<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Wolfgang</first-name><last-name>Hohlbein</last-name></author><book-title>Die R�ckkehr der G�tter</book-title><annotation><p>Als Skar nach jahrelangem Schlaf, in den ihn Priester des Heiligen Berges versetzt haben, erwacht, hat sich seine Heimatwelt Enwor total ver�ndert. Die Satai, K�mpfer f�r das Gute und die Gerechtigkeit, haben sich scheinbar mit den b�sen, reptil�hnlichen Quorrl verb�ndet und terrorisieren die menschliche Bev�lkerung. Die Menschen fliehen in Scharen, ihr gesamtes Hab und Gut zur�cklassend, in die noch friedlich Nachbarl�nder. Skar hilft ihnen, und er schw�rt, alles zu tun, um seine Satai-Br�der zu vernichten. </p><p>Und so erh�lt er einen grauenhaften Auftrag. Er mu� seinen eigenen Sohn, Inkarnation des scheinbar B�sen, t�ten, um die Welt zu retten. Doch erst als er diesen Auftrag ausgef�hrt hat, merkt er, da� er selbst die Bedrohung f�r die Welt darstellt, da� unbekannte N�chte ihn zu ihrem Werkzeug machen wollen ... </p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Enwor" number="6"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-02">02 April 2012</date><id>E9F55BE8-D4DD-4DEC-891C-839D389D5EFE</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>Tosa Verlag</publisher><city>Wien</city><year>1987</year><isbn>ISBN 3-442-24952-X</isbn></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><p><strong>Wolfgang Hohlbein - Die Enwor Saga 6 </strong></p><p><strong>Die R�ckkehr der G�tter </strong></p><empty-line/><p>Umschlag: Der Graph, Wien </p><p>Illustrationen: Christian Mogg </p><p>Ungek�rzte und genehmigte Lizenzausgabe f�r Tosa Verlag, Wien </p><p>� der Originalausgabe 1987 by Wilhelm Goldmann Verlag GmbH, M�nchen </p><p>� der vorliegenden Ausgabe 1996 by Tosa Verlag, Wien </p><empty-line/><p>Gesamtherstellung: Der Graph, Wien</p><empty-line/><p><emphasis><strong>Coverr�ckseite </strong></emphasis></p><empty-line/><p>Als Skar nach jahrelangem Schlaf, in den ihn Priester des Heiligen Berges versetzt haben, erwacht, hat sich seine Heimatwelt Enwor total ver�ndert. Die Satai, K�mpfer f�r das Gute und die Gerechtigkeit, haben sich scheinbar mit den b�sen, reptil�hnlichen Quorrl verb�ndet und terrorisieren die menschliche Bev�lkerung. Die Menschen fliehen in Scharen, ihr gesamtes Hab und Gut zur�cklassend, in die noch friedlich Nachbarl�nder. Skar hilft ihnen, und er schw�rt, alles zu tun, um seine Satai-Br�der zu vernichten. </p><p>Und so erh�lt er einen grauenhaften Auftrag. Er mu� seinen eigenen Sohn, Inkarnation des scheinbar B�sen, t�ten, um die Welt zu retten. Doch erst als er diesen Auftrag ausgef�hrt hat, merkt er, da� er selbst die Bedrohung f�r die Welt darstellt, da� unbekannte N�chte ihn zu ihrem Werkzeug machen wollen ... </p><empty-line/></section><section><title><p id="PROLOG">PROLOG</p></title><p><emphasis>�Du hast dich also entschieden.�</emphasis></p><p><emphasis>Es war etwas im Klang dieser f�nf Worte, was ihn fr�steln lie�. Die Stimme des greisen Predigers verlor sich fast in der Leere des fensterlosen Raumes und rief - wie �berall im Inneren des ausgeh�hlten, aus Schweigen und Dunkelheit und erstarrter Zeit erschaffenen Berges - keine h�rbaren Echos hervor, sondern versickerte irgendwo zwischen den Ritzen der Realit�t.</emphasis></p><p><emphasis>Es war nichts Neues f�r ihn, aber der Effekt erschreckte ihn jedes Mal genauso wie am Anfang. Der Berg war gro� genug, eine Stadt aufzunehmen, und manche der Hallen, die durch ein Labyrinth finsterer G�nge und Treppen miteinander verbunden waren, h�tten einem kleinen Dorf Platz geboten: man erwartete Echos und verzerrten Widerhall, das Wispern und Fl�stern der Leere, das Tropfen von Wasser und das leise Klicken und Schaben fallender Steine, all die Ger�usche und Laute, die untrennbar mit der Vorstellung unterirdischer H�hlen und Katakomben verbunden waren.</emphasis></p><p><emphasis>Das genaue Gegenteil war der Fall. Der Tempel der Gesichtslosen Prediger war ein Ort der Stille, des Schweigens und der Ruhe, einer Ruhe, die tiefer und allumfassender war als alles, was er je zuvor erlebt hatte, jeder Laut, jedes Ger�usch, alles, was von </emphasis>drau�en <emphasis>kam - er begann das Wort schon auf die gleiche, abwertend sp�ttische Art zu denken, in der es die Gesichtslosen Prediger aussprachen - verlor hier drinnen seine Bedeutung, verschwand ohne Spuren und Echos.</emphasis></p><p><emphasis>Er hatte sich unwohl hier drinnen gef�hlt, vom ersten Augenblick an, und es lag nicht allein an der sonderbaren Umgebung oder den Geschichten, die man sich �ber die verr�ckten Prediger erz�hlte. Es war etwas K�rperliches, und es fl��te ihm k�rperliches Unbehagen ein. Ein dumpfer Druck lastete auf seinen Ohren, vielleicht eine Folge der bizarren Akustik dieser Welt aus Stein, und er hatte st�ndig Durst.</emphasis></p><p><emphasis>In jeder der letzten f�nf N�chte hatte er l�nger geschlafen als in der vorangegangenen, und trotzdem war ihm das Aufstehen immer schwerer gefallen, und er ertappte sich tags�ber immer �fter dabei, in einen D�mmerzustand zwischen Schlaf und Wachen zu versinken. Er war immer m�de. Kraftlos. Vielleicht, dachte er matt, war es wirklich so, wie man sich erz�hlte: vielleicht fra� dieser Tempel seine Kraft, saugte seinen K�rper und seinen Geist gleicherma�en aus. Vielleicht, dachte er mit einer Spur von Hysterie, w�rde sich sein K�rper aufl�sen, wenn er zu lange hierblieb. Er w�rde schwach und kraftlos werden und irgendwann verblassen, bis er schlie�lich - Skar verscheuchte den Gedanken. �Ich habe mich entschieden�, sagte er. Er versuchte gleichzeitig gelassen wie selbstsicher zu klingen, aber seine Stimme schwankte und sagte das Gegenteil dessen, was seine Worte behaupteten: da� er sich nicht entschieden hatte, weil eine Entscheidung nicht n�tig und wahrscheinlich nicht einmal m�glich war, und da� er gar keine andere Wahl hatte, als es zu tun. Da� er vielleicht mit dem einen, logischen Teil seines Denkens begriffen hatte, da� es sein mu�te, aber trotz der tagelangen geduldigen Erkl�rungen des Predigers noch immer nicht genau wu�te, was dieses </emphasis>es <emphasis>�berhaupt war. Und da� er in Wahrheit Angst davor hatte, es zu erfahren. Der Prediger bewegte sich. Skar war sich nicht sicher, ob das papierne Rascheln, das er dabei h�rte, von seinen Kleidern oder der Haut des Alten stammte. Sein Blick verharrte einen Moment auf den gebeugten Schultern des Predigen, l�ste sich von ihm und suchte den steinernen, nur mit wenigen B�scheln aus getrocknetem Stroh gepolsterten Trog; den einzigen Gegenstand au�er dem Gebetsstein und dem gemauerten Feuerloch in der Wand, der die strenge rechteckige Geometrie des Raumes durchbrach. Die Schatten schienen dort hinten tiefer, dunkler und das Schweigen fester. Er war schon nicht mehr ganz Teil dieser Welt, sondern mit dem Prediger verbunden, hin�bergeglitten auf eine andere, erschreckende Stufe des Seins, auf der sie lebten, dieser Alte und die anderen. Ein seltsames Gef�hl breitete sich in Skar aus. Er wu�te nicht, was es war.</emphasis></p><p><emphasis>�Hast du Angst?�</emphasis></p><p><emphasis>Skar sch�ttelte den Kopf, schwieg, sah den Prediger unentschlossen an und nickte schlie�lich. �Ja.�</emphasis></p><p><emphasis>�Das ist gut�, sagte der Alte. Vielleicht war er auch nicht alt; nicht wirklich. Seine Stimme schien die eines jungen Mannes, obwohl er niemals laut genug sprach, um mehr als zu fl�stern. Nein - Skar wu�te nicht, ob er wirklich alt war. Sein Gesicht war so zeitlos wie die strengen Rechtecke und Geraden, aus denen der Tempel zusammengef�gt war, von tiefen Falten und Linien durchzogen und so bleich, wie das Gesicht eines Menschen nun einmal war, der niemals die Sonne sah. Aber Skar war sich nicht sicher, da� es Linien waren, die das Alter hineingegraben hatte. Vielleicht war es etwas anderes. Wenn, so wollte er nicht wissen, was es war.</emphasis></p><p><emphasis>Der Prediger wandte sich um, trat an den Gebetsstein und tat etwas, das Skar nicht erkennen konnte. Als er sich wieder zu ihm herumdrehte, waren seine H�nde nicht mehr leer.</emphasis></p><p><emphasis>�Es ist gut, da� du Angst hast, Satai�, sagte er noch einmal, und zum ersten Mal, seit Skar ihm begegnet war, glaubte er etwas wie eine menschliche Regung in seiner Stimme zu erkennen. Mitleid. Mitleid? �Nur wer die Furcht kennt, kann sie auch bezwingen. Trink.�</emphasis></p><p><emphasis>Skar nahm gehorsam die Schale aus den H�nden des Alten entgegen. Sie war schwer und so kalt, da� seine Finger zu prickeln begannen. Langsam setzte er sie an die Lippen. Aber er trank noch nicht. Pl�tzlich, als schrien alle seine Sinne verzweifelt auf und griffen - ein letztes Mal - gierig nach der Welt, von der sie w�hrend der letzten Tage St�ck f�r St�ck abgeschnitten worden waren, nahm er alles um sich herum mit einer �bernat�rlichen Klarheit und Sch�rfe wahr. Die K�lte, die Boden, W�nde und Decke verstr�mten wie einen eisigen Atem, die winzigen Unebenheiten unter seinen nackten F��en, die dunklen verzweigten Linien im Gesicht des Predigers, den sterilen Geruch nach Erde und Stein, der den unterirdischen Tempel erf�llte, das Knistern der Flammen im Feuerloch, die k�hle Gl�tte der Schale in seinen Fingern, und tausend andere Dinge.</emphasis></p><p><emphasis>Sein Blick suchte noch einmal das steinerne Bett am anderen Ende der Kammer, und das Gef�hl in ihm, von dem er noch immer nicht wu�te, was es war, verst�rkte sich zu qu�lendem Schmerz.</emphasis></p><p><emphasis>Das Kind lag reglos, als schliefe es, obwohl seine Augen offenstanden. Zu Anfang hatte es viel geschrien und mit den Beinen gestrampelt, aber seine Bewegungen waren jedes Mal, wenn Skar kam und es sah, matter geworden, sein Schreien kraftloser und leiser. Vielleicht war es tot.</emphasis></p><p><emphasis>�Ihr habt ihm... einen Namen gegeben?� fragte er stockend. Der Prediger l�chelte. �Es braucht keinen Namen, Skar. Niemand, der hier lebt, braucht einen Namen. Auch ich habe keinen.�</emphasis></p><p><emphasis>Skar nickte, setzte die Schale abermals an die Lippen und senkte sie wieder, ohne getrunken zu haben. �Es w�re mir lieber, wenn es einen Namen h�tte�, sagte er. Er wu�te selbst nicht genau, warum er diese Worte sprach. Und trotzdem war es vielleicht das erste Mal, seit er hier herunter gekommen war, da� er etwas mit Nachdruck sagte.</emphasis></p><p><emphasis>Der Prediger blickte ihn aus seinen unergr�ndlichen Augen an. �Sein Name ist Tod, Satai.�</emphasis></p><p><emphasis>Zorn flammte in Skar auf, aber nur f�r einen Moment. �Ich bin hier, damit es nicht so kommt�, sagte er. Es fiel ihm schwer, aber er hielt dem Blick des Alten stand; diesmal.</emphasis></p><p><emphasis>�Es geht nicht�, sagte der Prediger. �Wie k�nnten wir ihm einen Namen geben, wenn wir nicht wissen, wer er ist? Namen engen ein. Sie sind sch�dlich. Sie legen Dinge fest, die noch nicht bestehen. Sie formen das Ungeformte. Unser Glaube verbietet uns, Namen zu tragen, und es ist eine weise Entscheidung. Du kannst ihm einen Namen geben, wenn alles vor�ber ist.�</emphasis></p><p><emphasis>F�r einen Moment regte sich noch einmal Widerstand in Skar, aber er erlosch auch diesmal so schnell, wie er kam. Er war nur noch m�de. Er wollte es hinter sich bringen, so schnell er konnte. Er hatte zu lange gek�mpft.</emphasis></p><p><emphasis>�Ich verstehe dich, Satai�, fuhr der Prediger fort. �Glaube nicht, da� wir grausam sind. Ich wei�, da� die Menschen Angst vor uns haben und uns f�r grausam und b�se halten. Aber das stimmt nicht. Ich begreife deine Qual, und ich teile sie. Du hast ihm das Leben gegeben, und du hast gek�mpft wie nie ein Mensch zuvor, um es zu sch�tzen. Jetzt wirst du es vielleicht t�ten m�ssen, obgleich es ein Teil deiner selbst ist. Alles, was du ihm noch geben zu k�nnen glaubst, ist ein Name.�</emphasis></p><p><emphasis>Skar starrte den Alten verwirrt an. Las er seine Gedanken? Oder war es so leicht, sie auf seinen Z�gen zu erkennen? Er erschrak. Wieder sp�rte er diese Schw�che, eine Ersch�pfung, die nichts mehr mit k�rperlicher M�digkeit zu tun hatte. �Sein Name ist Tod�, hatte der Prediger gesagt. Aber war das nicht in Wahrheit sein eigener Name? Standen nicht Furcht und Angst in den Augen der Menschen, wenn sie �ber ihn sprachen ? Vielleicht war das, was er bisher immer f�r Ehrfurcht und Respekt gehalten hatte, in Wahrheit nichts anderes als nackte Angst.</emphasis></p><p><emphasis>Ohne ein weiteres Wort setzte er die Schale an die Lippen und leerte sie in einem einzigen Zug. Die Fl�ssigkeit war eisig, k�lter noch als Eis, und die K�lte lie� sie geschmacklos werden und bet�ubte das Brennen, mit dem sie seine Kehle herabrann. Der Prediger hatte versprochen, da� es fast schmerzlos sein w�rde. Und pl�tzlich hatte er keine Angst mehr. Er f�hlte sich frei, ein Mann, der alles getan hatte, was er tun mu�te. Es gab nichts mehr, was auf ihn wartete. Seine ganze Sorge hatte dem Kind gegolten, in den letzten dreieinhalb Monaten, aber auch das war vorbei. Ruhig gab er dem Alten die Schale zur�ck.</emphasis></p><p><emphasis>�Wie lange wird es dauern ?�</emphasis></p><p><emphasis>�Niemand wei� das, Satai. Stunden, Wochen, Jahre - vielleicht Jahrhunderte. F�r dich wird keine Zeit vergehen. Du wirst einschlafen und wieder aufwachen.�</emphasis></p><p><emphasis>�Vielleicht.�</emphasis></p><p><emphasis>�Vielleicht.�</emphasis></p><p><emphasis>Skar schwieg. Die Spur dumpfer Bet�ubung, die die Fl�ssigkeit in seiner Kehle zur�ckgelassen hatte, wich langsam einem schmerzhaften Prickeln und Brennen, aber gleichzeitig breitete sich, von seinem Magen kommend und im Rhythmus seiner Herzschl�ge, ein Gef�hl wohltuender Bet�ubung in seinem K�rper aus. Es w�rde ein Wettlauf werden, aber wenn �berhaupt, dann w�rde er nur f�r sehr kurze Zeit Schmerzen ertragen m�ssen. Er f�rchtete sich nicht davor. Der Schmerz war sein Bruder. Er hatte gelernt, ihn zu lieben.</emphasis></p><p><emphasis>�Was�, murmelte er, �wenn ich... wenn ich verliere?�</emphasis></p><p><emphasis>�Wir werden dir helfen�, antwortete der Prediger. �Wir und Er.�</emphasis></p><p><emphasis>Er. Skar schauderte. Der Gesichtslose Gott. Der Gott ohne Namen. Warum hatte er pl�tzlich Angst, Angst vor einem Begriff, einem Gott, der nur aus einer Idee bestand, wie all die anderen G�tter auch? Wovor hatte er Angst, gerade er, der Unbesiegbare, der st�rkste Mann, der jemals den f�nfzackigen Stern der Satai getragen hatte? Er, der die Existenz von G�ttern und D�monen stets verleugnet und ihnen ins Gesicht gelacht hatte? �Du bist stark, Satai�, sagte der Prediger und f�gte nach einer Weile des Schweigens hinzu: �Und - wir werden dir beistehen.�</emphasis></p><p><emphasis>�Stark...� Skar l�chelte bitter. Die Taubheit breitete sich schnell in seinem K�rper aus und begann seine Gedanken einzulullen. Es war ein angenehmes Gef�hl. �Vielleicht bin ich stark, aber er -�</emphasis></p><p><emphasis>�Hat die Macht eines Gottes?� Diesmal lachte der Alte wirklich, und zum ersten Mal, seit Skar dieses unterirdische Reich des Schweigens betreten hatte, glaubte er ein Echo zu h�ren, nicht mit seinen normalen menschlichen Sinnen, denn sie z�hlten hier unten nicht, sondern mit seiner Seele: ein leises, vielleicht sp�ttisches, m�glicherweise h�hnisches Lachen, mit dem... </emphasis>Etwas <emphasis>auf seine Worte reagierte. Der Gesichtslose Gott mochte keinen Namen haben, aber er war nicht stumm.</emphasis></p><p><emphasis>�Vielleicht hat er sie�, fuhr der Alte ernsthaft fort. Das Brennen in Skars Kehle wurde st�rker und fast unertr�glich. �Aber du bist sein Vater, Satai. Kann er ein Gott sein, - wenn ein Sterblicher ihn gezeugt hat?� Wieder lachte er. �Du f�rchtest ihn, Satai, und du tust recht daran, ihn zu f�rchten, denn sein Name ist Tod, und er ist ein Kind des Hasses. Aber du hast ihn schon einmal besiegt.�</emphasis></p><p><emphasis>�Er war j�nger. Gerade geboren und... unsicher. Und ich habe ihn nicht besiegt. Darum ging es nicht.� Er sch�ttelte den Kopf. �Zerst�ren ist leichter als Erschaffen, alter Mann.�</emphasis></p><p><emphasis>�Nicht Erschaffen. Formen. Du wirst er, und er wird du. K�mpfe nicht gegen ihn. Forme ihn. Denke daran, da� es unm�glich ist, ihn zu vernichten. Du kannst ihn t�ten, aber damit w�rdest du alles nur noch schlimmer machen.�</emphasis></p><p><emphasis>Skar wollte antworten, aber seine Stimme versagte ihm pl�tzlich den Dienst. Die Woge der L�hmung erreichte seine Knie. Er wankte, griff zitternd nach dem Prediger und fiel, als seine Finger nicht mehr die Kraft hatten, zuzupacken.</emphasis></p><p><emphasis>�Wehr dich nicht, Satai�, sagte der Prediger. �Es geht schneller, wenn du dich nicht wehrst. Aber ich f�rchte, das kannst du nicht. Dazu bist du zu stark. Und St�rke wird leicht zum Fluch.� Er sprach noch weiter, aber Skar verstand nicht mehr, was er sagte. Ein dumpfes, immer unangenehmer werdendes Brausen und Rauschen war mit einem Mal in seinen Ohren, und dann, ganz pl�tzlich, war der Schmerz da. Ein entsetzlicher Schmerz, der von Augenblick zu Augenblick schlimmer wurde. Der Alte hatte ihn belogen. - es </emphasis>tat <emphasis>weh. Sehr.</emphasis></p><p>Aber nicht einmal mehr diesen Gedanken dachte er zu Ende. Er war nicht allein, und es war dieses Gef�hl, das ihn weckte: jemand war bei ihm.</p><p>Skar versuchte die Augen zu �ffnen, aber im ersten Moment ging es nicht. Auf seinen Lidern lag ein schwerer, nicht einmal unangenehmer Druck, ein Gef�hl wie von weichen Fingern, die sich auf seine Aug�pfel pre�ten, und in seinen Gliedern war jene bet�ubende Schwere, die von langem Schlaf k�ndete. �berhaupt hatte er das Gef�hl, sehr lange geschlafen zu haben; und sehr, sehr tief. Trotzdem f�hlte er sich wohl. Da war nichts von der Benommenheit, dem schlechten Geschmack und dem Druck auf Kopf und Schl�fen, der das Erwachen aus zu langem Schlaf normalerweise begleitete; Skar f�hlte sich allenfalls ein bi�chen matt.</p><p>Und er sp�rte, da� er nicht allein war.</p><p>Es war ein Gef�hl von fast k�rperlicher Intensit�t, und es war sehr unangenehm. Wer immer in seiner N�he war, war nicht sein Freund. Er konnte die Augen noch immer nicht �ffnen, denn seine Lider waren vom langen Schlaf verklebt, und er hatte noch nicht den Willen, den kleinen Schmerz in Kauf zu nehmen, den die �berwindung des Widerstandes bedeutet h�tte. Aber er sp�rte, da� etwas da war, und das dieses Etwas auf unangenehme Weise lauernd und bedrohlich zu sein schien.</p><p>Skar lauschte.</p><p>Er h�rte... <emphasis>nichts.</emphasis></p><p>Um ihn herum war Stille, ein absolutes, fast stofflich wirkendes Schweigen, in dem die einzigen Laute das gleichm��ige schwere Schlagen seines Herzens und seine eigenen Atemz�ge waren, und obwohl sein Erinnerungsverm�gen noch nicht zur�ckgekehrt war, war dies doch etwas, worauf er sich besann. Die Stille. Die allgegenw�rtige, lastende Stille, die in dieser unterirdischen Welt aus quadratischen R�umen und rechteckigen G�ngen herrschte. Eine Stille, wie es sie nur im Herzen eines Berges geben konnte, in einer Welt tief unter der Welt. F�r einen Moment blitzte dieses Bild vor seinem geistigen Auge auf. Aber vielleicht war es auch genau umgekehrt: Vielleicht implizierte der Kokon aus Schweigen, in den er eingesponnen schien, auch nur diese Vorstellung, und alles war ganz anders.</p><p>Dann kam die erste konkrete Erinnerung: <emphasis>Er hatte ihn belogen.</emphasis></p><p>Skar wu�te nicht, <emphasis>wer </emphasis>ihn belogen hatte, geschweige denn <emphasis>wie. </emphasis>Trotzdem war dieses Wissen ganz deutlich in ihm, wie etwas von so gro�er Wichtigkeit, da� es sich unausl�schlich in sein Bewu�tsein eingegraben hatte. Das waren drei Tatsachen, die er wu�te: Es war still, jemand hatte ihn belogen, und er war nicht allein.</p><p>Aber wenn jemand bei ihm war, warum h�rte er dann nichts? Er verscheuchte den Gedanken, entspannte sich ganz bewu�t und versuchte noch einmal, die Augen zu �ffnen. Es tat ein bi�chen weh, aber nicht sehr, und dann konnte er sehen.</p><p>Im ersten Moment.</p><p>Dann kam die �belkeit, warnungslos und hart wie ein Schlag in die Magengrube und so schnell, da� er gerade noch Zeit fand, sich zur Seite zu drehen, ehe er sich �bergab; w�rgend und von krampfartigen, immer schneller kommenden Schmerzen gepeinigt. Das Stechen in seinem Nacken steigerte sich zur Raserei. Er schrie, verschluckte sich an seinem eigenen Erbrochenen und hatte f�r Sekunden das entsetzliche Gef�hl, ersticken zu m�ssen. Bittere Galle lief in seinen Rachen, und der Geschmack verst�rkte die �belkeit noch.</p><p>Dann, so pl�tzlich, wie sie gekommen waren, ebbten Schmerzen und �belkeit wieder ab. Skar lie� sich zur�cksinken, hielt sekundenlang den Atem an und wartete darauf, da� seine Eingeweide abermals zu revoltieren begannen. Aber es geschah nicht. So lange er ruhig lag, f�hlte er nichts.</p><p><emphasis>Der Trank, </emphasis>dachte er. Der Gedanke stand v�llig isoliert in seinem Bewu�tsein, wie ein Wort, das man auf ein wei�es Blatt Papier geschrieben hatte.</p><p>Erst jetzt merkte er, da� er keine Erinnerungen hatte. Dort, wo sie sein sollten, g�hnte eine entsetzliche Leere.</p><p>Es war nicht etwa so, da� er das Ged�chtnis verloren h�tte. Sein Bewu�tsein war nicht leer. Alles war da, s�uberlich geordnet und aufgereiht wie in gro�en, schon ein bi�chen staubig gewordenen Regalen, aber jedesmal, wenn er versuchte, nach einem Teil seiner Erinnerungen zu greifen, war da etwas, das seine Hand beiseite schlug.</p><p>Nein, korrigierte er sich in Gedanken. Auch das war nicht richtig. Er...</p><p>Zum Teufel, es war, als h�tte er verlernt, wie man sich erinnerte!</p><p>Aber konnte ein Mensch das <emphasis>Denken </emphasis>verlernen?</p><p>Skar st�hnte. Der Laut hallte gebrochen und sonderbar dumpf von den W�nden zur�ck. Das Echo verriet ihm, da� er sich in einem sehr gro�en Raum befand; und in einem, der beinahe leer sein mu�te.</p><p><emphasis>Der Tempel. </emphasis>Wieder ein Wort, um das leere Blatt zu f�llen. <emphasis>Die Gesichtslosen Prediger. Der Namenlose Gott, die...</emphasis> Es ging schnell, jetzt. Wie Wasser, das sich beharrlich seinen Weg durch ein Hindernis gr�bt, sickerten die Erinnerungen in sein Bewu�tsein zur�ck, ein d�nnes, tr�pfelndes Rinnsal scheinbar zusammenhangloser Begriffe zuerst, das aber rasch zu einem Bach, dann zu einem rei�enden Strom wurde. Es war, als h�tte es allein der Erkenntnis bedurft, da� er sich nicht erinnerte, um die Erinnerungen zur�ckzuholen. Die T�ren in seinem Geist waren nicht verschlossen. Er hatte nur vergessen, wie man sie �ffnete, und jetzt, als er es wieder wu�te, war es wie ein Sturmwind, der sie alle gleichzeitig aufstie�.</p><p>Skar lag still, bewegte sich nicht, atmete flach und gleichm��ig und versuchte an nichts zu denken. Er versuchte nicht, die Erinnerungen zu greifen, einen Zusammenhang herzustellen, sondern wartete, bis sich Bilder und Namen zu einem Ganzen formten. Er sah... Dinge. Den <emphasis>Dronte. Gowenna. Del, der nicht Del war, und Helth, der sich in ein Ungeheuer verwandelt hatte. Feuer. �berall Feuer. Der Daij-Djan. Die Sternenbestie...</emphasis> Skar st�hnte, als die Erinnerungen allm�hlich die Intensit�t von Schmerzen erreichten. Da war irgend etwas in ihm, das sich dagegen aufb�umte; ein Teil seines Bewu�tseins, das sich nicht erinnern <emphasis>wollte, </emphasis>weil es Angst davor hatte. Angst vor dem, was aus den Abgr�nden seiner Seele emporsteigen mochte, was... <emphasis>Sein dunkler Bruder. </emphasis>Ausgel�scht. Fort. Und dann: <emphasis>DAS KIND!</emphasis></p><p>Der Prediger hatte ihn belogen. Er hatte gesagt, es w�rde nicht weh tun, und er hatte gesagt, da� sie ihn besch�tzen w�rden, aber es <emphasis>hatte </emphasis>weh getan, ganz entsetzlich weh sogar, und wenn das, was sie getan hatten, Schutz sein sollte, dann verstanden sie herzlich wenig von ihrem Handwerk.</p><p>Skar erinnerte sich noch nicht an alles: es war da, aber die Reihenfolge stimmte nicht. Was er in seinem Kopf fand, waren Teile eines zerbrochenen Glasbildes, wild durcheinandergew�rfelt und mit scharfen Kanten, an denen er sich schnitt, wenn er versuchte, sie zu ordnen. Aber er wu�te jetzt, da� er sehr lange geschlafen hatte, und nicht traumlos. Etwas F�rchterliches war geschehen in dieser Zeit, und was immer es gewesen sein mochte, es war die H�lle.</p><p>Skar versuchte erneut, die Augen zu �ffnen. Ganz instinktiv spannte er sich, denn er rechnete damit, da� das Licht die �belkeit und die Schmerzen zur�ckbringen w�rde. Aber es geschah nichts. Ein ganz kleines bi�chen wurde ihm schwindelig, aber das war vermutlich normal, nach all der Zeit, die er geschlafen hatte. Er wu�te jetzt, da� es Tage gewesen sein mu�ten. Vielleicht Wochen.</p><p>Er versuchte sich zu erinnern, wie er hierhergekommen war, in diesen Raum - wie beinahe alles hier unten ein schmuckloser steinerner W�rfel, aber anders als die Kammer des Predigers von geradezu gigantischen Ausma�en. Seine Augen funktionierten noch nicht richtig, so da� es ihm unm�glich war, die H�he der steinernen Decke zu sch�tzen, die sich wie ein Himmel aus grauem Fels �ber ihm spannte - aber der Raum mu�te gewaltig sein. Obwohl er nirgendwo eine Lichtquelle entdecken konnte, war es nicht dunkel: Ein sonderbarer, fast unheimlicher gr�n-grauer Glanz hing im Raum, aus keiner bestimmten Richtung kommend, sondern allgegenw�rtig, als bringe etwas die Luft selbst zum Gl�hen. Schatten waren da, die ihm irgendwie nicht richtig erschienen: wie die Schatten von Dingen, die es gar nicht gab.</p><p>Und er war eindeutig allein.</p><p>Vorsichtig setzte Skar sich auf. Er war nicht auf einem Bett erwacht, sondern auf einem gewaltigen, monolithisch anmutenden Block aus nachtschwarzem Basalt, der ihn auf sehr unbehagliche Weise an einen Altar (er konnte gerade noch verhindern, in Gedanken das Wort <emphasis>Opferstein zu </emphasis>verwenden) erinnerte. Er war nackt, das merkte er erst jetzt, und der Stein war empfindlich kalt, wo er nicht von seinem K�rper erw�rmt worden war. Skar schauderte. Eine G�nsehaut breitete sich auf seinen Unterarmen und seinem R�cken aus. Er widerstand im letzten Moment der Versuchung, seinen Bizeps mit den H�nden zu massieren, um sich selbst aufzuw�rmen. Er hatte das sichere Gef�hl, da� er f�r jede hastige Bewegung bitter bezahlen w�rde.</p><p>Statt dessen setzte er sich behutsam ganz auf, schwang - noch immer sehr langsam - die Beine �ber den Rand der steinernen Liege und lie� die Schultern nach vorne sinken. M�hsam hob er den Arm, fuhr sich mit dem Handballen �ber die geschlossenen Augen und pre�te die Lider so fest zusammen, bis grellgelbe Sterne vor seinen Augen erschienen.</p><p>Dann hob er abermals die Lider.</p><p>Er sah immer noch nicht sehr viel mehr, aber das lag wohl eher daran, da� es einfach nicht viel zu sehen gab: der Raum, in dem er erwacht war, war ein steinerner W�rfel mit exakt gleich langen Kanten, und er war vollkommen leer bis auf den altar�hnlichen Tisch und ein flaches Wasserbecken, das daneben stand, auf einem steinernen Sockel ruhend und vor so langer Zeit ausgetrocknet, da� sich Staub auf seinem Grund angesammelt hatte. Der gleiche graue Staub hing wie k�rniger Nebel in der Luft, und als Skar die F��e auf den Boden setzte, sp�rte er die K�lte, die der Stein ausstrahlte.</p><p>Er h�tte nicht kalt sein d�rfen. Die Erinnerung, die sich am tiefsten in sein Ged�chtnis gegraben hatte, war die an die stickige W�rme, die �berall in der unterirdischen Festung der Gesichtslosen Prediger herrschte. Aber der Fels war kalt, und die Luft, die er atmete, brannte in seinen Lungen. Und das bedeutete... Etwas in Skar schreckte davor zur�ck, den Gedanken zu Ende zu denken.</p><p>Lange Zeit sa� er einfach so da, dachte an nichts und wartete, da� das Leben in seinen K�rper zur�ckkroch. Es war m�glich, dachte er. Er hatte nie davon geh�rt, aber es <emphasis>war </emphasis>m�glich - die Gesichtslosen Prediger standen im Ruf, Zauberer zu sein, und wenn Skar auch nicht an Zauberei glaubte, so wu�te er zumindest, da� es eine Menge Dinge gab, die vielleicht nichts mit Magie zu tun hatten, im Ergebnis aber ebenso erschreckend waren. Und war das, was ihn hierhergebracht hatte, nicht letztlich gerade das gewesen, was man sich �ber die Gesichtslosen Prediger erz�hlte?</p><p>Er verschob die L�sung dieses Problems auf sp�ter, atmete tief ein und aus und noch einmal ein - und stand auf.</p><p>Seine Fu�sohlen begannen zu prickeln. K�lte kroch wie die Ber�hrung einer eisigen Hand in seinen Beinen empor; f�r einen Moment wurde ihm schwindelig. Aber er hatte sich jetzt schon wieder weit genug in der Gewalt, um das Gef�hl niederzuk�mpfen.</p><p>Vorsichtig, mit halb ausgebreiteten Armen und gespreizten Fingern, um einen eventuellen Sturz abzufangen, machte er einen Schritt, atmete abermals tief durch und machte einen zweiten, dritten, vierten. Es ging besser, als er erwartet hatte. Statt sich schwach zu f�hlen, gewann er im Gegenteil mit jedem Schritt an Kraft zur�ck, als w�re sein K�rper eine Maschine, die sehr lange Zeit nicht mehr benutzt worden war, jetzt aber schnell in ihren gewohnten Rhythmus zur�ckfand.</p><p>Langsam durchquerte er den Raum, blieb unter der einzigen T�r stehen und sah noch einmal zur�ck, ehe er sie aufstie�. Es gab nichts, was er mitnehmen mu�te. Der Raum war leer. Einen Moment lang erinnerte er sich noch an das bizarre Gef�hl, nicht allein zu sein. Dann l�chelte er - auf dem Boden lag Staub, nicht sehr dick, aber unber�hrt. Ein Traum. Ein St�ck seines Traumes war ihm in die Wirklichkeit gefolgt, um ihn noch einen Moment zu narren. Mehr nicht. Mit einem Ruck wandte er sich um, trat unter der niedrigen T�r hindurch und richtete sich auf der anderen Seite wieder auf.</p><p>Er war in einem Teil des Tempels, den er nicht kannte. Aber das besagt nichts, denn obwohl er fast eine Woche in diesem unterirdischen Labyrinth verbracht hatte, hatten seine Gastgeber doch streng darauf geachtet, da� er sein Quartier nicht verlie�, und wenn doch, so nur auf genau festgelegten Wegen, von denen er niemals abgewichen war, ohne sofort freundlich, aber mit gro�em Nachdruck zur�ckgef�hrt zu werden.</p><p>Skar fragte sich allerdings bald, welche Geheimnisse die Gesichtslosen Prediger wohl so sorgsam vor ihm besch�tzt haben mochten - der Tempel war leer. Er durchquerte ein Dutzend R�ume und Hallen, die alle nichts anderes als Staub und Leere enthielten, und irgendwie hatte er das bestimmte Gef�hl, da� er auch nichts anderes finden w�rde, wenn er den ganzen Tempel durchsuchte. Es war sehr still: Die einzigen Laute, die er h�rte, waren die Ger�usche, die er selbst verursachte; und dann und wann ein dumpfes, schweres Mahlen und Knacken, das ihm immer wieder in Erinnerung brachte, wie viele Tonnen Sand und Gestein sich �ber seinem Kopf t�rmten. Sie hatten ihm die Augen verbunden, lange bevor er den Tempel betrat, aber er hatte die Stufen gez�hlt, als sie ihn in die Tiefe gef�hrt hatten - es waren weit �ber tausend. Wenn er bedachte, da� der Eingang des Tempels am Fu�e des Berges lag, dann mu�te �ber ihm eine Meile massiver Granit sein.</p><p>Und vor ihm vielleicht hundert Meilen leerer G�nge und Hallen. Was, fl�sterte eine d�nne boshafte Stimme in seinem Kopf, wenn die Gesichtslosen Prediger vielleicht nur einen kleinen Teil eines Labyrinthes von G�ngen und Stollen bewohnten, das sich unter dem gesamten Gebirge dahinzog? Denn wenn der Tempel viel, viel gr��er war, als er angenommen hatte, und wenn er sich verirrte, vielleicht geradewegs in die falsche Richtung lief? Was, wenn...</p><p>Skar verscheuchte den Gedanken, blieb einen Moment stehen, um sich zu orientieren, und zuckte hilflos die Achseln. Wo alles gleich aussah, gab es nichts, woran man sich orientieren konnte. Er beschlo�, einfach geradeaus zu gehen. Auf diese Weise w�rde er wenigstens den R�ckweg finden, sollte es n�tig sein.</p><p>Zumindest �berwand er seine Schw�che jetzt zusehends: seine Muskeln arbeiteten wieder geschmeidig und mit der gewohnten M�helosigkeit, und im gleichen Ma�e, in dem er die Kontrolle �ber seinen K�rper zur�ckgewann, wuchs auch seine geistige Disziplin: Es gelang ihm jetzt, die K�lte vollends zu ignorieren und auch den stechenden Schmerz in seinem Nacken niederzuk�mpfen, bis er zu einem kaum mehr sp�rbaren Pochen wurde. Daf�r meldeten sich auch die nat�rlichen Bed�rfnisse seines K�rpers: Er bekam Hunger, und kurz darauf - was schlimmer war - Durst. Den Durst konnte er stillen, denn er fand Wasser, das aus einem Ri� in der Decke sickerte und in einem steinernen Becken auf halber H�he der Wand aufgefangen wurde. Es schmeckte abgestanden und nach Metall, und es hinterlie� einen widerw�rtigen Nachgeschmack auf seiner Zunge, aber es stillte wenigstens seinen Durst.</p><p>Skar rastete eine Weile unter dem Becken. Da er nackt war, hatte er keine M�glichkeit, etwas von dem Wasser mitzunehmen, und so trank er, so viel er nur konnte, auch wenn der schlechte Geschmack in seinem Mund dabei so intensiv wurde, da� er fast f�rchtete, sich abermals �bergeben zu m�ssen. Eine Weile spielte er mit dem Gedanken, zur�ckzugehen und eine der zahlreichen Abzweigungen zu nehmen, an denen er vor�bergekommen war, verwarf die Idee aber wieder. Das einzige, was er damit erreichen w�rde, w�re, sich gr�ndlich zu verirren - und das war nun wei� Gott das Letzte, was er sich leisten konnte. So ging er schlie�lich weiter.</p><p>Seine Geduld wurde belohnt. Der Gang weitete sich pl�tzlich zu einer gewaltigen, w�rfelf�rmigen Halle, und als er sie zur H�lfte durchquert hatte, erkannte er sie wieder: er war in jenem Teil des Tempels, in dem seine Kammer lag. Die Halle geh�rte zu dem Weg, den er fast t�glich zur�ckgelegt hatte, um den Oberpriester zu sehen.</p><p>Aber auch sie hatte sich ver�ndert, auch wenn Skar den Unterschied im ersten Moment nicht in Worte zu fassen vermochte. In einer Umgebung, die ohnehin fast vollkommen leer war, waren Ver�nderungen schwer zu bemerken.</p><p>Aber gerade das war es: Bisher war der Tempel <emphasis>fast </emphasis>leer gewesen. Jetzt war er es wirklich.</p><p>Die Fackeln, die in eisernen Haltern an der Wand gebrannt hatten, waren fort. Die Gebetsm�hlen, die neben jeder T�r angebracht gewesen waren, verschwunden. Auf dem Boden lag Staub; nicht sehr viel, aber es war eine geschlossene Decke, halb so stark wie sein kleiner Finger und seit Wochen von keinem Fu� mehr ber�hrt.</p><p>Skar erschrak. <emphasis>Wie lange hatte er geschlafen?</emphasis></p><p>F�r einen Moment drohte er die Beherrschung zu verlieren. Angst packte ihn, eine vollkommen irrationale Angst, die keinen Grund zu haben schien und gegen die er wehrlos war. Seine H�nde und Knie begannen zu zittern. Er fuhr herum, so schnell, da� ihm abermals schwindelte, starrte aus weit aufgerissenen Augen in die Halle und stellte fest, da� er vergessen hatte, welche der zahllosen T�ren zu seinem Quartier f�hrte.</p><p>Mit aller Macht k�mpfte er die Panik nieder, die der Furcht folgen wollte, schlo� die Augen und zwang sich, an nichts zu denken. Aber es fiel ihm sonderbar schwer, obwohl er Satai war und eine �bung wie diese zu seinem t�glichen Trainingsprogramm geh�rte. Eine v�llig irrationale, gr��liche Furcht packte ihn. Er schrie abermals auf, kr�mmte sich und ballte die F�uste, bis jeder einzelne Muskel in seinen Armen und Schultern zu schmerzen begann.</p><p>Es half. Der Schmerz war schlimmer als die Furcht, und als die Panik verging, kehrten auch seine Erinnerungen zur�ck - nat�rlich wu�te er, welchen Weg er nehmen mu�te; schlie�lich war er ihn oft genug gegangen. F�r einen Moment schien es ihm schlichtweg l�cherlich, da� er vergessen haben sollte, welcher Gang der richtige war!</p><p>Aber er begriff auch, da� etwas mit ihm ganz und gar nicht in Ordnung war. Irgend etwas war mit ihm geschehen, w�hrend er schlief - geschehen oder <emphasis>getan worden - </emphasis>und wenn er auch nicht wu�te was, so mu�te er sich vorsehen.</p><p>Rasch, ehe sein Unterbewu�tsein Gelegenheit bekam, ihm einen neuen b�sen Streich zu spielen, durchquerte er die Halle, b�ckte sich ganz automatisch unter dem niedrigen T�rsturz hindurch und betrat den Gang, an dessen Ende die kleine Felsenkammer lag, in der er zwei Wochen lang gelebt hatte.</p><p>Instinktiv hatte er erwartet, sie leer vorzufinden, aber zu seiner �berraschung standen auf dem Tisch ein mit Wachstuch verschlossener Wasserkrug und eine Schale mit verschrumpelten braunschwarzen Dingern, die einmal Fr�chte gewesen sein mochte, und einem Laib Brot.</p><p>Das Wasser war schal und trotz des Wachstuches mit einer d�nnen, �ligen Staubschicht bedeckt. Skar blies sie fort, trank und tauchte seine Fingerspitzen in den Krug, um seine Augen zu benetzen. Dann verschlo� er den Krug sorgf�ltig wieder, streckte sich auf dem steinernen Bett aus und schlo� die Augen.</p></section><section><title><p id="_1">1.</p></title><p>Er schlief lange und ausgiebig, und es war eine andere Art des Schlafes als die toten�hnliche Starre, in die ihn der Trank des Predigers hatte fallen lassen. Diesmal tr�umte er, und diesmal erinnerte er sich auch hinterher, was er getr�umt hatte, wenn es auch im gro�en und ganzen nichts als krauses Zeug war, das keinen Sinn ergab: Tr�ume, in denen er sich selbst sah, rennend und rennend und rennend, auf der Flucht vor einer Gefahr, die immer ein ganz kleines bi�chen schneller war als er, ganz gleich, wie schnell er auch lief, dann wieder gegen ein gesichtsloses Monstrum k�mpfend, ein Ding mit dem K�rper eines alten Mannes, aber den Kr�ften eines Titanen. Ein paarmal sah er das Kind, aber irgend etwas stimmte nicht damit. Er wu�te nicht was, aber es machte ihm Angst.</p><p>Trotzdem: Als er erwachte, f�hlte er sich noch immer m�de und benommen, doch auf eine sehr angenehme Art. Eine Weile lag er einfach mit halb geschlossenen Augen da und geno� das Gef�hl, ganz allm�hlich vom Schlaf ins Wachsein hin�berzugleiten. Dann stand er auf, trank den kleinen Wasserrest, der sich noch im Krug befand, und untersuchte zum zweiten Mal den Obstkorb - mit dem gleichen Ergebnis wie beim ersten Mal. Das Obst war so verrottet, da� ihm allein der Geruch schon wieder �belkeit bereitete.</p><p>Sein Hunger war mittlerweile so qu�lend geworden, da� er eine der Fr�chte sogar aufbrach, um vielleicht noch einen kleinen, halbwegs e�baren Rest zu finden. Aber sie waren verdorben. So gr�ndlich, als l�gen sie seit Wochen hier.</p><p>Skar ma� diesem Gedanken gro�e Bedeutung zu: Bei der sorgsamen, fast �berpr�zisen Art der Gesichtslosen Prediger war es eigentlich unvorstellbar, da� sie etwas wie diese Obstschale vergessen sollten; dazu kam, da� der Tempel zwar leer, aber keineswegs fluchtartig verlassen worden war. Er machte eher den Eindruck eines Geb�udes, das von seinen Bewohnern in aller Ruhe ger�umt worden war. Skar war fast sicher, da� dieser Krug mit Wasser und die Schale mit verfaultem Obst und steinhart gewordenem Brot alles waren, was er finden w�rde.</p><p>Und das - zusammen mit der Tatsache, da� sie in <emphasis>seinem </emphasis>Gela� gestanden hatten - konnte eigentlich nur bedeuten, da� beides f�r ihn zur�ckgelassen worden war. Aber wenn das stimmte - <emphasis>wie lange zum Teufel hatte er dann geschlafen?!</emphasis></p><p>Der Gedanke beunruhigte ihn; weit mehr, als er sich eingestehen wollte. Irgend etwas Entsetzliches mu�te geschehen sein, w�hrend er unter dem Einflu� der Droge dagelegen hatte... Er verscheuchte den Gedanken, trank den letzten Rest Wasser aus seinem Krug und verlie� die Kammer. Ganz kurz dachte er noch einmal an das Gef�hl, das er beim Erwachen am Tage zuvor gehabt hatte: das Gef�hl, nicht allein zu sein. Aber er mu�te sich wohl get�uscht haben.</p><p>In den n�chsten Stunden durchsuchte er den Tempel der Gesichtslosen Prediger so gr�ndlich, wie er nur konnte, ohne zu riskieren, sich abermals zu verirren. Alles, was er fand, waren Staub und leere Kammern. Die Gesichtslosen Prediger waren fort. So spurlos, als h�tte es sie niemals gegeben. Und mit ihnen das Kind. Skar kehrte in die Kammer des Oberpriesters zur�ck, am Ende seiner ergebnislosen Suche. Sie war wie alle R�ume hier - leer und kalt und voller Staub, aber sie schien noch ein bi�chen leerer zu sein als die anderen; vielleicht, weil sie voller Erinnerungen war. Erinnerungen an den Alten, an all die Worte, die er nur zum Teil verstanden hatte - vielleicht, weil er es gar nicht gewollt und ihn der Teil, den er verstand, schon bis ins Mark erschreckt hatte - und Erinnerungen an das Kind, das...</p><p>Skar erschrak, als er begriff, da� es ihm unm�glich war, sich an seinen Sohn zu erinnern. So sehr er sich auch anstrengte - es ging nicht! Dabei war alles da - die Erinnerungen lagen vor ihm, s�uberlich geordnet und ausgebreitet wie lose Bl�tter in einem Buch, aber es war wie gestern, nach seinem ersten Erwachen: Jedesmal, wenn er danach zu greifen versuchte, schien eine unsichtbare Hand die seine beiseite zu schlagen; seine Erinnerungen waren wie Nebel, der stets vor ihm zur�ckwich, wenn er nach ihm griff. Aber gestern war es seine Benommenheit gewesen, die Tatsache, da� er nach Tagen und Wochen des Dahind�mmerns selbst so grundlegende Dinge wie das Denken erst wieder m�hsam lernen mu�te. Jetzt... war es anders.</p><p>Auf eine sonderbar unk�rperliche Art ersch�pft, lie� er sich auf die Tischkante sinken, st�tzte die Ellbogen auf den Oberschenkeln auf und bettete das Kinn auf die verschr�nkten F�uste. Eine schwer in Worte zu fassende Stimmung ergriff ihn, w�hrend er so dasa�. Er versp�rte Zorn; eine fast kindische Wut auf die Gesichtslosen Prediger, die ihm Hilfe versprochen und ihn statt dessen allein gelassen hatten, aber auch Zorn auf Gowenna-Kiina, wie sie jetzt hie� - die ihn hierhergeschickt hatte, auf sich selbst, der auf ihren Rat geh�rt hatte. Ja, dachte er sarkastisch: es war eine Art Weltschmerz, gepaart mit einer geh�rigen Portion Selbstmitleid, und auf eine Skar selbst v�llig neue Art erleichterte ihn dieses Gef�hl. Bisher war er einfach nur ratlos gewesen. Jetzt hatte er wenigstens etwas, auf das er zornig sein konnte; wenn auch nicht sehr, denn mit einem anderen, v�llig selbst�ndig arbeitenden Teil seines Bewu�tseins begriff er sehr wohl, da� all dies weder Zufall noch Teil eines heimt�ckischen Planes war, sondern...</p><p>Sondern ?</p><p>Sondern was? dachte er w�tend. <emphasis>Was war hier geschehen?</emphasis> In diesem Moment h�rte er das Ger�usch.</p><p>Skar fuhr hoch. Er hatte den Laut nicht bewu�t wahrgenommen, aber seine Sinne waren scharf wie eh und je, und etwas in ihm reagierte, ohne da� es des Zutuns seines bewu�ten Denkens bedurfte.</p><p>Er sah einen Schatten aus den Augenwinkeln, lie� sich blitzschnell zur Seite fallen und rollte hinter den niedrigen Steinquader, der dem Prediger als Tisch gedient hatte. Dann schnellte er wieder in die H�he, kampfbereit, mit leicht gespreizten Beinen, die Linke zur Faust geballt und vor dem Leib, die rechte Hand leicht gespreizt und in H�he seines Kehlkopfes haltend.</p><p>Im n�chsten Moment kam er sich so albern vor wie schon seit langer Zeit nicht mehr.</p><p>Seine Sinne hatten ihn nicht getrogen - er <emphasis>hatte </emphasis>Schritte geh�rt, und er <emphasis>hatte </emphasis>eine Bewegung in seinem R�cken wahrgenommen. Aber es war kein Angreifer, der sich heimlich anschlich.</p><p>Hinter ihm stand ein schwarzhaariger Knabe von allerh�chstens acht Jahren, der ihn schreckensbleich und aus Augen anstarrte, die weit und dunkel vor Furcht waren. Seine H�nde zitterten, und sein Mund stand ein wenig offen, als wolle er schreien. Trotzdem kam kein Laut �ber seine Lippen. Er starrte Skar nur an, mit einer Mischung aus Entsetzen und Erleichterung, wie sie Skar selten im Blick eines Menschen gesehen hatte. Seine kleinen H�nde umklammerten einen Stock, ganz in der Art, in der ein Mann ein Schwert hielt, aber sie zitterten, und Skar sah die dunklen Linien in seinem Gesicht, die Furcht und Ersch�pfung hineingegraben hatten. Skar sah auch, da� seine Kn�chel und Knie blutig waren. �ber seiner rechten Schl�fe prangte eine gro�e, erst halb verschorfte Wunde, und sein rechtes Bein war verbunden, mit mehr gutem Willen als Sachkenntnis. Sein Gewand, das mehr einem schmutzigen Sack glich als einem Kleid, klebte in dunklen Flecken an seiner Haut. Sein Atem ging sehr schnell. Er war gerannt.</p><p>Skar lie� langsam die H�nde sinken, entspannte sich ein wenig und versuchte zu l�cheln. Er selbst hatte den Eindruck, da� es ihm gelang, aber die Reaktion des Knaben bewies das Gegenteil: Der schwache Funke von Erleichterung in seinem Blick erlosch und machte j�h aufflammender Panik Platz. Und pl�tzlich schrie er doch: hoch und schrill und so spitz, da� Skar abermals erschrocken zusammenfuhr und unwillk�rlich einen Schritt auf ihn zutrat.</p><p>�Warte!� sagte Skar hastig. �Ich -�</p><p>Der Junge wirbelte herum und rannte aus der Kammer, ehe er auch nur aussprechen konnte.</p><p>�Heda!� schrie Skar. �So bleib doch stehen! Ich tue dir doch nichts!�</p><p>Nat�rlich reagierte der Junge nicht. Im Gegenteil - Skar sah, wie er erschrocken �ber die Schulter zu ihm zur�cksah und noch schneller lief, dann war er ganz aus der Kammer heraus und im Halbdunkel des Ganges verschwunden.</p><p>Skar schluckte einen Fluch herunter, sprang mit einem Satz �ber den Tisch und rannte hinter dem Jungen her, wobei er ihm unentwegt zuschrie, doch stehenzubleiben. Aber die einzige Antwort, die er bekam, war das verzerrte Echo seiner eigenen Stimme.</p><p>Der Junge hatte bereits einen geh�rigen Vorsprung, als Skar aus der Kammer st�rmte - er sah gerade noch einen Zipfel seines zerrissenen Gewandes in einem Seitengang verschwinden, dann war nicht einmal mehr das Echo seiner Schritte zu h�ren. Skar h�rte auf, nach dem Jungen zu rufen, und sparte sich seinen Atem daf�r, rascher zu laufen. Der Junge war nicht sehr schnell, obwohl ihm die Angst zus�tzliche Kr�fte verleihen mu�te, aber Skars Herz begann bereits nach wenigen Schritten schnell und hart zu h�mmern, und in seiner Kehle erwachte ein d�nner, stechender Schmerz. Er war wahrlich nicht sehr gut in Form.</p><p>Trotzdem verdoppelte er seine Anstrengungen, ihn einzuholen, bog mit gesenktem Kopf in den Seitengang ein und sah den Jungen pl�tzlich drei�ig, vierzig Schritte vor sich.</p><p>�Zum Teufel - bleib endlich stehen!� schrie er. �Ich will nichts von dir! Nur deine Hilfe!�</p><p>Und tats�chlich blieb der Junge stehen und sah zu ihm zur�ck, wenn auch nur f�r einen Moment - dann wirbelte er abermals herum und verschwand in einer T�r. Skar fluchte ungehemmt, griff noch weiter aus und versuchte das Stechen in seinen Lungen zu ignorieren. Wenn er den Jungen in diesem Labyrinth von G�ngen und Treppenfluchten aus dem Auge verlor, hatte er keine Chance mehr, ihn einzuholen. Der Tempel war gro� genug, eine Armee zu verstecken. Kaum drei Schritte hinter ihm st�rmte er durch die niedrige T�r.</p><p>Er sah die Bewegung im letzten Augenblick, aber diesmal kam seine Reaktion zu sp�t. Skar versuchte sich herumzuwerfen und gleichzeitig die Arme in die H�he zu rei�en, aber er war zu langsam. Etwas traf ihn mit der Wucht eines Hammerschlages im Gesicht und schleuderte ihn zu Boden.</p><p>Er fiel, versuchte den Sturz ungeschickt mit H�nden und Knien abzufangen und prallte schmerzhaft mit der Schl�fe gegen die Wand. Kreise aus blutrotem Schmerz drehten sich vor seinen Augen. Er sp�rte, wie seine Arme unter seinem K�rpergewicht nachgaben, prallte mit dem Gesicht gegen den harten Boden und st�hnte ein zweites Mal vor Schmerz. Er konnte nicht mehr richtig sehen. Schatten umtanzten ihn. Er h�rte Schritte, dann einen �berraschten, hellen Schrei - nicht den einer Kinderstimme - versuchte den Kopf zu heben und f�hlte die Gefahr noch, dann traf ihn ein zweiter, sehr viel h�rterer Schlag gegen den Unterkiefer. Skar schrie vor Schmerz auf, ri� ganz instinktiv die Arme �ber den Kopf und sp�rte, wie er irgend etwas traf, das unter seinem Hieb zur�cktaumelte. Ein neuerlicher Schrei erscholl, gleichzeitig voller Wut und Schmerz, und dicht neben ihm st�rzte ein K�rper schwer zu Boden.</p><p>Skar w�lzte sich st�hnend auf den R�cken, blinzelte die grellen Schmerzblitze vor seinen Augen fort und richtete sich auf. Auf seiner Zunge war Blut, sehr viel Blut, und Schmerz l�hmte seine gesamte rechte Gesichtsh�lfte. M�hsam rappelte er sich hoch, spuckte Blut, ein St�ck eines abgebrochenen Zahnes und noch mehr Blut und fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Lippen.</p><p>�Beweg dich nicht!� sagte eine Stimme neben ihm. �Bleib, wo du bist, oder ich schlage dir den Sch�del ein!�</p><p>Skar sah m�hsam auf. In seinem Kopf drehte sich alles. Ihm war �bel und schwindelig zugleich, und der Schmerz in seinem Kiefer wurde fast unertr�glich. Er w�re nicht einmal in der Lage gewesen, sich zu wehren, wenn er es gewollt h�tte. Und er konnte noch immer nicht richtig sehen. Vor seinen Augen wogten blutige Schatten.</p><p>M�hsam richtete er sich weiter auf, sah einen der Schatten sich bewegen und fuhr erschrocken zusammen. Der Schlag, auf den er wartete, kam nicht, aber die Stimme wiederholte ihre Warnung, sich nicht zu bewegen.</p><p>Skar sp�rte kalten Stein im R�cken, lie� sich gegen die Wand sinken und fuhr sich mit beiden H�nden �ber das Gesicht. Er f�hlte Blut, das aus seiner aufgeplatzten Lippe quoll, und einen raschen, stechenden Schmerz.</p><p>Als er die H�nde herunternahm, geronnen die Schatten vor seinem Blick zu den Umrissen zweier Menschen. Der eine war der Junge, den er verfolgt hatte. Er stand mit gespreizten Beinen da, den Stock, an dem jetzt Blut klebte, mit beiden F�usten umklammernd und zitternd vor Angst, aber gleichzeitig auch sehr entschlossen.</p><p>Der andere war der einer Frau, und sie war es auch gewesen, die ihn vollends niedergeschlagen hatte, eine Frau von allerh�chstens f�nfundzwanzig Jahren. Sie hockte vor ihm, halb auf ein Knie erhoben, und in ihren Augen stand die gleiche panische Angst, die er schon in denen des Jungen gelesen hatte. Ihre rechte Hand umklammerte den faustgro�en, kantigen Stein, den sie ihm ins Gesicht geschlagen hatte.</p><p>Skar versuchte etwas zu sagen, aber es ging erst, nachdem er einen weiteren Mundvoll Blut ausgespien hatte. St�hnend hob er die Hand, fuhr sich �ber Kinn und Lippen und machte Anstalten, sich vollends zu erheben. Sofort hob die Frau den Stein drohend h�her, und Skar erstarrte wieder. Aber er sah auch, da� ihre Hand zitterte. Der Ausdruck auf ihren Z�gen war Panik, nicht Wildheit.</p><p>�Nimm den Stein herunter�, sagte er m�hsam. �Ich bin nicht dein Feind!� Er st�hnte, ber�hrte seine schmerzende Wange mit spitzen Fingern und f�gte gepre�t hinzu: �Wenigstens noch nicht.�</p><p>Die Frau - nein, korrigierte sich Skar in Gedanken: das <emphasis>M�dchen - </emphasis>z�gerte. Ihre Hand begann st�rker zu zittern. Der Stein mu�te sehr schwer sein. Und wahrscheinlich war sie halb wahnsinnig vor Angst. Aber es war die gleiche Angst, die ihr die Kraft gegeben hatte, ihn niederzuschlagen. Skar begriff pl�tzlich, da� er einfach Gl�ck gehabt hatte - h�tte der Stein seine Schl�fe getroffen, statt seines Kiefers, w�re er jetzt wahrscheinlich tot. �Nimm den Stein herunter�, sagte er noch einmal. �Bitte.� Das M�dchen z�gerte. Skar konnte den lautlosen Kampf, der hinter ihrer Stirn tobte, direkt sehen. Sie war noch immer halb wahnsinnig vor Angst, aber in ihrem Blick war auch die gleiche, vorsichtige Erleichterung zu erkennen wie zuvor in dem des Jungen. Trotzdem senkte sie den Stein nicht. �Wer... wer bist du?� stammelte sie. �Du geh�rst nicht... nicht zu ihnen?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung, wer <emphasis>sie </emphasis>sind�, antwortete Skar gereizt. �Aber ich glaube nicht, da� ich dazu geh�re.� Er deutete mit einer Kopfbewegung auf ihre Hand, die den Stein hielt. �Wie ist es - darf ich aufstehen, oder zertr�mmerst du mir den Sch�del, wenn ich es versuche?�</p><p>�Glaub ihm nicht, Syrr!� sagte der Junge. Er hatte sich Skar von der anderen Seite gen�hert und war abermals mit gespreizten Beinen stehengeblieben. Den Stock hielt er nun wirklich wie ein Schwert. Und trotz der Angst, die in seinem Blick flackerte, schien er wild entschlossen zu sein, zuzuschlagen. W�re der Schmerz in seinem Gesicht etwas weniger heftig gewesen, h�tte der Junge ihm wahrscheinlich sogar gefallen.</p><p>�Syrr, so.� Skar richtete sich auf, fuhr sich noch einmal mit dem Handr�cken �ber den Mund und verzog schmerzhaft das Gesicht. Dann deutete er mit einer Kopfbewegung auf den Jungen. �Wer ist das?� fragte er verdrossen. �Dein Sohn?�</p><p>�Mein... mein Bruder�, antwortete Syrr. Ihr Blick flackerte. Skar sah, welche Kraftanstrengung es sie kostete, den Stein weiter drohend erhoben zu halten. Ihre freie Hand spielte nerv�s an dem groben Strick, den sie anstelle eines G�rtels um die Taille trug. Wie die des Jungen waren ihre H�nde und die nackten Arme mit einer Unzahl kleiner, zum gr��ten Teil erst halb verheilter Kratzer und Wunden �bers�t.</p><p>�Und wer bist du?� fragte sie unsicher.</p><p>�Jemand, der dir und diesem Knirps da gleich eine Tracht Pr�gel verabreicht, wenn du nicht sofort den Stein fallen l��t�, antwortete Skar drohend. Er hatte beinahe Lust, seine Ank�ndigung in die Tat umzusetzen, denn zu dem pochenden Schmerz in seinem Kiefer gesellte sich nun auch noch Zorn; allerdings wohl eher Zorn auf sich selbst, da� er sich von einem Knaben und einem M�dchen so hatte �bert�lpeln lassen.</p><p>Syrr wich erschrocken vor ihm zur�ck, als er auf sie zutrat, und Skar bedauerte seine groben Worte fast sofort wieder. Jetzt, als Skar ihr gegen�berstand, sah er, da� sie sehr klein war: selbst hoch aufgerichtet reichte sie ihm kaum bis zur Schulter. Sie war sehr schlank, beinahe d�rr, und auf ihren Wangen lagen Schatten, die von einer �berstandenen schweren Krankheit, vielleicht auch von Hunger k�ndeten. Ihr Haar war schwarz wie das des Jungen und unter einem tief in die Stirn gezogenen Kopftuch verborgen. Und wie der Knabe trug sie ein sack�hnliches, zerschlissenes Gewand und keine Schuhe.</p><p>Statt Zorn sp�rte Skar pl�tzlich beinahe Mitleid - aber nur beinahe. Der Schmerz in seinem Gesicht war ein wenig zu stark, um nicht jeden aufkeimenden Funken von Sympathie f�r Syrr und ihren Bruder sofort zu ersticken.</p><p>St�hnend hob er den Arm, pre�te die Hand gegen seine schmerzende Wange und musterte Syrr und den Knaben finster. Aber sein Zorn wich mehr und mehr Verwirrung - und dem unguten Gef�hl, da� Syrrs verzweifelter Angriff auf ihn mehr als ein Versehen gewesen war. Die beiden mu�ten eine Menge mitgemacht haben, dachte er. Sie w�rden einen Mann wie ihn nicht aus purem �bermut angreifen, oder gar, um ihn auszupl�ndern. Ganz davon abgesehen, da� es bei ihm nicht sehr viel zu pl�ndern gab...</p><p>Skar verharrte mitten im Schritt, sah an sich herab und runzelte die Stirn. �Gib mir dein Kopftuch�, verlangte er.</p><p>Syrr z�gerte, aber als er die Hand ausstreckte, hob sie fast erschrocken den Arm, zog das Tuch herunter und reichte es ihm. Skar nickte dankbar, faltete es ganz auseinander und knotete es zu einem primitiven Lendenschurz zusammen. Erst danach wandte er sich wieder an das M�dchen.</p><p>�Also�, begann er, noch immer in scharfem Ton, aber lange nicht mehr so grob wie bisher. �Wer seid ihr, und was soll das, mich hinterr�cks niederzuschlagen?�</p><p>Syrr antwortete nicht. Ihr Blick glitt �ber seine Gestalt, blieb an seinem Gesicht h�ngen und begann unstet durch den Raum zu irren, als suche sie einen Fluchtweg. Skar sp�rte, wie es in ihr arbeitete. Vermutlich begriff sie allm�hlich, da� er wirklich nicht zu den M�nnern geh�rte, vor denen sie und ihr Bruder solche Angst hatten. Trotzdem traute sie ihm noch nicht.</p><p>Und wie konnte sie auch? dachte er. Er hatte einen Blick wie den ihren zu oft gesehen, um nicht zu wissen, was er bedeutete: der Blick eines gejagten Tieres, das so lange auf der Flucht gewesen war, da� es schon nicht mehr wu�te, was das Wort <emphasis>Vertrauen </emphasis>wirklich bedeutete. Dieses M�dchen und ihr Bruder hatten zu viel erlebt, um noch irgendeinem Menschen vorbehaltlos trauen zu k�nnen - und schon gar keinem nackten Mann, der unversehens in einer vermeintlich vollkommen leeren Festung vor ihnen auftauchte.</p><p>�La� den Stein fallen�, sagte er, laut, aber trotzdem beinahe sanft. �Wenn ich das w�re, wof�r du mich h�ltst, w�rst du schon lange nicht mehr am Leben, glaube mir. Also -?�</p><p>�Glaub ihm nicht�, sagte der Junge. �Er l�gt! Sie l�gen immer. Er wird uns zur�ckbringen. Oder gleich hier ermorden.�</p><p>Skar seufzte, drehte sich langsam zu dem Jungen um und trat einen halben Schritt auf ihn zu. Der Junge erbleichte noch mehr, wich aber nicht weiter vor ihm zur�ck. Seine H�nde begannen st�rker zu zittern. Er bi� sich auf die Lippe, so fest, da� ein einzelner Blutstropfen aus seinem Mundwinkel lief. Aber er wich keinen Zoll vor Skar zur�ck.</p><p>�Du hast Mut, Kleiner�, sagte Skar. �Aber das allein reicht nicht - siehst du?�</p><p>Der Junge keuchte, als Skar eine schnelle Bewegung machte und pl�tzlich den Stock in H�nden hielt, ohne da� er auch nur recht begriff, wie ihm geschah. Skar sch�ttelte tadelnd den Kopf, zerbrach den Stecken ohne sichtliche Anstrengung in zwei Teile und warf sie zu Boden. F�r einen Moment bereitete es ihm eine absurde Befriedigung, den Knaben so spielend entwaffnet zu haben. Dann begriff er, da� er sich selbst sehr kindisch benahm. �La� einen Mann niemals so dicht an dich herankommen, da� er dich entwaffnen kann�, sagte Skar. Er l�chelte verlegen, obwohl er sich dar�ber im klaren war, da� es bei seinem geschwollenen Gesicht wohl eher einer Grimasse gleichkam, wandte sich wieder an das M�dchen und deutete auf den Stein in ihrer Hand. �Du scheinst an diesem Ding zu h�ngen�, sagte er. �Behalte es meinetwegen, aber mach keinen Unsinn damit, ja? Also, Syrr - du und dein Bruder, wer seid ihr? Und was tut ihr hier?�</p><p>�Wir... wir haben uns versteckt�, antwortete Syrr stockend. �Talin und ich sind ihnen entkommen, aber sie haben uns verfolgt, und... und da haben wir die H�hle entdeckt, und... und wir dachten, hier unten w�ren wir sicher, aber dann... dann h�rten wir Schritte und...�</p><p>Skar hob die Hand, um ihren Redeflu� zu unterbrechen.</p><p>�Nicht so rasch�, sagte er. �Wer sind sie, und warum verfolgen sie euch? Was habt ihr getan?� Er seufzte, lie� sich wieder zu Boden sinken und zog die Knie an den Leib. Sein Kiefer schmerzte so heftig, da� er nicht mehr klar denken konnte. Gro�er Gott, wie hatte er sich so �bert�lpeln lassen k�nnen - von einem <emphasis>Kind?</emphasis> �Quorrl�, antwortete Syrr nach langem Z�gern. �Die... die Quorrl, Herr!�</p><p>�Quorrl?� Skar sah auf, blickte das M�dchen ungl�ubig an und verga� f�r einen Moment sogar den pochenden Schmerz in seinem Kiefer. �Sagtest du: Quorrl?� wiederholte er.</p><p>�Sie haben uns verfolgt, Herr�, best�tigte Syrr. �Seit drei Tagen fliehen Talin und ich vor ihnen, aber sie... sie haben Hunde dabei, und...�</p><p>�Warum erz�hlst du ihm das?� mischte sich Talin ein. �Er geh�rt zu ihnen, das wei� ich. Er wird uns verraten!�</p><p>�Sehe ich vielleicht aus wie ein Quorrl?� fragte Skar zornig. �Es... es sind auch Menschen bei ihnen�, sagte Syrr. Ihre Stimme schwankte immer st�rker. Und ganz pl�tzlich lie� sie den Stein fallen und begann zu weinen. �Es... es war so entsetzlich�, schluchzte sie. �Ich habe Angst, Herr. Bitte helft uns!� Und dann tat sie etwas, womit Skar h�tte rechnen m�ssen, was ihn aber vollkommen �berraschte - sie trat auf ihn zu, fiel pl�tzlich neben ihm auf die Knie, warf sich an seine Brust und begann hemmungslos zu schluchzen.</p><p>Skar blickte hilflos auf sie herab. Er hob die Hand, wie um sie an der Schulter zu ber�hren oder ihr Haar zu streicheln, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende, sondern lie� den Arm wieder sinken. Syrrs K�rper wurde von einem Weinkrampf gesch�ttelt. Ihre Fingern�gel krallten sich schmerzhaft in seine Haut, und pl�tzlich sp�rte er ihre Tr�nen hei� an seiner Brust herablaufen. �Helft uns, Herr�, stammelte sie. �Ich flehe Euch an - macht mit mir, was Ihr wollt, aber helft meinem Bruder und mir. Ihr... Ihr k�nnt mich haben, aber bringt... bringt uns hier heraus. La�t nicht zu, da� sie uns zur�ckbringen!�</p><p>Skar f�hlte sich... hilflos. Kindern und weinenden Frauen gegen�ber hatte er sich immer hilflos gef�hlt, aber nun kam noch seine Verwirrung hinzu, und das Gef�hl, da� alles von vorne begann. Sollte denn das K�mpfen und Fliehen niemals ein Ende haben? Au�erdem verunsicherten ihn Syrrs Worte, denn wenn sie das bedeuteten, was er glaubte, gefielen sie ihm nicht. Gott, sie war ein halbes Kind!</p><p>Behutsam l�ste er ihren Griff, legte nun doch die H�nde auf ihre Schultern und schob sie auf Armesl�nge von sich. Syrr weinte noch immer, wenn sie sich auch jetzt alle M�he gab, die Kontrolle �ber sich zur�ckzugewinnen. Ihr Haar hing aufgel�st in die Stirn und bis �ber ihre Schultern, und jetzt, als sie sich ganz nahe waren, korrigierte Skar seine Sch�tzung um ein geh�riges St�ck nach unten, was ihr Alter anging. Sie war allerh�chstens zwanzig.</p><p>�Beruhige dich, Kind�, sagte er, so sanft er konnte. �Ihr seid sicher.� Er l�chelte aufmunternd, schob sie mit sanfter Gewalt auf eine der steinernen Sitzb�nke und lie� sich vor ihr in die Hocke sinken, bis ihre Gesichter auf gleicher H�he waren. Syrr sah ihn an, und sofort begannen die Tr�nen wieder heftiger �ber ihre Wangen zu laufen. Sie <emphasis>war </emphasis>ein Kind.</p><p>�Und jetzt erz�hle�, sagte er. �Ich werde deinem Bruder und dir helfen, aber zuerst mu� ich wissen, was �berhaupt los ist - siehst du das ein?� Er l�chelte erneut, verlagerte sein Gewicht ein wenig und hob die Hand, um sie sanft an der Wange zu ber�hren. Syrr nickte schluchzend, aber Talin trat mit einem zornigen Schritt zwischen sie und Skar, schlug seine Hand beiseite und funkelte ihn ha�erf�llt an. �R�hr sie nicht an!� fauchte er. �Wenn du sie anfa�t, bringe ich dich um, Alter!�</p><p><emphasis>Alter? </emphasis>dachte Skar. Dann fiel ihm ein, da� er wirklich alt war gegen diesen Jungen - an die vierzig Jahre �lter als er. Mit M�he unterdr�ckte er ein sp�ttisches L�cheln, bewegte sich ein St�ck zur�ck, ohne sich aus der Hocke zu erheben, und lie� sich schlie�lich mit untergeschlagenen Beinen zu Boden sinken. �Wie du willst, du kleiner Held�, sagte er sp�ttisch. �Aber wenn ich euch helfen soll, m��t ihr mir wenigstens verraten, wie - und warum.�</p><p>Syrr wollte etwas sagen, aber wieder war ihr Bruder schneller. �Nein!� beharrte er. �Erst erz�hlst du! Wer bist du, und was tust du hier?�</p><p>�La� ihn doch, Talin�, sagte Syrr matt. �Irgend jemandem m�ssen wir schlie�lich vertrauen, oder?�</p><p>�So wie Ghandrij?� Talin zog eine Grimasse, spie aus und deutete anklagend auf Skar. �Er soll verschwinden! Wir haben bisher niemanden gebraucht, und wir brauchen auch jetzt keinen. Bisher sind wir ganz gut allein zurechtgekommen, oder?�</p><p>Skar beschlo�, das einzige zu tun, was ihm sinnvoll erschien - den Knaben zu ignorieren. �Erz�hle�, sagte er, an Syrr gewandt. �Wie viele sind es, und warum verfolgen sie euch?�</p><p>�Erst du!� beharrte Talin. �Wer bist du?�</p><p>Skar seufzte. F�r einen Moment wallte �rger in ihm hoch; aber dann kam er sich einfach l�cherlich vor bei dem Gedanken, sich mit einem <emphasis>Kind </emphasis>streiten zu sollen.</p><p>Resignierend zuckte er mit den Achseln. �Vielleicht hast du sogar recht�, murmelte er. �Mein Name ist Skar. Ich bin...� Irgend etwas hielt ihn davon ab, das Wort <emphasis>Satai </emphasis>auszusprechen; zumindest in diesem Moment. Vielleicht einfach die alberne Scham, von einem Kind niedergeschlagen und um ein Haar get�tet worden zu sein. �Ich war der Gast der Gesichtslosen Prediger�, fuhr er fort.</p><p>Etwas an seinen Worten schien falsch gewesen zu sein, denn er sah, wie das alte Mi�trauen sofort wieder in Syrrs Augen aufflammte. Ihre Haltung versteifte sich. Ohne da� sie es selbst merkte, rutschte sie ein St�ck vor ihm zur�ck. Und auch ihr Bruder versteifte sich. Seine H�nde glitten an seinem Gewand herab, als suchten sie eine Waffe.</p><p>�Die Gesichtslosen Prediger?� wiederholte Syrr.</p><p>Skar nickte. �Das hier ist ihr Tempel.� Er blickte Syrr und Talin abwechselnd an. �Was ist falsch daran?�</p><p>�Du l�gst!� behauptete Talin. Er fuhr herum, wandte sich an seine Schwester und deutete heftig gestikulierend auf Skar. �Ich habe es dir gesagt: er l�gt. Er geh�rt zu ihnen!�</p><p>�Zum Teufel, was soll das?� fragte Skar �rgerlich.</p><p>�Sie... sie sind fort�, murmelte Syrr. �Sie sind geflohen, Skar, schon vor Wochen.�</p><p>�Vor Wochen?� Skar schwieg einen Moment. Die Worte des M�dchens �berraschten ihn nicht sonderlich. Aber sie erschreckten ihn trotzdem, denn sie enthielten eine Wahrheit, die er zwar geahnt, gegen die er sich aber bis zu diesem Moment noch gestr�ubt hatte.</p><p>�Vor Wochen...�, wiederholte er. �Nun, das... das kompliziert die Sache.�</p><p>�Das beweist, da� du l�gst!� sagte Talin.</p><p>�So?� Skar l�chelte sanft. �Meinst du? Glaubst du wirklich, ich w�rde mir eine so offensichtliche L�ge aus den Fingern saugen, Talin?� Er sch�ttelte entschieden den Kopf. �Ich verstehe es selbst nicht. Ich kam hierher, weil ich ein... nun, ein Problem hatte�, sagte er z�gernd. �Ich brauchte ihre Hilfe, und sie gaben mir einen Trank. Ich habe geschlafen. Aber ich wu�te nicht, da� es so lange war.�</p><p>�Ich glaube dir nicht�, beharrte Talin. In seinen Augen blitzte ein Mut, wie ihn wohl nur Kinder aufzubringen vermochten. Skar war sicher, da� er sich auf ihn gest�rzt h�tte, h�tte er eine Waffe besessen.</p><p>�Ich schon�, sagte Syrr. Sie sch�ttelte sanft den Kopf, als ihr Bruder abermals auffahren wollte. �Bitte, Talin - es spielt keine Rolle, ob er die Wahrheit sagt oder nicht. Wenn er l�gt und zu ihnen geh�rt, sind wir sowieso verloren. Und wenn er die Wahrheit sagt, wird er uns helfen.�</p><p>Die eiskalte Logik dieses Gedankenganges �berraschte Skar. Aber er sagte nichts, denn er sp�rte, da� er mehr erfahren w�rde, wenn er einfach schwieg und das M�dchen reden lie�.</p><p>�Talin und ich stammen aus Jeda�, begann Syrr mit leiser, zitternder Stimme. �Ihr werdet es nicht kennen. Es... es ist ein kleines Dorf, drei Tagesreisen von hier. Als die Quorrl kamen, sind die meisten von uns fortgegangen, aber ein paar sind geblieben; zumeist Alte und Kranke. Und... und wir auch.�</p><p><emphasis>Quorrl? </emphasis>dachte Skar verwirrt. <emphasis>Wovon zum Teufel sprach dieses M�dchen ?! </emphasis>Laut sagte er: �Und ihr? Ihr seid weder das eine noch das andere.�</p><p>�Unsere Mutter war krank�, antwortete Syrr. �Ich blieb, um sie zu pflegen. Talin habe ich mit den anderen weggeschickt, aber er ist ausgerissen und zur�ckgekommen.� Sie seufzte. Wieder liefen Tr�nen �ber ihr Gesicht, aber sie weinte jetzt still, und als sie weitersprach, war ihre Stimme sogar erstaunlich klar. Eine K�lte war darin, die Skar im ersten Moment fast erschreckte - bis er begriff, da� sie sich mit �u�erster Kraft beherrschte. �In der Nacht darauf kamen die Quorrl. Es war... schrecklich, Skar. Sie haben alle get�tet, die sich zu wehren versuchten, und dann alle, die ihnen zu krank oder zu alt waren, um von Nutzen zu sein.� Skar verbi� sich im letzten Moment die Frage, ob ihre Mutter auch dazu geh�rt hatte. Er kannte die Quorrl.</p><p>�Die anderen haben sie verschleppt�, fuhr Syrr fort. �Auch meinen Bruder und mich. Aber wir konnten fliehen, als sie einen Moment unaufmerksam waren.�</p><p>�Ich habe einem von ihnen den schmutzigen Hals durchgeschnitten!� sagte Talin stolz. Skar sah ihn an, schwieg einen Moment und runzelte die Stirn. Die Wortwahl des Jungen gefiel ihm nicht. Aber jetzt war nicht der Moment, <emphasis>dar�ber </emphasis>zu sprechen. Er nickte Syrr aufmunternd zu.</p><p>�Sie haben uns verfolgt�, berichtete sie. �Ich wei� nicht, wie viele es sind - f�nf, vielleicht sechs. Sie haben Pferde und Hunde, aber wir konnten sie absch�tteln. Wir sind in die W�lder geflohen, und dann hierher in die Berge, aber die Hunde haben unsere Spur immer wieder aufgenommen. Und dann hat Talin den Eingang entdeckt. Wir... wir dachten, wir w�ren hier sicher.� Sie schluckte krampfhaft, um die Tr�nen zur�ckzuhalten. Es gelang ihr nicht. �Talin sagte, die Quorrl w�ren ein abergl�ubisches Volk, das sich niemals hier herunter trauen w�rde.�</p><p>�Damit hat er recht�, sagte Skar.</p><p>�Vielleicht.� Syrr l�chelte bitter. �Aber sie haben die Hunde. Und es sind Menschen bei ihnen. Wir... haben Schritte geh�rt, und -�</p><p>�Und?� hakte Skar nach, als sie nicht weitersprach.</p><p>�Sie sind hier�, sagte Syrr schluchzend. �Ich habe niemanden gesehen, und auch Talin nicht, aber... aber ich sp�re sie.� Skar dachte an sein eigenes, beunruhigendes Erlebnis vom Vortage und schwieg. Vielleicht lag es einfach an diesem Tunnellabyrinth, dachte er. Diese W�nde hatten so viel Magie und Zauberei erlebt, da� irgend etwas davon zur�ckgeblieben sein mu�te. Sie sollten nicht hier sein. Niemand sollte das.</p><p>�Sprich weiter�, sagte er halblaut.</p><p>Syrr sah auf, blickte Skar aus weiten Augen an und versuchte vergeblich, das Zittern ihrer Lippen zu unterdr�cken. Ihre Stimme wurde fast flehend. �Als... als ich sah, wie Ihr Talin verfolgtet, hielt ich Euch f�r einen von ihnen, Herr. Ich wollte Euch nicht verletzen, wirklich! Ich hatte nur Angst, und ich... ich dachte -�</p><p>�Schon gut�, Skar unterbrach sie mit einer Handbewegung und l�chelte. Sein Gesicht schmerzte noch immer, und in den n�chsten Tagen w�rde er wahrscheinlich begreifen, was das Wort <emphasis>Zahnschmerz </emphasis>wirklich bedeutete - aber er konnte das M�dchen verstehen. Er h�tte nicht anders reagiert, in ihrer Lage. Und es gab Wichtigeres, als sich in Selbstmitleid zu �ben oder gar dieses Kind mit Vorw�rfen zu �berh�ufen, das nichts anderes getan hatte, als um sein Leben zu k�mpfen.</p><p>�Quorrl, sagst du�, fuhr er fort. �Wieso tut der Herzog von Denwar nichts gegen sie? Hat er Krieger geschickt?�</p><p>�Krieger?� Syrr starrte ihn an, als zweifele sie nun ernsthaft an seinem Verstand. �Aber... aber was f�r Krieger denn? Orkala ist besetztes Land, Herr. Bisher haben sie uns in Ruhe gelassen, hier in den Bergen, aber... aber jetzt -�</p><p>�Besetztes Land?� unterbrach sie Skar. Seine Gedanken �berschlugen sich. Ein eisiger, ungl�ubiger Schrecken breitete sich in ihm aus. �Du willst sagen, es ist <emphasis>Krieg? </emphasis>Mit den Quorrl?�</p><p>�Zwischen ihnen und den freien L�ndern�, best�tigte Syrr in einem Ton, als habe er sie gefragt, ob die Sonne wirklich jeden Tag aufging. �Aber wi�t Ihr denn nichts davon, Herr?� Das alte Mi�trauen flammte wieder in ihrem Blick auf, st�rker als zuvor. Aus den Augenwinkeln sah Skar, wie Talin ein St�ck vor ihm zur�ckwich.</p><p>�Vergi� den <emphasis>Herrn�, </emphasis>sagte er automatisch. �Und um deine Frage zu beantworten - nein, ich wei� nichts davon. Ich f�rchte, ich war l�nger hier, als ich bisher angenommen habe.�</p><p>�Dann m��t Ihr... - du - sehr lange geschlafen haben�, stellte Syrr fest. Etwas in ihrer Stimme hatte sich ver�ndert, registrierte Skar. Sie weinte nicht mehr. Und pl�tzlich begriff er, da� die schmale Br�cke aus Vertrauen, die zwischen ihnen entstanden war, unter der Last seiner Fragen zusammenzubrechen drohte. Vielleicht begann sie sich einfach zu fragen, ob es nicht ebenso gef�hrlich war, mit einem Verr�ckten zusammen zu sein, wie mit einem ihrer Verfolger. Bei allen G�ttern - was war geschehen? <emphasis>Wie lange hatte er geschlafen?</emphasis></p><p>�Es mu� wohl sehr lange gewesen sein�, sagte er rasch. �Ich war... krank. Schwer krank.� Er l�chelte unsicher. Syrr starrte ihn an. Das Mi�trauen in ihrem Blick legte sich nicht. Es war jetzt nur von anderer Art �Vielleicht stimmt irgend etwas mit meinem Ged�chtnis nicht�, sagte er. �Wei�t du, gestern, als ich aufgewacht bin, konnte ich mich nicht einmal an meinen Namen erinnern. Krieg also?� Im Grunde waren Syrrs Worte nicht einmal so �berraschend, wie sie sich im ersten Moment angeh�rt hatten: Die Quorrl �berschritten die Grenzen ihres Reservates in fast regelm��igen Abst�nden, um pl�ndernd und mordend durch die Welt zu ziehen. Und wenn er alles bedachte - die verzweifelte Hetzjagd, zu der ihn Vela gezwungen hatte, ihre Flucht vor Dronte und die fast zweimonatige R�ckreise nach Enwor, dazu die Zeit, die er dagelegen und geschlafen hatte... ja, es mu�te fast ein Jahr her sein, da� er das letzte Mal Gelegenheit gehabt hatte, sich um die Geschehnisse drau�en in der Welt zu k�mmern. Mehr als genug Zeit, um einen Krieg zu verschlafen...</p><p>Er l�chelte bitter.</p><p>�Was ist so komisch?� fragte Talin.</p><p>�Oh, nichts�, seufzte Skar. Er streckte die Hand aus, wie um Talins Haar zu streicheln, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende, als der Junge erschrocken vor ihm zur�ckwich, sondern seufzte nur abermals, und sehr tief. �Wei�t du, Knirps�, sagte er, �es gibt einen Spruch, nach dem die G�tter die lieben, mit denen sie ihre Scherze treiben. Sollte es wahr sein, dann m�ssen sie unsterblich in mich verliebt sein.�</p><p>Er lachte, als er die Verwirrung auf Talins Z�gen sah, und stand mit einer kraftvollen Bewegung auf. �Habt ihr Essen?� Syrr sch�ttelte den Kopf. �Nein. Wir... hatten keine Zeit, Fallen zu stellen, und der Winter war sehr hart. Ich habe gehofft, hier etwas zu finden, aber...� Sie sah ihn fast hoffnungsvoll an. �Habt ihr... hast du etwas?�</p><p>Skar grinste. �Ja�, antwortete er. �Hunger. Ihr seid hier heruntergekommen - kennt ihr auch den Weg hinaus?�</p><p>Syrr nickte. �Warum?�</p><p>�Weil ich keine gro�e Lust habe, in diesem Rattenloch zu verhungern�, antwortete Skar scharf. �Oder darauf zu warten, da� sie kommen und uns holen. Ich bringe euch raus. Zur�ck in euer Dorf, oder irgendwohin, wo ihr sicher seid.�</p><p>�Das n�chste freie Land ist Lora!� protestierte Syrr. �Es sind zehn Tagesm�rsche bis dorthin!�</p><p>�Wer sagt, da� wir zu Fu� gehen?� erwiderte Skar. �Wir brauchen Kleider, Waffen und Nahrung. Und Pferde. K�nnt ihr reiten?�</p><p>Syrr nickte verwirrt. �Sicher. Aber wo... wo willst du Pferde herbekommen?�</p><p>�Woher schon?� sagte Skar leichthin. �Von den Quorrl nat�rlich.�</p></section><section><title><p id="_2">2.</p></title><p>Die Ebene breitete sich unter ihnen aus wie ein mit zarten Farben gemaltes Bild: flach und scheinbar endlos, denn der Blick verlor sich schon auf halber Strecke zum Horizont hin in grauem Nebel, der wie Dampf aus dem Boden stieg. Der Himmel hing tief, und er war bedeckt mit schweren, bauchigen grauen Wolken, die so aussahen, wie die Luft roch: nach Schnee.</p><p>Skar blickte sehr lange auf das Bild herab, das sich ihm bot, ohne ein Wort zu sagen. Der Anblick der schneebedeckten Ebene vor den Bergen war nicht der erste D�mpfer, den sein neu erwachter Optimismus erhielt, seit er Syrr und Talin getroffen hatte - aber es war der gr�ndlichste. Als er den Tempel der Gesichtslosen Prediger erreicht hatte, hatte der Sommer Einzug gehalten - und jetzt lag auf den B�umen unter ihnen <emphasis>Schnee! </emphasis>Er mu�te f�nf, vielleicht sogar sechs Monate geschlafen haben! Die Vorstellung war zu erschreckend, als da� er sie jetzt schon verarbeiten konnte; <emphasis>wirklich </emphasis>begreifen. Aber ihn schwindelte, als er auch nur daran dachte, wie lange er reg- und hilflos dagelegen haben mu�te, allem ausgeliefert, was mit ihm geschah.</p><p>�Dort unten!� Syrrs Worte rissen ihn abrupt in die Wirklichkeit zur�ck. Das M�dchen deutete mit der Hand auf eine Baumgruppe, nicht mehr als zwei oder drei Pfeilschu�weiten entfernt. Mit der anderen bedeutete sie ihm gleichzeitig, sich m�glichst still zu verhalten. Als sie weitersprach, war ihre Stimme zu einem hastigen hellen Fl�stern geworden. Skar h�tte ihr sagen k�nnen, da� man ein auf diese Art gesprochenes Wort fast ebensoweit h�rte wie ein ganz normal gesprochenes; aber es war nicht n�tig. Es waren keine Quorrl in der N�he. �ber einem Teil der Landschaft lag schon D�mmerung, und wie oft an fr�h zu Ende gehenden Wintertagen war alles irgendwie grau und verschleiert, so da� er nicht sehr weit sehen konnte. Trotzdem wu�te er, da� die Fischgesichter nicht da waren. Er h�tte sie gesp�rt. Er sp�rte sie immer.</p><p>Dann begriff er den Fehler in diesem Gedankengang. <emphasis>Bisher </emphasis>hatte er die N�he von Quorrl immer gesp�rt. Vor seinem langen Schlaf. Er hatte keinen Beweis, da� es noch so war.</p><p>W�tend auf sich selbst ballte Skar die Faust und sah das M�dchen an. �Wo genau?�</p><p>�Ihr Lager liegt hinter diesen B�umen.�</p><p>�Bist du sicher?�</p><p>Syrr z�gerte, blickte noch einmal aus eng zusammengepre�ten Augen zu der kleinen Baumgruppe hinab, deren �ste sich unter dem Gewicht des Schnees bogen, und zuckte hilflos die Achseln. �Wenigstens war es dort, als wir in den Tempel geflohen sind�, sagte sie. Sie sah Skar zweifelnd an. Obwohl sie sich nahe waren, konnte Skar ihr Gesicht nur als verwaschenen hellen Fleck ausmachen. Aber er sah das Blitzen von Angst in ihren Augen. �Glaubst du wirklich, du k�nntest sie besiegen?�</p><p>Skar antwortete nicht. Er w�re sehr froh gewesen, h�tte er die Antwort auf diese Frage selbst gewu�t. Vier oder f�nf Quorrl, dazu noch ein, vielleicht zwei Krieger - und die Hunde. Das war selbst f�r einen Satai ein bi�chen viel, auch wenn er den Vorteil der �berraschung auf seiner Seite hatte. Und er war - sehr vorsichtig ausgedr�ckt - nicht unbedingt in seiner Bestform. W�hrend er Syrr und ihrem Bruder hier herauf gefolgt war, war er ein paarmal au�er Atem gekommen. Sein R�cken schmerzte, und seine Beine schienen sich in einen einzigen Krampf verwandelt zu haben. Vielleicht war es ganz gut, da� er sich Syrr und Talin gegen�ber noch nicht als Satai zu erkennen gegeben hatte, dachte er finster. Wahrscheinlich h�tte er sich nur l�cherlich gemacht mit dieser Behauptung.</p><p>�Ich habe nicht vor, mit ihnen zu k�mpfen�, sagte er schlie�lich. �Aber wir brauchen die Pferde.�</p><p>�Sie werden dich t�ten�, behauptete Syrr. �Warum warten wir nicht, bis es dunkel ist?� Sie deutete in den wolkenverhangenen Himmel. �In einer Stunde geht die Sonne unter. Mit etwas Gl�ck k�nnen wir uns davonschleichen, ohne da� sie es auch nur merken.�</p><p>�Bis zum Morgen, ja.� Skar deutete mit s�uerlichem Gesicht auf den Schnee herab, der sich wie eine wei�e Decke �ber dem Gras ausbreitete. �Sie sehen unsere Spuren, kaum da� die Sonne aufgegangen ist. Wie lange, glaubst du, brauchen sie mit ihren Pferden, um uns einzuholen?� Er sch�ttelte entschieden den Kopf, als nun Talin widersprechen wollte. �Wir haben keine Chance, wenn wir zu Fu� zu fliehen versuchen. Aber die Hunde machen mir Sorgen. Was sind es f�r Tiere?�</p><p>�Kampfhunde�, antwortete Talin an Syrrs Stelle. �Sie t�ten dich, wenn sie dich erwischen, Skar. Ich habe gesehen, wie sie einen Mann aus unserem Dorf zerrissen haben. Die Quorrl haben sie auf ihn gehetzt, nur aus Spa�.� Er zog eine Grimasse, die wohl Entsetzen verdeutlichen sollte, in Wahrheit aber einfach nur albern aussah. �Sie haben ihm hundert Schritte Vorsprung gegeben und die Tiere dann losgelassen. Und uns haben sie gezwungen, zuzusehen.�</p><p>Skar schwieg einen Moment, dann erhob er sich wortlos ein wenig weiter hinter dem Felsbrocken, hinter dem sie Deckung gesucht hatten, und hielt das Gesicht in den Wind, um seine Richtung zu pr�fen. Ihre Gl�cksstr�hne schien zu Ende zu sein - der Wind kam von Osten, und das bedeutete, da� er einen gro�en Bogen schlagen und sich dem Lager von der entgegengesetzten Richtung her n�hern mu�te, um von den Hunden nicht gewittert zu werden. Selbst wenn alles gut ging, w�rde es dunkel sein, bis er zur�ck war.</p><p>Seufzend lie� er sich wieder auf H�nde und Knie herabsinken, drehte sich herum und blickte zum Tempeleingang zur�ck. Selbst jetzt, wo er genau wu�te, wonach er zu suchen hatte, fiel es ihm schwer, ihn auszumachen: es war nicht mehr als ein kaum mannsbreiter, schr�ger Ri� in der Flanke des Berges, noch dazu so geschickt durch Felsen und genau berechnete Schatten getarnt, da� ein Ortsfremder auf Armesl�nge daran vor�bergehen konnte, ohne ihn auch nur zu sehen.</p><p>F�r einen winzigen Moment glaubte er eine Bewegung in den Schatten wahrzunehmen. Sein Herz machte einen schmerzhaften Sprung. Irgend etwas stand dort, etwas Kleines und Lauerndes und...</p><p>Dann wiederholte sich das Blitzen, und Skar sah, da� es nur ein Sonnenstrahl gewesen war, der sich auf vereistem Fels brach. Er unterdr�ckte ein erleichtertes L�cheln und schalt sich in Gedanken einen Narren. Der Tempel war so leer, wie er nur sein konnte. Er hatte genau auf Spuren geachtet, w�hrend er Talin und seiner Schwester nach oben gefolgt war. Dort war niemand. Es war nur seine eigene, �berreizte Phantasie, die ihm einen b�sen Streich spielte.</p><p>Skar versuchte, die Vorstellung zu verscheuchen und konzentrierte sich wieder auf die n�herliegenden Probleme. Die Dunkelheit allein w�rde als Schutz nicht ausreichen, so wenig wie das Felsenlabyrinth der Gesichtslosen Prediger. Die Quorrl waren nicht allein auf das angewiesen, was sie sahen, �berlegte er besorgt. Sie hatten die Hunde. Wenn er wenigstens eine Waffe hatte!</p><p>�Geht zur�ck�, sagte er. �Verbergt euch in der H�hle, bis es dunkel ist. Wir treffen uns eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang, ein St�ck westlich von hier, dort unten, wo die Felsen aufh�ren.�</p><p>�In die H�hle zur�ck?� Syrr erbleichte. Skar konnte ihr ansehen, wie unangenehm ihr die Vorstellung war, in das von Schatten und Furcht erf�llte Labyrinth zur�ckzugehen, und sei es nur f�r eine Stunde. �Und... und wenn sie uns suchen?�</p><p>Skar sch�ttelte entschieden den Kopf. �Es wird bald dunkel�, sagte er. �H�tten sie euch heute noch verfolgen wollen, h�tten sie es l�ngst getan. Sie werden in aller Ruhe abwarten, bis es hell ist. Der Tempel hat nur diesen einen Ausgang, und wahrscheinlich verlassen sie sich auf die Hunde.� Er l�chelte aufmunternd, um seine Worte zu bekr�ftigen. �Jetzt geht, schnell.� Er machte eine auffordernde Handbewegung und registrierte zufrieden, wie sich auch Syrr und ihr Bruder erhoben.</p><p>�Talin�, sagte er.</p><p>Der Junge blieb gehorsam stehen und sah ihn fragend an. �Wenn... ich nicht zur�ckkomme�, sagte Skar ernst, �dann gib auf deine Schwester acht, ja? Versucht euch irgendwie durchzuschlagen, und bleibt in den Bergen, so lange ihr k�nnt. Die Quorrl hassen K�lte.�</p><p>Talin nickte. �Ich verspreche es�, sagte er stolz. Dann drehte er sich herum und folgte seiner Schwester.</p><p>Skar sah den beiden l�chelnd nach, bis sie im Schutz des Tempeleinganges verschwunden waren. Er wu�te selbst nicht, warum, aber es tat ihm sonderbar gut, nach so langer Zeit wieder mit Menschen zusammen zu sein, die ihm nicht entweder nach dem Leben trachteten oder unentwegt �ber den bevorstehenden Untergang der Welt faselten. Und - ja, auch wenn es vielleicht noch zu fr�h war: er mochte die beiden.</p><p>Er verscheuchte den Gedanken, drehte sich abermals herum und blickte wieder zu den B�umen herab, hinter denen sich das Lager der Quorrl verbergen sollte.</p><p>Was er sah, gefiel ihm nicht. Das St�ck Weg von der H�hle hierher war leicht gewesen: der Hang war ein wahres Labyrinth zyklopischer Felstr�mmer und -brocken, zwischen denen sich eine ganze Armee verstecken konnte, und die Quorrl waren sicher nicht sehr aufmerksam, denn sie rechneten mit einem M�dchen und einem Kind, nicht mit einem Krieger. Aber schon zwanzig Schritte weiter �nderte sich das Bild total. Die Felsen, die ihm bis hierher Deckung gegeben hatten, gab es dort nicht mehr. Der Hang war so glatt, da� nicht einmal ein Hund darauf Deckung gefunden h�tte, und auf dem gesamten Weg zu den B�umen hin gab es nichts au�er ein paar Str�uchern, denen der Herbst bereits alle Bl�tter genommen hatte.</p><p>Einen Moment lang �berlegte Skar, einfach hierzubleiben, bis es dunkel geworden war, verwarf den Gedanken aber beinahe sofort wieder. Die K�lte w�rde ihn t�ten, wenn er noch lange so reglos hier hockte. Er sp�rte schon jetzt, wie seine Muskeln sich verkrampften. Seine Zehen und Finger prickelten vor K�lte. Und was das Verhalten der Quorrl und ihrer menschlichen Begleiter anging, war er nicht ganz so zuversichtlich, wie er Talin und Syrr gegen�ber behauptet hatte.</p><p>Er beugte sich noch einmal vor, raffte eine Handvoll Schnee auf und rieb sie sich ins Gesicht, um die M�digkeit zu vertreiben und den Schmerz in seinem Kiefer zu bet�uben. Dann richtete er sich vollends hinter dem Felsen auf.</p><p>Geduckt schlich er los.</p></section><section><title><p id="_3">3.</p></title><p>Skar hatte sich versch�tzt. Es wurde dunkel, lange bevor er das kleine W�ldchen erreichte - was zum Teil daran lag, da� das Gel�nde noch weniger Deckung bot, als er geglaubt hatte, zum anderen daran, da� auch Syrr sich get�uscht hatte: Bis zum Sonnenuntergang verging keine Stunde mehr, sondern kaum die halbe Zeit. Und als die Dunkelheit dann kam, war sie fast absolut. Die Sonne erlosch, und die dichtgeschlossene Wolkendecke verschluckte auch das letzte bi�chen Sternenlicht. Skar konnte kaum weiter als zehn Schritte sehen. W�re nicht fast unmittelbar nach Sonnenuntergang ein Feuer zwischen den B�umen vor ihm angegangen, so h�tte er das Lager vermutlich gar nicht gefunden. Aber auch so erreichte er es mehr durch Gl�ck als irgend etwas anderes. Ein paarmal stolperte er im Dunkeln �ber Hindernisse, die unter der tr�gerisch glatten Schneedecke verborgen lagen, und einmal - hinterher lachte er dar�ber, aber als es geschah, sprang sein Herz vor Schrecken bis fast in seine Kehle hinauf - fuhr er mit kampfbereit erhobenen F�usten herum und spannte sich schon zum Sprung, ehe er sah, da� der vermeintliche Gegner, der so unvermittelt neben ihm aus der Nacht aufgetaucht war, nichts anderes als ein Baum war. Skar l�chelte �ber seine eigene Dummheit. Aber er begriff auch, da� dieser an sich harmlose Irrtum eine Warnung war, die er besser beherzigen sollte: Nicht nur seine k�rperliche Leistungsf�higkeit hatte gelitten, w�hrend des vielleicht wochenlangen Schlafes.</p><p>Seine Reaktionen waren nicht mehr die eines Satai. Er reagierte noch immer <emphasis>schnell - </emphasis>aber vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben auch <emphasis>falsch.</emphasis></p><p>Skar umging den kleinen Waldflecken in weitem Bogen, pr�fte noch einmal die Windrichtung und vergewisserte sich, da� die Hunde seine Witterung nicht aufnehmen konnten, ehe er weiterschlich. Da� er beinahe nackt war, kam ihm jetzt zugute: Die K�lte war qu�lend, und obwohl er mit aller Macht dagegen ank�mpfte, sp�rte er seine Beine bis zu den Knien hinauf schon nicht mehr. Aber seine blo�en F��e verursachten auf dem verharschten Schnee auch so gut wie kein Ger�usch; und er hatte keine Kleider oder Waffen bei sich, die einen verr�terischen Laut verursachen konnten.</p><p>Sehr vorsichtig n�herte er sich dem Feuerschein, der durch das kahle Unterholz schimmerte. Er h�rte Stimmen, ohne die Worte zu verstehen, dann das Schnauben von Pferden. Kein Hundegebell. Entweder waren die Tiere gar nicht hier, oder sie nahmen seine Witterung wirklich nicht auf.</p><p>Skar n�herte sich dem Feuerschein, bis er die zusammengekauerten Schatten davor erkennen konnte.</p><p>Es waren Quorrl, wie das M�dchen gesagt hatte, und mindestens eine menschliche Gestalt. Sie unterhielten sich in einer Sprache, die Skar nicht verstand, und laut genug, um ihre Sorglosigkeit zu verdeutlichen. Die Pferde standen ein St�ck abseits des Feuers, so angebunden, da� sie an den wenigen Bl�ttern nagen konnten, die der Winter �briggelassen hatte, aber noch in Sichtweite der Quorrl. Skar z�hlte sie. Es waren vier. Also hatte Syrr sich versch�tzt - zu ihrem Vorteil. Vier Pferde, das bedeutete vier Reiter. Und ein kleinerer, struppiger Schatten, der schlafend dalag, den Kopf auf die Pfoten gebettet und die Lefzen nach oben gezogen, so da� das unnat�rliche Wei� seiner F�nge durch die Nacht blitzte wie eine stumme Warnung. Den Hund mu�te er t�ten, wenn er die Pferde stehlen wollte, ohne entdeckt zu werden. Aber wie?</p><p>Skar unterdr�ckte einen Fluch. Was hatte er eigentlich getan, da� nichts, was begann, <emphasis>einfach </emphasis>sein konnte?</p><p>Aufmerksam sah er sich um. Der Wald war nicht sehr dicht an dieser Stelle. Die B�ume standen eng beieinander, aber es gab kaum Unterholz, und auf dem hellen Schnee mu�te sich seine Gestalt deutlich abheben, ganz egal, wie leise er war. Es schien unm�glich, sich den Pferden zu n�hern, ohne gesehen zu werden. Sein Blick glitt an den glatten St�mmen der B�ume empor, tastete �ber die schneeverhangenen, schweren �ste, dann wieder zur�ck zum Lagerfeuer...</p><p>Einer der vier Schatten bewegte sich. F�r einen Moment lag sein Gesicht deutlich im roten Widerschein des Feuers.</p><p>Der Anblick traf Skar wie ein Schlag.</p><p>Er war noch immer sehr weit entfernt - zu weit, um die Z�ge des Mannes deutlich erkennen zu k�nnen. Aber er sah deutlich das schmale lederne Stirnband, das er trug, und den f�nfzackigen silbernen Stern, der daran befestigt war.</p><p>Das Zeichen der Satai...</p><p>Etwas in Skar zog sich zusammen wie ein getretener Wurm. <emphasis>Ein Satai! </emphasis>Ein Satai, der zusammen mit einer Bande fischgesichtiger Quorrl Jagd auf zwei Kinder machte! Unm�glich! Das war unm�glich! <emphasis>Unm�glich!</emphasis></p><p>Der Mann drehte den Kopf wieder zur�ck, und das Blitzen des f�nfzackigen Sternes erlosch. F�r einen Moment klammerte sich Skar mit aller Kraft an den Gedanken, da� er sich get�uscht hatte, da� es irgendein Schmuckst�ck gewesen war, billiger Tand, der nur zuf�llig dem heiligen Emblem der Satai �hnelte, vielleicht auch ein Beutest�ck, das der Kerl einem Toten abgenommen oder schlichtweg gestohlen hatte...</p><p>Aber das eine war so unm�glich wie das andere, und er wu�te es. Niemand <emphasis>- niemand - </emphasis>w�rde es wagen, den heiligen Stern der Satai nachzuahmen. Und ein Stra�enr�uber, der sich mit dem Zeichen eines toten Satai schm�ckte? Ebensogut konnte er sich gleich selbst die Kehle durchschneiden - jeder Satai Enwors h�tte ihn gejagt bis ans Ende der Welt und dar�ber hinaus.</p><p>Aber wenn der Mann wirklich Satai war...</p><p>Skar sp�rte ein Gef�hl schrecklicher Hysterie in sich emporkriechen. War das �berhaupt noch Enwor? War das noch die Welt, die er kannte? War er... ja - war er �berhaupt <emphasis>erwacht?</emphasis> F�r einen Moment erwog er diese M�glichkeit allen Ernstes: n�mlich die, da� er in Wahrheit noch schlief, da� all dies nichts als ein entsetzlicher Alptraum war, in den ihn der Trank der Gesichtslosen Prediger hineingezwungen hatte, und aus dem er nicht erwachen konnte.</p><p>Aber dann sp�rte er die K�lte, die seinen Oberschenkel emporkroch, den dumpfen Schmerz, der noch immer in seinem Gesicht w�hlte, das H�mmern seines Herzens... wenn es ein Traum war, dann war es der realistischste, den er jemals getr�umt hatte.</p><p>Und es gab nur eine M�glichkeit, es herauszufinden...</p><p>Skar gab jede Vorsicht auf, ging weiter und trat mit einem entschlossenen Schritt aus den Schatten des Waldes hervor. Er wu�te jetzt, da� ein Anschleichen unm�glich war. Der Satai �nderte alles.</p><p>Die Reaktion der um das Feuer sitzenden Schatten best�tigte seine schlimmsten Bef�rchtungen. Die drei Quorrl sprangen erschrocken hoch und griffen nach ihren Waffen; eine der plumpen Gestalten verlor gar auf dem schl�pferigen Boden das Gleichgewicht und w�re um ein Haar r�cklings ins Feuer gest�rzt. Nur der Mann mit dem Stirnband der Satai blieb reglos und scheinbar unbeeindruckt sitzen. Er hob nicht einmal den Blick, aber auf seinen Lippen erschien ein d�nnes, nicht sehr humorvolles L�cheln. Seine rechte Hand lag scheinbar gel�st in der N�he des Schwertgriffes, der unter seinem Fellmantel hervorlugte.</p><p>Skar begriff, da� er seine Schritte schon lange geh�rt hatte, bevor er aus den Schatten heraustrat. Er <emphasis>war </emphasis>ein Satai!</p><p>Zwei der drei Quorrl sprangen mit erhobenen Waffen auf ihn zu, und in der Dunkelheit bei den Pferden bewegte sich ein weiterer Schatten. Ein dumpfes, kehliges Knurren erklang. Metall klirrte.</p><p>Skar wehrte sich nicht, als die beiden Quorrl ihn packten und grob auf die Knie stie�en. Eine Schwertklinge ber�hrte seinen Hals. Skar sp�rte einen leichten, brennenden Schmerz, dann lief warmes Blut an seiner Kehle herunter. Er unterdr�ckte den Impuls, sich zu wehren.</p><p>�La�t ihn!�</p><p>Die Stimme des Satai war nicht sehr laut, aber von schneidender Sch�rfe. Der Quorrl, der seinen Arm gepackt und auf den R�cken gedreht hatte, lie� seine Hand los. Aber das Schwert blieb, wo es war, und der Quorrl dr�ckte mit unbarmherziger Kraft zu. Skar bog den Kopf so weit in den Nacken, wie er nur konnte, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, aber die Schneide folgte der Bewegung und ritzte seine Haut abermals.</p><p>�T�tet mich... nicht!� st�hnte er. �Bitte!�</p><p>Die unnat�rliche Haltung, zu der ihn die Waffe zwang, lie� seine Stimme verzerrt klingen. Er hoffte zumindest, da� die Quorrl den Ton darin f�r Angst hielten.</p><p>Tats�chlich nahm der Druck der t�dlichen Waffe um eine Winzigkeit ab; nicht genug, ihn etwa auf Gedanken an Widerstand oder Flucht kommen zu lassen, aber doch so weit, da� er zumindest wieder atmen konnte.</p><p>�Wer bist du, Kerl?� fauchte eine gutturale Stimme. �Was schleichst du hier herum?�</p><p>Skar antwortete nicht, sondern starrte den Quorrl nur aus weit aufgerissenen Augen an, der sich �ber ihn gebeugt hatte. Es war ein Riese, selbst f�r einen Quorrl - gute zweieinhalb Meter gro� und mit Schultern, die den pelzgef�tterten Mantel zu sprengen schienen, unter dem sie verborgen waren. Seine Augen waren klein und kalt und starr wie die von Fischen, und als er sprach, blitzte hinter seinen nur angedeuteten Lippen ein Gebi�, das einen Haifisch vor Neid h�tte erbleichen lassen. Er unterstrich seine Worte mit einem �rgerlichen Ruck am Schwertgriff. An Skars Hals erschien ein dritter, blutender Schnitt.</p><p>�La� ihn, Trash.� Der Mann mit dem Stirnband der Satai stand auf, kam mit zwei schnellen Schritten um das Feuer herum und dr�ckte den Arm des Quorrl beiseite. Aufmerksam sah er Skar an. Er l�chelte, aber seine Augen blieben dabei kalt wie die des Quorrl. Vielleicht noch k�lter.</p><p>Skar richtete sich vorsichtig auf, hob die Hand und tastete mit spitzen Fingern �ber die blutigen Schnitte an seiner Kehle. �Ich... danke Euch, Herr�, sagte er st�hnend. �Ich wollte Euch nicht bestehlen, wirklich. Bitte t�tet mich nicht.�</p><p>�So?� Der Satai l�chelte erneut, lie� sich vor Skar in die Hocke sinken und musterte ihn eingehend von Kopf bis Fu�. �Was wolltest du dann?� fragte er. �Du schleichst schon eine ganze Weile hier herum, nicht wahr? Hattest du keine Angst, da� wir den Hund auf dich hetzen?�</p><p>�Den Hund?� Skar versuchte, seinen Schrecken m�glichst �berzeugend zu spielen - was ihm einigerma�en schwerfiel, denn er hatte sehr wohl registriert, da� der Satai in der Einzahl gesprochen hatte. �Ich... ich wei� nichts von Hunden. Ich sah das Feuer und... und h�rte eure Stimmen, und da...�</p><p>�Und da dachtest du, du k�nntest ein bi�chen Essen stehlen, wie?� unterbrach ihn der Satai. Er l�chelte, l�ste die Hand vom Schwert und machte eine auffordernde Geste. �Gib es ruhig zu. Hunger ist keine Schande.�</p><p>Skar sch�ttelte hastig den Kopf, l�chelte verlegen und tastete wieder �ber die Schnitte an seinem Hals. Die Wunden waren nicht sehr tief, aber sie taten weh. �Ich habe Hunger�, gestand er. �Aber ich stehle nicht. Und schon gar nicht von einem Mann wie Euch. Ihr seid... Satai?� Z�gernd deutete er auf das Stirnband unter dem kurzgeschnittenen schwarzen Haar.</p><p>�Und wenn?� Die Augen des Satai wurden schmal. Skar begriff, da� er ihn t�ten w�rde, wenn er auch nur eine falsche Antwort gab.</p><p>�Seid Ihr Satai?� beharrte er.</p><p>In den Blick der dunklen Augen mischte sich Ungeduld.</p><p>�Nimm an, ich w�re es, Kerl�, sagte er. �Was dann?�</p><p>�Dann ist alles gut�, erwiderte Skar mit �bertrieben geschauspielerter Erleichterung. �Die Satai sind meine Freunde. Ihr werdet mir helfen.�</p><p>�Deine Freunde, so?� Etwas an der Art, in der der Mann das Wort <emphasis>Freunde </emphasis>betonte, gefiel Skar nicht. Er st�hnte, kr�mmte sich wie unter Schmerzen und verlagerte dabei unmerklich sein Gleichgewicht. Seine rechte Hand spreizte sich und suchte festen Halt im Boden. Gleichzeitig spannte er die Muskeln im linken Oberschenkel an.</p><p>�Was ist mit dir?� fragte der Satai. �Bist du verletzt? Wer bist du? Wo kommst du her? Und wieso l�ufst du fast nackt durch den Schnee?�</p><p>Skars Antwort bestand in einem dumpfen St�hnen.</p><p>Der Satai sch�ttelte �rgerlich den Kopf und stand auf. �Bringt ihn ans Feuer�, befahl er. �Und gebt ihm eine Decke oder einen Mantel, bevor seine Zunge ganz einfriert.�</p><p>Skar entspannte sich. Der gef�hrliche Moment war vor�ber, das sp�rte er. Der Satai hatte ihn nicht durchschaut - was Skar aber nun keineswegs dazu verleitete, ihn etwa zu untersch�tzen. Aber zumindest w�rden sie ihn nicht gleich t�ten. Wenn er erst einmal zwischen ihnen sa�, vielleicht in Reichweite einer Waffe... Der Mann mit dem schwarzen Haar war zweifellos wirklich ein Satai, aber das bedeutete nicht, da� er unverwundbar war.</p><p>Grob wurde er auf die F��e gezerrt und zum Feuer geschleift. Trash stie� ihn so derb nieder, da� er um ein Haar in die Flammen gefallen w�re. Skar fing den Sturz ungeschickt ab, rappelte sich hoch und kroch so dicht an das prasselnde Feuer heran, wie er nur konnte, ohne sich zu verbrennen. Die W�rme tat gut, aber sie tat auch weh: seine Finger begannen zu prickeln und zu stechen, w�hrend er sie �ber die Flammen hielt, und dort, wo ihn Syrrs Stein getroffen hatte, erwachte ein dumpfh�mmernder Schmerz in seinem Kiefer.</p><p>Eine Weile lie�en sie ihn vollkommen in Ruhe. Der Satai nahm ihm gegen�ber Platz, auf der anderen Seite des Feuers, w�hrend Trash und ein zweiter Quorrl sich ein St�ck neben und hinter ihn setzten, so, da� sie ihn m�helos packen und niederringen konnten, sollte er zu fliehen versuchen. Der dritte Quorrl schlie�lich blieb am Waldrand stehen, als f�rchte er, da� sich in der Dunkelheit noch mehr uneingeladene G�ste verbargen.</p><p>Schlie�lich lie� Skar sich zur�cksinken, verbarg die H�nde unter den Achselh�hlen und sah erst die beiden Quorrl zu seinen Seiten, dann den Satai mit einer Mischung aus Erleichterung und Furcht an.</p><p>�Ich... ich danke Euch, Herr�, sagte er. �Eine Stunde l�nger, und ich w�re erfroren.� Das Sprechen bereitete ihm M�he. Seine Lippen waren noch immer taub, und die W�rme des Feuers lie� den Schmerz in seinem abgebrochenen Zahn zu neuer Wut aufflammen. Irgend etwas, eine Mischung aus Furcht und Erregung und immer gr��er werdender Unsicherheit, hatte sich in seinem Magen zu einem Klumpen geballt. Was, dachte er, wenn alles ganz anders war? Wenn er einen Fehler beging, einen entsetzlichen, nicht wieder gut zu machenden Fehler?</p><p>Der Satai hob die Hand. �Bringt ihm eine Decke�, sagte er. �Und hei�en Wein.�</p><p>Widerspruchslos erhob sich einer der Quorrl, ging zu den Pferden hin�ber und kam nach Augenblicken mit einem zusammengerollten Fellmantel zur�ck. Skar nahm ihn dankbar entgegen, rollte ihn mit zitternden Fingern auseinander und versuchte, ihn �berzustreifen, ohne sich zu erheben. Er stellte sich dabei bewu�t ungeschickt an, was Trash zu einem leisen, h�mischen Lachen veranla�te.</p><p>Der Satai lachte nicht. Zwischen seinen Brauen entstand eine tief eingegrabene Falte. Mi�trauen blitzte in seinem Blick auf. Aber er schwieg, bis sich Skar in den Mantel gewickelt und den Becher mit dampfendem Wein entgegengenommen hatte, den ihm der Quorrl reichte. Skar st�hnte vor Schmerz, als das hei�e Getr�nk seinen l�dierten Zahn ber�hrte.</p><p>�Jetzt sprich!� sagte der Satai schlie�lich. �Wie ist dein Name? Wo kommst du her? Und was ist mit dir passiert?�</p><p>�Mein Name ist S... jar�, antwortete Skar. Das unmerkliche Stocken in seinen Worten mu�te dem Satai auffallen, denn in seinem Blick blitzte es abermals mi�trauisch auf, aber er sagte nichts, sondern machte nur eine ungeduldige Geste, weiterzusprechen. �Ich bin fremd hier�, sagte er. �Ich wollte hinauf nach Thbarg, vielleicht an die K�ste, aber ich wurde �berfallen.�</p><p>��berfallen? Von wem?�</p><p>Skar zuckte mit den Achseln. �Ich wei� es nicht, Herr�, sagte er. Er st�hnte, hob die Hand an seine schmerzende Wange und verzog das Gesicht zu einer Grimasse der Qual. �Es waren sieben oder acht. Stra�enr�uber, denke ich. Gesindel, das von dem lebt, was es von ehrlichen M�nnern wie mir stiehlt. Meinen Begleiter haben sie mit einem Speer durchbohrt, und mir selbst fast den Sch�del eingeschlagen.�</p><p>�Und dann haben sie dich einfach so laufen lassen?�</p><p>Skar sch�ttelte hastig den Kopf. �Nein. Sie... sie haben mich ausgezogen und an einen Baum gebunden, damit ich erfrieren soll. Aber ich hatte Gl�ck. Ich konnte die Fesseln l�sen und entkommen. Ihre Wache hat geschlafen.�</p><p>�Soll das hei�en, da� sie dich verfolgen?� fragte Trash mi�trauisch.</p><p>�Nein�, antwortete Skar, ganz bewu�t eine Spur zu schnell, um �berzeugend zu wirken. �Sie... sie halten mich sicher f�r tot. Ich bin den ganzen Tag gelaufen, nur um nicht zu erfrieren, und -�</p><p>�Wir sollten ihn davonjagen�, sagte Trash, an den Satai gewandt. �Bevor sie seine Spur aufnehmen und hierher kommen.� Der Satai l�chelte d�nn. �Und?� fragte er. �Hast du Angst vor ein paar Wegelagerern?�</p><p>�Sie werden bestimmt nicht kommen, Herr!� sagte Skar hastig. �Und wenn, werden sie einen Mann wie Euch nicht angreifen. Ihr seid Satai!� Bei den letzten Worten bem�hte er sich, seine Stimme bewundernd klingen zu lassen; und gleichzeitig auch mit einer Spur jener Unversch�mtheit, die sich nur die Schwachen den Starken gegen�ber erlauben durften. Und tats�chlich schien sich der Satai geschmeichelt zu f�hlen, denn auf seinen Lippen erschien ein d�nnes L�cheln.</p><p>Aber nur f�r einen Moment. Dann wurde er �bergangslos wieder ernst.</p><p>�Und was erwartest du nun von uns?� fragte er. �Vielleicht eine Eskorte bis Denwar? Oder w�rde es reichen, wenn wir die Wegelagerer verfolgen und niedermachen?� Der Spott in seiner Stimme war un�berh�rbar, aber Skar versuchte, den �rger zu ignorieren, den seine Worte in ihm wachriefen.</p><p>�Wenn Ihr mir... Kleider geben k�nntet�, sagte er z�gernd. �Und vielleicht etwas Proviant. Ich bin ein reicher Mann�, f�gte er hastig hinzu. �Auch wenn es im Moment nicht so aussieht. Ich habe Verwandte in Denwar, die Euch entsch�digen w�rden, sehr gro�z�gig sogar.� Er deutete zum Waldrand. �Ihr habt zwei Pferde. Vielleicht k�nntet ihr mir eines verkaufen?�</p><p>Der Satai starrte ihn an - und begann schallend zu lachen. �Du bist ein Narr, Sjar - oder wie immer du hei�en magst�, sagte er, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. �Ich bin Satai, kein Pfandleiher! Den Mantel da und Essen kannst du haben, aber du wirst wohl zu Fu� nach Denwar laufen m�ssen.�</p><p>�Ihr braucht die Pferde�, stellte Skar betr�bt fest. �Ihr trefft Euch hier mit Freunden?�</p><p>Wieder lachte der Satai, und diesmal stimmten auch die beiden Quorrl in sein Gel�chter ein. �Nicht unbedingt�, antwortete er am�siert. �Sagen wir - wir sind auf der Jagd. Nach einem ganz besonderen Wild.� Er lachte abermals, beugte sich vor, um einen gl�henden Ast aus dem Feuer zu angeln und damit zu spielen, und sah Skar mit schr�ggehaltenem Kopf an. �Du bist ein bi�chen neugierig, findest du nicht, mein Freund?�</p><p>Skar antwortete nicht. Er hatte genug geh�rt - im Grunde mehr, als er h�ren wollte. Syrr und ihr Bruder hatten die Wahrheit gesagt.</p><p>Aber sie hatten ihm nicht gesagt, da� es <emphasis>Satai </emphasis>waren, die sie verfolgten...</p><p>Es fiel ihm noch immer schwer, die Tatsachen zu akzeptieren. Er hatte von abtr�nnigen Satai geh�rt, die sich vom Orden und seinen Regeln losgesagt hatten - oder ausgeschlossen worden waren - und auf eigene Faust durch die Welt zogen, als S�ldner f�r Geld oder auch einfach auf der Suche nach Abenteuern. Aber ein Satai, der mit Quorrl gemeinsame Sache machte?</p><p>Skar versuchte erst gar nicht, eine L�sung f�r dieses R�tsel zu finden. Aber er wu�te, was er zu tun hatte. Der Satai hatte sein eigenes Todesurteil ausgesprochen, ohne es zu ahnen. Selbst wenn es anders gewesen w�re, wenn es Syrr und Talin nicht gegeben h�tte - Skar h�tte ihn t�ten m�ssen.</p><p>�Warum antwortest du nicht, Sjar?� fragte der Satai. �Hat es dir die Sprache verschlagen? Oder gibt es vielleicht irgend etwas, was du uns noch zu erz�hlen vergessen hast?�</p><p>�Ich... �berlege�, gestand Skar mit einem verlegenen L�cheln. Er beugte sich ein wenig weiter vor, als suche er die N�he des Feuers, und spannte sich. Anders als der Satai sa� er nicht mit untergeschlagenen Beinen da, sondern in einer an sich unbequemen, halb hockenden Stellung. �Es ist ein weiter Weg bis Denwar, ohne Pferd. Habt Ihr wenigstens ein Paar Stiefel f�r mich? Und ein Schwert?�</p><p>Der Satai starrte ihn an, als zweifele er an seinem Verstand. Seine Hand spielte weiter mit dem brennenden Ast. Die Linke lag auf dem Schwert, aber in falscher Haltung. Er w�rde Zeit brauchen, die Waffe zu ziehen. Bruchteile von Sekunden nur, aber Skar w�rde sie ihm nicht geben.</p><p>�Bist du verr�ckt geworden?� sagte er. �Wir haben keine Stiefel f�r dich.�</p><p>�Oh�, sagte Skar entt�uscht. Dann l�chelte er. �Aber das macht nichts. Dann nehme ich deine.�</p><p>Er sprang.</p><p>Seine Bewegung kam selbst f�r den Satai zu schnell. Skar stie� sich mit aller Gewalt ab, flog mit weit ausgestreckten Armen wie ein lebendes Gescho� �ber das Feuer und packte ihn bei den Schultern. Der Satai schrie auf und prallte zur�ck; sein Knie kam hoch, um sich in Skars Leib zu bohren und ihn von sich herab zu schleudern. Aber Skar versuchte nicht, ihn zu Boden zu rei�en und bei der Kehle zu packen, womit er wohl gerechnet hatte. Seine H�nde lie�en die Schultern des Satai los, kaum da� sie sie ber�hrt hatten. Das Knie des Satai bohrte sich schmerzhaft in seinen Magen, aber Skar nutzte die Kraft des Hiebes im Gegenteil aus - er warf sich mitten im Sprung herum; seine Linke glitt zum Schwert des Satai herab und packte es, w�hrend die andere Hand tiefe blutige Furchen in seine Wange zog und sich in sein Haar krallte. Die Kraft seines Sprunges war noch immer gro� genug, ihn weiter zu tragen. Er sp�rte, wie sein Leib und seine Oberschenkel �ber das Gesicht des Satai schrammten. Dann prallte sein Knie mit der ganzen Gewalt des Sprunges gegen das Kinn des anderen, warf seinen Kopf in den Nacken und brach sein Genick.</p><p>Skar fiel von dem Toten herunter, noch immer vom Schwung seines Sprunges getragen, rollte im weichen Schnee ab und ri� sich die Schulter an einem Stein auf, der darunter verborgen war. Aber noch in der gleichen Bewegung zerrte er das Schwert des Satai vollends aus der Scheide.</p><p>Ein gigantischer Schatten wuchs �ber ihm empor. Quorrl-Stimmen begannen zu schreien. Metall blitzte. Skar rollte weiter, sah eines der gewaltigen Schuppenwesen �ber sich emporwachsen wie einen m�rderischen D�mon und ri� das Schwert in die H�he. Die Klinge parierte die herabsausende Waffe des Quorrl und bohrte sich handtief in seinen Leib.</p><p>Skar sprang auf die F��e, ehe der zusammenbrechende Quorrl ihn unter sich begraben konnte. Blitzschnell steppte er einen Schritt zur Seite, packte den lederumwickelten Griff des <emphasis>Tschekal </emphasis>mit beiden H�nden und schwang die Klinge in einem gewaltigen Hieb, blind und ungezielt und nur gedacht, sich die beiden Quorrl vom Leib zu halten, die noch am Leben waren. Trotzdem traf er etwas: kein Fleisch, sondern Metall, das unter dem Bi� des Satai-Schwertes zerbrach wie Glas. Ein schriller, wuterf�llter Schrei erklang, und etwas Schweres st�rzte zu Boden.</p><p>Skar wich mit zwei, drei raschen Schritten zum Waldrand zur�ck, wechselte das Schwert wieder in die Rechte und sah sich blitzschnell um. Trotz allem waren seit seinem Angriff erst Sekunden vergangen; Trash und der zweite Quorrl schienen noch gar nicht richtig begriffen zu haben, was �berhaupt geschehen war - und das war wohl auch der Grund, aus dem er noch lebte. Sein �berraschender Sieg war nur seiner Schnelligkeit zu verdanken; und der Tatsache, da� der Satai und die drei Fischgesichter mit allem gerechnet haben mochten, nur nicht mit einem Angriff. Aber der Vorteil der �berraschung w�hrte nicht ewig, und die beiden Quorrl waren kr�ftig und wohl auch erfahren genug, selbst einen Satai zu besiegen, wenn sie wu�ten, wem sie gegen�berstanden.</p><p>Trash n�herte sich ihm mit wiegenden Schritten, w�hrend sein Kamerad noch versuchte, sich wieder zu erheben und an die Waffe des get�teten Quorrl zu kommen. Wenn es ihm gelang, und sie ihn gemeinsam angriffen, dann war Skar verloren. Die beiden Giganten w�rden ihn einfach niederwalzen, nur durch ihr pures K�rpergewicht.</p><p>Er st�rmte los. Diesmal war Trash vorbereitet. Als Skar auf ihn zufederte, kam seine Klinge hoch, mit einer leichten, fast spielerischen Bewegung, die den Meister der Schwertkunst verriet, der sich im K�rper eines plumpen Titanen verbarg.</p><p>Ihre Klingen prallten funkenspr�hend aufeinander. Skar sp�rte den Schlag, der durch seinen Arm ging, und er f�hlte die ungeheure K�rperkraft, die hinter Trashs Hieb steckte - selbst ein einfacher Fausthieb dieses Giganten mu�te t�dlich sein. Und Trash schien das ebensogut zu wissen wie er. Er schien auch zu wissen, da� er Skar mit dem Schwert allein nicht gewachsen war, denn er versuchte nicht, ein zweites Mal zuzuschlagen, sondern lie� es zu, da� Skars Klinge sein Schwert beiseite fegte und nach seiner Kehle z�ngelte. Aber im letzten Moment drehte er sich zur Seite, mit einer Behendigkeit, die Skar einem Wesen seiner Gr��e und Statur niemals zugetraut h�tte, nahm einen tiefen blutenden Schnitt in die Schulter in Kauf und schlug mit dem Handr�cken nach Skars Gesicht.</p><p>Der Hieb verfehlte ihn; nur Trashs Fingerspitzen streiften Skars Schl�fe. Trotzdem reichte die Wucht des Hiebes, Skar von den F��en zu fegen und sich drei-, viermal �berkugeln zu lassen. Trash br�llte triumphierend, packte sein gewaltiges Schwert mit beiden F�usten und setzte ihm nach. Als Skar auf die F��e kam, sah er die Klinge des Giganten wie einen st�hlernen Blitz auf sich herabsausen.</p><p>Er dachte nicht mehr. Etwas, das �lter war als sein bewu�tes Denken, �bernahm die Kontrolle �ber seinen K�rper; Reflexe, die er so lange trainiert und gesch�rft hatte, bis sie zu eigenst�ndigem Leben erwacht waren, lenkten seine Bewegungen. Trashs Klinge sirrte herab, ein diagonal gef�hrter, unglaublich schneller Hieb, aus fast drei Metern H�he und so gef�hrt, da� ihm weder Raum noch Zeit zum Ausweichen blieb. Selbst wenn er das <emphasis>Tschekal </emphasis>hochri� und die G�tterklinge das Schwert des Quorrl zerschnitt, w�rde ihn der Faustschlag des Giganten t�ten. Aber Skar versuchte nicht, auszuweichen. Statt dessen sprang er Trash entgegen, tauchte unter seiner grabschenden Hand hindurch und rammte ihm die Schulter in den Leib, mit aller Kraft, zu der er f�hig war.</p><p>Es war, als w�re er gegen Fels gelaufen. Unter dem Mantel des Quorrl verbargen sich stahlharte Schuppen, und darunter Muskeln, die in der Lage waren, einen Menschen in St�cke zu rei�en, ohne sich besonders anzustrengen. Skar keuchte, als ein bet�ubender Schmerz durch sein Schultergelenk zuckte, in seinem Arm explodierte und seine gesamte rechte K�rperh�lfte zu l�hmen schien.</p><p>Aber auch der Quorrl wankte. Sein Hieb verfehlte Skar. Die Klinge bohrte sich mit einem saugenden Ger�usch in den Boden und verkantete sich. Ungeschickt stolperte der Gigant einen halben Schritt zur�ck, k�mpfte mit einem wild rudernden Arm um seine Balance und st�rzte auf ein Knie herab.</p><p>Skar sah blitzschnell zu dem zweiten Quorrl zur�ck. Der Riese hatte das Schwert seines toten Kameraden aufgenommen und st�rmte br�llend heran. Aber zwischen ihm und Skar lag noch das Feuer; er w�rde Zeit brauchen, es zu umgehen; nur ein paar Sekunden, aber genug f�r Skar.</p><p>Noch aus der gleichen Bewegung heraus wirbelte er herum, versetzte Trash einen Fu�tritt vor die Schl�fe und schlug nach seinem Waffenarm.</p><p>Er sp�rte, da� der Hieb zu schnell war, aber er kam nicht mehr dazu, die Klinge abzulenken. Er hatte auf das Handgelenk des Quorrl gezielt, aber Trash st�rzte vollends nach hinten, als ihn Skars Fu�tritt traf; das <emphasis>Tschekal </emphasis>trennte Trashs Daumen ab, schnitt durch den Schwertgriff wie durch weiches Wachs und beraubte den Quorrl noch des Zeige- und Mittelfingers, ehe es in einem fast eleganten Bogen wieder hochkam und sich dem dritten und letzten Quorrl zuwandte. Trash brach br�llend zusammen und w�lzte sich im Schnee, w�hrend sein Kamerad auf Skar zust�rmte, blind und schreiend vor Wut. Er umging das Feuer nicht, wie Skar geglaubt hatte - er rannte einfach hindurch. Unter seinen F��en stoben brennendes Holz und Funken davon. Flammen z�ngelten nach seinem Mantel und setzten einen Zipfel in Brand, aber er schien es nicht einmal zu bemerken.</p><p>Skar sprang ihm entgegen, raffte noch einmal alle Kraft zusammen und stie� sich ab. Er sprang, drehte sich halb in der Luft, zog die Knie an den Leib und stie� dann mit aller Wucht zu. Seine F��e und der Sch�del des Giganten befanden sich auf gleicher H�he, als sie zusammenprallten.</p><p>Er sp�rte, wie das Genick des Quorrl brach, aber der Riese rannte einfach weiter, wie ein gro�es, dummes Tier, das einfach zu stur zum Sterben war, stampfte �ber die Lichtung und brach wie eine Lawine aus Fleisch und Panzerplatten durch das Unterholz, ehe er endlich gegen einen Baum prallte und zusammenbrach. Die Flammen, die an seinem Mantel z�ngelten, wurden ganz allm�hlich gr��er.</p><p>Aber auch Skar st�rzte. Sofort versuchte er hochzuspringen, aber er war schlecht aufgekommen: als er sein rechtes Bein belastete, scho� ein entsetzlicher Schmerz durch seinen Kn�chel. Er schrie auf, fiel zur Seite und umklammerte st�hnend sein Fu�gelenk. F�r einen Moment verschwanden der Wald und das Feuer hinter Schleiern aus rotem Schmerz. <emphasis>Trash! </emphasis>dachte er. Trash lebte noch! Und auch mit nur einer Hand war der Gigant durchaus in der Lage, ihn zu t�ten.</p><p>Skar k�mpfte den Schmerz nieder, w�lzte sich herum und blickte zu ihm hin�ber.</p><p>Der Quorrl hatte sich auf eine Hand und die Knie erhoben und robbte durch den Schnee, wobei er hohe, fast l�cherlich klingende Schmerzlaute ausstie�. Die verst�mmelte Hand hatte er eng gegen den K�rper gepre�t. Eine breite Blutspur markierte den Weg, den er zur�ckgelegt hatte.</p><p>Aber er bewegte sich nicht auf Skar zu, sondern kroch dorthin, wo die Pferde standen. Er floh!</p><p>�Bleib stehen, du verdammter Feigling!� br�llte Skar. �Stell dich� Er packte sein Schwert fester, versuchte noch einmal, aufzustehen und fiel mit einem abermaligen Schrei zur�ck in den Schnee. F�r die Dauer eines Herzschlages blieb er benommen liegen. Der Schmerz h�rte nicht auf, auch nicht, als er das Bein entlastete. Sein Fu� war verstaucht, vielleicht sogar gebrochen, dachte er bitter. Mit zusammengebissenen Z�hnen stemmte er sich hoch und kroch hinter dem Quorrl her, das verletzte Bein wie eine tote Last hinter sich herschleifend.</p><p>Trash blickte zu ihm zur�ck. Sein Schuppengesicht gl�nzte im Widerschein der Flammen wie eine Maske aus halbgeronnenem Blut, aber Skar sah auch die Angst in seinem Blick - und noch etwas. In Trashs Augen stand ein Entsetzen, das mit seiner Verwundung und Skars Angriff allein nicht mehr zu begr�nden war. <emphasis>Unglauben, </emphasis>dachte Skar verwirrt. Er kannte diesen Blick! Er hatte ihn tausendmal gesehen, in tausend verschiedenen Augenpaaren und bei tausend verschiedenen Anl�ssen - Trash hatte noch gar nicht begriffen, was geschah! Sein Angriff auf Skar war ein blo�er Reflex gewesen, das Tier in ihm, das sich wehrte, wenn ihm Gefahr drohte. Aber selbst jetzt schien er sich noch zu weigern, wirklich zu <emphasis>begreifen.</emphasis></p><p>�Satai...�, gurgelte er. �Du Hund bist... bist ein Satai!� Sein Blick flackerte. Allein das Wort schien ihn mit grenzenloser Panik zu erf�llen. �Du Verr�ter!� keuchte er. �Du verdammter Verr�ter! Ich habe immer gewu�t, da� man euch nicht trauen darf!�</p><p>Skar ignorierte seine Worte und verdoppelte seine Anstrengungen, den Quorrl einzuholen. Aber gleichzeitig wu�te er, da� er es nicht schaffen w�rde - er war den Pferden n�her, und er bewegte sich in spitzerem Winkel auf sie zu, aber Trash war viel schneller als er, und die Angst w�rde ihm zus�tzliche Kr�fte verleihen. Aber er w�rde ihn erwischen, wenn er versuchte, auf ein Pferd zu steigen. Er mu�te es. Er <emphasis>mu�te </emphasis>einfach, oder alles war aus. Und irgendwoher nahm er das feste Wissen, da� damit ganz und gar nicht nur sein Leben gemeint war.</p><p>Trash begann vor Schmerzen und Wut zu heulen, als er begriff, da� Skar dabei war, ihm den Weg abzuschneiden. Er kroch schneller, verlor pl�tzlich den Halt und st�rzte mit einem schrillen Schmerzensgebr�ll in den Schnee. Sein Gesicht war vor Angst verzerrt, als er sich wieder aufrichtete. Sein Blick flackerte wie der eines Wahnsinnigen. Rosafarbener, blutiger Geifer erschien auf seinen Haifischlippen. Er hatte jetzt kaum mehr �hnlichkeit mit einem denkenden Wesen, sondern glich nun wirklich einem Monster, als h�tten ihn Angst und Schmerz in das rei�ende Tier zur�ckverwandelt, aus dem sich die Vorfahren seines Volkes einst entwickelt hatten.</p><p>�Bleib stehen!� keuchte Skar. �Ich t�te dich nicht, wenn... wenn du vern�nftig bist!�</p><p>Trash stie� ein hohes, schrilles Geheul aus, grub einen faustgro�en Stein aus dem Schnee und schleuderte ihn nach Skar. Das Wurfgescho� verfehlte ihn um fast einen Meter; trotzdem fiel auch Skar der L�nge nach hin, als er eine erschrockene Bewegung machte.</p><p>Diesmal blieb er sekundenlang benommen liegen. Sein Herz jagte. Das Blut rauschte in seinen Ohren, und sein Bein schmerzte unertr�glich. Der Wald drehte sich vor seinen Augen. Er konnte kaum mehr klar sehen. Trashs Riesengestalt wurde zu einem auseinanderflie�enden Schatten. Er hatte sich �bersch�tzt. Er hatte zu viel von sich verlangt. Etwas in ihm war noch Satai, sein Wille, seine Reflexe; die m�hsam herangez�chteten und ebenso m�hsam unter Kontrolle gebrachten Killerinstinkte, die die Satai zu dem machten, was sie waren - unbesiegbare Kampfmaschinen, deren blo�es Erscheinen Furcht und Schrecken verbreitete. Aber sein K�rper war nicht mehr der eines Satai. Er war alt, und was immer die Gesichtslosen Prediger mit ihm getan hatten, es hatte ihn des gr��ten Teiles seiner Kraft beraubt. Er war wie ein Werkzeug, das sich noch erinnerte, wozu es einmal gut gewesen war, jetzt aber stumpf und spr�de geworden war. Ganz kurz scho� ihm der Gedanke durch den Kopf, da� er ebensogut an einem Herzschlag sterben konnte wie an einem Fausthieb des Quorrl.</p><p>Die Vorstellung erf�llte ihn mit solchem Zorn, da� er weiterkroch.</p><p>Trash heulte wie ein gepr�gelter Hund, suchte nach einem zweiten Stein im Schnee und robbte weiter, als er keinen fand. Er war noch gute zehn Meter von den Pferden entfernt; doppelt so weit wie Skar. Und dann tat er das, was Skar insgeheim schon die ganze Zeit bef�rchtet hatte - er erinnerte sich daran, da� er Beine hatte.</p><p>Mit einem w�tenden Br�llen richtete er sich auf, hob die verst�mmelte Hand vor die Augen und starrte auf die beiden verkr�mmten, blutbesudelten Finger, die er noch hatte. Er wimmerte; ein Laut, der Skar auf absurd erschreckende Weise an das Heulen eines jungen Hundes erinnerte. Seine starren Fischaugen weiteten sich. Einen Moment lang stand er wie erstarrt da, dann fuhr er herum, war mit ein paar grotesken, humpelnden Schritten bei den Pferden und l�ste etwas Gro�es, Dunkles vom Sattel eines der Tiere.</p><p>Skar erkannte im letzten Moment, da� es ein Speer war. Verzweifelt lie� er sich zur Seite fallen.</p><p>Der Speer zischte mit einem ekelhaften Ger�usch durch die Luft, grub eine brennende Linie aus Schmerz in seine Seite und bohrte sich tief in den Boden. Skar schrie auf, denn die j�he Bewegung lie� einen neuerlichen, grauenhaften Schmerz durch sein gebrochenes Bein schie�en. Halb blind vor Qual drehte er sich herum, zog die Knie an den Leib und hob sch�tzend das <emphasis>Tschekal. </emphasis>Er war sicher, da� Trash ihn jetzt t�ten w�rde.</p><p>Aber der Quorrl griff nicht an, obwohl er nun alle Vorteile auf seiner Seite hatte. Statt dessen beugte er sich herab, l�ste mit einer blitzschnellen Bewegung die Fu�fesseln eines Pferdes und griff dann zur Seite. Seine unverletzte Hand n�herte sich der Kette, die den tobenden Hund hielt.</p><p>Skar erstarrte vor Schreck. Der Hund! Er hatte den Hund vergessen!</p><p>Trash lachte schrill, �ffnete den Verschlu� der Kette und ri� den Hund brutal zur�ck, als er sich unverz�glich auf Skar st�rzen wollte. Ungeschickt richtete er sich wieder auf, das riesige, tobende Tier dabei scheinbar m�helos mit sich zerrend, bis der Hund vor lauter Atemnot auf die Hinterl�ufe stieg, dabei aber noch immer tobend und geifernd vor Wut. Skar sah, da� das Tier aufgerichtet beinahe gr��er als er selbst war, ein struppiger schwarzer Gigant mit Kiefern, die den Arm eines Mannes spielend zermalmen konnten. Trash lachte abermals, griff mit seiner verst�mmelten Hand nach dem Sattelknauf und zog sich auf den R�cken des Pferdes. Das Tier versuchte auszubrechen, als es das Gewicht des Kolosses sp�rte, aber Trash brachte es mit einem brutalen Ruck am Zaumzeug zur R�son. Dann grub er ihm die Abs�tze in die Flanken.</p><p>Und gleichzeitig lie� er den Hund los.</p><p>Das Tier stie� ein schrilles, fast schmerzerf�llt klingendes Jaulen aus, stand einen endlosen Moment fast reglos da - und sprang los.</p><p>Skar ri� das Schwert in die H�he, als die Bestie auf ihn zufederte. Aber entweder hatte das Tier Erfahrung im Kampf gegen einen bewaffneten Mann, oder seine Reaktionen waren noch schlechter, als er angenommen hatte: statt den Hund aufzuspie�en, schlitzte die Klinge nur sein Fell auf und f�gte ihm einen armlangen, blutenden Kratzer zu; l�ngst nicht tief genug, ihn ernsthaft zu verwunden oder behindern - aber gerade schmerzhaft genug, den Hund noch w�tender zu machen.</p><p>Immerhin verschaffte ihm der Hieb f�r Sekunden Luft. Trashs Pferd verschwand mit einem gewaltigen Satz im splitternden Unterholz, w�hrend der Hund ungeschickt dicht neben Skar auf dem Bauch landete, mit einem schrillen Heulen wieder in die H�he sprang und ein paar Schritte r�ckw�rts ging, ohne Skar dabei aus den Augen zu lassen. Er jaulte vor Schmerz; aber gleichzeitig drang auch tiefes, drohendes Knurren aus seiner Brust. Aus dem klaffenden Schnitt in seiner Flanke tropfte Blut und hinterlie� runde rote L�cher im Schnee.</p><p>Skar versuchte, den Blick des Tieres zu fixieren. Seine Augen waren klein und b�se und blutunterlaufen, und quer �ber seine Nase zog sich eine erst halb verkrustete Schramme. Wahrscheinlich hatten die Quorrl das Tier gepr�gelt, um es noch wilder zu machen. Skar konnte seine Wildheit beinahe riechen - und es war ein Hund, wie er noch keinen zuvor gesehen hatte: eine Bestie von der Gr��e eines kleinen Kalbes, mit Sicherheit an die zweihundert Pfund schwer und nur aus Muskeln und rei�enden Z�hnen bestehend. Der Hund w�rde ihn zerrei�en, und wenn er dabei selbst den Tod fand.</p><p>Skar begann ungeschickt r�cklings vor dem Hund davonzukriechen, zur Mitte der Lichtung und dem Feuer hin. Das schwarze Ungeheuer folgte ihm, langsam, mit z�gernden, aber ungemein kraftvollen Bewegungen, immer gerade au�erhalb der Reichweite seines Schwertes, und ohne die Waffe auch nur eine Sekunde aus dem Blick zu verlieren. Es war nicht das erste Mal, da� der Hund einem Mann mit einem Schwert in der Hand gegen�berstand, begriff Skar. Wahrscheinlich war er lange und ausdauernd trainiert worden, um gerade mit solchen Gegnern fertig zu werden.</p><p>Skar kroch weiter, richtete sich vorsichtig auf und sp�rte Hitze wie eine schmerzhaftprickelnde Ber�hrung im R�cken. Er hatte das Feuer erreicht. Behutsam verlagerte er sein K�rpergewicht, bis er halb aufrecht sa�, das verletzte Bein sch�tzend unter den K�rper gezogen. Die Spitze des <emphasis>Tschekal </emphasis>deutete weiter auf einen Punkt direkt zwischen den Augen des Hundes, w�hrend seine freie Hand im Schnee grub, nach einem Stein oder irgend etwas suchte, was er nach dem Tier schleudern konnte, um seine Aufmerksamkeit f�r einen Sekundenbruchteil von der Waffe abzulenken. Eine Sekunde, dachte er verzweifelt. Er brauchte eine Sekunde, die Dauer eines Lidzuckens - oder eines schnellen, mit aller Kraft gef�hrten Stiches.</p><p>Der Hund gab sie ihm nicht. Er knurrte drohend, bewegte sich vor Skar auf und ab und suchte nach einer L�cke in seiner Deckung, irgendeiner Bl��e, die er sich gab. Seine Lefzen waren so weit hochgezogen, da� Skar sein rosiges Zahnfleisch erkennen konnte - und die fast fingerlangen, dolchspitzen Rei�z�hne, die nur darauf warteten, sich in seine Kehle zu graben. Die Pfoten des Tieres w�hlten im Schnee, suchten nach festem Halt, um sich abzusto�en.</p><p>H�tte er noch die Kraft dazu gehabt, h�tte er vielleicht gelacht - er hatte einen Satai besiegt und drei gigantische Quorrl, und dieser verdammte Hund w�rde ihn jetzt t�ten, wenn kein Wunder geschah! Es war absurd.</p><p>Der Hund kam n�her. Seine nackte Rute peitschte nerv�s. Geifer troff aus seinem Maul und vermischte sich mit dem Blut im Schnee. Jeder Muskel im Leib des Hundes war angespannt. Aber er sprang noch nicht. Er war klug, dachte Skar; viel kl�ger als jeder andere Hund, dem er bisher begegnet war. Der Mann, der ihn trainiert hatte, mu�te ein wahrer Meister seines Faches gewesen sein.</p><p>Endlich ertastete seine suchende Hand Widerstand. Er sp�rte Hitze, zog die Finger instinktiv zur�ck und griff noch einmal zu, ohne auf den Schmerz zu achten. Der Hund legte zornig die Ohren an den Sch�del, als er den brennenden Ast sah, den Skar aus dem Feuer zerrte. Er sp�rte die Gefahr.</p><p>Vorsichtig richtete Skar sich auf, so weit es sein verletztes Bein zulie�, breitete die Arme aus und schwenkte den brennenden Ast vor dem Gesicht des Hundes hin und her; gleichzeitig bewegte sich das <emphasis>Tschekal </emphasis>in seiner Rechten ein St�ck nach oben, fort aus dem direkten Blickwinkel des Tieres und in eine Richtung, aus der es keinen unmittelbaren Angriff erwarten w�rde. Dann begann er, die improvisierte Fackel langsam von rechts nach links zu schwenken.</p><p>Der Trick funktionierte nicht. Der Hund fiel nicht darauf herein. Sein Blick folgte zwar dem brennenden Stock, aber er wich gleichzeitig ein St�ck zur�ck - lange nicht so weit, da� er Skar nicht mehr mit einem einzigen Satz erreichen konnte, aber weit genug, um aus der Reichweite des Schwertes zu sein.</p><p>Skar fluchte lautlos in sich hinein. W�re sein Bein in Ordnung gewesen, h�tte er einen Sprung riskiert. Aber so...</p><p>Er senkte den brennenden Stock ein wenig. Der Hund knurrte, sprang auf ihn zu und prallte mitten in der Bewegung zur�ck, als Skar die Fackel wieder hob und nach seiner Schnauze stie�. Ein paar gl�hende Funken ber�hrten seine empfindliche Nase. Das Tier heulte auf, sprang zur Seite - und federte mit einer schier unm�glichen, verdrehten Bewegung auf Skar zu, wie eine mi�gestaltete Katze mit gekr�mmtem Buckel direkt aus dem Stand hochspringend, die Vordertatzen weit ausgestreckt, um ihn zu Boden zu sto�en.</p><p>Skar warf sich zur Seite, bog verzweifelt den Kopf zur�ck und schlug gleichzeitig mit Stock und Schwert zu. Seine Fackel verfehlte den Hund, aber das Schwert traf seinen Hinterlauf und trennte ihn dicht �ber der Pfote ab. Aus dem aggressiven Knurren des Hundes wurde ein schrilles, schmerzgepeinigtes Jaulen. Warmes Blut besudelte Skars Beine.</p><p>Aber im gleichen Moment trafen seine Tatzen Skars Brust mit der Wucht von Faustschl�gen. Ein gewaltiges, zahnbewehrtes Maul klappte vor Skars Augen zu wie eine B�renfalle, dann begrub ihn der Hund mit seinem gesamten K�rpergewicht unter sich, nagelte seine Schultern mit Pranken am Boden fest und schnappte abermals nach seiner Kehle. Diesmal rissen die m�rderischen Z�hne ein St�ck Haut aus seinem Hals.</p><p>Skar lie� seine Waffe fallen, packte den h��lichen Hundesch�del mit beiden H�nden und dr�ckte ihn mit aller Gewalt zur�ck. Gleichzeitig versuchte er das Knie anzuziehen, um es dem Ungeheuer in den empfindlichen Leib zu sto�en; sein linker, unverletzter Fu� trat nach dem verst�mmelten Hinterlauf des Ungeheuers. Aber der Hund war zu schwer, und sein gebrochenes Bein meldete sich mit w�tenden Schmerzen.</p><p>Mit der Kraft der Verzweiflung dr�ckte Skar den Kopf des Tieres zur�ck, mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger seine Lefzen zur�ckrei�end, bis seine Mundwinkel rissen und Blut aus seiner Schnauze lief. Gleichzeitig versuchte er, mit den Mittelfingern nach den Augen des Hundes zu tasten, um sie auszudr�cken. Die m�rderischen F�nge waren noch zwei Handbreit von seinen Augen entfernt. Hei�er, nach Aas stinkender Atem schlug Skar ins Gesicht. Der Hund brach immer wieder in den Hinterl�ufen zusammen, hei�es, klebriges Blut lief an Skars Beinen herab; das des Hundes und sein eigenes, denn die unverletzte Tatze des Ungeheuers ri� seine Haut auf wie mit Messern. Der Schmerz trieb ihn an den Rand der Besinnungslosigkeit.</p><p>Und er sp�rte, wie sich das geifernde Maul des Bluthundes wieder seiner Kehle n�herte. Die Bestie tobte. Schmerz und Wut gaben ihr zus�tzliche Kraft, und sie k�mpfte wie ein rasendes Tier, das keine R�cksicht mehr auf sich selbst nahm. Langsam, aber unbarmherzig wurden seine H�nde zur�ckgedr�ngt. Das Gewicht des Hundes begann ihm den Atem abzuschn�ren. Skar riskierte alles. Noch einmal spannte er die Muskeln mit verzweifelter Kraft an, schob den schwarzen Sch�del der Bestie ein winziges St�ck zur�ck - und lie� los.</p><p>Die Bewegung kam f�r den Hund zu schnell. Wo w�tender Widerstand gewesen war, war pl�tzlich nichts mehr. Mit einem schrillen, halb �berrascht klingenden Jaulen scho� sein weit aufgerissenes Maul an Skars Schulter vorbei, grub sich in den Schnee und schnappte zu.</p><p>Skar fuhr hoch, ohne auf den entsetzlichen Schmerz in seinem Bein zu achten, drehte sich halb herum und schmetterte dem Hund den Ellbogen in den Nacken, pr�zise auf die Stelle, an der der Sch�del ins R�ckgrat �berging. Ein scharfer Schmerz scho� durch seinen Arm, und ein h��liches Knirschen erklang, ein Laut wie das Brechen eines sehr dicken Astes. Der Leib des Hundes zuckte wie in einem Krampf. Urin und Kot liefen an Skars Beinen herab. Schrille, wimmernde Laute drangen aus dem Maul der Bestie.</p><p>Aber sie lebte immer noch.</p><p>Halb wahnsinnig vor Schmerz schleppte sich der Hund ein St�ck davon, bi� in blinder Raserei in die Luft und versuchte sich aufzurichten. Es ging nicht. Sein verst�mmelter Hinterlauf knickte ein. Blut lie� den Schnee zu klumpigem Rot erstarren, und das Jaulen des Hundes steigerte sich noch mehr. Er w�lzte sich herum, kroch, sein K�rpergewicht nur mit den Vorderpfoten ziehend, auf Skar los und schnappte immer wieder zu. Sein Kopf pendelte haltlos hin und her, aber er lebte noch. Er w�rde sterben, aber Skar wu�te, da� er ihn vorher erreichen und t�ten w�rde.</p><p>Irgendwoher nahm Skar noch die Kraft, zur Seite zu greifen und sein Schwert aufzunehmen. Aber die Klinge schien pl�tzlich Tonnen zu wiegen. Er hatte kaum mehr die Energie, sie zu heben. Ungeschickt stocherte er nach dem Hund, f�gte ihm einen weiteren, klaffenden Ri� in der Schnauze zu und sp�rte, wie ihm die Waffe aus der Hand geschlagen wurde. Der Hund kam n�her. Seine Kiefer schnappten zu, �ffneten sich wieder, schnappten wieder zu. Noch zwei- oder dreimal, und sie w�rden sich um seine Kehle schlie�en.</p><p>Skar hatte nicht mehr die Kraft, vor ihm davonzukriechen. Irgendwo, weit am Rande seines schon halb erloschenen Bewu�tseins, erklang ein schriller Schrei, dann Schritte, die hastig n�herkamen. Trash, dachte er m�de, der zur�ckgekommen war, um ein Ende zu machen.</p><p>Aber es war nicht der Quorrl.</p><p>Skar sah einen Schatten, der zu klein f�r den eines Quorrl, selbst zu klein f�r den eines erwachsenen Mannes war, dann erscholl ein abermaliger Schrei, voller Wut und Ha� diesmal, und pl�tzlich zischte etwas durch die Luft, bohrte sich in die Flanke des Hundes und erstickte sein w�tendes Jaulen.</p><p>Skar versuchte sich aufzurichten, aber die Bewegung war zu viel. Einen halben Meter neben dem Tier brach er zusammen, kr�mmte sich im Schnee und versuchte, die Bewu�tlosigkeit zur�ckzudr�ngen, die wie eine schwarze Hand nach seinen Gedanken griff. Er h�rte Talin schreien, dann sah er, als arbeiteten seine Sinne nicht mehr richtig und zeigten ihm nur noch kleine, auf das Wesentliche reduzierte Ausschnitte der Welt, den Sch�del des Hundes, eine Maske aus Blut und Ha�, in deren Augen gegen jede Logik noch immer Leben war.</p><p>Sein Gesicht sank kraftlos in den Schnee. M�hsam versuchte er den Kopf zu drehen, um nicht zu ersticken, aber selbst diese kleine Anstrengung �berstieg seine Kr�fte. Er sah, wie Talin heranst�rmte, absurd langsam dem Speer folgend, den seine Schwester geschleudert hatte, und etwas zog sich krampfhaft in ihm zusammen, als er sah, wie der Junge sich mit einem w�tenden Kreischen auf den Hund warf, mit beiden H�nden den Speer umklammerte und ihn tiefer in seinen Leib hineinstie�. Der Hund jaulte, schnappte hilflos und jetzt schon ohne Kraft in die leere Luft und erschlaffte endg�ltig. Das Feuer in seinen Augen erlosch.</p><p>Aber Talin h�rte nicht auf. Immer wieder warf er sich mit seinem ganzen K�rpergewicht gegen den Speer, ri� und zerrte mit aller Macht an der Waffe und schrie dabei wie unter Schmerzen. Gleichzeitig trat er den Hund. Sein Gesicht war vor Ha� zu einer Grimasse geworden, vor der selbst Skar erschrak. Er schien in einer Art Blutrausch zu sein, ein v�llig sinn- und zielloses Toben, das nicht nachlie�, sondern im Gegenteil immer schlimmer wurde.</p><p>�Talin! H�r auf!�</p><p>Syrrs Stimme war so scharf, da� sie selbst den Nebel der heraufd�mmernden Bewu�tlosigkeit durchdrang, der sich �ber Skars Gedanken ausbreitete. Das M�dchen trat auf ihn zu. Einen Moment lang blieb sie halb vorgebeugt �ber ihm stehen, dann, als sie sah, da� seine Augen offen waren und er noch lebte, fuhr sie herum, packte ihren Bruder bei den Schultern und ri� ihn unn�tig grob vom Kadaver des Hundes fort. Skar sah, da� sie all ihre Kraft aufwenden mu�te, um seine H�nde vom Schaft des Speeres zu l�sen.</p><p><emphasis>�H�r auf!� </emphasis>schrie sie noch einmal. Talin versuchte, ihre H�nde beiseite zu schlagen und sich sofort wieder auf den Hund zu st�rzen. Syrr packte ihn mit der linken Hand an der Schulter, zerrte ihn grob herum und ohrfeigte ihn. Talins Wutschreie wurden zu einem schluchzenden Wimmern. Er stolperte zur�ck, pre�te beide H�nde gegen das Gesicht und setzte sich unsanft in den Schnee. Einen Moment lang blickte Syrr ihn noch scharf an; ihre H�nde waren leicht ge�ffnet, und auf ihrem Gesicht lag ein sonderbar angespannter Ausdruck, der Skar verriet, da� es nicht das erste Mal war, da� sie so etwas erlebte.</p><p>Aber dann entspannte sie sich, wandte sich wieder zu ihm um und fiel neben ihm auf die Knie. Der Ausdruck in ihren Augen wandelte sich in Schrecken, als sie sah, in welchem Zustand er war.</p><p>�Gro�er Gott, Skar, was ist passiert?� stammelte sie.</p><p>�Mein... Bein�, pre�te Skar m�hsam hervor. Mit aller Kraft w�lzte er sich auf den R�cken, keuchte vor Schmerzen und deutete auf seinen rechten Fu�. �Ich glaube, er ist... gebrochen.� Das M�dchen erbleichte noch mehr, aber sie reagierte trotzdem mit erstaunlicher Kaltbl�tigkeit. Rasch stand sie auf, beugte sich �ber sein Bein und betastete den geschwollenen Kn�chel; mit sehr kundigen, aber nicht sehr sanften Fingern. Skar st�hnte vor Schmerz.</p><p>�Gebrochen ist nichts�, stellte Syrr nach einer Weile fest. �Aber du wirst trotzdem ein paar Tage lang nicht gehen k�nnen.�</p><p>Skar keuchte, als sie die Hand auf seinen Kn�chel legte und ganz sacht zudr�ckte, um ihre Worte zu beweisen. �Verdammt, pa� doch auf!� keuchte er. �Was tut ihr �berhaupt hier? Ich hatte euch befohlen, bei den Felsen auf mich zu warten!�</p><p>�Du bist nicht gekommen�, antwortete Syrr stirnrunzelnd. �Und dann haben wir Schreie geh�rt und wollten wissen, was... was geschieht.� Sie stockte, richtete sich ein wenig auf und wandte den Kopf nach rechts und links.</p><p>Sie brauchte nur Sekunden, um die Lichtung zu �berblicken, aber in diesen wenigen Momenten ging eine erschreckende Ver�nderung in ihrem Gesicht vor sich. Skar sah, wie ihre Erleichterung erst in Schrecken und dann in pures Entsetzen umschlug. �Was ist... passiert?� stammelte sie.</p><p>�Wir waren verschiedener Meinung, was die Pferde anging�, sagte Skar gepre�t. Schw�rze stieg aus seinem Inneren auf, wollte seine Gedanken ersticken, aber das durfte er nicht zulassen. Nicht jetzt. Wenn er das Bewu�tsein verlor, w�rde er vielleicht nicht nieder aufwachen. Trash lebte noch. Und er hatte ein Pferd. Er w�rde wiederkommen.</p><p>�Sie wollten mir kein Tier leihen, wei�t du�, keuchte er. �Und da mu�te ich grob werden.�</p><p>Syrr starrte ihn an, als zweifelte sie an seinem Verstand.</p><p>�Du... du hast sie... erschlagen?� murmelte sie. �Du allein? Du... du hast zwei Quorrl erschlagen und...�</p><p>�Und einen Satai�, f�gte Talin hinzu.</p><p>Syrr erstarrte vollends. Einen Moment lang blickte sie Skar aus geweiteten Augen an, dann flog ihr Kopf mit einem Ruck in den Nacken. Mit einem einzigen Schritt trat sie �ber Skar und den Kadaver des Hundes hinweg und beugte sich �ber den Toten. �Er ist ein Satai!� sagte Talin noch einmal. �Sieh! Er tr�gt ihr Zeichen!� Seine Hand deutete aufgeregt auf das schmale Stirnband des Toten. �Er... er hat einen Satai erschlagen! Mit blo�en H�nden!�</p><p>�Aber das ist unm�glich!� stammelte Syrr. Sie richtete sich auf, blickte Skar an, dann den Toten, dann wieder Skar. Ihr Gesicht hatte alle Farbe verloren. Und in ihren Augen stand ein Ausdruck, den Skar nur zu gut kannte: Angst.</p><p>Angst vor ihm.</p><p>�Du hast einen Satai erschlagen�, wiederholte sie die Worte ihres Bruders. �Mit blo�en H�nden. Niemand kann das. Niemand au�er -�</p><p>�Einem Satai�, sagte Skar. Alles drehte sich. In seinem Mund war Blut. Ihm wurde �bel. �Ich bin Satai, ja. Aber dar�ber k�nnen wir sp�ter reden. Wir m�ssen... fort. Einer der Quorrl ist entkommen.� Er versuchte, sich auf die Ellbogen hochzustemmen, und irgendwie gelang es ihm sogar. Talins und Syrrs Gestalten begannen vor seinen Augen zu zerflie�en. Die Schw�che lie� h��liche Grimassen aus ihren Gesichtern werden.</p><p>�Du bist... Satai?� wiederholte Syrr ungl�ubig. Ihre Stimme war nur noch ein Fl�stern.</p><p>Skar nickte. �Helft mir... auf�, sagte er m�de. �Die Quorrl werden zur�ckkommen. Wir m�ssen... fort. Helft mir auf ein... ein Pferd.�</p><p>Syrr trat auf ihn zu. Ihr Gesicht war starr, wie eine Maske aus Stein, in der das Entsetzen f�r alle Zeiten eingefroren war. Und pl�tzlich blieb sie stehen, b�ckte sich und hob einen fast armdicken, qualmenden Ast aus dem Feuer. �Satai�, sagte sie noch einmal.</p><p>Etwas im Klang dieses Wortes warnte Skar.</p><p>Er sah den Schlag kommen. Aber er hatte nicht einmal mehr die Kraft, den Kopf zur Seite zu drehen.</p></section><section><title><p id="_4">4.</p></title><p>Es war hell, als er erwachte. Das Feuer war zu einem d�steren Glutklumpen zusammengesunken, der kaum noch W�rme spendete, aber jemand - vermutlich Syrr - hatte den Mantel wie eine Decke �ber ihn gebreitet und sogar ein zusammengerolltes Kleidungsst�ck als Kissen unter seinen Kopf geschoben. Trotzdem war die K�lte bis in die letzte Faser seines K�rpers gekrochen; er f�hlte sich steif und bet�ubt und gel�hmt, und in seinem Bein pochte ein dumpfer, qu�lender Schmerz.</p><p>Skar hatte M�he, aufzuwachen. Seine Lider waren verklebt, und als er sie auseinanderzwang, schmerzte das Licht der Morgensonne in seinen Augen. Fetzen eines Traumes schossen durch seinen Kopf - es war ein sehr angenehmer Traum gewesen, und f�r einen Augenblick war die Verlockung �berm�chtig, die Augen wieder zu schlie�en, sich zu entspannen und sich wieder in ihn hineinfallen zu lassen.</p><p>Aber er wu�te, da� er sterben w�rde, wenn er das tat. Er w�rde erfrieren; schlicht und einfach erfrieren.</p><p>Vorsichtig schob er den Mantel von sich herab, setzte sich auf und sah sich um. Ihm war kalt. Eisiger Matsch klebte an seinem R�cken, denn seine K�rperw�rme hatte den Schnee geschmolzen, in dem er gelegen hatte. Auf seiner rechten Hand, die unter der improvisierten Decke hervorgesehen hatte, glitzerten Eiskristalle. Der Mantel selbst war hartgefroren und knisterte, als er ihn vollends von sich herunterschob, um an sich herabzublicken. Was er sah, kam nicht �berraschend, aber es erschreckte ihn trotzdem: Von den H�ften abw�rts war er mit dem Blut und Kot des Hundes beschmiert. Er stank, trotz der K�lte, die sich wie eine zweite, unsichtbare Decke aus Glas �ber der Lichtung ausgebreitet hatte. Die zahllosen Kratzer und Wunden, die er davongetragen hatte, w�rden sich entz�nden, wenn er nicht sofort etwas dagegen unternahm.</p><p>Trotzdem war das das kleinere Problem - mehr Sorgen bereitete ihm der Anblick seines Fu�gelenkes.</p><p>Es gab keinen Zweifel mehr daran, da� es gebrochen war, ganz egal, was Syrr behauptet hatte: Sein Fu� war unf�rmig angeschwollen und schmerzte h�llisch, und an zwei Stellen begann die Haut sich bereits dunkel zu f�rben. Wenn er hierblieb, dachte er - wenn auch eigentlich eher mit einem Gef�hl von �rger als wirklicher Angst - dann hatte er die Wahl, an Wundbrand zu sterben oder zu erfrieren.</p><p>Oder erschlagen zu werden.</p><p>Unsicher, ob dieser Teil seiner Erinnerungen nun wirklich wahr oder nur Teil eines Alptraumes gewesen war, hob er die Hand und tastete nach seiner Schl�fe. Ein d�nner Schmerz scho� durch seinen Kopf und stach wie eine Nadel in sein Auge, und seine Fingerspitzen ertasteten Schorf und hei�e, geschwollene Haut. Es war wahr. Tr�ume pflegen keine Wunden zu hinterlassen. Syrr hatte ihn niedergeschlagen, als...</p><p>Ja, dachte er, mehr verst�rt als zornig: <emphasis>Als er sich als Satai zu erkennen gegeben hatte.</emphasis></p><p>Und bei den Quorrl war ein Satai gewesen.</p><p>Skar weigerte sich, die Folgerung zu akzeptieren, die sich aus diesen beiden Tatsachen ergab.</p><p>Er bi� die Z�hne zusammen, stemmte sich hoch, so weit er konnte, und versuchte sein Schwert als Kr�cke zu benutzen. Es ging nicht. Die rasiermesserscharfe Klinge glitt in den hartgefrorenen Boden wie in weichen Sand; Skar konnte sich gerade noch zur�ckfallen lassen, ehe er das Gleichgewicht verlor und nach vorne st�rzte.</p><p>W�tend legte er das <emphasis>Tschekal </emphasis>aus der Hand und sah sich nach etwas anderem um, auf das er sich st�tzen konnte. Sein Blick blieb an dem Speer h�ngen, der noch immer aus dem Leib des Hundes ragte. Es war ein gutes St�ck bis dorthin - sechs, vielleicht sieben Meter - er registrierte erst jetzt, da� Syrr oder Talin den Kadaver ein gutes St�ck fortgeschleift hatten. Die Entfernung zu den Pferden betrug das Doppelte, aber es war die entgegengesetzte Richtung.</p><p>Abermals lie� er sich zur�cksinken, zog den Mantel fr�stelnd bis an die Schultern hoch und sah sich auf der Lichtung um. Syrr und Talin hatten zwei Pferde genommen - irgendwie befriedigte ihn der Gedanke, da� sie damit eine reelle Chance hatten zu entkommen - und die beiden anderen Tiere dort stehen lassen, wo sie waren. Der tote Satai und die beiden Quorrl lagen noch so, wie sie gest�rzt waren, aber es hatte in der Nacht geschneit, und die drei Leichen waren schon halb unter einer flockigen wei�en Decke verschwunden. Skar z�gerte noch einen Moment, dann schlo� er mit klammen Fingern die Spange des Mantels, um ihn nicht zu verlieren, lie� sich zur Seite fallen und kroch mit zusammengebissenen Z�hnen auf den toten Satai zu, der den Pferden n�her war als der Hund.</p><p>Skar brauchte fast eine Viertelstunde, die knapp zwanzig Schritte zur�ckzulegen, und mehr als einmal w�hrend dieser Zeit war er nahe daran, einfach aufzugeben. Es war zuviel; selbst f�r einen Mann wie ihn. Er war zu Tode ersch�pft, vermutlich sehr viel schwerer verletzt, als er sich selbst eingestehen wollte, und der endlose Schlaf hatte ihn fast aller Kr�fte beraubt. Der Mantel dr�ckte wie eine Zentnerlast auf seine Schultern, und der Schmerz in seinem Kn�chel breitete sich aus und ergriff bald das ganze Bein; er konnte direkt sp�ren, wie es steif wurde. Dazu kam die K�lte. Der frisch gefallene Schnee war �ber Nacht gefroren, aber nur in einer d�nnen Schicht, die wie br�chiges Glas unter seinem K�rpergewicht nachgab, so da� er immer wieder in die eiskalte flockige Masse darunter einsank; und unter dem Schnee verbargen sich spitze Steine und stechende �ste. Skars H�nde waren blutig, als er den Toten erreichte. Er fragte sich, ob er noch die Kraft haben w�rde, die Fesseln der Pferde zu l�sen und sich in den Sattel zu ziehen.</p><p>Die Augen des Satai standen offen, und in seinem Blick war das ungl�ubige Entsetzen eingefroren, das er versp�rt haben mu�te, als er starb - er, der Satai, der Unbesiegbare, der vielleicht im allerletzten Moment begriffen hatte, wem er wirklich gegen�berstand.</p><p>Skar versp�rte... Trauer.</p><p>Dieser Mann war sein Feind gewesen, und er hatte sich letztendlich selbst zum Tode verurteilt mit dem, was er tat. Skar hatte ihn t�ten <emphasis>m�ssen, </emphasis>den heiligen Gel�bden seines Clans zufolge. Aber es waren die gleichen Gel�bde gewesen, die auch dieser Mann irgendwann einmal geschworen hatte - Leben zu sch�tzen und f�r die Gerechtigkeit zu k�mpfen, und wenn es sein eigenes Leben kostete. Er hatte sie gebrochen, und er hatte die Strafe gekannt, die darauf stand. Trotzdem sp�rte Skar weder Triumph noch Ha� auf diesen Mann. Trotz allem war er sein Bruder gewesen, ein Satai wie er, der irgendwann einmal f�r die gleichen Ziele gek�mpft und die gleichen Eide geschworen hatte.</p><p>Pl�tzlich scheute Skar vor dem Gedanken zur�ck, den Toten auszupl�ndern, wie er es urspr�nglich vorgehabt hatte - er w�re sich wie ein Leichenfledderer vorgekommen, die Kleider seines erschlagenen Bruders zu nehmen. Er wu�te, da� dieser Gedanke albern war - er w�rde schlicht und einfach erfrieren, halbnackt, wie er war, aber als er die Hand ausstreckte, um den Toten herumzudrehen und ihn seines Mantels und Wamses zu berauben, konnte er es nicht.</p><p>Statt dessen beugte er sich fast behutsam vor, l�ste das schmale Stirnband mit dem f�nfzackigen Stern der Satai und legte es neben sich in den Schnee. Dann schlo� er die Augen des Toten, versuchte seine H�nde auf der Brust zu falten und h�tte am liebsten aufgeschrien, als er begriff, da� es nicht mehr ging. K�lte und Totenstarre hatten die Glieder des Satai steif wie Holz werden lassen.</p><p>Einen Moment lang �berlegte Skar, ihn zu verbrennen - im Feuer war noch Glut, und mit etwas Gl�ck konnte er die Flammen noch einmal zum Leben erwecken. Aber dann wurde ihm klar, da� er Stunden dazu brauchen w�rde, halb verkr�ppelt, wie er war, und wahrscheinlich nicht einmal mehr die n�tige Kraft hatte. Der Gedanke, den Toten wie ein St�ck Aas zur�ckzulassen, damit ihn die W�lfe fra�en, erf�llte ihn mit einer Mischung aus Entsetzen und Wut - aber er hatte keine andere Wahl. Und da war noch Trash. Er war entkommen, und wenn er Skar nicht den Gefallen getan hatte, unterwegs vom Pferd zu fallen und sich den Hals zu brechen, war er jetzt wahrscheinlich schon wieder auf dem Weg hierher - zusammen mit einer Bande mordl�sterner Quorrl, denen der Sinn danach stand, einen Satai zu t�ten.</p><p>Nein - er mu�te hier weg. Sofort.</p><p>Er wu�te nicht wie, und er wu�te nicht, wie lange es dauerte, aber irgendwann nach einer Ewigkeit, in der er nur Schmerz und Ersch�pfung gesp�rt hatte - und irgendwo, tief verborgen in seinem Inneren, den eisernen Willen, nicht aufzugeben - fand er sich halb bewu�tlos im Sattel des gr��eren der beiden Pferde sitzend wieder, die H�nde um das hartgewordene Leder des Zaumzeugs gekrampft, den linken Fu� im Steigb�gel, das verletzte, steif gewordene rechte Bein in fast absurdem Winkel abgespreizt.</p><p>M�hsam zwang er das Tier herum, ritt zu dem toten Hund zur�ck und zog den Speer aus seinem Leib. Er bildete sich nicht ein, die Kraft zu haben, einen weiteren Kampf durchzustehen - aber die Waffe w�rde wenigstens eine halbwegs brauchbare Kr�cke abgeben, sollte er aus irgendeinem Grunde laufen m�ssen. Der kleine Ausschnitt des Himmels, den er �ber der Lichtung erkennen konnte, drehte sich vor seinen Augen. F�r einen Moment schienen sich die Wolken rot zu f�rben.</p><p>Aber er durfte nicht aufgeben. Nicht jetzt. Es war egal, wenn er starb, aber vorher mu�te er noch etwas tun, etwas Bestimmtes und Wichtiges, von dem er vergessen hatte, was es war, aber das unbedingt getan werden mu�te. <emphasis>Del. </emphasis>Der Name blitzte in seinem Bewu�tsein auf, wie etwas, das zu einer lange zur�ckliegenden Zeit geh�rte, einer Zeit, zu der er l�ngst jeden Bezug verloren hatte. <emphasis>Sein Sohn. </emphasis>Das Kind. Irgend etwas war mit dem Kind, aber das Fieber verhinderte, da� er sich erinnerte, was. Vielleicht war es auch etwas anderes, etwas, das er nur f�r Fieber hielt, weil es ebenso fremd war und ebenso weh tat. Das Kind. Das Kind. <emphasis>Sein </emphasis>Kind. Er mu�te es finden. Er mu�te es finden und...</p><p><emphasis>...t�ten? </emphasis></p></section><section><title><p id="_5">5.</p></title><p>Am Abend erreichte er den Flu�, und zum ersten Mal seit seinem Erwachen im Tempel der Gesichtslosen Prediger schien das Gl�ck auf seiner Seite zu sein: Er fand nicht nur den Flu� - einen knapp hundert Meter breiten, ruhig dahinflie�enden Strom, der allerdings zu mehr als zwei Drittel zugefroren war - sondern auch ein Haus.</p><p>Skar sah schon von weitem, da� es unbewohnt war. Das strohgedeckte Dach war auf einer Seite unter dem Gewicht des Schnees eingesunken, die T�r stand offen, und eines der Fenster war zerbrochen. Der Wind, der heulend und eisig �ber ihn hergefallen war, kaum da� er den Schutz der B�ume verlassen hatte, spielte klappernd mit einem losen Fensterladen, und von der anderen Seite des Daches stieg pulverfeiner Schnee wie wei�er Rauch auf. Skar hatte selten ein Geb�ude erblickt, das so verlassen und einsam aussah wie diese kleine H�tte. Aber das Haus w�rde ihm wenigstens Schutz vor dem Wind bieten, wenn schon nicht vor der K�lte, und mit ein bi�chen Gluck fand er etwas Brennbares; vielleicht sogar Kleider.</p><p>Skar hatte schon vor Stunden angefangen, sich in Gedanken daf�r zu verfluchen, da� er die Kleider des Toten nicht mitgenommen hatte. Piet�t hin oder her - die K�lte war l�ngst durch den Mantel gekrochen, den er um seine Schultern geschlungen hatte.</p><p>Zumindest d�mpfte sie den Schmerz in seinem Bein auf ein ertr�gliches Ma�.</p><p>Sein Pferd lief von selbst schneller, als es die Nahe des Wassers witterte. Wie sein Reiter hatte es seinen Durst w�hrend des Tages nur mit Schnee gestillt, den es selbst auf dem Boden, Skar auf den tiefh�ngenden �sten der B�ume gefunden hatte, an denen sie vor�berkamen.</p><p>Das Absteigen wurde zu einem Problem. Sein Bein war w�hrend des Tages bis in die H�fte hinauf steif geworden. Als er versuchte, sich aus dem Sattel zu schwingen, schrie er vor Schmerz. Sein Pferd machte einen erschrockenen Satz, und Skar konnte sich gerade noch an seiner M�hne festklammern, um nicht abgeworfen zu werden.</p><p>Beim zweiten Versuch war er vorsichtiger: Er rammte den Speer in den Boden, verlagerte ganz behutsam sein K�rpergewicht und lie� sich halbwegs aus dem Sattel fallen, wobei er sich mit beiden H�nden an den Speerschaft klammerte. Trotzdem fiel er auf ein Knie.</p><p>Es dauerte lange, bis er die Kraft fand, sich wieder hoch zu stemmen und zum Haus zu humpeln.</p><p>Wie er erwartet hatte, war es leer. Durch das zerbrochene Dach war Schnee gesickert und zu Eis erstarrt, und obwohl er aus dem Wind heraus war, schien ihm die K�lte hier drinnen grausamer als drau�en. Er dr�ckte die T�r hinter sich zu, so gut er konnte, lehnte sich ersch�pft dagegen und sah sich um. Das graue Zwielicht und der zollstarke Eispanzer, der sich wie eine milchige Haut um die M�bel, den Boden und die W�nde und selbst das zerbrochene Fenster schmiegte, gaben dem Haus etwas Geisterhaftes, Unheimliches. Skar glaubte, das Fl�stern der Schatten in den Ecken und Winkeln geradezu zu h�ren.</p><p>Er blieb stehen, bis sich sein h�mmernder Puls halbwegs wieder beruhigt hatte, und begann m�hsam durch den Raum zu humpeln. Es gab eine zweite T�r auf der gegen�berliegenden Seite, die in einen kleinen Nebenraum f�hrte, der den fr�heren Bewohnern dieses Hauses offensichtlich als Schlafkammer gedient hatte, denn er war vollkommen leer bis auf ein Bett und eine schwere h�lzerne Truhe, deren Deckel offen stand und die jetzt au�er Eis und Schnee nichts mehr enthielt.</p><p><emphasis>Kein Essen, </emphasis>dachte er matt. Das Schicksal meinte es wirklich nicht gut mit ihm - er war nicht sicher, da� er noch einmal aufwachen w�rde, wenn er sich jetzt in dieses Bett legte, um zu schlafen. Aber er wu�te, wie sinnlos es war, das Haus noch einmal zu durchsuchen. Es war verlassen, von seinen Bewohnern aufgegeben und ger�umt wie der Tempel der Gesichtslosen Prediger, und vermutlich schon vor Monaten. Selbst wenn sie etwas von ihren Vorr�ten zur�ckgelassen h�tten, w�re es mit Sicherheit mittlerweile verdorben.</p><p>Schwer auf seinen Speer gest�tzt schlo� er die T�r, humpelte zum Bett und lie� sich st�hnend darauf niedersinken. Es war na� und die Decke hartgefroren; als Skar sie beiseite schlug, knisterte sie wie d�nnes Glas. Er hatte fast Angst, da� sie unter seinen Fingern zerbrechen w�rde.</p><p>Er lie� den Speer fallen, schnallte das Schwert ab und kroch zitternd unter die feuchtkalte Decke, ohne auch nur den Mantel abzustreifen. Und pl�tzlich war es ihm egal, ob er noch einmal erwachen w�rde.</p></section><section><title><p id="_6">6.</p></title><p>Er starb nicht, aber in der Nacht kam das Fieber. Und mit ihm die Tr�ume.</p><p><emphasis>Er sah sich selbst aus einer erh�hten Position, als h�tte er sich in einen gro�en Vogel verwandelt, der mit lautlosen Fl�gelschl�gen �ber dem Land schwebte, wie er das Haus erreichte und hineinkroch; dann, nach einem j�hen Schnitt, das verdreckte Bett, auf dem er sich ausgestreckt hatte, vielleicht um zu sterben. F�r einen Moment verwirrte sich das Bild. Rote Linien aus Schmerz und dunklere, breitere Spuren der Angst wanden sich vor seinen Augen wie Schlangen. Dann war er wieder er selbst, blickte gegen die Decke, durch die Sternenlicht und Schnee rieselten, und pl�tzlich, auf jene v�llig unlogische und trotzdem keinen Widerspruch duldende Weise, die Tr�umen und Phantasien nun einmal eigen ist, sp�rte er, da� er nicht mehr allein war. Obwohl ein Teil von ihm schlief und so von Fieber und Kr�mpfen gesch�ttelt wurde, da� er nicht einmal einen Finger r�hren konnte, drehte ein anderer Teil den Kopf und neben seinem Bett stand der </emphasis>Daij-Djan. <emphasis>Helths Spottgeburt. Das Ungeheuer von der Eisinsel!</emphasis></p><p><emphasis>Aber das war unm�glich. Skar wollte schreien, sich aufb�umen, fortkriechen, weg, nur weg von diesem entsetzlichen schwarzen </emphasis>Ding, <emphasis>das aus den Abgr�nden seiner eigenen Seele emporgekrochen war, um ihn zu vernichten, aber er konnte es nicht, er war gel�hmt vor Entsetzen und Angst, hilflos ausgeliefert. Er wu�te, da� es unm�glich war. Es war tot. Der Dronte hatte es vernichtet, mit dem Feuer der Sterne, dem nichts widerstehen konnte, aber es war da, schwarz und klein und b�se, starrte ihn mit seinem augenlosen glitzernden Sch�del an, ein Sch�del wie aus poliertem schwarzem Stahl, stachelgekr�nt und h��lich. Es stand einfach da, starrte ihn an und streckte pl�tzlich die Hand nach ihm aus. Aber es war keine Hand, es war eine Insektenklaue, hart und klein und mit zu vielen Fingern, die wie Messer gekr�mmt und ebenso scharf waren, und diese Hand ber�hrte ihn, glitt wie eine mi�gestaltete gepanzerte Spinne �ber seinen Arm, kroch an seiner Schulter empor und n�herte sich seinem Gesicht, verharrte, kroch zur�ck und glitt an seiner Brust herab.</emphasis> Gib es mir! <emphasis>wisperte eine Stimme in seinem Kopf. </emphasis>Gib es mir, und du wirst leben.</p><p><emphasis>Dann ri� die Monsterklaue seine Brust auf.</emphasis></p><p><emphasis>Skar sp�rte keinen Schmerz. Aber er sah, wie die hornige Klaue des </emphasis>Daij-Djan <emphasis>seine Haut teilte, Muskeln und Sehnen durchdrang und schlie�lich die Knochen beiseite schob. Kein Blut. In ihm war kein Blut, sondern nur etwas, das so schwarz und wabernd wie der </emphasis>Daij-Djan <emphasis>war und das pulsierte, aber nicht im Takt seines Herzens. </emphasis>Gib es mir! Gib es mir, und du darfst leben! <emphasis>Das Sternending w�hlte weiter, grub sich in seine Brust hinein und suchte, tastete nach etwas, das tief in ihm verborgen war und rief, auf den </emphasis>Daij-Djan <emphasis>wartete </emphasis>(als Freund oder als Feind?), <emphasis>und pl�tzlich sp�rte Skar doch Schmerz, einen entsetzlichen, grauenhaften Schmerz, der um so schlimmer war, weil er noch immer nicht schreien konnte.</emphasis></p><p><emphasis>Der </emphasis>Daij-Djan <emphasis>verschwand.</emphasis></p><p><emphasis>Seine Hand war fort, Skars Brust unverletzt, aber er war noch immer nicht allein. Wo das Ungeheuer gestanden hatte, stand nun eine schmale, in wei�e glatte Gew�nder geh�llte Gestalt, ein alter Mann mit grauem Haar und ohne Gesicht. Seine Hand ber�hrte Skar, genau dort, wo einen Herzschlag zuvor noch die Klaue des </emphasis>Daij-Djan <emphasis>gewesen war, aber statt Pein brachte sie Linderung; Skar konnte die wohltuende Bet�ubung f�hlen, die sich in seinem K�rper ausbreitete, schnell und flie�end und sehr warm. Dann ver�nderte sich auch der alte Mann, und statt seiner sa� pl�tzlich Syrr an seinem Bett, und</emphasis> Skar erwachte.</p><p>Der <emphasis>Daij-Djan </emphasis>war verschwunden, ebenso wie der Gesichtslose Prediger, aber Syrr war noch da.</p><p>Sie sa� auf der Kante seines Bettes, halb nach vorne gebeugt, das K�rpergewicht mit nur einem Arm abgest�tzt und so, da� sie ihn nicht ber�hrte. Sie sah sehr m�de aus. Ihr Haar hing ihr in d�nnen, verklebten Str�hnen in die Stirn, sie war bla�, und ihre Augen waren rot und entz�ndet; mit dicken, schweren Tr�nens�cken unterlegt, als h�tte sie stundenlang in die Sonne gestarrt. Skar begriff pl�tzlich, da� sie die halbe Nacht neben ihm gesessen und gewacht haben mu�te.</p><p>Obwohl das M�dchen nicht in seine Richtung sah, schien sie seinen Blick zu sp�ren. Sie blickte auf, fuhr mit deutlichen Anzeichen von Erschrecken zusammen und beugte sich vor. �Du bist wach!� rief sie. Ihre Stimme klang unendlich erleichtert - was einigerma�en sonderbar war f�r jemanden, der ihm noch vor Tagesfrist den Sch�del einzuschlagen versucht hatte. Aber die Freude in ihrem Blick war echt. Und auch Skar versp�rte eine fast absurde Erleichterung, sie zu sehen. Er h�tte sie hassen oder zumindest zornig sein m�ssen, aber weder das eine noch das andere war der Fall. Vielleicht war es einfach die Tatsache, da� er nicht mehr allein war. Sie war ein Mensch, und sie hatte den D�mon aus seinen Tr�umen vertrieben, einfach dadurch, da� sie da war.</p><p>�Wie... kommst du hierher?� murmelte er. Das Sprechen bereitete ihm M�he. Seine eigene Stimme klang in seinen Ohren wie die eines alten Mannes, br�chig und ohne Kraft. Seine Zunge lag wie ein geschwollener Klumpen aus Schmerz in seinem Mund. Er hatte Durst.</p><p>Syrr richtete sich f�r einen Moment auf und sah zur T�r zur�ck. F�r die Dauer eines Lidzuckens erschien ein angespannter Ausdruck auf ihren Z�gen. Dann sah sie wieder auf ihn herab. Als sie weitersprach, fl�sterte sie, und redete sehr schnell. �Talin und ich sind nicht allein�, sagte sie hastig. �Sag niemandem, wer du bist, Skar. Sie werden dich t�ten, wenn du dich zu erkennen gibst. Hast du das verstanden?�</p><p>Skar verstand ganz und gar <emphasis>nicht, </emphasis>aber er dachte an den Satai, der bei den Quorrl gewesen war, und an Syrrs und Talins v�llig unverst�ndliche Reaktion, als er sich zu erkennen gegeben hatte. Er nickte.</p><p>�Gut.� Syrr seufzte erleichtert. �Merke es dir. Ich erkl�re dir alles sp�ter. Aber es ist wichtig - auch f�r Talin und mich.� Skar versuchte ihr zuzul�cheln - er war nicht sicher, ob es ihm auch gelang, aber Syrr erwiderte sein L�cheln - stemmte sich umst�ndlich auf die Ellbogen hoch und schlug die Decke zur Seite. Bedachte er, wie elend er sich f�hlte, ging es sogar �berraschend gut. Es gab zwar kaum einen Quadratzoll auf seinem K�rper, der <emphasis>nicht </emphasis>weh tat, aber die Schmerzen waren ertr�glich, und sogar seine Schw�che war nicht mehr so entsetzlich wie am Abend zuvor. Der Schlaf hatte ihm gut getan.</p><p>Dann sah er, da� es nicht nur der Schlaf gewesen war. Jemand hatte ihn ges�ubert und die zahllosen Schnitte und Risse in seiner Haut verbunden. Sein rechtes Bein war geschient; ungeschickt mit einem Stock und Streifen, die offenbar aus einem alten Sack herausgerissen worden waren, aber sehr fest. Er hatte kaum noch Schmerzen. Aber er sp�rte das Bein auch kaum mehr. Vom Knie abw�rts war es taub. Als er versuchte, die Zehen zu bewegen, ging es nicht.</p><p>�Hast du... mich verbunden?� fragte er m�hsam.</p><p>Syrr sch�ttelte den Kopf, zog die Decke wieder �ber seinen Leib und dr�ckte ihn mit sanfter Gewalt in die Kissen zur�ck. �Nein. Ich dachte...� Sie brach ab, als hinter der T�r Schritte polterten. Skar drehte den Kopf in den Kissen und sah an ihr vorbei.</p><p>Die T�r wurde unsanft aufgesto�en, und ein breitschultriger, in schmutzige Felle geh�llter Mann von vielleicht f�nfzig Jahren betrat den Raum. Wie Syrr sah er m�de aus. In seinem Haar, seinen buschigen Brauen und dem kurzgeschnittenen schwarz-grauen Bart klebte Schnee. Skar sp�rte die K�lte, die er mit ins Haus brachte, selbst unter seiner Decke.</p><p>Syrr stand auf und trat einen Schritt zur Seite, um dem Fremden Platz zu machen. Der Blick, den sie Skar dabei zuwarf, war fast beschw�rend. Er hatte das sichere Gef�hl, da� sie Angst vor dem Fremden hatte. �Das... das ist Enwass�, sagte sie stockend. �Talin und ich haben ihn getroffen, als wir -�</p><p>�Ich kann selbst reden�, unterbrach sie der Fremde. Er machte sich dabei nicht einmal die M�he, Syrr anzusehen, sondern scheuchte sie mit einer unwilligen Handbewegung zur Seite, trat dicht an Skars Lager heran, betrachtete eine Weile sein geschientes Bein und musterte dann eingehend seinen K�rper, nicht in der Art, in der man einen Menschen ansieht, sondern kalt und absch�tzend, als betrachte er eine Ware, die er vielleicht kaufen wollte. Erst dann sah er Skar ins Gesicht.</p><p>�Wer bist du?� fragte er.</p><p>Skar schwieg. Die Augen des Mannes waren schmal; ihr Blick war m�de, aber gleichzeitig hart. Entweder, �berlegte Skar, war er von Natur aus ein grausamer Mann, oder einer, der zuviel erlebt hatte, um noch irgend jemandem zu trauen. Er wu�te nicht, welcher M�glichkeit er den Vorzug geben sollte.</p><p>�Hast du dir auch die Zunge gebrochen ?� fuhr er fort, als Skar keine Anstalten machte, zu antworten.</p><p>�Skar�, antwortete Skar. �Mein Name ist Skar. Und wer bist du?�</p><p>�Die Fragen stelle ich�, versetzte der Enwass. �Dein Name ist also Skar? Und was bist du?�</p><p>Skar z�gerte. Ohne Syrr anzusehen, sp�rte er, wie sie sich versteifte, und ihr Blick noch beschw�render wurde. Schlie�lich rettete er sich in ein gequ�lt wirkendes L�cheln.</p><p>�Das m�chte ich selbst gerne wissen�, antwortete er. �Anscheinend jemand, der ein gewisses Geschick darin entwickelt hat, von einer Schwierigkeit in die n�chste zu stolpern.�</p><p>Enwass l�chelte, aber es wirkte nicht echt. �Oder darin, direkten Fragen geschickt auszuweichen�, sagte er. �Nicht wahr?� Er drehte sich halb zu Syrr herum, machte eine ungeduldige Handbewegung und wartete, bis sie das Zimmer verlassen hatte. Skar war nicht sicher, ob es wirklich Zufall war, da� er dabei gerade richtig stand, um den Blickkontakt zwischen ihnen zu unterbrechen.</p><p>�So�, fuhr er dann fort. �Jetzt k�nnen wir reden. Also - wer bist du und vor allem, <emphasis>was </emphasis>bist du?� Er kam n�her, lie� sich mit einem ersch�pften Laut auf die Bettkante sinken und sch�ttelte sich den Schnee aus dem Haar. �Das M�dchen hat uns erz�hlt, wie sie dich gefunden haben. Du warst im Tempel?�</p><p>�Ja�, antwortete Skar. �Und bevor du fragst - ich wei� nicht, wie lange.�</p><p>�Du wei�t es nicht?�</p><p>�Ich habe geschlafen�, antwortete Skar, etwas lauter als bisher und in bewu�t scharfem, ungeduldigem Ton. �Ich wei� nichts von alledem, was hier vorgeht - von den Quorrl und dem Krieg und den...�</p><p>�Den Satai?� fiel der Fremde ein, als Skar nicht weitersprach. �Was soll damit sein?� erwiderte Skar.</p><p>Der Fremde l�chelte d�nn, griff unter seinen Mantel und zog das schmale lederne Stirnband mit dem Satai-Stern hervor, das Skar dem Toten abgenommen hatte. �Das haben wir bei dir gefunden�, sagte er. �Es ist das Zeichen eines Satai, nicht? Bist du einer?�</p><p>Skar schnaubte. W�tend deutete er auf das Schwert, dessen Griff unter dem Mantel des Fremden hervorlugte. �Du tr�gst ein Schwert�, sagte er �rgerlich. �Bist du ein Krieger?�</p><p>Enwass ohrfeigte ihn. Der Schlag kam so schnell, da� Skar keine Zeit mehr fand, ihn abzuwehren. Mit aller Kraft unterdr�ckte er den Impuls, seine Hand zu packen und zu verdrehen. Statt dessen hob er selbst den Arm und tastete nach seiner brennenden Wange.</p><p>�Noch einmal�, fuhr der Fremde fort, in einem Ton, als w�re nichts geschehen. �Bist du ein Satai?�</p><p>Skar lie� die Hand sinken und starrte ihn an. �Wenn ich das w�re, w�rst du jetzt tot�, antwortete er kalt.</p><p>Einen Moment lang schwieg der Fremde, dann nickte er. Seltsamerweise schien dies genau die Antwort zu sein, auf die er gewartet hatte. �Was bist du dann?� fragte er. �Nur ein Satai besiegt einen Satai. Oder ein Vede. Bist du ein Vede?�</p><p>�Sehe ich so aus?� fauchte Skar. �Zum Teufel, nicht nur die Satai und Veden k�nnen k�mpfen!�</p><p>�Das stimmt�, seufzte Enwass. �Auch ich wei� mein Schwert zu f�hren. Aber ich kenne niemanden, der einen Satai und <emphasis>drei Quorrl gleichzeitig </emphasis>erschlagen k�nnte. Und den Hund.�</p><p>�Den Hund hat der Junge get�tet�, antwortete Skar ausweichend. �Und sie waren unaufmerksam. Ich habe sie hinterr�cks angegriffen. Der Satai hatte keine Chance.�</p><p>�Gegen <emphasis>dich?� </emphasis>fragte Enwass zweifelnd.</p><p>�Ich habe ihm keine gelassen�, antwortete Skar - was sogar der Wahrheit entsprach. �Ich wu�te, da� er mich t�ten w�rde in einem fairen Kampf. Und die Quorrl...� Er z�gerte einen Moment. �Sie sind so dumm wie gro�. Und sie sind <emphasis>sehr </emphasis>gro�.� Diesmal huschte ein am�siertes L�cheln �ber die Lippen des Fremden. Aber das Mi�trauen in seinem Blick erlosch nicht. �Warum hast du es getan?� fragte er. �Nimm an, ich glaube dir - warum solltest du einen Satai und drei Quorrl angreifen, mit blo�en H�nden?�</p><p>Skar fuhr auf. �Zum Teufel, weil ich keine andere Wahl hatte!� fauchte er. �Was soll dieses Verh�r? Wenn du mit Syrr gesprochen hast, wei�t du auch, wie sie mich fanden. Was h�tte ich tun sollen? Nackt durch den Schnee bis nach Denwar laufen?�</p><p>�Denwar?� hakte Enwass nach. �Du wolltest nach Denwar?�</p><p>�Ich wollte -� Skar brach ab, richtete sich auf, so weit es sein verletztes Bein und Enwass zulie�en, und starrte ihn finster an. �Was soll das eigentlich?� fauchte er. �Du behandelst mich wie einen Feind! Ich wei� ja nicht einmal, wer du bist!�</p><p>�Mein Name ist Enwass�, sagte der Fremde ruhig. �Und es w�re besser, du w�rdest meine Fragen beantworten, Skar.� Er legte die Hand auf das Schwert an seiner Seite. �Besser f�r dich. Ich m��te dich n�mlich sonst t�ten.�</p><p>�Ach?� sagte Skar w�tend. �Und warum?�</p><p>�Weil ich es mir nicht leisten kann, jemanden am Leben zu lassen, von dem ich nicht wei�, wer er ist�, antwortete Enwass grob. �Wei� ich, ob du nicht zu ihnen geh�rst? Vielleicht ist das alles hier eine Falle.�</p><p>�O ja, sicher�, antwortete Skar sp�ttisch. �Du hast mich durchschaut, Enwass. Ich gebe es zu. In Wahrheit, mu�t du wissen, bin ich ein verkleideter Satai. Ich habe meinen Kameraden erschlagen und die beiden Quorrl, um mir euer Vertrauen zu erschleichen. Und dann habe ich mir noch selbst das Bein gebrochen und mich hierher geschleppt, weil ich n�mlich wu�te, da� du hierherkommen und mich finden w�rdest!�</p><p>Einen Moment lang starrte Enwass ihn voll unverhohlener Wut an. Und dann geschah etwas Seltsames: Seine Anspannung fiel von ihm ab, er seufzte, senkte den Kopf ein wenig und fuhr sich nerv�s mit der Hand �ber das Kinn. Und pl�tzlich begriff Skar, da� seine H�rte nichts anderes als Angst war.</p><p>�Vermutlich hast du recht, Skar�, sagte er leise. �Ich war wohl ein wenig zu hart. Es... es tut mir leid. Aber du mu�t mich verstehen. Wir sind seit drei Monaten auf der Flucht. Viele von uns sind tot. Und jetzt, wo wir uns der Grenze n�hern...� Er l�chelte nerv�s. �Wir k�nnen einen Mann wie dich gebrauchen�, fuhr er fort, in ver�ndertem, fast - aber eben nur <emphasis>fast - </emphasis>freundlichem Tonfall. �Aber wir m�ssen vorsichtig sein.�</p><p>�Einen Mann wie mich ?� Skar verzog schmerzhaft die Lippen. �Einen Kr�ppel?�</p><p>�Dein Bein wird heilen�, erwiderte Enwass. �Wir haben gute Heilkr�uter, und du bist stark. Es wird eine Woche dauern, bis wir die Grenze erreichen, vielleicht l�nger, denn wir k�nnen nur nachts reisen. Du wirst laufen, bis dahin.�</p><p>�Und wenn nicht?�</p><p>�Du wirst es m�ssen�, sagte Enwass, als w�re dies Erkl�rung genug. Dann f�gte er hinzu: �Wenn wir dich am Leben lassen, hei�t das.� Wieder legte er die Hand auf das Schwert. Sein Ton war viel freundlicher geworden, aber die Entschlossenheit in seinem Blick hatte nicht nachgelassen. Skar begriff, da� er ihn trotz allem t�ten w�rde, wenn er nur eine einzige falsche Antwort gab. �Also?� sagte er. �Wie kommt es, da� du einen Satai und die Quorrl erschlagen hast, Skar? Wer hat dich gelehrt, so zu k�mpfen?�</p><p>�Du hast recht�, gestand Skar. �Ich... habe das K�mpfen von einem Satai gelernt.�</p><p>�Einem Satai?� Enwass versteifte sich.</p><p>�Ich war mit einem befreundet�, erwiderte Skar ruhig. �Sein Name war Del - kennst du ihn?�</p><p>Enwass sch�ttelte den Kopf. �Befreundet, sagst du?�</p><p>Skar nickte. Er versuchte, seine Entt�uschung zu unterdr�cken. Es war n�rrisch gewesen, im Ernst zu erwarten, da� Enwass den Namen Del kannte - es gab Tausende von Satai, und Enwor war gro�. Enwass' Kopfsch�tteln bedeutete nicht, da� er nicht mehr am Leben war. Wenigstens redete sich Skar das ein. �Ja�, antwortete er. �Aber das ist lange her. Lange bevor...� Er sprach nicht weiter. Er konnte es nicht, denn er hatte keine Ahnung, bevor <emphasis>was.</emphasis></p><p>Aber seine Rechnung ging auf. Das L�cheln auf Enwass' Lippen wurde schmerzlich. �Ja�, sagte er, �das verstehe ich. Es tut weh, ich wei�.� Er seufzte. Dann, ganz pl�tzlich, �nderte sich sein Gesichtsausdruck.</p><p>�Erz�hle weiter�, verlangte er. �Wie bist du in den Tempel gekommen?�</p><p>�Wie alle, die die Hilfe der Gesichtslosen Prediger brauchen�, antwortete Skar.</p><p>�Hilfe? Wobei?�</p><p>�Das geht dich nichts an�, erwiderte Skar grob. �Ich kam zu ihnen, und sie versprachen mir zu helfen.�</p><p>�Einfach so?� Enwass' Augen wurden schmal. �Die Gesichtslosen Prediger helfen niemandem ohne Gegenleistung.�</p><p>�Dann haben sie bei mir eben eine Ausnahme gemacht�, erwiderte Skar gereizt. �Ich ging zu ihnen, weil ich geh�rt hatte, da� sie Zauberer seien. Und ich brauchte die Hilfe eines Zauberers.�</p><p>�Du glaubst an Zauberei?�</p><p>�Nein�, antwortete Skar. �Aber sie.�</p><p>Enwass starrte ihn an, blinzelte - und lachte leise. �Eine gute Antwort�, sagte er. �Erz�hle weiter.�</p><p>�Es gibt nichts weiter zu erz�hlen�, erwiderte Skar. �Sie gaben mir einen Trank und sagten, ich w�rde schlafen. Lange schlafen. Sie sagten nicht�, f�gte er hinzu, �da� es <emphasis>so </emphasis>lange sein w�rde.�</p><p>�Wie lange?�</p><p>�Woher soll ich das wissen?� fauchte Skar. �Als ich erwachte, war der Tempel leer. H�tte ich nicht Syrr und den Jungen getroffen, w�re ich vermutlich dort unten verhungert.�</p><p>Enwass nickte. �Es ist ein Wunder, da� du �berhaupt noch lebst, Skar�, sagte er. �Die Prediger sind fortgegangen - vor mehr als zwei Wochen.�</p><p>�Wei�t du, wohin?� fragte Skar.</p><p>Zu seiner �berraschung antwortete Enwass sogar, wenn auch anders, als er gehofft hatte. Er seufzte, sch�ttelte den Kopf und zuckte gleichzeitig die Achseln. �Wohin alle gehen�, sagte er. �Nach S�den. Nach Bayfour, Lora oder Malab. In die freien L�nder.�</p><p>�Die freien L�nder...� Skar wiederholte den Begriff nachdenklich. �Ich... erinnere mich. Syrr sprach davon. Die anderen L�nder...?�</p><p>�Sind besetzt�, f�hrte Enwass den Satz zu Ende. �Von den Quorrl und deinen Satai-Freunden, Skar. Kohon, das Drachenland, Kohon-West, Tuan, ein Teil von Ikne...� Er seufzte abermals. �Der Winter hat sie aufgehalten. W�re er nicht gekommen, g�be es auch sie vielleicht nicht mehr.�</p><p>�Cosh�, murmelte Skar. �Was ist mit Cosh?�</p><p>�Die S�mpfe?� Enwass sch�ttelte den Kopf. Seine Stimme wurde bitter. �Die Sumpfleute waren die ersten, die zu den Quorrl �berliefen. Noch vor den Satai.�</p><p>Es fiel Skar schwer, zu schweigen. Enwass' Worte best�tigten nur, was er gef�rchtet hatte - aber es war unm�glich. Er war froh, als Enwass weitersprach und seine Aufmerksamkeit beanspruchte.</p><p>�Wir werden dich mitnehmen�, sagte er z�gernd. �Was nicht hei�t, da� ich dir glaube. Der Krieg ist vor einem halben Jahr ausgebrochen. Das bedeutet, da� du sechs Monate lang geschlafen haben mu�t. Ich habe nie davon geh�rt, da� ein Mensch ein halbes Jahr lang schl�ft. Andererseits... die Gesichtslosen Prediger <emphasis>sind </emphasis>Zauberer, auch wenn du nicht an Zauberei glaubst. Wir werden sie fragen, ob deine Geschichte stimmt.�</p><p>�Du wei�t, wo sie sind?�</p><p>�Wir werden sie finden�, sagte Enwass �berzeugt. �Oder einen anderen, der die Wahrheit ergr�ndet.�</p><p>�Warum hilfst du mir, wenn du mir nicht glaubst?� fragte Skar verwirrt.</p><p>�Weil ich kein M�rder bin�, erwiderte Enwass. �Ich habe get�tet und werden weiter t�ten, um mein Leben zu retten, Skar. Aber dich zur�ckzulassen, bedeutet deinen Tod. Die Quorrl werden wiederkommen.� Er l�chelte fl�chtig, als er Skars �berraschung bemerkte. �Das M�dchen hat uns alles erz�hlt�, sagte er, �Einer der Quorrl ist entkommen. Es ist ein weiter Weg bis zu ihrem Heerlager, aber sie sind rachs�chtig. Zweifellos sind sie jetzt bereits auf dem Weg zur�ck, um sich an dir zu r�chen. Von den Satai ganz zu schweigen - sie sch�tzen es nicht, wenn einer von ihnen get�tet wird.�</p><p>�Wenn das so ist, bin ich wohl eher eine Gefahr f�r euch, als eine Hilfe�, sagte Skar, aber Enwass fegte seine Worte mit einer bewu�t beil�ufigen Bewegung zur Seite.</p><p>�Wir haben keine Angst vor einer Bande fischgesichtiger Quorrl�, sagte er. �Und wir reisen noch heute weiter, sobald die Sonne untergegangen ist. Die Quorrl k�nnen fr�hestens in einem Tag hier sein. Bis dahin sind wir fort.�</p><p>�Sie werden meinen Spuren folgen. Und euren.�</p><p>�Wir hinterlassen keine�, behauptete Enwass. Er seufzte. �Genug jetzt. Du wirst uns begleiten - oder sterben. Oder uns begleiten und sp�ter sterben, solltest du mich belogen haben. Bist du hungrig?�</p><p>Skar nickte. �Sehr. Aber wieso -�</p><p>�Sp�ter�, unterbrach ihn Enwass mit erhobener Stimme, �ist Zeit genug zum Reden.� Er stand auf. �Ruh' dich aus. Ich schicke das M�dchen mit einer hei�en Suppe zu dir. Du kannst im Bett bleiben, bis wir aufbrechen. Wenn du willst, darfst du das Zimmer verlassen, aber nicht das Haus.� Er machte eine vage Geste. �Ich habe Befehl gegeben, dich zu t�ten, wenn du es versuchen solltest. Also sei vern�nftig. Ich komme sp�ter noch einmal zu dir.�</p><p>Damit wandte er sich um, verlie� das Zimmer und zog die T�r hinter sich zu. Skar h�rte ihn drau�en mit jemandem reden, ohne die Worte zu verstehen, dann verklangen seine Schritte endg�ltig auf dem hartgefrorenen Holzboden.</p></section><section><title><p id="_7">7.</p></title><p>Eine halbe Stunde sp�ter kam Syrr wieder zu ihm, diesmal begleitet von Talin und einem schwarzhaarigen Jungen, der kaum �lter als sie selbst sein konnte, aber bis an die Z�hne bewaffnet war und sich solche M�he gab, einen finsteren Eindruck zu machen, da� es schon fast wieder l�cherlich wirkte - wozu auch sein Aufzug beitrug. Er trug einen zerkratzten Schuppenpanzer, der ihm um mindestens drei Nummern zu gro� war, dazu einen metallenen Helm, der einmal dem gleichen Besitzer geh�rt haben mu�te, denn er rutschte ihm bei jeder heftigen Bewegung entweder in den Nacken oder die Stirn, und ein Schwert, das selbst Skar nur als Bih�nder benutzt h�tte. Zu allem �berflu� hing an seinem G�rtel auch noch ein dreikugeliger Morgenstern - eine Waffe, mit der er sich allenfalls selbst den Sch�del einschlagen w�rde, wenn er versuchte, sie zu schwingen. Skar unterdr�ckte mit M�he ein L�cheln, als der Junge sich mit vor der Brust verschr�nkten Armen unter der T�r aufbaute und ihn mit finsteren Blicken ma�.</p><p>Dann entdeckte er etwas, was ihn den <emphasis>Krieger </emphasis>sofort vergessen lie� - die Schale der dampfenden Suppe n�mlich, die Syrr auf der Truhe neben seinem Bett abgestellt hatte, zusammen mit einem h�lzernen L�ffel und einem St�ck Brot. Ohne auf die Schmerzen in seinem Bein zu achten, setzte er sich auf, griff nach dem L�ffel und begann gierig zu essen.</p><p>Syrr sah ihm zu, schweigend, aber mit der Zufriedenheit einer K�chin, die sieht, wie es ihrem Gast schmeckt. Skar leerte die Suppensch�ssel bis zur Neige, und auch von dem Brot lie� er nicht den kleinsten Kr�mel �brig. Er a� zu schnell, und prompt wurde ihm �bel. Aber er hatte sich jetzt wieder weit genug in der Gewalt, das Gef�hl zu unterdr�cken.</p><p>Mit einem dankbaren L�cheln wandte er sich an Syrr. �Das war gut�, sagte er. �Hast du die Suppe gekocht?�</p><p>Syrr nickte, l�chelte verlegen und sch�ttelte den Kopf. �Zum Teil�, sagte sie. �Ich habe... dabei geholfen. Willst du noch mehr?�</p><p>Skar lehnte mit einem stummen Kopfsch�tteln ab. Er war noch immer hungrig, sehr hungrig sogar, aber er wu�te, da� er seinem K�rper nicht zuviel zumuten durfte. W�hrend der letzten vierundzwanzig Stunden hatte er eine schmerzhafte Lektion bekommen, was seine Grenzen anging. Er versp�rte keine Lust, sie zu wiederholen.</p><p>�Sp�ter vielleicht�, sagte er. �Jetzt m�chte ich...� Er z�gerte, blickte rasch zu dem jungen Krieger unter der T�r hin�ber und fuhr fort: �... mit dir reden. Wieso bist du zur�ckgekommen?� Syrr z�gerte, und Skar sp�rte, da� ihre Antwort ganz anders ausgefallen w�re, w�ren sie allein gewesen. �Wir... h�tten dich nicht zur�cklassen d�rfen�, sagte sie stockend. �Aber wir hielten dich f�r tot, als wir dich im Schnee liegen sahen. Und wir... wir hatten Angst.� Sie senkte besch�mt den Blick. �Es tut mir leid, Skar. Du hast so viel f�r uns getan, aber ich war halb von Sinnen vor Angst. Ich sah den Quorrl davonreiten und...�</p><p>�Und du hattest Angst, er w�rde zur�ckkommen�, sagte Skar. �Das verstehe ich.� Er l�chelte. �Ich mache dir keine Vorw�rfe.�</p><p>�Aber ich�, sagte Syrr, unerwartet heftig. �W�re Talin nicht gewesen, w�re ich vielleicht einfach weitergeritten.�</p><p>�Talin?� Skar blickte verwundert zu dem schwarzhaarigen Knaben hin�ber, der bisher kein Wort gesagt, ihn aber daf�r unentwegt angestarrt hatte.</p><p>Syrr nickte. �Ja. Er... er sagte, ganz gleich, was du bist, du hast uns geholfen und dein eigenes Leben dabei riskiert, und wir m�ssen zur�ck und uns um dich k�mmern, und... und...� Sie begann zu stammeln, wich Skars Blick aus und starrte zu Boden. Skar legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. �Schon gut�, sagte er. �Ich werfe dir nichts vor, Syrr. Vielleicht h�tte ich nicht anders gehandelt, an deiner Stelle.�</p><p>�Das h�ttest du nicht�, mischte sich Talin ein. Skar drehte betont langsam den Kopf, blickte ihnen einen Moment lang ernst an und l�chelte, aber auf eine ganz bestimmte Art, die nicht sonderlich humorvoll war.</p><p>�Glaubst du?� fragte er.</p><p>�Ich wei� es.� Talin sch�ttelte heftig den Kopf und kam auf ihn zu. In seinen Augen erschien ein Glanz, der Skar nicht besonders gefiel. F�r einen kurzen Moment erinnerte er sich an den anderen Talin, den, den er gesehen hatte, als er auf den Kadaver des Hundes einstach, schreiend vor Ha� und in einem entsetzlichen Blutrausch.</p><p>�Es ist mir gleich, was dieser Enwass von dir h�lt�, sagte der Junge aufgebracht. �Ich wei�, was du wirklich bist.�</p><p>Skar sah, wie Syrr vor Schrecken den Atem anhielt und ihrem Bruder einen warnenden Blick zuwarf, den Talin allerdings gar nicht zu bemerken schien.</p><p>�So?� fragte er. �Und was bin ich, deiner Meinung nach?�</p><p>�Ein Krieger!� erwiderte Talin stolz. �Du bist ein gro�er Krieger, Skar. Du hast keine Angst vor den Satai und diesen Quorrl-Hunden, wie Enwass und die anderen.�</p><p>�Das glaubst du?� Skar l�chelte matt. �Ich f�rchte, ich mu� dich entt�uschen, Talin. Ich habe Angst.�</p><p>�Aber du hast sie erschlagen, und das allein z�hlt!� beharrte Talin. Seine Augen leuchteten vor Begeisterung. �Ich habe gesehen, wie du mit dem riesigen Quorrl gek�mpft hast, Skar!�</p><p>�So, das hast du also�, murmelte Skar. �Und es hat dir gefallen?�</p><p>Talin nickte so heftig, da� sein kurzgeschnittenes Haar flog. �Du mu�t mir zeigen, wie man so k�mpft, Skar�, sagte er. �Ich will es lernen.�</p><p>�Was willst du lernen?� Skars Stimme wurde hart. �Was du gesehen hast? Ich will dir sagen, was du gesehen hast, du kleiner Narr: du hast zwei halbtote M�nner gesehen, die durch den Morast krochen, weil sie nicht mehr die Kraft hatten, zu gehen! Soll ich dir beibringen, wie man kriecht?� Pl�tzlich packte ihn Wut, eine vollkommen irrationale, rasende Wut auf Talin, auf sich selbst und auf eine Welt, in der Kinder geboren werden mu�ten, die wie dieser Knabe waren. �Soll ich dir zeigen, wie man mordet und verst�mmelt und t�tet, Junge?� schrie er. �Oder soll ich dir zeigen, wie man ermordet wird?� Er machte eine w�tende Handbewegung. �Verschwinde!� fauchte er. �Komm wieder, wenn du erwachsen geworden bist!�</p><p>Talin erbleichte. Seine Lippen begannen zu zittern, und der Stolz, den Skar noch vor Sekunden in seinem Blick gelesen hatte, schlug in Verwirrung um. Ein Ausdruck tiefer Best�rzung erschien auf seinen Z�gen.</p><p>�Aber... aber du... du bist�, stammelte er.</p><p>�Ein halbtoter Mann, du kleiner Narr!� unterbrach ihn Skar grob. �Einer, der von einem Hund zerfleischt worden w�re, w�ren deine Schwester und du nicht dazugekommen! Und jetzt geh!�</p><p>�Aber -�</p><p>�Verschwinde, hab' ich gesagt!� br�llte Skar.</p><p>Talin erbleichte noch weiter, starrte ihn einen Herzschlag lang beinahe ha�erf�llt an - und fuhr auf dem Absatz herum, um aus dem Raum zu st�rmen. Skar blickte ihm kopfsch�ttelnd nach. Die Sch�rfe seiner Worte tat ihm beinahe schon wieder leid, aber es hatte sein m�ssen. Er mochte Talin, trotz allem, aber gerade darum hatte er nicht anders gekonnt.</p><p>�Das war... hart�, murmelte Syrr.</p><p>Skar starrte sie an. �Ich wei�. Aber es war n�tig.�</p><p>�Es... wird nichts nutzen�, fuhr Syrr fort, und erst jetzt begriff Skar, da� in ihren Worten kein Tadel gewesen war, nicht einmal Kritik. �Er wird dich allerh�chstens daf�r hassen.� Skar schwieg. Gott, er hatte wirklich andere Probleme, als sich um die Macken eines Kindes zu k�mmern, das zuf�llig seinen Weg gekreuzt hatte und das er vermutlich nie mehr wiedersehen w�rde, wenn sie erst einmal hier heraus waren. Trotzdem fragte er: �War er... schon immer so?�</p><p>Syrr sch�ttelte den Kopf, aber die Bewegung kam ein wenig zu schnell, um Skar wirklich zu �berzeugen. �Ich wei� es nicht�, gestand sie. �Vielleicht. Ich... habe mich nie sehr viel um ihn gek�mmert, obwohl er mein Bruder ist. Du hast ihn gesehen, als er... den Hund...�</p><p>�Ja�, unterbrach sie Skar. �Das habe ich. Du wirst auf ihn achtgeben m�ssen, wenn wir hier heraus sind. Und ich kann dir nicht dabei helfen.�</p><p>Syrr antwortete nicht, aber etwas in ihrem Blick erlosch.</p><p>Trotzdem nickte sie. �Ich wei߫, murmelte sie. �Du gehst fort.� Skar seufzte. �Was hast du erwartet?� Er bem�hte sich, seine Worte bewu�t kalt klingen zu lassen. Er wollte ihr nicht weh tun, aber er wu�te, was sie dachte, weil er Situationen wie diese unz�hlige Male zuvor erlebt hatte. Besser, er tat ihr jetzt ein bi�chen weh, als sp�ter sehr viel mehr.</p><p>�Wir sind uns zuf�llig begegnet, Syrr�, fuhr er fort. �Dein Bruder und du, ihr habt mir das Leben gerettet, und ich euch. Wir sind quitt. Sobald wir die Grenze �berschritten haben, trennen wir uns.�</p><p>�Wir k�nnten dir helfen�, sagte Syrr. Ihre Worte kamen schnell, aber sie waren ohne echte Hoffnung.</p><p>�Wobei?�</p><p>�Du suchst die Prediger, nicht wahr?� Syrr beantwortete ihre eigene Frage mit einem Nicken. �Talin und ich k�nnten dir helfen, sie zu finden. Wir w�rden dir nicht zur Last fallen.�</p><p>�Das w�rdet ihr doch�, behauptete Skar. �Es tut mir leid, aber es ist so - ich kann keine Familie gebrauchen. Und ihr k�nnt einen Mann wie mich nicht gebrauchen. Mein Leben ist nichts f�r euch. Ich bin -� Er besann sich im letzten Moment darauf, da� sie nicht allein waren, und konnte verhindern, da� er das Wort <emphasis>Satai </emphasis>aussprach. �- Krieger.�</p><p>�Krieger?� Syrr l�chelte schmerzlich. �Ja, Skar. Das bist du wohl.� Sie seufzte, und Skar hatte das sichere Gef�hl, da� sie noch mehr sagen wollte.</p><p>Aber dann stand sie ohne ein weiteres Wort auf, nahm die geleerte Sch�ssel und den Holzl�ffel und verlie� das Zimmer.</p></section><section><title><p id="_8">8.</p></title><p>Noch am gleichen Abend zogen sie weiter. Skar hatte wieder Fieber bekommen, kaum da� Syrr ihn verlassen hatte, und den gr��ten Teil des Tages in einem D�mmerzustand zwischen Wachsein und Bewu�tlosigkeit verbracht, in dem er nicht zu unterscheiden vermochte, was Wahrheit und was Alptraum war. Aber die Visionen waren nicht zur�ckgekommen; was vielleicht daran lag, da� er nie allein war - irgend jemand sa� immer an seinem Bett, entweder Syrr oder ihr Bruder oder ein Mitglied von Enwass' Familie, die weit gr��er zu sein schien, als er nach seinem Gespr�ch mit ihm angenommen hatte.</p><p>Als die D�mmerung hereinbrach, trugen ihn Enwass und ein junger Mann, den Skar sp�ter als seinen �ltesten Sohn kennenlernen sollte, aus dem Haus. Skar protestierte schwach gegen diese Behandlung, aber Enwass ignorierte seine Worte einfach. Als sie das Haus verlie�en, trat Syrr zu ihnen. Sie hatte kein Wort mit Skar gewechselt, obwohl sie den gr��ten Teil des Tages neben seinem Lager gewacht hatte; trotzdem war Skar auf schwer zu begr�ndende Art froh, sie zu sehen. Talin lie� sich nicht blicken, aber Skar war sicher, da� er in der N�he war, ebenso sicher, wie er war, da� seine Worte wenig genutzt hatten. Talin war zu jung, um schon wirklich zu begreifen, was er gemeint hatte. Und gleichzeitig wohl schon zu alt, als da� er noch irgend etwas �ndern k�nnte, f�gte Skar in Gedanken bitter hinzu.</p><p>Enwass und der schwarzhaarige Junge, die ihn trugen, umrundeten das Haus und wandten sich dem Flu� zu. Skar hatte angenommen, da� die Familie mit einem Wagen reiste, oder vielleicht zu Pferde, aber auf dem schmalen, offengebliebenen Wasserstreifen in der Flu�mitte schaukelte ein Flo�. Es war sehr gro� - zehn Schritte breit und fast doppelt so lang, und aus seiner Mitte ragte ein hastig zurechtgezimmerter Mast, an dem ein Segel aus zusammengen�hten S�cken und Kleidungsst�cken hing. Skar verstand pl�tzlich, warum Enwass so �berzeugt gewesen war, da� sie keine Spuren hinterlassen w�rden. Vielleicht, dachte er, hatten sie wirklich eine Chance, Trash und seinen Quorrl zu entkommen.</p><p>Die Eisdecke begann unter ihrem Gewicht zu knistern, als sie sich der Flu�mitte n�herten, und obwohl Enwass sich alle M�he gab, m�glichst gelassen zu erscheinen, entging Skar der besorgte Ausdruck auf seinen Z�gen nicht. Der Winter war noch nicht alt; die Eisdecke konnte nicht sehr dick sein, und das Gewicht von gleich drei M�nnern war enorm. Ein Sturz in das eisige Flu�wasser, dachte Skar besorgt, k�me einem Todesurteil gleich, wenigstens f�r ihn.</p><p>Aber sie erreichten das Flo� unbeschadet, und sogar trockenen Fu�es.</p><p>Es wurde jetzt rasch dunkel, und keiner von Enwass' Leuten hatte es gewagt, eine Fackel oder Lampe zu entz�nden. Trotzdem sah Skar, da� das Gef�hrt noch gr��er war, als er im ersten Moment geglaubt hatte - und in noch schlechterem Zustand: Die Bespannung war falsch und offenbar mit weit mehr gutem Willen als Sachkenntnis angelegt worden, und trotz seiner Gr��e herrschte an Bord des Flo�es eine dr�ckende Enge, denn Enwass' Familie bestand aus einem guten Dutzend Personen, die zudem ihren gesamten Hausrat mitgenommen zu haben schienen - einschlie�lich einer kleinen Ziegenherde, zweier Schweine und eines Pferdes. Dazu kamen nun auch noch Skars Reittier und die Syrrs und Talins - mit dem Ergebnis, da� an Bord des kleinen Gef�hrtes eine entsetzliche Enge herrschte. Obwohl er unter freiem Himmel lag, hatte Skar das Gef�hl, lebendig begraben zu sein.</p><p>Skar schlief wieder ein, ehe sie ablegten. Er erwachte mitten in der Nacht, fiebernd und von Kr�mpfen gesch�ttelt und trank dankbar das eiskalte Flu�wasser, das ihm jemand einfl��te. Sp�ter sp�rte er, wie sich geschickte H�nde an seinem Bein zu schaffen machten, hatte aber nicht einmal die Kraft, die Augen zu �ffnen und sich seinen Wohlt�ter anzusehen.</p><p>Als er das n�chste Mal erwachte, war heller Tag. Die Sonne hatte die Wolken vertrieben, und �ber dem Flu� spannte sich ein hellblauer, sehr klarer Himmel, dessen Farbe den Schnee und die K�lte zu verspotten schienen. Entgegen Enwass' Behauptung hatten sie nicht angelegt, um den Tag in irgendeinem Versteck zu verbringen, sondern glitten mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf dem Flu� dahin. Skar konnte nicht viel von seiner Umgebung erkennen, denn er war, w�hrend er schlief, in die Mitte des Flo�es gebracht worden, direkt unter das Segel, wo ihm der Berg von Enwass' aufgestapelten Habseligkeiten Schutz vor dem eisigen Wind gab. Trotzdem war ihm entsetzlich kalt.</p><p>Aber das Fieber war fort. Seine Lippen und Augenlider waren taub und geschwollen, und in seinem Mund war ein entsetzlicher Geschmack, aber er hatte kein Fieber mehr; und er hatte genug schwere Krankheiten und Verwundungen �berstanden, um zu wissen, da� es auch nicht mehr zur�ckkommen w�rde. Er war noch immer schwach und m�de und w�rde sicher Tage brauchen, bis er sich wieder einigerma�en m�helos bewegen konnte, und Monate, um seine gewohnte Kondition zur�ckzuerlangen - wenn �berhaupt -, aber die Krise war �berstanden.</p><p>Umst�ndlich setzte er sich auf, lehnte den R�cken gegen den Mast, an dem sich das Flickensegel bauschte, und sah sich um. Syrr sa� dicht neben ihm. Sie hatte die Beine an den K�rper gezogen und die Stirn auf die Knie gebettet und war eingeschlafen, und hinter ihr, nur halb aufgerichtet und eine Hand gegen den improvisierten Mast gest�tzt, stand Enwass. Sein Blick war leer, und obwohl er genau in Skars Richtung starrte, schien er ihn nicht zu sehen.</p><p>Skar r�usperte sich. Das Ger�usch war nicht sehr laut, aber es weckte Syrr aus ihrem Schlaf und Enwass aus dem sonderbaren D�mmerzustand, in den er versunken war. Syrr l�chelte, w�hrend ihn Enwass nur mit der schon bekannten Mischung aus Sorge und Mi�trauen anblickte. Aber jetzt war noch etwas dazugekommen - Angst. Nackte, an Panik grenzende Angst. <emphasis>Aber wovor?</emphasis></p><p>�Wie f�hlst du dich?� fragte Syrr. Die Frage kam ganz automatisch - jeder h�tte sie gestellt, an Syrrs Stelle - und trotzdem sp�rte Skar, da� ihre Sorge nicht geschauspielert war. Er l�chelte, aber er f�hlte sich nicht sehr wohl dabei. Syrr war ein Kind, trotz allem, was sie erlebt hatte. Es war m�glich, da� er sie schon zu sehr an sich gebunden hatte, um die Trennung schmerzlos werden zu lassen.</p><p>�Nicht gut�, antwortete er nach einer Weile. �Aber schon besser als gestern. Danke.�</p><p>�Du hattest hohes Fieber w�hrend der Nacht.�</p><p>�Ich wei�.� Skar seufzte, fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die aufgerissenen Lippen und sah zu Enwass hoch. �Hast du einen Schluck Wasser?�</p><p>Enwass nickte, drehte sich schwerf�llig herum und balancierte �ber das schl�pfrige Holz zum vorderen Rand des Flo�es. Skar sah, wie er in die Hocke ging, um Wasser aus dem Flu� zu sch�pfen.</p><p>Er l�chelte Syrr abermals zu, setzte sich ein wenig h�her auf und versuchte, �ber den Rand der aufgestapelten Kisten und Leinens�cke hinwegzusehen. Der gr��te Teil von Enwass' Familie schlief noch - ein Dutzend in Felle geh�llter, zusammengerollter B�ndel, die sich eng aneinandergeschmiegt hatten, um Schutz vor der K�lte der Nacht zu finden, die hier auf dem Wasser besonders empfindlich gewesen sein mu�te. Skar sah, da� auch einige Kinder unter ihnen waren, und mit einem pl�tzlichen Gef�hl von Schuld begriff er, da� man ihm den einzigen windgesch�tzten Platz an Bord des Flo�es gegeben hatte; den, der wohl normalerweise den Kindern und Frauen vorbehalten war. Er vertrieb den Gedanken. W�re es anders gewesen, w�re er vielleicht gestorben. Er w�rde seine Schulden bezahlen.</p><p>Enwass kam zur�ck, die Schale mit Wasser in der rechten und einen halben Laib Brot in der linken Hand. Skar nahm das Wasser an, lehnte das Brot aber mit einem stummen Kopfsch�tteln ab. Er war noch immer sehr hungrig, aber er wu�te, da� ihm �bel werden w�rde, wenn er jetzt a�.</p><p>Das Wasser war eiskalt und wirkte auf schon fast unangenehme Weise belebend. Skar sp�rte sich von einem Gef�hl neuer Kraft durchstr�mt, als er die Schale geleert und Enwass zur�ckgegeben hatte - ein Gef�hl, da� sehr tr�gerisch war, wie er wu�te. Gab er ihm nach, w�rde er bitter daf�r bezahlen m�ssen. Aber er geno� es einfach, dazusitzen und es zu sp�ren.</p><p>�Habt ihr... die ganze Zeit bei mir gewacht?� fragte er.</p><p>Enwass nickte. �Abwechselnd�, best�tigte er mit einer Kopfbewegung auf Syrr. �Meine Frau hat sich um dein Bein gek�mmert.�</p><p>Skar sah erst jetzt, da� der Verband um seinen Kn�chel erneuert worden war. Die provisorische Schiene war verschwunden, und die T�cher jetzt sauber und sehr fest angelegt. Probehalber versuchte er, den Fu� zu bewegen. Es tat weh, aber es ging. Wenn es unbedingt n�tig war, w�rde er laufen k�nnen, wenn auch nicht sehr gut und mit Sicherheit nicht sehr lange.</p><p>�Ich habe dir gesagt, da� er nicht gebrochen ist�, sagte Syrr, als sie seinen erstaunten Blick bemerkte. �Aber du glaubst mir offensichtlich nie.�</p><p>Skar �berging die Bemerkung. Er war sicher gewesen, da� der Fu� gebrochen war - zum Teufel, er hatte <emphasis>gesp�rt, </emphasis>wie der Knochen brach! - aber die Tatsachen sprachen eindeutig dagegen. Vielleicht hatte das Fieber auch seine Erinnerungen verzerrt. F�r einen Moment fragte er sich allen Ernstes, ob da vielleicht nicht noch mehr war, was er sich nur eingebildet hatte...</p><p>�Warum tut ihr das?� fragte er leise.</p><p>�Was?� Enwass legte den Kopf schr�g.</p><p>�Mir helfen�, sagte Skar ernst. �Syrr und ihr Bruder glauben offensichtlich, in meiner Schuld zu stehen - aber du?� Er sah Enwass mit einer Art freundschaftlichem Mi�trauen an, die diesen vollkommen zu verwirren schien.</p><p>�Du riskierst eine Menge dabei, mich mitzunehmen�, fuhr er fort, als Enwass nicht antwortete. �Die Quorrl werden keine Ruhe geben, bis sie mich haben.�</p><p>�Die Quorrl geben keine Ruhe, bis sie uns alle haben�, antwortete Enwass abwehrend. �Du scheinst noch nicht zu verstehen, wer wir sind, Skar.�</p><p>�Nicht genau�, gestand Skar. �Wer seid ihr?�</p><p>�Fl�chtlinge�, antwortete Enwass. Er sprach das Wort sehr bitter aus. �Ich war ein reicher Mann, ehe der Krieg ausbrach, Skar. Ich hatte einen Hof und Vieh und Gold, jedenfalls genug, um mir und den Meinen ein sorgenfreies Leben zu g�nnen. Was du hier siehst -� er machte eine Bewegung, die das ganze Flo� einschlo�, �- ist alles, was mir geblieben ist. Meine Familie, ein paar meiner Knechte mit ihren Frauen und Kindern...� Er seufzte. �Wir sind geflohen, und wir sind nicht die einzigen, Skar. Es gibt Tausende wie uns, die versuchen, die freien L�nder zu erreichen. Und die Quorrl machen sich einen Spa� daraus, sie zu jagen.�</p><p>�Das beantwortet meine Frage nicht�, sagte Skar.</p><p>Enwass runzelte unwillig die Stirn. �Doch�, behauptete er. �Das tut es. Du bist ein Krieger.�</p><p>�O ja�, murmelte Skar. �Und was f�r einer.�</p><p>�Du bist ein Kieger�, unterbrach ihn Enwass �rgerlich. �Du bist verwundet, aber es sind f�nf Tage, bis wir die Berge erreichen. Bis dahin wirst du wieder gesund sein. Wenigstens gesund genug, um uns zu helfen.� Er l�chelte. �Ich bin nicht so uneigenn�tzig, wie du glaubst, Skar.�</p><p>Etwas in der Art, in der er diese Worte aussprach, gefiel Skar nicht. Dann begriff er.</p><p>�Du denkst, wir werden k�mpfen m�ssen.�</p><p>�Ich f�rchte.� Enwass nickte besorgt. �Und du wirst uns zeigen, wie. Du bist ein Krieger. Es... sind viele, die so fliehen wie wir. Tausende. Selbst f�r die Quorrl zu viele. Aber sie lauern an den Grenzen, und sie t�ten viele von denen, die versuchen, sie zu �berschreiten. Wir sind einfache Bauern und Knechte, Skar. Du bist ein Krieger. Syrr und der Junge haben uns gesagt, was du getan hast. Wir brauchen einen Mann wie dich. Selbst wenn du nicht k�mpfen kannst, kannst du uns sagen, was zu tun ist.� Skar starrte ihn an. �Du... du meinst das nicht ernst�, murmelte er. Ein m�des, sehr trauriges L�cheln huschte �ber sein Gesicht und erlosch wieder. �Erz�hle�, sagte er matt. �Erz�hle mir alles, was du �ber die Quorrl wei�t, und �ber die Situation an der Grenze.�</p><p>�Du hilfst uns also?�</p><p>Skar hob rasch und abwehrend die Hand. In Enwass' Stimme war ein neuer Ton, der ihm nicht gefiel. Er wu�te aus bitterer Erfahrung, wie leicht es war, falsche Hoffnungen zu wecken. �Soweit ich es kann, Enwass�, sagte er ernst. �Und das ist nicht sehr viel.� Er deutete auf sein bandagiertes Bein. �Erwarte keine Wunder von mir. Mit dem Schwert oder der blo�en Hand gegen einen Feind zu k�mpfen, ist eine Sache. Was du von mir verlangst, eine -�</p><p>�Ich verlange nichts�, unterbrach ihn Enwass. �Wir stellen keine Forderungen, Skar. Sag uns, was zu tun ist, das ist alles.�</p><p>�Und wenn es falsch ist?� fragte Skar ernst. �Ich bin kein Zauberer, Enwass.�</p><p>Aber Enwass lie� seinen Einwand nicht gelten. Skar begriff pl�tzlich, da� er keinen Einwand gelten lassen w�rde, in diesem Moment, ganz egal, wie gut oder zutreffend er war, aus dem einfachen Grund, weil er sich jedes Wort genau �berlegt hatte. F�r Enwass war die Sache ganz einfach: Sie brauchten einen Krieger, und er war einer.</p><p>�Es kann gar nicht so falsch sein wie das, was wir ohne dich t�ten, Skar�, sagte er �berzeugt. �Ich bin Bauer, du bist Krieger. Und es ist Krieg.� Er l�chelte. �Ich k�nnte verkr�ppelt sein und mit hohem Fieber daliegen, und trotzdem w�rdest du mich um Rat fragen, m��test du meinen Hof bewirtschaften, oder?� Der Vergleich hinkte, und Enwass mu�te es ebensogut wissen wie er. Aber Skar widersprach nicht mehr. Er w�rde seine Schulden bezahlen. Und er wollte nicht, da� Enwass ihn noch deutlicher daran erinnern mu�te.</p><p>Aber was erwartete Enwass von ihm? Da� er aus dem verst�rten, eingesch�chterten Haufen ver�ngstigter M�nner, Frauen und Kinder, der Enwass' Familie letztlich war, eine Armee machte, in zwei oder drei Tagen? Enwass mu�te so gut wie er wissen, da� das unm�glich war. Er konnte nicht Krieger aus Bauern und Knechten machen, schon gar nicht in drei Tagen. Vielleicht, �berlegt Skar, suchte er einfach nur ein Paar Schultern, auf die er einen Teil der Last b�rden konnte, die er tragen mu�te. Enwass war ein starker Mann, aber die Situation war neu f�r ihn - er war zweifellos darin erfahren, Verantwortung zu tragen, f�r das Wohl und Wehe der Seinen, f�r den Hof, die Kinder, die n�chste Ernte, die Steuern, die Sicherheit vor Jahreszeiten, R�ubern und Tieren... Aber jetzt mu�te er sich um das <emphasis>Leben </emphasis>seiner Leute sorgen, und das war etwas ganz anderes.</p><p>Und es gab eine Menge grunds�tzlicher Dinge, die er ihnen zeigen konnte. Er w�rde Enwass' S�hne anweisen, das Segel zu streichen und die Bespannung zu �ndern, wodurch das Flo� ein geh�riges St�ck schneller wurde, die Ladung so umzuverteilen, da� das Flo� nicht nur gerade im Wasser lag, sondern die Kisten und B�ndel auch eine niedrige Wehr l�ngs des h�lzernen Rechtecks bildeten, hinter die sie sich zur Not kauern konnten, sollten sie beschossen werden, den M�nnern zeigen, wie sie aus den Dingen, die sie bei sich f�hrten, einfache Schilde und Panzer fertigen konnten - und vor allen Dingen diesem jungen Narren den Morgenstern abnehmen, ehe er sich selbst oder seinem Nebenmann damit den Sch�del einschlug. Ja, er konnte einiges tun - er konnte ihnen sogar zeigen, wie sie ihre Waffen zu benutzen hatten; zumindest grunds�tzlich.</p><p>Nicht, da� es etwas nutzen w�rde, wenn sie wirklich angegriffen wurden. Skar gab sich in diesem Punkt keinen Illusionen hin - m�glicherweise w�rden sie mit einer kleinen Gruppe von Quorrl fertig werden, auf die sie zuf�llig stie�en - mit Trash und seinen Kriegern nicht, wenn sie sie einholten.</p><p>Und Skar zweifelte eigentlich nicht daran, da� das geschehen w�rde: Er hatte den Ha� in den Augen des Quorrl gesehen. Trash w�rde nicht aufgeben, ehe nicht einer von ihnen tot war, das wu�te er. Er hoffte nur, die Konfrontation so lange hinausschieben zu k�nnen, bis Enwass und seine Familie in Sicherheit waren. �Gut�, sagte er schlie�lich. �Ich werde tun, was ich kann, Enwass.� Er deutete nach S�den, in die Richtung, in die der Flu� das Boot trieb. �Erz�hle.�</p></section><section><title><p id="_9">9.</p></title><p>Talin war der erste, der die Verfolger bemerkte. Es war am dritten Abend nach Skars erstem Erwachen auf dem Flo� - dem vierten, den sie nach S�den fuhren -, und �ber einen Teil der Landschaft hatte sich bereits die D�mmerung gesenkt, so da� sie die Reiter, w�ren sie auch nur zehn Minuten sp�ter aufgetaucht, wahrscheinlich gar nicht mehr entdeckt h�tten - beziehungsweise erst dann, wenn es zu sp�t war. Aber auch so hatte Skar M�he, in der Handvoll auf und ab h�pfender Schatten auf dem Horizont das zu erkennen, was Talin mit vor Angst �berschnappender Stimme geschrien hatte: Quorrl.</p><p>Aber sie waren es. Und Skar mu�te den zweieinhalb Meter gro�en Riesen an ihrer Spitze nicht erkennen, um zu wissen, wer es war. Trash, dachte er bitter. Es konnte kein anderer als Trash sein. Er h�tte dem Fischgesicht den Arm abschlagen sollen, statt ein paar Finger. Oder gleich besser den Kopf.</p><p>Skar war nicht wirklich erschrocken. Er hatte gewu�t, da� Trash ihn verfolgen w�rde, und nicht allein. Aber er war zornig, zornig auf sich selbst, sich so lange der Illusion hingegeben zu haben, das Unvermeidliche doch noch irgendwie vermeiden zu k�nnen, und entt�uscht, entt�uscht von einem Schicksal, das grausam genug gewesen war, sie bis auf eine Tagesreise an die rettende Grenze herankommen zu lassen. Er hatte gewu�t, da� er Trash wiedersehen w�rde. Aber er h�tte es lieber gesehen, dem Quorrl und seinen Kameraden allein entgegenzutreten.</p><p>�Wie viele sind es?� fragte Enwass, der gleich Skar bei Talins Schrei aufgesprungen und ans hintere Ende des Flo�es geeilt war. Er klang ein bi�chen besorgt, wenn auch lange nicht in dem Ma�e, das Skar erwartet hatte.</p><p>Skar zuckte die Achseln und warf einen Blick auf das Dutzend Gesichter, das hinter Enwass und Talin aufgetaucht war - nat�rlich hatte nicht nur er den Schrei des Jungen geh�rt, und nat�rlich waren alle herbeigeeilt, um die Quorrl zu sehen, selbst Syrr, die sich allerdings viel mehr f�r ihren Bruder als f�r Trash und seine Reiter zu interessieren schien.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete er mit einiger Versp�tung auf Enwass' Frage. Das Licht wurde jetzt rasch schw�cher - er sah zwar noch immer Bewegung dort hinten, zwei oder drei Meilen links und hinter dem Flo�, aber es konnten ebensogut zwei wie zwanzig Reiter sein. �Ein Dutzend�, vermutete er schlie�lich. �Vielleicht mehr.�</p><p>�So viele?�</p><p>�Ich habe zwei von ihnen erschlagen�, erinnerte ihn Skar. �Und den Satai. Trash m��te lebensm�de oder ziemlich dumm sein, sollte er mich allein verfolgen, oder nur mit wenigen M�nnern.� Er seufzte. �Und ich f�rchte, er ist keines von beiden.�</p><p>�Woher willst du wissen, da� es Trash ist?� mischte sich Talin ein. �Enwass hat erz�hlt, da� es hier von Quorrl nur so wimmelt!�</p><p>Skar l�chelte sanft. �Ja. Aber diese da -�, er deutete auf die Schatten, die die Dunkelheit nun immer schneller aufsog, �- kommen von Norden. Sie verfolgen uns, Talin - genauer gesagt, mich. W�ren es die Quorrl, von denen Enwass gesprochen hat, w�rden sie uns irgendwo am Ufer auflauern. Aber ich f�rchte, das werden sie sp�testens morgen fr�h ohnehin tun.�</p><p>�Dann werden wir sie bek�mpfen!� sagte Talin �berzeugt. �Wir sind so viele wie sie, und -�</p><p>�Sei still�, sagte Skar ruhig.</p><p>Talin setzte dazu an, erneut zu widersprechen, aber Skar warf ihm einen so strengen Blick zu, da� er es vorzog, zu schweigen, um sich nicht einen neuen und diesmal wahrscheinlich sehr viel sch�rferen Verweis einzuhandeln. Skar tauschte einen raschen, wissenden Blick mit Syrr, die unbemerkt hinter ihren Bruder getreten war, seufzte erneut und wandte sich an Enwass.</p><p>�Es sind die Quorrl, von denen ich erz�hlt habe�, wiederholte er. �Ich bin sicher. Es tut mir leid, Enwass. Aber ich habe dich gewarnt. Wenn...� Er z�gerte, blickte wieder zu den verschwimmenden Schatten der Schuppenreiter zur�ck und setzte neu an: �Vielleicht w�re es besser, wenn ihr mich an Land gehen la�t. Ich bin es, den sie haben wollen, nicht ihr.�</p><p>Enwass schwieg. In seinem Gesicht arbeitete es - wahrscheinlich bereute er sp�testens in diesem Moment, Skar mitgenommen zu haben. Aber dann sch�ttelte er entschieden den Kopf. �Unsinn�, sagte er. �Selbst wenn es so ist, wie du sagst, ist es zu sp�t.� Er lachte, ganz bewu�t abf�llig. �Glaubst du wirklich, sie w�rden sich damit zufrieden geben, dich zu erschlagen, Skar?� Skar glaubte es nicht, aber er schwieg, und nach einer Weile fuhr Enwass fort, so laut, da� jedermann an Bord des Flo�es seine Worte verstehen mu�te: �Es hat wenig Sinn, jetzt �ber einmal gemachte Fehler zu jammern, Skar. Sie haben uns gesehen, und sie werden sich eine Beute wie uns nicht entgehen lassen, ganz gleich, ob es nun Trashs Leute sind oder andere Quorrl. Wenn du bei uns bleibst, haben wir vielleicht eine Chance, sie zur�ckzuschlagen. Wenn du jetzt zu ihnen gehst, schlachten sie uns ab.� Er seufzte, l�chelte fl�chtig und deutete auf Talin. �So leid es mir tut, Skar, aber der Junge hat recht. Wir werden k�mpfen m�ssen.�</p><p>�K�mpfen?� Etwas in Skar str�ubte sich gegen die blo�e Vorstellung. Er hatte keine Angst vor den Quorrl - er hatte niemals Angst vor einem Kampf gehabt, auch wenn er sich stets dar�ber im klaren gewesen war, da� er keineswegs unverwundbar oder gar unsterblich war - ganz im Gegenteil h�tte er sich sogar gute Chancen ausgerechnet, Trash und seinen Leuten zu entkommen, w�re er allein. Die Quorrl waren stark, aber nicht sehr schnell, und selbst ein kluger Quorrl war immer noch dumm.</p><p>Aber er war nicht allein, und das �nderte alles.</p><p>W�ren Enwass und seine Leute nicht gewesen, h�tte Skar sich durchaus zugetraut, den Quorrl zu entkommen oder sie - wenn es sein mu�te - einen nach dem anderen zu erledigen. Ein einzelner Mann war einer Gruppe von Verfolgern immer �berlegen, wenn er entschlossen und schnell genug war. So aber blieb ihm weder die Flucht noch die alte Satai-Taktik, einen zahlenm��ig �berlegenen Gegner zu verwirren und einzeln auszuschalten. Versuchte er es auch nur, w�rden sich Trash und seine Begleiter an Enwass und seiner Familie r�chen.</p><p>Nein, die einzige Wahl, die ihm blieb, war der offene Kampf. Und das bedeutete, da� er praktisch keine Chance hatte. �Was tun wir, Skar?� fragte Enwass.</p><p>Skar schwieg. Allein der Gedanke, mit einem Dutzend M�nner und Frauen, die in ihrem ganzen Leben noch keine Waffe in der Hand gehabt hatten, gegen eine zahlenm��ig wahrscheinlich auch noch �berlegene Quorrl-Armee antreten zu sollen, erschien ihm schlichtweg l�cherlich. Aber noch w�hrend er diesen Gedanken dachte, begann etwas in ihm zu arbeiten; ein Teil seines Bewu�tseins, von dem er nicht gewu�t hatte, da� es noch existierte. Er f�hlte sich noch immer verwirrt, best�rzt und halbwegs gel�hmt vor Schrecken und Entt�uschung - aber ein anderer Teil von ihm, der vollkommen unabh�ngig vom Rest seines Denkens zu funktionieren schien, erwachte pl�tzlich: der Satai. Zum Teufel - er war ein Krieger, und das hier <emphasis>war </emphasis>Krieg. Wenn Trash und seine Kreaturen den Kampf haben wollten, sollten sie ihn bekommen!</p><p>�Werden sie uns angreifen?� fragte Enwass.</p><p>�Hier auf dem Flu�?� Skar sch�ttelte impulsiv den Kopf. �Kaum. Sie werden versuchen, uns zu �berholen, w�hrend der Nacht, um uns dann morgen irgendwo aufzulauern.�</p><p>Enwass sah ihn fragend an. �Wie kommst du darauf?�</p><p>�Ich w�rde es tun�, antwortete Skar achselzuckend. Er machte eine Bewegung mit beiden H�nden zu den Ufern hin. �Der Flu� ist zu breit, als da� sie uns mit ihren B�gen erwischen k�nnten. Wahrscheinlich werden sie versuchen, eine Stelle zu finden, an der sie uns auflauern k�nnen - eine Flu�enge, eine Stromschnelle, Sandb�nke...� Er zuckte abermals die Achseln. �Gibt es so etwas in der N�he?�</p><p>Enwass �berlegte einen Moment, dann sch�ttelte er den Kopf. �Ich glaube nicht�, sagte er.</p><p>�Du <emphasis>glaubst?�</emphasis></p><p>�Keiner von uns war jemals hier�, verteidigte sich Enwass. �Unser Hof liegt im Norden, fast auf der H�he von Denwar. Aber ich w��te von Stromschnellen oder Untiefen, g�be es welche�, f�gte er hastig hinzu, und in einem Ton, der Skar nicht �berzeugte. �Ich habe mit M�nnern gesprochen, die den Flu� befahren haben, vor dem Krieg.�</p><p>�Dann werden sie versuchen, eine Stelle zu finden, an der das Eis dick genug ist, die Pferde zu tragen�, sagte Skar. Er deutete nach Norden. Es war dunkler geworden, in den wenigen Augenblicken, die sie dagestanden und geredet hatten. Die hereinbrechende Nacht hatte die Umrisse der Quorrl vollends verschluckt. �Wahrscheinlich rechnen sie nicht damit, da� wir sie gesehen haben. Wir sollten sie in diesem Glauben lassen. Es ist unser einziger Vorteil. Wir m�ssen ihn nutzen.�</p><p>�Und wie?� fragte Enwass zweifelnd. �Willst du hingehen und es ihnen sagen?�</p><p>Skar war f�r einen Moment unschl�ssig, ob er �ber Enwass' Worte lachen oder w�tend sein sollte. Er entschied sich f�r das erste.</p><p>�Z�ndet ein Feuer an�, befahl er. �Nur ein kleines - so, als wolltet ihr Wasser kochen oder euch w�rmen.�</p><p>�Ein Feuer?� wiederholte Enwass stirnrunzelnd. �Aber wir... haben nie Feuer gemacht!�</p><p>�Das wei� ich�, erwiderte Skar ungeduldig. �Aber Trash wei� es nicht. Wenn sie den Feuerschein sehen, halten sie uns vielleicht f�r ahnungslos.�</p><p>�Oder f�r so dumm, wie es w�re, ein Feuer zu machen!� mischte sich Enwass' Sohn ein. �Bist du von Sinnen? Warum n�hen wir uns nicht gleich Zielscheiben auf Brust und R�cken?� Skar schenkte ihm einen b�sen Blick und wandte sich wieder an Enwass. �Wir m�ssen den Eindruck erwecken, vollkommen arglos zu sein�, sagte er noch einmal. �Macht das Feuer an. Und benehmt euch wie immer - nur f�r den Fall, da� sie Sp�her auf uns ansetzen.� Mit einem Ruck drehte er sich um und hob aufmerksamkeitheischend die Arme. �Sie d�rfen nicht wissen, da� wir sie bemerkt haben�, wiederholte er eindringlich. �Vielleicht haben wir eine Chance, aber nur dann, wenn ihr tut, was ich sage.�</p><p>F�r einen Moment wurde es sehr still, und nicht zum ersten Mal in seinem Leben sp�rte Skar, was f�r ein unangenehmes Gef�hl es war, im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit zu stehen. Der Blick eines Dutzend Augenpaare heftete sich auf sein Gesicht, und wohin Skar auch sah, erkannte er die gleichen Gef�hle: Angst, Panik, die nur noch m�hsam unterdr�ckt wurde, aber auch eine dumpfe Resignation, die beinahe schlimmer war. Ein Teil von ihnen - vielleicht alle, Enwass eingeschlossen - hatte schon aufgegeben. Vielleicht hatten sie von Anfang an nicht daran geglaubt, �berhaupt eine Chance zu haben, dachte Skar. Aber er sah auch Hoffnung, eine Hoffnung, deren Grund <emphasis>er </emphasis>war und die er nicht erf�llen konnte. F�r einen Moment fragte er sich, ob er nicht einen entsetzlichen Fehler begangen hatte. Dieses Dutzend Menschen hier hatte ihn aufgenommen und gepflegt, und jetzt verlangten sie eine Gegenleistung, die er nicht erbringen konnte.</p><p>Gott, er kannte ja nicht einmal ihre Namen! Enwass hatte sie ihm genannt, schon am ersten Morgen, aber er hatte nicht hingeh�rt - er hatte sie nicht wissen <emphasis>wollen, </emphasis>weil Namen Personen aus ihnen gemacht, der Verantwortung noch mehr Gewicht verliehen h�tten, die ihm aufgeb�rdet worden war. Er hatte geahnt, da� dieser Moment kommen w�rde, aber er hatte die Augen davor verschlossen, einfach, weil er Angst davor hatte, so gro�e Angst wie sie, wenn auch aus g�nzlich anderen Gr�nden. Es war n�rrisch gewesen, sich auch nur f�r einen Augenblick einzubilden, diesen M�gden und Knechten das <emphasis>K�mpfen </emphasis>beizubringen, in nur drei Tagen! Er h�tte sich von ihnen trennen sollen, im gleichen Moment, in dem er wieder aus eigener Kraft laufen konnte! Aber was sollte er ihnen sagen ? Da� sie keine Chance hatten und ebensogut das Flo� ans Flu�ufer lenken und dort auf die Quorrl warten konnten?</p><p>Unm�glich.</p><p>�H�rt mir zu!� sagte er �berfl�ssigerweise. �Ich wei� nicht, ob wir... ob wir eine Chance haben, aber wir werden es versuchen. Es sind viele - wahrscheinlich mehr als wir, und jeder einzelne von ihnen ist ein Krieger. Ein paar von euch�, f�gte er sehr ernst hinzu, �werden sterben, wenn es zum Kampf kommt. Vielleicht alle.�</p><p>Er wartete vergeblich auf eine Antwort; irgendeine Reaktion. Niemand sprach, nicht einmal der Ausdruck in ihren Blicken �nderte sich. Selbst ein Vorwurf w�re ihm in diesem Moment lieber gewesen als dieses entsetzliche Schweigen; aber niemand sprach. Sogar Talin war still.</p><p>Sie hatten nicht einmal verstanden, was er gesagt hatte, dachte er matt. Und selbst wenn - was h�tten sie antworten sollen? Skar sprach nicht weiter, sondern drehte sich noch einmal nach Norden und blickte in die Richtung zur�ck, aus der sie gekommen waren. Die Quorrl waren mittlerweile vollends mit der Nacht verschmolzen, und das Rauschen des Flusses �bert�nte die Hufschl�ge ihrer Pferde. Es war, als h�tte es sie nie gegeben. Und doch hatte Skar f�r einen winzigen Moment das Gef�hl, etwas zu sehen.</p><p>Nicht die Quorrl. Etwas anderes. Etwas Kleines und B�ses und Schwarzes, das ihnen lautlos folgte.</p><p>Dann verschwand auch dieser Eindruck. Und wahrscheinlich war es nur ein Streich gewesen, den ihm seine Nerven gespielt hatten.</p><p>Er vertrieb den Gedanken, drehte sich wieder zu Enwass und seinen Leuten um und begann mit sehr ruhiger, sehr leiser Stimme seinen Plan zu entwickeln...</p></section><section><title><p id="_10">10.</p></title><p>Skar sch�tzte, da� es Mitternacht war, ehe sie eine geeignete Stelle gefunden hatten, um anzulegen. Der Flu� machte hier eine scharfe Biegung nach rechts, und die Str�mung und das dichte Ufergestr�pp hatten verhindert, da� sich Eis bildete. Es gab zwar auch hier eine d�nne, vielfach gesprungene wei�e Schicht auf dem Wasser, die aber unter dem Gewicht des Flo�es zerbrach wie Glas - �brigens auch ebenso laut, wie Skar mit einem raschen Gef�hl von Besorgnis registrierte - so da� das schwerf�llige Gef�hrt das Ufer erreichen konnte.</p><p>Wie in den N�chten zuvor war es sehr dunkel. Der Himmel hing tief und war voll schwerer, grauer Wolken, aus denen in scheinbar willk�rlichen Abst�nden Schnee und eisiger Hagel auf das Land herabregneten, und das Ufer erhob sich wie eine schwarze, mit harten Linien gemalte gerade Linie vor dem Horizont. Die wenigen B�sche waren nackt und wirkten in der Dunkelheit wie bizarre Gebilde aus Draht, und mit der Nacht hatte das Heulen des Windes an Macht und K�lte zugenommen. Skar blickte nach S�den. Der Flu� verlor sich schon nach wenigen Dutzend Metern in der Dunkelheit, und wo das Bayfour-Gebirge sein sollte, g�hnte ein finsteres Loch mit zackigen R�ndern in der Nacht. Dabei war der Weg nicht einmal sehr weit - wenig mehr als eine Tagesreise, selbst bei der relativ niedrigen Geschwindigkeit ihres schwerf�lligen Flo�es. F�r einen Moment kam es Skar vor wie bitterer Hohn, da� sie so weit gekommen waren, nur um hier zu sterben.</p><p>Das Flo� stie� mit einem unsanften Ruck gegen das Ufer. Die Ersch�tterung ri� Skar aus seinen Gedanken und Enwass aus seiner Erstarrung. Er rief einen halblauten Befehl, sprang mit einem kraftvollen Satz an Land und verlor auf dem Gemisch aus Schnee und Morast am Ufer um ein Haar das Gleichgewicht, fand aber im letzten Moment seine Balance wieder und streckte die Arme aus, um das Tau aufzufangen, das ihm einer seiner S�hne zuwarf. Skar beobachtete reglos, wie er das Flo� an einem vorspringenden Felsen vert�ute und pr�fend mit aller Kraft am Seil ri�, ehe er sich umwandte und den anderen ein Zeichen gab, ebenfalls an Land zu kommen.</p><p>Skars Sinne begannen mit der gewohnten, beinahe schon �berpr�zisen Art zu arbeiten, mit der sie es immer taten, wenn er bewu�t in einen Kampf ging. Obwohl er sich noch immer schwach und matt f�hlte und die zahllosen Wunden und Schrammen an seinem K�rper noch l�ngst nicht verheilt waren, f�hlte er sich gleichzeitig beinahe wohl. Der Teil von ihm, der beim Anblick der Quorrl erwacht war, wurde immer st�rker. Skar erschrak fast vor sich selbst. Nicht so sehr vor dem Gef�hl der Zuversicht und St�rke, das er mit einem Male versp�rte - das war normal, denn es war nichts anderes als das Ergebnis eines lebenslangen Trainings: Er war Satai, und er vermochte Reserven zu aktivieren, von denen die meisten anderen Menschen nicht einmal wu�ten, da� sie sie besa�en, ebenso, wie er seine Empfindungen und �ngste beinahe nach Belieben auszuschalten oder zumindest zu steuern imstande war. Und es war das erste Mal seit seinem Erwachen im Tempel, da� er wirklich <emphasis>bewu�t </emphasis>in einen Kampf ging: In jener Nacht vor dem Tempel war es anders gewesen: Er war viel zu verwirrt und verst�rt gewesen, um �berhaupt zu begreifen, was geschah, und eigentlich hatte er nichts anderes getan als um sein Leben zu k�mpfen; auch wenn er zuf�llig der Angreifer gewesen war.</p><p>Jetzt war es... anders.</p><p>Skar schauderte ein wenig, als er begriff, da� sich etwas in ihm auf den Kampf freute...</p><p>�Was hast du, Skar?�</p><p>Skar fuhr zusammen, blickte in Syrrs Gesicht und begriff voller Schrecken, da� sich seine Empfindungen ziemlich deutlich auf seinem Gesicht abgezeichnet haben mu�ten. �Nichts�, sagte er ausweichend. �Es ist... nichts. Ich bin ein wenig nerv�s. Mein Bein schmerzt�, f�gte er hinzu. Es war die Wahrheit, aber Syrr sah nicht einmal an ihm herab, sondern blickte ihm unverwandt in die Augen. Skar mu�te sich gegen das unbehagliche Gef�hl wehren, da� sie seine Gedanken las wie ein offenes Buch. �Glaubst du, da�... da� wir eine Chance haben?� fragte sie pl�tzlich.</p><p>Sie sprach sehr leise, fl�sterte fast, und eine ganz leichte Spur von Angst vibrierte in ihrer Stimme. Aber es war eine v�llig andere Art der Angst, als er sie auf den Gesichtern von Enwass und seinen Leuten gelesen hatte.</p><p>Es war...</p><p>Ja, dachte Skar verbl�fft - es war <emphasis>Angst um ihn!</emphasis></p><p>Skar war verwirrt. Er verstand Syrr immer weniger.</p><p>�Mach dir keine Sorgen�, sagte er, in einem Ton, der nicht einmal ihn selbst, geschweige denn Syrr �berzeugte. �Ich habe nicht vor, sie zum Kampf herauszufordern.�</p><p>�Nein�, antwortete Syrr sp�ttisch. �So wenig wie vor einer Woche, nicht wahr?�</p><p>�Das war etwas anderes!� widersprach Skar gereizt. �Ich wu�te nicht, wem ich gegen�berstehe. Ich wurde... �berrascht. Jetzt kenne ich den Feind.�</p><p>�Erz�hl das Enwass, oder seinem schwachsinnigen Sohn�, sagte Syrr ruhig. �Eine Stunde vor uns warten zwei Dutzend Quorrl, und du reitest ihnen allein entgegen, um -�</p><p>�Um sie abzulenken und euch eine Chance zu verschaffen, durchzubrechen�, unterbrach sie Skar grob; und eine Spur lauter, als n�tig gewesen w�re. Aus den Augenwinkeln sah er, wie zwei oder drei von Enwass' Familienmitgliedern die K�pfe wandten und ihn verwirrt ansahen.</p><p>�Ich bin kein Selbstm�rder, Syrr�, fuhr er fort, etwas leiser und mit einem gezwungen �berzeugt wirkenden L�cheln. �Und es ist nicht das erste Mal, da� ich so etwas tue. Ich bin Krieger.�</p><p>�Und ich keine N�rrin!� sagte Syrr. Warum war sie so zornig? dachte Skar verwirrt. War es wirklich nur Angst, die aus ihr sprach - oder etwas anderes? Und wenn ja, was?</p><p>�Du hast es selbst gesagt, Skar�, fuhr sie fort. �Die Quorrl wollen dich, nicht uns. Und ich lasse nicht zu, da� du dich opferst!�</p><p>�Nein?� fragte Skar k�hl. �Tust du das nicht?� Er lachte, ganz leise und bewu�t verletzend, trat einen halben Schritt zur�ck und ma� Syrr mit einem sehr langen und sehr abf�lligen Blick. �Und wenn es so w�re - was wolltest du tun, um mich daran zu hindern, Kindchen?�</p><p>Syrr erbleichte. �Du -�</p><p>�Du solltest dich um Dinge k�mmern, von denen du etwas verstehst, Syrr�, fuhr Skar fort. �Und nun verschwinde - ich habe zu tun.�</p><p>Betont br�sk wandte er sich um, ergriff sein Pferd beim Zaumzeug und f�hrte es grob ans Ufer. Das Flo� begann unter dem Gewicht des Tieres bedrohlich zu schwanken. Eisiges Wasser schwappte �ber Skars F��e und lie� ihn schmerzhaft die Luft einziehen. Sein verstauchter Kn�chel protestierte mit w�tenden Schmerzen gegen die schnellen Schritte, zu denen er ihn zwang. Trotzdem ging er nicht etwa langsamer, sondern vergr��erte sein Tempo eher noch, bis er sich zehn, f�nfzehn Meter vom Ufer entfernt in den Sattel schwang.</p><p>Enwass und seine Familie waren mit allen Vorbereitungen fertig, als er sich im Sattel umwandte und zum Flo� zur�cksah. Sie hatten auch nicht viel Zeit zu verlieren, denn zweifellos lie� Trash das Feuer von seinen Sp�hern beobachten, das sie im vorderen Drittel des Flo�es entfacht hatten - und genau das sollte er ja auch. Wenn er es nicht tat, und somit nicht auf den Trick hereinfiel ... nun, dachte Skar ruhig, dann w�rde keiner von ihnen den n�chsten Sonnenaufgang erleben.</p><p>Enwass scheuchte seine Leute auf das Flo� zur�ck und hinter die improvisierte Brustwehr, w�hrend Skar ein letztes Mal seine Ausr�stung �berpr�fte - oder das, was sich so nannte...</p><p>Viel war es nicht, was er mitnehmen konnte: sein <emphasis>Tschekal, </emphasis>dazu den Speer und einen kurzen, beidseitig geschliffenen Dolch sowie den Morgenstern, den er Enwass' �ltestem Sohn fortgenommen hatte. Eine erb�rmliche Ausr�stung, um es mit einem Dutzend Quorrl aufzunehmen, dachte er. Aber alles, was sie hatten. Und es mu�te gen�gen.</p><p>Skar hatte wirklich nicht vor, gegen Trash oder seine Krieger zu k�mpfen; aber er hatte das sichere Gef�hl, da� ihm keine gro�e Wahl bleiben w�rde. Es gab eine Zeit der List und eine Zeit des K�mpfens, und irgendwie wu�te er, da� diese Nacht dem Schwert geh�rte.</p><p>Schweigend sah er zu, wie Enwass die Frauen und Kinder hinter den Kistenstapel in der Mitte des Flo�es scheuchte und dann zusammen mit seinen beiden S�hnen zum Feuer ging. F�r einen Moment hoben sich ihre Schatten wie scharf abgezirkelte flache Scherenschnitte vor dem hellen Rot der Flammen ab, und der Krieger in Skar registrierte besorgt, wie deutlich sie zu erkennen sein mu�ten und �ber welch gro�e Entfernung. Er mu�te an das denken, was Enwass' Sohn gesagt hatte - sie waren wirklich perfekte Zielscheiben. Was, wenn Trashs Krieger nicht ein paar Meilen, sondern nur ein paar Dutzend Schritte entfernt waren, sie beobachteten und sich �ber ihren n�rrischen Plan am�sierten, w�hrend sie in diesem Moment bereits die Pfeile auf die Sehnen legten und...</p><p>Skar dachte den Gedanken nicht zu Ende. Es gab ungef�hr tausend <emphasis>Wenns, </emphasis>die <emphasis>gegen </emphasis>ihren Plan sprachen.</p><p>Die M�nner hoben das kleine, hastig aus losgerissenen Kistenbrettern und Tauen zusammengef�gte Flo� in die H�he, setzten es behutsam aufs Wasser und stie�en es in die Str�mung. Das Feuer begann zu flackern, und f�r einen Moment hatte Skar fast Angst, da� es ausging. Dann war das improvisierte Schiffchen aus den Windschatten des Segels heraus, und die Flammen schossen zu h�herer Glut empor. Funken stoben auf und senkten sich wie kleine rotgl�hende K�ferchen auf den Flu� herab, wo sie zischend erloschen. Skar beobachtete gebannnt, wie das brennende Miniaturflo� von der Str�mung in die Flu�mitte gezogen wurde und dabei immer schneller wurde. Wieder kamen ihm Zweifel. Es war so wenig, was sie Trash und seinen Quorrl entgegenzusetzen hatten - ein St�ck brennendes Holz, das war alles! Und der Mut, den ihnen die Verzweiflung gab. Was, wenn er sich t�uschte? Wenn er Enwass und alle, die bei ihm waren, in den Tod f�hrte, statt in die Freiheit?</p><p>Mit sanftem Schenkeldruck lenkte er sein Pferd herum, hob noch einmal die Hand, um Enwass zuzuwinken, und ritt los. Er entfernte sich drei-, vierhundert Schritte vom Ufer, dann hielt er an, �berzeugte sich davon, da� er vom Flo� aus wirklich nicht mehr gesehen werden konnte, und griff unter seinen Mantel. Er begriff selbst nicht genau, warum er es tat - aber seine Hand glitt wie von selbst zum G�rtel, suchte das schmale Lederband mit dem Satai-Stern und zog es heraus. Mit einer schnellen Bewegung streifte er es �ber die Stirn. Seine Fingerkuppe strich fast liebkosend �ber das kalte, f�nfzackige Silber, und es war, als durchstr�me ihn allein durch diese Ber�hrung eine altvertraute Kraft, gleicherma�en erschreckend wie willkommen. Etwas in ihm, das so lange geschwiegen hatte, da� er es f�r tot gehalten hatte, erwachte mit einem lautlosen Schrei.</p><p>Die Quorrl w�rden ihren Kampf bekommen, dachte er. Trash hatte vielleicht nicht gewu�t, was es hie�, mit einem Satai verb�ndet zu sein.</p><p>Jetzt w�rde er erfahren, was es hie�, ihn zum Feind zu haben. Skars Rechte glitt zum G�rtel und zog das <emphasis>Tschekal.</emphasis></p><p>Er sprengte los.</p></section><section><title><p id="_11">11.</p></title><p>Skar folgte dem brennenden Flo� in mehreren hundert Metern Abstand; nahe genug, um es nicht aus den Augen zu verlieren, aber auch weit genug, nicht sofort gesehen zu werden, denn selbst wenn die Quorrl Wachen l�ngs des Flusses aufgestellt hatten, w�rde das falsche Flo� sie ablenken. Vielleicht lange genug f�r Skar, sich ihres Sp�hers anzunehmen.</p><p>Er erschrak ein wenig, als ihm die K�lte dieses Gedankenganges zu Bewu�tsein kam. Es hatte einmal einen Skar gegeben - und es war nicht einmal sehr lange her! - der nicht so gedacht h�tte, dem Leben heilig war, auch das Leben eines Quorrl. Irgend etwas war mit ihm geschehen, w�hrend seines endlos langen Schlafes im Tempel der Gesichtslosen Prediger. Er w�rde herausfinden, was.</p><p>Aber bis dahin hatte er noch ein paar andere Dinge zu erledigen. Die Kleinigkeit, am Leben zu bleiben, zum Beispiel.</p><p>Er ritt rascher, als der rote Glutpunkt vor ihm zusammenzuschrumpfen begann. Die Str�mung mu�te an dieser Stelle schneller sein, was daf�r sprach, da� der Flu� entweder schmaler oder seichter oder auch beides wurde, und das wiederum w�re genau der Ort, den er f�r einen Hinterhalt aussuchen w�rde, w�re er an Trashs Stelle.</p><p>Und er sollte recht behalten: Skar war erst wenige Minuten in sch�rferem Tempo geritten, als er den Schatten vor sich sah, noch sehr weit und gegen den blaugrauen Nachthimmel kaum zu erkennen - den Schatten eines gewaltigen Reiters, der reglos auf dem R�cken eines kaum weniger monstr�sen Schlachtrosses hockte und auf den Flu� hinabsah.</p><p>Skar z�gelte sein Pferd, sah sich rasch nach beiden Seiten um und ritt noch ein wenig weiter vom Flu�ufer weg. Der Quorrl war geschickt. So, wie er stand, mu�te er vom Flu� aus vollkommen unsichtbar sein. Selbst Skar, der aus der entgegengesetzten Richtung kam, h�tte ihn um ein Haar nicht gesehen, obwohl er ganz genau wu�te, wonach er zu suchen hatte. Der Quorrl war nur ein tief schwarzer Schatten vor einem nicht ganz so schwarzen Hintergrund; gerade noch zu erkennen, wenn man wu�te, da� er da war. Sonst nicht.</p><p>Der Anblick lie� ihn ein wenig neue Hoffnung sch�pfen. Bisher war alles so gekommen, wie er vermutet hatte - Trash <emphasis>hatte </emphasis>vor, dem Flo� an einer seichten Stelle aufzulauern, und er <emphasis>hatte </emphasis>einen Sp�her zur�ckgelassen, der die Quorrl-Krieger fr�hzeitig warnen w�rde, wenn ihr Wild auftauchte.</p><p>Aber das bedeutete nun nicht automatisch, da� auch der Rest seines Planes aufgehen mu�te...</p><p>Skar l�ste die Hand vom Schwert, lie� das Pferd wieder antraben und n�herte sich dem Sp�her in einem weiten Bogen, fast aus der entgegengesetzten Richtung, der seine Aufmerksamkeit galt. Trotzdem bemerkte ihn der Quorrl.</p><p>Die Hufschl�ge seines Pferdes erzeugten auf der d�nnen Schneedecke kaum einen Laut, und auch Skar selbst bem�hte sich, so still wie m�glich zu sein - aber entweder hatte er verlernt, wie man sich anschlich, oder der Quorrl hatte weit sch�rfere Sinne, als er gehofft hatte - das riesige Schuppenwesen fuhr mit einem erschrockenen Laut im Sattel herum, als Skar noch zehn Schritte von ihm entfernt war. Metall blitzte, als seine Klaue zum G�rtel fuhr und ein gewaltiges Schwert hervorzerrte.</p><p>Skar lie� ihm keine Chance. Er versuchte nicht, den Quorrl mit dem Schwert anzugreifen, sondern sprengte los, kaum da� der Quorrl seine Drehung halb vollendet hatte, ri� den Speer aus dem Sattelgurt und schleuderte ihn, aus k�rzester Entfernung und mit aller Kraft. Die Waffe traf den sch�tzend hochgerissenen Arm des Quorrl, durchbohrte ihn, drang knirschend durch den Brustpanzer des Wesens und schleuderte es aus dem Sattel. Der Quorrl starb ohne einen Laut.</p><p>Aber sein Pferd b�umte sich auf, stie� ein schrilles, panikerf�lltes Kreischen aus und stob mit wehender M�hne davon. Skar fluchte, zerrte den Dolch aus dem G�rtel und ri� den Arm in die H�he - aber er f�hrte die Bewegung nicht zu Ende. Das Pferd war schon zu weit, f�r einen sicheren Wurf, und wenn er es nur verletzte, w�rde es schreien und damit die Aufmerksamkeit der anderen Quorrl erst recht wecken - wenn das nicht ohnehin schon geschehen war.</p><p>Tief �ber den Hals seines Pferdes gebeugt jagte Skar los. Er wu�te, da� er kaum eine Chance hatte, das fl�chtende Tier einzuholen: Es wurde nicht durch einen Reiter behindert und war au�erdem gr��erund um etliches kr�ftiger als sein eigenes Pferd. Aber wenn er es schon nicht aufhalten konnte, wollte er ihm wenigstens so dichtauf folgen, wie es nur ging. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren.</p><p>Er verlor das Tier schon nach wenigen Momenten aus den Augen, denn seine schwarze Farbe lie� es mit der Nacht verschmelzen, und es war zudem sehr viel schneller, als er gehofft hatte. Aber seine Spur war auf dem frischgefallenen Schnee neben dem Flu� nicht zu �bersehen, und Skar hoffte, da� seine Panik abklingen und es sich beruhigen wurde, ehe es Trashs Lager erreichte.</p><p>Sein Blick suchte das brennende Flo�, das ein St�ck unter und neben ihm dahintneb. Das Ufer war an dieser Stelle sehr steil, so da� er sich fast zehn Meter �ber dem Flu� dahinbewegte, und er ritt so schnell, da� er das Flo� schon jetzt beinahe �berholt hatte - wenn er sich t�uschte und Trash den Sp�her in gr��erem Abstand zur�ckgelassen hatte, als er glaubte, dann war ihr ganzer sorgsam ausgekl�gelter Plan beim Teufel - und Enwass und seine Leute, die dem kleinen Feuerflo� in zehn Minuten Abstand folgten, ruderten in den Tod.</p><p>Skars Plan war so einfach wie gef�hrlich; die Quorrl sollten das brennende Flo� sehen und es f�r das von Enwass und seiner Familie halten; im ersten Moment, wenn sie den Betrug entdeckten, w�rde Skar sich ihnen zeigen und sie vom Flu� fortlocken, woraufhin Enwass und seine Familie den Hinterhalt ungef�hrdet passieren konnten, denn die Quorrl w�rden mit Sicherheit annehmen, da� das Flo� zur Ablenkung gedacht war, w�hrend ihre Opfer in aller Seelenruhe auf dem Landweg an ihnen vor�bereilten - ein doppelter Betrug, der (so hoffte Skar wenigstens) die geistige Kapazit�t eines Quorrl hoffungslos �berforderte. Und das alles wurde jetzt vielleicht von einem durchgehenden Pferd zunichte gemacht!</p><p>Skar spornte sein Pferd r�cksichtslos an, aber das Tier war am Ende seiner Kr�fte. Obwohl es wie von Sinnen ausgriff, wurde es nicht merklich schneller, drohte daf�r aber auf dem unsicheren Grund den Halt zu verlieren, so da� Skar sein Tempo wieder zur�cknehmen mu�te.</p><p>Trotzdem st�rzte er.</p><p>Es ging so schnell, da� er machtlos dagegen war, obwohl er das Ungl�ck kommen sah: Das Pferd trat in eine Bodenspalte, die unter dem Schnee verborgen gewesen war, sank mit den Vorderl�ufen ein und versuchte mit einer verzweifelten Kraftanstrengung wieder hochzukommen; mit dem Ergebnis, da� es vollends aus dem Takt geriet und schwerf�llig in den Schnee st�rzte. Skar hatte keine andere Wahl, als sich aus dem Sattel fallen zu lassen, wollte er nicht Gefahr laufen, unter dem zusammenbrechenden Tier begraben zu werden.</p><p>Der weiche Schnee d�mpfte seinen Aufprall. Ganz instinktiv rollte er �ber die Schulter ab, wartete auf den stechenden Schmerz in seinem verletzten Bein und registrierte verwundert, da� er nicht kam, dann war er wieder auf den F��en, fand mit einem torkelnden Schritt sein Gleichgewicht wieder und fuhr herum, die rechte Hand griffbereit am Schwert.</p><p>Er war noch immer allein. Wenige Schritte von ihm entfernt versuchte sein Pferd - benommen, aber offensichtlich ebenso unverletzt wie er -, wieder auf die Beine zu kommen, und zehn Meter unter ihm trieb das brennende Flo� dahin. Von den Quorrl war noch keine Spur zu sehen.</p><p>Skars Schrecken wich einer Mischung aus Erleichterung und �rger. Er nahm die Hand vom Schwert, schlug seinen Mantel zur�ck und stapfte durch den knietiefen Schnee auf das Pferd zu. Das Tier scheute, als er die Hand nach den Z�geln ausstreckte; Skar verlor die Balance, fiel ein zweites Mal auf H�nde und Knie herab und schluckte einen Fluch herunter. Wenn Trash ihn jetzt sah, dachte er w�tend, dann w�rde er sich wahrscheinlich totlachen.</p><p>�rgerlich stand er auf, streckte erneut die Hand aus und n�herte sich dem Pferd sehr viel vorsichtiger als beim ersten Mal. Das Tier scheute noch immer, wich mit kleinen t�nzelnden Schritten vor ihm zur�ck und versuchte sogar nach ihm zu bei�en. Skar unterdr�ckte die j�hzornige Wut, die in ihm aufflammte, blieb stehen und begann mit leiser, sehr ruhiger Stimme auf das Pferd einzureden.</p><p>Es dauerte Minuten, bis er sich ihm so weit gen�hert hatte, da� er die Z�gel ergreifen konnte; und dann noch einmal endlose Sekunden, bis er das scheuende Tier wieder unter Kontrolle hatte. Seine Chancen, das entkommene Pferd des Quorrl jetzt noch einzuholen, waren praktisch gleich null.</p><p>Besorgt sah er zum Flu� hinab. Das brennende Flo� war fast schon au�er Sicht - nur noch ein flackernder Glutpunkt, eine halbe Meile flu�abw�rts. Jeden Augenblick mu�te das richtige Flo� mit Enwass und seiner Familie auf dem Wasser auftauchen ...</p><p>Skar ri� sein Tier herum, gab ihm die Sporen und jagte weiter, nicht mehr ganz so schnell wie bisher, aber auch nicht sehr viel langsamer. Und nicht sehr weit.</p><p>Er war noch nicht einmal hundert Schritte weit gekommen, als er das Pferd sah.</p><p>Es war das Tier des Quorrl, ein riesiges, schwarzes Ungeheuer von Pferd, und es war ganz eindeutig tot.</p><p>Eine eisige Hand schien Skar zu ber�hren, als er das Tier sah. Das Pferd lag auf der Seite, Kopf und Vorderl�ufe in unnat�rlichem Winkel abgespreizt, und der Schnee unter ihm war dunkel von erst halb geronnenem Blut. Es mu�te gest�rzt sein, gestrauchelt und auf einen Stein gest�rzt, der unter dem Schnee verborgen gewesen war, und an dem es sich den Sch�del eingeschlagen hatte.</p><p>Aber das war vollkommen unm�glich! dachte Skar entsetzt. Sicher, auch er war gest�rzt, aber ein Zufall wie dieser war... war ausgeschlossen.</p><p>Aber wenn es kein Zufall gewesen war - was dann?</p><p>Verwirrt, und mit einem Gef�hl noch unterdr�ckten, aber st�rker werdenden Schreckens, schwang sich Skar aus dem Sattel, ging steifbeinig zu dem verendeten Pferd und lie� sich neben ihm auf die Knie sinken. Seine Hand zitterte leicht, als er sie nach dem toten Tier ausstreckte.</p><p>Sein Fell war noch warm, und das Blut noch nicht einmal geronnen, und jetzt, als er ihm ganz nahe war, sah Skar, da� es nicht an den Folgen des Sturzes gestorben war. Seine Beine und sein Genick waren zweifellos gebrochen, aber es war schon vorher tot gewesen.</p><p>Die rechte, halb im Schnee begrabene Seite seines massigen Pferdegesichtes war eine einzige Masse aus blutendem Fleisch und zertr�mmerten Knochen. Irgend etwas hatte ihm den Sch�del eingeschlagen, mit einem einzigen, so gewaltigen Hieb, da� sich etwas in Skar zusammenzog, als er sich das Wesen vorzustellen versuchte, das <emphasis>so etwas </emphasis>zu tun in der Lage war.</p><p>Skar fror pl�tzlich. Mit einer abgehackten, fast unkontrollierten Bewegung fuhr er hoch und herum, zog seine Waffe und starrte in die Dunkelheit hinaus.</p><p>War sie nicht irgendwie... massiver geworden, nicht mehr die blo�e Abwesenheit von Licht, sondern das Dasein von etwas anderem, Finsteren, Bedrohlichen? Und bewegten sich die Schatten nicht? Skar hatte das Gef�hl, irgend etwas kriechen zu sehen, ein schl�ngelndes schwarzes Ding aus Horn oder Eisen, klein und b�se und lauernd...</p><p>Aber da war nichts. Und nach ein paar Sekunden gewann auch Skars gewohnt pr�zise Art zu denken wieder die Oberhand. In Gedanken schalt er sich einen Narren, sich von ein paar Schatten und einem toten Pferd Angst einjagen zu lassen. Es war absolut nichts Au�ergew�hnliches oder gar Unheimliches an dem, was er erlebte. Die Dunkelheit um ihn herum war Dunkelheit, sonst rein gar nichts, und die Schatten, die er zu sehen glaubte, entsprangen seiner eigenen, �berreizten Phantasie. Das Pferd war gestolpert, ganz genauso wie sein eigenes Tier, aber es hatte das Pech gehabt, weniger gl�cklich zu fallen und sich den Sch�del an einem Stein einzuschlagen, der unter dem Schnee verborgen gewesen war, basta. W�re es ein Raubtier gewesen, das den Rappen get�tet hatte, h�tte er es sehen und h�ren m�ssen. Zumindest h�ren.</p><p>Das war die eine, logische Erkl�rung. Es gab noch eine andere, aber diesen Gedanken weigerte sich Skar auch nur zu Ende zu denken.</p><p>Zornig �ber sich selbst sch�ttelte er den Kopf, ging zu seinem Pferd zur�ck und lenkte es in respektvollem Bogen um den Kadaver des toten Tieres herum, ehe er weiterritt.</p><p>Er ritt jetzt sehr viel vorsichtiger, und wie sich zeigte, war diese Vorsicht durchaus angebracht, denn nur wenige Minuten sp�ter sah er den zweiten W�chter.</p><p>Es war ein Quorrl, wie der erste Sp�her, den Trash zur�ckgelassen hatte, und wie er sa� er im Sattel eines gewaltigen Schlachtrossen und blickte auf den Flu� hinab, machte sich jedoch nicht einmal mehr die M�he, in Deckung zu bleiben - f�r Skar ein deutlicher Beweis, da� die Hauptmacht der Quorrl nun nicht mehr weit sein konnte, wenn Trashs Krieger so offensichtlich keinen Wert mehr darauf legten, unentdeckt zu bleiben. Ganz im Gegenteil hatte er fast das Gef�hl, da� der Quorrl gesehen werden <emphasis>wollte: </emphasis>Reiter und Pferd hoben sich deutlich gegen den Nachthimmel ab; zwei mi�gestaltete, riesenhafte Schatten, die drohend �ber den Flu� hinausragten, nahe, aber sicherlich nicht durch Zufall auch wieder gerade weit genug entfernt, da� ein vom Flu� aus abgeschossener Pfeil wenig Aussichten hatte, sie zu treffen.</p><p>Diesmal verzichtete Skar darauf, den Quorrl offen anzugreifen. Er h�rte noch immer nichts au�er dem Wispern der Windb�en und dem Rauschen des Flusses, aber er war sehr sicher, da� Trash und die anderen Quorrl ganz in der N�he waren, und sein Gl�ck noch einmal auf die Probe zu stellen, hie�e das Schicksal herauszufordern. Skar versp�rte keine besondere Lust, die Grenzen des Kredites auszuloten, den ihm die G�tter einger�umt zu haben schienen.</p><p>Er hielt an, schwang sich behutsam aus dem Sattel und streichelte den Hals seines Pferdes, damit das Tier kein verr�terisches Schnauben von sich gab. Gebannt blickte er zu den Schatten des Quorrl und seines gewaltigen Reittieres hin�ber, die sich jetzt deutlich vor dem Hintergrund der Wolken abhoben.</p><p>Der Quorrl wiederum starrte offensichtlich konzentriert auf den Flu� hinunter, auf dem das brennende Flo� immer n�her kam. Skar versuchte in Gedanken die Zeit abzusch�tzen, die es noch brauchen w�rde, ehe es nahe genug war, den Quorrl den Betrug erkennen zu lassen. Mit etwas Gl�ck konnte er den Posten bis dahin erreichen.</p><p>Geduckt schlich er los, das <emphasis>Tschekal </emphasis>halb unter dem Mantel verborgen, damit sich kein verr�terischer Lichtstrahl auf der Klinge brach, den Dolch wurfbereit in der Linken. Sein Herz begann ein wenig schneller zu schlagen, w�hrend er sich dem Quorrl n�herte, jederzeit darauf gefa�t, da� das riesige Wesen sich im Sattel herumdrehte und einen gellenden Warnruf ausstie�.</p><p>Aber er hatte abermals Gl�ck. Der Quorrl r�hrte sich nicht, sondern starrte unverwandt auf den Flu� hinab, selbst als Skar sich ihm bis auf drei, vier Schritte gen�hert hatte. H�tte sein Pferd nicht dann und wann den Schweif bewegt oder mit den Ohren gezuckt, h�tte man die beiden f�r lebensgro�e finstere Statuen halten k�nnen.</p><p>Skar blieb stehen, starrte den Quorrl mit einer Mischung aus Erstaunen und Mi�trauen an und hob den Dolch.</p><p>Ein schneller Wurf, und...</p><p>Er konnte es nicht.</p><p>Etwas in ihm str�ubte sich gegen den Gedanken, dem Quorrl die Klinge in den R�cken zu werfen. Da war noch eine andere Stimme, die ihm zufl�sterte, da� er sich wie ein Narr benahm und der Quorrl umgekehrt keine Sekunde gez�gert h�tte, ihn hinterr�cks auszuschalten. Aber es ging nicht.</p><p>Skar trat einen weiteren Schritt auf den Quorrl zu, hob den Dolch noch ein wenig h�her und zog gleichzeitig das <emphasis>Tschekal </emphasis>unter dem Mantel hervor.</p><p>�Heda!� sagte er leise.</p><p>Der Quorrl r�hrte sich nicht.</p><p>Skars Sinne waren mit einem Male bis zum Zerrei�en gespannt. Es war unm�glich, da� der Quorrl ihn nicht geh�rt haben sollte. Er hatte leise gesprochen, aber in der Nacht war jeder Laut doppelt weit zu h�ren, und er war dem Quorrl bis fast auf Armesl�nge nahegekommen.</p><p>Eine Falle! dachte er. Es war eine Falle! Eine Falle, oder... Dann sah er die dunklen Flecken, zu denen sich der Schnee unter dem Pferd zusammengeklumpt hatte. Den breiten, glitzernden Strom, der die Flanke des Tieres besudelte, an seinem Bauch entlanglief und z�h zu Boden tropfte, sp�rte den s��lichen Blutgeruch.</p><p>Und pl�tzlich fiel ihm die Haltung auf, in der der Quorrl auf dem Pferd hockte: unnat�rlich verkrampft und nach vorne gebeugt, die m�chtigen Pranken auf dem muskul�sen Pferdehals abgest�tzt, um sein K�rpergewicht zu halten, den Kopf, der fast zur G�nze unter einem m�chtigen Lederhelm verborgen war, zur Seite geneigt, als m�sse er sein Gewicht mit der Schulter st�tzen.</p><p>Er mu�te es. H�tte er es nicht getan, w�re sein Kopf vermutlich heruntergefallen, denn irgend jemand hatte dem Quorrl die Kehle durchgeschnitten, so tief, da� er ihn dabei fast gek�pft hatte. Und als w�re dies allein noch nicht genug, hatte der gleiche Jemand sein Gesicht und einen Teil seiner Brust zerfetzt. Der Quorrl mu�te auf der Stelle tot gewesen sein, so schnell, da� er nicht einmal Zeit gefunden hatte, eine erschrockene Bewegung zu machen, die sein Pferd aufscheuchen konnte. Und es konnte erst Augenblicke her sein, denn die entsetzlichen Wunden bluteten noch.</p><p>Was immer ihn get�tet hatte, war noch in der N�he!</p><p>Skars Herz kam mit einem schmerzhaften Ruck aus dem Takt und schlug ungleichm��ig und so heftig weiter, da� er glaubte, sein dumpfes Pochen m�sse noch in hundert Schritt Entfernung zu h�ren sein. Er fuhr herum, hob sein Schwert und starrte aus weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit. Der Schnee breitete sich glatt und unber�hrt auf dem Ufer aus, sah man von seinen eigenen und den Spuren des Quorrl ab. Keine Spuren, dachte Skar hysterisch. <emphasis>Keine Spuren. </emphasis>Was den Quorrl umgebracht hatte, hatte keine Spuren hinterlassen!</p><p>Und pl�tzlich war er sicher, eine Bewegung in der Dunkelheit zu erkennen. Irgend etwas, das zugleich klein wie gewaltig, zugleich unsichtbar wie un�bersehbar war, umschlich ihn. Etwas, das...</p><p>Skar begriff, da� er dicht davor war, wirklich in Panik zu geraten. Mit aller Macht zwang er sich zur Ruhe, k�mpfte die aufkeimende Panik nieder und konzentrierte sich, bis es ihm gelang, sein Herz wieder in den gewohnten Rhythmus zu zwingen, seinen Atem zu beruhigen und das Zittern seiner H�nde zu unterdr�cken. Es gab eine Erkl�rung, dachte er. Es mu�te eine nat�rliche Erkl�rung geben - er wu�te nicht welche, und er wagte sich nicht einmal vorzustellen, wie ein Wesen aussehen mochte, da� so <emphasis>etwas </emphasis>anrichten konnte, ohne einen Laut zu verursachen oder auch nur die mindeste Spur zu hinterlassen, aber es w�rde eine Erkl�rung geben, auch wenn er sie nicht fand. Es war nicht das erste Mal, da� er sich Dingen gegen�bersah, die andere mit dem Wort <emphasis>Zauberei </emphasis>bedacht h�tten. Es wurde eine Erkl�rung geben. <emphasis>Keine Spuren.</emphasis></p><p>Auf der anderen Seite des H�gels erscholl eine gellender Schrei, so hoch und schrill und spitz, so unmenschlich, so sehr voller Qual und unsagbarem Grauen, da� Skar f�r den Bruchteil einer Sekunde erstarrte.</p><p>Das Pferd neben ihm scheute. Der tote Quorrl kam aus dem Gleichgewicht, rutschte mit einem widerw�rtig weichen Laut �ber den Pferdehals und fiel wie eine st�rzender Fels zu Boden. Skar sprang im letzten Moment zur Seite; trotzdem streifte ihn einer der lose pendelnden Arme des Kolosses und schleuderte ihn zu Boden.</p><p>Als er sich aus dem lockeren Schnee hochstemmte, war der Schrei verstummt. Daf�r h�rte er jetzt andere, auf schreckliche Weise vertrautere Ger�usche: Schreie, das Trappeln hastiger Schritte, das schrille Wiehern von Pferden, das dumpfe Krachen von Stahl, der auf Widerstand schlug - Kampfl�rm!</p><p>Skar sprang vollends auf, streifte noch in der gleichen Bewegung seinen Mantel ab und hetzte mit f�nf, sechs weit ausgreifenden Schritten �ber die H�gelkuppe, wobei er bei jedem Schritt bis fast �ber die Knie im Schnee einsank, so da� er trotzdem nicht nennenswert schneller von der Stelle kam.</p><p>Dann lag das Lager der Quorrl unter ihm. Und Skar blieb abermals stehen.</p><p>Der L�rm hatte ihm verraten, da� die Quorrl k�mpften, und er hatte ihm noch mehr verraten - n�mlich da� es auf keinen Fall Enwass und seine Leute waren, die vielleicht auf unbegreifliche Weise an ihm vorbeigerudert sein mochten und �ber die Quorrl herfielen, sondern ein Feind, der den Fischgesichtern ebenb�rtig sein mu�te.</p><p>Aber er hatte ihn nicht auf das vorbereitet, was er nun wirklich sah: Es mu�ten an die zwei Dutzend Quorrl sein, die Trash gefolgt waren, um ihm und den Fl�chtlingen aufzulauern, aber die H�lfte von ihnen war tot oder lag im Sterben, und der Rest befand sich auf einer verzweifelten Flucht - ein paar versuchten die Pferde zu erreichen, die ein St�ck weit n�rdlich angebunden waren, zwei oder drei waren auf das Eis des Flusses hinausgewichen, und einer st�rmte in direkter Linie auf Skar zu, den H�gel hinauf.</p><p>Etwas verfolgte ihn.</p><p>Skar konnte nicht genau erkennen, was es war, aber es schien ihm zu klein und zu schnell f�r einen Menschen, und es l�ste - obwohl er nicht einmal genau erkennen konnte, was es war - ein entsetzliches Gef�hl des Wiedererkennens in Skar aus. Es war - Er sah die Bewegung aus den Augenwinkeln und lie� sich instinktiv fallen, und dieser blinde Reflex rettete ihm das Leben. Trashs Axt fuhr mit einem saugenden Ger�usch in den Schnee, ganz genau dort, wo er vor einer halben Sekunde noch gestanden hatte, kam mit einer ungeheuer schnellen, kraftvollen Drehung wieder hoch und zischte nun waagrecht durch die Luft, genau in der H�he, in der sich sein Kopf befunden h�tte, h�tte er versucht, aufzustehen.</p><p>Aber Skar versuchte es nicht. Statt dessen rollte er sich herum, zog die Knie an den Leib und stie� dem Quorrl beide F��e gegen die Knie. Er legte alle Kraft in diesen Sto�, und sein kaum verheiltes Fu�gelenk quittierte diese Bewegung mit w�tenden Schmerzen. Trotzdem reichte der Tritt nicht, den Giganten zu Boden zu schleudern, oder ihm auch nur wirklich weh zu tun. Aber Trash strauchelte. Sein n�chster Axthieb verfehlte Skar abermals, und als er die Waffe diesmal wieder hochbekam, war Skar bereits auf den F��en und zwei, drei Schritte zur�ckgewichen.</p><p>�Du!� br�llte Trash mit vor Wut �berschnappender Stimme. �Du hast sie geholt! Du!�</p><p>Skar sprang blitzschnell zur�ck, als der Quorrl abermals seine gewaltige Waffe schwang. Er versuchte den Hieb mit dem <emphasis>Tschekal </emphasis>zu parieren, aber er traf nicht richtig - die Klinge prallte mit der Breitseite gegen Trashs Waffe; statt ihren Stiel zu zerschneiden, wurde das Schwert Skar fast aus der Hand geprellt. Er strauchelte, wich ungeschickt zwei, drei Schritte weiter vor dem Quorrl zur�ck und sp�rte pl�tzlich keinen Widerstand mehr: Er hatte die B�schung erreicht. Hinter ihm war jetzt nichts mehr als ein zehn Meter tiefer Abgrund, und darunter das beinharte Eis des Flusses.</p><p>Trash schrie triumphierend auf, als er sah, da� er sein Opfer in der Falle hatte, schwang seine Waffe und st�rmte br�llend heran. Skar spannte sich, um den erwarteten Anprall so gut wie m�glich aufzufangen.</p><p>Er kam nicht.</p><p>Wieder konnte Skar nicht wirklich erkennen, was geschah: Es war, als w�re da pl�tzlich ein unsichtbarer Vorhang, ein Schleier aus Schw�rze, der verhinderte, da� er wirklich etwas erkannte. Vielleicht ging es auch einfach nur zu schnell - aber mit einem Male war etwas da, das vorher noch nicht dagewesen war, etwas Kleines und Schwarzes, von der Dunkelheit hinter dem Quorrl ausgespien wie ein b�ser Spuk, eine glitzernde, insektoide Scheu�lichkeit, nicht viel gr��er als ein Kind, aber mit den Kr�ften eines Giganten, das Trash ansprang und herumri�. Eine hornige Kralle blitzte, und mit einem Male wurde aus Trashs Wutgebr�ll ein gellender Schmerzensschrei. Der Quorrl taumelte, stolperte ungeschickt zwei, drei Schritte r�cklings den Hang hinab und fiel auf die Knie. Sein Arm, der die Axt gehalten hatte, war nur noch ein blutender Stumpf, von der entsetzlichen Klaue dicht unterhalb des Ellbogengelenks abgerissen. Dunkles Quorrl-Blut sprudelte in den Schnee. Trash schrie. Das schwarze Etwas folgte ihm.</p><p>Und dann erkannte Skar, was es war...</p><p>Irgend etwas in ihm schien zu zerbrechen, als er das kleine, schwarzglitzernde Ding sah, f�r einen endlosen Moment so deutlich, als st�nde es im hellen Sonnenlicht: ein schwarzes namenloses Etwas, augenlos und klein, ein Ding, das nicht lebte, aber t�tete, und zu keinem anderen Zweck erschaffen war: der <emphasis>Daij-Djan.</emphasis></p><p>Skar schrie gellend auf, ri� sein Schwert in die H�he und sprang. Es war nicht mehr sein bewu�tes Denken, das die Bewegung lenkte, nicht einmal mehr seine Satai-Reflexe, sondern ein Instinkt, ein Etwas, das so alt wie die menschliche Rasse, vielleicht das Leben an sich war: das absolute Wissen, dem Erzfeind gegen�berzustehen, dem unerbittlichen Feind allen Lebens, allem, was dachte und f�hlte. Vielleicht dem B�sen an sich. Mit einem einzigen Satz war er bei dem Gest�rzten und der schwarzen Spottgeburt, prallte auf, federte hoch und herum und trat zu, mit der ganzen, ungeheuren Wucht seines Sprunges. Es war, als h�tte er gegen Stahl getreten.</p><p>Ein entsetzlicher Schmerz scho� durch seinen verletzten Fu�, aber es war nicht nur die blo�e Kraft seines Trittes, es war die Ber�hrung selbst, die ihm Schmerzen und Qual bereitete, flammende Linien aus Pein durch seinen K�rper jagte und zugleich etwas in seiner Seele zu verbrennen schien.</p><p>Der <emphasis>Daij-Djan </emphasis>wankte nicht einmal.</p><p>Aber er fuhr herum, mit einer so ungeheuer schnellen, kraftvollen Drehung, da� Skar die Bewegung nicht einmal <emphasis>sah. </emphasis>Seine schreckliche Insektenklaue zuckte hoch, zum Schlag gekr�mmt, eine siebenzinkige Forke, die ihn zerfetzen mu�te.</p><p>Dann erstarrte er.</p><p>Das Ungeheuer blickte ihn an, und Skar sp�rte genau, da� es <emphasis>ihn erkannte, </emphasis>obwohl es weder Augen noch sonstige Sinnesorgane hatte, blo� einen schwarzen, unbeschreiblich h��lichen Sch�del, glatt und schimmernd wie polierter Stahl und so h��lich, da� sein blo�er Anblick Skar fast in den Wahnsinn trieb. Mit einem schrillen Entsetzensschrei schlug er zu.</p><p>Der <emphasis>Daij-Djan </emphasis>machte nicht einmal den Versuch, dem Hieb auszuweichen.</p><p>Das <emphasis>Tschekal </emphasis>prallte von seinem Sch�del ab.</p><p>Die G�tterklinge, die Stahl und Felsen zerschneiden konnte, versagte. Das sagenhafte Schwert der Satai, geschmiedet aus Sternenstahl und Symbol ihrer Macht, prallte vom Sch�del dieses so zerbrechlich aussehenden Wesens ab.</p><p>Aber der Schlag war heftig genug, Skar das Schwert aus den H�nden zu prellen. Er taumelte, fiel zwei Schritte vor dem Ungeheuer auf die Knie und ri� instinktiv die Arme �ber den Kopf. Der <emphasis>Daij-Djan </emphasis>r�hrte sich nicht. Er stand einfach da, eine einzige, endlose Sekunde lang, starrte ihn aus seinem schrecklichen gesichtslosen Sch�del heraus an - und dann begann er zu sprechen. Wie die Male zuvor - auf der Eisinsel des Dronte, aber auch in seinem entsetzlichen Traum, von dem er nun gar nicht mehr so sicher war, da� es wirklich nur ein Traum gewesen war - erklang seine Stimme direkt in Skars Kopf, ein entsetzliches, nachhallendes Hecheln und Wispern, das trotzdem von zerm�rbender Kraft war: BALD, SATAI, fl�sterte die entsetzliche Stimme. BALD. Skar kr�mmte sich wie unter einem Hieb. Allein der Klang dieser f�rchterlichen Stimme schien irgend etwas in ihm zu verbrennen, einen Teil seines Menschseins zu versengen. Er hatte das Gef�hl, besudelt zu sein, als h�tte ihn die blo�e Ber�hrung dieses entsetzlichen Geistes eines Teiles seiner Menschlichkeit beraubt.</p><p>BALD!</p><p>Damit verstummte die Stimme.</p><p>Skar blieb noch sekundenlang hocken, zusammengekr�mmt, wimmernd vor Furcht und Entsetzen, kein Satai mehr, nicht einmal mehr ein Mensch, sondern nur noch ein wimmerndes B�ndel aus Angst und kreat�rlicher Furcht.</p><p>Als er es endlich wagte, die H�nde herunterzunehmen und die Augen zu �ffnen, war der <emphasis>Daij-Djan </emphasis>verschwunden. Der Kampfl�rm unten am Flu� war verstummt, und mit einem Male fiel Skar die Stille auf, die sich �ber das Ufer ausgebreitet hatte, eine entsetzliche, angstmachende Stille, wie sie nur der Tod hinterlie�.</p><p>Sein Blick tastete den schneebedeckten Hang hinunter.</p><p>Der Kampf war vor�ber. Die Quorrl, die das Gemetzel �berstanden hatten, waren fort, alle anderen tot, ein Dutzend dunkler, verkr�mmt daliegender B�ndel, unter denen sich der Schnee dunkel zu f�rben begann, zu weit entfernt, um ihn Einzelheiten erkennen zu lassen. Aber Skar dachte an das verst�mmelte Pferd, das er gefunden hatte, und den toten W�chter hier oben, und er wu�te, was er sehen w�rde, wenn er hinunterging. Ihm wurde �bel; zum Teil vor Anstrengung, zu einem Teil sicher auch vor Furcht, zum allergr��ten aber vor purem Entsetzen. Tod und T�ten waren sein Gesch�ft, aber der <emphasis>Daij-Djan </emphasis>war...</p><p>Ein leises, unendlich schmerzhaftes St�hnen drang in seine Gedanken. Skar sah erschrocken auf, erblickte ein weiteres, blutendes B�ndel nur zwei Schritte vor sich im Schnee und registrierte entsetzt, da� in Trashs gesch�ndetem K�rper noch Leben war.</p><p>Er kroch los. Sein Herz h�mmerte zum Zerspringen, und seine Arme schienen kaum die Kraft zu haben, das Gewicht seines K�rpers zu tragen. Es war nicht die Anstrengung des Kampfes. Der <emphasis>Daij-Djan </emphasis>hatte ihn all seiner Energie beraubt, einfach, indem er ihn ber�hrt hatte, und er hatte etwas anderes, Finsteres daf�r in ihm hinterlassen, etwas, das weiter in ihm fra� und bohrte.</p><p>Mit letzter Kraft erreichte er den Quorrl, fiel neben ihm in den Schnee und hob die Hand, um ihn zu ber�hren. Als er Trashs Gesicht sah, zuckten seine Finger zur�ck. Es gab nichts mehr, was er noch f�r den Quorrl tun konnte. Er w�rde ihm nur unn�tige Qualen bereiten, versuchte er, ihm zu helfen.</p><p>Aber trotz seiner entsetzlichen Verletzungen war der Quorrl noch immer bei Bewu�tsein. Und er schien Skars N�he zu sp�ren, denn er drehte den Kopf, wandte sein zermalmtes Gesicht in die Richtung, in der er Skar f�hlte, und versuchte die Hand zu heben. Sein verst�mmelter Arm zuckte wie eine blutende Schlange im Schnee.</p><p>�Bist... du das, Satai... ?� kr�chzte er. Seine Stimme war kaum mehr zu verstehen. Es h�rte sich an, dachte Skar schaudernd, als liefe sein Hals langsam voller Blut.</p><p>�Ja�, antwortete er.</p><p>�Du hast... mich besiegt, Satai�, fuhr der Quorrl st�hnend fort. Seine gesunde Hand kam hoch, tastete blind durch den Schnee und fand die Skars. Ihre Ber�hrung war unangenehm, kalt wie die einer Schlange und so kraftvoll, da� sie weh tat. Trotzdem zog Skar die Hand nicht zur�ck. Auch nicht, als Trashs Finger an seinem Arm emporkrochen und nach seiner Schulter tasteten.</p><p>�Du hast... mich besiegt�, wiederholte Trash w�rgend. �Und alle... alle meine M�nner. Jetzt... sei gn�dig.� Er lachte voller Qual. �Du kannst es dir leisten. T�te... mich. La� mich... nicht leiden.� Seine Hand tastete nach Skars Hals, legte sich um seine Kehle. Es w�re dem Quorrl ein Leichtes gewesen, zuzudr�cken und Skar zu t�ten, selbst jetzt noch, aber aus irgendeinem Grund wu�te Skar mit unersch�tterlicher Sicherheit, da� Trash es nicht tun w�rde.</p><p>Er nickte, obwohl er wu�te, da� der Quorrl die Bewegung nicht mehr sehen konnte, beugte sich vor und hob sein Schwert auf. Die Klinge glitzerte wie eine st�hlerne Schlange im Mondlicht, als er die Spitze auf Trashs Herz setzte.</p><p>�Kann ich... noch irgend etwas f�r dich tun, Trash?� fragte er. �Tun?� Wieder dieses entsetzliche, peinerf�llte Lachen, das pl�tzlich in ein qualvolles Husten �berging. �Nein�, keuchte Trash. �Aber auch du... wirst sterben, Satai. Sie werden dich t�ten. Wie alle.�</p><p>�Sie?� fragte Skar. �Wen... wen meinst du?�</p><p>�Sie sind wieder da�, st�hnte Trash. �Sie werden uns alle t�ten, Satai. Erst uns, und dann... dann dich. Sie sind wieder da!� Trash b�umte sich auf. Seine Hand rutschte von Skars Hals herab und krallte sich in den Schnee. Er begann zu schreien. Skar stand auf und schlo� die Augen, ehe er sich mit seinem ganzen K�rpergewicht auf den Griff des Schwertes warf und die Waffe tief in Trashs Herz stie�.</p></section><section><title><p id="_12">12.</p></title><p>Skar wu�te hinterher nicht, wie lange er so dagesessen und den Leichnam des Quorrl angestarrt hatte, ohne ihn wirklich zu sehen. Er erinnerte sich auch nicht, was er gedacht oder gef�hlt hatte, in diesen Minuten: In ihm war nichts als eine tiefe, finstere Leere, die sich ganz allm�hlich mit Entsetzen zu f�llen begann, wie schwarzer Morast, der aus dem Grund seiner Seele emporstieg und sein Denken �berflutete. Er hatte Angst, zum ersten Mal in seinem Leben nackte, panische Angst, die keinen konkreten Grund hatte, aber vielleicht gerade deshalb um so schlimmer war: Da er nicht wu�te, wovor er sich f�rchtete, konnte er sie auch nicht bek�mpfen.</p><p><emphasis>Sie sind wieder da! </emphasis>Die Worte des Quorrl klangen immer und immer wieder hinter seiner Stirn nach, wie ein b�ses, h�hnisches Echo. <emphasis>Sie sind wieder da, Satai!</emphasis></p><p>Und er hatte sie hergebracht.</p><p>Das war alles, was er denken konnte. Bilder schossen durch seinen Kopf: der Dronte, der Jahrmillionenalte Schrecken der Meere, in dessen schwarzem Leib der Same des B�sen darauf wartete, erneut geweckt zu werden. Helth, der Vede, das erste Opfer des <emphasis>Daij-Djan, </emphasis>Vela, die mehr, millionenmal mehr getan hatte, als sie auch nur ahnte. Dann sah er sich selbst, eine einsame, schmerzverkr�mmte Gestalt im Herzen der Stadt Combat, wie er das uralte Siegel brach, das Tor �ffnete, das niemals ge�ffnet werden durfte, gegen Regeln verstie�, die er nicht einmal begriff, und - War es wirklich so gewesen? Sein Blick tastete �ber das entsetzliche Bild, das sich ihm am Flu�ufer bot, glitt wie eine suchende Hand, die vor dem zur�ckschreckte, was sie ertastete, �ber die verstummelten Leiber der Quorrl, und er sah einen anderen, viel entsetzlicheren Schrecken: Er sah Tausende und Abertausende der schwarzen M�rder �ber das Land ausschw�rmen, sah die Tore des Chaos sich �ffnen und die Welt abermals in dem Feuer und Blut versinken, aus dem sie schon einmal auferstanden war.</p><p>War es seine Schuld? Hatten Vela und er all dies getan, ohne es zu wollen, ohne es nur zu <emphasis>wissen, </emphasis>aber mit unbarmherziger Konsequenz?</p><p>Oder war es ganz anders? Waren sie vielleicht nur Werkzeuge gewesen, willenlose Puppen, nicht viel anders als der <emphasis>Daij-Djan, </emphasis>die Sternenbestie, Figuren, die sich nur einbildeten, einen freien Willen zu haben auf einem Schachbrett der G�tter?</p><p>Ger�usche drangen in seine Gedanken; Laute, die ihm sonderbar fremd und bedeutungslos erschienen, auf die aber ein winziger, noch zu klarem Denken f�higer Teil seines Bewu�tseins reagierte, weil er sie erkannte und auch die Gefahr registrierte, die sie bedeuteten: Fast ohne sein Zutun griff seine Hand nach oben, streifte das schmale Satai-Stirnband ab und verstaute es unter seinem G�rtel, wo es niemand sehen konnte. Er wollte aufstehen, aber noch immer fehlte ihm die Kraft dazu, und so drehte er nur schwerf�llig Oberk�rper und Kopf und blickte wieder zum Flu� hinunter.</p><p>In der Mitte des glitzernden Bandes, dort, wo noch kein Eis war, schaukelte ein rechteckiger Schatten, ein finsterer Umri�, von dem kleinere, hektische Schatten ausschw�rmten. Erschrockene Rufe wurden laut. Das Eis knisterte bedrohlich, als Enwass und seine Leute vom Flo� heruntersprangen und auf das Ufer zueilten. Skar sah Metall in der Dunkelheit blitzen. Einer der M�nner beugte sich �ber den Leichnam eines Quorrl, der auf das Eis hinausgeflohen war, ohne dem lautlosen Tod dadurch entkommen zu k�nnen, und prallte mit einem entsetzten Keuchen zur�ck, dann mischten sich weitere, entsetzte Stimmen in den schrillen Chor des Schreckens. Eine Fackel glomm wie ein rotes blinzelndes Auge auf dem Flo� auf, dann eine zweite, dritte... Der kleine, klar gebliebene Teil Skars signalisierte ihm, wie gef�hrlich das Verhalten von Enwass' Leuten war - nicht alle Quorrl waren tot. Gut die H�lfte der Schuppenkrieger war entkommen. Wenn sie das Feuer sahen und die Stimmen h�rten... Skar l�chelte bitter. Nein, dachte er, sie w�rden nicht zur�ckkommen. Wahrscheinlich w�rden sie reiten, bis ihre Pferde tot unter ihnen zusammenbrachen, und dann weiterrennen, bis sie einfach nicht mehr konnten. Nein - wenn es eine Gefahr gab, so war sie v�llig anderer Art. Und sie galt nicht Enwass und seiner Familie...</p><p>Enwass' Leute schw�rmten auf dem Ufer aus, und Skar h�rte ihre ungl�ubigen Schreie und Rufe, w�hrend sie von Quorrl zu Quorrl eilten und sahen, in welch entsetzlichem Zustand die Leichen waren. Ganz fl�chtig nur dachte er �ber die Antwort nach, die er ihnen auf ihre Fragen geben sollte, aber der Gedanke entschl�pfte ihm, ehe er ihn wirklich zu Ende denken konnte. Er griff nach seinem Schwert, zog die Klinge aus Trashs Schuppenpanzer heraus und s�uberte sie ganz automatisch im Schnee. Die Leichtigkeit, mit der der Stahl aus dem K�rper des gigantischen Lebewesens herausglitt, schockierte ihn. Es sollte nicht so leicht sein zu t�ten, dachte er.</p><p>Jemand eilte auf ihn zu: Ein massiger Schatten, der mit weit ausgreifenden Schritten den Hang heraufkam und zu dem sich nach Augenblicken zwei weitere, kleinere Schatten gesellten. Erst als sie ihm bis auf f�nf Schritte nahe gekommen waren, erkannte er Enwass, dicht gefolgt von Syrr und ihrem Bruder Talin. Er schob sein Schwert in den G�rtel zur�ck und stand auf. Nach der Schw�che, die er noch vor Augenblicken versp�rt hatte, ging es erstaunlich leicht.</p><p>Enwass sagte kein Wort, als er bei ihm anlangte. Sein Blick heftete sich f�r Bruchteile von Sekunden auf das blutige Etwas, das einmal Trash gewesen war, und Skar glaubte ein unendlich tiefes Entsetzen in seinen Augen zu sehen. Aber als er ihn ansah, war davon nichts mehr zu erkennen. Enwass' Gesicht war wie eine Maske aus Metall.</p><p>�Du hast Wort gehalten�, sagte er knapp.</p><p>Skar schwieg. Was sollte er antworten? Die Wahrheit? Niemand w�rde ihm glauben. Und selbst wenn - es w�re nur schlimmer.</p><p>�Hast du sie alle erwischt, Skar?� fragte Talin. Anders als Enwass hatte er sich nicht in der Gewalt. Seine Stimme bebte, und auf seinem Gesicht tobte ein Kampf zwischen Entsetzen und Grauen und einer Zufriedenheit, die Skar fr�steln lie�.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Nein�, murmelte er. �Die H�lfte ist entkommen. Aber sie... werden nicht wiederkommen. Jedenfalls nicht heute Nacht.� Es fiel ihm schwer, weiterzusprechen. Alles, was er sagen konnte, erschien ihm so trivial. Was z�hlte ihr aller Leben, bei dem, was geschehen war? Was geschehen <emphasis>w�rde?!</emphasis></p><p>Und dann, ganz pl�tzlich, fiel die Beherrschung von Enwass ab. Seine Augen weiteten sich, als h�tte sich Skar vor seinen Augen in ein Ungeheuer verwandelt - was er wohl auch hatte - und seine Stimme begann zu zittern. �Was... was hast du getan?� stammelte er. �Was ist hier geschehen, Skar?� Seine Stimme war schrill, drohte umzukippen. Skar sah, da� sich seine Hand so fest um den Schwertgriff in seinem G�rtel schlo�, als wolle er die Waffe zerbrechen.</p><p>�Nichts�, antwortete er ausweichend. �Nichts, was ich dir erkl�ren k�nnte.� Er bot all seine Willenskraft auf, um Enwass' Blick standhalten zu k�nnen, richtete sich ein wenig weiter auf und sprach betont kalt und herablassend weiter: �Jedenfalls nichts, was du verstehen w�rdest, Bauer. Und ich glaube auch nicht, da� du es wirklich wissen willst...�</p><p>Enwass schwieg. Aber Skar wu�te genau, was in ihm vorging was in ihnen allen vorgehen mu�te, einschlie�lich Syrr: L�ngs des Ufers lagen sieben oder acht tote Quorrl, jeder einzelne ein Gigant, und jeder einzelne auf die gleiche, entsetzliche Weise niedergemetzelt; ein weiterer hatte sich aufs Eis hinausgeschleppt, um zu sterben, und hier oben, auf dem H�gel, lagen Trash und der tote Sp�her. Und all dies hatte ein einzelner Mann getan. Wenigstens war es das, was sie glauben mu�ten.</p><p>�Du bist ein Satai�, sagte Enwass pl�tzlich, ganz leise, und mit einer Stimme, die irgendwo zwischen Bewunderung und schierem Entsetzen schwankte. Das Entsetzen �berwog. �Nur... nur ein Satai ist zu so etwas f�hig.�</p><p>�Und?� gab Skar kalt zur�ck. �Wenn es so w�re? Was willst du tun? Mich im Flu� ertr�nken?�</p><p>Enwass sch�ttelte verwirrt den Kopf. �Du -�</p><p>�Ich habe getan, was du von mir verlangt hast, Bauer�, fuhr Skar fort, mit erhobener Stimme und in einem Ton, der ganz bewu�t verletzend war. �Du hast mir das Leben gerettet, und ich habe meine Schulden bezahlt. Was spielt es f�r eine Rolle, wer oder was ich bin?� Er deutete zum Ufer hinab. �Statt der Quorrl l�gen jetzt deine Leute dort, Enwass. W�re dir das lieber?�</p><p>�Nat�rlich nicht�, antwortete Enwass hastig. �Aber du... die Satai sind... sind unsere Feinde! Warum... hilfst du uns?� In seinen Augen stand noch eine andere Frage, eine, die er nicht laut auszusprechen wagte, die Skar aber so deutlich h�rte, als h�tte er es getan: n�mlich die Furcht, da� all dies nur Teil eines raffinierten, m�rderischen Planes w�re, eines Planes, an dessen Ende vielleicht mehr als sein und der Tod seiner Familie stand.</p><p>�Warum tust du das?� fragte er noch einmal.</p><p>�Vielleicht stehe ich auf der falschen Seite�, murmelte Skar. Und er meinte es ganz genauso.</p><p>�Und was wirst du jetzt tun?� fragte Enwass leise.</p><p>�Was soll ich tun, deiner Meinung nach?� erwiderte Skar kalt. �Weiter mit euch reisen, als w�re nichts geschehen? Oder soll ich gehen?� Er deutete nach S�den. �Ein Wort gen�gt, Enwass. Gib mir Proviant und eine Decke, und ich verschwinde. Aber dann h�ttet ihr niemanden mehr, der die Drecksarbeit f�r euch erledigt.�</p><p>Enwass fuhr unter seinen Worten zusammen wie unter einem Peitschenhieb. �Nat�rlich nicht�, antwortete er, eine Spur zu hastig, um die Worte �berzeugend klingen zu lassen. �Du... du kannst bei uns bleiben, bis wir Bayfour erreichen, und wenn du willst, auch l�nger...�</p><p>�Wie gro�z�gig�, antwortete Skar b�se. �Und ihr werdet mich nat�rlich nicht lynchen oder der n�chsten Patrouille ausliefern, nicht wahr?�</p><p>Enwass reagierte ganz anders, als er erwartet hatte. Statt w�tend zu werden oder �ngstlich zu reagieren, wurde sein Blick mit einem Male ernst. Skar begriff, da� er ihn verletzt hatte, mit seinen Worten. Aber er hatte nicht den Mut, sie zur�ckzunehmen. �Das werden wir nicht, Satai�, antwortete er ruhig. �Weder das eine noch das andere. Du hast uns gerettet, und wir bezahlen unsere Schulden nicht mit einem Messer in den R�cken. Morgen bei Sonnenuntergang erreichen wir das Gebirge. So lange kannst du bei uns bleiben, wenn du willst. Wir werden niemandem sagen, wer du bist, weder dann noch sp�ter. Und - ja, du hast recht!� f�gte er etwas heftiger hinzu. �Ich glaube nicht, da� ich verstehen w�rde, was du getan hast. Und ich will es auch gar nicht wissen!� Er straffte sich, drehte sich mit einem Ruck um und machte einen Schritt, blieb aber noch einmal stehen und sah zu Skar zur�ck.</p><p>�Wir fahren weiter, sobald wir die Waffen der Quorrl an Bord genommen haben. Ich �berlasse es dir, ob du mit uns kommst oder nicht.� Und damit ging er, sehr schnell und ohne noch einmal zu Skar zur�ckzublicken.</p><p>�Warum warst du so hart zu ihm?� fragte Syrr, nachdem Enwass au�er H�rweite war.</p><p>Skar antwortete nicht, sondern schenkte ihr nur einen b�sen Blick. Sein Zorn auf Enwass schlug unvermittelt in �rger auf Syrr um.</p><p>�Er hatte nur Angst�, fuhr das M�dchen fort.</p><p>�Ich wei�.� Skar ballte zornig die Faust. �Sie haben immer Angst, Syrr. So war es immer, und so wird es immer sein. Sie brauchen uns, wenn es ans K�mpfen geht. Sie schreien nach uns, wenn einer mit dem Schwert in der Hand auf sie losgeht, und wenn wir getan haben, wozu sie uns riefen...�</p><p>�Haben sie Angst vor euch?� unterbrach ihn Syrr. Sie nickte. �Auch ich habe Angst, Skar.�</p><p>�Vor mir?� Er wu�te die Antwort, und Syrr wu�te, da� er es wu�te.</p><p>Trotzdem sch�ttelte sie den Kopf. �Vor dem hier�, sagte sie mit einer Geste auf den toten Quorrl. �Vor... vor dem T�ten. Vor dem Kampf. Enwass ist ein einfacher Bauer, der vielleicht einmal ein Schwein oder eine Kuh geschlachtet hat. Vielleicht hat er einmal einen Wolf erschlagen, aber das war alles. Willst du ihm ver�beln, da� er entsetzt ist?�</p><p>Trotz der einfachen Wahl ihrer Worte erschienen sie Skar beinahe eine Spur zu weise und einsichtig f�r ein M�dchen ihres Alters. Verwirrt sch�ttelte er den Kopf. �Das meine ich nicht�, antwortete er, aber wieder unterbrach ihn Syrr, ehe er zu Ende sprechen konnte.</p><p>�Doch, Skar, ganz genau das meinst du. Macht dir das T�ten Spa�?�</p><p>�Nat�rlich nicht!� widersprach Skar zornig.</p><p>�Und dann verlangst du, da� <emphasis>er </emphasis>es akzeptiert?� Syrr seufzte. �Du bist ein Satai. Du bist anders als die anderen Satai, und du stehst auf unserer Seite, warum auch immer. Aber du bist ein Satai. Du geh�rst zu denen, die f�r all dies hier verantwortlich sind. Was erwartest du von Enwass? Da� er dich daf�r liebt?�</p><p>�Vielleicht ein wenig Dankbarkeit!�, mischte sich Talin ein. Mit einer �rgerlichen Handbewegung trat er zwischen Skar und seine Schwester und wies auf den Strand hinab. �Skar hat vollkommen recht. Ohne ihn l�gen jetzt diese Bauern dort unten, wenn die Quorrl sie nicht langsam zu Tode gefoltert h�tten. Und er -�</p><p>�Halt die Klappe�, sagte Skar grob. Talins Kopf flog mit einem Ruck herum. In seinen Augen blitzte es.</p><p>�Aber ich... ich verteidige dich doch!� sagte er verdattert. �Was soll das? Ich stehe auf deiner Seite, Skar. Vielleicht als einziger!�</p><p>�O danke�, murmelte Skar b�se. �Ich verzichte auf deine Hilfe. Und jetzt verschwinde!�</p><p>�Was...�, stammelte Talin. �Aber wieso...�</p><p>�Hau ab!� br�llte Skar. �Bevor ich dir die Tracht Pr�gel verabreiche, die du schon lange verdienst!�</p><p>Talin starrte ihn ungl�ubig an, aber nur f�r eine Sekunde.</p><p>Dann fuhr er herum und rannte mit weit ausgreifenden Schritten den H�gel hinab.</p><p>Skar starrte ihm finster nach. F�r einen Moment erf�llte es ihn mit aberwitziger Befriedigung, Talin weh getan zu haben. Er verstand es selbst nicht v�llig - er hatte niemals irgendeine Beziehung zu Kindern gehabt, aber es hatte ihm auch nie irgend etwas gegeben, sie zu qu�len. Talin zu verletzen, machte ihm Spa�. Es war etwas an dem Jungen, das ihn so abstie�, wie ihn seine Schwester anzog.</p><p>�War das n�tig?� fragte Syrr. Sie gab sich M�he, sich ihren �rger nicht zu deutlich anmerken zu lassen. Es gelang ihr nicht sehr gut.</p><p>�Wieso?� fauchte Skar. �Er hat nur bekommen, was er brauchte.�</p><p>�Dasselbe wie du, meinst du�, sagte Syrr �rgerlich.</p><p>Skar nickte. �Ja�, antwortete er unger�hrt. �Und es w�re besser gewesen, ich h�tte ihn wirklich verdroschen, statt nur damit zu drohen. Willst du, da� er so wird wie -�</p><p>�Wie du?� Syrrs Stimme war pl�tzlich ganz kalt.</p><p>Skar starrte sie an. Ihre Worte trafen ihn wie Pfeile, und sie taten weh, tausendmal mehr, als <emphasis>es </emphasis>Enwass' Furcht getan hatte. Aber er sagte nichts mehr, sondern drehte sich nach einer Weile wortlos herum und ging zur�ck, um seinen Mantel zu holen.</p><p>Eine halbe Stunde sp�ter war das Flo� wieder auf der Fahrrinne und trieb mit gebl�htem Segel nach S�den.</p><p>Enwass hatte sich versch�tzt. Sie erreichten das Gebirge nicht am n�chsten Abend, sondern bereits in den fr�hen Nachmittagsstunden; was zum einen daran lag, da� die Str�mung des Flusses zunahm, je weiter sie nach S�den kamen, zum anderen aber auch am Wind, der w�hrend der Nacht best�ndig auffrischte und mit Sonnenaufgang bereits die St�rke eines kleinen Sturmes angenommen hatte - eines Sturmes zudem, der so pr�zise nach S�den blies, da� Skar sich allen Ernstes fragte, ob das <emphasis>wirklich </emphasis>noch Zufall war. Aber er verscheuchte diesen Gedanken, ehe er sich in seinem Bewu�tsein ausbreiten und neuen Schrecken geb�ren konnte. Wenn es etwas gab, was fast ebenso gef�hrlich wie purer Leichtsinn war, dann war es, zuviel in die Dinge hineinzugeheimnissen. Man konnte die offensichtlichen Gefahren leicht �bersehen, wenn man hinter jedem Schatten einen Verrat witterte.</p><p>Die Sonne hatte den Zenit leicht �berschritten, als sie die Sperre erreichten. Trotz des eisigen Windes und der geschlossenen Schneedecke rechts und links des Ufers war es in der Sonne beinahe warm, und Skar, der wie alle anderen an Bord in dieser Nacht kein Auge mehr zugetan hatte, f�hlte sich auf wohlige Weise m�de. Er sa� am Bug des Flo�es, so dicht am Wasser, da� ab und zu kleine Spritzer auf seine F��e kamen und seine H�nde benetzten, die er um die Knie geschlungen hatte. Er war allein, so weit dies auf einem zehn mal zwanzig Schritt messenden Flo� m�glich war, denn trotz der dr�ckenden Enge waren alle - Syrr und ihr Bruder eingeschlossen - von ihm abger�ckt, so weit sie nur konnten. Skar nahm es ihnen nicht einmal �bel - als er es zuerst bemerkt hatte, war er zornig geworden, aber er hatte rasch begriffen, da� sie es nicht taten, um ihn zu verletzen. Er glaubte Enwass' Versicherung, da� sie schweigen und ihm helfen w�rden, und er sah auch in den Blicken der anderen keine wirkliche Feindschaft. Aber daf�r etwas, das vielleicht schlimmer war: Angst.</p><p>Angst vor ihm.</p><p>Und fast - auch wenn er sich beinahe f�rchtete, es vor sich selbst einzugestehen - begr��te er dieses Gef�hl. Es war etwas, das weh tat, aber gleichzeitig auch etwas, das er kannte; mit dem fertig zu werden er gelernt hatte, in den endlosen Jahren seines Lebens. Und das ihm gleichzeitig half, wenn auch auf andere Art, als ihm lieb gewesen w�re. Enwass und seine Leute, und nach dem, was letzte Nacht geschehen war, wohl auch Syrr und Talin, w�rden froh sein, wenn er ging. Ohne da� sie es auch nur gemerkt hatten, hatten sie ihn von der Verantwortung entbunden, in die er gegen seinen Willen hineingeschlittert war. Er war sehr froh dar�ber.</p><p>Das Blitzen eines Sonnenstrahles auf Metall ri� ihn aus seinen Gr�beleien. Er sah auf, rieb sich mit dem Handr�cken �ber die Augen, um die k�rnige M�digkeit fortzuwischen, und sah noch einmal genauer hin. Vor ihnen wurde der Flu� schmaler, und gleichzeitig nahm die Str�mung zu. Sie bewegten sich jetzt mit einer Schnelligkeit dahin, die selbst ein galoppierendes Pferd schwerlich erreicht h�tte, aber das Flo� war schwer genug, noch immer ruhig im Wasser zu liegen. Doch Skar sah auch, da� ihre Fahrt bald ein abruptes Ende nehmen w�rde: Der Flu� war gesperrt. Das silberne Funkeln war eine Kette, �ber die gro�e Entfernung betrachtet nicht dicker als ein Haar, in Wahrheit aber sicherlich massiv genug, ein schweres Kriegsschiff aufzuhalten. Skar hatte �hnliche Sperren schon auf anderen Fl�ssen gesehen und wu�te, da� er beim N�herkommen t�dliche Speerspitzen erkennen w�rde, die in die Kette eingewoben waren, wahrscheinlich zusammen mit schr�g in den Flu�grund gerammten Eisenstangen; eine �u�erst simple, aber auch �u�erst wirkungsvolle Methode, einen Flu� zu sperren, vor allem dann, wenn seine Str�mung so stark war wie diese.</p><p>Er stand auf, zog den Mantel enger um die Schultern zusammen und ging noch einmal in die Hocke, um sich einige Handvoll des eisigen Wassers ins Gesicht zu sch�pfen. Hinterher war er immer noch so m�de wie zuvor, aber seine Augen brannten nicht mehr, und sein Blick war klarer.</p><p>Konzentriert sah er nach S�den. Es war nicht das erste Mal, da� er hier war - er kannte diesen Flu�, auch wenn er seinen Namen vergessen hatte, und er wu�te, da� es wahrscheinlich der einzige Flu� auf Enwor war, der ins Gebirge hineinflo�, statt aus ihm heraus. Irgendwo, f�nfzig oder mehr Meilen weiter s�dlich, sammelte er sich zu einem gewaltigen See, um unterirdisch weiterzuflie�en, bis er sich auf der anderen Seite der Welt ins Meer ergo�, aber auf dem Wege dorthin schnitt er durch die Berge, ein Canyon, dessen W�nde manchmal mehr als eine Meile hoch waren. Er war schon einmal hiergewesen, zusammen mit Del, in einem Leben, das ihm so lange zur�ckzuliegen schien, da� die Erinnerungen daran kaum mehr Intensit�t als die an einen Traum hatten. Aber damals war der Flu� nicht gesperrt gewesen. Und es gab noch mehr Unterschiede.</p><p>Skar erinnerte sich, damals einen kleinen, aus rohem Felsgestein erbauten Wachturm am Ufer gesehen zu haben, hundert Jahre alt und seit der H�lfte dieser Zeit verlassen. Jetzt war dieser Turm verschwunden, und an seiner Stelle erhob sich eine gewaltige, offensichtlich in aller Hast halb aus dem nat�rlich gewachsenen Felsen herausgehauene, halb aus nur roh bearbeiteten zyklopischen Bl�cken errichtete Festung; eine titanische Trutzburg mit zwanzig Meter hohen Mauern und T�rmen, die den Flu� wie die Finger einer zornig hochgereckten steinernen Riesenhand �berragten. Er erblickte winzige, behelmte Gestalten auf den Zinnen dieser T�rme; daneben die d�rren H�lse von Feuerkatapulten. Die Herren Bayfours hatten den Flu� in eine Festung verwandelt. Wer immer unter dieser schwarzen Burg hindurchfahren wollte, w�rde einen entsetzlichen Blutzoll bezahlen - wenn es ihm �berhaupt gelang.</p><p>Lange Zeit stand er einfach so da und starrte die finstere Riesenfestung an. Der Anblick traf ihn mehr, als er geglaubt hatte. Bisher hatte er nur vom Krieg geh�rt; einen winzigen Teil seiner Auswirkungen gesehen, nicht mehr als den Schatten, den er �ber das Land warf. Sicher, er hatte gek�mpft, aber das war nichts anderes als das, was er zahllose Male zuvor getan hatte. Jetzt, jetzt erst, als er die Festung wirklich sah, begriff er wirklich, da� all dies mehr war als ein b�ser Spuk.</p><p>Sein Blick l�ste sich von der Festung, glitt die lotrechten W�nde des Canyons hinab und verharrte einen Moment lang auf dem Wasser. Hinter der Stelle, an der der Flu� in die Berge eindrang, gab es kaum noch Eis, aber er sah, da� sich das Wasser sch�umend an Hindernissen brach, die dicht unter seiner Oberflache verborgen waren. Manchmal blitzte Metall in der wei�en Gischt. Der Flu� war auch weit hinter der Kette noch durch Speere und Schiffsfallen unpassierbar gemacht worden, und wahrscheinlich waren die Fallen, die er sah, noch lange nicht alle. W�re Skar der Kommandant dieser Festung gewesen, h�tte er einen Teil der Canyonwand unterminieren lassen, um sie im Notfall auf eine feindliche Flotte hinabst�rzen zu lassen.</p><p>Er suchte die Ufer ab. Das Hindernis war mittlerweile ein gutes St�ck n�her gekommen, er konnte erkennen, da� die Kette wirklich so dick war, wie er erwartet hatte; und auch die erwarteten Widerhaken und noch einige andere b�se �berraschungen enthielt. Dicht hinter der Stelle, an der sie mit den Uferfelsen verbunden war, erhoben sich zwei kleine, runde T�rme, auf deren Plattform sich die H�lse gewaltiger Feuerkatapulte emporreckten. Die Luft �ber ihnen kr�uselte sich. Die Waffen waren geladen. Und wahrscheinlich standen M�nner an den Katapulten, die ihr Handwerk verstanden und jede Bewegung auf dem n�herkommenden Flo� voller Mi�trauen beobachteten.</p><p>Skar versuchte in Gedanken den Punkt abzusch�tzen, ab dem sie in der Reichweite der Katapulte waren. Er kannte diese Waffe, und er wu�te, wie unglaublich pr�zise sie sein konnte, wenn die M�nner, die sie bedienten, ihr Handwerk verstanden. �Streicht das Segel!� sagte er hastig. �Schnell. Wir sind fast in ihrer Reichweite!�</p><p>Enwass antwortete nicht. Aber Sekunden sp�ter h�rte Skar ihn ged�mpfte Befehle bellen. Das Segel wurde eingeholt, und Skar selbst setzte einen wei�en Fetzen als Zeichen des Friedens. Trotzdem verloren sie kaum merklich an Fahrt - ganz im Gegenteil hatte Skar beinahe das Gef�hl, da� sie eher noch schneller wurden, und pl�tzlich begriff er, wie raffiniert die Falle war, der sie sich n�herten. Auch ein gr��eres und wendigeres Schiff als das ihre w�rde M�he haben, gegen die rei�ende Str�mung des Flusses anzuhalten; erst recht, wenn an seinen Ufern M�nner waren, die entschieden etwas dagegen hatten. Angreifende Schiffe mu�ten unweigerlich in die Kette gerissen und aufgespie�t werden.</p><p>�Nehmt die Ruder!� befahl er. �Schnell. Wir m�ssen langsamer werden.� Er drehte sich um, unterstrich seine Worte mit einer hastigen Geste und griff selbst nach einem losgerissenen Kistenbrett, das ihm eine der Frauen reichte. Skar sah jetzt, da� das Eis unweit der Sperre aufgehackt worden war, so da� eine Art kleiner Hafen entstand, in den sie sich retten konnten. Wo er ans Ufer grenzte, erhob sich eine gewaltige Wehrmauer, die von zahllosen Schie�scharten durchbrochen war. �ber ihren Zinnen stand Rauch.</p><p>Mit aller Kraft begannen sie zu rudern; selbst die Frauen und Kinder. Trotzdem wurde es zu einem verzweifelten Wettlauf gegen die Zeit. Sie verloren an Schnelligkeit, aber das Flo� begann nun doch zu schaukeln und zu bocken, und mehr als einmal stie� es scharrend gegen das Eis, das die schmale Fahrrinne begrenzte. Einmal wurden den Leuten an der Backbordseite die Ruder aus den H�nden gerissen, und die Str�mung zehrte ihren m�hsam errungenen Vorsprung fast v�llig wieder auf, ehe sie das Flo� wieder unter Kontrolle hatten.</p><p>Skar war in Schwei� gebadet, als sie schlie�lich aus der Str�mung herausschwenkten und sich dem vom Eis befreiten Ufer n�herten - zehn Meter, ehe das Flo� in die mit rasiermesserscharfen Dornen gespickte Kette hineingeschleudert werden konnte. Das Wasser war auch hier nicht ruhig. Strudel und Untiefen lie�en das Flo� wild kreiseln, und es gab nur eine einzige, von einem wuchtigen Turm �berragte Stelle, an der ein Anlegen �berhaupt m�glich war. Trotz seiner Ersch�pfung und dem daraus resultierenden Zorn mu�te Skar dem Erbauer dieser Anlage seine Hochachtung zollen. Er selbst h�tte auf Anhieb nicht gewu�t, wie er diese Festung �berwinden sollte, ohne den Flu� mit den Leichen seiner M�nner zu f�llen.</p><p>Aber schlie�lich hatten sie es geschafft. Das Flo� stie� mit einem letzten, sehr harten Ruck gegen die Mauer. Ein Seil wurde durch eine �ffnung in der Wand geworfen und spannte sich, als Skar danach griff und es am Mast festband. Das Flo� schaukelte noch immer gef�hrlich hin und her, aber das Seil war fest genug, es auch gegen die Str�mung zu halten - solange niemand hinter der Wand eine Axt nahm und es kurzerhand kappte, dachte Skar finster.</p><p>In der gewaltigen Bronzet�r, vor der sie angelegt hatten, �ffnete sich eine Klappe, und ein finsteres, fast zur G�nze von einem wuchtigen Lederhelm bedecktes Gesicht starrte zu ihnen herab. Skar sah nicht viel mehr als die Augen des Mannes, aber die Feindseligkeit, die er in ihnen las, erschreckte ihn. Es war mehr als das blo�e Mi�trauen Fremden gegen�ber. Skar war sicher, da� der Mann nicht mit der Wimper gezuckt h�tte, w�ren sie vor seinen Augen ertrunken.</p><p>�Wer seid ihr?� bellte eine unfreundliche Stimme. �Was wollt ihr hier? Woher kommt ihr?�</p><p>Skar wollte antworten, aber diesmal war Enwass schneller. Er warf Skar einen warnenden Blick zu, sch�ttelte fast unmerklich den Kopf und wandte sich an den Mann hinter der T�r: �Mein Name ist Enwass�, erkl�rte er. Er machte eine weit ausholende Geste, die das gesamte Flo� und auch Skar einschlo�. �Das hier ist meine Familie�, fuhr er fort, �und ein paar meiner fr�heren Knechte. Wir sind aus Orkala geflohen, um nicht von den Quorrl get�tet zu werden. Wir verlangen Schutz und Unterkunft.� Skar registrierte sehr wohl, da� Enwass <emphasis>verlangen </emphasis>sagte, nicht <emphasis>erbitten. </emphasis>Und auch dem Mann mit dem Lederhelm schien dieser feine Unterschied keineswegs zu entgehen, denn er schwieg eine ganze Weile. Obwohl Skar kaum geglaubt hatte, da� das �berhaupt noch m�glich war, wurde sein Blick noch feindseliger. �Habt ihr Quorrl gesehen?� fragte er nach einer Weile.</p><p>Enwass nickte. �Gestern nacht. F�nfzig Meilen n�rdlich von hier. Aber nicht viele. Sie haben uns nichts getan.�</p><p>�Eine Beute wie euch?� fragte der Behelmte mi�trauisch. �Ihr sitzt auf dem Pr�sentierteller, Bauer, und sie haben euch entkommen lassen? Einfach so?�</p><p>�Sie waren anderweitig besch�ftigt�, mischte sich Skar ein. �Womit?�</p><p>�Ich habe sie nicht gefragt�, sagte Skar gereizt. �Aber wenn du vielleicht die G�te h�ttest, die T�r zu �ffnen und uns an Land zu lassen, k�nnen wir gerne gemeinsam dar�ber nachdenken. Verdammt, wir sind seit einer Woche auf dem Flu߫, f�gte er w�tend hinzu. �Und wir haben Frauen und Kinder bei uns.� Der Soldat starrte ihn �rgerlich an, aber die Antwort, mit der Skar gerechnet hatte, blieb aus. Statt dessen flog die Klappe mit einem unn�tig lauten Knall zu, und Augenblicke sp�ter h�rten sie das Ger�usch eines offenbar sehr schweren Riegels, der beiseitegeschoben wurde. Knarrend �ffnete sich das Tor. Skar sah, da� seine Fl�gel fast armdick waren; massiv genug, selbst dem Rammsporn eines Schiffes zu widerstehen.</p><p>Ein Dutzend Speerspitzen richtete sich auf Skar und Enwass, als sie nebeneinander durch das Tor traten. Die Mauer war sehr dick, aber dahinter erhob sich noch eine zweite, etwas h�here Barriere, hinter deren Zinnen eine gute Hundertschaft grimmig dreinblickender Bogensch�tzen stand, und als er stehenblieb und sich umsah, erkannte er, da� sie von gut drei�ig Lanzentr�gern umzingelt waren, die von dem Mann mit dem Lederhelm gef�hrt wurden. Skar sah jetzt, da� er eine abgewetzte Hauptmannsuniform aus Kohon trug, dazu Stiefel, die offensichtlich einmal einem anderen geh�rt hatten, denn sie waren zwar sehr prachtvoll, aber um mindestens zwei Nummern zu gro�. An seiner Seite baumelte ein gewaltiges Schwert. Da der Mann gerade gro� genug war, Skar bis zum Kinn zu reichen, wirkte es etwas deplaciert. Er w�rde schlichtweg hinten�berfallen, dachte Skar am�siert, wenn er versuchte, es zu schwingen. Laut sagte er: �F�hrt Ihr diese Leute, Hauptmann?�</p><p>�Warum?�</p><p>Skar l�chelte. �Weil ich mich frage, was ihr wohl tun werdet, wenn die Quorrl eines Tages wirklich kommen, wo ihr doch offensichtlich vor ein paar harmlosen Fl�chtlingen schon solche Angst habt, da� Ihr eine ganze Hundertschaft aufbietet?� Das Gesicht des Hauptmannes verd�sterte sich vor Zorn, und Enwass warf ihm einen raschen, fast beschw�renden Blick zu. Skar schluckte den Rest der Worte, die er sich zurechtgelegt hatte, mit einem leisen Gef�hl des Bedauerns herunter.</p><p>�F�r einen, der als Bettler hierherkommt, bist du reichlich vorlaut, Kerl�, fauchte der Hauptmann. �Was sollte mich daran hindern, dich wieder ins Wasser zu werfen und zuzuschauen, wie du ers�ufst?�</p><p>�Versucht es�, sagte Skar ruhig.</p><p>Enwass erbleichte noch weiter und starrte ihn so beschw�rend an, da� es schon fast komisch wirkte, aber Skar ignorierte ihn. Er kannte M�nner wie diesen Hauptmann zu gut, um nicht zu wissen, da� er sich keine Schw�che leisten konnte. Man traf sie in jeder Armee, und besonders in Zeiten wie diesen: grausame M�nner, die im Grunde ihres Herzens schwach waren und das auch genau wu�ten, und die nur durch eine F�gung des Zufalls nach oben gekommen waren. Vermutlich war der Kerl niemals in irgendeiner Armee Enwors Hauptmann gewesen, sondern hatte die Uniform einem Toten abgenommen oder schlichtweg gestohlen. Aber ebenso feige, wie diese M�nner im Grunde waren, so untr�glich war auch ihr Instinkt. Skar war sicher, da� der Mann ihn auch dann als Gefahr eingestuft h�tte, h�tte er den Mund gehalten. Es war besser, er zeigte ihm von vornherein seine Grenzen.</p><p>Und es kam noch etwas hinzu. Skars Muskeln schmerzten noch jetzt von der Anstrengung des Ruderns, und trotzdem waren sie dem Tod nur um Haaresbreite entgangen. Er war sicher, da� mehr als ein Boot vor ihnen in die Barriere geschwemmt und zerfetzt worden war, und er war ebenso sicher, da� der Hauptmann dabei unger�hrt zugesehen hatte. Wahrscheinlich hatte es ihm noch Spa� gemacht.</p><p>�Wie ist Euer Name, Hauptmann ?� fragte er, als der Mann mit dem Lederhelm nicht auf seine Herausforderung reagierte, sondern ihn nur ha�erf�llt anstarrte. Der Ausdruck auf den Gesichtern seiner Leute schwankte zwischen Verbl�ffung und Unterdr�ckter Schadenfreude. Der angebliche Hauptmann erfreute sich offenbar auch unter seinen eigenen M�nnern keiner allzugro�en Beliebtheit.</p><p>�Gorrn�, antwortete er schlie�lich. �Aber was geht dich das an, Kerl?�</p><p>�Mein Name ist Skar, nicht Kerl�, sagte Skar unger�hrt. �Und ich wei� gerne, mit wem ich rede, das ist alles. Und nun, Hauptmann Gorrn�, fuhr er so rasch und mit v�llig ver�nderter, pl�tzlich gelassener Stimme fort, da� Gorrn ihn nur mit offenem Mund anstarren konnte, �sagt uns, wohin wir gehen und wohin wir unsere Habseligkeiten bringen sollen.� Er deutete auf Enwass' Familie, die einer nach dem anderen vom Flo� heruntertraten und sich auf dem kleinen St�ck trockenen Bodens zusammendr�ngten, das Gorrns Speertr�ger ihnen zugestanden hatten. �Skar also�, murmelte Gorrn. Skar fragte sich, ob er einen Fehler begangen hatte, denn der Hauptmann wirkte f�r einen Moment sehr nachdenklich. Aber dann sch�ttelte er nur den Kopf. Skar atmete innerlich auf. Offensichtlich kannte hier niemand seinen Namen.</p><p>�Dein Fl�chtlingspack kommt ins Lager, wo es hingeh�rt�, fuhr Gorrn schlie�lich fort. �Und euren Plunder...� Er grinste, stellte sich auf die Zehenspitzen und blickte �ber Skars Schulter hinweg auf das Flo� hinab, wobei er sich bem�hte, einen m�glichst angewiderten Gesichtsausdruck aufzusetzen. �Nun, wir werden den Kram sichten und uns heraussuchen, was noch zu gebrauchen ist. Den Rest schmei�en wir ins Wasser zur�ck.�</p><p>�Wie bitte?� sagte Skar verwirrt. Er war nicht ganz sicher, auch richtig zu verstehen, was er h�rte.</p><p>Gorrn grinste breit. �Du hast mich richtig verstanden, Bauernl�mmel�, sagte er. �Das Zeug ist beschlagnahmt. Ihr behaltet eure Kleider und was ihr an Nahrung dabeihabt. Alles andere la�t ihr zur�ck. Vor allem die Waffen - falls ihr welche habt.� Sein Blick tastete �ber Skars Gestalt und ersp�hte den Umri� des Schwertes, das er unter dem Mantel trug.</p><p>�Fangen wir damit an�, sagte er fordernd. �Das Schwert da - gib es mir!� Er streckte fordernd die Hand aus, aber der Ausdruck auf seinen Z�gen war nur �berheblichkeit und Zorn, keine wirkliche Entschlossenheit. Skar seinerseits widerstand im letzten Moment der Versuchung, den Mantel zur�ckzuschlagen und die Hand herausfordernd auf den Schwertgriff zu legen. Ganz davon abgesehen, da� er den Bogen damit wahrscheinlich �berspannt h�tte, h�tten Gorrn oder einer seiner Leute garantiert das Satai-Schwert erkannt, das er trug.</p><p>�Was soll das?� fragte er scharf. �Wieso behandelst du uns, als w�ren wir Feinde?�</p><p>�T�te ich das, w�rt ihr alle schon tot, Skar�, antwortete Gorrn w�tend. �Aber was nicht ist, kann noch kommen.�</p><p>�Das beantwortet meine Frage nicht!� fauchte Skar. �Was soll dieser Empfang? Wir sind hier, weil wir Hilfe brauchen, nicht -�</p><p>�Hilfe?� Gorrn lachte schrill. �O sicher. Hilfe, wie die zigtausend anderen, die in den letzten Monaten gekommen sind, nicht? Was denkst du dir, Kerl? Da� wir nur darauf warten, von Tausenden von Fl�chtlingen �berflutet zu werden?� Herausfordernd trat er auf Skar zu und starrte ihn an. Da� er sich dazu auf die Zehenspitzen stellen mu�te, machte ihn nicht unbedingt w�rdevoller. Skar unterdr�ckte ein abf�lliges Grinsen.</p><p>�Und jetzt kommt an Land�, fuhr Gorrn fort. �Und beeilt euch. Wir haben Wichtigeres zu tun, als den ganzen Tag mit euch zu verschwenden.� Er machte eine befehlende Handbewegung, um seine Worte zu unterstreichen.</p><p>Skar wollte abermals widersprechen, aber in diesem Moment legte ihm Enwass die Hand auf den Unterarm und dr�ckte rasch und sehr kr�ftig zu. �Es ist gut, Skar�, sagte er. �Ich regele das.� Zu Gorrn gewandt, fuhr er fort: �Verzeiht Skar, Hauptmann. Er... geh�rt nicht zu uns und kennt die Sitten und Gebr�uche hier nicht.�</p><p>�Gebr�uche?� fragte Skar b�se. �Welche? M�nner und Frauen, die alles verloren haben, auch noch ihrer allerletzten Habe zu berauben?�</p><p>Enwass' Blicke wurden fast beschw�rend, aber diesmal war es Gorrn, der ihn nicht zu Wort kommen lie�.</p><p>�Berauben?� fragte er zornig. �Nennst du mich einen Dieb, Kerl?�</p><p>�Wie nennt man jemanden, der anderen etwas wegnimmt?� erwiderte Skar k�hl.</p><p>�Einen Schmarotzer�, antwortete Gorrn. Er beugte sich leicht vor. Seine Augen wurden schmal. �Einen Dieb, Skar. Einen Fl�chtling. Wer, denkst du, bezahlt f�r Essen und Unterkunft all derer, die hierherkommen? Wer sorgt f�r ihre Sicherheit? Wer hat diese Festung hier erbaut, und wessen Blut wird wohl flie�en, wenn die Quorrl kommen? Das unsere!� Er schlug sich mit der flachen Hand auf die Brust. �Du nennst uns Diebe?� Er lachte b�se. �Niemand zwingt dich, dich von uns bestehlen zu lassen, Skar. Nimm dein Flo� und rudere zur�ck zu den Quorrl, vielleicht behandeln sie dich ja besser. Oder bleib hier und richte dich nach dem, was wir sagen!�</p><p>�Das ist -�</p><p>�Er hat recht, Skar�, unterbrach ihn Enwass hastig. �Bitte! Was sie uns nehmen k�nnen, ist nur ein kleiner Teil dessen, was wir von ihnen bekommen.�</p><p>�Ganz recht!� f�gte Gorrn w�tend hinzu. �Aber das wirst du auch noch begreifen, Skar. Sp�testens, wenn das Fr�hjahr kommt und mit ihm die Quorrl. Vielleicht wirst du dann noch darum betteln, von uns bestohlen zu werden. Und nun geht!� Erneut machte er eine befehlende Geste mit der Hand, und diesmal widersprach Skar nicht mehr.</p><p>Flankiert von Gorrns Lanzentr�gern gingen sie weiter. Es gab auch in der inneren Wand ein gewaltiges Bronzetor, aber es war gute hundert Schritt weiter n�rdlich angebracht, um einen eventuellen Angreifer davon abzuhalten, das erste Tor zu durchbrechen und seinen Schwung gleich zu nutzen, auch noch die innere Barriere niederzumachen. Skar bezweifelte, da� die Anlage ihren Sinn erf�llen w�rde, wenn der Angriff, den Gorrn offensichtlich bef�rchtete, wirklich kam. F�r einen menschlichen Angreifer w�re dieser doppelte Steinwall sicherlich fast un�berwindbar gewesen. Aber die Feinde, mit denen die M�nner hier rechneten, waren Quorrl - Wesen, die zehnmal so stark und zwanzigmal so wild wie ein Mensch waren.</p><p>Sie passierten das zweite Tor, hinter dem ein f�nf Meter breiter und beinahe ebenso tiefer Graben g�hnte, dessen Boden nun mit Schnee und braungrauem Matsch gef�llt war, und aus dem angespitzte St�cke und kurze, mit Widerhaken versehene Spie�e ragten. Eine d�nne, nur an zwei rasch zu durchtrennenden Seilen h�ngende Br�cke f�hrte �ber diesen Graben. Dahinter lag ein gut hundert Schritt breites St�ck vollkommen freien Gel�ndes, das sorgf�ltig von jeglicher Vegetation ges�ubert worden war. Und hinter ihm das Lager.</p><p>Skar wu�te nicht genau, was er erwartet hatte - aber es war nicht <emphasis>das. </emphasis>Enwass hatte ihm erz�hlt, da� viele den Weg �ber die Grenzen suchten. Aber vor ihnen erstreckte sich eine ganze Stadt aus kleinen, schmutzigwei�en Zelten, s�uberlich in geraden Linien aufgereiht, Hunderte in einer Reihe, und Dutzende von Reihen tief. Die Luft �ber dem improvisierten Zeltlager flimmerte von Staub und aufsteigender W�rme, denn �berall zwischen den kleinen Notunterk�nften flackerten kleine Feuer, und selbst �ber die gro�e Entfernung hinweg h�rte Skar das Summen Abertausender von Menschen, die wie Vieh zusammengepfercht waren. Es mu�ten Zehntausende sein, die hierher geflohen waren. Und Skar war nicht sehr sicher, ob sie hier die Freiheit fanden, um derentwillen sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten, denn das Lager war von einem �bermannshohen, doppelten Zaun umgeben, zwischen dem bewaffnete M�nner mit Hunden patrouillierten.</p><p>Abrupt blieb er stehen, kaum da� er den Graben �berschritten hatte. �Was bedeutet das?� fragte er alarmiert. �Das ist -�</p><p>�Das Lager�, unterbrach ihn Gorrn kalt. �Was hast du erwartet? Einen Palast?� Er grinste h�misch. �Sicherlich. Du wirst ihn bekommen, aber im Moment... wir sind mit der Arbeit etwas im Verzug, wei�t du? Ich werde meine Leute anspornen, f�r dich und deine Begleiter eine w�rdigere Unterkunft zu schaffen, aber bis der Marmor und die goldenen M�bel kommen, mu� ich dich leider bitten, mit dem hier vorliebzunehmen.�</p><p>Skar starrte ihn an. �Was soll das?� fragte er noch einmal. �Das ist ein Gefangenenlager, Gorrn.�</p><p>Gorrn nickte unger�hrt. �Und genau das seid ihr, Bauer�, antwortete er abf�llig. �Jedenfalls so lange, bis wir entschieden haben, was mit euch zu geschehen hat.�</p><p>�Zu... geschehen?�</p><p>�Es ist Krieg, T�lpel!� antwortete Gorrn zornig. �Was denkst du dir? Jeden Tag kommen Hunderte wie du hier an, und jeder zehnte ist ein Spion oder Saboteur! Hast du gedacht, du m��test nur kommen, um mit offenen Armen empfangen zu werden?� Er spie aus. �Verdammt, ich habe keine Lust mehr, mich mit euch Pack zu streiten! Du wirst tun, was ich sage, oder ich werfe dich eigenh�ndig zur�ck in den Flu�.� W�tend deutete er auf einen niedrigen, sechsbeinigen Tisch, der reichlich deplaziert direkt neben dem Graben stand, zusammen mit einem einzelnen Stuhl und einer wuchtigen, mit schweren eisernen Schl�ssern versehenen Truhe. Auf der zerkratzten Platte lagen Pergamente, die mit Steinen beschwert worden waren, damit der Wind sie nicht davontrug, dazu ein Tintenfa� und eine Schreibfeder. �Geht dorthin�, befahl er.</p><p>Skar wollte abermals widersprechen, aber wieder legte ihm Enwass die Hand auf den Arm und sch�ttelte hastig den Kopf. Sein Blick wurde beschw�rend. Skar begriff pl�tzlich, da� er nicht nur sich selbst, sondern auch Enwass und alle anderen in Gefahr brachte, wenn er Gorrn weiter reizte. Schweigend wandte er sich um und folgte dem angeblichen Hauptmann zum Tisch.</p><p>Gorrn nahm auf dem Stuhl Platz, zog einen Stapel mit kleinen, roh zurechtgeschnittenen Pergamentbl�ttern zu sich heran und z�ckte eine Schreibfeder, deren Ende zerkaut war. �Ihr bekommt jetzt Ausweise�, sagte er mit erhobener Stimme und in einem Ton, der klarmachte, da� er diese S�tze schon tausendmal gesprochen hatte. �Und dazu Lebensmittelscheine f�r den ersten Tag. Essen gibt es nur gegen diese Scheine, ist das klar? Die Ausweise habt ihr immer mit euch zu f�hren, wenn ihr euch im Lager bewegt. Wer ohne g�ltigen Ausweis erwischt wird, wird auf der Stelle hingerichtet - ist das klar?� Er wartete keine Antwort ab, sondern blickte betont gelangweilt zu Enwass auf, der als erster vor ihm Aufstellung genommen hatte. �Dein Name?�</p><p>�Enwass�, sagte Enwass gehorsam.</p><p>Gorrn kritzelte etwas auf das Pergament, warf einen Blick in eine engbeschriebene Liste, die neben dem Tintenfa� auf dem Tisch lag, und schrieb eine Nummer mit sehr vielen Ziffern unter Enwass' Namen. �Deine Waffen�, verlangte er.</p><p>Enwass z�gerte einen winzigen Augenblick, schlug aber dann gehorsam seinen Mantel zur�ck und h�ndigte Gorrn Schwert und Dolch aus. Der Hauptmann warf sie achtlos neben sich auf den Boden und f�gte eine weitere Bemerkung auf Enwass' Pa� hinzu. �Hast du Geld?� fragte er, ohne aufzusehen.</p><p>Enwass nickte z�gernd. �Ein wenig�, sagte er. �Aber...�</p><p>�Was - aber?� Gorrn sah nun doch auf. Seine Augen wurden schmal. �Willst du Essen, Fl�chtling?�</p><p>Ohne ein weiteres Wort h�ndigte ihm Enwass seine Geldb�rse aus. Gorrn warf einen fl�chtigen Blick hinein, sch�ttelte abf�llig den Kopf und klappte den Deckel der Truhe auf, die neben seinem Tisch stand. Als er den Beutel hineinwarf, sah Skar, da� sie fast zur G�nze mit Geldb�rsen, Schmuck und einzelnen M�nzen gef�llt war. Gorrns Gesch�ft schien pr�chtig zu gedeihen. Skar fragte sich, wieviel von dem, was er den Neuank�mmlingen hier abnahm, auch wirklich in die Staatskassen von Bayfour gelangte. Schlie�lich setzte Gorrn ein kompliziert wirkendes Siegel unter Enwass' Ausweis, faltete das Blatt achtlos zusammen und reichte es Enwass, mit der automatischen Mahnung, es auch wirklich immer bei sich zu f�hren, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, seinen Kopf zu verlieren.</p><p>So ging es weiter. Nach Enwass kamen seine S�hne, dann seine Frau und schlie�lich die Knechte an die Reihe. Gorrn nahm ihnen alles, was sie besa�en, und nicht einer wagte auch nur zu widersprechen. Skar hatte fast den Eindruck, da� Gorrn ein wenig entt�uscht dar�ber war.</p><p>Und schlie�lich waren nur noch Syrr, Talin und er �brig. Skar war sehr sicher, da� Gorrn ihn nicht durch Zufall bis zuletzt einfach stehengelassen hatte, w�hrend Syrr und ihr Bruder ganz automatisch in seiner N�he geblieben waren.</p><p>Gorrn blickte ihn voller h�mischer Vorfreude an. Aber er schien entschlossen, das Spiel noch ein wenig in die L�nge zu ziehen, denn als Skar vortreten wollte, scheuchte er ihn mit einer Kopfbewegung zur�ck und winkte statt dessen Syrr herbei. �Dein Name, sch�nes Kind?� sagte er.</p><p>�Syrr�, antwortete Syrr ruhig.</p><p>�Syrr, so.� Gorrn machte keine Anstalten, nach seiner Feder zu greifen. Statt dessen verschr�nkte er die Finger vor sich auf dem Tisch, blickte erst Skar, dann Talin und schlie�lich wieder Syrr an. �Ein h�bscher Name�, erkl�rte er grinsend. �Er pa�t zu dir. Geh�rst du zu diesem T�lpel da?� Er deutete auf Skar.</p><p>Syrr antwortete nicht, aber damit schien Gorrn auch gar nicht gerechnet zu haben, denn sein Grinsen wurde eher noch anz�glicher. Er stand auf, kam mit betont nachl�ssigen Schritten um seinen Tisch herum und baute sich ganz dicht vor Syrr auf. �Du bist wirklich h�bsch�, wiederholte er. �Ein bi�chen jung f�r einen so alten Kerl, findest du nicht?� Er hob die Hand, um Syrr im Gesicht zu ber�hren. Syrr wandte hastig den Kopf. Sie gab sich keine M�he, ihren Ekel zu �berspielen.</p><p>Gorrn kicherte, aber w�hrend er es tat, erlosch sein L�cheln. �Was ist mit diesem Balg da?� fragte er mit einer Geste auf Talin. �Hat Skar es dir gemacht?�</p><p>�Talin ist mein Bruder�, erwiderte Syrr gepre�t.</p><p>�Dein Bruder, so?� Gorrn sch�ttelte den Kopf. �Gut. Und du hast nichts mit Skar zu schaffen? Wenn es so ist, dann wird dein Nicht-Freund ja auch nichts dagegen haben, wenn wir beiden ein privates Abkommen treffen, wie?� Er grinste. �Du bist ein h�bsches Kind. Es w�re schade, wenn du mit dem anderen P�bel im Lager frieren m��test, findest du nicht? Und das Essen ist auch nicht besonders gut.�</p><p>�H�r auf�, sagte Skar ruhig.</p><p>Gorrn fuhr herum und starrte ihn an. Seine Augen blitzten. �Was hast du gesagt?� fragte er lauernd.</p><p>�La� sie in Ruhe�, sagte Skar noch einmal. �Sie sagt die Wahrheit. Ich habe nichts mit ihr und dem Jungen zu schaffen. Du triffst mich nicht, wenn du sie qu�lst.�</p><p>�Warum erregst du dich dann so?� erwiderte Gorrn scharf. �Was mischst du dich dauernd ein? Wer bist du �berhaupt?�</p><p>�Skar ist unser Besch�tzer�, sagte Talin w�tend. �Er wird dich in St�cke schneiden, wenn du meine Schwester auch nur anr�hrst!�</p><p>Gorrn erbleichte noch ein wenig mehr, pre�te w�tend die Lippen aufeinander und starrte Talin und Skar abwechselnd an. �Euer Besch�tzer, so?�</p><p>Skar warf dem Jungen einen beschw�renden Blick zu, aber Talin reagierte nicht darauf. Als Syrr die Hand ausstreckte, um ihn zum Schweigen zu bringen, tauchte er blitzschnell unter ihrem Arm hindurch und trat herausfordernd auf Gorrn zu. �Ja, das ist er!� sagte er w�tend. �Er hat ganz allein ein Dutzend Quorrl erschlagen! Ich w�rde dir nicht raten, Syrr auch nur ein Haar zu kr�mmen, wenn dir dein Leben lieb ist.�</p><p>�Ein Dutzend Quorrl?� wiederholte Gorrn verwirrt.</p><p>�Der Junge �bertreibt�, sagte Syrr hastig. �Es waren nur zwei. Aber er hat uns das Leben gerettet, das ist wahr.�</p><p>�Zwei?� Seltsamerweise schien Gorrn eher nerv�ser zu werden. Ein neuer, angespannnter Zug erschien auf seinem Gesicht. �Zwei Quorrl? Eine beachtliche Leistung f�r einen einzelnen Mann.� Er trat einen weiteren Schritt auf Skar zu, schob Talin einfach beiseite und musterte ihn von Kopf bis Fu�.</p><p>�Was bist du, Skar?� fragte er. �Ein Krieger?�</p><p>Skar nickte. �Ich bin... ich war S�ldner�, antwortete er.</p><p>�Aber das ist lange her.�</p><p>�Nicht lange genug, da� du dein Handwerk verlernt hast, scheint mir. Ein Mann, der ganz allein zwei Quorrl erschl�gt...�</p><p>�Es gibt Dinge, die man nicht verlernt�, erwiderte Skar, mit einer genau berechneten Spur von Drohung in der Stimme, die Gorrn keineswegs entging.</p><p>�Ein Krieger also�, wiederholte der Hauptmann. �Nun, das erkl�rt manches. Aber es �ndert nichts. Deine Waffe!�</p><p>Skar r�hrte sich nicht. Gorrns Gesicht f�rbte sich dunkel vor Zorn, und einen Moment lang sah es beinahe so aus, als wolle er sich wirklich auf Skar st�rzen, um ihm das Schwert mit Gewalt zu entrei�en. Aber dann verzog er nur abf�llig die Lippen. �Du willst also den starken Mann spielen, wie?� fragte er lauernd. �Glaubst du, uns alle besiegen zu k�nnen?�</p><p>�Nein�, erwiderte Skar. �Aber ich trenne mich nicht von meiner Waffe. Ihr braucht Krieger. Ich bin einer, und ein guter dazu. Ich werde -�</p><p>�Brauchen?� fiel ihm Gorrn ins Wort. Seine Stimme wurde schrill, fast hysterisch. �Ich werde dir sagen, was wir brauchen, du Besch�tzer der Armen. Vor allem brauchen wir keine M�nner wie dich, die hierherkommen, um �rger zu machen! Wir brauchen sie noch weniger als dieses Fl�chtlingspack, das wie ein Heuschreckenschwarm �ber unsere Grenzen kommt! Und jetzt gib mir deine Waffe, <emphasis>Besch�tzer </emphasis>Skar, ehe ich dich t�ten lasse!�</p><p>�Traust du dich nicht, es allein zu versuchen?� fragte Skar l�chelnd.</p><p>Gorrn wurde kreidebleich. Eine Sekunde lang starrte er Skar aus hervorquellenden Augen an, dann stie� er einen schrillen, halberstickten Schrei aus und warf sich mit geballten F�usten auf ihn.</p><p>Skar machte eine blitzschnelle Bewegung mit der Linken, und Gorrn verlor wie durch Zauberei pl�tzlich den Boden unter den F��en, segelte ein gutes St�ckweit durch die Luft und landete unsanft auf dem Hinterteil.</p><p>F�r den Bruchteil eines Herzschlages wurde es still. Dann schrie Gorrn schrill auf; gleichzeitig erhob sich aus den Reihen seiner Soldaten ein schadenfrohes Gel�chter. Gorrn br�llte noch schriller, sprang mit einer ungelenken Bewegung auf die F��e und hob die F�uste. Seine Augen flammten vor Ha�. Das Gel�chter verstummte abrupt.</p><p>�Du Hund!� br�llte er. �Daf�r stirbst du! Du wirst bezahlen, das schw�re ich dir!�</p><p>�Wof�r wird dieser Mann bezahlen, Hauptmann?�</p><p>Die Stimme erklang irgendwo hinter Skar und den anderen, und sie war so sanft und leise, da� Skar die Worte eher erriet, als da� er sie wirklich h�rte.</p><p>Und trotzdem war ihre Wirkung fast unglaublich.</p><p>Gorrn, der sich mit ha�verzerrtem Gesicht und hoch erhobenen F�usten auf Skar hatte st�rzen wollen, prallte mitten in der Bewegung zur�ck, als w�re er j�hlings gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Der Ha� in seinen Augen schlug in Furcht, dann beinahe in Entsetzen um, und auch seine Krieger fuhren erschrocken zusammen. Die Waffen, die sich auf Skar gerichtet hatten, senkten sich wieder.</p><p>Skar drehte sich betont langsam herum.</p><p>Hinter ihm stand ein Mann - jedenfalls <emphasis>vermutete </emphasis>er, da� es ein Mann war, denn seine Gestalt wurde v�llig von einem schmutzigwei�en, an eine M�nchskutte erinnernden Gewand verh�llt, das nur seine in d�nnen Schn�rsandalen steckenden F��e und die H�nde freilie�; sehr schmale, sehnige H�nde, die einem alten Mann, aber auch einer sehr alten Frau geh�ren konnten. Das Gesicht war unter einer tief in die Stirn gezogenen Kapuze verborgen, und obwohl es eigentlich im Sonnenlicht liegen mu�te, konnte Skar unter der Kapuze nichts als wogende Schatten erkennen. Die Gestalt erf�llte ihn sofort mit Furcht. Irgend etwas Unsichtbares, D�steres schien sie zu umgeben. Dann begriff er, da� er sich t�uschte. Was er f�hlte, war <emphasis>Macht, </emphasis>eine so reine Aura von Macht, da� er fast meinte, sie ber�hren zu k�nnen.</p><p>Der Alte - Skar war jetzt sicher, da� es ein Mann war - lie� ihm ausreichend Zeit, ihn zu mustern, w�hrend seine unsichtbaren Augen gleichzeitig �ber Skars Gestalt wanderten. Sein Blick wirkte auf unangenehme Weise taxierend. Skar mu�te pl�tzlich gegen den aberwitzigen Gedanken ank�mpfen, da� die Gestalt in der wei�en Kutte seine Gedanken las wie ein offenes Buch. �Nun, Hauptmann?� wiederholte der Mann, als Gorrn nicht antwortete. �Wof�r soll er bezahlen, deiner Meinung nach?� In seiner Stimme war jetzt ein sp�ttischer Unterton, der weder Skar noch dem angeblichen Hauptmann entging.</p><p>Gorrn deutete anklagend auf Skar. �Der... der Kerl hat mich angegriffen, Herr!� stammelte er. �Er... er hat -�</p><p>�Dich angegriffen?� Der Fremde seufzte. �Nun, Hauptmann, ich stehe schon eine geraume Weile hier, und ich hatte eher den Eindruck, da� Ihr ihn gereizt habt, damit er ebendies tut - war es nicht so?�</p><p>Gorrn fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen. Dann nickte er. �Ja, Herr�, fl�sterte er. �Verzeiht mir.� Pl�tzlich trat ein trotziges Funkeln in seine Augen. �Aber das �ndert nichts daran, da� er versucht hat, mich umzubringen!� sagte er. �Er hat -�</p><p>�Dich umbringen?� Die Gestalt in der wei�en Kutte lachte leise. �Du bist ein Narr, Gorrn. Wenn dieser Mann dich h�tte t�ten wollen, h�tte er es l�ngst getan. Dieser Mann ist ein Satai.� Gorrn erstarrte. Seine Augen quollen vor Entsetzen ein St�ck aus den H�hlen. Er �ffnete den Mund, brachte aber nur einen kr�chzenden, halberstickten Laut zustande. Daf�r ging eine erschrockene Bewegung durch die Reihen seiner Krieger. Mehr als ein Dutzend Speere richtete sich auf Skar. Schwerter wurden scharrend aus den Scheiden gezogen. Ein Mann hob einen Bogen und legte mit fliegenden Fingern einen Pfeil auf die Sehne. �Genug!� Die Stimme des Mannes in der wei�en Kutte war wie ein Peitschenhieb, obwohl er noch immer nicht viel lauter sprach als zuvor. Die Waffen, die sich auf Skar gerichtet hatten, senkten sich nicht. Aber die Krieger machten auch keine Anstalten, ihn wirklich anzugreifen. Noch nicht, dachte Skar besorgt. Seine Hand tastete unter dem Mantel nach dem Schwertgriff. �Ein... ein Satai?� stammelte Gorrn. �Er ist -�</p><p>Der Alte seufzte h�rbar. �Ein Satai�, best�tigte er. �Nicht wahr, Skar?�</p><p>Skar nickte. Er war nicht einmal sonderlich erschrocken; ganz im Gegenteil versp�rte er eine fast absurde Erleichterung. Er wollte nicht mehr l�gen. Und er hatte das sehr sichere Gef�hl, da� es wenig genutzt h�tte, es zu versuchen.</p><p>�Es ist wahr�, sagte er ruhig. �Ich bin Satai. Aber trotzdem bin ich -�</p><p>�Ich wei�, was du bist, Skar�, unterbrach ihn der Alte.</p><p>�Ebenso, wie ich wei�, da� du all diese Narren hier h�ttest t�ten k�nnen, wenn du es gewollt h�ttest. Ich danke dir, da� du es nicht getan hast. Wir haben zu wenige Krieger, um auch nur auf Narren wie sie verzichten zu k�nnen.� Er trat einen halben Schritt auf Skar zu, blieb wieder stehen und schlug mit einer raschen Bewegung beider H�nde die Kapuze zur�ck. Darunter kam ein Gesicht zum Vorschein, das ein gutes St�ck j�nger war, als Skar beim Anblick seiner H�nde und dem d�nnen Klang der Greisenstimme erwartet hatte.</p><p>�Ich bin Drask�, sagte der Mann l�chelnd. �Und die Waffe, die du da in der Hand h�ltst, wirst du nicht brauchen. Jedenfalls nicht jetzt. Willkommen, Skar.�</p><p>Skar nahm hastig die Hand vom Griff des <emphasis>Tschekal, </emphasis>schwieg aber weiter. Drasks L�cheln war nicht echt, das sp�rte er. Irgend etwas war <emphasis>falsch </emphasis>an diesem Mann, auf entsetzliche, nicht in Worte zu fassende, aber un�bersehbare Weise <emphasis>falsch. </emphasis>Alles in ihm schien ein einziger Warnschrei zu sein, als er den Mann anstarrte. <emphasis>Was war das? </emphasis>dachte er entsetzt.</p><p>�Du... kennst mich?� fragte er ungl�ubig. �Woher?�</p><p>Drask l�chelte. �Das ist eine lange Geschichte, Skar. Gib dich f�r den Moment damit zufrieden, da� ich wei�, wer du bist - und da� ich nicht dein Feind bin. Du hast lange gebraucht.�</p><p>�Lange?� Skars Verwirrung stieg mit jedem Wort, das er h�rte. �Aber wieso... ich meine, was -�</p><p>Drask unterbrach ihn mit einer milden Handbewegung. �Du kannst es noch nicht verstehen, Skar�, sagte er. �Aber wir haben auf dich gewartet. Sehr lange.� Er seufzte. �Beinahe zu lange.� Skar verstand nun wirklich kein Wort mehr. Er f�hlte sich hilflos wie selten zuvor in seinem Leben. Und noch immer hatte er kein anderes Gef�hl als das der Gefahr, w�hrend er Drask anblickte. Was war das? Wer war dieser alte Mann?</p><p>�Du wirst alles begreifen, Skar�, sagte Drask milde, und pl�tzlich war Skar fast sicher, da� er seine Gedanken las. �Aber nicht jetzt, und nicht hier.� Er deutete zur Festung hinauf. �Du bist mein Gast. Folge mir.�</p></section><section><title><p id="_13">13.</p></title><p>Drask f�hrte ihn zu einem wuchtigen, fensterlosen Turm aus Felsgestein, der den einzigen Zugang zu der Zyklopenfestung �ber dem Flu� darstellte; und wie Skar schon auf den ersten Blick sah, zudem einen, der mit wenigen Handgriffen unpassierbar gemacht werden konnte, denn in seinem Inneren befand sich nicht der Eingang eines Stollens, wie er instinktiv angenommen hatte, sondern ein lotrechter Schacht mit W�nden, die so glatt waren, als best�nden sie aus poliertem Glas. Sein Grund lag im Dunkeln, so da� Skar nicht erkennen konnte, wie tief er war; aber er sp�rte die Feuchtigkeit und K�lte und h�rte das Dr�hnen tobenden Wassers. Ein sehr schmaler, an d�nnen silberfarbenen Ketten aufgeh�ngter Steg f�hrte �ber diesen Schlund, und Skar war sehr sicher, da� es irgendwo �ber seinem Kopf einen verborgenen Mechanismus gab, mit dem man diesen Steg entweder einziehen oder schlichtweg in die Tiefe st�rzen lassen konnte. �Wer hat das alles hier gebaut?� fragte er, w�hrend er Drask �ber den schwankenden Steg folgte.</p><p>Der Alte sah �ber die Schulter zur�ck und l�chelte. �Gef�llt es dir?� fragte er.</p><p>�Nein�, antwortete Skar. �Es ist zum T�ten gemacht. So etwas gef�llt mir nicht. Aber es ist eine gute Anlage. Obwohl -�</p><p>�Obwohl?� fragte Drask, als Skar nicht weitersprach.</p><p>Skar l�chelte fl�chtig. �Mich w�rde es nicht aufhalten. Nicht lange, jedenfalls.�</p><p>Drask nickte anerkennend. �Aus dir spricht der Krieger�, sagte er. �Aber du hast nat�rlich recht - wenn die Quorrl Gorrns Krieger �berrennen sollten, wird sie auch das hier nicht mehr lange aufhalten. Doch das mu� es auch nicht. Wir haben andere Mittel, uns zur Wehr zu setzen.�</p><p>�Andere Mittel?�</p><p>Drask l�chelte und schwieg. Skar begriff, da� er von ihm nicht mehr erfahren w�rde, wenigstens nicht hier und nicht jetzt. Und das Gef�hl des Unwohlseins, das Drasks N�he ihm vermittelte, wurde immer st�rker. Skar versuchte vergeblich, sich einzureden, da� er nichts zu bef�rchten hatte. H�tte Drask ihn umbringen wollen, so h�tte ein Wort an Gorrn und seine M�nner gereicht.</p><p>Aber vielleicht gab es Schlimmeres als den Tod...</p><p>Der Steg endete vor einer niedrigen, sehr massiven T�r aus schmucklosem schwarzem Eisen, die wie von Geisterhand bewegt aufschwang, als Drask eine Handbewegung machte. Dahinter begann ein knapp f�nf Fu� hoher, unbeleuchteter Gang, der so schmal war, da� Skar beim Gehen die W�nde rechts und links ber�hrte. Trotz des kaum vorhandenen Lichtes sah er die handgro�en �ffnungen, die in regelm��igen Abst�nden in der Decke und den W�nden g�hnten. Zweifellos konnte der Stollen mit Wasser oder kochendem �l geflutet werden, sollte es einem Angreifer gelingen, in ihn einzudringen. Und trotzdem...</p><p>�Ist dies der einzige Zugang zur Festung?� fragte er.</p><p>Drask nickte. �Von hier aus, ja. Es gibt noch einen anderen Weg, aber der ist beinahe noch besser gesch�tzt. Die Quorrl werden sich etwas einfallen lassen m�ssen, wenn sie die Burg st�rmen wollen.�</p><p>�Wer sagt dir, das sie das tun?�</p><p>Drask lachte leise. Es klang nicht sehr am�siert, und der enge Gang verzerrte seine Stimme fast bis zur Unkenntlichkeit, machte ein schrilles, hohl widerhallendes Meckern daraus, das Skar einen eisigen Schauer �ber den R�cken jagte. �Ich wei� es�, sagte er. �Sie ziehen ihre Krieger zusammen, Skar, nicht einmal hundert Meilen von hier. Sobald der Winter vor�ber ist, werden sie kommen. Dieser Flu� ist das Tor nach Bayfour. Sie m�ssen ihn haben. Aber genug jetzt - wir haben sp�ter Zeit zum Reden. Komm.� Er ging schneller. Sie erreichten eine Treppe, die in engen Windungen wie ein Schneckenhaus in einem senkrechten Schacht nach oben f�hrte und ganz aus Holz erbaut war, wohl, um sie im Notfall anz�nden zu k�nnen, und dann standen sie pl�tzlich wieder im hellen Licht der Nachmittagssonne.</p><p>Skar blinzelte, um seinen noch an die Dunkelheit gew�hnten Augen Zeit zu geben, sich auf die ungewohnte Helligkeit umzustellen. Im ersten Moment sah er nichts als flache schwarze Schatten, aber sein Blick kl�rte sich �berraschend schnell. Und was er sah, lie� ihn erstaunt den Atem anhalten.</p><p>Der Stollen m�ndete in der Flanke des Berges, aus dem die Festung zum Gro�teil herausgemei�elt worden war, so da� sie nicht auf dem Burghof, sondern auf einem schmalen Sims in halber H�he der gigantischen Anlage herausgekommen waren. Skar konnte die Festung von hier aus zum allergr��ten Teil �berblicken - und es war wirklich eine <emphasis>Festung! </emphasis>Wenn er jemals ein Bauwerk gesehen hatte, das diesen Namen verdiente, dann das hier. Ihre Mauern waren sehr viel h�her, als es von unten betrachtet ausgesehen hatte - Skar sch�tzte ihre niedrigste Stelle auf gute zweihundert Fu�, �ber die sich drei gigantische schwarze T�rme noch einmal um gut das Dreifache erhoben. Nicht einmal Elay mit seinen jahrtausendealten Wehrmauern hatte ihm einen solchen Eindruck von Macht und Wehrhaftigkeit vermittelt. Und es war etwas Finsteres an dieser Burg, etwas, das nicht in Worte zu fassen war, das er aber �berdeutlich sp�rte, wie einen unangenehmen Geruch, den er nicht definieren konnte. Er schauderte. �Wer... hat diese Festung erbaut?� fragte er stockend.</p><p>�Wir�, antwortete Drask. Wie Skar war er stehengeblieben, wenn auch nicht, um die Festung in Augenschein zu nehmen, sondern nur, um ihm die n�tige Zeit zu geben, den Eindruck geb�hrend zu verarbeiten. Skar war pl�tzlich sicher, da� der Alte ihn aus keinem anderen Grund als diesem hier heraufgef�hrt hatte. �Gef�llt dir, was du siehst?�</p><p>�Sie ist... gigantisch�, antwortete Skar m�hsam.</p><p>�Ich wei߫, antwortete Drask. �Und trotzdem wird sie fallen, wenn kein Wunder geschieht.�</p><p>�Fallen?� Skar �chzte. �Nicht einmal die Quorrl -�</p><p>�- k�nnen diese Festung st�rmen, ich wei߫, unterbrach ihn Drask. �Aber es sind auch nicht die Quorrl, die wir f�rchten, Skar.� Er schwieg einen Moment, fuhr sich mit der Hand �ber das Kinn und sprach mit sehr leiser und irgendwie trauriger Stimme weiter. �W�ren es nur die Quorrl, deren Angriff wir erwarten, so w�rde ich keinen Gedanken an sie verschwenden. Nicht eine Million Quorrl k�nnten diese Mauern erst�rmen.� Skar hielt das f�r etwas �bertrieben, aber er hatte das Gef�hl, da� der Alte mit diesen Worten ohnehin nur auf etwas Bestimmtes hinarbeiten wollte, und so schwieg er.</p><p>�Es gibt eine Macht auf Enwor, der wir nicht gewachsen sind�, fuhr Drask nach einer Weile fort.</p><p>Skar sah ihn ernst an. �Und wer?�</p><p>Drask antwortete nicht direkt, sondern drehte sich halb um seine Achse, machte eine sonderbare, flatternde Bewegung mit der Hand und sah wieder zu Skar auf. �Sag mir, Skar�, begann er, �k�nntest du diese Mauern st�rmen?�</p><p>�Ich?� Skar blinzelte verwirrt. �Aber-�</p><p>�Nicht du allein, nat�rlich�, unterbrach ihn Drask mit einem raschen, verzeihenden L�cheln. �Aber gesetzt den Fall, du st�ndest dort unten, in Orkala, an der Spitze eines Heeres aus M�nnern wie dir...�</p><p>�Satai?� echote Skar ungl�ubig.</p><p>�Satai�, best�tigte Drask ruhig. �Deine Br�der, Skar. Wir f�rchten nicht die Quorrl. Sie sind dumm. Was wir f�rchten, sind die Satai. Sie sammeln sich.�</p><p>�Aber das... das ist unm�glich!� widersprach Skar automatisch. �Das kann nicht sein! Nicht, wenn...�</p><p>�Wenn was?� fragte Drask scharf. �Warum sprichst du nicht weiter? Was f�rchtest du, Skar? Die Wahrheit? Oder hast du nur Angst, pl�tzlich festzustellen, da� du auf der falschen Seite gestanden hast, bisher?�</p><p>Skar schwieg.</p><p>�Ist es so?� fuhr Drask fort. �Hast du dich get�uscht? Stehst du auf der falschen Seite?�</p><p>�Ich wei� ja nicht einmal, welche Seite die richtige ist�, murmelte Skar.</p><p>�Aber du hast dar�ber nachgedacht�, beharrte Drask. �Seit dem Abend, an dem du den Satai get�tet hast, qu�lt dich diese Frage.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Skar die wahre Bedeutung von Drasks Worten begriff. Dann versteifte er sich. �Woher wei�t du das?� fragte er scharf.</p><p>Drask l�chelte. �Ich lese deine Gedanken, Satai�, sagte er ruhig.</p><p>�Du -� Skar brach mitten im Wort ab, starrte den Alten aus ungl�ubig geweiteten Augen an und wich ganz instinktiv zwei, drei Schritte von ihm zur�ck, bis sein R�cken gegen den rauhen Fels stie�. Seine Hand senkte sich auf den Schwertgriff.</p><p>Drask sch�ttelte beinahe unmerklich den Kopf. �Tu es nicht, Skar�, sagte er. �Ich bin ein alter Mann und du ein Satai, und trotzdem k�nnte ich dich vernichten, mit einer einzigen Bewegung meiner Hand. Aber ich bin nicht dein Feind.�</p><p>�Wer... wer bist du?� stammelte Skar. Es fiel ihm schwer, auch nur zu sprechen. Der Alte las seine Gedanken! Er wu�te... alles!</p><p>�Nicht alles�, korrigierte ihn Drask ruhig. �Nur manches. Nur das, was an der Oberfl�che liegt. Und auch nur dann, wenn du dich nicht wehrst.� Er l�chelte d�nn. �Du siehst, ich vertraue dir, Skar.� Pl�tzlich wurde seine Stimme hart. �Du hast meine Frage noch nicht beantwortet, Satai�, fuhr er fort, mit vollkommen ver�nderter, fordernder Betonung. �Auf welcher Seite stehst du? Auf unserer? Oder auf der deiner Br�der?�</p><p>Skar h�tte nicht einmal dann antworten k�nnen, wenn er es gewollt h�tte. Er war verwirrt, durcheinander wie nie zuvor in seinem Leben, und gleichzeitig f�hlte er ein tiefes, fast k�rperlich schmerzendes Entsetzen. <emphasis>Der Alte liest seine Gedanken!</emphasis> �Ich verstehe�, sagte Drask pl�tzlich. �Du bist verwirrt. Du traust mir nicht - und wie k�nntest du auch? Und du f�rchtest mich. Aber das eine ist so unbegr�ndet wie das andere, glaube mir. Ich stehe auf deiner Seite. Wenn du auf unserer stehst.�</p><p>�Was... was meinst du damit?� stammelte Skar. �Wieso -� Drask unterbrach ihn mit einer herrischen Geste. �Vielleicht verlange ich zuviel von dir, Skar�, sagte er. �Du bist verwirrt, und da ist so vieles, was du nicht wei�t. Du sehnst dich nach dem Tod. Dabei ist es so wichtig, da� du lebst.�</p><p>�Unsinn�, widersprach Skar, aber wieder unterbrach ihn Drask mit einer raschen, befehlenden Bewegung.</p><p>�O doch�, behauptete er. �Du hast ihn ber�hrt, Skar. Was die Gesichtslosen Prediger mit dir getan haben, war ein St�ck davon. Du hast den gro�en Schlaf gesp�rt, und etwas in dir sehnt sich danach zur�ck.� Er l�chelte. �Du wei�t es nicht, und w��test du es, w�rdest du es nicht zugeben - aber du hast den Tod gesucht, als du losgeritten bist, um Trash zu stellen. So wie vorhin, als du Gorrn herausgefordert hast. Aber dieser Ausweg ist dir verwehrt. Es w�re Flucht, und du bist noch nie vor etwas davongelaufen. Au�er vor dir selbst. Aber das ist etwas, was wir alle versuchen, irgendwann einmal. Niemandem ist es bisher gelungen. Auf welcher Seite wirst du stehen, Skar?�</p><p>Skar antwortete nicht. Er verstand nicht einmal, was der Alte meinte.</p><p>�Gut�, sagte Drask, der die Antwort offensichtlich in seinen Gedanken gelesen hatte. �Dann la� mich die Frage anders stellen - w��test du, da� du dich get�uscht hast, da� du in Wahrheit nicht hierher, sondern zu deinen Br�dern nach Orkala geh�rtest, da� sie im Recht und wir die Feinde in diesem Krieg sind...� Sein Blick wurde lauernd. �H�ttest du Enwass und Syrr trotzdem geholfen?�</p><p>�Nat�rlich�, antwortete Skar. �Sie -�</p><p>�Mehr wollte ich nicht wissen�, sagte Drask. Seine penetrante Art, Skar niemals zu Ende sprechen zu lassen, begann ihn zu reizen. Aber vielleicht war das ganz nat�rlich f�r jemanden, der die Antwort auf eine gestellte Frage immer schon kannte, ehe sie laut ausgesprochen werden konnte.</p><p>Drask l�chelte, und Skar begriff, da� er auch diesen Gedanken gelesen hatte.</p><p>�Das ist wahr�, sagte Drask. �Aber keine Sorge - ich werde es nicht zu einer schlechten Angewohnheit werden lassen. Es ist m�hsam, die Gedanken eines anderen zu lesen, und entw�rdigend; f�r beide. Aber es war wichtig.�</p><p>�So?� fragte Skar mi�trauisch. �Warum?�</p><p>�Weil viel von deinen Antworten abhing, Skar�, erwiderte Drask. �F�r dich, f�r mich - aber auch f�r uns alle. Vielleicht das Schicksal dieser Welt.�</p><p><emphasis>Das Schicksal dieser Welt... </emphasis>Skar schauderte. Aus dem Munde jedes anderen h�tten diese Worte l�cherlich geklungen. So, wie Drask sie aussprach, lie�en sie ihn pl�tzlich frieren. Und wie ein b�ses, h�hnisches Echo auf die Worte Drasks h�rte er noch einmal, was Trash gesagt hatte, als er starb: <emphasis>Sie sind wieder da, Skar!</emphasis> Sein Blick l�ste sich von Skars Gesicht, glitt �ber die zyklopischen Mauern der Festung, �ber die T�rme und Wehrg�nge, die winzigen Gestalten der Posten, die hoch �ber dem Flu� patrouillierten, die Berge auf der anderen Seite des tosenden Wasserstromes und schlie�lich in den Himmel hinauf. Und pl�tzlich begriff er, da� er l�nger geschlafen hatte, als er bisher auch nur ahnte. Viel, viel l�nger.</p><p>�Was ist hier geschehen?� fl�sterte er.</p><p>�Sie sind zur�ckgekehrt, Skar�, sagte Drask leise. �Die G�tter, die diese Welt einst beherrschten, sind zur�ckgekehrt. Und sie wollen wiederhaben, was ihnen einmal geh�rte.�</p><p>�Zur�ck?� murmelte Skar. Ein eisiger, ungl�ubiger Schrecken griff wie eine Klaue aus Glas nach seinem Herzen. Drasks Worte h�tten ihn nicht so erschrecken d�rfen; nicht einmal �berraschen. Aber sie taten es.</p><p>Drask nickte ernst. �Folge mir�, sagte er. �Ich werde dir alles erz�hlen.�</p></section><section><title><p id="_14">14.</p></title><p>�Es begann vor f�nf Jahren�, begann Drask, �vielleicht schon eher, ohne da� jemand es auch nur ahnte. Wahrscheinlich sogar, denn gro�e Dinge brauchen Zeit, sich vorzubereiten.�</p><p><emphasis>F�nf Jahre? </emphasis>Skar hatte M�he, sich seinen Schrecken nicht anmerken zu lassen. Drask legte eine kleine Pause ein und sah ihn scharf an; offensichtlich wartete er auf eine ganz bestimmte Reaktion, vielleicht auch nur auf eine Frage. Aber Skar war noch immer viel zu best�rzt, um auch nur einen klaren Gedanken fassen zu k�nnen. <emphasis>F�nf Jahre!</emphasis></p><p>Schlie�lich fuhr der Alte fort: �Die Zeichen waren klar genug, Skar, aber niemand vermochte sie zu deuten; nicht, bevor es zu sp�t war. Es gab Plagen: Seuchen, D�rrezeiten, dann wieder �berschwemmungen, aber niemand begriff, da� all dies nur ein Teil des gro�en Planes war.� Er lachte bitter. �Und wie konnten wir auch? Niemand konnte mit der Existenz eines Gegners rechnen, von dem wir bisher nicht einmal wu�ten, da� es ihn gibt!�</p><p>�Die Quorrl?� fragte Skar.</p><p>Drask nickte. �Zu Anfang, ja. Aber was besagte das schon? Sie sind tausend Mal �ber die Grenzen ihrer L�nder gekommen, und wir haben sie tausend Mal zur�ckgeschlagen. Aber dieses Mal waren sie nicht allein.�</p><p>�Die <emphasis>Daij-Djan�, </emphasis>murmelte Skar, aber Drask sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein�, sagte er. �Sie sind nur Werkzeuge. Entsetzliche Werkzeuge, aber nicht mehr. Keiner von uns kennt bis jetzt den wahren Feind.� Er schwieg, griff mit bed�chtigen Bewegungen nach dem Becher mit Wein, den ein Diener ihm und Skar gebracht hatte, und nahm ihn auf, ohne jedoch zu trinken. �Ich hatte gehofft, da� du uns sagen k�nntest, wer es ist.�</p><p>�Ich?� Skar schrie fast. �Aber wieso...?�</p><p>�Weil du der letzte bist�, fiel ihm Drask ins Wort. �Der letzte von denen, die damals dabei waren. Du...� Er stockte, nippte an seinem Wein und l�chelte fl�chtig. �Verzeih, wenn ich dich schon wieder unterbrochen habe. Ich f�rchte, ich verlange zu viel von dir.�</p><p>Skar begriff nur allm�hlich, was Drask wirklich hatte sagen wollen. Und als er es tat, packte ihn eine Mischung aus Zorn und eisigem Entsetzen. �Weil ich es war, der sie geweckt hat, willst du sagen�, fauchte er.</p><p>Drask nickte. �Ja. Aber es war nicht deine Schuld. Es war Vela, die den Weg fand, es zu tun, und du, der das Siegel erbrochen hat.� Er lachte, leise und ohne die mindeste Spur von Humor. �Du hast mehr getan, als einen wertvollen Stein zu stehlen, als du in Combat warst, Satai. Aber du konntest es nicht wissen.� Er seufzte. �Ich glaube, nicht einmal Vela wu�te es. Ihr wart nur Werkzeuge. H�ttet ihr es nicht getan, w�ren andere gekommen.�</p><p>�Andere?�</p><p>Drask nickte heftig. �Nat�rlich. Hast du vergessen, was Vela dir erz�hlt hat? Ihr wart nicht die ersten, die versucht haben, das Geheimnis Combats zu l�sen. Vor euch haben Hunderte es versucht; Narren und Abenteurer, aber auch gute M�nner wie du.�</p><p>�Ja�, sagte Skar bitter. �Aber keinem von ihnen ist es gelungen. Nur uns.�</p><p>�Trotzdem trifft dich keine Schuld�, behauptete der Alte. �W�rst du verbrannt, wie all die anderen, die vor dir nach Combat gingen, so w�re ein anderer gekommen, und wieder einer, und wieder, und wieder - so lange, bis das Siegel erbrochen w�re. Es war nur eine Frage der Zeit.� Er stellte seinen Becher mit einem Ruck auf den Tisch zur�ck, stand auf und ging mit gemessenen Schritten zum Fenster. Als er weitersprach, sah er Skar nicht mehr an, sondern blickte auf den Hof hinab, der fast dreihundert Fu� unter ihnen lag, denn die Kammer, in die er Skar gef�hrt hatte, lag direkt unter der Spitze des h�chsten der drei T�rme. �Ja�, fuhr er fort. �Ich glaube, es war so. Sie waren Millionen von Jahren eingekerkert, und es verging kein Tag in all dieser Zeit, in der sie nicht danach trachteten, ihr Gef�ngnis zu verlassen.�</p><p>�Sie?� fragte Skar. �Wer?�</p><p>�Die Alten�, antwortete Drask, ohne sich zu ihm herumzudrehen. �Die Sternengeborenen. Die Wesen, gegen die unsere Vorfahren einst k�mpften.�</p><p>�Aber sie wurden vernichtet!� widersprach Skar.</p><p>�Ihre K�rper, vielleicht�, antwortete Drask. �Nicht ihr Geist. Sie waren G�tter, Skar, und G�tter sterben nicht. Unsere Vorfahren schlugen sie, auch wenn es um den Preis ihrer Welt war. Sie zerst�rten ihre K�rper, und was sie nicht vernichten konnten, das banden sie mit unsichtbaren Fesseln der Magie. Und Combat war der Schl�ssel.�</p><p>Skar schlo� mit einem lautlosen St�hnen die Augen. Drasks Geschichte klang phantastisch, im negativsten Sinne, den dieses Wort nur haben konnte, und trotzdem wu�te er, da� sie wahr war. Drask stellte vielleicht nur Vermutungen an, zog Schl�sse aus Dingen, die Skar noch verschlossen waren, aber er <emphasis>wu�te, </emphasis>da� es so war. Vela selbst hatte ihm die Geschichte der Alten erz�hlt, der Herrscher dieser Welt, die m�chtig genug gewesen waren, zu den Sternen zu fliegen, und ihrer Feinde, der Sternengeborenen, G�tter aus den Tiefen des Alls, die gekommen waren, um diese Welt zu erobern. Drasks Worte waren nur der letzte Stein, der noch gefehlt hatte, das Puzzle zu einem Bild zu vollenden.</p><p>Combat, dachte er bitter. Die brennende Stadt, die letzte Festung der Alten... Sie war der Schl�ssel gewesen. Der Eingang zum magischen Kerker der Sterneng�tter, versiegelt von M�chten, die er sich nicht einmal vorzustellen wagte, vor Millionen von Jahren. Und er hatte ihn erbrochen. Er hatte das Tor auf gesto�en, durch das der Tod zum zweiten Male Einzug auf Enwor gehalten hatte...</p><p>�Es war nicht deine Schuld�, sagte Drask noch einmal. Vielleicht hatte er wieder Skars Gedanken gelesen, vielleicht hatte er sie auch nur erraten, was in diesem Augenblick sicherlich nicht schwer war. �Nicht einmal die Velas. Ihr wart nur ahnungslose Werkzeuge einer Macht, die �lter ist als diese Welt. Es w�re nicht geschehen, h�tten wir damals schon gewu�t, was wir heute wissen.� Er seufzte, drehte sich nun doch zu Skar herum und sah ihn Beinahe traurig an. �Es war alles geplant, Skar�, fuhr er fort. �Velas vergeblicher Versuch, die Macht �ber Elay an sich zu rei�en, eure Begegnung mit dem Dronte, die Erweckung des <emphasis>Daij-Djan... </emphasis>Nichts von alledem war Zufall. Nicht einmal deine Reise zu den Gesichtlosen Predigern. Dies alles galt nur einem einzigen Zweck.�</p><p>�Und... welchem?� fragte Skar. Er wu�te die Antwort. Aber er hatte Angst, sie aus Drasks Mund zu h�ren. Entsetzliche Angst.</p><p>�Das Kind�, sagte Drask ruhig. �Dein Sohn, Skar. Es ging von Anfang an nur um ihn. Nicht um dich oder Elay oder Vela.� Skar starrte an dem Alten vorbei gegen die Wand, aber er sah nicht den nachtschwarzen Stein oder die Schatten, die dar�ber krochen. �Das Kind...�</p><p>�Sie sind geduldig�, sagte Drask leise. �Sie sind es gewohnt, in Jahrtausenden zu denken, wie wir in Wochen. Sie haben gewartet, Skar, vielleicht seit zehntausend Jahren. Auf einen Mann wie dich, der das Erbe der Alten in sich tr�gt. Aber du warst zu alt, als Vela dich fand. Zu stark. Nicht einmal ihnen w�re es gelungen, dich auf ihre Seite zu zwingen, ohne da� dein Geist daran zerbrochen w�re. Sie brauchten einen Geist, der noch ungeformt war. Ein Instrument der Macht, das sie nach Belieben formen konnten. Der Schl�ssel zu ihrer Freiheit war das Kind. Sie haben es bekommen. Nichts war Zufall, Skar, auch nicht der Tod des <emphasis>Daij-Djan.�</emphasis></p><p>Er sprach nicht weiter, aber das war auch nicht notwendig. So vieles, was bisher keinen Sinn gemacht hatte, war pl�tzlich klar, so viel Unerkl�rliches auf entsetzliche Weise logisch und einfach ... Skar mu�te sich mit aller Macht beherrschen, um nicht aufzuschreien. Was f�r ein Narr war er doch gewesen! Er hatte geglaubt, den <emphasis>Daij-Djan </emphasis>besiegt zu haben, damals auf der Insel am Ende der Welt, aber es war genau umgekehrt. Es war sein Tod gewesen, der das Werkzeug vollendet hatte. Der Ha�, der entsetzliche, unbeschreibliche Ha�, den die Sternenbestie verstr�mt hatte, das Echo seines Todes, das Rasen des Dronte, ihre eigene Angst... Das Kind mu�te all dies aufgesogen haben wie ein Schwamm. Es war gerade geboren, neu, ein Buch, dessen Seiten noch unbeschrieben waren, und sie hatten sie mit Blut und Furcht und Ha� gef�llt.</p><p>�Und... die Prediger...�</p><p>Drask las wieder seine Gedanken, denn er beantwortete die Frage, ehe Skar sie ganz stellen konnte: �Haben zu Ende gef�hrt, was Kiina und du begonnen haben, ohne es zu wissen. Es war eine Falle, Skar, lange und klug genug vorbereitet, selbst die <emphasis>Errish </emphasis>zu t�uschen. Seit tausend Jahren lebten sie in ihren Bergen und tun Gutes. Aber in Wahrheit haben sie gewartet. Auf dich.� Skar legte die H�nde gegen das Gesicht, schlo� die Augen und pre�te die Kiefer so fest zusammen, da� es weh tat. Drask stie� einen halblauten, unterdr�ckten Schmerzlaut aus, und als Skar die Augen �ffnete, sah er, da� er die Hand ans Kinn gehoben hatte. Er begriff, da� der Alte nicht nur seine Gedanken las, sondern auch seinen Schmerz f�hlte.</p><p>�Verzeih�, murmelte er.</p><p>Drask l�chelte gezwungen. �Das macht nichts. Ich bin es, der sich entschuldigen sollte. Ich hatte versprochen, es nicht mehr zu tun.� Er l�chelte verlegen.</p><p>�Sprich weiter�, sagte Skar.</p><p>Drask seufzte. �Es gibt nicht mehr viel�, sagte er. �Die Gesichtslosen Prediger nahmen das Kind, das du ihnen gebracht hast, und vollendeten das Werk. Niemand wu�te es.�</p><p>�Wie lange... ?� Etwas in Skar str�ubte sich. Er mu�te all seine Kraft aufwenden, um weiter zu sprechen. �Wie lange ist das her?�</p><p>Drask blickte ihn durchdringend an, kam n�her und blieb erst auf Armesl�nge vor ihm stehen. �Willst du das wirklich wissen?� fragte er.</p><p>Skar nickte. Allein Drasks Reaktion verriet ihm, da� die Antwort ihn erschrecken w�rde. Aber er mu�te es wissen, wenn er nicht den Verstand verlieren sollte. �Ja.�</p><p>�Achtzehn Jahre, Skar�, sagte Drask leise. �Wenn dein Sohn noch lebt, so ist er jetzt achtzehn Jahre alt.�</p><p>Das Entsetzen, auf das Skar wartete, kam nicht. Vielleicht war die Vorstellung einfach zu gewaltig, als da� er sie jetzt schon verarbeiten konnte. Vielleicht wehrte sich auch nur etwas in ihm, es zu begreifen. Er f�hlte sich... leer. �Wenn er noch lebt?�</p><p>Drask zuckte die Achseln. �Wir wissen es nicht. Wir wissen so wenig, Skar. Wir wissen, da� sie ihn nahmen und ein Jahr in ihrem Tempel behielten. Danach wurde er fortgebracht; wohin, wei� niemand. Vielleicht lebt er noch irgendwo. Vielleicht hat er seinen Zweck erf�llt und ist gestorben oder wurde get�tet. Obwohl ich pers�nlich nicht daran glaube.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Deinetwegen�, antwortete Drask. �Dein Erwachen mu� einen Sinn haben, Skar. Es hatte einen Grund, da� sie dich nicht t�teten, sondern nur in Schlaf versetzten, und es mu� einen Grund haben, da� sie dich erwachen lie�en.�</p><p>�Vielleicht haben sie einfach das Interesse an mir verloren�, murmelte Skar. �Ich habe getan, was sie wollten.�</p><p>�Nein.� Drask klang sehr sicher. �W�re es so, h�tten sie dich get�tet. Und da ist noch der <emphasis>Daij-Djan, </emphasis>vergi� das nicht.� Er sch�ttelte nachdenklich den Kopf, ging zu seinem Stuhl zur�ck und lie� sich schwer hineinfallen. �Ich habe lange dar�ber nachgedacht, warum er dich besch�tzt haben k�nnte, und es scheint mir nur einen einzigen vern�nftigen Grund daf�r zu geben. Sie brauchen dich. Da ist etwas, was noch getan werden mu�, und was nur du tun kannst.�</p><p>�Besch�tzt?� wiederholte Skar verwirrt. �Aber die Quorrl und Trash -�</p><p>�Trash war ein Narr�, unterbrach ihn Drask. �Er war der Anf�hrer der Quorrl, die Denwar besetzten, aber nichtsdestoweniger ein Narr. Er h�tte dich get�tet und damit vielleicht alles zunichte gemacht.�</p><p>Skar sp�rte einen eisigen Schauer von Furcht, als ihm die ganze Konsequenz von Drasks Worten zu Bewu�tsein kam. �Dann... dann glaubst du, er k�nnte auch hier...�</p><p>�Auch hier auftauchen?� Drask nickte. Er wirkte beinahe fr�hlich. �Nicht, solange du nicht in Gefahr bist, Skar. Aber ich bin beinahe sicher, da� er erscheinen w�rde, w�rde ich jetzt ein Schwert nehmen und dich angreifen. Du hast einen Schutzengel, Skar, auch wenn es dir nicht gef�llt.�</p><p>�Aber warum?� sagte Skar fassungslos.</p><p>Drask hob mit einem h�rbaren Seufzer die Schultern. �Ich wei� es nicht - und es ist nur eine Vermutung von mir, vergi� das nicht. Vielleicht ist alles ja ganz anders. Alles, was ich wei�, ist, da� es einen Grund f�r dein Hiersein geben mu�. Und ich werde ihn herausfinden. Es h�ngt viel davon ab. Ich sp�re es.�</p><p>Er sprach nicht weiter, und auch Skar schwieg. Aber pl�tzlich hatte er Angst, sich herumzudrehen und die Schatten anzublicken, die neben der T�r kauerten.</p><p>�Sprich... weiter�, sagte er stockend. �Die Quorrl - was geschah nach ihrem Angriff?� Es interessierte ihn nicht wirklich. Bei dem Sturm von Gef�hlen und durcheinanderwirbelnden Gedanken, der hinter seiner Stirn tobte, w�rde er wahrscheinlich nicht einmal wirklich verstehen, was Drask ihm erz�hlte. Aber er hatte pl�tzlich Angst, den Verstand zu verlieren, wenn er nicht sofort eine menschliche Stimme h�rte, und Drask schien das zu sp�ren, denn er fuhr beinahe augenblicklich fort: �Sie wurden zur�ckgeschlagen, wie immer. Jedenfalls zuerst.�</p><p>�Und sp�ter?�</p><p>�Niemand wei�, was wirklich geschah, aber die Verluste stiegen pl�tzlich. Kohon fiel, und der Herzog von Kohon-West wandte sich an die Satai um Hilfe.�</p><p>Skar sah auf. Sein Herz begann ein wenig schneller zu schlagen. Gebannt starrte er Drask an.</p><p>�Die Antwort kam schnell�, fuhr Drask fort. Seine Stimme wurde bitter. Ein Ausdruck stummer Wut trat in seine Augen. �Der Rat der Satai lehnte es ab, sich in den Krieg einzumischen. Aber keine vier Wochen sp�ter landeten Schiffe in Endor und Gork, Schiffe mit Satai-Truppen an Bord. Es kam so �berraschend, da� Tage vergingen, bis auch nur so etwas wie Widerstand aufflammen konnte.�</p><p><emphasis>�Satai-Truppen?� </emphasis>wiederholte Skar verst�rt. �Aber es gibt keine Satai-Heere!�</p><p>.�Jetzt schon�, erwiderte Drask zornig. �Oder wie willst du eine Truppe von dreitausend Satai nennen? Sie griffen Ikne an, und jede Stadt, die auf dem Weg dorthin lag. Dann schleiften sie Bel-Ishtar, schifften sich auf dem Besh ein und fuhren den Flu� hinauf bis nach Cosh.�</p><p><emphasis>Cosh! </emphasis>Skar erstarrte. Die S�mpfe! <emphasis>DEL!</emphasis></p><p>Aber schon Drasks n�chste Worte machten den schwachen Hoffnungsschimmer wieder zunichte, der in ihm aufgeflammt war. �Die Sumpfleute waren die n�chsten�, fuhr er fort und gab damit die Antwort auf eine Frage, die er noch gar nicht gestellt hatte. �Ganz Enwor wartete auf die entscheidende Schlacht zwischen den Sumpfleuten und den Satai, aber sie kam nicht. Statt dessen schlossen sich die Sumpfleute deinen Br�dern an.� Seine Augen flammten vor Zorn. Er ballte die Faust, starrte Skar einen Moment fast ha�erf�llt an und holte h�rbar Luft. �Und dann die Veden�, f�gte er hinzu. �Sie waren die letzten. Anchor und die anderen St�dte an der Westk�ste fielen noch im gleichen Jahr unter ihrem Ansturm.� Er lachte bitter. �Du siehst - sie haben keinen ausgelassen. Die Satai, die Sumpfleute, die Veden...�</p><p>�Alle, die dabei waren�, murmelte Skar.</p><p>�Alle�, best�tigte Drask. �Ihr habt es ihnen leicht genug gemacht, Skar. Kiina und du haben Enwors geballte Macht gegen den Dronte gef�hrt. Er brauchte sie sich nur noch zu nehmen.�</p><p>�Bis auf die Errish.�</p><p>�Vielleicht�, sagte Drask. �Niemand wei�, was mit Elay geschah. Seit jenem Sommer wurde keine Ehrw�rdige Frau mehr gesehen. Vielleicht haben sie keine Gewalt �ber sie erlangt, denn die <emphasis>Errish </emphasis>sind selbst so etwas wie Magier, aber dann haben sie sie vernichtet, f�rchte ich.�</p><p>�Das ist nicht gesagt�, widersprach Skar, heftiger, als er sich im ersten Moment selbst erkl�ren konnte. �Das Tal der Drachen ist eine nat�rliche Festung. Sie... sie k�nnen sich gut dort gehalten haben. Niemand kann es erobern.�</p><p>�M�glich.� Drask zuckte die Achseln. Die Bewegung wirkte ungeduldig, als interessiere ihn das Schicksal der Frauen von Elay nicht wirklich. Dann bemerkte er Skars Gesichtsausdruck und f�gte hinzu: �Wollen wir es hoffen. Sie w�ren wertvolle Verb�ndete f�r uns.� Er beugte sich vor, griff nach seinem Becher und zog die Hand wieder zur�ck, ohne getrunken zu haben. �Das ist die Situation, Skar�, sagte er. �Nicht einmal ganze hundert Meilen n�rdlich von hier sammelt sich das gr��te Quorrl-Heer, das Enwor jemals gesehen hat. Bei ihnen sind die Satai, die Veden, die Sumpfleute... Es ist eine Sturmflut, Skar. Und sie wird losbrechen, sobald die Schneeschmelze einsetzt.� Skar versuchte, sich das, was Drask mit Worten ausgedr�ckt hatte, in Bildern vorzustellen. Er konnte es nicht.</p><p>�Diese Festung wird fallen�, murmelte er. �Sie wird fallen�, wiederholte er, als er Drasks zweifelndes Stirnrunzeln sah. �Wenn auch nur die H�lfte von dem stimmt, was du erz�hlt hast, wird sie keine zwei Tage standhalten.�</p><p>�Wir sind gut vorbereitet�, sagte Drask.</p><p>�Vorbereitet?� Skar schnaubte. �Gib mir hundert Satai, Drask, und ich schleife deine famose Festung.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Drask ernst. �Ich... wollte es nicht wahrhaben, bisher, aber du hast recht. Sie wird fallen. Und danach ganz Enwor, wenn kein Wunder geschieht.�</p></section><section><title><p id="_15">15.</p></title><p>Der Abend kam, aber Skar fand keinen Schlaf. Er hatte noch lange mit Drask zusammengesessen, Stunden, in denen sich ihr Gespr�ch immer wieder um die gleichen, unbeantworteten Fragen gedreht hatte, unterbrochen von langen, schmerzhaften Pausen voll lastendem Schweigen. Skar hatte w�hrend dieser Zeit immer mehr den Eindruck gewonnen, da� der Alte ihm l�ngst nicht alles erz�hlt hatte, was er wu�te - wie konnte er auch: es waren <emphasis>achtzehn Jahre </emphasis>vergangen! - aber er war viel zu verst�rt, um in den gewohnten, logischen Bahnen denken zu k�nnen. Er hatte recht gehabt, mit dem ersten Gedanken, als er den Tempel der Gesichtslosen Prediger verlie�: er war nicht mehr in seiner Welt. Dies hier war noch Enwor, aber nicht mehr das Enwor, in dem er geboren worden war.</p><p>Die Vorstellung war entsetzlich, und um so mehr, da Skar sp�rte, da� es die Wahrheit war. Er war in einer fremden Welt, und es spielte keine Rolle, da� es noch immer die war, in der er geboren worden und aufgewachsen war. Alle, die er gekannt hatte, mu�ten l�ngst tot sein. Die alte Ordnung war dahin, nichts war mehr so, wie er es kannte. Die Dinge waren auf den Kopf gestellt, gr�ndlicher und perfider, als er es in seinen schlimmsten Alptr�umen h�tte erwarten k�nnen. Die Satai, Garant f�r Frieden und Gerechtigkeit auf Enwor, waren zu seinen Feinden geworden, Verb�ndete der Quorrl, und als w�re dies allein noch nicht schlimm genug, zusammen mit - Skar zwang sich, den Gedanken nicht zu Ende zu denken. Er hatte das Gef�hl, wahnsinnig zu werden.</p><p>Und es <emphasis>war </emphasis>Wahnsinn. Gro�er Gott, was hatten sie getan? Welche satanische Macht hatten Vela und er aus den Abgr�nden der Zeit heraufbeschworen, ohne es zu wissen, dachte er entsetzt. Die Sternengeborenen - das war eine Legende, zu gr��lich, um auch nur einen Funken Wahrheit zu enthalten.</p><p>Er stand auf. Pl�tzlich hatte er das Gef�hl, nicht mehr atmen zu k�nnen. Die W�nde der kleinen Kammer, die Drask ihm zugewiesen hatte, schienen sich um ihn zusammenzuziehen, ihn zu erdr�cken. Ihn schwindelte. Ein Entsetzen hatte ihn gepackt, das mit Worten nicht mehr zu beschreiben war.</p><p>Mit ein paar raschen Schritten trat er ans Fenster, stie� den schweren h�lzernen Laden so wuchtig auf, da� er drau�en gegen die Wand krachte, und sog beinahe gierig die eisige Nachtluft in die Lungen. In seinem Kopf drehte sich alles, und auch die K�lte, die pl�tzlich ins Zimmer str�mte, �nderte nichts daran. Er ballte die F�uste, schlug sie auf die steinerne Fensterbr�stung und konzentrierte sich auf den dumpfen Schmerz, der durch seine Kn�chel scho�.</p><p>Nur allm�hlich begann sich sein h�mmernder Herzschlag zu beruhigen. Der Raum h�rte auf, sich um ihn herum zu drehen, fast jedenfalls, und die Schatten der Angst krochen in die Ecken und Winkel zur�ck.</p><p>Aber etwas blieb. Skar wu�te nicht, was es war, aber irgend etwas blieb in ihm. Er f�hlte sich noch immer auf die gleiche, schwer in Worte zu fassende Weise unwohl, wie er es in Drasks N�he getan hatte. Aber vielleicht war es gar nicht der Alte gewesen, der ihn so mit Unbehagen erf�llt hatte, sondern etwas anderes, und er hatte das Gef�hl nur auf Drask projiziert, um - Um nicht zuzugeben, da� er in Wahrheit ganz genau wu�te, was es war?</p><p>Skar drehte sich um, blickte aus eng zusammengepre�ten Augen in die Dunkelheit, versuchte die Schatten zu durchdringen, die wie ein lautlos schwebender Vorhang aus Schw�rze vor der T�r und der gegen�berliegenden Wand hingen. War er da? War es nichts als die N�he des <emphasis>Daij-Djan, </emphasis>die er die ganze Zeit sp�rte? Drasks Worte fielen ihm ein, und genau wie in dem Moment, in dem er sie geh�rt hatte, �berlief ihn ein eisiger Schauer. <emphasis>Du hast einen Schutzengel, Skar...</emphasis></p><p>Vielleicht war es so. Aber wenn, dann war es ein schwarzer Cherubin, ein Engel des Todes, der Skar wie ein mordender Schatten �berallhin folgte. War er da? <emphasis>War er hier?!</emphasis></p><p>�Wo bist du?� fl�sterte er. �Zeig dich, du Bestie!�</p><p>Nat�rlich antworteten die Schatten nicht. Die Dunkelheit schwieg, und nur das Echo seiner eigenen Worte kam zur�ck, wie leises, unendlich b�ses Hohngel�chter.</p><p>Aber er sp�rte ihn. Er war hier, vielleicht nicht k�rperlich, aber er war hier. Vielleicht lauerte er in den Schatten, vielleicht... ja, vielleicht war er auch ein Teil von ihm, ein finsteres St�ck seiner Seele, das auf gr��liche Weise Gestalt und K�rper angenommen hatte.</p><p>Und pl�tzlich kam ihm ein Gedanke, der ihn um ein Haar h�tte aufschreien lassen.</p><p>Niemand hatte den <emphasis>Daij-Djan </emphasis>bisher gesehen. Niemand, der dieses Treffen �berlebt h�tte.</p><p>Keiner au�er ihm.</p><p>War es das, was Drask ihm hatte sagen wollen? dachte er. Vielleicht existiert das Ungeheuer gar nicht, war nur eine Ausgeburt seiner Phantasie, eine Chim�re, die sein eigener Geist erschaffen hatte, um ihn vor der Wahrheit zu sch�tzen.</p><p>Vielleicht war <emphasis>er </emphasis>der <emphasis>Daij-Djan. </emphasis></p></section><section><title><p id="_16">16.</p></title><p>Der Gedanke lie� ihn nicht mehr los. Irgendwann im Laufe der Nacht schlief er doch ein, schon aus purer Ersch�pfung, aber es war ein unruhiger, von d�steren Visionen und Alptr�umen heimgesuchter Schlaf, aus dem er ersch�pfter erwachte, als er hineingesunken war.</p><p>Lange vor Sonnenaufgang stand er wieder auf, zog sich an und verlie� seine Kammer. Er war kein Gefangener - Drask hatte ihm nicht nur erlaubt, sondern ihn sogar ausdr�cklich dazu aufgefordert, sich nach Belieben in der Festung umzusehen und auch Vorschl�ge zu machen, sollte ihm eine Schw�che in ihrer Anlage oder eine M�glichkeit zur Verbesserung auffallen.</p><p>Skar nutzte diese Erlaubnis nach Kr�ften aus. L�nger als zwei Stunden lief er durch die weitverzweigten G�nge und Hallen der Burg, begutachtete die Wehrmauern und T�rme, pr�fte den Abschu�winkel der Katapulte, die Ausrichtung der Schie�scharten und die H�he der Brustwehr - tausend Dinge, die vor ihm schon andere getan hatten, viel gr�ndlicher und erfahrener, als er es gekonnt h�tte. Skar glaubte auch nicht wirklich, die Verteidigungsf�higkeit dieser Burg irgendwie verbessern zu k�nnen. Und er war sich auch dar�ber im klaren, da� dies nicht der Sinn von Drasks Worten gewesen war. Er brauchte einfach etwas, um sich abzulenken, und Drask seinerseits wollte wohl erreichen, da� die M�nner in der Burg sich an Skars Anblick gew�hnten.</p><p>Vielleicht war dies das gr��te Problem, und Skar hatte noch nicht einmal wirklich damit begonnen, es zu l�sen: Er war Satai.</p><p>Jedermann hier wu�te das, sp�testens seit seinem Zusammensto� mit Gorrn am vergangenen Tage. Und Skar gab sich jetzt keine M�he mehr, seine Identit�t zu verheimlichen. Er trug <emphasis>Tschekal </emphasis>und Stirnband der Satai ganz offen, und fast bedauerte er jetzt, die Kleider des Satai, den er erschlagen hatte, nicht doch mitgenommen zu haben, denn er h�tte sich im schwarzen Mantel und Brustpanzer seines Clans einfach wohler gef�hlt als in den schweren Pelzen, die Drask ihm bereitgelegt hatte. Aber er sp�rte auch die Angst - und den Ha�! - die ihm entgegenschlugen. Furcht und Angst in den Augen der M�nner, denen er begegnete, und Ha�, sobald sich ihre Blicke voneinander l�sten und sie glaubten, er merke es nicht.</p><p>Das Gef�hl schmerzte, auch wenn er es verstand. Vielleicht gerade deshalb um so mehr.</p><p>Was war aus Enwor geworden? dachte er bitter. Was war aus der Welt geworden, die zu besch�tzen er einst bei seinem Leben geschworen hatte? Was hatten sie getan, da� aus Gut B�se und aus B�se etwas noch Schlimmeres geworden war?</p><p>Zwei Stunden nach Sonnenaufgang traf er auf einen Leibdiener Drasks, der ihn offensichtlich schon eine geraume Weile gesucht hatte, denn er begann zu rufen und hektisch mit den Armen zu wedeln, lange ehe er Skar erreichte, und sein Atem ging sehr schnell. �Drask... w�nscht Euch zu... sprechen, Herr�, keuchte er, als Skar stehenblieb und ihm so Gelegenheit gab, zu ihm aufzuholen. �Bitte kommt. Er... wartet schon eine ganze Weile auf Euch.�</p><p>�So?� Skar l�chelte humorlos. �Warum hat er nicht meine Gedanken gelesen, um herauszufinden, wo ich bin?�</p><p>Der Diener blinzelte irritiert; offensichtlich verstand er nicht, was Skar meinte. Skar machte eine kurze Handbewegung, als er antworten wollte. �Schon gut. Bring mich zu ihm.�</p><p>Der Mann f�hrte ihn zur�ck in die Turmkammer, in der er schon am Tage zuvor mit Drask zusammen gewesen war. Drask selbst war nicht da. Die Fenster standen jetzt weit offen, und im hellen Licht der Vormittagssonne wirkte die halbrunde Kammer um einiges freundlicher - und auch gr��er - als am Vortag. In der Luft hing ein schwacher, s��licher Geruch, wie nach Weihrauch, und Skar sah, da� der Tisch reich gedeckt war - f�r <emphasis>vier </emphasis>Personen. Nat�rlich, dachte er. Drask hatte ihn sicher nicht hierhergebracht, weil er Gesellschaft brauchte. Das kurze Gespr�ch gestern war nur der Auftakt gewesen, und Skar ahnte nur zu gut, was nun kommen w�rde: lange Tage voller endloser Diskussionen, Beratungen und wieder Diskussionen. Drask - wer immer er war - (Skar kam mit einem Gef�hl leiser Verwunderung zu Bewu�tsein, da� er bisher nicht einmal einen Gedanken an diese Frage verschwendet hatte) w�rde sich kaum damit zufrieden geben, sich zu fragen, warum Skar wohl hier war und dann achselzuckend weitermachen, als w�re nichts geschehen. Wahrscheinlich, dachte Skar finster, erwartete er eine Art von Wunder von ihm. Der Gedanke erf�llte ihn mit Zorn. Skar, der Satai, dachte er bitter. Der Retter der Welt. Was sollte er tun? Mit den Fingern schnippen und die Sternengeborenen dorthin zur�ckhexen, wo sie hergekommen waren?</p><p>�Wo ist dein Herr?� fragte er.</p><p>Der Diener fuhr zusammen, blickte Skar einen Moment sichtlich erschrocken an und rettete sich in ein verlegenes L�cheln. �Ich... wei� es nicht, Herr�, sagte er. �Man hat mir nur aufgetragen, Euch zu suchen und herzubringen. Aber er wird kommen�, f�gte er hastig hinzu.</p><p>�Und das da?� Skar deutete auf den reich gedeckten Tisch. �F�r wen ist das?�</p><p>�Ich wei� nicht�, wiederholte der Diener. �Drask pflegt immer gut zu essen. Und... und gerne in Gesellschaft.�</p><p>Ja, dachte Skar finster. Er konnte sich gut vorstellen, was kommen w�rde: Wahrscheinlich w�rde er das Vergn�gen haben, den Vormittag in Gesellschaft irgendwelcher Gener�le oder Heerf�hrer zu verbringen, die ihn bl�de anglotzten und darauf warteten, da� er weise mit dem Kopf nickte und ihnen mit acht oder zehn knappen Worten eine Verteidigungsstrategie unterbreitete, mit der sie die Quorrl innerhalb einer Woche in ihre Eisw�lder zur�cktrieben. Skar hatte pl�tzlich gute Lust, den Tisch umzuwerfen. Aber nat�rlich tat er es nicht.</p><p>�Es ist gut�, sagte er. �Du kannst gehen.�</p><p>Der Diener lief hinaus, noch ehe er ausgesprochen hatte. Skar sp�rte, wie froh er war, aus seiner N�he verschwinden zu k�nnen. Sein Verhalten �rgerte ihn, aber er konnte es verstehen. Er h�tte kaum anders reagiert, an seiner Stelle, h�tte er sich unversehens einem Mann gegen�bergesehen, dessen Br�der seit f�nf Jahren versuchten, die Welt zu erobern.</p><p>Da es im Moment nichts anderes gab, was er tun konnte, setzte er sich, go� sich einen Becher Wein ein und nippte vorsichtig daran. Er war s�� und sehr schwer, und Skar nahm sich vor, nicht zu viel davon zu trinken. Er hatte sich noch l�ngst nicht richtig erholt und mu�te einen klaren Kopf behalten.</p><p>Aber er blieb nicht lange allein. Schon nach wenigen Augenblicken h�rte er Schritte drau�en auf dem Gang, dann wurde die T�r aufgesto�en, und der Diener kam zur�ck. Er war nicht mehr allein. In seiner Begleitung befanden sich Syrr und ihr Bruder. Skar stand auf, musterte die beiden verwirrt und sah den Diener an. �Was -�</p><p>�Drask hat es befohlen, Herr�, sagte der Diener hastig, und eindeutig im Tonfall einer Verteidigung. �Er... er sagte, die beiden hier sollten zu Euch gebracht werden. Er sagte, Ihr w�rdet ihre Gesellschaft sch�tzen.�</p><p>�Das... stimmt�, antwortete Skar automatisch. �Es ist gut. Du kannst gehen.�</p><p>Diesmal lief der Diener fast noch schneller aus dem Raum als beim erstenmal. Skar blickte ihm kopfsch�ttelnd nach, dann wandte er sich an Syrr. �Was ist mit den anderen?� fragte er. �Mit Enwass und seiner Familie? Sind sie in Ordnung?�</p><p>Talin starrte ihn nur wortlos an, w�hrend auf Syrrs Gesicht ein fast verletzter Ausdruck erschien. Wahrscheinlich war sie entt�uscht, da� Skar so wenig Freude �ber ihr unverhofftes Wiedersehen zeigte. Nun - genau das sollte sie schlie�lich sein.</p><p>�Sie... sind gesund�, antwortete sie schlie�lich. �Gorrn hat sie ins Lager bringen lassen, aber Drask selbst hat ihm noch einmal befohlen, sie gut zu behandeln. Ich war dabei.� Und pl�tzlich war ihre Selbstbeherrschung dahin. Mit einem halblauten Schrei st�rmte sie auf Skar zu, warf sich an seine Brust und umklammerte ihn so fest, da� es beinahe weh tat. �Oh, Skar�, schluchzte sie. �Ich bin so froh, dich wiederzusehen. Ich... ich hatte solche Angst, da� sie dir etwas antun!�</p><p>Skar l�ste ihre H�nde mit sanfter Gewalt, schob sie erst auf Armesl�nge von sich und dann auf einen Stuhl. �Mir ist nichts geschehen�, sagte er betont knapp. �Wie du siehst, geht es mir sogar sehr gut. Aber was tut ihr hier?�</p><p>Syrrs Augen wurden gro�. �Aber... aber ich dachte, du...�</p><p>�Ich?� Skar schnaubte. �Ich habe nichts damit zu schaffen. Ich habe dir schon einmal gesagt, da� ich weder dich noch deinen Bruder noch sonst irgendeine Familie brauche!�</p><p>Syrr war verletzt, aber das ber�hrte ihn nicht. Verdammt, er hatte mehr als genug eigene Probleme und weder die Lust noch die Kraft, sich mit einer erst halb erwachsenen Waise und ihrem verhaltensgest�rten Bruder abzugeben. Was dachte sich dieser Drask?!</p><p>�Ich dachte mir, es w�rde dir Freude bereiten, ein bekanntes Gesicht zu sehen, Skar�, antwortete eine Stimme von der T�r aus.</p><p>Skar fuhr herum und erkannte Drask, der unbemerkt eingetreten war. Zorn flammte in ihm auf.</p><p>�Und ich dachte, du h�ttest versprochen, es nicht mehr zu tun!� fauchte er.</p><p>Drask machte eine schuldbewu�te Handbewegung. �Verzeih, Skar�, sagte er. �Alte Gewohnheiten legt man nicht so schnell ab. Wenn du willst, lasse ich diese beiden wieder ins Lager zur�ckbringen.�</p><p>Skar dachte einen Moment ernsthaft �ber seine Worte nach, aber dann sch�ttelte er den Kopf. Er h�tte sie nicht geholt, h�tte man ihn gefragt, aber Syrr und Talin jetzt wieder zur�ckzuschicken, hie�e unn�tig grausam zu sein. �Nein�, knurrte er. �Gib ihnen ein Zimmer. Vielleicht findest du f�r das M�dchen eine Arbeit in der K�che, oder sonst etwas, womit sie sich n�tzlich machen kann.�</p><p>�Aber Skar!� sagte Syrr. �Ich dachte -�</p><p>�Du sollst gehorchen, nicht denken!� unterbrach sie Skar grob. �Verschwinde!� Er trat ein St�ck zur�ck und wedelte ungeduldig mit der Hand, als sie noch immer z�gerte zu gehorchen. Einen Moment lang starrte Syrr ihn fast entsetzt an; mit einem Blick, der Skar an den eines verwundeten Rehs erinnerte, das einfach nicht begreift, woher das Messer in der Hand gekommen war, nach der es sich geb�ckt hatte, um sich streicheln zu lassen. Dann stand sie so abrupt auf, da� ihr Stuhl scharrend nach hinten flog und um ein Haar umfiel, warf den Kopf in den Nacken und st�rmte hinaus.</p><p>Drask runzelte die Stirn, sagte aber kein Wort mehr, bis die beiden das Zimmer verlassen hatten. Dann dr�ckte er die T�r hinter ihnen ins Schlo�, wandte sich wieder Skar zu und l�chelte verlegen. �Verzeih�, sagte er. �Ich dachte wirklich, es w�rde dich freuen. Manchmal bewahrt einen nicht einmal die F�higkeit des Gedankenlesens davor, Fehler zu begehen.� Er seufzte, sch�ttelte abermals den Kopf und kam mit gem�chlichen Schritten n�her. �Was machen wir nun damit?� fragte er mit einer Geste auf den gedeckten Tisch. �Ein wenig viel f�r nur zwei, nicht wahr?�</p><p>�Was soll das?� fragte Skar grob. �Rufe einen Hofnarren, wenn du Scherze machen willst.�</p><p>Drask lachte leise. �Du magst das M�dchen�, stellte er fest. �Unsinn!�</p><p>�Doch�, behauptete Drask. �Du bist nur so gereizt, weil du es nicht zugeben willst. Aber vielleicht ist es ganz gut so - wir haben viel zu besprechen.�</p><p>�Sicher�, fauchte Skar. �Ich habe auch schon einen Plan, wei�t du? Gib mir ein Schwert und ein gutes Pferd, und ich reite nach Orkala und jage die Quorrl zur�ck in ihre W�lder.�</p><p>�Vielleicht machen wir es wirklich so�, antwortete Drask vollkommen ernst. �Aber erst la� uns essen. Eine Nacht ohne Schlaf macht mich immer sehr hungrig.�</p><p>Skar stellte die Frage nicht, die Drask mit seinen Worten provozieren wollte, sondern lie� sich ohne ein Wort auf seinen Stuhl sinken. Drasks einladende Geste, sich doch an den Speisen zu bedienen, ignorierte er. Drask zuckte die Achseln, seufzte abermals und beugte sich vor, um kr�ftig zuzugreifen.</p><p>Er entwickelte tats�chlich einen erstaunlichen Appetit. Und ganz getreu seinen Worten a� er sehr ausgiebig und in aller Ruhe, ehe er das Gespr�ch fortsetzte. Nat�rlich war sich Skar dar�ber im klaren, da� nichts von dem, was Drask tat, Zufall oder auch nur Gedankenlosigkeit war - es war ein Spiel, ein Spiel nach Regeln, die er nicht kannte, und das er verlieren mu�te. Vielleicht wollte Drask nur sehen, <emphasis>wie </emphasis>er verlor. Es war nicht sehr fair, dachte Skar w�tend, gegen einen Mann zu k�mpfen, der seine Gedanken las, wie es ihm beliebte.</p><p>Fast eine halbe Stunde verging, bis Drask seinen Teller geleert hatte und zur�ckschob. �So�, erkl�rte er aufger�umt, nachdem er mit einem gewaltigen Schluck Wein nachgesp�lt hatte, �jetzt f�hle ich mich schon besser. Du hast nichts gegessen?�</p><p>�Ich bin nicht hungrig�, erkl�rte Skar kurz angebunden.</p><p>�Das solltest du aber�, erwiderte Drask ernst. �Du hast so wenig Schlaf gehabt wie ich. Und du wirst deine Kr�fte bitter n�tig haben.�</p><p>�Kommst du endlich zur Sache?� knurrte Skar.</p><p>Drask zog eine Grimasse, trank einen weiteren Schluck Wein und f�llte seinen Becher neu, ehe er weitersprach: �Warum bist du so, Skar?� fragte er. �Du st��t die vor den Kopf, die dir helfen wollen, und verletzt die am meisten, die dich lieben.�</p><p>�Vergi� es�, schnappte Skar. �Ich heirate nicht. Dich schon gar nicht.�</p><p>Drask starrte ihn eine Sekunde lang verdattert an, dann begann er schallend zu lachen. �Bravo!� sagte er. �Du schaffst es sogar, mich zu verbl�ffen. Ich sehe, da� zu stimmen scheint, was man -, sich �ber dich erz�hlt.� Er wurde �bergangslos wieder ernst. �Aber ich spreche nicht von mir�, fuhr er fort. �Das M�dchen, Skar. Syrr. Sie liebt dich, wei�t du das?�</p><p>Nat�rlich wu�te er es. Er hatte gef�rchtet, da� es so kommen w�rde, die ganze Zeit �ber.</p><p>�Und du hast Angst davor�, stellte Drask fest, als er nicht antwortete. �Nicht wahr? Du hast zu vielen Ungl�ck gebracht - allen, die du geliebt hast. Und jetzt hast du Angst, da� es wieder geschehen k�nnte. Du hast Angst, da� deine Liebe den Tod bringt.� Er seufzte. �Ich kann dich sogar verstehen.�</p><p>Skars Zorn erlosch, und pl�tzlich f�hlte er sich nur noch elend. Drask hatte recht, tausendmal recht. Und es war nicht nur Einbildung.</p><p>�Du magst sogar den Jungen�, fuhr Drask erbarmungslos fort. �Vielmehr, als du zugeben w�rdest, Skar.�</p><p>�M�gen? Dieses kleine Ungeheuer!� Skar lachte schrill.</p><p>�Oh, ja�, sagte Drask �berzeugt. �Gerade deshalb glaubst du, ihn zu verabscheuen. Er erinnert dich an jemanden. An wen? An dich? Oder an Del?�</p><p>Skar fuhr auf. �Woher -� Dann fiel ihm wieder ein, da� es nichts in seinem Kopf gab, was Drask nicht wu�te.</p><p>�Aber genug�, sagte Drask pl�tzlich. �Wir... haben anderes zu besprechen.� Er g�hnte, ohne sich die M�he zu machen, die Hand vor den Mund zu nehmen, trank wieder einen Schluck Wein und spielte einen Moment gedankenverloren mit dem Becher, ehe er fortfuhr, in v�llig ver�ndertem, sehr sachlichem Ton. �Ich habe nachgedacht, Skar�, sagte er, ��ber dich, �ber uns, die Quorrl...� Er machte eine vage Handbewegung. �Ich glaube, ich wei� es jetzt.�</p><p>�Was?�</p><p>�Den Grund deines Hierseins�, erkl�rte Drask. Er hob rasch und bes�nftigend die Hand, als Skar auffahren wollte. �Es ist nur eine Vermutung�, fuhr er mit leicht erhobener Stimme fort. �Aber es ist das einzige, was Sinn macht.�</p><p>�Und was?� fragte Skar, als Drask abermals eine Kunstpause einlegte, w�hrend der er ihn nur auffordernd anstarrte. Drask schien einen ausgesprochenen Sinn f�r dramatische Auftritte zu haben; aber nicht unbedingt auch das dazu notwendige Talent. �Sie brauchen dich, Skar�, antwortete Drask gewichtig. �Dein Erwachen war kein Zufall. Sie haben dich geweckt, weil sie dich brauchen.� Er beugte sich ein wenig weiter vor, befeuchtete seine Fingerspitze mit der Zunge und nahm einen Brotkr�mel damit vom Teller auf. �Es mu� etwas mit dem Kind zu tun haben. Irgend etwas, was nur du tun kannst, und sonst kein anderer. W�re es nicht so, h�tten sie niemals das Risiko auf sich genommen, dich zu wecken.�</p><p>�Oh�, sagte Skar sp�ttisch. �Das h�lt sich in Grenzen.�</p><p>�Untersch�tze deine Macht nicht, Skar. Du hast sie schon einmal geschlagen, auch wenn es ein Pyrrhussieg war. Du bist vielleicht der einzige, der ihnen wirklich gef�hrlich werden kann. Und wir sollten diesen Umstand f�r uns nutzen.�</p><p>�Und wie?�</p><p>Drask zuckte die Achseln. �Eine gute Frage, die ich im Moment leider nicht beantworten kann. Noch nicht. Aber noch ist etwas Zeit. Solange du hier bist und nichts unternimmst, scheinen sie stillzuhalten.� Er seufzte. �Ich... habe einen Verdacht�, fuhr er stockend fort. �Einen sehr gewagten Verdacht. Ich gestehe, da� ich der einzige bin, der daran glaubt - aber dein pl�tzliches Erscheinen bekr�ftigt ihn.�</p><p>Skar unterdr�ckte ein �rgerliches Schnauben. �Warum erz�hlst du mir nicht einfach, was du zu wissen glaubst?� fragte er, m�hsam beherrscht. �Ich habe wirklich keine Lust, Spielchen mit dir zu spielen.�</p><p>Drask zog eine Schnute. �Du g�nnst einem alten Mann nicht das geringste Vergn�gen, Skar. Aber gut: ich glaube, ich wei�, warum du hier bist. Du mu�t das Kind finden.�</p><p>�Das... Kind?�</p><p>Drask nickte hektisch. �Es gibt keine andere Erkl�rung�, behauptete er. �Vermutet habe ich es schon l�nger, aber ich konnte es nie beweisen. Und ich habe nicht gewagt, mich zu �berzeugen. Die Gefahr war -�</p><p>�Was vermutest du?� unterbrach ihn Skar grob.</p><p>�Da� sie nicht wissen, wo es ist�, antwortete Drask. �es ist siebzehn Jahre her, Skar. Eine lange Zeit. Siebzehn Jahre, seit die Prediger das Kind genommen haben und damit fortgegangen sind. Niemand wei�, wohin. Vielleicht wissen sie es selbst nicht.� Er begann aufgeregt zu gestikulieren, als Skar widersprechen wollte. �Es klingt unglaublich, ich wei�, aber es k�nnte so sein. Siebzehn Jahre sind eine sehr lange Zeit. Es k�nnte sein, da� sie seine Spur verloren haben.�</p><p>�Aber sie sind -�</p><p>�G�tter?� unterbrach ihn Drask. Er sch�ttelte den Kopf. �Oh, nein, das sind sie nicht. Sie sind Wesen, deren Macht der von G�ttern nahe kommt, aber auch sie sind nicht allwissend, und nicht allm�chtig. W�ren sie es, dann w�rden wir jetzt nicht hier sitzen, Skar. Wir haben uns gegen sie gewehrt, fast f�nf Jahre lang. Auch sie k�nnen Fehler machen. Und �berlege: Es kann kein Zufall sein, da� du nach all der Zeit wieder erwacht bist, ausgerechnet jetzt, wo sie zum entscheidenden Sturm ansetzen.� Skar schwieg verwirrt. Drasks Theorie klang haarstr�ubend im ersten Moment. Und doch... Hatte nicht sein erster Gedanke seinem Kind gegolten, kaum da� er erwacht war?</p><p>Aber das war nur nat�rlich, nach allem, was passiert war. Und Drask hatte - �Ich k�nnte es beweisen�, drang Drasks Stimme in seine Gedanken.</p><p>Skar sah ihn zweifelnd an. �Beweisen?�</p><p>�Ja. Aber es ist... es <emphasis>k�nnte </emphasis>gef�hrlich sein.� Er hob seinen Becher, setzte ihn an die Lippen und trank wieder, ohne Skar dabei auch nur einen Sekundenbruchteil aus den Augen zu lassen. �Es k�nnte sein, da� ich alles riskiere. Nicht nur mein Leben.�</p><p>�Und wie?�</p><p>Drask sch�ttelte den Kopf. �Erst mu� ich wissen, was du tun wirst�, sagte er. �Es ist wichtig, Skar, glaube mir. Was wirst du tun, wenn du deinen Sohn findest?�</p><p>�Was soll ich denn tun, deiner Meinung nach?� fragte Skar. Ein sehr ungutes Gef�hl begann sich in ihm breitzumachen. Er glaubte zu ahnen, was Drask antworten w�rde. Und er war sich nicht sicher, ob er diese Antwort wirklich h�ren wollte.</p><p>�Das einzige, was Enwor vielleicht noch rettet�, sagte Drask ruhig. �Das Kind t�ten.�</p><p>Skar erschrak nicht. Drask sprach nur aus, was er selbst die ganze Zeit �ber schon gewu�t hatte. Wenn alles so war, wie Drask behauptete, war es der einzige Ausweg.</p><p>�Ich bin nicht einmal sicher, ob ich es k�nnte�, sagte er, mit einer Ruhe, die ihn selbst erschreckte. �Selbst wenn ich es wollte.�</p><p>�Warum? Weil es dein Sohn ist? Dein Fleisch und Blut?� Sein Fleisch und Blut... Skar l�chelte bitter. Nein, das war nicht der Grund. Das Kind war sein Sohn. Er hatte es gezeugt, aber das war auch schon alles. Er hatte es nicht gewollt, es nicht gewu�t, bis es fast zu sp�t war, und er hatte es alles in allem weniger als einen Monat gekannt. Einen Augenblick lang lauschte er aufmerksam in sich hinein, aber da war nichts. Keine Vatergef�hle, keine Liebe, keine irgendwie geartete Verbindung. Nur Furcht.</p><p>�Nein�, sagte er laut. �Aber wenn er das ist, was du behauptest, dann... dann kann man es vielleicht nicht einmal t�ten.�</p><p>�Unsinn�, sagte Drask. �Er ist ein Mensch, oder? Ein Mensch hat ihn gezeugt, und ein Mensch hat ihn geboren. Was immer sein Geist ist, sein K�rper ist aus Fleisch und Blut. Er mu� essen und atmen, und er kann sterben. Ob das allerdings noch etwas �ndert�, f�gte er etwas leiser hinzu, �wei� ich nicht.�</p><p>Wieder verging viel Zeit, ehe Skar antwortete. �Ihn t�ten...�, murmelte er schlie�lich. Etwas an diesem Wort erf�llte ihn mit Schrecken. Er war nicht sicher, ob er es konnte. Er war nicht einmal sicher, ob er es wirklich wollte.</p><p>�Denke daran, was er ist�, sagte Drask rasch. �Du erinnerst dich an ein hilfloses Kind, aber er ist jetzt achtzehn Jahre alt, ein Mann. Nun?�</p><p>�Gib mir ein wenig Zeit�, bat Skar. �Ich -�</p><p>�Zeit�, sagte Drask, �ist so ungef�hr das einzige, was wir nicht haben, Skar. Ich wei� ja nicht einmal, ob ich recht habe. Vielleicht ist alles ganz anders. Aber wenn, dann m�ssen wir schnell handeln.�</p><p>�Aber wie willst du ihn finden?�</p><p>Drask l�chelte d�nn. �Ich kann es�, behauptete er. �Du mu�t wissen, da� ich nicht nur der Kommandant dieser Festung bin. Ich... verf�ge �ber gewisse M�glichkeiten, den Aufenthaltsort deines Sohnes herauszufinden, wenn ich es wirklich will.�</p><p>�Und warum hast du es dann nicht l�ngst getan?�</p><p>�Aus Furcht�, erwiderte Drask schnell, und Skar sp�rte, da� er nur auf diese Frage gewartet hatte. �Ich k�nnte ihn finden, aber ich liefe Gefahr dabei, da� ich ihnen den Weg zeige. Wenn sie wirklich nicht wissen, wo er ist, m�chte nicht ich es sein, der sie mit der Nase darauf st��t. Aber jetzt...� Er seufzte, legte beide H�nde flach vor sich auf die Tischplatte und betrachtete einen Moment lang so konzentriert seine kurzgeschnittenen Fingern�gel, als st�nden die Antworten auf alle seine Fragen darauf geschrieben. �Wir haben nicht mehr viel zu verlieren, Skar. In wenigen Wochen setzt die Schneeschmelze ein, und dann werden sie kommen. Keine Macht der Welt vermag sie dann noch aufzuhalten. Auch nicht die Mauern dieser Festung, oder meine eigene bescheidene Magie. Nur du.�</p><p>Skar sah den Alten �berrascht an. Es war das erste Mal, da� Drask zugab, ein Magier zu sein. �Magie?�</p><p>�Du glaubst nicht daran, ich wei߫, sagte Drask l�chelnd. �Nimm es als einen n�tzlichen Begriff, in einem Wort zu erkl�ren, wozu ich sonst Wochen brauchte. Du hast meine Frage nicht beantwortet.�</p><p>Aber das tat Skar auch jetzt nicht. Er konnte es nicht.</p></section><section><title><p id="_17">17.</p></title><p>Er beantwortete die Frage des Magiers auch am n�chsten Tag nicht, und auch nicht am Tage danach und dem diesem folgenden; an keinem Tag der folgenden zwei Wochen, die er auf Drasks Trutzburg verbrachte, ohne da� etwas Nennenswertes geschah. Er dachte nicht einmal ernsthaft dar�ber nach, ja, er konnte es nicht einmal - etwas in ihm schreckte allein vor der Vorstellung zur�ck, so heftig, da� all seine Willenskraft nicht ausreichte, diesen Widerstand zu �berwinden. Drask seinerseits versuchte nicht, Skar zu einer Entscheidung zu zwingen, denn er schien zu ahnen, da� er damit wohl eher das Gegenteil dessen erreichen w�rde, was er wollte.</p><p>Skar erholte sich zusehends. Drask schien wirklich eine Art Zauberer zu sein, zumindest was die Heilkunst anging, denn Skars zahllose Wunden und Absch�rfungen heilten mit geradezu unheimlicher Schnelligkeit, nachdem sich der Alte ihrer angenommen hatte. Er sp�rte, wie seine alte Kraft und Schnelligkeit zur�ckkehrte, sehr langsam zuerst, dann immer rascher und rascher. Fast wie durch Zauberei... Drask antwortete auf Skars dementsprechende mi�trauische Frage nur mit einem geheimnisvollen L�cheln, aber Skar drang nicht weiter in ihn.</p><p>Letztendlich war es v�llig gleich, <emphasis>wie </emphasis>er genas. Und vielleicht, versuchte er sich einzureden, war es ja eine Art ausgleichender Gerechtigkeit - Zauberei hatte ihn krank und schwach werden lassen, warum also sollte sie ihn nicht auch heilen?</p><p>Er lernte die Festung in allen Einzelheiten kennen. Drask erwies sich als geduldiger und �beraus redseliger Fremdenf�hrer, der seine Aufforderung an Skar, ihm zu sagen, wenn ihm etwas Negatives auffiel, gar nicht oft genug wiederholen konnte. Skar fiel nichts auf - er war Krieger, kein Festungsbaumeister, seine Welt war das offene Feld, nicht die Burg - aber er begriff, da� die M�nner, die diese Burg in nur drei Jahren aus dem Boden gestampft hatten, wahre Meister ihres Faches gewesen sein mu�ten : Drask machte ihn auf Details und Finessen aufmerksam, von denen er zuvor nicht einmal geahnt hatte, da� sie m�glich waren, und Skars erster Eindruck best�rkte sich - n�mlich da�, wer immer diese Burg erst�rmen wollte, einen entsetzlichen Blutzoll daf�r zahlen mu�te.</p><p>Nicht, da� das irgend etwas an seiner �berzeugung �nderte. Die Burg w�rde fallen, so oder so. Es waren keine hirnlosen Quorrl, auf deren Ansturm sie wartete.</p><p>Trotzdem nahm er jede Gelegenheit wahr, sich von Drask herumf�hren zu lassen, denn viel wichtiger als die Befriedigung von Drasks Besitzerstolz war etwas anderes: Skar begann die M�nner kennenzulernen, die in der Burg lebten. Und sie ihn. Die kaum verhohlene Feindseligkeit, die er am ersten Morgen gesp�rt hatte, schwand ganz allm�hlich und machte Mi�trauen und schlie�lich verhaltenem Respekt Platz. Skar war weit davon entfernt, mit einem der M�nner hier Freundschaft zu schlie�en, aber die Zeit arbeitete f�r ihn, und er wu�te es. Wo zuerst nur nackte, fast panische Angst und purer Ha� in den Augen der M�nner gewesen war, begannen die Erinnerungen an eine andere Zeit die Oberhand zu gewinnen: eine Zeit, in der das Stirnband der Satai noch f�r Ordnung und Gerechtigkeit gestanden hatte. Viele der M�nner hier hatten miterlebt, wie Satai ihre Br�der und Schwestern niedergemacht hatten, das wu�te er von Drask, aber das andere, �ltere Bild, das sie von den Satai hatten, war st�rker. Am Ende dieser zwei Wochen ha�te ihn niemand mehr. Es war das gleiche, was ihm mit Enwass und Syrr und Talin widerfahren war: Die Furcht schlug in Erleichterung um, als sie endlich begriffen, da� er nicht ihr Feind war. Er konnte direkt sp�ren, wie sich die Stimmung in der Burg besserte. Die angespannte Niedergeschlagenheit, die er registriert hatte, machte vorsichtigem Optimismus Platz, einfach, weil er da war. Vielleicht war es nicht einmal die Tatsache, da� er Satai war und auf ihrer Seite stand - jedem der M�nner mu�te klar sein, wie wenig ihnen ein einzelner Mann helfen konnte, wenn das Fr�hjahr und mit ihm die Quorrl kamen. Aber er war so etwas wie ein Symbol, ein St�ck der alten, schon verloren geglaubten Ordnung, das unversehens zur�ckgekommen war. Skar wu�te sehr gut, da� er diese Hoffnung entt�uschen w�rde. Aber das spielte keine Rolle. Zum ersten Mal in seinem Leben geno� er es, sich ganz bewu�t selbst zu bel�gen, sich einzureden, da� er unter Freunden und in Sicherheit war. Es war eine Illusion, und er wu�te es, aber er geno� sie.</p><p>Sie hielt genau zwei Wochen lang, dann holte ihn die Wirklichkeit wieder ein.</p></section><section><title><p id="_18">18.</p></title><p>Am Abend des vierzehnten Tages, den er auf der Burg verbrachte, lie� ihn Drask zu sich rufen. Skar dachte sich nichts Au�ergew�hnliches dabei - mit Ausnahme eines halben Tages, den er drau�en im Lager verbracht hatte, um Enwass und seine Familie zu besuchen, hatte es kaum eine Stunde gegeben, die er nicht zusammen mit Drask verbrachte.</p><p>Aber als er Drasks Kammer betrat, begriff er, da� etwas geschehen war. Die gel�ste Stimmung, in der er dem Diener gefolgt war, verflog wie ein Spuk, als er den Ausdruck auf Drasks Z�gen sah. F�r einen kurzen Moment schien es, als w�re es pl�tzlich genau umgekehrt wie bisher: Er wu�te, was Drask ihm zu sagen hatte, so sicher, als h�tte <emphasis>er </emphasis>nun <emphasis>seine </emphasis>Gedanken gelesen. Der Alte schwieg geduldig, bis sich der Diener, der Skar heraufbegleitet hatte, nach seinen weiteren W�nschen erkundigt hatte und gegangen war; dann bedeutete er Skar mit einer knappen Handbewegung, sich zu setzen. Skar war versucht, die Einladung abzulehnen; dann begriff er, wie kindisch eine solche Reaktion gewesen w�re. Schweigend lie� er sich auf den angebotenen Stuhl sinken und sah zu Drask auf.</p><p>�Du wei�t, warum ich dich rufen lie߫, begann Drask.</p><p>Skar nickte. Ein schlechter Geschmack begann sich auf seiner Zunge breit zu machen. Warum stand er nicht einfach auf und ging?</p><p>�Du hast dich erholt in den letzten Wochen�, fuhr der Alte fort. �Ich habe dich beobachtet. Dein K�rper ist geheilt, und deine Kraft kehrt zusehends zur�ck. Vielleicht wirst du nie wieder der werden, der du einmal warst, aber du bist noch immer ein Satai, und ich tat, was mir m�glich war.� Er l�chelte bedauernd. �Meine Macht reicht lange nicht an die der Gesichtslosen Prediger heran, aber ich habe getan, was ich konnte. Es mu� gen�gen.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Skar leise. Er versuchte vergeblich, seinen Worten einen bitteren Klang zu verleihen. In ihm war nichts als Leere. Er wu�te, was kommen w�rde. Er hatte diesen Moment herbeigef�rchtet, in jeder einzelnen Sekunde der vergangenen beiden Wochen. Jetzt drohte er in Panik zu geraten. Die fast unnat�rliche Ruhe, die von ihm Besitz ergriffen hatte, t�uschte. Sie war nur eine d�nne T�nche, unter der das Entsetzen mit all seinen Fratzen und Grimassen lauerte. �Und jetzt�, sagte er leise, �verlangst du deinen Lohn, nicht wahr?�</p><p>�Meinen Lohn?� Drasks Gesicht verd�sterte sich vor Zorn. <emphasis>�Meinen Lohn?!� </emphasis>wiederholte er. �Siehst du es so? Glaubst du wirklich, ich w�re nichts als ein kleiner Kr�mer, der um eine Belohnung f�r seine Dienste schachert?!�</p><p>�Nein�, sagte Skar hastig. Drasks Zorn war nicht gespielt. Skars Worte hatten ihn verletzt, viel tiefer, als Skar es absichtlich h�tte tun k�nnen. Es tat ihm leid. Er mochte Drask noch immer nicht, und wahrscheinlich war es �berhaupt unm�glich, diesen Mann zu m�gen, egal wie gut man ihn kannte. Aber ihn zu verletzen war das letzte, was er wollte. �Entschuldige�, murmelte er. �Ich... wollte das nicht sagen.�</p><p>�Doch�, behauptete Drask aufgebracht, �das wolltest du! Du -� Er hob zornig die Hand, eine ganz impulsive Bewegung, wie man sie einem ungezogenen Kind gegen�ber machen w�rde, um es zu z�chtigen, brach aber dann pl�tzlich mitten im Satz ab und lie� auch den Arm wieder sinken.</p><p>�Du bist nun einmal so�, fuhr er fort, wenn auch mit g�nzlich anderer Betonung. Jeder Zorn war mit einem Male aus seiner Stimme verschwunden. Wenn Skar �berhaupt noch etwas darin h�rte, dann allenfalls noch eine tiefe, mit Trauer gepaarte Resignation.</p><p>�Vielleicht hast du sogar recht�, sagte er pl�tzlich. �Ja, ich verlange meine Belohnung. Es steht zu viel auf dem Spiel, als da� ich es mir noch leisten k�nnte, irgend etwas zu verschenken.� Er schwieg einen Moment, sch�ttelte pl�tzlich den Kopf, als h�tte er sich in Gedanken eine Frage gestellt und im selben Augenblick selbst beantwortet, dann ging er mit schnellen trippelnden Schritten um den Tisch herum und setzte sich ebenfalls. Seine H�nde glitten wie kleine selbst�ndige Lebewesen aus grau gewordenem Fleisch �ber die zerfurchte Platte. Er sprach nicht weiter.</p><p>�Du verlangst eine Antwort�, sagte Skar.</p><p>Drask nickte. �Ja. Du hattest Zeit genug. Sage nicht, da� ich dir nicht genug Zeit gelassen h�tte.�</p><p>Zeit... Skar l�chelte bitter. Als ob es einen Unterschied machte, ob er eine Stunde oder ein Jahr Frist hatte, eine Frage zu beantworten, die er nicht beantworten konnte.</p><p>�Das macht es!� behauptete Drask. �Du warst verwirrt, als du hier ankamst. Verwirrt und verletzt und voller Furcht und Zorn.�</p><p>Skar fiel nicht einmal mehr auf, da� er die Worte nicht laut ausgesprochen hatte, sondern nur gedacht hatte. Er f�hlte sich in die Enge gedr�ngt, hilflos, und dieses Gef�hl lie� seine Verwirrung unversehens in Zorn umschlagen.</p><p>�Warum liest du nicht einfach meine Gedanken, wenn du die Antwort erfahren willst?� schnappte er.</p><p>�Weil sie nicht darin steht�, antwortete Drask. �Denkst du, ich h�tte es nicht getan?� Er schnaubte, blieb aber trotzdem ganz ruhig. Nur in seinem Blick war mit einem Male etwas Neues; etwas, das Skar nicht greifen konnte, das ihn aber mehr und mehr verunsicherte. Er erinnerte sich, wie angenehm ihm Drasks Gegenwart in den ersten Tagen gewesen war. W�hrend der vergangenen zwei Wochen war er lange genug mit dem Alten zusammen gewesen, dieses Gef�hl schlichtweg zu vergessen, ganz einfach, weil er sich daran gew�hnt hatte. Jetzt war es wieder da, und heftiger als zuvor. �Ich habe deine Gedanken gelesen, Skar�, bekannte er freim�tig, ��fter, als du ahnst - willst du es mir vorwerfen?�</p><p>Skar schwieg.</p><p>�Die Antwort steht nicht darin. Du wei�t sie selbst noch nicht, weil du dich bisher geweigert hast, wirklich danach zu suchen. Du hast Angst davor, und das kann ich verstehen. Aber ich kann nicht mehr warten. Was wirst du tun?�</p><p>Skar starrte ihn an. Nicht einmal jetzt war es ihm m�glich, zu einer Entscheidung zu kommen. Was Drask von ihm verlangte, war... unm�glich. �Warum jetzt?� fragte er leise. �Warum nicht gestern? Oder morgen?�</p><p>�Weil etwas... geschehen ist�, antwortete Drask mit unmerklichem Z�gern. Seine H�nde h�rten auf, mit kleinen scharrenden Bewegungen �ber die Tischplatte zu huschen, und lagen mit einem Male ganz still. Der Anblick erinnerte Skar an zwei gro�e, tote Spinnen.</p><p>�Ich habe dir gesagt, da� ich ihn finden k�nnte, wenn es sein m��te�, fuhr Drask halblaut fort. Er wich Skars Blick aus. Skar verstand es nach Sekunden. �Du hast...�</p><p>�Ich habe getan, was ich tun mu�te�, unterbrach ihn Drask, sehr scharf und lauter, als notwendig gewesen w�re. �Zum Teufel, starr mich nicht so an! Ja, ich habe ihn suchen lassen.�</p><p>�Und gefunden?� Skars Stimme war fast tonlos. Sein Herz jagte, und er sp�rte, wie seine H�nde vor Erregung feucht wurden. <emphasis>Was hatte dieser alte Narr getan ?!</emphasis></p><p>Drask nickte. Er wollte antworten, aber zum ersten Mal, seit Skar ihn kannte, schienen ihm die Worte zu fehlen. Seine Selbstsicherheit zerbr�ckelte wie eine Maske aus Gips. Mit einem Male sah er sehr besorgt aus; mehr noch - das Glitzern in seinen Augen war eindeutig Furcht. Eine ganz bestimmte Art von Furcht, die auch Skar nur zu gut kannte: die Angst, einen Fehler begangen zu haben. �Ja�, sagte er schlie�lich. �Jedenfalls... glaube ich es.�</p><p>�Du glaubst?� Skar richtete sich kerzengerade auf. �Du bist nicht sicher, Drask?� fragte er scharf. �Du selbst hast mir erz�hlt, wie gro� das Risiko ist, das du eingehst, wenn du nach...� Er brachte es nicht fertig, zu sagen: meinem Sohn, �...dem Kind suchst. Und jetzt bist du nicht einmal sicher?�</p><p>Drask hob beschwichtigend die Hand. �Ich bin fast sicher�, sagte er. �Und das Risiko ist kleiner, als du denkst. Ich wei� nicht, ob sie meine...� Er l�chelte matt. �Manipulationen... �berhaupt bemerken. Und wenn... Nun, t�usche ich mich, so f�hrt sie die Spur, die ich hinterlassen habe, nur in die Irre.� Er l�chelte nerv�s, und Skar begriff, da� zumindest der letzte Teil seiner Antwort wohl eher dem Bed�rfnis entsprang, sich selbst zu beruhigen, als wirklicher �berzeugung.</p><p>�Ich erwarte den endg�ltigen Beweis noch im Laufe der n�chsten Stunden�, fuhr Drask fort. �Und bis dahin brauche ich deine Antwort, Skar.�</p><p>�Du l��t mir keine Wahl�, antwortete Skar zornig. �Wenn du recht hast, und das Kind, das du aufgesp�rt hast, ist wirklich mein Sohn -�</p><p>�Werden wir ihn t�ten�, sagte Drask ruhig. �Ob mit oder ohne deine Hilfe. Wenigstens werden wir es versuchen.�</p><p>�Und wie?� Skar sch�ttelte den Kopf, seufzte, und zwang sich, dem Blick von Drasks dunklen Augen standzuhalten. Es war schwer, aber er konnte es. �Wo ist er?�</p><p>�Deine Antwort.�</p><p>�Wo?� beharrte Skar. �Wo ist er, Drask?�</p><p>Der alte Magier seufzte, aber er schien einzusehen, da� er diese Runde des Spieles nicht nur nach seinen Regeln spielen konnte. �Nicht sehr weit von hier�, sagte er resignierend. �Zwei Tagesreisen zu Pferde, eine halbe Nacht, auf dem Weg, den ich dir zeigen kann.�</p><p>�So nahe?� fragte Skar zweifelnd, wobei er den letzten Teil von Drasks Worten geflissentlich �berh�rte. Er wollte nichts von Zauberei und Magie h�ren. Obwohl er noch immer nicht wirklich an derartige Dinge glaubte, hatten sie ihm schon zu viel Schaden zugef�gt. Und anderen.</p><p>�Es ist nur logisch�, erwiderte Drask. �Er ist der Schl�ssel zu ihrer Macht. Ihr Trumpf. W�rdest du deine st�rkste Waffe nicht dorthin schicken, wo sie gebraucht wird?�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Skar der Fehler in Drasks Argumentation auffiel. Dann sch�ttelte er heftig den Kopf. �Nein�, sagte er ruhig. �Zumindest nicht, wenn ich nicht einmal genau w��te, wo sie ist.�</p><p>Drask l�chelte. Ganz offensichtlich hatte er mit dieser Antwort gerechnet. Wieder einmal sp�rte Skar, wie grenzenlos unterlegen er diesem verbrauchten alten Mann war. �Nat�rlich wissen sie es nicht�, antwortete er. �Aber er. Er ist klug, Skar. Immerhin ist er dein Sohn.�</p><p>�Wenn er es ist�, sagte Skar rasch.</p><p>Drask nickte. �Wenn er es ist. Aber wie gesagt - ich bin fast sicher. Und ich denke, in sp�testens zwei Stunden den endg�ltigen Beweis zu haben.� Er erhob sich m�hsam, schlurfte zu einer Truhe an der gegen�berliegenden Wand und stemmte �chzend den schweren Deckel in die H�he. Einen Moment lang kramte er vor sich hinmurmelnd darin herum, dann kam er zur�ck und breitete eine sorgsam gemalte Karte des Grenzgebietes zwischen Orkala und Bayfour zwischen sich und Skar auf dem Tisch aus, ehe er sich wieder setzte.</p><p>�Hier sind wir�, sagte er und stie� mit einem d�rren Finger nach einer kunstvoll gemalten Burg, die quer �ber dem Flu� thronte. Skar beugte sich neugierig vor, um den Gesten des Alten bei der schlechten Beleuchtung besser folgen zu k�nnen. Drasks Zeigefinger folgte ein kurzes St�ck weit dem gewundenen Band des Flusses und wich dann nach Osten ab. �Und hier ist ihr Lager.�</p><p>�Wessen?�</p><p>�Das Hauptquartier der Satai�, sagte Drask. Sein Blick haftete bei diesen Worten unverwandt auf Skars Gesicht. Etwas Lauerndes war in seine Augen getreten. Skar versuchte es zu ignorieren. �Du... denkst, er ist bei ihnen?�</p><p>�Es ist die einzig logische Erkl�rung�, sagte Drask nickend. �Niemand hat die Verbotenen Inseln oder gar den Berg der G�tter betreten seit jenem schrecklichen Tag vor f�nf Jahren, aber wir wissen, da� zumindest einer der Hohen Satai den Heereszug angef�hrt hat. Er ist hier!� Sein Zeigefinger stie� so wuchtig auf die Karte herab, als wolle er sie durchbohren. �Und dein Sohn ist bei ihm! Ich wei� es, Skar!�</p><p>�Die... die Hohen Satai?� Skar sah verwirrt auf, dann blickte er wieder auf die Karte. �Aber sie... verlassen niemals...�</p><p>�Dieser schon!� unterbrach ihn Drask. �Vielleicht hat dein Sohn ihn dazu gebracht, vielleicht <emphasis>ist </emphasis>er auch dein Sohn - alles ist m�glich. Der Kriegsherr der Satai ist hier, in diesem Lager, hundert Meilen im Osten. Schon allein seinetwegen w�rde ich den Angriff riskieren!�</p><p>�Wie viele sind bei ihm?� fragte Skar atemlos. Etwas in ihm begann zu arbeiten. Der Kriegsherr der Satai? Einer der Dreizehn Unber�hrbaren? Wie so vieles, was er in den letzten Tagen erlebt und geh�rt hatte, war es unvorstellbar. Niemals, <emphasis>niemals! </emphasis>verlie�en die Hohen Satai den Berg der G�tter, oder gar ihre Insel.</p><p>�Satai? Nicht viele�, antwortete Drask. �Seine Leibwache: ein Dutzend der besten Krieger, die er hat.�</p><p>�Mehr nicht?� fragte Skar zweifelnd. �Dann -�</p><p>�Und ungef�hr vierzigtausend Quorrl�, f�gte Drask unger�hrt hinzu. Skar zog es vor, nicht weiter zu sprechen.</p><p>�Trotzdem ist es m�glich�, fuhr Drask fort. �Ich kann binnen einer Woche genug Krieger zusammenziehen, den Angriff zu riskieren, und wir k�nnen ihr Lager erreichen, ehe sie Entsatz erhalten. Aber ich mu� dir nicht sagen, welchen Preis wir bezahlen m��ten.�</p><p>Nein, das mu�te er nicht. Skar sah die Szene wie in einer blitzartigen, entsetzlichen Vision vor seinem geistigen Auge: selbst wenn Drasks Truppen die Schlacht gewannen - was nicht gesagt war, denn es waren Quorrl, gegen die sie k�mpften, und sie wurden von einem Mann gef�hrt, der wahrscheinlich jeden milit�rischen Trick und Winkelzug kannte, der jemals ersonnen worden war - selbst dann w�re es eine Schlacht, die die Geschichte Enwors ver�ndern mu�te.</p><p>�Du k�nntest es schaffen�, sagte Drask eindringlich. �Du bist Satai. Niemand kennt dich dort im Lager. Es ist gef�hrlich...� Er schwieg einen Moment. �Nein, ich will dir nichts vormachen. Wahrscheinlich w�rdest du get�tet. Aber du k�nntest hingehen, ohne entdeckt zu werden. Niemand w�rde Verdacht sch�pfen, bei einem Satai. Du k�nntest ihn t�ten.� Er seufzte. �Du oder hunderttausend meiner Krieger, Skar.�</p><p>Skars H�nde schlossen sich so fest um die Tischkante, da� das zollstarke Holz zu knirschen begann. �Das ist nicht fair�, sagte er gepre�t. �Du... du wirfst das Schicksal einer ganzen Welt in die Waagschale, und verlangst von mir, da� ich entscheide!�</p><p>�Fair?� Drask schnaubte. Sein Gesicht verzerrte sich. F�r einen Moment sah er wirklich aus wie der uralte Mann, als den Skar ihn kennengelernt zu haben glaubte. Seine Hand ballte sich zur Faust und krachte auf die Karte hinunter. �Fair?� wiederholte er. �Was redest du, Skar? Die V�lker Enwors k�mpfen um ihr �berleben! Ich kann es mir nicht leisten, fair zu sein. Nicht zu dir oder irgendeinem sonst. Nicht einmal zu mir selbst.� Skar schlo� die Augen und versuchte mit aller Macht, an nichts zu denken. Es gelang ihm nicht. Es war einfach nicht <emphasis>fair! </emphasis>h�mmerten seine Gedanken. Es war nicht richtig. Drask hatte kein Recht dazu! Wenn es ihm nicht gelang, das Kind zu t�ten? �Dann verfahren wir nach meinem Plan und greifen das Lager an�, sagte Drask. �Der Einsatz ist hoch, Skar, aber uns bleibt keine Wahl.�</p><p><emphasis>Und wenn er versagte? Wenn er dieses Kind des Schreckens gar nicht t�ten konnte?</emphasis></p><p>�Du kannst es, Skar�, sagte Drask. �Du mu�t es!�</p><p>Skars Bewegung kam so schnell, da� selbst Drasks Reaktion zu sp�t kam; obgleich er im selben Moment wie Skar wu�te, was er tun w�rde. Skar sprang hoch, griff mit beiden H�nden �ber den Tisch und zerrte den Alten so grob in die H�he und zu sich heran, da� seine Rippen mit einem h�rbaren Laut �ber die Tischkante scharrten. Drask keuchte vor Schmerz.</p><p>�H�r auf, meine Gedanken zu lesen�, sagte Skar gepre�t. �Noch einmal, und -�</p><p>�La�... mich... los�, keuchte Drask. Er zappelte hilflos in Skars Griff. �Du... erw�rgst mich... ja!�</p><p>Skar lie� los. Drask sackte mit einem halberstickten Keuchen zur�ck, griff sich an den Hals und verfehlte den Stuhl, auf den er sich sinken lie�. Mit einem neuerlichen Schmerzlaut ging er zu Boden und blieb einen Moment st�hnend liegen, ehe er sich umst�ndlich auf H�nde und Knie hochstemmte. Was war das in seinem Blick? dachte Skar entsetzt. Wut und Zorn und Furcht - aber auch Triumph. Ein b�ser, kaum mehr unterdr�ckter Triumph.</p><p>�Damit �nderst du nichts, Skar�, keuchte er. Seine Augen flammten, als er zu Skar hochsah, aber es war ein Zorn, der auf sonderbare Weise nicht Skar zu gelten schien, sondern etwas anderem, das er in diesem Moment in ihm sah. �Ich... ich habe dir schon einmal gesagt, da� du dich vielleicht selbst bel�gen kannst, aber mich nicht.�</p><p>Er stand auf, die linke Hand gegen den Hals, die rechte gegen seine schmerzenden Rippen gepre�t, und humpelte auf Skar zu. Sein Haar hing wirr in die Stirn, so da� Skar die gro�e, wei� umrandete Narbe erkennen konnte, die bisher darunter verborgen gewesen war.</p><p>�Schlag mich ruhig, wenn es dich erleichtert�, zeterte er.</p><p>�Schlag mich, aber danach antworte! Verdammt, stell dich einmal im Leben der Wahrheit!�</p><p>�Was... was meinst du damit?� stammelte Skar. Ganz instinktiv wich er ein St�ck vor Drask zur�ck, als w�re <emphasis>er </emphasis>pl�tzlich der Angegriffene, der sich f�rchten mu�te.</p><p>�Was ich damit meine?� Drask zog eine Grimasse. �Du wei�t es wirklich nicht, wie? Du bel�gst dich selbst jetzt noch! Aber bitte: Ich meine, da� du diesmal nicht davonlaufen kannst, Satai. Diesmal mu�t du dich entscheiden, ob es dir gef�llt oder nicht!�</p><p>�Davonlaufen?� <emphasis>Davonlaufen? Er war niemals in seinem Lehen vor irgend etwas geflohen!</emphasis></p><p>�Jawohl, davonlaufen!� schrie Drask. �So wie du es immer getan hast. Du hast nie eine Entscheidung gef�llt, Skar, niemals. Ich wei�, da� du es nicht wahrhaben willst, aber ich kenne dich. Ich kenne dich besser als du selbst, vergi� das nicht! Du hast dich niemals entschieden. Du bist stark, und trotzdem bist du im Grunde nichts als ein elender Feigling, Satai. Und vielleicht ist das auch der einzige Grund deiner St�rke. Du hast immer andere deine Entscheidungen treffen lassen, ist es nicht so? Du hast niemals gesagt, was zu tun ist. Und du hast immer andere den Preis zahlen lassen, wenn du einen Fehler begangen hast. Aber diesmal geht das nicht mehr!�</p><p>Er humpelte auf Skar zu, packte ihn mit seiner d�nnen Greisenhand bei der Schulter und sch�ttelte ihn so lange, bis Skar seinen Arm mit einer w�tenden Bewegung beiseite fegte.</p><p>�Du redest irre, alter Mann!� sagte er aufgebracht.</p><p>�So?� keifte Drask. �Tue ich das? Dann sag mir, wann du jemals f�r das bezahlt hast, was geschehen ist! Alle sind tot - Vela, Kiina, die Sumpfleute, Del, Herger, selbst die Freisegler, die das Pech hatten, ihr Schiff an dich zu vermieten. Du lebst. Du lebst, weil du es immer verstanden hast, anderen die Verantwortung f�r dein Tun zuzuschieben, so geschickt, da� du es nicht einmal selbst gemerkt hast. Aber das geht jetzt nicht mehr, Satai! Du bist der Vater dieses Kindes, und du bist der einzige, der es t�ten kann! Der einzige, verstehst du?� Er sch�ttelte die Faust vor Skars Gesicht.</p><p>�Aber das... das ist nicht wahr!� keuchte Skar. Drasks Worte trafen ihn wie Peitschenhiebe. Etwas in ihm kr�mmte sich wie ein getretener Wurm. Eisiges Entsetzen griff nach seiner Seele und l�hmte ihn. �Das ist nicht wahr!� wiederholte er. �Du -�</p><p>�Es ist wahr!� schrie Drask. �Und du wei�t es! Aber leugne es ruhig. Meinetwegen geh. Geh!� Er versetzte Skar einen Sto� mit der flachen Hand und deutete w�tend zur T�r. �Geh, Satai! Nimm dir ein Pferd und reite fort! Ich werde dich nicht aufhalten! Reite so weit, wie du kannst. Wer wei�, vielleicht entkommst du auch diesmal wieder. Vielleicht findest du eine Ecke, in der dich nicht einmal die Quorrl aufsp�ren. Steige von mir aus auf den h�chsten Berg Enwors und sieh zu, wie sie unsere Welt in Schutt und Asche legen. Aber mach nicht mich daf�r verantwortlich!�</p><p>�Du l�gst!� wimmerte Skar. Es war nicht wahr! Es durfte nicht wahr sein. Vela, Kiina, Del - es war nicht seine Schuld! �Du l�gst, alter Mann! Du hast selbst gesagt, da� du es warst, der -�</p><p>�Nichts habe ich�, fauchte Drask. �Gar nichts. Ich zwinge dich nur, dich zu entscheiden, das ist alles. Enwor wird untergehen, ob ich ihnen nun den Weg zu deinem Teufelskind zeige oder nicht! Wir haben nur noch eine Chance, und das bist du!� Skar schlug ihn nieder. Seine Faust traf Drask im Gesicht, dicht unter dem linken Auge, lie� die d�nne Haut aufplatzen und Blut �ber seine faltigen Z�ge rinnen. Drask torkelte mit einem spitzen Schrei zur�ck, prallte gegen die Tischkante und sank mit einem gepeinigten Wimmern zu Boden, Bruchteile von Sekunden, bevor Skar aus dem Zimmer st�rmte und die T�r hinter sich zuwarf.</p></section><section><title><p id="_19">19.</p></title><p>Skars Zorn verrauchte beinahe so schnell, wie er aufgeflammt war. Er war niemals j�hzornig oder gar cholerisch gewesen, und sein pl�tzlicher Ausbruch entsprang wohl eher der Best�rzung, mit der ihn Drasks Worte erf�llt hatten, als irgend etwas anderem. Er war die Treppe hinuntergest�rmt, wobei er beinahe einen von Drasks Dienstboten �ber den Haufen gerannt h�tte, hinaus aus dem Turm und quer �ber den Hof, aber der Sturm von Gef�hlen, der ihn fast blind gemacht hatte, legte sich bereits wieder. Als er den Geb�udetrakt betrat, in dem seine eigene Kammer lag, war die Wut verraucht, die ihn dazu getrieben hatte, Drask zu schlagen.</p><p>Zur�ck blieb nichts als Leere.</p><p>Er f�hlte sich schlecht, auch und ganz konkret k�rperlich schlecht. Der Gedanke an das, was er getan hatte, erf�llte ihn mit �belkeit. Gott, er hatte diesen schwachen alten Mann geschlagen, der doch nichts anderes getan hatte, als um das Fortbestehen seiner Welt zu k�mpfen, und auch das Wissen, da� Drask es sich letzten Endes wohl selbst zuzuschreiben hatte, �nderte daran nichts. Es war wahrlich keine Heldentat, einen alten Mann zu verpr�geln, dessen einzige Waffe <emphasis>Worte </emphasis>waren - die er allerdings meisterhaft beherrschte. Als er die Treppe zu seinem Gela� hinaufging, war er fast versucht, kehrtzumachen und zu Drask zur�ckzugehen, um ihn um Verzeihung zu bitten. Aber nur fast. Sein Zimmer war still und dunkel, als er die T�r aufstie�, denn der Diener, der ihn abgeholt hatte, hatte das Licht hinter ihm gel�scht, und die Kammer lag in einem der ruhigsten Teile der gewaltigen Burganlage.</p><p>Trotzdem sp�rte er, da� jemand da war.</p><p>Skar blieb wie versteinert stehen. Er h�rte nichts, er sah nichts - der Raum hinter der T�r war wie ein schwarzes Loch, das in die Wirklichkeit gestanzt worden war - aber er f�hlte die Anwesenheit von... <emphasis>etwas.</emphasis></p><p>Sein �berreizter Geist lie� Visionen von kleinen schwarzen Dingen vor seinen Augen entstehen, das Bild von etwas Dunklem, Gl�nzendem, das sich wie eine gel�hmte schwarze Spinne �ber den Boden auf ihn zuschl�ngelte... Er lauschte, h�rte noch immer nicht den mindesten Laut und trat vorsichtig einen halben Schritt in den Raum hinein. Jeder Nerv in ihm war bis zum Zerrei�en angespannt. Ganz langsam hob er die Arme und ballte die H�nde zu F�usten, spannte sich, verlagerte fast unmerklich sein K�rpergewicht, um - �Skar?�</p><p>Die Stimme war so dicht neben ihm, da� er instinktiv herumfuhr und zum Schlag ausholte.</p><p>Erst im allerletzten Moment sah er, wer neben ihm stand, und erst in diesem Augenblick erkannte er die Stimme. Erschrocken fuhr er zusammen, wich ein winziges St�ck zur�ck und entspannte sich.</p><p>�Syrr!� sagte er. �Was zum Teufel tust du hier?� Pl�tzlich begriff er, da� er sie um ein Haar get�tet h�tte. Eine Sekunde sp�ter, und...</p><p>�Bist du von Sinnen?!� fuhr er fort, viel lauter und sch�rfer und voller Zorn. �Fast h�tte ich dich erschlagen!�</p><p>Der Schatten, der Syrr war, bewegte sich, trat in das blasse Dreieck aus Licht, das durch die T�r hereinfiel, und nun erkannte er auch ihr Gesicht. Sie war bleich, und ihre Augen waren gro� und erschrocken und dunkel vor Furcht. Aber es waren nicht seine Worte, die sie so entsetzt hatten. Die Gefahr, in die sie sich selbst gebracht hatte, schien sie gar nicht bemerkt zu haben. �Was tust du hier?� wiederholte er.</p><p>�Ich... wollte dich sehen�, stammelte Syrr. �Ich mu�... mit dir sprechen.�</p><p>Skar blickte sie einen Moment mit einer Mischung aus Erleichterung und Zorn an, dann schlo� er die T�r, tastete sich im Dunkeln dorthin, wo er die Lampe wu�te, und suchte mit fahrigen Bewegungen nach den Feuersteinen. Eine der kleinen harten Kugeln entglitt ihm und h�pfte mit einem sonderbar lang nachhallenden <emphasis>Klick-Klack </emphasis>in die Dunkelheit davon. Skar fluchte, ging in die Hocke und tastete blind mit den H�nden �ber den Boden. �Warte�, sagte Syrr. �Ich habe einen anderen. Hier.� Er sp�rte, wie sie sich dicht vor ihm bewegte, stand auf und ertastete ihre Hand, als er den Arm ausstreckte. Unwillig entri� er ihr den Feuerstein, tastete mit der anderen Hand nach der �llampe und lie� Funken gegen den Docht springen, bis eine kleine gelbe Flamme hochz�ngelte und rasch gr��er wurde. Erst dann drehte er sich wieder zu Syrr um.</p><p>�Was willst du hier?� fragte er ungehalten. �Hat Drask dich geschickt?� Er sah, wie sie unter seinen Worten zusammenfuhr, und seine eigene Grobheit tat ihm schon wieder leid. Aber er entschuldigte sich nicht.</p><p>�Nein�, antwortete Syrr. �Das hei�t... er hat mich nicht geschickt, aber ich bin seinetwegen hier. Auch wenn er nichts davon wei�.�</p><p>�Aha�, sagte Skar. �Und was bedeutet das?�</p><p>�Ich... wollte dich einfach sehen, Skar�, sagte Syrr leise. �Drask war bei mir und hat gesagt, da� du fortgehen w�rdest, heute oder morgen, und... und er...� Sie brach ab, k�mpfte in einem letzten Rest von Beherrschung die Tr�nen zur�ck, die pl�tzlich ihre Augen f�llten, und machte Anstalten, auf ihn zuzutreten, verharrte aber mitten in der Bewegung, als sie seinem Blick begegnete. Die Lampe begann jetzt st�rker zu brennen, und Skar sah, da� er sich nicht get�uscht hatte: Auf ihren Z�gen lag ein Ausdruck von Furcht, die nichts mit seiner �bersteigerten Reaktion zu tun hatte. Sie hatte Angst, beinahe panische Angst. Aber wovor?</p><p>Pl�tzlich sp�rte er eine heftige Woge von Mitleid, und das Schuldgef�hl, das er bisher Drask gegen�ber gehabt hatte, empfand er nun f�r Syrr. Selbst wenn es Drask gewesen war, der sie geschickt hatte - woran Skar keinen Augenblick zweifelte - war es nicht ihre Schuld. Er hatte so lange und so oft k�mpfen m�ssen, da� er manchmal verga�, da� das Leben nicht nur aus Flucht und T�ten oder Get�tet werden bestand. Syrr war noch ein halbes Kind, auch wenn sie gelernt hatte, sich wie eine Erwachsene zu benehmen, allein um zu �berleben.</p><p>Er l�chelte milde, trat einen Schritt auf sie zu und blieb pl�tzlich wieder stehen. Der Lampendocht brannte jetzt zur G�nze; trotzdem war es noch immer sehr dunkel in der Kammer. Die Schatten umlagerten ihn und Syrr wie lautlose dunkle Angreifer, die beharrlich an den R�ndern des flackernden Lichtkreises nagten, in dessen Zentrum sie standen. Einem Impuls folgend, den er selbst nicht v�llig begriff, drehte er sich um, ging zum Fenster und stie� die L�den auf. Das graue Zwielicht der Nacht str�mte lautlos ins Zimmer und verscheuchte die Schatten der Angst. Aber nicht ganz.</p><p>�Erz�hle�, sagte er. �Was ist passiert?�</p><p>�Er... er war bei uns�, begann sie stockend. �Heute abend, kurz... kurz bevor die Sonne unterging.�</p><p>�Drask?�</p><p>Syrr nickte. �Er sagte, du... w�rdest fortgehen, und wahrscheinlich nicht wiederkommen, und... und ob ich mich nicht von dir verabschieden wollte. Und... und er sagte, wenn du fort bist, dann m�ssen auch Talin und ich gehen, weil... weil es hier keinen Platz f�r uns g�be und... und es wahrscheinlich Krieg geben w�rde, und...�</p><p>�Gehen?� Skar begriff. Nat�rlich - Drask brauchte weder Syrr noch ihren Bruder. Er hatte ja keinen Hehl daraus gemacht, da� er sie einzig auf die Burg geholt hatte, um Skar einen Gefallen zu erweisen. War er nicht mehr da, gab es keinen Grund mehr f�r sie, hierzubleiben.</p><p>�Vielleicht hat er sogar recht�, murmelte er. �Es <emphasis>wird </emphasis>Krieg geben, wei�t du? Wenn die Quorrl kommen...�</p><p>�Er hat gesagt, da� sie alle fortschicken werden�, sagte Syrr unsicher. �Das ganze Lager. Alle, bis... bis auf die M�nner, die ein Schwert f�hren k�nnen.�</p><p>Auch das war nur logisch, dachte Skar bedr�ckt. Er selbst h�tte an Drasks Stelle nicht anders gehandelt. Selbst wenn die Festung nicht fiel, w�re es Mord, all diese Leute dort unten im Lager zu lassen. Trotzdem wuchs sein Zorn auf Drask.</p><p>�Hat er gesagt, wohin er sie schicken will?�</p><p>Syrr sch�ttelte den Kopf. Tr�nen f�llten ihre Augen. �Irgendwohin�, schluchzte sie. �Hinter die Berge. Vielleicht nach Malab oder Besh-Ikne oder...� Sie schluckte heftig. Ihre H�nde ballten sich zu kleinen, wei�en F�usten. �Ich will nicht weg, Skar�, sagte sie pl�tzlich. �Ich... ich will hierbleiben. Bei dir.�</p><p>�Bei mir? Du hast mich nicht einmal gesehen, w�hrend der letzten zwei Wochen, Kind.�</p><p>�Aber du warst da�, beharrte Syrr. �Bitte, sprich mit ihm. Sag ihm, da� er uns hierl��t. Ich will nicht fort. Und Talin auch nicht.�</p><p>�Und wenn ich wirklich gehe, wie Drask es gesagt hat?�</p><p>�Dann kommen wir mit�, sagte Syrr hastig. �Egal, wohin. Talin und ich k�nnen dir von Nutzen sein. Wir... wir kennen uns in den Bergen gut aus. Wir k�nnen dich f�hren, Skar. Und wir k�nnen k�mpfen, wenn es sein mu�, das wei�t du. Bitte, Skar!� Die letzten beiden Worte schrie sie fast.</p><p>�Das ist unm�glich, Kind�, sagte er. �Ich...� Seine Stimme versagte. Es war sinnlos. Syrr wu�te alles, was er sagen konnte; all diese leeren wahren dummen Worte, die er ihr entgegengeschleudert hatte, um sie zu verletzen und damit abzuschrecken. Sie w�rde nichts davon gelten lassen. Pl�tzlich begriff er, da� Syrr ihm mit offenen Augen selbst in den Tod folgen w�rde. Und da� es ganz genau das war, was er wollte.</p><p>�Ich wei�, da� du mich verachtest, Skar�, fuhr Syrr ganz leise fort. �Aber das... das macht nichts. La� mich nur in deiner N�he sein, das reicht. Vielleicht... vielleicht magst du mich ja eines Tages doch, wenn auch nur ein bi�chen. Und... und wenn nicht, macht es auch nichts.�</p><p>�Aber warum?� fragte Skar verwirrt.</p><p>�Weil ich nicht hierbleiben will�, sagte Syrr. �Aber ich will auch nicht mehr allein sein.�</p><p>Skar trat wortlos auf sie zu, legte die Arme um ihre Schultern und dr�ckte sie an sich; sehr sanft, aber fest genug, um ihr das Gef�hl von Schutz zu geben, das sie von ihm haben wollte. Denn mehr war es nicht. Da war keine Liebe; allerh�chstens ein wenig kindliche Bewunderung f�r ihn, den Satai. Sie war allein, sie hatte Angst, sie wollte Schutz, und sein Stirnband und das Schwert an seiner Seite versprachen ihn.</p><p>Und war es nicht ganz genau das, was auch er wollte?</p><p>�Geh mit uns fort, Skar�, fl�sterte Syrr. �Bitte. Ich will nicht hierbleiben. Wir... wir k�nnten uns Pferde stehlen und davonreiten, noch heute nacht. Niemand w�rde es merken. Nicht, ehe wir nicht weit genug weg w�ren.� Sie sprach sehr schnell, so da� Skar sp�rte, da� sie sich jedes einzelne Wort lange �berlegt hatte. �Wir haben alles vorbereitet. Ich... ich habe Lebensmittel gestohlen, in den letzten beiden Wochen, immer nur ein bi�chen, so da� niemand Verdacht gesch�pft hat, und... und Talin hat S�ttel und Zaumzeug besorgt. Er arbeitet in den St�llen, wei�t du, und er hat gute Pferde f�r uns ausgew�hlt, die schnellsten, die da sind, und -�</p><p>Skar verschlo� ihre Lippen mit einem Ku�. Er sp�rte, wie sich Syrr in seinen Armen versteifte, und f�r einen ganz kurzen Moment f�hlte er ein fast schmerzliches Verlangen nach ihr. Aber nur f�r die Dauer eines Herzschlages. Dann erinnerte er sich wieder, da� sie ein Kind war. Sie h�tte seine Tochter sein k�nnen; sein Enkelkind, wenn er die achtzehn Jahre dazuz�hlte, die er der Zeit abgetrotzt hatte.</p><p>Und trotzdem tat es unglaublich wohl, sie in den Armen zu halten, einfach, weil auch er sich nach nichts so sehr sehnte wie nach ein bi�chen menschlicher W�rme und Zuneigung.</p><p>Es war ein Moment sonderbarer Klarheit: Alles schien unwichtig zu werden. Drask, die Quorrl, sein eigenes Schicksal - selbst das der ganzen Welt. Das hier war es, was er wollte, sonst nichts. Einen Menschen, der ihm Vertrauen entgegenbrachte, ein wenig W�rme, Frieden...</p><p>Vielleicht hatte Drask ihm den richtigen Weg gewiesen, ohne es zu ahnen. Was ging ihn das Schicksal der Welt an? Wenn er wirklich nur ein Werkzeug war, ein winziges R�dchen in einer ungeheuer gro�en Maschine, dann spielte es �berhaupt keine Rolle, ob er da war oder nicht.</p><p>Und er verstand noch mehr. Jetzt, als seine Erregung allm�hlich verging, begriff er, da� auch Drasks scheinbarer Ausbruch nichts als ein Teil eines akribisch vorbereiteten Planes gewesen war. Er hatte Skar all seine verletzenden Worte nicht im Zorn entgegengeschleudert, wie er ihn hatte glauben machen wollen. Skar war fast sicher, da� der Alte niemals etwas dem Zufall �berlie�; und schon gar nicht seine eigenen Worte. Nein - er hatte all dies, jedes einzelne Wort, bis ins Kleinste vorausberechnet. Es war ein Teil des Spieles, ein neuer, �berraschender Zug, der Skar weiter in die Enge treiben sollte, bis ihm keine andere Wahl mehr blieb, als genau das zu tun, was Drask von ihm erwartete. Ebenso, wie er Syrr hierhergeschickt hatte.</p><p>Und vielleicht war dies sein erster Fehler gewesen.</p><p>�Talin�, fragte er. �Wo ist er?� Sein Gesicht war dem Syrrs noch immer sehr nahe, seine Arme umschlossen sie, seine Hand streichelte ihre Schultern. Er sp�rte ihre N�he, ihre W�rme und den Wohlgeruch ihres Haares. Und doch war es nur eine v�terliche Geste. Irgendwie... ja, irgendwie liebte er sie wohl, aber nicht so, wie ein Mann eine Frau, sondern so wie ein Bruder, vielleicht wirklich wie ein Vater. Es waren seine Besch�tzerinstinkte, die Syrr weckte, nicht den Mann in ihm. Aber war das nicht genug?</p><p>�Er wartet auf uns�, antwortete Syrr. �Unten in den St�llen.� Ein schwacher Funke von Hoffnung glomm in ihren Augen auf. Ihr Griff verst�rkte sich.</p><p>�Du... du kommst mit uns?� fragte sie.</p><p>Es war Wahnsinn. Er wu�te, da� es nicht funktionieren konnte. Selbst wenn sie das Unm�gliche schafften und aus der Burg entkamen, und selbst wenn sie dar�ber hinaus die Berge �berwinden und den Quorrl entkommen sollten - irgendwann w�rde sie die Wirklichkeit einholen. Es war ein Traum, den Syrr ihm anbot - aber er wollte ihn. Er wollte einfach nicht mehr k�mpfen. Er wollte nicht mehr t�ten, nicht seinen Sohn, nicht irgendwelche Quorrl, nicht einmal die Sternengeborenen. Enwor... Was war er diesem Wort schuldig? Es war seine Welt, aber was hatte sie ihm schon gegeben, au�er einem Leben voller Schmerzen und Leid und immer neuer Furcht, au�er Entsetzen und Verbitterung? Zum Teufel, sollte es doch untergehen! �Ja�, sagte er. �Wahrscheinlich werden wir alle dabei sterben, aber wir versuchen es.� Ein Teil von ihm schrie ihm noch immer zu, da� er den Verstand verloren hatte, da� er das Unm�gliche wollte. Aber er h�rte nicht auf diese Stimme. Vielleicht waren es nur Tage, die sie dem Schicksal abtrotzen konnten, vielleicht auch Wochen, ein Jahr... sicherlich nicht mehr. Und trotzdem war er bereit, alles zu opfern, f�r dieses eine Jahr voller Frieden. Drask hatte sich get�uscht. Er hatte ihm die Wahrheit gesagt, oder das, was er daf�r hielt, aber seine Worte hatten Skar tiefer und nachhaltiger getroffen, als er auch nur hatte ahnen k�nnen. Sie hatten irgend etwas in ihm zerst�rt. Wenn es so war, dachte er, wenn der Alte recht hatte und sein Leben immer nur darin bestanden hatte, wegzulaufen, dann wurde er jetzt vielleicht zum ersten Mal konsequent sein. In diesem einen, fl�chtigen Moment war Skar willens und bereit, alles zu opfern f�r einen Traum. Vielleicht war dies seine Bestimmung, und nicht, die Welt zu retten.</p><p>�Ja�, sagte er noch einmal. �Wir gehen.�</p><p>Syrr loste sich aus seiner Umarmung, ordnete rasch ihr Haar und ihre Kleider und wollte sich zur T�r umdrehen, aber Skar hielt sie noch einmal zur�ck. �Warte�, sagte er. �Wir m�ssen -� Etwas geschah. Skar wu�te es, den millionsten Teil einer Sekunde, ehe es wirklich geschah, aber er sp�rte es: Es war, als z�gen sich die Schatten im Raum zusammen, als kippe die Wirklichkeit ab, glitte ein ganz kleines St�ckchen weiter in die Richtung, in der die Alptr�ume lauern, als w�rde aus dem Wispern des Windes drau�en ein lautloses, unglaublich <emphasis>b�ses </emphasis>Lachen. Der Traum war vor�ber, so schnell, wie er begonnen hatte. Syrrs Augen wurden gro� vor Schrecken, w�hrend sie auf etwas starrte, das hinter Skar war, er h�rte ein Ger�usch, ein Schaben und Klirren, das er kannte oder wenigstens kennen sollte, etwas wie Atemz�ge, einen kurzen unglaublich harten Ruck, aber er war nicht f�hig, sich umzudrehen, denn irgend etwas l�hmte ihn, und pl�tzlich ragte ein silberner Stern aus Syrrs Hals, f�nfzackig und kleiner als seine Hand, t�dlich, mit unglaublicher Pr�zision und Kraft geworfen, der sein Ziel nur verfehlt hatte, weil ihn das Entsetzen in Syrrs Blick gewarnt hatte und er erschrocken zusammengefahren war.</p><p>Dann fiel die L�hmung von Skar ab. Mit einem fast k�rperlich sp�rbaren Ruck fiel er in die Wirklichkeit zur�ck. Syrr taumelte, brach in seinen Armen zusammen und wollte etwas sagen, aber sie konnte es nicht. Aus ihrem Mund kam nur Blut und ein entsetzlicher, feuchter Laut, weil <emphasis>der Shuriken </emphasis>ihre Kehle zerschnitten hatte und sie an ihrem eigenen Blut erstickte. Sie fiel gegen ihn. Ihre Fingern�gel krallten sich in seine nackten Arme und rissen die Haut auf, als sie verzweifelt versuchte, sich an irgend etwas festzuhalten, sich an ihn zu klammern, als w�re er das Leben, das aus ihrem K�rper herausflo�. Ihr Hals und ihre Brust waren rot. In ihren Augen stand ein uns�glicher Schmerz.</p><p>Sie starb, noch ehe Skar sie vollends zu Boden gleiten lassen konnte.</p><p>F�r die Dauer einer einzelnen, aber endlosen Sekunde stand Skar einfach da, halb �ber sie gebeugt, reglos, unf�hig, etwas zu tun, zu denken, zu f�hlen, blickte auf ihr Gesicht herab, ihre gro�en, gebrochenen Augen, in denen noch der entsetzliche Schmerz stand, den sie im allerletzten Moment gesp�rt haben mu�te. Er sp�rte das Blut an seinen H�nden und an seiner Brust, das Gewicht ihres K�rpers, der jetzt im Tod viel schwerer geworden zu sein schien.</p><p>Und pl�tzlich erlosch aller Schmerz. Skar f�hlte... nichts. Der Teil von ihm, der Mensch war, existierte nicht mehr in diesem Moment. Er war nur noch Satai, eine m�rderische Kampfmaschine, die keine Gef�hle, keine Furcht und kein Mitleid kannte. Nicht einmal Zorn.</p><p>Ein Schatten stemmte sich hinter ihm durch das Fenster, die linke Hand noch auf der Br�stung, um sein Gewicht abzust�tzen, die andere zum G�rtel gesenkt, um einen zweiten <emphasis>Shuriken </emphasis>hervorzuziehen. Seine Bewegungen erschienen Skar beinahe l�cherlich langsam.</p><p>Mit einem einzigen, gro�en Schritt trat er dem Angreifer entgegen, duckte sich fast spielerisch unter dem heransausenden Wurfstern weg und trat aus der gleichen Bewegung heraus zu. Sein Fu� traf den anderen in die Seite. Der Mann taumelte mit einem Schmerzlaut gegen die Wand, steppte blitzschnell zur Seite und hob die Arme. In seiner Hand blitzte Metall. Etwas ber�hrte Skars linken Oberarm und bi� tief und schmerzhaft hinein. Pl�tzlich war es <emphasis>sein </emphasis>Blut, das an seinem K�rper herunterlief. Aber er sp�rte den Schmerz nicht einmal in diesem Moment. R�cksichtslos schlug er zu, sp�rte, wie er traf und h�rte das helle, sonderbar harmlos klingende Knacken, als das Handgelenk des Angreifers brach.</p><p>Der Dolch klirrte zu Boden. Der Schatten vor ihm kr�mmte sich. Ein dumpfer Schmerzenslaut drang an Skars Ohr. Aber er griff nicht nach seiner gebrochenen Hand, wie es jeder andere Angreifer getan h�tte, sondern schlug nach Skars Gesicht, die Hand zur Kralle verkr�mmt, Zeige- und Mittelfinger starr ausgestreckt, um seine Augen zu treffen.</p><p>Skar drehte blitzschnell den Kopf zur Seite, packte den Arm und brach auch ihn, lie� aber dann nicht los, sondern schleuderte den Angreifer mit aller Gewalt gegen die Wand. Der Mann keuchte vor Schmerz. Skar trieb ihm die Faust in den Leib und erstickte seinen Schrei.</p><p>Pl�tzlich waren auch hinter ihm Ger�usche. Ein ged�mpfter Schrei drang vom Gang herein, und etwas polterte gegen die T�r. Skar h�rte, wie sie aus dem Schlo� gerissen und wuchtig gegen die Wand geschleudert wurde. Hastige Schritte n�herten sich ihm.</p><p>Skar achtete nicht darauf. Mit beiden H�nden packte er den Mann vor sich, ri� ihn in die H�he und herum und hoch. F�r einen Moment kam das Gesicht des Angreifers ins Licht: ein sehr schmales, noch fast jugendliches Gesicht mit hellem, schulterlangem Haar und grausamen Augen, in denen auch jetzt noch keine Furcht stand, sondern allenfalls �berraschung und ein ungl�ubiger Zorn. Und dar�ber ein schmales, ledernes Stirnband, auf dem ein winziger f�nfzackiger Stern prangte, wie eine verkleinerte Ausgabe des Todessternes, der Syrr getroffen hatte.</p><p>Skar fuhr herum, den Satai wie ein Spielzeug mit sich zerrend, sah einen Schatten auf sich zufedern und sprang instinktiv zur Seite. Der Schwerthieb, der seinen Sch�del hatte spalten sollen, traf die Schulter des Satai in seinen H�nden und t�tete ihn auf der Stelle, aber Skar lie� ihn immer noch nicht los. Warmes, klebriges Blut lief �ber seine H�nde und Arme und lie� den Boden unter ihm schl�pfrig werden. Das <emphasis>Tschekal </emphasis>pfiff ein weiteres Mal heran, besser gezielt und mit sehr viel mehr Kraft diesmal. Skar tauchte unter dem Hieb hindurch, schleuderte dem Angreifer den Toten entgegen und sah, wie er zu Boden ging, sich kr�mmte und mit einer blitzschnellen Bewegung wieder auf die F��e kam. Aber Skar war schneller.</p><p>Blitzschnell war er bei dem Satai, packte seine Waffenhand und verdrehte sie mit der Linken; seine Rechte ergriff die Spitze des Satai-Schwertes, dr�ngte sie mit erbarmungsloser Kraft herum und nach oben und dr�ckte noch einmal zu, mit einem kurzen, harten Ruck. Er sp�rte nicht einmal Widerstand, als die Schneide des <emphasis>Tschekals </emphasis>durch die Kehle seines eigenen Besitzers glitt.</p><p>Ein weiterer Schatten erschien unter der T�r, und Skar h�rte jetzt auch vom Hof Schreie herauf dringen. Das Blitzen eines Satai-Sternes, der h��liche Laut eines <emphasis>Tschekal, </emphasis>das aus der Scheide gezogen wurde und seine blutbesudelte Spitze auf ihn richtete, dann etwas Kleineres, T�dliches, das auf sein Gesicht zielte. Skar schlug den <emphasis>Shuriken </emphasis>mit der blo�en Hand beiseite, sp�rte einen kurzen, heftigen Schmerz, als die Waffe seinen Handr�cken aufri� und abprallte, und sprang vor. Sein Fu� kam hoch und zielte nach dem Gesicht des Satai, aber er traf nicht, denn der andere drehte sich mit einer fast unm�glich erscheinenden Bewegung zur Seite und schlug gleichzeitig mit dem Schwert nach seinem Bein. Skar fiel, als er dem Hieb auswich, prallte mit Schulter und Gesicht gegen die T�r und griff ganz instinktiv zu, um nicht vollends zu Boden zu gehen.</p><p>Er fand sein Gleichgewicht den Bruchteil einer Sekunde vor dem anderen wieder. Das <emphasis>Tschekal </emphasis>in der Faust des Satai bewegte sich nach oben und auf ihn zu, in einem geraden, mit unglaublicher Leichtigkeit und Kraft ausgef�hrten Stich, der Skar keine Chance mehr lie�, auszuweichen.</p><p>Er tat es nicht, sondern warf die T�r mit aller Gewalt zu.</p><p>Das eisenharte Holz traf den Satai mit der Wucht eines Hammerschlages, schmetterte ihm die Waffe aus der Hand und lie� ihn mit haltlos rudernden Armen auf den Gang hinaustaumeln, wo er wuchtig gegen die Wand prallte und st�hnend zusammenbrach. Skar setzte ihm nach, ri� ihn in die H�he und t�tete ihn mit einem einzigen, geraden Fauststo� gegen die Kehle.</p><p>Und es war noch nicht vorbei. Erst jetzt, als h�tte sein Geist alles andere um ihn herum als unwichtig eingestuft und schlichtweg ignoriert, h�rte er den L�rm wirklich - Schreie und Klirren von Stahl, Schritte und das dumpfe Krachen aufeinanderprallender K�rper. Er sprang auf, ri� sein Schwert aus dem G�rtel und fuhr herum.</p><p>Er war allein, aber nur wenige Schritte vor ihm lag eine verkr�mmte Gestalt in der zerfetzten Uniform von Drasks Leibgarde. Eine blutige, vielfach unterbrochene Spur zeigte den Weg, den er sich geschleppt hatte, um zu sterben: zur Treppe hin, von wo aus die Kampfger�usche herauf drangen. Irgendwo auf dem Hof begann ein Horn zu dr�hnen, Sekunden sp�ter beantwortet vom tiefen vibrierenden Hall eines Alarmgongs. Skar b�ckte sich nach dem <emphasis>Tschekal </emphasis>des toten Satai, nahm es in die Linke und lief los. Er f�hlte noch immer nichts. Nicht einmal den Schmerz in seinem Arm.</p><p>Die Schreie und das Klirren von Stahl wurden lauter, als er die Treppe erreichte. Er fand einen weiteren toten Krieger, der auf den steinernen Stufen zusammengebrochen war, setzte �ber den Leichnam hinweg und st�rmte weiter, immer drei, vier Stufen auf einmal nehmend und mehr die Treppe hinabspringend als laufend. �berall waren Tote: f�nf, zehn, ein Dutzend M�nner, die vergeblich versucht hatten, sich den beiden Satai in den Weg zu stellen.</p><p>Dann erreichte er die Halle und blieb einen Moment stehen, um sich zu orientieren.</p><p>Unter ihm tobte ein erbarmungsloser Kampf.</p><p>Es waren vier M�nner in den schwarzen M�nteln und Brustpanzern der Satai, die sich gegen eine vielleicht zehnfache �bermacht von Drasks Kriegern wehrten, aber Skar war im ersten Moment nicht einmal sicher, wer nun der Angreifer und wer der Verteidiger war: ein Dutzend Krieger lag tot oder verwundet am Boden, und jedesmal, wenn einer der Satai vorsprang, die Schulter an Schulter einen engen Kreis bildeten, fiel ein weiterer Soldat.</p><p>Trotzdem hatten sie keine Chance. Der Alarm dr�hnte jetzt ununterbrochen durch die Festung, und von �berall her str�mten frische Krieger herbei. Die �bermacht wuchs mit jedem Moment. Selbst die vier Satai w�rden ihr nicht mehr lange standhalten.</p><p>�Aufh�ren!� schrie Skar.</p><p>Seine Stimme ging fast im L�rm des Kampfes unter, aber sie wurde geh�rt: Erschrockene Blicke wandten sich ihm zu, und einer nach dem anderen stellten Drasks Krieger ihre Angriffe auf die Satai ein. Es dauerte eine Minute, bis der Kampf wirklich endete, aber danach trat eine schon fast unheimliche Stille ein. Auch die Blicke der vier Satai konzentrierten sich auf ihn, und er sah den ungl�ubigen Schrecken, den sie bei seinem Anblick empfanden. Ganz kurz wurde sich Skar bewu�t, welche Wirkung sein pl�tzliches Erscheinen nicht nur auf die M�nner aus Drasks Garde haben mu�te. Er stand hoch aufgerichtet auf den obersten Stufen der Treppe, �ber und �ber mit Blut besudelt, ein blutiges Schwert in der Faust, wie ein Racheengel, der von den Toten auferstanden war. Er l�chelte. Ja, mehr war er vielleicht auch nicht. In diesem Moment wollte er auch nicht mehr sein. �Aufh�ren�, sagte er noch einmal, sehr ruhig jetzt, aber trotzdem so laut, da� seine Stimme �berall geh�rt werden mu�te. �Diese M�nner geh�ren mir.�</p><p>Langsam begann er die Treppe hinabzugehen. Irgend etwas geschah mit ihm, mit seinem K�rper, w�hrend er sich auf die vier Satai-Krieger zubewegte. Es geschah ohne sein Zutun, und er h�tte selbst Schrecken davor empfunden, w�re er in diesem Moment dazu f�hig gewesen. Es war, als spanne sich in ihm ein unsichtbares Raubtier zum Sprung. Er sah das Entsetzen in den Gesichtern der Satai - keine Furcht vor ihm, denn sie waren zu viert, aber Entsetzen �ber die blo�e Tatsache seines Daseins - und er geno� es.</p><p>Drasks Krieger wichen vor ihm zur Seite, als er sich den Satai n�herte, und auch auf ihren Z�gen lag nichts als Erschrecken, ja Angst. Das Etwas in ihm geno� auch dies. Es zog Kraft aus ihrer Furcht.</p><p>Die vier Satai hatten ihre Kreisformation nicht aufgegeben, als er sie erreichte, aber sie sahen ihn an, und in jedem einzelnen Gesicht stand der gleiche Ausdruck: sie wu�ten, da� sie sterben w�rden. Nicht einmal sie konnten hoffen, lebend aus der Festung zu entkommen. Die �bermacht war zu gro�. Aber vorher w�rden sie tun, wozu sie gekommen waren.</p><p>�Ihr wolltet mich�, sagte Skar ruhig. �Dann kommt.�</p><p>Sie kamen. Es gab keinen Grund mehr zu z�gern - jede Sekunde vergr��erte die �bermacht nur, der sie sich gegen�ber sahen, und sie schienen auch zu sp�ren, da� Drasks Krieger sich nicht einmischen w�rden, weil Skar jeden get�tet h�tte, der es auch nur versuchte.</p><p>Skar erwartete den Ansturm der beiden ersten Satai v�llig ruhig. Die M�nner sprangen nebeneinander auf ihn zu, Schulter an Schulter, bereit, im letzten Moment zur Seite zu weichen, um ihren Kameraden Platz zu machen, die dicht hinter ihnen heranst�rmten; ein Trick, der schon alt gewesen war, als Skar geboren wurde. Skar versuchte nicht, zur�ck oder zur Seite zu springen, denn das eine w�re so t�dlich gewesen wie das andere. Statt dessen sprang er den Angreifern entgegen, lie� sich blitzschnell auf ein Knie herabfallen und stie� zu, mit beiden Schwertern und aller Gewalt, ein doppelter, schr�g aufw�rts gef�hrter Hieb, zu schnell, als da� selbst die Reaktionen der beiden Satai ausgereicht h�tten, ihm noch auszuweichen. Die Schwerter wurden ihm aus der Hand gerissen, als die Satai st�rzten. Er fiel nach hinten, von der Wucht des doppelten Anpralles aus dem Gleichgewicht gebracht, rollte �ber die Schulter ab und warf sich zur Seite, als er ein Blitzen aus den Augenwinkeln wahrnahm. Das <emphasis>Tschekal </emphasis>h�mmerte wenige Fingerbreit neben ihm in den Boden, schlug Funken aus dem Stein und flog davon, als Skar noch im Aufspringen nach der Waffenhand des Satai schlug.</p><p>Als er aufsprang, drang der vierte Angreifer auf ihn ein, wie er selbst zuvor mit zwei Schwertern bewaffnet und so schnell, da� Skar seine Bewegung kaum sah. Er taumelte zur�ck, tauchte instinktiv unter den beiden Schwertern durch, die wie eine t�dliche Schere nach seinem Hals schnappten, und fiel zum zweiten Mal. Als der Satai ihm nachsetzte, brachte er ihn mit einer Beinschere zu Fall, rollte zur Seite und sprang wieder auf die F��e.</p><p>Die kurze Zeitspanne hatte dem zweiten Satai gereicht, sein Schwert wieder aufzuheben. Aber sonderbarerweise griff er noch nicht wieder an, obwohl er f�r einen winzigen Moment im Vorteil gewesen w�re, sondern umkreiste Skar mit schnellen, wiegenden Schritten und beschr�nkte sich darauf, ihn mit warnenden Schwertst��en, die nicht wirklich treffen sollten, auf Abstand zu halten. Er wartete, bis sein Kamerad wieder auf den Beinen war, um Skar dann gemeinsam anzugreifen. Diesmal w�rden sie eine andere Taktik w�hlen. Mit Sicherheit eine gef�hrlichere. Die vier hatten ihn untersch�tzt, begriff Skar. Sie waren hergekommen, um ihn zu t�ten, aber sie hatten nicht gewu�t, <emphasis>wer </emphasis>er war.</p><p>Skar hob die Hand. Einer von Drasks Kriegern warf ihm ein Schwert zu. Er fing es, f�hrte zwei rasche Hiebe in die leere Luft, um sich an das Gewicht der Waffe zu gew�hnen, und griff abermals an.</p><p>Aber die beiden Satai waren gewarnt. Das Schicksal ihrer beiden Kameraden hatte ihnen bewiesen, da� Skar ihnen �berlegen war, was Schnelligkeit und Kraft anging. Sie wechselten zu einer Taktik, die selbst gegen einen Mann wie ihn Erfolg haben konnte: der einzigen, die ihn immer wieder in Bedr�ngnis brachte. Skar sah sich pl�tzlich zwei Gegnern gegen�ber, die seinen Attacken auswichen, vor seinem Schwert und seinen Tritten zur�cksprangen, statt sich ihnen zu stellen, immer wechselweise, so da� Skar stets von einem angegriffen wurde, wenn er versuchte, den anderen zu treffen. Er war nicht wirklich in Gefahr, aber er wu�te, da� ihn diese Art zu k�mpfen binnen weniger Augenblicke zerm�rben w�rde.</p><p>W�tend griff er den �lteren der beiden an, sah aus dem Augenwinkel, wie der andere sein Schwert hochri� und nach seiner ungesch�tzten Flanke stach und parierte den Hieb im letzten Moment, fand aber nicht einmal Zeit zu einem blitzschnellen Konter, weil er in diesem Moment schon wieder angegriffen wurde, w�hrend sich der j�ngere Satai rasend schnell zur�ckzog. Und dann tat er etwas, was ihn selbst �berraschte: Er schlug das Schwert des Satai zur Seite, aber statt sich dem zweiten Angreifer zuzuwenden, der im gleichen Moment auf ihn zusprang, federte er mit einem gewaltigen Satz zur�ck und aus der Reichweite ihrer Klingen.</p><p>�T�tet sie!� sagte er. Seine Hand wies auf die beiden Satai, die stehengeblieben waren, einen Moment unschl�ssig, was sie tun sollten.</p><p>Es ging sehr schnell. In dem winzigen Bruchteil einer Sekunde, bevor sie starben, mochten sie noch begreifen, wie entsetzlich sie sich in ihm get�uscht hatten, aber sie fanden nicht einmal mehr Zeit, eine Abwehrbewegung zu machen. Ein zorniger, gellender Aufschrei aus f�nfzig Kehlen zerri� die Luft, und die Waffen, die bisher ein drohendes Spalier f�r Skar und seine beiden Gegner gebildet hatten, wurden geschleudert. Mehr als zwei Dutzend Speere und Dolche flogen wie t�dlicher Hagel auf sie zu. Die beiden Satai starben, ohne auch nur einen Schreckenslaut hervorbringen zu k�nnen.</p><p>Skar empfand noch immer nichts. Nichts au�er einer vagen, nicht einmal sehr tiefen Befriedigung, w�hrend er die Leichen der beiden toten Satai anblickte. Und Zorn. Einen kalten, gerade erst erwachenden Zorn, der tief aus dem Grunde seiner Seele emporwuchs und alles andere verschlang. Jemand w�rde bezahlen, f�r das, was hier geschehen war. Jemand oder etwas.</p><p>Als er sich umdrehte, stand er Drask gegen�ber.</p><p>�Das war... nicht sehr klug�, sagte der alte Magier. �Wir h�tten sie gebraucht. Wenigstens einen von ihnen.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Skar kalt.</p><p>�Und war auch nicht sehr ehrenvoll�, fuhr Drask fort. Er wies auf die beiden von zahllosen Speeren und Messern durchbohrten Toten. �Du w�rst ihnen einen fairen Kampf schuldig gewesen, nach dem Ehrenkodex deines... Clans.�</p><p>Auch das wu�te Skar. Aber es stimmte nicht. Er war l�ngst kein Satai mehr, vielleicht schon seit Jahren. Einen fairen Kampf? Er war ihnen den Tod schuldig gewesen, mehr nicht. Er hatte ihren Tod gewollt, und diesem Es war v�llig egal, wie. Vielleicht hatte er damit den letzten Rest des Satais zerst�rt, der er einmal gewesen war. Aber auch daf�r w�rden sie bezahlen.</p><p>Drask seufzte. �So viel Blut�, murmelte er. �Und alles so sinnlos. Es waren... noch mehr. Sieben oder acht, die �ber die Mauern kamen, und noch einmal die gleiche Zahl in den St�llen.�</p><p>�In den St�llen?�</p><p>Drask wu�te, was Skars Erschrecken bedeutete. �Der Junge�, sagte er matt. �Es tut mir leid, Skar, aber er... er ist tot. Sie haben ihn erschlagen.� Er l�chelte sehr traurig. �Vorher konnte er schreien und die Wachen alarmieren. Vielleicht h�tten wir sonst gar nicht gemerkt, da� sie da sind...� Er seufzte abermals, sch�ttelte traurig den Kopf und schien erst jetzt zu sehen, da� Skar �ber und �ber mit Blut besudelt war. Pl�tzlich erschrak er, und Skar begriff, da� er wieder einmal seine Gedanken las und im gleichen Moment wu�te, da� Talin nicht das einzige Opfer gewesen war. �Das M�dchen!� stie� er hervor. �Bei allen G�ttern, sie auch. Sie... sie... haben dich in deinem Zimmer �berrascht?� Skar ignorierte seine Frage. Talin. Erst Syrr, und dann Talin. Die beiden n�chsten Gr�ber auf seinem Weg. Wie viele noch? dachte er. Wie viele mu�ten noch sterben, nur weil sie den Fehler begingen, ihm zu begegnen? Pl�tzlich hatte er das Bed�rfnis zu schreien. Aber er tat es nicht.</p><p>�Ist dein Kundschafter zur�ck?� fragte er leise.</p><p>Drask nickte.</p><p>�Dann zeig mir den Weg.�</p><p>�Du willst -�</p><p>�Ich werde ein Ende machen�, unterbrach ihn Skar. �So oder so, Drask. Es ist genug.�</p><p>Drask nickte. Er wirkte sehr ernst, ja betroffen, als teile er Skars Schmerz. Vielleicht tat er es, so wie er seine Gedanken teilte.</p><p>Aber es gelang ihm nicht ganz, das triumphierende Glitzern in seinen Augen zu unterdr�cken.</p></section><section><title><p id="_20">20.</p></title><p>Es war die gr��te Daktyle, die Skar jemals gesehen hatte - ein Ungeheuer mit mehr als f�nfzehn Metern Fl�gelspannweite, h��lich wie die H�lle und von der Farbe der Nacht; ein Titan, auf dessen R�cken drei oder vier M�nner gleichzeitig reiten konnten. Selbst jetzt, wie es so dahockte, mit gebundenen Fl�geln und aneinandergeketteten L�ufen, wirkte es noch majest�tisch. Es war eine Art von Gr��e an ihm, die durch nichts zu zerst�ren war. Und es war <emphasis>wild. </emphasis>Eine Bestie, die nur aus Zorn und Kraft bestand und deren H��lichkeit allenfalls noch von seiner Wut �bertroffen wurde, die es mit schrillen mi�t�nenden Schreien in die Nacht hinaustrompetete.</p><p>Skar blieb stehen, als sie sich dem Ungeheuer bis auf zwanzig Schritte gen�hert hatten und Drask ihm ein Zeichen dazu gab. Er hatte keine Angst vor diesem Tier - er war auf gr��eren Wesen geritten und hatte furchteinfl��endere Kreaturen get�tet, und allein die Tatsache seines Hierseins bewies, da� es zumindest zum Teil geb�ndigt worden war. Aber er versp�rte einen nat�rlichen Respekt vor dem schwarzgefl�gelten Titanen, der einen Mann auch ganz unabsichtlich zermalmen konnte, mit einer spielerischen Bewegung seiner Schwingen oder einem nachl�ssigen Zucken des gigantischen Hammerkopfes. Und vor der Wildheit in seinem Blick. Etwas war in den Augen der Daktyle, das ihm angst machte, und das er kannte, ohne im ersten Moment zu wissen woher. Dann erinnerte er sich: Er hatte genau diesen Ausdruck in den Augen des Hundes gesehen, der ihn um ein Haar zerrissen h�tte, diese stumme, unglaublich lodernde Wut, die von namenloser Pein erz�hlte, die ihm angetan worden war, und die vielleicht nur durch den Tod wirklich gel�scht werden konnte.</p><p>Es war zu dunkel, als da� er erkennen konnte, was Drask tat, aber der Alte blieb lange neben der Daktyle stehen; es sah fast aus, als rede er mit ihr, und vielleicht war es genau das, was er tat. Es interessierte Skar nicht. Nicht wirklich. Das Ungeheuer w�rde seinen Zweck erf�llen, und das war alles, was z�hlte. Eine Stunde war vergangen, seit er die Satai get�tet hatte, aber es h�tten ebensogut nur zehn Sekunden sein k�nnen - Skar erinnerte sich kaum an das, was w�hrend dieser Zeit geschehen war. Drask hatte seine Wunden versorgt, so gut es in der K�rze der Zeit m�glich gewesen war, und fast ununterbrochen geredet; tausend Dinge, von denen jedes einzelne lebenswichtig sein konnte und die Skar irgendwo in seinem Unterbewu�tsein gespeichert hatte, ohne da� er sich im Moment auch nur auf eines davon besinnen konnte. Es spielte keine Rolle. Wenn er sie brauchte, w�rde er sich daran erinnern, das wu�te er.</p><p>Der Wind drehte sich, trug eine Woge eisiger K�lte und das schrille, fast in den Ohren schmerzende Pfeifen der Daktyle heran. Skar schauderte. Er zog den fellbesetzten Mantel enger um die Schultern, den ihm Drask gegeben hatte, wich ganz instinktiv in den Windschatten der T�r zur�ck und tastete ebenso instinktiv �ber die Kleidung, die er unter dem w�rmenden Fell trug - den schwarzen Brustharnisch der Satai, einen zweiten, schwarz und golden bestickten Mantel, den schmalen Waffengurt, in dem jetzt neben dem <emphasis>Tschekal </emphasis>noch eine Anzahl blitzender <emphasis>Shuriken </emphasis>und ein schmaler, doppelt geschliffener Dolch staken, wadenlange Hosen und eng anliegende Stiefel, die eine Winzigkeit zu klein waren: Kleider, die er einem der toten Satai abgenommen hatte und die er brauchte, wollte er sich in das Lager der Satai einschleichen.</p><p>Selbst jetzt erschien ihm der Gedanke noch absurd. Irgend etwas in ihm war der unersch�tterlichen �berzeugung, da� es nicht gut gehen <emphasis>konnte, </emphasis>ganz gleich, wie sorgsam sein Plan vorbereitet war, und da� er nur den Tod und sonst gar nichts finden w�rde. Er achtete nicht auf diese Stimme. Vielleicht hatte sie recht, aber selbst wenn - es war egal. Ob er das Kind nun fand und t�tete oder ob er vorher gestellt und umgebracht wurde, es w�rde vorbei sein, so oder so, und das allein z�hlte.</p><p>Drask kam zur�ck. Er l�chelte wie ein Mann, der eine sehr schwierige Aufgabe zu seiner vollen Zufriedenheit gel�st hatte, und auf seiner Stirn perlte ein Netz feiner Schwei�tr�pfchen. Seine H�nde zitterten leicht.</p><p>�Sie ist bereit�, sagte er.</p><p>Skar nickte. �Ich dachte immer, nur die <emphasis>Errish </emphasis>verst�nden sich darauf, Daktylen zu reiten�, sagte er ohne echtes Interesse. �Wie hast du sie gez�hmt?�</p><p>�Gar nicht�, antwortete Drask ernst. �Dir bleibt nicht viel Zeit, Skar. Zwei Stunden, vielleicht drei... Es ist leicht, den Geist von Tieren zu beeinflussen, aber die Daktylen sind ungeheuer wild. Sie wird dich hinbringen, und sie wird dich sicher absetzen. Aber sobald du von ihrem R�cken steigst und sie freil��t, wird sie davonfliegen.� Pl�tzlich klang er sehr ernst. �Du hast nur eine einzige Chance, Skar. Geh sorgsam damit um.�</p><p>�Und wie finde ich den Weg?�</p><p>�Das mu�t du nicht.� Drask machte eine vage Geste nach Norden. �Sie kennt ihr Ziel. Du mu�t nur den Ort bestimmen, an dem sie landet.� Er schwieg einen Moment. �Wir werden uns nicht wiedersehen�, sagte er dann, sehr leise und mit einer Spur von Trauer in der Stimme, die Skar �berraschte. Er hatte Drask f�r einen zynischen alten Mann gehalten, und daran �nderte sich auch jetzt nichts, aber er begriff pl�tzlich, da� er sich trotzdem noch einen Rest menschlicher Empfindungen bewahrt hatte. �Bist du es nicht gewohnt, M�nner in den Tod zu schicken?� fragte er.</p><p>Drask sch�ttelte den Kopf. �Nicht so. Du hast keine Chance. Nicht einmal dann, wenn du Erfolg hast. Gerade dann nicht.� Skar starrte ihn an. Es h�tte tausend Dinge gegeben, die er antworten konnte, und vielleicht war jetzt der letzte Augenblick, Drask ein wenig von dem Schmerz heimzuzahlen, den er ihm zugef�gt hatte. Aber dann l�chelte er statt dessen nur, hob zum Abschied die Hand und ging mit raschen Schritten auf die Daktyle zu.</p><p>Das Ungeheuer starrte ihm aus seinen kleinen t�ckischen Augen entgegen, und wieder sp�rte Skar seine Wildheit und Kraft mit fast k�rperlicher Intensit�t. Der riesige Sch�del der Bestie ruckte herum, ragte pl�tzlich drei, vier Meter �ber Skar empor und spaltete sich, als das Ungeheuer den Schnabel �ffnete, um einen weiteren, in den Ohren schmerzenden Schrei auszusto�en. Skar ging mit ruhigen Schritten weiter. Ein Teil von ihm hatte Angst, eine ganz instinktive Angst vor diesem gefl�gelten Giganten, dessen Kraft und Mordlust seine Vorstellungskraft �berstieg, aber ein anderer, st�rkerer Teil sp�rte auch den Ha� und die Wildheit, die die Seele aller Drachen waren, und begr��te sie mit einem freudigen Aufschrei. Es war, als verb�nde sich ein Teil ihrer Seelen zu einem gemeinsamen Ganzen, einem finster lauernden Ding, das vom Tag seiner Geburt an in Skar gewesen war. Das, was er seinen dunklen Bruder genannt hatte. Vielleicht war es der <emphasis>Daij-Djan, </emphasis>der in ihm lauerte. Es war gleich. Skar hatte keine Angst mehr vor ihm. Er w�rde mit ihm sterben.</p><p>Ohne zu z�gern b�ckte er sich unter einer der gewaltigen schwarzen Schwingen hindurch, griff nach dem Zaumzeug der Daktyle und zog sich mit einer kraftvollen Bewegung in den Sattel, der auf dem R�cken des gigantischen Wesens festgeschnallt war. Das Ungeheuer knurrte unwillig. Sein K�rper zuckte, und Skar rechnete fast damit, da� es wie ein bockendes Pferd versuchen w�rde, ihn abzuwerfen. Dann merkte er, da� die Daktyle nur versuchte, sein Gewicht in die richtige Lage zu r�cken, und h�rte auf, sich zu wehren.</p><p>�Bist du soweit?� Drasks Stimme drang wie von weit her zu ihm. Er sah die Gestalt des Alten als wei�en Schemen vor dem finsteren Hintergrund der Mauer, hob kurz die Hand und stie� zweimal hintereinander die Faust in die Luft, zum Zeichen, da� er verstanden hatte und bereit war. Drask antwortete etwas, das er nicht verstand. Aber einen Augenblick sp�ter f�hlte er, wie sich die Fesseln der Daktyle l�sten. Das Ungeheuer stie� ein schrilles, unglaublich <emphasis>lautes </emphasis>Kreischen aus, richtete sich schwerf�llig auf und entfaltete die Fl�gel. Skars H�nde schlossen sich fester um das Zaumzeug. Es war nicht das erste Mal, da� er auf einer Daktyle flog. Er wu�te, da� der Start der gef�hrlichste Moment war, nicht nur f�r das Tier selbst, sondern auch und vor allem f�r seinen Reiter. Pl�tzlich hatte er doch Angst.</p><p>Das Ungeheuer sch�ttelte seine federlosen schwarzen Schwingen, warf den Sch�del in den Nacken, so da� Skar sich hastig ducken mu�te, um nicht von dem gigantischen Hammerkopf getroffen und aus dem Sattel geschleudert zu werden, und lief los. Seine unglaubliche Gr��e lie� seine Schritte langsam und schwerf�llig erscheinen, aber sie waren weder das eine noch das andere. Mit drei, vier raschen Schritten war die Daktyle am Rand der Turmplattform angelangt, �bersprang die brusthohe Wehr, ohne auch nur den Rhythmus ihrer Bewegung zu �ndern, und st�rzte sich mit weit ausgebreiteten Schwingen in die Tiefe. Skar war pl�tzlich ganz froh, da� die Nacht so dunkel war und er nur Schemen von seiner Umgebung wahrnehmen konnte. Trotzdem schrie er vor Schrecken und Furcht, als die Daktyle ihren rasenden Sturz begann. Die Burgmauer ragte hinter ihm in den Himmel hinauf, und der Flu� war nicht mehr als ein mattgl�nzendes Band aus zerkratztem Silber, unendlich tief unter ihnen, aber der Drache st�rzte schnell, rasend schnell, und seine Geschwindigkeit nahm immer mehr zu.</p><p>Skar klammerte sich an die Z�gel, pre�te gleichzeitig mit aller Kraft die Schenkel zusammen und beugte sich �ber den schuppigen Hals des Tieres, um dem Wind m�glichst wenig Widerstand zu bieten. Die Daktyle schrie wieder, spreizte die gewaltigen Fl�gel, zog sie pl�tzlich ganz eng an den Leib und wurde dadurch noch schneller. Der Flu� sprang mit einem gewaltigen Satz auf sie zu. Dann entfaltete sie Ihre Titanenfl�gel wieder.</p><p>Der Ruck schleuderte Skar fast vom R�cken des Tieres. Aus dem fast senkrechten Sturz der Daktyle wurde ein erst sehr sanfter, dann immer enger werdender Bogen, dessen Schnittpunkt entsetzlich dicht �ber dem tobenden Flu� lag.</p><p>Dann stiegen sie wieder. Die Schwingen des schwarzen Giganten peitschten die Luft, trugen seinen geschuppten Schlangenk�rper mit scheinbar schwerf�lligen, schaufelnden Bewegungen wieder nach oben und schlugen immer schneller. Der Flu� und das Lager an seinem Ufer huschten wie wei�e Lichtflecke unter ihnen weg, schmolzen mit absurder Schnelligkeit zusammen und verschwanden schlie�lich ganz, als der riesige Drache in den Himmel hinaufstie� und sich nach Norden wandte.</p><p>Mehr als zwei Stunden sp�ter erreichte der Drache das Lager. Skar sah es, lange ehe es wirklich unter ihm lag; ein ungeheuerliches Meer aus unterschiedlich gro�en Lichtern breitete es sich auf der Ebene aus, auf der einen Seite l�ngs einer hart gezogenen, halbrunden Linie endend, wo es an die Berge grenzte, zur W�ste hin allm�hlich zerfransend, wie ein Schwarm kleiner leuchtender Tierchen, der ein St�ck weit in die finster daliegende Ebene vorgedrungen war, ehe er ganz allm�hlich zur Ruhe gekommen war. Obwohl Drask es ihm gesagt hatte und er auf den Anblick vorbereitet gewesen war, ersch�tterte er ihn, denn das Bild der tausend und tausend und tausend blinzelnder kleiner Feueraugen f�hrte ihm den ganzen Wahnsinn seines Vorhabens vor Augen. Dort unten lagen <emphasis>vierzigtausend </emphasis>Quorrl, vierzigtausend Giganten, von denen jeder einzelne dreimal so stark war wie ein normaler Mann, und von denen ihn jeder einzelne mit Freuden zerrei�en w�rde.</p><p>Skar verscheuchte den Gedanken. Es spielte keine Rolle, ob es vierzig Quorrl waren oder vierzigtausend oder vier Millionen. Er war nicht hier, um mit <emphasis>ihnen </emphasis>zu k�mpfen.</p><p>Mit einem sanften Schenkeldruck brachte er die Daktyle dazu, ein wenig nach links zu schwenken und gleichzeitig an H�he zu verlieren. Er n�herte sich dem Lager schnell, und er wu�te, da� die Gefahr gro� war, entdeckt zu werden. Obwohl sie in mehreren Meilen H�he dahinschossen, mu�te der Umri� des gigantischen Flugdrachens deutlich vor den Wolken auszumachen sein. Aber der Anblick einer wilden Daktyle war hier, so weit im Norden und nahe dem Tal der Drachen, vielleicht nicht allt�glich, andererseits aber auch nicht so ungew�hnlich, da� er ausgereicht h�tte, unten im Lager Alarm auszul�sen. Sie w�rden den Drachen sehen. Ihn nicht.</p><p>Das Meer aus Licht wuchs heran, erf�llte die Welt unter ihm pl�tzlich vollkommen und wuchs weiter. Skar beugte sich im Sattel des Drachen vor, so weit er konnte. Sein Blick tastete �ber das Gewirr von Lichtern und kleinen, schmutzigwei�en Zelten, die sich wie sonderbar rechteckige Flecken von Schnee in der Nacht abhoben, suchte nach einem Muster, irgendeinem System, einer Unregelm��igkeit.</p><p>Er fand keine. Seine Hoffnung, das Zelt der Satai schon aus der Luft zu entdecken, erf�llte sich nicht. Er war zu hoch, zu hoch und zu schnell, um Einzelheiten auszumachen. Und er konnte nicht riskieren, noch tiefer hinabzusto�en. Mit einem Gef�hl pl�tzlichen Schreckens erinnerte er sich an Drasks Warnung: Er hatte nur eine einzige Chance. Ging er zu tief, w�rde die Daktyle landen - und seine Zuversicht reichte nicht weit genug, sich einzureden, die Quorrl w�rden einem Satai, der mitten in ihrem Lager vom Himmel fiel, nicht mehr als einen fl�chtigen Blick schenken.</p><p>Rasch bewegte er die Daktyle dazu, wieder in die H�he zu steigen, flog einen Kreis in umgekehrter Richtung und hielt schlie�lich auf das s�dliche Ende des Lagers zu. Es w�re sicherer gewesen, in den Bergen zu landen und die zwei oder drei Stunden Dunkelheit, die die Nacht noch barg, auszunutzen, um sich anzuschleichen. Aber es gab zwei Punkte, die dagegen sprachen: Selbst ein Satai, der aus den Bergen kam, die an dieser Stelle als un�bersteigbar galten, w�rde Mi�trauen erregen. Und er war sich nicht sicher, ob ihm noch genug Zeit blieb. Die zwei Stunden, von denen Drask gesprochen hatte, waren l�ngst vorbei. Die Daktyle machte noch keine Anstalten, sich seinem Willen zu widersetzen, aber die erste Warnung mochte zugleich die letzte sein. So �berflog er das Lager in gro�er H�he, lenkte das Tier mehrere Meilen weit in die W�ste hinaus und kehrte dann in einem weit geschwungenen Bogen zur�ck, wobei er die Daktyle sanft, aber best�ndig an H�he verlieren lie�. Er war sicher, da� er gesehen worden war, und wahrscheinlich suchten gerade jetzt Hunderte, wenn nicht Tausende starrer Fischaugen den Himmel ab. Er konnte es nicht riskieren, sich bei der Landung beobachten zu lassen.</p><p>Aber er hatte auch nicht die Zeit f�r einen vielleicht stundenlangen Fu�marsch. Skar entschlo� sich zu einem sehr gewagten Man�ver, das ihm entweder einen gebrochenen Hals oder zwei oder mehr gewonnene Stunden einbringen w�rde: bei seinem �berflug hatte er gesehen, da� das Lager von einer ungleichm��igen Reihe hoher Sandd�nen begrenzt wurde, die sich wie eine nat�rliche Wehrmauer zwischen ihm und der W�ste erhoben. Behutsam lie� er die Daktyle tiefer gehen, jederzeit bereit, sie wieder aufsteigen zu lassen, sollte sie etwa Anstalten machen, an dieser Stelle zu landen.</p><p>Aber seine Rechnung ging auf. Der Drachenvogel stand noch immer unter Drasks geistigem Bann, denn er vollf�hrte gehorsam jede Bewegung, die Skar von ihm verlangte. Aber seine Instinkte waren stark genug, ihm zu sagen, da� er nie wieder starten konnte, wenn er hier zu Boden ging. Daktylen waren phantastische Flieger, aber sie brauchten Klippen oder zumindest sehr hohe Felsen, um �berhaupt in die Luft zu kommen. Eine Landung auf dem flachen Land bedeutete den fast sicheren Tod, denn so schnell und gef�hrlich die Tiere in der Luft waren, so hilflos waren sie am Boden, trotz ihrer gewaltigen Gr��e. Skars Daktyle glitt mit weit ausgebreiteten Schwingen �ber die W�ste dahin, sehr viel langsamer als bisher, dabei aber noch immer dreimal so schnell wie ein galoppierendes Pferd. Ihre Schwingen ber�hrten fast den Boden, und Skar sp�rte die Furcht und Nervosit�t des Tieres. Trotzdem zwang er es dazu, langsamer zu werden. Unter ihm war weicher Sand, aber er war zu schnell.</p><p>Die Daktyle begann zu bocken. F�r einen Moment versuchte sie wieder an H�he zu gewinnen. Ihr Sch�del ruckte nerv�s hin und her; kleine, fast �ngstliche Schreie drangen aus ihrem schrecklichen Schnabel. Trotzdem glitt sie gehorsam wieder hinab, als Skar die Schenkel zusammenpre�te.</p><p>221 Er war jetzt nicht mehr sehr weit vom Lager entfernt; gleichzeitig sp�rte er, da� er das Tempo des Tieres nicht noch weiter drosseln konnte, ohne da� es den Halt in der Luft verlor und zu Boden st�rzte.</p><p>Skar l�ste die F��e aus den Steigb�geln, atmete tief ein - und lie� sich aus dem Sattel fallen. Eine der gewaltigen schwarzen Drachenschwingen streifte ihn; ganz fl�chtig nur, aber die Ber�hrung war trotzdem stark genug, ihn in der Luft herumzuwirbeln und hilflos davonsegeln zu lassen.</p><p>Der Aufprall war �berraschend sanft. Der weiche Sand, in den er fiel, d�mpfte seinen Sturz, und er hatte sich ganz instinktiv zu einem Ball zusammengerollt, so da� er sich zwar zwanzig-, drei�igmal �berschlug, ehe er endg�ltig zur Ruhe kam, sich aber nicht ernsthaft verletzte.</p><p>Sein erster Blick galt der Daktyle.</p><p>Der Drache war schon erstaunlich weit entfernt, aber seine gewaltige Gr��e lie� ihn Skar trotzdem deutlich erkennen. Der fliegende Riese taumelte. Seine Schwingen peitschten in heller Panik die Luft, ber�hrten dabei den Boden, so da� Staub und Sand und pulverfeiner Schnee hochstoben. F�r einen kurzen, schreckerf�llten Moment f�rchtete Skar, er w�rde abst�rzen. Aber dann entschied die ungeheure K�rperkraft des Tieres den lautlosen Kampf. Mit einer ungeheuerlichen Anstrengung stemmte sich die Daktyle in die H�he, warf sich herum - und scho� mit einem erleichterten Schrei in den Himmel empor. Skar atmete h�rbar auf. Er war dem Lager so nahe, da� die Daktyle mit Sicherheit nicht unbemerkt geblieben war. W�re sie hinter den D�nen verschwunden, ohne wieder aufzutauchen, h�tte es hier in Minuten von Quorrl gewimmelt...</p><p>Er stand auf, sah sich sichernd nach allen Richtungen um und untersuchte seinen K�rper dann auf Verletzungen. Er fand nichts, bis auf ein paar Kratzer und Absch�rfungen, die er getrost vernachl�ssigen konnte. Selbst sein gerade erst geheilter Kn�chel hatte den Sturz unbeschadet �berstanden. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten schien das Gl�ck wieder auf seiner Seite zu sein.</p><p>Rasch entledigte sich Skar seines Fellumhanges, ordnete noch einmal seine Kleider und strich gl�ttend �ber den kn�chellangen Satai-Mantel. Dann �berzeugte er sich ohne irgendwelche Hast vom sicheren Sitz seiner Waffen, sch�ttelte sich Schnee und Sand aus den Haaren und wandte sich nach Norden, in die Richtung, in der die Lichter hinter den D�nen glommen. Es war nicht mehr sehr weit.</p></section><section><title><p id="_21">21.</p></title><p>Wieder einmal hatte er sich versch�tzt. Es dauerte ann�hernd eine Stunde, bis er das Lager erreicht und durchquert hatte, denn der ersten D�nenkette schlo� sich eine zweite an, eine dritte, vierte, f�nfte und so weiter - die klare Luft �ber der halbverschneiten W�ste und die Dunkelheit hatten ihm eine Entfernung von einer halben Meile vorgegaukelt, wo zwei oder drei waren. Und schlie�lich verlor er noch einmal kostbare Zeit, als er sich eng gegen den Sand pressen mu�te, um nicht von einer Quorrl-Patrouiile entdeckt zu werden, der er um ein Haar in die Arme gelaufen w�re. Obwohl das Heer mitten in dem von ihm besetzten Gebiet lagerte und der n�chste Feind hundert Meilen entfernt war, waren die Quorrl wachsam. Als er das Lager schlie�lich durchquert hatte und das halbe Dutzend schwarzgolden gemusterter Zelte der Satai vor ihm lag, zeigte sich am Horizont bereits der erste graue Schimmer der D�mmerung.</p><p>Trotz aller Schwierigkeiten hatte er Gl�ck gehabt - die Zelte der Satai standen allem, ein St�ck abseits jener der Quorrl-Krieger, dicht in einen Halbkreis aus Felsen und zyklopischen Findlingen geschmiegt, die ihnen nicht nur Schutz vor dem eisigen Wind und einem eventuellen Angriff boten, sondern auch Skar ausreichende Deckung. Aufmerksam blickte er zu den Gestalten der beiden W�chter hin�ber, die reglos wie Statuen vor dem gr��ten der vier Zelte standen. Skar beobachtete sie seit f�nf Minuten, ohne da� sich einer von ihnen auch nur ger�hrt hatte. Trotzdem zweifelte er nicht daran, da� sie aufmerksam waren und ihnen nicht die mindeste verd�chtige Bewegung entging. Sie waren Satai, und da� sie sich im Herzen einer mit ihnen verb�ndeten Armee befanden, bedeutete gar nichts.</p><p>Skar �berlegte angestrengt, in welchem der vier Zelte sich sein Sohn befinden mochte. Sicher konnte er das gr��te der vier schwarzgolden gemusterten Zelte ausklammern - es w�rde von dem Mann bewohnt werden, den Drask den Hohen Satai genannt hatte und der als zweiter auf Skars Liste stand, sollte er noch die Zeit dazu finden - aber es blieben noch immer drei. Drei Chancen, wo er nur eine hatte. Skar zweifelte nicht daran, die W�chter �berwinden zu k�nnen, denn er hatte den Vorteil der �berraschung auf seiner Seite: Selbst wenn sie gewu�t h�tten, wer er war, und selbst wenn sie dar�ber hinaus gewu�t h�tten, da� er kam (und sie wu�ten keines von beiden), konnten sie unm�glich <emphasis>jetzt schon </emphasis>mit ihm rechnen. Nein - er w�rde die W�chter ausschalten. Aber danach blieben ihm nur noch Augenblicke, bestenfalls Minuten.</p><p>Er lie� sich tiefer hinter den Felsen sinken, hinter dem er Deckung gesucht hatte, zog den Dolch aus dem G�rtel und verbarg die Klinge in seiner Hand, ehe er nach Osten sah. Der graue Streifen heraufziehender D�mmerung war noch nicht heller geworden, aber deutlich breiter. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit. Er hatte fast eine Stunde damit verloren, das Lager zu durchqueren, und es erschien ihm jetzt, im nachhinein, fast wie ein Wunder, da� es ihm �berhaupt gelungen war. Der Anblick des Heerlagers war ein Schock gewesen. Die ungeheure Zahl der Quorrl war zu abstrakt, um sie sich wirklich vorstellen zu k�nnen. Selbst als er das Lager �berflogen hatte, war es nichts als eine schier endlose Ebene aus rotgepunkteter Finsternis und vager Bewegung gewesen, beeindruckend, aber nicht <emphasis>bedrohlich. </emphasis>Aber dann lag es vor ihm, breitete sich wie eine ungeheuerliche, lebende Masse in alle Richtungen aus und umfing ihn mit seinem L�rm und einem schier unbeschreiblichen Gemisch aus Ger�chen und Lauten und Bewegung. Die Zelte standen manchmal so dicht, da� es unm�glich war, zwischen ihnen hindurchzugehen, und wo ein St�ck Boden freigeblieben war, hatten sich gro�e schuppige Gestalten zusammengerollt, um in ihren Pelzen zu schlafen. Skars Mut war f�r Minuten fast auf den Nullpunkt gesunken, aber am Schlu� war es dann doch �berraschend leicht gewesen, sich an den Wachen vorbei und ins Lager zu schleichen, wo er sich in der Deckung eines Zeltes aufgerichtet hatte, um das einzige zu tun, was �berhaupt Sinn machte - hoch aufgerichtet und mit raschen, aber nicht hastigen Schritten weiterzugehen, wie ein Mann, der ganz genau wei�, was er tut. Auch der Moment, den er am meisten gef�rchtet hatte, war ohne Zwischenf�lle vor�bergegangen: der erste Quorrl, dem er begegnete, hatte ihn mit einer Mischung aus feindseligem Respekt und milder Verwunderung angeblickt, es aber nicht gewagt, ihn anzusprechen oder gar aufzuhalten. Drasks Rechnung schien abermals aufzugehen: dies hier war das Kriegslager der Quorrl, aber der Anblick eines Satai war nichts Ungew�hnliches, Sicher kamen t�glich Kundschafter und Boten, um dem Hohen Satai Bericht zu erstatten.</p><p>Nein - die Quorrl waren keine wirkliche Gefahr. Sein wahrer Feind war die D�mmerung, denn mit dem ersten Licht w�rden die M�nner in den schwarzen Zelten aufwachen und mit ihrem gewohnten Tagewerk beginnen. Er hatte nur einen Verb�ndeten: die Dunkelheit.</p><p>Skar l�chelte bitter in sich hinein, als ihm bewu�t wurde, da� er schon wie ein gedungener M�rder zu denken begann. Und viel mehr war er ja auch nicht.</p><p>Aber der Gedanke bereitete ihm nicht das Entsetzen, das er noch vor Tagesfrist bedeutet h�tte. Ganz im Gegenteil sp�rte Skar fast so etwas wie eine boshafte Befriedigung: Sie hatten M�rder zu ihm geschickt, und jetzt kam er her, um ihnen zur�ckzubringen, was er bekommen hatte.</p><p>Er verscheuchte den Gedanken, warf einen letzten sichernden Blick ins Lager zur�ck und richtete sich auf. Der Wind fiel mit unsichtbaren spitzen Z�hnen �ber ihn her, und f�r einen letzten, schrecklichen Moment drohten ihn noch einmal Kraft und Entschlossenheit zu verlassen. Eine Stimme in seinen Gedanken schrie ihm zu, da� er hier war, um <emphasis>seinen eigenen Sohn </emphasis>zu t�ten. Er ignorierte sie, schlich geduckt in der Deckung der Felsen weiter, bis er dem Halbrund aus Zelten genau gegen�berstand, und trat mit einem entschlossenen Schritt ins blasse Sternenlicht hinaus.</p><p>Die beiden W�chter erwachten aus ihrer scheinbaren Starre, und sie reagierten genauso, wie Skar gehofft hatte - der eine trat ihm entgegen, sichtlich angespannt und die Hand auf dem Schwertgriff, w�hrend der zweite Krieger ein St�ck zur Seite wich, um Skar keine Gelegenheit zu geben, sie beide mit einem �berraschenden Angriff auszuschalten.</p><p>�Wer bist du?� drang eine dumpfe Stimme durch die Nacht. �Was willst du?� Der Mann sprach nicht sehr laut, was Skar bewies, da� die M�nner in den Zelten noch schliefen und er sie nicht wecken wollte. Gut. Ein weiterer, winziger Vorteil f�r ihn. Ruhig trat er den beiden Posten entgegen, hob die Hand zum Satai-Gru� und blieb auf ein Zeichen des einen hin gehorsam stehen.</p><p>�Mein Name ist Troun�, sagte er auf die gleiche, ged�mpfte Weise, auf die der W�chter sprach. �Ich komme aus Denwar. Ich habe eine Nachricht f�r den Hohen Satai.�</p><p>�Eine Nachricht?� Der W�chter kam n�her, blieb zwei Schritte vor ihm stehen und musterte ihn mit unverhohlenem Mi�trauen von Kopf bis Fu�. Aber was er sah, schien seine Bedenken zumindest zum Teil zu zerstreuen, denn seine Haltung entspannte sich ein wenig. �Was f�r eine Nachricht?�</p><p>�Eine wichtige Nachricht�, erwiderte Skar, mit genau der Spur von Ungeduld und �berheblichkeit in der Stimme, die ihm in einem Moment wie diesem angebracht schien. �Sie ist nicht f�r deine Ohren bestimmt.� Er runzelte die Stirn. �Ich bin nicht drei N�chte geritten, um mich mit dir zu streiten. F�hre mich vor!� Irgend etwas war falsch. Er hatte einen Fehler gemacht, auch wenn er nicht wu�te, welchen - aber aus dem abklingenden Mi�trauen im Gesicht des Postens wurde �berraschung, dann Schrecken, und Skar sah aus den Augenwinkeln, wie sich auch die Gestalt des zweiten Postens versteifte.</p><p>Der Satai sp�rte nicht einmal, wie er starb. Skars Rechte ruckte hoch. Die Dolchklinge glitt zwischen seinen Fingern hervor, wobei sie zwei tiefe, blutende Linien in die Haut ri�, bewegte sich in einem unglaublich schnellen, blitzenden Halbkreis nach oben und herum und glitt durch die Kehle des Mannes. Beinahe gleichzeitig senkte sich Skars Linke zum G�rtel, ergriff einen der f�nfzackigen <emphasis>Shuriken </emphasis>und schleuderte ihn.</p><p>Die Zeit schien stehenzubleiben. Skar streckte die Arme aus, um den zusammenbrechenden W�chter aufzufangen, sah, wie der zweite Krieger herumfuhr und den Mund zu einem Schrei �ffnete, gleichzeitig machte er einen Schritt und hob die Arme, dann traf der winzige Wurfstern seine Schl�fe mit t�dlicher Pr�zision. Die Wucht des Wurfes war so gewaltig, da� der Mann wie von einem Faustschlag getroffen und zu Boden geschmettert wurde, wo er mit grotesk verrenkten Gliedern liegenblieb. Das Ger�usch, mit dem er auf den festgetretenen Boden aufschlug, hallte wie ein Peitschenhieb in Skars Ohren.</p><p>F�r die Dauer von drei, vier endlosen Herzschl�gen blieb er reglos stehen und lauschte, jeden Sekundenbruchteil darauf gefa�t, L�rmen und Schreie zu h�ren.</p><p>Aber nichts geschah. So unglaublich es ihm selbst erschien - niemand hatte etwas geh�rt. Das Schicksal gab ihm noch eine letzte Chance.</p><p>Skar widerstand der Versuchung, den toten W�chter einfach liegen zu lassen, sondern hob ihn vorsichtig hoch, wandte sich um und trug ihn hinter die Felsen, hinter denen er selbst vor Augenblicken Deckung gesucht hatte. Dann ging er zur�ck, hob auch den zweiten W�chter auf die Arme und legte ihn neben seinen toten Kameraden. Auch das Fehlen der Posten w�rde Alarm ausl�sen, aber vielleicht gewann er auf diese Weise kostbare Sekunden, die entscheiden mochten.</p><p>Unschl�ssig blieb er stehen. Er wu�te noch immer nicht, wo er suchen sollte - der Posten hatte versucht, das direkt hinter ihm stehende Zelt zu erreichen, wohl um Alarm zu schlagen und Verst�rkung herbeizurufen, so da� er auch dies mit einiger Sicherheit ausklammern konnte, aber es blieben immer noch zwei Zelte, und wenn er das falsche w�hlte und sich pl�tzlich inmitten eines Dutzends Satai wiederfand, die bei seinem Eintreten zweifellos aufwachen w�rden, war alles vorbei.</p><p>Und wenn sein Sohn bei ihnen war? wisperte die Stimme in seinem Kopf. Zum ersten Mal kam ihm zum Bewu�tsein, da� er ja keine Ahnung hatte, nach wem er �berhaupt suchte. Er hatte einen S�ugling zu den Gesichtslosen Priestern gebracht, aber er war hier, um einen achtzehnj�hrigen Knaben zu finden, m�glicherweise einen - wahrscheinlich sogar - der die Kleider eines Satai trug. Aber irgendwie w�rde er ihn erkennen.</p><p>Skar w�hlte willk�rlich das linke der beiden verbliebenen Zelte aus, schlug lautlos die Plane beiseite und legte gleichzeitig die Hand auf das Schwert.</p><p>Und im gleichen Moment, in dem er das Zelt betrat, wu�te er, da� es das richtige war.</p><p>Es war nicht dunkel hier drinnen. Der schwarze Stoff hatte jeden Lichtschimmer verschluckt, aber er sah jetzt, da� gleich neben dem Eingang eine kleine �llampe brannte, die das Zelt mit einem verwirrenden Muster aus r�tlichem Licht und grauer Schattenbewegung erf�llte, und viel mehr, als er sah, <emphasis>sp�rte </emphasis>er. Es war, als ber�hrten eisige Finger seine Seele. Etwas war hier, die H�lfte eines zerbrochenen Ganzen, das einmal in ihm gewesen und gewaltsam getrennt worden war, etwas gleichzeitig unendlich Vertrautes wie Entsetzliches. Sein Kind. Das schreckliche Erbe, das er ihm mitgegeben hatte, ohne es zu ahnen. Es war hier. Das Erbe der G�tter. Der Fluch, der sein Leben bestimmt hatte. <emphasis>Es war hier!</emphasis></p><p>Irgendwo drau�en erscholl ein Ger�usch. Skar wu�te nicht, was es war, aber er trat rasch vollends in das Zelt hinein, verschlo� die Plane wieder und �berzeugte sich sorgsam davon, da� kein verr�terischer Lichtschimmer nach drau�en dringen konnte; dann zog er sein Schwert, wandte sich wieder um und trat auf die schlafende Gestalt in der Mitte des Zeltes zu.</p><p>Sein Sohn war allein. Dieses Zelt geh�rte offensichtlich nur ihm, was Skar bewies, da� zumindest die Satai sich seines Wertes und seiner Bedeutung durchaus bewu�t waren. Ein rascher Hieb, und - Skars Hand l�ste sich hastig vom Griff des <emphasis>Tschekal, </emphasis>als h�tte er gl�hendes Eisen ber�hrt. Er konnte es nicht. Nicht so. Er mu�te ihn sehen, nur ein einziges Mal sehen, in seine Augen blicken, um sich davon zu �berzeugen, da� das B�se wirklich da war, von dem Drask gesprochen hatte und das er f�hlte, wie eine unsichtbare knisternde Aura, in die er hineinschritt, als er sich der zusammengerollten Gestalt n�herte. Schwei� erschien auf seiner Stirn. Seine H�nde und Knie zitterten. Er mu�te seine Augen sehen.</p><p>Wieder begann die lautlose Stimme in seinem Sch�del zu fl�stern, sagte ihm, da� es vielleicht ein Fehler war, da� er ihn gar nicht mehr w�rde t�ten k�nnen, wenn er ihm jetzt in die Augen sah, und da� er sogar eine Chance hatte, mit dem Leben davonzukommen, wenn er nur vern�nftig blieb und schnell genug war. Bisher hatte niemand ihn bemerkt, und die Berge waren nicht weit, nur ein paar hundert Schritte in n�rdlicher Richtung. Sie w�rden ihn jagen, aber es gab Verstecke dort oben, die ausgereicht h�tten, eine Armee zu verbergen, und er war nicht irgendwer, sondern Skar.</p><p>Dann l�chelte er. Er war gekommen, um zu sterben, nicht, um zu fliehen. So leise er konnte, n�herte er sich der schlafenden Gestalt auf dem Boden, und kniete neben ihr nieder. Sein Blick streifte eine Holzkiste, die neben dem Kopfende des Schlafenden stand. Der Deckel war zur�ckgeklappt, so da� Skar ihren Inhalt erkennen konnte.</p><p>Es war Spielzeug - h�lzerne Bausteine und Kl�tze, kleine Stoffpuppen und Pferde, dazu eine gro�e Anzahl aus Holz geschnitzter, liebevoll bemalter Figuren, die M�nner in Satai-Kleidern, aber auch Quorrl und Veden und andere V�lker darstellten. Skar war ein wenig verwirrt - gab es <emphasis>Kinder </emphasis>hier?</p><p>Aber diese Frage war im Moment unwichtig. Er wandte sich von der Kiste ab und beugte sich vor, um das Gesicht des Jungen zu betrachten. Ein Gef�hl absurder Z�rtlichkeit durchflutete ihn. Er verscheuchte es.</p><p>Der Junge war sehr gro�, ein Riese, der ihn fast um Hauptesl�nge �berragen mu�te, wenn er aufrecht stand. Seine Muskeln waren noch nicht voll ausgebildet, denn er hatte den Schritt zum Mann noch nicht ganz getan, aber er war schon jetzt ein Gigant, der sicherlich st�rker war als Skar. Er hatte das schwarze, fast bl�ulich gl�nzende Haar aus Skars Jugend, und sein Gesicht... Skar war verwirrt. Der Knabe �hnelte ihm kein bi�chen, aber er sah auch nicht seiner Mutter �hnlich; eigentlich sah er niemandem �hnlich, den Skar jemals gesehen hatte. Seine Z�ge waren so ebenm��ig und edel, da� es Skar im ersten Moment fast unm�glich erschien. Es war das Gesicht eines sehr starken Mannes, aber es war gleichzeitig sanft und milde... sch�n, dachte Skar erstaunt, auf eine mit Worten kaum zu beschreibende, unglaublich m�nnliche Art <emphasis>sch�n.</emphasis></p><p>Dann begriff er.</p><p>Es war perfekt. An dem Gesicht seines schlafenden Sohnes war kein Makel, kein Fehler, nicht die kleinste Unregelm��igkeit. H�tte ein Gott das Urbild eines Mannes erschaffen wollen, h�tte es so ausgesehen.</p><p>Er schauderte. Er hatte nie etwas so Perfektes gesehen. Und niemals etwas, das ihn gleichzeitig so erschreckte. Wenn er noch Zweifel an Drasks Worten gehabt hatte, hatte sie dieser Anblick beseitigt. Kein Mensch konnte so perfekt sein. <emphasis>Warum mu�te sich das B�se hinter der Maske absoluter Sch�nheit verbergen?</emphasis> Wieder glitt seine Hand zum Schwert, und wieder f�hrte er die Bewegung nicht zu Ende. Seine Muskeln gehorchten ihm nicht mehr. War es schon zu sp�t? dachte er. Hatte der blo�e Anblick, die blo�e N�he seines Sohnes schon ausgereicht, ihn seines Willens zu berauben? Ihn wieder zu dem Werkzeug zu machen, als das sie ihn schon einmal benutzt hatten? Skar st�hnte, kr�mmte sich wie unter Schmerzen und versuchte das Schwert zu ziehen, aber es ging nicht, er war gel�hmt, starr, unf�hig, sich zu bewegen. Ein schwarzer Wirbel entstand hinter seiner Stirn, wuchs und wuchs und umschlang mit rauchigen Armen seine Gedanken. Der Junge schlief weiter, aber etwas - etwas Entsetzliches, das in ihm war - sp�rte Skars Anwesenheit, und es wu�te, warum er hier war und wehrte sich mit verzweifelter Kraft. Skar keuchte wie unter Schmerzen, schlo� die Augen und versuchte, das Bild Syrrs herbeizuzwingen, ihr blut�berstr�mtes, erstarrtes Gesicht, den Ausdruck von ungl�ubigem Entsetzen und Schmerz, den er in der allerletzten Sekunde ihres Lebens darin gesehen hatte.</p><p>Es gelang ihm. Der schwarze Wirbel in seinen Gedanken blieb, aber pl�tzlich war der Zorn da, der gleiche, entsetzliche Schmerz, den er versp�rt hatte, als Syrr in seinen Armen starb, und er gab ihm Kraft. Seine Hand senkte sich auf das Schwert und zog es halb aus der Scheide.</p><p>In diesem Moment erwachte der schlafende Junge. Und Skar blickte in seine Augen.</p><p>Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Der Junge hob die Lider und sah ihn an, aber seine Augen waren nicht klar, sein Blick blieb verschleiert. Und im gleichen Moment, in dem er erwachte, ging eine entsetzliche Ver�nderung mit seinem G�ttergesicht vonstatten.</p><p>Seine Z�ge erschlafften. Gerade anders herum, als es normal gewesen w�re, wich jegliche Spannung und Gl�tte aus ihnen, als er den Schlaf absch�ttelte. Die Mundwinkel des jungen Satai sanken herab wie bei einem traurigen Clown. Glitzernder Speichel erschien in kleinen feuchten Bl�schen auf seinen Lippen und begann an seinem Kinn herabzulaufen. Einen Herzschlag lang starrte er Skar erschrocken an, dann erschien ein d�mmliches L�cheln auf seinen Z�gen. Er setzte sich auf; viel umst�ndlicher, als n�tig gewesen w�re. Sein Kopf pendelte dabei von rechts nach links und wieder zur�ck, als w�re er zu schwer f�r den Hals. Der Blick, mit dem er Skar ansah, war der eines Idioten. Der Junge war schwachsinnig. Die Natur hatte seinem Geist genommen, was sie seinem Gesicht zu viel gegeben hatte. Er war ein Riese, ein Gigant mit dem Gesicht und der St�rke eines jungen Gottes. Und dem Geist eines Kindes.</p><p>Skar l�ste die Hand vom Schwert, hob die Arme und ballte die H�nde vor dem Gesicht zu F�usten, so fest, bis er vor Schmerz aufst�hnte und Blut unter seinen Fingern�geln hervorkroch. Dies also war sein Erbe. Das war es, was er seinem Sohn mitgegeben hatte, die Macht der G�tter, vor �onen in den Genen seiner Vorfahren verankert, aber gefangen in einem zerst�rten Geist. Vielleicht mu�te es so sein, dachte er, in dem fast verzweifelten Versuch, einen Grund zu finden, nicht wahnsinnig zu werden. Er hatte die geballte Macht gesp�rt, die in der Seele des Kindes lauerte, damals, als er gerade geboren war und er ihm das erste Mal in die Augen blickte, eine Macht, die f�hig war, Welten zu verheeren und die G�tter selbst zu st�rzen. Vielleicht war kein menschlicher Geist f�hig, mit diesen Gewalten zu leben, ohne sich selbst zu verzehren, daran zu verbrennen wie eine Motte, die dem Licht zu nahe gekommen war.</p><p>Der Blick des Jungen war seinen Bewegungen aufmerksam gefolgt. Er l�chelte bl�de, hob die Hand und griff nach Skars Schulter, ber�hrte ihn aber nicht. �Wer bist du?� fragte er. Seine Stimme war eindeutig die eines Idioten, aber sie war trotzdem sehr klar und wohlt�nend. Jedes einzelne Wort brannte wie S�ure hinter Skars Stirn.</p><p>Skar schluckte den bitteren Klo� herunter, der in seiner Kehle sa�, atmete tief ein und aus und wieder ein und zwang sich zu einem L�cheln. Tr�nen liefen �ber sein Gesicht, aber er sp�rte es nicht einmal. �Ich bin Skar�, sagte er.</p><p>�Skar?� Der Junge legte den Kopf schr�g, als h�tte das Wort eine bestimmte Bedeutung f�r ihn. Aber wenn, dann hatte er sie wohl vergessen, denn pl�tzlich grinste er. �Skar�, wiederholte er. �Ich bin Croyd.� Er erschrak. Wieder hob er die Hand, streckte vorsichtig den Arm aus und ber�hrte Skars Wange. Seine Fingerspitzen glitzerten feucht, als er sie zur�ckzog. �Du weinst�, stellte er �berrascht fest. �Hast du dir weh getan?�</p><p>�Nein�, antwortete Skar. �Es ist... alles in Ordnung.� Langsam, beinahe z�rtlich, ergriff er die Schultern des jungen Riesen, zog ihn zu sich heran und dr�ckte ihn an sich, ganz in der Art, in der er ein kleines Kind in die Arme geschlossen h�tte. Croyd lie� es willenlos geschehen.</p><p>�Aber warum weinst du, wenn du dir nicht weh getan hast?� fragte er. �Hast du Angst?�</p><p>Skar schwieg. Seine Linke glitt an Croyds R�cken hinauf, schmiegte sich um seinen Nacken, hielt ihn, w�hrend er die andere Hand fast sanft unter das Gesicht des Jungen legte, den Handballen unter dem Kinn. Behutsam dr�ckte er Croyds Kopf nach oben, bis er ihm ins Gesicht blickte. Croyds Augen waren gro� vor Verwirrung, aber Skar suchte vergeblich nach einer Spur von Furcht.</p><p>�Bist du... ein Freund?� fragte Croyd z�gernd.</p><p>Skar nickte. Dann sch�ttelte er den Kopf, l�chelte. �Ich bin dein Vater, Junge�, fl�sterte er.</p><p>�Mein... Vater?�</p><p>�Ja, Croyd�, antwortete Skar. �Dein Vater. Ich war... lange fort, aber jetzt... jetzt bin ich zur�ck.� Er schlo� die Augen, beugte den Kopf und ber�hrte Croyds Stirn ganz leicht mit den Lippen. �Verzeih mir�, fl�sterte er. Seine H�nde schlossen sich fester um Croyds Nacken und Kinn.</p><p>Croyds Genick brach mit einem harten, hellen Laut, den Skar nie mehr vergessen sollte.</p></section><section><title><p id="_22">22.</p></title><p>Lange, endlos lange, sa� er einfach da und hielt den K�rper seines toten Sohnes in den Armen. Er weinte nicht mehr. Seine Tr�nen waren versiegt, vielleicht f�r immer, und auch der Schmerz, auf den er wartete, kam nicht. Auf eine schreckliche Art f�hlte er sich selbst tot, und vielleicht war er es, denn er hatte nicht nur seinen eigenen Sohn umgebracht, sondern auch ein St�ck von sich selbst. Sie waren mehr gewesen als blo�e Blutsverwandte, mehr als Vater und Sohn. Es hatte eine Verwandtschaft der Seelen zwischen ihnen gegeben, die weit �ber das normale Ma� hinausgegangen war, und etwas von Croyd war noch immer hier, wie ein unsichtbarer, nur ganz allm�hlich verblassender Schatten. Nach einer Weile lie� er den Leichnam behutsam auf sein Lager zur�cksinken, schlo� mit Daumen und Zeigefinger seine gebrochenen Augen und stand auf. Ja, dachte er matt, noch immer ohne irgendeine Spur von echtem Gef�hl, er hatte einen Teil von sich get�tet. Seine Seele. Sein Menschsein. Jetzt wurde es Zeit, da� er auch seinen K�rper vernichtete. Nichts mehr sollte von ihm bleiben. Nicht einmal mehr eine Erinnerung.</p><p>Er zog sein Schwert aus dem G�rtel, wandte sich um und schlug mit einem Ruck die Zeltplane zur�ck.</p><p>Das kleine Halbrund aus Zelten lag noch immer so still und einsam da, wie er es in Erinnerung hatte. Er hatte das Gef�hl, Stunden im Inneren des Zeltes verbracht zu haben, aber in Wahrheit konnten es wohl nur Minuten gewesen sein. Der Streifen aus grauer D�mmerung am Himmel war kaum breiter geworden, und auch das Fehlen der Posten war noch niemandem aufgefallen. F�r einen Moment kam ihm der absurde Gedanke, da� er tats�chlich eine Chance hatte, lebend davonzukommen. Es waren nur wenige hundert Schritte bis zur Sicherheit der Berge. Welch n�rrischer Einfall!</p><p>Skar trat mit einem entschlossenen Schritt aus dem Zelt, packte sein <emphasis>Tschekal </emphasis>fester und nahm den Dolch in die linke Hand.</p><p>�Satai!� schrie er. �Du, der sich den Hohen Satai nennt - wer immer du bist! Komm heraus! Ich fordere dich!�</p><p>Er erschrak fast selbst, so laut erschien ihm seine eigene Stimme in der Stille des Morgens. Und die Reaktion lie� nur Sekunden auf sich warten.</p><p>Die Plane des Zeltes zu seiner Rechten wurde zur�ckgeschlagen, und ein Satai st�rmte heraus, nur mit Hosen und Stirnband bekleidet, aber ein Schwert in der Hand. Skar empfing ihn mit einem blitzschnellen, geraden Stich, der ihn auf der Stelle t�tete. �Satai!� schrie er noch einmal. �Ich fordere dich zum Zweikampf! Zeige dich!�</p><p>Mehr Krieger st�rmten aus dem Zelt. Skar duckte sich unter dem Schwerthieb des ersten durch, stie� ihm den Dolch in einer blitzschnellen, aufw�rts gerichteten Bewegung in den Leib und empfing den dritten Angreifer mit einem Schwertstreich gegen die Beine, der den Mann schreiend zusammenbrechen lie�. Auch hinter ihm waren pl�tzlich Schritte. Etwas zischte durch die Luft, grub eine brennende Linie aus Schmerz in seine Schulter und durchschlug die Zeltplane neben ihm. Skar sprang zur Seite, t�tete einen weiteren Satai mit einem gewaltigen, beidh�ndig gef�hrten Hieb und fegte einen anderen Krieger mit einem Tritt zu Boden.</p><p>Dann waren sie �ber ihm. Etwas traf mit entsetzlicher Wucht seine Waffenhand und entri� ihm das Schwert. Ein Fausthieb explodierte an seiner Schl�fe, und pl�tzlich war Blut in seinem Mund. Sein Blick f�rbte sich rot, und in das Keuchen und die gemurmelten Fl�che der M�nner, die ihn niederrangen, mischte sich ein immer st�rker und st�rker werdendes Rauschen. Der Tod. Sie w�rden ihn t�ten. Jetzt. <emphasis>Jetzt.</emphasis></p><p>Aber sie t�teten ihn nicht. Schl�ge trafen seine Brust, sein Gesicht und seine Seiten, bis er aufh�rte, sich zu wehren. Harte Stiefel nagelten seine Hand- und Fu�gelenke an den Boden, und eine Schwertspitze ber�hrte seine Kehle und ritzte sie. Aber der letzte, erl�sende Schmerz kam nicht. <emphasis>Warum brachten sie ihn nicht endlich um?</emphasis></p><p>Dann lockerte sich der erbarmungslose Griff des halben Dutzends M�nner, die ihn hielten. Ein riesiger, von seiner eigenen Schw�che und �belkeit verzerrter Schatten erschien �ber ihm, scheuchte die M�nner mit einer knappen Bewegung beiseite und musterte ihn aus kalten, glitzernden Augen.</p><p>�Du forderst mich also.� Die Stimme klang sp�ttisch. �Was bist du? Besonders mutig, oder besonders dumm?� Der verzerrte Schatten kam ein wenig n�her. Es war zu dunkel, als da� Skar sein Gesicht deutlicher denn als hellen Fleck erkennen konnte, aber er h�rte ein �berraschtes Einatmen, als er die Kleider erkannte, die Skar trug, und die Waffe, die ihm die Krieger aus den H�nden gerungen hatten.</p><p>�Ein... Satai?� Diesmal glaubte er Zorn in den Worten des anderen zu h�ren. Er seufzte. �So hat Drask also endlich einen Verr�ter gefunden, der...� Er brach ab, sch�ttelte den Kopf und blickte einen Moment auf die Krieger herab, die Skar erschlagen hatte. �Aber nat�rlich�, sagte er, in beinahe resignierendem Tonfall. �Niemand anderes w�re dazu f�hig gewesen. Hast du auch die Wachen erschlagen?�</p><p>Skar schwieg, aber der andere hatte auch nicht ernsthaft mit einer Antwort gerechnet, wie seine n�chsten Worte bewiesen. �Das war unn�tig. Sie h�tten sich dir nicht in den Weg gestellt, wenn du ihnen gesagt h�ttest, wozu du hier bist.� Er machte eine unwillige Handbewegung. �La�t ihn los.�</p><p>Zwei der M�nner, die ihn hielten, wichen auch tats�chlich zur�ck, aber die anderen blieben, und auch das Schwert, das seine Kehle ritzte und ihm das Atmen fast unm�glich machte, verschwand nicht.</p><p>�La�t ihn los�, sagte der Hohe Satai noch einmal. �Dieser Mann hat mich gefordert. Er hat das Recht, auch von meiner Hand zu sterben.�</p><p>Das Schwert verschwand, und auch der entsetzliche Druck auf Skars Handgelenke war mit einem Mal nicht mehr da. Trotzdem blieb er noch sekundenlang reglos liegen, ehe er sich auf die Ellenbogen hochstemmte und nach seinem Hals griff. Er konnte kaum atmen. An seinen Fingern war Blut, als er die Hand zur�ckzog.</p><p>�Kannst du k�mpfen?� fragte der Mann in den Kleidern des Hohen Satai kalt. �Oder brauchst du Zeit, dich zu erholen?� Zur Antwort griff Skar nach seinem Schwert, schob es in den G�rtel und stand umst�ndlich auf. In seinem K�rper pochten zahllose Schmerzen, aber keiner davon war so schlimm, ihn <emphasis>wirklich </emphasis>zu behindern.</p><p>Die Krieger wichen respektvoll zur�ck und bildeten einen Kreis, und auch der Kriegsherr der Satai zog seine Waffe. Skar sah ihn nun zum ersten Mal deutlicher: Er war ein Riese, mindestens sieben Fu� gro� und mit Schultern, die den schwarzen Zeremonienmantel zu sprengen schienen, den er trug. Das <emphasis>Tschekal </emphasis>wirkte in seinen H�nden wie ein Spielzeug. Trotzdem bewegte er sich mit der Geschmeidigkeit und Kraft einer gro�en Katze. Skar glaubte nicht, da� er ihn besiegen konnte. Eigentlich wollte er es auch gar nicht.</p><p>Skar l�chelte, obwohl er wu�te, da� der andere sein Gesicht in der Dunkelheit so wenig erkennen konnte wie er das seine, deutete eine Verbeugung an und zog seine Waffe. Er war sehr ruhig. Aber der Kampf begann noch nicht. Aus Croyds Zelt erscholl pl�tzlich ein gellender Schrei. Die Plane wurde zur�ckgeschlagen, und ein Satai taumelte heraus, so hastig, da� er das Gleichgewicht verlor und zwischen ihm und dem Hohen Satai auf die Knie fiel. �Croyd!� keuchte er. �Er hat Croyd umgebracht, Herr!�</p><p>�Croyd? Er hat -� Skar hatte selten zuvor ein solches Entsetzen in der Stimme eines Menschen geh�rt wie jetzt. Er sah, wie sich die h�nenhafte Gestalt versteifte. Dann fuhr er pl�tzlich herum, rammte das Schwert in den Boden und lief mit wehendem Mantel auf das Zelt zu. �Haltet ihn!� rief er zur�ck. �Aber r�hrt ihn nicht an!�</p><p>Der Kreis der Satai zog sich zusammen. Ein halbes Dutzend Schwerter richtete sich drohend auf ihn, und Skar sp�rte den Ha�, den die M�nner ihm pl�tzlich entgegenbrachten.</p><p>Aber da war auch noch mehr. Ein Entsetzen, f�r das es keinen Grund zu geben schien, das aber mit jedem Atemzug deutlicher wurde, fast, als begriffen sie nur ganz allm�hlich, was wirklich geschehen war.</p><p>Es dauerte nur Sekunden, bis der Kriegsherr der Satai zur�ckkam. Seine Bewegungen waren starr, fast wie die einer Puppe, die an den F�den eines nicht besonders talentierten Spielers hing, und wie bei seinen M�nnern konnte Skar auch bei ihm eine Mischung aus m�rderischer Wut und Ha� und ma�losem Entsetzen sp�ren. Mit starren, fast ungelenken Schritten ging er dorthin zur�ck, wo er sein Schwert in den Boden gesto�en hatte, nahm die Waffe wieder an sich und machte eine zornige Bewegung mit der freien Hand. Der Kreis aus Schwertspitzen, der Skar umgab, weitete sich wieder.</p><p>�Du Narr�, sagte er. Seine Stimme bebte vor Zorn. �Du verdammter, wahnsinniger Narr! Was hast du getan? <emphasis>Warum hast du das getan, wenn du mich wolltest?!� </emphasis>Den letzten Satz schrie er. Und mit dem letzten Wort griff er an.</p><p>Schon sein erster, ungest�mer Angriff sagte Skar, da� er verlieren w�rde. Es war nichts als der bodenlose Zorn des Satai, der seine Bewegungen eine Spur zu hastig und unsicher werden lie� und Skar rettete, aber selbst so entkam er den w�tenden Schwerthieben des Riesen nur mit �u�erster Not. Die Klinge des Satai pfiff immer und immer wieder auf ihn herab, so schnell, da� Skar sie kaum sah, und mit solcher Kraft gef�hrt, da� er jeden einzelnen Hieb, den er auffing, wie eine Explosion von Schmerz in den Schultern f�hlte.</p><p>Er taumelte zur�ck, parierte einen weiteren Hieb des tobenden Giganten und trat nach dessen Beinen. Er traf, aber der Riese wankte nicht einmal, sondern versetzte Skar im gleichen Moment einen Fauststo� in die Seite, der ihn aus dem Gleichgewicht brachte und zu Boden schleuderte. Instinktiv rollte er sich zur Seite, bemerkte im letzten Moment seinen Fehler und sprang mitten aus der Bewegung heraus auf. Die Klinge des Satai h�mmerte dort in den Boden, wo er gewesen w�re, h�tte er die Bewegung zu Ende gef�hrt. Skar trat nach seiner Waffenhand, verfehlte sie und sprang aus der gleichen Bewegung heraus vor. Sein Knie bohrte sich in den Leib des anderen und lie� ihn zur�cktaumeln, aber den Hieb, den er nachsetzen wollte, konnte er nicht ausf�hren, denn der Satai stach nach ihm, so da� er keine andere Wahl hatte, als sich mit einem fast grotesken H�pfer in Sicherheit zu bringen.</p><p>Sie trennten sich. Der Satai blieb einen Moment stehen, reglos, leicht nach vorne gebeugt und mit gespreizten Beinen, trotzdem aber noch gr��er als Skar. Skars Atem ging schnell und in unregelm��igen, fast schmerzhaften St��en. Die Luft brannte in seinen Lungen, und seine Schultermuskeln schmerzten unertr�glich von dem halben Dutzend Hieben, das er pariert hatte. Und trotzdem war dieser erste Zusammenprall nichts als ein Kr�ftemessen gewesen. Der wirkliche Kampf begann erst. Und Skar wu�te, da� er keine Chance hatte, ihn zu gewinnen. Der Satai war ihm an Technik und Schnelligkeit zumindest ebenb�rtig. Und er war dreimal so stark wie er. Wenn seine Wut verrauchte und dem kalten berechnenden Denken eines Satai Platz machte, w�rde er ihn t�ten.</p><p>Diesmal war es Skar, der angriff. Seine Klinge pfiff in einem geraden, vorget�uschten Stich nach dem Gesicht des Satai durch die Luft, bewegte sich pl�tzlich nach unten und rechts und ruckte wieder hoch, als der andere versuchte, den Hieb abzulenken. Der Satai drehte blitzschnell Kopf und Oberk�rper zur Seite. Skars Hieb verfehlte sein Gesicht um Haaresbreite; gleichzeitig z�ngelte seine eigene Klinge nach Skars Beinen und zwang ihn zu einem zweiten, verzweifelten H�pfer, der ihn wertvolle Sekundenbruchteile kostete.</p><p>Als er wieder sicher auf den Beinen stand, traf das <emphasis>Tschekal </emphasis>des Satai seinen Brustpanzer und spaltete ihn. Skar sp�rte, wie die Klinge seine Haut zerri� und von einer Rippe abprallte, sie dabei brach und in der r�ckw�rtigen Bewegung noch einen tiefen, blutenden Schnitt in seinem Arm hinterlie�, aber er unterdr�ckte den Schmerz, wandelte ihn in J�hzorn und diesen in Kraft um und f�hrte einen gewaltigen, beidh�ndigen Hieb nach dem Hals des Angreifers. Er traf nicht, aber sein ungest�mer Schlag zwang den Satai zum R�ckzug, und Skar setzte sofort nach.</p><p>Er erkannte die Falle zu sp�t. Der Satai floh nicht, sondern lie� ihn in eine komplizierte, kaum mehr abzuwehrende Parade aus Schwerthieben und -stichen hineinlaufen. Wie durch ein Wunder gelang es Skar, der t�dlichen Schneide des <emphasis>Tschekal </emphasis>immer wieder zu entgehen - aber dem simplen Fu�tritt, den der Riese nachsetzte, nicht mehr.</p><p>Skar fiel. Mit entsetzlicher Wucht prallte er auf, ri� instinktiv das Schwert �ber den Kopf und begriff den tausendsten Teil einer Sekunde zu sp�t, da� er zum zweiten Mal einen Fehler begangen hatte. Der Fu� des Satai traf ihn mit erbarmungsloser Kraft in die Seite und brach ihm eine weitere Rippe. Skar keuchte vor Schmerz. Er sah den Angreifer nur noch als verzerrten Schemen, stemmte sich mit einer Kraft in die H�he, von der er selbst nicht mehr wu�te, woher sie kam, und hob das Schwert. Das Schwert des Satai prallte funkenspr�hend gegen seine eigene Waffe und prellte sie ihm aus der Hand.</p><p>Skar erstarrte mitten in der Bewegung. Aber der Tod, auf den er wartete - den er herbeisehnte - kam noch immer nicht. Der Satai trat zur�ck, streckte den Arm weit zur Seite aus und lie� seine Waffe fallen.</p><p>�Steh auf�, sagte er kalt. �Ich t�te keinen Mann, der am Boden liegt.� In seiner Stimme war nicht das mindeste Gef�hl. Sie war wie aus Eis, k�lter und schneidender als der Rand eines zerbrochenen Glases, und alles, was Skar darin h�rte, war der unbezwingbare Wille zu t�ten.</p><p>Er erhob sich taumelnd, pre�te die Hand auf seine linke Seite und sp�rte Blut und einen heftigen, l�hmenden Schmerz.</p><p>Der Kampf ging weiter. Der andere g�nnte ihm keine Pause, nicht die winzigste Rast; es gab nichts Ritterliches, Faires mehr in ihrem Kampf. Und er w�rde nicht mehr sehr lange dauern. Skar taumelte schon unter den ersten Hieben des schwarzhaarigen Riesen zur�ck. Wie durch ein Wunder gelang es ihm, den t�dlichen Schl�gen und Tritten immer wieder auszuweichen oder sie abzublocken, um ihnen wenigstens einen Teil ihrer entsetzlichen Kraft zu nehmen, aber der andere k�mpfte mit der Wut eines tobs�chtigen Quorrl, r�cksichtslos Skar und auch sich selbst gegen�ber. Und er war schneller. Immer nur um eine Winzigkeit, Bruchteile von Sekunden, die den Beobachtern des Kampfes nicht einmal auffallen konnten, die aber am Ende entscheiden mu�ten. Skar wurde getroffen, traf selbst und taumelte unter einer f�rchterlichen Kombination von Hieben und Tritten zur�ck, fiel, fegte in der gleichen Bewegung auch den Satai von den Beinen und sprang auf, wieder den Bruchteil einer Sekunde langsamer als der H�ne.</p><p>Wieder trennten sie sich. Skar wankte. Seine Kr�fte lie�en rapide nach, und sein Atem ging so schnell, da� seine Lungen brannten, w�hrend der andere noch keine Anzeichen von Erm�dung zeigte. Der n�chste Zusammensto� w�rde der letzte sein, das wu�te er.</p><p>Er riskierte alles. Er wollte nicht mehr k�mpfen, er wollte nicht gewinnen, sondern wartete auf den Tod, aber etwas in ihm war st�rker als sein bewu�ter Wille. Instinkte und jahrzehntelang trainierte Reflexe �bernahmen die Rolle seines bewu�ten Denkens. Mit einer Kraftanstrengung, die seine Muskeln schier zu zerrei�en schien, stie� er sich ab, federte mit einem gellenden Kampfschrei auf den Satai zu, wie ein lebendes Gescho� waagerecht durch die Luft fliegend, das rechte Bein an den K�rper gezogen, um mit erbarmungsloser Kraft zuzusto�en. Der Satai spreizte die Beine und drehte den Oberk�rper leicht zur Seite. Seine Arme kamen hoch, um den Sprungtritt abzuwehren und Skar gleichzeitig zu Boden zu schleudern.</p><p>Aber Skar trat nicht zu.</p><p>Statt dessen vollf�hrte er eine zweite, an sich v�llig unm�gliche Drehung im Sprung, wandelte den Tritt in einen gewaltigen, taumelnden Salto um und war pl�tzlich fast �ber dem Satai. Die Arme des anderen schlugen ins Leere, aber Skars H�nde packten zu, krallten sich in sein Haar und sein Gesicht, um mit der ganzen furchtbaren Gewalt des Sprunges sein Genick zu brechen. Es gelang ihm nicht. Es ging zu schnell, als da� Skar wirklich sah, was der andere tat, aber mit einem Male war sein Griff leer. Ein entsetzlicher Schmerz pulsierte durch seine linke Hand, als drei seiner Finger auf einmal brachen. Hilflos und schreiend vor Schmerz und �berraschung flog er durch die Luft, prallte schwer auf dem R�cken auf und blieb benommen liegen. Es war unm�glich! dachte er. Unm�glich! Es konnte nicht sein! Es gab au�er ihm nur einen Menschen auf der Welt, der diese Kampftechnik kannte, denn er hatte sie selbst entwickelt, und es gab nur einen Menschen au�er ihm, der wu�te, wie sie abzuwehren war, aber das war unm�glich. Der Zufall war zu gro�, es <emphasis>konnte </emphasis>einfach nicht sein, nicht nach all der Zeit, nicht - Als er die Augen �ffnete, war der Satai �ber ihm, auf ein Knie gest�tzt, die linke Hand wie eine Kralle �ber seinem Gesicht, die rechte zur Faust geballt an der H�fte, bereit zum letzten, t�dlichen Hieb, in dem all die Kraft seines Titanenk�rpers liegen w�rde.</p><p>Aber er schlug nicht zu. Sein Gesicht war erstarrt, eine Maske aus Entsetzen und Unglauben, seine Augen weit und dunkel und voll eines Schreckens, der tiefer war als alles, was Skar jemals erblickt hatte.</p><p>Unm�glich! dachte er. Es war unm�glich! Nicht nach all der Zeit! Und doch...</p><p>Er versuchte, sich das Gesicht des Satai um zwanzig Jahre j�nger vorzustellen. Das schwarze Haar, die starken, aber sehr ebenm��igen Z�ge, deren Schnitt ihn ein wenig an das Antlitz seines Sohnes erinnerten, ohne da� es sein idiotisches L�cheln verzerrte, die dunklen Augen, die so gerne lachten, da� man oft verga�, wie gef�hrlich und hart dieser Mann sein konnte... Del erkannte ihn im gleichen Moment.</p><p>�Skar?� Seine Stimme brach fast, sank zu einem Fl�stern herab, und schwoll j�h zu einem Schrei an: <emphasis>�SKAR!!!�</emphasis></p><p>Skar starrte ihn an. Gel�hmt. Unf�hig zu denken. Zu atmen. Irgend etwas zu tun. Nicht auch noch das. Bei allen G�ttern, dachte er, <emphasis>nicht nach allem auch noch das!! </emphasis>Nicht Del! Nicht der einzige Freund, den er je gehabt hatte!</p><p>Und doch war es so. Nach allem war das Schicksal auch noch grausam genug zu diesem letzten, abgrundtief b�sen Scherz. Der Kriegsherr der Satai, der Mann, der ausgezogen war, an der Spitze eines Heeres aus Quorrl und anderen Ungeheuern die Welt zu erobern, war Del.</p><p>�Skar! Das... das ist doch nicht m�glich! <emphasis>Du bist Skar!� </emphasis>Dels F�uste �ffneten sich. Er begann zu zittern, fiel pl�tzlich auch auf das andere Knie herab und ri� Skar an den Schultern in die H�he, so grob, da� er vor Schmerz aufst�hnte. �Gro�er Gott, Skar!� schrie er. �Was hast du getan?!�</p><p>Ja, dachte Skar, was hatte er getan? Was hatte er getan, da� er am Ende auch noch das allerletzte verlieren mu�te, was ihm geblieben war - die Erinnerung an einen Freund. Warum? Wenn er schon ein Werkzeug grausamer G�tter sein mu�te, warum taten sie ihm auch noch dies an, ehe er starb? <emphasis>Warum?!</emphasis></p><p>Pl�tzlich wurde Del ganz ruhig. Fast behutsam lie� er Skar zur�cksinken, ballte die H�nde zu F�usten und stie� ein tiefes, qualvolles Seufzen aus, ein Laut wie von einem gepeinigten Tier, das sterben wollte und es nicht konnte. �Du�, fl�sterte er. �Du bist zur�ck. Nach all der Zeit. Du bist zur�ckgekommen. Warum, Skar? Warum hast du das getan?�</p><p>Skar h�tte nicht einmal antworten k�nnen, wenn er es gewollt h�tte. Sein Mund war voller Blut. Etwas Dunkles, Schweres, das sehr freundlich und sanft war, griff nach seinem Bewu�tsein. �Du hast ihn get�tet�, fl�sterte Del. �Du hast das einzige vernichtet, was noch zwischen uns und ihnen stand, Skar. Warum?� Er blickte ihn an, und Skar sah voller Staunen, da� seine Augen voller Tr�nen waren. �Du hast deinen eigenen Sohn get�tet, Skar.�</p><p>�Ich... wei߫, st�hnte Skar. Das Sprechen fiel ihm schwer, so unendlich schwer. Warum lie�en sie ihn nicht endlich sterben? Er hatte doch getan, was sie von ihm verlangt hatten. Warum verwehrten sie ihm nun auch noch die Umarmung des letzten Freundes, den er noch hatte - des Todes. �Ich... wei߫, wiederholte er m�hsam. Er hustete. Blut lief in seine Kehle und drohte ihn zu ersticken. �Es ist... gut so. Und es ist... gut, da�... da� du es warst, der mich besiegt hat�, st�hnte er. �Auch wenn wir jetzt Feinde sind.�</p><p>Del starrte ihn an, schwieg endlose Sekunden und sch�ttelte wieder den Kopf. Dann straffte er sich mit einem sichtbaren Ruck. �Du!� sagte er, an einen der Krieger gewandt, die neugierig und erstaunt n�her gekommen waren. �Hole Bradburn. Schnell!�</p><p>Der Satai r�hrte sich nicht. Sein Gesicht verschmolz vor Skars Blick zu einem formlosen hellen Fleck, aber Skar konnte den Ha� darin fast f�hlen.</p><p>�Wieso t�test du ihn nicht?� fragte er. �Er hat Croyd umgebracht!�</p><p>Del sprang auf, packte den Mann an den Schultern und ri� ihn so heftig heran, da� er vor Schmerz aufst�hnte. �Geh und hole Bradburn, habe ich gesagt!� br�llte er. �Oder ich erschlage dich gleich hier auf der Stelle!� Er versetzte dem Mann einen Sto�, der ihn r�cklings davontaumeln lie�, drehte sich um und sank erneut neben Skar auf die Knie. Der Zorn in seinem Blick machte wieder jenem tiefen Schmerz und Schrecken Platz, den Skar noch immer nicht verstand.</p><p>�Du�, fl�sterte er. �Du warst es. Du... du warst es auch, der Trash get�tet hat, nicht wahr?� Er l�chelte, ohne da� Skar geantwortet h�tte. �Nat�rlich. Wer au�er dir h�tte so etwas tun k�nnen. Ihr G�tter, Trash war mein bester Mann. Mein Heerf�hrer. Ich selbst habe ihn ausgebildet, und du hast ihn erschlagen, ganz allein, und fast ein Dutzend seiner Quorrl mit ihm. Ich h�tte es wissen m�ssen.�</p><p>Skars Sinne begannen sich immer rascher zu verwirren. Es fiel ihm schwer, Dels Worten zu folgen, aber er war fast froh darum, denn irgendwie sp�rte er, da� sie mehr waren als ein Ausruf seines Schreckens, sondern eine tiefere Bedeutung haben mochten; eine Bedeutung, die ihn umbringen w�rde, wenn er sie erf�hre. �Du bist zur�ck�, fl�sterte Del. �Gro�er Gott, zwanzig Jahre, und... und du bist nicht um einen Tag �lter geworden. Bradburn hatte recht. Ich habe ihm nicht geglaubt, aber er hatte recht. Aber warum, Skar?� Er beugte sich vor, griff nach Skars Schultern und sch�ttelte ihn. �Warum? Warum hast du ihn get�tet?�</p><p>�Weil... es sein mu�te�, fl�sterte Skar. �Sie d�rfen nicht... siegen.�</p><p><emphasis>�Sie?!� </emphasis>Dels Augen wurden weit. �Sie, Skar? Wovon sprichst du? Du -�</p><p>Er brach ab. Ein spitzer, wie ein nicht mehr ganz zur�ckgehaltener Schrei klingender Laut kam �ber seine Lippen. Sein Gesicht verlor vor Skars Blicken alle Farbe.</p><p>�Aber nat�rlich!� stammelte er. �Du... du warst im S�den, als Trash starb. Du warst... du warst bei Drask! Ist es so?�</p><p>Skar nickte. Ein entsetzlicher Verdacht begann in ihm Gestalt anzunehmen. Aber das konnte nicht sein. NICHT DAS!</p><p>�Drask.� Dels Stimme war ein eisiges Fl�stern. �Bei allen G�ttern, du... du warst bei Drask. Was hat er dir erz�hlt? Da� die Satai und die Quorrl sich aufgemacht haben, die Welt zu erobern?�</p><p>Skar konnte nicht mehr sprechen, aber Del las die Antwort in seinen Augen. �Warum hast du ihm geglaubt?� fl�sterte er. �Warum bist du nicht zu mir gekommen und hast mich gefragt, Skar? Es... es sind Drask und die <emphasis>Anderen, </emphasis>die die Welt bedrohen, nicht wir.�</p><p>�Drask?� Das Entsetzen gab ihm noch einmal die Kraft, zu sprechen. �Aber wieso... der �berfall... die... die M�rder... die du geschickt hast...� Er wu�te die Antwort l�ngst, aber er konnte nicht aufh�ren, mu�te einfach weitersprechen, um noch weitere kostbare Sekunden zu gewinnen, ehe er sich der Wahrheit stellen mu�te. Dem Wahnsinn, der sie begleitete. �Sie haben Syrr get�tet und ihren Bruder und... der Krieg...�</p><p>�Ich wei� nicht, wer Syrr ist�, unterbrach ihn Del. Er schrie fast. �Und ich wei� nichts von M�rdern, die ich geschickt haben soll. Skar, es ist gerade anders herum! Die alten G�tter sind zur�ckgekehrt, aber es sind Drask und die <emphasis>Anderen, </emphasis>die Enwor erobern wollen. Die Sumpfleute und wir und die Quorrl sind die einzigen, die sie noch aufhalten! <emphasis>Warum hast du ihm geglaubt!!�</emphasis></p><p>�Weil er keine andere Wahl hatte�, unterbrach ihn eine Stimme. Del fuhr auf, und auch Skar wandte m�hsam den Kopf. Auch sein Sehverm�gen begann nun nachzulassen, aber er erkannte eine schlanke, in ein schmutzigwei�es Gewand geh�llte Gestalt. Gebeugt vom Alter und zu weit, als da� er ihr Gesicht sehen konnte. Aber er kannte die Stimme.</p><p>Es war der Prediger. Der Alte, dem er vor so langer Zeit seinen Sohn und sein Leben gegeben hatte. Der Ordensherr der Gesichtslosen Prediger.</p><p>�Keine andere Wahl?� wiederholte Del.</p><p>Der Prediger machte eine komplizierte Handbewegung.</p><p>�Drask ist ein Magier, vergi� das nicht�, sagte er sanft. �Ein Mann, dessen F�higkeiten die meinen um ein Tausendfaches �bersteigen. Und sie sind alle Meister der L�ge.� Seine Stimme wurde bitter, als er n�her kam und neben Skar niederkniete. Eine alte, pergamenttrockene Hand ber�hrte seine Stirn. �Es ist meine Schuld�, fl�sterte er. �Niemand w�re dem Gespinst aus L�gen und Betrug entgangen, das die <emphasis>Anderen </emphasis>zu weben wissen, aber ich h�tte da sein m�ssen, um ihn zu warnen.� Er sah zu Del auf. �Bringt Verbandszeug. Und meine Salben. Er ist schwer verletzt, aber ich kann ihm helfen. Er wird leben, wenn die G�tter auf unserer Seite sind. Wir werden ihn brauchen. N�tiger denn je.�</p><p>�Wozu, Bradburn?� fragte Del leise. �Croyd ist... tot.�</p><p>�Tot?� Der Prediger erschrak.</p><p>�Er hat ihn get�tet�, best�tigte Del. In seiner Stimme war kein Vorwurf mehr. Nur noch Mutlosigkeit. �Wozu noch k�mpfen, Bradburn? Croyd ist tot, und damit das letzte, was noch zwischen uns und ihrer Magie stand. Es ist aus.�</p><p>�Seit wann?� fragte Bradburn. Pl�tzlich klang er erregt. �Wie lange ist es her, da� er starb?�</p><p>�Nicht lange. Zehn Minuten.�</p><p>�Dann ist vielleicht noch nicht alles verloren�, sagte Bradburn. Er sprang mit einer Behendigkeit auf, die bei einem Mann seines Alters �berraschte, fuhr herum und verschwand mit weit ausgreifenden Schritten im Zelt des Jungen.</p><p>Er blieb nur wenige Sekunden. Als er zur�ckkam, flammte sein Gesicht vor Erregung. Sein Atem ging schnell. �Ich kann es tun�, sagte er. �Es ist noch nicht zu sp�t, Del. Bringt ihn herein, rasch. Rasch!�</p><p>Del keuchte. �Was -�</p><p>�Bringt ihn herein!� unterbrach ihn Bradburn aufgeregt.</p><p>�Schnell! Zum Reden ist sp�ter Zeit. Ich kann es tun, aber jeder Augenblick z�hlt. Drask wird wissen, was hier geschehen wird, und er wird kommen, mit all seiner Macht! Wir sind verloren, wenn wir auch nur eine Sekunde zu lange z�gern! Bringt ihn herein! Und sorgt daf�r, da� er nicht einschl�ft. Er darf auf keinen Fall einschlafen, sonst stirbt er!�</p><p>Skar verstand l�ngst nicht mehr, was die Worte des Alten bedeuteten. Warum lie�en sie ihn nicht endlich sterben?</p></section><section><title><p id="_23">23.</p></title><p>Drau�en vor dem Zelt wurde es Tag. Faserige Schatten aus Helligkeit krochen �ber den Himmel und vertrieben die Nacht, und das d�stere Rot der zahllosen Lagerfeuer begann im gleichen Ma�e zu verblassen. Trotzdem schien die Zeit stehenzubleiben. Es war, als w�ren sie in einem eigenen, kleinen Teil des Universums gefangen, in dem die Zeit ihre Bedeutung verloren hatte. Skar war m�de. So m�de. Er wollte schlafen, aber Del und der Alte lie�en ihn nicht. Sie hatten ihn gezwungen, etwas zu trinken, das seine Lebensgeister wieder geweckt und ihn mit neuer Kraft erf�llt hatte, und sie hatten sich um die Wunde an seiner Seite gek�mmert und die Blutung zum Stillstand gebracht, obwohl er es nicht wollte. Er ertrug keinen Schmerz mehr.</p><p>�Ich bin bereit�, sagte Bradburn. Er kam n�her, beugte sich �ber das Lager aus Fellen, auf das sie Skar gebettet hatten, und l�chelte milde. �Verstehst du mich?� fragte er.</p><p>Skar nickte. Er lag auf dem R�cken, nur eine Handbreit neben dem Leichnam Croyds, und allein der Gedanke an das, was Bradburn tun w�rde, trieb ihn an den Rand des Wahnsinns. �Ja�, sagte er. �Was... hast du... vor?�</p><p>Er wu�te es, aber f�r einen Moment klammerte er sich an die absurde Hoffnung, da� der Alte etwas anderes sagen w�rde. �Einen letzten, verzweifelten Versuch, Skar�, antwortete Bradburn ernst. �Vielleicht wirst du dabei sterben, aber wenn, dann ist ohnehin alles zu sp�t.� Er l�chelte bitter. �Wenn es das nicht schon ist.�</p><p>�Aber ich... ich verstehe nicht...�</p><p>Bradburn unterbrach ihn mit einer gleicherma�en sanften wie ungeduldigen Handbewegung. �Sp�ter�, sagte er. �Sp�ter wirst du alles erfahren. Nicht jetzt.� Er schwieg einen Moment, dann: �Hier - trink das.�</p><p>Der Kreis schlo� sich, dachte Skar, w�hrend der Alte behutsam eine h�lzerne Schale mit einer bitter schmeckenden Fl�ssigkeit an seine Lippen setzte. Aber er wehrte sich nicht, sondern trank, bis nichts mehr von der Fl�ssigkeit �brig war und Bradburn die Schale senkte. Der Kreis schlo� sich. Es endete, wie es begonnen hatte. Diesmal vielleicht f�r immer.</p><p>�Sai zu Sai�, fl�sterte Bradburn. �Tan zu Tan. Was getrennt wurde, soll eins werden. Was...�</p><p>Skar h�rte nicht mehr hin. Bradburn fuhr fort, monoton seine Beschw�rungsformel zu murmeln, M�chte einer Magie zu entfesseln, an die Skar noch immer nicht glaubte, obwohl er ihr Wirken auf entsetzliche Weise am eigenen Leib versp�rt hatte, aber w�hrend er dalag, der einlullenden Stimme des Predigers lauschte und auf das vertraute Brennen im Hals und den Schmerz wartete, dachte er noch einmal an das, was ihm Del erz�hlt hatte, w�hrend Bradburn mit seinen Vorbereitungen besch�ftigt war. Er fragte sich, warum er nicht einfach den Verstand verloren hatte, jetzt, als er die Wahrheit wu�te. Drask hatte ihn nicht einmal in sehr vielen Punkten belogen. Alles war so geschehen, wie er von ihm, von Syrr und Enwass und all den anderen geh�rt hatte, nur da� es umgekehrt war: Die Sternengeborenen waren da, durch Velas Verrat und seine unfreiwillige Hilfe l�ngst aus ihrem endlosen Schlaf geweckt, und sie hatten bereits einen gro�en Teil Enwors in ihre Gewalt gebracht, nicht mit dem Schwert, sondern mit den viel wirkungsvolleren Waffen der Intrige und Magie, und es waren die Satai und die Quorrl und eine Handvoll anderer, die den fast aussichtslosen Kampf gegen die D�monen aus der Vergangenheit aufgenommen hatten. Sie - und sein Sohn, ein schwachsinniger Idiot, der trotzdem der einzige gewesen war, der ihrer Macht getrotzt hatte.</p><p>Er hatte ihn get�tet. Die Macht in Croyds verwirrtem Geist war ihr einziger Schutz, seine Anwesenheit alles, was <emphasis>die Anderen </emphasis>daran hinderte, ihre ganze schreckliche Magie auszu�ben und die Satai und ihr Heer vom Antlitz Enwors zu fegen. Und jetzt war er fort.</p><p>Drask, dachte er. Drask. Er hatte ihn dazu gebracht, seinen eigenen Sohn zu t�ten. Wenn er �berlebte, wenn er noch einmal erwachte und gesund wurde, dann w�rde er bezahlen.</p><p>Der Schmerz begann. <emphasis>Etwas </emphasis>l�ste sich von ihm, und etwas anderes, Unsichtbares kroch in seine Seele. Es war kalt. Unglaublich <emphasis>kalt.</emphasis></p><p>�Sai zu Sai�, sagte Bradburn abschlie�end. �Tan zu Tan. Eins soll werden, was getrennt war. M�gen die G�tter uns beistehen.� Er brach ab, �ffnete m�hsam die Augen und sah Skar an. �Es wird gelingen, Skar�, sagte er.</p><p>�Was... hast du getan ?� fl�sterte Skar. In seinem Kopf war ein dumpfes Brausen und Rauschen, das rasch st�rker wurde. Zum ersten Mal im Leben sp�rte er ganz bewu�t, wie er die Besinnung verlor.</p><p>�Das Letzte, was uns bleibt�, antwortete Del an Bradburns Stelle. Er deutete auf den Leichnam des Jungen. �Du warst es, der ihm diese Macht gab, Skar. Wir geben sie dir zur�ck. Wir brauchen sie. Enwor braucht sie.�</p><p>Seine Macht. Sein Erbe. Die Seele eines Toten. Skar war zu m�de, um noch Entsetzen zu empfinden.</p><p>Aber w�hrend er hin�berglitt auf die andere Seite der Wirklichkeit, um sich zum letzten Mal seinem dunklen Bruder zu stellen, dachte er diesen einen Gedanken noch ganz klar, und irgendwoher wu�te er auch, da� es genauso kommen w�rde:</p><p><emphasis>Es wird gelingen. Nach all der Zeit sind wir wieder vereint - Del, ich und du, du schweigendes finsteres Ding in mir. Wir sind zusammen, und es gibt nichts, was uns gemeinsam aufhalten kann. Nichts.</emphasis></p><p><emphasis>Komm, Bruder.</emphasis></p><p><emphasis>La� uns die Welt erobern.</emphasis></p><p><emphasis>Und vielleicht noch mehr.</emphasis></p></section></body><binary id="cover" 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