quorrl hatte sich sichtlich gebessert: Aus dem fiebergeplagten Koma des Wesens war ein tiefer, ersch�pfter Schlaf geworden, und als Skar sich herabbeugte und ihm pr�fend die Hand auf die Stirn legte, gl�hte diese nicht mehr.</p><p>Er l�ste den Wasserschlauch von seinem Sattel, trank einen winzigen Schluck und tr�ufelte dem Quorrl ein paar Tropfen der kostbaren Fl�ssigkeit ins Gesicht.</p><p>�Warum nimmst du ihn nicht in den Arm und wiegst ihn ein wenig?� fragte Herger bissig.</p><p>Skar verschn�rte seinen Schlauch und h�ngte ihn wieder an den Sattel, ehe er sich zu Herger umwandte. �Wenn ich w��te, da� es ihm hilft, dann w�rde ich es tun�, sagte er ernsthaft. �Aber ich glaube, da� das nicht n�tig ist. Mit ein wenig Gl�ck wird er auch so durchkommen. Er hat eine unglaubliche Konstitution.�</p><p>�Ich hoffe, da� das auch auf dich zutrifft�, sagte Herger. �Du wirst die Kraft von zehn Satai brauchen, wenn seine Br�der und Schwestern �ber uns herfallen.� Er schnaubte, schwang sich von seinem Pferd und machte ein paar Schritte. Ein halb unterdr�ckter Schmerzenslaut kam �ber seine Lippen. Er hatte den Ritt weit weniger gut verkraftet als Skar. Elf Tage lang hatte er mitgehalten, aber nun schienen seine Kr�fte ersch�pft zu sein. Er bewegte sich sehr vorsichtig; wahrscheinlich hatte er sich wundgeritten. Vielleicht war auch das ein Grund mehr f�r seine Gereiztheit. Schw�che und Furcht liegen nahe beieinander.</p><p>�Du ha�t die Quorrl, nicht wahr?� fragte Skar.</p><p>Herger schenkte ihm einen trotzigen Blick. �Du nicht?�</p><p>�Nicht so wie du, Herger. Ich f�rchte sie, so wie jeder, aber Furcht und Ha� sind zwei verschiedene Dinge. Du solltest sie nicht verwechseln.�</p><p>Herger gab ein undeutbares Ger�usch von sich, sch�ttelte den Kopf und wandte sich um, um mit wenigen ungelenken Schritten in der hereinbrechenden Nacht zu verschwinden. Skar dachte einen Moment daran, ihn zur�ckzurufen, tat es aber dann doch nicht, sondern begann statt dessen, die Pferde abzusatteln und das Nachtlager vorzubereiten. Es ging fast �ber seine Kr�fte, die Trage mit dem Quorrl allein loszubinden und vorsichtig zu Boden sinken zu lassen. Als er es geschafft hatte, war er so ersch�pft, da� er sich zitternd gegen die Flanke seines Pferdes lehnen und sekundenlang nach Atem ringen mu�te. Sein Herz h�mmerte. Die kurze Belastung hatte seinen geschundenen Muskeln alles abverlangt, und f�r einen winzigen Moment klangen Hergers Worte noch einmal in ihm auf. �Die Kraft von zehn Satai ...� Er hatte nicht einmal mehr die Kraft eines normalen Mannes. Wenn er sich t�uschte und sie in eine Falle ritten, dann waren sie verloren. Er w�rde kaum mehr die Energie aufbringen, sich freizuk�mpfen. Aber die Schw�che verging, und mit ihr verbla�ten auch die Gedanken an Kampf und Tod. Skar hatte in den letzten Monaten zu oft mit dem Leben abgeschlossen, um derartige Ideen noch ernstnehmen zu k�nnen.</p><p>Als er das Feuer entz�ndete, kam Herger zur�ck. Skar konnte sein Gesicht im zuckenden Schein der Flammen nicht deutlich erkennen, aber irgend etwas darin schien sich ge�ndert zu haben; ein schwer zu bestimmender, neuer Ausdruck, den Skar noch nicht an ihm bemerkt hatte.</p><p>Herger blieb im Schatten eines Felsblocks stehen, starrte eine Zeitlang wortlos zu Skar her�ber und lie� sich dann auf der anderen Seite des Feuers nieder.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte er leise.</p><p>Skar sah auf. �Was?�</p><p>Herger versuchte zu l�cheln, aber es mi�lang ihm. Dadurch wurde seine Verlegenheit noch deutlicher. �Ich war ungerecht�, murmelte er hilflos. �Aber du -�</p><p>Skar winkte ab und zog einen glimmenden Ast aus dem Feuer, um damit zu spielen. �Daran bin ich gew�hnt�, sagte er leichthin. �Jedermann ist ungerecht zu uns Satai.�</p><p>�Und das versuchst du auszugleichen - an dem da?� fragte Herger mit einer Geste auf den Quorrl. Seine Stimme klang um eine Winzigkeit sch�rfer, als sie h�tte klingen d�rfen, und Skar sp�rte, da� Hergers Zorn keineswegs erloschen war, sondern weiterbrodelte. Herger versuchte einzulenken, aber er hatte sich nicht gut genug in der Gewalt, um Skar zu t�uschen. Was er tat, tat er aus einem ganz bestimmten Grund. Trotzdem entschied sich Skar, das Spiel - wenigstens f�r den Moment - mitzuspielen. �Er ist keine Gefahr�, sagte er. �Weder jetzt noch in absehbarer Zeit. Selbst wenn er gesund wird, ist er noch auf Wochen hinaus zu schwach, um auch nur einem Kind gef�hrlich werden zu k�nnen.�</p><p>�Und dann?� fragte Herger lauernd.</p><p>�Dann wird er l�ngst nicht mehr bei uns sein.�</p><p>�Aber vielleicht wird er Kinder t�ten, Skar. Und Erwachsene. M�nner, Br�der, S�hne oder T�chter. Und das Blut derer, die er erschl�gt, wird in Wirklichkeit an deinen H�nden kleben.� Skar sp�rte wieder die Welle hei�er Wut, die ihn schon einmal �berkommen hatte, als Herger von ihm verlangt hatte, den Quorrl zu t�ten. �Oder an deinen�, sagte er, m�hsam beherrscht. �Ich habe es dir schon einmal gesagt - t�te ihn, wenn du willst. Ich werde dich nicht daran hindern.�</p><p>Aber dieses Mal wirkten die Worte nicht. Herger hatte Zeit genug gehabt, dar�ber nachzudenken, und er schien zu einem Schlu� gekommen zu sein, der Skar nicht gefiel.</p><p>�Du machst es dir ein wenig zu leicht, findest du nicht?� sagte er ruhig.</p><p>�Weil ich mich weigere, f�r dich zu morden?�</p><p>�Es ist kein Mord�, sagte Herger. �Wir f�hren Krieg mit diesen Wesen, Skar, und du bist Satai. Ich bin nur ein einfacher Kr�mer, kein Soldat.� Er sprach so schnell und glatt, da� Skar merkte, wie genau er sich die Worte �berlegt hatte. �Du hast dich vor Jahrzehnten entschieden, mit der Waffe in der Hand zu leben, und niemand hat dich dazu gezwungen. Wir haben Krieg, und du bist der Soldat - nicht ich.�</p><p>�Es ist nicht mein Krieg�, antwortete Skar.</p><p>�Meiner auch nicht. Ich habe ihn nicht angefangen - so wenig wie du oder er. Trotzdem wird uns niemand danach fragen, wenn wir zuf�llig zwischen die Fronten geraten oder einer Quorrl-Patrouille �ber den Weg laufen.�</p><p>Skar warf den Ast ins Feuer zur�ck und sah zu, wie er verbrannte. Er sp�rte genau, da� hinter Hergers Worten mehr steckte, da� sie nur Auftakt und Vorbereitung zu etwas anderem waren. Aber er wu�te nicht, zu was.</p><p>�Vielleicht hast du recht�, murmelte er. �Aber ich habe jetzt keine Lust, dar�ber zu reden. Ich bin m�de.�</p><p>Herger wirkte f�r einen winzigen Moment verwirrt. Offenbar hatte er mit dieser Art von Reaktion nicht gerechnet. Aber er fing sich sofort wieder und war nicht geneigt, so rasch aufzugeben. �Du glaubst wirklich daran, hier irgendwo Rebellen zu treffen?� fragte er. �So eine Art Untergrundarmee, die sich geschworen hat, die alte Feindschaft zu vergessen und gemeinsam gegen die <emphasis>Errish </emphasis>zu ziehen?� Er gab sich M�he, m�glichst sp�ttisch zu sprechen, aber seine Ersch�pfung lie� seine Stimme zittern und verdarb ihm den Effekt.</p><p>�Warum nicht?� fragte Skar ruhig. �Auch der L�we und die Antilope fliehen gemeinsam vor dem Feuer. Warum sollten nicht Quorrl und Menschen gemeinsam gegen eine Gefahr stehen, die sie beide bedroht?�</p><p>�Weil es idiotisch ist�, stie� Herger hervor. �Weil es eine idiotische und kindische Vorstellung ist, Quorrl und Menschen Schulter an Schulter k�mpfen zu sehen - noch dazu gegen eine Gefahr, von der sie keine Ahnung haben. Das ist romantisches Wunschdenken, das nicht zu dir pa�t.�</p><p>Skar nickte. �Sowenig wie die Vorstellung eines kleinen Hehlers und Schmugglers, der pl�tzlich seine Existenz und sein Leben aufs Spiel setzt, um mir zu helfen�, sagte er ruhig.</p><p>Herger schnaubte. �Ich habe meine Gr�nde, dir zu folgen. Aber ich glaube kaum, da� du sie verstehen w�rdest.�</p><p>Skar senkte den Blick und starrte nachdenklich in die Flammen. Er hatte Herger nichts von den beiden toten Hornkriegern erz�hlt, aber er glaubte auch nicht, da� das etwas ge�ndert h�tte. Nicht wirklich. Vielleicht h�tte der Schrecken ein wenig tiefer gesessen, vielleicht h�tte es ein paar Stunden oder auch Tage l�nger gedauert - aber Hergers Reaktion w�re so oder so gekommen. �Was willst du eigentlich?� fragte er in einer Mischung aus Zorn und Resignation. �Es steht dir frei zu gehen, jetzt, morgen ... wann immer du willst.�</p><p>�Gehen!� wiederholte Herger abf�llig. �Wohin denn? Zur�ck nach Anchor, wo die Thbarg bereits auf mich warten? Oder in irgendeine andere Stadt? Ich geh�re zu dir, Skar, ob du willst oder nicht. Auf meinen Kopf ist der gleiche Preis ausgesetzt wie auf deinen.�</p><p>�Es war deine Entscheidung, mir zu helfen�, gab Skar unger�hrt zur�ck. Er war beinahe froh, da� Herger ihm - wenn auch indirekt - Vorw�rfe machte. �Du h�ttest mich an Tantor ausliefern und ruhig deiner Wege gehen k�nnen.�</p><p>Herger atmete h�rbar ein. �Es scheint dir Spa� zu machen, mich bewu�t falsch zu verstehen�, sagte er. �Ich bereue nicht, mit dir gekommen zu sein. Ich gebe zu, da� ich dir kein Wort geglaubt h�tte, wenn ich nicht den Zwerg und dieses schwarze Ungeheuer mit eigenen Augen gesehen h�tte. Aber ich bin hier, und ich glaube dir, und ich werde dir helfen - wenn du dir helfen l��t. Alles, was ich will, ist, da� wir diese Bestie hier zur�cklassen und so schnell wie m�glich verschwinden. Dieses Land ist verflucht.� Skar sah auf. Herger sprach mit einem Mal vollkommen ernst, und der Ausdruck in seinen Augen unterstrich seine Worte noch. Furcht. Was Skar sah, war Furcht, eine Angst, die weit �ber die Angst vor dem Quorrl oder vor Velas Soldaten hinausging. �Was soll das hei�en - verflucht?�</p><p>Herger druckste herum. �Verflucht eben�, murmelte er. �Ich wei� nicht viel dar�ber - niemand wei� das. Aber es hei�t, da� hier seltsame Dinge geschehen. Nichts lebt hier, und viele, die hierherkamen, sind nicht mehr zur�ckgekommen.�</p><p>�Unsinn�, sagte Skar. Aber es war nur eine instinktive Reaktion auf Hergers Worte, nicht seine �berzeugung. Er hatte nie an Fl�che oder die Macht von Verw�nschungen geglaubt, aber er hatte gelernt, auf die Warnung zu h�ren, die sich hinter den meisten Legenden verbarg. Auch wenn es manchmal nur die Warnung vor dem Unbekannten war.</p><p>�Es ist wahr�, fuhr Herger fort. �Ich ... habe nichts davon gesagt, weil du mir nicht geglaubt h�ttest. Du h�ttest gedacht, ich wollte dich nur davon abhalten, nach Norden zu reiten. Aber es ist wahr. Vielleicht ist es nur dummes Geschw�tz, wie du es nennen w�rdest -�</p><p>�Das ist es ganz und gar nicht�, sagte eine Stimme irgendwo hinter Skar.</p><p>Skar sprang so schnell auf die F��e, da� er - vom Schwung seiner eigenen Bewegung mitgerissen - nach vorn taumelte und um ein Haar das Gleichgewicht verloren h�tte. Herger stie� einen �berraschten Laut aus, fuhr herum und trat instinktiv ins Feuer, um die Flammen zu l�schen. Brennendes Holz und Funken stoben in einer lautlosen Explosion auf, und f�r zwei, drei Sekunden wurde es eher heller als dunkler.</p><p>Skar fing sich im letzten Moment, federte herum, um aus dem Licht zu kommen, und ri� sein Schwert aus der Scheide.</p><p>Aus der Dunkelheit jenseits des Lagers erklang ein leises, am�siertes Lachen. �Eine eindrucksvolle Vorstellung, Satai. Aber unn�tig. Wenn wir euch h�tten t�ten wollen, h�tten wir es schon getan.�</p><p>Einer der dunklen Schatten dort drau�en bewegte sich, kam n�her und wuchs zu einer schlanken, in blaugraues Tuch gekleideten Gestalt heran. Tuch von der Farbe der Nacht, dachte Skar. Eine perfekte Tarnung. Und so unsichtbar wie seine Kleidung, so lautlos waren die Bewegungen des Mannes. Er kam n�her, blieb zwei Schritte vor Herger stehen und musterte erst ihn, dann Skar mit einem langen, nachdenklichen Blick. Sein Gesicht war verh�llt, so da� nur ein schmaler Streifen �ber den Augen sichtbar blieb, und selbst dieser war mit Ru� eingeschw�rzt. Auf dem dunklen Turban um seinen Kopf blitzte ein kaum fingerbreites Diadem, ein gerilltes Stahlband mit einem einzelnen blassen Kristall - der einzige Teil seiner Kleidung, der nicht matt war und das Licht des Feuers reflektierte, so da� er f�r einen Moment wie ein drittes, leuchtendes Auge wirkte. Es erschien Skar unlogisch, da� jemand, der solchen Wert auf Tarnung legte, ein so verr�terisches Schmuckst�ck trug.</p><p>�Du bist Skar?� fragte der Fremde. �Ein Satai, wie ich sehe.� Skar nickte, obwohl die Worte nicht als Frage gedacht waren. Er versuchte, an dem Fremden vorbei in die Dunkelheit zu sehen, aber dort drau�en war nichts als Nacht und Schatten. Trotzdem war Skar sicher, da� der Fremde nicht allein gekommen war. �Ich habe euch schon eine ganze Weile belauscht�, fuhr der Mann fort. �Laut genug wart ihr ja.�</p><p>�Wer bist du?� fragte Skar.</p><p>�Mein Name ist Legis. Aber es spricht sich besser, wenn du die Waffe wegsteckst. Ich glaube nicht, da� wir eure Feinde sind.� Skar senkte das <emphasis>Tschekal, </emphasis>steckte es jedoch noch nicht wieder zur�ck. �Du glaubst?�</p><p>Legis lachte leise. Seine Stimme war in Wirklichkeit nicht so rauh, wie sie klang. Seine Nervosit�t und der schwere Schleier vor seinem Gesicht lie�en sie dunkler klingen, als sie war. Skar senkte die Waffe tiefer, trat einen Schritt n�her und musterte Legis eingehend. Der schwere Wollmantel fiel lose auf Legis' Kn�chel herab - aber nicht einmal er konnte die weichen Formen seiner Figur vollends verbergen. Legis war eine Frau.</p><p>Sie hielt seinem Blick ein paar Sekunden stand, lachte erneut und machte eine rasche Geste, deren Bedeutung Skar nicht zu erraten vermochte. �Bist du zufrieden?� sagte sie sp�ttisch. �Und um deine Frage zu beantworten - wie gesagt, ich habe euch schon eine Weile belauscht. Mir scheint, da� ihr vor den gleichen Leuten davonlauft wie wir.�</p><p>�Gemeinsame Feinde bedeuten nicht Freundschaft�, sagte Skar unsicher.</p><p>Statt einer Antwort hob Legis die H�nde an den Kopf, l�ste den Schleier von ihrem Gesicht und atmete h�rbar erleichtert ein. �Das stimmt�, antwortete sie mit einiger Verz�gerung. �Ich sagte ja auch nur, da� ich glaube, nicht euer Feind zu sein - nicht, da� ich es wei�. Wir werden sehen.� Sie blickte ihn eine Sekunde lang k�hl an, wandte sich um und klatschte in die H�nde. Skar spannte sich, bem�hte sich aber gleichzeitig, keine unbedachte Bewegung zu machen. Aus der Nacht traten weitere Gestalten hervor - drei, vier, schlie�lich ein halbes Dutzend breitschultriger, geschuppter Giganten.</p><p>Herger stie� einen kr�chzenden Laut hervor und sprang auf die F��e. Seine Hand zuckte zum Schwert, f�hrte die Bewegung jedoch nicht zu Ende. <emphasis>�Quorrl!� </emphasis>keuchte er.</p><p>Legis l�chelte am�siert. �Wie du siehst, k�nnen der L�we und die Antilope sehr wohl gemeinsam k�mpfen�, sagte sie. �Aber frage mich jetzt bitte nicht, wer von uns der L�we und wer die Antilope ist.� Sie wandte sich wieder an Skar. �Es w�re wirklich besser, wenn du dein Schwert wegstecken w�rdest, Skar�, sagte sie. Ihre Stimme war ruhig wie zuvor, aber diesmal war es eindeutig ein Befehl, und Skar gehorchte. Sein Blick tastete nerv�s �ber die massigen Gestalten der Quorrl. Die Schuppenkrieger hatten in einem weit auseinandergezogenen Halbkreis zwischen ihnen und den Pferden Aufstellung genommen. Einer von ihnen kniete neben der Trage mit dem Bewu�tlosen und machte sich an seiner Schulter zu schaffen.</p><p>�Also hat er die Wahrheit gesagt�, meinte Skar.</p><p>�Wer?� fragte Legis. �Der Krieger?�</p><p>Skar nickte. �Er sagte, wir sollten nach Norden gehen. Er sprach von Rebellen, aber wir waren nicht sicher.�</p><p>�Rebellen ...� Legis wiederholte das Wort auf sehr eigent�mliche Weise, und ein Schatten schien �ber ihr Antlitz zu huschen. Aber Skar war sich nicht sicher. Der breite, geschw�rzte Streifen �ber ihren Augen machte es schwer, ihre Z�ge richtig auszumachen. Wenigstens war zu erkennen, da� sie nicht so jung war, wie Skar erst vermutet hatte.</p><p>�So k�nnte man es nennen�, fuhr sie nach einer Weile fort. �Und er hat euch zu uns geschickt?�</p><p>Skar nickte und sch�ttelte gleich darauf den Kopf. �Nicht direkt�, sagte er hastig, als er den fragenden Ausdruck in Legis' Augen sah. �Er ... hat im Fieber geredet. Ich war mir nicht sicher, ob er die Wahrheit sprach.�</p><p>�Und trotzdem seid ihr hierhergekommen?� fragte Legis erstaunt. �Ein ziemliches Risiko.� Wieder schwieg sie einen Moment. Sie wandte sich um, tauschte einen Blick mit einem der Quorrl-Krieger und fuhr sich mit einer unbewu�ten Geste �ber die Stirn; eine Bewegung, als sei sie es gewohnt, von Zeit zu Zeit eine l�stige Haarstr�hne aus dem Gesicht zu wischen.</p><p>�Wo habt ihr ihn gefunden?�</p><p>�Am Flu߫, antwortete Skar. �Einen Tagesritt von hier. Es hat eine Schlacht gegeben, unten an der Furt. Er war der einzige �berlebende.�</p><p>�Und ihr habt ihn mitgenommen - drei�ig Meilen durch unbekanntes Land voller Gefahren.� Ein seltsamer Ton, dessen Bedeutung Skar nicht klarwurde, schwang in ihrer Stimme mit.</p><p>�Warum? Als Geisel? Oder habt ihr gedacht, er w�rde euch helfen, wenn ihr auf Quorrl trefft?�</p><p>Ihr Blick war mit einem Mal lauernd geworden, aber Skar schwieg. Und Legis schien auch nicht mit einer Antwort zu rechnen. Sie wandte sich um, ging mit raschen Schritten zu den Quorrl-Kriegern zur�ck und begann, ged�mpft mit ihnen zu sprechen. Skar konnte nicht verstehen, was sie sagten, aber einer der Schuppenkrieger deutete mehrmals auf ihn und Herger, was Legis jedesmal mit einem energischen Kopfsch�tteln quittierte. Der Quorrl war erregt, das war trotz seines ausdruckslosen Fischgesichts deutlich zu erkennen, und er sprach laut, nur eine Winzigkeit davon entfernt, loszuschreien.</p><p>Skar verfolgte den Disput eine Weile, ehe er zu Herger zur�ckging. Der junge Hehler hatte die ganze Zeit kein Ton gesagt, aber jede Bewegung Legis' und der Quorrl aus angstvoll geweiteten Augen verfolgt. Seine Hand lag noch immer auf dem Griff seines Schwertes, obwohl er genau wissen mu�te, wie nutzlos die Waffe war.</p><p>Skar warf ihm einen warnenden Blick zu, schwieg aber. Die Quorrl starrten - mit Ausnahme des einen, der noch immer mit Legis stritt - zu ihnen her�ber, und Skar war sicher, da� mindestens einer unter ihnen war, der ihre Sprache sprach und jedes Wort mi�trauisch verfolgte. Die Quorrl verhielten sich ruhig, aber die Tatsache, da� sie noch nicht angegriffen hatten, bedeutete nicht, da� sie es nicht nachholen w�rden - Legis' Worte hatten freundlich geklungen, aber Skar hatte die unausgesprochene Drohung darin sehr wohl bemerkt. Und auch er konnte sich eines immer st�rker werdenden Gef�hls der Furcht nicht erwehren, w�hrend er die stumm dastehenden Krieger betrachtete. Es waren Giganten, selbst f�r Quorrl-Verh�ltnisse. Legis mu�te ihre Begleiter sehr sorgf�ltig ausgew�hlt haben - jeder einzelne war einen guten Kopf gr��er als Skar und so breitschultrig, da� sich ein normal gewachsener Mann bequem dahinter h�tte verstecken k�nnen. Die Schwerter und Streit�xte in ihren F�usten wirkten wie Spielzeuge. Skar bezweifelte, da� er auch nur mit einem einzigen von ihnen fertig geworden w�re.</p><p>Herger fingerte unruhig an seinem Schwert herum. Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren, und auf seiner Stirn perlte kalter Schwei�.</p><p>�Mach jetzt nur keinen Fehler�, zischte Skar ihm zu, ohne die Quorrl aus den Augen zu lassen. �Eine falsche Bewegung, und wir sind tot.�</p><p>�Das sind wir sowieso�, stammelte Herger. �Sie werden uns umbringen, Skar. Sieh dir diese Bestien doch an. Sie ... sie werden sich gleich auf uns st�rzen.�</p><p>�Schweig!� zischte Skar. �Du redest uns noch um Kopf und Kragen!�</p><p>�Das tut er nicht�, sagte Legis ruhig. Skar zuckte zusammen, drehte sich halb um und starrte die Frau durchdringend an. Herger hatte trotz seiner Erregung leise gesprochen. Aber Legis schien �ber ein sehr feines Geh�r zu verf�gen.</p><p>�Ich ...�</p><p>�Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Satai�, fuhr sie gelassen fort. �Im Gegenteil - ich bin daf�r, von Anfang an f�r klare Verh�ltnisse zu sorgen. Dein Freund ha�t uns, aber das ist seine Sache.� Sie kam wieder n�her, diesmal in Begleitung des Quorrl, mit dem sie bisher geredet hatte. Neben der kleinw�chsigen Frau wirkte der Krieger noch gewaltiger: ein grauer Kolo� aus Schuppen und Knochen, der wie ein zum Leben erwachter Berg �ber ihr aufragte und Skar und Herger aus ausdruckslosen Augen anstarrte.</p><p>�Die Theorie, die du vorhin entwickelt hast�, fuhr Legis, an Herger gewandt, fort, �ist nicht uninteressant - von deinem Standpunkt aus. Aber ein wenig kurzsichtig - ich h�tte dir mehr Intelligenz zugetraut. Auch ich wurde nicht mit dem Schwert in der Hand geboren, aber ich ergreife es, wenn es notwendig ist.� Herger erbleichte noch mehr. Vergeblich versuchte er, dem Blick der dunklen Augen Legis' standzuhalten. �Ich ... verstehe nicht...�, murmelte er.</p><p>Legis verzog abf�llig die Lippen. �Du verstehst sehr gut�, sagte sie. �Und spiele bitte nicht den Narren - dazu bist du n�mlich nicht klug genug. Und du beleidigst mich, wenn du glaubst, ich w�rde darauf hereinfallen.�</p><p>�Wie lange hast du uns schon belauscht?� fragte Skar.</p><p>�Lange genug�, antwortete Legis knapp.</p><p>�Du scheinst jedes Wort geh�rt zu haben�, murmelte Skar. �Mein Kompliment - es geschieht nicht oft, da� sich jemand so lange in meiner N�he aufh�lt, ohne da� ich es merke.�</p><p>Legis l�chelte fl�chtig. �Aus dem Munde eines Satai stellen diese Worte wohl ein besonders gro�es Lob dar, wie?� sagte sie. �Wir mu�ten lernen, mit den Schatten zu gehen und so leise wie der Wind zu sein, wenn wir �berleben wollen. Und um deine Frage zu beantworten - wir waren schon hier, als ihr gekommen seid.� Sie schwieg einen Moment, um sich �ber Skars offenkundige Verbl�ffung zu am�sieren. �Dein Freund w�re um ein Haar �ber mich gestolpert, als er wutentbrannt in die Nacht hinausgest�rmt ist. Wir beobachten euch schon seit Tagesanbruch. Ihr wart nicht sehr vorsichtig f�r M�nner, die auf der Flucht sind.�</p><p>�Ihr?� fragte Skar. �Wer ist das - ihr? Du lebst doch nicht allein mit diesen Quorrl hier drau�en.�</p><p>Legis hob ungeduldig die Hand. �Deine Fragen werden beantwortet werden, ebenso wie die Frage, was mit euch geschehen wird. Aber nicht von mir und nicht hier und jetzt. Ihr werdet uns begleiten.�</p><p>�Wohin?�</p><p>�Zu unserem Lager. Es ist nicht weit von hier. Und nun kommt - wir haben schon zuviel Zeit verloren.� Ohne auf eine Antwort zu warten, wandte sie sich um und sagte ein paar Worte in der Sprache der Quorrl. Ihr Begleiter unterstrich den Befehl mit einer raschen Geste. Skar beobachtete die Art, in der er sich bewegte, genau. Alles an dem Quorrl schien Kraft zu sein; er kam Skar wie ein Kraftpaket auf zwei Beinen vor, das beim geringsten Ansto� explodieren konnte.</p><p>Skar b�ckte sich, hob seine Decke auf und rollte sie zusammen, aber Legis rief ihn mit einem knappen Befehl zur�ck, als er zu seinem Pferd gehen wollte.</p><p>�Die Tiere bleiben hier�, sagte sie. �Nehmt ihnen das Zaumzeug ab und la�t sie laufen. Sie werden ihren Weg finden. Um den Krieger k�mmern wir uns.�</p><p>Skar runzelte verwirrt die Stirn. �Aber -�</p><p>�Ihr werdet gehorchen�, unterbrach ihn Legis, pl�tzlich scharf und mit erhobener Stimme. Der riesige Quorrl hinter ihr drehte sich herum und sah Skar unbewegt an. F�nf, zehn, f�nfzehn endlose Sekunden lang bohrte sich sein Blick in den Skars. Auf seinen Z�gen zeigte sich nicht die geringste Regung, aber gerade das war es, was Skar erschreckte. Der Quorrl hatte es nicht n�tig zu drohen - er war eine Drohung, allein durch seine gewaltige Erscheinung. Skar atmete innerlich auf, als sich der Quorrl - nach einer Ewigkeit, wie es ihm vorkam - umwandte und zu seinen Kameraden hin�berging. Skar wu�te, da� er das stumme Duell nicht mehr l�nger durchgehalten h�tte. H�tte der Quorrl nur noch wenige Atemz�ge ausgeharrt, h�tte Skar den Blick vor ihm senken m�ssen; zum ersten Mal in seinem Leben.</p><p>Verwirrt - ein Gef�hl irgendwo zwischen Irritation und mit Unglauben gemischter Furcht - trat er einen Schritt zur�ck und sah sich beinahe hilfesuchend um. Herger schien von dem wortlosen Kampf zwischen Skar und dem Quorrl nicht einmal etwas gemerkt zu haben, aber Legis war das stumme Duell keineswegs entgangen.</p><p>�Mork, der Kommandant unserer Quorrl-Truppen�, sagte sie. �Ich glaube, ich brauche ihn dir nicht mehr vorzustellen.�</p><p>Skar sch�ttelte wortlos den Kopf. Er hatte den Namen des Quorrl nicht gewu�t, wohl aber bemerkt, da� er der Anf�hrer der Geschuppten war. Ein Mann wie er war einfach zum F�hrer geboren. Niemand w�rde es wagen, ihn anzuzweifeln - nicht wegen seiner k�rperlichen St�rke; das war bei Quorrl nichts Au�ergew�hnliches - es gab allein unter dem halben Dutzend, das Legis begleitete, zwei, die ebenso gro� und vielleicht noch breitschultriger waren als er -, sondern einfach deshalb, weil dieses Wesen Willenskraft und Macht ausstrahlte wie kaum jemand, dem Skar zuvor begegnet war.</p><p>M�hsam wandte Skar den Blick von der Stelle, wo Mork verschwunden war. �Ein ... erstaunlicher Mann�, sagte er. Seine Stimme verriet mehr von seiner Erregung, als er wollte.</p><p>Legis nickte. �Ein gef�hrlicher Mann�, f�gte sie hinzu. �Er ist stark und wild, wie man sich einen Quorrl vorstellt, aber auch intelligent. Du solltest ihn nicht untersch�tzen.� Sie befestigte den Schleier wieder vor dem Gesicht und nahm mit einer raschen Bewegung das Diadem vom Kopf. Ihre Gestalt schien wieder mit dem Grau der Nacht zu verschmelzen.</p><p>�Und wer bist du?� fragte Skar.</p><p>�Eine <emphasis>Errish�, </emphasis>antwortete Legis. �Der Krieger hat die Wahrheit gesagt - aber nun komm. Du wirst alles erfahren, wenn wir im Lager sind. Und wir m�ssen es vor Sonnenaufgang erreichen.� Diesmal folgte ihr Skar widerspruchslos. Einer der Krieger blieb zur�ck und trat sorgsam das Feuer aus; zwei andere ergriffen die Trage mit ihrem bewu�tlosen Kameraden und trugen sie zwischen sich, als w�re sie gewichtslos.</p><p>Herger dr�ngte sich eng an Skar. Er schwieg, aber sein Blick irrte unstet zwischen den vor ihnen gehenden Quorrl und der blauverh�llten Gestalt der <emphasis>Errish </emphasis>hin und her. Seine Rechte war noch immer um den Schwertgriff gekrampft, jetzt aber nur noch deshalb, um ihr Zittern zu verbergen.</p><p>Sie gingen etwa hundert Schritte in �stlicher Richtung und blieben auf ein Zeichen von Legis stehen. Die <emphasis>Errish </emphasis>und Mork verschwanden hinter einem m�chtigen, halbrunden Felsbuckel, den Skar erst wahrnahm, als sein Schatten die beiden Gestalten verschluckte. Sie blieben eine Zeitlang dort.</p><p>Skar wartete. Er glaubte ein schwaches Ger�usch zu h�ren - ein Schleifen von Leder und Metall �ber Stein -, dann trug der Wind einen scharfen, fremdartigen Geruch heran.</p><p>Hinter dem Felsen wuchs ein bizarrer Schatten auf. Im ersten Augenblick glaubte Skar, einen Riesen vor sich zu haben - einen gewaltigen, zweieinhalb Meter hohen Giganten in einem ledernen Mantel. Dann trat eine zweite gleiche Gestalt ins schwache Sternenlicht heraus, und Skar erkannte, was sie vor sich hatten. <emphasis>�Daktylen!� </emphasis>keuchte er ungl�ubig.</p><p>Herger fuhr zusammen und wich einen halben Schritt zur�ck, gab aber keinen Laut von sich. Skar starrte weiter auf die gewaltigen Flugechsen. Er hatte von diesen Tieren geh�rt und sie sogar einmal - wenn auch nur von weitem - selbst gesehen, aber es war das erste Mal, da� er den gefl�gelten Bestien so nahe gegen�berstand. Sie waren weit �ber zweieinhalb Meter gro�, titanische, h��liche Reptilienv�gel mit Fledermausfl�geln und Hammerk�pfen, die ihn und Herger aus winzigen roten Augen musterten. Im ersten Moment erinnerten sie ihn an die gewaltigen Hoger, auf die Del und er in der Nonakesh-W�ste gesto�en waren, aber als sie n�her kamen, erkannte er Unterschiede. Sie waren knochiger, und ihr Echsen-Erbe trat deutlicher zutage. Ihr K�rper war schlank und bewegte sich auf zwei muskul�sen Beinen; sie waren eher zum Laufen als zum wirklichen Fliegen geeignet.</p><p>Auf ihren R�cken waren S�ttel, und als eines der Tiere in einer spielerischen Bewegung die Fl�gel entfaltete und damit schlug, berichtigte Skar seine Meinung. Die gewaltigen ledrigen Schwingen teilten die Luft mit ungeheurer Macht; der Luftzug lie� Skar taumeln.</p><p>�Ich hoffe, ihr seid beide schwindelfrei�, sagte Legis sp�ttisch. Skar registrierte erst jetzt, da� der Quorrl und sie wieder hinter dem Felsen hervorgetreten waren. Sowohl sie als er f�hrte jeder eine der gewaltigen Flugechsen am Z�gel.</p><p>�Ihr wollt...�</p><p>�Fliegen�, best�tigte Legis unger�hrt. �Es sind sechzig Meilen bis zu unserem Lager. Dachtet ihr, wir laufen bis dorthin?� Skar schluckte schwer. Die S�ttel waren Beweis genug gewesen, aber er hatte sich an die Hoffnung geklammert, da� die <emphasis>Errish </emphasis>und ihre Begleiter die Daktylen als Reittiere benutzten; so, wie die Ehrw�rdigen Frauen auf ihren Drachen ritten. Aber sie w�rden fliegen. Er hatte davon geh�rt, da� einige besonders wilde Quorrl-St�mme aus dem Norden Daktylen als Flugtiere benutzten, aber er hatte es nicht geglaubt. Er hatte es nicht glauben wollen.</p><p>�Du wirst mit mir fliegen�, bestimmte Legis. �Dein Freund ist leichter - er kann mit einem der Krieger reiten. Und nun kommt.� Skar bewegte sich z�gernd auf die <emphasis>Errish </emphasis>und ihr schwarzes Ungeheuer zu. In seinem Magen war pl�tzlich ein eisiger, harter Klumpen.</p></section><section><title><p id="_15">15.</p></title><p>Der Flug war die H�lle. Skar wu�te hinterher nicht mehr, wie lange er gedauert hatte - zwei Stunden oder zwei Jahre. Die Daktylen erwiesen sich in der Luft als so elegant, wie sie am Boden plump erschienen waren, aber ihre gewaltigen ledernen Schwingen eigneten sich nicht nur hervorragend zum Fliegen, sondern boten auch dem Wind reichlich Angriffsfl�che, so da� sie st�ndig hin und her geworfen wurden und Skar ein dutzendmal ernstlich damit rechnete, seinen Halt zu verlieren und abzust�rzen. Mehr als nur einmal wurde Legis' Tier von einer Fallb�e ergriffen und in die Tiefe geschleudert, so schnell, da� die scharfkantigen Felsen, die die Ebene bedeckten, wie steinerne Raubtierz�hne nach ihnen zu schnappen schienen. Skar klammerte sich mit aller Gewalt an den d�nnen Lederriemen des Zaumzeuges fest, aber er erreichte damit nur, da� das Tier nun zus�tzlich vor Schmerzen zuckte und mit seinem gewaltigen Hammerkopf nach ihm schlug.</p><p>Skar war trotz der K�lte und des bei�enden Windes schwei�gebadet, als die Tiere endlich zur Landung ansetzten. Unter ihnen schimmerte es rot; Dutzende von winzigen, gl�henden Funken, Lagerfeuer, deren Schein sorgsam abgeschirmt und nur aus der Luft zu erkennen war. Die Daktylen begannen zu kreisen und verloren dabei an H�he, und Skar erkannte allm�hlich mehr: Das Lager befand sich in einem schmalen, L-f�rmigen Tal, an dessen n�rdlichem Rand das wuchernde Schwarzgr�n eines Dschungels grenzte. Der Raubtiergestank schlug ihm erneut und st�rker entgegen, als die Daktylen nach einer weiteren, langgezogenen Umkreisung des Tales endg�ltig zur Landung ansetzten. Skar klammerte sich instinktiv fest, als das gewaltige Reptil mit weit gespannten, reglosen Schwingen �ber das Tal glitt und ungeschickt mit den F��en nach dem Boden angelte. Trotzdem warf ihn der Aufprall beinahe aus dem Sattel. Wieder auf dem Boden, verwandelten sich die Daktylen wieder in t�lpelhafte, schwerf�llige Laufv�gel, die M�he hatten, sich auf den Beinen zu halten und dabei ihre Reiter nicht abzuwerfen. Skar sah die Biegung des Tales auf sich zurasen und unterdr�ckte im letzten Moment den Impuls, die Z�gel loszulassen und sch�tzend die Arme vor das Gesicht zu rei�en. Die ungeschickten S�tze seiner Echse t�uschten �ber ihr immer noch immenses Tempo hinweg - wenn das Tier mit dieser Geschwindigkeit vor die Felswand rannte, dann w�rde nicht nur es selbst, sondern auch seine beiden Reiter den Tod finden.</p><p>Aber es lief nicht vor den Fels. Skar erkannte pl�tzlich eine hohe, halbrunde �ffnung in der scheinbar massiven granitenen Wand, die bestens getarnt war durch einen Vorhang aus geflochtenen Pflanzenfasern. Die Echse st�rmte, ohne ihr Tempo merklich zu vermindern, darauf zu, senkte den Kopf ein wenig und brach, die Fl�gel eng an den K�rper gepre�t, hindurch.</p><p>Dahinter lag eine gewaltige, kuppelf�rmige H�hle, die vom Licht unz�hliger ru�ender Fackeln in tr�brote Helligkeit getaucht war. Der Flugsaurier wurde langsamer, h�pfte mit zwei, drei magenersch�tternden Spr�ngen seitlich vom Eingang fort und blieb mit einem pl�tzlichen Ruck stehen. Skar wurde nach vorne geworfen und fiel aus dem Sattel. Seine Knie zitterten, und f�r die Dauer eines Herzschlages wurde ihm schwindlig. Die H�hle begann sich um ihn zu drehen. Hinter ihnen str�mten die anderen Daktylen durch den Eingang, ein halbes Dutzend schwarzer Schim�ren, auf deren R�cken selbst die Quorrl-Krieger klein und zerbrechlich aussahen. Skar hielt nach Herger Ausschau und entdeckte ihn zusammengekr�mmt auf Morks Tier; der Quorrl hatte einen seiner m�chtigen Arme um die Brust des Hehlers geschlungen und hielt ihn wie ein Spielzeug.</p><p>Allm�hlich verschwand das Schwindelgef�hl aus Skars Sch�del, aber seine Knie zitterten noch immer. Der Echsengestank in der H�hle war so intensiv, da� er Skar schier den Atem nahm. Skar sah sich um. Nur das vordere Drittel des gewaltigen steinernen Gew�lbes war erleuchtet; der hintere, gr��ere Teil lag im Dunkeln, und nur hier und da spiegelte sich das flackernde Rot der Fackeln auf einem Auge oder einer Kralle - es dauerte einen Moment, bis Skar in dem dunklen Gewimmel Einzelheiten erkannte. Daktylen, Dutzende, vielleicht Hunderte. Die H�hle war durch ein Netz unterteilt, und ihr r�ckw�rtiger Teil schien als Stall f�r die Reit- beziehungsweise Flugtiere der Quorrl zu dienen. Skar fiel die Unruhe unter den gewaltigen Vogelkreaturen auf. Sie waren f�r die Luft geboren; das Eingesperrtsein unter einem Himmel aus Stein mu�te sie rasend machen.</p><p>�Wenn du mit deiner Musterung fertig bist, dann k�nnen wir vielleicht gehen�, sagte Legis hinter ihm.</p><p>Skar drehte sich betont langsam herum. Die <emphasis>Errish </emphasis>hatte ihren Schleier abgenommen. Jetzt kn�llte sie ihn zusammen und fuhr sich damit �ber Stirn und Augenpartie, um den Ru� zu entfernen. Das schmale Metalldiadem glitzerte wieder auf ihrem Turban. �Gehen? Wohin?�</p><p>Legis verzog ungeduldig die Lippen. �Ihr seid nicht zur Erholung hier, Satai�, sagte sie. �Ich bringe euch jetzt zu unserer F�hrerin - sie wird entscheiden, was mit euch zu geschehen hat.� Die Worte kamen Skar steif vor; ein eingelernter Text, den sie schon wer wei� wie oft wiederholt hatte, aber sie waren nichtsdestoweniger ein Befehl.</p><p>�Und Herger?�</p><p>�Zuerst du�, sagte Legis, ohne seine Frage direkt zu beantworten. �Einem Satai geb�hrt nat�rlich die Ehre, als erster vorgelassen zu werden.�</p><p>Der Spott in ihrer Stimme war un�berh�rbar, aber Skar verbi� sich die sarkastische Antwort, die ihm auf der Zunge lag. Schweigend folgte er der <emphasis>Errish </emphasis>zum Ausgang. Zwei der m�chtigen Quorrl-Krieger eskortierten sie, mit den H�nden auf den Waffen. Skar beobachtete es mit einer Mischung aus Zorn und widerwilliger Anerkennung. Er hatte nicht viel Erfahrung mit Quorrl, aber wie die meisten Menschen hatte er sie bisher f�r einen Haufen unzivilisierter Wilder gehalten. Was er hier - zumindest bis jetzt - gesehen hatte, schien eher das Gegenteil zu beweisen. Die Krieger demonstrierten eine Disziplin, an der jeder General aus Ikne oder Kohon seine helle Freude gehabt h�tte.</p><p>Ein neues R�tsel. Aber auch das w�rde sich aufl�sen.</p><p>Als sie die H�hle verlie�en, war Skar f�r einen Moment so gut wie blind. Von oben hatte er zahllose Feuer gesehen, aber von hier aus betrachtet, lag das Tal in absoluter Finsternis da - allenfalls der sanfte, r�tliche Schimmer in der Luft �ber dem Lager h�tte einem aufmerksamen Beobachter verraten k�nnen, da� dieser Teil der Ebene nicht so tot war, wie es schien.</p><p>�Wohin?� fragte Skar.</p><p>Legis deutete wortlos nach links in den abzweigenden k�rzeren Teil der Schlucht. Skar h�rte zahlreiche Stimmen, als sie weitergingen - menschliche Stimmen, aber auch die gutturalen Laute verschiedener Quorrl-Dialekte, und ein paarmal bewegten sich vor ihnen Schatten, ohne da� er erkannt h�tte, ob er einen Menschen, einen Quorrl oder eine andere Kreatur vor sich hatte. Aus dem Wald am hinteren Ende des Tales wehte ein schwerer, s��licher Geruch zu ihnen her, und einmal glaubte Skar, ein Raubtier br�llen zu h�ren.</p><p>Schlie�lich betraten sie eine weitere H�hle. Auch sie war mit einem dichten Vorhang aus geflochtenen Pflanzenfasern verschlossen, damit kein verr�terischer Lichtstrahl nach au�en dringen konnte. Sie war aber viel kleiner als der Stall der Daktylen - eine drei Meter hohe Blase im Gestein, in deren W�nden zahlreiche unregelm��ig geformte L�cher g�hnten: Durchg�nge zu anderen H�hlen. Es mu�te ein ganzes Labyrinth von H�hlen und unterirdischen G�ngen sein, in dem die Rebellen ihr Lager aufgeschlagen hatten. Wahrscheinlich war auch die Schlucht nichts anderes als ein gewaltiger unterirdischer Hohlraum, dessen Decke irgendwann einmal eingest�rzt war. Ein idealer Ort, um sich zu verbergen. Aber auch eine Falle, sollte das Versteck jemals entdeckt werden.</p><p>Legis gebot Skar mit einer knappen Geste zur�ckzubleiben, sagte ein Wort zu den beiden Quorrl, die hinter ihnen die H�hle betreten hatten und rechts und links des Einganges stehengeblieben waren, und verschwand in einem der Durchg�nge.</p><p>Skar sah sich unruhig um. Auch in dieser H�hle brannten viele Fackeln, als wollten die Bewohner dieser unterirdischen Welt das Gewicht des Felsens �ber ihren K�pfen mit einer Flut von Licht vertreiben. Skar versuchte sich vorzustellen, wie es sein mu�te, hier zu leben - schon jetzt sp�rte er ein leises Unbehagen, und es war kein Gef�hl, das durch seinen Hunger oder die Ersch�pfung allein ausgel�st wurde. Es war eine chtonische Welt voller Dunkelheit und K�lte und N�sse und hallender G�nge.</p><p>�Wie lange lebt ihr schon hier?� fragte er einen der Quorrl. Der Schuppenkrieger schwieg, und Skar unterlie� es, ihn noch einmal anzusprechen. Vielleicht verstand das Wesen ja auch seine Sprache gar nicht.</p><p>Skars Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Legis blieb lange fort, und die K�lte, die Skar bis jetzt nicht gesp�rt hatte, kroch erneut in seine Knochen. Es war feucht in der H�hle, feucht und klamm. In den Ritzen des Bodens hatte sich Wasser angesammelt, und hier und da schimmerte noch Eis; so wie die Quorrl und ihre Verb�ndeten hatte sich auch der Winter unter die Erde verkrochen und trotzte hier noch dem Ansturm des Fr�hlings. Endlich kam die <emphasis>Errish </emphasis>zur�ck. Sie war nicht mehr allein - in ihrer Begleitung befand sich ein Quorrl - nicht Mork, aber ein Krieger, der ihm an Gr��e und Kraft kaum nachstand.</p><p>�Du bist Skar?� begann er �bergangslos.</p><p>Skar nickte. Das Wesen war zwei Schritte vor ihm stehengeblieben und �berragte ihn um eine Hauptesl�nge. Aber es war nur gro�, nicht gewaltig wie Mork. Kein Gegner.</p><p>�Ich bin Trosen�, fuhr der Quorrl in akzentfreiem Tekanda fort. �Solange du hier bist, werde ich mich um dich k�mmern.�</p><p>�Wie aufmerksam�, sagte Skar sp�ttisch. �Einen Quorrl nur f�r mich allein - wie komme ich zu der Ehre?�</p><p>Legis warf ihm einen warnenden Blick zu, den Skar aber bewu�t ignorierte.</p><p>�Ob es eine Ehre wird, mu� sich noch erweisen�, knurrte Trosen. �Und wenn, dann wird es vielleicht ein �u�erst kurzes Vergn�gen - f�r dich, Satai.� Er l�chelte und entbl��te dabei eine Doppelreihe messerscharfer Raubtierz�hne, die dem zivilisierten Klang seiner Worte sofort wieder entgegenwirkten. �Dein Schwert�, forderte er.</p><p>Skar wich einen halben Schritt zur�ck, als der Quorrl die Hand ausstreckte. Die beiden Krieger hinter ihm traten n�her; er sp�rte die Bewegung, ohne sie sehen zu m�ssen.</p><p>�Bitte, Skar�, sagte Legis. �Sei vern�nftig. Wir sind nicht deine Feinde, aber niemand tritt Laynanya bewaffnet gegen�ber. Auch unsere G�ste nicht.�</p><p>Skar �berlegte einen Moment. Er f�hlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, sich von seinem <emphasis>Tschekal </emphasis>zu trennen, aber immerhin kam er als Bittsteller hierher, und er gewann nichts, wenn er auf dieser unsinnigen Geste des Stolzes bestand.</p><p>Mit einem ergebenen Seufzen zog er das Schwert aus dem G�rtel und reichte es Tosen - mit der Spitze voran, so da� der Quorrl nur vorsichtig zugreifen konnte, wenn er sich nicht an der rasiermesserscharfen Doppelschneide die Hand aufrei�en wollte. Der Quorrl quittierte die kaum verhohlene Provokation mit einem �rgerlichen Knurren, nahm das <emphasis>Tschekal </emphasis>jedoch ohne weiteren Kommentar an sich und schob es achtlos unter seinen G�rtel. �Komm.�</p><p>Sie betraten einen steinernen Tunnel. Die Decke war so niedrig, da� die Quorrl das Haupt neigen mu�ten, um sich nicht anzusto�en. Das Licht der Fackeln blieb hinter ihnen zur�ck, aber vor ihnen leuchtete ein zweiter, tr�broter Lichtfleck. Seine Umgebung erinnerte Skar auf fatale Weise an die unterirdische Festung von Tuan, in der Vela ihn gefangengesetzt hatte, nur da� die G�nge hier nicht von Menschenhand, sondern von einer viel einfallsreicheren Natur geschaffen worden waren. Vielleicht waren diese H�hlen Vorbild f�r die D�monenfestung in Tuan gewesen. Es wurde k�lter. Ein scharfer Luftzug wehte ihnen in die Gesichter und verriet Skar, da� die H�hle mindestens noch einen weiteren Eingang haben mu�te. Mit dem Wind kam der Geruch brennender Fackeln und gebratenen Fleisches. Skar fiel pl�tzlich wieder ein, wie hungrig er war. Es war jetzt der vierte Tag, den er schon hungerte. Sein Magen knurrte h�rbar.</p><p>Legis, die neben ihm ging, unterdr�ckte ein L�cheln. �Es wird nicht lange dauern�, sagte sie halblaut. �Du bekommst zu essen, sobald du mit Laynanya gesprochen hast. Unsere K�che wird dir zusagen. Sie ist einfach, aber gut.�</p><p>Skar antwortete nicht. Er sp�rte, da� Legis es nur gut meinte, aber er war nicht in der Laune, Konversation zu treiben. Sein Magen hatte sich vier Tage geduldet - er w�rde auch noch eine weitere Stunde warten.</p><p>Trosen blieb stehen, als sie das Ende des Ganges erreicht hatten. Vor ihnen lag wieder eine kuppelf�rmige H�hle, auch sie war erhellt von vielen Fackeln und erf�llt von einer K�lte, die den prasselnden Flammen an den W�nden hohnzusprechen schien. Der Stollen endete nicht ebenerdig - sie standen auf einem breiten, steinernen Sims, der die H�hle in halber H�he umlief und einen freien Blick �ber den gesamten Innenraum gestattete. Als sie weitergingen, hatte Skar ausreichend Gelegenheit, sich umzusehen. Die H�hle war gro�, hatte vielleicht einen Radius von dreihundert Schritten und war hundert Fu� hoch. Die gew�lbte Decke wurde von nat�rlich gewachsenen S�ulen getragen, gewaltigen Stalaktiten, die im Laufe von �onen zu Pfeilern herangewachsen waren und dem Raum etwas von einer Kathedrale verliehen. In Mannsh�he waren Seile durch die H�hle gespannt, an denen Teppiche und geflochtene Matten hingen und den Raum unterteilten in Dutzende verschieden gro�er Bereiche - Schlafkammern f�r Menschen und Quorrl, aber auch Kochstellen, Vorratslager und selbst St�lle. Skar sah nicht wenige Pferde, und w�hrend sie hinter Trosen eine schmale Steintreppe hinabschritten, glaubte er im Hintergrund der H�hle ein gewaltiges, geschupptes Etwas zu erkennen. Wo <emphasis>Errish </emphasis>waren, da waren auch Drachen. Sie betraten einen schmalen Gang, der zwischen den abgeteilten R�umen tiefer in die H�hle hineinf�hrte. �berall waren Stimmen zu h�ren, aber au�er seinen Begleitern bekam Skar kein lebendes Wesen zu Gesicht. Schlie�lich blieb Trosen stehen, schlug einen Vorhang beiseite und machte eine einladende Handbewegung. Skar trat z�gernd an ihm vorbei.</p><p>Er bemerkte die Bewegung im letzten Moment, aber seine Reaktion kam um eine Winzigkeit zu sp�t. Die Hand des Quorrl, eben noch gehoben, um den Vorhang zu halten, ballte sich pl�tzlich zur Faust und traf mit f�rchterlicher Wucht seinen Nacken. Skar ri� im letzten Moment den Kopf zur Seite, so da� der Hieb nicht wie beabsichtigt seine Schl�fe traf, aber die Wucht des Schlages war noch immer gro� genug, um ihn halb benommen in die Knie brechen zu lassen. Instinktiv hob er die H�nde, um sein Gesicht vor weiteren Schl�gen zu sch�tzen, doch der Quorrl schien nichts dergleichen vorzuhaben. Ein harter Sto� traf Skar in den R�cken und lie� ihn vollends zu Boden fallen. Dann packten ihn gewaltige, schuppige H�nde an Armen und Beinen und hoben ihn hoch. Skar st�hnte vor Schmerz und begann sich zu wehren, aber die F�uste der Krieger waren hart wie Stahl. Vor seinen Augen drehten sich Feuerr�der; er konnte seine Umgebung nur noch verschwommen wahrnehmen, und die Stimmen der Quorrl klangen, als wehten sie durch einen langen, eisernen Korridor her�ber. Er wurde ein paar Schritte weit getragen und roh auf einen steinernen Tisch geworfen; die Pranken der Quorrl hielten ihn wie eiserne Fesseln nieder.</p><p>Skar st�hnte. �Was ...�</p><p>Ein harter Schlag traf ihn am Mund und lie� ihn verstummen. Sein Kopf prallte wuchtig gegen den Stein der Tischplatte, und der neuerliche Schmerz brachte ihn an den Rand der Bewu�tlosigkeit. Auf seiner Zunge war Blut. Er sah nur noch Farbkleckse und d�nne, feurige Linien.</p><p>�Haltet ihn!� sagte eine Stimme. Der Griff der Quorrl-F�uste verst�rkte sich, und eine weitere, knochige Hand legte sich auf seine Brust und dr�ckte ihn nieder.</p><p>�Ganz fest. Er darf sich nicht bewegen k�nnen.�</p><p>Eine Welle panischer Angst durchbrach f�r einen Moment den dunklen Schleier, der sich �ber Skars Bewu�tsein ausgebreitet hatte. Er b�umte sich auf, und die Furcht gab ihm die Kraft, selbst den Klammergriff der drei Quorrl zu sprengen, wenn auch nur f�r Augenblicke.</p><p>�Festhalten!� fuhr die Stimme fort in scharfem, befehlendem Ton.</p><p>Skar st�hnte vor Schmerz, als die Quorrl fester Zugriffen und ihn niederrangen. Der Druck auf seine Hand- und Fu�gelenke wurde unertr�glich; der dritte Quorrl warf sich mit seinem ganzen gewaltigen Gewicht auf seine Brust. Skars Schmerzenslaut verstummte. Er bekam keine Luft mehr, und in die kochenden Farben vor seinen Augen mischten sich schwarze Schleier.</p><p>�Aufpassen jetzt!� sagte die Stimme - die Stimme einer Frau, wie er trotz allem erkannte. �Er ist gef�hrlich.�</p><p>K�hle, aber kr�ftige H�nde ber�hrten sein Gesicht. �Bewege dich nicht, Skar�, sagte die Stimme. �Dir wird nichts geschehen, aber du bringst dich selbst in Gefahr, wenn du dich bewegst.� Skar gehorchte - weniger aus Einsicht als vielmehr, weil er sich ohnehin kaum mehr r�hren konnte. Der Quorrl lag wie ein lebender Berg auf seiner Brust. Er versuchte verzweifelt zu atmen, aber es ging nicht.</p><p>Die Finger krochen weiter, tasteten �ber seine Augen und glitten �ber Nasenwurzel und Stirn, dann ber�hrte etwas Hartes und schmerzhaft Kaltes seine Schl�fen.</p><p>�Jetzt!�</p><p>Ein grausamer Schmerz scho� durch Skars Kopf. F�r einen Moment hatte er das Gef�hl, sein Gehirn w�rde explodieren. Dann, so rasch wie der Schmerz gekommen war, verging er wieder, und statt dessen breitete sich ein taubes, prickelndes Gef�hl der M�digkeit zwischen seinen Schl�fen aus.</p><p>Er wu�te nicht, was geschah - Stimmen waren um ihn herum, Stimmen und Ger�usche, und der unertr�gliche Druck auf seinem Brustkorb verschwand, so da� er wieder atmen konnte. Die Stimmen wurden lauter, dr�ngender, und dann war da noch eine andere Stimme, eine Stimme, die antwortete. - Er erschrak zutiefst, als er erkannte, da� es seine eigene Stimme war und da� er auf Fragen antwortete, obgleich er die Worte nicht verstand.</p><p>Er redete lange Stunden, wie es ihm vorkam, obwohl sein Zeitgef�hl wie alle anderen Empfindungen erlosch. Irgendwann fiel er in Trance; die Stimme lullte ihn ein, und jede Frage drang ein wenig tiefer, ri� weitere, halb verheilte Wunden in seiner Seele auf und f�rderte zutage, was zu vergessen er sich seit Monaten bem�ht hatte.</p><p>Sp�ter erwachte er, aber nicht ganz. Die Trance verging, aber daf�r legte sich M�digkeit auf seine Augenlider, eine M�digkeit, die nicht nat�rlichen Ursprungs war. In einem kurzen, verg�nglichen Moment seltsamer Klarheit erinnerte er sich an ein Gesicht: schmal, grau, von str�hnigem, braunem Haar eingerahmt und mit hungrigen Augen. Dann verging auch dieses Bild, und er schlief.</p></section><section><title><p id="_16">16.</p></title><p>Skar hatte ein vages Gef�hl von Zeit, die vergangen war; sehr viel Zeit. In seinem Kopf war ein dumpfer Druck, wie man ihn manchmal sp�rt, wenn man zu lange geschlafen hat, aber gleichzeitig f�hlte er sich - k�rperlich - m�de. Sein Hals schmerzte, und hinter seiner Stirn wirbelten Erinnerungsfetzen und Bilder durcheinander, ohne da� er h�tte sagen k�nnen, was davon Traum und was Wirklichkeit war. Es war kalt; gleichzeitig sp�rte er auf der rechten Wange und dem nackten Oberarm die Hitze einer offenen Flamme. Er versuchte, die Augen zu �ffnen, aber es ging nicht. Sein Kopf war bandagiert. Ein breiter, straff umgelegter Verband schmiegte sich um seine Schl�fen und pre�te seine Lider herunter.</p><p>F�r einen winzigen Moment drohte ihn Panik zu �bermannen; er hatte pl�tzlich die irrsinnige Vorstellung, da� sie ihn geblendet haben k�nnten. Aber die Furcht verging so rasch, wie sie gekommen war. Sie hatten keinen Grund, etwas derart Grausames zu tun. Wahrscheinlich w�rden sie ihn ohne langes Z�gern t�ten, wenn sie glaubten, da� er sie verraten oder ihnen - wenn auch unabsichtlich - auf andere Weise schaden k�nnte. Aber sie w�rden ihn nicht unn�tig foltern.</p><p>Er erinnerte sich pl�tzlich an den Schmerz, den er gesp�rt hatte - einen d�nnen, feurigen Stich in beide Schl�fen, als bohrten sich zwei winzige gl�hende Nadeln in seinen Sch�del. F�r Augenblicke war er nicht sicher, ob die Erinnerung Teil eines wirren Traumes oder Realit�t war. Aber das Brennen rechts und links seiner Augenbrauen bewies ihm, da� zumindest dies wirklich geschehen war - wenn er auch immer noch nicht wu�te, <emphasis>was </emphasis>nun mit ihm passiert war.</p><p>Doch seine Erinnerungen kl�rten sich, St�ck f�r St�ck, obwohl da irgend etwas in ihm war, das seine Gedanken wie eine unsichtbare graue Hand zur�ckhalten wollte.</p><p>Er hatte geredet - nicht geredet, <emphasis>geantwortet - </emphasis>auf Fragen, die sie ihm gestellt hatten, sehr viele und sehr ausf�hrliche Fragen. Skar bewegte sich vorsichtig, hob beide H�nde an den Kopf, tastete mit den Fingerspitzen �ber den groben Stoff des Verbandes und f�hlte klebriges Blut und einen neuen, brennenden Schmerz, als er seine Schl�fen ber�hrte.</p><p>�La� das�, sagte eine Stimme �ber ihm. �Ich nehme den Verband ab, wenn du es willst, aber nimm die H�nde herunter.� Skar gehorchte. In der Dunkelheit neben ihm waren Schritte, das Rascheln von Seide und dann das Gef�hl eines K�rpers, der sich �ber ihn beugte. Eine Frau. Es war die Stimme einer Frau gewesen, und es war das Gef�hl einer Frau, die sich an dem Verband um seinen Sch�del zu schaffen machte: der leise, unaufdringliche Duft frisch gewaschener Haare und schmale, erfahrene H�nde, die geschickt den Verband l�sten und seinen Kopf anhoben.</p><p>�Stillhalten�, fuhr die Stimme fort. �Es wird jetzt weh tun.� Skar bi� instinktiv die Z�hne zusammen, aber der Schmerz war nicht so schlimm. Skar sp�rte nur ein neuerliches, kurzes Brennen, als der Verband mit einem scharfen Ruck heruntergerissen wurde. Er �ffnete die Augen, blinzelte ein paarmal und drehte rasch den Kopf auf die Seite. Rings um sein Lager brannten Fackeln, und das grelle Licht schmerzte in seinen Augen.</p><p>�Es ist gleich vorbei. Vielleicht wirst du noch eine Weile Kopfschmerzen haben, aber das ist normal. Du wirst dich bald besser f�hlen.�</p><p>Skar stemmte sich vorsichtig auf die Ellbogen hoch und zwang sich, in das flackernde Gegenlicht der Fackeln zu blicken. Er hatte halbwegs erwartet, Legis oder einen der Quorrl zu sehen, obwohl die Stimme nicht Legis' Stimme gewesen war. Aber es war eine Frau - eine <emphasis>Errish, </emphasis>wie ihr schmuckloses graues Gewand bewies. Anders als Legis trug sie den zeremoniellen Schleier der Ehrw�rdigen Frauen, und selbst �ber dem schmalen, ausgesparten Streifen �ber ihren Augen spannte sich ein halb durchsichtiges Tuch, so da� Skar nur ein gelegentliches Aufblitzen sah, wenn sich das Licht der Fackeln in ihren Pupillen brach. Laynanya. Er wu�te, da� es Laynanya war. Er konnte die Aura der Macht, die diese Frau umgab, fast sehen.</p><p>�Du bist...�</p><p>�Laynanya�, best�tigte sie. Ihre Stimme klang jung, j�nger, als er erwartet hatte. Und es war die Stimme aus seinen Erinnerungen. Die Stimme, die ihm Fragen gestellt hatte. Fragen, dachte er mit einem Gef�hl, von dem er selbst nicht wu�te, ob es Schrecken oder Zorn oder auch etwas vollkommen anderes war, Fragen, auf die er bereitwillig geantwortet hatte, obwohl sie nach Dingen gefragt hatte, die er am liebsten vergessen h�tte.</p><p>Sein Gaumen war trocken, und in seinem Hals war ein unangenehmes Kratzen. Er fuhr sich mit der Zungenspitze �ber die Lippen. Laynanya hob die Hand und gab jemandem auf der anderen Seite des Bettes einen Wink. Skar widerstand im letzten Moment der Versuchung, den Kopf zu drehen.</p><p>�Du bekommst gleich etwas zu trinken�, sagte Laynanya. Trotz des Schleiers vor ihrem Gesicht glaubte Skar ein L�cheln �ber ihre Z�ge huschen zu sehen; aber vielleicht war es auch nur etwas in ihrer Stimme. �Du mu�t durstig sein�, fuhr sie fort. �Immerhin hast du fast die ganze Nacht geredet.�</p><p>Skar sch�ttelte verwirrt den Kopf. Seine Erinnerungen kl�rten sich, aber gleichzeitig war er immer weniger sicher, was davon nun Traum und was wirklich Erlebtes war.</p><p>Laynanyas Augen l�chelten wieder. �Streng dich nicht an, Skar�, sagte sie. �Dein Zustand ist vollkommen normal. Du wirst dich gleich besser f�hlen.�</p><p>�Was ... habt ihr mit mir gemacht?� fragte er stockend. Er hob jetzt doch die Hand an die Schl�fen und f�hlte zwei winzige Einstiche.</p><p>�Ein Kratzer�, sagte Laynanya. �Jedenfalls f�r einen Mann wie dich.� Es wurde Skar nicht klar, ob diese Worte nun sp�ttisch gemeint waren oder nicht. Aber er war noch immer viel zu verwirrt, um wirklich dar�ber nachdenken zu k�nnen. Es war auch nicht wichtig.</p><p>�Um deine Frage zu beantworten�, fuhr Laynanya nach einer Weile fort, w�hrend ihr Blick in einer schwer zu bestimmenden Mischung aus Bewunderung und kalter Berechnung �ber seinen K�rper glitt. �Ich habe mich mit dir unterhalten.�</p><p>�Unterhalten?� Skar setzte sich ganz auf, zog die Knie an den K�rper und massierte seine Oberarme. Langsam kehrte das Leben in seine Glieder zur�ck, aber im gleichen Ma�e, wie die Mattigkeit schwand, sp�rte er auch die K�lte. Er war nackt bis auf seinen Lendenschurz, und die Fackeln verbreiteten zwar Licht, aber kaum W�rme. �Ich hatte eher den Eindruck, da� es ein Verh�r war�, sagte er.</p><p>Laynanya nickte unger�hrt. �Wenn dir dieses Wort lieber ist� - sie zuckte mit den Achseln, und Skar h�rte ein leises, silberhelles Klingeln; er erinnerte sich daran, da� hochgestellte <emphasis>Errish </emphasis>winzige Gl�ckchen aus Edelmetall im Haar trugen - �bitte. Du wirst nicht im Ernst erwarten, da� wir jedem, der in unser Lager kommt, vorbehaltlos vertrauen. Wir m�ssen uns absichern. Ich mu� dir nicht erz�hlen, wie gef�hrlich der Gegner ist, gegen den wir k�mpfen.�</p><p>Sie verstummte, als sich Schritte n�herten. Skar drehte den Kopf und sah einen dunkelhaarigen, in ein schmuckloses graues Gewand gekleideten Mann, der wortlos neben sein Lager trat und ihm einen Zinnbecher reichte. Skar bedankte sich mit einem Nicken, setzte den Becher vorsichtig an seine geschwollenen Lippen und trank; zuerst sehr vorsichtig, dann, als die Fl�ssigkeit seinen Gaumen und die Zunge geschmeidig gemacht hatte, mit fast gierigen Z�gen. Er merkte erst jetzt, wie durstig er war.</p><p>�Trink ruhig�, sagte Laynanya, als er den Becher geleert und abgesetzt hatte. �Ghwalin kann dir noch mehr bringen. Wir haben nicht viel, aber f�r einen Becher Wein reicht es noch.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. Er war noch immer durstig, doch der Becher hatte wirklich Wein enthalten - keinen sehr schmackhaften, aber daf�r einen um so st�rkeren Wein, und Skar war so ersch�pft, da� er die Wirkung des Alkohols bereits jetzt zu sp�ren begann. Es war besser, wenn er einen klaren Kopf behielt. �Wie hast du es geschafft, mich zum Reden zu bringen?� fragte er. �Drogen? Oder die Hexenk�nste der <emphasis>Errish?�</emphasis></p><p>Laynanya lachte.</p><p>�Weder das eine noch das andere, Skar. Vela ist nicht die einzige, die sich darauf versteht, das Erbe der Alten anzuwenden, wenn ich auch zugeben mu�, da� ich nicht halb so geschickt darin bin wie sie.�</p><p>Skar erschrak. �Vela?� stie� er hervor.</p><p>�Du hast von ihr erz�hlt�, sagte Laynanya ruhig. �Wir k�nnen uns die Spielchen ersparen, Satai. Ich wei�, wer du bist, und ich wei� auch, warum du hier bist.�</p><p>�Dann ...�</p><p>�Wir haben dich verh�rt�, fuhr Laynanya fort, und in ihrer Stimme war jetzt eine winzige Spur von Zorn, vielleicht auch nur von Ungeduld. �Du brauchst also nicht den Dummkopf zu spielen. Deine Geschichte erkl�rt vieles - obwohl ich zugeben mu�, da� ich sie kaum geglaubt h�tte, wenn ich sie unter anderen Umst�nden von dir geh�rt h�tte.�</p><p>Skar starrte die <emphasis>Errish </emphasis>verwirrt an. F�r einen Moment erinnerte sie ihn an Vela - er f�hlte sich pl�tzlich hilflos und verloren, und ihre Gegenwart vermittelte ihm das gleiche Gef�hl der Ohnmacht, das er stets in Velas N�he versp�rt hatte. Er erinnerte sich nicht an alles, aber er wu�te, da� sie ihm unz�hlige Fragen gestellt hatte. Es war kein sehr angenehmes Gef�hl - er sah diese Frau zum ersten Mal, und sie wu�te bereits alles von ihm, seine geheimsten Gedanken und W�nsche, alles, was er selbst am liebsten aus seinem Ged�chtnis verbannt h�tte.</p><p>�Du wirst nicht hierbleiben k�nnen�, sagte Laynanya pl�tzlich und scheinbar ohne Grund.</p><p>Skar nickte. Er war nicht sehr �berrascht. �Ich bin eine Gefahr f�r euch�, sagte er. �Aber um das zu erfahren, h�ttest du dir nicht solche M�he machen m�ssen.�</p><p>�Vielleicht. Aber Gefahr sind wir gewohnt, Skar. Darum geht es nicht. Seit wir in diese H�hlen geflohen sind, rechnen wir jeden Tag mit einem Angriff. Die Herrscherin von Elay unternimmt alles, was in ihrer Macht steht, um unseren Unterschlupf zu finden. Wenn sie uns entdeckt, dann sind wir verloren, ob mit oder ohne dich, Skar. Ginge es nur darum, w�rde ich dich bitten zu bleiben. Wir f�hren Krieg, und ein Mann wie du ist so wertvoll wie eine Armee.� Sie seufzte, setzte sich mit einer Bewegung, die ganz und gar nicht zu ihrer �u�eren Erscheinung und der Position, die sie innehatte, zu passen schien, auf die Kante seines Lagers und verschr�nkte die Arme vor der Brust. Skar sah erst jetzt, da� sie schwanger war. Unter dem grauen Gewand w�lbte sich ihr Leib sichtbar vor, obwohl sie sich geschn�rt hatte, und zwar so fest, da� jede gr��ere Bewegung zu einer Qual f�r sie werden mu�te. Aber er tat so, als h�tte er es nicht bemerkt.</p><p>�Was ist dann der Grund?� fragte er.</p><p>�Zum einen glaube ich nicht, da� du bleiben willst�, antwortete Laynanya. �Du bist nicht der Mann, der so kurz vor dem Ziel noch eine Rast einlegt. Und ich bin keine Frau, die glaubt, da� gemeinsame Feinde aus Fremden gleich Verb�ndete machen m�ssen. Wir k�mpfen gegen denselben Gegner, doch das macht uns noch nicht zu Freunden. Aber du hast recht - du <emphasis>bist eine </emphasis>Gefahr f�r uns, oder besser gesagt f�r jeden, in dessen N�he du dich aufh�ltst.� Sie schwieg einen Moment. �Trotzdem kannst du bleiben, solange du willst. Wir sind dir etwas schuldig, und ich bin es gewohnt, meine Schulden zu bezahlen.�</p><p>�Du sprichst von dem Quorrl?�</p><p>Laynanya sch�ttelte den Kopf. �Nein. Du hast ihm nicht aus Menschlichkeit das Leben gerettet, sondern weil du genau das erreichen wolltest - Dankbarkeit. In diesem Punkt hast du dich aber verrechnet, Skar. W�rest du auf eine Gruppe wilder Quorrl gesto�en, h�tten sie dir aus reiner Dankbarkeit den Kopf abgeschnitten. Und wenn Legis dich und deinen Begleiter nicht gefunden h�tte, dann w�ret ihr drau�en auf der Ebene verdurstet oder erfroren. Was das angeht, sind wir quitt.�</p><p>Sie schien auf eine Antwort zu warten, aber Skar schwieg. Die Art, in der sie �ber die Quorrl sprach, gefiel ihm nicht.</p><p>�Dankbar�, fuhr Laynanya fort, �bin ich dir f�r die Informationen, die du uns gegeben hast, wenn es auch sicher unfreiwillig geschah. Sie sind wichtig f�r uns.�</p><p>�Dann begleiche diese Schuld�, sagte Skar. �Bisher hast du gefragt, und ich habe geantwortet -�</p><p>�Und jetzt willst du fragen, und ich soll antworten.� Laynanya machte eine rasche, undefinierbare Geste und hob die Hand an den Kopf, um sich mit einer m�den, abgespannt wirkenden Bewegung �ber die Augen zu reiben. F�r die Dauer eines Atemzuges konnte Skar ihre Augen sehen - sie waren dunkel und gro� und in ein Netz unz�hliger winziger Falten eingebettet. Laynanya mu�te �lter sein, als er bisher angenommen hatte.</p><p>�Du hast wohl recht�, murmelte sie. �Aber hier ist nicht der richtige Ort. Wenn du dich kr�ftig genug f�hlst, gehen wir in mein Gemach. Es ist w�rmer dort, und du wirst sicher deinen Freund wiedersehen wollen.�</p><p>�Wenn du alles �ber mich wei�t�, sagte Skar ver�rgert, �dann solltest du auch wissen, da� Herger nicht mein Freund ist.� Trotzdem stemmte er sich vollends hoch, wartete, bis Laynanya aufgestanden war, und schwang die Beine von der Liege. Ihm wurde schwindlig, als er aufstand, und der Schmerz in seinen Schl�fen erwachte f�r Sekunden noch einmal zu einem w�tenden Brennen. Er wu�te selbst nicht, warum er so aggressiv auf Laynanyas Worte reagiert hatte - vielleicht war es nicht einmal der Zorn auf Herger, sondern auf sie. Sie hatte seine Gedanken gelesen und in seinen Gef�hlen gegraben, Wunden aufgerissen, die gerade angefangen hatten zu heilen, und er ... ja, er sch�mte sich vor ihr. Laynanya schlug eine der Decken zur Seite und deutete hinaus. Skar trat z�gernd an ihr vorbei und schrak zusammen, als zwei gewaltige graugeschuppte Schatten auf ihn zutraten. Im Innersten schalt er sich einen Narren. Jemand wie die <emphasis>Errish </emphasis>w�rde nicht allein mit einem Fremden - einem Satai noch dazu - in einem Raum bleiben, ohne sich abzusichern. Die beiden Quorrl hatten die ganze Zeit hier gewartet.</p><p>Er musterte die beiden Krieger absch�tzend, wandte sich um und folgte Laynanya. Die beiden Quorrl gingen hinter ihm her, in drei Schritt Abstand - weit genug, um ihm nicht direkt den Eindruck zu vermitteln, er sei ein Gefangener, aber nicht so weit, da� er eine echte Chance gehabt h�tte, sich etwa Laynanya mit einer raschen Bewegung zu greifen und als Geisel zu benutzen.</p><p>Die <emphasis>Errish </emphasis>f�hrte ihn durch ein verwirrendes System von G�ngen und leerstehenden R�umen. Skar verlor bereits nach wenigen Schritten die Orientierung, aber er wu�te zumindest, da� sie sich tiefer in den Berg hinein bewegten - die zerschr�ndete Decke �ber ihren K�pfen senkte sich langsam herab, und nach kurzer Zeit erreichten sie die gegen�berliegende Wand, eine senkrechte Mauer, die noch immer mehr als hundert Fu� emporstrebte und irgendwo im Dunkeln endete. Eine schmale, roh aus dem Fels gehauene und in scheinbar sinnlosen Windungen nach oben f�hrende Treppe nahm sie auf und endete in einem kaum sechs Fu� hohen Gang. Skar mu�te den Kopf senken, um sich nicht an der niedrigen Decke zu sto�en. Die beiden Quorrl, deren gewaltige Schulterbreite den Stollen zu sprengen gedroht h�tte, blieben zur�ck.</p><p>Skar fuhr pr�fend mit den Fingerspitzen �ber die W�nde, w�hrend er der <emphasis>Errish </emphasis>folgte. Sie f�hlten sich glatt an, als w�ren sie poliert oder mit einer d�nnen Schicht geschmolzenen Glases �berzogen. Wahrscheinlich war dieses ganze unterirdische Labyrinth durch Vulkanismus entstanden. Irgendwann, vor Jahrmillionen vielleicht, war hier glutfl�ssige Lava gestr�mt und hatte diesen Tunnel, die gewaltige H�hle drau�en und all die anderen R�ume aus dem Fels gebrannt.</p><p>Skar wu�te nicht, warum, aber der Gedanke beunruhigte ihn. Der Gang endete nach etwa hundert Schritten vor einer niedrigen, sorgsam in den Stollen eingepa�ten Holzt�r - eine fast r�hrende Bem�hung, wenigstens den Anschein menschlicher Zivilisation in dieses dunkle chtonische Reich zu bringen. Laynanya �ffnete sie, trat hindurch und richtete sich mit einem erleichterten Seufzen auf. Das rasche Gehen mu�te ihr Schmerzen bereitet haben.</p><p>Die H�hle, die sie aufnahm, war wieder riesengro�. Eine Unzahl von Fackeln und lodernden Feuerbecken verbreitete flackernde rote Helligkeit und Schatten, und in der Luft lag nicht nur K�lte, sondern auch ein sp�rbarer Hauch von Feuchtigkeit. Irgendwo flo� Wasser.</p><p>Skar war beinahe entt�uscht. Er hatte - vielleicht in einer weiteren Analogie zu Velas unterirdischer Festung in Tuan - eine Art Privatgemach erwartet, eine winzige Enklave von W�rme und Wohnlichkeit, aber hier war nichts dergleichen. Die H�hle war vollgestopft mit Kisten, Tonkr�gen und F�ssern, Ballen mit Stoffen und Lebensmitteln - und Waffen. Sehr viele Waffen. Die einzige Konzession an die Bequemlichkeit war ein niedriger, mit Kissen und Felldecken �bers�ter Diwan, der von einem halben Dutzend gl�hender Kohlebecken eingerahmt wurde. Laynanya ging rasch darauf zu, lie� sich mit einer ersch�pften Bewegung auf den Diwan nieder und machte eine einladende Bewegung, als sie sah, da� Skar z�gerte.</p><p>�Setz dich zu mir, Skar�, sagte sie. �Es sei denn, du ziehst den nackten Boden als Sitzgelegenheit vor.�</p><p>Skar sah sich unschl�ssig um. Es widerstrebte ihm, sich neben sie zu setzen - es w�re ihm wie eine Geste von Vertraulichkeit vorgekommen, die ihm nicht zustand.</p><p>Laynanya lachte, und Skar fiel pl�tzlich auf, wie sehr sie sich ver�ndert hatte, seit sie diese H�hle betreten hatten. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber die Wandlung war �berdeutlich. Drau�en, in der H�hle, war sie nichts anderes als Laynanya, die <emphasis>Errish, </emphasis>gewesen, ein lebendes Symbol, die F�hrerin der Rebellen. Hier diese ungastliche H�hle war ihr Zuhause, wahrscheinlich der einzige Ort, an dem sie einfach Mensch sein durfte. Sie wirkte pl�tzlich viel lebendiger.</p><p>Er zuckte mit den Achseln und lie� sich neben ihr nieder, r�ckte aber so weit von ihr ab, wie es m�glich war. Laynanya lie� sich nach hinten sinken, richtete sich aber sofort wieder auf, als sich diese Stellung als zu unbequem erwies. Skar griff impulsiv nach einem Kissen und reichte es ihr. Laynanya nickte dankbar.</p><p>�Wo sind ... die anderen?� fragte er z�gernd.</p><p>�Legis und dein ... Begleiter? Sie kommen gleich. Die Wachen werden sie rufen. W�hrend wir warten, kannst du deine Fragen stellen.�</p><p>Skar fr�stelte. Nicht einmal die dicht nebeneinander brennenden Kohlefeuer vermochten die K�lte vollends zu vertreiben. Der Stoff, auf dem er sa�, war klamm, und f�r einen Moment war es wie in Velas Festung - er glaubte das Gewicht der unz�hligen Tonnen Fels, die �ber ihm lasteten, beinahe k�rperlich zu sp�ren. Sein erster Eindruck war richtig gewesen - er w�rde hier nicht leben k�nnen, ohne verr�ckt zu werden. Nicht einmal wenige Tage. �Du hast... Vela erw�hnt�, begann er z�gernd. Er war pl�tzlich nerv�s. Laynanyas Bereitschaft, auf seine Fragen zu antworten, stimmte ihn mi�trauisch. Sie wu�te alles �ber ihn, wenigstens all das, was f�r sie von Interesse war, aber er war immer noch ein Fremder f�r sie.</p><p>�Nicht ich�, verbesserte ihn die <emphasis>Errish. </emphasis>�Du. Ich habe ihren Namen aus deinem Mund das erste Mal geh�rt.�</p><p>�Du kennst sie nicht?�</p><p>�Nat�rlich kenne ich Vela.� Laynanyas Stimme klang ein wenig ungeduldig, und Skar h�tte in diesem Moment viel daf�r gegeben, einen Blick durch den grauen Schleier vor ihrem Gesicht erh�schen zu k�nnen. �Sie war eine <emphasis>Errish </emphasis>wie ich, und wir kennen uns alle. Wir sind nicht mehr viele, Skar. Sie wurde ausgesto�en, weil sie ihren Drachen verlor. Das Leben einer <emphasis>Errish </emphasis>w�hrt nur so lange wie das ihres Tieres.� Sie setzte sich auf, legte die Hand in einer unbewu�ten, schmerzerf�llten Bewegung auf den Bauch und zog sie hastig wieder zur�ck, als sie seinen Blick bemerkte. �Wir sprechen von der Vela, die jetzt irgendwo in Elay sitzt und ihre F�den spinnt. Ich wu�te nicht, da� sie es war. Aber das, was ich inzwischen wei�, und das, was du berichtet hast, runden das Bild ab.�</p><p>�Du hast sie ... nicht gesehen?�</p><p>Laynanya lachte, als h�tte er etwas ungemein Dummes gesagt. �Niemand hat sie gesehen�, sagte sie. �Keiner von denen, die hier sind. Auf dem Thron von Elay sitzt noch immer Margoi, die Ehrw�rdige Mutter. Aber es ist nicht mehr Margoi. Sie ist nicht mehr... nicht mehr die, die sie war, wenn du verstehst, was ich meine.�</p><p>Skar war sich dessen nicht ganz sicher, aber er nickte. �Du meinst, Vela beherrscht ihren Geist?�</p><p>Laynanya �berging seine Frage. �Du sagst, es w�re vier Monate her, seit ihre Armee vernichtet wurde und sie aus Cosh geflohen ist?�</p><p>�Ungef�hr.�</p><p>�Dann hat sie nicht viel Zeit verloren. Das Beste wird sein, ich erz�hle dir die ganze Geschichte - viel ist es nicht, was ich zu sagen habe.� Wieder schwieg sie einen Moment, und als sie weitersprach, war ihre Stimme leise und beinahe ausdruckslos und so monoton, da� Skar die mit letzter Kraft erzwungene Beherrschung dahinter sp�rte. Er wu�te nicht, was diese Frau erlebt hatte, aber es mu�te ihr gro�e Qual bereiten, die Erinnerungen noch einmal wachzurufen und alles noch einmal zu durchleben. �Die Quorrl �berschritten unsere Grenzen�, begann sie. �Keine kleine Gruppe, wie schon oft, sondern eine Armee - mehr als viertausend Krieger. Sie griffen M�r'llion an und verbrannten die Stadt, ehe jemand einen Widerstand gegen sie organisieren konnte. Und Margoi� - ihre Stimme bebte - �Margoi rief das Land zu den Waffen.�</p><p>�Und?� fragte Skar. �Die Quorrl r�sten seit Jahren zum Krieg. Ein Teil von Larn ist bereits gefallen, und �berall sammeln sich Heere.�</p><p>�Aber nicht hier!� sagte Laynanya mit Nachdruck. �Elay ist seit Anbeginn der Zeit ein Symbol f�r den Frieden, Skar. Die <emphasis>Errish </emphasis>haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, zu heilen und nicht zu t�ten. Es ist nicht das erste Mal, da� ein Heer unsere Grenzen �berschreitet, und es w�re nicht das erste Mal, da� wir den Frieden wiederherstellen, ohne zu den Waffen zu greifen. Seit das erste Zeitalter vorbei ist, sind es die <emphasis>Errish, </emphasis>die f�r den Frieden auf Enwor garantieren, Skar.�</p><p>Skar mu�te pl�tzlich daran denken, da� er fast die gleichen Worte einmal zu Gowenna gesprochen hatte. Nur hatte er die Satai gemeint, und er hatte mit der gleichen �berzeugung geredet, mit der Laynanya jetzt sprach. Wie viele mag es noch geben, dachte er, die glauben, das Wohl ihrer Welt l�ge einzig in ihren H�nden? Und wieso war eine Welt, auf der die beiden m�chtigsten Clans angeblich nur f�r den Frieden lebten, eine Welt voller Krieg und Gewaltt�tigkeit?</p><p>Aber er schob den Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf das, was Laynanya berichtete.</p><p>�Die Ehrw�rdige Mutter rief zum Krieg�, sagte sie dumpf. �Und wir folgten ihrem Ruf.�</p><p>�Und niemand hat daran gezweifelt?�</p><p>�Gezweifelt?� Laynanyas Stimme klang, als hielte sie ihn f�r verr�ckt. �Niemand zweifelt das Wort der Ehrw�rdigen Mutter an, Satai�, sagte sie scharf. �Ihr Wunsch ist Gesetz. F�r uns ist sie eine G�ttin.�</p><p>Skar l�chelte d�nn. �F�r dich nicht, wie mir schein. Sonst w�rest du kaum hier.�</p><p>Laynanya starrte ihn an. �Du hast recht�, sagte sie nach einer Weile. �Obwohl ich zu Anfang ebensowenig daran dachte, �ber ihre Beweggr�nde nachzusinnen, wie die anderen. Ich half sogar mit, Boten in das Land hinauszuschicken und Pl�ne zu entwerfen, um die Quorrl zu schlagen. Es war eine meiner Novizinnen, die nach Thbarg ging und die Kapersegler zu Hilfe rief. Aber nach dieser ersten Entscheidung folgten andere, und nach und nach ...� Sie atmete h�rbar ein. �Nach und nach begriff ich, da� Margoi nicht mehr sie selbst sein konnte. Und nicht nur ich - Legis und viele von denen, die hier bei uns sind, dachten ebenso wie ich. Ich... k�nnte dir viel erz�hlen, Skar, von unseren Versuchen, mit ihr zu reden, hinter das Geheimnis zu kommen ... Wir waren ... verwirrt. Die Margoi ist eine G�ttin, und sie kann nicht fehlen. Und doch tat sie es. Eine Zeitlang tr�steten wir uns mit dem Gedanken, da� ihre Beweggr�nde von einer Art sein konnten, die wir nicht verstanden. Doch es geschah noch mehr, Dinge, die wir uns nicht erkl�ren konnten und die ...� Sie stockte, und Skar konnte sich vorstellen, was jetzt in ihr vorging. Was sie ihm hier mit wenigen Worten erz�hlte, war der Untergang ihrer Welt, der Zusammenbruch all dessen, woran sie einmal geglaubt und wof�r sie gelebt hatte.</p><p>�Sie ver�nderte sich weiter und ... pl�tzlich h�rten unsere Tiere auf, uns zu gehorchen.�</p><p>�Eure Drachen?� fragte er ungl�ubig.</p><p>�Ja. Sie ... wandelten sich. Auf die gleiche unmerkliche Weise wie Margoi. Wir ... das hei�t Legis und ich und einige andere gingen hinunter in die Drachenh�hle, um das Geheimnis zu ergr�nden. Aber wir fanden keine Drachen, sondern ... M�nner.�</p><p>�M�nner?�</p><p>�Soldaten�, nickte Laynanya. �Velas Soldaten, wie ich jetzt wei�. Sie nahmen uns gefangen und sperrten uns in ein Verlies.� Sie schwieg, und Skar konnte sehen, wie der dichte graue Schleier vor ihrem Gesicht bebte; das einzige Anzeichen f�r die Erregung, die sie ergriffen hatte. Wieder glitten ihre H�nde an ihren Leib, aber diesmal war es keine Geste des Schmerzes. Ihre Finger krallten sich in den grauen Stoff, und Skar merkte erst jetzt, da� selbst ihre H�nde verh�llt waren. Sie trug Handschuhe aus der gleichen grauen Seide, aus der ihr Gewand gefertigt war. Er begriff pl�tzlich, warum sie - anders als Legis - selbst hier unten verh�llt blieb. Es war kein Festhalten an alten Riten und Gebr�uchen, wie er zuerst angenommen hatte. Sie versteckte sich. Nicht der winzigste Teil ihres K�rpers sollte sichtbar sein, und das graue Gewand, nach au�en hin ein Zeichen ihrer W�rde, war in Wirklichkeit ein Schild, hinter dem sie sich verkriechen konnte.</p><p>�Und?� fragte er nach einer Weile.</p><p>Laynanya zuckte zusammen, als h�tte der Klang seiner Stimme sie abrupt in die Wirklichkeit zur�ckgerissen.</p><p>�Nichts�, sagte sie. �Wir erfuhren nichts. Sie hielten uns gefangen, und ... und sie taten mir Gewalt an. Mir und ... einigen anderen.�</p><p>�Du bist... vergewaltigt worden?� keuchte Skar ungl�ubig. Er wu�te, da� Laynanya die Wahrheit sprach, aber es fiel ihm trotzdem schwer, ihr zu glauben. Der Gedanke, eine <emphasis>Errish </emphasis>vergewaltigen zu wollen, war ... undenkbar. Gottesl�sterung und mehr. Die Ehrw�rdigen Frauen waren tabu, nicht nur hier, sondern �berall auf Enwor. Nicht einmal ein Quorrl w�re auf die Idee gekommen, einer <emphasis>Errish </emphasis>zu schaden. Skar hatte die M�nner, die Vela um sich geschart hatte, kennengelernt, und er wu�te, welche M�nner das waren - Ausgesto�ene, Verfemte, M�nner, die f�r Geld und Macht alles taten, die nichts mehr zu verlieren hatten und dazu Vela vollkommen h�rig waren.</p><p>Aber eine <emphasis>Errish </emphasis>vergewaltigen ?</p><p>Und doch war es so. Laynanyas Hiersein und ihr Zustand bewiesen es.</p><p>�Du glaubst mir nicht?�</p><p>Skar schwieg einen Moment. �Doch ...�, sagte er stockend. �Aber ... ich kenne Vela, und es ... es pa�t nicht zu ihr.�</p><p>�Vielleicht pa�t es nicht zu der Vela, die sie einmal war�, sagte Laynanya. �Doch sie ist anders geworden. Du hast vom Stein der Macht erz�hlt und davon, da� du ihn f�r sie geholt hast. Du hast ihn in H�nden gehalten.�</p><p>Skar nickte. Laynanyas Worte weckten die Erinnerungen wieder, und er wu�te, noch bevor sie weitersprach, worauf sie hinauswollte.</p><p>�Dann wei�t du auch, da� dieser Stein mehr ist als ein blo�er Schl�ssel zur Macht. Er gibt seinem Besitzer Gewalt �ber das Erbe der Alten, aber er fordert seinen Preis.�</p><p>Skar erinnerte sich. An das dunkle Fl�stern in seinem Inneren, an die k�rperlose, tastende Hand, die durch seine Seele gefahren war, an den dunklen Hauch l�ngst vergangener Geheimnisse und Kr�fte, den er gesp�rt hatte. Und er hatte den Stein nur wenige Augenblicke besessen.</p><p>�Du ha�t sie�, fuhr Laynanya fort, �und du lebst nur noch daf�r, dich zu r�chen und sie zu t�ten. Aber dein Ha� gilt nicht der Vela, die du in Ikne kennengelernt hast, und der meine nicht der Schwester, die sie einmal f�r mich war. Der Stein ver�ndert seinen Besitzer. Er gibt Macht �ber die dunklen Kr�fte unserer Seele, aber es ist diese Macht, die den Alten am Ende den Untergang brachte. Das B�se fordert seinen Preis, Skar, und Vela hat diesen Preis bezahlt. Sie ist nicht mehr sie selbst. Sie ist zu ... einem Ding geworden, einem b�sen, berechnenden Ding. Sie ist kein Mensch mehr.�</p><p>�Wu�te sie davon, als sie mich beauftragte, nach Combat zu gehen?� fragte Skar.</p><p>Laynanya z�gerte einen Moment. �Ich glaube, sie hat es geahnt�, sagte sie dann. �Auch wir wissen nicht viel von der Macht der Alten. Es gibt Legenden, aber die meisten davon sind wirklich nicht mehr - Geschichten eben. Aber wir wu�ten um den Stein der Macht und den Fluch, der auf ihm lastet. Sie mu� geahnt haben, in welche Gefahr sie sich begibt. Vielleicht hat sie sogar aus edlen Beweggr�nden gehandelt. Damals, als sie mit dir gesprochen hat, hat sie die Wahrheit gesagt. Sie wollte den Stein nicht f�r sich. Sie wollte Enwor retten� - sie lachte leise - �und der Welt den Frieden bringen. Aber das ist vorbei. Sie hat den Stein seit Monaten, und das, was an gutem Willen und Ehre in ihr war, ist verschwunden.�</p><p>�Und du?� fragte Skar leise. Er zweifelte nicht an ihren Worten. Sie sprach die Wahrheit, aber es gibt verschiedene Arten, die Wahrheit zu berichten. Laynanyas Wahrheit war voller Ha� und Verbitterung, und f�r einen winzigen Moment glaubte er sich selbst zu sehen. Auch er war verbittert und voller Ha�, nur da� er sich selbst belog.</p><p>Laynanya antwortete nicht, und Skar war nicht einmal sicher, da� sie seine Frage �berhaupt verstanden hatte.</p><p>�Das war meine Geschichte�, fuhr sie nach sekundenlangem Schweigen fort. �Wir konnten fliehen. Auch wenn uns der gr��te Teil unserer Macht genommen ist, sind wir noch immer <emphasis>Errish, </emphasis>und es gelang uns, unsere Kerkermeister zu �berlisten. Wir flohen aus Elay und kamen hierher.�</p><p>�So einfach war das?�</p><p>�Nein�, sagte Laynanya hart. �Wir haben lange gebraucht, um das Vertrauen der Quorrl zu gewinnen und sie um uns zu scharen. Und noch l�nger, um diesen Ort zu finden.�</p><p>�Und was habt ihr vor?� fragte Skar mit einem Blick auf die �berall aufgestapelten Waffen und Vorr�te. �Einen Krieg gegen Vela und ihre M�nner zu f�hren?�</p><p>�Nein. Es w�re ein Krieg gegen unsere Schwestern und Elay. Wir wollen ihn nicht f�hren. Aber wir sind gewappnet, wenn man ihn uns aufzwingt. Wenn sie uns aufsp�ren und angreifen, werden wir uns wehren.�</p><p>�Und sonst nichts?� fragte Skar. �Ihr wollt euch weiter hier verkriechen und nichts tun, w�hrend Vela sich daranmacht, in eurem Namen die Welt zu erobern?�</p><p>�Die Welt erobern?� Laynanya lachte. �Sei kein Narr, Skar. Es geht hier nicht um das Schicksal der Welt. Niemand kann das Schicksal einer ganzen Welt bestimmen, auch Vela nicht. Nicht einmal die Alten haben das vollbracht. Sie kann �ber das Wohl oder Wehe eines Zeitalters bestimmen, nicht mehr. Es spielt keine Rolle, ob sie gewinnt oder verliert. Letztlich wird die Zeit siegen. Sie siegt immer.�</p><p>�Die Zeit...� Skar sch�ttelte den Kopf und unterdr�ckte ein abf�lliges Lachen. �Verzeih, Laynanya, aber ich glaube nicht, da� ich dich verstehe. Ich bin nicht bereit, ein Jahrtausend der Schmerzen und Unterdr�ckung abzuwarten. Ich werde sie t�ten.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Laynanya ruhig. �Aber nicht, weil du die Welt retten willst, Skar. Das redest du dir ein. Du ha�t sie, weil sie dich entw�rdigt und deinen Freund Del get�tet hat, zumindest indirekt. Deshalb willst du sie umbringen. Aber ich werde dich nicht davon abhalten, wenn es das ist, was du bef�rchtest.�</p><p>�Aber du wirst mir auch nicht dabei helfen?�</p><p>�Wenn du unter Hilfe verstehst, da� ich dir meine M�nner und Waffen anvertraue, damit du gegen Elay ziehen kannst, nein! Aber ich werde dich nicht aufhalten. Du kannst gehen, wenn du willst. Du ... mu�t sogar gehen.�</p><p>�Wann?�</p><p>�Bald. Noch heute, wenn es nach meinem Willen geschieht. Aber ich habe dir Gastfreundschaft angeboten, und ich stehe zu meinem Wort. Doch du mu�t gehen, ehe dein Verfolger hier ist.� Skar erschrak. Sie wu�te alles, hatte seine Erinnerungen gelesen und wu�te auch von dem Wolf. Er hatte ihn beinahe vergessen. �Es sind noch Tage�, sagte Laynanya, als sie sein Erschrecken bemerkte. �Die Daktylen sind schnell, und auch wenn er ein D�mon ist, so braucht er Zeit, hierherzukommen.�</p><p>�Was ... wei�t du von ihm?� fragte Skar.</p><p>Laynanya zuckte mit den Achseln. �Nichts. Nicht mehr als du. Die alten Legenden berichten nichts �ber ihn. Ich wei� nicht, was er ist und was er will, aber ich glaube, nicht einmal unsere Macht w�rde ausreichen, ihn aufzuhalten. Und wir wollen es auch gar nicht. Es ist nicht unser Kampf, Skar.�</p><p>�Aber ihr profitiert davon, wenn ich diesen Kampf gewinne.�</p><p>�Niemand profitiert von irgend etwas, Skar�, sagte Laynanya. �Du hast dich mit M�chten eingelassen, gegen die kein Mensch bestehen kann. Vielleicht... k�nnte es dein Dunkler Bruder. Aber auch dann w�rdest du verlieren. Vielleicht erst recht.�</p></section><section><title><p id="_17">17.</p></title><p>Es verging noch mehr als eine halbe Stunde, ehe Legis und Herger kamen. Mork und einige andere hochgestellte Quorrl begleiteten sie. Skar kannte sich in der Physiognomie der Quorrl nicht aus, aber Morks Gesichtsausdruck erschien ihm finsterer als am vergangenen Abend, und der Blick, mit dem das gewaltige Schuppenwesen ihn musterte, verhie� nichts Gutes. Insgeheim mu�te er zugeben, da� er Angst vor dem Quorrl hatte. Aber vielleicht erging es Mork ebenso, und vielleicht dachte er auch an den Hieb, den er Skar versetzt hatte. Nicht viele �berlebten es, einen Satai zu schlagen.</p><p>Laynanya stand auf, als Legis und ihre Begleiter n�her kamen, und Skar folgte ihrem Beispiel. Die beiden <emphasis>Errish </emphasis>wechselten ein paar rasche Worte in einer Skar unbekannten Sprache, und Legis deutete erst auf Herger, dann auf Skar und dann wieder auf den Schmuggler. In Hergers Gesicht zuckte es.</p><p>�Wie ich sehe�, sagte er, �hast du die letzte Nacht in angenehmerer Gesellschaft verbracht als ich.�</p><p>Es dauerte fast eine Sekunde, bis Skar begriff, da� die Worte ihm galten. Er nickte, l�chelte nerv�s und musterte Herger mit einem raschen Blick. Der Hehler sah schlecht aus: Unter seinen Augen lagen dunkle, graue Ringe, und seine Haut hatte einen w�chsernen Glanz, der verriet, da� er in der vergangenen Nacht nur wenig Schlaf gefunden hatte. An seinen Schl�fen waren zwei winzige verkrustete Wunden.</p><p>�Sprichst du nicht mehr mit jedem?� fuhr Herger spitz fort, als Skar nicht antwortete.</p><p>�Unsinn�, knurrte Skar.</p><p>Aber Herger hatte nicht einmal unrecht - Skar wollte jetzt nicht reden, nicht mit Herger und nicht �ber das, was sie miteinander zu besprechen hatten, wenn es �berhaupt etwas zu besprechen gab. Die Gegenwart der Quorrl verunsicherte ihn. Er sp�rte die Drohung, die von Mork und seinen Begleitern ausging. Und er f�hlte die Spannung, die in der Luft lag. Die Quorrl waren nicht gekommen, um Laynanya oder ihm einen H�flichkeitsbesuch abzustatten.</p><p>�Legis bringt schlechte Neuigkeiten�, sagte Laynanya pl�tzlich. �Die mich betreffen?�</p><p>Die <emphasis>Errish </emphasis>nickte. �Ich f�rchte�, sagte sie. Pl�tzlich war sie wieder Laynanya, die <emphasis>Errish </emphasis>und Wortf�hrerin der Rebellen, nicht mehr die Frau, mit der er die letzte Stunde geredet hatte. �Eine unserer Patrouillen hat Reiter gesichtet.� Ihre Stimme hatte pl�tzlich einen leisen, warnenden Unterton, einen Klang, der Mork und den anderen Quorrl sicher entging, Skar aber auffiel. Er begriff pl�tzlich, da� die Quorrl nichts von seinen Beweggr�nden wu�ten und es wohl auch nicht wissen sollten, und widerstand in letzter Sekunde der Versuchung zu nicken. Vielleicht w�rden sich die Quorrl insgeheim fragen, warum sie ihre Meinung so pl�tzlich �nderte, aber das war Laynanyas Problem. Wenn sie es f�r richtig hielt, das Spiel so zu spielen, w�rde er es mitspielen.</p><p>�Dann ist es vielleicht besser, wenn wir gleich aufbrechen�, sagte er. �Wenn ihr es erlaubt.� Sein Blick suchte den des Quorrl, aber die riesigen pupillenlosen Augen des Schuppenkriegers blieben starr.</p><p>�Ihr seid nicht unsere Gefangenen, Skar�, sagte Laynanya tadelnd. �Aber ich will dich nicht bel�gen - je eher ihr geht, desto besser f�r uns und f�r euch. Du wirst jedoch Verst�ndnis haben, wenn ich dich bitte, bis Sonnenuntergang zu warten.�</p><p>Skar sah demonstrativ zur H�hlendecke hinauf. �Und wann�, fragte er, �ist das?�</p><p>�In etwa vier Stunden�, erwiderte nicht Laynanya, sondern Legis. �Bis dahin seid ihr nat�rlich unsere G�ste.�</p><p>Herger lachte rauh auf. �Danke�, sagte er. �Ich habe eine Kostprobe eurer Gastfreundschaft bekommen.� Er rieb sich demonstrativ mit dem Handr�cken �ber die Lippen und starrte Mork an. Der riesige Quorrl blickte finster zur�ck und bleckte die Z�hne. Sein Raubtiergebi� funkelte wie eine �berdimensionale B�renfalle, und f�r einen Augenblick sah er wirklich wie ein gewaltiges, kaum gez�hmtes Raubtier aus, das sich nur aus Versehen in Kettenhemd und R�stung verirrt hatte. Herger wurde bla� und wich einen halben Schritt zur�ck.</p><p>Skar unterdr�ckte ein Grinsen.</p><p>Mork war der mit Abstand intelligenteste Quorrl, dem er je begegnet war.</p><p>Aber das besagte nicht viel. Skar wu�te kaum etwas �ber Quorrl - im Grunde wu�te niemand wirklich etwas �ber die Schuppenkrieger aus dem Norden.</p><p>�Mork!� Laynanyas Stimme war scharf; ein Verweis, der den Quorrl zusammenzucken und sofort wieder ernst werden lie�. Skar bedachte seinerseits Herger mit einem strafenden Blick und wandte sich wieder an die <emphasis>Errish.</emphasis></p><p>�Wir brauchen Pferde�, sagte er. �Unsere sind drau�en auf der Ebene zur�ckgeblieben. Ihr gebt uns welche?�</p><p>Die beiden <emphasis>Errish </emphasis>tauschten einen raschen Blick. �Ihr... k�nnt nat�rlich Pferde haben�, sagte Laynanya nach kurzem Z�gern. �Aber wir haben euch einen anderen Vorschlag zu machen. Ihr wollt nach Elay, und wir sind bereit, euch dorthin zu bringen. Die Daktylen k�nnen bei Sonnenaufgang dort sein.�</p><p>Nach allem, was sie miteinander beredet hatten, �berraschte ihn diese Er�ffnung nun doch, aber Laynanya sprach weiter, ehe er eine Zwischenfrage stellen konnte.</p><p>�Mork und ich haben beraten, w�hrend ihr geschlafen habt. Euer Streit ist nicht der unsere, aber ihr seid auch nicht unsere Feinde. Wir werden euch helfen - soweit es in unseren Kr�ften steht.� Die Wahl ihrer Worte und die Art, in der sie sprach, lie�en Skar aufhorchen. Die Worte schienen weniger Herger und ihm als vielmehr den Quorrl zu gelten. Laynanyas Position schien nicht ganz so unumstritten zu sein, wie er bisher angenommen hatte. �Ihr solltet unser Angebot �berlegen�, warf Legis ein. Auch ihre Stimme hatte einen leicht nerv�sen Unterton, und ihr Blick flackerte. �Die Daktylen bringen euch in einer Nacht nach Elay. Zu Pferd braucht ihr Wochen. Ganz abgesehen davon, da� sie euch unterwegs erwischen.�</p><p>�Wir sind bisher ganz gut ohne euch durchgekommen�, murrte Herger Skar drehte sich unwillig um und sah ihn scharf an. �Halt endlich den Mund�, sagte er. �Niemand zwingt dich mitzukommen.� Herger l�chelte abf�llig. �Nat�rlich nicht. Diese Quorrl-Banditen werden mir ein Pferd und Vorr�te geben, wenn ich sie darum bitte, wie? Und ein halbes Dutzend Pfeile. In den R�cken.�</p><p>�Es w�re Verschwendung, dich mit einem Pfeil zu bedenken�, sagte Mork trocken. �Ich w�rde dich an die Daktylen verf�ttern.�</p><p>�Es ist genug, Mork�, mischte sich Laynanya ein. Sie sprach scharf, aber trotzdem meinte Skar, einen am�sierten Unterton in ihrer Stimme zu vernehmen. �Skar hat recht�, fuhr sie zu Herger gewandt fort. �Du bist ein freier Mann. Wenn du es willst, dann bekommst du ein Pferd und genug Lebensmittel f�r zwei Wochen und kannst gehen, wohin du willst.�</p><p>Herger sch�rzte die Lippen, �Unsinn�, murrte er. �Ich begleite Skar. Und ich nehme an, ein paar von euch auch.�</p><p>Laynanya nickte unger�hrt. �Nat�rlich. Oder k�nnt ihr die Daktylen allein reiten? Au�erdem w�rdet ihr nicht in die Stadt kommen. Elay ist kein Bauerndorf, in das man sich nach Belieben einschleichen kann. Legis und ein paar M�nner werden euch begleiten und euch den Weg in die Stadt zeigen. Danach seid ihr auf euch allein gestellt. Das ist alles, was wir euch an Hilfe bieten k�nnen. Und es ist schon mehr, als wir eigentlich d�rften.�</p><p>�Ihr habt eine seltsame Art, euch nicht einzumischen�, antwortete Herger.</p><p>�Herger!� sagte Skar warnend. Aber der Hehler ignorierte ihn. �So wie ich die Sache sehe, schickt ihr uns auf dem schnellsten Wege nach Elay und hofft, da� wir dort eure Arbeit verrichten. Gelingt es uns, bis zu Vela vorzudringen, habt ihr den Nutzen davon - wenn nicht, verliert niemand etwas. Au�er uns, versteht sich. Wir sind dann tot.�</p><p>�Wir sind hier nicht auf dem schwarzen Markt in Anchor, Herger�, sagte Legis ver�rgert. �Du brauchst nicht zu feilschen. Und es spielt gar keine Rolle, ob du recht hast oder nicht.�</p><p>Herger fuhr auf, aber Skars Geduld ri� endg�ltig. Er fuhr herum, packte den Hehler grob bei der Schulter und dr�ckte kurz und hart zu. Hergers Gesicht verzog sich schmerzhaft.</p><p>�Es reicht�, sagte Skar. �Ich wei� nicht, worauf du hinauswillst, aber es reicht. Du wirst jetzt den Mund halten, oder unsere Wege trennen sich hier.�</p><p>�Worauf ich hinauswill?� Herger sch�ttelte Skars Hand ab und rieb sich die schmerzende Schulter. �Das will ich dir sagen, Skar. Wahrscheinlich hast du die letzten Stunden mit dieser <emphasis>Errish </emphasis>verbracht und angenehm geplaudert, aber ich hatte das Vergn�gen, mich in Gesellschaft der Quorrl zu befinden. Wenn du glaubst, sie w�ren unsere Freunde oder auch nur unsere Verb�ndeten, dann t�uschst du dich. Sie hassen uns, und sie hassen die <emphasis>Errish. </emphasis>Dieser Mork w�rde Bauchschmerzen vor Lachen bekommen, wenn sie uns erwischen und am h�chsten Turm der Stadt aufh�ngen w�rden.�</p><p>Skar hatte pl�tzlich das dringende Bed�rfnis, Herger eine schallende Ohrfeige zu versetzen, aber er beherrschte sich. �Gut�, erwiderte er, so ruhig er konnte. �Du hast gesagt, was du sagen wolltest. Und jetzt la� uns gehen.� Er wandte sich abermals um und sah Laynanya an. �Wir nehmen dein Angebot an.�</p><p>�Das habe ich gehofft.� Laynanya bewegte sich unruhig. �Und nun entschuldigt mich - meine Zeit ist begrenzt. Legis wird euch zu euren Quartieren begleiten und euch alles erkl�ren, was zu erkl�ren n�tig ist.� Sie drehte sich halb um, z�gerte mitten im Schritt und sah Skar noch einmal an. �Vielleicht sehen wir uns wieder�, sagte sie. �Ganz egal, wie euer Unternehmen ausgeht - ihr seid willkommen bei uns.�</p></section><section><title><p id="_18">18.</p></title><p>Drau�en war es noch hell, aber in der H�hle herrschte noch immer das graue Zwielicht vom vergangenen Abend. Der Vorhang aus Pflanzenfasern sperrte das Tageslicht aus und schuf hier drinnen einen Bereich ewiger D�mmerung, den auch das Licht der unz�hligen Pechfackeln nicht nennenswert aufhellen konnte. Der scharfe Raubtiergestank der Daktylen durchdrang die Luft, und ab und zu wehte der kr�chzende Schrei eines der Flugsaurier wie ein Laut aus einer fremden Welt her�ber.</p><p>Skar fror. Er trug Stiefel, Lendenschurz und seinen ledernen Harnisch, dar�ber einen d�nnen, schwarzen Mantel, den ihm Legis gegeben hatte. Aber das Kleidungsst�ck diente wohl eher zur Tarnung als zum Schutz vor der K�lte.</p><p>�Wir sind soweit�, sagte Legis.</p><p>Skar schrak aus seinen Gedanken hoch und wandte sich mit einer �bertrieben hastigen Bewegung zu der <emphasis>Errish </emphasis>um. Herger und er waren am Eingang zur�ckgeblieben, w�hrend Legis und Mork zu den Daktylen in den hinteren Teil der H�hle hin�bergegangen waren, um die Tiere f�r den Flug auszuw�hlen und vorzubereiten. �Sobald die Sonne untergeht, k�nnen wir aufbrechen�, setzte Legis hinzu.</p><p>�Wir?� fragte Herger lauernd. �Wer ist das?�</p><p>�Ihr zwei, ich, Mork und ein paar von unseren M�nnern.�</p><p>�Und wie viele Quorrl?�</p><p>Legis warf Skar einen hilfesuchenden Blick zu, aber Skar schwieg. Er hatte Herger mehr als deutlich gesagt, was er von seinem �bersteigerten Mi�trauen hielt, und er hatte einfach keine Lust mehr, sich st�ndig f�r den Hehler zu entschuldigen. Wenn Herger es f�r gut befand, sich �rger einzuhandeln, dann sollte er es tun. Skar hatte allm�hlich einen Punkt erreicht, an dem es ihm gleichg�ltig war, was mit Herger geschah.</p><p>�F�nf�, sagte Legis nach kurzem Z�gern.</p><p>Herger schnitt eine Grimasse. �Ihr seid wirklich sehr um unsere Sicherheit besorgt�, murrte er. �Oder habt ihr vielleicht Angst, wir k�nnten es uns anders �berlegen und unterwegs die Richtung wechseln?�</p><p>In Legis' Gesicht arbeitete es. Ihre Augen flammten, aber der Zornesausbruch, den Skar erwartete, blieb aus. Sie sch�ttelte blo� den Kopf, sagte ein leises, abf�llig klingendes Wort, das weder Skar noch Herger verstand, und wandte sich abrupt ab, um zu den Daktylen zur�ckzugehen.</p><p>Skar folgte ihr, aber die <emphasis>Errish </emphasis>ging so schnell, da� sie den Verschlag mit den gro�en Flugechsen schon fast erreicht hatte, als er sie einholte.</p><p>�Ehrw�rdige Frau�, sagte er, bewu�t die offizielle, ehrenvolle Anrede w�hlend, �wartet.�</p><p>Legis blieb stehen, starrte einen Moment wortlos vor sich hin und drehte sich dann mit sichtlichem Widerwillen um.</p><p>�Es ... tut mir leid�, begann Skar unsicher. �Du darfst es Herger nicht �belnehmen. Er ...�</p><p>�Er hat Angst�, fiel ihm Legis ins Wort. �Und er hat recht - wenigstens von seinem Standpunkt aus. Das war es doch, was du sagen wolltest, oder?�</p><p>Skar war verwirrt. �Nun ...�</p><p>�Wir sind allein, Skar�, fuhr Legis fort. �Weder Laynanya noch Mork oder einer der anderen Quorrl ist in der N�he. Du brauchst dich also nicht zu verstellen.� Sie l�chelte fl�chtig, aber es war eher eine Miene des Schmerzes. �Warum bist du nicht ehrlich, Satai? Du behauptest, nichts mit Herger zu schaffen zu haben, aber du vergi�t, da� wir deine Gedanken kennen. In Wahrheit magst du ihn, weil er jemandem �hnelt, den du gekannt hast. Und in Wahrheit denkst du so wie er. Nur da� er den Mut - oder die Dummheit, das kommt darauf an - besessen hat, seine Gedanken laut auszusprechen.�</p><p>Skar atmete h�rbar ein. Er war Legis gefolgt, um sich bei ihr zu entschuldigen, nicht aus Furcht oder H�flichkeit, sondern weil er sp�rte, da� die <emphasis>Errish </emphasis>vielleicht von allen im Lager die einzige war, die es wirklich ehrlich mit ihm meinte. Selbst bei Laynanya war er da nicht sicher. Aber er begann allm�hlich einzusehen, wie schwer es war, mit einem Menschen zu reden, der seine geheimsten Gedanken und Gef�hle kannte.</p><p>�Er hat recht�, sagte Legis noch einmal. �Und du wei�t es. Wenn du Erfolg hast, gewinnen wir. Wirst du get�tet, verlieren wir nichts. Der Entschlu�, euch dabei zu helfen, nach Elay zu kommen, war schon gefa�t, bevor du aufgewacht bist.� Sie seufzte. �Ich d�rfte dir all das nicht sagen, aber ich glaube, du wei�t es ohnehin.� Sie ging langsam weiter, tauchte unter den straff gespannten Seilen, die die H�hle in zwei Bereiche teilten, hindurch und blieb neben einer Daktyle stehen. Skar ging dicht neben ihr, obwohl ihn die N�he der riesigen Saurierv�gel noch immer mit einem vagen Gef�hl der Furcht erf�llte. Etwas war in den winzigen Augen der Daktylen, das nicht dorthin geh�rte. �Du bist nicht der einzige, der sich selbst bel�gt, Skar�, fuhr Legis fort. Sie sah ihn nicht an, sondern schien ganz darauf konzentriert, den schuppigen Hals der Echse zu streicheln. Sie sprach schnell, und Skar hatte den Eindruck, da� es weniger eine Antwort auf seine Frage war, sondern da� sie sich etwas von der Seele redete. Vielleicht hatte sie nur darauf gewartet, da� er ihr Gelegenheit gab, ihm all dies zu erz�hlen. �Wir bel�gen uns alle. Mit jedem Atemzug, den wir tun. Wir wiegen uns in Sicherheit und glauben, da� es gen�gt, die Augen zu schlie�en, um die Wahrheit zu verleugnen.� Sie sch�ttelte den Kopf, drehte sich nun doch zu ihm herum und lehnte sich mit einer ersch�pften Bewegung gegen die Echse, die unwillig kr�chzte, aber stehenblieb.</p><p>�Ich nehme mich da nicht aus, Skar. Du hast Laynanya geh�rt. �Wir wollen keinen Krieg, aber wir wehren uns, wenn man ihn uns aufzwingt...� Das ist Unsinn. Wir sind geflohen, Skar, aber sie wei� so gut wie ich oder irgendeiner hier im Lager, da� es zum Kampf kommen wird, und das bald.�</p><p>�Dann wi�t ihr auch, da� ihr keine Chance habt�, sagte Skar hart.</p><p>Legis nickte. Ein Schatten schien �ber ihre Z�ge zu huschen. �Wenn wir es bis gestern nicht gewu�t h�tten, jetzt wissen wir es. Wir k�mpfen nicht gegen einen Feind aus Fleisch und Blut, sondern gegen die Macht der Alten.�</p><p>�Vela ist noch immer ein Mensch�, widersprach Skar. �Einen Gegner zu �bersch�tzen ist so gef�hrlich wie ihn zu untersch�tzen, glaub mir.�</p><p>�Ein Mensch?� wiederholte Legis fragend. �Sicher. Aber ein Mensch, der mehr Macht in H�nden h�lt als je ein einzelner Mensch zuvor. Nicht einmal die Alten selbst, Skar. Sie waren viele, ein ganzes Volk, und sie brauchten �onen, um den Stein zu schaffen. Vela hat ihn erst seit wenigen Wochen, und doch ist sie schon m�chtig genug, den Lauf der Jahreszeiten zu �ndern und ein ganzes Volk unter ihren Willen zu zwingen. Die Quorrl sind nicht freiwillig in unser Land eingefallen.�</p><p>Skar zuckte mit den Achseln. Legis wollte nicht wirklich eine Antwort, das sp�rte er. Sie wollte reden, aber nicht mit ihm, sondern nur reden. Die Daktyle w�re ein genauso guter Zuh�rer gewesen wie er. Trotzdem sagte er nach kurzer �berlegung: �Immerhin sind die Quorrl jetzt bei euch. So ganz scheint das mit der Beherrschung eines ganzen Volkes nicht zu klappen.� Er hatte absichtlich leichthin gesprochen, aber der lockere Tonfall verfehlte seine Wirkung. Legis wirkte im Gegenteil noch nachdenklicher. �Die wenigen, die noch am Leben sind, meinte ich, Skar. Sie waren mehr als f�nftausend - f�nftausend Krieger, und dazu kamen die Alten und die Kinder. Jetzt lebt nur noch eine Handvoll von ihnen. Die, die du hier siehst, und vielleicht noch einmal so viele, die in kleinen Gruppen durch das Land ziehen und verzweifelt versuchen, irgendwie zu �berleben. Sie sind nicht mehr von Wert f�r sie, Skar. Sie hat erreicht, was sie wollte. Die paar, die �brig sind, hat sie weggeworfen wie ein Werkzeug, das nicht mehr richtig arbeitet.�</p><p>�Du sprichst sehr bitter �ber jemanden, von dem du vor ein paar Stunden nicht einmal wu�test, da� es ihn gibt�, sagte Skar leise.</p><p>�Du t�uschst dich, Skar. Wir wu�ten ihren Namen nicht, und wir wu�ten nicht, wer sie ist. Aber wir wu�ten, da� auf dem Thron von Elay nicht mehr die sitzt, die wir gew�hlt haben.�</p><p>Skar schwieg eine Sekunde lang. Da war etwas an Legis' Worten, das ihn st�rte, ein Fehler in ihrer Argumentation, der ihm schon w�hrend seines Gespr�ches mit Laynanya aufgefallen war, ohne da� er ihn wirklich erkannt hatte.</p><p>�Wieso ... hat es au�er euch niemand gemerkt?� fragte er. �Ob die Margoi f�r euch eine G�ttin ist oder nicht - euch ist aufgefallen, da� etwas mit ihr nicht mehr stimmt, und ...�</p><p>�Und den anderen nicht, meinst du?� Legis machte eine undefinierbare Geste, stie� sich von der Daktyle ab und trat mit vor der Brust verschr�nkten Armen auf ihn zu. Skar unterdr�ckte den Impuls, die gleiche Entfernung zur�ckzuweichen. Was zwischen ihnen war, war noch lange kein Vertrauen, aber wenigstens eine Vorstufe davon. Er wollte es nicht durch eine unbedachte Geste zerst�ren. �Wir alle�, sagte Legis betont, �haben es nicht gemerkt. Es war Laynanya - sie ist... etwas Besonderes, wei�t du. W�re das alles nicht passiert, dann ... dann w�re sie wahrscheinlich die neue Ehrw�rdige Mutter geworden. Sie ist so talentiert wie die Margoi, vielleicht noch talentierter. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.�</p><p>�Wegen des Kindes?� fragte Skar.</p><p>Legis nickte. �Ja. Sie ist entehrt. Jedenfalls w�rdest du es so nennen. Selbst wenn wir siegen und Elay wieder frei wird, wird sie nie wieder die sein, die sie war.�</p><p>Skar z�gerte. �Warum ... warum macht sie es nicht weg?� fragte er.</p><p>Legis erschrak sichtlich. �Du ...� Sie stockte, suchte f�r die Dauer eines Atemzuges nach den richtigen Worten und sch�ttelte dann entschieden den Kopf. �Wir <emphasis>Errish </emphasis>retten Leben�, sagte sie mit vollkommen ver�nderter Stimme. �Wir vernichten es nicht.�</p><p>�Auch unerw�nschtes Leben nicht?�</p><p>�Es gibt kein unerw�nschtes Leben�, widersprach Legis. �Das Kind, das sie in sich tr�gt, mag ein Kind der Gewalt sein, ein Bastard, der gegen ihren Willen gezeugt wurde - aber es ist ein unschuldiges Wesen, Skar. Wir haben nicht das Recht, ihm sein Leben zu nehmen, bevor es begonnen hat.� Es war ein eingelernter Text, irgendeine Strophe aus irgendeinem ihrer komplizierten Gesetze, die sie vor Jahrzehnten vielleicht einmal auswendig gelernt hatte und herunterbetete, ohne wirklich noch dar�ber nachzudenken; das sp�rte Skar. Aber es war auch Wahrheit darin, und er widersprach nicht, obwohl ihm die Entgegnung auf der Zunge lag. Er war beinahe froh, als hinter ihnen schwere, stampfende Schritte laut wurden und Morks Erscheinen ihr Gespr�ch unterbrach. Der Quorrl trug noch immer R�stung und Waffen, hatte sich aber - wie sie alle - zus�tzlich in einen nachtschwarzen, d�nnen Mantel geh�llt. Das Kleidungsst�ck schien die d�stere Ausstrahlung, die von seinem Reptiliengesicht ausging, noch zu unterstreichen.</p><p>�Wir sind bereit�, sagte er �bergangslos. �Die Sonne geht unter, und der Weg nach Elay ist weit.�</p><p>Legis nickte. �Gut. Die Tiere sind gef�ttert?�</p><p>Mork l�chelte knapp und neigte in einer sp�ttisch �bertriebenen Verbeugung das Haupt. �Selbstverst�ndlich, Ehrw�rdige Frau�, sagte er. �Aber ich w�rde vorschlagen, da� wir nicht noch mehr Zeit mit Reden verschwenden, sondern jetzt aufbrechen.� Ohne eine Antwort abzuwarten, gab er einem seiner M�nner einen Wink und rief ein Wort in seiner dunklen, gutturalen Sprache. Skar sah sich unwillk�rlich nach Herger um. Der Hehler war hinter dem Eingang stehengeblieben; zu weit, als da� Skar sein Gesicht erkennen konnte. Aber er war nerv�s. Nerv�s und �ngstlicher, als er zugeben wollte. Und auch Skar selbst erging es kaum anders, aber er konnte sich wenigstens einreden, da� es die V�gel und der Gedanke an den stundenlangen Flug durch die Nacht waren, die ihm Unbehagen bereiteten.</p><p>Er straffte sich, fuhr in einer nerv�sen, �berfl�ssigen Geste gl�ttend �ber seinen Mantel und wandte sich an den Quorrl. �K�nnen die Tiere das Gewicht von zwei Menschen eine so weite Strecke tragen?�</p><p>�Nein�, sagte Mork unger�hrt. �Wir werfen euch unterwegs ab, wenn die Last zu gro� wird.� Er bleckte in einer erschreckenden Imitation eines menschlichen Grinsens sein Raubtiergebi� und deutete mit der Linken zum Ausgang. �Wir warten auf euch.� Er wandte sich ab und wollte gehen, aber Skar hielt ihn grob am Arm zur�ck. �Ich bin nicht Herger�, sagte er w�tend. �Du kannst deine Scherze mit ihm treiben, wenn es dir beliebt, aber nicht mit mir. Also?�</p><p>Mork starrte ihn einen Augenblick wortlos an, ri� pl�tzlich seinen Arm los und legte die Linke auf den Schwertgriff.</p><p>�Die Daktylen tragen euer Gewicht, Skar� grollte er. �Und wir werden Reservetiere mitnehmen - f�r den R�ckweg. Ist deine Frage damit beantwortet?� Legis ber�hrte Skar am Arm und warf ihm einen warnenden Blick zu, aber er ignorierte sie.</p><p>�Nein�, sagte er. �Es sei denn, du sagst mir endlich, was ich von dir zu halten habe, Quorrl. Ich reise nicht gern mit M�nnern, von denen ich nicht wei�, ob sie Verb�ndete oder Feinde sind.�</p><p>�Das eine schlie�t das andere nicht aus, oder?� entgegnete Mork. �Aber ich will dir deine Frage beantworten, Satai: Ich bin ein Quorrl, und du bist ein Mensch. Menschen haben meinen Stamm ausgel�scht, und Menschen haben mein Volk unterdr�ckt, solange ich denken kann. Erwartest du Zuneigung von mir?�</p><p>�Und trotzdem k�mpfst du jetzt gemeinsam mit Menschen -�</p><p><emphasis>�Gegen </emphasis>Menschen�, fiel ihm Mork erregt ins Wort. �Auch der L�we und die Antilope fl�chten gemeinsam, wenn die Steppe brennt, erinnerst du dich? Wir werden beide bedroht, aber das macht uns nicht zu Br�dern. Ich habe mit angesehen, wie mein Vater und mein Weib erschlagen wurden, von Menschen, Skar. Ihr haltet uns f�r Tiere und werft uns Brutalit�t vor, aber ich habe Dinge mit ansehen m�ssen, die kein Tier einem anderen antun w�rde, Dinge, die M�nner deines Volkes getan haben, Satai.� Er schwieg einen Moment, atmete h�rbar ein und krampfte die Hand noch fester um den Schwertgriff. Sein Atem ging schneller, und Skar konnte f�hlen, wie erregt der riesige Quorrl war, auch wenn er sich alle M�he gab, beherrscht zu wirken.</p><p>�Ich glaube nicht, da� es dir oder mir nutzt, wenn wir uns jetzt gegenseitig Vorw�rfe machen. Auch ich habe Greuel gesehen, die von Quorrl begangen wurden.�</p><p>�Wer hat mehr get�tet, Skar?� fragte ihn Mork. �Quorrl Satai oder Satai Quorrl?� Er schnaubte. �Du wolltest wissen, was du von mir zu halten hast - jetzt wei�t du es. W�re es nach mir gegangen, h�tten wir euch beide get�tet, als wir euch drau�en auf der Ebene getroffen haben. Aber diese Arbeit nehmen uns jetzt andere ab.�</p><p>Er fuhr herum und stapfte davon. Skar sah ihm nach, bis er die H�hle verlassen hatte, sch�ttelte den Kopf und blickte Legis an. �Ich wollte dich warnen, Skar�, sagte die <emphasis>Errish. </emphasis>�Aber...� Skar winkte ab. �Mir ist ein Feind, den ich kenne, lieber als einer, von dem ich nicht wei�, was ich von ihm zu halten habe�, sagte er.</p><p>�Er ist nicht dein Feind�, widersprach Legis. �Er ist... verbittert, aber nicht b�se. Sein Stamm wurde vernichtet. Vielleicht werden wir alle so wie er, wenn wir uns noch lange hier verkriechen m�ssen. Vielleicht sind wir es auch schon und haben es nur noch nicht gemerkt.�</p><p>Diesmal, das sp�rte Skar, erwartete sie eine Antwort; Widerspruch. Aber diesmal schwieg er.</p><p>Die Stadt war ein Schatten; ein Gebirge aus Dunkelheit und zu Materie gewordener Nacht, das in unbestimmbarer Entfernung vor dem Himmel aufwuchs und das Land in weitem Umkreis beherrschte. Skar sch�tzte, da� sie noch mehr als drei Meilen von der ersten der drei hintereinander gestaffelten Mauern entfernt waren, aber er hatte trotzdem bereits das Gef�hl, von den gewaltigen Mauern und T�rmen erdr�ckt zu werden. Elay war gro�, ungeheuer gro�; keine Festung, sondern eine Stadt, die als Festung angelegt und erbaut war. Selbst Ikne h�tte gegen dieses Gebirge aus Stein und Dunkelheit wie ein Bauernhof gewirkt.</p><p>�Nun?� fragte Legis neben ihm. �Bist du beeindruckt?�</p><p>�Eher �berrascht�, antwortete er leise. Obwohl sie noch weit von der Stadt entfernt waren und die Nacht und das klagende Ger�usch des Windes ihnen Deckung genug gaben, senkte er unwillk�rlich die Stimme. Dabei hatte er aber nicht Angst davor, von den Posten oben auf den Wehrg�ngen oder von einer Patrouille entdeckt zu werden; diese Gefahr bestand kaum. Die Daktylen hatten die letzten Meilen im Tiefflug zur�ckgelegt, eine Schwadron gewaltiger, lautloser Schatten, die nur mannshoch �ber dem Boden dahingestrichen und mit der Nacht verschmolzen gewesen waren. Von Legis wu�te er au�erdem, da� es so etwas wie Patrouillen kaum gab. Es war eher, als bef�rchte er, die Stadt selbst zu erwecken. Elay war mehr als eine Ansammlung von H�usern und T�rmen, und es war nicht nur ihre Gr��e, die diesen Eindruck hervorrief. Er konnte die Stadt selbst jetzt nicht deutlich erkennen trotz ihrer gewaltigen Ausma�e. Ihre Umrisse schienen best�ndig zu flie�en, auf und ab zu wogen wie nachtdunkle Nebelschwaden, und ein kaum sp�rbarer Hauch unseliger schwarzer Magie streifte Skars Seele, als er den Panzer, den er um seine Gef�hle gelegt hatte, f�r einen Moment �ffnete. Es war, als w�rde die Stadt leben, als w�re sie nichts als ein gewaltiges, schlafendes Tier. Er begriff pl�tzlich, warum die <emphasis>Errish </emphasis>ausgerechnet hier ihr Heiligtum errichtet hatten, und warum Elay auch die Verbotene Stadt genannt wurde.</p><p>��berrascht?� Legis' Stimme ri� ihn abrupt in die Wirklichkeit zur�ck. �Du hast es dir anders vorgestellt?�</p><p>�Ich habe es mir �berhaupt nicht vorgestellt�, sagte Skar. �Aber so auf keinen Fall. Es ist so ...�</p><p>�D�ster�, half Legis aus. Sie nickte. �Mir ging es ebenso, als ich die Stadt zum ersten Mal sah. Elay erschreckt jeden, der zum ersten Mal herkommt. Sie wurde nicht von Menschen erbaut. Es ist eine Stadt der Alten. Die letzte, die es noch gibt.�</p><p>Skar wu�te, da� das nicht stimmte. Elay war weder eine Stadt jenes Volkes, das Combat errichtet hatte, noch war es die letzte ihrer Art. Er hatte schon einmal eine solche Stadt gesehen, einen steingewordenen Alptraum aus Schwarz und Fremdartigkeit; aber das war lange her: ein Jahr und ein Leben. Und er hatte pl�tzlich das Gef�hl, der L�sung des R�tsels ganz nahe zu sein.</p><p>Doch er sagte nichts von alledem, sondern wandte sich wortlos um und ging zu der Baumgruppe zur�ck, in deren Schutz die Daktylen gelandet waren. Legis folgte ihm. Sie hatten zwei von Legis' M�nnern als Kundschafter zur Stadt geschickt. Bis sie zur�ckkommen w�rden, konnten sie nichts anderes tun als warten.</p><p>Skar mu�te wieder die Disziplin bewundern, die die gewaltigen Flugwesen an den Tag legten. Starr wie riesige lederne Statuen sa�en sie da, in einem perfekten, nur an einer Stelle offenen Kreis, der eine lebende Schutzmauer f�r die Menschen und Quorrl in seinem Inneren bildete. Keine der Daktylen gab auch nur das leiseste Ger�usch von sich. Die Leistung, die die Quorrl mit der Dressur dieser Bestien vollbracht hatten, stand der der <emphasis>Errish </emphasis>und ihrer Feuerechsen kaum nach.</p><p>Ein seltsames Gef�hl machte sich in Skars Innerem breit, als er in den Kreis trat und sich wortlos neben Herger zu Boden sinken lie� - keine Erregung, wie es normal gewesen w�re, sondern beinahe das Gegenteil, eine dumpfe, bet�ubende Entspannung. Er war sich pl�tzlich seines K�rpers so bewu�t wie selten zuvor in seinem Leben. Er f�hlte jeden Muskel, jeden einzelnen Nerv in seinem Leib; eine Empfindung, die wie eine warme, einschl�fernde Woge durch seinen K�rper str�mte, ein Gef�hl, wie er es manchmal schon, wenn auch noch nicht ann�hernd so stark, vor einem Kampf gehabt hatte. Und ein Gef�hl des Endg�ltigen. Seine Irrfahrt war vorbei. Vela war hier, noch wenige Kilometer entfernt, und er wu�te einfach, da� die Entscheidung jetzt fallen w�rde. Ganz egal, wie dieser ungleiche Kampf ausging - er w�rde enden, noch bevor die Sonne das n�chste Mal unterging. Skar versuchte noch einmal, sich alle Stationen seines Weges vor Augen zu f�hren, aber seine Gedanken weigerten sich, in geordneten Bahnen abzulaufen, und echte Erinnerungen begannen sich mit Traum und Furcht zu vermischen.</p><p>Er sch�ttelte die Bilder ab, beugte sich vor und nahm etwas von dem kalten Fleisch, das Mork Herger und ihm gegeben hatte. Er war nicht hungrig, aber er w�rde seine Kr�fte dringend brauchen, und sie w�rden kaum mehr zum Essen oder Trinken kommen, wenn sie erst einmal in der Stadt waren.</p><p>Unwillk�rlich sah er sich nach Legis um. Weder Laynanya noch sie oder Mork hatten auch nur mit einer Andeutung verraten, wie sie in die Stadt hineingelangen wollten, und Skar hatte bisher stillschweigend angenommen, da� es ein geheimes Tor oder etwas �hnliches geben w�rde, durch das er sich einschleichen konnte. Aber jetzt, nachdem er die Stadt gesehen hatte, wu�te er, da� das nicht der Fall war.</p><p>�Wonach suchst du?� fragte Herger, der seinen Blick bemerkt hatte.</p><p>Skar �berging die Frage. �Unsere Wege trennen sich hier�, sagte er.</p><p>Herger lie� das St�ck Fleisch, das er gerade zum Mund f�hren wollte, verbl�fft sinken und starrte ihn an. �Wie meinst du das?� fragte er.</p><p>�So wie ich es gesagt habe�, antwortete Skar. Er war nicht zum Reden gekommen w�hrend des Fluges. Der eisige Wind und die Furcht hatten seine Lippen gel�hmt, aber er hatte Zeit gehabt nachzudenken. Er wu�te jetzt, da� es ein Fehler gewesen war, sich nicht schon fr�her von Herger zu trennen. Eigentlich hatte er es die ganze Zeit �ber gewu�t. Es war nur bequemer gewesen, mit ihm zu reiten.</p><p>Er deutete mit einer Kopfbewegung in die Richtung der Stadt. �Wir sind am Ziel�, sagte er. �Du wolltest mich nach Elay bringen, und wir sind da.�</p><p>�Und jetzt erwartest du, da� ich hierbleibe und warte, bis du zur�ckkommst oder auch nicht?� fragte Herger. Seine Stimme zitterte.</p><p>�Nat�rlich nicht�, entgegnete Skar. �Aber -�</p><p>�Du irrst dich, Satai�, fiel ihm Herger ins Wort, �wenn du denkst, da� die Sache damit erledigt ist. Ich werde dich begleiten, und wenn du geradewegs in die H�lle marschieren solltest. Du bist mein Kapital, vergi� das nicht. Alles, was ich noch habe, bist du.� Skar sch�ttelte geduldig den Kopf. �H�r mit diesem Unsinn auf, Herger�, sagte er ruhig. �Ich wei�, da� ich in deiner Schuld stehe, aber -�</p><p>�In meiner Schuld?� unterbrach ihn Herger erneut. �Du bist zu bescheiden, Satai. Du geh�rst mir - ich habe alles, was ich habe, auf dich gesetzt: mein Leben, mein Verm�gen, meinen Ruf. Ich m��te irrsinnig sein, wenn ich dich jetzt gehen lie�e.� Er sch�ttelte entschieden den Kopf, setzte sich gerade auf und wies nach Norden. �Du willst in diese Stadt vordringen. Gut. Ich werde dich nicht daran hindern. Aber ich werde mitkommen.�</p><p>Skar wollte auffahren, beherrschte sich aber im letzten Moment. �Du wei�t, was mich dort dr�ben erwartet�, sagte er. �Ich war ehrlich zu dir. Meine Chance, lebend aus Elay herauszukommen, ist nicht sehr gro�. Es w�re Selbstmord von dir, mitzukommen. Und es w�re gef�hrlich f�r mich.�</p><p>�Es war auch gef�hrlich f�r mich, dir zu helfen. Und Selbstmord?� Er stie� ein abgehacktes, h��liches Lachen aus. �Du hast es vielleicht noch nicht begriffen, Skar, aber ich bin schon tot. Ich war es in dem Moment, in dem ich dir Unterschlupf gew�hrte. Du bist der einzige, der mich wieder zum Leben erwecken kann.� Skar seufzte, senkte den Blick und fuhr mit den Fingerspitzen durch den lockeren Sand des Bodens. �Ich kann dich zwingen hierzubleiben�, sagte er nach einer Weile. �Ich -�</p><p>�Nein, Satai, das kannst du nicht!�</p><p>Skar fuhr �berrascht herum. Ein gewaltiger, graugeschuppter Schatten wuchs hinter ihm empor. Skar hatte nicht geh�rt, da� Mork n�her gekommen war. Der Quorrl mu�te sich lautlos wie eine Katze angeschlichen haben.</p><p>�Ich w��te nicht, was es dich angeht�, sagte Skar ver�rgert. �Aber trotzdem - was meinst du?�</p><p>�Er wird nicht hierbleiben, weil keiner von uns hierbleibt�, erwiderte Mork ruhig. �Wir gehen alle.� Er schlug seinen Mantel zur�ck, zog sein Schwert eine Handbreit aus der Scheide und deutete mit dem anderen Arm zur Stadt hin�ber. �Ich traue dir nicht, Satai, und ich traue auch diesen <emphasis>Errish </emphasis>nicht. Ich will sehen, was du dort tust, und ich will dabeisein, um es selbst zu tun, wenn du versagst.�</p><p>Skar stand langsam auf. Die Spannung, die pl�tzlich zwischen ihnen lag, war �berdeutlich zu sp�ren. Aber der Quorrl hielt seinem Blick gelassen stand. Seine Schuppen schimmerten im blassen Licht der Sterne wie mattes Metall, und er erinnerte Skar mehr denn je an ein B�ndel ungest�mer, nur scheinbar gez�hmter Kraft.</p><p>�Weder Herger noch du oder irgendein anderer werden mich begleiten�, sagte Skar. �Was ich dort dr�ben zu tun habe, ist allein meine Sache - Quorrl�, f�gte er, in absichtlich beleidigendem Tonfall, hinzu.</p><p>�Das ist es schon lange nicht mehr, Satai�, erwiderte Mork auf die gleiche Weise. �Du hast unsere Hilfe angenommen hierherzukommen. Und wenn du die Wahrheit gesprochen hast, gibt es vielleicht nur noch diese eine Chance, diese machtbesessene <emphasis>Errish </emphasis>zu t�ten. Was erwartest du? Da� ich hierbleibe und die Zukunft meines Volkes in deine H�nde lege? Wenn du das wirklich glaubst, dann bist du ein Narr, Satai.�</p><p>Ihre Stimmen waren immer lauter geworden, und Skar sah sich pl�tzlich von einem halben Dutzend schweigender Quorrl umringt. Sein Blick huschte nerv�s �ber die Reihe breitschultriger, geschuppter K�rper und kehrte zur�ck zu Mork.</p><p>Der Quorrl l�chelte kalt. �Ich w�rde es nicht tun, Skar�, sagte er. �Du kannst mich vielleicht t�ten, aber nicht uns alle.�</p><p>Skars Hand krampfte sich um den Schwertgriff. Aber er wu�te, da� er tot sein w�rde, bevor er die Waffe auch nur halb gezogen h�tte. W�rde er es mit einem Menschen zu tun haben, h�tte er vielleicht eine winzige Chance gehabt - aber bei Mork an Ritterlichkeit oder Ehre zu appellieren, war sinnlos. Der Quorrl wu�te genau, was er wollte. Er hatte es von Anfang an so geplant. Skar verdammte sich im stillen f�r seine Gutgl�ubigkeit. Schon als er Mork das erste Mal gesehen hatte, h�tte er gewarnt sein m�ssen. Der Quorrl hatte ihn nicht hierhergebracht, weil er Skar einen Gefallen tun wollte oder weil es Laynanyas Wille war. Er hatte sofort erkannt, da� ihm mit Skar die M�glichkeit in den Scho� gefallen war, endlich selbst nach Elay zu kommen und den Krieg dorthin zur�ckzutragen. Laynanya h�tte einem direkten Angriff auf die Verbotene Stadt niemals zugestimmt.</p><p>�Du wei�t, da� das gegen unser Abkommen verst��t�, mischte sich Legis ein.</p><p>Der Quorrl lachte leise. Seine Schuppen knirschten wie trockenes Holz, als er sich umwandte und mit zwei, drei raschen Schritten auf die <emphasis>Errish </emphasis>zutrat. �Welches Abkommen?� fragte er h�hnisch. �Als wir zusammenkamen, waren wir Gejagte, ihr und wir. Abkommen - ha! Unser Abkommen bestand bisher darin, uns gemeinsam unter der Erde zu verkriechen und darauf zu warten, da� ein Wunder geschieht, <emphasis>Errish.�</emphasis></p><p>Legis fuhr auf. �Ich dulde es nicht, da� -�</p><p>�Da� Quorrl mit ihrer Anwesenheit die Heilige Stadt besudeln?� fiel ihr Mork ins Wort. �So, wie es Laynanya all die Zeit nicht geduldet hat? Ihr habt euch geweigert, uns den geheimen Weg nach Elay zu verraten - habt ihr wirklich geglaubt, da� ich das stillschweigend hinnehme? Ich werde nicht zusehen, wie dieser Satai vielleicht unsere einzige Chance vergibt, Rache f�r die Vernichtung unseres Volkes zu �ben, <emphasis>Errish.�</emphasis></p><p>�Elay ist heilig!� widersprach Legis erregt. �Niemand darf die Stadt betreten, der ...�</p><p>�Niemand, mit Ausnahme eines Satai, der seine beschmutzte Ehre wiederherstellen will, nicht?� unterbrach sie Mork abermals h�hnisch. Legis wollte widersprechen, aber Mork brachte sie mit einer w�tenden Geste zum Schweigen. �Ich will diesen Unsinn nicht mehr h�ren! Euer Gerede von Ehre und Heiligt�mern und Gesetzen! Ihr habt mehr als eines unserer Heiligt�mer gesch�ndet, und ihr tretet unsere Gesetze mit F��en. Wir sind Verb�ndete, und wenn ihr meint, euer Teil des B�ndnisses best�nde im Stillhalten und Beten, soll es mir recht sein.� Er schlug wuchtig mit der flachen Hand gegen sein Schwert. �Wir sind in euren Augen vielleicht nicht mehr als Tiere, aber wir sind Tiere, die sich wehren, wenn man sie schl�gt. Mit Beten ist noch kein Krieg gewonnen worden, Legis. Mit euren Hexenk�nsten vielleicht, aber darauf verstehe ich mich nicht. Worauf ich mich verstehe, das ist das Schwert. Und ich werde es benutzen.�</p><p>Skar sah sich unauff�llig um. Rechnete er Herger und Legis nicht dazu, dann waren die Kr�fte genau gleich verteilt. Die <emphasis>Errish </emphasis>hatte f�nf von ihren M�nnern mitgebracht, und auch Mork gebot �ber f�nf Krieger. Aber es waren f�nf Quorrl - gewaltige, schuppige Kampfmaschinen, von denen es eine einzige mit einem halben Dutzend M�nner aufnehmen konnte. Er verwarf den Gedanken an einen �berraschenden Angriff wieder. Selbst wenn es ihm gel�nge, einen oder zwei der Quorrl auszuschalten, ehe sich die anderen von ihrer �berraschung erholt h�tten, w�re eine Attacke aussichtslos. Mork hatte alle Tr�mpfe auf seiner Seite. Und er war bereit zu k�mpfen, w�hrend Skar - so oder so - bei einem Kampf nur verlieren konnte.</p><p>�La� ihn, Legis�, sagte er. �Du wirst ihn nicht �berzeugen. Er hat von Anfang an auf einen Moment wie diesen gewartet.� Sein Blick suchte den des Quorrl.</p><p>Mork nickte unger�hrt. �Seit der ersten Stunde�, best�tigte er. �Und du wirst mich t�ten m�ssen, um mich von meinem Entschlu� abzubringen.�</p><p>Skar l�chelte, nahm in einer betont langsamen Bewegung die Hand vom Schwertgriff und sch�ttelte den Kopf. �Wenn wir beide morgen noch leben�, sagte er, �reden wir noch einmal dar�ber. Jetzt sollten wir gehen. Es wird bald hell. Wie kommen wir in die Stadt?�</p><p>Legis starrte ihn ungl�ubig an. �Auf dem gleichen Wege, auf dem wir geflohen sind�, sagte sie. �Aber du willst doch nicht...�</p><p>�Was ich will�, unterbrach sie Skar, �spielt im Moment keine Rolle. Zw�lf Schwerter k�nnen mehr ausrichten als eines.�</p><p>�Aber das ist Irrsinn!� begehrte Legis auf, obwohl sie l�ngst eingesehen haben mu�te, da� sie Mork nicht mehr von seinem Entschlu� abbringen konnte. Ihr Protest war nur noch ein Zeichen ihrer Verzweiflung. �Wir m�ssen durch die Drachenh�hlen. Die Tiere werden die Quorrl wittern und Alarm schlagen. Ein einzelner Mann hat eine viel gr��ere Chance, unbemerkt einzudringen.�</p><p>Skar sch�ttelte nur schweigend den Kopf.</p><p>Eine der Daktylen gab einen halblauten, kr�chzenden Ruf von sich. Mork sah auf, starrte eine Sekunde lang aus zusammengekniffenen Augen in die Dunkelheit und straffte sich. �Die Kundschafter kommen zur�ck�, sagte er.</p><p>Skar lauschte angestrengt, h�rte aber nichts. Der Quorrl mu�te �ber weitaus sch�rfere Sinne verf�gen als ein Mensch.</p><p>�Dann sollten wir aufbrechen�, sagte Skar. �Es ist eine Stunde bis zur Stadt, und die Sonne geht bald auf.�</p><p>Legis' Lippen begannen zu zittern. Aber sie sagte nichts. Nur ihre H�nde gruben sich in einer Geste hilfloser Verzweiflung tief in den schwarzen Stoff ihres Mantels.</p><p>Skar schlug die Kapuze seines Mantels hoch, �berpr�fte ein letztes Mal den Sitz seines Harnisches und des Waffengurtes und setzte sich ohne ein weiteres Wort in Bewegung.</p></section><section><title><p id="_19">19.</p></title><p>�ber den Zinnen von Elay lag noch immer schwarze, dr�uende Finsternis, eine Schw�rze, die sich noch vertieft zu haben schien, seit sie in den Schatten der gewaltigen Mauern eingetaucht waren, und die auch nicht weichen w�rde, wenn die D�mmerung hereinbrach und die Nacht vollends vertrieb. Ein eisiger Hauch ging von der Stadt aus, ein Gef�hl, das eher die Seele als den K�rper zu streifen schien, etwas wie der Atem der Zeit, all der ungez�hlten Jahrtausende, die an ihr vor�bergegangen waren, ohne auch nur die geringsten Spuren zu hinterlassen. Vom Meer, das irgendwo jenseits der zinnengekr�nten Dreifachmauern mit monotoner Wut gegen die K�ste anrollte, drangen Salzwassergeruch und der Schrei einer einsamen M�we her�ber.</p><p>Skar nahm von alldem kaum Notiz; jedenfalls nicht soweit, da� er einen bewu�ten Gedanken daran verschwendet h�tte. Die Stadt hatte ihn vollends in ihren Bann geschlagen und beherrschte seine Gedanken. Sie erf�llte ihn mit Furcht; eine Angst, die gegen alle Logik von seiner Seele Besitz ergriffen hatte und ihn langsam von innen heraus aufzufressen schien. Obwohl sie bereits so nahe daran waren, da� er meinte, nur noch die Hand ausstrecken zu m�ssen, um ihre Mauern zu ber�hren, konnte er sie immer noch nicht richtig sehen. Es war, als l�ge Elay hinter einer Wolke brodelnder, k�rperloser Finsternis; ein schattiges, zerfasertes Etwas, das sich dem direkten Blick entzog und in best�ndiger unruhiger Bewegung war. Da war etwas, eine unsichtbare, nur zu erahnende Trennlinie zwischen der Welt der Menschen und der Elays, die sie mehr sch�tzte als alle Verbote und Tabus der <emphasis>Errish. </emphasis>Es fiel Skar mit jedem Schritt schwerer, sich darauf zu besinnen, warum er �berhaupt hergekommen war.</p><p>�Dort entlang�, fl�sterte Legis. Ihr Arm deutete irgendwohin in die Dunkelheit. Skar konnte auf der anderen Seite des schmalen, vegetationslosen Streifens, der die eigentliche Mauer wie ein erstarrter Burggraben umgab, nichts erkennen au�er Schatten und der vagen Ahnung von Bewegung und Leben; das eine real und das andere eingebildet. Aber Legis schien genau zu wissen, wohin sie wollte.</p><p>Lautlos huschten sie weiter. Legis hatte die F�hrung �bernommen, als sie sich der Stadt bis auf ein paar hundert Schritte gen�hert hatten, und die Quorrl waren so weit zur�ckgeblieben, da� Skar ihre Schritte nur noch mit M�he h�ren konnte. Es erstaunte ihn noch immer, wie leise und schnell sich diese so plump anmutenden Wesen bewegen konnten, aber er - und wohl auch Legis - hatten in den letzten Stunden mehr �ber die Schuppenkrieger aus dem Norden gelernt als wahrscheinlich Generationen vor ihnen. Das meiste davon gefiel ihm nicht.</p><p>Skars Blick tastete besorgt �ber Legis' Gesicht. Es war starr, von jener gezwungenen, maskenhaften Unbewegtheit, hinter der sich ein wahrer Sturm von Gef�hlen und Empfindungen zu verbergen pflegte. Skar war sich noch immer nicht dar�ber im klaren, was wirklich hinter der Stirn der <emphasis>Errish </emphasis>vorging. Sie war der schwache Punkt in Morks Plan, und auch der Quorrl mu�te das wissen. Legis hatte sich seiner Entscheidung gebeugt, aber sie war nur vor der Gewalt zur�ckgewichen. Keiner von ihnen konnte sagen, wieviel es ihr bedeutete, einen Quorrl das Heiligtum der <emphasis>Errish </emphasis>betreten und damit entweihen zu lassen. Vielleicht w�rde sie es verhindern, selbst wenn es ihr Leben kosten sollte. Aber weder Mork noch er hatten eine andere Wahl, als sich der <emphasis>Errish </emphasis>auf Gedeih und Verderb auszuliefern. Es geh�rte nicht sehr viel Phantasie dazu, sich auszumalen, wie unm�glich es war, auf einem anderen Weg in die Heilige Stadt einzudringen. Zudem ahnte Vela zumindest, da� er fr�her oder sp�ter hier auftauchen w�rde - wenn sie es nicht schon wu�te, und sie w�re nicht sie selbst gewesen, wenn sie nicht Vorsorge getroffen h�tte, jeden Eindringling schon fr�hzeitig in Empfang zu nehmen. Sie hatten w�hrend des Fluges hierher weder Reiter noch ein anderes Anzeichen von Leben entdeckt, und die Mauern waren zu hoch und die Nacht zu dunkel, um erkennen zu k�nnen, ob auf den Wehrg�ngen �ber ihren K�pfen Wachen patrouillierten oder nicht. Aber die <emphasis>Errish </emphasis>hatte andere M�glichkeiten, mit unerw�nschten Fremden fertig zu werden. Skar schob den Gedanken mit einem lautlosen Seufzer zur Seite und beeilte sich, Legis zu folgen. Ihre Schritte waren schneller geworden, und obwohl sie kaum eine Arml�nge vor ihm ging, lie�en sie der schwarze Mantel und die Lautlosigkeit ihrer Bewegungen nahezu mit der Nacht verschmelzen. Er w�rde fr�h genug Gelegenheit bekommen, sich mit Vela auseinanderzusetzen - wenn es ihnen �berhaupt gelang, in die Stadt einzudringen. All die Warnungen und d�steren Geschichten, die um die Verbotene Stadt der <emphasis>Errish </emphasis>kreisten, fielen ihm pl�tzlich mit fast schmerzhafter Wucht wieder ein. Noch niemandem war es gelungen, gegen den Willen der <emphasis>Errish </emphasis>diese Stadt zu betreten und lebend wieder zu verlassen.</p><p>Aber schlie�lich hatte auch noch niemand eine <emphasis>Errish </emphasis>als F�hrerin gehabt, und vielleicht - wahrscheinlich sogar - hatte es noch niemand ernsthaft versucht.</p><p>Skar sp�rte beinahe so etwas wie Zorn, als ihm klarwurde, da� ihn die Aufgabe bereits zu reizen begann. Trotz allem war es eine Herausforderung, die eines Satai w�rdig war.</p><p>Aber er durfte nicht so denken. Nicht jetzt; nicht nach allem, was geschehen war. Es war zu schnell gegangen, zu �berst�rzt. Vor kaum zwei Tagen waren sie noch drau�en in der W�ste gewesen, hundert oder mehr Meilen entfernt, und die Zeit, die sie gewonnen hatten, fehlte ihm. F�r einen Moment zweifelte er fast, da� er schon bereit war. Er w�rde nur diese eine Chance haben, und vielleicht nicht einmal die.</p><p>Legis blieb so abrupt stehen, da� Skar um ein Haar gegen sie geprallt w�re. Sie waren jetzt ganz dicht an der Mauer; Skar konnte den k�hlen Hauch, den das schwarze Gestein ausstrahlte, sp�ren. Diesmal war er sicher, da� er sich das Gef�hl nicht einbildete. Der Stein war kalt, viel k�lter, als er h�tte sein d�rfen. �Wie geht es weiter?� fragte er.</p><p>Legis deutete stumm hinter sich. Ihr Gesicht war ein verschwommener grauer Fleck unter der spitzen Kapuze ihres Mantels, aber Skar glaubte trotzdem einen Ausdruck der Verzweiflung auf ihren Z�gen zu bemerken. �Wir warten auf Mork und die anderen�, sagte sie leise. �Es ist nicht mehr weit.�</p><p>Skar sah ungeduldig �ber die Schulter zur�ck. Er konnte die Quorrl jetzt h�ren; aber auch nur, weil er wu�te, worauf er zu achten hatte. Wenige Sekunden sp�ter tauchte bereits der erste breitschultrige Schatten aus der Nacht auf. Es war Mork.</p><p>Legis wartete, bis auch alle anderen heran waren, drehte sich schweigend und mit �bertriebener Hast herum und ging weiter. Skar folgte ihr dichtauf, und auch die Quorrl verzichteten jetzt darauf, weiter einen so gro�en Abstand einzuhalten. Sie bewegten sich nun unmittelbar an der Mauer entlang. Der schwarze Schlagschatten des gewaltigen Bollwerkes vertiefte die Finsternis noch mehr, obwohl Skar dies kaum noch f�r m�glich gehalten hatte. Er stolperte mehr hinter der <emphasis>Errish </emphasis>her, als er ging, und w�re nicht der eisige Hauch Elays neben ihm gewesen, h�tte er schon nach wenigen Schritten vollkommen die Orientierung verloren. Aber Legis bewegte sich so sicher, als w�re es am hellen Tag.</p><p>Der Weg schien kein Ende zu nehmen. Sie mu�ten mehr als eine Meile neben der Stadtmauer entlanggegangen sein, als Legis endlich stehenblieb und mit einer wortlosen Geste zu Boden deutete. Skar trat neben sie, kniete nieder und tastete suchend �ber den aufgeweichten Boden. Unter der fingerdicken Schicht aus Morast und klebrigem Lehm war Metall. Er grub weiter, fand einen wuchtigen, von Rost zerfressenen Ring und zog mit aller Macht daran. Aber seine Kraft reichte nicht aus. Der gu�eiserne Deckel sa� so fest, als w�re er mit dem Boden verwachsen. Erst als Mork ebenfalls niederkniete und die Kraft seiner gewaltigen Muskeln einsetzte, hatten sie Erfolg. Die Klappe scho� mit einem saugenden Ger�usch und so rasch hoch, da� Skar um ein Haar das Gleichgewicht verloren h�tte und hinten�ber gefallen w�re. Er unterdr�ckte im letzten Moment einen Fluch, stand auf und suchte nach irgend etwas, an dem er sich die H�nde abwischen konnte, fand aber nichts. Schlie�lich nahm er achselzuckend einen Zipfel seines Umhanges und rieb sich den gr�bsten Schmutz von den Unterarmen. Trotz der K�lte und des feuchten Hauches, der vom Meer her�berwehte, trocknete der Lehm fast augenblicklich und wurde zu einem starren, kribbelnden Panzer auf seiner Haut.</p><p>W�hrend Mork mit einer gewaltigen Kraftanstrengung den Verschlu� so weit nach oben stemmte, da� er senkrecht stand und sicher in seinen rostigen Scharnieren hielt, lie� sich Legis bereits in die Hocke gleiten und kroch r�ckw�rts an den sichtbar gewordenen Schacht heran. Es mu�te eine Leiter oder eine Treppe geben, denn sie fand nach kurzem Suchen mit den F��en festen Halt und verschwand rasch in der Tiefe. Skar z�gerte sekundenlang, n�herte sich dem Schacht dann auf die gleiche Weise wie sie und tastete blind mit dem Fu� nach Halt. Er sp�rte eine schmale, rostige Metallsprosse, verlagerte behutsam sein K�rpergewicht und lie� sich herabsinken. Die Leiter knarrte h�rbar unter seinem Gewicht, aber sie hielt.</p><p>Ein Schwall muffiger, abgestandener Luft, die nach Wasser und K�lte roch, schlug ihm entgegen, als er Legis in die Tiefe folgte. Er beeilte sich, obwohl seine H�nde und F��e auf den glitschigen Metallsprossen der Leiter kaum Halt fanden, und war nach wenigen Augenblicken am Grunde des Schachts angekommen. Es war nicht so dunkel, wie es von oben den Anschein gehabt hatte. Von irgendwoher - die genaue Quelle war nicht auszumachen - kam Licht, und auf dem Wasser zu seinen F��en spiegelten sich unz�hlige winzige Halbmonde aus zersplittertem Silber, so da� er seine Umgebung, wenn auch nicht genau, so doch wenigstens in vagen Umrissen wahrnehmen konnte. Er stand in einem halbrunden, kaum mannshohen Tunnel mit gemauerter Decke, die sich wenige Schritte vor und hinter ihm in Ungewisser Dunkelheit verlor. Vor ihm war ein schmaler, aus dem nat�rlichen Fels des Bodens herausgemei�elter Sims, auf dem Schimmel und gr�nliche Schmieralgen wuchsen, und der faulige Geruch, den Skar schon oben gesp�rt hatte, raubte ihm hier fast den Atem.</p><p>Skar trat hastig zur Seite, als die Leiter �ber ihm zu beben begann und Mork heruntergeklettert kam.</p><p>�Was ist das hier?� frage er leise. Die gekr�mmte Decke fing seine Stimme auf und warf sie als verzerrtes, zischelndes Echo zur�ck. Der Gang mu�te sehr lang sein.</p><p>�Die Flutkan�le�, antwortete Legis. Sie war ein paar Schritte in den Stollen zur�ckgewichen, um Platz f�r die nachdr�ngenden Quorrl zu machen. �Ein Teil der alten Anlage. Das Meer mu� fr�her weitaus h�her gestiegen sein als heute. Es gab ein ganzes System solcher unterirdischer Wasseradern. Sie wurden vor Jahrhunderten versiegelt. Diesen hier hat man vergessen. Nicht einmal die Margoi wei� von ihm.�</p><p>Skar h�tte sich gerne nach weiteren Einzelheiten erkundigt, aber Legis dr�ngte sich an ihm vorbei und verschwand mit gebeugtem Haupt in der Dunkelheit, ohne auf die letzten Nachz�gler zu warten. Skar sah sich fl�chtig nach Herger um, ehe er ihr folgte. Der Hehler war noch nicht herabgestiegen, aber Skar wu�te, da� er folgen w�rde. Morks Gef�hrten w�rden daf�r sorgen, da� niemand zur�ckblieb.</p><p>Diesmal war der Weg nicht mehr weit. Der Gang verlief kaum f�nfzig Schritte geradeaus und machte dann einen scharfen Knick nach rechts, um sich zu einer flachen, aber weitl�ufigen Katakombe auszuweiten, die offensichtlich nat�rlichen Ursprungs war und nur hier und da k�nstlich erweitert oder zugemauert worden war. Bis auf den schmalen Sims, auf dem sie hierhergekommen waren und der sich wie ein Laufsteg rings um ihre W�nde dahinzog, wurde sie zur G�nze von einem grauen, �lig schimmernden See eingenommen. Skar hielt vergeblich nach einem weiteren Ausgang Ausschau.</p><p>Legis deutete auf das schlammige Wasser. �Wir m�ssen dort hindurch. Du kannst schwimmen, hoffe ich.� Sie lie� sich auf die Knie sinken, suchte einen Moment mit den H�nden im Wasser herum und richtete sich mit einem nur halb unterdr�ckten Seufzer wieder auf. In ihren Fingern glitzerte eine d�nne, schlammverkrustete Kette.</p><p>�Nimm�, sagte sie.</p><p>Skar z�gerte einen Moment, griff widerwillig nach der Kette und blickte stirnrunzelnd auf die graue Wasserfl�che hinunter. Der Gestank lie� �belkeit in ihm aufsteigen. Das Wasser war nicht �berall so ruhig wie hier - weiter zur Mitte hin gab es Strudel und winzige, rasende Wirbel, und von Zeit zu Zeit trug die Str�mung formlose dunkle Dinge mit sich.</p><p>�Es gibt... keinen anderen Weg?� fragte er.</p><p>Legis sch�ttelte den Kopf. �Wir sind direkt unter der Mauer�, sagte sie. �Der Abflu� f�hrt direkt in die Drachenh�hle hinein - es ist nicht weit. Zehn, vielleicht f�nfzehn St��e. Die Kette weist dir den Weg.�</p><p>Skar starrte die <emphasis>Errish </emphasis>zweifelnd an.</p><p>�Wir sind auf diesem Weg aus der Stadt geflohen�, fuhr sie fort. �Zwei von uns sind ertrunken. Ihre Leichen sind noch dort unten. F�r einen Mann wie dich ist es nicht sehr schwierig. Geh!� Ihre Stimme klang pl�tzlich ungeduldig und gehetzt, und Skars Mi�trauen erwachte erneut. Vielleicht war dies die Falle, auf die er die ganze Zeit unbewu�t gewartet hatte, und der Stollen hatte nicht nach wenigen Metern einen Ausgang, sondern f�hrte geradewegs in den Tod, so da� nur ihre Leichen auf der anderen Seite ins Meer gesp�lt wurden.</p><p>Aber vielleicht war er auch einfach nur zu mi�trauisch.</p><p>�Nun mach schon�, sagte Mork hinter ihm. Skar dreht sich halb um und verlor auf dem glitschigen Untergrund um ein Haar das Gleichgewicht. Der schmale Streifen von Sternenlicht, der durch den offenstehenden Eingang in den Schacht gefallen war, war erloschen. Offensichtlich war nun auch der letzte Quorrl zu ihnen heruntergestiegen und hatte den gu�eisernen Deckel hinter sich zugezogen. Hinter den Quorrl, halbwegs verdeckt von den breitschultrigen Gestalten der Schuppenkrieger, dr�ngten sich Legis' M�nner zusammen. Der Gang war fast zu schmal, um sie alle aufzunehmen. Skars Blick tastete �ber das Gesicht des Quorrl. Die stumpfgrauen Schuppen des Riesen schienen mit der Farbe der Felsw�nde hinter ihm zu verschmelzen.</p><p>Mork nickte auffordernd. Skar schluckte die bissige Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag, hinunter, packte die Kette fester und trat widerwillig ins Wasser.</p><p>Es war kalt, viel k�lter, als er geglaubt hatte; eine d�nne, schneidende Linie m�rderischer K�lte, die an seinen Beinen und seinem K�rper emporkroch und gef�hllose Taubheit hervorrief. Skar lie� sich behutsam ganz ins Wasser gleiten, bi� die Z�hne zusammen und schwamm, die Rechte fest um die straff gespannte Kette geklammert, los. Hinter ihm glitten Legis, dann Mork und die anderen Quorrl ins Wasser.</p><p>Sie schwammen schr�g �ber den See bis weit �ber seine Mitte hinaus. Skar sp�rte, wie seine Kr�fte schon nach den ersten Z�gen nachzulassen begannen. Die K�lte saugte das Leben aus ihm heraus, l�hmte ihn und verwandelte seine Muskeln in starre, schmerzende Knoten, die sich mehr und mehr weigerten, seinen Befehlen zu gehorchen. Die Kette verschwand pl�tzlich unter ihm in der Tiefe. Er hielt an, trat einen Moment Wasser und nahm einen letzten, tiefen Atemzug, ehe er tauchte.</p><p>Die Str�mung ri� ihn mit sich. Er konnte nichts sehen, obwohl er - trotz des brennenden Schmerzes und des Widerwillens, mit dem ihn das �belriechende, schleimige Wasser erf�llte - die Augen weit ge�ffnet hielt. Sein R�cken schrammte an hartem, rissigem Stein entlang. Ein schmerzhafter Schlag prellte ihm die Kette aus der Hand, aber der Sog des abflie�enden Wassers leitete ihn sicherer, als es die Kette gekonnt h�tte. Irgend etwas schrammte an seiner Schulter entlang, und etwas Weiches, Schleimiges flo� �ber sein Gesicht und blieb einen Moment daran haften.</p><p>Skars Herz begann zu h�mmern. K�lte und Str�mung rissen weiter an ihm, verbrannten seine Haut und saugten das letzte bi�chen Kraft aus ihm heraus. In seiner Kehle sa� pl�tzlich ein dicker, schmerzhafter Klo�, der mit jeder Sekunde dicker zu werden schien. Er wollte atmen, doch es ging nicht. Seine Lungen brannten, schmerzten unertr�glich, aber selbst wenn es ihm gelungen w�re, den Mund zu �ffnen, w�re seine Kehle zu verkrampft gewesen, um zu atmen.</p><p>Und dann, von einer Sekunde auf die andere, erreichte er die Oberfl�che. Er sah Licht �ber sich, stemmte sich mit einer letzten verzweifelten Anstrengung gegen die Str�mung, die ihn weiter in die Tiefe rei�en wollte, und brach durch den Wasserspiegel. Mit raschen, gierigen Z�gen saugte er die Luft in seine Lungen, hustete, w�rgte und schwamm gleichzeitig auf das Ufer zu.</p><p>Dicht neben ihm brach Morks geschuppter Sch�del durch die Wasseroberfl�che. Der Quorrl rief etwas, das Skar nicht verstand, und deutete hektisch nach rechts. Skar ruderte mit den Armen und versuchte, sich auf der Stelle zu drehen. Der Sog der Str�mung wurde st�rker. Skar blinzelte, um wieder klar sehen zu k�nnen, spuckte einen Mundvoll Wasser aus und sah sich aufmerksam um. Sie befanden sich in einer weiteren H�hle, die aber ungleich h�her und gr��er war als die, in die der Abflu� gem�ndet hatte. Das Wasser flo� mit einem m�chtigen Rauschen durch ein schmales, k�nstlich geschaffenes Bett, das auf der rechten Seite von der Stirnwand der H�hle und auf der linken von einem gewaltigen unterirdischen Plateau begrenzt wurde. Aber das war es nicht, worauf ihn Mork hatte aufmerksam machen wollen.</p><p>Vor ihnen, wie ein Gebirge aus Fleisch und Panzerplatten, stand eine Feuerechse.</p></section><section><title><p id="_20">20.</p></title><p>�Nicht bewegen!� keuchte Mork. Sein Kopf tanzte dicht neben Skar auf den Wellen, und seine Worte gingen im Gurgeln und Rauschen des schnell flie�enden Wassers beinahe unter. Aber Skar mu�te sie nicht verstehen, um zu gehorchen. Sein Blick hing gebannt am Sch�del der gewaltigen Bestie, die kaum einen Steinwurf entfernt am Ufer des Flusses stand und mi�trauisch zu ihnen her�ber�ugte. Sie war ein Gigant, selbst f�r eine Feuerechse. Skar sch�tzte ihre Gr��e auf gute zehn Meter; nicht sehr viel weniger, als Velas Staubdrachen gemessen hatte, obwohl er weitaus massiger und kraftvoller gewesen war als diese Echse hier. Ihr Kopf pendelte st�ndig hin und her, als w�re sie auf der Suche nach irgend etwas, und das dumpfe, rasselnde Ger�usch ihrer Atemz�ge �bert�nte sogar das Tosen des Flusses.</p><p>Nach und nach tauchten auch die anderen auf - Herger zuerst, gefolgt von zwei Quorrl-Kriegern und Legis' M�nnern, die in rascher Folge durch den Wasserspiegel brachen. Die Str�mung versuchte sie auseinanderzutreiben und mit sich zu rei�en, aber die Quorrl, gegen deren gewaltige K�rperkr�fte selbst der Sog des Wasser nicht ankam, hielten sie zusammen.</p><p>Skar sah sich verzweifelt nach Legis um. Die <emphasis>Errish </emphasis>war ein paar Meter den Flu� hinuntergerissen worden und k�mpfte sich jetzt m�hsam gegen die Str�mung zur�ck.</p><p>�Der Drache!� rief er �ber das Br�llen der Wassermassen. �Kannst du ihn fortjagen?�</p><p>Es war nicht zu erkennen, ob die <emphasis>Errish </emphasis>seine Worte verstanden hatte oder nicht, aber sie �nderte ihren Kurs ein wenig und schwamm jetzt nicht mehr direkt auf ihn und die anderen zu, sondern w�rde, wenn sie die Richtung beibehielt, dicht unterhalb der Raubechse das Ufer erreichen.</p><p>Eine Hand ber�hrte Skar an der Schulter und krallte sich schmerzhaft durch den d�nnen Stoff seines Mantels. Er fuhr herum, schlug den Arm instinktiv beiseite und erkannte Herger. Sein Gesicht war eine Grimasse der Furcht, und sein Mund formte ununterbrochen lautlose Worte.</p><p>�Rei� dich zusammen!� schrie Skar.</p><p>Herger paddelte wie wild mit den Armen und versuchte immer wieder nach Skar zu greifen. In seinen Augen flackerte blinde Panik.</p><p>�Der Drache�, keuchte er. �Er wird uns t�ten, Skar.�</p><p>Skar sah instinktiv zum Ufer hin�ber. Das Ungeheuer hatte sich aufgerichtet und stand jetzt, die winzigen, arm�hnlichen Vorderl�ufe in der typischen Angriffshaltung seiner Gattung erhoben, direkt am Wasser. Der gewaltige Schwanz peitschte nerv�s den Boden. Skar wu�te, da� sie hier keineswegs in Sicherheit waren. Die Echse mu�te nur einen gro�en Schritt in den Flu� tun, um ihn und die anderen zu erreichen. Aber Skar wu�te auch, wie sehr die gewaltigen Raubechsen das Wasser scheuten. F�r das Tier mu�ten die im Flu� treibenden Menschen und Quorrl eine verlockende - und dazu leichte - Beute sein, aber seine Abneigung gegen die N�sse war st�rker. Noch.</p><p>Skar verst�rkte sein Wassertreten, weil die K�lte allm�hlich seine Glieder zu l�hmen begann. Er konnte jetzt sp�ren, wie seine Kr�fte schwanden; schneller, als er bef�rchtet hatte.</p><p>Einer der M�nner schrie pl�tzlich auf, warf in einer grotesk anmutenden Geste die Arme in die Luft und verschwand mit weit ge�ffnetem Mund im Wasser. Mork rief einem seiner Krieger einen scharfen Befehl zu. Der Quorrl tauchte, kam aber bereits wenige Augenblicke sp�ter wieder an die Oberfl�che und sch�ttelte wortlos den Kopf.</p><p>Der erste, dachte Skar d�ster. Sie hatten noch nicht einmal einen Fu� in die Verbotene Stadt gesetzt, und schon war der erste Mann tot.</p><p>�Bleibt zusammen!� schrie Mork. �Wenn euch die Str�mung davontr�gt, seid ihr verloren!�</p><p>Skar fand diese Warnung h�chst �berfl�ssig. Seine Kraftreserven waren fast ersch�pft - er w�rde den Kampf gegen die Str�mung nur noch wenige Augenblicke durchhalten.</p><p>Legis hatte mittlerweile das Ufer erreicht. Skar sah, wie sie verzweifelt versuchte, sich an der glatten Kante emporzuziehen, aber ihre H�nde fanden an dem nassen, glitschigen Stein keinen richtigen Halt, und sie glitt vier-, f�nfmal wieder ins Wasser zur�ck, ehe sie endlich oben war.</p><p>Die Feuerechse hatte ihr N�herkommen mi�trauisch verfolgt. Der gewaltige schuppige Kopf der Bestie pendelte noch immer nerv�s hin und her, und ihr Schwanz schlug monoton gegen Felsen und Stein. Es klang wie das Dr�hnen einer gewaltigen Todestrommel. Als sich die <emphasis>Errish </emphasis>auf den Felsen hinaufzog und ersch�pft auf die Knie sank, richtete sich die Echse auf und trat mit einem einzigen gewaltigen Schritt auf sie zu. Skar unterdr�ckte im letzten Moment einen Schreckenslaut.</p><p>Irgend etwas geschah zwischen der <emphasis>Errish </emphasis>und der gewaltigen Raubechse. Die beiden ungleichen Wesen starrten sich an, und es kam Skar fast so vor, als redeten sie miteinander. Die Kiefer der Echse mahlten. Ihre Klauen zuckten, �ffneten sich wie bizarre, dreifingrige H�nde und schlossen sich wieder. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, Sekunden, in denen sich die Blicke der <emphasis>Errish </emphasis>und der Feuerechse ein stummes, gnadenloses Duell lieferten. Dann, z�gernd und mit schwerf�lligen, starren Bewegungen, drehte sich das gewaltige Tier um und begann langsam zur�ckzuweichen.</p><p>�Schnell!� rief Legis. �Kommt an Land! Ich wei� nicht, wie lange ich sie zur�ckhalten kann!�</p><p>Skar sah sich noch einmal nach Herger um, sah ihn wie einen gefangenen Fisch im Griff eines Quorrl zappeln und schwamm los. Die Str�mung verst�rkte sich, als er sich dem Ufer n�herte, und er schaffte es fast nicht mehr, sich auf den glatten Felsen hinaufzuziehen. Ersch�pft brach er in die Knie, blieb einen Moment keuchend und mit h�mmerndem Herzen hocken und drehte sich dann herum, um den anderen zu helfen.</p><p>Herger war halb ertrunken, als er das Ufer erreichte. Der Quorrl, der ihn die ganze Zeit mit sich geschleift hatte, lud ihn wie eine leblose Last vor Skars F��en ab, sch�ttelte abf�llig den Kopf und ging. Skar kniete neben dem Hehler nieder, drehte ihn behutsam auf den R�cken und schlug ihm mehrmals, sanft und mit der flachen Hand, ins Gesicht. Herger st�hnte. Er hustete, erbrach w�rgend Wasser und Schleim und krampfte die H�nde �ber dem Magen zusammen.</p><p>�Alles in Ordnung?� fragte Skar.</p><p>Herger versuchte zu l�cheln, aber es mi�lang ihm kl�glich. �Wo ist... der Drache?� keuchte er.</p><p>�Fort. Legis hat ihn weggeschickt. Frag mich nicht, wie, aber sie hat es getan.�</p><p>�Es wird nicht lange halten, Skar�, sagte Legis.</p><p>Skar sah auf. Die <emphasis>Errish </emphasis>stand �ber ihm. Sie schwankte, und ihr Gesicht war grau. Das Wasser hatte die schwarze Farbe, die sie sich zur Tarnung ins Gesicht geschmiert hatte, aufgeweicht und verlaufen lassen, so da� sie ein bizarres Muster auf ihrer Haut bildete. Ihr Atem ging schnell und in hektischen St��en. �Wir m�ssen von hier verschwinden�, fuhr sie fort. �Die Tiere kommen oft zum Trinken hierher, und ich glaube nicht, da� ich die Kraft habe, es noch ein zweites Mal zu tun.�</p><p>Skar fragte nicht danach, was sie ein zweites Mal tun wollte. Er nickte, stand auf und half Herger, auf die F��e zu kommen. �Kannst du laufen?� fragte er.</p><p>Herger nickte. �Ich denke.� Er sah Legis an. �Wie geht es weiter?�</p><p>�Wir m�ssen aus dieser H�hle heraus. Weiter hinten gibt es G�nge, die zu klein f�r die Drachen sind. Dort k�nnen wir ausruhen. Kommt jetzt.�</p><p>Sie deutete mit einer vagen Geste in die Dunkelheit hinter sich, drehte sich herum und fuhr mit einer raschen, nerv�sen Bewegung �ber ihr Gewand. Als sie losging, sah Skar, da� sie hinkte; sie mu�te sich verletzt haben, entweder w�hrend des Tauchens oder beim Hinaufklettern auf das felsige Ufer.</p><p>Er versuchte vergeblich, die wattige Schw�rze vor sich mit Blicken zu durchdringen. Die H�hle war gro�, gewaltig - ein unterirdischer Dom, noch h�her als Laynanyas unterirdische Festung. Ein eisiger Hauch streifte Skars Gesicht, als er sich herumdrehte, um Legis zu folgen. Ein schwer zu definierender Geruch lag in der Luft: Drachengestank.</p><p>Sie gingen mehr als hundert Meter hinter der rasch ausschreitenden <emphasis>Errish </emphasis>her, ehe sie die gegen�berliegende Wand endlich erkennen konnten. Sie war glatt, als w�re sie poliert worden, und mit verschlungenen, bizarren Linien und Strichen �bers�t; ein Muster, das im Ungewissen grauen Licht zu leben schien. Ein gewaltiger gezackter Tunnel m�ndete im rechten Drittel der Wand in die H�hle, daneben erkannte Skar andere, viel kleinere G�nge; Stollen, die vielleicht f�r menschliche Benutzer gedacht, vielleicht auch nur zuf�llig entstanden waren.</p><p>Legis deutete auf einen der kleineren Tunnels. �Dort hinein. Es ist der k�rzeste Weg.� Ohne auf eine Antwort zu warten, beschleunigte sie ihre Schritte und verschwand geb�ckt in der dunklen �ffnung.</p><p>Das flackernde graue Licht blieb hinter ihnen zur�ck, als sie weitergingen. Skar streckte tastend die H�nde nach beiden Seiten aus und setzte vorsichtig einen Fu� vor den anderen. Es machte ihn nerv�s, nicht sehen zu k�nnen, wohin er ging. Er versuchte seine Schritte zu z�hlen, um wenigstens zu wissen, wie weit sie gingen, verz�hlte sich aber fast sofort und h�rte damit auf. Legis war irgendwo vor ihm; eine k�rperlose Quelle schleifender und raschelnder Ger�usche und hektischer Atemz�ge.</p><p>Schlie�lich wurde es vor ihnen wieder hell; der gleiche, flackernde graue Schein, der schon die gro�e H�hle drau�en erf�llt hatte. Legis ging schneller und rannte die letzten Meter fast, ehe sie mit einem erleichterten Aufatmen stehenblieb und zu Skar zur�ckblickte. Ihr Gesicht war bleich.</p><p>Skar blieb neben ihr stehen und trat zur Seite, um Platz f�r die anderen zu schaffen.</p><p>Sie alle boten einen j�mmerlichen Anblick. Sie waren durchn��t, froren und waren am Ende ihrer Kr�fte. Selbst die Quorrl hatten viel von der unb�ndigen St�rke, die sie bisher wie eine knisternde Aura umgeben hatte, verloren und wirkten nur noch m�de. Skar zitterte. Der nasse Mantel klebte auf seiner Haut und k�hlte ihn nur noch mehr aus, statt ihn zu w�rmen, und er f�hlte sich pl�tzlich so schwach, da� er sich gegen die Wand lehnen mu�te.</p><p>Er hielt nach Herger Ausschau und entdeckte ihn zwischen Legis' M�nnern. Herger wankte vor Ersch�pfung und war grau im Gesicht, aber unverletzt. Der Flug hierher hatte mehr von ihnen allen verlangt, als sie bisher selbst gemerkt hatten. Skar zweifelte pl�tzlich daran, da� sie wirklich eine Chance hatten. Vielleicht h�tte er es auf eine offene Konfrontation mit Mork ankommen lassen sollen. Wenn es zum Kampf kam, w�rden ihm weder die Rebellen noch die Quorrl eine Hilfe sein, im Gegenteil.</p><p>Aber jetzt war es zu sp�t f�r solche �berlegungen.</p><p>�Wie geht es weiter?� fragte er.</p><p>�Wir sind fast am Ziel�, antwortete die <emphasis>Errish. </emphasis>�Aber der schwerste Teil liegt trotzdem noch vor uns. Wir sollten eine Weile hierbleiben und Kr�fte sammeln.�</p><p>�Kr�fte?� fragte Herger schweratmend. �Wozu? Kommt noch eine kleine Kletterpartie oder vielleicht noch ein Wasserfall, den wir hinauf schwimmen m�ssen?�</p><p>�Das nicht�, antwortete Legis ernsthaft. �Siehst du diesen Gang?� Sie deutete mit einer Kopfbewegung hinter sich. Sie standen in einem hohen, kuppelf�rmigen Raum mit rohen, kaum bearbeiteten W�nden, die ebenfalls �ber und �ber mit verschlungenen Linien und Runen bedeckt waren; Symbole einer fremden, vor �onen untergegangenen Sprache, vielleicht aber auch nur eine sonderbare Maserung der Felsen. Auf der anderen Seite war ein niedriger, seltsam asymmetrischer Stollen zu sehen, �hnlich dem, aus dem sie gerade gekommen waren. Die Verbotene Stadt mu�te auf einem wahren Labyrinth unterirdischer G�nge und Katakomben errichtet worden sein. F�r einen Moment f�hlte sich Skar an Combat erinnert; aber diese Stadt war anders, ganz anders. �Dahinter liegt der Aufgang�, fuhr Legis fort. �Eine schmale Treppe - leicht zu verteidigen, aber fast vergessen. Und sie wird nicht damit rechnen, da� wir auf diese Weise in die Stadt eindringen.�</p><p>�Ich hoffe, sie rechnet �berhaupt nicht damit, sonst sind wir n�mlich schon jetzt so gut wie tot�, knurrte Mork.</p><p>�Keine Sorge�, sagte Legis, eine Spur zu hastig. �Es w�re ein leichtes gewesen, uns drau�en am Flu� in Empfang zu nehmen und zu t�ten.� Sie sch�ttelte heftig den Kopf. �Die Gefahr, von der ich spreche, ist eine ganz andere�, fuhr sie, zu Skar gewandt, fort. �Die Treppe f�hrt direkt in den Palast der Ehrw�rdigen Mutter hinauf. Es gibt so gut wie keine Wachen dort oben - niemand rechnet damit, da� jemand hierherkommen w�rde, um Hand an die Margoi zu legen. Aber um sie zu erreichen, m�ssen wir durch die H�hle der Drachen.�</p><p>�Die H�hle der ...� Herger schluckte ein paarmal. �Aber ich dachte, da� ...�</p><p>�Du meinst das Tier drau�en am Flu�?� Legis l�chelte d�nn. �Sie kommen ab und zu dorthin, um zu trinken. Aber sie leben hier, direkt unter dem Palast. Die Tiere vertragen das feuchte Klima der K�ste nicht und w�rden unruhig werden, wenn sie zu lange drau�en w�ren.�</p><p>�Wie viele sind es?� fragte Mork.</p><p>Legis zuckte mit den Achseln. �Ich wei� es nicht�, gestand sie. �Die Zahl ist niemals gleich - es gibt nicht sehr viele von uns, und es sind selten mehr als zehn, h�chstens ein Dutzend Drachen in Elay. Unter normalen Umst�nden�, f�gte sie hastig hinzu. �Ich wei� nicht, wie viele es jetzt sind. Bevor wir geflohen sind, begann die Margoi damit, alle erreichbaren <emphasis>Errish </emphasis>zusammenzurufen. Zum Schein, um �ber den Krieg gegen die Quorrl zu beraten.�</p><p>�Und in Wahrheit, um die auszuschalten, die sie nicht unter ihren Willen zwingen konnte�, vermutete Skar.</p><p>Legis nickte. �Das f�rchte ich. Es k�nnte deshalb sein, da� ... sehr viele Tiere dort dr�ben sind.�</p><p>�Aber du kannst sie ablenken�, sagte Herger. Seine Stimme schwankte. �Du ... du bist eine <emphasis>Errish. </emphasis>Ihr <emphasis>Errish </emphasis>redet mit den Drachen.�</p><p>Legis schwieg, aber der Blick, mit dem sie Herger ansah, sagte genug.</p><p>�Das kann sie nicht�, meinte Skar ruhig.</p><p>Herger fuhr zusammen, starrte erst Legis, dann ihn und dann wieder die <emphasis>Errish </emphasis>an. �Was ... soll das hei�en?� fragte er verwirrt. �Du bist eine <emphasis>Errish, </emphasis>und -�</p><p>�Skar hat recht�, unterbrach ihn Legis. �Ich kann es nicht mehr.� Sie schluckte. �Unsere Tiere gehorchen uns nicht mehr. Die Echse unten am Ufer abzulenken, war beinahe mehr, als ich konnte.�</p><p>�Sie ... gehorchen euch nicht mehr?� wiederholte Herger ungl�ubig. �Wie meinst du das? Wie ...�</p><p>�So wie sie es sagt, Schmuggler�, mischte sich Mork ein. �Was glaubst du, warum wir uns wie die Ratten unter der Erde verkriechen? Hast du wirklich angenommen, eine <emphasis>Errish - </emphasis>eine stolze <emphasis>Ehrw�rdige Frau� - </emphasis>er betonte die beiden letzten Worte �berm��ig und bedachte Legis mit einem fast abf�lligen Blick - �w�rde sich wie ein gemeiner Dieb in die Heilige Stadt ihres Clans einschleichen, wenn sie noch �ber ihren Drachen gebieten w�rde?� Er lachte, leise, abf�llig und vollkommen ohne Humor, schlug sich mit der Faust in die ge�ffnete Rechte und grinste, als er den Ausdruck ungl�ubigen Schreckens auf Hergers Z�gen sah. �Ist das ... ist das wahr?� keuchte Herger.</p><p>Legis nickte. �Es ist wahr.�</p><p>�Und du bist der einzige, der es noch nicht gemerkt hat�, f�gte Mork hinzu.</p><p>�Aber dann ...�</p><p>�Wenn du der Meinung sein solltest, da� es besser gewesen w�re, nicht hierherzukommen, h�ttest du recht�, sagte Skar, �Du h�ttest Laynanyas Angebot annehmen und dort bleiben sollen. Jetzt ist es zu sp�t.�</p><p>�Wir ... wir k�nnen nicht durch eine H�hle voller wilder Drachen marschieren�, stammelte Herger. �Sie werden uns umbringen.�</p><p>�Das ist m�glich�, nickte Mork. �Aber wir werden versuchen, es zu verhindern.� Er grinste erneut, wurde sofort wieder ernst und wandte sich an Legis. �Gehen wir weiter.�</p><p>Die <emphasis>Errish </emphasis>z�gerte. �Es w�re besser, wenn ... wenn ich allein vorausgehen und mich umsehen w�rde�, sagte sie stockend. �Allein?�</p><p>Skar konnte direkt sehen, wie es hinter Morks Stirn arbeitete. Der Quorrl traute der <emphasis>Errish </emphasis>nicht. Und er machte nicht viel Hehl aus seinen Gef�hlen.</p><p>�Nein�, sagte er nach kurzem �berlegen. �Wir gehen alle.�</p><p>�Die M�nner brauchen Ruhe�, widersprach Legis. �Und deine Krieger ebenfalls. Und es ist besser, wenn wir wissen, was vor uns ist.�</p><p>�Nein�, sagte Mork.</p><p>�Du traust mir nicht�, murmelte Legis. �Aber ich glaube nicht, da� jetzt der richtige Zeitpunkt ist, dar�ber zu streiten, Mork. Wenn ich euch in eine Falle h�tte locken wollen, h�tte ich es zehnmal tun k�nnen, auf dem Weg hierher. Diese H�hlen sind gef�hrlich, selbst f�r die, die sich hier auskennen. Ich m�chte weder deine noch meine M�nner in den Tod schicken, Mork.� Sie straffte sich. �Und vielleicht�, fuhr sie, sch�rfer und mit leicht erhobener Stimme, fort, �denkst du einmal dar�ber nach, da� du mich nicht zwingen kannst, deinen Befehlen zu gehorchen.� Morks Hand krampfte sich um den Schwertgriff, aber er schien einzusehen, da� er diesmal in der schw�cheren Position war. �Gut�, sagte er dumpf. �Die M�nner m�gen sich ausruhen. Vielleicht hast du recht, und sie brauchen ihre Kr�fte noch. Aber ich werde dich begleiten. Und der Satai auch.�</p><p>Legis nickte. �Dann la�t uns gehen.� Sie �ffnete die schwarze Metallspange, mit der ihr Mantel zusammengehalten wurde, warf das durchn��te Kleidungsst�ck achtlos zu Boden und strich sich mit den Fingerspitzen das Haar aus der Stirn. Dann wandte sie sich um und ging, schnell und fast �berhastet. Skar warf einen letzten Blick zu Herger zur�ck, ehe er ihr folgte. Im Gesicht des Hehlers zuckte ein Nerv. Er mu�te halb verr�ckt sein vor Furcht. Der Gang, durch den sie Legis folgten, f�hrte in einer L�nge von drei-, vierhundert Schritten geradeaus und begann sich dann langsam abw�rts zu neigen. Sie drangen tiefer in die Erde ein. Es wurde w�rmer, je weiter sie kamen, und auch das graue Licht, das aus den W�nden und der Decke zu dringen schien, nahm allm�hlich an Intensit�t zu. Der Drachengestank blieb, und Skar glaubte jetzt von Zeit zu Zeit ein dumpfes, machtvolles Grollen zu h�ren, einen Laut, als bewege sich irgendwo vor ihnen etwas ungeheuer Gro�es und Schweres. Aber vielleicht spielten ihm auch nur seine Nerven einen Streich.</p><p>Nach einer Weile wurde die Neigung des Bodens schw�cher, bis sie sich schlie�lich wieder ebenerdig bewegten.</p></section><section><title><p id="_21">21.</p></title><p>Legis' Schritte wurden langsamer; schlie�lich blieb sie ganz stehen, warf Skar und Mork einen raschen, warnenden Blick zu und legte den Finger auf die Lippen. Skar deutete ein Nicken an und lauschte. Das dumpfe Dr�hnen schien st�rker geworden zu sein, aber nach einer Weile wurde ihm klar, da� es nichts anderes als das Ger�usch seines eigenen Herzschlages war, das er h�rte.</p><p>Er starrte an Legis vorbei, konnte aber nichts au�er vagen Schatten erkennen.</p><p>�Keinen Laut mehr jetzt�, zischte die <emphasis>Errish. </emphasis>Sie sprach in jenem raschen, gehetzten Fl�sterton, den man fast ebenso weit h�ren konnte wie normales Reden, und Skar konnte ihre Nervosit�t beinahe k�rperlich sp�ren. Sie b�ckte sich ein wenig, tastete mit der Rechten an der Wand entlang, als h�tte sie pl�tzlich Angst, trotz der ausreichenden Beleuchtung den richtigen Weg zu verlieren, und ging weiter.</p><p>Sie brauchten fast zehn Minuten, um die letzten drei�ig Schritte zur�ckzulegen. Als der Gang schlie�lich endete, wu�te Skar, warum Legis sich die letzten Schritte so �bertrieben vorsichtig vorangetastet hatte.</p><p>Vor ihnen lag ein gewaltiger unterirdischer Felsendom; keine H�hle, sondern eine Welt unter der Welt, ein bizarrer Wald aus steinernen B�umen und B�schen, f�nf-, sechshundert Fu� hoch und so gro�, da� sich sein gegen�berliegendes Ende in wogender Ungewi�heit verlor. Gewaltige steinerne S�ulen trugen die Decke, und direkt vor ihnen erstreckte sich ein Labyrinth von Felstr�mmern und scharfkantigen, von Urgewalten aus dem Boden gebrochenen Brocken. Legis huschte geduckt aus dem Stollen heraus, sah sich hastig nach beiden Seiten um und ging hinter einem Felsen in Deckung. Skar folgte ihr nach sekundenlangem Z�gern auf die gleiche Weise, w�hrend Mork im Stollen zur�ckblieb und erst auf einen auffordernden Wink der <emphasis>Errish </emphasis>hin nachkam.</p><p>Der Quorrl setzte dazu an, etwas zu sagen, aber Legis legte erneut die Finger auf die Lippen und deutete nach rechts.</p><p>Skar sah erst nach Sekunden, worauf die <emphasis>Errish </emphasis>sie hatte aufmerksam machen wollen: Zwischen den Felsen bewegten sich Schatten, t�uschend klein neben den gigantischen granitenen Gebilden und nahezu unsichtbar durch ihre schuppige graue Haut. <emphasis>Drachen.</emphasis></p><p>Skar hatte pl�tzlich das Gef�hl, von einer unsichtbaren, eisigen Hand gestreift zu werden. Die Tiere waren noch weit entfernt; sieben, vielleicht acht, die er erkennen konnte, und mehr, sehr viel mehr, mu�ten sich noch in der Weite der H�hle aufhalten. Legis' Bef�rchtungen schienen sich bewahrheitet zu haben: Vela hatte die <emphasis>Errish </emphasis>zusammengerufen, und sie waren gekommen, aus allen Teilen der Welt und so schnell sie konnten, glaubten sie doch dem Ruf ihrer gew�hlten F�hrerin zu folgen. Wenn sie die Wahrheit erkannten - <emphasis>wenn </emphasis>sie sie �berhaupt erkannten -, war es zu sp�t. Erst jetzt, erst als Skar die Ansammlung gewaltiger schuppiger Raubsaurier vor sich sah und die ungeheure Macht sp�rte - nicht die Macht Velas oder ihrer geraubten Magie, sondern die Ballung primitiver, unbeschreiblicher Kraft, die die gewaltigen Ungeheuer darstellten -, begriff er, wie teuflisch Velas Plan wirklich war. Teuflisch und genial zugleich.</p><p>Selbst die Macht, die ihr der Stein verlieh, h�tte nicht ausgereicht, einen Kampf gegen die <emphasis>Errish </emphasis>zu gewinnen. Er mochte ihr �berlegenheit �ber eine oder auch ein Dutzend der Ehrw�rdigen Frauen verleihen, aber gegen eine ganze Armee der <emphasis>Errish, </emphasis>gegen die Ehrw�rdige Mutter und die geballte Kraft Elays h�tte sie selbst mit seiner Hilfe versagt.</p><p>Aber die Macht der <emphasis>Errish </emphasis>beruhte zum Gro�teil auf ihrer Gewalt �ber die Drachen. Nahm man sie ihnen, wurden sie zu ganz normalen Menschen, zu Frauen, die sich in Heilkunst und der Anwendung geheimer K�nste verstanden; sie waren aber keine Hexen mehr. Er hatte die wahre Bedeutung von Legis' Worten nicht begriffen, als sie ihm gesagt hatte, da� ihre Tiere ihnen nicht mehr gehorchten. Nicht wirklich.</p><p>�So hat sie es also getan�, murmelte er.</p><p>Legis sah auf. �Was?�</p><p>Skar deutete auf die Echsen. �Das ist der Quell ihrer Macht�, fl�sterte er. �Sie beherrscht die Drachen. Sie spricht mit ihnen - so wie ihr es getan habt, fr�her. Und damit beherrscht sie euch. Die meisten jedenfalls�, schr�nkte er ein.</p><p>Legis bi� sich auf die Unterlippe und starrte ihn an. �Unsinn�, sagte sie. �Du selbst hast mir erz�hlt, wie sie in den Besitz des Steines kam, und wie ...� Sie verstummte, als sie Skars Kopfsch�tteln sah.</p><p>�Warum bel�gst du dich selbst?� fragte Skar leise. �Du wei�t so gut wie ich, da� es so war. Du wu�test es schon die ganze Zeit. Du sagst, eure Tiere gehorchen euch nicht mehr, aber du wei�t, da� das nicht alles ist. Das ist keine Erkl�rung daf�r, da� nur wenige - wie du und Laynanya - die Wahrheit erkannt haben.� Er deutete auf die Drachen. �Sie sind mehr als Tiere, nicht wahr?�</p><p>Legis schwieg. Ihre Lippen bildeten einen schmalen, blutleeren Strich in ihrem Gesicht, und ihr Blick flackerte. Skar begriff pl�tzlich, da� er mehr als eine einfache Frage gestellt hatte. Vielleicht war er - ohne es zu wollen - auf das gr��te und bestgeh�tete Geheimnis der <emphasis>Errish </emphasis>gesto�en: den Schl�ssel zu ihrer Macht. �Ja�, gestand sie schlie�lich. �Sie sind mehr als Tiere - sie sind �berhaupt keine Tiere. Sie ... denken. Aber anders als du und ich, und auch anders als du�, f�gte sie mit einem Blick auf Mork, der ihrer Unterhaltung mit unbewegtem Gesicht folgte und immer wieder nerv�s zu den Echsen hin�berstarrte, hinzu.</p><p>�Und ihr redet mit ihnen?�</p><p>�Nein.� Legis atmete h�rbar ein. �Es ist kein Reden. Es ist...� Sie brach ab, starrte einen Herzschlag lang zu Boden und sch�ttelte den Kopf. �Ich m��te euch t�ten�, sagte sie pl�tzlich. �Niemand darf dieses Geheimnis kennen. Kein Quorrl und kein Satai, niemand, der nicht der Kaste der <emphasis>Errish </emphasis>angeh�rt.�</p><p>�Vielleicht m��test du das�, sagte Mork unger�hrt. �Aber du h�ttest uns auch daf�r t�ten m�ssen, da� wir �berhaupt hierhergekommen sind. Und wenn wir versagen, spielt es ohnehin keine Rolle mehr, ob euer gro�es Geheimnis gel�ftet ist oder nicht. Dann wird es n�mlich bald keine Satai und Quorrl mehr geben. Und auch keine <emphasis>Errish.�</emphasis></p><p>�Ich kann euch nicht erkl�ren, was es ist�, sagte Legis leise. �Wir wachsen zusammen mit unseren Echsen auf, und wenn sie sterben, dann sterben auch wir. Es ist, als w�ren wir eins - ein Wesen in mehreren K�rpern. Ihr Schmerz ist unser Schmerz, und unsere Empfindungen sind ihre. Sie ...� Ihre Stimme versagte. Pl�tzlich und ohne Warnung begann sie zu weinen; ein krampfhaftes, m�hsam zur�ckgehaltenes Schluchzen zuerst, das nach Sekunden von hemmungslos flie�enden Tr�nen abgel�st wurde. �Du hast recht, Skar�, schluchzte sie. �Aber du ... du wei�t nicht, was es bedeutet.� Sie verbarg das Gesicht in den H�nden. Ihre Schultern zuckten. �Er ist hier�, sagte sie. �Irgendwo dort vorne. Ich ... kann ihn sp�ren.�</p><p><emphasis>�Wer ist </emphasis>hier?� fragte Mork betont.</p><p>�Cariot�, antwortete Legis. Sie sah auf, schluchzte noch einmal und fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Augen, um die Tr�nen fortzuwischen. Der Moment der Schw�che war vor�ber, und sie hatte sich wieder in der Gewalt. �Mein Drache�, f�gte sie erkl�rend hinzu. �Er ist irgendwo hier, bei den anderen. Ich f�hle ihn. Aber er ist nicht mehr der, der er war.�</p><p>�Die gleichen Worte, die du �ber die Margoi gesagt hast�, meinte Skar. �Nicht sie hat sich ver�ndert, sondern ihr Tier. Wie deines. Sie kann eure Gedanken nicht unter ihren Willen zwingen, aber die der Drachen. Und die meisten von euch merken es nicht einmal. Wie viele waren es, die mit euch geflohen sind?�</p><p>�Drei�ig�, antwortete Legis stockend. �Wenig mehr als zwanzig kamen lebend drau�en in der W�ste an.�</p><p>�Drei�ig von wie vielen? Dreihundert?�</p><p>Legis verneinte. �Es gibt nicht mehr viele <emphasis>Errish, </emphasis>Skar. Das Volk der Drachen stirbt, und mit ihm die <emphasis>Errish. </emphasis>Als wir flohen, waren hundert von uns hier.�</p><p>�Und die drei�ig besten mu�ten fliehen�, sagte Skar nachdenklich. �Die, die ihr h�tten gef�hrlich werden k�nnen.�</p><p>�Nicht die besten, Skar�, widersprach Legis leise. �Ich war nie eine wirklich <emphasis>gute Errish.� </emphasis>Sie l�chelte traurig. �Ich habe es niemals wirklich geschafft, mit Cariots Geist zu verschmelzen, nicht wirklich. Wir waren niemals <emphasis>wirklich </emphasis>eins. Und auch die anderen nicht. Es war eher ... andersherum. Die guten, die wirklich <emphasis>guten Errish </emphasis>verfielen ihr zuerst. Unsere Macht ist die Macht �ber die Drachen, du hast recht. Aber es ist auch unser Fluch. Ich wollte es nicht wahrhaben, keiner von uns wollte es wissen, und wir haben die Wahrheit verleugnet, aber gerade unsere St�rke war es, die Vela den Weg ebnete.�</p><p>�Und Laynanya?�</p><p>�Oh, sie ist m�chtig - ich habe die Wahrheit gesagt, als wir �ber sie sprachen. Aber ihr Drache ist alt und wird bald sterben, und seine Gedanken sind nicht mehr klar.�</p><p>Die Erkl�rung befriedigte Skar ganz und gar nicht, aber er drang nicht weiter in Legis. Die <emphasis>Errish </emphasis>wirkte �u�erlich jetzt wieder gefa�t, aber er wu�te, da� dieser Eindruck t�uschen konnte. Die <emphasis>Errish </emphasis>stand unter einem ungeheuren seelischen Druck, einem Druck, unter dem die meisten anderen Menschen bereits zerbrochen w�ren, und schon ein einziges unbedachtes Wort konnte den endg�ltigen Zusammenbruch herbeif�hren.</p><p>Auch Mork schien zu sp�ren, was in der <emphasis>Errish </emphasis>vorging. Er warf Skar einen raschen, warnenden Blick zu, r�usperte sich �bertrieben und deutete mit einer Kopfbewegung in die H�hle hinein. �Gibt es einen Weg dort hindurch?� fragte er. �Einen, auf dem uns die Drachen nicht entdecken?�</p><p>Legis sch�ttelte den Kopf. �Nein. Wir m�ssen es riskieren. Aber wir haben eine Chance. Sie sehen nicht sehr gut. Wenn wir ihnen nicht zu nahe kommen, so da� sie uns nicht wittern k�nnen, und wir keinen L�rm machen, k�nnen wir es schaffen.�</p><p>�Das gef�llt mir nicht�, murrte der Quorrl.</p><p>�Mir auch nicht�, sagte Skar. �Aber niemand hat dich gezwungen mitzukommen. Vielleicht tust du dich mit Herger zusammen und wartest hier unten, bis wir zur�ck sind.�</p><p>Mork schenkte ihm einen b�sen Blick, schwieg aber.</p><p>�Wir m�ssen es riskieren�, sagte Legis. �Und wir m�ssen uns beeilen - ich f�rchte, wir sind selbst hier unten nicht sicher. Gehen wir zur�ck und holen die anderen.�</p><p>Sie wollte aufstehen, aber Skar hielt sie mit einer raschen Bewegung fest. �Es reicht, wenn einer von uns geht�, sagte er. �Bleib mit Mork hier und halt die Augen auf - ich beeile mich.� Er stand unverz�glich auf, warf einen Blick zu den Drachen hin�ber und rannte los.</p></section><section><title><p id="_22">22.</p></title><p>Der R�ckweg kam ihm weiter vor als der Weg hinunter. </p><p>Skar fror mit jeder Minute st�rker. Der nasse Mantel begann auf seiner Haut zu trocknen, und die K�lte kroch allm�hlich in seinen K�rper hinein und nagte an seinen letzten verbliebenen Kraftreserven. Er lief schneller und rannte schlie�lich den steil ansteigenden Weg hinauf, aber selbst die Bewegung vermochte die bei�ende K�lte nicht vollends aus seinen Gliedern zu vertreiben. Sein Herz h�mmerte, als das Stollenende schlie�lich vor ihm auftauchte. Er blieb stehen, atmete ein paarmal tief durch und ging langsamer weiter. Die H�hle, in der Herger und die anderen zur�ckgeblieben waren, lag jetzt direkt vor ihm. Eigentlich h�tte er ihre Stimmen h�ren m�ssen (oder wenigstens irgendwelche Laute). Aber vor ihm war nichts.</p><p>Skar blieb stehen. Er sp�rte, da� dort vor ihm irgend etwas nicht stimmte. Es war zu still, zu ruhig, selbst wenn er annahm, da� die Zur�ckgebliebenen sich bem�hten, keinen L�rm zu machen. Elf Personen konnten einfach nicht so vollkommen lautlos sein, auch wenn sie es wollten.</p><p>Langsam ging er weiter. Seine Hand glitt unter den nassen Umhang und tastete nach dem Griff des <emphasis>Tschekal. </emphasis>Das Leder war klamm, vollgesogen mit Wasser und K�lte, und das beruhigende Gef�hl von Sicherheit und St�rke, das ihn normalerweise immer �berkam, wenn er die Waffe ber�hrte, blieb diesmal aus.</p><p>Ein schwacher, s��licher Geruch wehte ihm entgegen, als er weiterging. Im ersten Moment erkannte er nicht, was es war, aber er wurde st�rker, je n�her er der H�hle kam, und schlie�lich gewahrte er einen dunklen, formlosen Schatten unmittelbar vor ihrem Eingang.</p><p>Skar blieb abermals stehen, warf einen sichernden Blick �ber die Schulter zur�ck und zog die Waffe aus dem G�rtel. Das Ger�usch, mit dem die Klinge aus der schmalen Lederscheide glitt, erschien ihm in der lastenden Stille �berlaut; wer immer hier lauern mochte, mu�te es h�ren.</p><p>Unsinn, dachte er zornig. Es gibt niemanden, der hier lauerte. Dieser Weg in die Verbotene Stadt braucht keinen W�chter; er bewacht sich selbst; besser, als es jeder Posten k�nnte.</p><p>Skar verscheuchte den Gedanken mit einem unwilligen Kopfsch�tteln, wechselte das Schwert von der Rechten in die Linke und ging weiter. Der Geruch wurde st�rker.</p><p>Blut.</p><p>Es war Blutgeruch; jenes schwere, s��liche, auf morbide Art beinahe angenehme Aroma, das er von so vielen Schlachtfeldern und aus so vielen Arenen kannte, und zwar zu gut, um sich einzureden, da� es etwas anderes sein konnte. Es war Blutgeruch, und der dunkle Umri� vor ihm war ein K�rper. Der K�rper eines Quorrl.</p><p>Skar lie� sich neben dem Schuppenkrieger auf ein Knie nieder, legte das Schwert, lautlos und so nahe, da� er es mit einem raschen Griff sofort wieder erreichen konnte, auf den Boden und drehte den Quorrl um.</p><p>Er war tot. In seinen pupillenlosen Fischaugen war ein Ausdruck ungl�ubigen Schreckens festgefroren, ein Schrecken, der schlimmer gewesen sein mu�te als der k�rperliche Schmerz. Sein rechter Arm war fort - an seiner Schulter gab es nur noch einen zerrissenen Stumpf, aus dem �berraschend wenig Blut flo�. Der Quorrl war weder verblutet noch an einer anderen Verletzung gestorben. Was ihn get�tet hatte, war der Schock gewesen, eine Furcht, die sich selbst im Tode noch tief in seine Z�ge gegraben hatte.</p><p>Aber was konnte ein Wesen wie einen Quorrl im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode erschrecken?</p><p>Skar nahm sein Schwert auf, sah sich - nun wirklich mehr in Angst als beunruhigt - noch einmal um und ging weiter. Seine Schritte wurden langsamer.</p><p>Die H�hle war voll von Toten. Er hatte es erwartet - nicht erwartet: gewu�t -, aber der Anblick traf ihn trotzdem wie ein Hieb. Der winzige Raum glich einem Schlachthaus - �berall war Blut, waren tote, zerfetzte K�rper, abgerissene Arme, Beine ... Skar unterdr�ckte ein St�hnen. Er hatte die Szene schon einmal erlebt. Verst�mmelte. Menschen, die mit gnadenloser Brutalit�t ermordet - geschlachtet - worden waren. Er schob sein Schwert in den G�rtel zur�ck, trat vorsichtig �ber den verkr�mmt daliegenden Leichnam eines Quorrl hinweg und sah sich um. Der Anblick lie� �belkeit in ihm aufsteigen. �belkeit und Ha�.</p><p>Er wu�te, wer dieses Gemetzel angerichtet hatte.</p><p>Der Wolf war hier, ganz in seiner N�he. Er belauerte ihn, so, wie er ihn die ganze Zeit belauert hatte. Er hockte vielleicht gerade jetzt irgendwo in der Dunkelheit des Ganges vor ihm und starrte ihn aus leblosen Augen an.</p><p>Skar entdeckte Herger am anderen Ende des Raumes. Er lag auf dem Gesicht, die H�nde zu Klauen verkr�mmt, als h�tte er versucht, sich in seiner Angst in den felsigen Boden zu graben. Die rechte H�lfte seines Kopfes war abgebissen. Der zersplitterte Sch�delknochen zeigte Spuren von Z�hnen, gewaltigen, einw�rts gekr�mmten Z�hnen. Z�hne aus Stein, dachte Skar, aus schwarzem, auf unselige Weise zum Leben erwachtem Granit, der beseelt war von einer Magie, die seit �onen vergessen war und ihrer Welt schon einmal den Untergang gebracht hatte.</p><p>Skars H�nde begannen pl�tzlich zu zittern. Er schlo� die Augen, senkte das Haupt und pre�te die Kiefer so heftig zusammen, da� es schmerzte. Aber es half nichts. Der k�rperliche Schmerz vermochte die andere, tiefergehende Qual, die in seiner Seele gelauert hatte und wie ein b�ser Alpdruck jetzt wieder zum Leben erwachte, nicht zu vertreiben.</p><p>Jetzt erst, in diesem Moment, als er vor Hergers verst�mmeltem, ausgeblutetem Leichnam kniete, wurde ihm klar, wie sehr er den Hehler gemocht hatte. Er hatte sich nur eingeredet, ihn zu verabscheuen, hatte versucht, sich das selbst glaubhaft zu machen, weil er gewu�t hatte, da� dies geschehen w�rde, weil er - ohne da� er den Gedanken jemals wirklich bewu�t gedacht h�tte - Angst vor diesem Augenblick gehabt hatte, vor dem Moment, in dem er sich seiner wahren Gef�hle f�r Herger bewu�t werden w�rde. Vor dem Moment, in dem er sich eingestand, Herger zu m�gen. Er hatte gewu�t, da� ihn der Wolf t�ten w�rde, in genau diesem Augenblick.</p><p>So wie der Wolf alles vernichtete, was er, Skar, liebte.</p><p>�Warum bringst du mich nicht um?� fl�sterte er. �Warum kommst du nicht endlich aus deinem Versteck heraus und stellst dich zum Kampf?� Die gekr�mmte Decke �ber Skars Kopf fing den Klang seiner Worte auf und warf ihn als verzerrtes Echo durch den Gang, und f�r einen Moment glaubte er fast, ein h�hnisches Lachen als Antwort zu bekommen. Er sah auf. Der Tunnel vor ihm war voller Schw�rze, Schw�rze und Furcht, die aus seiner Seele heraufgekrochen war und in der wabernden Finsternis Gestalt anzunehmen begann.</p><p>�Komm heraus�, fl�sterte er. �Komm endlich heraus und zeige dich, du verdammte Bestie!� Seine H�nde krallten sich in den blutigen Stoff von Hergers Jacke, aber er merkte es nicht einmal. �Ich wei� nicht, was du von mir willst�, fl�sterte er, �aber du kannst es haben. Komm her und stell dich zum Kampf, du Ungeheuer!� Aber die Dunkelheit vor ihm blieb stumm. Allm�hlich begann er zu begreifen, da� es etwas Schlimmeres als Verzweiflung gab - Ohnmacht. Nicht einmal gegen�ber Vela, die sein Leben zerst�rt und alles, woran er glaubte und wof�r er k�mpfte, in den Schmutz getreten hatte, hatte er dieses Gef�hl in solcher St�rke versp�rt. Gegen sie konnte er wenigstens k�mpfen, auch wenn er kaum eine Chance hatte, diesen Kampf jemals zu gewinnen.</p><p>Seine Hand schlo� sich durch den Stoff des Mantels hindurch um den Schwertgriff so fest, da� seine Kn�chel knackten. Es w�re leicht - eine rasche Bewegung, ein kurzer, hei�er Schmerz; vielleicht nicht einmal das. Trotz allem hatte er es bisher nicht zugeben wollen, aber es gab nichts mehr, wof�r er noch leben konnte. Mit Herger war der letzte Mensch gestorben, der ihm noch irgend etwas bedeutet hatte.</p><p>Aber auch diesen letzten Ausweg w�rde ihm der Wolf nicht lassen.</p><p>Er war da, irgendwo ganz in seiner N�he, lautlos und lauernd. Er wartete auf eine neue Bl��e, einen neuen Schmerz, den er ihm zuf�gen konnte. Er w�rde es verhindern, so wie er verhindert hatte, da� Tantor ihn t�tete, und wie er Velas Armee vernichtet hatte, ehe er sich und sie umbringen konnte.</p><p>Nein - nicht einmal diese letzte Gnade w�rde er ihm gew�hren. Vielleicht war dies der Preis, den er f�r den Frevel, den er Combat angetan hatte, bezahlen mu�te. Vielleicht w�rde er bis ans Ende seiner Tage ein Gejagter bleiben, ein Mann, dessen Freundschaft Leid und dessen Liebe Tod bedeuteten.</p><p>Hinter seinem R�cken wurde ein erschrockener Ausruf laut. Skar sprang auf die F��e und ri� das Schwert aus dem G�rtel. Aber es war nur Mork. Der Quorrl stand, starr vor ungl�ubigem Schrecken, unter dem Tunnelausgang und starrte abwechselnd ihn und die Toten zu seinen F��en an.</p><p>�Was ist... hier passiert?� keuchte er. Seine Stimme zitterte so stark, da� Skar die Worte mehr erriet, als er sie wirklich verstand. �Ich wei� es nicht�, sagte Skar. Er trat rasch einen halben Schritt zur Seite und auf den Quorrl zu, so da� Hergers Leichnam seinen Blicken entzogen war. Er wollte nicht, da� Mork sah, wie grausam der Wolf den Hehler gestraft hatte, gestraft daf�r, da� er sein Freund hatte sein wollen. �Die M�nner m�ssen vollkommen �berrascht worden sein. Es scheint keinen Kampf gegeben zu haben�, sagte er. Er sprach sehr schnell, um den Quorrl abzulenken. Er wu�te nicht, ob Laynanya oder Legis ihm von Combats W�chter erz�hlt hatten, und er wollte auch nicht, da� er es nun erfuhr. �Die <emphasis>Errish�, </emphasis>fl�sterte Mork. �Das war diese Hexe, Skar.� Skar sch�ttelte den Kopf und trat �ber die Toten hinweg. �Sie haben sich nicht einmal gewehrt, Mork. Sie hatten �berhaupt keine Chance. Sieh doch selbst�, sagte er mit einem Fingerzeig auf einen von Morks Kriegern. Das Schwert des Toten steckte noch in seinem G�rtel.</p><p>Aber der Quorrl schien Skars Worte gar nicht zu h�ren. �Sie war es�, murmelte er dumpf. �Es war diese <emphasis>Errish, </emphasis>Skar. Es ... es war kein Zufall, da� die M�nner gerade hier zur�ckgeblieben sind. Es war eine Falle.� Er st�hnte. Seine m�chtige Brust hob und senkte sich in schnellen, hektischen St��en. �Es war eine Falle�, wiederholte er. �Sie wu�te, da� das passieren w�rde. Sie hat sie umgebracht.�</p><p>�Red keinen Unsinn, Mork�, sagte Skar ruhig. �Sieh dich doch um - das hier waren keine Menschen. Wenn sie von W�chtern �berrascht worden w�ren, h�tten sie sich gewehrt. Aber sie hatten nicht die geringste Chance.�</p><p>�Ihr Drachen�, stammelte Mork. Er war am Ende seiner Beherrschung, und es h�tte Skar nicht einmal mehr �berrascht, wenn er pl�tzlich in hysterisches Gel�chter ausgebrochen w�re oder etwas �hnlich Sinnloses getan h�tte. �Sie hat ihren Drachen auf sie gehetzt.�</p><p>�Es m��te schon ein sehr kleiner Drache gewesen sein, um in diesen Gang zu passsen�, versetzte Skar ruhig. �Glaub mir, Legis hat nichts damit zu tun.�</p><p>Hinter dem Quorrl schienen zwei winzige rotgl�hende Funken in der Dunkelheit aufzuglimmen. Wolfsaugen.</p><p>Skar sch�ttelte das Bild m�hsam ab und schob die Waffe in den G�rtel. �Warum bist du �berhaupt hierhergekommen?� fragte er, um das Thema zu wechseln.</p><p>�Du bist nicht zur�ckgekommen�, murmelte Mork. Er sah Skar nicht an. Sein Blick hing noch immer wie gebannt an den Toten, wanderte von einem zum anderen und glitt �ber den blutbesudelten Boden. Die Furcht in seinen Augen wuchs.</p><p>Skar hatte nicht gemerkt, wieviel Zeit vergangen war. Erst jetzt sp�rte er, da� er endlose Minuten neben Hergers Leichnam gekniet hatte, ohne das Verstreichen der Zeit, ohne �berhaupt irgend etwas zu sp�ren, ja selbst ohne zu denken.</p><p>�La� uns gehen�, sagte er. �Wer immer das hier getan hat, ist noch hier. Und ich m�chte ihm nicht begegnen.�</p><p>Mork nickte m�hsam. Er hatte den ersten Schrecken �berwunden, aber das, was danach kam, war schlimmer. Skar ging rasch auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. �Sei vern�nftig, Mork�, sagte er. �Legis hat nichts damit zu tun. Wenn wir sie nicht begleitet h�tten, dann w�ren wir jetzt so tot wie diese M�nner.�</p><p>Die Worte gingen ihm glatt �ber die Lippen, so glatt, da� er sich daf�r ha�te. Wenn er nicht mitgegangen w�re, dann w�ren diese M�nner und Quorrl noch am Leben.</p><p>Mork nickte, r�hrte sich aber immer noch nicht, und Skar mu�te ihn wie ein willenloses Kind vor sich herschieben. Der Quorrl begann zusammenhanglose Worte in seiner Muttersprache zu stammeln, w�hrend sie durch den Gang zur�ckgingen, und h�tte Skar ihn nicht fast gewaltsam mitgezerrt, w�re er stehengeblieben.</p><p>Der Anblick ersch�tterte Skar. Er pa�te nicht zu dem Bild, das er sich von Mork gemacht hatte - nicht zu diesem gewaltigen schuppigen Wesen, das nur aus Kraft und kaum geb�ndigter Wildheit zu bestehen schien und dem man keine anderen Gef�hle als Ha� und Mordlust zutraute. F�r einen Moment bedauerte er fast, da� er Mork nicht unter anderen Umst�nden kennengelernt hatte. Sie h�tten viel voneinander lernen k�nnen.</p><p>Aber dieser Gedanke war falsch - w�ren er und Mork sich zu einer anderen Zeit und unter anderen Umst�nden begegnet, dann h�tten sie nichts anderes als Todfeinde sein k�nnen.</p><p>Erst als sie die Drachenh�hle beinahe erreicht hatten, erwachte Mork aus seiner Erstarrung. Er blieb stehen, schlug Skars Hand mit einem schmerzhaften Hieb beiseite und funkelte ihn w�tend an.</p><p>�Es ist gut�, sagte er b�se. �Du brauchst mich nicht zu f�hren wie ein Kind.�</p><p>Skar nickte, und Mork fuhr mit einer heftigen Bewegung herum und st�rmte weiter. Er floh - nicht vor der Gefahr, die hinter ihnen lauerte, sondern vielmehr vor der Bl��e, die er sich gegeben hatte. F�r einen Moment hatte er Skar hinter sein starres Schuppengesicht blicken lassen und ihm gezeigt, da� der Unterschied zwischen Menschen und Quorrl vielleicht nicht einmal ann�hernd so gro� war, wie es bisher den Anschein gehabt hatte. Aber Skar wu�te nicht, ob es wirklich gut war. Es konnte sein, da� Mork ihn sp�ter daf�r ha�te. Wenn es ein �Sp�ter� gab ... Legis kniete noch immer hinter dem Felsen, hinter dem sie Deckung gesucht hatte, als Skar gegangen war. Auf ihrem Gesicht erschien ein �berraschter Ausdruck, als sie sah, da� Skar und der Quorrl allein zur�ckkamen.</p><p>�Wo sind die anderen?� fragte sie, als Skar geduckt neben ihr anlangte und in den Schatten des Felsens glitt.</p><p>�Tot�, antwortete Skar, ohne sie anzusehen.</p><p>�Tot?� stie� Legis hervor. �Was hei�t das? Wie ...�</p><p>�Das hei�t, da� sie ermordet worden sind�, mischte sich Mork ein. �Jemand hat sie umgebracht, <emphasis>Errish.�</emphasis></p><p>Skar sah ihn alarmiert an. Der Quorrl wirkte �u�erlich gefa�t, aber seine H�nde zuckten fast unmerklich, und in seinen Augen stand ein gef�hrliches Flackern.</p><p>�Was willst du damit sagen?� fragte Legis. Ihr Blick glitt fragend von Mork zu Skar und wieder zur�ck.</p><p>�Er will nichts sagen�, warf Skar hastig ein. �Sie sind tot, und wir wissen nicht, wer sie get�tet hat.�</p><p>Mork fuhr auf. �Es ist genug, Satai�, zischte er. �Du brauchst mir nicht die Worte in den Mund zu legen, die ich zu sagen habe. Ich wei� sehr wohl, was ich meine. Und du auch!�</p><p>Die letzten Worte hatte er geschrien. Skar blickte �ber den Felsen, aber die Drachen unten in der H�hle r�hrten sich nicht. �Sei leise, bei allen G�ttern!� antwortete er scharf. �Und �berlege erst einmal - Legis war nicht eine Sekunde allein. Was h�tte sie schon tun k�nnen, das wir nicht bemerkt h�tten?�</p><p>Mork wischte seinen Einwand mit einer unwilligen Geste beiseite. �Hexenwerk!� fauchte er leiser, aber keineswegs ruhig. �Sie ist eine Hexe, Satai! Sie hat sie umgebracht!�</p><p>Skar bewegte sich ein wenig. Seine Hand glitt unauff�llig zum G�rtel und legte sich auf den Schwertgriff. Mork war am Ende seiner Selbstbeherrschung angelangt. Seine H�nde zitterten. �Du hast uns verraten, Hexe�, keuchte er. �Und auch wir w�ren tot, wenn ich nicht darauf bestanden h�tte, dich zu begleiten.� Legis sch�ttelte verwirrt den Kopf. �Das ... das ist nicht wahr, Mork�, sagte sie schleppend. �Ich wei� nicht, was den M�nnern ...� Sie brach pl�tzlich ab, und in ihren Augen glomm ein erschrockener Funke auf. Ihr Blick suchte den Skars.</p><p>�Du l�gst!� br�llte Mork. Mit einer Bewegung, die zu schnell war, als da� Skar sie noch h�tte verhindern k�nnen, warf er sich auf die <emphasis>Errish </emphasis>und ri� sie hoch. Legis schrie, schlug dem Quorrl die geballten F�uste ins Gesicht und trat um sich. Mork sp�rte es nicht einmal.</p><p>�La� sie los!� schrie Skar. Er sprang ebenfalls auf, packte die H�nde des Quorrl und versuchte seinen Griff zu sprengen. Es war unm�glich. Mork dr�ckte mit der ganzen gewaltigen Kraft seiner Muskeln zu. Legis' Schreie wurden zu einem kr�chzenden St�hnen. Ihre Rippen knackten h�rbar. Noch wenige Sekunden, und der Quorrl w�rde ihr den Brustkorb eingedr�ckt haben.</p><p>Skar sprang zur�ck, ri� sein Schwert aus dem G�rtel und schlug mit der flachen Seite der Klinge zu. Der Stahl traf Morks Handgelenk mit erbarmungsloser Wucht. Der Quorrl br�llte, mehr vor Wut als Schmerz, lie� die <emphasis>Errish </emphasis>los und wich zwei, drei Schritte zur�ck. Sein Blick spr�hte vor Ha�.</p><p>W�hrend Legis mit einem qualvollen Wimmern in die Knie brach, zog der Quorrl seine eigene Waffe aus der Scheide und nahm eine geb�ckte, sprungbereite Kampfhaltung ein. �Du also auch�, grollte er. �Ihr habt das geplant, nicht? Du hast mit ihr gemeinsame Sache gemacht!�</p><p>�Sei vern�nftig�, antwortete Skar. �Ich verstehe -�</p><p>�Nichts verstehst du�, unterbrach ihn Mork. �Aber <emphasis>ich </emphasis>verstehe jetzt, Satai. Ihr habt das von Anfang an geplant, du und diese Hexe. Aber wenn ich schon sterbe, dann gemeinsam mit euch.� Er sprang vor, mit einer Geschmeidigkeit, die Skar diesem Kolo� niemals zugetraut h�tte. Sein Schwert hackte nach Skars Kopf, verfehlte ihn um Millimeter und schlug Funken aus dem Fels. Skar drehte sich blitzschnell zur Seite, lie� den Quorrl �ber sein ausgestrecktes Bein stolpern und schlug ihm den Schwertknauf in den R�cken. Mork schrie, taumelte, von seinem eigenen ungest�men Schwung getragen, noch einige Schritte weiter und brach in die Knie.</p><p>Aber auch Skar war gest�rzt. Der Ansturm des Giganten hatte ihn zu Boden geschleudert. Sein Bein war taub, und als er sich aufraffte, konnte er nur mit M�he einen Schmerzenslaut unterdr�cken. Einen zweiten Angriff dieser Art w�rde er nicht �berleben. Mork war kein normaler Gegner. Skars Erfahrung aus unz�hligen Arenak�mpfen nutzte ihm hier nicht viel. Der Quorrl war eine lebende Kampfmaschine, ein Gebirge aus Fleisch und Muskeln, gegen das Skars ausgefeilte Kampftechnik beinahe nutzlos war. �H�r auf, Mork�, sagte er keuchend. �Ich will dich nicht t�ten.� Aber er w�rde es m�ssen. Mork war kein Gegner, den er kampfunf�hig machen konnte. Wenn Mork das n�chste Mal angriff, w�rde einer von ihnen sterben.</p><p>�H�r auf�, sagte Skar noch einmal.</p><p>Mork knurrte, wechselte das Schwert blitzschnell von der rechten in die linke Hand und st�rmte mit gesenktem Sch�del heran. Skar wartete, bis der Quorrl ganz knapp vor ihm war, federte blitzschnell hoch und setzte mit einem halben Salto �ber den Schuppenkrieger hinweg. Sein Schwert beschrieb eine komplizierte Bahn, traf Mork mit der ganzen gewaltigen Wucht des Sprunges und trennte ihm den Kopf von den Schultern. Der Quorrl st�rmte noch ein paar Schritte weiter, brach langsam und beinahe widerwillig in die Knie und sackte dann wie eine haltlose Gliederpuppe in sich zusammen.</p><p>Skar lie� schweratmend sein Schwert sinken. In seinen Ohren rauschte das Blut, und hinter seiner Stirn wurde ein hysterisches, lautloses Lachen laut. Ein Gef�hl des Irrsinns scho� aus seiner Seele empor und �berflutete seine Gedanken.</p><p>Erst als ihn Legis an der Schulter ber�hrte, kl�rten sich seine Gedanken wieder. Er sah auf, blickte in ihr bleiches, erschrockenes Gesicht und wollte etwas sagen. Aber seine Kehle war zugeschn�rt, so da� er nur ein unartikuliertes St�hnen hervorbrachte. �Du hattest keine andere Wahl, Skar�, sagte Legis sanft. Sie schien seine Gedanken zu erraten. �Er war nicht mehr bei Sinnen. Er h�tte uns beide get�tet, wenn du nicht ihn get�tet h�ttest.� Vielleicht w�re es besser gewesen, dachte Skar. Aber er sagte nichts.</p><p>�Wir m�ssen weiter�, fuhr Legis fort. �Der Aufgang ist dort dr�ben. Komm jetzt.� Sie deutete in die Dunkelheit vor sich und setzte sich in Bewegung. Skar folgte ihr.</p><p>Als sie die Deckung der Felsen verlie�en, glaubte Skar einen schwarzen, zottigen Schatten hinter sich zu erkennen.</p></section><section><title><p id="_23">23.</p></title><p>Der Aufgang, von dem Legis gesprochen hatte, war eine steile, kaum zwei Fu� breite Treppe, die an der Au�enseite eines der m�chtigen St�tzpfeiler emporf�hrte. Sie brauchten fast eine Stunde, bis sie sie erreichten. Legis f�hrte ihn auf einem scheinbar sinnlosen Zickzack-Kurs durch die H�hle, jede Deckung und jedes Versteck, das sich ihnen unterwegs bot, ausnutzend. Zwei- oder dreimal kam eine der gewaltigen Raubechsen in ihre N�he, aber sie hatten Gl�ck - vielleicht war auch der <emphasis>Errish </emphasis>doch noch mehr von ihrer einstigen Macht geblieben, als sie bisher zugegeben hatte, und sie lenkte die Tiere ab; Skar schien es ein paarmal, als rede sie mit den Bestien, w�hrend sie stumm und wie in Trance dastand und aus weit ge�ffneten, starren Augen in die Dunkelheit hineinblickte. Er fragte nicht danach, und auch Legis sprach kaum ein Wort, ehe sie die Treppe erreichten.</p><p>Legis keuchte vor Ersch�pfung, als sie neben dem gewaltigen Granitpfeiler anlangten. Mit einem erleichterten Seufzer lie� sie sich gegen den rauhen Stein sinken, hob die H�nde und fuhr sich ersch�pft durch das Gesicht. Ihre Haut gl�nzte vor Schwei�, obwohl es hier unten bitter kalt war.</p><p>�Wie geht es ... weiter?� fragte Skar stockend. Auch sein Herz raste. Auf dem Weg hierher hatte er eine neue Definition des Wortes Angst kennengelernt. Sein Atem schmeckte bitter. Legis deutete mit einer Kopfbewegung nach oben. �Wir sind direkt unter dem Palast�, sagte sie. �Die Treppe m�ndet in einen Lagerraum. Er steht leer und ist fast vergessen.�</p><p>Wieder hatte Skar das Gef�hl, da� in ihren Worten irgendein Fehler war, aber wieder entglitt ihm der Gedanke, bevor er ihn fassen konnte. Sein Blick wanderte die steinerne S�ule empor. Sie hatte einen Durchmesser von gut hundert Fu� und strebte senkrecht in die H�he, um irgendwo �ber ihnen mit der Decke zu verschmelzen. Und es war nur eine von einem ganzen Wald steinerner Streben, die das Gewicht des Felsens und des Palastes dar�ber trugen. Die Treppe war roh aus dem Fels herausgemei�elt worden. Es gab kein Gel�nder - nur den glatten Stein auf der linken und einen bodenlosen Abgrund auf der rechten Seite. Skar wurde es schon fast vom Hinsehen schwindelig.</p><p>�Keine Wachen?� fragte er zweifelnd.</p><p>Legis verneinte. �Damals jedenfalls nicht�, schr�nkte sie aber nach einem Moment des �berlegens ein. �Die M�nner, die uns gefangennahmen, haben hier unten auf uns gewartet. Aber sie waren froh, wieder von hier verschwinden zu k�nnen - wir konnten ein paar ihrer Gespr�che belauschen, ehe sie uns wegbrachten. Die Drachen sind wild, und sie reagieren zornig auf die Anwesenheit von Fremden hier unten. Selbst wir gehen nicht oft hierher. Vela wird ihre M�nner nicht lange sch�tzen k�nnen. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.� Sie l�chelte schwach, setzte den Fu� auf die unterste Stufe und blieb noch einmal stehen. �Die Quorrl�, sagte sie. �Wer hat sie get�tet? Du wei�t es.�</p><p>Skar schwieg.</p><p>�Es war der Wolf�, vermutete Legis. �Combats W�chter. Er ist hier, nicht wahr?�</p><p>Skar nickte widerwillig. �Ja�, gestand er. �Er war die ganze Zeit �ber in meiner N�he. Ihr h�ttet nicht mitkommen sollen.�</p><p>�Dann h�tte er uns drau�en get�tet�, antwortete Legis. Sie schien noch mehr sagen zu wollen, drehte sich aber dann wortlos um und wollte weitergehen.</p><p>Diesmal war es Skar, der sie zur�ckhielt. �Er wird auch dich t�ten, Legis�, sagte er ernst, �wenn du in meiner N�he bleibst. La� mich allein! Ich kenne den Weg jetzt und werde das letzte St�ck allein gehen. Es nutzt keinem, wenn du dich auch noch opferst.�</p><p>�Eine edle Geste, Satai�, antwortete Legis. Sie sprach ein wenig zu laut, und der Spott in ihrer Stimme war bewu�t verletzend, vielleicht weil sie glaubte, dies sei die einzige Art, ihn umstimmen zu k�nnen. �Aber sie kommt zu sp�t. Und ich f�rchte mich nicht vor dem Tod. Er ist mir immer noch lieber als ein Leben als Verfolgte.� Damit streifte sie seine Hand von ihrem Arm ab und stieg rasch die Stufen empor.</p><p>Skar folgte ihr. Legis hatte recht - es war wirklich nicht mehr als eine Geste gewesen. Selbst wenn sie gewollt h�tte - es gab kein Zur�ck mehr. Weder f�r sie noch f�r ihn.</p><p>Er schob den Gedanken mit einem �rgerlichen Knurren beiseite und lief rasch hinter der <emphasis>Errish </emphasis>auch die schmalen Stufen hinauf. Der Stein war ausgetreten und so glatt, da� Skar bei jedem Schritt Angst hatte, den Halt unter den F��en zu verlieren. Seine Linke tastete an der glatten Felswand neben ihm entlang, w�hrend er den anderen Arm weit ausgestreckt �ber das Nichts hielt, um die Balance zu halten. Er vermied es krampfhaft, nach rechts zu sehen, sondern hielt den Kopf so, da� er immer nur die Felswand und die n�chsten drei oder vier Stufen im Blickfeld hatte. Aber er sp�rte die Tiefe. Ihr Sog wurde st�rker, mit jedem Schritt, den sie weiter hinaufgingen, und nach einer Weile brach ihm kalter Schwei� aus den Poren.</p><p>Sie mu�ten sich mehr als eine halbe Meile auf der steilen Spirale in die H�he bewegt haben, als Legis stehenblieb und zu ihm zur�ckblickte. Ihr Atem ging keuchend.</p><p>�Es ist nicht mehr weit�, sagte sie m�hsam. �Sei von jetzt an vorsichtig. Keinen Laut mehr. Wir sind direkt unter dem Tempel.� Skar sah zum ersten Mal nach oben. �ber ihnen, noch vier, f�nf Windungen dieses bizarren, steinernen Schneckenhauses entfernt, w�lbte sich ein Himmel aus Granit; schwarzer, zernarbter Fels, von einer Unzahl titanischer S�ulen getragen, und dazwischen ... Skar blieb so abrupt stehen, da� er fast das Gleichgewicht verloren h�tte. Zwischen den Pfeilern, d�nn und im schwachen Licht dieser unterirdischen Welt mehr zu erahnen als wirklich zu erkennen, spannten sich schwarze F�den, die, Spinnweben gleich, ineinander verflochten waren und Knoten, Netze und Verdickungen bildeten. Manche waren zerrissen und pendelten lose im Zugwind, andere waren zu dicken Klumpen verwachsen wie geschmolzenes Pech, das F�den zieht.</p><p>�Was ... ist das?� fragte er.</p><p>Legis blieb abermals stehen, sah ungeduldig zur�ck und runzelte die Stirn. �Was meinst du?�</p><p>Skar deutete auf das schwarze Gewebe. �Dies. Was ist das? War es schon immer hier?�</p><p>Legis' Blick folgte seinem Fingerzeig. Sie schwieg ein paar Sekunden, sch�ttelte den Kopf und sah wieder zu ihm hinunter. �Immer nicht�, sagte sie langsam. �Aber als ich das letzte Mal hier unten war, hat es begonnen.� Sie z�gerte. �Inzwischen ist es mehr geworden. Viel mehr. Warum fragst du?�</p><p>Skar sch�ttelte hastig den Kopf. �Aus keinem Grund�, sagte er rasch. �Es war ... reine Neugierde.�</p><p>Auf Legis' Gesicht erschien ein zweifelnder Ausdruck, aber sie schwieg und ging weiter.</p><p>Skar starrte wie gebannt auf das �lig gl�nzende Gewebe, w�hrend sie h�her stiegen. Allm�hlich begann alles einen Sinn zu ergeben. Skar wu�te noch nicht, welchen, aber er f�hlte, da� er der L�sung des R�tsels jetzt ganz nahe war. Noch wenige Teile, und er hatte das Mosaik zusammen.</p><p>Die S�ule verbreiterte sich �ber ihnen und ging wie das Dach eines gewaltigen steinernen Pilzes in die H�hlendecke �ber. Legis sah sich im Gehen um, legte den Zeigefinger auf die Lippen und deutete mit der anderen Hand nach oben. Die Treppe endete abrupt vor einer gezackten, roh aus dem Felsen gebrochenen �ffnung. Legis b�ckte sich, verschwand in der Dunkelheit und hantierte eine Weile an einem metallenen Riegel herum. Dann ert�nte ein leises Quietschen. Es war ein Laut, als bewege sich ein rostiges Scharnier in einer uralten Angel. �Komm jetzt�, ert�nte ihre Stimme aus der Dunkelheit.</p><p>Skar folgte Legis, blieb aber dicht hinter dem Eingang des Stollens noch einmal stehen und warf einen Blick in die g�hnende Tiefe. Sie mu�ten eine halbe Meile hoch sein, vielleicht noch mehr. Der erstarrte Steinwald war zu einer winzigen Spielzeuglandschaft geworden. Von den Drachen war keine Spur mehr zu sehen. Er versuchte dem Lauf der Treppe mit Blicken zu folgen, aber das Bild verschwamm fast sofort vor seinen Augen, und daf�r stieg �belkeit in ihm auf. Hastig wandte er sich ab und kroch hinter der <emphasis>Errish </emphasis>her.</p><p>Der Gang f�hrte etwa zehn Meter geradeaus und endete vor einer niedrigen, metallbeschlagenen Holzt�r. Er war wirklich aus dem gewachsenen Felsen herausgemei�elt worden, nicht gebrannt oder auf magische Weise entstanden wie die Tunnel in Tuan; eine schier unglaubliche Arbeit.</p><p>Skar richtete sich mit einem erleichterten Seufzen auf, als er die T�r hinter sich hatte. Das graue Irrlicht, das die H�hle erhellte, blieb hinter ihnen zur�ck, aber durch ein vergittertes Fenster unter der Decke fiel flackernder gelber Schein. Sie waren im Keller des Palastes, und drau�en mu�te bereits heller Tag herrschen. Skar �berlegte - sie waren kurz vor Sonnenaufgang in die H�hle eingedrungen, und es mu�te, wenn sein Zeitgef�hl nicht ebenfalls durcheinandergekommen war, jetzt ungef�hr Mittag sein. Keine gute Zeit, um in eine streng bewachte Festung einzudringen. Aber auch eine Zeit, zu der niemand mit einem solchen Vorhaben rechnen w�rde.</p><p>Er bewegte Arme und Schultern, um seine verspannten Muskeln zu entkrampfen, und sah sich neugierig um. Der Raum war klein; ein asymmetrisches Rechteck von zehn auf f�nfzehn Schritten Gr��e, dessen Decke auf der einen Seite h�her als auf der anderen war. Die Winkel, in denen die W�nde zusammenstie�en, waren nicht klar zu erkennen; es war, als w�rde Skars Blick von einem unsichtbaren Spiegel abgelenkt und genarrt. Er kannte diese Art von Architektur, aber er hatte gehofft, sie niemals wiedersehen zu m�ssen.</p><p>�Und jetzt?� fragte er.</p><p>Legis deutete zur T�r. �Dahinter liegen die Vorratskeller�, sagte sie. �Es ist selten jemand hier. Aber weiter oben m�ssen wir vorsichtig sein.�</p><p>�Was hei�t das, weiter oben?� fragte Skar.</p><p>�Die Privatgem�cher der Margoi liegen im Westturm�, erkl�rte Legis.</p><p>�Gibt es Wachen?�</p><p>Legis verneinte. �Niemand mu� die Margoi bewachen�, sagte sie tadelnd. Sie z�gerte, sah ihn unsicher an und schlang die Finger ineinander. �Du willst wirklich zu ihr?�</p><p>Skar sah �berrascht auf. �Ein bi�chen sp�t f�r solche �berlegungen, nicht?� fragte er.</p><p>�Oh, es ist nicht das, was du denkst�, sagte Legis rasch. �Aber was tust du, wenn Vela nicht hier ist? Wenn die Margoi selbst auf dem Thron sitzt und Vela ihre F�den im verborgenen zieht?� Auch Skar hatte schon daran gedacht, aber er wu�te, da� es nicht so sein w�rde. Trotz allem blieb Vela berechenbar - sie wollte Macht, und sie w�rde sich nicht damit begn�gen, wie ein Schatten im Hintergrund zu bleiben und ihre Intrigen zu spinnen. Er wu�te, da� er Vela entweder auf dem Stuhl der Ehrw�rdigen Mutter oder �berhaupt nicht finden w�rde. �Gehen wir�, sagte er, ohne auf Legis' Frage zu antworten.</p><p>Sie verlie�en den Keller. Legis f�hrte ihn durch ein verwirrendes Labyrinth asymmetrischer Stollen und schr�ger, in unm�glichen Winkeln aufsteigender Treppen; R�ume, die dem Blick Schmerzen bereiteten, und Kammern, deren W�nde in grauem Nichterkennen verschwammen. Einmal �berquerten sie einen Hof, ein schmales, lichtdurchflutetes Zehn- oder Zw�lfeck, dessen Boden auf bizarre Weise zu leben schien; und ein paarmal gebot ihm Legis mit hastigen Gesten, in einen Schatten zu huschen und zu schweigen, obwohl er keinen Laut geh�rt oder ein Zeichen von Leben gesehen hatte. Es war ein gespenstischer Weg. Skar sp�rte das fremde Leben, die Gegenwart von etwas unsagbar Fremdem, Feindseligem, das sich wie Modergeruch in den schwarzen W�nden eingenistet hatte. Sie waren l�nger als eine Stunde unterwegs, ohne auf einen einzigen Menschen zu treffen. Schlie�lich blieb Legis erneut stehen. �Wir sind da�, raunte sie. Skar sah sich neugierig um. Sie waren eine Treppe emporgestiegen und standen in einer winzigen, fensterlosen Kammer. In der gegen�berliegenden Wand war eine T�r.</p><p>�Die Kammer der Margoi liegt hinter jener T�r�, fl�sterte Legis.</p><p>Skar runzelte die Stirn. Das alarmierende Gef�hl in seinem Inneren wurde st�rker. Es war zu leicht gewesen. Aber wenn es eine Falle war, dann waren sie l�ngst hineingetappt.</p><p>�Gut�, raunte er. �Du bleibst hier. Wenn du L�rm h�rst oder ich nicht zur�ckkomme, dann fliehst du.�</p><p>Legis sch�ttelte den Kopf. �Ich begleite dich�, erwiderte sie leise. �Ich will sie sehen.�</p><p>�Sei vern�nftig�, seufzte Skar. �Ich habe kaum eine Chance, lebend hier herauszukommen. Warum willst du dich ...�</p><p>�Wenn du versagst, Skar�, fiel ihm Legis wispernd ins Wort, �dann hat keiner von uns eine Chance, noch lange zu leben. Und wenn sie wirklich so gef�hrlich ist, wie du glaubst, dann kannst du jede Hilfe gebrauchen, die sich dir bietet.�</p><p>Legis' Worte klangen logisch, und Skar widersprach nicht mehr. Es war auch nicht der wahre Grund, warum er allein gehen wollte. Es waren zu viele gestorben, zu viele Unschuldige umgebracht worden, als da� es jetzt noch auf ein Leben mehr oder weniger angekommen w�re. Aber dies hier war <emphasis>sein </emphasis>Kampf. Trotzdem ging er mit einem wortlosen Nicken an Legis vorbei, streckte die Hand nach dem Riege! aus und legte das Ohr an die T�r.</p><p>Alles, was er h�rte, war das h�mmernde Ger�usch seines eigenen Herzens. Das Holz war wohl zu dick, um irgendwelche Laute durchzulassen. Er warf Legis einen warnenden Blick zu und schob den Riegel zur Seite. Die T�r schwang lautlos nach innen.</p><p>Skar blinzelte. Vor ihnen lag ein gewaltiger, dom�hnlicher Raum mit gew�lbter Decke und schwarzem, spiegelndem Boden. Die W�nde waren mit Teppichen und T�chern verh�ngt worden, wohl um einen einigerma�en wohnlichen Eindruck zu vermitteln und die fremde Architektur der Stadt zu verbergen.</p><p>Ein Gef�hl dumpfer Erregung ergriff von Skar Besitz. Er schob die T�r noch weiter auf, schl�pfte hindurch und duckte sich in einen Schatten. Legis huschte lautlos hinterher und kniete neben ihm nieder. Ihre Hand wies zur gegen�berliegenden Seite. Der Raum war beinahe leer. Es gab einen Tisch - eine gewaltige, zwanzig Meter lange Tafel aus schwarzem Stein -, zwei oder drei Dutzend St�hle, die sich um den Tisch herum gruppierten, und ein schmales Bett hinter einem halb durchsichtigen Vorhang in einer Nische.</p><p>Und einen Thron. Ein Gef�hl eisiger K�lte durchstr�mte Skar beim Anblick des M�belst�ckes. Ein Monstrum von Thron, passend zu diesem Monstrum von Stadt. Ein gewaltiges schwarzes Ding, halb verborgen im Schatten und auf bizarre Weise lebend, lauernd wie ein Raubtier.</p><p>Der Thron war nicht leer. Skar konnte nur einen dunklen Umri� erkennen; der Schatten einer Frau, schlank, reglos; das Gesicht war unter einer tief in die Stirn gezogenen Kapuze verborgen. Aber Skar sp�rte, da� sie ihn ansah.</p><p>�Tritt n�her, Skar�, sagte Vela ruhig.</p><p>Legis zuckte wie unter einem Hieb zusammen. Ihre Hand fuhr unter ihren Umhang und erstarrte, als Skar sie warnend ansah. Die Gestalt auf dem Thron lachte leise. �La� den Scanner dort, wo er ist, du kleine N�rrin�, sagte sie. �Ich glaube nicht, da� du ihn schnell genug ziehen k�nntest. Aber wenn du es versuchen willst...� Velas Schatten bewegte sich. In ihrer Hand glitzerte etwas Kleines, Silbernes. Legis erstarrte.</p><p>�Ihr habt lange gebraucht�, fuhr Vela fort. �Ich habe schon vor Stunden mit euch gerechnet. Aber auf alte Freunde wartet man gerne.� Sie stand auf, kam mit gemessenen Schritten die Stufen des Thrones herunter und blieb hinter dem Tisch stehen. �Kommt n�her. Es redet sich nicht gut auf so gro�e Entfernung.�</p><p>Skar richtete sich ganz langsam auf. Seine Hand lag am G�rtel, nur wenige Zentimeter vom Griff des <emphasis>Tschekal </emphasis>entfernt. Aber er w�rde es nicht ziehen k�nnen.</p><p>Langsam, wie bet�ubt, n�herte er sich dem Thron. Er wu�te jetzt, warum es so leicht gewesen war. Sie hatte es gewu�t. Vielleicht hatte sie ihnen sogar den Weg geebnet, Hindernisse beseitigt, an denen sie niemals vorbeigekommen w�ren. Sein Blick suchte den Velas, aber unter der Kapuze waren nur dunkle Schatten. Das Silberding in ihrer Hand glitzerte boshaft. Skar hatte die Waffe schon einmal bei ihr gesehen und von ihrer furchtbaren Wirkung geh�rt. Eine Waffe der Alten. Ein Ding, das Blitze schleuderte und Menschen in Sekunden zu Asche verbrennen konnte.</p><p>�Tu es nicht�, sagte Vela. �Ich wei�, wie schnell du bist. Vielleicht k�nntest du dein Schwert schleudern und mich t�ten, aber du w�rdest es nicht mehr erleben. Und du w��test deshalb nicht, ob du mich wirklich get�tet oder nur verwundet h�ttest.�</p><p>Skar sp�rte wieder den alten Ha� in sich aufsteigen, hei�er und brennender als jemals zuvor. Er stand der Frau gegen�ber, die sein Leben zerst�rt hatte, die seine Freunde get�tet und sein Vertrauen ausgenutzt hatte, die schuld daran war, da� Del gestorben war.</p><p>Und er war hilflos.</p><p>Vela trat einen halben Schritt zur�ck, nahm die Kapuze herunter und kam um den Tisch herum. Ihre Bewegungen wirkten schwerf�llig und m�de, als m�sse sie sich zu jedem Schritt zwingen, und ihre Gestalt war l�ngst nicht mehr so schlank und jugendlich, wie er sie in Erinnerung hatte. Sie war ...</p><p>Legis stie� ein ungl�ubiges Keuchen aus. �Laynanya!�</p><p>Vela kam n�her. Ein triumphierendes L�cheln huschte �ber ihre Z�ge. Ihre linke Hand lag in einer unbewu�ten, sch�tzenden Haltung auf ihrem Leib.</p><p>�Du Hexe!� keuchte Legis. �Du warst die ganze Zeit drau�en bei uns. Du hast -�</p><p>�Du magst eine gute <emphasis>Errish </emphasis>sein, Kindchen�, fiel Vela ihr sp�ttisch ins Wort, �aber von Politik verstehst du leider nur sehr wenig. Das erste, was ich getan habe, war, eure l�cherliche Rebellenarmee ins Leben zu rufen. Ich mu� mich noch bedanken f�r deine Hilfe. Du warst -�</p><p>Aber Legis h�rte schon nicht mehr zu. Sie schrie auf, duckte sich und ri� die Hand unter dem Mantel hervor. In ihren Fingern glitzerte ein klobiges silbernes Etwas.</p><p>Skar warf sich instinktiv zur Seite und schlo� die Augen. Ein wei�es, helles, <emphasis>unertr�glich </emphasis>helles Licht fra� sich durch seine zusammengepre�ten Lider, h�llte Legis ein und verwandelte sie in eine br�llende Fackel. Skar st�rzte, schrie vor Schmerz und Ha� und schleuderte sein <emphasis>Tschekal. </emphasis>Die Waffe flog in einer geraden, blitzschnellen Bahn auf die <emphasis>Errish </emphasis>zu.</p><p>Aber sie erreichte ihr Ziel nicht. Eine Handbreit vor Velas Brust prallte sie gegen ein unsichtbares Hindernis, flog, wie von einem Hieb getroffen, zur Seite und landete klirrend auf dem Boden. Die schlanke Klinge aus Sternenstahl gl�hte.</p><p>�Du Narr�, sagte Vela. Ihre Stimme klang hart. �Du entt�uschst mich, Skar. Nach allem, was du geleistet hast, um hierherzukommen, h�tte ich mehr Verstand von dir erwartet. Hast du wirklich geglaubt, da� ich mich nicht zu sch�tzen wei�?� Sie steckte ihre Waffe ein, straffte sich und klatschte in die H�nde. Hinter dem Thron traten zwei gewaltige schwarze Gestalten hervor, kn�cherne M�nner mit rei�enden Stacheln an Schulter- und Kniegelenken, mit toten Gesichtern und mit H�nden, die nichts anderes waren als m�rderische Klauen. Tuan-Krieger.</p><p>�Packt ihn�, sagte Vela hart. �Aber behandelt ihn gut! Ich werde sp�ter mit ihm reden.�</p></section><section><title><p id="_24">24.</p></title><p>Sie brachten ihn in ein Verlies, ein fensterloses, feuchtkaltes Loch von unbestimmbarer Gr��e, ketteten ihn an und lie�en ihn allein. Sieben- oder achtmal bekam er zu essen, und viermal schlief er, aufrecht stehend und mit ausgebreiteten Armen an die Wand gekettet. Sein Zeitgef�hl erlosch. Er wu�te nicht, wie lange er hier unten war - Tage, Stunden oder Wochen. Anfangs schrie er, warf sich mit aller Macht gegen die d�nnen, unzerrei�baren Ketten, verfluchte Vela und flehte sie abwechselnd an, aber irgendwann erlahmten seine Kr�fte, und irgendwann, noch sp�ter, gab er auf. Sein Widerstandsgeist erlosch; nicht f�r den Moment, so wie schon ein paarmal zuvor, sondern endg�ltig.</p><p>Er hatte verloren.</p><p>Er hatte gek�mpft, vielleicht wie nie ein Mann vor ihm, und er hatte verloren. Einmal erwachte er und sp�rte warme, salzige Tr�nen auf seinen Wangen, ohne da� er sich ihrer sch�mte, und ein anderes Mal h�rte er Schreie und zusammenhangloses Gestammel und merkte erst nach Minuten, da� er selbst es war, der schrie; und wieder ein anderes Mal glaubte er tapsende, schwere Schritte und ein dunkles, drohendes Knurren zu h�ren, und sein verwirrter Geist zauberte rotgl�hende Wolfsaugen in die Dunkelheit des Kerkers. Er schrie, flehte den Wolf an, ihn zu t�ten, aber die Schw�rze vor ihm blieb stumm, weil es keinen Wolf gab, weil Combats Henker, wenn er �berhaupt noch hier war, irgendwo lauerte, wartete und sich an seiner Qual weidete. Skar konnte keine Gnade von ihm erwarten, keinen raschen, schmerzlosen Tod. Er war dort, wo der Wolf ihn hatte haben wollen. Am Ende. Vernichtet. So gr�ndlich zerst�rt, wie man einen Menschen nur zerst�ren konnte, ohne ihn umzubringen. Kraftlos. Entmutigt. Jedes bi�chen Stolz aus ihm herausgebrannt. Ein Wrack; nicht k�rperlich, aber in seiner Seele.</p><p>Irgendwann, nach einem Jahrhundert, in dem er am Rande des Wahnsinns entlangbalanciert war, holten sie ihn und brachten ihn zu Vela.</p><p>Skar hatte kaum mehr die Kraft, auf seinen eigenen Beinen zu stehen, als ihn die beiden Tuan-Krieger in den Thronsaal der <emphasis>Errish </emphasis>schleiften. Ihr Griff schmerzte, aber Skar war beinahe dankbar daf�r, denn dieser Schmerz zeigte ihm auch, da� er noch nicht ganz tot war, da� er immer noch zu - wenn auch primitiven - Empfindungen f�hig war.</p><p>Die <emphasis>Errish </emphasis>war allein wie beim ersten Mal. Die beiden Hornkrieger stie�en Skar vor der schwarzen Steintafel zu Boden und entfernten sich auf einen befehlenden Wink Velas. Ihre Schritte verklangen auf den polierten Fliesen.</p><p>Skar blieb minutenlang reglos und mit gesenktem Kopf knieen. Allm�hlich kehrte das Leben in seine abgestorbenen Glieder zur�ck; ein langsamer, schmerzhafter Proze�, der sein Gegenst�ck hinter seiner Stirn fand, wo sich seine Gedanken langsam zu kl�ren begannen.</p><p>Nach einer Weile r�usperte sich Vela. Skar hob m�hsam den Kopf, sah zu ihr auf und blinzelte. Die Vorh�nge vor den gro�en, spitz zulaufenden Fenstern waren zur�ckgezogen worden, um das Sonnenlicht hereinzulassen, aber es war trotzdem nicht richtig hell. Der schwarze Stein Elays saugte das Licht auf wie ein Schwamm das Wasser.</p><p>�Setz dich, Skar�, sagte Vela. �Du brauchst nicht vor mir zu knieen, solange wir allein sind.�</p><p>Der grausame Hohn in ihren Worten prallte von ihm ab. Sie konnte ihn nicht mehr verletzen. Es gab keinen Schmerz mehr, der ihm noch nicht zugef�gt worden w�re. M�hsam erhob er sich, wankte zu einem der St�hle und setzte sich. Der Stein f�hlte sich kalt und hart wie Stahl an. Pl�tzlich fror er.</p><p>�Was ... willst du von mir?� fragte er schleppend. Seine eigene Stimme kam ihm fremd vor. Er erschrak vor ihrem Klang. <emphasis>�Ich </emphasis>von Dir ?� wiederholte Vela mit gespielter �berraschung. �Ich dachte bisher, es w�re umgekehrt - bist du nicht hergekommen, weil <emphasis>du </emphasis>etwas von mir wolltest?� Sie lehnte sich ein wenig zur�ck, und Skar erkannte die glitzernde <emphasis>Errish-</emphasis>Waffe auf ihrem Scho�. Vor seinen Augen stieg das Bild eines brennenden, verkohlten K�rpers auf. Vela bemerkte seinen Blick und l�chelte. �Du siehst, ich zolle dir noch immer den Respekt, der einem Satai zukommt�, sagte sie.</p><p>Skar sch�ttelte m�de den Kopf. �Keine Spielchen mehr, Vela. Du hast gewonnen.�</p><p>Velas linke Augenbraue rutschte ein wenig nach oben. �Habe ich das?� fragte sie. Sie lachte; es war das gleiche glockenhelle Jungm�dchen-Lachen, das er schon mehrmals von ihr geh�rt hatte und das so gar nicht zu ihr zu passen schien. �Ja�, fuhr sie nach einer Weile fort. �Vielleicht hast du recht, und ich habe gewonnen. Leicht war es nicht.� Sie seufzte, fuhr sich mit einer unbewu�ten Geste durch das Haar und beugte sich vor. �Du hast dich geschlagen, wie es eines Satai w�rdig ist�, sagte sie. �Es gab eine Zeit, da habe ich ernsthaft daran gezweifelt, dich besiegen zu k�nnen. Wei�t du das?�</p><p>�Was willst du von mir?� fragte Skar. Die Worte fielen ihm schwer. Er wollte nicht mehr k�mpfen. Warum t�tete sie ihn nicht endlich?</p><p>�Was ich von dir will?� Vela sah ihn nachdenklich an. Sie war noch immer eine sehr sch�ne Frau, aber etwas in ihrem Gesicht hatte sich ver�ndert. Als Laynanya hatte sie einmal zu ihm gesagt, da� Vela nicht mehr diejenige war, die er kennengelernt hatte; da� der Stein der Macht ihre Seele ver�ndert hatte, und diese Worte entsprachen der Wahrheit. Er konnte die Ver�nderung sehen, obwohl jede Linie ihres Gesichtes gleichgeblieben war. Ein vager Schmerz hatte sich in ihre Z�ge gegraben, eine schwer zu beschreibende, fast unheimliche Verschiebung ins Negative, B�se. �Vielleicht nur mit dir reden. Dir meinen Respekt zollen, wenn du so willst.�</p><p>�Respekt?� Skar h�tte fast gelacht. �Es ist billig, sich einem Besiegten gegen�ber gro�z�gig zu zeigen, Vela�, sagte er. �Und ich will deine Gro�herzigkeit nicht. Wir haben gek�mpft, und du hast mich geschlagen.�</p><p>�Nicht <emphasis>wir </emphasis>haben gek�mpft�, widersprach Vela. Sie griff unter ihren Umhang und zog eine d�nne Kette aus silbernem Sternenstahl zwischen ihren Br�sten hervor. Am Ende der Kette hing der Stein von Combat. �Du hast gegen den gek�mpft, Skar�, sagte sie betont. �Du und dieses Ding, ihr habt euch ein Duell geliefert, und ich war nicht viel mehr als eine Zuschauerin.� Sie l�ste den Stein von der Kette, legte ihn vor sich auf den Tisch und blickte einen Herzschlag lang nachdenklich auf die schr�g geschliffenen Facetten. Das Feuer des Steines brach sich in ihren Pupillen und f�llte sie mit lodernder Glut. �Es war ein Kampf, den kein normaler Sterblicher h�tte gewinnen k�nnen, Skar. Ich wollte dich nicht verspotten - meine Worte waren ehrlich gemeint.� Sie sah auf. �Ich habe es nicht mehr n�tig, dich zu bel�gen. Es tut mir jetzt noch leid, da� du mein Angebot abgelehnt hast. Ich h�tte einen Mann wie dich an meiner Seite gebrauchen k�nnen.�</p><p>Sie schwieg einen Moment und schien auf eine Antwort zu warten, aber Skar starrte sie nur an. Schlie�lich hob sie seufzend die Schultern, befestigte den Stein wieder an seiner Kette und verbarg ihn erneut unter dem Mantel. �Es ist nicht leicht f�r eine Frau, allein zu sein�, fuhr sie fort. �Und ich bin allein.� Wieder sah sie ihn an, und in ihren Augen glomm ein seltsamer Ausdruck auf, etwas, das Skar schaudern lie�, obwohl er nicht sagen konnte, was es war. �Ich habe dir einmal gesagt, ich k�nnte dich zwingen, mich zu lieben, Skar�, sagte sie, �und es war mein Ernst. Aber ich werde es nicht tun. Selbst jetzt nicht.�</p><p>�So wie du Del gezwungen hast?�</p><p>Mit einem Mal wirkte sie traurig. �Ich habe ihn nicht gezwungen, Skar�, sagte sie. �Was er tat, tat er freiwillig. Und der Vorwurf in deinen Worten ist ungerecht. Du hast ihn mir genommen. Ich wei�, da� du mich f�r seinen Tod verantwortlich machst, aber in Wirklichkeit bist du es, den die Schuld trifft. Er w�re noch am Leben, wenn du ihn damals nicht entf�hrt h�ttest. Aber das ist jetzt vorbei�, fuhr sie mit ver�nderter Stimme fort. �Es hat wenig Zweck, �ber Dinge zu jammern, die geschehen sind. Und Del ist nicht tot. Er lebt. Die Sumpfleute haben ihr Versprechen gehalten und ihn wieder zum Leben erweckt.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. �Der Mann, der er einmal gewesen ist, lebt nicht mehr�, sagte er. �Du wei�t das so gut wie ich. Weder du noch ich werden den Mann wiedersehen, den wir einmal� - er z�gerte und sprach das Wort mit schmerzhafter Betonung aus - �geliebt haben. Es gibt ihn nicht mehr.�</p><p>�Ich glaube, du untersch�tzt die Macht Coshs�, widersprach Vela. �Nicht einmal ich w�re den Sumpfzauberern gewachsen gewesen. Ich h�tte die Schlacht verloren, wenn sie mich damals zum Kampf gezwungen h�tten.�</p><p>Skar sch�rzte abf�llig die Lippen. �Was sagtest du gerade? Es hat keinen Zweck, �ber Dinge zu reden, die vorbei sind?� Zu seiner �berraschung lachte Vela. �Du hast recht, Skar�, meinte sie. �Reden wir �ber Dinge, die sein werden - es wird dich interessieren, wie es Gowenna und ihren graugesichtigen Freunden geht. Sie waren nicht unt�tig, w�hrend du hierhergereist bist.� Skar starrte sie an. Die Erw�hnung Gowennas weckte Erinnerungen in ihm, schmerzhafte Erinnerungen, die er vergessen wollte.</p><p>�O ja, sie lebt noch�, sagte Vela, als sie den Ausdruck auf seinen Z�gen bemerkte. �Und sie ist - auf ihre Weise - so erfolgreich gewesen wie du. Sie und dein Freund Del haben ein Heer aufgestellt und vor wenigen Tagen den G�tterpa� �berschritten.� Sie lachte, und dieses Mal klang es wirklich am�siert, und fuhr fort: �Als ob Elay durch ein Heer genommen werden k�nnte! Eigentlich sollte sie es besser wissen. Selbst wenn ich nicht hier w�re, und selbst wenn der Stein noch in Combat l�ge, w�re ein Angriff auf diese Festung sinnlos.�</p><p>�Immerhin ist es mir auch gelungen herzukommen.�</p><p>�Weil ich es wollte�, sagte Vela gleichm�tig. �Und weil du einen m�chtigen Verb�ndeten hattest. Nur eine <emphasis>Errish </emphasis>konnte euch den Weg durch die H�hlen zeigen, und nicht einmal mit ihrer Hilfe w�ret ihr auch nur in die N�he des Palastes gekommen, wenn ich euch nicht den Weg geebnet h�tte. Es gibt Gefahren dort unten, von denen sich nicht einmal Legis etwas h�tte tr�umen lassen. Du hast es gemerkt - von vierzehn seid nur ihr zwei noch am Leben. Was geschah mit den anderen, mit Mork und seinen Quorrl? Haben ihn die Drachen gefressen?�</p><p>Skar mu�te all seine Kraft aufbieten, um sich seine �berraschung nicht anmerken zu lassen. Sie wei� es nicht, dachte er. Sie wei� nichts von Combats W�chter, und da� er hier ist.</p><p>�Mork habe ich get�tet�, sagte er. �Die anderen ...� Er zuckte mit den Achseln. �Ich wei� nicht, was mit ihnen geschah. Legis und der Quorrl und ich gingen voraus, um den Weg zu erkunden. Als wir zur�ckkamen, waren sie tot. Alle.�</p><p>Vela wirkte f�r einen Moment �berrascht.</p><p>�Eine der Gefahren, von denen du sprachst�, f�gte er hastig hinzu. Seine Worte klangen nicht �berzeugend, aber zu seiner �berraschung schien sich Vela mit dieser Erkl�rung zufriedenzugeben. Warum fragt sie nicht nach dem Wolf? dachte er. Sie wei�, da� er mich verfolgt. Sie hat meine Gedanken gelesen und hat ihn gesehen, als er ihr Heer angriff.</p><p>�Du hast ihn get�tet. War es ein guter Kampf?�</p><p>�Nein�, antwortete Skar. �Es war Mord. Er hatte keine Chance.�</p><p>�Schade. Er war ein guter Mann. Ein w�rdiger Gegner f�r dich. Und auch f�r mich. Ich wu�te, da� ihr fr�her oder sp�ter aneinandergeraten w�rdet, schon als ich euch das erste Mal beisammen sah. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.� Sie l�chelte wieder, doch ihr Blick wurde pl�tzlich hart, und ein unsichtbarer grauer Schatten schien sich �ber ihre Z�ge zu legen. �Du bist mir �hnlicher geworden, als du ahnst, wei�t du das?� fragte sie. �Du hast dein Versprechen wahrgemacht und mich gefunden, aber du hast deinen Weg mit Toten gepflastert. Du hast Andred get�tet und Legis und Herger und Mork - habe ich jemanden vergessen?� Sie tat so, als �berlege sie, und nickte. �Tantor. Ich verga� Tantor in meiner Aufz�hlung. Aber daf�r m��te ich dir dankbar sein. Ich h�tte ihn sowieso beseitigen m�ssen. Er wurde zu m�chtig.� Skars H�nde begannen zu zittern. �Du ... du hast die Wahrheit gesagt�, kr�chzte er. �Erinnerst du dich, was du als Laynanya zu mir gesagt hast? Da� die Vela, die -�</p><p>Sie brachte ihn mit einer hastigen Geste zum Schweigen. �Ich wei� es, Skar. Du h�ltst mich f�r schlecht, nicht wahr?�</p><p>�Nicht schlecht�, korrigierte Skar sie. �F�r b�se. F�r durch und durch b�se.�</p><p>�B�se ...� Vela seufzte. �Ein gro�es Wort, und es spricht sich schnell aus. Aber was hei�t das schon - b�se? B�se ist immer nur der andere, Skar. S��est du an meiner Stelle und ich an deiner, w�rde ich dich b�se nennen. Das Recht ist immer auf der Seite des Siegers. Aber was hei�t schon Recht? Ist Recht nicht das, wof�r man k�mpft, ganz gleich, was es ist? Glaubst du nicht, da� auch ein blutiger Tyrann meint, er w�re im Recht? Ist das, was wir Recht nennen, nicht letztlich nur ein anderes Wort f�r St�rke?� Sie sch�ttelte den Kopf, lehnte sich zur�ck und verzog rasch und schmerzlich die Lippen. Ihre Hand pre�te sich auf den Leib. �Mein Angebot gilt noch immer�, fuhr sie nach einer Weile, abrupt das Thema wechselnd, fort. �Der Thron von Elay ist gro� genug f�r zwei. �berlege es dir.�</p><p>�Du kennst die Antwort.�</p><p>�Ich f�rchte, ja�, murmelte Vela. �Und es tut mir leid, Skar. Ich brauche dich.�</p><p>�Mich oder das, was ich bin?�</p><p>�Beides, Skar. Das eine habe ich, aber ich f�rchte, das andere werde ich nie bekommen. Du siehst�, f�gte sie mit einem fl�chtigen L�cheln hinzu, �nicht einmal meine Macht reicht aus, mir alle W�nsche zu erf�llen.�</p><p>Skar runzelte fragend die Stirn. �Was meinst du damit?�</p><p>Vela schwieg sekundenlang. �Du wei�t es wirklich nicht?� Wieder legte sich ihre Hand auf die W�lbung ihres Leibes, aber diesmal war es keine Geste des Schmerzes. �Erinnerst du dich, was dir Laynanya �ber dieses Kind erz�hlte? Es war nur zum Teil wahr, Skar. Der Vater dieses Kindes ist ein Krieger, aber es war keiner meiner M�nner, und es ist auch kein Kind der Gewalt. Ich wollte es haben. Ich brauche es, Skar, so wie ich dich brauche.� Skars Kehle war pl�tzlich wie zugeschn�rt. Er hatte geglaubt, jenseits allen Schreckens zu sein, aber das war nicht wahr. Es gab keine Grenze des Schmerzes. �Du meinst...�</p><p>�Dieses Kind wird mein Erbe sein, Skar�, sagte Vela. �Unser beider Erbe. Es wird all die Macht haben, �ber die wir beide jemals geboten haben, und mehr. Ich h�tte es gerne zusammen mit seinem Vater gro�gezogen. Erforsche deine Gef�hle, und du wirst erkennen, da� ich dich nicht bel�ge. Es ist <emphasis>dein </emphasis>Kind, das ich unter dem Herzen trage.�</p><p>Eine eisige Hand griff nach Skars Herz und pre�te es zusammen.</p><p>�Es ist dein Kind�, sagte Vela noch einmal. �Dein Sohn, Skar. Vielleicht wird es ein Kind des Schreckens sein, in deinen Augen, aber ich wei�, da� ich in mir den Knaben trage, der diese Welt ver�ndern wird. Er wird deine Macht erben, und ich werde daf�r sorgen, da� er lernt, sie anzuwenden. Das, was ich vermag, wird nichts gegen ihn sein. Er wird �ber die Macht der Alten gebieten, Skar, so wie du es gekonnt h�ttest.�</p><p>Skar sp�rte, da� er zu schwanken begann, und klammerte sich im letzten Moment an der Tischkante fest. Hinter seiner Stirn begannen die Gedanken auf und ab zu h�pfen, einen wirren, unkontrollierbaren Tanz aufzuf�hren. Aber Vela war noch nicht fertig. �Du glaubst, f�r das Gute zu k�mpfen, Skar�, fuhr sie fort, �aber es ist dein Erbe, das ich in mir trage. Du kannst dich selbst bel�gen, aber du kannst dich nicht verleugnen. Du bist mein Verb�ndeter, ob du es willst oder nicht. Das Kind, das ich austrage, wird dein Kind sein, und es wird die Kraft seines Vaters sein, die diese Welt ver�ndert. In einem hattest du recht - ich bin nicht stark genug, das zu tun, was ich wollte. Ich habe den Stein Studiert und versucht, mich mit ihm vertraut zu machen, aber ich habe meine Grenzen erkennen m�ssen. Ich kann ein wenig mit den Jahreszeiten herumspielen und die Gedanken von Menschen und Tieren beeinflussen, aber ich kann nicht die Zukunft ver�ndern. Er wird es k�nnen.�</p><p>Skar st�hnte. �Du ...�</p><p>�Sag nichts Vorschnelles�, fiel ihm Vela hastig ins Wort. �Ich gebe dir noch einmal Zeit, dir mein Angebot zu �berlegen. Gowennas Heer wird in drei Tagen zu den Rebellen sto�en und sich mit ihnen vereinen. Wir werden dort sein, um sie zu vernichten. So lange hast du Zeit. �berlege es dir gut, Satai. Du wirst entweder neben mir leben und die Geschicke dieser Welt lenken - oder mit deinen Freunden zusammen sterben.�</p></section><section><title><p id="_25">25.</p></title><p>Seine Augen begannen zu schmerzen, als sie ihn nach drau�en f�hrten. Eine Woche Dunkelheit hatte sie empfindlich werden lassen, so da� ihm das Sonnenlicht wie grelle Wei�glut vorkam und ihm die Tr�nen �ber die Wangen flie�en lie�. Er wollte die Hand heben, um seine Augen zu bedecken, aber die beiden Hornkrieger hielten seine Arme unbarmherzig fest.</p><p>Vela hatte nicht viel Zeit verloren. W�hrend sie oben in ihrem Gemach mit ihm geredet hatte, waren im Innenhof der Festung die letzten Vorbereitungen f�r den Abmarsch getroffen worden. Die gewaltigen asymmetrischen Tore waren weit ge�ffnet, und auf dem Platz davor hatte die Armee der <emphasis>Errish </emphasis>Aufstellung genommen. Es war kein gro�es Heer, aber vielleicht das schlagkr�ftigste, das diese Welt jemals gesehen hatte. Skar sp�rte einen eisigen Schauer, als ihn die beiden Tuan-Krieger �ber den Hof f�hrten. Es waren hundert, vielleicht hundertf�nfzig M�nner, kr�ftige Gestalten in den schwarzen Stachelpanzern von Velas Leibgarde. Dahinter, in einer reglosen Dreifachreihe wie bizarre steinerne Statuen mitten in der Bewegung eingefroren, noch einmal die doppelte Anzahl schwarzgl�nzender Hornkrieger; Velas Armee des Irrsinns, die sie aus den Abgr�nden der Zeit heraufbeschworen und zu unseligem Leben erweckt hatte. Und hinter ihnen, wie eine Mauer aus Fleisch und vibrierender Kraft, die Drachen.</p><p>Skar z�hlte vier Dutzend der gewaltigen Panzerechsen, eine so gro� und wild wie die andere. Eine lebende Walze aus Wut und explosiver Aggressivit�t, die keine Gewalt dieser Welt w�rde aufhalten k�nnen. Vela hatte recht, dachte er dumpf. Auch ohne die zus�tzliche Macht, die ihr Combats Stein verlieh, w�re ein Angriff auf diese Stadt Wahnsinn. Gowennas Vorhaben war ein Akt der Verzweiflung, nicht mehr als ein vielleicht heroisches, aber vollkommen nutzloses Symbol.</p><p>Sein Blick wandte sich nach S�den. Die Sonne stand im Zenit und tauchte das Land in goldenes Licht und tr�gerischen Frieden. Zwischen den grauen Felsen vor dem Tor zeigte sich das erste zaghafte Gr�n des Fr�hlings, Gras, das Monate zu fr�h aus der Erde brach, genarrt von der Magie eines Volkes, das �ber diesen Boden gewandelt war, als es so etwas wie Menschen noch nicht gab; als die Welt voller D�sternis und schwarzer Spinnweben gewesen war, voller Gewalt und einer Art von Leben, das diesen Namen vielleicht nicht einmal verdiente.</p><p>Skar versuchte sich vorzustellen, wie die Welt aussehen w�rde, wenn Velas Schreckensherrschaft sich weiter ausbreitete. Die Zeit der Alten w�rde wiederkommen, aber Vela irrte sich, wenn sie glaubte, ihre Gewalten zum Guten wenden zu k�nnen. Trotz allem glaubte sie wohl noch immer an dieses Ziel, sonst h�tte sie niemals die Kraft aufgebracht, das zu tun, was sie getan hatte. Aber sie irrte sich. So wie sie ihn zum Werkzeug gemacht hatte, war auch sie nur noch der Handlanger eines Geistes, der aus einem �onenlangen Schlaf erwacht war und daranging, sich die Welt untenan zu machen.</p><p>Skar wunderte sich, woher diese Gedanken kamen. Es war, als w�re er pl�tzlich aufgewacht, und seine �berlegungen liefen mit einer seltenen Sch�rfe ab, bedienten sich eines Wissens, das pl�tzlich in ihm war, als w�ren in seinem Bewu�tsein unvermittelt T�ren zu einem Bereich ge�ffnet worden, von dem er nicht einmal gewu�t hatte, da� es ihn gab. Irgend etwas war mit ihm geschehen, w�hrend er in Velas Kerker gewesen war.</p><p>Aber auch dieses R�tsel l�ste sich mit dem gleichen selbstverst�ndlichen Wissen, das pl�tzlich aus dem Nirgendwo �ber ihn gekommen war. Es war das Wissen seines Dunklen Bruders, das Erbe, das er in sich trug und dessen sich Vela bedienen wollte, um ihre Macht zu festigen. Sie hatte die Wahrheit gesagt, damals in Tuan. Etwas vom Geist der Alten war in ihm, und ein winziges bi�chen von diesem Etwas war jetzt an die Oberfl�che gekommen. Er sah die Welt in einer blitzartigen, grauenhaften Vision vor sich, so wie sie sein w�rde: eine Welt ohne Menschen, auch ohne Drachen und <emphasis>Errish </emphasis>und Quorrl, ein Planet, der nichts mehr mit Enwor gemein hatte als einen Namen und vielleicht nicht einmal mehr das. Er sah schwarze, wie geschmolzenes Pech gl�nzende F�den aus dem Boden kriechen, vibrierende Nervenstr�nge eines gewaltigen, auf Milliarden und Abermilliarden einzelner K�rper verteilten Wesens, sah eine Armee stachelbewehrter Hornkrieger �ber das Land marschieren und Jagd auf die letzten Menschen machen, sah den Himmel schwarz werden und bizarre St�dte und formlose, unbeschreibliche Dinge sich �ber das Land ausbreiten. Vielleicht w�rde das Meer bleiben; es war gro�. Gro� und geduldig genug, selbst diesem Gegner zu trotzen. Aber nicht einmal das war sicher.</p><p>Vela irrte sich. Sie glaubte das B�se �berlisten, sich seiner Kr�fte bedienen zu k�nnen, um die Zukunft dieser Welt zu ver�ndern.</p><p>Aber er wu�te auch, da� es sinnlos war, noch einmal mit ihr zu reden. Das Ding in ihr war schon zu stark. Vielleicht w�rde es nicht einmal mehr etwas �ndern, wenn sie die Schlacht verlor, und vielleicht war ihr K�rper schon nur noch eine leere H�lle, die nicht mehr gebraucht wurde.</p><p>Die beiden Hornkrieger f�hrten ihn an der Front der schwarzen Reiter vorbei zu einer gro�en, an eine S�nfte erinnernde Konstruktion, die zwischen zwei der Drachen aufgeh�ngt worden war. Eine schmale Strickleiter f�hrte zu ihr hinauf. Die Krieger lie�en Skars Arme los, und einer von ihnen bedeutete ihm mit einer befehlenden Geste hinaufzusteigen. Skar z�gerte einen Moment, ehe er gehorchte. Er brauchte keine Erkl�rungen, um zu wissen, da� Vela in dieser S�nfte reisen w�rde. Es war ein Marsch von drei Tagen bis zur unterirdischen Festung der Rebellen; auch im Sattel eines Drachen eine zu anstrengende Reise f�r eine Schwangere.</p><p>Er erhielt einen schmerzhaften Sto� in den R�cken und bestieg hastig die erste Sprosse. Die Drachen bewegten sich unruhig und starrten ihn aus ihren winzigen intelligenten Augen an. Vielleicht sp�rten sie den Aufruhr in seiner Seele. Vielleicht war es aber auch nur der fremde Geruch, den er ausstr�mte und der sie beunruhigte.</p><p>Er zog sich die letzten Sprossen empor, senkte den Kopf, um nicht an dem niedrigen geschnitzten Sturz des Einganges anzusto�en, und erhob sich auf die Knie. Das Innere der S�nfte war �berraschend gro�. Durch die W�nde sickerten d�nne Streifen goldenen Sonnenlichts herein und gaukelten ihm ein Gef�hl des Friedens vor. Er stand auf und breitete rasch die Arme aus, um sein Gleichgewicht zu halten, als der Boden unter ihm zu schwanken begann. Der Drachengestank war hier drinnen �berm�chtig. Er durchquerte die S�nfte, hockte sich in eine Ecke und legte den Kopf auf die Knie. Er wollte nicht mehr denken. Er wartete darauf, da� sie endlich kam und ihn t�tete. Oder da� der Wolf dies tat. Wo war er? Hatte er ihn all die Zeit verfolgt oder gehetzt, um ihn jetzt allein zu lassen, kehrte er zur�ck nach Combat, um wieder f�r eine Ewigkeit zu Stein und Schweigen zu erstarren? Oder lauerte er immer noch irgendwo in seiner N�he?</p><p>Wahrscheinlich, dachte er. Wahrscheinlich war er noch irgendwo hier, und wahrscheinlich war er der Grund, warum er �berhaupt noch lebte. Er war m�chtig, ein D�mon, dem nichts unm�glich war, und er w�rde es nicht zulassen, da� seine Strafe so leicht ausfiel. Irgendwie, das wu�te Skar pl�tzlich, w�rde er ihn sch�tzen, um seine Qual zu verl�ngern.</p><p>�Das Selbstmitleid steht dir nicht�, drang eine Stimme in seine Gedanken. Er sah auf und erkannte einen Schatten vor dem Eingang. Das wei�e Sonnenlicht zeichnete die Konturen mit einem b�sen blauen Heiligenschein nach.</p><p>�Wie kommst du darauf?� sagte er widerwillig. Er wollte nicht reden.</p><p>Vela lachte, bewegte sich geb�ckt auf ihn zu und setzte sich. Die S�nfte begann zu beben, und von drau�en drang ein dumpfes, unglaublich machtvolles Raunen und Dr�hnen herein; wie der Laut eines gewaltigen Tieres. Die Armee hatte sich in Bewegung gesetzt. Velas Eintreffen war das letzte Zeichen gewesen, auf das noch gewartet worden war. �Man sieht es�, erkl�rte sie leichthin. �Aber du bist kein Mann, der sich einem solchen Gef�hl hingeben sollte. N�tze die Zeit, die ich dir noch gew�hre. Drei Tage sind nicht viel.�</p><p>�Hier?� fragte er.</p><p>Vela machte eine undeutbare Geste. �Das �berlasse ich dir. Wenn du lieber in Ketten hinter einem Pferd hermarschieren m�chtest, als meine Gesellschaft zu ertragen, so ist das deine Wahl. Aber ich glaube, wir haben zu reden.�</p><p>Skar setzte dazu an, etwas zu sagen, sch�ttelte aber dann den Kopf und starrte blicklos an Vela vorbei. Die Schatten vor dem Eingang begannen zu wandern. Es roch nach hei�em Staub und Schwei�.</p><p>�Gut�, sagte Vela nach einer Weile. Skar schrak auf. Er merkte erst jetzt, da� sie ihn sekundenlang angestarrt und auf eine Antwort gewartet hatte. �Vielleicht w�re es wirklich zuviel, jetzt eine Antwort von dir zu verlangen. Ich habe dir Bedenkzeit bis nach der Schlacht versprochen, und ich halte mein Wort.�</p><p>Skars Blick tastete �ber ihr Gesicht. Jetzt, im Halbschatten der S�nfte, sah es noch verwundbarer und sch�ner aus als zuvor. Ein neues, seltsames Gef�hl kroch aus seinem Inneren empor, ein Empfinden, vor dem er erschrak und das er eilig wieder dorthin zu verbannen versuchte, woher es gekommen war. Das Gift begann zu wirken.</p><p>�Es ist seltsam�, murmelte er. Die Worte entstanden ohne sein Zutun, und er h�rte sich selbst neugierig und mit vagem Schrecken zu. �Ich m��te dich hassen, aber ich kann es nicht.�</p><p>In Velas Augen glomm ein neugieriger Funke auf. �Was dann?� Skar lachte, sehr leise und sehr traurig. Pl�tzlich war kein Zorn mehr in ihm. �Mitleid�, sagte er. �Du tust mir nur noch leid, mehr nicht.�</p><p>Velas L�cheln erstarrte, aber Skar sah sie jetzt nicht mehr an, sondern blickte weiter zu den tanzenden Schatten vor dem Ausgang hinaus.</p></section><section><title><p id="_26">26.</p></title><p>�ber dem Tal lag noch Nebel, der letzte fl�chtige Hauch der Nacht, der nur widerwillig der hereinbrechenden D�mmerung wich. Es war kalt; die Sonne war als lodernder roter Ball �ber den Horizont gekrochen, aber es w�rde noch lange dauern, bis ihre W�rme den Klammergriff des Frostes gesprengt haben w�rde. An den W�nden der Schlucht glitzerte Rauhreif, hier und da hatte sich Eis in kleinen stacheligen Nestern festgesetzt, und �ber der n�rdlichen H�lfte des Canyons fiel Schnee; ein wirbelnder grauwei�er Vorhang, hinter dem die Gestalten der Quorrl und Menschen nur noch als huschende Schatten wahrzunehmen waren.</p><p>Skar schlug fr�stelnd den Kragen seines pelzgef�tterten Mantels h�her und trat einen Schritt vor. Die beiden Tuan-Krieger folgten ihm wie stumme, m�chtige Schatten, aber er bemerkte sie kaum noch. Es waren erst drei Tage vergangen, seit sie in seiner N�he waren, aber er hatte sich schon an sie gew�hnt. Solange er sich nicht zu hastig bewegte oder gegen Velas ausdr�ckliche Verbote verstie�, lie�en sie ihn in Ruhe.</p><p>Die <emphasis>Errish </emphasis>drehte sich um, als sie seine Schritte h�rte, l�chelte fl�chtig und wies mit der Linken ins Tal hinunter. Die andere Hand umklammerte den Stein. Sie hatte ihn von seiner Kette gel�st und hielt ihn so fest, als wolle sie ihn zerbrechen. �Bist du zufrieden?� fragte sie.</p><p>�Womit?�</p><p>�Mit ihren Vorbereitungen. Ihre Sp�her m��ten schon blind sein, wenn sie das Heer noch nicht bemerkt h�tten.�</p><p>Skar schenkte sich die Antwort und sah sich statt dessen - zum hundertsten Male - nach allen Seiten um. Es war die klassische Situation: Unter ihnen, auf der anderen Seite der Schlucht und durch die gro�e Entfernung zu einer Ansammlung winziger schwarzer P�nktchen degradiert, r�ckte das Heer heran, eine Walze aus Fleisch und Panzerplatten, die wie eine bizarre Kaulquappe auf das Lager der Rebellen vorstie�. Vela hatte ihm einen Schlachtplan erkl�rt; er war nicht sonderlich originell, nicht einmal gut - aber das mu�te er auch nicht sein. Was der <emphasis>Errish </emphasis>an strategischem Geschick fehlte, machte sie durch pure Gewalt wett, nicht ein-, sondern hundertmal. Gewalt und Magie. <emphasis>Wenn </emphasis>es Magie war.</p><p>Skar schob den Gedanken beiseite. Es war m��ig, �ber etwas nachzudenken, das vom menschlichen Bewu�tsein nicht erfa�t werden konnte. Wenn es keine Magie war, dann etwas so Fremdes und Unvorstellbares, da� das Wort wieder seine Berechtigung bekam.</p><p>�Woran denkst du?� fragte Vela.</p><p>Skar sah sie an. �An nichts�, antwortete er ausweichend.</p><p>Vela sch�ttelte tadelnd den Kopf. �Das solltest du nicht�, sagte sie. �Du hast nicht mehr viel Zeit, vergi� das nicht. In einer Stunde treffen die Heere aufeinander.�</p><p>Skar drehte sich mit einem Ruck um und entfernte sich ein paar Schritte. Velas Worte waren der reine Hohn. Die Rebellen waren schon jetzt besiegt. Das Unwetter, das seit drei Tagen �ber ihrem Tal tobte und mit Hagel- und Schneest�rmen auf die wehrlosen Krieger einschlug, mu�te sie bereits zerm�rbt haben. Es war ein unwirklicher Anblick: Hier oben, auf Velas improvisiertem Feldherrnh�gel, wuchsen bereits Gras und farbige Unkr�uter, und Skar konnte trotz der bei�enden K�lte die W�rme sp�ren, die die Sonne spendete. Bald w�rde er den Mantel ablegen und die Temperaturen eines Fr�hlings genie�en k�nnen, der den Rebellen dort unten wie grausamer Spott vorkommen mu�te. Dicht unter Skar, kaum eine Pfeilschu�weite entfernt, verlief eine unsichtbare Grenze: die Mauer zwischen Fr�hling und tiefstem Winter, zwischen lebenspendender W�rme hier oben und t�dlicher, w�rgender K�lte, die sich wie ein wei�es Leichentuch �ber die Schlucht gelegt hatte. Wenige Schritte hinter dieser Grenze lagen Tote; ein Dutzend Quorrl, vielleicht die doppelte Anzahl M�nner, und zwischen ihnen eine verkr�mmte, graugekleidete Gestalt. Die <emphasis>Errish </emphasis>hatte versucht, Velas scheinbar schutzloses Lager zu nehmen. Skar hatte den Kampf nicht mit angesehen. Nur zwei der schwarzen Tuan-Krieger waren n�tig gewesen, die <emphasis>Errish </emphasis>und ihre Begleiter zu t�ten. Und selbst das war nur ein weiterer Akt �berfl�ssiger Grausamkeit. Sie h�tten das Tal nicht einmal verlassen k�nnen, wenn Vela es ihnen nicht gestattet h�tte. Der Schneesturm dort unten war nur ein Spiel - sie h�tte die Gewalten der H�lle heraufbeschw�ren k�nnen, wenn sie gewollt h�tte.</p><p>Er straffte sich, ri� sich gewaltsam von dem grausigen Anblick los und ging zu Vela zur�ck.</p><p>�Was verlangst du von mir, wenn du es nicht tust?� fragte er. Vela runzelte in gespielter Verbl�ffung die Stirn. �Wenn ich was nicht tue?� erwiderte sie.</p><p>Skar knurrte ungeduldig. �H�r auf. Du wei�t genau, was ich meine - brich den Angriff ab. Sie k�nnen dir nicht schaden. Du hast keinen Grund, sie umzubringen.�</p><p>�Du irrst dich, Skar�, antwortete Vela. �Ich habe Tausende von Gr�nden - und zwei davon hei�en Gowenna und Del. Sie sind dort unten, sie und ihre Verb�ndeten.� Ihre Stimme wurde hart. �Die Herren von Cosh h�tten bleiben sollen, wo sie waren, Skar. Niemand hat sie gezwungen, ein Heer aufzustellen und mit Gowenna hierherzuziehen. Sie hat diesen Kampf gewollt, und sie wird ihn bekommen.�</p><p>�Es ist kein Kampf�, sagte Skar. �Es ist Mord. Sie sind schon jetzt halb erfroren - glaubst du, sie h�tten eine Chance gegen deine Drachen und diese� - er wies auf die schwarzen Hornkrieger und verzog abf�llig das Gesicht - �diese <emphasis>Kreaturen?�</emphasis></p><p>�Nat�rlich nicht�, antwortete Vela ruhig. �H�tten sie sie, w�re ich nicht hier, Skar. Aber ich glaube, du hast noch immer nicht begriffen, <emphasis>warum </emphasis>wir hier sind, du und ich. Du willst diese Schlacht nicht? Ein Wort von dir gen�gt, und wir ziehen uns zur�ck. Du wei�t, welches.�</p><p>Skar starrte sie an. Seine H�nde zuckten.</p><p>�Dort unten sind mehr als zweitausend Krieger�, fuhr Vela fort. �Menschen, Quorrl, Sumpfleute - und ein paar deiner Freunde. Ihr Leben liegt in deiner Hand. Entscheide dich. Ein Wort von dir, und wir r�cken ab. Der Thron von Elay wartet noch auf dich. Du kannst herrschen, Skar. Du wirst mehr Macht in H�nden halten als jemals ein Mann vor dir.�</p><p>�H�r auf�, fl�sterte er.</p><p>�Aufh�ren?� Vela sog ger�uschvoll die Luft ein. �Du verkennst deine Lage, Satai�, sagte sie. �Du hast nichts zu fordern, und du bist nicht in der Situation, mir Vorw�rfe zu machen. Wenn es zur Schlacht kommt, dann ist es deine Schlacht, Skar. Die Schuld am Tod dieser M�nner dort unten wirst <emphasis>du </emphasis>tragen. <emphasis>Du </emphasis>allein, nicht ich!�</p><p>�Das ist nicht wahr�, st�hnte Skar. �Du -�</p><p>�Du hast mich b�se gemacht�, fiel ihm Vela ins Wort. �Vielleicht bin ich es - in deinen Augen. Aber ich gebe dir die M�glichkeit, dieses Morden zu verhindern, Skar. Ich wei�, wie hoch dir der Preis daf�r vorkommen mu�, aber wenn du wirklich der Mann bist, der du zu sein vorgibst, dann bezahle ihn. Ich verlange nichts als dein Wort, bei mir zu bleiben und deine Feindschaft zu vergessen. Keine Hilfe. Was zu tun ist, werde ich tun.�</p><p>�Ich brauche nur stillzuhalten, nicht?� fragte Skar m�hsam. �Du verlangst nichts von mir, als da� ich zusehe, wie du diese Welt vernichtest.�</p><p>�Unsinn. Ich glaube, du �bersch�tzt uns beide, Skar. Wir k�nnen diese Welt weder vernichten noch retten. Aber dein Sohn wird es k�nnen. W�re dir nicht wohler, wenn du dabeisein und ihn lenken k�nntest? Wenn ich so abgrundtief schlecht bin, wie du mich siehst, kannst du es dann verantworten, die Erziehung dieses Kindes allein in meine H�nde zu legen?�</p><p>Skar schwieg. Vela starrte ihn noch eine Weile an, nickte dann und straffte die Schultern. �Wie du willst, Skar.� Sie hob die rechte Hand mit dem Stein, schlo� die Augen und murmelte lautlose Worte. Skar vermeinte ein leises Knistern zu h�ren, ein Ger�usch wie von fernen Blitzen, und die Luft roch pl�tzlich wie nach einem Gewitter. Der Stein begann in ihrer Hand zu gl�hen in einem kalten, unertr�glich glei�enden Licht. Eine kn�cherne Hand legte sich von hinten auf Skars Schulter und hielt ihn fest.</p><p>Ein unwirkliches blaues Licht begann sich �ber dem Tal auszubreiten. Es sah aus, als gl�hten die wirbelnden Schneewolken, und die M�nner und Quorrl dahinter waren nicht mehr als Motten, die dem Licht zu nahe gekommen waren und verbrannten. Ihre Bewegungen wirkten pl�tzlich abgehackt und hastig. Dann ri� die kochende Wand auf mit beinahe schmerzhafter Pl�tzlichkeit. Der letzte Schnee sank zu Boden, und das Tal lag als wei�er, von unbestimmbarer Bewegung erf�llter Abgrund vor ihnen.</p><p>�Du hast recht, Skar�, sagte Vela sp�ttisch. �Es war unfair. Ich werde ihnen zumindest Gelegenheit geben, sich zur Schlacht zu formieren.�</p><p>Skar ballte in hilflosem Zorn die F�uste. �Ein Wort von dir�, hallten Velas Worte hinter seiner Stirn nach. Ein einziges Zeichen von ihm, und dieses sinnlose Morden w�rde nicht stattfinden. �Nun?� fragte Vela. In ihrer Stimme war jetzt eine winzige, aber h�rbare Spur von Ungeduld. �Hast du dich entschieden?� Er konnte sich nicht entscheiden. Niemand konnte eine solche Entscheidung von irgend jemandem verlangen.</p><p>Vela wartete. Ihr Gesicht war zu einer reglosen Maske erstarrt, und als er sie ansah, glaubte er f�r einen winzigen Moment hinter ihren Z�gen etwas anderes zu erkennen, das Antlitz von etwas unsagbar Fremdem, Uraltem. Sie war nicht mehr sie selbst. Sie hatte unrecht gehabt. Die Schuld an dem, was jetzt geschah, traf nicht ihn und auch nicht sie. Nicht mehr. Sie bestimmten beide nicht mehr, was geschehen w�rde. Schon lange nicht mehr.</p><p>Er senkte den Blick und wandte sich ab, soweit es der unbarmherzige Griff der Hornkrieger zulie�. Unten im Tal begannen sich die Rebellen zu formieren. Der Schneesturm hatte vollkommen aufgeh�rt, und die wei�e Decke war schon nach Minuten von Tausenden von F��en und Hufen zertrampelt und zu braunem Matsch geworden. Er versuchte einen Blick zur H�hle der Daktylen zu werfen, aber ihr Eingang war zu weit entfernt, als da� er mehr als hektische Aktivit�t h�tte erkennen k�nnen.</p><p>Skar versuchte jedes Gef�hl auszuschalten und nur noch ein Krieger zu sein, der dem Verlauf der Schlacht zusieht. Er erkannte eine Anzahl graugekleideter, huschender Schattengestalten zwischen den Quorrl, und einmal meinte er, f�r Sekunden einen h�nenhaften gepanzerten Mann zu erblicken, war sich aber nicht sicher, ob es wirklich Del war. Als er dort unten gewesen war, hatte ihn die Gr��e der Schlucht erstaunt, aber jetzt schien sie kaum auszureichen, um all die Krieger aufzunehmen, die sich dort zum Kampf formierten. Es waren Sumpfleute unter ihnen, sehr viele Sumpfleute. Gowenna mu�te mehr als tausend Reiter aus Cosh mitgebracht haben - eine ungeheure Armee. Und doch ein Nichts gegen die Kr�fte, die ihnen gegen�berstanden.</p><p>�Sieh gut hin, Skar�, sagte Vela. �Du bist noch nie Zeuge einer totaleren Niederlage gewesen.�</p><p>Skar wollte nicht antworten, aber Velas Worte weckten einen sinnlosen Zorn in ihm. �Ich habe gelernt, mich erst �ber einen Sieg zu freuen, wenn der Kampf vorbei ist�, knurrte er.</p><p>Ein am�siertes L�cheln spielte um die Lippen der <emphasis>Errish. </emphasis>�Es wird nicht lange dauern�, sagte sie. �Sieh hin.�</p><p>Skar gehorchte. Vielleicht h�tte er sich jetzt umwenden und gehen sollen, aber das w�re ein Verhalten gewesen, das in seiner Lage allerh�chstens l�cherlich gewirkt h�tte.</p><p>Die Rebellen formierten sich zu drei Gruppen - zwei Trupps von je tausend Mann, die H�lfte davon zu Pferd, die andere zu Fu�; eine dritte, kleinere, bestand nur aus Reitern und schlo� sich hinter den beiden gro�en Einheiten zusammen.</p><p>�Das gilt uns�, sagte Vela am�siert. �Mein Respekt. Sie haben immerhin erkannt, da� wir nur wenige sind.� Sie lachte. �Aber ich f�rchte, wir sind nicht so wehrlos, wie deine Freundin und Del glauben.� Sie gab einem ihrer Begleiter einen Wink. Der Mann entfernte sich hastig und kam wenige Augenblicke sp�ter zur�ck, ein zusammengeschobenes wuchtiges Fernglas in der Hand. Vela nahm es entgegen, zog es auseinander und setzte es sich an die Augen.</p><p>�Tats�chlich�, murmelte sie, nachdem sie eine Weile hindurchgesehen hatte. �Sie sind dabei.� Sie setzte das Glas wieder ab, wog es nachdenklich in der Hand und wandte sich an Skar. �Du kennst sie - ist es nun Heldenmut, oder will sie sich nur den Triumph nicht nehmen lassen, mich selbst zu t�ten?�</p><p>Skar schwieg. Vela trat auf ihn zu, hob die Hand, um ihm das Glas zu reichen, und �berlegte es sich im letzten Augenblick anders. �La�t sie herankommen�, sagte sie mit erhobener Stimme. �Vernichtet die Krieger, aber la�t die Frau und den Satai am Leben.�</p><p>Skar fuhr auf, aber einer seiner Bewacher ri� ihn mit einer blitzschnellen Bewegung zur�ck.</p><p>�Schone deine Kr�fte�, sagte Vela gelassen. �Verfluche mich ruhig, wenn es dir Erleichterung verschafft. Aber streng dich nicht an - der interessanteste Teil steht uns noch bevor.�</p><p>Skar b�umte sich verzweifelt auf, doch der Griff des D�monenkriegers lockerte sich nicht um einen Millimeter. Skars Bem�hungen schienen den Druck der unmenschlich starken H�nde sogar noch zu verst�rken.</p><p>Vela sah wieder nach S�den. Die beiden gro�en Heeresgruppen der Rebellen hatten mit dem Aufstieg aus dem Tal begonnen. Aber sie r�ckten langsamer vor, als Skar erwartet hatte. Vielleicht fanden die Pferde auf dem spiegelglatt gefrorenen Boden keinen rechten Halt; vielleicht hatten auch der tagelange Sturm, die K�lte und die zyklopischen Gewitter, die Velas eigentlicher Streitmacht wie unsichtbare apokalyptische Vorboten vorausgeeilt waren, ihre Kr�fte schon soweit erlahmen lassen, da� sie zu keinem gr��eren Tempo mehr f�hig waren. Skar versuchte, die Geschwindigkeit der beiden Heere abzusch�tzen - wenn die Rebellen ihren Vormarsch nicht sehr bald beschleunigten, dann w�rde der entscheidende Zusammensto� unmittelbar am Rand der Schlucht stattfinden.</p><p>�Worauf warten sie?� fragte Vela. Skars Blick folgte dem ihren. Die dritte, kleinere Formation der Rebellen hatte sich bisher nicht von der Stelle ger�hrt. Meldereiter galoppierten hektisch hin und her, und unter den M�nnern war eine allgemeine Unruhe ausgebrochen - aber sie blieben, wo sie waren, obgleich es kaum ein Ritt von zehn Minuten hier herauf gewesen w�re.</p><p>�Sie wartet�, sagte Skar ruhig. �Sie wartet, bis die Schlacht beginnt. Der beste Zeitpunkt f�r einen direkten Angriff auf das feindliche Hauptquartier ist immer der Moment der Schlacht.� Vela nickte. �Sie f�rchtet, wir k�nnten sonst Verst�rkung von unserem Hauptheer bekommen�, murmelte sie. Ihre Vermutung war so unsinnig wie falsch, aber Skar ging nicht darauf ein. Langsam begann er zu ahnen, welchem Plan die Rebellen folgten. Wenn seine Vermutung zutraf, war der Plan genial. Aber auch er w�rde nichts n�tzen.</p><p>Aus der gro�en H�hle am anderen Ende der Schlucht stob pl�tzlich ein Schwarm dunkler, fledermausfl�geliger Punkte. Daktylen. Ihre Zahl �berraschte Skar. Er war selbst in dieser H�hle gewesen und hatte gesehen, da� es viele waren - aber nicht so viele! Es mu�ten weit �ber hundert Tiere sein, die in einem breiten, nicht abrei�enden Strom aus der Erde stoben und sich �ber dem Tal formierten. Das helle, aufgeregte Kr�chzen der Drachenv�gel erf�llte die Luft. Skar nickte anerkennend. Einem Gegner aus Fleisch und Blut h�tten die Rebellen mit ihren gewaltigen Kampfechsen eine t�dliche �berraschung bereitet.</p><p>�Sie greifen an�, fl�sterte Vela. Ihre Stimme bebte vor Erregung. Aber es war eine Erregung, die ihn abstie�. Er hatte sie schon unz�hlige Male gesehen, das Brennen in den Augen, das unbewu�te Zittern der Lippen - er kannte diese Art von Erregung aus zahllosen Arenak�mpfen, er hatte sie immer gesehen, wenn er Blicke zu den R�ngen hinaufgeworfen hatte, ehe die t�dlichen Duelle begannen. Pl�tzlich ekelte er sich vor Vela, vor dem, was aus ihr geworden war.</p><p>Aber vielleicht belog er sich auch nur selbst. Vielleicht sah er nur, was er sehen wollte, um seinen Ha� zu rechtfertigen.</p><p>Die Daktylen hatten ihren Aufmarsch beendet und bildeten einen gewaltigen, leicht auseinandergezogenen Kreis. Die K�pfe der Tiere wiesen nach Westen auf das n�herr�ckende Heer der Drachen und Hornkrieger. Einer der Quorrl auf ihren R�cken hob die Arme und stie� einen scharfen Befehl aus. Skar h�rte den Laut wie ein leises Fl�stern, das der Wind herantrug. Durch die Formation der Flugdrachen ging eine Welle der Bewegung. Aus dem Kreis wurde ein Oval, dann ein langgezogenes, spitz zulaufendes Dreieck, das mit phantastischer Geschwindigkeit auf das Heer der <emphasis>Errish </emphasis>zuraste.</p><p>Sie schafften nicht einmal die halbe Strecke.</p><p>Zwischen und �ber den Drachen blitzte es grell auf. D�nne wei�e Lichtbahnen zuckten der angreifenden Daktylenarmee entgegen, und dann war der Himmel voller brennender V�gel und Quorrl, voller Flammen und Schreie und Blut. Skar schlo� entsetzt die Augen, aber der grelle Feuerschein der <emphasis>Errish-</emphasis>Waffen fra� sich selbst durch seine geschlossenen Lider hindurch, und der Hornkrieger hielt ihn mit unbarmherziger Kraft fest, so da� er den Kopf nicht abwenden konnte.</p><p>Es dauerte nicht einmal zwei Minuten. Die geordnete Angriffsformation der Daktylenreiter verwandelte sich in ein Chaos schreiender, kopflos fl�chtender Tiere, aber die <emphasis>Errish </emphasis>lie�en ihnen nicht die kleinste Chance. Schon die erste �berraschende Salve aus den f�rchterlichen Waffen hatte fast ein Viertel der Drachen vom Himmel gebrannt. Und die <emphasis>Errish </emphasis>schossen weiter, auch als die Quorrl ihre Tiere herumrissen und verzweifelt zum Tal zur�ckflogen. Immer und immer wieder griff das Feuer der Sterne nach den schwarzen Flugechsen, verwandelte ihre K�rper in Fackeln und ihre Reiter in schreiende B�ndel, die wie Sternschnuppen zu Boden st�rzten und den Fluchtweg der Quorrl auf grausige Weise markierten. Nicht einmal ein Zehntel der Streitmacht, die aus den H�hlen aufgestiegen war, kam lebend zur�ck.</p><p>�H�r auf�, flehte Skar. �H�r auf mit diesem Wahnsinn.�</p><p>�Es ist kein Wahnsinn�, antwortete Vela, ohne den Blick von dem grausigen Schauspiel zu wenden. �Es ist Krieg, Skar - ich dachte nicht, da� ich den Unterschied einem Krieger erkl�ren mu�.�</p><p>Skar antwortete nicht mehr. Sie wollte ihn nicht verstehen. Was sie tat, dieses ganze m�rderische Schauspiel, sollte nur dem Zweck dienen, ihn zu qu�len.</p><p>�Was hast du davon, wenn ich aufgebe?� fragte er. �Ich w�rde dich bei der ersten Gelegenheit -�</p><p>�Hintergehen und verraten?� fiel ihm Vela ins Wort. �Kaum, Skar. Davor w��te ich mich zu sch�tzen, glaub mir. Entscheide dich.� Sie wies hinter sich. Die beiden ungleichen Heere waren weiter aufeinander zugekrochen und standen sich auf wenig mehr als Pfeilschu�weite gegen�ber. Skar trat an Vela vorbei, gef�hrt und gehalten von den schwarzen Giganten aus Tuan. Einen Moment lang stemmte er sich mit aller Kraft gegen den Druck der eisigen Pranken, die ihn zwangen, dem schrecklichen Geschehen weiter zuzusehen; dann gab er auf.</p><p>Die Front der Drachenreiterinnen n�herte sich der Schlucht und zog sich gleichzeitig weiter auseinander. Skar wartete darauf, wieder das grelle Sternenfeuer der entsetzlichen Waffen aufflammen zu sehen, aber diesmal schienen die <emphasis>Errish </emphasis>einen anderen Plan zu verfolgen. Kurz bevor die beiden Armeen aufeinanderstie�en, spalteten sich die Drachen in drei gleich gro�e, dicht zusammengedr�ngte Gruppen, wandelnden Festungen gleich, gegen die die heranst�rmenden Reiter und Fu�truppen schlichtweg l�cherlich wirkten.</p><p>Aber der erwartete Zusammenprall blieb aus. Die Reiterei der Rebellen verwandelte sich Augenblicke zuvor in einen quirlenden, auseinanderspritzenden Haufen, durch den die Drachen hindurchstie�en, ohne auf nennenswerten Widerstand zu treffen. Die ungest�me Wucht ihres Ansturms verpuffte, und es gab pl�tzlich nichts, wogegen sie k�mpfen konnten.</p><p>Vela runzelte die Stirn und sah �berrascht Skar an.</p><p>�Du hattest recht�, sagte Skar mit einem d�nnen, humorlosen L�cheln. �Del ist bei ihnen. Dieser Plan d�rfte von ihm stammen. W�re ich dort unten, h�tte ich euch auf die gleiche Weise in die Falle gelockt.�</p><p>�Falle?� wiederholte Vela. �Von was f�r einer Falle sprichst du, Satai?�</p><p>Skar deutete mit einer Kopfbewegung ins Tal. �Von dieser dort, <emphasis>Errish.�</emphasis></p><p>Vela fuhr herum. In den wenigen Sekunden, die sie miteinander geredet hatten, hatte sich das Bild vollkommen gewandelt. Die Rebellen hatten sich neu formiert, aber sie bildeten jetzt keine gerade Schlachtreihe mehr, sondern zwei langgezogene, einander �berlappende Halbkreise hinter den Drachen, aus denen ein Hagel von Wurfgeschossen und Pfeilen auf die <emphasis>Errish </emphasis>und ihre gewaltigen Echsen herunterregnete. Skar sah, wie zwei, drei der graugekleideten Gestalten getroffen aus den S�tteln kippten. Eine der Echsen stie� pl�tzlich einen trompetenhaften, unglaublich lauten Schrei aus, hob die Vorderl�ufe zum Kopf und begann zu toben. Der Pfeilregen verst�rkte sich, und weitere <emphasis>Errish </emphasis>st�rzten aus den S�tteln. Vereinzelt blitzten jetzt doch die grellen wei�en Lichtbahnen ihrer magischen Waffen auf, aber das quirlende, sich st�ndig in Bewegung befindende Reiterheer bot kein gutes Ziel f�r die d�nnen Blitze, und f�r einen getroffenen Reiter erschien sofort ein neuer und f�llte die L�cke.</p><p>Vela war bla� geworden. �Die Drachen�, murmelte sie verst�rt. �Was ist mit den Drachen los?�</p><p>�Hast du selbst mir nicht erz�hlt, welchen Respekt du vor den Sumpfm�nnern hast?� fragte Skar. Seine Stimme bebte. �Dort unten sind mehr als tausend Reiter aus Cosh. Genug, um f�nfzig deiner Drachen ablenken zu k�nnen.�</p><p>Vela schluckte. Ihre Mundwinkel zuckten, aber sie sagte nichts mehr, sondern wandte sich wieder der Schlacht zu.</p><p>Drei oder vier der graugeschuppten Giganten waren tot, ann�hernd die H�lfte hatte keine Reiter mehr, und die andere wandte sich zu kopfloser Flucht. Aber es gab nichts, wohin sie fliehen konnten. Auf drei Seiten wurden sie von den Rebellen bedr�ngt, die immer neue Schw�rme von Pfeilen und Armbrustbolzen auf sie herabregnen lie�en; Waffen, die eine Feuerechse vielleicht nur durch einen gl�cklichen Zufallstreffer t�ten, ihnen aber immer Schmerzen zuf�gen und sie dadurch in Raserei versetzen konnten. Und das Bem�hen ihrer Reiterinnen, sie zu beruhigen, schien nur noch das Gegenteil zu bewirken. Die Tiere schrien, peitschten mit den Schw�nzen den Boden und verletzten sich oder ihre Reiter gegenseitig.</p><p>Dann erreichte das erste Tier den Rand der Schlucht.</p><p>Skar war nicht einmal �berrascht, als der scheinbar massive Fels unter dem Gewicht des Drachen nachgab. Das Tier b�umte sich erschrocken auf, griff mit den winzigen Vorderpfoten haltsuchend in die Luft und st�rzte in einer Lawine von Sand, zersplitterndem Holz und Ger�ll zweihundert Fu� tief in die Schlucht. Skar glaubte die Ersch�tterung bis hier oben zu sp�ren.</p><p>�Diese Falle habe ich gemeint�, sagte er trocken. �Sieh gut hin, Vela�, fuhr er mit bei�endem Spott fort. �Du bist noch nie Zeugin einer totaleren Niederlage gewesen.�</p><p>Vela fuhr mit einer blitzartigen, w�tenden Bewegung herum. F�r den Bruchteil einer Sekunde war ihr Gesicht eine verzerrte Maske des Hasses.</p><p>Aber sie hatte sich sofort wieder in der Gewalt. �Dein Triumph kommt zu fr�h, Skar�, sagte sie. �Die Schlacht ist noch nicht vorbei.�</p><p>�Das stimmt�, antwortete Skar ruhig. �Aber das dort unten ist nicht mehr der Haufen ver�ngstigter Quorrl und feiger Fl�chtlinge, den du ins Leben gerufen hast, Laynanya.� Er benutzte absichtlich diesen Namen, und er sah, wie sie bei seinem Klang zusammenzuckte. �Das dort unten ist Del. Du hast ihn immer f�r ein gro�es Kind gehalten, und vermutlich ist er das auch noch. Aber er ist auch mein Sch�ler, Vela. Ich habe ihm alles beigebracht, was ich je wu�te, und er war ein sehr gelehriger Sch�ler. Vielleicht war diese Schlacht hier der erste Fehler, den du begangen hast, aber es war auch dein gr��ter. Du h�ttest dich niemals auf sie einlassen d�rfen.�</p><p>�Unsinn�, widersprach Vela. Sie wirkte fahrig. Ihr Blick flackerte. Sie fuhr sich mit einer hektischen, nerv�sen Geste durch das Haar, drehte mit einem Ruck den Kopf und sah wieder hinab ins Tal. Der s�dliche Rand der Schlucht war unter einer brodelnden Qualm- und Staubwolke verschwunden, in der es ab und zu wei�blau aufleuchtete. Aber Vela wu�te so gut wie Skar, da� der Kampf vorbei war. Die Sumpfleute hatten den Kontakt zwischen den <emphasis>Errish </emphasis>und deren Drachen gr�ndlich unterbrochen, und der L�rm und die Schmerzen, die die Reiter ihnen zuf�gten, lie�en die Tiere wieder zu dem werden, was sie ohne ihre Mentalpartnerinnen waren - Ungeheuer, kraftstrotzende, gewaltige Ungeheuer vielleicht, aber keine ernstzunehmenden Gegner mehr f�r einen Feind, der Gewalt mit List, und Kraft mit Fallen zu beantworten in der Lage war.</p><p>Doch Skar wu�te auch, da� der wirkliche Kampf noch bevorstand. Die Drachen hatten sich der Schlucht von S�den her gen�hert, aber der gef�hrlichere Feind kam aus der anderen Richtung. Noch war von den Hornkriegern keine Spur zu sehen - Velas Zeitplan war gr�ndlich durcheinandergeraten; wahrscheinlich w�rden noch Minuten vergehen, ehe die stacheligen schwarzen Helme der D�monen �ber den H�geln erschienen. Skar bi� sich nerv�s auf die Lippen. Er kannte Del und wu�te, da� der junge Satai immer f�r eine �berraschung gut war - aber er, Del, hatte so wenig Zeit gehabt. Zwei, vielleicht drei Tage, um aus einem zusammengew�rfelten Haufen von Fl�chtlingen und halbwilden Quorrl eine Armee zu formen und dar�ber hinaus einen Plan auszuarbeiten, mit dessen Hilfe er einen Feind schlagen konnte, gegen den noch niemand bestanden hatte. Skar war nicht sicher, ob er selbst dieser Aufgabe gewachsen gewesen w�re. Aber wenn es au�er ihm noch jemand konnte, dann Del.</p><p>Skar hielt nach Velas Reiterei Ausschau, konnte sie aber nirgends entdecken. Ein Teil der M�nner war hier oben bei ihnen, die anderen hatten den Befehl, bei den Drachen zu bleiben, um die Flanken zu sichern. Vermutlich waren sie l�ngst aufgerieben, zermalmt zwischen den beiden aufeinanderprallenden Heeren. �Was wird er tun?� fragte Vela. Ihre Faust ballte sich um den Stein. Pl�tzlich fuhr sie herum, starrte Skar aus geweiteten Augen an und schrie noch einmal: �Was wird er tun?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete Skar.</p><p>�Du wei�t es�, zischte Vela. �Du bist ein Satai wie er, ein Krieger. Du wei�t es, und du wirst es mir sagen!�</p><p>Skar hielt ihrem Blick ruhig stand. �Es w�rde dir nichts n�tzen, Vela.�</p><p>�Ich werde dich zwingen. Du wei�t, da� ich es kann.�</p><p>Skar hob instinktiv die freie Linke zur Schl�fe. Die winzige Wunde war verheilt, aber er konnte sie noch immer sp�ren. �Das k�nntest du�, nickte er, �aber dir fehlt die Zeit. Du wirst zusehen m�ssen. Ganz egal, was geschieht.�</p><p>Eine seltsame Ver�nderung ging pl�tzlich mit der <emphasis>Errish </emphasis>vor sich. Gerade war ihr Gesicht noch eine Maske des Hasses gewesen, aber jetzt breitete sich eine eisige, entschlossene K�lte �ber ihre Z�ge aus. Skar unterdr�ckte ein Schaudern. �Nun gut, Skar�, sagte sie. �Ich lasse dir deinen Triumph. Wir werden sehen, wer den Sieg davontr�gt.�</p><p>Skar sah zum s�dlichen Rand der Schlucht. Acht, neun zerschmetterte, verdrehte K�rper lagen auf dem felsigen Grund des Einschnittes, und das grelle Wetterleuchten hinter den Staubwolken hatte jetzt fast ganz aufgeh�rt. �Du hast schon verloren, Vela�, murmelte er. �Was hier geschehen ist, wird nicht verborgen bleiben. F�nfzig deiner Drachen sind get�tet worden. Der Mythos eurer Unbesiegbarkeit ist beseitigt. Du hast deine st�rkste Waffe verloren.�</p><p>Vela antwortete nicht, aber Skar konnte sehen, wie es hinter der starren Maske ihres Gesichts arbeitete. �Vielleicht hast du recht�, fl�sterte sie nach einer Weile. �Aber auch das wird deine Freunde nicht retten.� Ihre Hand schlo� sich fester um den Stein, so fest, da� die Kn�chel wie kleine runde, wei�e Narben hervortraten. Sie warteten. Der Schlachtenl�rm h�rte nach und nach auf, und die brodelnde Staubwolke �ber der Schlucht spie die ersten Reiter aus. Sie waren m�de, verletzt und blutend, ersch�pft bis zum Zusammenbruch - aber siegreich!</p><p>Zeit verging - Skar wu�te nicht, wieviel: Sekunden, die sich zu Minuten dehnten. Zuviel Zeit, wie er an Velas Reaktion erkannte. Sie bot alle Kraft auf, �u�erlich gelassen zu erscheinen, aber Skar kannte sie zu gut, um sich t�uschen zu lassen. Und die H�gel im Norden blieben leer.</p><p>Auch die Verteidiger unten im Tal wurden sichtlich unruhig. Die �berlebenden des Reiterheeres kehrten nach und nach in den Schutz der Schlucht zur�ck. Es waren weniger, als Skar gehofft hatte. Sie mu�ten im letzten Teil des Kampfes einen hohen Blutzoll f�r ihren Sieg entrichtet haben. Aber die Hornkrieger kamen nicht. Es war, als h�tte die Zeit, die sie ausgespien hatte, sie ebenso pl�tzlich wieder verschluckt wie einen Alptraum, der sich unter den ersten Strahlen der Sonne in Nichts aufl�ste.</p><p>�Warum gibst du es nicht zu?� fragte Skar schlie�lich. �Erinnerst du dich an deine eigenen Worte? Es ist keine Schande, von einem solchen Gegner besiegt zu werden.�</p><p>Vela antwortete nicht. Ein einzelner Reiter erschien auf den H�gelk�mmen im Norden und sprengte ins Tal hinab. Skar sah, wie unter den Rebellen erneut Unruhe ausbrach. Eine schwerf�llige, im einzelnen nicht zu erkennende Bewegung lief durch die Schlucht.</p><p>�Diese Narren�, sagte Vela leise. �Ich werde sie strafen. Sieh hin, Skar. Sieh genau hin, wenn du wissen willst, was ich mit denen tue, die sich mir widersetzen. Sieh ganz genau hin.�</p></section><section><title><p id="_27">27.</p></title><p>Sie hob die Hand mit dem Stein hoch �ber den Kopf. Ihr Gesicht verzerrte sich. �Sieh hin, Skar�, keuchte sie noch einmal. �Und dann sag mir, ob es das wert war.�</p><p>Der Stein begann zu gl�hen, rot zuerst, dann gelb und wei�, in einem grausamen, unertr�glichen Licht. Skar schrie vor Schmerzen, aber der Hornkrieger hielt ihn unbarmherzig fest und zwang ihn, weiter hinzusehen. Der Kristall loderte wie eine Sonne in Velas Hand, und seine Glut steigerte sich immer weiter, wurde greller, glei�ender, bis das Fleisch ihrer Hand durchsichtig wurde und er die Knochen darunter sehen konnte.</p><p>Ein dumpfer Schlag ging durch den Boden. Die Erde st�hnte, und irgendwo unter Skars F��en baute sich ein machtvolles, drohendes Knistern auf. �Sieh es dir an, Skar�, keuchte Vela. �Sieh zu, wie deine Freunde sterben.�</p><p>Skar starrte aus schreckensweiten Augen ins Tal hinab. Die Schlucht bebte. Gewaltige Risse und Spr�nge durchzogen ihre W�nde, und von ihren R�ndern l�sten sich in immer rascherer Folge Steine und Felsbrocken und regneten auf Menschen und Tiere herab. Hier und da glaubte Skar dunkle, lodernde Rotglut zu erkennen. Ein tausendstimmiger Schrei des Entsetzens wehte durch das Grollen der gemarterten Erde zu ihm herauf. Aus dem geordneten Truppenaufmarsch wurde eine blinde, kopflose Flucht. Es roch pl�tzlich nach brennendem Stein, und Skar erinnerte sich wieder des unguten Gef�hls, das er gehabt hatte, als er unten in den H�hlen gewesen war. Das unterirdische Labyrinth war durch Vulkanismus entstanden. Diese G�nge hatte Feuer gegraben, eine Glut, die l�ngst nicht erloschen war, sondern nur schlief, vielleicht seit �onen.</p><p>Und dann war es vorbei.</p><p>Die Erde h�rte auf zu zittern, und die Sonne in Velas Hand erlosch wie eine Kerzenflamme, die der Wind ausgeblasen hat. Die <emphasis>Errish </emphasis>stie� einen ungl�ubigen Laut aus, wankte wie unter einem Hieb und umklammerte den Stein mit beiden H�nden.</p><p>Er war tot. Das Feuer in seinem Inneren war erloschen, und von einem Moment zum anderen hielt Vela nichts als ein St�ck wertlosen Kristalls in H�nden.</p><p>Ihr Blick bohrte sich in den Skars. �Was hast du getan?� keuchte sie. �Du ...� Ihre Stimme versagte. Sie zitterte, kr�mmte sich wie unter Schmerzen und warf pl�tzlich den Kopf in den Nacken. �T�tet ihn!� schrie sie. �T�tet ihn!�</p><p>Aber die beiden gewaltigen schwarzen Krieger hinter Skar r�hrten sich nicht. Ihre H�nde lagen noch immer wie st�hlerne Klammern auf Skars Schultern, doch es war kein Leben mehr in ihnen. Sie waren erstarrt, tot wie der Stein, den Vela in H�nden hielt.</p><p>Skar streifte die Klauen der schwarzen Giganten ab, ging langsam auf die <emphasis>Errish </emphasis>zu und nahm ihr den Stein aus den Fingern. Sie wehrte sich nicht mehr. Mit dem Feuer in ihrer Hand war auch ihre Kraft erloschen.</p><p>Er richtete sich auf, drehte den glitzernden Kristall nachdenklich in der Hand und wandte sich um. Es war alles so schnell gegangen, so einfach und undramatisch, da� er ... ja - er war beinahe entt�uscht. Aber er f�hlte keine Angst. Es war vorbei, und in ihm war nur jene bet�ubende, schmerzhafte Leere, die er oft nach einem Kampf oder einer verlorenen Schlacht versp�rt hatte. Vor ihm begann sich ein Schatten zu formen: Nebel, die aus dem Nichts kamen, einen gewaltigen schwarzen Umri� bildeten und zu einem K�rper wurden. Es sah aus wie ein Erscheinen aus dem Nichts, aber es war nicht so. Er war die ganze Zeit bei ihm gewesen, unsichtbar und wachsam. Er hatte gelauert, aber nicht auf ihn, sondern auf das, was jetzt geschehen war, auf seine Chance, auf die M�glichkeit, seine und Skars Kr�fte zu vereinen. Auf einen Moment der Unaufmerksamkeit.</p><p>Skar war weder �berrascht noch erschrocken. Er hatte es gewu�t im gleichen Moment, in dem er begriffen hatte, da� die Hornkrieger nicht mehr kommen w�rden. Sekundenlang blieb er reglos stehen und musterte den gewaltigen schwarzen Wolf. Es war das erste Mal, da� er das Tier wirklich sah. Damals in Combat hatte er nicht mehr als einen fl�chtigen Blick erhascht, und sp�ter war er ihm nur als Schatten, als huschender Schemen in der Nacht und dunkler Todesbote begegnet. Jetzt, als sie sich gegen�berstanden, sah er, da� er sch�n war. Sein schwarzes Fell gl�nzte wie polierter Marmor, und unter der Haut zeichneten sich perfekt geformte, kr�ftige Muskeln ab. Skar war niemals einem Wesen begegnet, bei dem sich Kraft und Eleganz auf solch perfekte Weise vereinigt h�tten.</p><p>Er versp�rte weder Furcht noch Schrecken, als er sich dem Wolf n�herte. Das Tier stand reglos vor ihm, ein Gigant aus Muskeln und ungeb�ndigter Kraft, starr, ohne zu atmen, ohne auch nur die winzigste Bewegung zu machen. Sein Henker, der ihn gehetzt hatte bis ans Ende der Welt und ihn jetzt gestellt hatte. Aber das einzige, was Skar f�hlte, war Erleichterung. Er betrachtete den Tod jetzt nur noch als Erl�sung.</p><p>Zwei Schritte vor dem Wolf blieb er stehen, legte den Stein ins Gras und richtete sich wieder auf. Es war nicht mehr als ein Symbol. Combats W�chter hatte die Macht, die der Stein gehabt hatte, l�ngst wieder an sich genommen, und der Stein war jetzt nicht mehr als ein glitzerndes, wertloses Ding.</p><p>Der Wolf kam langsam n�her. Die m�chtige schwarze Schnauze senkte sich, ber�hrte den Stein und rollte ihn wie ein Spielzeug durch das Gras. Der Blick der dunklen Augen des Wolfes bohrte sich in den Skars. Und hinter Skars Stirn begann eine Stimme ein lautloses Wort zu formen, ein Wort in einer Sprache, die so alt war wie diese Welt und das er trotzdem verstand. Es war nur dieses eine Wort, aber es erkl�rte alles: HERR Und jetzt, endlich, begriff er.</p><p>Vela lag im Gras und weinte, als er zu ihr zur�ckkehrte. Sie war verkr�mmt, als h�tte sie Schmerzen. Die H�nde lagen sch�tzend auf ihrem Leib. Skar kniete neben ihr nieder, hob sie vorsichtig auf und legte die Hand unter ihr Kinn. Sie machte eine schwache Abwehrbewegung, fast als h�tte sie Angst, da� er sie schlagen k�nnte. Ihr Blick flackerte, als sie die Augen �ffnete und ihn ansah.</p><p>Skar sp�rte wieder jenes seltsame z�rtliche Gef�hl in sich und widerstand im letzten Moment der Versuchung, die Hand zu heben und ihre Wange zu streicheln. Er wu�te jetzt, da� es nichts als Mitleid war. Es war niemals mehr gewesen.</p><p>�Es ist vorbei�, sagte er.</p><p>Velas Blick l�ste sich von seinem und richtete sich auf den Wolf. Skar sah den Schrecken in ihren Augen und sp�rte, wie sich ihre Fingern�gel in seine Haut gruben.</p><p>�Keine Angst�, murmelte er. �Er wird dir nichts tun.� Jetzt nicht mehr, f�gte er in Gedanken hinzu. Das Ding, das von Vela Besitz ergriffen hatte, war vernichtet. Weder seine Kraft noch die Macht Combats allein hatten ausgereicht, den unseligen Geist der Vergangenheit, den Vela heraufbeschworen hatte, zu bezwingen. Skar hatte es nicht gewu�t, aber sie waren die ganze Zeit Verb�ndete gewesen, er und Combat, der Geist dieser Stadt, der Geist der Alten, der sich in diesem gewaltigen schwarzen Wolf manifestiert hatte. Aber sie hatten erst vereint sein m�ssen, um die Macht des Steines zu brechen. Er hatte nicht einmal etwas von dem Kampf gesp�rt; vielleicht ein blitzschnelles Gef�hl, als griffe etwas in ihn hinein, bediente sich seiner Kraft; Kr�fte, die ihm selbst nicht zur Verf�gung standen.</p><p>Er erhob sich und sah ins Tal hinunter. Reiter kamen n�her, Dutzende, wenn nicht Hunderte. An ihrer Spitze galoppierte eine breitschultrige, in mattes Schwarz gekleidete Gestalt.</p><p>�Kannst du aufstehen?� fragte Skar.</p><p>Vela nickte, aber er mu�te ihr die Hand halten, damit sie wirklich auf die F��e kam und aus eigener Kraft stehen konnte. Ihr Blick folgte dem seinen.</p><p>�Keine Angst�, sagte er. �Sie werden dir nichts tun. Ich werde ihnen alles erkl�ren.�</p><p>�Sie werden mir nichts tun?� fragte Vela ungl�ubig. �Und du? Du wirst mich nicht... nicht t�ten?�</p><p>Skar sch�ttelte traurig den Kopf. Sie hatte nichts verstanden, gar nichts. Es gab keinen Grund, sie zu t�ten. Der Stein war nicht die Macht, sondern der Fluch Combats gewesen, nicht sein Schatz, sondern sein Gefangener, die Essenz alles B�sen, alles Schlechten, das es jemals in dieser Stadt gegeben hatte, und kein Mensch konnte die Kraft aufbringen, mit dem dunklen Erbe eines ganzen Volkes zu ringen und diesen Kampf zu gewinnen. Warum sollte er sie t�ten? Sie hatte alles verloren, woran sie jemals geglaubt hatte, und sie w�rde nie wieder dieselbe sein, als die er sie kennengelernt hatte, damals in Ikne. Vela, die Hexe, existierte nicht mehr. Sie war so tot wie dieser vermeintliche Stein der Macht, und die Frau neben ihm war nichts als ein blasses Abbild von ihr, geschlagen, besiegt, f�r immer zerbrochen.</p><p>�Nein�, sagte er nach einer Weile. �Ich werde dich nicht t�ten, Vela. Niemand wird das tun. Ich werde die Sumpfm�nner bitten, dich zum Berg der G�tter zu bringen. Der Rat der Satai wird am besten wissen, was mit dir geschehen soll. Und mit dem ... Kind�, f�gte er nach einem unmerklichen Z�gern hinzu.</p><p>Vela nickte, aber er glaubte nicht, da� sie seine Worte wirklich verstanden hatte. �Der Stein�, sagte sie pl�tzlich. �Was wirst du damit tun?�</p><p>�Nichts�, antwortete er. �Es gibt nichts mehr zu tun, Vela. Wir haben uns get�uscht, von Anfang an. Es war nie das, was wir alle darin gesehen haben. Der Schl�ssel zur Macht der Alten ist mit ihnen untergegangen, und es ist gut so. Der Stein der Macht hat niemals existiert. Es war Combats Fluch, Vela. Aber er ist besiegt.� Er sah sie einen Moment ernst an, schlo� die Hand um den Stein und atmete h�rbar ein.</p><p>Irgendwo in seiner Seele war pl�tzlich ein leises, wohlvertrautes Fl�stern, eine Stimme, die ihm sagte, da� er sich irrte, da� in dem Stein noch immer Macht war, und da� er sich ihrer bedienen konnte, wenn er es wollte. Und er sp�rte, da� sie recht hatte. Sowenig, wie es so etwas wie das B�se an sich wirklich gab, sowenig w�rde der Kampf dagegen jemals ganz gewonnen werden k�nnen. Der Stein lebte noch immer, irgendwie, hatte noch immer Macht, nicht mehr jene Art von Macht, die Vela in ihm gesehen hatte, aber eine andere, vielleicht st�rkere.</p><p>Skar schlo� die Hand um den Stein und dr�ckte mit aller Gewalt zu. Als er sich wenige Augenblicke sp�ter umdrehte, war der Platz neben ihm leer. Der Wolf war verschwunden.</p><p>�Komm�, sagte er. Er ergriff Vela am Arm, drehte sich herum und ging Del und den anderen entgegen. W�hrend sie den H�gel hinunterschritten, �ffnete er die Faust.</p><p>Zwischen seinen Fingern rieselte feiner wei�er Staub hervor und verwehte im Wind.</p><empty-line/><p><emphasis>ENDE der Trilogie um den �Stein der Macht�</emphasis></p></section></body><binary id="cover" 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