<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Wolfgang</first-name><last-name>Hohlbein</last-name></author><book-title>Das schwarze Schiff</book-title><annotation><p>Gowenna, die versto�ene Errish, befindet sich mit den Satai Skar und Del auf dem Weg zum �Berg der G�tter�, um dort die gefangengenommene Vela auftragsgem�� zu �bergeben. Ihr Freisegler �Sharkaan� wird von dem Dronte, dem schwarzen Schiff, versenkt, und sie und die Besatzung fliehen auf eine riesige Eisinsel. Auf der Suche nach einem m�glichen anderen Hafen, wo sie ein neues Schiff zu finden hoffen, werden sie bei ihrem �ber alle Kr�fte gehenden Marsch durch Schneew�sten und �ber schier un�berwindliche Eisgebirge st�ndig von f�rchterlichen, �bernat�rlichen Wesen des Dronte verfolgt und angegriffen. Was es in Wirklichkeit mit diesem Auftrag Gowennas auf sich hat, und ob es gelingt, sich all dieser �berirdischen Feinde zu erwehren, das erf�hrt der Leser in dem folgenden Band voller phantastischer Abenteuer und wilder K�mpfe gegen unerbittliche Naturgewalten und m�rderische Fabelwesen. </p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Enwor" number="5"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-02">02 April 2012</date><id>891D22B5-7448-4742-A2DF-8DB2B9EABAB6</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>Tosa Verlag</publisher><city>Wien</city><year>1984</year><isbn>ISBN 3-442-24951-1</isbn></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><p><strong>Wolfgang Hohlbein - Enwor Saga 5 </strong></p><p><strong>Das schwarze Schiff </strong></p><p>� der Originalausgabe 1984 by Wilhelm Goldmann Verlag GmbH, M�nchen </p><p>� der vorliegenden Ausgabe 1995 by Tosa Verlag, Wien </p><p>Gesamtherstellung: Der Graph, Wien </p><empty-line/><p><emphasis><strong>Coverr�ckseite </strong></emphasis></p><empty-line/><p>Gowenna, die versto�ene Errish, befindet sich mit den Satai Skar und Del auf dem Weg zum �Berg der G�tter�, um dort die gefangengenommene Vela auftragsgem�� zu �bergeben. Ihr Freisegler �Sharkaan� wird von dem Dronte, dem schwarzen Schiff, versenkt, und sie und die Besatzung fliehen auf eine riesige Eisinsel. Auf der Suche nach einem m�glichen anderen Hafen, wo sie ein neues Schiff zu finden hoffen, werden sie bei ihrem �ber alle Kr�fte gehenden Marsch durch Schneew�sten und �ber schier un�berwindliche Eisgebirge st�ndig von f�rchterlichen, �bernat�rlichen Wesen des Dronte verfolgt und angegriffen. Was es in Wirklichkeit mit diesem Auftrag Gowennas auf sich hat, und ob es gelingt, sich all dieser �berirdischen Feinde zu erwehren, das erf�hrt der Leser in dem folgenden Band voller phantastischer Abenteuer und wilder K�mpfe gegen unerbittliche Naturgewalten und m�rderische Fabelwesen. </p></section><section><title><p id="_1">1.</p></title><p>Rayan legte den Kopf in den Nacken und blinzelte zur Mastspitze empor. Das Gesicht des Freiseglers wirkte bla� und kr�nklich. Seine Augen waren ger�tet und m�de; mit tiefen, blauschwarzen Ringen unterlegt und eingefallen, was seinem Aussehen etwas von einer haarlosen fetten Eule verlieh. Die Haut gl�nzte, wo sie zum Schutz gegen K�lte und Wind mit Fisch�l eingerieben war, und seine Bewegungen hatten viel von ihrer Beh�bigkeit verloren und waren jetzt unkontrolliert und fahrig; nerv�s und von der hektischen Art eines Menschen, der am Rande des k�rperlichen Zusammenbruches stand und sich nur noch mit �u�erster Anstrengung auf den Beinen hielt. Er hatte in den vergangenen drei N�chten kaum geschlafen, und die unz�hligen Stunden, die er ununterbrochen an Deck gewesen war, begannen ihren Tribut zu fordern. Sein linkes Auge zuckte immer wieder, gleicherma�en nerv�s wie geblendet vom grellen Licht der Sonne; einer Sonne, die �bergro� und strahlend im Zenit stand und Meer und Himmel mit einer Kaskade gelbroter Helligkeit �bergo�, als wolle sie der grimmigen K�lte und dem Heulen des Eissturmes Hohn sprechen.</p><p>�Nun?�</p><p>Skar deutete nach Westen und sah den Freisegler fragend an.</p><p>Rayan drehte sich schwerf�llig um. Sein linkes Augenlid flackerte noch immer nerv�s, und unter dem wulstigen Fett seines Doppelkinnes zuckte ein Nerv.</p><p>F�r einen Moment spiegelte sich das rote Licht der Sonne in seinen Pupillen, was ihm zusammen mit seiner unnat�rlich blassen Haut beinahe das Aussehen eines Albinos verlieh. �Nichts�, murmelte er. �Nichts Neues, jedenfalls. Er kommt n�her.� Er seufzte, sah noch einmal zu der dickvermummten Gestalt im Mastkorb hinauf und hob die Schultern; eine leere Geste ohne wirkliche Bedeutung, die aber mehr als alle Worte seine Hilflosigkeit ausdr�ckte.</p><p>Skar sah ihn einen Moment lang scharf an, belie� es aber ebenfalls bei einem Achselzucken und fuhr herum, um mit zwei, drei schnellen Schritten zur Reling hin�berzugehen. Seine Bewegungen wirkten steif und ungelenk, als l�hme die K�lte seine Muskeln, so da� sie ihm nur noch widerwillig gehorchten. Die zernarbten Planken �chzten unter seinen F��en, als k�nnten sie sein Gewicht kaum mehr verkraften und w�ren m�de geworden wie die M�nner, die sie tragen mu�ten. Das Schiff hob und senkte sich in sanftem, unabl�ssigem Auf und Ab, aber selbst diese Bewegung erschien Skar tr�ge und m�hsam, und das Knarren, Quietschen und St�hnen der Takelage schien einen bizarren Gegentakt zum Heulen des Sturmes zu schlagen.</p><p>Skar legte ersch�pft die H�nde auf die Reling, schlo� die Augen und gab sich f�r die Dauer eines Atemzuges ganz der eisigen K�lte und den w�tenden Hieben des Windes hin. Der Sturm ri� Wasser in gischtenden Schwaden von der Meeresoberfl�che empor und schleuderte es gegen das Schiff. Die nadelspitzen Tropfen bissen wie winzige scharfe Z�hne in seine Haut, und der Hauch des Salzwassers vermischte sich mit der K�lte und dem fauligen Geruch, der aus der Bilge heraufstieg, zu einem seltsamen, nicht einmal unbedingt unangenehmen Aroma. Hier, nur wenige Fu� �ber dem sch�umenden Meer, sp�rte man die K�lte besonders schmerzhaft. Skar konnte f�hlen, wie sie aus dem vereisten Holz in seine Fingerspitzen kroch, langsam in seinen Armen emporstieg und sich wie ein klammer, l�hmender Mantel �ber seinen ganzen K�rper ausbreitete. Die Luft schmeckte nach Metall und brannte bei jedem Atemzug in seiner Kehle, aber der Schmerz und die K�lte vertrieben wenigstens f�r einen Moment die qu�lenden Gedanken aus seinem Sch�del und schufen eine wohltuende Leere.</p><p>Die SHAROKAAN bebte, als eine besonders m�chtige Woge heranrollte und sich br�llend an ihrer Flanke brach.</p><p>Der Seegang war nur scheinbar gleichm��ig. Skar hatte Zeit genug gehabt, ihn zu studieren: Jede zehnte oder zw�lfte Welle war gr��er als die anderen, eine br�llende Wand aus sch�umendem graugr�nem Wasser, als m�sse das Meer jedesmal Atem sch�pfen, um zu einem besonders w�tenden Hieb gegen den frechen Eindringling auszuholen, der es gewagt hatte, so weit in sein Reich einzudringen. F�r einen Moment kr�ngte das Schiff �ber; eisiges Wasser schwappte auf das Deck und schlug mit einer Million winziger sch�umender Krallen nach Skars Beinen, so da� er sich unwillk�rlich fester an die Reling klammerte. Das bewahrte ihn zwar davor, �ber Bord gesp�lt zu werden, w�rde ihm aber nichts n�tzen, wenn die SHAROKAAN wirklich kenterte. Ein Sturz in das eisige Wasser mu�te in wenigen Augenblicken zum Tode f�hren. Doch er wu�te auch, da� das so plump wirkende Schiff eine ganze Menge mehr vertrug als diesen Sturm. Der Freisegler mochte dem unge�bten Auge einer Landratte, wie Del und er es noch vor wenigen Tagen gewesen waren, schwerf�llig erscheinen, aber dieser Eindruck t�uschte. Der Dreimaster erreichte bei voll aufgezogener Takelage eine erstaunliche Geschwindigkeit, und der breit ausladende Rumpf widerstand Brechern, die weitaus gr��ere Schiffe wie Spielzeuge zerschmettert h�tten. Nein - das Meer war nicht ihr Feind. Die wirkliche Gefahr kam aus einer ganz anderen Richtung. Skar drehte das Gesicht in den Wind und blinzelte aus zusammengekniffenen Augen nach Westen. Selbst mit blo�em Auge war der Dronte jetzt zu erkennen: ein winziger schwarzer Punkt, der im monotonen Takt der Wellen am Horizont erschien und wieder verschwand, erschien und wieder verschwand, immer und immer wieder, als wolle er sie damit zus�tzlich verspotten.</p><p>Seine Hand glitt unwillk�rlich zum G�rtel und fuhr �ber die leere Schwertscheide. Das Gef�hl, unbewaffnet zu sein, irritierte ihn noch immer. Er kam sich nackt und schutzlos vor. Selbst der Gedanke, da� dieser Kampf nach anderen Regeln als den ihm vertrauten ausgetragen wurde und ihm die Waffe sowieso nichts genutzt h�tte, �nderte nichts daran. Er hatte Rayan einmal gebeten, ihm seine Waffe wiederzugeben, gleich nachdem sie den Dronte zum ersten Mal sichteten, aber der Freisegler war hart geblieben. Niemand au�er ihm und den beiden Veden besa� an Bord das Recht, Waffen zu tragen; nicht einmal einen Dolch oder einen Zierdegen. Skar hatte nicht noch einmal gefragt. Er war es nicht gewohnt, zu betteln.</p><p>Sein Blick wanderte ziellos �ber das Deck. Die verquollenen Planken waren von einer matt gl�nzenden Schicht aus eingetrocknetem Salz und Fett �berzogen; da und dort hatten sich Rauhreif und Eis in kleinen glitzernden Nestern festgesetzt. Takelage und Segel waren schwer vom Eis, und von der Reling wuchs ein bizarres Netz blitzender Eiszapfen.</p><p>Skar brach ein paar davon mit einer spielerischen Bewegung ab, warf sie ins Meer und sah ihnen nach, bis sie in den sch�umenden Fluten versunken waren, ehe er sich herumdrehte und den Matrosen bei ihrem ruhelosen Tun zusah. Die H�lfte der Besatzung schien ununterbrochen damit besch�ftigt zu sein, Taue und Segel frei und geschmeidig zu halten. Sie k�mpften einen vergeblichen Kampf. Der Sturm �bersch�ttete das Schiff seit Tagen mit einem Spr�hregen aus Wasser und Hagel und Schnee. Feuchtigkeit, klamme, alles durchdringende N�sse h�llte es ein wie der Atem eines eisigen Gottes, kroch beharrlich in Holz und Segel und Tauwerk, selbst in die K�rper der M�nner, durchtr�nkte gleicherma�en ihre Kleider wie ihre Bewegungen, ihre Gedanken und ihre Seelen. Die SHAROKAAN schien sich mit Wasser vollgesogen zu haben wie ein gigantischer Schwamm, und die eisige K�lte lie� die Feuchtigkeit rascher gefrieren, als die M�nner das Eis abkratzen und wegschlagen konnten. Das Schiff st�hnte bereits jetzt unter der schweren Last des Eispanzers, der sich wie ein wucherndes Geschw�r �ber Deck und Rumpf und Segel und Masten ausbreitete, d�nne, glitzernde Arme um Reling und Tauwerk schlang und bizarre wei�e Gew�chse aus Ecken und Winkeln emporsprie�en lie�. Selbst das Salz, das sie anfangs verwendeten, um auf den vereisten Planken wenigstens schmale Wege begehbar zu halten, hatte jetzt seine Wirkung verloren. Das Meer schien sich einen b�sen Spa� daraus zu machen, es rascher von Deck zu waschen, als sie es ausstreuen konnten, und die so vom Eis befreiten Planken nur noch schneller wieder mit einer rutschigen Schicht zu �berziehen. Auch wenn der Dronte mit den gleichen Schwierigkeiten zu k�mpfen hatte -, die SHAROKAAN wurde st�ndlich langsamer, um eine Winzigkeit nur, aber stetig, und der Zeitpunkt war abzusehen, an dem das Schiff �berhaupt keine Fahrt mehr machen oder einfach unter dem Gewicht des auf ihm lastenden Eises auseinanderbrechen w�rde. Es lag schon jetzt merklich tiefer im Wasser als zu Beginn der Reise.</p><p>Aber wahrscheinlich w�rde es gar nicht soweit kommen, dachte Skar d�ster. Irgendwann im Laufe der n�chsten Tage mu�te der Dronte nahe genug herangekommen sein, um seine furchtbaren Katapulte einsetzen zu k�nnen. Das gnadenlose Rennen zwischen ihnen und dem schwarzen Segler dauerte nun schon mehr als drei Tage und N�chte, aber an seinem Ausgang hatte von Anfang an kein ernsthafter Zweifel bestanden. Der Dronte war schneller. Nicht viel, aber er war schneller.</p><p>Skar trat von der Reling zur�ck und versuchte, die Gedanken an den Dronte und das, was vor ihnen lag, abzusch�tteln. Es ging nicht, genausowenig, wie sie der Gefahr entgehen konnten, indem sie sie einfach ignorierten, konnte er sie aus seinen Gedanken verbannen. Fr�stelnd schlang er die Arme um den Oberk�rper, trat einen Moment auf der Stelle und schlitterte dann vorsichtig �ber das vereiste Deck zum Achteraufbau zur�ck. Eine Eisplatte l�ste sich von einem der Hauptsegel, als er unter dem Mast hindurchging, krachte weniger als einen Meter neben ihm wie eine gl�serne Guillotine herab und zerbarst klirrend, aber Skar zuckte nicht einmal zusammen. Selbst gegen die gr��te Gefahr stumpft man mit der Zeit ab, wenn man ihr st�ndig ausgesetzt ist. Das Segel bl�hte sich, f�r einen Moment von der erdr�ckenden Last des Eises befreit, und ein ganzer Hagel kleinerer Eisst�cke und Tr�mmer prasselte auf das Deck herab. Der Mast �chzte unter der pl�tzlichen Belastung, und das Knattern des Stoffes erinnerte Skar an den dumpfen Trommelschlag galoppierender Pferde, einen Laut, den er in letzter Zeit immer h�ufiger vermi�te. Satai waren nicht f�r das Meer geboren, wenigstens das hatte er begriffen. Wenn auch vielleicht zu sp�t. Das Schiff zitterte unter seinen F��en. Er blieb stehen, legte den Kopf in den Nacken und blinzelte zu den winzigen, buntgekleideten Gestalten empor, die hoch �ber ihm durch die Takelage krochen und mit �xten und Pickeln den schimmernden Panzer aufzubrechen versuchten. Die M�nner waren mit Seilen und Ketten gesichert. Trotzdem war das, was sie taten, lebensgef�hrlich. Sie hatten schon vier M�nner verloren; Opfer der K�lte und des t�ckischen Windes, die die schmalen Spieren in t�dliche Fallen verwandelten, vereiste Laufstege, auf denen eine einzige Unaufmerksamkeit, ein Sekundenbruchteil des Leichtsinns bereits den sicheren Tod bedeutete. Der Anblick lie� Skar an ein gewaltiges, kompliziert gewobenes Netz denken, in dessen zahlreichen Zentren sich gro�e plumpe Spinnentiere bewegten. Die vier, die bisher umgekommen waren, w�rden nicht die letzten sein. Und die M�nner dort oben wu�ten das; vielleicht besser als er. Dessenungeachtet stiegen sie weiter hinauf, ohne zu protestieren, stellten sich dem Wind und der K�lte und arbeiteten, bis ihre Finger steif und nutzlos geworden waren und sie von anderen abgel�st werden mu�ten.</p><p>Skar ging weiter, �ffnete die niedrige T�r und eilte zur Kaj�te herunter. Die Treppe f�hrte steil in die Tiefe und war auf den obersten Stufen vereist wie das Deck, und Skar mu�te den Kopf einziehen, um sich nicht an der niedrigen Decke zu sto�en. Eine Wolke �belriechender, schaler Luft schlug ihm entgegen, und wie immer, wenn er sich unter Deck aufhielt, hatte er im ersten Moment das Gef�hl, ersticken zu m�ssen.</p><p>Freisegler waren keine Passagierschiffe. Es gab hier keine hellen, freundlichen Kabinen mit Schlaf- oder Waschgelegenheiten, sondern nur einen einzigen niedrigen Raum, der gleicherma�en f�r den Kapit�n als auch die Besatzung und eventuelle Passagiere als Unterkunft diente und zudem noch einige Fu� unter der Wasserlinie lag.</p><p>Skar blieb eine halbe Sekunde lang unter dem Eingang stehen, sah sich in dem von tr�ber r�tlicher Helligkeit erleuchteten Raum um und ging dann auf Gowenna und Rayan zu, die an einem roh gezimmerten Tisch hockten und aufgeregt miteinander debattierten. Neben dem Freisegler sa� Helth, einer der beiden Veden, die ihn gew�hnlich auf Schritt und Tritt begleiteten. Skar z�gerte ein wenig im Weitergehen, aber das war nicht allein auf die Anwesenheit des schwarzhaarigen H�nen zur�ckzuf�hren - obwohl es kein Geheimnis war, da� sie nicht gerade Freunde waren. Er f�hlte sich unwohl, k�rperlich unwohl. Die W�nde waren feucht und str�mten einen durchdringenden Modergeruch aus, und die niedrige Decke vermittelte ihm ein kaum zu bezwingendes Gef�hl von Platzangst. In den Ritzen des Fu�bodens hatte sich Wasser gesammelt, und trotz der gl�henden Kohlebecken an den W�nden war es hier und da zur Bildung von Rauhreif gekommen: erste Vorboten des eisigen Winters, der das Schiff gepackt hatte und sich beharrlich in seine Eingeweide w�hlte. Dazu kam das Wissen, sich tief unter der Wasseroberfl�che zu befinden. Ein Wissen, das in Skar das Gef�hl weckte, lebendig begraben zu sein. Er konnte das Wasser sp�ren. Tonnen um Tonnen eisigen, t�dlichen Wassers, das das Schiff wie eine gewaltige Faust umklammerte und gierig an seinen Flanken leckte, immer auf der Suche nach einem Ri�, einer Spalte, einer haarfeinen undichten Stelle, die es sprengen und zu einem Leck erweitern konnte.</p><p>Skars Atem ging unwillk�rlich schneller. Er versuchte den Gedanken zu vertreiben und sich einzureden, da� seine Sorgen unbegr�ndet seien, aber die Furcht in seiner Seele war nicht von der Art, gegen die man sich mit Logik zur Wehr setzen konnte.</p><p>Gowenna sah auf, als er neben sie trat. Ihre Haut gl�nzte wie Wachs in der tr�broten Beleuchtung, und ihr Haar war, obwohl sie es auch hier an Bord jeden Tag sorgsam k�mmte und b�rstete, str�hnig und glanzlos geworden. Das Salzwasser hatte die Farbe herausgebissen. Sie schien um Jahre gealtert und wirkte krank. Aber sie hatte die Wache vor Skar gehabt - zw�lf Stunden bei eisigem Wind und k�lteklirrender Luft -, und ihre Z�ge waren von der Anstrengung gezeichnet.</p><p>Skar nickte knapp. �Du schl�fst nicht?�</p><p>Gowenna verneinte. �Nein, wie du siehst.� Sie sprach schnell und fast ohne jede Betonung, und ihre Lippen, die sich nur zur H�lfte bewegten, lie�en die Worte noch monotoner erscheinen, als sie ohnehin klangen.</p><p>�Ich konnte nicht schlafen.� Sie machte eine einladende Geste, st�tzte sich mit den Ellenbogen auf die Tischplatte und bettete das Kinn in die H�nde.</p><p>Skar z�gerte einen Moment und lie� sich dann auf einen der dreibeinigen Schemel sinken. Sein Blick suchte den Rayans. Sie waren seit elf Tagen an Bord der SHAROKAAN, aber es war das erste Mal, da� er Rayan - oder irgendein anderes Mitglied der Besatzung - im Gespr�ch mit Gowenna sah. Bisher hatten sie alle ihre N�he beinahe �ngstlich gemieden.</p><p>Zwischen den buschigen Brauen des Freiseglers entstand eine steile Falte. �Du hast Wache�, sagte er leise. Rayan war kein Mann gro�er Worte. W�hrend der letzten Tage war seine Art zu reden noch knapper als gew�hnlich geworden, und wenn er �berhaupt sprach, dann kam er ohne Umschweife oder verzierende Schn�rkel direkt zur Sache.</p><p>�M�glich�, antwortete Skar trotzig. �Aber ich pflege Befehle nur dann zu befolgen, wenn ich ihren Sinn zu erkennen vermag.�</p><p>Seine r�de Antwort tat ihm fast sofort wieder leid. Er hatte keinen Streit mit Rayan; im Gegenteil. Aber die Stimmung an Bord war gereizt, und er machte da keine Ausnahme. Schlie�lich war auch er nur ein Mensch.</p><p>Zu seiner �berraschung nahm Rayan die Worte hin, ohne mehr als ein leises Stirnrunzeln als Zeichen seiner Mi�billigung zu �u�ern. �Skar hat recht�, sagte Gowenna. �Eine Wache hat nur dann Sinn, wenn es etwas zu bewachen gibt. Es hat nicht sehr viel Sinn, seine Kr�fte damit zu verschlei�en, da� man dem Sturm zusieht und die Hagelk�rner z�hlt. Es w�re kl�ger, wenn du deine Leute f�r den Kampf schonst.�</p><p>Der Vede wollte auffahren, aber Rayan brachte ihn mit einer raschen Handbewegung zur Ruhe. Er lehnte sich zur�ck, musterte Gowenna mit einem schwer zu deutenden Blick und verschr�nkte die Arme vor der Brust. In seiner Stimme schwang ein sp�ttischer Ton, als er antwortete. �Es wird keinen Kampf geben�, sagte er ruhig. �Gegen Brandgeschosse k�mpft es sich schlecht.�</p><p>�Wie lange wird es noch dauern, bis sie uns einholen?� fragte Skar hastig, als er sah, wie sich Gowennas Gesicht vor �rger verd�sterte. Auch sie war reizbarer geworden. Schon eine sp�ttische Entgegnung wie die Rayans konnte gen�gen, sie aus der Haut fahren zu lassen. Und das letzte, was sie im Moment gebrauchen konnten, war ein Streit zwischen einem von ihnen und Rayan oder seinen Veden. Sie waren G�ste an Bord, aber - das hatte er sehr schnell begriffen - keine willkommenen, sondern allerh�chstens geduldete G�ste.</p><p>Rayan zuckte mit den Achseln, beugte sich vor und griff nach der ausgefransten Zeichenfeder, die vor ihm lag, um damit zu spielen. Ihre Spitze hinterlie� eine Reihe unregelm��iger dunkler Tintenflecke auf der Tischplatte.</p><p>�Einen Tag�, antwortete er nach kurzem �berlegen. �Allerh�chstens zwei - wenn wir Gl�ck haben und unser Tempo halten k�nnen, hei�t das. Vielleicht auch weniger�, f�gte er mit einem lakonischen Achselzucken hinzu. �Niemand wei� genau, wie weit ihre Katapulte schie�en. Aber wir werden es sicher bald erfahren.�</p><p>�Zumindest weiter als unsere Pfeile�, sagte Gowenna. Sie fuhr pl�tzlich herum, starrte Skar an und schlug die Faust in die ge�ffnete Linke. �Der Gedanke, mich wie ein St�ck Vieh abschlachten zu lassen, macht mich krank�, stie� sie hervor.</p><p>Skar erwiderte ihren Blick gelassen. Der unausgesprochene Vorwurf in ihren Worten entging ihm keineswegs, aber er antwortete nicht darauf. Er hatte es aufgegeben, mit Gowenna zu streiten. Weder �ber dieses noch �ber irgendein anderes Thema. Sie war nicht mehr die Frau, die er in Ikne kennengelernt hatte. Schon lange nicht mehr. Ihr Gesicht war nicht das einzige, was zerst�rt war. Der Atem des Drachen hatte auch ihre Seele verbrannt.</p><p>�Ich will wenigstens einen von diesen Halunken mitnehmen, ehe es mich erwischt�, fuhr sie nach sekundenlangem Schweigen fort. �Die Gelegenheit hast du verpa�t�, sagte der Vede halblaut.</p><p>Skar sah alarmiert auf. Veden galten schon im allgemeinen als schweigsam und verschlossen, und die beiden schienen sich ihrem Dienstherrn noch mehr angepa�t zu haben. Er konnte sich nicht erinnern, da� einer von ihnen w�hrend der ganzen Fahrt mehr als zehn zusammenh�ngende Worte geredet h�tte. Aber er hatte auch nicht viel Kontakt mit ihnen gehabt. Noch mehr als Rayan und seine M�nner mieden sie seine und Gowennas oder Dels N�he, gingen ihnen unauff�llig, aber konsequent aus dem Weg und beschr�nkten sich darauf, auf eine direkte Frage mit einem Kopfnicken oder einer Geste zu antworten. Um so mehr �berraschten ihn jetzt die Worte des Veden; nicht so sehr, was er sagte, sondern wie er es tat. Seine Stimme vibrierte beinahe unh�rbar, und seine Haltung war nur scheinbar entspannt und dr�ckte in Wahrheit Aggressivit�t und Wut aus, Regungen, die Skar an dem Veden noch nie zuvor bemerkt hatte.</p><p>�Du h�ttest �ber Bord springen und den Dronte entern k�nnen, als er nahe genug war. Vielleicht h�tte uns das einen gr��eren Vorsprung verschafft.�</p><p>�Helth!� sagte Rayan scharf.</p><p>Der Vede fuhr zusammen, sah Rayan f�r die Dauer eines Lidschlages mit undeutbarem Ausdruck an und wandte sich ab. Sein Gesicht erstarrte wieder zu einer unbeweglichen Maske. F�r einen Moment erinnerte er Skar an Gowenna - jene Gowenna, die in der flammenden H�lle Combats verbrannt war, nicht die, die neben ihm sa�.</p><p>Skar sah an der Reaktion auf Gowennas Z�gen, da� es in ihr brodelte. Ihre Hand glitt zum G�rtel und krampfte sich um die leere Schwertscheide.</p><p>�Du warst dabei, die Karte zu studieren?� fragte er hastig, um die Situation zu entspannen. Die Stimmung an Bord hatte sich w�hrend der letzten drei Tage merklich verschlechtert, und er sp�rte, da� nur noch ein winziger Anla� notwendig war, um das Schiff wie ein Pulverfa� explodieren zu lassen. Ihr Verh�ltnis zu den Veden war schon zu Beginn der Reise nicht gerade gut gewesen, besonders Gowenna begegnete den beiden Nordl�ndern mit kaum verhohlener Feindschaft, der gleichen eifers�chtigen Feindschaft, die sie auch ihm anfangs entgegengebracht hatte und die wohl noch immer irgendwo in ihr schlummerte. Aber es war noch etwas anderes hinzugekommen, etwas, das zuvor in ihrem Wesen fehlte und ihr vielleicht einen letzten Rest von Menschlichkeit belie�. Verbitterung. War sie vorher nur von Mi�trauen und einer geradezu grenzenlosen Wut auf die gesamte Menschheit erf�llt gewesen, so war jetzt auch noch Ha� hinzugekommen. Selbst Skar ertappte sich in letzter Zeit immer �fter dabei, da� er beinahe so etwas wie Furcht vor Gowenna versp�rte. Eine Furcht, die durch den Anblick ihres verbrannten Gesichtes nur noch vertieft wurde. Und die drohende Gefahr hatte die aufgestauten �ngste noch verst�rkt. Rayan schenkte ihm einen raschen, dankbaren Blick, der ihm zeigte, da� er seine Absicht durchaus verstanden hatte, und nickte. �Das habe ich. Aber es ist reine Zeitverschwendung.� Er deutete auf die ausgebleichte Karte, die vor ihm auf dem Tisch lag. Fett, Schmutz und gro�e, br�unliche Flecken, wo das Pergament ausgetrocknet und br�chig geworden war, verunzierten ihre Oberfl�che. Die R�nder waren unregelm��ig vor langer Zeit einmal aus einer weitaus gr��eren Karte herausgerissen worden. Die Tinte war l�ngst verblichen und die Schriftzeichen f�r den, der nicht sowieso wu�te, was sie bedeuteten, unleserlich.</p><p>Rayan tippte mit dem Zeigefinger auf eine gestrichelte Linie, die Skar mit einiger Phantasie als die K�ste des Drachenlandes erkannte. �Wir sind hier losgesegelt�, erkl�rte er. �In Anchor. Und hier� - er bezeichnete einen Punkt dicht daneben, ohne da� Skar klar wurde, wieso er in diesem unleserlichen Wirrwarr aus Strichen und Linien und verschmiertem Dreck irgend etwas erkennen oder gar ihre Position bestimmen konnte - �sind wir auf den Dronte gesto�en. Von dort aus sind wir ununterbrochen nach Nordwesten gesegelt und m��ten uns jetzt ungef�hr...� Er z�gerte, fuhr mit der Fingerkuppe �ber den Rand der Karte hinaus und bezeichnete eine Stelle zwischen der Tischkante und dem Rand des Blattes, �...hier befinden.�</p><p>�So weit?� zweifelte Skar.</p><p>Rayan nickte. �Eher weiter. Tausend Meilen, sch�tze ich.�</p><p>Rayan verzog beleidigt das Gesicht. �Vielleicht sind es auch nur achthundert� schr�nkte er ein. �Vielleicht mehr, vielleicht weniger. Dieser verdammte Sturm hat uns weit vom Kurs gebracht. Ich wei� nicht, wie weit er uns von der K�ste weggetrieben hat.�</p><p>�K�nnt ihr Seeleute nicht die Position anhand der Sterne bestimmen?� fragte Gowenna.</p><p>Rayan starrte sie finster an und antwortete gar nicht.</p><p>�Und was�, fragte Skar rasch, �liegt vor uns?�</p><p>�Das wissen die G�tter�, antwortete Rayan. �Und vielleicht noch die Fische. Es kann alles sein. Tausend Meilen leerer Ozean, Inseln, Festland, das Nichts...� Er seufzte. �Wenigstens wissen wir, was hinter uns ist.�</p><p>Skar wandte unwillk�rlich den Blick nach Osten. Selbst durch den massiven Rumpf des Schiffes hindurch glaubte er pl�tzlich den dunklen, auf und ab h�pfenden Schmutzfleck auf dem Horizont zu erkennen. Es w�rden noch viele Stunden vergehen, ehe der Punkt so gro� wurde, da� er die bizarre Form des gef�rchteten schwarzen Segels erkennen konnte, und trotzdem glaubte er, die N�he der Gefahr wie einen k�rperlichen Schmerz zu f�hlen. F�r einen Moment versp�rte er ein aberwitziges Gef�hl des Bedauerns. Er konnte Gowennas Unruhe verstehen - es war die gleiche Art von Unruhe, die auch ihn qu�lte, nur ged�mpft durch die Erfahrung eines zehn Jahre l�ngeren Lebens; oder was er daf�r hielt. Die Gewi�heit, einen Kampf ohne die geringsten Aussichten auf einen Sieg antreten zu m�ssen, war schlimm. Aber Stunde um Stunde dazusitzen und das unbarmherzige N�herkommen des Kaperschiffes zu beobachten war beinahe noch schlimmer. Er hielt Rayans Blick sekundenlang stand, versuchte zu l�cheln und stand auf. Er fror. Die K�lte war l�ngst auch in diesen Teil des Schiffes gekrochen, und die gl�henden Kohlebecken k�mpften einen vergeblichen Kampf gegen die Feuchtigkeit, die ihr auf dem Fu� folgte. Trotzdem trugen sowohl Gowenna als auch er nur d�nne Lederhemden �ber ihren Panzern. Warme Kleidung, das hatten sie bereits nach den ersten Stunden an Deck feststellen m�ssen, nutzte an Deck kaum etwas. Der eisige Wind durchdrang alles, tr�nkte selbst die dicksten Pelze mit Feuchtigkeit und verwandelte sie in wenigen Augenblicken in kalte, klamme M�ntel, die ihre K�rper eher noch mehr ausk�hlten als w�rmten.</p><p>�Wohin?� fragte Rayan.</p><p>Skar deutete mit einer Kopfbewegung auf die niedrige T�r am anderen Ende des Raumes. �Ich werde nach Del sehen�, sagte er. �Vielleicht kann ich auch ein wenig schlafen oder wenigstens ausruhen.�</p><p>�Und deine Wache?� erinnerte Helth.</p><p>Skar schenkte ihm einen abf�lligen Blick. �Ich schenke sie dir�, sagte er bissig. �Stell dich selbst an die Reling, wenn du Angst hast, da� dir der Himmel auf den Kopf f�llt.� Seine Worte waren sch�rfer, als im Augenblick vielleicht angebracht war. Er lag nicht im Streit mit dem Veden und wollte ihn auch nicht, aber die hochm�tige Art, in der Helth Gowenna behandelt hatte, �rgerte ihn. Er wu�te wohl von allen an Bord am allerbesten, wie wenig Gowenna einen Besch�tzer brauchte, aber sie waren zu lange zusammen, als da� es ihm gleichg�ltig sein konnte, wie man sie behandelte. Vielleicht war er auch trotz allem zu sehr Mann und Gowenna, trotz allem, zu sehr Frau. Der logische Teil seines Denkens sagte ihm, da� Gowenna von dem Veden nichts zu bef�rchten hatte. Helth war, unbeschadet seines hochm�tigen Auftretens und der Meisterschaft, mit der er seine Waffen zu handhaben verstand, nicht viel mehr als ein zu gro� geratenes Kind, und zudem der einzige an Bord, der nicht wu�te, wie sehr Gowenna ihm �berlegen war; nicht nur mit Worten. Aber es gab noch einen anderen Skar, einen, der einfach nur Mann war und dessen Besch�tzerinstinkte durch Gowennas Anwesenheit geweckt wurden, der ihm zumindest das Gef�hl gab, etwas f�r sie zu empfinden, auch wenn es in Wirklichkeit nicht da war. Nicht mehr. Trotzdem konnte er nicht so tun, als w�re sie eine Fremde. Dazu waren sie zu lange zusammengewesen.</p><p>Er schenkte Helth einen letzten, b�sen Blick, wandte sich mit einem Ruck um und ging mit weit ausgreifenden Schritten auf die T�r zu.</p></section><section><title><p id="_2">2.</p></title><p>Der Gang war fensterlos niedrig, wie alle R�ume an Bord der SHAROKAAN, und f�hrte durch die volle L�nge des Schiffes bis zum Bug hin. Der Boden war hier nicht massiv wie in der Mannschaftskabine, sondern bestand lediglich aus einem grob zusammengenagelten Lattenrost, der unter seinen Schritten federte und unter dem das faulige Wasser der Bilge sichtbar wurde. An den W�nden waren Flecken hellgrauen Schmierpilzes gewachsen, und das Dr�hnen der Brecher, die monoton gegen den Rumpf schlugen, klang hier unten wie ein dumpfer, nie aufh�render Trommelwirbel. Skars Unwohlsein schien sich zu verst�rken, als er den Gang betrat. Die Enge vermittelte ihm den Eindruck, eingesperrt zu sein. Er fragte sich unwillk�rlich, warum jemand, der ein Schiff konstruierte und baute, auf diese Winzigkeit verzichten mu�te. Die SHAROKAAN war ein gro�es Schiff - es h�tte ihrem Stauraum kaum Abbruch getan, die Decken einen Fu� h�her und die W�nde ein paar Zoll weiter auseinander anzubringen, so da� man nicht st�ndig das Gef�hl haben mu�te, lebendig begraben zu sein. Aber Seefahrer waren ohnehin ein Volk f�r sich, das er wahrscheinlich nie verstehen w�rde. Der Gang wurde so gut wie nie benutzt - das Deck der SHAROKAAN war nicht so massiv, wie es einem Au�enstehenden erscheinen mochte, sondern bestand im Grunde nur aus einem Balkenger�st, auf das einzelne Platten wie �bergro�e Dachpfannen aufgelegt waren, so da� jeder Punkt der Lader�ume bequem von oben erreicht werden konnte, und Del und er waren vielleicht seit Jahren die ersten, die regelm��ig hier herunterkamen. Auf dem Boden lag der Staub von Jahrzehnten, von N�sse und F�ulnis zu einer schmierigen Schicht zusammengebacken, in der seine Schritte saugende Ger�usche verursachten und die ihn festzuhalten versuchte, so da� er st�ndig glaubte, gegen einen unsichtbaren Widerstand ank�mpfen zu m�ssen.</p><p>Skar fr�stelte, senkte den Kopf ein wenig und ging schneller. Die K�lte war hier unangenehmer als hinten in der Kabine - nicht schlimmer, aber direkter und aufdringlicher, als h�tte sie ihm aufgelauert, um hier, wo er allein und nicht in der Gesellschaft anderer war, mit ganzer Kraft �ber ihn herzufallen.</p><p>Er erreichte das Ende des Ganges, schob den Riegel zur�ck und betrat die dahinterliegende Kammer. Sie ma� kaum drei Schritte im Quadrat und wurde auf der gegen�berliegenden Seite von einem mannshohen, aus fingerdicken Stangen von eisenhartem altem Eichenholz gefertigten Gitter abgeschlossen. Sorgsam zog er die T�r hinter sich wieder zu, ehe er sich umdrehte und den wuchtigen Schl�ssel von der Wand nahm. Er war so alt und grob wie dieses Schiff und hing offen an einem krummgeschlagenen Nagel, aber doch so weit vom hinteren Teil der Kammer entfernt, da� keiner, der seinen Arm durch die Gittert�r zw�ngte, ihn erreichen konnte.</p><p>Skar steckte den Schl�ssel ins Schlo�, drehte ihn halb herum und z�gerte einen Herzschlag lang. Sein Blick glitt mit einem Mi�trauen, das so unbegr�ndet wie unbewu�t war, durch den winzigen, nur schwach erhellten Raum auf der anderen Seite des Gitters.</p><p>Er war nur wenig gr��er als dieser Teil der Kammer, in der er sich jetzt noch befand, und auf schwer in Worte zu fassende Weise d�ster. Wenn er jemals einen Ort gesehen hatte, auf den das Wort Kerkeratmosph�re zutraf, dann war es dieser winzige Verschlag im Bug der SHAROKAAN. Die W�nde zogen sich im vorderen Teil der Kammer, der Kr�mmung des Schiffsrumpfes folgend, zusammen und schienen seine Insassen erdr�cken zu wollen, und wenn der Boden auch hier, anders als hinten im Gang, massiv war, so glaubte er die lauernde kalte Tiefe darunter doch zu sp�ren.</p><p>Del lehnte mit geschlossenen Augen an der Wand und schlief; wie meistens, wenn er herkam, und auch Vela hatte sich auf dem niedrigen, mit Stroh und Decken gepolsterten Lager ausgestreckt und das Gesicht in der Armbeuge vergraben. Die d�nne Kette, die ihr linkes Handgelenk mit dem wuchtigen Eisenring in der Wand verband, glitzerte wie eine silberne Schlange auf dem mattgrauen Stoff ihres Gewandes, dessen zerschlissene Seide mit dem schmutzigen Braun der W�nde zu verschmelzen schien, als h�tte das Schiff bereits angefangen, sie aufzusaugen. Skar drehte den Schl�ssel vollends herum und warf sich leicht mit der Schulter gegen das Gitter, um es in den verquollenen h�lzernen Angeln zu bewegen. Das quietschende Ger�usch hallte �berlaut in der winzigen Kammer wider.</p><p>Del �ffnete tr�ge ein Auge, blinzelte und schnitt eine Grimasse, als er ihn erkannte. Sein Gesicht zeigte jenes verquollene Aussehen eines Menschen, den man unvermittelt aus dem tiefsten Schlaf gerissen hatte. Die Errish r�hrte sich nicht.</p><p>�Ist es schon soweit?� fragte Del g�hnend. Er reckte sich, so da� sich seine m�chtigen Oberarmmuskeln f�r einen Moment deutlich unter dem d�nnen Wollcape abzeichneten, das er �ber seinen Panzer geworfen hatte, schlug spielerisch mit den Fingerkn�cheln gegen die Wand �ber seinem Kopf und lie� die Arme klatschend auf seine Oberschenkel fallen. Er trug noch immer den schwarzen Panzer aus Tuan, obwohl er unpraktisch und kaum sicherer als der Lederharnisch der Satai war. Aber er war jung genug, da� Skar ihm diese romantische Spielerei vergab, und fr�her oder sp�ter w�rde er wohl von selbst einsehen, da� er sich eher l�cherlich als interessant machte.</p><p>Skar zog das Gitter hinter sich zu und sah den jungen Satai kopfsch�ttelnd an. �Wenn du mit deiner Frage meinst, ob der Dronte schon heran ist, dann lautet die Antwort nein�, sagte er. �Und wenn du wissen willst, ob deine Wache vorbei ist...� Er hob die Schultern, suchte sich einen einigerma�en trockenen Platz auf dem Fu�boden und lie� sich mit �berkreuzten Beinen darauf nieder, ehe er weitersprach. �Das kommt darauf an - wenn du das Gef�hl hast, ausgeschlafen zu haben, dann m��ten die zw�lf Stunden vor�ber sein.�</p><p>Del grinste, warf einen fl�chtigen Blick auf die schlafende Errish neben sich und rieb sich mit den Kn�cheln der Rechten �ber die Augen. �H�re ich da so etwas wie Kritik in deiner Stimme?� fragte er. Seine Worte hatten sp�ttisch klingen sollen, aber er war noch immer nicht richtig wach und sprach so undeutlich, da� Skar M�he hatte, ihn �berhaupt zu verstehen. �Es ist nicht gerade kurzweilig, zw�lf Stunden neben einer Stummen zu sitzen, wei�t du? Ein Stein ist gespr�chiger als du.�</p><p>Skar sp�rte einen scharfen, raschen Stich in der Brust. Dels Stimme hatte bei den letzten beiden S�tzen kalt geklungen, nicht feindselig, sondern so unbeteiligt, als spr�che er tats�chlich �ber einen Stein. Was immer die Sumpfm�nner mit ihm gemacht hatten - sie hatten jedes Gef�hl, das er jemals f�r die Errish empfand, ausgel�scht; so gr�ndlich, als h�tte es niemals existiert. Vielleicht gr�ndlicher. Und sie hatten daf�r gesorgt, da� es niemals wiederkommen konnte.</p><p>Aber der Gedanke beruhigte Skar nicht. Im Gegenteil. Es gab Augenblicke, in denen er sich nicht sicher war, vor wem er mehr Furcht empfinden sollte - vor Vela oder dem breitschultrigen Riesen, der einmal sein Freund gewesen war. Seit sie Elay verlassen hatten, versuchte er sich einzureden, da� das alles nicht stimmte und er sich nur selbst verr�ckt machte, aber er sp�rte einfach, da� Del nicht mehr er selbst war. Etwas fehlte in seinem Wesen. Aber er wu�te nicht, was. �Was macht der Kapersegler?� fragte Del, pl�tzlich wieder ernst werdend.</p><p>�Er kommt n�her�, antwortete Skar. �Aber wir haben noch Zeit. Vielleicht zwei Tage. M�glicherweise finden wir irgendwo Land oder eine Insel...� Er zuckte abermals mit den Schultern, lehnte sich zur�ck und fuhr hastig wieder hoch, als sein R�cken die Wand ber�hrte. Das Holz war eisig. Obwohl in der winzigen Kammer nahezu gleich viele Kohlebecken aufgestellt waren wie in der gro�en Kabine im Heck, vermochte ihre Glut die feuchte K�lte nicht zu vertreiben, die sich in ihren W�nden eingenistet hatte.</p><p>Als sie in Anchor aufgebrochen waren, hatte der Sommer seinen Einzug gehalten, aber der Dronte jagte sie immer weiter nach Norden, hinein in ein Reich von ewigem Winter und eisiger K�lte.</p><p>�Ich wollte, wir h�tten uns zum Kampf gestellt�, murmelte Del, als h�tte er seine Gedanken erraten.</p><p>Skar sp�rte einen pl�tzlichen Zorn in sich aufsteigen. Er war nicht hierhergekommen, um �ber den Dronte zu reden, und er wollte auch nicht das Gespr�ch, das Gowenna ihm hatte aufzwingen wollen, nun mit Del fortsetzen. Aber er beherrschte sich und zog statt der scharfen Antwort, die ihm auf der Zunge lag, nur die linke Augenbraue ein St�ck nach oben. �Kampf?� wiederholte er. �Was f�r einen Kampf meinst du, Del? Niemand hat je gegen einen Dronte gek�mpft. Er k�mpft gegen die anderen. Das ist ein Unterschied.�</p><p>Del wischte seinen Einwand mit einer unwilligen Geste beiseite. �Unsinn�, sagte er. �Niemand hat es je versucht. Du hast diese Fischgesichter doch gesehen - sie haben sich doch schon fast vor Angst in die Hosen gemacht, als sie das Schiff nur sahen! Rayan h�tte beidrehen und sich zum Kampf stellen sollen. Wir h�tten eine gute Chance gehabt. Bisher haben diese Piraten immer nur wehrlose Handelsschiffe �berfallen, vergi� das nicht.�</p><p>�W�hrend die SHAROKAAN bis an die Z�hne bewaffnet ist, wie?� fragte Skar sp�ttisch. �Mit Tonnen von Caba-N�ssen und Stoffballen, mit denen wir werfen k�nnen.�</p><p>Del runzelte die Stirn. �Immerhin sind wir an Bord�, erinnerte er. Skar nickte. �Sicherlich. Zwei Satai, die froh sind, noch einmal mit dem Leben davongekommen zu sein...�</p><p>�Und zwei Veden�, fiel ihm Del ins Wort. �Auch wenn ich diese eingebildeten Gimpel nicht leiden kann, hei�t das nicht, da� sie nicht imstande w�ren, ihr Schwert zu f�hren.� Er setzte sich ein St�ck weiter auf, hob die Hand und streckte vier Finger aus. �Und da w�re noch Gowenna�, sagte er und hielt nun auch noch den Daumen in die H�he. �Wir f�nf sollten doch ausreichen, mit ein paar dahergelaufenen Piraten fertig zu werden.�</p><p>Skar verzichtete auf eine Antwort. Del wu�te so gut wie er, da� er Unsinn redete, aber seine Worte weckten wieder die Erinnerung an ihre erste, schreckliche Begegnung mit dem Dronte. Sie hatte nur wenige Augenblicke gedauert, aber es waren Augenblicke gewesen, die er vielleicht nie wieder vergessen w�rde. Vorher hatte er alles, was ihm je �ber die schwarzen Killersegler zu Ohren gekommen war, f�r �bertrieben oder schlicht und einfach unwahr gehalten, aber er war rasch eines Besseren belehrt worden. Die Wirklichkeit war schlimmer gewesen.</p><p>Er hatte sich niemals vor Piraten oder �hnlichem Gelichter gef�rchtet. Aber Dronte waren keine gew�hnlichen Piraten. Dronte enterten nicht. Sie t�teten. Niemand wu�te, warum, aber sie taten es, mitleidlos und immer. Kein Schiff hatte je den Angriff eines Dronte �berlebt, und so beruhte nahezu alles, was man von ihnen wu�te, auf Ger�chten und Legenden, Geschichten, die sich die Seefahrer abends in den Hafenkneipen erz�hlten oder mit denen sie sich vor Fremden br�steten. Jedenfalls hatte Skar das geglaubt, bis er dem Dronte selbst gegen�bergestanden hatte. Sie waren Killer, mitleidlose J�ger, die ein Wild, auf dessen Spur sie sich einmal gesetzt hatten, nie wieder verloren. Das Schiff war wie ein gigantischer schwarzer Alptraum aus der Nacht hervorgebrochen und hatte warnungslos das Feuer auf die SHAROKAAN er�ffnet. Einzig durch Rayans hervorragendes seem�nnisches K�nnen waren sie davor bewahrt worden, schon von der ersten Salve wei�gl�hender Feuerb�lle vernichtet zu werden.</p><p>Die Erinnerung lie� Skar schaudern. Keines der todbringenden Katapulte des Dronte hatte seine Ladung ins Ziel gebracht, und trotzdem waren sie der Vernichtung nur mit knapper Not entronnen. Eines der Brandgeschosse war dicht neben der SHAROKAAN im Meer eingeschlagen; ein flammenspeiender Stern, der das Wasser in einen kochenden Hexenkessel verwandelte und das Schiff mit siedendem Dampf verbr�hte und in erstickende Schwefelnebel tauchte. Nur ein winziger Spritzer der brennenden Masse hatte das Schiff getroffen, und schon er h�tte ihnen beinahe den Untergang gebracht. Fockmast und Segel waren in Flammen aufgegangen, und die Mannschaft konnte das Feuer nur mit �u�erster M�he l�schen. F�r wenige Augenblicke war die SHAROKAAN in einen lodernden Scheiterhaufen verwandelt, eine schwimmende Fackel inmitten der unendlichen Wasserfl�che des Ozeans. H�tte das Gescho� das Schiff voll getroffen, w�re von der SHAROKAAN nichts �briggeblieben. Niemand h�tte das Feuer der H�lle l�schen k�nnen.</p><p>Skar sch�ttelte die Erinnerung mit einer �rgerlichen Bewegung ab. Doch die Bilder verbla�ten nicht. Sie zogen sich zur�ck, verkrochen sich in einem finsteren Winkel seines Ged�chtnisses, aber sie waren noch da. Lauernd, bohrend, wie ein Rudel kleiner, gef�hrlicher Raubtiere, jederzeit bereit, einen Moment der Unaufmerksamkeit auszunutzen und erneut �ber ihn herzufallen. Vielleicht w�rde er sie nie wieder vollkommen loswerden. Sie waren durch die H�lle gegangen in diesen wenigen Minuten, eine H�lle aus brennendem Holz und Tauwerk und Qualm und Gestank, Schreien und wei�gl�henden Geschossen, die erbarmungslos auf den Freisegler herunterregneten. Aber ihre Reise stand vom ersten Augenblick lang unter keinem guten Stern. Urspr�nglich hatten Del und er beabsichtigt, von Elay aus direkt nach Muur-Eyl und dann durch die westliche W�ste nach Larn zu ziehen; ein Weg, der vielleicht m�hsam, aber gr��tenteils ungef�hrlich war. Aber sie hatten ihre Rechnung ohne die Ehrw�rdige Mutter gemacht. Die Herrscherin des Drachenlandes hatte ihnen nicht nur ihre Dankbarkeit bekundet, sondern sie gleichzeitig auch gebeten, Gowenna und die versto�ene Errish zum Berg der G�tter zu geleiten. Und die Bitte der Ehrw�rdigen Mutter der Errish war Befehl. Auch - oder vielleicht gerade - f�r einen Satai. So mu�ten Del und er zustimmen, noch einmal in den Dienst der Errish zu treten und Vela zum Rat der Satai zu bringen, obwohl es ihnen widerstrebte, sich als Kerkermeister zu verdingen. Aber es hatte Gr�nde gegeben, diesen Auftrag anzunehmen. Gr�nde, die weit zur�cklagen, weiter, als er sich erinnern wollte. Einer der Gr�nde war das Kind, das Vela in ihrem Leib trug. Sein Kind...</p><p>Skar schrak aus seinen �berlegungen hoch, als ihn Del unsanft an der Schulter ber�hrte. �Was...?� fragte er verwirrt.</p><p>Del zog eine Grimasse. �Ich habe dich jetzt dreimal hintereinander angesprochen�, bemerkte er sp�ttisch. �Sprichst du nicht mehr mit jedem, oder wirst du langsam alt?�</p><p>Skar rettete sich in ein verlegenes L�cheln. �Ich... war in Gedanken�, sagte er rasch. �Entschuldige.� Er setzte sich gerade auf, seufzte und machte Anstalten, vollends aufzustehen. �Ich lasse dich in vier Stunden abl�sen�, bestimmte er. �Dann ist deine Wache n�mlich offiziell vorbei. Sieh zu, da� du bis dahin ausgeschlafen hast. Es ist ziemlich ungem�tlich an Deck.�</p><p>�Warte noch einen Moment�, bat Del. Pl�tzlich grinste er, und f�r einen Moment erinnerte er Skar wieder an den gro�en, j�hzornigen Jungen, als den er ihn in Erinnerung hatte. Aber nur f�r einen Moment. �Ich... mu� noch etwas erledigen.� Er stand auf, reckte sich noch einmal und trat geb�ckt durch die Gittert�r. Skar runzelte �rgerlich die Stirn, als Del weiterging und sowohl das Gitter als auch die darunterliegende T�r achtlos offenlie�, verzichtete aber darauf, aufzustehen und sie zu schlie�en. Er hielt die Sicherheitsma�nahmen, auf denen die Ehrw�rdige Mutter bestanden hatte, ohnehin f�r �bertrieben. Vela stellte keine Gefahr mehr dar. Die Macht, die sie gehabt hatte, war dahin, ein f�r allemal, und allein die d�nne Kette, mit der sie gebunden war, garantierte daf�r, da� sie die Zelle nicht verlassen konnte. Sie war aus Sternenstahl geschmiedet, dem gleichen, nahezu unzerst�rbaren Material, aus dem auch sein Tschekal gefertigt war. Nicht einmal die Kr�fte eines Banthas h�tten ausgereicht, sie zu zerrei�en.</p><p>Aber vielleicht diente sie auch eher Velas Schutz, so wie die Wache, in der sich Del und einer der Veden abwechselten. Es war nicht so sehr das Schiff oder seine Besatzung, die sie vor Vela besch�tzten, als vielmehr Vela, die zu ihrer eigenen Sicherheit hier vorne untergebracht war. Skar hatte bis jetzt nicht begriffen, wie es Gowenna gelungen war, die Ehrw�rdige Mutter zu �berreden, ihr - ausgerechnet ihr - die Verantwortung daf�r zu �bertragen, da� die ehemalige Errish sicher am Berg der G�tter ankam. Ein W�chter sollte seinen Gefangenen nicht hassen. Sein Blick glitt �ber Velas zusammengekr�mmte Gestalt. Obwohl sie auf der Seite lag und eine schwere Felldecke �ber sich ausgebreitet hatte, war jetzt nicht mehr zu �bersehen, da� sie schwanger war. Skar versuchte nachzurechnen, wie lange es jetzt noch dauern w�rde, kam aber zu keinem genauen Ergebnis. Sechs, vielleicht sieben Wochen - es spielte im Grunde keine Rolle. Sie w�rde tot sein, lange bevor das Kind - sein Kind - zur Welt kommen konnte.</p><p>Seltsamerweise lie� ihn der Gedanke beinahe kalt. Es war sein Sohn, der da in ihrem K�rper heranwuchs, aber es war ein Kind, das gegen seinen Willen entstanden war und das niemals h�tte gezeugt werden d�rfen. Er empfand nichts bei dem Gedanken, der Vater dieses Knaben zu sein; allerh�chstens Abscheu. Vielleicht auch so etwas wie Mitleid, aber wenn, dann war es ein Mitleid, wie er es auch einem fremden Kind entgegengebracht h�tte; vielleicht mehr als seinem eigenen. Er hatte Kinder niemals gemocht - was nicht hie�, da� er sie verabscheute oder gar ha�te -, und der Gedanke, da� er selbst dieses Kind gezeugt hatte und sein Vater sein sollte, erschien ihm beinahe l�cherlich. In seinem Leben war kein Platz f�r Kinder; nicht f�r fremde und schon gar nicht f�r eigene. Vielleicht - auch dar�ber hatte er nachgedacht, ohne zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen - war es auch nur Schutz; ein Mechanismus, mit dem er sich vor sich selbst sch�tzte, eine instinktive Abwehr gegen die Gef�hle, die da in seinem Inneren lauern mochten und die sein Leben noch komplizierter gemacht h�tten, als es ohnehin war. Nein - alles, was er f�r dieses Kind, wenn �berhaupt, empfand, war Mitleid, Mitleid mit diesem noch ungeborenen Wesen, das im Grunde von ihnen allen die geringste Schuld trug. Nach allem, was Vela getan hatte, war dies vielleicht der gr��te Frevel gewesen. Dieses Kind war nicht aus Liebe entstanden, nicht einmal aus Unachtsamkeit oder - und auch das h�tte er verstanden und, wenn auch mit Abscheu, akzeptieren k�nnen -, um ihn zu erpressen, sondern aus dem einzigen Grund, ihre Macht zu vergr��ern. Es w�re zu einer Waffe geworden, einem finsteren Gott des B�sen, ein D�mon, der das Grauen l�ngst vergangener Zeiten wieder h�tte auferstehen lassen k�nnen.</p><p>Aber soweit w�rde es nicht kommen. Vielleicht war es nicht einmal ein Zufall, da� der schwarze Killersegler ausgerechnet jetzt aufgetaucht war und sie jagte. Skar glaubte nicht an G�tter und D�monen, aber er war auch nicht so vermessen, sich allen Ernstes einzureden, da� es sie nicht doch geben konnte, nur weil er nicht an sie glaubte. Wenn es sie gab - da war er ganz sicher -, dann hatten sie den Dronte geschickt; Feuer gegen Feuer, die gr��te Geisel der Meere gegen eine Gefahr, die noch nicht einmal geboren war. Die Errish hatte selbst die G�tter herausgefordert, und letztlich war es einer von ihnen gewesen, der sie besiegt hatte. Nicht er. Er war nur ein Werkzeug.</p><p>Vela bewegte sich. Der graue Stoff ihres Gewandes raschelte, und f�r einen Moment begegneten sich ihre Blicke. Ihre Augen waren leer; die winzigen, zu schwarzen Punkten zusammengezogenen Pupillen wirkten verschleiert und schienen direkt durch ihn hindurchzusehen. Wahrscheinlich nahm sie weder ihn noch ihre Umgebung wirklich wahr. Skar wu�te nicht, was in dem grauen Pulver war, das Gowenna ihr regelm��ig in die Mahlzeiten mischte, aber er hatte am eigenen Leib gesp�rt, da� sich die Errish auf das Mischen von Drogen verstanden.</p><p>Ihr Geist war gefangen. Vielleicht schlief sie, vielleicht stand sie die Qualen der H�lle durch - er wu�te es nicht, und er wollte es auch nicht wissen. Die Kette, die ihren Geist gefesselt hielt, war mindestens ebenso stark wie die um ihren Arm.</p><p>Del kam zur�ck, lie� sich fr�stelnd neben einem der Kohlebecken niedersinken und rieb die H�nde �ber der Glut aneinander. Sein Gesicht war vor K�lte ger�tet. Er zitterte. Die sanit�ren Einrichtungen der SHAROKAAN waren eine einzige Katastrophe. Es war schon bei gutem Wetter eine Zumutung, seine Notdurft in einem nach drei Seiten offenen Drahtkorb au�enbords der Reling verrichten zu m�ssen. W�hrend eines Eissturmes wie dem, der das Schiff seit drei Tagen beutelte, blieb den Zuschauern selbst das schadenfrohe Lachen buchst�blich im Halse stecken.</p><p>Skar stand auf, wandte sich zur T�r und suchte hastig nach festem Halt, als das Schiff von einer st�rkeren Woge getroffen wurde und sich bedrohlich auf die Seite legte. Del grinste. Skar schenkte ihm einen b�sen Blick, zerbi� einen Fluch auf den Lippen und ging hastig zur T�r. �Ich lasse dich in vier Stunden abl�sen�, sagte er, w�hrend er den Schl�ssel im Schlo� herumdrehte und ihn sorgsam an den Haken zur�ckh�ngte.</p><p>Del knurrte eine Antwort, rollte sich unter der Wand wie ein Hund zusammen und zog mit der linken Hand eine Decke heran. Kopfsch�ttelnd wandte sich Skar ab. Er beneidete Del keineswegs um seine Aufgabe. Verglichen mit den Temperaturen in der Mannschaftskabine war es hier unten warm, und trotzdem hatte er schon nach den wenigen Minuten, die er hiergewesen war, das Gef�hl gehabt, selbst der Gefangene und nicht der W�chter zu sein.</p><p>Mit einem letzten, abschlie�enden Nicken, das Del schon gar nicht mehr zur Kenntnis nahm, verlie� er den Raum, legte den Riegel von au�en vor die T�r und eilte durch den niedrigen Gang zur�ck zur Mannschaftskabine.</p><p>Von Rayan und dem Veden war keine Spur mehr zu sehen, als er die Kaj�te betrat. Sie waren wieder oben an Deck, wie fast immer, obwohl es dort f�r sie nichts zu tun gab. Nichts au�er zu warten und den n�her kommenden schwarzen Punkt am Horizont anzustarren. Aber Rayan geh�rte zu jener Art von Kapit�nen, die nichts von ihren M�nnern verlangten, was sie nicht selbst zu tun bereit und in der Lage waren, und er schien dies ununterbrochen unter Beweis stellen zu m�ssen. Ein Verhalten, f�r das Skar kein Verst�ndnis hatte. Es nutzte niemandem, sondern schadete im Gegenteil. Aber sie waren in einer Situation, in der rationales Handeln nicht mehr unbedingt die wichtigste Rolle spielte. Vielleicht war Rayans Benehmen auch eine Erkl�rung f�r die stoische Gelassenheit, mit der die M�nner dort oben noch immer weiterk�mpften. Gowenna sa� allein an ihrem Tisch und redete mit einem Matrosen, der, vergraben unter einem Berg von Decken und zweckentfremdeten Kleidungsst�cken, auf dem Boden lag und ihr mit ernstem Gesicht zuh�rte. Skar eilte an ihr vor�ber, ohne hinzuh�ren. Ihr Gespr�ch drehte sich, wie nahezu alles, was w�hrend der letzten drei Tage an Bord des Schiffes gesprochen wurde, um den Dronte. Sie waren der Vernichtung entkommen, aber der Tod war nur hinausgeschoben, nicht besiegt, und es kam Skar manchmal vor, als bildeten sie sich ernsthaft ein, ihn wegdiskutieren zu k�nnen.</p><p>Er ging zu seinem Lager, einem verlausten B�ndel gleich denen der anderen, lie� sich darauf nieder und suchte in den schmuddeligen Fetzen nach etwas, das er als Kopfkissen benutzen konnte. Es gab keine Kojen oder auch nur Bettstellen auf der SHAROKAAN, sondern nur eine Anzahl zerschlissener B�ndel, auf denen die Besatzung - und auch da machte Rayan keine Ausnahme - wechselweise schlief. Auch Gowenna und er mu�ten sich damit begn�gen. Nicht weil Rayan sie absichtlich schlecht behandelte, sondern weil es auf dem vollgestopften Schiff einfach keinen anderen Raum gab, in den sie sich h�tten zur�ckziehen k�nnen. Sie hatten f�r die �berfahrt bezahlt, sehr viel bezahlt sogar, aber das bedeutete nicht, da� sie mehr Anspruch auf eine besondere Behandlung als irgendein Mannschaftsmitglied hatten. Das einzige Bett auf dem ganzen Schiff stand vorne in Velas Zelle, und auch dies war erst in Anchor zus�tzlich an Bord gebracht worden, auf Gehei� der Ehrw�rdigen Mutter.</p><p>Das Schiff wiegte sich sanft unter ihm, und das dumpfe, regelm��ige Klatschen, wenn sich die Wellen an der Bordwand brachen, hatte etwas seltsam Beruhigendes. Das dunkelrote Licht der gl�henden Kohlen schimmerte sanft durch seine geschlossenen Lider und gaukelte ihm eine W�rme vor, die kaum da war. Er bewegte sich unruhig, zog die Decke enger um die Schultern und drehte das Gesicht zur Wand, um m�glichst viel von der ausgestrahlten W�rme aufzufangen.</p><p>�Schl�fst du?�</p><p>Skar �ffnete widerwillig die Augen, w�lzte sich herum und setzte sich auf. Diesmal vermied er es sorgsam, mit der Wand in Ber�hrung zu kommen.</p><p>Gowenna hockte sich neben ihn auf den Boden, stand noch einmal auf, um eine Decke als Unterlage heranzuziehen, und lie� sich mit einem Laut, der sowohl Ersch�pfung als auch Resignation - oder beides - ausdr�cken konnte, auf das provisorische Lager sinken. Das dunkelrote D�mmerlicht im Inneren der Kabine tauchte ihr Gesicht in gn�dige Schatten. Sie hatte sich angew�hnt, stets so zu sitzen, da� sie ihrem Gegen�ber die unversehrte rechte Seite zuwandte, und auch er machte da jetzt keine Ausnahme mehr. Es war einmal anders gewesen. Er merkte pl�tzlich, da� er sie anstarrte, senkte den Blick und suchte vergeblich nach einem passenden Wort.</p><p>�Es braucht dir nicht peinlich zu sein�, bemerkte Gowenna ruhig. �Gerade du solltest wissen, wie ich aussehe.�</p><p>Skar sah auf, aber Gowenna sprach rasch weiter und gab ihm keine Gelegenheit zu antworten. �Glaubst du, da� wir eine Chance haben ?� fragte sie.</p><p>Skar z�gerte. Er wollte einfach nicht mehr dar�ber sprechen, aber er sp�rte, da� er es mu�te, wenn er nicht wirklich grob werden wollte. �Eine Chance? Gegen den Dronte? Niemand hat ihn jemals besiegt.�</p><p>�Aber einige sind ihm entkommen.�</p><p>Skar l�chelte. �Wer hat das gesagt? Rayan?�</p><p>�Nein. Ich... habe Geschichten geh�rt.�</p><p>�Du w�hlst das richtige Wort�, sagte Skar. �Geschichten. Manche behaupten es, aber ich glaube nicht, da� es wahr ist.�</p><p>�Wir w��ten kaum, da� es so etwas wie einen Dronte �berhaupt gibt, wenn jede Begegnung mit ihm t�dlich enden w�rde�, beharrte Gowenna.</p><p>�Das mag sein - aber wenn, dann hatten die anderen bessere Chancen. Wir machen kaum noch Fahrt. Und er holt immer mehr auf.� Gowenna schwieg einen Moment, und als sie weitersprach, klang ihre Stimme sp�ttisch. �Was ist mit dir?� fragte sie. �Hat dich Rayan mit seinem Gerede von Tod und Untergang schon angesteckt?� Sie l�chelte, zog die Knie an den K�rper und st�tzte das Kinn darauf. Das dunkelrote Licht des Kohlefeuers gab diesem L�cheln etwas seltsam Warmes, Vertrautes. F�r einen kurzen, ganz kurzen Moment glaubte Skar in ihren Z�gen eine Sch�nheit zu entdecken, die vorher nicht dagewesen war. Etwas Sanftes und Weiches und M�dchenhaftes, das vielleicht jahrelang tief in ihr geschlummert hatte und erst jetzt hervorbrach. Aber dann hob sie den Kopf, und Skar blickte wieder in die zerst�rte Kraterlandschaft, die fr�her einmal das Gesicht einer sch�nen Frau gewesen war. Die Illusion zerplatzte.</p><p>�Was wirst du tun, wenn wir es schaffen?� fragte sie pl�tzlich. Skar starrte sie an. �Findest du, da� jetzt der richtige Moment -�</p><p>�Der einzige Moment, Skar�, unterbrach ihn Gowenna. �Du hast es selbst gesagt - er kommt n�her. Wir werden nicht mehr oft Gelegenheit haben, allein miteinander zu reden. Und ich will wissen, woran ich bin. Ich h�tte dich schon... schon l�ngst fragen sollen.�</p><p>�Wonach?� fragte Skar betont.</p><p>�Was du tun wirst, wenn wir in Pan'am ankommen�, antwortete Gowenna.</p><p>Skar lachte unsicher. �Das, was die Ehrw�rdige Mutter von mir verlangt hat�, sagte er. �Du wei�t es. Du warst dabei. Ich werde Vela zum Berg der G�tter bringen, damit sie dort ihr Kind zur Welt bringen kann, und...�</p><p>�Du wei�t, da� sie sterben wird, sobald dies geschehen ist?� unterbrach ihn Gowenna wieder.</p><p>�Wieso? Sie ist gesund, und -�</p><p>�Das meine ich nicht, und du wei�t es. Der Rat der Satai wird sie nicht leben lassen, Skar. Er darf es nicht zulassen, da� sie am Leben bleibt. Nicht nach allem, was geschehen ist.�</p><p>Skar sch�ttelte unwillig den Kopf. Etwas war in Gowennas Stimme, das ihn alarmierte. �Das ist nicht wahr�, sagte er. �Sie stellt keine Gefahr mehr dar, und -�</p><p>�Sie nicht, aber ihr Wissen. Sie hat Geheimnisse ergr�ndet, die f�r uns Menschen verboten sind. Sie ist noch immer gef�hrlich.�</p><p>�Aber das ist doch Unsinn�, murrte Skar. �Du -�</p><p>�Du wei�t es�, fiel ihm Gowenna ins Wort. �Aber du willst es nicht wahrhaben.�</p><p>Skar schwieg. In Gowenna war eine st�rkere Ver�nderung vor sich gegangen, als er bef�rchtet hatte. Sie war besessen. Besessen von ihrem Wunsch nach Rache. Sie mu�te so gut wie er wissen, da� ihr Leben nur noch Stunden z�hlte, wenn nicht ein Wunder geschah und sich das Meer auftat, um den Dronte zu verschlingen. Aber f�r sie schien das alles �berhaupt keine Rolle zu spielen. Der schwarze Killersegler bedeutete f�r sie - wenn �berhaupt etwas - nicht viel mehr als ein �rgernis, ein dummes l�stiges Ding, das sie daran hinderte, ihre Rache zu vollziehen. Sie war krank. Krank vor Rache und Ha�.</p><p>�Und wenn ich es wei�?� fragte er nach einer Weile.</p><p>In Gowennas sehendem Auge blitzte es zornig auf. Aber sie beherrschte sich. �Dann beantworte mir meine Frage�, verlangte sie. �Wirst du sie zum Berg der G�tter bringen oder nicht?�</p><p>�Ich werde tun, was die Ehrw�rdige Mutter von mir verlangt hat�, antwortete er steif. �N�mlich Vela sicher zum Berg der G�tter geleiten und sie besch�tzen. Auch vor dir.�</p><p>�Du bist ein Narr, Skar�, sagte Gowenna ruhig. �Glaubst du wirklich, du k�nntest mich daran hindern, sie zu t�ten, wenn ich das wollte?�</p><p>�Nein. Und gerade das ist es, was mir Angst macht. Was hast du wirklich vor? Ich wei�, da� du sie nicht t�ten willst; wie du selbst gesagt hast, h�ttest du es hundertmal tun k�nnen bis jetzt. Und das ist ein Grund mehr f�r mich, noch wachsamer zu sein.�</p><p>Seine Stimme war bei den letzten Worten immer lauter geworden, und Skar sah an der Reaktion auf Gowennas Z�gen, wie sehr sie seine Worte verletzten. Weitaus mehr, als er geglaubt hatte, und mehr, als eigentlich normal gewesen w�re. Sekundenlang starrte sie ihn schweigend und voller Verachtung an, und f�r einen kurzen Moment glaubte er etwas von dem unbeschreiblichen Ha� zu sp�ren, der in ihrer Seele brannte. Sie schien noch etwas sagen zu wollen, sch�rzte aber dann nur w�tend die Lippen und stand auf.</p><p>Skar hielt sie am Arm zur�ck. �Gowenna�, sagte er ernst. �Wir sind eigentlich beide alt genug und kennen uns zu lange, um uns noch Theater vorspielen zu m�ssen, meinst du nicht?�</p><p>Sie versuchte, ihre Hand aus seinem Griff zu befreien, aber Skar hielt sie unbarmherzig fest.</p><p>�Bitte�, fuhr er fort. �Wir haben wirklich im Moment andere Sorgen - la� uns wenigstens ehrlich zueinander sein.� Aber er sp�rte, schon w�hrend er die Worte aussprach, da� Gowenna ihm nicht zuh�rte, da� sie ihm nicht zuh�ren wollte.</p><p>�La� mich los!� zischte sie.</p><p>Skar seufzte, sch�ttelte den Kopf und l�ste seinen Griff. Gowenna wich hastig ein St�ck von ihm weg, massierte mit der Linken ihr schmerzendes Handgelenk und starrte ihn ha�erf�llt an. Ihre Haut war rot, wo Skar sie gepackt hatte. Ohne sich dessen bewu�t zu sein, hatte er mit aller Kraft zugedr�ckt. Es tat ihm leid.</p><p>�Ich danke dir, Satai�, murmelte Gowenna. �Du hast mir die Antwort gegeben, die ich haben wollte.�</p><p>�Habe ich das?�</p><p>Sie nickte. �Jedenfalls wei� ich jetzt, was ich wissen wollte�, sagte sie. �Ich werde mich danach richten, wenn die Zeit gekommen ist.� Skar seufzte. Und obwohl er ganz genau wu�te, wie sinnlos es war, antwortete er ihr noch einmal: �Ich werde tun, was man mir aufgetragen hat, Gowenna, ich werde Vela und ihr Kind zum Berg der G�tter bringen und sie dem Rat der Satai �bergeben. Und ich werde mich dem Spruch meiner Herrscher beugen, ganz gleich, wie er ausf�llt. Du t�test gut daran, ebenso zu handeln.�</p><p>Gowennas Blick spr�hte vor Ha�, aber sie antwortete nicht mehr auf seine Worte, sondern fuhr mit einer �berhastet wirkenden Bewegung herum. Mit raschen Schritten ging sie zwischen den schlafenden Matrosen hindurch und verschwand geb�ckt auf der Treppe; nicht, weil sie dort oben irgend etwas zu tun gehabt h�tte, sondern einzig, um ihn demonstrativ allein zu lassen.</p><p>Skar starrte ihr kopfsch�ttelnd nach. Was war nur mit ihr geschehen in den Monaten, die sie getrennt gewesen waren? Sie war auch zuvor schon verbittert und voller Ha� gewesen, aber die Frau, die jetzt mit ihm auf diesem Schiff fuhr, war mehr als nur verbittert. Sie war besessen.</p><p>Er lie� sich wieder zur�cksinken, schlo� die Augen und versuchte an nichts zu denken. Aber er fand keine Ruhe, obwohl er m�de war und sein K�rper nach Schlaf schrie. Es waren Momente wie diese, in denen er mehr als zuvor daran zweifelte, da� es richtig gewesen war, den Befehl der Margoi zu befolgen. Wahrscheinlich h�tten sie sich nicht weigern k�nnen, die Bewachung Velas zu �bernehmen - aber er h�tte sich weigern k�nnen, Gowenna als Begleiterin zuzulassen. Die Ehrw�rdige Mutter h�tte diesen Wunsch akzeptiert - vielleicht h�tte sie ihn sogar begr��t. Skar war sicher, da� es nicht ihre Idee gewesen war, ausgerechnet Gowenna mit der Aufgabe zu betrauen, die versto�ene Errish zu bewachen. M�glicherweise war es ein Akt von falsch verstandener Wiedergutmachung gewesen, und vielleicht - wahrscheinlich, so, wie er Gowenna w�hrend der letzten Tage erlebte - hatte sie selbst das Ihre dazu beigetragen, dieses Gef�hl in der Herrscherin von Elay zu erwecken. Wenn sie von diesem Schiff herunter waren - wenn sie es schafften -, dann w�rden sie sich trennen m�ssen. Skar bewegte sich unruhig, drehte das Gesicht zur Wand und versuchte die K�lte zu ignorieren, die beharrlich unter seine Decken kroch. Er war alles andere als ein Fatalist, aber es hatte keinen Sinn, sich mit all diesen Fragen zu belasten. Nicht jetzt. Vielleicht war es richtig gewesen, vielleicht nicht. Er konnte jetzt nichts mehr daran �ndern.</p><p>Es w�rde sich herausstellen. Bald.</p></section><section><title><p id="_3">3.</p></title><p>Er hatte schlecht geschlafen. Sein R�cken schmerzte, und in seinem Kopf war ein dumpfer, an- und abschwellender Druck, nicht wirklich unangenehm, aber doch beinahe qu�lender als echter Schmerz, der ihn aufst�hnen und spontan die H�nde an die Schl�fen heben lie�. Er schlug die Augen auf, starrte einen Herzschlag lang die niedrige Decke �ber sich an und setzte sich dann mit einem Ruck auf. Die Bewegung jagte eine neue Welle von �belkeit durch seinen Sch�del. Das Schiff vibrierte. Das Deck �ber ihm hallte wider vom hastigen Trappeln zahlreicher F��e, und von irgendwoher drang aufgeregtes Stimmengewirr an sein Ohr. Er verstand die Worte nicht, aber er sp�rte, da� irgend etwas geschehen sein mu�te. Die SHAROKAAN schien wie ein lebendes Wesen vor Erregung zu zittern. Es war, als h�tte sich der Pulsschlag des Schiffes beschleunigt.</p><p>Skar wartete, bis der dumpfe Druck hinter seinen Schl�fen abgeklungen war und das Schwindelgef�hl wich. Seine Zunge f�hlte sich pelzig an, und seine Augenlider brannten und schienen geschwollen; ein Gef�hl, gleich dem, das sich einstellte, wenn man viel zu kurz oder viel zu lange geschlafen hatte. Er atmete ein paarmal bewu�t ein, sog die eisige Luft tief in seine Lungen und sah sich um. Die meisten Lager waren verlassen; die Kaj�te war fast leer. Die Kohlebecken an den W�nden waren heruntergebrannt, und das Licht war zu einer tr�ben, unsicheren Helligkeit herabgesunken, die die Umrisse der Dinge im Raum verschwimmen und alles seltsam unwirklich erscheinen lie�. Gleichzeitig war es empfindlich k�lter geworden. An den W�nden und der Decke sammelte sich Feuchtigkeit und lief in d�nnen, glitzernden Rinnsalen zu Boden. Sein Atem bildete eine feine Dampfwolke vor seinem Gesicht.</p><p>Auch Gowennas Schlafplatz war leer, aber als er aufstand, bewegte sich einer der Lumpenhaufen neben ihm. Die Decken wurden auseinandergezogen, und eine d�rre Hand, bleich und so abgemagert, da� sich die Knochen unter der Pergamenthaut abzeichneten, w�hlte sich ins Freie. Ein schmales, ersch�pftes Gesicht erschien zwischen den zerschlissenen Stoffbahnen, dunkle Augen, in denen sich M�digkeit und Angst und noch etwas anderes, Fremdes spiegelten, starrten zu ihm hinauf. Skar kannte den Mann nicht mit Namen, aber er hatte gesehen, wie er am Vorabend vom Mast gest�rzt war und sich schwer verletzt hatte. Wahrscheinlich w�rde er sterben.</p><p>Skar l�chelte ihm fl�chtig zu, unterdr�ckte ein G�hnen und reckte sich. Seine Gelenke knackten leise, und die vom langen Liegen steifen Muskeln reagierten mit stechenden Schmerzen auf die pl�tzliche Bewegung. Sein Kopf dr�hnte noch immer, aber der Schlaf hatte ihm merklich gutgetan, und er sp�rte neue Kraft durch seine Glieder str�men.</p><p>Das Gef�hl war nicht echt, das wu�te er. Schon eine halbe Stunde an Deck w�rde gen�gen, um sich wieder so m�de und ersch�pft zu f�hlen wie zuvor. Aber das vage Bewu�tsein seiner St�rke brachte ihm auch etwas von seinem normalen Optimismus zur�ck, und er schob die innere Unruhe einfach von sich. Damit w�rde er sich auseinandersetzen, wenn es soweit war. F�r einen Moment spielte er mit dem Gedanken, nach Del und Vela zu sehen, aber dann h�rte er wieder die Schritte �ber sich und die Stimmen, und seine Neugier erwachte erneut.</p><p>Sein Blick streifte Rayans Truhe. Die gro�e, mit bronzenen Riegeln und Schl�ssern gesicherte Seekiste war das einzige wirklich massive M�belst�ck im Raum, sah man von dem festgeschraubten Tisch und den dazugeh�rigen ebenfalls am Boden befestigten Schemeln ab. F�r einen Moment �berlegte er ernsthaft, einfach hin�berzugehen und seine Waffen an sich zu nehmen. Die Vorstellung war verlockend - ein schneller Griff, und er w�rde wieder Satai sein, kein Mann mit einer leeren Schwertscheide am G�rtel. Die altersschwachen Schl�sser w�rden einem ernstgemeinten Versuch, sie aufzubrechen, kaum standhalten, und das vertraute Gewicht der Waffe an seiner Seite w�rde ihm viel von seiner verlorenen Sicherheit und Ruhe zur�ckgeben.</p><p>Aber er verwarf den Gedanken augenblicklich wieder. Es hatte keinen Zweck, zus�tzlich zu allem anderen auch noch eine direkte Konfrontation mit Rayan und seinen Wachhunden zu provozieren.</p><p>Skar drehte sich mit einem lautlosen Seufzer herum und ging zur Treppe. Es wurde Zeit, von diesem Schiff herunterzukommen. Gedanken wie die, die ihm jetzt im Kopf herumspukten, pa�ten vielleicht zu Del, aber kaum zu ihm. Er zwang sich, schneller zu gehen.</p><p>Die T�r am oberen Ende der Treppe stand offen, und der Sturm schlug mit eisigen Krallen nach ihm, als er auf das Deck hinaustrat. Skar blinzelte �berrascht. Die Sonne stand dicht �ber dem Horizont - aber sie stand im Osten, und das bedeutete, da� es wieder Morgen war und er den Rest des Tages und die ganze Nacht durchgeschlafen hatte. Er wankte, betroffen von der Wut, mit der der Eissturm �ber das Deck pfiff, klammerte sich am T�rpfosten fest und verzog das Gesicht. Von der unnat�rlichen Ruhe, die w�hrend der letzten Tage an Bord des Schiffes geherrscht hatte, war nichts mehr geblieben. Das Schiff befand sich in heller Aufregung. Der gr��te Teil der Besatzung dr�ngte sich an der Backbordreling und starrte aufgeregt nach Osten. Andere liefen wild schreiend und gestikulierend �ber das Deck oder kletterten behende wie Baumaffen an der Takelage empor, um �ber die K�pfe der Gaffenden hinwegsehen zu k�nnen. Skar blickte instinktiv nach Osten. Aber der dunkle Punkt war noch hinter ihnen, n�her als am Tag zuvor, aber hinter ihnen. Die Aufregung mu�te einen anderen Grund haben.</p><p>Skar griff sich den erstbesten Mann, der vor�berkam, und hielt ihn grob an der Schulter fest. �Was ist los?� fragte er.</p><p>�Was los ist?� echote der Matrose verbl�fft. �Du...� Er schluckte, sah Skar eine halbe Sekunde lang erschrocken an und verbesserte sich hastig. �Ihr wi�t es nicht?�</p><p>�Dann w�rde ich nicht fragen�, antwortete Skar ver�rgert. Er verst�rkte den Druck seiner Hand ein wenig. �Also?�</p><p>Ein schmerzhaftes Zucken lief �ber das Gesicht des Matrosen. �Land�, keuchte er. �Wir haben Land voraus!�</p><p>Skar lie� den Freisegler so abrupt los, da� der Mann das Gleichgewicht verlor und auf dem spiegelglatten Boden ausglitt. Mit ein paar raschen Schritten war er an der Reling und bahnte sich einen Weg durch die dreifach gestaffelte Reihe der Seeleute. Ein Ellenbogen traf schmerzhaft seine Rippen, so hart, da� es sicher kein ungl�cklicher Zufall mehr, sondern Absicht war, und ein harter Stiefel bohrte sich in seine nackten Waden, aber er achtete nicht darauf.</p><p>�ber dem Horizont, vielleicht noch zehn, zw�lf Meilen entfernt, war eine d�nne wei�e Linie sichtbar geworden; nicht viel mehr als ein Strich, der auf die Trennlinie zwischen Ozean und Himmel gemalt war, aber ein Strich von zu kr�ftiger Farbe f�r tiefh�ngende Wolken und zu kantiger Form f�r eine Nebelbank. Land! Land oder wenigstens Eis, das vielleicht einer K�ste oder einer gr��eren Insel vorgelagert war.</p><p>Skar drehte sich um und hielt nach Rayan Ausschau.</p><p>Im ersten Moment konnte er ihn in dem Gedr�nge nirgends sehen - die gesamte Mannschaft schien auf dieser Seite des Schiffes zusammengelaufen zu sein. Aber dann entdeckte er einen der hochgewachsenen Veden und mit ihm Rayan. Der glatzk�pfige Freisegler stand vorne am Bug und war in eine hitzige Diskussion mit Del und einem seiner Offiziere verwickelt. Seine beiden Veden-Leibw�chter standen stumm dabei und verfolgten die Szene mit unbewegten Gesichtern. Ihre Haltung wirkte angespannt.</p><p>Skar dr�ngte sich zu ihnen durch, tauschte einen raschen Blick mit Rayan und legte Del die Hand auf die Schulter.</p><p>�Was ist los?� fragte er. �Und was machst du hier an Deck? Wer ist vorne bei Vela?�</p><p>Der junge Satai fuhr herum. Ein zufriedener Ausdruck huschte �ber sein Gesicht, als er Skar erkannte. �Gut, da� du kommst�, sagte er, ohne auch nur anzudeuten, da� er Skars Fragen �berhaupt geh�rt hatte. Er wirkte aufgebracht. �Dieses verdammte Fischgesicht� - damit deutete er auf Rayan, der die Beleidigung mit einem �rgerlichen Schnauben quittierte - �weigert sich, den Kurs zu �ndern.�</p><p>�Mit gutem Grund�, gab der Freisegler gereizt zur�ck. �Das dort dr�ben ist Eis, kein Land..., sieh selbst!� Er zerrte sein Fernrohr unter dem G�rtel hervor, fuchtelte wild damit in der Luft herum und hielt es Skar mit einer w�tenden Bewegung hin.</p><p>Skar nahm das Glas entgegen und drehte es einen Moment unschl�ssig in den H�nden. Rayans aufgeregter Tonfall �berraschte ihn. Er hatte den Freisegler bisher stets als ruhigen und �berlegten Mann kennengelernt, selbst in extremen Situationen. Aber schlie�lich war er lange genug mit Del zusammen, um zu wissen, da� der junge Satai jeden aus der Ruhe bringen konnte. Und meistens war er es, der hinterher die Wogen gl�tten mu�te - so wie jetzt. So rasch, wie er in das Gespr�ch geplatzt war, sah er sich auch schon als Mittelpunkt des Streites. Sowohl Del als auch der Freisegler schienen zu erwarten, da� er ihre jeweilige Partei ergriff. �Ich... glaube dir�, sagte er. �Aber meiner Meinung nach...�</p><p>�Papperlapapp�, unterbrach ihn Rayan w�tend. �Ich habe dir ein wenig mehr Intelligenz zugetraut, Skar. Auf dem offenen Meer sind wir dem Dronte noch einen Tag und die Nacht und vielleicht sogar noch einen Tag voraus. Wenn ich jetzt den Kurs �ndere, dann verschenken wir unseren Vorsprung!�</p><p>Skar sah den Freisegler verwirrt an. Er war nicht einmal dazu gekommen, wirklich etwas zu sagen, aber Rayan schien das auch nicht erwartet zu haben. Er war wohl froh, jemanden gefunden zu haben, auf den er seinen Zorn entladen konnte. Aus irgendeinem Grund war ihm Del dazu wohl nicht geeignet erschienen. �Verdammt, Skar�, fuhr er fort, �ich wei�, wieviel ihr euch darauf einbildet, Satai zu sein, und in der Arena und auf dem Schlachtfeld mag dies durchaus seine Berechtigung haben. Aber das hier ist die offene See, und da gelten andere Gesetze!�</p><p>�Aber ich habe doch gar nicht -�, begann Skar, wurde aber schon wieder von Rayan unterbrochen.</p><p>�Dieser junge Narr� - Rayan stach mit dem Zeigefinger wie mit einem Dolch in Dels Richtung - �verlangt allen Ernstes von mir, da� ich beidrehe und dort hin�bersegle. Bring ihn zur R�son, oder ich vergesse mich!�</p><p>Del grunzte trotzig und verschr�nkte die Arme vor der Brust. H�tte er dabei nicht vor K�lte gezittert, w�rde es vielleicht sogar beeindruckend gewirkt haben.</p><p>�Ich wei߫, sagte Skar rasch, bevor Del antworten und vielleicht noch �l ins Feuer gie�en konnte, �du bist der Seemann, Rayan. Trotzdem glaube ich nicht, da� wir dem Dronte noch lange davonlaufen k�nnen.� Er wies, das Fernglas als Zeigestock haltend, �ber die K�pfe der Matrosen hinweg nach Westen. Die Entfernung zwischen dem Dronte und der SHAROKAAN war sichtlich geschrumpft. Das hatte er schon vorhin bemerkt. Aber er sah jetzt erst, wie sehr. Der schwarze Schatten tauchte jetzt nicht mehr unter den Horizont, sondern blieb, abwechselnd gr��er und kleiner werdend, sichtbar. Es sah aus, als f�hre der schwarze D�mon einen Tanz auf den Wellen auf, um sie damit zu verh�hnen. Sie mu�ten w�hrend der Nacht noch mehr von ihrem Vorsprung verloren haben.</p><p>Rayan grunzte, stemmte die Arme in die H�ften und starrte ihn feindselig an. �Wenn ich jetzt den Kurs �ndere und diesen verdammten Eisberg ansteuere, kann ich genausogut die Segel streichen und hier auf den Dronte warten�, schrie er aufgebracht. �Du kennst diese verdammten schwimmenden Eisinseln nicht, Skar...�</p><p>�Aber du, wie?� h�hnte Del. Rayan ignorierte ihn.</p><p>�Ich habe genug �ber sie geh�rt�, fuhr er w�tend fort. �Sie sind teuflisch. Das, was du da siehst, ist nur ein kleiner Teil - die Hauptmasse liegt unter der Wasseroberfl�che verborgen. Komm ihnen zu nahe, und du wirst aufgeschlitzt, schneller, als du ein Sto�gebet zu deinen Ahnen geschickt hast.� Er hob die linke Hand, legte die Finger zu einer Imitation eines Schiffsrumpfes zusammen und schlug mit der Faust hinein. �Nein!� Er sch�ttelte w�tend den Kopf. �In K�stenn�he w�rde ich es riskieren. Gib mir Festland, und ich man�vriere diesen schwarzen Aasgeier aus, da� ihm die Augen aus seinem Sch�del fallen. Aber das da ist Selbstmord!�</p><p>Del schnaubte erregt. �Der Kerl hat doch nur Angst um sein kostbares Schiff�, bemerkte er bissig. Er fuhr herum, trat an die Reling heran und starrte die wei�e Linie �ber dem Horizont an. �Was glaubt er, wie lange er ihnen noch davonsegeln kann?� fragte er, ohne Rayan dabei anzusehen. Skar schluckte einen Fluch herunter und warf ihm einen beinahe flehenden Blick zu. Del sprach absichtlich in der dritten Person von Rayan, um ihn zu beleidigen und noch mehr zu reizen. �Wahrscheinlich laden sie bereits die Katapulte. W�re er vor drei Tagen nicht zu feige gewesen, sich zum Kampf zu stellen, dann w�ren wir jetzt nicht in dieser Lage. Sie werden uns noch vor Sonnenuntergang einholen.�</p><p>Einer der beiden Veden hinter Rayan spannte sich. Seine Hand glitt zum G�rtel und legte sich um den Griff des wuchtigen Breitschwertes, aber Rayan hielt ihn mit einer raschen Bewegung zur�ck. �Vielleicht�, antwortete er gelassen. �Aber ich bin bereit, dieses Risiko einzugehen.�</p><p>Del wandte sich wieder um und funkelte w�tend auf den zwei K�pfe kleineren Freisegler herunter. �Du vielleicht�, zischte er, �aber ich nicht.�</p><p>�Noch bin ich der Kapit�n der SHAROKAAN�, antwortete Rayan eisig. �Und noch entscheide ich, was wir tun. Wir haben noch viele Stunden, in denen sich eine M�glichkeit ergeben kann, ihn abzusch�tteln. Land. Eine Insel. Was wei� ich.�</p><p>Skar zog das Fernrohr auseinander und setzte es an. Es war ein wirklich gutes Glas - die d�nne wei�e Linie wuchs mit einem Mal zu einer m�chtigen glitzernden Mauer heran, scheinbar nur wenige Steinw�rfe entfernt. Rayan und Del stritten sich weiter, aber er achtete nicht mehr darauf. Del war trotz allem klug genug, seine Grenzen zu kennen und es nicht auf eine offene Konfrontation ankommen zu lassen. Minutenlang stand Skar reglos da, schwenkte das Glas von rechts nach links und wieder zur�ck und betrachtete die schimmernde Barriere vor dem Horizont. Sein Mut sank, als er erkannte, wie recht Rayan mit seiner Prophezeiung hatte. Das Eis bildete eine m�chtige gl�serne Wand, die hundertf�nfzig, zweihundert Fu� oder mehr senkrecht aus dem Meer emporwuchs, als h�tte ein zorniger Gott hier eine endg�ltige Sperre errichtet, um ihrem Vordringen ein Ende zu setzen. Das Wasser an ihrem Fu� war von tr�gerischer Ruhe, aber an vielen Stellen schimmerte es wei� durch die gr�ngrauen Wogen, und manchmal brachen sich die Wellen mit schaumiger Gischt, lange bevor sie gegen die schimmernde Mauer trafen. Eis, das bis dicht unter die Wasseroberfl�che herangewachsen war und nun wie eine Phalanx kleiner heimt�ckischer Seeungeheuer auf den leichtsinnigen Segler wartete, der ihnen in die F�nge lief. Eine Todesfalle, selbst f�r einen so erfahrenen Seemann wie Rayan.</p><p>Er schwenkte das Fernrohr weiter, aber der Anblick war �berall gleich: eine fugenlose Wand, glatt und poliert wie Glas, hier und da gerissen und zu bizarren Mustern gesprungen, aber trotzdem von undurchdringlicher H�rte. Nicht einmal ein einzelner Mann h�tte dort Zuflucht finden k�nnen, geschweige denn ein ganzes Schiff.</p><p>�Was ist das da?� fragte Del leise. �Dort vorne?�</p><p>Skar setzte das Glas ab, sah den jungen Satai fragend an und blinzelte mit blo�en Augen zum Horizont. Er konnte nichts Au�ergew�hnliches erkennen. �Was meinst du?�</p><p>�Direkt vor uns. Siehst du es nicht?�</p><p>Skar hob das Glas erneut an die Augen und starrte in die Richtung, in die Dels Arm wies. Im ersten Moment sah er nichts als schimmerndes Wei� und monotone Gl�tte, aber dann gewahrte er ein fl�chtiges Aufblitzen, das Spiegeln von Licht auf einer gebrochenen Eisfl�che, nur sichtbar, wenn sich die SHAROKAAN auf dem R�cken einer Woge befand und kurz davor war, ins n�chste Wellental hinabzust�rzen. Wortlos setzte er das Fernrohr ab und gab es Rayan zur�ck. �Del hat recht. Sieh selbst.�</p><p>Der Freisegler griff w�tend nach dem Instrument, pre�te die Lippen aufeinander und starrte Skar an. Aber schlie�lich hob er das Glas und blickte sekundenlang durch die Linse.</p><p>�Siehst du es?� fragte Skar.</p><p>Rayan nickte widerwillig. �Den Einschnitt?�</p><p>�Die Durchfahrt�, verbesserte Skar. �Dahinter mu� ein See liegen. Siehst du, wie sich das Sonnenlicht auf dem Wasser bricht?�</p><p>Rayan antwortete nicht. Sein Gesicht verriet Anspannung, und Skar konnte den lautlosen Kampf, der hinter seiner Stirn tobte, fast sehen. Seine Kiefer mahlten in einer unbewu�ten, kraftvollen Bewegung. �Ich sehe es, aber...�</p><p>Skar brachte ihn mit einer knappen, aber energischen Geste zum Verstummen. Der Anblick der senkrechten, wie mit einer gewaltigen Axt in das Eis gehauenen Bresche lie� einen verzweifelten Plan in ihm Gestalt annehmen. �Was glaubst du?� fragte er langsam. �Ist der Kanal breit genug f�r die SHAROKAAN?�</p><p>Rayan lie� das Glas sinken und starrte Skar an, als zweifle er ernsthaft an seinem Verstand. �Vielleicht�, sagte er. �Auf diese Entfernung kann ich das nicht sagen. Und wenn er breit genug ist, hei�t das noch lange nicht, da� er auch genug Tiefgang hat. Warum? Du glaubst doch nicht ernsthaft, da� ich mein Schiff dort hineinman�vriere? Selbst wenn wir hindurchkommen, ohne uns den Rumpf aufzuschlitzen oder wie ein Korken in einem Flaschenhals h�ngenzubleiben - woher willst du wissen, was dahinter ist? Es kann offenes Meer sein, aber genausogut ein See, aus dem wir nie wieder herauskommen.�</p><p>Skar tauschte einen langen Blick mit Del. Sein Gesicht blieb starr, aber er schien den gleichen Gedanken nachzuh�ngen wie er. Er nahm Rayan das Glas aus der Hand, blickte erneut die Eiswand an und drehte sich herum, um in die entgegengesetzte Richtung zu sehen. Durch das Fernrohr betrachtet, war der Dronte bereits erschreckend nahe gekommen; ein schwarzes Ungeheuer, dessen gewaltiges Hauptsegel das Sonnenlicht aufzusaugen schien. Hinter der niedrigen Reling war nicht das geringste Zeichen von Leben auszumachen, aber Skar war sicher, da� man dort dr�ben jede Bewegung an Deck der SHAROKAAN mi�trauisch verfolgte.</p><p>Skar senkte das Glas, schob es mit einer bed�chtigen Bewegung zusammen und begann Rayan mit knappen S�tzen seinen Plan zu erkl�ren.</p></section><section><title><p id="_4">4.</p></title><p>Die Eisw�nde glitten so dicht an der Bordwand vor�ber, da� man nur die Hand h�tte auszustrecken brauchen, um sie zu ber�hren. Ein hoher, schwingender Ton, als w�rde irgendwo vor ihnen eine gewaltige gl�serne Harfe anschlagen, lie� die Nerven der M�nner vibrieren, und das dumpfe Klatschen der Wellen erzeugte ein unwirklich verzerrtes Echo, das die bizarre Atmosph�re im Inneren des Eiskanals noch verst�rkte. Die schimmernden W�nde f�rbten das Licht blau.</p><p>Skar hob die H�nde vor den Mund und blies hinein, um die K�lte aus seinen Fingern zu vertreiben. Die SHAROKAAN bewegte sich, nur noch im Schneckentempo vorw�rts. Der Wind war vollends zum Erliegen gekommen, als sie in den Kanal eingefahren waren, und die Segel hingen schlaff von den Rahen, nur noch gehalten von dem starren Panzer aus Eis, das sie wie eine glitzernde, halb durchsichtige Haut �berzog. Die gesamte Besatzung, selbst die Verwundeten, die noch die Kraft hatten zu stehen und sich hier heraufzuschleppen, hatte zu beiden Seiten an der Reling Aufstellung genommen und stakte das Schiff mit langen, eisenbeschlagenen Stangen und Enterhaken von der Stelle - die einzige M�glichkeit, �berhaupt noch Fahrt zu machen. Es gab eine Str�mung, aber sie war nicht stark genug, um das schwere Schiff nennenswert zu bewegen, und der Einschnitt war nicht breit genug, um die weit ausladenden Ruder einsetzen zu k�nnen.</p><p>Sie waren vor �ber zwei Stunden in den Kanal eingelaufen. Ihr Schwung hatte ausgereicht, sie noch wenige hundert Fu� weiterzutragen, aber seither wurde das Schiff nur von der Muskelkraft der Besatzung bewegt - eine m�hsame und kr�ftezehrende Art, von der Stelle zu kommen, aber die einzig m�gliche. Rayan trieb seine Leute unbarmherzig an und verlangte das Letzte von ihnen, aber er griff auch selbst kr�ftig mit zu und m�hte sich wie ein gemeiner Matrose mit der sperrigen Enterstange ab.</p><p>Skar drehte sich zum wiederholten Male um und starrte �ber das Achterdeck. Ihr Vorsprung war zusammengeschrumpft, und der schwarze Mordsegler kam mit jedem Augenblick, den sie l�nger durch diesen verdammten Kanal krochen, n�her. Skar wu�te, wie gro� das Risiko war - alles hing davon ab, da� sie aus dem Kanal heraus waren, ehe der Pirat an seinem Ende auftauchte und sich querstellen konnte, um eine Breitseite auf sie abzufeuern. Hier, eingesperrt zwischen den glatten, senkrechten W�nden des Eiskanals, gab es keine M�glichkeit, seinen t�dlichen Geschossen auszuweichen. Der Kanal war eine Falle, aus der es kein Entkommen gab.</p><p>Skars einziger Trost war, da� der Dronte mit Sicherheit die gleichen Schwierigkeiten haben w�rde wie sie. Selbst er mit seinem geringeren Tiefgang mu�te viel Zeit dabei verlieren, das Labyrinth aus dolchspitzen Eisriffen und heimt�ckischen Fallen zu �berwinden, das die Natur vor der Einfahrt errichtet hatte. Vielleicht, sinnierte Skar, ohne jedoch selbst recht daran glauben zu k�nnen, tat er ihnen auch den Gefallen und schlitzte sich den Rumpf auf, ehe er nahe genug herankam. Er legte den Kopf in den Nacken und lie� den Blick an den glatten W�nden des Eises emporwandern, die fast zweihundert Fu� senkrecht in die H�he strebten und sich leicht gegeneinander zu neigen schienen, so da� man hier unten den Eindruck gewinnen mu�te, sich am Grunde eines m�chtigen gew�lbten Tunnels zu befinden, in dessen Zenit eine schnurgerade blaue Linie eingezeichnet war; eine optische T�uschung, die aber trotzdem etwas bedr�ckend Reales hatte und Skar das Gef�hl vermittelte, lebendig begraben zu sein. Das Eis fing die schr�g einfallenden Sonnenstrahlen auf und tauchte das Deck der SHAROKAAN in eine sonderbare, unwirkliche Helligkeit, Licht, das die Segel transparent machte und die Bewegungen der M�nner und das sanfte Schaukeln des Schiffes seltsam ruckhaft und abgehackt erscheinen lie�. Skar zog fr�stelnd die Schultern zusammen und trat auf der Stelle. Der eisige Bi� des Windes war hier drinnen nicht mehr zu sp�ren, aber daf�r strahlten die spiegelnden W�nde eine andere Art von K�lte aus, eine K�lte, die weniger seinen K�rper als vielmehr seine Seele streifte und etwas darin erstarren lie�. Die sterile, strenge Geometrie des Eistunnels atmete etwas sp�rbar Abweisendes aus; das Gef�hl, sich an einem Ort zu befinden, der nicht f�r Menschen geschaffen war und an dem nichts Lebendes etwas zu suchen hatte.</p><p>Er versuchte, die bedr�ckenden Gedanken abzusch�tteln, aber es gelang ihm nicht. Und er sp�rte, da� er mit seinen Empfindungen nicht allein war. Auch die anderen f�hlten es. Rayans M�nner waren merklich stiller geworden, seit sie in das schweigende Wei� eingedrungen waren. Die Rufe, mit denen sie sich anfangs noch gegenseitig angefeuert hatten, waren nach und nach verstummt. Die M�nner arbeiteten jetzt stumm und verbissen, und au�er einem gelegentlichen St�hnen und dem rhythmischen Klirren, mit dem die st�hlernen Spitzen ihrer Enterhaken in die W�nde stie�en, herrschte auf dem Schiff eine fast geisterhafte Stille; trotz des gleichm��igen Klatschens der Wellen und des �chzens des Rumpfes. Die Ger�usche waren bedeutungslos, Illusion, die die wirkliche, tiefer sitzende Stille nicht durchbrechen konnten: dieses Schweigen der Sch�pfung, die ihnen auf diese lautlose Art ihre Ablehnung entgegenschrie.</p><p>Skar bi� sich auf die Lippen und schmeckte salziges Blut, als die spr�de gewordene Haut unter der leichten Ber�hrung ri�, aber selbst der Schmerz war bedeutungslos und schien kaum bis an sein Bewu�tsein zu dringen. Alles um sie herum war Ablehnung. Geht weg! schrie die Stille, und: Geht weg! fl�sterte das Klatschen der Wellen. Sie geh�rten nicht hierher, sie nicht, das Schiff nicht - nicht einmal der Dronte mit all seiner Fremdartigkeit hatte das Recht, in dieses Reich aus Stille und blauem Licht einzudringen. Mit j�hem Mal wu�te er, da� es kein Zufall war, da� sie diese Eisinsel hier am Rande der Welt gefunden hatten. Sie waren weit �ber die Grenzen vorgedrungen, die menschlicher Wissensdurst bisher erforscht hatte, weit �ber den Teil der Welt, in dem es noch Leben gab. Weiter, als sie gedurft h�tten. Nicht einmal in der t�dlichen Sand�de der Nonakesh hatte er ein derart starkes Gef�hl des Lebensverneinenden empfunden. Es war, als w�re diese schwimmende Eisinsel nicht nur tot, sondern von etwas erf�llt, das Skar in Ermangelung eines besseren Wortes als negatives Leben bezeichnete. Jemand trat neben ihn und ber�hrte ihn an der Schulter. Skar fuhr aus seinen Gedanken hoch und drehte sich mit einer hastigen, beinahe schuldbewu�ten Bewegung um.</p><p>Es war Rayan. Der Freisegler wirkte ersch�pft. Sein Gesicht gl�nzte trotz der K�lte vor Schwei�. �Wenn dein Plan nicht aufgeht, dann fahren wir allesamt zum Teufel�, sagte er �bergangslos.</p><p>Skar l�chelte mit einem Optimismus, der ganz und gar nicht im Einklang mit seinen Gedanken stand. �Es wird klappen. Sieh dich doch um�, entgegnete er mit einer �bertriebenen, weit ausholenden Geste, die das Schiff und den gesamten Kanal einschlo�. �Hast du je eine bessere Falle gesehen? Wenn er einmal hier drinnen ist, dann k�nnen wir mit ihm machen, was wir wollen, Rayan. Hier w�re jeder hilflos, und der Dronte erst recht. Er kann seine Katapulte nicht einsetzen. Es sei denn�, f�gte er mit einem nur halb gelungenen Versuch, scherzhaft zu klingen, hinzu, �er k�nnte um die Ecke schie�en.�</p><p>�Wer sagt dir, da� er es nicht kann?� murrte Rayan, nickte aber trotzdem. Skars Worte waren im Grunde �berfl�ssig - jeder an Bord hatte w�hrend der letzten Stunden das immer qu�lender werdende Gef�hl gehabt, in einer t�dlichen Falle zu sitzen. Wer immer diesen kaum f�nfhundert Meter langen Kanal beherrschte, konnte ihn gegen eine ganze Flotte verteidigen.</p><p>�Es ist eine Falle�, stellte Skar noch einmal fest, mehr, um sich selbst Mut zu machen.</p><p>�Wenn er hineingeht�, murmelte der Freisegler. �Der Dronte ist nicht dumm.� Er z�gerte, sah nerv�s �ber die Schulter zur�ck und dann wieder Skar an. �Sie sind vielleicht gewissenlose M�rder, aber trotzdem hervorragende Seeleute. Und diese Falle w�rde selbst ein Kind erkennen.�</p><p>�Er wird uns folgen�, sagte Skar �berzeugt. �Er mu� es einfach, wenn er nicht Gefahr laufen will, uns zu verlieren.�</p><p>�Er mu� �berhaupt nichts�, gab Rayan ungehalten zur�ck. �Ich an seiner Stelle w�rde den Teufel tun und mit meinem Schiff in dieses Rattenloch segeln.� Er pre�te die Lippen zu einem schmalen, blutleeren Strich zusammen und schlug sich mit der flachen Hand klatschend gegen die Oberschenkel. �Willst du wissen, was ich tun w�rde? Ich w�rde mich vor der Zufahrt auf die Lauer legen und in aller Ruhe abwarten. Man kann das Spiel n�mlich auch andersherum spielen - du hast vollkommen recht, wenn du glaubst, niemand k�nnte gegen unseren Willen hier herein. Aber wir kommen genausowenig wieder heraus. Und irgendwann m�ssen wir es.�</p><p>Skar nickte. �Nat�rlich. Aber wann? In einer Woche? Einem Monat? Sechs Monaten? Wie lange reichen unsere Lebensmittel?�</p><p>�Einen Monat�, antwortete Rayan, �wahrscheinlich sogar l�nger. Und die halbe Ladung besteht aus Carbafr�chten. Allerdings f�rchte ich, da� dir diese Di�t nicht allzu lange munden wird. Ich sehne mich schon jetzt nach einem anst�ndigen St�ck Fleisch�, f�gte er l�chelnd hinzu. �Aber wenn es sein mu�, dann halten wir eine ganze Weile aus.�</p><p>�Er nicht�, sagte Skar �berzeugt. �So lange h�lt er nicht durch. Entweder er belagert uns und zieht nach ein paar Tagen wieder ab, oder er versucht uns in den Kanal zu folgen. In jedem Fall haben wir die besseren Chancen.�</p><p>�Alles ist besser, als sich auf einen Kampf auf offener See einzulassen�, brummte Rayan, krauste aber trotzdem zweifelnd die Stirn und begann mit seinem Dolch zu spielen. Allen waren ihre Waffen zur�ckgegeben worden, bevor sie in den Kanal einliefen, und Skar mu�te, wenn auch widerwillig, zugeben, wie gut Rayan sein Schiff gegen einen �berfall gewappnet hatte. Die scheinbar harmlosen Matrosen waren in bis an die Z�hne bewaffnete Krieger verwandelt.</p><p>�Ich hoffe, die G�tter sind uns gn�dig�, murmelte Rayan.</p><p>Skar schwieg dazu. Normalerweise l�chelte er �ber derartige Bemerkungen - er hing keiner der drei gro�en und unz�hligen kleinen Religionen Enwors an und verleugnete im Gegenteil alles, was mit G�tter- und D�monenglauben zusammenhing, aber in ihrer jetzigen Situation erschienen ihm Rayans Worte seltsam passend. W�re er selbst religi�s gewesen, dann h�tte er jetzt gebetet. Manchmal tat es ihm fast leid, da� er es nicht konnte.</p><p>Nebeneinander gingen sie zum Bug. Die SHAROKAAN hatte das Ende des Kanals jetzt fast erreicht. Die schmale Wasserstra�e, auf der sich das Schiff bewegte, verbreiterte sich vor ihnen zu einem runden, sicher eine Meile oder mehr durchmessenden See, der sich wie ein gewaltiger blauer Spiegel vor ihnen ausbreitete. Die W�nde stiegen an drei Seiten senkrecht in die H�he und gaben Skar das Gef�hl, sich in einem riesigen wassergef�llten Krater zu befinden. Nur an Backbord gab es eine Stelle, die man mit sehr viel gutem Willen als Strand bezeichnen konnte. Das Wasser schwappte dort gegen eine glatte, steil emporsteigende Rampe, deren oberes Ende vom Fu�e einer zerkl�fteten Eislandschaft gebildet wurde, die sich kra� von den wie poliert wirkenden wei�en Mauern ringsum unterschied. Ein geschickter und entsprechend ausger�steter Kletterer konnte dort den Aufstieg bew�ltigen, dachte Skar. Wenigstens sa�en sie nicht vollkommen in der Falle, wenn der Dronte den Kanal allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz �berwand. �Perfekt�, lobte er. �Besser konnten wir es uns kaum w�nschen. Wenn ich einen Ort wie diesen h�tte entwerfen sollen, dann h�tte er genauso ausgesehen.�</p><p>�Ich hoffe, da� der Kapit�n des Dronte nicht dasselbe denkt�, knurrte Rayan. Dann drehte er sich abrupt um und begann Kommandos zu br�llen. Eine hektische Aktivit�t breitete sich �ber dem Schiff aus. Stangen und Enterhaken wurden eingezogen, Matrosen turnten mit schnellen, ge�bten Bewegungen in der Takelage empor und nahmen ihre Pl�tze ein, und die zwei Dutzend gewaltigen Ruder, die bisher einen eis�berzogenen Zaun beiderseits der Reling gebildet hatten, klatschten gleichzeitig ins Wasser. Das Schiff bebte und erzitterte einen Moment und setzte sich dann wie ein gro�es, schwerf�lliges Tier in Bewegung. Der stumpfe Bug teilte rauschend das Wasser und schwenkte langsam herum. Eine sanfte Wellenbewegung pflanzte sich �ber den See hinweg fort und zerbrach an den Eisw�nden. Der blaue Spiegel zerbarst in ein Mosaik blitzender Scherben.</p><p>Skar beobachtete das Treiben an Bord mit wachsender Ungeduld. Nach Tagen unt�tigen Abwartens brannte es ihm in den Fingern, endlich eine Entscheidung herbeizuf�hren. Nicht, da� er sich auf den Kampf freute. Sie hatten alle Tr�mpfe in der Hand, aber der Dronte war ein Gegner, der immer f�r eine �berraschung gut war, und im stillen hoffte Skar sogar darauf, da� der Pirat die Falle erkennen und sich auf eine Belagerung einlassen w�rde, die er fr�her oder sp�ter aufgeben mu�te. Die K�lte w�rde ihnen auch hier drinnen zu schaffen machen, aber die zweihundert Fu� hohen Eismauern gaben ihnen wenigstens Schutz vor dem Wind und der unb�ndigen Kraft des Ozeans, w�hrend sich der Dronte drau�en mit dem Sturm und anderen Naturgewalten herumschlagen mu�te; Gegnern, denen nicht einmal er auf Dauer gewachsen war. Aber irgend etwas sagte ihm, da� es trotzdem zum Kampf kommen w�rde. Ein Dronte weicht nie wieder von einer einmal aufgenommenen Spur ab, klangen Rayans Worte in ihm nach. Es gibt kein Entkommen und kein Unentschieden.</p><p>Das Schiff hatte die Mitte des Sees erreicht und begann sich zu drehen, bis es quer zur Fahrrinne lag. Rayan feuerte die M�nner an den Rudern mit zornigem Gebr�ll an und beschleunigte ihren Takt. Die SHAROKAAN bewegte sich wie ein st�rrischer Esel r�ckw�rts und glitt gem�chlich an die Eiswand neben dem Kanal heran. F�r jeden, der gleich ihnen die schmale Wasserstra�e befuhr, war das Schiff jetzt nicht mehr zu sehen. Aber es war da, ein vielleicht plump aussehendes, aber trotzdem gef�hrliches Raubtier, das sich auf die Lauer gelegt hatte und darauf wartete, da� sein Opfer in die vorbereitete Falle lief. Die SHAROKAAN war keineswegs wehrlos. Der Ruf, der dem Dronte vorauseilte, der Mythos der Unbesiegbarkeit, fu�te zu einem nicht geringen Teil auf der Taktik der schwarzen M�rder, ihre Opfer aus gro�er Entfernung zu schlagen; sie mit Feuer und Tod zu �berziehen, lange ehe es zu einem wirklichen Kampf kommen konnte. Auch, wenn es dem Dronte gelingen sollte, den Kanal zu �berwinden, so hatten sie ihm seine st�rkste Waffe genommen. Er w�rde es nicht wagen k�nnen, seine Katapulte einzusetzen. Nicht auf diese kurze Distanz. Ihr H�llenfeuer w�rde ihn selbst ebenso versengen wie sein Opfer. Er verscheuchte die Gedanken an Kampf und Tod und wandte sich fr�stelnd, um zum Achterdeck zur�ckzugehen. Jetzt, als sie neben der gewaltigen glatten Eiswand lag, erschien ihm die SHAROKAAN kleiner. Das Klatschen der Ruder hatte aufgeh�rt, und das Schiff bewegte sich kaum noch. Auch die Wellen, die es bei seiner Einfahrt in den See selbst verursacht hatte, verliefen sich langsam wieder, und die Wasseroberfl�che w�rde in kurzer Zeit wieder so glatt und unbewegt sein wie zuvor. Skar blieb auf halber Strecke stehen und sah �ber die Reling aufs Wasser hinab. Rayans Vermutung, es hier mit einem gewaltigen schwimmenden Eisberg zu tun zu haben, war falsch gewesen. Die Str�mung, die die SHAROKAAN auf ihrem Weg durch den Kanal begleitet hatte, war keine Str�mung, sondern es waren die letzten Ausl�ufer der Flut. Unter dem Eis mu�te Land sein, vielleicht nur eine Insel, aber immerhin festes Land. Vielleicht waren sie sogar an die K�ste eines fremden, bisher unbekannten Kontinentes verschlagen worden. Aber wenn, dann war es ein Kontinent der K�lte und des Schweigens. Selbst der Mann oben im Mastkorb sah nichts als Eis und glitzerndes Wei�, obwohl der Blick von dort aus unz�hlige Meilen weit reichte, so klar, wie die Luft war.</p><p>Skar legte die H�nde auf die Reling, beugte sich vor und brach mit der Linken ein St�ck Eis ab.</p><p>�Was tust du da?�</p><p>Skar drehte den Kopf, als er Rayans Stimme h�rte. Der Freisegler war lautlos herangekommen und betrachtete ihn stirnrunzelnd. Seine beiden Veden-Leibw�chter folgten ihm wie Schatten.</p><p>Skar deutete zuerst auf das Wasser, dann auf das Eisst�ckchen in seiner Hand. �Sieh selbst�, sagte er. Mit einer schwungvollen Bewegung warf er den Eisklumpen �ber Bord. Er tauchte unter, erschien Sekunden sp�ter wieder auf dem Wasser und tanzte einen Moment auf der Stelle.</p><p>Rayans Stirnrunzeln vertiefte sich. �Was soll das?� fragte er.</p><p>�Warte�, antwortete Skar. �Ich glaube, ich habe etwas entdeckt.� Der Eisbrocken begann langsam, dem Sog der Str�mung folgend, zur Mitte des Sees zu treiben. Pl�tzlich hielt er an, begann immer schneller zu kreiseln - und verschwand.</p><p>�Ein Sog�, stellte Rayan fest. �Und? Um das herauszufinden, brauchst du nicht deine und meine Zeit zu vergeuden. Siehst du diese Stelle dort?� Er deutete dorthin, wo der Eisbrocken verschwunden war. Das Wasser war dort ungew�hnlich glatt; wie Glas, das sorgsam poliert worden war. �Der See mu� irgendwo einen Abflu� haben�, sagte er. �Deshalb ist die Str�mung hier auch so schwach - das Wasser flie�t beinahe so schnell ab, wie es hereinkommt. Und was soll uns das nutzen?�</p><p>Skar zuckte mit den Achseln. �Keine Ahnung�, gestand er. �Ich wei� nur gerne soviel wie m�glich �ber meine Umgebung. Manchmal kann das sehr n�tzlich sein.�</p><p>�Wir sind soweit�, drang Dels Stimme in ihr Gespr�ch. Skar nickte, warf einen letzten Blick auf die tr�gerisch glatte Wasserfl�che �ber dem Sog und streifte mit einer entschlossenen Bewegung den Umhang ab, der ihm bisher Schutz gegen die K�lte gew�hrt hatte.</p><p>Del kam n�her und deutete mit einer Kopfbewegung auf das plumpe Heckkatapult, die einzige wirklich weitreichende Waffe der SHAROKAAN, das aus seiner Halterung auf dem Achterdeck entfernt und weiter zur Schiffsmitte hin auf einer provisorischen Rampe aus Balken und Tauen befestigt worden war. Der armlange Stahlbolzen auf der Sehne deutete jetzt nicht mehr auf die Wasseroberfl�che, sondern in spitzem Winkel nach oben. Sein Schatten wies wie der Zeiger einer bizarren Sonnenuhr auf die verbrannte Stelle am Heck der SHAROKAAN, wo das H�llenfeuer des Dronte schon einmal gew�tet hatte. W�re Skar abergl�ubisch gewesen, h�tte er es f�r ein schlechtes Omen gehalten.</p><p>�Fertig?� fragte Del.</p><p>Skar nickte. Seine Hand glitt nerv�s �ber den Griff seines Schwertes. Auf seiner Zunge f�hlte er pl�tzlich einen schlechten Geschmack, und er gestand sich ein, da� er unsicherer war, als er bisher zugegeben hatte. Ihr Plan erschien ihm mit einem Mal gar nicht mehr so narrensicher wie noch vorhin, als er versucht hatte, Rayan davon zu �berzeugen. Es waren zu viele Wenns drin, zu viele Spekulationen auf ein Gl�ck, das sie bisher schm�hlich im Stich gelassen hatte. Pl�tzlich fielen ihm tausend Dinge ein, die falsch laufen konnten, tausend Umst�nde, die sie nicht bedacht hatten oder gar nicht hatten wissen k�nnen.</p><p>Del gab der Bedienungsmannschaft ein Zeichen und trat vorsichtshalber einen Schritt zur�ck, als die M�nner die Winde bedienten und sich die haarfeine Metallsehne mit einem singenden Ger�usch spannte. Der Stahlbolzen zitterte. Seine Spitze hob sich ein wenig, und f�r einen Moment f�rchtete Skar fast, da� das improvisierte Gestell, auf dem sie das Katapult festgemacht hatten, der Betastung nicht gewachsen sein k�nnte. Die Balken knirschten h�rbar.</p><p>�Jetzt!� befahl Skar.</p><p>Einer der Matrosen hob seine Axt und lie� die Schneide auf das Haltetau heruntersausen. Die Sehne entspannte sich mit einem peitschenden Knall. Der Bolzen wurde zu einem flirrenden Schemen, jagte schr�g in den Himmel hinauf und grub sich dicht unterhalb der Mauerkrone in das Eis. Ein Hagelschauer aus kleineren Eisbrocken prasselte auf das Schiff herunter, und das Wasser rings um die SHAROKAAN schien zu kochen.</p><p>Skar warf dem Sch�tzen einen anerkennenden Blick zu. �Ein guter Schu߫, lobte er, w�hrend er mit einem Fu� auf die Reling trat und pr�fend an dem Tau zerrte, das der Bolzen mit sich emporgerissen hatte. Es hielt. Die Kraft der Stahlsehne hatte das Gescho� tief in das Eis getrieben. Es w�rde sein K�rpergewicht tragen.</p><p>�Einen Moment noch, Rayan.�</p><p>Skar hielt mitten in der Bewegung inne, balancierte einen kurzen Augenblick auf der eisverkrusteten Reling und sprang auf das Deck zur�ck. Auch Rayan drehte sich deutlich ver�rgert herum und blickte zu Gowenna hin�ber, die auf Deck gekommen und geb�ckt unter der T�r stehengeblieben war. Neben ihr stand eine schmale, in ein dunkelgraues Gewand gekleidete Gestalt. Ihr Gesicht war unter der tief in die Stirn gezogenen Kapuze des Mantels verborgen; die H�nde mit einer d�nnen silbernen Kette aneinandergefesselt. Eine zweite Kette f�hrte von ihrem Handgelenk zu einem wuchtigen Ring in Gowennas Fingern. Der Anblick lie� eine Welle hei�en Zorns in Skar aufsteigen. Was immer Vela getan hatte, es gab keinen Grund, sie wie einen Hund zu behandeln.</p><p>Rayan wollte auffahren, aber Skar legte ihm rasch die Hand auf den Unterarm und trat auf Gowenna zu. �Was hat das zu bedeuten?� fragte er scharf.</p><p>Gowenna hielt seinem Blick gelassen stand. �Das wirst du gleich erfahren, Satai�, sagte sie abf�llig.</p><p>�Ich hoffe es�, mischte sich Rayan ein. �Wir haben im Moment n�mlich nicht die n�tige Mu�e, uns zu unterhalten.�</p><p>�Vela und ich verlassen das Schiff�, sagte Gowenna k�hl.</p><p>Rayan blinzelte �berrascht. �So?� machte er. �Und wie, wenn ich fragen darf? Wollt ihr schwimmen?�</p><p>�Du wirst uns eines deiner Beiboote geben�, antwortete Gowenna. Sie sprach so schnell, als h�tte sie sich die Antwort auf seine Frage sorgsam �berlegt. �Und ein paar M�nner, die uns rudern.�</p><p>Rayan �chzte, aber Gowenna gab ihm keine Gelegenheit zu antworten. �Es ist zu gef�hrlich, w�hrend des Kampfes an Bord zu bleiben�, fuhr sie fort. �Das Schiff kann in Brand geraten oder sinken - sie w�re verloren, vorne in ihrer Zelle.�</p><p>�Deine Besorgnis ist r�hrend�, sagte Rayan �tzend, �aber sie kommt zu sp�t, Gowenna. Wir haben keine Zeit, und ich kann keinen Mann hier an Bord entbehren.�</p><p>�Ich habe dich f�r diese Fahrt bezahlt, Rayan�, antwortete Gowenna. Ihre Stimme klang pl�tzlich schneidend. �Sehr gut bezahlt sogar. Und mit dem Geld hast du auch die Verantwortung f�r ihr Leben �bernommen. Ich werde mit Vela an Land gehen, bis der Kampf vor�ber ist. Gib mir ein Boot und zwei Mann, die uns rudern k�nnen.� Skar sah, wie sich Rayans Gesicht vor Zorn r�tete. �Gowenna hat recht�, sagte er hastig. �Es ist zu gef�hrlich, wenn sie an Bord bleibt.� Rayan fuhr mit einer w�tenden Bewegung herum. �Auf welcher Seite stehst du, Satai?� zischte er.</p><p>�Auf der der Ehrw�rdigen Mutter�, antwortete Skar ruhig. �Sie hat uns auf diese Reise geschickt, damit wir Vela sicher am Berg der G�tter abliefern. Au�erdem verlierst du nichts - gib ihr ein, zwei von deinen M�nnern und die Verletzten mit.�</p><p>Rayan schluckte. Aber er schien einzusehen, da� er sich im Moment in der schlechteren Position befand. Nat�rlich war er der Kapit�n des Schiffes und sein Wort hier an Bord Gesetz, ganz egal, was vorher beredet und vereinbart worden war - aber Gowenna hatte recht. Die Errish w�rde nicht nur keine Hilfe, sondern unter Umst�nden eine Behinderung sein, wenn es zu einem Nahkampf mit dem Dronte kam. Und er w�rde sich vor seinen Leuten ins Unrecht setzen, wenn er bei seiner Weigerung blieb. �Gut�, gab er gepre�t von sich. �Zwei Mann, die Verwundeten und Lebensmittel f�r drei Tage. Aber beeilt euch. Ich will nicht noch mehr Zeit verlieren.�</p><p>Skars Blick heftete sich kurz auf den Eisstrand am anderen Ende des Sees. Ein Aufstieg an dieser Seite war sicher ungef�hrlicher als das, was sie vorhatten, aber auch zeitraubender. Und Zeit war genau das, was sie im Moment nicht hatten. Er griff nach dem Tau, zog es straff und wickelte es sorgsam um F�uste und Handgelenke.</p><p>Rayan wandte sich an den Veden rechts neben sich und wechselte ein paar schnelle Worte mit ihm, die Skar nicht verstand. Der Vede nickte.</p><p>�Er wird dich begleiten�, sagte Rayan pl�tzlich.</p><p>Del wollte auffahren, aber Rayan brachte ihn mit einem eisigen Blick zum Schweigen. �Ich habe unseren Plan ein klein wenig ge�ndert�, sagte er ruhig. �Der Satai bleibt hier, Skar. Daf�r wird Brad mit dir dort hinaufgehen.�</p><p>Skar schwieg einen Moment. Er war nicht einmal sonderlich �berrascht. Irgendwie hatte er die ganze Zeit �ber gesp�rt, da� der Freisegler ihm nicht traute. Nicht, da� er glaubte, sie w�rden ihn verraten. Aber sein Vertrauen in ihre F�higkeiten war nicht so gro� wie das der meisten anderen M�nner, die Skar kennengelernt hatte. �Du bist mi�trauisch wie eh und je�, bemerkte er.</p><p>Rayan zuckte gleichm�tig die Achseln.</p><p>�Wir m�chten nur verhindern, da� ihr kurzfristig eure Meinung �ndert und vielleicht pl�tzlich Sympathie f�r die andere Seite entdeckt�, mischte der j�ngere der beiden Veden sich bissig ein.</p><p>Skars Miene verd�sterte sich. Er wu�te, da� der Nordl�nder nicht wirklich meinte, was er da sagte, sondern die Worte einzig aussprach, um ihn zu reizen, aber er �rgerte sich trotzdem dar�ber. Vielleicht gerade.</p><p>Seltsamerweise rief Rayan den Veden nicht zur Ordnung, wie er es normalerweise getan h�tte.</p><p>�Ein ehrliches Wort.�</p><p>�Ein ehrliches Wort im richtigen Moment�, sagte Helth. �Du und Brad werdet dort hinaufgehen. Del und ich werden den Angriff hier unten mitmachen.�</p><p>Skar hob ergeben die Schultern. Rayan schwieg noch immer. In seinen Augen stand ein lauernder Ausdruck. Aber Skar dachte nicht daran, die Auseinandersetzung auf die Spitze zu treiben. Es war kaum der richtige Zeitpunkt f�r eine Kraftprobe. Und es blieb auch gar keine Zeit f�r lange Diskussionen. Im Grunde h�tte es Skar sogar gewundert, wenn Rayan anders als gerade so reagiert h�tte.</p><p>Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um, stieg auf die Reling und stie� sich mit einer kraftvollen Bewegung ab.</p><p>Er merkte sofort, da� er sich versch�tzt hatte.</p><p>Das Tau spannte sich, und die Eiswand sprang wie mit einem pl�tzlichen Satz auf ihn zu. Durch die L�nge des Seiles, an dessen Ende er wie das Gewicht eines �berdimensionalen Pendels hing, war seine Geschwindigkeit viel zu hoch. Er zog instinktiv die Beine an, spannte die Muskeln und versuchte, den Aufprall abzufangen.</p><p>Der Schlag war von grausamer H�rte. Ein wei�gl�hender Schmerz explodierte in seinen Kn�cheln, pulsierte durch seinen K�rper und lie� ihn aufschreien. F�r einen Moment lockerte der Schmerz seinen Griff.</p><p>Vom Deck der SHAROKAAN ert�nte ein vielstimmiger Aufschrei, als Skar ein St�ck weit am Seil abrutschte, bis zur H�fte ins eiskalte Wasser eintauchte, sich am Ende des Seiles drehte, und ein zweites Mal, diesmal mit Schultern und Hinterkopf, mit immer noch gro�er Wucht gegen die Wand geschleudert wurde. Das Seil schnitt wie ein Messer in seine Handfl�chen. Der Ruck war so gewaltig, da� er f�r einen Moment glaubte, die Arme w�rden ihm aus den Schultergelenken gerissen. Ein neuer, noch schlimmerer Schmerz raste durch seinen K�rper und verwandelte seinen Schrei in ein gequ�ltes Aufheulen. Blut flo� in seine Augen und verschleierte seinen Blick. Er sp�rte, wie sich seine Muskeln unter der Anspannung verkrampften und seine Kraft schwand, als w�re irgendwo in seinem K�rper eine unsichtbare Schleuse ge�ffnet worden, durch die seine Lebensenergie hinauspulsierte. Aber er klammerte sich verzweifelt fest, bi� die Z�hne zusammen und zog trotz der H�llenqualen die Beine an. Er mu�te aus dem Wasser heraus. Schon jetzt, nach wenigen Augenblicken, war sein K�rper von den H�ften abw�rts taub und alles Gef�hl aus seinen Beinen gewichen. Er sp�rte, wie die K�lte in ihn hineinkroch, in ihrem Gefolge eine beinahe wohltuende, verlockende L�hmung f�hrend, wie sie seine R�cken- und Schultermuskeln erreichte und auch sie bet�ubte. Sein Griff begann sich zu lockern. Mit jeder Sekunde wurde es schwerer, sich am Seil festzuhalten. Aber wenn er abrutschte, war er verloren. An Schwimmen war bei diesen m�rderischen Temperaturen nicht zu denken. Er w�re tot, bevor er die ersten drei Z�ge gemacht hatte.</p><p>Skar schlo� die Augen, pre�te die Kiefer zusammen und zog sich Zentimeter um Zentimeter aus dem Wasser. Seine Beine waren taub und gehorchten seinen Befehlen nicht mehr, so da� sein ganzes Gewicht nun auf Arm- und Schultermuskeln ruhte, und an seinen F��en schienen Zentnergewichte zu h�ngen. Das Wasser hielt ihn fest, zerrte mit aller Macht an ihm und versuchte, sein schon sicher geglaubtes Opfer zur�ckzuholen. Das feuchte Tau gefror in der eisigen Luft beinahe augenblicklich; seine Finger fanden kaum mehr richtigen Halt. Seine Kraft lie� nach. Langsam, aber unbarmherzig rutschte er ins Wasser zur�ck.</p><p>Irgend etwas sauste an ihm vorbei und grub sich splitternd ins Eis, nur wenige Handbreit von seiner Schulter entfernt. Skar drehte m�hsam den Kopf und starrte, ohne zu verstehen, was er sah, auf den Axtstiel, der zitternd neben ihm aus dem Eis ragte.</p><p>�Halt dich fest�, schrie eine Stimme. Eine zweite Axt zischte heran und blieb vibrierend neben der ersten stecken.</p><p>Skar l�ste m�hsam die rechte Hand vom Seil. Seine Finger waren steif und verkrampft, die Hand f�hlte sich an wie ein St�ck Holz. Er glitt ein weiteres St�ck ins Wasser, griff mit einer verzweifelten Bewegung nach dem Beil und zog sich mit letzter Kraft empor.</p><p>Er wu�te nicht, wie lange es dauerte. Irgendwie schaffte er es, seinen gef�hllosen K�rper noch einmal aus dem Wasser zu ziehen und sich festzuhalten. Begriffe wie Zeit und Raum wurden unwichtig, und alles, was in seinem Hirn Platz hatte, waren K�lte und Schmerz und der einzige Gedanke, nicht loszulassen. Irgendwie gelang es ihm, auch die andere Hand vom Seil zu l�sen und sich auf die beiden Axtstiele hinaufzuziehen und in einer einigerma�en sicheren Haltung sitzen zu bleiben. Der See und das Eis begannen sich um ihn zu drehen, und Schw�che breitete sich wie l�hmendes Gift in seinen Adern aus. Ihm wurde �bel. Er w�rgte, k�mpfte den Brechreiz nieder und versuchte, auch die Schw�che zur�ckzudr�ngen. Es war schwer, unendlich schwer, aber es ging. Das dumpfe Dr�hnen in seinen Ohren ebbte allm�hlich ab, und er verstand die Worte, die ihm vom Schiff aus zugerufen wurden.</p><p>�Skar!�</p><p>Es war Gowennas Stimme. Er blinzelte, hob die Hand ans Gesicht und f�hlte Blut. Der rote Schleier war noch immer vor seinen Augen, und irgend etwas Warmes und Klebriges lief seinen Nacken herunter und erstarrte in der eisigen Luft. Er sah das Schiff wie durch einen wogenden, von roten Streifen durchzogenen Schleier. Gowenna stand inmitten der Besatzung hinter der Reling und gestikulierte aufgeregt zu ihm her�ber. �Kannst du mich verstehen?�</p><p>Er versuchte zu nicken. Die Bewegung war so schwach, da� man sie dr�ben wahrscheinlich nicht einmal sah. �Es... geht�, sagte er m�hsam. Seine Lippen waren taub und rissen auf, als er sich zwang, sie zu bewegen. Die eisige Wand klebte an seiner Haut fest, und in seinen Adern war kein Blut mehr, sondern ein Strom rei�ender scharfer Eiskristalle, die ihn von innen heraus zerschnitten.</p><p>�Kannst du weiterklettern?� rief Gowenna.</p><p>Skar h�tte gelacht, wenn er die Kraft noch aufgebracht h�tte. Seine Muskeln waren hart wie Holz, und seine Linke schien am Seil festgefroren zu sein. Wahrscheinlich fiel er nur deshalb nicht von seinem provisorischen Sitz herunter, weil sein K�rper einfach zu steifgefroren war, um sich �berhaupt noch bewegen zu k�nnen.</p><p>�Halt aus!� rief Gowenna. �Wir holen dich!�</p><p>Das Katapult wurde neu geladen und ausgerichtet. Die M�nner arbeiteten mit fieberhafter Eile, aber ihre Bewegungen kamen Skar trotzdem langsam und tr�ge vor, und das Schiff begann immer wieder vor seinen Augen zu verschwimmen und schien sich immer weiter zu entfernen.</p><p>Ein zweiter Bolzen prallte dicht neben dem ersten gegen die Wand, rutschte klirrend herunter und klatschte ins Wasser. Rayan begann zu schreien und �bersch�ttete die M�nner am Katapult mit einem Schwall von Fl�chen und Verw�nschungen. Das Seil wurde eingezogen und neu aufgewickelt, w�hrend die Matrosen das Katapult f�r einen weiteren Schu� spannten.</p><p>Skar beobachtete das Treiben auf dem Schiff ohne sonderliche Anteilnahme. Er mu�te all seine Willenskraft aufwenden, um nicht einzuschlafen. Die K�lte wich St�ck f�r St�ck aus seinem K�rper und wurde von einer tauben, auf eigenartige Weise beinahe wohltuenden M�digkeit abgel�st. Es war sein sicherer Tod, wenn er jetzt einschlief, das wu�te er. Trotzdem fiel es ihm von Sekunde zu Sekunde schwerer, die Augen offenzuhalten.</p><p>Das Katapult entspannte sich mit einem schmetternden Knall. Diesmal sa� der Bolzen sicher im Eis, kaum eine Handbreit unter dem ersten. Eine hochgewachsene, schlanke Gestalt schwang sich mit einer eleganten Bewegung �ber die Reling der SHAROKAAN, glitt dicht �ber der Wasseroberfl�che auf ihn zu und begann noch w�hrend des Sprunges am Seil emporzuklettern. Offensichtlich hatte der Mann aus seinem Fehler gelernt.</p><p>Wieder vergingen Minuten; Zeit, in der es Skar immer schwerer fiel, seinen Geist gegen die dunkle Woge hinter seiner Stirn zu behaupten. Die Schwingungen des Seiles neben ihm wurden l�nger, als der Mann mit kraftvollen Bewegungen daran heraufkletterte.</p><p>�Halt aus!� br�llte Rayan. �Brad l��t dir ein Seil herunter!�</p><p>Skar wollte nicken, aber selbst dazu fehlte ihm die Kraft.</p><p>Von oben ert�nte f�r eine Weile ein hektisches Klirren und H�mmern; Eis rieselte herab und lie� unter ihm das Wasser aufspritzen. Skar zerbrach sich eine Weile den Kopf �ber die Ursache des Ger�usches, aber seine Gedanken f�hrten einen irren Tanz auf und weigerten sich, in geordneten Bahnen zu laufen. Trotzdem klammerte er sich daran fest, lauschte auf jeden Laut, jede Nuance, nur um nicht einzuschlafen.</p><p>�Das Seil, Skar!�</p><p>Wieder Gowennas Stimme. Er verstand die Worte, aber es war so schwer, ihren Sinn zu begreifen. Er war so m�de. Alles was er wollte, war schlafen; die Augen schlie�en und der verlockenden W�rme nachzugeben. Aber er durfte es nicht. Nicht jetzt.</p><p>�Skar! Nimm das Seil! Die Schlaufe!�</p><p>Diesmal glaubte er einen Unterton von Verzweiflung in ihren Worten zu h�ren. Aber sie mu�te trotzdem noch vier- oder f�nfmal rufen, ehe Skar endlich reagierte. M�hsam hob er den Kopf und blinzelte nach oben. Die Sonne stand als lohender Ball �ber dem Rand des Kraters. Ihr Licht brach sich in der schimmernden Eiskante und blendete ihn, gaukelte ihm Schatten und Bewegung vor, wo nur eisige Starre war. �Das Seil, Skar!� Wieder diese Stimme. Er blinzelte, zwang sich, in das regenbogenfarbige Licht zu sehen und drehte m�hsam den Kopf.</p><p>Neben ihm baumelte eine Seilschlaufe. Er griff ungeschickt danach, verfehlte sie und w�re um ein Haar von seinem improvisierten Sitz gefallen. Erst beim zweiten Versuch gelang es ihm, sie mit starren Fingern zu ergreifen und ungeschickt �ber Kopf und Schultern zu streifen.</p><p>Von oben wurde das Seil angezogen. Die Schlaufe zog sich zusammen und schnitt schmerzhaft wie ein gl�hender Draht in seine Haut. Er bekam kaum noch Luft. Das Seil spannte sich, und Skar wurde unsanft in die H�he gerissen. Sein K�rper pendelte wild hin und her. Er versuchte, sich mit den H�nden abzust�tzen und wenigstens die schlimmsten Schl�ge aufzufangen, war aber trotzdem schon nach Sekunden von einer Unzahl von Prellungen und blutigen Sch�rfwunden �bers�t. Der Schmerz lie� ihn aufst�hnen, aber gleichzeitig war er beinahe dankbar daf�r, denn er zerri� die schwarze Decke, die sich �ber sein Bewu�tsein legen wollte. Wie ein Ertrinkender griff er danach, zog sich an ihm entlang wie an einer d�nnen, brennenden Rettungsleine, klammerte sich an die letzte M�glichkeit, nicht das Bewu�tsein zu verlieren und endg�ltig in den drohenden Abgrund zu fallen: Bewu�tlosigkeit und Schlaf, denen der Tod folgen w�rde.</p><p>Der Aufstieg dauerte nicht lange. Schiff und Meer sackten unter ihm weg, und schon nach kurzer Zeit tauchte die Kante der Eismauer vor ihm auf; dann griffen zwei kr�ftige H�nde unter seine Achseln und zerrten ihn vom Abgrund weg. Dunkle Augen blickten besorgt aus einem sonnengebr�unten Gesicht auf ihn herab.</p><p>�Bleib ganz ruhig liegen�, sagte Brad. Seine Stimme klang dunkel und rauh; anders, als Skar sie vom Schiff her in Erinnerung hatte. Man sp�rte, da� er nicht viel sprechen wollte. Er musterte Skar besorgt, streifte dann mit einer entschlossenen Bewegung seinen Fellmantel ab und breitete ihn �ber Skar aus. �Warte einen Moment.�</p><p>Skar drehte m�hsam den Kopf. Der Vede hatte eine Anzahl st�hlerner Haken in das Eis getrieben und eine Art primitiven Flaschenzug daran befestigt: die Hammerschl�ge, die er unten geh�rt hatte. Jetzt griff er nach dem Tau und warf es in die Tiefe. �Er lebt!� schrie er mit vollem Stimmaufwand. Skar h�rte keine Antwort von unten, aber Brad wandte sich mit einem zufriedenen Nicken um und kam zu ihm zur�ck. Seine Gestalt verschwamm vor Skars Augen, und seine Stimme klang nach K�lte und Eis.</p><p>�Du darfst nicht einschlafen�, sagte Brad warnend. �Wenn du einschl�fst, dann stirbst du.� Er sah kurz auf und l�chelte rasch und fl�chtig. �Das Kunstst�ck, das du da zum besten gegeben hast, war nicht besonders schlau�, sagte er. �Ich habe euch Satai eigentlich immer f�r intelligenter gehalten. Ich mu� mich get�uscht haben.�</p><p>�Und ich�, gab Skar m�hsam zur�ck, �habe immer geglaubt, ihr Veden w�ret eingebildete Gimpel. Ich scheine mich ebenfalls get�uscht zu haben.�</p><p>Brad stutzte, starrte ihn einen Herzschlag lang verwirrt an und lachte pl�tzlich, schallend und ausdauernd. �Eins zu null f�r dich, Skar. Man sollte einen Satai doch nicht untersch�tzen. Wenigstens mit Worten kannst du umgehen�, f�gte er mit gutm�tigem Spott hinzu. Das Seil in seinen H�nden ruckte zweimal hintereinander. Brad wandte sich um, trat wieder an die Kante und begann etwas mit Hilfe des Flaschenzuges heraufzuziehen. Wenige Augenblicke sp�ter hievte er ein umfangreiches, in Decken und Felle verschn�rtes Paket �ber die Kante, hob es mit einem Ruck hoch und trug es zu Skar hin�ber. �Zieh dich aus�, sagte er, w�hrend er das B�ndel �ffnete und seinen Inhalt durchw�hlte.</p><p>Skar stemmte sich m�hsam hoch und begann, Harnisch und Lendenschurz abzulegen. Seine ungelenken Finger lie�en jeden Handgriff zu einem m�hsamen, schmerzhaften Abenteuer werden, aber er schaffte es. Nach ein paar Augenblicken hockte er nackt und frierend neben dem Veden.</p><p>Brad reichte ihm eine schmale t�nerne Flasche. �Hier�, sagte er. �Reib dich damit ein. Aber gr�ndlich.�</p><p>Skar griff nach der Flasche und machte sich unbeholfen am Verschlu� zu schaffen. Der Vede sah ihm eine Weile am�siert dabei zu, ehe er ihm wortlos die Flasche aus der Hand nahm und den Korken entfernte. Er go� Skar etwas von ihrem Inhalt �ber die Schultern und begann die Fl�ssigkeit methodisch zu verreiben. Sie brannte wie Feuer, aber Skar f�hlte sich auch fast augenblicklich besser. Eine Woge wohltuender W�rme flo� durch seinen K�rper; gleichzeitig begann seine Haut zu schmerzen, als w�rde sie ihm in Streifen vom Leib gerissen.</p><p>�Was ist das?� fragte er.</p><p>Brad tr�ufelte eine weitere Handvoll der �belriechenden braunen Br�he auf ihn und lie� seine H�nde mit ge�bten massierenden Bewegungen �ber seinen R�cken kreisen. �Nashtan�, antwortete er. �Ein Gemisch aus verschiedenen �len und Pflanzens�ften. Wir benutzen es, wenn wir bei niedrigen Temperaturen ins Wasser m�ssen. Es legt sich wie eine zweite Haut um dich und hindert deine K�rperw�rme daran, zu entweichen. Wie eine Decke, wei�t du? Nur wirksamer.� Skar zog eine Grimasse. �Ihr h�ttet mir vorher sagen k�nnen, da� es so etwas gibt.�</p><p>Brad grinste. �Niemand hat geahnt, da� du baden wolltest.�</p><p>Skar war gerade dabei, etwas darauf zu erwidern, aber Brad schlug ihm in diesem Moment so kr�ftig zwischen die Schulterbl�tter, da� er st�hnend in die Knie brach und erst einmal sekundenlang nach Luft rang. Als er wieder zu Atem gekommen war, dr�ckte ihm der Vede die Flasche in die Hand und machte eine auffordernde Bewegung. �Mach allein weiter. Die Bewegung wird dir guttun. Du mu�t das Zeug gr�ndlich einmassieren, wenn es helfen soll. Aber vergi� nicht, es hinterher wieder abzuwaschen. Sonst erstickst du.�</p><p>Seine Worte erinnerten Skar an irgend etwas, aber er war zu m�de, um den Gedanken weiter zu verfolgen. Gehorsam begann er sich von Kopf bis Fu� mit der z�hen Fl�ssigkeit einzureihen. Die versprochene Wirkung stellte sich fast augenblicklich ein, wenn sie wahrscheinlich auch weniger auf das �l als auf die Bewegung zur�ckzuf�hren war, die er seinen schmerzenden Muskeln aufzwang. Die L�hmung wich allm�hlich aus seinen Gliedern und wurde von kribbelnden, stechenden Schmerzen abgel�st, winzigen gl�henden Nadeln, die tief in sein Fleisch stachen und die Starre daraus vertrieben. Als er fertig war, kauerte er sich zusammen, schlug die Arme um den Oberk�rper und verkroch sich unter Brads Umhang.</p><p>Der Vede sch�ttelte mi�billigend den Kopf. �Bleib lieber in Bewegung�, riet er. �Die W�rme t�uscht. Du bist unterk�hlt - wenn du einschl�fst, wirst du nicht wieder erwachen.�</p><p>�Das hast du schon einmal gesagt�, fiel ihm Skar grob ins Wort. �Ich bin nicht taub.�</p><p>Brad zuckte mit den Achseln, wandte sich um und warf sein Tau ein zweites Mal in die Tiefe, um noch mehr Material von der SHAROKAAN heraufzuziehen. Wenn ihn Skars r�de Worte �rgerten, so lie� er sich nichts anmerken.</p><p>Skar bedauerte seinen groben Tonfall bereits wieder. Der Vede hatte ihm das Leben gerettet, ganz egal, wie man es betrachtete. Er hatte kein Recht, so mit ihm zu reden. Aber er war auch zu stolz, sich zu entschuldigen.</p><p>Es war nicht die Wahl von Brads Worten gewesen, sondern die Tatsache, da� es ein Vede war, der sie aussprach. Sie waren sich �hnlich, sowohl im Denken als auch in ihrer einsamen Art zu leben, so �hnlich, da� ein Au�enstehender die Unterschiede vielleicht gar nicht bemerken w�rde; aber gerade in dieser �hnlichkeit, Dinge in der gleichen und doch wieder ganz anderen Art zu sehen und zu tun, lag die un�berbr�ckbare Kluft zwischen Veden und Satai. W�hrend die Satai �berall auf Enwor als Krieger bekannt und gef�rchtet waren, bildeten die Veden eine kleine verschworene Gemeinschaft mit einer eigenen Religion, einer eigenen Kultur und sogar einer eigenen Sprache. Es kam nicht oft vor, da� Veden au�erhalb ihres Stammesgebietes hoch oben im Norden von Thbarg gesehen wurden. Meistens reisten sie in kleinen Gruppen zu zweien oder dreien, verdingten sich als Leibw�chter f�r Herz�ge oder K�nige, seltener traten sie - wie Brad und sein Kamerad - in die Dienste eines reichen Kaufmannes. Veden waren teuer. Vielleicht war der grundlegende Unterschied zwischen Veden und Satai der, da� die Satai aus �berzeugung oder auch aus reiner Abenteuerlust handelten, w�hrend die Veden ihre Dienste f�r Geld feilboten, f�r einen Preis, den selbst K�nige nicht immer zu zahlen in der Lage waren. Aber sie waren ihr Geld wert. Selbst ein erfahrener Satai wie Skar w�rde es sich zweimal �berlegen, Handel mit einem Veden zu beginnen.</p><p>Und sie waren stolz - ein Stolz, der nach au�en hin wie �berheblichkeit aussehen mochte und f�r den sich die schweigsamen Einzelg�nger den Ruf der Borniertheit eingehandelt hatten. Skar wu�te, wie falsch dieses Vorurteil war. Er war noch nicht oft mit Veden zusammengetroffen, aber er f�hlte, da� sich hinter ihrem verschlossenen Auftreten nichts als Wachsamkeit verbarg, Wachsamkeit und ein tiefsitzendes Mi�trauen nicht nur allem Fremden, sondern selbst dem Bekannten und sich selbst gegen�ber, ins Extrem getrieben und �ber unz�hlige Generationen weitervererbt. Sie hatten Mi�trauen und Ablehnung zur Richtschnur ihres Handelns erhoben und wie einen Schutzwall um sich herum aufgebaut; ein Wall allerdings, der sie auch isolierte, sie zu Au�enseitern machte. Aber man f�rchtete sie.</p><p>Die Frage, welche der beiden Kasten aus einem ernstgemeinten Zusammensto� als Sieger hervorgehen w�rde - Veden oder Satai -, war Anla� unz�hliger Diskussionen gewesen, aber sie war nie gekl�rt worden und w�rde niemals gekl�rt werden. Einem ungeschriebenen Gesetz folgend, gingen sich Satai und Veden aus dem Weg, ein Verhalten, das weniger von Ablehnung oder Mi�trauen, sondern vor allem von gegenseitigem Respekt und dem Wissen um die F�higkeiten des anderen bestimmt wurde. Skar konnte sich keinen Grund vorstellen, der einen Satai dazu bringen sollte, gegen einen Veden zu k�mpfen, oder umgekehrt. Eine ernsthafte Auseinandersetzung zwischen Veden und Satai... Skar schrak allein vor dem Gedanken zur�ck. Sollte irgendwann einmal das Undenkbare geschehen und ein Krieg zwischen den beiden Kasten ausbrechen, w�rde es das Ende der Welt bedeuten, wie sie sie kannten.</p><p>�Woran denkst du?� fragte Brad unvermittelt.</p><p>Skar schrak auf. F�r einen Moment f�hlte er sich so schuldig, als h�tte er seine Gedanken laut ausgesprochen. Was brachte ihn nur auf solche Ideen? Zwischen den Satai und den Veden herrschte Frieden, seit es die beiden Kasten gab - wieso dachte er da an Krieg und Weltuntergang? Hatte ihn der Dronte mit seinem Todesatem schon so weit angesteckt, da� er nur noch in Kategorien von Vernichtung und Tod denken konnte?</p><p>�Nichts�, sagte er hastig und l�chelte. F�r einen Veden war Brad ungew�hnlich gespr�chig. Aber vielleicht war er auch nur nerv�s - Vede oder nicht, er mu�te das gleiche f�hlen wie Skar. Wenigstens das verband sie, dachte er. Ihre Angst. Sie kannten die gleichen �ngste wie alle anderen Menschen, nur wu�ten sie sie ein wenig besser zu verbergen und manchmal sogar ins Gegenteil zu wenden, sie sich sogar dienstbar zu machen. Jeder Satai wu�te, was Angst war, gut und manchmal sogar zu gut. Ein Mann, der keine Angst kannte, lebte nicht lange genug, um Vede oder Satai zu werden.</p><p>�Nichts�, sagte er noch einmal. �Es war... nichts.�</p><p>Brad l�chelte. �So?�</p><p>�Vielleicht habe ich �ber die Frage nachgedacht, was zwei Veden wie euch an Bord eines Freiseglers gebracht hat�, sagte Skar, eigentlich nur, um �berhaupt etwas zu sagen und Brad nicht sp�ren zu lassen, was er gedacht hatte. �Zahlt Rayan so gut, oder seid ihr ihm auf andere Weise verpflichtet?�</p><p>Brad schwieg eine Weile, und Skar f�rchtete fast, mit seiner Frage zu weit gegangen zu sein. Die Beweggr�nde des Veden gingen ihn nichts an, und er wu�te, wie empfindlich Veden auf Fragen reagierten, die ihren pers�nlichen Bereich anr�hrten.</p><p>�Wir sind Br�der�, sagte Brad pl�tzlich. �Helth und ich sind Br�der. Und S�hne.�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Rayans S�hne�, gab Brad mit �berraschender Offenheit zu. �Wir sind Rayans S�hne, Helth und ich.�</p><p>�Rayans...� Skar suchte verbl�fft nach Worten. �Der alte Seeb�r ist ein Vede?� fragte er ungl�ubig. F�r einen Moment erinnerte er sich Rayans, wie er ihn zum letzten Mal unten auf der SHAROKAAN gesehen hatte: klein, kr�ftig, mit zuviel Speck �ber den sicherlich vorhandenen Muskeln, kahlk�pfig und mit einem scharfen Blick, dem nicht die kleinste Kleinigkeit entging; ein Kr�mer, der in die Rolle eines Kriegers geschl�pft war. Jedenfalls hatte er das bisher geglaubt. Aber es war gerade umgekehrt.</p><p>�Er war es, bis er unsere Mutter traf�, nickte Brad. Es schien ihm nicht das geringste auszumachen, �ber sich und seine Vergangenheit zu reden, ein Verhalten, das in krassem Gegensatz zu dem Eindruck stand, den Skar bisher von ihm gewonnen hatte. Er schien im Gegenteil froh zu sein, mit jemandem reden zu k�nnen. Aber w�re Skar selbst nicht ebenso froh darum gewesen? Wenn nicht er, wer sollte dann wissen, was es hie�, in einer Welt voller Feinde zu leben, allein zu sein? Und hatte er sich selbst nicht schon ein paarmal dabei ertappt, mit dem Wind oder dem Meer zu sprechen? �Er stand vor der Wahl�, fuhr Brad fort, nachdem er sich im Schneidersitz neben Skar niedergelassen und die Arme vor der Brust verschr�nkt hatte, �sein Weib und sein ungeborenes Kind zu verlassen oder sein Volk. Er entschied sich f�r sein Weib. Eine Wahl, die einem Mann zur Ehre gereicht�, f�gte er hinzu. Bei jedem anderen h�tten diese Worte wie eine Rechtfertigung geklungen, aber aus seinem Munde h�rten sie sich wie eine Selbstverst�ndlichkeit an.</p><p>Skar nickte impulsiv. Nicht viele M�nner h�tten den Mut aufgebracht, diesen Schritt zu tun. Er mu�te das Bild, das er sich �ber den Freisegler gemacht hatte, �berdenken. �Und ihr?�</p><p>�Wir wurden Veden�, antwortete Brad. �Ich wurde nach Thbarg gebracht, als ich alt genug war, die Reise ohne meine Mutter oder eine Amme �berstehen zu k�nnen, und als Rayans Weib das zweite Mal schwanger war, reiste sie selbst nach Thbarg und gebar dort Helth. Unser Volk straft nicht die ungeborenen Kinder f�r die Fehler ihrer V�ter. Wir wuchsen als Veden auf, aber wir gingen, nachdem wir unsere Mannesweihe erhalten hatten. Zuerst ich, sp�ter Helth.�</p><p>�Ihr habt euer Volk verlassen?�</p><p>Brad sch�ttelte den Kopf. �Nicht f�r immer. Wir gelobten unserem Vater, ihm bei einer... Aufgabe zu helfen. Wenn sie erf�llt ist, kehren wir nach Thbarg zur�ck.�</p><p>Skar verzichtete darauf, den Veden nach der Art dieser Aufgabe zu fragen. H�tte er dar�ber reden wollen, so h�tte er es getan.</p><p>Brad stand mit einem Ruck auf. �Ich habe noch zu tun�, sagte er knapp. �Ruh dich aus. Du wirst deine Kraft sp�ter noch brauchen. Aber schlafe nicht ein.� Fast, als w�re ihm erst jetzt und nachtr�glich bewu�t geworden, da� er zuviel und �ber die falschen Dinge geredet hatte, drehte er sich mit einer hastigen Bewegung um und ging. Skar h�rte ihn irgendwo hinter sich hantieren, widerstand aber der Versuchung, sich umzudrehen und das Gespr�ch fortzusetzen. Er sp�rte, da� der Vede jetzt allein sein wollte, aber er f�hlte auch, da� Brad ihm das alles nicht aus einer Laune heraus oder gar aus Schwatzhaftigkeit erz�hlt hatte, sondern mit seinen Worten einen bestimmten Zweck verfolgte.</p><p>Er zog die behelfsm��ige Decke enger um die Schultern, w�hrend Brad damit begann, die beiden Fellb�ndel vollends aufzuschn�ren und ihren Inhalt rings um sich auf dem Eis zu verteilen. Skar fror noch immer, aber die K�lte war jetzt nur noch unangenehm, nicht mehr t�dlich, und seine K�rperw�rme begann sie allm�hlich unter der Decke herauszujagen. Eine wohlige M�digkeit ergriff von ihm Besitz. Er schlief nicht, aber sein Zustand kam Schlaf doch sehr nahe; eine Art Trance, in der alles um ihn herum unwichtig wurde und aus der er erst lange nach Dunkelwerden wieder erwachte. Sein Kopf dr�hnte, als er unter dem Umhang hervorkroch und sich vorsichtig aufrichtete. Er fieberte. Seine Kehle f�hlte sich ausged�rrt und trocken an, und sein R�cken brannte, als w�re er mit S�ure ver�tzt worden. Sein Herz schlug schmerzhaft und hart, und er hatte das Gef�hl, keine Luft mehr zu bekommen.</p><p>Brads Warnung fiel ihm ein. Widerstrebend stand er auf, streifte die Decke ab und begann sich mit Schnee abzureiben. Hinterher fror er genauso erb�rmlich wie in dem Moment, in dem Brad ihn aus dem Wasser gezogen hatte, aber die Ruhe sowie die w�rmende Wirkung des Nashtan hatten seinem K�rper viel von seiner Kraft zur�ckgegeben. Er b�ckte sich, schl�pfte in seine noch immer feuchten Kleider und hielt nach Brad Ausschau. Der Vede stand an der seew�rtigen Kante der Eismauer, winzig klein und verloren vor der gewaltigen schimmernden Fl�che aus Eis. Skar fiel eigentlich erst jetzt auf, wie riesig das wei�e Plateau war, auf das sie hinaufgestiegen waren - mehr als f�nfhundert Meter lang, die L�nge des Kanals. Was sie bisher als Wand bezeichnet hatten, war eine gewaltige, von einem Jahrtausende geduldig heulenden Wind glattgeschliffene Ebene, m�chtig genug, einer Festung als Fundament zu dienen. Skar streckte sich, bewegte pr�fend Arme und Beine und ging langsam zu dem Veden hin�ber. �Wo ist er?� fragte er.</p><p>Brad deutete wortlos auf einen m�chtigen schwarzen Schatten, der lautlos unter ihnen vorbeiglitt.</p><p>�Er kreuzt seit mehr als zwei Stunden dort. Er hat die Falle erkannt.�</p><p>�Du meinst, er wird nicht in den Kanal einfahren?�</p><p>Brad schwieg einen Moment. Sein Gesicht wirkte im schwachen Sternenlicht der Nacht bleich, aber auch weicher. Die harten Linien waren verschwunden oder hatten sich zumindest f�r den Augenblick hinter grauen Schatten verborgen, und um seinen Mund lag ein nachdenklicher, beinahe schon wehm�tiger Zug. �Doch�, sagte er pl�tzlich. �Er wird. Er z�gert noch, aber er wei�, da� ihm keine Wahl bleibt. Wahrscheinlich suchen sie nach einer M�glichkeit, die Mauer zu ersteigen, um uns in den R�cken zu fallen. Sie werden keine finden.�</p><p>Skar sah nach oben. Die Nacht war ungew�hnlich klar - nicht eine einzige Wolke war am Himmel zu sehen. Der Sturm hatte sich gelegt, und die Luft war von einer Durchsichtigkeit, wie man sie nur sehr weit im Norden und selbst hier �u�erst selten fand. Es war hell, sehr hell. Die schimmernde Pracht der Sterne �bersch�ttete das Meer mit einer Kaskade von silbernem, schattenlosem Licht, so da� der Blick fast so weit reichte wie am Tage, auch wenn man nicht so viele Einzelheiten erkennen konnte. Es war, als schienen die Sterne heller als sonst, weil die G�tter dem Kampf zusehen wollten, dachte Skar.</p><p>Verwundert �ber sich selbst, rettete er sich in ein verlegenes L�cheln. Was waren das f�r Gedanken? Seine? Die Gedanken eines Mannes, der die Existenz von G�ttern und D�monen bisher strikt geleugnet hatte? Er versuchte, sie zu vergessen und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem schwarzen Killersegler zu.</p><p>Brad w�rde wohl recht haben. Der Dronte konnte es sich einfach nicht leisten, eine langwierige Belagerung zu beginnen. Das Schiff war gr��er als die SHAROKAAN, aber im Gegensatz zu dem Freisegler war es kein Frachter, sondern ein Kaperschiff, wahrscheinlich randvoll gestopft mit Waffen und Kriegern. Kriegern, die essen und trinken wollten. Ihre Nahrung mu�te bald knapp werden. Jedenfalls eher als die der Freisegler.</p><p>�Sie werden wissen, da� wir hier sind�, murmelte er.</p><p>Brad nickte. �Sie werden es sich zumindest denken. Ich w�rde es, wenn ich dort unten w�re. Aber es wird ihnen nichts nutzen.�</p><p>Skar verzichtete auf eine Antwort. Brads Worte waren von einer zwingenden Logik, und trotzdem �berzeugten sie ihn nicht. Irgend etwas pa�te nicht in das Bild, st�rte ihn. Aber er fand nicht heraus, was. Er versuchte, sich in den Kapit�n des Dronte hineinzuversetzen. Er wu�te nicht, was er an seiner Stelle tun w�rde, aber er wu�te zumindest, was er nicht t�te - n�mlich offenen Auges in diese Falle rennen.</p><p>Aber hatte er �berhaupt eine andere Wahl? Der Block aus Eis, in dem sie Zuflucht gesucht hatten, war gigantisch. Selbst von hier oben aus konnte er seine Grenzen nicht erkennen. Die senkrecht ins Meer st�rzenden W�nde aus Eis schienen sich meilenweit nach beiden Seiten zu erstrecken, ein endloser, sanft gekr�mmter Bogen, dessen Konturen in unbestimmter Entfernung zu verschwimmen begannen, bis sie sich in Nichts aufl�sten und mit der Nacht verschmolzen. Er glaubte kaum mehr, da� es eine Insel war. Sie hatten die K�ste eines neuen Kontinentes gefunden, einer neuen Welt. Wenn auch vielleicht einer Welt, die nur aus grimmiger K�lte und Eis bestand. Ein Land, ja, aber ein totes Land.</p><p>Skars Blick suchte wieder den mi�gestalteten Rumpf des schwarzen Mordseglers. Trotz des hellen Sternenlichtes konnte er keine Einzelheiten erkennen. Es war, als verberge sich das Schiff hinter einem dunklen, wogenden Schleier, der dem Blick keinen sichtbaren Anhaltspunkt bot und trotzdem verhinderte, da� mehr als ein vager Gesamteindruck von Schw�rze und Massigkeit erkennbar war. Trotz der N�he blieb der Dronte ein plumper, h��licher Schatten, der wie ein Bild aus einem bedr�ckenden Alptraum tief unter ihnen dahinzog; ein Schleier aus Nacht und Dunkelheit, der den Dronte wie eine dunkle Aura umgab. Und trotzdem sahen sie in diesem Augenblick wahrscheinlich mehr von dem Piraten als je ein Mensch vor ihnen. Jedenfalls mehr, schr�nkte er in Gedanken ein, als jeder, der eine Begegnung mit dem Dronte �berlebt hatte, um davon zu berichten.</p><p>Skar hockte sich neben Brad auf den Boden. Die Hand des Veden lag auf dem Schwert, und auch Skars Finger glitten unbewu�t zum G�rtel und legten sich um den lederbezogenen Griff des Tschekal. Die Ber�hrung des kalten Metalls gab ihm Sicherheit; das Gef�hl, etwas Bekanntes zu ber�hren, ein winziges Bindeglied zwischen dieser kalten, lebensfeindlichen Ein�de und der Welt, aus der sie kamen. Die Nachtluft trug ein dumpfes Klatschen zu ihnen herauf, als der Dronte wendete. Der plumpe schwarze Rumpf schwenkte in einer �berraschend schnellen Bewegung herum; das Schiff legte sich auf die Seite und brach sch�umend durch die Wellen. Die schwarzen Segel bl�hten sich knatternd.</p><p>Brad bewegte sich unruhig. Obwohl er kleiner war als Skar, erhob sich seine Gestalt wie ein riesiger schwarzer Schatten neben ihm gegen den sternenklaren Nachthimmel, und Skar hatte pl�tzlich ein absurdes Gef�hl von Geborgenheit, von W�rme, die er schon lange vermi�t hatte. Brad erinnerte ihn an Del, obgleich sie sich so un�hnlich waren, wie sich zwei M�nner nur sein konnten; nicht an den Del, der unten auf der SHAROKAAN war und auf seine R�ckkehr wartete, sondern an einen anderen Del, einen, den er irgendwo auf den t�dlichen Ebenen von Tuan verloren hatte, und eine seltsame Wehmut ergriff von ihm Besitz. Sie waren wieder zusammen, seit Del die Sumpfleute siegreich gegen die rebellischen Errish gef�hrt hatte, und niemand h�tte den Unterschied bemerkt. Aber es gab einen Unterschied, und er schmerzte. Sie sprachen und lebten miteinander, aber wenn sie es taten, so taten sie es in der Art, in der Fremde miteinander redeten, mit den gleichen vertrauten Worten wie fr�her, den gleichen Gesten und Bewegungen, den gleichen Scherzen, der gleichen selbstverst�ndlichen Vertrautheit - und doch gab es einen Abstand, eine Kluft zwischen ihnen. Es war, als h�tte Vela damals mehr zerst�rt als nur ihre r�umliche Verbundenheit. Er war nicht mehr dazu f�hig, jene Art von Freundschaft f�r den ungest�men jungen Draufg�nger zu empfinden wie fr�her. Sie waren wie Br�der gewesen, mehr noch, wie Vater und Sohn, aber so sehr Skar auch in seinem Inneren nach einem Rest dieses Empfindens suchte, er fand nichts.</p><p>�Ist es wahr, was man sich an Bord erz�hlt?� fragte Brad pl�tzlich. �Da� das Kind der Errish von dir ist?�</p><p>Skar antwortete nicht gleich. Er war �berrascht, nicht nur dar�ber, da� Brad es wu�te - er hatte mit niemandem dar�ber gesprochen, nicht einmal mit Del, aber Ger�chte wie diese pflegten sich immer und �berall in Windeseile zu verbreiten -, sondern fast noch mehr dar�ber, da� er diese Frage �berhaupt stellte. Er hatte ihn nicht f�r schwatzhaft gehalten. Aber eigentlich war ja auch der Brad, der mit ihm hier heraufgekommen war, um die Schlacht gegen den Dronte zu schlagen, ein ganz anderer Brad als der, den er unten auf der SHAROKAAN gekannt hatte.</p><p>�Ja�, sagte er nach einer Weile. �Ich... glaube, es ist wahr. Jedenfalls... hat sie es gesagt.�</p><p>Brad sah ihn an. �Und trotzdem bringst du sie in die Verbannung?� fragte er. �Die Mutter deines Kindes?� Was war das in seiner Stimme? dachte Skar erstaunt. Vorwurf?</p><p>�Es ist nicht mein Kind�, antwortete Skar, eine Spur zu hastig, wie er selbst merkte. �Vielleicht bin ich sein Vater, im k�rperlichen Sinne. Ich habe es gezeugt, aber das ist auch alles. Es h�tte nie geschehen d�rfen.�</p><p>Brad l�chelte, aber Skar war sich nicht sicher, ob er den Grund daf�r kannte. �Was hat sie getan?� fragte er.</p><p>�Vela?� Wieder z�gerte Skar. F�r einen Moment war er versucht, Brad den ganzen Hergang zu erz�hlen. Aber nat�rlich tat er es nicht. Sie hatten nicht genug Zeit, und er wollte es auch nicht. Es war zuviel Schmerz in dieser Geschichte.</p><p>�Ich kann nicht dar�ber reden�, sagte er. �Und es spielt auch keine Rolle. Jetzt nicht mehr.�</p><p>Brad schien das zu akzeptieren. �Hast du sie geliebt?� fragte er. �Geliebt?� Skar sch�ttelte den Kopf. �Kaum. Vielleicht war es Mitleid, vielleicht hat sie mich auch behext. Sie war eine Errish, vergi� das nicht. Eine sehr m�chtige Errish. Aber geliebt habe ich sie nicht. Ich habe versucht, sie nicht zu hassen, aber ich wei� nicht, ob es mir gelungen ist.�</p><p>�Und jetzt?� fragte Brad.</p><p>�Ob ich sie hasse?� Skar �berlegte einen Moment und sch�ttelte wieder den Kopf. Nein, sicher nicht. Er hatte versucht, jedes Gef�hl f�r Vela aus sich herauszurei�en, und es war ihm gelungen; teilweise wenigstens. �Nein�, sagte er. �Sie... sie ist eine Fremde f�r mich. Mehr nicht.�</p><p>�Ist das der Grund, warum du zul��t, da� Gowenna sie wie einen Hund behandelt?� fragte Brad ruhig und diesmal, ohne ihn anzusehen.</p><p>�Del und ich sind nur zu ihrer Begleitung angeheuert�, antwortete Skar, obwohl das nicht ganz der Wahrheit entsprach. �Vela ist ihre Gefangene, und solange sie sie nicht mi�handelt, haben wir kein Recht einzugreifen.�</p><p>�Aber sie mi�handelt sie. Vielleicht nicht k�rperlich, aber trotzdem sollte niemand einen Menschen behandeln, als w�re er ein St�ck Vieh.�</p><p>�Gowenna ha�t sie�, murmelte Skar. �Du hast ihr Gesicht gesehen - es war Vela, die ihr das angetan hat. Sie war eine sch�ne Frau, fr�her.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Brad. �Es ist nicht das erste Mal, da� sie an Bord unseres Schiffes ist.�</p><p>�Und es war auch kein Zufall, da� die SHAROKAAN im Hafen von Anchor lag, als wir die Stadt erreichten�, f�gte Skar hinzu. Es war ein Schu� ins Blaue, aber es war auch ein Verdacht, den er schon seit langem hegte.</p><p>Brad nickte unger�hrt. �Nein. Wir waren zehn Tagesreisen entfernt, als uns ihre Nachricht erreichte. Es war kein Zufall - ebensowenig, wie es Zufall war, da� wir damals in Ikne lagen, um euch den Besh hinaufzubringen. Sie reist fast immer mit der SHAROKAAN, wenn sie eine Seereise antreten mu�.�</p><p>�Ihr wart auch damals schon an Bord?�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Brad. �Aber ihr habt uns nicht gesehen. Gowenna wollte es nicht.�</p><p>�Und warum?�</p><p>Brad hob in einer seltsam schwerf�llig wirkenden Bewegung die Schultern. �Ich wei� es nicht. Sie... spricht nicht viel mit uns, weder mit mir noch mit meinem Bruder. Auch nicht mit Rayan. Ich glaube, sie mag ihn nicht besonders.�</p><p>�Aber warum f�hrt sie dann mit der SHAROKAAN?� fragte Skar verwundert. �Es gibt bequemere Schiffe.�</p><p>�Sie kannte unsere Mutter�, erkl�rte Brad. �Rayan hat es mir einmal erz�hlt. Bevor sie starb, waren sie oft zusammen. Gowenna war damals noch sehr jung; fast noch ein Kind. Ich glaube, f�r sie war Suquann - Rayans Weib - so eine Art Mutter. Als sie dann starb, kam sie weiter zu uns, obgleich ich nicht glaube, da� sie f�r meinen Vater dasselbe empfindet. Ich vermute, sie f�hlt sich ihm irgendwie verpflichtet. So wie man weiter die Verbindung zu einer Frau aufrechterh�lt, deren Mann ein guter Freund war und der gestorben ist, verstehst du?�</p><p>Skar schwieg verbl�fft. Er wu�te, da� Gowenna �lter war, als sie auf den ersten Blick wirkte - drei�ig, vielleicht dar�ber, und er hatte auch Brad auf fast das gleiche Alter gesch�tzt. Nach seinen Worten war das unm�glich. Aber sein massiger K�rperbau, der wild wuchernde Bart und das bis auf die Schultern reichende, volle Haar des Veden, und seine ernste Art, zu reden und sich zu geben, machten es schwer, sein Alter zu bestimmen.</p><p>�Sie kannte auch uns�, fuhr Brad fort, als h�tte er seine Gedanken gelesen. Wahrscheinlich stand seine Verwunderung deutlich auf seinem Gesicht geschrieben: �Rayan hat erz�hlt, da� sie mich auf den Knien geschaukelt hat, als ich gerade drei oder vier war. Sie war damals selbst noch ein halbes Kind. Ich kann mich nicht daran erinnern.�</p><p>�Und sie trug einen anderen Namen�, murmelte Skar.</p><p>Diesmal war es Brad, der erstaunt nickte. �Kiina�, sagte er. �Woher wei�t du das? Selbst Rayan hat es nur erfahren, weil sie sich einmal versprochen hat.�</p><p>�Das ist eine lange Geschichte�, versuchte Skar auszuweichen. �Vielleicht erz�hle ich sie dir, wenn wir heil hier herauskommen. Wenn du sie dann noch h�ren willst.�</p><p>�Ich glaube nicht�, antwortete Brad, und irgendwie sp�rte Skar, da� dieses Nein endg�ltig war. Der Vede hatte ihm Vertrauen entgegengebracht, eine Winzigkeit nur, und doch unendlich viel f�r seine Verh�ltnisse. Er w�rde jetzt nicht weiter reden, und sp�ter, wenn sie zur�ck an Bord der SHAROKAAN waren, w�rde er wieder zu dem verschlossenen, abweisenden Mann werden, als den Skar und wahrscheinlich auch die M�nner unten auf dem Schiff, vielleicht sogar sein Vater, ihn kannten.</p><p>Er seufzte, fuhr sich mit der Hand �ber die Augen und sah wieder auf den Ozean hinunter.</p><p>�Wir sind zu wenige�, stellte er fest.</p><p>Brad nickte. Skar sp�rte die Bewegung, obwohl sein Blick starr auf den drohenden schwarzen Schatten unter ihnen gerichtet blieb. �Du hast recht�, murmelte der Vede. �Nur zwei gegen einen Feind, der noch niemals geschlagen wurde. Aber die M�nner werden unten auf dem Schiff gebraucht.� Er wandte den Kopf und l�chelte fl�chtig; eine bedeutungslose Geste, in der keine W�rme, sondern wenn �berhaupt ein Gef�hl, dann h�chstens Resignation und ein Anflug von Fatalismus lagen. In seinem ganzen Benehmen lag eine schwer zu fassende Art von Trauer; seine Bewegungen waren um eine Winzigkeit langsamer als gewohnt, seine Stimme um eine Spur leiser, sein Lachen nicht echt genug. �Die M�nner werden unten gebraucht�, wiederholte er noch einmal. �Unsere Chancen stehen nicht schlecht, aber Rayan wird jede Schwerthand brauchen, wenn es doch zum Kampf kommen sollte.�</p><p>�Du rechnest damit?�</p><p>Brad sch�ttelte den Kopf. �Nein. Aber wir m�ssen auch mit dem Unberechenbaren rechnen. Das da unten ist kein dahergelaufener Pirat. Es ist ein Dronte.� Er sprach das Wort auf sonderbare Art aus, nicht so voller Ha�, wie es Gowenna und Del und auch Skar selbst getan hatten, sondern beinahe respektvoll.</p><p>�Letztlich sind sie auch nur Menschen�, bemerkte Skar.</p><p>In Brads Augen erschien ein seltsamer, schwer zu deutender Ausdruck. �Bist du sicher?� fragte er leise.</p><p>Skar blinzelte irritiert. F�r einen Moment hielt er dem Blick des Veden stand, dann wandte er mit einem Ruck den Kopf und starrte wieder in die Tiefe. Brads Worte hatten ihn erschreckt. Vielleicht, weil er aussprach, was auch Skar die ganze Zeit �ber f�hlte. Nur hatte er den Gedanken angstvoll vertrieben. Der Mordsegler zog dicht unter ihnen vorbei, dicht genug, da� er sich einbilden konnte, die Mastspitze mit der ausgestreckten Hand ber�hren zu k�nnen. Sein Blick tastete an der dunklen Linie des Hauptmastes herunter, glitt �ber die bizarren Umrisse des gebl�hten f�nfeckigen Segels und verlor sich zwischen huschenden Schatten und ungreifbarem Nichts. Einen Moment lang glaubte er, eine schlanke, schwarze Gestalt auf dem Achterdeck zu entdecken, aber als er genauer hinsah, war sie verschwunden, und er war sich nicht sicher, ob sie wirklich da oder blo�e Einbildung gewesen war.</p><p>�Wenigstens dieses Geheimnis werden wir l�sen�, murmelte er nach einer Weile.</p><p>Brad nickte. �Dies und eine Frage, die mich schon lange bewegt.� Skar wartete darauf, da� er weiterreden w�rde, aber er tat es nicht, und so fragte er: �Welche?�</p><p>�Die Frage, ob sie wirklich unbesiegbar sind, Skar.� Brad seufzte und lie� sich zur�cksinken und st�tzte den Oberk�rper mit den Ellbogen ab. Silbernes Sternenlicht wanderte �ber sein Gesicht und verwandelte es in eine verwirrende Landschaft aus Licht und dunklen, messerscharf gezogenen Schatten, in denen die Augen wie bodenlose schwarze L�cher wirkten. �Ich habe oft dar�ber nachgedacht, nicht nur w�hrend der letzten Tage. Sie gelten als unbesiegbar, aber niemand wei�, ob das stimmt.�</p><p>�Ein Mythos.�</p><p>�M�glich. Sicher zum gro�en Teil, aber nicht nur. Niemand hat jemals versucht, sie wirklich zu schlagen. Jedermann wei�, da� es unm�glich ist, einem Dronte zu entkommen. Oder glaubt es zu wissen.� Er lachte leise. �Aber man kann sich hinter einem Mythos so wirksam verbergen wie hinter einem Schild, nicht wahr? Es ist fast so wie mit dir und mir, Skar.� Er lie� sich weiter zur�cksinken, seufzte und faltete die H�nde hinter dem Kopf; er wirkte, als l�ge er irgendwo im Sonnenschein auf einer Wiese und gen�sse den Tag, nicht hier am Ende der Welt auf einer Mauer aus Eis und im Angesicht des schrecklichsten Feindes, gegen den Seeleute jemals gek�mpft haben. �Jedermann wei�, wie stark wir Veden sind, und jedermann glaubt zu wissen, da� es Selbstmord ist, einen Kampf mit einem Satai zu beginnen.�</p><p>�In gewissem Sinne...�, begann Skar, wurde aber sofort wieder von Brad unterbrochen.</p><p>�Stimmt das, ich wei߫, nickte der Vede. �Aber auch wir sind nur Menschen. So mancher von denen, die sich vor uns f�rchten, k�nnte uns in einem ehrlichen Kampf besiegen. Aber niemand versucht es auch nur. Sie haben Angst vor uns, nicht wirklich vor uns, vor den Menschen, die sich hinter euren schwarzen Harnischen oder unseren roten Umh�ngen verbergen, sondern vor unserem Mythos.�</p><p>�Manche versuchen es�, hielt Skar ihm entgegen.</p><p>Brad machte eine wegwerfende Geste. �Die Verr�ckten und �berm�tigen�, sagte er.</p><p>�Und die Besten�, erg�nzte Skar. �Du hast recht - die Menschen haben Angst vor uns, und deshalb wagen es nur die St�rksten, sich uns entgegenzustellen. Vielleicht ist das der Grund, weswegen auch Veden und Satai manchmal besiegt werden.�</p><p>Brad l�chelte. �Auch eine Art, die Dinge zu betrachten�, murmelte er. �Hoffen wir, da� du recht hast und dein Beispiel auch auf den Dronte zutrifft.�</p><p>�Es war deines�, widersprach Skar. �Aber unsere Chancen stehen nicht schlecht. Selbst, wenn es ihnen gelingen sollte, die SHAROKAAN zu entern, werden sie eine b�se �berraschung erleben. Dein Vater hat sich gut auf einen Zusammensto� vorbereitet. Dazu kommen Helth und Del...� Er wiegte den Kopf. �Ich w�rde sagen, die Karten k�nnten schlechter verteilt sein.�</p><p>Aber trotz dieser optimistischen Worte sank seine Zuversicht mehr und mehr. Sicher - die �berraschung war auf ihrer Seite. Der Dronte w�rde bestimmt hartn�ckigen Widerstand erwarten - jedermann wu�te, da� Freisegler durchaus in der Lage waren, sich ihrer Haut zu wehren, und die meisten Piraten machten einen gro�en Bogen um sie -, aber er w�rde wohl kaum damit rechnen, pl�tzlich der Elite von Enwors Kriegerkaste gegen�berzustehen. Trotzdem war Vorsicht geboten, mehr denn je. Brads Worte hatten ihm klargemacht, da� der Dronte gar keine andere Wahl hatte, als sich zum Kampf zu stellen. Seine st�rkste Waffe war Furcht, die Furcht, die die Seefahrer Enwors allein beim Klang seines Namens ergriff: sein Mythos. Wenn er die SHAROKAAN entkommen lie�, w�rde dieser Mythos zerbrechen. Er konnte es sich gar nicht leisten, den Freisegler davonfahren zu lassen.</p><p>Skar sch�ttelte mit einem leisen Seufzer den Kopf und blickte wieder auf das Meer hinab. Die Lautlosigkeit, mit der der Dronte dort unten seine Kreise zog, beunruhigte ihn fast mehr, als wenn er endlich angegriffen h�tte.</p><p>�Ich frage mich, was er vorhat�, murmelte Brad, als h�tte er Skars Gedanken erraten. Wahrscheinlich bewegten sich ihre �berlegungen im Moment in ziemlich gleichen Bahnen. �Er mu� wissen, was ihm bevorsteht, wenn er in den Kanal einl�uft. Ich w��te es.�</p><p>�Ich auch�, best�tigte Skar. �Und ich - runter!�</p><p>Das letzte Wort hatte er geschrien. Er federte zur Seite, ri� Brad mit einer kraftvollen Bewegung von der Klippe zur�ck und rollte sich, den Kopf an die Knie gezogen, so eng wie m�glich zusammen. Irgendwo auf dem nachtschwarzen Meer unter ihnen war ein winziger, grausam heller Punkt entstanden, war blitzschnell zu einem Feuerball und dann zu einem flammenspr�henden Blitz herangewachsen, der mit t�dlicher Zielsicherheit zu ihnen heraufraste. Ein ungeheures Dr�hnen und Br�llen erf�llte die Luft. Licht; gnadenlose, unertr�gliche Helligkeit �bergo� die Eislandschaft und fra� sich selbst durch Skars geschlossene Lider. Ein berstender Schlag traf die Klippe. Eine Welle wei�gl�henden Feuers rollte fauchend �ber Skar hinweg, versengte seine Haare und brachte seine Kleider zum Schwelen.</p><p>�Weg hier!� schrie er. Er fuhr herum, blinzelte aus tr�nenden Augen in das peinigende wei�e Licht und robbte auf H�nden und Knien von der Klippe fort. Vor ihm war Feuer, nichts als Feuer, Hitze, wabernde, kochende Luft und gierig ausgestreckte Flammenarme, die seinen K�rper zu versengen trachteten. Neben ihm kroch Brad hastig �ber das Eis. Seine Finger hinterlie�en blutige Abdr�cke auf dem wei�en Untergrund.</p><p>Skar schrie vor Schmerz, als ein winziger Spritzer der brennenden Fl�ssigkeit seine Schulter streifte, aber sein Schrei ging im Br�llen der Flammen unter. Hinter ihnen tobte die H�lle. Die Klippe stand auf einer L�nge von beinahe f�nfzig Metern in Flammen. Das Gescho� des Dronte hatte die Kante mit t�dlicher Pr�zision getroffen und zehn, f�nfzehn Meter massives Eis augenblicklich verdampfen lassen. Das eigentliche Brandgescho� war l�ngst abgerutscht und ins Meer zur�ckgest�rzt, aber das brennende �l war ausgelaufen und verwandelte die Mauerkrone in ein flammendes Inferno. Eis verwandelte sich zischend und krachend in Dampf, explodierte unter der ungeheuren Hitze zu kochenden grauen Schwaden und wurde unter ihren F��en rissig und w��rig firnig. Winzige Pf�tzen bildeten sich, verschmolzen zu Rinnsalen, dann zu kleinen rei�enden B�chen, die sich in die Flammen ergossen und abermals zu brodelnden Dampfwolken wurden, lange bevor sie sie erreichten.</p><p>Skar hob sch�tzend den Arm vor das Gesicht und wich weiter zur�ck. Ein durchdringender schwefeliger Gestank lag in der Luft und nahm ihm den Atem. Der gesamte Berg schien zu vibrieren. Ein tiefer, st�hnender Laut drang an sein Ohr, ein Krachen und Bersten, als schrie die gesamte gewaltige Eismasse unter den Schmerzen, die ihr das Feuer zuf�gte.</p><p>Doch so gewaltig die Hitze auch war, das Eis siegte schlie�lich. Die Flammen wurden kleiner, verloren an Wut und Macht, wechselten von kalkigem Wei� zu schmutzigem Rot, das nach wenigen Augenblicken endg�ltig von den immer schneller nachst�rzenden Schmelzwassern erstickt wurde. Nur der durchdringende Gestank ein warmer Hauch und das Knistern des Eises blieb.</p><p>�Danke�, brachte Brad m�hsam hervor.</p><p>Skar fiel es schwer, die Worte des Veden �berhaupt zu verstehen. In seinen Ohren hallte noch das Dr�hnen der gewaltigen Detonation nach. Er st�hnte, fuhr sich mit den H�nden �ber das Gesicht und stocherte mit dem kleinen Finger im linken Ohr herum. Langsam ging er zu Brad hin�ber. Das Gesicht des Veden war von Ru� verschmiert, und auf seiner nackten Brust bildete sich langsam eine gewaltige Brandblase. Sein Bart war angesengt.</p><p>�Du hast mir das Leben gerettet�, sagte Brad.</p><p>Skar winkte ab. �Das war ich dir schuldig. Wir sind quitt.�</p><p>Aber das stimmte nicht. Er wu�te es, und Brad wu�te es auch. Sie waren pl�tzlich mehr als zuf�llig zusammengekommene Kampfgef�hrten. Skar h�tte bei jedem anderen genauso gehandelt, ebenso wie Brad sein Leben riskiert h�tte, um jeden beliebigen Matrosen der SHAROKAAN aus der Eiswand zu befreien. Aber das, was zwischen ihnen geschehen war, das st�ckweise und behutsame Hinrei�en der Mauer, die zwischen Brad und ihm stand, gab dem Geschehen einen v�llig neuen Aspekt.</p><p>�Das galt uns�, sagte Skar, w�hrend er auf die noch immer brennende Klippe zeigte; rasch, beinahe verlegen und nur, um auf ein anderes Thema �berzuleiten. �Uns pers�nlich, Brad. Sie m�ssen uns gesehen haben. Wir sollten uns irgendwo eine sichere Deckung suchen - ich glaube nicht, da� das der einzige Angriff auf uns war.�</p><p>Brad wollte etwas erwidern, aber ein peitschender Knall von jenseits der Eismauer verschluckte seine Worte. Hinter ihnen stieg ein weiterer H�llenfunke in die H�he, l�schte das Samtblau des Himmels und das Silber der Sterne mit Feuer und Glut aus und �berzog das Firmament mit Feuer und die Klippe mit tanzenden roten Schatten. Skar duckte sich instinktiv, aber dieser zweite Schu� ging weit �ber sie hinweg und versank funkenspr�hend hinter dem jenseitigen Rand der Eisebene.</p><p>Brad fuhr zusammen. �Ihr G�tter!� keuchte er. �Die SHAROKAAN!�</p><p>F�r einen winzigen Moment flammten die W�nde des Sees in schmerzhaftem Wei� auf, als der Eiskessel das Feuer des Geschosses reflektierte. Skar hatte den Eindruck, direkt am Rande eines ausbrechenden Vulkans zu stehen. Dann erlosch das Licht �bergangslos. Ein dumpfer Schlag wehte zu ihnen herauf, ein Laut, als schl�ge ein gigantischer Hammer auf einen noch gigantischeren Ambo�, dann ert�nte ein machtvolles Zischen, und eine ungeheure Dampfwolke verdunkelte den Himmel.</p><p>Skar wandte sich geblendet ab. �Du hast recht!� br�llte er �ber das Zischen und Brodeln der Dampfexplosion hinweg. �Er wei�, da� wir hier sind!�</p><p>Brad sagte etwas, das vom Peitschen eines dritten Schusses �bert�nt wurde, und begann ungehemmt in seiner Heimatsprache vor sich hin zu fluchen. Das Feuer hielt weiter an. W�hrend der n�chsten halben Stunde verwandelte sich die Eisinsel in ein Chaos aus flackerndem Licht, Hitze und infernalischem L�rm. Der Dronte schleuderte mehr als drei Dutzend Brandgeschosse �ber ihre K�pfe hinweg. Der See verschwand unter einer brodelnden, von grellen Blitzen durchzuckten Dampfwolke. Das Eis bebte, hob sich und st�hnte wie ein gewaltiges lebendes Wesen. Die Hitze lie� die Kanten der Eisw�nde abschmelzen und rund werden, und die Spritzer der brennenden Fl�ssigkeit, die wie wei�gl�hende lodernde Regentropfen herabrieselten, verwandelten das Eis in eine bizarre Kraterlandschaft. Meterbreite Risse entstanden, Spr�nge rannten wie kleine lebende Wesen in unberechenbaren Richtungen durch das Eis und spalteten die Kanalw�nde, klaffende Wunden, aus denen Wasser und Dampf statt Blut sprudelten und die gierig wie aufgerissene M�uler nach Brad und Skar schnappten. �berall zischten kochende Dampfgeysire hoch.</p><p>Dann, genauso pl�tzlich, wie der Angriff begonnen hatte, h�rte das Feuer auf. Der Himmel war wieder klar, und nur vom See her klang noch das Krachen berstenden Eises und das Zischen von kochendem Wasser zu ihnen herauf.</p><p>Brad und Skar n�herten sich dem Kanal mit �u�erster Vorsicht. Das geschundene Eis schien unter ihrem Gewicht aufzust�hnen. Der Boden vibrierte, dann zerri� ein peitschender Knall die wieder eingetretene Stille, und ein gewaltiges St�ck der Kanalwand l�ste sich und polterte in einer lang anhaltenden Lawine aus Eis und halb geschmolzenem Matsch in den Graben.</p><p>Brad fluchte ungehemmt vor sich hin. Seine H�nde ballten sich in hilfloser Wut zu F�usten.</p><p>�Ich glaube, wir haben ihn untersch�tzt�, sagte Skar.</p><p>Brad knurrte. �Wer hier wen untersch�tzt hat, wird sich erst noch erweisen m�ssen, Satai�, sagte er gepre�t. Er tat einen weiteren Schritt, pr�fte, ob das br�chig gewordene Eis sein K�rpergewicht trug, und lie� sich dann auf H�nde und Knie herab, um vorsichtig an den Graben heranzukriechen.</p><p>�Dieses kleine Schauspiel war vielleicht eindrucksvoll, aber nicht besonders sinnreich�, sagte er w�tend. �Eine �berfl�ssige Demonstration seiner Macht, mehr nicht.�</p><p>�F�r uns vielleicht�, entgegnete Skar. �F�r die M�nner auf der SHAROKAAN mu� es die H�lle gewesen sein.�</p><p>�Sie waren in Sicherheit�, widersprach Brad. �Das Schiff liegt im toten Winkel unter der Wand.�</p><p>Skar dachte f�r einen Moment an Gowenna, die an Land gegangen war, weil sie w�hrend des Kampfes nicht an Bord des Schiffes hatte bleiben wollen. Aber irgend etwas sagte ihm, da� ihr nichts geschehen war. Er war v�llig sicher.</p><p>�Sie kommen.�</p><p>Skar sah, durch den pl�tzlichen Gedankensprung verwirrt, nach Westen, lie� sich ebenfalls auf H�nde und Knie nieder und kroch behutsam neben den Veden. Das Eis vibrierte unter seinem Gewicht. Ein paar kleine Brocken l�sten sich und st�rzten lautlos in die Tiefe. Aber es hielt. Vor der Einfahrt des Kanals war ein gewaltiger schwarzer Schatten aufgetaucht; ein St�ck fa�bar gewordene Nacht, hinter der die Sterne verbla�ten. Noch waren seine Segel gebl�ht, aber das w�rde sich �ndern, wenn er vollends in den Kanal eingelaufen war. Sie hatten zwei, vielleicht sogar drei Stunden Zeit. Das Kaperschiff mochte eine gr��ere Besatzung als die SHAROKAAN haben und sich vielleicht schneller als sie durch den Kanal staken k�nnen, aber auch sie w�rden Zeit brauchen. Viel mehr Zeit, als Brad und er n�tig hatten.</p><p>Skar warf dem Veden einen fragenden Blick zu. �Hier?�</p><p>�Weiter zum See hin ist es g�nstiger.� Brad deutete mit einer Kopfbewegung auf das Ende des Kanals, hinter dem die SHAROKAAN auf der Lauer lag. �Vielleicht werden sie leichtsinnig, wenn sie unbehelligt so weit kommen�, murmelte er.</p><p>Skar schenkte dem n�her kriechenden Schatten einen letzten, nachdenklichen Blick und schob sich dann langsam von der Kante zur�ck. Er h�tte sich gew�nscht, da� der Optimismus von Brads Worten mit dem in Einklang stand, was er selbst f�hlte.</p></section><section><title><p id="_5">5.</p></title><p>Sie hatten gewartet; Stunden, die ihnen wie Ewigkeiten vorgekommen waren. Obwohl der Dronte wendiger und schneller war als die SHAROKAAN, kam er kaum besser voran als sie zuvor; anders als der Freisegler hatte er die Str�mung gegen sich, und es kam ihnen vor, als w�ren die Stakger�usche langsamer geworden in den letzten Minuten. Vielleicht verlangsamte er seine Fahrt aber auch absichtlich, um vorsichtiger in den See einzulaufen. Er mu�te wissen, da� die SHAROKAAN irgendwo auf der Lauer lag und ihn erwartete. Skar versuchte, sich in die M�nner des schwarzen Seglers hineinzuversetzen. Es war sicher kein gutes Gef�hl, mit vollem Wissen in eine Falle zu laufen. Brad stand auf. �Es wird Zeit.� Er hob den Kopf und starrte einen Moment abwesend zu den Sternen empor. F�r die Dauer von zwei, drei Herzschl�gen wurde sein Antlitz von silbernem Licht beschienen, und Skar glaubte einen beinahe traurigen Ausdruck in seinen Augen zu gewahren. Aber dann bewegte er sich erneut, und sein Gesicht verlor sich wieder hinter einem Schleier aus anonymem Dunkel. F�r den Bruchteil eines Lidzuckens hatte Skar den wirklichen Brad gesehen, das denkende und f�hlende Wesen, das sich hinter der Maske einer gef�hllosen Kampfmaschine verbarg. Seine Ruhe war nur gespielt. In Wirklichkeit, das sp�rte er, tobte in der Seele des Mannes ein w�tender Kampf. Die bevorstehende Auseinandersetzung mit dem Piraten? Sicher nicht allein. Pl�tzlich bedauerte Skar, Brad nicht doch nach der Art des Gel�bnisses gefragt zu haben, das er und sein Bruder Rayan gegen�ber abgelegt hatten. Er wu�te nicht, warum, aber irgendwie glaubte er zu ahnen, da� es mit dem Dronte zusammenhing. Zusammenh�ngen mu�te.</p><p>Aber jetzt war es zu sp�t, ihn danach zu fragen.</p><p>Brad ging mit schnellen Schritten zum Rand des gewaltigen Grabens hin�ber und blieb hoch aufgerichtet stehen. �Es wird Zeit�, sagte er noch einmal, verharrte aber trotzdem weiterhin reglos. �Da ist... noch etwas, Skar�, begann er, sehr leise und so stockend, da� Skar sp�rte, wie schwer es ihm fiel weiterzureden.</p><p>�Ja?�</p><p>�Was ich dir vorhin erz�hlt habe, Skar�, fuhr Brad fort, immer noch leise und von ihm abgewandt, so da� seine Worte beinahe vom Wind verweht wurden.</p><p>�Ich werde nicht dar�ber reden. Zu niemandem.�</p><p>�Ich wei߫, nickte Brad. �Aber ich m�chte, da� du mir etwas versprichst. Wenn... wenn ich sterben sollte, hier oder sp�ter, dann k�mmere dich um Rayan. Und gib auf Helth acht. Er ist noch sehr jung; ein Kind.�</p><p>Skar nickte. Brad hatte ohne jedes Pathos, aber mit gro�em Ernst gesprochen.</p><p>�Gut�, sagte Brad. �Und jetzt la� es uns hinter uns bringen.�</p><p>Skar brauchte nicht hinabzusehen, um zu wissen, wo der Dronte war. Das helle Klirren der Eisenstangen, mit dem sich das Schiff an den Kanalw�nden entlanghangelte, auf die gleiche Weise, wie es die SHAROKAAN Stunden zuvor ebenfalls getan hatte, war w�hrend der letzten halben Stunde n�her gekommen und erklang nun direkt unter ihnen. In wenigen Augenblicken w�rde der Drachenkopf des Mordseglers in der diesseitigen Kanalausfahrt auftauchen.</p><p>Skar f�hlte, wie seine Nervosit�t verflog und jener angespannten Ruhe wich, die er immer vor einem Kampf versp�rte. Nur etwas war anders als sonst. Es war nicht nur die bekannte Ruhe, die von ihm Besitz ergriffen hatte, sondern noch etwas anderes, ein dumpfes Gef�hl qu�lenden Unbehagens. Diesmal w�rde es keinen Kampf geben, keine Auseinandersetzung Mann gegen Mann oder Schiff gegen Schiff. Jedenfalls nicht f�r sie, nicht f�r Brad und ihn, und auch nicht f�r den Dronte, wenn sie Erfolg hatten. Auf eine unlogische Art bedauerte Skar beinahe seinen Entschlu�, hier heraufzukommen. Brad und er hatten den eindeutig schmutzigeren Teil der Arbeit �bernommen, ein Vorhaben, das nach Skars Empfinden verdammt nahe an kaltbl�tigen Mord herankam. Und das Wissen, da� ihnen gar keine andere Wahl blieb und sie nur mit gleicher M�nze zur�ckzahlten, �nderte daran gar nichts. Ihr Vorhaben widersprach nicht nur dem Ehrenkodex der Satai, sondern auch allen Grunds�tzen, nach denen er bisher gelebt hatte. Aber er w�rde diesen Sprung �ber seinen eigenen Schatten tun m�ssen, wenn er �berleben wollte. Er, Brad, Del, Gowenna und all die anderen unten auf der SHAROKAAN.</p><p>Brad spannte seine Armbrust, visierte kurz die gegen�berliegende Wand an und dr�ckte ab. Das Gescho� sirrte davon, zog ein d�nnes Seil aus mehrfach verdrilltem Hanf hinter sich her und bohrte sich eine knappe Handbreit unter der Kante in das Eis.</p><p>W�hrend Brad daranging, einen Teil ihrer Ausr�stung in ein gro�es, engmaschiges Netz zu verfrachten, befestigte Skar das Ende des Seiles an einem Haken, den sie schon vorher ins Eis geschlagen hatten. Er zog ein paarmal daran und belastete das Seil schlie�lich mit seinem ganzen K�rpergewicht. Der Haltebolzen �chzte h�rbar, aber die Widerhaken hielten ihn sicher fest.</p><p>�Fertig?� fragte Brad.</p><p>Skar nickte wortlos.</p><p>Brad betrachtete sein Werk kritisch und griff dann ohne ein weiteres Wort nach dem Seil. Behende und schnell wie ein Baumaffe hangelte er sich an der Schnur �ber den Abgrund. Die Haken �chzten h�rbar unter seinem Gewicht. Ein heftiger Windsto� fauchte durch den Kanal, traf ihn und lie� ihn einen Augenblick lang wild hin und her pendeln. Aber er hing sicher am Seil.</p><p>Skar beobachtete ihn mit wachsender Besorgnis. Eingerahmt von den selbst jetzt noch in unheimlichem wei�em Licht leuchtenden Eisw�nden bot Brad ein kaum zu verfehlendes Ziel. Wenn auch nur ein einziger Pirat unten auf dem Schiff einen Blick in den Himmel warf, mu�te er ihn sehen. Und f�r einen ge�bten Bogensch�tzen stellten die zweihundert Fu� keine nennenswerte Entfernung dar.</p><p>Aber seine Besorgnis war �berfl�ssig. Brad erreichte unbehelligt die gegen�berliegende Seite und schwang sich mit einer eleganten Bewegung auf das Eis hinauf. Rasch huschte er ein paar Meter von der Kante fort, blieb geduckt stehen und winkte Skar zu.</p><p>Skar befestigte das Netz an einem Haken, h�ngte es sorgf�ltig �ber das Seil und gab ihm einen leichten Sto�. Wenige Augenblicke sp�ter hievte Brad das B�ndel zu sich hinauf und begann mit seinen Vorbereitungen.</p><p>Skar ging zu dem unordentlichen Haufen mit ihrer restlichen Ausr�stung zur�ck, nachdem er einen letzten Blick auf den Dronte geworfen hatte. Er hockte sich nieder und begann schnell, aber ohne Hast Tont�pfe, Lunten und Stoffstreifen vor sich auszubreiten. Nach kurzer Zeit hatte er mehr als ein Dutzend runder, kopfgro�er Tongef��e in einer Reihe am Rand der Schlucht aufgestellt. Die �lh�ndler im fernen Wolan w�ren erstaunt gewesen, h�tten sie gesehen, zu welchem Zweck ihre Ware hier gebraucht wurde. Normalerweise dienten die reich verzierten und bemalten Kalebassen als �llampen - aber bis an den Rand gef�llt und mit einem brennenden Lappen als Lunte versehen, gaben sie auch ganz passable Brandbomben ab.</p><p>Skar griff in das B�ndel, holte zwei Feuersteine hervor und begann sie rhythmisch aneinanderzuschlagen. Das leise Klicken hallte geisterhaft durch die Nacht und schlug glasklare, klingende Echos aus dem Eis. Einer der �lgetr�nkten Fetzen in seiner Hand begann zu schwelen und dann mit einer kleinen blauen Flamme zu brennen. Skar legte ihn vorsichtig vor sich auf den Boden, �berzeugte sich davon, da� die Flamme nicht das Eis ber�hrte und sich mit dessen Schmelzwasser selbst erstickte, beugte sich vor und sah nach unten.</p><p>Der schwarze, massige Leib des Dronte f�llte die Wasserstra�e wie ein formloses Ungeheuer aus. Das Boot befand sich noch eine halbe Schiffsl�nge vom Ende des Kanals entfernt. Seltsamerweise war au�er den Stakger�uschen kein Laut zu h�ren. Die Piraten schienen vollkommene Ruhe zu bewahren. Skar bem�hte sich vergeblich, auf dem schwarzen Deck eine Spur der Besatzung auszumachen: wenn dort unten M�nner waren, so verschmolzen sie vollkommen mit der schwarzen Farbe des Schiffes.</p><p>Er richtete sich auf und blieb einen Moment reglos stehen. In seiner rechten Hand glomm ein winziger blauer Funke.</p><p>Skar z�gerte einen Moment, dann stopfte er den brennenden Fetzen in die kaum fingergro�e �ffnung der Kalebasse und warf das Gef�� mit kraftvollem Schwung nach unten.</p><p>Der Wurf ging zu weit. Die Brandbombe flog �ber das Segel hinweg, schmolz zu einem schmalen, funkenspr�henden Strich zusammen, traf die Reling des Killerseglers und ergo� ihren Inhalt �ber Bord.</p><p>Skar schlo� geblendet die Augen. Eine grelle, gelbwei�e Flamme breitete sich in Sekundenschnelle auf dem Wasser aus, leckte gierig nach den Eisw�nden und dem schwarzen Rumpf des Dronte. Das Eis erstrahlte pl�tzlich in flackerndem wei�em Licht. Ein dumpfes St�hnen wehte zu Skar hinauf.</p><p>Aber das Feuer erlosch so schnell, wie es aufgeflammt war. Die Flammen wurden kleiner, verzehrten ihre Kraft in einem letzten, machtvollen Flackern und ertranken.</p><p>Skar z�ndete einen weiteren Lappen an und zielte diesmal sorgf�ltiger. Das Gescho� zeichnete eine funkenspr�hende Linie in die Nacht, traf das Heck des Dronte und zerplatzte. Ein Schwall brennenden �ls ergo� sich �ber die schwarzen Planken. Fast im gleichen Augenblick detonierte Brads erstes Brandgescho� am Hauptsegel und lie� es in Flammen aufgehen.</p><p>Skar warf mit fast mechanischer Pr�zision weiter. Das Deck des Mordseglers verwandelte sich in wenigen Augenblicken in ein flammendes, wei�gl�hendes Inferno. Kleine, grelle Feuerzungen gl�hten auf, liefen im Zickzack wie feurige Schlangen �ber Deck und Aufbauten des Dronte und �berzogen ihn mit einem Netzwerk aus Glut und waberndem Licht. Das Toppsegel fing mit einem einzigen berstenden Schlag Feuer. Der schmale Kanal war pl�tzlich von wei�er, schmerzhaft greller Glut erf�llt. Ein Feuerpilz w�lzte sich br�llend empor, als irgendwo tief im Leib des Dronte ein Teil seiner Ladung auf die ungeheure Hitze antwortete und explodierte.</p><p>Skar wich zur�ck, als die ungeheure Hitzewelle aus dem Schacht brach. Vor seinen F��en begann das Eis zu dampfen und zu schmelzen. Eine ungeheure Lichtflut brach aus dem Kanal und tauchte die Ebene in glei�ende, schattenlose Helligkeit. Skar st�hnte unter dem Gluthauch auf, tastete blind nach einem neuen Brandgescho� und warf es in die Tiefe. Ein weiterer dumpfer Knall mischte sich in das Prasseln und Br�llen der Flammen, aber er wu�te nicht, ob er wirklich getroffen hatte oder ob das Inferno bereits zu selbst�ndigem Leben erwacht war. Die gesamte Insel schien zu zittern.</p><p>Er atmete tief durch, sch�tzte das Gesicht mit den H�nden vor der Hitze und kroch wieder zum Rand vor. Das Eis unter seinen H�nden und Knien wurde matschig und weich.</p><p>Der Kanal hatte sich in einen Schmelztiegel verwandelt. Die spiegelnden W�nde reflektierten das grelle Licht der Flammen und steigerten es ins Unertr�gliche. Der Dronte war zu einem l�nglichen Schatten geworden, der sich unter dem Glutvorhang wie unter Schmerzen zu winden schien. Das flackernde Licht gaukelte Skar Bewegung vor, und das Br�llen der Flammen erschien ihm pl�tzlich wie der Todesschrei eines gigantischen hilflosen Tieres. Die Segel des Dronte waren verbrannt. Seine Masten lohten wie Scheiterhaufen inmitten der Glut; die Explosion von vorhin hatte sein Heck zerrissen und das hintere Drittel des Schiffes in ein Wirrwarr aus Tr�mmern und Glut verwandelt. Die Wirkung ihrer improvisierten Brandgeschosse allein h�tte nicht ausgereicht, eine solche Verheerung anzurichten. Das Feuer mu�te die Munition seiner Katapulte erreicht und in Brand gesetzt haben. Sein Rumpf gl�hte. Zwischen den berstenden Platten brach ein h�llisches, blendendwei�es Licht hervor.</p><p>Der Dronte starb. Er starb an der Glut, mit der er bisher seine Opfer versengt hatte, ging, wie in einer b�sen Rache des Schicksals, an seinem eigenen Schrecken zugrunde; eine Vernichtung, rascher und gr�ndlicher, als sie jeder Angreifer h�tte hervorrufen k�nnen. Noch w�hrend Skar hinsah, platzten die Flanken des Dronte wie unter einem gigantischen Axthieb endg�ltig auf. Ein Schwall fl�ssigen Feuers ergo� sich wie Blut aus einer schrecklichen Wunde ins Meer und f�hrte den tobenden Flammen neue Nahrung zu. Der Kanal brannte jetzt in voller L�nge. Die Flammen leckten achtzig, hundert Fu� an seinen W�nden empor, schlugen br�llend �ber dem Dronte zusammen und vereinigten sich zu einem Baldachin aus Licht und sengender Glut, unter dem es immer wieder aufblitzte, als der Dronte in einer Serie rasch aufeinanderfolgender Explosionen auseinanderbrach.</p><p>Skar fuhr erschrocken zusammen, als er sah, wie sich auf der gegen�berliegenden Seite der Kanalwand ein breiter gezackter Ri� bildete, spinnenfingrige Ausl�ufer nach allen Seiten schickte und schlie�lich die ganze Wand mit einem einzigen dr�hnenden Schlag spaltete. Sein Warnschrei wurde vom Br�llen der Flammen verschluckt. Der Ri� zuckte wie eine gierige, vielfingrige Hand nach Brad, zertr�mmerte das Eis unter seinen F��en und ri� ihn in einer Lawine von Splittern und schmelzendem Eis in die Tiefe.</p><p>Skar stand wie bet�ubt da und starrte ins Leere. Unter ihm zerri� eine weitere Explosion den Flammenvorhang und gew�hrte ihm f�r Sekunden einen Blick auf den auseinanderbrechenden Leib des Dronte. Die urspr�ngliche Form des Schiffes war kaum noch zu erkennen. Das Wasser kochte. Zischende Dampfschwaden stiegen auf, verbr�hten das wenige, das die Flammen noch nicht verzehrt hatten, ehe sie von neu emporschie�enden Feuerarmen verschluckt und auseinandergerissen wurden.</p><p>Aber Skar nahm von alldem kaum etwas wahr.</p><p>Es war vorbei.</p><p>Sie hatten gewonnen. Der Kampf war zu Ende, ehe er richtig begonnen hatte. Der Dronte war tot, von seinen eigenen Waffen vernichtet. Aber der Gedanke erf�llte ihn nicht mit Triumph oder Stolz. Er war Satai, er hatte mehr M�nner sterben sehen, als er zu z�hlen vermochte, aber dies war kein ehrlicher Kampf gewesen. Es war Mord, schlimmer noch, ein erbarmungsloses Abschlachten, in dem ihr Gegner nicht die Spur einer Chance gehabt hatte. Selbst die Angriffe des Dronte waren auf ihre Art fairer gewesen. Seine Opfer hatten zumindest die Wahl, sich zum Kampf zu stellen oder davonzulaufen.</p><p>Und auf eine qu�lende, unlogische Art f�hlte er sich verantwortlich f�r Brads Tod. Das Eis zitterte. Erneut durchlief ein tiefes, schmerzvolles St�hnen den Boden, und Skar begriff pl�tzlich, da� er sich ebenfalls in Gefahr befand. Er trat hastig ein paar Schritte zur�ck, warf einen letzten Blick auf die glosende Feuerlinie hinter sich und ging mit h�ngenden Schultern zu dem Seil hin�ber, das ihn zur�ck auf das Deck der SHAROKAAN bringen w�rde.</p></section><section><title><p id="_6">6.</p></title><p>Es wurde Morgen, bevor er an Bord des Schiffes zur�ckkehren konnte. Die Nacht war erf�llt gewesen vom Toben der Flammen und dem Bersten und Mahlen auseinanderbrechenden Eises, und mehr als einmal hatte die Klippe so heftig gebebt, da� Skar um seine Sicherheit f�rchten mu�te. Immer wieder waren Wrackteile und brennendes �l auf den See hinausgetrieben, so da� es Rayan nicht wagen konnte, sein Schiff in die N�he des Kanals zu steuern. Erst als gegen Morgen die Ebbe wieder einsetzte und das brennende �l ins offene Meer hinaussaugte, erloschen die Flammen nach und nach. Das Eis bebte noch immer, aber die ungest�me Kraft des Feuers war gebrochen.</p><p>Die gesamte Mannschaft erwartete ihn, als er auf das Deck der SHAROKAAN heruntersprang; allen voran Del und Rayan, der von einem verschlossen wirkenden Veden - Brads Bruder, wie Skar schmerzhaft zu Bewu�tsein kam - flankiert wurde.</p><p>Rayans triumphierendes L�cheln erlosch, als er den Ausdruck in Skars Augen sah. Er setzte dazu an, etwas zu sagen, trat dann aber statt dessen stumm an Skar vorbei und legte den Kopf in den Nacken. Sein Blick glitt angstvoll am Seil empor und saugte sich an der Stelle fest, an der Brad h�tte auftauchen m�ssen. Die Konturen der Eismauer waren w�hrend der Nacht weicher geworden. Die Glut hatte alle Vorspr�nge und Unebenheiten gegl�ttet und abgeschliffen.</p><p>�Wo... wo ist Brad?� fragte er mit m�hsam beherrschter Stimme. Skar wich seinem Blick aus. Rayan wu�te, was geschehen war. Aber seine Augen flehten Skar an, ihm zu sagen, da� er sich irrte, zu sagen, da� er noch dort oben war, von irgend etwas aufgehalten, da� er kommen w�rde.</p><p>�Tot�, murmelte Skar.</p><p>Von allen Reaktionen, die Skar erwartete hatte, traf keine ein. In Rayans Gesicht zuckte ein Nerv. Seine Augen weiteten sich f�r einen Moment, dann wandte er sich mit einem Ruck um und trat an die Reling. Seine H�nde spannten sich so fest um das spr�de Holz, als wolle er es zerbrechen.</p><p>�Der Dronte?�</p><p>Skar lehnte sich gegen den Mast und atmete tief ein. Zum ersten Mal seit Stunden sp�rte er die K�lte wieder. Sie und die M�digkeit: eine schwere, bleierne Last, die ihn langsam zu Boden ziehen wollte. Er konnte jetzt nicht antworten. Weder jetzt noch sp�ter. Er wollte nicht einmal denken.</p><p>�Das Eis�, sagte er nach einer Weile. �Ein Teil der Kanalwand brach unter der Hitze zusammen. Er wurde in die Tiefe gerissen.�</p><p>Rayan nickte, ohne sich umzudrehen. �Ich wu�te es�, murmelte er. �Ich wu�te es, als ich dich das Seil herunterklettern sah.�</p><p>�Es... tut mir leid�, murmelte Skar.</p><p>Helth fuhr mit einem w�tenden Schnauben herum. Seine Augen blitzten. �Es braucht dir nicht leid zu tun, Satai�, stie� er hervor. Allein die Art, in der er das Wort Satai aussprach, h�tte ihm unter anderen Umst�nden und bei einem anderen das Leben kosten k�nnen. In seinem Mund kam das Wort einer Beschimpfung gleich, und Skar zweifelte nicht daran, da� es auch genauso gemeint war. Aber er sp�rte nicht einmal �rger. Er verstand nur zu gut, was in dem jungen Veden vor sich ging. Es war der Schmerz �ber den Verlust des Bruders, der sich in Zorn auf ihn, den �berlebenden des Kampfes, entlud. Helth machte ihn f�r Brads Tod verantwortlich. Sie waren zwei gewesen, als sie hinaufstiegen, und er, Skar, war allein zur�ckgekommen. Es war nicht einmal nur der Umstand, da� Brad gefallen war. Veden standen mit dem Tod auf du und du, noch mehr als die Satai, und er hatte nichts Erschreckendes oder gar Furchteinfl��endes f�r sie. Aber Skar h�tte nicht �berleben d�rfen. Er hatte kein Recht dazu. Er h�tte nicht �berleben d�rfen. Dadurch, da� er lebte und Brad gefallen war, hatte er seinen Tod - wenigstens in den Augen von Helth - entehrt. W�re es umgekehrt gewesen, w�ren Helth und Del dort hinaufgestiegen statt ihm und Brad, und w�re nur Helth allein zur�ckgekommen, h�tte er vielleicht das gleiche gef�hlt.</p><p>�Wir brauchen kein Mitleid�, pre�te Helth noch einmal hervor. �Brad ist im Kampf gestorben. Es war ein ehrenvoller Tod. Ein Tod, wie ihn sich jeder Vede w�nscht.�</p><p>�Kampf?� Skar verzog abf�llig die Lippen. �Von welchem Kampf sprichst du, Vede? Das, was wir dort oben getan haben, war kein Kampf. Wir haben den Dronte abgeschlachtet wie ein St�ck Vieh, Helth. Und einen Tod wie diesen h�tte sich niemand gew�nscht. Auch dein Bruder nicht�, f�gte er betont hinzu. Er sah, wie Helth unter jedem Wort wie unter einem Hieb zusammenfuhr, und er sp�rte, wie weh sie ihm taten. Aber er empfand pl�tzlich eine fast sadistische Freude dabei, das Messer noch tiefer in die Wunde zu sto�en und herumzudrehen, und er sprach erbarmungslos weiter. �Niemand w�nscht sich den Tod, Junge. Weder einen solchen Tod noch einen anderen. Irgendwann wirst auch du das begreifen, wenn du lange genug lebst.�</p><p>Helth wollte auffahren, aber Rayan brachte ihn mit einem raschen Blick zum Schweigen.</p><p>�H�r auf, Skar�, sagte er leise. �Ich wei�, da� du recht hast, aber ich bitte dich zu schweigen.�</p><p>Skar gehorchte. Er wu�te selbst nicht, was ihn dazu gebracht hatte, Helth die Wahrheit so brutal ins Gesicht zu schleudern. Vielleicht, weil er sich selbst schmutzig und besudelt vorkam. Weil es Erleichterung brachte, einen anderen zu schlagen, wenn man selbst Schmerzen litt. Er hielt Rayans Blick einen Herzschlag lang stand, drehte sich um und ging langsam zum Heck und zur Kabine hinunter.</p><p>Die Kaj�te war leer. Die Kohlebecken an den W�nden waren heruntergebrannt und erloschen, und die K�lte hatte endg�ltig Einzug in das feuchte Holz der W�nde gehalten. Skar blieb einen kurzen Moment lang in der Mitte des niedrigen, gro�en Raumes stehen und schlurfte dann zum Tisch. Er f�hlte sich m�de, aber irgendwie war ihm der Gedanke an Schlaf zuwider. Mit dem Schlaf w�rden die Tr�ume kommen, und er f�rchtete sich pl�tzlich davor zu tr�umen. Er setzte sich, bettete den Kopf auf die Arme und schlo� die Augen. Aber er schlief nicht ein. Sein K�rper schrie nach Ruhe, aber sein Geist revoltierte dagegen. Vor seinem inneren Auge tanzten Bilder: Flammen, Schreie, Brads vor Entsetzen entstelltes Gesicht, obwohl er es nicht gesehen hatte.</p><p>Hinter ihm erklangen Schritte, leise, z�gernde Schritte. Er richtete sich auf, umklammerte mit den H�nden die Tischkante, als m�sse er sich daran festhalten, und drehte langsam den Kopf. Er war ersch�pft, aber beinahe dankbar f�r die St�rung. Er h�tte es jetzt nicht ertragen, allein zu sein.</p><p>Es war Gowenna. Er hatte sie oben an Deck nicht gesehen und deshalb vermutet, da� Rayan sie noch nicht wieder auf sein Schiff genommen hatte. Aber die Nacht war lang genug gewesen.</p><p>�Du bist wieder zur�ck?� fragte er.</p><p>Sie nickte: �Wenn... wenn du willst, gehe ich wieder.�</p><p>Skar l�chelte matt. �Bleib.�</p><p>Er lehnte sich zur�ck, starrte einen Moment lang an ihr vorbei gegen die Wand und schlo� schlie�lich die Augen. Jetzt, da er nicht mehr allein war, konnte er seiner M�digkeit nachgeben.</p><p>Er war froh, da� Gowenna nicht gekommen war, um mit ihm zu reden. Sie schien zu sp�ren, da� er weder allein sein noch reden wollte, und war nur da, um bei ihm zu sein, aus keinem anderen Grund als dem, einfach nur dazusein, ein Mensch, der neben ihm sa� und ihm allein durch seine Gegenwart Trost spendete.</p><p>Fr�her, dachte er, h�tte Del hier gesessen, und es w�re seine N�he gewesen, die mir half.</p><p>Gowenna blieb einen Augenblick hinter ihm stehen, ging dann leise um den Tisch herum und lie� sich auf einen Schemel sinken. Er f�hlte ihren Blick, obwohl er sie nicht ansah. Und er sp�rte, wie sich ihre Hand hob, z�gerte, �ber den Tisch auf die seine zukroch, wieder z�gerte, und dann scheu, fast �ngstlich seine Finger ber�hrte.</p><p>�Meinst du nicht, da� wir... da� wir eine Art Burgfrieden schlie�en sollten, bis das alles hier vorbei ist?� fragte sie.</p><p>Skar schwieg lange. �Haben wir denn Krieg?� fragte er schlie�lich. Gowenna antwortete nicht.</p><p>Auch nicht, als er seine Hand zur�ckzog.</p></section><section><title><p id="_7">7.</p></title><p>Die SHAROKAAN schwenkte in weitem Bogen herum. Die M�nner hatten die Segel gerefft und statt dessen wieder die Ruder zu Wasser gelassen. Die Rahen des Schiffes stachen wie blattlose �ste eines bizarren Baumes in den dunstverhangenen Himmel, d�rre schwarze Finger, die vergeblich versuchten, das schimmernde Grau hoch �ber ihnen anzukratzen. Der Segler bewegte sich nur widerwillig. Schiffe wie die SHAROKAAN waren nicht dazu konstruiert, sich auf diese Weise fortzubewegen, und die sanfte, aber best�ndige Str�mung stemmte sich zus�tzlich gegen das Schiff und zehrte den Schwung der Bl�tter wieder auf. Sie ruderten jetzt seit zehn Minuten, aber der Segler schien sich kaum von der Stelle bewegt zu haben.</p><p>Skar lehnte sich an die Reling und st�tzte die Ellbogen auf. Die l�hmende Stille, die nach seiner R�ckkehr von dem Schiff und der Mannschaft Besitz ergriffen hatte, war dem dumpfen, rhythmischen Klatschen der Ruder und den vielf�ltigen Ger�uschen des langsam wieder erwachenden Schiffes gewichen: dem Knarren und �chzen von feuchtem Holz, na� und verquollen trotz der fingerdicken Teerschicht, dem st�ndigen Flappen des Besansegels, das als einziges hochgezogen war, um den Ruderern zu helfen, das schwerf�llige Boot auf Kurs zu halten, dem Singen von Tauwerk und Kabel. Es war, als seufzte das Schiff erleichtert, endlich von der erdr�ckenden Last des Eises befreit zu sein. Durch die Hitze, die das Wasser des Sees zum Kochen gebracht hatte, war auch der Eispanzer �ber der SHAROKAAN geschmolzen. Zum ersten Mal seit Tagen war das Schiff eisfrei. Der blausilberne Spiegel des Sees war wieder zerbrochen; die Ruhe durch die vielf�ltigen Ger�usche des Schiffes und seiner Besatzung gest�rt. Vielleicht hatte hier - bevor sie kamen - ein Jahrtausend Schweigen und Stille geherrscht, aber mit der SHAROKAAN waren Hektik und Unruhe �ber den See hereingebrochen, menschliche Stimmen und Lachen; aber auch Krieg und Feuer und Tod.</p><p>Skar bewegte den Kopf. Seine Nackenwirbel knackten leise, und ein d�nner, pfeilspitzer Schmerz scho� �ber seinen R�cken. Es wurde wirklich Zeit, da� er von diesem Schiff herunterkam und wieder festen Boden unter den F��en f�hlte. Er war steif und ungelenk geworden, und es lag nicht allein an der K�lte oder den Anstrengungen der vergangenen Nacht. Er bekam hier an Bord einfach nicht genug Bewegung. Anders als Del widerstrebte es ihm, unter den Augen der Besatzung seine �bungen zu absolvieren. Er wu�te selbst nicht, warum, aber er w�re sich albern dabei vorgekommen, Gymnastik zu treiben und Schwertk�mpfe gegen nicht vorhandene Gegner auszutragen. Der See lag noch immer unter einer dichten Decke aus Nebel und Dampf, hinter der die Sonne seltsam unscharf und verschwommen aussah - ein leicht in die L�nge gezogener Kreis mit zerfaserten R�ndern, gelb und von ungew�hnlich heller Farbe. Der Nebel war warm; w�rmer, als er h�tte sein d�rfen, vermischt mit Dampf, der noch immer vom Kanal her�berwehte. Von Zeit zu Zeit ri� der Wind die wirbelnden Schwaden auseinander, und er konnte die gro�en, trichterf�rmigen Wunden sehen, die die Brandgeschosse in das Eis geschlagen hatten. Er wu�te, wie hart dieses Eis war, hart wie Stahl, geh�rtet von unz�hligen Jahrhunderten der K�lte, und obwohl er das H�llenfeuer am eigenen Leibe versp�rt hatte, erschien es ihm fast unm�glich, da� die Geschosse des Dronte eine solche Verheerung angerichtet haben sollten.</p><p>Skar sah fl�chtig auf, als Gowenna neben ihn trat. Er ging ihr aus dem Weg, wo er konnte, aber auf einem so kleinen Schiff wie der SHAROKAAN war das fast unm�glich, und wenn Gowenna es bemerkte, so ignorierte sie es. Seine Lippen verzogen sich f�r einen Moment zu einem bedeutungslosen L�cheln und erschlafften dann wieder. Seine Muskeln schmerzten. Er geh�rte nicht hierher, sondern hinunter in die Kaj�te und ins Bett. Aber er wu�te, da� er keinen Schlaf finden w�rde. Gowenna war gegangen, vorhin, aber er war weiter wach geblieben und hatte stundenlang in der leeren Kabine gehockt, bis das Schiff nach und nach wieder zum Leben erwacht war und das Zittern des Rumpfes und die Stimmen der Besatzung seine M�digkeit vertrieben hatten.</p><p>�Du siehst aus wie jemand, der seit drei Wochen mit einem schmerzenden Zahn geschlagen ist�, sagte Gowenna in dem vergeblichen Versuch, ihn aufzuheitern. �Dabei h�ttest du allen Grund zu triumphieren.�</p><p>�So?� murmelte Skar. �Habe ich das?�</p><p>Er starrte auf den keilf�rmigen Durchla� in der Eiswand. Es w�rde noch viel Zeit vergehen, ehe die SHAROKAAN ihn erreichte, vielleicht Stunden. Noch immer verwehrten dichte Nebelschleier den direkten Blick auf den Kanal. Das grelle Wetterleuchten darin hatte aufgeh�rt, und die Str�mung trug jetzt schon seit Stunden keine Flammen mehr in den See. Nur ein paar Wrackteile trieben von Zeit zu Zeit mit der Flut heran und prallten gegen den Rumpf der SHAROKAAN oder versanken in einem der zahllosen Strudel, die sich unter der tr�gerisch ruhigen Wasseroberfl�che verbargen. Es w�re f�r die M�nner an den Rudern sicher einfacher gewesen, wenn Rayan abgewartet h�tte, bis die Ebbe einsetzte und das Schiff ins offene Meer hinauszog. Aber seltsamerweise hatte nicht einer der M�nner protestiert, trotz gegenl�ufiger Flut loszurudern. Jedermann an Bord schien froh zu sein, so rasch wie nur m�glich von hier verschwinden zu k�nnen. Auch Skar selbst schlo� sich da nicht aus. H�tte es Rayan von ihm verlangt, w�rde er sich selbst hinter eines der schweren Ruder gesetzt haben. Er versuchte, den wallenden Vorhang aus Nebel und Dunst mit Blicken zu durchdringen. F�r einen Moment glaubte er, einen schwarzen, formlosen Umri� zu sehen. Aber er mu�te sich get�uscht haben. Er hatte gesehen, wie der Dronte zuerst geborsten und dann gesunken war. Der Mordsegler war vor seinen Augen in zwei Teile zerbrochen und verbrannt. Der Alptraum war vorbei. Endg�ltig. Aber es fiel ihm immer noch schwer, sich davon zu l�sen. Das Bild des schwarzen, zuckenden Leibes hatte sich tief in sein Ged�chtnis gebrannt. Und das Bild eines fallenden K�rpers...</p><p>�Wir haben etwas vollbracht, was vor uns noch keinem gelungen ist�, kn�pfte Gowenna an den Gedanken an. �Wir haben einen Dronte besiegt, Skar.�</p><p>�Sag das Rayan�, knurrte Skar. �Besiegt...� Er sch�ttelte den Kopf und stie� einen Laut aus, der irgendwo zwischen einem Lachen und einem unterdr�ckten St�hnen zu liegen schien. �Siegen, Gowenna, kann man nur in einem Kampf. Und es war keiner.�</p><p>Gowenna starrte ihn einen Herzschlag lang verwundert an. �Wieder die alte Leier, Skar?� fragte sie dann. �Ich nahm an, du h�ttest Helth diesen Bl�dsinn nur erz�hlt, um ihn zu reizen.�</p><p>�Es war kein Bl�dsinn, Gowenna�, antwortete er leise. �Ich dachte, du h�ttest es begriffen. Hast du wirklich nichts gelernt aus allem, was geschehen ist? Es macht einen Mann nicht zum Helden, einen Feind zu t�ten. Und eine Frau nicht�, f�gte er nach sekundenlangem Schweigen hinzu, �ihren Gegner zu qu�len.�</p><p>Gowenna gab ein abf�lliges Ger�usch von sich. �Du und deine Vorstellungen von Ritterlichkeit, Satai�, sagte sie. �Wei�t du, wo wir alle jetzt w�ren, wenn wir fair gek�mpft h�tten? Auf dem Meeresgrund.� Sie ignorierte seine letzten Worte, obwohl er sie lauter und mit ver�nderter Stimme gesprochen und sie dabei scharf angesehen hatte. �Ich wei߫, murmelte Skar. �Ich sage ja auch nicht, da�...� Er brach ab, bi� sich auf die Lippen und drehte sich dann mit einer ruckartigen Bewegung weg. �Vergi� es�, sagte er. Es tat ihm schon beinahe leid, das Thema �berhaupt angeschnitten zu haben. Er wu�te, da� Gowenna ihn verstand, genau begriff, was er sagen wollte, aber er wu�te auch, da� er genausogut zu sich selbst oder in den Wind reden konnte. In gewissem Sinne waren sie sich gleich, immer noch. In ihnen beiden brannte ein verzehrendes, unl�schbares Feuer, etwas, das sie vorw�rts trieb, ihnen beiden die Kraft gab, um die sie die anderen so beneideten. Die, die nicht wu�ten, welchen Preis sie daf�r zahlen mu�ten. Aber es war Ha�, der Gowenna weitertrieb, ein Ha�, der sie aufzehrte, ihr im gleichen Ma�e, in dem er ihr Kraft gab, immer mehr und mehr von ihrer Menschlichkeit nahm.</p><p>Und was ist es bei mir? dachte er. War es nicht das gleiche? War nicht das, was er f�r Trauer hielt, in Wirklichkeit nur eine andere Form von Ha�? Kein Ha� wie der Gowennas, der sich in Grausamkeit und Zerst�rung entladen w�rde, sondern eine andere, vielleicht schlimmere Form? Bildete er sich wirklich ein, �ber den Verlust, den er erlitten hatte, hinweggekommen zu sein? Jemals dar�ber hinwegkommen zu k�nnen?</p><p>Es war kein Zufall, da� er so selten mit Gowenna oder Del sprach. Er ging ihnen - beiden - aus dem Weg, seit sie an Bord gekommen waren, aber es hatte bis zu diesem Moment gedauert, bis er sich selbst dar�ber klargeworden war.</p><p>�La� gut sein, Skar�, murmelte Gowenna nach einer Weile. �Lassen wir das Thema. Du bist m�de. M�de und ersch�pft. Ich bin eigentlich nur gekommen, weil Rayan mich geschickt hat.�</p><p>�Rayan? Was will er?�</p><p>�Mit dir reden�, antwortete Gowenna mit einem Achselzucken, �und ich dachte mir, da� es besser ist, wenn ich dich hole. Statt Helth�, f�gte sie nach einer h�rbaren Pause und mit leicht ver�nderter Stimme hinzu.</p><p>�Wie geht es ihm?�</p><p>�Rayan?�</p><p>Skar nickte.</p><p>�Er spricht wenig�, sagte Gowenna. �Und was er sagt, klingt nicht gut. Er versucht wohl, sich nichts anmerken zu lassen, aber Brads Tod geht ihm nahe. Wu�test du, da� der Vede sein Sohn war?�</p><p>Skar nickte. �Brad hat es mir erz�hlt, als wir auf den Dronte gewartet haben.�</p><p>�Er ist ein sonderbarer Mann�, murmelte Gowenna. �Ich hatte geglaubt, ihn zu kennen, aber ich mu� mich get�uscht haben.� Sie lachte, sehr leise und auf sonderbare Art, trat neben Skar an die Reling und st�tzte die H�nde auf das feuchte Holz.</p><p>�Was hast du mit ihm zu tun?� fragte Skar.</p><p>�Mit Rayan?� Gowenna sch�ttelte den Kopf. �Nichts. Ich kenne ihn. Vela brachte mich einmal zu ihm, als sie mich auf eine ihrer Reisen nicht mitnehmen konnte, und seitdem haben wir uns immer wieder getroffen. Hier und dort - die Welt ist klein.�</p><p>Skar sah auf. �Und das ist alles?�</p><p>�Das ist alles�, best�tigte Gowenna. �Du solltest nicht hinter allem ein Geheimnis und Verrat sehen, Skar. Ich kenne Rayan. Jedenfalls habe ich das gedacht, bis vor wenigen Augenblicken. Wei�t du, was er vorhat?�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf und starrte weiter auf die schimmernde Wasseroberfl�che hinunter. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf den winzigen Wellen und verlieh ihnen f�r Sekunden einen eigenartigen Perlmuttglanz.</p><p>�Man sollte meinen, da� er nach allem so schnell wie m�glich von hier weg will�, fuhr Gowenna fort, �aber er l��t gerade jetzt im Moment ein Beiboot ausr�sten. Wohl kaum, um damit hinter der SHAROKAAN herzurudern. Ich glaube, er will sich das Wrack des Dronte ansehen.� Sie sch�ttelte wieder den Kopf. �Er ist wie besessen�, sagte sie leise.</p><p>�Dann pa�t er ja zu uns�, murmelte Skar. Er seufzte, drehte sich herum und schlenderte wortlos an ihr vorbei, ehe sie Gelegenheit hatte, weiterzusprechen. Er ging langsamer, als notwendig gewesen w�re, beinahe, als wolle er so die Begegnung mit Rayan so lange wie m�glich hinausz�gern, und sei es nur wenige Sekunden.</p><p>Der Freisegler stand auf dem erh�hten Achterdeck und feuerte die M�nner an den Rudern mit schriller Stimme zu gr��eren Anstrengungen an. Sein Gesicht war unbewegt, fast starr, und seine Bewegungen waren ruckhaft und von gro�er Kraft, eine stumme Pantomime, mit der der Freisegler seinen Kummer ausdr�ckte, ohne es selbst zu merken. Er gab sich noch immer M�he, sich den Schmerz �ber den Verlust seines Sohnes nicht anmerken zu lassen. Etwas von einem Veden war wohl immer noch in ihm, auch nach all der Zeit, dachte Skar.</p><p>�Du wolltest mich sprechen?�</p><p>Rayan schwieg einen Moment und sah ihn an. In seinem Gesicht zuckte es, aber er sagte nichts von alledem, was Skar erwartet hatte, sondern gab sich pl�tzlich einen sichtlichen Ruck und deutete mit einer knappen Geste auf den Nebelvorhang vor dem Eiskanal. �Das da bereitet mir Sorgen�, sagte er. �Bist du sicher, da� er wirklich gesunken ist?�</p><p>Skar verneinte. �Ich habe gesehen, wie er auseinanderbrach und verbrannte�, sagte er. �Dann trieb mich die Hitze zur�ck. Macht das einen Unterschied?�</p><p>Rayan wiegte den m�chtigen haarlosen Sch�del. �Das Wrack k�nnte die Durchfahrt blockieren�, murmelte er. �Ich wei� nicht, wie tief der Kanal ist. Ehrlich gesagt, Skar, ich habe keine gro�e Lust, mit der SHAROKAAN in dieses Mauseloch zu segeln, ohne zu wissen, was mich erwartet.� Er sprach langsam und mit �bertriebener Betonung, klammerte sich mit aller Macht an rein pragmatische Probleme, nur um von den Qualen in seinen Gedanken abzulenken. Er war ein starker Mann, aber es gab Augenblicke, da war St�rke ein Fluch. �Es wird nicht schwierig sein�, sagte Skar mit einem angedeuteten Achselzucken, �das wenige, was noch �brig ist, zu versenken oder aus dem Kanal zu r�umen. Schlimmstenfalls warten wir auf die Ebbe. Sie wird die Tr�mmer heraussp�len. Falls es �berhaupt Tr�mmer gibt. Du hast nicht gesehen, wie er gebrannt hat.�</p><p>�Trotzdem...� Rayan sch�rzte die Lippen. �Die letzten Tage haben mich gelehrt, vorsichtig zu sein.� Er blinzelte, fuhr sich mit der Hand �ber Kinn und Nase und starrte aus zusammengekniffenen Augen nach vorne. Die ehemals glatten W�nde des Kanals waren unter der furchtbaren Hitze halb geschmolzen und zu bizarren Formen erstarrt. Der Kanal wirkte pl�tzlich wie ein gierig aufgerissenes, zahnbewehrtes Maul, der Rachen eines gigantischen Eisdrachens, der nur darauf wartete, �ber seinem Opfer zusammenzuschlagen.</p><p>�Vielleicht sollte man ein Boot mit ein paar M�nnern vorausschicken�, sagte Skar, um Rayan eine Br�cke zu bauen.</p><p>�Ich hatte gehofft, da� du das sagst, Satai�, gestand Rayan leise. �Wirst du uns begleiten?�</p><p>�Uns?� fragte Skar. �Wer genau ist das?�</p><p>�Mich, Helth, ein paar meiner M�nner und deinen Freund - wenn du es willst.�</p><p>Skar schwieg einen Moment. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, Gowenna allein mit Vela an Bord zu lassen. Seit er zur�ckgekommen war, hatte er streng darauf geachtet, da� sie die Zelle mit der gefangenen Errish nicht betrat. Brad hatte recht gehabt - niemand sollte einen Menschen wie einen Hund behandeln.</p><p>Rayan schien sein Z�gern falsch zu deuten. �Ich gebe zu, da� ich neugierig darauf bin, den Dronte aus der N�he zu sehen�, sagte er. �Man bekommt eine solche Gelegenheit nicht jeden Tag. Aber es k�nnte wichtig sein. Vielleicht erfahren wir genug �ber sie, um die Gefahr ein f�r allemal bannen zu k�nnen.�</p><p>Skar z�gerte noch immer. Rayans Worte waren logisch -, da� sie nichts als eine Ausrede waren, wenn auch eine Ausrede, die er sich selbst gegen�ber brauchte, �nderte daran gar nichts -, aber gerade das war es, was ihn st�rte. Vermutlich w�rden sie nie wieder eine Gelegenheit wie diese bekommen; weder sie noch irgendein anderer Seefahrer. Im Grunde waren sie sogar verpflichtet, das Wrack des Dronte - falls es eines gab - peinlich genau zu untersuchen.</p><p>Skar ertappte sich bei dem Gedanken, da� es gut w�re, nichts zu finden. Die Vorstellung, die verkohlten �berreste des Schiffes aus der N�he sehen zu m�ssen, bereitete ihm Unbehagen.</p><p>Und auch Rayan war nicht halb so gefa�t, wie er vorgab. Unter der d�nnen T�nche aus Selbstbeherrschung brodelte es. Etwas, das nicht allein mit dem Schmerz �ber den Verlust seines Sohnes oder der Erregung �ber den Sieg - nicht einmal mit beidem gemeinsam - zu erkl�ren war, ging in dem Freisegler vor. Die Tatsache, das begriff Skar pl�tzlich, da� Helth und Brad seine S�hne waren, war nicht alles. Sein Geheimnis war gr��er, gr��er und d�sterer. Und es hing irgendwie mit dem Dronte zusammen.</p><p>�H�ltst du es f�r klug, selbst mitzukommen?� fragte er vorsichtig. �Das Schiff w�re ohne F�hrung, wenn dir etwas zustie�e.�</p><p>Rayan machte eine wegwerfende Handbewegung. �Wenn uns dort vorne etwas zust��t�, sagte er betont, �wenn es dort noch irgend etwas Lebendes gibt, das uns die Ausfahrt verwehren kann, Skar, dann ist das Schiff so oder so verloren. Ob mit oder ohne F�hrung.� Skar �berlegte einen Moment; verwundert �ber seine eigenen Gef�hle. Wieso sorgte er sich pl�tzlich so um Rayan? Der Freisegler war gewi� erfahren genug, allein �ber sein Schicksal zu entscheiden und die Risiken abzuw�gen. Aber seit sie dieses schweigende eisige Grab am Rande der Welt betreten hatten, war etwas mit ihm geschehen. Es war, als w�re die sterile, lebensverneinende Feindseligkeit der wei�en H�lle in seine Seele gekrochen und h�tte dort einen wahren Sturm von Gef�hlen ausgel�st; Gef�hle, die ihm selbst fremd waren und ihn erschreckten, etwas, als wehre sich sein Unterbewu�tsein gegen das, was da von au�en herandr�ngte.</p><p>�Gehen wir�, schlug er vor.</p><p>Rayan lief mit raschen Schritten die kurze Treppe zum Hauptdeck herunter und eilte an Skar vorbei zur Backbordreling. Einer seiner Matrosen verschwand auf einen wortlosen Wink des Freiseglers unter Deck, wahrscheinlich, um Del zu holen.</p><p>Das Boot - eine kaum zw�lf Fu� lange Pinasse, die nur von zwei Rudern vorw�rts bewegt wurde - war bereits zu Wasser gelassen und mit vier kr�ftigen Matrosen bemannt. Rayan machte eine einladende Geste und sprang mit einem eleganten Satz in das nur wenige Fu� tiefer liegende Boot hinab. Skar folgte ihm auf die gleiche Weise, suchte sich auf der schmalen Sitzbank einen Platz und lie� sich darauf nieder. Del erschien nach �berraschend kurzer Zeit. Der Matrose schien ihm genau gesagt zu haben, was man von ihm erwartete, denn er stieg ohne zu z�gern �ber die Reling, suchte einen Moment mit ausgebreiteten Armen in dem schwankenden Boot nach einem Platz und lie� sich dann neben Skar nieder.</p><p>Sie legten ab. Die Matrosen bewegten die Pinasse mit kr�ftigen Ruderschl�gen von der SHAROKAAN weg und auf die Eiswand zu. Der Nebel schien sich zu lichten, als sie n�her kamen, aber Skar wu�te, da� das nichts als eine optische T�uschung war. Der Blick reichte kaum zwanzig Fu� weit, aber die huschenden Schatten erweckten den Eindruck, in graue Unendlichkeit zu blicken. Treibende Eisbrocken stie�en mit dumpfem Ger�usch gegen die Bordwand, und einmal schrammte etwas mit einem harten Schlag unter dem Rumpf entlang. Das Ger�usch des Windes schien sich zu steigern, war pl�tzlich nicht mehr das Wimmern von Sturmb�en, die sich an den Kanten und Erkern der eisigen Burg brachen, sondern das Heulen eines gewaltigen eisigen Gottes, in dessen Reich sie eingebrochen waren.</p><p>Skar warf Rayan einen verstohlenen Blick zu. Der Freisegler hatte jetzt, wo er sich unbeobachtet glaubte, seine starre Maske fallen gelassen. Sein Gesicht wirkte angespannt und verkrampft. Ein seltsames, verzehrendes Feuer glomm in seinen Augen. Schmerz? dachte Skar. Ha�? Irgendwie konnte er sich keines von beiden vorstellen. Der Killersegler war ihr Feind gewesen, nicht nur ihrer, sondern der Todfeind aller Seeleute. Aber man ha�te einen Dronte nicht. Man konnte es nicht, ebensowenig, wie man ein Erdbeben oder einen Vulkan hassen konnte. Man konnte den Dronte bek�mpfen, vor ihm davonlaufen oder ihn verfluchen, aber man konnte ihn nicht hassen. Dronte waren keine Feinde wie normale Kaperschiffe oder Zollsegler, sondern etwas, das mit der Unerbittlichkeit eines Naturereignisses hereinbrach und dem man nur mit den gleichen Gef�hlen begegnen konnte. Jedenfalls hatte er das bis jetzt geglaubt. Aber der Ausdruck auf Rayans Z�gen war Ha�. Ein Ha� von einer Intensit�t, der dem Gowennas gleichkam und ihn schaudern lie�. Es war ein Ha�, der nicht allein aus dem Verlust eines Sohnes geboren war.</p><p>Er drehte sich herum und blickte in das Gesicht des Veden, der halb aufgerichtet im Heck der Pinasse hockte und mit einer Hand das Ruder hielt. Helth hatte seinen scharlachroten Fellumhang gegen ein schwarzes, von d�nnen silbernen F�den durchzogenes Cape eingetauscht; ein dunkler, zweifingerbreiter Ru�streifen zog sich �ber seine Augen bis an die Schl�fen herauf, und auf seiner Stirn war eine kleine, V-f�rmige Schnittwunde, kaum verkrustet und hellrot gl�nzend. Es war die Art, in der Veden sich zu kleiden pflegten, wenn sie trauerten. Oder wenn sie in einen Kampf zogen, von dem sie glaubten, sie w�rden ihn nicht �berleben, dachte er erschrocken.</p><p>�Langsamer!�</p><p>Die Ruderschl�ge wurden langsamer und h�rten schlie�lich ganz auf. Das Boot trieb noch ein St�ck gegen die Str�mung an und verharrte schlie�lich bewegungslos auf der Stelle, als sein Schwung aufgezehrt wurde.</p><p>Der Nebel ri� unter einem pl�tzlichen Windsto� auseinander. Zu ihrer Linken tauchte die Eiswand auf, senkrecht, schimmernd und von der Gluthitze des Feuers mit einer Unzahl von Rissen, Einbuchtungen und gro�en blinden Flecken verunziert, die wie schorfiger Ausschlag aussahen. Davor begann sich ein gro�er, schwarzer Umri� abzuzeichnen.</p><p>Skars Herz schien einen Schlag zu �berspringen und dann schneller und unregelm��iger weiterzuh�mmern. Der Nebel verwischte die Umrisse des Schiffes und gab ihm Bewegung und Leben, die nicht da waren; lie� es gleichzeitig gr��er und bedrohlicher erscheinen, als es war. Aber er war wiederum nicht dicht genug, um zu verbergen, da� das Schiff als l�nglicher schwarzer Umri� vor der Eiswand hockte, ein mi�gestaltetes Monstrum, schwarz, leckgeschlagen und zernagt. Aber nicht gekentert und schon gar nicht zerbrochen.</p><p>�Aber das ist doch... unm�glich�, murmelte er. In einer blitzartigen Vision sah er noch einmal die glei�enden Flammen aus dem aufbrechenden Leib des Dronte hervorquellen, feuriges Blut, das aus den Wunden brach, die sie ihm geschlagen hatten, noch einmal Wasser sich einen Weg durch die berstenden Rumpfplatten brechen, den Mast aufflammen und vergl�hen wie einen d�rren Ast... Er sah noch einmal, wie sich das Schiff auf die Seite legte und dann langsam in zwei Teile zerbrach. Und bevor er sich dagegen wehren konnte, sah er noch einmal den schwarzen, spinnenfingrigen Ri�, der die Eiswand hinauflief und Brad in die Tiefe schleuderte.</p><p>Das Boot schwenkte auf ein gemurmeltes Kommando Rayans herum und hielt auf den Dronte zu. Der Freisegler stand auf und trat mit einem schnellen Schritt zum Bug, streckte die Arme aus und blieb in einer erstarrten, beinahe grotesk wirkenden Haltung stehen, die H�nde in einer weit ge�ffneten, greifenden Bewegung vorgestreckt. Sie zitterten, als k�nne er es nicht mehr erwarten, den Killersegler aus allern�chster N�he zu sehen, ihn zu ber�hren...</p><p>�Schneller!� Rayans Stimme kr�chzte.</p><p>Der Dronte wuchs heran. Er lag tiefer im Wasser, als Skar in Erinnerung hatte. Die Wellen schwappten nur wenige Handbreit unter den Resten der verkohlten Reling gegen den schwarzen Rumpf. Eine �lige, dunkle Fl�ssigkeit quoll wie d�monisches Blut aus den zerbrochenen Planken und durchsetzte das Meer mit schwarzen Schlieren.</p><p>Auch Skar hatte sich halb aufgerichtet und stand direkt hinter dem Freisegler. Seine Gedanken �berschlugen sich. Unm�glich! dachte er entsetzt. Es war unm�glich. Unm�glich! Er hatte mit eigenen Augen gesehen, wie das Schiff unter einem h�llischen inneren Feuer aufgebrochen und bis zur Unkenntlichkeit verbrannt war. Verbrannt und zerbrochen!</p><p>Sie konnten weitere Einzelheiten erkennen, als sie n�her kamen. Der Dronte war verwundet, t�dlich verwundet. Die Masten waren zu schweren, d�rren Str�nken verkohlt, von denen nicht einmal mehr die Reste von Segeln hingen, die Decksaufbauten vergl�ht und zu unf�rmigen Klumpen zusammengesunken, die wie geschmolzenes und nur halb wieder fest gewordenes Wachs aussahen. Formlose, dunkle Dinge bedeckten das verschmorte Deck. Einige davon sahen aus, als w�ren es einmal Menschen gewesen.</p><p>�Irgend etwas stimmt hier nicht�, murmelte Del. Er hatte unwillk�rlich die Stimme gesenkt und fl�sterte nur noch, als f�rchte er, den schwarzen Todesengel allein durch den Klang seiner Worte aufzuwecken. Aber die spiegelnden Eismauern, die sie wie die W�nde eines gewaltigen Grabes umschlossen, reflektierten seine Worte und warfen sie vielfach gebrochen und verzerrt wieder zur�ck. Skar schauderte. Mit einem Mal fror er wieder, aber es war nicht mehr die �u�ere K�lte, sondern etwas, das aus der Tiefe seiner Seele in ihm emporkroch und sich wie ein l�hmendes Gift in seinen Adern ausbreitete. Er hatte das gleiche schon einmal gesp�rt, einen Tag bevor sie in den Kanal eingelaufen waren, nur war es diesmal ungleich st�rker und furchteinfl��ender.</p><p>�Rayan!� keuchte er. �Kehr um. La� uns hier verschwinden. Irgend etwas stimmt hier nicht. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie er auseinandergebrochen ist!�</p><p>Rayan wandte m�hsam den Kopf. Skar sah, wie schwer es ihm fiel, den Blick von den bizarren Umrissen des Dronte zu nehmen. Rayan machte den Eindruck eines Mannes, der aus einem tiefen, qu�lenden Alptraum erwachte und sich nur m�hsam wieder in der Wirklichkeit zurechtfand.</p><p>�Umkehren?� murmelte er. �Jetzt? Jetzt, wo ich ihn habe? Wo ich dieses Ungeheuer endlich erlegt habe?� Skar entging der wahre Sinn seiner Worte.</p><p>�Du mu�t zur�ck!� sagte er beschw�rend. �Irgend etwas stimmt hier nicht. Ich sp�re es, Rayan. Glaube mir - ich habe gesehen, wie er verbrannt ist, vor meinen Augen!�</p><p>�Du... du mu�t dich get�uscht haben�, sagte Rayan m�hsam. �Die Flammen k�nnen einem Dinge vorgaukeln, die nicht da sind. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr, ob das Schiff verbrannt ist oder nicht. Seine Besatzung ist es. Niemand kann den Brand �berlebt haben. Sie sind tot.�</p><p>Skar ballte in hilfloser Verzweiflung die F�uste. Er wu�te, was er gesehen hatte. Der Dronte war verbrannt, tats�chlich, nicht etwa in seiner Einbildung und nicht als Trugbild der Flammen. Aber er wu�te auch, wie sinnlos es war, weiter mit Rayan reden zu wollen.</p><p>Gowennas Worte fielen ihm ein. Besessen, hatte sie gesagt. Ja, das war er wohl - besessen. Aber besessen wovon? Von Rache? Rache f�r den Tod seines Sohnes? dachte er. Kaum.</p><p>Das Boot stie� mit dumpfem Knirschen gegen das Wrack, und Rayan sprang mit einem kraftvollen Satz auf das Deck des Dronte hinauf. Skar, Helth und zwei der Matrosen folgten ihm, w�hrend die beiden anderen Seeleute und Del auf einen knappen Wink des Veden hin zur�ckblieben, um ihnen f�r alle F�lle den R�cken zu decken. Das Boot entfernte sich wieder ein St�ck und blieb in geringem Abstand liegen.</p><p>Skars Anspannung wuchs ins Unertr�gliche, als er das Wrack betrat. Er war sich der Tatsache bewu�t, da� sie etwas taten, was vor ihnen noch keinem Sterblichen gelungen war. Sie hatten einen Dronte geentert! Der Alptraum aller Seefahrer, das absolute Nonplusultra des Schreckens lag tot und besiegt zu ihren F��en.</p><p>Was hatte Brad gesagt? Das Ende eines Mythos? Ja, das war es wohl. Das Ende einer Legende, das Ende eines Schreckens, der so alt wie das Meer war. Ganz gleich, was aus ihm oder diesen M�nnern um ihn herum wurde - wenn nur einer von ihnen lebend zur�ckkam und berichtete, was sich hier abgespielt hatte, waren die Tage der Dronte gez�hlt. Sie waren nur so lange unbesiegbar gewesen, wie man sie daf�r gehalten hatte. Aber Skar versp�rte nichts von Hochgef�hl oder gar Ehrfurcht, nichts von alledem, was in einem solchen Augenblick angebracht gewesen w�re. Er hatte nur Angst. Erb�rmliche Angst.</p><p>Und diese Angst war nicht einmal unbegr�ndet. Etwas, das nicht einmal in Gedanken, geschweige denn in Worte zu kleiden war, ging von dem Wrack aus. Eine Stimmung der D�sternis, des Schreckens, als w�re das Schiff von einer unsichtbaren, dunklen Aura umgeben, eingesponnen in ein Netz, dessen Maschen aus den wehklagenden Seelen seiner Opfer gekn�pft waren. Es war genau das, was Skar dachte, genau diese Worte; Worte, �ber deren Sinn und Wahl er in einem anderen Augenblick nur gelacht h�tte. Jetzt �ngstigten sie ihn. Er zog sein Tschekal aus der Scheide und sah sich mi�trauisch nach allen Seiten um. Der Anblick war grauenerregend und faszinierend zugleich. Der Dronte war tot, und er war es doch nicht, so wie ein Schlachtfeld nach der Schlacht nicht tot ist, sondern von den Geistern der Erschlagenen spukt. Etwas Dunkles, Unsichtbares schien �ber dem Deck zu schweben, eine k�rperlose Stimme, die mit unh�rbaren T�nen drohte und fl�sterte. Rayan und Helth waren vorausgeeilt und zum Bug gegangen, zwei zerbrechlich wirkende Gestalten, die auf dem mattschwarzen Leib des Dronte seltsam deplaciert und falsch wirkten. Mehr als alles andere demonstrierte der Anblick der beiden Menschen die Fremdartigkeit des Dronte. Das schwarze Monstrum war nicht einfach ein Piratenschiff, das Tod und Verderben s�te, sondern ein Ding aus einer anderen Welt. Ein b�ses Ding aus einer b�sen Welt. Wo es war, konnte kein Leben sein, und umgekehrt. Pl�tzlich begriff Skar, warum die schwarzen Mordsegler so waren. Sie konnten nicht anders. Es war weder Berechnung noch Lust am T�ten in ihrem Tun. Die Gegenwart des Dronte schlo� die von Leben aus. So wie Feuer und Wasser sich unerbittlich bek�mpften, konnte auch in einer Begegnung zwischen dem Dronte und Leben - Leben in jeder Form - nur einer von beiden weiter existieren. Ein Kampf auf Leben und Tod war unvermeidlich.</p><p>Irgendwo, tief unter seinen Gedanken, seinem bewu�ten Zugriff noch entzogen, unformuliert und nicht in Worte gefa�t, war etwas. Er sp�rte, da� er dicht vor der L�sung eines phantastischen Geheimnisses stand. Aber gleichzeitig schreckte er davor zur�ck, wehrte sich mit aller Macht gegen den Gedanken.</p><p>Von pl�tzlicher Unruhe gepackt, begann er �ber das Deck zu wandern. Der Boden unter seinen F��en f�hlte sich seltsam hart und unnachgiebig an, als bef�nde sich unter der krumig verbrannten schwarzen Schicht kein Holz, sondern massiver Stahl. Er blieb stehen und schlug mit seinem Schwert spielerisch auf die Reling. Die Schneide drang fingertief ein und sprang mit einem hellen Klingen zur�ck. Skar hob die Waffe verbl�fft vor die Augen. Die Klinge aus nahezu unzerst�rbarem Sternenstahl hatte eine deutliche Scharte abbekommen.</p><p>Ein unmerkliches Beben ging durch den Schiffsrumpf. Skar fuhr zusammen, als er eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahrzunehmen glaubte. F�r einen winzigen Moment glaubte er, eine schlanke, in schwarzes Leder geh�llte Gestalt am Heck des Schiffes zu sehen, dunkle Augen, die ihn unter einem schwarzen Helm hervor anblickten ... Aber da war nichts. Das Schiff lag tot und reglos wie ein gewaltiger verkohlter Leichnam unter ihm.</p><p>Ein Blick in die Gesichter der anderen sagte ihm, da� es ihnen nicht besser erging. Selbst die Lippen des Veden zuckten nerv�s; seine Augen hatten sich um eine Winzigkeit geweitet. Er war bla�. Auch im Tode strahlte der Dronte noch immer Feindseligkeit und Ha� aus. Einen Ha�, der alles �berstieg, was Skar jemals erlebt hatte.</p><p>Skar ging mit ein paar Schritten in Richtung Heck und blieb erneut stehen. Hier ungef�hr mu�te die Stelle sein, an der das Deck des Dronte aufgebrochen war. Aber die schwarzen Planken waren glatt und unbesch�digt. Er glaubte, eine ver�nderte F�rbung entlang einer gezackten Linie zu seinen F��en zu bemerken, aber er war sich nicht sicher, ob sie Realit�t war oder er die Wunde nur sah, weil er sie sehen wollte.</p><p>Er kniete nieder und fuhr mit den Fingerspitzen �ber den Boden. Er f�hlte sich an dieser Stelle nicht hart, sondern im Gegenteil weich und nachgiebig und - so absurd ihm selbst dieser Vergleich vorkam - fiebrig an.</p><p>Skar schlo� die Augen und konzentrierte sich f�r einen Moment ganz auf die Eindr�cke, die ihm die Nervenenden in seinen Fingerspitzen �bermittelten. Er glaubte, ein sanftes, langsames Vibrieren zu sp�ren, etwas wie das m�hsame Schlagen eines gigantischen Herzens... Skar griff fester zu. Das scheinbar massive Holz zerri� unter seinen Fingern, zerfaserte zu einer d�nnen, lappigen Haut, die von feuchtgl�nzenden F�den durchzogen war, und gab den Blick auf den darunterliegenden Hohlraum frei, eine klaffende, dunkle Wunde, auf deren Grund etwas Schwarzes, Formloses brodelte... Dunkle Linien aus Schwarz vor einem noch schw�rzeren Hintergrund, ein Netz vibrierender, schimmernder Linien, da und dort verdickt, lebend, pochend, lebend, lebend, lebend...</p><p>�Skar!� Dels Stimme kippte fast �ber vor Panik. �Zur�ck! Komm zur�ck! DAS DING LEBT!�</p><p>F�r eine endlose Sekunde war Skar gel�hmt vor Schrecken und ungl�ubigem Entsetzen. Er wollte sich bewegen, aber es ging nicht. So wie dieses Ding unter ihm pl�tzlich von Leben erf�llt war, schien sein K�rper erstarrt, gel�hmt durch den ungeheuerlichen Anblick, durch die Furcht und die Erinnerungen, die er in seinem Geleit f�hrte. Und dann geschah alles gleichzeitig.</p><p>Das Schiff bebte. Eine Reihe schneller, krampfartiger St��e lief durch den Rumpf, ein Vibrieren und Zittern, als sch�ttle sich der gewaltige Leib unter einer Welle von Schmerz und Qual. Oder Zorn. Ein Teil der Reling brach ab und st�rzte ins Wasser, Wasser, das pl�tzlich wie unter einer gewaltigen inneren Spannung zu kochen und zu brodeln begann. Ein dumpfes, mahlendes St�hnen drang aus dem Rumpf, brach sich an den glatten Eisw�nden des Kanals und wurde grausam verzerrt zur�ckgeworfen. Etwas Gro�es, Dunkles l�ste sich mit einem peitschenden Knall vom Hauptmast, sirrte wie die Klinge eines gewaltigen schwarzen Schafotts herunter und blieb zitternd neben Skar stecken. Der Aufprall schlug winzige Splitter aus dem Deck; mikroskopische Pfeile, die rings um ihn niederregneten, �ber seine Haut schrammten und mit trockenem Knacken von seinem Harnisch abprallten, dunkle Furchen in das steinharte Leder rei�end. Einer der winzigen spitzen Dolche traf seinen ungesch�tzten Oberarm und bi� tief in seinen Muskel.</p><p>Skar schrie vor Schmerz und �berraschung auf und erwachte endlich aus seiner Erstarrung. Ein neuerliches Beben lie� das Schiff unter seinen F��en erzittern. Die scheinbar fugenlosen Planken unter ihm brachen auf, verwandelten sich in ein gewaltiges schnappendes Schildkr�tenmaul, das ihn zu verschlingen trachtete. Skar prallte zur�ck, lie� sich blitzschnell zur Seite und nach hinten fallen und rollte �ber die Schulter ab. Seine Gedanken waren noch immer taub, starr vor Schrecken und ungl�ubiger Furcht, ein ungl�ubiges Gef�hl f�rchterlichen dej�-vus, das ihn st�rker l�hmte als Gift, aber seine Reflexe, in Jahrzehnten antrainiert, behielten die Oberhand. Seine Schl�fe krachte gegen den zusammengeschmolzenen Rest eines Decksaufbaus. Er st�hnte, rollte blindlings herum und sah ein weiteres messerscharfes Knochenmaul vor sich aufklaffen. Blind vor Schmerz und Panik ri� er seine Waffe hoch und schlug mit aller Gewalt zu. Die Klinge schrammte �ber verkohltes schwarzes Horn, geriet zwischen die mahlenden Kiefer und brach ab; der Ruck prellte ihm das Heft aus der Hand und jagte einen neuerlichen l�hmenden Schmerz durch seine Arme.</p><p>Skar warf sich fluchend herum, kam auf H�nde und Knie hoch und robbte keuchend zur Reling. Neben ihm schrie einer der Matrosen gellend auf, warf die Arme in die Luft und verschwand, als der Boden unter ihm aufri�. Sein Schrei brach ab, wurde von einem gr��lichen mahlenden Ger�usch verschluckt. Der Schmerz in seinem Arm steigerte sich ins Unertr�gliche.</p><p>Skar brach zusammen, drehte sich m�hsam auf den R�cken und tastete mit zusammengebissenen Z�hnen nach dem winzigen bei�enden Splitter in seinem Arm. Der Schmerz trieb ihm die Tr�nen in die Augen, aber er ignorierte ihn und ri� das Gescho� heraus. Der Splitter war kaum l�nger als sein kleiner Finger, aber sein Arm schmerzte, als w�re er von einem Axthieb getroffen worden. Ein Tropfen schwarzer, �lig gl�nzender Fl�ssigkeit quoll aus der Wunde, gefolgt von einem Strom hellroten Blutes. Das Schiff zitterte erneut. Ein gellender Aufschrei zerschnitt die Luft, gefolgt von einem hellen, schlangenhaften Zischen und einem f�rchterlichen Laut, der ihn an das Ger�usch brechender Knochen erinnerte. Skar warf sich blind nach vorne, als er eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahrnahm. Seine Finger krallten sich um den verschmorten Rest der Reling. Mit einer verzweifelten Bewegung zog er seinen K�rper �ber Bord. Da, wo er gerade noch gelegen hatte, bohrte sich etwas Riesiges, Dunkles und Schweres in das Deck. Der Aufprall lie� das gesamte Schiff erzittern.</p><p>Der Sturz in das eisige Wasser bet�ubte ihn fast. M�hsam k�mpfte er sich an die Oberfl�che, rang keuchend nach Atem und versuchte, den immer noch schlimmer werdenden Schmerz in seinem Arm zu ignorieren. Seine Hand war gel�hmt und taub, ein nutzloser, verquollener Fleischklumpen, in dem keine anderen Gef�hle als Schmerz und unertr�gliche Qual waren. Er sp�rte, wie die L�hmung sein Handgelenk erreichte und unbarmherzig weiterkroch. Obwohl er erst wenige Sekunden im Wasser war, begann die K�lte bereits deutlich an seinen Kr�ften zu zehren. Er rang keuchend nach Luft, versuchte den Kopf �ber Wasser zu halten und schwamm, mit ungeschickten, ruckartigen St��en und nur den rechten Arm und die Beine gebrauchend, auf das Boot zu, in dem Del und die beiden Matrosen hilflos den letzten Akt des Dramas verfolgten. Irgend etwas klatschte neben ihm ins Wasser und versank sprudelnd in der Tiefe.</p><p>Skar warf sich herum, schluckte Wasser und kam keuchend und w�rgend wieder an die Oberfl�che, nur um eine halbe Sekunde sp�ter erneut wie von einer gewaltigen eisernen Faust in die Tiefe gezogen zu werden. Das Wasser rings um ihn herum schien zu kochen. Die K�lte bi� wie fl�ssiges Feuer durch seine Haut, verwandelte seine Muskeln in verkrampfte, nutzlose B�ndel und l�hmte seine Lungen. Jemand griff nach seinem Arm - dem linken, schmerzenden Arm -, packte ihn und ri� seinen fast leblosen K�rper mit einem Ruck, der ihm fast das Schultergelenk auseinanderzurei�en schien, an Bord der Pinasse. Seine Rippen schrammten �ber die niedrige Bordwand.</p><p>Er sp�rte den Schmerz kaum noch. Im Wasser war die K�lte grausam gewesen; hier war sie unertr�glich. Skar hustete, erbrach Salzwasser und blutigen Schleim und lie� sich keuchend und w�rgend zwischen Dels Beinen zu Boden sinken. Die K�lte fiel �ber ihn her wie ein w�tendes Tier, versengte seine Haut, stach und w�hlte in seinen Eingeweiden und machte jeden Atemzug zur H�llenqual. Vor seinen Augen wogten blutgetr�nkte Nebelschleier.</p><p>�Bist du in Ordnung?� Del ber�hrte seine Schulter, schlug ihm zweimal hintereinander mit der flachen Hand ins Gesicht und sch�ttelte ihn so lange, bis er die Augen �ffnete. Das Boot zitterte. Eine eisige Welle schwappte �ber seinen Rand. Ein gellender, unmenschlicher Aufschrei zerschnitt die Luft. Ruder klatschten ins Wasser. Jemand schrie.</p><p>�Rayan!� st�hnte Del.</p><p>Skar stemmte sich m�hsam hoch. Er zitterte. Seine Z�hne schlugen klappernd aufeinander, und seine Haut schien am eisverkrusteten Holz des Bootes festzukleben. Er mu�te all seine Willenskraft aufbieten, um sich vollends aufzusetzen.</p><p>Rayan, Helth und der zweite Matrose waren wie durch ein Wunder noch am Leben. Skar begriff pl�tzlich, da� seit seinem verzweifelten Sprung ins Wasser erst wenige Sekunden verstrichen waren, obwohl es ihm wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen war.</p><p>Der Dronte schien alle Energie aufzubieten, um seiner Opfer doch noch habhaft zu werden. Irgend etwas Schwarzes, Formloses wuchs hinter den drei M�nnern auf und griff mit d�nnen, peitschenden Tentakeln nach ihnen. Helth wirbelte herum. Das Schwert sprang wie von selbst in seine Hand, schnitt einen flirrenden Halbkreis in die Luft und zerbrach an schwarzgl�nzendem Horn. Der Vede taumelte zur�ck, strauchelte und fiel mit einem gellenden Aufschrei �ber Bord. Ein Hagel von winzigen Geschossen �bersch�ttete die beiden anderen M�nner als sie verzweifelt versuchten, ebenfalls zur Reling durchzubrechen. Der Matrose schrie auf, griff sich an die Brust und brach in die Knie. Roter, blasiger Schaum trat auf seine Lippen. Er lie� seine Waffe fallen, stemmte sich noch einmal hoch und taumelte, blind vor Schmerz und Angst, auf die Reling zu.</p><p>Del keuchte, als er die Gefahr erkannte. �Pa� auf!�</p><p>Seine Warnung kam zu sp�t. Der Hauptmast zuckte. Rayan schrie auf, wurde wie eine Stoffpuppe durch die Luft geschleudert und versank in brodelndem Wasser. Eine rasche, wellenf�rmige Bewegung lief �ber das Deck des Dronte. Die Rahe senkte sich wie ein absurder d�rrer Finger herab, schlug mit einer spielerisch anmutenden Bewegung nach dem fl�chtenden Matrosen und schnippte ihm den Kopf von den Schultern. Der verst�mmelte Torso taumelte noch zwei, drei Schritte weiter und brach wie vom Blitz getroffen zusammen.</p><p>Skar schlo� entsetzt die Augen. Eine �belkeit stieg in ihm empor, die nicht allein auf die Verletzungen und die Schw�che zur�ckzuf�hren war. Das Boot bebte, als die beiden Matrosen in die Ruder griffen und verzweifelt auf das zuckende Wrack des Dronte zupaddelten. Rayan trieb wenige Fu� vor ihnen im Meer, das sich in seiner unmittelbaren Umgebung hellrosa zu f�rben begann. Del beugte sich hinab, bekam den G�rtel des Freiseglers zu fassen und zerrte ihn mit einer gewaltigen Kraftanstrengung an Bord.</p><p>Skars �belkeit wurde noch schlimmer, als er sah, wie schwer der Freisegler verletzt war. Sein rechter Arm war dicht unter dem Ellbogengelenk abgetrennt, und quer �ber Sch�del und Gesicht zog sich eine klaffende, bis auf den Knochen reichende Wunde. Seltsamerweise bluteten die Wunden kaum.</p><p>Das Boot schaukelte heftig und f�llte sich kn�cheltief mit Wasser, als Helth auf der anderen Seite an Bord kroch. Einer der Matrosen wollte ihm helfen, aber der Vede schlug seine Hand w�tend beiseite. Sein schwarzer Umhang war zerfetzt und blutig, und auf seinem Gesicht spiegelten sich Ersch�pfung und Furcht, aber auch noch etwas anderes, n�mlich Ha� und starres, eingefrorenes Grauen. Ein Ha�, der Skar an den Ausdruck erinnerte, den er auf Rayans Z�gen bemerkt hatte, bevor sie an Bord des Dronte gegangen waren.</p><p>Rayan st�hnte leise, w�hrend Del sich einen Moment ungeschickt an seinem G�rtel zu schaffen machte und ihn dann kurzerhand entzweiri�, um seinen Armstumpf damit abzubinden. Eine Hilfeleistung, die ebenso schmerzhaft wie sinnlos war, dachte Skar. Sie z�gerten das Ende nur hinaus, vermutlich um nicht mehr als Minuten. Es w�re barmherziger, Rayan verbluten zu lassen.</p><p>Die gespaltenen Lippen des Freiseglers zuckten. Ein gurgelnder, furchtbarer Laut entrang sich seiner Brust, vermischt mit schnellen, abgerissenen Worten in einer unverst�ndlichen Sprache.</p><p>Die Pinasse wendete, und der Dronte fiel rasch hinter ihnen zur�ck. Schon nach wenigen Augenblicken war das Ungeheuer zu einem formlosen Schatten zusammengeschrumpft, der schlie�lich ganz hinter treibenden Nebelschwaden verschwand. Aber etwas von ihm schien sie zu begleiten, ein stummer, drohender, unsichtbarer Schatten, ein St�ck der k�rperlosen Furcht, die der Dronte ausatmete. Etwas von seinem Ha� auf alles Lebende, F�hlende.</p></section><section><title><p id="_8">8.</p></title><p>Rayan erwachte wieder, als sie ihn an Bord brachten. Die M�nner hatten aus Segeltuch und Stangen eine Trage improvisiert, aber die SHAROKAAN schlingerte so, da� das Gestell immer wieder gegen das Schiff stie� und sich die Ersch�tterungen schmerzhaft auf den Freisegler �bertrugen. Rayan st�hnte, bewegte sich unruhig und warf den Kopf hin und her. Aber sein Blick war klar, als er zu Skar hinaufsah. Skar wartete, bis die Matrosen das Tragegestell abgesetzt hatten. Jemand h�ngte ihm eine vorgew�rmte Decke �ber die Schultern, und in seinen H�nden dampfte ein Becher mit hei�em Wein; Dinge, die die Freisegler f�r sie alle bereithielten und die pl�tzlich sinnlos geworden waren. Allm�hlich kehrte das Gef�hl in seine abgestorbenen Glieder zur�ck; ein schmerzhaftes Kribbeln und Stechen, das jede Bewegung zur Qual werden lie�. Zum ersten Mal, seit er die SHAROKAAN betreten hatte, sehnte er sich nach der muffigen Kabine unter Deck. �Skar...� Rayan hob den Kopf, starrte sekundenlang auf den Stumpf seines rechten Armes und zog eine Grimasse. �Jetzt... hat er uns doch noch erwischt...�, fl�sterte er.</p><p>Skar tauschte einen Blick mit Helth, nahm einen Schluck Wein und kniete neben der Bahre nieder. Der Vede begann unruhig hinter ihm auf und ab zu gehen. Seine H�nde zuckten, und seine Lippen fl�sterten lautlose Worte.</p><p>Skar legte die Hand unter Rayans Kopf, zwang sich, das zerst�rte Gesicht des Freiseglers anzusehen und setzte ihm den Becher mit dem hei�en Wein an die Lippen. Rayan wehrte m�hsam ab. �La� es, Satai�, murmelte er. �Es ist... Verschwendung. Man gie�t keinen guten Wein in ein durchl�chertes Fa�.�</p><p>�Sprich jetzt nicht, Rayan�, sagte Skar. �Ich habe nach Gowenna geschickt. Sie wird dir helfen.�</p><p>�Unsinn.� Rayans Stimme zitterte, aber sie war trotzdem noch klar. Wahrscheinlich hatte er nicht einmal mehr Schmerzen. �Ich wei�, da�... da� ich sterbe. Jetzt. Aber das... das macht nichts. Ich... ich wu�te immer, da� er mich eines Tages erwischen w�rde. Es war... es war ein Spiel, wei�t du? Ein Spiel um den h�chsten Einsatz, um den ein Mann spielen kann. Fast... fast h�tte ich gewonnen.�</p><p>Skar musterte den Freisegler verwirrt. Er verstand nicht, was Rayan ihm mit seinen Worten sagen wollte, aber er begriff, da� sie mehr waren als die Fieberphantasien eines Sterbenden.</p><p>�Er hat uns alle geholt�, fuhr Rayan fort. �Einen nach dem anderen. Zuerst Suquann, dann... dann Brad... und... und jetzt mich... Helth... was... was ist mit Helth?�</p><p>�Er lebt�, sagte Skar leise. Der Vede kniete neben ihm nieder und legte behutsam die Hand auf Rayans Schulter. �Dein Sohn lebt.� Rayan sah Skar mit einer Spur von �berraschung an. �Du... wei�t...�</p><p>�Brad erz�hlte es mir, ehe er starb. Oben, auf der Klippe.�</p><p>�Er mu�... gro�es Vertrauen zu dir gehabt haben�, murmelte Rayan. �Es... es gibt nicht sehr viele Menschen, die das Vertrauen eines Veden erringen.�</p><p>Skar sah auf, als hinter ihm hastige Schritte �ber das Deck polterten und Gowenna herbeigeeilt kam. Ein Ausdruck ungl�ubigen Schreckens huschte �ber ihr Gesicht, als sie den verletzten Freisegler sah. Sie lie� sich neben Rayan in die Hocke sinken und untersuchte mit ge�bten Bewegungen seinen Arm und die Wunde in seinem Sch�del. �Was ist passiert?� fragte sie ungl�ubig. �Bei allen G�ttern, Skar - was ist dort drau�en geschehen?�</p><p>�Der Dronte�, murmelte Helth dumpf. �Er war nicht ganz so tot, wie dein Freund geglaubt hat.�</p><p>Skar sah alarmiert auf, aber Helth starrte mit unbewegtem Gesicht auf den See hinaus. Er sch�ttelte den Kopf, lie� Rayans Haupt behutsam zur�cksinken und setzte sich etwas bequemer hin.</p><p>�Kannst du ihm helfen?� fragte er leise.</p><p>Gowenna l�chelte traurig. �Ich kann ihm seinen Tod erleichtern, Skar�, sagte sie. �Mehr nicht.�</p><p>Helth fuhr auf. �Aber du hast ihn ja nicht einmal untersucht.�</p><p>�Es gibt nichts, was ich f�r ihn tun k�nnte�, wiederholte Gowenna ruhig. �Es tut mir leid, Helth. Er stirbt.�</p><p>�Die... die Errish k�nnte ihm helfen�, stammelte Helth. Pl�tzlich, von einer Sekunde auf die andere, war von seiner �bermenschlichen Selbstbeherrschung nicht einmal mehr eine Spur geblieben. Er war jetzt nur noch ein Sohn, der um seinen sterbenden Vater bangte. �Auch sie kann nicht zaubern, Helth�, erwiderte Gowenna. �Die Errish k�nnen heilen, aber wo der Tod einmal seinen Anspruch angemeldet hat, sind auch sie hilflos.�</p><p>�Versuche es�, bat Skar. �Geh hinunter und hole sie.�</p><p>�Aber es ist sinnlos, Skar�, sagte Gowenna. �Du wei�t es so gut wie ich. Sie...�</p><p>�Sie steht unter dem Einflu� der Droge, die du ihr gibst�, sagte Del hart. �Das ist es doch, nicht wahr?�</p><p>Gowenna sah mit einem zornigen Laut auf. �Das ist es nicht�, sagte sie w�tend. �Sie k�nnte so oder so nichts mehr f�r ihn tun. Er stirbt. Er ist schon tot, siehst du das nicht? Er wehrt sich nur noch.�</p><p>�H�rt auf�, murmelte Rayan. �Bitte - Gowenna hat recht. Ich... wei�, da� es zu Ende geht. Aber... aber ich m�chte dich um etwas bitten, Satai. Du... du mu�t mir etwas versprechen.�</p><p>Skar nickte, und Rayan fuhr nach langem Schweigen fort: �Ich habe dich belogen, Skar. Dich und Gowenna. Es... war kein Zufall, da� wir auf den Dronte gesto�en sind. Nicht auf dieser Fahrt.�</p><p>�Wie meinst du das?� fragte Skar. Er sp�rte, wie sich Helth neben ihm spannte.</p><p>Rayans zerschmettertes Gesicht verzerrte sich zu einem m�hsamen L�cheln. �Ich habe ihn gesucht�, sagte er. �Mein ganzes Leben lang habe ich ihn gesucht. Ich wollte ihn haben. Ich... wollte diesen Kampf. Die letzten zwanzig Jahre meines Lebens habe ich allein dieser Aufgabe gewidmet, Skar. Ich... habe mehr Fahrten durch das Gebiet des Dronte gemacht als irgendein anderer Kapit�n. Ich... ich wu�te, da� es eines Tages so kommen w�rde. Und ich wu�te auch, da� nur einer von uns die Begegnung �berleben konnte. Die Welt ist nicht gro� genug f�r den Dronte und mich.�</p><p>�Den Dronte?� wiederholte Skar betont. �Du redest, als g�be es nur diesen einen.�</p><p>�Das stimmt�, nickte Rayan. �Ich... ich habe ihn so oft gesehen wie kein anderer. Es gibt nur diesen einen. Deshalb... mu� er vernichtet werden.�</p><p>�Du bist absichtlich in sein Gebiet gesegelt?� fragte Skar ungl�ubig. �Ja. Noch... noch nie waren die Karten besser verteilt. Wir h�tten es schaffen k�nnen. Wir waren nicht so wehrlos wie die anderen. Zwei Veden und zwei Satai auf einem Schiff... Der... der Dronte hat niemals gegen einen gef�hrlicheren Gegner k�mpfen m�ssen. Wir haben auf diesen Tag zwanzig Jahre lang gewartet, Brad, Helth und ich.�</p><p>�Aber warum?� fragte Skar. Er ahnte den Sinn von Rayans Worten. Aber sein Verstand weigerte sich, sie zu glauben.</p><p>�Suquann�, murmelte Rayan. �Sie war... mein Weib. Die Mutter von Brad und Helth. Sie... sie starb, als das Schiff, mit dem sie nach Hause kommen sollte, vom Dronte vernichtet wurde. An... an diesem Tag habe ich Rache geschworen. Und... ich habe meinen Schwur gehalten. Beinahe, jedenfalls.� Mit einer Kraft, die Skar seinem geschundenen K�rper niemals mehr zugetraut h�tte, stemmte er sich hoch und sah ihn an.</p><p>�Versprich mir etwas, Satai�, fl�sterte er. �Rette das Schiff. Ich... lege das Kommando in deine H�nde. Du... du kannst es schaffen, Skar. Nur du.�</p><p>�Aber Helth...�</p><p>Rayan unterbrach ihn mit einem abgehackten Kopfsch�tteln.</p><p>�Du!� beharrte er. �Du bist... wie Brad, und Brad... h�tte es geschafft. Es darf nicht alles umsonst gewesen sein! Ich will nicht, da� alle umsonst gestorben sind. Rette das Schiff, Skar! Du... du mu�t es zur�ckbringen und allen sagen, was hier geschehen ist. Sie m�ssen es wissen. Die... die ganze Welt mu� erfahren, da� der Dronte nicht unverwundbar ist. Wir... h�tten es schaffen k�nnen, aber wir waren nicht stark genug. Aber wenn es alle wissen..., sie..., gemeinsam k�nnen sie es schaffen. Gemeinsam k�nnen sie ihn vernichten... Sage ihnen, wie man das Meer von dieser Plage befreien kann. Sag ihnen, wie...� Seine Stimme ging in einem unterdr�ckten Aufschrei unter, als ein neuer Krampf seinen K�rper sch�ttelte. Er fiel zur�ck, b�umte sich noch einmal auf und lag dann still.</p><p>�Er ist tot�, sagte Gowenna.</p><p>Skar nickte. Rayan war tot, aber es war ein Tod, um den Skar den Freisegler fast beneidete, trotz all der Qualen, mit denen er verbunden gewesen war. Wenigstens hatte er etwas mit hin�ber in das dunkle, schweigende Reich jenseits des Styx nehmen k�nnen. Etwas, das wohl die wenigsten auf diesem Flu� ohne Wiederkehr bei sich hatten: Hoffnung.</p><p>Er stand auf und winkte einen Matrosen herbei. �Bringt ihn fort. Und behandelt ihn vorsichtig. Er war ein tapferer Mann.�</p><p>Ein paar der Seeleute machten sich daran, seinen Befehl zu befolgen, w�hrend die anderen stumm dastanden und abwechselnd Skar und den Veden ansahen.</p><p>Skar sp�rte pl�tzlich die Spannung, die zwischen ihm und Helth bestand. Die ganze Mannschaft war hier auf dem Vorderdeck zusammengekommen. Sie alle hatten die letzten Worte ihres Kapit�ns vernommen, und es war wohl nicht einer unter ihnen, der nicht wu�te, welcher Schrecken in der treibenden Nebelwand dort vorne auf sie lauerte. Auf allen Gesichtern waren die gleichen Empfindungen geschrieben: Angst, Hoffnungslosigkeit und Schrecken; da und dort Verzweiflung. Keine Hoffnung mehr. Mit Rayan war mehr gestorben als ihr Kapit�n.</p><p>Skar begann sich mit jeder Sekunde unwohler zu f�hlen. Der Freisegler hatte ihm die Verantwortung f�r ein halbes Hundert Menschenleben aufgeb�rdet. Eine Verantwortung, die er weder tragen konnte noch wollte. Und da war noch Helth. Rayans Sohn und Erbe. Auch wenn ihn die Besatzung offensichtlich nicht besonders mochte, so war er immer noch Rayans Sohn und bekannter als Skar, der fremde, von allen halbwegs gef�rchtete, halbwegs wohl auch bewunderte, aber von keinem geliebte Satai.</p><p>�Ihr habt geh�rt, was Rayan gesagt hat�, sagte er laut. �Ich bin euer neuer Kapit�n, bis wir einen Hafen erreicht haben. Erkennt ihr mich an?�</p><p>Sein Blick glitt �ber die Reihe stummer Gesichter und bohrte sich schlie�lich in den des Veden. Helth blieb stumm; sein Gesicht eine starre, undurchdringliche Maske.</p><p>�Erkennt ihr mich an?� fragte er noch einmal.</p><p>�Sie werden dich nie anerkennen�, sagte Helth leise. �Nicht dich, Satai. Aber Rayans Letzten Willen. Du bist der Kommandant.�</p><p>�Und du Rayans Sohn�, gab Skar ebenso leise zur�ck. �Ich will keinen Streit mit dir, Helth.�</p><p>Der Vede lachte leise. �Ich beuge mich Rayans Wunsch. Er wu�te, was er tat. Und ich beneide dich nicht um deine Aufgabe, Satai. Wahrhaftig nicht.� Er starrte Skar noch einen Herzschlag lang durchdringend an, wandte sich dann mit einem Ruck um und ging steifbeinig zum Heck. Skar sah ihm nach, bis er unter Deck verschwunden war. Er straffte sich. Helth' Worte hatten die letzten Hindernisse beseitigt. Er sp�rte, da� die Besatzung ihm gehorchen w�rde, ob er nun ein Fremder war oder nicht.</p><p>�Gut�, sagte er mit erhobener Stimme. �Ihr alle habt es geh�rt. Wendet das Schiff. Wir fahren zur�ck zum Eisstrand.�</p></section><section><title><p id="_9">9.</p></title><p>Gowenna l�ste mit spitzen Fingern den blutdurchtr�nkten Verband von Skars Arm, sch�ttelte den Kopf und tunkte den Stoffetzen mehrmals hintereinander in eine Schale mit Wasser. �Ich habe schon Wunden behandelt, die besser aussahen�, murmelte sie.</p><p>Skar verdrehte den Hals und bewegte die Schulter, um die Wunde besser sehen zu k�nnen. Der Bizeps war geschwollen und rot und blau angelaufen, der Muskel verkrampft und schmerzend, und die Haut gl�nzte fiebrig. Trotzdem war es nicht mehr so schlimm wie zu Anfang. Wenigstens konnte er die Hand wieder bewegen, wenn auch nicht gut. Ein Schwert w�rde er in den n�chsten Tagen kaum damit f�hren k�nnen.</p><p>�Du hast Gl�ck gehabt, wei�t du das?� fragte Gowenna, w�hrend sie den Verband wieder anlegte und pr�fend mit den Fingerspitzen �ber Skars Haut fuhr. �So ein Ding ins Gesicht oder in den Hals...� Sie l�chelte fl�chtig, lie� sich zur�cksinken und legte die H�nde in den Scho�. Ihr Harnisch schrammte h�rbar �ber das gefrorene Holz des Mastes. Es d�mmerte. Die Sonne war bereits hinter der Krone der turmhohen Eismauer verschwunden, und die l�nger werdenden Schatten tasteten wie substanzlose Finger einer bizarren schwarzen Hand �ber den See. Rings um den flachen Eisstrand, an dem die SHAROKAAN angelegt hatte, schien noch die Sonne; ein winziger halbkreisf�rmiger Bereich goldener Helligkeit, von allen Seiten durch n�her kriechende Schatten und Nacht bedr�ngt. Der Anblick erschien Skar von einer fast aufdringlichen Symbolik. Aber Symbole halfen weder ihm noch der Besatzung weiter. Was sie brauchten, war ein praktischer Vorschlag.</p><p>�Woran denkst du?� fragte Gowenna.</p><p>Skar l�chelte. �Vielleicht an nichts. Wie kommst du darauf, da� ich denke?�</p><p>Gowennas L�cheln wurde um eine Spur sp�ttischer. �Man sieht es, gro�er weiser Meister�, sagte sie sarkastisch. �Au�erdem h�re ich deine Gedanken knirschen. Suchst du nach einer rettenden Idee?� Skar nickte. Gowennas offenkundiger Spott war ganz und gar unberechtigt, aber verst�ndlich. Eine Art Galgenhumor, der ihr helfen mochte, mit der Situation fertig zu werden. So wie Helth in stummes Br�ten verfallen war, Del in verbissenes Nachdenken und ein Gro�teil der Mannschaft seine Angst mit hektischer Arbeit bet�ubte, war es bei Gowenna Sarkasmus, in den sie Zuflucht suchte. Er pa�te nicht zu ihr, aber die Frau, die ihm gegen�bersa�, hatte ohnehin kaum noch viel mit der Gowenna gemein, die er vor f�nf Monaten in Cosh verlassen hatte. Durch Velas Verrat war mehr in ihr zerst�rt worden, als ihm bisher klargeworden war. Sie hatte mehr verloren als ihr Vertrauen und ihre Sch�nheit. Sie hatte sich selbst verloren. Ihr scheinbar irrationales Verhalten war nichts als ein verzweifelter Versuch, eine neue Identit�t zu finden. Sie war zeit ihres Lebens immer in Rollen geschl�pft. Selbst zum Schlu�, als sie gegen die Errish k�mpfte, hatte sie nichts als eine Rolle gespielt: die der R�cherin. Jetzt konnte sie das nicht mehr. Er dachte daran, was sie einmal �ber Vela gesagt hatte - da� sie nichts als ein Spiel spielte, ein gewaltiges, b�ses Spiel mit h�chstem Einsatz, und in gewissem Sinne stimmte das noch immer. Aber jetzt war es ein Spiel, dessen Regeln ihr nicht vertraut waren, jetzt mu�te sie mit einer Situation fertig werden, auf die sie nicht vorbereitet war und die in keine der Schablonen, nach denen sie bisher gelebt hatte, hineinpa�te. Vielleicht, dachte er, war nicht einmal ihr Ha� echt. Vielleicht war es nur die einzige Reaktion, die ihr denkbar schien.</p><p>Er stand auf, reckte sich - vorsichtig, damit der frisch angelegte Verband nicht verrutschte - und trat an die Reling. Der weit geschwungene Eisstrand reflektierte das Sonnenlicht so stark, da� er blinzeln mu�te. Er st�tzte sich mit den Unterarmen ab, verschr�nkte die H�nde und beugte den Oberk�rper leicht vor, so da� er in einer halb nachdenklichen, halb an einen Betenden erinnernden Haltung an der Reling stand. Der Wind lie� ihn fr�steln. Aber solange er fror, dachte er in einer Anlehnung an Gowennas Sarkasmus, lebte er wenigstens noch.</p><p>Er sah auf, als sie neben ihn trat und sich in ungeschickter Nachahmung seiner eigenen Haltung auf die Reling sinken lie�.</p><p>�Sie arbeiten wie die Besessenen�, sagte sie nach einer Weile. Skar nickte stumm und betrachtete die doppelte Reihe kleiner, ameisengleicher Gestalten, die sich wie eine dunkel gepunktete Linie vom Strand zu der gezackten �ffnung hoch oben im Eis bewegte. Eine schwankende Planke spannte sich vom Deck der SHAROKAAN zum Strand. Das Wasser war zu seicht, als da� sie bis unmittelbar an den Eisstrand h�tten heranfahren k�nnen; sie hatten die SHAROKAAN so weit ans Ufer heranman�vriert, bis der Rumpf unter Wasser knirschend gegen Eis geschrammt war, aber es verblieb ein gut f�nf Meter breiter Streifen t�dlich kalten Wassers, �ber das sie diese Planke gelegt hatten - ein kaum armdickes St�ck Holz, das sich unter jedem Tritt wie ein nicht straff genug gespanntes Seil durchbog und wieder hochfederte, so da� das Dar�bergehen der M�nner zu einem absurden Tanz wurde. Es erschien Skar fast wie ein Wunder, da� noch keiner der schwerbeladenen Matrosen auf dem spiegelblanken St�ck Holz ausgeglitten und ins eisige Wasser gest�rzt war. Aber die M�nner bewegten sich so sicher auf dem schwankenden Steg, als h�tten sie massiven Fels unter den F��en. Das Entladen dauerte nun schon fast drei Stunden; trotzdem waren die Lader�ume der SHAROKAAN noch lange nicht leer. Sie schafften nur einen kleinen Teil der Ladung an Land, aber es w�rde noch bis weit in den n�chsten Morgen hinein dauern, ehe sie fertig waren.</p><p>�Wei�t du, was mich wundert?� fragte Gowenna.</p><p>�Nein. Und es interessiert mich auch nicht�, antwortete Skar grob. �Da� sie es so widerspruchslos tun�, fuhr Gowenna fort, als h�tte sie seine Worte gar nicht geh�rt.</p><p>Skar zuckte mit den Achseln. �Ich bin der Kommandant.�</p><p>Gowenna machte ein abf�lliges Ger�usch. �Quatsch�, sagte sie. �Du bist hier so lange Kommandant, wie es Helth zul��t, und keinen Augenblick l�nger. Oder bildest du dir wirklich ein, sie w�rden dir gehorchen, wenn es dieser Vede nicht wollte?�</p><p>Skar fuhr sich m�de mit der Hand durch das Haar. Nat�rlich hatte Gowenna recht. Er selbst war wohl von allen an Bord am meisten erstaunt �ber das Benehmen des jungen Veden gewesen. Es pa�te einfach nicht zu Helth, aufzugeben und kampflos das Feld zu r�umen. �Du magst ihn nicht, wie?�</p><p>Gowenna schnaubte. �Helth? Sicher mag ich ihn. Ungef�hr so, wie ich den Dronte mag.�</p><p>�Brad erz�hlte mir, da� du ihn auf den Knien geschaukelt hast, als er ein Kind war.�</p><p>�Das stimmt�, antwortete Gowenna so schnell, als h�tte sie die Worte erwartet. �Aber ich mochte ihn nie. Ich glaube, niemand an Bord mag ihn. Nicht einmal Rayan - Brad war immer sein Lieblingssohn. Und es ist besser, zu mi�trauisch zu sein als zu vertrauensselig. Wenn ich du w�re, w�rde ich ihn nicht eine Sekunde aus den Augen lassen.�</p><p>�Du bist aber nicht ich�, gab Skar mit erzwungener Ruhe zur�ck. �Wo ist er �berhaupt?�</p><p>�Irgendwo unten in den Lader�umen. Er beaufsichtigt die Arbeiten - hattest du ihm das befohlen?�</p><p>�Ich habe ihn darum gebeten�, korrigierte Skar. �Ich bin nur Kommandant, solange er es zul��t - vergi� das nicht.�</p><p>Ein Schatten von �rger huschte �ber Gowennas Gesicht. �Mach dich ruhig �ber mich lustig�, grollte sie. �Ich hoffe nur, Helth lacht nicht als letzter. Wenn du mich fragst, dann �berl��t er dir nicht das Kommando, sondern nur die Verantwortung. Ich hoffe, da� dir der Unterschied fr�h genug klar wird.�</p><p>Skar verzichtete auf eine Antwort. Was geschehen war, hatte zu sehr an ihren Kr�ften gezehrt, als da� er noch Ruhe und �berlegenheit von Gowenna oder irgendeinem an Bord verlangen konnte.</p><p>Sein Blick glitt an der Reihe der Matrosen entlang und blieb schlie�lich am gezackten Eingang der Eish�hle h�ngen. Der schmale, kaum mannshohe und mit messerscharfen eisigen Haifischz�hnen besetzte Spalt f�hrte in ein wahres Labyrinth voller k�lteklirrender H�hlen und G�nge. Unm�glich, dort oben l�nger als ein paar Tage zu leben - aber zumindest w�rden ihnen die m�chtigen W�nde aus Eis Schutz vor den Geschossen des Dronte gew�hren. Die SHAROKAAN mochte hier unten verbrennen, aber die M�nner w�rden leben; wenigstens eine Weile.</p><p>Skar l�chelte bitter, als ihm dieser Gedanke endg�ltig vor Augen f�hrte, wie schwer die B�rde war, die Rayan ihm auferlegt hatte. Er nahm diesen M�nnern mehr, als er je wirklich begreifen konnte. Freisegler waren keine gew�hnlichen Seeleute. F�r sie war ihr Schiff nicht ein x-beliebiger Ort, an dem sie arbeiteten und ihren Lebensunterhalt verdienten, sondern ihr Leben selbst. Viele von ihnen - vielleicht alle - w�ren lieber mit dem Schiff gestorben, als es zu verlassen. Um so h�rter mu�te sie Skars Anordnung getroffen haben, Nahrung und Waffen von Bord zu schaffen und alles f�r ein endg�ltiges Verlassen des Schiffes vorzubereiten. Es war nicht einfach ein Aufgeben des Schiffes. Die SHAROKAAN war ihre Heimat, der Ort, an dem sie aufgewachsen waren und gelebt hatten. Viele von ihnen waren sogar auf dem Schiff geboren.</p><p>Nein - Rayan hatte ganz genau gewu�t, warum er ihm und nicht Helth das Kommando �bergab; und Helth wu�te es auch. Helth h�tte das Schiff niemals aufgegeben, auch wenn er sich jetzt scheinbar widerspruchslos seinen Anordnungen f�gte. Der Vede wu�te so gut wie er, da� sie - wenn �berhaupt - nur dort oben, hinter den meterdicken Eismauern der H�hle, Schutz vor den Brandgeschossen des Dronte finden konnten. Der Mordsegler hatte sich bisher nicht ger�hrt, aber es konnte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis er wie ein feuerspeiender Rachegott �ber sie herfallen w�rde. Und es bestand in diesem Kessel nicht die M�glichkeit einer verzweifelten Flucht wie beim ersten Mal. Helth hatte sich seiner Entscheidung gebeugt, weil er das so gut wu�te wie Skar. Aber er wu�te auch, da� die Besatzung, auf die impulsive, unlogische Art, in der Menschen nun einmal f�hlen, es wie Verrat auslegen mu�te. Sie w�rden es begreifen, nat�rlich. Aber es gab einen Unterschied zwischen Begreifen und Verstehen. F�r sie w�rde es wie Verrat aussehen, Verrat an Rayans Letztem Willen, nicht wie R�ckzug und Flucht, sondern Mord, Mord an der SHAROKAAN, an ihrer Vergangenheit, ihrem Leben. Wenn dies alles hier vor�ber war, wenn sie wirklich noch das Unm�gliche schaffen und diesen Alptraum irgendwie �berleben sollten, dann w�rden die M�nner einen Verantwortlichen suchen, jemand, dem sie die Schuld am Verlust des Schiffes, an der Niederlage, ja selbst am Tode Rayans und Brads geben konnten. Und dieser Jemand w�rde er sein, nicht Helth.</p><p>Er ballte in stummem Zorn die F�uste und blickte in die Richtung, in der der Dronte, noch immer hinter dichten Nebelschwaden verborgen, auf sie lauerte. Er konnte das Schiff nicht sehen, aber dadurch gewann es eher noch an Bedrohlichkeit. Der Nebel entzog den Dronte ihren Blicken, aber er lie� ihrer Phantasie freien Spielraum. Der gr��te Schrecken ist der, den man nicht sieht.</p><p>�Ich begreife es immer noch nicht�, murmelte er mit halb geschlossenen Augen. �Manchmal kommt mir das Ganze wie ein b�ser Traum vor, aus dem ich nur zu erwachen brauche, um ihn zu �berstehen. Aber ich kann nicht erwachen.�</p><p>�Wer von uns ist jetzt der Tr�umer?� fragte Gowenna. �Warst du es nicht, der mir zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten gepredigt hat, k�hl und sachlich zu bleiben? Der mir erkl�rt hat, wie gef�hrlich es ist, seinen Gef�hlen zu folgen?�</p><p>Skar atmete h�rbar ein. �Du bist unfair.�</p><p>�Unfair?� Gowenna l�chelte, drehte sich um und lehnte sich mit vor der Brust verschr�nkten Armen gegen die Reling. Das grelle Gegenlicht der versinkenden Sonne lie� sie zu einem flachen, schwarzen Schatten werden. Skar fiel pl�tzlich wieder auf, wie weiblich sie trotz allem war. Gro�, kr�ftig und stark wie ein Mann - fast so stark wie er -, aber trotz allem noch eine Frau. Aber nicht nur das. Es war noch etwas an ihr, etwas, das ihn fast �ngstigte und das er noch immer nicht verstand und vielleicht niemals verstehen w�rde. Sie waren sich �hnlich, trotz allem. Manchmal fragte er sich ernsthaft, ob es wirklich ein Zufall war, da� sie sich begegnet waren, oder ob es fr�her oder sp�ter so hatte kommen m�ssen. Sein Blick glitt an ihrer Gestalt empor, verharrte dort, wo hinter den dunklen Schatten der verbrannte Teil ihres Gesichtes war. F�r einen winzigen Moment erinnerte ihn der schwarze Schatten an den Dronte, und f�r die Dauer eines Lidzuckens sp�rte er so etwas wie eine widersinnige Angst in sich aufsteigen. Warum hat sie diese Narben behalten? dachte er. Die Sumpfleute h�tten sie behandeln k�nnen, und auch die Ehrw�rdigen Frauen von Elay h�tten ihr helfen k�nnen. Wahrscheinlich w�re sie nie wieder die sch�ne Frau geworden, die sie einmal gewesen war, aber sie h�tte nicht l�nger mit diesem absto�enden D�monengesicht herumlaufen m�ssen. Warum hatte sie es nicht getan?</p><p>�Ich versuche lediglich nach den Grunds�tzen zu handeln, die du mir beigebracht hast, Skar�, fuhr sie fort. �Erkenne die Gefahr, ehe du versuchst, sie zu bek�mpfen�, zitierte sie einen von seinen Lieblingss�tzen.</p><p>Skar l�chelte m�de. �Vielleicht hast du recht�, murmelte er. �Vielleicht liegt die L�sung offen vor uns, und wir sind zu dumm, sie zu erkennen.�</p><p>�Warum schwimmst du nicht hin�ber und bittest den Dronte recht freundlich, uns durchzulassen?� fragte Gowenna. Sie mu�te an der Reaktion auf seinem Gesicht sehen, wie un�berlegt und verletzend ihre letzte Bemerkung gewesen war, denn sie stockte, trat einen Schritt vor und breitete verlegen die Arme aus.</p><p>�Verzeih�, sagte sie.</p><p>Skar winkte ab. �Du brauchst dich nicht zu entschuldigen�, entgegnete er. �Ich glaube, es ist dein gutes Recht, verletzend zu sein.� Er drehte sich wieder um, st�tzte sich erneut auf die Reling und starrte dumpf auf die Wasseroberfl�che hinab. Wozu das alles ? dachte er. Hat es �berhaupt einen Sinn gehabt? Und wenn, hat es sich gelohnt? �Das hat es, Skar�, antwortete Gowenna. �Auch wenn du's vielleicht nicht begreifst.�</p><p>Skar wurde sich pl�tzlich der Tatsache bewu�t, da� er den letzten Gedanken laut ausgesprochen hatte, ohne es zu merken.</p><p>�Glaubst du?� fragte er. �Vier M�nner sind gestorben, bevor wir �berhaupt hierherkamen. Zwei weitere an Bord des Dronte. Dann Rayan und Brad. Acht Menschenleben, Gowenna. Acht! Gibt es einen Grund, der den Tod von acht Menschen rechtfertigt?�</p><p>�Seltsame Worte aus dem Mund eines Mannes, dessen Lebensinhalt das T�ten ist.�</p><p>�Wenn du das wirklich glaubst�, erkl�rte Skar ruhig, �dann hast du nie verstanden, was ein Satai wirklich ist. Ich habe niemals sinnlos get�tet.�</p><p>�Das -� Gowenna fuhr auf, wurde aber sofort wieder von Skar unterbrochen.</p><p>�Hast du auch nie getan�, f�hrte er den Satz zu Ende. �Ich wei�. Aber diese acht M�nner w�ren noch am Leben, wenn du Rayan nicht zu dieser Fahrt �berredet h�ttest.�</p><p>�Ich habe ihn nicht �berredet�, widersprach Gowenna zornig. �Ich habe ihn f�r diese Fahrt bezahlt, Skar, so wie f�r viele Fahrten zuvor.�</p><p>�Und du willst mir wirklich einreden, du h�ttest nichts gewu�t? Nichts vom Schicksal seiner Frau, nichts von seinem Ha� auf den Dronte, nichts von seiner... seiner Besessenheit?�</p><p>Gowenna schwieg eine Weile.</p><p>�Nat�rlich�, antwortete sie schlie�lich. �Ich wu�te, was mit seiner Frau geschehen ist. Ich... ich war dabei, als er die Nachricht von ihrem Tod erhielt. Ich kenne ihn seit zwanzig Jahren.�</p><p>�Und du hast die ganze Zeit nichts gemerkt?� fragte Skar h�hnisch. �Nein, Skar, das habe ich wirklich nicht. Rayan ist nicht der einzige, der einen Menschen an den Dronte verloren hat. Jeder ha�t den Dronte, und jeder Seefahrer f�rchtet ihn. Aber deswegen sind doch nicht alle Seeleute besessen. Es ist zwei Jahrzehnte her, da� seine Frau starb - woher sollte ich wissen, da� er seinen Ha� die ganze Zeit �ber mit sich herumgeschleppt hat?�</p><p>Es h�tte eine Menge gegeben, das Skar darauf antworten konnte - gerade ihr und gerade �ber das Thema Ha�. Aber er tat es nicht. Zwanzig Jahre, dachte er d�ster. Rayan hatte zwanzig Jahre lang f�r diesen Augenblick gelebt, f�r diesen einen, fl�chtigen Moment, in dem er �ber den Dronte triumphieren konnte. Und f�r ihn war es ein Triumph gewesen, auch wenn er ihn mit dem Leben bezahlt hatte. Wenn nur einer, ein einziger von diesem halben Hundert Menschen, �ber das Skar pl�tzlich gebot, �berlebte und die Botschaft in die Welt hinaustragen konnte, dann hatten sie gesiegt. Der Dronte war nur so lange stark, wie niemand sein Geheimnis kannte. Er w�rde vielleicht trotzdem noch jahrelang Schrecken und Tod verbreiten, aber irgendwann w�rden sie ihn stellen und erlegen. Ja - Rayan hatte triumphiert. Wenn ein Tod wie seiner �berhaupt einen Sinn haben konnte, dann hatte der des Freiseglers ihn gehabt.</p><p>Skar seufzte, drehte sich um und lie� Gowenna ohne ein weiteres Wort stehen. Er rechnete halbwegs damit, da� sie ihm folgen w�rde, aber sie blieb reglos an der Reling stehen und starrte ihm blo� nach. Er war froh, da� sie es nicht tat. Es schien ihm sinnlos, das Gespr�ch fortzusetzen. Er hatte gehofft, da� Gowenna aus dem, was geschehen war, gelernt hatte, aber das stimmte nicht. Selbst Rayans Tod war f�r sie nur ein weiteres Argument f�r ihren Ha�, eine weitere scheinbare Rechtfertigung f�r etwas, das nicht zu rechtfertigen war. Rayan war vielleicht besessen gewesen, aber Gowenna, das wu�te er jetzt, war krank. Krank vor Ha�. Er w�rde sich von ihr trennen, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit.</p><p>Das Schiff hatte sich ver�ndert. Ein Teil der Decksplanken war verschwunden, so da� der Blick frei in die m�chtigen, bis tief unter die Wasserlinie reichenden Lader�ume fiel. Die M�nner hatten den Hauptmast mit ein paar raschen Handgriffen in einen Ladebaum verwandelt, und der improvisierte Kran hievte in ununterbrochener Folge Kisten, B�ndel und F�sser von Deck. Lebensmittel, Wasser, Wein, Decken, Waffen, die den M�nnern wenigstens f�r ein paar Tage das �berleben sichern w�rden.</p><p>Skar balancierte vorsichtig �ber die schmalen Balken, die zwischen den offenstehenden Luken stehengeblieben waren, zum Achteraufbau hinauf. Die Menge der Waren �berraschte ihn. Sicher - es waren an die f�nfzig M�nner, aber sie w�rden ausw�hlen und sich von allem, was nicht unbedingt lebensnotwendig war, trennen m�ssen, wenn sie den Marsch durch die Eisw�ste antraten.</p><p>Wenn sie ihn antraten, dachte er d�ster. Wenn es etwas gab, wohin sie gehen konnten.</p><p>Er rief einem vor�berhastenden Seemann zu. �Wo ist Helth?� Der Matrose blieb stehen und versuchte, nicht die Balance mit seiner Last zu verlieren. �Unter Deck, Herr�, sagte er. �Er beaufsichtigt die Entladearbeiten, wie Ihr befohlen habt.� .</p><p>Skar entlie� den Mann mit einem Kopfnicken, sah eich einen Moment unschl�ssig um und trat an eine der Ladeluken. Eine schmale Holzleiter f�hrte beinahe senkrecht in die Tiefe. Skar wartete, bis der n�chste Matrose, ein unf�rmiges B�ndel auf Kopf und Schultern balancierend, die Leiter heraufgeklettert war, griff nach der obersten Sprosse und stieg mit raschen Bewegungen hinab.</p><p>K�lte und Feuchtigkeit h�llten ihn ein, als er den tief unter der Wasserlinie liegenden Boden des Laderaumes betrat. Unter seinen Stiefeln platschte Wasser, und ein wahrhaft atemberaubender Gestank schlug ihm entgegen. Kleine, heftig ru�ende Kohlebecken verbreiteten die Illusion von W�rme und flackernde, r�tliche Helligkeit, in der die Bewegungen der M�nner abgehackt und clownhaft erschienen. Der Raum war gr��er, als er erwartet hatte; und weitaus besser aufger�umt. An den W�nden zogen sich deckenhohe Regale hin, davor stapelten sich Kisten, Stoffballen und F�sser, und selbst von den Deckenbalken hingen noch zahlreiche Netze, die meisten jetzt schlaff und leer, aber eindeutig zur Aufnahme von G�tern bestimmt. Und dies war nur einer von beinahe einem Dutzend Lader�umen.</p><p>Er blieb stehen, trat dann einen Schritt zur Seite, um den vor�berhastenden M�nnern nicht im Wege zu sein, und hielt gleichzeitig nach Helth Ausschau. Der Vede stand im Hintergrund des Raumes, beaufsichtigte die Arbeit und deutete mit knappen, von scharf vorgebrachten Befehlen begleiteten Gesten auf die Dinge, die sie mitnehmen sollten. Skar beobachtete ihn eine Weile. Helth trug noch immer den zerschlissenen, blutigen Umhang, mit dem er an Bord des Dronte gegangen war; sein Haar war str�hnig und von Schmutz verkrustet, winzige Salzkristalle glitzerten darin, und auf seinen H�nden waren dunkle, an geronnenes Blut erinnernde Flecken. Irgend etwas war anders an ihm, dachte Skar. Der Vede wirkte ver�ndert, nicht nur �u�erlich - so wie sich alle an Bord in erschreckendem Ma�e ver�ndert hatten. Auch er war nicht mehr der, der in Anchor an Bord des Schiffes gegangen war. Aber er vermochte nicht, den Unterschied in Worte zu fassen. Vielleicht erschreckte ihn der Anblick des Veden auch nur so sehr, weil Helth wie ein Spiegel war, in dem er sich selbst zu erkennen glaubte. Er r�usperte sich, wartete eine L�cke in der Reihe der M�nner ab und ging dann mit schnellen Schritten zu Helth hin�ber. Der Vede drehte sich erst um, als er bereits ganz nahe war, obwohl er ihn schon lange geh�rt haben mu�te.</p><p>�Wie lange braucht ihr noch?� fragte Skar.</p><p>Helth deutete auf den kleiner werdenden Stapel mit Lebensmitteln vor sich. Trotz der Mengen, die die M�nner von Bord trugen, schienen sie sich gem�� Skars Anweisungen auf das unbedingt N�tige zu beschr�nken. Aber auch das Allernotwendigste war viel bei einem halben Hundert Menschen.</p><p>�Nicht mehr lange�, sagte der Vede. �Waffen, Brennholz und Kleider sind bereits oben in der H�hle. Es fehlen nur noch die Lebensmittel - drei, vielleicht vier Stunden. Bei Sonnenaufgang ist das Schiff soweit leer, da� wir es verlassen k�nnen, wie du befohlen hast.� Skar �berlegte einen Moment, ob er auf den vorwurfsvollen Klang in Helth' Stimme reagieren sollte oder nicht. Er h�tte es �bergehen k�nnen - aber das hie�e, die Auseinandersetzung zu verschieben. �Ich verstehe deine Gef�hle, Helth�, sagte er. �Ich verstehe und respektiere sie. Aber du mu�t auch mich verstehen. Dein Vater hat mir eine schwere Last �bergeben. Ich versuche nur, seinen Letzten Willen zu befolgen.�</p><p>Helth lachte leise, aber es klang fast wie ein Schluchzen, das er im letzten Moment unterdr�cken und in ein Lachen umwandeln wollte, was ihm aber nicht ganz gelang. �Du verstehst mich�, sagte er bitter. �O ja, ich bin sicher, da� du mich verstehst, Satai. Es ist ja auch so einfach.�</p><p>�Das ist es gewi� nicht, Helth�, antwortete Skar. �Und ich bin hier, um mit dir dar�ber zu reden.�</p><p>�Reden?� Helth zog die Augenbrauen zusammen. Ein Schatten huschte �ber sein Gesicht, vielleicht ein Reflex der Fackeln, die �berall an den W�nden aufgeh�ngt waren, vielleicht auch etwas anderes. �Es gibt nichts zu reden, Satai. Du bist der Kommandant. Ich gehorche dir.�</p><p>�Ich will dieses Kommando nicht�, sagte Skar. �Du kannst es haben. Sag mir einen anderen Weg, das Leben der M�nner zu retten, und ich w�hle ihn. Egal, wie schwer er ist.�</p><p>�Darum geht es dir?� Helth starrte unverwandt an ihm vorbei. Seine Stimme klang tonlos, beinahe, als rede er mit sich selbst oder mit jemandem, der unsichtbar hinter Skar stand. �Nein - es gibt sicher keinen anderen Weg, ihr Leben zu retten. Aber Leben allein�, fuhr er nach einer sekundenlangen Pause fort, �ist nicht alles. Sie m�gen �berleben, dort oben. Vielleicht ein paar Tage, vielleicht eine Woche oder zwei. Vielleicht gelingt dir sogar das Unm�gliche und du findest einen Weg zur�ck. Aber es ist kein Leben mehr f�r sie, Skar. Nicht ohne die SHAROKAAN.�</p><p>�F�r sie - oder f�r dich?�</p><p>F�r einen Moment durchbrach Zorn den Ausdruck der Starre auf Helth' Z�gen. �Was ich empfinde, das z�hlt nicht�, sagte er. �Dieses Schiff geh�rt weder mir, noch ist es meine Heimat. Selbst, wenn wir �berleben, werde ich nicht bei ihnen bleiben, sondern nach Thbarg zur�ckkehren, um -�</p><p>�Der Tod deines Vaters und deines Bruders scheint dich nicht sonderlich zu beeindrucken�, unterbrach ihn Skar. Helth' gespielte Ruhe machte ihn allm�hlich rasend.</p><p>Der junge Vede schwieg einen Moment. Skars Angriff war unfair gewesen; er war aus einer Richtung gekommen, aus der er ihn nicht erwartet hatte. Skar sp�rte deutlich, da� seine Selbstsicherheit ersch�ttert war. Aber er empfand keine Freude �ber diesen kleinen Sieg. Wieder sp�rte er diese M�digkeit; M�digkeit zu k�mpfen, sich immer wieder gegen ein Schicksal zu wehren, gegen das er letztlich machtlos war. Allm�hlich begann Helth - sein Verh�ltnis zu Helth - so zu werden, wie es zwischen ihm und Gowenna war. Bei allen G�ttern, dachte er - er hatte lange genug gebraucht, um mit Gowenna eine Art Burgfrieden zu schlie�en. Er konnte keine Zweitausgabe desselben Streites gebrauchen.</p><p>�Beeindrucken?� murmelte Helth nach einer Weile. �Nicht mehr als dich, Skar. Sie starben im Kampf, und auch, wenn du es nicht einsehen willst, es war ein ehrenvoller Tod.�</p><p>Skar h�tte ihn gerne nach dem Unterschied zwischen einem ehrenvollen und einem unehrenhaften Tod gefragt, aber er sah ein, da� er damit nichts erreichen w�rde. Helth war einfach noch zu jung, um zu begreifen, da� es keinen ehrenhaften Tod gab. Nicht einmal f�r einen Veden. Es gab nur den Tod, und er war schmutzig und gemein und voller Blut und Schmerzen, und sonst nichts.</p><p>�Gut�, fuhr er mit ver�nderter Stimme fort. �Deine Gef�hle gehen mich nichts an, und ich bin auch nicht hier, um mit dir dar�ber zu streiten.�</p><p>�Sondern?�</p><p>�Was verstehst du von Seefahrt und Karten?�</p><p>Helth zuckte mit den Achseln. �Nicht viel mehr als du - warum?�</p><p>�Ich m�chte wissen, wo wir sind�, antwortete Skar.</p><p>�Wenn es nicht einmal Rayan wu�te, woher soll ich es wissen?� gab Helth zur�ck. �Wir sind weiter im Norden als jemals ein Schiff vor uns. Vielleicht ist es nicht einmal Land - vielleicht ist nur das Meer gefroren. Kalt genug ist es ja. Unter den Matrosen sind ein paar, die die Position anhand der Sterne zu ermitteln verm�gen - aber was soll dir das nutzen? Es gibt keine Karten von diesem Teil der Welt.�</p><p>�Ich wei�, aber...� Skar sprach den Satz nicht zu Ende. Er begann sich zu fragen, wozu er �berhaupt hier heruntergekommen war; vielleicht, um sich selbst zu beruhigen. Sein Gewissen. Sie hatten nur die Wahl, hierzubleiben und zu sterben - oder das Schiff aufzugeben und einen Marsch ins Ungewisse anzutreten. Es gab nicht nur keine Karten �ber diesen Teil der Welt - bisher hatten sie nicht einmal gewu�t, da� er �berhaupt existierte. Was erwartete er zu finden?</p><p>�F�hr mich zu einem dieser M�nner�, bat er halblaut.</p></section><section><title><p id="_10">10.</p></title><p>Es war reiner Zufall, da� sie diese H�hle gefunden hatten. Vom See her war der Eingang beinahe unsichtbar; nicht mehr als ein l�nglicher, gezackter Schatten, eine Kerbe im Eis, vielleicht vom Wind oder einer Laune der Natur geschaffen. Als der Dronte das Feuer auf den See er�ffnet hatte, waren Gowenna, Vela und die M�nner, die sie begleitet hatten, in panischer Furcht den Eishang hinauf gelaufen; auf der Suche nach einer Spalte oder einem Eis�berhang, irgend etwas, das sie vor den Geschossen des Dronte, die wie brennende Sterne vom Himmel regneten und das Eis zum Verdampfen und den See zum Kochen brachten, sch�tzen konnte. Sie hatten die H�hle gefunden; keinen Fluchtweg, aber eine nat�rliche Festung, in der sie selbst vor der Gewalt seines H�llenfeuers sicher sein w�rden.</p><p>Skar senkte den Kopf, um nicht gegen die niedrige Kante zu sto�en. Der Eingang war nicht mehr als ein schmaler Spalt, kaum mannshoch und so eng, da� er seitw�rts gehen mu�te, um �berhaupt hindurchzukommen. Von der Decke hingen spitze, glitzernde Eisdolche, und der Boden war mit einem Netzwerk von Spr�ngen und Rissen durchzogen, wo das Eis - selbst hier oben noch - unter dem Angriff des Dronte geborsten war. Die Hitze seiner Brandgeschosse allein h�tte nicht ausgereicht, eine solche Verheerung anzurichten. Trotz allem war der Dronte nicht mehr als ein Zwerg gegen die gigantische wei�e Pracht der Eislandschaft, und die Wunden, die er ihr zuf�gen konnte, waren nicht viel mehr als Nadelstiche. Aber die Hitze hatte das Eis zum Schmelzen gebracht und das vielleicht in Jahrmillionen gewachsene Gleichgewicht des wei�en Giganten gest�rt. Das Eis war geborsten; in gewaltige, tonnenschwere Bl�cke zerfallen, die durch ihr eigenes Gewicht aufeinander liegenblieben. Und der Feuerorkan, mit dem der Dronte den See �berzog, hatte selbst hier oben seine Spuren hinterlassen; das Eis wirkte milchig und war von gro�en, nebeligen Schleiern durchzogen, und die Decke war auf der ganzen L�nge des Ganges gerissen und hielt nur noch durch den Druck ihres eigenen Gewichtes. Skar betrachtete den Ri� mit gemischten Gef�hlen. Das Eis �ber seinem Kopf war mehr als zehn Meter stark; eine Decke, massiver als die zyklopischen Mauern Elays. Und trotzdem hatte bereits ein fl�chtiger Hauch der Brandgeschosse des Dronte gereicht, sie rei�en zu lassen. Er war pl�tzlich gar nicht mehr so �berzeugt, da� sie hier oben wirklich sicher waren, wenn der schwarze M�rder zu neuem Leben erwachte und das Feuer auf den Berg er�ffnete. Aber es war das beste, was sie hatten. Oben auf dem Eis waren sie vollkommen schutzlos. Er seufzte, fuhr mit den Fingerspitzen �ber das Eis der Wand, als k�nne er so seine Festigkeit pr�fen, und ging schlie�lich weiter.</p><p>�Wartet hier, Herr�, sagte der Matrose, der ihn heraufgef�hrt hatte. Helth selbst war unten auf dem Schiff zur�ckgeblieben, um die Entladearbeiten weiter zu beaufsichtigen. Skar war froh, da� der Vede ihm wenigstens auf diese Weise half. Gowennas Worte waren ihm schmerzhaft zu Bewu�tsein gekommen, als er die bis unter die Decke vollgestopften Lader�ume sah. Sie hatte vollkommen recht - er war so lange Kommandant der SHAROKAAN und dieser M�nner, wie Helth es zulie�. Der Vede hatte es nicht einmal n�tig, sich ihm offen zu widersetzen. Es h�tte vollends gereicht, wenn er ihm seine Hilfe versagt h�tte. Skar war kein Seemann, und die wenigen Tage auf dem Schiff hatten ihm schmerzhaft vor Augen gef�hrt, wie wenig er von der Seefahrt und der F�hrung eines Schiffes verstand. Ohne eine helfende Hand an seiner Seite war er verloren.</p><p>Er nickte wortlos und blieb unter dem Eingang stehen, w�hrend der Freisegler weiterging, um den Navigator zu suchen.</p><p>Das Innere der H�hle war vom tanzenden Licht brennender Fackeln erhellt. Es war merklich w�rmer als drau�en auf dem Strand, und dort, wo Fackeln und Kohlebecken aufgestellt waren, begann das Eis bereits zu schmelzen und sich in kleinen, schimmernden Rinnsalen zu sammeln. Der Boden der Eish�hle fiel zur Mitte leicht ab, und Skar sah, da� sich an der tiefsten Stelle bereits ein kleiner See aus Schmelzwasser angesammelt hatte. Sein Wasser begann wieder zu gefrieren und zu blattd�nnen Schwestern der m�chtigen wei�en Schollen drau�en auf dem See zu erstarren, aber es flo� rascher nach, als es gefrieren konnte, und die d�nne wei�e Haut ri� immer wieder auf. Wenn das Eis weiter im gleichen Ma�e schmolz, dann w�rden sie bald bis zu den Kn�cheln im Wasser stehen. Aber sie brauchten die W�rme, wenn sie auch nur die erste Nacht �berstehen wollten.</p><p>Skar verschob auch die L�sung dieses Problems - wie so vieler anderer - auf sp�ter. Er trat vom Eingang zur�ck, um einer weiteren Gruppe Matrosen, die schwerbeladen und zitternd vor K�lte hinter ihm durch den Eingang dr�ngten, Platz zu machen, lehnte sich mit verschr�nkten Armen gegen das Eis und sah sich neugierig um. Er war zum ersten Mal hier oben, und die H�hle war gr��er, als er erwartet hatte - ein m�chtiger gew�lbter Dom, dessen Decke von gigantischen Stalagmiten aus Eis wie von bizarren St�tzpfeilern getragen wurde. Trotzdem herrschte eine bedr�ckende Enge. An die drei�ig M�nner dr�ngten sich auf dem schimmernden Eis, errichteten provisorische Lagerstellen oder waren damit besch�ftigt, in dem Durcheinander von F�ssern, Kisten und B�ndeln wenigstens den Anschein von Ordnung zu schaffen. Und fast die gleiche Anzahl von M�nnern war noch drau�en auf dem Schiff. Es w�rde sehr eng werden, wenn sie die gesamte Mannschaft hierher evakuieren mu�ten. Obwohl die H�hle gro� war, dr�ngten sich die M�nner auf einem relativ kleinen Teil des Innenraumes zusammen; wie eine Herde ver�ngstigter Tiere, die sich schutzsuchend aneinanderschmiegte.</p><p>Er entdeckte Dels hochgewachsene, in schwarzes Horn gepanzerte Gestalt im Hintergrund der H�hle, l�ste sich mit einem Stirnrunzeln von seinem Platz und ging auf ihn zu, so rasch es das Gedr�nge zulie�. �Was tust du hier oben?� begann er �bergangslos. �Ich dachte, du w�rest noch unten auf dem Schiff.�</p><p>Del sah von dem B�ndel auf, mit dem er besch�ftigt gewesen war, sch�ttelte den Kopf und grinste. �Wie du siehst, bin ich es nicht mehr.�</p><p>Skar setzte zu einer w�tenden Antwort an, ri� sich aber im letzten Moment zusammen und schluckte seinen �rger hinunter. Er war gereizt, und es hatte wenig Sinn, wenn er sich jetzt zu allem �berflu� auch noch mit Del stritt.</p><p>�Vela?�</p><p>Del deutete mit einer Kopfbewegung auf eine zusammengekauerte, in graues Tuch gekleidete Gestalt ein St�ck hinter sich und stand auf. Sein Gesicht wurde �bergangslos ernst. �Ich hatte meine Gr�nde, schon jetzt hier heraufzukommen, Skar�, sagte er. �Und es ist gut, da� du da bist. Ich h�tte dich so oder so rufen lassen. Ich mu� mit dir reden.�</p><p>Skar deutete auf die Errish. Sie schien zu schlafen. Ihre linke Hand lag in einer unbewu�ten besch�tzenden Geste auf ihrem Leib, die andere hatte sich in einen Zipfel ihres Gewandes gekrallt. Ihre Lippen bebten. Wenn sie schlief, dann war es kein guter Schlaf. �Ihretwegen?� Del nickte. �Auch. Du wei�t, da� Gowenna ihr etwas ins Essen mischt.�</p><p>Skar nickte. Es war kein Geheimnis - die Ehrw�rdige Mutter von Elay selbst hatte Gowenna den Beutel mit dem wei�en Pulver gegeben, das sie ihr unter die Mahlzeiten mischte; eine Droge, die sie ruhig und ungef�hrlich halten w�rde, bis sie am Ziel ihrer Reise angekommen waren. �Und?�</p><p>�Du solltest es ihr verbieten�, sagte Del. �Sag ihr, da� sie damit aufh�ren soll.�</p><p>�Ich kann ihr nichts verbieten�, sagte Skar mit einem entschiedenen Kopfsch�tteln, �das wei�t du. Vela ist ihre Gefangene. Wir sind nur als bessere Leibw�chter hier.�</p><p>Del stie� ein ungeduldiges Knurren aus. �Unsinn�, sagte er. �Rayan hat dir das Kommando �ber Schiff und Mannschaft gegeben. Wenn du es ihr befiehlst, dann mu� sie gehorchen.�</p><p>�Vielleicht�, sagte Skar. �Vielleicht w�rde sie es tun, wenn ich es befehlen w�rde. Aber warum?�</p><p>�Warum?� Del sch�rzte w�tend die Lippen. �Sieh sie dir doch an, Skar. Niemand hat eine solche Behandlung verdient.�</p><p>�Sie -�</p><p>�Ich wei�, was sie getan hat�, fiel ihm Del w�tend ins Wort. �Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Kein Mensch sollte so behandelt werden, wie Gowenna es mit ihr tut, ganz gleich, was er verbrochen hat. Ich habe nichts gegen Bestrafung, aber das ist Qu�lerei. Es ist unw�rdig.�</p><p>Skar sah alarmiert auf. In Dels Stimme war pl�tzlich ein neuer, fremder Klang, etwas, das ihn gleicherma�en erschreckte wie �berraschte. War es wirklich nur normales menschliches Mitgef�hl, was er in Dels Stimme h�rte? dachte er erschrocken. Oder war es mehr? Lie� der Zauber der Sumpfleute nach?</p><p>�Und ich glaube, es schadet dem Kind�, f�gte Del nach sekundenlangem Schweigen hinzu.</p><p>Skar ging wortlos an dem jungen Satai vorbei, kniete neben Vela nieder und blickte ihr ins Gesicht. Sie schlief nicht, das sah er jetzt, sondern war bei Bewu�tsein - oder das, was in ihrem Zustand dem des Wachseins nahe kommen mochte. Trotz der K�lte war ihre Stirn mit einem Netz feiner, glitzernder Schwei�perlen bedeckt. Z�gernd streckte er die Hand aus und ber�hrte ihre Wange. Ihre Haut f�hlte sich trocken und fiebrig an.</p><p>Vela zuckte unter seiner Ber�hrung zusammen und �ffnete die Augen. Aber ihr Blick war leer; die Pupillen verschleiert und matt, beinahe gebrochen, als blicke er in die Augen einer Toten. Skar erschrak. �Du hast recht�, murmelte er. �Ich werde ihr sagen, da� sie die Droge wegl��t.�</p><p>Del sch�ttelte den Kopf. �Das ist es nicht allein�, sagte er. �Sieh sie dir doch an, Skar. Sie braucht einen Arzt. Haben wir einen Heilkundigen an Bord?�</p><p>Skar l�chelte humorlos. �Ja�, sagte er. �Gowenna. Und sie selbst.� Del lie� sich neben ihm in die Hocke sinken, legte die Hand unter Velas Kinn und hob ihren Kopf an. Ihre Lippen zuckten st�rker, aber sie gab keinen Laut von sich. Ein rascher, krampfartiger Schauer lief durch ihren K�rper. �Sie wird das Kind verlieren, wenn wir hier nicht schnellstens wegkommen�, murmelte er.</p><p>Vielleicht w�re es das beste so, dachte Skar. Aber laut sagte er nur: �Ich wei�.�</p><p>Zwischen Dels Brauen entstand eine tiefe Falte. �Ich wei�?� wiederholte er. �Und das ist alles?�</p><p>�Ich kann es nicht �ndern�, antwortete Skar scharf. Seine Unsicherheit schlug urpl�tzlich in Zorn um. �Vielleicht gehst du hinunter und bittest den Dronte, uns freies Geleit zu gew�hren. Er macht es sicher, wenn du ihm erz�hlst, da� wir eine Schwangere an Bord haben.� Zu seiner eigenen �berraschung blieb Del ruhig. �Es ist immerhin dein Kind, Skar�, sagte er.</p><p>Skar stand auf und drehte sich mit einer abrupten Bewegung um. �Dein Kind!� sagte er w�tend. �Jetzt fang nicht bitte auch noch damit an. Mein Kind, mein Kind - ich kann es nicht mehr h�ren, Del. Ihr macht es euch alle ein bi�chen sehr einfach, nicht? Dein Kind!� Wieso sollte er verantwortlich f�r dieses Kind sein, nur weil er zuf�llig der Vater war? Es war nicht sein Kind. Er hatte es nicht gewollt und h�tte im Gegenteil mit aller Macht verhindert, da� es jemals gezeugt wurde, w�re er dazu in der Lage gewesen. Nein, dieses Kind war nicht von ihm. Wenn es �berhaupt jemandes Kind war, dann das seines Dunklen Bruders.</p><p>Del sog scharf die Luft ein, schwieg aber seltsamerweise. In seinen Augen glomm ein Ausdruck auf, der Skar beinahe erschreckte. Kein Zorn - das h�tte er verstanden. Furcht? War es jetzt soweit, da� selbst Del Angst vor ihm hatte?</p><p>�Ich werde nach Gowenna schicken�, fuhr er fort, ehe Del Gelegenheit hatte, auf seinen pl�tzlichen Ausbruch zu reagieren. �Ich rede mit ihr. Sie wird sich um sie k�mmern.�</p><p>Del lachte leise. �O ja�, sagte er sp�ttisch. �Davon bin ich �berzeugt. So, wie sie sich bisher um sie gek�mmert hat.� Pl�tzlich bebte seine Stimme vor Zorn. �Begreifst du eigentlich nicht, was sie tut, Skar? Es geht mich nichts an, was zwischen dir und Vela war, und ich werde bestimmt nicht auch noch anfangen, dir Vorw�rfe zu machen, wenn du solche Angst davor hast. Aber was Gowenna mit ihr macht, geht zu weit. Wenn dir dieses Kind schon egal ist, dann denke wenigstens an den Eid, den du geschworen hast - da� du Leben sch�tzen und Unrecht verhindern wirst, selbst wenn es dein eigenes Leben kostet, Skar. Gowenna bringt sie um, ganz langsam und ohne da� wir es bisher gemerkt haben. Wenn du sie weiter gew�hren l��t, dann wirst du einen leeren K�rper zum Berg der G�tter bringen.�</p><p>�Und was soll ich tun?� fragte Skar bitter. �Gowenna ist die einzige an Bord, die etwas von der Heilkunst versteht. Wir werden ihr vertrauen m�ssen, ob wir wollen oder nicht. Oder m�chtest du vielleicht Hebamme spielen, wenn das Kind kommt?�</p><p>Er sprach schnell und eine Spur zu laut, um sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn Dels Worte getroffen hatten. Allein den Gedanken, da� Del ihn eines Tages an seinen Satai-Eid erinnern w�rde, h�tte er noch vor wenigen Monaten f�r l�cherlich gehalten. Und das Schlimme war, da� er vollkommen recht hatte.</p><p>Del schwieg einen Moment. �Ich stimme dir zu�, murmelte er. �Aber ich werde auf sie achtgeben.�</p><p>Skar nickte. Er war es m�de, zu streiten. Und irgend etwas sagte ihm, da� sie - ganz egal, was sie auch tun w�rden - Gowennas Pl�ne doch nicht durchkreuzen konnten. Es war dieses Gef�hl der Hilflosigkeit, das so schmerzte. Gowenna hatte niemals vorgehabt, Vela wirklich lebend zum Berg der G�tter zu bringen. Und sie gab sich nicht einmal besondere M�he, wenigstens so zu tun. Warum begriff Del das nicht? War er so blind, nicht zu sehen, was Gowenna wirklich vorhatte? Aber vielleicht wollte er es auch nur nicht sehen. Vielleicht war er auf seine Weise ebenso m�de wie er, Skar. Manchmal verga� er, da� er nicht der einzige war, der gegen Vela gek�mpft hatte, und da� Del an der Niederlage der Errish mindestens ebenso teilhatte wie er. Und vielleicht hatte er den h�heren Preis gezahlt.</p><p>Er wandte sich um, blieb einen Moment mit geschlossenen Augen stehen und sog h�rbar die Luft ein. �Ich werde mit ihr reden�, sagte er noch einmal. �Sobald ich wieder unten auf dem Schiff bin.�</p><p>�Tu das�, stimmte Del zu. �Und sag ihr, da� ich von jetzt an doppelt auf Vela achtgeben werde.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf, bedachte Del mit einem letzten, beinahe traurigen Blick und wandte sich endg�ltig ab. Ein paar M�nner beobachteten ihn. Niemand sah ihn direkt an, nicht, wenn er es bemerken konnte, und die meisten gaben sich alle M�he, so zu tun, als h�tten sie von der kurzen Szene nichts mitbekommen, aber er sp�rte ihre Blicke mit fast schmerzlicher Deutlichkeit. Del und er hatten zum Schlu� laut genug gesprochen, da� beinahe jeder in der H�hle ihre Worte mitbekommen haben mu�te. Es war nicht gut, wenn er sich in aller �ffentlichkeit mit Del stritt; nicht f�r seine Position und nicht f�r die Moral der M�nner. Rayan hatte ihm das Kommando vor allem aus dem Grund gegeben, weil er stark war, und weil sie in einer Lage waren, aus der sie wahrscheinlich auch nur ein starker Mann herausbringen konnte.</p><p>Ein Mann, der zum Beispiel stark genug war, den Freiseglern alles zu nehmen, um ihr Leben zu retten, dachte er bitter. St�rke. Was war das schon? Er hatte es so oft geh�rt, hatte so oft gesp�rt, wie sehr ihn die anderen um seine Kraft beneideten, und er war so wenigen begegnet, die wirklich wu�ten, welchen Preis man manchmal f�r diese St�rke zahlen mu�te.</p><p>Vielleicht war er diesmal zu hoch, dachte er. Vielleicht w�rde er diesmal verlieren.</p></section><section><title><p id="_11">11.</p></title><p>Das Meer war glatt wie Glas. Es gab Wellen, aber sie schienen, obgleich sie so langsam und majest�tisch wie seit �onen heranrollten, trotzdem erstarrt, wie durch einen geheimnisvollen Zauber mitten in der Bewegung gefroren, die Schaumkronen zu glitzernden wei�en Eiskappen und der Spr�hnebel aus winzigen Tr�pfchen irgendwo auf halbem Wege zwischen Himmel und Meer zu einem zeitlosen Schweben geworden, als g�be es mit einem Mal zwei Arten von Bewegung, die sich gegenseitig weder beeintr�chtigten noch beeinflu�ten. Grauer Nebel lag wie der Atem einer eisigen Gottheit �ber dem Meer und dem Eisstrand, bildete Formen und Umrisse, bizarre Gesichter und Gestalten, H�nde, die mit kleinen gierigen Bewegungen �ber das Eis tasteten und wieder vergingen, wenn sie der Hauch des Windes streifte. Der Himmel war erloschen, ein einziger kalter Stern glitzerte im Zenit, aber auch er schien keine W�rme und nur wenig Licht auszustrahlen. Schlie�lich verglomm auch er, und undurchdringliche Dunkelheit breitete sich wie eine schwere schwarze Decke �ber Meer und Land aus.</p><p>Unweit des Strandes begannen sich auf der Wasseroberfl�che flache kreisf�rmige Strudel zu bilden, breiteten sich nach allen Seiten aus, als werfe jemand unsichtbare Steine ins Wasser. Die kleinen dadurch entstandenen Wellen verschmolzen mit ihren gro�en Schwestern oder liefen ihnen davon, bis sie eingeholt wurden oder sich ihre Kraft auf dem glitzernden Strand brach. Blasen stiegen auf, vereinzelt und klein zuerst, dann mehr und gr��er, wie von einer schimmernden Haut �berzogen, so da� ein deutliches Blubbern zu h�ren war, wenn sie platzten. Etwas Dunkles, Gro�es, Unf�rmiges und Unm�gliches begann sich unter der Wasseroberfl�che zu formen, ein absurdes Ding aus Schw�rze und geballter Dunkelheit wuchs heran, tauchte langsam, aber unaufhaltsam weiter empor, wuchs...</p><p>Eine Hand ber�hrte Skar unsanft an der Schulter und r�ttelte ihn so lange, bis er mit einem Ruck hochfuhr. F�r einen Moment hatte er Schwierigkeiten, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Er schlief nicht mehr, war aber auch noch nicht wach, und das Gesicht �ber ihm erschien ihm dunkel und gro� und �beraus h��lich...</p><p>Skar blinzelte schlaftrunken, versuchte die Hand abzustreifen und sah zum Eingang der H�hle hin�ber. Hinter dem gezackten Spalt lag graue D�mmerung. Er konnte nicht lange geschlafen haben; eine Stunde, vielleicht zwei. Trotzdem f�hlte er sich, nachdem er die letzten Spinnweben des Traumes abgesch�ttelt hatte, das Gesicht vor ihm wieder ein Gesicht und der Laut in seinen Ohren vom Rauschen der Meeresbrandung zum Ger�usch zahlreicher, eng zusammengedr�ngt schlafender Menschen geworden war, �berraschend frisch und ausgeruht, und er war fast dankbar daf�r, geweckt worden zu sein. Nicht nur wegen des �blen Traumes, der ihn verfolgt hatte. Es gab zu viel zu tun. Er h�tte sich nicht einmal diese eine Stunde Schlaf g�nnen d�rfen, und er hatte auch nicht schlafen wollen, sondern sich nur einen Moment hingehockt und den Kopf gegen das kalte Eis der Wand gelehnt, um auszuruhen. Aber die Strapazen der vergangenen Tage forderten ihren Tribut.</p><p>�Herr?�</p><p>Skar bemerkte erst jetzt, da� ihn der Mann bereits zum dritten oder vierten Mal ansprach. Er fuhr sich m�de mit der Hand �ber die Augen, unterdr�ckte ein G�hnen und wandte sich dem Matrosen zu. Sein Blick war verschleiert; das Gesicht des Mannes schien immer wieder mit den unsicheren Schemen im Inneren der H�hle zu verschmelzen, und seine Stimme hatte einen seltsamen, verzerrten Nachhall. Offenbar war er doch noch nicht vollkommen wach.</p><p>�Ja?�</p><p>�Helth schickt nach Euch�, sagte der Freisegler. Seine Stimme zitterte, aber Skar vermochte nicht zu sagen, ob vor K�lte oder aus einem anderen Grund. Das war auch etwas, was er kl�ren mu�te: Die M�nner hatten trotz allem noch immer Angst vor ihm, und es war eine Angst, die nicht allein damit zu begr�nden war, da� er Satai war. Die Freisegler waren ja an die Gesellschaft der beiden Veden gew�hnt. Ein Mann, der ein Meister der Schwertkunst war, konnte also f�r sie nichts Erschreckendes haben.</p><p>�Er braucht Euch unten auf der SHAROKAAN.�</p><p>Skar wollte nach dem Grund fragen, belie� es aber dann bei einem wortlosen Nicken, stemmte sich langsam und �chzend wie ein alter Mann hoch und folgte dem Mann zum Ausgang. Die Besatzung hatte noch mehr Kisten und F�sser hinaufgeschafft, w�hrend er geschlafen hatte, und die Eish�hle schien bis auf den letzten verf�gbaren Meter vollgestopft zu sein. Der See aus Schmelzwasser war gr��er geworden, wie Skar mit einem besorgten Blick feststellte, und die Hitze der Fackeln hatte bereits tiefe, nach oben spitz auslaufende H�hlungen in die Eisw�nde gebrannt. Del und Vela schliefen ein St�ck abseits der anderen, eng aneinandergeschmiegt, um der K�lte wenigstens notd�rftig zu trotzen und sich gegenseitig zu w�rmen. Er ging vorsichtig und bem�hte sich, kein unn�tiges Ger�usch zu machen, um die M�nner nicht zu wecken. Sie lagen zum Teil da, als w�ren sie vor Ersch�pfung zusammengebrochen und an Ort und Stelle eingeschlafen. Sie brauchten die wenigen Stunden Schlaf, die er ihnen g�nnen konnte. Skar hatte sich an den Gedanken, jetzt Kommandant dieser M�nner zu sein, noch immer nicht gew�hnt. Er war schon F�hrer gr��erer Gruppen gewesen, ganzer Heere, aber das war etwas anderes. Diese M�nner w�rden ihm gehorchen bis in den Tod, und trotzdem war zwischen ihnen eine un�berbr�ckbare Kluft.</p><p>Kalter Wind schlug ihm entgegen, als er die H�hle verlie�. Aber wenigstens hatte sich der Nebel verzogen. Skar zog fr�stelnd den Mantel enger um die Schultern zusammen, trat einen Moment auf der Stelle und sah zur Kanaleinfahrt hin�ber. Im blassen Sternenlicht wirkte der Einschnitt wie eine klaffende Wunde im schimmernden Wei� der Wand.</p><p>Als er weitergehen wollte, kamen ihm drei dunkle Gestalten entgegen, bucklige Schatten, die sich beim N�herkommen in Matrosen verwandelten, gebeugt und wankend unter der Last der B�ndel, die sie sich aufgeladen hatten.</p><p>Die Sonne war bereits seit einiger Zeit untergegangen, aber �ber dem Meer und dem Eissee lag noch ein grauer Schimmer von Licht, den die hereinbrechende Nacht noch nicht vertrieben hatte, und unten auf der SHAROKAAN brannten unz�hlige Fackeln, so da� das Schiff wie eine flammende Insel aus Licht und W�rme am Ufer des Sees lag. Aber der Wind war k�lter geworden, und es schien eine ganz sonderbare Art von K�lte zu sein, gegen die ihn seine w�rmende Kleidung nicht zu sch�tzen vermochte; nicht sonderlich intensiv, aber durchdringend.</p><p>Er blieb einen Moment lang stehen, zog den Umhang noch enger um die Schultern und rieb die H�nde gegeneinander. Dann folgte er dem Matrosen den absch�ssigen Hang zum Strand hinab.</p><p>Er brauchte lange, um die wenigen Dutzend Schritte zur�ckzulegen. Das Eis hatte durch das st�ndige Hin- und Herlaufen der Matrosen viel von seiner Gl�tte verloren, aber der Hang war noch immer gef�hrlich, und ein einziger falscher Schritt konnte einen Sturz ins Wasser und damit den Tod bedeuten. Er zitterte vor K�lte, als er die schmale Laufplanke der SHAROKAAN hinaufging.</p><p>Helth erwartete ihn am Bug. Der Vede wirkte ersch�pft; unter seinen Augen lagen dunkle Ringe, und seine Bewegungen waren fahriger geworden. Er trug noch immer den gleichen Umhang, aber er hatte sein Haar ges�ubert, und an seinen H�nden klebte kein Blut mehr. �Was gibt es?� fragte Skar anstelle einer Begr��ung. Er gab sich keine M�he, seine Stimme freundlich klingen zu lassen. Wie immer, wenn er zu fr�h und zu abrupt aus dem Schlaf gerissen wurde, war er �bler Laune, und er hatte keine Lust, sich zu verstellen.</p><p>Helth blickte weiter starr zum Eiskanal hin�ber. �Hast du mit Kehlher gesprochen?� fragte er.</p><p>Skar nickte. Kehlher war einer der vier M�nner aus der Besatzung, die sich darauf verstanden, ihre Position anhand der Sterne zu bestimmen. Aber das Gespr�ch mit ihm war erfolglos verlaufen. Wie sich dabei herausstellte, hatten er und die anderen schon mehr als nur einmal ihre Position ermittelt, seit sie von dem Dronte von ihrem urspr�nglichen Kurs gejagt wurden. Das Problem war nicht die Ermittlung des genauen Standorts. Kehlher hatte ihm auf f�nfzehn Seemeilen genau sagen k�nnen, wie weit und in welcher Richtung sie von der K�ste Elays entfernt waren. Aber wo sie tats�chlich waren, wu�te niemand. Kein Schiff war jemals so weit wie die SHAROKAAN nach Norden gesegelt; und wenn, so war es nicht zur�ckgekehrt.</p><p>Helth wartete eine Weile vergeblich auf eine Antwort und deutete schlie�lich zum Eiskanal hin�ber. Skar konnte nicht mehr als wogende Schatten und undeutliche, sich st�ndig ver�ndernde Umrisse erkennen, die zum Gro�teil wohl nur seiner Phantasie entsprangen, und jedesmal, wenn er dort hin�berblickte, beschlich ihn erneut ein seltsam bekanntes Gef�hl der Furcht, einer Furcht, die nicht allein auf die Anwesenheit des Dronte zur�ckzuf�hren war.</p><p>�Irgend etwas geht dort vor�, fl�sterte Helth. Er sprach so leise, da� Skar M�he hatte, seine Worte �ber dem Wimmern des Sturmes zu verstehen. �Ich wei� nicht, was, aber irgend etwas geschieht dort. Man... h�rt Ger�usche.�</p><p>Skar lauschte sekundenlang, aber er vernahm nichts au�er dem winselnden, auf- und abschwellenden Heulen des Windes.</p><p>�Ich h�re nichts�, sagte er.</p><p>Helth nickte. �Im Augenblick ist es auch nicht. Aber es kommt wieder, verla� dich darauf.�</p><p>Skar sah den jungen Veden fragend an. �Hast du mich deshalb rufen lassen?�</p><p>Helth schwieg einen Moment. Der Schatten von Freundlichkeit, der auf seinen Z�gen gelegen hatte, verschwand. �Nat�rlich nicht�, fuhr er mit ver�nderter Stimme fort. �Ich wollte dir mitteilen, da� wir fertig sind. Was jetzt noch an Bord ist, kann zur�ckbleiben.�</p><p>Skar versuchte vergeblich, einen Unterton von Tadel oder Vorwurf in Helth' Stimme zu h�ren. Das einzige, was er sp�rte, war Ersch�pfung, allenfalls noch eine Spur von Resignation. Was Helth ihm hatte sagen wollen, hatte er ihm gesagt. Er w�rde es nicht noch einmal tun. �Gut�, sagte er. �Dann sollten wir alle hinaufgehen und uns gr�ndlich ausschlafen. Die M�nner brauchen Ruhe. Und du auch.�</p><p>�Und morgen brechen wir auf?�</p><p>Skar z�gerte sichtlich, ehe er nickte. Helth wu�te so gut wie alle anderen, da� sie bei Sonnenaufgang losmarschieren w�rden. Wenn er trotzdem fragte, dann, um mit dieser Frage auf den eigentlichen Grund dieses Gespr�ches hinzuarbeiten. �Ja. Bei Sonnenaufgang. Wir gehen an der K�ste entlang nach Osten. Auf diese Weise haben wir am ehesten eine, wenn auch geringe Chance, auf Land zu sto�en.� Helth nickte. �Hoffentlich�, murmelte er. �Immer vorausgesetzt, dieser Eisklotz ist nicht Teil einer Insel, sondern ein ans Eismeer reichender Ausl�ufer eines neuen, unentdeckten Kontinents. - Aber ich habe dich nicht deshalb gerufen, sondern um dir etwas zu zeigen. Komm.� Er fuhr mit einer �bertrieben heftigen Bewegung herum und ging an Skar vorbei zum Heck des Schiffes. Skar folgte ihm neugierig. Die Pinasse war wieder zu Wasser gelassen worden. Aber sie war diesmal nicht mit M�nnern beladen, sondern mit F�ssern; Dutzenden von bauchigen, von schweren Eisenringen zusammengehaltenen F�ssern, die mit einem Netzwerk von Tauen und Stricken gesichert waren. Ein scharfer, stechender Geruch schlug Skar entgegen, als er sich �ber die Reling beugte, und er sah, da� das Boot kn�cheltief mit einer �ligen Fl�ssigkeit gef�llt war.</p><p>�Was bedeutet das?� fragte er. Der Tonfall seiner Worte lie� keinen Zweifel daran, da� er - ganz gleich, was Helth vorhatte - dagegen sein w�rde, aber der junge Vede ging nicht darauf ein.</p><p>�In zwei Stunden setzt die Ebbe ein�, sagte Helth. �Das Wasser flie�t dann aus dem See ab und str�mt durch den Kanal nach drau�en ins offene Meer.�</p><p>�Ich wei߫, nickte Skar ungeduldig. �Und?�</p><p>Helth deutet auf das Tau, das die Pinasse mit der SHAROKAAN verband. �Wir brauchen sie nur der Flut zu �bergeben, und sie wird in den Kanal gesogen�, sagte er. �Die F�sser enthalten �l. Das gleiche �l, mit dem ihr den Dronte angegriffen habt, Brad und du.�</p><p>Skar begann zu begreifen, was der Vede wollte. Er selbst hatte f�r kurze Zeit mit dem gleichen Gedanken gespielt, ihn aber rasch wieder verworfen. Aber Helth gab ihm keine Gelegenheit, irgendwelche Einw�nde vorzubringen.</p><p>�Ein geschickter Bogensch�tze kann einen Pfeil von hier bis zum Kanal schie�en�, fuhr er fort.</p><p>�Einen brennenden Pfeil�, vermutete Skar.</p><p>Helth nickte. Es war zu dunkel, als da� Skar den Ausdruck auf seinem Gesicht h�tte erkennen k�nnen, aber als er weitersprach, hatte seine Stimme viel von ihrer Ruhe verloren.</p><p>�Du bist es mir schuldig, Skar. Mein Vater �bergab dir das Kommando �ber die SHAROKAAN, und ich will mich jetzt nicht mit dir dar�ber streiten, ob es richtig war oder falsch. Es war sein letzter Wunsch, und ich respektiere ihn. Aber er darf nicht umsonst gestorben sein. Er nicht und Brad nicht. Ich will diese Bestie haben, Skar.� Skar wollte auffahren, besann sich aber im letzten Augenblick anders. �Wir haben es schon einmal versucht, Helth�, antwortete er. �Du wei�t, da� es sinnlos ist. Dein Vater hat diesen Versuch mit dem Leben bezahlt, Helth. Aber wir konnten dieses Ungeheuer nicht t�ten.�</p><p>Helth wischte seinen Einwand mit einer w�tenden Armbewegung beiseite. �Du bist es mir schuldig�, wiederholte er stur. �Und wenn schon nicht mir, so Rayan und Brad. Mit dem, was sich dort auf dem Boot befindet, kann ich die halbe Insel in die Luft sprengen.�</p><p>�Und genau das wirst du tun, Helth�, unterbrach ihn Skar ruhig. �Die halbe Insel und uns dazu. Es nutzt uns nichts, wenn wir den Dronte vernichten und dabei selbst sterben.�</p><p>�Es wird f�r dieses verdammte Ungeheuer reichen!� fuhr Helth w�tend fort, als h�tte er Skars Worte gar nicht geh�rt.</p><p>Skar sch�ttelte sanft den Kopf. �Du hast nicht gesehen, was ich gesehen haben, Helth�, murmelte er. �Der Dronte ist ein Wesen, dessen Element das Feuer ist. Du kannst ihn nicht mit Feuer t�ten.�</p><p>Helth lachte rauh. �Ich wu�te, da� du das vorbringen w�rdest, Satai�, zischte er. �Aber ich werde es trotzdem tun, ob mit oder ohne deine Erlaubnis.�</p><p>�Ich kann dich nicht daran hindern, Helth�, antwortete Skar gelassen. �Aber du wirst damit nichts erreichen. Ich will dieses Monster ebenso gerne tot sehen wie du, aber...�</p><p>�Gerede�, unterbrach ihn Helth. �Du und diese Gowenna, ihr steht euch in nichts nach. Reden, das k�nnt ihr...�</p><p>�Ich kann auch noch etwas anderes�, sagte eine Stimme hinter ihnen. Skar drehte sich halb um und erkannte Gowenna. Sie war herangekommen, ohne da� er es bemerkt hatte. �Ich kann dich �bers Knie legen und dir den Hintern versohlen, Junge. Vielleicht ist es das, was du n�tig hast.�</p><p>Skar hielt unwillk�rlich den Atem an. Helth' Hand zuckte zum G�rtel. Seine Gestalt straffte sich.</p><p>Aber der gef�hrliche Moment ging vor�ber, ohne da� Helth die Waffe zog. Er war Gowenna �berlegen in diesem Moment. Sie war unbewaffnet und ersch�pft, und er h�tte sie t�ten k�nnen, wahrscheinlich so schnell, da� nicht einmal Skar in der Lage war, es zu verhindern, und sie wu�ten es beide. Aber sie wu�ten auch beide, da� der Kampf zwischen ihnen nicht mit Waffen ausgetragen werden w�rde. Nicht jetzt. Nicht so. Trotz allem w�rde Helth niemals einen Gegner angreifen, der in einem - seiner Meinung nach - unfairen Nachteil war. Es w�re kein Sieg; nicht f�r ihn. Gerade ihre Unterlegenheit sch�tzte Gowenna. Und machte Helth um so w�tender.</p><p>�Das einzige, was du erreichen wirst, Helth�, fuhr Gowenna fort, �ist, dieses Biest weiter zu reizen. Du hast erlebt, wozu es f�hig ist. Ich m�chte nicht in der N�he sein, wenn es wirklich w�tend wird.� Helth' Augen funkelten. �Was kann es uns schon antun�, entgegnete er trotzig. �Es wird die SHAROKAAN so oder so vernichten. Und wenn den Dronte das Feuer nicht zerst�rt, so bringt es vielleicht den Kanal zum Einsturz und h�lt ihn fest, wo er ist. Oder hast du Angst, da� er uns aufs Eis nachkriecht?� f�gte er h�hnisch hinzu. Gowenna antwortete nicht. Helth' Worte waren nur mehr blo�e Verteidigung, eine Geste, mit der er seinen R�ckzug deckte, um nicht das Gesicht zu verlieren. Gowenna mu�te das wissen, aber zu Skars Verwunderung verzichtete sie darauf, das Messer noch tiefer in die Wunde zu sto�en. Sie sch�ttelte nur den Kopf, bedachte Helth mit einem beinahe mitleidigen Blick und ging zum Heck des Schiffes zur�ck.</p><p>�Sie hat recht, Helth�, meinte Skar sanft. �Wir -�</p><p>Er brach ab, als er bemerkte, da� der junge Vede nicht mehr zuh�rte. Noch einmal setzte er dazu an, etwas zu sagen, sch�ttelte aber dann nur den Kopf und wandte sich resigniert um.</p><p>Gowenna stand auf dem erh�hten Achterdeck und blickte �ber den See. Skar konnte nur ihre verbrannte Gesichtsh�lfte sehen; das blinde Auge funkelte wie ein winziger Kristall in dem dunkleren Narbengewebe, und in den zerst�rten Z�gen schien ein Ausdruck uns�glichen Schmerzes eingebrannt zu sein; ein Schmerz, der weit �ber blo�e k�rperliche Qual hinausging. Ihre Haltung wirkte entspannt, beinahe gel�st, und trotzdem lag etwas darin, das Skar sagte, wie es in ihrem Inneren aussah.</p><p>�Du mu�t ihn verstehen�, murmelte er. �Es war zuviel f�r ihn.� Gowenna drehte langsam den Kopf. �Das ist kein Grund, uns von diesem jungen Narren umbringen zu lassen�, stellte sie ruhig fest. �Wie w�rdest du reagieren, wenn du Vater und Bruder an einem einzigen Tag verlierst?� gab Skar zur�ck. �Er mag den Mantel eines Veden tragen, aber ein St�ck bunter Stoff und eine Waffe machen aus einem Kind noch keinen Mann.�</p><p>�Sag ihm das�, schnappte Gowenna. �Oder noch besser, pr�gele es ihm in den Dicksch�del hinein. Das scheint die einzige Sprache zu sein, die er versteht.�</p><p>Skar l�chelte traurig. �Er wei� es, Gowenna. Aber gib ihm eine Chance.�</p><p>Gowenna antwortete nicht darauf. Sie sah ihn einen Moment lang durchdringend an, drehte sich dann wieder um und starrte zum gegen�berliegenden Ufer hin�ber. Ein leiser, st�hnender Laut drang durch die wogenden Nebel zu ihnen her�ber, ein Ger�usch, als rege sich dort hinten irgend etwas M�chtiges, Gewaltiges. Der Laut, von dem ihm Helth erz�hlt hatte. Skar fror pl�tzlich st�rker. Ein Fetzen seines Traumes fiel ihm wieder ein, und er war auf einmal sicher, da� es mehr als ein normaler Alptraum gewesen war. Er �berlegte, ob er Gowenna davon erz�hlen sollte, lie� es aber dann.</p><p>�Wir sollten gleich heute aufbrechen�, sagte Gowenna unvermittelt. �Je gr��er die Entfernung ist, die ich zwischen mich und dieses... Ding bringe, desto wohler f�hle ich mich.�</p><p>�Wir haben Zeit�, widersprach Skar. �Und die M�nner brauchen eine Pause. Wer wei�, wie lange sie marschieren m�ssen.�</p><p>�Zwei Tage, vielleicht drei.�</p><p>Skar wandte �berrascht den Kopf. �Wie kommst du darauf?� Gowenna deutete nach Osten. �Ich war dort oben�, antwortete sie, �auf der Eismauer. Vorhin, als du geschlafen hast. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, es gibt ein Gebirge im Osten. Man sieht es nicht, aber das Licht der Sonne spiegelt sich auf seinen Gipfeln, kurz bevor sie versinkt.�</p><p>Skar �berlegte einen Moment. �Selbst, wenn du recht hast�, murmelte er, �woher wei�t du, was hinter diesen Bergen liegt?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, gab Gowenna gleichm�tig zu. �Vielleicht eine weitere Eisw�ste. Vielleicht das offene Meer... Aber es ist immer noch besser, wir gehen dorthin als in irgendeine andere Richtung. Dein Einverst�ndnis vorausgesetzt�, f�gte sie sp�ttisch hinzu.</p><p>Skar sp�rte, da� sie auf eine Antwort wartete, aber er beschr�nkte sich auf ein kaum merkliches Nicken und blickte weiter zum Eiskanal hin�ber. Er hatte keine Lust mehr zu diskutieren. Ihr Gespr�ch war sinnlos, diente allenfalls dem Zweck, einfach zu reden, die Stille und die bedr�ckenden Gedanken in ihrem Gefolge nicht �berm�chtig werden zu lassen.</p><p>Er drehte sich herum, blickte �ber das Deck der SHAROKAAN, die jetzt still und ruhig wie ein Geisterschiff dalag und wandte sich dann wieder dem Kanal zu. Erneut war dieser dumpfe, st�hnende Laut zu h�ren. Vielleicht nichts anderes als die Ger�usche, mit denen sich das geborstene Eis bewegte, sich die m�chtigen, aus ihrer vielleicht Jahrtausenden w�hrenden Ruhe gerissenen Bl�cke neu setzten, vielleicht aber auch etwas anderes.</p><p>Skar wehrte sich gegen den Gedanken, aber dadurch wurde es eher schlimmer. Die Angst hatte sich in seiner Seele eingenistet, und es war ein Feind, gegen den zu k�mpfen sinnlos war. Etwas - irgend etwas - schien aus dem nebelverhangenen Korridor dort dr�ben her�berzuwehen, ein Ruf, eine lautlose, unh�rbare Stimme, spinnenfingrige Geisterh�nde, die nach seiner Seele griffen und irgend etwas in ihm anr�hrten. Es war nicht das erste Mal, da� er dieses Gef�hl hatte, aber es wurde st�rker, mit jedem Mal, mit jeder Sekunde, jedem Atemzug, den er tat.</p><p>Und er sp�rte, wie irgend etwas in ihm antwortete...</p><p>Skar erschrak, so heftig, da� die Reaktion auf seinem Gesicht abzulesen sein mu�te, denn er sah, wie Gowenna zusammenzuckte und ihn mit pl�tzlicher neuer Besorgnis beobachtete. Sie schien etwas sagen zu wollen, aber er hob rasch die Hand und sch�ttelte den Kopf.</p><p>Etwas in ihm erwachte, regte sich nach langer, langer Zeit wieder und antwortete auf den Ruf, der aus dem Wrack des Dronte zu ihm her�bergetragen wurde, dumpf, dunkel und lockend, eine Stimme aus einer fremden, bedrohlichen, bizarren Welt, fremder noch als der Dronte mit all seinen Schrecken.</p><p>Und pl�tzlich wu�te er auch, was es war. Pl�tzlich wu�te er, was er die ganze Zeit �ber gesp�rt hatte, woher dieses widersinnige Gef�hl des Vertrauten, Bekannten gekommen war. Bilder tauchten in seinem Geist auf, Bilder von bedr�ckender Realit�t, blitzartige Visionen: dunkle, auf seltsam falsche Weise gekr�mmte G�nge und Stollen, Treppensch�chte, die nicht f�r Menschen gedacht waren, G�nge und R�ume, nach einer fremden, in den Augen schmerzenden Geometrie errichtet... Namen und Orte tauchten in seinem Geist auf, Erinnerungen, schmerzhaft und voller dumpfer Qual: Urc�un... das Labyrinth unter den gl�sernen Ebenen...</p><p>Er hatte den Atem des Dronte schon einmal gesp�rt, in Urc�un, der verwunschenen Stadt am Rande der Nonakesh-W�ste, sp�ter in Velas unterirdischer Festung in Tuan.</p><p>Und er f�hlte in sich, jetzt wie damals, wieder die gleiche b�se Lust am Vernichten, am Zerst�ren und T�ten, die ihn schon einmal zu �berkommen gedroht hatte, dort, und sp�ter, beim Kampf mit dem schwarzen Satai am Rande des Schattengebirges. Er war ihr zweimal erlegen, und er hatte sie zweimal besiegt, aber er hatte auch gesp�rt, wie ungleich schwerer es beim zweiten Mal gewesen war.</p><p>Sein dunkler Bruder war erwacht. Er hatte geglaubt, ihn besiegt zu haben, aber das stimmte nicht. Er hatte ihn vertrieben, ihn tief, unendlich tief in seiner Seele vergraben, ihn hinter eine Mauer aus Selbstbeherrschung und Disziplin gesperrt, aber er war noch da, stark und m�chtig wie eh und je. Und er wu�te nicht, ob er ihn ein drittes Mal bezwingen konnte.</p><p>�Was hast du?� fragte Gowenna. Sie wirkte beunruhigt, beinahe schon �ngstlich, und als er in ihr Gesicht sah, erblickte er darin einen besorgten Ausdruck, einen schwachen Abglanz seiner eigenen Furcht, des Schreckens, der ihn gefangenhielt.</p><p>�Nichts�, murmelte er schwach. �Es ist... nichts...�</p><p>�Du bist bla߫, stellte Gowenna fest. �Und du zitterst am ganzen Leib. Also erz�hl mir nicht, da� du nichts hast.�</p><p>�Ich... mu�te an Del denken�, antwortete er ausweichend. Die L�ge klang d�nn, und Gowennas einzige Reaktion darauf bestand in einem fl�chtigen L�cheln.</p><p>�Findest du es fair, von mir Offenheit zu verlangen und selbst nicht bereit dazu zu sein?� fragte sie.</p><p>Skar sch�ttelte verwirrt den Kopf, nickte und wandte sich dann mit einem Ruck ab. �Nicht jetzt, Gowenna�, sagte er leise. �Wir reden dar�ber, sp�ter. Aber nicht jetzt. Bitte. Ich bin auch nur gekommen, um...� Er brach pl�tzlich ab, sah sie einen Moment lang an und starrte dann an ihr vorbei aufs Meer. Wenn er sie jetzt auf Vela ansprach, w�rde sie glauben, es w�re nur ein Vorwand, ein Angriff seinerseits, um abzulenken. Er sch�ttelte den Kopf. �Nichts�, murmelte er. �Es ist nichts. Vergi� es.�</p><p>Gowenna sog h�rbar die Luft ein. Zwei, drei Sekunden lang starrte sie ihn an, sah dann zum Eiskanal hin�ber, als sp�re sie, da� dort dr�ben die Antwort auf all ihre Fragen lag, und drehte sich mit einem Kopfsch�tteln um. �Wie du meinst�, murmelte sie.</p><p>Skar hob langsam die Hand an die Schl�fe. Sein Sch�del pochte, und irgendwo hinter seinen Gedanken glaubte er ein leises, b�ses Lachen zu h�ren. Er ballte in hilfloser Wut die F�uste, trat dicht an die Reling heran und starrte auf die nahezu unbewegte Wasseroberfl�che hinunter. Der Rumpf der SHAROKAAN begann sich bereits wieder mit Eis zu �berziehen; ein d�nner, glitzernder Panzer, der langsam, vielleicht nicht mehr als ein Fingerbreit pro Stunde, aber unaufhaltsam an den verquollenen Planken emporkroch. Es war wie dieses Etwas in seiner Seele, dachte Skar. Sein Vormarsch war langsam, tr�gerisch langsam, aber es gab nichts, was ihn stoppen konnte.</p><p>Es war der Dronte. Er sp�rte seinen Ruf, seine Stimme. Die Stimme seines dunklen Bruders, der endlich seinen Gegenpart gefunden hatte. Skar erschrak. Ohne es bisher selbst zuzugeben, hatte er sich insgeheim an den Gedanken geklammert, da� alles nur Einbildung war, nichts als eine Reaktion seiner �berreizten Nerven. Aber er schien an einem Punkt angekommen zu sein, an dem er sich nicht einmal mehr selbst bel�gen konnte.</p><p>�Ich habe mit Del gesprochen�, sagte er leise. �Vorhin, als ich oben in der H�hle war.�</p><p>Auf Gowennas Z�gen erschien ein seltsamer Ausdruck. Skar �berkam pl�tzlich das Gef�hl, da� sie ganz genau wu�te, worauf er hinauswollte. �Das soll... �fter vorkommen�, bemerkte sie stockend und in dem vergeblichen Versuch, sp�ttisch zu klingen. �Ich glaube mich zu erinnern, da� ich euch beide schon einmal im Gespr�ch gesehen habe.� Sie lachte.</p><p>�Vela�, murmelte Skar. �Es geht um Vela. Und dich. Ich m�chte, da� du damit aufh�rst, sie langsam umzubringen.�</p><p>Gowenna sch�rzte die Lippen. �Tue ich das, Satai?� fragte sie kalt. Skar blieb ruhig. �Ich will endlich wissen, was du im Schilde f�hrst, Gowenna�, fuhr er ernst fort. �Ich will wissen, was du wirklich vorhast, mit ihr und vielleicht auch mit uns. Ich habe nicht die Kraft, gegen dieses Ungeheuer und dich gleichzeitig zu k�mpfen.�</p><p>�Du redest Unsinn�, unterbrach ihn Gowenna ver�rgert. �Ich befolge den Befehl der Ehrw�rdigen Mutter in Elay, nicht mehr und nicht weniger.�</p><p>�Aber es bereitet dir Freude, sie zu qu�len.�</p><p>Gowenna schien irritiert, und auch Skar f�hlte sich unsicher. Er hatte damit gerechnet, da� sie streiten w�rden wie so oft, aber Gowenna blieb ganz ruhig, fast, als h�tte sie dieses Gespr�ch vorausgesehen und sich jede m�gliche Antwort auf jede m�gliche Frage genau �berlegt. �Ich qu�le sie nicht�, sagte sie. �Sie sp�rt nichts. Wahrscheinlich ist sie im Moment die einzige, die gl�cklich ist von uns allen. Und selbst wenn - w�rde es einen Unterschied machen?�</p><p>�Das w�rde es�, antwortete Skar. �F�r mich. Ich habe geschworen, Vela lebend zum Berg der G�tter zu bringen, und ich werde meinen Schwur halten. Aber ich m�chte einen Menschen dorthin bringen, Gowenna, keine leere H�lle, deren Geist ausgebrannt ist.�</p><p>�Ihr wird nichts geschehen�, antwortete Gowenna. �Das Mittel -�</p><p>�Sie stirbt�, unterbrach sie Skar. �Ich war bei ihr, vor nicht einmal einer Stunde. Sie siecht unter unseren H�nden dahin. Und das Kind mit ihr.�</p><p>Gowenna starrte ihn an. �Ist es das?� fragte sie ungl�ubig. �F�rchtest du um das Leben deines Kindes?� Sie lachte bitter. �Du solltest dich lieber vor dem Tag f�rchten, an dem es geboren wird, Satai.�</p><p>�Lenk nicht ab�, knurrte Skar. �Ich -�</p><p>�Ich lenke keineswegs ab�, fiel ihm Gowenna ins Wort. Pl�tzlich klang ihre Stimme hart und schneidend. �Ich befolge die Anordnung der Ehrw�rdigen Mutter. Du wei�t, da� ich sie nicht qu�le, weil es mir Spa� macht. Hast du schon vergessen, wozu diese Frau f�hig ist? Hast du vergessen, was sie dir angetan hat ? Dir und mir und zahllosen anderen? Sie h�tte die Welt in Brand gesetzt, wenn wir sie nicht daran gehindert h�tten, Skar.�</p><p>Pl�tzlich war er des Streitens m�de. Er f�hlte, da� er einer ernstgemeinten Auseinandersetzung mit Gowenna nicht gewachsen sein w�rde. Sie hatte schon immer besser mit Worten umgehen k�nnen als er. �Sie ist geschlagen, Gowenna�, sagte er matt. �Begreif das doch. Sie hat den Kampf ihres Lebens gek�mpft und verloren. Sie stellt keine Gefahr mehr dar. Weder f�r dich noch f�r mich, noch f�r irgendeinen. Sie ist geschlagen.�</p><p>�Nein, Skar�, antwortete Gowenna ernst. �Das ist sie nicht. Sie wird gef�hrlich bleiben, solange sie lebt. In diesem Punkt ist sie dir und mir �hnlich. Du kannst sie schlagen, aber du kannst sie nie wirklich besiegen.�</p><p>Skar seufzte. Es war sinnlos. Gowenna war verblendet, verrannt in ihren Ha�, so stark, da� sie rationalen Argumenten nicht mehr zug�nglich war.</p><p>�Dann verbiete ich es dir�, sagte er leise.</p><p>Gowenna fuhr auf. �Das kannst du nicht. Die Ehr -�</p><p>�Elay ist weit�, unterbrach sie Skar. �Wenn wir hier lebend herauskommen und den Berg der G�tter erreichen sollten, bin ich bereit, die Verantwortung f�r mein Tun zu �bernehmen, Gowenna. Aber jetzt verbiete ich dir, dich ihr auch nur zu n�hern. Von jetzt an werden nur noch Del und ich uns um sie k�mmern, kein anderer.�</p><p>Gowenna setzte zu einer scharfen Entgegnung an, �berlegte es sich im letzten Augenblick anders und senkte den Blick. �Ich gehorche�, fl�sterte sie kaum vernehmbar. �Aber du wirst diese Entscheidung bereuen, Skar. Ich bete, da� ich mich irre, aber du wirst sie bereuen. Bald sogar.�</p><p>�Das mag sein.� Skar zuckte mit den Achseln, lehnte sich auf das hartgefrorene Holz der Reling und blickte zur Eismauer hinauf. �Aber auch dar�ber reden wir sp�ter�, f�gte er nach einer Weile hinzu. �Bist du m�de?�</p><p>�M�de? Nein.�</p><p>�Dann zeig mir deine Berge�, murmelte Skar. �Vielleicht sind sie wirklich da. Und vielleicht haben wir doch noch eine Chance.�</p><p>�Hier�, sagte Gowenna. �Nimm meine Hand.�</p><p>Skar l�ste behutsam die Rechte von dem gezackten Vorsprung, an dem er Halt gesucht hatte, griff nach Gowennas hilfreich ausgestreckten Fingern und zog sich mit einer raschen Bewegung in die H�he. Der Wind traf ihn mit unbarmherziger Wucht, als er auf die spiegelglatte Krone der Eismauer hinaufstieg. Er machte rasch ein paar Schritte, um aus der unmittelbaren N�he der Kante zu kommen, zog den Fellumhang enger um die Schultern und sah Gowenna fragend an. �Dort.� Gowenna deutete nach Osten. Skar sah neugierig in die angegebene Richtung, konnte aber zuerst nichts au�er Dunkelheit und dem glitzernden Band der Sterne hoch oben am Himmel erkennen. Sein Herz h�mmerte, und seine Fingerspitzen schienen taub zu sein, schmerzten aber trotzdem. Der Aufstieg war unerwartet anstrengend gewesen, die spiegelglatten W�nde gaben ihren H�nden und F��en so gut wie keinen Halt, und sie hatten - obwohl es kaum f�nfzehn Meter gewesen waren, die sie �berwinden mu�ten - beinahe eine halbe Stunde gebraucht, um die Eismauer zu ersteigen. Aber er bestand darauf, selbst hier heraufzukommen, um sich das Gebirge, von dem Gowenna gesprochen hatte, anzusehen.</p><p>�Ich kann nichts erkennen�, murmelte er.</p><p>Gowenna sch�ttelte ver�rgert den Kopf. �Es ist direkt vor uns�, sagte sie ungeduldig. �Vielleicht zwanzig Meilen, kaum mehr.� Skar starrte angestrengt in die angegebene Richtung. Er sah nichts. Das Eis schien das schwache Sternenlicht wie ein gewaltiger Schwamm aufzusaugen, und alles, was weiter als zwei, drei Meilen entfernt war, war hinter einem Vorhang aus Schatten verborgen. �Achte auf den Horizont�, wies ihn Gowenna an. �F�llt dir nicht auf, wie unregelm��ig er scheint? Das m�ssen Berge sein.� Aus ihrer Stimme klang Verzweiflung, die bange Angst, da� Skar ihr sagen k�nnte, da� sie sich t�uschte, da� diese Berge nur in ihrer Einbildung da waren, weil sie sie sehen wollte.</p><p>Aber sie hatte wohl recht. Als Skar l�nger hinsah, bemerkte er, da� der Horizont nicht so glatt war, wie er h�tte sein m�ssen. Das schimmernde Band der Sterne verschwand entlang einer gezackten, unregelm��igen Linie, unter der schwarze Finsternis herrschte.</p><p>�Siehst du es?� fragte Gowenna noch einmal.</p><p>Diesmal nickte Skar. �Ich sehe es�, murmelte er, ohne den Blick vom Horizont zu wenden. �Aber ich kann deinen Optimismus nicht teilen, Gowenna. Wer sagt dir, da� hinter diesen Bergen etwas anderes ist als diesseits? Wenn es �berhaupt Berge sind.�</p><p>�Niemand�, erwiderte Gowenna trotzig, den letzten Teil seiner Antwort bewu�t ignorierend. �Aber hast du eine bessere Idee? Selbst wenn uns der Dronte nicht angreift, erfrieren oder verhungern wir in ein paar Wochen, wahrscheinlich eher. Da greife ich lieber nach dieser Chance, und sei sie noch so gering.�</p><p>�Nat�rlich�, seufzte Skar. �Es war auch nur...� Er brach ab, senkte den Blick und rang sich ein halbherziges L�cheln ab. Gowenna ber�hrte ihn am Arm und legte den Kopf auf die Seite.</p><p>�Du mi�traust mir noch immer.�</p><p>�Tue ich das?�</p><p>Gowenna nickte. �Ja. Und ich kann es dir nicht einmal ver�beln. Ich habe dich ein paarmal zu oft belogen, um noch Vertrauen von dir verlangen zu k�nnen, glaube ich. Ich kann dich nur bitten, mir zu glauben.�</p><p>�Was zu glauben?� fragte Skar. �Da� du nichts wei�t? Da� du mit deiner Kunst am Ende bist, so wie ich und alle anderen?� Er sch�ttelte den Kopf, streifte ihre Hand ab und deutete auf den still daliegenden See hinunter. Von hier oben aus betrachtet wirkte er wie ein gigantischer schwarzer Spiegel, in dem sich das Licht der Sterne brach. Vielleicht w�re es f�r Skar jetzt an der Zeit gewesen, irgendein vers�hnliches Wort zu sprechen, aber ihm stand der Sinn nicht nach gro�m�tigen Gesten; im Gegenteil. Alles, was er f�hlte, war eine immer tiefer werdende Verzweiflung.</p><p>�Angenommen�, fuhr er nach einer Weile des Schweigens fort, �wir �berqueren diese Berge und finden auf der anderen Seite nichts als noch mehr Eis und Schnee - was dann?�</p><p>�Hast du Angst vor dem Tod, Satai?�</p><p>Skar nickte unger�hrt. �Du nicht? Ich kalkuliere ihn ein, bei allem, was ich tue, aber das bedeutet nicht, da� ich ihn nicht f�rchte. Vor allem dann, wenn er sinnlos ist.� Er seufzte, verbarg die H�nde unter seinem Fellumhang und trat nach kurzem Z�gern vom Abgrund zur�ck.</p><p>�Ich bin gespannt�, fuhr er in ver�ndertem Tonfall fort, �was Helth sagen wird, wenn ich ihm mitteile, da� er seinen ganzen Kram hier heraufschaffen mu�.�</p><p>�Das mu� er nicht�, erwiderte Gowenna. �Es gibt eine Stelle weiter hinten in der H�hle, wo die Decke so d�nn ist, da� das Licht hindurchscheint. Wir k�nnen sie durchbrechen und von dort aus hier heraufkommen.�</p><p>�Du hast alles genau geplant, wie?� fragte Skar, ohne aufzublicken. �Sicher. Ich hatte nicht vor, in diesem Eisloch zu �berwintern, wei�t du?�</p><p>Skar setzte zu einer scharfen Antwort an, belie� es aber dann doch bei einem resignierenden Achselzucken. Ihr Zerw�rfnis war keineswegs vergessen, auch wenn es nicht einmal offen zum Ausbruch gekommen war. Und fast h�tte sich Skar wohler gef�hlt, wenn sie sich wirklich gestritten h�tten. Sie hatten einen Burgfrieden geschlossen, mehr nicht. Und er nahm sich vor, sich dieser Tatsache immer bewu�t zu sein. In jeder Beziehung.</p><p>�Und dann?� fragte er.</p><p>Gowenna runzelte fragend die Brauen. �Was dann?�</p><p>�Der Gedanke, mit einem halben Hundert bis zum Tode ersch�pfter M�nner �ber diese Eisw�ste zu marschieren, gef�llt mir nicht. Sie werden mich fragen, wohin wir gehen. Und ich wei� keine Antwort. Oder�, f�gte er wider besseres Wissen hinzu, �soll ich ihnen sagen, da� wir unterwegs sind, um deine Rache zu vollziehen?�</p><p>Gowennas Mine verd�sterte sich. �Sag ihnen, was du willst�, schnappte sie.</p><p>�Nat�rlich�, nickte Skar. �Schlie�lich bin ich ja der Kommandant, nicht?�</p><p>Gowenna �berging den sarkastischen Tonfall. �Ich wei� nicht, was du ihnen sagen wirst, Skar, aber ich beneide dich nicht um diese Aufgabe.�</p><p>�Oh�, sp�ttelte Skar, �danke. Dein Mitgef�hl freut mich.�</p><p>�Und dein Spott verletzt mich�, gab Gowenna ernst zur�ck. �Ich wei�, da� du glaubst, guten Grund dazu zu haben, aber er hilft uns nicht weiter. Wir haben gar keine andere Wahl, als zu diesen Bergen zu gehen.�</p><p>Skar schwieg, aber er dachte an Helth, diesen ungest�men jungen Narren, der ihm nur genauso lange gehorchen w�rde, wie es ihm pa�te. Nein; Gowenna hatte recht. Sie konnten nicht hierbleiben. Vielleicht w�re es m�glich gewesen ohne Helth, sie h�tten auf die winzige Chance bauen k�nnen, da� sich der Dronte zur�ckzog, da� er sie nicht noch einmal angriff. Aber auch das war nur ein Vielleicht. Es konnte Tage dauern, vielleicht Wochen, bis sich das bizarre Wesen soweit erholt hatte, da� es den Kanal freigab. Es war ausgeschlossen, so lange tatenlos herumzusitzen. Ging die Rechnung nicht auf, w�rden sie trotzdem fliehen m�ssen. Eine Woche oder einen Monat �lter und ersch�pfter. Nein - es blieb ihnen keine andere Wahl.</p><p>Wie oft hatte er diese Worte schon gedacht, seit er Gowenna zum ersten Mal begegnet war? Zu oft auf jeden Fall. Zu oft hatte er keine andere Wahl mehr gehabt, als das Falsche zu tun. Es war falsch gewesen, Ikne zu verlassen; falsch, nach Combat zu gehen; und falsch, sich Vela auf den brennenden Ebenen vor der Stadt in den Weg zu stellen; falsch, ihr nach Elay zu folgen, falsch, falsch...</p><p>Er sah auf, aber Gowenna hatte sich ein paar Schritte entfernt und stand hoch aufgerichtet und starr im Wind, das Gesicht den Bergen am Horizont zugewandt, und er sp�rte, da� es nicht richtig w�re, sie jetzt zu st�ren. Vielleicht war es das letzte Mal in ihrem Leben, da� sie noch einmal so etwas wie Hoffnung versp�ren konnte.</p><p>Er sah wieder auf den See hinab. Das Bild wirkte so friedlich, so absurd friedlich.</p><p>Aber wann hatte er das letzte Mal wirklichen Frieden empfunden? Seine Gedanken kehrten wieder - vielleicht ausgel�st durch die gleiche Situation, die Tatsache, da� er zum zweiten Mal in kurzer Zeit auf der Zinne dieser eisigen Festung stand, zum zweiten Mal nicht allein und doch einsamer als je zuvor in seinem Leben, und zum zweiten Mal am Vorabend einer Schlacht, die er nicht gewinnen konnte - vielleicht ausgel�st durch diese Wiederkehr der Umst�nde, dachte er wieder an Del, und wieder versp�rte er diese seltsame Mischung aus Trauer und Zorn und Verbitterung, wieder war es der Del, den er in Cosh verloren hatte, nicht der, welcher in der H�hle unter ihnen �ber die schlafende Errish wachte. Ein Bild stieg vor seinem inneren Auge auf; eigentlich zwei Bilder, in einer blitzartigen Vision vermengt zu einem einzigen. - Er sah noch einmal die schwarze, hornschimmernde Gestalt auf dem Achterdeck des Dronte, und er sah noch einmal Brad, der mit einem lautlosen Schrei auf den Lippen in die Tiefe st�rzte.</p><p>�Woran denkst du?�</p><p>Skar sah auf, hielt Gowennas Blick einen Moment stand und starrte dann wieder auf den See hinab. �An Del�, antwortete er.</p><p>�Del...� Irgendwie hatte das Wort in Gowennas Mund einen fremden, v�llig anderen Klang. So, als spr�che sie �ber einen ganz anderen Menschen als er. �Er hat sich ver�ndert seit Elay, nicht?� Sie l�chelte. �Er ist... erwachsen geworden.�</p><p>�Du irrst dich�, entgegnete Skar ruhig. �Ich meine nicht den Del, der mit uns auf dem Schiff ist. Der, den ich meine, ist in Cosh gestorben.�</p><p>Gowennas Miene verd�sterte sich. Sie blieb einen Moment reglos stehen, kam dann n�her und ber�hrte ihn an der Schulter, ganz sanft nur. Ihre Finger waren eisig und glatt, beinahe selbst wie Eis. �Wir h�tten schon l�ngst dar�ber reden sollen�, sagte sie. �Ich bin nicht blind, auch wenn du mir aus dem Weg gehst und nur mit mir sprichst, wenn es sich nicht umgehen l��t. Warum qu�lst du dich?�</p><p>Skar hob den Arm und wollte ihre Hand abstreifen, aber er f�hrte die Bewegung nicht zu Ende, sondern umklammerte nur ihr Handgelenk. Sie zog ihre Hand nicht weg, wie sie es vorher immer getan hatte, aber er sp�rte, wie sie unter der Ber�hrung zusammenfuhr.</p><p>�Warum qu�lst du dich so?� fragte sie noch einmal. �Ich war lange genug mit ihm zusammen, um -� Sie brach ab, als sie den Ausdruck von Schmerz auf seinen Z�gen sah. Wie sollte er ihr erkl�ren, was in ihm vorging? Er hatte Dels Leiche gesehen, einen toten, ausgebluteten K�rper, halb vergraben im Schnee. Er hatte die Totenwache neben ihm gehalten, vier Tage, wie es Sitte war, und er h�tte ihn begraben, mit eigenen H�nden, w�rde er die Zeit dazu gehabt haben. Er WUSSTE, da� Del tot war.</p><p>�Was die Sumpfleute getan haben�, sagte Gowenna sanft, �war keine Zauberei, Skar. Du hast sie erlebt - du hast mit Cosh selbst gesprochen, Skar, du wei�t, wozu dieses Wesen in der Lage ist.� Ja, er wu�te es. Noch jetzt glaubte er einen schwachen Hauch der ungeheuren geistigen Macht zu sp�ren, die ihn gestreift, irgend etwas in seiner Seele ber�hrt und ver�ndert hatte. Nicht einmal der Tod konnte f�r dieses Wesen unbesiegbar sein.</p><p>Und trotzdem. Wenn er die Augen schlo�, sah er Dels totes Gesicht, wenn er mit ihm sprach, h�rte er den Wind, der die Melodie zu seiner Totenwache gesungen hatte.</p><p>�W�hrend du auf dem Weg nach Elay warst, Skar�, sagte Gowenna, �war er bei mir. Wir waren vier Monate zusammen. Und es gab w�hrend der ganzen Zeit nur ein Thema f�r ihn, Skar. Dich. Dieser Junge ist von den Toten wiederauferstanden, und sein erster Gedanke galt DIR, begreifst du das? Er hatte Angst um dich.� Sie trat zur�ck und richtete sich auf. In ihrem Auge blitzte Zorn. �Er hat das Heer gef�hrt, aber er hat es nicht nach Elay gebracht, um Vela zu besiegen, sondern weil er Angst um dich hatte. Er hat ein zweites Leben geschenkt bekommen, und er war bereit, es zu opfern, um dich zu retten. Und du dankst es ihm, indem du ihn behandelst wie...�</p><p>�Wie?� fragte Skar, als Gowenna nicht weitersprach.</p><p>�Wie einen Fremden�, fuhr sie fort. �Glaubst du, er merkt es nicht?� Sie sch�ttelte den Kopf, und diesmal war wirklich Zorn in ihrer Stimme. �Ich habe mich daran gew�hnt, da� du mich wie einen Feind behandelst. Vielleicht habe ich es verdient. Aber Del nicht. Er ist noch immer dein Freund, und es tut ihm weh, was du mit ihm machst. Gib ihm eine Chance. Das bist du ihm schuldig.�</p><p>�Ich... kann es nicht�, murmelte Skar. Pl�tzlich fiel es ihm schwer, ihrem Blick standzuhalten. �Vielleicht hast du recht, aber ich...� Er brach ab, fuhr mit einem Ruck herum und blickte auf den See hinunter. Aber er sah nicht die gl�nzende schwarze Fl�che, sondern die verfallene Burgruine am Rande der S�mpfe von Cosh, in der er Dels Totenwache gehalten hatte.</p><p>Gowenna schwieg verwirrt. Sie wu�te nicht, was in ihm vorging, nichts von dieser dunklen, b�sen Macht in ihm, die mit jedem Tag st�rker wurde. Und er w�rde es ihr auch nicht sagen. Nicht jetzt, und vielleicht gar nicht.</p><p>Gowenna seufzte h�rbar. �Du gibst mir mit jedem Tag mehr R�tsel auf, Satai�, nahm sie das Gespr�ch wieder auf.</p><p>Skar l�chelte. �Ich bin ein gelehriger Sch�ler, Gowenna.�</p><p>�Das kann man wohl sagen, Skar. Ich -�</p><p>Gowenna unterbrach sich �berrascht und deutete mit einer raschen, erschrockenen Bewegung nach unten. Skar fuhr herum, sah aus zusammengekniffenen Augen auf den See hinunter und erstarrte.</p><p>�Dieser Narr!� zischte er. �Dieser verdammte, kindsk�pfige Idiot!�</p><p>Das Licht reichte nicht aus, um wirklich Einzelheiten zu erkennen, aber das wenige, das Skar sehen konnte, reichte aus. Ein kleiner, schlanker Schatten hatte sich vom gedrungenen Umri� der SHAROKAAN gel�st und trieb nun, gehorsam dem Sog der Ebbe folgend, quer �ber den See auf den Kanal zu.</p><p>�Dieser Idiot�, sagte Skar noch einmal. �Man sollte ihn auf eine zweite Pinasse binden und hinterherschicken.� Er lie� sich dicht vor der Kante auf die Knie herab und formte mit den H�nden einen Trichter.</p><p>�Helth!� schrie er mit vollem Stimmaufwand. �Ich verbiete es! Tu es nicht! Du bringst uns alle um!�</p><p>Seine Stimme schien im Schweigen der Nacht unnat�rlich weit zu schallen, und von den blinkenden Eismauern tief unter ihm kamen grotesk verzerrte Echos zur�ck.</p><p>Aber eine Antwort erfolgte nicht. Daf�r glomm hinter der Reling der SHAROKAAN ein winziger r�tlicher Funke auf.</p><p>Skar wollte noch einmal rufen, aber Gowenna hielt ihn mit einem resignierenden Kopfsch�tteln davon ab. �Es hat keinen Sinn, Skar�, gab sie zu bedenken. �Er wird nicht gehorchen.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. Sie hatten eine halbe Stunde gebraucht, allein f�r den Weg von der H�hle hier herauf. Die Strecke bis ganz hinunter zum See und zur SHAROKAAN war mehr als doppelt so weit, und der Abstieg w�rde schwieriger werden als der Weg hinauf. �Nein�, sagte er. �Ich habe keine Lust, von der Explosion irgendwo in der Mauer erwischt zu werden. Das Boot braucht keine zehn Minuten, um den Kanal zu erreichen. Und dieser Irre wird sein Vorhaben ausf�hren, ganz egal, ob wir unterwegs sind oder nicht.�</p><p>Seltsamerweise blieb Gowenna ruhig. �Vielleicht hat er sogar recht�, murmelte sie pl�tzlich.</p><p>Skar starrte sie fassungslos an. �Wie bitte?� fragte er. �Sag das noch einmal, Gowenna.�</p><p>Gowenna gab einen undeutbaren Laut von sich. �Ich habe nur versucht, mich in seine Lage zu versetzen�, erkl�rte sie. �W�re ich an seiner Stelle, w�rde ich vielleicht nicht anders handeln. Ich halte das, was er tut, nicht f�r gut, Skar, aber ich verstehe ihn. Er hat Vater und Bruder durch dieses Monster verloren. Und er ist ein Vede, vergi� das nicht. Von seinem Standpunkt aus hat er gar keine andere Wahl, wenn er sein Gesicht nicht verlieren will.�</p><p>Skar schwieg eine Weile. �Ich hoffe nur, er verliert es nicht im wahrsten Sinne des Wortes�, bemerkte er dann.</p><p>Gowenna machte eine wegwerfende Handbewegung. �Du �bertreibst�, sagte sie. �Er wird ein bi�chen Feuerwerk machen, und das ist alles.�</p><p>Skar nickte w�tend. �Ja�, erg�nzte er. �Und er wird dieses Ding zur Wei�glut reizen. Wir -� Er brach ab, legte den Kopf auf die Seite und lauschte mit geschlossenen Augen. Auf seinem Gesicht erschien pl�tzlich ein angespannter, nerv�ser Ausdruck.</p><p>�Was ist?� fragte Gowenna.</p><p>Skar machte eine rasche Handbewegung und legte den Zeigefinger auf die Lippen. �Ruhig�, zischte er. �Ich... h�re etwas.�</p><p>Gowenna trat einen halben Schritt zur�ck. Ihre Hand zuckte zum G�rtel, und ihre Haltung war mit einem Mal so angespannt wie die Skars.</p><p>�Schritte�, fl�sterte sie. �Das sind Schri... Skar!�</p><p>Das letzte Wort hatte sie geschrien. Skar fuhr herum, ri� sein Schwert aus dem G�rtel und starrte in die Richtung, in die ihr ausgestreckter Arm wies.</p><p>Vor dem sternen�bers�ten Himmel zeichneten sich zwei dunkle, hochaufgeschossene Schatten ab.</p><p>�Ihr G�tter!� keuchte Gowenna. �Was ist das?�</p><p>Skar wu�te die Antwort nicht. Er wu�te nur, was die beiden Gestalten nicht waren - n�mlich Menschen. Sie waren zu gro�, ihre Proportionen stimmten nicht, und ihre Umrisse schienen zu eckig und hart. Die beiden Fremden kamen langsam n�her. Ihre Schritte knirschten h�rbar auf dem harten Eis, und ihre Bewegungen schienen, obwohl eckig und von fast unbeholfen wirkender Starrheit, ungeheuer kraftvoll. Alles an ihnen strahlte Kraft aus, eine Kraft und Wildheit, die beinahe f�hlbar war. Ihre Haut gl�nzte, wo sich das Licht der Sterne darauf brach.</p><p>Langsam, Schritt f�r Schritt, wichen sie vor den beiden Fremden zur�ck. Skar konnte mehr Einzelheiten erkennen, als die beiden schweigenden Riesen n�her kamen: Sie mochten beide �ber sechs Fu� gro� sein, und ihre Schulterbreite mu�te ann�hernd das Doppelte der eines normal gewachsenen Mannes betragen. Ihre K�rper waren bis auf den letzten Quadratmillimeter von wei�en, gl�nzenden Panzern bedeckt, und die Gesichter verbargen sich hinter glatten Masken ohne sichtbare �ffnungen f�r Augen oder Mund. Sie waren mit gro�en dreieckigen und mit gef�hrlichen Widerhaken bewehrten Schilden und Schwertern bewaffnet, und auch aus den Arm- und Beinst�cken ihrer R�stung wuchsen lange, gef�hrliche Dorne. Sie wirkten auf schwer zu beschreibende Art roh und unfertig, kaum wie Menschen, sondern fast wie gewaltige, lebensgro�e Statuen, die durch einen unbegreiflichen Zauber zum Leben erweckt und von ihren Sockeln herabgestiegen waren.</p><p>Aber das war es nicht, was Skar bis auf den Grund seiner Seele erschreckte. Er hatte schon oft gegen gef�hrliche und bizarre Gegner antreten m�ssen und auch gegen solche, deren Bewaffnung eindrucksvoller war als die der beiden Riesen. Es war etwas anderes.</p><p>Ihre R�stungen waren nicht geschmiedet oder sonstwie gefertigt. Sie waren gewachsen.</p><p>Die beiden Angreifer bewegten sich jetzt langsam auseinander, und obwohl Skar ihre Gesichter nicht erkennen konnte, hatte er das deutliche Empfinden, beobachtet, angestarrt zu werden, angestarrt von Augen, die bis in die tiefsten Abgr�nde seiner Seele starrten. Es war das gleiche Gef�hl, das er schon einmal gehabt hatte, dort unten, an Bord des Dronte, ein Gef�hl, das ihn fast mehr �ngstigte als die riesenhaften Gestalten und die Waffen in ihren H�nden. Das Gef�hl, da� diese beiden Fremden trotz allem etwas Bekanntes, etwas auf schreckliche Weise Vertrautes darstellten...</p><p>�Nimm den Rechten�, fl�sterte er. �Versuch ihn hinzuhalten. Ich kann nicht mit beiden zugleich k�mpfen.�</p><p>Gowenna nickte. Er sp�rte die Bewegung mehr, als er sie sah, aber er wu�te, da� er sich auf sie verlassen konnte. Sie war nicht so gut wie Del, aber sie war als Partner noch immer besser als irgendein anderer Mann, dem er je begegnet war. Er hatte sie k�mpfen sehen. Der Riese w�rde sich wundern, wenn er glaubte, leichtes Spiel mit einer Frau zu haben.</p><p>Skar wechselte das Schwert von der Rechten in die Linke - nachdem sein Tschekal beim Kampf auf dem Dronte zerbrochen war, hatte er sich ein Ersatzschwert von den Freiseglern geben lassen -, griff unter den Umhang und zog einen der f�nfzackigen Shuriken hervor. Das vertraute Gewicht des Wurfsternes fl��te ihm f�r eine halbe Sekunde ein Gef�hl tr�gerischer Sicherheit ein.</p><p>Er wog die Waffe absch�tzend in der Hand, holte aus und schleuderte sie mit aller Macht. Der silberne Metallstern verwandelte sich in ein funkelndes, irrsinnig schnell rotierendes Rad und jagte mit ungeheurer Wucht auf einen der gepanzerten Riesen zu. Die Abwehrbewegung des Mannes kam zu sp�t. Der Shuriken schrammte �ber die Kante des im letzten Moment hochgerissenen Schildes, kippte im Flug in die Waagerechte und bohrte sich mit einem schmetternden Schlag in sein Gesichtsvisier. Die Kraft des Wurfes war so gewaltig, da� die Waffe fast zur H�lfte in das gl�nzende Visier eindrang, ehe sie zitternd steckenblieb.</p><p>Der Riese wankte. Ein dumpfer, st�hnender Laut wehte �ber die Eismauer. Er lie� den Schild fallen, hob die H�nde ans Gesicht und zerrte vergeblich an der kleinen, t�dlichen Waffe.</p><p>Die rasiermesserscharf geschliffenen Kanten mu�ten tief in seinen Sch�del eingedrungen sein, aber er fiel nicht. Langsam senkte er die H�nde, b�ckte sich, um seinen Schild aufzuheben und kam weiter auf Skar zu, das Schwert halb erhoben, den Schild abwehrbereit vor den K�rper haltend. Der Shuriken ragte aus seinem Gesichtsvisier, direkt dort, wo sich die Augen unter dem schimmernden Wei� verbargen. Er mu�te blind sein, blind und halb wahnsinnig vor Schmerzen. Aber er fiel nicht.</p><p>Skar war f�r die Dauer eines Herzschlages starr vor �berraschung. Er wu�te, welch grauenhafte Wunden die Shuriken rissen, Wunden, die selbst einen Banta vor Schmerz aufschreien lie�en, die kein Mensch �berleben konnte. Aber dieses... Ding marschierte weiter, stumm, unbeeindruckt, t�dlich.</p><p>Ein dumpfes, von einem schmerzhaften Aufschrei gefolgtes Krachen zeugte davon, da� Gowenna mit ihrem Gegner zusammengeprallt war. Aber Skar blieb keine Zeit, auch nur einen Blick an sie zu verschwenden.</p><p>Der Gigant griff an.</p><p>Skar spreizte die Beine und packte seine Waffe mit beiden H�nden, als der dornengepanzerte Riese heranst�rmte. Sein Schwert zuckte hoch, parierte einen ungeschickten, aber ungeheuer kraftvoll gef�hrten Hieb des Angreifers und krachte in der Abw�rtsbewegung auf dessen Schild. Der Riese taumelte zur�ck, aber der Schlag vibrierte als dumpfer, krampfartiger Schmerz durch Skars Handgelenke bis in die Schulter hinauf. Der Schild des Giganten war so hart, als best�nde er aus fingerdickem Stahl. Seine Klinge vibrierte, und die Schneide hatte, wie er mit einem raschen Blick feststellte, eine tiefe Scharte abbekommen.</p><p>Skar �nderte blitzartig seine Taktik. Als sein Gegner das n�chste Mal heranst�rmte, fing er seinen Hieb nicht auf, sondern lie� die Klinge dicht �ber sich hinwegzischen, trat noch einen Schritt auf ihn zu und kr�mmte blitzschnell den R�cken. Der Angreifer prallte gegen ihn, wurde - von der Wucht seines ungest�men Ansturmes getragen - von den F��en gerissen und flog in hohem Bogen �ber Skar hinweg. Skar wirbelte herum, bevor der Gigant auf dem Boden aufprallte. Er sprang mit einem gellenden Schrei vor, federte kurz in die Knie ein und stie� sich mit aller Macht ab. Seine F��e krachten auf das Visier, glitten ab und bildeten eine t�dliche Schere, als er sich im Sprung herumwarf.</p><p>Der Ruck schien ihm die Knie aus den Gelenken zu rei�en. Der feindliche Krieger wurde hochgerissen und zur Seite geschleudert. Skar prallte hart auf das Eis, verlor sein Schwert und drehte sich blitzschnell auf den R�cken, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie der Riese sich m�hsam auf H�nde und Knie erhob und nach seinen Waffen tastete.</p><p>Skar raffte sein Schwert auf, sprang auf die F��e und holte beidh�ndig aus, die Klinge krachte in den Nacken des Giganten, schnitt splitternd und berstend durch seine Panzerung und trennte den Sch�del vom K�rper. Der Krieger brach wie vom Blitz gef�llt zusammen und blieb reglos liegen. Sein Helm kollerte davon, fiel �ber die Kante und verschwand lautlos in der Tiefe.</p><p>Skar blieb einen Moment lang bewegungslos stehen. Seine Arme und Beine zitterten, und sein ganzer K�rper war ein einziger pulsierender Schmerz. Sein Schwert schien Zentner zu wiegen, und seine Schultermuskeln waren verspannt und schienen seinen Befehlen nicht mehr zu gehorchen.</p><p>M�hsam wandte er sich um und hielt nach Gowenna Ausschau. Sie hatte weniger Gl�ck gehabt als er. Ihr linker Arm hing blutend und nutzlos herunter, und Skar sah, wie ihr K�rper bei jedem Schwerthieb des schwarzen Riesen, den sie auffing, von einem schmerzhaften Krampf gesch�ttelt wurde. Ihr Gesicht war verzerrt von Anstrengung.</p><p>Es war nicht Skars Art, einem Gegner in den R�cken zu fallen, aber dies war kein normaler Kampf, und ihre Feinde waren keine normalen Feinde. Ohne ein Wort der Warnung sprang er von hinten an den wei�en Riesen heran, packte das Schwert mit beiden H�nden und stie� mit aller Macht zu. Die Klinge fuhr krachend durch den R�ckenpanzer, glitt mit �berraschender Leichtigkeit durch den K�rper und barst durch den Brustpanzer wieder hervor.</p><p>Skar ri� die Waffe mit einer verzweifelten Anstrengung wieder heraus und sprang rasch zwei, drei Schritte zur�ck. Der Riese wankte. Sein Schwert, bereits zum t�dlichen Hieb erhoben, verharrte reglos in der Luft. Er taumelte, drehte sich mit m�hsamen, ungelenken Bewegungen herum und brach in die Knie.</p><p>Skar sammelte noch einmal alle Kraft, wirbelte blitzartig um seine eigene Achse und schlug aus der Drehung heraus zu. Der Hieb trennte den linken Arm seines Gegners ab, zertr�mmerte seinen Brustpanzer und drang fast bis zur K�rpermitte ein, ehe die Klinge mit einem knirschenden Laut steckenblieb. Der Riese blieb f�r die Dauer eines Herzschlags reglos hocken und kippte dann, wie eine Marionette, deren F�den man urpl�tzlich durchgeschnitten hatte, zu Boden.</p><p>Gowenna sank mit einem schmerzhaften Keuchen in die Knie, blieb einen Moment benommen hocken und hob die H�nde ans Gesicht. �Bei allen G�ttern�, keuchte sie. �Was war das?�</p><p>Skar drehte den reglosen K�rper mit dem Fu� auf die Seite. Nach der ungeheuren Kraft, mit der die Giganten gek�mpft hatten, erschien er ihm seltsam leicht; fast, als w�re er nicht mehr als eine leere H�lle. Er sah sich kurz nach allen Seiten um, starrte konzentriert �ber die Eisfl�che und schob sein Schwert in den G�rtel zur�ck. Dann ging er rasch zu Gowenna hin�ber und kniete neben ihr nieder.</p><p>�Was ist mit deinem Arm?� fragte er besorgt.</p><p>Gowenna sch�ttelte schwach den Kopf. �Nichts�, sagte sie. �Nur ein Kratzer, mehr nicht.�</p><p>Skar schob ihre Hand beiseite und betrachtete die Wunde. Es war ein tiefer und sehr schmerzhafter Schnitt, der aber nicht gef�hrlich schien. Er ri� einen Stoffstreifen von seinem Hemd und befestigte ihn zu einem provisorischen Verband �ber Gowennas Schulter. Sie wollte sich wehren, aber er schob ihre Hand mit sanfter Gewalt beiseite und zog den Verband fest, bis die Blutung zum Stillstand kam. �Wir werden uns etwas Besseres einfallen lassen m�ssen, wenn wir wieder in der H�hle sind�, sagte er. �Aber f�r den Moment wird es reichen.� Gowenna nickte dankbar. Sie versuchte aufzustehen, strauchelte und w�re gest�rzt, wenn Skar nicht zugegriffen h�tte.</p><p>�Was... was war das?� fragte sie noch einmal.</p><p>Skar zuckte hilflos mit den Schultern. �Jemand, der uns nicht mag�, antwortete er halblaut. �Aber frag mich jetzt nicht, wo sie hergekommen sind. Ich wei� es sowenig wie du.�</p><p>Er stand wieder auf, trat - mit sichtlichem Widerwillen - neben den gefallenen Riesen und lie� sich auf die Knie herabsinken. Seine Finger tasteten behutsam �ber den schwarzschimmernden Panzer.</p><p>�Das... das ist kein Metall�, sagte er.</p><p>�Sondern?�</p><p>Skar z�gerte. Seine Finger glitten weiter �ber den zerborstenen Brustpanzer und fuhren pr�fend �ber die scharfkantigen R�nder des Risses. K�lte. Er f�hlte K�lte, sterile, t�dliche K�lte. �Eis�, murmelte er. �Es f�hlt sich an wie Eis.� Er tauschte einen hilflosen Blick mit Gowenna, drehte den toten Giganten schlie�lich mit einem entschlossenen Ruck auf den R�cken und betrachtete den zersplitterten Armstumpf.</p><p>Gowenna stie� einen �berraschten Laut aus.</p><p>Die R�stung war leer.</p><p>�Aber das ist doch... unm�glich�, stammelte sie. �Das ist...� Sie b�ckte sich, griff z�gernd nach dem abgeschlagenen Arm des Riesen und hob ihn auf.</p><p>�Leer�, fl�stert sie. �Er ist leer!�</p><p>Skar schwieg. Die beiden Riesen waren nichts als leere R�stungen gewesen. Es schien unm�glich, aber er hielt den Beweis in H�nden. Auf seinem Gesicht lag ein betroffener, hilfloser Ausdruck, als er aufstand.</p><p>�Wir m�ssen hinunter�, sagte er leise. Der Wind fing seine Worte auf, trug sie davon und verzerrte sie. Skar fror pl�tzlich st�rker. �Wir m�ssen die anderen warnen. Wenn diese Bestien unten in der H�hle auftauchen...�</p><p>�Du glaubst, es gibt noch mehr davon?�</p><p>Skar zuckte mit den Achseln. �Ich wei� es nicht�, gab er zu. �Aber wo zwei sind, k�nnen auch mehr sein. Wir m�ssen die anderen auf jeden Fall warnen. Komm.�</p><p>Gowenna trat dicht an die Eiskante heran, lie� sich auf H�nde und Knie sinken und sah konzentriert zum See hinunter. Die Pinasse hatte mehr als zwei Drittel ihres Weges zur�ckgelegt.</p><p>�Wir k�nnen es bis zu diesem Absatz schaffen�, murmelte sie. �Aber nur, wenn wir uns beeilen.�</p><p>�Und dein Arm?�</p><p>Gowenna machte eine wegwerfende Geste. �Es wird gehen. Ich habe Schlimmeres �berlebt.� Sie l�chelte mit erzwungenem Optimismus, drehte sich herum und tastete mit den F��en nach Halt. Langsam, Zentimeter f�r Zentimeter, lie� sie sich �ber die Kante gleiten. Skar sah, wie sich ihre Muskeln unter der Anstrengung spannten. Der Verband �ber ihrer Schulter r�tete sich; die Wunde hatte wieder st�rker zu bluten begonnen.</p><p>Skar war nicht sehr wohl bei dem Gedanken - aber er wu�te auch, da� sie keine andere Wahl hatten. Gowenna und er waren - von Del einmal abgesehen - die besten K�mpfer der Gruppe, und selbst sie hatten die beiden Eiskrieger nur mit Gl�ck und knapper Not besiegt. Wenn auch nur ein halbes Dutzend dieser Monster �ber die ahnungslosen Freisegler herfiel... Skar schob die Vorstellung hastig beiseite. Wieder sah er zum See hinunter. Die Pinasse war nicht mehr als ein dunkler, langgestreckter Schatten auf den glitzernden Wellen, weniger noch; nur noch daran zu erkennen, da� sich das Sternenlicht an dieser Stelle nicht auf dem Wasser spiegelte. Ihre Bewegung war von hier oben nicht wahrzunehmen. Trotzdem kam es ihm f�r den Moment vor, als sch�sse sie auf den nebelverhangenen Kanal zu.</p><p>�Ich bin unten�, drang Gowennas Stimme zu ihm herauf. �Du kannst nachkommen.�</p><p>Skar lie� sich, Gowennas Beispiel folgend, auf H�nde und Knie hinab und kletterte �ber die Kante. Das Eis erschien ihm glatter als zuvor, und er drohte mehr als nur einmal den Halt zu verlieren, ehe er auf dem schmalen Eissims neben Gowenna anlangte. Sein Herz raste, und er war trotz der K�lte in Schwei� gebadet. Dabei hatten sie erst den ersten - und leichtesten - Abschnitt des Weges geschafft. Unter ihnen lag eine fast f�nfzehn Meter tiefe, senkrecht abfallende Schlucht. Es war ihm fast ein R�tsel, wie sie es geschafft hatten, jemals hier heraufzukommen.</p><p>Er wollte weiterklettern, aber Gowenna hielt ihn mit einer raschen Bewegung zur�ck. �Nicht�, murmelte sie. �Schau.�</p><p>Skar sah auf. Sein Herz schien einen schmerzhaften Sprung zu machen, als er auf den See hinabsah.</p><p>Die Pinasse hatte den Kanal erreicht. F�r einen Moment war sie deutlicher zu erkennen, als sie in die Nebelbank eindrang und sich ihr Umri� schwarz und massig gegen das graue Wogen abhob.</p><p>Hinter der Reling der SHAROKAAN glommen vier, f�nf, schlie�lich ein Dutzend kleiner roter Funken auf, Funken, die sich urpl�tzlich in d�nne feurige Linien verwandelten und �ber den See zischten. �Zu kurz�, murmelte Gowenna.</p><p>Skar nickte, die Pfeile waren allesamt zu kurz gezielt. Sie erhoben sich in die Luft, senkten sich dicht vor der Mitte des Sees wieder und fielen weit hinter der Pinasse ins Wasser.</p><p>Eine zweite Salve jagte vom Deck der SHAROKAAN zum Kanal hin�ber, auch sie zu kurz, aber schon wesentlich n�her als die erste. Die Pinasse war jetzt mehr als zur H�lfte in die Nebelbank eingedrungen.</p><p>�Wenn er noch zweimal danebenschie�t, ist sie weg�, murmelte Gowenna.</p><p>Skar antwortete nicht darauf. Es war ein frommer Wunsch, und Gowenna wu�te es so gut wie er. Helth' M�nner waren zu gute Sch�tzen, um ein so gro�es Ziel zu verfehlen, selbst auf diese Entfernung. Diese beiden ersten Salven waren nicht gezielt gewesen, keinem anderen Zweck dienend, als das Ziel zu fixieren und die Windst�rke festzustellen.</p><p>Er suchte mit den H�nden nach festem Halt an der spiegelnden Mauer und beugte sich ein wenig vor, um einen besseren Blick auf die SHAROKAAN hinab zu haben. Er konnte nicht genau erkennen, was an Bord des Freiseglers vorging, aber eine der dunklen Gestalten hinter der Reling kam ihm ein wenig gr��er als die anderen vor. Helth. Er schien nicht einmal zu begreifen, in welcher Gefahr er schwebte. Vielleicht war es ihm auch gleichg�ltig. Vielleicht suchte er auch den Tod. Aber es war nicht nur sein Leben, das er aufs Spiel setzte, sondern ihrer aller.</p><p>Wieder glomm der grelle Funke einer brennenden Pechspitze hinter der Reling der SHAROKAAN auf. Ein einzelner Pfeil erhob sich in die Luft, zeichnete eine flackernde, vielfach unterbrochene Feuerlinie �ber den See und senkte sich mit t�dlicher Pr�zision auf die Pinasse herab.</p><p>Das Beiboot verschwand im gleichen Moment hinter der Einfahrt des Kanals, in dem der Pfeil in sein Heck einschlug. Skar hielt unwillk�rlich den Atem an. F�r zehn, f�nfzehn, zwanzig qu�lende, endlose Sekunden geschah gar nichts, dann glomm hinter der Zufahrt der Eisschlucht ein rotes, b�ses Licht auf, wuchs zu einer Flamme, einem... Skar schlo� gequ�lt die Augen. Ein wei�er, ungeheuer greller Feuerball barst aus dem Kanal hervor, tauchte den See und die Eismauer in glei�ende Helligkeit und schickte gierige Flammenarme auf das Wasser hinaus. Ein ungeheurer Donnerschlag ersch�tterte den See, und Skar sp�rte selbst hier, fast eine Meile entfernt, den gl�henden Luftzug, der die Druckwelle begleitete. Er sank auf die Knie und blickte aus tr�nenden Augen auf die SHAROKAAN herab. Das Schiff verwandelte sich vor dem Hintergrund des brennenden Eises in einen flachen schwarzen Schatten.</p><p>Der Feuerball der Explosion erlosch, aber es war noch nicht vorbei. Aus dem Kanal ergo� sich Feuer in den See; brennendes Wasser, das sich zu einer sprudelnden Flutwelle auft�rmte, einer Welle, die sch�umend und br�llend �ber den See scho�, seine Ufer in Brand setzte und die SHAROKAAN wie ein Hammerschlag traf. Das Schiff legte sich in einer unheimlich langsam erscheinenden Bewegung auf die Seite, glitt, von der Gewalt der Flutwelle vorw�rts getrieben, ein St�ck weit den Strand hinauf und fiel mit einem berstenden Schlag zur�ck. Drei, vier der winzigen Gestalten, die auf seinem Deck herumgekrabbelt waren, wurden hoch in die Luft und �ber die Reling geschleudert. Lautlos verschwand das Schiff im kochenden Wasser.</p><p>�Skar! Sieh!� Gowenna deutete mit schreckverzerrtem Gesicht �ber den See.</p><p>Der Kanal spie noch immer Feuer. Das Eis selbst schien in Flammen zu stehen, und das Wasser ergl�hte unter einem unheimlichen, rotgelben Licht, als w�re am Grunde des Sees ein Tor zur H�lle aufgesto�en worden. Das Wasser im Kanal kochte, aber die Dampfschwaden wurden immer wieder von grellwei�en Stichflammen zerfetzt, und von den W�nden ergossen sich wahre Sturzb�che dampfenden Schmelzwassers.</p><p>Und inmitten dieses Chaos erschien der Dronte!</p><p>Zuerst war er nicht mehr als ein schwarzer, verschwommener Umri�, der hinter der Wand aus Licht und Hitze mehr zu ahnen als wirklich zu erkennen war. Dann brach sein Bug durch den Feuervorhang, schwarz, gewaltig und brennend wie der Kopf eines flammenden Rached�mons, teilte das sprudelnde Wasser und scho� weit auf den See hinaus.</p><p>Der Dronte brannte. Grelle, orangerote Flammenzungen schlugen aus seinem Rumpf, leckten an den Masten empor und lie�en die schwarzen Segel, kaum regeneriert und noch nicht mehr als d�nne, verwundbare H�ute, zu �ligen schwarzen F�den zusammenschmelzen. Aber er bewegte sich trotzdem weiter, die m�chtigen schwarzen Feuerspuren noch unter Wasser nach sich ziehend, und katapultierte den gigantischen Leib unaufhaltsam auf die SHAROKAAN zu. Skar st�hnte vor Schrecken, als er erkannte, was der Dronte beabsichtigte.</p><p>Der Killersegler scho� weit �ber die Mitte des Sees hinaus. Die Backbordruder hoben sich, bildeten ein brennendes, zerschmelzendes Spalier l�ngs der Reling, w�hrend sich die Steuerbordruder ein letztes Mal ins Wasser senkten und den Dronte in eine enge Drehung zwangen.</p><p>Als er die Wende halb vollendet hatte, schossen seine Feuerkatapulte eine volle Breitseite ab.</p><p>Die SHAROKAAN explodierte.</p></section><section><title><p id="_12">12.</p></title><p>Die Nacht war zum Tag geworden, als sie zur H�hle zur�ckkehrten. </p><p>Mit dem Untergang der SHAROKAAN war das Inferno noch nicht beendet; im Gegenteil. Als h�tte der feurige Gott, den Helth erweckt hatte, lediglich f�r einen Moment den Atem angehalten, um neue Kraft zu sch�pfen und vielleicht auch selbst dem letzten Akt des Dramas zuzuschauen, das sich am diesseitigen Ufer des Sees abspielte, schossen die Flammen wie in einer feurigen Antwort auf die Explosion der SHAROKAAN zu einem wabernden Vorhang hoch, ein Mantel aus Hitze und gnadenlosem grellem Licht, hinter dem die schmelzenden W�nde des Kanals zu tanzenden dunklen Schatten wurden. Der See kochte. Brennendes �l breitete sich, dem Sog der Str�mung trotzend, auf dem Wasser aus. Die Hitze trieb wie ein unsichtbarer, lautloser Raubvogel �ber den See, trieb Skar die Tr�nen in die Augen und lie� ihn all die unz�hligen kleinen halbvergessenen Wunden, die er sich in den letzten Tagen zugezogen hatte, erneut und schmerzhaft sp�ren.</p><p>Er wu�te hinterher selbst kaum mehr, wie er das letzte Drittel des Weges zur�ckgelegt hatte. War der Aufstieg schon schwierig gewesen, so gestaltete sich der Abstieg zu einem lebensgef�hrlichen Wagnis. Die gl�hende Luft, die in Sch�ben wie Wogen eines unsichtbaren Feuerozeans heranflutete, versengte nicht nur seinen R�cken, sondern lie� auch das Eis feucht und schl�pfrig werden und schmirgelte den Gro�teil der winzigen Risse und Unebenheiten, an denen sie beim Hinaufsteigen noch Halt gefunden hatten, glatt. Der Feuerschein �berzog die Wand mit einem Muster tanzender Schatten, und er griff mehr als einmal ins Leere, verwirrt und irregef�hrt durch die wie irr hin und her huschenden Lichtreflexe und Schatten.</p><p>Als er den Fu� der Eismauer erreichte und vorsichtig �ber den steilen Eishang auf den H�hleneingang zueilte, vollzog sich unter ihm der allerletzte Akt des Schauspiels; nicht mehr als ein von einem grausamen Schicksal inszenierter Epilog, im Grunde �berfl�ssig, und doch mehr als alles andere dazu angetan, die Macht des Dronte zu demonstrieren. Der schwarze Killersegler begann sich langsam auf der Stelle zu drehen. Er brannte noch immer, aber irgendwie wu�te Skar, da� ihm das Feuer nichts ausmachte; nicht wirklich, trotz oder vielleicht gerade wegen der schrecklichen Zerst�rungen, die er selbst von hier oben aus noch deutlich wahrnehmen konnte. Seine Backbordseite schien eine einzige gezackte Wunde zu sein, aber die Ruderbl�tter tauchten klatschend ins Wasser und zeichneten d�nne, halbkreisf�rmige brennende Linien unter seine Oberfl�che, und der bizarre Drachenkopf richtete sich auf den lodernden Tr�mmerhaufen, der von der SHAROKAAN �briggeblieben war. Langsam, aber mit der unaufhaltsamen Gewalt einer Naturkatastrophe bohrte sich der Bug des Dronte in die Flanke des Freiseglers. Die SHAROKAAN wurde durch die Wucht des Aufpralls nahezu in zwei H�lften gespalten, krachte mit einem dumpfen, mahlenden Ger�usch gegen den Eisstrand und legte sich in einer unendlich langsam anmutenden Bewegung auf die Seite. Dann brach sie auseinander. Brennendes Holz und Tauwerk �bersch�tteten den Strand mit einem Hagel winziger lodernder Feuergeschosse.</p><p>Skar ri� sich widerwillig von dem gleicherma�en schaurigen wie faszinierenden Anblick los und legte die letzten Meter bis zur H�hle mit ein paar schnellen Schritten zur�ck. Der Eingang sah im r�tlichen Widerschein des Brandes wie eine blutige, zuckende Wunde aus. Skar st�rmte mit gesenktem Kopf hindurch, stie� einen Matrosen, der nicht schnell genug zur Seite wich, grob aus dem Weg und sah sich wild um. Die H�hle war vom flackernden Licht zahlreicher Fackeln erhellt, und die Luft roch bereits jetzt brandig und abgestanden. Der gr��te Teil der Freisegler hatte sich in der N�he des Eingangs zusammengedr�ngt, um das Geschehen unten auf dem See verfolgen zu k�nnen, obwohl der schmale Spalt kaum Platz f�r einen Mann bot; eine etwas kleinere Gruppe war weiter hinten im Hintergrund der H�hle geblieben. Und zwischen ihnen, hoch aufgerichtet, aber in seltsam unnat�rlicher, verkrampfter Haltung, stand Helth.</p><p>Skar sp�rte eine fl�chtige �berraschung, ihn zu sehen. Er hatte nicht damit gerechnet, da� jemand den Untergang der SHAROKAAN �berlebt haben konnte.</p><p>Helth drehte sich ruckartig herum, als einer der Freisegler die Hand hob und auf Skar deutete. F�r einen Moment spiegelte sich eine ganze Reihe einander widersprechender Gef�hle auf seinen Z�gen: Ha�, Zufriedenheit, Furcht, Trotz - vor allem Trotz -, aber auch Resignation und eine winzige Spur von Schuld, dann erstarrte sein Gesicht zu einer undurchdringlichen, ausdruckslosen Maske.</p><p>Skar blieb mitten im Schritt stehen, als er dem Blick des Veden begegnete. Seine F�uste ballten sich so heftig, da� die Kn�chel h�rbar knackten. Aber er sagte nichts von all dem, was ihm noch vor Sekunden auf den Lippen gelegen hatte. Als er in Helth' Gesicht sah, erlosch alles in ihm schlagartig; er f�hlte noch immer Wut, eine brodelnde, hilflose Wut, die wie ein hei�er Schmerz in seinem Inneren w�hlte. Aber er wu�te auch, da� es sinnlos sein w�rde, etwas zu sagen. Er hatte Lust, Helth zu packen und ihm die F�uste ins Gesicht zu schlagen, aber er w�rde damit nichts �ndern. Helth hatte die Entscheidung erzwungen, so oder so, und sie w�rden damit fertig werden m�ssen, so oder so. Der Vede hatte mehr getan, als seinen Willen durchzusetzen und den Dronte anzugreifen. Er hatte den Bruch zwischen ihnen Sichtbarwerden lassen, den d�nnen Sprung in ihrer aus Not geschmiedeten Gemeinschaft zu einem breiten, klaffenden Ri� gemacht, einen Abgrund, zu breit, um noch eine Br�cke dar�ber schlagen zu k�nnen. Er hatte Skar nie als F�hrer anerkannt und dies mit seiner Wahnsinnstat nun �berdeutlich gezeigt. Es war mehr als ein Alleingang. Es war eine Herausforderung gewesen, ein unsichtbarer Fehdehandschuh, den er ihm mit aller Kraft ins Gesicht geschleudert hatte. Und der Schlag schmerzte, mehr vielleicht, als Skar jetzt schon sp�rte.</p><p>Skar sah sich in der H�hle um, langsam, als nehme er seine Umgebung erst jetzt zum ersten Mal bewu�t wahr. Diejenigen der Freisegler, die nicht vorne am Ausgang standen und auf die brennende SHAROKAAN hinabsahen, hatten sich um ihn und Helth geschart - ein weiter, lockerer Kreis ausdrucksloser Gesichter; eine Arena, in der er und Helth den letzten, entscheidenden Kampf austragen w�rden. Del kniete, die Hand auf dem Schwertgriff, neben der schlafenden Errish. Sein Blick wanderte zwischen Helth und Skar hin und her.</p><p>�Ich sollte dich t�ten�, sagte Skar ruhig. Die gekr�mmten, schimmernden W�nde fingen seine Stimme auf und verliehen ihr einen seltsam hohlen Klang; unheilschwanger und drohend wie die eines Priesters, der eine unselige Prophezeiung aussprach. F�r einen winzigen Moment glaubte er sich selbst wie durch die Augen eines Fremden zu sehen, als h�tte sich sein Geist als Antwort auf das, was geschehen war, vor Schrecken aus seinem K�rper zur�ckgezogen, und er betrachtete sich selbst so, wie ihn Helth in diesem Augenblick sehen mochte, Helth und die anderen - eine gro�e, breitschultrige Gestalt mit verschlossenem Gesicht, in Fetzen gekleidet und die Hand um den Griff des Schwertes gekrampft, so fest, als wolle er es zerbrechen, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepre�t. Wenn ich ihn jetzt t�te, dachte er, wenn ich jetzt das Schwert aus der Scheide ziehe und ihn umbringe, dann hat er gewonnen. Und er wei� es. Und wenn ich es nicht tue, hat er auch gewonnen.</p><p>F�r einen Moment kam er sich furchtbar hilflos und verlassen vor; allein, trotz all der Menschen um ihn herum. Seine Umgebung kam ihm mit fast schmerzhafter Klarheit zu Bewu�tsein. Die H�hle war ein schmutziges, mit eiskaltem Schmelzwasser kn�cheltief gef�lltes Loch, in das er und die anderen wie eine Herde ver�ngstigter Schafe gefl�chtet waren. Er hatte sie hierhergef�hrt, gegen Helth' Willen, gegen seine eigene �berzeugung, in einem letzten, verzweifelten Versuch, dem Schicksal, das den Stab vielleicht schon lange �ber ihn und diese Handvoll M�nner gebrochen hatte, noch einmal zu entrinnen. Er war im Glauben gewesen, Rayans letzten Willen zu erf�llen, aber vielleicht hatte er gerade das Gegenteil getan. Vielleicht hatte Helth recht gehabt, und alles, was er diesen M�nnern noch bieten konnte, war ein ehrenvoller Tod. Ihr Leben war die SHAROKAAN gewesen, das Schiff, das jetzt dort unten auf dem See verbrannte, und vielleicht hatte Helth dieses grausame Spiel - auf seine Weise - nur zu einem sauberen Ende bringen wollen.</p><p>Er wunderte sich f�r einen kurzen Augenblick, da� der Vede noch am Leben war. Seine Kleider waren durchn��t, und das Haar klebte wie eine schwarze Kappe an seinem Sch�del. Skar war Augenzeuge gewesen, wie ihn die Wellen gleich einer Spielzeugpuppe vom Deck des Schiffes gefegt hatten, ihn und die anderen, und f�r einen Moment dachte er daran, da� ein Sturz in das eisige Wasser eigentlich t�dlich sein mu�te. Helth zitterte am ganzen Leib, obwohl er sich M�he gab, reglos zu stehen, und Skar konnte durch den d�nnen, vor N�sse wie eine zweite Haut festgeklebten Stoff seines Umhanges sehen, wie an seinem Hals eine Ader pochte.</p><p>Vom See her drang die dumpfe, vibrierende Schallwelle einer neuerlichen Explosion herauf. Das Eis unter seinen F��en bebte, und als er sich umdrehte, drang greller Lichtschein durch den Eingang, und die Gestalten der Freisegler davor verwandelten sich f�r Sekunden in flache schwarze Silhouetten, Figuren aus einem Scherenschnitt, nicht mehr l�nger lebende Menschen. Vielleicht, dachte er, lebten sie alle nicht wirklich. Vielleicht war dies nichts als ein grausamer Alptraum, aus dem er nur nicht erwachen konnte.</p><p>Eine der Figuren bewegte sich pl�tzlich, stie� eine andere mit einer unwilligen Bewegung zur Seite und eilte, ihren Umhang wie einen wehenden schwarzen Schleier aus gewobener Finsternis hinter sich herziehend, auf ihn zu. Gowenna. Er war ihr vorausgeeilt, drau�en auf dem Eis, und f�r einen Augenblick hatte er sie vollkommen vergessen. Sie, den Dronte, Del und Vela, Combat - seine Gedanken begannen abzuschweifen, entwanden sich seinem Zugriff und begannen eigene, vollkommen sinnlose Wege zu gehen. Hysterie, dachte er, und allein das Wort lie� ihn fast schrill auflachen. Wenn ich mich nicht beherrsche, werde ich gleich wie ein Wahnsinniger anfangen zu stammeln! Aber er beherrschte sich, nat�rlich. Er war Skar, ein Satai, Sinnbild der St�rke und Unersch�tterlichkeit, und deshalb, weil er so war, war er hier.</p><p>Gowenna lief an ihm vorbei, seine hastige, warnende Geste nicht beachtend, trat auf Helth zu und schlug ihm ohne Vorwarnung die Faust ins Gesicht. Der Vede war auf den Angriff nicht vorbereitet gewesen, nicht auf diese, trotz allem ruhige, fast selbstverst�ndliche Art, in der sie auf ihn zuging und ihn schlug, wie man ein ungehorsames Kind ohrfeigte. Er taumelte zur�ck, hob instinktiv die H�nde vors Gesicht und kr�mmte sich zusammen, als Gowenna ihm in den Leib trat.</p><p>�Gowenna!� sagte Skar. �Nicht!� Es fiel ihm schwer, die beiden Worte auszusprechen. Er f�hlte sich pl�tzlich wie ein unbeteiligter Beobachter, jemand, den dies alles hier eigentlich nichts anging und der nur zuf�llig da war, und er mu�te all seine Kraft aufwenden, um nicht pl�tzlich loszuschreien und sinnlose Worte zu stammeln. Ihre Hand, bereits zu einem weiteren Schlag erhoben, erstarrte mitten in der Bewegung. W�tend wandte sie den Kopf und starrte Skar an. �Und warum nicht?� fragte sie. �Er h�tte es verdient, da� ich ihm das Messer zwischen die Rippen jage.�</p><p>Helth stemmte sich keuchend hoch. Sein Gesicht war verzerrt, und aus seinem linken Mundwinkel rann ein d�nner Blutfaden. Gowenna mu�te sehr hart zugeschlagen haben. Seine Hand glitt zum Schwertgriff, und Skar konnte sehen, wie sich sein muskul�ser K�rper spannte.</p><p>�Tu es nicht�, sagte er ruhig. �Sie w�rde dich schlachten.� Der Bann wich allm�hlich. Die Dinge und Ger�usche in seiner Umgebung wurden wieder klar, r�ckten wie Teile eines Bildes, die sich nur widerwillig wieder zusammenf�gten, an ihren angestammten Platz zur�ck. Seine Gedanken beruhigten sich. Aber es war eine Warnung gewesen, und er w�rde sie beachten m�ssen. Er begriff pl�tzlich, da� er nicht so stark war, wie er bisher geglaubt hatte, nicht mehr. Die Ereignisse der letzten Zeit hatten fortw�hrend an seinen Kr�ften genagt, kleinen grauen Ratten gleich, die sich beharrlich unter den Mauern um seinen Geist hindurchw�hlten, und der Zusammenbruch w�rde kommen. Helth erstarrte. Irgend etwas, etwas, das Skar mit Worten nicht beschreiben konnte, daf�r aber um so deutlicher sp�rte, geschah. Er konnte f�hlen, wie sich die Spannung, die bisher wie eine unsichtbare dr�uende Wolke in der Atmosph�re gelegen hatte, l�ste, etwas anderem und v�llig Unerwartetem wich. Jemand lachte; ein kurzer, unechter Laut, der beinahe augenblicklich wieder verklang. Helth' Lippen begannen zu zittern, und pl�tzlich war er kein Feind mehr, kein Herausforderer, sondern nur noch ein gro�er dummer Junge, der nicht bereit war, zuzugeben, da� er einen Fehler gemacht hatte.</p><p>�Vielleicht hast du recht�, sagte Gowenna betont abf�llig. �Ich w�rde mir nur die H�nde an ihm schmutzig machen.�</p><p>Helth schien etwas sagen zu wollen, schwieg aber, als er in die Gesichter der Freisegler sah, und auch Skar entspannte sich wieder. Es war vorbei, und diesmal endg�ltig. Helth hatte sein Spiel gespielt und verloren, aber es war knapp gewesen. Ohne Gowennas Eingreifen... Skar dachte den Gedanken lieber nicht zu Ende. Sein Blick suchte den Dels, der die ganze Zeit wie ein stummer Schatten in einer Ecke gehockt und die Szene schweigend verfolgt hatte, und obwohl er seine Augen nicht sehen konnte, glaubte er ein kurzes sp�ttisches Aufblitzen wahrzunehmen. Er hatte keine sehr gute Figur in diesem kurzen, lautlosen Kampf gemacht und vielleicht von Anfang an gewu�t, wie die Konfrontation enden mu�te. Helth hatte seine Reaktion genau berechnet, sicher, da� Skar in diesem Augenblick nur zwei Dinge w�rde tun k�nnen: ihn t�ten oder den Kampf aufgeben, beides falsch und beides dazu angetan, ihn zum Verlierer zu stempeln. Auf den Gedanken, ihn wie ein verzogenes Kind, das er trotz allem in Wirklichkeit war, schlichtweg zu verpr�geln, war Skar nicht einmal gekommen. Gowenna ber�hrte ihn unsanft an der Schulter und deutete zum Ausgang. �Komm. Wir m�ssen sehen, was zu retten ist.�</p><p>Zu retten... Ihre Worte erschienen ihm wie ein schlechter Witz. Er h�tte am liebsten laut aufgelacht, aber statt dessen nickte er wortlos und folgte ihr zum Ausgang. Die Freisegler traten schweigend zur Seite und gaben ihnen den Weg frei.</p><p>Das Eis gl�hte im Widerschein des Brandes wie unter einem geheimnisvollen inneren Feuer f�r einen Moment so stark, da� er die Hand vor die Augen hob und wegsah. Warmer, brandig riechender Wind trieb zu ihnen hinauf, und f�r einen Moment war es ihm, als s�he er schmale glitzernde Schatten �ber das Eis auf die H�hle zukriechen. Die beiden Schiffe waren ineinander verkeilt wie zwei bizarre Meeresungeheuer, die sich im Todeskampf ineinander verbissen hatten. Die SHAROKAAN brannte wie ein gewaltiger schwimmender Scheiterhaufen und warf zuckende Lichtreflexe �ber das Wasser. Auch der Dronte brannte, aber es war nicht mehr das H�llenfeuer, mit dem Brad und er ihn zu Anfang �bersch�ttet hatten. Der schwarze Killersegler w�rde sich diesmal schneller erholen. Skar fragte sich, warum der Dronte das getan hatte. Nachdem der SHAROKAAN der Todessto� versetzt war, h�tte er in Ruhe drau�en auf dem See abwarten k�nnen, bis sie ausgebrannt und gesunken war. Vielleicht war es ein blinder Instinkt, der gleiche Impuls, der eine Ratte dazu trieb, sich in ihr Opfer zu verbei�en und auch dann nicht loszulassen, wenn man ihr das Kreuz brach, aber vielleicht hatte er es auch getan, um sie zu verspotten, ihnen zu zeigen, wie wenig ihm ihr verzweifelter Angriff ausmachte, eine Demonstration seiner �berlegenheit, wie sie eindrucksvoller kaum sein konnte.</p><p>Er schob den Gedanken mit einem w�tenden Knurren von sich. Sie wu�ten, da� der Dronte lebte, aber sie hatten keine Beweise, nicht einmal einen Anhaltspunkt daf�r, da� er auch ein denkendes Wesen war. �Aus�, murmelte Gowenna neben ihm. Ihre Stimme bebte vor unterdr�ckter Wut, und sie sprach das Wort so aus, als wolle sie ihm noch mehr folgen lassen, tat es aber nicht.</p><p>Skar sp�rte die W�rme ihres K�rpers neben sich, und ein seltsames aberwitziges Gef�hl durchstr�mte ihn. Es war Irrsinn, aber jetzt, in diesem Moment, im Angesicht des brennenden Schiffes und des schwarzen M�rders, der geduldig dort unten lauerte, sie zu verbrennen, zu t�ten und mit sich hinab in die H�lle zu rei�en, aus der er emporgestiegen war, in diesem Moment, als h�tten die lodernden Flammen dort unten bis zu ihnen hinaufgegriffen und irgend etwas in seiner Seele in Brand gesetzt, hatte er Lust auf sie, nicht auf ihren K�rper, nicht auf irgendeine Frau, sondern auf sie, Lust, sie an sich zu pressen, ihr die Kleider vom Leib zu rei�en, sie zu lieben, seine Lippen gegen das verbrannte Fleisch ihres Gesichtes zu pressen...</p><p>Wieder einmal, dachte er. Fast h�tte er gelacht. Nichts hatte sich ge�ndert. Sie ha�ten und liebten sich wie am ersten Tag, und alles, was dazwischen gewesen war, z�hlte nicht mehr.</p><p>Gowenna deutete mit einer m�den, kraftlosen Bewegung auf den See hinab. Das flackernde Feuer schien ihr blindes Auge in einen tiefen, von dunkler roter Glut erf�llten Krater zu verwandeln, und f�r einen Moment huschten Schatten wie kleine lebende Wesen �ber ihr Gesicht, verformten es in eine bizarre Skulptur aus erstarrtem Leid und Hoffnungslosigkeit. �Wir m�ssen irgend etwas unternehmen�, sagte sie leise. �Sofort. Solange wir noch etwas tun k�nnen.�</p><p>Skar nickte. �Ja�, murmelte er. �Wir k�nnten den Kanal zumauern und warten, bis das Wasser verdunstet und der Dronte auf Grund gelaufen ist, oder etwas �hnlich Sinnvolles.� Seine Worte pa�ten nicht zu dem, was er empfand, und es war im Grunde nur Gewohnheit, da� er in diesem Moment wieder in seinen alten Zynismus verfiel.</p><p>�Wir m�ssen weg�, sagte Gowenna. Ohne auf seinen verletzenden Tonfall einzugehen.</p><p>�Deine Berge?� fragte er sp�ttisch.</p><p>�Dorthin oder in eine andere Richtung, das bleibt sich vollkommen gleich. Aber hier k�nnen wir nicht bleiben. Er wird nicht lange brauchen, sich zu erholen.�</p><p>Skar nickte fast unmerklich, aber sie stand so dicht neben ihm, da� sie die Bewegung sp�rte, ohne sie gesehen zu haben. Der Dronte war verletzt, aber keineswegs geschlagen. Selbst jetzt, brennend und halb in die sinkende SHAROKAAN verkeilt, w�re er wahrscheinlich noch in der Lage gewesen, eines seiner Feuergeschosse hinaufzuschleudern und sie damit zu vernichten, die H�hle und alles, was darin war, in einen brennenden Hexenkessel zu verwandeln oder wenigstens den Eingang zuzuschmelzen; eine eisige Grabkammer, in der sie nach wenigen Tagen erfrieren oder verhungern mu�ten. Es war Skar ein R�tsel, warum er es nicht schon l�ngst getan hatte. Vielleicht spielte er nur mit ihnen, wie eine Katze, die der Maus noch einmal f�r wenige Augenblicke die Illusion l��t, sie k�nnte entkommen, ehe sie sie endg�ltig t�tet.</p><p>�Du hast recht�, sagte er, ohne den Blick vom brennenden Wrack des Freiseglers zu nehmen. Der Drachenkopf des Dronte ragte wie ein schwarzer, in einen aus Flammen und wogender Glut gewobenen Mantel gekleideter D�mon aus dem Feuer empor, und der Blick seiner Augen schien jede Bewegung hier oben auf dem Eis mi�trauisch zu verfolgen. Die Katze beobachtet die Maus, dachte er. Sie lauerte, wartete, versuchte, ihre Reaktionen vorauszuberechnen. �Wann brechen wir auf?� fragte er. Seine eigene Stimme klang fremd in seinen Ohren, und der Wind ri� ihm die Worte von den Lippen, trug sie mit sich fort, schmetterte sie gegen die schimmernden Eisw�nde.</p><p>Gowenna schwieg einen Moment. Eine seltsame, angespannte Stimmung der Erwartung hatte von ihnen beiden Besitz ergriffen, ein Gef�hl, als m�sse jeden Augenblick etwas - etwas Furchtbares - passieren. Aber es geschah nichts, und als sie antwortete, war jede Emotion aus ihrer Stimme gewichen, und sie klang wieder so, wie er sie kannte - ruhig und beherrscht, beinahe kalt, ein Mensch, der scheinbar nicht einmal in der Lage zu sein schien, wirklich Gef�hle zu empfinden. �Wir m��ten den M�nnern noch eine Erholungspause g�nnen und bis zum Sonnenaufgang warten, besser noch einen ganzen Tag. Aber ich f�rchte, so viel Zeit wird er uns nicht lassen. Wir brechen jetzt gleich auf. Sofort.�</p><p>Skar deutete auf die Eiswand, die sie so m�hsam erstiegen hatten. �Dort hinauf oder durch die H�hlendecke?�</p><p>Gowenna gab einen undefinierbaren Laut von sich, der sowohl Zustimmung als auch Ungeduld ausdr�cken konnte. Aber Skar hatte die Frage ohnehin nur gestellt, um das Schweigen zu durchbrechen, nicht, weil ihn ihre Antwort wirklich interessiert h�tte. �Wir lassen den Gro�teil der Ausr�stung hier und nehmen nur Decken und Nahrung mit�, schlug sie vor. �Die M�nner m��ten die B�ndel mit Seilen hinaufziehen, falls es anders nicht geht. Wenn wir ohne Pause durchmarschieren, dann k�nnen wir den Aufstieg bis zum n�chsten Sonnenaufgang bew�ltigt haben. Es wird hart werden, aber es bleibt uns keine andere Wahl mehr.�</p><p>Wieder hatte Skar das Gef�hl, manipuliert - nein, schlimmer, herumgeschoben - zu werden, eine Figur auf einem Brett, die nicht einmal wu�te, wie das Spiel hie�, in dem sie mitspielte. Nichts von all dem, was hier geschah, war Zufall. Alles schien ihm genau berechnet, einem Plan folgend, den er nicht erkennen, aber f�hlen konnte. Irgend etwas an ihren Worten - nicht an ihrem Klang, sondern etwas, das unh�rbar und doch �berdeutlich darin mitzuschwingen schien - mi�fiel ihm, weckte sein Mi�trauen. Was, dachte er, wenn diese Berge, von denen sie bisher nur Schatten und sie nicht einmal wirklich gesehen hatten, gar keine Berge waren, sondern irgend etwas anderes, ein Ri�, eine ungeheure Spalte im Eis vielleicht, an deren R�ndern sich die wei�en Schollen zu einer gewaltigen Barriere auft�rmten, hinter der nichts als ein bodenloser Abgrund lauerte, oder falls es sie gab, und sie erwiesen sich als un�bersteigbar, oder hinter ihnen wartete das offene Meer oder eine weitere leere Eisw�ste, oder wenn...</p><p>Er schob die Gedanken mit einem m�den Achselzucken zur Seite, wandte sich um und ging zur H�hle zur�ck.</p><p>Aber er blieb noch einmal stehen und sah auf den See hinunter, bevor er sie betrat. Die beiden ineinander verbissenen Schiffe schienen hinter dem Vorhang aus Flammen und Glut zu zucken wie gro�e brennende Leiber.</p><p>Und kurz bevor er sich endg�ltig umwandte und ging, glaubte er etwas Gewaltiges, K�rperloses zu sehen, das Ding aus seinem Traum, das sich vom Wrack des Dronte l�ste und lautlos und drohend den Strand hinaufzukriechen begann...</p></section><section><title><p id="_13">13.</p></title><p>Noch w�hrend der Nacht hatte es zu schneien begonnen: schwere, nasse Flocken, die beinahe senkrecht zu Boden schwebten und alles, was mehr als zehn oder zw�lf Schritte entfernt war, hinter einem wehenden wei�en Schleier verschwimmen lie�en. Die K�lte nahm ein wenig ab, aber das flockige Wei�, das sie einzuh�llen begann, lie� die Welt unwirklich werden und erf�llte die gewaltige wei�e Ebene mit Leben und Bewegung, die nicht da waren. Es war, als w�re ein zorniger Gott mit einer einzigen gewaltigen Bewegung �ber die Welt gefahren und h�tte jeden Unterschied zwischen Himmel und Erde verwischt. Das Eis dehnte sich endlos vor ihnen aus. Skar hatte l�ngst den Glauben an ein Vorne oder Hinten, Rechts oder Links oder Oben und Unten, irgendeine beliebige Richtung, aufgegeben; es gab nur noch diese endlose blinkende Fl�che aus mattgl�nzendem br�chigem Eis, die das schwache Licht der Sterne, das ab und zu zwischen den zerrissenen wei�en Schleiern �ber ihren K�pfen sichtbar wurde, und die Ger�usche ihres m�hsamen Vorw�rtsqu�lens wie ein gewaltiger schwarzer Schwamm aufsaugte, als w�re ihre Bewegung nicht mehr als blo�e Illusion.</p><p>Skar wechselte sein B�ndel zum f�nften oder sechsten Mal innerhalb der letzten halben Stunde auf die andere Schulter. Das Gewicht schien seinen K�rper trotzdem wie eine Zentnerlast niederzudr�cken, als schleppe er Felsbrocken statt ein paar Nahrungsmittel und Decken. Er ging vorn�bergebeugt und schleppend wie ein alter Mann. Skar konnte f�hlen, wie das Reservoir an Energie in seinem Inneren von Augenblick zu Augenblick zusammenschmolz. Seine Kr�fte lie�en jetzt rapide nach, und mit der Ersch�pfung machte sich auch eine best�ndig st�rker werdende �belkeit in ihm breit. In seinem Mund war bitterer Kupfergeschmack, und seine Beine waren von den Knien abw�rts taub; starre Kl�tze aus Eis, die jede Bewegung mit einer Welle stechender Schmerzen quittierten. Die Luft schien aus winzigen Eiskristallen zu bestehen, die seiner Kehle bei jedem Atemzug eine neue Anzahl kleiner schmerzhafter Schnitte zuf�gten.</p><p>Sie waren unmittelbar nach seiner und Gowennas R�ckkehr in die H�hle aufgebrochen. Keiner der Freisegler hatte auch nur mit einem Wort widersprochen, als Gowenna sie aufforderte, das N�tigste an Nahrung und Kleidungsst�cken zusammenzupacken und auf die Eismauer hinaufzuschaffen, aber der Aufbruch kostete mehr Zeit, als Skar vorher geglaubt hatte. Die M�nner waren ersch�pft, ausgelaugt bis an den Rand des Zusammenbruchs, und es war, im nachhinein betrachtet, ein reines Wunder, da� der Aufstieg ohne Verletzte oder gar Tote abging.</p><p>Seltsamerweise hatte sie auch der Dronte in Ruhe gelassen. Er brannte noch immer, als sie endlich losmarschiert waren.</p><p>Jetzt waren sie unterwegs; eine Stunde, sch�tzte Skar, kaum da� sie sich eine, h�chstens anderthalb Meilen nach Osten geschleppt hatten. Die Nacht mu�te nahezu vorbei sein. Automatisch legte er den Kopf in den Nacken und blinzelte nach oben. Aber der immer dichter fallende Schnee machte es unm�glich, die Zeit anhand der Sterne zu bestimmen. Vielleicht w�rde diese Nacht auch nie mehr enden, und sie befanden sich auf dem Marsch ins ewige Nichts, hinein in einen Bereich der Welt, in dem selbst die Zeit gefroren war, und in dem es nichts mehr gab als den Tod.</p><p>Die Ebene war nicht so flach, wie sie geglaubt hatten, aber das monotone Wei� lie� alle Unterschiede verschwimmen. Es gab zahllose kleine eisige Buckel; Spalten und handbreite Risse, die den Boden wie ein Spinnennetz gef�hrlicher Fallstricke und Gruben bedeckten, und der Schnee �berzog alles mit einer tr�gerischen wei�en Decke, so da� sie sich noch vorsichtiger bewegen mu�ten und noch langsamer vorankamen als ohnehin. Selbst wenn die Berge - von denen er nun wu�te, da� es sie gab - wirklich nicht mehr als zwanzig Meilen entfernt waren, w�rden sie l�nger als einen Tag und eine Nacht brauchen, um sie zu erreichen. Es waren nicht nur Ersch�pfung und K�lte, die an ihren Kr�ften nagten; es war, als h�tten sich alle Gewalten der Natur - oder welche M�chte auch immer �ber diesen Teil der Welt gebieten mochten - gegen sie verschworen. Vielleicht, �berlegte Skar matt, war der Dronte gar nicht die rei�ende Bestie, f�r die sie ihn hielten, sondern nur ein Werkzeug dieses Landes, ein Ding, das zuf�llig dagewesen war und dessen sich der b�se Geist dieser verbotenen Insel am Ende der Welt bediente, um sie zu vernichten.</p><p>Er l�chelte. Wie immer, wenn er ersch�pft war, begann er, Geheimnisse in Dingen zu sehen, die es nicht gab. Er fragte sich, ob es den M�nnern ebenso erging. Vielleicht war es gut, da� sie zu m�de waren, um zu denken.</p><p>Skar sah immer wieder auf und versuchte, die gezackte Schattenlinie weit vor ihnen zu erkennen, aber je mehr er sich anstrengte, desto dichter schien der Schnee vor ihm zu wirbeln, und seine M�digkeit lie� graue, treibende Schleier vor seinen Augen erscheinen, hinter denen wie ein kn�chernes graues Gespenst Ersch�pfung und Tod lauerten. Er blinzelte, fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Augen und atmete tief durch. Die eisige Luft schmerzte in seiner Kehle, aber die K�lte vertrieb auch die grauen Spinnweben, die sich hinter seiner Stirn eingenistet hatten und schufen f�r einen kurzen - einen ganz kurzen - Moment so etwas wie Klarheit in seinen Gedanken.</p><p>Einer der M�nner strauchelte, versuchte mit einem raschen Schritt sein Gleichgewicht wiederzufinden, verlor aber auf dem unsicheren Boden dadurch erst vollends die Balance und fiel schwer auf die Knie. Der Laut, mit dem er auf das steinharte Eis prallte, drang wie ein d�nner scharfer Schmerz durch den Mantel aus Lethargie, der sich f�r einen winzigen Moment um Skars Gedanken gelegt hatte. Der Mann wankte, versuchte sich auf H�nde und F��e hochzustemmen und fiel unter dem Gewicht seines B�ndels abermals nach vorne; Skar konnte es erkennen wie durch die Linse eines unsauber geschliffenen Teleskopes, die nur einen winzigen verschwommenen Kreis der Wirklichkeit bestehen lie�, w�hrend ringsum das Nichts lauerte. Er wartete darauf, da� der Mann aufstehen w�rde, aber er blieb liegen. Sein Gesicht war verzerrt, aber nicht der leiseste Schmerzenslaut kam ihm �ber die Lippen, und die anderen gingen einfach an ihm vorbei, als h�tten sie seinen Fall nicht einmal bemerkt. Er versuchte sich hochzustemmen, aber seine Arme knickten unter dem Gewicht seines K�rpers ein, und er st�rzte ein drittes Mal schwer auf das glasharte Eis, das unter der tr�gerischen Decke aus Schnee lauerte. Erst beim vierten Versuch gelang es ihm, auf die Beine zu kommen und weiterzutaumeln.</p><p>Sie sind tot, dachte Skar mit einer seltsamen Mischung aus Resignation und Schrecken. Helth hatte recht. Seine Reaktion war falsch, aber er hatte recht. Der Dronte hat nicht nur die SHAROKAAN verbrannt, sondern auch ihr Leben. Sie sind tot. Ein Heer lebender Leichname, das nur noch weitermarschierte, weil er es befahl und sie ihm irgendwann einmal die Treue geschworen hatten. Weil sie ihm <emphasis>vertrauten. </emphasis>Aber er hatte sie entt�uscht. Sie hatten ihr Leben in seine H�nde gelegt, und er hatte es verspielt. Von Helth war nur zu Ende gebracht worden, was von ihm begonnen worden war. Und alles, was Skar noch zu tun blieb, war, das Ende hinauszuz�gern.</p><p>Er drehte m�de den Kopf und versuchte den jungen Veden zwischen den anderen M�nnern zu entdecken, konnte es aber nicht. Helth hatte seine durchn��ten Gew�nder abgelegt und sich wahllos irgendwelche Kleider aus den Vorr�ten herausgegriffen, und es gab jetzt nichts mehr, was ihn noch von einem der anderen unterschieden h�tte. Das letzte Mal, da� Skar ihn bewu�t gesehen hatte, war w�hrend des Aufstieges gewesen. Sie hatten dem Freisegler und Del von ihrer Begegnung mit den beiden Eisriesen erz�hlt, aber auch auf Helth' Gesicht war als Antwort auf diese neuerliche Hiobsbotschaft nur Resignation und Fatalismus zu lesen, kein wirklicher Schrecken mehr. <emphasis>Er ist auch tot, </emphasis>dachte Skar mit einem neuerlichen Anflug von Hysterie. Sein verzweifelter Angriff auf den Dronte war nicht mehr als ein kurzes Aufbegehren gewesen, ein letztes, kraftloses Flackern des Feuers, das einmal in ihm gebrannt hatte. Helth war im Grunde seiner Seele kein Vede. Er war Freisegler wie sein Vater, ein Mann, der f�r die Unendlichkeit des Meeres geboren war und nur dort wirklich leben konnte. Er war es immer gewesen und w�rde es immer bleiben. Mit seinen Kleidern hatte er auch seine Identit�t als Vede abgelegt; er war jetzt nicht mehr als ein m�der ver�ngstigter Mann unter anderen m�den ver�ngstigten M�nnern. Skar hatte f�r einen kurzen Augenblick dar�ber nachgedacht, wie Brad in dieser Situation reagiert h�tte, aber er war zu keinem Ergebnis gekommen. Seltsam - es fiel ihm immer schwerer, sich auf den wortkargen Veden zu besinnen; die Erinnerung an ihn schien mit jedem Schritt ein kleines bi�chen mehr zu verblassen. Nicht einmal sein Gesicht vermochte er sich noch vorzustellen - wenn er es versuchte, sah er nur eine verschwommene Fl�che mit d�nnen, konturlosen Linien, und selbst sie verschmolz sofort mit den wei�en Schwaden vor ihm, verging, versank in der Vergangenheit, als h�tte es sie nie gegeben.</p><p>Ein grauer Schatten l�ste sich aus der Gruppe und kam durch den treibenden Schnee auf ihn zu. Skar erwachte f�r einen Moment aus seiner Lethargie, als er Del erkannte. Er und Vela waren die einzigen, die keine Last trugen. Selbst die Verwundeten hatten sich ihr B�ndel aufgeladen, nur der junge Satai nicht. Es hatte ihn auch niemand darum gebeten. Von wenigen kurzen Ausnahmen abgesehen, trug er Vela. Sie war zu schwach zum Laufen.</p><p>�Nun�, sagte Skar, �willst du nachsehen, ob ich noch nicht zusammenbreche?� Er versuchte, sp�ttisch zu klingen, aber es mi�lang. Del schwieg einen Moment und sah ihn ernst an. Er fiel zur�ck, ging schneller und versuchte sich an den Rhythmus von Skars Schritten zu gew�hnen; aber es schien ihm schwerzufallen. Der Blick, mit dem ihn Skar musterte, gefiel ihm nicht. �Ich mache mir Sorgen um dich�, begann Del ernst.</p><p>Skar l�chelte m�hsam. �Wenigstens einer�, murmelte er. �Aber keine Angst - ich halte schon noch ein bi�chen durch.� Er hob die Hand und wischte sich eine Schneeflocke aus dem Auge. Seine Haut prickelte vor K�lte.</p><p>�Etwas geschieht mit dir�, fuhr Del fort, ohne auf den bissigen Ton seiner Worte zu reagieren. �Etwas, das mir nicht gef�llt. Du siehst m�de aus.�</p><p>�Ich bin nicht mehr so recht in Form�, erwiderte Skar. �Normalerweise fechte ich in der Woche zwei bis drei Seeschlachten mit irgendwelchen Ungeheuern aus, wei�t du? Aber in der letzten Zeit bin ich nicht mehr im Training.� Er lachte, um sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn Dels Worte erschreckt hatten. Sieht man es mir jetzt schon an? dachte er erschrocken. Steht es in meinem Gesicht geschrieben, da� ich den Kampf verliere? Da� ER immer st�rker wird, und ich nicht mehr die Kraft habe, mich zu wehren?</p><p>Wieder schwieg Del eine Weile, als m�sse er Skars Worte genau �berdenken. Er war ruhiger geworden, seit sie sich wiedergefunden hatten. Ernsthafter. Seltsamerweise hatte es bis jetzt gedauert, bis Skar dies wirklich erkannte. Vielleicht, dachte er m�de, war es wirklich so, da� Del einfach erwachsen wurde. Oder er selbst alt...</p><p>�Wenn ich dir helfen kann, Skar�, sagte Del, stockend und beinahe verlegen, �dann...�</p><p>�Ich glaube nicht, da� du mir helfen kannst�, murmelte Skar, ohne Del anzusehen. Lautlos und nur f�r sich f�gte er hinzu: <emphasis>Niemand kann das, mein Junge. Nicht einmal der Mann, der du einmal warst. </emphasis>Es war weder der Dronte noch irgendeine der anderen Gefahren in ihrer Umgebung, was an ihm nagte, so sehr an den Kr�ften seiner Seele zehrte wie der eisige Wind und die Ersch�pfung an denen seines K�rpers. Er war es selbst, aber es war ein Teil von ihm, vor dem er sich f�rchtete. Sein Dunkler Bruder. Seltsam - aber er hatte es noch nie so klar gesehen wie in diesem Augenblick. Und die Erkenntnis war eigentlich erst gekommen, nachdem er diesen Gedanken so bewu�t formuliert hatte. Waren es �berhaupt <emphasis>seine </emphasis>Gedanken ? Oder gewann dieses Ding jetzt bereits Gewalt �ber seine Zunge?</p><p>Del sah ihn nachdenklich an. �Du willst nicht dar�ber reden�, meinte er. �Gut. Es ist deine Sache. Aber wenn du Hilfe brauchst, dann rufe mich.�</p><p>Skar sah ihn an. Dels Gesicht wirkte so m�de wie das der anderen, aber es war noch etwas darin, irgendwo zwischen den tiefen Linien der Ersch�pfung. Er schien noch etwas sagen zu wollen, zuckte aber dann nur stumm mit den Achseln und ging ohne ein weiteres Wort.</p><p>Skar sah ihm nach, bis seine Gestalt im Schneetreiben mit den Schatten der anderen verschmolzen war. Er sp�rte Zorn, aber nur f�r einen kurzen Augenblick.</p><p>Del konnte nicht wissen, was es war, das er mit sich herumschleppte. Er wu�te es ja nicht einmal selbst wirklich. Es war erwacht, als er in den gl�henden Sandd�nen der Nonakesh um sein Leben gek�mpft hatte, aber es war schon lange vorher in ihm gewesen, vielleicht seit seiner Geburt, vielleicht sogar schon <emphasis>davor. </emphasis>Es war vielleicht der Grund, aus dem er Satai geworden war, aus dem er - selbst in der Kriegerkaste Enwors - ein herausragender Mann war, vielleicht der st�rkste Satai, den es jemals gegeben hatte. Jemand, dem der Mythos der Unbesiegbarkeit vorauseilte. Vielleicht war er nicht einmal ein Mensch, dort unten, tief in seiner Seele, sondern vielleicht war das, was er selbst von sich wu�te, nichts als eine Maske, hinter der das Ding jahrzehntelang geduldig gelauert hatte, eine Maske wie die Gowennas, nur ungleich perfekter, und vielleicht...</p><p>...und vielleicht waren Velas Worte wahr gewesen, und er trug wirklich das Erbe der alten Menschheit in sich, einen Teil einer Welt, die vor �onen untergegangen war. Aber wenn das zutraf, wenn das, was er sp�rte, wenn diese finstere, nur aus Ha� und Gewalt bestehende Facette seiner selbst wirklich das Erbe der alten G�tter sein sollte, ein Schatten der Welt, wie sie einmal gewesen war, dann konnte es nur gut sein, da� sie versunken und vergessen war.</p><p>Er drehte sich herum und sah in die Richtung zur�ck, aus der sie gekommen waren. Eine Windb�e ri� den wehenden Schleier aus Grau und flockig fallendem Wei� auseinander, als h�tte er in diesem Moment ein Anrecht auf besondere Klarheit, und er konnte den See erkennen; ein gewaltiges, perfekt gerundetes Loch, dessen seeseitige Begrenzung mit dem wogenden Grau des Ozeans verschmolz, so da� es aussah, als h�tte ein Meeresungeheuer im Spiel ein gewaltiges St�ck aus der Eismauer herausgebissen.</p><p>Warum war er eigentlich hier? Nicht hier auf diesem �den Eisklotz, auf den sie der Dronte gejagt hatte, sondern �berhaupt hier in diesem Geschehen, auf das er l�ngst keinen Einflu� mehr aus�bte? Warum hatte er es zugelassen, da� ihn nun Gowenna statt Vela zu einem Bauer in ihrem Schachspiel degradierte?</p><p>Er wu�te die Antwort nicht, noch nicht.</p><p>Aber er w�rde sie finden. Irgendwo dort vorne, hinter den Schatten, von denen sie nur hoffen konnten, da� sie Berge waren und da� hinter ihnen ein anderes, weniger t�dliches Land lag.</p></section><section><title><p id="_14">14.</p></title><p>Als die Sonne aufging, waren sie f�nf Meilen vom See entfernt. Mit dem Ende der Nacht h�rte es auf zu schneien; aber es wurde auch wieder k�lter. Wind fauchte vom Meer herauf, als h�tte sie der Winter, dem die SHAROKAAN in Anchor davongesegelt war, nun endg�ltig eingeholt wie ein eisiger Riese, der ihnen mit gewaltigen Schritten �ber den Ozean nachgeeilt war, vielleicht einzig, um ihnen zu zeigen, da� es selbst in einem Land der Extreme immer noch eine Steigerung geben konnte.</p><p>Skar blieb einen Moment stehen, lud sein B�ndel von den Schultern und nahm eine dicke wollene Decke heraus, die er wie einen zweiten Mantel um seinen Umhang warf. Sie nutzte nicht viel; der Wind bi� selbst durch die dicksten Kleidungsst�cke, und sein K�rper erstarrte allm�hlich zu Eis. Die M�nner taumelten jetzt mehr als sie gingen, und immer �fter h�rte Skar dumpfe Schmerzlaute, wenn einer von ihnen fiel und sich m�hsam wieder aufrichtete. Eine der ausgelaugten Gestalten war bereits liegengeblieben, und niemand, auch Skar nicht, hatte noch die Kraft gehabt, ihr wieder auf die F��e zu helfen. Sie konnten nicht anhalten. Die M�nner w�ren dort, wo sie gerade standen, eingeschlafen und unweigerlich erfroren. Sie hatten nur noch die Wahl, weiterzugehen oder gleich hier aufzugeben, die Wahl zwischen Leben und Tod.</p><p>Skar sah nach Osten. Jetzt, als das Licht beinahe waagerecht �ber den Horizont fiel, konnte er dort eine schmale gezackte Linie erkennen.</p><p>Er ging, die Schmerzen in seinen Beinen und das dumpfe Pochen in seinen abgestorbenen Zehen mi�achtend, schneller und versuchte, an Gowennas Seite zu gelangen. Sie war an der Spitze der Kolonne, und ihre Haltung erschien ihm, inmitten der wankenden, ausgelaugten Gestalten ringsum, auf fast anst��ige Weise kraftvoll und aufrecht. Skar brauchte lange, um sie einzuholen. Obwohl er so rasch ausschritt, wie seine steif gewordenen Muskeln noch zulie�en, bewegte er sich nur um eine Winzigkeit schneller als sie. Auch dies war ein Werk der K�lte. Der Schnee verwischte die Unterschiede in ihrem �u�eren, und sie und die Furcht lie�en seine �berlegenheit dahinschmelzen. Als er n�her kam, sah er, da� er sich get�uscht hatte. Gowenna war so ersch�pft wie die anderen. Ihre Schritte erschienen nur kraftvoll, aber sie waren es nicht. Als er sie ansprach, reagierte sie nicht sofort, und ihr Gesicht wirkte grau und eingefallen. Das rote Licht der aufgehenden Sonne �berzog nun auch die gesunde H�lfte ihres Antlitzes mit tiefen, ver�tzt wirkenden Linien und neuen Narben, aus Schatten gebildet. Aber unter der Ersch�pfung in ihrem Blick glomm noch immer das gleiche fanatische Feuer wie am ersten Tag. Ha�, der noch immer und vielleicht st�rker in ihr brannte und sie vorw�rts trieb, ihren K�rper gepackt hielt wie eine heimt�ckische Krankheit, die ihr keine Ruhe lassen w�rde; nicht, bis sie getan hatte, wozu sie hergekommen war. �Die M�nner k�nnen nicht mehr�, sagte er, als w�re sie es, die das Kommando f�hrte, und nicht er. �Wie weit ist es bis zu... deinen Bergen?� Er wu�te nicht, ob ihr die unmerkliche Pause oder die Art, in der er die Worte betonte, auffiel. Wenn, so war sie zu ersch�pft, um darauf zu reagieren. M�de hob sie den Kopf und sah erst nach rechts, dann nach links. Die M�nner in ihrer Umgebung wirkten wie graue, bucklige Scherenschnitte gegen den Sonnenaufgang. Tote, dachte Skar wieder, die wie einmal in Gang gesetzte Maschinen einfach weiterliefen, bis auch das letzte bi�chen Kraft verbraucht sein w�rde und sie wie ausgebrannte leere H�llen einfach zusammenbrachen, um zu sterben.</p><p>�Auf jeden Fall zu weit�, sagte Gowenna nach einer Ewigkeit. �Wir m�ssen rasten.�</p><p>�Und wo? Du wirst f�nfzig Leichname finden, wenn du sie hierauf dem Eis schlafen l��t.�</p><p>Gowenna starrte einen Moment blicklos in den wei�en, unber�hrten Schnee, der sich endlos vor ihnen ausbreitete. Sie blieb stehen, sah sich noch einmal um und deutete dann mit einer fordernden Geste auf Rayans Fernrohr, das noch immer in seinem G�rtel steckte. �Gib es mir.�</p><p>Skar reichte ihr das Glas. Gowenna zupfte umst�ndlich an den wollenen Lappen, die sie wie alle anderen zum Schutz vor der K�lte um ihre H�nde gewickelt hatte, hauchte mehrmals auf die Linse und versuchte sie mit einem Zipfel ihres Umhanges von verkrustetem Eis und Rauhreif zu befreien. Ihr Atem gefror fast sofort zu einer neuen glitzernden Schicht, aber sie bekam das Glas wenigstens notd�rftig frei. Lange Zeit starrte sie hindurch, schwenkte es hin und her und suchte die Ebene bis zu den Bergen methodisch ab. Auf ihrem Gesicht lag ein angespannter Ausdruck. Ihre Lippen pre�ten sich zu einem schmalen, blutleeren Strich zusammen, und ihre H�nde umklammerten das Glas fester, als n�tig gewesen w�re. So fest, da� es schmerzen mu�te. Skar hatte das Gef�hl, da� sie nach etwas ganz Bestimmtem Ausschau hielt. Schlie�lich setzte sie das Glas ab und deutete nach Norden, fast im rechten Winkel fort von ihrem bisherigen Kurs. �Dort.�</p><p>Skar griff mit tauben Fingern nach dem Fernrohr und starrte angestrengt in die angegebene Richtung. Er sah sofort, was Gowenna entdeckt - oder wiedergefunden - hatte: Das Eis war, nicht viel weiter als eine Meile entfernt, entlang eines gezackten, allm�hlich breiter werdenden Risses aufgebrochen und an seinem Ende zu einem flachen Buckel hochget�rmt, kantige Schollen, die unter dem Druck der ungez�hlten Tonnen Eis, die sich dort aneinandergerieben hatten, �ber- und aufeinandergeschoben worden waren. Der frische Schnee hatte an seiner rechten Seite eine fast mannshohe Verwehung gebildet, die den H�gel wie ein sanft gerundeter Hang zur Meerseite hin abschirmte. Der Sturm blies pulverigen Schnee in einer d�nnen, durch die gro�e Entfernung fast schwerelos wirkenden Wolke �ber die Anh�ufung zermalmter Eisschollen.</p><p>Skar setzte das Glas ab, schob es wieder unter seinen G�rtel und nickte. Jetzt, als er einmal wu�te, wonach er zu suchen hatte, konnte er den Ri� und den Eisbuckel an seinem Ende auch mit blo�em Auge erkennen. Er widersprach nicht, als Gowenna sich umdrehte und den M�nnern mit erhobener Stimme befahl, in n�rdlicher Richtung weiterzugehen. Eine Meile konnte eine lange Strecke sein f�r einen Mann, der am Ende seiner Kr�fte war. Aber vielleicht fanden sie dort dr�ben Schutz vor dem unabl�ssig heulenden Wind und der eisigen K�lte. Wieder wechselte er sein B�ndel auf die andere Schulter, aber es half nichts. Die Last schien mit jedem Wechsel schwerer zu werden, und er sp�rte die scharfkantigen Schalen der Caba-N�sse - alles, was sie an Nahrung mitgenommen hatten - wie winzige stumpfe Messerklingen durch den Stoff hindurch. Seine Schultern f�hlten sich wund an, als w�ren sie zerschnitten, und f�r einen bangen Moment schien die Ebene vor seinen Augen zu verschwimmen. Er wankte, machte einen schnellen Schritt und fand sein Gleichgewicht wieder. Die Schw�che kam nicht allein von der Anstrengung der letzten Tage, das wu�te er. Sie war vielmehr Folge des gnadenlosen, kr�ftezehrenden Kampfes, der tief in seinem Inneren tobte. Das Dr�ngen wurde st�rker, und wenn er in sich hineinlauschte, dann konnte er die dumpfe, wispernde Stimme jetzt ununterbrochen h�ren. Er wu�te, da� es dunkle und gef�hrliche Geheimnisse waren, die sie ihm zufl�sterte. So wie Gowennas Ha� mit jedem Meter, den sie sich dem Gebirge n�herten, heller zu lodern schien, so gewann auch sein Dunkler Bruder mit jedem Schritt an Kraft. Je schw�cher er selbst wurde, desto st�rker wurde er. Die Meile war mehr als eine Meile, und der Eisbuckel war kein Buckel, sondern eine m�chtige, zwanzig Fu� hohe und mehr als f�nfmal so breite Masse zerborstener, gesplitterter Eisschollen, die sich wie ein k�nstlicher Berg aus der Ebene erhob; Eis, das zermalmt und mit Urgewalt aus der Tiefe der Erde herausgepre�t worden war. Der Sturm nahm an Kraft zu und zerrte an ihren Haaren und Kleidern, und sein Heulen klang zornig, als ahne er, da� ihm seine sicher geglaubten Opfer doch noch entkommen sollten. Sie n�herten sich der Erhebung in einer lang auseinandergezogenen, unregelm��igen Kette. Skar sah, da� Gowennas Wahl gut gewesen war: Der Buckel war nur von dieser Seite glattgeschliffen vom Wind und flach - zum Gebirge hin war das Oval durchbrochen; Teil einer schimmernden, von der Hand der Natur errichteten Kuppel aus wasserklarem Eis, zur H�lfte eingest�rzt. Schnee und neu hinzugekommenes Eis hatten den entstandenen Hohlraum - mal wie eine d�nne glitzernde Haut den urspr�nglichen Konturen der W�nde folgend, mal willk�rlich schimmernde Bl�cke und Skulpturen, messerscharfe Grate und kleine, t�dliche Sperren aus nadelspitzen eisigen Dolchen bildend - in ein bizarres Labyrinth aus H�hlen und G�ngen verwandelt, in dem sie Schutz vor dem Wind und wohl auch vor der schlimmsten K�lte finden w�rden.</p><p>Die M�nner taumelten mit letzter Kraft in den Schutz der Eismasse und lie�en sich ersch�pft zu Boden sinken. Manche errichteten einfache Lager aus Decken, andere begn�gten sich damit, den Kopf auf ihrem B�ndel zu betten, oder schliefen auch einfach auf dem nackten Boden, eine kleine Erhebung, einen Klotz aus Eis oder auch den eigenen Arm als Kissen.</p><p>Skar protestierte diesmal nicht. Wahrscheinlich w�rden nicht alle von denen, die jetzt einschliefen, wieder aufwachen. Aber er war machtlos dagegen. Sie hatten kein Holz, um Feuer zu machen, und nicht gen�gend Decken und Kleider, um sich auf andere Weise wirksam gegen die K�lte zu sch�tzen. Nur die, die noch die Kraft hatten, wieder aufzustehen, w�rden auch die Berge erreichen.</p><p>Er war so m�de wie irgendeiner der M�nner, aber er begn�gte sich damit, f�r einige kurze Augenblicke sitzen zu bleiben und sich auszuruhen. Dann stand er erneut auf und drang geb�ckt und vorsichtig tiefer in das eisige Labyrinth ein. Die gewaltigen klaren Bl�cke sch�tzten sie wie ein nat�rlicher Schild gegen den heulenden Wind; verglichen mit den Temperaturen drau�en war es hier drinnen beinahe warm. Schattiges Halbdunkel h�llte ihn ein, als er, vorsichtig den Haifischgebissen und Eisdolchen ausweichend, die aus W�nden und Decke wuchsen, noch tiefer in das Labyrinth aus blitzendem Wei� hineinging, das die �bereinandergeschichteten Eismassen gebildet hatten. Er durchquerte einen gro�en, zur H�lfte von bizarr wuchernden Kristallblumen und Eisgew�chsen erf�llten Raum, b�ckte sich unter einem scharfkantigen Block hindurch und gelangte in eine seltsam geometrisch wirkende Art Halle.</p><p>Es dauerte einen Moment, bis er begriff, aber als es soweit war, war er nicht �berrascht.</p><p>Die Kuppel dieses Raumes war <emphasis>k�nstlich.</emphasis></p><p>Die Erkenntnis h�tte ihn erschrecken m�ssen, aber sie tat es nicht. Er war zu m�de, zu abgestumpft - und vielleicht hatte er es auch erwartet.</p><p>Und die Kuppel war <emphasis>alt, </emphasis>vielleicht nur ein kleiner Teil eines ehemals viel gr��eren Baues, der von Wind und Zeit zerst�rt und bis auf diesen k�mmerlichen �berrest abgeschmirgelt worden war. Es war nicht zu erkennen, was in seiner Umgebung k�nstlich und was aus nat�rlichem Eis nachgewachsen war. Manche Linien waren zu gerade, um gewachsen zu sein, andere Formen zu bizarr, um von der Hand eines denkenden Wesens erschaffen worden zu sein.</p><p>Das Ger�usch leiser Schritte ri� ihn aus seinen Gedanken. Er sah auf, drehte sich um und erkannte Del.</p><p>�Du schl�fst nicht?� fragte er ruhig. Seine Stimme war leise, schleppend; Del mu�te sp�ren, da� er nur sprach, um �berhaupt etwas zu sagen und den Schein von Vertrautheit zwischen ihnen zu wahren. Del schwieg einen Moment. Das Licht reichte nicht aus, um Skar irgendeine Reaktion auf seine Worte erkennen zu lassen, aber wieder schien er von einem Ernst, der nicht zu dem Del pa�te, den er gekannt hatte.</p><p>�Ich bin nicht m�de�, sagte Del schlie�lich. �Au�erdem halte ich es f�r besser, wenn von jetzt an immer nur einer von uns schl�ft und der andere wacht. Wenn du willst�, f�gte er nach einer winzigen, aber h�rbaren Pause hinzu, ��bernehme ich die erste Wache.�</p><p>Skar ging ein paar Schritte weiter in die teils k�nstliche, teils aus Eis und zusammengebackenem Schnee gewachsene H�hle hinein und lie� sich auf einen Vorsprung sinken; eine schmale, asymmetrische Kante, deren urspr�nglichen Sinn er nicht einmal zu erraten imstande war. Seine M�digkeit meldete sich jetzt mit aller Macht, aber er dr�ngte sie noch einmal zur�ck. �Warum?� fragte er mit m�dem Spott. �Hast du Angst, da� uns der Dronte aufs Eis nachkriecht?�</p><p>Del sch�ttelte unwillig den Kopf. Selbst in dieser winzigen Bewegung war noch immer eine unglaubliche Kraft. �Unsinn.� Er bewegte sich auf ihn zu, blieb einen Moment stehen und setzte sich dann neben ihn. Skar widerstand im letzten Moment dem Impuls, aufzustehen und die Distanz zwischen Del und sich wieder zu vergr��ern. Er hatte die N�he anderer Menschen nie ertragen. Wie ein Tier, dessen Fluchtdistanz unterschritten war, machte es ihn nerv�s, jemanden dichter als auf Armesl�nge bei sich zu wissen. Del war einmal der einzige gewesen, bei dem er dieses Gef�hl nicht gehabt hatte. Jetzt war es nicht mehr so. Und Del sp�rte es.</p><p>�Ich mache mir Sorgen um Gowenna�, sagte Del pl�tzlich.</p><p>Skar sah auf.</p><p>�Sorgen ist vielleicht das falsche Wort.� Del l�chelte fl�chtig, wurde aber sofort wieder ernst. Skar hielt seinem Blick nur mit M�he stand. In seinem Gesicht waren dunkle, tiefe Linien, die er vorher nicht an ihm bemerkt hatte. Er wirkte - �lter? Nein. Erwachsener vielleicht, ernster und auf eine schwer in Worte zu kleidende Weise <emphasis>traurig.</emphasis> �Ich traue ihr nicht.� Er seufzte, st�tzte die Unterarme auf die Schenkel und sah Skar an.</p><p>Skar schwieg weiter.</p><p>�Sie f�hrt irgend etwas im Schilde�, fuhr Del fort.</p><p>�Wie kommst du darauf?�</p><p>Del lachte leise. �Was bist du, Skar? Blind? Sie hat Vela nicht eines Blickes gew�rdigt, seit wir die H�hle verlassen haben.�</p><p>Skar nickte widerstrebend. Nat�rlich war auch ihm aufgefallen, wie leicht und widerspruchslos sich Gowenna seinem Befehl gef�gt hatte, nach allem, was vorher geschehen war. Aber er war m�de. Er wollte nicht reden, nicht �ber Vela, Gowenna oder sonst irgend etwas. Er wollte nicht einmal denken. �Im Moment�, sagte er ohne rechte �berzeugung, �besteht kaum die Gefahr, da� sie flieht.�</p><p>�Die gab es auf dem Schiff auch nicht�, widersprach Del erregt. Er wartete sichtlich darauf, da� er etwas erwiderte, aber Skar starrte nur weiter schweigend an ihm vorbei und stand schlie�lich auf. �Wenn du nicht m�de bist, ich bin es�, erkl�rte er. �Ich brauche ein paar Stunden Schlaf. Weck mich, wenn ich dich abl�sen soll.� Er wollte gehen, aber Del hielt ihn mit einer groben Bewegung zur�ck. �Warte.�</p><p>Skar blieb stehen, sah auf Dels Hand hinab, die sein Gelenk umklammert hielt. Del zog die Hand zur�ck.</p><p>�Wof�r h�ltst du das alles hier?�</p><p>Skar zuckte mit den Achseln.</p><p>�Es ist k�nstlich�, fuhr Del fort, als er nicht antwortete.</p><p>�M�glich�, r�umte Skar einsilbig ein. �Aber wenn es das ist, dann ist es uralt.� Er sch�ttelte den Kopf, seufzte h�rbar und lie� sich noch einmal neben Del sinken. Das Eis in seinem R�cken f�hlte sich k�lter an als beim ersten Mal. �Die, die das hier erbaut haben, leben schon lange nicht mehr.�</p><p>�Wenn sie �berhaupt je <emphasis>gelebt </emphasis>haben�, sagte Del ernsthaft. Skar sah ihn an, aber Del erwiderte seinen Blick nur stumm, fuhr pl�tzlich auf und lie� die flache Hand gegen das Wei� der W�nde klatschen. �Ich wei� ja, da� du es nicht gerne h�rst�, fuhr er fort, �aber ich sp�re einfach, da� Gowenna einen Plan verfolgt. Und er hat irgend etwas mit diesen Bergen dort dr�ben zu tun.�</p><p>�Du �bertreibst�, murmelte Skar, obwohl er genau wu�te, da� Del mit jedem Wort recht hatte. �Sie konnte nicht wissen, da� -�</p><p>�Sie hat es aber gewu�t�, unterbrach ihn Del.</p><p>Skar sah m�de auf. Del kannte ihn gut genug, um zu sp�ren, da� er nicht in der Stimmung war, zu reden. Trotzdem erwartete er eine Antwort. �Was meinst du?� fragte er unwillig.</p><p>�Woher wei�t du von den Bergen? Hast du sie gesehen? Bevor wir aufgebrochen sind, meine ich?�</p><p>Skar nickte z�gernd. �Sicher. Ich war oben auf der Wand.�</p><p>�Weil Gowenna dich hinaufgef�hrt hat. Nicht wahr? Woher wu�te sie davon?�</p><p>�Sie... hat sie gesehen, als -�</p><p>�Das hat sie nicht, Skar�, unterbrach ihn Del. �Sie hat dir erz�hlt, da� sie oben war, aber das war gelogen.�</p><p>Skar starrte ihn an.</p><p>�Mit Ausnahme der Stunde, die wir zusammen in der Eish�hle waren�, sprach Del weiter, �habe ich Gowenna nicht aus den Augen gelassen, seit wir diesen verdammten Eisklotz betreten haben, Skar. Ich habe dir gesagt, da� ich ihr nicht traue, und das war mein Ernst. Ich habe sie beobachtet, die ganze Zeit. Es ist keine Stunde vergangen, in der ich sie nicht wenigstens einmal gesehen h�tte. Sie war niemals hier oben, Skar. Das erste Mal mit dir.�</p><p>�Aber...� Skar hob hilflos die H�nde. �Wie konnte sie...�</p><p>�Wissen, da� es sie gibt?� Del sch�ttelte den Kopf. �Bei allen G�ttern, Skar - was ist aus dem Mann geworden, der du einmal warst? Begreifst du denn immer noch nicht? Sie hat es gewu�t. Sie wollte hierher. Sie hat niemals vorgehabt, Vela vor den Rat der Dreizehn zu bringen. Sie wollte hierher, Skar, vom ersten Augenblick an!�</p></section><section><title><p id="_15">15.</p></title><p>Er schlief, aber er schlief schlecht, und es war eher ein Zustand der Ersch�pfung als wirklicher Schlaf. Die K�lte verfolgte ihn selbst bis in seine Tr�ume, und er schrak ein paarmal am ganzen Leibe zitternd und mit schmerzenden Fingern und Zehen hoch, ehe ihn Del vollends wachr�ttelte. Kaum da� er aufgestanden war, kroch der unter seine angew�rmten Decken und schlief fast augenblicklich ein.</p><p>Skar betrachtete ihn mit einer Mischung aus Neid und Verwirrung. Sein Platz w�re jetzt drau�en gewesen, wo er Helth, Gowenna und Vela gleicherma�en im Auge gehabt h�tte. Aber obwohl er wu�te, da� Del mit seinem Mi�trauen durchaus recht hatte, war ihm auch gleichzeitig klar, da� es sinnlos war, auf Gowenna zu achten. Was immer sie vorhatte, sie w�rde es tun, so oder so.</p><p>Skar l�chelte d�nn. Es war noch nicht lange her, da w�re es umgekehrt gewesen. Da h�tte er gewarnt, und Del h�tte ihm nicht geglaubt. Er gab sich einen Ruck, wandte sich um und trat geb�ckt unter dem halb eingest�rzten Durchgang hindurch, von dem er jetzt wu�te, da� er einmal eine T�r gewesen war. Ein paar M�nner waren wie Del und er tiefer in das Geb�ude eingedrungen, um der K�lte zu entfliehen, und lagen schlafend auf dem Boden. Er ging leise, um sie nicht zu wecken; jede Sekunde Schlaf war kostbar, jede Stunde, die sie ruhten, konnte eine Stunde sein, die sie drau�en auf dem Eis l�nger lebten. Narr! wisperte eine Stimme hinter seiner Stirn. Du denkst noch immer wie ein Satai! Aber das bist du nicht mehr. Und diese M�nner sind keine Krieger, die du befehligen kannst. Er blieb stehen, schlo� die Augen und ballte mit einem unterdr�ckten St�hnen die F�uste. Fast angstvoll wartete er darauf, da� die Stimme zu sprechen fortfuhr, aber sie schwieg, und so ging er schlie�lich weiter.</p><p>Dicht vor dem Eingang lagen drei M�nner nebeneinander, gemeinsam unter drei �bereinandergelegte Decken gekrochen, um sich so mit ihren K�rpern noch gegenseitig zu w�rmen, und einer von ihnen war Helth. Skar blieb stehen und betrachtete ihn einen Moment. Er schlief, aber in verkr�mmter, beinahe verkrampfter Haltung, die Arme um den Leib geschlungen und die H�nde gegen Brust und Hals gepre�t, als leide er Atemnot, und seine Wangenmuskeln waren angespannt. Skar sah ihn einen Herzschlag lang an und �berlegte, ob er ihn wecken und so dem Alpdruck entrei�en sollte, den er zweifellos durchlitt, lie� es aber dann. Die Wirklichkeit war auch nichts als ein anderer, sogar t�dlicher Alptraum. Nur, da� sie aus ihm nicht einfach aufwachen konnten, um ihm zu entfliehen. Leise drehte er sich um und ging weiter.</p><p>Er fand Vela in einem gesch�tzten Winkel unweit des Ausganges, stieg behutsam �ber einen schlafenden Mann hinweg und lie� sich neben ihr in die Hocke sinken. Sie schlief. Ihr Gesicht war noch immer bla�, aber ihr Atem ging ruhig. Langsam und beinahe �berrascht �ber sein eigenes Tun hob er die Hand und ber�hrte ihre Wange. Ihre Haut war hei�. Sie hatte Fieber. Aber das hatten sie wohl alle.</p><p>�Zufrieden?�</p><p>Skar fuhr zusammen und zog die Hand beinahe schuldbewu�t zur�ck. Gowenna war lautlos herangekommen und beobachtete ihn aus ihrem einzigen, sp�ttisch funkelnden Auge. �Sie schl�ft�, sagte sie. �Und ich w�re an deiner Stelle froh, da� sie nicht erwacht.�</p><p>Skar sprang mit einer �bertrieben hastigen Bewegung auf und trat an ihr vorbei. Sein Fu� streifte einen der Schlafenden; der Mann bewegte sich unruhig, wachte aber nicht auf. �Ich habe keine Lust, mich mit dir zu streiten�, entgegnete er knapp.</p><p>Gowenna l�chelte. �Ich streite nicht�, erkl�rte sie. �Ich versuche nur, dich zu warnen. Aber vielleicht ist es auch gar nicht n�tig. Del und du bewacht sie so gut, da� ihr ohnehin als erste merken werdet, was geschieht. Habt ihr Angst, da� ich mich nachts an ihr Lager schleiche und ihr etwas zuleide tue?�</p><p>Skar �berging den bei�enden Spott in ihrer Stimme. Vielleicht war die Gelegenheit g�nstig, sie zur Rede zu stellen; sie waren ungest�rt, die M�nner schliefen, und es gab gen�gend R�ume und Winkel in dieser bizarren Ruine, in die sie sich h�tten zur�ckziehen k�nnen. Aber er sp�rte auch, da� sie auf die Auseinandersetzung vorbereitet war. Er nicht. Gowenna war nicht dumm. Sie mu�te sich ausgerechnet haben, da� er irgendwann erkennen w�rde, was geschah.</p><p>Nein, dachte er. Nicht jetzt. Sp�ter. Vielleicht nie.</p><p>�Bitte�, sagte er leise. �Nicht jetzt, Gowenna.�</p><p>Sie sah ihn einen Moment mit undeutbarem Ausdruck an, schlug ihren Umhang zur�ck und fuhr sich mit einer unbewu�ten, gl�ttenden Geste �ber Kettenhemd und Hose. Die Bewegung verlieh ihrer tristen Umgebung etwas seltsam Vertrautes. �Wie du willst�, murmelte sie, pl�tzlich sichtlich darum bem�ht, das Thema zu wechseln, nur noch mit dem Krieger, der er war, zu reden, nicht mehr mit dem Mann, der er einmal gewesen war und den sie - vielleicht, denn nicht einmal dessen war sich Skar jetzt mehr sicher - geliebt hatte. Was zwischen ihnen gewesen war, war ohnehin vorbei, und sie geh�rten beide nicht zu den Menschen, die sich an zerbrochene Tr�ume klammerten.</p><p>Trotzdem war es diesmal Skar, der sie zur�ckhielt. �Die M�nner halten den Marsch nicht mehr durch�, sagte er. �Zwanzig Meilen durch diese K�lte schaffen sie nicht mehr. Selbst Helth nicht.�</p><p>�Sie werden es m�ssen�, antwortete Gowenna ruhig. �Sie haben keine andere Wahl. Und wir auch nicht.�</p><p>Normalerweise h�tte ihn die eisige, menschenverachtende Art, in der sie diese Worte sprach, in Rage gebracht. Aber er war noch immer m�de, jetzt vielleicht mehr denn je, und er sah einfach keinen Sinn mehr darin, sich - ganz egal wor�ber - mit ihr zu streiten. So verzog er nur ver�rgert das Gesicht. �Was erwartest du eigentlich?� fragte er halblaut. �Da� ich eine Gruppe von f�nfzig halbtoten M�nnern hundert Meilen durch diese Eisw�ste f�hre, ohne -�</p><p>�Warte�, unterbrach sie ihn. �Ich zeige dir etwas, bevor du weitersprichst. Ich bin ohnehin deshalb gekommen, nicht, um mich mit dir herumzustreiten. Komm.�</p><p>Bevor er Gelegenheit hatte, eine weitere Frage zu stellen, wandte sie sich um und verschwand geb�ckt durch den Ausgang. Ihre Stiefel knirschten auf dem Eis, als ginge sie �ber zermahlenes Glas.</p><p>Skar starrte ihr w�tend nach, beeilte sich aber trotzdem, ihr zu folgen. Wenigstens kannte er Gowenna mittlerweile gut genug, um zu sp�ren, wann sie mit ihm spielte und wann sie es ernst meinte.</p><p>Die Sonne stand fast im Zenit, als er die sch�tzende Ruine verlie� und hinter Gowenna ins Freie trat. Die K�lte sprang ihn an wie ein rei�endes Tier, das geduldig auf seine R�ckkehr gewartet hatte, und der Wind peitschte ihm Eiskristalle und feinen, pulvrigen Schnee ins Gesicht. Unwillk�rlich zog er seinen Mantel enger um die Schulter, aber der Stoff war klamm und so eisig, da� er fast noch st�rker fror. Er merkte erst jetzt richtig, wie gesch�tzt sie drinnen gewesen waren. In dieser H�lle aus Wei� und klirrender K�lte machten selbst ein paar Grad einen sp�rbaren Unterschied.</p><p>Gowenna wartete, bis er neben ihr war, wandte sich wortlos um und begann die zerrissene Flanke der Ruine zu ersteigen. Ihre Bewegungen waren langsam und m�de, aber trotzdem geschickt, und Skar hatte M�he, ihr zu folgen. Sein Herz jagte, als er die zwanzig Fu� hohe Mauer bew�ltigt hatte und vorsichtig auf dem unsicheren Untergrund nach festem Halt suchte.</p><p>Gowenna starrte unverwandt nach Westen, in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Der Wind spielte mit ihrem Haar und lie� es wie einer, schwarzen Schleier vor ihrem Gesicht auf und ab wehen; ihr Umhang bauschte sich, als w�re er ein lebendes Wesen, und �ber den zerst�rten Teil ihres Gesichtes huschten Schatten, als Versuche sie selbst jetzt noch, sich seinen Blicken zu entziehen. Pl�tzlich fragte er sich, warum sie keine Maske trug oder wenigstens einen Schleier, wie es die Errish allgemein taten. Sie litt unter diesem zerst�rten Antlitz, das wu�te er, aber sie unternahm auch nichts, um es zu verbergen. �Also?� fragte er. Obwohl Gowenna schwieg und ihn nicht ansah, sp�rte er deutlich die Ver�nderung, die pl�tzlich mit ihr vonstatten ging. Sie wirkte angespannt, aber auf eine schwer fa�bare, aggressive Art. Ihre Hand lag auf dem Schwertgriff.</p><p>Gowenna strich sich das Haar aus dem Gesicht, hielt es mit der linken Hand im Nacken zusammen und zeigte mit der anderen auf das zusammengeschobene Fernrohr in Skars G�rtel. Skar holte es hervor und wollte es ihr reichen, aber sie sch�ttelte nur den Kopf und deutete nach Westen. Das Meer war jetzt mit blo�em Auge nur noch als feine graue Linie vor dem Horizont zu erkennen; davor ein dunkler, verschwommener Schatten von ann�hernder Kreisform. Der See. Es kam Skar fast wie Hohn vor, da� sie ihn noch immer sehen konnten. Aber vielleicht folgte er ihnen ja auch, und vielleicht trug sie dieses verfluchte Land mit der gleichen Geschwindigkeit, mit der sie sich vorw�rts bewegten, wieder zur�ck. Wie Fliegen, dachte er, die �ber eine eingefettete Glasscheibe krabbeln und nicht einmal merken, da� sie ebenso rasch zur�ckrutschen, wie sie an H�he gewinnen.</p><p>Er vertrieb den Gedanken und hob das Glas an die Augen. Der Kratersee r�ckte scheinbar auf Armesl�nge heran, als er die Linse mit einem Zipfel seines Umhanges von Eis und verklebtem Schmutz gereinigt hatte. Die Luft �ber dem gewaltigen Trichter flimmerte, und ab und zu huschte ein roter Lichtblitz �ber seine W�nde. Das Wrack der SHAROKAAN mu�te noch immer brennen, obwohl ihm dies beinahe unglaublich erschien. Aber das Feuer des Dronte war kein normales Feuer, sondern die Glut der H�lle.</p><p>�Sieh weiter hinaus�, sagte Gowenna leise. �Nach S�den. Aufs Meer.�</p><p>Gehorsam hob Skar das Glas und lie� es weiterwandern, bis er die Ausfahrt auf der gegen�berliegenden Seite des Trichters erkennen konnte. Selbst durch die stark vergr��ernde Linse des Glases betrachtet war sie nicht mehr als ein d�nner, mit feinen Schattenlinien gezeichneter Strich. Einen Moment lang verweilte sein Blick darauf, dann schwenkte er das Glas weiter, tastete den Weg zur�ck, den sie gekommen waren, und folgte der sanft gekr�mmten Linie des Kanals bis hinaus aufs Meer.</p><p>Der Anblick traf ihn wie ein Schlag.</p><p>Der Dronte hockte wie eine mi�gestaltete schwarze Spinne vor dem Horizont, die Ruder wie gebrochene Insektenbeine ausgebreitet, als suche er Halt in der glitzernden Meeresoberfl�che, die Masten verkr�mmt, schwarze Str�nke aus zerschmolzenem Wachs, von denen noch Hitze in flimmernden Wellen und d�nne Rauchf�den aufstiegen. Da und dort nistete noch ein winziger gelber Glutfunke auf seinem Leib, und seine Umrisse schienen zu verschwimmen, da und dorthin zu wogen wie ein Spiegelbild auf bewegtem Wasser, als versuche er, sich seinen Blicken zu entziehen. Skar hatte pl�tzlich das Gef�hl, da� der Dronte ihn beobachtete, seinen Blick - kalt und doch voller boshafter, berechnender Intelligenz - erwiderte.</p><p>�Es ging schneller diesmal�, bemerkte Gowenna.</p><p>Skar lie� verbl�fft das Glas sinken und starrte sie an.</p><p>�Bei allen G�ttern...� Sie seufzte. �Es w�rde mich wirklich nicht mehr wundern, wenn er uns nachkriechen w�rde.�</p><p>Aber das hat er doch bereits getan, wisperte eine Stimme in Skar. Etwas von ihm ist euch doch gefolgt.</p><p>Er setzte das Glas wieder an, schwenkte es weiter, immer der Linie der K�ste folgend, zur�ck zum See, beendete den Kreis und folgte schlie�lich mit dem Teleskop dem Weg, den sie gekommen waren. Wenigstens bis zur H�lfte.</p><p>�Wie viele sind es?� fragte Gowenna leise.</p><p>Skar antwortete nicht. Sein Blick hing wie gebannt an den schlanken, in blitzende Eispanzer und rei�ende Stacheln gekleideten Gestalten, die reglos wie bizarre Statuen aus poliertem Glas auf dem Eis standen.</p><p>�Wie viele?� fragte Gowenna noch einmal.</p><p>�Vier�, murmelte Skar, ohne den Blick von den wei� schimmernden Kriegern zu nehmen. �Nur vier. Aber sie r�hren sich nicht.� Er senkte das Glas, sah Gowenna verst�rt an und blickte dann aus zusammengekniffenen Augen �ber die blinkende endlose Fl�che. Jetzt, als feststand, da� sie da waren, glaubte er, sie auch ohne das Fernrohr zu erkennen, obwohl er wu�te, da� das unm�glich war. �Zu wenige f�r einen Angriff�, murmelte er.</p><p>�Aber genug, um uns am Umkehren zu hindern�, f�gte Gowenna grimmig hinzu.</p><p>Skars Hand glitt zum Schwert und legte sich fest um den lederbezogenen Griff. Aber er verwarf den Gedanken an einen Kampf so rasch, wie er gekommen war. Sicher, sie w�rden sie schlagen k�nnen. Es waren nur vier, vier gegen Gowenna, Del, Helth und ihn selbst, und sie waren bei aller Kraft und Fremdartigkeit nicht unverwundbar. Einen Moment lang dachte er ernsthaft dar�ber nach, ob es wirklich Zufall war, da� es gerade vier waren. Vier - f�r jeden von ihnen einer. Aber es w�rde nichts nutzen, diese vier Verfolger niederzumachen. Skar zweifelte nicht daran, da� es ebensogut vierzig oder vierhundert h�tten sein k�nnen, und ebenso pl�tzlich wu�te er auch, da� ihre Zahl <emphasis>kein </emphasis>Zufall war. Nein - diese Kreaturen dort dr�ben waren nicht ausgesandt worden, um sie zu t�ten. Ihr einziger Auftrag war, dazusein, immer dicht am Rande des Sichtbaren zu bleiben, ihnen zu zeigen, da� es kein Entkommen gab, so weit sie auch fliehen w�rden.</p><p>Erneut hob er das Glas an die Augen und starrte den Dronte an, und wieder �berkam ihn das Gef�hl, da� sein Blick erwidert w�rde. Der Dronte hatte Wunden davongetragen in diesem Kampf, aber halb zerst�rt und geschmolzen, wie er war, wirkte er beinahe noch bedrohlicher als zuvor.</p><p>�Seine Katapulte...�, murmelte er.</p><p>Gowenna sch�ttelte den Kopf. �Sie schie�en weit, aber nicht so weit�, sagte sie. �Au�erdem will er uns nicht t�ten. Noch nicht.� Sie fuhr sich m�de mit der Hand �ber das Gesicht und deutete nach Norden. �Hinter den Bergen liegt eine Bucht�, erkl�rte sie. �Eine Art nat�rlicher Hafen. Dort wird er uns erwarten.� Es erschien ihr ganz selbstverst�ndlich, ihm damit preiszugeben, da� sie dieses Land kannte, besser, als sie bisher zugegeben hatte, und f�r einen Moment �berlegte Skar, ob sie sein Gespr�ch mit Del belauscht haben konnte. Aber vielleicht wartete sie auch nur seit Tagen darauf, da� Skar endlich die Wahrheit begriff, und war des Versteckspielens einfach m�de. �Ich begreife das einfach nicht�, murmelte Skar. �Warum tut er das? Wenn er uns umbringen wollte...�</p><p>�H�tte er es ein Dutzend Mal tun k�nnen�, f�hrte Gowenna den Satz zu Ende. �Mindestens. Ich f�rchte, so leicht ist es nicht, Skar. Er will nicht unseren Tod. Er will <emphasis>sie.�</emphasis></p><p>�Sie?�</p><p>�Vela. Er ist nicht gekommen, um uns zu vernichten. Er h�tte sich niemals so weit aus seinem Revier herausgewagt, nur um die SHAROKAAN zu verbrennen, Skar. Er kann andere Opfer haben, und solche, die sich nicht so zur Wehr setzen wie ein Schiff der Freisegler. Es gibt immer wieder Narren, die sich in die Meere hinauswagen, die von ihm beherrscht werden. Nein - er kam, um Vela zu befreien.�</p><p>Skar starrte sie einen Moment ungl�ubig an. Er sp�rte, da� sie recht hatte. Es war die einzig logische Erkl�rung; wenn das Wort Logik nach allem, was sie bisher erlebt hatten, �berhaupt noch berechtigt war. Aber etwas in ihm str�ubte sich dagegen, Gowenna zu glauben. �Das ist... nicht dein Ernst�, sagte er stockend.</p><p>Gowenna lachte bitter. �Ich w�nschte, es w�re so�, antwortete sie. �Sage mir einen anderen Grund. Hast du vergessen, welche Kr�fte sie geweckt hat? Welche Wesen es waren, �ber die sie gebot? Er ist einer von ihnen, Skar. Ich... habe keinen Beweis, da� es wirklich so ist, aber ich habe es bef�rchtet, vom ersten Tage an. Es gibt keinen anderen Grund. Etwas von ihrer alten Macht ist noch in ihr.� Er wollte widersprechen, aber Gowenna fuhr schnell und in beinahe beschw�rendem Tonfall fort: �Sie ist nicht besiegt, Skar, glaube mir.�</p><p>�Niemand w�rde nach einer solchen Niederlage die Kraft f�r einen zweiten Kampf aufbringen�, widersprach Skar. �Nicht einmal ich, Gowenna. Oder du.�</p><p>�Vielleicht. Aber sie war schon lange nicht mehr Herr ihrer selbst, das wei�t du so gut wie ich�, sagte Gowenna aufgebracht. �Die Frau, die du in Ikne kennengelernt hast, ist gestorben, lange bevor sie Elay auch nur erreicht hat. Sie ist der M�chte, die sie erweckt hat, nicht mehr Herr geworden, auch das wei�t du. Sie war nur noch ein Werkzeug f�r einen anderen, st�rkeren Geist. Warum weigerst du dich, die Wahrheit zuzugeben? Du wu�test es damals, und du wei�t es heute. Sie hat etwas geweckt, als sie mir dem Stein der Macht experimentiert hat, aber sie hatte niemals die Kraft, es zu beherrschen.�</p><p>�Etwas geweckt!� Skar lachte rauh, aber es mi�lang und hatte nicht die Wirkung, die es haben sollte. �Etwas geweckt... einen b�sen Geist aus �onenalter Vergangenheit vielleicht?� fragte er sp�ttisch. �Das absolut B�se, durch ihren Zauberspruch aus seinem Gef�ngnis befreit und aus den Tiefen der H�lle emporgestiegen, um uns Menschen zu vernichten?�</p><p>�Vielleicht�, antwortete Gowenna. �Ja, vielleicht war es wirklich so. Wir wissen es nicht, weder ich noch die Margoi oder eine der anderen Errish, mit denen ich sprach. Du hast es besiegt, aber es lebt noch. Und es wartet.�</p><p>�Ja�, machte Skar zynisch, �und jetzt ist es in den Dronte gekrochen und will uns alle fressen.�</p><p>Gowenna ignorierte seinen Sarkasmus. �Vielleicht war es auch immer da�, fuhr sie sehr leise und in einem Ton, als spr�che sie nur mit sich selbst, fort, �und vielleicht war Vela von Anfang an nur ein Werkzeug. Vielleicht war es nur ein Zufall, da� sie auserw�hlt wurde. Vielleicht mu�te es so kommen.� Sie schwieg einen Moment. �Man sagt, da� irgendwann, am Ende der Zeiten, die gro�e Schlacht zwischen Gut und B�se entbrennen wird. Vielleicht ist es jetzt soweit, und wir alle sind nichts als Figuren in einem Spiel, dessen Regeln M�chtigere bestimmen.�</p><p>�Jetzt bringe bitte nicht auch noch die G�tter mit ins Spiel�, seufzte Skar. Aber er war nicht so ruhig, wie er tat. Gowennas Worte hatten etwas in ihm ber�hrt, etwas wie ein tief verborgenes, schlummerndes Wissen in ihm geweckt, von dem er noch nicht sagen konnte, was es bedeutete, aber deutlich sp�rte, da� es da war. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und stieg vorsichtig vom Eisdach des halb zusammengest�rzten Geb�udes herab. Er entfernte sich ein paar Schritte von dessen Eingang, weit genug, da� keiner der M�nner ihre Stimmen h�ren konnte, und blieb am Rande der Eisspalte stehen. K�lte stieg in unsichtbaren Wellen aus dem gewaltigen Ri� hoch und h�llte ihn ein. �Was ist hinter diesen Bergen?� fragte er, als Gowenna nach einer Weile zu ihm trat.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete sie, und er f�hlte, da� es die Wahrheit war. �Ich war niemals hier. Niemand war je hier.�</p><p>�Aber du kanntest diese Insel.�</p><p>Sie nickte. �Die Heimat des Dronte, ja. Und vielleicht Schlimmerem.�</p><p>�Dann wu�test du, da� er uns auflauern w�rde?�</p><p>�Nein. Niemand von uns hat es gewu�t oder auch nur geahnt. Aber ich wu�te, was geschehen w�rde, als ich ihn sah.�</p><p>�Und warum hast du uns nicht gewarnt?�</p><p>Gowenna hockte sich neben ihm nieder, formte einen Schneeball und warf ihn in die Spalte. Er verschwand lautlos in der Tiefe. Skar wartete auf das Ger�usch seines Aufpralls, aber das einzige, was er h�rte, war das unabl�ssige Heulen des Windes.</p><p>�Was h�tte es genutzt?�</p><p>Skar setzte zu einer scharfen Antwort an, aber Gowenna stand schnell auf und trat zwei, drei Schritte zur�ck. Es sah aus wie eine Flucht, und das war es wohl auch. Diesmal war sie es, die einer Konfrontation aus dem Wege gehen w�rde.</p><p>�Vielleicht w�ren ein paar von uns dann noch am Leben�, sagte er leise.</p><p>�Das vielleicht. Aber es h�tte nichts ge�ndert. Er wollte uns hier haben, Skar, und er h�tte uns auf jeden Fall hierhergetrieben, ganz gleich, wie.�</p><p>�So wie du, nicht?�</p><p>Gowenna war f�r einen Moment verunsichert. �Wie -�</p><p>�Ich meine es so, wie ich es sage, Gowenna�, fuhr Skar fort, so ruhig, da� es ihn beinahe selbst �berraschte. �Du hast niemals vorgehabt, Vela zum Berg der G�tter zu bringen. Du wolltest sie hier haben, genau hier.� Es waren - beinahe genau - die gleichen Worte, die Del wenige Stunden zuvor gesagt hatte, und er sp�rte eigentlich erst jetzt, da� sie richtig waren. Er hatte auch nicht in der Art einer Frage gesprochen.</p><p>�Und wenn es so w�re?� fragte Gowenna leise.</p><p>Skar trat auf sie zu und hob die Hand. Gowenna fuhr zusammen, als erwarte sie einen Schlag, aber Skar ber�hrte nur sanft ihr Gesicht und folgte mit den Fingerspitzen den d�nnen, tiefen Linien der Narben, die der Drachenatem in ihre Haut gefressen hatte.</p><p>�Ich wei� es nicht�, gestand er. �Ich... m��te dich hassen, aber ich kann es immer noch nicht. Vielleicht spielt es auch keine Rolle, was du gewollt hast. Der Dronte hat alles ge�ndert, was irgendwer von uns irgendwann einmal <emphasis>gewollt </emphasis>hat. Es... t�te mir nur weh, wenn du mich belogen h�ttest.�</p><p>�Es gibt Situationen, in denen man keine R�cksicht mehr auf Gef�hle nehmen kann, Skar.�</p><p>Skar lachte, und Gowenna sah ihn verwundert an. �Du lachst?�</p><p>�Ja - normalerweise w�re ich der, der diese Worte sprechen m��te, wei�t du das?� Er wurde wieder ernst, zog seine Hand zur�ck und streckte sie, nach kurzem Z�gern, abermals aus; diesmal, um Gowenna in die Arme zu nehmen. Sie lie� es zu, aber Skar sp�rte, wie sich ihr K�rper unter dem unf�rmigen Mantel versteifte.</p><p>�Nicht, Skar�, fl�sterte sie. Er lie� sie los. Gowenna trat zur�ck, zog - nur um ihre H�nde zu besch�ftigen und nicht, weil es n�tig gewesen w�re - ihren Mantel h�her und wich seinem Blick aus.</p><p>�Warum sagst du es mir nicht?� fragte er.</p><p>�Was?�</p><p>�Was du vorhast, Gowenna. Ich wei�, da� du Vela niemals vor den Rat der Dreizehn bringen wolltest. Wenn du sie t�ten willst -�</p><p>�Das will ich nicht�, fiel ihm Gowenna ins Wort, so heftig, da� er sp�rte, wie weh ihr sein Verdacht tat.</p><p>�Ich w�rde es verstehen�, fuhr er unbeeindruckt fort. �Vielleicht glaubst du, da� ich noch irgend etwas f�r sie empfinde, wegen des Kindes, aber das ist nicht der Fall. Es war niemals so.�</p><p>�Bitte, frag nicht weiter, Skar�, bat Gowenna. Ihre Stimme klang gequ�lt. �Du... du hast es selbst gesagt, da� es keine Rolle mehr spielt, was wir gewollt haben. Ich... ich gehe jetzt, um Del und Helth zu holen.�</p><p>Sie wollte sich umdrehen und gehen, aber Skar hielt sie noch einmal zur�ck. �Dieser Hafen�, fragte er, �von dem du erz�hlt hast - haben wir eine Chance, von dort wegzukommen?�</p><p>Gowenna �berlegte einen Moment. �Vielleicht. Ich wei� es nicht. Niemand ist bisher von dieser Insel zur�ckgekehrt.�</p><p>�Unsinn�, antwortete Skar. �W�re es so, woher w��test du dann von den Bergen und dieser Bucht?�</p><p>�Es gibt nicht viel, was die Errish nicht wissen�, antwortete Gowenna geheimnisvoll. Sie hielt seinem Blick noch einen Moment stand, drehte sich dann abermals um und ging. Diesmal hielt er sie nicht mehr zur�ck.</p><p>Skar blickte ihr nach, hilflos; verwirrter als zuvor. Aber was hatte er erwartet?</p><p>Drei, vier Besatzungsmitglieder der SHAROKAAN hatten sich gleich unter dem Eingang zum Schlafen gelegt, und Gowenna mu�te umst�ndlich �ber sie hinwegsteigen. Wenn sie einen von ihnen anstie�, dachte Skar ernsthaft, dann w�rde er zerbrechen wie Glas. Er blieb lange Zeit stehen und starrte nach Westen, reglos und stumm, als w�re er selbst bereits zu Eis erstarrt und zu einem Teil dieser gefrorenen, toten Welt geworden. Er wu�te nicht einmal, wieviel Zeit vergangen war, als Gowenna mit Helth und Del zur�ckkam. Zeit war bedeutungslos geworden.</p><p>Del wirkte m�de. Seine Haut gl�nzte w�chsern, und seine Augen waren klein und ger�tet, aber ihr Blick war trotzdem wach.</p><p>Er winkte Helth zu sich heran, reichte ihm wortlos das Glas und deutete auf die glitzernden wei�en Schemen vor dem Horizont. Der Vede sah einen Moment lang durch das Fernrohr, und Skar glaubte, so etwas wie Schrecken �ber sein Gesicht huschen zu sehen. Aber seine Stimme klang ruhig, als er sich umwandte und das Glas absetzte. �Das sind Krieger wie die, auf die ihr gestern getroffen seid�, stellte er fest. �Es sind keine Krieger, Helth�, sagte Gowenna betont. �Es ist der Dronte. Etwas von ihm.� Del schwieg, griff aber ebenfalls nach dem Glas und blickte lange und mit unbewegtem Gesicht hindurch.</p><p>Helth starrte sie sekundenlang schweigend an. Skar versuchte vergeblich zu erraten, was hinter seiner Stirn vorging. Sein Blick konnte ebensogut Schrecken wie Resignation ausdr�cken. �Und was erwartet ihr jetzt?� fragte er. �Da� ich die M�nner zusammenrufe und wir uns auf sie st�rzen?� Die Worte waren bitterer Spott, aber der Klang seiner Stimme behauptete das Gegenteil; sie war flach und ausdruckslos, so, als interessiere ihn dies alles hier im Grunde schon nicht mehr, und er antwortete nur, um wenigstens noch einen Schein von Form zu wahren.</p><p>�Ich glaube nicht, da� das viel Sinn h�tte�, erwiderte Skar rasch, als er den Zorn auf Gowennas Gesicht sah. �Sie sind nicht hier, um mit uns zu k�mpfen, Helth. Sie beobachten nur. Und deine M�nner w�rden einen Kampf gegen sie wohl kaum noch durchstehen.�</p><p>�Es sind nur vier.� Ein d�nnes, humorloses L�cheln huschte �ber Helth' Z�ge. �Und es sind nicht meine M�nner, Skar. Es sind deine M�nner. <emphasis>Meine </emphasis>Leute sind auf der SHAROKAAN gestorben.� Gowenna sog scharf die Luft ein und trat einen Schritt auf den Veden zu, aber Skar hielt sie mit einem raschen, warnenden Blick zur�ck und schluckte die scharfe Entgegnung, die ihm selbst auf der Zunge lag, hinunter. Del schob mit einer bed�chtigen Bewegung das Fernrohr zusammen und gab es ihm zur�ck, wie durch Zufall trat er dabei halbwegs zwischen Gowenna und den Veden. Skar schenkte ihm einen raschen dankbaren Blick. Sie waren noch immer ein Team. �Ich habe dich nicht gerufen, um mit dir zu streiten�, sagte er so ruhig, wie er konnte.</p><p>�Du hast mich �berhaupt nicht <emphasis>gerufen�, </emphasis>erwiderte Helth kalt. �Du hast mich <emphasis>rufen lassen.�</emphasis></p><p>�Warum sprichst du �berhaupt noch mit ihm?� fragte Del. �Er ist ein Narr und wird es bleiben.�</p><p>Helth' Augen blitzten belustigt. �Vielleicht bin ich das�, sagte er gleichm�tig. �Man mu� schon ein verdammter Narr sein, um euch freiwillig in diese H�lle zu folgen. Wir h�tten auf der SHAROKAAN bleiben und mit ihr untergehen sollen, wie es sich f�r freie M�nner geh�rt.�</p><p>�Vielleicht h�tte dir Gowenna auch die Tracht Pr�gel verabreichen sollen, die du verdienst�, bemerkte Del. Skar unterdr�ckte ein zustimmendes Nicken. Obwohl er sich vorgenommen hatte, ruhig zu bleiben, brachten ihn die Worte des Veden schon wieder in Rage. �Gut�, sagte er mit einem resignierenden Seufzen. �Ich habe dich <emphasis>rufen lassen, </emphasis>um dir die Krieger dort dr�ben zu zeigen. Ich dachte, du w�rdest begreifen, was ihr Auftauchen bedeutet.�</p><p>�Und was w�re das?�</p><p>�Da� ein Sinn dahintersteckt�, erkl�rte Skar mit einer Geduld, die ihn schon beinahe selbst erstaunte. Und in ihm, leise und wispernd, aber un�berh�rbar, f�gte eine Stimme hinzu: <emphasis>Und da� du diesen Sinn ganz genau kennst, Skar. </emphasis>�Glaubst du wirklich noch, Helth, da� alles nur ein Zufall war?� f�gte er laut hinzu. �Da� uns der Pirat aus reiner Willk�r in diese Falle gejagt hat? Keiner von uns w�re noch am Leben, wenn es in seiner Absicht gelegen h�tte, uns umzubringen. Er wollte uns hier. Genau hier, wo wir sind.�</p><p>Helth sah verwirrt zwischen ihm, Gowenna und Del hin und her, und Gowenna war diplomatisch genug, in diesem Moment zu schweigen. Sie wirkte ein ganz kleines bi�chen angespannt, beherrschte sich aber.</p><p>�Selbst wenn es so w�re...�, begann Helth unsicher, sprach aber nicht weiter, sondern drehte sich wieder um und starrte aus zusammengekniffenen Augen nach Westen. Diesmal, da war Skar sicher, zeigte der Ausdruck auf seinen Z�gen Furcht. Vielleicht war er einfach zu ersch�pft gewesen, um es gleich zu begreifen.</p><p>�Es ist so, Helth. Wer immer uns diese Bestien auf den Hals gehetzt hat, verfolgt einen ganz bestimmten Zweck damit. Und bis jetzt hat er ihn erreicht.�</p><p>�Mit deiner Hilfe, ja�, sagte Helth. Aber seine Stimme zitterte, und von seiner bisherigen Selbstsicherheit war nicht viel geblieben.</p><p>�Unsinn�, schnappte Skar. �Vielleicht war es ein Fehler, das Schiff aufzugeben, aber deine L�sung war mindestens genauso falsch. Es h�tte niemandem genutzt, wenn wir alle auf dem Schiff verbrannt w�ren.�</p><p>�Aber es nutzt uns, hier zu erfrieren.�</p><p>Wieder z�gerte Skar sekundenlang zu antworten. Seine Zunge stie� wie ein kleines lebendes Wesen gegen die Z�hne, als m�sse er jedes einzelne Wort, das er aussprach, genau �berlegen und abw�gen. Er war nie ein gro�er Redner gewesen, aber es war ihm auch noch nie so schwergefallen wie jetzt, die richtigen Worte zu finden.</p><p>�Wir werden nicht sterben�, sagte er. �Wenn wir das Gebirge erreichen, haben wir eine Chance.�</p><p>In Dels Augen stand pl�tzlich ein fragender Ausdruck. Skar sch�ttelte unmerklich den Kopf. Del schwieg.</p><p>Helth lachte bitter. �<emphasis>Eine Chance!� </emphasis>wiederholte er mit einer Betonung, als h�tte Skar einen besonders geschmacklosen Scherz gemacht. �Sei kein Narr, Skar. Ihr Satai legt so gro�en Wert auf eure �berlegenheit und euren scharfen Geist. Dann gestehe es auch ein, da� du verloren hast.�</p><p>�Mu� ich dich wirklich an deinen Treueeid erinnern?� fragte Del. Helth fuhr herum. �Ich habe Rayan Treue geschworen, Del.�, zischte er. �Meinem <emphasis>Vater.�</emphasis></p><p>�Und er hat deinen Eid auf mich �bertragen�, erg�nzte Skar unger�hrt. �Ich habe ihm geschworen, so viele von euch zu retten, wie ich kann, und ich werde dieses Versprechen halten, Helth. Ich wei�, da� ich dich entt�uscht habe�, fuhr er hastig fort, als Helth auffahren wollte. �Dich und deine M�nner. Ihr habt euer Schicksal in meine Hand gelegt, und es sieht so aus, als h�tte ich versagt. Euer Schiff ist verbrannt, und viele deiner Kameraden sind tot. Es werden noch mehr sterben, bis wir die Berge erreicht haben. Aber die, die es bis dorthin schaffen, Helth, werde ich retten. Ich werde es wenigstens versuchen.�</p><p>�Sicher�, sagte Helth bissig. Seine Augen funkelten, und seine Haltung wirkte mit einem Male angespannt - aber auf sonderbar falsche Art, fand Skar. Er sah aus wie ein Mann, der Schmerzen ausstand. Starke Schmerzen. �Du wirst einen Zauberspruch aufsagen und ihnen zeigen, wie man �ber das Wasser wandelt.�</p><p>�Ich werde auf jeden Fall verhindern, da� sie aufgeben und sterben. Vielleicht habe ich in deinen Augen kein Recht mehr, irgend etwas von euch zu fordern, aber ich tue es trotzdem. F�r euch. Um Rayans Verm�chtnis zu erf�llen, Helth. Ich habe deinem Vater mein Wort als Satai gegeben, und ich werde es halten.� Es war gelogen. Er wu�te, da� er es nicht konnte und da� er Helth und seine M�nner, wenn �berhaupt irgendwohin, so nur in den Tod f�hren w�rde, einen Tod, gegen den das Erfrieren hier drau�en auf dem Eis vielleicht eine Gnade war. Aber er sprach trotzdem weiter, redete, mit einem Mal fl�ssig, mit ruhiger, �berlegter und fast suggestiv klingender Stimme und versprach Helth eine Hoffnung, die nicht existierte. �Ich k�nnte dich bitten, mir ein letztes Mal zu vertrauen, Helth, aber das werde ich nicht tun. Ich befehle es dir. Ich verspreche dir kein neues Schiff, nicht einmal dein Leben, aber ich verspreche dir, da� derjenige, welcher den Untergang der SHAROKAAN auf dem Gewissen hat, daf�r bezahlen wird. Wir werden ihn entweder vernichten oder selbst untergehen. Aber ich lasse nicht zu, da� deine M�nner ihr Leben wegwerfen. Ich lasse nicht zu, da� du es wegwirfst, Helth.�</p><p>Es waren nicht seine Worte, die ihm da so glatt �ber die Lippen kamen, sondern Worte, die ihm das <emphasis>Ding </emphasis>in seinem Inneren eingab. Er sp�rte es, f�hlte, wie es wie eine schwarze, brodelnde Woge aus den tiefsten Abgr�nden seiner Seele emporquoll, seine Gedanken, seinen Willen �berflutete und sein Bewu�tsein in ein Netz undurchdringlicher Finsternis einzuspinnen begann. Aber er wehrte sich nicht mehr dagegen. Er hatte es zu oft getan, und jetzt fehlte ihm die Kraft dazu. Im gleichen Moment, in dem er den Fu� auf den Leib des Dronte gesetzt hatte, war es erwacht, und es war st�rker als je zuvor.</p><p>�Dort dr�ben, Helth�, sagte er mit einer theatralischen, weit ausholenden Geste, �irgendwo hinter den Bergen wird die Entscheidung fallen. Vielleicht werden wir alle sterben, bevor wir ihnen auch nur nahe kommen, aber wenn, dann haben wir es wenigstens versucht. Du willst nicht, da� deine M�nner wie die Tiere krepieren - das waren doch deine Worte. Du hast die Wahl: Ihr k�nnt hierbleiben und sterben, oder ihr k�nnt euch zum Kampf stellen, wie es sich f�r freie M�nner geh�rt. Tiere, Helth, legen sich hin und sterben, wenn sie keinen Ausweg mehr sehen. Menschen k�mpfen.�</p><p>�Und sterben ebenfalls.�</p><p>�Manchmal�, schr�nkte Skar ein. �Aber manchmal siegen sie auch und leben weiter.� Seine Worte waren fast das genaue Gegenteil von dem, was er noch vor Augenblicken gesagt hatte, aber Helth schien das nicht zu merken. Er hatte gewonnen. Er sp�rte es, noch bevor er in Helth' Augen sah und den Ausdruck darin erkannte. Seine Worte waren von fast hypnotischer Eindringlichkeit gewesen; Helth war keine Chance geblieben, sich zu wehren. Er war ein Kind im K�rper eines Mannes, auf seine Art naiv und verletzlich, und Skars Worte hatten ihn an seiner verwundbarsten Stelle getroffen. Er hatte ihn daran erinnert, als was er gelebt, woran er geglaubt hatte. Zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort h�tte Helth vielleicht dar�ber gelacht, aber was geschehen war, hatte die Mauern, die er um sich herum aufgerichtet hatte, durchbrochen und ihn verletzlich werden lassen. Seine Welt war zusammengest�rzt, St�ck f�r St�ck, und alles, was ihm geblieben war, waren Erinnerungen. Skar gab ihm die Chance, sie noch einmal, wenn auch nur f�r kurze Zeit, auferstehen zu lassen.</p><p>Aber er hatte ihn belogen. Es gab keinen ehrenvollen Tod, nicht hier und nicht f�r diese M�nner, und es w�re barmherziger und - wenn er das Wort schon benutzen wollte - wohl auch ehrenhafter gewesen, sie hier in Ruhe sterben zu lassen.</p><p><emphasis>Es mu� sein, </emphasis>wisperte die Stimme in ihm. <emphasis>Sie werden dir gehorchen, ohne Fragen zu stellen. Sie werden deinen Worten glauben, Skar. Dir.</emphasis> Er schlo� die Augen und versuchte das Wispern dahin zur�ckzudr�ngen, wo es hergekommen war, aber es ging nicht. Das Ungeheuer war erwacht, und er begann zu begreifen, da� er bisher nur einen winzigen Teil seiner wahren Macht zu sp�ren bekommen hatte. <emphasis>Sie vertrauen dir, Skar, </emphasis>fuhr die Stimme fort, leise, einschmeichelnd und die ganze Zeit von einem Ger�usch wie von einem fernen leisen Lachen untermalt. <emphasis>Sie haben dir schon einmal vertraut, Skar. Du hast versagt. Aber sie werden dir noch einmal vertrauen, nicht weil du Satai bist, sondern nur, weil du </emphasis>DU <emphasis>bist, weil Rayan ihnen gesagt hat, da� sie dir vertrauen sollen. Diesmal wirst du sie nicht entt�uschen. Aber du wirst sie bel�gen. Weil du sie brauchst. Weil du ihre K�rper brauchst. Ihre Waffen. Weil du sie zu Werkzeugen machen mu�t, wenn du diesen Kampf gewinnen willst.</emphasis></p><p>Skar drehte sich mit einer abrupten Bewegung um und wandte das Gesicht nach Westen, so da� es aussah, als starre er zu ihren Verfolgern hin�ber. Seine H�nde ballten sich in hilflosem Zorn zu F�usten, aber es lag keine Kraft mehr in dieser Bewegung.</p></section><section><title><p id="_16">16.</p></title><p>Der Abend d�mmerte schon, als sie die Ebene hinter sich hatten. Die Sonne hockte wie ein gewaltiges, loderndes b�ses Auge �ber dem Horizont und �bersch�ttete das Land mit fl�ssigem Gold und der Illusion von W�rme, und �ber den zerschrundenen Gipfeln der Berge f�hrten Elmsfeuer einen stummen wirbelnden Tanz auf wie kleine, gl�hende Feen, die die Ankunft der Nacht begr��en. Der Wind war noch k�lter als an den Tagen zuvor, und in seinem Heulen und Wimmern schwangen geheimnisvolle Worte mit; und ein Lachen, ebenso fremd wie b�sartig.</p><p>Zwanzig Meilen, dachte Skar. Vielleicht ein paar mehr, vielleicht weniger. Aber Gowennas Sch�tzung war ann�hernd richtig gewesen. Kein Wunder, bedachte man, da� die Sch�tzung keine Sch�tzung war. F�nfzigtausend Schritte, von denen sie jeder einzelne tiefer in diese wei�e, k�lteklirrende H�lle hineingef�hrt hatte.</p><p>Sie waren noch zweiundvierzig, als sie sich �ber die ersten vereisten Buckel qu�lten und auf die zerrissenen Flanken der Berge zuwankten. Waren es �berhaupt Berge? Skar blieb stehen, legte den Kopf in den Nacken und hob sch�tzend die Hand �ber die Augen, als ihn das rote Licht der untergehenden Sonne, von den vereisten Felsen wie von einem gewaltigen, vielfach gebrochenen Spiegel reflektiert und verst�rkt, blendete. Die dunklen, von glitzerndem Eis wie von einem schimmernden Panzer eingeh�llten Mauern zogen sich in beide Richtungen bis zum Horizont dahin, einer imagin�ren Linie folgend, die die Insel in zwei H�lften teilte. Ihre Konturen schienen ihm fast zu regelm��ig, zerschrunden und rissig zwar, aber trotzdem einer eigenen, schwer zu fassenden Geometrie folgend. Das Bild verschwamm vor seinen Augen, als er einige Sekunden hingesehen hatte.</p><p>Er drehte sich um, zum vielleicht hundertsten Male, seit sie losmarschiert waren, und lie� den Blick �ber die zerrissene Linie grauer Gestalten streifen, die hinter ihm �ber das Eis wankten. Sie hatten einen hohen Preis gezahlt. Achtzehn von ihnen waren tot; zwei in einem Schlaf, aus dem sie nicht wieder aufwachen w�rden, in der Ruine drau�en auf dem Eis zur�ckgeblieben, die �brigen einer nach dem anderen unterwegs zusammengebrochen.</p><p>Einer pro Meile, dachte er. Aber vielleicht war das auch der Tribut, den sie diesem Land zollen mu�ten, den es daf�r forderte, von etwas Lebendem besudelt zu werden.</p><p>Der Gedanke lie� ihn nicht mehr los, auch nicht, als er weiterging und das Gel�nde schwieriger wurde. Die Mauer, die die Welt vor ihnen begrenzte, war nicht sehr hoch. Siebzig, an manchen Stellen vielleicht hundert Fu�, da und dort auch weniger als die H�lfte, nicht viel h�her als ein normaler, von Menschen geschaffener Festungswall, aber das Eis schliff jeden Vorsprung und jede Kante glatt, machte aus sanft ansteigenden H�ngen un�bersteigbare, t�dliche Rutschbahnen und lie� kaum meterhohe Hindernisse zu un�berwindlichen Barrieren werden, die sie immer wieder zu Umwegen oder ebenso kr�ftezehrenden wie gef�hrlichen Klettereien zwangen. Es wurde dunkler, und gleichzeitig fiel die Temperatur weiter. Der Wind nahm zu wie am Abend vorher, und die Luft roch durchdringend nach Schnee. Die Sturmb�en brachen sich heulend an den Felsen, und selbst dieses Ger�usch klang kalt.</p><p>Jemand ber�hrte ihn an der Schulter. Er blieb stehen, drehte sich um und starrte in das eingefallene graue Gesicht unter der Kapuze. Helth. Er war w�hrend des gesamten Marsches in seiner N�he geblieben. �Sie sind immer noch da�, murmelte er.</p><p>Skar blickte nach Westen. Nat�rlich sah er die Gestalten nicht. Die Dunkelheit hatte sie vollends verschluckt, und er h�tte sie selbst mit seinem Fernrohr jetzt nicht mehr ausmachen k�nnen. Aber er wu�te, da� sie da waren. Er f�hlte ihre Anwesenheit wie einen �blen, durchdringenden Hauch. Es war das B�se. Etwas, das dem <emphasis>Ding </emphasis>in seinem Inneren mehr verwandt war, als er zugeben wollte. Es war, als schrie etwas in seiner Seele diesen wei�en, eisgepanzerten Gestalten eine stumme Herausforderung entgegen. Oder ein Willkommen.</p><p>�Und?� fragte er. Seine Lippen waren taub vor K�lte, und seine eigene Stimme kam ihm fremd vor.</p><p>�Wir m�ssen etwas tun�, fuhr Helth fort. Seine Finger spielten nerv�s mit dem Ende seines G�rtels, und seine Stimme klang nicht mehr wie die eines stolzen Veden. Er war endg�ltig zu dem geworden, was er eigentlich die ganze Zeit �ber gewesen war. Ein Kind, dachte Skar, das einen Erwachsenen um Hilfe bittet.</p><p>�Vielleicht finden wir hier irgendwo eine H�hle oder einen Felsvorsprung, der uns Schutz gew�hrt�, wollte ihn Skar beruhigen. �Ein paar Stunden Schlaf werden den M�nnern guttun.� Er versuchte zu l�cheln, aber die K�lte hatte sein Gesicht gel�hmt und machte eine Grimasse daraus.</p><p>�Die M�nner werden sie sehen, wenn die Sonne aufgeht�, beharrte Helth, als h�tte er seine Worte gar nicht geh�rt. �Wir m�ssen etwas tun, Skar.�</p><p>�Sie sind Meilen hinter uns�, antwortete Skar widerwillig. �Niemand wird sie sehen. Und wir k�nnen nichts tun.�</p><p>�Wir m�ssen sie vernichten.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. Der Unterton in Helth' Stimme warnte ihn, aber er war viel zu m�de, um noch mehr als ein paar Worte zu sprechen. �Es geht nicht.�</p><p>Helth starrte fast eine Minute lang im schw�cher werdenden Licht nach Westen, und fuhr dann mit einer abrupten Bewegung herum, als h�tten Skars Worte so lange gebraucht, ihn zu erreichen.</p><p>�Und warum nicht? Sie werden uns folgen. Wenn wir ihnen einen Hinterhalt legen...�</p><p>�Und f�nf oder zehn M�nner in einem Kampf verlieren, der vollkommen sinnlos ist�, fiel ihm Skar ins Wort. �Sei vern�nftig, Helth. Was deine M�nner brauchen, ist Ruhe, Schlaf und ein wenig W�rme. Wir suchen uns eine H�hle oder eine windgesch�tzte Schlucht, und Del und ich werden, abwechselnd Wache halten.�</p><p><emphasis>Aber es ist doch gar nicht die K�lte, die sie t�tet, </emphasis>fl�sterte es in ihm. <emphasis>Du wei�t es doch schon lange. Warum willst du es nicht zugeben ? Es ist dieses Land, das sie umbringt. La� sie schlafen, und die H�lfte von ihnen wird nicht mehr erwachen.</emphasis></p><p>�Vielleicht w�re das besser�, fl�sterte Skar.</p><p>Helth sah verwirrt auf. �Was?�</p><p>Skar sch�ttelte hastig den Kopf und nahm dem Veden das Fernrohr aus der Hand. �Nichts�, sagte er in bewu�t beil�ufigem Tonfall. �Ich f�hre Selbstgespr�che. Das kommt vor, wenn man alt wird.� Er setzte das Glas an und sah zur K�ste zur�ck. Das Meer war noch immer zu erkennen, wenn auch nur als d�nne graue Linie vor dem allm�hlich verblassenden Rosa des Sonnenunterganges. Die lodernde Glut �ber dem See war erloschen. Vom Dronte war keine Spur mehr zu sehen. Er schob das Glas wieder zusammen, gab es Helth zur�ck und schlo� f�r einen Moment die Augen. Sein Herz pochte, und die Ger�usche des Windes steigerten sich in seinen Ohren f�r einen Moment zu einem h�hnischen, b�sen Lachen. <emphasis>Was ist das? </emphasis>dachte er erschrocken. <emphasis>Werde ich allm�hlich verr�ckt? Es war keine Einbildung. Es war dieses Land. Es saugte das Leben aus ihnen heraus. Es war tot, und es t�tete jeden, der sich in ihm aufhielt.</emphasis></p><p>Helth sch�ttelte auch diesmal den Kopf, als h�tte Skar den Gedanken laut ausgesprochen, l�chelte traurig und ging weiter. Seine Gestalt verschmolz mit den tanzenden Schatten der D�mmerung.</p><p>Auch Skar l�ste sich nach kurzem Z�gern von seinem Platz und schleppte sich weiter. Das Eis knirschte unter seinen Stiefeln, und tief unter dem milchigen Wei� glaubte er die Konturen von Geb�uden und Stra�en zu erkennen, obwohl das Licht dazu nicht ausgereicht h�tte, selbst wenn es so gewesen w�re, glaubte f�r einen Moment, das dumpfe Raunen von Stimmen zu h�ren, Lachen, Schreien, Rufen, die Ger�usche der Wesen, die einmal hier gelebt hatten, bevor der Tod seine wei�e Hand �ber dieses Land legte. Dels Worte fielen ihm ein: wenn sie jemals gelebt hatten.</p><p>�Das habe ich nicht gemeint, Satai�, sagte Helth pl�tzlich. Skar sah, beinahe erschrocken, auf und bemerkte erst jetzt, da� der Vede erneut stehengeblieben war und auf ihn wartete. Jetzt kn�pfte er an seine letzten Worte an, als w�re dazwischen niemals eine Pause gewesen. �Sie brauchen Schlaf und W�rme, aber was sie noch dringender brauchen, sind ein paar Worte von dir.�</p><p>�Ein paar Worte�, wiederholte er tonlos. Noch ein paar L�gen? Wieder glitt sein Blick an der senkrechten schwarzen Wand vor ihnen empor, und wieder fragte er sich, ob es wirklich Berge waren, und wenn, ob sie nicht nur die Gipfel eines gewaltigen, zerkl�fteten Gebirges sahen, die H�upter m�chtiger steinerner Riesen, deren Leiber unter einer vielleicht meilenhohen Eisschicht begraben lagen. Da und dort glaubte er eine Linie zu erkennen, die zu gerade, eine Kante, die zu stark gegl�ttet, eine Rundung, die zu perfekt war.</p><p>Helth schwieg, wich aber nicht mehr von seiner Seite. Sie schleppten sich weiter, tiefer in die zerrissenen Flanken der Eisbarriere hinein und gleichzeitig h�her. Der Wind gewann an Kraft, als es sp�ter wurde, und die D�mmerung schien endlos zu dauern. Das Eis fing das schwache Licht der Sonne auf und reflektierte es, so da� es aussah, als lodere das Land in dunkler, roter Glut. Die Felsen wurden nach und nach zu gewaltigen finsteren Schatten, den Mauern eines t�dlichen Labyrinths, aus denen sie keinen Ausweg mehr finden w�rden, und die Dunkelheit lie� Spalten und Risse, denen sie noch vor wenigen Augenblicken h�tten ausweichen k�nnen, zu todbringenden Fallgruben werden, die warnungslos vor ihnen aufklafften. So wie dieses Land tot war, schienen die Berge pl�tzlich zu eigenst�ndigem Leben erwacht zu sein: Giganten, die von einem b�sen, lauernden Geist beseelt waren, der alles in seiner Macht Stehende tun w�rde, sie zu vernichten. Irgendwo in der Dunkelheit vor Skar erscholl ein spitzer abgehackter Schrei, gefolgt von einem dumpfen Schlag und einem lang anhaltenden Bersten und Poltern.</p><p>Neunzehn, dachte er. Er versuchte vergeblich, die Laute, die er geh�rt hatte, mit dem Bild eines Menschen in Zusammenhang zu bringen, aber es gelang ihm nicht. Er war abgestumpft, unf�hig, noch irgend etwas zu empfinden, und auch das war eine Auswirkung dieses Landes, der Atem des Todes, der wie eine dr�ckende Last �ber allem lag. Er t�tete die Sinne. Erst die Gef�hle, die Empfindungen, dann w�rde er vielleicht aufh�ren, Schmerzen zu f�hlen. Zum Schlu� w�rde seine Seele sterben und dann, kurz danach, sein K�rper. Alles wurde irreal, verschwamm, und f�r einen kurzen Moment hatte er M�he, sich darauf zu besinnen, wo er war.</p><p>Jemand ber�hrte ihn an der Schulter, und er wu�te, noch bevor er den Kopf wandte, da� es Del war. Wie Helth war der junge Satai den ganzen Tag �ber nicht aus seiner N�he gewichen, hatte sich aber trotzdem im Hintergrund gehalten.</p><p>�Du bist krank, Skar�, sagte Del sanft.</p><p>Skar schlug seine Hand mit einer �bertrieben heftigen Bewegung zur Seite und zog eine Grimasse. �Das bin ich nicht�, verneinte er rauh. Seine Stimme zitterte.</p><p>�Du brauchst Ruhe�, widersprach Del, ohne seine Worte zu beachten. �Du bist nicht so stark, wie du glaubst. Nicht mehr.�</p><p>Es fiel Skar schwer, Dels Worten zu folgen. Wieder begann das Bild vor seinen Augen zu verschwimmen, und er mu�te sich an der Schulter des jungen Satai festhalten, um nicht auf dem glatten Boden das Gleichgewicht zu verlieren und zu st�rzen. Del hob die Hand und ber�hrte ihn im Gesicht. �Du hast Fieber�, stellte er fest. Seine Finger f�hlten sich k�hl und trocken an; wie Schlangenhaut. Es waren nicht Dels Finger, die nicht in Ordnung waren, sondern er. Aber die Ber�hrung gab ihm auch Kraft, beinahe, als h�tte Del ihm damit etwas von seiner Jugend und St�rke �bertragen.</p><p>�Einer der Freisegler hat eine H�hle entdeckt�, sagte Del. �Wir k�nnen die Nacht dort verbringen.�</p><p>Skar nickte stumm. Er hatte nicht mehr die Kraft zu widersprechen. Del ergriff ihn am Arm und f�hrte ihn mit sanftem Druck neben sich her.</p><p>Sie bewegten sich tiefer in den Schatten der Berge hinein, wichen ein St�ck von ihrem bisherigen Kurs ab und betraten eine schmale, mit Ger�ll und Eistr�mmern angef�llte Schlucht. Meilen entfernt, wie es Skar vorkam, glomm das tr�be Licht einer Fackel. In ihrem Schein war der Eingang einer H�hle zu erkennen.</p><p>Skar befreite sich aus Dels Griff und ging die letzten Schritte aus eigener Kraft. Er war kaum in der Position, sich noch Stolz leisten zu k�nnen, aber er wollte nicht, da� die Freisegler sahen, wie schwach er wirklich war. Manchmal, dachte er bitter, war es nicht leicht, ein Vorbild sein zu m�ssen.</p><p>Vorsichtig ging er zwischen den kreuz und quer daliegenden Felsen hindurch, stieg, die Arme wie ein Seilt�nzer ausgebreitet, um das Gleichgewicht zu halten, �ber titanische Eisschollen, die wie Glas vom Himmel gest�rzt waren, und b�ckte sich, um in die H�hle hineinsehen zu k�nnen.</p><p>Im ersten Moment sah er nichts. Die einzelne Fackel, die einer der M�nner entz�ndet und in einen Ri� direkt neben dem Eingang gesteckt hatte, spendete kaum genug Licht, um mehr als vage Schatten erkennen zu k�nnen, und aus der Tiefe der H�hle wogte Dunkelheit wie eine k�rperlose schwarze Welle heran. Skar richtete sich auf, sah zur�ck und lehnte sich gegen die Wand, um seine Schw�che zu verbergen. Die M�nner schleppten sich in einer weit auseinandergezogenen Kette an ihm vorbei und verschwanden geb�ckt oder auf H�nden und Knien kriechend im Inneren des Berges.</p><p>Das Schwindelgef�hl in seinem Kopf verging allm�hlich. Der Schw�cheanfall war vor�ber, aber Skar wu�te, da� er wiederkommen w�rde. Das, was er gesp�rt hatte, war eine erste Warnung gewesen, mehr nicht; ein erstes, noch zaghaftes Anklopfen der Ersch�pfung. Einen weiteren Tag w�rde er nicht durchstehen, er nicht und die anderen auch nicht. Nicht einmal Del. Die Entscheidung w�rde morgen fallen, so oder so.</p><p>Er wartete, bis der letzte Mann die H�hle betreten hatte, lie� sich dann auf H�nde und Knie sinken und kroch ebenfalls durch den Eingang. Der Fels war sehr dick; sieben, vielleicht acht Meter; der H�hleneingang war eher ein Tunnel. Er kroch bis zum Ende des Stollens, richtete sich auf, hielt sich mit der Linken an der Wand fest und sah sich im flackernden roten Licht der Fackel um. Selbst hier, im Inneren des Berges, war �berall Eis. Aber es war sp�rbar w�rmer als drau�en, und sie fanden Schutz vor dem Wind. Die meisten M�nner schliefen bereits. Ein paar sa�en in kleinen Gruppen zusammen und a�en, hier und da h�rte er Fetzen eines Gespr�ches, und als er, behutsam zwischen den kreuz und quer daliegenden M�nnern hindurchgehend, tiefer in das niedrige steinerne Gew�lbe eindrang, glaubte er fast so etwas wie Gesang zu h�ren. Aber es waren nur die Laute der Schlafenden: Atemz�ge, ein ged�mpftes St�hnen und Raunen, Laute, die sich in seiner Phantasie zu einem d�steren Todesgesang vereinten.</p><p>Er entdeckte Gowenna allein im Hintergrund der H�hle und arbeitete sich geb�ckt zu ihr durch. Die Decke war hier so niedrig, da� er vorn�bergebeugt gehen mu�te und selbst dann noch gegen den Fels stie�. Eisige Luft wehte aus dem dunklen Teil der H�hle zu ihnen heraus. Die Katakomben mu�ten gewaltig sein. Der Fels knisterte �ber seinem Kopf, als w�rde er leben, und irgendwo weiter hinten l�ste sich etwas mit dumpfem Poltern von der Decke und fiel zu Boden. Er setzte sich, griff wortlos nach dem Beutel mit Gowennas Vorr�ten und nahm eine Handvoll der bitter schmeckenden Caba-N�sse hervor. Ihre Schalen zersprangen wie spr�des Glas, als er die Faust darum schlo�. Das Fruchtfleisch erschien ihm bitterer als sonst und so salzig, da� er beinahe augenblicklich Durst bekam.</p><p>Gowenna hockte auf einem Felsen, die Ellbogen auf den Knien abgest�tzt und das Haar wie einen verfilzten schwarzen Schleier vor dem Gesicht h�ngend. Auch sie war sichtlich am Ende ihrer Kr�fte. Der Anblick erf�llte Skar beinahe mit Zufriedenheit. Er hatte schon angefangen zu glauben, da� diese Frau �berhaupt keine Ersch�pfung kannte.</p><p>Er kaute, langsam und sorgf�ltig, sp�lte mit einem Schluck geschmacklosem, von winzigen schwebenden Eiskl�mpchen durchsetztem Wasser nach, nahm sich eine weitere Handvoll N�sse. Sie hatten nichts anderes. Die Lader�ume der SHAROKAAN waren voll gewesen mit Lebensmitteln, aber sie durften trotzdem nur diese N�sse mitnehmen. Die hartschaligen braunen Fr�chte waren unglaublich nahrhaft, und ein Mann vermochte von der Menge, die er problemlos tragen konnte, mehrere Wochen zu leben. Aber sie trockneten den K�rper auch aus. Wenn man wie sie ausschlie�lich davon lebte, litt man praktisch ununterbrochen unter Durst.</p><p>�Warum schl�fst du nicht?� fragte er nach einer Weile.</p><p>Gowenna sah auf, strich sich das Haar aus der Stirn und sah an ihm vorbei zu den reglos daliegenden M�nnern hin�ber. Von Del und Vela war keine Spur zu sehen; Helth hockte mit angezogenen Knien auf der anderen Seite der H�hle, nicht inmitten seiner M�nner, wie Skar erwartet hatte, sondern allein. Er wirkte sehr einsam. Seine Haltung war verkrampft, und wieder fragte sich Skar, ob er Schmerzen hatte. �Wir sollten Wachen aufstellen�, schlug Gowenna vor, seine Frage ignorierend. �Und vielleicht eine Patrouille aussenden.�</p><p>Skar lachte leise. �Hat dich Helth jetzt schon angesteckt?� fragte er. �Aber du hast recht - ich werde das Heer bei Sonnenaufgang antreten lassen. Die Reiterei in der Mitte und an den Flanken die Fu�truppen. Das beste wird sein, wir schicken zus�tzlich tausend Bogensch�tzen auf die Berge hinauf.� Er brach ab, zerknackte eine Nu� und spielte einen Moment mit der Schale. �Du solltest schlafen. Del und ich werden abwechselnd wachen.�</p><p>Gowenna sch�ttelte den Kopf. �Ich bin nicht m�de�, behauptete sie.</p><p>Skar lachte rauh. �Man sieht es. Du siehst aus wie das bl�hende Leben. Warum l�ufst du nicht ein paarmal um den Berg herum, um deine �bersch�ssigen Energien loszuwerden?�</p><p>�Und du?� fragte Gowenna dagegen. �Warum schl�fst du nicht? Glaubst du immer noch, du m��test auf mich aufpassen?� Skar verzichtete auf eine Antwort, und Gowenna fuhr erregt fort: �Du mi�traust mir noch immer, wie? Was soll ich noch tun? Ich habe dir gesagt, was ich wei�.�</p><p>Das stimmte. Skar wu�te, da� Gowenna ihm die Wahrheit gesagt hatte, was den Dronte und diese Insel hier anging. Aber gleichzeitig wu�te er auch, da� sie ihm etwas verschwieg. Sie hatte ihm ein kleines Geheimnis verraten, um von einem gro�en abzulenken; ein uralter Kunstgriff. Und sie gab sich nicht einmal sonderliche M�he, sehr �berzeugend zu wirken. Eigentlich h�tte er zornig sein m�ssen. �Die Berge sind unwegsam�, sagte Gowenna pl�tzlich. �Vielleicht k�nnen wir diese Kreaturen irgendwie absch�tteln. In die Irre f�hren.�</p><p>Die Sprunghaftigkeit ihrer Gedanken �berraschte Skar kaum mehr. Sie waren alle zu ersch�pft, um sich noch mit �berfl�ssigem zu belasten. Sie hatte keine Kraft mehr f�r wohlklingende Worte und gedrechselte �berleitungen.</p><p>�Wir k�nnten ihnen einen Hinterhalt legen�, murmelte Skar, obwohl er so gut wie sie wu�te, wie unsinnig dieser Vorschlag war. Die Wesen, gegen die sie k�mpften, waren keine Menschen.</p><p>Er lehnte sich zur�ck an die kalte Felswand und schwieg einen Moment. Die Dunkelheit schien sich zu vertiefen, w�hrend er so dalag und die Decke anstarrte. Es war, als kr�che das Licht der Fackel Schritt f�r Schritt zur�ck, verl�re den Boden, den es gewonnen hatte, ganz langsam wieder an die vorr�ckende Finsternis. M�de drehte er den Kopf und sah nach hinten, in den dunklen Teil der H�hle. Er h�tte nachsehen m�ssen, was dort war, f�hlte sich aber zu m�de dazu. Und er sp�rte, da� keine Gefahr bestand. Es gab auf dieser Insel nichts Lebendes, nichts au�er ihm, Vela und Gowenna und diesen M�nnern. Vielleicht war es das erste Mal seit �onen, da� lebende Wesen ihren Fu� auf das Eis dieser bizarren wei�en Welt gesetzt hatten.</p><p>�Dein Auftritt vorhin�, fragte Gowenna nach einer Weile. �Was sollte das?�</p><p>�Was meinst du?� murmelte Skar. Ohne da� er es gemerkt hatte, war er halbwegs eingeschlafen. Er g�hnte, stemmte sich auf die Ellbogen hoch und fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Augen.</p><p>Gowenna l�chelte. �Die flammende Rede, die du Helth gehalten hast�, erkl�rte sie. �Ich gebe zu, da� sie eindrucksvoll war - aber warum?�</p><p>�Warum? Nun -� Skar blinzelte, schwieg einen Moment und sch�ttelte den Kopf. <emphasis>Warum. </emphasis>Wie sollte er es ihr erkl�ren? Wie sollte er ihr klarmachen, da� diese Worte weniger Helth oder Del oder gar den Freiseglern gegolten hatten, sondern mehr sich selbst? Gowennas Frage war eine deutliche Warnung: Er begann, sein Handeln von Dingen bestimmen zu lassen, von denen weder sie noch einer der anderen wissen konnte.</p><p>�Mir war gerade nach einem kleinen dramatischen Auftritt�, murmelte er.</p><p>�Und das ist der ganze Grund?� Sie sah ihn scharf an.</p><p>�Sollte es einen anderen geben?�</p><p>Gowenna setzte dazu an, etwas zu sagen. Aber sie tat es nicht. Ihre Hand fuhr in einer unbewu�ten, raschen Bewegung �ber ihr Haar. Skar fiel auf, da� eine dreifingerbreite Str�hne �ber dem verbrannten Teil ihres Gesichtes wei� geworden war, und er versuchte sich zu erinnern, wie lange es schon so war. Es gelang ihm nicht.</p><p>�Was tun wir hier eigentlich?� fragte er leise.</p><p>Gowenna sah auf. �Wir versuchen zu �berleben, Skar.�</p><p>�Das meine ich nicht.� Er �berlegte, ob er �berhaupt weitersprechen sollte, l�chelte unsicher und setzte sich vollends auf. �Dieser ganze Kampf, diese...� Er z�gerte. �Auseinandersetzung? Ist es das?�</p><p>�Ich glaube nicht, da� ich verstehe, was du meinst�, sagte Gowenna leise.</p><p>�Ich w�re froh, wenn ich es selbst w��te�, gestand Skar. �Ich frage mich, welcher Sinn dahintersteckt. Du und ich, wir... wir geh�ren zusammen, Gowenna.�</p><p>Ihre Miene verfinsterte sich. �Fang nicht schon wieder an, Skar�, bat sie. �Es ist vorbei.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf und legte die Hand auf ihre Schulter. Sie streifte sie ab. �Das meine ich nicht, Gowenna. Es gibt etwas, das uns verbindet, und ich glaube, du wei�t das ebensogut wie ich. Etwas, das schon bestand, bevor wir uns kannten. Glaubst du wirklich, da� es Zufall war, da� Vela ausgerechnet dich ausgew�hlt hat, um ihre Vertraute zu sein?�</p><p>Gowenna antwortete nicht. Skars Worte schienen sie nicht einmal zu �berraschen.</p><p>�Warum sind wir nicht ehrlich zueinander?� fragte er leise.</p><p>�Ehrlich?� Gowenna l�chelte. �Was w�rde das nutzen, Skar? Du w�rdest mir nicht glauben, wenn ich es w�re.�</p><p>�Versuche es.�</p><p>�Wer sagt dir, da� ich es nicht bin?� antwortete Gowenna. Pl�tzlich sch�ttelte sie den Kopf, r�ckte ein St�ck n�her an ihn heran und ber�hrte ihn ihrerseits am Arm. Ihr Griff war warm und fest. Stark wie der eines Mannes. �Was mu� noch geschehen, bis du begreifst, da� ich nicht dein Feind bin, Skar? Du hast es selbst gesagt - wir geh�ren zusammen. Nicht als Mann und Frau. Das haben wir versucht, aber ich glaube nicht, da� ein zweiter Versuch viel Sinn h�tte. Er... w�rde uns nur weh tun, uns beiden. Aber wir stehen auf der gleichen Seite.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Warum bist du dann nicht endlich ehrlich zu mir?� fragte Skar. �So wie du zu mir?�</p><p>Skar l�chelte bitter. �Ich habe dir gesagt, da� ich dir nicht traue.�</p><p>�Sicher - wenn du das mit dem Wort Ehrlichkeit bezeichnest...� Sie zuckte mit den Achseln und zog die Hand zur�ck. Pl�tzlich mu�te Skar mit aller Gewalt gegen den Impuls angehen, sie an sich zu rei�en und festzuhalten. �Du warst in Elay�, fuhr Gowenna fort. �Du hast die Verbotene Stadt gesehen, und du hast ihre Macht gesp�rt, Skar. Du hast die Margoi gesprochen.� Das hatte er. Er war der Frau begegnet, die Vela auf dem Thron, den sie sich f�r wenige Wochen angeeignet hatte, gefolgt war, und obwohl es nur wenige Augenblicke gewesen waren und er nicht einmal ihr Gesicht gesehen hatte, war etwas in ihm vor der Ausstrahlung dieser Frau zur�ckgeschreckt. Es war... ja, jetzt, als er Gowenna so dicht wie selten zuvor in den letzten Monaten gegen�bersa� und an die Margoi dachte, sp�rte er es deutlich: Es war das gleiche Gef�hl gewesen, das er in ihrer N�he hatte, nur ungleich st�rker. �Glaubst du wirklich, ich k�nnte sie betr�gen?� fuhr Gowenna fort. �Ich k�nnte dich betr�gen, Del - vielleicht sogar die Sumpfleute, obwohl ich mir da nicht sicher bin. Aber sie nicht. Ich bin in ihrem Auftrag hier, und was ich tue, entspricht ihrem Willen. Sie vertraut mir, Skar.�</p><p>�Entspricht es auch dem Willen der Margoi, da� du Vela qu�lst?�</p><p>�Tue ich das?� Sie drehte den Kopf und sah in die Richtung, in der Vela irgendwo in der Dunkelheit lag und schlief.</p><p>Skar machte eine unwillige Geste. �Spiel nicht mit mir�, sagte er. �Du hast es getan.�</p><p>�Vielleicht hat es so ausgesehen, in deinen Augen, aber...�</p><p>�Dann sag endlich die Wahrheit!� unterbrach Skar sie zornig. �Verdammt, Gowenna, wir werden wahrscheinlich sterben, wir alle. Keiner von uns hat noch die Kraft, einen weiteren Tag in dieser H�lle durchzustehen. Sag mir, was hinter diesen Bergen auf uns wartet. Du wei�t es.�</p><p>�Ich... kann es nicht�, murmelte Gowenna. �Ich... es geht nicht. Ich kann dich nur bitten, mir zu vertrauen.�</p><p>�Ist es das Kind?� fragte Skar. Er sah, wie Gowenna unter seinen Worten wie unter einem Hieb zusammenzuckte. �Ist es das?�</p><p>�Du -�</p><p>�Ich habe es dir nie gesagt�, fuhr er fort, �aber Vela hat mir von diesem Kind erz�hlt. Sie sagte, es w�rde meine Macht erben, und es w�rde hundertmal st�rker sein als ich. Ich habe ihren Worten damals keine Bedeutung zugemessen, aber vielleicht h�tte ich es tun sollen. Ist es das?�</p><p>�Nein�, sagte Gowenna. Sie sprach ein wenig zu laut und ein wenig zu hastig, als da� er ihr glaubte.</p><p>�Wenn es so ist, w�re es besser, wir w�rden zusammenhalten, statt uns zu bek�mpfen�, fuhr er unger�hrt fort. �Es wird n�mlich sterben, wenn nicht ein Wunder geschieht.�</p><p>�Vielleicht w�re es das beste�, murmelte Gowenna. Sie sah auf. Ihr Gesicht wirkte mit einem Mal maskenhaft und starr, und er wu�te, da� seine Worte ihren Widerstand eher noch gest�rkt hatten. �Du hast recht, Skar�, pflichtete sie ihm bei, pl�tzlich wieder ganz ruhig. �Die M�nner halten keinen weiteren Tag durch, und auch wir nicht. Die Entscheidung wird morgen fallen. Deshalb solltest du versuchen zu schlafen. Ich gebe dir mein Wort, da� ich mich Vela nicht einmal n�hern werde.�</p><p>Sie sprach nicht weiter, und nach einer Weile lie� sich Skar wieder zur�cksinken und starrte von neuem die niedrige, feuchtglitzernde Decke an. Schatten und die Illusion von W�rme begannen ihn einzulullen. Er wehrte sich nicht dagegen, obwohl er Angst hatte einzuschlafen. Er wu�te, da� die Tr�ume wiederkommen w�rden, Tr�ume, die mehr als normaler Alpdruck waren, eine Botschaft, die er nicht zu interpretieren wu�te. Er wu�te nicht einmal, ob sie ihm galt oder diesem <emphasis>Ding </emphasis>in ihm.</p><p>Trotzdem schlief er ein, aber es war kein richtiger Schlaf, sondern nur ein D�mmern, in dem er alle Ger�usche und Bewegungen in seiner Umgebung weiter registrierte und nur sein K�rper ruhte.</p><p>Irgendwann, nach Stunden, vielleicht auch nur Minuten, r�ttelte ihn jemand an der Schulter. Er �ffnete widerwillig die Augen und blinzelte in Dels Gesicht.</p><p>�Dort drau�en ist etwas.�</p><p>�Ja�, murmelte Skar verschlafen. �Eis und Schnee und noch mehr Eis. Weck mich, wenn du eine Oase siehst.�</p><p>Del verzog ver�rgert das Gesicht, packte ihn - wesentlich unsanfter als beim ersten Mal - bei den Schultern und ri� ihn grob von seinem Lager hoch. Skar streifte seine Hand ab, blieb einen Herzschlag lang benommen sitzen und stemmte sich dann vollends auf die F��e. Die Fackel neben dem Eingang war fast heruntergebrannt. Er mu�te vier oder f�nf Stunden geruht haben. Nicht viel. Aber es war doch mehr, als er zu hoffen gewagt hatte. Automatisch drehte er den Kopf und sah sich nach Gowenna um. Sie war nicht mehr da, nur ihre Decken lagen noch neben ihm.</p><p>Skar zweifelte keine Sekunde an Dels Worten. Aber es fiel ihm seltsam schwer, ihre wahre Bedeutung zu erfassen, und so wenig, wie er bisher wirklich geschlafen hatte, gelang es ihm jetzt, wirklich wach zu werden. Er sch�ttelte ein paarmal den Kopf, um das taube Gef�hl zwischen seinen Schl�fen zu vertreiben, hob seinen Mantel auf und ging auf unsicheren Beinen hinter Del zum Ausgang.</p><p>Der Himmel war jetzt grau, nicht mehr schwarz, und es konnte nicht mehr lange dauern, bis sich der erste Schimmer der D�mmerung �ber dem Meer zeigte. Er blieb einen Moment neben der H�hle stehen, nahm eine Handvoll verharschten Schnee auf und fuhr sich damit durch das Gesicht. Die K�lte half ihm, ein wenig klarer zu werden. Aber er f�hlte sich noch immer benommen.</p><p>�Wo?� fragte er.</p><p>Del wies nach vorne, zum Ende der Schlucht, der einzig m�glichen Richtung, in der sie sich bewegen konnten. Skar lauschte, h�rte aber nichts au�er dem ewig gleichbleibenden Ger�usch des Windes und dem H�mmern seines eigenen Herzens. Ein vages Gef�hl von Furcht begann sich in seiner Seele zu r�hren. Es wurde st�rker, im gleichen Ma�e, in dem er die Benommenheit �berwand und sich seine Gedanken weiter kl�rten. Wenn es jetzt soweit war, wenn der Dronte bis zu diesem Moment gewartet hatte, um seine Opfer zu schlagen, dann bestand f�r sie kaum eine Chance. Die H�hle, in die er die M�nner gef�hrt hatte, war nicht nur Schutz. Sie war auch eine Falle. Und trotzdem war er auf eine aberwitzige Art beinahe froh, da� es so kam. Noch vor wenigen Stunden hatten ihn die gleichen Worte, aus Helth' Mund gesprochen, in Zorn versetzt. Aber pl�tzlich w�nschte er sich nichts mehr, als im Kampf zu sterben. Schnell und schmerzlos.</p><p>�Gut�, erkl�rte er. �Du wirst mich begleiten. Wecke Gowenna. Sie und Helth werden hier auf uns warten. Wenn wir bis Sonnenaufgang nicht zur�ck sind, dann sollen sie ohne uns weiterziehen.�</p><p>Del drehte sich wortlos um und verschwand in der H�hle, und Skar wartete geduldig, bis er zur�ckkam. Der junge Satai hatte das zerbrochene Tschekal, das bisher in der Scheide an seinem G�rtel stak, gegen eine Waffe der Freisegler eingetauscht. Ein Schwert - ein bizarres gekr�mmtes Ding mit zwei Schneiden und zahlreichen, wie Widerhaken nach hinten gekr�mmten Spitzen. Keine Waffe f�r einen ehrenhaften Kampf, sondern ein Werkzeug zum Morden und Rei�en und Schlachten. �ber dem Arm trug er ein zusammengefaltetes Tuch, das Skar erst nach Augenblicken als seinen eigenen Mantel erkannte.</p><p>�Ich dachte, da� du das haben wolltest�, sagte Del.</p><p>Skar l�chelte dankbar. Er warf das schmuddelige Wollcape, das er zum Schutz vor der K�lte �bergestreift hatte, zu Boden und schlug sich statt dessen den viel d�nneren schwarzen Satai-Umhang um die Schultern. Eine �berfl�ssige und in dieser Umgebung vielleicht sogar alberne Geste, denn das Cape sch�tzte kaum gegen den Wind und noch viel weniger gegen die K�lte. Trotzdem erf�llte es ihn mit einer beinahe kindlichen Freude, das Kleidungsst�ck nach so langer Zeit wieder auf der Haut zu f�hlen.</p><p>Vorsichtig l�ste er die Handlappen, bewegte ein paarmal pr�fend die Finger und zog das Schwert aus dem G�rtel. Wie Del hatte er seine Satai-Waffe verloren, und wie Del mu�te er sich jetzt mit einem Schwert der Freisegler begn�gen: eine schlanke, rapier�hnliche Waffe aus geh�rtetem Stahl, die gut in der Hand lag und fast nichts wog. Der Griff war trotz der darumgewickelten Lederriemen so kalt, da� es beinahe schmerzte. Er schob die Waffe zur�ck, schlo� die schmale silberne Spange, die seinen Umhang zusammenhielt, und sah Del an. Als sie losgehen wollten, vertrat ihnen eine Gestalt den Weg. Skar fuhr erschrocken zusammen und legte unwillk�rlich die Hand auf den Schwertgriff, dann erkannte er Helth. Mit einem h�rbaren Seufzer der Erleichterung lie� er die Waffe los. Der Vede mu�te die H�hle schon vor ihnen verlassen haben. Er hatte die ganze Zeit reglos irgendwo im Schatten gestanden. Skar sp�rte Zorn. Er ha�te es, belauscht zu werden.</p><p>�Was willst du?� fragte er grob.</p><p>Helth machte eine vage Geste zum Ende der Schlucht hin. �Ich begleite euch.�</p><p>Skar sch�ttelte unwillig den Kopf. Er sah, da� der Vede seine Waffe umgeschnallt hatte und - wie er - die zerschlissenen, aber warmen Lumpen, die er bisher trug, gegen den schwarzen Zeremonienmantel seiner Kaste eingetauscht hatte. Unwillk�rlich fragte er sich, ob er selbst wohl ebenso albern aussehen mochte wie Helth, der M�he hatte, in dem d�nnen Kleidungsst�ck nicht vor K�lte zu zittern. �Und warum nicht?� fragte Helth finster. �Ich bin so gut wie einer von euch. Gibt es einen Grund, weshalb ich nicht mitkommen k�nnte? Vielleicht�, f�gte er nach einer winzigen Pause hinzu, �etwas, was ich nicht wissen soll?�</p><p>�Es gibt viele Gr�nde, warum du hierbleiben mu�t�, erwiderte Skar, und die Stimme in seinen Gedanken f�gte hinzu: <emphasis>Sechsunddrei�ig. Die sechsunddrei�ig Schwerter, die du brauchst.</emphasis></p><p>�Du wirst hier ben�tigt. Jemand mu� bei den M�nnern sein, falls uns etwas zust��t�, sagte Del.</p><p>Helth schnaubte. �Ich bin kein Kind, Satai, also versuche nicht, mich so zu behandeln. Wenn wir auf einen Gegner treffen, den wir mit vereinten Kr�ften nicht schlagen k�nnen, dann sind die M�nner so oder so verloren.�</p><p>Skar schwieg einen Moment. �Vielleicht hast du recht�, murmelte er dann.</p><p>Del wandte verwundert den Kopf und sah ihn an, schwieg aber. �Welcher von deinen M�nnern ist der zuverl�ssigste?� fuhr Skar nach einer Weile fort.</p><p>�Sie sind alle zuverl�ssig. Warum?�</p><p>�Wenn du uns begleitest�, sagte Skar langsam, �dann wird auch Gowenna mit uns kommen. Ich lasse sie nicht allein zur�ck. Einer deiner M�nner mu� auf Vela achtgeben.�</p><p>Helth blinzelte verwundert, ging aber nicht weiter darauf ein. �Wie du meinst�, sagte er. �Dann werde ich eine Wache abstellen, die sich um die Errish k�mmert. Und Gowenna holen. Sonst keinen?�</p><p>�Sonst keinen�, best�tigte Skar. �Du hast es selbst gesagt - wenn wir auf eine Gefahr sto�en, mit der wir vier nicht fertig werden, dann rettet die M�nner ohnehin nichts mehr.�</p><p>Helth nickte, lie� sich auf H�nde und Knie herab und verschwand kriechend in der H�hle.</p><p>Del wartete, bis er au�er H�rweite war. �Bist du sicher, da� es klug ist, ihn mitzunehmen?� fragte er.</p><p>�Ich bin ziemlich sicher, da� es nicht klug ist�, antwortete er. �Aber ich will einfach keine weitere Kraftprobe mehr. Und mir ist wohler, wenn Gowenna bei uns ist. Was hast du geh�rt?�</p><p>Del hatte M�he, dem pl�tzlichen Gedankensprung zu folgen.</p><p>�Nicht... viel�, sagte er stockend. �Schritte, aber ich bin nicht sicher. Ein paar Steine sind...� Er brach mitten im Satz ab und runzelte ver�rgert die Stirn. �Verdammt, mu� ich dir erkl�ren, wie man sp�rt, wenn etwas nicht in Ordnung ist?�</p><p>�Nein�, sagte Skar leise. �Das mu�t du nicht. Verzeih, Del.� Er drehte sich um, blickte zu dem schmalen Spalt, den sie am Ende der Schlucht erkennen konnten, und wartete ungeduldig auf Helth und Gowenna.</p></section><section><title><p id="_17">17.</p></title><p>Der Talkessel war rund: von so perfekter Form, als w�re er mit einem gewaltigen Zirkel vorgezeichnet und dann ausgestanzt worden, ein Trichter mit steil aufgeworfenen W�nden und nahezu flachem, eisfreiem Boden. Der mattschwarze Fels an seinem Grund saugte das Licht der Sterne auf, so da� Skar das Gef�hl hatte, in einen gewaltigen, bodenlosen Schacht zu blicken.</p><p>Helth bewegte sich neben ihm. Sein metallener Schild schabte h�rbar �ber den Fels, als er sein K�rpergewicht von der einen auf die andere Seite verlagerte. Skar warf ihm einen stummen, mahnenden Blick zu. Trotz des unabl�ssig heulenden Windes schien ihm jeder Laut �berdeutlich h�rbar zu sein. Er wu�te, da� dieser Eindruck zu einem Gutteil einzig in seiner eigenen Nervosit�t begr�ndet war, aber er wu�te auch, da� sie es nicht mit <emphasis>menschlichen </emphasis>Gegnern zu tun hatten. Obwohl sie die beiden Gestalten am Grunde des vereisten Trichters nur als dunkle Schemen erkennen konnten, war ihnen allen klar, wem sie gegen�berstanden.</p><p>Er schob sich ein St�ck in den Schatten des Fels�berhanges zur�ck und versuchte, das stoffliche Schwarz auf der anderen Seite des Kraters mit Blicken zu durchdringen. Del und Gowenna waren irgendwo dort dr�ben, in der Dunkelheit selbst nicht mehr als zwei Schatten und so lautlos wie die Wesen, die sie belauerten.</p><p>Es waren keine Menschen. Sie waren zu wei� und zu eckig, und ihre Bewegungen waren ruckhaft und abgehackt wie die von Puppen, die von unsichtbaren F�den bewegt wurden.</p><p>Er kroch weiter zur�ck, richtete sich behutsam auf die Knie auf und winkte Helth mit einem stummen Blick zu sich heran. Der Vede kroch lautlos an seine Seite, legte seinen Schild - vorsichtig, um jeden �berfl�ssigen Laut zu vermeiden - zu Boden und erhob sich ebenfalls auf die Knie. �Warum greifen wir sie nicht an?� fragte er.</p><p>Skar unterdr�ckte die scharfe Antwort, die ihm auf der Zunge lag. Helth' Ungeduld war durchaus verst�ndlich; vielleicht hatte er sogar recht, von seinem Standpunkt aus. Er durfte nicht in den Fehler verfallen, Helth von vornherein als Prellbock f�r seine gereizten Nerven zu benutzen. Trotz allem war er ein Vede und damit ein Mann, der das Kriegshandwerk ebensogut beherrschte wie er. Er sch�ttelte stumm den Kopf, gebot Helth mit einer Geste zu schweigen und sah an ihm vorbei zur gegen�berliegenden Seite des Kraters, wo Del und Gowenna auftauchen mu�ten. Del hatte gesagt, er w�rde ihm ein Zeichen geben, wenn er bereit war, aber nicht, welcher Art dieses Zeichen sein w�rde. Seltsam - fr�her h�tte er �ber diese Frage nicht einmal nachgedacht.</p><p>�Wir warten, bis die anderen soweit sind�, sagte er widerwillig. Helth verzog das Gesicht. �Es sind nur zwei�, meinte er. �Ich glaube nicht, da� wir ihre Hilfe brauchen, um mit ihnen fertig zu werden.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. �Kannst du auch noch an etwas anderes als an Kampf und Tod denken?� fragte er scharf; sch�rfer, als er eigentlich beabsichtigt hatte. �Entschuldige�, f�gte er nach einer Pause und in vers�hnlichem Ton hinzu. �Es war nicht so gemeint. Aber gerade, <emphasis>da� </emphasis>es nur zwei sind, macht mir Sorgen. Ich frage mich, wo die anderen sein m�gen.�</p><p>Helth l�chelte. �Schon gut. Du hast ja recht.� Er gab einen Laut von sich, von dem Skar nicht ganz sicher war, ob er ein Seufzen oder etwas anderes ausdr�cken sollte, setzte sich auf, so da� er nur noch auf den Zehenspitzen balancierte, und blickte wieder in den Krater hinab. Die beiden breitschultrigen wei�en Gestalten hatten sich nicht ger�hrt. Wie leblose Statuen aus Eis standen sie vor dem mattschwarzen Fels, reglos, starr und stumm. Aber sie wirkten fast noch bedrohlicher, als h�tten sie ein Zeichen von Leben von sich gegeben.</p><p>Helth' Augen brannten. Weder Skar noch Gowenna hatten viel von ihrer Begegnung mit den ersten beiden Eiskriegern erz�hlt; gerade, da� sie berichteten, wie sie auf sie gesto�en waren, und da� sie sie get�tet hatten, aber das schien auch nicht n�tig. Skar konnte den Ha�, der in dem jungen Vede brannte, beinahe riechen.</p><p>Er versuchte sich in seine Lage zu versetzen, aber es gelang ihm - wenn �berhaupt - nur sehr unvollst�ndig. F�r Helth waren die beiden Krieger dort unten die M�rder seines Vaters. Seines Vaters, seines Bruders, seiner Mutter und letztlich auch seines Schiffes. Vielleicht seine eigenen M�rder.</p><p>Skar fragte sich, ob es nicht doch besser gewesen w�re, Helth zur�ckzulassen. Er war nicht mit dem Vorsatz hergekommen zu k�mpfen, sondern vielmehr, die Eiskrieger zu beobachten. Eine Falle verlor viel von ihrer Gef�hrlichkeit, wenn man ihre Beschaffenheit erkannt hatte, und manchmal kehrte sie sich auch ins Gegenteil, so da� sich der, der sie aufgestellt hatte, darin fing. Aber Helth w�rde die erste Gelegenheit nutzen, sich auf seine Gegner zu st�rzen und das zu vollziehen, was er vielleicht f�r Rache hielt.</p><p>Ein leises Ger�usch drang in seine Gedanken: ein Klirren, als schl�ge Stahl oder Glas gegen Fels. Vorsichtig erhob er sich auf die Zehenspitzen, balancierte sein K�rpergewicht aus und griff nach seiner Waffe.</p><p>Das Ger�usch wiederholte sich, ein wenig lauter, aber kaum n�her und noch immer dicht an der Grenze des �berhaupt H�rbaren. �Del?� fragte Helth leise.</p><p>Skar sch�ttelte stumm den Kopf. Der Laut schien von irgendwo jenseits der Berge zu kommen, aber es war schwer, in dieser bizarren Umgebung die Herkunft eines Ger�usches wirklich zu bestimmen. Er sah auf und blinzelte zu den eisgekr�nten Graten �ber ihren K�pfen empor. F�r einen Moment glaubte er, einen schwachen r�tlichen Lichtschein zu sehen.</p><p>�Ich sehe nach�, fl�sterte Helth. Skar fuhr herum und wollte nach seinem Arm greifen, aber Helth war schneller. Mit einer geschmeidigen Bewegung sprang er auf, fuhr geduckt herum und verschwand nahezu lautlos in der Dunkelheit.</p><p>Skar schluckte im letzten Moment einen Fluch hinunter. Er h�tte diesen verdammten Narren nicht mitnehmen d�rfen! Del hatte recht gehabt - Helth w�rde sie mit seiner Unbeherrschtheit alle in Gefahr bringen.</p><p>Er richtete sich ein wenig weiter auf, gerade weit genug, um von den beiden Wesen, die sie belauerten, nicht gesehen werden zu k�nnen, ballte in stummem Zorn die F�uste und starrte in die Richtung, in der Helth verschwunden war. Die Dunkelheit schien sich vor ihm zusammenzuballen; wie oft, wenn man sich zu sehr zu konzentrieren versuchte, sah er weniger als zuvor.</p><p>Aber es vergingen nur ein paar kurze Augenblicke, bis der Vede zur�ckkam. Sein Atem ging schnell. �Es ist niemand zu sehen�, fl�sterte er. �Aber ich sp�re, da� hier etwas nicht stimmt. La� uns zur�ck zur H�hle gehen. Das ist eine Falle. Eine verdammte Falle, Skar!� Skar gebot ihm mit einer hastigen Geste zu schweigen und konzentrierte sich ganz auf die ged�mpften Laute, die der Wind mit sich trug. �Das m�ssen die beiden anderen sein�, fl�sterte Helth. Seine Stimme bebte vor Erregung. �Du hattest recht, Skar.�</p><p>�Halt endlich den Mund!� schnappte Skar. �Und wenn du das n�chste Mal auf eigene Faust losl�ufst, sieh dich wenigstens richtig um, du Narr.� Er richtete sich ganz auf, wobei er allerdings darauf achtete, weiter im Schatten der �berh�ngenden Felsen zu bleiben, unterstrich seine Worte noch einmal mit einer befehlenden Geste und versuchte, die dunkle Wand vor sich mit Blicken zu durchdringen. Das Gel�nde bot nicht viel Deckung. Zur Rechten waren die Berge, aber vor ihnen stellte der flache Trichter, in dem die beiden Eiskrieger warteten, das einzige Versteck dar, in dem auch nur ein Hund Platz gefunden h�tte.</p><p>Er sah sich um, blickte nach oben, dann zur�ck nach S�den, zur K�ste, die jetzt unsichtbar unter dem Mantel der Nacht verborgen lag. F�r einen winzigen Moment glaubte er, etwas Gewaltiges, K�rperloses und Finsteres zu sehen, das �ber das Eis auf sie zukroch.</p><p>�Skar!� Helth' Stimme war nicht viel mehr als ein heiseres Fl�stern, als er ihn beim Arm ergriff und nach unten deutete. Die beiden Eiskrieger bewegten sich; langsam, beinahe tr�ge, aber doch mit unglaublicher Kraft. Helth zitterte. Seine Hand krampfte sich so fest um den Griff seiner Waffe, da� seine Kn�chel h�rbar knackten. Noch einmal und mit fast schmerzhafter Deutlichkeit kam Skar wieder zu Bewu�tsein, da� Helth ein Vede war. Ein Narr und ein halbes Kind zwar, aber trotzdem ein Angeh�riger einer Kaste, deren Lebensinhalt der Kampf war, die von Kindesbeinen an in allen nur denkbaren Techniken und an allen bekannten Waffen ausgebildet wurden. Er hatte es fast vergessen. �Ruhig�, mahnte er. �Warte, bis Del und Gowenna soweit sind.� Helth nickte. Die Bewegung wirkte nerv�s, abgehackt. Wie Skar mu�te er instinktiv erkannt haben, wie gef�hrlich die Gegner waren, denen sie gegen�berstanden.</p><p>Skar schob sich noch ein St�ck weiter vor und starrte angestrengt zu den beiden Dronte-Kriegern hinab. Das Licht reichte nicht aus, Einzelheiten zu erkennen, aber er sah doch mehr als von seinem Beobachtungsposten unter dem Fels�berhang aus. Sie unterschieden sich von den beiden, auf die Gowenna und er getroffen waren. Ihre Bewegungen waren fl�ssiger, noch immer ruckhaft und alles andere als menschlich, aber trotzdem schneller und auf schwer zu beschreibende Art eleganter, und die Kraft, die hinter ihnen lauerte, war beinahe sichtbar. Skar strengte sich verzweifelt an, mehr Einzelheiten zu erkennen, aber die Entfernung war zu gro� und die Nacht zu dunkel. Trotzdem glaubte er, noch einen weiteren Unterschied zu sehen. Die Gesichter dieser beiden Eiskrieger waren nicht flach und konturlos wie die der ersten zwei. Menschliche Z�ge waren darauf zu erkennen, grob und nur angedeutet, aber un�bersehbar.</p><p>Er lernt, dachte er schaudernd. Er lernt schnell. Es wird nicht mehr lange dauern, und er schickt uns Menschen entgegen, perfekte Kopien.</p><p>Aber Kopien <emphasis>wovon?</emphasis></p><p>Skar kam nicht dazu, den Gedanken weiter zu verfolgen. Wieder ert�nte vom gegen�berliegenden Rand des Kraters ein Ger�usch, aber diesmal war es anders; ein Laut, den Skar nur zu gut kannte. Das dumpfe Ger�usch, mit dem ein menschlicher K�rper gegen Stein und Eis prallt. Ein gurgelnder, halb erstickter Schrei erklang, seltsam ged�mpft und flach, wie durch einen Vorhang hindurch, und ein geduckter Schatten erschien am gegen�berliegenden Rand des Trichters, wankte, stand einen Moment reglos und in unm�glichem Winkel still und fiel schlie�lich wie ein Stein in die Tiefe.</p><p>�Del!�</p><p>Helth reagierte um eine Winzigkeit rascher als er. Mit einer einzigen blitzschnellen Bewegung sprang der Vede auf die F��e, raffte Schild und Schwert auf, sprang an den Kraterrand und federte mit einem gewaltigen Satz hinab. Sein Schwert blitzte in der Dunkelheit wie der Stachel eines bizarren t�dlichen Metallinsektes.</p><p>Skar sprang eine halbe Sekunde nach ihm. Helth war auf dem vereisten Boden gestrauchelt, hatte den Schwung seines Sprunges aber geschickt genutzt, um mit einem raschen Schritt die Balance wiederzufinden und gleichzeitig auf die beiden Eiskrieger einzudringen. Skar hatte weniger Gl�ck; wie Helth verlor er auf dem spiegelglatten Boden den Halt, kippte zur Seite und schlug schmerzhaft auf die Schulter. Die Zeit schien stehenzubleiben. Wie oft in Momenten der Gefahr sah er alles �berdeutlich, die Welt schien um ihn herum erstarrt, die Bewegungen des Veden und der beiden eisigen Giganten wirkten langsam und tr�ge, als m��ten sie gegen einen unsichtbaren Widerstand ank�mpfen. Del lag reglos am Fu�e der Wand, die Glieder verrenkt, das Haar wirr im Gesicht. Seine Augen waren halb ge�ffnet, aber er war trotzdem ohne Bewu�tsein; vielleicht sogar tot. Einer der beiden Eiskrieger hatte sich halbwegs zu Skar herumgedreht; sein Oberk�rper war in einer grotesken, halb erstarrten Verbeugung vorgeneigt, die schrecklichen Eiskrallen weit ge�ffnet, wie ein Raubvogel, der mit gespreizten F�ngen auf seine Beute herabst��t. Der zweite stand zwischen ihm und Helth, das Schwert in der einen und einen gewaltigen dreieckigen Schild in der anderen Hand. Skar sah jetzt deutlich, wie sich die Wesen ver�ndert hatten - sie wirkten noch immer roh und ungeschlacht, aber ihre Konturen waren glatter, menschlicher. Sie hatten keine Augen, sondern nur einen gekr�mmten, fingerbreiten Schlitz in der oberen H�lfte des bizarren Visiers, das sie anstelle eines Gesichtes trugen, Nase und Mund waren angedeutet, ihre Form begonnen, aber noch nicht zu Ende gef�hrt, und die H�nde hatten nur drei Finger, daf�r aber zwei Daumen, als h�tte ihr Sch�pfer versucht, seine Kreaturen nicht nur ihren Vorbildern anzupassen, sondern sie zu verbessern.</p><p>Als Skar auf die F��e sprang, sah er, wie Helth gleichzeitig mit Schwert und Schild zuschlug. Seine Klinge prallte gegen das m�chtige Schwert des Eiskriegers und zerbrach, aber sein Schild traf die Schulter des Giganten im gleichen Augenblick mit grausamer Wucht. Der Riese wankte. Ein helles, splitterndes Klirren war zu h�ren, wo ein lebendes Wesen einen Schmerzenslaut ausgesto�en h�tte. Eis und Metallsplitter spritzten in einer lautlosen Explosion unter Helth' Schild hervor. Der Vede und sein Gegner taumelten auseinander, von der ungest�men Wucht des Zusammenpralles zur�ckgeworfen. Helth ging zu Boden, raffte sich aber sofort wieder auf und zog einen langen zweischneidigen Dolch aus dem G�rtel.</p><p>Skar starrte fasziniert und entsetzt zugleich auf das unglaubliche Bild. Es war das erste Mal, da� er den Veden im Kampf sah, und er begriff pl�tzlich, da� eine Menge von dem, was er insgeheim �ber Helth gedacht - und zum Teil auch ausgesprochen - hatte, falsch gewesen war. Helth' Angriff war unglaublich schnell gewesen, so schnell, da� Skar nicht einmal sicher war, ob er selbst ihn h�tte parieren k�nnen. Auch die Waffe des Eiskriegers war zerbrochen, und sein linker Arm war fort, zerschmettert unter der ungest�men Wucht von Helth' Schildsto�. Aus dem zersplitterten Stumpf rieselten Eiskristalle wie ein Strom glitzernden gl�sernen Blutes, und durch seine Schulter zog sich ein fast handbreiter, gezackter Ri� bis zum Hals hinauf. Er wankte. Seine Hand �ffnete sich und lie� das zerbrochene Schwert fallen. Es zerbarst vollends, als es auf dem Boden aufschlug.</p><p>Helth wollte abermals auf den Eiskrieger eindringen, aber Skar hielt ihn mit einer raschen, warnenden Bewegung zur�ck. Der zweite Eisgigant hatte bisher keine Anstalten gemacht, in den Kampf einzugreifen, aber seine Hand war in Dels Haar gekrallt und bog seinen Kopf mit einem brutalen Ruck nach hinten; die andere schwebte, zur Faust geballt, �ber seinem Gesicht.</p><p>�Er bringt ihn um, wenn wir angreifen�, sagte Skar gepre�t. F�r einen winzigen Moment sah es so aus, als w�rde Helth trotzdem angreifen. Dann entspannte er sich.</p><p>�Mach jetzt keinen Fehler�, murmelte Skar. �Eine falsche Bewegung, und er t�tet Del.�</p><p>Helth richtete sich ein wenig auf und wich nach links aus, w�hrend sich Skar behutsam in die entgegengesetzte Richtung bewegte. Sein Blick irrte nerv�s zwischen den beiden stummen Eisriesen hin und her. Ihr Verhalten irritierte ihn. Wenn Helth recht hatte und dies wirklich eine Falle war, dann h�tten sie anders handeln m�ssen. �Lenk sie ab�, fl�sterte Helth. �Ich versuche den zu erwischen, der Del h�lt.�</p><p>Skar nickte. Rasch wechselte er sein Schwert von der rechten in die linke Hand, zog einen der f�nfzackigen Wurfsterne aus dem G�rtel und nahm ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Waffe lag ungewohnt schwer in seiner Hand, und wie schon zuvor nahm er seine Umgebung pl�tzlich mit seltener Klarheit und Sch�rfe wahr. Das Gef�hl, einen Fehler zu begehen, wurde st�rker.</p><p>�Jetzt!� schrie Helth.</p><p>Es war, als w�ren sie seit Jahren aufeinander eingespielt: Skar fuhr mit einem gellenden Kampfschrei herum und sprang auf den verwundeten Eiskrieger zu. Helth ri� den Arm mit dem Messer hoch. Der Eiskrieger hob die Hand. Skar schleuderte seinen Shuriken und nutzte den Schwung seines Wurfes, um sich nach vorne kippen zu lassen. Helth' Dolch zischte mit einem h��lichen Ger�usch eine Handbreit �ber seinen gekr�mmten R�cken hinweg und zerschmetterte die Eisfaust �ber Dels Gesicht, nahezu im gleichen Augenblick, in dem Skars Wurfstern in den Hals des zweiten Eisgiganten h�mmerte und ihn wie spr�des Glas zerspringen lie�. Skar kam mit einer blitzschnellen Rolle wieder auf die F��e, fing den zusammenbrechenden Riesen auf und warf ihn mit einer kraftvollen Hebelbewegung �ber sich hinweg. Es war vor�ber, bevor es richtig begonnen hatte. Skars Gegner vollf�hrte einen grotesken Salto, flog - von seiner eigenen ungeheuren Kraft geschleudert, die Skar nun gegen ihn selbst gewandt hatte - durch die Luft und prallte seitlich gegen die zweite Kristallkreatur. Die beiden Titanen brachen in einem wirren Kn�uel aus berstenden Gliedma�en und splitterndem Eis zusammen und zerbrachen wie riesige gl�serne Statuen. Als Skar, das Schwert wieder in der Rechten, mit einem gewaltigen Satz neben Del anlangte, gab es nichts mehr, wogegen er h�tte k�mpfen k�nnen.</p><p>Trotzdem drehte er sich noch einmal im Kreis und suchte mi�trauisch die R�nder des Kraters ab, ehe er neben Del niederkniete. Helth blieb in zwei Schritten Entfernung stehen. Sein Atem ging schnell und rasselnd; der kurze Kampf hatte ihn sichtlich ersch�pft. Skar l�ste das gekr�mmte Schwert von Dels G�rtel, warf es dem Veden zu und legte seine eigene Waffe aus der Hand. Ein zerbrochener, grob modellierter Finger aus Eis knirschte unter seinem Knie, als er sich �ber Del beugte. Er lebte. Sein Atem war flach, und an seinem Hals pochte eine Ader, aber von ein paar Kratzern und Hautabsch�rfungen abgesehen, konnte Skar - zumindest bei dieser ersten, fl�chtigen Untersuchung - keine Wunden finden. Behutsam hob er Dels Kopf an, tastete mit geschickten Fingern nach einem bestimmten Punkt in seinem Nacken und dr�ckte ein paarmal hintereinander zu. Del st�hnte. Seine Lider hoben sich, aber sein Blick war verschleiert. Es dauerte fast eine Minute, ehe er Skar erkannte.</p><p>�Was... ist passiert?� fragte er m�hsam. Er wollte sich hochstemmen, aber Skar dr�ckte ihn mit sanfter Gewalt zur�ck. �Bleib noch einen Moment liegen.�</p><p>�Was ist geschehen?� fragte Del noch einmal. Er schluckte, krampfhaft und mehrmals hintereinander. Skar konnte sehen, wie er gegen eine �belkeit ank�mpfte.</p><p>�Bleib liegen�, sagte er noch einmal. �Du brauchst nicht den Helden zu spielen. Das haben wir schon getan.�</p><p>Del reagierte weder auf seine Mahnung noch auf den Spott in seiner Stimme. �Verdammt - ich will wissen, was passiert ist�, sagte er w�tend. �Wer...� Sein Blick fiel auf die zersplitterten K�rper der Eiskrieger, und Skar sah, wie er erschrak.</p><p>�Das h�tte ich gerne von dir gewu�t�, sagte Skar. �Du bist pl�tzlich dort oben aufgetaucht und dann abgest�rzt. Was war los?�</p><p>�Gowenna�, murmelte Del z�gernd. �Ich... sie war hinter mir. Ich hatte ihr befohlen zur�ckzubleiben, und dann...� Er sch�ttelte den Kopf, verzog das Gesicht und hob die Hand an den Sch�del. �Ich wei� nicht, was passiert ist�, gestand er. �Ich bekam einen Schlag, das ist alles, woran ich mich erinnern kann.�</p><p>�Gowenna?�</p><p>Del zog eine Grimasse. �Wer sonst?� Er versuchte sich aufzurichten, st�hnte wieder und schlo� die Augen, stemmte sich aber trotzdem hoch. �Eines mu� man ihr lassen�, sagte er gepre�t. �Sie schl�gt zu wie ein Mann. Ich hoffe nur, sie kann ebensoviel einstecken, wenn ich sie wiedersehe.�</p><p>Skar schwieg verwirrt. Dels Worte klangen logisch - er und Gowenna waren allein dort oben gewesen, und bei aller Menschen�hnlichkeit waren die Eiskrieger nicht in der Lage, sich so lautlos zu bewegen, wie es n�tig gewesen w�re, um einen Mann wie Del �berrumpeln zu k�nnen. Und vermutlich w�re er nicht mehr am Leben, h�tte ihn die Faust eines dieser Giganten getroffen.</p><p>�Unterhalten k�nnt ihr euch sp�ter�, sagte Helth ungeduldig. �Wir m�ssen hier weg. Die beiden anderen k�nnen jeden Augenblick auftauchen.�</p><p>�Kaum�, murmelte Skar.</p><p>Helth trat ungeduldig von einem Fu� auf den anderen, schlug seinen Umhang zur�ck und spielte mit seinem Schwert. �Wie meinst du das?�</p><p>Skar schwieg einen Moment. Helth' kraftvoller, r�cksichtsloser Einsatz hatte ihn �berrascht, und f�r einen Moment h�tte er fast vergessen, in welchem Zustand der Vede war. Da� er so gut zu k�mpfen verstand wie ein Satai, besagte nichts. Helth war mit seiner Selbstbeherrschung am Ende. Ein falsches Wort konnte gen�gen, ihn vollends zusammenbrechen zu lassen.</p><p>�Ich wei�, da� es sich verr�ckt anh�ren mu߫, begann er vorsichtig. �Aber ich glaube nicht, da� diese beiden wirklich k�mpfen wollten.�</p><p>�Du -� Helth brach ab und starrte ihn ungl�ubig an, aber Skar gab ihm keine Gelegenheit, weitere Fragen zu stellen.</p><p>�Du hast recht�, fuhr er fort. �Zum Reden ist sp�ter noch Zeit genug. Bleib einen Moment hier bei Del.� Er stand auf, nahm seine Waffe an sich und stieg ohne ein weiteres Wort der Erkl�rung die Wand empor. Es war leichter, als er bef�rchtet hatte. Von oben aus betrachtet hatten die Kraterw�nde glatt und wie poliert ausgesehen, aber es gab zahllose Risse und Vorspr�nge, in denen seine H�nde und F��e gen�gend Halt fanden; er brauchte kaum eine halbe Minute, um die drei Meter zu �berwinden und sich mit einer letzten kraftvollen Anstrengung �ber die Kante zu ziehen.</p><p>Das ungute Gef�hl in Skar wuchs, als er sich auf H�nde und Knie hochstemmte und noch im Aufstehen seine Waffe zog. Er war allein. Das Sternenlicht war nicht sehr hell, aber es reichte, ihn seine Umgebung zumindest in groben Umrissen erkennen zu lassen. Von Gowenna war keine Spur zu sehen.</p><p>Skar blieb einen Moment lang hoch aufgerichtet und stumm am Rande des Kraters stehen und lauschte. Der Wind sang sein monotones Lied, doch darunter glaubte er andere Laute zu h�ren, aber er wu�te nicht, ob sie wirklich da waren oder ob es nur seine �berreizte Phantasie war, die ihm einen Streich spielte. Mi�trauisch blickte er um sich. Der Boden war hart gefroren; Eis glitzerte auf dem Fels wie ein d�nner, nur halb durchsichtiger Panzer. Der Wind hatte den Schnee hier am Hang des Gebirges so schnell weggeblasen, wie er gefallen war. Es gab keine Spuren.</p><p>Skar sah sich aufmerksam um, machte ein paar Schritte und ging zu der Stelle zur�ck, an der Del gehockt haben mu�te, als ihn der Hieb getroffen hatte. Es gab auch hier keine Spuren; der Boden war glatt und wie poliert. Ein perfekter Ort f�r jemanden, der einen Hinterhalt plante.</p><p>Es dauerte nur einen Moment, bis Skar der Fehler in diesem Gedanken auffiel. Gowenna konnte dies alles nicht geplant haben. Nicht, wenn nicht <emphasis>sie </emphasis>es war, die hinter dem Tun des Dronte steckte. Und sie war es nicht.</p><p>Etwas Dunkles glitzerte auf dem blinkenden Eis vor ihm. Skar b�ckte sich, streckte z�gernd die Hand aus und tastete mit der Spitze des Zeigefingers danach. Es war Blut. Es war nicht viel, nur ein paar Tropfen; wahrscheinlich w�rde Del die Wunde schon am n�chsten Morgen nicht mehr sp�ren. Aber er hatte Gl�ck gehabt, trotz allem. Der drei Meter tiefe Sturz auf das stahlharte Eis h�tte ihm auch das Genick brechen k�nnen. Er wollte sich wieder aufrichten und zum Kraterrand zur�ckgehen, beugte sich aber dann noch einmal hinab und folgte der d�nnen, glitzernden Spur aus dunkelroten Tropfen mit Blicken. Sie verlief ein paar Schritte parallel zum Kraterrand, machte dann einen scharfen Knick nach rechts und h�rte auf, sichtbar zu sein, als der Boden nicht mehr aus Eis, sondern aus nacktem Fels bestand. Aber sie f�hrte vom Krater <emphasis>weg.</emphasis></p><p>Skar sch�ttelte nerv�s den Kopf. <emphasis>Unsinn. </emphasis>Was er dachte, war Unsinn. Es konnte genausogut umgekehrt sein - Del konnte den Schlag hier erhalten und halb benommen zum Krater getaumelt sein, ehe er �ber seine Kante st�rzte.</p><p>Er seufzte, lie� sich vollends auf die Knie sinken und beugte sich �ber den Kraterrand. �Hier oben ist alles ruhig�, sagte er. �Ihr k�nnt kommen.�</p><p>�Gowenna?�</p><p>Skar zuckte mit den Schultern, ehe ihm einfiel, da� er f�r Helth und Del nicht mehr als ein formloser Schatten gegen den Nachthimmel sein konnte und sie die Bewegung wahrscheinlich nicht sahen. �Sie ist verschwunden�, sagte er.</p><p>Del fluchte, entri� Helth mit einem w�tenden Ruck seine Waffe und stieg mit geschickten Bewegungen zu ihm herauf. Helth folgte Augenblicke sp�ter, weniger elegant, aber ebenso schnell.</p><p>�Diese verdammte Hexe�, zischte Del. �Ich wu�te, da� sie uns hintergeht. Aber du konntest ja nicht auf mich h�ren.�</p><p>�Es nutzt keinem, wenn wir uns jetzt gegenseitig Vorw�rfe machen�, sagte Helth zu Skars �berraschung. Er war, anders als Del, nicht ganz aufgestanden, sondern hatte sich nur auf die Knie erhoben; sein Atem ging schwer, und seine linke Hand lag auf seinem Oberschenkel, als m�sse er sich abst�tzen. Skar fiel auf, da� er seinen Schild unten im Krater zur�ckgelassen hatte. Wo die metallenen Halteschlaufen gewesen waren, f�rbte sich der Stoff seines Hemdes dunkel. �Du bist verletzt!� sagte er erschrocken. Er wollte sich nach dem jungen Veden b�cken, aber Helth sprang mit einer beinahe hastigen Bewegung auf die F��e und stie� ihn weg.</p><p>�Das ist nichts�, sagte er unwillig. �Ein Kratzer.�</p><p>�Unsinn.� Skar streckte die Hand nach seinem Arm aus. �La� ihn mich ansehen, wenn es wirklich nur ein Kratzer ist.�</p><p>Helth' Reaktion �berraschte ihn. In den Augen des Veden blitzte es zornig auf. Er wich einen weiteren Schritt zur�ck, legte die Hand �ber die dunkle Stelle auf seinem Hemds�rmel und sch�ttelte trotzig den Kopf. �Es ist nichts�, wiederholte er scharf. �Ich brauche keine Hilfe.�</p><p>�La� ihn, Skar�, sagte Del murrend. �Warum verschwendest du deine Zeit mit diesem Kindskopf? La� ihn doch verbluten, wenn er will.�</p><p>�Dieser Kindskopf hat dir immerhin das Leben gerettet�, sagte Skar scharf, ohne Del allerdings dabei anzusehen. �Ohne ihn h�tte ich dich n�mlich kaum da raushauen k�nnen.�</p><p>Del runzelte die Stirn, schien etwas sagen zu wollen und wandte sich dann mit einem stummen Achselzucken ab. Sein Verhalten �berraschte Skar nicht im geringsten. Es war nie Dels Art gewesen, Dankbarkeit offen zu zeigen. Er war noch jung genug, verlegen zu werden, wenn er sich bedanken mu�te.</p><p>Und Helth schien es auch nicht zu erwarten. �La�t uns endlich gehen�, schlug er vor. �Die Hexe hat dich nicht aus �bermut niedergeschlagen, Del. Sie f�hrt etwas im Schilde.�</p><p>Ja, dachte Skar. Und was immer es war, sie w�rden zu sp�t kommen, um es zu verhindern.</p><p>Die Nacht schien voller fl�sternder Laute und huschender Schatten zu sein, als sie zur�ck zur H�hle gingen. Es war nicht sehr weit - nicht viel mehr als eine Meile -, aber sie kamen kaum rascher voran als auf dem Hinweg, obwohl sie jetzt nicht mehr darauf achteten, sich m�glichst leise zu bewegen und ungesehen zu bleiben. Del versuchte zu laufen, verlor aber auf dem unsicheren Untergrund fast augenblicklich den Halt und w�re gest�rzt, wenn Skar ihn nicht aufgefangen h�tte. Die Dunkelheit verdichtete sich, je mehr sie sich der Schlucht n�herten, in der Vela und die Freisegler auf sie warteten. Der Wind trug ein unheimliches, an- und abschwellendes Heulen mit sich, und mehr als einmal glaubte Skar in den finsteren Schatten jenseits der Felsen formlose gro�e Dinge zu sehen, die ihnen folgten. Aber er wu�te nicht, ob sie wirklich da waren, und er sprach auch zu den anderen nicht von seiner Beobachtung. Etwas - irgend etwas - war dort, auf der anderen Seite dieser Felsbarriere, die sie f�r Berge gehalten hatten. Aber er war nicht sicher, ob es nicht nur f�r ihn und nicht auch f�r die anderen da war.</p><p>Und wenn, ob es auf sie alle oder nur auf ihn wartete.</p><p>Er versuchte den Gedanken zu verscheuchen, aber er blieb, wurde im Gegenteil sogar immer st�rker und begleitete ihn, bis sie die Schlucht erreichten.</p><p>Die H�hle war hell erleuchtet, als sie zur�ckkehrten. Sie sahen den flackernden Lichtschein der Fackeln schon, als sie die Schlucht betraten, und die aufgeregten Stimmen der Freisegler wehten ihnen wie ein dumpfer Chor entgegen; Laute, die sich an den eisverkrusteten W�nden des Felsenrisses brachen und sonderbare kichernde Echos hervorriefen.</p><p>Helth murmelte einen Fluch und eilte voraus. Er war der erste, der durch den niedrigen Tunnel ins Innere des Berges kroch und sich an seinem jenseitigen Ende wieder aufrichtete.</p><p>Fast ein Dutzend Fackeln brannten in dem steinernen Gew�lbe, als Skar hinter ihm auf die F��e kam. Eine Handvoll M�nner umstand den Veden und redete aufgeregt auf ihn ein, die meisten aber dr�ngten sich um eine Stelle weiter im Hintergrund der H�hle. Skar wartete, bis Del hinter ihm durch den Stollen gekrochen war, schob die M�nner, die ihm im Weg standen, kurzerhand beiseite und bahnte sich so eine Gasse. Del und Helth folgten ihm dichtauf.</p><p>Vela war verschwunden. Die d�nne Kette, mit der ihre Handgelenke aneinandergefesselt waren, lag zerrissen auf dem Boden. Das Lager aus Decken und Kleidungsst�cken, auf dem sie geruht hatte, war zerw�hlt, und statt der Errish lag der verkr�mmte, ausgeblutete K�rper eines Freiseglers dort. Sein Kopf war unnat�rlich weit in den Nacken gebogen und die Kehle mit einem sauberen Schnitt von einem Ohr zum anderen durchtrennt.</p><p>Helth fluchte, dr�ngte sich an Skar vorbei, sank neben dem Toten auf die Knie und drehte den reglosen K�rper auf den R�cken. Der Kopf des Freiseglers pendelte hin und her, und in Skar stieg f�r einen Moment die aberwitzige Vorstellung empor, da� er davonrollen w�rde wie ein Ball, wenn Helth nicht vorsichtiger war. Der Schnitt war sehr tief.</p><p>�Diese verdammte Hexe�, murmelte Helth. Seine Stimme bebte, und als er aufsah und Skar anblickte, war sein Gesicht verzerrt von Ha�. �Ich schw�re dir, da� ich sie umbringen werde, Skar. Und wenn es das letzte ist, was ich tue.�</p><p>�Sei mit deinen Racheschw�ren nicht so voreilig�, antwortete Skar ruhig. Auch er mu�te seine ganze Kraft aufbieten, um seine Selbstbeherrschung zu wahren. Aber er w�rde sich nicht von seinem Zorn dazu hinrei�en lassen, die Dinge so zu sehen, wie er sie sehen <emphasis>sollte.</emphasis> Helth' Augen wurden schmal. �Wie meinst du das, Satai?�</p><p>Statt einer direkten Antwort drehte sich Skar um und sah pr�fend in die Gesichter der Freisegler, die ihnen gefolgt waren und sie jetzt in einer dichten Mauer umstanden. Der Ausdruck, den er sah, war �berall gleich: Zorn, ohnm�chtige, hilflose Wut - und Furcht.</p><p>�Was ist hier geschehen?� fragte er mit erhobener Stimme.</p><p>�Das fragst du noch?� fuhr Helth auf. �Diese verdammte Hexe hat -�</p><p>�Hat jemand gesehen, was passiert ist?� fragte Skar noch einmal, so ruhig wie zuvor, aber eine winzige Spur lauter, so da� Helth verstummte und ihn nur mit wachsendem Zorn anstarrte.</p><p>Keiner der M�nner antwortete, und die, die Skar ansah, senkten den Blick.</p><p>�Also niemand?� vergewisserte sich Skar. �Von sechsunddrei�ig M�nnern will nicht einer gesehen oder geh�rt haben, wie Gowenna in die H�hle zur�ckgekommen ist, diesen Mann ermordet und Vela entf�hrt hat?�</p><p>�Es... ging zu schnell�, sagte einer der M�nner. Skar sah auf, trat einen Schritt auf den Matrosen zu und ma� ihn mit einem langen, nachdenklichen Blick.</p><p><emphasis>�Was </emphasis>ging zu schnell?� bohrte er weiter.</p><p>Der Mann begann nerv�s mit den H�nden zu ringen. Er war zwei K�pfe kleiner als Skar, hatte schulterlanges, f�r einen Freisegler ungew�hnlich dunkles Haar und wirkte auf unbestimmte Art �ngstlich und sch�chtern. Sein Gesicht war gezeichnet von den Anstrengungen und Schrecken der vergangenen Tage, aber die Furcht in seinem Blick hatte andere Gr�nde. Er setzte zu einer Antwort an, bi� sich auf die Unterlippe und warf Helth einen raschen, flehenden Blick zu. �Ich habe... L�rm geh�rt�, sagte er stockend. �Einen Schrei... glaube ich.�</p><p>�Du glaubst?� mischte sich Del ein.</p><p>�Ich sagte doch - es ging zu schnell�, antwortete der Freisegler. �Ich wurde wach und h�rte den Schrei, und -�</p><p>�Und du hast niemanden gesehen?�</p><p>Skar runzelte die Stirn und wandte sich zu Helth um. Seine Frage hatte ein wenig zu suggestiv geklungen f�r seinen Geschmack.</p><p>�Einen... Schatten�, sagte der Matrose stockend. �Aber ehe ich hiersein konnte, war schon alles vorbei.�</p><p>Del gab ein ungl�ubiges Schnauben von sich. �Du willst mir erz�hlen, sie h�tte dies alles hier getan und w�re aus der H�hle entkommen, ohne da� sie auch nur einer von euch gesehen h�tte?� fragte er. �Mitten durch sechsunddrei�ig schlafende M�nner hindurch, ohne da� auch nur einer von ihnen wach geworden w�re?�</p><p>�F�nfunddrei�ig�, verbesserte Helth. �Und einen Toten.�</p><p>Del wollte auffahren, aber Skar brachte ihn mit einem warnenden Blick zum Schweigen. �Du mu�t zugeben, Helth�, sagte er ruhig, �da� die Geschichte recht unwahrscheinlich klingt.�</p><p>Helth lachte. �Das tun Geschichten �ber lebende Schiffe und Krieger aus Eis auch�, sagte er w�tend. �Nenne mir einen Grund, weswegen meine M�nner diese Hexe decken sollten! Sie hat einen von uns get�tet, Skar. Und letztlich ist es ihre Schuld, da� wir �berhaupt hier sind.�</p><p>�Sie ist nicht durch den Ausgang entflohen, Herr�, meldete sich der dunkelhaarige Matrose wieder zu Wort.</p><p>Skar starrte ihn an. �Wo entlang sonst?�</p><p>Wieder z�gerte der Mann zu antworten. Dann hob er langsam und so, als m�sse er gegen einen unsichtbaren Widerstand ank�mpfen, die Hand und deutete tiefer in die H�hle hinein.</p><p>�Dort entlang?� fragte Skar zweifelnd. Vergeblich versuchte er, die Wand aus Schw�rze im hinteren Teil der H�hle mit Blicken zu durchdringen. Das r�tliche Licht der Fackeln reichte jetzt, da mehr von ihnen brannten, weiter als vorhin, aber es verlor sich noch immer nach wenigen Schritten in Finsternis und Nacht, als g�be es da etwas, das das Licht aufsaugte.</p><p>�Warum habt ihr sie nicht verfolgt?� fragte Del mi�trauisch.</p><p>�Weil... dort kein Weg entlangf�hrt�, antwortete der Mann. �Die H�hle hat keinen zweiten Ausgang.�</p><p>Del lachte, aber es klang nicht sehr �berzeugend. �Dann ist sie wohl durch die Wand gegangen, wie?�</p><p>Seltsamerweise erschreckten Skar diese Worte. Mehr, als er zugeben wollte.</p><p>�Gebt mir ein Licht�, verlangte er. Einer der Matrosen reichte ihm eine brennende Fackel, trat aber sofort wieder zur�ck, fast als h�tte er Angst, ihm zu nahe zu kommen. Skar konnte die Ablehnung, die ihm pl�tzlich aus den Reihen der M�nner entgegenschlug, beinahe sehen. Und er verstand sie sogar. Gowenna, Del und er waren eins f�r die Freisegler. Sie waren Fremde, Menschen, die von drau�en in die abgeschlossene Welt dieses seefahrenden Volkes eingebrochen waren, und sie hatten Ungl�ck und Tod in ihrem Gefolge mitgebracht.</p><p>Skar schob den Gedanken beiseite und hob die Fackel hoch �ber den Kopf. Die Flamme leckte gegen die niedrige, eisverkrustete Decke und f�cherte wie ein feuriger Pilz auseinander. F�r einen Moment reichte ihr Licht weiter und gew�hrte Skar einen fl�chtigen Blick auf glitzerndes Wei� und bizarre Formen aus Kalk und Eis und Felsen, von den Jahrhunderten zu einer Einheit verschmolzen. Dann schlo� sich die Finsternis wieder wie eine schwarze Woge �ber dem Bild. Er wartete, bis Del und Helth sich ebenfalls eine Fackel genommen hatten, zog seine Waffe und ging vorsichtig los. Der Boden war absch�ssig, und Schmelzwasser war in den hinteren Teil der H�hle gelaufen und unterwegs wieder gefroren, so da� er doppelt vorsichtig gehen mu�te. Die flackernden, durchbrochenen Lichtkreise ihrer Fackeln eilten ihnen voraus, w�hrend sie nebeneinander tiefer in die H�hle eindrangen, und an ihren R�ndern bewegten sich k�rperlose finstere Dinge; Schatten, die aus einer anderen Welt her�bergekommen zu sein schienen, um ihn zu verh�hnen. Skar wu�te, da� sie nur f�r ihn da waren, aber das machte es nicht besser. Er lauschte in sich hinein, aber das Fl�stern war verstummt, die Stimme schwieg, so wie immer, wenn er darauf wartete, da� sie etwas sagte. Nicht einmal das Lachen, das ihn so oft verspottet hatte, war zu h�ren. Er war allein, allein mit sich und seiner Furcht.</p><p>Die H�hle war nicht sehr gro�. Sie waren kaum zwanzig Schritte gegangen, als der Boden sanft anzusteigen begann und nach wenigen weiteren Metern in eine senkrechte, glatte Wand �berging. Und es war so, wie der Mann gesagt hatte - es gab keinen zweiten Ausgang. Nicht einmal einen Spalt. Die R�ckwand der H�hle war so glatt und fugen los, als w�re sie versiegelt worden.</p><p>�Aber das ist doch unm�glich�, murmelte Del. Skar schwieg. Er schwenkte die Fackel, hielt sie so dicht an die Wand heran, da� die Flamme zischend gegen das Eis leckte, und fuhr mit der Hand �ber das schimmernde Wei�. Das Eis f�hlte sich glatt an, beinahe zu glatt. Er trat ein St�ck zur�ck, sah nach rechts und links und blickte dann wieder zu der Stelle hinauf, wo die Flamme seiner Fackel die Wand ber�hrt hatte. Das flache Oval, das die Hitze in das Eis gebrannt hatte, war die einzige sichtbare Unterbrechung der schimmernden wei�en Fl�che.</p><p>�Hier ist sie jedenfalls nicht raus�, sagte Del bestimmt. �Deine M�nner haben gelogen.�</p><p>Die Worte galten Helth, und der Vede fuhr mit einem w�tenden Zischen herum und funkelte Del an. Sein Atem bildete fl�chtige graue W�lkchen vor seinem Gesicht, und f�r einen winzigen Moment schienen Skar die Z�ge, die er dahinter wahrnahm, kaum noch menschlich, sondern auf bizarre Weise verzerrt und verdreht. Aber das mu�te an der unsicheren Beleuchtung liegen. �H�te deine Zunge, Satai�, riet er ihm. �Ich wei� sowenig wie du, wie sie es bewerkstelligt hat. Vielleicht war dunkle Magie im Spiel oder irgendeiner der Tricks, den diese Errish auf Lager haben. Aber wenn meine M�nner sagen, sie ist hier entlang gegangen, dann ist es so.�</p><p>Del verzog sp�ttisch die Lippen. �Und wie, wenn ich fragen darf? Hat sie vielleicht einen Zauberspruch aufgesagt, auf den hin sich die Wand vor ihr aufgetan hat?�</p><p>�So ungef�hr�, mischte sich Skar wieder ein, bevor Helth auf seinen sarkastischen Ton reagieren und vollends auffahren konnte. Del sah ihn verwirrt an, und auch Helth drehte sich zu ihm um und zog fragend die Augenbrauen in die H�he.</p><p>�Der Matrose hat die Wahrheit gesagt�, stellte er ruhig fest. Er reichte Del seine Fackel, zog sein Schwert aus dem G�rtel und packte es mit beiden H�nden.</p><p>�Was -�</p><p>Del verstummte, als Skar die Waffe schwang und die d�nne Klinge wuchtig gegen die Wand krachen lie�.</p><p>Das scheinbar massive Eis zersprang wie Glas. Ein ungeheures, nicht endendes Klirren und Bersten lie� die H�hle erzittern, als Skar immer und immer wieder zuschlug und kopfgro�e St�cke aus der Wand heraushieb.</p><p>Nach kaum einer Minute hatte er eine �ffnung geschaffen, durch die ein erwachsener Mann bequem hindurchgehen konnte. Das Eis war nur scheinbar massiv. Es war nicht so klar wie normales Eis, sondern von milchiger wei�er Farbe, so da� sie den Eindruck bekommen hatten, vor einer meterdicken Mauer zu stehen. Aber die Wand war kaum st�rker als eine Schwertklinge, und die H�hle setzte sich auf der anderen Seite fort. Ein eisiger Luftzug wehte durch den entstandenen Durchgang und lie� ihre Fackeln flackern.</p><p>Del keuchte, trat n�her an das gezackte Loch heran und beugte sich neugierig vor. Skar hielt ihn zur�ck, als er mit einem Schritt hindurchtreten wollte. �Tu es nicht.�</p><p>�Warum?� fragte Del. �Ihr Vorsprung kann noch nicht sehr gro� sein.�</p><p>Statt einer direkten Antwort wies Skar auf die R�nder der �ffnung. Das Eis wuchs nach.</p><p>Als liefe die Zeit vor ihren Augen hundert Mal schneller ab, bildeten sich blitzende Kristalle und glitzernde, blattd�nne H�utchen an den zerborstenen Kanten, wuchsen zu Schollen und gro�en durchbrochenen Mustern zusammen und begannen den Durchgang zu verschlie�en.</p><p>Del keuchte. Seine Augen weiteten sich ungl�ubig. �Das ist -�</p><p>�Zauberei�, sagte Helth erregt. �Geh ruhig hindurch, Satai. Ich bin sicher, sie wird dir einen w�rdigen Empfang bereiten.� Sein Blick wurde hart. Mit einer w�tenden Bewegung lie� er die Faust auf den Rand des Loches krachen; ein weiteres St�ck brach aus der Wand und zersplitterte auf dem Boden, aber auch hier begann der unheimliche Regenerationsproze� beinahe augenblicklich. Der Anblick erinnerte Skar �berdeutlich an das, was er drau�en im See mit dem Dronte erlebt hatte.</p><p>�Glaubt ihr mir jetzt?� fragte Helth. �Sie hat uns alle nur benutzt, auch euch, ihr stolzen, tapferen Satai! Die beiden Eiskrieger dort drau�en waren nur dazu da, uns hier wegzulocken, und -�</p><p>�Schweig lieber�, unterbrach ihn Skar. Er sprach ganz ruhig, aber in seiner Stimme war ein leiser, warnender Ton, der Helth zum Verstummen brachte. Der junge Vede zitterte. Seine H�nde fuhren in fahrigen, unbewu�ten Bewegungen �ber den G�rtel, strichen �ber die leere Schwertscheide und fingerten an den �sen des Kettenhemdes, das er unter seinem Wams trug. Skar war pl�tzlich sicher, da� er ihn angegriffen h�tte, w�re er im Besitz einer Waffe gewesen.</p><p>�Warum?� fragte Helth verbissen. �Hast du Angst, die Wahrheit zu h�ren? Geht es gegen deine Ehre, zuzugeben, da� man dich hereingelegt hat, du tapferer Satai?�</p><p>Del spannte sich ein ganz kleines bi�chen. Die Bewegung war im flackernden Licht der Pechfackel mehr zu erahnen als wirklich zu sehen, aber sowohl Skar als auch Helth sp�rten es.</p><p>Skar deutete durch die Bresche in der Eiswand. �Wir m�ssen sie verfolgen�, befahl er knapp. �Rufe ein paar deiner M�nner, Helth.� Der Vede r�hrte sich nicht von der Stelle. �Das ist doch sinnlos�, sagte er trotzig. �Sie ist l�ngst verschwunden, und -�</p><p>�Vielleicht finden wir Spuren�, unterbrach ihn Skar. �Aber nur, wenn wir uns beeilen, Helth. Wenn es wieder zu schneien beginnt oder der Wind auffrischt, ist es zu sp�t. Geh und rufe ein paar deiner M�nner.�</p><p>Es war nicht n�tig. Die Freisegler waren ihnen gefolgt, in gro�em Abstand zwar und weitaus vorsichtiger als sie, aber doch dicht genug, da� sie seine Worte verstanden hatten. Drei, vier der ausgemergelten Gestalten traten z�gernd in den Kreis flackernder Helligkeit, der sie umgab; unter ihnen der dunkelhaarige Mann, mit dem Skar schon zuvor gesprochen hatte.</p><p>�Niemand von uns wird euch dorthin folgen, Herr�, sagte er und zeigte auf das finstere Gew�lbe, das hinter der gezackten �ffnung sichtbar geworden war. Seine Stimme klang leise, aber fest. Er hielt Skars Blick nicht stand. �Hier ist Hexenkunst am Werke, Herr, und -�</p><p>�Bl�dsinn�, mischte sich Del ein. �Das ist keine Hexerei, sondern ein �bler Trick dieser Errish, die -�</p><p>�La� ihn, Del�, sagte Skar. Zu dem Matrosen gewandt, fuhr erfort: �Ich respektiere eure Gr�nde. Mir ist selbst nicht wohl bei der Vorstellung, aber ich f�rchte, wir haben gar keine andere Wahl mehr, als sie zu verfolgen. Ihr braucht nicht mit uns zu kommen. Del, ich und� - er sah den Veden scharf an und z�gerte einen unmerklichen Moment - �Helth werden gehen. Nehmt euch �xte und Schwerter und haltet den Durchgang offen, das ist alles, was ich verlange.�</p><p>Der Mann nickte nerv�s. Sein Blick flackerte unstet. Selbst die blo�e N�he dieser auf so unglaubliche Weise entstandenen Wand schien ihm Unbehagen zu bereiten.</p><p>Skar l�chelte aufmunternd, b�ckte sich und trat mit einem entschlossenen Schritt durch die mannshohe �ffnung. Der Wind fauchte ihm w�tend entgegen, zerrte an seinen Haaren und seinen Kleidern und lie� ihn taumeln. Es war k�lter auf dieser Seite der Barriere, merklich k�lter sogar, und das Licht der Fackeln bildete einen kleinen, flackernden Kreis aus rotgelber Helligkeit, der unter dem Ansturm der Finsternis best�ndig zusammenzuschrumpfen schien. Er streckte fordernd die Hand aus und nahm seine und Dels Fackeln entgegen, dann trat er zur Seite und lie� den jungen Satai her�ber. Auch Del fr�stelte, und Skar wu�te, da� die K�lte auf dieser Seite nicht eingebildet war. �Wo bleibst du?� fragte Del ungeduldig, als Helth noch z�gerte, ihnen zu folgen.</p><p>�Ich... brauche eine Waffe�, erkl�rte der Vede unsicher. Er sprach stockend, und man mu�te kein gro�er Menschenkenner sein, um zu sp�ren, da� es eine Ausrede war. Trotzdem nickte Skar.</p><p>Del runzelte die Stirn, als Helth sich mit einer hastigen Drehung umwandte und ging. �Was soll das?� murmelte er, so leise, da� die M�nner auf der anderen Seite der Wand die Worte nicht verstehen konnten. �Er hat Angst. Aber wovor?�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Skar antwortete. Er sah sich um. Das Licht reichte auch jetzt, als sie die Fackeln mit her�bergebracht hatten, nicht weit genug, um die ganze H�hle �berblicken zu k�nnen, aber er glaubte die Schemen gewaltiger geborstener Felsen zu sehen, titanischer Brocken, die von der Decke gest�rzt waren und die H�hle in ein Labyrinth aus Steinen und verkrustetem Eis verwandelten. Der Wind nahm an Intensit�t und K�lte zu. Die H�hle konnte nicht sehr gro� sein. Und er wu�te, da� sie einen zweiten Ausgang finden w�rden, nicht sehr weit von hier. �Vielleicht vor dem, was wir finden�, murmelte er.</p><p>�Vor dem, was...� Del seufzte. �Hat dich Gowenna jetzt schon angesteckt? Oder kommst du dir besonders interessant dabei vor, in R�tseln zu sprechen?�</p><p>Skar blieb ernst. �Ich... bin nicht sicher�, murmelte er. �Aber ich...� Er z�gerte. �Es f�llt mir schwer, zu glauben, da� es wirklich Gowenna gewesen sein soll, Del.�</p><p>Del zog eine Grimasse und griff sich mit der Linken an den Sch�del. �Zumindest ist sie f�r meine Kopfschmerzen verantwortlich�, brummte er. �Ich w�rde mich gerne mit ihr dar�ber unterhalten.�</p><p>�Aber sie hatte keinen Grund�, murmelte Skar. Er dachte wieder an die Blutspur, die er gefunden hatte. Eine Spur, die vom Krater wegwies.</p><p>�Keinen Grund ?� Del fuhr herum und wies mit einer �bertriebenen Geste zur�ck in die Haupth�hle. �Wenn das, was hier passiert ist, nicht Grund genug ist...�</p><p>Skar nickte. �Das meine ich nicht, Del.� Er �berlegte einen Moment, ob er Del von seinem Gespr�ch mit Gowenna erz�hlen sollte. Er wu�te, da� sie ihn nicht belogen hatte. Trotz allem war Gowenna - auf ihre Art - ehrlich. Aber Del w�rde das nicht verstehen. �Hier stimmt etwas nicht�, fuhr er fort, leise und mehr zu sich selbst als an Del gewandt. �Ich habe Blut gefunden, oben auf den Felsen, wo... du niedergeschlagen wurdest.� Er hob die Hand. An der Kuppe seines Mittelfingers war noch ein winziger brauner Fleck zu erkennen. �Wenn es nicht von dir stammt, dann bleibt nur noch eine M�glichkeit.�</p><p>�Gowenna?� fragte Del ungl�ubig. �Aber wer sollte...�</p><p>�Der gleiche, der uns glauben machen will, da� sie zur�ckgekommen ist, den Matrosen erschlagen und Vela entf�hrt hat, und das alles so schnell und so lautlos, da� sechsunddrei�ig M�nner nur einen Schatten gesehen haben.� Skar lachte humorlos. �Jemand versucht uns an der Nase herumzuf�hren, Del, aber er stellt sich nicht besonders geschickt dabei an. Du hast die Wunde am Hals des Mannes gesehen. Wof�r h�ltst du sie - f�r einen Schnitt oder einen Schwerthieb?�</p><p>�Einen Schnitt�, antwortete Del, ohne zu �berlegen. �Ein Hieb von solcher Wucht h�tte ihm den Kopf von den Schultern getrennt.� Skar sch�ttelte den Kopf. �Kein Mensch hat die Kraft f�r einen solchen Schnitt, Del�, erkl�rte er. �Er ging durch bis zum R�ckgrat. Und die Kette - hast du sie nicht gesehen? Glaubst du, Gowenna w�re stark genug, eine Kette aus Sternenstahl zu zerrei�en?� Pl�tzlich war alles ganz klar. �In einem Punkt hatte Helth recht�, folgerte er grimmig. �Die beiden Eiskrieger sollten uns weglocken - aber uns alle.� Del schwieg einen Moment. Auf seinem Gesicht lag ein betroffener Ausdruck. �Und Gowenna?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, gestand Skar. �Ich wollte, ich w��te, welche Rolle sie in alldem spielt.� Und lautlos, nur f�r sich und in Gedanken, f�gte er hinzu: <emphasis>Und ob sie noch lebt.</emphasis></p><p>Er sah auf, als auf der anderen Seite der Wand Stimmen und Ger�usche laut wurden und der Vede zur�ckkam. �Kein Wort zu Helth�, f�gte er hastig hinzu. �Ich will erst sicher sein, da� ich mich nicht t�usche.�</p><p>Er hob seine Fackel ein wenig h�her und trat zur Seite, als Helth geb�ckt durch den gezackten Ri� in der Wand trat. Der Vede trug jetzt wieder Schild und Schwert; zus�tzlich hatte er eine gewaltige zweischneidige Axt in den G�rtel geschoben. Skar unterdr�ckte ein Seufzen. Helth war und blieb ein Kind.</p><p>Schweigend gingen sie los. Der hintere Teil der H�hle unterschied sich kaum von dem, in welchem die Matrosen lagerten - der Boden war uneben, aber glatt, und von der Decke wuchsen bizarre Gebilde aus Eis oder Kalk, die Unterschiede waren nicht mehr auszumachen, verwischt von Jahrhunderten der K�lte und Dunkelheit. Von Zeit zu Zeit ert�nte hinter ihnen ein ged�mpftes Klirren und Splittern, wenn die Matrosen Skars Befehl folgten und die �ffnung in der Eiswand wieder aufbrachen. Im hinteren Viertel des Gew�lbes bildeten Felsen ein beinahe un�bersteigbares Gewirr; die Decke war hier h�her, und ein breiter, gezackter Ri� lie� den schwachen Schein der Sterne hindurch.</p><p>�Dort.� Del deutete auf einen halbrunden, mehr als mannshohen Durchgang in der r�ckw�rtigen Wand der H�hle und schwenkte seine Fackel. Ihr Licht lie� die geschliffenen Kanten breiter, aus wasserklarem Eis geformter Stufen in der Dunkelheit aufblitzen.</p><p>Skar ging an ihm vorbei, blieb unmittelbar vor dem k�nstlichen Durchgang stehen und ber�hrte die unterste Stufe mit dem Fu�. Das Eis knisterte, und von oben fiel das bleiche Licht des Nachthimmels zu ihm herab. Die Treppe war nicht sehr lang - drei, vielleicht vier Dutzend Stufen, die sehr steil in die H�he f�hrten und mit den unregelm��igen Schatten des Ausganges verschmolzen. Skar setzte vorsichtig einen Fu� auf die unterste Stufe, so langsam, als m�sse er sich davon �berzeugen, da� sie sein K�rpergewicht trug und nicht etwa unter ihm zusammenbrach, winkte den beiden anderen, ihm zu folgen, und ging los. Seine linke Hand tastete am glatten Eis der Wand entlang, und f�r einen Moment glaubte er, ein dumpfes Pochen und Vibrieren zu sp�ren; etwas wie das Schlagen eines gewaltigen Herzens. Eine Vision blitzte vor seinem inneren Auge auf: Er sah sich noch einmal auf dem Deck des Dronte knien und in die schwarze H�hlung seines Leibes hinabblicken. Er sch�ttelte den Kopf und vertrieb das Bild, aber etwas blieb zur�ck. Die Gewi�heit, da� es keinen Zufall gab: Diese Insel war mehr als ein lebloser Eis- und Steinklotz in der Weite des Meeres. Was immer es war, das den Dronte beseelte, es war auch hier. Und er hatte das Gef�hl, der L�sung des R�tsels sehr nahe zu sein.</p><p>Der Wind schlug ihm wie eine eisige Faust ins Gesicht, als er das Ende des Stollens erreichte und aus dem Berg heraustrat. Hinter im dr�ngten Del und Helth ins Freie.</p><p>Sie waren auf der anderen Seite der Berge. Unter ihren F��en lag ein schmaler, felsiger Sims, der durch eine Laune der Natur vollkommen eisfrei geblieben war, davor fiel der Fels steil und beinahe senkrecht sechzig, siebzig Fu� weit in die Tiefe. Der diesseitige Teil des Landes mu�te tiefer liegen als die Ebene.</p><p>Skar versuchte vergeblich, Einzelheiten seiner Umgebung zu erkennen. Vor und unter ihnen sah er Dinge, formlose zerfranste Schatten, grau und wei� und mit dem Eis der Ebene verschmolzen. Er konnte nicht sagen, ob es Eis oder Felsen oder vielleicht auch die �berreste von Geb�uden waren, �hnlich dem, in welchem sie drau�en auf der Ebene �bernachtet hatten. Der Himmel war jetzt grau, nicht mehr schwarz, aber es war jener fl�chtige Teil der D�mmerung, in dem sich Nacht und Morgengrauen die Waage hielten und der Blick noch weniger weit reichte als im Sternenlicht.</p><p>�Was ist das, Skar?� murmelte Del.</p><p>Skar starrte weiter auf die endlose, mit formlosen Umrissen �bers�te Ebene hinab. �Unser Ziel�, murmelte er. �Der Ort, an dem uns der Dronte haben wollte, Del. Er - oder wer oder was immer ihn lenkt.� M�hsam ri� er sich von dem bizarren Anblick los, drehte sich halb um und lie� sich auf die Knie sinken. Der Boden war eisfrei, aber der Fels unter seinen Fingern war hart wie Stahl; selbst bei Tageslicht h�tte er nicht die geringste Spur gefunden.</p><p>Zur Linken f�hrten weitere Stufen in die Tiefe, bereits halb zerschmolzen und abgeschmirgelt von der Wut des Sturmes und - wie jene im Inneren des Berges - ein wenig zu hoch und zu breit, um wirklich bequem darauf gehen zu k�nnen.</p><p>Helth wollte an ihm vorbei und die Stufen hinabgehen, aber Skar hielt ihn zur�ck.</p><p>�Das ist sinnlos, Helth�, sagte er. �Wer immer die Errish hier herausgeschafft hat, ist l�ngst fort.� Er seufzte. Sein Blick irrte nach Westen. Der schwarze Buckel des Gebirges verlor sich schon nach wenigen Dutzend Schritten in den Schatten der weichenden Nacht. Aber er mu�te ihn auch nicht sehen, um zu wissen, da� der Dronte wartete, irgendwo dort drau�en. Er - oder das, was aus ihm herausgekrochen war.</p><p>�Gehen wir zur�ck�, entschied er. �Es wird bald hell. Wenn die Sonne aufgeht, finden wir vielleicht Spuren.�</p><p>Helth widersprach nicht. Er wirkte sichtlich erleichtert, als sie sich umwandten und zu den wartenden Freiseglern in die H�hle zur�ckgingen.</p></section><section><title><p id="_18">18.</p></title><p>In der H�hle herrschte bedr�cktes Schweigen, als sie zu den Freiseglern zur�ckkehrten. Ein halbes Dutzend von ihnen hatte Skars Befehl befolgt und den Durchgang freigehalten, aber die anderen dr�ngten sich in einem kleinen Bereich unmittelbar vor dem Ausgang des steinernen Gew�lbes zusammen. Sie f�rchteten sich, dem hinteren Teil der H�hle zu nahe zu kommen, und wahrscheinlich f�rchteten sie sich auch ebenso vor ihm; vor ihm und Del, vielleicht auch vor Helth. Skar verstand gut, was in den M�nnern vorging. Er war nicht der einzige, der den Atem des Dronte sp�rte, das k�rperlose, unheimliche Ding, das ihnen vom See her gefolgt war und geduldig auf den Moment lauerte an dem es zuschlagen konnte. Im Grunde bewunderte er die M�nner der SHAROKAAN sogar - sie waren Seeleute, M�nner zwar, welche die harte Welt des offenen Meeres und all ihre Gefahren kannten, aber der Feind, mit dem sie hier konfrontiert wurden, war kein normaler Gegner. Er war verschlagen und todbringend, aber das war es nicht, was diese M�nner bis auf den Grund ihrer Seelen erschreckte. Die Meere Enwors waren auch voller Gefahren und unbekannter, t�dlicher Geheimnisse, und jeder einzelne von ihnen hatte sein Leben sicher schon ein Dutzend Mal gegen Piraten und Kaperschiffe verteidigen m�ssen; vielleicht auch gegen Ungeheuer, die Del und er sich nicht einmal vorzustellen vermochten. Aber dies hier war etwas anderes. H�tten sie einem Gegner aus Fleisch und Blut gegen�bergestanden, w�rde sich Skar im Kreis dieser schweigsamen, harten M�nner sicher gef�hlt haben. Aber die schlimmste Waffe ihres Feindes waren nicht Feuer und Glut des Dronte, auch nicht die blitzenden Klingen der Eiskrieger. Es war seine Fremdartigkeit, die Aura des anderen, Nichtlebenden, die wie ein unsichtbarer Pesthauch �ber dieser Insel lag und langsam ihre Gedanken vergiftete, zehnmal mehr an ihren Kr�ften zehrte, als es die K�lte und die Entbehrungen allein gekonnt h�tten. Auch Skar selbst sp�rte es; vielleicht st�rker als sie alle. Vielleicht war die k�rperlose Stimme in ihm nicht sein dunkler Bruder, dieses Erbe der alten Menschen, mit dem er geschlagen war wie mit einem b�sen Fluch, sondern nichts als ein Echo, die Antwort seiner eigenen Seele auf den Ruf des Dronte, seine eigene Art, mit der Furcht vor dem Fremden fertig zu werden.</p><p>Die M�nner wichen zur Seite, als Skar zu seinem Lager ging und sich mit einem ersch�pften Seufzen auf die zerschlissenen Decken sinken lie�. Er fror, und er f�hlte sich - inmitten dieses immer noch beinahe halben Hunderts M�nner - einsam, auf eine qu�lende, entmutigende Art allein. Die Matrosen gingen einer nach dem anderen wieder zu ihren Pl�tzen zur�ck, und Skar fiel pl�tzlich und mit schmerzhafter Intensit�t wieder auf, da� sein eigenes Lager ein St�ck abseits der anderen war; nicht viel, aber doch so deutlich, da� es kein Zufall mehr sein konnte. Sie wichen vor ihm zur�ck, aber er sp�rte, da� es weniger Respekt war, der das Verhalten der M�nner bestimmte, sondern vielmehr Furcht. Furcht wovor, dachte er. Vor seinen H�nden, mit denen er t�ten konnte wie sie mit Schwert und Bogen? Kaum. Sie waren noch immer sechsunddrei�ig, mehr als genug, um auch mit einem Satai fertig zu werden. Oder war es vielleicht so, da� sie keinen Unterschied zwischen ihm und dem Dronte machten, da� er einfach fremd und damit ein Eindringling, vielleicht sogar ein Feind war?</p><p>Im Grunde war dies nicht ihr Kampf. Alles, was geschehen war, hatte auf die eine oder andere Weise mit ihm, mit Gowenna oder Vela zu tun. Das Schicksal der Freisegler war entschieden, als der Dronte ihr Schiff verbrannt hatte, und vielleicht war es wirklich so, wie Helth sagte: Er z�gerte ihren Tod nur hinaus und verl�ngerte ihn um seine eigenen Qualen.</p><p>Er dachte wieder an Rayan, und er wu�te jetzt, da� der Freisegler recht damit tat, ihm das Kommando �ber seine M�nner zu �bertragen und nicht Helth; zumindest von seinem Standpunkt aus. H�tte der Vede die M�nner gef�hrt, w�re er es gewesen, der sie hierher, ans Ende der Welt und ans Ende jeder Hoffnung brachte, s��e er jetzt statt seiner hier und w�rde ihre Furcht und ihre Ablehnung sp�ren. Rayan mu�te gewu�t haben, da� es keine Rettung mehr f�r sie gab. Und er hatte nicht seinen Sohn, sondern ihn zum Schuldigen gemacht.</p><p>Skar sah auf, als Del sich mit �berkreuzten Beinen neben ihn auf das Lager sinken lie� und den Kopf gegen die Wand lehnte.</p><p>�Was hast du?� fragte der junge Satai. �Du siehst aus, als w�rde dich etwas bedr�cken.� Er l�chelte.</p><p>Es hatte eine Zeit gegeben, da h�tte er Dels gutm�tigen Spott als die Aufmunterung empfunden, als die es gemeint war, und es h�tte sogar funktioniert. Jetzt war es nichts als Gewohnheit, da� er sein L�cheln erwiderte.</p><p>�Es ist nichts�, murmelte er. �Ich �be mich ein bi�chen in Selbstmitleid, das ist alles.�</p><p>�Selbstmitleid?� Dels linke Augenbraue zuckte ein St�ck in die H�he. �Ich erinnere mich an einen Mann, der mir stundenlange Vortr�ge dar�ber gehalten hat, wie wenig nutzbringend es ist, �ber Dinge zu jammern, die geschehen sind und sich nicht mehr r�ckg�ngig machen lassen. Was ist mit ihm geschehen?�</p><p>Skar antwortete nicht, aber Dels Worte �bten eine eigenartige Wirkung auf ihn aus. War es das? Del hatte es schon einmal gesagt, aber damals hatte er nicht begriffen, was der junge Satai wirklich damit meinte; er hatte nicht dar�ber nachgedacht, vielleicht nicht einmal dar�ber nachdenken wollen, weil er da schon sp�rte, da� Del sich im Recht und er sich im Unrecht befand. Waren es vielleicht gar nicht Del und Gowenna, die sich ver�ndert hatten, sondern er?</p><p>Er erschrak. Als h�tte die Frage eine unsichtbare Barriere in seinen Gedanken niedergerissen, fielen ihm noch einmal die tausend Dinge ein, die seither geschehen waren, Belanglosigkeiten zumeist, die Unterschiede, die er bei Del zu sehen geglaubt hatte und die vielleicht in Wirklichkeit bei ihm lagen.</p><p>�Im Ernst, Skar�, fuhr Del fort, als ihm nach einer Weile klar wurde, da� Skar nicht von sich aus antworten w�rde. �Wir m�ssen etwas unternehmen.�</p><p>�Und was?� fragte Skar.</p><p>Dels Blick verh�rtete sich. Seine Augen glitzerten wie kleine polierte Stahlkugeln im Halbdunkel der H�hle. �Was soll das, Skar?� fragte er leise. �Seit wann gibst du auf? Seit wann legst du die H�nde in den Scho� und resignierst? Ich dachte, das w�re etwas f�r M�nner wie Helth.�</p><p>Skar �berging den lauernden Ton in seiner Stimme. �Ich wei� einfach nicht weiter�, bekannte er und starrte an Del vorbei in die tanzenden Schatten, die sich wieder wie ein Vorhang zwischen sie und die glatte Eiswand im hinteren Drittel der H�hle geschoben hatten. Die M�nner waren - mit wenigen Ausnahmen - wieder zu ihren Lagern zur�ckgekehrt, aber keiner von ihnen schien zu schlafen. Da und dort hatten sich kleine Gruppen zusammengefunden; einige redeten miteinander, die meisten sa�en nur da und starrten dumpf vor sich hin, sie waren nicht zusammen, um zu reden, sondern nur, um nicht allein sein zu m�ssen. Angst lag wie etwas Sp�rbares, Finsteres in der Luft. �Irgend jemand spielt mit uns�, murmelte er. �Aber ich wei� nicht, wer, und ich wei� nicht, warum.� Er ballte die Faust, wie um sich damit auf die Schenkel zu schlagen, und lie� die Hand dann mit einem kraftlosen Kopfsch�tteln wieder sinken. �Verdammt, Del, ich kann nicht gegen einen Gegner k�mpfen, den ich nicht kenne. Ich kann keinen Kampf gewinnen, von dem ich nicht einmal wei�, worum es geht.�</p><p>�Du kannst nicht gegen die ganze Welt k�mpfen, Skar�, murmelte Del. �Es wird Zeit, da� du das begreifst. Du wirst dir Verb�ndete suchen m�ssen.�</p><p>�Wie -�</p><p>�Frag mich nicht, wie ich das gemeint habe�, entgegnete Del scharf. Seine Augen waren noch immer geschlossen; sein Kopf lehnte entspannt am Felsen. Aber seine Worte straften die Haltung L�gen. �Du wei�t es ganz genau, Skar.� Er lachte ganz leise. �Sieh dich doch um. Diese M�nner hier - sie sind nicht deine Verb�ndeten. Es sind nicht einmal <emphasis>deine </emphasis>M�nner. Ich glaube, im Grunde f�rchtest du dich sogar vor ihnen.� Er schwieg einen Moment, setzte sich wieder auf und blickte an Skar vorbei zum H�hlenausgang. Vor dem niedrigen Halbrund begann sich das erste Grau der D�mmerung abzuzeichnen. �Helth?� fuhr er fort und lachte wieder. ��ber ihn brauchen wir nicht zu reden. Und was ist mit mir?�</p><p>�Du -�</p><p>Wieder unterbrach ihn Del, und diesmal war etwas in seiner Stimme, was Skar alarmiert aufhorchen lie�. �Ich beginne mich zu fragen, ob es nicht ein Fehler war, zu dir zur�ckzukehren, Skar�, sagte er. �Man sagt, da� ein Satai sp�rt, wenn seine Ausbildung beendet ist und er allein weiterziehen mu�. Vielleicht habe ich diesen Zeitpunkt verpa�t. Vielleicht h�tte ich nie einen Fu� auf dieses Schiff setzen sollen.�</p><p>�Bitte, Del�, murmelte Skar. �Ich... ich habe nicht die Kraft, mich jetzt auch noch mit dir zu streiten.�</p><p>�Genau das ist es�, erwiderte Del ruhig. �Ich will nicht mit dir streiten, Skar. Ich will nur mit dir reden, mehr nicht. Wir waren einmal Freunde.�</p><p>�Sind wir das nicht mehr?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, entgegnete Del. Seine Stimme klang pl�tzlich sehr ernst. �Ich wei�, da� es der schlechteste Moment ist, um dar�ber zu reden, aber...�</p><p>�Warum tust du es dann?�</p><p>�Vielleicht, weil es der letzte m�gliche Moment ist, Skar. Vielleicht, weil wir morgen sterben werden, und weil ich wissen m�chte, ob ich neben einem Freund oder einem Fremden k�mpfe, Skar. Ist es wegen ... Vela?� Er l�chelte bitter. �Ich habe sie geliebt, ich wei�, aber es ist vorbei. Die Frau, die sie einmal war -�</p><p>�Existiert nicht mehr, ich wei߫, unterbrach ihn Skar ver�rgert. �Wei�t du eigentlich, wie oft ich diesen Satz in den letzten Tagen geh�rt habe?�</p><p>�Vielleicht sollte ich statt dessen sagen, da� der Mann, den ich einmal gekannt habe, nicht mehr existiert�, verbesserte sich Del. Pl�tzlich schwang ein neuer, aggressiver Ton in seinen Worten. �Was ist mit dir, Skar? Du hast dich ver�ndert, seit...� er z�gerte, �seit ich dich verlassen habe, damals in Cosh. Ist es das? Hast du es nicht verwunden, da� ich dich im Stich gelassen habe, einer Frau wegen?�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. Nein. Das war es nicht gewesen. Aber Del war der Antwort nahe, vielleicht n�her, als er selbst ahnte.</p><p>�Vielleicht frage ich mich, wer du bist, Del�, murmelte er. �Vielleicht wei� ich nicht, wer aus den S�mpfen von Cosh zur�ckgekehrt ist. Hineingebracht haben sie dich.� <emphasis>Deinen Leichnam, </emphasis>f�gte er in Gedanken hinzu.</p><p>Del zog die Beine an, beugte den Oberk�rper vor und legte die verschr�nkten Arme auf die Knie. �Das ist es also�, murmelte er. �Sie haben mich gewarnt, wei�t du das?� Skar schwieg, aber Del erwartete auch nicht wirklich eine Antwort. �El-tra hat mir gesagt, da� es besser sei, wenn ich verschweigen w�rde, was mir... zugesto�en ist. Aber ich dachte nicht, da� du...�</p><p>�Das ist es nicht allein�, sagte Skar, aber Del sprach weiter, als h�tte er seine Worte gar nicht geh�rt. �Gerade du, Skar? Wei�t du nicht am besten, wie es ist? Hast du nicht selbst schon an der Schwelle gestanden, damals in Went?�</p><p>Skar hatte gewu�t, da� Del dies sagen w�rde. Und es war einer der Gr�nde gewesen, weshalb er vor der Aussprache, die Del ihm so offensichtlich aufzwingen wollte, zur�ckgeschreckt war. Seltsamerweise schmerzten seine Worte nicht halb so sehr, wie er bef�rchtet hatte.</p><p>�Das war... etwas anderes�, sagte er ausweichend.</p><p>�Nein! Das war dasselbe�, antwortete Del grob. �Du warst tot, nachdem dich der <emphasis>Khta�m </emphasis>angefallen und gebissen hatte, Skar. Dein Herz schlug nicht mehr, und dein K�rper war kalt. Du warst gestorben.�</p><p>�Unsinn�, widersprach Skar. �Du wei�t, da� das nicht stimmt.�</p><p>�So wenig wie bei mir.� Del sch�ttelte den Kopf, seufzte tief und legte das Kinn auf die Arme. �Nat�rlich wei� ich, da� es anders war�, sagte er leise. �Ein Mensch h�rt nicht auf zu leben, wenn sein Herz nicht mehr schl�gt. Du wei�t es, und ich wei� es. Wir haben es erlebt; beide.� Er sah auf; l�chelte. �Ist das nicht sonderbar? Je mehr wir zu ergr�nden versuchen, was uns trennt, desto mehr Gemeinsames finden wir.�</p><p>�Das ist es nicht allein�, sinnierte Skar halblaut. Es fiel ihm immer schwerer, Dels Blick standzuhalten. �Ich...� Er l�chelte nerv�s. �Ich frage mich ernsthaft, ob ich langsam verr�ckt werde.�</p><p>Del nickte, als h�tte er diese Antwort erwartet. �Nicht nur du allein, Skar�, sagte er. �Glaubst du, mir geht es besser? Mir oder� - er machte eine hastige, fahrige Geste in die H�hle hinein - �irgendeinem dieser M�nner? Schiffe, die sich in Ungeheuer verwandeln. Krieger aus Eis! Bei allen G�ttern, Skar - wenn es das ist, was dich bedr�ckt, dann...�</p><p>�Das ist es nicht�, unterbrach ihn Skar, und diesmal auf eine Art, die Del abrupt verstummen und ihn beinahe erschrocken anstarren lie�. F�r einen Moment war er nahe daran gewesen, ihm von seinem Fluch zu erz�hlen, der Stimme in seinem Inneren, die wieder erwacht war und ihn langsam, aber unerbittlich in den Wahnsinn trieb.</p><p>Aber nat�rlich tat er es nicht.</p><p>Er sp�rte, da� Del nicht weiterreden w�rde, aber er war nicht erleichtert dar�ber, sondern beinahe entt�uscht. Nun, was hatte er erwartet? Eine gro�e, melodramatische Aussprache, nach der sie sich in die Arme schlie�en und wieder die unzertrennlichen Freunde sein w�rden, die sie gewesen waren? <emphasis>Narr.</emphasis></p><p>Del wollte aufstehen und gehen, aber Skar hielt ihn zur�ck. �Warte.� Del z�gerte, machte noch einen halben Schritt und lie� sich widerwillig noch einmal auf die durchn��ten Decken sinken.</p><p>�Wir m�ssen weiter�, erkl�rte Skar. �Die Sonne geht auf. Wenn wir im Schutz der Berge bleiben, erreichen wir vielleicht bis zum Abend die K�ste. Und wir m�ssen Gowenna suchen�, f�gte er nach einer winzigen Pause hinzu.</p><p>Del runzelte die Stirn. �Suchen? <emphasis>Hier?� </emphasis>Er sch�ttelte den Kopf, sah zum Ausgang und seufzte �bertrieben. �Glaubst du wirklich, da� das Sinn hat?� fragte er.</p><p>�Sinn oder nicht, wir m�ssen es tun�, antwortete Skar, pl�tzlich beinahe krampfhaft darum bem�ht weiterzureden, als k�nne er damit das, was sie vorher besprochen hatten, rechtfertigen, vielleicht auch ungeschehen machen.</p><p>�Ihr werdet sie nicht finden, Satai.�</p><p>Skar sah auf und starrte Helth einen Herzschlag lang b�se an. Er hatte nicht geh�rt, wie der Vede n�her gekommen war, und er wu�te auch nicht, wieviel von ihrem Gespr�ch er belauscht hatte. Aber er schluckte die w�tende Entgegnung, die ihm auf der Zunge lag, hinunter. Wieder einmal.</p><p>�Woher willst du das wissen?� fragte Del unger�hrt.</p><p>�Sie hat uns benutzt, dich und deinen Freund und uns�, fuhr Helth fort. Skar hatte den Eindruck, da� er Dels Frage bewu�t ignorierte und nur auf einen Moment gewartet hatte, sich in ihr Gespr�ch zu mischen. Es war kein Zufall. Helth war aus einem ganz bestimmten Grund zu ihnen gekommen.</p><p>Skar schwieg weiter, aber Del sch�rzte die Lippen und gab ein leises, abf�lliges Lachen von sich. �Das hast du schon einmal gesagt, Vede�, stellte er ruhig fest. �Ist das dein Lieblingssatz, oder kannst du nur den einen?�</p><p>Helth' Miene erstarrte. Skar setzte dazu an, Del zur Ruhe zu mahnen, tat es aber dann doch nicht. Vielleicht hatte Del recht. Fr�her oder sp�ter w�rde Helth einen Zusammensto� provozieren. Und vielleicht w�rden die Umst�nde sp�ter g�nstiger sein; f�r ihn.</p><p>Aber der erwartete Wutausbruch blieb aus. Helth beschr�nkte sich darauf, Del l�nger als eine halbe Minute wortlos anzustarren, und wenn er das stumme Duell auch nicht gewann, so senkte er doch auch nicht den Blick. Skar spannte sich unmerklich. Helth war sehr aufgeregt, aber auch von einer Entschlossenheit, die neu an ihm war. Wie durch Zufall streifte sein Blick den linken Arm des Veden. Die Wunde, die ihm w�hrend des Kampfes zugef�gt worden war, schien noch immer zu bluten; sein Hemd war bis zum Ellbogen hinauf dunkel und feucht.</p><p>�Wir haben keinen Beweis, da� es wirklich Gowenna war, die Del niedergeschlagen und den Matrosen ermordet hat�, versuchte er richtigzustellen.</p><p>Helth schnaubte. �Wer denn sonst, Satai? Sie hat das alles von Anfang an geplant. Sie brauchte uns, damit wir sie und die Errish sicher hierherbringen.�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Del ernsthaft. �Und sie hat auch den Dronte herbeigelockt, nicht wahr? Und sp�ter hat sie die Eiskrieger erschaffen und ihnen mittels Gedanken�bertragung den Befehl gegeben, uns drau�en eine Falle zu stellen.�</p><p>Helth wurde sichtlich bla�. Seine Hand spannte sich um den Schwertgriff, und Skar sah, wie er auf dem glatten H�hlenboden nach festem Halt suchte.</p><p>�Nicht, Del�, sagte Skar beg�tigend. �Es nutzt nichts, wenn wir uns jetzt auch noch untereinander bek�mpfen.� Er stand auf, trat auf den Veden zu und legte ihm die Hand auf die Schulter, aber Helth schlug seinen Arm mit einer w�tenden Bewegung zur Seite und wich gleichzeitig einen Schritt zur�ck. Auch Del erhob sich und trat wie zuf�llig, halb hinter den Veden.</p><p>�Statt uns zu streiten, sollten wir lieber einen Plan fassen, wie wir hier herauskommen�, bemerkte Skar, um Zeit zu gewinnen.</p><p>Aber er h�tte ebensogut gegen die Wand reden k�nnen. Helth wollte seine Worte gar nicht h�ren. �Einen Plan!� zischte er. �Was f�r einen Plan, Satai ? Es gibt nichts, wohin wir fliehen k�nnten, das wei�t du so gut wie ich! Wir -�</p><p>�Wenn es wirklich Gowenna war�, unterbrach ihn Skar sanft, �dann hat sie auch vorgesorgt, lebend von hier zu entkommen. Ginge es ihr nur darum, Vela zu t�ten, so h�tte sie es ein Dutzend Mal leichter und mit geringerem Risiko tun k�nnen, Helth. Wir warten, bis die Sonne vollends aufgegangen ist, und dann verfolgen wir sie. Ihr Vorsprung ist nicht gro�.�</p><p>�Nein, Satai�, widersprach Helth. �Das werden wir nicht tun.� Seine Stimme klang pl�tzlich ganz ruhig, aber in seinen Augen war ein Flackern, das Skar warnte. Seine H�nde strichen jetzt nicht mehr nerv�s �ber seine Kleider, sondern lagen flach nebeneinander auf seiner G�rtelschnalle.</p><p>�Und was schl�gst du statt dessen vor?� erkundigte sich Del ruhig. �Ich schlage nichts vor�, antwortete Helth, ohne Skar und Del dabei aus den Augen zu lassen. �Ich bin nicht gekommen, um mit euch zu diskutieren, Satai. Wir haben geredet und geredet, seit wir diese verfluchte Insel betreten haben, und das einzige, was dabei herausgekommen ist, sind ein halbes Dutzend Tote. M�nner, die mein Vater euch anvertraut hat, Satai. Er hat ihr Leben in eure Hand gelegt, aber ihr habt versagt. Bleibt von mir aus hier und redet weiter miteinander, aber wir gehen zur�ck.�</p><p>�Wir?� fragte Skar betont. �Wer ist das, wir?�</p><p>Helth machte eine weit ausholende Geste mit der Linken. Seine andere Hand rutschte ein St�ck n�her an den Schwertgriff heran, ber�hrte ihn aber noch nicht. �Wir alle, Skar�, antwortete er. �Mein Vater hat dir die Verantwortung �ber diese M�nner gegeben, und ich nehme sie dir wieder.�</p><p>�Die Verantwortung f�r drei Dutzend Menschenleben, Helth?� fragte Del belustigt. �Deine Schultern sind zu schmal daf�r, Junge.� Helth ignorierte ihn. Sein Blick bohrte sich in den Skars.</p><p>�Das ist Wahnsinn, Helth�, gab ihm Skar kopfsch�ttelnd zu bedenken. Einige M�nner waren aufgestanden und blickten zu ihnen her�ber. Helth hatte laut genug gesprochen, da� seine Worte �berall in der H�hle zu h�ren gewesen waren; wahrscheinlich absichtlich. �Wie weit w�rdet ihr kommen? F�nf Meilen? Zehn?�</p><p>�Weit genug�, antwortete Helth. �Wir sind hierhergekommen, wir schaffen auch den Weg zur�ck.�</p><p>�Und dann?� fragte Del. �Was macht ihr dann?�</p><p>�Das, was wir von Anfang an h�tten tun sollen, Satai. Wir werden uns zum Kampf stellen, wie es aufrechten M�nnern geb�hrt. Wir haben den Dronte schon zweimal fast besiegt.�</p><p>Skar nickte. �Du sagst es selbst, Helth: fast. Aber dicht daneben ist auch vorbei, wei�t du? Vergi� diesen verr�ckten Plan. Keiner deiner M�nner w�rde einen Angriff auf diese Bestie �berleben. Und selbst wenn, w�rdet ihr umkommen. Die SHAROKAAN ist verbrannt, hast du das vergessen? Ihr h�ttet keine M�glichkeit mehr, von hier fort zu kommen. Wenn wir Gowenna folgen, haben wir wenigstens eine Chance.�</p><p>Helth lachte, aber es h�rte sich eher wie ein schlecht unterdr�ckter Aufschrei an. �Eine Chance!� wiederholte er. �Eine Chance gegen Hexenkunst und schwarze Magie, Satai? Wir sind Krieger, keine Magier. Eine Chance hattest auch du, als du zusammen mit Brad auf die Eiswand gestiegen bist, um den Dronte anzugreifen. Du hast sie vertan.�</p><p>�Und ich bin allein zur�ckgekommen�, sagte Skar ruhig. �Sprich es ruhig aus, Helth. Du machst mich f�r den Tod deines Bruders verantwortlich.� Er hob die Stimme; eine Winzigkeit nur, aber deutlich. �Du suchst in Wirklichkeit keinen ehrenvollen Tod, Helth�, sagte er. �Du willst Rache. Du kannst es nicht verwinden, da� du einen Kampf verloren hast, und Del und ich sind dir gerade gut genug, um daf�r...�</p><p><emphasis>�Es reicht�, </emphasis>unterbrach ihn Helth. Seine Stimme bebte, und seine Hand lag jetzt auf dem Schwert, nicht mehr daneben. �Ich will nichts mehr h�ren, Skar. Ich habe genug von deinem Gerede, und -� Einer der M�nner stie� einen kr�chzenden Schrei aus und deutete zum Eingang. Skar, Del und der Vede fuhren gleichzeitig herum. Im ersten Moment erkannte er nur einen zusammengekr�mmten Schatten; ein formloses Etwas, das unter dem Eingang der H�hle erschienen war, als h�tte es die D�mmerung ausgespien. Dann bewegte er sich, wurde zu einer Gestalt, die sich m�hsam, mit qualvollen, unendlich langsamen Bewegungen durch den Tunnel schleppte.</p><p>Skar hatte pl�tzlich das Gef�hl, von einer eisigen, k�rperlosen Hand gestreift zu werden. Er wollte sich bewegen, aber er konnte es nicht, auch als die Gestalt liegenblieb und mit einem schrecklichen, r�chelnden Laut den Kopf hob. Er war gel�hmt, zum ersten Mal, solange er sich erinnern konnte, bet�ubt von ungl�ubigem, t�dlichem Schrecken. Gowennas Gesicht glitzerte im schwachen Licht der Fackeln wie eine grausige Totenmaske aus rotem, halb geronnenem Blut. Er stand noch immer wie gel�hmt da, auch als Del endlich aus seiner Erstarrung erwachte und mit einem Satz neben Gowenna niederkniete.</p></section><section><title><p id="_19">19.</p></title><p>Es war hell geworden; nach einer D�mmerung, die so lang und grau und voller immer wieder neu zwischen den Felsen hervorkriechender Schatten gewesen war, als wolle sie �berhaupt kein Ende mehr finden. Wie schon am vergangenen Morgen waren die Temperaturen mit dem Erwachen des Tages gefallen, und die Sonne, die �ber den vereisten Berggipfeln in seinem R�cken erschienen war und damit begonnen hatte, das Land mit Licht und dunkelroten flackernden Schatten zu �berziehen, schien K�lte zu verstrahlen, statt W�rme.</p><p>Skar war wieder hierhergekommen, in den hinteren Teil der H�hle, hinauf auf den schmalen steinernen Sims, der wie ein nat�rlich gewachsener Balkon aus der R�ckseite des Berges wuchs. Es hatte ihn nicht �berrascht, da� die Treppe beinahe verschwunden war - sowohl im inneren Teil der H�hle als auch hier drau�en: Die aus Eis geformten Stufen waren geschmolzen, ihre R�nder abgerundet und flach, hier und da zerfressen von Schmelzwasser, das in kleinen, schmutzigen Rinnsalen in die Tiefe flo� und sich am Fu�e des Felsens zu einem unregelm��ig geformten See sammelte. Sie war, wie die Eiskrieger und die Wand, die er abermals durchbrochen hatte, um hierherzugelangen, das Werk von Kr�ften, die er nicht begriff - Magie, wie es Helth ausgedr�ckt hatte, auch wenn es das sicher nicht war - und die er erst gar nicht zu verstehen versuchte. Er hatte auch nicht mehr die Kraft, zu staunen oder mehr als einen vagen Schrecken zu empfinden. Er nahm zur Kenntnis, das war alles.</p><p>Die Sonne stieg langsam h�her, und wenn ihre Strahlen auch keine W�rme brachten, vertrieben sie doch wenigstens den Nebel, und Skar konnte mehr vom diesseitigen Teil der Eisebene erkennen; der Grund, weshalb er �berhaupt hierhergekommen war.</p><p>Del und er hatten Gowenna versorgt, so gut sie es konnten - haupts�chlich Del, der in dieser Beziehung eine Menge dazugelernt zu haben schien, seit sie sich wiedergefunden hatten -, aber sie konnten es eben nicht sehr gut. Es gab weder saubere T�cher f�r einen Verband noch hei�es Wasser, um die klaffende Wunde in Gowennas Sch�del zu s�ubern, noch irgend etwas, um ihre Schmerzen zu lindern. Sie war bei Bewu�tsein gewesen, die ganze Zeit, aber sie hatte weder auf ihre Fragen geantwortet noch sonst irgendwie reagiert; ihr Zustand erinnerte Skar auf bedr�ckende Weise an den Velas, und vielleicht - die Vorstellung war absurd, aber sie hatte sich einmal in ihm festgekrallt und blieb - war es nicht einmal ein Zufall. Schlie�lich konnte er es nicht mehr ertragen und lie� Del mit Gowenna allein, um sich noch einmal und im hellen Tageslicht auf diesem Teil der Ebene umzusehen. Wenigstens hatte er dies Del und den anderen gegen�ber behauptet, auch wenn er - und wohl auch Del - ganz genau wu�ten, da� das nicht der wahre Grund war. In Wirklichkeit war er geflohen. Er hatte es einfach nicht mehr ertragen; nicht in der H�hle, nicht in der N�he all dieser zum Tode verdammten M�nner, nicht einmal mehr in der Dels. Skar hatte niemals Angst vor H�hlen oder engen R�umen gehabt, aber jetzt, in diesem Moment, hatte er pl�tzlich das Gef�hl, nicht mehr atmen zu k�nnen. Er war die letzten Schritte hier herauf gerannt, nicht mehr gegangen.</p><p>Ein eisiger Windhauch streifte ihn. Der Sturm, der auf der anderen Seite der Berge noch immer mit ungebrochener Wut heulte, war auch hier noch f�hlbar; nicht mehr so wie dr�ben, aber schlimm genug. Die steinernen Grate und W�lle, die seine Gewalt eigentlich brechen sollten, lenkten die eisigen B�en ab, zerrissen sie aber auch zu unz�hligen einzelnen Wirbeln und lie�en winzige Schneehosen und kleine D�monen aus wirbelndem Eis und Schneestaub �ber die Ebene tanzen; Skar konnte die K�lte beinahe <emphasis>sehen.</emphasis></p><p>Aber vielleicht war es auch gar nicht die K�lte, die ihn schaudern lie�. Er war nicht sicher, ob sein Entschlu�, auf dieser Seite der Bergkette weiterzumarschieren, richtig war. Die Landschaft vor ihnen war anders, vollkommen anders als die auf der Seeseite. Vor ihm waren... Er suchte vergeblich nach einem Wort, einer passenden Bezeichnung oder auch nur Umschreibung dessen, was er sah. Es waren <emphasis>Dinge. </emphasis>Gebilde aus Eis und Schnee und erstarrter Luft, die die Ebene wie ein gefrorener gl�serner Wald bis zum Horizont bedeckten, manche so klein, da� er sie von seinem erh�hten Standpunkt aus nur als Punkte erkennen konnte, andere gewaltig, gro� wie eine Festung. Es gab keine Regel, kein Muster, dem sie folgten, kein System. Es war wie damals in Urc�un, der Festung der Sternengeborenen, aber schlimmer, tausendmal schlimmer. Unter ihm erstreckte sich ein gewaltiges wei�es Labyrinth, in dem nicht einmal das Licht best�ndig war, sondern flackerte, hierhin und dorthin kroch, als w�rden sich die blinkenden Eisfl�chen st�ndig bewegen und die Strahlen der Sonne in st�ndig neuem Winkel reflektieren, in dem die Schatten lebendig waren und die Furcht K�rper bekommen hatte. Da und dort glaubte er eine vertraute Form zu erkennen, eine Linie, an die sich sein Blick klammern, ein Bild, das er wiedererkennen oder wenigstens einordnen konnte, aber es gelang ihm nie, sie wiederzufinden, wenn er einmal wegsah, und ein paarmal hatte er geglaubt, eine Bewegung zu sehen.</p><p>Und es war ein Anblick von fast t�dlicher Sch�nheit. Obwohl er Zeit gehabt hatte, sich daran zu gew�hnen, im gleichen Ma�e, in dem das Grau der D�mmerung dem erbarmungslosen Wei� dieses bizarren gl�sernen Waldes wich, faszinierte ihn das Bild so sehr, da� es ihm unm�glich war, sich davon zu l�sen. Eine seltsame, b�se Verlockung ging von ihm aus, etwas, das ihn gleicherma�en mit Grauen erf�llte, wie es ihn anzog. Ein paarmal hatte er geglaubt, Stimmen zu h�ren, Stimmen, die verbotene Worte in einer uralten, seit �onen vergessenen Sprache wisperten; Worte, die er nicht verstehen konnte und die ihn trotzdem auf sonderbare Weise ber�hrten. So �hnlich, dachte er, mu�te es sein, wenn man in ein Traumkristall blickte. Er hatte M�nner gesehen, deren Geist zerbrochen war, auf ewig gefangen in den blitzenden Facetten dieser verbotenen wei�en Steine. Vielleicht, dachte er mit einem Anflug von Hysterie, war dies alles gar nicht wahr. Vielleicht war auch er l�ngst nicht mehr Herr seiner Sinne, sondern gefangen in einem endlosen, qu�lenden Alptraum, der irgendwo dort drau�en auf dem Meer begonnen hatte.</p><p>Skar h�rte ein Ger�usch hinter sich, ri� sich gewaltsam aus seinen Gedanken und von dem bizarren Anblick los und wandte sich um. Automatisch straffte er sich; eine nutzlose Geste angesichts des gigantischen wei�en Molochs in seinem R�cken. Aber er hatte auch nicht mehr die Kraft, gegen Gewohnheiten zu k�mpfen.</p><p>Es war einer der Freisegler, der sich, auf H�nden und Knien kriechend, die halb geschmolzenen Eisstufen hinaufqu�lte. Skar trat ihm entgegen, ergriff seine ausgestreckte Hand und zog ihn mit einem kraftvollen Ruck zu sich herauf. Der Mann nickte dankbar, richtete sich auf und erstarrte, als er des blitzenden Labyrinths ansichtig wurde. �Ja?� sagte Skar, schnell und so barsch, da� der Freisegler ihn beinahe automatisch wieder ansah. Sein Blick flackerte.</p><p>�Ihr... der Satai verlangt nach Euch, Herr�, meldete er stockend. �Ich soll Euch holen.�</p><p><emphasis>Der Satai, </emphasis>wiederholte Skar in Gedanken. Die M�nner kannten seinen und Dels Namen so gut wie sie selbst, aber f�r sie waren sie immer noch <emphasis>die Satai - </emphasis>was hatte er erwartet? Freundschaft?</p><p>�Ich komme�, beschied er ihm einsilbig. �Geh voraus und sage Del Bescheid.�</p><p>�Ihr sollt gleich kommen, Herr. Der Satai sagte ausdr�cklich sofort.� Der Mann war nerv�s. Sein Blick hielt dem Skars nicht stand; wie immer, wenn er mit einem der Freisegler sprach. <emphasis>Warum haben sie Angst vor mir? </emphasis>dachte er. Und irgendwo, tief unter seinen Gedanken, antwortete eine Stimme: <emphasis>Weil du ihr Todesengel bist, Skar. Und weil sie es wissen. </emphasis>Er nickte, deutete mit einer knappen Geste in die H�hle zur�ck und folgte dem Matrosen.</p></section><section><title><p id="_20">20.</p></title><p>Del kam ihm auf halber Strecke entgegen, blieb jedoch im vorderen Teil der H�hle, dicht hinter der gezackten �ffnung, die Skar in die Eiswand gebrochen hatte. Das Eis wuchs jetzt nicht mehr nach; die Wand war wieder eine Wand, nicht mehr, der Zauber erloschen. Wer immer diese verwunschene Insel beherrschte, ging sparsam mit seinen Kr�ften um.</p><p>�Nun?� fragte Skar �bergangslos. �Was gibt es?�</p><p>Del deutete mit einer Kopfbewegung hinter sich. Die M�nner hatten begonnen, ihre Decken und B�ndel wieder zusammenzuschn�ren und alles f�r den Weitermarsch vorzubereiten. Ihre Bewegungen waren sehr langsam. �Gowenna�, sagte Del knapp. �Sie spricht. Und ich dachte mir, du solltest h�ren, was sie sagt.�</p><p>Skar wollte an ihm vorbeigehen, aber Del hielt ihn zur�ck und f�gte mit gesenkter Stimme hinzu: �Pa� auf Helth auf, Skar. Ich glaube, er f�hrt irgend etwas im Schilde.�</p><p>�Was meinst du damit?� fragte Skar ebenso leise. �Hat er irgend etwas gesagt?�</p><p>�Er redet ununterbrochen�, antwortete Del. �Aber was er sagt, gef�llt mir nicht.� Seine Stimme hatte jenen hellen, gehetzten Fl�sterton, den man fast ebensoweit wie ein normal gesprochenes Wort verstehen konnte, und sein �bertrieben geheimnisvolles Verhalten erschien Skar sinnlos, beinahe albern. Aber f�r einen ganz kurzen Moment erinnerte es ihn auch an den Del, den er fr�her gekannt hatte.</p><p>�Dann behalte ihn im Auge.�</p><p>Del nickte, lie� seinen Arm los und deutete mit einer Kopfbewegung auf Gowennas Lager, ein flaches B�ndel aus Decken und zusammengewickelten Kleidungsst�cken im windgesch�tzten toten Winkel neben dem Eingang. Helth hockte auf Armesl�nge neben ihr und starrte ins Leere. Sein Gesicht war ausdruckslos, aber seine Haltung wirkte verkrampft. Skar begriff, weshalb Del so besorgt war. Helth wartete. Er wu�te nicht, worauf, aber er wartete.</p><p>Skar verscheuchte den Gedanken und ging rasch auf Gowenna zu. Sie hatten sie zugedeckt, so gut es ging, aber sie zitterte trotzdem vor K�lte, und als Skar neben ihr niederkniete und nach ihrer Hand griff, f�hlte sich ihre Haut kalt wie Eis an. Skar vermied es absichtlich, Gowenna direkt anzusehen. Sie hatten nicht einmal genug Wasser gehabt, das eingetrocknete Blut vollends aus ihrem Gesicht zu waschen, und die braunrote Kruste war mit dem Narbengewebe auf ihren Z�gen zu einer grausigen Maske verschmolzen. Noch vor wenigen Tagen h�tte der Anblick Skar nichts ausgemacht. Aber sein Panzer war durchbrochen, endg�ltig, und er war jetzt verwundbarer als zuvor.</p><p>�Kannst du mich verstehen?� fragte er leise. Er hob nun doch den Blick, bem�hte sich aber angestrengt, nur ihre unversehrte rechte Gesichtsh�lfte anzusehen. Nat�rlich gelang es ihm nicht.</p><p>�Wie r�hrend�, sagte Helth leise. Skar ignorierte ihn.</p><p>Gowennas Lippen bebten; zuerst glaubte er, vor Schmerzen, dann wurde ihm klar, da� sie zu sprechen versuchte. Er setzte sich bequemer hin, beugte sich vor und brachte sein Ohr ganz dicht an ihren Mund. Ihr Atem streifte sein Gesicht. Er roch schlecht: hei�, nach Fieber und Krankheit und Schw�che. Skar unterdr�ckte den Widerwillen, der in ihm aufstieg.</p><p>�Vela�, st�hnte Gowenna. �Du mu�t... Vela finden, Skar. Sie... Das... das Kind. Es darf... darf nicht...� Ihre Worte wurden unverst�ndlich. Ihre Finger, die gerade noch schwach und eisig wie die einer Toten in Skars Hand gelegen hatten, verkrampften sich pl�tzlich, so da� die N�gel tief in seine Haut schnitten. Skar setzte sich wieder auf, l�ste ihre Hand mit sanfter Gewalt aus der seinen und ber�hrte ihre Stirn. Sie hatte Fieber und er konnte selbst durch den Verband hindurch sp�ren, wie ihr Puls jagte.</p><p>�Ich begreife es nicht�, murmelte Del. Es fiel Skar schwer, seinen Blick von Gowennas verschleierten, fiebrigen Augen zu l�sen und den Kopf zu heben.</p><p>�Die Wunde ist nicht so schlimm, wie es im ersten Moment aussah�, beantwortete Del seine unausgesprochene Frage. �Sie hat viel Blut verloren, aber...� Er sch�ttelte den Kopf, lie� sich im Schneidersitz auf der anderen Seite des Lagers nieder - wie durch Zufall so, da� er genau zwischen ihr und Helth war, ohne dem Veden dabei allerdings den R�cken zuzukehren - und deutete mit einer Geste auf Gowennas bandagierte Schl�fe. �Du kennst sie besser als ich, Skar. Sie hat eine Konstitution wie ein Mann. Der Schlag allein ist nicht schuld an ihrem Zustand.�</p><p>Skar sah wieder auf Gowennas Gesicht herab. Ihre Augen waren jetzt weit ge�ffnet und starrten ihn an. Aber sie sah nicht ihn, sondern irgend etwas anderes. Skar hatte nie einen Ausdruck so tiefer, so abgrundtiefer schrecklicher Furcht im Blick eines Menschen gesehen. �Woher willst du das wissen ?� fragte er halblaut. �Du bist kein Heiler. Der einzige Heiler, den wir hatten, ist sie selbst.�</p><p>�Warum hilft sie sich denn nicht selbst?� fragte Helth b�se.</p><p>Skar sog h�rbar die Luft ein. Er sah, wie sich Helth ein ganz kleines bi�chen mehr spannte, fing einen warnenden Blick von Del auf und deutete ein Kopfsch�tteln an. Helth wollte sie provizieren, und nicht das erste Mal.</p><p>�Ich habe eine Menge gelernt, w�hrend ich bei den Sumpfleuten war�, antwortete Del, als h�tte er Helth' Worte nicht geh�rt. �Nicht soviel wie sie oder Vela, aber genug.� Er sch�ttelte wieder den Kopf, um seine Worte zu bekr�ftigen. �Es ist nicht allein die Wunde, Skar. W�re sie es, dann h�tte sie niemals die Kraft gehabt, allein hierher zur�ckzukommen. Ein Mensch in diesem Zustand kriecht nicht eine Meile �ber Felsen und Eis.�</p><p>�Vielleicht hatte sie Helfer�, giftete Helth. �Zwei sogar.� Del drehte sich nun doch zu ihm um. �Halt endlich den Mund, Helth�, gebot er. �Ich lasse dich rufen, wenn ich deinen Rat brauche.�</p><p>�Du wirst sehr laut rufen m�ssen, Satai�, antwortete Helth gereizt. �Ich werde n�mlich bald nicht mehr dasein. Und die M�nner auch nicht.�</p><p>Del verdrehte in komisch gespielter Verzweiflung die Augen. �Jetzt fang nicht schon wieder an�, sagte er. �Ich dachte, wir h�tten �ber dieses Thema bereits geredet.�</p><p>Helth sprang auf und stemmte herausfordernd die F�uste in die H�ften. �Das haben wir nicht, Satai�, zischte er. �Ich habe euch gesagt, da� ich diesen Wahnsinnsmarsch nicht mitmachen werde, aber die Antwort darauf seid ihr mir bis jetzt schuldig geblieben.�</p><p>�Oh, wenn es das ist...� Del l�chelte, erhob sich erst auf die Knie, st�tzte die H�nde auf seinen Oberschenkel ab und stemmte sich ganz langsam in die H�he. Skar konnte direkt sehen, wie er die Bewegung geno�. Als er sich ganz aufgerichtet hatte, �berragte er den Veden um mehr als Hauptesl�nge. �Die Antwort ist <emphasis>nein, </emphasis>Helth�, erkl�rte er betont. �Keiner von uns wird zur�ckgehen. Skar nicht, ich nicht, deine M�nner nicht, und auch du nicht.�</p><p>Gowenna regte sich. F�r einen Moment wurde ihr Blick klar, aber der Schrecken, der sich darin spiegelte, war kaum kleiner als der, den das Fieber hineingezwungen hatte. �Skar�, st�hnte sie. �Du mu�t... sie finden, bevor das Kind geboren wird. Es darf -�</p><p>�Und sie?� fragte Helth so laut, da� Skar unwillk�rlich aufsah und sich spannte. �Was ist mit ihr?�</p><p>Del zuckte mit den Achseln und wich einen halben Schritt zur�ck. �Was soll mit ihr sein?� bemerkte er gleichm�tig. �Wir nehmen sie mit.�</p><p>Helth lachte. Es h�rte sich an wie ein Schrei. �Mitnehmen?! Du solltest dieser Hexe die Kehle durchschneiden, nach allem, was sie tat. Sie hat einen meiner M�nner get�tet, und -�</p><p>�Das behauptest du�, unterbrach ihn Skar. �Bisher wissen wir nicht, wer es war.�</p><p>Helth drehte mit einem w�tenden Ruck den Kopf und starrte zu ihm herab. �Wer soll es sonst gewesen sein?�</p><p>Skar lie� behutsam Gowennas Hand los und stand ebenfalls auf. �Warten wir, bis sie wach ist�, schlug er vor. �Vielleicht erfahren wir es dann.�</p><p>Helth wurde mit jeder Sekunde nerv�ser. In seinen Augen erschien ein warnendes Flackern. Ein Blick, den Skar nur zu gut kannte. Er sah, wie sich seine Muskeln unter dem d�nnen Zeremonienmantel spannten. �Warten!� keuchte er. �Wo willst du warten? Hier vielleicht? Es kann Tage dauern, bis sie erwacht, und vielleicht geschieht das auch nie. Wie lange willst du in diesem Grab bleiben, Skar - bis sie stark genug ist, aus eigener Kraft zu laufen?� Er lachte schrill. �Sie wird nicht mitkommen. Ich verlange, da� du sie zur�ckl��t, Satai!�</p><p>�Ach�, begehrte Del auf. �Mit welchem Recht, <emphasis>Vede?�</emphasis></p><p>�Mit dem gleichen Recht, mit dem wir ein halbes Dutzend meiner M�nner sterbend auf dem Eis zur�ckgelassen haben�, zischte Helth. �Sie ist nichts Besseres als einer von ihnen - im Gegenteil. Ohne sie w�ren wir nicht hier.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, antwortete Del gleichm�tig. �Und w�re Rayan nicht zuf�llig dein Vater, w�rest du uns niemals begegnet - vielleicht w�re das besser gewesen.� Er l�chelte, aber es geriet eher wie ein Z�hnefletschen, und Helth wich unwillk�rlich einen halben Schritt vor ihm zur�ck. �Ich habe keine Lust, mit dir zu streiten, Helth�, fuhr er fort. �Pack deine Sachen zusammen, oder la� sie meinetwegen hier und erfriere drau�en auf dem Eis - aber wir werden gehen. Wir alle.�</p><p>�Und wenn ich mich weigere?�</p><p>�Das wirst du nicht, Helth�, sagte Del eisig. �Ich habe dich lieber vor mir als im R�cken, wei�t du? Du <emphasis>wirst </emphasis>mitkommen.�</p><p>Skars Bewegung kam beinahe zu sp�t. Obwohl er gewu�t hatte, was passieren w�rde, und obwohl er - sp�testens seit dem Kampf im Krater - wu�te, <emphasis>wie </emphasis>schnell der Vede war, kam Helth' Angriff beinahe zu schnell, als da� er noch darauf reagieren konnte. Der Vede trat mit einem kr�chzenden Schrei vor, drehte den Oberk�rper zur Seite und griff nach seiner Waffe. Die Klinge glitt scharrend aus der metallbesetzten Scheide. Der Stahl blitzte auf; blutrot im flackernden Licht der Pechfackeln, traf er Skars Arm, ri� eine d�nne Linie aus flammendem Schmerz durch seine Haut und sprang wie eine zusto�ende Schlange nach seinem Gesicht, verfehlte es und stach, in der gleichen, flie�enden Bewegung, nach Del, machte dessen instinktive Ausweichbewegung mit und z�ngelte nach seiner Kehle. Del ri� im letzten Moment die Arme hoch, fing den Hieb auf und schmetterte Helth' Klinge mit einem wuchtigen Schlag nach unten; hart, aber nicht hart genug. Das Schwert schrammte �ber seine Brust, zerfetzte sein Hemd und hinterlie� einen langen, blutigen Kratzer auf seiner Haut, alles in einer einzigen, unglaublich schnellen Aktion. Helth taumelte, fing sich wieder und wirbelte erneut herum, aber diesmal war er nicht schnell genug. Skar t�uschte einen Fu�tritt an, lie� sich zur Seite fallen und trat nun wirklich zu. Helth sprang zur�ck, holte zu einem weiteren Hieb aus und schrie �berrascht, als Del von hinten nach seinem Arm griff und ihn verdrehte. Helth' Handgelenk knirschte h�rbar. Die Waffe polterte zu Boden. Helth trat nach Dels Knie, traf es und schickte den Satai mit einem blitzschnellen Ellbogensto� in den Leib zu Boden. �Feiglinge!� keuchte er. Sein Atem ging schwer, als h�tten sie stundenlang gerungen. �Zu zweit greift ihr einen Mann an - ist das die Ritterlichkeit, f�r die die Satai ber�hmt sind?�</p><p>�Ich glaube, du verwechselst hier etwas�, sagte Del. Er war wieder auf die F��e gekommen und einen halben Schritt zur Wand zur�ckgewichen. Seine Mundwinkel zuckten. Mit der Linken fa�te er an die Stelle, wo ihn Helth' Ellbogen getroffen hatte. �Ich habe eher den Eindruck, da� du es bist, der uns angreift. Ich kann mich nat�rlich t�uschen�, f�gte er sp�ttisch hinzu. �Aber wenn es das ist, wovor du Angst hast - bitte.� Er trat weiter zur�ck, lehnte sich gegen die Wand und verschr�nkte die Arme vor der Brust.</p><p>Helth schien verwirrt. Sein Blick irrte unstet zwischen Skar und Del hin und her; f�r einen Moment schien er nicht zu wissen, was er tun sollte. Es war Del gewesen, dem der Angriff galt, und er hatte wohl instinktiv damit gerechnet, da� er sich nun auch zum Kampf stellen w�rde. Dann huschte ein grimmiges L�cheln �ber seine Z�ge. �Wie ihr meint�, pre�te er hervor. �Ich wollte schon lange wissen, wer nun wirklich besser ist - ein Satai oder ein Vede.�</p><p>�Ich nicht�, murmelte Skar. �Es gibt Fragen, die besser unbeantwortet bleiben, Junge.� Aber wenn Helth seine Worte �berhaupt h�rte, so ignorierte er sie.</p><p>Langsam kam der Vede n�her, umkreiste Skar zur H�lfte, bis er zwischen ihm und dem Ausgang stand, und spreizte die Beine. Sein Oberk�rper beugte sich leicht vor. Die linke Hand lag, zur Faust geballt, auf seinem H�ftgelenk, der rechte Arm war ausgestreckt, die Hand aufw�rts gerichtet, die letzten Glieder der Finger und der Daumen eingeknickt. So vollf�hrte er langsame achtf�rmige Bewegungen vor seinem K�rper. Sein Gesicht war angespannt, aber trotzdem ausdruckslos.</p><p>Skar blieb stehen, wie er war. Er wu�te um die Gef�hrlichkeit der Kampftechnik, die Helth so offensichtlich beherrschte und noch offensichtlicher zur Schau stellte. Er beherrschte sie ebenfalls - und noch ein paar andere dazu. Aber er hielt nicht viel von Grundstellungen und ausgekl�gelten Posen. Sie mochten ihren Zweck haben, aber sie verrieten zuviel von dem, was man vorhatte, und die meisten besa�en ihre Schw�chen, die f�r einen geschickten Gegner einer offenen Einladung gleichkamen. Und er hatte die Erfahrung gemacht, da� durch eine simple Ohrfeige - mit aller Kraft gef�hrt - schon so mancher hochtrainierte K�mpfer aus dem Konzept gebracht worden war.</p><p>�La� es, Helth�, riet er ihm noch einmal. �Keiner von uns sollte seine noch verbliebene Kraft f�r diesen �berfl�ssigen Kampf vergeuden.�</p><p>Helth griff an. Ein kurzer, abgehackter Schrei kam �ber seine Lippen. Seine rechte Hand stie� vor, t�uschte einen geraden Sto� nach Skars Kopf an; gleichzeitig vollf�hrte der Vede eine blitzschnelle halbe Drehung, ri� das Knie hoch und versuchte ihn in den Leib zu treten. Skar ignorierte seinen Fauststo�, schlug seinen Fu� zur Seite und trat ihm beinahe gleichzeitig gegen das Knie. Helth taumelte zur�ck, fand im letzten Augenblick sein Gleichgewicht wieder und wandelte den begonnenen Sturz in einen kraftvollen, aber schlecht gezielten Tritt um. Skar wich ihm m�helos aus.</p><p>�Du bist ein wenig zu hastig, Helth�, bemerkte Del. Seine Stimme klang belustigt. �Ich gebe zu, da� du Talent hast, aber du solltest noch ein paar Jahre �ben, ehe du dich mit M�nnern schl�gst.�</p><p>Helth schrie wutentbrannt auf und sprang mit weit ausgebreiteten Armen vor. Skar tat so, als w�rde er ausweichen, sprang dem Veden aber im Gegenteil entgegen, drehte sich im letzten Moment zur Seite und schmetterte ihm das Knie ins Gesicht. Helth keuchte. Seine H�nde glitten kraftlos an Skars K�rper ab. Er fiel, stemmte sich auf H�nde und Knie hoch, griff nach seinem Mund und spuckte Blut und St�cke von abgebrochenen Z�hnen aus. Seine Unterlippe war aufgeplatzt; Blut lief �ber sein Kinn. F�r einen Moment wurde sein Blick glasig.</p><p>�H�r auf, Junge�, mahnte Skar sanft. �Ich will dich nicht verletzen.�</p><p>Helth st�hnte. Er stemmte sich hoch, wankte und griff haltsuchend nach der Wand. Aber er fing sich rasch wieder. Er war st�rker, als Skar geglaubt hatte. �Daf�r t�te ich dich, Satai�, keuchte er. Wieder griff er an, und diesesmal �nderte er seine Taktik. R�cksichtslos nahm er zwei, drei harte Schl�ge gegen Kopf und Brust hin, durchbrach Skars Deckung mit seinem ganzen K�rpergewicht und rammte ihm die Schulter in die Brust. Skar wankte, und Helth h�mmerte ihm den Ellbogen mit aller Gewalt in den Leib. Sein Arm zuckte in der gleichen Bewegung nach oben, die Kn�chel seiner Faust krachten hart gegen Skars Wangenknochen und warfen seinen Kopf zur�ck. Seine andere Hand tastete nach Skars Hoden und versuchte, sie zu zerquetschen. Skar schrie auf, griff blindlings zu und brach Helth mit einem kurzen, harten Ruck zwei Finger. Der Vede heulte in einer Mischung aus Wut und Schmerz auf. Skar umschlang seinen Hals, ri� ihn mit einer r�cksichtslosen Bewegung auf die F��e und zwang ihn herum. Helth taumelte, verlor das Gleichgewicht und st�rzte direkt auf Skars vorgestrecktes Knie. Pfeifend entwich die Luft aus seinen Lungen. Skar ri� ihn abermals hoch, versetzte ihm zwei, drei Hiebe mit der flachen Hand ins Gesicht und legte von hinten den Arm um seinen Hals, als der Vede von der Wucht der Schl�ge herumgewirbelt wurde. Mit aller Gewalt schn�rte er ihm die Luft ab, dr�ckte aber nicht so fest zu, um ihm den Kehlkopf zu zerquetschen. Er wollte ihn nicht umbringen. Helth strampelte, ri� verzweifelt die Arme hoch und tastete nach Skars Gesicht. Seine Finger fanden seine Augen und dr�ckten zu. Gleichzeitig lie� er sich nach vorne kippen und griff mit der anderen Hand nach Skars Schulter. Skar keuchte, lie� Helth' Hals los und stie� sich ab, als der Vede ihn �ber die Schulter nach vorne warf. Er flog fast dreimal so weit, wie Helth erwartet hatte, durch die Luft, rollte sich �ber die Schulter ab und kam mit einem w�tenden Kampfschrei wieder auf die F��e. Sein Gesicht brannte. Er konnte nur noch undeutlich sehen, und seine Augen schmerzten, als w�ren sie mit gl�henden Kohlen in Ber�hrung gekommen. Wie durch einen wogenden Schleier sah er Helth auf sich zutaumeln, fing seinen Faustschlag mit dem Unterarm ab und schlug zur�ck. Er sp�rte, wie er traf, und er sp�rte, wie hart er getroffen hatte. Helth stie� ein w�rgendes Keuchen aus, taumelte f�nf, sechs Schritte zur�ck und brach in einer grotesk langsamen Bewegung in die Knie.</p><p>Skar blieb einen Moment stehen, fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Augen. Die roten Nebelschleier lichteten sich allm�hlich, und im gleichen Ma�e, in dem der irrsinnige Schmerz nachlie�, verebbte auch die rasende Wut in ihm. Er durfte sich nicht hinrei�en lassen. Unbeherrschtheit und Wut waren der erste Schritt zur Niederlage. W�re Helth auch nur eine Winzigkeit besser, als er war, h�tte ihm diese Sekunde blinden Zornes das Leben kosten k�nnen.</p><p>Langsam ging er auf den Veden zu. Helth stemmte sich m�hsam hoch, hob die H�nde und ballte sie zu F�usten, aber es war keine Kraft mehr in der Bewegung. Er atmete nicht. Skar hatte blind zugeschlagen, aber wozu sein Verstand nicht mehr in der Lage gewesen war, hatten das seine Reflexe getan - sein Hieb hatte die empfindlichste Stelle unter dem Brustbein des Veden mit t�dlicher Pr�zision getroffen und sein Atemzentrum gel�hmt. H�tte Helth kein Kettenhemd getragen, w�re er jetzt tot. Gegen seinen Willen mu�te Skar den jungen Veden beinahe bewundern.</p><p>Helth hob die H�nde ein wenig h�her. Er atmete immer noch nicht. �Gib auf, Junge�, riet Del sanft. �Ehe du ihn wirklich w�tend machst.�</p><p>Helth taumelte. Seine Lippen zitterten. Er wankte, fing sich mit einer Kraft, die er eigentlich gar nicht mehr haben d�rfte, noch einmal und machte einen Schritt auf Skar zu. Seine Faust schlug in einer geradezu l�cherlich langsamen Bewegung nach Skars Gesicht. Skar packte sein Handgelenk, verdrehte es und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige; gleichzeitig lie� er seinen Arm los. Helth taumelte zur�ck, fiel abermals auf die Knie und kr�mmte sich. Ein einzelner, schmerzerf�llter Atemzug sch�ttelte seinen K�rper. Er kr�mmte sich weiter, �bergab sich w�rgend und mehrmals hintereinander und rang qualvoll nach Luft. Skar ri� ihn vom Boden hoch, schlug ihm noch einmal die flache Hand ins Gesicht und warf ihn gegen die Wand. Helth versuchte ungeschickt, seinen Sturz aufzufangen, schlug mit dem Kopf gegen einen Felszacken und sackte lautlos zu Boden.</p><p>�Packt... sie�, w�rgte er hervor. �Packt sie und... bringt sie um.� Es dauerte einen Moment, bis Skar begriff, was Helth' Worte bedeuteten. Aber selbst dann weigerte er sich, es zu glauben.</p><p>Del spannte sich. Seine Hand glitt zum Schwertgriff und zog die Waffe ein St�ck weit aus dem G�rtel.</p><p>�Packt sie!� keuchte Helth noch einmal. Das Sprechen mu�te ihm Schmerzen bereiten; sein Gesicht zuckte, und aus seinem Mund lief noch immer Blut. Aber er sprach laut genug, da� seine Worte selbst im hintersten Winkel der H�hle noch deutlich h�rbar waren.</p><p>Skar drehte sich rasch, aber ohne Hast um. Die Freisegler waren herangekommen und hatten einen weiten, halboffenen Kreis um ihn, Del und den Veden gebildet. Keiner von ihnen hob auch nur einen Finger, um Helth' Befehl zu befolgen. Auf ihren Gesichtern war das gleiche Gef�hl zu lesen, das auch in Skar emporstieg - Unglauben, Staunen; vielleicht Verwirrung und Furcht.</p><p>�Ihr sollt sie t�ten!� keuchte Helth. Er b�umte sich auf, suchte mit den H�nden nach Halt an der Wand und sank mit einem schmerzerf�llten Wimmern zur�ck.</p><p>�Bem�he dich nicht�, sagte Skar leise. Seine Stimme zitterte, und er begann erst jetzt wirklich zu sp�ren, wie sehr ihn der kurze Kampf ersch�pft hatte. Helth war ein h�rterer Gegner gewesen, als er geglaubt hatte. �Sie werden dir nicht gehorchen.�</p><p>Helth' Blick irrte unstet umher. Noch einmal versuchte er auf die F��e zu kommen, und diesmal gelang es ihm, sich in eine halbwegs sitzende Position hochzustemmen. Seine Augen waren geweitet. Irgend etwas flackerte darin, etwas, das Wahnsinn sein konnte, aber auch etwas anderes und Schlimmeres. �Warum... gehorcht ihr nicht?� w�rgte er stockend hervor. �T�tet sie beide! <emphasis>Ich befehle es!�</emphasis></p><p>�Wenn du noch einen einzigen Laut von dir gibst, Helth�, drohte Del leise, �dann verspreche ich dir, da� ich dich windelweich schlage - vor deinen M�nnern.�</p><p>�Nicht�, sagte Skar. �La� ihn, Del.� Er sch�ttelte den Kopf, blickte �ber die Reihe der stumm dastehenden M�nner und, wieder an Helth gewandt, fuhr er ruhig fort: �Sie werden dir nicht folgen, Helth. Jetzt nicht mehr. Sie h�tten es vielleicht getan, bevor du mich herausgefordert hast, aber jetzt werden sie es nicht mehr tun. Gib auf.�</p><p>Helth keuchte. Mit letzter Kraft stemmte er sich hoch, taumelte an Skar vorbei und packte den am n�chsten stehenden Freisegler bei den Armen. �Ihr sollt gehorchen!� br�llte er. �Ich befehle es euch! Ich bin euer Kommandant! Der Erbe Rayans.�</p><p>�Nein�, widersprach ihm Del hart. �Das warst du vielleicht, Helth. Wenn du �berhaupt ein Erbe hattest, dann hast du es gerade verspielt.�</p><p>Helth st�hnte. Seine letzte Kraft schwand. Pl�tzlich mu�te er sich an den Schultern des Mannes, den er gerade noch gesch�ttelt hatte, festhalten. Er zitterte. Ein rascher, schmerzhafter Krampf durchfuhr seinen K�rper. Der Matrose verzog angewidert das Gesicht, streifte seine H�nde ab und machte einen Schritt zur�ck. Helth sank mit einem kraftlosen Wimmern auf die Knie.</p><p>�Gib auf, Helth�, forderte ihn Del nochmals auf. �Sie folgen keinem Wahnsinnigen.� Skar sah ihn warnend an, aber Del hatte ohnehin gesagt, was er hatte sagen wollen. Mit einem letzten, abf�lligen Schnauben wandte er sich um und ging zu Gowennas Lager zur�ck. Auch die Freisegler begannen einer nach dem anderen, sich wieder ihren Schlafstellen zuzuwenden, nicht, weil es dort noch etwas f�r sie zu tun gab, sondern einzig, um Helth den R�cken zuzukehren. Der Kreis, den sie um den Kampfplatz gebildet hatten, brach auf. Helth blieb allein zur�ck, und wider besseres Wissen lie� sich Skar neben ihm auf ein Knie nieder und versuchte, ihm ins Gesicht zu sehen. Helth drehte den Kopf zur Seite.</p><p>�Du hast verloren, Junge�, sagte er sanft. �Aber auch ich habe nicht alle meine Gegner bezwungen. Es ist keine Schande, einen guten Kampf zu verlieren. Und du hast gut gek�mpft.�</p><p>Seine Worte waren sinnlos. Er sp�rte es. Aber er war sie viel mehr sich selbst als dem Veden schuldig gewesen. Sein Sieg erf�llte ihn nicht mit Befriedigung oder gar Triumph. Helth hatte keine faire Chance gehabt. Nicht gegen ihn und nicht in der psychischen Verfassung, in der er gewesen war.</p><p>Er stand auf, ber�hrte Helth an der Schulter und streckte ihm die Hand entgegen.</p><p>Der Schlag kam so �berraschend, da� er erst begriff, was �berhaupt geschehen war, als er auf dem R�cken lag und sein Kopf hart gegen den felsigen Boden schlug.</p><p>Helth kam mit einem Schrei, der kaum mehr menschlich klang, auf die F��e, sprang mit einem verzweifelten Satz �ber Skar hinweg und griff nach dem Schwert, das ihm Del entwunden hatte. Seine Finger schlossen sich um den lederbezogenen Griff der Waffe. Er rollte herum, taumelte auf die F��e und schlug blind nach Del, der ebenfalls aufgesprungen war und einen Schritt auf ihn zugemacht hatte. Die Klinge verfehlte sein Gesicht um Millimeter und ri� einen dreieckigen Stoffetzen aus seinem Cape. Del prallte zur�ck, verlor auf dem spiegelglatten Boden das Gleichgewicht und fiel. Helth war mit einem gellenden Schrei �ber ihm, trat ihm mit aller Gewalt ins Gesicht und fuhr herum, als einer der Matrosen von hinten nach seinem Arm griff. Sein Schwert vollf�hrte eine irrsinnig schnelle Kreisbewegung. Der Freisegler wankte zur�ck, griff mit beiden H�nden nach seiner durchschnittenen Kehle und brach zusammen. Helth stie� wieder diesen unmenschlichen Wahnsinnsschrei aus, fuhr abermals herum und hetzte zum Ausgang.</p><p>Als Skar auf die F��e kam, hatte er bereits die H�lfte des niedrigen Felstunnels hinter sich gebracht und kroch hastig weiter.</p><p>Zwei M�nner aus der Mannschaft zogen ihre Waffen und wollten ihm folgen. Skar hielt sie mit einer hastigen Geste zur�ck. �Er w�rde euch t�ten�, sagte er. Einer der M�nner nickte; der andere machte einen weiteren Schritt hinter dem Veden her und blieb dann ebenfalls stehen.</p><p>Skar kniete neben dem gest�rzten Matrosen nieder, aber er sah gleich, da� er ihm nicht mehr helfen konnte. Der Mann war bereits tot. Helth' Hieb hatte seine Kehle durchschnitten, so sauber, als h�tte es ein geschickter Arzt mit einem Skalpell getan. Und der Schnitt war tief; sehr tief. Kopfsch�ttelnd stand er auf, ging zu Del und half ihm auf die Beine.</p><p>�Alles in Ordnung?� fragte er.</p><p>Del sch�ttelte den Kopf und nuschelte etwas, das sich wie �ja� anh�rte. Seine Unterlippe war geschwollen, und sein Gesicht begann sich da, wo ihn Helth' Fu� getroffen hatte, zu r�ten. �Immer auf den Kopf�, murrte er. �Als ob es keine anderen Stellen g�be, wo man hinschlagen kann.�</p><p>Skar unterdr�ckte ein Grinsen, wurde aber sofort wieder ernst. �La� mich dein Gesicht ansehen�, bat er.</p><p>Del drehte den Kopf weg und schlug seine Hand beiseite. �Sieh dich lieber selbst an, du gro�er Krieger�, sagte er giftig. �Du siehst eher aus, als h�ttest du einen Heilkundigen n�tig.�</p><p>Skar hob unwillk�rlich die Hand an sein Gesicht, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende. Jetzt, als die Anspannung des Kampfes allm�hlich von ihm abfiel, begann er jeden Hieb, den ihm Helth versetzt hatte, schmerzhaft zu registrieren. Sein Arm blutete noch immer, nicht stark, aber best�ndig, und sein rechtes Auge brannte wie Feuer. Als er �ber seine Wange tastete, sp�rte er Blut.</p><p>�Der Kleine hat dir ganz sch�n zu schaffen gemacht�, bemerkte Del schadenfroh. �Du wirst allm�hlich alt, scheint mir.�</p><p>Skar blieb ernst. �Ich f�rchte�, sagte er, Dels Wortwahl bewu�t aufgreifend, �da� uns der Kleine noch mehr zu schaffen machen wird.�</p><p>�Sollen wir ihm nach?�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. �Das ist sinnlos. Wir werden keine Spuren finden. Aber wir m�ssen vorsichtig sein, wenn wir weitergehen.� Er seufzte. Er hatte die ganze Zeit geahnt, da� es so kommen w�rde. Aber er hatte gehofft, da� ihnen noch ein wenig Zeit blieb.</p><p>�Du glaubst, da� er uns auflauern wird?� fragte Del.</p><p>�Ich wei� �berhaupt nicht, was ich glauben soll�, murmelte Skar. Er lie� sich neben Del auf das zerw�hlte Lager sinken, nahm einen der grauen Stoffetzen auf und wischte sich Blut und Schwei� aus dem Gesicht. Zwei M�nner knieten vor ihnen nieder und hoben den Toten auf, um ihn in den hinteren Teil der H�hle zu tragen. Skar betrachtete sie teilnahmslos. St�rker noch als zuvor f�hlte er sich einsam, obwohl er von fast vierzig M�nnern umgeben war. Aber sie erschienen ihm weniger denn je wie Menschen, sondern eher wie graue Puppen, denen nur eine Statistenrolle in diesem grausamen Spiel zugefallen war. Ihm fiel pl�tzlich ein, da� er nicht einmal ihre Namen wu�te. Nicht von einem. �Warum hat er diesen Kampf provoziert?� murmelte er. �Er mu�te wissen, da� er ihn verliert. Es war so... so sinnlos.� Er sah auf. Als w�re es n�tig gewesen, den Gedanken laut auszusprechen, sp�rte er erst jetzt, <emphasis>wie </emphasis>widersinnig Helth' Verhalten war. Er w�rde sterben, allein dort drau�en. In den Kleidern, die er anhatte, w�rde er nicht einmal bis zum Sonnenuntergang durchhalten.</p><p>Del zuckte mit den Achseln. �Vielleicht hat er sich schlicht und einfach �bersch�tzt�, sagte er.</p><p>�Kaum.� Skar kn�llte den Stoffetzen zusammen, tupfte das Blut von seinem Arm und schlo� die Finger zur Faust. Die Wunde begann st�rker zu bluten. Er zog eine Grimasse, suchte einen einigerma�en sauberen Stoffstreifen und wickelte ihn ungeschickt um seinen Unterarm. Del sah ihm einen Moment kopfsch�ttelnd dabei zu, ehe er sich vorbeugte, den Verband wenig sanft herunternahm und sauberer und straffer wieder anlegte.</p><p>�Er wu�te, da� er keine Chance gegen mich haben konnte.�</p><p>�Bist du es jetzt, der sich �bersch�tzt?� fragte Del, ohne von seinem Arm aufzusehen.</p><p>�Und wenn schon nicht gegen mich, dann gegen dich, Del�, fuhr Skar unbeirrt fort. �Es war so sinnlos.�</p><p>�Vielleicht ist er schlicht und einfach verr�ckt geworden�, vermutete Del. �Wenigstens kam es mir so vor - diese Idee, zum See zur�ckzumarschieren und mit einer Handvoll halbtoter M�nner den Dronte anzugreifen, war geradezu hirnrissig.�</p><p>�Nein�, widersprach Skar, sehr ernst und in einem Ton, der Del unwillk�rlich innehalten und aufsehen lie�. �Verr�ckt ist er sicher nicht, Del. Und wenn, dann steckt ein System hinter diesem Wahn.�</p><p>�Also, ich kann beim besten Willen kein System darin erkennen, ohne Mantel in die K�lte hinauszurennen�, sagte Del. �Er wird erfrieren. Wenn nicht sofort, dann in der n�chsten Nacht.�</p><p>Skar schwieg. F�r einen Moment, f�r einen ganz kurzen, fl�chtigen Moment, hatte er das Gef�hl gehabt, die L�sung des R�tsels in H�nden zu halten. Aber der Gedanke entschl�pfte ihm, bevor er danach greifen konnte. Es waren nur Kleinigkeiten, das sp�rte er. Winzige Details, die offen und sichtbar vor ihm lagen und die er nur richtig einzuordnen brauchte, um endlich Klarheit zu haben. Aber es gelang ihm nicht.</p><p>Del wurde pl�tzlich ernst. �Wir m�ssen los�, mahnte er.</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Dann wei�t du hoffentlich auch, da� du zu den M�nnern reden mu�t, Skar�, fuhr Del leise fort. Er wirkte mit einem Male besorgt. �Ob es dir pa�t oder nicht - du hast jetzt die Verantwortung f�r sie.� Skar sah an Del vorbei zu den M�nnern hin�ber. Schatten. Er sah Schatten, stumme, grau gewordene Gesichter und Augen, in denen die Angst ihre Spuren hinterlassen hatte. Er fand keine Beziehung zu ihnen, selbst der Gedanke, da� sie Menschen waren und jeder von ihnen ein Leben lebte, das so kompliziert und voller H�hen und Tiefen war wie sein eigenes, erschien ihm mit einem Mal lachhaft. Er hatte die Verantwortung f�r diese M�nner nicht gewollt. Sie war ihm aufgezwungen worden, und er begann eigentlich erst jetzt zu sp�ren, wie schwer die Last ihn dr�ckte, die ihm von Rayan aufgeb�rdet worden war. Sein Blick streifte Gowenna, und selbst sie erschien ihm pl�tzlich nur wie ein Schatten, ein schwaches Abbild ihrer selbst. Nicht echt. Alles um ihn herum war nicht echt.</p><p>�Ich bin kein gro�er Redner�, bekannte er halblaut. Die Worte kamen schleppend. Mit einem Male f�hlte er sich m�de. Unendlich m�de. ��bernimm du das - bitte.�</p><p>Del z�gerte. Er wollte etwas sagen, aber ein Blick in Skars Augen lie� ihn verstummen.</p><p>�Vergi� es�, murmelte Skar. �Ich werde es tun - nachher, bevor wir aufbrechen.�</p><p>�Und wohin?� fragte Del leise.</p><p>Skar lie� sich zur�cksinken, lehnte den Kopf gegen die eisverkrustete Wand und schlo� die Augen. Sofort stiegen Bilder in ihm empor, blitzartige Visionen, die nichts miteinander zu tun hatten, sich aber zu einem irrsinnigen, tobenden Tanz des Schreckens vermengten, so da� er die Lider hastig wieder hob. �Nach Westen�, sagte er. �Die Felsenkette f�hrt zur K�ste. Es gibt einen...� er z�gerte, �eine Art nat�rliches Hafenbecken dort. Vielleicht finden wir eine M�glichkeit, von hier wegzukommen.�</p><p>Del blinzelte. �Woher wei�t du das?�</p><p>�Von Gowenna�, antwortete Skar. �Sie hat es mir erz�hlt. Gestern morgen, bevor wir aus der Ruine aufgebrochen sind.�</p><p>�Go...� Del brach ab, sch�ttelte ein paarmal hintereinander verwirrt den Kopf und starrte erst ihn, dann Gowenna und dann wieder ihn an. Skar sp�rte, wie Zorn in dem jungen Satai hochstieg. <emphasis>�Sie </emphasis>hat es dir erz�hlt?� wiederholte er, als k�nne er nicht glauben, was er gerade geh�rt hatte. �Was hat sie dir noch erz�hlt?�</p><p>�Nichts�, murmelte Skar. �Nichts Wichtiges jedenfalls.�</p><p>�Nichts Wichtiges, so�, grollte Del. Er richtete sich ein wenig auf und straffte die Schultern. Obwohl er vor Skar auf den Knien hockte, �berragte er ihn um mehr als Hauptesl�nge. �Aber der Herr hatte es nicht n�tig, mich davon zu unterrichten, wie ?� warf er ihm zornig vor. �Manchmal frage ich mich wirklich, Skar, ob wir noch Freunde oder bereits Feinde sind. Was hat sie dir noch �ber dieses Land gesagt?�</p><p>�Nichts�, antwortete Skar ungeduldig. �Und ich glaube, selbst das wenige, was sie mir gesagt hat, wollte sie mir eigentlich nicht verraten. Diese verdammte Insel ist noch nie von Menschen betreten worden.�</p><p>�Unsinn!� Del schlug w�tend mit der Faust auf den Boden. �Die Ruine drau�en auf dem Eis ist nicht vom Himmel gefallen, und die Treppe dort hinten ist nicht von selbst gewachsen. Dieser verdammte Eisklotz ist alles andere als tot, Skar.�</p><p>�Vielleicht ist es gerade das, wovor ich Angst habe�, murmelte Skar, aber so leise, da� Del die Worte nicht verstehen konnte.</p><p>Del knotete die Enden des improvisierten Verbandes zusammen, �berzeugte sich von seinem festen Sitz und lie� sich mit angezogenen Knien neben Skar auf das Lager zur�cksinken. Er seufzte. Sein Gesicht wirkte mit einem Male alt und eingefallen, und wie Skar schien er die Ersch�pfung erst jetzt richtig zu sp�ren. �Hast du dir schon einmal �berlegt, da� Helth recht haben k�nnte?� fragte er.</p><p>�Womit?�</p><p>�Mit seinem Verdacht, Skar. Vielleicht...� Er stockte, sah wieder auf Gowennas Gesicht herab und starrte es endlose Sekunden lang an, als k�nne er dort die Antwort auf all ihre Fragen finden. �Vielleicht hat sie alles von Anfang an so geplant.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf, sah Del aber nicht an. �Sie hat nicht die Kraft, so etwas zu tun�, entgegnete er mit einer Geste auf die Eiswand, die jetzt wieder hinter einem dunklen Vorhang aus Schatten und Nacht verschwunden war.</p><p>�Sie allein nicht�, stimmte Del zu. �Aber sie k�nnte Verb�ndete haben.�</p><p>�Aber nat�rlich. Den Dronte und die von den Toten auferstandenen Bewohner dieser Insel.�</p><p>Del zog eine Grimasse. �F�r Sarkasmus bin ich hier zust�ndig�, sagte er. �Nicht du.� Er stand auf, reckte sich und tastete behutsam mit den Fingerspitzen �ber sein Gesicht. Es begann jetzt sichtlich anzuschwellen. Einer der Matrosen erhob sich, sprach mit leiser Stimme ein paar Worte zu ihm, die Skar nicht verstand und die ihn auch nicht interessierten, und wandte sich wieder ab.</p><p>Skar schlo� die Augen. Wieder drohten Visionen aus seiner Seele aufzusteigen und seine Gedanken zu �berschwemmen, Bilder, diesmal nicht Bilder des Dronte und ihrer verzweifelten Flucht, sondern etwas, das dem <emphasis>Ding </emphasis>auf der anderen Seite der Berge glich und doch wieder ganz anders war, aber diesmal dr�ngte er sie zur�ck, schuf mit aller Gewalt eine tiefe, dunkle Leere in seinem Inneren und gab sich bewu�t seiner M�digkeit hin. Del sagte noch etwas, aber er verstand die Worte nicht mehr. Pl�tzlich schienen seine Sinne eingeengt; er roch, sp�rte und h�rte noch alles, was um ihn herum vorging, deutlicher vielleicht als zuvor, aber seine Empfindungen waren auf einen kleinen, nur wenige Schritte messenden Bereich rings um ihn herum begrenzt. Er sp�rte Del neben sich, h�rte Gowennas m�hsame, aber regelm��ige Atemz�ge und f�hlte den eisigen Wind, der durch den Tunnel ins Innere der H�hle fauchte.</p><p>Dann verging auch dies. �bergangslos schlief er ein.</p></section><section><title><p id="_21">21.</p></title><p><emphasis>Er stand am Rand einer unendlichen gl�sernen Ebene, sp�rte die K�lte des Windes und den Ruf der Einsamkeit, ein r�tliches Flackern, und der Gestank verschmorenden Fleisches h�llte ihn ein, und er wu�te - anders als in einem normalen Traum -, da� er tr�umte, da� all dies nicht real und es wieder Bilder aus seinem Unterbewu�tsein waren, die die Schw�che des Schlafes ausgenutzt hatten, um Gewalt �ber sein Denken zu erlangen. Die gl�serne Ebene war die Eiswand, auf die er zusammen mit Brad hinaufgestiegen war, das rote Licht die Flammen, die den Dronte tief unter ihnen verzehrten. Er war allein, die SHAROKAAN und Del und Gowenna und alle anderen verschwunden, der See lag glatt und unber�hrt wie ein gewaltiger Spiegel unter ihnen. Langsam kniete er am Rande der gewaltigen Schlucht nieder, breitete die Arme aus, als wolle er fliegen, und beugte sich �ber den Abgrund. Er fiel nicht. Unter ihm brannte der Dronte, und er h�rte seine Schmerzensschreie, sp�rte den Zorn und die Qual dieses unbegreiflichen Wesens, aber auch die Verwirrung, dazwischen Gef�hle, die ihm fremd waren und f�r die es keine Worte in der menschlichen Sprache gab. Er sah den Ri� in der gegen�berliegenden Wand, einen schwarzen, gezackten Blitz, der die Ebene auf der anderen Seite in zwei ungleichm��ige H�lften spaltete, das Eis an seinen R�ndern war aufgeworfen wie die R�nder einer Wunde, der flackernde Widerschein des Feuers f�rbte sie rot, sie und das Schmelzwasser, das wie eisiges Blut die Wand herablief. Sie hatten nicht nur dem Dronte Schmerz zugef�gt, sondern diesem Land, dem Geist, vielleicht dem Gott dieser eisigen Insel am Ende der Welt. Er beugte sich weiter vor, so unm�glich weit, da� er eigentlich h�tte fallen m�ssen, aber irgend etwas hielt ihn, gegen alle Logik, er sah hinab, blickte in die Flammen und sah das Gesicht darin, Brads Gesicht, seinen K�rper, der vom Zucken des Eises abgesch�ttelt und in die Tiefe gerissen worden war, zerbrochen, verbrannt, ein schreiendes B�ndel, das auf dem wei�gl�henden Deck des Dronte aufschlug und mit seinem zerlaufenden Leib verschmolz, eins wurde mit der teer�hnlichen schwarzen Masse, die unter der Glut des Feuers zerkochte, in dem brodelnden Schwarz versank wie ein bizarres Tier der Vorzeit in einem Teersee; im Tode vereint mit seinem Opfer. Skar wollte zur�ckweichen, aber die gleiche Kraft, die ihn hielt, hinderte ihn auch daran und zwang ihn, weiter in die Tiefe zu blicken und dem qualvollen Sterben des Dronte zuzusehen, und</emphasis> �Skar?� <emphasis>gleichzeitig sp�rte er, da� diese Bilder mehr waren als ein blo�er Traum, da� es eine Botschaft, eine Warnung oder vielleicht auch nur der Versuch einer Ver- </emphasis>�Skar! Wach auf - es ist Zeit.� <emphasis>st�ndigung war, einer Verst�ndigung �ber Abgr�nde hinweg, die tiefer waren als alles, wor�ber...</emphasis></p><p>Eine Hand klatschte in sein Gesicht. Der Schlag war nicht fest, schmerzte nicht einmal, aber er weckte ihn endg�ltig, und die Scheinrealit�t des Traumes wich der flackernden roten K�lte der H�hle. Er blinzelte, sah - mit pl�tzlichem Schrecken - zum Ausgang und stellte erleichtert fest, da� es drau�en noch hell war. F�r den Bruchteil eines Atemzuges hatte sich die bizarre Vorstellung in ihm festgesetzt, da� er den Tag verschlafen haben k�nnte und drau�en wieder Nacht war. Die letzte Nacht.</p><p>Del grinste. �Endlich aufgewacht?�</p><p>�Wie lange... habe ich geschlafen?� murmelte Skar benommen. Es fiel ihm schwer, ganz wach zu werden. Der Traum war sofort gekommen, direkt und unmittelbar und ohne den Umweg �ber den Schlaf, der sonst die Pforten zu diesem verschlossenen Bereich der Seele �ffnete. F�r einen Moment versuchte sich Skar fast verzweifelt an die Bilder zu klammern, die seinen Geist erf�llt hatten, versuchte diesen Traum mit Gewalt zur�ckzuzwingen, wu�te er doch, da� die L�sung aller R�tsel darin lag. Aber das Bild verbla�te, versank in einem Strudel von Visionen und durcheinanderwirbelnden Gedankenfetzen; Fragmenten von Gespr�chen und Bildern, die er erlebt und gesehen hatte. F�r einen Moment versp�rte er fast Zorn auf Del, da� er ihn geweckt hatte.</p><p>�Nicht lange�, antwortete Del. �Nur wenige Minuten. Aber ich dachte mir, da� du den Schlaf brauchst. Du hast sowenig Ruhe wie ich bekommen, und wir haben einen anstrengenden Tag vor uns.� Pl�tzlich grinste er wieder. �So ist das, wenn man alt wird, Meister�, sp�ttelte er. �Ein Nickerchen hier und da...�</p><p>Skar blieb ernst. M�hsam stemmte er sich hoch, wollte nach seinen Decken greifen und merkte erst jetzt, da� Del sein B�ndel bereits geschn�rt und nur den dicken Wollmantel offen liegengelassen hatte. Er nickte, stumm und dankbar, legte sich das Kleidungsst�ck �ber die Schultern und sah sich um. Del hatte ihn wirklich bis zum letzten m�glichen Augenblick ruhen lassen: Die M�nner waren abmarschbereit, die Fackeln bis auf eine letzte, die so weit heruntergebrannt war, da� sich ein Mitnehmen nicht mehr lohnte, gel�scht. Er drehte sich zu Gowenna um. Sie war wach und hatte sich an der Wand aufgesetzt. Ihr Atem ging schnell und so hart, da� er das Heben und Senken ihrer Brust selbst durch die beiden M�ntel hindurch sehen konnte, die sie - oder Del - �bergestreift hatte. Ihr Gesicht war fast vollst�ndig unter einer tief in die Stirn gezogenen Kapuze verborgen; nur die Augen und ein Teil von Wangen und Stirn waren �berhaupt sichtbar. Es wirkte seltsam bleich, blutleer und wei� wie der Schnee drau�en vor der H�hle. H�tten ihre Mundwinkel nicht von Zeit zu Zeit gezuckt, h�tte er sie f�r tot gehalten.</p><p>�Ich werde sie tragen�, erkl�rte Del.</p><p>Skar runzelte die Stirn. Er wu�te, wie unglaublich stark Del war, aber sie hatten Strapazen hinter - und vielleicht noch vor - sich, die jeder Beschreibung spotteten. �Bist du sicher, da� du es schaffst?� fragte er. �Die M�nner werden dir nicht helfen k�nnen. Und ich auch nicht�, f�gte er nach einer merklichen Pause hinzu.</p><p>Del nickte. �Ich wei߫, sagte er gleichm�tig. �Aber es geht schon. Sie ist nicht viel schwerer als Vela.�</p><p>�Das ist nicht n�tig, Del. Ich kann gehen.�</p><p>Skar drehte sich �berrascht um. Del hatte leise gesprochen, und nach dem leeren Blick ihrer Augen hatte er nicht geglaubt, da� Gowenna wirklich etwas von ihrer Umgebung wahrnahm. Aber sie war wach, und der Schmerz in ihrem Blick war nicht von der Art, wie man ihm im Schlaf oder im Koma begegnet. Z�gernd lie� er sich vor ihr in die Hocke nieder, sah ihr einen Moment durchdringend in die Augen und wiegte den Kopf.</p><p>�Du bist also wach�, stellte er fest. �Hast du Schmerzen?�</p><p>Sie nickte. �Ja. Aber es ist... nicht schlimm.� Ihre Stimme klang br�chig. �Ich werde gehen k�nnen. Del wird seine Kraft noch dringend brauchen. Und du auch, Skar.�</p><p>Skar wollte sie fragen, wozu, aber er wu�te, da� sie ihm nicht antworten w�rde. Ihre Stimme klang schleppend; es mu�te ihr M�he bereiten, �berhaupt zu reden, und er kannte Gowenna gut genug, um zu wissen, da� sie diese offensichtliche Schw�che ausnutzen w�rde, um nicht auf seine Fragen antworten zu m�ssen.</p><p>�Sie hat recht, Skar�, best�tigte Del leise. �Was mir viel mehr Sorgen bereitet, ist dieser Verr�ckte dort drau�en. Er wird uns auflauern, das ist dir doch klar.�</p><p>Skar sah unwillk�rlich auf Helth' Lager hinab. Del hatte auch die Sachen des Veden zusammengesucht und zu einem B�ndel verschn�rt. Die Kleider lagen ein St�ck abseits und waren mit �l getr�nkt; Del w�rde sie verbrennen, ehe er die H�hle verlie�. Schild, Schwert und Bogen lagen griffbereit daneben. Sie w�rden mitnehmen, was sie nicht zerst�ren konnten. - Nat�rlich. Sie durften es sich nicht leisten, irgend etwas zur�ckzulassen, was Helth von Nutzen sein konnte.</p><p>Irgendwie - so absurd es klang - f�hlte sich Skar beinahe erleichtert. Der Vede war sicher ein gef�hrlicher Gegner, und weder Del noch er rechneten wirklich damit, da� er einfach aufgeben und sich irgendwo drau�en in den Schnee legen w�rde, um zu sterben. Aber er war ein Gegner, den sie fassen konnten. Ein Mensch.</p><p>Sie brachen auf. Skar war der erste, der auf H�nden und Knien durch den niedrigen Stollen ins Freie kroch; vorsichtig und immer wieder anhaltend, um zu lauschen und das Spiel von Licht und Schatten auf dem Schnee drau�en zu beobachten. Er glaubte nicht wirklich daran, da� Helth ihnen unmittelbar dort drau�en vor der H�hle auflauern w�rde; er mu�te damit rechnen, da� zumindest einer von ihnen den Berg durch die r�ckw�rtige �ffnung verlie� und ihm in den R�cken fiel. Aber Helth war verr�ckt und somit unberechenbar.</p><p>Der Sturm empfing ihn mit triumphierendem Gebr�ll, als er aus dem Berg kroch und sich aufrichtete, die rechte Hand am Schwert. Obwohl es mittlerweile heller Tag war, herrschte hier, zwischen den lotrecht aufragenden W�nden der Schlucht, noch immer unsicheres D�mmerlicht. Ihr jenseitiges Ende erschien ihm wesentlich weiter entfernt als zuvor, und f�r die Dauer eines Atemzuges hatte er die bedr�ckende Vorstellung, die W�nde k�nnten wie die Kiefer eines gigantischen steinernen Ungeheuers zusammenklappen und ihn und alle anderen einfach zerquetschen.</p><p>Er k�mpfte den Gedanken nieder und trat hastig beiseite, um den Ausgang freizugeben. Die M�nner schl�pften einer nach dem anderen ins Freie; Del, der das Kunstst�ck fertigbrachte, Gowenna zu st�tzen, ohne sie dabei wie einen leblosen Sack �ber den felsigen Boden zerren zu m�ssen, als letzter. Skar half ihm, aufzustehen und Gowenna auf die F��e zu stellen. Ihr Blick ging durch ihn hindurch ins Leere, so wie zuvor, und als Skar die Hand �ber ihr Gesicht hob und vor ihren Augen hin und her bewegte, reagierte sie erst nach Sekunden und sehr langsam. Del hatte recht, �berlegte Skar bedr�ckt. Es konnte nicht der Hieb allein sein, der f�r ihren Zustand verantwortlich war.</p><p>Obwohl sie sich beeilten, verging noch fast eine halbe Stunde, ehe die Schlucht wirklich hinter ihnen lag. Wie am Tage zuvor gingen sie im G�nsemarsch, aber dichter aufgeschlossen, ein Mann im Windschatten des vorderen. Es nutzte nicht viel, weder gegen die K�lte noch gegen den Wind, aber vielleicht half den M�nnern wenigstens die N�he der anderen.</p><p>Zwei Stunden marschierten sie nach Westen, ehe Skar eine M�glichkeit fand, die Felsenkette zu �berschreiten. Er hatte absichtlich darauf verzichtet, die M�nner die H�hle durch den r�ckw�rtigen Ausgang verlassen zu lassen. Die Eisstufen waren vor seinen Augen zerfallen; es w�re zu gef�hrlich gewesen, sie an der lotrechten Felswand abzuseilen. Aber je weiter sie nach Westen vordrangen, desto mehr Zweifel �berkamen ihn, ob es wirklich richtig gewesen war, auf eine andere M�glichkeit zu warten. Gestern abend, im letzten Licht des Tages, hatten die Felsen grau und zerrissen ausgesehen, die D�mmerung hatte ihre Konturen verwischt und ihn wenig mehr als Schatten erkennen lassen. Jetzt sah er, da� sie noch wilder und un�bersteigbarer waren, als er bef�rchtet hatte. Die Felsen stiegen die letzten zwanzig, f�nfundzwanzig Fu� nahezu senkrecht in die H�he, und das Eis �berzog jeden Vorsprung, jede Kante und jeden Ri�, in denen ihre H�nde und F��e h�tten Halt finden k�nnen, mit einem milchigen, spiegelglatten Panzer. Sie mu�ten sich ann�hernd f�nf Meilen am Fu�e der Felskette nach Westen weiterqu�len, ehe sie endlich eine M�glichkeit fanden, sie zu �bersteigen.</p><p>Es war Del, der die V-f�rmige Spalte in der grauen Wand entdeckte. Er sagte kein Wort, sondern deutete nur mit einer stummen Kopfbewegung nach vorne. Obwohl er Gowenna die ganze Zeit gest�tzt hatte, ohne ein einziges Mal stehen zu bleiben oder auch nur ihr Gewicht zu verlagern, hatte er beinahe m�helos mit Skar Schritt gehalten, und der Ausdruck der Ersch�pfung auf seinen Z�gen war dem einer grimmigen Entschlossenheit gewichen. Skar lie� sich davon nicht t�uschen : Er kannte Del gut genug, um zu wissen, da� auch er jetzt an den Grenzen seiner Kr�fte angelangt war.</p><p>�La� die M�nner f�r einen Moment rasten�, sagte er. Del sah �berrascht auf, und Skar f�gte hastig hinzu: �Nur einen Moment, nicht l�nger. Es ist besser, wenn wir allein vorausgehen. Es w�re nicht sehr sinnvoll, dort hinaufzuklettern, nur um vor einem Abgrund zu stehen, nicht?�</p><p>�Warte einen Moment.� Del sah sich suchend um, erblickte eine halbwegs windgesch�tzte Stelle zwischen den Felsen und wollte Gowenna dorthin f�hren, aber Skar hielt ihn mit einer raschen Bewegung zur�ck.</p><p>�Nein�, sagte er. �Sie kommt mit.�</p><p>Del schien f�r einen Moment sprachlos vor Verbl�ffung zu sein. Sein Blick bohrte sich in den Skars, huschte dann die steil ansteigende, vereiste Schneefl�che vor der Bresche hinauf und richtete sich wieder auf Skar. �Bist du verr�ckt geworden? Sie -�</p><p>�Ich habe meine Gr�nde.� Skar schnitt ihm w�tend das Wort ab und fa�te nach Gowennas Oberarm. Sie strauchelte unter dem groben Zugriff, mit dem er sie zu sich heranzog und herumdrehte, protestierte aber mit keinem Laut. Del pre�te ver�rgert die Lippen zusammen. �Wie du meinst�, entgegnete er zornig. �Von mir aus kannst du sie hinauftragen, wenn es dir Spa� macht.� Er fuhr herum, lie� Skar ohne ein weiteres Wort stehen und eilte voraus, hielt jedoch nach ein paar Schritten wieder inne und blickte ihn mit einer Mischung aus �rger und Ungeduld �ber die Schulter an.</p><p>�Komm�, sagte Skar leise. Gowenna setzte sich gehorsam in Bewegung, kam jedoch schon beim ersten Schritt ins Stolpern, so da� Skar sie st�tzen mu�te wie zuvor Del.</p><p>Dels Zorn war bereits verflogen, als sie ihn einholten, und in seinem Blick war jetzt nur noch Verwirrung. Sie wu�ten beide, <emphasis>warum </emphasis>Skar darauf bestandenen hatte, als erste �ber den Grat zu steigen. Die Felsen waren rechts und links des Einschnittes zerkl�fteter und un�bersichtlicher als anderenorts; es gab Verstecke genug, um eine kleine Armee zu verbergen. Um so mehr mu�te es ihn verwundert haben, da� Skar so gro�en Wert darauf legte, Gowenna mitzunehmen.</p><p>�Wenn er wirklich dort oben wartet, ist er ein Idiot�, knurrte Del, w�hrend sie nebeneinander den verharschten Hang hinaufstiegen. Sein Blick streifte Gowenna, und die Unsicherheit auf seinen Z�gen wuchs. Skar sah starr an ihm vorbei. �Aber es kann genausogut sein, da� er darauf hofft, da� wir so denken.� Er legte die Hand auf den Schwertgriff, zog die Waffe halb aus der Scheide und stie� sie mit einem �rgerlichen Schnauben wieder zur�ck, als die d�nne Eisdecke unter seinem Gewicht einbrach und er bis zu den Kniekehlen in dem darunter verborgenen pulverfeinen Schnee versank. Skar wollte ihm aufhelfen und lie� Gowennas Arm los. Sie kam erneut ins Stolpern und fiel auf die Knie. Skar drehte sich mitten in der Bewegung um, um sie aufzufangen, aber auch er versank beinahe augenblicklich im Schnee; Schnee, der so fein und trocken war, da� er wie Sand in seine zugebundenen Stiefelsch�fte rieselte und ihn vor K�lte aufst�hnen lie�. Del grinste, beugte sich vor, angelte nach einer Felszacke und zog sich �chzend weiter daran nach oben. Skar und Gowenna - mehr von Skar geschoben und von Del gezogen als aus eigener Kraft - folgten ihm auf die gleiche Weise. Es war absurd, aber er mu�te in diesem Augenblick daran denken, da� Del und er f�r die M�nner unter ihnen zwei ziemlich l�cherliche Figuren abgeben mu�ten, wie sie sich Hand �ber Hand und mehr kriechend als gehend weiter nach oben arbeiteten. Der Weg wurde schwieriger. Unter dem Eis, das wie eine steil ansteigende wei�e Stra�e zum Felsdurchbruch hinauff�hrte, war jetzt nicht mehr Schnee, sondern scharfkantiger Stein, so da� sie von diesem nur scheinbar leichten Weg abwichen und kurzerhand den Fels rechts und links davon hinaufkletterten; eine Aufgabe, die allein durch Gowennas Gegenwart beinahe unl�sbar wurde. Skar trug ihr Gewicht nahezu allein; Del half ihm nur da, wo es wirklich nicht anders ging, die �brige Zeit blieb er zwar in ihrer unmittelbaren N�he, um im Notfall sofort zugreifen zu k�nnen, sah aber mit einem schadenfrohen Grinsen zu, wie Skar Gowenna �ber die zerkl�fteten Steine zog und teilweise trug.</p><p>Skars vor K�lte taube H�nde waren bald blutig und eingerissen, aber das sp�rte er kaum noch. Sein Blick suchte immer wieder die zerborstenen Felsen beiderseits des Durchbruches ab, aber das einzige, was er sah, war der Schnee, der vom Wind immer wieder hochgewirbelt wurde.</p><p>Die letzten Meter waren wieder leichter. Das Eis war hier oben fest und trug ihr Gewicht, und Del und er konnten nebeneinander gehen. Skar widerstand der Versuchung, seine Waffe zu ziehen. Aber seine Schritte wurden langsamer, je weiter sie sich dem Punkt n�herten, an dem sie die andere Seite der Ebene zu sehen hofften.</p><p>Der Anblick traf Del wie eine Ohrfeige. Er blieb stehen, so abrupt, als h�tte ihn eine unsichtbare Hand mitten in der Bewegung zur�ckgerissen, starrte aus ungl�ubig aufgerissenen Augen auf die endlose wei�e Fl�che unter sich hinab und suchte vergeblich nach Worten. Gowenna reagierte anders - so, wie er erwartet hatte. Ein rasches Aufblitzen von Erkennen huschte �ber ihre Z�ge, gemischt mit Furcht.</p><p>�Das ist es, wohin Vela wollte�, sagte Skar. �Nicht wahr?�</p><p>Obwohl der Anblick f�r ihn nicht neu war wie f�r Del, l�hmte ihn das bizarre Bild beinahe im gleichen Ma�e. Anders als am Morgen l�ste es jetzt Furcht in ihm aus. Irgend etwas war anders. Er konnte den Unterschied nicht in Worte fassen, aber er sp�rte ihn. War die Ebene am Morgen nur fremd gewesen, so wehte ihnen jetzt etwas Feindseliges, B�ses entgegen, ein Hauch wie jener, den er an Bord des Dronte versp�rt hatte, aber direkter, drohender.</p><p>�Skar - was ist das?� murmelte Del. Sein Blick hing noch immer wie gebannt an den blitzenden Konturen dieses gigantischen wei�en Labyrinthes, das ein verspielter Gott �ber die Welt verstreut zu haben schien.</p><p>Skar zuckte mit den Achseln und sah Gowenna an. �Frag sie�, knurrte er halblaut. �Ich wei� es so wenig wie du. Ich wei� nur, da� wir hindurch m�ssen. Oder?� Gowenna antwortete nicht, sondern tat weiter so, als registriere sie gar nicht, was um sie herum vorging. Der Sturm zerrte an ihren Kleidern. Sie wankte, und Skar konnte sehen, wie sich ihre H�nde unter dem Mantel nerv�s bewegten.</p><p>�M�ssen wir das wirklich?� Del ri� sich los und starrte Gowenna an. �Und dann?� fuhr er fort. �Was dann, Gowenna?� In seiner Stimme war pl�tzlich ein gereizter, aggressiver Unterton. �Was ist das, dort unten? Und was erwartet uns dort?�</p><p>Gowenna sah auf. Ihr Gesicht zuckte. Eine Sekunde lang hielt Del ihrem Blick stand, dann trat er pl�tzlich auf sie zu, packte sie bei den Schultern und sch�ttelte sie so heftig, da� Skar ihn instinktiv zur�ckri�. Gowenna wankte, griff haltsuchend nach einem Felsen und fand im letzten Moment ihr Gleichgewicht wieder.</p><p>W�tend schlug Del Skars Hand beiseite und trat abermals auf Gowenna zu. �Ich habe dich etwas gefragt�, sagte er drohend. �Also?� Gowenna schluckte. Ihr Blick suchte den Skars und wurde flehend. Skar sah weg.</p><p>�Skar hat... hat recht�, brachte sie stockend hervor. �Das dort unten ist Velas Ziel. Der Ort, an den sie... gerufen wurde. Das wei�e Labyrinth.�</p><p>�Daf�r, da� du nichts wei�t, wei�t du eine Menge�, knurrte Del. �Aber das beantwortet meine Frage nicht, Gowenna - <emphasis>was </emphasis>ist das?� Er ergriff sie abermals bei den Schultern, sch�ttelte sie aber diesmal nicht, sondern begn�gte sich damit, sie grob herumzudrehen und festzuhalten, so da� sie auf die glitzernde wei�e Ein�de hinuntersehen mu�te. �Und Helth?� fragte er. �Was ist mit ihm? Wird er dort unten auf uns warten - oder vielleicht deine Eisfreunde oder der Dronte?�</p><p>�La� mich los�, bat Gowenna. �Du tust mir weh.�</p><p>Zu Skars �berraschung lie� Del sie wirklich los, ergriff sie jedoch gleich darauf wieder am Arm und drehte sie abermals herum. Gowennas Gesicht zuckte vor Schmerzen, und f�r einen ganz kurzen Moment stieg Zorn in Skar auf. Aber er zwang sich dazu, ruhig dabeizustehen und zuzuh�ren.</p><p>Gowenna begann sich unter Dels Griff zu winden. �Ich wei� nichts von Helth�, keuchte sie. �Ich... Skar - hilf mir, bitte!�</p><p>Skar seufzte, trat neben Del und dr�ckte dessen Hand mit sanfter Gewalt herunter. Del fauchte w�tend, lie� es aber trotzdem geschehen. Seine Lippen bebten vor Wut. �Gowenna, bitte�, wandte Skar sich ihr zu. Seine Stimme klang flach und d�nn; er h�tte Zorn versp�ren m�ssen oder wenigstens �rger. Aber er f�hlte nichts. Nur K�lte. �Ich habe nicht mehr die Kraft, auch noch gegen dich zu k�mpfen. Sage uns, was du wei�t und warum wir �berhaupt hier sind. Und wenn schon nicht unsertwegen, dann� - er deutete mit einer Kopfbewegung nach hinten, wo die M�nner der SHAROKAAN standen und die f�r sie stumme Szene mit ausdruckslosen Gesichtern verfolgten - �um ihretwillen. Oder bedeuten dir diese vierunddrei�ig Menschenleben gar nichts mehr?�</p><p>Gowenna starrte ihn an. Der Ausdruck in ihrem Blick sollte Trotz sein, aber er war es nicht. Sie zitterte. �Du verstehst nichts�, murmelte sie.</p><p>�Dann hilf ihm�, sagte Del w�tend. �Ich bin sicher, er wird dich verstehen, wenn du endlich die Wahrheit sagst.�</p><p>�Sei still�, gebot Skar rasch. Zu Gowenna gewandt, fuhr er fort: �Du wu�test, was uns erwartet, nicht? Du wu�test vom Dronte, und du wu�test von diesem... diesem Etwas da unten. Was hat das alles zu bedeuten? <emphasis>Wo ist Vela?�</emphasis></p><p>�Ich wei� es nicht�, murmelte Gowenna. Diesmal klang es ehrlich. �Du l�gst�, behauptete Del. �Du hast im Fieber gesprochen, Gowenna. Entweder l�gst du jetzt, oder du hast heute morgen gelogen. Aber ich habe noch nie von einem Fall geh�rt, in dem ein Mensch im Fieber die Unwahrheit gesagt h�tte.�</p><p>Es dauerte lange, bis Gowenna antwortete. Als sie es tat, sah sie Skar an, nicht Del. �Vela ist v�llig unwichtig�, erkl�rte sie. �Du hattest recht, als du gesagt hast, sie h�tte nicht mehr die Kraft, noch einmal zu k�mpfen. Ich... ich glaube, sie wird sterben, Skar.�</p><p>�Und warum sind wir dann hier?� wollte Del wissen. Skar warf ihm einen raschen, warnenden Blick zu, den Del w�tend erwiderte. Aber wenigstens hielt er den Mund.</p><p>�Es ist wegen...� Wieder brach sie ab und blickte an Skar vorbei. Ihre Mundwinkel zuckten. �Wegen des Kindes�, stie� sie schlie�lich hervor. �Die Gefahr ist das Kind, nicht Vela.�</p><p>�Das Kind?� �chzte Del. �Welche Gefahr soll von einem ungeborenen Kind ausgehen?�</p><p>�Keine�, antwortete Gowenna. Ihre Lippen bewegten sich kaum beim Sprechen. �Aber wenn es geboren ist, wird es schlimmer und t�dlicher sein, als Vela jemals h�tte werden k�nnen. Es wird ein Kind des Schreckens sein, Skar, ein Werkzeug des B�sen, gegen das alle D�monen, die Vela heraufbeschworen hat, zu einem Nichts verblassen.� Skar hatte pl�tzlich das Bed�rfnis zu lachen, schrill, laut und hysterisch zu lachen. Aber er brachte keinen Laut hervor. Gowenna hatte nur ausgesprochen, was er schon lange Zeit insgeheim wu�te. Dieses Kind war sein Erbe. Der Erbe des <emphasis>Dinges, </emphasis>das in ihm schlummerte. �Das da unten�, fuhr Gowenna nach einer Weile fort, und er h�rte ihre Stimme nur d�nn, wie durch einen unsichtbaren, d�mpfenden Schleier hindurch, �ist <emphasis>Cor-ty-cor, </emphasis>die Festung der Sternengeborenen. Ihr wart in Combat, und ihr habt gesehen, mit welchen Waffen sie gegen die Alten gek�mpft haben. Feuer. Es war das Feuer der Sterne, Skar, das sie aus ihrer Heimat mitgebracht und gegen die Menschen geschleudert haben, und die Alten wehrten sich mit Eis und K�lte.� <emphasis>Feuer und Eis, </emphasis>dachte Skar. Wo hatte er diese Worte schon einmal geh�rt? Tantor. Es war Tantor, der Zwerg, gewesen, der sie benutzte, immer und immer wieder, aber er hatte ihnen keine Bedeutung zugemessen. Pl�tzlich fiel ihm ein, wie wenig er im Grunde noch immer �ber ihn wu�te. Seinen Namen, nicht mehr. Er war sicher, da� Tantor ihnen mehr h�tte sagen k�nnen. Aber Tantor war tot.</p><p>�Festung�, murmelte Del fassungslos. �Das...�</p><p>�Was du siehst�, unterbrach ihn Gowenna, �sind ihre Ruinen. Sie war aus Eis und Dunkelheit gebaut, und sie versank in Eis und Schweigen, als alles vorbei war. Sie ist tot, Del. Und ihre Bewohner schlafen.� Del wollte erneut auffahren, aber diesmal brachte Skar ihn sofort zum Schweigen. Es war das zweite Mal, da� Gowenna ein Wort benutzte, das nicht pa�te, und er war sicher, da� es kein Zufall war. �Was bedeutet das?� fragte er: �Schlafen?�</p><p>�Das, was es bedeutet�, antwortete Gowenna ausweichend. �Sie schlafen nur, Skar. Sie sind nicht tot, sowenig wie die Hornkrieger Tuans. Keine Macht dieser Welt w�re stark genug, sie zu t�ten, denn sie sind der Tod.�</p><p>Skar widersprach nicht. Gowennas Worte h�rten sich ebenso auswendig gelernt wie l�cherlich an, aber er hatte den Dronte gesehen, hatte seinen Atem gesp�rt und im gleichen Moment <emphasis>gewu�t, </emphasis>da� keine Macht des Universums dieses Wesen wirklich vernichten konnte. Vielleicht nicht einmal die G�tter selbst. �Und Vela hat sie geweckt�, fl�sterte er.</p><p>Gowenna verneinte. �Diese Macht hatte sie nicht�, sagte sie ernst. �H�tte sie es getan, Skar, dann w�ren wir alle nicht mehr am Leben. Die Gro�en Alten haben ein Jahrtausend gegen sie gek�mpft, und nicht einmal sie konnten sie besiegen. Sie haben sie in Schlaf versetzt, einen Schlaf, der bis ans Ende der Zeiten dauern sollte. Der Dronte und die Heerscharen Tuans sind nur niedere Wesen, Diener derer, die <emphasis>Cor-ty-cor </emphasis>erschufen und Krieg gegen die Menschen f�hrten, Skar. Einige von ihnen leben noch, so wie der Dronte und andere. Aber sie sind es nicht, vor denen ich mich f�rchte. Es ist das Kind, Skar. Hast du vergessen, was Vela dir erz�hlt hat?�</p><p>O nein, das hatte er nicht. Ihre Worte klangen so deutlich in ihm nach, als st�nde sie unsichtbar neben ihm und wiederholte sie immer und immer wieder: <emphasis>Ein paar von ihnen �berlebten. Nur wenige - vielleicht f�nfzig, verteilt �ber den ganzen Planeten. Sie verga�en ihr Erbe und ihre Herkunft, aber sie lebten weiter.</emphasis></p><p>In ihm.</p><p><emphasis>Und in seinem Kind...</emphasis></p><p>�Was wird geschehen, wenn... wenn es geboren wird?� fragte er m�hsam.</p><p>�Das wei� ich nicht, Skar�, erwiderte Gowenna. �Niemand wei� das. Vielleicht nichts -� Sie lachte, leise und bitter. �Eine Zeitlang haben wir uns an die Hoffnung geklammert, es w�re so. Das Kind k�nnte geboren werden und ganz normal aufwachsen, so wie du. Aber es wird anders kommen, Skar. Wir... waren im Zweifel, und was geschehen ist, beweist mir, da� unsere Sorgen berechtigt waren. Vela hat die Sternengeborenen nicht wecken k�nnen, aber sie hat <emphasis>etwas </emphasis>geweckt, und dieses Etwas hat Gewalt �ber sie erlangt, lange bevor du sie in Tuan getroffen hast. Es war alles geplant, Skar: das Kind, deine Flucht, ich glaube, sogar ihre Niederlage. Sie war nichts als ein Werkzeug, das geopfert werden konnte.�</p><p>�Und dieses Kind...�, begann Skar halblaut, sch�ttelte den Kopf und blickte mit neu erwachendem Schrecken auf die bizarre Eislandschaft zu seinen F��en herab. <emphasis>Cor-ty-cor, </emphasis>dachte er. <emphasis>Combat. Urc�un. Tuan. Der Dronte. </emphasis>Seine Gedanken begannen einen wilden Tanz aufzuf�hren. War denn diese ganze Welt ein Irrenhaus?</p><p>�...k�nnte die Macht haben, sie zu erwecken�, vollendete Gowenna, als Skar nicht weitersprach. �Es darf nie geboren werden. Nicht hier.�</p><p>�Einen Moment�, unterbrach sie Del mit einem ebenso w�tenden wie verwirrten Seitenblick auf Skar. �Auch wenn ich nur die H�lfte von dem verstehe, was ihr beide da redet - aber wenn dieses Kind so gef�hrlich ist, warum habt ihr es ihr dann nicht genommen ? Die Errish haben die M�glichkeit -�</p><p>�Es h�tte gegen unseren Glauben versto�en, Del�, sagte Gowenna ernst. �Dieses Kind kann nichts daf�r, da� man es mi�braucht, und das Leben ist uns heilig, auch das ungeborene.�</p><p>�Aber das ist doch -�</p><p>�Und es h�tte nichts genutzt�, fuhr Gowenna unger�hrt fort. �Die Macht ist schon in ihm - welche Macht es auch immer sein mag, Del. Selbst wenn wir Vela jetzt wiederfinden, k�nnten wir die Entwicklung nicht mehr aufhalten. Es w�rde nichts nutzen, das Kind zu t�ten. Was immer sie geweckt hat, Del, ist in ihm. T�test du es, w�re es frei.�</p><p>�Aber dann -�</p><p>Gowenna unterbrach ihn erneut. �Deshalb wollten wir, da� Vela ihr Kind im Berg der G�tter bekommt, Del. Wir k�nnen es nicht t�ten. Wir k�nnen nur daf�r sorgen, da� die Macht, die es einmal haben wird, in den richtigen H�nden liegt.� Sie l�chelte. �Du solltest wissen, wor�ber ich rede, Satai. <emphasis>Lenke eine Kraft um, wenn du sie nicht brechen kannst.�</emphasis></p><p>Dels Miene verfinsterte sich, aber Gowenna sprach weiter, ehe er Gelegenheit zu einer Entgegnung hatte. �Das ist doch einer der drei Grunds�tze eurer Philosophie, nicht? Der Schaden, den sie angerichtet hat, ist nicht r�ckg�ngig zu machen. Sie wollte dieses Kind als Waffe, und es wird geboren werden. Aber diese Waffe kann sich genausogut gegen die richten, die sie erschaffen haben.�</p><p>�Und wenn es hier geboren wird?�</p><p>Gowenna schwieg, aber es war ein Schweigen, das seine eigene Sprache sprach.</p><p>�Was ist, wenn es hier geboren wird?� fragte Skar noch einmal. �Was wird dann geschehen?�</p><p>Gowenna senkte den Blick. �Noch vor zwei Tagen h�tte ich mir einzureden versucht, da� wir dann noch eine Chance h�tten�, antwortete sie, sehr leise und in einem Tonfall, der Skar fr�steln lie�. �Aber jetzt...� Sie sch�ttelte den Kopf, trat einen Schritt zur Seite und lehnte sich mit der Schulter gegen den eisglitzernden Felsen. �Ihr habt den Dronte erlebt. Die Wesen, die erwachen k�nnten, werden tausendmal schlimmer sein.�</p><p>�Aber das ist doch geradezu hirnrissig!� warf Del ein. �Bei allen G�ttern, Gowenna - wenn du all das gewu�t hast, was hattest du dann vor? Warum hast du uns durch diese H�lle marschieren lassen? Um uns <emphasis>das da. </emphasis>zu zeigen?�</p><p>Gowenna blickte traurig hinunter auf die glitzernden Ruinen von Cor-ty-cor, auf die Dels ausgestreckter Arm wies. �Nein�, sagte sie. �Aber was sollten wir denn tun? Auf dem Wrack der SHAROKAAN bleiben und warten, bis einer nach dem anderen gestorben w�re?�</p><p>�Und was willst du hier tun?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich... ich hatte gehofft, den Hafen zu finden, von dem die alten Lieder berichten. Cor-ty-cor liegt am Meer, und in einem Hafen gibt es Schiffe.�</p><p>�Schiffe!� keuchte Del. �Eine ganze Flotte kleiner Dronte-Kinder, wie? Und du h�ttest eines von ihnen an die Leine genommen, und -�</p><p>�Del, bitte.� Skar seufzte h�rbar. Gowenna hatte recht - wo es einen Hafen gab, <emphasis>konnte </emphasis>es Schiffe geben, und sie waren verzweifelt genug, um nach einem Strohhalm greifen zu m�ssen. Drau�en am See w�re ihnen der Tod gewi� gewesen.</p><p>�Au�erdem sehe ich keinen Hafen�, murrte Del.</p><p>�Er ist da, und es ist nicht einmal mehr sehr weit�, antwortete Gowenna ruhig. �Er liegt unter der Erde, Del, so wie fast alles, was die Sternengeborenen erbaut haben. Wir k�nnten ihn in wenigen Stunden erreichen.�</p><p>Del zog eine Grimasse. �Aber das w�re zu einfach, wie?�</p><p>�Wir m�ssen Vela finden. Es kann sein, da� es nichts mehr gibt, wohin wir uns wenden k�nnten, wenn wir ein Schiff nehmen und davonsegeln w�rden.� Sie sprach ernst, und diesmal schien selbst Del zu sp�ren, da� sie von ihren Worten �berzeugt war. Er erwiderte nichts mehr. �Wieviel Zeit ist noch�, fragte Skar, �bis das Kind geboren wird?�</p><p>�Ein paar Wochen - unter normalen Umst�nden. Aber ich f�rchte, es wird eher kommen.�</p><p>�Und selbst wenn nicht, k�nnten wir keine paar Wochen nach ihr suchen�, murmelte Del. Er sah wieder auf die schimmernde Stadt aus Eis herab und ballte in ohnm�chtigem Zorn die F�uste. �Da unten kann sich eine Armee verstecken - und du willst einen einzelnen Menschen finden?� Er lachte b�se. �Die M�nner werden nicht mehr aufstehen, wenn sie sich noch einmal zum Schlafen niederlegen. Das hei�t, wir m�ssen sie heute finden. In wenigen <emphasis>Stunden, </emphasis>Gowenna. Und du wei�t, da� das unm�glich ist.�</p><p>�Ich werde wissen, wenn wir uns ihr n�hern�, behauptete Gowenna. �Und Skar auch.�</p><p>Del sah �berrascht auf. �Du -�</p><p>�Nicht Vela - aber dem Kind.� Gowennas Stimme hatte pl�tzlich etwas Beschw�rendes, aber als er sie ansah, war in ihrem Gesicht nur M�digkeit, und er begriff, da� er selbst es war, die Furcht in ihm, die ihren Worten den Klang eines unseligen b�sen Omens verlieh. �Ist das wahr?� fragte Del.</p><p>Skar l�chelte und widerstand im letzten Moment der Versuchung, sich umzudrehen, damit Del die Unsicherheit auf seinen Z�gen nicht mehr sehen konnte. �Nat�rlich�, sagte er in �bertrieben erheitertem Tonfall. �Hast du noch nie etwas von Vatergef�hlen geh�rt?�</p><p>Del blieb ernst. �Doch�, sagte er. �das habe ich. Aber ich habe allm�hlich die Nase voll davon, auf klare Fragen nur R�tsel zur Antwort zu bekommen, Skar.� Er schwieg einen Moment, trat dann zwischen sie, als w�re er in der Arena und darum bem�ht, den Blickkontakt zwischen zwei K�mpfern zu unterbrechen, und starrte Skar an. �Auf welcher Seite stehst du eigentlich?�</p><p>Skar drehte sich um. Er konnte sp�ren, da� die Kluft zwischen ihnen wieder da war, tiefer und un�berbr�ckbarer als zuvor. Sie war niemals geschlossen gewesen. Die scheinbare Gefahr hatte sie f�r ein paar kurze fl�chtige Momente zusammengeschwei�t, aber es war nichts als Gewohnheit gewesen, vielleicht nicht einmal mehr als ein Reflex. Del war und blieb der Fremde, den er seit dem ersten Tag ihrer Reise in ihm gesehen hatte. Mit einem Male ertrug er es nicht einmal mehr, ihm in die Augen zu sehen. �Ich wollte, ich w��te es�, fl�sterte er. �Auch eine Art, <emphasis>nicht </emphasis>zu antworten�, bemerkte Del b�se. Aber der Zornesausbruch, mit dem Skar gerechnet hatte, blieb aus. Vielleicht hatte auch er nicht mehr die Kraft dazu.</p><p>�Wir m�ssen weiter�, entschied Skar. Angesichts der gewaltigen wei�en Ein�de unter ihm kamen ihm seine eigenen Worte beinahe wie b�ser Hohn vor. �Wie weit ist es bis zu diesem Hafen, Gowenna?�</p><p>�F�nf Meilen, vielleicht sechs.� Gowenna hob die Hand und wies nach Nordwesten. Skar versuchte, in der angegebenen Richtung etwas zu erkennen, aber obwohl die Luft �ber dem wei�en Labyrinth klar wie Kristall war, vermochte er nicht weiter als zwei, allerh�chstens drei Meilen zu sehen. Alles, was dahinter lag, verschmolz mit den bizarren Formen Cor-ty-cors. Es war ein Anblick, der durchaus geeignet war, den Geist eines Menschen zu verwirren, sah man zu lange hin.</p><p>�Du erwartest doch nicht im Ernst, da� ich auch nur einen Fu� in dieses... dieses <emphasis>Ding </emphasis>setze�, fuhr Del auf. �Eine perfektere Falle ist mir noch nie begegnet. Helth kann uns da unten einen nach dem anderen erledigen, ganz wie es ihm gef�llt.�</p><p>Skar sch�ttelte heftig den Kopf. �Glaubst du ernstlich, da� er allein und praktisch ohne Waffen in dieser H�lle �berleben und einen Privatkrieg gegen uns f�hren kann?� fragte er. �Das ist doch l�cherlich. Vermutlich ist er l�ngst tot. Und wenn nicht, wird er in wenigen Stunden sterben.� Er deutete nach S�den. Der Himmel �ber dem Meer hatte sich schwefelgelb gef�rbt. Das Meer war in grauem Dunst versunken, Horizont und Himmel miteinander verschmolzen. Die Luft roch durchdringend nach Schnee. �Ich f�rchte, wir werden dort unten Unterschlupf suchen m�ssen, ob wir wollen oder nicht. Dort hinten zieht ein m�chtiger Sturm auf.�</p><p>�Wie praktisch.� Del ballte die Faust und stie� die Luft durch die Nase aus. �Und genau im richtigen Moment, nicht wahr?�</p><p>�Jetzt werde bitte nicht albern�, versetzte Skar grob. �F�r den Sturm k�nnen weder Gowenna noch Helth. Vielleicht hilft er uns sogar. Wir werden irgendwo Deckung finden, aber mit etwas Gl�ck schafft er uns diesen Verr�ckten vom Hals.�</p><p>�Und wenn Vela nicht dort ist?� versteifte sich Del. �Sieh dir diesen Irrgarten doch an! Wer sagt dir, da� wir sie finden, wenn wir den Hafen erreichen - vorausgesetzt, er existiert �berhaupt?�</p><p>�Er existiert�, behauptete Gowenna rasch. �Und wir werden sie dort treffen, Del. Sie ist so wie wir darauf angewiesen, Cor-ty-cor zu verlassen, wenn sie �berleben will. Sie und das Kind.�</p><p>Skar wu�te genau, da� Gowennas Worte nichts als ein verzweifelter Versuch waren, sich selbst zu bel�gen - und vielleicht Del zu beschwichtigen. Velas Leben spielte l�ngst keine Rolle mehr, so wenig wie das des Kindes. Es gen�gte, wenn es geboren wurde und das Erbe, das es trug, denen �bergab, die darauf warteten. Aber Del widersprach diesmal nicht mehr, und auch Skar schwieg.</p><p>�Hol die M�nner herauf�, sagte er nach einer Weile. �Wir m�ssen eine passende Deckung finden, ehe der Sturm losbricht.�</p><p>Del grunzte irgend etwas, das er nicht verstand, fuhr auf dem Absatz herum und begann den Hang hinabzulaufen. Eis und Schnee behinderten ihn, noch mehr als w�hrend des Aufstieges, aber er war w�tend genug, beides zu ignorieren und st�rmte mit weit ausgreifenden Schritten zu den wartenden Freiseglern hinunter. Prompt kam er in dem lockeren Pulverschnee ins Rutschen, schlug lang hin und schlitterte ein geh�riges St�ck talw�rts, ehe er Halt fand und wieder auf die F��e kam.</p><p>Skar wartete, bis er ganz sicher war, da� sich Del au�er H�rweite befand, ehe er sich wieder zu Gowenna umdrehte. �Du wei�t, da� ich ihn belogen habe, nicht?� fragte er.</p><p>�Hast du das?� Gowenna wich seinem Blick aus.</p><p>�So wie du�, knurrte Skar ver�rgert. �Verdammt, Gowenna - ich beginne mich zu fragen, ob Del nicht recht hat und ich mir meine Verb�ndeten auf der falschen Seite suche. Del und ich waren einmal Freunde.�</p><p>�So wie wir.�</p><p>Die Worte stachen wie kleine d�nne Messer in seine Brust. �Das war etwas anderes�, knurrte er. �Vielleicht erf�llt es dich mit Stolz, wenn ich dir sage, da� es vor dir noch niemandem gelungen ist, mich soweit zu bringen, Del zu bel�gen.�</p><p>�Aber das tust du doch gar nicht, Skar�, antwortete Gowenna leise. �Du bel�gst dich doch nur selbst.�</p><p>�Du -�</p><p>�Du scheinst mich f�r blind zu halten, Skar, oder dumm. Aber ich bin weder das eine noch das andere�, fuhr sie unger�hrt fort. �Del ist nicht mehr der, den du gekannt hast, und du wei�t es. Und du wei�t auch, da� die Schuld daran nicht bei den Sumpfleuten oder Vela zu suchen ist. Er hat sich ver�ndert, und du versuchst ihn mit Gewalt wieder zu dem zu machen, was er einmal war. So wie du in mir die Frau sehen willst, die ich nicht mehr bin. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es jemals war, Skar.�</p><p>�Lenk nicht ab.� Er wu�te selbst nicht, wieso, aber Gowennas Worte taten weh. Sehr weh.</p><p>�Das tue ich nicht, Skar. Du wirfst uns vor, wir h�tten uns ver�ndert - und du? Was ist aus dem Mann geworden, der mit mir in Combat war? Der Elay gest�rmt und Velas Macht gebrochen hat, ganz allein? Wo ist der Satai geblieben, der f�r die Gerechtigkeit gek�mpft hat und -�</p><p>�H�r auf�, rief Skar. Seine Stimme zitterte. Gowenna gehorchte, aber sie starrte ihn weiter an, der Blick ihrer Augen - des rechten, sehenden und des linken, erloschenen - sprach weiter; Worte, die er nicht zum Verstummen bringen konnte.</p><p>�Was willst du tun, wenn du sie findest?� fragte er m�hsam. �Ich will die Wahrheit wissen, Gowenna. Nicht wieder: Ich wei� es nicht. Vielleicht hat es dir Del geglaubt, aber ich nicht. <emphasis>Was wirst du mit ihr machen?�</emphasis></p><p>�Das einzige, was zu tun bleibt�, antwortete Gowenna ernst, �falls wir sie finden, bevor das Kind geboren wird.�</p></section><section><title><p id="_22">22.</p></title><p>Der Sturm brach los, als sie nach einer halben Stunde tief in die Stadt eingedrungen waren, und er war - wie alles, dem sie auf dieser Insel am Ende der Welt begegnet waren - extrem. Der Himmel wurde erst gelb, dann grau und wenig sp�ter schwarz, wie eine brodelnde Decke, die sich �ber den glitzernden Skulpturen Cor-ty-cors ausbreitete.</p><p>Skar hatte niemals einen Sturm wie diesen erlebt. Der Wind steigerte sich in wenigen Augenblicken zum Orkan und �bersch�ttete sie mit unabl�ssigen Hagelschauern von Schnee und winzigen scharfen Eiskristallen, die sich wie Glassplitter in ihren Haaren und Kleidern festsetzten und ihre Haut zerschnitten, wo sie sie ungesch�tzt und mit der ganzen Kraft, mit der sie der Sturm peitschte, trafen, und in immer schnellerer Folge zuckten Blitze aus den Wolken herab, ohne in die Erde oder in einen der gekr�mmten Eisfinger, die die Stadt in den Himmel reckte, auch nur einmal einzuschlagen. Das Gespenstischste aber war die Lautlosigkeit, mit der dies alles geschah. Die Wolken brodelten wie ein schwarzgrauer Hexenkessel �ber der Ebene, so tief, da� Skar glaubte, nur den Arm ausstrecken zu m�ssen, um seine Hand in der wabernden schwarzen Masse versinken zu sehen, und der Sturm fing sich in den bizarr gekr�mmten Gassen und Wegen, die zwischen den Eisruinen hindurchf�hrten wie in einem Windkanal und gewann so noch zus�tzlich an Kraft - und trotzdem war von alledem kaum mehr zu h�ren als ein dumpfes Rauschen und Brausen, das nicht viel intensiver war als der Laut einer noch weit entfernten Meeresbrandung. Anders als normales Eis reflektierte die blitzende Masse rings um sie herum den Schall nicht, sondern sog ihn auf und verschluckte ihn wie ein gewaltiger wei�er Schwamm. Skar war schon zuvor aufgefallen, wie lautlos ihr Vormarsch vonstatten ging: Nicht einer von ihnen hatte noch Kraft oder gar Lust zum Reden gehabt, aber sie waren immerhin siebenunddrei�ig, und trotzdem war das Ger�usch ihrer Schritte auf dem harten Eis beinahe unh�rbar gewesen. Aber da hatte er seiner Beobachtung keine Bedeutung zugemessen. Und wahrscheinlich hatte sie auch keine - au�er der, das R�tsel dieser Insel noch weiter zu vergr��ern und der Liste des Unerkl�rlichen, dem sie begegnet waren, einen weiteren Punkt hinzuzuf�gen.</p><p>Del, der wenige Schritte vor ihm ging, wandte den Kopf, hielt die Hand sch�tzend vor das Gesicht und schrie etwas; Skar erkannte es nur an seinen Lippenbewegungen. Die senkrechte wei�e Wand, in deren Windschatten sie sich vorw�rts tasteten, verschluckte seine Worte und lie� eine stumme Pantomime daraus werden. Skar sch�ttelte den Kopf, deutete auf sein Ohr und sch�ttelte wieder den Kopf; mit der �bertriebenen Art, deren sich Menschen bedienen, die auf Gesten angewiesen sind. Del verstand. Vorsichtig, die linke Hand haltsuchend an die Wand gepre�t, um nicht durch eine pl�tzliche B�e von den F��en gerissen zu werden, drehte er sich um, sch�tzte die Augen mit der anderen Hand gegen die heranrasenden Eissplitter und Schneekristalle und wandte Skar vollends das Gesicht zu. Solange sie in direktem Blickkontakt zueinander standen - wenigstens das hatten sie herausgefunden -, war eine Verst�ndigung m�glich.</p><p>�Wir......ssen ...ein Versteck suchen!� br�llte Del. �Der Sturm wird noch st�... er!� Er sagte noch mehr, aber Skar verstand nur Fetzen - seine Stimme klang noch immer seltsam verzerrt und so dumpf, da� Skar die Worte mehr erriet als wirklich h�rte. Es war ein Gef�hl, als h�tte er Wasser in den Ohren. Ein �u�erst unangenehmes Gef�hl. Er nickte, hob den Kopf und blinzelte in die tobenden Sturmb�en. Sie waren eine halbe Stunde lang durch diesen bizarren wei�en Irrgarten gelaufen, ehe der Sturm sie eingeholt hatte, aber es war Skar mit jedem Schritt schwerer gefallen, wirklich zu glauben, da� dies eine Stadt sein sollte. Die Gebilde, die ihren Weg flankierten, schienen vollkommen willk�rlich geformt. Anders als bei der Ruine, in der sie drau�en auf dem Eis �bernachtet hatten, war hier nicht mehr zu erkennen, was k�nstlich geschaffen und was im Laufe der Jahrhunderte entstanden war - die M�chte, die den eisigen Tod �ber Cor-ty-cor gebracht hatten, waren hier gr�ndlicher gewesen. Ein paarmal hatte er geglaubt, eine vertraute Form zu erkennen - eine Treppe, ein St�ck eines Turmes, ein Fenster. Aber er war sich nie sicher gewesen. Die Vielfalt der Formen war so gewaltig - und die Phantasie, die Eis und St�rme bei der Erschaffung ihrer Gesch�pfe entwickelt hatten, so �berschwenglich -, da� vielleicht gerade das, was er wiederzuerkennen glaubte, nichts als eine zuf�llige �hnlichkeit war.</p><p>Er blickte zur�ck. Die Freisegler bildeten eine lange, vielfach unterbrochene Reihe geb�ckt gehender Gestalten, die letzten bereits in wirbelndem Schnee und Sturm verschwunden. Sie hatten bisher keinen Mann verloren, aber das war reines Gl�ck, mehr nicht. Wenn der Sturm noch an Gewalt zunahm, w�rde ein Dutzend Tote ihren Weg markieren. Del hatte recht.</p><p>Er ging ein paar Schritte weiter, blieb abermals stehen und deutete auf ein niedriges, entfernt kuppelf�rmiges Etwas, das wie der Buckel eines urzeitlichen Panzertieres wenige Schritte entfernt aus dem Eis ragte. Durch die wirbelnden wei�en Schwaden erkannte er einen schmalen, halbrunden Eingang, hinter dem er die W�nde eines weitl�ufigen Innenraumes zu erkennen glaubte. �Dort!� br�llte er.</p><p>Del nickte und wollte losgehen, aber Gowenna hielt ihn zur�ck, sch�ttelte heftig den Kopf und begann zu gestikulieren, als sie merkte, da� weder Del noch Skar ihre Worte verstanden. Geb�ckt und gegen die Gewalt des Sturmes absurd stark zur Seite geneigt, taumelte sie an Skar vor�ber, sah sich ungeduldig um und deutete schlie�lich auf ein formloses wei�es Gebilde f�nfzig Schritte weiter.</p><p>Skar widersprach nicht. Er war sicher, da� Gowenna ihre Gr�nde hatte, und es blieben ihnen weder Zeit noch Kraft, dar�ber zu diskutieren - es diskutierte sich auch schlecht, wenn man nicht miteinander reden konnte. Er signalisierte mit den H�nden seine Zustimmung, stemmte sich gegen den Orkan f�nf, zehn Schritte zur�ck und blieb stehen, um die M�nner einzuweisen. Es w�re nicht n�tig gewesen - es war sowieso kaum einer unter ihnen, der noch darauf achtete, was um ihn vorging. Sie folgten einfach stur dem Vordermann, ganz gleich, wohin er gegangen w�re - aber er f�hlte sich trotz allem noch f�r sie verantwortlich. Ein paar von ihnen waren so schwach, da� sie kaum mehr die Kraft hatten, sich auf den Beinen zu halten.</p><p>So war er der letzte, der in den Schutz der Eisruine hineinstolperte und sich mit einem ersch�pften Keuchen gleich hinter dem Eingang zu Boden sinken lie�. Er sah nicht viel von seiner Umgebung: Was er wahrnahm, war wei�, Formen und blinkende sinnlose Fl�chen von grausam hellem Wei�, und er wunderte sich beinahe, da� noch keiner der M�nner schneeblind geworden war. F�r einen Moment - wie oft in Augenblicken der Entspannung - drohten ihn seine Kr�fte vollends zu verlassen, M�digkeit h�llte ihn ein und begann seine Gedanken zu umnebeln, aber er k�mpfte die Ersch�pfung nieder und zwang sich, noch einmal aufzustehen und zu Gowenna hin�berzugehen. Sie war ein paar Schritte weiter getaumelt als er und die meisten M�nner, aber trotzdem dicht beim Eingang geblieben. Del war bei ihr. Er war nicht von ihrer Seite gewichen, seit sie den Pa� �berschritten hatten, aber er machte keinen Hehl daraus, da� er jetzt als Bewacher bei ihr blieb, nicht als Helfer. Es schien Gowenna auch nichts auszumachen. Skar stakste ungeschickt zwischen den kreuz und quer auf dem eisigen Boden liegenden und sitzenden M�nnern hindurch und ging vor Gowenna in die Hocke. Sie hatte sich auf eine schmale Eiszunge gesetzt, die aus einer der W�nde wuchs - eine von zahllosen bizarren Formen, �ber deren Sinn und Zweck er schon lange nicht mehr nachdachte -, und war zusammengesunken, die Arme auf die Oberschenkel gest�tzt, Kopf und Oberk�rper so weit nach vorne geneigt, da� sie eigentlich h�tte vorn�ber kippen m�ssen. Ihr Atem ging rasch; jetzt, als er direkt vor ihr kniete, h�rte er es.</p><p>Gowenna sp�rte seine N�he und sah auf. Eiskristalle glitzerten auf ihrer Haut und gaben ihrem Gesicht etwas Maskenhaftes.</p><p>�Was ist das hier?� fragte Skar. Seine Worte versickerten in den W�nden. Eine bizarre, fremdartige Akustik war hier drinnen deutlich zu sp�ren. Trotzdem verstand ihn Gowenna.</p><p>Der Raum, in dem sie Unterschlupf gefunden hatten, war niedrig, aber gro�. Das Eis �ber ihm war klar wie Glas, aber etwas in ihm f�hrte seinen Blick in die Irre, so da� er nicht erkennen konnte, was dar�ber lag. Del w�rde nicht aufrecht hier stehen k�nnen, ohne gegen die Decke zu sto�en, aber die gegen�berliegenden W�nde des Saales verloren sich in der Entfernung, so da� Skar nicht sicher war, was von dem, was er sah, wirklich und was Schatten war. Er war verwirrt. Von au�en hatte das Geb�ude klein ausgesehen.</p><p>Gowenna bewegte die Lippen. Skar winkte ab, legte behutsam die Hand unter ihr Kinn und drehte ihren Kopf so, da� sie ihn direkt ansah. Er sp�rte, wie sie unter der Ber�hrung seiner Finger zusammenzuckte.</p><p>�...ffe, einer der Zug�nge�, verstand er. Sein Herz h�mmerte, und das dumpfe Rauschen seines eigenen Blutes f�llte seine Ohren und machte es zus�tzlich schwer, ihre Worte zu verstehen.</p><p>�Was f�r ein Zugang? Zum Hafen?�</p><p>Gowenna nickte. �Es gibt viele Wege, um hinunterzugelangen�, antwortete sie. �Meist sind sie in T�rmen wie diesen. Ich... werde danach suchen. La� mich nur einen Moment ausruhen.�</p><p>�Ich glaube, wir k�nnen alle eine Pause vertragen�, mischte sich Del ein. Er setzte sich auf, massierte grimassenschneidend seinen Nacken und bewegte die Finger, einzeln und nacheinander, als h�tte er Angst, sie k�nnten schon zu steif und damit unbrauchbar geworden sein. Es war Skar ein R�tsel, wie es m�glich war, Gowennas Worte zu verstehen. Vielleicht hatte er sie auch einfach erraten. Es war nicht schwer. �Wir sollten warten, bis der Orkan vor�ber ist.�</p><p>�Wenn wir so viel Zeit haben..., aber du hast recht. Die M�nner sollen ausruhen, solange der Sturm tobt. K�nnen wir Feuer machen?� Del nickte. �Selbstverst�ndlich. Wenn du wei�t, wie man Eis zum Brennen bringt, hei�t das.�</p><p>Skar �berging die Bemerkung und drehte den Kopf wieder zu Gowenna. �Dieser Zugang - wo liegt er?�</p><p>Gowenna fuhr auf. �Bei allem, was heilig ist, Skar - woher soll ich das wissen? Ich war sowenig hier wie du oder irgendein anderer. Es kann Dutzende von T�rmen wie diesen hier geben. Wir sind eine Meile �ber der Stadt, vergi� das nicht.� Sie sprach schnell und laut und gereizt, aber es war ein Zorn, der nur ihrer Ersch�pfung entsprang. Nicht genug, sie zu einer Unbedachtsamkeit zu verleiten. �Wenn es ihn gibt, dann mu� es eine Treppe sein, vielleicht auch nur eine Rampe - was wei� ich.�</p><p>Skar zwang sich mit Gewalt, ruhig zu bleiben. Schlie�lich war <emphasis>er es, </emphasis>der <emphasis>sie </emphasis>aus der Reserve locken wollte, nicht umgekehrt. �Dann werden wir danach suchen�, sagte er gepre�t: �Del?�</p><p>Del machte keinen Hehl daraus, da� er alles andere als begeistert von Skars Idee war. Trotzdem stand er auf, verschr�nkte die Finger ineinander und lie� die Gelenke knacken. Seltsamerweise war dieser Laut deutlich zu h�ren. Einen Moment lang blieb er reglos stehen, dann beugte er sich zu einem der Matrosen hinab, wechselte ein paar Worte mit ihm und deutete auf Gowenna. Der Mann nickte. Gowennas Miene verfinsterte sich sichtlich.</p><p>�Wohin?�</p><p>Skar sah sich unschl�ssig um. Alles um ihn herum war wei�, wei� in allen nur denkbaren und einer ganzen Menge undenkbaren Schattierungen und Tiefen. Er sehnte sich nach Farbe. Selbst das Feuer des Dronte erschien ihm f�r einen Moment besser als diese erstarrte wei�e Ein�de.</p><p>�Dort entlang.� Skar deutete ziellos nach vorne. Jede Richtung schien so gut wie die andere.</p><p>Del nickte; eine knappe, abgehackt wirkende Bewegung, bei der sein Blick dem Skars auswich, sein Gesicht war starr, nur um die Mundwinkel zuckte es manchmal. Skar hatte diesen Ausdruck unz�hlige Male auf seinen Z�gen gesehen: dieses rasche, nur an Del zu beobachtende Nicken und die Art, in der sich seine Finger immer wieder um den Griff seiner Waffe schlossen. Es war Dels ganz pers�nliche Art, sich (auf einen Kampf?) vorzubereiten. Mit seiner Nervosit�t fertig zu werden. Er ahnte, was in dem jungen Satai vorging. Es war schlimm genug, zwischen den bizarren wei�en Gebilden drau�en auf dem Eis herumgehen zu m�ssen. Ins Innere dieses Monstrums aus Eis und erstarrter Furcht vordringen zu sollen war ein Alptraum. Und f�r einen kurzen, ganz kurzen Moment glaubte er dem alten Del gegen�berzustehen, sp�rte er einen schwachen Hauch dieses vertrauten, warmen Gef�hles, das sie einst verbunden hatte.</p><p>�Komm.�</p><p>Das Wort lie� die Illusion zerplatzen. Skar nickte, kramte eine Fackel aus seinem B�ndel und suchte nach Feuersteinen. Er fand keine, hob resignierend die Schultern und legte die Fackel zur�ck. Sie w�rden nicht so tief in das Geb�ude vordringen, um sie zu brauchen. Sie lie�en Gowenna und die Freisegler zur�ck und machten sich auf den Weg ins Innere des blitzenden Riesenkristalles. �Du wei�t schon, da� es nicht viel nutzt, ziellos hier herumzustolpern, nicht?� fragte Del.</p><p>Skar nickte. Er wu�te selbst nicht so recht, was er zu finden hoffte, vielleicht wollte er einfach nur allein sein. Und er hatte Angst gehabt, einzuschlafen, sobald er sich ruhig hinsetzte.</p><p>Nach einer Weile wurde der Boden uneben. Die Decke senkte sich, so da� bald nicht nur Del, sondern auch er geb�ckt gehen mu�ten und im Boden g�hnten jetzt L�cher, zu perfekt gerundet, um zuf�llig entstanden zu sein, aber nur wenige Fu� tief. Dann erreichten sie die gegen�berliegende Wand. Skar blieb stehen, drehte sich um und sah zur�ck in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Die M�nner waren nicht mehr zu sehen, obwohl sie nur ein paar Dutzend Schritte zur�ckgelegt hatten.</p><p>�Da vorne ist eine T�r�, sagte Del. Skar blickte in die Richtung, in die er wies. Es war ein niedriger, dreieckiger Durchgang, hinter dem die ersten Stufen einer steil in die Tiefe f�hrenden Treppe sichtbar wurden. Sie gingen weiter, blieben aber erneut stehen, als sie den Durchgang erreicht hatten. Del spielte nerv�s mit seiner Waffe, und das flackernde Licht verlieh seinen Z�gen Bewegung, die nicht da war. Skar setzte dazu an, etwas zu sagen, aber Del sch�ttelte hastig den Kopf; Skar schwieg und lauschte.</p><p>Vor ihnen, auf der anderen Seite der schimmernden Wand aus Wei� und finsterer Magie, war etwas. Der Raum dort dr�ben war nicht still und verlassen, sondern voller Dinge, die nicht dorthin geh�rten. Es war nichts Greifbares, nur Ger�usche, die die Barriere aus Schweigen unterliefen und vielleicht nat�rlichen Ursprunges waren, zu denen seine Phantasie aber Bilder erschuf, ohne da� er sich dagegen wehren konnte: Laute wie von fernen Blitzen, die in W�lder fuhren, ein Krachen und Bersten wie von zersplitterndem Eis oder von Kontinenten, die sich aneinanderrieben, das Heulen des Sturmes, das er drau�en vermi�t hatte und das pl�tzlich wie ein m�hsames Atmen klang. Ein Pochen und Schlagen wie das eines gewaltigen b�sen Herzens... Skar sch�ttelte die Bilder m�hsam ab und versuchte sich einzureden, da� es nichts als Einbildung war, vielleicht ein letzter Schatten des Traumes, den er am Morgen gehabt hatte und der ihm in die Wirklichkeit hin�ber gefolgt war und seine Sinne narrte. Aber als er sich aufrichtete und in Dels Gesicht sah, erkannte er, da� er diesmal nicht allein mit seiner Furcht war, da� auch er es sp�rte und da� es ihn ebenso erschreckte. Vielleicht mehr. Er hatte etwas die ganze Zeit �ber gef�hlt, den Ruf des unseligen Geistes, der diesem Land innewohnte. F�r Del war die Stimme dieses finsteren Gottes neu und doppelt erschreckend.</p><p>Del machte einen einzelnen Schritt, blieb wieder stehen und zog sein Schwert. Der Stahl fing das wei�e Licht des Eises auf und warf es verzerrt zur�ck an die Wand; f�r den Bruchteil einer Sekunde glaubte Skar, durch das milchige Eis hindurchsehen zu k�nnen, etwas Gro�es, Gigantisches und B�ses zu erkennen, das dort dr�ben lauerte, mit der Geduld eines finsteren Rachegottes wartete und lauerte...</p><p>Skar atmete h�rbar ein. Das Fl�stern in seinem Inneren wurde lauter, dr�ngender, hatte jetzt eindeutig den Charakter einer Warnung. F�r einen Moment lie�en die flackernden Lichtblitze die Umrisse seines eigenen Gesichtes auf der Wand vor ihm entstehen. Dann verging es, das Eis war wieder glatt und makellos.</p><p>Del atmete h�rbar ein und schlug mit dem Schwertknauf gegen die Wand neben dem Durchgang, als h�tte er Angst, das Eis k�nne hinter ihm zusammenbrechen, ehe er geb�ckt hindurchtrat und vorsichtig den Fu� auf die oberste Stufe setzte. Skar folgte ihm.</p><p>Die Treppe f�hrte steil in die Tiefe. Ihre Stufen waren unterschiedlich hoch und in verschiedenen Winkeln zueinander geneigt, das Gehen war schwierig. Das Licht, das hinter ihnen durch die T�r fiel, breitete sich wie eine glitzernde Fl�ssigkeit in den W�nden aus und lie� sie von innen heraus leuchten. Skar versuchte, die Stufen zu z�hlen, die sie nahmen, aber irgend etwas schien mit seinen Gedanken zu geschehen: Er verz�hlte sich, wu�te pl�tzlich nicht mehr weiter und gab es auf. �Skar!� Dels Stimme wehte geisterhaft verzerrt zu ihm herauf, leise und hallend, als w�re er Meilen unter ihm statt weniger Schritte. �Hier geht es weiter.�</p><p>Del deutete mit der Schwertspitze auf ein gezacktes, mannsgro�es Loch in der Wand, z�gerte einen Moment und trat dann kurz entschlossen hindurch. Skar beeilte sich, ihm zu folgen.</p><p>Der Anblick war �berw�ltigend, von fast bet�ubender Wirkung. Sie standen auf einem schmalen, an einer Seite im Nichts endenden Sims aus Eis, zu ihren F��en ein Schacht, der geradewegs in die H�lle hinabzuf�hren schien. In seiner Mitte erhob sich eine gewaltige zerschrundene S�ule aus Eis, hundert oder mehr Mannesl�ngen durchmessend und auf unm�gliche Weise zusammengestaucht und in sich selbst verdreht. Skar schwindelte, als er versuchte, an ihr hinabzusehen. Der Schacht mu�te mehr als eine Meile in die Tiefe f�hren; der Fu� der gewaltigen Eiss�ule verlor sich in wogendem Nebel, und irgendwo unter ihnen leuchtete etwas.</p><p>�Endstation�, sagte Del lakonisch. Seine Stimme wurde vom Eis aufgefangen und reflektiert, tausendfach gebrochen und verzerrt. �Hier geht es jedenfalls nicht weiter.�</p><p>Der Sims, auf dem sie standen, f�hrte auf einer Seite in k�hnem Bogen �ber den Abgrund und verschmolz mit den obersten Stufen einer steilen, wie ein Schneckenhaus gewundenen Treppe, die in einer endlosen Spirale an der Au�enseite des titanischen Pfeilers in die Tiefe f�hrte. Der Anblick erinnerte ihn an die H�hle der Drachen tief unter den Mauern Elays. Aber anders als dort war diese Treppe zerst�rt; die Stufen endeten nach wenigen Metern im Nichts, zerfetzt und zerbrochen von den gleichen Gewalten, die den Pfeiler zusammengepre�t hatten. Skar war fast erleichtert. Die Vorstellung, �ber diese Treppe eine Meile oder vielleicht mehr hinabsteigen zu sollen, jagte ihm einen eisigen Schauer �ber den R�cken.</p><p>Skar schluckte, um den bitteren Geschmack, den er auf seiner Zunge sp�rte, loszuwerden, drehte sich um und trat wieder hinaus auf die Treppe. Der Weg hinauf erschien ihm weiter als der hinunter, und mit jeder Stufe, die er nahm, wurde das Bed�rfnis st�rker, einfach loszust�rmen und zu rennen, so schnell er konnte. Er atmete erleichtert auf, als sie endlich wieder oben in der Halle waren.</p><p>Etwas war anders. Es war, als w�re ihnen die Furcht, die sie dort unten �berfallen hatte, nachgekrochen und h�tte sich in den eisigen W�nden hier oben eingenistet. Anders als noch vor wenigen Augenblicken fingen die glitzernden Eisskulpturen an den W�nden und an der Decke das Licht auf und verst�rkten es; der Saal schimmerte wie ein gewaltiger ausgeh�hlter Kristall, in dem ein Strahl Sonnenlicht eingefangen war. Skar machte einen Schritt, blieb stehen und tauschte einen beinahe hilflosen Blick mit Del. Das Knistern und Mahlen war noch immer zu h�ren, aber es gelang Skar nicht, die Quelle des Ger�usches auszumachen - es schien aus Boden und W�nden und Decke, ja selbst aus der Luft zu kommen, k�rperlos und unabh�ngig von irgend etwas anderem zu entstehen, als h�tte es keine Ursache, sondern existierte isoliert. Vielleicht war es kein Ger�usch, sondern etwas, das er nur daf�r hielt, weil er kein anderes Wort daf�r fand. Und es war jetzt auf <emphasis>dieser </emphasis>Seite der Wand...</p><p>Del drehte sich langsam um seine eigene Achse, streckte den Arm aus und st�tzte sich an der Wand ab. Das Eis begann unter seinen Fingern zu schmelzen; Dels K�rperw�rme verwandelte es in Wasser, das in winzigen gezackten Bahnen zu Boden lief und auf halbem Wege wieder gefror. Tausendmal rascher als normal. Der Gedanke blitzte so schnell hinter Skars Stirn auf, als w�re er nicht in ihm entstanden, sondern von au�en gekommen; eine Botschaft. Vielleicht eine Warnung. �Skar�, keuchte Del. �Was... was ist das?� Sein Blick flackerte, und in seiner Stimme war ein leiser, beinahe schon hysterischer Unterton. Seine Fingern�gel bohrten sich durch den Umhang in Skars Oberarm, so fest, da� er vor Schmerz aufst�hnte. Del schien es nicht einmal zu bemerken. �Was ist das, Skar?� wiederholte er. Sein Blick saugte sich an einer Stelle unweit des Durchganges fest, und als Skar ihm folgte, erkannte er etwas Dunkles, Wirbelndes hinter dem blitzenden Eis. Felsen, der kein Felsen war.</p><p>Skar streifte seine Hand ab, zog sein Schwert aus dem G�rtel und machte einen z�gernden Schritt nach vorn. Seine H�nde zitterten. Das Eis knisterte unter seinen Stiefeln wie eine d�nne, verwundbare Haut. Dicht vor der Wand blieb er stehen, wechselte das Schwert in die Linke und griff mit der rechten Hand nach dem Eis. Seine Finger zitterten st�rker, verharrten Millimeter �ber der tr�gerischen wei�en Gl�tte. Pl�tzlich hatte er Angst, sie zu ber�hren.</p><p>Er war nicht �berrascht, als er die Finger gegen das Eis pre�te und das Wispern h�rte. Das Schlagen eines gewaltigen finsteren Herzens. Die Stimme des Dronte, mit der das Eis fl�sterte. Seine Finger folgten den dunklen, haarfeinen Linien, die sich unter der milchigen Oberfl�che der Wand abzeichneten. Es waren Risse, d�nne, geborstene Linien, die einer fremdartigen Symmetrie folgten, weiterliefen, noch w�hrend er dastand und sie anstarrte, ein Muster, ein Netz bildeten... Skar fuhr so abrupt herum, als w�re die Wand pl�tzlich gl�hend hei� geworden. Sein Blick streifte Del, glitt neben ihm an der Wand hinab, �ber den Boden und wieder hinauf. Es war �berall, nicht nur hier, sondern hinter und neben Del, selbst unter seinen F��en. Ein Netz dunkler zuckender Linien, Risse und Spr�nge, das mit unglaublicher Geschwindigkeit wuchs. Das Eis sprang, zerbarst mit lautlosen, harten Schl�gen und formte sich zu etwas Neuem, T�dlichem.</p><p>Del sp�rte es auch. Seine Augen weiteten sich, als er sah, wie die Risse weiterliefen, sich die dunklen Linien vereinigten und titanische, grob modellierte K�rper zu formen versuchten: menschen�hnlich und doch grotesk verzerrt, eine b�se Karikatur der beiden Eiskrieger, denen sie drau�en begegnet waren.</p><p>�Es ist soweit�, sagte Skar leise. �Die Jagd geht los, Del.�</p><p>Er hatte mit Widerspruch gerechnet, aber Del schwieg und starrte weiter auf die groteske Ver�nderung, die mit dem Eis zu seinen F��en vorging. Skar versuchte vergeblich, einen K�rper zu erkennen, ein System in den zuckenden Linien auszumachen. Was immer es war, es entzog sich seinen Blicken auf unheimliche Art, war in best�ndiger Verwandlung und �nderung. Einmal glaubte er einen Menschen zu erkennen, dann ein Ding wie eine Kreuzung zwischen einem Banta und einer Riesenspinne, die groteske Karikatur einer sprungbereiten Beterin - es war ein Ding, das nicht leben durfte und es auch nicht tat, sondern auf eine andere, unbegreifliche Weise existierte, der Schrecken einer Zeit, die vor �onen untergegangen war und ihnen jetzt mit Riesenschritten �ber den Abgrund der Jahrtausende nacheilte. Der einzige klare Eindruck, den er hatte, war der des Fremdartigen. Und einer Feindseligkeit, die ihn innerlich aufst�hnen lie�. Er wich einen Schritt nach links, als sich die Schemen unter seinen F��en zu bewegen schienen. Glitzernde Spinnenaugen folgten jeder seiner Bewegungen. K�lte h�llte ihn ein, K�lte, die die Kreatur ausatmete, die ihr Lebenselixier war wie Luft und W�rme das der Menschen.</p><p>�Wir... m�ssen hier raus, Del�, st�hnte er.</p><p>Del sah ihn an und runzelte die Stirn, und Skar fiel pl�tzlich wieder ein, da� er seine Worte nicht verstanden haben konnte. �La� uns zu den anderen zur�ckgehen�, sagte er noch einmal und �berm��ig betont. �Aber sag ihnen nichts von... von dem hier.�</p><p>Del war sichtlich �berrascht, aber wieder widersprach er nicht, sondern setzte sich gehorsam in Bewegung, als Skar losging. Die Ver�nderung war nur auf einen relativ kleinen Bereich unmittelbar hinter dem Durchgang beschr�nkt, aber die dunklen Ri�linien eilten ihnen nach, verwandelten das Eis in ein Labyrinth miteinander verschmolzener Formen und Umrisse, und das Wispern und Lachen der Geisterstimmen wehte ihnen noch lange hinterher, auch als unter ihren F��en l�ngst wieder massives Eis war. Skar ging immer rascher und rannte schlie�lich fast. Sein Atem ging schnell und sto�weise, als er zu den wartenden Freiseglern zur�ckkehrte, und er hatte M�he, sich seine Erregung nicht zu deutlich anmerken zu lassen. F�r einen Moment war er fast froh �ber die bizarre Akustik dieser Welt.</p><p>�Wir brechen auf�, sagte er laut. Nur wenige der Leute verstanden die Worte wirklich, aber auch die, die nur die Lippenbewegungen und seine Gesten sahen, gehorchten. Es ging schnell; schneller, als er zu hoffen gewagt hatte. Die M�nner standen auf und sammelten sich vor dem Ausgang. Skar registrierte besorgt, da� die Mehrzahl von ihnen wankte; ein paar hatten kaum mehr die Kraft aufzustehen und mu�ten sich von Kameraden helfen lassen, trotzdem h�rte er nicht ein einziges Wort des Protestes.</p><p>Er fuhr zusammen, als ihn eine Hand am Arm ber�hrte, und drehte sich mit einer �bertrieben heftigen Bewegung herum. Es war Gowenna. Sie hatte die Kapuze zur�ckgeschlagen und den Verband von ihren Schl�fen genommen. Die Wunde an ihrem Kopf glitzerte noch feucht. Aber sie war kleiner - und wohl auch harmloser -, als Skar am Morgen bef�rchtet hatte. �Habt ihr den Weg gefunden?�</p><p>Skar nickte und machte seinen Arm los. �Ja. Aber er f�hrt ins Nirgendwo.� Auf Gowennas Z�gen erschien ein fragender Ausdruck, aber Skar sprach nicht weiter, sondern drehte sich weg und ging auf die wartenden M�nner zu. Del war schon vorausgeeilt, aber so wie sie wenige Schritte vor dem Ausgang stehengeblieben. Der Sturm hatte nachgelassen. Auf dem schmalen Streifen freien Himmels, den sie von hier aus sehen konnten, t�rmten sich zwar noch immer schwarze Wolken, aber sie bildeten keine kompakte Decke mehr, sondern waren aufgerissen; hier und da stach sogar ein Sonnenstrahl auf die Ruinen Cor-ty-cors herab. Das Toben der Eiskristalle hatte nachgelassen. Es war jetzt nur noch ein normaler Sturm, keine Apokalypse mehr. Sie konnten es riskieren hinauszugehen.</p><p>Es ging zu schnell, als da� Skar auch nur Zeit f�r einen Warnschrei gehabt h�tte. Die kochenden Schwaden vor dem Ausgang teilten sich, und Helth wuchs wie ein D�mon aus einer fremden Welt vor ihnen empor. Mit einem gellenden Schrei sprang er auf den vordersten Mann zu und t�tete ihn mit einem einzigen blitzschnellen Hieb.</p></section><section><title><p id="_23">23.</p></title><p>�Bist du soweit?� Del hob den Schild in die H�he, den er auf Skars-Bitte hin aus ihrer Ausr�stung herausgesucht hatte, hielt ihn einen Moment wie einen gewaltigen Spiegel ins Licht und lie� ihn wieder sinken. Es war ein gewaltiger Schild, fast einen Meter im Durchmesser und aus zollstarkem, auf der Au�enseite mit geh�mmertem Kupfer belegtem Eichenholz gefertigt. Trotzdem wirkte er in Dels H�nden wie ein Spielzeug.</p><p>Skar nahm ihn entgegen, schob die Hand durch den Haltegriff und bewegte pr�fend den Arm. Sein Gewicht zerrte merklich an ihm, aber er gab ihm auch ein Gef�hl der Sicherheit. Er nickte.</p><p>�Es w�re wirklich besser, wenn ich gehen w�rde, Skar�, sagte Del leise. Es war nicht das erste Mal, und es war auch nicht das erste Mal, da� Skar mit einem entschiedenen Kopfsch�tteln darauf antwortete. Nicht, da� Del nicht recht gehabt h�tte - seine Kr�fte neigten sich jetzt sp�rbar dem Ende entgegen, und Del h�tte sicherlich mehr Aussichten gehabt, Helth zu besiegen. Skar war sich nicht mehr sicher, ob es ihm wirklich gelingen w�rde. Aber darauf kam es auch gar nicht an. Er mu�te ihn aufhalten, wenige Augenblicke, bis Del und das halbe Dutzend M�nner, das er f�r den Kampf ausgesucht hatte, ihm gefolgt waren.</p><p>Sein Blick streifte den Toten. Sie hatten ihn liegenlassen, wo er gest�rzt war, aber herumgedreht, um sein zerschmettertes Gesicht nicht weiter ansehen zu m�ssen. Sein Kopf lag in einer gro�en, glitzernden Blutlache. Wahrscheinlich hatte er den t�dlichen Hieb nicht einmal gesp�rt.</p><p>Skar versuchte, das Gef�hl der Furcht, das der Anblick in ihm ausl�ste, zur�ckzudr�ngen, aber es gelang ihm nicht ganz. Nerv�s zog er sein Schwert aus dem G�rtel, drehte sich noch einmal zu Del und Gowenna um und atmete tief durch. �Ihr wi�t, was ihr zu tun habt.� Gowenna antwortete irgend etwas, aber Skar hatte sich schon wieder herumgedreht und verstand sie nicht mehr. Das Schweigen, das sie einh�llte, erschien ihm mit einem Mal um eine Winzigkeit drohender als bisher, und durch das Rauschen des Blutes in seinen Ohren glaubte er das Knistern und Splittern des Eises zu h�ren. Es war Einbildung - wenn die bizarre Metamorphose, deren Zeugen Del und er geworden waren, sich mit der gleichen Geschwindigkeit fortsetzte, w�rde noch eine halbe Stunde oder mehr vergehen, ehe sie, so langsam vorr�ckend, die Krieger und den Ausgang erreichte -, aber deshalb nicht weniger furchteinfl��end. Er schlo� die Augen, sch�ttelte das Bild ab und spannte sich. Wieder sp�rte er mit schmerzhafter Deutlichkeit, wieviel er in den vergangenen Tagen seinem K�rper abverlangt hatte. Zu viel.</p><p><emphasis>�Jetzt!� </emphasis>rief Del.</p><p>Skar rannte los, duckte sich und federte mit einem kraftvollen Hechtsprung durch den Ausgang. Die Stadt und der kochende Himmel f�hrten einen irren Veitstanz um ihn herum auf. Er fiel, rollte �ber die Schulter ab, sprang wieder auf die F��e und ri� den Schild in die H�he. Der Sturm schlug wie mit unsichtbaren F�usten auf ihn ein. Aber der erwartete Angriff blieb aus.</p><p>Eine, vielleicht zwei Sekunden blieb Skar reglos und geduckt neben dem Eingang stehen, ehe er es wagte, den Schild herunterzunehmen, und sich - noch immer vorsichtig und jederzeit auf einen Angriff gefa�t - aufrichtete. Um ihn herum tobte ein wei�es Inferno aus wirbelnden Schwaden, hinter denen die Umrisse der anderen Geb�ude seltsam verschwommen und schemenhaft erschienen.</p><p>�Bravo, Satai.� Die Stimme schien von �berall her gleichzeitig zu kommen. Der Sturm und die glitzernden Eisw�nde reflektierten sie, brachen ihren Klang und vermittelten Skar den Eindruck, als st�nde der Sprecher unmittelbar neben ihm. Er fuhr herum, hob das Schwert ein wenig h�her und versuchte, Helth hinter den kochenden Schneewirbeln auszumachen.</p><p>�Eine eindrucksvolle Vorstellung!� h�hnte der Vede. �Aber nicht sehr klug. Hast du mich wirklich f�r so n�rrisch gehalten, direkt vor der T�r auf dich zu warten?� Er lachte, schrill und in einem Tonfall, der Skar schaudern lie�. Seine Stimme klang nicht mehr menschlich. Sie war hart; T�ne, die von Stimmb�ndern aus Eis erzeugt wurden. Skar trat einen Schritt zur Seite, blinzelte aus zusammengekniffenen Augen in den tobenden Sturm und winkte mit dem Schwert; das Zeichen f�r Del und die M�nner, ihm zu folgen.</p><p>Endlich entdeckte er Helth. Er stand, hoch aufgerichtet und v�llig deckungslos, als g�be es den Sturm und die rei�enden Eiskristalle nicht, drei�ig oder vierzig Schritte entfernt auf einem mannshohen Vorsprung und blickte herausfordernd in seine Richtung. �Komm her!� schrie Skar. �Wenn du einen Kampf willst, dann komm her, Helth!� Er kam sich beinahe albern vor, und der Sturm und Cor-ty-cor verschluckten seine Worte, aber Helth verstand sie trotzdem, so wie auch Skar seine Stimme h�rte.</p><p>Er lachte. �Narr!� h�hnte er. �Du hattest die Chance zu einem fairen Kampf, Satai, aber du wolltest ja nicht. Jetzt spielen wir nach meinen Regeln!� Seine H�nde bewegten sich, und - war es wirklich Zufall, dachte Skar entsetzt? - die tobenden Schwaden rissen auf, der Sturm legte sich, und der Schnee trieb auseinander, so da� er Helth deutlicher erkennen konnte.</p><p>�Bei allen G�ttern!� keuchte Del neben ihm. Skar hatte nicht gemerkt, wie er herangekommen war, und er drehte sich auch jetzt nicht herum, sondern starrte gleicherma�en fasziniert wie von Grauen gepackt zu der schlanken Gestalt des Veden hinauf. Helth war nackt. Seine Haut glitzerte wie ein starrer gefrorener Panzer, Haar und Brauen waren zu Eis erstarrt, und sein K�rper war mit dunklen Flecken �bers�t, wo die Haut bereits abgestorben und zu spr�den schwarzen Flecken erstarrt war. Seine F��e waren bis zu den Waden hinauf dunkel und erfroren und die H�nde zu verkr�mmten, schwarzglitzernden Klauen geschrumpft. Skar hatte pl�tzlich die irrsinnige Vorstellung, Helth' Gelenke wie trockenes Laub rascheln zu h�ren, als der Vede mit kraftvollem Schwung von seinem Standort heruntersprang und �ber das Eis auf sie zukam.</p><p>�Du willst k�mpfen?� fragte Helth noch einmal. �Du bist ein Idiot, Satai. Wie viele von euch mu� ich noch umbringen, bis du begreifst, da� du verloren hast. Ich gebe dir eine letzte Chance. Geh zur�ck zum See, Skar. Vielleicht ist noch genug von der SHAROKAAN �brig, um ein Flo� daraus zu bauen. Geh, oder ich mu� euch t�ten.�</p><p>Del wollte antworten, aber Skar brachte ihn mit einem hastigen Wink zum Schweigen. Sein Verstand weigerte sich, das Bild, das seine Augen sahen, als wahr anzuerkennen, aber Skar versuchte erst gar nicht mehr, eine logische Erkl�rung zu finden. <emphasis>Er ist tot, </emphasis>dachte er hysterisch. <emphasis>Erstarrt. Er ist erfroren.</emphasis></p><p>�Geh zur�ck, Skar!� sagte Helth noch einmal. �Mir liegt nichts an eurem Tod. Aber ich werde euch vernichten, wenn ihr nicht umkehrt. Du wei�t, da� ich es kann.�</p><p>�Halt ihn auf�, fl�sterte Del. �Versuche ihn irgendwie hinzuhalten.�</p><p>Skar nickte fast unmerklich. Del verschwand zwischen den M�nnern, die einer nach dem anderen aus dem Geb�ude dr�ngten, und Skar machte einen Schritt auf Helth zu, blieb aber stehen, als der Vede warnend die Hand hob. �Was willst du?� fragte er laut. �Und wer bist du, Helth?�</p><p>Helth lachte, schrill und mi�t�nend. Seine Reaktionen sind nicht mehr die eines Menschen, dachte Skar best�rzt. Er benahm sich wie jemand - oder etwas -, der darum bem�ht ist, menschliches Verhalten nachzuahmen. Gut, aber nicht gut genug, um ihn zu t�uschen. �Wer ich bin? Ich bin Helth, Rayans Sohn�, antwortete er. �Und Brads Bruder, Satai. Das wei�t du doch. Schlie�lich hast du sie beide umgebracht.�</p><p>Skar fuhr sich nerv�s mit der Zunge �ber die Lippen. Er wu�te nicht, was Del vorhatte, aber er mu�te Zeit gewinnen. Warum fiel es ihm nur so schwer, sich zu konzentrieren, einen klaren Gedanken zu fassen? �Das ist nicht wahr�, sagte er lahm. �Du bist nicht Helth. Du -�</p><p>Helth schnitt ihm mit einer ungeduldigen Bewegung das Wort ab. �Genug geredet, Satai�, zischte er. �Geh, solange noch Zeit ist. Ich schenke dir dein Leben, Satai. Dir, deinem Freund und den M�nnern.� Skar schwieg einen Moment. �Und Gowenna?�</p><p>�Sie bleibt.� Helth kicherte. �Sie w�rde sowieso keinen Wert darauf legen, dich zu begleiten, glaube ich. Entscheide dich, Satai - gleich. Geh, oder -�</p><p>Skar wu�te nicht, wie es Del gelungen war, das Geb�ude in wenigen Sekunden zu umrunden und in Helth' R�cken zu gelangen, aber der junge Satai war pl�tzlich da, �berwand die letzten Meter mit einem kraftvollen Satz und warf sich mit weit ausgebreiteten Armen auf den Veden.</p><p>Aber Helth reagierte vollkommen anders, als Del erwartet hatte. Er versuchte weder auszuweichen noch Dels eigene Kraft auszunutzen, um den Angreifer �ber sich hinwegzuschleudern; auf beides w�re Del vorbereitet gewesen und h�tte entsprechend reagiert, aber Helth blieb einfach stehen, fing Dels Anprall mit �bermenschlicher Kraft auf und rammte ihm im gleichen Augenblick die Faust in den Leib. Del stolperte zur�ck, brach in die Knie und pre�te die H�nde gegen den Leib. Sein Mund �ffnete sich zu einem lautlosen Schrei.</p><p>Skar rannte mit verzweifelter Kraft los, aber er hatte pl�tzlich das Gef�hl, durch einen unsichtbaren, z�hen Sirup zu waten. Seine Bewegungen kamen ihm l�cherlich langsam vor. Hinter ihm setzten sich die Krieger in Bewegung, aber Skar wu�te, da� sie zu sp�t kommen w�rden. Er schrie, um Helth von Del abzulenken, ri� den Schild in die H�he und f�hrte gleichzeitig einen geraden Stich nach Helth' Gesicht. Der Vede wich dem Angriff mit der gleichen �bermenschlichen Schnelligkeit aus, mit der er auf Dels Angriff reagiert hatte. Er lachte, lie� die flache Hand auf Skars Schild prallen und brachte ihn damit aus dem Gleichgewicht. Skar stolperte an ihm vor�ber, fiel und schlug noch im gleichen Moment zu. Die Spitze seines Schwertes schrammte �ber Helth' Bein und ri� es vom Fu�kn�chel bis zum Knie auf. Helth taumelte mit einem w�tenden Knurren zur�ck, k�mpfte einen Herzschlag lang um sein Gleichgewicht und st�rzte auf die Knie, als das verletzte Bein unter seinem K�rpergewicht nachgab. Aber die Wunde war nicht tief; ein Kratzer, der gerade durch die Haut gedrungen war und nur hier und da blutete. Skar und er kamen im gleichen Augenblick wieder auf die F��e.</p><p>Der Vede griff sofort wieder an. Seine Faust scho� vor und traf Skars Schild; seine erfrorenen schwarzen Finger verkrallten sich in seinen Rand und rissen Skar mit einem brutalen Ruck abermals aus dem Gleichgewicht. Skar trat nach seinem Bein und traf, aber Helth schien den Tritt nicht einmal zu sp�ren. Er lachte schrill, griff auch mit der anderen Hand nach Skars Schild und wirbelte ihn wie ein Spielzeug herum. Skar schrie auf, ri� das Schwert empor und schlug zu, w�hrend Helth weiterhin mit brutaler Kraft an seinem Schild zerrte. Die Klinge traf seine Schl�fe nur mit der Breitseite und einem Bruchteil der Wucht, die der Hieb gehabt hatte. Helth nahm auch diesen Treffer hin, ohne mehr als einen grunzenden Schmerzenslaut auszusto�en, spreizte die Beine und ri� Skar gleichzeitig zu sich heran und in die H�he. Er fiel. Helth lie� den Schild nicht los, verdrehte ihn und seinen Arm, der in den metallenen Halteschlaufen gefangen war. Skar schrie vor Schmerz, sein Schwert entfiel ihm und er begann sich zu winden, aber Helth vollzog jede seiner Bewegungen mit unglaublicher Schnelligkeit nach und verdrehte seinen Arm weiter. Der Schmerz wurde unertr�glich. Eine Winzigkeit mehr, und sein Ellbogengelenk w�rde zerbrechen wie eine Nu�schale.</p><p>Dann verschwand der Druck von seinem Arm. Skar brach mit einem kr�chzenden Laut vollends zusammen, w�lzte sich auf den R�cken und versuchte, die blutigen Schleier vor seinen Augen wegzublinzeln. Helth war zur�ckgetaumelt. Eine frische blutende Schnittwunde zog sich quer �ber seine Stirn, blendete das rechte Auge und verlief weiter �ber seine Wange bis zum Hals hinunter, aber der Mann, der den Hieb gef�hrt hatte, lag reglos zu seinen F��en. Sein Schwert war zerbrochen. Das Eis unter seinem Kopf r�tete sich. Ein zweiter Freisegler drang - wie Skar mit Schild und Schwert bewaffnet - auf den Veden ein, hackte nach seinem Kopf und duckte sich blitzschnell hinter seinen Schild, als Helth sich wegduckte und gleichzeitig zur�ckschlug. Sein Hieb lie� den Schild erbeben und brach den Arm, der ihn hielt. Der Mann keuchte, torkelte mit schmerzverzerrtem Gesicht zur Seite und verlor seine Waffe. Helth sprang zu ihm hin und stie� die Hand nach dem Gesicht des Kriegers; Daumen, Ring- und kleinen Finger einw�rts geknickt, Zeige- und Mittelfinger wie t�dliche Dolche ausgestreckt. Der Freisegler schrie auf, taumelte ein paar Schritte, st�rzte auf die Knie und schlug die H�nde vor seine leeren, blutenden Augenh�hlen.</p><p>Helth setzte ihm abermals nach, b�ckte sich nach seinem Schwert und ri� die Waffe mit einem triumphierenden Schrei hoch. Ein weiterer Freisegler starb, so schnell, da� Skar den Hieb, der ihn t�tete, nicht einmal <emphasis>sah. </emphasis>Die anderen wichen angstvoll zur�ck und lie�en die Waffen sinken.</p><p>Der Vede drehte sich herum und kam mit wiegenden Schritten auf ihn zu. Skar versuchte sich aufzusetzen und gleichzeitig nach seinem Schwert zu greifen, aber er f�hrte die Absicht nicht zu Ende. Helth lachte, aber seine Lippen bewegten sich nicht dabei. Sein rechtes Auge war blind, die Wange darunter von einem Schwerthieb zerfetzt, so tief, da� Skar den Knochen darunter erkennen konnte. Seine Halsschlagader war zerrissen, und seine rechte K�rperh�lfte begann sich in ein bizarres Netz roter Linien zu verwandeln. Aber er lebte weiter. �Du wolltest den Kampf, Satai!� kr�chzte er. Seine Finger schlossen sich um den Schwertgriff, zermalmten ihn. Die Waffe polterte zu Boden. �Du wirst sterben - du und alle, die bei dir sind. Niemand wird je -�</p><p>Ein silberner Blitz fegte auf ihn zu und traf seinen Leib eine Handbreit unterhalb des Nabels. Helth br�llte vor Schmerz und Zorn, torkelte zur�ck und zerrte mit beiden H�nden an den rasiermesserscharfen Zacken des <emphasis>Shuriken, </emphasis>den Del nach ihm geschleudert hatte. Del kam mit einem unartikulierten Laut auf die F��e, packte ihn mit der Rechten zwischen den Schenkeln und verkrallte die andere Hand in seine Kehle. Helth kreischte. Del ri� den Veden wie ein Spielzeug in die H�he, hielt ihn eine halbe Sekunde hoch �ber dem Kopf in der Schwebe und schleuderte ihn mit aller Macht zu Boden. Helth �berschlug sich mehrmals, bevor er mit haltlos zuckenden Gliedern liegenblieb. Del war sofort wieder �ber ihm, trat nach seinem Gesicht und lie� sich nach vorne fallen. Seine Knie trafen Helth' Brustkorb mit der ganzen Wucht seines K�rpergewichts und brachen seine Rippen. Helth versuchte nach seinen Augen zu stechen, wie zuvor nach denen des Matrosen; Del schlug seine Hand mit einem w�tenden Knurren zur Seite, legte die H�nde um seinen Hals und dr�ckte mit seiner ganzen gewaltigen Kraft zu, um dem Veden das R�ckgrat zu brechen. Helth' Genick brach nicht. Skar wu�te, <emphasis>wie </emphasis>stark Del war; er hatte gesehen, wie der junge Satai armdicke Balken mit der Kraft seiner gewaltigen Pranken zerbrochen und massive Eichent�ren mit blo�en F�usten eingeschlagen hatte, manchmal nur zum Spa�. Aber Helth war st�rker. Langsam, Millimeter f�r Millimeter, stemmte er sich hoch, st�tzte sich mit H�nden, F��en und Ellbogen auf dem Eis ab und dr�ckte seinen Gegner zur�ck. Del begann vor Anstrengung zu keuchen. Skar sah, wie sich seine Nacken- und Schultermuskeln spannten, als w�rden sie jeden Moment zerrei�en. Schwei� perlte auf seiner Stirn. Aber Helth dr�ngte ihn weiter zur�ck. Dels Knie rutschten von seiner Brust, dann verlor er vollends den Halt, kippte zur Seite, kam aber mit einer Rolle wieder auf die F��e.</p><p>Helth erhob sich etwas langsamer. Er wankte. Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt, und seine H�nde zuckten ununterbrochen. Er wollte etwas sagen, aber sein Mund war voller Blut, und er brachte nur ein kr�chzendes Ger�usch zustande.</p><p>Langsam begannen sich die beiden Gegner wieder zu umkreisen. Dels Arme pendelten lose vor seinem Leib, aber jeder �brige Muskel seines K�rpers war bis zum Zerrei�en angespannt. Er blieb stehen, spreizte die Beine und suchte auf dem Eis nach festem Stand. Auch Helth verharrte. Seine H�nde waren jetzt vollends zu Klauen geworden, und der Blick seines unversehrten Auges loderte vor Ha�. Skar sp�rte, da� seine Kraft noch lange nicht gebrochen war. Das unselige <emphasis>Ding, </emphasis>das von ihm Besitz ergriffen hatte, war so m�chtig und wild wie im ersten Moment. Vielleicht st�rker.</p><p>Er wollte aufstehen und Del zu Hilfe eilen, aber der junge Satai machte eine hastige Geste mit der Hand, als h�tte er die Bewegung hinter seinem R�cken gef�hlt, und Skar erstarrte wieder. Der Kampf verlagerte sich, ging von einer Sekunde zur anderen auf eine neue, unbegreifliche Ebene �ber. Skar sp�rte, wie <emphasis>irgend etwas </emphasis>in dem zerfetzten B�ndel, das einmal ein Mensch gewesen war, zum Leben erwachte, etwas Dunkles, Pulsierendes und unendlich B�ses mit unsichtbaren Linien puren Hasses nach Del griff...</p><p>... <emphasis>aber er f�hlte auch, wie die Kraft von Del abprallte und mit schmerzhafter Wucht zur�ckgeschleudert wurde...</emphasis></p><p>F�r einen kurzen, unendlich qu�lenden Moment hatte Skar ein furchtbares Empfinden des <emphasis>dej�-vu, </emphasis>schoben sich Bilder in seinen Geist, die nicht hierher geh�rten und die er in die tiefsten Abgr�nde seiner Seele verbannt zu haben glaubte. Er sah sich wieder in einer winzigen Laubh�tte am anderen Ende der Welt, f�hlte die unsichtbare psionische Faust, die sich zum Schlag ballte, bereit, alles zu zerschmettern, was sich ihr in den Weg stellte. Die Gestalt Dels verschwamm vor seinen Blicken, wurde grau und unscharf, flackerte wie ein Trugbild. Er st�hnte, versuchte die Augen zu schlie�en und konnte es nicht, sondern sah weiter zu, ein hilfloser Zeuge eines Kampfes zwischen zwei Wesen, von denen eines unbegreiflicher schien als das andere. Helth taumelte. Sein geschundenes Gesicht zuckte wie unter Schmerzen.</p><p>Aber auch Del wankte. Seine H�nde hatten sich ge�ffnet, und sein Atem ging rasselnd und m�hsam. An seinem Hals pochte eine Ader. �Skar...� Es war nicht Dels Stimme, auch wenn es seine Lippen waren, die den Namen formten. Skar sprang vollends auf, ergriff sein Schwert und lief los, im gleichen Moment, in dem auch Helth vorsprang und abermals nach seinem Gegner schlug. Del versuchte dem Hieb auszuweichen, aber Helth war zu schnell. Seine Faust traf Del zweimal hintereinander an Kopf und Brust und lie� ihn zusammenbrechen.</p><p>Skar warf sich mit einem verzweifelten Satz zwischen ihn und seinen unheimlichen Gegner, tauchte unter einem Hieb von Helth' Krallenhand hinweg und schlug blind zu. Er traf, aber der Schlag war schlecht gezielt, und Helth hatte sich im letzten Moment noch einmal zur�ckgeworfen: Die Klinge traf nicht seinen Hals, sondern hackte schr�g �ber Wangenknochen und Schl�fe in seinen Sch�del und spaltete ihn.</p><p>Helth kippte mit einem sonderbar pfeifenden Laut nach hinten, griff sich an den Kopf und begann zu schreien. Skar setzte ihm nach, aber Helth trat nach ihm, kam torkelnd auf die F��e und versetzte ihm einen Sto� vor die Brust, der ihn zur�cktaumeln und abermals zu Boden st�rzen lie�.</p><p>Als er aufsprang, war der Vede verschwunden. F�r einen kurzen Moment glaubte er seine Gestalt noch einmal zu sehen, dann schlossen sich die tanzenden Schleier um ihn; der Sturm hatte ihn verschluckt. Schweratmend lie� Skar seine Waffe sinken, blieb eine Sekunde reglos und mit geschlossenen Augen stehen und wartete darauf, da� das schmerzhafte Pochen in seiner Brust aufh�rte. Als er sich umwandte, sah er, da� Del zusammengekr�mmt im Schnee hockte, die Hand gegen den Hals pre�te und Blut spuckte. Seine Gestalt schien zu flackern, und als er den Kopf hob und Skar anschaute, war sein Blick tr�b. Sein Gesicht schien leblos, als w�re es nicht echt, sondern nur eine Maske, die aus Wachs gegossen war und allm�hlich ihre Form verlor. Skar blieb neben ihm stehen und starrte ihn schweigend fast eine Minute lang an. Die M�nner kamen langsam n�her, aber er beachtete sie nicht.</p><p>�Geht es wieder?� fragte er leise.</p><p>Del nickte. Auf seinen Lippen war Blut. �Es... ist nicht schlimm�, murmelte er. �La� mich einen Moment hier sitzen.�</p><p>Skar nickte. �Geht zur�ck�, rief er laut dem halben Dutzend M�nnern zu, die fassungslos ihn, Del und die drei Toten umstanden. Nicht einmal die Furcht auf ihren Z�gen vermochte ihn noch zu ersch�ttern. �Geht!� sagte er noch einmal, als die M�nner z�gerten. �Del und ich kommen gleich nach. Geht zur�ck in die Ruine.� Er wartete geduldig, bis sie sich umgewandt hatten und gegangen waren, aber er schwieg weiter, wartete, bis auch der letzte im Inneren des Geb�udes verschwand und sie allein waren. Erst dann lie� er sich vor Del auf die Knie sinken und griff nach seiner Schulter.</p><p>�Hast du Schmerzen?� fragte er. Del mu�te sp�rten, wie schwer es ihm fiel, ruhig zu bleiben. In seinem Inneren schien ein Taifun von widerstrebenden Gef�hlen zu toben.</p><p>Del sch�ttelte m�hsam den Kopf. �Jetzt nicht mehr.� Er l�chelte, aber sein Gesicht verweigerte ihm den Dienst, als h�tte er seine Muskeln nicht mehr v�llig unter Kontrolle.</p><p>�Was war das, Del?� fragte Skar. Seine Stimme klang br�chig, flach und in seinen eigenen Ohren fremd. Irgendwo in seiner Brust erwachte ein d�nner, qu�lender Schmerz. Er sp�rte, da� er nicht mehr lange die Kontrolle �ber sich selbst haben w�rde.</p><p>�Helth?� Del atmete h�rbar ein. �Ich f�rchte, wir haben einen schrecklichen Fehler gemacht, Skar. Es sieht so aus, als w�re unser Feind die ganze Zeit unter uns gewesen.�</p><p>�Dieses Ding war nicht Helth�, murmelte Skar.</p><p>�Nicht mehr�, verbesserte ihn Del. �Wir waren blind, Skar - du, ich, Gowenna... wir alle. Er hat die ganze Zeit nur auf eine Gelegenheit wie diese gewartet.�</p><p>�Er?�</p><p>�Der Dronte�, erwiderte Del ernst. �Dieses Ding ist ein St�ck von ihm, Skar.� Er schwieg einen Moment, hob den Kopf und starrte an Skar vorbei nach Westen, dorthin, wo hinter den Ruinen Cor-ty-cors das Meer lag, als k�nne er den schwarzen Killersegler schon sehen. �Helth war der letzte, der von Bord des Dronte geflohen ist�, sagte er leise. �Er war l�nger auf diesem Ding als irgendeiner von uns, Skar. Irgend etwas ist mit ihm geschehen.� Seine Stimme zitterte, aber er sprach trotzdem, laut und beinahe zu ruhig, weiter. �Ich wei� nicht was, Skar, und ich wei� nicht wie, aber er hat von ihm Besitz ergriffen. Dieser Mann war schon nicht mehr Helth, als wir auf die SHAROKAAN zur�ckkehrten.�</p><p>Skar schwieg. Er wu�te, da� Del recht hatte, aber etwas in ihm str�ubte sich dagegen, seinen Worten zu glauben. Es war die ganze Zeit unter ihnen gewesen, vom ersten Moment an. Vielleicht nicht so m�chtig und stark wie jetzt, aber schon im Keim vorhanden. Vielleicht war es gewachsen, ganz langsam, aber unerbittlich, hatte Helth wie ein Parasit St�ck f�r St�ck innerlich aufgefressen und ihn vom Mensch zum Ungeheuer werden lassen.</p><p>�Es war nicht Helth�, wiederholte Del noch einmal. �Der Vede ist zusammen mit seinem Vater und seinem Schiff gestorben, Skar.� Er bewegte die Schultern, schlo� f�r einen Herzschlag die Augen und wollte aufstehen. Skar griff nach seinem Arm, umklammerte sein Gelenk und dr�ckte mit aller Gewalt zu. Dels Lippen zuckten vor Schmerz.</p><p>�Ich habe noch eine Frage�, sagte er leise, �und ich m�chte eine Antwort darauf.�</p><p>In Dels Augen blitzte es auf. Aber er schwieg.</p><p>�Du hast recht�, fuhr Skar fort. �Dieses Wesen war nicht mehr Helth. Aber wenn wir schon einmal dabei sind, Geheimnisse zu l�ften, dann...� Er stockte. Alles in ihm str�ubte sich dagegen, die Worte auszusprechen, und als er es tat, war seine Stimme nur noch ein heiseres Kr�chzen.</p><p>�Ich will wissen, wer mit mir in Anchor an Bord des Schiffes gegangen ist. Es war ein Mann, der aussah wie Del, wie er redete und sich benahm wie er. Aber er war es nicht. <emphasis>Wer bist du?�</emphasis></p><p>Del schwieg einen Moment. Auf seinen Z�gen entstand ein Ausdruck von Verbl�ffung, aber er war nicht echt, nur gespielt. Er versuchte, seinen Arm loszumachen, aber Skar dr�ckte nur noch fester zu und stie� ihn grob zur�ck. �Wer bist du?!� sagte - schrie er.</p><p>�Bist du von Sinnen?� keuchte Del. �Ich bin Del!�</p><p>�Wer bist du?� wiederholte Skar stur. In seinem Hals sa� pl�tzlich ein schmerzhafter, scharfer Klumpen.</p><p>Del seufzte. �So genau wei� ich das selbst nicht�, antwortete er, in jenem halb ungeduldigen, halb resignierenden Ton, in dem man einem Blinden versucht, Farben zu erkl�ren. �Meine Eltern haben mich ausgesetzt, als ich ein Jahr alt war. Ich wuchs bei verschiedenen Leuten auf, bis mich eine R�uberbande fand und...�</p><p>Skar schlug ihn. Del kippte nach hinten, st�tzte sich im letzten Moment mit den H�nden ab und starrte Skar verbl�fft an.</p><p>�Ich warne dich�, kr�chzte Skar. �Spiel nicht mit mir! Sag mir die Wahrheit, oder ich schw�re dir, da� ich dich t�ten werde.�</p><p>Irgend etwas in Dels Blick �nderte sich. Langsam setzte er sich auf, starrte einen Moment zu Boden und sah Skar dann erneut an. Seine Augen wirkten pl�tzlich wie zwei grundlose graue Seen. Es waren nicht Dels Augen. Es waren nicht einmal die Augen eines Menschen, dachte Skar schaudernd. Es waren die Augen eines Wesens, das in Jahrmillionen zu rechnen gewohnt war, nicht in den Spannen eines Menschenlebens, f�r das es keine Geheimnisse und keine Fragen mehr gab, das nicht einmal in diese Welt geh�rte.</p><p>�Vielleicht ist es so am besten�, sagte er leise. �Ich m�chte nur eines, Skar. Ich m�chte, da� du wei�t, da� ich es nicht gerne getan habe. Wir hassen es zu l�gen, und wir hassen es besonders, Freunde zu bel�gen.�</p><p>�Freunde?�</p><p>Del (Del?) nickte. �Du hast recht�, bekannte er. �Ich bin nicht Del. Nicht der Del, den du kennst, Skar, und doch ein St�ck von ihm. Vielleicht mehr, als ich selbst bisher gewu�t habe.� Seine Z�ge zerflossen. Schatten huschten auf unsichtbaren flinken F��en �ber sein Gesicht, lie�en es grau und konturlos werden, eine brodelnde Fl�che ohne erkennbare Umrisse. Skar st�hnte.</p><p>�Freunde�, sagte der Sumpfmann noch einmal. �Ich kann verstehen, wenn du mich jetzt ha�t, Skar, aber ich f�hle f�r dich wie f�r einen Freund.�</p><p>�Wie... wie ist dein Name?� fragte Skar stockend. Er war unf�hig, einen klaren Gedanken zu fassen. Er hatte es gewu�t, Augenblicke bevor das Gesicht seines Gegen�bers zerflo� und zu dem des Schattenmannes wurde. Trotzdem l�hmte ihn der Anblick.</p><p>�Mein Name...� Der Sumpfmann l�chelte traurig, und Skar sah es, obgleich er kein Gesicht hatte. �Mein Name ist Yar-gan - oder er war es einmal. Warum nennst du mich nicht Del wie bisher? Ich bin es, Skar.�</p><p>�Del ist...�</p><p>�Nicht, was du denkst�, sagte der Sumpfmann schnell. �Er lebt.� Skar lachte kr�chzend. �Wo?� murmelte er. �In dir? In Cosh? In eurer Erinnerung?�</p><p>�In allem�, erwiderte der Sumpfmann ernst. �Und auch in sich, Skar. Doch ein Teil von ihm ist auch in mir.�</p><p>�Er ist tot, nicht?� fragte Skar. �Ihr...�</p><p>�Er lebt�, sagte Yar-gan zum wiederholten Mal. �Der Mann, dessen Leichnam du an den Ufern des Besh gefunden hast, war nicht Del.� Skar starrte ihn an. Die Worte des Sumpfmannes hatten ihn getroffen wie ein Fausthieb. �Er...�</p><p>�Es war nicht Del, den du aus Cosh fortreiten sahst�, fuhr Yar-gan fort. �Velas Gift war zu stark in ihm, Skar. Es w�re sein Untergang gewesen, h�tten wir deinem Wunsch entsprochen und ihn gehen lassen. Er w�re mit ihr in den Tod gegangen, und er h�tte vielen anderen den Tod gebracht. Glaube mir. Vielleicht�, f�gte er nach einer winzigen Pause hinzu, �h�ttest du den Kampf verloren, h�tten wir ihn gehen lassen. Er ist ein Satai wie du, vergi� das nicht. Er wei� alles, was du wei�t, und er ist jung und stark.�</p><p>Skar keuchte. �Ihr habt...�</p><p>�Ich kenne ihn�, fuhr der Sumpfmann unbeeindruckt fort, �vergi� das nicht. Ein Teil von ihm ist auch in mir. Ich kenne seine Gedanken und seine Art zu reagieren und zu handeln. Vielleicht h�tte er dich besiegt. Del ist <emphasis>dein </emphasis>Sch�ler, und er hat viel von dir gelernt. Mehr, als du selbst ahnst, Skar.�</p><p>�Wo ist er?� keuchte Skar. �Noch in Anchor? Oder bei euch in Cosh?�</p><p>�Wir haben ihn zur�ckgeschickt zum Berg der G�tter�, antwortete Yar-gan. �Er und ich haben Cosh zur gleichen Zeit verlassen. Wir haben f�r ihn getan, was wir konnten, doch auch unserer Macht sind Grenzen gesetzt. Wir haben die Wunden seines K�rpers geheilt und seine Matrix wieder hergestellt, doch die Narben auf seiner Seele k�nnen nur die Hohen Satai pflegen. Du wirst ihn treffen, wenn du zum Berg der G�tter zur�ckkehrst. Ich glaube, er wartet auf dich.� Pl�tzlich blitzte ein L�cheln durch die wogenden Schemen vor seinem Gesicht. �Du hast es die ganze Zeit gef�hlt, nicht wahr?� fragte er. Skar nickte, und Yar-gan fuhr nach einer h�rbaren Pause fort: �Ich wu�te es. Del und du, ihr seid mehr als Freunde. Ich wei� nicht, was es ist, das euch verbindet, aber es ist zu stark, um auf Dauer get�uscht zu werden. Es ist gut, da� du die Wahrheit erkannt hast, Skar.�</p><p>�Warum?� fragte Skar matt. �Warum diese L�gen, Yar-gan? Warum habt ihr es mir nicht gesagt, als wir uns in Elay getroffen haben und alles vorbei war?�</p><p>�Weil es das nicht war�, antwortete Yar-gan ernst. �Es war nicht vorbei, und es ist immer noch nicht vorbei - vielleicht wird es niemals enden. Die Errish hat Kr�fte geweckt, die diese Welt wie eine Eierschale zerbrechen k�nnen, Skar. Sie hat ihre Ziele nicht erreicht, aber sie hat das Schicksal dieser Welt ver�ndert. Die Zukunft wird anders aussehen, so oder so.�</p><p>Skar fuhr sich m�de mit den H�nden �ber die Augen. Pl�tzlich f�hlte er sich m�de und ausgebrannt. �Und Gowenna? Wei� sie...�</p><p>�Von mir?� Yar-gan sch�ttelte hastig den Kopf. �Nein. Und es w�re gut, wenn sie weiterhin in dem Glauben bliebe, ich w�re Del. Es ist anders gekommen, als ich geglaubt habe, aber urspr�nglich bin ich <emphasis>ihretwegen </emphasis>mitgekommen, Skar. Vieles mag f�r dich anders aussehen als noch vor Minuten, aber eines ist gleich geblieben: Ich traue ihr nicht. Sie hatte ihre eigenen Pl�ne mit Vela, sie hatte sie, und ich glaube, sie hat sie noch.�</p><p>�Warum zwingst du sie nicht, die Wahrheit zu sagen?� fragte Skar. �Ich kann es nicht, Skar�, antwortete der Sumpfmann ernst. �Du �bersch�tzt unsere M�glichkeiten, wie die meisten. Wir haben Macht �ber die Gedanken der Menschen, das ist wahr, aber sie ist beschr�nkt. Wir k�nnen ein wenig t�uschen und Dinge vorgaukeln, die nicht sind, und einen schwachen Geist verm�gen wir zu beeinflussen; manchmal. Aber ihr Geist ist stark, so stark wie der deine, und in ihr schlummern die gleichen Kr�fte wie in dir. Vielleicht w�re ich nicht einmal in der Lage, ihr zu widerstehen, wenn es zu einem Kampf zwischen uns k�me.�</p><p>�Zu einem Kampf...�, wiederholte Skar halblaut. �Glaubst du wirklich, da� es dazu kommen k�nnte?�</p><p>Yar-gan antwortete erst nach einer Weile. Sein Blick ging an Skar vorbei ins Leere, und obwohl sein Gesicht wieder menschliche Z�ge angenommen hatte, bewegten sich seine Lippen nicht beim Sprechen. �Ich wei� nicht, was kommen k�nnte�, murmelte er. �Helth hat alles ge�ndert. Ich glaube nicht, da� sich die Frage f�r uns stellen wird, Skar. Selbst wenn wir Vela finden, ehe sie das Kind geb�hrt, werden wir sterben.�</p><p>Skar machte eine �rgerliche Geste. �Du hast wirklich mehr von Del in dir, als ich dachte�, knurrte er. �Er spricht auch ununterbrochen von Tod und Sterben, wei�t du? Noch leben wir, und wir sind vierzig gegen einen. Helth ist keineswegs unsterblich und schon gar nicht unverwundbar. W�re er es, w�re er... nicht... geflohen.� Pl�tzlich fiel es ihm schwer weiter zu reden. Sein Verhalten kam ihm mit einem Mal absurd vor, so absurd wie ihre ganze Situation.</p><p>�Du bist verwirrt�, sagte Yar-gan leise. Skar versuchte zu l�cheln, sah weg und atmete h�rbar ein. Yar-gan hatte recht - er <emphasis>war </emphasis>verwirrt, mehr als jemals zuvor in seinem Leben, und man mu�te kein Sumpfmann sein und hinter die Stirn seines Gegen�bers blicken k�nnen, um dies zu erkennen. Was Yar-gan nicht wu�te, war der Grund f�r seine Verwirrung. Es war nicht die pl�tzliche Demaskierung des Sumpfmannes; er hatte die ganze Zeit gesp�rt, da� Del nicht Del war, und seine �berraschung hielt nur wenige Augenblicke an. Er vermochte selbst nicht zu sagen, woher das qu�lende Gef�hl in seinem Inneren kam. Irgend etwas stimmte nicht. Yar-gan mochte der Meinung sein, ihm den letzten Teil des Geheimnisses verraten zu haben, aber das war nicht wahr. Etwas fehlte noch, damit alles einen Sinn ergab. Etwas Entscheidendes.</p><p>�Gehen wir zur�ck�, schlug er nach einem Blick in den Himmel vor. Die Wolken zerrissen zusehends; das Firmament jedoch war noch immer von einem tiefen, drohenden Schwefelgelb, aber die gr��te Wut des Sturmes war gebrochen.</p><p>Yar-gan erhob sich wortlos, hob seine Waffen vom Boden auf und steckte Schwert und Dolch wieder in den G�rtel.</p></section><section><title><p id="_24">24.</p></title><p>Der Mann neben ihm war wieder Del, als sie zu den wartenden M�nnern in die Turmruine zur�ckkehrten. Die Ver�nderung war so schnell vonstatten gegangen, da� er nicht einmal gemerkt hatte, <emphasis>wie es </emphasis>geschah - das graue Schattengesicht hatte sich von einer Sekunde auf die andere in Dels vertraute Z�ge zur�ckverwandelt, und selbst seine Art zu gehen und sich zu bewegen war anders geworden: noch immer kraftvoll und schnell, - viel kraftvoller als seine eigenen oder die irgendeines anderen -, aber doch wieder von M�digkeit und Ersch�pfung gepr�gt, als h�tte der Sumpfmann mit seinem wahren Aussehen auch einen Teil seiner �bermenschlichen Kraft eingeb��t. Er schien nicht einfach in die Maske eines Menschen geschl�pft, sondern wirklich zum Menschen <emphasis>geworden </emphasis>zu sein, und es fiel Skar - so absurd ihm der Gedanke selbst vorkam - pl�tzlich schwer, zu glauben, da� der Mann an seiner Seite <emphasis>nicht </emphasis>Del war; beinahe ebenso schwer, wie es ihm zuvor gefallen war, Del in ihm zu sehen. Der Gedanke lie� ihn l�cheln. Yar-gan hatte recht - er <emphasis>war </emphasis>verwirrt.</p><p>Die M�nner wichen vor ihnen zur�ck, als sie durch den Eingang traten. Skar sp�rte gleich, da� sich etwas ver�ndert hatte. Die Kluft zwischen ihnen war noch tiefer geworden, aber es war jetzt nicht mehr dieser mit Furcht gemischte Respekt, der ihm - und auch Yar-gan, wie ihm pl�tzlich klar wurde - entgegenschlug. Nicht nur. Irgend etwas war hinzugekommen.</p><p>Er blieb stehen, tauschte einen raschen Blick mit dem Sumpfmann und versuchte zu l�cheln. Es mi�lang. Die M�nner starrten ihn an, und Skar hatte pl�tzlich das Gef�hl, da� in ihrem Schweigen etwas unbestimmt Drohendes, ja beinahe Feindseliges lag.</p><p>Er sch�ttelte den Gedanken ab, hob sein Gep�ck und seinen Mantel auf und warf sich beides �ber die Schultern. �Seid ihr soweit?� Er versuchte, seiner Stimme einen m�glichst beil�ufigen Ton zu geben, kam sich aber gleichzeitig albern dabei vor, denn von den einunddrei�ig M�nnern, die ihm und Yar-gan gegen�berstanden, h�rten sowieso nur zwei oder drei seine Worte. Die anderen waren zur Taubheit verdammt, Gefangene des Schweigens, das Cor-ty-cors Mauern ausstrahlten. Einzig die Stimme des Sumpfmannes war normal zu verstehen, als unterliege sie nicht den verdrehten Gesetzen dieser Stadt, und das Gespr�ch mit ihm hatte Skar fast vergessen lassen, da� die Welt hier nicht mehr so war, wie der sie kannte.</p><p>Einer der M�nner trat vor, richtete sich gerade auf und sah ihn an. In seinen Augen war Furcht; aber auch eine Entschlossenheit, die Skar bisher an keinem von ihnen bemerkt hatte. Es war der dunkelhaarige Matrose, mit dem er schon in der H�hle gesprochen hatte. Skar kannte seinen Namen noch immer nicht.</p><p>�Ja?� fragte Skar knapp. Diesmal gab er sich M�he, seiner Stimme den beabsichtigten Ton zu verleihen: �berrascht, ein wenig neugierig, aber auch h�rbar ungeduldig. Er sah, wie die m�hsam aufrecht erhaltene Selbstbeherrschung im Blick des Mannes zu schmelzen begann. �Wir... gehen nicht weiter, Herr�, sagte der Matrose. Er schluckte. Seine Finger waren so heftig gegen seinen G�rtel gepre�t, da� sie zitterten.</p><p>Skar blickte ihn ausdruckslos an. �Ihr geht nicht weiter�, wiederholte er. �So. Und was habt ihr vor?� Ein d�nnes, abf�lliges L�cheln huschte �ber seine Lippen, so rasch, da� es die M�nner sehen mu�ten, aber nicht sicher sein konnten, ob sie es auch sollten. Skar schwieg einen Moment, setzte dazu an weiterzusprechen und tat es dann doch nicht. Er hatte Situationen wie diese oft genug erlebt, um zu wissen, da� er den Widerstand der M�nner mit wenigen wohlgezielten Worten w�rde brechen k�nnen, aber pl�tzlich kam ihm sein Verhalten sinnlos und dumm vor. Dumm und unfair. Diese Leute verdienten nicht, wie Figuren auf einem Spielbrett behandelt zu werden. Sie hatten bewiesen, da� sie bereit waren, f�r ihn und Gowenna zu sterben, und er kannte nicht einmal ihre Namen; ja, nicht einmal ihre Gesichter. Vielleicht h�tte er �berhaupt nicht gemerkt, wenn pl�tzlich statt dieser drei�ig M�nner drei�ig andere um ihn herum gewesen w�ren. �Ihr habt Angst, nicht?� fragte er, sehr leise und in so ver�ndertem Tonfall, da� Yar-gan �berrascht aufsah.</p><p>Der Matrose nickte. �Ja. Wir... haben Euch Treue geschworen, Herr. Ihr seid Rayans Erbe und Nachfolger, und wir w�rden f�r Euch sterben, wenn Ihr es verlangtet.� Er sprach langsam und schleppend, aber doch fest, und seine gestelzte Art zu reden erzielte - auch wenn sie ein deutliches Zeichen f�r seine Unsicherheit war - doch die gew�nschte Wirkung. Es h�tte Skar nur ein Wort gekostet, ein genau dosiertes L�cheln, zwei, drei scharfe Befehle in der richtigen Tonlage, ihn zum Verstummen zu bringen, aber er konnte es nicht. Er brachte es nicht mehr fertig zu l�gen. �Wir w�rden Euch folgen, wohin Ihr wolltet�, fuhr der Mann fort. �Aber wir... wir k�nnen nicht gegen D�monen k�mpfen, Herr.�</p><p>Das also war es. Skar schalt sich innerlich einen Narren, da� er die Entwicklung nicht schon vorausgesehen hatte. Diese M�nner waren einfache Krieger und Seeleute, die gar nicht verstehen <emphasis>konnten, </emphasis>was dies alles zu bedeuten hatte.</p><p>�Helth ist kein D�mon�, sagte er ruhig. �Ich wei� nicht, was mit ihm geschah, aber es ist...� Er stockte. Es war sinnlos. Wie sollte er etwas erkl�ren, was er selbst nicht verstand. War er denn so sicher, da� es so etwas wie D�monen und Magie wirklich nicht gab? Und selbst wenn er recht hatte, selbst wenn der Dronte und diese Stadt und das Wesen, das von dem Veden Besitz ergriffen hatte, nicht durch Magie, sondern durch etwas anderes, vielleicht noch Unbegreiflicheres entstanden waren - wo lag der Unterschied?</p><p>�Ich verstehe, was ihr meint�, fuhr er fort. �Und ich respektiere eure Gr�nde. Ihr k�nnt gehen, wenn ihr wollt. Wenn es der Treueid ist, den euch Rayan abverlangt hat, dann entbinde ich euch davon. Aber wohin wollt ihr gehen? Zur�ck zum Wrack der SHAROKAAN? Keiner von euch w�rde den See lebend erreichen.�</p><p>�Ich wei�, Herr�, antwortete der Matrose ernst. �Aber es...� Er rang sichtlich nach Worten und sah Skar beinahe hilfesuchend an. �Vielleicht ist der Tod drau�en auf dem Eis besser als das, was uns hier erwartet�, brachte er schlie�lich stockend hervor. Seine Stimme zitterte. �Helth... dieses Wesen, das...� Wieder brach er ab, schwieg einen Moment und setzte erneut an: �Wir h�tten das Schiff nicht verlassen d�rfen, Herr. Die SHAROKAAN war unsere Heimat. Ihr werdet dar�ber lachen, Herr, aber wir glauben, da�...�</p><p>�Da� er ein D�mon ist?� mischte sich Yar-gan ein. Skar warf ihm einen warnenden Blick zu, aber er ignorierte ihn. Ganz, wie Del es getan h�tte. Er lachte sogar, so h�hnisch, da� der Freisegler wie unter einem Hieb zusammenfuhr. �Da� Rayans oder Brads Geist zur�ckgekehrt ist, um euch zu holen, wie? Es ist nichts von alledem, Freisegler.�</p><p>�Er ist kein D�mon�, ergriff Skar rasch wieder das Wort. �Er ist ein Wesen aus Fleisch und Blut wie du und ich. Ihr habt gesehen, da� Del ihn verwundet hat. Er ist sterblich wie wir.�</p><p>�Aber was... was ist er?� murmelte der Mann. Pl�tzlich wirkte er nur noch hilflos, seine Worte waren wie ein gefl�sterter Schrei. �Das wei� ich nicht�, gestand Skar. �Vielleicht etwas wie der Dronte. Aber er ist kein D�mon. W�re er es, er w�rde kaum vor uns geflohen sein. Wahrscheinlich h�tte er uns bereits vernichtet, schon lange bevor wir diese Stadt �berhaupt betreten h�tten. Wenn ihr jetzt zur�ckgeht, w�hlt ihr den Tod. Glaube mir.�</p><p>�Und hier, Herr?�</p><p>Skar z�gerte. �Ich wei� es nicht�, sagte er schlie�lich. �Vielleicht gibt es diesen Hafen, von dem Gowenna gesprochen hat, und vielleicht finden wir eine M�glichkeit, von hier wegzukommen. Vielleicht sterben wir auch alle. Und vielleicht...� Er sprach nicht weiter. Er sp�rte, da� es sinnlos war, da� - was immer er sagen w�rde - nicht gegen den Schrecken ankam, der sich in die Herzen der M�nner gekrallt hatte.</p><p>�Es tut mir leid, Herr�, beharrte der Matrose. �Aber -�</p><p>�Aber ihr <emphasis>werdet </emphasis>mit uns kommen�, fuhr ihm Yar-gan ins Wort. In seiner Stimme war ein scharfer, fremder Klang, etwas, das nur Skar auffiel, sein Gegen�ber aber abrupt zum Verstummen brachte und seinen Widerstand brach. Es ging ganz schnell. Die Augen des Mannes wurden leer, dann trat ein neuer, ergebener Ausdruck auf seine Z�ge. Skar sp�rte, wie der Geist des Matrosen vor der suggestiven Macht des Sumpfmannes zur�ckzuckte und sein Wille erlosch.</p><p>Und f�r einen winzigen Moment war alles, was er f�r den Sumpfmann empfand, Furcht. Eine Furcht, die beinahe so stark war wie die vor dem Dronte und Helth.</p><p>�Ihr werdet mit uns kommen�, sagte Yar-gan noch einmal, �und wenn ich euch alle einzeln -� Er stockte, starrte den Mann f�r die Dauer eines Atemzuges verwirrt an und sah dann mit einem Ruck auf. �Gowenna!� stie� er hervor. �Wo ist Gowenna?�</p><p>Auch Skar blickte auf. Er hatte sie nicht gesehen, seit sie zur�ckgekommen waren, aber das besagte nichts. Die M�nner bildeten einen dichten, dreifach gestaffelten Ring um ihn und den Sumpfmann. �Wo ist Gowenna?� fragte Yar-gan noch einmal. Er packte den Matrosen, ri� ihn mit einer rohen Bewegung zu sich heran und sch�ttelte ihn. �Verdammt, wo ist sie?�</p><p>�Das... das wei� ich nicht, Herr�, keuchte der Freisegler. �Sie hat-�</p><p>Aber Yar-gan h�rte schon gar nicht mehr zu. Er lie� den Mann los, fuhr herum und trat erregt einen Schritt auf Skar zu. �Das ist ein Trick, Skar!� keuchte er. �Dieser Kerl ist nicht Herr seines Willens.� Er sprach nicht weiter, aber Skar wu�te auch so, was er meinte. Die M�nner wichen zur�ck, als Yar-gan ihren Sprecher packte, der Kreis, den sie um ihn und Skar gebildet hatten, l�ste sich auf. Der Saal hinter ihnen war leer.</p><p>�Diese verdammte Hexe!� zischte Yar-gan. �Sie hat uns hereingelegt, Skar - w�hrend wir drau�en gegen Helth gek�mpft haben, ist sie geflohen. Und diese Narren haben ihr dabei geholfen, ohne es �berhaupt zu merken!�</p><p>Er wollte herumfahren und aus dem Haus st�rmen, aber Skar hielt ihn zur�ck. �Das ist sinnlos�, sagte er. �Wir finden sie dort drau�en niemals.�</p><p>Yar-gan ri� seinen Arm los. �Ich finde sie!� widersprach er w�tend. �Und wenn ich diese ganze Stadt von oben nach unten durchsuchen mu�.� In diesem Moment war er Del. Es war nicht mehr der Sumpfmann, dem Skar gegen�berstand, sondern Del, der aufbrausende, hitzk�pfige Narr, der er so oft sein konnte. Was immer es war, das von Del in ihm lebte, es war stark, vielleicht st�rker, als er selbst ahnte. �Sei vern�nftig, Del�, mahnte ihn Skar kopfsch�ttelnd. �Es nutzt dir nichts, wenn du jetzt blindw�tig losrennst. Du w�rdest umkommen.�</p><p>Yar-gans Gestalt entspannte sich. Skar hatte den Namen Del so betont, da� der Sumpfmann die Warnung begreifen mu�te. F�r den Bruchteil eines Atemzuges glomm Erstaunen in seinem Blick auf, dann hatte er sich wieder in der Gewalt. �Wir m�ssen ihr nach, Skar�, lie� er nicht locker, nun wieder mit der nichtmenschlichen Ruhe und Sicherheit des Sumpfmannes, der er war. �Und wir m�ssen es schnell tun. Begreifst du denn nicht? Sie kann nicht weit gekommen sein.� Er deutete auf die Freisegler. �Sie hat diesen M�nnern ihren Willen aufgezwungen, um uns abzulenken. Es mu� sie ungeheure Kraft gekostet haben. Mehr, als sie sich leisten kann, Skar. Und das bedeutet, da� ihr Ziel irgendwo hier in der N�he liegt!�</p><p>��bersch�tzt du sie jetzt nicht ein wenig?� fragte Skar sp�ttisch. �Es sind drei�ig M�nner, Yar-gan. Nicht einmal du k�nntest drei�ig Menschen gleichzeitig beeinflussen.�</p><p>Yar-gan lachte hart. ��bersch�tzen?� keuchte er. �O nein, Skar. Wenn es einen Menschen auf dieser Welt gibt, der so etwas kann, dann sie.�</p><p>Skar wollte ihn unterbrechen, aber Yar-gan fuhr schnell und in erregtem, halbwegs schreiendem Ton fort: �Wir waren drei Monate in Elay, Skar. Hast du dich eigentlich nie gefragt, was in dieser Zeit hinter den Mauern der Verbotenen Stadt vorgegangen ist? Vela hat die <emphasis>Margoi </emphasis>get�tet. Der Thron von Elay war verwaist. Aber die Errish brauchten eine F�hrerin, Skar, eine Frau, die die verbotenen K�nste der Alten beherrscht und deren Geist stark genug ist, nicht unter dem Wissen zu zerbrechen, mit dem er leben mu�. Wenige Tage vor unserer Abreise wurde die neue Errish gew�hlt und eingef�hrt, Skar.� Skar hatte pl�tzlich das Gef�hl, von einer eisigen Hand ber�hrt zu werden. K�lte breitete sich in ihm aus, eine K�lte, die tausendmal schlimmer war als die, die von au�en auf ihn eindrang. Er wu�te, was Yar-gan sagen w�rde, noch bevor er die Worte h�rte.</p><p>�Wenn irgendein Mensch auf dieser Welt zu so etwas f�hig ist, Skar, dann nur die <emphasis>Margoi </emphasis>der Errish�, sagte der Sumpfmann, leise und jede Silbe �berm��ig betonend. Die Worte trafen Skar wie Ohrfeigen. �Niemand hat je hinter den Schleier einer <emphasis>Margoi </emphasis>gesehen, Skar. Selbst den Errish wird die Erinnerung an sie genommen, sobald sie erw�hlt ist. Aber du und ich, Skar, wir kennen das Gesicht der Frau, die den Thron Elays innehat. <emphasis>Ihr Name ist Gowenna.� </emphasis></p></section><section><title><p id="_25">25.</p></title><p>Der Sturm hatte zu w�ten aufgeh�rt, und auch der Wind war zum Erliegen gekommen - zum ersten Mal, seit sie diese Insel betreten hatten. Die M�nner gingen noch immer geb�ckt und vorn�ber geneigt unter der Last ihrer B�ndel und der zahllosen Meilen, die sie zur�ckgelegt hatten, aber die unbarmherzige Kralle des eisigen Windes fehlte, und das Atmen fiel leichter. Der Himmel hatte aufgeklart: Die Wolken waren vom Sturm hinweggepeitscht worden, und auch die schwefelgelbe Farbe, die das Firmament wie ein b�ses Omen �berzogen hatte, war wieder dem Stahlblau des Nachmittagshimmels gewichen. Trotzdem wurde es nicht richtig hell. Obwohl das Eis das Licht der Sonne reflektierte und mit seinem blendenden Wei� verst�rkte, schien Cor-ty-cor in einer endlosen D�mmerung versunken zu sein, als w�re diese Insel und alles, was auf ihr war, auf ewig gefangen in einem zeitlosen Bereich zwischen Tag und Nacht, Tod und Leben.</p><p>Skar war der letzte, der die Ruine verlassen hatte, und er hielt sich auch weiter am Ende der Kolonne - wie er sagte, um ihren R�cken zu decken, so wie Del sich an die Spitze ihrer zerschlagenen Armee gesetzt hatte, um Helth jeder M�glichkeit eines �berraschenden Angriffes zu berauben -, in Wahrheit aber, um allein zu sein, nachdenken zu k�nnen (oder vielleicht auch gerade <emphasis>nicht </emphasis>denken zu m�ssen). Es war noch mehr als eine Stunde vergangen, ehe Yar-gan den von Gowenna �ber die M�nner gelegten Bann brechen konnte und sie endlich weitermarschiert waren. Der Sumpfmann war bem�ht gewesen, Skar zu erkl�ren, was sie getan hatte - es fielen Worte wie <emphasis>Hypnose </emphasis>und <emphasis>suggestiver Block, </emphasis>die aber Skar nichts bedeuteten und die er in diesem Moment auch gar nicht verstehen wollte. Im ersten Augenblick hatte er sich einfach geweigert, Yar-gans Worten zu glauben. �Das... das ist nicht wahr�, hatte er gestottert, schlie�lich geschrien, ohne weiter auf die Freisegler R�cksicht zu nehmen.</p><p>Yar-gan hatte einen Moment geschwiegen, ihn am Arm ergriffen und ein St�ck in die Ruine hineingef�hrt, weit genug, um allein mit ihm und sicher sein zu k�nnen, da� keiner der anderen ihre Worte belauschen konnte. �Es ist wahr, Skar�, hatte der Sumpfmann ernst beteuert. �Du wei�t, da� es so ist. Lausche in dich hinein. Frage deine Seele, und du wirst sehen, da� sie sie als das erkennt, was sie ist.� Skar hatte gesp�rt - <emphasis>gewu�t -, </emphasis>da� Yar-gan die Wahrheit sprach, so sicher, wie er wu�te, da� er er selbst und dieser Mann vor ihm nicht Del war. Und trotzdem war sein Verstand nicht bereit gewesen, die Wahrheit zu akzeptieren. �Sie... sie ist nicht einmal eine Errish�, hatte er hilflos gestammelt.</p><p>Yar-gan hatte den Kopf gesch�ttelt und ihn verst�ndnisvoll, beinahe mitleidig, ohne da� es verletzend gewirkt h�tte, angesehen und erwidert: �Sie ist viel mehr, Skar. Du und sie, ihr seid euch �hnlicher, als du ahnst. In ihr schlummern die gleichen Kr�fte wie in dir, Skar. Ihr tragt beide das Erbe eurer Vorfahren, und es ist f�r euch beide Fluch und Segen zugleich.�</p><p>�Du meinst...�</p><p>�Ich meine das, was du deinen Dunklen Bruder nennst, Skar�, hatte ihn Yar-gan unterbrochen. �Die Stimme in deinem Inneren, die du so f�rchtest und die doch ein Teil von dir ist, ein Teil, ohne den du nicht leben k�nntest. Das, was in deinem Kind sein wird. Vela hat diese Kraft erkannt, schon als sie Gowenna das erste Mal sah. Es war kein Zufall, da� sie dieses einfache Bauernm�dchen mit sich nahm, Skar. Und es war kein Zufall, da� sie sie <emphasis>nicht </emphasis>zu den Errish brachte. Der Ehrw�rdigen Mutter w�re ihre Begabung ebenfalls sofort aufgefallen, und es w�re Vela niemals m�glich gewesen, sie f�r ihre Zwecke zu benutzen.�</p><p>Er hatte noch mehr gesagt, aber seine Worte waren nicht mehr in Skars Bewu�tsein eingedrungen; er hatte sie zwar noch geh�rt, ohne aber ihren Sinn zu begreifen und ihre Bedeutung an seinen Geist weiterzuleiten. Er wu�te, da� der Sumpfmann recht hatte. Gowenna war vor ihm in Combat gewesen, Jahre bevor er �berhaupt erfuhr, da� es so etwas wie einen Stein der Macht gab, und sie war ihm n�her gekommen als irgendein anderer lebender Mensch vor ihr. Sie hatte Vela widerstanden, obwohl der Errish die Macht der Alten zur Seite stand, und es war ihr sogar gelungen, die Sumpfm�nner zu t�uschen. �Ich... begreife das alles nicht�, hatte er nach einer Weile gefl�stert. �Wenn es so ist - wenn du die Wahrheit sagst, Yar-gan, warum sind wir dann hier? Warum ist sie nicht in Elay geblieben? Niemand h�tte eine Frage gestellt, niemand h�tte es gewagt, an ihren Entscheidungen zu zweifeln. Die <emphasis>Margoi </emphasis>ist eine G�ttin, Del! Warum diese Reise zum Berg der G�tter?�</p><p>Yar-gan hatte pl�tzlich gel�chelt, und Skar war zu Bewu�tsein gekommen, da� er ihn <emphasis>Del </emphasis>genannt - und in diesem Moment auch mit Del geredet - hatte. Dann war er wieder ernst geworden. �Ich wei� es nicht, Skar. Ich habe versucht, ihren Geist zu ergr�nden, aber er ist mir verschlossen. Sie ist stark, viel st�rker als du oder ich, auf ihre Weise. Und sie konnte nicht mit dem Dronte rechnen.�</p><p>�Konnte sie das wirklich nicht?� Skar hatte den Blick gesenkt und eine Sekunde lang das verzerrte Spiegelbild seines eigenen Gesichtes angestarrt, und f�r einen Moment war es ihm unwirklicher und fremdartiger als das Yar-gans vorgekommen. Er wu�te, da� hinter Dels Z�gen die grauen Schemen eines Schattengesichtes warteten. Und hinter seinen eigenen? Was war das, was da in ihm lauerte und ihn manchmal aus seinen eigenen Augen sp�ttisch ansah? Schlie�lich hatte er sich von dem Bild losgerissen und wieder den Sumpfmann angestarrt. �Aber selbst ohne das Zusammentreffen mit ihm w�re die Reise gef�hrlich und hart geworden, Yar-gan. Es ist ein weiter Weg zum Berg der G�tter.�</p><p>�Vielleicht versp�rte sie immer noch Angst vor Vela�, hatte Yar-gan vermutet. �Oder vor dem Kind. Vielleicht auch Angst, ihre Macht allein w�rde nicht ausreichen, mit ihm fertig zu werden.�</p><p>�Oder sie plante etwas, das nicht einmal die <emphasis>Margoi </emphasis>wissen durfte. Etwas, das -�</p><p>�Es nutzt nichts, wenn wir wild herumr�tseln�, hatte der Sumpfmann ihn unterbrochen. Seine Stimme war pl�tzlich ver�ndert; ungeduldig, beinahe dr�ngend. �Wir m�ssen sie suchen, Skar.�</p><p><emphasis>Suchen... </emphasis>Um ein Haar h�tte Skar schrill aufgelacht. Allein der Gedanke, in dieser H�lle aus K�lte und Wei� einen einzelnen Menschen suchen und - in wenigen Stunden - finden zu wollen, erschien ihm l�cherlich. Aber er besa� einfach nicht mehr die Kraft dazu. In diesem Moment war etwas in ihm, etwas, das die ganze Zeit unter einem unertr�glichen Druck gestanden hatte, vollends zerbrochen. W�re Helth in diesem Moment erneut aufgetaucht, um ihn zu t�ten, er h�tte sich nicht einmal mehr gewehrt. Yar-gans weitere Worte waren nicht mehr bis zu Skars Verstand vorgedrungen, und schlie�lich hatte sich der Sumpfmann schweigend umgewandt und war zu den M�nnern gegangen, um die Wirkung von Gowennas Beeinflussung r�ckg�ngig zu machen.</p><p>Eine Ver�nderung in seiner Umgebung lie� ihn aus seinen Gedanken schrecken. Er sah auf, wischte die Tr�nen, die M�digkeit und Ersch�pfung in seine Augen getrieben hatten, mit der Hand fort und blinzelte. Vor ihnen lag eine breite, von senkrechten, in Form und Gr��e nicht genau auszumachenden W�nden ges�umte Stra�e, deren Ende sich in flackernder grauer D�mmerung verlor. Das Eis war hier tr�b, durchzogen von grauen Schlieren wie gefangenen Wolken und Millionen winziger feinver�stelter Risse. Dieser Anblick lie� ihn f�r einen Moment an die Turmruine denken, aber der Schrecken, der diese Erinnerung begleitete, verging rasch.</p><p>Ein paar der M�nner waren stehengeblieben, und er sah, da� Del - <emphasis>Yar-gan, </emphasis>verbesserte er sich hastig in Gedanken - sich umgedreht hatte und heftig mit beiden Armen gestikulierte. Skar starrte ihn einen Herzschlag verst�ndnislos an, ehe er begriff. Seine Gedanken bewegten sich z�h wie Lava. Er lud sein B�ndel ab, �ffnete die Spange seines Mantels, um bequemer gehen zu k�nnen, und eilte auf den Sumpfmann zu.</p><p>�Helth?� fragte er. Seine Stimme versickerte in der Luft, aber Yar-gan h�tte ihn auch verstanden, wenn er ihn nicht direkt angesehen h�tte. Er sch�ttelte den Kopf, trat beiseite und deutete nach vorn. Skar folgte der angezeigten Richtung und fuhr zusammen.</p><p>Der Weg gabelte sich vor ihnen; nach links f�hrte die Stra�e so breit und eben wie bisher weiter, zur anderen Seite hin wurde sie schmaler und stieg gleichzeitig sanft an. Aber sie w�rden nicht frei w�hlen k�nnen, denn auf der linken Seite, f�nfzig, allerh�chstens sechzig Schritt entfernt, standen zwei gewaltige, wei� schimmernde Gestalten - die beiden Eiskrieger, die ihnen vom See her gefolgt waren!</p><p>Skar erkannte sie sofort wieder, obwohl sie sich weiter ver�ndert hatten und halb hinter wehenden wei�en Schwaden verborgen waren, die wie Dampf vom Boden aufstiegen.</p><p>Yar-gan wollte sein Schwert ziehen, aber Skar hielt ihn mit einem raschen Kopfsch�tteln zur�ck. Es war wie die ersten beiden Male, als sie auf zwei dieser unglaublichen Wesen gesto�en waren - er wu�te einerseits, da� der Gedanke schlichtweg l�cherlich sein mu�te, aber er sp�rte andererseits einfach, da� diese Krieger aus Eis nicht k�mpfen <emphasis>wollten.</emphasis></p><p>�Nicht�, sagte er leise. �Das hat keinen Zweck, Del.�</p><p>Yar-gan schob seine Waffe gehorsam in die Scheide zur�ck, sah Skar aber weiter verwundert an. Skar ignorierte seinen Blick und starrte weiter zu den gewaltigen wei�en Gestalten vor ihnen hin�ber. Sie kamen ihm gr��er vor als bisher, gleichzeitig aber auch schlanker, besser proportioniert und auf bedr�ckende Weise <emphasis>menschlicher, </emphasis>obwohl sich an ihrem �u�eren nichts ge�ndert zu haben schien: Sie waren immer noch gigantisch, wei�e Titanen, deren K�rper und R�stung eins waren, deren H�nde mit Schwert und Schild verwachsen und deren Gesichter aus dem gleichen Material gemei�elt waren, aus dem diese ganze Stadt bestand. Und doch waren sie gleichzeitig anders, ganz anders. Bisher hatte er nur plumpe wei�e Kolosse in ihnen gesehen, und sie waren wohl auch nicht viel mehr gewesen; m�rderische, aber nur halb gelungene Kopien menschlicher Wesen. Jetzt war es anders. Skar sp�rte noch immer die Aura unglaublicher Kraft, die die Wesen ausstrahlten, aber es war auch etwas anderes darunter. Obwohl sie zu weit entfernt waren, um ihre Gesichter zu erkennen, war Skar sicher, da� die blitzenden wei�en Fl�chen unter ihren Helmen nicht l�nger leer waren, sondern menschliche Z�ge aufwiesen.</p><p>Yar-gan wurde ungeduldig. �Greifen wir sie nacheinander an, oder teilen wir uns?� fragte er. Die beiden Giganten standen ein St�ck voneinander entfernt; der eine etwas weiter hinten und auf der anderen Seite der Stra�e, so da� sie sie nicht gleichzeitig angreifen konnten. �Weder noch�, antwortete Skar, ohne den Blick von der bizarren Erscheinung vor sich zu nehmen. �Wir nehmen den anderen Weg.� Yar-gan starrte ihn ungl�ubig an. �Das kann nicht dein Ernst sein, Skar!� Er zog nun doch sein Schwert und deutete erregt mit der Spitze auf den rechten, freigebliebenen Weg, dann auf die beiden Eiskrieger. �Das ist eine Falle!� behauptete er. �Jedes Kind w�rde sie erkennen!� Skar l�chelte. �Oder eine Warnung�, murmelte er.</p><p>�Unsinn�, entgegnete der Sumpfmann ungehalten. �Er wird pl�tzlich sein Herz f�r uns erkannt haben, wie?�</p><p>Skar l�ste sich m�hsam vom Anblick der beiden titanischen Eiskrieger, drehte sich und sah Yar-gan an. Zorn verzerrte die Z�ge des Sumpfmannes, die gleiche j�hzornige Wut, die so typisch f�r Del gewesen war und die ihn so oft in haarstr�ubende Situationen gebracht hatte. Er l�chelte, aber er bezweifelte, da� Yar-gan den wahren Grund f�r dieses L�cheln begriff.</p><p>�Vielleicht ist es eine Falle�, gab er zu. �Aber selbst wenn, haben wir wohl keine gro�e Auswahl, Del. Wir k�nnen nicht gegen sie k�mpfen.�</p><p>�Es sind nur zwei!�</p><p>�Es waren auch nur zwei, die Gowenna und mich angegriffen haben�, widersprach Skar ruhig. �Und es waren nur zwei, auf die wir gestern gesto�en sind. Mein Gott, Del - wenn der Dronte diese Kreaturen ausgesandt h�tte, um uns zu t�ten, h�tten sie es l�ngst getan! Er h�tte Tausende von diesen Monstern auf uns hetzen k�nnen, statt nur zwei. Woher willst du wissen, da� nicht immer wieder <emphasis>nur zwei </emphasis>auftauchen? So lange, bis keiner von uns mehr �brig ist, um sie zu vernichten?�</p><p>Yar-gan schnappte h�rbar nach Luft, aber Skar lie� ihn nicht zu Wort kommen, sondern sprach schnell weiter. �M�glicherweise ist es eine Falle�, sagte er noch einmal, �aber wenn, so sind wir darauf vorbereitet. Und vielleicht ist es auch etwas anderes.�</p><p>�Und was?� fragte Yar-gan �bellaunig. �Etwa gar eine freundliche Einladung zu -�</p><p>�Herr!� keuchte einer der Freisegler. Yar-gan brach mitten im Satz ab, fuhr herum und erstarrte f�r eine halbe Sekunde.</p><p>Die beiden Giganten waren aus ihrer Erstarrung erwacht und kamen langsam auf sie zu. Skar sah, da� auch ihre Art, sich zu bewegen, menschlicher geworden war. Ihre Schritte waren leicht, beinahe elegant, aber man sp�rte die Kraft, die in ihren k�nstlichen Muskeln war. Eine Kraft, der weder er noch der Sumpfmann etwas entgegenzusetzen h�tte. Nein, dachte er �berzeugt. Wenn diese beiden Riesen gekommen w�ren, um sie zu vernichten, h�tten sie es l�ngst getan. Yar-gan wich Schritt f�r Schritt zur�ck, und auch die Freisegler begannen unruhig zu werden. Zwei, drei Krieger wandten sich um und begannen zu laufen, w�hrend die anderen den beiden n�her kommenden Titanen voller Furcht entgegensahen.</p><p>�Skar!� sagte Yar-gan. Seine Stimme bebte. �Tu etwas!�</p><p>Ein gellender Schrei wehte vom entgegengesetzten Ende der Stra�e zu ihnen her�ber. Skar und der Sumpfmann fuhren in einer einzigen, synchronen Bewegung herum. Yar-gan keuchte.</p><p>Auch der R�ckweg war ihnen verwehrt. Hinter den letzten M�nnern war Nebel aufgekommen, lautlos und schnell, unwirkliche, schwere graue Schwaden, die aus Boden und W�nden zu quellen schienen und den Weg wie eine wirbelnde Barriere versperrten, und hinter ihnen zeichneten sich die Gestalten zweier weiterer Eiskrieger ab, stumm und drohend und so t�dlich wie die beiden vor ihnen. Skars Hand fuhr zum G�rtel. Seine Finger fa�ten um den lederbezogenen Griff des Schwertes. Aber das vertraute, sichere Gef�hl, das die Ber�hrung der Waffe ihm immer vermittelt hatte, kam nicht. �Nicht...�, fl�sterte er. �Yar-gan - mach jetzt keinen Fehler!� Seine H�nde begannen zu zittern. Wie oft in Augenblicken der Gefahr sah er wieder alles mit phantastischer Klarheit, nahm er Dinge und Einzelheiten wahr, �ber die er normalerweise hinweggesehen h�tte, ohne sie �berhaupt zur Kenntnis zu nehmen: Die Unruhe, die die Freisegler gepackt hatte, etwas, was nicht nur Furcht allein war, das nerv�se Zucken um Yar-gans Mundwinkel, die unsicheren kleinen Bewegungen, mit denen die M�nner nach ihren Waffen griffen, die Blicke, mit denen sie verzweifelt nach einem Fluchtweg suchten, den es nicht mehr gab...</p><p>�Nicht k�mpfen�, fl�sterte er noch einmal. �Eine einzige falsche Bewegung, und wir sind alle tot.�</p><p>Yar-gan nickte, zum Zeichen, da� er verstanden hatte. Seine Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepre�t.</p><p>Skar sah sich um. Die beiden ersten Krieger waren n�her gekommen, jedoch einen Schritt vor der Abzweigung stehen geblieben. Skar sp�rte, wie er von Blicken unsichtbarer, aus Eis gemei�elter Augen gemustert wurde, Augen, die hinter seine Stirn sahen und seine Gedanken lasen, Dinge in seiner Seele erblickten, die ihm selbst verschlossen waren.</p><p>Einer der beiden senkte seinen Schild, trat - sehr langsam, als wisse er, da� eine einzige unbedachte Bewegung den Sumpfmann zu einem Angriff verleiten mochte - noch einen weiteren Schritt vor und hob den Arm. Die Spitze des Schwertes, mit dem seine Hand verwachsen war, deutete nach rechts, den einzigen freigebliebenen Weg hinab. Der Nebel an seinem Ende trieb auseinander, als w�re die Bewegung des Eiskriegers das Zeichen dazu gewesen, und Skar erkannte ein niedriges, achteckiges Geb�ude. Ein Teil seiner s�dlichen Wand war eingest�rzt. Yar-gan atmete h�rbar ein.</p><p>�Verdammt, Skar, das ist eine Falle!� murmelte er.</p><p>Skar ignorierte ihn. Sein Blick saugte sich am Gesicht des Eiskriegers fest. Aus dem glatten Visier war ein menschliches Antlitz geworden, Kinn und Nase, zuvor nur angedeutet, waren jetzt deutlich zu erkennen, der schmale Sehschlitz hatte sich zur�ckgebildet und war in der Mitte geschlossen, so da� zwei tiefe, noch leere Augenh�hlen entstanden waren. Es wirkte immer noch nicht v�llig menschlich, sondern eher wie eine aus Eis gefrorene Totenmaske, in der die Z�ge dessen, den sie darstellen sollte, nur angedeutet, stilisiert waren.</p><p><emphasis>Und doch hatte dieses Gesicht etwas seltsam Vertrautes...</emphasis> Skar sah mit einem Ruck auf und starrte den zweiten Eismann an. Er war zu weit entfernt und sein Gesicht hinter den wogenden Nebelschwaden verborgen, die ihnen nachgekrochen waren wie eisiger Atem, aber er wu�te, da� er unter seinem Helm die gleichen Z�ge erblicken w�rde. F�r den Bruchteil einer Sekunde blitzte ein Gedanke hinter seiner Stirn auf, etwas, das mit seinem Traum und mit dem Dronte zu tun hatte, aber er verschwand zu schnell, als da� er ihn greifen konnte.</p><p>M�hsam l�ste er seine Hand vom Schwertgriff, dr�ckte Yar-gans Waffenarm herunter und deutete in die Richtung, in die der Eiskrieger wies. �Wir gehen.�</p><p>�Du bist wahnsinnig!� keuchte Yar-gan. �Das -�</p><p>�Wir gehen�, sagte Skar noch einmal, so scharf, da� Yar-gan nicht weitersprach, sondern nur abwechselnd ihn und die beiden eisigen Kreaturen anstarrte. Nach einer Ewigkeit senkte auch er seine Waffe vollends und entspannte sich. Aber er steckte das Schwert nicht ein. �Wie du willst, Satai�, sagte er. Seine Stimme klang kalt.</p><p>Skar sah ihn einen Herzschlag lang schweigend an, drehte sich herum und ging langsam an ihm und den wartenden Eiskriegern vorbei.</p></section><section><title><p id="_26">26.</p></title><p>Skar wu�te nicht, wie viele Stufen sie in die Tiefe gestiegen waren. Er wu�te nicht mehr, wie viele Rampen und Sch�chte sie hinabgegangen, �ber wie viele Hindernisse sie geklettert waren und wie viele R�ume sie durchquert hatten. Die Zeit war bedeutungslos geworden, und nach einer Weile waren selbst die Schmerzen in seinen verkrampften Muskeln verbla�t und das Jagen seines Herzens zu einem m�hsamen, schweren Schlagen geworden. �ber ihnen mu�te die Sonne untergegangen sein, aber so wie es hier unter dem Eis niemals richtig hell wurde, wurde es auch nicht dunkel. Die W�nde verstrahlten ein unwirkliches, graues Licht, in dem ihre Bewegungen abgehackt und ruckhaft wirkten; schneller, als sie waren, und in dem man niemals wirklich sagen konnte, wie weit sich der Weg noch erstreckte, der vor ihnen lag. Die G�nge und Stollen schienen endlos, und jedesmal, wenn Skar glaubte, nun endlich die unterste Sohle dieses furchteinfl��enden grauwei�en Labyrinths erreicht zu haben, klaffte ein neuer Abgrund, ein neuer Treppenschacht, eine weitere vereiste Rampe vor ihnen auf, ging es tiefer hinab in die Erde und den eisigen Panzer, der Cor-ty-cor erstickt hatte.</p><p>Die Eiskrieger waren hinter ihnen zur�ckgeblieben, als sie den Eingang gefunden hatten, aber Skar wu�te, da� sie weiter in ihrer N�he waren, so wie sie sie die ganze Zeit wie unsichtbare stumme Schatten begleitet hatten, sie beobachteten, vielleicht belauerten und warteten. Auch die Stimme in seinem Inneren schwieg. Aber es war nicht wie die Male vorher, als sie eingeschlafen war und er sie f�r tot und besiegt gehalten hatte. Sie wartete wie die Eiskrieger, wie Helth und die Macht, die ihn lenkte, wie Yar-gan und die Krieger, wartete auf etwas, von dem sich Skar keine Vorstellung zu machen wagte und das ihn trotzdem erschreckte. Mehr als irgend etwas, das er je zuvor in seinem Leben gesp�rt hatte.</p><p>Sie waren noch dreiundzwanzig, als sie den Hafen erreichten. Die graue D�mmerung teilte sich vor ihnen und gab den Blick auf eine glatte, wie polierter Stahl schimmernde Wand frei, auf deren Oberfl�che sich die Gestalten der M�nner wie bizarre Doppelg�nger spiegelten. Durch einen halbhohen, wie fast alles hier unten in Gr��e und Form nicht wirklich zu erkennenden Durchgang gewahrten sie eine sichelf�rmige, von einem Gewirr ineinander verwachsener, brusthoher Eisz�hne begrenzte Plattform. Es fiel Skar schwer, durch den Nebel aus Ersch�pfung vor seinen Augen noch Einzelheiten zu sehen, aber �ber, unter und hinter ihr glaubte er die W�nde einer titanischen H�hle zu erkennen. Der sterile Geruch des Eises war dem scharfen Aroma von Salzwasser gewichen. Der Boden unter seinen F��en zitterte schwach, und das dumpfe Pochen, das jeden ihrer Schritte begleitete und das seine Phantasie zum Schlagen eines schwarzen Riesenherzens hatte werden lassen, war das Ger�usch der Brandung, die irgendwo jenseits der Wand gegen einen eisigen Strand rollte. Pl�tzlich f�rchtete sich Skar davor, den n�chsten Schritt zu tun und auf den Balkon auf der anderen Seite zu treten. F�r einen kurzen Moment versp�rte er eine irrsinnige Furcht, Angst, dort hin�ber zu gehen und vielleicht nichts als eine weitere leere Katakombe zu entdecken, zu erkennen, da� dieser Hafen leer und tot wie der Rest Cor-ty-cors war, und sich eingestehen zu m�ssen, da� ihre letzte Hoffnung zerbrochen und alles, was sie noch erwarten konnten, ein hoffentlich rascher Tod war. Aber auch diese Furcht verging, versank in der Woge von Schw�che und M�digkeit, die seine Gedanken einzunebeln begann. Als h�tten sich jetzt selbst seine Instinkte gegen ihn gewandt, gab ihm der Anblick nicht noch einmal jenen verzweifelten Trost, den er mobilisieren sollte, sondern l�hmte ihn. Er kam sich vor wie ein Verdurstender, der nach tagelangem Marsch durch die W�ste das rettende Wasserloch gefunden und nicht mehr die Kraft hatte, die letzten zwei Meter zu kriechen.</p><p>Er blieb stehen, atmete ein paarmal tief durch und hob die Hand, um auch die M�nner zum Anhalten zu bewegen. Einige blieben stehen, andere sanken wortlos zu Boden oder gegen die W�nde, ein paar marschierten auch einfach weiter, zu ersch�pft, um das Zeichen zu sehen, oder zu kraftlos, um noch darauf zu reagieren. Eine der ausgemergelten Gestalten brach direkt vor Yar-gans F��en zusammen, kr�mmte sich und rang mit einem schrecklichen, pfeifenden Laut nach Luft. Der Sumpfmann beugte sich zu ihm hinab und ber�hrte seine Stirn; der Atem des Mannes beruhigte sich, und der erstarrte Ausdruck von Schmerz auf seinen Z�gen wich dem einer tiefen Entspannung. Aber Skar wu�te, da� die Hilfe, die Yar-gan den M�nnern spenden konnte, tr�gerisch und nur von kurzer Dauer war. Es traf zu, was er selbst gesagt hatte: Er konnte ein wenig t�uschen und Dinge vorgaukeln, die nicht wirklich waren; nicht nur dem Geist, sondern auch dem K�rper. Die Kraft, die er dem zu Tode Ersch�pften gab, war seine eigene, Teil seiner letzten Reserven, die er mit dem verborgenen Wissen seiner Art zu wecken imstande war. Aber sie waren fast aufgebraucht. Selbst den Kr�ften des Sumpfmannes waren Grenzen gesetzt, und er hatte sie erreicht.</p><p>Skar lehnte sich ersch�pft gegen die Wand, atmete erneut tief durch und versuchte vergeblich, noch so etwas wie Hoffnung in sich zu entdecken. Das Eis in seinem R�cken lie� ihn erschauern, und es war, als dr�nge die K�lte bis in seine Seele und l�hme sie, so da� er nicht einmal mehr f�hig war, Schmerz zu empfinden. Sieben der einunddrei�ig M�nner, die mit ihnen den Abstieg in dieses unirdische Reich der D�mmerung und K�lte begonnen hatten, waren tot. Zu Tode gest�rzt auf Stufen, die nicht f�r menschliche F��e gemacht waren, mit einem lautlosen Schrei in Abgr�nden verschwunden, die pl�tzlich vor ihnen aufklafften, oder einfach zusammengebrochen wie leere H�llen, in denen das letzte bi�chen Lebenskraft verbraucht war. Zwei weitere waren zur�ckgeblieben, noch nicht tot, aber zu schwach, um weiterzugehen. Auch sie w�rden sterben. Der Schlaf, der der Ersch�pfung folgte, w�rde der letzte sein. Aber er f�hlte keine Trauer mehr, nicht einmal Mitleid. Fast beneidete er die Toten.</p><p>Yar-gan sagte etwas, aber Skar verstand die Worte nicht mehr. Das Gesicht des Sumpfmannes verschwand immer wieder hinter Schleiern der Ersch�pfung, und seine Worte zerbrachen zu Lauten und Silben, die sein Verstand nicht mehr zu deuten imstande war. Etwas Dunkles, Warmes und unglaublich M�chtiges begann Besitz von seinen Gedanken zu ergreifen. Sein Dunkler Bruder oder der Tod; vielleicht beides. Yar-gan packte ihn unsanft bei der Schulter und sch�ttelte ihn so brutal, da� Skars Kopf zur�ckflog und gegen das Eis prallte. Der Schmerz erschien ihm unwirklich, und die Dunkelheit hinter seiner Stirn wurde tiefer. Er schmeckte Blut. Yar-gan sch�ttelte ihn noch heftiger, ri� ihn schlie�lich grob zu sich heran und pre�te seine Hand auf Skars Augen. Die Ber�hrung tat weh. D�nne, flammende Linien aus rotem Schmerz fra�en sich durch seine Lider und zuckten wie gl�hende Dolche in seinen Sch�del; er versuchte, Yar-gans Hand abzustreifen, aber der Griff des Sumpfmannes war eisern und verst�rkte sich eher noch. Skar st�hnte.</p><p>�<emphasis>Verdammt, Skar, rei� dich zusammen!�</emphasis></p><p>Diesmal verstand er die Worte. Die Dunkelheit wich zur�ck, aber nicht weit genug, floh nicht, sondern sammelte nur Kraft f�r einen neuen Ansturm. Er bewegte sich, krallte die Hand in Yar-gans Mantel und versuchte, den Sumpfmann zur�ckzusto�en. Yar-gan knurrte w�tend, schlug seine Hand zur Seite und versetzte ihm einen schallenden Schlag ins Gesicht. Skar taumelte gegen die Wand, rutschte kraftlos zu Boden und st�hnte erneut, als Yar-gan ihn grob auf die F��e ri� und erneut ohrfeigte.</p><p>�La�... mich�, murmelte er schwach.</p><p>�Ich denke nicht daran�, zischte der Sumpfmann. �Du wirst jetzt nicht aufgeben, Skar. Wir gehen weiter, und wenn ich dich dort hindurchpr�geln mu�!� Er drehte Skar wie eine willenlose Puppe herum, versetzte ihm einen Sto� in den R�cken, der ihn auf den Durchgang zutaumeln lie�, und fing ihn auf, als er zu st�rzen drohte. Der Griff der Dunkelheit um Skars Gedanken lockerte sich, aber er f�hlte sich noch immer wie in einem Traum, seine Umgebung erschien schemenhaft und unwirklich, er war nur m�de. Er stolperte, fiel auf H�nde und Knie und schluckte einen Schmerzenslaut hinunter. Die Welt vor seinen Augen begann sich rot zu f�rben.</p><p>Yar-gan kniete mit einem gemurmelten Fluch neben ihm nieder, ri� ihn herum und legte die Hand - wie schon zuvor, aber weniger heftig, so da� die Ber�hrung nur noch unangenehm und nicht mehr qualvoll war - auf seine Augen. Diesmal lie� es Skar geschehen, ohne sich zu wehren.</p><p>Einen Moment lang geschah nichts, dann f�hlte er wieder eine Welle der W�rme und Entspannung in sich aufsteigen, beinahe so stark und m�chtig wie die Woge der Dunkelheit zuvor, anders als sie, nicht lockend und t�dlich.</p><p>Yar-gan blieb fast eine Minute neben ihm hocken, pre�te Daumen und Mittelfinger auf seine geschlossenen Lider und murmelte in seiner Muttersprache vor sich hin, ehe er die Hand herunternahm. Skar atmete h�rbar ein, versuchte vorsichtig die Augen aufzuschlagen und blinzelte ein paarmal. Er sah tanzende farbige Ringe und Kreise, aber es waren nur die Folgen des Druckes, den der Sumpfmann auf seine Aug�pfel ausge�bt hatte, nicht mehr die Vorboten des Todes.</p><p>�Geht es wieder?�</p><p>Skar nickte. �Ja. Ich...� Er sch�ttelte den Kopf, schlug die H�nde vor das Gesicht und betastete vorsichtig seine Wangenknochen. Yar-gans Griff war fest wie der einer st�hlernen Klaue gewesen. �Danke�, murmelte er. �Ich glaube, du hast mir gerade das Leben gerettet. Was hast du getan?�</p><p>�Dazu bin ich schlie�lich da�, sagte Yar-gan, ohne auf seine Frage einzugehen. �Kannst du aufstehen?�</p><p>Skar nickte, setzte sich gerade auf und sah zu dem gekr�mmten Ausschnitt der H�hlendecke hinauf, der durch die T�r sichtbar wurde. Er sp�rte, wie neue Kraft in seine Glieder str�mte, aber er wu�te auch, da� dieses Gef�hl trog. Es war geliehene St�rke, Kraft, die zu nutzen verboten und gef�hrlich war. Was er jetzt verbrauchte, war nicht die Kraft, die seine Beine und Arme bewegte und sein Herz schlagen lie�, sondern die Kr�fte des Lebens selbst, die Energien, die die Flamme in seinem Inneren weiterbrennen lie�en. Skar wu�te, was geschehen w�rde, wenn er sich ihrer zu lange bediente. Er hatte es gesehen, hier, bei diesem Haufen Verdammter, die ihn und Yar-gan begleiteten, in K�mpfen und auf dem Marsch durch Nacht und Eis, unz�hlige Male: ein letztes Aufb�umen, jener kurze, be�ngstigende Ausbruch von Kraft und oft genug Raserei, der einen Mann manchmal zu unglaublichen Leistungen bef�higen konnte. Und ihn t�tete.</p><p>Yar-gan stand schweigend auf, trat geb�ckt durch den Durchgang und ging mit zwei, drei raschen Schritten auf die Barriere aus Eiszacken zu. Skar folgte ihm, langsamer und in gro�em Abstand. Sein Herz begann erneut schneller zu schlagen, als er neben den Sumpfmann trat und die H�nde auf die nat�rlich gewachsene Balkonbr�stung legte. Er wu�te nicht, was er erwartet hatte - eigentlich nichts, nicht nach allem, dem sie begegnet waren. Cor-ty-cor entzog sich seinen Erwartungen, war eine Welt, in der die Phantasie des Menschen nach einer Weile kapitulierte und es aufgab, sich ausmalen zu wollen, wie etwas Bestimmtes aussehen, <emphasis>sein </emphasis>w�rde. Trotzdem l�hmte ihn der Anblick f�r Minuten. Aber es war diesmal nicht seine Fremdartigkeit, sondern gerade das Gef�hl des Vertrauten, Bekannten, das das Bild in ihm weckte.</p><p>Der Balkon lag weniger als f�nf Meter �ber dem Boden, und es war kein Balkon, nichts k�nstlich Geschaffenes, sondern einer von zahllosen Vorspr�ngen und Erkern, die die Natur willk�rlich �ber die W�nde verstreut hatte, als sie diese zyklopische H�hle erschuf, nur nachtr�glich gegl�ttet und mit einer Br�stung versehen. Die H�hle selbst war gigantisch - eine kuppelf�rmige Blase aus zernarbtem braungrauem Fels, deren W�nde nicht einmal das geduldig vorr�ckende Eis vollkommen bedecken konnten. Ihr h�chster Punkt mu�te ann�hernd eine halbe Meile �ber ihren K�pfen liegen. Skar war verwirrt, aber auch erleichtert, auf eine schwer zu beschreibende Art. Wenn dies wirklich ein Teil der Stadt war, deren erstarrten Leichnam sie durchquert hatten, so einer, der von ihren Erbauern unver�ndert von der Natur �bernommen und f�r ihre Zwecke nutzbar gemacht worden war. Obwohl die K�lte und der scharfe, durchdringende Geruch des Salzwassers wie kleine scharfe Messer in seine Kehle schnitten, hatte er pl�tzlich das Gef�hl, zum ersten Mal seit Tagen wieder frei atmen zu k�nnen. Der die ganze Zeit auf seinen Gedanken und seiner Seele lastende Druck wurde schw�cher.</p><p>�Was, glaubst du, ist das hier?� fragte Yar-gan. Skar verstand die Worte, obwohl er ihn nicht angesehen und der Sumpfmann mit Dels-menschlicher-Stimme geredet hatte. Der finstere Zauber Cor-ty-cors war hinter ihnen zur�ckgeblieben. �Jedenfalls kein Eis�, antwortete Skar mit einer Heiterkeit, die ihn selbst erstaunte. Er seufzte. �Ich habe schon angefangen zu glauben, da� die ganze Welt aus Eis besteht.�</p><p>Yar-gan l�chelte kurz und wurde dann wieder ernst. �Dort dr�ben scheint die Einfahrt zu sein�, murmelte er. Skar sah in die Richtung, in die der Sumpfmann deutete. Der braune Fels und das Wasser, das geduldig an ihm nagte, saugten das Licht auf und machten es schwer, Einzelheiten zu erkennen; der Blick reichte nicht weit �ber die H�lfte der steinernen Blase hinaus, und alles, was dahinter lag, waren Schatten und Finsternis. Aber ein Teil dieser Dunkelheit schien tiefer zu sein, nur um eine winzige Nuance; ein noch dunkleres Schwarz auf schwarzem Hintergrund, und als Skar eine Weile hinsah, glaubte er eine Anzahl winziger flimmernder Punkte zu erkennen. Sterne, die auf dem Nachthimmel glitzerten, der hinter dem niedergebrochenen Teil der H�hlenwand erkennbar war. Wenn es so war, dann mu�te die Einfahrt gewaltig sein: breit genug, zehn Schiffe von der Gr��e der SHAROKAAN gleichzeitig hindurchzulassen. Die Vorstellung erschreckte Skar. Dieser Hafen konnte eine Armada aufnehmen, die gr��er war als alle Kriegs- und Handelsflotten der Welt zusammengenommen.</p><p>�Dort unten ist etwas�, sagte Yar-gan. Er beugte sich weit vor, hielt sich mit der Linken an der Balkonbr�stung fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und deutete mit der anderen Hand nach unten. Skar erkannte, was der Sumpfmann meinte: Etwa eine Meile entfernt schaukelten drei dunkle, gedrungene Schatten auf der Wasseroberfl�che.</p><p>�Schiffe?� fragte er.</p><p>Yar-gan zuckte mit den Schultern. �Ich kann zwar etwas besser sehen als du, aber...� Er �berlegte einen Moment, zuckte abermals mit den Achseln und richtete sich wieder auf. Das Eis war geschmolzen, wo er sich festgehalten hatte. Seine Hand hinterlie� einen deutlichen Abdruck auf der wei�en Fl�che. �Holen wir die M�nner und sehen nach�, sagte er. �Wenn es Schiffe sind, finden wir auch eine M�glichkeit, sie wieder seet�chtig zu machen und von hier zu verschwinden.� Pl�tzlich l�chelte er. �Es scheint fast, als h�tten wir ausnahmsweise einmal Gl�ck, Skar.�</p><p>�Aber sicher�, erwiderte Skar bissig. �Wir m�ssen nur noch Vela und Gowenna finden, Gowennas Pl�ne durchkreuzen - wie immer sie aussehen m�gen -, Helth unsch�dlich machen, die Eiskrieger besiegen und den Dronte vernichten. Mehr nicht.�</p><p>Gegen seine Erwartung wurde Yar-gans Grinsen noch eine Spur breiter. �Allm�hlich beginnst du wieder zu dem zu werden, der du einmal warst, Skar�, sagte er. �Ich habe deine herzerfrischende Art, einem Mut zu machen, schon immer geliebt.� Er lachte, drehte sich um und deutete auf den Stollen. �Warte hier. Ich hole die M�nner.� Skar blickte ihm verwirrt nach. Yar-gans Worte hatten ein seltsames Echo in ihm ausgel�st. Das Gef�hl von etwas Vertrautem, denn der Sumpfmann hatte auf eine Weise und in einem Tonfall mit ihm geredet, wie er es sonst nur von Del gekannt hatte, aber auch fast so etwas wie Erstaunen �ber sich selbst. Pl�tzlich fiel ihm auf, wie sehr sich seine Gedanken gekl�rt hatten, seit sie aus dem Stollen heraus waren. Alles wirkte mit einem Mal wieder real und echt, selbst die K�lte und die zahllosen winzigen schmerzenden Wunden an seinen Gliedern - es war, als w�re ein Schleier von seinen Sinnen gezogen worden, als w�ren die vergangenen Tage wirklich nicht mehr als ein �bler Traum gewesen, aus dem er allm�hlich erwachte. Yar-gan hatte recht gehabt - er schien zu erwachen wie aus einem tiefen, bedr�ckenden Schlaf, wurde wieder zu dem Mann, der er gewesen war, bevor dieser Alptraum begann. Selbst das Gef�hl der Mutlosigkeit wich allm�hlich jenem Jetzt-erst-recht, das er von Del gelernt und das ihm schon so oft geholfen hatte. Und es ging schnell, sehr schnell. Der logische Teil seines Denkens sagte ihm immer noch, da� sie so gut wie verloren waren und nicht nur ein, sondern gleich ein halbes Dutzend Wunder brauchen w�rden, um diese Insel lebend zu verlassen, aber daneben war auch, noch schwach, aber mit jedem Atemzug an Kraft gewinnend, der alte Trotz, der Wille zu �berleben, ganz gleich wie, weiterzuk�mpfen, auch wenn seine Lage noch so aussichtslos erschien.</p><p>Er sp�rte erst jetzt, wie sehr er dieses Gef�hl vermi�t hatte in den letzten Tagen. Und im gleichen Ma�e wurde ihm klar, wie oft er an den Tod gedacht hatte. Wie konnte er es geschehen lassen, da� er sich ihm n�herte, es zulassen, da� er sich St�ck f�r St�ck an ihn herantastete, bis er ihm fast wie eine Erl�sung erschienen war! Sein Blick wanderte nachdenklich �ber die verzerrten R�nder des Eistunnels, durch den sie hierher gekommen waren. Yar-gan war dabei, die M�nner zusammenzurufen - einigen mu�te er helfen, �berhaupt noch auf die F��e zu kommen -, aber ihre Gestalten kamen ihm unwirklich und beinahe transparent vor. Es gab eine unsichtbare Grenze, irgendwo zwischen dem Platz, an dem er stand, und dem Eingang zur Stadt, eine Linie, hinter der alles irreal und verschwommen wirkte; die Grenze zwischen seiner und der Welt der Sternengeborenen, die sie mit hierher auf Enwor gebracht hatten. Cor-ty-cor war mehr als eine tote Stadt, dachte er schaudernd. Der Geist, der ihre Mauern einst beseelte, war noch immer da. Die Seele der Stadt lebte noch, und sie war fremd und erschreckend wie ein schleichendes Gift, das in die Gedanken aller sickerte, die es wagten, sich ihr zu n�hern. Cor-ty-cor brauchte keine W�chter, weder den Dronte noch die Eiskrieger oder Helth. Sie sch�tzte sich selbst. Diese Stadt <emphasis>war </emphasis>der Tod, und sie t�tete jeden, der sie betrat; langsam, fast unmerklich, aber unerbittlich.</p><p>Skar verscheuchte den Gedanken und drehte sich wieder herum. Nach allem, was sie durchgemacht hatten, mu�te ihm selbst eine Umgebung, die nur um eine Winzigkeit weniger t�dlich und fremd war, wie ein Paradies erscheinen, und er wu�te, da� das Hochgef�hl in ihm trog, unter Umst�nden sogar ein ebenso gef�hrlicher Feind wie der b�se Geist Cor-ty-cors sein konnte.</p><p>Er blickte erneut und aufmerksamer als beim ersten Mal �ber das Hafenbecken und den braungrauen por�sen Fels, der die kreisf�rmige Wasserfl�che s�umte. Es gab keine Kais oder Hafenanlagen in irgendeiner Form, sondern nur ein glattes, vereistes Felsband, das sich am Fu�e der H�hlen wand rings um das Wasser zog; nicht mehr als zehn oder zw�lf Schritte breit und ohne sichtbare Unterbrechungen. Da und dort entdeckte er weitere Stollen wie den, durch den sie hierher gelangt waren, manche ebenerdig oder auf Vorspr�ngen und Balkonen endend, �hnlich dem, auf dem er stand, andere wie die Einflugl�cher von �bergro�en Vogelh�hlen weit oben in der Wand, ohne da� es eine Treppe oder irgendeine andere M�glichkeit zu geben schien, zu ihnen hinaufzugelangen. Aber vielleicht waren sie auch zerfallen in all den �onen, die vergangen waren, seit sich das Schweigen des Todes �ber diese Stadt gelegt hatte. Hier drau�en war die Zeit nicht stehengeblieben wie in den anderen Teilen Cor-ty-cors. Ihre Spuren waren �berall. Der Fels war zernagt von �onen voller Wind und Salzwasser und Erosion, und im gleichen Ma�e, in dem sich seine Augen an das unsichere D�mmerlicht gew�hnten, begann er, die Spuren zu erkennen, die das Meer in die W�nde gegraben hatte: dunkle, �bereinanderliegende Linien, die sich von der Wasserlinie bis fast unter die Decke erstreckten, ein Dutzend oder mehr Markierungen, jede f�r ein Jahrtausend oder mehr stehend. Der Wasserspiegel des Ozeans mu�te sich mehrmals gehoben und gesenkt haben, seit diese H�hle entstanden war. Vielleicht hatte es damals noch nicht einmal einen Ozean gegeben. Vielleicht war sie �lter als die Meere, so alt wie diese Welt, eine Narbe, die von ihrer Geburt zur�ckgeblieben war, und vielleicht hatte es Millionen und Abermillionen Jahre lang hier unten weder Licht noch Laute gegeben, sondern es war ein Universum des Schweigens gewesen, so lange, bis ein Teil ihrer Wand einst�rzte und das Meer brausend und sch�umend in den Hohlraum scho�. Sie mu�te bereits uralt gewesen sein, als die Sternengeborenen sie entdeckten und f�r ihre Zwecke nutzten.</p><p>Irgendwie beruhigte Skar die Vorstellung. Der Schrecken, den sie in den vergangenen Tagen durchlebt hatten, verlor ein wenig von seiner Macht angesichts der schweigenden Gr��e dieses unterirdischen Hafens. Vielleicht spielte es gar keine Rolle, was sie taten, dachte er. Vielleicht blieb es sich gleich, ob sie gewannen oder verloren. Ob es die Menschen oder die Erbauer dieser Stadt waren, die f�r die n�chsten hundert oder auch hunderttausend Jahre �ber Enwor herrschten. Wer immer es w�re, irgendwann w�rde seine Zeit abgelaufen sein, und irgendwann w�rde er gehen, und alles w�rde sein wie vorher. Ein Jahrtausend war eine so l�cherlich kurze Zeit f�r das Schicksal einer Welt. Yar-gan kam mit den ersten M�nnern zur�ck, und Skar drehte sich zu ihm um und scheuchte die Gedanken dorthin zur�ck, wo sie hingeh�rten. Sp�ter, wenn sie die Insel verlassen hatten, war Zeit genug, �ber die Zukunft dieser Welt nachzudenken. Wenn es ein <emphasis>Sp�ter </emphasis>f�r sie gab.</p><p>Er ging Yar-gan entgegen, half ihm jedoch nicht, sondern sah schweigend zu, wie er den M�nnern beistand, die letzten Schritte zu tun. Skar wu�te aus eigener Erfahrung, wie schwer sie waren. Cor-ty-cor wehrte sich gegen das Fremde, aber es hielt auch eifers�chtig diejenigen fest, die ihm einmal ausgeliefert waren.</p><p>�Rasten wir hier, oder willst du gleich weiter?� fragte der Sumpfmann mit einer Kopfbewegung dorthin, wo hinter dem Vorhang aus Dunkelheit und Schatten die Hafenausfahrt lag. Und hinter ihr das offene Meer.</p><p>Skar antwortete nicht sofort. Das beste w�re wohl gewesen, so schnell wie m�glich weiterzugehen, die Freisegler auf dem k�rzest m�glichen Weg aus dieser k�lteklirrenden H�lle herauszuf�hren. Das Beste, und das einzig Logische, �berlegte er d�ster. Aber es ging schon lange nicht mehr um das, was logisch oder gar gut f�r ihn oder einen der anderen war. Erneut und schmerzhafter als zuvor kam ihm zu Bewu�tsein, in welch erb�rmlichem Zustand sich die M�nner befanden, die den Marsch hierher �berlebt hatten - ein paar von ihnen waren auf H�nden und Knien auf den Balkon hinausgekrochen, und wenn Skar auch sicher war, da� Cor-ty-cors Gift bei ihnen seine Wirkung ebenso schnell verlieren w�rde wie bei ihm selbst, so waren sie doch am Ende ihrer Kr�fte.</p><p>So wie schon ein halbes Dutzend Mal zuvor �berlegte er finster. Nur, da� sie es diesmal <emphasis>endg�ltig </emphasis>waren.</p><p>�Ich m�chte mir die -� Er z�gerte, drehte den Kopf und sprach erst nach sekundenlangem Schweigen weiter, �- die Schiffe ansehen. Aber es ist nicht n�tig, da� du mitkommst. Ich kann genausogut allein gehen.�</p><p>Yar-gan sch�ttelte den Kopf. �Ich begleite dich�, sagte er entschieden. �Es ist zu gef�hrlich f�r einen einzelnen Mann allein.�</p><p>�Gef�hrlich?� Skar zog eine Grimasse. �Du denkst, Helth k�nnte irgendwo dort vorne auf mich warten, um mich ins Meer zu zerren und zu ers�ufen?�</p><p>Sein Spott verfehlte sein Ziel. �Vielleicht.�</p><p>�Vielleicht wartet er aber auch gerade darauf, da� wir beide gehen und die M�nner allein zur�cklassen.�</p><p>�Mach dich nicht l�cherlich, Skar�, knurrte Yar-gan. �Es sind immer noch zwanzig Mann. Sie brauchen keinen Aufpasser.�</p><p>�Aber ich, wie?� Skar lachte, aber es war ein Lachen ohne Humor; es war hart und verletzend, bewu�t verletzend. �Wenn Helth uns umbringen wollte, dann h�tte er es ein Dutzend Mal tun k�nnen�, fuhr er fort. �Es gab Gelegenheit genug dazu auf dem Weg hier herunter, das wei�t du.�</p><p>Yar-gan wollte erneut widersprechen, aber Skar drehte sich schnell und demonstrativ um, ging zur Schmalseite des Balkons hin�ber und beugte sich vor. Der Boden lag f�nf Meter unter ihm - schon f�r einen ausgeruhten und kr�ftigen Mann ein gewagter Sprung. F�r die vollkommen ersch�pften Krieger mu�te es - selbst mit den Seilen, die sie mitgebracht hatten - eine lebensgef�hrliche Kletterpartie werden. Und wohl auch f�r ihn, f�gte er in Gedanken hinzu. Sie waren der Stadt entkommen, aber dieser kleine Sieg durfte ihn jetzt nicht dazu verleiten, leichtsinnig zu werden. Auch er hatte seine Grenzen schmerzhaft zu sp�ren bekommen in den letzten Tagen. Mehrmals. Er konnte nicht genau erkennen, woraus der Boden unter ihnen bestand, aus Eis oder Fels. Aber das blieb sich gleich. Schon ein verstauchter Fu� war hier gleichbedeutend mit einem Todesurteil.</p><p>�Dann nimm wenigstens eine Fackel mit.� Yar-gans Stimme klang resignierend, als er neben ihn trat. Die Worte waren bewu�t banal gew�hlt, aber Skar sp�rte, da� der Sumpfmann ihn anstarrte, so durchdringend, als erwarte er eine ganz bestimmte Reaktion, eine Antwort auf eine Frage, die er noch nicht gestellt hatte.</p><p>Er drehte sich wieder um, lehnte sich gegen die Br�stung und st�tzte sich mit weit gespreizten Armen auf dem Eis ab; eine Haltung, die Entspannung vort�uschte und das Gegenteil bedeutete. Yar-gans Gesicht schien im grauen Licht selbst grau zu werden, und f�r einen Moment waren seine Augen nicht mehr die eines Menschen, sondern lichtlose schwarze L�cher, leer und doch nicht leer. Die Augen eines unbegreiflichen, nichtmenschlichen Wesens, in denen eine gestaltlose Furcht loderte.</p><p><emphasis>Er hat Angst! </emphasis>dachte Skar best�rzt. Der Gedanke verwirrte ihn, aber er l�ste - wie ein bizarres gedankliches Echo - auch in ihm Furcht aus. Er hatte bisher nicht einmal gewu�t, da� diese Wesen f�hig waren, so etwas wie Angst zu empfinden, aber der Ausdruck in Yar-gans Augen log nicht. Er hatte Angst, panische Angst. Eine Angst, die er nur noch mit M�he zu beherrschen imstande schien. Sein Gesicht zuckte, und diesmal war Skar sicher, da� es kein Lichtreflex, kein Schatten und kein Trugbild war. Die Maske des Del begann zu zerflie�en, wurde zu grauem Nichts und festigte sich wieder, aber Skar sp�rte, welches �berma� an Kraft es den Sumpfmann kostete, sie aufrechtzuerhalten.</p><p>�Verzeih�, sagte er so leise, da� nur der Sumpfmann seine Worte h�ren konnte. �Ich wollte dich nicht kr�nken. Wir gehen zusammen, wenn du willst.�</p><p>Diesmal war es Yar-gan, der den Kopf sch�ttelte. �Du hast recht, Skar�, sagte er. �Jemand mu� bei den M�nnern bleiben. Ein paar von ihnen sterben, wenn ich ihnen nicht helfe.� Seine Stimme gewann mit jedem Wort an Kraft, und auch seine Z�ge festigten sich wieder. Er starrte Skar eine endlos scheinende weitere Sekunde an, trat einen halben Schritt zur�ck und lachte ganz leise. �Das ist jetzt das zweite Mal, da� du mich vor einer Unbesonnenheit bewahrst, Skar�, fuhr er fort. �Ich f�rchte, ich war zu lange mit Del verschmolzen. Sage mir Bescheid, wenn er zu stark wird.�</p><p>Der Augenblick der Schw�che war vorbei. Yar-gan war wieder er selbst, der starke, unnahbare Sumpfmann, ein Wesen, das auf seine Weise so fremd und unmenschlich zu sein schien wie die, die diese Stadt erschaffen hatten. Aber f�r einen kurzen, ganz kurzen Moment hatte Skar einen Blick hinter die Maske des Sumpfwesens getan, und seltsamerweise erschien er ihm jetzt menschlicher als zuvor. Ohne ein weiteres Wort schwang er sich auf die niedrige Br�stung, balancierte einen Moment auf dem Eis und sprang federnd in die Tiefe.</p><p>Der Aufprall war weniger hart, als er gef�rchtet hatte. Sofort rollte er sich instinktiv zusammen und �berschlug sich zwei-, dreimal, ehe er mit einer ge�bten Bewegung wieder auf die F��e kam. Sein eigener Schwung ri� ihn abermals vorw�rts, und um den Sturz abzufangen, rollte er �ber die Schulter ab. Er prallte unsanft gegen die Wand und blieb einen Moment lang mit geschlossenen Augen liegen, lauschte in sich hinein und suchte seinen K�rper nach neuen Verletzungen und Schmerzen ab, wie er es gelernt hatte. Dann stemmte er sich hoch und sah zu Yar-gan hinauf. Der Boden f�hlte sich seltsam weich und nachgiebig unter seinen Fingern an, gar nicht wie Fels, sondern wie z�hes Leder. Er achtete nicht darauf.</p><p>�Alles in Ordnung?� Die Stimme des Sumpfmannes hatte hier, obwohl er kaum f�nf Meter unter ihm stand, einen v�llig anderen Klang: d�nn und bleich, halb verschmolzen mit dem Fl�stern und Murmeln der Brandung und beinahe geisterhaft. Seine Gestalt hob sich nur noch als dunkler Schatten �ber dem Eis ab.</p><p>Skar nickte und hob wortlos die Hand. Yar-gan setzte die Fackel in Brand, schwenkte sie ein paarmal hin und her, bis die Flamme in dem feucht gewordenen Holz gen�gend Nahrung gefunden hatte und hell loderte, und warf sie zu ihm herab. Skar versuchte sie aufzufangen, aber er griff daneben; sie prallte dicht vor seinen F��en auf den Boden, h�pfte wie ein Gummiball davon und verzischte im Wasser. Beim zweiten Versuch hatten sie mehr Gl�ck. Skar bekam die Fackel zu fassen - wenn auch am falschen Ende - verbrannte sich j�mmerlich die Finger und wechselte das brennende Holz fluchend in die andere Hand. Yar-gan lachte schadenfroh, aber es war auch ein h�rbarer Unterton von Sorge darin. Skars Griff war nicht nur ein Mi�geschick gewesen, sondern ein deutliches Zeichen, wie sehr seine Konzentration bereits nachgelassen hatte. �Eine Stunde�, rief der Sumpfmann. �Wenn du bis dahin nicht zur�ck bist, folge ich dir.�</p><p><emphasis>Wenn ich in einer Stunde nicht zur�ck bin, mein Freund, </emphasis>dachte Skar, <emphasis>brauchst du das nicht. Dann gibt es niemanden mehr, dem du folgen m��test. </emphasis>Aber er sagte nichts, sondern drehte sich mit einem stummen Kopfnicken um und machte sich mit eiligen Schritten auf den Weg.</p></section><section><title><p id="_27">27.</p></title><p>Es <emphasis>waren </emphasis>Schiffe. Aber sie w�rden damit nicht zur�ckfahren k�nnen. </p><p>Skar hatte fast ein Drittel der Frist, die Yar-gan ihm zugestanden hatte verbraucht, um das Hafenbecken soweit zu umrunden, da� aus den gedrungenen flachen Schatten, die sie gesehen hatten, zuerst dreidimensionale K�rper und dann die R�mpfe von Schiffen geworden waren.</p><p>Schiffe einer Bauart, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie waren gro�, sehr gro�, dabei aber so flach gebaut, da� ihr Deck nur wenig mehr als einen Fu� �ber die Wasserlinie hinausragte. Trotzdem waren ihre R�mpfe gewaltig; die Dunkelheit und die spiegelnde Wasseroberfl�che machten es schwer, Einzelheiten zu erkennen, aber Skar hatte den Eindruck von etwas Gro�em, Klobigem, einem Ding wie ein gigantischer schwarzer Wal, das Masten und Aufbauten wie bizarre Flossen und Finnen durch das Wasser des Hafenbeckens in die Luft reckte. Die Schiffe mu�ten seit Jahrtausenden hier liegen, dachte Skar, w�hrend er langsam n�her an die gewaltigen schwarzen Leiber heranging. Seine Schritte waren - ohne da� er es selbst gemerkt hatte - immer langsamer geworden, und jetzt, eine halbe Pfeilschu�weite von den Schiffen entfernt, war er beinahe stehengeblieben. Ein seltsames Gef�hl hatte von ihm Besitz ergriffen; keine Furcht, sondern nur das Empfinden von Alter und Gr��e, einer stummen, erstarrten Macht, die von den drei unf�rmigen Schatten ausging.</p><p>Vor der Hafeneinfahrt lag noch immer Nacht wie ein schwarzer Vorhang, und die Dunkelheit kroch auf schwarzen Spinnenf��en zu ihm hinein. Skar hielt die Fackel hoch �ber den Kopf, und das flackernde rote Licht trieb die Schatten ins Wasser zur�ck und spiegelte sich rot wie geschmolzenes Gold auf den niedrigen Wellen, aber die Dunkelheit wich trotzdem nur z�gernd von den Schiffen; hielt sie eifers�chtig umklammert wie eine finstere Geliebte und verschluckte das Licht der Flamme. Das Meer bewegte sich tr�ge zu seinen F��en, viel langsamer als drau�en, wie es ihm vorkam, als h�tten selbst die Gezeiten hier drinnen ihre Macht verloren. Die Wellen brachen sich mit leisen, gluckernden Lauten an den senkrechten Flanken der Schiffe, und ab und zu gelang einem schaumigen wei�en Spritzer der Sprung bis zu Skar hinauf. Das Wasser war eisig.</p><p>Aber die Schiffe bewegten sich nicht.</p><p>Zuerst hatte er geglaubt, es w�re eine T�uschung, ein Trugbild, hervorgerufen durch die Dunkelheit und das tanzende Licht der Fackel, die Bewegung entstehen lie�, wo keine war, und sie umgekehrt verbarg, aber als er n�her kam, sah er, da� die Schiffe reglos wie schwarze Riffe im Wasser lagen, der Tide und allen Naturgesetzen trotzend. Eine Anzahl l�cherlich d�nner Trossen verband sie mit drei gro�en eisernen Ringen, die in Kopfh�he in die Felswand eingelassen waren. Auch die Taue schienen starr, durchgebogen und schlaff, aber starr, etwa wie Holz.</p><p>Skar ging z�gernd weiter, senkte die Fackel, um mehr Einzelheiten erkennen zu k�nnen und ber�hrte eine der Trossen mit der Hand. Das Seil war versteinert. Die feinen, zu einem Seil verdrillten Hanffasern waren noch genau zu erkennen, jede winzige Unebenheit, jede rauhe Stelle und jeder Kratzer mit fast schon �bertriebener Deutlichkeit erhalten, aber es war kein Tau mehr, sondern eine schwarze granitharte Masse, zusammengebacken von Salzwasser und den unz�hligen Millenien, die es hier gehangen hatte.</p><p>Skar drehte sich um und ging, die rechte Hand auf dem Tau, wie ein Blinder an einem Seil, das ihn f�hrte, auf das Schiff zu. Seine Fackel warf zuckende Lichtreflexe auf den schwarzen Rumpf, aber sie waren hart, glitzernd wie ein Kristall oder Glas, und er wu�te, noch bevor er niederkniete und behutsam die Finger nach der niedrigen Reling ausstreckte, da� auch die Schiffe versteinert waren, unl�sbar verwachsen mit der Hafenmauer und vermutlich auch dem Meeresgrund.</p><p>Tiefe Entt�uschung machte sich in ihm breit. Er hatte nicht ernsthaft damit gerechnet, mit diesen Schiffen davonsegeln zu k�nnen wie mit einem Geschenk des Himmels, aber was er sah, erschien ihm wie ein besonders boshafter Scherz der Natur, eigens dazu erschaffen, ihn zu verh�hnen.</p><p>Er stand auf, ging vorsichtig �ber die durchh�ngenden Taue hinweg und inspizierte auch noch die anderen beiden Schiffe. Selbst jetzt, als er direkt vor ihnen stand, fiel es ihm schwer, ihre genaue Form und Gr��e zu bestimmen. Ganz leicht erinnerten sie ihn an den Dronte, aber die �hnlichkeit war nur oberfl�chlich und vielleicht nur da, weil er sie sehen wollte.</p><p>Skar ging bis zum letzten der drei Boote, starrte einen Moment in die Dunkelheit dahinter und drehte sich dann, entt�uscht und beinahe niedergeschlagen, herum.</p><p>Aus der Achterluke des mittleren Schiffes schimmerte Licht herauf. Skar blieb stehen, senkte seine Fackel und schirmte sie mit der Hand ab, so gut es ging. Aber das Licht blieb: ein schwacher, dunkelroter Schimmer, der durch die Ritzen der nicht v�llig geschlossenen Luke heraufdrang, der Widerschein eines Feuers oder einer anderen Fackel, die dort drinnen brannte. Als er das erste Mal an den Schiffen vor�bergegangen war, mu�te es vom Schein seiner eigenen Fackel �berdeckt worden sein, nur ein Lichtreflex unter vielen, die das Jahrtausend der Dunkelheit �ber diesen Booten durchbrochen hatten. Jetzt sah er es deutlich.</p><p>Skars Gedanken �berschlugen sich f�r einen Moment. Sein Blick irrte zur�ck zu der Stelle, an der Del und die anderen auf ihn warteten, tastete - beinahe angstvoll - wieder �ber den schwarzen Rumpf des versteinerten Schiffes und blieben erneut an dem schmalen Streifen tr�broter Helligkeit h�ngen. Seine Hand legte sich auf das Schwert, er zog die Waffe halb aus dem G�rtel und schob sie wieder zur�ck. Yar-gans Warnung fiel ihm ein. Er h�tte zur�ckgehen und den Sumpfmann und die Krieger holen m�ssen. Sie wenigstens warnen.</p><p>Statt dessen ging er langsam in die Hocke, legte die Fackel zu Boden - schr�g auf das versteinerte Tau gest�tzt und so, da� sie weder umfallen und erl�schen konnte noch die Flamme das Seil ber�hrte -, richtete sich wieder auf und trat, nach einem weiteren, unmerklichen Z�gern, auf das Schiff hinauf. Er erwartete instinktiv, das uralte Holz unter seinen Stiefeln knarren zu h�ren, aber der Schiffsrumpf saugte das Ger�usch seiner Schritte im Gegenteil auf. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Seine Handfl�chen waren feucht, als er das Achterdeck erreichte und sich neben der Luke auf die Knie sinken lie�. Er beugte sich vor, lauschte einen Moment und versuchte, durch die Ritzen zu sp�hen.</p><p>Alles, was er sah, war Licht. Rotes Licht und Schatten, wie symmetrische dunkle Flecken in den tr�ben Schein hineingeschnitten, und alles, was er h�rte, waren das Ger�usch der Wellen und sein eigener h�mmernder Herzschlag. Wieder sah er auf und blickte in die Richtung zur�ck, aus der er gekommen war, und wieder fl�sterte eine Stimme in ihm, da� er zur�ckgehen mu�te. Es war nicht nur sein eigenes Leben, das er in Gefahr brachte.</p><p>Skar griff z�gernd nach dem schweren Lukendeckel, spannte die Muskeln und hob ihn um Zentimeter an. Die Scharniere waren versteinert wie alles auf diesem Schiff, aber sie funktionierten noch: Die Luke schwang leicht und beinahe lautlos nach oben. Der Deckel war schwer, viel schwerer, als er erwartet hatte, und Skar mu�te rasch nachgreifen, um ihn nicht wieder fahren zu lassen. Behutsam stand er auf, stemmte den Deckel ganz hoch und lehnte ihn gegen den Achteraufbau. Eine schmale versteinerte Holztreppe f�hrte nahezu senkrecht in die Tiefe. Unter ihm lag ein langgestreckter, nach allem, was er erlebt hatte, wohltuend normal aussehender Raum.</p><p>Rotes Licht und W�rme schlugen ihm entgegen, als er in das Schiff hinabstieg. Skar blieb am Fu�e der Leiter stehen, drehte sich einmal um seine Achse und lauschte. Wieder senkte sich seine Hand auf das Schwert, aber er zog die Waffe auch diesmal nicht. Es war beinahe unheimlich still hier drinnen. Selbst das kaum h�rbare Ger�usch, mit dem das Schwert aus der Scheide glitt, konnte ihn verraten.</p><p>Der Lichtschein kam vom entgegengesetzten Ende des Raums. Eine schmale, kaum anderthalb Meter hohe T�r f�hrte tiefer in den Schiffsrumpf hinein, und als er weiterging, stieg ihm ein leichter Geruch wie nach schwelender Kohle in die Nase.</p><p>Es wurde w�rmer. Auf den versteinerten Planken zu seinen F��en glitzerte Wasser; K�lte, die unter dem warmen Hauch, der aus dem Leib des Schiffes heraufdrang, geschmolzen war. Skar ging vorsichtig bis zur T�r, sah sich noch einmal sichernd um und drang dann, geb�ckt, denn der Gang war so niedrig, da� er gegen die Decke gesto�en w�re, h�tte er sich zu seiner vollen Gr��e aufgerichtet, tiefer in das Schiff vor. Licht und Brandgeruch wurden st�rker, seine Gesichtshaut begann unter dem warmen Hauch zu prickeln. Der Gang f�hrte zehn, zw�lf Schritte geradeaus und endete vor einer schmalen, irgendwie geduckt wirkenden T�r, versteinert und schwarz wie alles hier, aber br�chig und von fingerbreiten gezackten Rissen durchzogen, so da� das Licht aus dem dahinterliegenden Raum hindurchschimmern konnte. Skar blieb abermals stehen und sah sich aufmerksam um. Seine Augen hatten sich an den blutigroten Schein gew�hnt; er erkannte mehr Einzelheiten seiner Umgebung. Direkt neben der T�r hing ein Bild, aus Holz geschnitzt und mit der Wand verwachsen. Die Zeit hatte seine Linien verwischt, er konnte nicht mehr erkennen, was es dargestellt haben mochte. Aber es waren <emphasis>normale </emphasis>Linien, nicht die sinnverwirrenden, verdrehten Winkel und Parallelen Cor-ty-cors. So wie auch dieses Schiff normal und menschlich war, dachte Skar. Es war fremd, vollkommen anders als jedes Schiff, von dem er jemals geh�rt hatte, aber trotzdem ein Gebilde, das von <emphasis>Menschen </emphasis>gebaut worden war. Er verscheuchte den Gedanken und legte vorsichtig die Hand auf die T�r. Sie schwang nach innen, kaum da� seine Finger das steinharte Holz ber�hrt hatten.</p><p>Flackerndes rotgelbes Licht schlug ihm entgegen, und der Brandgeruch wurde so durchdringend, da� er ihm f�r einen Moment den Atem nahm. Zuckende Lichtblitze liefen in blitzschnellem Hin und Her �ber die gebogenen W�nde und die Decke, und die W�rme wurde so intensiv, da� er instinktiv die Hand hob, um seinen Mantel zu �ffnen, es aber dann nicht tat. Er stand so, da� er nur einen kleinen Teil des Raumes �berblicken konnte, aber er sah jetzt nicht nur das Licht, sondern h�rte auch das leise Knacken und Prasseln von Flammen. Warme Luft ber�hrte ihn wie eine streichelnde sanfte Hand und trieb die K�lte unter seine Haut zur�ck.</p><p>Skar pre�te sich neben der T�r gegen die Wand, schlo� f�r einen Moment die Augen und lauschte.</p><p>Jetzt, als die T�r ge�ffnet war, erf�llten die Flammen den Gang mit einer Vielzahl knisternder und knackender Laute. Ger�usche, die ihn die K�lte, die sich in seinen Gliedern eingenistet hatte, doppelt schmerzhaft sp�ren lie�en, und nach einer Weile glaubte er eine menschliche Stimme zu h�ren, eine Stimme, die Worte in einer Sprache murmelte, die ihm fremd war und die ihm trotzdem auf eine seltsame Weise bekannt vorkam, als h�tte er ihre Klangfarbe, ihren Ton schon unz�hlige Male geh�rt, ohne sich erinnern zu k�nnen, wo. Dann glaubte er Weinen zu h�ren, ein schmerzhaftes, nur mit M�he unterdr�cktes Schluchzen, dazwischen kratzende, harte Ger�usche, als schramme Stahl �ber Stein oder Horn. Skar blieb noch eine weitere Sekunde reglos stehen, dann spannte er sich und trat mit einem entschlossenen Schritt durch die T�r und zog gleichzeitig sein Schwert. Seltsamerweise �berraschte ihn der Anblick kaum. Im Gegenteil. Nach allem, was geschehen war, schien es ihm nur logisch, er empfand keinen Schrecken, keinen Zorn, nicht einmal Erstaunen - und wenn, so h�chstens dar�ber, da� er nicht schon vor langer Zeit erkannt hatte, was Gowenna wirklich plante.</p><p>Sie waren beide da: Gowenna und die Errish. Dieses versteinerte Schiff am Rande der toten Stadt war der Endpunkt ihrer Wanderung, f�r jede der beiden Frauen auf ihre Weise.</p><p>Skar kam sich pl�tzlich albern vor, wie er so dastand, geduckt, jeder einzelne Muskel in seinem K�rper gespannt und bereit zum Sprung, das Schwert so fest in der Hand, da� die Klinge vibrierte. Es gab hier nichts, wogegen <emphasis>er </emphasis>h�tte k�mpfen k�nnen. Der Kampf, der hier stattgefunden hatte, war vor�ber. Schon lange.</p><p>Mit einer fast verlegenen Bewegung richtete er sich auf, lie� die Waffe sinken und trat zwischen die beiden Feuerschalen, die den Raum mit flackernder Helligkeit erf�llten. Er f�hlte sich bet�ubt, leer - und unsagbar dumm. Alles war so klar gewesen, da� er es h�tte wissen m�ssen; sp�testens in dem Moment, in dem ihn Yar-gan �ber Gowennas wahre Identit�t aufgekl�rt hatte.</p><p>Aber vielleicht hatte er es nicht wissen wollen.</p><p>Die W�rme der beiden Feuerschalen wurde unangenehm. In den flachen eisernen Becken brannten St�cke des versteinerten Holzes, die Flammen schlugen beinahe meterhoch und schleuderten kleine gl�hende Funken gegen die Decke: Skar wich einen halben Schritt zur�ck und �ffnete seinen Mantel. Das rote Licht verlieh dem Bild etwas Unwirkliches und lie� es wie eine bedr�ckende blutige Vision erscheinen: eine irreale Szene aus einem Alptraum, verborgen hinter einem wogenden roten Schleier.</p><p>Gowenna sah ihn an, aber ihr Blick war leer und ins Nirgendwo gerichtet; sie sah zu ihm hin, aber sie sah ihn nicht. Eine einzelne Tr�ne lief aus ihrem erloschenen Auge und malte eine d�nne, glitzernde Spur in das verh�rtete Narbengewebe darunter; er gewahrte es mit einer geradezu absurden Klarheit. Sein Gesichtssinn schien pl�tzlich ver�ndert und nur noch selektiv zu funktionieren. Das Bild verschwamm immer st�rker vor seinen Augen, aber er sah andere Dinge �berdeutlich. Gowennas Haltung war verkrampft, wie die eines Menschen, der unertr�gliche Qualen aussteht. Ihr Mund war zusammengepre�t, so fest, da� sich ihre Z�hne in die Unterlippe gegraben hatten und Blut �ber ihr Kinn lief. Trotz der niedrigen Temperaturen hier drinnen trug sie nur ein d�nnes, halb durchsichtiges graues Kleid; ihr K�rper zitterte vor K�lte. Ihre H�nde lagen, nebeneinander und so wei�, als geh�rten sie nicht mehr zu ihrem K�rper, sondern w�ren bereits abgestorben und tot, auf Velas Gesicht, die Handballen auf Stirn und Schl�fen gepre�t, die Daumen rechts und links der Nasenwurzel, die Mittelfinger auf ihren geschlossenen Lidern, so fest, als wolle sie ihr die Augen ausdr�cken. Wie Gowenna war Vela nur in ein d�nnes graues Kleid geh�llt; ihr aufgequollener Leib zeichnete sich deutlich darunter ab, ihre H�nde waren verkrampft, die Beine angezogen und leicht gespreizt, ihre Haut war fleckig und von der K�lte angegriffen, Finger und Zehen wiesen dunkle Erfrierungen auf. Trotzdem erschien sie ihm sch�ner und verlockender als jemals zuvor. Ihr Gesicht wirkte friedlich und sanft, und wenn sie tot war, so mu�te sie einen sehr friedlichen Tod gestorben sein. Keine Schmerzen und keine Qual mehr. Die Schwangerschaft verunstaltete ihren K�rper, aber sie lie� ihn auch gleichzeitig fraulicher und weicher erscheinen; j�nger.</p><p>Gowenna schluchzte: ein leiser, m�hsamer und von unertr�glicher Pein erf�llter Laut, der irgendwo tief, sehr tief aus ihrem K�rper heraufdr�ngte und als halberstickter Schrei �ber ihre Lippen kam. Sie bewegte sich, nahm die H�nde von Velas Gesicht herunter und senkte den Kopf. Skar sah, da� sich d�nne rote Linien �ber Velas Antlitz zogen, dort, wo Gowennas Fingerspitzen gelegen hatten wie d�nne blutige Tr�nen auf Velas Augenlidern beginnend, hinauf zur Stirn und den Schl�fen laufend und wieder abw�rts, bis sie sich mit anderen, breiteren und wie sie mit menschlichem Blut gemalten Linien vereinigten, die die K�rper der Errish und Gowennas umschlossen. Skar st�hnte. Er sp�rte, wie sich seine Gedanken zu verwirren begannen, wie der Schrecken, den er bisher nicht versp�rt hatte, nun mit aller Macht nach ihm griff und eine neue, eisige K�lte in seinem Inneren entstehen lie�. Sein Blick folgte den dunklen Linien aus Blut, saugte sich f�r einen Moment an den ungeschickten, aber noch erkennbaren Mustern fest, den winzigen Schnitten auf Velas H�nden und dem Blut, das daraus hervorgequollen war und sich mit dem Gowennas verbunden hatte. <emphasis>Blut zu Blut, </emphasis>dachte er, die verbotenen Worte wiederholend, die er vor zahllosen Jahren einmal geh�rt und vergessen zu haben geglaubt hatte. <emphasis>Seele zu Seele, Sai zu Sai. </emphasis>Die dunklen Flecken auf Velas K�rper waren keine Erfrierungen, sondern Stigmata des Unaussprechlichen, Verbotenen, das Gowenna ihr angetan hatte. Er hob den Kopf, wollte etwas sagen, aber seine Stimme versagte ihm den Dienst, als er in Gowennas Augen, in ihre <emphasis>beiden </emphasis>sehenden Augen blickte.</p><p><emphasis>�Skar...�</emphasis></p><p>Es war nicht wirklich sein Name, nur ein Laut, der ihm �hnlich war, eigentlich nur ein Schrei, zu dem ihr die Kraft fehlte. Sie weinte, lautlos und voller Qual, aber ihr Gesicht blieb starr, ihr K�rper so unbeweglich wie eine steinerne Statue. Sie schien nicht einmal zu atmen. Skar l�ste sich m�hsam von seinem Platz, ging auf sie zu und blieb einen halben Schritt vor dem Kreis aus getrocknetem Blut stehen, der die beiden Frauen umgab. Vela war bla�, ihre Haut wei� wie Schnee, und ihre Brust bewegte sich nicht. <emphasis>�Sai-tan...�, </emphasis>sagte er stockend. �Das also war es. Du... hast es die ganze Zeit �ber gewollt, nicht wahr?� Er suchte vergeblich nach Zorn in sich, und er versuchte ebenso vergeblich, seiner Stimme einen vorwurfsvollen Klang zu geben. Sie klang ihm selbst fremd in den Ohren. �Schon bevor wir aufgebrochen sind.�, dachte er, <emphasis>so war es gewesen. </emphasis>Nicht erst in Elay oder irgendwo auf dem Weg hierher, sondern schon viel fr�her. Sie hatte auf diesen Moment gewartet, seit sie an jenem Morgen auf den gl�sernen Ebenen Tuans aus dem Fieber erwacht und zum ersten Mal das verkohlte Fleisch unter ihren Fingerspitzen gef�hlt hatte. Sie hatte von Anfang an auf diesen Moment gewartet, und vielleicht hatte sie den Kampf einzig aus diesem einen Grund durchgestanden. Es war nicht die Welt gewesen, die sie retten wollte. Das Schicksal Enwors war ihr - auf ihre Weise - so gleichg�ltig gewesen wie Vela. Skar dr�ngte mit M�he ein bitteres Lachen zur�ck. <emphasis>Du bist blind gewesen, Bruder, </emphasis>wisperte die Stimme in seinem Inneren pl�tzlich so laut und deutlich wie niemals zuvor, voller Macht und St�rke - und abgrundtiefer Verachtung. <emphasis>Du hast geglaubt, an der Seite einer Frau zu reiten, die ihr Leben f�r die Zukunft deiner Welt riskiert? Narr! Sie wollte Rache. DIES hier war es, was sie gewollt hat, die ganze Zeit �ber.</emphasis></p><p>Er wehrte sich nicht mehr. Die Stimme hatte recht, so wie sie die ganze Zeit �ber recht gehabt hatte, mit allem. Sie mochte die dunkle Seite seiner Seele sein, boshaft und hart, aber sie log nicht. Es war ihr nicht um das Schicksal der Errish oder die Zukunft Enwors gegangen. Sie wollte Rache, wollte den K�rper der Frau, die ihren eigenen zerst�rt und gesch�ndet hatte. <emphasis>Sai-tan, </emphasis>der Tausch der Seele, das war es gewesen. Vela hatte sie zerst�rt, ihren K�rper zu einem verunstalteten absto�enden Etwas gemacht, ein Gef�ngnis, in dem sie f�r den Rest ihres Lebens nichts als Qual und Einsamkeit empfinden w�rde, und vielleicht - ja, dachte Skar, vielleicht war es, von einem Standpunkt, den nachzuempfinden er nicht in der Lage war, wohl aber verstehen konnte, nur gerecht, da� sie selbst es jetzt sein sollte, die darin lebte, da� Gowenna ihren jungen, gesunden Leib nahm und ihr ihren eigenen zerst�rten daf�r gab.</p><p>�Ist sie... tot?� fragte er leise.</p><p>Gowenna sah auf. Ihr Antlitz wirkte fahl im roten Licht der Flammen, und ein einzelner Blutstropfen lief �ber ihre aufgesprungene Lippe und fiel auf Velas Stirn. Velas Augenlider bebten, ganz leicht nur, und ein kurzer, rascher Schauer lief durch ihren K�rper. Skar blickte verwirrt von ihr zu Gowenna.</p><p>�Ich... konnte... es... nicht...�, fl�sterte Gowenna. �Ich... Skar, ich...� Sie brach ab, begann zu schluchzen und sank pl�tzlich nach vorne. Ein Weinkrampf sch�ttelte ihren K�rper.</p><p>Skar ging vorsichtig um Vela herum, lie� sich neben Gowenna auf die Knie sinken und hob die Hand, zog die Finger aber zur�ck, ehe sie Gowennas Schulter ber�hren konnten. Pl�tzlich begriff er, was geschehen war, obwohl er dieses Begreifen weder in Worte noch in Gedanken zu kleiden imstande war. Er wu�te, woher Gowenna diese unglaubliche �bermenschliche Kraft bezogen hatte, eine Kraft, auf die selbst er manchmal neidisch gewesen war. Ihre Worte fielen ihm ein: <emphasis>�Ich werde sie suchen. Skar. Ich werde weiterleben, und ich werde Vela finden, ganz egal, wo sie sich versteckt. Ich werde sie finden. Und ich werde sie t�ten.� </emphasis>Sie hatte es getan. Sie hatte sie gejagt bis ans Ende der Welt und dar�ber hinaus, und doch w�rde sie ihren Schwur nicht wahrmachen. Sie konnte es nicht. Sie hatte das Wissen, und sie hatte die Macht, die n�tig waren, das verbotene Zeremoniell des <emphasis>Sai-tan </emphasis>zu vollziehen. Und doch konnte sie es nicht. So wenig, wie er seinem Dunklen Bruder nachzugeben und sich damit seiner Macht zu bedienen in der Lage war, konnte sie den Rest von Menschlichkeit, den Teil von sich, den sie all die Jahre m�hsam tief in ihr Inneres verbannt und begraben hatte, besiegen. �Gowenna�, sagte er leise. �Du -�</p><p>Sie sah auf, drehte m�hsam den Kopf und blickte ihn an. Der Streifen wei�en Haares �ber ihrer verbrannten Gesichtsh�lfte war breiter geworden. �Nenn mich nicht so.� Sie weinte nicht mehr, und ihre Stimme klang fest, noch immer sehr leise und kraftlos, aber beherrscht. Etwas von ihrer Kraft war noch immer in ihr. �Das ist nicht mein Name. Gowenna ist gestorben, vor langer Zeit, Skar.�</p><p>�Ich wei�.� Er nickte, beugte sich vor und griff nach ihrer Hand. Er f�hrte die Bewegung nicht zu Ende, aber nach einer Weile hob Gowenna die Finger und ber�hrte ganz leicht seinen Handr�cken. Ihre Haut war kalt. �Sie starb vor den Toren Combats, nicht? Und Kiina lebt.� Er z�gerte, legte das Schwert zu Boden und legte die Hand auf ihre Schulter. Gowenna schauderte, und f�r einen winzigen Moment glaubte er, sie w�rde seine Hand abstreifen und ihn zur�cksto�en, aber dann tat sie das Gegenteil, umklammerte sie mit aller Kraft und lie� sich gegen ihn sinken. �Die Frau, die ich als Gowenna kennenlernte, h�tte niemals den Thron Elays besteigen k�nnen.�</p><p>�Du... wei�t es?� fragte Gowenna.</p><p>�Ja, ich wei� es, Gowenna...�</p><p>Kiina, verbesserte er sich in Gedanken. Es fiel ihm schwer, sich an diesen Namen zu gew�hnen, aber er w�rde es m�ssen. Nach Del und Helth war nun auch sie nicht mehr der Mensch, an dessen Seite er aufgebrochen war, und er fragte sich unwillk�rlich, ob er der n�chste sein w�rde und wenn, ob die Ver�nderung vielleicht schon begonnen hatte, ohne da� er es selbst sp�rte. Gowenna l�ste sich aus seinen Armen, setzte sich auf und widerstand im letzten Moment der Versuchung, sich die Tr�nen aus dem Gesicht zu wischen. �Der Sumpfmann hat es dir gesagt.�</p><p>Er nickte. F�r einen Moment war er �berrascht, da� Gowenna das Geheimnis des Sumpfmannes kannte, aber dann fiel ihm wieder ein, da� sie l�ngst nicht mehr auf die beschr�nkten M�glichkeiten, Wissen und Erkenntnis zu erlangen, die ihm zur Verf�gung standen, angewiesen war. Im Grunde begriff er erst jetzt wirklich, <emphasis>wem </emphasis>er gegen�bersa�. Es war nicht irgendeine Frau, nicht irgend jemand, der �ber ein paar besondere F�higkeiten und ein bi�chen geheimes Wissen verf�gte, sondern die <emphasis>Margoi </emphasis>der Errish. Vielleicht gab es auf dieser ganzen Welt niemanden, der so viel verbotenes Wissen und eine so gewaltige geistige Kraft in sich vereinigte wie sie.</p><p>�Ja�, sagte er leise. �Als du... als du fort warst. Warum hast du es mir nicht gesagt?�</p><p>�Ich konnte es nicht�, antwortete Gowenna ernst. Sie wirkte jetzt sehr viel gefa�ter. �Du w�rst nicht mitgekommen, wenn du die Wahrheit gewu�t h�ttest. Weder �ber mich noch �ber Yar-gan.�</p><p>Skar �berlegte einen Moment und nickte. Sie hatte recht. Er w�re zur�ckgeschreckt wie ein Kind, das unversehens einem Gott begegnet, h�tte er gewu�t, wer Gowenna in Wirklichkeit war. Und er h�tte sich ebenso geweigert, mit einem Wechselbalg in der Gestalt Dels zu reisen. �Mu�te ich es denn?� fragte er. �Yar-gan und du, ihr habt die Macht von G�ttern�, sagte er bitter. �Oh, ich wei�, da� ihr es nicht seid, aber ihr habt die Macht von G�ttern, und ich bin nichts als ein normaler Mensch. Was kann ich tun, das ihr nicht tausendmal besser k�nntet?�</p><p>Statt einer Antwort hob Gowenna abermals die Hand und ber�hrte ihn fl�chtig an der Stirn, und Skar sp�rte, wie das <emphasis>Ding </emphasis>in seinem Inneren zur�ckprallte und sich mit einem lautlosen Schmerzensschrei in die tiefsten Abgr�nde seiner Seele fl�chtete, dorthin, wo es selbst vor Gowenna in Sicherheit war. F�r einen Moment schwindelte ihm. �Das Kind�, sagte Gowenna ernst. �Es wird geboren werden, Skar, noch heute. <emphasis>Dein </emphasis>Kind.� <emphasis>Mein Kind? </emphasis>dachte er. <emphasis>Oder das Kind meines Dunklen Bruders? </emphasis>Hatte ihm nicht Vela deutlich genug gesagt, da� es das Erbe dieses <emphasis>Dinges </emphasis>in ihm war, das in seinem Kind weiterleben w�rde, da� es <emphasis>seine </emphasis>Kr�fte waren, tausendmal st�rker als in ihm selbst, �ber die sein Sohn gebieten w�rde?</p><p>�Weder ich noch Yar-gan k�nnten ihm widerstehen, Skar�, fuhr Gowenna fort. �Du kannst es.�</p><p>�Und was soll ich tun?� fragte er bitter. �Es t�ten?�</p><p>�Vielleicht�, antwortete sie leise. �Ich hoffe, da� wir einen anderen Weg finden, Skar. Aber es kann sein, da� uns nur dieser Ausweg bleibt. Vielleicht mu�t du es t�ten, Skar, dein eigenes Kind. Doch wenn, dann nicht mit deinen H�nden oder deinem Schwert.�</p><p>Er war sich nicht sicher, ob er wirklich verstand, was Gowenna meinte, und etwas in ihm schreckte davor zur�ck, es auch nur zu versuchen. Aber er sp�rte, da� er es wissen w�rde, wenn es soweit war. �Das Kind...�, murmelte er. Sein Blick glitt �ber die reglose Gestalt der Errish. Wieder lief ein rascher, schmerzhafter Schauer durch ihren K�rper. Die Augen hinter den geschlossenen Lidern bewegten sich. Ihre Haut wirkte fast transparent.</p><p>�Die Wehen haben begonnen�, sagte Gowenna leise. �Schon vor Stunden. Es ist fast soweit.�</p><p>�Hast du es deshalb nicht getan?� fragte Skar mit einer Kopfbewegung auf die dunklen Linien aus geronnenem Blut und die breiten, noch feuchten Wunden an den Innenseiten ihrer Handgelenke. Gowenna starrte ihn an, und Skar senkte betreten den Blick.</p><p>�Verzeih�, murmelte er. �Das... wollte ich nicht sagen. Es tut mir leid.�</p><p>Gowenna winkte ab. �Ich glaube, wir haben uns gegenseitig zu viel angetan, als da� einer von uns den anderen noch f�r irgend etwas um Verzeihung bitten m��te�, sagte sie l�chelnd. Mit einer unbewu�ten Geste strich sie durch das Haar und griff nach ihrem Mantel. Skar sp�rte pl�tzlich, wie kalt es trotz der prasselnden Flammen hier drinnen war. Das Feuer konnte den Atem des Winters nicht wirklich vertreiben.</p><p>�Sie stirbt�, fuhr Gowenna fort, w�hrend sie den Mantel �berstreifte und seine Spangen schlo�. �Ich hoffe nur, sie h�lt durch, bis das Kind geboren ist.�</p><p>�Kannst du... nichts f�r sie tun?� fragte Skar stockend.</p><p>Gowenna verneinte. �Mit leeren H�nden?� Ein trauriges L�cheln huschte �ber ihre Z�ge. Sie stand auf, ging geb�ckt zu den beiden Feuerschalen hin�ber und warf neues Holz in die Flammen. Skar sah, da� sie es achtlos aus einer der Seitenw�nde gehackt und kleingetreten hatte. Das Holz war steinhart, aber offensichtlich so spr�de, da� es schon unter <emphasis>der </emphasis>geringsten Belastung zerbrach. �Wir Errish verm�gen zu heilen und zu helfen�, stellte sie fest, ohne ihn anzusehen, �aber nicht zu zaubern.�</p><p>Skar dachte an die Ber�hrung ihrer H�nde und den Schmerz, den sie dem <emphasis>Ding </emphasis>in seinem Innersten zugef�gt hatte, aber er schwieg. Gowenna kam zur�ck, lie� sich ihm gegen�ber auf die Knie sinken und beugte sich f�r einen Moment �ber die schlafende Errish. �Warum gehst du nicht zur�ck und holst Yar-gan und die anderen?� fragte sie. �Wir werden mit diesen Schiffen nicht fortkommen, aber es wartet sich besser hier drinnen. Es ist w�rmer.�</p><p>�Warten?� wiederholte Skar. �Worauf?�</p><p>Gowenna deutete stumm auf Velas Leib.</p><p>�Und dann?� fragte Skar. Ein seltsames Gef�hl der Verzweiflung machte sich in ihm breit. �Was ist dann, Gowenna? Was soll ich ihnen sagen - da� es keine Schiffe gibt und sie nach Hause schwimmen m�ssen?�</p><p>Er hatte sie mit diesen Worten verletzen wollen, aber Gowennas Miene blieb unver�ndert ausdruckslos. �Was ist dann?� wiederholte sie seine Frage, und sie tat es auf so seltsame Weise, da� er unwillk�rlich wieder fror. �Es spielt keine Rolle, was mit uns geschieht, Skar�, sagte sie ernst. �Ganz egal, ob wir gewinnen oder verlieren. Wenn dieses Kind seinen ersten Schrei tut, ist unsere Aufgabe beendet. La� uns dar�ber nachdenken, wenn wir dann noch leben�, f�gte sie mit leicht ver�nderter Betonung hinzu.</p><p>Skar versuchte sich zu konzentrieren, aber es fiel ihm unglaublich schwer, den Sturm einander widersprechender Gef�hle in seinem Innern niederzuk�mpfen und sich den greifbaren Problemen zuzuwenden. �Woher wu�test du, da� sie hier ist?� wollte er wissen.</p><p>�Es war der einzig in Frage kommende Ort�, antwortete Gowenna. �Der einzige Ort, an dem ich sie finden konnte.� Sie sog h�rbar die Luft ein. Ihr Atem bildete kleine Dampfw�lkchen vor ihrem Gesicht. �Ich wu�te es, als wir in die H�hle zur�ckkehrten und sie fort war.� Pl�tzlich l�chelte sie. �Der zweite Fehler, den Helth gemacht hat.�</p><p>�Du meinst, <emphasis>er </emphasis>hat sie hierher gebracht?�</p><p>�Er oder seine Kreaturen, das bleibt sich gleich�, antwortete sie. �Er hat mich und Del niedergeschlagen und Vela entf�hrt, damit ihr mich verd�chtigt, aber er h�tte sich davon �berzeugen sollen, da� ich auch wirklich tot war - sein erster Fehler.�</p><p>�Deshalb also dieser sinnlose Angriff, als du pl�tzlich wieder zur�ckgekommen bist�, murmelte Skar.</p><p>Gowenna wirkte f�r einen winzigen Moment unsicher, aber sie fing sich wieder, so rasch, da� er nicht genau wu�te, ob sie ihm wirklich etwas verschwieg oder er einfach nur zu mi�trauisch geworden war. �Ja�, sagte sie. �Er ist verschlagen und hinterlistig, aber nicht besonders klug. W�re er es, h�tte er uns alle schon viel fr�her umgebracht.� Sie sch�ttelte den Kopf. �Ich wu�te, da� ich sie hier finde, Skar. Helth - das Ding, in das er sich verwandelt hat - braucht mich, um sie am Leben zu erhalten. So lange, bis das Kind geboren ist.�</p><p>Vela regte sich. Als w�re Gowennas Erkl�rung ein Stichwort gewesen, kam ein leiser, st�hnender Laut �ber ihre Lippen, und ein neuer, viel heftigerer Krampf sch�ttelte ihren K�rper.</p><p>�Ist es soweit?� fragte Skar.</p><p>Gowenna sch�ttelte den Kopf und beugte sich abermals �ber die Errish. Ihre Finger tasteten geschickt �ber ihren Leib, verharrten einen Moment und glitten tiefer. �Sie ist zu schwach�, murmelte sie besorgt. �Sie...� Sie stockte, hob mit einem Ruck den Kopf und deutete zum Ausgang. �Geh und hole den Sumpfmann, Skar. Vielleicht kann er uns helfen. Ich f�rchte, sie stirbt, wenn die Pre�wehen einsetzen.� Skar wollte noch etwas sagen, aber Gowennas Blick wurde so ernst, da� er sich wortlos erhob und zur T�r ging. Als er den Raum verlie� und ihn die K�lte mit aller Macht ansprang, war er fast dankbar daf�r.</p></section><section><title><p id="_28">28.</p></title><p>Die Geburt begann am fr�hen Morgen, im gleichen Moment, in dem sich der erste Streifen fahlgrauer D�mmerung am Himmel vor der Hafeneinfahrt zeigte; eine Stunde, bevor die Sonne aufging.</p><p>Skar war nicht von Anfang an dabei. Er hatte Yar-gan und die Krieger geholt und hierher gef�hrt, hatte das Schiff aber trotz der grausamen K�lte bereits nach wenigen Augenblicken wieder verlassen und oben an Deck eine einsame Wache angetreten. Nicht, weil er sie f�r n�tig gehalten h�tte. Helth und die Eiskrieger w�rden nicht kommen, das wu�te er. Nicht, solange das Kind noch nicht geboren war. Sie hatten zwei weitere Tote auf dem schmalen Eisbalkon in der Wand zur�ckgelassen, ein dritter Mann war auf halbem Wege gestolpert, von dem schmalen Felsband abgekommen und ins Wasser gest�rzt. Er war nicht einmal mehr an die Oberfl�che gekommen. Die anderen warteten unten im Schiff in einem kleinen Verschlag dicht neben der Kammer, in der Yar-gan und Gowenna verzweifelt um Velas Leben k�mpften. Die meisten schliefen, aber er hatte, bevor er hier heraufgekommen war, einen kurzen Blick zu ihnen hereingeworfen und gesehen, da� ein paar von ihnen mit offenen Augen dalagen und gegen die Decke starrten.</p><p>Skar hatte versucht, sich in die Gedanken dieser M�nner zu versetzen, nachzuempfinden, welche Entt�uschung, was f�r ein grausamer Schock der Anblick der erstarrten Schiffe f�r sie gewesen sein mu�te, aber es war ihm nicht gelungen. Vielleicht irrte er sich auch, und vielleicht waren sie viel zu ersch�pft, um �berhaupt noch etwas anderes als M�digkeit zu empfinden.</p><p>Mit der D�mmerung begannen graue Schatten in die H�hle zu kriechen, und die K�lte wurde qu�lender. Skar stand auf und begann auf Deck auf und ab zu gehen, um das taube Gef�hl aus seinen Gliedern zu vertreiben. Er konnte die Hafeneinfahrt jetzt deutlich erkennen, und sie war noch gr��er, als er angenommen hatte. Selbst einer der gewaltigen thbargschen Kapersegler h�tte bequem unter dem steinernen Bogen hindurchlaufen k�nnen, ohne ihn auch nur mit der Mastspitze zu ber�hren; ein Schiff von der Gr��e des Dronte oder der SHAROKAAN mu�te winzig und verloren darunter aussehen.</p><p>Er wandte sich ab, wickelte sich enger in seinen Mantel und nahm seine unruhige Wanderung wieder auf. Das Ger�usch seiner Schritte klang �berlaut auf dem steinernen Deck und mu�te �berall im Schiff zu h�ren sein. Der Wind hatte sich w�hrend der letzten Stunden gedreht und fauchte nun direkt in die H�hle hinein, peitschte die Wellen und ri� schaumige Spritzer aus der Wasseroberfl�che. Eine seltsame Stimmung �berkam ihn. Es war die Stunde zwischen Nacht und Tag, die Zeit, in der die Dunkelheit nicht mehr ganz und das Licht noch nicht v�llig herrschte - die Stunde der Entscheidung. Er wu�te, da� nicht mehr viel Zeit blieb. Wenn die Sonne aufging, w�rden sie kommen: der Dronte, Helth oder die Eiskrieger, vielleicht alle drei. Die Vorstellung h�tte ihn �berw�ltigen m�ssen, aber er empfand nichts als eine absurde Heiterkeit bei dem Gedanken, da� sich irgendwann in den n�chsten Stunden das Schicksal seiner Welt entscheiden w�rde, da� nur noch wenige Augenblicke bis zu dem Moment fehlten, nach dem Recht oder Unrecht, Gut oder B�se �ber Enwor herrschten. <emphasis>Gut oder B�se</emphasis>... Er lachte, lautlos und sehr bitter. Wieso ma�ten sie sich an, zu entscheiden, welche Seite im Recht war? Nur weil sie Menschen waren, weil dies <emphasis>ihre </emphasis>Welt war? Weil es die Laune eines Gottes oder blo�er Zufall - was das gleiche sein mochte - gewollt hatte, da� zuerst die Menschen und dann die Sternengeborenen ihren Fu� auf den Boden dieser Welt setzten? Was hatten sie ihr gebracht, <emphasis>Ihrer </emphasis>Welt? Eine Geschichte voller Krieg und Leid und Tod, voller Hunger und Schmerzen, voller Unterdr�ckung und Folter, eine...</p><p><emphasis>La� das, du Narr! </emphasis>dachte er streng. Gedanken wie diese f�hrten zu nichts und nirgendwohin, au�er in den Wahnsinn. Es war vollkommen egal, welche Seite im Recht war. Vielleicht waren die Sternengeborenen - einer h�heren Gerechtigkeit zufolge - das bessere Volk, vielleicht waren sie es, die Menschen, die im Unrecht waren und Leid �ber die Welt brachten, und vielleicht w�rden sie irgendwann, nach weiteren tausend Jahren Krieg und Morden voller Entsetzen begreifen, da� die Sternengeborenen nicht als Eroberer, sondern als Boten der G�tter gekommen waren, um das Universum von einer Pest zu befreien, die sich Mensch nannte. F�r ihn, f�r Gowenna und Vela und die M�nner dort unten spielte nichts von alledem eine Rolle. Sie w�rden k�mpfen, solange sie lebten, einfach, weil sie Menschen waren. Er h�rte Schritte, drehte sich langsam um und erkannte den dunkelhaarigen Matrosen von Bord der SHAROKAAN. �Du schl�fst nicht?� fragte er leise.</p><p>Der Mann sch�ttelte den Kopf und kam n�her. Seine H�nde zitterten vor K�lte und Ersch�pfung, und als er sprach, klang seine Stimme wie die eines alten Mannes. �Nein, Herr�, sagte er. �Gowenna schickt mich, um Euch zu holen.�</p><p>�Das Kind?�</p><p>Der Mann nickte und wollte sich umdrehen, aber Skar hielt ihn mit einem raschen Griff zur�ck. �Wie ist dein Name?� fragte er.</p><p>Der Mann schien verwirrt. Er sah Skar unsicher an, sch�ttelte abermals den Kopf und machte einen Schritt auf die Treppe zu, blieb dann aber erneut stehen. �Gajan, Herr�, sagte er.</p><p>�Gajan.� Skar nickte. �Warum bist du nicht bei den anderen und ruhst dich aus, Gajan ?� Er erinnerte sich jetzt, da� Gajan einer von denen gewesen war, die nicht geschlafen, sondern mit offenen Augen gegen die Decke gestarrt hatten.</p><p>�Warum? Nun...� Der Matrose z�gerte, sah zur Ausfahrt hin�ber und starrte ins Leere. �Wozu, Herr?� fragte er leise. �Der gro�e Schlaf kommt fr�h genug. Dann ist Zeit genug, auszuruhen.�</p><p>�Der gro�e Schlaf�, wiederholte Skar nachdenklich. �Nennt ihr Freisegler so den Tod?� Gajan nickte, und Skar fuhr fort: �Das klingt... gut. Besser als Tod. Friedlicher.�</p><p>�Das ist es, Herr�, best�tigte Gajan leise. �Wir f�rchten ihn nicht.�</p><p>�Aber ihr wi�t, da� wir keine Chance mehr haben, lebend von dieser Insel herunterzukommen?�</p><p>Gajan nickte, als h�tte er ihm eine Selbstverst�ndlichkeit mitgeteilt. �Nat�rlich, Herr. Wir wu�ten es, als die SHAROKAAN sank.�</p><p>�Und trotzdem seid ihr mit mir gekommen?�</p><p>�Ihr seid Rayans Nachfolger, Herr. Sein Befehl gilt auch �ber seinen Tod hinaus. Und es liegt nicht in unserer Hand zu entscheiden. Wenn es der Wille der G�tter ist, da� wir alle hier und heute sterben, so wird es geschehen.�</p><p>Skar antwortete nicht mehr. Gajans Worte waren �berraschend sanft gewesen, aber auch sehr bestimmt, und er sp�rte, da� es keine leeren Phrasen waren, sondern da� der Mann an das glaubte, was er sagte. F�r ihn, Skar, gab es keine G�tter, und wenn, so nur zornige G�tter, G�tter, die Tod und Schmerzen und Leid brachten, aber wer war er, da� er diesen M�nnern ihren Glauben und das letzte bi�chen Hoffnung nehmen durfte? Pl�tzlich beneidete er Gajan beinahe um seinen Glauben. Es mu�te sch�n sein, an ein Weiterleben nach dem Tod - oder wenigstens eine g�ttliche F�gung, eine h�here Gerechtigkeit oder was auch immer - glauben zu k�nnen. Er konnte es nicht. �Noch ein Wort, Gajan�, sagte er, als der Matrose weitergehen wollte.</p><p>Gajan blieb abermals stehen und sah ihn an. �Ja?�</p><p>�Nur eine Frage�, murmelte Skar. �Und ich bitte dich, sie mir ehrlich zu beantworten.� Seine Stimme versagte ihm den Dienst, er schluckte, schmeckte bittere Galle auf der Zunge und fuhr erst nach sekundenlangem Schweigen fort: �Habe ich versagt?�</p><p>Gajan sah ihn an, schwieg.</p><p>�Ich habe es, nicht wahr?�</p><p>Der Matrose nickte. �Ja, Herr�, antwortete er. �Das habt Ihr.� Skar lie� seinen Arm los, wandte sich mit einem Ruck um und nickte knapp. �Ich danke dir�, schlo� er. �Du kannst gehen. Sage Gowenna, da� ich... komme.�</p><p>Er wartete, bis Gajans Schritte auf dem harten Boden verklungen waren, dann drehte er sich abermals herum und stieg die steile Treppe hinab. Ein leises, wimmerndes St�hnen und ein Schwall warmer Luft wiesen ihm den Weg. Gowenna hatte die Feuer zu gr��erer Glut entfacht und weitere Schalen aufgestellt; nach der grausamen K�lte an Deck war es hier unten beinahe zu warm, obwohl an den W�nden noch immer Eis glitzerte. Skar ging langsamer als n�tig gewesen w�re, und am Ende des Ganges blieb er noch einmal stehen und z�gerte unmerklich; fast, als k�nne er das Geschehen aufhalten, indem er einfach die Augen verschlo� und sich wie ein Kind unter eine Decke verkroch, um die Ungeheuer aus seinem Traum auszusperren. Aber er war kein Kind, und dies war kein Traum. Mit einem resignierenden Kopfsch�tteln ging er weiter.</p><p>Es konnte nur noch wenige Augenblicke dauern. Vela war wach, ihre Augen waren einen Spaltbreit ge�ffnet, und ihr K�rper wurde in immer rascherer Folge von heftigen, krampfartigen Wehen gesch�ttelt. Ihre H�nde waren verkrampft, die Fingern�gel fuhren mit kratzenden Ger�uschen �ber den steinharten Boden, einige waren abgebrochen und blutig. Es war keine leichte Geburt. Gowenna hatte sich hinter sie gekniet und st�tzte ihren Oberk�rper, so da� sie halb sitzend, halb liegend mit weit gespreizten Beinen und angezogenen Knien dahockte. Trotz der K�lte gl�nzte ihre Haut vor Schwei�, und als Skar n�her herantrat, sah er, da� aus Velas Mund und Nase d�nne, hellrote Blutf�den sickerten. Er erschrak. <emphasis>Sie stirbt! </emphasis>dachte er entsetzt. Er wollte noch n�her herantreten, aber Gowenna hielt ihn mit einem raschen Kopfsch�tteln zur�ck. Er blieb stehen.</p><p>Gowennas H�nde strichen beruhigend �ber Velas Haar. Sie beugte sich vor, fl�sterte der Errish etwas ins Ohr und tauschte einen raschen Blick mit Yar-gan. Der Sumpfmann kniete vor Vela nieder und machte sich an ihrem Leib zu schaffen; Skar konnte nicht erkennen, was er tat. Er wollte es auch gar nicht wissen.</p><p>Die Situation kam ihm immer absurder vor. Gowenna hatte diese Frau geha�t, mit jeder Faser ihrer Seele geha�t. Sie hatte sie bis ans Ende der Welt gejagt und unvorstellbare Entbehrungen auf sich genommen, um sie zu stellen und ihre Rache zu vollziehen - und jetzt hielt sie sie im Arm, schaukelte sie wie ein fieberndes Kind, fl�sterte ihr beruhigende Worte ins Ohr und k�mpfte mit der gleichen verzweifelten Kraft um ihr Leben, mit der sie sie vorher verfolgt hatte.</p><p>Skar wu�te nicht, wie lange es dauerte - Sekunden, Minuten, vielleicht Stunden. Er stand einfach still da, wie ein unbeteiligter Zuschauer. Die Kr�mpfe, die den K�rper der Errish durchrasten, wurden st�rker, und nach einer Weile kamen die Wehen so schnell hintereinander, da� die Pausen dazwischen nicht mehr wahrzunehmen waren. Es war nicht das erste Mal, da� Skar die Geburt eines Kindes miterlebte, aber er hatte noch nie eine Niederkunft gesehen, die so voller Schrecken war wie diese. Vela begann zu schreien und sich zu winden, so heftig, da� Yar-gans und Gowennas vereinte Kr�fte kaum ausreichten, sie zu halten. Sie blutete aus Nase, Mund und Ohren, und ihr Atem wurde von einem rasselnden Ger�usch begleitet.</p><p>Sie starb, als der Kopf des Kindes sichtbar geworden war.</p><p>Ihr K�rper b�umte sich in einem letzten qualvollen Zucken auf, und �ber ihre Lippen kam ein Schrei, der nichts Menschliches mehr hatte. Dann erschlaffte sie. Der Blick ihrer weit ge�ffneten, blutenden Augen brach.</p><p>Gowenna schrie auf, warf sich mit einer verzweifelten Bewegung �ber ihren Leib und begann zu pressen, und Skar drehte sich endg�ltig um. �belkeit stieg in ihm hoch. Er sah nicht mehr, was geschah, aber er h�rte Laute, schreckliche Ger�usche, die er nie wieder vollkommen vergessen sollte und die nichts mehr mit einer normalen Geburt gemein hatten. Gowenna rief etwas, das Skar nicht verstand, Yar-gan antwortete in der gleichen Sprache, dann sah er den Sumpfmann aus den Augenwinkeln aufspringen, zu den Feuerschalen st�rzen und einen Dolch aus der brennenden Kohle ziehen. Seine Klinge gl�hte rot, und der lederbezogene Griff schwelte bereits.</p><p>Skar schlo� die Augen, pre�te die Stirn gegen die Wand und schlug die H�nde vor die Ohren. In seiner Brust begann sich wieder dieser Druck aufzubauen, ein Gef�hl, als w�rde eine Stahlfeder bis zum Zerrei�en gespannt, immer weiter gespannt, immer und immer und immer weiter...</p><p>Er schrie auf, als ihn Gowenna an der Schulter ber�hrte. Ihre Hand war feucht und warm, und Skars �belkeit wurde unertr�glich. M�hsam k�mpfte er den Brechreiz nieder, der in seiner Kehle emporstieg, drehte sich um und sah Gowenna an. Ihr Gesicht wirkte ersch�pft und m�de, aber in ihren Augen stand ein seltsames Flackern, ein Ausdruck, den er nie zuvor an ihr gesehen hatte.</p><p>�Komm.�</p><p>Skars Herz begann wie rasend zu h�mmern, als er neben ihr auf Vela und Yar-gan zuging. Der Sumpfmann kniete neben der toten Errish und drehte ihm den R�cken zu, aber die Haltung seiner Schultern verriet Skar, da� er etwas in den Armen hielt. <emphasis>Es schreit nicht, </emphasis>dachte er. <emphasis>Kinder schreien, wenn sie geboren sind. Es schreit nicht. Es mu� tot sein. </emphasis>Aber gleichzeitig sp�rte er, da� es nicht tot war, da� es lebte und genau in diesem Moment erwachte, zum ersten Mal so etwas wie einen bewu�ten Gedanken formte, die Welt, in die es geboren worden war, mit unsichtbaren H�nden betastete und bef�hlte...</p><p>Er blieb stehen. Er wollte nicht weitergehen. Mit einem Male hatte er Angst, uns�gliche Angst, die n�chsten Schritte zu tun und das Kind zu sehen, aber Gowenna schob ihn mit sanfter Gewalt weiter.</p><p>Yar-gan richtete sich auf, als er neben ihm stehenblieb. Das Kind lag in seinen Armen, unendlich klein und verloren in den gewaltigen Pranken, die sich der Sumpfmann von Del geliehen hatte.</p><p>Es war ein ganz normales Kind, klein und mit dem zerknautschten Greisengesicht der meisten Neugeborenen, noch voller Blut und Schleim, und Skar fragte sich best�rzt, was er erwartet hatte. Ein Monster? Ein spinnenk�pfiges schwarzes Ding mit Krakenarmen und Pferdefu� und Vampirz�hnen? Es war ein normales Kind. Es sah normal aus, und es <emphasis>war </emphasis>normal, das wu�te er, ganz pl�tzlich. Er sp�rte die Macht, die hinter der Stirn dieses winzigen Wesens schlummerte, aber gleichzeitig wu�te er - und es waren genau diese Worte, die er dachte, Worte, �ber die er noch vor Augenblicken gelacht h�tte -, da� es unschuldig und rein war wie alle Neugeborenen, und da�, wenn es b�se werden w�rde, <emphasis>sie </emphasis>es waren, die das B�se in seine Seele pflanzen w�rden.</p><p>Z�gernd streckte er die H�nde aus, nahm das Kind entgegen und legte es ungeschickt in seine Armbeuge. Ein leises, seltsam friedlich klingendes Seufzen kam �ber die Lippen des Knaben, und ein sonderbar fremdes Gef�hl von Frieden ergriff von Skar Besitz.</p><p>Yar-gan und Gowenna wichen lautlos von ihm zur�ck. Er sah, wie der Sumpfmann an seinen G�rtel griff und sein Schwert zog, und er h�rte das leise Kratzen hinter sich, als Gowenna dasselbe tat, aber er achtete nicht darauf, sondern blickte weiter wie gel�hmt auf das Kind in seinen Armen herab, <emphasis>sein </emphasis>Kind, ein St�ck von ihm, ganz gleich, wie man es sah. Seine H�nde regten sich, griffen mit einer Bewegung, die es noch nicht beherrschen d�rfte, in die Luft und suchten nach Halt. Dann hob es die Lider. Ihre Blicke trafen sich.</p><p>Und Skar hatte das Gef�hl, in einen Abgrund zu st�rzen.</p><p>Es dauerte nur wenige Sekunden, aber als es geschah, schienen es Ewigkeiten zu sein.</p><p>Skar wu�te nicht, was es war. Er hatte niemals etwas Derartiges erlebt oder davon geh�rt, ja, nicht einmal geglaubt, da� es m�glich w�re. Es war eine Vereinigung, etwas, als w�rden ihre Seelen sich ber�hren und miteinander verschmelzen, mehr noch, es war, als w�ren er und dieses Kind eins, nur zwei Teile eines gewaltigen Ganzen, das getrennt worden war und sich jetzt wieder zusammenfand in einem erl�senden, freudigen Aufschrei. Er sp�rte die Gedanken des Kindes - es war kein Denken wie seines, sondern ein behutsames, noch unsicheres Tasten und Erforschen, und er sp�rte die ungeheure Macht, die diese Gedanken h�tten, w�re ein Bewu�tsein hinter ihnen, das sie lenkte. Eine Macht, die f�hig war, diese Welt zu zertr�mmern. Es war die gleiche Kraft, die auch ihn trieb, das Ding in seinem Innern, das er seinen Dunklen Bruder getauft hatte und das doch sein gr��ter Feind war, aber es war tausend-, millionenmal st�rker, ein gewaltiger Vulkan gegen das Flackern einer Kerzenflamme.</p><p>Und es war <emphasis>leer.</emphasis></p><p>Wo in ihm dieses b�se Fl�stern, die zynische, berechnende Stimme des anderen, finstern Skar herrschte, war in dem Kind nichts. Es war stark, ungeheuer stark, eine Waffe, wie Gowenna gesagt hatte, aber es war auch gleichzeitig unschuldig, leer und bereit, geformt und gelenkt zu werden.</p><p>F�r einen unendlich kurzen Moment sp�rte er die Verlockung. <emphasis>Nimm ihn! - wisperte </emphasis>die Stimme in seinem Inneren. Sein Dunkler Bruder sprang ihn an wie ein Raubtier, das bisher geduldig in seinem Versteck gelauert und auf den Moment gewartet hatte, in dem es zuschlagen konnte, in dem er unaufmerksam war und seine Deckung vernachl�ssigte, verletzbar wurde. <emphasis>Nimm ihn, </emphasis>wisperte sie. <emphasis>Du wirst Macht haben, Skar. Unglaubliche MACHT! Niemand wird dich mehr aufhalten k�nnen. </emphasis>Die Stimme wurde lauter, machtvoller, zwingender. <emphasis>Nimm ihn! </emphasis>dr�ngte sie. <emphasis>Es ist leicht, Skar. Noch ist es leicht. </emphasis>Er wu�te, da� sie nicht log. Sie waren eins, f�r diesen Moment, ein einziger Geist in zwei verschiedenen K�rpern, und es war ein Augenblick, der sich nie mehr wiederholen w�rde. Er konnte die Kraft dieses Kindes in sich aufnehmen, sie mit der fl�sternden Stimme in seinem Innern vereinen, und er w�rde die Macht haben, von der sein Dunkler Bruder sprach: Niemand und nichts w�rde ihm mehr widerstehen k�nnen, nicht einmal mehr Helth oder der Dronte.</p><p>Aber er wu�te auch gleichzeitig, da� das Fl�stern in seiner Seele dann zu einem machtvollen Schrei werden, da� sein Dunkler Bruder endg�ltig und unwiderruflich Gewalt �ber ihn erlangen w�rde. Unsterblichkeit und vielleicht Unverwundbarkeit gegen den Preis seiner Menschlichkeit.</p><p><emphasis>Was nutzt sie dir, deine Menschlichkeit? </emphasis>wisperte die Stimme. <emphasis>Was hat sie dir bisher genutzt, wobei hat sie dir geholfen ? Was wirst du vermissen? Liebe? Es gibt niemanden, der einen Satai liebt, Bruder. Und selbst wenn - es w�re ein geringer Preis. Du h�ttest die Macht, diese Welt zu retten. Du und ich und dieses Kind, wir k�nnen Enwor zu einem Paradies machen. Wolltest du das nicht immer? Ist es nicht das, was die Satai schw�ren in ihren geheimen Zeremonien? Kriege und Not und Ungerechtigkeit zu beseitigen ? Du kannst es, du -</emphasis> Skar schrie. F�r einen schrecklichen Moment glaubte er seinen Dunklen Bruder mit Velas Stimme reden zu h�ren, und pl�tzlich wu�te er, was mit ihr geschehen war, welcher Art die Verlockung gewesen war, die ihr den Untergang gebracht hatte.</p><p>Er taumelte, brach in die Knie und sp�rte, wie der Geist des Kindes mit einem lautlosen Schrei vor dem Schmerz und der Dunkelheit zur�ckschreckte, die pl�tzlich zu ihm hin�berflossen, wo vorher Liebe und Vertrauen gewesen waren.</p><p>�Gowenna�, wimmerte er. �Hilf... mir...�</p><p>Er sah die Gestalt der Errish wie einen verzerrten Schatten vor sich auftauchen, versuchte nach ihr zu greifen und verfehlte sie. Gowennas H�nde pre�ten sich gegen seine Schl�fen, nicht fl�chtig und sanft wie vorhin, als sie seinen Dunklen Bruder das erste Mal zur�ckgedr�ngt hatte, sondern mit schmerzhafter Kraft; und diesmal war es kein Verjagen, keine Warnung mehr, sondern ein vernichtender Hieb, mit aller Gewalt gef�hrt.</p><p>Hinter seiner Stirn schien ein Vulkan auszubrechen. Er sah Flammen, und f�r den Bruchteil einer Sekunde f�hlte er unertr�glichen Schmerz.</p><p>Yar-gan sprang im letzten Moment vor, als Skar das Bewu�tsein verlor und das Kind seinen Armen entglitt.</p></section><section><title><p id="_29">29.</p></title><p>Er mu�te lange bewu�tlos gewesen sein. Skar sp�rte, da� Zeit vergangen war, viel Zeit, und er sp�rte, da� irgend etwas geschehen war, w�hrend er reglos hier gelegen hatte. Das erste, was er f�hlte, war W�rme. Er lag neben einem Feuer; seine linke Gesichtsh�lfte und die Hand brannten unter der Hitze der offenen Flamme, die andere K�rperh�lfte war taub vor K�lte. Dunkelrotes Licht sickerte durch seine geschlossenen Lider. Der Boden unter ihm vibrierte im Rhythmus der Wellen, die gegen den versteinerten Rumpf des Schiffes anrannten, und er h�rte Stimmen. Die Stimmen zahlreicher M�nner. Aufgeregte Stimmen.</p><p>Skar blinzelte, hob die Hand �ber die Augen, um sie vor der Hitze der Flammen und dem grellen Licht zu sch�tzen, und setzte sich halb auf. Der Raum verschwamm vor seinen Augen, als er sie vollends �ffnete, und hinter seinen Schl�fen machte sich ein dumpfer, unangenehmer Druck bemerkbar.</p><p>�Du bist wach. Gut.� Gowenna kniete vor ihm nieder, sah ihn einen Herzschlag lang besorgt an und l�chelte. Er konnte nur den schmalen Streifen �ber den Augen und Nasenwurzeln ihres Gesichts erkennen; der Rest war hinter einem grauen, seidig gl�nzenden Schleier verborgen. Der gleiche Stoff bedeckte ihren Kopf, die Schultern und den ganzen K�rper, soweit ihn Skar sehen konnte. Selbst ihre H�nde steckten in hautengen Handschuhen aus dem gleichen Material. Auf ihrer Stirn gl�nzte ein winziger f�nfzackiger Stern aus Silber. Die Kleidung einer Errish. Und der Stern einer <emphasis>Margoi.</emphasis></p><p>�Was ist... wie lange war ich bewu�tlos?� fragte er verwirrt. In seinem Kopf drehte sich alles. Bilder blitzten hinter seiner Stirn auf, aber er war nicht in der Lage, sie zu ordnen und einen Sinn darin zu erkennen.</p><p>�Nicht lange. Eine Stunde, vielleicht weniger�, antwortete Gowenna. �Yar-gan hat -�</p><p>�Sag es mir nicht�, unterbrach sie Skar und hob die Hand an den Kopf. Der Druck verschwand, aber daf�r erwachte ein d�nner, qu�lender Schmerz hinter seinen Augen. �Ich will gar nicht wissen, was er mit mir getan hat.� Er st�hnte. �Was ist geschehen?�</p><p>�Das Kind -�</p><p>�Lebt es?� fragte Skar hastig dazwischen. Der erschrockene, besorgte Ton in seiner Stimme �berraschte ihn selbst, und wie zur Antwort erschien ein neuerliches, am�siertes Glitzern in Gowennas Augen.</p><p>�Es lebt, und es ist gesund�, beruhigte sie ihn. �Noch. Du hast gesiegt, Skar.�</p><p>�Gesiegt...�, wiederholte Skar. <emphasis>Gesiegt? </emphasis>Er konnte sich nicht einmal erinnern, gek�mpft zu haben. Geschweige denn gesiegt.</p><p>�Versuche nicht, es zu verstehen�, sagte Gowenna, als h�tte sie seine Gedanken gelesen. �Was du getan hast, war richtig, und das allein z�hlt. Manchmal handeln wir auch, ohne zu denken. Das Kind lebt, und seine Kr�fte sind gebannt, wenigstens f�r den Moment. Alles andere mu� die Zukunft bringen.� Ihre Art zu reden kam Skar sonderbar vor. Gowenna sprach normalerweise nicht so gestelzt, und es schien ihm, als h�tte sie sich diese Worte genau �berlegt; vielleicht, um irgend etwas, das er darin zu h�ren glaubte, gerade <emphasis>nicht </emphasis>zu sagen. Aber er war noch viel zu benommen, um wirklich dar�ber nachzudenken.</p><p>Gowenna stand auf, b�ckte sich noch einmal und streckte ihm die Hand entgegen. Skar griff nach kurzem Z�gern danach und zog sich auf die F��e. Wieder fiel ihm auf, wie stark diese zierliche Frau war. �Wo ist es?� fragte er.</p><p>�Das Kind?� Gowenna deutete mit einer Kopfbewegung auf ein in Decken und Felle eingedrehtes B�ndel zwischen den beiden Feuerschalen und hielt ihn mit einer raschen Handbewegung zur�ck, als er sich herumdrehen und hingehen wollte, b�ckte sich selbst danach und nahm es mit einer Behutsamkeit auf, die Skar bei ihr zuallerletzt erwartet hatte. �Es schl�ft�, sagte sie. Sie sprach unwillk�rlich leiser. �La� es schlafen. Wenigstens merkt es w�hrend dieser Zeit nicht, was geschieht.�</p><p>Skar sah sie scharf an. �Was ist los?� fragte er. �Irgend etwas stimmt nicht, oder?�</p><p>Gowenna wich seinem Blick aus. �Es ist alles in Ordnung�, wiederholte sie. �Es ist nur...� Sie seufzte, fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht und lockerte den Schleier ein wenig. Instinktiv dr�ckte sie das Fellb�ndel mit dem Kind fester an sich, als m�sse sie es selbst gegen ihn besch�tzen. �Was diesem Kind fehlt, ist das gleiche wie uns�, fuhr sie nach einer h�rbaren Pause fort. �Wir haben keine Milch, keine sauberen T�cher, kein hei�es Wasser.�</p><p>�Dann wird es sterben�, murmelte Skar.</p><p>�Nicht unbedingt. Ich... kann einen Sud aus Cuba-N�ssen bereiten, mit dem es ein paar Tage �berleben k�nnte. Und es gibt noch andere M�glichkeiten.� Sie sch�ttelte den Kopf. �Nein, das ist es nicht.�</p><p>�Was dann ?� fragte Skar. Erst jetzt fiel ihm auf, da� sie allein waren. Yar-gan war verschwunden, und auch Velas Leichnam war nicht mehr da. Er war froh. Er hatte einen kurzen Blick auf sie erhascht, bevor er die Besinnung verlor. Gowenna hatte das Kind aus ihrem Leib herausgeschnitten, nachdem sie gestorben war.</p><p>Erneut kamen ihm die Stimmen und das hastige Trappeln von Schritten zu Bewu�tsein. Das Schiff hallte von ihnen wider. Die gesamte Besatzung mu�te an Deck sein, den Ger�uschen nach zu urteilen.</p><p>Gowenna deutete seine stumme Frage richtig. �Es ist soweit, Skar�, sagte sie.</p><p>�Helth?�</p><p>�Der Dronte�, unterbrach Gowenna leise. Ihr Blick flackerte.</p><p>�Er... kreuzt vor der Hafeneinfahrt, seit die Sonne aufgegangen ist. Er kommt nicht n�her, aber...�</p><p>�Aber er l��t uns auch nicht heraus�, vollendete Skar den Satz, als Gowenna im Sprechen innehielt.</p><p>Sie lachte bitter. �Womit auch?� fragte sie. �Auf einer treibenden Eisscholle vielleicht?� Sie seufzte, schwieg einen Moment und starrte zu Boden. Als sie weitersprach, schwankte ihre Stimme. �Mein Gott, Skar, diese Schiffe waren meine letzte Hoffnung. Ich habe gebetet, da� es sie gibt, da� dieser Hafen nicht leer ist, und jetzt...�</p><p>�Vielleicht waren es die falschen G�tter, zu denen du gebetet hast�, bemerkte Skar dumpf.</p><p>�Oder die falschen, die meine Gebete erh�rten�, antwortete Gowenna.</p><p>Skar ging an ihr vorbei, �ffnete die T�r und trat auf den Gang hinaus. Die Ger�usche von Stimmen und Schritten wurden lauter, und von oben drang gelbes Sonnenlicht in das tr�be Rot der Flammen. Er h�rte, wie Gowenna ihm folgte, widerstand im letzten Moment der Versuchung, sich herumzudrehen, und ging mit raschen Schritten weiter.</p><p>Die D�mmerung war endg�ltig gewichen, als er an Deck trat. Die Sonne stand wie ein einzelnes rotes Auge direkt unter dem h�chsten Punkt der Hafeneinfahrt; ihre Strahlen fielen fast waagerecht in die H�hle und lie�en die drei Schiffe �berlange Schatten werfen. Das Wasser wirkte nicht mehr so klar wie bei Nacht, und Skar sah, da� sich am Ufer eine fast armdicke, grauwei�e Schicht aus Kalk und Muschelablagerungen gebildet hatte. Dieses eisige Meer war nicht immer so tot gewesen wie jetzt.</p><p>Er ging zum Heck des Schiffes, stieg die kurze Leiter zum Achteraufbau hinauf und trat an die Reling. Nach Gowennas Worten hatte er halbwegs erwartet, den Dronte wie einen schwarzen Todesengel dicht vor der Einfahrt hocken zu sehen, aber er war sehr weit entfernt, nicht viel mehr als ein dunkler Punkt, der in gleichm��igem Takt auf den Wellen auf und ab h�pfte. Selbst wenn er alle Segel setzen und zus�tzlich rudern w�rde, mu�te er eine Stunde oder l�nger brauchen, um die H�hle zu erreichen. F�r endlose Minuten stand Skar reglos da und blickte aufs Meer hinaus, und obwohl der Dronte unendlich weit entfernt war, glaubte er jede Einzelheit, jedes winzige Detail seines bizarren Leibes zu erkennen. Er versuchte, etwas von dem alten Ha� in sich zu entdecken, aber er war nicht mehr da. Der Anblick des Dronte bedeutete ihm nichts mehr. Er konnte nicht einmal mehr einen Feind in ihm sehen.</p><p>Nach einer Weile wandte er sich wieder um, stieg vom Achterdeck herunter und sah sich nach Yar-gan um. Gowenna war ebenfalls an Deck gekommen, das Kind, das sie noch immer in den Armen hielt, sch�tzend an sich gepre�t; er ignorierte sie, ging an ihr vorbei und sprach einen der Matrosen auf den Sumpfmann an.</p><p>�Euer Kamerad ist dort oben, Herr�, antwortete der Mann mit einer Kopfbewegung zu einem der zahllosen H�hleneing�nge in der Wand, Skar blickte in die angedeutete Richtung und entdeckte eine steile, direkt in den Fels gehauene Treppe, die zu der mannshohen �ffnung hinauff�hrte.</p><p>�Allein?� fragte er.</p><p>Der Matrose nickte, versuchte vergeblich, seinem Blick standzuhalten und senkte schlie�lich den Kopf. �Ja, Herr�, best�tigte er halblaut. Sein dem�tiger Tonfall versetzte Skar beinahe in Rage, aber er beherrschte sich und fuhr in ruhigem, sachlichem Ton fort: �Und was will er dort?�</p><p>�Das... wei� ich nicht, Herr�, antwortete der Freisegler. �Er wollte schon l�ngst zur�ck sein. Ich... kann ihn holen, wenn Ihr es befehlt.�</p><p>�Dieser -�</p><p>�Er sucht, Skar�, sagte Gowenna laut. Skar wandte sich zornig um und starrte sie an. Sie stand im Schatten des Decksaufbaus, so da� er ihr Gesicht nicht erkennen konnte, aber es war etwas in ihrer Stimme, das ihm nicht gefiel.</p><p>�Und wonach?� fragte er gepre�t.</p><p>Gowenna hob in einer kaum merklichen Bewegung die Schultern. �Einem Fluchtweg, einem Versteck... vielleicht nach einem Schiff. Cor-ty-cor ist gro�. Es kann noch andere H�hlen geben.� Ihre Worte waren gelogen. Sie wu�ten beide, wonach Yar-gan in Wahrheit suchte.</p><p>�Nat�rlich�, knurrte er. �Und in einer davon steht ein gefl�geltes Pferd, das uns sicher nach Elay zur�ckbringen wird. Was glaubt dieser Narr damit zu erreichen, da� er sein Leben wegwirft?� Mit einer w�tenden Bewegung fuhr er herum, st�rmte �ber das Deck und sprang vom Schiff herunter. Gowenna rief ihm irgend etwas nach, aber er achtete nicht auf ihre Worte, sondern lief mit weit ausgreifenden Schritten auf die steinerne Treppe zu. Sein Mantel behinderte ihn. Er zog ihn aus, schleuderte ihn achtlos von sich und begann mit dem Aufstieg.</p><p>Es erwies sich als schwieriger, als er bef�rchtet hatte. Die Stufen waren kaum breiter als zwei nebeneinandergelegte H�nde und zum Teil vereist; ein einziger unbedachter Schritt konnte einen Sturz auf den Felsen oder in das eisige Wasser des Hafenbeckens und somit den Tod bedeuten. Er wurde langsamer, blieb auf halber Strecke stehen und lie� sich gegen die Wand sinken, um Atem zu sch�pfen. Die kalte Luft brannte in seiner Kehle, und als er den Fehler beging, nach unten zu sehen, wurde ihm schwindelig.</p><p>Aber sein Zorn fegte die Ersch�pfung und das Schwindelgef�hl noch einmal hinweg. Er stieg - etwas vorsichtiger und wesentlich langsamer - weiter und erreichte nach wenigen Minuten keuchend und schwei�gebadet den Stolleneingang. Die Stufen endeten einen Meter unter dem runden Loch. Skar richtete sich behutsam auf, griff mit beiden H�nden nach oben und zog sich mit letzter Kraft an dem spiegelglatten Fels hinauf. Das Schwindelgef�hl kam zur�ck; er brach in die Knie, als er versuchte, sich im Inneren des mannshohen Stollens aufzurichten.</p><p>Dunkelheit umfing ihn. Der Wind war drau�en vor der H�hle zur�ckgeblieben, und es war �berraschend warm. Skar wartete, bis der Schw�cheanfall vor�ber war, stemmte sich vorsichtig hoch und lauschte. Er glaubte Schritte zu h�ren, war sich aber nicht sicher, und irgendwo weit, sehr weit vor ihm heulte der Sturm wie ein schauriger Chor.</p><p>�Yar-gan?� rief er laut. Seine Stimme hallte als verzerrtes Echo von den gekr�mmten Gangw�nden zu ihm zur�ck, dann h�rte er das Rascheln von Stoff.</p><p>�Er gibt uns eine Gnadenfrist�, h�rte er Del irgendwo in der Dunkelheit vor sich antworten. Er strengte seine Augen an, aber die Zeit war noch zu kurz, als da� sie sich an das bleiche Schattenlicht hier drinnen h�tten gew�hnen k�nnen.</p><p>�Er spielt mit uns. So wie beim ersten Mal.� Yar-gan tauchte aus der Dunkelheit des Stollens auf, trat neben ihn und blinzelte aus zusammengekniffenen Augen in das grelle Licht, das die H�hle hinter Skar erf�llte. �Wir k�nnten die Ausfahrt erreichen, ehe er hier ist�, murmelte er.</p><p>�Was soll das?� fragte Skar w�tend. �Was tust du hier, Yar-gan? Was du vorhast, ist sinnlos!�</p><p>�Wir k�nnten es schaffen�, wiederholte der Sumpfmann, als h�tte er Skars Worte gar nicht geh�rt. Ein eigenartiger Ausdruck von Spannung lag auf seinen Z�gen.</p><p>Skar setzte zu einer scharfen Entgegnung an, aber ein weiterer Blick in Yar-gans Augen lie� ihn verstummen. Er wu�te pl�tzlich, da� der Sumpfmann auf alles vorbereitet war, was er sagen k�nnte, die Antwort auf jede Frage, jedes Argument schon parat hatte, ehe er es aussprechen w�rde. Statt der w�tenden Antwort, die ihm auf der Zunge gelegen hatte, drehte er sich herum und sah nachdenklich an dem schmalen Felsg�rtel entlang, der das Wasser des Hafenbeckens s�umte. Die Gestalten der M�nner unten auf den Schiffen wirkten winzig wie Spielzeuge. Einige von ihnen sahen zu ihm und Yar-gan hinauf. Ihre Gesichter waren nicht mehr als helle Farbflecke gegen das schwarze Holz der versteinerten Planken. Es war schwer, in dieser gewaltigen H�hle Entfernungen zu sch�tzen, noch dazu von ihrem erh�hten Standpunkt aus, aber es konnten kaum mehr als zwei Meilen sein.</p><p>�Und dann?� Skar deutete mit einer Kopfbewegung auf das offene Meer hinaus. Der Dronte war von hier oben aus deutlicher zu erkennen. �Willst du schwimmen, oder hoffst du, da� wir dort drau�en ein Schiff finden - als Geschenk der G�tter gewisserma�en?�</p><p>Yar-gan ignorierte seinen bei�enden Tonfall. �Die K�ste ist un�bersichtlich�, antwortete er ernsthaft. �Er kann unm�glich Jagd auf einzelne M�nner machen. Wenn wir uns verteilen, dann haben ein paar von uns eine Chance durchzukommen.�</p><p>�Und zu erfrieren�, f�gte Skar hinzu.</p><p>Yar-gan wollte auffahren, aber Skar brachte ihn mit einem eisigen Blick zum Verstummen. �Ich werde nicht mehr weglaufen, Yar-gan�, sagte er ruhig.</p><p>Der Sumpfmann starrte ihn an. �Was hei�t das?� fragte er lauernd. �Ich habe nachgedacht, Yar-gan. �ber vieles.� Skar deutete auf den Dronte. <emphasis>T�uschte er sich, oder war er bereits n�her gekommen? </emphasis>�Wir k�nnen nicht ewig vor ihm fliehen, weder vor ihm noch vor Helth. Fr�her oder sp�ter wird er uns stellen.�</p><p>�Sp�ter ist mir lieber�, knurrte Yar-gan. �Diese H�hle ist eine Todesfalle, Skar. Eine einzige Breitseite seiner Feuerkatapulte reicht, sie in einen Vulkan zu verwandeln.�</p><p>�Wenn er das wollte, h�tte er es schon hundertmal tun k�nnen�, widersprach Skar heftig. Er wu�te selbst nicht, warum - aber Yar-gans logische �berlegung lie� Zorn in ihm aufsteigen. Dabei sp�rte er ganz genau, da� es nichts als die ganz pers�nliche Art des Sumpfmannes war, mit der scheinbaren Ausweglosigkeit ihrer Situation fertig zu werden. Er hatte Angst, und er tat das einzige, was er konnte, um sie zu bek�mpfen: er dachte logisch, analysierte ihre Lage und ihre M�glichkeiten und versuchte, einen Ausweg zu finden. Und er war hier, weil er auf seine kalte logische Art eine M�glichkeit gefunden zu haben glaubte. Aber sie war falsch.</p><p>�Und was willst du tun?� fragte Yar-gan ruhig.</p><p>�Das gleiche wie du�, antwortete Skar. �Warten. Wir bleiben hier und warten.�</p><p>�Auf wen?� fragte Yar-gan. �Auf Helth? Auf den Dronte?�</p><p>�Auf wen wartest du?�</p><p>Yar-gan machte eine �rgerliche Handbewegung. �Auf niemanden, Skar. Ich bin hierher gekommen, um nach einem Ausweg zu suchen. Ich -�</p><p>�Hast du ihn gefunden?� unterbrach ihn Skar.</p><p>�Nein. Dieser Gang f�hrt ins Nirgendwo. Zur�ck nach Cor-ty-cor. Aber es gibt viele solcher Stollen. Wir werden einen Weg aus dieser Falle finden.�</p><p>�Warum sagst du nicht <emphasis>ihr, </emphasis>Yar-gan�, sagte Skar ruhig. �Das ist es doch, was du meinst. Die Geschichte, die du den M�nnern erz�hlt hast, mag sie t�uschen, aber mich nicht. Du hast nicht vor, uns zu begleiten.�</p><p>Yar-gan starrte ihn an, sagte aber nichts. Er wirkte unsicher.</p><p>�Du wartest auf Helth�, fuhr Skar nach einer sekundenlangen Pause fort.</p><p>�Und wenn?� Yar-gans Frage klang trotzig. Aber es war gar nicht mehr seine Stimme, und Skar begriff best�rzt, da� es auch nicht mehr Yar-gan war, mit dem er sprach, sondern <emphasis>Del.</emphasis></p><p>�Es w�re ein sinnloses Opfer�, antwortete er. �Sinnlos und dumm dazu. Helth wird es nicht wagen, uns anzugreifen, solange wir zusammenbleiben. Du tust ihm nur einen Gefallen, wenn du dich ihm allein stellst.�</p><p>�Glaubst du?� fragte Yar-gan sp�ttisch.</p><p>�Ich <emphasis>wei� </emphasis>es�, entgegnete Skar, pl�tzlich wieder zornig. �Was glaubst du zu erreichen, wenn du ihm Gelegenheit gibst, uns einen nach dem anderen auszuschalten, du Narr?�</p><p>�Vielleicht Zeit�, sagte Yar-gan ruhig. �Vielleicht die Zeit, die ihr braucht.� Er sch�ttelte den Kopf. �Mein Entschlu� steht fest, Skar. Ich bleibe. Er ist irgendwo in der N�he, und ich sp�re, da� er diesen Weg nehmen wird. Ich werde mich ihm stellen.�</p><p>�Er ist st�rker als du�, behauptete Skar. �Hast du den Kampf schon vergessen? Es h�tte nicht viel gefehlt, und er h�tte dich get�tet.�</p><p>�Das war etwas anderes. Ich war �berrascht, und ich hatte keine Gelegenheit, meine Kr�fte zu sammeln und einzusetzen. Vielleicht besiegt er mich trotzdem, aber nur vielleicht.�</p><p>�Und vielleicht auch nicht�, versetzte Skar. �Aber falls er dich <emphasis>vielleicht </emphasis>doch schl�gt, dann bist du <emphasis>vielleicht </emphasis>tot, Yar-gan.�</p><p>�Du sprichst nicht mit Del�, antwortete der Sumpfmann trotzig. �Der Tod schreckt mich nicht, Skar. Er bedeutet f�r mich nicht dasselbe wie f�r euch.�</p><p>Skar schlug zornig die flache Hand gegen die Felswand. �Was du mit deinem Leben machst, ist mir gleich, Yar-gan�, antwortete er aufgebracht. �Aber du bist kein unbeteiligter Zuschauer, der gehen kann, wenn es ihm beliebt. Ich kann es mir nicht leisten, dich zu verlieren. Solange wir beide am Leben sind, haben wir eine Chance. Ich brauche dich! Und ich verlasse mich nicht darauf, da� du <emphasis>vielleicht </emphasis>st�rker bist als Helth. Ich will dieses verdammte Monster genauso gerne umbringen wie du, aber wir werden warten, bis sich eine bessere Gelegenheit ergibt.�</p><p>�Dazu ist keine Zeit�, widersprach Yar-gan erregt. �Begreifst du denn nicht, Skar? Er hat uns in Ruhe gelassen, solange das Kind noch nicht geboren war, das stimmt - aber was denkst du dir denn, <emphasis>warum </emphasis>? Weil er uns <emphasis>gebraucht </emphasis>hat, Gowenna, dich und mich. Jetzt wird er kommen und sich holen, was er haben will.�</p><p>�Dann erwarten wir ihn�, antwortete Skar w�tend. �Aber unten auf dem Schiff, nicht hier.�</p><p>�Wovor f�rchtest du dich eigentlich, Skar?� fragte Yar-gan. �Um wen hast du Angst? Um mich - oder um Del?� Er lachte, aber der Laut klang fast absto�end in Skars Ohren. �Del lebt�, fuhr er fort. �Und er wird auch weiterleben, wenn mir etwas zusto�en sollte. Du brauchst keine Angst um ihn zu haben, wenn es das ist, Satai.�</p><p>Seine Worte taten weh. Skar starrte in hilflosem Zorn den Sumpfmann an. F�r einen Moment war er kurz davor, sich auf ihn zu st�rzen und mit F�usten auf ihn einzuschlagen. Aber nat�rlich tat er es nicht. Es w�re genau das gewesen, was der Sumpfmann erreichen wollte. �Geh jetzt!� fuhr Yar-gan fort. �Geh zur�ck zu Gowenna und deinem Kind und besch�tze sie. Ich komme schon allein zurecht.� Skars H�nde begannen zu zittern. M�hsam drehte er den Kopf und starrte aus brennenden Augen aufs Meer hinaus. Der Dronte <emphasis>war </emphasis>n�her gekommen. Das gewaltige f�nfeckige Hauptsegel bl�hte sich, und Skar konnte die schaumigen wei�en Streifen rechts und links seines Rumpfes erkennen, wo die Ruder in raschem Takt ins Wasser klatschten und ihm zus�tzliche Geschwindigkeit verliehen. Er kam n�her; viel, viel schneller, als Skar geglaubt hatte.</p><p>Auch Yar-gan hatte es bemerkt. �Geh jetzt�, sagte er noch einmal. �Wenn du zu lange z�gerst, dann wird das, was ich hier tue, umsonst sein. Aber die Schuld daran trifft dann dich!�</p><p>Aus dem Stollen wehte ein leises, boshaftes Lachen zu ihnen heraus. Skar erstarrte f�r eine halbe Sekunde, fuhr dann mit einer blitzschnellen Bewegung herum und ri� das Schwert aus dem G�rtel.</p><p>Aber Yar-gan war schneller. Seine Hand zuckte hoch, legte sich wie eine st�hlerne Klaue um Skars Handgelenk und dr�ckte seinen Arm herunter. Gleichzeitig dr�ngte er ihn zur�ck, auf die Wand und den Ausgang zu. Skar versuchte verzweifelt, ihm Widerstand zu leisten, aber der Sumpfmann schob ihn so m�helos zur Seite, als w�re er ein kraftloses Kind. Er hatte vergessen, <emphasis>wie </emphasis>stark die Bewohner der gr�nen H�lle Coshs waren.</p><p>Erneut ert�nte dieses leise, meckernde Lachen, dann h�rte Skar Schritte, die irgendwie m�hsam klangen und von einem Ger�usch begleitet wurden, als w�rde ein St�ck nassen Leders �ber Felsen geschleift. Ein Schatten erschien vor der gekr�mmten Tunnelwand. �Sehr gut�, lobte Helth sp�ttisch. �Bravo. Es tut mir beinahe leid, da� ich euch nicht l�nger zusehen kann.� Seine Stimme klang r�chelnd und war kaum zu verstehen, und hinter Skars Stirn blitzte die irrsinnige Erkenntnis auf, da� es sich mit zerschnittenen Stimmb�ndern nicht sehr gut sprach.</p><p>�Ich sollte euch mehr Zeit geben�, fuhr der Vede fort. �Vielleicht w�rdet ihr euch dann gegenseitig umbringen. Aber leider bleibt mir nicht sehr viel Zeit.� Seine Stimme wurde hart. �Und euch auch nicht.�</p><p>Skar unterdr�ckte im letzten Moment einen Schrei, als Helth n�her kam und ins Licht trat. Der Vede hatte sich auf grauenhafte Weise ver�ndert, schlimmer, viel, viel schlimmer als beim ersten Mal, als sie ihm wieder begegnet waren. Seine Haut war schwarz und tot, nichts als abgestorbenes Gewebe, von tiefen, zerfransten Kratern zerfurcht und faulig. Dels <emphasis>Shuriken </emphasis>hatte eine grausame Wunde in seinen Leib gerissen und ihn ge�ffnet; ein handgro�er Fleischfetzen hing herunter wie ein schwarzer Lappen und erzeugte bei jedem Schritt das schreckliche patschende Ger�usch, das Skar geh�rt hatte, und sein Sch�del war waagerecht bis in die Mitte gespalten, die Augen leer, blutige blinde L�cher, hinter denen schwarzer Nebel zu wogen schien. Von einem Teil seines linken Arms war das Fleisch gefallen; die Hand und der Oberarm bis zum Ellbogen waren noch erhalten, dazwischen sah Skar nichts als blanken, schwarz gewordenen Knochen. <emphasis>Wieso lebt er noch? </emphasis>dachte er entsetzt. <emphasis>WIESO LEBT ER NOCH!?</emphasis></p><p>Yar-gan atmete h�rbar ein, lie� seine Hand los und trat der furchtbaren Erscheinung einen Schritt entgegen, blieb aber sofort wieder stehen. Seine H�nde zitterten, und Skar konnte sehen, wie sich seine Muskeln unter dem Stoff seines Mantels spannten. Selbst dieser eine Schritt schien ihn unendliche �berwindung gekostet zu haben. <emphasis>�Daij-djan�, </emphasis>fl�sterte er. �Du bist...�</p><p>Die grausame Karikatur eines menschlichen Grinsens verzerrte die gespaltenen Lippen des Veden. �Es hat lange gedauert, bis du es gemerkt hast, Bruder�, kicherte er. �F�r eine Weile habe ich schon gef�rchtet, du w�rdest unwissend sterben.� Erneut kam seine Art zu reden Skar falsch und v�llig unnat�rlich vor. Er hatte seine Menschlichkeit nicht nur �u�erlich verloren. Das Ding, das ihn beherrschte, versuchte menschliches Verhalten nachzuahmen, aber es gelang ihm nur sehr mangelhaft. Seine Lippen bewegten sich nicht beim Sprechen, die Worte schienen eher irgendwo in seiner Brust zu entstehen als in seinem Kehlkopf.</p><p>Helth machte einen Schritt auf den Sumpfmann zu und duckte sich ein wenig. Seine Arme pendelten lose vor dem K�rper; die H�nde �ffneten sich und sahen pl�tzlich aus wie t�dliche Raubvogelklauen. Yar-gan spannte sich. Sein Atem ging pl�tzlich ganz ruhig. Er wich ein winziges St�ck zur�ck, spreizte leicht die Beine, suchte auf dem unsicheren Boden nach festem Stand und machte seltsame, flatternde Bewegungen mit den H�nden vor der Brust.</p><p>�Du willst wirklich k�mpfen?� fragte Helth sp�ttisch. �Du wei�t, da� du keine Chance hast, einen Kampf gegen mich zu �berleben, Bruder. Warum gibst du nicht auf? Und du -� Er hob den Kopf und starrte Skar aus seinen leeren schwarzen Augenh�hlen an, �- Satai? Gebt mir, was ich haben will, und ihr k�nnt gehen. Euer Leben bedeutet mir nichts.�</p><p>Skar erwachte endlich aus seiner Erstarrung. Mit einer w�tenden Bewegung stie� er sich von der Wand ab, packte sein Schwert mit beiden H�nden und trat neben den Sumpfmann. �Aber mir�, sagte er leise. �Du -�</p><p>Der Sto� kam so schnell, da� Skar die Bewegung nicht einmal sah. Yar-gans Hand traf ihn mit grausamer Wucht gegen die Brust, trieb ihm die Luft aus den Lungen und lie� ihn haltlos gegen die Wand taumeln.</p><p>�Verschwinde, Skar�, zischte der Sumpfmann. �Flieh! Ich versuche ihn aufzuhalten!�</p><p>Helth schrie w�tend auf und warf sich mit einer �bermenschlich schnellen Bewegung auf den Sumpfmann. Yar-gan tat so, als w�rde er zur�ckweichen, trat pl�tzlich mit einem �berraschenden Schritt zur Seite und lie� den Veden �ber sein vorgestrecktes Bein stolpern. Seine Linke krachte in Helth' Nacken, w�hrend er mit der anderen Hand sein Schwert zog und zu einem t�dlichen Hieb ausholte.</p><p>Aber sein Gegner war mindestens ebenso schnell wie er. Er stolperte zur�ck, versuchte aber nicht, den Sturz abzufangen, sondern warf sich im Gegenteil noch weiter nach vorne, kam mit einer eleganten Rolle auf die F��e und gleichzeitig aus der Reichweite von Yar-gans Schwert. Die Klinge zischte wirkungslos durch die Luft.</p><p>Der Kampf dauerte nur wenige Sekunden. Skar beobachtete die beiden ungleichen Gegner mit einer Mischung aus Schrecken und morbider Faszination. Er konnte nicht im einzelnen erkennen, <emphasis>was </emphasis>Yar-gan und Helth taten; ihre Bewegungen waren so schnell, da� sie im grauen D�mmerlicht selbst zu huschenden Schatten zu werden schienen. Yar-gan versuchte Helth mit seinem Schwert zu treffen, aber der Vede wich immer wieder im letzten Moment zur Seite oder zur�ck und schlug die Klinge ein paarmal sogar mit der nackten Hand beiseite. Der rasiermesserscharfe Stahl hinterlie� tiefe Schnitte in seinem Fleisch, aber der Vede schien keinen Schmerz mehr zu sp�ren. Und dann war es vorbei. Helth tauchte mit einer blitzschnellen Bewegung unter einem Hieb Yar-gans hindurch, h�mmerte ihm die geballten F�uste vor die Brust und trat gleichzeitig nach seinem Knie. Yar-gan taumelte, fiel gegen die Wand und rutschte mit haltlos rudernden Armen an dem feuchten Fels zu Boden. Helth schrie; laut, triumphierend und so schrill, da� Skar schmerzhaft die H�nde gegen die Ohren schlug, ein Laut wie der Schrei einer �bergro�en Grille, nicht wie der eines Menschen. Yar-gan w�lzte sich zur Seite; seine Bewegungen waren deutlich langsamer und schwerf�lliger als bisher, kaum noch schneller als die eines Menschen, dachte Skar erschrocken. Er stand auf, blieb eine halbe Sekunde taumelnd und nach Atem ringend stehen und hob sein Schwert zu einem weiteren Schlag.</p><p>Diesmal wich Helth dem Hieb nicht mehr aus, sondern fing die Waffe mit der blo�en Hand auf. Seine Hand zerfiel unter dem Bi� der Klinge zu davonwirbelnden grauen Flocken, aber unter dem toten Fleisch kam kein Knochen zum Vorschein, sondern etwas Schwarzes, Glitzerndes, eine f�rchterliche dreifingrige Klaue aus gl�nzendem Horn oder Chitin, die sich in einer fast spielerischen Bewegung um die Schwertklinge schlo� und sie zerbrach.</p><p>Yar-gan stie� ein ungl�ubiges Keuchen aus, prallte zur�ck und starrte auf den zersplitterten Stumpf des Schwertes. Seine Augen weiteten sich. Helth griff abermals an. Sein Arm traf den Yar-gans und schmetterte ihn beiseite; der Schwertstumpf klirrte zu Boden, und der Sumpfmann taumelte abermals gegen die Wand. Helth' Faust ballte sich zum t�dlichen Hieb.</p><p><emphasis>�DEL!� </emphasis>Skars Stimme �berschlug sich. Er schrie, warf sich nach vorne und trieb den Veden allein durch die ungest�me Wucht seines Anpralls von seinem Opfer zur�ck. Helth taumelte; sein Hieb ging ins Leere, und f�r eine halbe Sekunde k�mpfte er sichtlich um sein Gleichgewicht. Skar setzte ihm nach, stie� ihm die flachen H�nde in die Seite und versuchte, nach seinem Standbein zu treten, um ihn vollends zu Boden zu schleudern. Helth fegte seinen Fu� beiseite und schlug ihn mit der anderen Hand vor die Brust.</p><p>Skar ging mit einem erstickten Schrei zu Boden. Ein unertr�glicher Schmerz raste durch seinen K�rper und l�hmte sein Atemzentrum. In einer Bewegung, die mehr Reflex als bewu�tes Handeln war, stemmte er sich auf die Knie, verkrampfte die H�nde vor der Brust und sank abermals nach vorne. F�r einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen. Wie durch einen blutigen Schleier sah er Helth' Fu� auf sich zurasen, drehte den Kopf zur Seite und hob in einer schw�chlichen, langsamen, viel zu langsamen Abwehrbewegung den Arm. Helth' Fu� traf nicht sein Gesicht, sondern streifte nur seine Schl�fe, aber schon diese fast fl�chtige Ber�hrung reichte, Skar hoch- und zur�ckzurei�en und meterweit durch den Stollen zu schleudern. Er �berschlug sich, prallte gegen Felsen und Eis, sein Gesicht schrammte mit grausamer Wucht �ber rauhen Stein, dann krachte er gegen die Wand und lag still. Der Schmerz verebbte. Er bekam wieder Luft, aber gleichzeitig brodelte schwarze Bewu�tlosigkeit wie ein bet�ubender Nebel in seine Gedanken. Er versuchte sich hochzustemmen, aber seine Arme waren kraftlos und schwach.</p><p><emphasis>�Stirb, Satai!� </emphasis>kreischte Helth' verzerrte, unmenschliche Stimme. Skar hob m�hsam den Kopf und sah den Veden auf sich zukommen, die H�nde zu asymmetrischen, gierigen Klauen ge�ffnet, seine Gestalt wirkte verzerrt und verdreht, auf unm�gliche Weise zusammengestaucht <emphasis>und falsch, </emphasis>und er war nicht sicher, ob es nur die Schw�che und die Schmerzen waren, die seinen Blick verschleierten. �Stirb, Satai�, kr�chzte Helth noch einmal. �Fahr zur H�lle!� Seine Stimme bebte vor Ha�, dem gleichen abgrundtiefen Ha�, den er Skar vom ersten Tag an entgegengebracht hatte. Er war nicht mehr Helth und schon gar nicht mehr Mensch, aber etwas von seinem Ha� war auf dieses <emphasis>Ding, </emphasis>in das er sich verwandelt hatte, �bergegangen, ein winziger Teil des alten Helth lebte noch. Mit einem irrsinnigen Kreischen zerrte er Skar auf die F��e, schleuderte ihn gegen die Wand und rammte ihm das Knie in den Leib. Skar kr�mmte sich, aber Helth ri� ihn abermals hoch, warf ihn gegen die Wand und schlug nach seinem Gesicht. Ein Schatten tauchte hinter dem Veden auf, umschlang seinen Oberk�rper mit den Armen und hob ihn wie ein Spielzeug in die H�he. Helth br�llte vor Zorn und Wut, schlug sinnlos in die leere Luft und strampelte mit den Beinen. Yar-gan ri� ihn herum, stemmte ihn mit einer gewaltigen Kraftanstrengung noch h�her und verst�rkte gleichzeitig den Druck seiner Arme. Skar konnte nicht mehr richtig sehen; Blut verschleierte seinen Blick, und er nahm nur noch Schatten und tanzende Schemen wahr, aber er h�rte, wie Helth' Rippen unter dem gnadenlosen Druck nachgaben und brachen. Helth schrie, und diesmal war es ein Laut des Schmerzes.</p><p>�Lauf, Skar!� keuchte der Sumpfmann. Seine Stimme war ein heiseres Kr�chzen, verzerrt vor Anstrengung und Furcht. Er drehte sich, Helth wie in einer grausigen Umarmung an sich gepre�t, schleuderte den Veden hin und her wie eine Katze eine gefangene Ratte und versuchte so zu verhindern, da� er die Beine auf den Boden bekam und seine unnat�rliche Kraft voll zum Einsatz bringen konnte. Seine Muskeln <emphasis>(Dels Muskeln!!) </emphasis>spannten sich wie dicke knorpelige Stricke unter der Haut. Aus seinem Mund lief Blut.</p><p>�Lauf endlich, du... Idiot!� keuchte er. Helth begann wie ein Irrsinniger zu toben. Dels Umarmung hielt, aber unter den zerbrochenen Rippen des Veden mu�te etwas sein, das h�rter als Stahl war. Seine linke Hand krallte sich in Dels Mantel und ri� tiefe blutige Wunden in sein Fleisch. Del schrie, warf sich zur�ck und ri� Helth erbarmungslos mit sich. Der Vede b�umte sich auf. Sein K�rper spannte sich wie eine Feder, kr�mmte sich auf ganz und gar unm�gliche Weise und entspannte sich wieder mit einem h�rbaren, krachenden Laut. Dels Griff lockerte sich nur f�r den Bruchteil einer Sekunde, aber dieser winzige Zeitraum gen�gte dem Veden. Mit einer letzten, gewaltigen Kraftanstrengung sprengte er die t�dliche Umarmung des Sumpfmannes vollends, st�rzte sich zu Boden und fuhr mit einem w�tenden Zischen herum. Seine Arme zuckten hoch. Seine rechte, menschliche Hand verkrallte sich in Dels Kehlkopf und zermalmte ihn, die andere holte aus, traf seinen Sch�del und schleuderte ihn zur�ck, die gekr�mmten Hornklauen bohrten sich wie t�dliche Dolche tief in sein Gesicht. Es war das zweiten Mal, da� er Del sterben sah, und irgendwo in Skar zerbrach etwas.</p><p>Er schrie, so hoch und spitz und laut, da� der Ton einen grellen Schmerz durch seinen Sch�del jagte, und er sp�rte, wie das <emphasis>Ding </emphasis>in seinem Inneren den Schrei annahm und erwiderte, wie es aus seinem Versteck in den finsteren Abgr�nden seiner Seele emporquoll wie ein Sturmwind, aber diesmal wehrte er sich nicht, sondern lie� es geschehen, registrierte, wie es seine Gedanken und seinen Willen davonfegte, seinen K�rper in eine Puppe verwandelte und mit einem einzigen, schmerzhaften Schlag Besitz von ihm ergriff. Er sprang auf, b�ckte sich nach seinem Schwert, warf sich nach vorne und rollte �ber die Schulter ab, auf Helth zu und an ihm vorbei, trat ihm die Beine unter dem Leib weg und sprang abermals hoch, alles in einer einzigen, flie�enden Bewegung, erf�llt von einer Kraft, die so gro� war wie die seines Gegners und vielleicht gr��er.</p><p>Und so finster.</p><p>Helth fiel, stemmte sich hoch und griff mit seiner schrecklichen linken Klaue nach ihm, aber seine Reaktionen erschienen Skar mit einem Male l�cherlich langsam. Fast spielerisch wich er aus, fegte Helth' Arm mit einem Tritt zur Seite und schlug ihm mit einem einzigen gewaltigen Hieb seines Schwertes den Kopf von den Schultern.</p><p>Eine halbe Sekunde lang blieb Helth in einer grotesken, kauernden Stellung hocken, dann kippte er langsam nach vorne und zur Seite und blieb reglos liegen.</p><p>Aber nur f�r einen Moment.</p><p>Irgend etwas geschah mit seinem K�rper. Das Licht reichte nicht aus, um zu erkennen, was, und vielleicht w�re es auch im hellen Sonnenlicht nicht zu erkennen gewesen, weil es etwas absolut Fremdes war, das nicht auf diese Welt und nicht in dieses Universum geh�rte, etwas, das sich dem menschlichen Begriffsverm�gen entzog und von dem nur ein schwacher Schatten sichtbar war, ein winziger Zipfel des wirklichen Geschehens, das aus den Dimensionen der Alptr�ume und des Wahnsinns stammen mochte. Er ver�nderte sich, schrumpfte, begann sich auf unm�gliche Weise in sich zu drehen und zu winden, das Fleisch begann zu verdorren, da und dort zu zerlaufen wie eine braunschwarze, z�he Masse. Helth' Leib zuckte, wand sich hier- und dahin, kroch wie ein schwarzer blinder Wurm �ber den Boden, eine Spur aus Finsternis und zerbr�ckelndem totem Fleisch hinter sich lassend. Sein Brustkorb platzte auseinander, gab den Blick auf die darunterliegende H�hlung und das <emphasis>Etwas </emphasis>frei, das darin herangewachsen war wie ein Parasit, der seinen Wirt allm�hlich von innen heraus aufgefressen und ausgeh�hlt hatte, etwas Schwarzes, K�ferartiges mit d�nnen Spinnenbeinen und -armen, kopflos und gl�nzend wie lackiertes Eisen, umgeben von einer Aura finsterer Macht und Fremdheit, b�se, b�se, b�se...</p><p>Skar stand wie gel�hmt da und starrte aus ungl�ubigen geweiteten Augen auf das unglaubliche Bild. Das Ding in Helth bewegte sich nicht wirklich, aber es lag auch nicht wirklich still, sondern tat irgend etwas dazwischen, das sein Gehirn nicht richtig erfassen und verarbeiten konnte. Es schien zu zucken wie ein Schmetterling, der noch nicht die Kraft hatte, seinen Kokon vollends abzustreifen und die Schwingen zu entfalten, aber Skar sp�rte, wie seine Macht wuchs, mit jeder Sekunde, jedem Atemzug. Er konnte es noch immer nicht richtig erkennen, und er war dankbar daf�r.</p><p>Das Schwert entglitt seinen H�nden. Er f�hlte, wie die Kraft aus ihm wich, wie sein Dunkler Bruder zur�ckprallte und floh, wie ein Tier vor dem Feuer flieht, t�dlich verwundet durch die fl�chtige Ber�hrung der finsteren Aura, die das Ungeheuer umgab. Velas Worte fielen ihm ein: <emphasis>�Sie versuchten, ein Wesen zu erschaffen, das gleicherma�en zu beiden Welten geh�rt.� </emphasis>Er st�hnte, wollte die F�uste ballen, aber selbst dazu fehlte ihm pl�tzlich die Kraft. Sein Dunkler Bruder und dieses Ding vor ihm waren gleich. Es war ein Teil <emphasis>ihrer </emphasis>Welt, den er in sich trug, das Erbe der Sternengeborenen, das seinen Vorfahren eingepflanzt worden war und das sie weitergegeben hatten -, das <emphasis>er </emphasis>jetzt an seinen Sohn weitergegeben hatte!! -, nicht das Erbe der Alten. Er war bereit gewesen, sein Leben zu opfern, um dieses Ding zu vernichten, den Kampf aufzugeben und sich seinem Dunklen Bruder f�r immer auszuliefern, der Preis daf�r, einmal, ein einziges Mal, seine volle Macht zu sp�ren und einsetzen zu k�nnen, aber selbst dieser letzte Ausweg war ihm verwehrt, er konnte die Kraft, den Fluch, mit dem er geschlagen war, nicht gegen ein Wesen einsetzen, das selbst Quell der gleichen Kraft war. Er hatte es versucht und sich ihrer bedient, aber es war nur ein kurzes Flackern gewesen, nicht mehr als ein Irrtum, ehe das Ungeheuer in ihm erkannte, da� der andere nicht sein Feind, sondern sein Herr war.</p><p>Wieder lief diese seltsame zuckende Nicht-Bewegung �ber Helth' geschundenen K�rper. Seine Klaue kratzte �ber den Fels, tastete in einer suchenden, unsicheren Bewegung hin und her. Das Ding in seinem Leib versuchte sich zu befreien, aber es war noch nicht stark genug. Skar wich mit einem halb erstickten Schrei zur�ck, als er sah, wie sich der zerfetzte Torso Zentimeter f�r Zentimeter in die H�he stemmte. Langsam, unsicher und schwankend kam der (wie hatte Yar-gan ihn genannt? <emphasis>Daij-djan?) </emphasis>hoch, blieb einen Moment wie eine groteske kopflose Marionette auf den Knien hocken und stand, wie von unsichtbaren F�den gezogen, auf. Seine H�nde zitterten suchend dicht vor seinem K�rper in der Luft.</p><p><emphasis>Er ist blind! </emphasis>dachte Skar. Die Verwandlung war noch nicht vollst�ndig abgeschlossen gewesen, das Ding noch auf Helth' Sinne angewiesen, um ihn zu sehen, zu h�ren und zu handeln. Die tastenden H�nde wiesen einen Moment in seine Richtung, glitten weiter und verharrten zitternd, suchend wie die F�hler von Insekten, machten kehrt und wiesen wieder auf ihn. Helth machte einen schwerf�lligen Schritt. Ein Teil seiner linken Schulter l�ste sich auf, darunter kam gl�nzendes schwarzes Horn zum Vorschein.</p><p>Der Anblick ri� Skar endg�ltig aus seiner Erstarrung.</p><p>Mit einem verzweifelten Satz wich er vor den tastenden H�nden zur�ck, duckte sich zur Seite und schob sich, den R�cken eng gegen die Wand gepre�t, auf das Tunnelende zu. Die d�rren Klauenh�nde folgten seiner Bewegung, aber sie taten es langsam, unsicher, hielten immer wieder an, suchten. Helth' K�rper klaffte auseinander wie ein loser Mantel, als er sich schwerf�llig umdrehte, aber Skar konnte das Ding in ihm noch immer nicht richtig sehen. Er wollte es auch nicht. Alles, was er wahrnahm, war etwas Dunkles, Horniges, eingeh�llt in ein Netz d�nner schwarzer F�den wie geschmolzener Teer.</p><p>Er war nicht mehr als f�nf, vielleicht sechs Schritte vom Ende des Stollens entfernt, aber sie schienen zu einer Ewigkeit zu werden. Helth folgte ihm, aber er wich immer wieder von der richtigen Richtung ab, tastete hierhin und dorthin, wie ein Tier, das Witterung sucht. Skars Angriff war zu fr�h gekommen, vielleicht nur Augenblicke, aber zu fr�h.</p><p>Skars Fu� stie� pl�tzlich ins Leere. Er blieb stehen, pre�te sich noch fester gegen die Wand und drehte den Kopf, um nach hinten sehen zu k�nnen. Die Wand fiel senkrecht hinter ihm in die Tiefe, f�nfzig Fu� weit auf beinharten Fels und t�dlich kaltes Wasser. Skar blieb f�r die Dauer von zwei, drei Herzschl�gen reglos stehen, ehe er sich vorsichtig auf die Knie sinken lie�. Helth kam n�her. Seine H�nde fuhren in beschw�rend anmutenden Gesten durch die Luft, und die Bewegung wirkte pl�tzlich ziellos. Skars linker Fu� glitt ins Nichts, rutschte ein St�ck an der glasglatten Wand hinab und fand die oberste Stufe der schmalen Felstreppe.</p><p>Er wu�te selbst nicht, woher er noch die Energie nahm, aber irgendwie schaffte er es, auch das andere Bein von seinem sicheren Halt zu l�sen und sich f�r einen Moment nur mit der Kraft seiner Arme an den eisigen Fels zu klammern. Er wollte schon erleichtert aufatmen, als Helth im gleichen Moment zu laufen begann, in dem Skar sein K�rpergewicht verlagert und Halt auf der schmalen Steinstufe gefunden hatte. Ein zischender, unmenschlicher Laut drang aus seiner Brust, vielleicht die Art, in der dieses Wesen seine Wut herausschrie. Seine Arme peitschten wie d�nne scharfe Waffen herab und hackten nach Skars Gesicht. Skar duckte sich, drohte das Gleichgewicht zu verlieren und warf sich mit einem verzweifelten Ruck herum und zur�ck. Helth' Klaue streifte seine Schulter und ri� einen handgro�en Stoffetzen aus seinem Hemd.</p><p>Skar lie� auch den letzten Rest von Vorsicht fahren und lief los. Die Stufen waren wie schmale glatte Spiegel unter seinen F��en, und der Abgrund zerrte mit unsichtbaren H�nden an ihm. Seine rechte Hand, mit der er sich an der Wand abst�tzte, war nach Sekunden zerschunden und blutig.</p><p>Vom Deck des Schiffes wehte ein vielstimmiger, entsetzter Schrei zu ihm hinauf. Skar blickte hastig nach hinten und sah, wie Helth gleich einer grotesken vierbeinigen Spinne hinter ihm aus dem Stollen kletterte, die oberste Stufe erreichte und mit traumwandlerischer Sicherheit hinter ihm herst�rmte.</p><p>Der Anprall ri� ihn von den F��en.</p><p>Er taumelte, der Boden kippte vor ihm in die H�he, und das Meer schien wie ein gewaltiges gieriges Maul nach ihm zu schnappen. Die vereiste Steinstufe rutschte unter seinen Stiefeln weg; die Treppe sch�ttelte ihn ab wie ein l�stiges Insekt. Skar griff instinktiv nach hinten, bekam Helth' Arm zu fassen und ri� ihn mit sich. Sie st�rzten. Skar sah das schmale Felsband am Fu�e der Wand wie eine steinerne Faust auf sich zurasen, versuchte sich noch im Sturz zu drehen und schlo� im letzten Moment die Augen.</p><p>Das Wasser des Hafenbeckens war wie eine Glasscheibe, durch die er aus f�nfzig Fu� H�he hindurchst�rzte. Ein grausamer Schlag traf seinen K�rper, trieb ihm die Luft aus den Lungen und f�llte seinen Mund mit Salzwasser. Er sank wie ein Stein, tief, unglaublich <emphasis>tief, </emphasis>schrammte �ber etwas Hartes, das unter der Wasseroberfl�che verborgen gewesen war und f�hlte, wie ihn die unsichtbare Faust der Str�mung ergriff und wieder nach oben dr�ckte. Er versuchte zu atmen, aber sein Kehlkopf verkrampfte sich, als Salzwasser statt Luft in seine Luftr�hre drang. Die Str�mung wirbelte ihn herum und h�mmerte aus allen Richtungen gleichzeitig mit unsichtbaren F�usten auf ihn ein, aber sie trug ihn auch weiter nach oben. Er brach durch die Wasseroberfl�che, versuchte zu atmen und wurde wieder herabgesogen, ehe er seine Lungen mit Luft hatte f�llen k�nnen.</p><p>Die K�lte begann ihn zu l�hmen. Skar ruderte verzweifelt mit den Armen, bekam irgendwie den Kopf �ber Wasser und sog gierig die Luft ein, aber er f�hlte, wie seine Glieder rasch und beinahe schmerzlos erstarrten. Er hatte nicht mehr die Kraft zu verhindern, da� er wieder mit dem Gesicht unter die Wellen geriet. Er schluckte Wasser. Rote und gr�ne Ringe begannen vor seinen Augen zu tanzen. Seine Beine waren taub, seine Haut ein Panzer aus Eis, der sich mit phantastischer Schnelligkeit in seinen K�rper hineinfra�, das letzte bi�chen Kraft aus ihm heraussaugte und ihn t�tete.</p><p>Pl�tzlich war in seinem Inneren W�rme, eine wohltuende, verlockende, unglaublich <emphasis>angenehme </emphasis>W�rme, die allen Schmerz und jeden Rest von Angst und Verzweiflung davonsp�lte. Seine Gedanken begannen sich zu verwirren. Es war der Tod. Das Ende. Er wu�te es, aber er wehrte sich nicht mehr. Alles, was er f�hlte, war ein schwaches Erstaunen dar�ber, da� es so angenehm war.</p><p>Irgend etwas klatschte neben ihm ins Wasser, tauchte in einer sprudelnden Wolke aus Luftblasen unter und stie� mit einer eleganten Bewegung wieder zu ihm hinauf, aber Skar beachtete es nicht mehr. Er merkte kaum, wie rauhe H�nde nach ihm griffen, ihn auf den R�cken drehten und auf das Schiff zuzogen.</p><p>Er verlor nicht das Bewu�tsein, aber er versank in einem D�mmerzustand zwischen Wachsein und Koma, in dem er alles, was um ihn herum vorging, weiter wahrnahm, aber nicht in der Lage war, die Eindr�cke richtig zu verarbeiten oder gar darauf zu reagieren. Die beiden Matrosen, die ihn aus dem Wasser gefischt hatten, wollten ihn unter Deck tragen, in den hinteren, geheizten Raum des Schiffes, aber Skar wehrte sich dagegen und machte ihnen irgendwie - mit Gesten und Kopfsch�tteln und leisen, erstickten Lauten - klar, da� er an Deck bleiben wollte, und so beschr�nkten sie sich darauf, ihn in einen windgesch�tzten Winkel vor dem Achteraufbau zu setzen und ihm die nassen Kleider vom Leibe zu ziehen und ihn trockenzureiben.</p><p>Er fieberte. Die H�nde, die �ber seinen K�rper strichen, ihn massierten und mit schmerzhafter Kraft das Leben in seine Muskeln zur�ckzwangen, taten weh, und die beiden M�nner erschienen ihm wie Folterknechte. Etwas ber�hrte seine Lippen, erst sanft, dann, als er nicht reagierte, mit gnadenlosem Druck, zwang seine Kiefer auseinander; eine bitter schmeckende, hei�e, unertr�glich hei�e Fl�ssigkeit f�llte seinen Mund und lief brennend in seine Kehle. Er hustete, kr�mmte sich voller Qual auf und k�mpfte mit aller Macht darum, die Augen offenzuhalten. Er war gefangen in einem schmalen, von Schatten und qu�lenden Visionen erf�llten Grenzbereich, zwischen Bewu�tsein und Schw�rze, und wenn er dazu f�hig gewesen w�re, h�tte er um den Tod gebettelt, geschrien, da� sie ihn in Ruhe sterben lassen sollten.</p><p>Seltsamerweise funktionierte sein Zeitgef�hl weiter. Ein Teil seiner Sinne war gest�rt, gel�hmt von der K�lte und der dumpfen Furcht, die sich wie ein schleichendes Gift in seinen Gedanken eingenistet hatte; die M�nner waren graue Schatten mit zerfaserten R�ndern, die Ber�hrung ihrer H�nde trotz der Schmerzen, die sie ihm zuf�gten, unwirklich, aber der andere Teil arbeitete daf�r mit einer seltenen Klarheit: Er h�rte jedes Wort, das an Deck gesprochen wurde, und er sp�rte die sanften, gleichm��igen Vibrationen, mit denen sich die Wellen an der Bordwand des versteinerten Schiffes brachen, mit jeder Faser seines K�rpers. Der Wind war k�lter geworden und fauchte mit ungebrochener Kraft in die gewaltige H�hle, und f�r einen Moment glaubte er den Dronte zu sehen, ein gewaltiges schwarzes Ungeheuer, das auf die H�hle zuscho�, das Feuer der H�lle hinter seiner Reling und das Segel gebl�ht von einem Sturm, den er selbst entfacht hatte. Er versuchte, sich zu bewegen. Seine Glieder gehorchten ihm, aber es war ein schmerzhafter, unglaublich m�hsamer Proze�. Er brauchte Minuten, um sich auf die Knie zu erheben, und seine ganze Kraft, um nicht erneut zur�ckzusinken. Ein weiterer Schatten erschien vor ihm, ein wenig grauer als die anderen, kleiner und schlanker, und als er sich mit der Hand �ber die Augen fuhr und die Tr�nen wegwischte, erkannte er Gowenna. Sie pre�te ein winziges, in grobe Wolldecken eingeschlagenes B�ndel an ihre Brust. �Was ist passiert, Skar?� fragte sie. �Wo ist Del?�</p><p>Skar stemmte sich weiter hoch und griff nach ihrer Schulter; sie wankte unter seinem Gewicht, fing sich aber sofort wieder und gab den M�nnern neben sich einen Wink. Skar wurde auf die Beine gehoben, stand einen Moment aus eigener Kraft und taumelte gegen den Mast. Allm�hlich kl�rte sich sein Blick, und die K�lte, die ihn bisher gel�hmt hatte, hielt ihn jetzt wach.</p><p>�Was ist geschehen?� fragte Gowenna noch einmal. Ihre Stimme war wie ein Schrei, zu dem ihr die Kraft fehlte.</p><p>�Tot�, murmelte Skar. Er konnte kaum sprechen. Seine Zunge war taub, und ein Teil seines K�rpers schien nicht mehr zu existieren. Er f�hlte seine H�nde, die rauhe Oberfl�che des Mastes in seinem R�cken, das Brennen seiner Gesichtshaut, sonst nichts. M�hsam hob er die H�nde vor das Gesicht und sah die grauen Flecken von Erfrierungen auf seiner Haut.</p><p>�Er ist... tot�, sagte er noch einmal. �Helth hat... hat ihn umgebracht.�</p><p>Gowenna fuhr sichtlich zusammen. Nat�rlich hatte sie es gewu�t, sie und jeder einzelne Mann an Bord, im gleichen Moment, in dem sie Skar allein aus der H�hle kommen sahen und das Spinnending hinter ihm, aber seine Worte schienen ihr den Schrecken erst richtig zu Bewu�tsein zu bringen.</p><p>�Helth...�, fl�sterte sie. Skar konnte ihr Gesicht nicht erkennen; sie trug noch immer den seidigen grauen Schleier, der nur ihre Augen frei lie�, aber er war sicher, da� sich ihre Lippen beim Sprechen nicht bewegten. Sie starrte ihn an, drehte sich wie unter einem inneren Zwang um und schaute in Richtung der H�hle. Skar folgte ihrem Blick.</p><p>Helth war nicht ins Wasser gest�rzt wie er. Sein K�rper lag am Fu�e der schmalen Steintreppe, verrenkt, zerrissen und zus�tzlich zerschmettert von dem f�nfzig Fu� tiefen Sturz.</p><p>Aber er lebte.</p><p>Er bewegte sich nicht, sondern lag vollkommen still, ein zusammengestauchtes, verdrehtes dunkles B�ndel, das nichts mehr mit einem menschlichen K�rper gemein hatte, und trotzdem war Leben in ihm, Leben oder etwas anderes, Finsteres. Er schien zu pulsieren, und etwas Dunkles, Unsichtbares kroch langsam �ber das schmale Felsband auf das Schiff zu.</p><p>�Bei allen...!� Gowennas Stimme versagte. Sie fuhr herum, so heftig, da� das Kind in ihren Armen erwachte und leise zu wimmern begann, starrte Skar aus weit aufgerissenen Augen an und wollte etwas sagen. Ihre Lippen zitterten unter dem d�nnen Schleier. Skar schien es pl�tzlich, da� die Haut rings um ihr verletztes Auge wieder glatt und unversehrt war. Aber nur f�r einen Moment. Dann verging die Illusion, und er sah wieder das erloschene blinde Auge und den erstarrten graubraunen Schmerz unter ihm. Es war nur Blendwerk. Aber sie waren am Ende aller T�uschung.</p><p>Skar l�ste sich langsam vom Mast, trat auf Gowenna zu und ber�hrte ihre Wange. Sein Blick streifte das Kind auf ihren Armen, und wieder versp�rte er dieses seltsame, fremde Gef�hl der Z�rtlichkeit. Wie beim ersten Mal schreckte er davor zur�ck, versuchte es zu verdr�ngen und wegzuleugnen, und wie beim ersten Mal sp�rte er, da� er es nicht konnte. Und gleichzeitig hatte er Angst. Eine so tiefe, schmerzende Angst wie selten zuvor in seinem Leben. Dieses Kind war weder gut noch b�se, sondern unschuldig und bereit, geformt zu werden, aber allein der Gedanke, wozu es einmal werden <emphasis>konnte, </emphasis>lie� ihn innerlich aufst�hnen. Und es gab nichts mehr, was sie dagegen zu tun in der Lage waren.</p><p>�Ich glaube�, begann er, ganz leise und so ruhig, wie er konnte, �diesmal haben wir verloren, Kiina.� Seine Hand glitt an ihrer Wange herab, fand die d�nne Spange, die den Schleier hielt, und l�ste sie. Es war undenkbar, hinter den Schleier der <emphasis>Margot </emphasis>zu blicken, ein todesw�rdiges Verbrechen allein der Gedanke daran, aber Gowenna lie� es geschehen, ohne sich zu wehren. Ihr Gesicht zuckte, und er sah, wie sie mit aller Macht gegen die Tr�nen ank�mpfte.</p><p>Sie benahmen sich immer noch wie die Kinder, dachte er. Beide. Gowenna und er. Sie belauerten sich gegenseitig, warteten auf ein Zeichen von Schw�che, nur um endlich selbst schwach sein zu d�rfen. �Gowenna�, murmelte er. �Ich -�</p><p>Sie hob die Hand, brachte ihn mit einer entschiedenen Geste zum Schweigen. �Nicht, Skar�, bat sie. In ihrem Auge glitzerte eine Tr�ne, ihre Stimme zitterte, aber sie war trotzdem fest. �Ich mag keine gro�en Abschiedsszenen�, fuhr sie fort. �Stell... stell dir vor, wie albern wir uns vorkommen m�ssen, wenn wir doch �berleben.� Sie versuchte zu lachen, aber es mi�lang kl�glich.</p><p>Skar drehte sich um und sah nach Westen. Der Dronte war da. Er war herangekommen, zehnmal so schnell, wie er gef�rchtet hatte, ein titanischer schwarzer Schatten, der sch�umend und lautlos auf die Hafeneinfahrt zuscho�. Das Segel war bis zum Zerrei�en gebl�ht, die schwarzen Ruder peitschten wie wirbelnde Insektenbeine das Wasser, und hinter seiner Bordwand gl�hte ein hellrotes, flackerndes H�llenauge.</p><p><emphasis>Etwas fehlt noch, </emphasis>dachte er. Es war noch nicht komplett, ein winziges Steinchen des Mosaiks fehlte noch, damit alles einen Sinn ergab. Eine seltsame, unnat�rliche Ruhe begann von den M�nnern Besitz zu ergreifen. Ihre Stimmen verklangen, eine nach der anderen, versickerten im Murmeln der Brandung und im Heulen des Windes, und Skar sp�rte ohne hinzusehen, wie sie stehenblieben, stumm und mit einer Ruhe, um die er sie f�r einen winzigen Moment beneidete, dem n�her kommenden Dronte entgegenstarrten. Ein paar H�nde griffen nach Schwert oder Schild, aber es waren nur leere Gesten. Sie wu�ten, da� es kein Entkommen mehr gab. Sie waren am Ende der Welt; es gab keinen Ort mehr, wohin sie sich fl�chten konnten.</p><p>Reglos sah er dem Dronte entgegen. Er wuchs heran, schnell, unglaublich schnell, sprang mit einem gewaltigen Satz aus dem Licht der Vormittagssonne hinein in die H�hle, wie ein bizarres Ungeheuer aus den Abgr�nden der Zeit, das Wasser pfl�gend und wei�e Gischt wie einen Schleier hinter sich herziehend, und Skar wu�te, da� Helth hinter ihnen erwachte, genau in diesem Moment, da sich das <emphasis>Ding </emphasis>in seinem Inneren regte, tastend, noch unsicher, aber endlich Herr seines K�rpers, endlich erwacht und im Vollbesitz seiner Kr�fte.</p><p>�Skar...� Gowennas Stimme bebte, brach. �Wir... wir m�ssen hier weg. Das Schiff wird explodieren, wenn... wenn er es trifft.�</p><p>Das H�llenfeuer hinter der Reling des Dronte begann heller zu lodern; eine winzige Sonne, die das Wasser mit roter und goldener Glut �berzog. Das schwarze Schiff scho� heran. Die Ruder hoben sich aus dem Wasser, bildeten einen Moment lang ein waagerechtes Spalier neben seinem Rumpf und senkten sich wieder, nur auf einer Seite und gegen den Takt, den sie bisher geschlagen hatten. Der Dronte zitterte, legte sich in einer schwerf�lligen, ungeheuer kraftvollen Bewegung auf die Seite und schwenkte herum, so scharf, da� sein Heck ein St�ck weit unter die Wasseroberfl�che gedr�ckt wurde und der Bug sich aufb�umte, so da� sie den langen, mit hornigen Widerhaken versehenen Rammsporn sehen konnten.</p><p>�Wir m�ssen hier weg!� keuchte Gowenna noch einmal. Ihr Gesicht war grau vor Furcht. Sie wich einen halben Schritt zur�ck und pre�te das Baby so fest an sich, da� es erneut zu schreien begann. �Die Schiffe werden brennen wie...�</p><p>�La� es sein, Gowenna�, unterbrach sie Skar leise. �Es hat keinen Sinn mehr.� Und in Gedanken f�gte er hinzu: <emphasis>Wenigstens wird es schnell geben.</emphasis></p><p>Er wandte sich um. Helth <emphasis>(Helth ??!) </emphasis>war aufgestanden. Sein K�rper war vollends zerfallen, das Ding, das in ihm herangewachsen war, hatte ihn abgestreift wie einen leeren, vertrockneten Kokon und war, nach Jahrtausenden, vielleicht Jahrmillionen, die es geduldig gewartet und gelauert hatte, zu neuem, eigenem Leben erwacht. War es das, dachte er matt, wogegen die Alten gek�mpft hatten? War dieses schwarze glitzernde Ding, das sich seinen Blicken immer noch auf geheimnisvolle Weise entzog, ein Sternengeborener, oder war es nur eine weitere Waffe, ein Diener wie der Dronte und die schwarzen Kolosse aus Tuan? Es fiel Skar schwer zu glauben, da� dieses Wesen, das nur aus Ha� und Vernichtungswillen zusammengesetzt war, wirklich ein Teil jener Rasse sein sollte, die St�dte wie Cor-ty-cor oder Urc�un erschaffen hatten, da� es �berhaupt wirklich <emphasis>lebte </emphasis>und nicht k�nstlich gemacht war: eine Waffe, ein Ding, das zum T�ten und Morden gut war und zu sonst nichts. Eigentlich nicht mehr als das Schwert an seiner Seite.</p><p>Die Kreatur richtete sich auf, schattig, finster und wabernd, in einen Mantel aus Furcht und Dunkelheit geh�llt. Sie war nicht gro�. Skar hatte Helth fast um Hauptesl�nge �berragt, und das Ding war noch ein gutes St�ck kleiner als der Vede, der es geboren hatte; trotzdem wirkte es auf unbestimmte Art gewaltig.</p><p>Irgendwo weit, weit unter ihm bewegte sich etwas. Skar l�ste seinen Blick von der Erscheinung, versuchte das Halbdunkel im hinteren Teil der H�hle zu durchdringen und glaubte etwas zu sehen, war sich aber nicht sicher. Ein wei�es Blitzen und Schimmern wie von Eis. Eis oder-<emphasis>�Satai! Errish!� </emphasis>Die Stimme war in ihren K�pfen, ein Ton wie ein Messer, der Skar und Gowenna und die M�nner wie unter Schmerzen aufst�hnen lie�, ein Echo aus einer Welt, die fremd und vor einer Million Jahren untergegangen war. <emphasis>�Das Spiel ist aus! Gebt mir, was mir zusteht, und ihr k�nnt gehen!�</emphasis></p><p>Das Blitzen wiederholte sich, kurz und hell, ein Lichtstrahl, der sich auf einer niedrigen Balkonbr�stung aus Eis brach und �ber die gigantischen, hoch aufgerichteten Gestalten dahinter strich. Gestalten aus Eis, die so fremd waren wie dieses schwarze Etwas dort unten und doch gleichzeitig vertraut. Skar wu�te, da� es unm�glich war, aber f�r einen Moment glaubte er, trotz der gro�en Entfernung ihre Gesichter zu erkennen, Gesichter, die jetzt vollst�ndig ausgebildet waren und ihn aus schimmernden gl�sernen Augen musterten. Eine Vision blitzte durch seine Gedanken, ganz kurz nur, aber so heftig, da� er erneut aufst�hnte: Er war noch einmal oben auf der Eismauer, sah die Flammen, die wie gierige rote H�nde zu ihm hinaufleckten, und erlebte noch einmal mit, wie Brad in die Tiefe gerissen wurde und mit dem brennenden Leib des Dronte verschmolz.</p><p><emphasis>�Satai!� </emphasis>st�hnte die Stimme in seinem Sch�del. <emphasis>�Eure Zeit ist um! Gebt mir das Kind!�</emphasis></p><p>�Hol es dir, du Bastard�, fl�sterte Skar.</p><p>Das Ungeheuer starrte ihn an. Es hatte keine Augen, aber Skar f�hlte, wie es ihn musterte, ihn durchdrang, bis in den verborgensten Winkel seiner Seele blickte und seine geheimsten Gedanken und W�nsche erkannte.</p><p><emphasis>�Wie du willst�, </emphasis>fl�sterte es. Und dann noch einmal, und so laut, da� die gewaltige H�hle unter den Worten zu zittern schien: <emphasis>�WIE DU WILLST, SATAI!�</emphasis></p><p>Skar wandte den Kopf. Der Dronte hatte seine Drehung vollendet und kehrte ihnen jetzt seine Breitseite zu. Sein schwarzer Leib schien im Rhythmus langsamer, schwerf�lliger Atemz�ge zu pulsieren. Etwas Dunkles, Fremdes und gleicherma�en beinahe erschreckend Vertrautes ber�hrte Skars Seele. Das schwarze Schiff zitterte. Seine Ruder senkten sich ins Wasser, um seinen Katapulten freie Schu�bahn zu gew�hren.</p><p>Helth stie� einen kr�chzenden Laut aus und hob die Arme. Seine dunkle Aura wuchs, raste wie eine schwarze Flutwelle auf das Schiff zu und erreichte die ersten M�nner. Neben ihm schrie Gowenna in nackter Todesangst auf, fiel auf die Knie und warf sich sch�tzend �ber das Kind.</p><p>Hinter der Reling des Dronte erwachte ein blutigrotes Auge zu flammendem Leben, stieg, sich wie eine feurige Knospe entfaltend und eine junge Sonne geb�rend, bis unter die H�hlendecke auf und senkte sich mit t�dlicher Zielsicherheit auf den <emphasis>Daij-djan </emphasis>herab.</p></section><section><title><p id="_30">30.</p></title><p>Der Dronte scho� mehr als ein Dutzend Breitseiten auf den Veden ab. </p><p>Der rote Feuerball am Fu�e der Felswand wuchs schon nach den ersten Treffern zu einer brodelnden, gelb und wei� glei�enden Halbkugel aus Licht und unertr�glicher Glut heran, und die Hitze steigerte sich binnen weniger Minuten so sehr, da� Skar und die M�nner zuerst zur�ck - und schlie�lich von den Schiffen heruntergetrieben wurden, um dem feurigen Atem des Dronte zu entgehen. Sie flohen den schmalen Felsg�rtel entlang auf die Hafenausfahrt zu, aber die Hitze holte sie ein, lie� das Eis rings um sie herum schmelzen und h�llte sie in einen Mantel aus W�rme und Rauch und dem Geruch brennender Felsen.</p><p>Sie legten fast eine Viertelmeile zur�ck, ehe Skar endlich das Zeichen zum Anhalten gab und die M�nner einer nach dem anderen ersch�pft zu Boden sanken. Auch Skar lie� sich keuchend gegen die Wand sinken, bettete die Stirn auf den Unterarm und rang einen Moment mit geschlossenen Augen nach Luft. Neben sich h�rte er Gowenna wimmern. Sie war auf die Knie gesunken; ihr Gesicht war verzerrt vor Schmerzen und Furcht, und auf dem R�cken ihres grauen Gewandes waren dunkle Brandspuren. Auch Skars Umhang war angesengt, und auf seinem Handr�cken war eine kleine, aber heftig schmerzende Brandblase.</p><p>Er drehte sich um, hob sch�tzend den Arm �ber die Augen und blinzelte in die grelle Glut. Auch die Schiffe waren in Flammen aufgegangen. Das steinharte Holz brannte wie Schie�pulver. Die schwarzen R�mpfe schienen hinter dem Vorhang aus waberndem wei�em Licht zu zucken und sich zu winden, und f�r einen winzigen Augenblick hatte Skar das bedr�ckende Gef�hl, dies alles schon einmal erlebt zu haben. Von dem Ding, in das sich Helth verwandelt hatte, war nichts mehr zu sehen; wo es gewesen war, brodelte eine wei�e, unertr�glich grelle Feuerkugel, eine k�nstliche Sonne, in deren Kern es hei� genug sein mu�te, selbst Stein zum Schmelzen zu bringen. Helth konnte nicht mehr leben.</p><p>Und trotzdem feuerte der Dronte weiter. Immer und immer wieder entluden sich seine Feuerkatapulte, schickten brodelnde Kugeln aus Licht und Tod auf die Reise und sch�rten das Inferno weiter; selbst als der Felsen schwarz wurde und zu bersten begann und das Wasser unter seinem Fu� im Widerschein hellroter Lava leuchtete. Dampf wallte hoch und versuchte den Blick auf die Szene zu verschleiern, aber die unaufh�rlichen Druckwellen der Explosionen fegten die Schwaden schneller auseinander, als sie sich neu bilden konnten.</p><p><emphasis>Raserei, </emphasis>dachte Skar. Das war kein geplanter, taktisch wohl �berlegter Angriff mehr, wie sie ihn von dem Dronte kannten, sondern eine Raserei, das Toben eines Wesens, das nach einer Ewigkeit des Wartens seinem Todfeind gegen�bersteht.</p><p>Er versuchte, die schimmernden Gestalten der beiden Eiskrieger am anderen Ende der H�hle auszumachen, aber das Meer aus Licht, das zwischen ihm und ihnen loderte, blendete zu sehr. Seine Augen begannen zu tr�nen. Er drehte sich um, ging in die Hocke und streckte die Hand nach Gowenna aus. Ihr Blick flackerte, irrte unstet zwischen dem Dronte und der lodernden Feuerkugel hin und her und bohrte sich schlie�lich in den seinen. Er sah, da� die Angst darin nicht erloschen, sondern nur einem neuen und vielleicht schlimmeren Schrecken gewichen war. Sie pre�te das Kind noch immer an sich, aber es war jetzt keine Geste des Schutzes mehr, sondern fast so, als w�rde sie sich an ihm festklammern, verzweifelt nach dem ersten lebenden Wesen greifend, das in ihrer N�he war.</p><p>Behutsam beugte er sich weiter vor und nahm ihr das Kind aus den Armen. Es schlief weiter, unber�hrt von all dem Schrecken, der es umgab, und f�r einen Moment sp�rte Skar fast so etwas wie Neid, Neid auf die kindliche Unwissenheit und Unschuld, die es noch hatte. Beides w�rde ihm nur zu fr�h genommen werden.</p><p>�Skar...�, murmelte Gowenna. �Was...�</p><p>�Jetzt nicht, Gowenna�, bat Skar leise. �Ich... erkl�re dir alles, sp�ter.� <emphasis>Soweit ich es selbst begreife, </emphasis>f�gte er in Gedanken hinzu. Soweit er den Mut haben w�rde, es zu begreifen. Sich einzugestehen, wie recht Gajan, der dunkelhaarige Mann aus der Besatzung der SHAROKAAN, gehabt hatte.</p><p>Er schlo� die Augen, atmete tief und h�rbar ein und richtete sich auf. Der warme Hauch des Feuers h�llte ihn ein und weckte wieder die Schl�frigkeit in ihm, und diesmal kostete es ihn seine ganze Kraft, ihr zu widerstehen, der fl�sternden Verlockung nicht nachzugeben und sich einfach auf den harten Fels sinken zu lassen, um einzuschlafen. Sein Blick glitt �ber die ausgemergelten Gestalten, die ihn und Gowenna umgaben. Wie viele waren es noch? Zwanzig? Nicht einmal zwanzig, dachte er bitter. Nicht einmal zwanzig von mehr als einem halben Hundert, die zusammen mit ihm losgezogen waren. Gajan hatte recht - er hatte versagt, wenn auch anders, ganz anders, als der Freisegler ahnen mochte. Er dachte an seine und Gowennas erste Begegnung mit den Eiskriegern, eine Million Meilen und Jahre entfernt am Ufer des eisigen Sees auf der anderen Seite der Insel, und der Schmerz in seiner Brust wurde schlimmer.</p><p>Waren sie wirklich alle gestorben, nur weil er zu blind - zu <emphasis>dumm - </emphasis>gewesen war, die Wahrheit zu erkennen?</p><p>Gowennas Hand legte sich auf seinen Unterarm. Ihre Haut war eisig, und er konnte f�hlen, wie ihr Puls jagte. M�hsam ri� er sich vom Anblick der Freisegler los, drehte sich halb herum und blickte in die Richtung, in die Gowenna wies.</p><p>Der Dronte hatte das Feuer eingestellt. Das rote Lodern hinter seiner Reling war erloschen. Sein Rumpf pulsierte noch immer, aber die Bewegung war jetzt langsamer, irgendwie schwerf�lliger und m�hsam. Ersch�pft.</p><p>�Skar - was... was geschieht hier?�</p><p>Skar antwortete auch diesmal nicht. Er versuchte zu l�cheln, aber seine Lippen waren taub und versagten ihm den Gehorsam. Er h�tte es wissen m�ssen, sp�testens in dem Moment, in dem er Helth oben in der H�hle gegen�berstand und seinen Ha� sp�rte, den Ha� des Dinges in ihm. Er war ein Teil des echten, urspr�nglichen Helth. Dieser zornige junge Narr hatte ihn geha�t, weil er ihm die Schuld f�r den Tod seines Vaters und seines Bruders gegeben hatte, und etwas von diesem Ha� - etwas von Helth - war mit ihm verschmolzen. Etwas, das �ber den Tod hinaus Bestand gehabt hatte. Der <emphasis>Daij-djan </emphasis>war zu einem gr��eren Teil Vede und Mensch gewesen, als er selbst gewu�t hatte.</p><p>O ja, er h�tte es wissen m�ssen. Zumindest Yar-gan h�tte er retten k�nnen, wenn er nicht so blind gewesen w�re.</p><p>Der Dronte bewegte sich, stemmte die Ruder ins Wasser und schwenkte, schwerf�llig und doch voller ungeheurer Kraft und Wildheit, herum. Der stumpfe Bug richtete sich auf Skar und die M�nner aus, und die Ruder schlugen mit einem m�chtigen, klatschenden Schlag ins Wasser. Er kam n�her, aber er tat es langsam, unendlich langsam und vorsichtig, als f�rchte er, die ver�ngstigten kleinen Wesen, auf die er zusteuerte, durch eine unbedachte Bewegung zu verschrecken.</p><p>�Er ist nicht unser Feind�, sagte Skar, als er den neuen Schrecken in Gowennas Augen sah. �Nicht mehr.� Und leise und nur f�r sich f�gte er hinzu: <emphasis>Schon lange nicht mehr.</emphasis></p><p>Gowenna starrte das n�her kriechende Schiff aus schreckgeweiteten Augen an. Ihre Lippen bebten. �Er...�</p><p>�Wir haben uns geirrt, Gowenna�, fuhr Skar leise fort. �Er ist nicht das, wof�r wir ihn hielten. Er ist nicht wirklich b�se.� <emphasis>Sowenig, wie das Kind in seinen Armen b�se war.</emphasis></p><p>Gowenna verstand nicht, und Skar sah, wie einige der M�nner in ihrer N�he die K�pfe hoben und ihn ansahen. Es kam ihm unpassend vor, in diesem Moment irgend etwas erkl�ren zu sollen, aber er fuhr trotzdem fort: �Er ist nicht mehr als ein Werkzeug, Gowenna. Eine Maschine, wenn du so willst.�</p><p>�Aber Helth -�</p><p>�Helth hat uns geha�t�, sagte er. �Mich, dich, Del - und ich glaube, sogar seine eigenen M�nner. Das Ding, das Besitz von ihm ergriffen hat, hat diesen Ha� geerbt.�</p><p>�Aber er war ein Teil des <emphasis>Dronte!� </emphasis>keuchte Gowenna.</p><p>�Und trotzdem war er er selbst�, antwortete Skar. Er sah auf, blickte dem Dronte entgegen und gewahrte, wie die gewaltigen, wei� schimmernden Gestalten hinter seiner Reling auftauchten. �Ein Teil von ihm lebte weiter�, sagte er, so leise, als w�ren die Worte nur f�r ihn selbst bestimmt und nicht f�r Gowenna und die M�nner. �Und <emphasis>er </emphasis>war es, der Gewalt �ber <emphasis>Daij-djan - </emphasis>ist das das richtige Wort?� Gowenna nickte, und Skar setzte von neuem an: �Er war es, der Gewalt �ber ihn erlangte, nicht umgekehrt. Etwas von ihm ist mit dem Ungeheuer verschmolzen.�</p><p>So wie etwas von seinem Bruder mit dem Dronte verschmolzen war. Es hatte gedauert, endlos lange gedauert, und Skar schauderte innerlich bei dem Gedanken an den lautlosen verbissenen Kampf, der sich in diesem gigantischen bizarren Wesen abgespielt haben mu�te. Aber letztlich hatte Brad gesiegt. Der Dronte war nicht mehr als ein Werkzeug, erschaffen von Wesen, die mit den Urkr�ften der Sch�pfung gespielt hatten, aber Brad hatte <emphasis>gelebt.</emphasis></p><p>Und am Schlu� hatte das Leben den Sieg davongetragen. So wie es am Ende immer gewinnen w�rde. Skar wu�te pl�tzlich, warum die Sternengeborenen untergegangen waren, trotz all ihrer Macht. Der Dronte w�rde weiter seine ruhelosen Kreise �ber die Weltmeere ziehen, aber der Schrecken der Ozeane war besiegt, f�r immer.</p><p>Gowenna starrte ihn an. Sie verstand nicht, aber das machte nichts. Er hatte Zeit, ihr alles zu erkl�ren, und sie hatte Zeit, es zu verstehen. Der Weg zur�ck nach Anchor war weit. Weit und kalt.</p><p>Er richtete sich auf, sammelte noch einmal Kraft f�r die letzten Schritte und ging dem Dronte entgegen. Die blitzenden Gestalten hinter seiner Reling blickten wie seelenlose Statuen auf ihn herab. Er sah in ihre Gesichter, und obwohl er genau wu�te, da� es unm�glich war, glaubte er f�r einen winzigen zeitlosen Moment ein L�cheln �ber die aus Eis geformten Z�ge huschen zu sehen.</p><p>Brads Z�ge.</p><p>�Kommt�, sagte er m�hsam. �Gehen wir nach Hause.�</p><p>Wenige Schritte neben ihnen ber�hrte der Dronte mit einem leisen Knirschen den schmalen Strand. Einer der riesigen Eiskrieger erwachte aus seiner Erstarrung, trat von dem niedrigen Deck herunter und machte eine einladende Geste. Gowenna wurde bleich vor Schrecken, aber Skar l�chelte nur, ging an ihr vorbei und trat dem wei�en Giganten entgegen.</p><p>Er war der erste, der an Bord des Dronte ging, m�de und mit langsamen, schleppenden Schritten, aber hoch aufgerichtet und einen Zipfel seines Mantels sch�tzend �ber das hilflose B�ndel in seinen Armen gebreitet.</p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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