<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Wolfgang</first-name><last-name>Hohlbein</last-name></author><book-title>Das elfte Buch</book-title><annotation><p>Eine gewaltige Woge schleudert Skar auf harte Felsen und bricht �ber ihn hinweg, als wolle sie ihm den letzten Atem nehmen. Doch das ist nur der Auftakt zu einem wahren Todesinferno. Skar wei� nicht, wer er ist, und er versteht die Welt nicht, in der er gelandet ist. Doch es bleibt ihm keine Zeit zur Orientierung. Von einer Sekunde auf die andere wird er in t�dliche Auseinandersetzungen verwickelt. Die Kriegerkaste der Satai startet einen Vernichtungsfeldzug gegen die gef�rchteten Quorrl, ohne zu ahnen, dass sie damit eine Katastrophe heraufbeschw�rt. Bevor Skar die Satai aufhalten kann, ger�t er zusammen mit der jungen Esanna in eine heimt�ckische Falle, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Dabei bleibt ihm kaum noch Zeit, den drohenden Untergang Enwors zu verhindern ...</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Enwor" number="11"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-07">07 April 2012</date><id>E8E1FB19-3884-4D10-9BA4-DC351FDC0FC3</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>Weitbrecht</publisher><city>Stuttgart, Wien, Bern</city><year>1999</year><isbn>ISBN 3-522-71765-1</isbn></publish-info></description><body><section><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Wolfgang Hohlbein - Enwor 11 </strong></p><p><strong>Das elfte Buch </strong></p><p>ISBN 3 522 71765 1 </p><p>Umschlagillustration: Peter Gric, Wien </p><p>Umschlagtypografie: Michael Kimmerle, Stuttgart </p><p>Satz: KCS GmbH, Buchholz/Hamburg </p><p>Schrift: Slimbach </p><p>Reproduktion: Die Repro, Tamm </p><p>Druck und Bindung: Franz Spiegel Buch GmbH, Ulm </p><p><emphasis>� </emphasis>1999 by Weitbrecht Verlag in K. Thienemanns Verlag </p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><emphasis><strong>Coverr�ckseite </strong></emphasis></p><p>Eine gewaltige Woge schleudert Skar auf harte Felsen und bricht �ber ihn hinweg, als wolle sie ihm den letzten Atem nehmen. Doch das ist nur der Auftakt zu einem wahren Todesinferno. Skar wei� nicht, wer er ist, und er versteht die Welt nicht, in der er gelandet ist. Doch es bleibt ihm keine Zeit zur Orientierung. Von einer Sekunde auf die andere wird er in t�dliche Auseinandersetzungen verwickelt. Die Kriegerkaste der Satai startet einen Vernichtungsfeldzug gegen die gef�rchteten Quorrl, ohne zu ahnen, dass sie damit eine Katastrophe heraufbeschw�rt. Bevor Skar die Satai aufhalten kann, ger�t er zusammen mit der jungen Esanna in eine heimt�ckische Falle, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Dabei bleibt ihm kaum noch Zeit, den drohenden Untergang Enwors zu verhindern ...</p></section><section><title><p id="ERSTER_TEIL">ERSTER TEIL: Skars R�ckkehr</p></title><empty-line/><p><strong>ERSTER TEIL</strong></p><empty-line/><p><strong>Skars R�ckkehr</strong></p><empty-line/></section><section><title><p id="_01_01">1.1</p></title><p>Zu der Stunde, in der die Nacht am dunkelsten und der neue Tag am weitesten von seinem Morgen entfernt war, spie der See den Mann aus. Inmitten einer H�lle aus tobender Gischt, Bewegung, L�rm durchbrach er die Wasseroberfl�che und nahm einen ersten, tiefen Atemzug. Er war pure Qual, brennende K�lte, die das kaum erwachte und dennoch bereits wieder im Verl�schen begriffene Leben noch einmal in seinen K�rper zur�ckzwang, sich aber auch zugleich wie berstende Glassplitter in seine Kehle grub, sodass er vor Pein aufgeschrien h�tte, h�tte er es nur gekonnt. Er wusste nicht, wer er war - Mann, Frau, Kind, <emphasis>Mensch </emphasis>oder Etwas. Er<emphasis> hatte kein</emphasis> Ich-Gef�hl noch die M�glichkeit einen Entschluss zu fassen oder ihn gar in die Tat umzusetzen. Nicht einmal den einfach und sich in die kalte Umarmung jener allumfassenden Dunkelheit zur�ckfallen zu lassen, aus der er gekommen war. Es w�re die einfachste und vielleicht barmherzigste L�sung gewesen.</p><p>Er konnte es nicht.</p><p>Jemand - etwas? - zwang ihn sich zu wehren, den Kampf gegen diesen f�rchterlichen Feind aufzunehmen, der allgegenw�rtig und �berm�chtig zugleich war: das Wasser. Es warf ihn hin und her, h�llte ihn ein, zog ihn immer wieder unter seine Oberfl�che und spie ihn aus, als st�nde eine bewusste, perfide Macht hinter diesem makaberen Spiel, ihn stets im Bruchteil eines Augenblickes, bevor er das Bewusstsein verlieren oder aus purer Atemnot die Lippen �ffnen und so den Tod willkommen hei�en konnte, wieder ins Leben zur�ckzurei�en. Die unbarmherzige K�lte zog die W�rme rascher aus seinen Gliedern, als sein K�rper sie produzieren konnte. Der Sog zerrte ihn immer wieder ein kleines St�ckchen weiter vom Ufer fort, als wollte er seine m�den Schwimmbewegungen verh�hnen.</p><p>Unter dem schwarzen Nachthimmel konnte er dieses Ufer nicht genau erkennen. Die Sterne, die wie winzige Augen teilnahmslos zuschauender, grausamer G�tter auf seinen Lebenskampf herabblickten, spendeten kaum Licht. Aber manchmal sah er es vor dem Ufer hell und dunstig aufschimmern: Gischt, die an etwas Hartem, Rei�endem zerschellte, das das Ufer wie eine t�dliche Barriere steinerner Messerklingen s�umte.</p><p>Zeit verging.</p><p>Sie war bedeutungslos wie alles und er hatte dar�ber hinaus auch keine M�glichkeit ihr Verstreichen irgendwie zu registrieren, denn er war noch immer kaum mehr als reiner Intellekt, ohne Willen, ohne eigenen Antrieb oder gar Verst�ndnis f�r das Universum, das ihn umgab und das nur aus br�llendem Sturm, tobendem Wasser, Dunkelheit, K�lte und einem unbekannten, dunkel-gestaltlosen Dahinter bestand. Doch auch, wenn er sich seines K�rpers nur in soweit bewusst war, dass er ihn als Quell immer neuer, unertr�glicher Pein und immer grausamerer K�lte registrierte, so klammerte sich dieser K�rper doch an das unerw�nschte Leben und er k�mpfte weiter, mit einer Verbissenheit, die sein Bewusstsein in Erstaunen versetzt h�tte, w�re er nur in der Lage gewesen sie zu registrieren.</p><p>K�rper und Geist schienen l�ngst keine Einheit mehr zu sein. Sein K�rper k�mpfte weiter und rang gegen jede Logik, gegen jede Erwartung, den verstreichenden Minuten immer mehr und mehr Kraft ab, sodass seine Schwimmbewegungen nicht etwa schw�cher, sondern ganz im Gegenteil allm�hlich wieder kraftvoller wurden, und auch an Zielstrebigkeit und Koordination zunahmen. Sein gerade erst erwachtes Bewusstsein hatte aber l�ngst aufgegeben gegen die Macht der Wellen anzuk�mpfen. Obwohl er das Leben noch nicht einmal richtig kennen gelernt hatte, sehnte er sich nach dem Tod zur�ck. Der letzte und vielleicht einzige Sieg, den er erringen konnte: den Willen zu haben, einfach aufzugeben und das Unausweichliche nicht noch l�nger hinauszuz�gern, f�r den einzigen Lohn von noch mehr Schmerz und noch mehr Furcht. Die Naturgewalten, gegen die er k�mpfte, waren nichts, wor�ber ein Mensch triumphieren konnte. Er war nicht mehr als ein Staubkorn in der W�ste, ein Wassertropfen in den unendlichen Weiten des Ozeans. Bedeutungslos. Dass er im willk�rlichen Toben der Elemente vergehen w�rde, zuf�llig und ohne dass jemand seinen Tod zur Kenntnis nehmen, geschweige denn <emphasis>gewollt </emphasis>haben w�rde, war nur ein weiterer Beweis f�r seine Bedeutungslosigkeit.</p><p>Er dachte diesen Gedanken ohne Bitterkeit. Die Sch�pfung war zu gro� und die Unendlichkeit zu lang, als dass irgendein sterbliches Wesen, gleich ob Mensch oder Gott, darin wirklich eine Rolle spielen konnte. Ob er in der n�chsten Sekunde in der kalten Unendlichkeit des Wassers starb oder das Ufer erreichte und vielleicht zu einem Gott oder dem Vernichter von Welten wurde, w�rde nichts im gro�en Gef�ge des Kosmos �ndern. Es spielte keine Rolle, was oder wer er war. Ob er existierte oder nicht. Und er wollte lieber kein als ein bedeutungsloses Leben f�hren.</p><p>Und doch: Etwas zwang ihn weiterzuleben.</p><p>Das Ufer war jetzt fast zum Greifen nahe, aber mit ihm auch die Gischt und die schwarzen Felsen, an denen sie zerstob. Eine vielfach gestaffelte Kette von Rei�z�hnen, so alt wie diese Welt und so t�dlich wie Schwertklingen, s�umte den Uferstreifen, den er manchmal, wenn sein K�rper aus einem Wellenteil emporgeschleudert wurde, im Sternenlicht aufblitzen sah. Und selbst, wenn er wie durch ein Wunder den Klippen entging, so mochte ihn die Brandung gegen das steinige Ufer schleudern, das dahinter emporwuchs, schwarz, zerschunden und hier und da mit dem niedrig h�ngenden Himmel verschmelzend.</p><p>Wie gn�dig war dagegen die Finsternis gewesen, aus der er kam und in die er sich so sehr zur�cksehnte. Es w�re so einfach, sich fallen zu lassen. Armen und Beinen einfach zu befehlen mit den sinnlosen Bewegungen aufzuh�ren, in die kalte Dunkelheit hinabzutauchen und einen letzten, erl�senden Atemzug zu nehmen.</p><p><emphasis>Nein!</emphasis></p><p>Er kannte die Bedeutung dieses Wortes nicht wirklich. Worte waren wie Menschen, vielleicht langlebiger, aber bedeutungslos. Trotzdem zwang es ihn weiterzumachen, vergr��erte die Kluft zwischen K�rper und Geist noch mehr und machte aus bisher fast teilnahmslos nebeneinander existierenden Br�dern Feinde. Sein K�rper b�umte sich auf, k�mpfte mit verzweifelter Kraft gegen die Elemente und arbeitete sich mit schnellen, beinahe schon eleganten Schwimmbewegungen n�her ans Ufer heran. Geschickt wie ein Fisch und mit einer Leichtigkeit, die ihn selbst �berraschte, glitt er zwischen den Felsen hindurch, ersp�hte eine L�cke hier, einen Durchlass da, den Weg eines Wellenkamms �ber t�dliche Felsen dort und kam dem eigentlichen Ufer immer n�her. Das Donnern der Brecher, die gegen ihn und das felsige Ufer dahinter anrannten, schien das einzige Ger�usch der Welt zu sein; vielleicht alles, was sie zusammenhielt.</p><p>Schlie�lich aber versagten seine geliehenen Kr�fte. Eine Welle schleuderte ihn gegen einen Fels, der unter dem schwarzen Wasser verborgen auf ihn gelauert hatte. Er h�rte, wie sein Schrei zu einem keuchenden Seufzer wurde, mit dem das letzte bisschen Atemluft seinen Lungen entwich und f�hlte sich herum und gleichzeitig in die Tiefe gewirbelt, gegen Sand und Felsen geschmettert und am Ende fast achtlos auf das Ufer hinaufgeworfen; ein Spielzeug, das seinen Reiz verloren hatte. Rings um ihn herum zerstob die Gischt zu Myriaden winziger Wassertropfen, die im schwachen Licht der Sterne wie Diamantstaub glitzerten. Der Boden vibrierte unter der Wucht der heranrollenden Brecher und immer wieder schlug das Wasser mit sch�umenden Wellen �ber ihm zusammen, lie� ihn keuchen, w�rgen und mit kleinen, qualvollen Z�gen nach Luft ringen.</p><p>Doch er war gerettet.</p><p>Die gleiche Felsbarriere, die ihn um ein Haar zerschmettert h�tte, sch�tzte ihn nun vor der �rgsten Wucht der Brandung; aus der t�dlichen Gefahr war pl�tzlich ein Freund geworden, ein Wall, der dem tobenden Ungeheuer auf der anderen Seite, das w�tend nach seiner Seele schrie, Einhalt gebot.</p><p>Er blieb lange so liegen, m�glicherweise Stunden, sicher aber viele, viele Minuten. Dieser Unterschied immerhin war ihm bewusst. Er hatte das Verstreichen der Zeit zu registrieren gelernt, ohne es �berhaupt zu bemerken, so, wie er pl�tzlich um viele Dinge wusste, die es vor Momenten f�r ihn noch gar nicht gegeben hatte: Tag und Nacht, Leben und Tod, die Welt und die G�tter, die beide auf ihre Art anders waren, als die Menschen sie sich vorstellten. Er selbst. Er wusste noch immer nicht, wer er war, aber er wusste, <emphasis>dass </emphasis>er war. Und dass er aus einem ganz bestimmten Grund hier war. Denn ebenso zweifelsfrei, wie er sich seiner Bedeutungslosigkeit bewusst war, wusste er zugleich auch, dass es nichts wirklich Sinnloses gab und alles einem bestimmten Zweck diente. Das eine schloss das andere nicht aus, <emphasis>bedingte </emphasis>es sogar. Jemand - etwas - hatte ihn hierher geschickt, um etwas zu tun. Er wusste nicht was, aber das brauchte er auch nicht. Vielleicht war die blo�e Tatsache seines Hierseins schon genug.</p><p>Seit er aufgeh�rt hatte gegen das Meer zu k�mpfen, begann er sich besser zu f�hlen, zugleich aber auch wie ein Fremder in seinem eigenen K�rper, der alles, was er tat und dachte, mit einem gewissen Abstand verfolgte und hinter die Dinge sehen konnte, weil er gar nicht davon betroffen war. Sein K�rper schmerzte immer noch an zahllosen Stellen. Er hatte sich unz�hlige Prellungen und Sch�rfwunden zugezogen, mit Sicherheit Verstauchungen, m�glicherweise sogar Br�che. Aber zugleich f�hlte er auch, dass er nicht ernsthaft verletzt war. Der K�rper, der dem neu geschaffenen Leben drei�ig oder vierzig Jahre vor der Zeit geschenkt worden war, war sehr kr�ftig, der K�rper eines gesunden, sehr starken Mannes; vielleicht eines Kriegers. So unertr�glich der Schmerz ihm erschien, so war er doch nichts Fremdes, sondern ein Vertrauter, fast schon so etwas wie ein Freund, der ihn an Dinge zu erinnern versuchte, die er niemals erlebt hatte.</p><p>Wer war er?</p><p>Warum war er hier?</p><p><emphasis>Du wirst es erfahren. Bald.</emphasis></p><p>Er h�rte die Stimme nicht wirklich. Sie war nicht in seinem Kopf, sondern in <emphasis>ihm, </emphasis>als w�re jede Faser seines K�rpers nichts als ein Teil dieser allgegenw�rtigen, titanischen Stimme, die keine Zweifel zulie� und Fragen nach ihrem Wer und Warum vollkommen ausschloss.</p><p>Er versuchte sich auf dem Untergrund aus Stein und nassem Lehm in die H�he zu stemmen. Am Anfang vergebens. Was sein K�rper an Kraft besessen hatte, das hatte er in dem verzweifelten Kampf gegen die Wellen verbraucht, sodass er drei-, viermal ansetzen musste, bevor es ihm auch nur gelang, den Kopf zu heben und an sich herabzusehen. Er war nackt. Seine Haut war mit einem d�nnen, rosafarbenen Film bedeckt, denn er blutete aus zahlreichen, wenn auch allesamt nicht sehr tiefen Wunden, und das Wasser, das ihn gerade erst freigegeben hatte, setzte nun zu einem neuen, heimt�ckischen Angriff an. Der Sturm nahm an Kraft zu und peitschte die Wellen hoch genug, um die Barriere vor dem Ufer zu �berrollen. Nicht sehr schnell, aber unaufhaltsam. Schon bald w�rde auch dieser Teil des Ufers �berflutet sein. Er war noch nicht in Sicherheit. Er musste weiter hinauf zwischen die Felsen.</p><p>Langsam und schwankend, mit zusammengebissenen Z�hnen und mehr vor Anstrengung als vor Schmerz keuchend, setzte er sich auf und versuchte die Dunkelheit ringsum mit Blicken zu durchdringen. Vor ihm lagen die Klippen und der Sturm, hinter ihm die Felsen, die nicht einmal besonders hoch zu sein schienen, in der Dunkelheit und bei dem tobenden Sturm aber ebenso gut bis an den Himmel h�tten reichen k�nnen: un�bersteigbar. Zur Rechten erstreckte sich der schmale Uferstreifen, so weit er sehen konnte - was nicht besonders weit war -, doch zur Linken gab es eine Stelle, an der sich eine Bresche in dem Gewirr aus Felsen und Steintr�mmern zu befinden schien. Was dahinter lag, wusste er nicht. Aber es gab nur eine M�glichkeit, es herauszufinden. Er musste dort hinauf - entweder freiwillig oder gezwungen von der Stimme, die �ber ihn wachte und die nicht gestatten w�rde, dass er starb.</p><p>Er lernte ein neues Gef�hl kennen: Trotz.</p><p>Wenn er sich schon peinigen lassen musste, so aus freien St�cken und nicht gezwungen von einer Macht, die sich anma�te, das gr��te und m�glicherweise <emphasis>einzige </emphasis>Verbrechen zu begehen, das es wirklich gab: den freien Willen eines anderen Individuums zu ignorieren und ihm seinen eigenen aufzuzwingen.</p><p>W�hrend das Wasser allm�hlich stieg, sodass die Wellen bereits seine Knie umsp�lten, stemmte er sich in die H�he, wandte sich nach links und taumelte auf die Bresche in den Felsen zu, und w�hrend er es tat, wiederholte sich das fast unheimliche Geschehen von vorhin: Statt ihn zu erm�den, schien ihm jeder einzelne Schritt neue Kraft zu geben. Er war noch immer ein Neugeborener, fast ohne Wissen, aber sein K�rper war der eines Mannes, und es war, als erinnere er sich mit jeder neuen Bewegung, die er lernte, folgerichtig an die n�chste, die kommen musste.</p><p>Irgendwie gelang es ihm, den Spalt zu �berwinden und einen zweiten, h�her gelegenen und damit sicheren Uferstreifen zu erreichen. Trotzdem schleppte er sich noch ein gutes St�ck weiter den Strand hinauf. Mit dem Wissen um sich selbst und das Wie und Warum der Welt war auch noch ein anderer, unwillkommener Begleiter aus der Vergangenheit zur�ckgekehrt: die Furcht.</p><p>Schlie�lich aber konnte er nicht mehr. Er fiel auf die Knie, lie� sich nach vorne und zur Seite sinken und schlief ein, noch bevor seine Wange den Boden ber�hrte.</p></section><section><title><p id="_01_02">1.2</p></title><p>W�hrend er schlief, lernte er etwas Neues. Alles, was er erlebte, war neu f�r ihn, aber diese Erfahrung war auf eine erschreckende Art anders als die wirkliche Welt zuvor. Er tr�umte.</p><p>Es war kein angenehmer Traum. Und er hatte keinerlei Gestalt. Er sah Bilder, h�rte Ger�usche und empfand Gef�hle, die ihm allesamt fremd und unbekannt waren und die doch eines gemeinsam hatten: Sie lehrten ihn eine andere Dimension des Schreckens, gegen den es keine Gegenwehr gab, bis die Furcht schlie�lich so gro� wurde, dass er mit einem Schrei die Lider hob und sich aufsetzte.</p><p>Sein Herz raste und mehr noch h�mmerten seine Gedanken. In seinen Ohren war noch immer das Br�llen des Sturmes. Er war nicht mehr da, aber seine Stimme war zur�ckgeblieben und er konnte sp�ren, wie der Boden unter ihm immer noch sacht unter der Wucht der Brandung vibrierte. Bilder, Erinnerung und Fetzen seines gestaltlosen Traumes vermengten sich hinter seiner Stirn zu einem sinnverwirrenden Wirbel, der ihn im ersten Moment schwindeln lie�.</p><p>Er hatte sich zu schnell aufgesetzt. Die ungewohnte Helligkeit schmerzte in seinen Augen, und das Echo einer Stimme die ihn aus seinem Traum heraus ins Wachsein verfolgt hatte, klang noch in seinen Ohren nach. Er konnte sich nicht erinnern, was sie gesagt hatte, aber es war die gleiche Stimme, die er schon in der Nacht geh�rt hatte. Die Stimme eines Gottes, die jede Faser seines K�rpers durchdrang und gegen die es keinen Widerspruch gab.</p><p>Hastig schloss er die Augen, st�tzte sich mit den Handfl�chen am Boden auf und wartete, bis sich das Schwindelgef�hl legte. Erst dann wagte er es, die Lider wieder zu heben, immer noch mit klopfendem Herzen und darauf gefasst, ja, f�r einen kurzen Moment sogar davon �berzeugt, die Ungeheuer aus seinem Traum zu gewahren, die die Grenzen zur Wirklichkeit �berschritten hatten: etwas Schwarzes, Chitingl�nzendes, Hartes, mit d�nnen Spinngliedern und starrenden, gro�en Augen, in denen das Wissen um alle Geheimnisse schlummerte, die ihm noch verborgen waren; und die er auch gar nicht kennen wollte. Aber da war nichts. Die <emphasis>Sternenbestie </emphasis>war nicht da.</p><p>Unendlich vorsichtig wandte er den Kopf und sah sich um. Der Traum war vor�ber und die Sonne stand als gl�hender, orangefarbener Ball bereits einen Fingerbreit �ber dem Horizont im Osten, �ber einer dunkelblauen, geraden Linie, die ihr Spiegelbild verzerrt und silberdurchwoben zur�ckwarf. Im ersten Moment glaubte er aufs offene Meer hinauszublicken, doch dann wurde ihm klar, dass die Schatten daf�r zu hart und die Spiegelungen zu matt waren. Es war hitzeflimmernde Luft, die �ber dem Land im Osten kochte und so Trugbilder und Visionen entstehen lie�. Der Tag war angebrochen und es war bereits jetzt sehr hei�. Er musste sehr lange hier gelegen und geschlafen haben.</p><p>Der Gedanke erschreckte ihn. Er war vollkommen hilflos gewesen; schutz- und wehrlos jedem Raubtier oder jedem Feind ausgeliefert, der sich angeschlichen h�tte. Eine weitere Erinnerung, die pl�tzlich da war: Er wusste nicht, wer sie waren und warum es sie gab, aber er wusste, dass er Feinde hatte. Gef�hrliche Feinde.</p><p>Behutsam setzte er sich weiter auf, rieb sich in einer Bewegung, der er sich nicht einmal bewusst war, Schmutz und Sand von den Schultern und aus dem Gesicht und setzte unterdessen seine Musterung der Umgebung fort: Er war allein und er hatte sich in mehr als einer Beziehung get�uscht. Was er in der Nacht f�r einen Strand gehalten hatte, das war das Ufer eines gro�en Sees, dessen Oberfl�che noch immer in sch�umender wei�er Gischt kochte, obwohl der Sturm endg�ltig erloschen und die Luft fast unbewegt war. Das dr�hnende Vibrieren, das er immer noch h�rte und sp�rte, war die Stimme eines gigantischen Wasserfalles, der zwei oder vielleicht auch drei oder noch mehr Meilen entfernt aus einer fast absurden H�he herabst�rzte: hunderte von Mannesl�ngen, wie es ihm vorkam.</p><p>Er beschattete die Augen mit der Hand, blinzelte zu der Klippe hinauf und glaubte bizarre, dunkle Umrisse gegen den Himmel zu erkennen, fast zu regelm��ig, um von der Hand der Natur erschaffen worden zu sein, aber auch zu abstrakt, als dass sie das Werk von Menschen sein konnten. Vielleicht Ruinen. Vielleicht die Burg des zornigen Gottes, der ihn aus seinem Leben gerissen und an dieses Ufer geschleudert hatte.</p><p>Er war dort oben gestorben.</p><p>Der Gedanke stand ganz klar und jenseits jedes Zweifels hinter seiner Stirn und er dachte ihn vollkommen ohne Schrecken oder gar Angst. Wie auch? Er wusste so wenig �ber das Leben, wie konnte ihn da der Tod erschrecken? Es hatte hier geendet. Und hier begann es.</p><p>Er versuchte eine Weile mehr Einzelheiten zu erkennen, denn er sp�rte, dass die Schatten da oben wichtig waren, gab es aber schlie�lich auf. Die Erinnerungen w�rden zur�ckkommen, aber sie lie�en sich nicht herbeizwingen. Obwohl die Sonne gerade erst aufgegangen war, war ihr Licht bereits sengend und trieb ihm die Tr�nen in die Augen. Er blinzelte ein paarmal, drehte sich wieder in die entgegengesetzte Richtung und sah auf das Ufer hinab. Das Ufer, das aus in z�hem Lehm eingebetteten Felsen bestand, h�tte jede Spur getreulich bewahrt, doch die einzigen Fu�abdr�cke, die er sah, waren seine eigenen.</p><p>Seltsam. Er hatte die Stimme ganz deutlich geh�rt. Aber genauso deutlich war auch, dass niemand ihm auch nur nahe gekommen war, um mit ihm zu reden.</p><p><emphasis>Niemand zumindest, der Spuren hinterlie�.</emphasis></p><p>Vielleicht war die Stimme doch nur Teil seines Traumes gewesen, so wie seine Angst und die spinnengliedrige, dunkle Kreatur. Er erinnerte sich nicht wirklich daran, ebenso wenig wie an das, was diesem Bild vorangegangen war. Da waren verschwommene Eindr�cke, nebelhaft und nicht ganz real - sein Kampf gegen das Wasser, der Weg durch die Brandung, die Klippen. Aber wie war er ins Wasser gekommen? Hatte er Schiffbruch erlitten oder war er durch eine Ungeschicklichkeit ins Wasser gefallen oder ... <emphasis>Langsam. Beantworte eine Frage nach der anderen und versuche nicht Probleme zu l�sen, bevor du sie �berhaupt erkennst.</emphasis></p><p>Das war nicht mehr die unheimliche Stimme aus seinem Traum. Er erinnerte sich noch immer nicht genau an das, was sie gesagt hatte, glaubte aber zu sp�ren, dass es eine Art Warnung gewesen war. Es war seine eigene Stimme; ein Teil von ihm, der logischer und sachlicher dachte, als er erwartet hatte.</p><p>Und so ganz nebenbei Recht hatte.</p><p>Er sollte versuchen sich zu erinnern, wer er war, bevor er dar�ber nachdachte, wie er hierher kam und wo dieses <emphasis>hier </emphasis>�berhaupt war.</p><p><emphasis>Ninga. Der Sturz von Ninga. </emphasis>So nannten die Menschen diesen gigantischen Wasserfall. Ein weiterer Erinnerungsfetzen, der pl�tzlich da war. Ihm folgte kein weiterer und er versuchte auch nicht noch einmal sie mit Gewalt herbeizuzwingen. Seine Vergangenheit war in eine Million Scherben zersprungen und vielleicht hatte es einen Sinn, dass er die einzelnen St�cke nur nacheinander fand.</p><p>Er schloss wieder die Augen, st�tzte das Kinn auf die angezogenen Knie und atmete tief und sehr bewusst ein und wieder aus. Die Luft, die vom Wasser heraufstieg, schmeckte bitter, aber sie war auch sehr kalt, und nachdem er seinen K�rper einmal gezwungen hatte sie zu inhalieren, sp�rte er, wie die K�lte das Durcheinander hinter seiner Stirn zu lichten begann. Was sich einstellte, war auch jetzt nur Leere, kein Wissen, aber er war nicht entt�uscht. Seine Erinnerungen kehrten zur�ck. Langsam, aber sie kehrten zur�ck.</p><p>Er wandte wieder den Kopf und sah zum Wasserfall hin, der ihm nun noch gr��er und Furcht einfl��ender erschien als zuvor.</p><p>Langsam richtete er sich auf. Er begann zumindest zu ahnen, was mit ihm geschehen war. Die Erkl�rung war ebenso simpel wie beruhigend: Er hatte sein Ged�chtnis verloren und damit seine Vergangenheit und auch alles, was er einmal gewesen war. Aber immerhin war er am Leben und er war nicht so schwer verletzt, dass er sich nicht bewegen konnte oder auch nur in seiner Bewegungsfreiheit eingeschr�nkt war.</p><p>Er drehte sich einmal im Kreis, �berzeugte sich erneut - und diesmal sehr viel gr�ndlicher - davon, dass das Ufer au�er seinen eigenen auch wirklich keine Spuren aufwies, und tat schlie�lich das, was er eigentlich als Erstes nach seinem Erwachen h�tte tun sollen: Er unterzog seinen K�rper einer gr�ndlichen Inspektion.</p><p>Seine Haut war �berall zerschunden. Er war mit blauen Flecken und Quetschungen �bers�t, hatte Sch�rfwunden an Armen und Beinen davongetragen und au�erdem war er nackt. Das Wasser musste ihm wohl die Kleider vom Leib gerissen haben.</p><p>Vorsichtig, mit spitzen Fingern, betastete er die gr��eren Verletzungen. Es tat weh, aber mehr auch nicht. Ihm war nichts Ernsthaftes zugesto�en. Keine Br�che oder Verstauchungen, die ihn in seiner Bewegungsfreiheit eingeschr�nkt h�tten. Er hatte Gl�ck gehabt. Die Schrammen und kleinen Schnitte w�rden schon in wenigen Tagen verschwunden sein und auch die gr��eren Verletzungen bald verheilen. Bei allem war nichts, wor�ber er sich Sorgen machen musste.</p><p>Der Gedanke beruhigte ihn und er war ein weiteres Teil, das er dem zerbrochenen Bild in seinem Inneren hinzuf�gte. Offensichtlich kannte er sich mit Wunden und Verletzungen in einem gewissen Ma� aus. Ganz intuitiv war er davon �berzeugt, dass er das Ergebnis seiner Untersuchung nicht anzweifeln musste.</p><p>Aber wieso war er sich eigentlich so sicher?</p><p>War er vielleicht ein Heiler gewesen?</p><p>Kaum.</p><p>Er betrachtete sich erneut und war zugleich �berrascht und beruhigt von dem, was er sah. Er war nicht au�ergew�hnlich gro�, aber von kr�ftiger Statur. Seine Muskeln waren gut trainiert; die Muskeln eines Mannes, der stets darauf geachtet hatte, in k�rperlich guter Verfassung zu bleiben, und seine H�nde waren nicht die eines Heilers. Heiler hatten feingliedrige, geschickte Finger. Seine waren gro� und grob. H�nde, die zuzupacken wussten und die H�nde eines Arbeiters oder Bauern sein mochten. Nur, dass sie nicht die Zeichen schwerer Arbeit trugen. Er hatte keine Schwielen, daf�r jedoch die eine oder andere Narbe, die Spuren �lterer und tieferer Verletzungen waren als die, die er gestern Nacht davongetragen hatte.</p><p>Die H�nde eines Kriegers?</p><p>Die Stimme, die er w�hrend seines Erwachens zu h�ren geglaubt hatte, hatte ihn <emphasis>Satai </emphasis>genannt.</p><p>Ja.</p><p><emphasis>Satai.</emphasis></p><p>Er erinnerte sich jetzt daran. Er wusste nicht wirklich, was dieses Wort bedeutete, aber es r�hrte etwas in ihm an, etwas Vertrautes und Altbekanntes. Er sch�ttelte den Kopf, l�chelte dabei fl�chtig und hob die Hand an die Wange; in einer Bewegung, die unbewusst und so vertraut war, als h�tte er sie das ganze Leben lang, an das er sich nicht erinnerte, immer und immer wieder gemacht. Seine Fingerspitzen tasteten �ber eine d�nne Narbe, die sich von seinem linken Mundwinkel in einer gezackten Linie �ber die Wange bis zum Auge hinaufzog.</p><p>Es war ein sehr vertrautes Gef�hl. Beinahe musste er l�cheln, w�hrend er die Hand wieder senkte. Nein, er musste sich keine Sorgen machen. Seine Erinnerungen kamen bereits wieder zur�ck, auf Umwegen und nicht so, wie er es gerne gehabt h�tte, aber sie <emphasis>kamen </emphasis>zur�ck.</p><p>Langsam drehte er sich herum und begann in n�rdlicher Richtung loszumarschieren, auf den Wasserfall und die gewaltige Klippe zu, �ber die er st�rzte. Die Sonne stieg allm�hlich h�her, es wurde immer w�rmer. Im Moment empfand er diese W�rme noch als sehr angenehm; sein K�rper sog die W�rme fast gierig in sich auf, und es war, als k�nnte er die Kraft der Sonnenstrahlen sofort und ohne Umwege in die so dringend ben�tigte Energie umwandeln. Seine Bewegungen wurden allm�hlich geschmeidiger und seine Schritte waren jetzt leicht, schnell und sehr zielgerichtet. Aber er wusste auch, dass der Tag bald unertr�glich hei� und die Sonne, die ihm jetzt noch wie ein Verb�ndeter erschien, zu seinem Feind werden w�rde. Obwohl er in der vergangenen Nacht nicht nur durch den See geschwommen war, sondern auch einen gut Teil davon getrunken hatte, war er schon jetzt wieder durstig. Sein Gaumen f�hlte sich geschwollen und pelzig an und er hatte einen bitteren, ungew�hnlichen Geschmack auf der Zunge, der auf eine unm�glich in Worte zu fassende Weise mit dem verblassenden Gef�hl von M�digkeit und Schw�che in seinen Gliedern korrespondierte. Durst war jedoch nicht sein Problem. Es gab Wasser im �berfluss, aber er brauchte Nahrung und viel dringender noch Schatten oder wenigstens etwas, womit er seine Haut bedecken konnte, um nicht zu verbrennen. Weit und breit gab es jedoch nur Felsen, zwischen denen nichts weiter als d�rres Gestr�pp wucherte; drahtige Ranken mit Dornen und Spitzen, an denen man sich �ble Verletzungen einhandeln konnte. Die Natur in diesem Teil der Welt war feindselig und wusste sich zu wehren. Aber sie war nicht �berall so.</p><p>Er hob den Kopf. Auf der Klippe �ber ihm schimmerte ein d�nner, dunkelgr�ner Streifen, der Schatten und Sicherheit zu versprechen schien, aber ihm war klar, dass seine Kr�fte niemals ausreichten, dort hinaufzusteigen. Nicht in seinem jetzigen Zustand.</p><p>Ein Vogel schrie.</p><p>Er suchte aus zusammengekniffenen Augen den Himmel ab und entdeckte einen winzigen Punkt, der weit �ber ihm seine Kreise zog, dann einen zweiten. Als er ihrer Bahn folgte, gewahrte er nicht einmal weit entfernt einen vielleicht mannshohen Felsen, auf dem einige M�wenpaare nisteten. Er marschierte darauf zu, kletterte mit einiger M�he und einem Gef�hl des �rgers �ber seine eigene Unzul�nglichkeit hinauf und fand mehr als ein Dutzend Eier in den Nestern. Beinahe gierig nahm er eines nach dem anderen heraus, dr�ckte mit dem Fingernagel die gefleckte Schale ein und schluckte den Dotter herunter. Die M�wen umtanzten ihn kreischend, und ein besonders mutiges Tier st�rzte sich auf ihn und versuchte ihn von seinem Gelege zu verjagen.</p><p>Er schlug nach ihm. Nicht einmal wirklich mit der Absicht es zu treffen, doch der Hieb war so schnell und so unerwartet kraftvoll, dass sein Handr�cken die M�we im Flug traf und auf den Fels herabschmetterte. Das Tier kreischte erschrocken und versuchte ungeschickt und mit schlagenden Fl�geln sich aufzurichten, doch auch seine n�chste Bewegung war von einer Schnelligkeit, die ihn selbst am meisten �berraschte. Blitzartig packte er zu, brach dem Tier das Genick und begann schnell und ohne wirklich dar�ber nachzudenken den Kadaver zu rupfen.</p><p>Die M�we war nicht besonders gro� und er hatte kein Werkzeug, um sie auszunehmen, sodass er auf Finger und Z�hne angewiesen blieb und nur einen kleinen Teil des Fleisches roh herunterschlingen konnte. Der Geschmack war ekelhaft, aber er brachte auch Leben und frische Energie, die ihn seinen Widerwillen vergessen lie�en. Au�erdem hatte sein Hunger mittlerweile die Grenze zwischen Unbehagen und Schmerz �berschritten und er ahnte auch, dass noch viel gr��ere Anstrengungen vor ihm lagen, sodass er sich zwang weiterzuessen, bis das w�tende Rumoren in seinem Magen nachlie�. Danach schleuderte er die Reste des toten Vogels so weit von sich, wie er nur konnte.</p><p>Mit einer Mischung aus �berraschung und Ekel betrachtete er seine blutigen H�nde, ein wenig erschrocken �ber seine eigene Schnelligkeit, viel mehr aber noch �ber die <emphasis>Art, </emphasis>auf die er reagiert hatte. Blitzartig und richtig und ohne auch nur �ber das nachzudenken, was er tat. Vielleicht hatte ja der Hunger seine Reaktion diktiert, aber er wusste nun, was er war: Sein Hieb war die kompromisslose Reaktion eines Kriegers gewesen. Ein weiteres wertvolles St�ck in dem Mosaik in seinem Kopf, das er zusammensetzen musste.</p><p>Sein Hunger war halbwegs gestillt, aber er nahm trotzdem auch noch die letzten Eier aus dem Nest - wenn auch mehr, um den widerw�rtigen Geschmack nach rohem Fleisch zu vertreiben - und leerte sie auf die gleiche Weise wie die zuvor. Der schlechte Geschmack blieb jedoch in seinem Mund. Obwohl ihm die Erinnerung an sein Essen ein mittlerweile fast k�rperliches Gef�hl von Ekel bescherte, wusste er doch zugleich, dass er schon Schlimmeres gegessen hatte. Was z�hlte, war �berleben, sonst nichts.</p><p>M�glicherweise w�rde ihm das, woran er sich so verzweifelt zu erinnern versuchte, nicht sehr gefallen. Vielleicht war der Grund, aus dem er sich nicht mehr an sein bisheriges Leben erinnern konnte, ganz einfach der, dass er es nicht <emphasis>wollte.</emphasis></p><p>Er sprang mit einer kraftvollen Bewegung vom Felsen herunter, drehte sich einmal im Kreis und marschierte in der einzigen Richtung los, die sinnvoll, war: weiter am See entlang und auf die Klippe zu. Er wusste nicht, ob es eine M�glichkeit gab, sie zu ersteigen, aber irgendwie <emphasis>musste </emphasis>er dort hinauf.</p><p>W�hrend er mit schnellen, aber Kr�fte sparenden Schritten am Ufer entlangging, sah er wieder zu der gezackten Schattenlinie empor, die zwischen den spr�henden Gischtwolken am oberen Rand des Wasserfalles aufragte. Es erschien ihm fast unm�glich - die Str�mung dort oben musste unvorstellbar sein -, aber die Geb�ude schienen direkt in den Wasserfall hineingebaut zu sein. Ganz davon abgesehen, dass dies kaum m�glich war, fragte er sich, welchen Sinn ein solches Bauwerk gehabt h�tte. Wozu den Urgewalten der Natur trotzen, wenn es keinerlei Nutzen dabei gab?</p><p>Er war der Klippe kaum n�her als vorhin, aber er konnte sie nun trotzdem deutlicher erkennen. Es waren Ruinen, ganz ohne Zweifel: zerborstende Mauern, die einst zinnengekr�nt gewesen waren, h�here B�gen gemauerter Br�cken, die nun im Nichts endeten, eingest�rzte Kuppeln, die sich wie versteinerte F�uste in den Himmel reckten. Obwohl er sie im Gegenlicht kaum deutlicher denn als Schatten erkennen konnte und ihm die Helligkeit immer wieder die Tr�nen in die Augen trieb, konnte er doch sehen, dass sie aus einem schwarzen, sonderbaren Stein bestanden, der irgendwie das Licht zu schlucken schien. Er wusste, dass er h�rter war als Stahl, h�rter als jedes andere Material, das es auf dieser Welt gab, selbst h�rter als Diamant. Wenn die Linie aus dunklem Gr�n, die den Wasserfall s�umte, aus B�umen oder auch nur aus mannshohem Geb�sch bestand, dann mussten ihre Dimensionen wahrhaft gewaltig sein. Dann fiel ihm der logische Fehler in diesem Gedanken auf: Wenn schon nicht ihre Form, so konnte zumindest die <emphasis>Beschaffenheit </emphasis>dieser Ruinen �ber die gro�e Entfernung unm�glich zu erkennen sein. Was er sah, war nicht wirklich das, was er sah, sondern das, woran er sich erinnerte. Er war schon einmal dort gewesen. In diesen zyklopischen Ruinen war etwas geschehen, etwas, das f�r sein bisheriges Leben von ebenso gro�er Bedeutung gewesen war, wie es jetzt keine Rolle mehr spielte. Nichts, was immer er gewesen war oder getan hatte, spielte noch irgendeine Rolle. Ein weiteres Bruchst�ck gesellte sich zu dem Bild, das in seinem Kopf allm�hlich Gestalt anzunehmen begann: Er war nicht aus freien St�cken hier, sondern <emphasis>geschickt worden. </emphasis>Um etwas zu tun. Er wusste nicht, was, geschweige denn, von wem, aber er wusste pl�tzlich, dass es nicht wirklich etwas mit ihm zu tun hatte. Er war nur ein Werkzeug, willk�rlich ausgew�hlt und ohne seine Zustimmung einzuholen.</p><p>Wenn er seine eigene Reaktion aus der vergangenen Nacht bedachte, dann h�tte ihn diese Erkenntnis eigentlich zornig machen sollen, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Er hatte einen Teil des Schleiers, der vor seinen Erinnerungen lag, gel�ftet. Nicht viel. Nicht einmal einen Zipfel, der ausreichte, um hindurchzublicken, oder auch nur zu <emphasis>erahnen, </emphasis>was auf der anderen Seite lag. Aber er hatte begonnen zu einem ganz kleinen St�ckchen wieder der Mann zu sein, der er einmal gewesen war. Ein Mann, der niemals aufgab und der an seinen Gegnern wuchs, statt daran zu zerbrechen. Der k�mpfen und siegen, aber auch verlieren gewohnt war, und der mit einer Niederlage ebenso umzugehen wusste wie mit einem Sieg.</p><p>Er verschob die L�sung dieses Problems auf sp�ter. Er konnte nicht gegen jemanden k�mpfen, den er nicht einmal kannte.</p><p>Ganz allm�hlich begann er sich der Klippe zu n�hern. Er marschierte eine gute Stunde, dann eine zweite, in der die Sonne langsam weiter am Himmel emporstieg, und mit jedem St�ck, dass sie zur�cklegte, mehr an Kraft zu gewinnen schien. Obwohl das Ufer auch hier von scharfkantigen Felsen ges�umt war und die Oberfl�che des Sees unter der Wucht des niederst�rzenden Wassers sch�umte und brodelte, kletterte er in dieser Zeit zwei- oder dreimal zum Wasser hinab, um seinen Durst zu l�schen. Die Linderung, die er dabei versp�rte, war eine gef�hrliche T�uschung, das war ihm klar; er hatte bereits jetzt einen Sonnenbrand auf Schultern und Nacken, der sich im Moment nur als l�stiges Kribbeln bemerkbar machte, sp�testens in der kommenden Nacht aber wirklich unangenehm werden musste. Dazu kam, dass das grelle Licht seine Sehf�higkeit beeintr�chtigte. Er beschleunigte seine Schritte, obwohl ihm klar war, dass das bisschen an Schnelligkeit, das er dabei gewann, das Mehr an Kraft nicht aufwog, das ihn die schnelle Gangart kostete.</p><p>Er war sehr hungrig. Die barbarische Mahlzeit vom Morgen hatte nur seinen Magen beruhigt, nicht aber seinen Hunger gestillt. Er musste die Klippe oder wenigstens irgendeinen Schatten erreichen, bevor die Sonne noch h�her stieg. Ein Sonnenbrand konnte durchaus t�dlich sein.</p><p>Er blickte nach links auf die brodelnde Oberfl�che des Sees hinab. Der Gedanke, in unmittelbarer N�he dieser gewaltigen Menge Wassers einen Hitzschlag zu erleiden oder sich lebensgef�hrliche Verbrennungen zuzuziehen, war geradezu l�cherlich, zugleich aber auch bitter ernst. Schwert und Faust waren nicht die einzigen Waffen, die einen Krieger t�ten konnten. Viel gef�hrlicher war es, seine eigenen Grenzen nicht zu kennen oder die teilnahmslosen Gewalten der Natur zu untersch�tzen.</p><p>Er balancierte ein weiteres Mal zum See hinunter, l�schte ausgiebig seinen Durst und sch�pfte eine Hand voll Wasser, um sein Gesicht zu k�hlen. Er widerstand bewusst der Versuchung, sich Wasser �ber Kopf und Schultern zu gie�en, um seinen Sonnenbrand zu k�hlen. Die Tropfen, die unweigerlich auf seiner Haut zur�ckbleiben mussten, w�rden wie kleine Brenngl�ser wirken und ihm nur eine Illusion von Linderung verschaffen, f�r die er teuer bezahlen musste.</p><p>Nach einer weiteren Stunde erreichte er die Felswand. Schon von weitem konnte er sehen, dass seine Hoffnungen entt�uscht wurden. Dort, wo sie nicht von Gischt und niederst�rzendem Wasser verborgen wurde, ragte die nat�rlich gewachsene Mauer so glatt und fugenlos in die H�he, als w�re sie von einem Riesen poliert worden. Nirgendwo gab es einen Spalt, nicht die kleinste Unebenheit, die auch nur genug Schatten gespendet h�tte, um sich vor der Sonnenglut zu verkriechen. Ein geschickter Kletterer h�tte sie sicherlich ersteigen k�nnen, w�re sie nur ein Zehntel so hoch gewesen, wie sie es nun einmal war, und der Stein nicht ganz so schl�pfrig und nass. Es auch nur zu versuchen, war der reine Selbstmord.</p><p>Die Felswand erstreckte sich zur Rechten, so weit sein Blick reichte und vermutlich noch ein gutes St�ck dar�ber hinaus. Links, �ber dem See, verschwand sie hinter einem glitzernden Vorhang aus Wasser, der br�llend aus der H�he herabst�rzte und dessen Wucht den Boden unter seinen F��en ununterbrochen erzittern lie�. Das Dr�hnen des Wasserfalls war so gewaltig geworden, dass es seine Ohren fast bet�ubte, und er bewegte sich nun durch einen Nebel aus unendlich feiner Gischt, der sich wie ein d�nner glitzernder Film auf seine Haut legte.</p><p>Je n�her er dem Wasserfall kam, desto schwieriger wurde es, von der Stelle zu kommen. Der Boden bestand hier nur noch aus nacktem Fels, auf dem nicht einmal die kleinste Spur von Leben Fu� gefasst hatte. Das Wasser machte ihn schl�pfrig wie Glas und die scharfen Kanten taten seinen nackten F��en weh. Er war dem Wasserfall jetzt so nahe, dass er die Ruinen an seinem Rand kaum noch erkennen konnte. Trotzdem konnte er sehen, dass er sich in ihrer Gr��e get�uscht hatte.</p><p>Sie waren noch weitaus titanischer, als es von weitem ausgesehen hatte. Und auch die Zerst�rungen waren schlimmer, als es bisher den Anschein gehabt hatte.</p><p>Er blieb stehen, unschl�ssig, was er tun sollte, aber auch beunruhigt. Die stiebende Gischt, die ihn einh�llte, gab ihm ein wenig Schutz vor der Sonne, aber er konnte nicht ewig hier bleiben. Sollte sich die Wand als wirklich unbesteigbar erweisen, dann hatte er ein Problem - vorsichtig ausgedr�ckt. Der tiefer gelegene Teil des Landes, in dem der See und die felsige Ebene lagen, schien vollkommen unfruchtbar zu sein. So weit sein Blick reichte, konnte er nichts als schwarzen Fels und von der Sonne zu steinerner H�rte zusammengebackenes Erdreich erkennen. Irgendwo, tief in ihm, war zwar das Wissen, dass diese Ebene nicht endlos war. Der Fluss f�hrte fast in gerader Linie nach S�den und in fruchtbare Gebiete. Aber das war nicht die Richtung, in der sein Ziel lag - ganz davon abgesehen, dass er vermutlich den Abend nicht erleben w�rde, wenn er versuchte nackt durch diese Sonnenglut zu marschieren.</p><p>Nein - er musste dort hinauf, irgendwie.</p><p>Er wich wieder um einige Dutzend Schritte zur�ck, legte den Kopf in den Nacken und beschattete die Augen mit der Hand, um mehr Einzelheiten erkennen zu k�nnen. Er war nicht ganz sicher, ob es ihm gelang. Dort oben schien sich etwas zu bewegen, aber es mochte ebenso gut eine T�uschung sein, hervorgerufen durch das grelle Licht und die wehenden Gischtschleier, die die Sonnenstrahlen brachen und alle Konturen zu verwischen schienen, als h�tte sich die Welt dort oben aufgel�st, sodass die Dinge ineinander zu flie�en begannen.</p><p>Er fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger �ber die Augen, blinzelte ein paarmal und sah abermals nach oben. Diesmal war er fast sicher eine Bewegung am oberen Rand der Klippe wahrzunehmen. Aber die Entfernung war einfach zu gro�, um Einzelheiten zu erkennen. Er sch�ttelte resignierend den Kopf, wandte sich wieder um und sah noch in der Drehung eine Bewegung aus den Augenwinkeln.</p><p>Ein winziger Punkt hatte sich vom oberen Rand der Klippe gel�st. Er st�rzte rasch in die Tiefe - nicht direkt auf ihn zu, aber doch in seine Richtung -, verschwand f�r die Dauer eines Herzschlages hinter einem Vorhang aus nebeliger wei�er Gischt und zerfiel in zwei Teile, als er wieder auftauchte.</p><p>Es waren zwei K�rper. Sie bewegten sich rasch auseinander und schienen immer schneller zu werden, w�hrend sie sich dem Boden n�herten. Trotzdem schien der Sturz endlos zu dauern. Er fragte sich, wie es sein musste, mit dem absurden Wissen um den eigenen Tod dem Boden entgegenzurasen und nichts, absolut nichts dagegen tun zu k�nnen.</p><p>Wenigstens ging es schnell. Der Sturz der beiden K�rper kam ihm endlos vor, aber in Wahrheit dauerte er nur wenige Sekunden. Eine der beiden Gestalten kam dem st�rzenden Wasser zu nahe und wurde von der glitzernden Wand einfach verschlungen, die andere st�rzte f�nfzig oder sechzig Meter entfernt in den See und wurde von einem Berg aus wei�em Schaum verschlungen. Zweifellos hatte ihn schon der Aufschlag get�tet. Bei einem Sturz aus dieser H�he war selbst Wasser nur wenig weicher als Stahl.</p><p>Trotzdem lief er mit schnellen Schritten zum Ufer hinab und �berlegte f�r einen Moment ganz ernsthaft dem Mann nachzuspringen.</p><p>Nat�rlich tat er es nicht. Es w�re Selbstmord gewesen und noch dazu sinnlos. Der Mann konnte nicht mehr leben. Es war absurd, aber er f�hlte sich in diesem Moment schuldig - weil er einfach dagestanden und zugesehen hatte, wie die beiden M�nner in den Tod st�rzten. Nat�rlich h�tte er nichts tun k�nnen. Die beiden M�nner waren im gleichen Moment tot gewesen, in dem sie der Klippe zu nahe gekommen und abgest�rzt waren. Nicht einmal ein Gott h�tte sie danach noch retten k�nnen, und er war kein Gott.</p><p>Er blieb lange dicht am Ufer stehen und blickte auf das sch�umende Wasser hinaus, aber der Leichnam des Fremden tauchte nicht auf. Vielleicht w�rde es Tage dauern, bis das Wasser ihn freigab; vielleicht auch nie. Er wusste, dass dieser See sehr tief war. Das Wasser hatte Millionen Jahre Zeit gehabt sich in den Boden zu graben und es hatte diese Zeit weidlich genutzt. Die Str�mung war selbst hier, fast eine halbe Meile von dem Punkt entfernt, an dem das Wasser in den See st�rzte, noch so stark, dass der See zu kochen schien. Es gab Unterstr�mungen und Wirbel, die den Toten meilenweit davontragen konnten, bevor er wieder an die Oberfl�che kam. Es war sinnlos, weiter hier am Ufer zu stehen. Vielleicht gelang es ihm ja, den zweiten Leichnam zu finden. Der Wasserfall hatte ihn ergriffen, aber er war nicht ins Zentrum der rei�enden Flut gezogen worden. M�glicherweise war er auf dem Ufer aufgeschlagen oder wenigstens nahe genug am Ufer, um nicht von der Str�mung ergriffen und fortgetragen zu werden. Die Wahrscheinlichkeit war so gering, dass der Gedanke allein ihm schon fast l�cherlich vorkam - aber was hatte er zu verlieren? Wenn er den Toten fand, w�rde ihm vielleicht allein seine Kleidung Aufschluss dar�ber geben, wo er war. Er sp�rte, dass seine Erinnerungen jetzt mit immer gr��erer Macht zur�ckkommen wollten. Vielleicht bedurfte es nur noch eines kleinen Sto�es, um die Mauer in seinem Bewusstsein endg�ltig einzurei�en.</p><p>Vorsichtig kletterte er �ber die scharfkantigen Felsen wieder nach oben und n�herte sich der Wand. Der Wasserfall f�cherte in seinem unteren Drittel ein wenig auseinander, was dem Wasser zwar ein gut Teil seiner Wucht nahm, aber auch daf�r sorgte, dass er das Ufer nicht ganz einsehen konnte. Auf den letzten Metern w�rde er sich fast blind durch die Gischt tasten m�ssen, was mit einem gewissen Risiko verbunden war. Trotzdem z�gerte er keinen Sekundenbruchteil. Seine Schritte wurden ganz im Gegenteil sogar schneller. Er hatte eine Aufgabe, auch wenn sie nur daraus bestand, einen vermutlich bis zur Unkenntlichkeit zerschmetterten Leichnam zu bergen. Es war ein Anfang. Ein sehr m�hevoller Anfang, wie sich herausstellte. Seine Vermutung, dass es unmittelbar am Fu� der Klippe eine Zone gab, in der das Wasser relativ ruhig war, geh�rte wohl eher in die Kategorie <emphasis>Erinnerung </emphasis>als <emphasis>Annahme, </emphasis>aber auch der Weg war so schwierig, wie er bef�rchtet hatte. Obwohl er sehr vorsichtig ging, glitt er auf den nassen Felsen ein paarmal aus und einmal w�re er um ein Haar ins Wasser gest�rzt. Als er die Felswand erreichte, blutete er aus zwei oder drei neuen Wunden und war vollkommen au�er Atem. Die Gischt, die ihn umgab, war so dicht, dass er das Gef�hl hatte Wasser zu atmen und immer �fter hustete. Und der Weg war nach wie vor lebensgef�hrlich. Hier und da st�rzten glitzernde Wassers�ulen vom Himmel, die sch�umend im See verschwanden oder auf den Felsen vor ihm auseinander barsten. Selbst die Spritzer, die ihn trafen, waren spitz und schmerzhaft wie Nadelstiche.</p><p>Dann trat er j�h aus dem Wasservorhang heraus und fand sich in einem schmalen, lang gestreckten Bereich fast vollkommener Ruhe wieder; wie im Auge des Orkans, nur dass die entfesselten Elemente rings um ihn herum fl�ssig waren. Er fand den Toten nicht, aber der Anblick, der sich ihm bot, war so grandios, dass er ihn f�r den m�hevollen Weg entsch�digt h�tte, w�re er in der Stimmung dazu gewesen.</p><p>�ber ihm erhob sich ein gewaltiger, schmaler Dom, dessen eine Wand von glitzernden Felsen gebildet wurde, in die Millionen winziger Kristalleinschl�sse eingebettet waren. Die Wand zur Linken erschien kaum weniger massiv, obwohl sie nicht aus fester Materie, sondern aus Wasser bestand, das br�llend und mit ebenso unvorstellbarer Geschwindigkeit wie Wucht direkt aus dem Himmel herabzust�rzen schien. Er befand sich hinter dem Wasserfall. Und er war offensichtlich nicht der erste Mensch, der hierher kam. M�glicherweise war dieser ganze Ort gar nicht durch eine Laune der Natur entstanden, sondern k�nstlich erschaffen worden, denn es gab einen schmalen, ohne Unterbrechung eine knappe Handbreit �ber dem Wasser entlangf�hrenden Pfad, der dem Fu� der Felswand folgte und in schwer zu sch�tzender Entfernung in dunstiger Gischt verschwand. Er war zu gleichm��ig und zu gerade, um auf nat�rliche Weise entstanden zu sein. Jemand hatte ihn <emphasis>gemacht.</emphasis></p><p>Trotzdem z�gerte er ihn zu betreten. Der Stein war schl�pfrig und nass und der Pfad an manchen Stellen kaum breiter als zwei nebeneinander gelegte H�nde. Ihn entlangzugehen war mit Sicherheit nicht ungef�hrlich und m�glicherweise f�hrte er nur zum anderen Rand des Wasserfalls. Den Toten w�rde er nicht mehr finden, und auch, wenn er immer noch nicht wusste, warum er eigentlich hier war, so ganz bestimmt nicht aus dem Grund, die Sch�nheiten der Natur zu bestaunen oder sich einen m�glicherweise seit Jahrtausenden vergessenen Zeremonienplatz anzusehen, den die Priester eines l�ngst untergegangenen Ordens hier hinter dem Wasserfall versteckt hatten. Er trat zwei Schritte weit auf das schmale Steinband hinaus und blieb dann wieder stehen, unschl�ssig, was er tun sollte.</p><p>Die Entscheidung wurde ihm abgenommen und es ging viel zu schnell, als dass er noch h�tte reagieren k�nnen. Er hatte einen fl�chtigen Eindruck von etwas Gro�em, Dunklem, das sich unter der Wasseroberfl�che auf ihn zubewegte, dann barst das Wasser direkt neben ihm auseinander und eine gewaltige Hand schoss empor und klammerte sich um seinen Kn�chel. Er warf sich instinktiv nach hinten, drehte sich noch in der Bewegung herum und stie� die H�nde nach vorne, um sich irgendwo festzuklammern. Seine Linke stie� ins Leere, Finger und N�gel scharrten hilflos �ber spiegelglatten, nassen Fels, an dem nicht einmal eine Fliege Halt gefunden h�tte, aber seine andere Hand bekam einen vorspringenden Stein zu fassen und klammerte sich mit aller Gewalt daran fest.</p><p>Im n�chsten Moment schrie er vor Schmerz auf. Sein Bein wurde mit einem brutalen Ruck von dem Felsband herunter und ins Wasser gezerrt. Ein grauenhafter Schmerz explodierte in seiner H�fte und fast im gleichen Moment auch in seinem Schultergelenk, als sein K�rper auf eine fast unm�gliche Weise verdreht und gleichzeitig weiter zum Wasser hinuntergezerrt wurde. Die Muskeln in seinem rechten Arm schienen zu zerrei�en. Verzweifelt warf er sich herum, ignorierte mit zusammengebissenen Z�hnen den neuen, vielleicht noch schlimmeren Schmerz, der von seinem R�ckgrat ausstrahlte und binnen weniger Augenblicke seinen gesamten K�rper ergriff und versuchte, sich auch mit der anderen Hand festzuklammern. Seine Rechte pulsierte vor Schmerz; Muskeln und Sehnen waren l�ngst �berdehnt und selbst seine Knochen schienen unter der Belastung zu �chzen. Nur noch wenige Augenblicke und seine Kr�fte w�rden versagen und er w�rde einfach ins Wasser hinabgezerrt werden und ertrinken.</p><p>Mit dem dritten Anlauf erst gelang es ihm, den vorspringenden Stein auch mit der anderen Hand zu ergreifen, sodass er den rechten Arm ein wenig entlasten konnte. Nicht einmal sehr, aber immerhin weit genug, dass er nicht mehr vor Schmerz wimmerte und jeden Moment damit rechnete, dass seine Muskeln und Sehnen einfach zerrissen. Er versuchte seinen K�rper so weit zu drehen, dass der m�rderische Druck auf sein R�ckgrat ein wenig gemildert wurde, doch es gelang ihm nicht. Sein rechtes Bein war bis �ber das Knie im Wasser verschwunden und der andere Fu� scharrte hilflos �ber den Fels. In der ungl�cklichen Haltung, in der er mehr kniete als stand, gelang es ihm einfach nicht, sich hinl�nglich abzust�tzen, um die ben�tigte Hebelwirkung aufzubringen.</p><p>Aber er musste es. Er konnte die Hand, die ihn gepackt hatte, nicht mehr sehen, aber daf�r sp�rte er sie umso deutlicher. Ihr Griff war wie Stahl. Allein die Vorstellung, sich daraus befreien zu wollen, erschien ihm l�cherlich.</p><p>Trotzdem versuchte er es. Die Kraft, die seinen Muskeln innewohnte, war gewaltig, aber sie war l�ngst nicht alles. Tief in ihm war das Wissen verborgen, wie er sich das noch viel gr��ere, schier unersch�pfliche Reservoir an Energie nutzbar machen konnte, das in jedem Menschen war, ohne dass die meisten von ihnen Zeit ihres Lebens auch nur etwas davon ahnten. Er schloss die Augen, konzentrierte sich und sp�rte, wie ihn eine sonderbare Ruhe und Gelassenheit �berkamen, gepaart mit einer Woge neuer St�rke und dem unb�ndigen Willen zu �berleben. Der Schmerz in seinem R�cken und seinen Oberarmen war immer noch da, aber er schien irgendwie seine Macht �ber ihn verloren zu haben. Statt ihn Kraft zu kosten, gab er ihm neue Energie. Auch das war ein Teil seines alten Lebens, an den er sich pl�tzlich und fast zusammenhangslos wieder erinnerte: Er hatte gelernt aus Schmerz Zorn und aus diesem Zorn Kraft zu machen.</p><p>Fast zu seinem eigenen Erstaunen funktionierte es. Der Schmerz war noch da, aber pl�tzlich irrelevant. Seine Muskeln kreischten protestierend, gehorchten seinem Willen aber trotzdem und zwangen ihn Zoll f�r Zoll in die H�he. Der Druck auf seine verdrehte Wirbels�ule wurde dadurch noch gr��er, aber er ignorierte auch diese neuerliche Qual und fand ganz im Gegenteil mit dem freien Fu� pl�tzlich eine stabile Position, aus der heraus er sich weiter nach oben dr�cken konnte. Der m�rderische Griff um seinen rechten Kn�chel lockerte sich nicht, aber pl�tzlich war er es, der den unbekannten Angreifer weiter nach oben zerrte, statt umgekehrt. Sein Bein tauchte allm�hlich wieder aus dem Wasser auf, und als er den Blick senkte, konnte er die Hand, die ihn gepackt hielt, auch wieder sehen; vielleicht zum ersten Mal wirklich deutlich.</p><p>Sie war noch riesiger, als er im ersten Moment geglaubt hatte - bald doppelt so gro� wie seine eigene - und er war gewiss nicht zart gebaut -, und mit dunkelgr�nen, harten Schuppen bedeckt. Die N�gel waren kurz und rund, aber scharf wie Messer und hatten bereits eine Anzahl kleiner tiefer Wunden in seine Haut gegraben. Es war nicht die Hand eines Menschen, so wenig wie der Arm und die Schulter, die kurz darauf aus dem Wasser auftauchten, einem Menschen geh�rten ...</p><p>Der Anblick des Gesch�pfes erf�llte ihn mit einem solchen Entsetzen, dass er f�r einen Moment in seiner Konzentration nachlie�; vielleicht nur f�r den Bruchteil einer Sekunde, aber trotzdem zu lang. Er fiel schmerzhaft wieder auf ein Knie herab. Sein rechtes Bein versank erneut und noch tiefer im Wasser, dann glitten seine Finger hilflos von dem Stein ab, an den er sich geklammert hatte. Er kippte nach hinten und schrie auf, h�rte aber nicht einmal seinen eigenen Schrei, denn der Laut wurde einfach von seinen Lippen gerissen und vom Dr�hnen des Wasserfalls �bert�nt, und im n�chsten Moment wurde er von dem Ungeheuer, das ihn gepackt hielt, weiter unter Wasser und in die Tiefe gezerrt.</p><p>Er schluckte Wasser, w�rgte krampfhaft und widerstand im letzten Moment dem Impuls aufzuschreien und auf diese Weise auch noch das letzte bisschen kostbare Atemluft zu verlieren. Verzweifelt schlug und trat er um sich und er sp�rte auch, dass er traf. Sein linker, freier Fu� h�mmerte zwei- oder dreimal mit furchtbarer Gewalt in das Gesicht des geschuppten Kolosses, aber die erhoffte Wirkung blieb aus; das Wasser nahm seinen Tritten den Gro�teil ihrer Kraft, und selbst wenn es nicht so gewesen w�re, h�tte der Gigant seinen Angriff vermutlich kaum gesp�rt. Daf�r wurde er immer tiefer und tiefer unter Wasser gezerrt. Auf seinen Ohren lag mittlerweile ein sp�rbarer Druck und er konnte die Wasseroberfl�che �ber sich kaum noch sehen. In seinen Lungen war kaum noch Atemluft. Wenn es ihm nicht gelang, sich in den n�chsten Augenblicken zu befreien, w�rde er ertrinken, selbst wenn das Ungeheuer ihn loslie�. Etwas ber�hrte seinen R�cken und seine Seite, strich �ber sein Gesicht und schien sich um seine Arme wickeln zu wollen, und er hatte einen fl�chtigen Eindruck von etwas Dunklem, Wehendem, das mit einem Male rings um ihn herum im Wasser war. Tang oder Schlingpflanzen; er war schon zu tief unter Wasser, um Einzelheiten zu erkennen, und er hatte auch keine Zeit sich darum zu k�mmern. Seine Lungen kreischten vor Schmerz und seine Kr�fte begannen bereits zu erlahmen. Er kr�mmte sich, griff nach unten und versuchte, die geschuppten Finger zur�ckzubiegen, die sich um sein Fu�gelenk gekrallt hatten. Ebenso gut h�tte er versuchen k�nnen Stahl mit blo�en H�nden zu zerbrechen. Der Griff des Ungeheuers war unerbittlich und er wurde immer weiter und weiter in die Tiefe gezerrt. Der schwarze Tang machte alles noch schlimmer. Er wickelte sich um seine Arme und Beine, schien ihn in seinen W�rgegriff ziehen zu wollen und peitschte in sein Gesicht. Es war, als h�tte er seinen eigenen, bewussten Willen, einen gelenkten, boshaften Intellekt, der darauf zugerichtet war, sein Opfer zu packen und unbarmherzig weiter in die Tiefe zu zerren. Dann geschah etwas, was schlagartig klar machte, dass genau das der Fall war: Ein Dutzend oder mehr der schwarzen Fangarme schossen blitzartig aus der Dunkelheit unter ihm herauf, wickelten sich wie Peitschenschn�re um Arme, Hals und Kopf der geschuppten Kreatur und rissen sie mit brutaler Kraft weiter in die Tiefe. Was seinen verzweifelten Anstrengungen nicht gelungen war, geschah nun im Bruchteil einer Sekunde: Die Klaue l�ste sich mit einem letzten, brutalen Ruck von seinem Bein und er war frei.</p><p>Aber vielleicht war es bereits zu sp�t. Die Wasseroberfl�che hatte sich in einen kochenden wei�en Himmel aus Schaum und w�tender Bewegung verwandelt, der unendlich weit �ber ihm zu sein schien. Unsichtbare H�nde von unvorstellbarer Kraft zerrten ihn herum, wirbelten ihn um seine eigene Achse und dr�ckten ihn immer noch weiter nach unten. Sein verzweifelter Kampf hatte ihn genau unter den Wasserfall gebracht. Was dem Ungeheuer nicht gelungen war, das w�rden die Naturkr�fte nun zu Ende bringen: Er w�rde ertrinken. Die Atemnot war jetzt schon unertr�glich. Aus dem Brennen in seinen Lungen war ein br�llender Schmerz geworden und seine Gedanken begannen sich zu verwirren.</p><p>Immerhin sah er noch, dass seine Vermutung richtig gewesen war: Bei dem schwarzen Geflecht handelte es sich keineswegs um Tang oder irgendeine andere Wasserpflanze, sondern um Tentakel. Einige von ihnen waren so dick wie sein Arm, andere so d�nn wie sein kleiner Finger oder peitschend wie Haar, das sich im Wind bewegte: die Fangarme eines bizarren Ungeheuers, das am Grunde des Sees lauerte und nach der geschuppten Kreatur auch ihn verschlingen w�rde, sobald er ertrunken war.</p><p>Stattdessen geschah das Gegenteil. Erneut schossen Dutzende von Fangarmen aus der Tiefe empor, wickelten sich um seine Arme und Beine und rissen ihn mit unvorstellbarer Kraft <emphasis>in die H�he, </emphasis>direkt hinein in die brodelnde H�lle aus tobendem Schaum und reiner Bewegung. Er wurde emporgerissen, war f�r den Bruchteil eines Augenblickes �ber Wasser und tauchte wieder in die sch�umende Gischt ein, noch bevor es ihm gelang, Atem zu holen. Er wehrte sich, k�mpfte gegen jede Logik und mit der schieren Kraft der Verzweiflung gegen die beiden seelenlosen Gewalten an, die ihn zu vernichten suchten - das tobende Wasser und den W�rgegriff der Tentakel -, und wusste doch, dass es vollkommen sinnlos war. Er w�rde noch eine Sekunde durchhalten, vielleicht zwei. Seine Lungen schienen mit brodelnder Lava gef�llt zu sein, Feuer floss durch seine Adern, und ein wei� gl�hender Schmerz aus reiner Pein hatte sich um seine Brust gelegt und zog sich enger und enger zusammen.</p><p>Dann ergriff ihn die Hand eines Riesen, riss ihn mit unvorstellbarer Gewalt aus dem Wasser und schleuderte ihn im hohen Bogen auf das Ufer hinauf. Er war zu sehr damit besch�ftigt, am Leben zu bleiben, um den Sturz irgendwie abzufangen oder auch nur sch�tzend die H�nde vor das Gesicht zu rei�en. Er schlug mit solcher Wucht zwischen den Felsen auf, dass er f�r einige Sekunden tats�chlich das Bewusstsein verlor.</p><p>Als er erwachte, lag er mit dem Gesicht nach unten zwischen den Felsen. Er bekam wieder Luft, aber jeder Atemzug brannte wie Feuer in seinen Lungen und allein die <emphasis>Vorstellung </emphasis>sich zu bewegen, bereitete ihm schon fast �belkeit. In seinem K�rper schien kein einziger Muskel zu sein, der nicht gequetscht, und nicht eine einzige Sehne, die nicht �berdehnt oder gezerrt war. St�hnend w�lzte er sich auf den R�cken, stemmte sich auf die Ellbogen hoch und sah an sich herab.</p><p>Im ersten Moment erschrak er. Er sah aus, als w�re er geh�utet worden. Was auf den ersten Blick jedoch wie eine Unzahl blutiger Wundmale aussah, erwies sich bei n�herem Hinsehen als ein Durcheinander sich �berschneidender Striemen und roter Druckstellen.</p><p>Erst jetzt erinnerte er sich wieder an die Fangarme, die ihn gepackt und die geschuppte Kreatur in die Tiefe gezerrt hatten. Ein kurzer, aber eisiger Schauer rann seinen R�cken hinab. Er hatte mehr als nur <emphasis>Gl�ck </emphasis>gehabt. H�tte das Ungeheuer nicht die Schuppenkreatur als Erstes ergriffen, dann l�ge er jetzt vermutlich auf dem Grund des Sees, um als willkommene Zwischenmahlzeit verdaut zu werden ...</p><p>Wahrscheinlich war es unn�tig. Trotzdem kroch er ein kleines St�ck weiter das Ufer hinauf, sodass seine Beine nicht mehr im Wasser hingen, ehe er es wagte, sich weiter aufzurichten und sich umzusehen. Er war nicht allzu weit von der Stelle entfernt, an der er ins Wasser gefallen war, aber auf der anderen Seite des Wasserfalls. Die Str�mung und das blinde W�ten des Ungeheuers hatten ihn unter dem t�dlichen Wasservorhang hindurchgezogen.</p><p>Erneut wurde ihm klar, welch unglaubliches Gl�ck er gehabt hatte. Er befand sich weit am Rande des Wasserfalls. Selbst hier hatte das Wasser, das aus der H�he herabst�rzte, schon ungeheure Kraft. Weiter zur Mitte der Felswand und des Sees hin musste sie hundertmal so stark sein. W�re er in <emphasis>diese </emphasis>H�lle hineingezogen worden ...</p><p>Er zog es vor, diesen Gedanken nicht zu Ende zu verfolgen, sondern richtete sich weiter auf, legte den Kopf in den Nacken und blinzelte zur Felswand hoch. Er war seinem eigentlichen Ziel keinen Schritt n�her gekommen, aber wenigstens hatte er eine Spur. Er war mittlerweile gar nicht mehr sicher nur durch einen reinen Zufall auf den Felsenweg hinter dem Wasserfall gesto�en zu sein. Nichts hier war ihm wirklich fremd. Dass die Erinnerungen noch immer nicht greifbar waren, bedeutete nicht, dass es sie nicht gab. Vermutlich war er gut beraten, wenn er weiter einfach auf seine Gef�hle h�rte - die vermutlich gar keine <emphasis>Ahnungen </emphasis>waren, sondern tats�chlich Erinnerungen, die sich auf Umwegen zur�ckmeldeten. Er musste irgendwie dort hinauf. Es gab dort oben Menschen. Aber wie er gerade auf ziemlich drastische Weise erfahren hatte, auch Ungeheuer - er war inzwischen fast sicher, dass es sich bei dem Wesen, das ihn ins Wasser gezerrt hatte, um eine der beiden Gestalten handelte, die von der Klippe gest�rzt waren. Wahrscheinlich hatte es ihn gar nicht angegriffen, sondern in seinem Todeskampf einfach die Hand nach der ersten Bewegung ausgestreckt, die es sah. Dort oben aber gab es Menschen. Er wusste es einfach.</p><p>Als er sich herumdrehte, sah er, dass es auch hier unten Menschen gab, zumindest einen.</p><p>Er trieb nur ein kleines St�ck vom Ufer entfernt mit dem Gesicht nach unten im Wasser. Seine Arme und Beine bewegten sich leicht in der Str�mung, sodass es im allerersten Moment aussah, als winke er mit letzter Kraft um Hilfe, aber das war nat�rlich unm�glich. Er war tot. Das Wasser in seiner unmittelbaren N�he hatte sich rosa gef�rbt, und seine linke Hand war zerschmettert; vielleicht vom Sturz auf einen Felsen, der unter der Wasseroberfl�che gelauert hatte, vielleicht auch durch die pure Kraft des Wasserfalls zermalmt.</p><p>Behutsam n�herte er sich dem Ufer, watete bis zu den Knien ins Wasser und lie� seinen Blick f�r eine geraume Weile �ber die Wellen schweifen, bevor er es wagte weiterzugehen. Dass der Tote scheinbar reglos im Wasser trieb, schien zu beweisen, dass es an dieser Stelle keine gef�hrlichen Unterstr�mungen und Wirbel gab, aber er hatte schlie�lich am eigenen Leib erlebt, wie t�ckisch das Wasser war - und da war auch noch das Ungeheuer, das am Grunde des Sees lebte. Dass es den Toten verschm�ht hatte, bedeutete nicht, dass es nicht da war. Vielleicht fra� es ja nur lebende Beute.</p><p>Etwas ber�hrte sanft seine H�fte, als er weiterging und sich der Gestalt n�herte, die leblos im Wasser trieb, zog sich aber zu schnell zur�ck, als dass er auch nur richtig Zeit gefunden h�tte zu erschrecken. Trotzdem beeilte er sich den Toten an Land zu zerren. Es fiel ihm erstaunlich leicht. Der Mann war ungef�hr so gro� wie er und von kr�ftigem Wuchs, musste also relativ schwer sein, doch er sp�rte sein Gewicht kaum.</p><p>Ohne sp�rbare Anstrengung zog er den Leichnam ans Ufer und ein St�ck weit die Felsen hinauf. Als er fast aus dem Wasser heraus war, sp�rte er Widerstand. Er zog noch einmal und kr�ftiger - und ebenso vergebens - drehte den Kopf und sah etwas, was ihn im Nachhinein erschrecken lie�: Ein daumendicker, schwarz gl�nzender Strang hatte sich um den Kn�chel des Toten gewickelt und hielt ihn mit eiserner Kraft fest.</p><p>Er lie� den Toten los, ging wieder zum Wasser und versuchte den Tentakel zu l�sen, aber der Fangarm sa� so fest, als w�re er mit dem Bein des Toten verwachsen. Er brauchte ein Werkzeug; vielleicht einen scharfen Stein. Er lie� los, lie� seinen Blick suchend �ber die Felsen streifen und entdeckte etwas weit Besseres: Der Tote trug einen schmalen Dolch im G�rtel. Er nahm ihn an sich, setzte die rasiermesserscharfe Klinge an dem schwarzen Strang an und hatte es kaum getan, als sich der Tentakel auch schon mit einem schmatzenden Laut vom Bein des Toten l�ste und im Wasser verschwand. Eine Erfahrung, die sich sp�ter als n�tzlich erweisen konnte: Das Ungeheuer war in der Lage Schmerzen zu empfinden.</p><p>Da er nicht besonders versessen darauf war herauszufinden, ob die Kreatur auch <emphasis>Rachedurst </emphasis>versp�rte, schob er den Dolch rasch wieder unter den G�rtel des Toten zur�ck und beeilte sich dann den Leichnam ein gutes St�ck weit das Ufer hinaufzuzerren. Er wusste nicht, wie gro� die Reichweite des Ungeheuers war, hatte aber keine Lust eine b�se �berraschung zu erleben. Er war dem Tod zu knapp entronnen, um jetzt ein Risiko einzugehen. Vorsichtshalber schleifte er den Toten noch ein gutes St�ck weiter den Strand hinauf, ehe er ihn zu Boden sinken lie� und sich daranmachte, ihn zu untersuchen.</p><p>Sein erster Eindruck schien sich zu best�tigen: Der Mann war ihm sowohl an Gr��e als auch an Wuchs �hnlich, schien aber wesentlich j�nger gewesen zu sein. Nicht nur seine Glieder, sondern auch ein Teil seines Gesichts war zerschmettert, sodass man sein Alter - oder gar sein Aussehen - nur sch�tzen konnte, aber er war wohl noch ein halbes Kind gewesen; ein Leben, das geendet hatte, noch bevor es richtig begann. Trotzdem wies sein K�rper unter den frischen Verletzungen eine Anzahl alter Narben auf. Er musste ein Krieger gewesen sein. Ein <emphasis>Satai.</emphasis></p><p>So wie er selbst.</p><p>Ein seltsames Gef�hl �berkam ihn, als er die Kleider des Toten genauer in Augenschein nahm. Er hatte den Leichnam aus dem einzigen Grund aus dem Wasser gezogen, um sich seiner Kleider zu bem�chtigen und nicht l�nger schutzlos und nackt der Sonne ausgeliefert zu sein, aber pl�tzlich wagte er es fast nicht mehr, sie zu ber�hren. Es war ein Gef�hl zwischen Ehrfurcht, Wiedererkennen und dem Empfinden, etwas ... <emphasis>Falsches </emphasis>zu tun. Ein Teil seiner Erinnerung war wieder da, ausgel�st durch den Anblick der vertrauten Kleider: Der Tote trug eng anliegende, wadenhohe Stiefel aus fein gegerbtem Leder, die sich weich und anschmiegsam wie Seide anf�hlten. Ein knielanger, schwarzer Umhang wurde von einer silbernen Fibel �ber seiner rechten Schulter zusammengehalten. Sein einziger Schmuck war ein d�nnes ledernes Stirnband, an dem ein daumennagelgro�er, f�nfzackiger Stern aus Silber befestigt war.</p><p>Die Kleidung eines Satai.</p><p>Er war ein Satai gewesen, Anh�nger einer Kaste, die Krieger waren, zugleich aber auch weit mehr, Verteidiger uralter Werte und Bewahrer eines Glaubens, der vielleicht mehr Wissen als Glauben war und nichts mit Religion zu tun hatte. Satai.</p><p>Es war seltsam: Er sollte das Gef�hl haben einen Teil seines alten Lebens zur�ckzuerhalten, w�hrend er in die grob gewebten schwarzen Hosen des Toten schl�pfte und anschlie�end seine Stiefel anzog, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Er f�hlte sich unwohl. Wenn er wirklich ein Satai gewesen war - woran er mittlerweile kaum noch zweifelte -, so geh�rte dies zu einem Teil seiner Vergangenheit, der abgeschlossen war. Er hatte eine Aufgabe gehabt und sie erf�llt. Er sollte diese Kleider nicht mehr tragen.</p><p>Trotzdem legte er auch den Brustharnisch und den Umhang an, schloss den komplizierten Mechanismus der Fibel �ber seiner rechten Schulter, als h�tte er sein Leben lang nichts anderes getan, und b�ckte sich als Letztes, um den Waffengurt anzulegen. Er war sehr schmal, hatte eine schmucklose Schlie�e aus mattem Silber und schien aus einer Art gegerbter Reptilienhaut zu bestehen. Neben dem Dolch, den er schon einmal benutzt hatte, befand sich eine viel l�ngere Scheide aus der gleichen Drachenhaut, in der ein prachtvolles Schwert steckte. Als er den reich ziselierten Griff herauszog, stellte er fest, dass die Klinge zwar l�nger als sein Arm, aber kaum so breit wie zwei nebeneinander gelegte Finger war. Dann wusste er, was er in der Hand hielt: Ein <emphasis>Tschekal, </emphasis>die heilige Waffe eines Satai. Sie zu ber�hren, bedeutete den Tod f�r jeden Nicht-Satai. Die Klinge aus geschmiedetem Sternenstahl war h�rter als jedes andere Material auf dieser Welt und konnte ebenso m�helos einen Diamanten zerschmettern, wie sie ein Haar zu spalten vermochte.</p><p>Aber etwas stimmte mit dem <emphasis>Tschekal </emphasis>nicht. Es war nicht so gut ausbalanciert, wie es h�tte sein m�ssen, und der Griff sollte ebenso schmucklos wie massiv sein, eine einfache Parierstange und ein mit festem Leder umwickeltes Griffst�ck, kein fein ziseliertes Kunstwerk aus Silber und Gold. Trotzdem schob er die Waffe nach kurzem Z�gern in ihre Umh�llung zur�ck, band sich den Waffengurt um die H�ften und wandte sich wieder der Felswand zu. Mit den Kleidern hatte sich nicht nur sein Aussehen ver�ndert. Seine Bewegungen waren geschmeidiger und schneller geworden und seinen Schritten war nicht das geringste Z�gern anzumerken. Es war ihm nicht einmal selbst bewusst, aber h�tte es jemanden gegeben, der ihn beobachtete, so w�re der Unterschied nicht zu �bersehen gewesen: Der Mann, der in der vergangenen Nacht aus dem See aufgetaucht war und sich mit letzter Kraft ans Ufer geschleppt hatte, war ein Verlorener gewesen, namen- und erinnerungslos und voller Furcht vor der Welt, die ihn erwartete.</p><p>Der, der sich nun der Klippe n�herte, war ein Krieger.</p></section><section><title><p id="_01_03">1.3</p></title><p>Der Pfad zog sich am Fu�e der Felswand entlang, so weit sein Blick reichte - was in diesem Fall nicht besonders weit war. Schon in drei�ig oder vierzig Schritten Entfernung begann das Felsband hinter hochspr�hender staubfeiner Gischt zu verschwimmen, und zudem war die Klippe leicht gekr�mmt, sodass er ohnehin nicht h�tte sehen k�nnen, was vor ihm lag.</p><p>Trotzdem wusste er, dass er sich in der richtigen Richtung bewegte. Irgendwo vor ihm, vielleicht noch hundert, vielleicht auch zweitausend Schritte entfernt, lag sein Ziel. Er hatte zwei- oder dreimal begonnen seine Schritte zu z�hlen, war aber jedes Mal schon nach kurzem durcheinander gekommen und hatte es schlie�lich aufgegeben. Es spielte keine Rolle, wie viele Schritte noch vor ihm lagen. Au�erhalb des Sturzes von Ninga f�hrte kein Weg die Klippe hinauf. Sein Ziel lag irgendwo vor ihm.</p><p>Er ging weitere hundert Schritte, dann noch einmal und noch einmal. Die Gischt wurde immer dichter, sodass sie ihm fast den Atem nahm und seine Kleider vor N�sse triefend an seinem K�rper herabhingen, und auf dem letzten St�ck kam er der br�llenden Wasserwand so nahe, dass er nur die Hand h�tte auszustrecken brauchen, um sie zu ber�hren; ein Experiment, das wahrscheinlich t�dlich verlaufen w�re. Die Wand, die unmittelbar neben ihm in die Tiefe st�rzte, war wie Glas. Er konnte sich selbst darin spiegeln, als w�re sie aus fester Materie. Weniger als eine Armesl�nge entfernt und unter ihm jedoch explodierte sie in einem Chaos aus wei�em Schaum und w�tender Bewegung.</p><p>Nach einer Ewigkeit begann die Wand und damit auch der herausgemei�elte Pfad an ihrem Fu� wieder von der Wassermauer zur�ckzuweichen; zuerst nur sacht, sodass er es kaum bemerkte, aber dann immer rascher und rascher, bis er aus Dunst und stiebender Gischt hervortrat und sich urpl�tzlich in einer gewaltigen halbrunden H�hle wieder fand, deren Boden, Decke und vordere gerade Wand aus Wasser bestanden. Genau im Scheitelpunkt des Halbrundes, dort, wo sich der Pfad mit seinem aus der anderen Richtung kommenden Spiegelbild vereinigte, begannen die Stufen einer gewaltigen, immer breiter werdenden Treppe, die zu einem Torbogen von wahrhaft zyklopischen Abmessungen emporf�hrte. Sowohl die Treppenstufen als auch der Torbogen selbst - er musste zwanzig Mannesl�ngen, wenn nicht mehr, messen - bestanden aus schimmerndem Sternenstahl, dem gleichen Metall, aus dem das Schwert an seiner Seite gefertigt war.</p><p>F�r die Dauer vieler, schwerer Herzschl�ge stand er einfach da und starrte das phantastische Gebilde an, erf�llt von einem Gef�hl zwischen Ehrfurcht und Staunen, aber auch ein wenig Furcht. Es war fast unheimlich: Er wusste, dass dies sein Ziel war, der Weg, der ihn nach oben auf die Klippe bringen w�rde, aber gleichzeitig wusste er auch, dass er noch nie zuvor hier gewesen war. Und wenn er zehn Leben statt nur einem hinter sich gebracht h�tte, <emphasis>diesen </emphasis>Anblick h�tte er doch niemals vergessen.</p><p>Es war nicht die Gr��e des Tors, die ihn ersch�tterte. Er hatte Bauwerke gesehen, die zehnmal gr��er und hundertmal prachtvoller waren. Es war das Material, aus dem es erbaut worden war. Sternenstahl war die h�rteste Materie, die es auf dieser Welt gab. Selbst die heiligen <emphasis>Tschekals </emphasis>zu schmieden hatte Jahrzehnte gedauert und der Anstrengung nicht nur der kl�gsten Alchimisten, sondern auch der m�chtigsten Zauberer der <emphasis>Errish </emphasis>bedurft, und nur zu oft waren diese Anstrengungen nicht von Erfolg gekr�nt gewesen. Keine Macht dieser Welt, nicht einmal die eines Gottes, konnte ausreichen, so <emphasis>etwas zu </emphasis>erschaffen.</p><p>Nachdem er eine ganze Weile dagestanden und den zyklopischen Torbogen angestarrt hatte, gewann der logische Teil seines Denkens wieder Oberhand. Unm�glich oder nicht, jemand <emphasis>hatte </emphasis>dieses Gebilde erschaffen und er musste es nun einmal als gegeben akzeptieren, ob er es nun erkl�ren konnte oder nicht. Er war nicht hierher geschickt worden, um diesen Torbogen anzustarren.</p><p>Er l�ste sich mit einem Ruck von seinem Platz und ging schneller als n�tig weiter; vermutlich sogar schneller, als auf dem unsicheren Grund aus nassem Stein gut war. Der Pfad war an dieser Stelle so schmal, dass er mit der Schulter an der Wand entlangstreifte und ein paarmal fast Gefahr lief seinen Mantel zu verlieren, sodass er immer wieder zugreifen und die Fibel wieder schlie�en musste. Bei einer dieser Gelegenheiten fiel sein Blick zuf�llig nach unten ins Wasser, und er sah etwas, was ihm schier das Blut in den Adern gerinnen lie�: Der See unter ihm war nicht leer. Vielleicht eine Handbreit unter der Wasseroberfl�che, aber �berall, so weit sein Blick reichte, bewegten sich dunkle Schatten, schwarze, armdicke Tentakel, die wie die Fangarme gewaltiger Kraken peitschten, zuckende Schlangen, dick wie sein Finger, scheinbar ohne Ende, aber auch d�nne B�schel, die sich wie Haare im Wind bewegten. Er war dem Seeungeheuer keinesfalls entronnen, sondern befand sich noch immer in seiner unmittelbaren Reichweite. Vielleicht war es nicht einmal die gleiche Kreatur wie die, der er um ein Haar zum Opfer gefallen w�re, sondern ein zweites, gleichartiges Gesch�pf, aber der Anblick brachte ihn auf jeden Fall dazu, seine Schritte noch mehr zu beschleunigen. Trotzdem war es irgendwie... seltsam. Ganz tief in sich sp�rte er, dass ihm von der Kreatur keine Gefahr drohte, so schrecklich sie auch war.</p><p>Er folgte dem Pfad bis zum Ende, lief mit raschen Schritten die Treppe hinauf und trat nach einem letzten, fast unmerklichen Z�gern durch den gewaltigen Torbogen. Aus irgendeinem Grund hatte er erwartet sich in vollkommener Dunkelheit wieder zu finden, aber das war nicht der Fall. Vor ihm lag eine halbrunde, hohe Kammer von vielleicht zwanzig Schritt Durchmesser, deren W�nde und Decke aus dem gleichen Material wie der Torbogen und das Schwert an seiner Seite bestanden. Ein Muster aus komplizierten Runen und Hieroglyphen bedeckte die W�nde, vielleicht zeremonieller Bestimmung, vielleicht auch eine Schrift, die er nicht entziffern konnte. Ein blasses, ganz leicht gr�n gef�rbtes Licht erhellte die Kammer. Seltsamerweise konnte er seine Quelle nicht ausmachen. Es schien aus dem Nichts zu kommen, so als leuchte die Luft aus sich selbst heraus. Es gab vier T�ren, die vermutlich tiefer ins Innere des Berges hineinf�hrten. Drei von ihnen waren verschlossen, die Vierte f�hrte in einen schmalen, von dem gleichen sonderbaren Licht erf�llten Gang, der sich weiter in den Berg hineinwand, als sein Blick ihm folgen konnte.</p><p>Dieser Gang war nicht leer. Hier und da bedeckte ein schwarzes Geflecht W�nde und Boden, Fetzen eines Netzes oder auch einzelne, schlangengleiche Str�nge. Es mochten Wurzeln sein, die sich mit der unaufdringlichen Beharrlichkeit von Pflanzen einen Weg durch die st�hlernen W�nde und Decken gegraben hatten, aber der Anblick erinnerte ihn zugleich zu sehr an den, den das Gesch�pf drau�en im Wasser geboten hatte, als dass er es wagte, ihm n�her als unbedingt n�tig zu kommen.</p><p>Er folgte dem Gang bis zu seinem Ende und gelangte in eine Art Treppenschacht, der mindestens so weit nach oben wie tiefer hinab in den Leib der Erde f�hrte: Er war kreisrund und hatte einen Durchmesser von gut f�nfzig Metern, und vermutlich diente er noch einem anderen Zweck als blo� dem, die schmale, gel�nderlose Treppe aufzunehmen, deren Stufen sich in einer schier endlosen Folge nach oben und unten wanden. Dem Krieger war es gleich. Er sp�rte, dass diese unterirdische Welt voller d�sterer Geheimnisse, uralter R�tsel und unvorstellbarer Gefahren war. Er wollte nichts davon in diesem Moment ergr�nden. Wichtig war allein, dass er einen Weg nach oben gefunden hatte.</p><p>Auch hier war die Luft von jenem unheimlichen, graugr�nen Glanz erf�llt, der aus dem Nichts zu kommen schien und eigentlich mehr ihre Illusion als <emphasis>wirkliche </emphasis>Helligkeit erzeugte. Trotzdem gew�hnten sich seine Augen allm�hlich daran, sodass er mehr Einzelheiten erkannte, w�hrend er der schneckengleich um den gewaltigen Schacht gewundenen Treppe nach oben folgte. Der Schacht hatte wahrhaft gigantische Ausma�e. Er musste eine Meile oder mehr in die Erde hinabf�hren. Boden und ein Teil der W�nde waren vom Feuer geschw�rzt und auch die Treppe war hier und da in Mitleidenschaft gezogen worden. Dieser Schacht war nicht immer leer gewesen und er war lange nicht der Einzige seiner Art. Im Gegenteil. Es gab unz�hlige: bodenlose, schwarze Gruben, in denen der Tod in gewaltigen schwarzen Pfeilen aus Stahl eingefangen war und darauf wartete, aus der Erde hervorzubrechen und ganze St�dte mit Feuer und Glut vom Antlitz dieses Planeten zu tilgen.</p><p>Diese Erinnerung verscheuchte er. Es gab Dinge, die <emphasis>wollte </emphasis>er gar nicht mehr wissen.</p><p>Die Treppe endete vielleicht hundert Meter unter der Decke vor einer halbrunden T�r, die waagerecht weiter in den Berg hineinf�hrte. Von dem Gang, in den er gelangte, zweigten zahlreiche weitere T�ren ab. Er warf neugierige Blicke durch die meisten und blieb hier und da sogar stehen, h�tete sich aber den Gang zu verlassen. Die meisten T�ren f�hrten ohnehin nur in weitere, endlose G�nge, von denen weitere T�ren abzweigten - dieser ganze Berg musste ausgeh�hlt sein wie ein Bienenstock! -, manche in gro�e, saal�hnliche R�ume voller unverst�ndlicher Dinge, einige aber auch in weitere Sch�chte, gleich dem, durch den er diese unterirdische Anlage betreten hatte. Er beachtete nichts davon, sondern ging mit ruhigen Schritten weiter. Seine Aufgabe wartete nicht hier auf ihn, in dieser unterirdischen Anlage hinter dem Wasserfall. Hier hatte es geendet und hier w�rde es wieder beginnen.</p><p>Er passierte eine weitere T�r, blieb stehen und ging wieder zur�ck, von einem sonderbaren, kaum in Worte zu fassenden Gef�hl erf�llt. Die Kammer war nicht besonders gro� und vollkommen leer. Der Boden war mit einer zentimeterdicken Staubschicht bedeckt, so als w�re dieser Raum seit mindestens einem Jahrhundert nicht mehr betreten worden. Der schwarze Sternenstahl der W�nde wirkte irgendwie ... verzerrt, als w�re er geschmolzen und wieder erstarrt, ganz kurz, bevor er <emphasis>wirklich </emphasis>seine Form verlieren konnte. Er wagte es nicht, den Raum zu betreten - eine sonderbare Mischung aus Ehrfurcht und Unbehagen hatte ihn ergriffen, so als st�nde er am Eingang eines Grabes -, aber er streckte die Hand aus und ber�hrte das Metall unter der Staubschicht.</p><p>Aus der Vermutung wurde - fast - Gewissheit. Es <emphasis>war </emphasis>ein Grab. Und er war nicht zuf�llig hier, sondern weil jemand - etwas - ihn hierher gef�hrt hatte. Um sich zu erinnern. Er senkte die Hand, drehte sich fast hilflos einmal im Kreis und wollte weitergehen, tat aber dann das Gegenteil: Er wich in die Kammer zur�ck, lie� sich zu Boden sinken und lehnte Kopf und Schultern gegen den verbogenen Stahl der W�nde. Dieser Ort hatte Erinnerungen gespeichert. Es musste ihm nur gelingen, sie sich zug�nglich zu machen, und er w�rde endlich alles wissen. Er schloss die Augen und wartete darauf, dass die Erinnerungen kamen.</p><p>Nichts geschah. Er schlief ein.</p><p>Und erwachte, als jemand die Kammer betrat. Ger�usche und Bewegung hatten ihn direkt aus einer Tiefschlafphase gerissen, sodass er im ersten Moment noch benommen war; optische und akustische Eindr�cke wirbelten hinter seiner Stirn durcheinander, vermengten sich mit sinnlos aufblitzenden Bildern und Fetzen von Gef�hlen - zum gr��ten Teil <emphasis>negativen </emphasis>Gef�hlen, die zu schnell aufflackerten und wieder erloschen, um sie zu identifizieren, aber ein allgemeines, unangenehmes Gef�hl in ihm hinterlie�en. Es vergingen einige Sekunden, ehe aus den tanzenden Schatten vor ihm zwei Gestalten wurden. Einer der beiden M�nner war ein wahrer Riese, ein Gigant von mehr als sieben Fu� Gr��e und Ehrfurcht gebietend breiten Schultern. Er war verletzt. Die H�lfte seines Gesichtes war verheert, das Auge ausgel�scht. Er schien kaum noch gen�gend Kraft zu haben, um sich auf den Beinen zu halten, denn er lehnte schwer an der Wand, seine Knie zitterten. Er trug ein schlankes, schmuckloses Schwert in der Rechten, von dessen Klinge hellrotes Blut tropfte.</p><p>Die zweite Gestalt lag verkr�mmt und inmitten einer allm�hlich gr��er werdenden Blutlache vor dem Riesen auf dem Boden. Beide trugen Mantel, Harnisch und Stirnband eines Satai, und trotzdem wusste der Krieger, dass sie keine Freunde waren, sondern der eine das Opfer des anderen. Sie hatten sich die t�dlichen Wunden gegenseitig zugef�gt. Dann wurde ihm klar, dass er Zeuge seines eigenen Todes wurde.</p><p>Der Mann am Boden war er. Es war der Mann, der er gewesen war, vor langer, <emphasis>sehr </emphasis>langer Zeit. Er war hier gestorben, in dieser Kammer, und das, dessen Zeuge er wurde, war kein wirkliches Geschehen, sondern die Vergangenheit, trotzdem aber keine blo�e Illusion und auch nicht nur seine Erinnerungen, die endlich zur�ckkamen, sondern weit mehr: Bilder, die <emphasis>geschickt </emphasis>worden waren, damit er sah, was geschehen war, und vielleicht begriff, was geschehen musste.</p><p>Er wandte den Kopf und sah die dritte, schattenhafte Gestalt, die in der gegen�berliegenden Ecke des Raumes stand und aus kalten Insektenaugen auf ihn herabstarrte. Nicht nur die Bilder waren gekommen, sondern auch der, der sie geschickt hatte, der <emphasis>Daij-Djan, </emphasis>d�rr, spinnengliedrig und grausam, die <emphasis>Sternenbestie, </emphasis>die ebenso Teil seines fr�heren Selbst wie Faust und Auge der gigantischen Netzkreatur gewesen war, die einst ganz Enwor bedroht hatte. Nun war sie es, die Hilfe brauchte.</p><p>Er sah wieder zu den beiden Satai hin. Der Riese - Del - begann langsam in die Knie zu sinken. Irgendwoher nahm er die Kraft, sich noch einmal in die H�he zu stemmen, aber es war nur ein letztes Aufb�umen. Die Wunde, die ihm der sterbende Mann am Boden zugef�gt hatte, war so t�dlich wie die, die er selbst erlitten hatte, nur dass sie vielleicht nicht ganz so schnell wirkte. Der Schwertstich, mit dem Del seinen alten Lehrmeister niedergestreckt hatte, war barmherziger gewesen.</p><p>Das Bild wechselte. Del und der tote Satai waren nun nicht mehr allein. Zwei weitere Gestalten hatten den Raum betreten, die eine davon eine junge Frau, fast noch ein M�dchen, die trotzdem die Kleider eines Satai trug, ihr Begleiter ein schuppiger Gigant mit einem brutalen Schildkr�tengesicht. Beide starrten Del an, aber der schwer verwundete Satai schien sie nicht einmal zu bemerken. Er hatte sich in die Hocke sinken lassen und st�tzte sich mit der linken Hand schwer auf dem Boden auf. Die andere hatte er nach der Hand des Toten ausgestreckt, um einen schmalen, schmucklosen Ring von seinem Finger zu ziehen.</p><p>Als er versuchte ihn sich selbst �berzustreifen, st�rzte sich der geschuppte Quorrl auf ihn, riss ihn wie ein Kind in die H�he und brach ihm ohne die geringste Anstrengung beide Handgelenke. Del br�llte vor Schmerz, dann wurde sein Schrei zu einem erstickten Keuchen, als der Quorrl ihn gegen die Wand warf.</p><p>�Halt!�</p><p>Der Quorrl erstarrte. Sein Gesicht loderte vor Hass, aber er gehorchte dem Befehl des M�dchens.</p><p>�T�te ihn nicht, Titch�, sagte sie. �Noch nicht.�</p><p>Del schob sich wimmernd vor Schmerz weit genug an der Wand in die H�he, bis er halbwegs aufrecht dasa�. Sein Gesicht war grau vor Pein und trotzdem war in seinen Augen keine Furcht, als er zu dem Quorrl und seiner kaum halb so gro�en Begleitung hochsah. Nur Trotz.</p><p>�Wei�t du, Del�, sagte Kiina und deutete auf den Leichnam des Toten hinab, �er hatte Recht. Ihr habt verloren.�</p><p>�Ich habe ihn besiegt, oder?�, fragte Del trotzig.</p><p>�Besiegt?� Kiina sch�ttelte den Kopf. �Oh nein, Del. Das hast du nicht. Niemand konnte ihn besiegen. Du hast ihn get�tet, aber selbst das nur, weil er es wollte.�</p><p>�Was f�r ein Unsinn�, murmelte Del. �Sieh mich an. Er hat gek�mpft wie niemals zuvor, aber ich war besser.�</p><p>�Er hat jemanden gesucht, der ihn t�tet�, sagte Kiina, als h�tte sie seine Worte gar nicht geh�rt. �Und du warst der Einzige, dem er es gestattet h�tte.�</p><p>�Dann war er ein Narr!�, sagte Del. �Wir werden gewinnen, du dummes Kind. Es gibt keinen <emphasis>W�chter </emphasis>mehr.� Kiina l�chelte erneut. Sie nahm den Ring an sich, den Del vom Finger des Toten gezogen hatte, dann stand sie auf und hob etwas Kleines, Silbergl�nzendes, das sie auf Del richtete.</p><p>Der junge Satai beachtete die <emphasis>Scannerwaffe </emphasis>gar nicht. Er starrte entsetzt in Kiinas Augen und ein neuer, unendlich tiefer Schrecken begann sich auf seinem Gesicht auszubreiten; der Blick eines Mannes, der am Ende seines Lebens begriff, wie unendlich tief und vollkommen seine Niederlage war.</p><p>�Oh doch, Del�, sagte sie. �Es hat ihn immer gegeben und es <emphasis>wird </emphasis>ihn immer geben.� Sie hob die Scannerwaffe. Ein dunkelrotes, pulsierendes Licht begann in dem Rubinauge an ihrer Vorderseite aufzugl�hen. �Ich bin seine Tochter.� Del starrte sie an. Und Kiina lie� noch gen�gend Zeit verstreichen, um ihn ihre Worte wirklich verstehen zu lassen, ehe sie den Ausl�ser dr�ckte. Ein greller Lichtblitz l�schte den K�rper des Satai und in der n�chsten Sekunde die gesamte Szene aus.</p><p>Als er wieder sehen konnte, hatte sich die Szenerie abermals ge�ndert. Sie waren nicht mehr in der kleinen Kammer, sondern in einem anderen Teil der unterirdischen Tempelfestung, einem langen, d�steren Gang aus <emphasis>Sternenstahl, </emphasis>dessen Ende zum Wasserfall hin offen war, sodass das Dr�hnen des Wassers Eingang in den Berg fand. Das Wasser des Sturzes rauschte so unbeteiligt und kraftvoll nieder, wie er dies seit Millionen Jahren tat, und wie er es vermutlich auch noch in Millionen Jahren tun w�rde; eine gewaltige, schweigende Macht, die in ihrer ruhigen Majest�t selbst die bizarre unterirdische Welt der <emphasis>Alten </emphasis>zu einem Nichts degradierte. Zu Kiina und Titch hatte sich ein weiterer Quorrl gesellt. Sie hatten den Leichnam des �lteren Mannes in den golddurchwirkten schwarzen Mantel eines Satai gewickelt und hierher gebracht. Wortlos und sehr ernst gab Kiina den beiden Quorrl-Kriegern einen Wink und die geschuppten Giganten warfen den toten K�rper mit aller Macht in den Sturz hinein. Die gl�serne Wand teilte sich, schien ihn f�r den Bruchteil einer Sekunde schwerelos zu halten - und schloss sich wie ein Vorhang aus kristallklarer Schw�rze.</p><p>�Eine Minute�, murmelte einer der Quorrl. �W�ren wir nur eine Minute fr�her gekommen ...�</p><p>�Es h�tte nichts ge�ndert�, sagte Kiina. �Ich glaube, er hat es so gewollt.� Sie stand eine Weile still, dann hob sie die Hand und zog den Ring ab, den sie von Del genommen hatte. Bevor Titch oder der andere Quorrl sie daran hindern konnten, warf sie ihn so weit in den Sturz hinein, wie sie nur konnte.</p><p>�Was ... was tust du?�, keuchte Titch. �Du hast soeben ein K�nigreich verschenkt! Wer diesen Ring besitzt, ist der Herrscher der <emphasis>Errish!�</emphasis></p><p>�Wenn es sie noch gibt, dann brauchen sie keinen Herrscher�, antwortete Kiina leise. �Niemand braucht einen Herrscher, Titch. Vielleicht war es das, wof�r Skar wirklich gek�mpft hat, Titch. Wir sollten aufh�ren zu herrschen.� Skar.</p><p>Sein Name war also Skar. Er wusste es im gleichen Moment, in dem er das Wort h�rte. Sein Klang war so vertraut, dass es fast wehtat.</p><p>�Und wo willst du jetzt hin, Menschenjunges?�, fragte Titch nach einer Weile.</p><p>Kiina zuckte mit den Schultern. �Enwor ist gro�, Fischgesicht.� Sie hob abermals die Schultern, l�chelte traurig und machte eine vage Bewegung mit beiden H�nden. �Irgendwohin.�</p><p>�Das trifft sich gut�, antwortete Titch und trat neben sie. �Dann haben wir denselben Weg.� Die beiden lachten, drehten sich um und gingen nebeneinander davon, und mit jedem Schritt, den sie taten, entfernten sie sich nicht nur r�umlich, sondern verloren auch mehr und mehr an Substanz; gleichzeitig wurde die Wirklichkeit realer, als glitte er unendlich langsam �ber die Grenze zwischen Traum und Wachsein.</p><p>Als die Vision endete, befand er sich noch immer am gleichen Ort. Er konnte sich nicht erinnern, sich bewegt zu haben, musste es aber wohl. Er sa� noch immer auf dem Boden, aber die Wand in seinem R�cken, gegen die er sich gelehnt hatte, geh�rte nicht mehr zu der Kammer, in der er eingeschlafen war. Das Dr�hnen des Wasserfalles erf�llte die Luft. Etwas Schmales, Silbernes blitzte neben ihm auf dem Boden.</p><p>Es war der Ring. Der heilige Ring der <emphasis>Errish, </emphasis>den Kiina in den Wasserfall geworfen hatte. Er war zur�ckgekommen, so, wie auch Skar zur�ckgekommen war.</p><p>Warum?</p><p>Er hob den Ring auf, schob ihn jedoch nicht auf den Finger, sondern verbarg ihn in einer der zahlreichen Taschen, die in den G�rtel des toten Satai eingearbeitet waren. Dann stand er auf und ging mit langsamen Bewegungen zum Ende des Stollens.</p><p>Skar stand lange, endlos lange so da und starrte in die dr�hnende Tiefe hinab. Er stand vor seinem Grab; einem Grab, in dem er f�r alle Zeiten h�tte bleiben sollen und aus dem er zur�ckgekommen war; und er wusste nicht einmal, warum. Seine Erinnerungen kehrten nun immer schneller und schneller zur�ck. Aus dem Tr�pfeln einzelner Gedanken war l�ngst ein rei�ender Strom geworden, als w�re die Szene, die er mit angesehen hatte, vielleicht auch nur der blo�e Klang seines eigenen Namens, der Schl�ssel gewesen, der das Tor endg�ltig �ffnete. Er erinnerte sich nun an alles. Sein Leben. Die entsetzliche Erkenntnis, <emphasis>wer </emphasis>er in Wirklichkeit war, <emphasis>was </emphasis>er war, der furchtbare Schmerz, als er begriff, dass der einzige Freund, den er jemals gehabt hatte, in Wirklichkeit sein schlimmster Feind gewesen war ...</p><p>Er war gestorben. Es war so, wie Kiina gesagt hatte: Er hatte es gewollt und Del war trotz allem der einzige Mensch auf der Welt, dem er gestattete, ihn zu t�ten. Doch nun war er wieder hier.</p><p>Und er wusste nicht einmal, warum.</p><p>Er hatte dieses neue, geschenkte Leben nicht gewollt. Und er war nicht freiwillig hier. Jemand hatte ihn <emphasis>geschickt. </emphasis>Doch welches Wesen - gleich ob Mensch oder Gott - hatte die Macht, dem Tod zu trotzen?</p><p>Skar zog den Heiligen Ring der <emphasis>Errish </emphasis>aus dem G�rtel, schob ihn sich nun doch auf den Finger - den einzigen, auf den er passte: den kleinen Finger der linken Hand - und betrachtete dann sehr nachdenklich genau diese Hand. Etwas stimmte nicht damit. Sie sollte nicht da sein. Er selbst hatte sie sich abgeschnitten, um sich des Sklavenarmbands zu entledigen, das ihn gefangen hielt. Er sah jedoch nicht einmal die winzigste Narbe. Seine Hand war unversehrt. Er bewegte die Finger und stellte keinen Unterschied zu seiner rechten Hand fest. Wer immer ihn hierher geschickt hatte, hatte ihm nicht nur das Leben zur�ckgegeben, sondern auch die Unversehrtheit seines K�rpers.</p><p>Er lie� die Hand wieder sinken, drehte sich um und ging mit langsamen Schritten zur�ck in die Tempelfestung. Nun, wo er sich wieder an alles erinnerte, wusste er auch, wie er hier heraus und an die Oberfl�che kam. Dort w�rde er die Antworten auf alle Fragen finden.</p><p>Er war nicht sicher, ob sie ihm gefallen w�rden.</p><p>Skar hatte die K�lte schon gesp�rt, lange bevor er das Tageslicht sah, das sich in die mattgr�ne Helligkeit mischte, die die unterirdische Tempelfestung erf�llte: ein am Anfang sachter, aber unangenehmer Hauch, der rasch zu einem Prickeln und bald darauf zu wirklicher K�lte wurde, deren Intensit�t genau auf den schmalen Grat zwischen <emphasis>unangenehm </emphasis>und wirklich <emphasis>schmerzhaft </emphasis>pendelte. Als er endlich ins Freie trat, blinzelte er in die unerwartete Helligkeit hinaus und er war - gelinde gesagt - irritiert. Am Morgen war seine gr��te Sorge die gewesen, nicht in der Sonnenhitze zu verbrennen.</p><p>Hier oben lag <emphasis>Schnee.</emphasis></p><p>Nicht besonders viel und l�ngst nicht �berall - die zerborstende Landschaft aus Mauerresten, Tr�mmern und k�mmerlichem blassem Buschwerk, die sich vor ihm ausbreitete, war mit unregelm��igen schmutzig wei�en Flecken gesprenkelt, die zu einem Gro�teil bereits zu schmelzen begonnen hatten -, aber es <emphasis>hatte </emphasis>geschneit und in der Luft lag noch ein Hauch der bei�enden K�lte, die diesen Schnee hervorgebracht hatte. Eigentlich, dachte Skar, war das unm�glich.</p><p>Aber das galt schlie�lich nicht nur f�r die Temperaturen hier.</p><p>Was er sah, war im Grunde noch viel unwahrscheinlicher.</p><p>Die Tempelfestung der Quorrl lag in Tr�mmern. Rowl und seine Bastard-Krieger hatten Wort gehalten und buchst�blich keinen Stein auf dem anderen gelassen. Die stolzen Mauern und Kuppeln waren geschleift, die dem Himmel trotzenden T�rme eingest�rzt, Wehrg�nge und D�cher zertr�mmert. So weit sein Blick reichte, sah er nur Ruinen und Chaos. Aber wie war das m�glich? So wie das unterirdische Labyrinth war auch die Tempelfestung der Quorrl eine Hinterlassenschaft der <emphasis>Alten, </emphasis>die diese Welt erschaffen hatten, und so wie sie bestanden ihre Mauern aus <emphasis>Sternenstahl, </emphasis>einem Metall, das zu Recht als unzerst�rbar galt. Nicht einmal das Sternenfeuer, das Elay verbrannt hatte, h�tte diesen Mauern etwas anhaben k�nnen. Aber etwas <emphasis>hatte </emphasis>sie zerst�rt.</p><p>Skars Phantasie kapitulierte vor der Aufgabe sich die Gewalten vorzustellen, die notwendig w�ren, um eine solche Verheerung anzurichten. Magie, zweifellos. Dass er nicht an Magie glaubte, bedeutete nicht unbedingt, dass er ihre Existenz vollkommen ausschloss. Es war alles eine Frage des Standpunkts.</p><p>Au�erdem gab es Dinge, die wollte er gar nicht so genau wissen...</p><p>Er machte einen vorsichtigen Schritt hinaus aus der halb zerschmolzenen T�r�ffnung, in der der Treppenschacht geendet hatte, und sah sich aufmerksam um. Er befand sich im vorderen Teil dessen, was von der Tempelfestung �brig geblieben war. Kaum ein Dutzend Schritte neben ihm zerbarst das Wasser des Flusses an einer Riffbarriere, um dann br�llend in die Tiefe zu st�rzen. Diese Riffe waren neu. Das Wasser hatte Millionen und Abermillionen Jahre Zeit gehabt jedes Hindernis abzuschleifen und zu polieren, doch irgendeine unvorstellbare Gewalt - zweifellos die gleiche, die die Tempelfestung zerst�rt hatte - hatte den Flussgrund aufgebrochen und diese neue Barriere aufget�rmt. Das Wasser w�rde vielleicht wieder eine Million Jahre brauchen, um sie niederzurei�en, vielleicht auch hundert; den Unterschied zwischen einem und hundert Lidschl�gen in der geduldigen Zeitrechnung der Natur.</p><p>Er drehte sich weiter und mit jeder Sekunde, die verging, wuchs seine Anspannung. Dabei deutete nichts von dem, was er sah, auf irgendeine Gefahr hin. Er sah nur Ruinen, Schnee und halb erfrorenes Geb�sch. Aber etwas in ihm - der <emphasis>Krieger, </emphasis>der er trotz allem immer noch war - sp�rte die Gefahr, die sich hinter diesem Bild scheinbarer Normalit�t verbarg. Er hatte die beiden Toten nicht vergessen. Es mochte sein, dass sie der Kante zu nahe gekommen und einfach vom Wasser ergriffen oder von einer unerwarteten Windb�e getroffen und in die Tiefe geschleudert worden waren, ebenso gut konnten sie auch gegeneinander gek�mpft und sich so gegenseitig in den Tod gerissen haben. Ein Satai und ein Quorrl. Untrennbare Kampfgef�hrten oder unvers�hnliche Feinde - das eine war so denkbar wie das andere. Und er war vermutlich gut beraten, von der schlimmeren der beiden M�glichkeiten auszugehen.</p><p>Wie sich zeigte, vermutlich mit Recht. W�hrend er sich langsam dem Ufer der k�nstlichen Insel n�herte, die inmitten des Flusses errichtet war, fand er deutliche Spuren eines Kampfes. Einem weniger ge�bten Auge als seinem w�ren sie vermutlich entgangen, aber f�r Skar waren sie so deutlich, wie es nur ging: Ein St�ck zerrissener Stoff hier, eine zerbrochene Waffe da, Blut, das an einem Mauerrest einzutrocknen begann, eine Handvoll zerborstener, metallischgr�ner Schuppen ... er konnte nicht sagen, wer wen angegriffen oder gar, wer den Sieg davongetragen hatte, aber ihm wurde doch bald klar, was hier passiert sein musste. Eine der beiden Gruppen - Mensch oder Quorrl - hatte im Schutze der Ruinen ihr Nachtlager, aufgeschlagen und war von der anderen - Satai oder Ungeheuer - �berfallen worden. Der Kampf musste erbittert gewesen sein, aber das wunderte Skar nicht: Ein Zusammenprall zwischen den bestausgebildetsten Kriegern Enwors und den gef�rchteten Reptilienm�nnern <emphasis>konnte </emphasis>nur erbittert sein.</p><p>Der Gedanke stimmte ihn traurig. Die neuen Herrscher der Quorrl hatten ihr Wort gehalten und diese Tempelfestung ausgel�scht. M�glicherweise hatten sie die Gefahr f�r eine ganze Welt, die von ihr ausgegangen war, damit gebannt, aber ihr allergr��tes und ehrgeizigstes Ziel, n�mlich den Frieden, schienen sie verfehlt zu haben. Satai k�mpften weiter gegen Quorrl. Die Menschen f�hrten weiter Krieg gegen die Wesen, die ihre Vorfahren eigentlich erschaffen hatten, um den Krieg ein f�r alle Mal abzuschaffen.</p><p>Dann fiel Skar der Fehler in diesem Gedankengang auf. Er ging von Voraussetzungen aus, die er gar nicht kannte. Er wusste weder, worum es bei diesem Kampf gegangen war, noch, <emphasis>wer </emphasis>hier eigentlich gegen wen gek�mpft hatte. Es war genauso gut m�glich, dass Satai und Quorrl Schulter an Schulter gegen einen dritten Feind gek�mpft hatten - auch wenn sich Skar beim besten Willen keinen Gegner vorzustellen vermochte, der verr�ckt genug w�re sich mit Satai <emphasis>und </emphasis>Quorrl zugleich anzulegen.</p><p>Aber er wusste nichts �ber diese Welt. Er wusste nicht einmal etwas �ber die Zeit, in der er sich befand. Es konnte Tage her sein, seit Kiina und Titch ihn im Sturz von Ninga beerdigt hatten, ebenso gut aber auch Wochen oder Monate. Vielleicht Jahre. Vielleicht war seine Tochter jetzt eine erwachsene Frau und vielleicht sogar - <emphasis>Daran </emphasis>wollte er nicht denken.</p><p>Er beendete seine Musterung der Umgebung und betrat die halb zusammengest�rzte Br�cke, die zum eigentlichen Ufer hinf�hrte. Seine Schritte wurden langsamer und nach einem Moment blieb er stehen. Die Br�cke war nicht vollends eingest�rzt, und den rei�enden Strom auf dem schmalen verbliebenen Band zu �berqueren stellte im Grunde keine besondere Gefahr dar, zumal f�r einen einigerma�en geschickten Mann, wie er es war. Aber er hatte mit Wasser bisher eigentlich nur schlechte Erfahrungen gemacht, und viel schwerer wog: Wenn an diesem Ort ein Kampf stattgefunden hatte und wenn es noch jemanden gab, der ihn beobachtete und ihm vielleicht auflauern wollte, konnte er sich keinen besseren Ort daf�r aussuchen. Auf dem letzten St�ck zum Ufer hin bestand die Br�cke im Grunde nur noch aus einem ausgegl�hten Stahlskelett, das auf eine kaum in Worte zu fassende Weise verzerrt und in sich verdreht war. Er w�rde sein ganzes Geschick brauchen, um dort hin�berzugelangen, und infolgedessen so gut wie hilflos sein. Aber es gab keinen anderen Weg.</p><p>Skars Bef�rchtungen erwiesen sich als �bertrieben. Er erreichte unbehelligt das Ufer und fand weitere Spuren eines Kampfes, aber keine �berlebenden; und schon gar keinen Hinterhalt. Daf�r umso mehr Spuren, die nun allm�hlich eine Geschichte zu erz�hlen begannen. Er war jetzt sicher, dass es die Quorrl gewesen waren, die auf der Insel Zuflucht gesucht hatten, wo sie von ihren Gegnern �berrascht worden waren. Satai, die gegen Quorrl k�mpften. Immer noch. Nichts hatte sich ge�ndert.</p><p>Er entfernte sich weit genug vom Ufer, um aus dem eisigen Spr�hregen heraus zu sein, zu dem das rei�ende Wasser an den Felsen zerspellte, und zog fr�stelnd den Mantel enger um die Schultern zusammen. Seine Kleider waren durchn�sst. Er fror, wenn auch nicht so schlimm, wie er bef�rchtet hatte. Trotzdem musste er in Bewegung bleiben. Die Situation war schon fast grotesk: Noch vor wenigen Stunden hatte er Angst gehabt zu verbrennen. Jetzt musste er eine Feuerstelle finden, um seine nassen Kleider zu trocknen, wollte er nicht in Gefahr laufen zu erfrieren.</p><p>Es gab nur zwei Richtungen, in die er sich wenden konnte: weiter nach Norden und dem Fluss folgend oder in �stlicher Richtung an der Klippe entlang. Im Norden lagen die endlosen W�lder, die Heimat der Quorrl, im Osten das Meer, die Toten L�nder und schlie�lich Combat. Keine der beiden Richtungen erschien ihm wirklich verlockend; nicht nach dem, was er gerade gefunden hatte.</p><p>Skar gestand sich ein, dass er im Moment vollkommen hilflos war. Ein Gef�hl, das er hasste. Er war in seinem Leben stets bestrebt gewesen die Initiative zu behalten, gleich, was geschah. Er tat Dinge, statt sie mit sich <emphasis>tun zu lassen.</emphasis></p><p>Er ging wieder ein kleines St�ck den Weg zur�ck, den er gekommen war, und folgte dann - in respektvollem Abstand - dem Ufer, bis er unmittelbar am Ende der Klippe stand. Der Wind schlug ihm eisig ins Gesicht, zerrte an seinen Kleidern und lie� ihn noch mehr frieren, aber er wurde auch mit einer Aussicht belohnt, die der M�he wert gewesen war: Neben ihm, scheinbar zum Greifen nahe, ergoss sich eine tosende Wasserflut in die Tiefe, um am Fu�e der Klippe einen gewaltigen, unregelm��ig oval geformten See zu bilden. Der Fluss, der daraus entsprang, verlief so schnurgerade nach S�den, als w�re er mit einem gewaltigen Lineal gezogen. Die Berge, die er von unten aus gesehen hatte, waren auch jetzt nur verschwommene Schatten, aber irgendwo auf der Ebene dazwischen ... <emphasis>bewegte </emphasis>sich etwas. Etwas Gro�es.</p><p>Skar versuchte sich auf die Bewegung zu konzentrieren, um mehr Einzelheiten zu erkennen, erreichte damit aber nur, dass seine Augen zu schmerzen begannen. Er konnte nicht mehr als reine, nebelhafte Bewegung erkennen, als w�re ein Teil der Ebene selbst zum Leben erwacht. Das Land hatte sich erhoben, um auf die Klippe zuzukriechen. Skar l�chelte d�nn �ber seine eigenen Gedanken. Nat�rlich war es Unsinn. Was immer dort unten war, es war gigantisch, aber es w�rde auch eine ganz nat�rliche Erkl�rung daf�r geben. Vielleicht war es wirklich Nebel. Vielleicht ein Spiel von Licht und Schatten, das seine Sinne narrte. Es spielte keine Rolle. Es war weit weg und es war ganz gewiss nicht der Grund, aus dem er hier war.</p><p>Er trat wieder einen Schritt von der Klippe zur�ck, drehte sich herum - und alle seine Sinne signalisierten Gefahr. Er duckte sich, war mit einer einzigen, flie�enden Bewegung im Schutz eines niedrigen Felsens und sp�hte mit klopfendem Herzen �ber den Rand seiner nat�rlichen Deckung hinweg.</p><p>Im ersten Moment sah er nichts Au�ergew�hnliches und das Dr�hnen des Wasserfalls machte es auch unm�glich, irgend etwas zu h�ren. Aber er <emphasis>hatte </emphasis>etwas registriert; ein Detail, das er noch nicht zu erkennen vermochte, das aber den Gesamteindruck ver�nderte, sodass - Das Unterholz hundert Schritte entfernt brach auseinander und zuerst zwei, dann zwei weitere und schlie�lich ein einzelner und f�nfter Quorrl st�rmten heraus. Zwei von ihnen waren bewaffnet, ein dritter so schwer verletzt, dass er sich auf die Schultern eines seiner Kameraden st�tzen musste, um �berhaupt zu gehen. Trotzdem bewegten sie sich sehr schnell und warfen immer wieder rasche, gehetzte Blicke �ber die Schultern zur�ck. Sie waren auf der Flucht. Skar duckte sich noch tiefer in seine Deckung und senkte die Hand auf den Schwertgriff, ohne die Waffe allerdings zu ziehen. In einem Kampf gegen gleich f�nf Quorrl h�tte er keine Chance. Niemand hatte das. Aber diese Quorrl waren auch nicht gekommen, um ihn anzugreifen. Vermutlich wussten sie nicht einmal, dass er hier war.</p><p>Skar sah die Verfolger, als die Quorrl ungef�hr die halbe Distanz zwischen dem Waldrand und seinem Versteck �berwunden hatten. Es waren Reiter, ein gutes Dutzend ausgesucht gro�er, barbarisch gekleideter Gestalten, die auf roh gepanzerten Pferden herangesprengt kamen und mit Speeren, Schwertern und vor allem Armbr�sten und B�gen bewaffnet waren, mit denen sie aus vollem Galopp auf die fl�chtenden Schuppenkrieger schossen. Nicht ein einziger Pfeil oder Armbrustbolzen traf sein Ziel, aber der m�rderische Geschosshagel trieb die Quorrl zu noch gr��erer Hast an. Skar verl�ngerte den Kurs in Gedanken, den die fl�chtenden Quorrl nahmen. Das Ergebnis gefiel ihm nicht. Die Schuppenkrieger st�rmten nicht direkt auf ihn zu, aber sie w�rden seiner Deckung doch gef�hrlich nahe kommen, und dasselbe galt f�r ihre Verfolger. Skars Hand schloss sich fester um den ziselierten Griff des <emphasis>Tschekal, </emphasis>aber er zog die Waffe immer noch nicht. Die Quorrl versuchten schneller zu laufen, aber nun, als die Verfolger aus dem Wald heraus waren, machte sich die �berlegene Schnelligkeit ihrer Pferde deutlich bemerkbar. Der Pfeilhagel verfehlte sein Ziel noch immer, aber Skar war mittlerweile nicht einmal mehr sicher, ob die M�nner die Quorrl �berhaupt treffen wollten. Sie jagten die Schuppenkrieger auf die Klippe zu - und damit auch auf ihn.</p><p>Selbst Skar fiel es schwer, das Geschlecht eines bekleideten Quorrl zu erkennen, aber er war mittlerweile fast sicher, dass nur die beiden bewaffneten Quorrl m�nnlich und damit Krieger waren. Das machte die anderen kaum weniger gef�hrlich - selbst ein tr�chtiges Quorrl-Weibchen vermochte einen gut ausgebildeten Satai in St�cke zu rei�en, ohne sich dabei sonderlich anzustrengen -, aber es verriet ihm eine Menge �ber das, was hier geschehen sein musste. Quorrl nahmen ihre Familien <emphasis>niemals </emphasis>mit auf ihre Raubz�ge. Sie mussten sich in der N�he einer Siedlung der Schuppenkrieger befinden. Er hatte jetzt eine ungef�hre Ahnung, wer hier Angreifer und wer der Angegriffene war. Die Reiter hatten die Quorrl mittlerweile eingekreist. Keiner von ihnen beging den Fehler, den gezackten Schwertern der beiden riesigen Krieger zu nahe zu kommen; sie umkreisten das knappe halbe Dutzend geschuppter Giganten in respektvollem Abstand und stocherten dann und wann mit ihren Speeren nach ihnen, griffen aber nicht wirklich an, und auch die Quorrl auf der anderen Seite begn�gten sich damit, ihre Schwerter drohend durch die Luft pfeifen zu lassen. Der Anblick war ... irritierend. Skar hatte oft genug selbst gegen Quorrl gek�mpft, um zu wissen, dass das Kr�fteverh�ltnis mehr als ausgeglichen war. F�nf Quorrl gegen ein Dutzend Menschen w�re nicht einmal dann fair gewesen, wenn es sich bei den Reitern um Satai gehandelt h�tte. Die Angreifer waren jedoch keine Satai, sondern wahrscheinlich Bauern, die mit einem Sammelsurium vermutlich zusammengestohlener oder gefundener Waffen ausger�stet waren. Schon die Art, mit der sie ihre Speere und Schwerter hielten, machte Skar klar, dass sie nicht besonders gut damit umzugehen wussten. Sie taten gut daran, sich nicht auf ihre zahlenm��ige �berlegenheit zu verlassen und einen Frontalangriff zu wagen. Vermutlich warteten sie auf Verst�rkung.</p><p>Skar bewegte sich geduckt zwischen den Felsen weiter. Er hatte nicht vor sich in diesen ungleichen Kampf einzumischen. Er wusste zu wenig �ber seine Hintergr�nde, um sich ein Urteil erlauben zu k�nnen, und er hatte auch nicht die Zeit sich in einen Krieg einzumischen, der nicht der seine war.</p><p>Hinter ihm erklang ein gellender Schrei. Skar fuhr herum und sah genau das, was er erwartet hatte: Ein weiteres Dutzend Reiter war aus dem Unterholz hervorgebrochen und sprengte auf die Quorrl zu. Einer von ihnen trug den schwarzen Mantel eines Satai, dazu aber - v�llig untypisch - einen Helm mit einem goldenen Gesichtsschutz in der Form eines Wolfssch�dels.</p><p>Skar z�gerte. Ihm war noch immer nicht wohl dabei, sich in diesen Kampf einzumischen, aber der Mann dort dr�ben war ein Satai, ein Krieger wie er. Wenn ihm jemand erkl�ren konnte, was hier vorging, dann er. Ohne selbst genau zu wissen, warum, blieb er jedoch im Schutz der Felsen, w�hrend er sich an den Kampfplatz anschlich.</p><p>Mit der Ankunft des zweiten Dutzends Reiter �nderten die Angreifer ihre Taktik: Sie zogen sich ein kleines St�ck von den Quorrl zur�ck, wechselten Speere und Schwerter gegen ihre B�gen und er�ffneten dann ohne Vorwarnung und gezielt das Feuer. Einer der beiden Quorrl-K�mpfer taumelte zur�ck, von gleich drei Pfeilen getroffen, verletzt, aber keineswegs kampfunf�hig oder auch nur ungef�hrlich, w�hrend der andere seinerseits zum Angriff �berging. Mit einer Schnelligkeit, die die Angreifer einem Wesen seiner Gr��e augenscheinlich nicht zugetraut h�tten, sprang er vor, stie� einen der M�nner samt seinem Pferd zu Boden und schleuderte einen zweiten aus dem Sattel. Sein Ziel war der Satai mit dem goldenen Visier. Skar fragte sich, wie sich der Satai verteidigen w�rde. Er an seiner Stelle h�tte sich beeilt, aus dem Sattel zu kommen. Die einzige Chance, dem Angriff eines Quorrl zu entgegnen, war Schnelligkeit.</p><p>Der Satai tat jedoch nichts dergleichen. Er zog nicht einmal sein Schwert, sondern lie� sein Pferd nur ein kleines St�ck zur Seite t�nzeln und gab seinen Begleitern einen Wink, und die Reiter warfen sich dem Quorrl entgegen. Der Kampf war hart, aber nur sehr kurz: Der tobende Gigant schmetterte zwei, drei Reiter aus den S�tteln und t�tete ein Pferd durch einen Hieb mit der blo�en Faust, aber am Ende wurde er �berw�ltigt und get�tet.</p><p>Skar war verwirrt, gelinde ausgedr�ckt. Ein Verhalten wie das, das er gerade beobachtet hatte, war eines Satai nicht nur nicht w�rdig, es war im Grunde genommen <emphasis>undenkbar. </emphasis>Nicht in der Welt, die er kannte. Vielleicht hatte sich hier doch mehr ver�ndert, als er auf den ersten Blick geglaubt hatte.</p><p>Auch der Kampf gegen die �brigen Quorrl war so gut wie vor�ber. Die Reiter begingen nach wie vor nicht den Fehler, den Nahkampf mit den Giganten zu suchen, sondern hielten sie mit ihren Speeren auf Distanz, w�hrend ihre Kameraden aus sicherer Entfernung Pfeile und Armbrustbolzen auf sie herabregnen lie�en. Der Anblick erf�llte Skar mit einem Zorn, der ihn im ersten Moment fast selbst erstaunte. Er war Krieger. Kampf und Tod geh�rten so sehr zu seinem Leben wie der Wechsel zwischen Tag und Nacht. Aber das, was er hier beobachtete, war kein Kampf, sondern ein feiges Gemetzel. Es fiel ihm schwer, <emphasis>nicht </emphasis>aufzuspringen und dem unw�rdigen Schauspiel ein Ende zu bereiten.</p><p>Es war jedoch ohnehin fast zu sp�t. Nur zwei Quorrl waren noch am Leben - ein Weibchen und der geschuppte Riese, der schon verletzt aus dem Wald gekommen war. Der Kreis aus Lanzenspitzen und Speeren hatte sich eng um sie geschlossen und auch der weibliche Quorrl blutete bereits aus zahlreichen, tiefen Wunden. Trotzdem h�tten die M�nner die beiden Quorrl l�ngst niederschlagen k�nnen, wenn sie gewollt h�tten. Sie spielten mit ihnen; ein grausames, durch und durch unw�rdiges Spiel, das Skar die Zornesr�te ins Gesicht trieb.</p><p>Er w�rde ihm ein Ende bereiten.</p><p>Als er sich hinter seiner Deckung aufrichtete, durchbohrte einer der Reiter den Hals des Quorrl-Weibchens mit seinem Speer. Der geschuppte Koloss brach zusammen, schlug die H�nde gegen den Hals und begann schaumiges, hellrotes Blut hervorzuw�rgen, und der zweite Quorrl warf sich mit einem schrillen Kreischen auf ihn. Seine Pranken fuhren mit sinnlosen, hektischen Bewegungen �ber Hals und Gesicht des Quorrl, als versuchte er die schreckliche Wunde irgendwie zu verschlie�en, aus der das Leben seiner Gef�hrtin heraussprudelte.</p><p>Der Anblick erf�llte Skar mit einer schwer in Worte zu fassenden Mischung aus Verwirrung und Mitleid. Er kannte Quorrl und wusste, dass sie mehr als die stumpfsinnigen, aggressiven Tiermenschen waren, die die meisten in ihnen sahen - aber er hatte sie niemals so erlebt.</p><p>Und es machte ihn w�tend. Die M�nner mochten ihre Gr�nde haben die Quorrl zu t�ten, aber niemand hatte das Recht ein anderes Lebewesen so zu qu�len. Er trat mit einem entschlossenen Schritt hinter dem Felsen hervor und rechnete fest damit, sp�testens jetzt die Aufmerksamkeit der Reiter zu erregen, aber keiner von ihnen nahm auch nur Notiz von ihm. Die M�nner sprangen einer nach dem anderen aus den S�tteln und begannen die beiden Quorrl einzukreisen. Nicht einmal der Satai mit der Wolfsmaske bemerkte etwas von Skars Erscheinen, was Skar mit einem leisen Gef�hl der Verwirrung erf�llte. <emphasis>Er </emphasis>an seiner Stelle <emphasis>h�tte </emphasis>es gemerkt. Er h�tte es <emphasis>gesp�rt.</emphasis></p><p>Noch immer, ohne bemerkt zu werden, n�herte er sich dem Kreis aus mittlerweile fast zwei Dutzend Bewaffneten, der sich um die beiden Quorrl gebildet hatte. Er machte sich nicht die M�he irgendetwas zu sagen - dazu war er zu zornig -, sondern stie� den ersten Mann, der vor ihm stand, einfach zur Seite - gr�ber, als er selbst gewollt hatte, denn der Bursche stolperte zwei Schritte r�ckw�rts und st�rzte dann ungeschickt zu Boden. Zwei weitere M�nner fuhren w�tend herum und einer hob sogar seine Waffe. Dann aber teilte sich der Kreis vor ihm und an die Stelle von �rger und Zorn auf den Gesichtern der M�nner traten �berraschung und Schrecken, als sie erkannten, wen sie vor sich hatten. Offensichtlich verbreitete die Kleidung eines Satai noch immer einen gewissen Respekt.</p><p>Skar verschwendete nicht einmal einen Gedanken daran, sondern n�herte sich mit schnellen Schritten den beiden Quorrl. Auch der zweite Schuppenkrieger war mittlerweile zu Boden gest�rzt und blutete aus neuen, tiefen Wunden, von denen allerdings keine t�dlich war. Die Angreifer hatten ohnehin Wert darauf gelegt, das Wesen nur zu verwunden, um seine Qual m�glichst lange hinauszuz�gern.</p><p>Er wandte sich dem zweiten Quorrl zu und stellte mit einem Blick fest, dass dieser nicht mehr zu retten war. Aus dem Schnitt in seiner Kehle lief noch immer hellrotes Blut, an dem er qualvoll erstickte. Aber Skar wusste auch, wie unglaublich z�h diese Gesch�pfe waren. Sein Todeskampf konnte noch Stunden dauern. Skar zog sein Schwert, beugte sich vor und stie� dem sterbenden Quorrl die Klinge tief ins Herz. Es war ein Akt der Barmherzigkeit, das Einzige und Letzte, was er noch f�r dieses Gesch�pf tun konnte. Trotzdem kam er sich vor wie ein M�rder.</p><p>Er trat zur�ck, schob das <emphasis>Tschekal </emphasis>mit einer ruhigen Bewegung wieder in die H�lle an seinem G�rtel und drehte sich ohne Hast herum. Der Ausdruck auf den Gesichtern der M�nner war �berall der gleiche: Verwirrung, Schrecken, hier und da vielleicht sogar eine Spur von Furcht. Vielleicht war etwas auf <emphasis>seinem </emphasis>Gesicht, was ihnen Angst machte. Skar war sich dar�ber im Klaren, welches gewaltige Risiko er einging. Aus der N�he betrachtet, erwies sich seine erste Einsch�tzung als richtig: Sie waren nicht mehr als Bauern, schlecht bewaffnet und vermutlich noch schlechter ausgebildet, wenn �berhaupt, aber sie waren immerhin mehr als <emphasis>zwanzig. </emphasis>Selbst f�r ihn eindeutig zu viele. Wenn diese M�nner ihn angriffen, hatte er kaum eine Chance. Er konnte nur darauf bauen, dass ihnen klar sein musste, dass er im Falle eines Kampfes noch etliche von ihnen t�ten w�rde, bevor es ihnen gelang, ihn zu �berw�ltigen, und dass keiner von ihnen Lust hatte zu diesen <emphasis>Etlichen </emphasis>zu geh�ren.</p><p>�Was ... warum habt Ihr das getan, Herr?�, fragte einer der M�nner. Skar identifizierte ihn ohne M�he als Anf�hrer der Reiter: Er war gro�, ausgesprochen muskul�s und hatte ein brutales Gesicht, das allerdings von einem Paar erstaunlich intelligenter Augen beherrscht wurde. Die Art, auf die er das Wort <emphasis>Herr </emphasis>betont hatte, machte die Wahl des Begriffs zu purem Hohn.</p><p>Skar ignorierte sowohl die Frage als auch den Mann und wandte sich stattdessen direkt an den Satai mit der Wolfsmaske. Er war als Einziger nicht aus dem Sattel gestiegen, sondern beobachtete die Szene aus einiger Entfernung. Skar versuchte die Augen hinter den schmalen Schlitzen der goldenen Maske zu erkennen, aber sonderbarerweise gelang es ihm nicht. Hinter dem schimmernden Visier schien nichts als Dunkelheit zu herrschen.</p><p>�Was geht hier vor?�, fragte er. �Was haben euch diese Quorrl getan?�</p><p>Der Satai legte den Kopf auf die Seite und sah ihn weiter aus seinen unheimlichen, scheinbar pupillenlosen Augen an, und an seiner Stelle antwortete auch wieder der Reiter, der zuerst gesprochen hatte.</p><p>�Es sind nur Quorrl, Herr.�</p><p>�Und ihr wollt sie t�ten�, vermutete Skar. �Dann t�tet sie. Aber qu�lt sie nicht.�</p><p>Er konnte sehen, dass die M�nner nicht einmal verstanden, wovon er �berhaupt sprach. Und irgendetwas an der Haltung des Satai... �nderte sich. Skar konnte nicht sagen, was, aber er sp�rte, wie sehr seine Worte den Reiter mit dem goldenen Visier �berrascht hatten. Vielleicht hatte er einen Fehler gemacht. Skar mahnte sich in Gedanken selbst zur Vorsicht.</p><p>�Ich ... verstehe nicht.� Der Mann zwang sich zu einem unsicheren, nerv�sen L�cheln, senkte hastig sein Schwert und deutete dann mit der freien Hand auf den zweiten Quorrl. �Wenn ... wenn Ihr ihn t�ten wollt, Herr ...�</p><p>�Nein, das will ich nicht�, antwortete Skar. Ein weiterer Fehler. Er sp�rte es, noch bevor er die Worte ganz ausgesprochen hatte. Aber es war zu sp�t, um noch einen R�ckzieher zu machen, und so fuhr er fort: �Ich komme von weit her. In meiner Heimat t�tet man keine Quorrl, nur weil sie Quorrl sind.�</p><p>�Von weit her?� Die Stimme des Satai drang nur verzerrt hinter seinem Visier hervor, aber Skar entging der lauernde Ton darin trotzdem nicht. �Wie weit genau ist weit her? Wie ist dein Name?�</p><p>�Skar�, antwortete Skar. �Ich komme aus dem S�den. Ich war...�</p><p>Einer der M�nner neben ihm stie� einen �berraschten Laut aus. Skar bemerkte eine Bewegung aus den Augenwinkeln und fuhr herum, aber seine Reaktion kam zu sp�t. Sie alle waren f�r einen Moment abgelenkt und der Quorrl nutzte die verzweifelte Chance, die sich ihm bot. Mit einer Schnelligkeit, die selbst Skar �berraschte, sprang er in die H�he, stie� zwei, drei M�nner gleichzeitig zur Seite und riss einen vierten als lebenden Schutzschild an sich. Mit einem gewaltigen Br�llen durchbrach er den Kreis der Belagerer, schleuderte seine zappelnde Last von sich und raste im Zickzack davon.</p><p>Mindestens ein halbes Dutzend M�nner hoben ihre B�gen und Armbr�ste und legten auf den fl�chtenden Quorrl an, aber Skar kam ihnen zuvor: Er schlug einem der M�nner die Waffe aus der Hand, stie� einen zweiten zu Boden und rannte hinter dem fliehenden Quorrl her.</p><p>Der Fluchtversuch des Schuppenkriegers war ebenso verzweifelt wie aussichtslos. Er bewegte sich schnell, f�r einen Quorrl, aber er war verletzt, und selbst wenn er es nicht gewesen w�re, h�tte er keine Chance gehabt - es gab einfach nichts, wohin er fliehen konnte. Skar holte ihn ohne gro�e M�he ein, zog im Laufen das <emphasis>Tschekal </emphasis>aus dem G�rtel und schlug nach seinen Kniekehlen. Im letzten Moment drehte er die Klinge, sodass sie den Quorrl mit der stumpfen Seite traf. Der Hieb brachte den Quorrl aus dem Gleichgewicht und lie� ihn nach einem letzten, ungeschickten Stolperschritt zu Boden fallen, durchdrang die z�hen Hornschuppen allerdings nicht. Der Quorrl fiel, rollte wimmernd auf die Seite und riss die Arme vor das Gesicht, und Skar war mit einem Satz �ber ihm, schleuderte seine H�nde mit einem Fu�tritt zur Seite und senkte die Schwertspitze auf sein Herz.</p><p>�Das wird jetzt wehtun�, zischte er. �Aber wenn du leben willst, dann spiel jetzt den Toten.�</p><p>Er stie� zu. Die Schwertklinge glitt fast ohne sp�rbaren Widerstand durch die schuppige Haut des Quorrl, durchdrang seinen K�rper einen oder zwei Fingerbreit unterhalb des Herzens und trat zwischen seinen Schulterbl�ttern wieder hervor. Das Wesen br�llte vor Schmerz, b�umte sich auf und griff im verzweifelten Todeskampf nach Skars Schultern. Seine Krallen hinterlie�en tiefe, blutige Schrammen auf Skars Armen. Selbst jetzt noch h�tte er ihm ohne M�he jeden Knochen im Leib brechen k�nnen. Das Gesch�pf war doppelt so schwer wie ein Mensch und mindestens f�nfmal so stark. Skar ging ein entsetzliches Risiko ein, dem Quorrl eine Chance zu lassen, und er wusste nicht einmal, warum. Aber seine Rechnung ging auf. Statt ihn zu zermalmen, lockerte der Quorrl seinen Griff wieder. Seinen H�nde fielen kraftlos herab und die schrecklichen Krallen, h�rter als Stahl, gruben sich knirschend in den Boden. Ein fassungsloser, durch und durch <emphasis>ungl�ubiger </emphasis>Ausdruck erschien in seinen gelben Reptilienaugen.</p><p>�Skar�, keuchte er kaum h�rbar. �Du bist... Skar. Du bist zur�ck! Ich ... wusste es!�</p><p>�Spiel mit, verdammt noch mal!�, zischte Skar. �Oder ich muss dich wirklich t�ten!�</p><p>Er war nicht einmal sicher, ob der Quorrl seine Worte �berhaupt verstand. Sein Blick begann sich zu verschleiern. Seine Augen wurden dunkel vor Schmerz, aber unter der k�rperlichen Qual und dem Entsetzen war noch mehr, etwas Neues und Erschreckendes, das irgendetwas tief in Skar ber�hrte und erschauern lie�. Er begriff weniger denn je, was hier vorging, aber ihm war pl�tzlich klar, dass diese Welt anders war als die, an die er sich zu erinnern glaubte, so vollkommen und radikal anders, wie es nur ging.</p><p>Hinter ihm wurden Schritte laut, das Ger�usch von Metall und grobem Leder, die aneinander schlugen. Ihm blieb keine Zeit weiter mit dem sterbenden Quorrl zu reden. Skar zog das Schwert mit einem schnellen Ruck aus der Brust des Quorrl und drehte die Klinge im allerletzten Moment um eine Winzigkeit, sodass die Wunde heftiger zu bluten begann. Einen Menschen h�tte er damit auf der Stelle get�tet, aber er kannte die Anatomie der Quorrl gut genug, um zu wissen, dass das Gesch�pf selbst diese Verletzung �berleben konnte - mit ein wenig Gl�ck. Der Quorrl spielte auf jeden Fall mit: Er b�umte sich auf, stie� ein letztes, qualvolles R�cheln aus und sank dann zur�ck.</p><p>Skar drehte sich schnell herum und trat den M�nnern entgegen, die ihm gefolgt waren; vier oder f�nf, unter ihnen auch der Mann, den er als Anf�hrer der M�nner identifiziert hatte. Die anderen waren dort zur�ckgeblieben, wo sie die Quorrl niedergemacht hatten. Skar konnte nicht genau erkennen, was sie taten, aber er sah immerhin, dass einer von ihnen mit dem Satai sprach, wobei er heftig gestikulierte und in seine Richtung deutete. Etwas an der Art seiner Bewegungen gefiel ihm nicht. Schlie�lich machte der Satai eine entschiedene Geste und sch�ttelte den Kopf. Das Gespr�ch war beendet. Skar hatte die Worte nicht verstehen m�ssen, um zu wissen, dass es dabei um ihn gegangen war. Einer der M�nner, die ihm gefolgt waren, wollte an ihm vorbeitreten und sich dem verwundeten Quorrl n�hern, aber Skar hielt ihn mit einer befehlenden Geste zur�ck. �Was hast du vor?�, fragte er. �Willst du dich �berzeugen, dass er auch wirklich tot ist?�</p><p>�Nein, Herr�, antwortete der Mann verwirrt. �Ich will nur...�</p><p>�Oder m�chtest du ihn ein bisschen verst�mmeln und seinen Leichnam sch�nden?� Skar legte bewusst einen sachten, aber un�berh�rbaren Ton von Verachtung in seine Stimme. Er musterte den Mann kalt, schob das Schwert mit einem Ruck in den G�rtel zur�ck und flehte insgeheim, dass man ihm seine Nervosit�t nicht zu deutlich anmerkte. Er spielte mit dem Feuer, und das Schlimmste war, er spielte ein Spiel, dessen Regeln er nicht einmal kannte. Er hatte bereits mindestens einen schweren Fehler gemacht und vielleicht war das schon einer zu viel.</p><p>Ohne die M�nner auch nur eines weiteren Blickes zu w�rdigen, ging er zum Rand der Gruppe zur�ck. Er konnte zwar h�ren, dass ihm einige von ihnen folgten, aber nicht, wie viele. Falls seine Rechnung nicht aufging und sie sich davon �berzeugten, dass der Quorrl tot war, hatte er ein Problem. Schlimmstenfalls w�rde er sich darauf hinausreden m�ssen, einen Fehler begangen zu haben. Schlie�lich hatte er das Herz des Quorrl nur um einen knappen Zoll verfehlt. Er widerstand dem Impuls, einen Blick �ber die Schulter zur�ckzuwerfen, nur mit M�he.</p><p>Der Satai mit der Wolfsmaske blickte ihm ruhig entgegen. Skar war ihm jetzt n�her als gerade, aber es gelang ihm immer noch nicht, die Augen hinter den schmalen Sehschlitzen zu fixieren. Irgendetwas an ihnen war unheimlich.</p><p>�Das war beeindruckend�, begann er mit einer Geste auf den scheinbar toten Quorrl. �Du bist schnell. Aber auch ziemlich leichtsinnig. Du h�ttest dir leicht einen Pfeil einfangen k�nnen.�</p><p>�Ihr w�rdet einem Satai nicht in den R�cken schie�en, oder?� Was stimmte nicht mit diesem Satai? Es waren nicht nur seine sonderbaren Augen. Etwas an seiner ganzen Erscheinung war... falsch.</p><p>�Das kommt ganz auf den Satai an.� Der Wolfsgesichtige legte den Kopf auf die Seite. �Wie, sagtest du gleich, war dein Name? Skar?�</p><p>�So �hnlich�, antwortete Skar bed�chtig. �Nur etwas k�rzer: Ska.�</p><p>�Mein Name ist Marna�, sagte der Wolfsgesichtige. Einen Moment lang herrschte Stille, dann drang ein kehliges, metallen verzerrtes Lachen hinter dem Visier hervor. <emphasis>�Skarissa </emphasis>Marna, um genau zu sein. Ich nehme an, das sagt dir nichts ...�</p><p>�Sollte es?� Skar versuchte erneut die unwirkliche Dunkelheit hinter dem Wolfsvisier zu durchdringen, aber die gespannte Erwartungshaltung der anderen sagte ihm, dass ihn Name oder Titel beeindrucken sollten.</p><p>�Nicht unbedingt. Aber du scheinst wirklich von sehr weit her zu kommen. Hat man dort, wo du lebst, so gro�es Mitleid mit Quorrl, dass man sein eigenes Leben riskiert, um ihnen einen gn�digen Tod zu gew�hren?�</p><p>�Man hat Respekt vor dem Leben�, antwortete Skar. Er ignorierte die Frage, die sich in Marnas Worten verbarg. Er w�rde bestimmt kein Wort dar�ber verlieren, woher er kam. Er hatte schon viel zu viele Fehler gemacht. �Ich t�te einen Feind, wenn ich muss. Aber ich qu�le ihn nicht.�</p><p>�Und das sagt ein Satai? Ein Mann, der das T�ten gelernt hat wie kein anderer?� Marna sch�ttelte den Kopf, aber Skar schwieg. Er w�rde sich dieses Gespr�ch nicht aufzwingen lassen. Nicht bevor er wusste, was mit diesem sonderbaren Satai nicht stimmte.</p><p>Statt zu antworten, fragte er: �Was ist hier passiert?�</p><p>�Ich hatte gehofft, dass du uns diese Frage beantworten k�nntest, <emphasis>Ska�, </emphasis>sagte Marna. Die Art, auf die er seinen angeblichen Namen betonte, war der reine Hohn. Skar ignorierte es.</p><p>�Ich muss Euch entt�uschen�, sagte Skar. �Ich kam zuf�llig vorbei. Als ich die Quorrl aus dem Wald brechen sah, habe ich mich versteckt. Dann kamt Ihr und Eure Leute ... den Rest der Geschichte kennt Ihr.�</p><p>�Meine Leute?� Marna sch�ttelte den Kopf. �Roun und seine Miliz geh�ren nicht zu mir. Ich bin genau wie du <emphasis>zuf�llig </emphasis>vorbeigekommen. So sind wir Satai nun einmal. Aber das wei�t du ja sicherlich. Suchst du Arbeit, Ska?�</p><p>�Wenn sie gut bezahlt wird.�</p><p>�Wenn du Geld brauchst, dann gehst du am besten mit Roun und seinen M�nnern. Ich bin sicher, dass sie gut f�r ein Schwert bezahlen, das sie und ihre Familien vor den Quorrl besch�tzt. Falls du dem <emphasis>Ruf </emphasis>folgen willst, dann komm zu uns.�</p><p>Marnas Stimme klang ruhig, fast beil�ufig, aber vielleicht war es gerade das, was Skar alarmierte. Er sp�rte, dass von seiner Antwort viel abhing. Wenn nicht alles.</p><p>�Und wo finde ich Euch?�, fragte er.</p><p>�Roun wird dir den Weg zeigen�, antwortete Marna. �Er wird dir auch ein Pferd und warme Kleidung geben - nicht wahr, Roun?�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Roun - ganz wie Skar vermutet hatte, der Mann, der am Anfang das Wort ergriffen hatte. �Wir werden ihm das beste Pferd geben, das wir haben.�</p><p>�Wie sch�n�, antwortete Marna. Er klang gelangweilt. �Und jetzt sollten wir von hier verschwinden, bevor noch mehr von diesen Bestien auftauchen. Wenn ihr das Buch gefunden habt, dann gebt es <emphasis>Ska </emphasis>mit.�</p><p>Und damit riss er sein Pferd herum und sprengte ohne ein weiteres Wort davon.</p></section><section><title><p id="_01_04">1.4</p></title><p>Roun und seine M�nner stammten aus einem Dorf, das eine halbe Stunde scharfen Trab �stlich des Sturzes lag. Er und zwei seiner Begleiter waren zusammen mit Skar in die S�ttel gestiegen und losgeritten, aber der gr��te Teil des Trupps war am Wasserfall zur�ckgeblieben - vermutlich, um nach dem <emphasis>Buch </emphasis>zu suchen, von dem Marna gesprochen hatte. Skar hatte sich geh�tet danach zu fragen.</p><p>Er hatte �berhaupt w�hrend des gesamten Rittes zur�ck ins Dorf sehr wenig gesprochen, daf�r jedoch umso genauer zugeh�rt und sich umgesehen. Die Landschaft hier war karg, hatte aber ihren eignen, schroffen Reiz und die zuerst sp�rliche und dann immer �ppiger werdende Vegetation sah kr�ftig und gesund aus, so als w�re die Versorgung mit Wasser hier �berhaupt kein Problem. Skar war sich nicht ganz sicher, ob er schon jemals hier gewesen war. Doch wenn, dann hatte sich die Gegend dramatisch ver�ndert: Kleine Seen hatten sich in Senken gebildet, die merkw�rdig frisch aussahen, und als sie einen schmalen Pfad zwischen ein paar zwergenhaften Kalypso-B�umen hinabritten, erkannte er nicht weit entfernt zu seiner Rechten einen gigantischen Einbruch in der Landschaft, der aussah, als h�tte ein unglaublich gro�er Riese zu fest aufgetreten.</p><p>Als sie aus dem Wald herauskamen und die Hand voll H�tten und einfacher Geb�ude vor ihnen lag, wusste er bereits, dass Rouns Miliz tats�chlich die gesamte m�nnliche Bev�lkerung des Dorfes darstellte und dass sie in gr��erer Sorge gewesen waren, als sie zugeben mochten. Sie waren Marnas ausdr�cklichem Befehl gefolgt, aber nun waren sie erleichtert ihr Dorf unversehrt und ihre Familien lebendig wieder zu sehen. Offensichtlich war das in dieser Gegend nicht unbedingt selbstverst�ndlich.</p><p>Ihre Ann�herung blieb nicht unbemerkt. Schon w�hrend sie den flachen Hang hinabgaloppierten, der den Waldrand von den ersten H�usern trennte, kamen ihnen einige Kinder entgegengelaufen, zu denen sich bald darauf auch noch etliche Erwachsene gesellten - Frauen, Alte, auch zwei oder drei M�nner, die aber ausnahmslos verletzt oder krank zu sein schienen. Roun schien tats�chlich alle waffenf�higen M�nner mitgenommen zu haben; eine ziemlich leichtsinnige Vorgehensweise, wie Skar fand.</p><p>W�hrend Roun und seine beiden M�nner absa�en und sein Pferd weiter am Z�gel ins Dorf hineinf�hrten - als Skar ebenfalls hatte absitzen wollen, hatte Roun so erschrocken den Kopf gesch�ttelt und dazu ein fast entsetztes Gesicht gemacht, dass er die Bewegung instinktiv nicht zu Ende gef�hrt hatte -, musterte er den Ausdruck auf den Gesichtern der Dorfbewohner. Er entsprach im Gro�en und Ganzen dem, den er erwartet hatte: Neugier, Scheu, Bewunderung - vor allem bei den Kindern -, hier und da eine Spur von Abneigung und Neid, aber auch Furcht. Skar war all dies gewohnt, aber weder in dieser Auspr�gung noch in dieser <emphasis>Verteilung </emphasis>der zum Teil widerspr�chlichen Gef�hle. Er war es gewohnt, dass die Menschen ihn f�rchteten; nicht einmal so sehr ihn, sondern das, was er war.</p><p>Roun geleitete ihn zu einem Geb�ude, das sich zusammen mit einem halben Dutzend anderer um einen halbkreisf�rmigen Platz im Zentrum des Dorfes gruppierte und vielleicht nicht das gr��te, aber eindeutig eines der besseren H�user hier war - trotzdem war es eine �rmliche H�tte. Das roh errichtete Fachwerk war mit Stroh und Lehm verf�llt und das Dach mit Schindeln gedeckt, die mit sehr viel mehr gutem Willen als K�nnen aus der Rinde eines Baumes herausgeschnitten worden waren. Als Skar absa� und das Haus betrat, kamen ihm eine junge Frau und zwei Kinder von kaum zehn Jahren entgegen.</p><p>�Deine Familie?�, fragte er.</p><p>Roun wartete, bis die Frau und die beiden Jungen au�er H�rweite waren, ehe er nickte und seine einladende Geste wiederholte. �Meine Frau und meine beiden S�hne, ja. Aber sie werden Euch nicht zur Last fallen. Das Haus geh�rt Euch, solange Ihr unser Gast seid.�</p><p>�Und wenn ich mich entschlie�e zu bleiben?�</p><p>Roun ging mit schnellen Schritten an ihm vorbei und �ffnete die L�den vor den Fenstern, ehe er antwortete. �Dann w�rde es Euch geh�ren, wenn Ihr es w�nscht, Hoher Herr. Doch es gibt bessere H�user hier. Wir k�nnten eine angemessene Unterkunft f�r Euch errichten.� Er drehte sich herum, lehnte sich gegen die Wand neben eines der beiden Fenster und verschr�nkte die Arme vor der Brust. �Aber Ihr werdet nicht hier bleiben, nicht wahr?�</p><p>Skar schloss die T�r und sah sich um - obwohl es wahrlich nicht viel zu sehen gab. Das Innere des Hauses entsprach vollkommen seinem �u�eren Erscheinungsbild: Es war �rmlich. Der Boden bestand aus festgestampftem Lehm, in dem sich hier und da tiefe, zum Teil noch frische Kratzspuren zeigten; vermutlich von den Kindern im Spiel hinterlassen. Die M�bel mussten von dem gleichen wenig talentierten Handwerker angefertigt worden sein wie das Dach, und auch sie waren sehr armselig. Es gab einen Tisch, vier St�hle, eine offene Feuerstelle und ein Regal, das war alles. In der gegen�berliegenden Wand war eine niedrige, �u�erst massive T�r, die ein wenig schief in den Angeln hing.</p><p>�Bitte urteilt nicht vorschnell, Hoher Herr�, sagte Roun. Skars Blick war ihm nicht entgangen und ganz offensichtlich war ihm der Eindruck peinlich, den seine Behausung hinterlassen musste. �Wir sind noch nicht lange hier.�</p><p>�Und ihr habt auch nicht vor lange zu bleiben�, vermutete Skar. Er wusste, wie hart und vor allem lang die Winter in diesem Teil des Landes waren. Dieses Haus machte nicht den Eindruck, als ob es einen solchen Winter �berstehen konnte. So wenig �brigens wie der Rest des Ortes. Er hob die Hand, als Roun antworten wollte, und f�gte in ver�ndertem Tonfall hinzu: �Ich habe mich noch nicht entschieden, was ich tue. Im Moment bin ich einfach nur m�de - und ein wenig hungrig. K�nntest du mir etwas zu essen besorgen?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Hoher Herr.�</p><p>�Und h�r auf, mich st�ndig <emphasis>Hoher Herr </emphasis>zu nennen�, f�gte Skar hinzu. �Ich habe einen Namen.�</p><p>Roun senkte den Blick und begann wie ein gescholtenes Kind mit den F��en zu scharren. �Nat�rlich, Hoher ... <emphasis>Ska. </emphasis>Verzeiht. Es ist nur... hier nicht �blich, einen Satai mit Namen anzusprechen.�</p><p>�Da, wo ich herkomme, schon�, murmelte Skar. Er machte zwei Schritte auf den Tisch zu, blieb dann wieder stehen und ma� die Schemel davor mit einem so eindeutigen Blick, dass Roun hastig auf die T�r deutete und sagte: �Die Betten sind nebenan. Sie sind nicht luxuri�s, aber bequemer als der Boden.�</p><p>Wenn Roun sie wie den Rest der M�blierung selbst gebaut hatte, dann bezweifelte Skar das. Er ersparte sich jedoch eine entsprechende Bemerkung, sondern lie� sich mit einem demonstrativ m�den Seufzen am Tisch nieder und sah an seinem Gastgeber vorbei aus dem Fenster. Roun verstand und beeilte sich das Haus zu verlassen und die T�r hinter sich zuzuziehen. Trotzdem konnte Skar erkennen, dass sich in den wenigen Augenblicken seit ihrer Ankunft ein regelrechter Aufruhr vor dem Haus gebildet hatte. Der Anblick eines Satai geh�rte hier offensichtlich nicht zum Tagesgeschehen.</p><p>Skar war froh einen Moment allein zu sein. Er hatte nicht einmal gelogen, als er behauptet hatte zu m�de und zu hungrig zu sein, um eine Entscheidung zu treffen. Er hatte Antworten haben wollen, aber gefunden hatte er nur neue Fragen.</p><p>Was ihn am meisten verwirrte, war seine eigene Reaktion. Er hatte nicht reagiert, wie er erwartet hatte. Er hatte �berhaupt nicht so gehandelt, wie er <emphasis>es von sich gewohnt </emphasis>war. Statt das Einzige zu tun, was �berhaupt Sinn ergeben h�tte - n�mlich abzuwarten und zu beobachten, um so viele Informationen wie nur m�glich zu sammeln -, hatte er sich in etwas eingemischt, von dem er weder wusste, worum es ging, noch, welche Rolle die daran Beteiligten spielten. Er hatte sein Leben riskiert, um einen <emphasis>Quorrl </emphasis>zu retten! Und er hatte nicht einmal dar�ber nachgedacht, sondern es einfach <emphasis>getan.</emphasis></p><p>Verr�ckt.</p><p>Die T�r ging auf, aber es war nicht Roun, der zur�ckkam, um das verlangte Essen zu bringen. Stattdessen erkannte Skar nur eine schmale, sehr kleine Silhouette im grellen Gegenlicht, die zu einem vielleicht vierzehn-, oder f�nfzehnj�hrigen M�dchen wurde, als sie das Haus betrat. Es hatte langes, glattes Haar und ein schmales Gesicht, das noch ein paar Jahre davon entfernt war, bald aber zu dem einer sehr sch�nen Frau werden w�rde. Selbst ein Blinder h�tte erkannt, dass es Rouns Tochter war.</p><p>�Hallo�, sagte Skar.</p><p>Das M�dchen antwortete nicht, sondern sah ihn nur aus Augen an, die die Furcht dunkler erscheinen lie�, als sie waren. Noch gr��er allerdings war die Neugier, die darin glitzerte.</p><p>�Komm ruhig rein�, sagte Skar. �Ich fresse keine kleinen M�dchen. Jedenfalls heute nicht. Wie ist dein Name?�</p><p>�Esanna�, antwortete das M�dchen. �Ich bin ... Roun ist mein Vater.�</p><p>�Ich wei�.� Skar machte eine Geste zu Esanna, die T�r zu schlie�en und sich zu ihm an den Tisch zu setzen. W�hrend sie gehorchte, warf er einen Blick an ihr vorbei nach drau�en. Der Platz war wieder fast leer, obwohl erst einige Augenblicke vergangen waren. Vermutlich hatte Roun daf�r gesorgt, dass sich die Menge zerstreute. Aber Skar konnte die Spannung regelrecht f�hlen, die sich �ber dem kleinen Ort ausgebreitet hatte.</p><p>�Ich ... m�chte Euch nicht st�ren, Herr�, begann Esanna z�gernd. Ihre Stimme schwankte ganz leicht. Sie hatte Angst vor ihrem eigenen Mut und bedauerte vermutlich l�ngst �berhaupt hergekommen zu sein. �Ich wollte nur ...� Sie brach ab, streckte die Hand aus und zog den Arm wieder zur�ck, kurz bevor sie ihn ber�hrt h�tte.</p><p>�Darf... darf ich Euren Mantel ber�hren, Hoher Herr?�</p><p>�Wenn du aufh�rst mich Hoher Herr zu nennen, ja.� Skar l�chelte. �Mein Name ist Ska.�</p><p>�Skar?� Esannas Augen wurden gro�. �So wie der Heilige Skar?�</p><p>�An mir ist nur sehr wenig Heiliges, f�rchte ich�, seufzte Skar. �Mein Name ist <emphasis>Ska, </emphasis>nicht Skar. Mein Vater hat wohl nicht geahnt, was er mir antat, als er mir diesen Namen gab.�</p><p>�Es ist ein sehr ber�hmter Name�, antwortete Esanna. �Nicht dort, wo ich herkomme. Er hat mir bisher mehr �rger als Vorteile eingebracht.� <emphasis>Wen glaubte er mit dieser Geschichte zu �berzeugen? Sie klang ja sogar in seinen eigenen Ohren l�cherlich. </emphasis>Nicht einmal dieses Kind h�tte sie ihm geglaubt, w�re es nicht von seinem Erscheinen und seinem Schwert so beeindruckt gewesen, dass es praktisch keinen klaren Gedanken fassen konnte.</p><p>Esanna streckte abermals die Hand aus und sah ihn fragend an. Als Skar nickte, f�hrte sie ihre Bewegung zu Ende und strich scheu mit den Fingerspitzen �ber seinen Mantel. �Darf ich ... Euer Schwert ber�hren, Herr?�, fragte sie. �Gern�, antwortete Skar l�chelnd. �Verr�tst du mir auch, warum?�</p><p>�Es hei�t, es bringt Gl�ck, das Schwert eines Satai zu ber�hren�, sagte Esanna.</p><p>�Nicht jedem�, sagte Skar. �Glaub mir, Kind, nicht jedem.� Esannas Gesicht spiegelte einen Moment lang Verwirrung wieder, dann aber siegte ihre kindliche Neugier und sie zog die schmale Klinge aus schwarzem Sternenstahl aus ihrem Futteral an Skars G�rtel. Obwohl sie fast so gro� wie er und trotz ihres schlanken Wuchses eigentlich kr�ftig war, musste sie beide H�nde zu Hilfe nehmen und es fiel ihr sichtbar schwer, die Waffe nicht fallen zu lassen. Der Anblick am�sierte Skar, aber er f�hrte ihm auch vor Augen, wie gro� die Kluft zwischen ihnen war. Sternenstahl war nicht nur unzerst�rbar, sondern auch schwerer als jedes andere Metall, das Menschen jemals geschaffen hatten.</p><p>�Sei vorsichtig�, sagte Skar. �Es ist sehr scharf.�</p><p>�Und sehr schwer.� Esanna runzelte die Stirn. �Es ist kein Blut daran. Mein Vater hat erz�hlt, dass Ihr einen Quorrl damit erschlagen habt.�</p><p>�Nichts haftet an diesem Metall�, antwortete Skar. �Und es rostet auch nicht.�</p><p>�Das ist Sternenstahl, nicht wahr?� Esannas Stimme war der Stolz auf ihr eigenes Wissen deutlich anzuh�ren. �Manche sagen, dass die G�tter selbst es von den Sternen geschickt haben.�</p><p>�Ja, das sagt man.� Skar nahm dem M�dchen das <emphasis>Tschekal </emphasis>aus der Hand und schob es wieder in seine Scheide zur�ck. �Und andere wieder behaupten, dass unsere Vorfahren selbst es von den Sternen mitgebracht haben.�</p><p>�Unsere Vorfahren?� Esanna blinzelte. �Wie k�nnen sie zu den Sternen gereist sein? Es sind nur Lichter am Himmel. Und au�erdem wohnen die G�tter dort oben.�</p><p>�Vielleicht ist dieser Unterschied gar nicht so gro�, wie du meinst.� Skar stand auf und ging ein paar Schritte, um seinen Kreislauf in Schwung zu bringen. W�hrend er mit dem M�dchen sprach, hatte sich eine Schwere in seinen Gliedern ausgebreitet, die ihm missfiel. Er hatte einen anstrengenden Tag hinter sich und durfte m�de sein, aber nicht so m�de. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm.</p><p>�Dieses Schwert.� Esanna deutete auf den ziselierten Griff des <emphasis>Tschekal. </emphasis>�Werdet Ihr es benutzen?�</p><p>�Nur wenn ich muss.�</p><p>Esanna sch�ttelte den Kopf. �Das meine ich nicht. Um uns zu verteidigen.�</p><p>�Verteidigen?� Skar blieb stehen. �Gegen wen?�</p><p>�Gegen die Quorrl. Mein Vater hat gesagt, dass Ihr hier seid, um dem <emphasis>Ruf zu </emphasis>folgen. Aber er will Euch trotzdem bitten f�r eine Weile hier bei uns zu bleiben.�</p><p>�Dein Vater hat dir vor allem gesagt, dass du nicht hierher kommen und unseren hohen Gast bel�stigen sollst.� Roun schob die T�r mit dem Fu� hinter sich zu, bedachte seine Tochter mit einem strafenden Blick und trug das Tablett zum Tisch, das er mit hereingebracht hatte. Es enthielt eine Schale mit Fleisch, mehrere Scheiben d�nn geschnittenen schwarzen Brotes und einen Becher Wein. Ohne ihn probieren zu m�ssen, wusste Skar, dass er d�nn und viel zu s�� war.</p><p>�Bitte verzeiht meiner Tochter, Herr. Sie hat...�</p><p>�... mich bestens unterhalten�, sagte Skar, w�hrend er Esanna verschw�rerisch zublinzelte. �Ich sollte dir b�se sein, dass du sie mir vorenthalten hast, Roun. Sie ist ein sehr aufgewecktes Kind.�</p><p>Roun l�chelte nerv�s und deutete auf das Tablett. �Euer Essen, Herr.� Er schien geradezu krampfhaft darum bem�ht zu sein, das Thema zu wechseln. Der Grund daf�r war nicht besonders schwer zu erraten.</p><p>Skar nahm wieder Platz, schlug seinen Mantel zur�ck und begann ohne sonderlichen Appetit zu essen. Er war hungrig, aber er musste sich trotzdem beinahe zwingen jeden einzelnen Bissen herunterzuw�rgen. In seinem Mund war noch immer der gleiche schlechte Geschmack, mit dem er am Morgen aufgewacht war.</p><p>�Es schmeckt Euch nicht, Herr�, sagte Roun, nachdem er ihm eine Weile schweigend zugesehen hatte.</p><p>�Das Essen ist gut�, erwiderte Skar. �Es liegt nicht daran, sondern an mir.� Er schob das Tablett davon, obwohl er kaum die H�lfte des Fleisches und gerade eine Scheibe Brot verzehrt hatte; wenige Bissen, die seinen Hunger mehr geweckt als gestillt hatten. Trotzdem sp�rte er, dass er nichts mehr herunterbekommen w�rde. Er wiederholte noch einmal in Gedanken, was ihm schon l�ngst klar war: Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Andererseits: F�r einen Mann, der eigentlich tot sein sollte, befand er sich in einer erstaunlich guten Verfassung.</p><p>�Seid Ihr krank?�, erkundigte sich Roun besorgt.</p><p>�Wahrscheinlich nur m�de�, antwortete Skar. �Ich war lange unterwegs. Alles, was ich brauche, ist ein wenig Ruhe. Selbst ein Satai wird dann und wann einmal m�de.�</p><p>�Ihr k�nnt hier bleiben, so lange Ihr wollt�, sagte Roun. �Es ist uns eine Ehre, Euch Unterkunft zu gew�hren.�</p><p>�Und w�hrend ich mich ausruhe, k�nnt ihr weiter versu- eben mich zum Bleiben zu �berreden.� Skar l�chelte matt. �Erz�hl mir etwas �ber euch, Roun. Ihr seid noch nicht lange hier, nicht wahr?�</p><p>�Wir sind Digger�, antwortete Roun. �Man findet viel <emphasis>Kaol </emphasis>in der N�he des Sturzes.�</p><p>Skar hatte weder eine Ahnung, was ein Digger war, noch Kaol. Aber er h�tete sich eine entsprechende Frage zu stellen. Er benahm sich ohnehin schon auff�lliger, als gut war. Stattdessen sagte er: �Und eine Menge Quorrl.�</p><p>Roun fuhr ganz leicht zusammen und unterdr�ckte im letzten Moment ein nerv�ses L�cheln.</p><p>�Lassen wir es gut sein�, sagte Skar. �Ich bin m�de. Vielleicht setzen wir das Gespr�ch fort, wenn ich mich ausgeruht habe.�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Herr�, sagte Roun hastig. �Verzeiht. Ich wollte Euch nicht bedr�ngen.�</p><p>Skar verdrehte innerlich die Augen, aber er widersprach nicht mehr. Daf�r war er viel zu m�de. Er hatte mit einem Mal M�he Rouns Worten zu folgen, ja, selbst die Augen offen zu halten. Um nicht auf der Stelle einzuschlafen, stand er auf und machte ein paar Schritte durch den Raum, aber es half nicht viel. Seine Glieder f�hlten sich an wie mit Blei gef�llt.</p><p>�Ist... alles in Ordnung mit Euch, Herr?�, fragte Roun. Skar sah ihn nicht an, aber allein der Ton, in dem er die Frage stellte, machte deutlich, dass mit ihm <emphasis>nicht </emphasis>alles in Ordnung war.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf, doch schon diese kleine Bewegung war zu viel. Ihm wurde schwindelig. Er wankte, machte einen Schritt und streckte hastig die Hand aus, um sich an der Tischkante fest zu halten; h�tte er es nicht getan, w�re er vermutlich gest�rzt. Alles drehte sich um ihn.</p><p>�Herr?� Rouns Stimme klang jetzt nicht mehr besorgt. Sie h�rte sich <emphasis>panisch </emphasis>an.</p><p>�Es ist... wirklich alles in Ordnung�, murmelte Skar.</p><p>Jedenfalls vermutete er, dass er es tat; ganz sicher war er nicht. Das Zimmer drehte sich noch immer um ihn herum und, wie es ihm vorkam, sogar noch schneller. �Ich bin einfach nur ... m�de. Sehr m�de.�</p><p>So m�de, dass er nicht einmal mehr registrierte, wie Roun ihn am Arm ergriff und ins Nebenzimmer f�hrte.</p><p>Skar tr�umte wieder und diesmal war es ein gestaltloser, d�sterer Traum; keine Bilder aus seiner Vergangenheit, sondern ein dunkles Chaos, durch das er trieb und in dem er sich ebenso zu verlieren drohte, wie es ihn aufzusaugen schien; wenn dieser Traum eine Botschaft enthielt, dann blieb sie ihm verborgen.</p><p>Er erwachte in Schwei� gebadet, mit h�mmerndem Puls und dem schon gewohnten, �blen Geschmack auf der Zunge. Es war schlimmer geworden. Skar schluckte, um den Geschmack loszuwerden, erreichte damit aber nur das Gegenteil. Das widerliche Gef�hl �berstieg die Grenzen zu echter k�rperlicher �belkeit und f�r einen Moment musste er all seine Willenskraft aufbieten, um sich nicht zu �bergeben.</p><p>Erst danach �ffnete er die Augen.</p><p>Er befand sich in einem kleineren Raum mit niedriger Decke, der Roun und seiner Familie offenbar zugleich als Schlaf- und Vorratskammer diente: Es gab einfache Schlafpl�tze direkt auf dem nackten Boden sowie ein bis unter die Decke reichendes Regal, das einfach zusammengezimmert war - Skar nahm mit einem fl�chtigen L�cheln zur Kenntnis, dass man Rouns Handwerkskunst tats�chlich auf den ersten Blick erkannte - und bis zur Decke voll gestopft: S�cke, B�ndel, Kisten, Flaschen und T�pfe, B�ndel mit Kleidung und einfaches Werkzeug. Offenbar lagerte in diesem Regal die gesamte Habe Rouns und seiner Familie.</p><p>Skar richtete sich behutsam weiter auf. Roun hatte gesagt, dass sie erst seit einigen Monaten hier waren, was den unfertigen Zustand seines Hauses erkl�rte. Anscheinend hatten sie allerdings auch nicht vor, allzu lange hier zu bleiben.</p><p>Er streifte die Decke ab, stellte ohne gro�e �berraschung fest, dass man ihn ausgezogen hatte, und sah sich nach seinen Kleidern um. Sie lagen, ordentlich zusammengelegt, auf der anderen Seite des �Bettes� auf dem Boden. Als Skar sich vorbeugte und die Hand danach ausstreckte, fiel ihm eine Anzahl blutunterlaufener dunkler Stellen auf seinem Unterarm auf, die gestern noch nicht da gewesen waren. �berrascht zog er den Arm zur�ck, ballte die Hand zur Faust und bewegte pr�fend den Arm und das Handgelenk. Seine Bewegungsfreiheit war nicht eingeschr�nkt und die dunklen Flecken auf seiner Haut schmerzten auch nicht, f�hlten sich aber sonderbar taub an, als er mit der Hand dar�ber tastete.</p><p>Skar stand vollends auf, trat ans Fenster und unterzog seinen K�rper einer genauen Inspektion. Er entdeckte weitere Flecken auf seinen Armen und Beinen und einige wenige auch auf seiner Brust. M�glicherweise war er krank. Das w�rde auch seine ungewohnte M�digkeit und den permanent schlechten Geschmack in seinem Mund erkl�ren. Skar war besorgt; mehr vielleicht, als er sich selbst gegen�ber zugeben wollte. Andererseits konnte er momentan an seinem Zustand ohnehin nichts �ndern; und <emphasis>wenn </emphasis>es eine Krankheit war, dann schien sie zumindest im Moment nicht lebensbedrohlich zu sein. Er w�rde mit Roun dar�ber reden. Sobald er ihm ungef�hr f�nftausend andere Fragen gestellt hatte.</p><p>Er hob seine Kleider auf, zog sich in aller Hast an und machte dabei eine weitere verwirrende Entdeckung: Der Boden bestand hier genau wie in dem Raum, in dem er gestern gewesen war, aus festgestampftem blo�em Erdreich, war aber an zahlreichen Stellen aufgebrochen und zerw�hlt; als h�tte jemand noch vor kurzem darin gegraben. Roun hatte ihm zwar erz�hlt, dass er und seine Leute Digger waren, aber Skar konnte sich kaum vorstellen, dass er in seinem eigenen Schlafzimmer grub. Geschweige denn, wonach.</p><p>Er lie� sich in die Hocke sinken, nahm ein wenig Erde auf und zerrieb sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie f�hlte sich normal an, verstr�mte jedoch einen einzigartigen, strengen Geruch, der so etwas wie das Echo einer Erinnerung in ihm wachrief. Er kannte diesen Geruch, konnte sich aber im Moment nicht erinnern, woher.</p><p>Als er sich wieder aufrichtete, ging die T�r auf und Roun kam herein. Er trug noch dieselben Kleider wie gestern und der M�digkeit auf seinem Gesicht nach zu schlie�en, hatte er sie wohl aus dem einfachen Grund nicht gewechselt, weil er in der vergangenen Nacht nicht geschlafen hatte.</p><p>�Guten Morgen, Herr ... <emphasis>Ska�, </emphasis>begann er. �Bitte verzeiht, aber ich habe Ger�usche geh�rt und ... und wollte nachsehen, ob Ihr schon auf seid.�</p><p>�Wie du siehst.� Skar schloss die silberne Spange, die seinen Mantel �ber den Schultern hielt, und l�chelte Roun zu. Er fragte sich, ob der Ausdruck in Rouns Augen nur M�digkeit war oder vielleicht auch Sorge. Und wenn ja, weshalb. �Wie ... f�hlt Ihr Euch heute, Ska?� Roun war besorgt und er hatte sich nicht ann�hernd gut genug in der Gewalt, um sich diese Sorge nicht anmerken zu lassen. Sein Blick wich dem Skars aus, tastete nerv�s durch den Raum und blieb einen Moment lang an einer Stelle unmittelbar neben ihm haften. Skar folgte ihm und stellte fest, dass Roun den zerw�hlten Fleck im Boden anstarrte. Er wirkte irritiert. So als s�he er ihn zum ersten Mal.</p><p>�Ich bin nicht ganz sicher�, antwortete Skar. �Der Schlaf hat mir gut getan, aber ...�</p><p>Er zuckte mit den Schultern, �berlegte einen kurzen Moment und kam dann zu dem Schluss, Roun vorerst nichts von den sonderbaren Flecken auf seiner Haut zu erz�hlen. Er hatte das sichere Gef�hl, dass sein Gastgeber im Augenblick ganz andere Sorgen hatte.</p><p>�Dann ... k�nnen wir miteinander reden?� Roun riss seinen Blick fast gewaltsam von der Stelle neben Skars F��en los und sah ihm mit einiger M�he direkt in die Augen.</p><p>�Genau darum wollte ich dich auch gerade bitten.� Was <emphasis>ging hier vor? Roun hatte Angst. Aber wovor?</emphasis></p><p>Sie verlie�en den Raum. Das Haus war leer, aber Roun - vermutlich wohl eher seine Frau - hatte ein Fr�hst�ck vorbereitet und allein der Anblick lie� Skar sp�ren, wie hungrig er war. Ohne ein weiteres Wort lie� er sich am Tisch nieder und begann mit einem Appetit zu essen, der nicht nur ihn selbst �berraschte, sondern auch Roun zu einem fragenden Stirnrunzeln veranlasste. Er stellte jedoch keine entsprechende Frage, sondern geduldete sich, bis Skar seine Mahlzeit beendet hatte.</p><p>�Wie ich sehe, hat es Euch geschmeckt.�</p><p>�Hervorragend�, sagte Skar, was der Wahrheit entsprach. �Mein Kompliment an deine Frau. Sie ist eine hervorragende K�chin ... ich muss doch kein schlechtes Gewissen haben?�</p><p>�Wir haben gen�gend zu Essen�, antwortete Roun. �Und die Gastfreundschaft ist unser oberstes Gebot.�</p><p>�F�r das ihr aber die eine oder andere Gegenleistung erwartet�, vermutete Skar. Er l�chelte, um seinen Worten ein wenig von ihrer Sch�rfe zu nehmen, hielt Roun dabei aber scharf im Auge.</p><p>�Gastfreundschaft existiert um ihrer selbst willen�, erwiderte Roun in einem Ton schlecht gespielter Emp�rung. Skar seufzte. �Lass uns nicht l�nger um den hei�en Brei reden�, sagte er. �Was genau wollt ihr von mir?�</p><p>�Ihr seid ein Satai, Herr�, antwortete Roun, fast als w�re dies Erkl�rung genug. Vielleicht war es das, in seinen Augen.</p><p>�Ich wei߫, sagte Skar. �Man kann es auch anders ausdr�cken: Ich bin ein Krieger. Habt ihr vor einen Krieg zu f�hren?�</p><p>Er sah an Rouns Reaktion, dass er den falschen Ton gew�hlt hatte. Die Rolle des Satai schien sich nachhaltig ver�ndert zu haben. In der Welt, die er kannte, waren sie ein Symbol f�r Gerechtigkeit und Ordnung. Man hatte ihnen Respekt gezollt. Doch mittlerweile schienen sie eher Angst und Schrecken zu verbreiten.</p><p>�Wir brauchen jemanden, der uns besch�tzt, Herr�, antwortete Roun. Etwas leiser, aber in eindeutig hastigem Tonfall, f�gte er hinzu: �Wir k�nnen bezahlen. Gut bezahlen.�</p><p>�Ich brauche kein Geld�, sagte Skar.</p><p>Roun machte ein eindeutig entt�uschtes Gesicht. �Ihr werdet dem Ruf folgen, um mit Marna und seiner Streitmacht in die Schlacht gegen die Quorrl zu ziehen.�</p><p>�Das habe ich noch nicht entschieden�, antwortete Skar. Was zum Teufel hatte dieser Marna vor? Einen Vernichtungsfeldzug gegen die Quorrl? �Erz�hl mir etwas �ber euch. Ihr braucht Schutz. Vor wem?�</p><p>Schon wieder die falsche Frage. Diesmal wirkte Rouns Blick nicht verwirrt. Er sah eindeutig erschrocken aus. �Vor ... den Quorrl, Herr�, sagte er nach einer Weile. Er sah Skar an, als zweifele er an seinem Verstand und vermutlich tat er es auch. Zumindest begann er sich zu fragen, was f�r einen sonderbaren Satai er da eigentlich in seinem Haus beherbergte.</p><p>�Nat�rlich�, sagte Skar. �Die Quorrl sind �berall ein Problem. Ich dachte nur, dass es hier nicht so schlimm w�re. Immerhin bin ich nicht der einzige Satai in diesem Teil des Landes.�</p><p>F�r einen Moment �nderte sich der Ausdruck auf Rouns Gesicht auf eine Weise, die Skar nicht zu deuten vermochte. Dann l�chelte er traurig. �Marna�, sagte er. �Ihr kommt wirklich von sehr weit her, scheint mir. Ich verstehe.�</p><p>�Wie sch�n�, sagte Skar. �Aber ich nicht.� Er machte eine entsprechende Geste, als Roun antworten wollte. �Wie du selbst schon gesagt hast: Ich komme von weit her und wei� wenig �ber das, was in diesem Teil der Welt vorgeht.�</p><p>�Das ... das mag sein�, sagte Roun hastig, f�r Skars Geschmack sogar ein bisschen zu hastig. �Es ist nur so ... uns bleibt nicht mehr allzu viel Zeit. Die Quorrl... sie rotten sich zusammen.�</p><p>�Was hei�t das: Sie rotten sich zusammen?�, fragte Skar alarmiert. Er dachte an den halb toten - oder besser gesagt: fast toten - Quorrl, den er dort drau�en irgendwo in der steinigen W�ste hatte liegen lassen. Es war merkw�rdig, dass ihm dieser Gedanke fast entglitten war. Vielleicht hatte das etwas mit seiner <emphasis>Krankheit </emphasis>zu tun, mit dieser Ver�nderung, die sich �ber seinen ganzen K�rper ausgebreitet hatte wie die ersten Anzeichen eines nahenden Zusammenbruchs, den Vorboten von Vernichtung und Tod. �Hast du Angst, dass sich die Quorrl daf�r r�chen wollen, weil ihr ihre Freunde niedergemacht habt?�</p><p>�Nein�, sagte Roun, wobei ihm anzusehen war, dass ihm das Wort Freunde in Zusammenhang mit Quorrl mehr als nur befremdete. �Wie sollen sie sich r�chen wollen, wenn sie nicht wissen, wer ihre Artgenossen zur Strecke gebracht hat?�</p><p>Skar nickte m�hsam. Den Quorrl am Leben gelassen zu haben, konnte sich als kapitaler Fehler erweisen, aber es war nichts, was sich jetzt noch �ndern lie� und auch nichts, was er h�tte �ndern <emphasis>wollen, </emphasis>selbst wenn er es gekonnt h�tte. �Wie weit ist die n�chste Quorrl-Siedlung entfernt?�</p><p>�Ich wei� nicht genau, wo diese Tiere hausen�, sagte Roun achselzuckend. �Ich wei� nur, dass wir sie nicht gew�hren lassen k�nnen. Das Ungeziefer muss ausgerottet werden, bevor es uns zur Gefahr wird.�</p><p>�Ungeziefer!� Skar spuckte das Wort geradezu aus. �Das ist eine etwas ungew�hnliche Bezeichnung f�r eine machtvolle Kriegerkaste.�</p><p>Roun sah ihn an, als h�tte er einen Idioten vor sich. �Es sind Tiere�, sagte er dann stockend. �Aber ich denke ... wir sollten das Gespr�ch zu einem anderen Zeitpunkt fortsetzen. Ich muss mich um die Vorbereitung der n�chsten <emphasis>Erweckung </emphasis>k�mmern.�</p><p>Skar versp�rte einen raschen Anflug von �rger in sich, hinderte Roun aber nicht daran, aus der H�tte zu st�rmen, als w�re ihm eine ganze Hundertschaft Quorrl auf den Fersen. Offensichtlich hatte er den Anf�hrer der Digger vollkommen aus dem Konzept gebracht. Das war kein Wunder. Roun glaubte miterlebt zu haben, mit welcher grausamen Eleganz der fremde Krieger zwei Quorrl get�tet hatte - dass es ihm um Menschenw�rde und das Leben eben eines dieser Quorrl gegangen war, konnte er ja nicht wissen - und musste nun miterleben, dass sich der Satai in seinen Augen vollkommen widernat�rlich f�r die geschuppten Giganten einsetzte.</p><p>Aber das war jetzt nicht weiter wichtig. Es wurde Zeit, dass er wieder die Initiative ergriff. Er hatte gehofft, dass er von den Diggern mehr �ber sich erfahren k�nnte, nur um begreifen zu m�ssen, dass ihn nichts aber auch gar nichts mit diesen Leuten hier verband. Doch so, wie er jeden Gedanken an seinen eigenen schrecklichen Tod durch die Hand seines ehemals besten Freunds verdr�ngt hatte, hatte er versucht den wahren Grund seines Hierseins zu leugnen, und f�r eine Weile war ihm dies sogar gelungen; erstaunlich gut sogar. Zu behaupten, dass etwas mit ihm nicht stimmte, w�re eine ma�lose Untertreibung gewesen. Er war ein lebender Toter, gelenkt von jemandem - <emphasis>etwas </emphasis>- das ihn vielleicht sogar dazu getrieben hatte, den Quorrl zu retten wider jede Vernunft und wider jede Vorsicht, die einem Krieger in einer vollkommen fremden Situation mehr als angeraten war. Wenn dieses <emphasis>Etwas </emphasis>glaubte ihn in der Hand zu haben, hatte es sich get�uscht. Vielleicht konnte es ihn m�helos t�ten, so wie er gedankenlos eine Fliege zerquetschen konnte. Vielleicht waren die dunklen Flecken auf seinen Armen und Beinen eine Warnung, die Schw�che, die ihn gestern fast niedergerungen hatte, nichts als Sendboten einer fremden Macht, gedacht ihn daran zu erinnern, dass ihn jederzeit der Strudel der Vernichtung mit hinabziehen konnte. Aber die Drohung zog nicht. Der Tod hatte schon Jahre vor seinem Ableben den Schrecken f�r ihn verloren, ja, war ihm sogar als milder Freund erschienen im Vergleich zu dem, was der b�se Bruder aus ihm gemacht hatte, der <emphasis>W�chter, </emphasis>der sich in ihm eingenistet hatte und den er nicht anders losgeworden war als durch seinen eigenen Tod, durch diese Verzweiflungsaktion Dels, der ihn in einem wahnsinnigen Kampf mit vorbestimmtem Ende geradezu zerfleischt hatte.</p><p>Nur, damit er jetzt wieder erweckt wurde, um einer unbekannten Macht zu dienen? Das war geradezu l�cherlich. Nein, seine St�rke war nicht die eines Satai, sie war die St�rke eines wieder erwachten Toten, der seine Vernichtung nicht f�rchtete, keinen Schmerz und kein Leid - denn all das waren ihm treue Weggef�hrten gewesen und w�rden es weiterhin sein, wenn es sein musste. Und wenn er jetzt innerlich verfaulte? Wenn diese dunklen Stellen so etwas wie Leichenflecken waren und er am lebendigen Leib verrottete?</p><p>Er wischte den Gedanken mit einer �rgerlichen Handbewegung beiseite, �ffnete die T�r und trat hinaus. Was er sah, gefiel ihm nicht: Dichte Nebelwolken hatten sich erstickend �ber die �rmlichen H�user gelegt. Wie eine herabst�rzende Wolke lag der Nebel auf dem Dorf, grau und wogend und von unheimlich flackerndem Leben erf�llt; selbst die H�user auf der anderen Seite des Dorfplatzes waren nur als blasse Schemen erkennbar. Ein Schwall warmer, nach Feuchtigkeit und brennendem Holzfeuer riechender Luft schlug ihm entgegen und schien ihn ersticken zu wollen, lie� jeden Atemzug zur Qual werden.</p><p>Aber das war nicht alles, was ihn beunruhigte. Mochte er auch Tod und Verletzung nicht f�rchten, so verf�gte er doch �ber die Reflexe und Instinkte des geborenen Kriegers, der keinen Vorteil aus der Hand gibt, wenn er nicht muss, und der eine Gefahr ersp�rt, bevor sie greifbar wird. Und <emphasis>hier </emphasis>war Gefahr, hier lauerte Tod und Verderben. Mit gespannten Sinnen trat Skar einen weiteren Schritt vor und lauschte in das graue, verschlingende Nichts hinein.</p><p>Kein Zweifel: Das leise, kaum wahrnehmbare Geklirr, das nerv�se Schnauben mehrerer Pferde, das fast unh�rbare Geraune und Getrappel - im Schutz des Nebels braute sich etwas unheilvoll zusammen. Skar begriff, wie blind und hilflos die Menschen hier waren. Kein Krieger w�rde sinnlose Diskussionen mit Fremden f�hren, wenn er �berm�chtige Feinde in der N�he wei� und sich selbst im Nebel gefangen sieht. Wenn er Roun und die Digger richtig einsch�tzte, w�rden sie es trotz der unheilvollen Witterung vers�umen doppelte Wachen aufzustellen und kein Mensch w�rde hier auf die Idee kommen alles f�r einen Abwehrkampf vorzubereiten, Gr�ben zu ziehen, Barrikaden aufzubauen und Fallen zu errichten.</p><p>Hinter ihm war etwas. Leise Schritte, die kaum den Boden zu ber�hren schienen. Skar wirbelte herum, die Hand auf den Griff seines <emphasis>Tschekals, </emphasis>bereit im gleichen Augenblick die f�rchterliche Waffe aus geschliffenem Sternenstahl zu ziehen.</p><p>�Habe ich dich erschreckt?�, fragte Esanna. Das M�dchen l�chelte leicht, als mache ihr die Vorstellung Spa� den m�chtigen Krieger bei einer Unvorsichtigkeit zu ertappen. �Wo ist dein Vater?�, fragte Skar barsch, und als Esanna nur verst�ndnislos den Kopf sch�ttelte, fuhr er fort: �Bring mich sofort zu ihm!�</p><p>�Warum?�, fragte Esanna. �Ist etwas passiert?�</p><p>�Das kann man wohl sagen.� Skars Stimme bekam einen unangenehm metallischen Klang. �Wenn mich nicht alles t�uscht, werden wir gleich Besuch bekommen. Ungebetenen Besuch.�</p><p>�Woher willst du das denn wissen?�</p><p>�H�rst du es nicht?�, fragte Skar leise. �Die vielen kleinen Ger�usche? Wenn es nicht eure Leute sind, die dort im Nebel unterwegs sind, dann, f�rchte ich, sind es Quorrl.� Esanna legte den Kopf schief und lauschte. �Da ist etwas�, sagte sie z�gernd und mit einem Mal wirkte sie sehr �ngstlich. �Es ... da ... ein Klirren ...�</p><p>�Und?� Skar packte sie grob bei der Schulter. �Sind es deine Leute - oder ist das jemand anders?�</p><p>�Du meinst�, stammelte Esanna, w�hrend sie sich unter Skars Griff wand, �die Quuorrl!�</p><p>Das letzte Wort hatte sie fast geschrien. Und trotzdem antwortete ihr auch jetzt noch nichts, nicht der fragende Ruf eines W�chters, nicht das Trampeln von F��en, das davon k�ndete, dass der geschriene Name des Todfeinds einen Alarm ausgel�st hatte, einfach nichts.</p><p>Skar lie� das M�dchen los. Er hatte zu fest zugedr�ckt und Esanna kr�mmte sich vor Schmerzen, w�hrend sie gleichzeitig versuchte vorw�rts zu taumeln. �Selbst wenn es stimmt...�, stammelte sie, �sie bereiten die Erweckung vor... wir d�rfen sie jetzt keinesfalls st�ren! Das heilige Kaol muss von der Gemeinschaft erweckt und bereitet werden - auf dass es uns n�hre und uns Kraft gibt unseren Feinden zu trotzen!�</p><p>Skar seufzte. �Zu irgendwelchen Spielchen fehlt uns die Zeit, Kind. Wenn wir sie nicht rechtzeitig warnen, ist das Dorf dem Untergang geweiht.�</p><p>Esanna starrte ihn einen Herzschlag lang blass und verst�rt an, dann nickte sie. �Hier entlang, Herr�, sagte sie und deutete nach vorne auf eine H�tte, die gr��er war als alle anderen, ein massiver Schemen im verschlingenden Nebel. �Aber du darfst auf keinen Fall das Wort ergreifen.�</p><p>Skar hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, aber das war im Moment auch nicht weiter wichtig. Er folgte dem M�dchen, das mit kleinen, trippelnden Schritten, aber erstaunlich schnell auf die Eingangst�r zulief und sie atemlos aufriss.</p><p>Der Anblick �bertraf alle seine Erwartungen. M�nner und Frauen standen vor roh gezimmerten Tischen, auf denen Schaufeln, Spaten, Hacken und anders Ausgrabungsger�t sorgf�ltig ausgebreitet waren, dazwischen S�ckchen und andere Beh�ltnisse mit irgendetwas, was er nicht erkennen konnte. In dem Raum herrschte ein unglaublicher Gestank; eine scheu�liche, atemberaubende Ausd�nstung von fast stofflicher Beschaffenheit, die sich ekelhaft klebrig �ber sein Gesicht und seine Atemwege zu legen schien. Es war gleichzeitig Tod und Verwesung, was er dort mit jedem Atemzug in sich aufnahm, wie auch etwas auf vollkommen falsche Weise Lebendiges und nur mit M�he sch�ttelte er die Vorstellung ab, dass etwas �ber die Atemwege von ihm Besitz zu erlangen versuchte.</p><p>Die Menschen in dem Raum wandten sich langsam und mit fast grotesk verz�gerten Bewegungen zu ihm um, so als m�ssten sie sich erst �berzeugen, dass ein Eindringling es wagte, sie in ihrer selbstvergessenen Prozedur der <emphasis>Erweckung </emphasis>zu st�ren. Skar erkannte einige der M�nner und Frauen unter ihnen wieder, die am Tag zuvor Jagd auf die Quorrl gemacht hatten und andere, die er beim Eintritt ins Dorf bemerkt hatte, aber es waren auch nicht wenige dabei, die er noch nie zu Gesicht bekommen hatte und die so sonderbar, ja teilweise abscheulich aussahen, dass es ihm erst einmal die Sprache verschlug.</p><p>Einer von ihnen war der Mann, der direkt an der T�r und mit dem R�cken zu ihm gestanden hatte, und sich nun vollends zu ihm umdrehte. Er war v�llig missgestaltet. Augen und Nase schienen ein gutes St�ck nach unten gerutscht zu sein und dabei an Gr��e zugenommen zu haben, doch wo die Stirn und das rechte Ohr sein sollten, wucherte ein Fladen aus grauem, n�ssendem Fleisch, dessen Ausl�ufer so weit bis zur Kopfmitte wucherten, dass sie von seiner einfachen Kopfbedeckung nur unvollkommen verdeckt wurden. Auch einige anderen Menschen wiesen Missbildungen auf, hatten Verwachsungen oder eine r�tlich entz�ndete Haut, verdrehte Gesichtsproportionen, geschwollene Gliedma�en oder ebenfalls Fladen n�ssenden Fleischs im Gesicht. �Was bringst du den Fremden hierher?�, fragte Roun, der wie selbstverst�ndlich in der Mitte des Raumes stand. �Er hat hier nichts verloren.�</p><p>�Aber ... die Quorrl�, sagte Esanna hilflos. �Er meint, sie k�nnten uns angreifen.�</p><p>�Na klar, Kindchen�, sagte eine dickliche Frau, w�hrend sie etwas Unf�rmiges unter dem Tisch verschwinden lie�, dessen Aussehen Skar nur entfernt erahnen konnte, �sie k�nnten uns jederzeit angreifen. Aber diese Tiere trauen sich nicht an uns heran. Sie haben Angst vor uns.�</p><p>Fast war Skar geneigt ihr zu glauben. Der Mann mit den verrutschten Augen und der nach unten wuchernden Nase trat einen weiteren Schritt auf ihn zu und er konnte seinen stinkenden Atem riechen. Er wusste nicht, wie ein Quorrl auf ihn reagieren w�rde, aber er selbst empfand mit Sicherheit eines: Ekel. Angewidert schob er den Mann ein St�ck von sich fort, wobei er, als er ihn an den Armen packte, ein merkw�rdig glibberiges Gef�hl hatte, so als w�re da gar nicht lebendiges Fleisch unter den �rmeln der armseligen Jacke, sondern irgendetwas anderes.</p><p>�Aber es ist Nebel�, sagte Esanna verzweifelt. �Begreift ihr denn gar nicht? Sie k�nnten sich unbemerkt an uns anschleichen. Der Posten auf dem Felsen w�rde sie nicht einmal sehen, wenn sie direkt vor ihm st�nden.�</p><p><emphasis>Wenn er �berhaupt noch lebt, </emphasis>dachte Skar. Er f�hlte eine merkw�rdige Art der Unruhe in sich. Es war fast etwas wie eine <emphasis>Vorfreude, </emphasis>wie die Genugtuung, dass nun endlich das Ungl�ck �ber diese Menschen und teilweise abscheulichen Kreaturen hereinbrechen w�rde, dass sie das bekommen w�rden, was ihnen zustand - ein Gef�hl, das so heftig war, dass es ihn erschreckte und gleichzeitig abstie�.</p><p>�Quorrl greifen an, wenn wir in kleinen Gruppen diggen�, sagte Roun m�rrisch. �Nur deswegen brauchen wir Schutz. Aber wie ich sehe, ist der Hohe Herr eher damit besch�ftigt, uns hinterherzuschn�ffeln.�</p><p>�Ich hoffe, ihr habt mehr als nur eine Wache aufgestellt�, Skars Lippen verzogen sich geringsch�tzig, �denn es k�nnte sein, dass euer Dorf gerade umzingelt wird. Ich w�rde es nicht darauf ankommen lassen, sondern sofort alle zusammentrommeln.�</p><p>�Und du meinst, du hast anschleichende Quorrl geh�rt, w�hrend wir alle nichts davon mitbekommen haben?�, fragte Roun sp�ttisch. �F�r wie dumm h�ltst du uns eigentlich, solche L�gengeschichten aufzutischen? Wenn du mich fragst�, er sah sich Beifall heischend in der Runde um, �willst du uns nur ausspionieren.�</p><p>Ein zustimmendes Gemurmel ging durch den Raum und die eine oder andere Hand wanderte in einer mehr oder weniger bewussten Geste an einen Messergurt, zu einem Holzkn�ppel oder was sich sonst noch als Waffe gebrauchen lie�. W�re die Situation nicht tats�chlich bedrohlich gewesen, h�tte Skar wahrscheinlich laut aufgelacht. Die M�nner und Frauen in diesem Raum hier taten das, was er schon dutzende Male erlebt hatten: Sie rotteten sich gegen einen Fremden zusammen, weil sie ihn f�r das �bel verantwortlich machten, f�r das sie doch nur selbst etwas konnten. Drau�en waren die Quorrl wahrscheinlich gerade dabei, die Bewohner am Rande des Dorfs auszul�schen, und diese Idioten hatten nichts Besseres zu tun, als sich mit einem Satai anzulegen, dessen Gebeine eigentlich schon seit vielen Jahren vermodern sollten.</p><p>�Du kannst denken, was du willst, Roun�, sagte Skar ruhig. �Ich habe deine Gastfreundschaft genossen und daf�r danke ich dir. Als dein Gast ist es meine Verpflichtung, dich vor drohendem Unheil zu bewahren - und das habe ich hiermit getan. Weitere Verpflichtungen habe ich nicht und darum werde ich jetzt gehen. Allerdings nicht, ohne dir einen letzten Rat zu geben: Nimm deine Leute hier und den Rest eurer Familien und versteckt euch in den W�ldern, bis der ganze Spuk vorbei ist.�</p><p>Roun lachte unsicher auf. �Du hast den Verstand verloren, <emphasis>Hoher Herr. </emphasis>Auf ein blo�es Wort von dir sollen wir unser Dorf r�umen? Selbst wenn die Quorrl k�men: Was sollten diese Bestien schon gegen uns ausrichten? Wir sind <emphasis>Menschen </emphasis>und ihnen schon alleine deswegen haushoch �berlegen.�</p><p>�Und deswegen lag dir so sehr an meiner Hilfe?�, fragte Skar. Er erschrak ein wenig, als er h�rte, wie fremd und hart seine Stimme klang, aber einmal begonnen, konnte er nicht mehr aufh�ren. �Mach dir nichts vor, Roun. Die Schuppenkrieger �berrennen euch schneller als ihr bis f�nf z�hlen k�nnt. Und ich f�rchte, sie haben schon damit begonnen.�</p><p>Roun schenkte ihm einen finsteren Blick. �Dann m�ssten wir sie ja eigentlich h�ren, deine Reptilienfreunde.�</p><p>�Wie dumm bist du eigentlich?�, schnaubte Skar. �Sie schleichen sich im Schutz des Nebels an euer Dorf an. Was w�rdest du denn machen, wenn du eine feindliche Siedlung �berfallen wolltest? Etwa laut schreiend um das Dorf herumh�pfen, bis jeder Depp merkt, was da vorgeht?�</p><p>�Du willst mich doch wohl nicht mit diesen Monstern vergleichen?� Rouns Hand legte sich auf seinen Schwertgriff, w�hrend sich der Kreis der Leiber immer enger um ihn schloss - und damit auch um Skar. �Ich habe langsam genug von deinem Gerede. Du schwafelst uns die Ohren voll, wie hochanst�ndig die Quorrl sind, wie wichtig es ist, diesen Tieren einen ehrenhaften Tod zu gew�hren - <emphasis>ehrenhafter </emphasis>Tod f�r diese Fischgesichter -, und jetzt platzt du mitten in unsere Vorbereitungen zur n�chsten <emphasis>Erweckung </emphasis>herein mit der Behauptung, sie w�ren gerade dabei, sich geschickt wie eine Gruppe Satai an uns anzuschleichen, um uns dann meuchlings zu ermorden!�</p><p>�Genauso ist es�, sagte Skar schroff. Es war offensichtlich ein Fehler gewesen, den halsstarrigen Digger warnen zu wollen, zumal er sich gar nicht sicher war, welche Seite hier im Recht war: Quorrl oder Digger. Das schlampig zusammengezimmerte Digger-Dorf machte jedenfalls nicht den Eindruck, als ob es schon jahrelang an diesem Ort stand. Es sah eher so aus, als ob es schnell und unter Zeitdruck errichtet worden war, nichts weiter als eine provisorische Unterkunft, damit die Digger ihrer Lieblingsbesch�ftigung nachgehen konnten: der Suche nach irgendetwas, das sie f�r so wichtig hielten, dass sie ihr ganzes Leben danach ausrichteten. Wenn sie dabei dem Quorrl-Gebiet zu nahe gekommen waren und dazu noch glaubten, auf die Schuppenkrieger Jagd machen zu m�ssen, war es eigentlich nur legitim, dass sich die Reptilienm�nner mit allem zur Wehr setzten, was sie hatten.</p><p>Und das war nicht gerade wenig.</p><p>Aber da war noch etwas anderes. Esanna, beispielsweise, ein junges M�dchen, hineingeboren in diese Welt, ohne die Chance zu entscheiden, ob es die f�r sie passende war. Das M�dchen stand dicht neben ihm und er konnte ihre Erregung sp�ren, das Unverst�ndnis, mit dem sie den Streit verfolgte, hatte sie doch genauso wie Skar die verr�terischen Ger�usche der Angreifer geh�rt und wusste, dass es jetzt auf jede Sekunde ankam, falls sich ein Trupp geschuppter Kolosse ans Dorf anschlich, um sie alle im Handstreich zu �berrennen. Sie stand stellvertretend f�r die anderen Kinder und die unschuldigen Frauen und M�nner, die in ihren H�tten von der gewaltt�tigen Flut geschuppter Leiber �berrascht werden w�rden, um allesamt niedergemetzelt zu werden. Skar wusste aus eigener bitterer Erfahrung nur zu gut, dass die Quorrl keine Gefangenen machten, ja, im Gegenteil, dass sie auch Kinder mit derselben Erbarmungslosigkeit t�teten, f�r die sie auf ganz Enwor bekannt waren. �Spar dir deinen Atem�, fuhr Skar dennoch fort, w�hrend er langsam das Gewicht nach hinten verlagerte. �Ich werde dich nicht l�nger bel�stigen.�</p><p>�Nicht so hastig, Hoher Herr�, sagte Roun. Die M�nner und Frauen um ihn herum wirkten mit einem Mal wacher und sprungbereiter als noch vor Sekunden. Es erschien Skar beinahe so, als ob dieses Kaol, das diese Menschen m�glicherweise wie eine Droge konsumierten, nicht nur ihre K�rper deformierte, sondern auch ihre Sinne und ihren Verstand durcheinander brachte. Statt gutm�tiger Dorfbewohner sah er sich launischen Bestien gegen�ber und er begriff, dass ein einziger Wink Rouns gen�gen w�rde, um sie zu einem Angriff zu bewegen.</p><p>Doch vielleicht hatte er diese Menschen auch grundlegend falsch eingesch�tzt, vielleicht hatte das Kaol sie bereits vor langer Zeit so tiefgreifend ver�ndert, dass sie sich ganz anders verhielten, als er es von Menschen ihres Schlags gemeinhin erwartete. Oben auf der Klippe, als sie die Quorrl verfolgten, hatte er sie f�r einfache Bauernt�lpel gehalten, denen es mit mehr Gl�ck als Verstand gelungen war, eine kleine Gruppe der Geschuppten vor sich herzujagen. Doch offensichtlich hatte er sein Urteil zu vorschnell gef�llt. Zwar waren die Digger keine ausgebildeten Krieger, aber sie waren erfahrene K�mpfer, die �ber das Wichtigste verf�gten, was einer Gruppe St�rke verlieh: Kampfbereitschaft und Zusammenhalt.</p><p>�Vater, bitte�, sagte Esanna. �Ich habe es auch geh�rt. Da drau�en ist etwas ... jemand.�</p><p>�Ja, mein Kind�, sagte Roun geistesabwesend. �Darum werden wir uns k�mmern, wenn wir mit dem da fertig sind.� Die Warnung in seiner Stimme war un�berh�rbar. Es wurde mit einem Mal sehr still in dem gro�en, dunklen Raum, so still, dass ihm selbst das Knacken und Knistern der roh gezimmerten H�tte unertr�glich laut erschien. Skars Hand kroch wie von selbst zum Griff seines <emphasis>Tschekals </emphasis>und umfasste das harte, kalte Metall, das Versprechen des schnellen Todes f�r alle, die den Fehler machen w�rden ihm in einem plumpen Angriff zu nah zu kommen. �Ich werde jetzt gehen�, sagte er betont langsam, �und ich w�rde euch raten, mich in Frieden ziehen zu lassen.�</p><p>�Du hast dein Gastrecht verwirkt�, sagte Roun eisig. Eine steile Falte erschien auf seiner Stirn, als m�sse er sich darauf konzentrieren, die richtigen Worte zu finden, die Entschuldigung daf�r, dass sie gleich �ber ihn herzufallen gedachten. �Du hast uns verraten an unsere Todfeinde. Und jetzt drohst du uns mit ihrem Angriff.�</p><p>Das war eine mehr als freie Interpretation der Ereignisse, aber das Schlimme daran war: Vollkommen Unrecht hatte Roun nicht. Wenn es wirklich eine Schar Quorrl-Krieger war, die sich da drau�en anschlich - und dessen war sich Skar so sicher, dass er seinen rechten Arm darauf verwettet h�tte -, dann konnte es durchaus sein, dass sie durch den von ihm verschonten Schuppenkrieger auf die Spur der Digger gekommen waren. Keine sehr angenehme Vorstellung, aber nichts, was Rouns Verhalten in irgendeiner Art rechtfertigte.</p><p>�Nichts liegt mir ferner als eine Drohung�, sagte Skar. Die explosive Stimmung in dem Raum behagte ihm immer weniger. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er die tausend kleinen Anzeichen eines bevorstehenden Angriffs, die Verlagerung der Haltung, den Griff zur Waffe, das Anspannen von Armen und Beinen, und er fragte sich besorgt, ob es ihm gelingen w�rde, den Raum ohne Blutvergie�en zu verlassen. Die T�r war kurz hinter ihm, das war sein Vorteil, aber zu seiner Linken und Rechten standen ein paar M�nner und Frauen, die w�hrend des Wortwechsels fast unmerklich n�her ger�ckt waren. Alles, was er tun musste, war nach hinten zu springen und gleichzeitig ein paar der traurigen Gestalten zur�ckzusto�en, damit er in der Verwirrung entkommen konnte.</p><p>Doch was w�rde dann aus Esanna und den anderen werden, die er hilflos dem Angriff der Quorrl �berlie�? Er f�hlte sich nicht als Besch�tzer der Armen und Schwachen, hatte in harten Jahren lernen m�ssen, dass es oft um mehr ging als um das Leben oder Wohlergehen weniger Menschen, dass es ganz andere Zusammenh�nge waren, die �ber Wohl oder Wehe eines Dorfes, einer Stadt, eines Landstrichs oder gar ganz Enwors entschieden. Und doch war es etwas anderes, wenn ein vor Lebendigkeit spr�hender junger Mensch neben ihm stand, ein M�dchen, das <emphasis>Angst </emphasis>hatte, das gerechtfertigterweise einen grauenvollen Tod f�rchtete durch eine Horde Ungeheuer, die es auf sie, das ganze Dorf und vielleicht sogar alle Digger abgesehen hatten; es war etwas anderes, weil er Esanna durch einen schmachvollen R�ckzug mehr gef�hrden w�rde, als wenn er den Kampf mit ihrem Vater auf sich nahm, um diesen alten Narren davon zu �berzeugen, dass nur rasche Flucht ihn und die anderen noch zu retten vermochte.</p><p>Dieser Mischmasch von Gedanken und Gef�hlen lie� ihn z�gern, schw�chte seine Aufmerksamkeit f�r den Bruchteil einer Sekunde. Es war Pech, dass Roun gerade in diesem Moment das Zeichen zum Angriff gab und dass Skar das Zeichen nicht gleich als solches erkannte: ein kurzes Hochziehen der Augenbrauen. Die drei, vier Digger, die direkt neben ihm waren, sprangen ansatzlos nach vorne. Ein fl�chtiges Aufblitzen, der Lichtreflex an einer Messerklinge und Skar wusste, wo er zuerst zupacken musste: Er packte das Handgelenk des Angreifers, drehte es mit einem brutalen Ruck herum. Das Messer sauste pfeilgleich durch den Raum und bohrte sich irgendwo weiter hinten in ein Holzbrett. Die kurze Aktion hatte einem anderen die Gelegenheit gegeben in Skars R�cken zu gelangen. Zwei kr�ftige Arme umklammerten seinen Brustkorb und versuchten ihn zusammenzudr�cken. Skar sprengte seinen Griff mit einer kurzen, �rgerlichen Handbewegung und schlug ihm den Handr�cken ins Gesicht. Der Mann taumelte r�ckw�rts, wild mit den Armen um sich schlagend, und riss dabei ein paar andere Angreifer mit, die ihm den R�ckzug zur T�r abschneiden wollten, was ihnen durch eben dieses w�ste Man�ver sogar zu gelingen schien, denn in dem Durcheinander wild rudernder Arme, Beine und Leiber war kein Durchkommen, es sei denn, er zog sein <emphasis>Tschekal </emphasis>und hieb sich den Weg frei.</p><p>Seine Gegner kannten weniger Skrupel. Mit gezogenem Schwert st�rzte sich der Mann mit dem deformierten Gesicht auf ihn; seine sowieso schon viel zu gro�en Augen schienen geradezu aus seinem Gesicht zu quellen, als er zum alles entscheidenden Schlag ausholte. Skar hatte nicht vor es so weit kommen zu lassen. Er sprang nach vorne, warf sich dem Mann in den Arm, packte ihn und schleuderte ihn in seine Kumpane. Ein Aufschrei aus einem Dutzend w�tender Kehlen antwortete ihm. Die Digger hatten sich in einen Mob verwandelt, der nur noch ein Ziel kannte: zu vernichten, zu t�ten, auszul�schen. Pl�tzlich verstand Skar, wie es ihnen gelungen war, die Quorrl vor sich herzutreiben. Diese Menschen hier waren nicht bei Verstand, wenn sie k�mpften, es waren Bestien, Stra�enk�tern �hnlich, die nicht eher ablie�en, bis sie ihre Beute zerfleischt hatten.</p><p>Er kam nicht dazu, den fl�chtig aufschie�enden Gedanken weiterzuverfolgen. Von allen Seiten drangen sie jetzt auf ihn ein, mit Schwertern, St�cken, �xten und was sonst sich auch immer als Waffe gebrauchen lie�. Skar begriff, dass sie es ihm nicht so einfach machen w�rden, hier wieder lebend rauszukommen. Der Instinkt des Kriegers zwang ihn dazu, alle bewussten Gedanken aus seinem Geist auszublenden und nur noch ums nackte �berleben zu k�mpfen. Er lie� sich nach unten gleiten und zog noch im Fall sein <emphasis>Tschekal.</emphasis></p><p>Einer der M�nner schien dieser schnellen Bewegung folgen zu k�nnen; der Satai hatte den fl�chtigen Eindruck eines vollkommen zerst�rten Gesichts mit geradezu grotesken Proportionen, einer riesigen Nase und eines vor Feuchtigkeit sabbernden Fladens, der sich quer �ber sein Gesicht zog. F�r einen endlosen Augenblick trafen sich ihre Blicke, und es war der Blick des Missgetalteten, der Ausdruck der flackernden Augen in seinem verh�rmten Gesicht, der ihn schlie�lich dazu brachte, alle Hemmungen fallen zu lassen. Der Mann, der sich mit gezogener Waffe auf ihn st�rzen wollte, schrie gellend auf, als ihn die Waffe aus geschliffenem Sternenstahl durchschnitt; er lie� sein eigenes Schwert fallen und st�rzte dicht neben Skar schwer zu Boden. Der Satai rollte sich ab, stie� mit der Schulter die dicke Frau beiseite, die bei ihrem Eintritt in die H�tte Esanna mit <emphasis>Kindchen </emphasis>angeredet hatte, und kam mitten im Raum wieder auf die F��e.</p><p>Die Digger wurden von seiner blitzschnellen, kaum wahrnehmbaren Aktion vollkommen �berrascht. Die H�lfte von ihnen bildete ein dichtes Kn�uel im T�rbereich, in dem sie ihren Gegner noch immer vermuteten. Etliche von ihnen drehten sich mit einem ungl�ubigen Ausdruck auf ihren Gesichtern zu ihm um. Die Bewegungen seiner Gegner erschienen Skar von bizarrer Langsamkeit, als m�ssten ihre Glieder einen unsichtbaren, z�hen Widerstand �berwinden. Doch er wusste, dass es eine T�uschung war. Er selbst bewegte sich mit katzenhafter Geschicklichkeit und Geschwindigkeit und die Digger sich wie ein schwerf�lliges Ungeheuer; doch sobald der Mob seine Bewegungen koordiniert hatte, w�rde er wie eine Sturmflut �ber ihn kommen - wenn er es so weit kommen lie�.</p><p>Die ersten M�nner und Frauen st�rmten mit merkw�rdig ausdruckslosen Gesichtern auf ihn zu. �Bleibt an der T�r�, schrie Roun �ber den Kampfl�rm hinweg. Insgeheim addierte Skar einen weiteren Pluspunkt f�r den Mann: Wenn es sein Ziel war, ihm das Verlassen das Raumes unm�glich zu machen, musste er in der Tat daf�r sorgen, dass ihm der Ausgang weiterhin versperrt blieb. Was der Digger allerdings nicht wissen konnte, war, dass Skar keineswegs vorhatte, den Raum auf dem �blichen Weg zu verlassen.</p><p>Es gab schlie�lich noch die Wand.</p><p>Sternenstahl hatte den Vorteil Holz wie Butter durchschneiden zu k�nnen. Zwei, drei wuchtige Hiebe und das morsche Geb�lk w�rde so weit nachgeben, dass er diesen verfluchten, stinkenden Raum verlassen konnte.</p><p>Er hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass bereits jemand anders auf den gleichen Gedanken gekommen war. W�hrend er einen Digger mit einer kraftvollen Armbewegung beiseite schleuderte und einen anderen mit einem wuchtigen Hieb seines Schwertknaufs ausschaltete, wurde er von einer berstenden Explosion geradezu nach vorne geschleudert. Die ganze Seitenwand hinter ihm brach mit einem wahnsinnigen Get�se in sich zusammen; eine alles verschlingende Staub- und Dreckwolke wirbelte auf, Holzsplitter surrten durch die Luft, M�nner und Frauen wurden von einer unglaublichen Wucht nach vorne gesto�en und st�rzten schreiend zu Boden und ein Balken fiel so ungl�cklich auf einen Digger, dass der Mann wie von einer Axt gef�llt und mit blut�berstr�mtem Kopf zusammenbrach. Das alles ging so schnell, dass Skar seine schwungvolle Vorw�rtsbewegung nicht mehr abbremsen konnte: sein <emphasis>Tschekal </emphasis>donnerte nun vollkommen sinnlos in die gegen�berliegende Wand und schnitt einen meterlangen Streifen in die wacklige Konstruktion hinein, die durch den Zusammenbruch des anderen Seitenteils bereits der Vernichtung preisgegeben war.</p><p>Es war wie ein Traum, ein b�ser, grausamer, nicht enden wollender Traum, aber er war von f�rchterlicher Realit�t und es dauerte nur Sekunden, aber sie dehnten sich zu Ewigkeiten der Qual. Das ganze klapprige Geb�ude bebte, Strohpartikel rieselten vom Dach herab, gefolgt von Latten und Steinen, die wohl als Beschwerung gedient hatten und nun zu Geschossen wurden. Menschen duckten sich unter dem gef�hrlichen Hagel, warfen Waffen beiseite, um ihre Gesichter mit H�nden und Armen zu sch�tzen oder krochen unter die Tische, die einen, wenn auch sehr zweifelhaften Schutz vor dem Grauen boten. Schrecklicher aber noch als das Bersten, Splittern und Zusammenkrachen waren die Alptraumgestalten, die die Zerst�rung ausgel�st hatten. Es waren mehrere Quorrl, drei, vier, f�nf der Giganten, die mit wahnsinniger Geschwindigkeit den Raum st�rmten und mit ihren Zackenschwertern eine furchtbare Schneise von Tod und Vernichtung schnitten. Die geschuppten Kolosse hatten gar nicht vor sich auf einen Kampf einzulassen, sondern f�hrten eine vollkommen neue Variante davon vor, wie man ein Geb�ude st�rmen konnte: Mitten durch die Wand auf der einen Seite rein und auf der anderen Seite raus.</p><p>Ihre Geschwindigkeit war so hoch, dass Skar es gerade noch schaffte herumzuwirbeln, aber nicht mehr sein Schwert in Position bringen konnte - das sich ungl�cklich in der Wand verklemmt hatte und sich nur mit einem kr�ftigen Ruck wieder befreien lie� -, wodurch er dem Quorrl, der quasi durch ihn und die Wand wieder ins Freie st�rzen wollte, nur passiven Widerstand entgegensetzen konnte; er steppte im letzten Moment beiseite, sodass der beil�ufig und dennoch wuchtig gef�hrte Hieb der Quorrl-Waffe ihn nur mit der stumpfen Seite streifte und zu Boden taumeln lie�. Dann waren die Quorrl auch schon an ihm vorbei. Ohne merklich an Geschwindigkeit zu verlieren, durchbrachen die Kolosse, doppelt so schwer wie Menschen und mindestens f�nfmal so stark, die zweite Wand und versetzten so dem Geb�ude den endg�ltigen Todessto�. Holz, Steine, Metallteile, Sp�ne regneten auf Skar hinab; ein wahrer Splitterregen ergoss sich �ber ihn und alle anderen, die es nicht rechtzeitig geschafft hatten, sich unter den Tischen in vorl�ufige Sicherheit zu retten. Doch dann folgten auch schon die gr��eren St�cke und Holzbalken und st�rzten mit grausamer Wucht hinab und aus dem Schutz der Tische wurden Todesfallen mit zusammenknickenden Beinen und Tischplatten, die mit grausamer Wucht auf die Schutzsuchenden prallten. Binnen weniger Augenblicke glich die Mitte des Raums einem Hexenkessel aus schreienden Menschen, herabst�rzendem Baumaterial, dichten Staubschwaden und absoluter Hoffnungslosigkeit. Wer konnte, sprang durch eine der �ffnungen ins Freie, hinein in den grauen Nebel, nur weg aus dem Chaos von Tod und Verderben, das so unglaublich schnell hier Einzug gehalten hatte, dass niemand Zeit gehabt hatte auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.</p><p>Skar hatte Gl�ck im Ungl�ck: So nahe der Stelle, an der die Quorrl die Wand durchbrochen hatten, waren keine schweren Tr�mmer niedergegangen. Er kam mit einer schnellen Bewegung in eine sprungbereite Hockstellung hoch; wie von selbst stie�en seine Finger das <emphasis>Tschekal </emphasis>in die Schwertscheide zur�ck, der Reflex des Kriegers, der seine Waffe sch�tzen will und muss, um jederzeit gegen einen wie auch immer gearteten Feind antreten zu k�nnen.</p><p>Gerade, als er sich vollends aufrichten wollte, um wie die �berlebenden Digger fluchtartig das zusammenst�rzende Geb�ude zu verlassen, h�rte er neben sich einen Aufschrei, einen spitzen, entsetzten Laut, der trotz des Chaos um ihn herum an ihn herandrang und ihn z�gern lie�.</p><p>Es bedurfte nur eines kurzen Blicks, um zu erkennen, wer dort geschrien hatte: Es war Esanna. Das M�dchen lag kaum zwei Fu� von ihm entfernt, ein undeutlicher Schemen inmitten einer Staub- und Partikelwolke, die es fast g�nzlich einh�llte. Die Beine des M�dchens waren von etwas eingeklemmt, was wie der zerborstende Rest eines Dachbalkens aussah. Mit einem Schritt war Skar bei ihr. Ein Digger, der an ihm vorbeitaumelte in Richtung der vermeintlichen Rettung - also dorthin, wo die Quorrl verschwunden waren -, starrte ihn einen Augenblick aus weit aufgerissenen Augen an und hob dann die mit einem Schwert bewehrte Hand, als wollte er Skar mit einem einzigen Schlag in zwei St�cke spalten. Aber dann taumelte er weiter, ohne auch nur den Versuch eines Angriffs unternommen zu haben.</p><p>Skar beugte sich zu Esanna herab. Es blieb ihm nicht mehr viel Zeit, streng genommen gar keine mehr, denn das Geb�ude schien nun den Widerstand gegen die mutwillige Zerst�rung aufgeben zu wollen, um dann endg�ltig einzust�rzen und zuvor als ersten Sendboten der totalen Zerst�rung den Rest der Dachkonstruktion auf all die herabzuschicken, die sich noch nicht in Sicherheit hatten bringen k�nnen. Ohne zu �berlegen, ging Skar in die Hocke, packte Esanna am Handgelenk und sprang im gleichen Moment schon wieder auf; das M�dchen wurde wie eine Puppe hochgerissen und der Rest des Balkens rutschte von ihren F��en. Ein f�rchterliches Krachen im noch verbliebenen Geb�lk �ber ihnen k�ndete die n�chste Schuttlawine an. Skar brauchte nicht nach oben zu sehen, um zu wissen, dass er die wenigen Meter bis zur zerst�rten Wand kaum noch zur�cklegen konnte, bevor er und das M�dchen von den herabfallenden Tr�mmern erschlagen wurden. Er setzte zu einem gewaltigen Sprung an, der sie mit einem Schritt aus der Gefahrenzone bringen sollte, doch im selben Moment ging ein massiver Querbalken vor ihm krachend nieder, gefolgt von einer Flut weiterer schwerer Holzteile. Skar bremste seine Bewegung gerade noch rechtzeitig ab, um nicht mitten in die hinabst�rzenden Tr�mmer hineinzulaufen, die sie andernfalls beide zweifelsohne zerschmettert h�tten, schlug einen Haken und setzte dann, immer noch Esannas Handgelenk fest umklammernd, �ber den Tr�mmerhaufen hinweg.</p><p>Keinen Augenblick zu fr�h. Hinter ihnen st�rzte das gr��te Geb�ude des Dorfes wie ein Kartenhaus in sich zusammen; der Rest des Dachs krachte mit einer Reihe gewaltiger Explosionen auf den Boden, gefolgt von den wenigen St�tzbalken, die die bereits zerst�rten W�nde noch halbwegs in ihrer Position gehalten hatten. Ein mehrfaches Wummern, dumpf und erschreckend laut f�r eine solche instabile Konstruktion, ersch�tterte den Boden, und dann folgte eine aufgewirbelte Staub- und Dreckwolke, die sich �ber die Tr�mmer ausbreitete, als wollte sie das Ausma� der Zerst�rung vor neugierigen Blicken verbergen.</p><p>Doch das war absolut nicht n�tig, denn wie ein erstickendes Leichentuch hing der Nebel �ber dem Tal und machte es unm�glich, viel mehr als nur die Hand vor Augen zu erkennen. So sehr sich Skar auch anstrengte, das feuchte Grau zu durchdringen, hatte er doch kaum einen anderen Ansatzpunkt zur Orientierung als die Kampfger�usche, das Wimmern und Schreien �berall um sich herum und er begriff, dass die Quorrl die systematische Vernichtung des Dorfes mit der ihnen eigenen Gr�ndlichkeit und Grausamkeit zu Ende f�hren w�rden, egal, wie viel erbitterten Widerstand die Digger auch zu leisten bereit waren.</p><p>Was ihn selber aber nicht aus der Gefahrenzone brachte. Er hatte nur zwei, drei Sekunden lauschend dagestanden, dann lief er wieder los, ohne die mittlerweile sich str�ubende Esanna loszulassen, aber auch ohne sich ihr zuzuwenden, um zu �berpr�fen, wie es ihr ging; daf�r w�rde gleich Zeit sein, wenn er den Kampftumult erst einmal hinter sich gelassen hatte. Es war mehr ein Gef�hl als ein bewusstes Wahrnehmen, das ihn dazu brachte, sich nach links zu wenden und damit direkt an mehreren Diggern vorbei, die wohl gleich ihm noch in letzter Sekunde aus dem einst�rzenden Geb�ude hatten entkommen k�nnen. Zwei, drei M�nner wandten sich zu ihm; sie waren ihm so nah, dass Skar trotz des Nebels das kalte Funkeln in ihren Augen zu sehen glaubte, als sie ihn entdeckten, wie er auf sie zust�rmte, die Tochter ihres Anf�hrers wie eine Troph�e hinter sich herziehend. Auch unter weitaus g�nstigeren Umst�nden w�re es Skar wahrscheinlich schwer gefallen zu erkl�ren, was er mit Esanna vorhatte und wieso er gar keine andere Wahl gehabt hatte, als die mittlerweile Zappelnde und um sich Schlagende mitzuschleifen.</p><p>Als Skar im dicken Nebel das Aufblitzen eines kampfbereit umklammerten Schwertes bemerkte, das einer der M�nner auf ihn zusausen lie�, war es schon fast zu sp�t. Es war ein recht plump gef�hrter Schwerthieb, der den Satai unter normalen Bedingungen nicht in Bedr�ngnis gebracht h�tte, doch f�r einen �berraschend gef�hrten Angriff war er im Moment denkbar schlecht vorbereitet: Seine linke Hand umklammerte nach wie vor Esannas Handgelenk und seine Rechte war zu weit von seinem Schwertgriff entfernt, um das <emphasis>Tschekal </emphasis>schnell genug aus der Scheide ziehen zu k�nnen. Einem zielgenauen Schwerthieb unter diesen Bedingungen zu entkommen war nahezu unm�glich oder doch nur, wenn er seinen Gegner mit einer unvorhergesehenen Finte austrickste.</p><p>Er stie� Esanna kraftvoll zur�ck und setzte ihr gleichzeitig nach: Als das Schwert durch die Luft pfiff, fand ihn der Digger dort vor, wo eben noch das M�dchen gewesen war; unm�glich jetzt noch den Hieb zu korrigieren. Der Mann taumelte, vom Schwung seiner eigenen Waffe nach vorne gerissen, direkt an Skar vorbei. Der Satai streckte den Fu� vor und sorgte damit daf�r, dass der dar�ber stolpernde Mann endg�ltig das Gleichgewicht verlor und schwer zu Boden st�rzte.</p><p>Die anderen M�nner handelten entschlossener, als es ihm lieb war. Einer von ihnen, ein fast sieben Fu� gro�er und breitschultriger H�ne, st�rzte sich mit einem Aufschrei auf ihn, mit weit ausgebreiteten Armen wie ein gigantischer B�r, der es gewohnt war, den Brustkorb seiner Opfer m�helos zu zerquetschen. Blitzschnell drehte sich Skar herum, versetzte dem Angreifer einen Tritt vor die Brust und zog gleichzeitig das Schwert aus der Scheide. Der H�ne schwankte leicht, lie� sich aber nicht von seinem Angriff abbringen. Mit einem Aufschrei st�rzte er sich auf den Satai, bevor dieser sein <emphasis>Tschekal </emphasis>nach oben bringen konnte. Skar lie� den Angreifer so nah herankommen wie m�glich, drehte sich dann in einer flie�enden Bewegung zur Seite und riss das Knie hoch. Der H�ne schrie auf - diesmal vor Schmerz -, kr�mmte sich und taumelt haltlos ein paar Schritte weiter in den alles verschlingenden Nebel hinein. Dem dritten Mann lie� Skar nicht den Hauch einer Chance. Sein <emphasis>Tschekal </emphasis>strich mit spielerischer Leichtigkeit durch die Luft, streifte das Schwert des Diggers und riss es mit einer gleichzeitig kraftvollen und eleganten Bewegung aus seiner vorbestimmten Bahn. Als ihm seine Waffe aus der Hand geprellt wurde, taumelte der Mann mit einem Aufschrei zur�ck und verschwand im grau wabernden Nichts.</p><p>Doch da war der H�ne schon wieder heran. Skar lie� das <emphasis>Tschekal </emphasis>einen Bogen beschreiben und schlug dem Koloss mit voller Wucht der breiten Seite seines Schwertes auf die Schl�fe. Er verabscheute es, einen Mann zu t�ten, der ihn waffenlos angriff, aber in diesem Fall w�re er vielleicht besser beraten gewesen es zu tun. Denn statt zu Boden zu st�rzen, torkelte der H�ne mit grotesk rudernden Armen weiter auf ihn zu und erwischte ihn mit seinem Handr�cken, der pl�tzlich hochzuckte. Skar hatte das Gef�hl, vom Huf eines Pferdes getroffen zu werden; er hatte den Schlag nicht kommen sehen und war deshalb nicht mehr in der Lage, seine Energie durch ein Wegtauch-Man�ver verpuffen zu lassen. W�hrend er zur�cktaumelte �ffnete sich seine linke Hand, die w�hrend des ganzen schnellen Kampfs Esanna fest umklammert gehalten hatte, und lie� das M�dchen ins graue Wallen entkommen.</p></section><section><title><p id="_01_05">1.5</p></title><p>H�tten ihn Roun und seine Kumpane nicht so erbarmungslos angegriffen, dann h�tte Skar wohl ganz automatisch Partei f�r die Digger ergriffen und den Kampf gegen die Quorrl aufgenommen, ob er nun eine Chance gehabt h�tte oder nicht. Doch so f�hlte er sich keiner Seite verpflichtet: weder den Schuppenkriegern, die mit dem Angriff auf das Dorf wohl nichts weiter taten, als ihr Territorium zu verteidigen, und schon gar nicht den Diggern, die hier auf der Grenze zum Niemandsland nach etwas suchten, dass f�r sie wichtiger als das eigene Leben zu sein schien. Es war nicht sein Kampf, aber es war auch nichts, was ihn unber�hrt lie�, nicht das Schreien und Toben und Sterben, dass noch viele ewig lang dauernde Minuten anhalten w�rde, bis auch der letzte Digger niedergemacht worden war, und nicht die Verzweiflung von M�ttern und Kindern, die unschuldig in den Strudel der Gewalt mit hineingezogen wurden.</p><p>Es war sinnlos, in dem Chaos nach Esanna suchen zu wollen, und es war Schwachsinn, nicht sofort das Weite zu suchen und anderenorts nach der Antwort auf die bohrende Frage zu suchen, warum er wieder geboren war und: <emphasis>wer zum Teufel dahinter steckte. </emphasis>Und trotzdem ... er hatte kaum die Grenze des Dorfes erreicht, als er auch schon wieder kehrtmachte, so als ob das Schlachten und T�ten eine magische Anziehungskraft auf ihn aus�ben w�rde, der er sich nicht entziehen konnte. Schon von weitem wehte der charakteristische Geruch des Todes mit dem Wind zu ihm heran: das s��liche, schwere Aroma von Blut und Vernichtung, das er schon so oft aufgenommen hatte; in dieser anderen Welt, die ihn ausgespuckt hatte in die Schw�rze allumfassenden Vergessens, die ihnen allen zuteil wurde, wenn die Zeit gekommen war - oder war dort, jenseits dessen, was Menschen als ihr Leben zu betrachten pflegten, noch etwas anderes gewesen, etwas g�nzlich Anderes und doch nur allzu Vertrautes?</p><p>Dieser Gedanke versetzte ihm einen scharfen, schmerzhaften Stich. Obwohl er absolut nichts erkennen konnte, als er mit schnellen Schritten den feuchten Pfad zur�ck ins Dorf trabte, gaukelten ihm seine Erinnerungen die Bilder von Toten und Erschlagenen vor, aufgerissene Augen, gebrochen und blind und mit einem Ausdruck tiefsten Entsetzens, der sich noch �ber den Tod hinaus in seinen Blick gebrannt hatte. Nun n�herte er sich wieder einem Ort der Gewalt, einem Ort, der ein sinnloses Morden und Schlachten erlebte, und es waren die Schreie Sterbender und Verwundeter, deren Wehklagen er h�rte, von Menschen, die bald da sein w�rden, wo er eine unermessliche Ewigkeit gewesen war - wenn <emphasis>er �berhaupt irgendwo gewesen war, </emphasis>hie� es, wenn da nicht blo� eine riesige gro�e L�cke klaffte zwischen seinem fr�heren Leben und seinem jetzigen Zustand, der mit Leben wohl kaum richtig umschrieben war. Als er den Dorfplatz erreichte, wallte der Nebel in tiefen, dunklen Fetzen �ber einer gespenstischen Szene, zerrissen von einem pl�tzlich aufgekommenen Wind, der sich in Sekundenschnelle zum Sturm steigerte, so als h�tte ihn jemand geschickt, um dem gr�sslichen Treiben zumindest teilweise den Schleier vom Gesicht zu rei�en. Es war ein gnadenloser, durch und durch unwirklicher Kampf. Wie �blich griffen die Quorrl mit der Wut rei�ender Ungeheuer an und der Dorfplatz hallte wider vom Krachen und Bersten aufeinander prallender Menschen und geschuppter Reptilienm�nner, von Wut- und Schmerzensschreien und dem Klirren von Stahl - aber der Nebel, obwohl bereits gelichtet, tauchte noch immer alles in sein graues, erstickendes Kleid. Selbst die M�nner und Frauen, die nur wenige Schritte von ihm entfernt waren, wurden zu flachen Silhouetten; das feuchte Grau verschlang nicht nur die in unscheinbare Lumpen gekleideten Digger, sondern auch die unheimlichen Schemen der mit schier �bermenschlicher Kraft ausgestatteten Kolosse.</p><p>Der Anblick jagte ihm einen Stich durchs Herz. Die Quorrl machten wahllos alles nieder, was ihnen vor die Schwerter kam, M�nner, Frauen und Kinder, wahllos wie sinnlos w�tende Ungeheuer, f�r die sie die Menschen hier ja auch hielten und zu denen sie vielleicht erst dann wurden, wenn man ihnen entsprechend begegnete. Die Schreie Sterbender vermischten sich mit dem Klirren von Waffen, mit dem Wiehern von Pferden, dem Trampeln von F��en, den stumpfen Schl�gen, mit denen einige Quorrl mit blo�er Faust ihre Gegner zerschmetterten, und mit dem Ger�usch zusammenst�rzender H�tten, durch die die Reptilienm�nner in blinder Angriffslust st�rzten, als seien sie aus Papier. Obwohl es mehr als nur ein Gemetzel war und sich einige Digger geradezu draufg�ngerisch und mit erstaunlichem Erfolg den w�tenden Kolossen entgegenstellten, konnte am Ausgang des Kampfes kein Zweifel bestehen. Selbst wenn die Dorfbewohner ausgebildete K�mpfer gewesen w�ren, w�ren sie kaum in der Lage gewesen dem w�tenden Ansturm Einhalt zu gebieten, geschweige denn ihn zur�ckzuschlagen. Doch so war es nicht viel mehr als ein sinnloses Aufbegehren gegen eine besondere Form der Naturgewalt, die unerbittlich �ber sie hinwegbrandete und dabei alles ins Verderben riss, was sich ihr entgegenstellte. Er sah kaum etwas von dem Schrecklichen, das vor ihm auf dem Dorfplatz geschah, nicht mehr als dunkle, h�ssliche Flecken, hier und da ein paar Tote oder Verwundete, vom Nebel zu formlosen dunklen Klumpen verschmolzen, aber vielleicht war gerade das das Schlimme, weil seine Phantasie Bilder schuf, Bilder, die tausendmal entsetzlicher waren, als es die Wirklichkeit jemals sein konnte: Bilder aus seiner Vergangenheit, von Menschen, die er geliebt hatte, als er noch zur Liebe f�hig gewesen war, und die vor seinen Augen gestorben waren, zugrunde gegangen nicht zuletzt an dieser verdammten Rastlosigkeit, zu der ihn sein dunkler Bruder getrieben hatte. Mit ein paar Schritten war er unter den K�mpfenden. Der Nebel war gerade weit genug zur�ckgewichen, um ihn mehrere Quorrl erkennen zu lassen, die mit Schwertschl�gen von grausamer Wucht eine kleine Menschenmenge vor sich hertrieben, wie Hirten ein paar Schafe absondern mochten, die sie zu schlachten gedachten. Es war kein Kampf, es war nicht einmal ein Gemetzel, es war eine Verh�hnung der Digger, die nicht begriffen hatten, dass Quorrl mehr waren als nur ein paar stumpfsinnige, monstr�se Tiere, viel mehr, und dass es der Verh�hnung eines h�heren Gleichgewichts gleichkam, wenn sie die Geschuppten wie r�udige Hunde jagten.</p><p>Selbst wenn Skar gewollt h�tte, h�tte er die geschuppten Kolosse nicht aufhalten k�nnen. Und doch riss er sein Schwert aus der Scheide und st�rmte auf sie zu, automatisch und ohne nachzudenken und vielleicht nur deshalb, weil eines der in Bedr�ngnis geratenen Kinder Esanna zu sein schien, aber vielleicht auch, weil er das Abschlachten menschlicher Wesen nicht so einfach hinnehmen konnte. Die Quorrl bemerkten ihn zuerst gar nicht oder nahmen nicht weiter Notiz von ihm, hielten ihn wahrscheinlich nur f�r einen einzelnen Dorfbewohner, der in seiner Verwirrung so vermessen war einer Gruppe Reptilienkrieger zu nahe zu kommen.</p><p>Keinesfalls rechneten sie damit, dass er sie angreifen w�rde. Kein Wunder, denn ein einzelner Mensch gegen f�nf Quorrl - das war eine Rechnung, die nicht aufgehen konnte. Und doch war Skar ein, zwei Sekunden lang versucht, mit seinem <emphasis>Tschekal </emphasis>unter den Geschuppten so lange Verwirrung zu stiften, bis die Digger fliehen konnten. Irgendetwas in seinem Inneren sagte ihm jedoch, dass sie die Chance selbst dann nicht nutzen w�rden, wenn er sie ihnen auf einem Silbertablett pr�sentierte.</p><p>Er nahm kurz Anlauf und sprang mit einem Satz mitten in die Gruppe hinein, zwischen Quorrl und Menschen, und im gleichen Sekundenbruchteil wirbelte er auch schon herum. Sein <emphasis>Tschekal </emphasis>durchschnitt mit einem pfeifenden Laut die Luft, pfeilschnell, machte eine komplizierte Bewegung und schnellte dann zur�ck in die klassische Kampfposition der Satai, w�hrend er mit festem und doch gleichzeitig elastischem Stand wie unverr�ckbar stehen blieb. �Stopp.� Seine Stimme klang so eiskalt schneidend wie der Wind, der sich in seinem K�rper festzubei�en begann. Die zwei Quorrl, die ihm am n�chsten standen, blieben �berrascht stehen; ihre Schwerter fuhren drohend hoch, bereit zuzuschlagen, und doch schien sie etwas z�gern zu lassen, vielleicht der ungewohnt befehlende Klang seiner Stimme, vielleicht seine Kampfhaltung oder auch sein entschlossener Gesichtsausdruck, der so gar nichts gemein hatte mit den selbst in h�chster Not stumpfen und teilnahmslosen Gesichtern der Digger.</p><p>Doch ob all das wirklich mit verantwortlich war f�r ihr Z�gern, war mehr als fraglich. Eher schienen sie auf ein Machtwort des gr��ten Quorrls in der Gruppe zu warten, eines angeschlagen wirkenden Reptilienkriegers, der sich an den beiden anderen mit m�hsamen, steifen und doch sehr bestimmten Bewegungen vorbeischob. <emphasis>Seine Schwertklinge glitt fast ohne sp�rbaren Widerstand durch die schuppige Haut des Quorrl, durchdrang seinen K�rper einen oder zwei Fingerbreit unterhalb des Herzens und trat zwischen seinen Schulterbl�ttern wieder hervor...</emphasis></p><p>Er war es, daran konnte kein Zweifel bestehen, der Quorrl, dem er sein <emphasis>Tschekal </emphasis>durch den K�rper gejagt hatte, so entschlossen, dass er fast, aber eben auch nur fast sein Herz durchbohrt hatte. Bei dem Gedanken daran sp�rte er noch jetzt die tiefen, blutigen und kaum verheilten Schrammen auf seinen Armen; der Schuppenkrieger hatte ihm in seinem halb gespielten, halb echt empfundenen Todeskampf so glaubhafte Wundmale versetzt, dass keiner seiner menschlichen Angreifer misstrauisch geworden war und auch nur im Entferntesten daran gedacht hatte, der Tod des Quorrls k�nnte mehr sein als nur ein grandios inszeniertes Schauspiel.</p><p>Es war unglaublich, wie schnell das Wesen wieder zu Kr�ften gekommen war, viel schneller, als es einem Mensch m�glich gewesen w�re. Und nun standen sie sich hier gegen�ber, in endlos schweigenden Sekunden, in denen sie sich beide erkannten, nur zu bewusst, wie nah sie sich gekommen waren, fast so etwas wie heimliche Verb�ndete und doch so unfassbar fremd und nicht zu fassen, wie es zwei Wesen auf diesem verfluchten Planeten nur sein konnten. Wenn Skar bei ihrer letzten Begegnung sein <emphasis>Tschekal </emphasis>nur ein klein wenig weiter gedreht h�tte, wenn nicht Verschonung sein Ziel gewesen w�re, sondern Vernichtung ... wer wei�, vielleicht h�tten die Quorrl dann nie dieses Dorf angegriffen mit dem Ziel, hier alles menschliche Leben erbarmungslos auszul�schen.</p><p>Es war schlie�lich der Schuppenkrieger, der als Erster das Wort ergriff. �Du ... du bist zur�ckgekehrt... aber warum an diesen unheiligen Ort?�</p><p>Skar sp�rte in seinem R�cken eine unruhige, verr�terische Bewegung. Trotz der bei weitem immer noch nicht perfekten Sicht bemerkte er aus den Augenwinkeln den Unwillen der Digger, unmerkliche, aber eindeutige kleine Bewegungen der Menschen, die sein Auftauchen erst einmal �berrascht hatte, aber die jetzt offensichtlich nicht l�nger stillzuhalten bereit waren. Vielleicht war jemand unter ihnen, der mit an der Hetzjagd auf die Quorrl oben an den Klippen beteiligt war und der den damals schwer verletzten und f�r Tod gehaltenen Schuppenkrieger erkannte; nicht sehr wahrscheinlich, da gew�hnlich Menschen die <emphasis>Fischgesichter, </emphasis>wie sie sie ver�chtlich nannten, kaum auseinander zu halten vermochten, aber nicht undenkbar.</p><p>�Was macht deine Wunde?�, fragte Skar so leise, dass seine Stimme fast im Schlachtget�mmel unterging.</p><p>Die Digger reagierten schlimmer, als er erwartet hatte. Statt sein Eingreifen als eine gl�ckliche F�gung des Schicksals zu begreifen und ihr Heil in der Flucht zu suchen, griffen sie an: nicht die Quorrl, sondern ihn. Skar bekam einen kr�ftigen Sto� in den R�cken und musste sein Gewicht weit nach vorne verlagern, um nicht mit dem Schwert in der Hand auf die Quorrl zuzustolpern. Im gleichen Moment glitt er auch schon in einer flie�enden Bewegung herum, sich nur zu bewusst, damit den Schuppenkriegern den R�cken zuzukehren und ihnen die Gelegenheit zur schnellen und t�dlichen Attacke zu geben.</p><p>Aber es waren nicht die gr�n geschuppten Kolosse, die er f�rchtete, sondern diese v�llig unkontrollierbare Meute verblendeter Menschen, die er nicht t�ten wollte und doch erbarmungslos bek�mpfen musste, wollte er ihnen nicht leichtfertig einen Vorteil einr�umen. Es waren gleich mehrere Digger, die ihn angriffen, zwei M�nner und eine Frau, die mit hasserf�llten Gesichtern auf ihn eindrangen, unter ihnen der Missgestaltete mit dem bis zur Kopfmitte wuchernden Fladen aus grauem, n�ssendem Fleisch. Skar schlug die vor ihm stehende Frau, eine mittelgro�e Person mit kurz geschnitten Haaren und fast m�nnlichen Gesichtsz�gen, beiseite und stie� das <emphasis>Tschekal </emphasis>in den dicklichen Leib eines weiteren Angreifers, mit einem wahrscheinlich nicht t�dlichen, aber dennoch kompromisslosen Sto�. Die anderen wurden von seiner blitzschnell vorgetragenen Attacke �berrascht, nur der missgestaltete Mann wirbelte in einer grotesk schnellen Drehung zu ihm herum. Seine nach unten gerutschten, stark vergr��erten Augen suchten Skar und brannten sich geradezu in seinen Blick ein. �Verfluchter�, schrie er. �Du hast uns verraten!�</p><p>Es w�re m��ig gewesen, dar�ber zu streiten, ob der Mann Recht hatte oder nicht. Die Quorrl sorgten daf�r, dass er sowieso nicht zu einer Antwort kam. Die beiden hinter ihm stehenden Schuppenkrieger st�rmten wie auf ein Kommando vor und trieben die Digger-Gruppe erbarmungslos vor sich her, w�hrend ihre Scharten-Schwerter gleichzeitig reiche Ernte unter ihnen hielten. Einer der M�nner, die sich ihnen mit dem Mut der Verzweiflung entgegenstellten, brach wie vom Blitz getroffen zusammen und blieb liegen, w�hrend ein Zweiter noch einen schwerf�lligen Schritt tat, zuerst auf die Knie und dann ganz nach vorne fiel. Ein paar der anderen wurden von den kraftvollen Schwerthieben ihre Waffen aus den H�nden geprellt; sie taumelten zur�ck in dem vergeblichen Versuch dem w�tenden Angriff durch schnelle Ausweichbewegungen zu entgehen, und es konnte nur noch Sekunden dauern, bis auch sie Opfer der Quorrl-Waffen wurden.</p><p>Skar war sich nur zu bewusst, dass er jetzt eigentlich gar nichts unternehmen konnte; die Situation war ihm viel schneller entglitten, als er geglaubt hatte. Sich auf die Seite der Digger zu schlagen, die ihn eben noch mit erbarmungslosem Fanatismus angegriffen hatten, verbot sich von selbst, und den Quorrl zu helfen war weder sinnvoll noch notwendig - einmal abgesehen davon, dass es undenkbar f�r ihn war, Quorrl auf einem ihrer Vernichtungsfeldz�ge gegen eine Menschensiedlung zu unterst�tzen.</p><p>In diesem Moment schrie Esanna. Er hatte keine Ahnung, warum er sich so verdammt sicher war, dass <emphasis>sie </emphasis>es war, und noch weniger Ahnung hatte er, warum ihm das Schicksal dieses einen Digger-M�dchens so wichtig war, w�hrend ihm der Rest der Dorfbev�lkerung gestohlen bleiben konnte. Aber es war wohl kaum der rechte Augenblick, sich wegen ein paar Haarspaltereien Gedanken zu machen; wenn er Esanna retten wollte, dann musste er schnell und konsequent handeln.</p><p>Seine Augen entdeckten das M�dchen beinahe wie von selbst. Es war halb unter einem Sterbenden begraben worden, zus�tzlich eingeklemmt von einem Speer, der sich dicht neben ihr in den Boden gebohrt hatte. Skar sprang ansatzlos auf sie zu. Ein Armbrustbolzen sauste haarscharf an ihm vorbei und bohrte sich in den Arm eines Quorrl, der gerade an ihm vorbei auf den Sterbenden und damit wahrscheinlich auch auf Esanna zust�rmen wollte; Skar stattete dem Sch�tzen in Gedanken einen kurzen Dank ab, denn der Bolzen brachte den Quorrl ins Stolpern und damit von seinem Vorhaben ab. Mit w�tendem Gebr�ll st�rzte sich der Geschuppte in die Richtung, in der er den Sch�tzen vermutete.</p><p>Das verschaffte Skar genau die Atempause, die er f�r sein Vorhaben brauchte. Kaum hatte er sein Ziel erreicht, riss er auch schon den halb toten Digger zur Seite, packte Esanna an den Armen und warf sie sich in der gleichen Bewegung �ber die Schulter. Seine Augen suchten derweil in dem von Nebelfetzen und �bel riechendem Rauch nur verschwommen erkennbarem Kampftumult nach dem Schlupfloch, durch das er mit seiner leichten, kaum sp�rbaren Last entkommen konnte.</p><p>Er entdeckte es genau zwischen dem von ihm zu seiner eigenen Rettung schwer verletzten Quorrl, der ganz offensichtlich innerhalb der Hierarchie der Geschuppten eine wichtige Funktion erf�llte, und Roun, dem es mit ein paar anderen Diggern gelungen war, dem ersten Ansturm auszuweichen. Vielleicht hatte er Roun abermals untersch�tzt: Wenn der Mann begriffen hatte, dass der durch Skar verletzte Reptilienkrieger so etwas wie der Kommandant der ganzen Quorrl-Truppe war, dann lag es nahe, dass er ihn zuallererst angreifen w�rde - zumal auch er erkannt haben musste, dass dieser geschuppte Gigant sich kaum auf den Beinen halten konnte, geschweige denn sich energisch verteidigen w�rde.</p><p>Ein Fehler, den nur jemand begehen konnte, der die Mentalit�t der Quorrl nicht kannte. Skar hatte schon miterleben m�ssen, wie Reptilienkrieger ihre eigenen Verwundeten get�tet hatten, nur um eines winzigen strategischen Vorteils willen, und er war fest �berzeugt, dass es den Diggern keinen Vorteil bringen w�rde, den Kommandanten dieser Kriegerschar umzubringen: Statt Verwirrung zu stiften, w�rden sie noch mehr Wut, Zorn aber auch Entschlossenheit ernten.</p><p>Ihm konnte es in diesem Moment egal sein. Mit Esanna auf den Schultern hechtete er auf die L�cke zu, die wie gemacht f�r ihn aufklaffte, und w�re mit zwei weiteren raschen Schritten hindurch gewesen, wenn ihm die Quorrl nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht h�tten. Wie hingezaubert tauchten sie pl�tzlich aus dem Nebel vor ihm auf, in so dichter Formation, dass an ein Durchkommen nicht mehr zu denken war.</p><p>Skar bremste seinen Lauf mit einer abrupten Bewegung ab, suchte nach einem neuen Ausweg, nach einer winzigen L�cke in den im Kampf miteinander verschr�nkten Leibern und sah sich stattdessen schneller als ihm lieb war einem halben Dutzend geschuppter Giganten gegen�ber, die sich mit gezogenen Zackenschwertern zwischen ihm, den Diggern auf der einen Seite und ihrem Anf�hrer auf der anderen Seite aufbauten.</p><p><emphasis>Jetzt </emphasis>konnte gar kein Zweifel mehr daran bestehen, dass er einem ganz ungew�hnlichen Quorrl das Leben gerettet hatte. Das Verhalten der Schuppenkrieger entsprach in nichts dem, was er von dieser Rasse gewohnt war. Statt einfach wild draufloszuschlagen, wie es bei einem Angriff normalerweise ihre Art war, verhielten sie sich wie eine wohl disziplinierte Leibwache, deren oberstes Ziel darin bestand, Leib und Leben ihres F�hrers zu besch�tzten. Doch wenn das so war - wo war diese Leibwache dann gestern gewesen? Hatte sich der Quorrl-F�hrer Zeit f�r einen kleinen Rundgang mit ein paar Quorrl-Frauen und wenigen Vertrauten genommen und war zuf�llig von einem Trupp Digger �berrascht worden oder war es ein gezielter Hinterhalt gewesen, den Marna, der Satai mit der Wolfsmaske, sorgf�ltig inszeniert hatte? Die Gedanken purzelten blitzschnell durch Skars Kopf, w�hrend sein Instinkt vollauf damit besch�ftigt war, die f�r die ungew�hnliche Situation passende Strategie zu entwickeln. Die L�sung war gleicherma�en einfach wie unbefriedigend: Er blieb stehen und senkte die Spitze seines <emphasis>Tschekals, </emphasis>um zu signalisieren, dass er keinesfalls beabsichtigte die Reptilienkrieger anzugreifen. Selbst Roun und seine Kumpane schienen einzusehen, dass ein Angriff Selbstmord war; sie r�ckten n�her zusammen und zwei, drei M�nner streckten ihre Lanzen vor in einer grotesken Parodie einer geordneten Abwehrhaltung, wie sie die Soldaten der gro�en St�dte wie Ikne und Wolan praktizierten.</p><p>Zu behaupten, dass sich Skar in diesem Moment unwohl gef�hlt h�tte, w�re die Untertreibung des Tages gewesen. Es waren nicht nur die Digger, die ihn offensichtlich abgrundtief hassten und von denen trotz ihrer generell hoffnungslosen Lage eine gro�e Gefahr ausging - jetzt, wo er ruhig stand, um die Quorrl nicht zu provozieren, war er eine leichte Beute f�r einen Armbrust- oder Bogensch�tzen; es waren auch die unberechenbaren Schuppenkrieger selber, die ihn jederzeit niedermachen konnten und gegen die er in seiner augenblicklichen Lage wohl kaum den Hauch einer Chance hatte. Zu allem �bel randalierte auch noch Esanna auf seinem R�cken, die wohl nicht begriff, dass er sich zu ihrer Rettung in dieses Abenteuer gest�rzt hatte.</p><p>�Es w�re freundlich, wenn ihr mich durchlassen w�rdet�, sagte Skar. �Euer Konflikt ist nicht der meine.�</p><p>Er wusste, dass Quorrl eine solche Bitte als h�chst ungew�hnlich, um nicht zu sagen als unversch�mt betrachten mussten, aber was er nicht wusste, war: Warum er Esanna nicht einfach vom R�cken lie�, sein Schwert einsteckte und sich damit ein klein bisschen unterw�rfiger zeigte, so wie es seiner augenblicklichen Situation wohl eher angemessen war - schlie�lich waren die Quorrl nicht gerade f�r ihr Zartgef�hl bekannt, sondern eher daf�r, ungebetene Einmischung auf sehr direktem Wege mit dem Schwert zu ahnden.</p><p>Ein paar Sekunden lang schien die Zeit stehen zu bleiben. Noch immer tobte hinter ihnen ein erbitterter Kampf; ein paar H�tten weiter hatten sich ein paar z�ngelnde Flammen zu einem regelrechten Brand ausgebreitet, der sicherlich schnell weiter um sich greifen w�rde - die schlichten, eng zusammenstehenden H�tten w�rden einer w�tenden Feuerwalze nicht lange standhalten - und der um den Dorfplatz konzentrierte Widerstand der Digger schien sich noch einmal zu steigern, dem letzten Aufb�umen eines Todkranken gleich, der nicht bereit ist in sein Schicksal einzuwilligen.</p><p>Als die Quorrl nicht reagierten, setzte Skar noch einmal nach: �Bitte, lasst mich durch.�</p><p>Erst dann begriff er, warum die Reptilienkrieger nichts unternommen hatten. Wie schon einmal kurz zuvor warteten sie auf die Entscheidung ihres Kommandeurs, der sich vor sie schob und Skar mit einem undefinierbaren Blick musterte. �Was verlangst du, <emphasis>Mensch!�</emphasis></p><p>�Ich verlange nicht, ich bitte dich�, sagte Skar rasch, �und zwar um freies Geleit f�r mich und meine Begleiterin.� Der Quorrl erstarrte mitten in der Bewegung. In seinem ausdruckslosen Reptiliengesicht zuckte es; f�r einen Quorrl ein Zeichen �u�erster Erregung.</p><p>�Lasst das Menschenkind los�, sagte der Schuppenkrieger. Es war keine Bitte, nicht einmal eine halbwegs h�fliche Aufforderung, sondern ein Befehl und genauso gut h�tte er auch sein Schwert ziehen k�nnen, um seine Worte mit einem kraftvollen Hieb zu unterstreichen.</p><p>�Das halte ich f�r keine gute Idee�, sagte Skar leise. �Ihr habt doch, was ihr wolltet: eure Rache.� Er war sich dabei bewusst, dass ein einziges falsches Wort reichen w�rde, ein winziger Funke, ein missgedeuteter Blick oder eine zu hastige Bewegung und die Quorrl w�rden sich auf ihn st�rzen: oder aber die Digger.</p><p>Die Augen des Quorrl schienen zu brennen, als er ihn anstarrte. Sein Gesicht war verzerrt und sein rechter Arm zitterte, als b�te er all seine Kraft auf, das Schwert <emphasis>nicht </emphasis>aus der Scheide zu rei�en und sich damit auf Skar zu st�rzen. Dann entspannte er sich, nickte kurz. �Ich habe, was ich wollte, <emphasis>Mensch, </emphasis>auch wenn es etwas anderes ist, als du und deinesgleichen je verstehen werdet.�</p><p>�Lass mein Kind runter�, schrillte in diesem Moment eine Stimme. Es war Roun, ein von den Ereignissen der letzten Stunde vollkommen verwirrter und innerlich gebrochener Mann, den einzig und allein sein Hass vorantrieb, ein Vernichtungswille, wie ihn Skar schon bei vielen Menschen in Extremsituationen beobachtet hatte und der sich doch bei dem Digger in einer unbegreiflichen Nuance von dem ansonsten �blichen unterschied. Es war verst�ndlich, dass er seine mittlerweile heftig strampelnde Tochter nicht dem Mann anvertrauen wollte, dem er die Vernichtung seines Dorfes zuschrieb, aber eigentlich h�tte auch er begreifen m�ssen, dass einzig und allein Skar f�r ihr m�gliches �berleben garantieren konnte.</p><p>Als sich Roun auf ihn st�rzte, tat Skar das Einzige, was ihm als M�glichkeit blieb, um das Leben des Diggers zu sch�tzen: Er wirbelte mitsamt Esanna auf dem R�cken herum und trat mit aller Kraft zu. Der wuchtig gef�hrte Tritt schleuderte den Mann zur�ck, als w�re er ein hilfloses Kind, aber das war er nicht, denn als er sich m�hevoll wieder aufrappelte, blitzte in seiner Faust etwas auf, ein Messer wahrscheinlich, mit dem er einen neuen Angriff starten wollte.</p><p>Skar lie� ihm nicht den Hauch einer Chance. Sein Fu� traf die Rippen des Mannes und hob ihn damit ein St�ck hoch, bevor er ihn wieder auf den Boden krachen lie�. Roun st�hnte auf und kr�mmte sich wie ein S�ugling. �Hund�, wimmerte er. �Du verdammter Verr�ter. Du ... du stehst auf ihrer Seite. Du...�</p><p>�Ich stehe auf niemandes Seite�, unterbrach ihn Skar kalt. �Es war ein Fehler von dir zu glauben, du k�nntest mich kaufen, um auf Quorrl-Jagd zu gehen.�</p><p>Einen winzigen Augenblick lang f�rchtete Skar, damit zu weit gegangen zu sein; und das war er wohl in der Tat. Einer der Quorrl griff ihn ohne Vorwarnung an, stie� sein Schwert nach vorne, als wollte er den Satai wie eine l�stige Fliege aufspie�en. Skars Schwert beschrieb einen pr�zisen Halbkreis und blockte mit der stumpfen Seite die Waffe des Quorrls ab. Der Schlag war mit Kraft gef�hrt und doch nicht stark genug, um den t�dlichen Schlag des geschuppten Giganten vollkommen blocken zu k�nnen; um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, musste der Satai einen Schritt zur�cksteppen.</p><p>Das war genau die Situation, die er bef�rchtet hatte: die Eskalation, die dazu f�hren w�rde, dass ihn im Zweifelsfall Digger und Quorrl, wenn auch nicht gemeinsam, so doch gleichzeitig angreifen w�rden. Doch er hatte die Rechnung ohne den Anf�hrer der Reptilienm�nner gemacht.</p><p>�Genug�, donnerte der Quorrl und in seinen Augen blitzte es, als er mit diesem einen Wort der Attacke seiner Artgenossen ein Ende bereiten wollte.</p><p>Der Quorrl, der ihn angegriffen hatte, lie� seine Waffe mit einem murrenden Ger�usch sinken, doch seine Reaktion auf den Befehl war so halbherzig, dass Skar f�rchtete, er w�rde ihn einfach ignorieren und den Angriff weiter fortf�hren - bis ihm pl�tzlich bewusst wurde, dass er eine solche Reaktion geradezu provozierte: Er hielt noch immer sein <emphasis>Tschekal </emphasis>drohend in der Hand. Angesichts des halben Dutzend Giganten, die ihn mit gezogenen Waffen umringten und nur durch den Befehl ihres Anf�hrers davon abgehalten wurden, ihn schlicht und einfach zu �berrennen, musste das reichlich l�cherlich wirken: Was hatte er geglaubt zu sein? Ein Einzelk�mpfer f�r Freiheit und Gerechtigkeit?</p><p>�Ich bitte dich im Namen der Menschlichkeit�, h�rte er sich selbst sagen, w�hrend er sein <emphasis>Tschekal </emphasis>in den Schwertgurt gleiten lie�, �lass mich und das M�dchen in Frieden ziehen.�</p><p>�Im Namen der Menschlichkeit?� Der Anf�hrer der Quorrl sch�ttelte traurig den Kopf, als h�tte er von dem Satai etwas anderes erwartet als gerade eine solch abstruse Bitte.</p><p>�Nenn es, wie du willst.� Skars Stimme klang flach, nur ein heiseres, fast ausdrucksloses Fl�stern, und so f�hlte er sich auch: leer, kalt, erstarrt durch den Anblick der geschuppten Giganten und bet�ubt von der Woge finsterer, zerst�rerischer Macht, die die Quorrl ausstrahlten.</p><p>�Das M�dchen geh�rt nicht zu dir�, stellte der Quorrl fest. �Sie geh�rt zu den Diggern.�</p><p>�Das kann sein�, gab Skar zu. �Zumindest war es bislang so.�</p><p>Der Schuppenkrieger sch�ttelte fast angewidert den Kopf. Skar kannte die Gem�tsregung der Reptilienm�nner gut genug, um zu wissen, dass er aufs �u�erste gereizt war. �Du verlangst viel�, sagte der Geschuppte schlie�lich. �Dein Leben gegen mein Leben? Ist das die Menschlichkeit, von der du sprichst?�</p><p>�Es ist zumindest ein f�r Menschen nicht ganz un�blicher Handel.�</p><p>�Ein Handel?� Die Stimme des Quorrls klang jetzt eindeutig ver�chtlich und der Satai begriff, dass er ein vollkommen unpassendes Wort gew�hlt hatte. Was war blo� los mit ihm? Es war schlie�lich nicht gerade das erste Mal, dass er es mit Quorrl zu tun hatte.</p><p>Vielleicht war es ganz gut, dass der Quorrl nicht mehr zu der Antwort kam, zu der er angesetzt hatte: Roun stemmte sich mit einer erstaunlich schnellen Bewegung hoch. �Du Schwein!�, schrie er mit sich �berschlagender Stimme. �Das wirst du mir b��en!�</p><p>Bevor Skar etwas zu seiner Verteidigung unternehmen konnte, riss der dem Digger am n�chsten stehende Quorrl den Mann hoch, zog ihn zu sich heran, wie eine Mutter ihren S�ugling zum Stillen an sich ziehen w�rde, und schleuderte ihn, ehe es Skar verhindern konnte, mit aller Kraft zu Boden. Roun schrie gellend auf und versuchte abermals auf die F��e zu kommen, aber seine Kraft reichte nicht mehr; er st�rzte erneut und blieb wimmernd liegen. Dann erschlaffte der Mann so abrupt, als w�re er nicht mehr als eine Marionette gewesen, deren F�den urpl�tzlich durchschnitten wurden.</p><p>Esannas Vater war tot.</p></section><section><title><p id="ZWEITER_TEIL">ZWEITER TEIL: In der Falle</p></title><empty-line/><p><strong>ZWEITER TEIL</strong></p><empty-line/><p><strong>In der Falle</strong></p><empty-line/></section><section><title><p id="_02_01">2.1</p></title><p>Irgendwann mitten in dieser st�rmischen und eiskalten Nacht erwachte Skar, atemlos und gehetzt und voller Unruhe. Er hatte getr�umt, etwas Entsetzliches, unbeschreiblich Grauenhaftes, aber er erinnerte sich an kaum mehr als ein Gef�hl unendlicher Panik, das sich wie ein schwerer Druck auf seine Brust gelegt hatte. Trotzdem glaubte er f�r einen Moment d�nne F�den zu sehen, die sich um seinen K�rper wanden, mit ekelhaft viel Ver�stelungen und zielgerichteten Bewegungen, so als wollten sie ihn einweben wie in einem gigantischen Spinnennetz, in dessen Mitte ihm das Schicksal die Rolle als Beute zugedacht hatte <emphasis>und in ihm war eine Panik, als griffen eiskalte Finger nach ihm, die ihm die Luft zum Atmen aus dem K�rper pressen wollten.</emphasis></p><p>Der Sturm heulte noch immer mit ungebrochener Wut und trieb eisige Ausl�ufer in den Schutz der H�hle, in der sie kurz vor der D�mmerung Zuflucht gefunden hatten. Sie hatten gro�es Gl�ck gehabt, dass sie den tobenden Naturgewalten noch in letzter Sekunde entkommen waren, und auch wenn die H�hle feucht, dunkel und muffig war und die strenge Ausd�nstung von Tierkot ihn anfangs fast zum W�rgen gebracht hatte, war sie ein ideales Versteck, ein Unterschlupf, um wenigstens in dieser einen Nacht zur Ruhe zu kommen. Doch statt sich auch nur halbwegs entspannen zu k�nnen, hatte er erst mit Esanna einen erbitterten und vollkommen sinnlosen Streit gef�hrt und hatte dann lange nicht einschlafen k�nnen; dabei h�tte schon alleine der eiskalte Wind gereicht, um ihm einen h�chst unruhigen Schlaf zu bescheren.</p><p>Merkw�rdigerweise fror er nicht, im Gegenteil; er schien von Innen heraus zu gl�hen, so als h�tte er starkes Fieber. Zu allem �bel hatte er entsetzlichen Durst, aber ihm fehlte selbst die Kraft, sich mit der Zunge �ber die Lippen zu fahren, und er erwachte auch nicht <emphasis>wirklich. </emphasis>Es war, als gestatte ihm der Traum - der kein Traum als solcher war, sondern ein unbegreiflicher Ausl�ufer dessen, das ihn hierher gebracht hatte - nur einen kleinen Ausflug an den Rand der Wirklichkeit, um ihm zu zeigen, dass er nichts weiter als ein Spielball unbekannter Kr�fte war.</p><p>Doch die Szene, in der er sich wieder fand, war nicht die Gegenwart, konnte nicht die Gegenwart sein. Etwas hatte sich ver�ndert. Er fand sich wieder in einer Vergangenheit, doch diesmal waren es nicht die Schatten seines fr�heren Lebens, nicht die Erinnerung an Del und Kiina, die nach ihm griffen, sondern etwas ganz Nahes, zu traumhaft, um vollkommen �berzeugend die gestrigen Ereignisse im Detail wiederzugeben und doch so nah an der Realit�t, dass es fast k�rperlich greifbar war. Er sah sich vor Gor stehen, vor dem gewaltigen Quorrl, der ihn aus irgendeinem unbegreiflichen Grund schon bei ihrer ersten Begegnung <emphasis>wieder erkannt </emphasis>zu haben glaubte, und um das Leben Esannas schachern. Doch ganz anders als in der gestrigen Wirklichkeit standen hinter dem Quorrl nicht nur wenige Schuppenkrieger, sondern eine riesige Armee, die wie ein endloser Ozean hinaus in ein gewaltiges Tal brandeten, sich auf den H�ngen aneinander dr�ngten, kaum genug Platz habend f�r ihre gezogenen Zackenschwerter und das andere Kriegsger�t, das sie f�r ihren Vernichtungsfeldzug gegen die Digger mitschleppten. Er sah sich Esannas Hand ergreifen, als w�re sie sein eigen Fleisch und Blut, als w�re sie seine wieder auferstandene Tochter Kiina, deren Gebeine in der Wirklichkeit schon l�ngst vermodert sein mussten, oder mehr noch, die Tochter, die er sein ganzes Leben lang in seinem Herzen getragen hatte, ohne ihr Abbild jemals auch nur im Entferntesten in der Wirklichkeit zu finden.</p><p>Die Szene verblasste, wurde zuerst seltsam farblos und doch gleichzeitig so intensiv, dass ihn das Geschehen fast schmerzte. Er sah sich selbst und Esanna einen hellen, licht�berfluteten Korridor aus Bruchst�cken der realen Welt entlangschweben, sah sich durch St�dte, H�user und Arenen gleiten, die wie alles �brige auf dieser Welt fest verwoben waren mit einem ganz und gar unbegreiflichen Ganzen, vorbei an grotesk ver�nderten, farbig schillernden Menschengesichtern, die auf eine ganz neue, unfassbare Weise mit ihrer Umgebung verschmolzen, dann hinaustrieben, vorbei an W�ldern, Seen, Gebirgen, die gleich kostbaren Edelsteinen eingef�gt zu sein schienen in das mysteri�se Gebilde, in den Kosmos und in das Gef�ge der ganzen Welt. Er sah sie einschweben in ein Tal, das vollkommen durchzogen war von dem unbegreiflichen <emphasis>Etwas, </emphasis>das ausgef�llt war von ihm wie vielleicht sonst nichts auf Enwor und doch mehr war als ein Knotenpunkt oder eine zuf�llige Ansammlung, sondern das, was die Digger wohl als ihr Ziel betrachtet h�tten, als Zentrum ihrer Suche, als das, was sie ihr Leben lang angelockt hatte und nun doch verderben w�rde.</p><p><emphasis>Und dann, pl�tzlich und von einem Moment auf den anderen, ver�nderte sich alles und die Gesetze der Zeit selbst schienen aufgehoben. Es war wie der Durchbruch zu einer anderen Welt, wie ein Verschlingen der Wirklichkeit. Er war da, mitten in der Nacht, gefangen in einem grauenvollen Traum, und dann, von einem Zeitabschnitt auf den anderen, wich die erstickende Schw�rze einem schattenerf�llten Halbdunkel, in dem er im ersten Moment nicht richtig sehen konnte, nichts wirklich erkannte, bis sich schlie�lich seine Umgebung schemenhaft aus dem Nichts heraussch�lte, Konturen bildend -, die er erst halbwegs erriet und dann mit so glasklarer Deutlichkeit wahrnahm, dass es fast schmerzte...</emphasis></p><p>�bergangslos sa� er auf kaltem, hartem Felsboden, im flackernden Licht eines mit wenigen trockenen Holzscheiten entfachten Feuers, das ihn gleichzeitig w�rmte und auf eine merkw�rdige, peinigende Art auszutrocknen schien. Es war schon sp�t und der Sturm, der vor der H�hle tobte, hatte ihren Aufstieg zur Qual werden lassen <emphasis>und er wusste pl�tzlich, dass es wieder die Vergangenheit war, die ihn in einer unglaublich lebendigen Vision eingeholt hatte... ... dass ihn gleichzeitig ein trance�hnlicher Schlaf gefangen hielt und er doch hier war, an diesem gestrigen, l�ngst vergangenen Abend, der wie aus den Tiefen der Zeit f�r einen endlosen Augenblick zur�ckgekehrt war...</emphasis></p><p>�Es w�re besser, du w�rdest etwas schlafen�, sagte er gerade zu Esanna, in diesem Gestern, das pl�tzlich zur Gegenwart geworden war.</p><p>Das M�dchen sch�ttelte beinahe erschrocken den Kopf. �Nein�, sagte es hastig. �Ich will nicht schlafen. Nicht jetzt. Nicht... nachdem das alles geschehen ist.�</p><p>Erst jetzt, als es ihm auf Armesl�nge gegen�bersa�, sah er, <emphasis>wie </emphasis>ersch�pft und mitgenommen das M�dchen aussah. Aber das war kein Wunder; nicht, nachdem die Quorrl ihr Dorf �berrannt hatten und sie vielleicht die letzte �berlebende ihrer Familie war ... <emphasis>und er wusste jetzt mit geradezu �bernat�rlicher Klarheit, dass er diesen, den gestrigen Abend nach dem erschwerten Aufstieg, nun tats�chlich noch einmal erlebte, ohne seinen Ablauf �ndern zu k�nnen.</emphasis></p><p>�Warum habt Ihr mich entf�hrt, Satai?�, fragte sie mit erstickter Stimme. Ihre Worte �berraschten ihn nicht sehr und er hatte auch nicht vor auf die Beschuldigung darin einzugehen. Er musste endlich herausbekommen, was hier eigentlich los war und wieso er in diese uns�gliche Auseinandersetzung zwischen Quorrl und Digger mit hineingezogen worden war.</p><p>�Ich habe dich nicht entf�hrt, sondern <emphasis>gerettet�, </emphasis>stellte er fest. �Und jetzt will ich endlich wissen, warum die Quorrl euch angegriffen haben.�</p><p>Einen endlosen Herzschlag lang trafen sich ihre Blicke und zum wiederholten Male wurde sich Skar bewusst, wie sehr ihn Esanna in ihrer herausfordernden, temperamentvollen Art an Kiina erinnerte, an diese Kindfrau, die sein eigen Fleisch und Blut war und ihm trotz der Abenteuer, die sie zusammen erlebt hatten, merkw�rdig fremd geblieben war - wie konnte er dann erwarten, dass das Digger-M�dchen ihn verstand?</p><p>Skar konnte geradezu sehen, wie sich die Gedanken hinter der Stirn des M�dchen �berschlugen. �Die Ungeheuer haben uns angegriffen, weil Ihr uns verraten habt.� Sie sch�ttelte den Kopf, als k�nne sie etwas nicht verstehen, und fuhr dann anklagend fort: �Mein Vater hat Euch Gastrecht gew�hrt. Und wie habt Ihr es ihm gedankt?�</p><p>�Wie h�tte ich es ihm denn danken sollen?�, fragte Skar mit einer Schroffheit, die ihn selbst �berraschte. �Indem ich mich von ihm und seinen Freunden h�tte umbringen lassen?�</p><p>Esannas Augen wurden gro� und dunkel vor Angst.</p><p>�Mein Vater hat Euch nur angegriffen, weil er begriffen hat, dass Ihr ein dreckiger Verr�ter seid.�</p><p>�Ich habe niemanden verraten.�</p><p>�Und wie kommt es dann, Satai, dass die Quorrl unser Dorf ausgerechnet in der Vorbereitung zur <emphasis>Erweckung </emphasis>angegriffen haben?� Esannas Stimme zitterte. �Ihr habt uns ausspioniert und ihnen verraten, dass wir die Erweckung vorbereiten. Das genau war ihre Chance. Der einzige Zeitpunkt, zu dem unsere Wachsamkeit nicht so gro� war wie sonst.�</p><p>�So ein Schwachsinn�, knurrte Skar. �Es war der Schutz des Nebels, den die Quorrl genutzt haben. Obwohl ich nicht einmal glaube, dass sie irgendeinen Schutz gebraucht h�tten.�</p><p>�Sie brauchten keinen Schutz, weil Ihr uns verraten habt.� In Esannas weit aufgerissenen Augen stand ein Ausdruck fassungslosen Entsetzens, so als w�rde sie dem M�rder ihrer Familie ins Gesicht blicken und k�nnte einfach nicht glauben, dass ihn noch nicht einmal das geringste Schuldgef�hl plagte. �Aber das ist Euch gleichg�ltig, nicht wahr? Es interessiert Euch nicht im Geringsten, wie viel Leid Ihr �ber mich und all die anderen gebracht habt!�</p><p>�Es tut mir Leid, was passiert ist�, sagte Skar. �Aber ich habe nichts mit dem Hass zwischen euch und den Quorrl zu tun. Und verraten habe ich schon gar nichts.�</p><p>Esannas H�nde begannen f�r einen Moment zu zittern. �Ihr seid ein Verr�ter�, sagte sie ersch�ttert. �M�ge Euch der Tod noch heute Nacht im Schlaf ereilen.�</p><p>�Danke f�r die frommen W�nsche�, sagte er schroff und dachte daran, dass <emphasis>ihn </emphasis>der Tod schon l�ngst geholt hatte - was aber nicht hie�, dass er es nicht noch einmal tat. �Menschen und Quorrl dreschen aufeinander ein, wo auch immer sie k�nnen - aber das heute ... das war <emphasis>anders. </emphasis>Ich will wissen, warum.�</p><p>�Nat�rlich war es <emphasis>anders�, </emphasis>sagte Esanna w�tend.</p><p>�Schlie�lich sind wir Digger. Die Quorrl sind unsere Todfeinde. Wann immer sie einen von uns erwischen, metzeln sie ihn nieder ...� Sie brach ab und schluchzte. Es war offensichtlich, dass sie gegen Tr�nen ank�mpfte, aber auch genauso sinnlos. Sie weinte leise vor sich hin, in einem Schmerz, dessen ganze Kraft sich sicherlich erst in den n�chsten Tagen entfalten w�rde, wenn der Schock nachlie� und sie die ganze Tragweite des heute Geschehenen nicht mehr l�nger vor sich verleugnen konnte.</p><p>Skar starrte in das prasselnde Feuer, das er nur mit M�he in Gang hatte setzen k�nnen; es war kaum trockenes Laub oder Reisig in diesem Teil der H�hle zu finden gewesen, aber immerhin einige, wohl von einem fr�heren Besucher dieses ungastlichen Unterschlupfs zusammengesammelte Holzst�cke. Er wollte Entsetzen empfinden, Furcht, Schmerz, Verzweiflung, aber in ihm war <emphasis>nichts. </emphasis>Jedenfalls nichts von alledem. Der mannigfache Tod der Digger, ihr Sterben und Leiden, lie� ihn merkw�rdig kalt. Es war sogar beinahe so, als w�rde etwas in ihm so etwas wie Genugtuung bei dem Gedanken empfinden, dass das Dorf der Digger nun dem Erdboden gleichgemacht worden war.</p><p>Ein paar Atemz�ge lang verlor er sich vollkommen in den Flammen, ihrem Z�ngeln und spielerischen Ausf�llen in die kalte Nacht hinein, ins Spiel der Rauchschwaden, die, von der immer noch eiskalten, zugigen Luft mitgerissen, in verwirrenden Mustern zum fernen Ausgang gewirbelt wurden, und in das Knistern und Prasseln des Holzes, das ihm nach den schrecklichen Schreien, dem St�hnen und dem Waffengeklirr wie das Versprechen einer fernen heilen Welt erschien. W�hrend ihn das unergr�ndliche Z�ngeln der kleinen Fl�mmchen noch gefangen nahm, bemerkte er aus den Augenwinkeln eine andere Bewegung, ein vorsichtiges Voranschieben von Esannas zierlicher Hand, die sich unter ihren Rock schob wie eine Schlange auf der Suche nach einer schnellen Beute. Es war vielleicht den sich schrecklich �berst�rzenden Ereignissen des Nachmittags zuzuschreiben, der Ersch�pfung der �u�erst bizarren Wanderung durch das unwegsame, kaum einsichtige Gel�nde, durch das sie auf ihrem wie von einer unsichtbaren Hand gelenkten Weg hierhin gelangt waren: Seine Reaktion war viel langsamer, als man sie von einem Ausnahmekrieger wie ihm erwarten durfte.</p><p>Esannas Hand kam wieder vor und sie war nicht leer. Sp�testens das metallische Aufblitzen h�tte ihn warnen m�ssen oder die in einer schnell Bewegung nach oben gerissene Hand. Nichts von alledem geschah. Er wandte in einer geradezu grotesk langsamen Bewegung den Kopf zu ihr um, wie es vielleicht ein Bauer tun w�rde, der sich in einem Wirtshaus einem �berraschenden Angriff gegen�bersah. Auch als sich Esanna mit einem Aufschrei auf ihn st�rzte, reagierte er nicht. Ihre Hand, die den zierlichen Schaft des Messers so fest umklammerte, dass das Wei� ihrer Kn�chel hervortrat, zuckte nach unten, genau in Richtung seines Halses.</p><p>Erst in diesem Moment handelte er, endlich, und mit der ihm eigenen Schnelligkeit und Konsequenz. Seine rechte Hand schoss wie ein Falke nach oben, um ihr Handgelenk zu packen, gleichzeitig drehte er den Oberk�rper zur Seite und so nah �bers Feuer, dass die Hitze seine Augenbrauen versengte. Das scharf geschliffene Messer sauste mit unvermindert t�dlicher Wucht auf seinen Hals hinab und ritzte die Haut, kurz oberhalb der Halsschlagader. Doch da umklammerte seine Hand auch schon Esannas Handgelenk; mit einer kr�ftigen Bewegung verdrehte er es so kr�ftig, dass ihr gar nichts anderes �brig blieb, als die Waffe mit einem Aufschrei loszulassen. Das Messer trudelte ins Feuer hinab und tauchte mit einem dumpfen Aufprall in die Hitze hinein. Funken stoben auf und begruben die Waffe unter sich in ihrer Glut.</p><p>Skar lie� Esannas Handgelenk wieder los und versetzte ihr einen Sto� gegen die Schulter, der sie ein paar Meter zur�cktaumeln lie�. �Tu das besser nicht noch mal�, sagte er, ohne aufzusehen, aber jetzt wachsam und gespannt genug, um jeden weiteren Angriff schon im Ansatz abwehren zu k�nnen.</p><p>Esanna reagierte ganz anders, als er erwartet hatte. Statt sich wie eine Furie auf ihn zu st�rzen, gab sie nur einen fast lautlosen, jammernden Laut von sich, griff dann mit der Linken nach ihrem Handgelenk und massierte die Stelle, an der Skar sie gepackt hatte. Der Satai belie� es dabei. Es hatte keinen Sinn, ihr Vorhaltungen zu machen; au�erdem konnte er sie verstehen, nur zu gut sogar. Wahrscheinlich machte sie ihn allein f�r die Vernichtung ihrer Familie verantwortlich und sicherlich glaubte sie, dass er irgendetwas Entsetzliches mit ihr vorhatte - was sie allerdings nicht ungef�hrlich machte, denn Rache und Angst waren starke Motive f�r einen erbarmungslosen Angriff und m�glicherweise bereitete sie schon jetzt die n�chste Attacke vor.</p><p>Aus den Augenwinkeln gewahrte er eine zuerst fast unmerkliche Ver�nderung in ihrer K�rperhaltung, die dann zur eindeutigen Absicht wurde: Esanna trat ein paar Schritt vor und damit so nah ans Feuer, dass die Flammen fast ihre F��e versengten. Im ersten Moment glaubte Skar, sie wollte nach dem von feuriger Gischt verschlungenen Messer greifen, aber dann begriff er seinen Irrtum - sie wollte mit ihm reden.</p><p>�Gebt mich frei�, sagte sie tonlos. �Ich bin Euch doch nur im Weg. Was will schon ein Herr wie Ihr von einem wertlosen Digger-M�dchen?�</p><p>Skar starrte wieder ins Feuer, beobachtend, wie die leckenden Flammen nach dem Messer griffen. Zuerst schien das geh�rtete Metall dem Angriff zu widerstehen, doch dann machten sich erste Verf�rbungen bemerkbar, ein Wechselspiel verschiedener Farben, ein violett-gr�nliches Flammenspiel, das ihm verriet, dass die Waffe aus billigem Eisen gefertigt worden war. Einen Herzschlag lang war er versucht, sie mit einem Ast aus der Mitte der Funken spr�henden, hell brennenden Holzscheite zu angeln, um Esanna nicht in Versuchung zu f�hren - doch eine unerkl�rliche und vor allem ungewohnte Tr�gheit hinderte ihn daran, diese einfache Vorsichtsma�nahme durchzuf�hren.</p><p>Und vielleicht war es ja auch gar nicht so wichtig. Sollte Esanna wirklich mit einer schnellen Bewegung nach dem gl�hend hei�en Messer greifen, w�rde sie eine unliebsame �berraschung erleben: Au�er ein paar Brandblasen w�rde ihr das nichts einbringen. Skar blinzelte ein letztes Mal in die glei�ende Helligkeit des Feuers und sah dann zu dem M�dchen hinauf. Ihre Blicke begegneten sich und schienen ein stummes Duell auszufechten; in Esanna Augen funkelte so viel Hass und Wut, dass es Skar fast erschreckte. Wenn sie nur im Entferntesten das Gef�hl gehabt h�tte ihn auf die eine oder andere Weise �berrumpeln zu k�nnen, das begriff er in diesem Moment, dann h�tte sie es getan.</p><p>�Ich werde jetzt einfach gehen�, sagte Esanna mit der Entschlossenheit eines kleinen Kindes, das seinen Kopf durchsetzen will. �Und auch Ihr werdet mich nicht aufhalten, Satai.�</p><p>Skar sah sie einen Augenblick vollkommen �berrascht an, bis er begriff, dass sie es durchaus ernst meinte. �Du t�uschst dich, wenn du glaubst, ich wollte dir irgendwelche Steine in den Weg legen.�</p><p>Esanna setzte zu einer w�tenden Entgegnung an, verschluckte sich aber dann beinahe an den Worten, die ihr schon auf der Zunge lagen, als sie die Bedeutung seiner Worte begriff und trotzig fragte: �Und was soll das hei�en?�</p><p>�Wenn du gehen willst, dann geh�, sagte Skar ruhig und sich durchaus bewusst, dass sie andernfalls nicht Ruhe geben w�rde, bis er sie nicht gefesselt und geknebelt in eine Ecke der H�hle warf - oder bis sie einsah, dass jeder Fluchtversuch an den Unbilden der Natur scheitern w�rde. �Ich gebe dir sogar noch einen Rat auf den Weg: Such dir ganz schnell eine neue Unterkunft, eine H�hle oder zumindest einen tiefen Felsspalt, und sieh zu, dass du genug Holz findest, um dir ein Feuer machen zu k�nnen. Ansonsten wirst du bei dieser Witterung die Nacht wohl kaum �berleben.� Esanna z�gerte. �Hei�t das, du l�sst mich wirklich frei und ich kann machen, was ich will?�, fragte sie misstrauisch. �Auch zur�ckgehen in mein Dorf?�</p><p>�Nat�rlich�, nickte Skar. �Ich werde dich nicht daran hindern.� <emphasis>Aber vielleicht die Quorrl, </emphasis>f�gte er in Gedanken hinzu.</p><p>In Esannas Augen glitzerte kalte Entschlossenheit. Sie war wohl noch zu jung, den Ernst seiner Warnung zu begreifen und ihn gegen den Drang abzuw�gen, ohne ihn die Nacht zu verbringen. Alles was sie sah, war die Chance sich von ihm zu befreien, ohne zu begreifen, dass sie ohne den Satai kaum mehr als ein paar Stunden in der st�rmischen, menschenfeindlichen und nebelverhangenen Nacht �berleben w�rde. Aber trotzdem - sie war nicht die Erste und w�rde nicht die Letzte sein, die f�r einen Hauch tr�gerischer Freiheit bereit war ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Irgendwie neidete Skar ihr diese jugendliche Naivit�t. �Also dann�, sagte sie und unterstrich ihre Worte mit einer kurzen, entschlossenen Geste und <emphasis>dann schien sie ein kurzes Flackern zu durchzucken, sich ihre Gestalt aufzul�sen und genauso ihr Gewand und die vorgestreckten H�nde, w�hrend der Rest ihres K�rpers noch in der letzten Bewegung erstarrt war und in Feuerwirbeln auseinander jagte, zu schwirrenden grellwei�en Funken wurde ...</emphasis></p><p><emphasis>Zur�ck in der Gegenwart war er sich trotzdem im ersten Moment nicht sicher, ob er nun wirklich erwacht war oder ob er nur eine besonders niedertr�chtige Fortsetzung des Alptraums erlebte. Sein ganzer K�rper war ein einziger, brennender Schmerz und er hatte ein f�rchterliches Brennen in seiner Kehle; es war ein Gef�hl, als h�tte er t�tenweise Sand geschluckt und danach tagelang keine Quelle, keinen Bach, kein Rinnsal gefunden, um seinen entsetzlichen Durst zu stillen. Das erstickende Gef�hl war so stark, dass er noch nicht einmal frei husten konnte, geschweige denn schlucken. Das Schlimmste aber: Er war auf eine widernat�rliche Weise in zwei Wirklichkeiten hinein erwacht. Auf der einen Seite lag er in der alles verschlingenden K�lte inmitten der st�rmischen Nacht mit dem leisen Knistern und Prasseln des erl�schenden Feuers neben sich und auf der anderen Seite war es der Abend zuvor, an dem er eingenickt war, kaum dass Esanna die H�hle verlassen hatte. W�hrend ihn der brennende Durst fast um den Verstand brachte, f�hlte er sich zerrissen, als ob zwei Personen in ihm w�ren: Der gestern Abend Schutz suchend in diese H�hle eingekehrte Skar und der von einem Alptraum gebeutelte Skar, der wenige Stunden sp�ter in einen alles verschlingenden Wahnsinn hinein erwachte.</emphasis></p><p>Es dauerte nicht lange, bis ein Ger�usch am H�hleneingang davon k�ndete, dass jemand von drau�en hereintappte, jemand, der so m�de, ersch�pft und wahrscheinlich verfroren war, dass er kaum noch gerade gehen konnte, sondern eher darum k�mpfen musste, noch einen Fu� vor den anderen zu setzen. Skar brauchte nicht aufzusehen, um zu wissen, <emphasis>wer </emphasis>das war, der da triefend und ersch�pft von einem vermeintlichen Ausflug in die Freiheit zur�ckkehrte.</p><p>�Schon gut�, sagte Esanna, als sie zitternd und nass wie eine Flussratte, die stundenlang einen Kanal durchschwommen hatte, ans Feuer trat, �du brauchst nichts zu sagen.�</p><p>Skar stemmte sich auf den Ellbogen, um zu erkennen, <emphasis>welche </emphasis>der Esannas ihn angesprochen hatte. Die Feuerstelle schien w�hrenddessen zu eigenem, gespenstischem Leben erwacht zu sein: Sie sprang zwischen fast erloschen und munter prasselnd st�ndig hin und her. Auch Esanna war von der Ver�nderung betroffen; durch ihre Gestalt ging ein st�ndiges Flackern wie von irisierendem Licht und ihre Konturen verschwammen im raschen Wechsel, so als k�nnten sich seine Augen nicht entscheiden, wie sie sie sehen wollten. Doch in beiden F�llen stand sie vor K�lte gesch�ttelt vor ihm und ihre Kleidung war so voller Feuchtigkeit, dass sich dunkle Flecken auf ihr abzeichneten.</p><p>�Ja�, kr�chzte er, benommen und immer noch gefangen in dem Traum <emphasis>(welchem Traum? Zu welcher Zeit?) </emphasis>und er wunderte sich, dass seine zerst�rte Kehle �berhaupt einen Laut hervorgebracht hatte.</p><p>�Es ist nichts dort drau�en�, stie� Esanna w�tend hervor und deutete hinter sich auf den H�hleneingang, �nichts, au�er einem Schneesturm und Dunkelheit und Nebel - warum musstest du mich auch ausgerechnet in diese verdammte Gegend mitschleppen?�</p><p>�Weil...�, sagte Skar und versuchte sich verzweifelt an das zu erinnern, was er hatte sagen wollen. Er k�mpfte gegen das Gef�hl an, dass die Wirklichkeit abrutschte, dass sie sich wie ein Boot in st�rmischer See �berschlug und ihn mitriss in die alles verschlingende Unendlichkeit. Esannas Frage war berechtigt, das begriff er, doch gleichzeitig schien es ihm unm�glich, sie zu beantworten - vielleicht, weil es keine Antwort gab oder weil die Antwort zu schrecklich war, um sie sich bewusst zu machen, oder weil jemand - etwas - ihn daran zu hindern suchte, den Gedanken weiterzuverfolgen...</p><p>�Weil was?�, fragte Esanna.</p><p>Die Antwort, die Antwort... Sie war von zentraler, fast lebenswichtiger Bedeutung. Sicherlich, er hatte sich schon oft in den verr�cktesten Situationen befunden und nicht gewusst, ob er �berhaupt die geringste Chance hatte, den n�chsten Tag unversehrt oder zumindest lebend zu erreichen - aber das hier war etwas ganz anderes, etwas viel Bedrohlicheres, auch wenn es nur um die Beantwortung einer an sich simplen Frage ging.</p><p>Und dann, von einer Sekunde auf die andere, ging die Welt um ihn abermals zu Bruch, tanzten bunt schillernde Farbkreise um ihn herum und verschlangen alles, was er vorher noch mit durchbrochener Klarheit hatte sehen k�nnen, rissen das gerade noch Sichtbare in einen gigantischen Strudel mit sich hinab, zerst�rerisch, verschlingend und vernichtend... Sand f�llte seinen Mund, knirschte zwischen seinen Z�hnen, kroch brennend und hei� unter seine Kleidung und scheuerte auf seiner blo�en Haut; ein grauenhaftes Gef�hl, als w�rde er unter Sandmassen versch�ttet, die ihn zuerst nur ausged�rrt hatten, um ihn jetzt g�nzlich zu ersticken, als wollten sie ihn lebendig unter sich begraben, ihn, den ja schon seit einer kleinen Ewigkeit Toten und Verdammten, ihn, der keine Lebensberechtigung mehr hatte au�er Es zu dienen, seinen Auftrag zu erf�llen, der Welt den Willen des <emphasis>Unbegreiflichen </emphasis>aufzuzwingen ...</p><p>Die Welt um ihn herum explodierte in tausend Farben, in tausend Splittern, nur um dann wahnsinnig rasch, <emphasis>aber irgendwie verkehrt und verdreht </emphasis>wieder zusammenzuwachsen. Die Magie der Bilder war gleichzeitig grauenvoll und entsetzlich sch�n, riss ihn allumfassend mit sich, erg�nzt durch einen tausendfachen Choral br�llender, tobender, infernalisch kreischender Stimmen und knatternder Ger�usche, die auf ihn eindrangen und den Rest seines Bewusstseins mit sich rissen, als wollten sie ihn mitnehmen auf eine H�llenreise ohne Wiederkehr und einen f�rchterlichen Augenblick lang erkannte er ihn: <emphasis>den Kern der Dinge, umgeben vom Feuerwerk netzf�rmiger Strukturen, die sich durch alles zogen, alles unterwanderten, nichts unber�hrt lie�en, um, von einem unbekannten Trieb getrieben, immer weiter hinauszuwachsen in die Welt, bis sie auch den letzten Gegenstand, jeden Menschen und jedes beliebige andere Lebewesen in Besitz genommen hatten ...</emphasis></p><p><emphasis>... </emphasis>und auch ihn und Esanna, die miteinander verwoben waren, sich im Tiefsten bereits in dem Moment erkannt hatten, als sie sich zum ersten Mal gegen�bergestanden hatten, in all ihrer Fremdartigkeit und trotz des drohenden Abgrunds der Zeit, der zwischen ihnen klaffte. Aber da war noch etwas anderes, etwas, das sich vom Anfang der Zeit, vom Nabel der Welt, vom Ursprung her ausdehnte und in sie hineinfra�, das gleichzeitig erschreckend fremd und unglaublich vertraut war. Es bohrte sich in ihn hinein und, dessen war er sich mit erschreckender Klarheit bewusst, gleichzeitig auch in Esanna, suchte nach etwas, nach einer Antwort, nach dem Erkennen. Das Tasten und Suchen in seinem Geist wurde st�rker, glitt hinab auf eine Ebene seines Bewusstseins, die ihm bislang vollst�ndig verschlossen geblieben war, und noch tiefer, tief unter sein Denken und F�hlen und bis auf den Grund seiner Seele und ...</p><p>... pl�tzlich stand sie wieder vor ihm.</p><p>Esanna.</p><p>Auch er stand nun und es war etwas ganz Selbstverst�ndliches in dieser schmerzhaft vertrauten Art, mit der sie sich gegen�berstanden, wie zwei Menschen, die sich lange nicht gesehen hatten und nun nicht wussten, wie sie miteinander umgehen sollten. Zitternd starrte sie Skar an, erwartungsvoll, fragend und doch wissend, und dann streckte sie die H�nde zu ihm vor, fassend, ber�hrend und ertastend, bis sie seine Finger gefunden hatte und sie mit sanftem Griff umschloss.</p><p>Er wusste nicht, was sie tat, geschweige denn, wie, aber er sp�rte, wie sie seine Kraft mit diesem erschreckend fremden <emphasis>Etwas </emphasis>verband. Es war ihm, als ber�hrten unsichtbare kalte Finger seinen Geist; es war ein unangenehmes Gef�hl, fremd und auf unfassbare Weise drohend und d�ster. Er k�mpfte einen Moment gegen den Impuls ihre H�nde mit Gewalt von den seinen loszurei�en und sie von sich zu sto�en.</p><p>Und dann tat Esanna pl�tzlich etwas, was er als Letztes von ihr erwartet hatte.</p><p>Sie glitt dicht an ihn heran, stellte sich auf die Zehenspitzen und k�sste ihn, sehr sanft und ohne irgendwelches Verlangen; auf eine m�dchenhaft scheue und doch gleichzeitig selbstsichere Art, wie sie Skar noch nie kennen gelernt hatte. Es war eine Ber�hrung, aus der tiefe Vertrautheit sprach. Und - ja, sicher - auch Hingabe, aber eine Hingabe sonderbar fremder, verwirrender Art, seltsam substanzlos, als h�tte sie gar nichts mit ihnen beiden zu tun, sondern mit einer vollkommen fremden, unergr�ndlichen Macht - mit Es. Einen Herzschlag lang versuchte er sich gegen ihre Umarmung zu wehren, aber dann entspannte er sich und genoss das Gef�hl einem Menschen nahe zu sein, der auf eine vollkommen unbegreifliche Weise mit ihm verbunden war - tiefer vielleicht, als es selbst zwischen Liebenden jemals m�glich war.</p><p>�Sieh�, fl�sterte Esanna so sanft wie ein Luftzug, der �ber die Bl�tter eines Baums strich, �und begreife.�</p><p>Er schloss unwillk�rlich die Augen, stieg hinab in sich selbst, erlag dem Lockruf des Unfassbaren, das ihn im gleichen Moment mit unbarmherziger Kraft anzog und abstie�. Ein Bild stieg in ihm auf, zuerst kaum fassbar, dann immer konkreter ... es nahm Form an und verlor sie doch gleichzeitig, war gut und doch bis auf den Grund <emphasis>b�se, </emphasis>abgrundtief <emphasis>schlecht, </emphasis>fremd und unmenschlich ... war nichts mehr als Schaum, wei� und federleicht, auf der Oberfl�che eines massiven, schwerf�lligen Ozeans, einer dunklen Masse aus Wasser, die auf Enwor schwappte und sich st�ndig ausbreitete, nicht aufh�rte zu wachsen, solange es lebte, ein riesenhaftes Gebilde, Lage um Lage, Schicht um Schicht seine urspr�ngliche Form, seinen Zusammenhalt verlierend, wie ein Schneckenhaus mit Millionen Kammern, eine Zwiebel aus tausendfach ineinander geschichteten Ablagerungen. Die Vision war nicht klar vor seinen Augen, sondern blieb seltsam unfassbar, aber es dr�ngte sich ihm auf mit einer Zwanghaftigkeit, die ihn erschreckte und bis ins Tiefste ber�hrte und sein Innerstes aufw�hlte, weil er ahnte, nein, wusste, dass es der Wirklichkeit n�her kam, als es ihm lieb sein konnte ...</p><p>Und er begriff. Es war kein intellektuelles Verstehen, nicht einmal der Hauch eines bewussten Gedankens, sondern etwas ganz anderes, viel tieferes. Er und Es, sie waren eins und dennoch Unendlichkeiten voneinander getrennt; sie waren wie ineinander verwachsene Zwillinge und doch wie zwei feindliche Geschwister, wie sie sich fremder nicht sein konnten, und w�hrend er Es sah, ver�nderte sich alles um ihn, warfen die tausendfachen realen Gegenst�nde dieser Welt Dutzende von Schattenbildern an Hunderten von Orten, gleichzeitig und dennoch getrennt durch unbegreifliche Abgr�nde der Zeit.</p><p>Dann zerstob das Bild, l�ste sich von einem Moment auf den anderen auf und lie� ihn zerst�rt und leer zur�ck. Er h�tte aufschreien k�nnen in diesem Augenblick, aufschreien, weil der Verlust ihn fast zerriss und ihn mit einer unbekannt brennenden Sehnsucht zur�cklie�, die sich in seine Eingeweide w�hlte und in seine Seele stahl, als wollte sie ihn vernichten.</p><p>�Weil was?�, fragte Esanna.</p><p>Ihre Worte rissen Skar in die Wirklichkeit zur�ck. Er �ffnete die Augen und griff Halt suchend an die Stelle, an der eben noch Esanna gestanden hatte, und zwar direkt vor ihm - <emphasis>jetzt aber hockte er am Boden vor der Feuerstelle und stand nicht mehr l�nger! -, </emphasis>doch dann begriff er seinen Irrtum und zog hastig die Hand zur�ck, als h�tte er etwas gl�hend Hei�es ber�hrt.</p><p>�Nun sag schon, warum du den Weg in diese Ein�de gew�hlt hast�, dr�ngte Esanna.</p><p>Eine dumpfe, noch unfassbare Ahnung stieg in Skar empor, verblasste aber, bevor er sie greifen konnte. �Weil es ... ein gutes Versteck ist�, sagte er m�hsam. �Keine Quorrl, keine Menschen ... Hier sind wir erst einmal sicher.�</p><p>Esannas Augen zogen sich zu d�nnen Schlitzen zusammen. �Du h�ttest es mir sagen k�nnen�, beschwerte sie sich. �Was?�, fragte Skar, w�hrend ihm ein kurzer eisiger Schauer �ber den R�cken lief. �Dass wir an einem der unwirtlichsten und entlegensten Flecken der bekannten Welt sind? Aber ich dachte, das w�sstest du. Schlie�lich seid ihr Digger freiwillig in diese Gegend gekommen.�</p><p>�Ja. Nein.� Esanna sch�ttelte sich und trat n�her ans Feuer heran, w�hrend sie gleichzeitig die Arme um sich schlang.</p><p>Aber irgendetwas stimmte nicht. Er blinzelte ein paarmal, versuchte zu begreifen, was dort vor ihm gerade geschah. Er sah Esanna verfroren am Feuer stehen, m�de, zerschlagen und immer noch am ganzen K�rper zitternd. Aber da war noch etwas anderes, glitzerte etwas in ihrer Hand, was eigentlich harmlos in der Feuerstelle liegen sollte: das Messer.</p><p>Im n�chsten Augenblick war die Vision schon wieder verschwunden, um nur ein paar Sekunden sp�ter flackernd wieder zum Leben zu erwachen. Was ging hier vor? War es eine Warnung aus den Tiefen seiner Seele, ein Hinweis vor einem k�nftigen Angriff Esannas, den sie schon plante, nachdem ihr Versuch, in der tobenden Nacht einen anderen Unterschlupf zu finden, an den Naturgewalten gescheitert war? Vielleicht - und doch ... es war so, als w�rde er sie <emphasis>zwischendurch </emphasis>tats�chlich in einer ganz �hnlichen, aber grundverschiedenen Pose sehen, als st�nden zwei Esannas vor ihm, die eine fr�stelnd, aber harmlos, am Feuer und die andere mit einer t�dlichen Waffe in der Hand, die sie ihm, dem gerade Erwachten, ins Herz sto�en wollte.</p><p>�Ich frage mich, warum du dir ausgerechnet diese Gegend hier ausgesucht hast, Herr�, sagte Esanna. In ihren Augen flackerte etwas, das er nicht zu deuten vermochte. �Ihr h�ttet vor den Quorrl doch auch ein anderes Versteck finden k�nnen als ausgerechnet hier.�</p><p>Ganz nebenbei fiel Skar auf, dass sie zwischen dem vertrauten <emphasis>du </emphasis>und dem ehrfurchtsvollen, aber wohl mehr sp�ttisch oder sogar abf�llig gemeinten <emphasis>Ihr </emphasis>hin und her schwankte - etwas, das aber ganz im Hier und Jetzt stattfand und nichts zu tun hatte mit der mittlerweile verblassten Vision der m�rderischen Esanna. Trotzdem - wenn er die Warnung ernst nahm, sollte er sofort das mittlerweile gl�hende Messer aus den Flammen nehmen und, nachdem es abgek�hlt war, in seinem Waffengurt verstauen.</p><p>�Ich will jetzt endlich wissen, was du von mir willst!�</p><p>Esanna wirbelte mit einer erschreckend schnellen Bewegung zu ihm herum. �Ich bin doch nur Ballast f�r Euch!� Skar schwieg noch immer. Es gab auch nichts, was er h�tte sagen k�nnen, nichts, was irgendeiner Verteidigung noch Sinn gegeben h�tte. Das zwischen ihm und Esanna bestehende Band war nichts, was sich in Worte kleiden lie� und was auch immer sie zusammengef�hrt hatte: Mit ihm selbst, mit einer bewussten Entscheidung hatte das wohl am wenigsten zu tun.</p><p>�Erz�hl mir mehr �ber die Digger�, sagte er nach einer weiteren Minute des Schweigens, w�hrend in ihm gleichzeitig ein erbitterter Kampf tobte und sich Gedanken glasklar aneinander reihten, mit messerscharfer Logik, als ob sie ihn zerschneiden wollten: Dunkler Bruder, <emphasis>Sternenbestie Daij-Djan, </emphasis>Vernichtung der alten Ordnung, Kampf ums �berleben, Tod, Tod, Tod und Tasten und Suchen in der alles verschlingenden Ewigkeit des Immertoten, aus dem Nichts und Niemand zur�ckkehrte ins Reich des Lebens ... Und doch war er hier, Skar, dem die Geschichtsschreibung der Welt das <emphasis>Elfte Buch </emphasis>widmete, den die Prophezeiung dazu auserkoren hatte, Enwor zu retten, nachdem Narren auf allen Seiten zur umfassenden Vernichtung aufgerufen hatten ... ein Skar, der tot war, gestorben vor unendlich langer Zeit... <emphasis>Und der er deswegen nicht selber sein konnte!</emphasis></p><p>Wer aber war er dann?</p><p>Skar versuchte den Gedanken weiterzuverfolgen, zu ergr�nden, was es mit dem Geheimnis seiner Existenz auf sich hatte. �Ich will wissen, warum dein Volk ausgerechnet hier lebt�, h�rte er sich jedoch stattdessen sagen, als best�nde er aus zwei Wesen, als w�re der eine vollkommen auf das Gespr�ch mit dem M�dchen konzentriert und als w�rde der andere voller Panik und Entsetzen versuchen zu begreifen, was mit ihm geschah und <emphasis>wer </emphasis>oder <emphasis>was </emphasis>er eigentlich wirklich war.</p><p>�Schon wieder ein Vorwurf, Satai?�, fragte Esanna hart. �Erst verratet Ihr uns an diese Ungeheuer, dann schlagt Ihr Euch im Kampf auf ihre Seite und schlie�lich entf�hrt Ihr mich - und nun tut Ihr so als h�tten wir kein Recht dem Ruf zu folgen und das zu tun, was getan werden muss!�</p><p><emphasis>�Dem Ruf folgen?�, </emphasis>wiederholte Skar verwirrt. Diese Formulierung schlug in ihm eine Saite an, weckte eine Erinnerung, die wie eine alte Wunde aufplatzte. �Was genau meinst du damit?�</p><p>�Als ob Ihr das nicht genau w�sstet�, schnaubte Esanna. �Wir sind nun mal Digger und Digger folgen ihrem Ruf so wie ... wie ... ach, das ist ja auch egal.�</p><p>�So wie Quorrl dem Ruf des Blutes folgen und Digger ausl�schen, sobald sie ihrer habhaft werden, und so wie andererseits Satai dem Ruf folgen, um gegen die Quorrl zu ziehen?�, half Skar ihr aus.</p><p>�Ja, genau�, funkelte ihn Esanna an. �Das wisst Ihr ja wohl besser als jeder andere, nicht wahr? Ich habe nicht gewusst, dass sich Satai auf einen Blutpakt mit den Quorrl einlassen, obwohl es mich kein bisschen wundert, so wie sich deinesgleichen in letzter Zeit verh�lt, vielleicht mal abgesehen von Marna, dem Satai mit der Wolfsmaske, und seinen Gefolgsleuten.�</p><p>Skar schwieg einen Moment. Seine Verwirrung wuchs, je l�nger das Gespr�ch anhielt. Doch gleichzeitig wurde das von seinen (seinen?) Augen vermittelte Bild der H�hle und der vor ihm stehenden Esanna auch sch�rfer, als ob sich ein bislang vorhandener Schleier aufl�ste und auch das Pfeifen und Heulen des Sturms erschien ihm mit einem Mal viel deutlicher: St�rker als je zuvor schien es bem�ht zu sein, das fr�hlich prasselnde Feuer zu �bert�nen. Immerhin lie� zumindest das beklemmende Gef�hl nach, das die Visionen mit sich gebracht hatten, und er konnte sich nur noch verschwommen an die Trugbilder erinnern, an die tanzenden Schatten, die ihn gerade noch genarrt hatten - falls da wirklich �berhaupt etwas gewesen war - und an Esannas Umarmung und an das kratzende, erstickende Gef�hl in seiner Kehle und die brennende Frage nach Ursprung und Sinn seiner Existenz.</p><p>�Es ist nicht ganz einfach, dir zu folgen�, sagte er schlie�lich, w�hrend er mit einem Kopfsch�tteln den Schrecken der letzten Minuten endg�ltig von sich zu sch�tteln versuchte. �Wie du wei�t, komme ich von weit her und der Ort, von dem ich komme - na, man k�nnte fast sagen, die Zeit sei dort stehen geblieben.�</p><p>�Ich glaube dir kein Wort�, sagte Esanna ver�chtlich. �Du bist doch nicht viel mehr als ein Strauchdieb in der Maske des ehrbaren Satais.�</p><p>�Du hast es erkannt�, sagte Skar und mit einem Mal fielen alle Fragen, alles Dr�ngen von ihm ab und etwas Altbekanntes gewann in ihm die Vorherrschaft: blanker, menschenverachtender Zynismus: �Ich schleiche mich nachts in die H�tten armer Leute, schlitze die M�nner auf, sch�nde die Frauen und verspeise die kleinen Kinder zum Fr�hst�ck.�</p><p>Er zuckte zusammen, als er merkte, was f�r eine Geschmacklosigkeit ihm da �ber die Lippen gekommen war. Eine vollkommen �berfl�ssige Bemerkung angesichts des Gemetzels, das gerade - und doch, wie es ihm schien, vor unendlich langer Zeit - in Esannas Heimatdorf stattgefunden hatte und bei dem wahrscheinlich neben ihrem Vater auch andere enge Verwandte von ihr den Tod gefunden hatten.</p><p>�Verzeih�, sagte er mitten in Esannas entsetzten Gesichtsausdruck hinein, �ich glaube, wir sind beide etwas mit der Situation �berfordert. F�r den Anfang w�rde es mir schon gen�gen, wenn du dich entscheiden k�nntest, wie du mich ansprechen willst: Ob du es vielleicht �ber dich bringen kannst, beim <emphasis>du </emphasis>oder beim <emphasis>Ihr </emphasis>zu bleiben, ganz wie es dir gef�llt.�</p><p>�Wie es mir gef�llt?�, wunderte sich Esanna. �Was soll dieser Schwachsinn. Du - also gut, Ihr - habt mich doch nicht ohne Grund hierher mitgeschleppt.�</p><p>�Ich verstehe nicht ganz�, behauptete Skar, obwohl er nat�rlich nur zu gut verstand. Alles, was er mit dieser Bemerkung erreichen wollte, war Zeit gewinnen: Zeit, um sich dar�ber klar zu werden, was ihn dazu getrieben hatte, ausgerechnet dieses M�dchen zu retten, und Zeit, um begreifen zu lernen, was es mit ihm selbst auf sich hatte.</p><p>�Was ist denn daran zu verstehen?�, fragte Esanna mit der ganzen Emp�rung der Jugend, die sie trotz des frisch erlebten Grauens kraftvoll gegen ihr Schicksal ank�mpfen lie�. �Du hast dich bei uns als Gast eingeschlichen, uns schm�hlich verraten...�</p><p>�Das hatten wir doch schon alles�, sagte Skar. �Fangen wir lieber bei den Dingen an, die mir noch nicht bekannt sind: so trivial sie dir auch erscheinen m�gen.�</p><p>�Und das w�re?�, fragte Esanna im gereizten Tonfall eines Kindes, dessen Mutter ihm gerade zu erkl�ren versucht, warum es besser ist, <emphasis>nicht </emphasis>nachts allein durch einen Wald zu gehen.</p><p>�Beginnen wir mit den Diggern�, sagte Skar leise, w�hrend er die Augen schlo�, um die verschiedenen, ihn qu�lenden Bilder in den Hintergrund zu schieben. �Was genau sucht ihr so nah an der Grenze zum Quorrl-Gebiet?�</p><p>�Was f�r eine Frage�, sagte Esanna, immer noch ersch�ttert. �Jedermann wei� doch, wer wir sind und was wir tun. Ganz Enwor kennt uns! Das kann doch nicht sein ... es sei denn�, ihre Augen verd�sterten sich, als h�tte sie einen furchtbaren Verdacht, �du kommst von jenseits des Eises.� Skar sch�ttelte den Kopf. �Nein�, sagte er. �Ich bin ein Bewohner Enwors wie du auch. Aber... ich komme aus einer sehr abgelegenen Gegend ...�</p><p>�Aus welcher Gegend?�, fragte Esanna misstrauisch.</p><p>�Das tut nichts zur Sache�, wehrte Skar rasch ab. �Wir hatten schon sehr lange keine Besucher, waren vollst�ndig von der Au�enwelt abgeschnitten. Nimm einfach an, dass bei uns die Zeit stehen geblieben ist.�</p><p>�Dann muss sie vor sehr, sehr langer Zeit stehen geblieben sein�, sagte Esanna und warf ihre langen, dunklen Haare zur�ck. �Seit nunmehr dreihundert langen Jahren suchen wir nach <emphasis>Kaol, </emphasis>und wenn wir zuerst auch nur wenige waren und verspottet wurden, so sind wir doch schon lange zu einer gro�en, m�chtigen Bewegung geworden, die niemand auf Enwor noch zu ignorieren wagt!� Stolz schwang in ihrer Stimme mit und noch etwas anderes, so etwas wie religi�se Inbrunst. Aber nicht das war es, was Skar zusammenzucken lie�, sondern die Zeitangabe. �Dreihundert Jahre�, murmelte er fassungslos.</p><p>�Ja.� Esanna lie� sich in die Hocke nieder und w�rmte ihre H�nde am Feuer; fast schien es Skar, als w�rde sie gegen die Versuchung ank�mpfen mit einem schnellen Griff ins Feuer das Messer wieder in ihren Besitz zu bringen. Doch selbst wenn es ihr gel�nge: Die gl�hend hei�e Waffe w�rde ihr zu nichts nutze sein, ganz im Gegenteil, sie w�rde sich nur damit die H�nde versengen. �Es war der Tod des <emphasis>Gro�en Skar, </emphasis>der die Welt ver�nderte, der uns Kaol schenkte und erst damit die Ver�nderung zum Guten und Reinen bewirkte ...� Sie blinzelte leicht. �Aber ich nehme an, das wei�t du alles�, f�gte sie rasch hinzu.</p><p>�Rede ruhig weiter�, sagte Skar, ohne auf ihre Frage einzugehen. �Was hat es mit diesem ... mit Skar auf sich? Welche Rolle spielt er f�r euch Digger?�</p><p>�Schon wieder so eine merkw�rdige Frage�, seufzte Esanna. �Man k�nnte wirklich meinen, du w�rst geradewegs aus der Tiefsee aufgestiegen. Vielleicht bist du ja gar kein Mensch, sondern ein Monster der Tiefe, das uns zur Pr�fung geschickt wurde...� Es sollte wohl eine leicht dahingesagte Bemerkung sein, aber das Zittern in Esannas Stimme verriet, dass ihr nach allem anderen als nach Albernheiten zumute war.</p><p>Skar war noch immer wie vor den Kopf geschlagen. <emphasis>Der gro�e Skar - </emphasis>ob er nun wollte oder nicht, er musste begreifen lernen, dass die Menschen damit ihn meinten - oder doch zumindest das Bild, das sie sich �ber die Jahrhunderte von ihm gemacht hatten. Mit der Wirklichkeit, mit ihm selbst hatte das wohl kaum etwas zu tun. Aber das hatte es in solchen F�llen ja wohl nie; wann immer die Menschen jemanden als ihr Idol vereinnahmten, dr�ngten sie sein tats�chliches Leben und Wirken immer weiter in den Hintergrund zur�ck und ersetzten es durch ein Wunschbild, an dem sie so lange �nderten und feilten, bis es ihren eigenen Vorstellungen gerecht wurde, gleichg�ltig, welche Absichten und Motive den urspr�nglichen Menschen getrieben hatten und gleichg�ltig, ob ihn das gro�e Kotzen �berkommen w�rde beim Anblick dessen, was man ihm alles andichtete - wenn er es zu seinen Lebzeiten denn �berhaupt noch mitbekam.</p><p>Dass jemand dreihundert Jahre nach seinem Tod auf die Welt zur�ckkehrte und erst dann sah, was man aus ihm gemacht hatte, war ja nicht gerade �blich. <emphasis>Dreihundert Jahre! </emphasis>Das war unglaublich. Bislang hatte es sich Skar immer noch irgendwie einzureden versucht, dass sein Tod vielleicht doch nicht so endg�ltig gewesen war, wie es ihm seine Erinnerung hatte vorgaukeln wollen, dass sein Ged�chtnis trog, ihm vielleicht irgendwelche L�gengeschichten eingetrichtert worden waren, dass er vielleicht eine Weile im Koma gelegen hatte, ein paar Wochen, Monate oder vielleicht auch Jahre, dass er dann ohne Ged�chtnis an Land gesp�lt worden war, nur scheinbar wieder auferstanden, weil er auf irgendeine unbegreifliche Weise doch nicht wirklich tot, sondern nur <emphasis>scheintot </emphasis>gewesen war - doch jetzt, in diesem einen entsetzlichen Augenblick begriff er, dass das alles ein Trugschluss war, dass etwas vollkommen Unbegreifliches mit ihm geschehen war. Nat�rlich konnte es sein, dass ihn Esanna belogen hatte - wissentlich oder unwissentlich. Aber er schob diese M�glichkeit ohne zu Z�gern beiseite. Er <emphasis>sp�rte </emphasis>einfach, dass sie die Wahrheit gesagt hatte, er <emphasis>sp�rte, </emphasis>dass tats�chlich Jahrhunderte zwischen seinem fr�heren Leben und seiner jetzigen Existenz lagen.</p><p>�Wenn ihr Kaol sucht�, sagte Skar, �dann wird es vielleicht doch eine leichtere M�glichkeit geben, als es ausgerechnet den Quorrl unterm Hintern wegzustehlen.�</p><p>�Sicherlich gibt es leichtere M�glichkeiten�, sagte Esanna �rgerlich. �Doch unser Clan musste neue Sch�rfgr�nde suchen. Alles, was einfach auszubeuten ist, ist in der Kontrolle des Clans der �ltesten.� In ihren Augen blitzte es w�tend auf. �Die �ltesten - sie haben uns gezwungen bis zum �u�ersten zu gehen. Wir <emphasis>mussten </emphasis>einfach hierher kommen, denn hier gibt es jede Menge Kaol und niemanden, der ein Recht darauf beansprucht.�</p><p>�Die Quorrl sehen das vielleicht ein bisschen anders.�</p><p>�Die Quorrl! Das sind doch blo� Tiere. Die wissen doch gar nicht, auf welchem Schatz sie sitzen. Alles, was wir machen m�ssen, ist sie ein St�ck weit zur�ckzudr�ngen, um unseren Anspruch auf die hiesigen Kaol-Vorkommen zu sichern.�</p><p>�Und dann kommen nach euch andere Digger, die wieder ein St�ck weiter ins Quorrl-Gebiet ziehen m�ssen, um Rechte an Kaol zu erwerben und immer so weiter fort.� Skar nickte �rgerlich. �Das ist ein altbekanntes Muster. Und am Ende stehen Vernichtung, Hass und wom�glich die Ausrottung eines ganzen Volkes ...�</p><p>�Die Quorrl sind M�rder�, unterbrach ihn Esanna mit �berkippender Stimme. �Sie haben unser ganzes Dorf ausgel�scht.�</p><p>�Das mag sein�, sagte Skar hart. �Die Quorrl haben gemordet. Das haben sie schon immer getan. Zumindest einige von ihnen. Aber bei den Menschen ist das doch kein bisschen anders!�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>�Das hei�t, dass unser beider Anliegen sein sollte dem Kampf ein Ende zu setzen ... Also setzen wir dort an, wo er - zumindest zum guten Teil - seinen Ursprung nimmt.�</p><p>�Du willst also doch gegen die Quorrl in den Krieg ziehen?�</p><p>�Wenn du es so sehen willst�, sagte Skar, wobei er bewusst die Wahrheit strapazierte und seine n�chsten Worte so w�hlte, dass Esanna ihn missverstehen <emphasis>musste. </emphasis>�Ich werde dem Ruf folgen und an Marnas Hof ziehen.�</p><p>Esanna starrte ihn vollkommen fassungslos an. �Das verstehe ich nicht�, bekannte sie. �Alles, was du bislang gesagt hast, alles, was du getan hast, weist dich als Freund dieser Ungeheuer aus, als Verr�ter der heiligen Sache ... Und jetzt willst du all das von dir weisen, so tun, als ob nichts gewesen sei?� Ihre Augen verengten sich. �Oder hast du vielleicht ganz andere Gr�nde zu Marna zu gehen? Bist du ein gedungener M�rder, der den Auftrag hat ihn umzubringen?�</p><p>�So ein Bl�dsinn�, sagte Skar. �Wenn das so w�re: H�tte ich nicht oben an der Klippe reichlich Gelegenheit dazu gehabt? H�tte ich mich nicht nur im Schutz eines Felsens auf die Lauer legen m�ssen, um ihn mit einem Pfeil vom Sattel zu holen. Nein�, er sch�ttelte entschieden den Kopf, �ich w�nsche genauso wenig wie du den Tod Marnas. Alles, was ich will, ist ihn davon zu �berzeugen, dass es einen anderen Weg gibt, als die Quorrl auszul�schen.�</p><p>Esanna starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. �Ich glaube dir kein Wort, Satai�, sagte sie. �Du hast doch irgendeine Schweinerei vor.�</p></section><section><title><p id="_02_02">2.2</p></title><p>Ein heller, metallischer Laut mischte sich in das Winseln des Sturms, ein Ger�usch, als schlage eine Klinge auf harten Stein. Skar war mit einem Schlag hellwach. Es war ihm nur zu bewusst, dass er die Nacht wie in fiebrigen Visionen verbracht hatte und noch immer f�hlte sich seine Kehle wie mit Sand gef�llt an; aber er konnte wenigstens schlucken und damit den brennenden Schmerz etwas mildern.</p><p>Es war das metallische Ger�usch, das ihn gewarnt hatte und automatisch an Esanna und das Messer hatte denken lassen, aber es war seine Umgebung, die ihn fluchend zur�ckweichen lie� in den H�hleneingang, zur�ck aus dem Nebel, der mit gierigen Fingern nach ihm griff und der kalten Feuchtigkeit, die sich wie ein erstickendes Tuch auf ihn legte. W�hrend sein Kopf fast explodiert war von dem Schrecken, der sich darin abgespielt hatte und der mehr gewesen war als nur das ferne Echo von ein paar Alptr�umen, sondern etwas entsetzlich Anderes, musste er sich selber in der H�hle und schlie�lich aus ihr herausbewegt haben. Seine Finger fuhren zu seinem Mund und entfernten irgendwelche Dreckreste, die ihm in den Mundwinkeln hingen. Das Knirschen zwischen seinen Z�hnen war immer noch da, aber es hatte sich ver�ndert. Es f�hlte sich nicht mehr wie feiner W�stensand an, sondern eher wie ein ekelhaftes Gemisch von Dreck, Erdklumpen und etwas Anderem, Undefinierbarem, dessen Beschaffenheit er lieber nicht hinterfragte. Er spukte im hohen Bogen aus und dann nochmals und immer wieder, bis er den gr��ten Teil des Dreckszeugs aus seinem Mund entfernt hatte. Anschlie�end fuhr er sich mehrfach mit dem Handr�cken �ber die Lippen, bis er die verr�terischen Spuren - <emphasis>wieso verr�terisch? - </emphasis>zum gr��ten Teil beseitigt hatte. Es w�re ihm peinlich gewesen, wenn ihn Esanna so �berrascht h�tte und gleichzeitig war er sich bewusst, dass er sich schwachsinnig verhielt, aber es war eine Art innerer Logik in seinen Handlungen und Empfindungen, die er nicht leugnen konnte und denen er nachgeben musste, weil der dumpfe Druck in seinem Kopf ihn dazu zwang.</p><p>Schlie�lich wischte er sich mit dem Zipfel seines Umhangs noch einmal �ber die Mundwinkel, drehte sich aus der Eisesk�lte der feuchten Nacht heraus, um wieder in die H�hle zur�ckzukehren. Obwohl er sich auf der einen Seite noch immer benommen f�hlte und ihm ein Gef�hl von Realit�tsverlust und Unwirklichkeit zu schaffen machte, war er auf der anderen Seite doch hellwach und geradezu euphorisch. Es war wie ein Fieber, als w�rde die Zeit selbst brennen. Alles in ihm war aufgew�hlt, aber auf eine unglaublich faszinierende Art. Das Grauen der Nacht erschien ihm pl�tzlich meilenweit entfernt zu sein und statt unglaublichem Schrecken war es jetzt ein wahnsinniges Gef�hl der Erleichterung und des Triumphs, das ihn durchstr�mte, als h�tte er eine Quelle neuer Kraft angezapft, die alle Gefahren und Herausforderungen der n�chsten Zeit zur harmlosen Spielerei werden lie�.</p><p>Doch die Wirklichkeit schien nur darauf zu warten, ihn mit grausiger Wucht wieder einzuholen ...</p><p>Er hatte kaum die H�lfte des Weges zur mittlerweile nur noch schwach glimmenden Feuerstelle zur�ckgelegt, als das passierte, was er die ganze Zeit �ber insgeheim erwartet hatte. Ein fast unh�rbares Scharren warnte ihn, eine kaum wahrnehmbare Bewegung zu seiner Linken. Er reagierte darauf mit einer erstaunlichen Ruhe und Heiterkeit, die den Ereignissen der letzten Nacht geradezu Hohn sprachen. Als Esanna aus ihrem Versteck hervorst�rmte, einem kleinen Felsvorsprung, hinter dem sie nur mit M�he Schutz gefunden haben konnte, erwartete er sie bereits, sicher, dass sie die Klinge in seine Richtung vorschnellen lassen w�rde, und genauso sicher, dass er ihr Handgelenk im ersten Ansatz packen konnte, um sie so zu zwingen die Waffe fallen zu lassen.</p><p>Doch es kam anders. Esanna wollte sich nicht auf einen Nahkampf mit ihm einlassen und sie war gut beraten, es auch gar nicht erst zu versuchen. Stattdessen verriet ihre schwungvolle Armbewegung, dass sie das Messer werfen wollte, und es lag so viel Kraft und Geschicklichkeit in dieser Bewegung, dass Skar verwundert den Kopf gesch�ttelt h�tte, wenn er die Zeit dazu gehabt h�tte.</p><p>Die Klinge sauste mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf ihn zu. Und doch erschien sie ihm langsam, fast tr�ge - ein Ph�nomen, dass er schon �fters an sich beobachtet hatte im Anblick gr��ter Gefahr, inmitten eines Kampfes gegen �berlegene Gegner, wenn sein Zeitgef�hl sich auf einer anderen Ebene zu befinden schien als das seiner Umgebung.</p><p>Diesmal jedoch war es noch viel krasser. Er <emphasis>wusste, </emphasis>dass das Messer so schnell auf ihn zuflog, dass kaum jemand noch die Chance gehabt h�tte ihm auszuweichen. Aber er wusste auch genauso, dass es f�r ihn keine Gefahr darstellte. Mit einer geradezu spielerischen Bewegung fischte er es aus der Luft.</p><p>Esanna st�rzte sich mit einem Aufschrei auf ihn, h�mmerte mit ihren F�usten gegen seine Brust. �Du Schwein�, schrie sie mit �berschnappender Stimme. �Lass mich endlich in Ruhe.�</p><p>Skar stie� sie auf Arml�nge zur�ck. �Nun �bertreib mal nicht. Ich habe nicht vor, dir irgendetwas zu tun. Und au�erdem habe ich es dir freigestellt zu gehen.�</p><p>Die S�tze schienen nicht bis zu Esanna vorzudringen. Mit verzerrtem Gesicht st�rzte sie sich erneut auf Skar, ihre H�nde Quorrl-Klauen �hnlich, mit Fingern�geln, die sie ihm ins Gesicht krallen w�rde, wenn er es zulie�. Ihr Gesichtsausdruck war Furcht erregend, auf eine schreckliche Art selbstvergessen wie bei einem Tier im Todeskampf, das noch einmal alle Kraftreserven mobilisiert.</p><p>Skar schlug ihr ins Gesicht.</p><p>Es war kein sehr harter Schlag, aber kr�ftig genug, um sie zur Vernunft zu bringen und in ihrer Vorw�rtsbewegung zu stoppen. Jedenfalls h�tte er es sein m�ssen. Doch Esannas Kopf flog nur einen kurzen Augenblick zur�ck und ihre H�nde wurden lediglich so weit abgelenkt, dass sie nicht mehr sein Gesicht erreichten, sondern sich in seinen Umhang und in den Lederschnallen seines Brustharnischs verkrallten. Mit geradezu unglaublicher Kraft riss sie an ihm und es blieb ihm nichts anderes �brig, als wieder zuzuschlagen, etwas h�rter diesmal und entschlossen genug, um sie zur�cktaumeln zu lassen.</p><p>Das Feuer der Wut schien in ihr dennoch nicht bereit zu sein, so schnell zu erl�schen; sie riss ihn f�rmlich mit und zwang ihn so zu einem Ausfallschritt. Dabei zerrte sie so energisch an den Schnallen seines Harnischs, dass sie ausglitten und er pl�tzlich mit halb nackter Brust in der zugigen K�lte der H�hle stand.</p><p>�H�r endlich auf!�, schrie Skar, w�hrend er versuchte sie mit der einen Hand, in der er noch immer Esannas Messer hielt, zur�ckzuhalten und mit der anderen seinen Harnisch zu schlie�en.</p><p>Das M�dchen reagierte ganz so, wie er es h�tte erwarten k�nnen: Es versuchte seine das Messer umklammernde Hand zu �ffnen, um wieder an die Waffe zu kommen. Das war l�cherlich; genauso gut h�tte sie versuchen k�nnen den zugeschnappten Kiefer eines Alligators aufzubiegen. Trotzdem sp�rte Skar jetzt eine Welle kalten �rgers in sich aufsteigen. Es machte wahrlich keinen Spa�, mit diesem durchgeknallten Etwas von Digger-M�dchen im Halbdunkeln herumzubalgen und gleichzeitig die bei�ende K�lte auf seiner Haut zu sp�ren, nur weil ihr einziger Kampferfolg darin bestanden hatte, ihm seinen Harnisch aufzurei�en.</p><p>�Wenn du nicht gleich aufh�rst, setzt's was�, knurrte er, w�hrend er pl�tzlich das Gef�hl hatte einen Piranha b�ndigen zu m�ssen: bissig, klein, aber h�chst aggressiv und gef�hrlich; denn mit einer Heftigkeit, die Skar nur diesem kleinen Raubfisch zugebilligt h�tte, biss sie in die Hand, deren Finger sie nicht hatte aufbiegen k�nnen. Skar schrie auf und h�tte tats�chlich fast das Messer losgelassen. Bevor sie zu einem zweiten Biss kam, schlug er sie wieder ins Gesicht, diesmal mit dem Handr�cken und so heftig, dass sie nicht anders konnte, als endlich von ihm abzulassen und zur�ckzutaumeln.</p><p>�Du Biest hast mir fast die Finger abgebissen�, keuchte Skar. �Verdammt noch mal! Was willst du eigentlich damit erreichen? Dass ich dich umbringe?�</p><p>�Ich...�, stammelte Esanna, w�hrend sie sich ihre schmerzende Wange hielt und ihn hasserf�llt anstarrte. �Ja, bitte?�, fragte Skar. �Ich h�re.�</p><p>Etwas ver�nderte sich in ihrem Blick; es war ein Flackern in ihm, das eine Sekunde zuvor noch nicht da gewesen war, ein Nichtbegreifen, wo vorher nur Hass und bitterste Ablehnung vorhanden gewesen waren.</p><p>So merkw�rdig es auch war: Es war genau dieser Anblick, der Skar in die Wirklichkeit zur�ckbrachte und sowohl das �berheblich-abgehobene Gef�hl in ihm zerst�uben lie� als auch jegliche Form verzerrter Wahrnehmung. Von einem Moment auf den anderen war er sich wieder v�llig bewusst, dass sie sich an einem der unwirtlichsten und auch wohl t�dlichsten Flecken der Welt befanden, einem Ort, der im Grunde aus nichts anderem als menschenfeindlicher Natur bestand, an dem sie die Nacht nur �berstanden hatten, weil sie diese H�hle gefunden hatten, dem vielleicht einzig sicheren Unterschlupf im Umkreis vieler Meilen. Aber was das Schlimmste, weil f�r ihn selbst Unbegreifliche, dabei war: Er hatte das M�dchen <emphasis>verschleppt, </emphasis>gegen ihren Willen hierher gebracht, ohne jegliche Spur von Feingef�hl und ohne auch nur einen Hauch von R�cksicht darauf zu nehmen, dass kurz zuvor all ihre Angeh�rigen und Freunde niedergemacht worden waren.</p><p>Kein Wunder, dass sie nahe dran war, vollkommen durchzudrehen.</p><p>�Wenn du dich beruhigt hast, k�nnen wir wieder zum Feuer gehen�, sagte er deshalb fast behutsam. �Ich muss ein paar neue Scheite auflegen. Sonst frieren uns gleich die Ged�rme weg.�</p><p>Sie lie� nicht erkennen, ob sie ihn verstanden hatte. Sie lie� �berhaupt nichts anderes erkennen als Verwirrung und eine Art abgrundtiefes Entsetzen, das er �berhaupt nicht zuordnen konnte - doch immerhin machte sie keine Anstalten, ihn erneut anzugreifen.</p><p>�Ich sagte, wir sollten zum Feuer zur�ckkehren�, wiederholte Skar, w�hrend er die kunstvoll verzierten Lederschnallen des Harnischs wieder schlie�en wollte.</p><p>�Nicht!�</p><p>�Bitte? Was nicht?� Als Esanna mit nichts weiter darauf antwortete als mit einem entsetzten Kopfsch�tteln - und er sich langsam Sorgen um ihren Geisteszustand zu machen begann -, fuhr er fort: �Gef�llt dir der Platz am Feuer nicht, oder was ist los?�</p><p>�Zieh das nicht wieder an!�, sagte Esanna, als w�re er im Begriff etwas Entsetzliches zu tun.</p><p>�Entschuldige mal�, sagte Skar, �ich friere. Mal ganz abgesehen davon, was du mit meinen Fingern angestellt hast: Du h�ttest mich nicht auch noch halb auszuziehen brauchen.�</p><p>�Aber das Zeichen!� In Esannas Stimme mischte sich so etwas wie Panik und Ehrfurcht. �Du tr�gst das Zeichen!�</p><p>�Quatsch�, entgegnete Skar schroff. �Was f�r ein Zeichen? Es ist nichts mehr als das Gewand eines Toten, das ich trage.�</p><p>�Nicht doch.� Esanna sch�ttelte den Kopf. �Nicht deine Kleidung. Das Zeichen �ber deinem Herzen.�</p><p>Skar seufzte und sah an sich hinab. Tats�chlich. Eigentlich h�tte es ihm schon fr�her auffallen m�ssen. Etwas leuchtend Schillerndes hatte sich in seine Brust eingegraben, etwas, dass seine ganze Umgebung mit einem milden, schwach golddurchwirkten roten Licht erf�llte. Auf den ersten Blick sah es aus wie ein riesiger Diamant, der in tausend kunstvoll geschliffenen Facetten leuchtete, als w�rde er von geheimnisvollen Lichtquellen angestrahlt. Es war ein gleichzeitig so sch�ner wie bizarrer Anblick, dass Skar automatisch ein kalter Schauer �ber den R�cken jagte.</p><p>�Was ist das?�, keuchte er.</p><p>�Das Zeichen�, sagte Esanna leise. �Das Zeichen, das nur der tragen kann, den das <emphasis>Elfte Buch </emphasis>als den Retter bezeichnet - <emphasis>Skar.�</emphasis></p><p>�Das <emphasis>Elfte Buch?�, </emphasis>fragte Skar verst�ndnislos.</p><p>�Ja�, nickte Esanna, �das <emphasis>Elfte Buch, </emphasis>das erst dann fertig gestellt werden kann, wenn sich seine Prophezeiung erf�llt und <emphasis>Skar die Welt rettet vor der unsichtbaren Gefahr</emphasis>...� Skar hob vorsichtig die Hand und f�hrte sie zu dem <emphasis>Gebilde, </emphasis>das in seine Brust eingewachsen zu sein schien. Seine Oberfl�che f�hlte sich glatt und gleicherma�en angenehm k�hl und gut temperiert an, tats�chlich �hnlich wie ein Edelstein, aber auch anders - <emphasis>lebendig. </emphasis>Das Gebilde erschien ihm gleicherma�en vollkommen fremd wie auch vertraut, gar nicht so, als ob er es zum ersten Mal s�he. Gleichwohl - als er vor ein paar Tagen nackt dem Wasser unterhalb des Sturzes von Ninga entstiegen war, war es noch nicht an ihm gewesen. Oder war es ihm nur nicht aufgefallen?</p><p>�Was ist das f�r ein Ding?�, fragte er misstrauisch.</p><p>�Kein Ding.� Esanna sch�ttelte schnell den Kopf. �Es ist das Zeichen. <emphasis>Und haltet Ausschau nach ihm, auf dass ihr ihn erkennt, wenn er vor euch steht�, </emphasis>zitierte sie. <emphasis>�Denn sein ist die Macht, das Unm�gliche zu vollbringen und die Welt vor der Vernichtung zu erretten wider die Verblendung, die sich wie ein dunkler Schatten �ber das Land legt.�</emphasis></p><p>�Das steht im <emphasis>Elften Buch?�, </emphasis>fragte Skar irritiert. �Was verr�t diese Schrift denn sonst noch so?�</p><p>Esanna zuckte mit den Schultern. �Keine Ahnung. Es ist der einzige Teil des Buches, der unter der Bev�lkerung ganz Enwors verbreitet werden sollte. Nat�rlich zusammen mit der genauen Beschreibung des Zeichens und der Aufforderung, das Auftauchen des gro�en Skars kundzutun ...� Ein kurzer Schatten lief �ber ihr Gesicht, ein Hauch bitterer Entt�uschung und tiefen Zweifels.</p><p>�Aber das kann nat�rlich nicht sein�, fuhr sie fort und trat auf Skar zu, rasch, aber nicht ganz so schnell wie zuvor. Trotzdem w�re er fast automatisch einen Schritt zur�ckgewichen, wohl auch deshalb, weil er intuitiv wusste, was sie vorhatte. Ihre Hand kam fast z�gernd nach oben und ihre Finger tasteten nach dem <emphasis>Zeichen, </emphasis>wie sie es bezeichnet hatte, oder nach dem <emphasis>Gebilde, </emphasis>wie Skar es f�r sich nannte.</p><p>�Es f�hlt sich... merkw�rdig an�, sagte sie stockend.</p><p>�So ... glatt. Und... gleicherma�en k�hl und warm. Fast wie eine k�hle Hand.�</p><p>Ihre Zungenspitze fuhr nerv�s �ber ihre Lippen. Skar konnte direkt sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Es vergingen endlose Sekunden, in denen sie noch mehrfach �ber das <emphasis>Gebilde </emphasis>fuhr, als wollte sie sich von seiner Echtheit �berzeugen, und es waren Augenblicke, in denen die Gesetze der Zeit au�er Kraft gesetzt zu sein schienen.</p><p>�Du bist Skar�, sagte Esanna schlie�lich und obwohl auch eine Frage in ihren Worten mitklang, weiteten sich ihre Augen vor Entsetzen, w�hrend sie gleichzeitig die Hand sinken lie� und einen Schritt zur�ckwich. �Du bist dieser... Mann, diese Legende, das Versprechen der Rettung?�</p><p>�Ich wei� nichts von einer Legende�, sagte Skar �berrascht. �Und ich wei� auch nicht, wie dieses ... dieses <emphasis>Ding </emphasis>da in meine Brust gekommen ist.�</p><p>�Aber wer bist du dann?�, fragte Esanna. �Wenn du nicht Skar bist... verdammt noch mal, dann sag mir, wer du bist! ?!�</p><p>�Das ist eine gute Frage�, sagte er unsicher, �aber ich bin sicherlich nicht der Skar eurer Legenden. Es ist... es ist viel Zeit vergangen, seitdem ich das letzte Mal...� <emphasis>Lebte, </emphasis>h�tte er fast den Satz beendet. Aber das verbiss er sich lieber; es h�tte nicht nur makaber, sondern auch vollkommen unverst�ndlich geklungen.</p><p>�Woher kommst du?�, fragte Esanna hartn�ckig. �Dann sag mir wenigstens das!�</p><p>�Ich sagte doch schon, dass ich von weit her komme ...� Das war, wurde ihm in diesem Moment schmerzhaft bewusst, stark untertrieben. <emphasis>Es </emphasis>fiel ihm schwer zu glauben, dass er wirklich noch vor wenigen Tagen tot gewesen sein sollte und mit einem Mal rastete wieder ein St�ck Erinnerung ein: <emphasis>WIR WERDEN DIE WELT BEHERRSCHEN, SKAR. UND SP�TER DAS UNIVERSUM. KOMM ZU MIR UND ICH MACHE DICH ZU EINEM GOTT.</emphasis></p><p><emphasis>Aber das hatte er nicht gewollt. Oh ja, er wollte es - alles in ihm schrie danach, den letzten Schritt zu tun und zum Herrn der Ewigkeit zu werden, er wollte die Macht �ber Welten, vielleicht Galaxien.</emphasis></p><p>Es war wie eine getreuliche Fortsetzung des Alptraums, der in der Nacht begonnen hatte und gleichzeitig so intensiv wie die Halluzination, die ihm kurz nach seinem Erwachen die letzten Momente seines Lebens vorgegaukelt hatte, den schm�hlichen Verrat Dels und sein Ende durch die Hand Kiinas <emphasis>ICH WEISS, DASS DU DIE MACHT HAST ZU TUN, WAS DU SAGST. ABER WER BIST DU?</emphasis></p><p><emphasis>�Ich bin dein Sch�pfer�, sagte Skar. �Und ich befehle dir: Geh. Geh und lass den Menschen und Quorrl ihre Welt, so wie sie dir die deine lassen werden.�</emphasis></p><p>War das tats�chlich ein Erinnerungsfetzen oder eine Vision, eine Verh�hnung von jenseits der Wirklichkeit? Er wusste es nicht, aber etwas in ihm, ein gleichzeitig unbekannter und nur allzu bekannter Teil von ihm wisperte von purer Wahrheit, von der Verhei�ung nach Unsterblichkeit und unglaublicher Macht. Wie schon unz�hlige Male zuvor versuchte Skar den Gedanken weiterzuverfolgen, zu ergr�nden, wer diese geheimnisvolle Macht war, und ob vielleicht die <emphasis>Sternenbestie </emphasis>dahinter steckte, der <emphasis>Daij-Djan, </emphasis>aber bei diesem Versuch steigerte sich der latent vorhandene Druck in seinem Kopf und wurde zu einem unertr�glich bohrenden Schmerz.</p><p>�Also, woher kommst du nun?�</p><p>Skar zuckte zusammen und bemerkte erst jetzt, dass er eine ganze Zeit lang mit leerem Gesicht vor sich hin gestarrt hatte. <emphasis>Geh und lass den Menschen und Quorrl ihre Welt, so wie sie dir die deine lassen werden. </emphasis>War es das, was in Gefahr geraten war, das Gleichgewicht zwischen der <emphasis>Sternenkreatur </emphasis>und den Menschen und Quorrl? Hatte eine Seite ihre Abmachung nicht eingehalten, war sein Verzicht auf die Macht und Unsterblichkeit letztlich sinnlos geblieben? In diesen wenigen Sekunden schien sich ihm die Vergangenheit wie ein offenes Buch vor ihm zu er�ffnen, doch schon im n�chsten Moment entglitt ihm der Zipfel des Wissens wieder und entlie� ihn mit einem Gef�hl unendlichen Verlustes.</p><p>Esanna besa� offensichtlich genug Gesp�r, um ihre Frage kein weiteres Mal zu stellen. Sie blickte ihn einfach wortlos an, aber etwas in ihrem Gesicht sagte ihm, dass sie sich nicht lange mit den wenigen Brocken zufrieden geben w�rde, die er ihr aufgetischt hatte. Ganz im Gegenteil: Das Funkeln in ihren Augen verriet, dass ihr noch tausend Fragen auf der Seele brannten - und offensichtlich war nur eine davon die nach seiner wahren Existenz, die Frage, ob er wirklich der einzige und wahre Skar war.</p><p>�Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich in der N�he des Sturzes von Ninga an Land gesp�lt worden bin ...� - <emphasis>genau dort, wo ihn vor Jahrhunderten Kiina und sein Quorrl-Freund Titch der gl�sernen Wand aus Wasser �bergeben hatten, dieser letzten Ruhest�tte in elementarer Gewalt...</emphasis></p><p>�So, wie es die Legende sagt�, unterbrach ihn Esanna schaudernd.</p><p><emphasis>Die Legende! - </emphasis>Das klang wie Hohn in Skars Ohren. Er hatte die Verlockung der Macht gesp�rt, damals, und er sp�rte sie auch heute noch. Irgendetwas war geschehen, in diesen letzten Tagen seines Lebens, das unter Dels Schwert sein Ende gefunden hatte. Er hatte die schimmernde Wand aus Wasser gesehen, die mit ungeheurer Wucht �ber den Rand des Sturzes von Ninga schoss, an ihm vorbei in eine unglaubliche Tiefe, um Meilen unter ihm mit explosiver Wucht auf hartem Gestein aufzuschlagen - aber er hatte sie von <emphasis>hinten </emphasis>gesehen! Irgendwie war er in den riesigen unterirdischen Komplex hinter den gewaltigen Wasserfall gelangt, der das unglaubliche Geheimnis Enwors barg und gleichzeitig den Schl�ssel zu seinem Untergang ...</p><p>Dann verlosch das Bild wieder. Er h�tte in diesem Moment seine rechte Hand daf�r gegeben, wieder tiefer in seine Vergangenheit einsteigen zu k�nnen. Aber der Zugang zu seinen gerade noch so lebhaften Erinnerungen glitt weiter zu, kaum dass er sich einen Spalt weit ge�ffnet hatte. Mit einer missmutigen Kopfbewegung sch�ttelte er die Erinnerung ab. �Jetzt wei�t du pl�tzlich doch Einzelheiten?�, fragte er so �rgerlich, als sei Esanna am Versagen seines Ged�chtnisses Schuld. �Wie kommt das? Gerade noch hast du mir gesagt, dass du das <emphasis>Elfte Buch </emphasis>nicht weiter kennen w�rdest.�</p><p>�Das stimmt ja auch�, antwortete Esanna rasch. �Es sind nur... nur ein paar Brocken der �berlieferung. Wenn du mehr wissen willst, musst du dich an die Satai wenden, die ... die <emphasis>seine </emphasis>Lebensgeschichte aufschreiben.�</p><p>�Vielleicht habe ich dazu bald Gelegenheit�, murmelte Skar. Er war sich nicht sicher, ob Esanna wirklich die Wahrheit sagte und nur ein paar Brocken der alten �berlieferung kannte, die sie das <emphasis>Elfte Buch </emphasis>nannte - in logischer Reihenfolge, da die ihm bekannte Geschichtsschreibung Enwors in den Heiligen Zehn B�chern zusammengefasst worden war, gef�hrt von den <emphasis>Ehrw�rdigen Frauen, </emphasis>den <emphasis>Errish, </emphasis>und geh�tet von ihrem Oberhaupt, der <emphasis>Margoi. </emphasis>�Wobei ich allerdings nicht ganz verstehe, was die Satai mit dem Verfassen heiliger B�cher zu tun haben. Ihr Handwerkszeugs war bislang eher das Schwert als Schreibzeug.�</p><p>�Heilige B�cher ...�, wiederholte Esanna verst�rt. �Vielleicht sind es ja doch nur lauter alte Legenden. Genauso wie ihre Drachen...�</p><p>�Die <emphasis>Daktylen�, </emphasis>half ihr Skar aus und von einem Moment auf den anderen kehrte die Erinnerung zur�ck: <emphasis>In der H�hle befanden sich die Kadaver von mehr als einem Dutzend Drachen. Die meisten waren zu Boden gest�rzt, aber einige standen auch aufrecht da, in absurden Stellungen eingewoben in die F�den des schwarzen Netzes, das die H�hle in ein Labyrinth sich �berschneidender F�den und dunkler Klumpen verwandelte. Kiina hob die Hand und deutete auf eine titanische Echse, die halb zusammengebrochen, halb auf den Hinterl�ufen stehend, in einem Gewirr schwarzer, schenkelartiger Netzf�den hing: Die Augen des gewaltigen Staubdrachens der Margoi, der m�chtigen Herrscherin der Errish, strahlten noch im Tode Wildheit aus ...</emphasis></p><p>�Ja, genau. All das ist doch l�ngst vergangen - wenn es denn �berhaupt wirklich existiert hat.�</p><p>... <emphasis>Das Gesicht der Margoi war ein Totensch�del, kahl, bedeckt mit rissiger Pergamenthaut und von eiternden Wunden entstellt. Eines der Augen der Margoi war blind, �berzogen von einem milchigen Netz, und der Mund hinter den entz�ndeten Lippen hatte keine Z�hne mehr.</emphasis></p><p><emphasis>�Gro�er Gott!�, wimmerte Kiina. �Was ist mit Euch geschehen?�</emphasis></p><p><emphasis>Der Totensch�del der Margoi verzerrte sich zu einer Grimasse, die wohl der Versuch eines L�chelns sein sollte. �Wir haben bekommen, was wir... verdient haben.�</emphasis></p><p>Fast gegen seinen Willen riss sich Skar aus der Erinnerung zur�ck. �Das ist mir neu�, sagte er schlie�lich leise. Dass die heilige Geschichtsschreibung von den <emphasis>Ehrw�rdigen Frauen </emphasis>auf die Satai �bergegangen sein sollte, verwirrte ihn fast noch mehr als der Umstand, dass die <emphasis>Errish </emphasis>in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sein sollten. Den Niedergang der Errish hatte er schlie�lich zum gr��ten Teil noch selber miterlebt... <emphasis>Ein Teil des Netzes st�rzte brennend im hinteren Drittel der H�hle zusammen und Skar sp�rte das Beben, das durch den K�rper des toten Staubdrachens ging, an dem die Margoi lehnte. �Ich war feige�, sagte die sterbende Herrscherin. �Ich lie� mein Volk im Stich, statt mit ihm zu sterben, wie es meine Pflicht gewesen w�re. Zwei Tage und N�chte blieb ich hier unten und als ich zur�ckkam, da ... da gab es kein Elay mehr.�</emphasis></p><p>Das Bild, das Skar so greifbar deutlich vor sich sah, verschwamm und machte etwas anderem Platz und... <emphasis>Der Flammenschein wurde heller und die Luft merklich w�rmer. Die zyklopische Mauer, in deren Schatten Kiina und er immer noch standen, war unversehrt geblieben, aber das, was sich vor ihnen erstreckte, war ein Schlachtfeld, die Reste einer Stadt, die ihren Bewohnern zum Grab geworden war. Die von Gewalten zermalmt worden war, die sich Skar weder vorstellen konnte noch vorstellen wollte. Was von den H�usern und Pal�sten noch stand, das waren ausgebrannte Ruinen, den geschw�rzten Skeletten gro�er gepanzerter Tiere gleich, zwischen denen es hier und da noch immer brannte, ungeachtet des unabl�ssig str�menden Regens. Die Stra�en waren voller Schutt und verkohlter Tr�mmer und �ber allem lag Staub, den der Regen zu einer schwarzen, schmierigen Schicht gemacht hatte. Und �berall lagen Tote - verkr�mmte Gestalten in den schmucklosen grauen M�nteln der Errish, Dienstboten, Krieger, M�nner, Frauen, Kinder... der Tod hatte keinen Unterschied gemacht, wo und bei wem er zuschlug.</emphasis></p><p>Es war ein erschreckender Gedanke, der ihn aus seiner Verwirrung riss: <emphasis>Du stirbst, Satai. In einer Woche, l�ngstens in einem Monat.</emphasis></p><p>Er blickte �berrascht hoch, als h�tte jemand laut mit ihm gesprochen. Doch es war die Vergangenheit, die sich mit einem anderen Erinnerungsfetzen gemeldet hatte, wie schon so oft zuvor vollkommen unerwartet. Er wusste nicht, wer diese Drohung vor unendlich langer Zeit ausgesprochen hatte, aber er war sicher, dass er kurz darauf tats�chlich den Tod gefunden hatte... <emphasis>Das Sternenfeuer ist keine Legende, Skar. Es existiert und es liegt in unserer Macht, es zu entfesseln. Willst du das? Willst du, dass ganz Enwor verbrennt?</emphasis></p><p>�Ich will wissen, ich muss wissen, wer du wirklich bist�, sagte Esanna verzweifelt. �Du tauchst wie ein Gespenst aus der Vergangenheit auf und bringst Leid �ber mich und die meinen ... Was soll das alles nur f�r einen Sinn haben?� Skar schwieg. Es gab auch nichts, was er im Moment h�tte sagen k�nnen. Zwischen ihm und Esanna bestand ein Graben, eine Mauer, die er niemals w�rde ganz einrei�en k�nnen, selbst wenn er es gewollt h�tte. Es waren zwei verschiedene Welten, seine und die ihre, getrennt nicht nur von den Jahrhunderten, die seit seinem Tod verstrichen waren, sondern auch von einem vollkommen unterschiedlichen Erfahrungshorizont, wie er verschiedener nicht h�tte sein k�nnen: W�hrend sie auf die dreihundertj�hrige Geschichte ihres Volks zur�ckblickte, aber auf nur wenige Jahre eigenen, bewussten Lebens, hatte er weit mehr Erfahrungen, Leid und Schmerzen aufgeh�uft, als einem Menschenleben gut tat. Seine einzige ruhige Zeit waren die friedvollen Jahre in den unendlichen Pr�rien Malabs gewesen, eine Zeit, die ihm damals langweilig und verschwendet vorgekommen war, w�hrend sie ihm mittlerweile als unendlich kostbar erschien. �Es tut mir Leid, dass ich dich da mit hineingezogen habe�, sagte er. �Morgen kannst du selbstverst�ndlich deiner Wege ziehen.�</p><p>�Mit hineingezogen�, �chzte Esanna. �Scherzt du? Wer wei�, vielleicht machst du ja mit den Quorrl gemeinsame Sache, ohne dich k�nnten vielleicht mein Vater und alle anderen noch leben.�</p><p>�Glaubst du das wirklich? Wahrscheinlich haben die Quorrl schon seit Tagen den Angriff auf euer Dorf geplant. Es spricht vieles daf�r. Wenn die Quorrl nicht blindw�tig �ber irgendjemanden oder irgendetwas herfallen, dann planen sie ihre Aktionen sorgsam ...�</p><p>�Was soll dieses Geschwafel, <emphasis>gro�er </emphasis>Skar?�, fragte Esanna. �Willst du dich damit rein waschen von der Schuld, die du auf dich geladen hast?�</p><p>�Nein�, sagte Skar, obwohl ihm schmerzlich bewusst war, dass sie, wenn auch vielleicht auf eine verdrehte Art, Recht hatte. �Ich will dir damit nur deutlich machen, dass jede M�nze zwei Seiten hat. Und ich will dir klarmachen, dass ich euer Dorf nicht verraten habe, sondern dass seine Vernichtung in einem gr��eren Zusammenhang stand.�</p><p>�Das ist keine Antwort�, fauchte Esanna.</p><p>�Vielleicht habe ich auch keine Antwort f�r dich�, sagte Skar �rgerlich. �Vielleicht gibt es �berhaupt keine befriedigende Antwort auf die Frage, warum jemand gewaltsam aus dem Leben scheiden musste. Vielleicht ist es immer eine Verkettung ungl�cklicher Umst�nde, die dazu f�hrt.�</p><p>�Alles nur faule, stinkende Ausreden�, sagte Esanna ver�chtlich. �Nichts, was meinem Vater und den anderen das Leben wiedergibt. Nichts, was rechtfertigt, dass du uns nicht besch�tzt hast und damit unsere Vernichtung in Kauf genommen hast!�</p><p>W�hrend sie ihre bittere Anklage vorbrachte, hatte sich ihr Gesicht zunehmend verfinstert. Doch es war wohl nicht Wut, die sie so hatte sprechen lassen, sondern Trauer und je mehr sie sie �bermannte, umso mehr brach ihre Selbstbeherrschung zusammen. Die damit einhergehende Ver�nderung erschreckte ihn: Die soeben noch tapfere junge Frau wurde zum kleinen M�dchen, das vielleicht zum ersten Mal die ganze Tragweite des Geschehens begriff.</p><p>Sie schluchzte laut auf und in ihren Augen glitzerte es verd�chtig. Ehe sie es verhindern konnte, rannen ihr Tr�nen die Wangen hinab; zwei feuchte Spuren des Entsetzens, gegen das sie sich jetzt nicht mehr zu wehren vermochte. Skar hatte M�nner und Frauen weinen sehen und das aus den verschiedensten Gr�nden. Vor allem Frauen setzten ihre Tr�nen manchmal als Waffe ein, aber genauso h�tten sie versuchen k�nnen, ihn mit einem w�hrend eines Handstands ausgef�hrten Grimassenschneiden zu beeindrucken. Andere weinten vor tiefem Entsetzen und vor Trauer, was er zu gegebenem Anlass durchaus akzeptierte. Kinder aber, egal welchen Alters, die gerade unglaubliches Leid erlebt hatten: Deren Tr�nen hatte Skar kaum etwas entgegenzusetzen.</p><p>�Es tut mir Leid�, sagte er leise. �Ob ich mitschuldig bin an der Vernichtung deines Dorfes oder nicht: Es tut mir Leid.�</p><p>�Was ... was nutzt das jetzt noch?� Esanna wandte sich ab und wischte sich mit dem �rmel ihres Gewands �ber die Augen. Das machte es beinahe noch schlimmer. H�tte sie ihren Tr�nen freien Lauf gelassen ... aber so, dieser Versuch Gef�hle unter Kontrolle zu bringen, die nicht daf�r da waren, kontrolliert zu werden - das schmerzte Skar mehr, als er im Augenblick ertrug.</p><p>�Es ist vorbei�, sagte er. �Du hast nichts zu bef�rchten. Im Gegenteil.�</p><p>Doch w�hrend er es aussprach, wusste er, dass es eine L�ge war. Es war beinahe so, als w�re durch ihre Tr�nen ein Schleier ganz besonderer Art von seinen Augen gerissen worden. <emphasis>Glaubst du wirklich, dass dich nur ein Zufall dazu gebracht hat, dieses M�dchen mitzunehmen, sie ihrem Vater und den Quorrl zu entrei�en?, </emphasis>fragte eine Stimme in ihm. Er glaubte es nat�rlich nicht. Er hatte sich w�hrend des Gemetzels in Esannas Heimatdorf beinahe so verhalten, als sei sie <emphasis>seine </emphasis>Tochter und nicht die eines zweifelhaften Diggers, die er einer Todesgefahr entrei�en musste.</p><p>Sie wollte antworten, aber Skar trat rasch auf sie zu, von einem Impuls getrieben, der ihn wohl selbst mehr �berraschte als sie, schloss sie in die Arme und presste sie an sich wie ein Ertrinkender, der Halt sucht. Seine Umarmung war fest, viel fester als n�tig gewesen w�re. Er sp�rte es, lockerte den Griff ein wenig und strich ihr �bers Haar, sanft und doch voller Selbstverst�ndlichkeit, wie man den Kopf eines Kindes streichelt, das Schutz vor einem Erwachsenen sucht.</p><p>�Deswegen dieses Wortspiel mit Ska statt Skar�, stammelte Esanna. �Du wolltest nicht erkannt werden ... aber wie kann es sein, dass du hier bist?�</p><p>�Dreihundert Jahre nach meinem Tod, meinst du?�, fragte Skar ohne jede Bitterkeit. �Ich wei� es nicht. Aber es hat auch etwas mit... mit dir zu tun.� Er versuchte die Worte aufzuhalten, die aus ihm herausdr�ngten, aber es gelang ihm nicht. Die ganze Zeit �ber war etwas in seinem Kopf blockiert gewesen, hatte er noch nicht einmal ernsthaft �ber die Frage nachgedacht, warum er Esanna erst gerettet und dann mit in diese Ein�de geschleppt hatte. Dabei gab es nur eine Antwort: �Es gibt eine Aufgabe, die ich zu l�sen habe, und bei der ich auf deine Hilfe z�hlen muss.�</p><p>�Ein Aufgabe, bei der ich dir helfen soll?�, echote Esanna entsetzt und schob ihn automatisch ein kleines St�ck von sich, ohne sich aber aus seiner Umarmung zu l�sen. �Was soll das hei�en? Ich bin doch nur ein einfaches Digger-M�dchen.�</p><p>�Da bin ich mir nicht so sicher�, murmelte Skar.</p><p>Esanna reagierte ganz anders auf seine Worte, als er erwartet hatte: Sie begann am ganzen K�rper zu zittern. �Das ist nicht wahr�, stammelte sie.</p><p>�Was ist nicht wahr?�, fragte er, w�hrend seine Hand tr�stend und doch gleichzeitig fast spielerisch durch ihr glattes, schwarzes Haar fuhr. �Ist es nicht wahr, dass es eine Verbindung zwischen uns beiden gibt, die wir im gleichen Moment gesp�rt haben, als wir uns zum ersten Mal gesehen haben? Ist es nicht wahr, dass du es genauso gesp�rt hast wie ich?�</p><p>�Ich wei� nicht...� Durch Esannas K�rper ging ein leichtes, kaum sp�rbares Zittern. �Es macht mir Angst.�</p><p>�Das sollte es nicht�, murmelte Skar wider besseres Wissen. �Du hast nichts zu bef�rchten.� Seine Hand l�ste sich von ihrem Haar und dr�ckte ihr Kinn mit sanfter Gewalt nach oben. Sein Blick bohrte sich in den ihren und einen Herzschlag lang verlor er sich in ihren Augen: zwei geheimnisvollen Seen gleich, unendlich warm und tief und auf unbeschreibliche Weise sch�n. Es war ein Moment tiefer Ruhe, ein Versprechen einander Kraft zu schenken, eine Ahnung lang vermisster Vertrautheit und doch auch die Angst alles zu verlieren, was das Leben lebenswert machte. Er beugte sich vor und k�sste sie.</p><p>Es kam so �berraschend, dass sich Esanna im ersten Moment versteifte und ihn von sich schieben wollte, aber Skar hielt sie fest, presste sie beinahe mit Gewalt an sich. Ihr Widerstand brach und nach einer Sekunde wurden ihre Lippen weich. Sie wehrte sich nicht mehr, sondern erwiderte seinen Kuss, st�rmisch und mit gieriger Kraft und schlie�lich war er es, der sich von ihr l�ste und sie sanft von sich schob.</p><p>Esannas Blick flackerte. Ihr Atem hatte sich beschleunigt und instinktiv wollte sie ihn wieder an sich ziehen, doch Skar ergriff ihre Handgelenke und hielt sie fest. Er wirkte betroffen, verwirrt und schuldbewusst, als w�re ihm pl�tzlich klar geworden, dass er etwas getan hatte, was ihm nicht zustand.</p><p>�Ich ... es tut mir Leid�, murmelte er verst�rt. �Ich h�tte das nicht tun sollen.�</p><p>Esanna reagierte nicht auf seine Worte, befreite sich stattdessen aus seinem nicht allzu festen Griff, um ihn mit einer erstaunlich kraftvollen Bewegung erneut an sich zu ziehen. �Nicht�, sagte Skar, w�hrend er das fordernde H�mmern seines Herzschlags zu �berh�ren versuchte. Schlie�lich sch�ttelte er energisch den Kopf und schob das M�dchen von sich. �Es darf nicht sein.�</p><p>Esanna sah ihn verst�rt an, so, als habe er sie geschlagen. �Warum darf es nicht sein?�, fragte sie verst�ndnislos. �Und was darf nicht sein?�</p><p><emphasis>Es darf nicht sein, dass wir uns gegenseitig Trost spenden, </emphasis>h�tte Skar beinahe herausgeschrien, aber das war so nah an der Wahrheit, dass es wehgetan h�tte. Im Laufe seines Lebens hatte Skar viele Frauen kennen gelernt und sich der unterschiedlichsten Vergn�gen mit ihnen hingegeben, ohne jedes Mal Einw�nde oder Gegenargumente zu suchen, aber er hatte beileibe auch nicht jede Gelegenheit genutzt, die sich ihm geboten hatte. Und dennoch: Bei Esanna war das etwas g�nzlich anderes. Ihre Jugend war dabei noch nicht einmal das ausschlaggebende Argument - f�r jemanden, der bereits vor dreihundert Jahren gestorben war, waren eigentlich alle Frauen zu jung oder, besser gesagt, das Alter spielte keine Rolle mehr und au�erdem waren M�dchen in Esannas Alter oft schon verheiratet und hatten bereits ein oder zwei Kinder zur Welt gebracht.</p><p>Nein. Sich mit Esanna einzulassen w�re ihm einfach - <emphasis>verkehrt </emphasis>erschienen. Der Pakt mit Unbekannt mit dem Ziel seiner Wiedergeburt, um eine ganz bestimmte Aufgabe zu erf�llen, beinhaltete nicht so etwas wie Zuneigung oder gar Liebe und hatte auch nichts mit einem naiven kleinen Digger-M�dchen zu tun, das er aus einer pl�tzlichen Laune heraus etwas zu st�rmisch gek�sst hatte.</p><p>Skar blickte sie sehr lange und sehr nachdenklich an. �Es ist besser so�, sagte er deshalb. �Wir sollten uns nicht zu sehr aufeinander einlassen.�</p><p>�Warum st��t du mich von dir?�, fragte Esanna leise und offensichtlich tief verletzt. �Bin ich dir etwa nicht gut genug?�</p><p>�Das hat damit �berhaupt nichts zu tun�, behauptete Skar. �Es ist doch eher andersherum. Ich bin nicht ganz auf der H�he der Zeit. Jedenfalls niemand, an den sich ein junges M�dchen h�ngen sollte.�</p><p>�Das ist mir egal. Ich will doch nur ...�</p><p>Skar unterbrach sie mit einem raschen Kopfsch�tteln; schnell und abgehackt und so befehlend, dass sie mitten im Satz verstummte. �Unsere Aufgabe ist... zu wichtig. Alles andere z�hlt nicht.�</p><p>Esanna sah ihn an, als h�tte er komplett den Verstand verloren. �Was hat denn das mit irgendeiner <emphasis>Aufgabe </emphasis>zu tun? Habt ihr fr�her wirklich so gedacht und gehandelt?� Sie sch�rzte ver�chtlich die Lippen. �Wenn das so ist, dann tust du mir Leid. Dann frage ich mich, wozu du �berhaupt wieder auf die Welt gekommen bist.�</p><p>Der Hieb sa�. Der Funke, den der leidenschaftliche K USS in Skar entbrannte hatte, war noch lange nicht erloschen; m�glich, dass er eine Glut erweckt hatte, die noch ein paar Tage vor sich hin glimmen w�rde, bis sie g�nzlich erstickt war.</p><p>Aber wenn Skar an andere Frauen in seinem Leben zur�ckdachte, die ihm einst eine Menge bedeutet hatten - etwa an Coar, die Stadtkommandantin von Cearn, oder an Gowenna, die Mutter Kiinas -, dann war das aus seiner jetzigen Sicht doch nicht viel mehr als die Erinnerung an einen fernen sch�nen Fr�hlingstag. Und Esanna wollte damit konkurrieren?</p><p>Unsinn. Das M�dchen bedeutete ihm nichts und w�rde ihm auch nie etwas bedeuten. Er hatte ja nicht einmal eine Ahnung, wie lang das ihm geschenkte neue Leben sein w�rde und �berhaupt sein konnte; m�glicherweise w�rde er schon in ein paar Wochen in eine sabbernde, alte H�lle zusammensacken, selbst wenn ihn nicht vorher ein Pfeil durchbohren oder ein Schwert t�dlich verletzen w�rde. Ganz schwach nur streifte ihn der Gedanke, dass gerade deshalb dieser eine Moment so kostbar war, dass ihm vielleicht nur diese eine Chance blieb, das Leben zu fassen. Aber er schwieg. Seine Brust schien unter dem Druck der nicht gesprochenen Worte zerbersten zu wollen und ein, zwei Herzschl�ge lang war er versucht Esanna einfach wieder in den Arm zu nehmen und einer Leidenschaftlichkeit freien Lauf zu lassen, die sich im Hier und Jetzt ausleben wollte.</p><p>Das M�dchen schien zu sp�ren, was in ihm vorging, wandte sich wortlos um und ging mit langsamen, kraftlosen Schritten zum Feuer. Ohne ihm noch einen Blick zu schenken, warf sie zwei, drei der Holzscheite nach, die Skar am Abend vorausschauenderweise neben dem Feuerplatz aufgeschichtet hatte, und stocherte in der Glut herum, um sie wieder in Gang zu setzen.</p><p>Skar lie� sich neben Esanna am Feuer nieder und trank einen Schluck kristallklar schmeckenden Wassers aus seinem Wasserschlauch, den er vor ihrem Aufstieg zur H�hle noch an einem kleinen Bach gef�llt hatte. Die kalte Fl�ssigkeit tat ihm gut und brachte seine Lebensgeister einigerma�en zur�ck. Trotzdem war er sich fast schmerzhaft bewusst, dass nichts war, wie es sein sollte.</p><p>�Was ist mit den <emphasis>Ehrw�rdigen Frauen, </emphasis>mit den <emphasis>Errish </emphasis>geschehen?�, fragte er schlie�lich.</p><p>�Ich... ich wei� es nicht.� Esanna wirkte noch immer aufs �u�erste verwirrt. �Ich bin weder Satai noch Schriftgelehrter, aber soviel ich wei� - es soll unter den Satai noch einige wenige <emphasis>Errish </emphasis>geben, erz�hlt man sich. Ob da etwas dran ist, wei� ich nat�rlich nicht.�</p><p>Und so, wie sie es sagte, war es ihr auch egal. Sie starrte die ganze Zeit �ber ins Feuer und vermied es, auch nur einen einzigen Blick in seine Richtung zu werfen.</p><p>�Was hast du morgen vor?�, fragte sie in das Prasseln der Flammen hinein.</p><p>�Ich werde mich auf den Weg zu Marna machen�, sagte er.</p><p>�Und du erwartest, dass ich dich begleite?�</p><p>�Ja. Nein. Ich wei� nicht.� Skar fingerte in seinem Waffengurt aus gegerbter Reptilienhaut herum, in den er Esannas Messer hatte verschwinden lassen und legte es neben ihr auf den Boden. �Hier�, sagte er. �Du wirst es brauchen, f�rchte ich. So oder so.�</p><p>Sie warf ihm einen raschen Seitenblick zu. �Du vertraust mir?�</p><p>�Ja.� Diesmal blieb er bei der einfachen Antwort.</p><p>�Warum? Nur weil du mich gek�sst hast?�</p><p>�Nein.� Skar legte den Kopf in den Nacken und starrte in die verru�te H�hlendecke hinauf. Mit einem Mal merkte er, wie m�de er war. M�de und zerschlagen, als h�tte er eine f�rchterliche Anstrengung hinter sich. Aber das war es ja auch gewesen: Der Kampf gegen die Quorrl, der Aufstieg bei Nacht und Nebel, der ihn mit instinktiver Zielsicherheit hierher gef�hrt hatte und schlie�lich diese qu�lenden Visionen (oder was sonst immer es gewesen war) und die Auseinandersetzung mit Esanna.</p><p>�Warum dann?�, hakte sie nach, nachdem sie das Messer wieder unter ihrem Gewand hatte verschwinden lassen. �Weil es jetzt keinen Sinn mehr haben w�rde, wenn du mich als deinen Feind betrachten w�rdest�, sagte Skar. �Nicht, nachdem du begriffen hast, dass unsere Begegnung kein Zufall war und dass wir eine gemeinsame Aufgabe zu erf�llen haben.�</p><p>Esanna stocherte weiter in der mittlerweile bereits entfachten Glut herum, bis Funken stoben. In dem flackernden Licht wirkte ihr bleiches Gesicht fast so durchscheinend wie das einer der teuren bemalten Glaspuppen, wie sie vor einer Ewigkeit von reisenden H�ndlern auf dem Markt von Besh an die T�chter reicher H�user verkauft worden waren. Es war etwas Unnat�rliches an ihr, fand Skar in diesen Sekunden, etwas, dass so gar nicht zu einem ungehobelten Haufen verr�ckter Digger passte.</p><p>�Ich glaube, du siehst irgendjemanden in mir, der ich nicht bin�, stellte Esanna nach einer Weile fest. Ihre Stimme verlor sich fast im Prasseln der letzten Holzscheite, die sie jetzt nachgelegt hatte. Wenn das Feuer heruntergebrannt war, w�rde es schon Minuten sp�ter empfindlich kalt werden.</p><p>�Kann sein�, gab Skar zu. �Aber es k�nnte nat�rlich auch anders herum sein.�</p><p>�Anders herum?�, fragte sie misstrauisch. �Was meinst du damit?�</p><p>�Dass du eine Bestimmung hast, derer du dir selbst noch nicht bewusst bist. Etwas, das die ganzen Jahre in dir geschlummert hat und das jetzt zum Ausbruch kommt.�</p><p>�Wie kommst du nur auf einen solchen Unsinn?�, fragte sie.</p><p>�Vielleicht deshalb, weil es mir vor einer Ewigkeit ganz �hnlich ging...�, sagte Skar und erinnerte sich an sein Widerstreben, als er St�ck f�r St�ck hatte begreifen m�ssen, was der <emphasis>Dunkle Bruder </emphasis>in ihm gewesen war: mehr als nur eine innere Stimme, der <emphasis>W�chter, </emphasis>etwas unglaublich Fremdes und dennoch nur allzu bald sehr Vertrautes, das ihm die Verantwortung f�r ganz Enwor auf die Schultern gelegt hatte. �Das Schicksal sucht sich manchmal in bestimmten Menschen ein Werkzeug zur Erledigung gro�er Aufgaben�, murmelte er nach einer Weile. �Und es fragt nicht, ob dieser Mensch sein Schicksal nun annehmen will oder nicht.�</p><p>�Na, vielen Dank. Und wenn ich nun kein Werkzeug sein will?�</p><p>Skar schloss f�r einen Moment die Augen. <emphasis>Der Boden gl�nzte unter einer feuchten, schlierig-klaren Schicht. Die Luft stank so durchdringend, dass das Atmen zur Qual wurde. Die skelettierten Reste von sieben, acht Quorrl lagen auf dem Boden oder zerbrochen �ber St�hlen und dem breiten Bett, dessen Seidenbezug schwer und dunkel vom Blut der </emphasis>Sternenbestie <emphasis>geworden war.</emphasis></p><p>Er hatte Tod und Vernichtung unter die Quorrl gebracht wie auch unter die Menschen, er hatte zu lange gez�gert, weil er sich dem Schicksal hatte entgegenstemmen wollen. Es durfte nie wieder geschehen. Was auch immer da in seinem Inneren aufgeflackert war, diese ferne Erinnerung einer grauenvollen Katastrophe: Er durfte nie die mir ihr verbundene Warnung vergessen.</p><p>�Du hast meine Frage noch nicht beantwortet�, dr�ngte ihn Esanna.</p><p>Aber das hatte Skar auch gar nicht vor. Er konnte es nicht.</p></section><section><title><p id="_02_03">2.3</p></title><p>Ein Ger�usch riss ihn aus seinen Gedanken, das hier nicht hingeh�rte, ein leises, kaum h�rbares Tapsen, dessen Ursprung er nicht orten konnte. Vielleicht ein Tier, m�glicherweise sogar ein B�r - auch wenn er sich das nicht vorstellen konnte, denn dann h�tte er seine Anwesenheit schon vorher sp�ren m�ssen. Das Ger�usch wiederholte sich und dann glaubte Skar noch etwas anderes zu h�ren: einen leisen Singsang, sanft und fern wie ein Windhauch, aber doch so deutlich wie das Ger�usch der ersten feinen Tropfen, das einen Regen ank�ndigte.</p><p>Skar glitt f�rmlich in die T�ne hinein, die er h�rte, versuchte sie zu fassen und zu ergr�nden, w�hrend er noch immer in das prasselnde Feuer vor sich starrte. Es war nicht einfach, die Feuerger�usche so weit auszublenden, bis er die Quelle der anderen Laute feststellen konnte.</p><p>�Warum antwortest du nicht auf meine Frage�, wollte Esanna wissen.</p><p>�Still�, zischte Skar kaum vernehmbar und legte den Finger auf den Mund, um seine Worte zu best�rken.</p><p>�Warum?�, fragte Esanna trotzig, doch ein Blick in Skars Gesicht lie� sie verstummen und erschrocken die Augen aufrei�en.</p><p>Skar erhob sich langsam und ohne Eile. Wer oder was auch immer dort im Hintergrund der H�hle war, bewegte sich langsam und vorsichtig. Wom�glich wurden sie die ganze Zeit �ber schon beobachtet. Wenn das so war, dann wollte er den oder die Lauscher nicht mit der Nase darauf sto�en, dass er sie entdeckt hatte.</p><p>�Was ist denn nun ...�, begann Esanna, brach dann aber mitten im Satz ab, als Skar den Kopf sch�ttelte.</p><p>Es war merkw�rdig: Aber in diesem Moment w�nschte er, Del w�re an seiner Seite und nicht ein unbeholfenes Digger-M�dchen, das sich mit jeder Bewegung und jeder �u�erung einem heimlichen Beobachter verd�chtig machen musste.</p><p>Aber Del war nicht nur tot. Er war auch ein dreckiger Verr�ter gewesen. Der Mann, den er als seinen besten Freund, seinen engsten Vertrauten und letztlich auch als eine Art Ziehsohn betrachtet hatte, hatte ihn von Anfang an betrogen.</p><p>�Wir brauchen noch etwas Holz�, sagte er laut. �Halte die Flammen so lange in Gang, bis ich welches gefunden habe.� Esanna nickte hektisch und sah sich gehetzt nach allen Seiten um. Verdammt. Genauso gut h�tte sie sich ein Schild um den Hals h�ngen k�nnen mit der Aufschrift: <emphasis>Wir haben euch entdeckt. Und Skar sucht euch jetzt.</emphasis></p><p>Mit langsamen, elastischen Bewegungen ging Skar tiefer in die H�hle hinein, dorthin, wo das flackernde Licht des Feuers ein verwirrendes Spiel zuckender Bewegungen auf die W�nde zauberte, die kaum noch ausreichten, um ein paar Schritt weit sehen zu k�nnen. Seine Phantasie gaukelte ihm hinter jedem Vorsprung, hinter jedem Knick eine Horde unbekannter Angreifer vor, die nur darauf lauerte, sich mit einem Kampfschrei auf ihn zu st�rzen.</p><p>Trotzdem vermied er es, seine Waffe zu ziehen. Er wollte niemanden unn�tig provozieren. Und dass hier jemand war, das bezweifelte er schon nach ein paar Schritten nicht mehr. Es waren jetzt weniger Ger�usche, die ihn bei seiner Wahrnehmung best�rkten, als vielmehr das sichere Gef�hl, von mehreren Augen beobachtet zu werden. Skar verf�gte �ber genug Erfahrung, um zu wissen, dass dieses Gef�hl absolut verl�sslich war: Fast jeder Mensch war in der Lage, die Blicke eines heimlich in der N�he kauernden Beobachters zu sp�ren, doch die meisten �berlagerten solche Empfindungen mit tr�gen Gedanken oder Zweifeln.</p><p>Das hatte Skar nicht vor. Er schlich weiter hinein in das Halbdunkel, die ganze Zeit �ber darauf vorbereitet, jederzeit einen Angriff parieren zu k�nnen. Er wusste, dass er dabei im Nachteil war: W�hrend er keine Ahnung hatte, wo die anderen steckten, hatten sie ihn die ganze Zeit im Blickfeld und konnten so in Ruhe die beste Angriffsstrategie ersinnen.</p><p>�Warte�, ert�nte hinter ihm eine Stimme. �Lass mich hier nicht alleine.�</p><p>Skar h�tte am liebsten laut geflucht. Dieses bl�de Kind. Es reichte nicht, dass es sich auff�llig umsah, nein, es musste ihm jetzt auch noch hinterherlaufen wie ein Kleinkind, das sich vor einem Gewitter f�rchtet.</p><p>Zu sp�t erinnerte er sich daran, dass �rger ein schlechter Ratgeber war. So auch in diesem Fall. Seine Wut auf Esanna lie� ihn eine Wurzel �bersehen, die in einem Knick vor ihm lag und wahrscheinlich von �bereifrigen Holzsammlern dort vergessen worden war. Prompt stie� er mit dem Fu� dagegen, wodurch sie ein paar Schritt �ber den Boden glitt und mit einem lauten Ger�usch an einen Vorsprung krachte. �Hier bin ich, Feuerfee�, sagte er s�uerlich und versetzte dem Wurzelst�ck, �ber das er gestolpert war, einen w�tenden Fu�tritt. �Vielleicht h�ttest du die G�te zu warten, bis ich genug Holz zusammenhabe.�</p><p>�Ich wei� nicht... ob das so eine gute Idee ist�, sagte Esanna und dann war sie auch schon heran, mit so raschen Schritten, dass ihre offenen Haare in der Zugluft flatterten. �Es war mir fast so, als ob jemand am H�hleneingang war.�</p><p>�Na, wunderbar�, sagte Skar betont leichthin, um m�glichen heimlichen Zuh�rern die Gelegenheit zu geben, ihm immer noch den unbek�mmerten Holzsammler abzunehmen. �Wahrscheinlich ein B�renjunges, das einen Unterschlupf sucht.�</p><p>�Kurz vor Morgengrauen?�, fragte Esanna nerv�s. �Das kann ich mir nicht vorstellen.�</p><p>Skar seufzte. �Ich k�mmere mich gleich darum�, sagte er, was er durchaus ernst meinte. Er konnte sich nicht des Gef�hls erwehren, dass ihn jemand in eine Falle gelockt hatte: ein paar Ger�usche, die den Satai vom Feuer weg tiefer in das unterirdische Labyrinth lockten, um dann in aller Ruhe den H�hleneingang zu verriegeln und ihnen so den Fluchtweg aus der H�hle abzuschneiden. Diese Idee h�tte von ihm stammen k�nnen.</p><p>Doch ehe er auch nur ansatzweise begriff, was geschah, glitten schwarze Schatten aus dunklen W�nden und verdichteten sich zu einer Gruppe fremdartig wirkender Wesen, die einen fast perfekten Kreis um sie bildeten.</p><p>Skar schluckte verbl�fft. Er hatte in den letzten Sekunden kein anderes Ger�usch geh�rt als seinen eigenen Herzschlag, das Rauschen des Blutes in seinen Ohren und das Rascheln und Knistern, das durch seine und Esannas Bewegungen entstanden war. Er begriff nicht, wie es hatte geschehen k�nnen, dass ihn pl�tzlich mehrere knabenhaft wirkende Gestalten ger�uschlos umringten. Das gefiel ihm nicht, ganz und gar nicht.</p><p>Seine Hand wanderte wie von selbst zum reich ziselierten Griff seines <emphasis>Tschekals </emphasis>und zwei Dutzend Augen schienen der Bewegung zu folgen. Pl�tzlich hatte Skar Angst. Diese Gestalten erinnerten ihn an irgendetwas, die Art, wie sie sich bewegten, schnell, leise und geisterhaft. Er war sich sicher, schon fr�her mit Menschen (oder Wesen?) diesen Schlags zu tun gehabt zu haben. Aber er kam nicht darauf, wann das gewesen war und in welchem Zusammenhang seine Erinnerung stand.</p><p>Es war so dunkel in diesem Teil der H�hle, dass er ihre Gesichter nicht erkennen konnte und auch nicht zu sagen vermochte, ob sie ihn feindselig, misstrauisch oder auch nur abwartend anstarrten. Ihre eleganten, leichtf��igen Bewegungen hatten etwas fast Insektenartiges an sich und es wurde ihm bewusst, dass sie wahrscheinlich genauso schnell wieder mit der Dunkelheit verschmelzen konnten, wie sie aus ihr hervorgetreten waren.</p><p>Doch das war nicht unmittelbar das, was ihm Sorgen bereitete. Er wusste nicht, wie viele von ihrer Sorte sich noch in der H�hle aufhielten. Aber auch die rund zehn M�nner, die sie bereits umringten, erschienen ihm gef�hrlich genug und er ahnte, dass er einen schweren Stand haben w�rde, wenn sie ihn angriffen. Zwar waren ihre H�nde waffenleer, doch ihre geschmeidigen Bewegungen verrieten, dass es durchaus ernst zu nehmende Gegner waren - falls sie entsprechend geschult waren. Andererseits - <emphasis>schmale, braun gebrannte, auffallend zerbrechlich wirkende Menschen: </emphasis>Wann hatte er schon einmal mit diesem Schlag zu tun gehabt? Er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern.</p><p>Eine der Gestalten trat vor, langsam aber mit einer flie�enden, fast huschenden Bewegung, die Skars ersten Eindruck von der Gef�hrlichkeit der M�nner best�rkte. �<emphasis>Zor</emphasis>-<emphasis>pah!�, </emphasis>sagte der Mann schnell. <emphasis>�Sena konngif immenisten.�</emphasis> Esanna r�ckte n�her an ihn heran. Ihre Hand glitt in Skars Waffengurt und krallte sich dort ein. Hoffentlich unternahm sie nichts Unbedachtes.</p><p>�Ich spreche eure Sprache nicht�, sagte Skar betont ruhig, doch ohne seine Nervosit�t ganz aus seiner Stimme bannen zu k�nnen. Er sp�rte, wie sich Esanna anspannte und gab ihr mit einem kleinen Wink zu verstehen, dass sie sich ruhig verhalten sollte. Erst dann brachte er seine Waffenhand nach oben und verschr�nkte seine Arme vor der Brust.</p><p>�Du... sprechen Tekanda?�, fragte der kleine braune Mann m�hsam und mit einem f�rchterlichen Akzent.</p><p>�Ja�, best�tigte Skar. �Ich spreche Tekanda.�</p><p>Und pl�tzlich begriff er, erinnerte er sich an Menschen, die er schon l�ngst vergessen geglaubt hatte, an die dunklen, gr�nbraun gemusterten Kleider, die sie in einem Wald genauso gut tarnten wie hier im finsteren Teil der H�hle, an K�rbe voller kleiner, beerenartiger Fr�chte, h�lzerne Schalen und feinmaschige Netze aus geflochtenem Gras, die ihr allt�gliches Werkzeug darstellten.</p><p>Die M�nner waren Nahrak, H�ter des <emphasis>Wandernden Waldes. </emphasis>Es war wie der R�ckfall in eine weit entfernte Ewigkeit, in eine Vergangenheit, die so fremd und versch�ttet war, dass ihm seine eigenen Erinnerungen wie die eines anderen vorkamen.</p><p><emphasis>Del und er hatten die Nonakeshw�ste durchquert, gejagt von einer Horde Quorrl. Er hatte bei dem Kampf mit den Verfolgern zahlreiche Verletzungen davongetragen, aber Del war schlimmer dran gewesen: Seine Schulter war bis auf den Knochen gespalten. Fast wahnsinnig vor Durst, ausged�rrt und kraftlos waren sie auf den Wandernden Wald gesto�en, einem von einem unterirdischen Fluss gespeisten gigantischen Waldst�ck, das mit wuchernder Beharrlichkeit immer weiter hinauskroch in die W�ste, gehegt von den H�tern des Waldes, kleinen, braunen Menschen ...</emphasis></p><p><emphasis>... </emphasis>den Nahrak!</p><p>�Was macht ihr hier?�</p><p>�Wir sind die H�ter�, sagte der kleine Mann mit gro�em Ernst. �M�ssen sch�tzen.�</p><p>Skar nickte. Die Nahrak waren nicht die einzigen Bewohner des Wandernden Waldes gewesen, sondern eher so etwas wie seine Gestalter, die Architekten und Bewahrer eines k�nstlich geschaffenen Wunders. �Ihr seid Nahrak?�, fragte er.</p><p>�Ja�, sagte der Mann einfach. �Mein Name ist Kama. Aber das ... das ist nicht wichtig.�</p><p>�Nicht wichtig?�, �chzte Esanna. �Du kennst sie, Skar?� Er nickte. �Sein Volk, ja. Aber es ist lange her ...�</p><p>�Wir m�ssen uns beeilen�, sagte Kama.</p><p>�Wieso?�, fragte Skar, w�hrend sich seine Gedanken �berschlugen. Er verstand nicht, warum die Nahrak hier pl�tzlich aufgetaucht waren - ohne Waffen und trotz der bei�enden K�lte nur mit ihren �blichen leichten gr�nbraunen Kleidern gekleidet -, aber er war sich so gut wie sicher, dass von ihnen keine Gefahr ausging. Ganz im Gegenteil. Die M�nner wirkten besorgt, aber nicht etwa, weil sie auf ihn und Esanna gesto�en waren, sondern ... <emphasis>weil hier vielleicht noch etwas anderes war, auf sie lauerte, etwas, das das Ger�usch am H�hleneingang verursacht hatte.</emphasis></p><p>�Gehen�, dr�ngte Kama. �Schnell.�</p><p>Skar packte Esannas Arm. �Wir sollten besser tun, was er sagt�, meinte er.</p><p>�Wieso?�, wollte Esanna wissen.</p><p>�Weil es besser sein�, sagte Kama. �Schnell!�</p><p>Der Kreis der kleinen M�nner schloss sich enger um sie und einen Moment lang f�rchtete Skar, dass er einen Fehler gemacht hatte, dass es falsch gewesen war, den H�tern des Waldes zu vertrauen. <emphasis>Wieso waren sie �berhaupt hier? Was wollten sie und wovor warnten sie ihn? </emphasis>Aber dann sagten ihm sowohl Gef�hl als auch Verstand, dass von diesen M�nnern keine Gefahr drohte, zumindest im Moment nicht, aber dass es daf�r hier etwas ganz anderes gab, eine unheimliche, unaussprechliche Gefahr, deren Anwesenheit er instinktiv schon seit Stunden gesp�rt hatte, die in seine Visionen eingedrungen war und die ihm nun von Sekunde zu Sekunde bewusster wurde.</p><p>Auch Esanna schien es zu sp�ren, denn ihre F��e bewegten sich immer schneller, gefangen und besch�tzt von den Nahrak, die sie und Skar zur�ckdr�ngten, in Richtung Lagerfeuer. Die kleinen M�nner bewegten sich so geschickt, dass weder einer von ihnen an einen Felsvorsprung anstie� noch Skar und das M�dchen Gefahr liefen, irgendwo anzurempeln.</p><p>�Da ist was�, keuchte Esanna, als sie die H�lfte der Strecke zum Feuer zur�ckgelegt hatten.</p><p>�Still�, zischte Kama kaum h�rbar.</p><p>W�hrend sie weiterliefen, versuchte Skar das flackernde Halbdunkel zu durchdringen. In den Schatten der Nischen und Vorspr�nge glaubte er etwas Dunkles, k�rperlos Rauchiges wie schwarzen Nebel hervorquellen zu sehen, eine schwarze, von schauderhaftem, schleimigem Leben erf�llte Masse, die sich wie eine finstere Woge �ber den Boden ergoss. Ein dumpfes Rascheln und Schaben wie das Ger�usch unz�hliger kleiner, horniger F��e hallte von den W�nden wider und etwas wie Raubtiergestank, vermischt mit einem ekelhaften, an verfaulten Seetang erinnernden Geruch, wehte zu Skar hin�ber.</p><p>�Vorsicht!�, schrie er. �Vor uns!�</p><p>Die Nahrak schienen die Gefahr gleich ihm instinktiv wahrzunehmen und bremsten ihren eleganten Lauf ab. Nur Esanna reagierte mit unertr�glicher Tr�gheit, starrte mit tiefem Nichtbegreifen auf das bizarre Bild, w�hrend sie gleichzeitig einen der Nahrak anrempelte und fast gestrauchelt w�re, wenn Skar sie nicht am Handgelenk gepackt und zur�ckgerissen h�tte.</p><p>Die H�ter des Waldes reagierten wie eine gut ausgebildete S�ldnertruppe. Mit hohen, hellen Schreien wichen sie zur�ck, bildeten um Skar und das M�dchen eine Schutzmauer, fast wie eine Leibgarde, und dr�ngten sie wieder zur�ck, in Richtung H�hle.</p><p>Keine Sekunde zu fr�h. Der Boden unter ihnen zuckte und bebte, als w�re er ein lebendes Wesen. Die W�nde selbst schienen zu gespenstischem Leben erwacht zu sein, zogen sich zusammen, pulsierten, f�hrten komplizierte, rasche Bewegungen aus, wie die Zuckungen eines Todkranken. Im flackernden, kaum wahrnehmbaren Licht, das vom Dunkel fast vollst�ndig aufgesogen wurde, vollzog sich die Umwandlung von etwas so Fremdem und B�sartigem, dass Skar den Odem des Todes wahrzunehmen glaubte.</p><p>�Lauf, Esanna�, schrie er voller Panik. �Lauf!�</p><p>Seine Beine bewegten sich ohne sein Zutun, fielen in einen schnellen Rhythmus, im Gleichklang mit den elastischen und erstaunlich kraftvollen Bewegungen der Nahrak. Esanna konnte jetzt gar nicht mehr anders, als mit schnellen Schritten zur�ckzustolpern; eingeschlossen in die Gruppe der schlanken, braunen M�nner, die ohne jede Absprache wie ein Lebewesen handelten, jagten sie und Skar unglaublich schnell zur�ck.</p><p>Die dunklen Schleier begannen sich zu verdichten, wurden zu einem l�nglichen, flie�enden Umriss, wie die Finger einer gigantischen Hand, die mit erbarmungslosem Griff nach ihnen langte. Etwas Gewaltiges, Formloses raste auf sie zu, griff nach dem direkt vor Skar laufenden Mann und schleuderte ihn zu Boden. Der Nahrak schrie auf: ein grausiger, spitzer, gellender Schrei, der sich mit dem berstenden Ger�usch seines Aufpralls mischte und dann mit erschreckender Pl�tzlichkeit abbrach.</p><p>Als w�ren die an den W�nden entlanggleitenden Schatten zu Leben erwacht, schoss erst ein weiterer, dann noch einer und schlie�lich eine ganze Gruppe der widerlichen Kreaturen auf sie zu. In diesem einen Sekundenbruchteil, der sich zur Ewigkeit dehnte, durchlebte Skar seine erste Begegnung mit diesen Wesen: auf einem Gem�lde in Went, der Hauptstadt des wandernden Waldes von Cearn. Obwohl der Eindruck, den dieses plastisch und lebendig wirkende Gem�lde bei ihm hinterlassen hatte, eine Ewigkeit zur�cklag, war er doch gleichzeitig ungeheuer frisch und von geradezu ekelhafter Pr�senz - <emphasis>eine schwarze, unangenehm anzuschauende Masse, die an ein Nest sich windender Schlangen, an Spinnenbeine und glitschige Krakenarme erinnerte, </emphasis>die wie damals auf dem Gem�lde nun in der Wirklichkeit zu ihm vorschossen. Er hatte sich damals versucht vorzustellen, wie es sein musste, einer derartigen Scheu�lichkeit wirklich gegen�berzustehen, aber allein der Gedanke daran hatte ihn erf�llt mit Furcht, beinahe Panik ... PANIK!</p><p>Die H�hle verwandelte sich von einem Moment auf den anderen in einen brodelnden Hexenkessel, in dem er keine einzelnen Bewegungen mehr wahrzunehmen vermochte, sondern nur noch ein gewaltiges St�rmen und Brodeln undefinierbarer Bewegungen. Schon einmal hatte Skar gegen die <emphasis>Khta�m </emphasis>gek�mpft, gegen die schwarzen Nachtmahre des Grauens, die Wiedergeborenen, vor denen es kein Entrinnen gab und die ihn nach kurzem, verzweifeltem Kampf geschlagen hatten - <emphasis>irgendetwas klatschte gegen Skars R�cken und versuchte sich mit Millionen und Abermillionen winziger spitzer Z�hne festzukrallen. Ein grausamer Schmerz zuckte durch seine Eingeweide. Sein R�cken schien in Flammen zu stehen. Er schrie, taumelte einen Schritt und brach mit einem wimmernden Laut in die Knie.</emphasis></p><p>Aber das war Vergangenheit, verdammt, und er durfte nicht zulassen, dass sich der Kreis der Geschichte auf so sinnlose Art schloss.</p><p>Dann waren sie heran, Hunderte, wie es Skar schien. Mit einem unertr�glichen Fauchen, gr�sslichen Lauten, die sich geradewegs in die Geh�rg�nge zu fressen schienen, st�rzten sie sich auf die Nahrak.</p><p>Die M�nner handelten bewundernswert kaltbl�tig und geschickt. Mit geradezu �bernat�rlicher Geschwindigkeit tauchten sie unter den Angreifern weg, wichen zur Seite, wehrten mit blo�en H�nden und F��en mehrere der Alptraumkreaturen ab, schleuderten etliche von ihnen zur�ck - w�re es nicht eine so bedrohliche Situation gewesen, h�tte ihnen Skar Beifall gezollt. Doch so begriff er, dass sie trotz all ihrer Anstrengungen den w�tenden Angriff nicht zur�ckwerfen konnten. Sie waren wie kleine, bewegliche B�ume, die einem Wirbelsturm erstaunlich lange zu trotzen vermochten, doch den Gewalten auf Dauer nichts entgegenzusetzen hatten - wenn der Angriff zu gewaltig war.</p><p>Und das war er. Die <emphasis>Khta�m </emphasis>brachen wie eine wogende Flutwelle �ber sie herein und die Nahrak waren der Staudamm, der die Welle zu brechen versuchte. Es gelang ihnen erstaunlich lange. Doch dann wurde ein Nahrak von einem widerlich saugenden Ungeheuer getroffen, das sich in seiner Schulter festbiss. Das Wesen war eine Ausgeburt der H�lle, eine Mischung zwischen Spinne und Tintenfisch mit mindestens einem Dutzend Fangarmen, kaum gr��er als eine M�nnerhand, aber gef�hrlicher als alle Lebewesen, die Skar auf Enwor kennen gelernt hatte, und als der Mann direkt neben ihm in die Knie ging, war er schon heran, lie� sein <emphasis>Tschekal </emphasis>eine aus dem Handgelenk kreisende Bewegung vollf�hren. Das Schwert schlitzte die Kreatur in der Mitte auf, trennte sie in zwei H�lften, ohne der Schulter des Nahrak mehr als nur einen kleinen blutigen Kratzer zuzuf�gen, und mit zwei kurzen seitlichen Hieben wischte Skar die sich noch immer windenden K�rperteile des <emphasis>Khta�m </emphasis>zur Seite. Und doch war es zu sp�t. Das Gift der Kreatur war schon in den K�rper seines Opfers gedrungen, die unz�hligen spitzen Z�hne des Monsters hatten sich einen Sekundenbruchteil zu lange in sein Fleisch gegraben. Der Mann war dadurch nur einen kurzen Augenblick lang angeschlagen, schwankte leicht und kam dann wieder auf die Beine. Aber diese kurze Zeitspanne hatte drei weiteren Monstren gen�gt, um seine unbeholfene Verteidigung zu durchbrechen und sich in seinen K�rper zu vergraben: Eines hatte sich in seinen rechten Oberschenkel verbissen, ein weiteres seine linke Hand erwischt - das Dritte aber, ein sich widerlich schlangelndes und zuckendes Etwas, klatschte erst gegen seine Schulter und wand sich dann um seinen Hals; es sah aus wie ein lebendig gewordener Alptraum eines Halstuchs, das seinen Besitzer erdrosseln wollte.</p><p>Skar war mit einem Satz bei ihm und sein Schwert sauste nahezu unsichtbar hinab, grub sich in die Kreaturen, zerst�ckelte sie, als w�re es ein eigenst�ndiges Lebewesen, und obwohl dieses <emphasis>Tschekal </emphasis>weit schlechter ausbalanciert war als sein eigenes, vor dreihundert Jahren verschollenes, glitt es so schwerelos durch die Luft und die schleimig-feste Masse der <emphasis>Khta�m, </emphasis>als w�re es mit Skar verwachsen. Und doch hatte der Nahrak keine Chance. Die sich um seinen Hals windende Kreatur war nicht mehr als ein von Skars Schwert zerst�ckeltes Etwas, aber es war noch Leben in ihm, widerliches, unnat�rliches Leben, das nichts anderes kannte als den Willen zur Vernichtung, zur Versklavung oder Schlimmerem. Das Blut, das aus dem Hals des Nahrak str�mte, aus den hundert kleinen Wunden, die ihm der Nachtmahr zugef�gt hatte, und den wenigen, nicht allzu tiefen Schnitten, die Skar bei seinem Befreiungsversuch in seine Haut geritzt hatte, vermischte sich mit etwas ekelhaft Schleimigem, einer fast schwarzen, �ligen Fl�ssigkeit, in der die roten Farbtupfer wie Fremdk�rper wirkten.</p><p>Der Nahrak schrie auf und trotz des Tobens um sie herum hallte sein gellender Schrei noch in Skars Ohren weiter, als sich der Mann schon zusammenkr�mmte, mit einer verzweifelt vorgestreckten Hand ein, zwei, drei weitere <emphasis>Khta�m </emphasis>abzuwehren versuchte, die ebenfalls auf seinen Hals, seine Schultern und sein Gesicht zuhielten und schlie�lich mit blitzschnellen Bewegungen einh�llten, sodass sein ganzer Kopf von einer schmierigen, zappelnden Masse bedeckt war, noch bevor er zu Boden st�rzte.</p><p>Skar blieb keine Zeit, sich �ber den Todgeweihten Gedanken zu machen. Nachdem die lebendige Mauer der Nahrak erst einmal an einer Stelle durchbrochen war, kippte das Gleichgewicht und es wurde offenbar, dass sie alle in k�rzester Zeit den ersten Opfern folgen w�rden. Skars Klinge glich einem Wirbelwind, der sich durch nachtschwarze, tentakelzuckende Ungeheuer fra�. Mit der gleichen Eleganz und Zielstrebigkeit versuchte er Esanna zu sch�tzen. Das M�dchen presste sich ganz instinktiv an seinen R�cken, ohne dort aber auch nur einen Moment lang sicher zu sein, denn der Tod st�rmte jetzt von allen Seiten auf sie ein. Die <emphasis>Khta�m </emphasis>rasten mit pfeilschneller Geschwindigkeit heran, umschlangen einen Mann in t�dlicher Umarmung und zermalmten ihn, noch w�hrend er in die Knie ging, sodass eine ekelhafte Gischt aus Blut, Knochensplittern und Gewebeteilen hochspritzte und alles benetzte. W�hrenddessen jagte ein ganz ineinander verklumpter, zuckender Ball mehrerer Ungeheuer auf einen weiteren Nahrak zu und schmetterte ihn mit der Kraft einer Riesenechse zu Boden, bevor sich die Nachtmahre z�ngelnd �ber ihn ergossen und ihr f�rchterliches Mahl begannen.</p><p>Skar begriff, dass sie keine Chance mehr hatten ihren unglaublich schnellen und aggressiven Angreifern zu entkommen, aber der Instinkt des Kriegers zwang ihn seine Anstrengungen nochmals zu vervielfachen. Um sich auch nur einigerma�en seiner Haut erwehren zu k�nnen, h�tte er in diesem Moment vier Arme und vier Schwerter gebraucht, und selbst dann h�tte er sich nicht durch die schwarze, tentakelbewehrte Wand vorw�rts k�mpfen k�nnen, um den rettenden H�hlenausgang zu erreichen, geschweige denn, f�r seine und Esannas Sicherheit garantieren k�nnen.</p><p>Es war aus - AUS - und obwohl er das begriff und obwohl er keine Hoffnung mehr kannte, k�mpfte er mit einer schier unmenschlichen Kraft und Geschicklichkeit weiter. Etwas in ihm schrie auf, wie ein verwundetes Tier, w�hrend er gleichzeitig sein <emphasis>Tschekal </emphasis>in eine tiefschwarze Wolke tintenfisch�hnlicher Monstren zucken lie� wie ein Gewitter seine Blitze in eine ihm schutzlos ausgelieferte Landschaft. Etwas schwarz Gl�nzendes mit viel zu vielen peitschenf�rmigen Tentakeln schrammte an seinem Gesicht vorbei und zwang ihn zu einer blitzschnellen Drehung, die Esanna aus der Deckung seines K�rpers brachte.</p><p>Als h�tten die <emphasis>Khta�m </emphasis>nur darauf gewartet, st�rzten sich gleich mehrere auf das M�dchen. Esanna schrie auf und riss sch�tzend die H�nde vors Gesicht; sie versuchte nicht einmal ihr Messer zu ziehen und sich damit gegen die Nachtmahre zur Wehr zu setzen. Doch daf�r geschah etwas ganz Anderes, schier Unglaubliches: Kurz bevor die schwarzen Ungeheuer heran waren, stie� Esanna die H�nde nach vorne und mit Bewegungen, die so schnell waren, dass selbst Skar sie nicht mehr mit dem Auge verfolgen konnte, schlug sie die schleimigen Monster beiseite. F�r einen winzigen Augenblick hatte er das Gef�hl, dass Esanna tats�chlich mehr als zwei Arme h�tte, als h�tte sich sein verr�ckter Wunsch f�r sie erf�llt, um ihr die M�glichkeit zu geben sich freizuk�mpfen, als w�re sie selber mit vielen kleinen peitschen�hnlichen Extremit�ten ausgestattet, die es ihr gestatteten, so unter den <emphasis>Khta�m </emphasis>zu w�ten wie zuvor die Monster unter den Nahrak.</p><p>Skar kam nicht einmal f�r den Hauch eines Lidschlags dazu, das unglaubliche Schauspiel weiterzuverfolgen. Eine schwarze, ekelhafte Wolke raste auf ihn zu, so gro� und so widerlich, dass er automatisch zur Seite sprang, sich abrollte und hinter den Ungeheuern wieder auf die Beine kam. Sein <emphasis>Tschekal </emphasis>stie� mit blitzschnellen Schnitten zwischen die ineinander verklumpte, zuckende und schw�nzelnde Masse und riss sie auseinander.</p><p>Ein kurzer Blick zu Esanna zeigte ihm, dass sich das M�dchen - zumindest im Augenblick - auf unglaubliche Weise ihrer Haut zu wehren verstand, aber er lenkte ihn auch den entscheidenden Sekundenbruchteil ab, sodass er die n�chste Angriffswelle der Nachtmahre nicht rechtzeitig kommen sah.</p><p>Ein Schlag traf seine Schulter. F�r einen Moment sp�rte er einen furchtbaren, unertr�glichen Schmerz, der sich wie eine wei� gl�hende Schlange tiefer und tiefer in seinen Leib grub, mit scharfen Z�hnen an seinen Eingeweiden riss und unbarmherzig zerrte und w�hlte. Dann begann auch schon etwas Dunkles, Schweres nach seinen Gedanken zu greifen; er kr�mmte sich, presste die H�nde auf die Wunde und st�rzte haltlos vorn�ber, w�hrend sein Schwert klappernd auf den Boden aufschlug und aus seinem Blickfeld verschwand.</p><p>Die Kampfger�usche um ihn herum begannen sofort zu verschwimmen und in ihm war nichts mehr als Schmerz und gleichzeitig eine gro�e Gleichg�ltigkeit, mit der er den Tod erwartete wie einen alten Freund. Aber er starb nicht und selbst die Erl�sung der Ohnmacht wurde ihm nicht gew�hrt. Es war, als w�rden wabernde Schatten nach ihm greifen, sein Gehirn zusammenquetschen und seine Gedanken durcheinander purzeln lassen, als w�re schon immer nichts als Chaos in ihm gewesen.</p><p>Irgendwo nahm Skar dennoch die Kraft her, zur Seite zu greifen und sein Schwert aufzunehmen. Aber die Klinge schien pl�tzlich Tonnen zu wiegen. Er hatte kaum mehr die Energie, sie zu heben, und er konnte sich auch nicht auf irgendetwas konzentrieren, weder auf einen Angriff noch auf einen so kindischen Plan, wie sich einfach tot zu stellen. Noch immer sp�rte er einen brennenden Schmerz, der sich wie ein gl�hender Draht seinen R�cken und den Hals hinaufzog, aber er hatte gelernt aus Schmerz Energie zu machen und die Energie zu nutzen, um sich freizuk�mpfen, wann immer das n�tig war.</p><p>Dass er dazu nicht seinen Verstand brauchte, war sein Gl�ck. Wie von selbst stemmte er sich nach oben. Das Chaos in seinem Kopf kam wie br�llendes H�llenfeuer �ber ihn, riss alles weg, was ihn jemals am Leben erhalten hatte bis auf diesen ganz tief in ihm verwurzelten Kern, die elementarsten Instinkte des geborenen und hervorragend geschulten Kriegers, der zu k�mpfen gelernt hatte, ohne von st�renden Gedanken oder gar Zweifeln abgelenkt zu werden.</p><p>Ein Blitz aus schwarzem Nebel streifte eisig und gleichzeitig erb�rmlich stinkend sein Gesicht. Sein Schwert zuckte nach oben, folgte der Bewegung des <emphasis>Khta�m </emphasis>und grub sich tief in das schwarze zappelnde Etwas, das ihm den Todessto� hatte versetzen wollen.</p><p>Dann war er wieder auf den Beinen. Er bemerkte �berhaupt nicht die Ver�nderung um sich herum, er nahm nichts mehr bewusst wahr, er war nur noch eins mit seinem <emphasis>Tschekal </emphasis>und eins mit dem brennenden Verlangen, um jeden Preis zu �berleben. Sein Schwert w�tete wie ein D�mon unter den Nachtmahren, vernichtete sie mit einer Schnelligkeit und Pr�zision, mit der diese Klinge sicherlich noch nie zuvor bewegt worden war. Doch schlie�lich erlahmten seine Bewegungen, verloren an Kraft und Geschmeidigkeit, verlangsamten sich auf ein normales Ma� und damit auf eine Geschwindigkeit, mit der den <emphasis>Khta�m </emphasis>nicht mehr beizukommen war.</p><p>Mit einer letzten schwungvollen geschlagenen Acht erwischte er zwei der Ungeheuer. Torkelnd stolperte er einen Schritt vor, stie� die Klinge vollkommen blind und ohne zu treffen in die Luft und brach dann abermals zusammen, mitten hinein in widerlich zuckendes Gewirr abgeschlagener Tentakel und zerschlagener Schleimteile. Ein letztes Mal begehrte sein Geist auf, gewann sein Verstand die Kontrolle �ber die Gedanken und riss den Schleier des Fremden, ihn vernichten Wollenden entzwei und erwischte einen letzten Blick auf Esanna, die wie durch ein Wunder immer noch auf den Beinen war und sich so schnell zu bewegen schien, dass ihr seine Augen nicht mehr zu folgen vermochten.</p><p>Dann verschwamm die Szene, riss auseinander wie ein Gem�lde, in das ein Schwert geschlagen wurde, und erlosch.</p></section><section><title><p id="_02_04">2.4</p></title><p>Wie lange er bewusstlos dagelegen hatte, h�tte er sp�ter nicht mehr zu sagen vermocht. Irgendetwas kitzelte in seiner Nase. Es war ein widerliches Gef�hl, so als wollte etwas in sein rechtes Nasenloch fahren und in seine Stirnh�hle hochkrauchen.</p><p>Er schlug die Augen auf. Es war fast noch schlimmer, als er bef�rchtet hatte, schlimmer, als der bedr�ckendste Alptraum sein konnte: Er lag kopf�ber in einer schleimigen, stinkenden, sich windenden Masse, aus der ein einzelner Tentakel hochgekrochen war und sich an seiner Nase zu schaffen machte. Er versuchte die Hand vorschnellen zu lassen, um sich von dem gleicherma�en ekelhaften wie gef�hrlichen Auswuchs zu befreien, aber es gelang ihm nicht einmal, die Finger zu bewegen. Er wollte schreien, aber es war nur ein einzelner �chzender Laut, der �ber seine Lippen kam. Zu allem �berfluss schien er das, was den Tentakel steuerte, so damit zu motivieren, dass es den schleimigen F�hler nach einem kurzen Zucken schneller �ber seine Oberlippe schob, sodass dieser jetzt bereits bis auf Daumenl�nge in seinem Nasenloch verschwunden war. H�mmernde, harte Panik begann sich in Skar breit zu machen. Er versuchte irgendetwas zu machen, einen Finger zu bewegen oder auch einen ganzen Arm, die Beine anzuziehen oder den Kopf zu drehen: Aber er war wie gel�hmt.</p><p>Schleimig tastend fuhr der Tentakel weiter in seiner Nasenh�hle hinauf. Es w�re Skar in diesem Moment tausendmal lieber gewesen, von einem Schwert durchbohrt zu werden, als diesem grauenvollen Angriff eines angeschlagenen <emphasis>Khta�m </emphasis>ausgeliefert zu sein. Was passierte, wenn sich der Tentakel immer weiter nach oben schob, konnte er sich nur zu genau ausmalen.</p><p>Was ihn schlie�lich rettete, war so banal, dass es geradezu grotesk war: Er musste niesen. Der Tentakel hatte seine Schleimhaut so gereizt, dass er von einem explosiven Niesen durchgesch�ttelt wurde. Sein Kopf flog ein St�ck zur�ck. Die Saugn�pfe des Tentakels spreizten sich auf, versuchten sich festzusaugen. Doch dann glitt der widerliche f�hler�hnliche Auswuchs pl�tzlich ab, rutschte die Nasenh�hle hinunter und verabschiedete sich mit einem letzten Hieb auf Skars Lippen, im wahrsten Sinne des Wortes ausgeniest.</p><p>Skar atmete erleichtert auf, bereute den tiefen Atemzug aber im selben Moment schon wieder: Der Gestank der Masse, in die er mit dem Kopf eingetaucht war, brachte ihn zum W�rgen. Er versuchte den Kopf etwas h�her zu drehen, St�ckchen f�r St�ckchen, und schlie�lich hatte er zumindest das Gesicht aus der noch immer zuckenden Masse befreit. Er wusste nicht, wie viel Leben noch in den Ungeheuern war, in die er eingetunkt war, oder ob ihre Zuckungen vielleicht nur bedeuteten, dass sie wieder zu sich kamen, zu einem Leben erwachten, das mit etwas Nat�rlichem nichts zu tun hatte.</p><p>Er hatte auch nicht vor es herauszufinden.</p><p>Die Arme so weit anzuziehen, dass er sich auf sie st�tzen konnte, fiel ihm unglaublich schwer. Er versuchte sich aufzurichten, aber die Bewegung �berforderte ihn. Wie ein Kleinkind robbte er weg von dem schwarzen, zuckenden und ekelhaft lebendigen Gewimmel, aus dem sich bereits wieder Tentakel in seine Richtung schl�ngelten. Seine rechte Hand tauchte in etwas Glitschiges ein, das sie ein paar Zoll weit �ber den verschleimten Boden gleiten lie�, sodass er mit dem Gesicht wieder in das schwarze Gezappel eintunkte. Z�ngelnde, schl�ngelnde Ausw�chse glitten �ber sein Gesicht, tastend und fordernd, gleicherma�en zielgerichtet wie schnell.</p><p>Er hustete verzweifelt, stemmte sich wieder ein St�ck in die H�he, ohne jedoch alle Tentakel absch�tteln zu k�nnen. Mit der einen Hand in die schleimige Masse gest�tzt, versuchte er sich mit der anderen Hand von dem widerlichen Gewimmel in seinem Gesicht zu befreien. Zwei, drei Ausw�chse konnte er mit einer einfachen Handbewegung beiseite wischen, aber ein Tentakel glitt kraftvoll �ber sein Kinn und seinen rechten Mundwinkel in Richtung Nase.</p><p>Was auch immer die <emphasis>Khta�m </emphasis>antrieb, es war nicht beendet, wenn man sie zerst�ckelte und zerquetschte. Es war kein einziger K�rper der Nachtmahre mehr erkennbar, sondern nicht mehr als ein schmieriger, stinkender Brei, der aber von Sekunde zu Sekunde mehr Konturen annahm und zu einem Schlangennest zu mutieren schien, aus dem die giftige Brut gerade ins Freie kroch, gierig und blutr�nstig auf der Suche nach einem ersten Opfer.</p><p>Skar begriff, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, wenn er dem noch fast harmlos anmutenden Tasten und Glibbern entkommen wollte. Um ihn herum war ein St�hnen, Rascheln, Schaben und Wimmern, eine Mischung unterschiedlichster Laute der Angreifer und ihrer Opfer, aber keine Ger�usche, die auch nur im Entferntesten auf einen regelrechten Kampf der Nahrak gegen die schwarze Brut hindeuteten. Was auch immer passiert war: Die erste Angriffswelle der <emphasis>Khta�m </emphasis>schien beendet zu sein. Was nicht hie�, dass die n�chste nicht schon bevorstand.</p><p>Das sich windende, schl�ngelnde Etwas, das sich nicht hatte absch�tteln lassen und nach wie vor in seine Nase vorzusto�en versuchte, schnellte mit einer kraftvollen Bewegung vor. Skar schrie auf. Diesmal gelang es ihm, den Tentakel zu packen. Aber das Ding hatte nicht vor so schnell aufzugeben. Die absto�ende Mischung aus Saugf��en und spitzen Z�hnen krallte sich in ihm ein, saugte an seinem Unterkiefer und durchbohrte schmerzhaft seine Oberlippe. Skar spannte seine gewaltigen Muskeln an und lie� ihre gesamte Energie in einer einzigen Bewegung frei.</p><p>Er hatte das Gef�hl, als ob er sich selbst einen Teil seines Gesichts herausrei�en w�rde. Seine durchstochene und mittlerweile heftig blutende Oberlippe dehnte sich weit �ber den Punkt des Ertr�glichen hinaus, so als w�re sie bereits mehr in dem Peitschenarm verwurzelt als in seinem eigenen K�rper. Sein eigener Schrei mischte sich mit dem zischenden Ger�usch von dem glitschigen Etwas, zu dem der Tentakel geh�rte, und einen winzigen Augenblick entbrannte ein absurder Kampf um seine Oberlippe, die beide Seiten nicht herzugeben bereit waren.</p><p>Und wenn er sich dabei seine Lippe ausrei�en w�rde, er musste sich von dem gierigen Peitschententakel befreien, das bereits wieder wild um seine Nase schl�ngelte und nichts unversucht lassen w�rde, um von ihm Besitz zu ergreifen. Es war in ihm kein Platz mehr f�r Schmerzempfinden oder Zaudern, er war nur noch personifizierter Wille und die Kraft, die diesen Willen in die Tat umsetzen w�rde, jetzt, hier und ohne Z�gern.</p><p>Mit einem gellenden Schrei schleuderte er den Tentakel von sich. Schwarze, schleimige Fl�ssigkeit vermischte sich mit seinem eigenen Blut, das in einer spitzen Font�ne dem Peitschenarm nachjagte. Er st�hnte laut auf und kr�mmte sich zusammen, als seine �berdehnte Lippe wieder zur�ckschnellte und f�r einen Augenblick schoss ihm der vollkommen nebens�chliche und verr�ckte Gedanke durch den Kopf, dass er nun in n�chster Zeit wohl kaum noch ein M�dchen w�rde k�ssen k�nnen ...</p><p>ESANNA.</p><p>Der Gedanke an sie riss den Schleier auseinander, der sich wieder auf sein Bewusstsein gesenkt hatte. Aus tr�ben Augen erkannte er, dass das passiert war, was er bef�rchtet hatte: Das M�dchen war unter den Angriffen zusammengebrochen und lag nur ein paar Schritte entfernt von ihm. M�hsam schleppte er sich zu ihr hin�ber, vorbei an einem bereits angeschlagenen Nahrak, der mit der Abwehr begehrlicher, hektisch zuckender Peitschenarme besch�ftigt war.</p><p>Esanna hatte nicht so viel Gl�ck wie der Nahrak gehabt. Er kniete neben ihr in der �bel riechenden, sich ringelnden, matschigen Masse, die mit tausend Fingern nach ihm zu greifen schien. Er achtete nicht darauf, bemerkte sie kaum. Das, was dem M�dchen zugesto�en war, schockierte ihn zu sehr.</p><p>Zuerst hatte er geglaubt, dass Esanna unter dem Angriff Dutzender von <emphasis>Khta�m </emphasis>in die Knie gegangen w�re. Doch das stimmte nicht: Die Nachtmahre hatten sich erschreckend ver�ndert. Es waren keine einzelnen Lebewesen mehr, sondern ein Kollektiv, �hnlich der �bel riechenden Masse, in der er gelegen hatte, als er aus seiner Ohnmacht erwacht war. Aber anders als er war Esanna �ber und �ber mit der schwarzen, schlierigen Schicht bedeckt, <emphasis>eingeh�llt </emphasis>wie in ein grausiges lebendiges Leichentuch, das sich immer enger um sie schlang. In dem ganzen Krabbeln, Zappeln und Schl�ngeln glaubte Skar f�r einen Moment so etwas wie eine einzige zielgerichtete Intelligenz zu erkennen, etwas Gewaltiges, Gro�es und so Unverst�ndliches, dass ihn allein der Zipfel des Begreifens wie unter einer schweren Last aufst�hnen lie�.</p><p>Es war schockierend.</p><p>Er hatte keine Ahnung, wie er Esanna retten k�nnte. Ihre schwarzen Haare vermischten sich mit der noch weitaus dunkleren, zuckenden Masse, ansonsten erkannte er kaum mehr als ein Aufblinken nackter Haut an den Hand- und Fu�gelenken und an einer einzigen noch freien Stelle im Genick. Der K�rper des M�dchens bewegte sich im gleichen Rhythmus wie ihr lebendiges Gef�ngnis. Vielleicht war sie schon tot.</p><p>Oder Schlimmeres.</p><p>Skar starrte wie hypnotisiert auf die formlose Masse, aus der sich Tentakel wanden und drehten. Ein schmatzendes, glucksendes Ger�usch kam aus dem Schleim und einen verr�ckten Augenblick lang hatte er das Gef�hl, als ob ihn die zischende Erscheinung <emphasis>anschaute, </emphasis>mit b�sartigen, feindseligen Augen. Obwohl er nichts genau erkennen konnte, war er sich sicher, dass da ... M�uler waren, formlos, klaffend, hungrig ... als ob sich dieses <emphasis>Etwas </emphasis>Esanna gerade einverleiben w�rde. Es war ein Augenblick der Ewigkeit, angesichts des unab�nderlich erscheinenden Grauens. Die H�hlenw�nde schienen sich wie eine erstickende, lebendige Mauer um ihn herum zuzuziehen und ihm die Luft zum Atmen zu nehmen.</p><p>Erst als er glaubte irgendwo unter seinen F��en ein m�chtiges Knirschen und Rumoren zu h�ren, erwachte er aus seiner Erstarrung. Er h�tte zugreifen k�nnen, mit beiden H�nden in die widerliche Masse greifen, an ihr rei�en und zerren k�nnen, um Esanna aus der todbringenden Umklammerung zu befreien. Aber er tat es nicht. Was immer da mit ihr geschah - er war machtlos dagegen. Ein Rettungsversuch h�tte vielleicht sogar das Gegenteil von dem bewirkt, was er damit h�tte erreichen wollen.</p><p>Das Beben unter seinen F��en verst�rkte sich und gleichzeitig glitt etwas �ber den Stiefelschaft in seine Hose, etwas glitschig Saugendes. Skar schlug mit der geballten Faust auf die Stelle, an der sich gerade das fordernd tastende Teil des Tentakels befand. Der peitschen�hnliche F�hler verharrte einen Moment, um dann nur noch schneller nach oben zu gleiten.</p><p>Skar sprang fluchend einen Schritt zur�ck - und w�re fast auf der glitschigen Masse ausgerutscht, die jetzt den ganzen Boden bedeckte. Mit beiden H�nden und aller Kraft, getrieben von unb�ndiger Wut packte er zu, erwischte den Tentakel am Oberschenkel und quetschte ihn zusammen. Ein Zittern ging durch den F�hler und irgendetwas kreischte im Hintergrund des H�hlengew�lbes auf.</p><p>Es ging sehr schnell und beinahe lautlos, aber Skar sah es mit geradezu phantastischer Klarheit. Gewaltige St�cke l�sten sich aus den H�hlenw�nden vor ihm, dann neigte sich ein dunkler Felsenvorsprung zur Seite und st�rzte krachend zu Boden. Die Detonation war so gewaltig, dass sich eine Wolke von feinem Gestein und schwarz-glitschiger Khta�m-Substanz �ber ihn ergoss. Ohne es verhindern zu k�nnen, taumelte Skar ein paar weitere Schritte zur�ck. Seine Stiefel rutschten auf der ekelhaft zuckenden Masse weiter, als w�rde er sich auf einem zugefrorenen See befinden.</p><p>F�r den Bruchteil einer Sekunde hatte er den Eindruck, ein unertr�glich helles, blendendes Licht zu sehen, das aus den W�nden brach und dicht hinter ihm in den Boden schlug. Er blinzelte verbl�fft und gleichzeitig immer noch entsetzt, dass er den ihn attackierenden Tentakel immer noch nicht vollends hatte absch�tteln k�nnen, der sich mit unverminderter Wut in seinem Hosenbein zu schaffen machte. Wieder und wieder griffen seine H�nde zu, w�hrend er gleichzeitig in komisch anmutenden Spr�ngen durch die H�hle jagte, vorbei an zwei Nahrak, die ihrerseits damit besch�ftigt waren, sich der unaufhaltsamen dunklen Flut zu erwehren.</p><p>Der Boden unter ihm erbebte wie von einem gigantischen Faustschlag getroffen. Ein ungeheuerliches Donnern erscholl, als ob die ganze H�hle in sich zusammensacken w�rde. Was er kurz vor dem Angriff der <emphasis>Khta�m </emphasis>nur aus den Augenwinkeln wahrgenommen zu haben glaubte, dass die gleitenden Schatten der Nachtmahre direkt <emphasis>aus </emphasis>den W�nden hervorquellen w�rden, wurde nun zu grausiger Wirklichkeit. Die Gesteinsschicht wurde por�s, durchl�ssig f�r das, was wohl die ganze Zeit �ber schon in ihr eingeschlossen gewesen war und sich nun mit Macht nach drau�en bohrte. Gestein und Felsteile splitterten weg, als sich die grausige Brut ihren Weg in die Freiheit sprengte.</p><p>Sekundenlang starrte Skar wie gel�hmt auf das unglaubliche Bild, das sich ihm bot, ungeachtet des Krabbelns an seinem Bein. Es waren tausende, abertausende Wesen, die hervorquollen, �bereinander wegrutschten und -sprangen, und instinktiv wusste er, um was es sich handelte: um <emphasis>Khta�m-Larven, </emphasis>haarige, hell quietschende Ungeheuer, auf den ersten Blick Spinnen nicht un�hnlich und doch ganz anders, mit viel zu vielen Beinen und schwarz schimmernden Geh�usen, auf denen sich grauer, schmieriger und fast flockig wirkender Flaum abzeichnete.</p><p>In diesem Moment hatte der Fangarm Skars Leiste erreicht. Fluchend erwachte er aus seiner Erstarrung. Blitzschnell �ffnete er den G�rtel seiner schwarzen Satai-Hose und lie� das Beinkleid hinabgleiten. Noch nie zuvor hatte er sich so schnell entkleidet wie jetzt, und doch war es fast zu langsam. Der Tentakel schnellte in eine besonders empfindliche Region vor. Bevor er sich festbei�en konnte, packte ihn Skar am oberen Ende. Diesmal gelang es ihm, das ganze Ding zu umklammern und mit einem gewaltsamen Ruck von seinem Bein zu rei�en.</p><p>Keinen Augenblick zu fr�h. Immer noch mit runtergelassener Hose fl�chtete er vor der heranrasenden Woge der Khta�m-Larven, die wie eine Flutwelle in die H�hle hineinbrach, Gestein, Splitter und Dreck vor sich herschiebend. Aber es gab keinen Ausweg, keine Fluchtm�glichkeit; er, die Nahrak und Esanna waren gefangen in dieser H�hle, die zu gr�sslicher, eigenst�ndiger Lebendigkeit erwachte. Zur�ckstolpernd tat er doch nichts anderes als ein aufgescheuchtes Beskne-Ferkel, das durch das Bl�tterdach in eine Fallgrube der Sumpfmenschen geraten war und nun voller Panik nach einem Ausweg suchte, den es nicht gab.</p><p>War es bislang einzig und allein die Wand vor ihm gewesen, die dem Druck der Larven nachgegeben hatte, so warnte ihn jetzt ein dumpfes Grollen hinter ihm davor, dass sich die gleiche Katastrophe auch in seinem R�cken abzeichnete. Perfekter konnte eine Falle nicht sein: Sie verwandelte sich in etwas Lebendiges, mutierte zu tausenden kleinen K�rpern inmitten des Felsgesteins, die so widernat�rlich waren, dass sich in Skar bei ihrem Anblick selbst dann alles zusammengekrampft h�tte, wenn zwischen ihm und den behaarten Ungeheuern ein stabiler Zaun gewesen w�re.</p><p>Aber ein Zaun, egal aus welchem Material, h�tte die schwarzen, flockig-flaumigen Monstren wohl kaum aufhalten k�nnen. Skar wirbelte herum und noch in der Drehung sah er, wie auch diese H�hlenwand dem Druck hunderter dr�ngender Wesen nachgab, f�r die das kalte Gestein wohl nichts anderes war als die Eierschale f�r ein K�ken. In diesem Moment w�re er froh gewesen, wenn ihm Schalen um die Ohren geflogen w�ren. Doch stattdessen war es ein wahrer Regen an mehr oder minder scharfen Gesteinssplittern, die in einer gewaltigen Detonation auf ihn niedergingen. Seine Haut wurde von scharfkantigen Splittern aufgerissen, aber er merkte es nicht einmal.</p><p>Die Wand explodierte in einer Woge von schwarzen und glitzernden Gesteinsbrocken und etwas, das wie Fischschuppen aussah. Und dann, im n�chsten Moment, schossen auch schon die Khta�m-Larven hervor. Hinter Skar stie� einer der �berlebenden Nahrak einen wimmernden, halb erstickten Laut aus, der fast unterging in dem Gepolter und Geraschel und der doch merkw�rdig deutlich an Skars Ohr drang. Die Nahrak, Esanna und er - sie waren verloren, wenn nicht noch ein Wunder geschah. Sie w�rden lebendig begraben werden von den Larven, den schleimigen Tentakeln der ausgewachsenen <emphasis>Khta�m </emphasis>oder dem zusammenst�rzenden Gestein.</p><p>Zumindest, wenn sie nicht mehr rechtzeitig den Ausgang der H�hle erreichten.</p><p>Ein verzweifelter Plan begann in ihm Gestalt anzunehmen. Mit ein, zwei S�tzen sprang er �ber die glitschig-klebrige Masse, aus der gierige Tentakel zu ihm emporzuckten und erreichte die Stelle, an der Esanna von dem schleimigen Gewimmel gerade beerdigt wurde. Seine H�nde stie�en dort in die Masse, wo er ihre Schultern vermutete, fanden Widerstand und rissen mit einem einzigen, gewaltigen Ruck ihren Oberk�rper in die H�he, ohne allerdings im ersten Anlauf ihre F��e befreien zu k�nnen. Er bekam sie in eine Schr�glage, bevor aus dem Boden z�ngelnde Fangarme hochschnellten, um ihm die Beute wieder zu entrei�en. Skars Muskeln spannten sich an, als er mit aller Kraft dagegenhielt. Zuerst sah es trotzdem so aus, als k�nnte ihm die w�tend fauchende Masse das M�dchen wieder entrei�en, doch dann gelang es ihm, Esanna st�ckweise etwas h�her zu ziehen. Und dennoch ging es nicht schnell genug. Ein Zittern ging durch den Boden, als erneut ein Teil der H�hlenwand zusammenbrach, und Skar begriff, dass er verlieren w�rde. Seine einzige Chance bestand darin, Esanna ihrem Schicksal zu �berlassen und so schnell wie m�glich in Richtung H�hlenausgang zu fliehen.</p><p><emphasis>Falls </emphasis>er �berhaupt noch eine Chance haben w�rde.</p><p>Zum Gl�ck wirkten die Khta�m-Larven noch benommen und ziellos, aber es wurden mit jeder Sekunde mehr und mittlerweile hatten sie bereits die Stelle erreicht, in die er sich in die schleimige Masse gestemmt hatte. Das Gewimmel in der H�hle wurde nun vollends un�bersichtlich.</p><p>Behaarte Larven und der tentakelbewehrte Bodenschleim quirlten in- und �bereinander, Schwaden pulverisierten Gesteins erschwerten sowohl die Sicht als auch das Atmen und immer wieder aufplatzende Wandteile schleuderten Gesteinswolken und weitere Larven in den Raum.</p><p>Ganz in seiner N�he begann einer der Nahrak laut und gellend zu schreien. Aus den Augenwinkeln sah Skar, wie der heftig strampelnde und sich immer noch verzweifelt wehrende Mann von ein paar Peitschenarmen zu Boden gerungen wurde, w�hrend gleichzeitig eine Wolke flaumiger Larven seinen Kopf einnebelte. Auch Skar selbst geriet nun wieder in Gefahr ein Opfer der Tentakel zu werden, die wie b�sartige Schlangen �ber seine nackten Beine glitten. Vielleicht, <emphasis>vielleicht </emphasis>hatte er noch eine Chance, wenn er das M�dchen, ohne zu z�gern, loslie� und lossprintete. Er glaubte es nicht. Aber es �nderte auch nichts. Ohne auf das widerw�rtige Gekrabbel an seinen Beinen zu achten, lie� er seine ganze Energie in die Arme flie�en, eine Fertigkeit, die man jungen Satai w�hrend ihrer Ausbildung als Geheimtechnik beibrachte, um in ausweglosen Situationen Zusatzkr�fte zu entwickeln, mit denen sich �berlegene Gegner �berraschen lie�en. Durch seine Arme ging ein Kribbeln und gleichzeitig schienen sie w�rmer und schwerer zu werden. W�hrenddessen glitt alles andere aus seiner Wahrnehmung und er war nur noch Kraft und Energie.</p><p>Als er aufschrie, war sein Schrei gleichzeitig die Verbindung der in seine Arme geflossenen Zusatzenergie. Er legte so viel Kraft in diese eine Bewegung, dass Esanna drohte, regelrecht auseinander gerissen zu werden. Ihr Oberk�rper schnellte ihm entgegen. Tentakel hingen pl�tzlich in der Luft, peitschten dem M�dchen nach, erb�rmliche und viel zu tr�ge Versuche sie noch zu erreichen, bevor Skar den ganzen K�rper aus der Masse gerissen hatte und mit dem zuckenden M�dchen einen kraftvollen Schritt zur�cksprang.</p><p>Das Geschmei� schien nicht bereit zu sein, sein schon sicher geglaubtes Opfer kampflos aufzugeben. Ein Nebel von Khta�m-Larven h�llte ihn augenblicklich ein und aus der schwarzgl�nzenden, wimmelnden Schicht zuckten zungengleich Arme empor. Skar schrie vor Zorn und Entsetzen, als er begriff, dass weder er noch die Nahrak das Hauptziel der unheimlichen Attacke waren, sondern das tot wirkende M�dchen in seinen Armen.</p><p>Es war ein bizarrer, unwirklicher Kampf. Die - das? - <emphasis>Khta�m </emphasis>schienen nur noch ein Wesen zu sein, beseelt von dem Gedanken Esanna zu sich zu ziehen, <emphasis>in sich aufzunehmen, </emphasis>und alles andere, das Zusammenbrechen der H�hle, das Poltern und Aufschlagen von Gesteinsbrocken, das Heranwirbeln der Larven, die Angriffe auf die wenigen noch lebenden Nahrak oder auf Skar selbst, wurde seltsam unwichtig. Endlose Augenblicke hatte nur der Kampf um das M�dchen Bedeutung, den Skar mit dem <emphasis>Khta�m </emphasis>ausfocht, das in so vielf�ltiger Gestalt �ber ihn hereinbrach und dem er sich kaum erwehren konnte.</p><p>Er h�tte nie eine Chance gehabt, wenn er nur auf sich selbst angewiesen gewesen w�re. Dutzende von Fangarmen zerrten an ihm und dem M�dchen. Seine verkrampften Muskeln wollten ihm den Gehorsam verweigern, aber er gestattete sich nicht den Schmerz an sich herankommen zu lassen. Und dennoch - ein einzelner Mensch gegen die Vielf�ltigkeit des Grauens, gegen die titanische Macht einer b�sartigen und fremden Intelligenz: Das war absurd.</p><p>Es wurde etwas in ihm erweckt, etwas, das nichts mehr mit normalem Menschensein zu tun hatte, nicht minder fremdartig und vielleicht auch nicht minder b�sartig als der Angreifer. Sein K�rper wurde zum Gef�� f�r eine Kraft, die weit �ber alles Menschliche hinausging. Eine ungeheure Energiewelle durchflutete ihn.</p><p>Es war kein Kampf, es war ...</p><p>Unbeschreiblich. Die Zeit schien stehen zu bleiben.</p><p>Etwas Grauenhaftes ging mit ihm vor, etwas, das viel mehr war als der Kraftzuwachs, den er gewann, weil er, wieder einmal, �ber sich hinauswuchs. Er wurde zum Werkzeug von irgendetwas Anderem, Unbeschreiblichem ...</p><p>Aber es war zu sp�t. Sein K�rper war dem Kraftzuwachs nicht gewachsen. Seine Finger hatten sich so fest in Esannas Schultern gekrallt, dass er sie nicht mehr bewegen konnte. Sein ganzer K�rper f�hlte sich wie abgestorben an. Es tat entsetzlich weh, aber es war nichts, was ihn beunruhigte. Er war es gewohnt, Schmerz an den Rand seines Bewusstseins zu dr�ngen. Was ihn schockierte, war vollst�ndig die Kontrolle �ber seinen K�rper verloren zu haben. Halb nackt, wie er inmitten der zusammenst�rzenden H�hle stand, vollkommen verspannt und verkrampft, war er das Zentrum von etwas, das aus der Unendlichkeit in ihn einstr�mte.</p><p>Der schwarze Peitschenarm, der Skars Handgelenk umklammert hielt, l�ste sich pl�tzlich. Die Tentakel, die sich gerade noch um seine Arme und Beine gewunden hatten und zu seinem Hals, zu seinem Gesicht hinauffingerten, glitten von ihm ab, als w�rden sie keinen Halt mehr finden, rutschten ab, schlugen klatschend in den sich windenden Pfuhl zu seinen F��en. Ein helles Singen setzte ein, ein Ger�usch, das Gl�ser zum Zerspringen gebracht h�tte und das Donnern, Zischen, Krachen mit einer erschreckenden Leichtigkeit �bert�nte, sich in seine Geh�rg�nge bohrte und ihn fast wahnsinnig vor Schmerz machte.</p><p>Der Schmerz raste wie ein Blitzschlag durch seinen K�rper. Er schrie auf und fiel auf die Knie, mit grotesk hochgereckten Armen, die immer noch Esanna st�tzten, ohne sie auch nur einen Zoll sinken zu lassen. Der Schmerz war so schlimm, dass er ihm die Tr�nen in die Augen trieb und in ihm kein Platz mehr war au�er f�r Entsetzen. Er wusste, dass er sterben w�rde, dass nichts und niemand diese Energie l�nger als nur ein paar Sekunden aushalten konnte, die ihn in diesem Moment durchflutete.</p><p>Aber es kam anders; v�llig anders.</p><p>Die schwarze, glitschige Masse wich vor ihm zur�ck, als w�re er zur personifizierten Khta�m-Waffe geworden. Funken spr�hten in seiner direkten Umgebung auf, etwas kokelte und blauwei�e Blitze huschten �ber den Boden, fuhren in den dunklen Angreifer und verbrannten zischend, was sich nicht schnell genug zur�ckgezogen hatte. Aus einer anderen Lage heraus h�tte Skar jetzt vielleicht Erleichterung versp�rt. Aber etwas in ihm ahnte die schreckliche Wahrheit, bevor sie sich in der Wirklichkeit manifestierte. Es glei�ender Blitz schlug vor ihm in den Boden ein.</p><p>Dann ging alles so schnell, dass er nicht mehr die geringste Gegenma�nahme ergreifen konnte. Die H�hle brach in sich zusammen. Es war nur die logische Konsequenz, nachdem Teile der W�nde zerbr�selt waren, tragendes Gestein zerborsten und Nischen in sich zusammengest�rzt waren. Jetzt geriet auch die Decke in Gefahr, platzten Gesteinsbrocken weg, glitten, sprangen, krabbelten die kleinen Khta�m-Larven aufgeregt �bereinander, als wollten sie der unausweichlichen Katastrophe in letzter Sekunde entkommen.</p><p>Der Boden unter ihnen schwankte, als w�re er nicht aus massivem Gestein, sondern aus d�nnem Weidengeflecht. Es erschien ihm wie eine reine Verh�hnung des Schicksals, dass er nun mit der reglosen Esanna in den Armen inmitten der H�hle wie ein Sieger dastand, der diesen ungleichen Kampf gegen den personifizierten Schrecken vorerst zu seinen Gunsten entschieden hatte - nur um jetzt lebendig begraben zu werden.</p><p>Ein Donnerschlag ersch�tterte die H�hle und dann war der Alptraum auch schon �ber ihm. Ein Gro�teil der H�hlendecke hinter ihm ging krachend zu Boden. Der Aufprall ersch�tterte den Boden, als wollte er ihn gleich mit in die Tiefe rei�en, als w�re die H�hle weit weniger massiv, als er bislang geglaubt hatte. Skar sah die begleitende Ger�lllawine nur aus den Augenwinkeln, aber er wusste auch so, dass jetzt das Ende kam. Ein w�tender Hagel aus kleineren und gr��eren Felssplittern ging auf ihm nieder; etwas Hartes traf seinen Hinterkopf und lie� ihn taumeln.</p><p>Aus dem Splitterregen schoss wie aus dem Nichts eine Gestalt auf ihn zu und er erkannte Kama, den Anf�hrer der Nahrak, der furchtbar zugerichtet war, aber immerhin noch lebte. �Lauf!�, schrie der kleine Mann gegen den H�llenl�rm an. �Wir m�ssen weg hier!�</p><p>Die Warnung kommt ein bisschen sp�t, h�tte ihm Skar am liebsten entgegengeschrien. Doch stattdessen stolperte er verbl�fft in die Richtung, in die ihn der Nahrak stie�, hinein in ein Spinnennetz von Blitzen inmitten einer flackernden Masse und ohne Esanna loszulassen, die er noch immer fest umklammert hielt. Dicht vor ihm rauschte ein gro�er Gesteinsbrocken in die Tiefe und er wich mit einer schnellen Bewegung aus. Kama h�tte ihn jetzt gar nicht mehr antreiben m�ssen; er folgte dem Nahrak auch so, als w�rde ihm eine Stimme in seinem Inneren zufl�stern, dass er nur so noch eine verschwindend geringe Chance hatte hier lebend herauszukommen.</p><p>Erneut ging ein Teil der Decke zu Bruch; mehrere gro�e Felsplatten schmetterten auf die Stelle nieder, an der er gerade noch gestanden hatte. Etwas schrie auf - ein animalischer Schrei, kein menschlicher, und er war so laut, dass er das Chaos �bert�nte und all das in Skar mit sich fortriss, was noch an bewusstem Verstehen vorhanden war. Irgendwo zwischen den Tr�mmern des verbliebenen Restes blitzte es erneut auf. Ein durchdringender Knall hallte in der H�hle wider, ein Laut wie von einer alles vernichtenden Explosion. Kama sprang vor ihm in das Gewimmel der <emphasis>Khta�m-Larven</emphasis>, dort, wo Minuten vorher noch eine massiv wirkende Wand gestanden hatte, die in Wirklichkeit nichts anderes gewesen war als eine makabre Brutst�tte der Larven. Skars Hoffnung, dort einen Fluchtweg zu finden, zerbarst von einem Moment auf den anderen. Etwas Ekelhaftes, nur schemenhaft Erkennbares hatte ihren Platz eingenommen, etwas, das auf den ersten Blick wie ein Schlangennest aussah ...</p><p>�Schnell!�, schrie Kama und st�rzte auf die Stelle zu, von der aus ein alptraumhaftes Gewirr in die H�hle hineinfingerte.</p><p>Als h�tten sie nur auf ihn gewartet, st�rzten sich die Larven auf ihn. Er schrie auf und wirbelte mit den H�nden hin und her, um die Angreifer abzuwehren. Doch immer mehr der dunklen Schatten rasten auf ihn zu, zielgerichtet und ohne zu z�gern, als m�ssten sie sein Vorhaben auf alle F�lle unterbinden.</p><p><emphasis>�Weeiiiiter!�, </emphasis>schrie Kama erstickt, w�hrend er taumelnd zu Boden ging, und Skar verstand sofort den Sinn seiner Worte; aus irgendeinem Grund wollte ihn der Nahrak dazu bewegen, in dieses <emphasis>Schlangennest </emphasis>hineinzuspringen, das sich vor ihnen auftat.</p><p>Kamas Schrei brach j�h ab. Die graue Wand aus <emphasis>Khta�m </emphasis>Larven h�llte seinen Kopf und seine Schultern nun vollst�ndig in einer Umarmung ein, die ihn wie eine lebendige Wolke zu ersticken suchte - und offensichtlich gelang ihr das auf Anhieb.</p><p>Die Zeit war abgelaufen. Auch auf Skar und Esanna raste jetzt eine Gruppe schwarzer Larven zu und er ahnte, dass es nur noch Sekunden dauern konnte, bis es ihnen so wie dem Nahrak erging. Ob das allerdings einen Unterschied machte, wusste er nicht; die H�hle brach vollends in sich zusammen und w�rde sie so oder so unter Ger�llmassen begraben.</p><p>Instinktiv stie� er sich ab und schnellte vor, weg von den Larven und �ber die Reste der Wand hinaus in ein Gewirr von schlangenartigen Fangarmen, dem Ausgangspunkt der Brut und dem Endpunkt seines Kampfes gegen sie. Er kam inmitten grauen Nebels an; etwas seltsam Amorphes schl�ngelte sich darin, ein substanzloser Wirrwarr von Lichtbahnen und abschreckender Dunkelheit, und dann war er auch schon eingetaucht in das lauwarme, feuchte Etwas. Er rutschte aus, musste um sein Gleichgewicht k�mpfen und h�tte um ein Haar Esanna fallen lassen in dem Versuch sich rechtzeitig wieder zu fangen.</p><p>Der Boden begann wie eine gek�pfte Schlange zu zucken, dann durchlief ihn ein abgrundtiefes Zittern - und er erkannte seinen Irrtum. Das, was er f�r massives Felsgestein gehalten hatte, war in Wirklichkeit nur eine d�nne Steinschicht gewesen, die sich �ber irgendetwas anderem gew�lbt hatte, vielleicht einer weiteren H�hle oder einem Abgrund ...</p><p>Der Boden unter ihm brach genau in dem Moment zusammen, als das H�hlendach endlich einst�rzte. Die Welt ging unter in einer Orgie aus Krach, Donner, Explosionen und so schweren Ersch�tterungen, als w�rde es den ganzen Berg zerrei�en, und Skar verlor das Bewusstsein, bevor er mit Esanna im Arm in die Tiefe sauste.</p></section><section><title><p id="_02_05">2.5</p></title><p>Der erste halbwegs klare Gedanke war Erstaunen, Verwunderung dar�ber, dass er noch lebte, dass er zum zweiten Mal innerhalb k�rzester Zeit das Bewusstsein verloren hatte, ohne vollends in die lockende Schw�rze abzudriften. Aber irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Er sp�rte seinen K�rper nicht, sondern hatte das Gef�hl, schwerelos in einem gro�en, warmen Nichts zu schweben, in dem es kein Oben, kein Unten, kein Rechts oder Links gab, sondern nur Leere und Einsamkeit. Er war sich vollkommen bewusst, dass sich das Dunkel nur widerwillig lichtete, so als z�ge ihn etwas immer weiter zur�ck in die Behaglichkeit grenzenlosen Vergessens, als verspr�che ihm etwas das Ende allen Leidens. Aber da war auch noch etwas anderes; ein kaum h�rbares Wispern und Herantasten. Es hatte nichts zu tun mit dem m�hsamen Emportasten in die Wirklichkeit, wie sonst, wenn er aus einem sehr tiefen, ersch�pften Schlaf erwachte. Es war etwas ... <emphasis>in ihm, </emphasis>eine zarte, nur allzu vertraute Ber�hrung, die dennoch so fremd war, dass ihn ein kalter Schauder �berlaufen h�tte, wenn er seinen K�rper gesp�rt h�tte. Das fremde, substanzlose Etwas lie� nicht nach, sondern im Gegenteil: Es griff entschlossen nach seinen Gedanken, streckte seine F�hler aus ... wie ein feines, filigranes Netz, das sich fast unmerklich �ber ihn st�lpte, um die Kontrolle �ber ihn zu erlangen. Das sich langsam steigernde Bohren und Herumstochern wurde allm�hlich immer unangenehmer, steigerte sich zu einem peinigenden Dr�ngen, bis es so unertr�glich wurde, dass alles in ihm danach schrie, die tiefe Schw�rze der Bewusstlosigkeit endlich vollkommen abzusch�tteln und hinaufzutauchen in die Welt, was auch immer ihn dort erwarten w�rde. Doch die unsichtbare z�he Wand, die ihn in einem Kosmos aus Schw�rze und W�rme gefangen hielt, lie� sich nicht so ohne weiteres beiseite schieben und fast schien es ihm, als wollte sie ihn f�r immer ins Vergessen zur�ckdr�ngen. Er k�mpfte dagegen an, versuchte die Fesseln der Ohnmacht abzustreifen, obwohl er sie andererseits genoss: das Gef�hl, frei von jeder Verantwortung und Entscheidung zu sein und nicht einmal denken zu m�ssen, solange er nur nicht die Augen aufschlug. Denn er ahnte, dass die Wirklichkeit schlimmer sein w�rde als alle qu�lenden Erinnerungen und als das fremd-vertraute Tasten in seinem Kopf.</p><p>Dann ber�hrte eine Hand seine Schulter und der Schleier zerriss; er erwachte. Bevor er �berhaupt noch begriff, wo er war und wie er hierher gekommen war, jagte gl�hender Schmerz durch seinen K�rper, ein Schmerz, der keinen Ursprung zu haben schien und sich ausdehnte und in seinem K�rper w�hlte, als wollte er ihn gleich wieder in die Schw�rze des Vergessens zur�ckschicken. Doch dagegen hatte offenbar jemand etwas. Der Unbekannte schlug ihm ins Gesicht, nicht sehr fest, aber best�ndig, und eine helle Stimme rief immer wieder seinen Namen.</p><p>Er versuchte die Augen zu �ffnen, aber es wurde nur ein schwaches Blinzeln daraus, kaum ausreichend, um zu erkennen, dass er auf dem R�cken inmitten einer gewaltigen Tr�mmerhalde lag. Das schwache gr�nliche Licht, das diesen Teil der H�hle erleuchtete, blendete ihn zwar nicht, war ihm aber merkw�rdig unangenehm und um ein Haar w�re er wieder in das schwarze Treiben zur�ckgeglitten, das ihn noch immer mit ewigem Vergessen lockte und umwarb.</p><p>Eine erneute und diesmal deutlich heftigere Ohrfeige brachte ihn in die Wirklichkeit zur�ck und dann zerriss der d�nne Schleier endg�ltig, den die Bewusstlosigkeit zwischen ihn und seine Sinne gesenkt hatte, und er begann zu begreifen, woher die Bruchst�cke und Gesteinsbrocken gekommen waren, die diesen Bereich der H�hle wie eine Abbruchhalde zugesch�ttet hatten. Noch immer halb verzerrt von treibenden grauen Schleiern, starrte er in Esannas Gesicht.</p><p>Zwei kr�ftige H�nde hatten ihn am Kragen gepackt und halbwegs in die H�he gezerrt, w�hrend Esanna ihn abwechselnd rechts und links ohrfeigte, als sei das der einzige Weg ihn aus dem Reich der Schatten zur�ckzuholen. Vielleicht war er das auch, denn noch immer f�hlte Skar das begehrliche Versprechen der Dunkelheit, nie wieder Verantwortung �bernehmen zu m�ssen, wenn er sich ihr nur ergab.</p><p>Esanna schlug noch drei-, viermal zu, dann schien sie endg�ltig davon �berzeugt zu sein, dass er wieder bei Bewusstsein war. Die andere Person, die Skar nicht erkennen konnte, weil sie in seinem R�cken war, zog ihn wie eine willenlose Puppe ein St�ck weiter und lehnte ihn gegen einen kalten Steinquader. Sofort sackte er wieder zusammen, aber Esanna zerrte ihn hoch und st�tzte ihn mit einer fast behutsamen Bewegung, die nach ihren Schl�gen seltsam deplatziert wirkte.</p><p>�Verstehst du mich?�, fragte sie besorgt.</p><p>Er nickte und auf ihrem Gesicht machte sich ein erster Schimmer vorsichtiger Erleichterung breit. �Alles in Ordnung mir dir?�, fragte sie noch einmal.</p><p>�Ja�, st�hnte er. �Aber du kannst aufh�ren auf mich einzuschlagen. Ich habe f�r heute genug.�</p><p>Esanna atmete h�rbar auf, lie� seine Schultern los - und griff rasch wieder zu, als er erneut zur Seite zu kippen drohte. Die Schmerzen ebbten allm�hlich ab, aber in seinem Kopf drehte sich alles und er h�tte nicht sagen k�nnen, dass er auch nur im Entferntesten eine Ahnung hatte, was genau passiert war.</p><p>�Was... ist... passiert?�, fragte er. Seine Stimme war nicht viel mehr als ein heiseres Kr�chzen, das mit menschlichen Lauten kaum noch etwas zu tun hatte.</p><p>�Ich dachte, du seist tot�, sagte Esanna leise. �Du bist voller Blut... und voller Wunden.�</p><p>Skar starrte sie an, als s�he er sie zum ersten Mal und nickte dann langsam. �Das ... dachte ich auch.�</p><p>�Das du tot seist?�</p><p>�Ja. Nein.� Skar sch�ttelte m�hsam den Kopf. �Ich dachte, die <emphasis>Khta�m </emphasis>h�tten dich erwischt.�</p><p>�Die <emphasis>Khta�m? </emphasis>Meinst du damit diese fliegenden Ungeheuer?�, fragte Esanna entsetzt und f�gte hinzu, nachdem Skar genickt hatte: �Bei den schwarzen G�ttern von Moron: Du kennst diese Monster?�</p><p>Skar seufzte und legte den Kopf gegen den harten Stein. Das h�tte er besser nicht getan, denn sofort zuckte ein scharfer Schmerz durch seinen Kopf. �Kennen ... ist zu viel gesagt�, murmelte er m�hsam.</p><p>�Er kennt sie nicht�, stellte eine andere Stimme n�chtern fest.</p><p>Skar war nicht sonderlich �berrascht, dass sich Kama in sein Blickfeld schob. �Er sie haben vielleicht schon einmal gesehen�, sagte Kama. Er hockte sich wie selbstverst�ndlich neben Esanna auf den Boden, mit �bereinander geschlagenen Beinen und einer entspannten Haltung, die seiner blutverkrusteten Stirn und den zerrissenen Kleidern Hohn sprach. �Aber kennen? Nein.�</p><p>�Nat�rlich kenne ich sie�, knurrte Skar. �Ich hatte schon mal das Vergn�gen. Vor ein paar ... Jahrhunderten.�</p><p>�Nein, nein.� Kama sch�ttelte den Kopf. �Du nicht haben die geringste Ahnung.�</p><p>�Von ... was?�, fragte Skar Kama antwortete nicht gleich und sein Blick ging an Skar vorbei in das wattige Schwarz, das am Rand des von dem gr�nlichen Licht einigerma�en beleuchteten H�hlenteils wie ein Ungeheuer auf sie lauerte. Skar hatte f�r einen Moment die absurde Vorstellung, dass sich die Schw�rze st�ckchenweise vorschob, wie ein lebendiges Wesen, das es auf sie abgesehen hatte. Aber vielleicht war es ja auch nicht die Schw�rze - vielleicht war es irgendetwas in der Schw�rze. �Von dem, was alles zusammenh�lt�, antwortete Kama schlie�lich, ohne den Blick von der Dunkelheit zu wenden. �Zusammenh�lt�, wiederholte Skar. Er versuchte die immer noch drohende Bewusstlosigkeit zur�ckzudr�ngen, die sich wie ein schwarzes Tuch �ber ihn legen wollte. �Was h�lt denn ... alles zusammen?�</p><p>Kama machte ein Zeichen und pl�tzlich, wie aus dem Nichts, standen zwei weitere Nahrak neben ihnen. Obwohl auch sie von gr��eren und kleineren Wunden �bers�t waren, bewegten sie sich mit einer geradezu unglaublichen Eleganz. �Das wirst du noch verstehen�, sagte Kama schlie�lich. �Aber erst sammle Kraft, damit wir k�nnen gehen. Wir hier nicht sind mehr lange sicher.�</p><p>Alle drei Nahrak starrten wie gebannt in das Schwarz hinter ihnen und Skar begriff, dass sie vor irgendetwas Angst hatten. M�hsam versuchte er sich weiter aufzurichten, um ihren Blicken besser folgen zu k�nnen, aber selbst diese kleine Anstrengung �berstieg seine Kr�fte. Zudem schien es ihm so, als arbeiteten seine Sinne nicht mehr richtig und zeigten ihm nur noch einen kleinen, auf das Wesentliche reduzierten Ausschnitt der Welt, sodass er kaum mehr erkennen konnte als gr�nlich angestrahltes Gestein, das sich irgendwo in einer pechschwarzen Nacht verlor.</p><p>�Wo sind die <emphasis>Khta�m?�, </emphasis>fragte er. �Wo ... wo sind wir? Und wo m�ssen wir hin?�</p><p>�Eine Menge Fragen�, stellte Kama fest.</p><p>�Die H�hle ist... zusammengebrochen�, sagte Skar. �Und wir sind ... hinabgest�rzt�. Er legte den Kopf in den Nacken, ignorierte den stechenden Schmerz in seiner Schultermuskulatur und starrte hinauf in die schwarze Unendlichkeit, aus der sie gekommen sein mussten, hinabgest�rzt, nachdem der Boden unter ihren F��en pl�tzlich nachgegeben hatte. Doch dort, �ber ihm, war einfach ... nichts. Die �u�ersten Ausl�ufer des gr�nen Lichtes endeten ein paar Zoll �ber den K�pfen der Nahrak. �Nach dem Zusammensturz der H�hle ... was ist aus den <emphasis>Khta�m </emphasis>geworden? Wieso haben sie uns nicht verfolgt?�</p><p>�Das ist doch nicht wichtig�, sagte Esanna. �Ein Gl�ck nur, dass du den Sturz �berstanden hast.�</p><p>Skar wandte sich gleicherma�en m�hsam wie �berrascht zu ihr um. Ihr schmaler, zierlicher K�rper wirkte noch zerbrechlicher als der der Nahrak, aber offenbar war sie genauso z�h wie die H�ter des Waldes. Soweit er erkennen konnte, war sie bis auf ein paar Prellungen und einen blutigen Kratzer auf der Wange unverletzt. �Wie ... wie hast du das gemacht?�</p><p>�Was gemacht?�</p><p>Skar zog �chzend die Knie an den K�rper. Die Umgebung verschwamm fast vor seinen Augen und er musste ein paarmal blinzeln, bevor er Esanna wieder einigerma�en erkennen konnte. �Du bist... unverletzt.�</p><p>�Ja, ich habe Gl�ck gehabt�, sagte das M�dchen leise. Obwohl Skar das leichte Zittern in ihrer Stimme nicht entging, setzte er nach: �Die <emphasis>Khta�m </emphasis>hatten dich doch schon erwischt. Ich dachte schon, du seist tot.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Esanna noch einmal. �Ich habe Gl�ck gehabt. Oder auch nicht...� Sie brach gequ�lt ab. Erst nach einer Weile fuhr sie niedergeschlagen fort: �Vielleicht w�re es besser gewesen, die Quorrl h�tten mich gleich erschlagen. Dann w�re ich mit meinem Vater und den anderen zusammen statt... <emphasis>hier.�</emphasis></p><p>Skar nickte. Er konnte sie verstehen. Und doch traute er ihr nicht. Irgendetwas war geschehen, dort oben in der H�hle, kurz nachdem die <emphasis>Khta�m </emphasis>sie angegriffen hatten: Er hatte nicht vergessen, <emphasis>wie </emphasis>sie ein paar der Monstren abgewehrt hatte. Und er konnte sich auch noch allzu gut daran erinnern, dass sie wie tot in einer schmierigen, zuckenden Schicht gelegen hatte, die sie eigentlich h�tte ersticken m�ssen - oder bei lebendigem Leib auffressen.</p><p>�Wie hast du die <emphasis>Khta�m </emphasis>vertrieben?�, fragte er.</p><p>�Ich wei� nicht, was du meinst�, sagte Esanna. Ihre H�nde zitterten so heftig, dass sie sie in ihrem Scho� versteckte.</p><p>�Als sie dich angriffen, hast du die H�nde vorgestreckt�, fuhr Skar fort, doch w�hrend er es aussprach, kam er sich vor, als w�rde er einen Frevel begehen, als w�re es besser, nicht an diesen Punkt zu r�hren. �Und dann hast du irgendetwas ... <emphasis>gemacht, </emphasis>was sie vertrieben hat. Aber was?� Esanna antwortete nicht, klammerte stattdessen die Arme um die Knie und wippte wie selbstvergessen hin und her. Es war ein bedr�ckendes Schweigen, das sich in der H�hle ausbreitete, mehr ein Lauern auf eine Gefahr, auf den n�chsten Angriff - oder auch auf eine Bemerkung, die besser ungesagt blieb. Aber das war nicht alles, wie Skar fast schmerzlich bewusst wurde. Es war still in diesem unterirdischen Teil des Berges, viel stiller, als es h�tte sein sollen. Das St�hnen und Wimmern der Sterbenden und Schwerverletzten, das nach dem brutalen und hinterh�ltigen Angriff und dem Sturz aus gro�er H�he in seinen Ohren h�tte klingen m�ssen, fehlte und selbst sein eigenes Atemger�usch klang ged�mpft und unwirklich.</p><p>�Wo sind die anderen?�, fragte er in Kamas Richtung. Der Mann verstand sofort, was er gemeint hatte: Sie waren fast ein Dutzend gewesen, weiter oben in der H�hle, kurz vor dem Angriff. Jetzt waren die Nahrak nur noch zu dritt.</p><p>�Tot�, antwortete er.</p><p>Esanna sah zur Seite, als er das sagte und irgendetwas in ihrem Blick irritierte ihn, sodass er ihm folgte ... und innerlich erstarrte.</p><p>Nur ein paar Schritte weiter lagen vier, f�nf M�nner, s�uberlich nebeneinander aufgereiht wie f�r eine bizarre Zeremonie. Es dauerte ein paar Sekunden, bis Skar die Gemeinsamkeit dieser toten Nahrak begriff, bis er erkannte, dass sie trotz verschiedenster schwerer Verletzungen ein gemeinsames Merkmal hatten: Man hatte ihnen die Kehle durchgeschnitten.</p><p>�Wer war das?�, �chzte Skar.</p><p>Kama verzichte auf eine Antwort, aber Skar begriff sie auch so. �Ihr ... du ...?�</p><p>Kama schwieg lange. Doch dann nickte er und blickte Skar offen in die Augen. �Ja�, sagte er einfach. �Wir sie haben gerettet. Die anderen.� Er zuckte mit den Schultern und der Schatten eines undefinierbaren Schmerzes huschte �ber sein Gesicht. �Die anderen wir nicht konnten retten.�</p><p>�Gerettet, indem ihr sie umgebracht habt?�, fragte Skar fassungslos. �Warum?�</p><p>�Wir nicht sie k�nnen mitnehmen�, sagte Kama leise, aber so gefasst, wie sonst allenfalls kampferprobte Krieger �ber den Tod sprachen. �Und wir sie auch nicht k�nnen den <emphasis>Khta�m </emphasis>zum Fra� lassen.�</p><p>Skar machte eine zornige Bewegung, bereute sie aber sogleich wieder, da ein scharfer Schmerz durch seinen K�rper zuckte. �Was soll das alles?�, fragte er �rgerlich. �Warum habt ihr mir dann nicht auch die Kehle durchgeschnitten?�</p><p>Kama runzelte die Stirn, was ihn mit einem Mal zehn Jahre �lter aussehen lie�. �Weil du der <emphasis>Eine </emphasis>bist�, sagte er dann. �Wir dich sch�tzen. Aber nicht umbringen.�</p><p><emphasis>Weil du der Eine bist. </emphasis>Dieser f�r ihn vollkommen unverst�ndliche Satz echote noch lange in Skars Kopf herum, auch nachdem er sich wieder ein St�ck hatte zur�cksinken lassen - gezwungenerma�en, denn auch diese kleine Bewegung l�ste wahre Schmerzwellen in ihm aus. �Was soll das alles?�, fragte er nach einer Weile. Er machte eine abwehrende Handbewegung, als Kama etwas entgegnen wollte. �Fangen wir ganz von vorne an: Wer hat euch geschickt?� Kamas Gesicht blieb starr, aber Skar sp�rte, wie die Anspannung in seinem Inneren wuchs. �Das du solltest wissen�, sagte er.</p><p>�Ich wei� es aber nicht�, begehrte Skar auf. �Verdammt!� Er keuchte, um der Schmerzwelle in seinem Inneren Zeit zu lassen sich abzubauen, und fuhr dann fort: �Ihr taucht aus dem Nichts auf - kurz bevor diese lebendige Falle zuschnappt ...�</p><p>�Eine Falle: Ja�, unterbrach ihn Kama. �Wir dich nicht h�tten hierher geschickt, w�re es anders gewesen. Wir dachten, die Larvanda sei sicher.�</p><p><emphasis>�Larvanda!�</emphasis></p><p>Die Augen des Mannes wurden zu schmalen Schlitzen. �Das, was du H�hle in der H�hle nennen w�rdest, Satai�, erkl�rte der Mann. �Aber warum du das nicht wissen? Das alles stehen im Elften Buch.�</p><p>�Ich kenne dieses bl�de Buch nicht�, sagte Skar unwirsch. �Du h�ttest es lesen sollen�, sagte Kama vorwurfsvoll. �Du h�ttest es lesen <emphasis>m�ssen!�</emphasis></p><p>�Wie denn?�, fragte Skar. Er erinnerte sich an Marna, den Satai mit der Goldmaske, der hinter diesem Buch her gewesen war und zu Esannas mittlerweile totem Vater Roun gesagt hatte: <emphasis>Wenn ihr das Buch gefunden habt, dann gebt es Skar mit.</emphasis></p><p>Der Nahrak wirkte ehrlich verwirrt. �Aber du haben das Buch doch an dich genommen und versteckt�, sagte er. �Oben am Wasserfall.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. �Nein�, sagte er. �Das habe ich nicht.� H�tte er damals geahnt, dass das Elfte Buch so wichtig f�r ihn werden w�rde, h�tte er ihm mehr Beachtung geschenkt - und sich weniger Sorgen um Gor, den Quorrl-Kriegsherrn gemacht, dessen Leben er geschont hatte. Kama starrte ihn so best�rzt an, als ob Skar Anstalten gemacht h�tte sich mit gezogenem Schwert auf ihn zu st�rzen. �Du ... du brauchst doch das Buch�, keuchte er. �Wie sonst... willst du ...�</p><p>�Will ich was?�, fragte Skar, als der Nahrak nicht weitersprach.</p><p>Kama antwortete nicht gleich. Sein Gesicht glich einer unbeweglichen Maske - bis auf sein rechtes Augenlid, das pl�tzlich zu zittern begann. �Das haben wir nicht gewusst�, sagte er. �Das ist...�</p><p>�Ja?�</p><p>Kama sch�ttelte den Kopf. Ganz offensichtlich k�mpfte er um sein inneres Gleichgewicht. �Es ist sehr m�chtig geworden, in den letzten Jahren�, sagte er. �Das �ndern alles. Aber vielleicht... ist es noch nicht zu sp�t.�</p><p>�Zu sp�t f�r was?�, fragte Skar. Es fiel ihm immer schwerer, der Erregung Herr zu werden, die ihn angesichts der Gespr�chswendung ergriffen hatte. In ihm war ein un�berh�rbares Locken und Wispern, etwas, das sich �ber den Rand der Bewusstlosigkeit hin�bergerettet hatte in die Wirklichkeit, als riefe etwas sehr Fremdes und gleichzeitig sehr Vertrautes nach ihm - und als w�sste dieses Etwas sehr genau, wovon Kama gesprochen hatte.</p><p>Der Nahrak machte eine wegwischende Bewegung. Seine Augen starrten blicklos durch Skar und im ersten Moment glaubte er, dass er ein verd�chtiges Ger�usch geh�rt hatte, das auf einen bevorstehenden Angriff hindeutete. Doch dann begriff er, dass er sich get�uscht hatte. Es war eher so ... als w�rde Kama nach <emphasis>Innen </emphasis>lauschen, tief in sich hinein, als suche er dort die Antwort auf die dr�ngenden Fragen nach der f�r ihn unvorhersehbaren Wendung.</p><p>Es dauerte noch eine Weile, die Skar wie eine Ewigkeit vorkam, bevor der Nahrak wieder aus seiner Erstarrung erwachte. �Wenn du nicht gelesen hast, ich m�ssen dir einiges erkl�ren�, sagte er so langsam, als bereite ihm das Sprechen Schwierigkeiten. �Aber das nichts �ndern daran, dass du das Buch brauchst.�</p><p>�Wozu?�</p><p>�Um zu erfahren, wer in Wirklichkeit dein Feind ist.�</p><p>Skar fuhr �berrascht zu Esanna um, denn es war nicht der Nahrak gewesen, der diese Worte gesprochen hatte, sondern das M�dchen. Er hatte noch nie zuvor einen so gleichzeitig erschrockenen wie verwirrten Ausdruck auf ihren Z�gen gesehen.</p><p>�Was meinst du damit?�, fragte Skar scharf.</p><p>�Das... das liegt doch auf der Hand, oder?� Esanna schlang noch fester als bislang die Arme um die Knie. �Ich hab es ... mir nur so ... gedacht.�</p><p>Einen Moment lang herrschte fast atemloses Schweigen. Obwohl der Nahrak es vermied, in Richtung des M�dchens zu blicken, hatte Skar das Gef�hl, als ob ein unsichtbares Band zwischen den beiden so ungleichen Menschen bestand. Aber das war nat�rlich Bl�dsinn. Ein Nahrak und ein Digger-M�dchen? Unter normalen Umst�nden w�ren sie sich auf Enwor niemals begegnet und es stand au�er Frage, dass sie sich vor der Begegnung in der H�hle noch nie gesehen hatten.</p><p>Es war der Nahrak, der das Schweigen brach. �Du erst mal solltest dich wieder bekleiden�, sagte er ruhig.</p><p>Skar runzelte die Stirn und sah an sich herab. �Huch�, sagte er. Seine Hose, die er hatte herunterlassen m�ssen, um sich von dem besonders penetranten Tentakel zu befreien, war bei dem Sturz in die Tiefe vollends verloren gegangen. Oberhalb seiner Stiefel bis zum Harnisch war er nackt; blutige Kratzer und biss�hnliche Spuren zeugten von den verzweifelten Versuchen der <emphasis>Khta�m </emphasis>von ihm Besitz zu ergreifen.</p><p>�Hat vielleicht jemand meine Beinkleider gesehen?�, fragte Skar, w�hrend er es Esanna gleich tat, die Knie anzog und die Arme um sie schlang. Die relativ raschen Bewegungen jagten Schmerzschauer durch seinen K�rper, die ihm mehr als deutlich zeigten, dass er alles andere als kampfbereit war.</p><p>W�hrend er gleichzeitig Esanna einen verstohlenen Blick zuwarf (warum hatte sie nichts gesagt?), tastete seine rechte Hand nach seiner Schwertscheide. Zu seiner Beruhigung fand er den ungew�hnlich verzierten Griff des <emphasis>Tschekals </emphasis>an seinem angestammten Platz vor und er erinnerte sich, dass er das Schwert hatte zur�ckgleiten lassen, bevor er das M�dchen aus den F�ngen der schleimigen, tentakelbewehrten Kreatur befreit hatte. Es war gut zu wissen, dass er zumindest seine Waffe noch in Griffweite hatte.</p><p>�Von den Resten deiner Kleidung wir haben nichts gefunden�, sagte Kama ernsthaft.</p><p>�Ja.� Skar schloss f�r einen Moment die Augen und augenblicklich tanzten wieder dunkle Schatten vor ihm. �Es ist ja vielleicht auch nicht so wichtig. Aber... es ist kalt hier.�</p><p>�Stimmt�, best�tigte Esanna. �Ich friere auch. Ohne Feuer...�</p><p>�Wir hier k�nnen kein Feuer machen, selbst wenn wir Holz h�tten�, sagte Kama. �Zu gef�hrlich. Au�erdem wir nicht haben viel Zeit.�</p><p>�Wieso haben wir nicht mehr viel Zeit?�, fragte Skar. �F�rchtest du, dass die <emphasis>Khta�m </emphasis>uns noch einmal angreifen k�nnten?�</p><p>�Die <emphasis>Khta�m ... </emphasis>vielleicht. Aber sicher ... etwas anderes.�</p><p>�Etwas anderes? Was meinst du damit?�</p><p>Kama schluckte ein paarmal. Sein Gesicht war jetzt so bleich, dass es sich in dem schwach-gr�nlichen Licht als heller Fleck abzeichnete. �Es hat viele ... Formen�, sagte er so vorsichtig, als spr�che er ein streng geh�tetes Geheimnis aus. �Es ist m�chtiger geworden seit... seit damals, Skar. Es unterwandert ganz Enwor. Es wird alles mitrei�en, wenn wir es nicht verhindern.� Seine H�nde verkrampften sich, als wollten sie etwas fassen. �Und dennoch�, fuhr er nach einer Weile fort, �den ersten Sieg hast du bereits davongetragen. Das Khta�m hat versucht dich zu vernichten - oder zumindest dich in seinen Bann zu ziehen. Du musst ihm auch weiterhin widerstehen. Erst wenn dir das gelingt, wirst du den Kampf aus eigener Kraft auf dich nehmen k�nnen.�</p><p>Skar sch�ttelte verwirrt den Kopf, eine Geste, mit der er nicht nur seinen Unglauben dokumentieren, sondern auch Zeit gewinnen wollte. Kamas Worte ber�hrten ihn tief, viel tiefer, als er es sich vielleicht im ersten Moment eingestehen wollte. Sie zerst�rten irgendetwas in ihm, trieben Risse in eine Mauer, die jetzt langsam zu zerbr�seln begann und hinter der irgendetwas lauerte, das vielleicht noch schrecklicher war, als es der Angriff der <emphasis>Khta�m </emphasis>gewesen war. Bruchst�cke bereits verloren gegangener Erinnerungen tauchten vor Skars innerem Auge auf. <emphasis>Enwor ist gro� genug f�r mehr als ein Volk, Bruder. Geh. Nimm dir die eisigen Inseln des Nordens. Nimm die Tiefen des Meeres und die brennenden W�sten, nimm dir die Berge und die H�hlen unter der Erde. Nimm dir jeden Ort, an dem Menschen nicht existieren k�nnen und lebe einfach.</emphasis></p><p>Er war sich sicher, dass er das zu irgend jemandem - oder zu <emphasis>irgendetwas - </emphasis>gesagt hatte. Er war sich sicher, dass er bereits einmal den Schl�ssel zum Schicksal Enwors in den H�nden gehalten hatte... und pl�tzlich bekam er einen anderen Zipfel seiner Erinnerungen zu fassen, ein Bruchst�ck von dem Verst�ndnis des gro�en Zusammenhangs, das ihn schon einmal in den Strudel von Zerst�rung und Vernichtung mitgerissen hatte ...</p><p>Er st�hnte auf, und ohne es zu bemerken, begann sein Kopf hin und her zu pendeln. Esanna sah auf, zuerst nur beil�ufig, aber dann besorgt, als sie sah, dass sein Gesicht alle Farbe verloren hatte, er seine Wangenmuskeln anspannte, als w�rde er seinen Kiefer mit aller Macht aufeinander pressen, und dass auf seiner Stirn feine Schwei�perlen glitzerten.</p><p>Pl�tzlich begannen seine Lippen zu beben und ein r�chelnder, unmenschlicher Laut entrang sich seiner Brust. Sein Oberk�rper begann leise hin und her zu schaukeln, im Anfang fast unmerklich und dann immer st�rker. Schon kurz darauf begann Skar wie in Agonie zu zucken, seine H�nde zitterten und sein Kopf bewegte sich immer schneller und ruckhaft, bis er schlie�lich mit der linken Seite an den Stein schlug, nicht allzu hart, aber kr�ftig genug, um ihm einen weiteren Kratzer zuzuf�gen ...</p><p>Esanna stie� einen erschrockenen Laut aus. Mit einer hastigen Bewegung richtete sie sich auf, griff nach Skars Kopf und umschlang ihn mit beiden H�nden. Er schien die Ber�hrung nicht einmal zu sp�ren, schlug weiter mit dem Kopf hin und her, als wollte er ihn sich an dem Felsen, an dem er lehnte, einschlagen. Das M�dchen versuchte ihn festzuhalten, versuchte anzuk�mpfen gegen die mittlerweile fast zornigen Bewegungen, mit denen etwas in ihm aufbegehrte, aber sie war zu schwach, um ihn halten zu k�nnen. �Hilf mir�, br�llte sie Kama an.</p><p>Aber der Nahrak sch�ttelte nur stumm den Kopf. Er sah unger�hrt zu, wie wei�er Schaum auf Skars Lippen trat, wie sein Oberk�rper krampfhaft aufbebte und seine Lider mit einem Ruck aufglitten. In der f�rchterlichen Gr�nf�rbung der unnat�rlichen H�hlenbeleuchtung sah der Blick seiner tr�ben Augen noch schrecklicher aus, als er es bei normaler Beleuchtung gewesen w�re. Er starrte an Esanna vorbei ins Nichts oder in etwas Erschreckendes, denn sein Gesicht war vor Entsetzen verzogen.</p><p><emphasis>Die Sternenkreatur erwartete ihn, und als Skar sie sah, war er im ersten Moment beinahe entt�uscht, denn auch sie �hnelte einem Menschen, wie das Gesch�pf, das geschickt worden war, um ihn zu holen. Aber dann wurde ihm klar, wie unbedeutend ein K�rper war. Sie konnte jedes beliebige Aussehen annehmen, sie war der Dronte gewesen, das gigantische schwarze Gespinst unter dem Wald von Cearn und die Br�cke, die Titchs Heer auf die Insel gebracht hatte, und auch diese Gestalt hatte sie nur gew�hlt, um mit ihm zu reden, ihm in einem Aussehen gegen�berzutreten, das dem seinen entsprach.</emphasis></p><p>�Er erinnert sich nur�, sagte Kama. �Lass ihn los. Er wird sich schon wieder beruhigen.�</p><p>Esanna sch�ttelte verzweifelt den Kopf. �Skar�, wimmerte sie. �Wach auf!�</p><p>Doch Skar stie� nur ein einzelnes Wort aus, nein, kein Wort, sondern nur einen kehligen, unglaublich d�ster klingenden Laut. Sein Mund war weit aufgerissen; Schaum stand vor seinen Lippen. Seine dunklen Augen gl�nzten wie im Fieberwahn.</p><p><emphasis>Sie hatte kein Herz, kein irgendwie geartetes Zentrum oder etwas, das einem menschlichen Gehirn entsprach. Sie war einfach eine ungeheuerliche Masse lebender Materie, ein Netz aus finsterem Protoplasma, das vielleicht nicht nur Carn, sondern die ganze Welt durchdrang, und ihr kleinster Teil war so m�chtig und unverwundbar wie ihre Gesamtheit. Sie alle hatten geglaubt, sie w�re vernichtet, zerst�rt bis auf einen winzigen Rest, aus dem sie zu neuer Gr��e heranwachsen musste, aber das stimmte nicht. Sie hatte immer existiert. Es hatte sie immer gegeben, wie die Quorrl, wie die Menschen, wie diese Welt. Vielleicht war sie das �lteste lebende Ding auf diesem Planeten, �lter als die Sonne, denn das, woraus sie entstanden war, war von den Sternen gekommen; zusammen mit ihren Sch�pfern.</emphasis></p><p>Skars Kiefer mahlte und in seinen Augen erschien ein fast hilfloser Ausdruck. Seine Lippen waren so blutleer, dass sie wie aufgemalte Striche wirkten. Er war so weggetreten, dass er nichts und niemanden mehr in seiner Umgebung zu beachten schien und doch war keine Ruhe in ihm, sondern ein wildes Feuer, das ihn hin und her warf, eine Gefahr f�r sich selbst angesichts des Felsens, an dem er sich den Sch�del einzuschlagen drohte.</p><p>�Hilf mir�, schrie Esanna nochmals, aber der Nahrak r�hrte sich immer noch nicht. In ihrer Verzweiflung wusste sich das M�dchen nicht anders zu helfen, als Skar zu ohrfeigen. Mehrere Schl�ge prasselten auf ihn ein, heftiger vielleicht, als es n�tig gewesen w�re und doch nicht kr�ftig genug, um ihn aus dem herauszurei�en, was ihn weiter unbarmherzig gepackt hielt.</p><p><emphasis>Er wusste, dass etwas Unvorstellbares geschehen w�rde, wenn er sich weigerte seinen Teil der Abmachung zu erf�llen. Enwor w�rde untergehen, nicht im Feuer der Sterne, sondern im W�rgegriff der Bestie, die so oder so erwachen w�rde, unter seinem Willen und seiner Lenkung oder als rei�ende Bestie, die zu nichts anderem f�hig war, als zu t�ten ...</emphasis> Ein Zittern lief durch seinen K�rper und er stie� einen spitzen Schrei aus. Mit einer ungezielten, hektischen Bewegung wischte er Esannas Arme beiseite und richtete sich halb auf. Er hatte einen Blick hinter den Vorhang der Wirklichkeit geworfen und er hatte gesehen, was dahinter lauerte: der Wahnsinn und etwas, gegen das alle Schrecken der Kriege zwischen Quorrl und Menschen, alle von Menschen und ihren Gegnern verursachten Gemetzel und Katastrophen verblassten wie harmlose Streitigkeiten zwischen Kindern. Er hatte den Zipfel der Wahrheit zu fassen bekommen und er war ganz nah dran gewesen, aber nicht nah genug, um das ganze schreckliche Geheimnis zu erfassen. Er wusste nur eins: Es gab eine zweite Wirklichkeit hinter den Dingen, und wenn er bereit war sich diesem Gedanken mit aller Konsequenz zu stellen, dann musste er sich mit aller Kraft dem entgegenstellen, das Enwor vernichten wollte.</p><p>�Was ist das�, keuchte er, �wer bist du ...� Aber er sprach nicht weiter, denn in diesem Moment erklang ein singendes Ger�usch, leise wie der Lockruf eines kleinen Vogels zur Morgenstunde und doch so durchdringend, dass ihn ein rascher Schauer durchrieselte.</p><p>Bevor Skar begriff, was da an sein Ohr drang, war es auch schon wieder vorbei. Es herrschte die mittlerweile vertraute unnat�rliche Stille, wie sie nur tief in einem Berg m�glich war, in einer weit ver�stelten H�hle, an die kein Au�enger�usch drang und nichts weiter zu h�ren war als die Lebensger�usche der wenigen ihn begleitenden Lebewesen. Aber trotzdem war er vollkommen sicher irgendetwas geh�rt zu haben - oder vielleicht auch nur gesp�rt oder erahnt. Etwas, das nicht in diese H�hle geh�rte und m�glicherweise doch hier zu Hause war.</p><p>�Was war mit dir los?�, fragte Esanna. Sie hatte sich wieder ein St�ck zur�ckgezogen, sich auf den Boden gehockt und die Arme um die Knie geschlungen - wie ein kleines Kind, das die Wirklichkeit ausblenden will. Aber vielleicht war es ja auch gar nicht die Wirklichkeit: Vielleicht war es etwas ganz anderes, etwas viel Monstr�seres und gleichzeitig viel Realeres. Etwas, das im Grunde genommen jeder Bewohner Enwors wusste oder doch zumindest ahnte, ein Geheimnis, das keines war, weil es so offensichtlich war und gerade deshalb im Verborgenen existierte, jederzeit bereit entdeckt und gleichzeitig verleugnet zu werden.</p><p><emphasis>Alles war eins und nichts war so, wie es auf den ersten Blick schien.</emphasis></p><p>Genau das war das Geheimnis und doch war es das auf seltsame Weise auch wieder nicht; es konnte es schon deshalb nicht sein, weil die Natur der Ver�stelungen, des Ineinandergreifens und der Wucherungen unbegreiflich war. Es war nicht in Gedanken fassbar und w�rde es nie sein und bereits in dem Moment, in dem Skar es zu fassen glaubte, hatte er es auch schon wieder verloren.</p><p>�Was war mit dir los?�, wiederholte Esanna. �Du warst vollkommen geistesabwesend.�</p><p>Er war es nicht nur gewesen, er war es immer noch - auf eine nur schwer begreifliche Art. Und trotzdem fragte er sich in diesem Augenblick nur, was mit Esanna geschehen war. War es tats�chlich erst ein paar Stunden her, dass dieses zarte, unscheinbare Digger-M�dchen mit einem Messer auf ihn losgegangen war? Hatte sie wirklich die ersten Angriffe der <emphasis>Khta�m </emphasis>nahezu m�helos beiseite gewischt? �Du nicht k�nnen von ihm andere Antworten erwarten als von dir selbst�, sagte Kama.</p><p>�Was?�, fauchte Esanna und wandte sich zu ihm um.</p><p>�Was soll denn das hei�en?�</p><p>�Dass er brauchen Zeit�, sagte der Nahrak unger�hrt. �Und du auch. Eure Bestimmung dr�ngt. Aber trotzdem d�rft ihr nichts �berst�rzen.�</p><p>Skar spielte nerv�s mit dem Griff seines <emphasis>Tschekals. </emphasis>Er kam sich beobachtet und belauert vor. Es war �hnlich wie unz�hlige Male zuvor, wenn er die Vorbereitungen seiner bislang noch unsichtbaren Gegner zum Angriff gesp�rt hatte, wenn winzige Laute sich zu dem sicheren Gef�hl verdichtet hatten, dass es besser war, sich in Kampfposition zu begeben. Und doch war es auch ganz anders. Vielleicht allein deshalb, weil es diesmal weder Ger�usche noch optische Anzeichen waren, die sich zu einer Bedrohung verdichteten und das Krabbeln in ihm hervorriefen, das eine Mischung zwischen �ngstlicher Anspannung und fast freudiger, in jedem Fall aber entspannter Erwartung war.</p><p>Fr�stelnd zog er die nackten Beine n�her an den Leib. Drei Nahrak. Ein ganz und gar ungew�hnliches Digger-M�dchen. Ein halb toter Satai, der keine Ahnung hatte, was er hier sollte. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals in einer so verr�ckten Konstellation auf einen Angriff �berm�chtiger Gegner gewartet zu haben.</p><p>Und wieder einmal w�nschte er sich, Del w�re hier. Der h�hnenhafte Satai hatte mit seiner unbek�mmerten und oft respektlosen Art den exakten Gegenpunkt zu ihm selbst gesetzt. Mit ihm zusammen hatte er sich ... ein St�ck weit als <emphasis>unbesiegbar </emphasis>empfunden. Nicht in der Art, dass er in jedem Kampf siegreich zu bestehen geglaubt hatte. Auch nicht so, dass er keine Todesfurcht mehr empfunden hatte. Es war einzig und allein so gewesen, dass mit Del zusammen eine Niederlage keine Niederlage gewesen war, nicht im Sinne ihres Wortes.</p><p>Er fing einen Blick Esannas auf und zuckte zusammen. Ihr Blick war - zu wissend. So, als h�tte sie seine Gedanken erraten. Er erinnerte sich an den Rhythmus ihres Herzschlags, als sie sich an ihn gepresst hatte und es bedeutete ihm gleichzeitig �berhaupt nichts und sehr viel. Vielleicht, weil sie gleich alle tot sein w�rden.</p><p>�Ich verstehe das nicht�, sagte Esanna. �Was f�r eine Bestimmung?�</p><p>�Jetzt... nicht�, fl�sterte der Nahrak. �Frag jetzt nichts. Wir m�ssen weg!�</p><p>�Weg?�, fragte Esanna. Ihre Stimme klang flach und gleicherma�en gepresst. �Aber wohin?�</p><p>Diese Frage, fand Skar, war nur allzu berechtigt. W�hrend er sich von dem Felsen hochstemmte und den brennenden Schmerz in seinem R�cken zu ignorieren versuchte, der wie ein gl�hender Dolch seine Wirbels�ule hinabfuhr, wurde er sich nur zu bewusst, dass Kama die F�hrung ihrer kleinen Truppe �bernommen zu haben glaubte. Sollte er. Wenn es an der Zeit war, w�rde Skar ihn eines Besseren belehren. Keinesfalls jedenfalls w�rde er ihm blindlings irgendwohin folgen.</p><p>�Zum Ausgang�, sagte Kama.</p><p>�Warum sind wir dann nicht schon fr�her los?�, fragte Skar. Er stand mittlerweile oder besser gesagt, er st�tzte sich mit der linken Hand an dem Felsen ab und versuchte das Zittern in seinen Beinen zu unterdr�cken.</p><p>Kama sch�ttelte nur unwillig den Kopf und deutete in die Richtung hinter ihnen. �Los jetzt�, zischte er.</p><p>Skar stie� sich wortlos ab. Er wusste, dass die Bedrohung aus dem Bereich der H�hle kommen w�rde, in die die drei Nahrak schon seit Minuten nerv�s geblickt hatten, und dass sie Kama somit tats�chlich in die richtige Richtung f�hrte. Die Frage war nur, ob sie noch rechtzeitig wegkamen - und ob sie nicht in eine Falle liefen.</p><p>Ein Teil seiner Frage wurde sofort beantwortet. Noch bevor sie die ersten Meter hinter sich gebracht hatten, hielten Schatten auf sie zu, die in ihrem Dunkelgr�n eine Spur zu tief waren, um ganz von der schummrigen Beleuchtung aufgesogen zu werden. Schatten, die zu wachsen schienen, langsam, fast unmerklich, und die gleichzeitig dunkler wurden, eine Schw�rze annahmen, der etwas Widernat�rliches anhaftete. Ihm war, als w�rde ein leiser Ruck durch die Wirklichkeit laufen, als w�rde sich die Realit�t um ein winziges St�ckchen in jene Richtung verschieben, wo Alptr�ume und Wahnsinn nisteten, und in seinem Kopf drehte sich alles, w�hrend er gleichzeitig Esanna brutal am Arm packte und mit sich zog.</p><p>Es war absurd. Bei dem Sturz aus der zusammenbrechenden H�hle irgendwo �ber ihnen mussten seine gesamten Knochen und sein R�ckgrat zusammengestaucht worden sein, wenn er sich nicht sogar bislang unbemerkt gebliebene Br�che eingehandelt hatte; vielleicht hatte er auch innere Verletzungen davon getragen. Seine Beine wollten jedenfalls seinen Befehlen nicht gehorchen und er w�re wahrscheinlich eingeknickt und j�mmerlich zu Boden gegangen, wenn ihn Esanna nicht gest�tzt h�tte. Zum wiederholten Male fragte sich Skar, woher dieses schmale Wesen die Kraft dazu nahm.</p><p>Dann war es heran; was immer es war. Er nahm die Bewegung nur aus den Augenwinkeln wahr. Aus den dunklen Schatten formten sich bizarre Wirbel, manifestierten sich zu etwas Festem, Stofflichem, schnellen Kriegern �hnlich, die ihre ganze Geschicklichkeit einsetzten, um einen Feind zu �berraschen.</p><p>Aber es waren keine Menschen. Skars Herz setzte f�r einen Schlag aus. Dann noch einen. Und noch einen. Als es weiterh�mmerte, geschah es mit zehnfacher Schnelligkeit und so hart, dass er schlagartig am ganzen Leib zu zittern begann. Er wartete darauf, dass die Angst zuschlug, aber das geschah nicht. Sein K�rper reagierte schneller auf den Schock als sein Geist. Er empfand ... nichts.</p><p>Esanna war mitten im Schritt stehen geblieben. Sie zitterte am ganzen Leib und pl�tzlich war Skar es, der <emphasis>sie </emphasis>st�tzen musste. Er merkte es nicht einmal. Alles in ihm war nur noch Aufruhr und Panik, wirre Gedanken und Gef�hle, die sich nicht b�ndigen lie�en, der Drang wegzulaufen und sich doch gleichzeitig dem Kampf, der eigenen und unaufhaltsamen Vernichtung zu stellen, nur um dem Ganzen so schnell wie m�glich ein Ende zu machen.</p><p>Es war nur ein Augenblick, vielleicht der zehnte Teil einer Sekunde, aber f�r diesen winzigen Moment hatte er das Gef�hl eine Woge aus kompaktem schwarzem Nichts auf sich zugleiten zu sehen. Irgendetwas war <emphasis>falsch </emphasis>an dieser verschlingenden Schw�rze, auf entsetzliche, nicht in Worte zu fassende, aber un�bersehbare Weise <emphasis>falsch. </emphasis>Alles in ihm schien nichts weiter als ein einziger Warnschrei zu sein, ein Nichtbegreifen, eine Fassungslosigkeit...</p><p>Dann ver�nderte es sich. Ein waberndes, gr�nes Licht brach aus der schwarzen Finsternis hervor. Wieder dauerte es nur den Bruchteil einer Sekunde, bevor es sich abermals �nderte, und diesmal so massiv, dass er nicht mehr als ein St�hnen hervorbringen konnte angesichts des pulsierenden gr�nen Lichts, dieser ungesunden, diffusen Helligkeit, aus der es herausbrach, die es durchschritt, direkt auf ihn, Esanna und die Nahrak zu ...</p><p>Es war ein unertr�glicher Anblick, dort, noch etliche Schritte vor ihnen, ein unbeschreibliches Wesen, mit nichts vergleichbar, was ansonsten auf Enwor existierte, nicht mit den Drachen, den die <emphasis>Errish </emphasis>geritten hatten, nicht mit den <emphasis>Ssirhaa, </emphasis>gegen die die Quorrl nichts als harmlose Popanze waren, und auch nicht die Insektenkrieger mit ihren stahlharten Chitinpanzern, gegen die Skar seinen wohl erbittertsten Kampf gef�hrt hatte. Es war etwas wie aus einer anderen Welt und doch vertraut, etwas wie der Urahn <emphasis>der Khta�m, </emphasis>unendlich viel gr��er als ein Einzelnes dieser nachtschwarzen Wesen und doch von fast gedrungener Gestalt.</p><p><emphasis>Aber dann wurde ihm klar, wie unbedeutend ein K�rper war.</emphasis></p><p>In ihm war keine Angst vor dem Tod. Es war tausendmal schlimmer. Er packte die Hand der in Panik erstarrten Esanna und lief los, direkt auf die Kreatur zu und doch von ihr weg. Er war sich nicht einmal sicher, ob sie wirklich einen K�rper hatte, oder ob sie nicht vielmehr aus tausenden winziger Larven bestand oder aus etwas g�nzlich anderem, was sein Verstand nicht zu erfassen vermochte.</p><p>Kama war vor ihm und die beiden anderen Nahrak an seiner Seite, als w�ren sie noch immer bereit ihn und das M�dchen wie perfekte Leibw�chter mit ihrem Leben zu sch�tzen. Dennoch versuchte Skar einen Haken zu schlagen - soweit das die H�hlenw�nde zulie�en - und st�rmte wie von Sinnen weiter, sodass sein gemarterter K�rper mit einer neuen Schmerzwelle reagierte; die Anstrengung trieb blutige Schleier vor seine Augen. Noch immer hielt er dabei Esannas Hand fest umklammert, mit eisenhartem Griff, als w�rde sein Leben davon abh�ngen, und das, obwohl der Tod �berhaupt keine Bedeutung mehr f�r ihn hatte, jedenfalls nicht die, die er f�r normale Menschen hatte.</p><p>Er kam nicht weit. Bitterer, toter Geschmack verklebte ihm Mund und Nase, legte sich auf seine Lungen und nahm ihm die Luft zum Atmen, lie� ihn gierig nach Luft schnappen, w�hrend seine Beine mit jedem Schritt schwerer wurden und sein R�cken zu einem einzigen brennenden Flammenmeer wurde. Gleichzeitig schien die Dunkelheit vor ihm intensiver zu werden, als sauge die Erscheinung das letzte bisschen Licht auf, das diesen Teil des geheimnisvollen unterirdischen Komplexes erleuchtete, der sich in eine t�dliche Falle verwandelt hatte.</p><p>Was aber den Ausschlag gab, waren die Nahrak, die im selben Moment wie er losgest�rmt waren und ebenfalls sehr schnell zu begreifen schienen, dass ein Entkommen unm�glich war. Als die Kreatur vor ihnen aus dem gr�n wallenden Nebel auftauchte, machten sie seine rasche Ausweichbewegung im ersten Moment mit, verlangsamten dann aber schon sehr bald ihre Schritte. Um Kama nicht �ber den Haufen zu rennen, mussten Skar und Esanna abrupt abbremsen.</p><p>Kama breitete die Arme aus und einen Herzschlag lang glaubte Skar, er wollte eine komplizierte Abwehrbewegung einleiten. Doch als sich der Nahrak mit einer abstrusen Drehung zu ihm umwandte, begriff er, dass der Mann fassungslos und mit einer Mischung aus schierem Unglauben und abgrundtiefem Entsetzen auf die groteske Erscheinung gestarrt hatte und nun gleich ihm nicht mehr weiterwusste: In seinen Augen stand ein Grauen, das nicht h�tte gr��er sein k�nnen, h�tte er alleine einem Tausend-Mann-Heer gegen�bergestanden.</p><p>�Stehen bleiben!�, schrie er. �Oder wir sein verloren!� Skar h�tte dazu keine Aufforderung mehr gebraucht. Er war am Ende seiner Kraft, ausgelaugt von den wenigen Bewegungen, die seinem K�rper die letzten Reserven abverlangt hatten und er h�tte sich jetzt auch gar nicht mehr vom Fleck r�hren k�nnen, selbst wenn er gewollt h�tte. In seinem Inneren tobte ein Sturm widerspr�chlichster Gef�hle, w�hrend er gleichzeitig keuchend nach Luft rang und versuchte den Schleier vor seinen Augen wegzublinzeln.</p><p>Zitternd kam das Ungeheuer n�her. Die blutigen Schleier vor Skars Augen lichteten sich, aber er vermochte dennoch das absto�ende Etwas nicht viel klarer zu erkennen als bisher. Das, was er sah, gen�gte allerdings, um ihn aufst�hnen zu lassen; ein Ger�usch, das in einem spitzen Schrei Esannas unterging.</p><p>Der Leib des Monsters war riesig, viel gr��er als der eines Menschen und massig wie eine Flugechse und doch fast durchscheinend, st�ndig in flie�end-glibberiger Bewegung. Dutzende von peitschenden, ineinander verwundenen Tentakeln zuckten aus seinen Schultern, und da, wo sein Kopf sein sollte, war nichts als eine formlose, glitschige Masse, die Fl�ssigkeit sabberte aus einer Vielzahl kleiner K�rper�ffnungen, die zu verschwimmen schienen, wenn er versuchte mit Blicken zu erkunden, was dieses Wesen vorhatte. Skars Herzschlag ging h�mmernd und laut. Er versuchte seine Gedanken in Bahnen zu zwingen, die der Situation angemessen waren, sich auf seine Umgebung zu konzentrieren, um ein Schlupfloch zu finden aus der bedrohlichen Lage, aber es funktionierte nicht. Er stand da wie gel�hmt und es war, als h�tte sich ein unsichtbarer, eisiger Schatten �ber sein Denken und F�hlen gelegt. Er ahnte, nein, er wusste, dass diese Kreatur verwandt war mit dem tentakelbewehrten Kraken, der ihn am Fu�e des Falles von Ninga angegriffen hatte und dessen unglaublicher Kraft er nichts anderes entgegenzusetzen gehabt hatte als die tiefste Entschlossenheit des Satai, der Kraftreserven zu mobilisieren verstand, von deren Existenz die meisten Menschen noch nicht mal etwas ahnten. Doch im Angesichts des vor ihm kreisenden Monsters war er nicht in der Lage, dieses antrainierte Wunder �bermenschlicher Kraft noch einmal zu vollbringen.</p><p>Er war zu �berhaupt nichts mehr in der Lage.</p><p>Er stand regungslos da, w�hrend das Monstrum auf ekelhafte Art glibberte, sabberte und gleichzeitig zu zerflie�en schien und mit der Standfestigkeit einer m�chtigen <emphasis>Daktyle </emphasis>verharrte - bevor es zum endg�ltigen Angriff ansetzte. Seine Tentakel bewegten sich zitternd vor seinem Gesicht auf und ab, aber irgendetwas schien es noch davon abzuhalten, ihn zu ber�hren. Dann schob es langsam, fast z�gernd einen hin und her zuckenden Tentakel auf seine Schulter zu. Als es ihn ber�hrte, jagte ein m�rderischer Schmerz durch seinen Arm und setzte jeden einzelnen Nerv in Brand. Er hatte das Gef�hl, als w�rde sein Verstand mitgerissen, als br�che der Damm zwischen seinem bewussten Begreifen und etwas ganz anderem, tiefer Gehendem, das wie ein eigenst�ndiges Lebewesen auf den Angriff reagierte ...</p><p><emphasis>Formlose Scheu�lichkeiten, die sich in schwarzrot gl�henden Seen aus brodelnder Lava suhlten, aus denen sich glei�ende, rote Str�me in die schwarze, erstickende Unendlichkeit ergossen. Schlangengruben voller gestaltloser Schrecken, aus denen der Odem der dunklen, erstickenden H�lle emporwehte, die H�lle, auf der der Druck von tausend Tonnen Wasser lastete, der H�lle, in der nichts als Finsternis war und Schrecken und Tod, eine H�lle, die durch nichts anderes erhellt wurde als durch die breiten Lavastr�me und durch makaber leuchtende, grauenvolle Gestalten, H�llenboten mit unglaublich fremdartigen Gesichtern, aufgeblasenen K�rpern und grauenvollen Raubtiergebissen.</emphasis></p><p>Es waren keine Bilder, die er sah. Keine Gedanken, die er empfing. Es war keine Erinnerung aus den Tiefen seiner Vergangenheit, keine Form der Kommunikation, sondern etwas vollkommen Fremdes, Bizarres. F�r einen Moment, einen winzigen, zeitlosen und doch ewig w�hrenden Moment, schien sein Geist mit dem der Kreatur zu verschmelzen, waren sie wie ein Wesen, das nur zuf�llig in zwei K�rpern wohnte. Er f�hlte den Kampf, der tief in seinem Inneren stattfand, kein Ringen unterschiedlicher Kr�fte, sondern ein blitzartiges, ungeheures Zusammenprallen zweier entgegengesetzter Pole ungeheurer Macht, ein Gef�hl, als explodierte tief in seinem Inneren eine gewaltige, lodernde Sonne, in einem Bereich seiner Seele, der seinem bewussten Zugriff normalerweise verschlossen war.</p><p>Er war nicht viel mehr als ein unbeteiligter Zuschauer, Daf�r begann etwas anderes mit einer zielgerichteten Aktivit�t, etwas, das sich bislang so sehr im Hintergrund gehalten hatte, dass er noch nicht einmal seine Anwesenheit bemerkt hatte. Eine Anzahl der Khta�m-Larven, die bisher keine Notiz von ihm genommen hatten, l�sten sich aus dem nun pl�tzlich wimmelnden Hintergrund der H�hle und huschten auf ihn zu, glitten �ber seine Stiefel und krochen seine nackten Beine hoch. Die Ber�hrung der feuchten, saugenden F��chen war so widerlich, dass er sie sich am liebsten von der Haut gerissen h�tte. Aber nach wie vor war er wie gel�hmt. Schw�che und �belkeit verschleierten seinen Blick. Ein scharfer, stechender Schmerz zuckte durch seinen Sch�del, Kr�mpfe sch�ttelten seinen K�rper und vor seinen Augen tanzten flammende und wogende Schatten, Visionen von unvorstellbarer Fremdheit. Er schrie, verlor sich in den um ihn herum tanzenden Wirbeln.</p><p><emphasis>Schwarze Schlangen aus Finsternis bebten und zuckten auf ihn zu, bizarre Grimassen aus Substanz gewordener Dunkelheit grinsten ihn an, glitzernde Spinnenbeine tasteten sich zitternd in die Luft und etwas Gro�es, K�rperloses, Schwarzes waberte und wogte wie brodelnder Nebel �ber den Boden, wie eine st�rmische, von wilden Windb�en aufgerissene See, die an die K�ste anbrandete in Abermillionen Jahren w�hrendem Bestreben sich das einzuverleiben, was einst zu ihr geh�rt hatte, vor unendlichen Zeiten nichts anderes als Meeresboden gewesen war und nun wieder das werden sollte, was ihr einst einverleibt gewesen war und ihr erst durch die Kraft gewaltiger Vulkane genommen worden war...</emphasis> Dann zerstob die Illusion.</p><p>Es war wie ein Hieb gewesen, blitzschnelles, w�tendes Zuschlagen einer unsichtbaren Macht, der gleichen Kraft, deren Anwesenheit er gesp�rt hatte, in den H�hlen oberhalb des Falls von Ninga ... das gleiche geistige Fl�stern ... und doch auch wieder ganz anders. Ein Verdacht keimte in ihm auf, so selbstverst�ndlich und doch so vollkommen unerwartet, dass er ihn kaum in Worte h�tte fassen k�nnen. Bilder mehrerer im Todeskampf verbissener, unvorstellbarer Kreaturen tauchten in ihm auf, Bilder, die schon allein deswegen so unverst�ndlich waren, weil es sich nicht um Leben handelte im �blichen Sinne ...</p><p>W�hrend er in die Knie ging und dabei Esanna mitzog, weil er - ohne es zu merken - ihre Hand in schmerzhaftem Griff umklammert hielt, tauchte etwas anderes vor seinem inneren Auge auf, ein Fragment, eine Erinnerung an einen Streit in einer gewaltigen Festung inmitten des Drachenlandes, in die ihn ein verzweifelter Kampf gegen ein namenloses Wesen verschlagen hatte. Seine Haut brannte wie Feuer, als w�re er mit einer �tzenden Fl�ssigkeit �bersch�ttet worden und Esanna schrie und versuchte sich von seiner Umklammerung zu l�sen - aber er merkte nichts von alledem. Er war wieder auf Drasks Festung, stand Kiina gegen�ber, die ihm die ersch�tternde Nachricht brachte, wusste Del neben sich und ...</p><p>... BEGRIFF <emphasis>Es ist gigantisch, Satai. Es ... es hat Elay �berwuchert wie ein Geschw�r und... und Tausende verschlungen. Aber nicht alle. Ich habe in der Burg gelebt, am Hof der Margoi. Ich habe vieles erfahren und vieles gesehen. Nicht alle sind mit dem Netz verbunden. Nur die M�chtigen und die Krieger. Es t�tet seine Tr�ger, manche in Tagen, andere in Monaten oder Jahren, aber es t�tet sie. Vielleicht frisst es sie innerlich auf - ich wei� es nicht. Aber es ist w�hlerisch. Es beherrscht uns, aber es braucht uns auch.</emphasis></p><p>Das Netz! Dieses <emphasis>...Etwas, </emphasis>das die gigantische Metropole Elay �berwuchert hatte und sich immer weiter schob ... wer sagte ihm, dass es nicht immer weiter gewuchert war in den letzten dreihundert Jahren und sich nicht noch immer weiter ausdehnte. Und vielleicht war es nicht alleine... vielleicht gab es mehr als nur ein Netz!</p><p>Der Gedanke zerstob so schnell, wie er gekommen war. Skar schrie auf, lie� Esanna los und schlug die H�nde vors Gesicht. Sein Herz begann erneut zu h�mmern und das Verlangen aufzuspringen und nur weg-, weg-, wegzulaufen, wurde �berm�chtig - raus aus diesem Wahnsinn, aus der Konsequenz, die seine Erinnerung mit sich gebracht hatte, dachte man den Gedanken nur ein kleines St�ck weiter ... <emphasis>frisst sie innerlich auf... t�tet sie ... </emphasis>und weg von der t�dlichen Umarmung der Bestie, die sich seiner bem�chtigen wollte f�r einen Zweck, der in der Zerst�rung Enwors enden konnte, enden w�rde, wenn er es zulie� ...</p><p>Skar sprang auf. Es war erstaunlich viel Kraft in ihm, beinahe so, als w�ren all seine Verletzungen wie fortgeblasen, und noch im Sprung riss er sein <emphasis>Tschekal </emphasis>aus der Scheide, um sich mit einem Kampfschrei auf die Kreatur zu st�rzen, die f�r seine Qualen verantwortlich war.</p><p>Aber das schwarze Ungeheuer war schneller. Zwei, drei seiner Schlangenarme peitschten in seine Richtung, wanden sich wie d�nne, schleimige Vipern um seine Arme und rissen ihn mit einer brutalen Bewegung herum. Er schrie auf. Seine Haut brannte wie Feuer, wo sie von den glitschigen Armen des Ungeheuers ber�hrt worden waren. Ein bet�ubender Schmerz peitschte durch seine Arme, explodierte in seinen Schultern und l�hmte seinen K�rper. Die H�hle schien vor seinen Augen zu verschwimmen. Das Ungeheuer ragte wie ein gewaltiger, verzerrter Schatten vor ihm auf. Seine Tentakel hatten sich von Skars Armen gel�st, aber er war trotzdem unf�hig sich zu bewegen ...</p><p>... und tauche stattdessen wieder in die Vergangenheit ein.</p><p>�<emphasis>Es gab noch niemals einen Krieg wie diesen�, h�rte er Dels Stimme �ber die Schranken der Zeit hinweg. �Es geht hier nicht um die Macht in einem K�nigreich. Es geht nicht um Sch�tze oder Landgewinn. Es geht nicht einmal um Macht. Es geht um die Existenz unserer Welt.�</emphasis></p><p>�Aufh�ren!�, schrie Skar und h�mmerte sich mit geballten F�usten selber ins Gesicht, als k�nnte er damit die qu�lende Erinnerung ausl�schen.</p><p><emphasis>�Vielleicht ist das immer noch besser, als wenn sie von M�nnern wie dir beherrscht w�rde�, schleuderte Skar Del entgegen und der Satz war so lebendig, als h�tte er ihn nicht vor Jahrhunderten ausgesprochen, sondern erst gerade in diesem Moment.</emphasis></p><p><emphasis>Er erschrak �ber seine eigenen Worte und auch Del fuhr wie unter einem Hieb zusammen. Skar begriff, dass er ihn zum allerersten Mal wirklich getroffen hatte, seit sie diesen endlosen Streit begonnen hatten. Seine Worte taten ihm Leid. Aber er sp�rte auch gleichzeitig, dass sie die Wahrheit gewesen waren. Und dass sie das wenige, was noch zwischen ihnen gewesen sein mochte, endg�ltig zerst�rt hatten.</emphasis> Er hatten den Mantel des Hohen Satais getragen, damals, und er hatte Del die Wahrheit sagen geh�rt... <emphasis>Es geht um die Existenz unserer Welt..., </emphasis>ohne wirklich zu ahnen, was f�r Konsequenzen das mit sich brachte. Als er den Mantel des Hohen Satais mit zitternden H�nden von seinen Schultern gel�st hatte, um ihn vor Dels Thron zu Boden zu werfen, war das der Anfang des Endes ihrer Freundschaft gewesen, eine Freundschaft, die im Grunde erst in dem Moment geendet hatte, als ihn der h�hnenhafte Satai niedergestochen hatte. Aber das Schlimme war... in diesem einen Moment hatte nicht er, sondern Del Recht gehabt: Es w�re besser gewesen, ein Mann wie er h�tte �ber Enwor geherrscht, damals, vor dreihundert Jahren, als dieses Etwas, das sich mittlerweile wie eine schw�rende Krankheit immer weiter �ber den ganzen Planeten ausbreitete, mit seinen F�hlern alles unterwanderte, was sich seiner nicht erwehren konnte, getrieben von einem unheimlichen Instinkt, der es nie w�rde enden lassen, bis nicht alles durchsetzt war von diesem unbegreiflichen Gesch�pf, das auf einer Welt wie dieser keine Existenzberechtigung haben sollte.</p><p>Es war wie ein Hin�bergleiten in eine andere Wirklichkeit. <emphasis>�Verdammt, rede ich so undeutlich oder willst du mich nicht verstehen�, </emphasis>br�llte er Del in seiner Erinnerung an, und gleichzeitig sah er in der Gegenwart, wie sich die Nahrak bei den H�nden fassten wie �ngstliche Kinder und eine Dreierformation bildeten. Eine Linie aus unertr�glich grellem, zischendem Licht jagte im Zickzack �ber den Boden, brannte eine rauchende Spur in den Boden, ber�hrte fast spielerisch die Ausl�ufer der Kreatur. Ein grollender und zugleich unheimlich hoher Laut dr�hnte in seinen Ohren ... <emphasis>und Dels L�cheln erlosch nach und nach, als er seinem Blick begegnete, und schlie�lich machte sich so etwas wie Betroffenheit auf seinen Z�gen breit. �Was ist nur mit dir geschehen, Del�, fl�sterte Skar... </emphasis>und dann traf die zackende Energiespur den K�rper der Kreatur.</p><p>Der Blitz fror regelrecht ein, wurde zu einem zuckenden, hin und her peitschenden Tentakel aus purer, blauwei� knisternder Energie, der beinahe liebkosend �ber das unf�rmige Etwas glitt, das ihnen den Weg versperrte. Doch da war schon ein neuer armdicker Tentakel aus glei�endem Licht heran, schlug sich seine Bahn und ... <emphasis>Del schoss einen zornigen Blick in Skars Richtung ab, aber als er weitersprach, klang seine Stimme fast normal. �Erinnerst du dich, was du uns erz�hlt hast, als du hergekommen bist? Dass diese Festung eine Falle ist, einzig dazu erbaut, um uns zu vernichten?�</emphasis></p><p>Es war die H�hle, die diese Falle war. Es war nicht das, was er zu sehen glaubte, nicht dieses glitschige, monstr�se Ding dort vor ihm, das sich als etwas aufspielte, das es nicht war. Es waren die W�nde, die Decke, der Boden und jeder einzelne verfluchte Gang in diesem Labyrinth. Die Erinnerung an Del hatte ihm auch die Erinnerung an das Netz wiedergebracht, an das mikroskopische Gewebe, das Steine durchzog, sich durch Decken bohrte. <emphasis>�Gro�er Gott!�, fl�sterte Del entsetzt. �Schaut euch das an. Als ob es aus der Wand herausgekrochen w�re!�</emphasis></p><p><emphasis>Das Netz war weniger dicht, bedeckte die W�nde zwar wie eine kompakte, schwarze Masse, lie� im eigentlichen Gang aber genug Platz, um ihn vorsichtig zu durchqueren und trotzdem erschien es Skar, als f�hle er seine dunkle Ausstrahlung hier tausendmal st�rker. Was immer das Herz dieses schwarzen D�mons war, es war hier pr�senter. Er wusste pl�tzlich, dass das, was sie das Netz und Kiina den W�chter nannten, nur das Werkzeug von etwas viel Gef�hrlicherem, B�serem war, die Millionen Arme und H�nde einer uralten, durch und durch feindseligen Kreatur.</emphasis></p><p><emphasis>Und er war ihr jetzt ganz nahe.</emphasis></p><p>Als ihn die Vision verlie�, zitterte er am ganzen K�rper. Seine Beine waren taub und ein unbeschreiblicher Schmerz zuckte durch seinen R�cken. Er wusste nicht mehr, was Erinnerung gewesen war und was Wirklichkeit; er wusste nicht einmal mehr, ob so etwas wie Wirklichkeit tats�chlich noch f�r ihn existierte - bis er die neue Entladung sah, die wie ein Blitz durch die H�hle und auf die Bestie zuraste, einer gewaltigen, lodernden Energiekugel gleich, die sich durch nichts w�rde aufhalten lassen.</p><p>In einem gewaltigen Donnerknall barst die Energiekugel; der Boden unter ihnen erzitterte und von der Decke sausten scharfkantige Splitter herab. Es war bei weitem nicht so dramatisch wie beim Zusammenbruch der oberen H�hle und doch war es ein kleiner Weltuntergang. Das Schlimme daran war, dass er wusste, dass es kein Ende haben w�rde. Was immer die Nahrak taten, um die Bedrohung abzuwehren: Sie w�rden damit auch diese H�hle zum Einsturz bringen Er wusste pl�tzlich, dass er etwas tun musste. Die blendenden Energieladungen fra�en sich kalt und zerst�rend in die W�nde, kr�uselten sich auf Boden und Decke und krochen bis zu ihm und Esanna.</p><p>�H�rt auf!�, schrie Skar. Er kam taumelnd auf die Beine, doch unterhalb seines Bauches, dort, wo bl�sslichblaue Funken in ihn hineinkrochen, sp�rte er nichts weiter als ein Brennen und ein ekelhaftes Ziehen, das ihn f�rmlich zur�ckzuhalten schien. Er versuchte es zu ignorieren, trotzdem weiterzugehen, aber es funktionierte nicht. Seine F��e versagten ihm den Dienst und er w�re vorn�bergekippt, wenn ihn nicht pl�tzlich Esanna am Arm gepackt und mit erstaunlicher Kraft hochgezogen und festgehalten h�tte. Einen Moment nur trafen sich ihre Blicke. In dem gr�nlichen, von Blitzen zerrissenen Licht konnte er kaum mehr erkennen als ihr bleiches Gesicht mit den weit aufgerissenen, dunklen Pupillen. Und trotzdem las Skar eine ganz klare Botschaft in ihren Augen: <emphasis>Tu es!</emphasis></p><p>M�hsam qu�lte er sich mit Esannas Hilfe auf die Nahrak zu. Sie hielten sich mit festem Griff umklammert, bildeten ein Dreieck, selbstvergessen und ohne aufzusehen, als wollten sie sich an einer magischen Beschw�rung versuchen. Ohne genau zu wissen, was sie da taten, war sich Skar ohne Nachzudenken vollkommen sicher, dass es <emphasis>falsch </emphasis>war, von Grund auf und ohne jeden Zweifel. Sie k�mpften gegen etwas an, das sich nicht im Kampf besiegen lie�; jedenfalls nicht so, mit ein paar Zauberkunstst�ckchen, welcher Art sie auch immer sein mochten. Er hatte keine Ahnung, woher er diese Sicherheit nahm - vielleicht aus einem Erlebnis aus seiner Vergangenheit, das ihm noch nicht wieder vollst�ndig als Erinnerung zur Verf�gung stand oder vielleicht auch nur aus einer pl�tzlichen Eingebung heraus - aber es war im Grunde genommen auch gleichg�ltig; er hatte gelernt sich auf seine Intuition zu verlassen und w�rde es auch diesmal tun.</p><p>Ein neuer Blitz raste durch die H�hle, brach seine Energie an den W�nden, ersch�tterte mit einem dumpfen Knall die �ber diesem Bereich noch weitgehend intakte, aber stark zerkl�ftete H�hlendecke und lie� damit erneut eine Wolke aus Splittern und Dreck auf sie herabregnen. Das grelle Zucken, das Donnern von Explosionen riss nicht mehr ab; die Kreatur wehrte sich gegen die Nahrak auf angemessene Art, schleuderte Blitze in ihre Richtung, die Skar an die Scannerwaffen der <emphasis>Errish </emphasis>erinnerten.</p><p>Verdammt. Wenn sie so weitermachten, w�rde das gesamte H�hlensystem einst�rzen. Ihr einziger Vorteil war ihre eigene Ohnmacht: Keine der beiden k�mpfenden Parteien nahm Notiz von ihnen; sie waren zu sehr mit ihren wechselseitigen Attacken und der Vernichtung der H�hle besch�ftigt. Dabei blitzte ganz kurz hinter seiner Stirn der Verdacht auf, dass das Monster die Nahrak absichtlich zu ihrem w�tenden Angriff provozierte, um so die H�hle zum Einsturz zu bringen und damit die f�nf �berlebenden des <emphasis>Khta�m-</emphasis>Angriffs lebendig unter tonnenschweren Gesteinsmassen begraben zu lassen.</p><p>Esanna schien das ganz �hnlich zu sehen, denn sie stie� sich ohne Vorwarnung ab und war mit einem Satz bei den Nahrak. Skar w�re ihr gerne mit der gleichen Eleganz gefolgt, doch er hatte schon alle M�he �berhaupt auf den Beinen zu bleiben und das weitere Geschehen halbwegs zu verfolgen. Das M�dchen streckte die Hand aus in Richtung des Nahrak, der ihr am n�chsten stand. Mit einer fast komisch langsam anmutenden Bewegung wandte er sich zu ihr um. Skar erkannte in diesem Moment, dass er sich get�uscht hatte: Die H�nde der M�nner waren nicht leer. Es war eine Art Stab, den jeder von ihnen fest umklammerte, nicht gr��er als Jagdmesser, aber rund und aus einem Material, das ihm nur zu bekannt vorkam: <emphasis>Sternenstahl!</emphasis></p><p>Doch anders als bei seinem <emphasis>Tschekal </emphasis>ging ein leichtes Leuchten von dem Sternenstahl in ihren H�nden aus. Was immer da vorging, was immer die Nahrak da taten; es hatte wohl kaum etwas mit Magie zu tun, sondern vielmehr mit der Technik der Alten, mit der unbegreiflichen Macht der Menschen, die sich so weit von aller Vernunft entfernt hatten, dass sie sich selbst und ihre Welt fast vollst�ndig zerst�rt hatten, die das Sternenfeuer �ber die Welt gebracht hatten, als ob sie nur in ihrem eigenen Tod Erf�llung hatten finden k�nnen.</p><p>Der Nahrak sch�ttelte fassungslos den Kopf und es zeichnete sich ein Entsetzen auf seinem Gesicht ab, das Esanna eigentlich h�tte davon abbringen m�ssen, ihre Bewegung zu Ende zu f�hren. Doch stattdessen packte sie entschlossen zu, griff, ohne zu z�gern, an ihm vorbei und lie� entschlossen ihre rechte Hand auf den leuchtenden Stab aus Sternenstahl vorzucken.</p><p>Ein ekelhaftes Zischen war genau in dem Moment zu h�ren, als sie den Stab ber�hrte; ein Laut, als ber�hrte gl�hendes Eisen Fleisch. Ehe Skar eingreifen konnte wurde Esanna wie ein Spielzeug durch die Luft gewirbelt, flog quer durch die H�hle und krachte gegen eine der W�nde, um dann an ihr abzugleiten und wie leblos auf dem Boden liegen zu bleiben.</p><p>Die Bestie, die das Ziel der Energieblitze war, stie� im gleichen Augenblick zu, pulsierte mit heftig hin und her schaukelnden Bewegungen auf die Nahrak zu, stie� ein w�tendes Zischen aus und schlug mit ihren Tentakeln nach dem ihm am n�chsten stehenden Mann. Der Nahrak tauchte mit einer fast spielerischen Bewegung unter dem Angriff hinweg, ohne den Leuchtstab loszulassen, und wich zusammen mit Kama und dem dritten Mann ein paar Meter zur�ck, um aus der Reichweite des w�tenden Angreifers zu kommen.</p><p>Das Gef�hl, dass hier etwas schrecklich falsch lief, verst�rkte sich in Skar. Er hatte gesehen, was die <emphasis>Khta�m </emphasis>anrichten konnten, die winzig waren im Vergleich zu diesem ekelhaften Monstrum, und er konnte sich nicht vorstellen, dass dieser ungeschickte Angriff alles war, was die Bestie zustande brachte. Es h�tte nicht seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Krieger bedurft, um darauf zu kommen, dass es nicht mehr war als eine plumpe Finte, die die Nahrak dazu bringen sollte, ihr t�dliches Spielzeug zur Entfaltung zu bringen: um sich damit selbst und nicht zuletzt ihn und Esanna unter einem Berg von Gesteinsmassen zu versch�tten.</p><p>Es gab nur eine M�glichkeit das zu verhindern. Seine H�nde hinterlie�en blutige Abdr�cke auf dem Griff seines <emphasis>Tschekals, </emphasis>als es wie von selber in seine Hand glitt. Der Sternenstahl f�hlte sich ungewohnt kalt an und gleichzeitig viel leichter, als er eigentlich h�tte sein sollen. Aber vielleicht waren auch nur seine Sinne verwirrt. Es machte keinen Unterschied.</p><p>Durch ihre Ausweichbewegung befanden sich die Nahrak jetzt genau neben ihm. Das Ungeheuer stand vor ihnen, schwankend und mit zuckenden Tentakeln, und als ein neuer Energieblitz auf es zuraste, in grotesken Ausl�ufern zerfaserte und es fast vollst�ndig einh�llte, stie� es ein dumpfes, monstr�ses Grollen aus, das trotz seiner grausamen Lautst�rke fast unterging in dem Poltern, Krachen und Beben, mit dem jetzt bereits gr��ere Brocken Felsgestein inmitten der H�hle niedergingen.</p><p>�Schluss!�, wollte Skar schreien, denn er wusste mit untr�glicher Sicherheit, dass die Vernichtung der H�hle unmittelbar bevorstand, wenn sie nicht sofort mit dem Wahnsinn aufh�rten, aber ein losgeschlagener Stein, der seine Schulter traf, lie� ihn erneut um sein Gleichgewicht k�mpfen und trieb ihm die Luft aus den Lungen.</p><p>Die Nahrak allerdings h�tten wohl sowieso nicht auf ihn geh�rt. Ungeachtet des Chaos um sie herum verst�rkten sie ihre Anstrengungen. Das von den St�ben aus Sternenstahl ausgehende Leuchten hatte sich verst�rkt und war irgendwie <emphasis>b�sartiger </emphasis>geworden und gleichzeitig nahm die Intensit�t der Entladungen zu, die um das Monster tobten, ohne es allerdings dorthin zur�ckzuschicken, wo es hergekommen war.</p><p>Er durfte keine Zeit verlieren. Ohne auch nur noch einen Moment auf das Krachen, Donnern und Blitzen zu achten, packte er sein <emphasis>Tschekal </emphasis>fester und lie� es mit der Breitseite auf den Kopf des neben ihm stehenden Nahrak niedersausen. Der Mann stie� einen �berraschten Laut aus und schwankte leicht; aber zu Skars Verbl�ffung hielt er sich weiter auf den Beinen und dachte gar nicht daran, zu Boden zu gehen.</p><p>Skar kam nicht dazu, ihn mit einem kr�ftigeren Hieb au�er Gefecht zu setzen, denn das von grellen Entladungen gepeinigte Ungeheuer fuhr mit einem entsetzlichen, zischelnden Laut herum und stampfte auf ihn zu, als begriffe es, was er vorhatte. Er duckte sich, riss mit einer verzweifelten Bewegung sein <emphasis>Tschekal </emphasis>hoch und lie� es in die Peitschenarme kreisen, aber der Sternenstahl prallte von der w�tenden Bestie ab, als ob er ein Holzschwert in den H�nden halten w�rde. Das aggressive Zischen des Monsters verst�rkte sich, und als es n�her kam, spreizten sich seine Tentakel, �ffneten sich zu einer schwerf�lligen, t�dlichen Umarmung.</p><p>Es war genau so, wie Skar es bef�rchtet hatte. Selbst wenn er mit doppelter Wucht auf diese schwarzgr�ne Masse einschlagen w�rde, k�me es nur dem Versuch einer M�cke gleich, mit einem w�tenden Angriff seines Stachels einen Menschen erstechen zu wollen. M�glicherweise hielten die Nahrak die geeignete Waffe f�r den Kampf gegen ein solches Monstrum in den H�nden, m�glicherweise h�tten sie es damit auch unter freiem Himmel ausl�schen k�nnen, ohne sich selbst zu gef�hrden. Doch hier, in der H�hle, w�rde ihre Art zu k�mpfen ihrer aller Untergang bedeuten. Deshalb blieb ihm nur noch eine Chance: Seine Taktik zu �ndern und etwas vollkommen Unerwartetes zu unternehmen.</p><p>Mit einer Geschicklichkeit, die seinem angeschlagenen Zustand Hohn sprach, tauchte Skar unter dem n�chsten Angriff der nach ihm peitschenden Fangarme durch, war mit einem Satz au�erhalb ihrer Reichweite und in der n�chsten Bewegung auch schon unter den Nahrak. Das <emphasis>Tschekal </emphasis>sauste wie ein eigenst�ndiges Lebewesen auf Kama hinab und h�tte ihm den Sch�del gespalten, wenn Skar es nicht um neunzig Grad gedreht h�tte.</p><p>Der Mann rechnete nicht mit einem Angriff von der Seite aus, nat�rlich nicht, und tat deswegen auch nichts zu seiner Verteidigung. Als ihn die Breitseite des Schwerts traf, ging Kama wie vom Blitz getroffen zu Boden. Seine H�nde glitten von den fluoreszierenden St�ben ab. Das dumpfe Grollen, das die n�chste Entladung angek�ndigt hatte, lief in einem Knistern aus, das von wenigen gekr�uselten und eindeutig schw�chlich wirkenden Energiebahnen begleitet wurde. Doch Skar blieb keine Zeit sich um die Auswirkungen seines Angriffs auf seinen merkw�rdigen Verb�ndeten zu k�mmern.</p><p>Die beiden anderen Nahrak wandten sich ihm zu. In ihren Gesichtern stand ein Entsetzen, fast schon ein tiefer Schmerz, der sich mit v�lligem Unverst�ndnis mischte. �Du Narr�, stie� einer der beiden aus.</p><p>Skar h�tte nicht �berraschter sein k�nnen, wenn sich der Mann vor ihm in Luft aufgel�st h�tte. Er war wie selbstverst�ndlich davon ausgegangen, dass keiner der Nahrak - bis auf Kama - <emphasis>Tekanda </emphasis>sprach. Aber das war jetzt unwichtig. Auf ihren Z�gen lag ein Ausdruck von Furcht, der nichts mit �bersteigerten Reaktionen zu tun hatte. Sie hatten Angst, beinahe panische Angst.</p><p>Und das nicht zu Unrecht. Kaum war das Energiefeld in sich zusammengebrochen, ging ein Ruck durch die Bestie und ihre Tentakel fuhren kraftvoller als je zuvor durch die Luft, schlugen dicht neben Skar auf den Boden, als h�tte sie zwar bereits ihre Kraft, nicht aber ihre Zielsicherheit vollst�ndig wiedererlangt. Mit einer verzweifelten Bewegung warf sich Skar herum und wich so schnell wie m�glich zur�ck: und dennoch fast zu sp�t, denn das wabbelnde Monster schien jetzt ihn zu seinem Hauptgegner erkoren zu haben, ohne Dankbarkeit daf�r, dass er den Angriff der Nahrak unterbrochen hatte.</p><p>Was vielleicht ein f�rchterlicher, ein t�dlicher Fehler gewesen war.</p><p>Ein Monsterarm peitschte wild in seine Richtung und schrappte an seinen nackten Beinen vorbei. Es war nicht viel mehr als eine beil�ufige Ber�hrung und doch sp�rte Skar, wie seine Haut aufriss und Blut an seinem Fu� herablief. Der Schmerz war furchtbar - aber er war nichts im Vergleich zu dem, was ihn erwartete, wenn ihn einer der Tentakel voll erwischte. Das schleimige �u�ere der Kreatur suggerierte Schw�che, aber in seinen Bewegungen steckte eine Kraft, die einem m�chtigen Staubdrachen in nichts nachstand.</p><p>In diesem Moment h�tte Skar sonst etwas daf�r gegeben, wenn er seinen Angriff auf Kama wieder h�tte r�ckg�ngig machen k�nnen. Vielleicht h�tten die Nahrak ja Erfolg gehabt mit ihrer Abwehr des Monsters, ohne dass die H�hle zusammengest�rzt w�re ... m��ige Gedanken und absolut unsinnig angesichts des zuckenden und blitzartig zuschlagenden Biestes, das sich erneut mit einem Zischen auf ihn st�rzte.</p><p>Die Hilfe kam von vollkommen unerwarteter Seite. Gerade als Skar mit einer verr�ckten Drehung an einem der Fangarme vorbeitanzte und unter einem anderen hinwegtauchte, schrie einer der Nahrak auf, warf sich mit einem Satz nach vorne und riss den Arm hoch. Der leuchtende Stab, den er in den H�nden gehalten hatte, flog durch die Luft und klatschte in die widerlich schwabbelnde Masse des Ungeheurs.</p><p>Das Ergebnis war verbl�ffend. Das Monster blieb so abrupt stehen, als w�re es gegen eine unsichtbare Mauer geprallt. Ein Zucken jagte wellenartig �ber seinen K�rper und seine Arme peitschten wild hin und her. Die schleimig gr�ne Masse, aus der sein K�rper bestand, schien von einer Sekunde auf die andere ihren Halt zu verlieren. D�nne, glitzernde Schleimf�den tropften zu Boden, gefolgt von faustgro�en Klumpen und Brocken. Es ging unheimlich schnell. Der Leib des Ungeheurs zerschmolz zu einer glibberigen amorphen Masse und seine undefinierbare K�rpersubstanz begann zu kochen, zu brodeln und hin und her zu wogen. Mehr und mehr Rauch quoll hoch, w�hrend es gleichzeitig prasselte und knisterte wie bei einem Lagerfeuer, das gerade jemand mit einem Eimer Wasser zu ersticken versucht hatte.</p><p>Es dauerte nicht einmal eine Minute. Der Rauch wurde so dicht, dass er Skar die Sicht auf das Ungeheuer verwehrte, aber als er sich verzog, war der tentakelbewehrte Koloss verschwunden, als h�tte er nie existiert. Doch an seiner Stelle war irgendetwas - <emphasis>anderes. </emphasis>Etwas Kleines, kaum Sichtbares; ein Huschen und Wegkrabbeln, haarfeine �derchen, die darin zuckten und winzige gl�nzende Kl�mpchen, kleinen beinlosen Tieren aus schwarzem Schleim gleich, die blind hin und her krochen.</p><p>Langsam schob sich Skar vorw�rts. Seine H�nde und Knie zitterten und der furchtbare Anblick lie� seinen Magen rebellieren; aber er zwang sich weiter zuzusehen und trat sogar noch einen Schritt n�her.</p><p>Von dem Monster selbst war nichts mehr zu entdecken. Dort, wo es gestanden hatte, breitete sich jetzt eine glitzernde Pf�tze mit einem Durchmesser von fast f�nf Metern aus. Schillernde Blasen stiegen an ihre Oberfl�che und zerplatzten lautlos, und als sich Skar noch ein St�ck weiter vorwagte, stieg ihm ein atemberaubender Gestank in die Nase. In der Mitte der Pf�tze lag jetzt das rohr�hnliche Teil, das eben noch hell aufgeleuchtet hatte. Doch jetzt war es matt und grau und schien fast mit den gr�nbraunen Schlieren des Bodens zu verschmelzen und Skar ahnte, dass alle Energie, die in ihm gesteckt hatte, vollst�ndig verbraucht war.</p><p>Was Skars Aufmerksamkeit aber mehr auf sich zog, waren die winzigen huschenden Kreaturen, die sich vom Rand der Pf�tze hinweg in den Hintergrund der H�hle ausbreiteten wie ein lebendig gewordener Teppich. Auf den ersten Blick h�tte er nicht zu sagen vermocht, ob es sich dabei um <emphasis>Khta�m-Larven </emphasis>handelte oder um irgendetwas anderes - aber das war auch nicht so wichtig. Entscheidender war, dass sie sich von ihm wegbewegten und nicht auf ihn zu. Der Nahrak, der den Energiestab geworfen hatte, wandte sich langsam mit ausdruckslosem Gesicht zu ihm um. �Das du niiiiicht h�ttest maaaachen d�rfen�, sagte er.</p><p>�Was?�, kr�chzte Skar. �Dass du dieses ... Ding vernichtet hast? Was ist verkehrt daran.�</p><p>�Eiiiine Meeeenge�, sagte der Mann leise, �denn jeeeetzt sind wir weeeehrlos. Wir brauchen dreeei <emphasis>Jaertiks, </emphasis>um das Feld zu ... zu maaachen. Wir aber haben nur noch zweeeei.� Skar nickte geistesabwesend. Er verstand kein Wort von dem, was der Mann sagte, zumal eine Welle der �belkeit durch seinen K�rper jagte. Die Anstrengungen des Kampfes und der Schmerz, der jetzt nahezu ungehindert durch seinen K�rper jagte, waren zu viel gewesen. Er k�mpfte den aufkommenden Brechreiz mit aller Macht nieder und sah sich nach Esanna um, die weit entfernt hinter ihm gegen die Wand geknallt war.</p><p>Sie war nicht mehr da.</p><p>Zuerst glaubte er, seine Augen spielten ihm einen Streich, denn noch immer tanzten bunte Schlieren vor ihnen und au�erdem war das schwache, gr�nliche Licht in der H�hle kaum dazu geeignet, jede Einzelheit zu erkennen. Doch dann begriff er, dass er sich nicht get�uscht haben konnte. Er sah Gewimmel an den R�ndern der H�hle, �berall, nur nicht in ihrer unmittelbaren Umgebung; huschende, schemenhafte Bewegungen, die sich nicht fassen lie�en und doch mehr als deutlich wahrnehmbar waren.</p><p>Wenn er diese zuckende Brut sah, konnte er einen menschlichen K�rper wohl kaum �bersehen. Er riss sich von dem gr�sslichen Anblick der huschenden Schemen los, fuhr herum und st�rmte mit immer noch gezogenem <emphasis>Tschekal </emphasis>in die Richtung, in die das M�dchen nach seinem Angriff auf die Nahrak gest�rzt war.</p><p>�Bleeeeib hier!�, schrie jemand hinter ihm.</p><p>Es war der Nahrak, der die Kreatur vernichtet hatte. Nur ganz am Rande seines Verstands nahm Skar wahr, dass dieser Mann, bis auf seinen Sprachfehler, fast besser <emphasis>Tekanda </emphasis>sprach als Kama. Wenn er Esanna wieder gefunden hatte, w�rde er den Nahrak ein paar unangenehme Fragen stellen m�ssen.</p><p>Er rannte, so schnell er konnte. Seine F��e schmerzten unertr�glich. Eine d�nne Spur glitzernder Blutstropfen blieb auf dem schlierigen Boden hinter ihm zur�ck und sein R�cken brannte immer noch wie Feuer. Jeder einzelne Schritt war eine Qual, aber er bemerkte es kaum. Es hatte in seinem Leben zu oft Situationen gegeben, in denen Schmerz eine untergeordnete Bedeutung gespielt hatte im Vergleich zu dem, was zu tun gewesen war. Und er wusste, dass Schmerz alleine vollkommen bedeutungslos und damit auch nahezu komplett ausblendbar war.</p><p>Nicht Schmerz war t�dlich. T�dlich waren nur Verletzungen, die sich nicht mehr heilen lie�en.</p><p>Er sp�rte, dass ihm einer, wenn nicht beide Nahrak nachliefen - Kama lag immer noch regungslos dort, wo er ihn niedergeschlagen hatte -, und er verdoppelte seine Anstrengungen, aber seine Verletzungen beeintr�chtigten ihn zu sehr, um sie abh�ngen zu k�nnen; und im Grunde genommen war es egal. Auch wenn die Nahrak �ber seine Einmischung alles andere als erfreut waren und kaum begreifen konnten, warum er Kama niedergeschlagen hatte - er begriff es ja selbst nicht, wenn er ehrlich war -, so waren sie doch nicht seine Feinde.</p><p>Er fand weder Esanna noch eine Spur von ihr. Mit h�mmerndem Herzen blieb er stehen, sah sich um, versuchte das Gekribbel und Gewirr zu seinen F��en auszublenden und fragte sich, warum ihm dieses Digger-M�dchen so wichtig war. Er hatte mit ansehen m�ssen, wie die Quorrl ihr ganzes Dorf ausgel�scht hatten, ohne auf Frauen und Kinder R�cksicht zu nehmen. Und jetzt machte er sich Sorgen wegen eines einzelnen M�dchens.</p><p>�Wiiiiir m�ssen weeeeg�, sagte der Nahrak neben ihm und ber�hrte ihn fast sanft am Arm. �Wiiiiir m�ssen... flieeehen. K�nnen keinen Angriiiiiff meeeehr abweeehren.� Skar sch�ttelte benommen den Kopf und schob die Hand des Mannes von seinem Arm. �Ihr habt doch noch zwei von den Dingern ...�</p><p>�Deeen <emphasis>Jaertiks</emphasis>...�</p><p>�Ja. Damit k�nntet ihr diesen schleimigen Kreaturen doch ganz sch�n einheizen.�</p><p>�Deeen <emphasis>Khta�m.�</emphasis></p><p><emphasis>�Khta�m?�, </emphasis>fragte Skar verwirrt. �Ich dachte, das w�ren diese�, er ballte eine Faust, �diese kleinen, flitzenden Dingern mit den vielen Z�hnen.�</p><p>�Auch�, nickte der Nahrak. <emphasis>�Khta�m </emphasis>hat viiiiiiiiele Gesichter.�</p><p>�Auch das noch�, st�hnte Skar. �Hei�t das etwa, dass es noch Schlimmeres gibt als diesen ... diesen letzten, diesen gro�en <emphasis>Khta�m, </emphasis>den du vernichtet hast?�</p><p>�Es giiiiiibt immer Schliiiiiiimmeres�, sagte der Nahrak ausweichend. �Aber nun komm.�</p><p>�Und das M�dchen?�</p><p>Der Mann runzelte die Stirn, als h�tte er die Frage nicht verstanden. Erst als er begriff, dass Skar auf einer Antwort bestehen w�rde, sagte er: �Sie ist jetzt niiiicht wiiiichtig. Vielleicht sp�ter.�</p><p>Skar war versucht den Nahrak kurzerhand bei den Schultern zu packen und durchzusch�tteln. Er war nie cholerisch gewesen, aber dieses ausweichende und umst�ndliche Gerede machte ihn wahnsinnig. �Es ist mir egal, was du sagst�, brummte er jedoch stattdessen. �Ich werde sie jetzt suchen gehen. Sie kann ja nicht weit gekommen sein.� <emphasis>Wenn sie �berhaupt noch lebt, </emphasis>f�gte er in Gedanken hinzu. Ohne weiter auf die beiden M�nner zu achten, humpelte er weiter. Das Gewimmel zu seinen F��en wirkte noch immer ziellos und zuf�llig. Aber er war sich sicher, dass das nicht mehr lange so bleiben w�rde. Irgendetwas braute sich hier zusammen ... etwas, das mit <emphasis>n�chster Angriffswelle </emphasis>nur sehr unvollkommen beschrieben w�re. Vielleicht hatten die Nahrak ja Recht und es lauerte hier unten noch etwas ganz anderes, etwas, das auch zu dieser Gattung der <emphasis>Khta�m </emphasis>geh�rte. Es war ein tief beklemmendes Gef�hl, das Skar mit diesem Gedanken verband, etwas, das tief in ihm auf eine Resonanz stie�, auf ein geheimes, vielleicht uraltes Wissen, auf etwas, das mit mehr zu tun hatte als mit einem simplen Machtkampf unbekannter und unbegreiflicher M�chte...</p><p>Der Felsvorsprung, auf den er zusteuerte, sah aus der N�he ganz anders aus, als er vermutete hatte. Er war nicht nur eine Unregelm��igkeit in der Wand, ein zuf�lliges Spiel der Natur, die diese H�hle geschaffen hatte, sondern eher ein Zugang, der in einen anderen, halb verborgenen Bereich des unterirdischen Labyrinths f�hrte. Er w�nschte sich, er h�tte eine Fackel bei sich, denn die schwache, gr�nliche Beleuchtung leuchtete den Bereich hinter dem Vorsprung nur sehr unvollkommen aus.</p><p>�Faaalscher Weg�, sagte der Nahrak neben ihm nerv�s, w�hrend seine Augen unruhig hin und her wanderten, als suche er nach den Anzeichen eines bevorstehenden Angriffs.</p><p>�Ihr solltet besser nach Kama sehen�, sagte Skar. �Ich mach das hier schon. In einer paar Minuten bin ich zur�ck.� Der Nahrak sch�ttelte den Kopf. �Wir niiiiicht haben so viel Zeit�, wiederholte er stur. �Wenn wir niiiiicht gleich gehen, es kaaann sein zu sp�t.�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Skar. �Es kann immer zu sp�t sein.� Er machte eine ungeduldige Handbewegung. �Und nun geht - und lasst mich in Ruhe.�</p><p>Die Reaktion des Nahrak war ganz so, wie er bef�rchtet hatte. Er wechselte mit seinem Artgenossen einen Blick und es sah ganz so aus, als st�nden sie kurz davor, sich auf Skar zu st�rzen, um ihn mit Gewalt von seinem Vorhaben abzubringen. Das h�tte ihm gerade noch gefehlt. Nachdem er bereits Kama ohne viel Zartgef�hl ausgeschaltet hatte, wollte er sich nicht auch noch an diesen beiden die H�nde schmutzig machen.</p><p>Die Nahrak schienen die unruhige Bewegung, die sein <emphasis>Tschekal </emphasis>beschrieb, als das zu deuten, was sie war: als Drohung. Dennoch sagte der Mann, der sich zum neuen Wortf�hrer aufgeschwungen hatte: �Es ist niiiiicht gut. Niiiiicht richtig.�</p><p>�Je l�nger wir dar�ber streiten, umso mehr Zeit vertr�deln wir�, stellte Skar fest. �Ich sehe jetzt zu, dass ich Esanna finde, und dann verschwinden wir von hier.�</p><p>�Dann wiiiir kommen mit�, sagte der Nahrak unger�hrt. Skar seufzte und drehte sich wieder um, ohne seine ungeliebte Leibgarde weiter zu beachten. Es war eine unwirkliche Atmosph�re, in die er schon nach wenigen Schritten eintauchte. Das gr�ne Leuchten reichte weiter, als er gedacht hatte, aber es ver�nderte sich, wurde intensiver, glich eher dem Farbton einer frischen Pflanze, die durch einen kr�ftigen Regenguss zum Leben erweckt worden war. Auch hier wimmelte und kroch es um die W�nde herum; schwarze, dunkle Ungeheuer, �hnlich den behaarten, vielfingerigen Wesen, die er f�r Khta�m-Larven gehalten hatte, die aber vielleicht etwas ganz anderes waren, vielleicht nicht mehr als eine Manifestation dessen, was sich ganz allgemein hinter dem Begriff <emphasis>Khta�m </emphasis>verbarg.</p><p>Skar versuchte diesem widerlichen Treiben keine Aufmerksamkeit zu schenken. Solange sie ihn in Ruhe lie�en, brachte ihm eine Auseinandersetzung mit diesen Wesen nichts. Irgendetwas in seinem Inneren fl�sterte ihm zu, dass er sich dennoch vor ihnen in Acht nehmen sollte, dass sie jederzeit �ber ihn herfallen konnten wie eine vor Hunger wahnsinnige Rattenschar - aber dann blieb immer noch genug Zeit, sich dar�ber Gedanken zu machen.</p><p>Was ihm dagegen akut Sorgen bereitete, war, dass er keine Spur von Esanna entdecken konnte. Es konnte sein, dass sich das M�dchen bei dem Sturz so schwer verletzt hatte, dass sie benommen und ohne zu wissen, was sie eigentlich tat, weggekrochen war, aber genauso gut konnte sie verschleppt worden sein.</p><p>�Habt ihr gesehen, was aus dem M�dchen geworden ist?�, fragte er leise.</p><p>Der neben ihm gehende Nahrak sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein. Anderes war wiiiichtiger.�</p><p>�Ja�, sagte Skar mit einem ungerechten Zorn in der Stimme, �und deswegen m�ssen wir sie jetzt suchen.�</p><p>�Das wir niiicht m�ssen�, widersprach der Nahrak.</p><p>�Auch jetzt sein anderes wiiiichtiger.�</p><p>�Und was?�, fragte Skar fast gegen seinen Willen.</p><p>�Dem <emphasis>Khta�m </emphasis>zu entkommen�, sagte der Nahrak. �Und danach deeeen Krieg gegen die Quorrl zu beeeenden. Das T�ten muss ein Ende haben.�</p><p>�Im Augenblick ist mir <emphasis>dieses </emphasis>T�ten herzlich egal�, sagte Skar. �F�r den Anfang w�rde es mir schon reichen, wenn wir endlich aus der H�hle rausk�men. <emphasis>Mit dem M�dchen.�</emphasis> Trotz seiner schroffen Ablehnung sp�rte er das tiefe Unbehagen, das die Worte des Nahrak in ihm ausgel�st hatten. Er wollte nichts mit einem Krieg zu tun haben, er wollte keine Verantwortung �bernehmen - und er wollte nicht von ein paar dahergelaufenen kleinen, waffenlosen M�nnern zu irgendetwas gen�tigt werden.</p><p>�Es ist etwas daaa vorne�, sagte der Nahrak pl�tzlich. Skar starrte angestrengt in das Halbdunkel. Auch ihm war w�hrend der letzten Schritte eine fast unmerkliche Ver�nderung aufgefallen; w�hrend die hinter ihnen liegende H�hle so gro� war wie der Thronsaal der Margoi, kamen sie jetzt in einen schmalen, verwinkelten Bereich, mit vielen Nischen und Vorspr�ngen, und teilweise schrumpfte die Breite des Durchgangs auf wenige Schulterbreiten, w�hrend gleichzeitig die zerkl�ftete Decke stellenweise so tief hinabreichte, dass er an einigen Stellen den Kopf einziehen musste. Doch irgendwo, dicht vor ihm, das konnte er geradezu sp�ren, tat sich wieder eine H�hle auf, die gigantisch sein musste und schon jetzt, kurz bevor sie sie erreichten, das Echo ihrer Stimmen merkw�rdig verzerrt zur�ckwarf. Aber was der Nahrak gemeint hatte, war etwas anderes. Es war etwas, was ihn auf be�ngstigende Weise an seine Vergangenheit erinnerte, obwohl er wusste, dass er es noch nie gesehen hatte ... und er sp�rte pl�tzlich, wie hei� und stickig es hier war und wie etwas seine Gedanken verwirrte, ein Entsetzen, eine Vorahnung oder schon eher das Wissen, dass ihm eine grausige Entdeckung bevorstand.</p><p>Der k�hle Hauch, der bislang f�r einen st�ndigen frischen Wind gesorgt hatte, war einem stickigen, abgestandenen und fast brackigen Gestank gewichen, aber da war auch noch etwas anderes - der s��lich bittere Geruch nach Verwesung und Tod. Seine Bewegungen wurden schwerf�lliger und er hatte das Gef�hl kaum noch Luft zu bekommen. Vor seinen Augen tanzten bunte Kreise und seine Lungen schmerzten, als h�tte er soeben eine au�ergew�hnliche k�rperliche Leistung vollbracht.</p><p>�Da�, sagte der Nahrak ungew�hnlich aufgeregt und deutete vor sich auf eine Reihe von Nischen, die sich wie aufgereiht vor ihnen an einer fast ebenm��igen Wand entlangzogen. �Dort ist etwaaas.�</p><p>Skar sch�ttelte verwirrt den Kopf. Es waren nicht nur die Nischen, es war die ganze H�hle, die sich vor ihnen in unglaublichen Dimensionen er�ffnete: Er konnte das drohende Unheil geradezu k�rperlich sp�ren. Vielleicht w�rde er hier auf die tote Esanna sto�en, vielleicht aber auch auf etwas anderes, von dem er nichts wissen wollte und das sich ihm in geradezu obsz�ner Weise pr�sentieren wollte. Er ertappte sich dabei, wie er den Griff seines Schwerts fester umklammerte, so als habe er Angst, dass es ihm jemand entrei�en k�nnte. Wie kam er blo� auf so verschrobene Gedanken? War es die morbide Atmosph�re hier unten oder war es tats�chlich so etwas wie eine Vorahnung? �Warum du niiiicht gehen weiter?�, fragte der Nahrak. Die Frage war berechtigt, fand Skar, und doch konnte er sich nicht aufraffen auch nur einen weiteren Schritt in die H�hle vor ihm zu machen. Ganz im Gegenteil. Das beklemmende Gef�hl in ihm nahm genauso zu wie die Atemnot und aus den vor seinen Augen tanzenden Flecken wurde eine Schw�rze, die ihn vollkommen gefangen nahm ... er knickte in die Knie ein und w�re zweifelsohne gest�rzt, wenn die Nahrak nicht schnell und konsequent reagiert h�tten.</p><p>�Es ... geht... schon�, h�rte er sich sagen, aber seine Stimme klang in seinen eigenen Ohren so weit und fern, als w�rde sie jemand anderem geh�ren. Zugleich h�mmerte sein Herz so laut und heftig, dass ihn jeder einzelne Schlag schmerzhaft durchzuckte. Trotzdem versuchte er die st�tzenden H�nde der helfenden Nahrak beiseite zu schieben. �Wiiir m�ssen weiter�, sagte der Nahrak.</p><p>Die Worte lie�en Skar schaudern und er h�tte am liebsten <emphasis>Nein! </emphasis>geschrien, denn er hatte die abstruse Vorstellung, die beiden M�nner wollten ihn nur wieder zur�ck in die H�hle schleifen, weg von Esanna, die hier irgendwo vor ihm wartete, und gleichzeitig hatte er die Angst, Decken und W�nde konnten aufplatzen unter dem Druck tausender von Khta�m-Larven, und dann durchzuckte ihn die Erkenntnis, dass vielleicht das gesamte H�hlensystem der <emphasis>Khta�m </emphasis>war und er, Esanna und die Nahrak nichts weiter waren als eine willkommene Zwischenmahlzeit, die auch noch freiwillig in die Verdauungsorgane dieses unbegreiflichen Lebewesens spaziert waren.</p><p>�Niiiicht mehr weit�, h�rte er die Stimme des Nahrak aus grausamer Entfernung. Aber er wollte nicht zur�ck, er wollte weitergehen und er musste etwas unternehmen und vielleicht waren ja auch die Nahrak Bestandteile des b�sen Spiels, mit dem er hier in die Falle gelockt werden sollte.</p></section><section><title><p id="_02_06">2.6</p></title><p>Es war wie ein Traum, ein b�ser, grausamer, nicht enden wollender Traum, aber er war von f�rchterlicher Realit�t und er dauerte nur Minuten, aber sie dehnten sich zu Ewigkeiten der Qual. Skar zwang sich weiter, Schritt f�r Schritt, und er w�re gest�rzt, wenn ihn nicht die beiden Nahrak gest�tzt h�tten. Zuerst wusste er nicht, ob sie ihn nicht doch zur�ckschleppten in die H�hle, in der sie Kama zur�ckgelassen hatten, ohne sich auch nur ein einziges Mal von der Schwere seiner Verletzung �berzeugt zu haben. Doch dann drang das wei�gr�nliche Licht durch seine Lider, das er von au�en gesehen hatte und das die Nischen anstrahlte wie eine besondere Kostbarkeit, die es zur Schau zu stellen galt.</p><p>Nach einer Weile ebbten die krampfhaften Schmerzen ab und sein Atem beruhigte sich wieder - und trotzdem war er nach wie vor auf die Hilfe der Nahrak angewiesen, die sich wie huschende, lautlose Schatten bewegten und so sehr mit ihrer Umgebung verschmolzen, dass er sich ihrer kaum bewusst gewesen w�re, w�rde er nicht ihren sanften und dennoch kraftvollen Druck auf seinen Armen gesp�rt haben, mit dem sie ihn erstaunlich rasch vorw�rts schoben. �Das Wabengespinst�, sagte einer der Nahrak und in seiner Stimme schwang so viel Entsetzen und �berraschung mit, dass Skar unwillk�rlich die Luft anhielt.</p><p>�Was ... was ist das?�, kr�chzte Skar. Er riss so weit wie m�glich die Augen auf und erkannte nichts anderes als ein feines Gespinst, das sich mannshoch aus den Nischen vorw�lbte, sodass sie �hnlich wie eingewobene Statuen aussahen und doch viel bizarrer; er glaubte feine Bewegungen in dem Netz zu erkennen und auch in dem, was dahinter steckte ...</p><p>Vor Jahren hatte er einen Sarkophag in einem Tempel von Karanda gesehen, der den auf eigent�mliche Art mumifizierten Leichnam des obersten Priesters der Steppenmenschen enthielt, auch dieser hatte sich bewegt: Ekelhaft krabbelndes Gew�rm war �ber den frisch Einbalsamierten gekrochen und in ihn hinein, bis er nahezu eigenst�ndige Bewegungen vollf�hrt hatte: durchaus gewollt, denn so nahm er, glaubten die Steppenmenschen, Abschied von seiner Priesterschaft und den Gl�ubigen. Erst wenn seine erzwungenen Bewegungen erlahmten, konnte sein Nachfolger die Weihe empfangen.</p><p>Das hier aber war etwas ganz anderes. Die auf dem Boden huschenden Monster waren nicht eingebunden in das Zittern und Beben des Gespinstes, das sich �ber jede einzelne dieser <emphasis>Statuen zog, </emphasis>und es waren auch sonst keine Kreaturen daran beteiligt. Das Gespinst als solches war es, das lebte, ein filigranes Netz, das sich eng um das h�llte, was immer es verbarg und das mit seinem Beben etwas ausdr�cken wollte, das er nicht verstand.</p><p>�Vorsiiiiicht!�, schrie der Nahrak und packte seinen Arm mit einer erstaunlichen Kraft, sodass Skar gar nichts anderes �brig blieb, als stehen zu bleiben. Als er begriff, dass er fast ins Leere getreten war, schien sein Herz f�r einen Moment auszusetzen, um dann mit doppelter Wucht und fast schmerzhaft weiterzuh�mmern.</p><p>Es war ein unglaublicher Anblick. Direkt unter ihm, nur wenige Zoll von seinen Fu�spitzen entfernt, tat sich ein Abgrund auf, wie er gewaltiger nicht h�tte sein k�nnen. Ein Schwall feuchtwarmer, nach F�ulnis riechender Luft schlug ihm entgegen, der Odem von etwas, das nicht nur einen Modergeruch verstr�mte, sondern auch so pr�sent war, dass Skar seine Anwesenheit fast sp�ren konnte.</p><p>Aber das war noch nicht alles. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Skar in die Unendlichkeit unter sich, bevor sein Blick nach oben und dann fassungslos hin und her wanderte. Das sonderbar gebrochene und diffuse Licht machte es unm�glich, Entfernungen richtig einzusch�tzen, aber Skar war sich sicher, dass er noch nie so etwas Gigantisches gesehen hatte wie diesen Abgrund und den sich dar�ber spannenden H�hlenhimmel.</p><p>Er hatte geglaubt, dass sie in einen engeren und �berschaubareren Bereich des H�hlenlabyrinths geraten waren. Aber das genaue Gegenteil war der Fall: Er war geradewegs in einen so monstr�sen Bereich dieser unterirdischen Falle gelangt, dass er nicht einmal im Ansatz begriff, wie so etwas existieren konnte, ohne dass sich die Kunde von diesem Weltwunder auf ganz Enwor wie ein Lauffeuer verbreitete - und wie h�tte es �ber die Jahrtausende verborgen bleiben k�nnen? Man h�tte eine komplette Stadt wie Besh-Ikne oder Went in dieser H�hle verstecken k�nnen - vorausgesetzt, sie h�tte massiven Boden gehabt.</p><p>Aber das hatte sie nicht. Es war nicht mehr als ein schmaler Rand, der sich um diese fast obsz�ne �ffnung schl�ngelte, nicht sehr regelm��ig, aber doch breit genug, um die H�hle ohne Gefahr begehen zu k�nnen. Die von dem feinen, sich bewegenden Gespinst �berzogenen Nischen an den W�nden, die sich zu beiden Seiten von ihm wegschl�ngelten, waren beklemmend genug, aber diese.... diese �bersteigerte �ffnung im Scho� des Berges und der sich dar�ber w�lbende Himmel aus scharfkantigem Gestein �berforderten seine Sinne und seinen Verstand.</p><p>�Weeeg�, schrie der Nahrak und versuchte Skar zur�ckzuziehen.</p><p>Skar wandte sich zu ihm um, immer noch leicht schwankend, aber mit einer so eindeutig drohenden Bewegung, dass die meisten Menschen automatisch ein paar Schritte zur�ckgewichen w�ren, doch die beiden Nahrak dachten gar nicht daran. Sie blieben vollkommen verwirrt und erschrocken stehen - aber weniger seinetwegen als vielmehr wegen dieses unglaublichen Lochs im Boden, in das sie fast hineingestolpert w�ren und das einen so gigantischen Durchmesser hatte, dass Skar noch nicht einmal den Rand auf der anderen Seite sehen konnte.</p><p>�Weeeg�, wiederholte der Nahrak noch einmal, aber statt seiner Aufforderung selbst Folge zu leisten, trat er sogar noch einen Schritt auf ihn zu.</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. Er wollte nicht zur�ck, hatte es nie gewollt - und nun schon gar nicht mehr, wobei es ihm nicht mehr nur um Esanna ging (war sie vielleicht in diesen unendlichen Abgrund gestolpert?), sondern auch darum, das Geheimnis dieses Schlunds zu ergr�nden, in dessen Zentrum er den Ursprung der Angriffe vermutete. �Nein�, sagte er, als der Nahrak ihn packen wollte. �Nicht. Lasst mich in Ruhe, beide.�</p><p>Schwei� stand auf der Stirn des Mannes und er sah ihn so entsetzt an, als habe Skar endg�ltig den Verstand verloren, als w�re er bereit freiwillig in den Tod zu gehen. Einen Augenblick glaubte er schon, die beiden w�rden aufgeben, sich einfach umdrehen, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden, aber das Funkeln in ihren Augen sprach eine andere Sprache.</p><p>Es war ausgerechnet der Mann, der bislang noch kein Wort gesagt hatte, der glaubte ihn mit Gewalt umstimmen zu k�nnen. Die Hand des Nahrak krallte sich jetzt in Skars Brustharnisch und riss mit erstaunlicher Kraft an ihm. W�re Skar ausgeruht und unverletzt gewesen, h�tte er den Mann mit einem Schlag seiner flachen Hand zur�cktaumeln lassen, um dann nachzusetzen und ihn auf eine Art unsch�dlich zu machen, die ihm keine ernsthafte Verletzung zugef�gt h�tte. Doch so war seine Abwehr zu langsam und ungeschickt. Statt die Brust des Mannes traf er seine Schulter. Der Nahrak nahm dem Schlag mit einem Seitw�rtsschritt die Energie, glitt in einer eleganten und gleichzeitig blitzschnellen Bewegung an Skar vorbei und war in seinem R�cken, bevor der Satai wusste, wie ihm geschah.</p><p>In jeder anderen Situation w�re diese Reaktion richtig gewesen. Am Rande des Abgrunds allerdings war sie Selbstmord. Als der Nahrak das begriff und mit einem gewaltigen Satz zur�ckspringen wollte, war es schon zu sp�t. Sein Pech war es, dass Skar genau in diesem Moment mit der Kraft eines gereizten B�ren den Ellbogen zur�ckrammte, ohne sich umzudrehen und ohne in diesem Sekundenbruchteil zu erfassen, was diese an sich recht harmlose Abwehr f�r Folgen haben konnte.</p><p>Der Aufprall schleuderte den Mann zur�ck, ein, zwei Schritt nur, aber zu weit, um ihn noch rechtzeitig Boden unter den F��en finden zu lassen. Einen verzweifelten Augenblick lang ruderte der Nahrak wie wild mit den Armen in der Luft. Er stie� einen entsetzten Laut aus und schaffte tats�chlich das unglaubliche Kunstst�ck, noch in der Fallbewegung den Oberk�rper vorschnellen zu lassen. Seine H�nde stie�en vor, auf den Rand des verschlingenden Schachts zu.</p><p>Als Skar herumschwang, sah er den Mann im wahrsten Sinne des Wortes hinabfahren. Er reagierte langsam und ungeschickt und mit dem Reflex des stark angeschlagenen Kriegers, der auch dann ohne Nachzudenken handelt, wenn es besser gewesen w�re, erst einmal innezuhalten. Mit einem kurzen, schlecht gezielten Satz sprang er vor, auf den Nahrak und damit auf den Abgrund zu. Als seine F��e dicht am Rand aufkamen, rutschte er noch ein St�ck weiter auf die verschlingende Finsternis zu, mehr in Gefahr selbst hinabzust�rzen, als dem Mann eine Hilfe zu sein.</p><p>Der Nahrak hatte es durch seine artistische Leistung geschafft, den sofortigen Absturz zu verhindern und klebte jetzt regelrecht an der Wand. Seine Finger hatten in der fast glatten Wand kaum gen�gend Halt gefunden, um sein K�rpergewicht zu tragen, und wahrscheinlich w�re jeder normale Mensch schon mit einem Aufschrei in der Tiefe verschwunden, aber er schaffte es sogar, Zoll f�r Zoll seinen Oberk�rper nach oben zu schieben.</p><p>Seine Schulter war gerade auf der H�he des Rands, als Skar auf ihn zugeschlittert kam. F�r Skar bedeutete es die Rettung, da so sein Fu� Widerstand fand und nicht Gefahr lief, vollends �ber den Rand zu schlittern.</p><p>Der Nahrak war weniger gl�cklich dran. Skars Schubser mit dem Satai-Stiefel brachte ihn endg�ltig aus der Balance, zerst�rte das fragile Gleichgewicht, in das er seinen K�rper ausgependelt hatte und lie� ihn zur�ckschwingen. Der Mann stie� einen verzweifelten Schrei aus, kein Wunder angesichts der Unendlichkeit unter ihm; doch trotzdem bewies er auch diesmal eiserne Nerven und unglaubliche Geschicklichkeit, indem er seine H�nde zur�ckriss, ein St�ck weit hinabrutschte, um dann wieder in einer gezielten Bewegung vorzuschnellen und sich in der Wand zu verkrallen.</p><p>Es war allerdings fraglich, ob er es schaffen w�rde, sich aus dieser Position wieder von selbst nach oben zu hangeln. Skar konnte ihm nicht helfen, zumindest nicht im Augenblick; dazu war er viel zu sehr mit sich selbst besch�ftigt. Wie ein Hochseilartist auf dem Draht breitete er die Arme aus, um sein Gleichgewicht auszubalancieren, damit er nicht Gefahr lief dem Nahrak zu folgen.</p><p>�Zur Seite�, zischte der andere Nahrak.</p><p>Skar w�re der Aufforderung gerne nachgekommen, aber er registrierte seine Umgebung nur mit einem Teil seines Bewusstseins. Er war fast besinnungslos und fast wahnsinnig vor Angst - einer Angst, die viel gr��er war, als es angesichts der Situation gerechtfertigt war. Es war fast so, als w�re er nicht mehr Herr seines Willens, als wolle ihn etwas hinabziehen in den Schlund, der ihm wie das weit aufgerissene Maul eines Monsters vorkam. Trotzdem lie� er sich, kaum hatte er das Gleichgewicht wieder gefunden, auf die Knie hinab und streckte die rechte Hand in die lockende Tiefe hinab, nachdem er das Schwert in die Scheide zur�ckgeschoben hatte. Der Nahrak hatte ein Recht darauf, gerettet zu werden, von ihm gerettet zu werden, denn er war es gewesen, der ihn in diese f�rchterliche Lage gebracht hatte...</p><p>Er sah den anderen Nahrak neben sich aufragen, sp�rte seine Hand, mit der er ihn beiseite schieben wollte, auf seinem Nacken. Einem grausamen Reflex folgend, packte er das Handgelenk des Mannes, um es herumzudrehen und den Mann wie eine willenlose Puppe an sich vorbeifliegen zu lassen.</p><p>Der Nahrak stie� einen gellenden Schrei aus und versuchte noch im Fall, seinem K�rper durch eine schnelle Drehung eine andere Richtung zu verleihen. Aber es war zu sp�t. Er st�rzte hilflos in die Tiefe, ein zappelndes, sich str�ubendes B�ndel Mensch, ohne die geringste Chance und mit dem sicheren Tod vor Augen.</p><p>Auch als Skar sich schon wieder hochgestemmt hatte, hallte sein Schrei noch aus der Tiefe empor. Skar verstand �berhaupt nicht, wie es dazu hatte kommen k�nnen. Etwas rebellierte in ihm angesichts des unsinnigen Todes dieses Mannes, der nichts anderes gewollt hatte, als ihm zu helfen, und sein Herz jagte, als w�re er um sein Leben gerannt; und ganz beil�ufig fragte er sich dabei, <emphasis>wie </emphasis>tief sich der Abgrund eigentlich in die Tiefe bohrte, dass er immer noch den Todesschrei des Nahrak h�rte.</p><p>In diesem Moment verstummte der Schrei, riss einfach von einem Sekundenbruchteil auf den anderen ab. Es war kein Aufprallger�usch zu h�ren, einfach �berhaupt nichts mehr. Aber es war klar, was mit einem Menschen passierte, der aus so gro�er H�he auf eine harte Oberfl�che aufschlug: Er wurde zerrissen, vollkommen zerst�ckelt und die herumfliegenden Teile seines K�rpers w�rden wie Wurfgeschosse durch die Luft sausen, gefolgt von Hirn- und Knochensplittern, und bei dem Gedanken an den bedauernswerten Nahrak sp�rte Skar, wie sich eine Eisesk�lte in seinem K�rper ausbreitete.</p><p>Erst nach ein paar weiteren, fassungslosen Herzschl�gen begriff er, dass er �ber den Todessturz den anderen Nahrak vergessen hatte, der noch immer verzweifelt um sein Leben k�mpfte.</p><p>Ganz vorsichtig schob er sich an den Rand heran, bem�ht, nicht die dr�uenden Schatten aus seinem Blickfeld zu bannen, die sich unter ihm auftaten. Es kam ihm vor wie ein entsetzlicher, nicht enden wollender Traum, in dem sich Sekunden zu Stunden dehnten und in dem er nicht verantwortlich war f�r das, was er tat, kaum mehr als ein stummer Beobachter, der seine Handlungen nicht wirklich kontrollieren konnte - und das, obwohl er mit einem anderen, klar gebliebenen Teil seines Bewusstseins durchaus begriff, dass er etwas Schreckliches getan hatte und im Begriff war noch etwas viel Grausameres zu tun.</p><p>Der Nahrak war erstaunlich. M�hsam, aber effektiv schob er sich St�ck f�r St�ck weiter nach oben. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis er seine Hand �ber den Rand hinausschob und sich endg�ltig aus der Gefahrenzone ziehen w�rde.</p><p>Skar schob sich ein St�ck vor, weit genug, um sein Vorhaben auszuf�hren, den Plan in die Tat umzusetzen, den etwas Anderes f�r ihn bereits die ganze Zeit �ber verfolgt hatte, und trat ihm mit aller Wucht auf die Hand. Der Mann stie� einen erstickten Schrei aus, schaffte es aber immer noch, sich festzuhalten. Skar musste noch zweimal zutreten, bis er endlich loslie� und dem anderen in die Tiefe folgte.</p><p>Diesmal war Skar nicht �berrascht, wie lange der Schrei des zu Tode st�rzenden Nahrak dauerte. Aber er sp�rte unglaubliches Entsetzen �ber seine Tat. Ihm war, als w�re er f�r einen Moment weggetreten, in einen Sekundenschlaf gefallen, um einer vergifteten Eisesk�lte Platz zu machen, die sich in seine Seele, in seinen K�rper eingeschlichen hatte, um etwas zu tun, was nicht h�tte getan werden d�rfen. Die innere Qual, das Schuldgef�hl, die Selbstanklage und der Geschmack von Sch�ndlichkeit in seinem Mund - auf alles war er gefasst, aber da war noch etwas anderes, ein marterndes Rei�en und Zerren, das ihm die Brust zusammenschn�rte und die Muskeln verkrampfte, sodass er nur noch schreien wollte, schreien, schreien ...</p><p>Ihm wurde �bel. In seinem Kopf pochte es und brannte. Ihm war, als w�rde sein K�rper zerbr�ckeln, in St�cke zerfallen. Verdammt, er war tot gewesen, TOT, und nun war er nur wieder zur�ckgekehrt, um ein Monster zu werden, um Dinge zu tun, die er sich fr�her nicht einmal in seinen wildesten Rachephantasien ertr�umt hatte. Er starrte blind vor sich hin und wurde sich der Leere bewusst, die immer mehr zunahm und sich eng um seine Kehle wand und versuchte ihn herunterzuziehen, hinab in den Schlund, in das lockende Nichts, in den Anfang und das Ende einer ganzen Welt, die hier ihren Ursprung genommen hatte und immer wieder ihren Ursprung nehmen w�rde, um alles zu �berfluten, zu �bersch�tten und mit riesigen Flutwellen zu begraben Er sah und h�rte nichts mehr. Er starrte. Er starrte aus seiner Leere in eine Leere. Er starrte aus einem Abgrund in einen Abgrund - von einem Ende zu einem Anfang, von seinem Anfang zu seinem Ende.</p><p>Er schob sich vorw�rts ... langsam. Die Leere nahm zu. Der Abgrund vertiefte sich. Sein Mund war wie mit fl�ssigem Blei ausgegossen. Die kleinste Bewegung tat weh. Er hielt inne. Sein Kopf wirbelte. Seine H�nde krallten sich in seine nackten Beine.</p><p>Aber er sprang nicht. Noch nicht.</p><p>Eine neue Plage wand sich wurmgleich aus der Tiefe in sein Bewusstsein empor, ein leises Fl�stern, das zur donnernden Gewissheit wurde und ihn durchpulste, als w�re das brennende Schuldgef�hl nichts weiter als eine belanglose Nebens�chlichkeit. Einen kurzen Augenblick lang versuchte er es niederzuk�mpfen und zu leugnen, doch dann streckte er die Waffen vor der unbestreitbaren Tatsache, dass er nicht sicher sein konnte, ob er in einer �hnlichen Situation nicht wieder so handeln w�rde. Es war etwas in ihm, etwas, das ihn als einen willenlosen Spielball betrachtete, und wenn er dieser Gewissheit ihren unausweichlichen Platz einr�umte, folgte eine andere: dass er keine Ahnung hatte, was da mit ihm geschah und dass er noch weniger wusste, wie er dem Einhalt gebieten konnte.</p><p>Er schauderte. Ein Gef�hl eisiger K�lte durchflutete ihn und ganz pl�tzlich hatte er Angst, panische Angst. Er wusste, dass er dieses fremde Etwas eingeschlossen halten musste, dass er lernen musste es zu kontrollieren, da es sonst nicht nur ihn, sondern noch weit mehr vernichten w�rde: vielleicht nicht nur ein paar wenige Menschen, sondern etwas, was das labile Gleichgewicht Enwors endg�ltig zerst�ren w�rde.</p><p>Er hatte keine Wahl, er musste sich der Auseinandersetzung stellen; nichts au�er seiner Vergangenheit, keine einzelne Erfahrung hatte ihn auf eine solche Situation vorbereitet, konnte ihm einen Hinweis darauf geben, wie er sich zu verhalten hatte - nach einem kaltbl�tigen Mord. Es mochte Gr�nde geben, dass sein Instinkt (oder was er daf�r hielt) ihn so hatte handeln lassen und m�glicherweise gab es einen gr��eren Zusammenhang, der ihn irgendwann w�rde begreifen lassen, dass diese unmenschliche Tat ihren ganz eigenen Sinn gehabt hatte und letztlich damit richtig gewesen war.</p><p>Aber das war Bl�dsinn. Jeder Mensch hatte eine Grenze, eine allerletzte Barriere, die zu �berwinden bedeutete, alle Selbstachtung zu verlieren und sich einem alles verschlingenden Sog auszuliefern. Er war sich durchaus bewusst, dass ihn eine Kraft antrieb, die st�rker war als er selbst, und dass sie ihn den Pforten des Irrsinns und des Todes entgegentrieb, nun, nachdem er seine Grenze soeben �berschritten hatte - aber das wusch ihn nicht frei von der Schuld, die er auf sich geladen hatte.</p><p>Trotzdem - er konnte hier nicht einfach stehen bleiben in dieser gewaltigen, von einer nat�rlichen Kuppel �berspannten H�hle. Er musste tun, was getan werden musste.</p><p>Obwohl ihm allein die Vorstellung gro�en Widerwillen bereitete, schob er seinen Oberk�rper weiter vor, sodass er ungehindert hinabblicken konnte - so weit an das Unbeschreibliche heran, das sich vor ihm auftat, wie er es wagte, ohne vom Sog der Tiefe hinabgerissen zu werden. Je n�her er r�ckte, umso weniger verstand er, was er sah, und noch viel weniger verstand er, welchen Sinn dieser abstruse Schacht hatte, der sich wie ein H�llenschlund vor ihm in die klaffende Tiefe bohrte.</p><p>Im ersten Moment hatte er das Gef�hl, dass vor ihm der Rand der Welt lag, das gro�e Nichts, die Leere, aus der alles Leben kam und in die es zur�ckkehrte, ein Abgrund, Meilen um Meilen tief, um im Nirgendwo zu enden, in einer Tiefe, aus der es keine Wiederkehr gab. Soweit es die beiden Nahrak betraf, die er hinabgest�rzt hatte, traf das ja auch zu. Aber m�glicherweise nicht f�r das Gekrabbel, das er erst in diesem Moment bemerkte.</p><p>Und dann sah er auch, warum.</p><p>Das Loch dehnte sich zwar unendlich weit in die Tiefe aus, aber die Innenwand war bei weitem nicht so glatt, wie er im ersten Moment geglaubt hatte: Es taten sich zahllose unterschiedlich gro�e und verschieden geformte Vorspr�nge und Ausw�chse auf, die nicht leer waren, sondern wimmelndes, kreuz und quer schleimendes Leben beherbergten. Zwischen den Vorspr�ngen spannten sich schwarze Felsw�lste wie steinerne Adern, die in scheinbar willk�rlichem Hin und Her nach unten f�hrten und sich an vielen Stellen ber�hrten, ohne sich aber regelrecht zu kreuzen; denn dort, wo sie aneinander stie�en, glitten sie �bereinander wie riesenhafte, b�sartige W�rmer, die mitten in der Bewegung erstarrt waren.</p><p>Auch auf diesen W�lsten waren die schauderhaften Ausw�chse der <emphasis>Khta�m </emphasis>am Werk; ein Wuseln, Krabbeln und Schleimen unterschiedlichster Kreaturen, die hin und her huschten, rauf oder runter, als seien die steinernen Adern nichts anderes als Pfade zwischen dieser merkw�rdigen Ober- und einer noch viel unfassbareren Unterwelt. Es war ein Anblick, der ihm den Atem stocken lie�, und pl�tzlich, von einer Sekunde auf die andere, machte sich ein dumpfer, qu�lender Schmerz in ihm bemerkbar, eine v�llig neue Art der Pein, fast, als begriffe er erst jetzt wirklich, was er dort vor sich hatte.</p><p>Es war so etwas wie die Brutst�tte dieser Monster, die sich da unter ihm auftat. Vielleicht lag sie noch viele Meilen unterhalb dieser gigantischen H�hle, aber sie war hier, dessen war er sich absolut sicher. Die Frage war nur, was er mit seinem Wissen anfing. Einen Augenblick lang war er versucht nach einen Felswulst Ausschau zu halten, der ihn nach unten f�hren konnte, aber dann verwarf er den Gedanken sofort wieder. Selbst, wenn er besser in Form gewesen w�re, w�re es mehr als fraglich, ob ihm ein Abstieg in dieses gigantische Loch gelingen w�rde. Es war nicht nur die mehr als riskante Kletterpartie als solche, es waren auch die abertausende kleinerer und gr��erer Kreaturen, die dort auf den Vorspr�ngen lauerten, an denen er gezwungenerma�en vorbeikommen musste - oder in die er sogar treten musste, so dicht, wie dort das Gewimmel war.</p><p>Er konnte sich nur zu gut vorstellen, dass auch einige <emphasis>W�chter </emphasis>unter ihnen waren, die nur darauf lauerten, dass sich ein Unbefugter zur Brutst�tte durchzuschlagen versuchte, um dann gnadenlos �ber ihn herzufallen. Skar konnte sich nicht an einen einzigen kollektiven Brutplatz erinnern, der nicht hervorragend gesichert gewesen w�re - dass die <emphasis>Khta�m </emphasis>ihren Stammplatz um ein Vielfaches heftiger verteidigen w�rden als ein Adler seinen Horst, lag dabei auf der Hand.</p><p>Das dr�ngende Pochen in ihm zog ihn sowieso in eine andere Richtung. Es waren die in ihrer Ebenm��igkeit fast k�nstlich wirkenden Nischen, deren F�dengeflecht sanft und unregelm��ig, aber in einem erkennbaren Rhythmus pulsierte, die ihn anzogen. Der Anblick hatte bereits beim Betreten der H�hle einen fernen Widerhall in seiner Erinnerung ausgel�st, so als h�tten sie einen sehr starken Bezug zu seiner Vergangenheit, obwohl Form und Zusammenhang ganz anders waren ...</p><p>Fast behutsam richtete er sich wieder auf, warf noch einmal einen letzten Blick in die Tiefe und in das gespenstische Treiben auf den Steinadern, das so vollkommen selbstverst�ndlich wirkte wie der Verkehr auf den breiten Stra�en einer gro�en Stadt wie Besh-Ikne und doch zehnmal erschreckender und hundertmal widerw�rtiger war als alles, was er bislang erlebt hatte, und ging dann ein paar Schritte zur�ck in Richtung der Nischen, die jetzt eine geradezu morbide Anziehungskraft auf ihn aus�bten.</p><p>Je n�her er kam, umso mehr fiel ihm auf, dass die krabbelnde Flut in diesem Bereich der H�hle vor ihm zur�ckwich. Es war keine Flucht und es war auch kein Anzeichen von Furcht oder gar Panik in ihren Bewegungen erkennbar, sondern eher das Ausweichen wie vor einem Artgenossen, der vollkommen selbstverst�ndlich respektiert wurde. Was f�r ein gr�sslicher, widerlicher Gedanke.</p><p>Als er der ersten Nische n�her kam, erkannte er, dass das feine Gespinst eher einem Kokon glich als irgendetwas anderem, einer H�lle, wie sie Insekten um ihre Eier spannen. Einen Augenblick f�rchtete er, das sich raschelnd bewegende Geflecht w�rde in allen Nischen gleichzeitig aufplatzen und eine Horrorarmee schwarzer, chitingepanzerter Insektenkrieger mit riesigen Klauen und scharfkantigen Scheren hervorspucken, aber nat�rlich geschah nichts dergleichen. Trotzdem verst�rkte sich seine Unruhe und er sp�rte, wie sich seine brennende Kehle zuschn�rte.</p><p>Der Griff zu seinem Schwert brachte ihm diesmal keine Beruhigung; als er es zog und spielerisch in der Hand wog, f�hlte er sich sogar unruhiger als zuvor, so als habe er Angst davor, dass er mit ihm irgendeinen Unsinn anstellen konnte. Er hatte keine Wahl, wollte er herausbekommen, was es mit diesen verfluchten eingewebten Nischen auf sich hatte, und dennoch scheute er davor zur�ck, die Distanz endg�ltig zu �berwinden, die ihn noch von dem Kokon trennte.</p><p>Die letzten wenigen Schritte wurden zur aufreibenden Qual. Beim Anblick des feinen Gewebes, das nach unten viel weitmaschiger wurde, als er es von weitem erkannt hatte, sp�rte er f�rmlich, wie ihm das ru�ig tr�be Grau unter die Haut kroch und ihm der s�uerliche Geruch, der von ihm ausging, Nase und Kehle verklebte. Sein Blick suchte in dem gl�nzenden, wei�en Kokon ein Zeichen, einen Hinweis darauf, was sich dahinter verbergen k�nnte. Die zitternden, unregelm��igen Bewegungen des Geflechts schienen nicht von innen zu kommen, sondern von ihm selbst auszugehen; aber ganz sicher war er sich nicht. In jedem Fall war es ein absto�ender Anblick und er brauchte nicht seine Phantasie zu strapazieren, um zu ahnen, dass das hier mehr war als nur ein zuf�lliges Naturph�nomen. Dann, ganz pl�tzlich, wusste er, was hinter dem Kokon steckte. Die Umrisse, mochten sie auch noch so undeutlich sein, deuteten eindeutig auf eine menschliche Gestalt hin. Er sp�rte, wie seine innere Verkrampfung mit jeder Sekunde zunahm, als wollte der auf ihm lastende Druck ihn zerst�ren. Es war etwas in ihm, das genau wusste, was er vorfinden w�rde, aber sein Verstand weigerte sich immer noch die Botschaft zu akzeptieren.</p><p>Skar begann am ganzen K�rper zu zittern und auch sein Kopf zitterte so heftig, dass er kaum noch etwas sehen konnte und pl�tzlich stolperte er einen Schritt zur�ck, der ihn fast aus dem Gleichgewicht brachte.</p><p>Es war ein Trugbild gewesen, konnte gar nichts anderes sein. Er wusste gar nicht, wie er auf eine solch verr�ckte Idee kommen konnte. Wie konnte er nur glauben, jemand hinter diesem dicht gewobenen Kokon zu erkennen? Das war unm�glich, vollkommen ausgeschlossen.</p><p>Und doch ...</p><p>Z�gernd trat er wieder vor, auf das �bel riechende, absto�ende Gespinst zu, das nun st�rker pulsierte, als wolle es sich dem Rhythmus seines schnell schlagenden Herzens anpassen. Sein ganzer K�rper brodelte vor Empfindungen, die ihn zu �berw�ltigen drohten. Trotzdem nahm er das H�mmern in seiner Brust kaum wahr, ebenso wenig wie das Zucken und Ziehen in seinen Eingeweiden und das leichte Zittern seiner Schwerthand, das seinem <emphasis>Tschekal </emphasis>zu einem unruhigen Eigenleben verhalf.</p><p>Er wollte sich umdrehen, weglaufen, seinen verwirrten Gedanken eine Ruhepause schenken, aber eine Kraft, st�rker als er, schien ihn anzutreiben, den Pforten des Irrsinns oder des Todes entgegen, und er steckte das Schwert weg, das ihm jetzt sowieso nichts nutzen w�rde ...</p><p>Esanna? Wenn sie es wirklich war ... aber es konnte nicht sein ... er wusste nicht, warum, aber er war sich sicher, dass es nicht das junge Digger-M�dchen war ... es war jemand anderes, ihm nur zu gut Bekanntes ...</p><p>Er hatte noch nicht einmal die Gewissheit, dass es wirklich ein Mensch war, der von dem Kokon eingewoben war, geschweige denn ein junges M�dchen. Keiner der F�den, die sie umgarnten, war dicker als ein Haar, aber sie erschienen Skar sehr fest und irgendwie... lebendig. Vielleicht t�uschten sie nur eine dahinter liegende Form vor, die es in Wirklichkeit gar nicht gab. Vielleicht war es nur eine besonders perverse Form einer Vision, mit der er gefoppt werden sollte.</p><p>Aber dieser Gedanke �nderte nichts an seinen Empfindungen. Er empfand ein Gef�hl abgrundtiefer Trauer und unwiederbringlichen Verlustes. Er suchte nach einer Spur von Leben hinter dem Gespinst oder zumindest nach einer lebendigen Erinnerung an die Zeit ihres gemeinsamen Kampfes und wurde sich ihres Fehlens schmerzhaft bewusst. Neben Del war sie der Mensch gewesen, der ihm f�r viele, f�r lange Jahre am n�chsten gestanden hatte.</p><p><emphasis>Kiina.</emphasis></p><p>Dreihundert Jahre war es f�r ihn her, dass er seine Tochter zum letzten Mal gesehen hatte, aber f�r ihn war diese Zeitspanne nicht mehr als ein Fingerschnippen, und es erschien ihm gerade jetzt als eine Ironie des Schicksals, dass es ausgerechnet Kiina gewesen war, die seinen Tod ger�cht und Del get�tet hatte.</p><p>Kiina. Er hatte nie begriffen, nicht einmal vermutet, dass er gl�cklich gewesen war, wenn er mit ihr zusammen gewesen war. Sie hatte so viel Kraft und unersch�tterliche Hoffnung besessen, selbst in den Momenten gr��ter Verzweiflung nie aufgegeben. Kiina, die Tochter Gowennas.</p><p>Er wollte zugreifen, �berpr�fen, ob das stimmte, was seine Seele nicht infrage stellte, sein Verstand aber nicht fassen konnte, er wollte die Hand vorstrecken, den Kokon zerrei�en und sich gleichzeitig davon �berzeugen, dass er wirklich die junge Kiina gefangen hielt und sich andererseits aber damit vergewissern, dass es nur eine verr�ckte Idee war, denn wenn �berhaupt ein Mensch hier eingesponnen war, dann sicherlich nicht seine vor langer Zeit verstorbene Tochter. Es waren diese zwei gleich starken Impulse in ihm, die ihn fast wahnsinnig machten ...</p><p>Und dann wurde er sich pl�tzlich der Leere in seinem Inneren bewusst, die immer mehr zunahm und sich eng um seine Kehle wand und versuchte ihn herunterzuziehen, tief hinab in den Schlund, der nur wenige Schritte hinter ihm die Wirklichkeit durchschnitt und hinabreichte bis ins Zentrum des B�sen.</p><p>Als ob das noch nicht reichen w�rde, brach die Erinnerung wie eine Woge �ber ihm zusammen und er sah sich zur�ckversetzt in eine andere Zeit, an einen anderen Ort, auf ein Schlachtfeld, auf dem sich der Geruch des Todes mischte mit dem Gestank nach Schwei�, Urin und Blut, und er wusste, dass es eine dunkle Woge gewesen war, die sich in seinen letzten Lebensjahren �ber Enwor ergossen hatte und weitergeschwappt war, bis auf den heutigen Tag, die nicht eher ruhen w�rde, bis sie alles mit sich gerissen hatte. Vollkommen deplatziert �berkam ihn die Erinnerung, ein St�ck seiner Vergangenheit, das ihm wichtig war, aber nicht im Hier und Jetzt seinen Platz haben sollte, obwohl es doch entscheidend sein konnte und irgendetwas - vielleicht - mit dem zu tun hatte, was hier gerade passierte. Er starrte vor sich hin, ohne etwas anderes zu sehen oder zu h�ren als eine k�rperlose Stimme aus der Vergangenheit, die Satzbruchst�cke ausspuckte, in denen von der <emphasis>Sternenbestie </emphasis>die Rede war und vom <emphasis>Dunklen Bruder, </emphasis>von einer <emphasis>Kreatur, die voller Ungeduld darauf wartete, das Sternenfeuer zu entfachen ...</emphasis></p><p><emphasis>�Es ist vorbei!�, hatte Kiina gesagt, Stunden vor seinem Tod, und sie hatte es immer wieder gesagt, als h�tte sie gehofft, dass es dadurch Wahrheit w�rde, �Alles wird wieder werden, wie es war. Du ... du wirst doch wieder anders! Es ist doch vorbei! Es gibt keinen Grund mehr f�r dich, so ... so ... so anders zu sein!�</emphasis></p><p>Er wusste, dass unm�glich dreihundert Jahre vergangen sein konnten, seit sie so mit ihm gesprochen hatte, und doch konnte es nicht anders sein, und in welcher Weise er auch an die Zeit dachte - es waren und blieben dreihundert Jahre, und nun, nach Jahrhunderten, stimmte es einfach nicht mehr, war es schief und verkehrt. Doch das Nachdenken dar�ber f�hrte zu nichts, denn er hatte keine Ahnung, wie lange er noch dagegen ank�mpfen konnte - gegen was auch immer es war, was in ihm die Herrschaft beanspruchte. Er sah das feine Gespinst des Kokons vor sich und sp�rte, noch bevor es wirklich geschah, die nach ihm greifenden F�den in sich einsickern, und was immer ihn nun erwarten w�rde - er befand sich nach wie vor jenseits der Zeitbarriere, dutzende von Jahrzehnten von der jungen Kiina getrennt, die scheinbar alterslos hier �berdauert hatte, und es gab keine M�glichkeit f�r ihn, wieder auf die andere Seite zu gelangen ...</p><p>Nie mehr! Die allgegenw�rtigen F�den lie�en jeden Zweifel daran verstummen und schlie�lich musste er einsehen, dass die in ihm sch�umenden Erinnerungen nichts weiter waren als alter Ballast, der vielleicht - aber eben auch nur vielleicht - etwas mit der heutigen Situation zu tun hatte. <emphasis>�Die Macht hat die ganze Zeit �ber in deiner Seele geschlummert, Skar. Es hat immer M�nner wie dich gegeben, seit den Zeiten der Alten, und sie haben ihre Macht weitervererbt, meist, ohne auch nur zu ahnen, wer sie waren.�</emphasis> Es war nicht Kiina gewesen, die das gesagt hatte, sondern Yul, eine <emphasis>Errish, </emphasis>die ihm im gleichen Atemzug das Geheimnis der Ehrw�rdigen Frauen verraten hatte und noch mehr. <emphasis>�Die Waffen der Alten sind mit ihrer Welt untergegangen, w�hrend die Sternengeborenen ihre Sch�pfer �berdauerten�, hatte sie gesagt. �Denn was sie schufen, war Leben. Leben, das nur einem Zweck diente: zu t�ten.�</emphasis></p><p>Aber was hatte das mit ihm und Kiina zu tun? Oder mit ihm selbst? Eine Erinnerung schoss durch seinen Geist, blitzschnell, aber nicht ohne Spuren zu hinterlassen. <emphasis>T�ten. Nur ein Zweck. T�ten.</emphasis></p><p><emphasis>... UND DASS ER UNSTERBLICH WAR, DENN ES VERMOCHTE SICH ALLEN NUR DENKBAREN VER�NDERUNGEN ANZUPASSEN.</emphasis></p><p>T�ten - auch das hatte ihm die Errish gesagt. <emphasis>T�ten. </emphasis>Aber er wusste nicht, was es mit ihm zu tun hatte und was <emphasis>Nur ein Zweck </emphasis>in diesem Zusammenhang zu bedeuten hatte. Es sei denn, er schaffte es, diese Spur aufzunehmen, diesen immer wieder abdriftenden Gedanken, dass er nur <emphasis>einem Zweck diente: zu t�ten.</emphasis></p><p>Als die logische Schlussfolgerung in Skars Bewusstsein drang, k�mpfte er sie nieder und versuchte sie zu vernichten, doch sie wollte nicht sterben, sie wollte ihm zuschreien, dass er schuldig w�re ... und er h�rte wieder den Schrei, der pl�tzlich abriss, erst den einen und dann den anderen, bis die beiden Nahrak tot und zerschmettert unten bei der Brut lagen, die sich wahrscheinlich schon schmatzend und saugend �ber ihre �berreste hergemacht hatte. Die Konsequenz war ungeheuerlich. War er nur geschaffen worden, um zu t�ten? Er presste die H�nde gegen die Ohren, als k�nnte er damit das H�mmern in seinen Gedanken eind�mmen, dieses Rei�en, das seinen Kopf auseinander sprengen wollte. Und wieder behauptete etwas in ihm, DASS ER UNSTERBLICH WAR.</p><p>Nein!</p><p><emphasis>ES VERMOCHTE SICH ALLEN NUR DENKBAREN VER�NDERUNGEN ANZUPASSEN.</emphasis></p><p>Nein! Untersterblichkeit - er hatte sie verweigert, irgendwann, im Angesicht der <emphasis>Sternenbestie, </emphasis>mit der er verschmolzen w�re, h�tte er nachgegeben, auf der verbotenen Insel, die kein Mensch betreten durfte, und vielleicht war es gar keine Unsterblichkeit gewesen, sondern so etwas wie Langlebigkeit oder auch nur Lebensverl�ngerung, die er h�tte erlangen k�nnen, oder etwas �hnliches, aber vollkommen anderes, weil sein Menschsein nicht gen�gte, um es zu verstehen. Aber wieso ... wieso war er dann ... hier? Wenn es wirklich stimmte, dass dreihundert Jahre vergangen waren - und daran zweifelte er keineswegs, nach allem, was er gesehen hatte -, dann war seine Existenz in h�chstem Ma�e widernat�rlich. Er konnte sich nicht vorstellen, dass er tats�chlich wieder geboren worden war; das war zu phantastisch, widersprach zu sehr den Erfahrungen der menschlichen Rasse, als dass er das wirklich akzeptieren konnte. Vielleicht hatte er die ganzen Jahre in einem lebensverlangsamenden Koma gelegen, das den Alterungsprozess w�hrend dieser Zeit so sehr verlangsamt hatte, dass er all die Jahre im Tiefschlaf �berstanden hatte ...</p><p>Seine Gedanken purzelten durcheinander und w�hrend er doch gleichzeitig versuchte eine Entscheidung zu treffen und irgendetwas zu tun, stand er gleichzeitig wie erstarrt da. Er war bleich, fast grau im Gesicht, f�hlte sich aber dennoch erhitzt und seine Augen blickten glasig starr, als w�te ein Fieber in ihm, und dann zwang ihn wieder die Erinnerung in alte Bahnen, als wollte sie ihm damit etwas mitteilen, eine geheime Botschaft �bermitteln ...</p><p><emphasis>Du hast Recht, Skar. Wir k�nnen diesen Krieg nicht gewinnen.</emphasis></p><p>War es wirklich die <emphasis>Errish </emphasis>Yul gewesen, die vor unendlich langer Zeit entschieden hatte, wie viel Wahrheit er in einer gewissen Zeit ertragen konnte und wie viel nicht? Vielleicht war die Erinnerung an sie jetzt nicht viel mehr als ein Aufflackern der gegenw�rtigen, nicht ertr�glichen Wahrheit. Vielleicht war da etwas in ihm, das gerade sagte: Du hast Recht, Skar.</p><p><emphasis>Wir k�nnen diesen Krieg nicht gewinnen.</emphasis></p><p>Wir? Skar zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Wer war wir? Was hatte Kiina damit zu tun, was jetzt passierte, hier und heute, w�hrend er in dieser gigantischen H�hle gefangen war? Was, bei allen G�ttern, hatte sie mit diesem Krieg zu schaffen, der bereits �berall auf Enwor seine Spuren hinterlassen hatte, einem Krieg, den Satai und Digger gegen die Quorrl f�hrten oder der doch nur die Spitze eines Eisbergs war, und was hatte sie zu tun mit den <emphasis>Khta�m </emphasis>und dieser H�hle und dieser Brut in dem unendlichen Schacht?</p><p>Kiina war tot und das war die ganze Wahrheit. Vor dreihundert Jahren war sie ein junges M�dchen gewesen. Was, bei allen Feuerdrachen, sollte sie dann heute sein? Was sollte sie mehr sein als eine bereits vollkommen verweste, zu Staub zerfallene Leiche?</p><p>W�hrend er noch fassungslos dastand, mit nicht angespannten und doch bis zum Zerrei�en �beranstrengten Muskeln, bemerkte er eine Ver�nderung in dem feinen Gespinst, die beinahe so wirkte, als ergriffe ein feiner Luftzug den Kokon und wirbele ihn durcheinander. Einzelne F�den stie�en aneinander und verklumpten, bildeten st�ndig wachsende Knotenstellen; wie ein Netz aus der Haut gequollener Adern, die St�ck f�r St�ck durch die st�ndig gr��er werdenden freien Stellen sichtbar wurden.</p><p>Schon nach wenigen Sekunden sch�lte sich dahinter tats�chlich der Umriss eines Menschen heraus, eines schlanken, nackten Menschen, der in grotesker Erstarrung von dem jetzt gr�ber gewordenen Geflecht gehalten wurde. Jeder Knochen und jeder Muskel in Skars K�rper schrie vor Schmerz, als er sie erkannte.</p><p>Kiina!</p><p>Es war tats�chlich seine Tochter, und zwar ganz so, wie er sie in Erinnerung hatte - auch wenn er sie nur sehr unvollkommen erkennen konnte, immer noch vollst�ndig verh�llt von dem Netz, dessen Ver�nderung sich jetzt verlangsamte und dann ganz zum Stillstand kam. Der Anblick traf ihn so, wie er erwartet hatte, nur hundertmal schlimmer. �ber seine Wange rann eine Tr�ne und ein salziger Geschmack benetzte seine Lippen, w�hrend er gleichzeitig wie erstarrt dastand, unf�hig, auch nur die Hand zu heben. <emphasis>Seine Tochter. </emphasis>Sie um Jahrhunderte �berdauert zu haben: welch grauenvoller Gedanke. Und doch war da noch etwas anderes, etwas, das ihm einen Hauch von Hoffnung vermittelte, w�hrend es doch gleichzeitig so schrecklich war, dass er am liebsten den Gedanken nicht weiterverfolgt h�tte: <emphasis>Aber, bedenke, Skar: Die Macht hat die ganze Zeit �ber in deiner Seele geschlummert. Es hat immer M�nner wie dich gegeben, seit den Zeiten der Alten, und sie haben ihre Macht weitervererbt, meist, ohne auch nur zu ahnen, wer sie waren.</emphasis> Wer die Macht weitervererbte, gab damit auch alles Kranke, Verderbte mit, aber auch alle F�higkeiten und damit eine fast �bermenschliche Kraft. Er starrte auf das Wesen, das wie seine Tochter aussah und es deshalb f�r ihn auch war; und nicht die mitten in der Bewegung erstarrte Puppe, die andere in ihr vielleicht gesehen h�tten. Wenn er selbst dreihundert Jahre unbeschadet �berstanden hatte - und das, obwohl er sich bereits tot geglaubt hatte -, dann hatte sie es vielleicht auch. Wenn Kiina im Besitz der gleichen Macht wie er selbst war, dann befand sie sich vielleicht in einer Art D�mmerschlaf...</p><p>Es war ein so grotesker Gedanke, dass er sich unter normalen Umst�nden geweigert h�tte ihn weiterzuverfolgen. Aber in seiner Situation war nichts mehr normal; er hatte eine Grenze �berschritten, von deren Existenz die meisten Menschen noch nicht einmal eine Ahnung hatten und die zu �berwinden nichts als Ungl�ck bedeutete - aber er konnte es nicht mehr r�ckg�ngig machen. Seine Muskeln spannten sich an, doch sein K�rper versagte ihm den Gehorsam; es hatte ihn eine pl�tzliche und unerwartete L�hmung ergriffen, die nicht bereit war nachzulassen.</p><p>Er nahm alle Kraft zusammen und k�mpfte gegen die Panik an, die ihn bei dem Gedanken ergriff, sich nie wieder frei bewegen zu k�nnen. Er kannte verschiedene Giftsorten, die partielle oder vollst�ndige L�hmungen verursachten, und er konnte sich durchaus vorstellen, dass sein jetziger Zustand die Sp�tfolge der <emphasis>Khta�m-</emphasis>Angriffe war, bei denen sicherlich giftige K�rpers�fte in seine Adern gelangt waren. Seine H�nde schienen wie durch wei� gl�hende Lava zu gleiten und durch seine Arme raste ein unbeschreiblicher Schmerz; aber dann schaffte er es wenigstens, die Finger zu bewegen. Schlie�lich gelang es ihm im n�chsten kleinen Schritt, seine verkrampften Nackenmuskeln zu lockern und seinen Kopf leicht kreisen zu lassen.</p><p>Er bedauerte es sofort, denn dadurch kamen die anderen, benachbarten Nischen in sein Blickfeld. Der Anblick �berraschte ihn so stark, dass er keuchte. �berall hatte der gleiche Prozess eingesetzt wie bei dem Kokon vor ihm, �berall hatte sich das zuvor filigrane Gewebe verklumpt, wodurch eine - wenn auch eingeschr�nkte - Sicht auf die bislang verborgen gebliebenen eingesponnenen Menschen m�glich wurde.</p><p>Er hatte sich keine Gedanken gemacht, wer dort gefangen gehalten worden sein k�nnte. Dass das ein Fehler h�tte sein k�nnen, h�tte er nicht f�r m�glich gehalten. Doch jetzt begriff er seinen Irrtum: So weit sein Auge auch reichte, so viele eingewobene Nischen er auch im Blick hatte; �berall war das gleiche Bild, �berall waren es junge Frauen, die von dem Netz nur noch unvollst�ndig verh�llt wurden.</p><p>Aber es waren nicht irgendwelche M�dchen. Immer und �berall blickte er auf den K�rper Kiinas, auf das gleiche schmale, blasse Gesicht, auf die exakt identische Haltung des leicht vorgeschobenen Oberk�rpers und der eng zusammenstehenden schlanken Beine...</p><p>Ein eisiger Splitter schien in sein Herz zu fahren. Er verstand nicht, was er sah, aber er wollte es auch gar nicht verstehen. Irgendwo in einem verborgenen Winkel seines Gehirns regte sich Widerstand, ein letztes Aufbegehren seines Verstandes, der ihn zwang wegzublicken und sich auf das zu konzentrieren, was vor ihm lag. <emphasis>Es kann nicht sein, </emphasis>fl�sterte eine Stimme in ihm, <emphasis>Kiina kann nicht mehrfach existieren. Oder vielleicht doch?, wehrte sich eine andere Stimme. Vielleicht existierst du selbst auch mehrmals. Vielleicht hast du auch in mehreren dieser Kokons gestanden, dreihundert Jahre alt, vielleicht bist du nicht nur der eine Skar, sondern nur einer von der Gattung Skar, und vielleicht gibt es noch andere Skars ...</emphasis></p><p>Skars Mund war weit aufgerissen, aber er wehrte sich; wehrte sich gegen die tanzenden Schatten des Wahnsinns, die nach ihm greifen wollten, um ihn mitzurei�en in den Taumel sich �berschlagender und gegenseitig ausl�schender Gedanken und Gef�hle. Die Nische vor ihm und mit ihr die halb freigelegte Kiina verschwand wie im Nebel und ein Gef�hl durchflutete ihn, als wollte sich seine ganze Umgebung, als wollte sich die ganze Welt aufl�sen. Sein Kopf drohte zu bersten und ihm war, als dr�ckten sich zwei riesige Daumen in seine Augen. Alles, was an ihm K�rper war, schien sich in seiner Kehle zu konzentrieren, aus der ein Schrei des Entsetzens entweichen wollte.</p><p>Dann war es vorbei.</p><p>Es hatte sich nichts ge�ndert und er wusste noch immer nicht, was die anderen Kokons in den vielen weiteren Nischen umh�llten - aber er blendete es aus seinem Verstand aus, verschwendete nicht mehr einen einzigen Gedanken daran. Ihn interessierte nur noch, was vor ihm war. Jetzt war es an der Zeit zu �berpr�fen, was es mit der Kiina vor ihm auf sich hatte; was mit den anderen Nischen war, wer dort in dem jeweiligen Kokon steckte - Kiina 2, Kiina 3, Kiina 4? Bei dem Gedanken daran explodierte erneut ein scharfer Schmerz hinter seiner Stirn -, war im Augenblick vollkommen nebens�chlich.</p><p>Nach ein paar qualvollen Minuten gelang es ihm, r�chelnd und schwer atmend seinen Arm zu heben, w�hrend er gleichzeitig seinen verspannten Nacken ein St�ck vorw�rts zwang. Das Blut in seinen Adern schien dick und z�hfl�ssig wie in einem verstopften Kanal zu flie�en und Arme und Beine waren so hart und steif, dass er sich wie eine zum Leben erwachte Statue vorkam. Es war ihm beinahe so, als m�sse er jeden einzelnen Finger <emphasis>hochstemmen, </emphasis>doch immerhin kehrte mit jeder Bewegung ein St�ck der alten Elastizit�t zur�ck.</p><p>Seine immer noch verkrampften und schmerzenden Finger fuhren pr�fend �ber das filigrane, unregelm��ige Netz, das Kiinas nackten K�rper nur unvollst�ndig bedeckte. Das Gewebe der d�nnen F�den ... Es f�hlte sich fast lebendig an. Warm und wie von str�mend warmem Blut durchflossen. So ganz anders als die ekelhaften Tentakel der <emphasis>Khta�m </emphasis>und doch auf irgendeine perverse Art und Weise mit ihnen verwandt. Was aber das Merkw�rdigste war: W�hrend er �ber das Gespinst strich, schien Lebenskraft in ihn zur�ckzukehren. Mit jeder Ber�hrung brach die Starre weiter auf, die ihn bis zuletzt gefangen gehalten hatte, und statt Chaos und Irrsinn begann so etwas wie Entspannung in ihn einzukehren, fast unmerklich zuerst und dann immer deutlicher, bis sich eine warme Tr�gheit in ihm breit machte, die so gar nicht zu der Situation passte, in der er sich befand.</p><p>Seine mittlerweile wieder voll beweglichen Finger verharrten viele Herzschl�ge lang auf dem d�nnen Gewebe. Er konnte Kiina jetzt ganz genau erkennen, beinahe so, als w�rde er sie durch ein engmaschiges Fischernetz hindurch beobachten. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass sie es war. Die fein geschwungenen Augenbrauen, die von Gowenna geerbte Mund- und Nasenpartie, die sich bei einem ihrer gar nicht so seltenen Wutanf�lle so charakteristisch zusammenzog, dagegen aber so anmutig sein konnte, wenn sie lachte und unbeschwert war, die Haare, die ihr wie �blich etwas wirr ins Gesicht hingen und perfekt zu dem temperamentvollen Funkeln in ihren Augen passten...</p><p>Augen, die jetzt allerdings stumpf und starr ge�ffnet waren, und, obwohl ihre Farbe und Form perfekt mit seiner Erinnerung �bereinstimmten, eher an den leblosen Blick eines toten Fisches erinnerten ...</p><p>Ihm war, als ersticke er, wenn er in diese Augen blickte. Kiina wirkte blass und fast durchsichtig wie eine wertvolle Porzellanpuppe, wie sie etliche K�nige der alten Zeit nach dem Abbild ihrer Kinder hatten anfertigen lassen, doch sie sah dabei vollkommen menschlich und nat�rlich aus. Nur die Augen ... Er schauderte.</p><p>Er wusste nicht, wie lange er so dagestanden und sie stumm betrachtet hatte. Es wurde Zeit, sich davon zu �berzeugen, mit wem er es zu tun hatte, aber er hatte Angst Kiina zu ber�hren - oder das, was so aussah wie sie, so t�uschend echt, dass es niemand anders sein konnte als sie selbst. Er versp�rte das unendliche Verlangen sie in den Arm zu nehmen und hatte doch Angst menschliche W�rme zu sp�ren. Er hatte Angst vor der Hoffnung. Vor der bitteren Entt�uschung, die unweigerlich kommen w�rde.</p><p>Ihre weit ge�ffneten Augen starrten gleichzeitig an ihm vorbei und blickten ihn doch direkt an. Er blinzelte ein paarmal, wich einen halben Schritt zur�ck. Seine Phantasie ging mit ihm durch. Und doch f�rchtete er, es k�nnte pl�tzlich ein Zittern durch ihren K�rper gehen, sie k�nnte von einem Moment auf den anderen den Kopf bewegen, ihre jahrhundertealte Benommenheit absch�tteln und mit einer kraftvollen Bewegung das Netz zerrei�en, um direkt auf ihn zuzugehen.</p><p>Nichts dergleichen geschah. Schlie�lich tat er das Einzige, was einem Krieger anstand. Sein <emphasis>Tschekal </emphasis>glitt wie von selbst aus der Scheide. Mit gleichzeitig schnellen wie geschickten Schnitten schlug er eine kreisf�rmige Figur in das Netz. Keine Sekunde verschwendete er dabei mit dem Gedanken, ob er damit nicht vielleicht etwas Lebendiges verletzte oder sogar t�tete. Die Klinge fuhr dicht unterhalb von Kiinas Hals in das Gewebe, trennte es bis zu ihrem Oberschenkel und schlie�lich ihrem Knie auf und fuhr dann auf der anderen Seite wieder zu ihrem Hals hinauf.</p><p>Wie ein St�ck Stoff sackte das netzf�rmige Gewebe zusammen und glitt auf den Boden. Kiina war frei, nichts behinderte sie mehr. Aber auch ihn hinderte nun nichts mehr sie zu fassen und hinauszuziehen aus dieser Grotte, die zu ihrem Gef�ngnis geworden war.</p><p>Und doch ... Es waren die anderen Kiinas, die ihn an dem zweifeln lie�en, was er tat. Was immer es war, was dort vor ihm stand: Es konnte kein Mensch sein. Es gab keine Menschen, die sich wie ein Ei dem anderen glichen, au�er vielleicht manche Zwillinge. Soweit er in der schummrigen Beleuchtung aber erkennen konnte, waren es mehr als ein Dutzend Kiinas, die hier auf ihre <emphasis>Erweckung </emphasis>warteten. Wenn er Gewi�heit haben wollte, dann brauchte er blo� die Hand auszustrecken. War diese Kiina kalt und hart wie Stein, dann wusste er Bescheid. Wenn nicht - dann w�rde er weitersehen.</p><p>Skar sp�rte, dass seine Augen feucht wurden. Er begriff es nicht. So viel Leid. So viel Entbehrung. So viel Verzicht. Nur, um nach einem viel zu hektischen Leben von einem See ausgespuckt zu werden hinein in einen unbegreiflichen Wahnsinn, nur um seine Tochter - oder was oder wer auch immer das hier war - an diesem vollkommen verr�ckten Ort wieder zu begegnen. Die mit ihr verbundenen Gef�hle und Erinnerungen brachten nichts weiter als die Erkenntnis, dass nichts im Leben vollst�ndig vorbei war, was einen irgendwann einmal wirklich ber�hrt hatte.</p><p>Er streckte behutsam die linke Hand vor.</p><p>�Ich w�rden das nicht tun�, sagte eine Stimme hinter ihm. Skar zuckte zusammen. Die konzentrierte Erregung, die ihn ergriffen hatte, hielt an, als er sich langsam umdrehte, das <emphasis>Tschekal </emphasis>noch immer in der rechten Hand und ein wenig zu hoch, so als wolle er dem Ank�mmling klarmachen, dass er auf alles gefasst war.</p><p>�Wieso nicht�, hatte er fragen wollen. Aber der Satz blieb ihm im Hals stecken. Denn es war nicht nur Kama, den er zweifelsfrei an der Stimme erkannt hatte und der sich ihm bis auf wenige Schritte gen�hert hatte.</p><p>�Esanna�, stammelte Skar fassungslos.</p><p>Das M�dchen nickte m�de. Ein tiefer, heftig blutender Riss zog sich von ihrer Stirn bis zu ihrem Kinn hinab und das Blut fiel in gro�en Tropfen auf ihr Gewand. Sie schien es noch nicht einmal zu bemerken. �Ich bin geflohen und habe mich dabei verirrt�, sagte sie knapp. �Kama hat mich gefunden.� Dann deutete sie auf die Nische hinter ihm. �Wer ist das?�</p><p>Skar zuckte zusammen, als h�tte man ihn bei einer obsz�nen Handlung �berrascht. �Das geht dich nichts an�, sagte er schroff.</p><p>Er erschrak �ber den Klang seiner eigenen Stimme. Sie war rau und kratzig, aber auch irgendwie <emphasis>b�se </emphasis>und es war so viel Hass darin, dass Esanna unwillk�rlich zusammenzuckte.</p><p>Er wollte ein Wort der Entschuldigung hinzuf�gen oder wenigstens eine Erkl�rung, eine Frage, wie es ihr ging, einen Hinweis, dass sie ihre Wunde im Gesicht versorgen musste - aber er brachte nichts heraus. Es schien ihm, als w�rde sich etwas in ihm splitternd durch seine Sch�deldecke bohren und einen f�rchterlichen Moment bebte in ihm wieder der gellende Schrei der Nahrak, die er hinab in die Tiefe gesto�en hatte.</p><p>Die ganze Zeit �ber starrte ihn Kama an, eine stumme Anklage, die noch durch die frische Platzwunde auf seinem Kopf verst�rkt wurde, genau an der Stelle, an der ihn Skar mit der Breitseite seines Schwerts erwischt hatte.</p><p>Es war ihm unm�glich, dem Blick Kamas standzuhalten; er blieb so sehr eingekapselt in sich selbst, dass er nichts anderes zu f�hlen imstande war als den Schmerz des Verlustes, den Kiinas Anblick in ihm ausgel�st hatte, und die alles durchdringende Krankheit, die seinen K�rper durchfloss, vom Kopf hinab in seine Arme und Beine und Finger und Knochen und gespeist wurde durch das �bel und die Schuld, die er auf sich geladen hatte, und ihm blieb nichts anderes �brig, als in sich selbst zu verharren und immer mehr Teil seines eigenen Untergangs zu werden, der ihn immer st�rker herabriss, in eilender Fahrt auf die tiefste Stelle des Schlunds zu, der ihn verschlingen w�rde, auf ewig ...</p><p>�Was ist mit dir los, Skar?�, fragte Esanna. �Was, bei allen G�ttern, ist mit dir los?!?�</p><p>Da stand dieses schwache, aus einer klaffenden Gesichtswunde blutende Digger-M�dchen vor ihm, schwankend und so ersch�pft, dass es sich kaum auf den Beinen halten konnte: Und dann fragte es ihn, was mit <emphasis>ihm </emphasis>los war? Das war grotesk.</p><p>�Wo sind Daral und Berat?�, fragte Kama. Seine Stimme klang kein bisschen vorwurfsvoll, sondern nur leicht besorgt, aber das war viel schlimmer, als wenn er Skar bitterste Vorw�rfe entgegengeschrien h�tte.</p><p>�Ich�, begann Skar heiser und k�mpfte gegen das Gef�hl an, das ihn erbarmungslos immer tiefer in sich hineinzuziehen versuchte und gleichzeitig seine Beine so kraftlos machte, dass er kaum noch stehen konnte, sondern hinabsinken wollte in die Tiefe ...</p><p>�Wo sind Daral und Berat?� Kamas Stimme klang jetzt so schneidend, dass Skar abgelenkt wurde von dem lockenden Sog, der ihn mit sich ziehen wollte, immer tiefer, tiefer und tiefer...</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte Skar. Er h�tte Kama die Wahrheit entgegenschreien k�nnen oder zumindest die halbe Wahrheit, ihm sagen k�nnen, sie seien abgest�rzt - doch er brachte es nicht �ber sich. Die L�ge glitt ihm so leicht �ber die Lippen ... aber dann erkannte er in Kamas Augen, dass er ihm seine Worte nicht abnahm und �belkeit h�mmerte von innen an seine Sch�deldecke.</p><p>�Sie seien doch mit dir mitgegangen�, beharrte Kama. �Wo also sind sie geblieben?�</p><p>Bei einer anderen Gelegenheit h�tte sich Skar �ber seine Besorgnis gewundert angesichts der Tatsache, dass der Nahrak ohne Skrupel seinen schwer verletzten M�nnern die Kehlen durchgeschnitten hatte. Doch jetzt wand er sich nur innerlich vor Pein.</p><p>�Ich ... ich wei� es nicht.� Skar deutete mit einer krampfhaften Handbewegung in die Richtung dieses monstr�sen Lochs, in dem es krabbelte und wimmelte, und w�hrend er dorthin deutete, wurde er sich auch bereits bewusst, dass es ein Fehler war, dass er ein erb�rmlicher L�gner war und er fragte sich, ob er es nicht dem letzten Rest seiner Selbstachtung schuldig war, Kama ganz einfach die Wahrheit zu sagen.</p><p>Doch statt <emphasis>Ich habe sie hinabgesto�en </emphasis>herauszuschreien, sagte er nur: �Sie waren da dr�ben. Ich ... ich habe mich ... um Kiina gek�mmert... und dann... dann h�rte ich auf einmal diesen Schrei.�</p><p>Es war eine erb�rmliche Vorstellung und ein Blick in Kamas Augen gen�gte, um ihn erkennen zu lassen, dass der Nahrak ihm kein Wort glaubte.</p><p>�Etwas hat die <emphasis>Khta�m </emphasis>erweckt�, stellte Kama fest.</p><p>�Leben gegen Leben. Du hast ihr Leben gegeben, um dir ein bereits verdammtes Leben wieder zu nehmen.�</p><p>Skar starrte ihn mit offenem Mund und vollkommen entsetzt an. �Nein�, stie� er hervor. Er begriff nicht, was Kama meinte, nicht wirklich, und doch war da eine Ahnung tief in seinem Herzen, die zu unglaublich war, um sie wirklich fassen zu k�nnen. �Sie sind ... es war ein Ungl�ck.�</p><p>�Ja�, sagte Kama. �Ein Ungl�ck. Ein Ungl�ck, bei dem du nachgeholfen hast.�</p><p>�Ich? Nein ...� Skar warf einen hilflosen Blick auf Esanna, aber das M�dchen schien vor Schreck wie gel�hmt zu sein und immer noch tropfte Blut von ihrem Gesicht herab, benetze wie ein Leben verstr�mender Regen ihr sowieso schon eingerissenes und besudeltes Gewand. Statt von ihr Hilfe zu erwarten, h�tte er ihr eigentlich beistehen m�ssen. �Du hast nachgeholfen, damit <emphasis>Khta�m </emphasis>das da formt�, sagte der Nahrak und deutete an Skar vorbei auf Kiina. �Und das da und das da und das da.� Sein Zeigefinger glitt anklagend von Nische zu Nische.</p><p>�Ich habe ... ich habe das nicht gewollt.�</p><p>�Ihr Satai nie wolltet etwas. Ihr immer nur t�ten.� Kama atmete tief durch. �Es reicht. Ich habe Hilfe gerufen. Wir m�ssen sehen, dass wir so lange leben, bis sie kommt.� Skar verstand immer weniger; wollte ihm Kama etwa drohen und von welcher Hilfe sprach er? Sein Inneres war ein einziges Wirrwarr widerspr�chlichster Gef�hle und Gedanken und in seinem Mund war der Geschmack bitterer Galle. Er sp�rte, wie sich ein unbestimmtes Wissen aus den Tiefen seiner Pers�nlichkeit zu seinem Bewusstsein hochdr�ngte, und er versuchte dieses Wissen zu ignorieren, aber es nagte unabl�ssig an ihm, gleich einer in die Nebel der Vergangenheit geh�llten schmerzlichen Erinnerung.</p><p>�Ich muss ... ich muss mich um Kiina k�mmern�, sagte er. �Sie braucht meine Hilfe.�</p><p>Schon w�hrend er das sagte, wusste er, dass es nicht stimmte. Es gab keine Kiina, um die er sich k�mmern musste oder konnte. Es gab ein Dutzend oder mehr Monster, die wie Kiina aussahen, die diese Form aus irgendeinem ihm unbegreiflichen Grund angenommen hatten und vielleicht nicht einmal, um ihn damit zu vernichten, sondern nur aus einem Reflex heraus. Aber das alles waren nichts als wilde Spekulationen und nichts, was ihn wirklich ber�hrte.</p><p>Er musste herausbekommen, was es damit auf sich hatte - koste es, was es wolle.</p><p>�Geh weg von den <emphasis>Khta�m�, </emphasis>sagte Kama. �Wir m�ssen zum Treffpunkt.�</p><p>Skar brauchte ihn nicht zu fragen, wen oder was der Nahrak in diesem Fall mit <emphasis>Khta�m </emphasis>gemeint hatte. Ein Teil in ihm war sich durchaus bewusst, was Kiina wirklich war. Dass sie sich wie nach einem langen Schlaf erfrischt aus dem Gespinst befreien w�rde, um ihn dann freudestrahlend zu begr��en, war eine absurde Vorstellung; viel wahrscheinlicher war es, dass sie etwas genauso Widernat�rliches wie die Nachtmahre war, dass irgendetwas D�steres in eine H�lle geschl�pft war, die ihr nur �u�erlich glich - aber er weigerte sich diesen Gedanken weiterzuverfolgen.</p><p>Er drehte sich wieder um, noch immer mit gezogenem Schwert und noch immer halb nackt, wie ihm in diesem Moment ganz nebenbei bewusst wurde. Wahrscheinlich bot er einen erschreckenden Anblick: verletzt, verwirrt und am Rande seiner Kraft, aber mit einem Funkeln in den Augen, das ihn immer weitertreiben w�rde, bis er die Antwort auf seine stumme Frage nach Kiinas Existenz gefunden hatte. Er brauchte nicht lange darauf zu warten. Er hatte kaum seine linke Hand vorgestreckt, um das sich immer mehr verklumpende Netz zu ber�hren, als es sich auch schon zu �ndern begann.</p><p>�Tu es nicht�, sagte Esanna. �Geh da weg!�</p><p>Aber selbst, wenn er ihrer Aufforderung sofort gefolgt w�re, w�re es zu sp�t gewesen. In dem kurzen Moment, den er mit Kama und dem M�dchen gesprochen hatte, waren die von seinem <emphasis>Tschekal </emphasis>zerschnittenen Fragmente des Netzes schon wieder aufeinander zugewandert wie eigenst�ndige Wesen, W�rmern gleich, die sich �ber eine Leiche schl�ngeln auf der Suche nach einer K�rper�ffnung, in die sie gleiten k�nnten, um ihr Zerst�rungswerk zu beginnen. Skar f�hlte sich unangenehm an den Tentakel erinnert, der versuchte hatte durch sein Nasenloch von ihm Besitz zu ergreifen.</p><p>Doch in diesem Fall passierte nichts dergleichen. Das Netz schloss sich ganz einfach wieder, als k�nne es nicht dulden, Kiina unverh�llt dastehen zu lassen. Doch auch nachdem sich seine einzelnen Fragmente wieder vereint hatten, bebten sie wie ein lebendiges Wesen, das in h�chste Erregung versetzt worden war. Die Ver�nderung setzte �ber den Br�sten Kiinas ein; die Knotenstellen der F�den begannen st�rker zu pulsieren, in einem heftigen Rhythmus, �hnlich dem Trommelschlag eines Trancetanzes, wie ihn einige V�lker des Ostens bei der Bestattung ihrer Toten auff�hrten. Das Netz war jetzt so weitmaschig geworden, dass die nackte Brust auffallend stark betont wurde, zumal auch sie sich zu bewegen begann, ganz langsam und vorsichtig zuerst, sodass es Skar anfangs f�r eine optische T�uschung hielt, dann aber immer heftiger, bis sie zyklisch zu zucken begann, im Gegenschlag zum Netz, aber nicht minder schnell und damit keineswegs so, wie man es bei einem lebendigen Menschen erwarten konnte.</p><p>Skar h�tte jetzt seine Hand durch das Netz stecken k�nnen, um Kiina zu ber�hren, aber irgendetwas hielt ihn davon ab. Die vormals haarfeine Struktur des Gespinsts war jetzt einem grobmaschigen Netz gewichen, bei dem einzelne Verkn�pfungen bereits die St�rke von Bindf�den erreicht hatten. Gleichzeitig schien sich die Konsistenz des Geflechts zu ver�ndern; es wurde immer dunkler, fast schwarz, gl�nzte dabei und schien erst faserig zu sein, bevor sich seine Oberfl�che ver�nderte und so glatt wie ein polierter Spiegel wurde.</p><p>Es war ein absto�ender Anblick. Als Kiinas Gesicht erst leicht und dann immer st�rker zu zucken begann und sich ihr Mund wie zu einem stummen Schrei �ffnete, st�hnte Skar benommen auf. Es war nichts Menschliches in diesen Bewegungen und doch erinnerte es ihn so stark an den Menschen, an seine Tochter, die mit ihm gestritten, gek�mpft und gelacht hatte, die ebenso wenig bereit gewesen war aufzugeben oder eine Niederlage einfach hinzunehmen wie er selbst, die so unendlich tapfer gewesen war, nachdem mit Elay auch die <emphasis>Errish </emphasis>niedergegangen waren und damit alles, was ihr zuvor R�ckhalt geboten hatte.</p><p>Sie in diesem Zustand vor sich zu sehen, erf�llte ihn mit Entsetzen.</p><p>Eine Hand ber�hrte seine Schulter und im ersten Reflex wollte er sie wegschlagen. Doch dann bemerkte er, dass es nicht Kama war, wie er zuerst geglaubt hatte, sondern Esanna. Ein merkw�rdig vertrautes Gef�hl stieg in ihm auf, �hnlich jenem, das er empfunden hatte, als er den jungen Del nach einer Schl�gerei mit ein paar betrunkenen Stadtsoldaten aus der Gosse aufgelesen hatte und schon kurz darauf den Beistand des jungen H�nen gebraucht hatte, als sie in den Hinterhalt einer Bande von Strauchbanditen geraten waren. Es war ein Gef�hl, das ihm Schutz verhie�, obwohl doch er der st�rkere und erfahrenere K�mpfer war - damals wie heute.</p><p>�Sie hat dir viel bedeutet, nicht wahr?�, fragte Esanna. �Das hat sie�, nickte Skar. �Sie ist... sie war meine Tochter.� Seine Kehle f�hlte sich ausgetrocknet und verkrampft an, ein einziger Klumpen aus Schmerz, der ihm den Gehorsam verweigerte. Er schluckte m�hsam, r�usperte sich und versuchte es dann noch einmal. �So hat sie ausgesehen ... damals ... als ich ... als ich ...�</p><p>�Als du gestorben bist?�</p><p>Skar starrte weiter wie gebannt auf das Netz, dessen Ver�nderung immer rascher voranschritt; jetzt, wo es sich wieder vereint hatte, schien es b�sartiger zu werden, so als wolle es sich gegen einen neuen Angriff wappnen. Der Anblick erinnerte ihn an eine �hnliche Situation in seiner Vergangenheit. Er hatte so etwas wie dies schon einmal gesehen, in anderer Form und anderem Zusammenhang, aber er wusste nicht mehr, wann und wo.</p><p>�Ist sie mit dir ...�</p><p>Als Esanna nicht weitersprach und er den Sinn ihrer Frage begriff, sch�ttelte er den Kopf. �Nein�, sagte er. �Sie ist nicht mit mir umgekommen. Sie hat sogar noch ... meinen M�rder get�tet.�</p><p>�Das wei�t du?�, fragte Esanna erstaunt. �Woher?�</p><p>Skar zuckte mit den Achseln. �Das hat keine Bedeutung�, behauptete er, w�hrend er an die glasklare Vision dachte, die ihm gezeigt hatte, wie Kiina Del mit einer Scannerwaffe der <emphasis>Errish </emphasis>erschossen hatte.</p><p>�Was ist dann aus ihr geworden?�</p><p>Skar starrte endlose Sekunden auf das immer heftiger pulsierende Netz, das nun vollends schwarz und absto�end geworden war. �Ich wei� es nicht�, sagte er. �Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ihr Leben verlief.� Er schluckte hart. �Aber es ist drei lange Jahrhunderte her.�</p><p>�Du meinst... da muss sie tot sein?�</p><p>�Ja. Nat�rlich.� Skars Stimme war zu einem fast nicht mehr wahrnehmbaren Fl�stern geworden. �Was denn sonst?�</p><p>�Es k�nnte aber auch anders sein�, meinte Esanna.</p><p>�Schlie�lich lebst du auch noch.�</p><p>�Nein�, protestierte Skar. �Ich lebe nicht <emphasis>noch, </emphasis>ich lebe <emphasis>wieder.�</emphasis></p><p>�Der aus dem Schaum wieder geborene Skar�, sagte Kama, der bislang dem Gespr�ch schweigend gefolgt war, ohne aber seine Befremdung verbergen zu k�nnen. �Ganz so, wie es das Elfte Buch sagt.�</p><p>�Dieses verfluchte Buch�, murmelte Skar. �Kein Mensch wird so einfach wieder geboren. Ich glaube es einfach nicht. Es muss etwas anderes passiert sein.�</p><p>�Ja�, sagte Kama. �Es ist etwas anderes passiert.�</p><p>�Und was?�, fragte Skar, ohne Kiina auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Die einzelnen Str�nge des Netzes glichen mittlerweile fatal gequollenen Adern, aber zumindest war das ekelhafte Zucken von Kiinas Br�sten zu Ende gekommen.</p><p>�Das sein nicht einfach zu erkl�ren�, wich der Nahrak aus. �Au�erdem wir m�ssen jetzt gehen.�</p><p>�Einfach so?�, fragte Skar. �Ohne abzuwarten, was mit Kiina geschieht?�</p><p>�Besser, wir es nicht mehr kriegen mit�, sagte Kama. �Da bin ich mir nicht so sicher�, sagte Skar. Er musste einfach wissen, was mit diesem lebenden und atmenden Etwas geschah, das wie seine Tochter aussah. �Ich kann doch jetzt nicht einfach so gehen, ohne zu wissen, was mit ihr geschieht.�</p><p>�Und was ist mit den anderen... den anderen, diesen <emphasis>Wesen, </emphasis>in den anderen Nischen?�, fragte Esanna.</p><p>�Was soll damit sein?�, fragte Skar.</p><p>�Sie sehen alle aus wie deine Tochter�, sagte Esanna. �Aber sie k�nnen doch nicht alle deine Tochter sein.� Es war ein Gedanke, dessen Konsequenz Skar bislang ausgewichen war. Er war zuf�llig an diese Nische getreten. Aber es konnte auch jede andere beliebige Nische die einzig wahre, die echte Kiina beherbergen - oder auch gar keine. Was nicht nur wesentlich wahrscheinlicher war, sondern, wenn er ehrlich war, auch die einzig wirklich denkbare Alternative.</p><p>�Wir m�ssen gehen�, beharrte Nahrak. �Die Zeit des Wachstums ist schon fast abgeschlossen.�</p><p>�Des was?�, fragte Esanna entsetzt.</p><p>�Es w�chst�, sagte der Nahrak nerv�s. �Wenn es aufh�rt zu wachsen: Dann <emphasis>bum.�</emphasis></p><p>�Dann will ich mir dieses Bum doch mal ansehen�, sagte Skar grimmig.</p><p>�Nein, nein�, stie� Kama hervor. �Auf keinen Fall. Wir gehen jetzt zum Treffpunkt. Bevor es passiert.�</p><p>�Das werden wir sehen�, sagte Skar gedankenverloren. Manchmal war es besser, Fakten zu schaffen, statt sich auf einen Streit einzulassen.</p><p>Doch dann glaubte er f�r einen winzigen Moment eine zielgerichtete Bewegung in dem Geflecht wahrzunehmen. Sein Herz machte einen schmerzhaften Sprung. Irgendetwas bewegte sich dort, etwas Unfassbares und Lauerndes ...</p><p>Er schob sein <emphasis>Tschekal </emphasis>vor, direkt auf die schwarz verklumpten F�den zu - und lie� die Klinge schnell und pr�zise vorschnellen.</p></section><section><title><p id="_02_07">2.7</p></title><p><emphasis>�Nein!�, </emphasis>schrie der Nahrak und sprang in seinen Waffenarm. Die Bewegung kam so �berraschend, dass Skar ganz automatisch reagierte. Er riss seinen Arm blitzschnell an sich heran und stie� ihn dann samt Kama mit aller Kraft von sich. Kama wurde abkatapultiert wie eine Heuschrecke, die die volle Energie in ihre Sprungbeine gelegt hatte. Er flog auf die Wand zu, sauste direkt auf eine der Kiina-Kreaturen zu, die wie alle anderen zu eigenst�ndigem Leben zu erwachen schien, zog noch im Flug die Beine an und riss den Arm nach oben - und doch war seine Reaktion zu langsam. Er konnte nicht verhindern, dass er direkt ins schwarz zuckende Netz prallte und in das, was es einh�llte. Der Effekt h�tte nicht gewaltiger sein k�nnen, wenn ein Staubdrache aus vollem Flug in eine Menschengruppe gest�rzt w�re. Mit einem Knall, einem Bersten und Krachen wurde die Nische auseinander gesprengt, explodierte das Netz, spritzten dunkle Klumpen und Knotenstellen durch die H�hle, faserten F�den auf, barst zerquetschte Gewebemasse auseinander. Gleichzeitig verschlang eine f�rchterlich saugende Dunkelheit die ohnehin schon ged�mpfte, wei�gr�ne Helligkeit, die zuvor von �berall und nirgendwo gekommen war; eine Dunkelheit, die jeden Ton und jedes Licht zu verschlingen schien, je gewaltiger sich die Schockwelle der Explosion ausbreitete, sodass nach dem ersten Donnern eine fast gespenstische Stille einkehrte.</p><p>Skar sprang automatisch einen Schritt zur�ck, riss Esanna mit sich, in den zweifelhaften Schutz seines <emphasis>Tschekals, </emphasis>das er in Kampfhaltung vor sich hielt, absolut sicher, dass ein Angriff erfolgen w�rde, aber genauso ungewiss, aus welcher Richtung er erfolgen w�rde.</p><p>Er brauchte nicht lange zu warten. Es war nicht nur die Nische, in die der bedauernswerte Nahrak gest�rzt war, die nun widernat�rliches Leben ausspuckte, es waren alle Nischen. Mit abgehackten, bedrohlich wirkenden Bewegungen, die in der nun fast vollkommenen Dunkelheit mehr zu erahnen als zu sehen waren, brach eine Kiina nach der anderen aus ihrem Gef�ngnis hervor. Skar war nicht �berrascht zu sehen, dass sie allesamt auf ihn und Esanna zuhielten.</p><p>Hektisch sah er sich nach einer Fluchtm�glichkeit um - sofern das im verbliebenen Restlicht m�glich war. Hinter ihm lockte der abgrundtiefe Schlund, als b�te er einen Ausweg aus all diesem Wahnsinn, in den er gestolpert war, nachdem er auf so mysteri�se Weise halb tot an Land gesp�lt worden war. Um dieses gigantische Loch herum f�hrte ein relativ schmaler Streifen ins unbekannte H�hleninnere. Wie weit die Reihe der Nischen reichte, wusste er nicht; wenn er Pech hatte, zogen sie sich wie Wachposten komplett um den Schlund herum. Einziger einigerma�en sicherer Fluchtweg blieb der Tunnel zu seiner Rechten, durch den sie die H�hle betreten hatten.</p><p>Der Haken an der Sache war, dass er sich dann an den schwarzen Schatten vorbeik�mpfen musste (hatte er tats�chlich noch vor wenigen Augenblicken nicht ausgeschlossen, dass eines dieser Monster seine Tochter sein konnte?), die ihn mit plumpen, aber zielstrebigen Bewegungen einzukesseln versuchten, wohl um jede Gelegenheit f�r einen Ausbruch schon im Ansatz zu ersticken.</p><p>So weit wollte es Skar nicht kommen lassen. Er hatte zwar keine Ahnung, von welcher Hilfe Kama gesprochen und wo dieser omin�se Treffpunkt sein sollte, aber er wusste pl�tzlich mit instinktiver Sicherheit, dass es nicht der Tunnel sein konnte. Ansonsten blieben nur noch zwei M�glichkeiten: links oder rechts am Schlund vorbei, egal, was sich ihnen entgegenstellen wollte.</p><p>�Lauf!�, schrie er Esanna zu und versetzte ihr einen Schubs, der sie nach hinten, auf den Schlund zustolpern lie�. Er selbst sprang im selben Moment und keine Sekunde zu fr�h los: Eines der Monster mit dem schwarzen Schattenriss Kiinas setzte ihm mit einem Fauchen nach und etwas, das wie eine groteske Mischung zwischen einem menschlichen Arm und der Klaue eines zu gro� geratenen K�fers aussah, ratschte dicht an ihm vorbei.</p><p>Esannas Hand krallte sich schmerzhaft in Skars Arm und dicht nebeneinander hetzten sie weiter, nur weg von den Kreaturen. Es war zu dunkel, um mehr als ein paar Schritte weit sehen zu k�nnen und es war mehr als fraglich, ob er noch rechtzeitig den Rand des Abgrunds sehen w�rde, bevor sie in ihrem selbstm�rderischen Tempo �ber ihn und in die nahezu unendliche Tiefe st�rzen w�rden. Aber sie hatten keine andere Wahl. Die schwarzen Schatten hetzten von allen Seiten auf sie zu.</p><p>Es wurde in doppeltem Sinne ein Wettlauf mit dem Tod. Wenn sie zu langsam waren, w�rden sie eher fr�her als sp�ter ein Opfer der Monster werden, waren sie aber zu schnell, konnte das den Absturz in den sicheren Tod bedeuten. Obwohl Skar wusste, dass sie eine unbedachte Richtungs�nderung in die unmittelbare N�he des unermesslichen Lochs inmitten des H�hlenbodens bringen konnte, schlug er einen wilden Haken, als eine schwarz gl�nzende Kiina auf ihn zuzischelte. Sein ausgemergelter, �beranstrengter K�rper gehorchte ihm trotz der Strapazen der letzten Stunden und der vielen Verletzungen mit erstaunlicher Pr�zision, und war dennoch einen entscheidenden Sekundenbruchteil zu langsam.</p><p>Die Kreatur erwischte ihn an der Brust. Skar f�hlte sich hochgehoben und zur�ckgeschleudert; mit wild rudernden Armen k�mpfte er einen Moment um sein Gleichgewicht, da erwischte ihn ein zweiter Schlag und er ging endg�ltig zu Boden. Obwohl er im Fallen noch versuchte sich zur Seite zu drehen, schaffte er es nicht mehr ganz; er landete mit seinem vollen Gewicht auf Esanna und rammte sie damit geradezu in den Boden.</p><p>Dummerweise wurde nicht nur Esanna Opfer seines plumpen Sturzes, sondern auch sein rechter Arm; sein Handgelenk knickte ab und die Klinge seines <emphasis>Tschekals </emphasis>schrammte dicht an Esannas Oberschenkel vorbei auf den harten Boden. W�re sein Schwert nicht aus spezialgeh�rtetem Sternenstahl, w�re es zweifellos bei dem Aufprall geborsten. Doch auch so nutzte ihm die Waffe nichts mehr; bevor er sich auch nur halb von Esanna und seinem Schwert gerollt hatte, war die Kreatur schon heran. Ein Schlangensch�del beugte sich �ber ihn, ver�nderte sich wie eine lebendig gewordene Halluzination eines Wahnsinnigen, halb Kiina und halb Monster, halb Mensch und halb unbegreiflich flie�ende Bewegung. Esanna st�hnte auf, gleicherma�en aus Benommenheit wie aus Panik, und Skar versuchte sich an einer Sprungtechnik, mit der es jeder halbwegs vern�nftig ausgebildete Satai schaffen sollte, blitzschnell aus einer liegenden in eine stehende Position zu wechseln.</p><p>Daran gemessen versagte Skar kl�glich. Er kam gerade halb hoch, da patschte die Klaue der Kiina-Kreatur auch schon wieder auf seine Brust und schleuderte ihn erneut auf das M�dchen herab. Esanna gab einen r�chelnden, erstickten Laut von sich und zuckte einmal auf, um gleich darauf wie erstarrt unter ihm liegen zu bleiben. Skar hatte keine Zeit sich darum zu k�mmern.</p><p>Als sich das Monster mit einem schmatzenden Ger�usch auf ihn st�rzen wollte, lie� er das durch den nur halb missgl�ckten Sprung wieder freigekommene <emphasis>Tschekal </emphasis>einen pr�zisen und mit aller Kraft gef�hrten Halbkreis beschreiben, der zu seiner eigenen grenzenlosen Verbl�ffung das Monster im ersten Ansatz sauber durchtrennte.</p><p>Der Torso der Kreatur blieb schwankend �ber ihm stehen, w�hrend der Oberk�rper mit dem schlangengleichen Gesicht Kiinas direkt neben Skar auf den Boden krachte. Einen f�rchterlichen Augenblick starrte Skar dabei in Kiinas gebrochene Augen, die so t�uschend echt aussahen, dass er das Gef�hl hatte, ein eiskalter Dolch durchsto�e sein Herz. Dann schwappte eine ekelhafte, klebrige Br�he �ber ihn und der Torso st�rzte auf ihn.</p><p>Skar zog die Knie an und traf den abscheulichen Unterleib mit einem gewaltigen Tritt im oberen Drittel; seine H�nde zitterten dabei so stark, dass er kaum noch das Schwert halten konnte. Bevor der Torso in hohem Bogen davonschleuderte, wurden er und Esanna �ber und �ber mit der schwarzen, stinkenden Fl�ssigkeit besudelt, die z�h wie Blut an ihnen klebte. Obwohl er wusste, dass es Unsinn war, schrie ihm eine innere Stimme zu, dass er soeben sein eigen Fleisch und Blut, seine eigene Tochter umgebracht hatte. Das n�chste Kiina-Monster, das in diesem Moment auf ihn zust�rmte, belehrte ihn eines Besseren. Ein Schlangensch�del beugte sich �ber ihn, als er sich erheben wollte, und krabben�hnliche Scherenarme pfiffen w�tend an seinem Gesicht vorbei. Skar rammte dem Monster �ber sich den Griff seines <emphasis>Tschekals </emphasis>an die Stelle, bei denen bei Menschen der Magen gewesen w�re und das Kiina-Monster torkelte zur�ck.</p><p>Er musste aufpassen, sich durch ihr Aussehen nicht t�uschen zu lassen. Als die Kreatur erneut auf ihn zust�rmte, empfing er sie mit einer Achterkombination, die ihr in einer kreisenden Bewegung zuerst beide Klauen vom Leib trennte und dann tief die Klinge seines Schwertes in ihren Leib versenkte; merkw�rdig und �berraschend leicht auch diesmal. Mit einem fast menschlicherstaunten Gesichtsausdruck taumelte die Kreatur auf ihn zu und riss die Armst�mpfe empor, als wollte sie ihn damit angreifen. Der Laut, mit dem sie dann schlie�lich auf den Boden prallte, lie� ihn innerlich erschauern.</p><p>�Weg hier�, schrie jemand und Skar starrte mit weit aufgerissenen Augen und vollkommen fassungslos auf Kama, der mit grotesk gro�en Spr�ngen auf ihn zugest�rmt kam. Er hatte den Nahrak f�r tot gehalten, zerschmettert von der Explosion, den sein Sturz in die Nische ausgel�st hatte. �Sie werden schon st�rker�, br�llte ihm Kama ins Ohr, w�hrend er ihn am Arm packte und herumwirbelte.</p><p>Skar sch�ttelte seinen Arm ab und beugte sich zu Esanna herunter. Das M�dchen st�hnte leise und versuchte ihn abzuwehren, als er ihren Oberk�rper packte, sie nach oben riss und sie sich ohne viel Federlesens �ber die Schulter warf. Es war schon zum zweiten Mal, dass er sie auf diese Weise aus einer drohenden Gefahrenzone zu retten versuchte; das erste Mal war im Digger-Dorf gewesen, inmitten des Gemetzels, das die Quorrl unter der Dorfbev�lkerung veranstaltet hatten. Im Gegensatz zu dem Kampf gegen diese Monster in dieser vollkommen �bersteigerten H�hle - und nur ein paar Schritte entfernt von dem ins unendliche Nichts hinabst�rzenden Sog unfassbarer Tiefe - kam ihm der Kampf der Quorrl gegen die Digger allerdings eher wie ein harmloser Spaziergang vor.</p><p>Er hatte sich gerade wieder aufgerichtet und wollte Kama hinterherst�rzen, als er begriff, was der Nahrak mit <emphasis>Sie werden st�rker </emphasis>gemeint hatte. Das Monster, das aus der Dunkelheit auf ihn zuraste, war nicht nur schneller; seine Bewegungen wirkten auch deutlich koordinierter als die der beiden Kreaturen, die er mit Leichtigkeit hatte t�ten k�nnen. Ein schwarzer Scherenarm jagte auf ihn zu und er musste sein <emphasis>Tschekal </emphasis>blitzschnell hochrei�en, um nicht schon im ersten Ansturm schwer getroffen zu werden. Nur mit M�he konnte er den Schlag auffangen, ohne allerdings seinem Gegner eine ernsthafte Verletzung zuf�gen zu k�nnen. Die Schlagenergie der Kiina-Kreatur stand der eines Quorrl in keiner Weise nach und es gelang ihm nur mit M�he, mit einem Seitw�rtsschritt den gr��ten Teil der t�dlichen Wucht wirkungslos verpuffen zu lassen.</p><p>Der Schock der Erkenntnis traf ihn erst den Bruchteil einer Sekunde sp�ter: <emphasis>Dieser </emphasis>schwarze Scherenarm, der sich mit seinem <emphasis>Tschekal </emphasis>gekreuzt hatte, musste fast so hart sein wie Sternenstahl; er stocherte, nahezu unverletzt, schon wieder vor seinem Gesicht herum, kaum dass Skar mit einem weiteren Ausfallschritt aus seiner Reichweite hatte entkommen wollen. Die Ver�nderung der Monster zu schier unbesiegbaren Kampfmaschinen besiegelte seinen und ihrer aller Untergang - wenn er sich nicht ganz schnell etwas einfallen lie� und es vor allem vermied, sich auf einen l�ngeren Kampf mit seinem Angreifer einzulassen. Bis die Kreatur Verst�rkung bekam, konnte es nicht mehr lange dauern, und sich gegen mehrere der schwarzen Schattenwesen zu verteidigen w�rde bedeuten das Ende allerh�chstens noch ein paar Minuten hinauszuschieben, bis er unweigerlich unter einer w�tenden Attacke zu Boden gehen w�rde.</p><p>In einer einzigen Drehung explodierte seine gesamte Energie. Sein Fu� sauste wie ein eigenst�ndiges Wesen herum, getrieben von dem absoluten Willen zur Vernichtung, wie ihn au�er einem Satai nur wenige Menschen mobilisieren konnten. Mit ungest�mer Gewalt traf er den verformten Hals des Monsters.</p><p>Skar hatte das Gef�hl, gegen puren Fels getreten zu haben. Und trotzdem hatte der Tritt Erfolg. Das Ungeheuer stie� einen kl�glichen Laut aus, torkelte einen halben Schritt an Skar vorbei und fiel dann wimmernd zu Boden. Das Skar zugewandte Profil �hnelte immer noch in erschreckender Weise dem Kiinas; sogar einzelne Haarstr�hnen waren noch erkennbar, allerdings liefen sie in gr�n verklumpten Hautfetzen aus.</p><p>Ein eisiger Schauer �berlief Skar, als er erkannte, wie sich das Wesen ver�ndert hatte, das er f�r seine Tochter gehalten hatte. Dicht unter einer merkw�rdig eckigen K�rper�ffnung, die wohl eher ein Maul als ein Mund war, sah er entsetzliche Bei�zangen, die aus dem Unterkiefer wucherten. Sie sahen kr�ftig genug aus, um einem Mann den Oberschenkel durchzubei�en. Als w�re das noch nicht genug, verf�gte die Kreatur �ber ein ganzes Arsenal weiterer widerlicher Ausw�chse - von den mit spitzen Widerhaken versehenen H�ckern auf seinem R�cken �ber gewaltige, dornenbewehrte Sprungbeine bis hin zu ein paar Dutzend dolchspitzer Stacheln auf seinen Armen, die vorne zu krabben�hnlichen Scheren ausliefen.</p><p>�Schnell!�, schrie Kama und in seiner Stimme schwang eine f�r ihn ganz ungewohnte Panik mit. �Wenn die Verwandlung abgeschlossen ist, wir sein verloren.�</p><p>Skar riss sich von dem morbiden Anblick los. Gerade noch rechtzeitig, denn das Monster rappelte sich schon wieder auf. Eine sichelf�rmige Klaue hackte nach Skars Bein, dann war er schon an ihm vorbei und jagte, Esanna eng an sich geklammert, dem Nahrak hinterher.</p><p>�Hier lang�, keuchte Kama, ohne sich umzusehen.</p><p>Skar hatte M�he ihm zu folgen; der Nahrak gab ein unglaubliches Tempo vor und Skar war noch immer zu angeschlagen, um l�ngere Zeit die geheimen Kraftreserven zu mobilisieren, �ber die jeder Mensch verf�gte, die aber die wenigsten bewusst zu nutzen verstanden. Er hoffte nur, dass Kama wusste, was er tat, denn er selber hatte mittlerweile vollkommen die Orientierung verloren.</p><p>Die Kiina-Kreaturen schienen sie f�r den Moment abgeh�ngt zu haben, doch es bestand kein Grund sich bereits in Sicherheit zu w�hnen. Etwas Gro�es, Glitzerndes bewegte sich in dem verschwommenen Halbdunkel vor ihnen, ein heller, schleifender Laut war zu h�ren und pl�tzlich schien die H�hle selbst zu erwachen und sich mit tausendfach krabbelnden und wimmelnden Bewegungen �ber sie hermachen zu wollen. In Skar flammte die noch frische und schmerzende Erinnerung an die H�hle auf, die zusammengekracht war, nachdem die W�nde selbst lebendig geworden waren und er fragte sich verzweifelt, ob denn dieser Wahnsinn nie ein Ende haben w�rde.</p><p>Im Moment zumindest nicht. Was oder wer auch immer ihre Angreifer koordinierte, schien sich jetzt wieder vollkommen auf sie eingeschossen zu haben. Noch waren es eher kleinere Wesen, die auf sie zuhielten, abscheuliche Gliedma�en ausformten und Schlangenarme mit d�nnen, nadelscharf auslaufenden Horndolchen nach ihnen ausstreckten. Es war ein Zittern und Beben in diesen Kreaturen, als seien sie dabei, sich zu sammeln, und ihre Angriffe wirkten eher zuf�llig und keineswegs so zielgerichtet wie die der <emphasis>Khta�m, </emphasis>die sie in der oberen H�hle �berrascht hatten. Dennoch fiel es Skar bereits schwer, sich der vielf�ltigen Attacken der Nachtmahre zu erwehren, die mit ihren Stachel- und zackenbewehrten Ausw�chsen und Gliedma�en nach ihm hackten, wann immer er in ihre N�he kam, und er ahnte, dass sie ihre Offensive nur deshalb nicht mit aller Entschlossenheit vorantrieben, weil sie sich ihrer Opfer absolut sicher w�hnten.</p><p>Wie von einer unsichtbaren Hand nach vorne geschoben, wogte eine Flut undefinierbarer Kreaturen auf die Stelle zu, auf die sie gerade zuhielten, und Skar fragte sich besorgt, ob der Nahrak wirklich wusste, was er tat. Zu allem �berfluss blieb Kama auch noch in genau diesem Moment stehen. �Da ist er�, schrie er, w�hrend er sich zu Skar umdrehte, der ihn fast in vollem Lauf niedergerannt h�tte. �Wir m�ssen nur noch kurz durchhalten.�</p><p>Das war leichter gesagt als getan - Skars Stiefel fegten in schneller Folge dutzende der hartn�ckigen Angreifer weg, ohne dass der flutartige Angriff auch nur eine Sekunde abebbte - und au�erdem hatte er �berhaupt keine Ahnung, wen oder was Kama meinte. Aber dann begriff er es. Es war eine unglaubliche Szene. Ein dumpfes Grollen erklang vor ihnen, das aus der Tiefe des Berges zu kommen schien und einen f�rchterlichen Augenblick lang f�rchtete Skar, dass sich der Boden vor ihnen auftun w�rde, um hunderte der <emphasis>Khta�m-Larven </emphasis>auszuspucken. Doch dann erkannte er seinen Irrtum; das Grollen kam nicht von unten, sondern von <emphasis>oben. </emphasis>Etwas Monstr�ses bewegte sich dort mit gigantischem Schwingenschlag auf sie zu, etwas, was Skar gleichzeitig vollkommen unbekannt vorkam und gleicherma�en vertraut erschien. Es konnte doch nicht sein ... Er kam nicht dazu, den Gedanken weiterzuverfolgen.</p><p>�Vorsicht!�, schrie Esanna, die sich eng um seinen Oberk�rper gewunden hatte, bei Bewusstsein zwar, aber offensichtlich nicht willens, hinab in die krabbelnde Flut zu springen. Immerhin verf�gte Skar durch sie �ber das zweite Augenpaar, das er sich schon so oft im Kampf gew�nscht hatte - und gerade jetzt war das von unsch�tzbarem Vorteil. Er wirbelte herum. Nicht weit entfernt zeichneten sich die im Halbdunkel kaum erkennbaren Schemen der Kreaturen ab, die inzwischen kaum mehr �hnlichkeiten mit einem Menschen hatten und ihn dennoch vor kurzem mit ihrer t�uschend echten Imitation Kiinas genarrt hatten. Sie glitten langsam n�her, fast lautlos, und als Skar �ber den Absatz einmal um seine eigene Achse glitt, erkannte er, dass sie einen nahezu perfekten Kreis bildeten, der sich rasch enger zog.</p><p>Es war eine Situation wie aus einem strategischen Lehrbuch. Wenn er noch eine Chance hatte, dann nur die eines sofortigen Ausbruchversuchs, in den er seine ganze Energie steckte.</p><p>Doch dazu kam es nicht mehr.</p><p>Ein greller Blitz schoss ihm entgegen, glitt so dicht �ber ihn hinweg, dass er die Feuers�ule in seinem R�cken sp�ren konnte. Zwei, drei Monster hinter ihm verwandelten sich in grelle Fackeln; ihr schrilles Kreischen �bert�nte ein paar Herzschl�ge lang jedes andere Ger�usch und h�tte Skar einen Schauder �ber den R�cken gejagt, wenn er nicht immer noch gleicherma�en fasziniert wie kampfbereit dem Biest entgegengeblickt h�tte, das dort auf sie herabschoss. Es war ein Anblick, der ihm in einer anderen Situation das Blut in den Adern h�tte gefrieren lassen. Aus der alles verschlingenden Dunkelheit schob sich der hellere Schatten eines Drachens hervor, absurd gro� und mit einer solch gewaltigen Spannweite, dass er wohl in jeder anderen als dieser �berdimensionierten H�hle nahezu man�vrierunf�hig gewesen w�re. Zuerst glaubte Skar eine <emphasis>Daktyle </emphasis>auf sich zufliegen zu sehen, auf der eine mit einer Scannerwaffe ausger�stete <emphasis>Errish </emphasis>hockte. Aber er braucht nicht lange, um seinen Irrtum zu bemerken. Es war keine <emphasis>Daktyle </emphasis>und es war auch keine Reiterin auf dem fliegenden Ungeheuer zu sehen.</p><p>F�r ein paar Sekunden schien die Zeit stehen zu bleiben. Skar hatte sich nur selten Gedanken um die Panzerechsen gemacht, die auf Enwor beheimatet waren, und lange Zeit hatte er geglaubt, die Drachen der m�chtigen <emphasis>Errish </emphasis>w�ren die einzigen Gesch�pfe dieser Art in den Grenzen seiner Welt. Sp�ter erst hatte er erfahren, dass es neben den <emphasis>Daktylen </emphasis>noch andere Echsen gab, n�mlich die <emphasis>Tyrr, </emphasis>die als einfache Flugtiere Verwendung fanden, w�hrend die <emphasis>Daktylen </emphasis>eine tiefe Symbiose mit ihren Reiterinnen eingingen. Diese <emphasis>Drachen </emphasis>waren auf unverst�ndliche Art und Weise mehr als nur Tiere gewesen, in tiefer Verbundenheit f�r ein Leben lang verschmolzen mit ihrer Reiterin, auf geradezu selbstvergessene Art an ihre <emphasis>Errish </emphasis>gebunden und doch gleichzeitig so stolz und unbeugsam wie kaum ein anderes Wesen auf Enwor. �Einen Drachen kannst du nicht beherrschen�, hatte ihm einst eine <emphasis>Errish </emphasis>erkl�rt, �du musst seine Freundschaft gewinnen oder er wird dich t�ten.�</p><p>Der <emphasis>Frarr, </emphasis>der auf ihn zugesaust kam, den er bislang lediglich auf einem Gem�lde in Besh-Ikne gesehen hatte, ohne zu ahnen, dass es dieses abscheuliche Gesch�pf wirklich gab, war nichts von alledem. Dieser h�ssliche, m�rderische Drache hatte nichts mit den m�chtigen Riesenechsen gemein, die vor langer Zeit den <emphasis>Errish </emphasis>gedient hatten, und er �hnelte auch nicht den <emphasis>Tyrr. </emphasis>Er war nicht stolz, sondern h�chstens verschlagen, und das heimt�ckische Funkeln in seinen Augen versprach nicht Freundschaft, sondern Tod. Doch das alles war Skar im Augenblick egal. Es ging einzig und allein darum, hier rauszukommen. M�glicherweise bot dieser m�rderische Koloss dazu eine einmalige Chance - denn wen sonst h�tte Kama als <emphasis>Hilfe </emphasis>bezeichnen k�nnen? - und wenn der <emphasis>Frarr </emphasis>in diese H�hle hereingekommen war, w�rde er auch wieder herauskommen. Die Frage war nur, wie Esanna, Kama und er auf seinen R�cken kommen w�rden; ihre Angreifer schienen jedenfalls nicht willens das zuzulassen.</p><p>Bevor er irgendetwas unternehmen konnte, tat der <emphasis>Frarr </emphasis>das, was Skar bef�rchtet hatte: Er setzte zur Landung an. Seine m�chtigen Schwingen wischten ein paar ihrer Angreifer zur Seite, die so unvorsichtig gewesen war, nicht rechtzeitig zur Seite zu springen. Wenn er weiter mit so m�rderischer Geschwindigkeit auf den Boden zuhielt, w�rde er nicht nur die <emphasis>Khta�m </emphasis>erwischen, sondern auch sie selbst; allen voran Kama, der dem Drachen entgegensprang, irgendetwas in der Hand haltend, das ein schwaches, irisierendes Licht ausstrahlte.</p><p>Ungeachtet des Sturzflugs des Drachens explodierte der Bereich um sie herum pl�tzlich vor hektischer Aktivit�t und Angriffslust. Wenn Skar jemals begriffen hatte, dass es nicht viele <emphasis>Khta�m </emphasis>gab, sondern nur einen <emphasis>Khta�m </emphasis>mit vielen Erscheinungsformen, dann in diesem Moment. Das unbegreifliche Wesen hatte erfasst, was der Drache wollte, und es wehrte sich auf die ihm eigene Weise, indem es alles in die Schlacht schmiss, was ihm zur Verf�gung stand.</p><p>Von einer Sekunde auf die andere f�hlte sich Skar von dutzenden kleiner Monster bedr�ngt, die dem Alptraum eines unter einer Rattenphobie leidenden Menschen entsprungen zu sein schienen. W�hrend aber auch die aggressivsten Ratten im Vergleich zu den Khta�m-Manifestationen wie harmlose Scho�tierchen wirkten, glichen diese mit Krallen, Stacheln, dornenbewehrten Sprungbeinen und winzigen, aber m�rderischen Rei�z�hnen ausgestatteten Angreifer wahren Ausgeburten der H�hle.</p><p>Als sich die ersten dieser Viecher in seine nackten Beine verbei�en wollten, federte Skar mit einem Riesensatz nach oben, drehte sich einmal um die eigene Achse, erschlug mit dem <emphasis>Tschekal </emphasis>eines der kleinen Monster, das sich in seiner Wade verkrallt hatte, und kam dann zwei, drei Schritte hinter der Angriffsweile wieder auf dem Boden auf.</p><p>Es war sinnlos. Statt einer Flut kleinerer Monster sah er sich jetzt mehreren Kreaturen gegen�ber, die die Nischen ausgespien hatten; mit Kiina hatten sie mittlerweile keine �hnlichkeit mehr. Esanna, die sich nach wie vor an seinen R�cken klammerte, fing wild an zu strampeln und schrie irgendetwas, aber Skar konnte sich nicht um sie k�mmern - obwohl er den Grund ihrer Panik ahnte; wahrscheinlich hatte auch sie eine Klette in Form einer wahren Scheu�lichkeit von <emphasis>Khta�m </emphasis>an ihren Beinen h�ngen.</p><p>Als die beiden ersten Monster mit ihren vorgestreckten, krabben�hnlichen Klauen auf ihn zurasten, getrieben von ihren gewaltigen, dornenbewehrten Sprungbeinen, versuchte Skar nicht auszuweichen, sondern glitt stattdessen in den elastischen <emphasis>Falam-Stand, </emphasis>der es ihm erm�glichte, fast die gesamte Energie eines Angreifers aufzunehmen und auf ihn zur�ckzulenken. Der erste Klauenarm sauste auf ihn zu und Skar lie� ihn ohne Widerstand seine Bahn verfolgen. Er gestattete es ihm sogar, seinen Harnisch leicht zu touchieren, bevor er sich seitlich und r�ckw�rts drehte und der Kreatur mit einem mit voller Wucht gef�hrten Schlag seines <emphasis>Tschekals </emphasis>in den R�cken dazu verhalf, wie von einem Katapult fortgerissen in eine Gruppe seiner Artgenossen zu sausen. Diese von der lebenden Bombe getroffenen Monster, die r�cklings versucht hatten Skar einzukreisen, purzelten nun wie ein Haufen �berraschter Schulkinder durcheinander.</p><p>Skar blieb keine Zeit sich seines Erfolgs zu erfreuen. Der zweite Angreifer war im letzten Moment seinem Ausweichman�ver gefolgt und schien nicht bereit zu sein, auf die gleiche Finte wie sein Artgenosse hereinzufallen. Er bediente sich einer genauso brutalen wie einfachen Taktik: Er wollte Skar schlicht und einfach �berrennen. So nah wie er heran war und dank seiner hohen Geschwindigkeit konnte das aus seiner Sicht eigentlich kein Problem sein. Doch Skar w�re nicht er selbst gewesen, wenn er es dabei belassen h�tte.</p><p>Mit Esanna auf dem R�cken konnte er weder unter dem Angreifer durchtauchen noch ihn �berspringen; f�r einen Seitw�rtsschritt war es aber bereits zu sp�t. Also sprang Skar nach hinten, packte Esanna mit der linken Hand und riss sie wie eine Puppe hoch. Mit einer gewaltigen Bewegung schleuderte er sie genau in dem Moment der Kreatur entgegen, als sie auch schon heran war, riss den Kopf nach hinten, sodass sich sein Oberk�rper durchbeugte, weg von den gef�hrlichen Scheren, und lie� sich nach unten plumpsen.</p><p>Ein untrainierter Mann w�re zweifelsohne mit dem Hinterkopf auf dem harten Felsen aufgeschlagen und h�tte sich zudem den R�cken verstaucht. Skar dagegen versp�rte nichts weiter als einen harten Ruck, dem er durch eine elastische Ausweichbewegung die vernichtende Wucht nahm. Dann war die Kreatur auch schon �ber ihm und die mit spitzen Widerhaken versehenen Beinsicheln der Kreatur schrammten an seiner Wange vorbei.</p><p>Hinter ihm raste der verdutzte Angreifer in seine Artgenossen, die sich gerade wieder aufgerappelt hatten, und riss sie erneut zu Boden. Auch Skar war nicht gerade gl�cklich dran: Esanna, die er hochgeschleudert hatte und deren Flugbahn durch eine unsanfte, wenn auch nicht allzu heftige Begegnung mit einer der Scheren des Angreifers abgelenkt worden war, sauste mit voller Wucht auf ihn hinab und rammte ihn in den Boden.</p><p>Skar wurde die Luft aus den Lungen gepresst und vor seinen Augen begannen graue Schatten zu treiben. Er versuchte sie wegzublinzeln, aber es wurde nur noch schlimmer. Die auf ihm liegende Esanna schien vor ihm zu verschwimmen und der ganze sichtbare Bereich der H�hle begann sich um ihn zu drehen, als w�rde er pl�tzlich nicht mehr den normalen Naturgesetzen gehorchen. Dumpfe �belkeit stieg aus seinem Magen empor und seine Arme und Beine f�hlten sich mit einem Mal taub und schwer an. Dabei durfte er sich gerade jetzt keine Schw�che leisten: Die n�chste Welle der kleineren <emphasis>Khta�m-Monster </emphasis>wimmelte bereits heran und w�rde ihn und Esanna bei lebendigem Leib zerst�ckeln, wenn er nicht sofort etwas zu ihrer Rettung unternahm.</p><p>Doch dann passierte das, was er die ganze Zeit �ber gehofft hatte, ohne die geringste Chance zur Realisierung zu sehen: Ein anderer nahm ihm den Kampf gegen die Monster ab. Es war der mittlerweile gelandete <emphasis>Frarr, </emphasis>der sich auf seine ganz eigene Art in den Kampf mischte. Eine gigantische Feuerwalze schlug den schwarzen Nachtmahren entgegen und brannte sich in ihre Leiber ein. Die Luft war schlagartig erf�llt von einem unbeschreiblichen Gestank nach verbrannter K�rpersubstanz und verschmorten Weichteilen, einer Ausd�nstung des Todes, seltsam s��lich und herb zugleich, aber dabei so penetrant, dass sie jeden Atemzug zur Qual werden lie�. Das Verbl�ffendste aber war: Wie Feuerfackeln fingen selbst jene Kreaturen sofort an zu brennen, die die Flammen nicht voll getroffen, sondern nur gestreift hatten; so als h�tte sie der Odem der H�hle entflammt. Die Dunkelheit wurde durchbrochen von diesen lebendigen Fackeln, ein zerrissenes, gespenstisches Licht, das sich in den Weiten der H�hle verlor, aber gleichzeitig mit erschreckender Deutlichkeit erkennen lie�, wie viele Monster der <emphasis>Khta�m </emphasis>aufgeboten hatte, um sie zu vernichten; so weit das Auge reichte, brandete die Woge der Kreaturen heran, unterschiedliche Formen und Gestalten, von denen sich einige �berraschend schnell und andere erstaunlich langsam bewegten.</p><p>Ein leichter Schwenk des Drachenkopfes schob eine wabernde Feuerwand und glei�ende Hitze genau in seine und Esannas Richtung und lie� Skar ganz schnell vergessen, wie schwach und �bel er sich gerade noch gef�hlt hatte; er hatte das Gef�hl, bei lebendigem Leibe gegrillt zu werden und die tosende Hitze durchbrach den Schutzpanzer der ansonsten in diesem verdammten H�hlensystem herrschenden K�lte, um ihn innerhalb weniger Sekunden auszud�rren.</p><p>Das war, endlich, das Signal f�r Esanna, sich so schnell wie m�glich hochzustemmen - nein, schon eher <emphasis>hochzuschie�en </emphasis>-, und damit war auch Skar endlich in der Lage sich aufzurappeln, wenn auch zuerst nur auf alle viere, und sich vor dem Flammenmeer zu retten, das sich jetzt bereits von selber ausbreitete, w�tende Nahrung in den Nachtm�hren fand, die ihm offensichtlich nicht den geringsten Widerstand entgegensetzen konnten. Es kroch, krabbelte und quirlte, nur weg, raus aus der Gefahrenzone; wie eine durchgehende Pferdeherde jagten die gr��eren Kreaturen �ber die kleineren Khta�m-Erscheinungen hinweg, offenbar getrieben von unendlicher Panik, nur weg, weg, weg vom Schauplatz des Entsetzens ...</p><p>Und damit auch von Skar, Esanna und dem Nahrak.</p><p>W�hrend sich Skar fassungslos aufrichtete, auf das Schauspiel starrte und ein paar Schritte zur�ckstolperte, jagten sich seine Gedanken. Wenn er das gewusst h�tte ... wenn er nur geahnt h�tte, mit welcher Panik die <emphasis>Khta�m </emphasis>auf Feuer reagierten ... aber jetzt begriff er auch, warum sie ihn so umst�ndlich vom Feuerplatz weggelockt hatten, statt ihn und Esanna gleich an Ort und Stelle zu �berfallen.</p><p>Der Drache spuckte den fliehenden Monstern eine letzte Feuerwalze hinterher, die wie eine sengende Verdammnis �ber sie hinwegglitt und rauchende, vor Hitze knackende Vernichtung �ber sie brachte; es sah aus, als w�re der Zorn w�tender G�tter �ber die <emphasis>Khta�m </emphasis>und die ganze H�hle gekommen, um sie f�r ihr verdammenswertes Treiben abzustrafen. Die Kreaturen stie�en schrille, unmenschliche Laute aus bei dem Versuch, noch in letzter Sekunde der drohenden Vernichtung zu entkommen, doch etliche von ihnen schafften es nicht mehr, wurden zu flammenden, Hitze abstrahlenden S�ulen. Die Luft war voll bei�enden Rauchs und schmeckte nach Feuer, und der lodernde Feuerschein erhellte die gigantische Kuppel der H�hle, brach und reflektierte sich in dunklem, wie poliert wirkendem Gestein in Schwindel erregender H�he; ein unvorstellbarer L�rm, Schreie, das Krachen berstender Kreaturen, das Prasseln von Feuer, das die kleineren <emphasis>Khta�m </emphasis>ergriffen hatte und �ber sie hinwegwogte und ein schrilles, in den Ohren schmerzendes Heulen und Kreischen riss an ihren Nerven ...</p><p>Nachdem der <emphasis>Frarr </emphasis>sein Vernichtungswerk beendet hatte, schnappte das gigantische Maul mit ein paar f�rchterlichen Bei�bewegungen in Skars und Esannas Richtung und ein tiefes Grollen entrang sich seiner Brust. Es war ein Anblick, der einem weniger beherzten Mann als Skar das Blut in den Adern h�tte gefrieren lassen. Das riesige, mit rasiermesserscharfen Alligatorz�hnen bewehrte Echsenmaul war gro� genug, um einen Mann mit einem einzigen Biss zu zerteilen. Die Bestie war gr�n, von einem so kranken, widerw�rtigen Gr�n, wie er es nie zuvor gesehen hatte, und ihr Rumpf erinnerte bei genauerem Hinsehen an einen ins Groteske vergr��erten Leib einer Riesenschlange, der zu allem �berfluss auch noch mit einem zackenbewehrten Wulst ausgestattet war.</p><p>Skar starrte wie gebannt auf das Wesen, sich nur zu bewusst, dass die n�chsten Sekunden dar�ber entscheiden w�rden, ob der Drache auch sie angreifen w�rde oder nicht. Die B�sartigkeit und Erbarmungslosigkeit dieser Riesenechse war beinahe k�rperlich sp�rbar. Das ganze Wesen wirkte irgendwie missgestaltet, zumindest im Vergleich zu einer <emphasis>Daktyle. </emphasis>Sein langer, lanzenf�rmiger Schwanz diente offenbar dazu, seinen Flug zu steuern und gleichzeitig sein Gleichgewicht auszubalancieren, war aber dar�ber hinaus auch eine f�rchterliche Waffe, die sicherlich m�helos eine ganze Menschengruppe beiseite wischen konnte. Seine F��e waren gro� und f�nfzehig wie die von Menschen, doch wirkten sie eher wie Klauen, die rei�en und zerst�ren wollten. Am gr�sslichsten jedoch war der Sch�del mit seiner h�hnischen Mundpartie, den gef�hrlichen Rei�z�hnen und dem arglistigen Blick aus dunkel schimmernden Echsenaugen. Skar konnte nicht gerade behaupten, dass es ihn beruhigte, einen solchen Kampfgef�hrten zu haben. Er warf einen besorgten Blick zu Kama her�ber, der immer noch mit diesem merkw�rdigen Teil in seiner Hand hantierte, dessen schwacher Lichtschein allerdings nicht mehr zu sehen war - wahrscheinlich ganz einfach deshalb, weil er in der tobenden Feuersbrunst verendender Kreaturen unterging. Kama erwiderte seinen Blick und machte dann mit dem Kopf eine Bewegung, die wohl bedeuten sollte, dass er und Esanna zu ihm her�berkommen sollten. Skar legte seine Hand auf die Schulter des M�dchens, das ganz selbstverst�ndlich zu ihm gerannt war und sich nun schluchzend an ihn presste. Er sp�rte das Zittern und Beben ihres K�rpers und er konnte sie nur zu gut verstehen. Was in den letzten Stunden passiert war, h�tte selbst dann an Aufregung f�r ein ganzes Leben gereicht, wenn ihnen jetzt die Konfrontation mit dem Drachen erspart geblieben w�re.</p><p>�Das ist... grauenvoll�, stie� Esanna so leise hervor, dass er sie kaum verstand.</p><p>Skar nickte, unsicher ob er etwas sagen oder tun konnte, was sie beruhigte. Es war ein merkw�rdiges Gef�hl, sie so im Arm zu halten, fast tr�stlich angesichts des unglaublichen Chaos um sie herum und doch gleichzeitig seltsam unwirklich angesichts der Lebensgefahr, in der sie sich nach wie vor befanden.</p><p>�Los!�, rief Kama besorgt zu ihnen her�ber, w�hrend er langsam und vorsichtig auf den gigantischen Frarr zuging, ohne das Teil in seinen H�nden auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. �Bevor die sich was Neues ausdenken!�</p><p>Skar l�ste sich so behutsam wie m�glich von Esanna und schob mit seinem Stiefel den �berrest eines brennenden <emphasis>Khta�m </emphasis>zur Seite. �Komm jetzt�, sagte er, w�hrend seine Augen wachsam �ber die vielfachen lodernden Br�nde in der H�hle glitten. �Wir m�ssen gehen.�</p><p>Esanna sch�ttelte entsetzt den Kopf und warf einen verzweifelten Blick auf das gigantische Untier, das ihre gemeinsamen Feinde vertrieben hatte - zumindest f�r den Moment. �Ich ... du ... du willst doch nicht... mit diesem <emphasis>Ding </emphasis>...� Die heimt�ckischen Augen des Frarr schienen sich in die seinen festzubrennen und Skar fragte sich besorgt, ob er vielleicht verstand, was hier vorging. Aber das war eine m��ige Frage. Er war sich sogar ganz sicher, dass dieser Feuer speiende Drache sehr genau �ber das im Bild war, was geschah, wenn auch vielleicht nicht auf der bewussten Ebene eines Menschen. Und er war sich auch sicher, dass diese monstr�se Flugechse alles andere als begeistert von seiner Rolle als Rettungsengel war; dass sie �berhaupt gekommen war, konnte nichts mit ihren nat�rlichen Impulsen zu tun haben, sondern nur mit einem speziellen Lockruf, der wahrscheinlich auf das Ding zur�ckzuf�hren war, das Kama nach wie vor in den H�nden hielt.</p><p>So fahrig, wie sich der Nahrak verhielt, schien er sich allerdings selber nicht ganz sicher zu sein, ob er den Frarr wirklich noch lange kontrollieren konnte.</p><p>�Es ist unsere einzige Chance�, versuchte Skar das aufgeregte M�dchen zu beruhigen. �Wir werden jetzt da r�bergehen und genau das tun, was Kama von uns verlangt. Er wei�, was er tut.�</p><p>�Dieses ... dieses Vieh auch�, stotterte Esanna. �Es hasst uns. Ich kann es sp�ren.�</p><p>�Der Frarr hat uns gerettet�, stellte Skar fest. �Und selbst wenn er uns nicht mag: Er hat uns geholfen und wird es auch weiter tun - wenn wir ihn nur lassen.�</p><p>�Der will uns doch gar nicht helfen�, sagte Esanna verzweifelt. �Der will doch etwas ganz anderes.�</p><p>�Vielleicht ist er nicht ganz freiwillig hier�, korrigierte sie Skar. �Aber das macht keinen Unterschied ...�</p><p>�Los jetzt�, unterbrach ihn Kama. �Ich wei� nicht, wie lange ich ihn hier noch kontrollieren k�nnen. Diese H�hle... zu gef�hrlich.�</p><p>Skar st�hnte. Es fehlte ihm noch, dass der Nahrak das sowieso schon vollkommen �berforderte und panische M�dchen zus�tzlich ver�ngstigte. �Wenn du nicht freiwillig mitkommst, werde ich dich r�bertragen�, sagte er m�hsam beherrscht. �Aber vielleicht schaffst du es ja auch alleine - diesmal.�</p><p>Esanna warf ihm einen so verzweifelten Blick zu, dass Skar in diesem Moment alles getan h�tte, um sie zu beruhigen. Oder besser gesagt: fast alles oder zumindest das, was er auch f�r Kiina zu tun bereit gewesen w�re in dieser gleichzeitig abstrusen und bedrohlichen Situation. Wider die Vernunft zu handeln konnte er sich allerdings nicht leisten, und das musste auch das bockige M�dchen einsehen.</p><p>�Jetzt los!� Kama wirkte so aufgeregt, wie ihn Skar noch nie erlebt hatte. �Das Opfer darf nicht umsonst sein.� Skar hatte keine Ahnung, von welchem Opfer der Nahrak sprach. Aber in der Sache als solcher konnte er ihm nur zustimmen. Er packte Esannas Arm, eindeutig grob diesmal, und zerrte sie mit.</p><p>�Lass mich los, du Idiot!�, schrie Esanna und kratzte ihm mit scharfen Fingern�geln blutige Striemen auf den Handr�cken.</p><p>�Nicht den <emphasis>Frarr </emphasis>anschreien�, sagte Kama besorgt. �Er sein nerv�s.�</p><p>�Das ist Esanna auch�, knurrte Skar, w�hrend er gleichzeitig Esannas Hand packte und recht unsanft zusammendr�ckte, um sie von weiteren Kratzattacken abzubringen. �Und wenn ich ehrlich bin: ich auch.�</p><p>Sie waren jetzt bei Kama angekommen, nur zwei Schritte von einem der m�chtigen S�ulenbeine der Flugechse entfernt; kein unbedingt beruhigender Anblick. Das einzig Positive war, dass sie sich jetzt nicht im Sichtfeld der gereizten Echse befanden.</p><p>�Wir m�ssen aufsteigen�, sagte Kama.</p><p>�Oh nein!�, kreischte Esanna. �Das kommt doch gar nicht infrage! Und �berhaupt - wie sollte ich denn da hochkommen?�</p><p>Der <emphasis>Frarr </emphasis>stie� einen tiefen, knurrenden Laut aus, so als h�tte er das Gespr�ch bislang aufmerksam verfolgt und sei die l�cherlichen Einw�nde dieser winzigen Menschlinge nun leid.</p><p>�Hier, hier�, stie� Kama aufgeregt hervor und ruckelte an etwas, das Skar erst durch diese Bewegung als eine schmale gr�ne Strickleiter erkannte, die fast bis auf den Boden reichte. �Ich haben schon alles vorbereitet.� Er schluckte krampfhaft. �Ich gehen als Erster. Du dann kommen mit dem M�dchen nach. Klar, Skar?�</p><p>�Klar, Kama�, sagte Skar wenig �berzeugt.</p><p>In diesem Moment bemerkte er aus den Augenwinkeln ein Aufb�umen, einen Flammenwirbel, der aus einem der brennenden M�llhaufen der <emphasis>Khta�m </emphasis>auf sie zuschoss. Es waren fast nur Flammen erkennbar, aber in ihrer Mitte war etwas, etwas Schwarzes, Dunkles, absolut B�sartiges, das keinesfalls gewillt zu sein schien, ihre Flucht mithilfe des Drachen zuzulassen. Skar blieb kein einziger Augenblick, um sich die Frage zu beantworten, wie �berhaupt irgendetwas in dieser brennenden Fackel zu existieren vermochte. Ihm blieb gerade noch Zeit, sein <emphasis>Tschekal </emphasis>mit einer schnellen, aber schlecht gezielten Bewegung nach oben zu bringen und sich dem Monster entgegenzustellen.</p><p>Eine Atem raubende Hitzewelle schlug ihm entgegen. Es war nichts Lebendiges, was ihm da entgegenschoss, jedenfalls nicht in herk�mmlichem Sinne; es war eine von Vernichtungswillen beseelte Kreatur, zu nichts anderem geschaffen, als zu t�ten und auszul�schen, und vielleicht war sie sogar erst in diesem einen Moment ins Leben gerufen worden, von dem <emphasis>Khta�m, </emphasis>der von der Feuerwalze zur�ckgeschlagen aber keinesfalls ernsthaft getroffen worden war. Im allerletzten Augenblick �nderte Skar seine Strategie. Er hatte vorgehabt sich dem Monster entgegenzuwerfen, doch das war Wahnsinn angesichts der brutalen Gewalt der Kreatur, die �ber ihn hinwegfegen w�rde wie eine Flutwelle �ber einen ungesicherten K�stenstrich. Mit einem Aufschrei stie� sich Skar ab und sprang hoch, mehr als zwei Mannsl�ngen, wirbelte mit einer Rolle �ber die lebendige Feuersbrunst hinweg und kam hinter ihr wieder auf die F��e. Die lodernde Kreatur hielt auf Esanna zu und einen f�rchterlichen Sekundenbruchteil lang sah Skar sie schon unter dem Flammenwirbel verschwinden; doch dann �nderte die brennende Ausgeburt ihre Richtung, so m�helos und schnell wie ein Vogel, der aus einem Sturzflug heraus wieder hochzieht. Offenbar wollte der <emphasis>Khta�m </emphasis>erst ihn vernichten, bevor er sich Esanna und den Nahrak vornahm.</p><p>Pl�tzlich packte Skar eine rasende, fast unbezwingbare Wut. Nach all der Gewalt und dem Leiden, nach allem, was Esanna mitgemacht hatte, ohne zusammenzubrechen wie die meisten Menschen, die noch nie mit einem unfassbaren Schrecken konfrontiert gewesen waren, nach allen Anstrengungen, die Kama und seine Nahrak unternommen hatten, um ihn hier rauszuhauen, durfte doch nicht alles umsonst gewesen sein. In diesem Moment war sich Skar ganz sicher, dass das alles nur geschah, um ihn davon abzuhalten, sich in den Konflikt zwischen Satai und Quorrl einzumischen - aber doch waren seine Gedanken fast ausschlie�lich bei Esanna und nicht bei den tausenden von Menschen und geschuppten Reptilienwesen, die einem sinnlosen Gemetzel zum Opfer fallen w�rden, wenn er versagte.</p><p>Der Sternenstahl in seinen H�nden schien zu eigenem Leben zu erwachen, und als er das <emphasis>Tschekal </emphasis>mit aller seiner Kraft, unter Einsatz aller Energiereserven dem nun wieder auf ihn zust�rmenden Flammenwirbel entgegenschleuderte, legte er seinen ganzen Hass, seinen ganzen Vernichtungswillen, seinen Wunsch zu <emphasis>t�ten, t�ten, t�ten </emphasis>in diese eine Bewegung...</p><p>Das Monster kreischte auf und versuchte in letzter Sekunde dem schwirrenden Sternenstahl auszuweichen - aber daf�r war es zu langsam. Das spezialgeh�rtete Material fra� sich durch die Flammen, bohrte sich in das unbegreifliche Etwas, das sich dahinter verbarg, durchschlug, durch seine verr�ckt hohe Geschwindigkeit getrieben, gnadenlos die unfassbare Art der Panzerung der Kreatur und trat auf der anderen Seite mit fast unverminderter Wucht wieder aus.</p><p>Ein Zittern ging durch das Wesen, der Aufschrei einer gequ�lten Kreatur zerriss die Luft; etwas streckte sich Skar entgegen, keine Arme, H�nde oder Klauen, sondern irgendetwas anderes; und dann brachen die Wirbel in sich zusammen, erloschen die Flammen wie durch Sauerstoffentzug erstickt - und das Wesen st�rzte mit einer grotesk langsamen Bewegung in sich zusammen.</p><p>Aber der Kampf war noch nicht vor�ber. Das Monster st�rzte zwar und blieb auch einen Moment wie benommen liegen, aber dann sah er inmitten der schwirrenden Wirbel einen monstr�sen, missgestalteten Schatten, der rasend schnell seine Form zu �ndern schien, von einem flie�enden zu einem �u�erst kompakten Umriss wurde; inmitten kalten, gr�nen Feuers verwandelte es sich in etwas, das nichts glich, was er je zuvor gesehen hatte, nichts, was ein menschlicher Geist je ersinnen k�nnte, und sei er noch so krank. Das unglaubliche B�ndel von Gliedma�en und t�dlichen Klauen und etwas st�ndig Flie�endem, Waberndem war mit schier unglaublicher Geschwindigkeit wieder auf den Beinen und griff an.</p><p>Aber diesmal galt die Attacke des Unfassbaren nicht Skar oder Esanna, sondern Kama, den es als seinen wichtigsten - und vielleicht einzigen ernst zu nehmenden - Gegner erkannt zu haben schien. Denn er lenkte den Drachen und ohne ihn w�rde die Flugechse wieder zu dem werden, was sie war: ein primitives, mordl�sternes Wesen, das sich eher gegen sie wenden w�rde, statt ihnen zu helfen.</p><p>Dem substanzlosen, wabernden und doch gleichzeitig m�rderisch kraftstrotzenden Etwas hatte Skar nichts mehr entgegenzusetzen. Er packte dennoch sein <emphasis>Tschekal </emphasis>mit festem Griff und sprang nach vorne, um Kama zu sch�tzen, mitten hinein in die Bewegung eines Gegners, der st�ndig vor ihm zu verschwimmen schien und doch so real war, dass alles in ihm aufschrie voller Entsetzen; ein riesiges, pupillenloses Auge schien ihn voll abgrundtiefer Bosheit anzustarren und er sp�rte einen Hass, der so alt wie Enwor war, einen unausl�schlichen, m�rderischen Hass auf alles, was sich ihm entgegenstellte.</p><p>Ein d�nner, grellroter Blitz zuckte aus der Mitte dieses Auges hervor und gleichzeitig f�hlte sich Skar zur�ckgeschleudert wie vom Prankenhieb eines B�ren. Etwas Blitzschnelles, Gigantisches zuckte an ihm vorbei und er wartete auf den alles vernichtenden Schlag, der ihn endg�ltig zu Boden schmettern w�rde, um sein Bewusstsein f�r immer und alle Zeiten auszul�schen, und danach Kama und Esanna...</p><p>Es kam nicht dazu. Es war nicht das unfassbare Wesen gewesen, dessen schnelle Bewegung er gesehen hatte, sondern die des <emphasis>Frarr, </emphasis>der w�hrend des Angriffs erstaunlich ruhig geblieben war, jetzt aber gezielt seinen gef�hrlichen Peitschenschwanz hatte vorschnellen lassen. Mit unglaublicher Wucht und Pr�zision sauste der Schwanz so nah an Skar vorbei, dass er von dem begleitenden Luftwirbel zur Seite gedr�ckt wurde und um sein Gleichgewicht k�mpfen musste; dann hatte er sein Ziel gefunden. Mit m�rderischer Gewalt riss er die angreifende Kreatur von den F��en und zerschmetterte sie mit einer so beil�ufigen Bewegung, wie Menschen Ungeziefer zerquetschten. Das unbegreifliche Etwas wurde auseinander gerissen und zerstob in einer abscheulichen Wolke unbeschreiblicher, giftig schwarzer, �tzender Fl�ssigkeit, und dann war pl�tzlich alles voller Rauch und Flammen und Hitze an der Stelle, an der es einen Sekundenbruchteil zuvor noch zu einem alles vernichtenden Schlag ausgeholt hatte.</p><p>Der <emphasis>Frarr </emphasis>lie� seinen Schwanz sofort wieder zur�ckschnellen, zuckte danach aber mit der Schwanzspitze �hnlich wie eine gereizte Katze und stie� ein bedrohliches Grollen aus. Skar sch�ttelte einen Moment ungl�ubig den Kopf. Es war unglaublich, wie leicht der Drache mit dem Angreifer fertig geworden war. Doch dann f�rchtete er einen Herzschlag lang, dass er sich nach der erfolgreichen Abwehr des Angreifers gegen die drei Menschen wenden w�rde, die sich erdreisteten auf seinem R�cken aus der H�hle fliehen zu wollen.</p><p>�Rauf jetzt�, schrie er Kama zu und versetzte dem kleinen Mann einen Sto�, der ihn nach vorne in Richtung der gr�nen Strickleiter taumeln lie�. �Verschwinden wir.� Der Nahrak lie� sich das nicht zweimal sagen. Mit affenartiger Geschicklichkeit kletterte er die schmale, schwankende Leiter nach oben und sprang, ohne zu z�gern, auf den R�cken des <emphasis>Frarr, </emphasis>der als Begr��ung ein drohendes Knurren ausstie� und mit einem fast w�tenden Ruck seinen gewaltigen Sch�del in Kamas Richtung wandte, als wollte er ihn mit einem Bissen verspeisen.</p><p>Skar k�mmerte sich nicht darum. Wenn der Drache Schwierigkeiten machte oder sie sogar angriff, waren sie sowieso verloren; so wie er mit der unfassbaren <emphasis>Khta�m </emphasis>Mutation fertig geworden war, musste es f�r ihn kaum mehr als ein Lidzucken bedeuten, Skar und die beiden anderen auszul�schen. Jede verdammte Sekunde aber, die sie noch l�nger hier zubrachten, brachte sie der n�chsten Attacke der <emphasis>Khta�m </emphasis>n�her - und er ahnte, dass sie beim n�chsten Mal noch weitaus erbarmungsloser ausfallen w�rde als bislang.</p><p>Er packte Esanna und zerrte sie mit sich, auf die schmale Strickleiter zu. Das M�dchen wehrte sich nicht. Ganz im Gegenteil, der letzte Angriff schien sie �berzeugt zu haben und sie beeilte sich, als er sie f�rmlich auf die schwankenden Sprossen der Leiter warf, sich anzuklammern und mit schnellen Bewegungen nach oben zu ziehen.</p><p>Der Drache bewegte sich unruhig und einen Moment lang sah es aus, als wollte er sich auf drastische Weise von seiner Last befreien. Kama drehte sich zu Skar um und schrie irgendetwas Unverst�ndliches; sein Gesicht war eine angstverzerrte Maske. Er fuchtelte mit dem leuchtenden Stab vor seinem Gesicht hin und her und Skar hatte den verr�ckten Eindruck, dass er versuchte mit diesem hektischen Gezappel den Drachen zu <emphasis>beruhigen; </emphasis>aber dann ver�nderte sich das Licht, das von dem Stab ausging, nahm einen r�tlichen Schimmer an und Kama wurde schlagartig ruhiger - und der Drache auch. Sein gewaltiger Echsenfu�, den er schon ein St�ck weit gel�ftet hatte, glitt geradezu sanft wieder in seine Ausgangsstellung zur�ck und sein massiver, gr�n geschuppter Leib kam mit einem letzten Zittern zur Ruhe. Skar hatte keine Ahnung, wie lange diese Ruhepause w�hren w�rde. Und dennoch - er hatte noch etwas zu tun, bevor er Esanna folgen konnte. Mit raschen, von Panik getriebenen Schritten war er dort, wo das <emphasis>Tschekal </emphasis>niedergegangen war. Seine Stiefel quetschten ein paar verkohlte �berreste ausgebrannter Monster beiseite, dann b�ckte er sich rasch, um das Schwert aufzunehmen. Als seine Finger die Waffe ber�hrten, w�ren sie fast wieder zur�ckgeschnellt: Der Sternenstahl war so hei�, als h�tte er stundenlang in einem Schmiedefeuer gelegen. Skar wusste, dass der Schmelzpunkt dieses speziellen Materials so hoch lag, dass ihm mit normalem Feuer nicht beizukommen war. Trotzdem glaubte er geringf�gige Verf�rbungen auf dem Material zu erkennen.</p><p>Es war nicht der rechte Zeitpunkt, auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, was mit der Klinge geschehen sein k�nnte. Er packte sie mit spitzen Fingern und schob sie so schnell wie m�glich in den Schwertgurt zur�ck, bevor er aufsprang und wieder zum Drachen eilte. Keinen Augenblick zu fr�h, denn irgendwo im Hintergrund der H�hle grummelte und zuckte es bereits wieder, so als w�rden sich die <emphasis>Khta�m </emphasis>auf den n�chsten Angriff vorbereiten; ein Angriff, dessen war er sich sicher, den sie kaum �berstehen konnten, wenn ihnen der <emphasis>Frarr </emphasis>nicht beistand. Mit fliegenden Bewegungen packte Skar die Strickleiter und zog sich nach oben.</p><p>Er kam nicht weit.</p><p>Der Drache - oder vielleicht auch Kama, der den Drachen lenkte - wartete nicht darauf, bis er es sich auf seinem R�cken bequem gemacht hatte. Skar hatte gerade mit zwei Z�gen die halbe Strecke �berwunden, als ein Zittern durch den m�chtigen K�rper lief und die Echse ihre ledrigen Fl�gel wie gewaltige Sensen in Bewegung setzte. Der Wind, den die gewaltigen Schwingen verursachten, packte mit zahllosen ungest�men Klauen zu und drohte Skar hinabzusto�en.</p><p>�Halt dich fest�, br�llte er Esanna zu, die sich zu ihm hinabgebeugt hatte, vielleicht, um ihm zu helfen, vielleicht aber auch, um im letzten Augenblick doch noch vom R�cken der Flugechse zu springen.</p><p>Dabei wusste er selber nicht, ob er sich noch lange w�rde halten k�nnen; das Beben des Drachens sch�ttelte ihn durch und eine ungest�me Seitw�rtsbewegung fegte die leichte Strickleiter zur Seite, an die er sich verzweifelt klammerte. Wenn dieser verdammte Drache glaubte ihn absch�ttelten zu k�nnen, hatte er sich get�uscht. Allerdings bestand die Gefahr, dass die d�nnen, aus einem leichten geflochten Material bestehenden Sprossen bei den ruckhaften Bewegungen durchrissen und er dann nur noch an zwei br�chigen Seilen hing ...</p><p>Dann sah er einen entsetzlichen Spr�hregen durch die Luft spritzen und h�rte, wie sein eigenes, von Grauen und bersekerhaftem Zorn erf�lltes Br�llen im Fauchen des Drachens unterging. Vor seinen Augen wirbelte alles mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durcheinander. Etwas traf ihn mit vernichtender Wucht am Hals, schleuderte ihn herum; er schlug mit dem Hinterkopf gegen den Drachen und es war, als wenn er versucht h�tte mit dem Kopf eine Mauer einzuschlagen: Die Schuppen des Viechs waren massiver als sein eigener Brustharnisch.</p><p>Die Sprossen der Strickleiter hielten, aber der Schlag gegen seinen Kopf machte ihn so benommen, dass er M�he hatte sich weiter an ihr festzuhalten. Zudem begann die Leiter wild hin und her zu schlagen und sich dann zu drehen, als der Drache in einem wilden Flugman�ver spiralf�rmig in Richtung H�hlendecke aufstieg. Voller Grauen erkannte er, dass der Abflug des Giganten nur zu berechtigt war: Von �berall her schossen jetzt <emphasis>Khta�m </emphasis>auf die Flugechse zu; schwarze, handgro�e Nachtmahre mit viel zu vielen Rei�z�hnen und ekelhaften, tentakel�hnlichen Ausw�chsen, Monster, die sie schon beim ersten Mal niedergemacht h�tten, h�tten ihnen nicht die Nahrak vollkommen �berraschend beigestanden.</p><p>Skar f�rchtete, dass sie selbst der Riesenechse gef�hrlich werden konnten. Doch offensichtlich war der <emphasis>Frarr </emphasis>ein �beraus ungew�hnlicher Drache. Soweit Skar wusste, vermochte keiner seiner weitl�ufigen Artgenossen Feuer zu spucken. Und er kannte auch keine andere Flugechse, die trotz ihrer Masse so schnell und wendig war wie der Frarr. Ein paar <emphasis>Khta�m </emphasis>klatschen dennoch gegen seinen Bauch, aber er sch�ttelte sie ab, wie ein Hund ein paar l�stige Fl�he loswerden w�rde.</p><p>Sein rasantes Flugman�ver, seine Kraft und seine blitzschnelle und konsequente Abwehr waren von Vorteil, um die ihnen nachjagenden <emphasis>Khta�m </emphasis>auf Distanz zu halten. Aber sie waren ein echter Nachteil f�r jemanden, der sich verzweifelt in die d�nnen Seile einer Strickleiter klammerte, die nur als Notbehelf gedacht war, um auf den R�cken eines der gewaltigsten Wesens Enwors zu klettern. Skar ahnte, dass seine verkrampften Finger nicht mehr lange die Last seines K�rpers tragen w�rden, zumal er bei jedem unerwarteten Flugman�ver erbarmungslos durchgesch�ttelt wurde. Es musste etwas geschehen, was ihn aus dieser unangenehmen Lage befreite oder er w�rde fr�her oder sp�ter den Halt verlieren und in das st�rzen, was die ganze Zeit �ber schon eine morbide Anziehungskraft auf ihn ausge�bt hatte.</p><p>Als sie in Schwindel erregende H�he aufgestiegen waren, drehte der <emphasis>Frarr </emphasis>in einer atemberaubenden Kurve ab, legte sich wie ein Segelflieger in den Aufwind und gab damit Skar die Gelegenheit zu f�hlen, was passierte, wenn Arme, an denen ein ganzes K�rpergewicht hing, erbarmungslos �berdehnt wurden. Die Luft rauschte h�rbar an ihnen vorbei und �berdeckte den erstickten Laut, mit dem Skar seine letzten Kraftreserven mobilisierte, um sich endg�ltig hochzuziehen.</p><p>Kaum auf dem R�cken des fliegenden Ungeheuers angekommen, k�mpfte er einen verzweifelten Moment lang um sein Gleichgewicht. Die glatten Schuppen des Drachen boten ihm kaum Halt und seine Stiefel rutschten ab, als er sich von der an einer Zacke befestigten Strickleiter auf den R�cken zu schwingen versuchte. Einen f�rchterlichen Augenblick hing er fast frei in der Luft, zwischen H�hlendach und dem Schlund tief unter ihnen. Ein Sturz aus dieser H�he w�rde absolut t�dlich sein, doch die Vorstellung, in das schwarze Gewimmel unter ihnen hinabzust�rzen, erschien ihm noch erschreckender.</p><p>Schlie�lich schaffte er es, sich auszubalancieren und sein rechtes Bein so weit zu �berdehnen, dass er hinter dem Digger-M�dchen in einen Spalt zwischen zwei der scharfen Zacken auf dem Wulst des fliegenden Ungeheuers rutschen konnte. Esanna hatte sich mittlerweile so weit wie m�glich nach vorne gelehnt und krallte sich bebend und zitternd in den Drachenschuppen fest; offenbar vermied sie es krampfhaft, in die Tiefe zu schauen. Bei Skar hingegen siegte die Neugier. Er legte Esanna beruhigend eine Hand auf die Schulter und starrte �ber die giftgr�n gl�nzenden Drachenschuppen hinab in die Unendlichkeit.</p><p>Sie waren jetzt genau �ber dem Schlund. F�r einen Moment nur hatte Skar freie Sicht in die schier unermessliche Tiefe des senkrecht nach unten verlaufenden Lochs, das wie ein gewaltiger Krater das Zentrum der H�hle ausf�llte. Aus dieser H�he konnte er nicht das hektische Treiben auf den kreuz und quer laufenden Steinadern beobachten, aber er hatte daf�r freien Blick in das Zentrum des <emphasis>Khta�m. </emphasis>Zuerst verstand er nicht, was er da sah; dann stieg ein leises Fl�stern in ihm hervor und wurde immer lauter, bis er seine Botschaft verstand: Es sah aus wie das Auge eines Zyklopen, ein gigantisches, ovales Gebilde viele Meilen unter ihm, das ihn geradewegs zu beobachten und zu durchbohren schien. In seiner Mitte glitzerte es schwarz und b�se, w�hrend es zum Rand hin heller und verwaschener wurde.</p><p>Aber es war kein Auge. Es war Wasser. Ein verfluchtes unterirdisches Meer, ein Strudel, der sich in wahnsinniger Geschwindigkeit drehte, Gischt schlagend am Rand und vom Sog im Zentrum in die Tiefe gedr�ckt; ein wie verr�ckt kreisendes Ding, aufgeputscht von Gewalten, die er nicht verstand, aufgew�hlt von Str�mungen, die er nicht sah - und doch war er sich sicher: Dieses Ding beobachtete ihn, dieses Etwas kreiste von Sekunde zu Sekunde schneller, voller Schmerz und Entsetzen, dass ihm sein sicher geglaubtes Opfer im letzten Moment entwischte.</p></section><section><title><p id="DRITTER_TEIL">DRITTER TEIL: Das elfte Buch</p></title><empty-line/><p><strong>DRITTER TEIL</strong></p><empty-line/><p><strong>Das elfte Buch</strong></p><empty-line/></section><section><title><p id="_03_01">3.1</p></title><p>Nachdem sie den H�hlenausgang hinter sich gelassen hatten, schraubte sich der Drache mit gewaltigen Bewegungen seiner Riesenschwingen immer h�her und hielt auf die d�nne Wolkendecke zu, als wolle er etwaige Verfolger absch�tteln. Einen gewaltigen Fl�gelschlag sp�ter durchstie� er das feuchte Nass und dann breiteten sich die Wolken unter ihnen auch schon aus; ein flockiges Meer aus Zuckerwatte, durch dessen L�cken es gr�n und braun schimmerte. Nach Minuten, die Skar wie Stunden vorkamen, breitete der <emphasis>Frarr </emphasis>seine ledernen Fl�gel so breit wie m�glich aus und vertraute sich den Aufwinden an, die ihn erst noch ein St�ck h�her gleiten lie�en, bis sie ein entgegengerichteter Luftwirbel sanft und dann immer schneller hinab dr�ckte. Sie durchstie�en f�r einen kurzen Moment die Wolkendecke und schossen in eine beeindruckende fr�hmorgendliche Landschaft hinaus; doch bevor Skar Einzelheiten ausmachen konnte, tauchten sie erneut zwischen zwei Wolkenschichten ein - so als ob der <emphasis>Frarr </emphasis>ihren Schutz suchte, um sich m�glichst unauff�llig in eine friedvolle und unber�hrt wirkende Welt hineinzuschwingen Es war ein unglaublich erhabenes Gef�hl, auf dem R�cken des jetzt friedlich gleitenden Drachens zu sitzen und das hinter sich zu wissen, was schlimmer als der schlimmste Alptraum war, der je einen Menschen aus dem Schlaf hochgeschreckt hatte. Sie durchstie�en eine dichtere Wolkenschicht, die tr�ge vor sich hin trieb und stie�en hinauf in einen Bereich, in dem nichts war au�er Sonne: Die flirrenden Strahlen spielten mit Esannas Haar, verliehen ihren dunklen, von Schwei� und Blut verklebten Haaren eine lichtdurchflutete Aura, die etwas Unwirkliches und Friedliches hatte wie der erste Fr�hlingstag nach einem harten Winter. Skar sp�rte den Wind auf seinen nackten Beinen und Esannas W�rme an seinen Armen und er fragte sich, warum sie nicht ewig so weitergleiten konnten durch die Unendlichkeit dieses fr�hen Morgens, um f�r immer alles hinter sich zu lassen, was mit Gewalt, Grausamkeit und Tod zu tun hatte.</p><p>Skar umklammerte Esanna instinktiv fester, als eine m�chtige Wellenbewegung durch den Drachenk�rper lief und sie noch ein St�ck h�her stiegen. Viele Meter �ber ihnen wob das Sonnenlicht ein verwirrendes Netz aus flirrenden Rechtecken in die Luft, das nach den endlosen Stunden in dem lebenden Tunnel- und H�hlensystem geradezu wie eine Verhei�ung auf ihn wirkte. Die vor ihm sitzende Esanna eng umklammernd, deren Zittern sich eher noch verst�rkt hatte als nachzulassen, starrte er hinein in das ihm entgegenschlagende, glei�ende Lichtspiel, das seine Augen mit einer wahren Woge von Helligkeit �berflutete, sodass er sie f�r ein paar Sekunden fast vollst�ndig schloss, bevor er sie vorsichtig wieder zu schmalen Schlitzen �ffnen konnte. Dann hatten sie die Ausl�ufer der Wolkendecke erreicht und um sie herum war nichts als strahlend blauer Himmel. Trotz seiner Ersch�pfung konnte Skar die Augen nicht vor dem phantastischen Anblick verschlie�en, der sich ihm bot. Es war ein gigantischer Canon, der sich unter ihnen auftat, eine tiefe Schlucht, eingeschnitten von einem brausenden Fluss, der weit unter ihnen in wildem Lauf das steinerne Land durchpfl�gte, irgendwo, weit weg, nahe am Horizont einen See durchquerte und fast direkt unter ihnen mit seiner tobenden Gischt ein unber�hrt wirkendes, weitl�ufiges Waldgebiet speiste. Zerkl�ftete, vom Regen und der Witterung abgewaschene und wie der R�cken einer alten Frau gebogene Steinmassive ragten ihnen entgegen und schimmerten im Licht der aufgehenden Sonne hell und wei�, als l�ge auf ihnen frischer Schnee.</p><p>Der Kontrast h�tte kaum gro�er sein k�nnen: Hinter ihnen lag das Reich dunkler, unbegreiflicher Schatten, eine nicht nur d�stere und gef�hrliche Welt f�r sich, sondern auch die Quelle der vielleicht unheimlichsten und grausamsten Bedrohung, der Enwor je ausgesetzt gewesen war. Vor ihnen er�ffnete sich dagegen eine taufrische, unschuldig wirkende Landschaft, die in ihrer Gro�artigkeit nicht nur beeindruckend war, sondern auch tiefen Frieden versprach - und damit auch die Erholungspause, die sie alle so dringend brauchten.</p><p>Das erste Hochgef�hl bei diesem idyllischen Anblick und die Erleichterung, ihrer lebenden Falle entkommen zu sein, w�hrte jedoch nicht lange an. So harmonisch und erhaben die gewaltige Landschaft auch wirkte, ber�hrte sie Skar fast zwiesp�ltig. Es war der Fluss, der weit unter ihnen im Berg verschwand, der in ihm unangenehmes, fast hartn�ckiges Kribbeln ausl�ste. Er konnte sich nur allzu gut vorstellen, wo die gischtende Flut verschwand und was sie n�hrte: Das unterirdische Meer am Boden des Schlunds, diesen Pfuhl sich windender, unvorstellbarer Kreaturen, die einen ganz eigenen Eroberungsfeldzug gestartet hatten, ohne dass die Bewohner Enwors auch nur im Entferntesten die Gefahr ahnten, die von ihnen ausging ...</p><p>Doch das war nicht das, was ihm im Augenblick Sorge bereitete. Der wenig Vertrauen erweckende <emphasis>Frarr </emphasis>verhielt sich durch Kamas spezielle Kontrollm�glichkeit zahm wie ein Scho�h�ndchen, aber er hatte trotz seiner gewaltigen Schwingen offensichtlich Probleme seine drei Reiter sicher durch die jetzt zunehmenden Luftturbulenzen zu transportieren. Hin und wieder ging ein Ruck durch seinen m�chtigen K�rper und sie sausten ein St�ck in die Tiefe, bevor der Drache seinen Flug wieder stabilisieren konnte. Skar, der bereits fr�her nicht immer die Gelegenheit hatte ausschlagen k�nnen mit einer <emphasis>Daktyle </emphasis>zu fliegen, kannte das Verhalten der gro�en Flugdrachen und wusste, wie unberechenbar sie waren, wenn sie von mehr als einem gewohnten Reiter durch die L�fte bewegt wurden. Er hatte sich nie ganz mit dieser Art der Fortbewegung anfreunden k�nnen, aber er empfand mittlerweile auch kaum mehr als ein leichtes Unbehagen, wenn die Flugechse f�r ein paar Sekunden von der idealen Flugbahn abwich.</p><p>Esanna erging es da wesentlich schlechter. Sie hatte die H�nde in die harten Schuppen der Echse gekrallt, die so ineinander griffen, dass dadurch fast so etwas wie nat�rliche Haltegriffe entstanden, und sie sa� so fest eingeklemmt zwischen zwei H�ckern, dass sie selbst bei einem abrupten Abkippen zur Seite nicht h�tte herunterfallen k�nnen.</p><p>Zudem hielt sie der hinter ihr sitzende Skar in solch festem Griff umklammert, dass er sie selbst dann nicht h�tte loslassen m�ssen, wenn der Drache pl�tzlich einen Salto geschlagen h�tte.</p><p>Doch solch gef�hrliche Flugman�ver waren nicht zu erwarten. W�hrend der Drache mit schwerf�lligen, durch seine ungewohnte Reitlast erschwerten Flugbewegungen sein Gleichgewicht zu halten versuchte, schlug die Anstrengung und Ersch�pfung mit unbarmherziger Macht und von einem Moment auf den anderen �ber Skar zusammen, und es h�tte nicht viel gefehlt und er w�re in einen unruhigen D�mmerschlaf gefallen. Der unsichtbare Folterknecht in seinem Geist gestattete es jedoch nicht, dass ihn wohlige Umnachtung umfing; stattdessen hielt eine Unruhe in ihm an, die er normalerweise als �berdreht empfunden h�tte - was sie letztlich wohl auch war -, die ihm andererseits aber als Nachhall nicht nur der Geschehnisse allgemein, sondern vor allem der monstr�sen Begegnung mit Kiina erschien. Selbst, nachdem er gesehen hatte, in was sich das mannigfaltige Abbild seiner Tochter verwandelt hatte, glaubte irgendein Teil in ihm immer noch, dass er der �ber den Abgrund der Zeit verschollenen Kiina gegen�bergestanden hatte; so verr�ckt und sinnlos es auch war.</p><p>Die Flugechse machte pl�tzlich eine scharfe Linkskurve und Skar verst�rkte automatisch den Druck, mit dem er Esanna festhielt, w�hrend er hinabsp�hte und die Ursache der Richtungs�nderung zu erkennen versuchte. Kama, der immer noch mit einer Selbstverst�ndlichkeit direkt vorne hinter dem Kopf der fliegenden Bestie hockte, als h�tte er sein ganzes Leben nichts anderes getan, drehte sich zu ihm herum und schrie ihm etwas zu.</p><p>Skar verstand nur die Worte <emphasis>nicht </emphasis>und <emphasis>steuern </emphasis>und sch�ttelte den Kopf, um ihm zu signalisieren, dass er die vom auffrischenden Wind zerrissene Botschaft nicht komplett verstanden hatte.</p><p>�Ich ihn nicht mehr lange kann steuern�, rief Kama nochmals.</p><p>Eine B� schlug ihm fast die Worte aus dem Mund. Sie mussten in heftige Aufwinde gekommen sein, denn obwohl der Drache jetzt den Kopf vorn�ber und ein St�ck nach unten gebeugt hatte und offensichtlich tiefer gehen wollte, dr�ckten ihn die Turbulenzen wieder ein St�ck nach oben. Esanna stie� einen Schrei aus und kr�mmte sich in die Schuppen hinein, als f�rchtete sie, dass sie jeden Moment abst�rzen k�nnten.</p><p>Vollkommen abwegig war diese Vorstellung nicht.</p><p>Skar hatte schon oft beobachtet, dass gro�e Flugechsen empfindlicher als Raubv�gel auf Aufwinde reagierten und einmal hatte er sogar beobachtet, wie ein m�chtiger Staubdrache von einer thermischen Turbulenz an einen Felsen geschmettert wurde; die gigantische Echse hatte dabei ihren Reiter verloren und selbst so schwere Verletzungen bei dem Aufprall davongetragen, dass ihr danach nur noch mit M�he und Not eine Landung gelungen war. Skar hatte keine Lust auszuprobieren, wie sicher das Flugverhalten des <emphasis>Frarr </emphasis>unter �hnlichen Bedingungen war. Er konnte nur hoffen, dass Kama wusste, was er tat. Seine Bef�rchtung, die Echse nicht mehr lange steuern zu k�nnen, trug dabei allerdings nicht gerade zu seiner Beruhigung bei.</p><p>Es war ein gro�er Felsen, den die Echse jetzt umrundete, und hier schienen Winde aus verschiedenen Richtungen f�rmlich aufeinander zu prallen; sie wurden so heftig durchgesch�ttelt, dass sich jetzt auch Skar mit aller Gewalt in den Halt der Schuppen duckte, um nicht von einer B� heruntergerissen zu werden.</p><p>�Warum landen wir nicht?�, br�llte er Kama zu, aber wahrscheinlich h�rte ihn der Nahrak gar nicht; er war vollst�ndig damit besch�ftigt, den Drachen durch die tobenden Winde zu steuern.</p><p>Es war Skar ein R�tsel, was Kama vorhatte. Eben noch hatte sie eine nicht allzu weit entfernte liebliche Waldlandschaft angelockt, nahe an einem Plateau gelegen, das wie f�r eine Landung gemacht schien. Von dort aus h�tten sie ohne ihren speziellen und nicht ganz geheuren Rettungsengel zu Fu� weitergehen k�nnen - nach einer ausgiebigen Rast und nachdem sie ihre Wunden versorgt hatten. Doch nun lie� der Nahrak die Echse in die entgegengesetzte Richtung fliegen, mitten hinein in gef�hrliche Turbulenzen und damit in die sonnenabgewandte Seite des Berges, aus dessen Scho� sie gerade erst entflohen waren.</p><p>Vor ihnen tat sich jetzt eine karge und d�stere Landschaft auf; Schnee bedeckte die Wipfel weniger, krank aussehender oder sogar abgestorbener B�ume, Nebelschwaden zogen �ber feuchtes, finsteres Buschwerk und schroffe Felsen bildeten eine nat�rliche Barriere, die zu �berwinden dem Drachen sichtlich schwer fiel. Es war dies die Seite, �ber die sie zur H�hle hinaufgestiegen waren - und Skar w�re es lieber gewesen, sie nie wieder zu sehen.</p><p>�Warum fliegen wir weiter?�, schrie er gegen den Flugwind an. �Wir h�tten doch auf der anderen Seite niedergehen k�nnen.�</p><p>Kama drehte sich kurz zu ihm um. Er wirkte irritiert.</p><p>�Wir m�ssen weiter weg�, br�llte er. �Weg vom Fluss.� Zu seiner eigenen Verbl�ffung l�ste diese Antwort des Nahrak in ihm eine tiefe Resonanz aus, so als w�rde etwas in ihm verstehen, warum der Fluss eine Bedrohung f�r ihn war. Doch auch wenn ihr Schwenk in die kalten, unfreundlichen Regionen begr�ndet sein mochte, war er doch h�chst unerfreulich und raubte ihm die Illusion, dass sie nach der Landung in einer sonnendurchw�rmten, friedlichen Landschaft Ruhe und Entspannung finden k�nnten. Dabei, hatten sie das bitter n�tig. Sie alle hatten grauenvolle Stunden hinter sich, hatten Dinge erlebt, die selbst seinen nicht gerade geringen Erfahrungshorizont m�helos gesprengt hatten, und sie konnten das nicht so einfach wegstecken, ohne fr�her oder sp�ter daf�r bezahlen zu m�ssen.</p><p>Die K�lte kroch schon jetzt seine nackten Beine empor und lie� ihn fr�steln. Doch trotz der kalten, frischen Luft und dem durchaus nicht gerade Vertrauen erweckenden Gel�nde, auf das sie zusteuerten, fiel es ihm zunehmend schwerer, seiner Umgebung die geb�hrende Aufmerksamkeit zu schenken. Immer wieder fiel er in einen Sekundenschlaf, tauchte nur kurz wieder an der Oberfl�che seines Bewusstseins auf, um dann wieder in die D�mmerung kurzen Vergessens hinabzugleiten.</p><p>Der Flug dauerte nur noch wenige Minuten, aber Skar war so m�de, dass er innerhalb dieser Zeitspanne beinahe eingeschlafen w�re. So entscheidend wichtig es ihm auch erschien, bekam er von der Landung der Riesenechse kaum etwas mit. Erst als der <emphasis>Frarr </emphasis>auf einem halb eingeschneiten, halb matschigen Plateau niedergehen wollte, ruckte sein Kopf wieder hoch.</p><p>Die Landung gestaltete sich kaum weniger abenteuerlich als der Start. Der <emphasis>Frarr </emphasis>donnerte mit der Wucht einer Ger�lllawine auf eine kleine Lichtung zu, die kaum gro� genug war, um ihm genug Platz zum Landeanflug zu lassen. Das schien ihn jedoch nicht weiter zu k�mmern, im Gegenteil: Inmitten eines ungeheuren Luftsogs lie� er sich geradezu auf die Lichtung fallen, eher einem Stein �hnlich als einem Vogel, der federsanft aufsetzen wollte.</p><p>Esanna stie� einen spitzen Schrei aus und Skar verst�rkte den Griff, mit dem er sie hielt, bis er begriff, dass es des Guten vielleicht ein wenig zu viel war, und ihn erschrocken wieder lockerte.</p><p>Erst im allerletzten Moment breitete der Drache die Schwingen fast senkrecht aus und nutzte so eine Luftturbulenz, die er wohl als Einziger schon von weitem zu sp�ren im Stande gewesen war. Die ganze, ungeheuerliche Flugechse erbebte, als das Monstrum mit einem harten Ruck auf dem Boden aufkam, die Schwingen halb angezogen, damit sie eine m�glichst gro�e Fl�che bildeten, um Geschwindigkeit abzubauen, und den Hals grotesk nach vorne gestreckt, als wollte es ganz bewusst seine Reiter nach vorne und �ber seinen Kopf schie�en lassen, damit sie sich m�glichst allesamt das Genick brachen.</p><p>Skar hatte nicht vor, ihm diesen Gefallen zu tun. Seine blanken Beine krampften sich um den R�ckenwulst zusammen und seine Arme schlangen sich so fest um Esanna, als wollte er ihr jetzt endg�ltig das R�ckgrat brechen. Trotzdem prellte ihm der Aufprall fast das M�dchen aus den H�nden und er selbst wurde ein St�ck nach oben geschleudert und krachte mit solcher Gewalt wieder auf den R�ckenwulst, dass er das Gef�hl hatte, seine ungesch�tzte M�nnlichkeit w�rde zu Brei zerstampft.</p><p>Er stie� ein kraftloses R�cheln aus und h�tte Esanna um ein Haar losgelassen - und damit zu fr�h, denn die gewaltige Echse schob ihre Klauen so tief und fest in den relativ weichen Boden, dass sie sich - bedingt durch die pl�tzliche Bremswirkung - beinahe �berschlug; sie tippte mit ihrem m�chtigen Sch�del kurz auf dem Boden auf und riss den Schwanz und damit ihr ganzes Hinterteil in die H�he, als wollte sie ihre Reiter nun endg�ltig absch�tteln.</p><p>Skar h�tte sp�ter nicht mehr zu sagen vermocht, wie er es in diesem Moment geschafft hatte, dem explosionsartigen Ruck zu widerstehen. Der Schmerz in seinem Unterleib brachte ihn fast um den Verstand und lie� bunte Flecken vor seinen Augen tanzen. Er klammerte sich gleichzeitig an den K�rper der gigantischen Echse und an Esanna und sp�rte eine schreckliche �belkeit in sich h�mmern, die ihn zwang sich erneut vorn�berzukr�mmen und sich verzweifelt mit beiden H�nden an ihr festzuklammern, da alles in ihm und um ihn herum sich wirbelnd drehte und der Schmerz in seinem Kopf und in seinem K�rper eins waren.</p><p>Aber er schaffte es; als die Echse endlich zum Stillstand kam, sa� er noch immer hinter Esanna auf dem unbequemen R�cken des Drachen, fast besinnungslos zwar, aber dennoch erleichtert, dass die Landung f�r ihn und das M�dchen noch einmal glimpflich abgelaufen war. Eine andere Frage war, was aus dem Nahrak geworden war ...</p><p>�Kama!�, stie� Esanna hervor.</p><p>Skar riss die Augen so weit er konnte auf und versuchte den Schmerz zur�ckzudr�ngen, was ihm allerdings nur sehr unvollkommen gelang. Dann begriff er, was das M�dchen gemeint hatte: Der Nahrak hatte nicht so viel Gl�ck wie sie beide gehabt und war durch den Aufprall der Landung von der Echse geschleudert worden. Ein paar verzweifelte Sekunden vermochte Skar keine Spur von ihm auszumachen, doch dann entdeckte er ihn.</p><p>�Da ist er�, st�hnte er.</p><p>�Wo?�</p><p>�Na, da!� Skar streckte eine zitternde Hand nach vorne und deutete auf einen Baum, an dem eine kleine, gr�nbraun gekleidete Gestalt in sehr ungl�cklicher Haltung klebte. �Hoffentlich ist ihm nichts passiert.�</p><p>Eine Bewegung des Nahrak lie� ihn Hoffnung sch�pfen. Kamas merkw�rdig verdrehter Arm wischte ein paar Bl�tter beiseite und winkte ihnen dann. �Weg�, rief er mit heiserer Stimme. �Macht dass ihr runterkommt! Ich hab die Steuerung verloren!�</p><p>Skar und der Drache schienen gleichzeitig zu begreifen, was das hie�. W�hrend der Satai das M�dchen am Kragen packte, aufsprang und sie mit zur Strickleiter schleifte, durchlief das gr�n geschuppte Untier ein Zittern und dann schwang sein m�chtiger Kopf nach hinten. Mit t�ckischen Augen beobachtete er, wie Esanna mit zitternden H�nden die oberste Sprosse der Leiter ergriff, dann sch�ttelte er sich, einmal kurz und heftig, aber so gewaltsam, dass sich unter normalen Umst�nden kein Mensch mehr auf seinem R�cken h�tte halten k�nnen.</p><p>Esanna flog samt Strickleiter ein, zwei Mannesl�ngen von dem gigantischen Leib weg und krachte dann wieder mit voller Wucht gegen den geschuppten K�rper. Skar war weitaus weniger gl�cklich dran: Er verlor das Gleichgewicht, ruderte noch einmal hilflos mit den Armen und st�rzte dann zu Boden. W�re er nicht so angeschlagen gewesen, h�tte er sich gekonnt abgerollt, um dann sofort wieder auf den Beinen zu sein. Doch so misslang die Rolle und er prallte hart auf dem R�cken auf. M�hsam rappelte er sich wieder auf - und h�pfte gleich mit ein paar raschen Spr�ngen zur Seite. Dabei hatte der Drache offenbar keineswegs vor, ihn oder Esanna mit einer beil�ufigen Bewegung zu t�ten. Er schien vielmehr seine wiedererlangte Freiheit zur Flucht nutzen zu wollen; m�glicherweise hatte er so viel Respekt vor dem Teil, mit dem ihn der Nahrak beherrschen konnte, dass sein ganzer Trieb einzig und allein darauf ausgerichtet war, so schnell wie m�glich seinem Einfluss zu entkommen.</p><p>Mit einem ganz und gar nicht schwerf�lligen Tapsen schwang sich der Drache herum und jagte damit auch Skar zwangsl�ufig vor sich her, der sich mit einem schnellen Ausweichman�ver in Sicherheit zu bringen suchte. Das M�dchen hing w�hrenddessen noch immer an der Strickleiter und schrie voller Entsetzen.</p><p>�Spring�, rief ihr Skar zu. �Nun mach schon!�</p><p>Esanna dachte offensichtlich gar nicht daran. Ihre gellenden Schreie zeugten davon, dass sie vollkommen in Panik geraten war. Statt einfach loszulassen, klammerte sie sich nur noch fester an das Untier.</p><p>Das war ein fataler Fehler, denn der <emphasis>Frarr </emphasis>donnerte bereits los, mit wuchtigen und schnellen Schritten, die den Boden erzittern lie�en. Skar blieb nichts anderes �brig, als hinter ihm herzuhetzen. Der gnadenlose Schmerz zwischen seinen Beinen lie� jede Bewegung zur Qual werden und kostete ihm damit nicht nur M�he, sondern auch Zeit; dabei kam es gerade jetzt auf jeden Sekundenbruchteil an, denn er wollte weder mit den gef�hrlichen Klauen der Echse Bekanntschaft machen noch Esanna ihrem Schicksal �berlassen, die eine unfreiwillige Flugreise sicherlich nicht unbeschadet �berstehen w�rde.</p><p>Mit Riesens�tzen und schmerzverzerrtem Gesicht hetzte er dem Frarr hinterher. Es war erstaunlich, wie schnell der Gigant an Geschwindigkeit gewann; seine Sprungbeine verf�gten �ber eine schier unglaubliche Elastizit�t und Kraft, die ihn vorw�rts katapultierten, mit nichts vergleichbar, was Skar bislang auf Enwor kennen gelernt hatte. Skar holte das letzte aus seinem K�rper heraus, um den Anschluss nicht zu verlieren. Dennoch glaubte er zuerst, dass er es nicht mehr schaffen w�rde - der Frarr h�tte mittlerweile m�helos eine fl�chtende Pferdeherde niederrennen k�nnen -, doch dann wich der Drache von der Ideallinie ab, wahrscheinlich um eine f�r ihn geeignete Luftstr�mung auszunutzen, und b��te dabei einen Teil seines Vorsprung ein.</p><p>Skar lie� sich diese Chance nicht entgehen. Er sprang mit einem zugleich verzweifelten und gewaltigen Satz hoch und erwischte Esannas F��e. Durch den K�rper des M�dchens ging ein Ruck und ihr Schrei wurde noch um eine Spur schriller. Dennoch war sie immer noch nicht bereit loszulassen. Dem Drachen schien das egal zu sein: Er war offenbar willens mitsamt seiner menschlichen Last aufzusteigen. Wahrscheinlich glaubte er sie dann in der Luft mit Leichtigkeit absch�tteln zu k�nnen.</p><p>Dazu wollte es Skar nicht kommen lassen. W�hrend er sich noch immer an Esanna klammerte, versuchte er sein <emphasis>Tschekal </emphasis>zu ziehen. Es schien ihm die einzige noch verbleibende Chance zu sein, das M�dchen zu retten: Ein schneller Schnitt vermochte die Halterung der Strickleiter zu durchtrennen und sie damit herabpurzeln zu lassen, bevor der Frarr in die L�fte entschwand.</p><p>Die heftigen Bewegungen der Strickleiter machten es ihm allerdings unm�glich, den Schwertgriff rechtzeitig zu erreichen; stattdessen musste er sich mit beiden H�nden an Esanna festhalten, um nicht abgesch�ttelt zu werden. Der Drache erzitterte und stie� sich mit einem monstr�sen Beben ab, hinein in den Himmel und damit weg von der M�glichkeit, ihn noch irgendwie unter Kontrolle zu bringen. In diesem Moment gaben die Stricke der Leiter unter der doppelten Belastung nach. W�hrend der Drache mit phantastischer Geschwindigkeit in den grauen Himmel hineinjagte, st�rzten Esanna und Skar zu Boden wie zwei Puppen, die von einem unartigen Kind in die Ecke geschleudert wurden. Der Aufprall schlug Skar die Luft aus den Lungen, als dann auch noch Esanna an ihm vorbeischrammte und dabei mit ihrem Fu� genau zwischen seine Beine traf, brach die Welt um ihn herum in einem bunten Farbwirbel zusammen.</p></section><section><title><p id="_03_02">3.2</p></title><p>Mit dem Morgen war auf dieser Seite des Berges der Nebel aus dem Boden gekrochen und mit dem Nebel K�lte und ein Hauch alles durchdringender, unangenehmer Feuchtigkeit, die durch seine Kleidung kroch und geradewegs in seine Knochen einzudringen schien. Skars Gaumen war so trocken und ausged�rrt, dass er kaum sprechen konnte, und seinen Beinen schien die Kraft zu fehlen das Gewicht seines K�rpers zu tragen. Doch immerhin hatte der Schmerz zwischen seinen Beinen nachgelassen und kurz danach waren auch seine Gedanken zur Ruhe gekommen. Das leise innerliche Wispern, das ihn selbst w�hrend des Kampfes gegen die <emphasis>Khta�m </emphasis>nicht vollst�ndig in Ruhe gelassen hatte, war einem Gef�hl entspannter Ersch�pfung gewichen; von der Ausgeglichenheit, in die er fr�her mit Leichtigkeit hineingeglitten war, war er dennoch meilenweit entfernt. Aber alles war besser als der rastlose, unwirkliche Zustand, den er so oft in den letzten Tagen empfunden hatte und der ihm wie eine gleicherma�en bedrohliche wie penetrante Verbindung mit etwas Gef�hrlichem und ungemein Fremdem erschien, von der nichts Gutes zu erwarten war.</p><p>Der Himmel �ber ihnen, in dem der Drache vor einer knappen halben Stunde verschwunden war, war innerhalb der diesigen Glocke nicht mehr zu erkennen und je mehr sich das Tal zuzog, umso k�lter wurde es. Aber vielleicht war es auch nur die zunehmende Entspannung und das Nachlassen des Schmerzes an seiner empfindlichsten Stelle, die ihn die K�lte deutlicher sp�ren lie�. Skar rieb sich schaudernd die H�nde und dr�ckte sich so tief wie m�glich in die windgesch�tzte Ecke in dem Gewirr herabgefallener morscher �ste und zusammengeklaubter Bl�tter, das ihm, Esanna und dem Nahrak halbwegs Schutz vor der unangenehmen Witterung bot.</p><p>�Das nicht h�tte passieren d�rfen�, sagte Kama kl�glich. Der Nahrak starrte zum wiederholten Mal auf das Ding in seinen H�nden, das er Steuerung genannt hatte und das jetzt nur noch wie ein besonders gl�nzendes St�ck Eisen aussah; von einem irisierenden Licht war keine Spur mehr zu erkennen.</p><p>�Was?�, fragte Esanna einsilbig. Das M�dchen hatte sich erstaunlich schnell erholt. Sein eingerissenes, besudeltes Gewand war zwar nicht mehr als ein dreckiger Lumpen und es hatte mehr Prellungen, Absch�rfungen und Bissverletzungen abbekommen als eine ganze Thekenmannschaft, die in eine Wirtshausschl�gerei verwickelt gewesen war - aber dass sie sich nach ihrem gemeinsamen, etwas rauen Sturz von dem Frarr �berhaupt wieder so weit aufgerappelt hatte, dass sie jetzt auf Kamas Worte reagieren konnte, war mehr als erstaunlich.</p><p>�Dass mir sein der <emphasis>Frarr </emphasis>entwischt�, sagte Kama. �Ohne ihn wir nicht kommen rechtzeitig zu den Satai.�</p><p>�Von den Satai habe ich die Schnauze voll�, murmelte Skar.</p><p>�ber Kamas Z�ge huschte so etwas wie ein fl�chtiges L�cheln. �Da du sein nicht der Einzige�, sagte er. �Viele Menschen und Quorrl empfinden so.�</p><p>Skar nickte nur und schlang die Arme enger um die Beine. Die Anstrengungen des vergangenen Tages und der verr�ckten Nacht forderten ihren Tribut - jetzt, wo er zur Ruhe kam, und seinen gr�bsten Hunger und Durst durch die haupts�chlich von Kama zusammengesammelten wasserreichen Roten Beeren, Schmerling-Pilze und Alarcon-Wurzeln gestillt hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben war er das K�mpfen wirklich leid. H�tte sich in diesem Augenblick vor ihm der Nebel gelichtet und ein Dutzend <emphasis>Khta�m </emphasis>ausgespuckt, h�tte er sich nicht mehr gewehrt. Es war ein Gef�hl, das ihm fremd war, gegen das er aber nicht anzuk�mpfen versuchte. Vielleicht war es der Einfluss der lebendigen H�hle und dieses abscheulichen Schlunds, der ihn dazu gebracht hatte, zwei Nahrak in die Tiefe zu sto�en; eine Tat, die er nicht einzuordnen vermochte und die er so weit es ging an den Rand seines Bewusstseins dr�ngte.</p><p>�Auch viele Digger hassen die Satai�, f�gte Esanna hinzu. �Obwohl sie andererseits auf ihren Schutz angewiesen sind.�</p><p>Skar sah fl�chtig zu ihr hoch. W�hrend sie mit einem wenig begeisterten Gesichtsausdruck auf einem der kleinen braunen Schmerling-Pilze herumkaute, die hier �berall wuchsen und die ihnen Kama als besonders nahrhaft angepriesen hatte, erschien sie ihm auf eine schwer zu bestimmende Art gleichzeitig aufgeregt und vollkommen ersch�pft, und dabei so angespannt, dass sie sich ganz anders als ein junges Digger-M�dchen verhielt, eher wie eine junge Kriegerin. Vor allem aber wirkte sie wie ein Mensch, der �ber einer schwerwiegenden Entscheidung br�tet und sich noch nicht ganz sicher ist, zu welcher Seite das Pendel f�r ihn ausschlagen wird.</p><p>�Die Satai sein ein sehr zweifelhafter Schutz�, sagte Kama. �Mir sein der <emphasis>Frarr </emphasis>viel lieber.�</p><p>�Wo ist er denn jetzt hin, dein famoser <emphasis>Frarr?�, </emphasis>fragte Esanna ver�chtlich, betrachtete misstrauisch den Pilz, den sie gerade in der Hand hielt, und schnippte ihn dann weg. �Warum besch�tzt er uns nicht weiterhin?�</p><p>Kama z�gerte. Dann �berzog ein trauriges L�cheln seine Z�ge. �Er ist entwischt�, gestand er. �Er hat etwas ... etwas in seinem Hals.�</p><p>�Er hat etwas in seinem Hals�, echote Esanna fassungslos. �Was meinst du damit? Dass er Halsschmerzen hat - oder was?�</p><p>�Keine Halsschmerzen�, sagte Kama ungl�cklich. �Etwas ... etwas, das mir geben die Macht ihn zu steuern.� Esanna deutete auf das Metallteil in seinen H�nden. �Ich denke, dieses Ding da steuert den <emphasis>Frarr.�</emphasis></p><p>�Ja. Schon. Aber es brauchen einen ... einen Widerpart. Der <emphasis>Frarr </emphasis>sein eine sehr wilde Kreatur. Es geben nur noch sehr, sehr wenige seiner Art. Man sie nicht kann z�hmen.� Esanna starrte den Nahrak verbl�fft an. �Aber ... wie hast du es dann geschafft? Verf�gst du �ber einen m�chtigen Zauber?�</p><p>�So etwas ... in der Art.� Kama lie� das Metallteil in seinen H�nden kreisen, warf dann einen ungl�cklichen Blick darauf und legte es auf seinem Scho� ab. �Es sein der Bestandteil der spirituellen Kultur der <emphasis>Twuorth. </emphasis>Etwas, was auf die Tradition der gro�en Alten gehen zur�ck.�</p><p><emphasis>�Twuorth?�, </emphasis>fragte Esanna. �Was soll das sein?�</p><p>�Die <emphasis>Twuorth </emphasis>waren unsere Vorfahren, Digger-M�dchen�, sagte Kama leise. �Wir nicht immer waren die H�ter des Waldes. Unsere Geschichte reichen viel weiter zur�ck. Die <emphasis>Twuorth </emphasis>waren sehr m�chtig, haben gehabt gro�en Einfluss auf Enwor. Ihre m�chtigste Waffen sein gewesen Gesch�pfe wie der <emphasis>Frarr.�</emphasis></p><p>�Oh�, machte Esanna, w�hrend sie gleichzeitig eine der erstaunlich saftigen Alarcon-Wurzeln in die Hand nahm und damit vor ihrem Gesicht hin und her wedelte. �Dann gibt es also nicht nur diese Drachen, sondern auch noch andere... <emphasis>Gesch�pfe. </emphasis>Aber warum hast du sie dann nicht beim Kampf gegen die <emphasis>Khta�m </emphasis>zu Hilfe gerufen?�</p><p>Der Nahrak l�chelte fl�chtig und schenkte ihr ein anerkennendes Nicken. �Das h�tten gemacht Sinn�, gab er zu. �Nur, leider: Wir nicht haben die Macht unserer Ahnen.� Ein fl�chtiger Schatten glitt �ber sein Gesicht. �Es kostet... sehr viel Kraft... sehr viel Opfer einen Frarr zu rufen. Und es sein ungewiss, ob wir je wieder bekommen ihn unter Kontrolle - danach.�</p><p>Esanna wurde - so weit das m�glich war - noch etwas bleicher. �Hei�t das etwa, dieses Vieh fliegt hier jetzt unkontrolliert herum und kann uns jederzeit angreifen?�</p><p>Kamas Gesichtsausdruck verd�sterte sich. �So �hnlich�, brummte er. �Aber auch nicht ganz richtig.� Er schwieg einen Moment und als er weitersprach, wirkte er wie ein Mensch, der mehr zugab, als er eigentlich wollte. �Es sein f�r mich sehr schwer, den Frarr zu steuern. Aber es muss getan werden. Ich euch nicht kann begleiten, ich muss suchen den Frarr und ...�</p><p>�Und was?�, fragte Esanna, als er nicht weitersprach. �Und ... dann ...� Sein Gesicht war grau vor Schrecken. Allein die Vorstellung, die er mit seinen Gedanken heraufbeschwor, schien beinahe �ber seine Kr�fte zu gehen. �Ich muss sehen, dass ich ihn wieder unter Kontrolle bringen.�</p><p>�Hast du solche Angst, dass er uns angreifen k�nnte?�, fragte Esanna, w�hrend sie begann die Wurzel abzulutschen und so das Wasser aus ihr herauszupressen; ganz wie es ihnen der Nahrak gezeigt hatte.</p><p>�Nein.� Kama gab sich einen Ruck und widersprach sich dann schon im n�chsten Satz: �Nicht nur. Aber wir brauchen seine Hilfe. Unbedingt.�</p><p>�Wozu?�</p><p>Der Nahrak schwieg wieder eine ganze Weile. �Um uns beizustehen im Kampf gegen den <emphasis>Khta�m�, </emphasis>sagte er dann. �Und wenn wir den <emphasis>Frarr </emphasis>noch h�tten, wir k�nnten bequem Weiterreisen. Aber so wir h�ngen in dieser Ein�de hier fest. Es sein eine Schande.�</p><p>�Mir ist nicht ganz klar, was du damit meinst�, sagte Esanna m�hsam beherrscht und ein leichtes Zittern lief �ber ihren K�rper, das ihre H�nde wie selbstst�ndige Wesen wirken lie�. �Ich hatte nicht vor eine weite Strecke zur�ckzulegen.�</p><p>�Was du hattest vor, ist jetzt nicht mehr wichtig�, sagte Kama. �Es haben sich alles ge�ndert.�</p><p>�Ja, es hat sich alles ge�ndert�, sagte Esanna. Sie sprach jetzt ruhig und ihre H�nde zitterten nicht mehr. Aber ihre Stimme war kalt wie Eis und selbst die n�chterne Wahl ihrer Worte klang wie eine Herausforderung. �Meine Familie ist tot. Meine Freunde sind tot. Die Quorrl haben alle erschlagen.�</p><p>�Ja.� Kama sah kurz auf und wandte dann den Kopf ab, als w�re es ihm unangenehm weiterzureden. �Die Dinge ... haben sich ge�ndert... �ber Nacht. Nicht nur f�r dich und Skar. Nicht nur f�r die M�nner, die mit mir sein aufgewachsen und die nun alle tot sind. Zehn gute M�nner.�</p><p><emphasis>Zehn gute M�nner. </emphasis>Der Satz h�mmerte in Skars Kopf, als wollte er ihn um den Verstand bringen. Wieder, wieder und immer wieder h�rte er den Schrei der beiden Nahrak, die herabgest�rzt waren - nein, die er meuchlings hinabgesto�en hatte - und er sp�rte, wie eiskalte Verachtung in ihm hochkroch und die Frage nach dem Warum in seinen Schl�fen pochte, als wollte sie ihn endg�ltig um den Verstand bringen, ihm zufl�stern, dass er �berall Tod und Vernichtung �ber die Menschen in seiner N�he brachte. Und trotz der wispernden Stimme in ihm, trotz der vielen Ahnungen, die ihn mit ihrem d�steren Inhalt �bergossen, trotz des wild pochenden Schmerzes, der bei dem Anblick Kiinas aufgerissen war, wusste er immer noch nicht, wohin das alles f�hren w�rde - und welche Rolle er in diesem au�er Kontrolle geratenen Spiel spielte, bei dem eine erbarmungslose und erschreckend unbegreifliche Macht alle F�den in der Hand hielt.</p><p>�Es tut mir Leid um deine Freunde�, sagte Esanna mitten in seine Verwirrung hinein. �Ich kann ... ich kann ... dich verstehen.� Ihre gro�en dunklen Pupillen starrten irgendwo ins Nichts.</p><p>Skar �berlief es eiskalt, als er in den Blick Esannas geriet. Es war eine Leere in ihr, die gewaltiger war als jeder Schmerz, als jedes Entsetzen und die viel schlimmer war, als wenn sie geweint oder geschrien h�tte; es war gleichzeitig kein Gef�hl in ihr und doch der ganze Abgrund, in den ein Mensch st�rzte, wenn er alles verloren hatte.</p><p>�Auch ich habe ... sie sind alle ...�</p><p>�Sie sind alle tot�, f�hrte Kama den Satz fort, nachdem sie l�ngere Zeit verstummt war.</p><p>�Ich kann das einfach nicht... hinnehmen.� Esannas Stimme klang immer noch kalt, aber es schwang etwas anderes mit, eine Entschlossenheit und ein Hass, die alles beiseite wischten, was sonst in ihr vorgehen mochte.</p><p>�Ich verstehe�, murmelte Kama. �Rache ist eine Speise, die man am besten kalt genie�t.�</p><p>�Was?�, fragte Esanna fassungslos.</p><p>�Du willst Rache�, sagte Kama. �Du willst, dass die Menschen und Quorrl bestraft werden, die dir das angetan haben. Das ist verst�ndlich. Aber es nicht richtig.�</p><p>�Warum sollte es wohl nicht richtig sein?�, fragte Esanna leise. �Warum sollte es nicht richtig sein, die Quorrl auszul�schen, die die meinen wie eine r�udige Hundemeute niedergemacht haben?�</p><p>Kama starrte auf die Stelle im verhangenen Himmel, in der der <emphasis>Frarr </emphasis>verschwunden war. �Weil es einen gr��eren Zusammenhang gibt. Weil der Vogel den Wurm frisst.� Esannas Kopf fuhr so abrupt zu dem Nahrak herum, dass Skar schon f�rchtete sie wollte sich auf ihn st�rzen. �Was haben denn V�gel und W�rmer mit diesen Untieren zu tun?�, schrie sie. �Was hat ein Quorrl mit einem Wurm gemeinsam?�</p><p>Der Nahrak schwieg ein paar Sekunden, und als er zu einer Antwort ansetzte, klang seine Stimme so leise, dass ihn Skar kaum noch verstehen konnte. �Die Quorrl seien die V�gel. Die Digger...�</p><p>�Ja?�, fragte Esanna, nachdem er nicht weitersprach. �Was ist mit uns Diggern?�</p><p>Kamas Blick irrte unstet zwischen Skar und Esanna hin und her und Skar hatte das Gef�hl, dass er etwas ganz Bestimmtes sagen wollte. Aber stattdessen blickte er pl�tzlich zu Boden und murmelte: �Die Quorrl sein die wertvollsten Verb�ndeten der Menschen.�</p><p>�Wenn man dich so reden h�rt, k�nnte man glauben, die Quorrl sind frommer als eine Schar Heiliger M�nner�, schnaubte Esanna. Sie schob den Saum ihres Gewands zur�ck und Skar wusste, was jetzt kommen w�rde; trotzdem war er wie gel�hmt, unf�hig einzugreifen oder Kama eine Warnung zuzuschreien.</p><p>�Die Quorrl nicht sein unschuldig. Aber die Digger seien ...�, der Nahrak breitete die Arme aus und das gl�nzende St�ck Eisen in seinen H�nden sah in diesem Moment aus wie ein Stein, den er in die Unendlichkeit werfen wollte, �sie seien die Werkzeuge des Todes.�</p><p>�Ich habe dich also recht verstanden�, sagte Esanna in einem vor Erregung heiser und gepresst klingenden Tonfall, �du h�ltst die Quorrl f�r deine Verb�ndeten und uns Digger f�r die Werkzeuge des Todes?�</p><p>�So ich haben das nicht gesagt�, behauptete er. �Ich versuchen nur zu erkl�ren...�</p><p>�Fahr zur H�lle mit deinen Erkl�rungen!�, schrie Esanna. Mit einer gleicherma�en flie�enden wie schnellen Bewegung riss sie das Messer unter ihrem Gewand hervor, um es dem Nahrak ins Herz zu sto�en, getrieben von einem Zorn, von einer Verwirrung der Sinne, wie sie Skar dazu gebracht hatte, zwei Nahrak in die Tiefen des Schlunds zu sto�en ... Kama lie� seinen Oberk�rper im Sitzen vorschnellen, schlug ihre Hand beiseite und schien nachsetzen zu wollen, aber er f�hrte die Bewegung nicht zu Ende, sondern atmete nur h�rbar ein, starrte Esanna noch einen Herzschlag lang eisig an und riss dann das gl�nzende Eisen, die Drachensteuerung, so abrupt hoch, dass Skars Hand automatisch zum G�rtel fuhr und sich um den Griff seines <emphasis>Tschekals </emphasis>legte.</p><p>Esanna starrte fassungslos vor sich auf den Boden, wo sich ihr Messer in einen Ast gebohrt hatte, halb verdeckt durch ein paar Bl�tter, die sich um die im Feuer fleckig gewordene Klinge wie ein Kleidungsst�ck schmiegten. �Ich ... ich�, stammelte sie.</p><p>�Digger seien die Werkzeuge des Todes�, wiederholte Kama leise, w�hrend er seine H�nde wieder sinken lie� - und mit ihnen das St�ck Eisen, das er sicherlich weitaus effizienter als Waffe h�tte einsetzen k�nnen als Esanna ihr Messer.</p><p>Ein paar Sekunden lang herrschte absolutes Schweigen. �Jetzt reicht es�, sagte Esanna dann sehr leise, aber mit so viel Hass in ihrer Stimme, dass Skar in seiner Wachsamkeit nicht nachlie�. �Ich halte es deiner Verwirrung zugute, dem Schmerz um den Tod deiner Freunde, der dich so sprechen l�sst. Aber ich rate dir eins�, sie schob ihren Oberk�rper fast unmerklich nach vorne und in Richtung des Nahrak, �rede nie wieder solch einen Unsinn.�</p><p>Obwohl ihre Stimme vor m�hsam unterdr�ckter Wut zitterte, atmete Skar erleichtert auf. Esanna mochte jetzt noch so erregt sein: Die Gefahr, dass sie sich noch einmal auf den Nahrak st�rzen w�rde, war so gut wie gebannt; zumal sie jetzt wissen musste, dass der Nahrak auf der Hut war und keinesfalls bereit sich von ihr �berraschen zu lassen.</p><p>�Du solltest dein Messer wieder einstecken�, sagte Kama ruhig. �Vielleicht du noch werden es brauchen.�</p><p>Das M�dchen funkelte den Nahrak an, streckte dann langsam die Hand vor, nahm die Klinge und lie� sie wieder unter ihrem Gewand verschwinden. �Die Quorrl sind Monster�, stie� sie dann hervor. �Bestien. Sie t�ten ohne Sinn und Verstand.�</p><p>�Sie t�ten aus ganz �hnlichen Gr�nden wie Menschen�, sagte Kama fast sanft.</p><p>�Ach ja?�, h�hnte Esanna. �Und warum ermorden sie dann sogar Kleinkinder und alte Leute? Warum verw�sten sie ganze Landstriche und schrecken vor nichts zur�ck, um uns zu vertreiben?�</p><p>Kama blickte sie offen an. �Ich nicht wissen, warum Quorrl und Menschen diese schrecklichen Dinge immer wieder tun. Aber in diesem einen, in diesem ganz speziellen Fall es gehen um mehr als nur um Barbarei und Kampf zwischen verfeindeten V�lkern.�</p><p>Esanna beugte sich wieder ein St�ck vor und ihre Stimme wurde sch�rfer; nachdem es ihr misslungen war, Kama ihren Dolch ins Herz zu sto�en, schien sie ihn mit Worten vernichten zu wollen: �Wenn du es nicht wei�t, dann beantworte mir doch diese Fragen: Warum richten die Quorrl ein Massaker nach dem anderen unter den Diggern an? Warum brennen sie unsere H�tten nieder und nehmen uns die Luft zum Atmen, bis wir nicht mehr anders k�nnen, als uns zu wehren und sogar mit den Satai gemeinsame Sache machen m�ssen? Warum bringen sie uns dazu, sie ausl�schen zu wollen, wenn sie doch angeblich so friedliebend sind?� In Skars gespannte und dennoch halb benommene Aufmerksamkeit mischte sich so etwas wie Entsetzen: Esanna verf�gte �ber eine beachtliche Wortwahl und sie setzte die Worte so aggressiv zusammen wie jemand, der sich eher in der Waffenkunst auskannte als mit einfachem Grabungsger�t und der Routine eines stinklangweiligen Dorflebens. Das war in der augenblicklichen Situation alles andere als ungef�hrlich, denn jedes erregte und wie ein treffsicherer Pfeil abgeschossene Wort konnte eine �bersteigerte Reaktion provozieren. Wenn die beiden nicht aufh�rten, einander mit Worten in die Enge treiben zu wollen, w�rde es fr�her oder sp�ter zu einer Katastrophe kommen; die Anspannung und der Schrecken der Nacht dr�ngten danach, sich in einer Bluttat zu entladen.</p><p>Es musste ein Ende haben.</p><p>Esanna schien das auch so zu sehen, wenn auch aus vollkommen anderen Gr�nden. �Unsere Wege werden sich jetzt trennen�, sagte sie. Ihre Stimme zitterte und ihr Blick war voller Wut. �Ich muss zur�ck in mein Dorf. Vielleicht haben die Quorrl nicht alle get�tet. Vielleicht kann ich heute noch helfen meinen Clan wieder zusammenzuf�hren.�</p><p>Skar konnte ihren Wunsch verstehen - aber das hie� nicht, dass er ihn billigte. Zerst�ckelte Leichen, klaffende Wunden, blutverschmierte Gew�nder, abgerissene Gliedma�en, niedergestreckte Frauen und Kinder und �ber allem der Gestank von Blut, Urin, Schwei� und Verwesung: Das alles war wahrlich nichts, was sich Esanna antun sollte; weder jetzt noch zu einem sp�teren Zeitpunkt. �Es tut mir Leid�, sagte er deshalb. �Aber ich f�rchte, du wirst niemanden mehr antreffen.�</p><p>�Ach ja?�, fragte Esanna bitter. �Und deswegen soll ich es nicht zumindest probieren? Deswegen soll ich mir irgendwelchen Unsinn anh�ren, von ihm, der uns Diggern die Schuld gibt, dass wir von den Quorrl gejagt und erschlagen werden, als w�ren wir ein paar giftige Nattern?�</p><p>�Nein�, sagte Skar hilflos. �Niemand gibt dir oder den Diggern die Schuld an irgendetwas.�</p><p>�Na wunderbar�, giftete Esanna. �Dann kann ich jetzt also gehen?�</p><p>Skar schwieg. Wenn er Esanna laufen lie�, w�rde er vielleicht nie herausbekommen, was mit ihr nicht stimmte. Aber wenn er ehrlich war, war das nicht der entscheidende Grund, warum er nicht wollte, dass sie ging. Es war etwas an ihr, das ihn auf eine unerkl�rliche Art anzog. Vielleicht weil sie ein �hnliches Gef�hl in ihm ausl�ste wie Kiina, in diesen letzten Monaten ihres gemeinsamen Kampfes, bevor Del versucht hatte ihn umzubringen.</p><p>Dann fiel ihm auf, was er gerade gedacht hatte: <emphasis>Bevor Del versucht hatte ihn umzubringen. </emphasis>War es das, was er die ganze Zeit �ber hatte wegschieben wollen? Dass er eigentlich tot war? Oder dass er nie tot gewesen war, sondern nur in einer absonderlichen Art von Tiefschlaf Jahrhunderte �berdauert hatte, bevor ihn der See ausgespuckt hatte wie einen unverdauten Bissen?</p><p>�Es w�re sch�n, wenn du mich wenigstens mit einer Antwort beehren w�rdest�, sagte Esanna s�uerlich.</p><p>�Was?�</p><p>Esanna presste die Z�hne so fest aufeinander, dass es knirschte. �Du �berspannst den Bogen, Skar�, sagte sie schlie�lich. �Du kannst mich nicht behandeln wie eine dahergelaufene Bauerng�re.�</p><p>�Sch�n�, sagte Skar und presste sich etwas n�her an den Baum, an dessen m�chtigem, aber modrigem Stamm sich der auffrischende Wind brach. Seine Augen fielen wie von selbst immer wieder zu, aber seine M�digkeit war in diesem Moment halb gespielt. Esanna <emphasis>war </emphasis>eine dahergelaufene Bauerng�re. Das M�dchen mit der klaffenden Gesichtswunde und den zerrissenen, besudelten Lumpen, die es nur sehr unvollst�ndig vor der Feuchtigkeit und der K�lte sch�tzten, h�tte eigentlich vor Ersch�pfung l�ngst zusammenbrechen m�ssen. Die Energie, die es vorantrieb, hatte etwas �bermenschliches an sich. Aber im Grunde genommen passte es nur zum Gesamtbild, zu der durch und durch unpassenden Art, wie sie das Gespr�ch an sich gerissen hatte, und zu dem herausfordernden Blick, mit dem sie ihn jetzt ma�.</p><p>�Der Abstieg alleine und bei diesem Wetter - es ist zu gef�hrlich. Es ist vielleicht besser, wenn ich dich begleite.�</p><p>�Nach allem, was wir erlebt haben, kann mich nichts mehr schrecken�, sagte Esanna ver�chtlich. �Und schlie�lich habe ich noch mein Messer. Wenn jemand glaubt leichtes Spiel mit mir zu haben, wird er sich wundern.�</p><p>Skar atmete tief durch. So, wie sie sich auff�hrte, war ihm danach, sie anzuschreien; sie zu packen und so lange zu sch�tteln, bis sie zur Vernunft kam. Aber er wusste, dass er damit nur das Gegenteil von dem erreichen w�rde, was er wollte - und deshalb lie� er es. �Es d�rfte nicht gerade einfach sein, den Weg zur�ck zu finden�, sagte er so ruhig wie m�glich. �Es ist kein Spa�, sich bei diesem Wetter zu verirren. Wenn du nicht bis zur Dunkelheit einen sicheren Unterschlupf gefunden hast, wirst du erfrieren.�</p><p>�Bis dahin ist es noch lange hin�, sagte Esanna leichthin. �Das mag sein. Aber denk daran, wie ungem�tlich es war, als du heute Nacht die H�hle verlassen hast.�</p><p>�Daran denke ich lieber nicht�, sagte Esanna w�tend. �Schlie�lich warst du daran schuld, dass ich mir in der K�lte fast den Tod geholt habe.�</p><p>Skar wusste nicht, ob er �ber diese Bemerkung lachen oder einfach losbr�llen sollte. �In dieser Nacht ist so viel passiert: Lassen wir es im Moment dabei�, sagte er schlie�lich so leise, dass seine Stimme kaum mehr als ein Fl�stern war. �Aber �berleg es dir gut, ob du nicht besser mein Angebot annehmen willst.�</p><p>�Da gibt es nichts mehr zu �berlegen�, sagte Esanna verstimmt. �Ich werde meiner Wege ziehen - und ihr k�nnt tun, was ihr nicht lassen k�nnt.�</p><p>�Nun gut�, sagte Skar m�hsam beherrscht. �Wenn es denn dein Wille ist: Ich werde dich nicht mit Gewalt aufhalten. Aber denke wenigstens daran ...�</p><p>�Du wirst sie nicht aufhalten�, unterbrach ihn Kama.</p><p>�Aber ich.�</p><p>Skar und Esanna blickten ihn verbl�fft an.</p><p>�Was ihr so schauen?�, fragte Kama �rgerlich. �Seht euch doch mal an. Ein Mann ohne Beinkleider. Aber so schwach, dass er gleich umkippt. Ein M�dchen, das so viel Schock hat, dass es nicht einmal wei�, wie schwer seine vielen kleinen Wunden wiegen.�</p><p>�Mir fehlt nichts!�, protestierte Esanna.</p><p>�Nat�rlich dir fehlt nichts�, sagte Kama ohne jeden Spott in seiner Stimme. �Aber du sein mehr als halb tot.� Er klopfte sich gegen die Brust. �Hier drinnen - du sein fast ganz tot. Und dein K�rper auch nicht gerade sein in Best-form. Selbst nachdem ich deine Stirnwunde gereinigt habe, du noch brauchen viel Ruhe.�</p><p>�Und? Was soll ich deiner Meinung nach tun?� Esanna deutete in das feuchte Grau um sich herum. �Siehst du das hier? Diese Br�he? Ich kann sie nicht mehr ertragen. Nicht nach der H�hle ...� Sie schluckte trocken und fuhr leiser fort: �Nicht nach dem, was uns in der Dunkelheit passiert ist.�</p><p>�Du hast Angst, dass die <emphasis>Khta�m </emphasis>hierher kommen�, stellte der Nahrak fest. �Angst nicht schlecht. Macht wachsam. Aber in diesem Fall unbegr�ndet. Die <emphasis>Khta�m </emphasis>k�nnen die H�hle nicht verlassen.�</p><p>�Und warum nicht?�, fragte Skar.</p><p>�Weil die <emphasis>Khta�m </emphasis>die H�hle sind�, sagte Kama ernsthaft. �Es gibt nicht viele <emphasis>Khta�m, </emphasis>sondern nur einen <emphasis>Khta�m.�</emphasis></p><p>�Moment�, protestierte Skar. �Das kann doch nicht so ganz stimmen. Die <emphasis>Khta�m </emphasis>sind die Wiedergeborenen der Hoger. So hat man mir das zumindest erkl�rt, damals ...�</p><p>�Coar hat dir das gesagt�, stellte Kama fest. �Und sie hatte Recht mit den Wiederg�ngern. Fast.�</p><p>�Coar?�, fragte Skar alarmiert. �Woher kennst du sie? Das ist weit mehr als dreihundert Jahre her ...�</p><p>�Ich bin ein Nahrak, H�ter des Waldes�, unterbrach ihn Kama. �Wir reichen weiter unser Wissen von Generation zu Generation. Nat�rlich auch gerade dann, wenn es den <emphasis>Gro�en Skar </emphasis>betrifft.�</p><p>Skar starrte ihn nur sprachlos an. �Das glaube ich einfach nicht�, sagte er dann. �Ich habe mich damals mit Del zu euch gerettet...�</p><p>�Vor ein paar Quorrl�, fuhr der Nahrak unbarmherzig fort. �Und ihr nicht wusstet, warum. Aber bald wirst du es verstehen.�</p><p>�Bald werde ich es verstehen?� Skar war zwar noch immer m�de, aber die unerwartete Wendung des Gespr�chs hatte das Gef�hl der Entspannung in ihm endg�ltig vertrieben. �Du meinst allen Ernstes, dass die damalige Verfolgung durch die Quorrl mit den heutigen Zusammenh�ngen in Verbindung steht?�</p><p>�Aber ja�, best�tigte der Nahrak. �Ganz gewiss sogar. Wir nur haben gebraucht viele Jahre, um dahinter zu kommen.�</p><p>�Und hinter was seid ihr gekommen?�</p><p>�Die Quorrl damals geh�rten mit zur Verschw�rung�, sagte Kama. �Zu denen, die jetzt die Quorrl vernichten wollen.�</p><p>�Moment, Moment.� Skar sch�ttelte den Kopf. �Das ist doch alles wirres Gerede.�</p><p>�Kein wirres Gerede�, protestierte der Nahrak. �Sondern Wahrheit. Ganz einfache Wahrheit, wenn man den Zusammenhang versteht.�</p><p>�Also bitte.�</p><p>�Bitte was?�</p><p>�Erkl�r uns diesen Zusammenhang.�</p><p>�Oh. Nat�rlich.� Kama seufzte tief und lie� dann das gl�nzende Eisenrohr in einer Falte seines Gewandes verschwinden. �Das, was du kennst als <emphasis>Khta�m, </emphasis>ist geworden sehr m�chtig in den letzten Jahrhunderten. Es ist das, was hinter den Dingen steht.�</p><p>�Ich m�sste l�gen, wenn ich behaupten w�rde, <emphasis>das </emphasis>zu verstehen�, sagte Skar. �Kannst du dich nicht etwas verst�ndlicher ausdr�cken?�</p><p>�Ich will es versuchen.� Kama runzelt die Stirn, als m�sse er angestrengt nachdenken. �Das <emphasis>Khta�m </emphasis>versucht zu unterwandern alles. Auch das, was alles unterwandert.�</p><p>�Oh nein�, protestierte Skar. �So geht das nicht. Du h�ufst R�tselspr�che aufeinander und erwartest dann, dass ich sie entwirre.�</p><p>�Du es nicht verstehen?�, fragte der Nahrak verbl�fft. �Du nicht wissen, was hinter den Dingen steht?�</p><p>�Nein, das wei� ich nicht�, brummte Skar. �Ich wei� nur, dass ich das Gespr�ch gleich beende, wenn du nicht endlich anf�ngst etwas verst�ndlicher zu reden.�</p><p>�Es ist die Zeit der Entscheidung�, sagte Kama vorsichtig. �Die Kr�fte auf beiden Seiten sind bereit sich zu messen. Doch sie sind sich zu nah, um sich vollends entwirren zu k�nnen. Sie sind eins und doch zwei.�</p><p>�Du meinst die Quorrl und die Satai�, vermutete Skar. �Die Quorrl und die Satai f�hren einen Stellvertreterkrieg�, sagte Kama. �W�ren nicht sie es, w�ren es andere. Aber viel gef�hrlicher sind die Digger.�</p><p>�Schon wieder wir Digger�, mischte sich Esanna ein, die es nun offenbar �berhaupt nicht mehr eilig hatte, ihr halbwegs komfortables Lager zu verlassen. �Was soll denn dieser Schwachsinn. Wir tun doch niemandem etwas.�</p><p>�Oh, ihr tut sehr schlimme Dinge�, sagte der Nahrak. �Ihr grabt nach Kaol. Dadurch ihr schw�cht es. Und damit st�rkt ihr das <emphasis>Khta�m.�</emphasis></p><p>�Wir haben �berhaupt nichts mit diesen <emphasis>Khta�m </emphasis>zu tun�, behauptete Esanna. �Ich habe heute Nacht zum ersten Mal davon geh�rt.�</p><p>�Ein Teil von dir hat heute Nacht zum ersten Mal davon geh�rt�, gab ihr Kama Recht. �Ein anderer Teil kennt die Wahrheit schon viel l�nger. Denn du bist bestimmt, Skar zu helfen.�</p><p>Esanna zog die Stirn kraus und zuckte zusammen, als w�rde ihre Stirnwunde dabei schmerzhaft zu pochen anfangen. �Schwachsinn�, sagte sie leise und f�hrte die Hand an die Stirn, um mit dem Handballen gegen die Wunde zu dr�cken.</p><p>�Kein Schwachsinn�, widersprach Kama. �Nur ihr beide zusammen k�nnen Enwor retten. Ihr beide wurdet dazu auserw�hlt - auf eine Weise, die ihr vielleicht erst in vielen Jahren verstehen werdet. Es wird nicht leicht sein f�r euch zu begreifen, was muss getan werden, und es sein eine Zeit der Pr�fung, bis es euch kann gelingen, den unsinnigen Krieg zwischen Quorrl und Satai zu beenden. Ihr m�sst diesen Weg gemeinsam beschreiten, Esanna, gegen das Khta�m und f�r Enwor. Wenn ihr es nicht tut, ist Enwor verdammt.�</p><p>�Enwor soll verdammt sein, wenn ich jetzt meiner Wege gehe und nicht mit Skar ziehe?� Esanna sch�ttelte den Kopf. �Das glaubst du doch selber nicht. Wir kennen uns ja nicht einmal. Im Grunde genommen wei� ich ja nicht einmal, wer Skar ist.�</p><p>�Du selbst hast doch das Zeichen erkannt�, sagte Kama sanft. �Du hast doch gesehen, was ist mit seiner Brust verwachsen.�</p><p>�Das Zeichen... ja.� Ihre Stimme zitterte und ihr Blick flackerte pl�tzlich vor Angst. �Und ich habe Skar k�mpfen sehen. Anders als alle anderen M�nner, die ich je im Kampf sah - anders selbst als die beiden Satai, die letzten Winter f�r meinen Vater k�mpften.�</p><p>�Zwei Satai?� Skar sah eine Chance das Gespr�ch in eine unverf�nglichere Richtung zu lenken. �Hat sie dein Vater angeheuert?�</p><p>�Angeheuert ist wohl das falsche Wort�, antwortete Esanna leise. �Sie tauchten irgendwann von selbst auf... und sie verhielten sich �u�erst merkw�rdig.�</p><p>�Inwiefern merkw�rdig?�</p><p>�Nun ... sie ... sie ...� Esanna sch�ttelte angeekelt den Kopf. �Aber das ist ja auch nicht so wichtig.�</p><p>�Wieso ist das nicht wichtig?�, fragte Skar. �Mich interessiert alles, was mit den Satai zu tun hat. Ich muss wissen, was in den letzten dreihundert Jahren mit ihnen geschehen ist.�</p><p>�Ich will aber nicht �ber sie reden!�, schrie Esanna mit erschreckender Heftigkeit. Sie wandte ihren Kopf ab und barg ihr Gesicht in den H�nden und ein heftiges Schluchzen ersch�tterte ihren K�rper, das so ganz im Gegensatz zu ihren vorherigen schroffen Worten stand und doch genauso dazu passte wie eine kalte Nacht, die auf einen strahlenden Tag folgte.</p><p>Skar wollte sich zu ihr her�berbeugen, aber Kama sch�ttelte den Kopf. �Lass sie�, sagte er. �Ich kann dir erkl�ren, was du willst wissen.�</p><p>�Na sch�n�, sagte Skar wenig �berzeugt. Bislang hatte er noch nicht einmal die H�lfte von dem verstanden, was ihm der Nahrak auf die Nase hatte binden wollen. Vielleicht war ja tats�chlich etwas Wahres daran, vielleicht war aber auch einfach alles ein wirrer Mischmasch alter �berlieferungen und allzu freiz�giger Interpretation.</p><p>�Die Satai haben sich ver�ndert in den letzten drei Jahrhunderten�, begann der Nahrak. �Sie nicht mehr dieselben sind. Fr�her sie standen f�r ...�</p><p>�Ich wei�, wof�r sie fr�her gestanden haben�, knurrte Skar. �Falls du es nicht wissen solltest: Ich selber habe viele Jahre den Mantel des Hohen Satai getragen.�</p><p>�Ja, ich wei߫, seufzte Kama. �Und wenn du ihn noch heute w�rdest tragen, vieles w�re anders. Doch jetzt ist alles ... viel schwieriger geworden.�</p><p>�Inwiefern?�</p><p>�Die alten Ideale - sie wurden abgewaschen durch die Zeit. Darunter es kam zum Vorschein Habgier und Selbstsucht.�</p><p>�Die Satai waren noch nie ein Verein hilfsbereiter junger M�nner�, sagte Skar schroff. �Wir haben uns verdingt, haben dem gedient, der unseren Lohn hat zahlen k�nnen. Wir haben K�nige gest�rzt und andere auf den Thron gehoben ...�</p><p>�Ihr hattet einen Ehrenkodex�, beharrte Kama. �Ihr seid gewesen mehr als ein paar Strauchbanditen, die nur zuf�llig konnten k�mpfen besser als alle anderen. Ihr seid gewesen ein Garant f�r Stabilit�t. Ihr habt geschnitten faule Stellen aus dem Fleisch - das war alles.�</p><p>�Das ist eine sehr freie Interpretation�, sagte Skar. �Es mag sein, dass es in gewisser Weise sogar zutraf. Aber es hat auch immer Satai gegeben, die gegen den Kodex versto�en haben - oder schlimmer noch, die die Interessen Enwors verraten haben.�</p><p>Kama machte eine wegwerfende Bewegung. ��berall, wo Licht ist, sein auch Schatten. Aber ich nicht das meinen. Jetzt die Schatten haben bei den Satai die �berhand gewonnen und das Licht fast ganz verdr�ngt. Wenn sie erst haben vollst�ndig die Macht, alles ist zu sp�t.�</p><p>�Das ist ja alles sch�n und gut�, sagte Skar. �Aber was geht es mich an? Dreihundert Jahre sind eine sehr lange Zeit. Viele Generationen sind mittlerweile vergangen. Selbst, wenn ich noch Nachfahren h�tte - sie haben nicht mehr mit mir gemein als ein See mit einer seiner Quellen gemein hat, wenn ihn doch gleichzeitig mehrere hundert Quellen speisen. Nein�, er sch�ttelte entschieden den Kopf, �dieses Enwor ist nicht mein Enwor. Ich bin ihm zu nichts verpflichtet.�</p><p>�Und wenn nun nicht nur die Existenz der Satai auf dem Spiel stehen, sondern auch die ganz Enwors?�</p><p>Skar starrte schweigend vor sich auf den matschigen Boden, der unweit ihres Lagers aus morschen �sten und zusammengeh�uften Bl�ttern leicht absch�ssig verlief und nur von sp�rlichem, gr�n geflecktem Moos und kargen, d�nnen Gr�sern zusammengehalten wurde. Schon die nur wenige Schritte entfernten n�chsten B�ume waren nichts als dunkle Schatten in diesem merkw�rdig grauen Nebel, der sich feucht und erstickend auf die Atmungsorgane legte, als wollte er ihn und seine beiden Begleiter mit einem Leichentuch bedecken.</p><p>�Was ist denn so erhaltenswert an Enwor?�, fragte er. �Du das fragen im Ernst?� Der Nahrak wirkte nicht emp�rt, sondern eher - betroffen. �Du wirklich fragen, warum tausende von Kindern haben ein Recht auf ein Leben? Warum es ist wichtig, Kulturen zu erhalten ...?�</p><p>�Was f�r Kulturen?�, fragte Skar bitter. �Enwor f�llt immer mehr der Zerst�rung anheim. Die <emphasis>Errish </emphasis>und Elay - zerst�rt. Ausgel�scht vom Sternenfeuer. Die reiche Hafenstadt Grandiosa - bis auf die Grundfesten verbrannt. Und mit ihr nicht nur viele tausend Menschen, sondern auch unersetzliche Gem�lde, Schriftst�cke und Kostbarkeiten. Die Tempel der <emphasis>Ehrw�rdigen Frauen, </emphasis>die St�dte des Hochlands, die alten K�nigt�mer... soll ich wirklich weitermachen und dir all das aufz�hlen, was bereits w�hrend meiner begrenzten Lebensspanne alles unwiederbringlich verloren ging?�</p><p>�Die Geschichte sein ein fortw�hrendes Auf und Ab�, sagte Kama. �Auf der Asche verbrannter Erde w�chst wieder Neues. Nichts sein auf ewig verloren. Der Wandel wird neue Bl�ten hervorbringen.�</p><p>�Nein�, sagte Skar schroff. �Das wird er nicht. Und wenn einer die Zusammenh�nge kennt, dann du.� Er wusste nicht, woher er diese pl�tzliche Sicherheit nahm, er wusste einfach, in diesem einen, unheimlich kostbaren Moment, dass er die Wahrheit sprach, und er konnte es nicht verhindern, dass sie weiter aus ihm heraussprudelte. �Enwor stirbt, Kama. Es geht unter. Was vor dreihundert Jahren in der Vernichtung der <emphasis>Errish </emphasis>gipfelte, hat sich weiter ausgebreitet. M�glich, dass die Digger damit etwas zu tun haben, m�glich, dass sich <emphasis>Errish </emphasis>und Digger in so vielem unterscheiden, aber nicht in der fundamentalen Bedeutung, die sie f�r Enwor haben: Die einen zu seinem Erhalt, die anderen zu seiner Zerst�rung.�</p><p>Der Nahrak runzelte die Stirn und sagte etwas so leise, dass ihn Skar nicht verstand. Dabei war er sich nicht sicher, ob das w�tende Funkeln in seinen Augen ihm oder seinen Worten galt.</p><p>�Was hackt ihr beide immer wieder auf uns Diggern herum?�, fuhr Esanna dazwischen. �Wir sind kein kriegerisches Volk. Wir wollen einfach nur in Ruhe unserer Besch�ftigung nachgehen...�</p><p>Skar reagierte nicht auf ihre Worte, obwohl sie den Kopf drehte und ihn fragend ansah. Er wollte nicht antworten. Er wollte �berhaupt nicht reden, sondern einfach nur dasitzen und das vage Gef�hl von Geborgenheit und Sicherheit genie�en, das ihm die M�digkeit vorgaukelte, vielleicht zum letzten Mal f�r sehr lange Zeit.</p><p>�Ihr sein �berhaupt kein Volk�, brach Kama endlich das eisige Schweigen. �Ihr sein nur ein Haufen zerlumpter Gestalten im Dienst des <emphasis>Khta�m.�</emphasis></p><p>Esannas Augen wurden schmal. �Was soll denn das hei�en? Sind wir dir vielleicht nicht gut genug, du komischer Waldh�ter, weil wir keinen Wert auf Prunk und Pomp legen?�</p><p>�Darum es nun gehen wirklich nicht�, sagte Kama. �Ihr seid kein Volk, weil ihr euch erst vor drei Jahrhunderten zusammengetan habt. Frag Skar. Der dir k�nnen sagen, was ich damit meinen.�</p><p>�Also?�</p><p>Skar hatte keine Lust, sich auf irgendwelche Spielchen einzulassen. �Macht das bitte untereinander aus�, sagte er. �Aber wenn ihr mich schon fragt: Wir sollten uns so schnell wie m�glich auf den Weg machen. Bevor die n�chste Nacht hereinbricht, will ich eine geh�rige Distanz zwischen mir und der H�hle wissen. Au�erdem w�re es nicht schlecht, wenn ich mich unterwegs neu einkleiden k�nnte. Mir friert n�mlich langsam was weg.�</p><p>�Ich verstehen�, sagte Kama. �Du auch k�nnen gleich aufbrechen mit dem M�dchen - wenn ihr euch f�hlen dazu stark genug. Den H�gel hinab, in Richtung des Pojoaque. Ihr m�sst sein dort sehr vorsichtig. Dieser Fluss ist... gef�hrlich.�</p><p>�Du scheinst ja schon alles sehr genau geplant zu haben�, brummte Skar.</p><p>�Ich nur wissen, was zu tun ist�, fuhr der Nahrak ruhig fort. �Darum ich werden gehen den <emphasis>Frarr </emphasis>suchen. Sobald ich ihn haben gefunden - und wenn ich ihn wieder haben unter Kontrolle -, ich kommen zu euch.�</p><p>�Und wenn dir das nicht gelingt?�</p><p>�Dann�, der Nahrak brach ab und schluckte hart. �Dann ihr m�sst machen alleine weiter. Ohne Kama und ohne Frarr. Du dich einfach m�ssen halten an Marna ...�</p><p>�Den Satai mit der Goldmaske?�, unterbrach ihn Skar �berrascht.</p><p>�Ja�, nickte Kama. �Du m�sst nach ihm suchen - und nach dem <emphasis>Elften Buch. </emphasis>Alles andere werden sich dann schon ergeben von selbst.�</p><p>Eine Weile herrschte ein fast bedrohliches Schweigen. Der Nahrak hatte mit solcher Intensit�t gesprochen, dass seine Worte wie ein gewaltiges Verm�chtnis wirkten - ein Verm�chtnis allerdings, das Skar nicht bereit war anzunehmen. �Und das ist alles?�, fragte er sp�ttisch. �Mehr Anweisungen hast du f�r uns nicht, kleiner Mann?�</p><p>�Nicht zurzeit�, antwortete Kama ernsthaft. �Aber sp�ter... vielleicht.�</p><p>�Und du glaubst wirklich, ich werde das tun, was mir ein dahergelaufener Nahrak sagt?�, fragte Skar ruhig. �Wie kommst du darauf?�</p><p>�Ich dich nicht verstehen�, sagte Kama. �Du doch m�ssen begreifen, was es hei�en, Verantwortung zu tragen.� Skar lachte humorlos auf. �Wenn das ein Witz sein soll, ist es ein geschmackloser�, sagte er. �Ich habe keine Verantwortung mehr. F�r nichts und niemanden. Mein Enwor existiert sowieso schon seit drei Jahrhunderten nicht mehr. F�r wen sollte ich mich also verantwortlich f�hlen?�</p><p>�W�rst du nicht gewesen, Enwor h�tte sich anders entwickelt�, sagte Kama. �Die Quorrl h�tten nicht erfolgreich greifen k�nnen nach der Freiheit, nicht absch�tteln k�nnen die Fesseln der alten �berlieferung, w�rst nicht du gewesen. Die Satai nicht h�tten k�nnen das Chaos �berstehen, w�rst nicht du gewesen. Enwor war auf dem Weg zum Untergang und du haben das Ruder herumgerissen. Und da du mich fragen, Hoher Satai, was f�r eine Verantwortung du haben? Das sein l�cherlich.�</p><p>Ob Skar wollte oder nicht - die Worte des Nahrak ber�hrten etwas tief in ihm. Er wusste, dass er ihm damit hatte schmeicheln wollen. Aber das war nicht der entscheidende Punkt; entscheidend war vielmehr, dass Skar tief in seinem Innersten wusste, dass der Nahrak Recht hatte.</p><p>Kama schien zu sp�ren, dass er gewonnen hatte - wenn auch nur teilweise - und dass es kl�ger war, das Thema zu wechseln. �Esanna wollte etwas wissen von dir�, sagte er. �Sie wollte wissen, was es mit den Diggern auf sich haben.�</p><p>�Ja genau�, ging Esanna dem Nahrak auf den Leim. �Was soll dieses bl�de Gequatsche, dass wir kein Volk sind? Was sollen diese Vorw�rfe, dass wir an allem �bel dieser Welt schuld sind?�</p><p>Skar starrte einen Moment lang schweigend Kama an, der seinen Blick unger�hrt erwiderte mit der stummen Aufforderung auf Esannas Vorsto� einzugehen.</p><p>�Ich bin wohl kaum der richtige Fachmann f�r die Angelegenheiten der Digger�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Oh doch, das du sein�, sagte Kama unger�hrt und so schnell, als habe er sich die Antwort schon vorher zurechtgelegt. �Du wissen aus eigener Anschauung mehr �ber den Werdegang, die Geburt und die Vernichtung ganzer K�nigreiche und Volksgruppen als irgendein anderer Mensch. Und du wissen, was sie unterscheidet von einer solchen Gruppe wie die der Digger.�</p><p>�Was sollte schon mit diesem wirren Haufen los sein?�, fragte Skar gereizt. �Als ich noch in voller Bl�te stand, gab es weit und breit keine Digger. Von allen Bewohnern Enwors bin ich wahrscheinlich derjenige, der die Geschichte der Digger am wenigsten kennt.�</p><p>�Siehst du�, sagte Kama triumphierend. �Er euch nicht kennen.�</p><p>�Und was soll das beweisen?�, fragte Esanna.</p><p>�Das beweist, dass nach meinem Abgang irgendjemand auf eine besonders schlaue Idee kam und mit ein paar Getreuen die Gemeinschaft der Digger gegr�ndet hat: mit klar umrissenen Zielen und der Anweisung, wie die Idee weiter verbreitet werden sollte�, sagte Skar in einem Tonfall, der zeigte, wie sehr ihm dieses Gespr�ch auf die Nerven ging. �Aus dieser Keimzelle entwickelte sich schlie�lich eine m�chtige Bewegung, die immer mehr Einfluss auf Enwor gewann.�</p><p>�Woher wei�t du das?�, fragte Esanna �berrascht.</p><p>�Weil das die �bliche Art ist, wie Spinner ihre Ideen in die Welt hinaustragen�, murrte Skar. �Und wenn du es genau wissen willst: Auch die Satai sollen sich so in ihrer Gr�ndungsphase verhalten haben - allerdings ist das schon ein paar J�hrchen her.�</p><p>�Das klingt so, als w�rdest du neben den Diggern auch die Satai verachten.�</p><p>�Und wenn das so w�re?�, fragte Skar. �W�rde es dich wundern?�</p><p>Esanna starrte ihn mit einer Mischung aus Trauer und Entsetzen an und nickte dann. �Aber ja�, sagte sie. �Du bist die Legende, die Leitfigur, fast ein Gott f�r die Satai. Wie kannst du es dann wagen ...�</p><p>�Schlecht �ber die zu reden, die in meinem Namen morden und Machtpolitik treiben?�, fauchte Skar. �Ja, wie kann ich nur? Hast du denn nichts begriffen, Esanna?� Aber dann sch�ttelte er den Kopf und trat w�tend ein paar �ste beiseite, die im hohen Bogen wegflogen und irgendwo im Nebel gegen einen Baum klatschten. �Ich tue dir Unrecht, verzeih�, fuhr er gefasster fort. �Du kannst sie nicht kennen, die dunklen Regeln der alles verschlingenden Macht.�</p><p>�Was meinst du damit?�, fragte Esanna stockend.</p><p>�Es ist wie eine w�tende Krankheit, die selbst die Besten bef�llt�, sagte Skar bitter und dachte an Del. �Und wenn es sie erst einmal gepackt h�lt und sie Dinge tun l�sst, die sie zuvor verachtet haben, werden sie dir noch hohnlachend ins Gesicht schreien, dass sie im Recht gewesen sind.� Esanna schwieg lange. Als sie dann den Kopf zu Skar wandte, waren ihre Augen voller Tr�nen. �Ist es dir auch so gegangen?�</p><p>�Was?�, fragte Skar fassungslos.</p><p>�Bist du auch der Macht erlegen, alter Mann? Hast du sie missbraucht, als du den Mantel des Hohen Satais getragen hast?�</p><p>Skar starrte sie an, als s�he er sie zum ersten Mal. �Ich verstehe ... deine Frage nicht.�</p><p>�Doch. Du verstehst sie sehr gut.�</p><p>�Ich wei� nicht...�</p><p>�Ach nein.� Esannas Gesicht verzog sich zu einer h�hnischen Grimasse. �Du wei�t wirklich nicht, was ich meine? Du hast dich selber noch nie gefragt, ob du deine Tochter nur deshalb verloren hast, weil du zu besch�ftigt warst mit deinen ... mit deinen <emphasis>Machtspielchen, </emphasis>statt dich zur Zeit um sie zu k�mmern.�</p><p>�Ich ... was soll das.� Skar versp�rte pl�tzlich ein Flattern in der Brust. �Das bringt doch alles nichts. Au�erdem geht es dich gar nichts an!�</p><p>Die letzten Worte hatte er fast geschrien. Der seelische Druck, der auf ihm lastete, seit er nackt an Land gekrochen war, kam wieder, jenes W�hlen im Ged�rm und das Kribbeln in Armen und Beinen - und es wurde schlimmer. Er k�mpfte dagegen an, wusste jedoch nicht, welches Kampfmittel er einsetzen sollte, da der Feind ihm unbekannt war. Er k�mpfte gegen die Verzerrung seines Mundes an und zwang einen m�glichst gleichg�ltigen Ausdruck auf sein Gesicht.</p><p>�Mit den Diggern es haben noch eine Besonderheit�, sagte Kama. �Sie sind geschaffen worden als Werkzeug. Sie bauen Kaol ab.�</p><p>�Ja - und?�, fragte Esanna. �Was ist verkehrt daran? Kaol ist die Kraft, die alles zusammenh�lt. Kaol ist die Essenz des Lebens. Kaol ist das R�ckgrat unserer Gemeinschaft.� Es klang wie ein vor ewiger Zeit auswendig gelernter Text. Und das war er wahrscheinlich auch - das Glaubensbekenntnis, das die Gemeinschaft der Digger zusammenhielt und sie immer weiter vorantrieb bei ihrem Ziel, so viel Kaol abzubauen wie m�glich.</p><p>�Kaol bef�higen euch zu besonderen Leistungen�, stellte Kama fest. �Es w�rmt euch und geben euch Kraft.�</p><p>�Ja ... nat�rlich�, sagte Esanna misstrauisch. �Ohne Kaol k�nnten wir gar nicht existieren.�</p><p>�Es sein das R�ckgrat eurer Gemeinschaft�, sagte Kama. �Ich wissen. Es sein aber noch mehr. Es sein euer Verderben. Es ver�ndert jeden Einzelnen von euch wie eine Droge. Es machen euch zu Sklaven ...�</p><p>�Verdammt noch mal�, fuhr Skar dazwischen. �K�nnt ihr nicht aufh�ren mit dem Mist!� Seit ihn Esanna an Kiina erinnert hatte, f�hlte er sich miserabel, aufgew�hlt, und das nicht nur, weil es um seine Tochter ging, sondern auch wegen etwas anderem und dieses andere stand in direktem Zusammenhang mit dem, was Kama gerade versuchte in Esannas Worte zu legen ... Er k�mpfte mit aller Kraft dagegen an, aber es gelang ihm nicht, sich zu beherrschen. Der innere Kampf und das mit Kiina und den beiden toten Nahrak und diesem ganzen Bl�dsinn vom Ende der Welt zusammenh�ngende Schuldgef�hl bereitete ihm �belkeit.</p><p>�Es sein kein Mist�, sagte Kama sanft. �Es sein die Wahrheit. Du k�nnen die Augen verschlie�en. Aber haben du nicht gesehen die Wucherungen, die Kaol bei vielen Diggern ausl�st, haben du nicht bemerkt die Ver�nderung in ihrem Verhalten, die Gleichg�ltigkeit, ihre K�lte und Grausamkeit?�</p><p>�H�r auf!�, schrie Skar. �Ich will davon nichts wissen.�</p><p>�Du aber m�ssen davon wissen�, beharrte Kama und so, wie er es sagte, schien er es fast zu bedauern, ihn weiter zu bedr�ngen. �Du m�ssen der Wahrheit ins Gesicht schauen. Die Digger bauen Kaol ab und mit jedem St�ck sch�digen sie das, was alles zusammenh�lt. Die Digger k�nnen nicht anders; sie immer m�ssen machen weiter, weil sie sind abh�ngig von Kaol. Die Satai spielen ihr eigenes Spiel, glauben, die Digger sein nur Werkzeug in ihren H�nden. Sie glauben mit diesem Werkzeug die Quorrl ausschalten zu k�nnen, glauben Enwor in ihre Gewalt zu bekommen. Aber das sein ein Irrtum.�</p><p>Er beugte sich ein St�ck vor und sah Skar geradewegs in die Augen. �Es ist das <emphasis>Khta�m, </emphasis>was hinter allem steht. Es sein gut f�r dich, sehr gut, dass du hast gesehen, wie grausam und m�chtig das <emphasis>Khta�m </emphasis>ist. So du wirst verstehen, was es wird bedeuten, wenn diese Kreatur �bernehmen die Macht �ber Enwor.�</p><p>Skar h�tte best�rzt und verwirrt sein sollen, aber das Gegenteil war der Fall. Ganz langsam wich die Angst von ihm und der innere Aufruhr legte sich, wenn auch nicht vollst�ndig, dann doch so weit, dass er wieder sprechen konnte. �Ich nehme an, das ist noch nicht alles�, sagte er kalt.</p><p>�In der Tat�, antwortete der Nahrak und diesmal sah er verwundert aus. �Es sein noch nicht alles. Aber es reichen f�r den Augenblick.�</p><p>�Allerdings reicht es f�r den Augenblick�, fuhr ihn Esanna an. �Das ist doch alles platt getretene Kuhschei�e, kleiner Mann! Was haben wir mit diesen Viechern zu tun, die uns in der H�hle �berfallen haben? Glaubst du etwa, die w�rden uns Befehle geben? Glaubst du wirklich, die k�nnten uns beherrschen?�</p><p>Kama sah sie sehr lange an und wandte dann den Kopf ab. �Ich w�nschen, es w�re anders�, sagte er schlie�lich fast entschuldigend. �Und es sein auch nicht so einfach, wie du glaubst. Es sein alles sehr schwer zu verstehen.�</p><p>�Ach, ja? Das ist doch nur eine billige Entschuldigung daf�r, dass du uns Unsinn erz�hlst, durch den du selbst nicht mehr durchblickst.�</p><p>�Nein, nein�, Kama sch�ttelte den Kopf, �keine Entschuldigung. Aber es sein vielleicht besser ... wenn du auf dich aufpassen. Auf deine innere Stimme. Es k�nnten sein, dass sich ... dass sich etwas in dir ver�ndert.�</p><p>Obwohl ihn Kama gar nicht angesprochen hatte, f�hlte sich Skar doch durch seine Worte blo�gestellt... Er schloss die Augen und k�mpfte gegen den heftigen Druck hinter seinen Lidern an und gegen die �belkeit, die sich in seinem Magen zusammenballte und nach seiner Kehle griff.... Es war etwas in ihm, das ihn immer mehr in seine Gewalt zu bekommen versuchte, etwas, das sich ihm immer dann entzog, wenn er es glaubte fassen zu k�nnen, um dann, beim n�chsten Mal, mit doppelter Macht wieder �ber ihn herzufallen.</p><p>Bislang war er noch nicht einmal auf die Idee gekommen, dass es Esanna ganz �hnlich gehen k�nnte.</p></section><section><title><p id="_03_03">3.3</p></title><p>Jeder einzelne Muskel in Skars K�rper schmerzte, ihm war �bel und er war mittlerweile so durchgefroren, dass seine immer noch unverh�llten Beine zwei Eiszapfen glichen, die gleicherma�en zerbrechlich und gef�hllos �ber den aufgeweichten Boden staksten. Aber alles war besser, als auf dem feuchten Boden zu hocken und mitzuerleben, wie Kama Dinge aussprach, die er wohl f�r die Wahrheit hielt, die aber in erster Linie dazu gedacht waren, ihn und Esanna unter Druck zu setzen. Ganz nebenbei hatte er dabei begonnen, ihrer beider Leben zu sezieren und einen Bezug zwischen ihnen beiden herzustellen, eine Gemeinsamkeit anzudeuten, die Skar zwar selber unterschwellig die ganze Zeit �ber gesp�rt hatte, �ber die nachzudenken er aber nicht bereit war.</p><p>�Wenn ich nicht in mein Dorf zur�ckkehre, werde ich nie wissen, ob nicht doch noch jemand lebt�, sagte Esanna, die einen halben Schritt hinter ihm ging und ihm doch so nah war, dass er ihre Anwesenheit auch mit geschlossenen Augen gesp�rt h�tte.</p><p>Skar sp�rte den Ernst ihrer Worte, aber auch die Verzweiflung dahinter. Aber er bemerkte gleichzeitig auch etwas anderes: eine zuerst kaum sp�rbare Ver�nderung, die sich �ber sie beide und das Tal legte, eine Ver�nderung in dem frostig kalten Luftzug, der nun pl�tzlich kleine Wirbel zu bilden schien, die sie wie Derwische umtanzten, und dann ein leises S�useln, das von �berall und nirgends zu kommen schien wie der Vorbote der Ankunft von irgendetwas, das sich ihnen auf eine vollkommen unbegreifliche Art zu n�hern versuchte.</p><p>Das Auff�lligste aber war das Zur�ckweichen des Nebels. Es war so, als fl�he das feuchte Grau vor ihnen, als wiche es zur�ck wie vor einem Feind, dem es sich nicht gewachsen wusste und den es erst wieder zu attackieren gedachte, wenn es sich seiner Sache sicher war. Der Nebel <emphasis>glitt </emphasis>geradezu zur�ck, rasch und mit fast bewusst wirkender Zielstrebigkeit machte er den Blick frei auf das Tal, durch das sie gestern Abend gekommen waren und das sie nun auch heute wieder zu durchschreiten gedachten.</p><p>�Der Nebel�, stotterte Esanna. �Wo ist er hin?�</p><p>�Das�, sagte Skar, �ist eine wirklich gute Frage. Vielleicht hat ihn ja Kama gestohlen.�</p><p>Esanna warf ihm einen Blick zu, als habe er den Verstand verloren. �Mir ist nicht nach dummen Scherzen zumute�, sagte sie dann, und es lag so viel Zerrissenheit in ihrer Stimme, dass sich Skar f�r seine unbedachte Antwort sch�mte.</p><p>Obwohl ihr Skar erst vorgestern zum ersten Mal begegnet war - war es tats�chlich erst vor zwei Tagen gewesen? Ihm kam es wie Jahre vor -, erkannte er die vielen kleinen Zeichen in ihrer Art zu reden und sich zu bewegen deutlich genug, um zu wissen, dass sie kurz vor dem Zusammenbruch stand. �u�erlich wirkte sie ruhig, aber hinter der Maske aus Gelassenheit und Ruhe brodelte es; dessen war er sich sicher.</p><p>Vielleicht auch deshalb, weil es ihm selber nicht viel besser ging.</p><p>�Ich finde es nicht gut, dass Kama alleine aufgebrochen ist, um den <emphasis>Frarr </emphasis>zu suchen�, sagte Esanna. �Es w�re mir lieber, er w�re mit uns gekommen.�</p><p>Obwohl ihre Worte etwas seltsam klangen angesichts der Tatsache, dass sie noch heute Morgen alleine hatte aufbrechen wollen und wiederum kurz davor ihr Messer gegen den Nahrak gezogen hatte, nickte Skar. �Das kann ich verstehen. Ich habe zwar immer noch nicht so richtig begriffen, warum er uns hilft. Aber wenn er nicht gewesen w�re...�</p><p>Er lie� den Rest seines Satzes unbeendet. Aber Esanna schien ihn auch so zu verstehen. �Es ist schon merkw�rdig, dass die Nahrak gerade im richtigen Moment gekommen sind�, sagte sie leise. Der frische Wind riss ihre Worte auseinander, sodass sie nur bruchst�ckhaft an Skars Ohr drangen.</p><p>�Ja�, sagte er nach einer Weile. �Aber das ist nicht das Einzige, was merkw�rdig ist.� Und mehr zu sich selbst murmelte er: �Ich habe immer noch nicht im Geringsten begriffen, was das alles soll.�</p><p>�Du meinst, dass Kama dir die Verantwortung f�r ganz Enwor aufhalsen will?�, fragte Esanna.</p><p>Wieder nickte Skar. �Ja. So �hnlich.�</p><p>�Und du verstehst auch nicht, wie ich da ins Bild passe?�</p><p>�Ja. Auch das.� Skar deutete nach vorne. �Sieh dir das an. Ausgerechnet jetzt, zum Abend hin, klart es so schnell auf, als h�tte der Frarr mit seinem H�llenfeuer die Feuchtigkeit aus der Luft gebrannt.�</p><p>Es dauerte noch ein paar Sekunden, bis die pl�tzliche Ver�nderung so weit fortgeschritten war, dass sie mehr als nur ein paar verwaschene Schemen in der Entfernung zu entdecken vermochten. Was Skar gestern nur erahnt hatte, was er nach all den Strapazen und frischen Eindr�cken des Kampfes lediglich mit dem Instinkt des Kriegers wahrgenommen hatte, der ihn auf der Suche nach einem sicheren Ruheplatz mit geradezu verbl�ffender Pr�zision zur H�hle gef�hrt hatte - dem wahrscheinlich einzigen sicheren Schutz in dieser Nacht vor den Naturgewalten und <emphasis>allen den anderen Dingen, </emphasis>die dort drau�en vorgegangen waren -, das wurde nun Gewissheit: Sie befanden sich in einer vollkommen unwirtlichen Ein�de. Die Selbstverst�ndlichkeit dieser lebensverneinenden und menschenfeindlichen Gegend erschreckte ihn gleicherma�en wie sie ihn auch faszinierte. Sein Blick tastete �ber die schroffen und steilen Abh�nge, die wohl kaum je ein Mensch erklommen hatte, und �ber das Graubraun der wenigen sp�rlich bewachsenen Felsen, auf denen hier und da einzelne verwaschene wei�e Flecke von dem Schnee k�ndeten, der heute Nacht gefallen war und an den meisten Stellen mittlerweile schon l�ngst wieder vom Sturm weggetragen worden war.</p><p>Das Erschreckendste aber waren relativ frisch aussehende Einbr�che nicht weit unter ihnen, die Ger�lllawinen und Schneeabg�nge nach sich gezogen hatten; mehrere be�ngstigend gro�e und �berraschend tiefe Senken, in die das Digger-Dorf mehrfach hineingepasst h�tte und die irgendwie ... k�nstlich aussahen. Skar erinnerte sich daran, dass er �hnliches bereits gesehen hatte, als er neben Roun zum Dorf der Digger geritten war. Es sah fast so aus, als ob sich der Berg selbst aufl�ste, als br�che er ein, als w�rde er immer weiter unterh�hlt, bis er schlie�lich irgendwann nachgeben und vollst�ndig in sich zusammenfallen w�rde. �Das ist... unheimlich�, sagte Esanna fr�stelnd. Sie wirkte mit einem Mal wieder wie ein kleines, hilfloses M�dchen und nicht wie die junge, selbstbewusste Frau, die soeben beschlossen hatte allen Widerst�nden zum Trotz ihre Familie zu suchen, um mit ihr einen Neuanfang zu wagen. Ihre Hand ber�hrte wie von selbst Skars Arm, Schutz suchend und vielleicht in einem der wenigen Reflexe, die allen Lebewesen zu eigen ist, um sich des gegenseitigen Beistands zu versichern, wenn sie etwas �ber alle Ma�en ersch�tterte. Die kurze und kaum sp�rbare Ber�hrung tat Skar seltsam gut und zerriss den Bann des unglaublichen Schauspiels, gab ihm die Kraft sich von dem Wispern und Raunen um sich herum abzuwenden und eine bewusste Entscheidung zu treffen. �Wir sollten sehen, dass wir so schnell wie m�glich von hier verschwinden�, sagte er leise. Es lag ihm auf der Zunge mehr zu sagen, von dem Grauen zu erz�hlen, das ihn beim Anblick der gigantischen Senken �berkommen hatte, von der Vorstellung, dass sich die <emphasis>Khta�m-H�hle </emphasis>wie ein b�sartiges Unkraut wuchernd immer weiter unter den Berg grub, ihm seine uralte Stabilit�t raubte und ihn hinabst�rzen lie�, in die wirbelnde unfassbare Tiefe des Strudels, der sich unter ihm auftat, in den vielfachen Tod, der auch ihn und Esanna verschlingen wollte.</p><p>�Ja�, fl�sterte Esanna, als habe sie Angst belauscht zu werden, �aber wohin?�</p><p>�Das d�rfte nicht so schwer sein�, sagte Skar. Er deutete mit der Hand hinab in die schroffe Tiefe, die sich vor ihnen auftat. �Die Auswahl an Wegen ist eher zu mager als zu gro�. Aber keine Sorge: So wie es uns Kama erkl�rt hat, m�ssen wir hier richtig sein.�</p><p>Das Brausen war noch immer zu h�ren und der frische Luftzug wieder zum Sturm angewachsen, der mit Esannas Haar spielte, als sie sich zu ihm umwandte, und sie blinzeln lie�, als sie ihn ansah. �Woher?�, fragte sie heiser. �Woher sind wir gestern gekommen?�</p><p>Skar zuckte mit den Schultern und deutete dann nach unten, in die Schlucht mit ihrem k�rglichen Bewuchs aus verkr�ppelten B�umen und d�rren Str�uchern, den unwirtlichen, durch Wind und Wasser abgeschliffenen Felsen und dem kaum sichtbaren Pfad, der sich seltsam unwirklich durch das unwegsame Gel�nde schl�ngelte, dicht vorbei an den Ausl�ufern einer Senke, die wie ein brutaler Fremdk�rper in die ansonsten unber�hrte Landschaft schnitt.</p><p>�Von dort, soviel ich wei�.�</p><p>�Was hei�t das: soviel du wei�t?�, fragte Esanna verwirrt. �Das hei�t, dass wir nicht auf dem Weg in dein Dorf sind und es deswegen auch nicht wichtig ist, den Weg dorthin zu kennen.�</p><p>�F�r dich vielleicht nicht�, fauchte Esanna. �Aber f�r mich schon. Denn ich wei� immer noch nicht, ob es richtig ist, mit dir zu kommen.�</p><p>Skar blickte schweigend so weit in den Horizont hinein, wie er konnte. Das sonderbare, graugr�ne Halblicht lie� nur die Dinge genau erkennen, die sich in unmittelbarer N�he von ihnen befanden. Alles dahinter Liegende war verschwommen, gro�e finstere Umrisse mit halb aufgel�sten Konturen, unwirklich und drohend zugleich. Und auch der Regen, der jetzt fast unmerklich auf sie niederging, war sonderbar: fein wie spr�hende Gischt und so warm, dass er seine Ber�hrung kaum sp�rte, bis er bis auf die Haut durchn�sst war. Zusammen mit dem unwirklichen graugr�nen Licht gab es ihm fast das Gef�hl sich unter Wasser zu befinden statt in den Bergen.</p><p>Schlie�lich zuckte Skar mit den Schultern. �Ich glaube, wir m�ssen dort lang�, sagte er und deutete irgendwo in das diffuse Nichts. �Und nun komm schon, bevor du Wurzeln schl�gst.�</p><p>Esanna machte keine Anstalten ihm zu folgen, und als er sich zu ihr umdrehte, strich sie sich gerade eine Str�hne ihres nass gewordenen Haars aus dem Gesicht und sah ihn nur schweigend an. Sie hatte sich nur wenige Arml�ngen von ihm entfernt gegen den Stamm eines alten, bereits abgestorbenen Baumes gelehnt, den nur noch die Gewohnheit an seinem Platz zu halten schien. Trotzdem konnte er ihr Gesicht nicht richtig erkennen. Es war nur ein heller Schemen in dem wogenden Etwas, in dem sich die Wirklichkeit aufzul�sen begann.</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich noch weitergehen kann�, sagte sie hilflos. �Meine Beine ... sie f�hlen sich ... so taub an.� Skar nickte. Die M�digkeit schlug wie eine l�hmende Woge �ber ihm zusammen und er sp�rte, wie aus der Schw�che in seinem Magen so etwas wie �belkeit wurde - offensichtlich war ihm die Mischung aus Beeren, Wurzeln und Pilzen, die sie vor ihrem Abmarsch gesammelt und verzehrt hatten, nicht besonders gut bekommen. �Das ist schon in Ordnung�, sagte er. �Wir werden hier rasten. Siehst du da dr�ben den Felsvorhang?�</p><p>Esanna folgte der Richtung, die seine ausgestreckte Hand vorgab, und nickte. �Du meinst...�</p><p>�Ich meine, wir sammeln jetzt an Bl�ttern und Moos, was wir finden k�nnen, und richten uns unter dem Felsvorsprung eine Lagerstatt ein. In ein paar Stunden wird es sowieso dunkel und es ist fraglich, ob wir noch einmal einen so idealen Platz zum Rasten finden.�</p><p>�Sollten wir nicht... weitergehen?�, fragte Esanna zweifelnd. �Je weiter wir die H�hle hinter uns lassen, umso besser.�</p><p>�Das ist richtig�, gab Skar zu. �Aber wenn wir irgendwann vor Ersch�pfung nicht mehr weiterk�nnen ...�</p><p>�Du meinst, wenn ich irgendwann zusammenbreche�, unterbrach ihn Esanna bitter.</p><p>�Nein.� Skar sch�ttelte den Kopf und l�chelte leicht. �Ich f�rchte, du �bersch�tzt meine Kr�fte. Ich bin nicht weniger ersch�pft als du - vielleicht sogar noch mehr. Au�erdem liegen mir ein paar von Kamas Pilzen ganz sch�n schwer im Magen. Was ist, wenn ich pl�tzlich umkippe: Wirst du mich dann weiterschleppen k�nnen? Oder l�sst du mich dann irgendwo liegen und gehst alleine weiter?�</p><p>In dem verwaschenen Etwas, als das er bei der Entfernung ihr Gesicht erkannte, glommen zwei Punkte auf, dort, wo die Augen sa�en. �Das sagst du doch nur, um mich zu beruhigen.�</p><p>�Ich w�nschte, es w�re so�, brummte Skar. �Und nun mach schon. Hilf mir dabei, ein Bett zu bauen. Oder willst du etwa auf dem nassen, kalten Boden schlafen?�</p><p>Statt einer Antwort stie� sich Esanna ab und kam zu ihm her�ber. Unterwegs b�ckte sie sich bereits und sammelte so viel Laub auf, wie sie zu tragen vermochte. �Das k�nnen wir als Unterbau nehmen�, sagte sie. �Aber wir brauchen noch trockenes Laub, das wir als Oberschicht nehmen und auf das wir uns legen k�nnen.�</p><p>W�hrend sie das sagte, glomm in ihren Augen ein Feuer, das er nicht zu deuten vermochte. �Ich sehe schon, du machst das nicht zum ersten Mal�, sagte er, w�hrend er zu dem Felsvorsprung her�berging und sorgsam nach Schlangen, Echsen oder anderem Getier Ausschau hielt.</p><p>�Wir Digger bleiben nicht allzu lange an einem Ort�, erkl�rte sie. �Wenn wir irgendwo wieder von vorne anfangen, m�ssen wir uns in den ersten Tagen mit dem Allern�tigsten versorgen. Da bleibt nicht viel Zeit, um gleich genug H�tten f�r alle Dorfbewohner zu bauen.�</p><p>�Ein wanderndes Dorf also�, sagte Skar. Er raffte Moos und Bl�tter zusammen, die im Schutze des Felsvorsprungs so gut wie trocken geblieben waren, und h�ufte sie auf dem deutlich feuchteren Bl�tterwerk Esannas auf.</p><p>�Das immer weiter wandert - wenn es nicht mit Gewalt daran gehindert wird.� Esannas Stimme klang nun wieder so erstickt, dass Skar sie am liebsten in den Arm genommen h�tte, um sie zu tr�sten. �Oh ... verdammt.�</p><p>�Was ist?�, fragte Skar alarmiert und sah zu ihr her�ber. Es war ein seltsamer Anblick. Sie war sehr gro� f�r eine junge Frau, fast so gro� wie er selbst, aber von schlankem, fast zerbrechlich anmutendem Wuchs. Es war gleichzeitig eine Trauer und eine Erregung in ihr, ein Mischmasch verschiedener Gef�hle, die er nicht zu deuten verstand.</p><p>�Es ist... nichts�, sagte sie. �Ich muss nur lernen, dass alles irgendwann ein Ende hat.� Sie lachte humorlos auf. �Mein Leben ist zu Ende, wei�t du das? Es war in dem Moment zu Ende, als du gesagt hast, dass du Ger�usche h�rst - Ger�usche, wie sie nur von heranschleichenden Quorrl stammen konnten. Und dann ...� Sie sch�ttelte verzweifelt den Kopf. �Ich verstehe nicht, warum dir mein Vater nicht glauben wollte. Vielleicht h�tte es keinen Unterschied mehr gemacht. Vielleicht h�tten uns die Quorrl dennoch �berrannt. Aber ... wir h�tten wenigstens eine Chance gehabt!�</p><p>Skar sagte nichts darauf. Auf vor Ersch�pfung unsicheren Beinen ging er zu dem her�ber, was ihr gemeinsames Lager sein sollte. Es gab keine Worte, die sie jetzt erreichen w�rden, nicht wirklich. Er h�tte ihr etwas davon erz�hlen k�nnen, dass jedes Ende auch einen neuen Anfang in sich barg. Er h�tte ihr von anderen Schicksalen berichten k�nnen, von M�nnern und Frauen, die nach verheerenden Schl�gen wieder zu neuer Kraft gefunden hatten. Aber nichts von alldem war wirklich wahr, weil das alles nicht Esanna betraf und den Schmerz �ber einen Verlust, dessen ganze Bedeutung sie erst in ein paar Wochen, vielleicht sogar erst in ein paar Monaten erfassen w�rde - wenn sie selbst noch so lange lebte.</p><p>Er lie� sich auf dem Laub nieder, lehnte sich an den moosbewachsenen Felsen und starrte in den Regen hinaus. Nach all der Hetze, all dem T�ten, all dem Verwirrenden, das ihn in einen alles vernichtenden Strudel hatte ziehen wollen, kam ihm dieser Augenblick fast wie eine Erl�sung vor. Es war eine Gel�stheit in ihm, ein leichtes Schweben, so als w�rde er sich trennen und befreien von dem, was Kama eine Verantwortung genannt hatte und was f�r ihn nur eine Last war, die ihn zu erdr�cken drohte.</p><p>Die Zeit hatte scheinbar aufgeh�rt zu existieren. Er h�tte sp�ter nicht mehr zu sagen vermocht, wie lange Esanna noch so vor ihm gestanden hatte, durchsichtig fast in ihrem Schmerz, so als w�re sie gar nicht mehr von dieser Welt. Er h�tte nicht sagen k�nnen, wie lange sein Blick auf ihr geruht hatte, um dann wieder hinabzuwandern, die Anh�he hinunter, die sie weiter und immer weiter f�hren w�rde, bis sie Mama, den Satai mit der Goldmaske, erreichten und dann das tun w�rden, was auch immer getan werden musste - vereint wieder mit Kama, der so sicher zu ihnen sto�en w�rde, wie er Esanna jetzt sah, als sie langsam auf ihn zukam, um sich neben ihm niederzulassen, Seite an Seite mit ihm und mit angewinkelten Knien.</p><p>�Ich wei� nicht, wie es weitergehen soll�, sagte sie. Sie sah blass aus, gefangen in tiefer Trauer, aber auch auf eine erschreckende Weise erwachsen und selbstbewusst.</p><p>�Ich auch nicht�, sagte Skar leise. �Ich wei� nicht, warum ich hier bin. Ich wei� nicht, wer ich bin. Ich wei� nicht, was mich erwartet.�</p><p>Esanna schwieg lange und tausende von Tropfen gingen w�hrenddessen nieder, benetzten die Erde, ganz leise und fast vorsichtig prasselnd, mehr ein Nieseln als ein ausgewachsener Regen. �Ich bin so entsetzlich m�de�, sagte sie. �Ich wei߫, sagte Skar, �es ist eine M�digkeit, die viel tiefer geht als alles, was nur durch zu wenig Schlaf entstehen kann...�</p><p>Nach einer Zeit, die nur eine Ewigkeit sein konnte, wandte Esanna den Kopf zu ihm um und er hatte das Gef�hl, als betrachte sie ihn so intensiv, als s�he sie ihn zum ersten Mal. �Wie alt bist du?�, fragte sie.</p><p>�Ich wei� es nicht�, murmelte Skar und dachte an den W�chter. Es war nicht so, dass er es jemals wirklich verstanden hatte. Er war der W�chter gewesen - oder der Erbe des W�chters; derjenige, der �ber Enwor wachen sollte und es doch nur sehr unvollkommen tat. Er war Ewigkeit und doch so sterblich, wie man nur sein konnte. Er hatte die Unsterblichkeit angeboten bekommen und sie ausgeschlagen - vielleicht hatte er sie gerade dadurch gewonnen.</p><p>�Das ist keine Antwort�, sagte Esanna sachte.</p><p>�Nein, das ist es nicht�, antwortete er. �Aber es ist die Wahrheit. Ich habe es vergessen ...�</p><p>�Wie meinst du das?�, fragte Esanna nach der n�chsten Ewigkeit mit diesem ewigen Prasseln des leichten Regens, der keinen Anfang und kein Ende kannte.</p><p>�Ich wei� es nicht.� Er schloss die Augen und blendete die Welt damit aus; aber immer noch war da das Prasseln, Prasseln, Prasseln und der K�rpergeruch Esannas, eine verwirrende Mischung aus Tod und Jugend, aus Blut, Schwei� und Jungfr�ulichkeit.</p><p>Er streckte die Hand nach ihr aus und fand die ihre.</p><p>�Wenn ich es nur w�sste�, murmelte er. �Ich habe mich verloren im Strudel der Zeit...�</p><p>Er hatte das Gef�hl, dass die Welt ihm immer mehr entglitt. Es war nicht mehr als das Prasseln des Regens und dieses sanfte, ziehende Gef�hl von Esannas Hand, das ihn vor dem v�lligen Abgleiten in eine dunkle Wirklichkeit bewahrte.</p><p>�Werden wir weiter zusammenbleiben?�, fragte Esanna und zu seiner Verbl�ffung klang keine Erwartung und keine Angst in ihrer Frage mit; es war einfach nur eine Frage. �Wie meinst du das?�, fragte er.</p><p>Es dauerte diesmal sehr lange, bis sie antwortete. �Ich habe niemanden mehr�, sagte sie. �Und ich wei� auch nicht mehr, was ich glauben soll. Ich wei� nicht, was Kama mir sagen wollte...�</p><p>�Vergiss Kama.�</p><p>�Ja. Nein. Er ist ein bemerkenswerter Mann. Und ich glaube, dass er davon �berzeugt ist, was er sagt.�</p><p>�Das steht zu bef�rchten�, seufzte Skar. �Aber wenn es dir recht ist: Lass uns jetzt nicht von Kama sprechen.�</p><p>�Und doch m�ssen wir das�, sagte Esanna. �Es sind Dinge passiert...�</p><p>�Ja?�</p><p>�Es ist... als ob sich ein Abgrund vor uns er�ffnet h�tte, der die ganze Welt verschlingen wollte.�</p><p>Skars Nackenhaare stellten sich auf. �Der Schlund�, fl�sterte er. �Er hat versucht uns zu verschlingen. Aber vielleicht hat er es ja auch irgendwie geschafft. Und vielleicht will er sich nun andere holen, mit unserer Hilfe ...�</p><p>�Ist dir nicht kalt?�, fragte sie unvermittelt. �Ohne Beinkleider ... du holst dir noch den Tod.�</p><p>�Ich habe mir schon den Tod geholt�, murmelte er.</p><p>Es �nderte nichts an dem, was sie vorhatte. Seine M�digkeit machte vagem Schrecken und einer kabbelnden Anspannung Platz, als sie ihre H�nde weiter zu ihm schob und ihn langsam aber beharrlich zu sich her�berzog. Er wehrte sich nicht, er lie� es einfach geschehen, ohne die Augen zu �ffnen, ohne etwas anderes zu h�ren als das stete Prasseln und das leise Rascheln von Stoff auf nackter Haut. Dann erst begriff er, was sie vorhatte: Sie schlang ihre langen Beine um die seinen. �Ich muss dich doch w�rmen�, sagte sie. �Wir werden gleich einschlafen und bis morgen fr�h durchschlafen... ich kann nicht zulassen, dass du erfrierst.�</p><p>�Wir brauchen mehr Laub�, murmelte er. �Damit wir uns zudecken k�nnen.�</p><p>�Sicher�, sagte sie. �Aber vielleicht geht es auch anders.�</p><p>�Ich wei� nicht...� Seine Stimme glitt ab, als wollte sie ihm nicht mehr gehorchen und er begriff, dass er kurz davor stand einzud�sen.</p><p>�Was wei�t du nicht?�</p><p>�Wir ... wir sind verwundet worden. Sie ... sie haben uns �berall erwischt.�</p><p>�Musst du jetzt gerade davon anfangen?�</p><p>�Ja. Vielleicht auch nicht. Aber ...�, Skar versuchte den Gedanken zu fassen, der ihm immer wieder beharrlich ausweichen wollte, �es stimmt etwas nicht.�</p><p>�Was stimmt nicht?�</p><p>�Wir h�tten uns gar nicht mehr auf den Beinen halten d�rfen. Ist es dir denn gar nicht aufgefallen?�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Unsere Wunden heilen viel zu schnell. Hast du es nicht bei dir selbst bemerkt? Deine Stirnwunde hat sich schon fast zusammengezogen. Und sie sah bedrohlich aus. Normalerweise w�rde es Tage, wenn nicht Wochen dauern, bis sie sich auch nur wieder einigerma�en schl�sse.�</p><p>�Das ist doch gut�, sagte Esanna und es klang wie das Schnurren einer Katze.</p><p>�Vielleicht ist es gut�, sagte Skar. �Vielleicht auch nicht. Weil es nicht... nicht menschlich ist.�</p><p>�Psst�, machte Esanna. �Red nicht solch einen Unsinn. Ich sp�re doch, wie m�nnlich du bist.�</p><p>�Ich sagte: menschlich.�</p><p>�Egal�, sagte Esanna und schmiegte sich noch enger an ihn. �Wir sollten jetzt nur eins: uns w�rmen und schlafen. Um Kraft f�r das zu sammeln, was vor uns liegt.�</p><p>�Ja. Das ist... vern�nftig.� Skar sp�rte, wie ihm trotz der K�lte der Schwei� ausbrach. Esannas Knie wanderte weiter seinen nackten Oberschenkel hoch. Etwas in ihm reagierte auf diese Ber�hrung. Seine Hand wanderte zu ihr her�ber, fanden zuf�llig eine L�cke in dem besudelten, eingerissenen Stoff - doch schon eine Sekunde sp�ter w�nschte er sich es nicht getan zu haben. Esanna war nicht Coar oder eine der vielen anderen Frauen, die gefragt oder ungefragt in sein Leben gekommen waren.</p><p>�Wir sollten vorsichtig sein�, murmelte er, w�hrend seine Hand wie ein eigenst�ndiges Wesen zur�ckglitt.</p><p>�Wieso?�, fragte Esanna. �F�rchtest du, dass wir verfolgt werden?�</p><p>�Alles ist m�glich�, sagte er. Er f�hlte sich mit einem Mal fast schuldig, so als w�rde er etwas Verbotenes tun.</p><p>�Was ist nur los mit dir, Skar?�, fragte Esanna. Sie klang gleichzeitig schl�frig, aber auch erregt, auf eine Art und Weise, wie Skar sie in einer anderen Situation vielleicht genossen h�tte, jetzt aber als fast k�rperlich unangenehm empfand.</p><p>�Wir sollten jetzt schlafen�, brummte er. �Und Schlussfolgerungen erst dann ziehen, wenn wir wieder frisch und ausgeruht erwachen.�</p><p>Dann umfing er sie mit seinem Arm, nicht wie ein Liebhaber, sondern eher wie ein Bruder, der seine Schwester - oder seine Kampfgef�hrtin - w�rmen will. �Lass uns morgen weiter reden.�</p><p>Esanna duldete seinen Arm nur wenige Sekunden lang. Dann drehte sie sich abrupt um; ohne von ihm wegzur�cken, aber auf eine eindeutig entt�uschte Art und Weise, �ber die nachzudenken Skar sich verbot. Eng aneinander geklammert aber doch meilenweit entfernt schliefen sie ein.</p></section><section><title><p id="_03_04">3.4</p></title><p>Sie kamen nicht gut voran. Der einsetzende Tau hatte den Boden aufgeweicht und lie� jeden Schritt zur Qual werden. Die B�ume standen hier so dicht, dass ihnen immer wieder tief h�ngende �ste ins Gesicht peitschten, so sehr sie sich auch M�he gaben ihnen auszuweichen. Auf den Wipfeln lag noch ein Rest von Schnee, der wie wei�er Staub auf sie herabrieselte. Eine bedr�ckende Stille hatte von dem Waldst�ck Besitz ergriffen, und wo Schlamm und Morast ihr Vorw�rtskommen nicht behinderten, mussten sie sich durch dorniges Gestr�pp oder �ber umgest�rzte B�ume k�mpfen.</p><p>Pl�tzlich blieb Skar stehen und legte den Kopf schief, als lausche er.</p><p>�Was ist?�, fragte Esanna.</p><p>�Wir sind jetzt nahe an dem Fluss, von dem Kama gesprochen hat�, sagte Skar. �Wir sollten jetzt doppelt vorsichtig sein.�</p><p>�Woher wei�t du, dass der Pojoaque vor uns ist?�, fragte Esanna erstaunt.</p><p>�Ich h�re ein leichtes Grummeln�, sagte Skar. �Wenn du genau hinh�rst, wirst auch du es vernehmen - es klingt beinahe so, als verdichte sich der Wind, als w�rde das Vogelzwitschern und das Bl�tterrauschen eingebunden in eine Art Stofflichkeit.�</p><p>Esanna schloss die Augen und ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie angestrengt lauschte. �Nein�, sagte sie nach einer Weile und sch�ttelte den Kopf. �Ich h�re nichts. Au�erdem k�nnte es auch eine Quelle sein, ein kleiner Bach wie der, an dem wir uns heute Morgen gewaschen haben ...�</p><p>�Das w�rde anders klingen�, sagte Skar nerv�s, w�hrend er weiter dem Wildpfad folgte, der eine relativ breite Schneise ins Unterholz geschlagen hatte - aber nicht breit genug, um nebeneinander zu gehen. �Wir sollten jetzt besonders vorsichtig sein. Achte auf alles, was dir merkw�rdig vorkommt.�</p><p>�Du rechnest mit einem Hinterhalt?�, fragte Esanna hinter ihm.</p><p>�Nicht unbedingt.� Skar dachte an das unterirdische Meer im Inneren der H�hle, den Strudel, der sich in wahnsinniger Geschwindigkeit drehte, Gischt schlagend am Rand und vom Sog im Zentrum in die Tiefe dr�ckend; und er fragte sich, ob nicht der Fluss, den Kama mit dem ihm unbekannten Namen Pojoaque bezeichnet hatte, geradewegs mit diesem Meer in Verbindung stand - und damit auch mit dem <emphasis>Khta�m.</emphasis></p><p>�Was f�rchtest du dann?�, fragte Esanna mit einem leisen Beben in der Stimme. �Hat es etwas mit dem <emphasis>Khta�m </emphasis>zu tun?�</p><p>Skar wischte ein paar tief h�ngende Zweige zur Seite und achtete darauf, dass sie der hinter ihm gehenden Esanna nicht ins Gesicht schlugen. �Vielleicht�, r�umte er ein. �Vielleicht ist es auch nur ein Gef�hl, dass am Fluss Unheil lauert. In jedem Fall sollten wir jedes Risiko vermeiden.�</p><p>�Was f�r ein Risiko?�, fragte Esanna.</p><p>�Es ist immer ein Risiko, einen Fluss zu �berqueren�, sagte Skar leise. �Kama hat uns eine Furt genannt und so wie er werden auch andere diese Stelle kennen. Wenn wir diese Furt durchschreiten, werden wir eine Zeit lang ohne Deckung sein. Schon ein einziger guter Bogen- oder Armbrustsch�tze k�nnte uns beide in aller Gem�tsruhe abknallen, ohne dass wir die geringste Chance zu Gegenwehr h�tten.�</p><p>Esanna fuhr sich unruhig mit der Zunge �ber die Lippen. �Wenn das so ist - warum suchen wir uns nicht einen anderen �bergang?�</p><p>�Weil ich glaube, dass es eher der Fluss selbst ist, der einen ... sagen wir mal, unvorhersehbaren Einfluss auf alles in seiner Umgebung hat�, murmelte Skar.</p><p>�Was?�</p><p>�Sei einfach vorsichtig, ja?�</p><p>Minutenlang h�rte er nichts weiter als ihren Atem in seinem Nacken, die Ger�usche des Waldes und das Knacken und Knistern, mit dem sie sich selbst durch das Dickicht qu�lten. Irgendetwas hatte sich ver�ndert seit letzter Nacht. Sie waren beide sehr schnell eingeschlafen und hatten vom Nachmittag bis in den n�chsten fr�hen Morgen bis auf wenige Unterbrechungen durchgeschlafen; sie waren so ersch�pft gewesen, dass Skar nicht einmal pro forma darauf bestanden hatte, abwechselnd zu wachen. Unter normalen Bedingungen h�tte er ein solches Verhalten als bodenlosen Leichtsinn verdammt - aber die Bedingungen waren nicht normal.</p><p>Das, was zwischen ihnen in dieser Nacht passiert war, auch nicht. Sie hatten eng aneinander geklammert geschlafen wie zwei ver�ngstigte Kinder, die sich vor den Schatten der Nacht f�rchteten. Skar hatte das als sinnvoll angesehen; schlie�lich war es trotz des zus�tzlichen Laubs, das er zusammengeklaubt hatte, um sich darin regelrecht einzurollen, so empfindlich kalt gewesen, dass die Gefahr einer Unterk�hlung bestand. Es gab aber nichts, was besser w�rmte, als ein menschlicher K�rper.</p><p>Sie hatten sich nicht nur gew�rmt. Sie waren immer enger zusammenger�ckt. Er konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, was passiert war; es war ein Gef�hl, als w�ren sie ohne jegliche k�rperliche Aktivit�t ineinander verschmolzen - und sich doch gleichzeitig so fremd und so entfernt geblieben, wie es zwei Menschen nur sein konnten. �Heute Nacht...�, begann er �bergangslos, w�hrend er sich unter einem tief h�ngenden Zweig b�ckte, dessen Ausl�ufer wie eine liebkosende Frauenhand �ber sein Gesicht strichen.</p><p>�Ja?�</p><p>�Ich ... ich meine ...�</p><p>Er konnte sie nicht sehen, aber er sp�rte, dass sich ihr Atem beschleunigte. �Du meinst... ob mir heute Nacht etwas aufgefallen ist?�, fragte Esanna. �Etwas, was auf die <emphasis>Khta�m </emphasis>schlie�en l�sst?�</p><p>�Ja�, sagte er erstickt. �Es k�nnte sein ... dass sie versucht haben ...�</p><p>�Sich in unsere Gedanken und Gef�hle einzuschleichen�, beendete Esanna seinen Satz.</p><p>Es war ihm geradezu unheimlich, wie pr�zise sie seine Gedanken erriet. �Es hat uns in der H�hle nicht nur �u�erlich angriffen�, sagte er. �Es hat... auch etwas anderes gemacht.�</p><p>Esanna schwieg so lange, bis sich ihr Atem wieder einigerma�en beruhigt hatte. �Vielleicht haben wir uns das nur eingebildet�, sagte sie schlie�lich.</p><p>Skar h�tte sich fast umgedreht, um ihren Gesichtsausdruck zu sehen; doch stattdessen beschleunigte er seine Schritte. Seine Stiefel streiften einen k�mmerlichen, aber bl�henden Busch - das erste Anzeichen daf�r, dass sie nun wieder in w�rmere Gefilde kamen - und zerquetsche mit unn�tig roher Gewalt ein paar der kleinen, rotwei�en Bl�ten. �Ich wei� nicht, was mit dir los ist�, sagte er in den Wald vor sich hinein, und vielleicht waren die Worte tats�chlich gar nicht an das M�dchen gerichtet, das offensichtlich M�he hatte mit ihm Schritt zu halten, sondern an das, was ihn gerufen hatte, um Enwor vor der drohenden Vernichtung zu bewahren.</p><p>�Was soll mit mir los sein?�, fragte Esanna. �Verdammt, Skar ... kannst du nicht etwas langsamer gehen? Was soll diese pl�tzliche Hetze?�</p><p>�Vielleicht hat dich ja jemand geschickt�, fl�sterte er. �Vielleicht hat dich jemand auf mich angesetzt.�</p><p>Er hatte so leise gesprochen, dass ihn das M�dchen gar nicht verstehen konnte. Er wusste nicht, was ihn am Fluss erwarten w�rde, dessen N�he er jetzt bereits zu riechen glaubte, aber vielleicht war jetzt die letzte M�glichkeit f�r sie beide Dinge zu erkl�ren, die unausgesprochen zwischen ihnen standen - und sie dennoch miteinander vereinten. Ob sie das �hnlich sah, konnte er nicht beurteilen. Falls das so war, �nderte es jedenfalls nichts an ihrem Verhalten. Die Unruhe, die sie erfasst hatte, mochte aber auch noch teilweise eine Nachwirkung der Nacht sein, die sie und Skar an den Rand von etwas getrieben hatten, auf was er sich - zumindest im Moment - auf keinen Fall einlassen wollte. �Wir sollten miteinander reden, Skar�, sagte Esanna hinter ihm. �Wir k�nnen doch nicht einfach so weiterziehen ...�</p><p>�Still�, zischte Skar. Er war abrupt stehen geblieben; erschreckt nicht durch ein Ger�usch, sondern durch einen ihm nur allzu bekannten Geruch: den Geruch des Todes. Wie von selbst schmiegte sich seine Hand um den Griff des <emphasis>Tschekals. </emphasis>Aber er zog die Klinge noch nicht, nicht, bevor er eine ungef�hre Ahnung hatte, was ihn erwartete.</p><p>�Was ist los?�, fl�sterte Esanna.</p><p>Sie trat dicht an ihn heran, beunruhigt und auf eine seltsame Weise erregt. Ihre Hand schob ihr Gewand hoch und kam mit ihrem Messer wieder hervor. �Hast du etwas geh�rt?� Skar sch�ttelte den Kopf. �Nein�, gab er ebenso leise zur�ck. �Ich habe nichts geh�rt. Noch nicht. Aber ich rieche etwas.�</p><p>�Du tust... was?� Esannas gro�e Augen starrten ihn �berrascht an.</p><p>�Es muss ein Kampf stattgefunden haben�, sagte Skar. �Es liegen mehrere Tote vor uns. Gar nicht weit entfernt. Vielleicht zwei-, dreihundert Schritte.�</p><p>�Und das <emphasis>riechst </emphasis>du alles?�</p><p>�Sicher.� Skar schob ein paar eng stehende, zwergenhafte Kalypso-B�ume auseinander, die den Pfad vor ihnen verengten. �Den Tod mit der Nase zu orten, ist nicht schwer. Viel schwerer ist es dagegen, Lebende auf diese Weise ausfindig zu machen.�</p><p>�Du meinst, wir stolpern geradewegs in einen Hinterhalt, wenn wir weitergehen?�, fragte Esanna.</p><p>Sie stand jetzt so nah neben ihm, dass es Skar mehr als irritierte. Der Geruch ihres heute Morgen an der Quelle frisch gewaschenen K�rpers �berlagerte den s��lichen Leichengeruch; es war so viel Lebendigkeit in ihr, dass ihm der Gedanke an den Tod - und an die Toten, die irgendwo vor ihnen lagen - mehr als abwegig erschien.</p><p>�Wir gehen jetzt weiter�, sagte Skar leise. �Aber vorsichtig.�</p><p>�W�re es nicht besser, einen anderen Weg zu suchen?� Ihr Schenkel streifte sein immer noch nacktes Bein und Skar zuckte zusammen, als ob man ihn geschlagen h�tte. �Es kann sein�, sagte er heiser. �Vielleicht. Aber ich muss wissen, was dort vorne ist.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ich muss es einfach wissen�, knurrte Skar, nicht bereit noch l�nger auf Esanna einzugehen. �Komm jetzt.�</p><p>Schweigend und angespannt gingen sie weiter. In Skar war gleichzeitig eine unglaubliche Leere und das Gef�hl, tausend Stimmen w�rden auf ihn einreden. Esanna hielt sich jetzt so dicht bei ihm, dass ihr Geruch noch immer den des Todes ausl�schte und er nahm ihre Anwesenheit in einer Intensit�t wahr, die ihn gleicherma�en anzog wie abstie�. Es war nicht gut, die gespannten und in gewisser Weise �bersteigerten Sinne des Kriegers durch jemanden, durch etwas ablenken zu lassen, das vielleicht zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort seine Berechtigung haben mochte ... Er krampfte die Finger um den Schwertgriff und �ffnete die Augen so weit er konnte, versuchte seine Wahrnehmung auf das zu konzentrieren, was vor ihm war, versuchte seine Sinne vorauszuschicken und sie pr�fen zu lassen, ob sich hier irgendwo Krieger versteckt hielten, die ihn - oder �berhaupt alle Reisenden - in eine Falle locken wollten. Schlie�lich schaffte er es, Esannas N�he aus seinem Bewusstsein auszublenden. Die Vegetation begann sich merklich zu ver�ndern; sie w�rde �ppiger. Neben frischen Gr�nt�nen mischten sich auch rote, wei�e und gelbe Farbtupfer ins sprie�ende Unterholz und Buschwerk, dazu Farne aller Art und sogar ein paar wild sprie�ende Blumen.</p><p>Es war nirgends ein verr�terisches Aufblitzen zu sehen. Dennoch konnte er geradezu sp�ren, dass hier etwas nicht stimmte. Hinter einem wild sprie�enden Kalypso-Hain stie� er schlie�lich auf den Beweis f�r seine Vermutung.</p><p>�Oh, mein Gott�, stie� Esanna hervor, als sie neben ihn trat und auf den Weg starrte, der sich vor ihnen auftat und der aussah, als w�re ihn der <emphasis>Frarr </emphasis>ein paarmal entlangspaziert. �Hier muss ja eine ganze Kompanie Soldaten vorbeigekommen sein.�</p><p>Skar schob das Buschwerk auseinander, das den Weg von dem Wildpfad trennte. Er trat auf das breit getretene, matschige St�ck Erde hinaus, das irgendwo seitw�rts aus dem Wald kam und nach einer Kurve in einem �ppigen Waldst�ck verschwand - fast in gradliniger Verl�ngerung des von ihnen begangenen Pfades und damit in Richtung Pojoaque. �Es waren nicht nur Menschen�, sagte er, w�hrend er in die Hocke ging, um die Spuren zu untersuchen. �Das sieht mir eher nach Quorrl aus.�</p><p>�Verdammt.� Esanna packte unwillk�rlich ihr Messer fester, als w�re sie sich nicht bewusst, wie l�cherlich diese Waffe auf einen angreifenden Reptilienkrieger wirken musste. �Ich habe doch gewusst, das sich diese Tiere hier irgendwo in der Gegend herumtreiben.�</p><p>Skar unterdr�ckte die scharfe Antwort, die ihm auf der Zunge lag. �Ich glaube nicht, dass sie noch hier sind�, sagte er stattdessen. �Die Quorrl-Spuren sind relativ alt... aber hier, siehst du ... das sind Pferdehufe, die sich nicht so tief eingegraben haben; es m�ssen menschliche Reiter gewesen sein. Und hier sind sogar die Abdr�cke von ein paar Stiefeln - nach den Quorrl m�ssen hier noch Menschen langgekommen sein.�</p><p>�Auf der Flucht vor den Quorrl�, sagte Esanna voller Hass, �weil diese Monster von Digger-Dorf zu Digger-Dorf ziehen und eines nach dem anderen ausl�schen.�</p><p>�Wenn ich die Spuren richtig deute, waren die Quorrl in voller Kampfmontur�, best�tigte Skar und richtete sich wieder auf, �aber niemand sagt uns, dass sie gegen die Digger gezogen sind.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte Esanna scharf. �Ich hatte ja ganz vergessen, dass du ein Quorrl-Freund bist!�</p><p>Skar zuckte mit den Achseln. �Wenn du meinst. Ich sehe das zwar etwas anders: Aber lass uns das nicht hier und jetzt besprechen. Ich f�rchte, wir werden am Fluss noch eine b�se �berraschung erleben. Und nun komm.�</p><p>Esanna starrte ihn sprachlos an. �Du willst in dein Verderben rennen?�, fragte sie scharf. �Obwohl du wei�t, dass am Pojoaque eine Horde Quorrl auf uns lauert?�</p><p>�Ich glaube kaum, dass sie auf uns lauern�, sagte Skar. �Es passt nicht zu den Quorrl, sich tagelang irgendwo festzusetzen in der vagen Hoffnung, es k�me jemand vorbei, den sie niedermachen k�nnten.�</p><p>�Was passt denn dann zu ihnen?�</p><p>�Das eben will ich herausfinden�, sagte Skar. Er drehte sich ohne ein weiteres Wort um und begann den Weg in Richtung Fluss hinabzugehen; Esanna blieb gar nichts anders �brig, als ihm zu folgen, wollte sie nicht alleine in dieser Ein�de stehen bleiben.</p><p>Auf dem Weg kamen sie wesentlich schneller voran als auf dem Wildpfad. Skars Sinne waren bis zum Zerrei�en gespannt. Der Wald war hier nicht so dicht, dass sich Quorrl in ihm h�tten verbergen k�nnen, ohne dass er sie bemerkt h�tte. Trotzdem f�hlte er sich alles andere als wohl. Es war still hier, fast unnat�rlich still angesichts des wuchernden Gr�ns; selbst die V�gel hielten sich zur�ck mit ihrem Gesang, so als sp�rten auch sie den nahen Tod, dessen jetzt geradezu bei�ender Gestank Skar in die Nase stieg.</p><p>Sie brauchten nicht weit zu gehen, bis sie das Ende des Waldes erreicht hatten: Er h�rte einfach von einem Moment auf den anderen auf, ohne in Buschwerk auszulaufen, fast, als w�re er einst k�nstlich so angelegt worden. Sie verlangsamten automatisch ihre Schritte und bei dem Gedanken, dass sie in eine Falle laufen konnten, aus der es kein Entrinnen mehr g�be und in der Esanna den Tod finden k�nnte, krampfte sich in Skar etwas so sehr zusammen, dass ihm die Knie weich wurden.</p><p>�Hinter den letzten B�umen liegt der Pojoaque�, fl�sterte Esanna, w�hrend sie wie Skar jetzt vollends stehen blieb. Skar nickte. Das Rauschen gleichm��ig gleitenden Wassers war laut und deutlich zu h�ren, ein fremdartiger und doch vertrauter Laut, der so eint�nig wirkte, als w�rde er nicht den Gesetzen der Zeit unterliegen. Er wurde sich pl�tzlich bewusst, dass er diesen Fluss zumindest vom H�rensagen kennen musste; wenn auch wahrscheinlich unter einem vollst�ndig anderen Namen. Den Ausdruck Pojoaque hatte er jedenfalls in noch keinem Zusammenhang geh�rt - und schon gar nicht in Bezug auf einen gro�en Strom.</p><p>�Vorsichtig jetzt�, sagte Skar. Er zog sein Schwert, doch das vertraute Gewicht des Sternenstahls vermochte ihn diesmal nicht zu beruhigen. Es war nicht so sehr die Sorge vor einem Kampf, den er vielleicht nicht zu bestehen vermochte, als vielmehr die Sorge um das M�dchen, das ihn nerv�s machte.</p><p>�Was tun wir?�, fragte Esanna und in diesem Moment wirkte sie f�rchterlich jung und verletzlich.</p><p>�Du wartest hier�, sagte Skar. �Und ich sehe mich um.� Esanna sch�ttelte den Kopf. <emphasis>�Wir </emphasis>sehen uns um.�</p><p>Skar wollte zu einer scharfen Entgegnung ansetzen; aber als er ihrem Blick begegnete, unterdr�ckte er seine Bemerkung. Esanna war blass, verletzlich und sowohl k�rperlich als auch seelisch �berfordert - aber sie hatte auch einen Dickkopf, der seinem in nichts nachstand. Au�erdem war es fraglich, ob sie hier alleine sicherer sein w�rde als mit ihm zusammen am Fluss.</p><p>�Also gut�, sagte Skar. �Dann komm.�</p><p>Mit wenigen Schritten hatten sie den Waldrand erreicht. Der Anblick des Flusses traf ihn wie ein Schlag; er war ganz �hnlich, wie er ihn erwartet hatte und doch ganz anders. Der Strom lief hier breit und m�chtig �ber ein Kiesbett, in das sich gr��ere und kleinere Felsen eingegraben hatten wie Wachposten einer vergessenen Welt. An einigen Stellen gischtete das Wasser gegen den harten Widerstand gr��erer und kleinerer Felsbrocken an; ansonsten lief es eher tr�ge und gelassen abw�rts, als verf�ge es �ber das sichere Bewusstsein, dass nichts es aufhalten konnte.</p><p>Aber das war nicht alles.</p><p>Ein bei�ender Geruch, ein s��licher Leichengestank trieb von der Wasseroberfl�che herauf und verpestete die frische, klare Bergluft; hier und da brach sich Licht, von dem er nicht wusste, woher es kam, auf den Wellen und das Ger�usch des Wassers war zu einem machtvollen, dumpfen Rauschen angestiegen. Dunkle K�rper lagen im Uferschlamm, silbrig gl�nzende Waffen und zerborstene Schilde, doch erst beim N�herkommen erkannte Skar, wer sich da im erbitterten Kampf begegnet war: Es waren einige von Armbrustbolzen oder Lanzen durchbohrte geschuppte Giganten darunter, gut ausgestattete Quorrl-Krieger, aber die meisten waren armselig gekleidete Menschen, Digger h�chstwahrscheinlich, und ein paar junge M�nner, die die gleiche Kleidung trugen wie er selbst: Satai.</p><p>Es war nicht neu, dass Quorrl und Satai gegeneinander k�mpften. Aber das hier war etwas anderes, das sp�rte Skar sofort. Es sah so aus, als w�rden sich Digger und Satai gemeinsam sammeln, um die Quorrl so lange zu hetzen, bis auch der Letzte von ihnen tot war.</p><p>�Diese verfluchten Quorrl�, sagte Esanna. Sie hielt den Arm unter die Nase gepresst, wohl um den �blen Gestank von Tod und Verwesung so gut wie m�glich abzumildern. �Sie haben sie einfach niedergemetzelt.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf und lie� seinen Blick �ber den Fluss und das gegen�berliegende Ufer wandern. Er suchte nach einem Hinweis, einem Zeichen, das ihm die Anwesenheit lebender Menschen oder Quorrl verriet. Vor allem aber hielt er nach allem Ausschau, was sich als Anzeichen f�r einen Hinterhalt deuten lie�; nach umgest�rzten B�umen, die so ausgerichtet waren, dass sie einen perfekten Sichtschutz bildeten, nach der Reflexion von Metall oder glatt poliertem Lederzeug im Dickicht des Ufers, nach kaum wahrnehmbaren Bewegungen am Waldrand oder hinter gr��eren Felsen inmitten des Flusses.</p><p>�Ich sehe mir das mal etwas n�her an�, sagte er leise. Esanna widersprach ihm nicht, als er alleine die wenigen Schritte bis zum Schlick zur�cklegte und sich in die Hocke hinablie�, um einen der Satai, der mit dem Gesicht im Schlamm lag, herumzudrehen. Das bereits von W�rmern durchzogene Gesicht schien ihn h�hnisch anzugrinsen, so als wolle es Skar noch im Tod verspotten. Die Hand des Toten hielt eine Armbrust umklammert, die keinen einzigen Bolzen mehr enthielt.</p><p>�Diese feigen M�rder�, sagte Esanna. Sie trat an den Toten heran und starrte wie benommen auf ihn herab. �Die Quorrl haben ihn einfach abgeschlachtet.�</p><p>Skar sah zu ihr hoch und richtete sich dann langsam wieder auf; er lie� seinen Blick wachsam �ber die n�here und weitere Umgebung schweifen, jederzeit darauf gefasst, bei dem geringsten Anzeichen einer Gefahr konsequent zu reagieren. �Ich glaube nicht, dass die Quorrl ihn und die anderen abgeschlachtet haben�, sagte er dann. �Es sieht eher so aus, als ob die Quorrl in einen Hinterhalt geraten w�ren.�</p><p>�Immer wieder nimmst du die Quorrl in Schutz�, sagte Esanna voller Wut und frischem Schmerz. �Aber selbst, wenn du in diesem Fall Recht h�ttest: Diese Monster haben den Tod tausendfach verdient!�</p><p>Skar wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich mit ihr auf einen Streit dar�ber einzulassen. Die Fakten sprachen auch so f�r sich: W�ren es wirklich die Quorrl gewesen, die hier einer Gruppe Menschen einen Hinterhalt gelegt h�tten, dann w�re dieser Satai wohl kaum dazu gekommen, seine Armbrust leer zu schie�en. Ganz abgesehen davon, dass ihn eine solche Waffe in den H�nden eines Satais mehr als befremdete, ja, sie kam ihm regelrecht obsz�n vor.</p><p>�Die Quorrl wollten an dieser Furt den Fluss �berschreiten�, sagte er und die Sicherheit, mit der er seine Worte w�hlte, zeigte deutlich, dass er von ihrem Wahrheitsgehalt �berzeugt war. �Die Digger haben sich dort hinter den Steinen versteckt�, er deutete auf eine Reihe moosbewachsener Felsen hinter ihnen, �sie schossen ihre Bogen und Armbr�ste leer, als die Quorrl in der Mitte der Furt waren, und st�rmten ihnen dann entgegen. Im gleichen Moment griffen die Satai im R�cken der Quorrl an: So lange m�ssen sie gewartet haben, um die Quorrl in der Sicherheit zu wiegen, ihr Heil im Angriff und nicht erst einmal im R�ckzug zu suchen.� Er sch�ttelte den Kopf, als k�nne er es selbst nicht glauben. �Es war ein geplantes Gemetzel. Aber warum hier? Warum so weit in den Bergen?�</p><p>Die Worte trafen Esanna wie eine schallende Ohrfeige. �Was f�r einen unglaublichen Schwachsinn redest du da?� Ihre Augen glitzerten vor Wut, aber da war auch noch etwas anderes in ihnen, ein verr�terisches Glitzern wie von m�hsam unterdr�ckten Tr�nen. �Die Tiere haben die Digger abgeschlachtet, bevor die Satai ihnen in letzter Sekunde zur Hilfe gekommen sind, um sie zu retten.�</p><p>�Wohl kaum�, sagte Skar leise. �Es war ein Hinterhalt, glaube mir.�</p><p>�Woher willst du das �berhaupt wissen? Du warst doch nicht dabei.�</p><p>�Ich war nicht dabei, aber ich sehe die Spuren des Kampfes�, antwortete Skar. �Dort, von den Felsen nahe am Waldrand bis zum Wasser, liegen mehrere tote Digger, auf der anderen Seite des Flusses sind es tote Satai...�</p><p>�Also k�nnte es doch genauso gewesen sein, wie ich gesagt habe: Die Quorrl haben die Digger angegriffen und wurden dann sp�ter von den Satai gerettet.�</p><p>Skar drehte sich einmal auf seinem Absatz um die eigene Achse, darauf gefasst, irgendein Anzeichen eines bevorstehenden Angriffs zu sehen. Aber da war einfach nichts - nichts bis auf die Toten, die nun schon tagelang schutzlos der Witterung ausgesetzt waren. �Nein�, widersprach er dann. �Nicht so, wie die Quorrl von Bolzen, Pfeilen und Lanzen geradezu zerst�ckelt wurden. W�ren sie die Angreifer gewesen, w�ren die Digger kaum noch zu einem Schuss gekommen...�</p><p>�Und wenn schon! Was macht es f�r einen Unterschied, Skar, was f�r einen? Erkl�r mir das mal bitte!� Bevor sie Skar daran hindern konnte, rannte Esanna ein paar Schritte auf einen toten Digger zu und zog den Mann, der halb im Wasser gelegen hatte, ein St�ck hoch und drehte ihn vom R�cken auf die Seite. Es war kein sch�ner Anblick: Der Hieb eines Zackenschwertes hatte ihn zwischen Schulter und Hals erwischt und war mit schier unglaublicher Gewalt bis �bers Brustbein eingedrungen. H�tte der Quorrl, der den t�dlichen Hieb gef�hrt hatte, noch etwas weiter ausgeholt, h�tte er den Digger wahrscheinlich regelrecht gespalten. �Da!�, schrie sie vollkommen au�er sich. �Siehst du es nicht? Es war eines dieser Monster und es hat diesen Mann <emphasis>umgebracht! </emphasis>Es hat ihn einfach in zwei St�cke gehauen! Und da kommst du und willst mir irgendetwas erz�hlen von ...� Der Rest des Satzes ging in Schluchzen unter. Skar wandte betroffen den Kopf ab. Wie er diese Gewaltspirale hasste, das T�ten, die Rachsucht, die auf allen beteiligten Seiten immer mehr Angst, Schrecken und Grauen verursachte, aber auch den brennenden Wunsch jedem eigenen Toten mindestens einen, wenn nicht mehrere Gegner folgen zu lassen, den Willen zur Vergeltung, der schon in kleine Kinder versenkt wurde mit dem Ziel, aus ihnen perfekte T�tungsmaschinen zu machen, wenn die Zeit gekommen war: <emphasis>Und wieder einmal war diese Zeit gekommen.</emphasis></p><p>Wahrscheinlich war das der Grund, warum Kama - und das, was hinter ihm stand - ihn f�r f�hig hielt dem sinnlosen Sterben ein Ende zu bereiten. Er, der selber hunderten von Menschen und dutzenden von Quorrl das Leben genommen hatte, der als Befehlshaber tausender Krieger f�r mannigfaltigen Tod verantwortlich war, war auch einer der erbittertsten, weil erfahrensten Gegner von Vernichtungsfeldz�gen. Er wusste wie kaum einer anderer Mensch, dass neun von zehn K�mpfen vermeidbar und im h�chsten Ma�e �berfl�ssig waren, dass es nur wenige Gr�nde gab einander zu hassen und zu t�ten.</p><p>Aber das war noch nicht alles. Hier, im Angesicht des sinnlosen Todes viel zu vieler Krieger und Digger, wurde ihm zum ersten Mal klar, dass er alles daransetzen musste, um diesem f�rchterlichen Kampf zwischen Menschen und Quorrl ein Ende zu bereiten. Er musste, falls ihm das Schicksal wirklich dazu die Macht in die H�nde gespielt hatte, Menschen wie Esanna vor dem Schrecken weiterer sinnloser Massaker bewahren.</p><p>Doch er zweifelte stark daran, dass er wirklich den Schicksalsfaden Enwors in eine andere Richtung spinnen konnte. Er war ja schon kaum in der Lage, dieses Kind zu b�ndigen, das jetzt mit rot geweinten Augen auf ihn zukam und ihm trotz seiner Trauer mit einer Mischung aus Trotz und Hass entgegenstarrte. �Und was jetzt, <emphasis>gro�er </emphasis>Skar?�, fragte Esanna herausfordernd. �Willst du jetzt immer noch behaupten, alles sei nur ein gro�es Missverst�ndnis?�</p><p>�Kein Missverst�ndnis�, sagte Skar hilflos, �jedenfalls nicht im klassischen Sinn. Sondern ein <emphasis>Irrtum. </emphasis>Ein verdammter Irrtum, weil nicht die Quorrl...� Er brach seinen Satz abrupt ab. Es waren die Erlebnisse der letzten Nacht und das Gespr�ch mit Kama, die ihn fast h�tten sagen lassen: �Weil nicht die Quorrl eure Gegner sind.� Aber doch, das waren sie. Die Quorrl waren die Gegner der Digger, aber sie waren, so hatte es zumindest Kama behauptet, nicht die Gegner der Menschen und �brigen Bewohner Enwors, sondern, ganz im Gegenteil, ihre wertvollsten Verb�ndeten. �Dir gehen die Argumente aus, Satai�, sagte Esanna schroff. �Du wei�t nicht mehr, was du sagen sollst angesichts dessen, was du hier siehst.�</p><p>�Das mag sein�, gab Skar zu, �weil ich deinen Schmerz verstehen kann und das Gef�hl Rache nehmen zu m�ssen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass du im Recht bist.�</p><p>�Du verdammter, eingebildeter Narr!�, schrie Esanna. �Bist du nur in die Welt zur�ckgekommen, um mich mit diesen Spr�chen zu qu�len? Bist du nur wieder geboren worden, um das Ungl�ck der Menschen zu verspotten?�</p><p>Es h�tte vieles gegeben, was Skar darauf h�tte erwidern k�nnen, aber nichts, was wirklich bis zu dem M�dchen durchgedrungen w�re. Einen Moment lang sah er es noch an, dann wandte er sich wortlos um und machte sich daran, die Furt zu durchschreiten, diesen einzigen �bergang weit und breit, der sie zur�ckbringen w�rde in das, was die meisten Menschen Zivilisation nannten. Die Str�mung war schnell und t�ckisch, aber das Flussbett an dieser Stelle so breit, dass sich das Wasser ausladend �ber viele Felsen und Kieselansammlungen ergie�en konnte und deshalb auch an der tiefsten Stelle h�chstens h�fthoch war.</p><p>In der Mitte des Flusses lagen zwei Quorrl, die von mehreren Pfeilen regelrecht aufgespie�t worden waren; einer von ihnen war noch nicht einmal dazu gekommen, sein Schwert zu ziehen. Das und die Lage der anderen Toten best�tigten seine Annahme �ber den Ablauf des Kampfs. Aber Esanna hatte zumindest in diesem einen Punkt Recht: Es machte keinen Unterschied, wer hier wem aufgelauert hatte. Jetzt nicht mehr und vielleicht sogar schon lange nicht mehr. Zu viel war mittlerweile geschehen und nichts w�rde den Lauf der Ereignisse mehr �ndern k�nnen - wenn sich nicht jemand dagegenstemmte, der schon gezwungenerma�en �ber den Dingen stand.</p><p>W�hrend er die Mitte des Stroms erreichte und das Wasser sp�rte, das seine Beine gleichsam sacht und fordernd umspielte, so als wollte es austesten, ob es ihn mitrei�en konnte, erwartete er jeden Moment einen harten Aufprall zu sp�ren, von einem oder mehreren Pfeilen durchbohrt zu werden. Aber mehr noch f�rchtete er dunkle Schatten im Wasser und bei jedem gr��eren Fisch, den er die Str�mung durchschneiden sah, durchzuckte es ihn eiskalt: Auch wenn ihre Form weit weniger schnittig war und ihre Bewegungen an Eleganz vermissen lie�en, erinnerten sie ihn an die <emphasis>Khta�m </emphasis>und es h�tte ihn nicht verwundert, wenn pl�tzlich ein Schwarm der schwarzen Nachtmahre durchs Wasser geglitten w�re, um wie eine Schar Piranhas direkt auf ihn zuzuhalten und �ber ihn herzufallen.</p><p>Mittlerweile f�rchtete er die Manifestationen des <emphasis>Khta�m </emphasis>mehr als den Tod; er hatte nicht vergessen, was in ihm vorgegangen war, als er am Rande des Schlunds gestanden hatte, wie stark und verlockend der Sog der Tiefe gewesen war und zu welcher Tat er f�hig gewesen war angesichts der Unendlichkeit, die sich unter ihm aufgetan hatte. Aber er war es sich und dem M�dchen schuldig, als Erster die Furt zu durchschreiten. Wenn ihm die �berquerung unbeschadet gelang, d�rfte das Risiko f�r Esanna weitaus geringer ausfallen - falls ihnen nicht am anderen Ufer eine b�se �berraschung drohte.</p></section><section><title><p id="_03_05">3.5</p></title><p>Auf dem Weg zum anderen Ufer und die B�schung hinauf z�hlte er f�nf tote Satai, aber es mochten noch mehr im Schlick oder im kniehohen Schilf liegen, ohne dass er ihrer mit einem fl�chtigen Blick gewahr wurde. Zu seiner �berraschung waren die Toten allesamt noch sehr jung, halbe Kinder, und er fragte sich, ob ihre Kriegsherren nicht ganz bewusst viel Nachwuchs heranzogen f�r den Vernichtungsfeldzug gegen die Quorrl. Wenn, dann w�rde damit auch das Besondere der Satai verloren gehen, ihre W�rde und das Wissen um ihre Einmaligkeit; wenn Satai erst einmal nicht mehr als gew�hnliche, nur etwas besser ausgebildete Krieger waren, war es mit ihrer Vormachtstellung in der Rangordnung Enwors bald vorbei.</p><p>Er h�tte gerne �berpr�ft, was f�r Waffen sie trugen, ob sie auch kunstvoll verzierte <emphasis>Tschekal </emphasis>in den Kampf gef�hrt hatten wie der Tote, dessen Schwert er trug, oder die schmucklosen Waffen, die zu seiner Zeit �blich gewesen waren. Aber jemand hatte sorgf�ltig alle Waffen der Krieger zusammengesucht und abtransportiert. Das war an sich nicht ungew�hnlich und doch gab es ihm zu denken: Bei den Diggern hatten neben zertr�mmerten auch noch brauchbare Waffen gelegen und auch einige der toten Quorrl hatten noch ihre Zackenschwerter in den H�nden gehalten. Eine der m�glichen Ursachen daf�r war, dass jemand aufgetaucht war, der es den Satai unm�glich gemacht hatte, ihre Toten zu bergen und alle funktionsf�higen Waffen vom Ort der Auseinandersetzung zu entfernen. Aber wer?</p><p>�Was stehst du hier herum, alter Mann�, sagte Esanna pl�tzlich dicht hinter ihm. �Passen dir die Beinkleider nicht, die du dem Toten abgenommen hast?�</p><p>Skar wandte sich betroffen zu ihr um. Er kam sich ertappt vor; er hatte einem der toten Satai die Hose von den Beinen gezogen und war in den grob gewebten, schwarzen Stoff geschl�pft, bevor Esanna �berhaupt Anstalten gemacht hatte ihm zu folgen und den Fluss zu durchqueren. Es w�re ihm lieber gewesen, sie h�tte sich einen Kommentar dazu verbissen.</p><p>�Vielen Dank der Nachfrage�, sagte er dennoch. �Der Stoff hat tagelang im Wasser gelegen und spannt etwas am Ges�� - aber sonst kann ich nicht klagen.�</p><p>Esanna musterte ihn sp�ttisch. �Ich hatte schon ganz vergessen, wie du mit einer Hose aussiehst�, sagte sie. �Auch wenn sie noch etwas tropft, Hoher Satai.�</p><p>�Sie wird schon trocknen�, sagte Skar fast grob.</p><p>�Sollten wir nicht langsam sehen, dass wir von diesem Schlachtfeld m�glichst schnell verschwinden?�, fragte sie dann.</p><p>�Keine schlechte Idee�, sagte Skar, obwohl er gerne noch nach weiteren toten Satai gesucht h�tte. Vielleicht w�rde er ja bei einem von ihnen etwas finden, ein vergessenes <emphasis>Tschekal </emphasis>zum Beispiel oder irgendetwas anderes, das ihn einen Stein zu dem Puzzle hinzuf�gen lie�, mit dem er die Geschichte der Satai in den letzten dreihundert Jahren zu rekonstruieren versuchte. Aber andererseits standen sie hier nach wie vor wie auf einem Pr�sentierteller und gingen mit jeder weiteren Minute, die sie sich hier aufhielten, ein unn�tiges Risiko ein.</p><p>�Sollen wir dort den Pfad hinaufgehen?�, fragte Esanna und zeigte vorw�rts auf eine von Menschen, Quorrl und Wild ausgetretene Spur.</p><p>�Ja, nat�rlich.� Wenn er nicht aufpasste, w�rde das Digger-M�dchen noch die F�hrung �bernehmen.</p><p>Esanna lief bereits los und ihr ganzer K�rper dr�ckte Entschlossenheit und Anspannung aus; offensichtlich wollte sie den beim Anblick der Toten wieder erwachten Schmerz des gerade erlebten Verlustes mit energischem Handeln �berspielen. Wenn es ihr half - bitte sch�n. W�hrend seine Sinne nach wie vor aufs �u�erste gespannt waren, begann in ihm gleichzeitig die bewusste Konzentration nachzulassen. Die letzten Tage waren ihm wie ein wochenlanges Martyrium erschienen und verlangten nun ihren Tribut. Seine Beine fanden wie von selbst den Weg, seine Augen registrierten jede Auff�lligkeit seiner Umgebung und seine Ohren nahmen jedes noch so winzige Ger�usch wahr, das nicht eindeutig zuzuordnen war, aber sein Verstand trieb ab aus seiner Umgebung und tauchte ein in eine traum�hnliche Unendlichkeit.</p><p>Wie lange es dauerte, bis er sich tr�ge mit dem Handr�cken �ber die Augen fuhr und versuchte die Benommenheit wegzublinzeln, die ihn jetzt mit aller Macht gefangen hielt, wusste er nicht. Wie aus einem tiefen Schlaf erwacht sp�hte er aufmerksam nach beiden Seiten. Der Wald, der diesen Teil jenseits des Flusses beherrschte, wuchs an dieser Stelle wie ein gr�ner Teppich den Hang hinauf und gew�hrte ihnen Deckung, aber er bot auch gen�gend Verstecke f�r einen m�glichen Hinterhalt; er kam sich belauert und beobachtet vor.</p><p>So ganz abwegig war sein Gef�hl nicht. Es dauerte kaum mehr als ein paar Minuten, bis sie eine kleine Lichtung passierten, auf der schon wieder Spuren eines Kampfes zu sehen waren, zwei, drei Tage alt vielleicht, und damit etwas j�nger als die Spuren am Fluss: ein zerbrochenes Schwert, der Kadaver eines Pferdes, halb im braunen Morast des Bodens eingesunken, Teile einer R�stung, ein Schild ... Sein Bed�rfnis zu �berpr�fen, wer hier gegen wen gek�mpft hatte, hielt sich in Grenzen. Der Leichnam eines Quorrl und die total verst�mmelte Leiche eines Mannes, dessen zerfetztes Satai-Gewand kaum noch als solches erkennbar war, sprachen eine deutliche Sprache. Ob auch Digger an dem Kampf beteiligt waren oder nicht, wollte Skar gar nicht n�her �berpr�fen; die Gewissheit h�tte nur Esanna unn�tig verst�rt und sein Verst�ndnis der Zusammenh�nge keineswegs verbessert. Obwohl er nun sicher sein konnte, dass die K�mpfe �ber mehrere Tage verteilt stattgefunden hatten und vielleicht noch jetzt, in diesem Augenblick in ihrer N�he mit unverminderter Bitterkeit tobten, konnte er sich immer noch nicht richtig zusammenrei�en und brachte kaum ein paar einsilbige Worte zustande, als Esanna aufgebracht den grausigen Fund der zweiten Kampfst�tte kommentierte.</p><p>Es war schlie�lich sein Instinkt, die hoch entwickelten Sinne des Kriegers, die ihn aufschrecken lie�en. <emphasis>Vor ihnen war irgendetwas. </emphasis>Er hatte es die ganze Zeit �ber bef�rchtet, aber mit einem irrationalen Teil seines Verstandes auch gehofft: Die Stille des Waldes wich Ger�uschen, die nur von Menschen und Pferden stammen konnten, die sich irgendwo vor ihnen, nicht weit entfernt, bewegten. Es war kein Waffengeklirr dabei und es war weder das Aufeinanderschlagen von Schwertern noch die Schreie Getroffener zu h�ren, und doch war Skar mit einem Mal wieder hellwach und gleichzeitig sicher, dass die Ger�usche nicht von ein paar harmlosen Bauern oder Reisenden stammten. Er hielt mitten im Schritt inne und warf Esanna einen warnenden Blick zu. �Wir sind nicht mehr alleine�, fl�sterte er. �Vor uns ist jemand.�</p><p>Esanna nickte und fuhr sich mit der Zunge �ber die Lippen. Offensichtlich waren ihre Sinne viel sch�rfer entwickelt, als Skar vermutet hatte, denn auch sie schien die vielen kleinen Ger�usche richtig gedeutet zu haben, die von der Anwesenheit anderer Menschen k�ndeten, das ferne Huftrampeln, das durch den Wald hallte und so ganz anders klang als das von durchs Unterholz preschendem Wild, und die kaum wahrnehmbaren menschlichen Stimmen, die wie ein ferner, aber keinesfalls fr�hlicher Singsang klangen.</p><p>�Was ist das?�, fragte sie leise.</p><p>Skar hielt den Kopf schr�g und lauschte konzentriert. �Es ist kein Kampf, wenn du das meinst. Ich h�re nur wenige Ger�usche; vielleicht zwei Reiter, die sich leise unterhalten.�</p><p>�Quorrl oder Menschen?�, fragte Esanna nerv�s.</p><p>�Nat�rlich Menschen�, sagte Skar rasch, �und sie scheinen sich nicht sehr schnell zu bewegen. Es ist eher so ... als w�ren sie gerade stehen geblieben, vielleicht, um eine Rast einzulegen.�</p><p>�Umso besser f�r uns, dann k�nnen wir sie m�helos �berraschen�, fl�sterte Esanna. �Und nun komm schon und lass uns gehen.�</p><p>Skar sch�ttelte entschieden den Kopf. �Nein. Ich werde nachsehen gehen, mit wem wir es zu tun haben. Du wartest solange hier...�</p><p>�Ich denke doch gar nicht daran!�</p><p>�Still jetzt�, sagte Skar �rgerlich und dennoch so leise, dass Esanna ihn gerade noch verstehen konnte. �Es fehlt noch, dass sie auf uns aufmerksam werden, weil wir hier einen vollkommen nutzlosen Streit f�hren. Und vergiss nicht: Wo ein paar Menschen sind, k�nnen auch noch mehr sein.�</p><p>�Und Quorrl�, f�gte Esanna aufgebracht hinzu, �und da willst du mich allein hier stehen lassen? Kommt nicht infrage.�</p><p>Skar seufzte. Er hatte ganze Armeen befehligt, die blind jedem seiner Befehle gefolgt waren, aber einem jungen M�dchen eine einfache Anweisung zu geben und zu erwarten, dass es sie dann auch noch <emphasis>befolgte, </emphasis>war eine ganz andere Sache - das zumindest hatte sich im Lauf der letzten dreihundert Jahre nicht ge�ndert.</p><p>�Mach, was du willst�, sagte er schlie�lich ver�rgert.</p><p>�Aber mach keinen Krach dabei und st�r mich nicht.� Ohne auf eine Antwort zu warten, dr�ckte er sich durch das Geb�sch, so lautlos und so wenig Spuren verursachend wie eine Raubkatze, die sich an ein Opfer anschleicht. Als er einen Wildpfad erreichte, der auf die Quelle der Ger�usche zuf�hrte, kam er z�giger voran, aber gleichzeitig erh�hte sich seine Wachsamkeit, denn gleich musste er die Reiter erreicht haben. Es entging ihm nat�rlich nicht, dass ihm Esanna folgte, und wenn sie auch nicht �ber seine Erfahrung verf�gte, so musste er doch zugeben, dass sie sich dabei �u�erst geschickt verhielt. Der schmale, wohl von Rotwild geschlagene Pfad, dessen Verlauf er folgte, war absch�ssig und wurde mit jedem Schritt rutschiger, aber auch gleichzeitig breiter, wodurch er fast schneller vorankam, als ihm lieb war: Nicht nur einmal rutschte er ein paar Schritte weit nach vorne und musste sich m�hevoll ausbalancieren.</p><p>Dann hatte er auch schon den Rand des Unterholzes erreicht und dr�ckte vorsichtig ein paar Zweige auseinander, die ihm die Sicht nach vorne versperrten. Bevor er dazu kam, einen vorsichtigen Blick auf die Szene zu werfen, die sich vor ihm abspielte, sp�rte er Esannas Hand auf der Schulter, dann an seiner Seite und im n�chsten Augenblick sah er sie auch schon vor sich, wie sie an ihm vorbeirutschend mit einem Aufschrei auf den morastigen Weg plumpste.</p><p>�Ich hatte doch gesagt, du sollst keinen Krach machen�, murmelte Skar. Aber statt sich in den Schutz des Geb�schs zur�ckzuziehen, folgte er Esanna und sprang mit einem Satz aus seiner Deckung hervor, w�hrend sein <emphasis>Tschekal </emphasis>wie von selbst den Weg in seine Waffenhand fand.</p><p>Er brauchte es nicht. Es war lediglich ein Reiter in seinem Blickfeld: ein Satai, seiner um Arm- und Beinschilde erweiterten Kleidung nach zu schlie�en, die allerdings blutbesudelt und ramponiert war. Sein Pferd, ein von Natur aus wohl eher kr�ftiger Brauner, taumelte vor Schw�che und w�re fast gest�rzt, als sein Reiter es auf dem morastigen Boden herum und in Esannas Richtung zwang. Das Fell des Tieres war mit wei�em, flockigem Schwei� und Blut bedeckt und aus seinem Maul tropfte heller Schaum.</p><p>Sein Reiter konnte oder wollte darauf keine R�cksicht nehmen, was angesichts seines Zustands auch kein Wunder war. Seine ehemals strapazierf�hige Kleidung war zerfetzt und mit etwas verschmiert, was Skar auf den ersten Blick f�r eine absto�ende Mischung von Schlamm, Blut und Dreck hielt. Sein rechter Arm hing nutzlos und sonderbar falsch und verdreht von der Schulter und musste gebrochen sein, sein Brustharnisch war geborsten und �ber und �ber von Blut besudelt, als sei ihm eine frische Brustwunde zugef�gt worden. Er hockte weit nach vorne gebeugt im Sattel und schien sich nur noch mit letzter Kraft auf dem R�cken des Tieres zu halten. Als sein Pferd schr�g und versetzt n�her t�nzelte, bemerkte Skar seinen rasselnden und von einem furchtbaren Laut begleiteten Atem; es war ein Wunder, dass es seinen Reiter noch nicht abgeworfen hatte. Skar war mit wenigen Schritten bei dem Tier und griff blitzschnell zu, um seinen wankenden und fast aus dem Sattel gest�rzten Reiter in letzter Sekunde aufzufangen. �Die Quorrl�, st�hnte der Mann. �Vorsicht... sie sind noch in der N�he.�</p><p>�Was ist passiert?�, fragte Skar leise, w�hrend er den Mann vorsichtig auf den Boden gleiten lie� und sich an den Verschl�ssen des Harnischs zu schaffen machte, um sich seine Wunde anzusehen - falls es f�r eine Hilfeleistung nicht sowieso schon zu sp�t war.</p><p>Der Satai hob m�hsam den Kopf, um Skars Blick zu suchen. �Du musst... Marna... warnen�, brachte er mit bebender, ersch�pfter Stimme hervor, die Worte nicht viel mehr als ein Fl�stern, das Skar mehr erriet als verstand. �Marna?�</p><p>�Ja�, nickte der Satai m�hsam.</p><p>Skar hatte endlich die Verschl�sse des Harnischs ge�ffnet und zog den Brustpanzer vorsichtig ab. Das, was darunter zum Vorschein kam, erschreckte ihn: Es war eine klaffende, gezackte Wunde, und obwohl die Wucht des t�dlichen Hiebs vom Harnisch wohl gr��tenteils aufgefangen worden war, war sie viel zu tief, um sie mit einfachen Mitteln schlie�en zu k�nnen.</p><p>�Die Quorrl... sie sammeln sich�, stie� der Satai hervor. �Skar!�, schrie Esanna neben ihm entsetzt auf. �Er ... er stirbt!�</p><p>Skar gab ihr insgeheim Recht. Der dunkle Fleck auf der Brust des Satais wuchs rasch und selbst wenn er sofort in die H�nde eines begnadeten Heilers gekommen w�re, w�re er wohl kaum noch zu retten gewesen. Das Einzige, was er selbst noch tun konnte, war ein Wort des Trostes oder der Zuversicht zu spenden - aber er wusste nicht, wie viel Zeit ihnen noch blieb, bis die Quorrl auftauchten, von denen der Mann gesprochen hatte. �Wo sammeln sie sich?�, fragte er deshalb.</p><p>�Nicht weit... von hier...� Der Mann versuchte weiterzusprechen, aber seine Worte kamen immer stockender und die Pausen dazwischen, in denen er qualvoll nach Atem und Kraft rang, wurden l�nger. Sein K�rper zitterte. Pl�tzlich schrie er, b�umte sich auf und warf sich zur�ck, so abrupt und heftig, dass er Skars Griff entglitt und r�cklings in den Morast st�rzte. Er hustete qualvoll und versuchte sich herumzuw�lzen; offensichtlich war ihm das, was er sagen wollte, wichtiger als alles andere und wahrscheinlich war es ihm trotz seiner Benommenheit nur zu bewusst, dass es f�r ihn keine Aussicht auf Rettung gab. Er keuchte, als Skar ihn in die Arme nahm und so sanft und vorsichtig wie m�glich ein St�ck aufrichtete, aber es schien genau das zu sein, was er selber wollte. Seine Lippen stammelten immer wieder ein einzelnes, immer und immer wiederkehrendes Wort und als Skar ihm mit einem seiner �rmel das Gesicht abwischte, hob er die Hand und krallte die Finger in seine Schulter. Sein Blick flackerte, irrte an Esanna vorbei und blieb auf Skars Gesicht h�ngen. F�r einen kurzen Moment kl�rte sich sein Blick noch einmal auf.</p><p>Endlich verstand Skar das Wort. �Nemesis�, brachte der Satai pl�tzlich erstaunlich kraftvoll hervor, �Nemesis.�</p><p>�Was ist mit Nemesis?�, fragte Skar rasch. Er f�rchtete, dass es nur ein letztes Aufb�umen war, das diesen Mann noch einmal zu Wort hatte kommen lassen, und wenn er etwas erfahren wollte, dann musste er so schnell wie m�glich nachbohren.</p><p>Und doch - die Antwort kam von ganz anderer Seite. �Nemesis ist die Kriegshauptstadt der Satai�, sagte Esanna tonlos. �Sie liegt nur ein paar Tagesritte von hier entfernt.� Der Blick des Verletzten irrte zwischen Skar und Esanna hin und her. �Bei allen G�ttern�, stammelte der Mann, �wer ... wer bist du. Wieso ... kennst du Nemesis nicht?� Skar verstand die Panik in seiner Stimme. Er selbst trug die Kleidung eines Satais, aber jedes Mitglied dieser besonderen Kriegerkaste w�rde, ja <emphasis>musste </emphasis>seine Kriegshauptstadt kennen. Kannte er sie nicht, war aber wie ein Satai gekleidet - dann war er ein Spion oder Schlimmeres.</p><p>�Es ist schon gut�, sagte Skar. �Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin Skar, der Mann, auf den ihr alle gewartet habt. <emphasis>Der </emphasis>Skar. Nach dreihundert langen Jahren hat mich der Ruf ereilt, weil die Zeit der Wende gekommen ist, ganz so, wie es im Elften Buch geschrieben steht. Ich bin wiedergekommen, um euch zu retten.�</p><p>Es war nur eine spontane Eingebung gewesen, die ihn diese Worte hatte sprechen lassen, aber offensichtlich die richtige. Er war sich nicht sicher, aber er glaubte ein schwaches, zufriedenes Aufblitzen im Blick des Sterbenden zu erkennen, der mit der Zuversicht des vor dem gro�en �bergang stehenden Menschen Dinge zu erfassen und zu <emphasis>glauben </emphasis>schien, die einem in der Mitte des Lebens Stehenden nur ein m�des L�cheln Wert gewesen w�ren: Der <emphasis>Gro�e Skar, </emphasis>wieder auferstanden nach dreihundert Jahren, niemand sonst h�tte diesen Unsinn so schnell und ohne Widerwort geglaubt.</p><p>Doch die Erleichterung auf den Z�gen des Mannes hielt nicht lange an; pl�tzlich lief eine nerv�se, zuckende Bewegung �ber sein Gesicht, und die Hand, die sich in Skars gekrallt hatte, krampfte sich f�r einen kurzen Augenblick noch einmal fester in seinen Arm - dann erschlaffte sie endg�ltig. Ein rei�ender Laut erklang und der Satai verlor mit einem letzten, beinahe erleichterten Seufzer das Bewusstsein.</p><p>�Ist er ... ist er tot?�, fragte Esanna.</p><p>Skar sch�ttelte erst den Kopf, nickte dann aber. Seine Hand suchte wie von selbst die Halsschlagader des Mannes, um zu �berpr�fen, ob seine Annahme richtig war. Wie erwartet sp�rte er nichts mehr; das Leben war aus dem Krieger gewichen. �Er ist tot�, sagte er leise und richtete sich auf. �Es tut mir Leid.�</p><p>�Es ist ja auch nicht wirklich wichtig�, sagte Esanna mit belegter Stimme. �Nachdem die Quorrl meinen ganzen Clan niedergemacht haben und nachdem wir gerade gesehen haben, was f�r ein Blutbad sie am Fluss angerichtet haben - was bedeutet da schon der Tod eines einzelnen Mannes!� Sie wandte sich ab und Skar glaubte ein leises Schluchzen zu h�ren. Er verstand sie nur zu gut. Der Schmerz, den die Quorrl ihr mit dem Tod ihrer Angeh�rigen zugef�gt hatten, w�rde erst in einigen Tagen, vielleicht sogar erst in Wochen zur vollen Intensit�t anschwellen, n�mlich dann, wenn der Schock nachlie� und sie begriff, dass die Menschen ihres Dorfes wirklich und <emphasis>unwiederbringlich </emphasis>tot waren. Skar hatte den Toten mittlerweile zur�ckgleiten lassen und richtete sich nun langsam auf. Sein Blick suchte den Esannas, aber es war das Pferd des Satais, das ihn durch ein leichtes Wiehern ablenkte und seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Behutsam n�herte er sich dem Tier und redete beruhigend auf es ein. Der Braune hatte einen Kratzer an der Flanke, schien aber, entgegen seinem ersten Eindruck, sonst unverletzt zu sein; das meiste Blut auf seinem K�rper, stammte von seinem Reiter - oder vielleicht auch von den Gegnern des soeben Gestorbenen.</p><p>�Zu Pferd kommen wir leichter voran als zu Fu߫, sagte er.</p><p>�Das meinst du doch nicht im Ernst�, sagte Esanna. �Sieh dir doch mal das Tier an: Es ist fertig, vollkommen ausgebrannt.�</p><p>Skar war es mittlerweile gelungen, den Z�gel des Tieres zu fassen und nun strich er mit der anderen Hand beruhigend �ber seine N�stern. �Ist ja schon alles gut�, murmelte er und an Esanna gewandt: �Wir g�nnen dem Tier und uns eine Rast. Die Sonne geht sowieso gleich unter. Ich werde den Braunen trockenreiben und mich um seine Verletzung k�mmern und morgen sehen wir dann weiter.�</p><p>�Morgen werden wir dann doch zu Fu� weitergehen m�ssen�, seufzte Esanna.</p><p>�Nein, das glaube ich nicht�, sagte Skar. �Ich verstehe eine Menge von Pferden und auch ein bisschen von Heilkunst. Der Braune hier ist noch jung und seine Fesseln verraten, wie ausdauernd er ist. Ich bin sicher, dass wir ihn morgen dazu bewegen k�nnen, uns beide zu tragen - schlie�lich sind wir auch zusammen nur unwesentlich schwerer als ein Satai in voller Kampfmontur mit randvoll gepackten Satteltaschen.�</p></section><section><title><p id="_03_06">3.6</p></title><p>Der n�chste Morgen brachte feinen Nieselregen mit sich und d�stere, graue Wolken, die sich drohend �ber ihnen zusammenballten wie die Vorboten eines nahenden Unheils. Sie hatten einen halbwegs gesch�tzten Platz ganz in der N�he des Weges gefunden aber so weit entfernt, dass sie vor einer zuf�lligen Entdeckung sicher waren. Nach der ersten Wache und nachdem er Esanna geweckt hatte, die trotz der aufw�hlenden Ereignisse tief und fest geschlafen hatte, eingeh�llt in die w�rmenden und feuchtigkeitsabweisenden Decken des Satais, hatte er ihren Platz eingenommen und es ihr �berlassen, bis zum Morgengrauen auf jedes verd�chtige Ger�usch zu achten - eine fast �berfl�ssige Ma�nahme in dieser dunklen Nacht, die wohl kaum eine der Kampfparteien nutzen w�rde, um meuchelnd durch den Wald zu schleichen. Und dennoch: Skar hatte unruhig geschlafen und war immer wieder hochgeschreckt; es war so, als w�rden tausend verschiedene Stimmen auf ihn einreden, als wollten etliche von ihnen ihm einfl�stern, wie wichtig seine Mission sei und dass, sollte er scheitern, ganz Enwor der Vernichtung anheim fallen w�rde. Aber es waren auch andere Stimmen dabei, ein tiefes Raunen, das ihm zus�uselte es sein zu lassen, sich nicht einzumischen in die Geschicke dieser Welt, die nicht mehr die seine war.</p><p>Au�erdem war da ein beunruhigendes Gef�hl des Verlusts in ihm, ein Bild, das in seinem Kopf wirbelte, ein Gef�hl, das ihn mit der Erinnerung der letzten Nacht verband, als er und Esanna sich, gezwungen durch die K�lte und ihre tiefe Ersch�pfung, stundenlang aneinander geklammert hatten.</p><p>�Es wird Zeit�, drang Esannas Stimme irgendwann zu ihm und riss ihn damit aus einer Benommenheit, die mit Schlaf wohl kaum etwas zu tun hatte. �Nach dem Lied der V�gel zu schlie�en m�sste eigentlich bereits die Sonne aufgegangen sein - auch wenn sie nirgends zu sehen ist.�</p><p>Skar schlug die Decke zur�ck und blinzelte in das tr�be Grau hinein, von dem sich Esannas helles Gesicht nur undeutlich abhob. �Dann wird es Zeit, dass wir aufbrechen�, sagte er, �es w�rde mich nicht wundern, wenn es hier bald nur so von Quorrl wimmeln w�rde.�</p><p>�Warum sollte es das?�, fragte Esanna erstaunt.</p><p>�Weil es auf der Hand liegt, nach dem, was wir gestern erfahren haben�, sagte Skar knapp und offensichtlich so schroff, dass Esanna keine weitere Frage mehr zu stellen wagte.</p><p>Als er sich erhob, um nach dem Pferd des toten Satais zu sehen und sich dabei zu �berzeugen, dass es sich �ber Nacht tats�chlich f�r einen Tagesritt genug erholt hatte, zwang ihn ein vollkommen unerwartet auftauchendes Schwindelgef�hl, sich an einem Baum festzuhalten und ein paar Augenblicke in fast geb�ckter Stellung zu verharren - wenigstens au�erhalb der Sichtweite von Esanna und somit au�er der Reichweite jeder sp�ttischen oder, schlimmer noch, besorgten Nachfrage. Mit klopfendem Herzen starrte er in die graue Unendlichkeit vor sich, in der die B�ume d�steren Riesen glichen, die sich fast unmerklich aber stetig um ihn zusammenzogen, und das Unterholz einer undurchdringlichen Wand, durch die es kein Entkommen gab. Mit zitternden Fingern schob er den �rmel seines Gewands nach oben und starrte auf die blutunterlaufenen dunklen Stellen auf seinem Unterarm, die sich deutlich von den Kratzern und Prellungen unterschieden, die er sich in der H�hle zugezogen hatte. Er war sich sicher, dass diese Stellen gestern noch nicht da gewesen waren, aber er ahnte, was er entdecken w�rde, wenn er seinen �brigen K�rper untersuchen w�rde: Sein ganzer K�rper w�rde mit diesen dunklen Stellen �bers�t sein. Es war nicht das erste Mal, dass ihm das passierte; es war in Rouns H�tte gewesen, inmitten des Digger-Dorfs und damit kurz vor dem Angriff der Quorrl. Damals hatte er nur eine ungewohnte M�digkeit und einen permanent schlechten Geschmack in seinem Mund gesp�rt. Diesmal war es schlimmer.</p><p>Was war blo� los mit ihm? Eine Krankheit schied mit gr��ter Wahrscheinlichkeit aus; dann w�rde dieser verwirrte, schwache Zustand, der mit den Flecken einherging, sich nicht regelm��ig wiederholen. Das erste Mal war es in Rouns H�tte passiert, dann in der Nacht am Lagerfeuer, als er sich pl�tzlich au�erhalb der H�hle wieder gefunden hatte, mit irgendetwas zwischen seinen Z�hnen, was dort nicht hingeh�rte, und das dritte Mal - das war jetzt.</p><p>Er war in diesem Moment so hilflos wie noch nie zuvor und seine Beine f�hlten sich abgestorben und taub vor K�lte an, unf�hig ihn auch nur noch einen Schritt weit zu tragen, w�hrend gleichzeitig sein Puls raste und ihm kalter Schwei� den R�cken herabrann. Als er weitergehen wollte, gelang es ihm nicht sofort; er sank mit einem Schmerzenslaut noch ein St�ck weiter in sich zusammen und blieb einen weiteren Moment in gekr�mmter Haltung stehen, bevor er wenigstens so viel Kraft gesammelt hatte, um sich mit zusammengebissenen Z�hnen wieder in die H�he stemmen zu k�nnen. Es war eine tiefe Verzweiflung in ihm, ein tiefes Nichtverstehen und tausend unbeantwortete Fragen und nur eine davon betraf die Ursache seiner Schw�che. Vielleicht, so fl�sterte ihm eine zynische Stimme in seinem Inneren zu, war das die ganz normale Nebenwirkung, wenn man nach dreihundert Jahren wieder auferweckt wurde, vielleicht hatte es aber auch etwas mit dem <emphasis>Khta�m </emphasis>zu tun und seinem Versuch von ihm und Esanna Besitz zu ergreifen.</p><p>Als die Schw�che nach kurzer Zeit abebbte und er sich wieder so weit aufraffen konnte, um die wenigen Schritte zum Braunen zu �berwinden, lie� der Druck der in ihm bohrenden Unruhe nach, verschwamm sein Unbehagen das Geheimnis seiner Existenz nicht zu kennen, beinahe so, als g�be es gar keinen Grund sich mit diesen Fragen zu qu�len. Was blieb, war ein beinahe k�rperlich sp�rbares Unbehagen von solcher Intensit�t, dass ihm davon fast schlecht wurde. Der Braune begr��te ihn mit einem freudigen Wiehern. Offensichtlich wusste er nur zu gut, wer ihn gestern Abend trockengerieben hatte und wer ihn von Dreck und Blut befreit und dann die Wunde in seiner Flanke versorgt hatte, die, den G�ttern sei Dank, nicht allzu tief war. Skar streichelte seine N�stern und griff dann nach dem bereits gestern zurechtgelegten Zaumzeug, um es dem Tier anzulegen. Wenn er erwartet hatte, dass ihm das leicht von der Hand ging, dann hatte er sich get�uscht. Seine Gliedma�en erschienen ihm wie aufgepumpt und seine Bewegungen von geradezu qu�lender Langsamkeit, doch zumindest hatte das Gef�hl der Benommenheit nachgelassen und vergleichsweise ertr�glichen Kopfschmerzen Platz gemacht.</p><p>Die merkw�rdige Stimmung, die sich �ber den Wald gelegt hatte, passte dazu: Es war einer dieser Tage, an denen die Morgend�mmerung nach vielen Stunden �bergangslos in eine alles verschluckende Abendd�mmerung �berging, ohne dass es auch nur ein einziges Mal richtig hell geworden w�re. Das ganze Land war in eine unnat�rliche Dunkelheit getaucht und selbst die Waffen des Satais, die Skar jetzt vor sich auf dem Boden ausbreitete, um sie einer genaueren Musterung zu unterziehen, sahen grau und d�ster aus, so als w�rden sie nicht - zumindest teilweise - aus geschliffenem Sternenstahl bestehen, sondern aus dem mattschwarzen Eisen, aus dem einige St�mme der Pr�rien Malabs ihre Waffen schmiedeten.</p><p>Als er das <emphasis>Tschekal </emphasis>des gestern seinen schweren Verletzungen erlegenden Satais genauer betrachtete, fand er seine Vermutung best�tigt: Auch diese Waffe bestand nicht aus reinem Sternenstahl, sondern war im Griffbereich reich verziert, wenngleich es kein so aufw�ndig ziseliertes Kunstwerk aus Silber und Gold war wie das der Waffe, die in seinem G�rtel steckte. M�glicherweise wies die Gestaltung des Griffs auf eine Rangordnung der Satai hin, wie es sie zu seiner Zeit noch nicht gegeben hatte. In jedem Fall empfand er sie als �u�erst deplatziert, so als richtete sie sich gegen eine innere Ordnung, gegen die zu versto�en nur Unheil heraufbeschw�ren konnte.</p><p>Als er die Waffe wieder zur�cklegte und sich aufrichtete, verschwamm f�r ein, zwei Sekunden die Umgebung um ihn und ein buckliger, schwarzer Schatten schien in ihn einzusickern, vollkommen substanzlos und doch von beinahe fassbarer Konsistenz, und gleichzeitig erschien es ihm, als beginne ihn der Boden aufzusaugen. Es war ganz �hnlich und doch vollkommen anders als ein paar Minuten zuvor. Er starrte auf den Boden und um ihn war nichts als Schw�rze, eine so tiefe, allumfassende Schw�rze, wie er sie nie zuvor erblickt hatte. Etwas schien sich in der Dunkelheit zu bewegen, ein gewaltiger Strudel aus nichts, der sich schwarz auf noch dunklerem Hintergrund drehte, der lockte und rief...</p><p>... <emphasis>und er rutschte ab, verlor sich in dem Nichts, wurde von ihm aufgesogen und eins mit ihm und er machte irgendetwas, ohne zu verstehen, was er da tat, und die Welt h�rte auf zu existieren und machte etwas anderem Platz, etwas, das ihm trotz aller Fremdartigkeit Heimat und Zufluchtsort zu sein schien ...</emphasis></p><p><emphasis>... </emphasis>und dann h�rte es so pl�tzlich auf, wie es begonnen hatte, und stie� ihn wieder aus, zur�ck auf den feuchten Boden, auf dem er nun hockte wie ein kleines Kind, das sich im feuchten Erdreich gesuhlt hatte.</p><p>Zitternd und ersch�pft richtete er sich wieder auf. Er hatte keine Ahnung, was mit ihm geschehen war, und mit Verwunderung wie auch mit Ekel starrte er auf seine schmutzigen, erdverkrusteten H�nde, die im Boden gew�hlt zu haben schienen. Als sich sein Blick weiter kl�rte, erkannte er auch tats�chlich zwei L�cher in dem weichen Waldboden, tiefe, schwarze Schl�nde, die mit der grauen Umgebung verschmolzen, ohne dass er erkennen konnte, wie weit sie hinabreichten.</p><p>Das Knacken von Zweigen, das s�uselnde Ger�usch, mit dem sich ein paar Bl�tter heftiger als normal bewegten, warnte ihn; er trat schnell und beinahe schuldbewusst auf die L�cher, sodass sie von seinen F��en fast vollst�ndig bedeckt wurden.</p><p>�Wie sieht's aus?�, fragte Esanna, w�hrend sie ein paar Zweige zur Seite schob, um auf die Lichtung zu treten - mit ihrem Messer in der Hand, als erwarte sie eine unangenehme �berraschung. �Wird uns der Gaul tragen?�</p><p>Skar verschr�nkte seine H�nde hinter dem R�cken und begann sie aneinander zu reiben, um den Dreck zu l�sen. �Alles klar�, meinte er. �Aber ein Gaul ist das nun wirklich nicht. Es ist ein erstklassiges und ausdauerndes Reitpferd.�</p><p>�Wie sch�n�, sagte Esanna in einem Tonfall, der �rger versprach. �Die Frage ist nur, wohin wir mit dem Vieh reiten werden.�</p><p>�Das fragst du noch?�, fragte Skar verwundert, ohne auf die Provokation in ihrer Stimme einzugehen. �Wir wollten sowieso zu Marna. Jetzt ist es noch dringender geworden: Wir werden den Auftrag des toten Satais erf�llen und Marna die Warnung �berbringen. Diese Botschaft ist ein Geschenk des Himmels; sie wird uns alle T�ren �ffnen.�</p><p>�Aber...�</p><p>�Nichts aber. Begreifst du denn gar nicht?� Als Esanna den Kopf sch�ttelte, fuhr Skar fort: �Wenn sich die Quorrl tats�chlich sammeln, um die Satai �berraschend zu schlagen, dann m�ssen wir sie unbedingt und so schnell wie m�glich warnen.�</p><p>�Diese Worte klingen aus deinem Mund nicht sehr �berzeugend�, meinte Esanna. �Bislang hast du doch alles getan, um deine Quorrl-Freunde zu sch�tzen.�</p><p><emphasis>�Quorrl-Freunde�, </emphasis>sagte Skar ver�chtlich, w�hrend er an Titch dachte, den Quorrl-Rebellen, dessen Gebeine schon seit dreihundert Jahren in irgendeiner abgelegenen Gegend vermoderten und der wohl der einzige Quorrl gewesen war, den er je als Freund betrachtet hatte. �Ich habe keine Freunde unter den Quorrl, ich habe �berhaupt keine Freunde mehr auf dieser Welt.�</p><p>�Wenn das so ist, alter Mann: Warum r�hrst du dann �berhaupt eine Hand f�r Enwor? Warum gehst du nicht einfach wieder und l�sst uns unser Leben leben?�</p><p>Die Hieb sa� und Skar h�tte beim besten Willen keine vern�nftige Antwort darauf gewusst, selbst dann nicht, wenn er nicht hektisch damit besch�ftigt gewesen w�re, die verr�terischen Schmutzspuren an seinen H�nden so gut wie m�glich zu beseitigen. Und dennoch: In ihm war dieses brennende Bed�rfnis, das ihn gegen alle Zweifel, gegen alle Einw�nde dazu trieb, sich dem Vernichtungskampf zwischen Satai und Quorrl entgegenzustellen. �Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um dieses wahnsinnige Blutbad zu verhindern.�</p><p>�Indem du den Satai Informationen lieferst, die es ihnen leichter machen, die Quorrl zu schlagen? Nein�, Esanna sch�ttelte entschieden den Kopf, �das klingt alles andere als �berzeugend. Entweder bist du nicht mehr in der Lage zwei und zwei zusammenzuz�hlen oder du willst mir irgendein M�rchen aufbinden.�</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf. Esanna verf�gte �ber eine scharfe Zunge und sie hatte eine Art zu argumentieren an sich, die ihn verteufelt an seinen alten Waffengef�hrten und ehemals besten Freund Del erinnerte. Aber: Del hatte ihn verraten. Wer sagte ihm, dass es nicht auch Esanna tun w�rde - oder vielleicht schon getan hatte? Welches Geheimnis umgab das Digger-M�dchen? Das musste er so schnell wie m�glich herausbekommen. Auf keinen Fall w�rde er den Fehler begehen sich von den unschuldigen Augen, dem schmalen Gesicht und ihrer Jugend zu dem Schluss verleiten zu lassen, dass sie harmlos w�re.</p><p>�Denk, was du willst�, sagte er, brachte die nun fast sauberen H�nde nach vorne und verschr�nkte sie vor der Brust, �ich werde mich jedenfalls nicht davon abhalten lassen, Marna zu warnen.�</p><p>Esanna schwieg einen Moment, presste die Lippen aufeinander und begann nerv�s mit dem Griff ihres Messers zu spielen, das sich in der Nacht, als es stundenlang im Feuer gelegen hatte, verf�rbt und einen bl�ulich roten Ton angenommen hatte. Sie hatte sich zu Skars Verbl�ffung gestern Abend entschieden diese Waffe zu behalten und sie gegen nichts einzutauschen, was der Satai an Ausr�stung mit sich geschleppt hatte.</p><p>�Wenn du meinst�, antwortete Esanna skeptisch. �Aber sag mal, eine ganz andere Frage: Was hast du eigentlich mit deinen H�nden gemacht? Eine Leiche ausgebuddelt?�</p><p>��h, hmmm�, machte Skar und starrte auf seine Finger, als s�he er sie zum ersten Mal. �Keine Ahnung. Ich h�tte sie wohl gestern im Fluss waschen sollen ...�</p><p>�Wenn du mich fragst�, unterbrach ihn Esanna ver�chtlich, �bist du nichts weiter als ein verdammter Digger. Und zwar einer von der ganz �blen Sorte. Der Rest deiner Mahlzeit h�ngt dir ja noch aus den Mundwinkeln.�</p><p>�Ich wei� nicht, was du meinst�, begann Skar unbehaglich. �Ich...�</p><p>Er brach ab und legte den Kopf schief.</p><p>�Jetzt hat's dir wohl die Sprache verschlagen, was?�, fragte Esanna sp�ttisch.</p><p>Skar sch�ttelte den Kopf und legte den Finger auf den Mund. �Still�, fl�sterte er. �Da ist was.�</p><p>Es waren Stimmen, die da durch den Wald klangen und so pl�tzlich und ohne Vorwarnung an sein Ohr drangen, als w�re er zuvor mit Taubheit geschlagen gewesen.</p><p><emphasis>Quorrl! </emphasis>Skar erkannte das fremdartig klingende, knarrende Idiom so zweifelsfrei und unvermittelt, dass ihn ein siedend hei�er Schreck durchfuhr, eine Panik, die ihm bislang unbekannt gewesen war: n�mlich die, sich nicht mehr auf seinen Instinkt verlassen zu k�nnen. Er begriff nicht, wie ihm das hatte passieren k�nnen, wie er die vielen kleinen Anzeichen hatte �berh�ren k�nnen, mit denen sich das N�herkommen von Mensch und Tier - und vor allem von Quorrl - ank�ndigte.</p><p>Aber er hatte auch keine Zeit �ber dieses Ph�nomen nachzugr�beln. Die Quorrl brachen durch das Unterholz, als wollten sie den Wald im wahrsten Sinne des Wortes im Vor�bergehen in Tr�mmer legen. Besonders viel Aufmerksamkeit schienen sie dabei ihrer Umgebung nicht zu zollen, denn sonst w�ren sie etwas umsichtiger vorgegangen - entweder jagten sie irgendjemandem hinterher, der ihnen unterlegen war (vielleicht dem schwer verletzten Satai, der Skar und Esanna in die H�nde gelaufen war), oder sie glaubten hier auf keine potenziellen Gegner mehr sto�en zu k�nnen. <emphasis>Die Quorrl sammeln sich - </emphasis>vielleicht war hier in der N�he ihr Aufmarschplatz.</p><p>Einen Sekundenbruchteil lang stand Skar einfach nur reglos da, jeder Muskel in seinem K�rper bis zum Zerrei�en gespannt. Seine Augen bohrten sich durchs Unterholz, um zu erkennen, ob noch die Chance bestand, dass die Quorrl an der Lichtung vorbeistolperten, auf der sie das Pferd des toten Satais, seine auf dem Boden ausgebreiteten Waffen und einen ihnen unbekannten Mann in der Uniform ihrer Todfeinde in Begleitung eines jungen M�dchens vorfinden w�rden. Es bedurfte keiner regen Phantasie, um zu wissen, was andernfalls geschehen w�rde: Er w�rde keine Chance bekommen auch nur den Mund zu einer Erkl�rung aufzumachen; die Reptilienkrieger w�rden ihn und Esanna sofort niedermachen.</p><p>Als Skar die geschuppten Giganten schemenhaft erkennen konnte - und die kleine, braungr�n gekleidete Gestalt, die sie gefesselt vor sich her stie�en -, h�tte er beinahe laut aufgest�hnt. Dabei sp�rte er nicht einmal Schrecken, denn das Entsetzen, die Erkenntnis, dass ein f�rchterliches Missverst�ndnis von vornherein alle seine Bem�hungen zunichte machen k�nnte, seinen Teil zur Rettung Enwors beizutragen, war zu gro�, um andere Empfindungen zuzulassen. Denn es war Kama, der Nahrak, den die Quorrl mit der ihnen eigenen Brutalit�t vor sicher her trieben.</p><p>Den winzigen Moment, den er die geschuppten Giganten fr�her bemerkte als sie ihn, nutzte Skar auf eine ihm ganz eigene Weise. Er versetzte Esanna einen harten Sto�, der sie schwer zu Boden st�rzen lie� und ihr damit die M�glichkeit nahm irgendeine Dummheit zu begehen, sprang �ber sie hinweg und zog in der gleichen Bewegung sein <emphasis>Tschekal. </emphasis>Er erkannte neben dem Gefangenen drei, vier vollkommen sorglose Quorrl, die von seinem Anblick vollst�ndig �berrascht wurden. Skar �berwand die Distanz zu ihnen mit einem einzigen Satz und war so unvermittelt zwischen ihnen, dass der Erste gar nicht mehr dazu kam, sein Schwert zu ziehen, bevor ihn Skars Klinge erwischte und ihm mit einem einzigen Schlag seine Waffenhand abschlug.</p><p>Die anderen Quorrl reagierten mit der Schnelligkeit routinierter Krieger, die darauf gedrillt waren, jeden Angriff im Ansatz zu ersticken. Zwei Reptilienm�nner n�herten sich mit gezogenen Schwertern im Parallelschritt, ein Anblick der nicht zuletzt dazu gedacht war, einen Gegner in Panik zu versetzen, w�hrend der dritte, unverletzte, Kama mit einer fast beil�ufigen Bewegung niederstie� und seitlich durchs Unterholz brach, um von der R�ckseite aus anzugreifen. Skar gedachte ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Er hechtete mit einer Rolle zur Seite, kam federnd wieder hoch und lie� sein <emphasis>Tschekal </emphasis>einen Halbkreis beschreiben, mit dem er die Deckung des ihm am n�chsten stehenden Quorrl unterlief und ihn mit einem m�rderischen Schlag fast das Bein abtrennte.</p><p>Der geschuppte Gigant taumelte mit einem Schmerzenslaut gegen einen Baum und starrte fassungslos auf die klaffende Wunde in seinem Oberschenkel, aus der augenblicklich eine Blutfont�ne schoss. Trotzdem gab er sich noch nicht geschlagen. Er riss sein Zackenschwert im gleichen Sekundenbruchteil hoch, in dem Skar nach vorne sprang, um den anderen Reptilienkrieger zu attackieren. Die schwere Waffe streifte Skars Oberarm und h�tte ihm den Kopf abgeschlagen, wenn der Satai nicht noch in der Sprungbewegung den Oberk�rper zur Seite gerissen h�tte. Skar kam dicht hinter ihm auf die F��e, tauchte unter dem Angriff des zweiten Kriegers hinweg, den das Schicksal seiner Kameraden zu noch mehr Wut angestachelt hatte, und stie� seine Klinge nach vorne, um den Koloss zu durchbohren.</p><p>Der Quorrl reagierte �berraschend schnell, warf sich im letzten Moment zur Seite und nahm dabei in Kauf seinen Artgenossen mit der abgeschlagenen Hand so schwer anzurempeln, dass dieser zu Boden st�rzte. In diesem Moment geschah etwas so Merkw�rdiges, dass Skar einen Herzschlag lang weniger aufmerksam war, als es bei einem erbitterten Kampf um Leben und Tod ratsam war: Esanna taumelte mitten in das Kampfgeschehen hinein und die Quorrl taten so, als ob <emphasis>sie </emphasis>der Feind sei, den es unter allen Umst�nden zu vernichten galt und nicht er selbst.</p><p>Der Reptilienkrieger, der Skar hatte umgehen wollen, um ihn von hinten anzugreifen, h�tte ihn im Moment der Unaufmerksamkeit mit seinem Schwert durchbohren oder doch zumindest ernsthaft verletzten k�nnen, doch er �nderte im letzten Augenblick die Sto�richtung seiner gezackten Waffe und griff direkt Esanna an. Das M�dchen schien die Gefahr instinktiv zu sp�ren, riss die Arme hoch und steppte in einer fast nicht sichtbaren Bewegung zur Seite. Mit einem Aufschrei st�rzte der Angreifer an ihr vorbei, konnte seinen eigenen Schwung nicht mehr bremsen und lief so genau in Skars <emphasis>Tschekal. </emphasis>Aufgespie�t wie ein Fisch, der mit einer Lanze aus einem Fluss gefischt wurde, rannte er noch ein paar Schritte weiter und brach dann wie vom Blitz gef�llt zusammen; dabei rammte er sich das in seinem Brustkorb steckende <emphasis>Tschekal </emphasis>tief in seinen K�rper. Skar versuchte aus den Augenwinkeln heraus die Situation zu erfassen. Kama lag regungslos am Boden, Esanna schien unverletzt zu sein und von den vier Quorrl waren zwei schwer verletzt und einer v�llig ausgeschaltet; das bedeutete aber auch, dass einer noch voll kampff�hig war - und das konnte das Ende bedeuten. Aber es war ausgerechnet der Quorrl mit dem Armstumpf, aus dem dunkelrotes Blut pulsierte, der Esanna auf eine f�r Quorrl gleichzeitig ungew�hnliche wie effektive Art angriff: Er hatte mit der linken Hand ein Messer hervorgezogen und warf es jetzt in Richtung des M�dchens. Wieder schien Esanna die Gefahr, in der sie schwebte, zu sp�ren; sie tauchte unter dem Messer geradezu spielerisch weg, riss in der gleichen Bewegung ihre eigene Klinge hervor und schleuderte sie dem Messerwerfer entgegen.</p><p>Der Quorrl hatte keine Chance: Esannas Messer traf ihn direkt unterhalb des Kehlkopfs, durchdrang seinen Hals und trat hinten wieder aus. Das Funkeln in seinen Augen erlosch augenblicklich und er fiel regelrecht in sich zusammen. Der unverletzte Quorrl sah sich nun zwei unbewaffneten Gegnern gegen�ber: Esanna hatte mit ihrem Messerwurf ihre ganze Bewaffnung im wahrsten Sinne des Wortes verschleudert und auch Skars H�nde waren leer, weil er, den Satai-Regeln zum Trotz, seine Waffe geopfert hatte, um einen der Angreifer auszuschalten. Zu Skars Verbl�ffung nutzte der geschuppte Gigant seinen Vorteil nicht auf die einzig logische Weise, indem er erst versuchte ihn, den gef�hrlicheren Satai, auszuschalten, um sich dann �ber das vergleichsweise harmlose M�dchen herzumachen, sondern er griff gleich und direkt Esanna an. Die Distanz zu ihr �berwand er mit zwei wuchtigen Bewegungen, die den Waldboden erzittern lie�en, und als er sein Schwert nach vorne stie�, auf das wie paralysiert wirkende M�dchen zu, schien ihr Schicksal besiegelt zu sein.</p><p>Es war eine unglaubliche Dummheit, die den Quorrl so handeln lie�, der bei Skars Kampfstil wissen musste, mit was f�r einer Art Gegner er es zu tun hatte, und der andererseits auch nicht so naiv sein konnte zu glauben, dass der wie ein Berserker unter sie gekommene Satai nur sein Schwert gehabt h�tte, um sich auf den ungleichen Kampf einzulassen. Mit einem einzigen Sprung �berwand Skar die Distanz zu seinem Gegner, w�hrend gleichzeitig das in seinem G�rtel steckende Messer wie von selbst in seine Hand schnellte.</p><p>Der Quorrl merkte nichts von alledem. Mit triumphierendem Gebr�ll wollte er seine Waffe in den K�rper des M�dchens rammen und sie so mit einer einzigen Bewegung t�ten; wahrscheinlich hatte er danach vor sich dem Satai zuzuwenden und Rache zu nehmen f�r den Vernichtungsfeldzug des einzelnen Mannes, der es gewagt hatte, es mit einer ganzen Quorrl-Gruppe aufzunehmen.</p><p>Er kam weder zum einen noch zum anderen. Skars Messer drang von hinten unter dem Ansatz der Halsschuppen, an der wohl empfindlichsten Stelle eines Quorrl, in den Hals des Giganten, fuhr tief hinein und riss eine grausame Wunde in das weiche Fleisch. Die Drehbewegung, mit der der br�llende Gigant in Skars R�cken zu kommen versuchte, unterst�tzte die Schnittbewegung noch und lie� ihm nicht die geringste Chance. Besinnungslos vor Wut und Schmerz schlug der Koloss mit seinem Schwert auf Skar ein. Der Satai riss mit einer letzten, entsetzlichen Bewegung sein Messer zur�ck und sprang gleichzeitig zur Seite. Er hatte wenig M�he dem plumpen Schwertangriff des Reptilienkriegers auszuweichen und musste einzig und allein auf der Hut vor einem Zufallstreffer sein.</p><p>Der Blick des geschuppten Giganten tr�bte sich, er knickte in den Knien ein und fiel mit einer fast sanften Bewegung auf die Seite, wobei sein Schwert �ber den Boden schlitterte und gegen einen Baum prallte. Skar hatte keine Sekunde Zeit sich weiter um ihn oder um das M�dchen zu k�mmern oder sich darum Gedanken zu machen, was eigentlich in sie gefahren war, dass sie hier wie eine Furie aufgetaucht war und damit sein und ihr Leben in Gefahr gebracht hatte. Sein <emphasis>Tschekal </emphasis>steckte noch im K�rper des aufgespie�ten und mittlerweile mit einem schrillen Schmerzenslaut verendeten Quorrl. Es war Skar unm�glich, schnell genug an die unter dem massigen K�rper begrabene Waffe zu kommen, um sich mit ihr noch rechtzeitig gegen den verbliebenen kampff�higen Quorrl zur Wehr zu setzen - den vor Schmerz keuchenden Krieger mit der klaffenden Beinwunde.</p><p>Das war aber bitter notwendig, denn trotz der Schwere seiner Verletzung war der Quorrl noch immer ein auf T�tung gedrillter Killer, der nicht eher ruhen w�rde, bis er Skar und Esanna abgeschlachtet hatte - oder selbst ausgeschaltet war. Im Moment standen seine Chancen gar nicht mal so schlecht; ohne sein Schwert war Skar dem tobenden und vor Wut schnaubenden Giganten im Nahkampf wohl kaum gewachsen. Deswegen sprang er ansatzlos vor, erwischte Esanna an der Schulter und riss sie mit sich aus der Greifweite des Reptilienmanns. Es war ein Wettlauf mit der Zeit, auf den er sich nur einlassen konnte, weil der Quorrl unm�glich zu einer schnellen Verfolgung f�hig war: falls er es �berhaupt noch schaffen sollte, sich ein paar Schritte vorw�rts zu qu�len.</p><p>Mit ein paar S�tzen war er zur�ck auf der kleinen Lichtung, auf der ihn der Braune nerv�s t�nzelnd erwartete - doch nicht das Pferd war es, auf das Skar es abgesehen hatte, sondern die Waffen des toten Satais, die fein s�uberlich neben ihm auf der Pferdedecke ausgebreitet lagen. Er riss die Schwertscheide empor; seine Finger schlossen sich fest um den Griff der Waffe und es war fast wie ein �berspringen von Energie, wie eine machtvolle unsichtbare Verbindung zwischen ihm und dem Sternenstahl, die ihn durchstrahlte und ihm neue Kraft gab.</p><p>Das fast unh�rbare Sirren, mit der das <emphasis>Tschekal </emphasis>aus der Scheide glitt, besiegelte das Schicksal des letzten lebenden Quorrl. Der Reptilienkrieger war humpelnd, aber mit einer von grausamer Wut getriebenen Energie hinter ihm her gerast, unglaublich angesichts seiner dunkelrot pulsierenden, klaffenden Beinwunde, und riss nun sein gezacktes Schwert mit ungest�mer Wucht �ber den Kopf, wohl um Skar mit einem einzigen Hieb in zwei St�cke zu spalten. Er kam nicht mehr dazu. Skar wirbelte ansatzlos herum; seine Klinge zuckte mit der Eleganz einer vorschnellenden Schlange auf seine geschuppte Brust zu und drang bis zum Heft ein. Der Gigant stie� einen markersch�tternden Schrei aus und noch im Todeskampf sauste sein Schwert hinab und h�tte Skar zwingen m�ssen, seine Waffe stecken zu lassen und unter dem Hieb wegzutauchen; doch diesmal war er nicht bereit, das <emphasis>Tschekal </emphasis>leichtfertig aus der Hand zu geben, zog es deshalb mit einer schwungvollen Drehung zur�ck und glitt gleichzeitig mit einer eleganten Bewegung an der Seite des Geschuppten vorbei. Das Quorrl-Schwert schrammte so dicht an seinem R�cken vorbei, dass es sein Gewand zerfetzte und einen blutigen Streifen auf seinen R�cken zeichnete, aber das war nichts im Vergleich zu dem, was ihn erwartet h�tte, w�re der Hieb direkt in seine Richtung gelenkt gewesen.</p><p>Der Koloss torkelte noch ein, zwei Schritte weiter und brach dann r�chelnd zusammen. Obwohl er vielleicht noch nicht sofort tot war, glaubte Skar, dass von ihm keine unmittelbare Gefahr mehr ausging; dennoch lie� er seine Waffe nicht sinken: Es konnte immer noch einer der unglaublich z�hen Reptilienkrieger am Leben und kampff�hig sein; schon mehr als einmal hatte er eine unliebsame �berraschung erlebt durch Gegner, die er eigentlich schon ausgeschaltet geglaubt hatte. Mit ein paar Schritten war er bei dem Quorrl, in den sich das erste <emphasis>Tschekal </emphasis>gebohrt hatte. Er setzte seinen Stiefel an und drehte ihn, alle Kraft aufwendend, auf den R�cken. Ein Blick in die gebrochenen Augen des Kriegers zeigte ihm, dass hier keine Gefahr mehr zu f�rchten war. Auch der Reptilienkrieger, dessen Hals Esannas Messer erwischt hatte, war wider Erwarten bereits tot; es musste Blut in seine Luftr�hre geraten sein, sodass er qualvoll erstickt war.</p><p>Es war der dritte Krieger, der mit der sicherlich t�dlichen, aber noch nicht ausgebluteten Halswunde, der ihm wegen seiner nun doch empfundenen tiefen Erleichterung �ber den gl�cklich verlaufenen Kampf und der damit nachlassenden Anspannung fast zum Verh�ngnis wurde. Als er sich dem vermeintlich Toten n�herte, schoss pl�tzlich die Klaue dieses Quorrl vor, umklammerte seinen Kn�chel und riss ihn ansatzlos und mit einem geradezu verzweifelten Ruck von den F��en. Skar wehrte sich nicht gegen die �berraschende Bewegung, die viel zu kraftvoll war, um sich ihr erfolgreich entgegenstemmen zu k�nnen, sondern gab ihr ganz im Gegenteil nach; dadurch schlug er viel weniger hart auf den Boden auf, als sein Gegner wohl gehofft hatte, und war noch im Fall zum Gegenangriff f�hig.</p><p>Wie ein eigenes Lebewesen schoss das <emphasis>Tschekal </emphasis>vor und trennte den Kopf des Quorrl von dessen Schultern ab. �Skar!�, schrie Esanna panisch. �Schnell!�</p><p>Skar fuhr herum, riss instinktiv sein Schwert hoch in der Erwartung, nun gleich einem oder mehreren weiteren Quorrl gegen�berzustehen - aber da war niemand. Aus dem Torso zu seinen F��en sickerte dickes, z�hfl�ssiges Reptilienblut und vor ihm, in der Schneise, die die geschuppten Giganten w�hrend des Kampfes ins Unterholz geschlagen hatten, inmitten abgeknickter �ste und verw�steten Buschwerks erkannte er nichts weiter als drei gef�llte, regungslose Kolosse, und w�rde nicht noch Blut aus ihren frischen Wunden sickern und hier und da ein fast unmerkliches, spasmisches Zucken �ber ihre Gliedma�en laufen, die wohl weniger von einem Todeskampf zeugten als vielmehr von einer automatischen Reaktion absterbender K�rperfunktionen, dann h�tte man glauben k�nnen, sie w�ren schon vor Stunden gef�llt worden.</p><p>Durch Skars Schwertarm ging ein leises Zittern. Er hatte schon viele K�mpfe bestanden - aber so etwas hatte er noch nicht erlebt. Bis auf einen Kratzer auf seinem R�cken war er unverletzt und lediglich der harte Schlag seines Herzens, das bis hinauf zum Hals h�mmerte, zeigte ihm, wie sehr ihn der nur wenige Minuten dauernde Kampf angestrengt hatte.</p><p>Vier Quorrl. Vier bestens ausger�stete und durchtrainierte Krieger, von denen es im Normalfall jeder einzelne mit mehreren Satai h�tte aufnehmen k�nnen. Er h�tte sie nicht so leicht besiegen d�rfen. Es w�re nur gerecht gewesen, wenn er ein paar schwere Treffer h�tte einstecken m�ssen und es w�re nicht verwunderlich gewesen, wenn er jetzt dort tot liegen w�rde statt der Giganten ...</p><p>�Skar, verdammt, wo bleibst du!�, schrie Esanna. �Er stirbt!�</p><p>Die Stimme des M�dchens drang wie aus einem fernen Nebel an ihn und er begriff, dass er f�r einen kurzen Moment weggetreten war. In die Erleichterung �ber den Ausgang des Kampfes mischte sich Erschrecken, als er Esanna neben Kama knien sah, halb verdeckt durch einen Busch und direkt neben dem Quorrl, den ihr Messer get�tet hatte. Sie hatte den Nahrak halb aufgerichtet und strich gerade �ber sein Gesicht, als k�nnte sie ihn damit zur�ckholen aus der Finsternis, in die er entwichen war.</p><p>Mit einem Satz sprang Skar �ber den vor ihm liegenden Torso und hetzte zu ihr. �Was ist los?�, fragte er keuchend, kaum dass er sie erreicht und sein Schwert hatte zur�ckgleiten lassen. �Ist er tot?�</p><p>�Ich wei� nicht.� Esanna sah zu ihm hoch. Eine Str�hne ihres langen dunklen Haars fiel ihr �ber die Augen und verdeckte ihre vor zwei Tagen von Kama versorgte Stirnwunde; dadurch wirkte sie weniger kriegerisch als vielmehr sehr m�dchenhaft und ungeheuer verletzlich und er begriff, wie hilflos sie sich in diesem Augenblick f�hlen musste.</p><p>�Und du?�, fragte er, w�hrend er in die Hocke ging und fast sachte die Hand ausstreckte, um sie an der Schulter zu ber�hren. �Was ist mit dir?�</p><p>Sie starrte ihn ein paar Sekunden lang mit ausdruckslosen Augen an, als begriffe sie gar nicht, was er mit seinen Worten gemeint hatte. �Ich wei� nicht, was mit ihm los ist�, sagte sie dann, als habe er sich nach Kamas und nicht nach ihrem Befinden erkundigt. �Er wirkt so ... abwesend.� Skar nickte und schob Esannas H�nde, mit denen sie den Oberk�rper Nahraks immer noch fest umklammert hielt, so sanft wie m�glich beiseite, w�hrend er Kama gleichzeitig st�tzte und ein St�ck h�her zog. Obwohl der Nahrak �u�erlich unverletzt war und lediglich seine H�nde durch eine nicht allzu fest sitzende Lederfessel zusammengebunden waren, bot er einen erschreckenden Anblick. Sein wachsbleiches Gesicht wirkte wie das eines Toten und dabei vollkommen starr und abweisend, und w�re nicht das kaum merkliche, aber regelm��ige Heben und Senken seiner Brust gewesen, h�tte Skar ihn tats�chlich f�r tot gehalten.</p><p>�He�, sagte Skar, w�hrend er ihn sanft r�ttelte. �Kama! Kannst du mich h�ren?�</p><p>Der Nahrak antwortete nicht; aber das hatte er auch gar nicht erwartet. Seine Bef�rchtung, dass mit Kama etwas nicht stimmte, wurde zur Gewissheit: Er war nicht nur einfach verletzt oder bewusstlos - es war etwas anderes. Es waren nur Kleinigkeiten, winzige Details, die sich seiner Betrachtung noch dazu immer wieder auf unheimliche Weise zu entziehen schienen, aber jetzt, wo er darauf aufmerksam geworden war, waren sie nicht mehr zu �bersehen: die Schatten um die feinen, sonst fast nicht wahrnehmbaren Linien seines Gesichts waren dunkler als sonst, die Lippen wirkten wie aufgepumpt und trotz der Eisesk�lte, die sein K�rper verstr�mte, standen feine Schwei�tr�pfchen auf seiner Stirn.</p><p>�Wird er es schaffen?�, fragte Esanna �ngstlich.</p><p>�Ja�, sagte Skar, obwohl er f�rchtete, dass mit den leisen, viel zu langsamen Atemz�gen unwiederbringlich das Leben aus dem Nahrak str�mte. �Ich denke schon. Aber am besten, wir bringen ihn sofort hier weg.�</p><p>�Ich verstehe das nicht�, stammelte Esanna. �Wie kommt er �berhaupt hierher? Er wollte doch nach dem <emphasis>Frarr </emphasis>suchen...�</p><p>�Vielleicht hat er ihn ja gefunden�, murmelte Skar, �und ist uns hinterhergeflogen.�</p><p>�Was?�</p><p>�Nichts�, sagte Skar knapp. �Das ist nicht wichtig. Zumindest jetzt nicht.�</p><p>Zu seiner �berraschung zitterten Kamas Lider in diesem Moment und dann schlug er tats�chlich die Augen auf, doch Skars Vorfreude wandelte sich in Entsetzen, als er sah, dass seine Pupillen nach oben weggedreht waren, sodass man fasst nur das Wei�e seiner Augen sehen konnte. Die glasigen Aug�pfel wanderten in seine Richtung, als w�rde ihn der Nahrak beobachten, aber es war kein Erkennen in ihnen und �berhaupt kein Zeichen, dass er �berhaupt etwas wahrnahm.</p><p>Das gefiel Skar ganz und gar nicht. Er packte den Nahrak so rasch wie m�glich, damit nicht Esanna auf diese merkw�rdig aufgerissenen Augen aufmerksam wurde, und lud ihn sich �ber die Schulter. Nachdem er das Bein eines toten Quorrl beiseite geschoben hatte - es war der Krieger, den Esanna durch einen beherzten Wurf ihres Messers ausgeschaltet hatte - ging er mit dem Nahrak auf dem R�cken noch einmal in die Hocke, um Esannas Klinge an sich zu nehmen.</p><p>Mit einen harten Ruck zog er die Waffe aus dem Hals des Giganten und schaumiges, hellrotes Blut sprudelte hervor, so frisch, dass er nicht sicher war, ob der Koloss wirklich tot war; er stie� die Waffe ohne zu Z�gern noch einmal in die Halsschlagader des Kriegers, drehte sie kr�ftig herum und zog sie dann, nachdem die Augen des Quorrls gebrochen waren, endg�ltig hervor, bevor er die Waffe am Gewand des Toten abwischte und sie dann dem M�dchen reichte.</p><p>Esanna wich einen Schritt vor ihm zur�ck. �Warum hast du das gemacht?�, stie� sie voller Abscheu hervor und ohne das Messer anzur�hren.</p><p>Skar brauchte einen Moment, um �berhaupt zu begreifen, was sie gemeint haben k�nnte. �Ich war es ihm schuldig�, sagte er dann. �Ich f�rchtete, dass er vielleicht noch ein paar Stunden in seinem Blut liegen bleiben k�nnte, bevor er stirbt.�</p><p>�Das ist... ekelhaft.� Sie stand stocksteif da und musterte ihn voller Verachtung. �Du bist ein Tier. Ein blutr�nstiges Tier.�</p><p>Skar stie� mit dem Fu� gegen den Quorrl. �Siehst du? Jetzt ist er tot. Vorher war er es nicht. H�tte ich sein Leiden verl�ngern sollen?�</p><p>�Bei allen G�ttern�, stammelte Esanna. �Und ich dachte, du w�rst ein Quorrl-Freund. Ich habe nicht geahnt, dass du sie mehr hasst als ich. Du bist wie ein Wirbelwind unter sie gefahren, hast ihnen nicht die geringste Chance gelassen.�</p><p>�Ich hasse sie nicht�, sagte Skar �rgerlich, w�hrend er Esannas Messer in seinen G�rtel steckte. �In diesem Fall ging es ganz einfach um die Frage: sie oder wir. Au�erdem haben wir keine Zeit f�r Diskussionen. Wir m�ssen so schnell wie m�glich von hier verschwinden. Wo vier Quorrl waren, k�nnen auch noch mehr sein - zumal mir diese vier sehr sorglos zu sein schienen, so als h�tten die Quorrl das ganze Gebiet hier unter Kontrolle.�</p><p>Esanna sah sich gehetzt, aber gleichzeitig etwas �bertrieben nach allen Seiten um. �Ich h�re nichts�, behauptete sie. �Das hat nichts zu bedeuten�, antwortete Skar und erinnerte sich schaudernd daran, dass er das N�herkommen des Quorrl-Trupps erst bemerkt hatte, als es schon fast zu sp�t gewesen war. Sein ganzes Leben hatte er sich auf seine Sinne verlassen k�nnen und es war f�r ihn unvorstellbar, dass er pl�tzlich und ohne jede Vorwarnung diese Gabe verloren haben sollte. Was das f�r Konsequenzen haben konnte, zeigten ihm die Ereignisse der letzten Minuten: H�tte er die Quorrl rechtzeitig geh�rt, w�re ihm dieses Blutbad wom�glich erspart geblieben, denn dann w�re genug Zeit geblieben ihnen aus dem Weg zu gehen.</p><p>�Lass uns mit dem Pferd verschwinden�, sagte er. �Wir m�ssen sehen, dass wir uns so schnell wie m�glich nach Nemesis durchschlagen.�</p><p>Esanna starrte ihn noch einen Moment bleich und anklagend an, dann wandte sie sich wortlos um und lief mit schnellen Schritten zu der Lichtung zur�ck, auf der der gek�pfte Quorrl lag - und der Braune stand, ihre vielleicht einzige Chance noch rechtzeitig von hier wegzukommen. Skar atmete innerlich auf. Er war versucht gewesen auf Esannas Anschuldigungen einzugehen und sie mit schroffen Worten zur�ckzuweisen; und das, obwohl er wusste, dass ein Streit zu diesem Zeitpunkt nicht nur �u�erst sinnlos war, sondern auch h�chst gef�hrlich, nicht nur, weil er Zeit kostete, sondern ihn auch davon ablenkte, seiner Umgebung die n�tige Aufmerksamkeit zu schenken. Es war mehr als nur ein vages Gef�hl, das ihn dazu brachte, Esanna so schnell wie m�glich zu folgen: Es war schon fast so etwas wie Gewissheit, dass sich neues Unheil �ber ihnen zusammenbraute.</p><p>�Wir k�nnen doch nicht zu dritt reiten�, sagte Esanna, nachdem er mit dem Nahrak auf dem R�cken das Pferd des toten Satais erreicht hatte und automatisch die N�stern des zwar aufgeregten, aber erstaunlich gefassten Braunen streichelte; das Tier musste Kampfl�rm und Tod gewohnt sein, sonst h�tte es mehr Schwierigkeiten gemacht.</p><p>Das M�dchen hatte sich bereits am Zaumzeug zu schaffen gemacht und sah ihm direkt in die Augen, wobei sie krampfhaft vermied den Blick zu dem Torso zu ihren F��en schweifen zu lassen. Skar konnte es ihr nicht ver�beln. Es war tats�chlich ein Anblick, den er sich auch selbst gerne erspart h�tte.</p><p>�Wir legen Kama quer aufs Pferd�, sagte er. �Und du wirst hinter ihm aufsteigen. Ich laufe nebenher.�</p><p>�Das ist doch Quatsch.�</p><p>�Keinesfalls�, widersprach Skar, w�hrend er Kama vorsichtig von den Schultern gleiten lie�, um ihn mit dem Bauch auf dem teuren Leder des Satai-Sattels abzulegen, das Gesicht nach unten und von ihnen weggewandt, damit Esanna nicht die erschreckend aufgerissenen Augen des Nahrak bemerkte. �Und au�erdem bin ich nicht bereit, dar�ber zu diskutieren. Du wirst jetzt ohne Widerrede das tun, was ich sage - oder ich reite auf dem Pferd und du l�ufst nebenher.�</p><p>Esanna starrte ihn fassungslos an. �Das w�rdest du tun?�</p><p>�Ja�, log Skar, �ohne mit der Wimper zu zucken.�</p><p>�Und wenn ich nun ...�</p><p>Skar winkte ab und legte den Zeigefinger auf die Lippen. Esanna verstand sofort. Gleich ihm wandte sie sich um, lauschend und gleichzeitig auf der Suche nach einer verd�chtigen Bewegung, raschelndem Bl�tterwerk, knackenden �sten oder anderen winzigen Anzeichen, die verrieten, dass sich jemand an sie anzuschleichen versuchte.</p><p>�H�rst du es auch?�, fl�sterte sie. �Da ist doch jemand.� Skar nickte nerv�s. �Steig auf�, sagte er leise. �Schnell.� Esanna gehorchte, aber ihre Bewegungen wirkten so fahrig, dass Skar sie an den H�ften packte und auf den Braunen setzte, bevor sie selber auch nur den Fu� in den Steigb�gel setzen konnte. Das Pferd schnaubte und begann leicht zu t�nzeln, verhielt sich aber ansonsten ruhig; offensichtlich war es so gut trainiert, dass es gleich ihnen die Situation instinktiv zu verstehen schien: Es scheuerte an dem Ledergurt, mit dem Skar es am Abend zuvor an den Baum angebunden hatte, als wollte es zum Aufbruch dr�ngen. Skar band das Tier los und dirigierte es vorsichtig um den toten Quorrl herum, in Richtung des Weges, auf dem sie gestern auf den schwer verletzten Satai gesto�en waren. �Von wo kommt das Ger�usch?�, fl�sterte Esanna so leise, dass er den Sinn ihrer Worte mehr erriet als verstand. �Ich wei� nicht�, behauptete er, w�hrend ihm gleichzeitig ein eiskalter Schauer �ber den R�cken jagte - die Ger�usche schienen von �berall her zu ihnen zu dringen, beinahe so, als z�gen die Quorrl einen Kreis um sie, immer enger und in der sicheren Gewissheit die M�rder ihrer vier Artgenossen damit in die Enge zu treiben. Das Gef�hl in eine Falle geraten zu sein, aus der es keinen Ausweg mehr gab, verdichtete sich, als sie sich dem Weg n�herten: Er h�rte von dort Pferdegetrappel, leise Stimmen und das kaum wahrnehmbare Geklirr von Waffen.</p><p>Skar gab dem Braunen mit einem kurzen Ruck am Z�gel zu verstehen, dass er anhalten sollte. Das Pferd schnaubte, senkte den Kopf und riss ihn wieder nach oben und Skar hatte das Gef�hl, das Tier wollte ihm damit etwas sagen. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis Skar die Botschaft verstand.</p><p>Vor ihnen, hinter ihnen und zu beiden Seiten verdichteten sich die Ger�usche zu einem bedrohlichen Singsang des Todes, zu dem eindeutigen Rascheln, Knistern und Stampfen, mit dem sich viel zu viele schwer bewaffnete Quorrl durch den Wald dr�ngten, genau auf ihren Standort zu, als w�rden sie von einer unbekannten Kraft geradezu magisch zu ihnen geleitet, und w�hrend Skar sein Schwert zog und sich nach allen Seiten umsah, begriff er, dass die Bedrohung tats�chlich von allen Seiten kam, von allen Richtungen gleichzeitig...</p><p>Und dass er keine Chance haben w�rde, nicht diesmal. �Galoppier auf den Weg und brech durch�, sagte er gleicherma�en erregt wie leise zu Esanna. �Ich halte sie auf.�</p><p>�Und du...�</p><p>Skar versetzte dem Braunen einen Klaps aufs Hinterteil und stie� gleichzeitig einen schrillen Kriegsschrei aus.</p><p>Die Antwort lie� nicht lange auf sich warten. W�hrend der Braune mit einem erschreckten Sprung losst�rmte und fast aus dem Stand heraus in einen so schnellen Galopp fiel, dass Esanna um ein Haar von seinem R�cken gerutscht w�re, schien der Wald um ihn herum zu explodieren.</p><p>Skar packte sein Schwert fester und glitt automatisch in den elastischen <emphasis>Falam-Stand. </emphasis>Zweige peitschten beiseite, �ste brachen, der Boden vibrierte unter seinen F��en und dann spuckte der Wald die Quorrl aus, drei, vier, f�nf, sechs Gestalten auf einmal, in seinem R�cken und vor ihm und zu beiden Seiten und es wurden immer mehr, finstere Gestalten, mit drohend erhobenen Zackenschwertern, die keine Sekunde z�gern w�rden ihn niederzumachen, wenn er auch nur mit der Wimper zuckte.</p><p>Skars Erregung war pl�tzlich wie verschluckt und machte einer Ruhe Platz, in der sich all seine Energie sammelte, all seine Kampferfahrung vereinte zum letzten, nicht mehr r�ckg�ngig zu machenden Aufb�umen, mit dem er sich den geschuppten Giganten entgegenzustellen gedachte, um Esanna und Kama einen geh�rigen Vorsprung zu verschaffen. Er wartete auf den Angriff, wartete verzweifelt auf ihn, um mit einer Flugrolle die erste Linie der Kolosse zu �berspringen und in ihrem R�cken Tod und Verwirrung zu stiften ...</p><p>Doch die Reptilienkrieger griffen nicht an. Skar erkannte in ihren Augen w�tendes Funkeln und das unb�ndige Verlangen ihn mit wenigen Hieben niederzustrecken, aber aus irgendeinem verdammten Grund griffen sie ihn nicht an, sondern belie�en es dabei, ihn einzukesseln, eine erdr�ckende Mauer, die ihm nicht die geringste Chance zur Flucht lie�. Skar hatte sich darauf eingestellt, seine gesamten Energien auf einen Schlag zu aktivieren und sp�rte jetzt in seinen Knien ein leichtes Zittern; er wollte, er <emphasis>musste </emphasis>jetzt k�mpfen, er konnte nicht mehr l�nger unt�tig stehen bleiben und darauf warten, bis sie einer unbekannten Strategie folgten, die er nicht verstand ...</p><p>Es war nur der Gedanke an Esanna, der ihn davon abhielt, selbst zum Angriff �berzugehen. Je l�nger dieser unhaltbare Zustand anhielt, je mehr Zeit verstrich, bis er tot und verst�mmelt am Boden lag, umso gr��er waren ihre Chancen zu entkommen. Dabei machte er sich durchaus nichts vor: Die Quorrl hatten auch den durch den Wald f�hrenden Weg in die Zange genommen und w�rden nichts unversucht lassen, um sie sofort und kompromisslos abzufangen. Aber einer einzelnen, geschickten Reiterin mochte es gelingen, den relativ schwerf�lligen Kolossen zu entkommen ...</p><p>F�r einen Moment schien es, als springe ein Funken zwischen den Quorrl und ihm �ber; in den schmalen Reptilienaugen versprach ein wildes Funkeln Kampf und Vernichtung und die fast lippenlosen Fischgesichter verzogen sich zu einer Grimasse des Hasses und des Versprechens auf einen schnellen, aber grausamen Tod. Aber erst jetzt, im Angesicht der unvermeidlichen Auseinandersetzung, fiel ihm auf, wie sehr sich diese Quorrl von denen unterschieden, die er fr�her kennen gelernt hatte - und auch von den Kriegern G�rs, die das Digger-Dorf �berfallen hatten. Die riesigen, verzerrten Schatten wirkten in ihrer Kriegskluft so barbarisch wie auch alle anderen ihm bekannten Quorrl, aber die Kettenhemden, die ihre Oberk�rper verh�llten, die gewaltigen Zweihandschwerter, die sie in den H�nden hielten, die Beinschilde und schlie�lich ihre gezackten Helme, die nach oben hin in einen spitzen Dorn ausliefen - das alles konnte nichts anderes sein als eine ihm unbekannte Uniform.</p><p>�Nicht!�</p><p>Es war eine metallisch klingende Stimme, die zwischen den B�umen erschallte und von einem mehrfachen, wenn auch schwachen Echo zur�ckgeworfen wurde. Der Quorrl, der ihm am n�chsten stand, stie� ein tiefes Knurren aus und Skar musste an Esanna denken, die die Quorrl als wilde Tiere beschrieben hatte.</p><p>Vielleicht hatte sie nicht einmal Unrecht. Wenn das so war, dann waren aber auch Menschen wilde Tiere: blutr�nstig, grausam und zur Vernichtung ihrer eigenen Artgenossen f�hig, wann immer es in ein �bergeordnetes Konzept zu passen schien.</p><p>Die vor ihm stehenden Quorrl schienen einen Moment zu z�gern, k�mpften offensichtlich gegen den Impuls an ihn niederzumachen und damit den Tod ihrer Artgenossen zu r�chen. Zu seiner Verbl�ffung und Entt�uschung wichen sie aber pl�tzlich einen halben Schritt vor ihm zur�ck - er wollte k�mpfen, er brannte darauf und alles in ihm schrie danach, es nun endlich, endlich hinter sich zu bringen -, um jemandem Platz zu machen, der ganz offensichtlich das Recht beanspruchte dieser Quorrl-Meute Befehle zu erteilen.</p><p>Es war kein Quorrl. Es war ein Mensch. Ein Satai, um genau zu sein.</p><p>Die Gestalt zw�ngte sich durch die Quorrl und blieb in der Mitte zwischen zwei Giganten stehen; so selbstverst�ndlich, wie Skar vor unendlichen Zeiten mit seinem Quorrl-Freund Titch umgegangen war, der f�r die Reptilienkrieger mehr als nur ein Feldherr gewesen war, sondern fast schon ein Gott.</p><p>Skar erkannte den Satai trotz - oder gerade wegen - seiner goldenen Maske in der Form eines Wolfssch�dels sofort wieder.</p><p>�Marna�, �chzte er.</p><p><emphasis>�Skarissa </emphasis>Marna, um genau zu sein�, sagte Marna.</p><p>�Schlie�lich stamme ich in direkter Linie vom <emphasis>Gro�en Skar </emphasis>ab.�</p><p>Skar stand eine Sekunde wie erstarrt da, bevor er seine Chancen abwog: Marna war ein Satai, aber dennoch ihm m�glicherweise deutlich unterlegen, und wenn er ihn �berraschte, konnte er ihn wahrscheinlich t�ten, bevor die Quorrl eingriffen. Erst dann begriff er, was der Mann gesagt hatte: dass er vom <emphasis>Gro�en Skar </emphasis>abstammte. Konnte es tats�chlich sein, dass Marna ein Nachfahre von ihm war, getrennt durch mehr als zehn Generationen - und doch sein Fleisch und Blut?</p><p>�Wie kommt es, dass du mit den Quorrl gemeinsame Sache machst?�, fragte er. Seine Stimme war pl�tzlich ganz leise, aber es war jene gl�serne Sch�rfe darin, die nur wenige Menschen zu h�ren bekommen hatten, ohne sich voller Schrecken f�r den Rest ihres Lebens daran zu erinnern.</p><p>Marna schien durchaus die Drohung darin zu verstehen, denn er schob sich ein St�ck hinter die Quorrl-Linie, mit einem leichten, eleganten und dennoch kraftvollen Schritt. Eine solche Reaktion war eines Satais eigentlich unw�rdig - und dennoch: Sie zeugte von Vernunft und der realistischen Einsch�tzung eines potenziellen, in die Enge getriebenen Gegners.</p><p>Vielleicht hatte sich Skar in ihm get�uscht, vielleicht war der goldene Satai trotz seines manierierten Gehabes wesentlich geschickter, als er vermutet hatte. Doch zumindest hatte er den einen Vorteil, dass der Wolfsgesichtige seine Identit�t nicht kannte - und ihn schon allein aus diesem Grund untersch�tzen mochte.</p><p>�Ich mache keine gemeinsame Sache mit den Quorrl�, sagte Marna ver�chtlich. Seine Stimme klang durch den Helm mit dem goldenen Gesichtsschutz verzerrt. Skars Eindruck, dass dieser Satai so �berhaupt nicht in das ihm bekannte Schema passte, verst�rkte sich zunehmend. �Ich treibe lediglich unsere eigene Sache voran - mit allen mir zur Verf�gung stehenden Mitteln.� Als Skar etwas sagen wollte, machte er eine herrische Handbewegung, mit der er ihm wohl das Wort abschneiden wollte. �Schweig jetzt. Wir werden sp�ter noch genug Gelegenheit finden uns auszusprechen. Jetzt leg erst einmal deine Waffen nieder.�</p><p>Skars Augen verengten sich, wurden zu schmalen Schlitzen. Wenn es ihm gel�nge, Marna als Geisel zu nehmen - dann hatte er vielleicht noch eine Chance. Es konnte durchaus sein, dass die Quorrl vor einem Angriff zur�ckschreckten, wenn er Marnas Hals mit seiner Klinge ritzte.</p><p>Der Satai mit der Wolfsmaske blickte ihm ruhig entgegen und fast hatte Skar das Gef�hl, er w�sste, was in ihm vorging. �Du kannst es nat�rlich auch auf einen Kampf ankommen lassen�, sagte er ruhig. �Du kannst mich vielleicht sogar t�ten - ich habe dich schon einmal k�mpfen gesehen und die vier toten Quorrl hinter uns sprechen ein deutliche Sprache. Ja, ich fordere dich gerade heraus es zu versuchen.�</p><p>�Du tust... was?�, �chzte Skar.</p><p>�Ich fordere dich auf mich anzugreifen�, sagte Marna leichthin. �Allerdings solltest du dabei ins Kalk�l ziehen, dass die Quorrl dann sofort das M�dchen und diesen vorwitzigen Waldmenschen t�ten werden.�</p><p>Seine Worte versetzten Skar einen feinen, aber sp�rbaren Stich ins Herz. Bislang hatte er tief in seinem Inneren noch gehofft, Marna w�rde sich auf seine Seite stellen. Doch seine Drohung lie� diese Illusion wie eine Seifenblase platzen. �Ihr habt sie in eurer Gewalt?�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, nickte Marna. �Ich habe mich selbst davon �berzeugt, bevor ich zu dir gekommen bin.� Die Augen hinter den schmalen Sehschlitzen schienen aufzuleuchten, als sich der Mann in der goldenen Maske ein St�ck vorbeugte. �Ich werde doch dem <emphasis>Gro�en Skar </emphasis>nicht gegen�bertreten, ohne ein paar Trumpfkarten im �rmel zu haben.�</p></section><section><title><p id="_03_07">3.7</p></title><p>Sie waren fast eine halbe Stunde unterwegs, als der Regen einsetzte und aus leichtem Nieseln ein hartn�ckiges Prasseln wurde, das mit sturer Gleichm��igkeit auf sie niederging und ihre Kleidung innerhalb weniger Minuten vollkommen durchn�sste. Die Pferde fielen von selbst in einen gem��igten, kr�ftesparenden Galopp, w�hrend sie dem gewundenen Waldweg folgten, so als wollten sie dem feuchten Nass m�glichst schnell entkommen. Doch schon bald glich der aufgeweichte Boden einer einzigen Schlammpf�tze, in der die Pferdehufe tief einsanken und so wenig Widerstand fanden, dass der Tross nach und nach wieder langsamer wurde, so sehr sich einige Reiter auch bem�hten ihre Tiere anzutreiben.</p><p>Skar beugte sich so tief �ber den Hals seines Pferdes, wie er konnte, aber die Regentropfen stachen weiter wie d�nne spitze Nadeln in seine Augen; er sah kaum noch etwas und �berlie� sich ganz dem Pferd, das seinen Platz innerhalb des Trosses ganz selbstverst�ndlich neben Marna und seiner pers�nlichen Leibgarde aus zwei gigantischen Satai eingenommen hatte, die so gro� und massig waren, dass sich ihre Silhouetten kaum von denen der rund f�nfzig begleitenden Quorrl unterschieden. Bis auf Marnas Leibwache hatte Skar bislang nur eine Hand voll Satai zu Gesicht bekommen und er fragte sich, wie das zusammenpasste: Marna sammelte die Satai zu einem Vernichtungsfeldzug gegen die Quorrl und bediente sich gleichzeitig einer stattlichen Anzahl der Reptilienkrieger, um seine Politik durchzusetzen.</p><p>Der Wald wurde dichter und der Weg schmaler, weil immer mehr knorrige �ste und dichtes Buschwerk an den Seitenr�ndern wucherten und damit f�r allzu st�rmische Reiter zum Hindernis wurden, wenn sie ihnen zu nahe kamen. Der allseits geschlossene Kreis aus Leibern und starrenden Waffen machte es Skar dennoch unm�glich, mehr als nur einen fl�chtigen Blick auf das vorbeijagende Gr�n zu werfen und nach etwas Ausschau zu halten, was sich als Fluchtweg anbieten k�nnte. So dicht, wie der Tross aus kampfbereiten und ihm gegen�ber �u�erst argw�hnischen Kriegern durch das warme Nass ritt, war es sinnlos, auch nur einen Herzschlag lang einen Gedanken an eine Flucht zu verschwenden; zumindest im Augenblick. Die Gestalten der Quorrl vor ihm wurden zu einem auf und ab h�pfenden Schatten mit verschwommenen Umrissen, und das dumpfe H�mmern der Pferdehufe schien irgendwo in seinem Sch�del widerzuhallen wie dumpfer, drohender Trommelschlag. Ein sonderbar k�rperliches Empfinden machte sich in ihm breit, die Vorahnung einer Gefahr, die sich in seiner Seele eingenistet hatte und ihn unter normalen Bedingungen dazu gebracht h�tte anzuhalten und das Ziel seines Ritts zu �berdenken.</p><p>Nach einer Weile dr�ngte <emphasis>Skarissa </emphasis>Marna seinen pr�chtigen Rappen neben seinen Braunen; die beiden Pferde, mittlerweile aus dem leichten Galopp in einen m�hsamen Trab gefallen, waren so nah beieinander, dass Skars Bein an dem Steigb�gel des merkw�rdigen Satai-F�hrers vorbeischrappte. �Du hast dir wirklich einen interessanten Augenblick f�r deine Wiederkunft ausgesucht�, sagte Marna. Seine Stimme klang so leichthin, als w�rde er eine Bemerkung �ber das Wetter machen, aber Skar sp�rte, dass es nur die Einleitung zu einem Gespr�ch war, bei dem er ausgehorcht werden sollte.</p><p>�Alles im Leben ist ein Frage des richtigen Zeitpunkts�, fuhr Marna fort, nachdem er zuerst eine Weile vergebens auf eine Reaktion Skars gewartet hatte. �Und ich frage mich, wer in deinem Fall den Zeitpunkt bestimmt hat.�</p><p>�Ist es denn f�r dich der richtige Zeitpunkt?�, fragte Skar fast gegen seinen Willen.</p><p>�Das zu beurteilen steht mir nicht an�, sagte Marna, �jedenfalls noch nicht.�</p><p>�Na, dann ist ja gut�, sagte Skar und drehte sich demonstrativ zur anderen Seite. Er war nicht an einem Gespr�ch mit dem goldbehelmten Satai interessiert - zumindest nicht zu dessen Bedingungen.</p><p>�Was ich dagegen schon jetzt zu beurteilen habe�, fuhr Marna im Plauderton fort, �ist, ob ich dich und deine beiden merkw�rdigen ... <emphasis>Waffengef�hrten </emphasis>schon heute hinrichten lasse - oder ob es besser ist, einen anderen Zeitpunkt zu w�hlen.�</p><p>Skar starrte eine Weile schweigend in den Regen vor sich und in das gleichm��ige Auf und Ab der kr�ftigen Quorrl-Pferde, die sich immer schwerer taten das Gewicht ihrer geschuppten Reiter �ber den braunen Morast zu tragen. Irgendwo weiter vorne, das hatte er am Rande mitbekommen, mussten sich neben einigen Satai auch Kama und Esanna befinden - doch so weit entfernt, dass er sie von hier aus nicht sehen konnte.</p><p>�Ich verstehe nicht, warum du mich t�ten willst�, sagte er ruhig, �wenn du doch wei�t, wer ich bin.�</p><p>Hinter dem Visier drang ein kehliges, metallen verzerrtes Lachen hervor. �Eine Fangfrage? Oder bist du wirklich so naiv? Hast du wirklich geglaubt, die Welt w�rde nur auf dich warten, Skar, um dir Beifall zu zollen f�r das, was du vor dreihundert Jahren angetan hast?�</p><p>Skar schwieg m�rrisch. Er wurde aus diesem komischen Ober-Satai nicht schlau. Dass er sie umbringen lassen wollte, weil er f�rchtete, Skar k�nnte ihm seinen Machtanspruch streitig machen - das nahm er ihm im Grunde noch nicht einmal �bel. Machtgetriebene wie dieser <emphasis>Skarissa </emphasis>Marna - was war das �berhaupt f�r eine schwachsinnige Wortsch�pfung: <emphasis>Skarissa? - </emphasis>konnten nicht anders. In der Beschr�nktheit ihres Denkens war kein Platz f�r gro�e Zusammenh�nge; sie sahen alles nur unter dem Blickwinkel des direkten Nutzens. Aber was sollte dieser Vorwurf, dass er der Welt etwas angetan hatte? <emphasis>Daran </emphasis>konnte er sich beim besten Willen nicht erinnern. Soweit er wusste, hatte er seinerzeit alles getan, um Enwor vor einer Katastrophe zu bewahren - was ihm ja offensichtlich auch gelungen war, ansonsten w�rde dieser <emphasis>Skarissa </emphasis>nicht �ber eine gut ausgebildete Schar von Satai und Quorrl verf�gen, sondern h�chstens �ber ein paar zerlumpte Bauernt�lpel herrschen. �Du schweigst wie ein verstocktes Kind�, seufzte Marna. �Aber es wundert mich nicht, dass mit Leuten deines Schlags nicht zu reden ist. Das war es noch nie. Ihr mischt euch in alles ein und zerschlagt ohne Sinn und Verstand alle gewachsenen Strukturen.�</p><p>�Ist es das, was du f�rchtest?�, fragte Skar ver�chtlich. �Hast du Angst, ich k�nnte dir wegnehmen, was du dir in aller Ruhe aufgebaut hast? Glaubst du wirklich, ich wollte dich aus deinem Rattennest vertreiben?�</p><p>Der Satai mit der Goldmaske sch�ttelte den Kopf, als k�nnte er nicht fassen, welchen Unsinn Skar von sich gab. �Du l�sst ganz eindeutig den n�tigen Respekt vermissen. Das f�ngt schon damit an, dass du mich duzt, als w�re ich ein dreckiger Digger. <emphasis>Alle </emphasis>Menschen und <emphasis>alle </emphasis>Quorrl haben sich an die korrekte Form der Anrede zu halten, wenn sie mit mir sprechen...�</p><p><emphasis>�Skarissa </emphasis>Marna�, unterbrach Skar ihn nachdenklich, �das erinnert mich an irgendetwas.�</p><p>�Dass dieser Titel von dir entlehnt ist, ist schon schlimm genug�, st�hnte Marna. �Aber dass jetzt ausgerechnet du auch noch auftauchst, um mit mir dar�ber zu debattieren: Nein, das geht wirklich zu weit.� Er beugte sich ein St�ck in Skars Richtung vor und schoss die Frage ab, die ihm wohl schon die ganze Zeit �ber auf der Zunge gelegen hatte: �Wer, sagtest du, hat dich die Prophezeiung erf�llen lassen?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung, was du meinst.�</p><p>�Ach nein, tats�chlich?� Die metallisch verzerrte Stimme Marnas hatte einen eindeutig sp�ttischen Klang. �Dann wird es dich freuen zu h�ren, dass sich in den letzten Jahren die Kunst des Folterns massiv weiterentwickelt hat. Ich lasse dir gerne pers�nlich die Errungenschaft unserer Zeit angedeihen...�</p><p>�Und du glaubst, damit kannst du mir drohen?�</p><p>�Nicht unbedingt�, sagte Marna fr�hlich. �Aber ich kann mir vorstellen, wie ein Mann mit deinem beschr�nkten Verst�ndnis f�r die wesentlichen Dinge darauf reagiert, wenn man Digger-M�dchen als kleine Aufw�rm�bung Fingernagel f�r Fingernagel aus den Fingern rei�t, bevor man zu den effektiveren Methoden zur Deformierung einer Pers�nlichkeit schreitet. Aber vielleicht bist du ja auch ein Mann, den ich falsch einsch�tze, und du findest Gefallen an einer solchen kleinen Darbietung.�</p><p>Skar fuhr im Sattel herum und zerrte an seinen Handfesseln, die an einer Schlaufe seines Sattelknaufs festgemacht waren. Die Ledergurte schnitten in seine Handgelenke ein, lie�en sich aber nicht sprengen; trotzdem lie� Skar nicht nach und spannte seine Muskeln an, bis das Material knirschend so weit nachgab, wie es die ihm innewohnende Elastizit�t gestattete - doch keinen Zoll weiter. Er ahnte, dass er so lange an dem Leder zerren konnte, wie er wollte; es war zu stark und von so hervorragender Qualit�t, dass ihm mit purer K�rperkraft nicht beizukommen war.</p><p>�Nicht �bel�, sagte Marna anerkennend. �Ich h�tte dich vielleicht doch lieber in Ketten legen lassen sollen.�</p><p>�Du solltest mir lieber gleich dein Schwert durchs Herz sto�en�, sagte Skar. �Dann l�ufst du nicht Gefahr, dass ich dir irgendwann den Bauch aufschlitze.�</p><p>Marna nickte anerkennend. �In der Tat�, sagte er. �Dieser Gedanke schoss mir auch schon durch den Kopf. Aber es gibt ja auch noch eine andere Variante.�</p><p>�Dass du mich in einen dunklen Kerker schmei�t und darauf wartest, dass mich die Ratten anknabbern?�</p><p>�Man hat mir berichtet, es g�be Schlimmeres als Ratten�, sagte Marna ernsthaft. �Und man hat mir berichtet, du h�ttest Erfahrung mit diesem ... <emphasis>Anderen.�</emphasis></p><p>Skar f�hlte ein eisiges, ungl�ubiges Entsetzen in sich aufsteigen. �Was meinst du damit?�, fragte er scharf.</p><p>�Als ob du das selbst nicht viel besser w�sstest.� Marna deutete mit dem ausgestreckten Arm ungef�hr in die Richtung des Pojoaque - und damit auf die H�hle, den Strudel, das unterirdische Meer, das Grauen, das irgendwo hinter dem Fluss lag. �Du kommst nicht zuf�llig von dort. Du wurdest dort vorbereitet - auf deine neue Aufgabe.�</p><p>�Ich wurde - was?� Das letzte Wort hatte Skar fast geschrien, und es war ihm in diesem Moment ganz egal, dass Marna seine Erregung nicht verborgen bleiben konnte. �Ich wurde �berhaupt auf nichts vorbereitet�, fuhr er dann etwas ruhiger fort. �Es g�be auch niemanden, der mich vorbereiten k�nnte. Ich bin immer noch ein freier Mann.�</p><p>�Das klingt in deiner augenblicklichen Situation wenig �berzeugend�, meinte Marna. �Und obwohl ich deine Worte schon richtig verstanden habe, nehme ich sie dir nicht ab. Du bist nichts als ein Werkzeug, Skar, ein einf�ltiger Tor, dessen sich M�chte bedienen, von denen du nicht die geringste Ahnung hast.�</p><p>�Ach ja?�, h�hnte Skar. �Und was bist du dann? Ein Getriebener deiner Machtgel�ste? Ein Abenteurer, der sich der Satai f�r seine eigenen Zwecke bedient?�</p><p>Marna musterte ihn eine Weile schweigend und Skar glaubte schon, er w�rde seinen Rappen antreiben und sich von ihm absetzen, um die f�r ihn unerfreuliche Wendung als Anlass zu nehmen das Gespr�ch zu beenden. Doch zu seiner �berraschung ging der Wolfsgesichtige auf seine Worte ein.</p><p>�Es dr�ngt sich mir der Eindruck auf, dass du von mir und meinen Satai ein vollkommen falsches Bild hast�, sagte Marna ruhig. �Du glaubst, ich h�tte mir nur zum Zeitvertreib oder aus Gewinnsucht die heilige Position des <emphasis>Skarissa </emphasis>erk�mpft. Obwohl ich gar nicht leugnen will, dass es mir auch um meinen eigenen Vorteil geht, ist doch das Gegenteil der Fall. Seitdem du den Quorrl vor dreihundert Jahren den Floh ins Ohr gesetzt hast, sie k�nnten ihr Schicksal in die eigenen H�nde nehmen und seien nicht mehr an die Jahrtausende alten �berlieferungen gebunden, haben sie Enwor aus dem Gleichgewicht gebracht.�</p><p>�Den Eindruck hatte ich ganz und gar nicht�, sagte Skar, ohne darauf Bezug zu nehmen, dass die Quorrl fr�her oder sp�ter auch ohne sein Zutun das Joch ihrer angeblichen Vorsehung abgesch�ttelt h�tten. �Ich hatte eher das Gef�hl, sie w�rden von den Diggern selbst aus ihren angestammten Gebieten vertrieben und st�nden nun mit den R�cken an der Wand.�</p><p>�Die Digger sind ein Geschenk des Himmels�, sagte Marna ernsthaft. �Sie sind die Vorposten, an denen sich die Quorrl-Offensive bislang gebrochen hat - aber auch nur deshalb, weil wir Satai die Digger mit Waffen versorgen und sie �berall unterst�tzen, wo sich diese verfluchten Reptilien blicken lassen.�</p><p>�Und wie passen dann die Quorrl ins Bild, die f�r dich morden?�</p><p>Marna machte eine wegwerfende Handbewegung. �Sie sind Verb�ndete. Vergiss nicht, dass die Quorrl, anders als zu deiner Zeit, mittlerweile ganz offen in viele St�mme zerfallen sind. Einer dieser Stammesf�rsten ist mein Verb�ndeter.�</p><p>�Den du beseitigen wirst, wenn du die Quorrl geschlagen hast?�</p><p>�Wof�r h�ltst du uns, Skar�, schnappte Marna. �Wir sind Krieger und keine Meuchelm�rder. Ich zumindest stehe zu meinem Wort.�</p><p>�Ihr wollt Krieger sein und schlagt doch einfach los, ohne vorher alle Konsequenzen zu bedenken? Nein�, Skar sch�ttelte entschieden den Kopf, �das Gemetzel, das ihr unter den Quorrl anzurichten gedenkt, hat nichts mit Kriegskunst zu tun, das ist nicht viel besser, als eine Wirtshausschl�gerei vom Zaun zu brechen.�</p><p>�Du hast �berhaupt keine Ahnung�, sagte Marna s�uerlich. �Du tauchst hier auf und ma�t dir an �ber Dinge zu urteilen, von denen du nicht die geringste Ahnung hast. Die Quorrl sind eine Plage f�r ganz Enwor geworden. Etliche von ihnen haben sich in Positionen gedr�ngt, die ihnen nicht zustehen. Wei�t du, wer der Stadtkommandant von Ikne ist? Vielleicht ein Satai? Vielleicht ein Angeh�riger der alten Adelsgeschlechter? Nein, nat�rlich nicht: Es ist ein Quorrl!�</p><p>�Was ist daran so schlimm?�</p><p>�Was daran so schlimm ist, dass Quorrl unsere gewachsenen Strukturen unterwandern? Warum es unertr�glich ist, dass sie F�rsten vom Thron zu sto�en versuchen, um sich selbst als Herrscher aufzuschwingen - selbst �ber Menschen?!�</p><p>Skar schwieg einen Moment. Der Weg vor ihnen ver�nderte sich, wurde breiter, und gleichzeitig wich der Waldrand weiter zur�ck, als fl�he er vor der Betriebsamkeit auf der in seine Mitte geschlagenen Schneise. Es war kein wild wucherndes Unterholz mehr, das den Pferden immer wieder zwischen die Beine kam, sondern zartes, fast wie gestutzt aussehendes Buschwerk und dazwischen wilde Blumen, die in allen Farben leuchteten; ein rot-gelb-blaues Farbspiel, das selbst im Regen fr�hlich und unbeschwert wirkte.</p><p>Ob er nun wollte oder nicht: Marnas Worte stimmten ihn nachdenklich. Sicherlich, es war richtig, dass die Quorrl begonnen hatten, die jahrtausendealten und viel zu eingefahrenen Gleise zu verlassen, um neue Wege zu gehen. Aber es war auf der anderen Seite f�r die meisten Menschen wohl kaum ein Spa�, einem Herrscher zu dienen, der als geschuppter Gigant mit der K�rperkraft von vier ausgewachsenen M�nnern jeden menschlichen Konkurrenten von vornherein in die Schranken verweisen konnte und bei aufkommendem Murren seine eigene Garde von Reptilienkriegern aufziehen lie�. Es mochte sein, dass Quorrl-Herrscher nicht grausamer waren als so mancher menschliche F�rst - aber sie waren <emphasis>anders. </emphasis>Sie hatten kein instinktives Verst�ndnis f�r die Menschen und sie hatten keine S�hne und T�chter, die nach neuen und besseren Wegen suchten. Wie er es auch drehte und wendete: Quorrl waren Quorrl und es war nicht gut, wenn sie �ber Menschen herrschten - genauso wenig wie umgekehrt.</p><p>�Wie viele F�rstent�mer, wie viele St�dte stehen unter der Herrschaft der Quorrl?�, fragte er.</p><p>�Kein Einziges�, fauchte Marna. �Und solange ich lebe, wird es auch nicht dazu kommen. Aber es wird immer schwieriger, die Quorrl davon abzuhalten, den letzten Schritt zur Macht zu vollenden. Sie haben es geschickt angefangen: Zuerst verdingten sie sich als Leibw�chter, dann wurden Einzelne von ihnen zu Hauptm�nnern privater oder st�dtischer Garden berufen und danach schleusten sie immer mehr andere Quorrl ins Gef�ge ein. Sie haben sich damit Zeit gelassen: drei lange Jahrhunderte. Aber jetzt greifen sie nach der absoluten Macht, und wenn sie die erst erreicht haben, werden sie die reichen St�dte ausquetschen wie eine Zitrone, die Menschen ausbluten lassen und sie dann ihrem Schicksal �berlassen.�</p><p>�Sie haben also nichts anderes getan als wir Satai�, sagte Skar nachdenklich.</p><p>�Wir zerst�ren nicht das, was uns zu sch�tzen aufgetragen wurde�, sagte Marna eisig.</p><p>�Das haben, wenn ich dich recht verstanden habe, die Quorrl bislang auch noch nicht gemacht�, wandte Skar ein. �Wor�ber also regst du dich auf, Marna? Dass die Quorrl etwas tun k�nnten, was die Satai bislang fast immer vermieden haben, n�mlich nach der Krone oder dem Herrschaftszeichen von St�dten und L�ndereien zu greifen - aus Klugheit und Eigennutz, wohlgemerkt, und nicht aus reiner Menschlichkeit? Und was glaubst du, was sie sind: Dummk�pfe? K�nnte es nicht sogar sein, dass sie eine ganz �hnliche Strategie verfolgen wie die Satai, dass sie die Kuh hegen und pflegen werden, die sie melken wollen?�</p><p>�Es k�nnte vieles sein�, erwiderte Marna m�rrisch. �Aber fest steht, dass ich ihnen das R�ckgrat brechen werde, damit sie uns nicht in die Quere kommen.�</p><p>�Na, dann viel Spa� dabei�, knurrte Skar, w�hrend er das dachte, was Kama ihnen gesagt hatte: dass die Quorrl die wertvollsten Verb�ndeten der Menschen seien, w�hrend die eigentliche Gefahr von den Diggern ausginge. �Ich f�rchte allerdings, es wird sich als Bumerang erweisen, wenn du die Quorrl dezimierst und den Rest in die Sklaverei f�hrst.�</p><p>�Sklaverei?� Der Satai mit der Wolfsmaske sch�ttelte den Kopf. �Von was f�r einer Sklaverei sprichst du? Die Quorrl waren schon immer eine Horde mordender und brandschatzender Banditen und es wird Zeit, ihnen endg�ltig das Handwerk zu legen.� Er richtete sich ein St�ck weiter in seinem Sattel auf und stie� fast triumphierend hervor: �Es wird ein Reservat geben, in dem wir eine begrenzte Anzahl dieser Monster �berleben lassen. Schon allein als Abschreckung: damit die Menschheit wei�, wie sehr sie uns Satai braucht - die Quorrl k�nnten schlie�lich wieder ausbrechen und Enwor erneut verw�sten, wenn wir nicht auf sie aufpassen.�</p><p>Skar starrte ihn fassungslos an. �Wei� dein verb�ndeter Quorrl-F�hrer, dass ihm das Schicksal eines Reservatsleiters bevorsteht?�</p><p>�Das wei� er nicht, weil es ihn ja auch nicht trifft�, knurrte Marna. �Es gibt immer eine Ausnahme. Hauptsache, die Quorrl-Gefahr als solche ist gebannt.�</p><p>�Und die Digger sind die Krone der Sch�pfung, dazu auserw�hlt, Marnas Richtspruch zu vollstrecken�, spottete Skar. �Mach dich doch nicht l�cherlich, <emphasis>Skarissa. </emphasis>Die Digger sind eine viel gr��ere Gefahr f�r Enwor, als es die Quorrl je werden k�nnten.�</p><p>Marna drehte seinen Kopf genau in seine Richtung, und als er weitersprach, klang seine Stimme so eiskalt, dass sie jede Menschlichkeit verloren hatte. �Du bist verwirrt, Skar. Etwas ist in deinen Geist eingedrungen und l�sst dich Dinge sagen und vor allem <emphasis>tun, </emphasis>die uns alle ins Verderben st�rzen k�nnten, wenn ich dich nur lie�e.�</p><p>�Was soll ein einziger Mensch schon gegen dich und deine Quorrl-Freunde ausrichten?�, fragte Skar ver�chtlich. �Ich habe keine Armee und keinen R�ckhalt auf dieser Welt.�</p><p>�Oh doch, den hast du�, sagte Marna. �Du hast einen gewaltigen R�ckhalt, weil wir Satai dich wider besseren Wissens in den Himmel gelobt haben. Wir brauchten eine Identifikationsfigur, um unsere Ideen weiterzutragen. Ich f�rchte, wir haben schlecht gew�hlt, als wir dich dazu auserkoren haben. Aber es konnte ja niemand ahnen, dass dieses Gerede von deiner Wiederkunft tats�chlich wahr werden k�nnte.�</p><p>�Wo wir schon gerade dabei sind: Wieso bist du dir so sicher, dass ich wirklich Skar bin - und nicht irgendein dahergelaufener Betr�ger. Schlie�lich entspricht es nicht gerade der menschlichen Erfahrung, dass ein Toter nach ein paar Jahrhunderten wieder aufersteht.�</p><p>Marna stie� ein hartes, metallisches Lachen aus. �Das ist hart, Skar�, sagte er dann. �Aber wenn du es nicht selber wei�t: Von mir wirst du dazu nicht mehr erfahren.�</p><p>Er stie� einen schnalzenden Laut aus und sprengte ohne ein weiteres Wort davon.</p></section><section><title><p id="_03_08">3.8</p></title><p>F�r einen Moment hatte Skar Schwierigkeiten die Ver�nderung der Landschaft in ihrer ganzen Tiefe zu begreifen, zu verstehen, dass der graue, d�stere und wenig einladende Wald nicht nur kurzfristig von ein paar bunten Blumen und ebenm��ig gewachsenem Buschwerk aufgelockert wurde, sondern dass sich etwas Wesentliches ver�ndert hatte und dass optimistische Farbenpracht und prachtvolle Gew�chse hier so selbstverst�ndlich waren wie noch kurz zuvor das eint�nige Braun und Gr�n einer tristen Monokultur. Sie waren dem jetzt breiten und gut ausgebauten Weg auf den Kamm eines d�nn bewaldeten H�gels gefolgt, hinein in einen vollkommen ver�nderten und immer lieblicher anmutenden Landstrich, in dem Laub- und Nadelb�ume harmonisch nebeneinander wuchsen wie zwei befreundete V�lker und in dem eine erstaunliche Vielzahl von Blumen, Farnen und Pilzen ebenso zum Bild geh�rte wie sirrende Insekten, die haupts�chlich damit besch�ftigt zu sein schienen, die verschiedenen Pflanzen zu best�uben.</p><p>Skars rechte Hand hatte es mittlerweile geschafft, sich immer weiter nach hinten zu schieben, an die Stelle, an der in seinem G�rtel das Messer steckte, das Esanna nicht wieder hatte zur�cknehmen wollen angesichts des Quorrls, den er mit einem entschlossenen Schnitt in seine Halsschlagader von seinem Leiden befreit hatte. Jetzt war er froh dar�ber, dass Esanna in diesem Moment so emotional reagiert hatte. Der Quorrl, der ihn grob und voll unverhohlener Wut entwaffnet hatte, hatte ihn nicht gr�ndlich abgetastet, sondern es dabei belassen, ihm nach der Entwaffnung einen kr�ftigen Hieb gegen die Brust zu verpassen, der ihm die Luft aus den Lungen geschlagen hatte.</p><p>Das war Gl�ck gewesen. Ein noch gr��eres Gl�ck war, dass es ihm jetzt tats�chlich gelang, Esannas Messer aus der versteckten Position zu ziehen und unbemerkt nach vorne zu bringen. Er wusste, dass er sich beeilen musste; der Regen hatte bereits nachgelassen und die Sicht wurde zunehmend besser - wodurch auch die Gefahr bestand, dass einer der ihn umgebenden Reiter auf seinen Befreiungsversuch aufmerksam wurde. Er drehte das Messer, sodass die Klinge auf seine Handfesseln zielte, und schrappte so lange �ber die Lederfesseln, bis das Material genug eingekerbt war, um es sp�ter mit einem Ruck durchtrennen zu k�nnen. Erst danach lie� er sein Messer unterhalb des Sattelknaufs verschwinden; ein aufmerksamer Beobachter w�rde es dort vielleicht entdecken, aber er ging davon aus, dass niemand eine Waffe bei ihm vermutete.</p><p>Offensichtlich kamen sie ihrem Ziel immer n�her: Der Weg war einem regelrechten, durch Schottersteine halbwegs befestigten Fahrweg gewichen, der sich im Gegensatz zu dem bisherigen verschlammten Weg auch bei schlechtem Wetter von Gespannen nutzen lassen w�rde. Am Wegesrand folgten mehrere Lichtungen aufeinander mit relativ frisch gehauenen Baumst�mpfen oder jungen Spr�sslingen, die davon zeugten, dass hier geplant Forstwirtschaft betrieben wurde. Bevor sich Skar eine Hypothese zurechtlegen konnte, auf welche Stadt oder welches F�rstentum sie wohl zuhielten, hatten sie auch schon den Scheitelpunkt des Kamms erreicht und die Pferde liefen so leicht und befreit, als w�rden sie bereits die Weide wittern, auf der sie sich von den Strapazen des z�gigen Ritts erholen konnten.</p><p>Als Skar �ber den R�cken des vor ihm reitenden Quorrl einen Blick auf das �berw�ltigende Tal vor ihnen erhaschen konnte, verstand er die Vorfreude der Pferde. Wie von einem gigantischen Daumen in die umliegende H�gellandschaft hineingedr�ckt lag eine liebliche Landschaft vor ihnen: Neben r�tlich gef�rbtem Gestein am Wegesrand, das sich in ein Feld metallisch gl�nzender Kiesel hineingegraben hatte, wucherten wild wachsendes Korn, hohe Gr�ser, gelbgr�ne B�sche und kleinere, kr�ftig aussehende B�ume unterschiedlicher Arten, die sich weit hinabzogen in den Talgrund und dort mit kleineren und gr��eren G�rten und quadratisch angelegten Feldern verschmolzen. Der Quorrl vor ihm schob sich viel zu schnell wieder in sein Blickfeld, um die Geb�ude genauer erkennen zu k�nnen, die im Zentrum des Tals gleicherma�en ausgewogen wie imposant aufragten, aber Skar hatte einen fl�chtigen Eindruck von r�tlichen, goldenen Farben, geschwungenen D�chern und verspielten Verzierungen, die sich harmonisch erg�nzten. Eine Festung war das nicht und schon gar nicht ein Dorf oder eine Stadt. Wo, zum Teufel, schleppte ihn Marna hin? Er brauchte nicht lange auf eine Antwort zu warten.</p><p>Marna hatte sich ein paar Pferdel�ngen vor ihn gesetzt; jetzt lie� er sich zur�ckfallen und war schon wenige Sekunden sp�ter neben Skar.</p><p>�Wir sind gleich da�, sagte er k�hl. �Ich gebe dir einen guten Rat: Halte dich zur�ck beim Einreiten. Ich lasse dich t�ten, wenn du auch nur eine falsche Bewegung machst. Ganz zu schweigen von dem M�dchen und dem Nahrak.�</p><p>�Was f�r eine falsche Bewegung sollte ich denn machen?�, knurrte Skar. �Ich bin gefesselt und inmitten einer halben Hundertschaft Quorrl. Kaum die richtige Voraussetzung, um dir die Kehle durchzuschneiden.�</p><p>Marna lachte sein hartes, falsches und unglaublich metallisch klingendes Lachen. �Du hast das ungehobelte Benehmen eines Fischgesichts, Ahnherr aller Satai�, sagte er. �Was allerdings keinen Unterschied macht. Denn niemand wei�, wer du bist.�</p><p>�Woher willst du dir dann sicher sein, dass ausgerechnet ich der Ahnherr deiner Satai bin?�</p><p>�Der Nahrak war gespr�chig�, sagte Marna nachdenklich. �Auch wenn wir etwas nachhelfen mussten ...�</p><p>�Aber das ist nicht alles�, vermutete Skar. �Du hattest mich sowieso schon erwartet.�</p><p>�Nat�rlich ist das nicht alles�, sagte Marna �rgerlich. �Ich habe lange nach dem Original des <emphasis>Elften Buches </emphasis>suchen m�ssen, um zu verhindern, dass es in die falschen H�nde f�llt.� Er gab sich einen Ruck und sch�ttelte dann den Kopf. �Aber das ist jetzt, nachdem es wieder an seinem angestammten Platz ist, nicht mehr wichtig.�</p><p>Skar versuchte hinter den schmalen Sehschlitzen der Wolfsmaske eine Regung zu erkennen. �Was hat es denn mit diesem <emphasis>Elften Buch </emphasis>auf sich?�</p><p>�Nichts�, sagte Marna. �Rein gar nichts. Jedenfalls nichts, was dich interessieren m�sste ...�</p><p>�Au�er, dass es mein Schicksal beschreibt? Au�er, dass du dringend danach gesucht hast, weil du dir aus ihm wichtige Hinweise erhofft hast - so wichtige Hinweise, dass du dich pers�nlich zum Fall am Ninga begeben hast, um dieses Buch aufzutreiben? Sonst nichts?�</p><p>�Sonst nichts�, sagte Marna schroff. �Alles Weitere werden wir im Tempel besprechen.�</p><p>Er wollte sein Pferd antreiben, aber Skar hatte nicht vor es soweit kommen zu lassen. �Auf ein Wort noch, <emphasis>Skarissa�, </emphasis>sagte er. �Was genau hast du mit mir vor? Willst du mich t�ten lassen? Oder hast du vor mich als heimliches Pfand jahrelang in einem Kerker verrotten zu lassen?�</p><p>Der Satai gab seinem Rappen mit einem kurzen Ruck am reich verzierten Lederhalfter zu verstehen, dass er sein Tempo nicht beschleunigen sollte. Hinter der Goldmaske war keine Regung erkennbar, aber Skar hatte dennoch das Gef�hl, dass Marna die Frage unangenehm war. Er lie� sich lange Zeit mit einer Antwort und Skar sp�rte eine Erregung in sich wachsen, die ihm bis zum Halse schlug. Er konnte nur hoffen, dass dem Anf�hrer der Satai seine Nervosit�t verborgen blieb.</p><p>�Ob ich dich t�ten lassen will?�, fragte Marna. �Was f�r eine Frage. Selbstverst�ndlich will ich das. Du bist und bleibst ein unkalkulierbarer Risikofaktor ...�</p><p>�Selbst dann, wenn ich deine Quorrl-Politik in gewissen Punkten billigen und unterst�tzen w�rde?�</p><p>�Selbst dann�, antwortete Marna eisig. �Ich kann niemanden neben mir dulden und ich brauche schon gar keinen Verb�ndeten, der mit mir �ber grundlegende Entscheidungen <emphasis>diskutieren </emphasis>will. Was ich brauche, sind Gehorsam und Umsetzungskraft.�</p><p>�Ist das dein letztes Wort?�, fragte Skar, w�hrend er seine Unterarmmuskeln anspannte. Er wusste, dass er nur diesen einen Versuch haben w�rde - und dass er sich gut �berlegen musste, ob er ihn �berhaupt wagen sollte. Deshalb und nur deshalb war er bereit seine Aktion von der Antwort Skarissa Marnas abh�ngig zu machen.</p><p>�Selbstverst�ndlich ist das mein letztes Wort�, sagte Marna gereizt. �Und sei gewiss: Dein Schicksal wird sich am Tempel der Andersgl�ubigen entscheiden ...�</p><p>Skar warf einen raschen Blick nach vorne: Durch die Quorrl hindurch konnte er bereits die ersten Umrisse der Tempel erkennen, von denen Marna gesprochen hatte, goldene Verzierungen auf roten D�chern mit merkw�rdigen runden, rohrf�rmigen Ziegeln und fein ziseliertem Schnitzwerk, feucht vom Regen und gl�nzend im schwachen Licht der Sonne, die ihre Strahlen durch immer noch dicke Wolken schickte ... hier sollte sich sein Schicksal entscheiden? Aber nicht durch eine fremde Hand.</p><p>�Genug der Worte�, sagte Marna. �Ich habe dir sowieso schon viel zu viel erkl�rt. Aber andererseits ... du sollst doch zumindest wissen, dass dein Tod nicht umsonst ist!� Das gab den Ausschlag. Skar spannte seine Muskeln an - und diesmal riss der Lederriemen. Mit einer blitzschnellen Bewegung griff Skar Esannas Messer und schnellte nach links: Sein Arm schoss mit der Geschwindigkeit eines abgeschossenen Pfeils auf <emphasis>Skarissa </emphasis>Marna zu, packte den Satai und riss ihn an sich heran, w�hrend seine rechte Hand ihm Esannas Klinge an die Kehle setzte, direkt unter dem Ansatz des l�cherlichen goldenen Helms.</p><p>Marna erkannte sofort die Ausweglosigkeit seiner Lage und versuchte erst gar nicht sich zu wehren. �Alle Achtung�, kr�chzte er. �Man hat sich nicht zu viel von dir erz�hlt.�</p><p>Skar hielt ihn mit so festem Griff umklammert, dass die beiden Pferde aneinander gedr�ckt wurden und die Sattelschlaufen aneinander rieben. Sein Herz raste und seine Gedanken �berschlugen sich; er war sich durchaus bewusst, dass ihm das Schwierigste noch bevorstand: Esanna und Kama freizupressen und dann mit Marna als Geisel von hier zu verschwinden.</p><p>Die hinter ihnen reitenden Quorrl schlossen auf, die vor ihnen reitenden verlangsamten das Tempo und von einem Moment auf den anderen sah sich Skar eingequetscht von Pferdeleibern und gigantischen Gestalten, die ihre Zackenschwerter in Angriffsposition hielten und keinesfalls so aussahen, als w�rden sie ihre Attacke auf die lange Bank schieben.</p><p>�Nicht!�, schrie Marna. �Weg! Weg! Ich regle das schon selber.�</p><p>Einer der Quorrl dr�ngte sein Pferd drohend an das von Skar und seine linke Klauenhand streckte sich vor, schloss sich um sein Bein und dr�ckte unbarmherzig zu; Skar hatte das Gef�hl, er wollte ihm bei lebendigem Leib das Bein vom K�rper rei�en. �Gib auf�, knurrte der Quorrl und es klang wie das Knurren eines Bergl�wen, kurz bevor er zum t�dlichen Sprung ansetzte.</p><p>Skar tat gar nichts. Er wandte lediglich den Kopf und erwiderte den Blick des Quorrl, starrte in die kalten, ausdruckslosen Reptilienaugen und fragte sich, was in diesem Krieger wohl vorgehen w�rde, wenn er jetzt Marnas Kehle mit einem sauberen Schnitt durchtrennte und er ihm den Kopf des <emphasis>Skarissas </emphasis>entgegenschleudern w�rde.</p><p>�Nein. Ihr sollt gar nichts!� Marna winkte mit der freien linken Hand; die Rechte hatte Skar durch seinen festen Griff gleich mit eingeklemmt. �Weg mit euch! Kommt uns nicht zu nahe! Ich habe die Sache im Griff.�</p><p>Einen f�rchterlichen Augenblick lang sah es so aus, als ob sich die Quorrl einen Dreck um seinen Befehl scheren und sich auf Skar st�rzen w�rden, gleichg�ltig, was dann mit Marna passieren mochte - so viel zu der Bemerkung, dass <emphasis>Skarissa </emphasis>Marna die Situation im Griff hatte - und Skar ritzte den Hals des Wolfsgesichtigen ein ganz kleines bisschen, aber tief genug, dass ein paar Blutstropfen �ber den Ansatz seines hochgeschlossenen Umhangs spritzten.</p><p>In diesem Moment waren die beiden h�nenhaften Leibw�chter Marnas heran. Zuerst f�rchtete Skar, sie w�rden mit ihren erhobenen Schwertern auf ihn zust�rmen, um ihn ohne R�cksicht auf Marnas Leben niederzumachen. Doch dann begriff er, dass sie genau das Gegenteil vorhatten. �Weg!�, br�llte einer von ihnen. �Weg, hat euch <emphasis>Skarissa </emphasis>Marna befohlen!�</p><p>Die Quorrl z�gerten, doch dann wichen sie, immer noch in den Tross der Reiter eingebunden, widerwillig ein St�ck zur Seite. Skar atmete auf, obwohl er wusste, dass es zu fr�h war, um so etwas wie Triumph zu empfinden: Die Situation stand im wahrsten Sinne des Wortes auf Messers Schneide und eine einzige falsche Reaktion, eine hastige Bewegung oder eine un�berlegte Geste konnten dazu f�hren, dass das ganze labile Gleichgewicht kippte und sich die Quorrl wie auch die Leibw�chter auf ihn st�rzten: gleichg�ltig, was dann mit ihrem Anf�hrer geschah.</p><p>�Was willst du von mir?�, stie� Marna hervor. �Freies Geleit? Deine Freunde mitnehmen ...�</p><p>Er kam nicht mehr dazu, seinen Satz zu beenden. Ein Rauschen erklang, ein gewaltiges Fl�gelschlagen in das sich ein Furcht erregendes Fauchen mischte und etwas Gigantisches, in vielf�ltigen Gr�nt�nen Gl�nzendes, st�rzte sich aus dem Himmel auf sie herab, getragen von gewaltigen ledernen Schwingen, mit vorgestreckten Klauen und einem weit aufgerissenen, gigantischen Gebiss; die H�lle selbst schien zum Leben erwacht zu sein und diese Kreatur ausgespuckt zu haben und Skar h�tte gleichzeitig lachen wie auch wild aufschreien k�nnen, denn es war ein so unerwarteter und grauenvoller, aber gleichzeitig auch hoffnungsvoller Anblick, dass er im selben Moment tiefes Grauen wie auch grenzenlose Erleichterung empfand.</p><p>Der <emphasis>Frarr </emphasis>drehte kurz vor ihm ab und zog wieder ein St�ck hoch. Der begleitende Luftzug war so gewaltig, dass er an Skar, Marna und den sie umgebenden Reitern vorbeifegte wie der Ausl�ufer eines Orkans und sie sich nur mit M�he in ihren S�tteln halten konnten. Die meisten Pferde scheuten und innerhalb weniger Sekunden brach ein vollst�ndiger Tumult aus; zwei, drei Pferde gingen durch und pl�tzlich beschleunigte der gesamte Trupp, teils angetrieben von einzelnen Reitern, die dem Furcht erregenden Drachen so schnell wie m�glich zu entkommen trachteten, teils auch unfreiwillig, weil einige Quorrl und Satai kurzfristig die Kontrolle �ber ihre Tiere verloren hatten.</p><p>Marna versuchte die Situation zu nutzen, um sich zu befreien. Er warf den Kopf nach hinten und trat gleichzeitig mit seiner rechten Ferse in den Braunen - ungeachtet der Gefahr Skar damit zu einer schnellen Reaktion zu veranlassen, die ihn selbst das Leben kosten mochte. Aber er hatte Skar wohl richtig eingesch�tzt: Statt das Leben des Goldbehelmten mit einem schnellen Messerschnitt zu beenden, versuchte er gleichzeitig sein Pferd zu beruhigen und <emphasis>Skarissa </emphasis>Marna weiter fest zu umklammern. Der Wolfsgesichtige schrie auf, als Skar so fest zudr�ckte, dass er ihm durch den Brustharnisch beinahe die Rippen brach, aber er gab nicht nach.</p><p>Skars Brauner preschte all seinen Bem�hungen zum Trotz pl�tzlich los, w�hrend Marnas Rappe gleichzeitig einen Ausfallschritt machte und zur Seite t�nzelte. Einen schrecklichen Augenblick hing Skar beinahe in der Luft; seine K�rperkraft gen�gte nicht, um beide Pferde zu synchronen Bewegungen zu zwingen: Also blieb ihm nichts anderes �brig, als sich f�r eines der beiden Tiere zu entscheiden. Mit aller Kraft riss er Marna aus dem Sattel und zu sich her�ber, w�hrend er sich gleichzeitig nach rechts warf und damit ihrer beider Gewicht so gut es ging austarierte.</p><p>Der Wolfsgesichtige strampelte wild mit Armen und Beinen und in einer anderen Situation h�tte Skar angesichts dieser l�cherlichen Befreiungsversuche wahrscheinlich laut aufgelacht. Doch so war er nur vollauf damit besch�ftigt, sich auf dem durchgehenden Pferd festzuklammern, w�hrend er hinter ein paar Quorrl herpreschte, die gleich ihm ihre Tiere nicht mehr unter Kontrolle hatten. In diesem Moment kehrte der Drache zur�ck und spuckte Flammen und t�dliche Hitze wie ein h�llisches Bombardement, das ohne Unterschied und gleicherma�en auf sie alle niederzuckte, so als wollte der Frarr sie alle auf einmal ausl�schen.</p><p>Und das war erst der Anfang.</p><p>Ein paar beherzte Krieger rissen Bogen oder Armbr�ste hervor, spannten ihre Waffen und gaben ein paar hastige Sch�sse ab. Die Pfeile und Bolzen jagten der Flugechse entgegen wie eine Insektenschar, die Ziel und Orientierung verloren hatte, und prasselten weit hinter dem Frarr zu Boden, als dieser bereits �ber ihren K�pfen vorbeigedonnert war. Mit heftigen Schl�gen seiner gewaltigen Fl�gel sauste der Drache auf die Nachhut der Reitergruppe zu, als wollte er sie in Grund und Boden stampfen; erst kurz vor ihnen zog er wieder ein St�ck hoch, doch nur so weit, dass die ledernen Schwingen in H�he der Pferdek�pfe �ber die Reiter schrammten und ein paar Quorrl aus dem Sattel gehoben wurden und krachend zu Boden st�rzten.</p><p>Wer nicht das Gl�ck wie Skar hatte, schon weit genug vom Ort der Zerst�rung entfernt zu sein, sprang freiwillig ab und eilte in den tr�gerischen Schutz der wenigen B�ume am Wegesrand. Waffen wurden gezogen, Bogen gespannt, Armbr�ste schussfertig gemacht und Kommandos gebr�llt, doch dann war der Drache auch schon wieder heran, geschuppt und gigantisch und mit rot leuchtenden, b�sen Augen, eine tobende Bestie, deren wuchtiger, peitschenschneller Schwanz ein paar herrenlose Pferde beiseite wischte, als w�ren sie l�stiges Ungeziefer. In das schrille Aufjaulen der gepeinigten Tiere, das Schreien der Sterbenden und Verwundeten mischte sich ein neuer, furchtbarer Laut, kein Fauchen mehr, sondern ein Grollen wie das eines Sturmes, der m�helos gegen ein Haus anrennt und es zusammenst�rzen l�sst...</p><p>Ein glei�ender Blitz zerriss den Tag und f�r die Dauer eines Lidschlags spiegelte sich das grausame Licht in Marnas Goldmaske und verlieh seinem Wolfsgesicht das Aussehen eines zornigen Gottes, der mit h�llischem Feuer versuchte das Unabwendbare zur�ckzuweisen; aber es war nicht Marna, der �ber solcherart gewaltige Kr�fte verf�gte, sondern der Drache, der mit einer Feuersbrunst �ber sie herkam, die nichts Vergleichbares kannte und so unfassbar war wie das <emphasis>Khta�m </emphasis>in seinen grausamen wie bedrohlichen Manifestationen - aber kein bisschen weniger t�dlich.</p><p>B�ume und Unterholz zerbarsten oder knickten um, als h�tten Riesenf�uste auf sie eingeschlagen, regelrechte Explosionen ersch�tterten getroffene Menschen und Tiere und ein Quorrl, der dicht hinter Skar hergesprengt war, brach mit schwelender Kleidung in seinem Sattel zusammen, Gesicht und H�nde furchtbar verbrannt und von z�ngelnden Flammen zerrissen. Skar glaubte fl�ssiges Feuer zu atmen. Die Hitzewelle fra� sich in seine Haut, als ob sie ihn bei lebendigem Leib verbrennen wollte, doch das Pferd jagte in riesigen S�tzen weiter, weg von der wabernden Wand aus Hitze und den alles verschlingenden Flammen. Das Gesicht eine Maske aus Grauen und Schmerz, die Kleider versengt und sein Haar schwelend, sp�rte Skar einen zweiten Schlag unbarmherziger Hitze, der ihn fast aus dem Sattel fegte und ihm Tr�nen des Schmerzes in die Augen trieb. �berall waren Feuer, Schreie und schwarze, brennende Dinge, die sich sein Bewusstsein weigerte, als das zu erkennen, was sie waren: reiterlose Pferde, die blind vor Angst und Schmerz hin und her liefen, Krieger, die verletzt waren oder denen der Schrecken den Verstand geraubt hatte.</p><p>Es h�tte der Todeskampf der Welt sein k�nnen oder deren wahnsinnig �bersteigerte Ver�nderung von einem gewaltt�tigen, aber halbwegs strukturierten Ganzen zum v�lligen Chaos; die Grenze zwischen Gut und B�se endg�ltig aufgesprengt, die Menschen hinausgesto�en in einen zerrissenen Wirbel widerspr�chlicher, sinnloser Handlungen, die alle nur eins bedeuteten: Untergang und Vernichtung. Ein flatternder Wechsel zwischen sengenden Feuerst��en und rasenden Hitzewellen, zwischen bizarren Farbwirbeln und grotesken Mustern, bunten Kreisen, die sich aufl�sten und, Sonneneruptionen �hnlich, wilde Formen hinausschleuderten in eine bizarre Welt aus Licht und Bewegung, durch die der Feuer speiende Drache zog, unbekannten Regeln folgend auf einer verwirrenden Flugbahn, die jeden Ansatz zur Gegenwehr im Keim erstickte.</p><p>Skars Brauner hatte sich bislang auf den Beinen halten k�nnen und galoppierte jetzt mit weit ausgreifenden S�tzen weiter in Richtung der geschwungenen, fast spielerisch verzierten D�cher, deren Fr�hlichkeit in krassem Gegensatz stand zu dem Entsetzen, das im Tal Einzug gehalten hatte. Flammen und Rauch verwandelten den Weg zum Tempel in ein Kaleidoskop des Todes; die Flammenwirbel schienen an dutzenden von Stellen gleichzeitig Nahrung zu finden und mit feurigen Armen nach ihm zu greifen, und in seinen Ohren gellten die Todesschreie der Quorrl, Satai und Tiere, die rings um ihn starben, aber er jagte weiter und hielt Marna dabei reflexartig umklammert, nur beseelt von dem Gedanken so schnell wie m�glich dem feurigen Odem der Riesenechse zu entkommen und zu sehen, ob er irgendwo weiter vorne auf Esanna und Kama stie�, die zurzeit des Angriffs im Tross weit vor ihm geritten waren.</p><p>Vor ihnen tauchte pl�tzlich ein dunkler Schatten auf, ein verletzter Quorrl, der auf H�nden und F��en von dem Grauen wegzukrauchen versuchte und ihnen dabei, wohl blind vor Schmerz, in die Quere kam. Das Pferd versuchte das Hindernis zu �berspringen, schaffte es aber nicht; seine Hinterl�ufe erwischten den verletzten Reptilienkrieger und schleuderten ihn zur Seite. Skar lie� instinktiv Marna los und stie� sich ab; er machte eine Rolle �ber den Pferdehals und schlug auf dem Boden auf, als der Braune selber auch bereits durch die Luft flog und weitaus weniger elegant neben ihm auf den Boden knallte.</p><p>Ein, zwei Sekunden blieb Skar wie benommen liegen. Dann rappelte er sich m�hsam hoch und starrte voller Entsetzen auf die Szene, die sich dort abspielte, wo er noch kurz zuvor gewesen war.</p><p>Die w�tende Echse hatte zu einem neuen Angriff angesetzt, spie sengende Hitze und flammenden Tod. Eine Feuers�ule schoss zwischen den Reitern empor, die es nicht rechtzeitig geschafft hatten, sich in Sicherheit zu bringen, dr�ckte Pferdeleiber mit Urgewalt auseinander und versengte, was sich ihr in den Weg stellte, schleuderte �ste, Buschwerk und dunkle, verst�mmelte K�rper wie Spielzeuge durch die Luft, verbrannte sie mit ihrem Flammenatem, ehe sie hart auf dem Boden aufschlugen. Die Druckwelle raste weiter, wischte Menschen, Quorrl und Tiere m�helos beiseite, bis ihre Ausl�ufer wie der Atem eines zornigen Feuergottes �ber ihn hinwegfegte.</p><p>Skar rutschte gerade noch rechtzeitig in den Schutz des zuckenden Pferdeleibs, um der Wucht der Feuerwelle zu entgehen, und obwohl er instinktiv die H�nde vors Gesicht riss, sp�rte er, wie die Hitze seine Haut versengte. Rings um ihn herum verwandelte sich der Weg und das angrenzende Buschwerk in ein Chaos aus zusammenbrechenden Tieren und M�nnern und Schreien, und die Luft kochte und stank pl�tzlich nach verschmortem Fleisch und brennendem Haar. Das Gellen der Schmerz- und Schreckensschreie steigerte sich zu einem f�rchterlichen Crescendo und Skar starrte fassungslos auf mehrere Quorrl, die mit brennender Kleidung direkt auf ihn zust�rmten und blind vor Schmerz und Panik an ihm vorbeijagten, ohne �berhaupt Notiz von ihm zu nehmen.</p><p>Es war unglaublich. Er hatte so etwas noch nicht erlebt. Mit zitternden H�nden dr�ckte er sich vom Boden ab und sprang zu Marna hin�ber, der auf der anderen Seite seines schwer verletzten Braunen zu Boden gest�rzt war. Der Wolfsgesichtige schien ohne Bewusstsein zu sein, aber er lebte. Seine Brust hob und senkte sich in schnellen, ungleichm��igen St��en und als er ihn auf den R�cken w�lzte, sp�rte er die Hitze, die von seiner metallenen Maske abstrahlte.</p><p>Hastig suchte Skar nach dem Verschluss der Wolfsmaske. Er konnte nicht behaupten, dass ihm an diesem Satai-Oberhaupt besonders viel lag, aber andererseits war dieser Mann zu wichtig, um ihn sich durch seine aufgeheizte Maske das Gesicht verbrennen zu lassen.</p><p>Marna b�umte sich auf und riss mit einem verzweifelten Ruck seine H�nde zur�ck. �Nicht�, st�hnte er, aber es klang mehr wie ein Reflex als wie ein bewusster Protest.</p><p>In diesem Moment hatte Skar bereits den Verschluss gefunden: einen goldenen Riegel, der zwei Lederb�nder zusammenhielt. Er warf einen fl�chtigen Blick auf den Himmel und atmete erleichtert auf; im Augenblick war nichts von dem Frarr zu sehen. Trotzdem ahnte er, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, wollte er dem n�chsten Angriff rechtzeitig entgehen.</p><p>�Nicht�, st�hnte Marna noch einmal. Aber seine Abwehrbewegung war so schwach, dass Skar sie nicht einmal beachtete, als er nun endlich den Helm l�ste. Trotz des Entsetzens, das ihn nach wie vor gepackt hielt, war er doch auch voller Neugierde und gespannter Erwartung: Er wollte endlich wissen, wie Marna aussah.</p><p>Als er den fast gl�hend hei�en Helm ablegte, weigerte er sich einen Herzschlag lang zu begreifen, was er da sah; der Anblick kam zu unerwartet. Fassungslos starrte er in mandelf�rmige, dunkle Augen und ein ebenm��iges, noch erstaunlich junges Gesicht.</p><p>Marna war kein Mann.</p><p>Marna war eine Frau.</p></section><section><title><p id="_03_09">3.9</p></title><p>�Skarissa�, stie� Skar abf�llig hervor. �Ich h�tte mir denken k�nnen, dass mit dir etwas nicht stimmt.�</p><p>�Na und�, fauchte Marna. �ber ihr Gesicht lief Blut und auf ihrer Stirn gl�nzte eine gro�e, leuchtende Brandblase - aber sie schien das noch nicht einmal zu bemerken. �Ist es vielleicht Frauen nicht gestattet die Satai von Erfolg zu Erfolg zu f�hren?�</p><p>�Wenn das hier ein Erfolg sein soll�, sagte Skar bitter und deutete hinter sich in das brennende Chaos, auf die wabernde Wand aus Hitze und alles verschlingenden Flammen, �dann m�chte ich nicht wissen, was f�r dich ein Misserfolg ist.�</p><p>Er packte sie an der Schulter und riss sie hoch. �Und jetzt komm mit�, sagte er grob. �Wir haben keine Zeit zu verlieren.�</p><p>�Lass mich los�, fauchte sie und es stand nichts als Trotz in ihrem Gesicht geschrieben - bis sie sich von ihm losmachte und umdrehte. Ihr Gesicht verwandelte sich von einem Moment auf den anderen in eine Grimasse aus Schrecken und Furcht. �Oh mein Gott�, stammelte sie vollkommen fassungslos angesichts des Grauens und der Zerst�rung, die der <emphasis>Frarr </emphasis>mit seinen wenigen Angriffen angerichtet hatte. �Bei allen G�ttern. Ich dachte, das <emphasis>Elfte Buch </emphasis>�bertreibt...� Ihre Stimme zitterte und zum ersten Mal, seit Skar die Herrscherin der Satai kennen gelernt hatte, glaubte er eine Spur echter Furcht in ihren Augen zu erkennen.</p><p>�Was hat dieses verfluchte Buch damit zu tun?�, schrie Skar sie an. Er packte sie an den Schultern und sch�ttelte sie. �Rede, verdammt noch mal!�</p><p>Ein lautloses Zittern schien durch den gold gewebten Stoff ihrer Kleidung und den blutrot getr�nkten Brustharnisch zu flie�en, wie das Beben eines verwundeten Tieres, das den Schmerz absch�ttelt und sich wieder aufrichtet. �Es ist wahr ... Es ist alles wahr�, stammelte sie, �das Buch ist tats�chlich der Schl�ssel zu allem.�</p><p>Ihr Gesicht lag im Schatten seines drohend vorgebeugten Oberk�rpers und war nicht mehr als eine konturlose wei�e Fl�che, in der nur die Augen wie zwei matte Kristalle aufblitzten, und trotzdem glaubte Skar in ihnen eine solche Fassungslosigkeit zu erkennen, dass es ihn selbst schauderte.</p><p>�Wo ist dieses Buch?�, keuchte Skar. Er unterstrich seine hastigen Worte mit einer befehlenden, schnelle Geste. �Wo zum Teufel ist das <emphasis>Elfte Buch!�</emphasis></p><p>Marnas mandelf�rmige Augen wandten sich ihm wieder zu. Es stand Entsetzen in ihnen, aber auch etwas anderes: die Entschlossenheit die Situation zu ihren Gunsten zu entscheiden, mochte sie auch noch so verzweifelt erscheinen. �Es ist nicht hier�, sagte sie rasch, aber mit vor Aufregung zitternder Stimme. �Ich habe es nach Nemesis bringen lassen.�</p><p>Ihr Blick irrte an Skar vorbei zu dem gro�en Tempel hinter ihnen, von dem sie h�chstens noch f�nfzig Schritte entfernt waren, wanderte nach links und blieb an einem kleineren, aber geradezu strahlend gestalteten Nebengeb�ude h�ngen. Ihr Gesicht wirkte noch immer bleich vor dem Hintergrund des bislang von den Flammen verschont gebliebenen Tempels - doch ihre Mundwinkel zogen sich pl�tzlich abf�llig und voller Verachtung zusammen.</p><p>�Es ist im Tempel�, br�llte Skar, dem ihr verstohlener Blick nicht entgangen war. �In diesem gottverdammten Tempel!� Er packte sie am Arm und schleifte sie mit sich, raus aus dem flammenden Inferno und direkt auf das Portal der Tempelanlage zu, vor dem wie gezirkelt angelegte Blumenbeete davon k�ndeten, dass hier ein beschauliches Leben mit gro�er Sorgfalt und Liebe zum Detail gepflegt wurde - normalerweise. Doch davon konnte im Moment �berhaupt nicht die Rede sein. �berall schwelte und brannte es und der Gestank glimmenden Leders und angekokelter Kleidung vermischte sich mit dem Odem der Feuersbrunst, deren Ausl�ufer bis in die Vorg�rten des Tempels geschlagen waren und die heilige Ordnung der liebevoll gepflegten Pflanzen und Blumen von einer Sekunde auf die andere in ein zerknicktes und unansehnliches Durcheinander verwandelt hatte.</p><p>Marna h�tte ihr Schwert ziehen und ihn angreifen k�nnen, aber sie war zu klug und vielleicht auch zu geschockt dazu, um diesen Moment zu einem Befreiungsversuch zu nutzen. Skar kochte vor Wut und er wollte nichts weiter, als mit Esanna, Kama und dem Buch von hier verschwinden, und sie musste sp�ren, dass er sich durch nichts aufhalten lassen w�rde, was ihn nicht wirklich gleich im ersten Ansatz zu Boden schmetterte. Sie st�rmten an zwei Satai vorbei, die gekr�mmt vor Schmerzen am Boden lagen, aber immerhin noch lebten. Skar verschwendete nicht einmal einen Blick an sie, sondern hatte nur Augen f�r die Gestalt, die wenige Meter hinter ihnen lag.</p><p>�Kama!�, schrie er. �Verdammt!�</p><p>Er hielt Marnas Handgelenk so fest umklammert, dass ihr gar nichts anderes �brig blieb, als mit ihm in die Hocke zu gehen, als er sich neben den Nahrak hinkniete.</p><p>�Kama�, stammelte Skar. �Bist du in Ordnung?�</p><p>Die Lippen des Nahrak formten Worte, die vom Br�llen des Feuers hinweggerissen wurden, und seine H�nde vollf�hrten hektische, sinnlos erscheinende Bewegungen.</p><p>�Wo ist Esanna?�, br�llte Skar so laut, dass seine Stimme m�helos das Tosen und Dr�hnen um sie herum �bert�nte. Im ersten Moment war der Blick des Nahrak leer und alles, was er darin las, war Angst. Dann blitzte Erkennen in seinen Augen auf; er keuchte, stemmte sich in eine halb sitzende, halb liegende Position hoch und umklammerte seinen Oberarm so fest, dass Skar �berrascht zusammenzuckte. �Das Buch!�, keuchte er. �Such das Buch! Und dann flieh!�</p><p>�Nicht ohne dich�, sagte Skar, l�ste seine Hand und richtete sich auf. �Hilf mir, Marna. Wir m�ssen ihn von hier fortbringen.�</p><p>�Wen glaubst eigentlich vor dir zu haben�, zischte Marna. �Ich bin doch keinen Lastentr�ger.�</p><p>�Das ... Buch�, stammelte Kama. �Lass mich hier ... liegen. Nimm das Buch ... und flieh. Sie wollen nur dich!�</p><p>�Da k�nnte etwas Wahres dran sein�, sagte Marna und beugte sich zu Kama hinab. Zuerst glaubte Skar, sie wollte ihm helfen, doch schon bei ihren n�chsten Worten erkannte er seinen Irrtum.</p><p>�Tu mir einen Gefallen und bring diesen stammelnden Idioten zum Schweigen�, sagte sie, w�hrend sie sich wieder aufrichtete. Jede Spur von Gef�hl war aus ihrer Stimme gewichen und lie� ein Gef�hl der K�lte und Distanz entstehen und ganz am Rande seines Verstands begriff Skar pl�tzlich, wie diese noch recht junge Frau die Herrschaft �ber die Satai hatte an sich rei�en k�nnen.</p><p>�Ein Rufer�, sagte sie anerkennend, w�hrend sie sich von Kama wegdrehte, der offensichtlich wieder das Bewusstsein verloren hatte - schnell aber nicht so schnell, als dass Skar nicht noch einen Blick auf das gl�nzende St�ck Metall in ihren H�nden h�tte erhaschen k�nnen. �Ich habe gar nicht geglaubt, dass es so etwas wirklich gibt.�</p><p>�Was soll das?�, sagte Skar scharf. �Leg das sofort weg!� Marna sch�ttelte den Kopf. �Aber nicht doch�, sagte sie so leise, dass ihre Stimme fast in dem Krach und Tosen um sie herum unterging, �ich kenne mich aus mit diesen Teilen. Das Studium der geheiligten B�cher war mir immer wichtiger als das Erlernen roher Gewalt. Vertrau mir, Skar.� Sie ging einen halben Schritt zur Seite - nicht so weit, dass er sie instinktiv gepackt und zur�ckgerissen h�tte - und drehte sich weiter ab, und bevor er irgendetwas dagegen machen konnte, hantierte sie mit geschickt wirkenden Bewegungen an dem Teil herum.</p><p>�Dir vertrauen?� Skar h�tte beinahe laut losgelacht.</p><p>In diesem Moment kehrte der <emphasis>Frarr </emphasis>zur�ck. Die Quorrl und Satai waren zu routinierte Krieger, um dem Monstrum kampflos das Feld zu lassen. Wer noch auf den Beinen war und eine Armbrust oder einen Bogen zur Hand hatte, bezog Stellung, nutzte ein totes Pferd, einen Baum oder die Leichen seiner Kameraden als Deckung. Der Drache schoss heran wie die Leib gewordene Verhei�ung alles �bel und alle Not auf dieser Welt mit dem Tod zu ahnden, und sein Feueratem fegte mit unb�ndiger Gewalt �ber die Bogensch�tzen hinweg, schmorte sie mitsamt ihrer Deckung weg, brannte sie wie Ungeziefer aus, bevor sie auch nur dazu kamen, einen einzigen gezielten Schuss abzugeben. Skar starrte gleicherma�en fasziniert wie entsetzt auf das Vernichtungswerk des Untiers, das nicht gewillt zu sein schien von seinem W�ten abzulassen, bis s�mtliche Quorrl und Satai vernichtet waren. Kaum hatte es mit seinem hei�en Atem eine Schneise der Vernichtung in den auseinander gerissenen Tross gebrannt, da zog es auch schon wieder ab und drehte �ber dem Tempel eine lang gestreckte Kurve, die es unweigerlich erneut in Angriffsposition bringen w�rde. �berall lagen Tote und Sterbende und die Schreie und das Wimmern der Verwundeten sangen eine f�rchterliche Begleitmusik zu dem schrecklichen Bild. Nur knapp die H�lfte der Krieger, die sie zum Tempel geleitet hatten, hatten die mehrfachen Angriffe �berlebt und bis auf die wenigen, die rechtzeitig in die Tempelanlage gefl�chtet waren, war keiner ohne mehr oder weniger schlimme Brandwunden davongekommen. Skar beobachtete einen wie eine lodernde Feuers�ule brennenden Mann, der wie von einem Schwerthieb getroffen zu Boden ging, sich m�hsam hochstemmte, erneut fiel und auf H�nden und F��en weiterkroch, weg von der wabernden Wand aus Hitze und Flammen, obwohl es doch sinnlos war; schlie�lich brach der Todgeweihte nur wenige Schritte vor ihnen endg�ltig zusammen, das Gesicht eine Maske aus Schmerz und Grauen und die kohlschwarze Hand flehend nach vorne gestreckt.</p><p>Schaudernd wandte sich Skar ab.</p><p>Kama wimmerte und seine rechte Hand fuhr wie in Agonie nach oben und dann schlug er wieder die Augen auf. �Nicht�, st�hnte er voller Schrecken, als er sah, was Marna in den H�nden hielt. �Nimm es ... ihr weg, Skar. Nur ich darf den <emphasis>Frarr </emphasis>rufen - oder wieder wegschicken.�</p><p>Es dauerte einen Augenblick, bevor Skar �berhaupt begriff, was der Nahrak meinte. Marna h�tte seine kurzfristige Unachtsamkeit ausnutzen k�nnen, um zu fliehen oder ihn anzugreifen; aber sie tat nichts dergleichen, sondern stand vollkommen in sich versunken da und hantierte konzentriert an dem Teil herum, das sie als den Rufer bezeichnet hatte. Ihre Finger glitten �ber das gl�nzende St�ck Metall, als w�rde sie es liebkosen.</p><p>Mit einer schnellen und kraftvollen Bewegung packte Skar ihr Handgelenk und verdrehte es, bis sie den Rufer fallen lie� und er mit einem metallischen Ger�usch auf einen Stein aufschlug und aus seinem Sichtfeld rollte.</p><p>�Es ist zu sp�t�, zischte sie.</p><p>�Wozu zu sp�t?�, fragte Skar voller Panik.</p><p>Sie gab einen Laut von sich, der irgendwo zwischen einem Lachen und einem abf�lligen Schnauben lag. �Sieh selbst!�, triumphierte sie.</p><p>In Skar krampfte sich alles zusammen, als er einen Blick in den Himmel warf und den Feuerdrachen erneut auf sie zusausen sah. Es war genau wie bei seinem letzten Angriff - und doch ganz anders. Der <emphasis>Frarr </emphasis>rauschte heran und das Schlagen der m�chtigen Drachenschwingen l�ste ein Pulsieren gewaltiger Energien aus, pflanzte sich weiter wie der magische Atem der Zeit, der ungehindert �ber alles gleitet und alles mit sich rei�t, gleichg�ltig, ob sich ihm jemand entgegen stellen will oder nicht: ein faszinierender wie t�dlicher Anblick, der in ihm die sichere Erwartung ausl�ste, dass die n�chste Feuerwelle auch ihn, Kama und Marna treffen w�rde. W�hrend er wie gel�hmt dastand, zweifelte er keine Sekunde daran, dass das Untier das Vernichtungswerk mit seinem feurigen Odem vollenden wollte, getrieben von einem unb�ndigen Willen zur Zerst�rung - oder von dem, was Kamas Ruf in ihm ausgel�st hatte, und damit von einer Absicht geleitet, die Skar selbst dann nicht begreifen konnte, wenn der Nahrak geglaubt hatte sie auf diesem Weg befreien zu k�nnen.</p><p>Doch er war noch nicht ganz heran, da schien eine unsichtbare Faust in den Nacken des Frarr zu schlagen; es sah aus, als w�rde ein Blitz aus der R�ckseite des Drachenhalses hervorzucken und eine Woge finsterer, zerst�rerischer Macht herausschleudern. In Sekundenschnelle wurde aus dem Blitz eine glei�ende, verzehrende Lohe, die sich rasend ausbreitete und zur�ckschlug auf den Drachen wie eine Woge br�llenden, verzehrenden Feuers. Die rechte Schwinge des Ungeheuers verwandelte sich in eine einzige, gigantische Flamme und aus seinem zielgerichteten Flug wurde ein unkontrolliertes Trudeln, als er mit immer noch kraftvollen Fl�gelschl�gen H�he zu gewinnen suchte.</p><p>Skar starrte mit einem unterdr�ckten Keuchen auf die brennende Bestie. Der Frarr hatte den Tod tausendfach verdient; er war ein Monster, dazu bestimmt, Tod und Vernichtung unter die Gegner seiner Herren zu bringen. Und doch empfand Skar im Angesicht seines Todeskampfs keine Erleichterung, sondern eher Entsetzen. Es war der Frarr gewesen, der sie aus der H�hle des <emphasis>Khta�m </emphasis>gerettet hatte, und wie er es auch drehte und wendete, so war er doch ein Verb�ndeter - und pl�tzlich hatte er Angst vor dem, was geschehen mochte, wenn der Drache endg�ltig vernichtet war.</p><p>Der Frarr hatte mittlerweile tats�chlich an H�he gewonnen, aber dieser Erfolg war nicht mehr als ein letztes Aufb�umen seiner gewaltigen Kr�fte gegen sein unabwendbares Schicksal. Die Flammen griffen auf seinen K�rper �ber, entz�ndeten seinen Schwanz und sprangen auf den zweiten, bislang noch intakten Fl�gel �ber. Der Drache kr�mmte sich in irrsinnigem Schmerz, die brennende Schwinge auf und nieder schlagend und stie� einen Schrei aus, der wie unglaubliches Krachen und Donnern und Beben �ber das Tal fuhr; gleichzeitig zog eine Sturmb� auf, schlug wie ein zorniger Donnergott in die Flammen, um sie weiter aufzurei�en und den Herzschlag der Vernichtung zu beschleunigen Die Wolken selbst schienen in Flammen zu stehen und der Schrei des Drachen hallte wider voll entsetzlichen Schmerzes und einer Verzweiflung, die nicht geringer war als die seiner Opfer. In einem letzten, vergeblichen Aufb�umen gewann das mittlerweile lichterloh brennende Ungeheuer nochmals an H�he, dann lief ein schmerzhaftes Zucken durch den gewaltigen K�rper und es begann wie ein von einem Pfeil durchbohrter Vogel zu Boden zu rasen. Direkt auf sie zu.</p><p>F�r einen unglaublich kurzen Moment glaubte Skar das riesige Knochenger�st des Ungeheuers unter der gr�nen Lederhaut zu erkennen, nachgezeichnet in wei� und rot gl�henden Linien und dann schoss die hei�e Flammenzunge des Drachen hervor, als k�nne er selbst angesichts seines eigenen Todes nicht von seinem Vernichtungswerk lassen. Eine unsichtbare Sense raste �ber sie hinweg und traf die Krieger, die sich vor dem Tempel in Sicherheit gebracht hatten, m�hte sie nieder wie Korn und lie� M�nner und Tiere in einer bizarren Explosion aus Schmerzens- und Angstschreien, st�rzenden K�rpern und splitterndem Eisen zusammenbrechen.</p><p>Dann war der Frarr heran; ein wildes, t�dlich verletztes Ungeheuer, ein brennender Gigant, der mit der Gewalt seines massigen K�rpers auf den Tempel zust�rzte. Einen schrecklichen Herzschlag lang glaubte Skar, der Drache w�sste sehr genau, wer ihm den Tod gebracht hatte, und er wollte sichergehen, dass diese Tat nicht unges�hnt blieb, doch dann jagte der hei�e Ausl�ufer des Todes an ihm vorbei und schlug inmitten der Tempelanlage ein. Der Boden unter ihnen erbebte, als das gewaltige Ungeheuer die Holzkonstruktion durchbrach und Balken wie d�rre Zweige zerbrach.</p><p>Skar wurde wie von einer Riesenfaust von den Beinen gerissen und ein paar Schritt weit durch die Luft geschleudert, bevor er krachend zu Boden ging. M�hsam rappelte er sich wieder auf, halb benommen, aber von einer Erregung erfasst, die ihn keinen Schmerz sp�ren lie�. Es blieb ihm keine Zeit, auch nur einen einzigen Gedanken zu fassen: Eine grellwei�e, lodernde Flammenwand erhob sich dort, wo er eben noch gestanden hatte und er begriff, dass er sofort von hier verschwinden musste, wenn er noch eine Chance haben wollte zu �berleben - und das <emphasis>Elfte Buch </emphasis>an sich zu bringen.</p><p>Von Marna war keine Spur zu sehen. Aber immerhin lag Kama nach wie vor an der Stelle, an der er ihn zur�ckgelassen hatte, und wie es aussah, war die flammende Vernichtung �ber ihn hinweggegangen, ohne ihm weiteren Schaden zuzuf�gen. Skar war mit einem Satz bei ihm und zog ihn in den recht zweifelhaften Schutz eines kleinen, aber ausladenden Baumes - mehr konnte er f�r ihn in diesem Moment nicht tun. Einem Impuls folgend, den er selber nicht verstand, drehte er sich dann um und rannte, ohne zu z�gern, auf den Tempel zu, in dessen Mitte der brennende <emphasis>Frarr </emphasis>wie ein leibhaftig gewordener H�llenbote lag. Es war ein unglaublicher Anblick. Explosionen zerrissen die Lederhaut des Monsters und flammende Hautfetzen wurden wie lebende Wurfgeschosse durch die Luft geschleudert. Die Kreatur selber musste die Hitze eines Hochofens verstr�men und es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass von ihr keine Gefahr mehr ausging - sofern sie den Gesetzen unterlag, die f�r jedes andere normale Wesen auf Enwor galten.</p><p>Die flimmernde Hitze versengte seine Haare und dichter, bei�ender Rauch nahm ihm den Atem. Dennoch war Skar erleichtert: Der Geb�udeteil, auf den Marna geblickt hatte, als sie vom <emphasis>Elften Buch </emphasis>gesprochen hatte, war bislang nahezu unversehrt. Doch ob er es lange bleiben w�rde, stand zu bezweifeln. Die tanzenden Flammen warfen blutrote Lichtreflexe vom brennenden Hauptgeb�ude auf die �brigen Holzbauten und tauchten sie in flirrendes, zerrissenes Licht. Funken stoben von der Einschlagstelle in alle Richtungen auf und bei�ende Flammen schossen in die Nacht empor. Aus dem geborstenen Dach schlugen Feuerlohen wie gl�hende Speerspitzen in den Himmel. Schw�rzer, fettiger Rauch stieg von dem toten Drachen auf und Millionen winziger, rot gl�hender Funken regneten wie feurige K�fer auf die benachbarten Geb�ude hinab. Wenn nicht im letzten Moment ein Wunder geschah, w�rde das Feuer auf alles Brennbare �berspringen und den ganzen Tempelkomplex in Schutt und Asche legen.</p><p>Obwohl das unglaubliche Schauspiel eine Art morbider Faszination auf ihn aus�bte, riss sich Skar unverz�glich von dem Anblick los. Es blieb kaum noch Zeit, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. <emphasis>Das Buch ist tats�chlich der Schl�ssel zu allem, </emphasis>hallte Marnas Satz in ihm wider. Er musste es unbedingt in seine H�nde bekommen. Mit Riesens�tzen jagte er auf den Eingang des seitlichen Tempels zu, in dem er das Buch vermutete - es lag weit genug vom Hauptgeb�ude entfernt, um bislang von den Flammen verschont geblieben zu sein - schlug die T�r mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite ...</p><p>... und erstarrte angesichts des unglaublichen Schauspiels, das sich ihm bot.</p><p>Die Verheerung war hier weitaus weniger schlimm, als er erwartet hatte. Ein Schwall unangenehmer W�rme schlug ihm entgegen und ein Knistern und Prasseln im Hintergrund gemahnte ihn, dass auch hier bereits der Funke der Vernichtung �bergesprungen war, der sich in wenigen Minuten zu einem tosenden Inferno entfachen konnte. Doch noch wirkte der erstaunlich gro�e Raum, in den er gestolpert war, unversehrt. Seine W�nde waren mit unz�hligen Bildern geschm�ckt und mit Miniaturen, die in kleinen, halbrunden Nischen untergebracht waren und Menschen in fremdartigen Gew�ndern zeigten. �berall brach sich das Licht blitzend auf Gold und edlen, geschliffenen Steinen und von der Decke w�lbten sich schwere Bahnen aus dunkelrotem Samt wie ein gewebter Wolkenhimmel.</p><p>Doch das war es nicht, was seine Aufmerksamkeit auf sich zog.</p><p>Es waren der Satai und der Quorrl, die in unmittelbarer N�he des aufw�ndig geschnitzten Schreins in der Mitte des Raumes standen, und das M�dchen, das der Satai mit festem Arm umklammert hielt.</p><p>Esanna!</p><p>�Der Verr�ter�, schrie der Satai. Er stie� Esanna zur Seite und st�rmte auf ihn zu.</p><p>Doch der Quorrl war schneller. Wie ein zum Leben erwachter Alptraum jagte er ansatzlos auf Skar zu und war bei ihm, kaum dass dieser sein <emphasis>Tschekal </emphasis>gezogen hatte. Mit einem b�sartigen Knurren hob der Reptilienkrieger sein Zackenschwert, um es auf Skar niedersausen zu lassen. Skar wich dem Koloss mit einer blitzschnellen Bewegung aus, drehte sich ansatzlos einmal um die eigene Achse und trat seinen Stiefel mit voller Wucht ins Gesicht des Geschuppten. Der Kopf des Quorrl schlug zur�ck, aber der Gigant taumelte nicht nach hinten, ja, er schwankte nicht einmal. Das war sein Verderben. Mit einer pr�zisen Bewegung riss Skar sein <emphasis>Tschekal </emphasis>nach oben und legte alle Kraft in den einen, entscheidenden Schlag. Der Sternenstahl spaltete die Schuppen auf seiner Brust und w�hlte sich tief ins Fleisch hinein, riss eine entsetzliche, bis auf die Knochen klaffende Wunde, die vom Rippenansatz bis fast zum Hals reichte und damit der Wunde des gestern seinen schweren Verletzungen erlegenen Satai glich, um dann noch tiefer und breiter aufzuklaffen, denn Skar lie� die Klinge beim Zur�ckgleiten zwei schnelle Drehungen zu rechten und zur linken Seite machen.</p><p>W�hrend der Quorrl mit einem stumpfen, unmenschlichen Laut in sich zusammenbrach, war auch schon der Satai heran.</p><p>�Stirb�, schrie der junge Krieger au�er sich. Sein Schwert wischte Skars eigene Klinge fast m�helos zur Seite - der Mann war unglaublich schnell und erstaunlich geschickt - und lie� seine Waffe genau in die Richtung von Skars Herz vorzucken. Skar sp�rte, wie das <emphasis>Tschekal </emphasis>�ber seinen Brustharnisch schrammte, w�hrend er sich gleichzeitig mit einer Seitw�rtsbewegung der blitzschnell vorgetragenen Attacke zu entziehen versuchte.</p><p>Aber er war zu langsam. Die Klinge riss seinen Harnisch auf und strich �ber seine Brust, und einen schrecklichen Augenblick lang glaubte Skar schon das Schwert seinen K�rper durchbohren zu f�hlen, denn unter normalen Bedingungen w�re es tiefer eingedrungen und h�tte ihn vielleicht sogar ansatzlos get�tet, ebenso schnell und �berraschend, wie er den Quorrl erledigt hatte. Aber zu seiner �berraschung drang die Klinge seines Gegners nicht tiefer; es war das in Skars Brust eingegrabene Zeichen, das wie ein riesiger Diamant �ber seinem Herzen sa� und ihn vor dem w�tenden Angriff sch�tzte, als sei es ihm nur zu diesem einzigen Zweck mit auf den Weg gegeben worden.</p><p>Das <emphasis>Tschekal </emphasis>seines Gegners prallte zur�ck, als w�re es auf harten Stein geschlagen, und w�re es aus einem anderen Material als aus Sternenstahl gefertigt worden, w�re es zweifelsohne zerborsten. Der Satai stie� ein �berraschtes Keuchen aus, lie� sich durch die unerwartete Wendung des Kampfes aber nicht irritieren. Sein Schwert beschrieb eine kompliziert kreisende Bewegung, ein Angriffsschema, das Skar unbekannt war und dessen Ablauf selbst sein ge�btes Auge kaum zu folgen vermochte.</p><p>Im n�chsten Moment krachten ihre Klingen auch schon aufeinander, federten zur�ck, schlugen erneut aufeinander, immer und immer wieder. Skar begriff, dass er auf einen zumindest ebenb�rtigen Gegner gesto�en war - und das, wo ihm jetzt keine Zeit mehr blieb, wo jede Sekunde z�hlte, wo dicker Rauch aus dem roten Samt hervorquoll, der wie ein k�nstlicher Himmel �ber ihnen hing, wo das lauter werdende Knistern und Prasseln ihn daran erinnerte, dass das Feuer nun auch endg�ltig auf dieses Geb�ude �bergegriffen hatte und sein unaufhaltsames Zerst�rungswerk mit rasender Geschwindigkeit fortsetzen w�rde.</p><p>Er musste dem ein Ende bereiten. Ohne zu z�gern, wich er einen Schritt zur�ck, tat so, als w�rde er stolpern und nun endg�ltig in so ernsthafte Bedr�ngnis geraten, dass er sich kaum noch zu wehren verstand. Der junge Satai fiel darauf herein. Mit einem triumphierenden Schrei setzte er nach, um Skar den Todessto� zu versetzen. Der rasierklingenscharf geschliffene Stahl seines <emphasis>Tschekals </emphasis>jagte in einer eleganten Bewegung an Skars Schwert vorbei und direkt auf seinen Hals zu, um ihm den Kopf von den Schultern zu trennen.</p><p>Doch diesmal war Skar vorbereitet. Er tauchte im allerletzten Moment unter der Klinge seines Gegners weg. Sein <emphasis>Tschekal </emphasis>zuckte vor und hieb in das Bein seines Angreifers, von seiner w�tenden Kraft so stark getragen, dass er es fast mit einem Schlag durchtrennte. Der Satai stie� einen gellenden Schrei aus, knickte ein und st�rzte zu Boden.</p><p>Ein Teil des samtenen Kunsthimmels folgte ihm; polternd und qualmend sauste er auf den schwer verletzten Satai hinab, grub eine brennende Spur in seinen R�cken und krachte erstickend auf ihn. Aber das war erst der Anfang. Mit dumpfem Grollen l�ste sich ein Teil der Deckenverkleidung und �bersch�ttete Skar mit einer Wolke aus Dreck und Funken spr�henden Partikeln, und bevor er auch nur einen Schritt zur Seite machen konnte, war er eingeh�llt in eine Feuerwolke, die sich nur allzu schnell als Todesfalle erweisen konnte.</p><p>Die flammende Vernichtung hatte ihn eingeholt; brennendes Geb�lk l�ste sich aus seiner Verankerung und rutschte ein St�ck tiefer - eine t�dliche Bedrohung, die ihn jederzeit erschlagen konnte. Aber das war nicht das Schlimmste. Als er mit einem verzweifelten Sprung zur�ckwich, peitschte ein Teil des brennenden Samtes auf seinen Kopf zu und schlug ihm mitten ins Gesicht. Skar stie� einen �berraschten Schrei aus und riss die H�nde hoch, um sich mit einer hastigen Bewegung das Gesicht freizuwischen. Doch immer mehr brennende Partikel �berfluteten ihn und einige von ihnen zischten in seine Augen. Ein wahnsinniger Schmerz durchzuckte ihn, den er nicht einmal h�tte unterdr�cken k�nnen, wenn er es gewollt h�tte. Er k�mpfte nicht dagegen an, sondern lie� ihm im Gegenteil freien Lauf, br�llte seine Qual heraus und verwandelte sie in Zorn und den Zorn in w�tende Kraft, die es ihm erm�glichte, sich herumzuwerfen und mit einem Satz den Balken zu entkommen, die jetzt dort hinabst�rzten, wo er eben noch gestanden hatte: krachende Vernichtung, die den Boden aufriss und Funken spr�hen lie�, als wollte sie ihn gleich hier und jetzt mit ins Verderben rei�en.</p><p>Er kam nicht dazu, sich zu orientieren. Es war ein erstickter Hilferuf Esannas, der ihn zusammenzucken lie� und die Gewissheit, dass sie verloren war, wenn er ihr nicht beistand. Mit einer schwungvollen Bewegung wirbelte er herum und in den Raum hinein, der voller Qualm aber ohne aufschie�ende Flammen war, einer Todesfalle gleich, die noch nicht vollends zugeschnappt war, aber aus der es schon bald kein Entrinnen mehr geben w�rde.</p><p>Fassungslos starrte er auf das Bild, das sich ihm bot. Der schwer verletzte Satai hatte den brennenden Samt abstreifen k�nnen und war, w�hrend Skar damit besch�ftigt gewesen war, sein Augenlicht zu retten, in den Raum gekrochen, auf das M�dchen zu - das wohl versucht hatte zuvor die T�r zu erreichen und damit w�hrend des erbarmungslosen Kampfes kurz hinter ihm gewesen sein musste. Doch jetzt versuchte Esanna in einem bizarren Abwehrkampf dem ihr nachrobbenden Satai mit der klaffenden Beinwunde zu entkommen. Es w�re ihr auch zweifelsfrei gelungen, wenn sich ihr Verfolger nicht immer wieder mit erschreckender Geschwindigkeit h�tte vorschnellen lassen und ihr dabei mehrmals so nahe kam, dass sein Messer blutige Kratzer in ihre Beine hackte. Wer die Verfolgungsjagd letztlich gewinnen w�rde, war vollkommen unklar; aber darauf wollte es Skar auch nicht ankommen lassen. Mit einem erstickten Schrei sprang er nach vorne und stie� sein Schwert in den K�rper des Kriegers; er drehte mehrmals die Klinge herum, fast wie im Blutrausch, auch noch, nachdem ein endg�ltiges Zucken durch den K�rper des Satai gegangen war und ihm danach klar war, dass der Mann tot war.</p><p>�Skar�, schrie Esanna mit schreckensweiten Augen, w�hrend sie sich hustend aufrichtete und den �rmel ihres Gewands vors Gesicht dr�ckte, um sich vor dem Rauch zu sch�tzen. �H�r auf! Es ist vorbei.�</p><p>Er riss die Klinge zur�ck und starrte Esanna an, als s�he er sie zum ersten Mal. In gewisser Weise stimmte das sogar: Es war ihm f�r ein paar Herzschl�ge lang so, als w�rde die Maske, die das M�dchen normalerweise trug, in sich zusammenbrechen, als s�he er hinter die Natur des Offensichtlichen, in eine unermessliche Tiefe, kalt, fremdartig und erschreckend, die ihn mit sich zu rei�en versuchte in einen alles verschlingenden Strudel und doch gleichzeitig abstie�, ja, ausspie wie einen Fremdk�rper, der er ja auch war und immer bleiben w�rde, und das trotz der engen Verbundenheit, trotz des eingewobenen Seins in eine h�here Gewalt, die alles umspannte und nichts umschlang, die allem innewohnte und doch kein Bestandteil war von irgendetwas - Dann zerstob die Vision. Vor ihm stand nichts weiter als ein f�nfzehnj�hriges, vollkommen ver�ngstigtes M�dchen, schluchzend und am ganzen K�rper bebend, und mit der berechtigten Furcht von dem flammenden Inferno verschlungen zu werden.</p><p>�Wir m�ssen das Buch retten�, br�llte Skar gegen das tosende Chaos an. �Es muss hier irgendwo sein.�</p><p>�Ja�, stie� Esanna bebend hervor. �Ich habe es gesehen. Es liegt auf dem Schrein.�</p><p>Skar warf einen Blick in die angegebene Richtung. Die Luft waberte vor Hitze und die dunklen Rauchpartikel, winzigen Todesboten gleich, schwirrten jetzt �berall herum und bissen sich in seiner Kehle fest, als wollten sie ihn ersticken. Ohne zu z�gern, packte er Esanna bei der Hand und zog sie mit sich.</p><p>Das Buch lag aufgeschlagen inmitten des bereits glimmenden Schreins. Es war ein schwerer, gro�er Band, eingebunden in goldverziertes Leder, und als er es in die Hand nahm, sp�rte er nicht nur sein beachtliches Gewicht, sondern auch die angenehm k�hle und glatte Oberfl�che dutzender von Edelsteinen, die in das Leder einbettet waren. Er richtete sich so hastig auf, dass ihn ein h�mmernder Kopfschmerz beinahe wieder hinabgezwungen h�tte; wenn er nicht durch die Flammen starb, w�rde ihn der giftige Rauch schneller in die Knie zwingen, als ihm lieb war - was f�r eine Ironie des Schicksals, dass er dem w�tenden Angriff des Feuerdrachen entkommen war, nur um dann doch noch ein Opfer der Flammen zu werden.</p><p>�Nur weg hier�, br�llte er.</p><p>Esanna nickte, eine seltsam flie�ende Bewegung, die er durch den erstickenden Qualm nur schemenhaft wahrnahm. �Dort hinten�, schrie sie. �Es gibt einen Hinterausgang.� Hand in Hand st�rzten sie in die von ihr angegebene Richtung.</p><p>Sie kamen nicht weit.</p><p>Er sp�rte kaum, wie ihn die Druckwelle, die durch das Zusammenst�rzen der vorderen Geb�udeseite ausgel�st wurde, erreichte und zu Boden schleuderte. Er fiel, rollte haltlos �ber den Boden und prallte schmerzhaft gegen einen brennenden Balken. Seine Hand umklammerte immer noch das <emphasis>Elfte Buch. </emphasis>Esanna schrie irgendetwas, das er nicht verstand, und pl�tzlich waren �berall Flammen und Rauch. Dort, wo die Feuers�ule das Dach bereits zerst�rt hatte, g�hnte eine gewaltige, gezackte �ffnung, aus deren R�ndern Flammen schlugen. Die trockenen Balken brannten wie Zunder und das Feuer breitete sich mit unheimlicher Geschwindigkeit aus, viel schneller, als es eigentlich m�glich war. Er hustete, stemmte sich m�hsam auf H�nde und Knie hoch und hielt nach Esanna Ausschau, unf�hig auch nur eine einzige, weitere Bewegung zu vollbringen.</p><p>Dann entdeckte er sie; ihre Gestalt war nicht mehr als ein flirrender dunkler Schemen inmitten w�tender Flammen. Er wollte nach ihr rufen, aber aus seiner Kehle drang nur ein heiserer Laut, und erst dann begriff er, dass sie durch die flirrende Hitze auf den Hinterausgang zutorkelte, nur wenige Schritte von ihm entfernt und doch so unendlich weit weg, dass er f�rchtete sie nicht mehr zu erreichen - denn der Rauch und die Hitze hatten sich in seinen Lungen festgebissen und drohten seine verzweifelte Gegenwehr im wahrsten Sinne des Wortes im Ansatz zu ersticken.</p><p>Aber dann richtete er sich zu seiner eigenen Verbl�ffung endg�ltig auf und irgendetwas in ihm, eine Kraft, die nicht aus ihm selber zu kommen schien, sondern nur durch ihn geleitet wurde, lie� ihn sich vorw�rts qu�len, auf den Ausgang zu, durch den Esanna bereits in ein Nachbargeb�ude verschwunden war. F�r einen endlosen, schrecklichen Moment sah Skar den stobenden Funkenregen, mit dem ein weiteres St�ck des Daches neben ihm zusammenbrach, und die brennenden Holzst�cke, die neben ihm auf den Boden donnerten.</p><p>Dann war er drau�en.</p></section><section><title><p id="_03_10">3.10</p></title><p>Esanna hatte ihn weitergef�hrt, durch ein verwirrendes Labyrinth von G�ngen, kleineren und gr��eren R�umen, geheimnisvollen Schreinen und reich ausgestatteten Reliquienkammern, und er hatte es widerspruchslos hingenommen, dass sie die F�hrung �bernommen hatte, denn in ihm war nichts als eine unglaublich tief gehende Erregung und das Bed�rfnis, nun endlich das zu studieren, was die Flammen von dem <emphasis>Elften Buch </emphasis>�brig gelassen hatten. Es war eine Art Schwelbrand, der Einband und Seiten ergriffen hatte, und den sie auch mit vereinten Kr�ften kaum hatten stoppen k�nnen in ihrem Bem�hen dieses wichtige Buch zu retten, kaum dass sie selbst der Flammenh�lle entkommen waren.</p><p>Jetzt waren sie angekommen, an ein Ziel, das Esanna f�r sie ausgesucht hatte: ein Raum, der ganz �hnlich war wie der, in dem das <emphasis>Elfte Buch </emphasis>wie eine kostbare Reliquie aufbewahrt gewesen war. Esanna hatte sich neben ihn auf den Boden gehockt, ersch�pft und mit halb geschossenen Augen und rasselndem, hektischem Atem; wom�glich hatte sie eine Rauchvergiftung davongetragen und er konnte nur hoffen, dass ihr Lebensfunke nach all den Anstrengungen und Strapazen nicht vollends erlosch.</p><p>Doch wenn er ganz ehrlich war: Im Moment interessierte ihn das nur wenig. Ein merkw�rdiges Gef�hl von Ehrfurcht ergriff ihn, als er den schwelenden �berrest des Buches in die Hand nahm und darin bl�tterte. Viele der Seiten waren zerst�rt, f�r immer ein Opfer der Flammen geworden, andere waren angekokelt und kaum noch zu entziffern. Und doch wuchs seine Erregung, w�hrend er den Band durchbl�tterte und sich festlas und es gab nichts in seiner Umgebung, was noch irgendwie eine Bedeutung f�r ihn hatte - nicht einmal die Tatsache, dass der gigantische, aus Holz gebaute Tempelkomplex dem Feuertod geweiht war und es nicht mehr lange dauern konnte, bis die Flammen auch hier Einzug hielten.</p><p>Die Zeilen schienen wie eigenst�ndige Lebewesen vor seinen Augen zu schwirren, w�hrend er ihre Bedeutung gleichsam in sich aufsog. Und doch dauerte es eine Weile, bis er die Zusammenh�nge begriff. Aber dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Fausthieb und mit einem Mal schien ihm jeder Quadratzentimeter seiner Umgebung die Wahrheit entgegenzuschreien. Er war wie gel�hmt, nicht nur k�rperlich, sondern auch geistig. Seine Gedanken drehten sich im Kreise, immer und immer und immer wieder, ohne dass er in der Lage war ihren Ablauf zu �ndern und ohne dass er wirklich in der Lage war zu fassen, was da eigentlich in ihm vorging.</p><p>Er war entsetzt, so entsetzt wie noch nie zuvor in seinem Leben.</p><p>Seine Existenz war mit dem Kaol aufs Engste verkn�pft, enger, als er es sich je h�tte vorstellen k�nnen, und mit der Erkenntnis kamen die Bilder ohne sein Zutun, schlugen mit der Wucht von H�mmern in seinen Geist, als k�nne er die T�r zu einer anderen, verbotenen Welt nun nicht mehr schlie�en, Bilder, die ihn aufsaugen wollten und ihn doch gleichzeitig hinausstie�en in diese Welt, um das zu sch�tzen, was von ihm Besitz ergriffen hatte ...</p><p>Die Zeit blieb stehen. Skar hatte geglaubt das h�chstm�gliche Ma� an Entsetzen und Furcht kennen gelernt zu haben, aber das stimmte nicht und er begriff pl�tzlich, dass es immer eine Steigerung gab, dass das Unfassbare unendlich und die Furcht zu gewaltig war, um sie jemals zur G�nze erfahren zu k�nnen. Er verstand, dass er den falschen Weg eingeschlagen hatte, um hinter das Geheimnis seiner Existenz zu kommen, dass das <emphasis>Elfte Buch </emphasis>ihm nicht dar�ber Aufschluss geben konnte. Wenn es ihm �berhaupt weiterhalf, dann mit der Erkenntnis, dass Enwor tats�chlich auf den Abgrund der endg�ltigen Vernichtung zutrieb - und dass ihm eine Schl�sselrolle bei dem Versuch zukam genau das zu verhindern.</p><p>Nicht nur die Welt, in der er - widerstrebend - lebte, hatte sich ver�ndert, sondern auch er selbst. Irgendwie ern�chterte ihn dieser Gedanke. Der Schmerz in seinem Inneren sank zu einem dumpfen Druck herab und mit einem Mal wurde er sich seiner Umgebung wieder bewusst; er sp�rte den warmen Lufthauch auf seiner Haut und den Rauch, der nun wieder in seinen Augen biss und sie tr�nen lie� und in seiner Kehle wie ein frischer Wundschmerz brannte: Die Flammen hatten sie gefunden und es konnte nicht mehr lange dauern, bis auch hier ein offener Brand ausbrach. Es hatte keinen Sinn mehr. Es hatte vielleicht nie einen gehabt. Aber... da war etwas. Ein vollkommen absurdes Gef�hl. Eine Ahnung, nein, schon fast so etwas wie eine Gewissheit. Wenn das stimmte, was das Buch andeutete, wenn die Zeilen stimmten, die sich auf seinen Werdegang bezogen und sein Abenteuer im <emphasis>Wandernden Wald, </emphasis>wenn es mehr war als nur eine Finte, mehr als nur ein Puzzleteil in dem R�nkespiel, das gedacht war zu t�uschen und in die Irre zu f�hren ...</p><p>DANN HATTE DER KAMPF GEGEN DAS <emphasis>KHTA�M </emphasis>BEREITS BEGONNEN, NACHDEM ER DEL KENNEN GELERNT HATTE UND ALS EINFACHER SATAI MIT IHM DURCH DIE WELT GEZOGEN WAR!</p><p>Er hatte begonnen, als sie vollkommen unerwartet von Quorrl in der Nonakesh-W�ste angegriffen worden waren und nur mit viel Gl�ck in den <emphasis>Wandernden Wald </emphasis>hatten fliehen k�nnen. Er hatte mit dem Angriff der gef�hrlichen Hoger seinen n�chsten H�hepunkt gefunden - kaum dass sie den Wald erreicht hatten - und dann mit dem allerersten Angriff der <emphasis>Khta�m </emphasis>einen Wendepunkt bekommen, der ihn schlie�lich, nach vielen Irrungen und Wirrungen, hierher gef�hrt hatte.</p><p>Das bedeutete, dass ihn das <emphasis>Khta�m </emphasis>schon von Anbeginn bek�mpft hatte. Vielleicht war dieser Kampf nicht mehr als der Reflex einer Kreatur, die seit einer Ewigkeit auf ihr Ziel hingearbeitet hatte ...</p><p>Seit Jahrtausenden??? Seit �onen??</p><p>... Getrieben von dem bohrenden Verlangen zu zerst�ren - wie Maden, die sich in einen Wirtsk�rper einnisteten und so lange ihr Vernichtungswerk trieben, bis sie ihren Wirt vernichtet hatten - verst�mmeltes Fleisch, ein blutr�nstiger Wahnsinn, der ihn verspottete und ihn in St�cke zerriss, eine schreckliche und erschreckende Wahrheit, der er nie entkommen konnte, weil sie auch in ihm war und ihn nie in Ruhe lassen w�rde, ihm keine Erl�sung gew�hren w�rde, so lange bis er nicht vollkommen eins geworden war mit der t�dlichen Vernichtung ...</p><p>Der Kreis hatte sich auf perfide Art und Weise geschlossen!</p><p>Es war vollkommen unm�glich. Er f�hlte eine innere Qual, die die Grenzen des Vorstellbaren �berstieg. Niederlage. Vollkommene, kompromisslose Niederlage, ein Geschlagensein schlimmer als der Tod. Der Gedanke einen Fehler begangen zu haben, weil er sich nicht zust�ndig gef�hlt hatte f�r diese Welt, weil er nicht alles getan hatte, was getan werden musste, um die Wirklichkeit in die Richtung zu verbiegen, die Enwor noch eine Chance lassen w�rde - dieser Gedanke wurde �berm�chtig.</p><p>In diesem Moment holte ihn die Wirklichkeit wieder ein: das Stampfen schwerer S�ulenbeine, das Klirren von Waffen, leise gemurmelte Befehle, deren Wortlaut im Knistern und Knacken schwelenden Holzes unterging. Er wusste sofort, was das bedeutete: Sie hatten ihn gesucht und gefunden, sie waren seinen Spuren gefolgt und hatten vielleicht nicht nur ihn aufsp�ren wollen, sondern auch das Buch. Aber sie kamen zu sp�t. Er h�tte sich nochmals zum Kampf stellen k�nnen, versuchen k�nnen gegen die �bermacht aus w�tenden Quorrl und zu allem entschlossenen Satai anzutreten, die hier gleich auftauchen w�rde. Aber wozu? Mit welchem Ziel?</p><p>Er hatte mehr erfahren, als er hatte wissen wollen. Und au�erdem war schon genug Blut geflossen.</p><p>�Skar�, fl�sterte Esanna, die durch die Ger�usche aus ihrem tiefen Ersch�pfungszustand hochgeschreckt war. �Es kommt... jemand.� Sie sah sich gehetzt um. �Wir m�ssen verschwinden.�</p><p>�Zu sp�t�, murmelte Skar, der sehr genau wusste, was all die Laute zu bedeuten hatten, die sich wie ein erstickendes Netz um sie zogen. �Sie haben das Geb�ude umstellt. Sie halten das Tal besetzt. Wir haben keine Chance.�</p><p>Die Stimmen und Schritte kamen n�her, brachen pl�tzlich ab - und dann vernahm Skar das hinter sich, was er die ganze Zeit �ber bef�rchtet hatte: das helle Sirren, mit denen Schwerter aus der Scheide glitten, das Spannen von Armbrustsehnen, das Ger�usch von aneinander reibendem Leder, das leise Klirren von Kettenhemden.</p><p>�Ich habe Euch erwartet, <emphasis>Skarissa </emphasis>Marna�, sagte Skar, ohne aufzusehen.</p><p>�Woher wei�t du ...?�, erklang Marnas Stimme �berrascht hinter ihm.</p><p>�Ich habe Euch an Eurem Schritt erkannt�, sagte Skar. �Doch seid versichert...�, er wandte den Kopf und das Erste, was er sah, war eine Schwertspitze, die genau auf sein Gesicht deutete, dann eine zweite, die sich seiner Brust bis auf eine Handspanne gen�hert hatte und jetzt dicht �ber seinem Herzen verharrte. Hinter den beiden Satai, die ihn mit ihren Schwertern bedrohten, ragten die massigen Gestalten mehrerer Quorrl auf; sie hatten Marna wie ein Kind in ihre Mitte genommen und schienen bereit zu sein sie notfalls mit ihrem Leben zu verteidigen - und welch bessere Leibw�chter konnte man sich w�nschen als diese Reptilienmonster? Als w�re das noch nicht genug, hatten sich neben dem halb zerschlagenen T�rrahmen zwei Armbrustsch�tzen aufgebaut, die so finster blickten, als w�rden sie ihn am liebsten gleich mit mehreren Bolzen zu Boden schicken.</p><p>�Ich habe nicht vor gegen Euch zu k�mpfen�, fuhr Skar fort, �sondern vielmehr mit Euch: an Eurer Seite.�</p><p>Marna stie� ein hartes, krampfhaftes Ger�usch hervor, das wohl ein Lachen sein sollte, aber eher wie ein abf�lliger Laut klang. �Was hast du mit dem Buch angestellt, du Bastard?�, fragte sie, ohne auf seine Worte einzugehen. Irgendwie hatte sie es geschafft, inmitten des Chaos ihren Helm wieder aufzusetzen; aber er sa� seltsam schief auf ihren Schultern und zerst�rte damit den imposanten Eindruck, den er wohl hervorrufen sollte.</p><p>�Das Buch ist nicht mehr wichtig�, sagte Skar. �Wichtig ist nur das, was ich aus ihm erfahren habe.�</p><p>�Dass du nach deiner Wiederkunft der Retter der Quorrl sein wirst?�, fragte Marna. Ihre Stimme hatte einen fast freundlichen Klang, aber es war eine Freundlichkeit, hinter der sich unbarmherzige H�rte und bitterer Hohn verbargen. �Es t�te mir Leid, wenn du mit dem Gedanken an eine plumpe Erfindung irgendwelcher Schmierfinke in den Tod gehen w�rdest.�</p><p>�Ihr t�uscht Euch�, sagte Skar. �Die Quorrl betrifft es nur am Rande. Es geht um ganz Enwor: Wenn wir nicht...�</p><p>�Halt den Mund�, unterbrach ihn Marna grob. �Dein dummes Geschw�tz gleicht dem Gewinsel eines K�ters, der um Gnade fleht. Und was das Schlimmste ist: Du redest den gleichen Unsinn wie dieser verfluchte Nahrak, den wir bereits in unserem Gewahrsam haben. Aber du hast mich falsch eingesch�tzt: Ich werde dich und das M�dchen hier und jetzt t�ten lassen.�</p><p>Skar starrte schweigend in die Sehschlitze der goldenen Maske. �Es k�nnte sein, dass du diese Tat irgendwann bereuen w�rdest...�</p><p>�Das werde ich nicht�, stie� Marna hasserf�llt hervor. �Und selbst wenn ich es t�te: Es wird mir ein Vergn�gen sein, mich dabei an deinen Tod zu erinnern.�</p><p>Skars Gedanken �berschlugen sich. Er war sich bewusst, dass seine n�chsten Worte nicht nur �ber sein und Esannas Leben entscheiden w�rden, sondern auch das Schicksal Enwors besiegeln konnten. �Gebt mir f�nf Minuten, Marna�, sagte er, �f�nf Minuten Eurer Zeit - f�r Enwor und f�r Euch selbst.�</p><p>Marnas Hand glitt zu ihrem Schwert, einem rubinbesetzten <emphasis>Tschekal </emphasis>mit einem ungew�hnlich reich verzierten Griff, und einen Herzschlag lang f�rchtete Skar, sie w�rde es ziehen, um ihn eigenh�ndig zu erschlagen. Doch nach sich ins Endlose dehnenden Sekunden wanderte ihre Hand fast z�gernd zur�ck und sie nickte. �So sprich denn�, sagte sie. �Ich will mir nicht nachsagen lassen nicht alles zum Nutzen und Schutz Enwors unternommen zu haben.�</p><p>Skar wusste, dass sie die unpers�nlich klingende Formulierung gew�hlt hatte, um vor den Satai und Quorrl ihrer Rolle als <emphasis>Skarissa </emphasis>gerecht zu werden - aus dem gleichen Grund, aus dem er f�r dieses Gespr�ch eine formelle Anrede statt des vertrauten Du gew�hlt hatte. H�tte er ihr nicht geholfen ihr Gesicht zu wahren, h�tte sie sich nie in ein l�ngeres Gespr�ch verwickeln lassen.</p><p>�Wir haben einen gemeinsamen Feind, der schrecklicher ist als alles, was Ihr Euch vorstellen k�nnt�, sagte Skar. Mama winkte ungeduldig ab. �Geschwafel�, sagte sie ver�chtlich. �Komm auf den Punkt.�</p><p>�Die Digger glauben, dass das Kaol ihr Leben verl�ngert und ihre Leistungen um ein Vielfaches steigern kann�, sagte Skar rasch. �Zweifelsohne hat es bei ganz wenigen Menschen tats�chlich eine Leben verl�ngernde Wirkung und zweifelsohne steigert sich bei vielen von ihnen ihr Leistungsverm�gen - kurzfristig.�</p><p>�Auch ich habe das <emphasis>Elfte Buch </emphasis>gelesen�, unterbrach ihn Marna kalt. �Doch wenn das alles ist, was du mir anzubieten hast, werde ich wohl kaum f�nf Minuten �berstehen. Oder sollte ich vielleicht besser sagen: Du wirst sie nicht �berstehen!�</p><p>�Es ist das Kaol, Marna�, sagte Skar eindringlich. �Es nimmt den Menschen auf Dauer die W�rde, h�hlt sie aus, verwandelt viele von ihnen in unansehnliche Missgestalten - �hnlich wie eine auf Dauer t�dlich wirkende Droge. Aber das ist noch nicht alles. Ihr wart doch auch dort drau�en, hinter dem Pojoaque. Habt Ihr dort nicht die gigantischen Senken bemerkt, die Einbr�che im Berg? Das alles ist erst der Anfang. Je mehr Kaol abgebaut wird, umso schwerer wird das gesch�digt, was hinter allem steht und <emphasis>alles durchzieht.�</emphasis></p><p>�Von was redest du?�, fragte Marna ungeduldig. �Ich kenne zwar die Senken, aber ich sehe keinen Zusammenhang.�</p><p>�Von etwas, das aus Enwor nicht mehr wegzudenken ist�, sagte Skar ruhig, �und das im wahrsten Sinne des Wortes. Enwor und Es sind eins, miteinander verwoben ... es ist wie ein Geflecht, das sich in alles hineingegraben hat, alles durchzieht und alles durchdringt.�</p><p>�Nicht alles�, sagte Marna und pl�tzlich glaubte Skar eine Nervosit�t an ihr zu bemerken, die er zuvor noch nicht festgestellt hatte. �Wir haben es schon l�ngst zur�ckgedr�ngt, alter Mann. Es ist f�r uns keine Gefahr mehr.�</p><p>�M�glicherweise ist es im Moment keine Gefahr�, best�tigte Skar, �denn auch dieses ... <emphasis>Geflecht </emphasis>hat dazugelernt. Es bek�mpft uns nicht, zumindest nicht direkt - es lebt mit uns und wir mit ihm.�</p><p>�Das mag alles sein�, sagte Marna angespannt, �vielleicht ist es aber auch ganz anders - und wir verschwenden nur unsere Zeit mit nutzlosen Worten.�</p><p>�Es ist nicht anders�, widersprach Skar und dachte an die Vision, die ihn in der H�hle �berfallen hatte und <emphasis>den Kern der Dinge, umgeben vom Feuerwerk netzf�rmiger Strukturen, die sich durch alles zogen, alles unterwanderten, nichts unber�hrt lie�en, um, von einem unbekannten Trieb getrieben, immer weiter hinauszuwachsen in die Welt, bis sie auch den letzten Gegenstand, jeden Menschen und jedes beliebige andere Lebewesen in Besitz genommen hatten ...</emphasis></p><p>�Und es ist nicht allein�, f�gte er schroff hinzu. �Es gibt da noch etwas... Anderes. Etwas, das ganz �hnlich ist und ...�, er versuchte verzweifelt die Botschaft, die er nur ann�hernd verstanden hatte, in Worte zu kleiden, �das versucht das Geflecht zu unterwandern und in den Griff zu bekommen ... das <emphasis>Khta�m </emphasis>...�</p><p>�H�r auf�, unterbrach ihn Marna zornig. �Es ist nicht gut, �ber diese Dinge zu sprechen. Es ist nicht gut, �berhaupt etwas dar�ber zu wissen.�</p><p>Skar starrte sie wortlos an und einen Herzschlag lang war so etwas wie Verst�ndnis zwischen ihnen; auch er empfand es als nicht richtig, dar�ber zu sprechen, ja, nicht einmal den Namen <emphasis>Khta�m </emphasis>in den Mund zu nehmen. Aber es ging nicht um Empfindungen, sondern um das, was getan werden musste, um Enwor aus der Umklammerung einer t�dlichen Gefahr zu befreien - einer Gefahr, die m�glicherweise gr��er war als alles andere, was jemals zuvor die Welt bedroht hatte.</p><p>�Das Kaol spielt die Schl�sselrolle in diesem unwirklichen Kampf, den wir vielleicht nie verstehen werden�, fuhr Skar deshalb fort. �Das, was die Digger f�r Kaol-Vorkommen halten, sind in Wirklichkeit die... geschw�rartigen Knotenpunkte des Geflechts. Es mag sein, dass das Geflecht selbst mit daran Schuld tr�gt, dass sich die Digger �berhaupt formieren konnten. Sein Impuls immer weiter zu wachsen, brachte es dazu, Menschen direkt durch die Einnahme von Kaol kontrollieren zu wollen. Doch jetzt ist ihm dieser Prozess entglitten. Wenn zu viel Kaol abgebaut wird, sterben Ver�stelungen. Wenn Ver�stlungen sterben, wird der Zusammenhalt von allem, was das Geflecht durchzieht, beeintr�chtigt - und irgendwann, nach vielen Jahren oder auch erst nach Jahrzehnten, bilden sich pl�tzlich Erdspalten, rutschen Felsen und Gestein nach, beginnt ein Zerst�rungsprozess, der jetzt in dem Gebiet hinter dem Pojoaque begonnen hat und sich schlie�lich in ganz Enwor fortsetzen wird, bis selbst die gro�en St�dte davon betroffen sein werden ...�</p><p>�Das ist...�</p><p>�Das ist die Wahrheit�, sagte Skar rasch. �Wenn Ihr die Quorrl schlagt und zu sp�t merkt, dass Ihr mit den Diggern die falschen Verb�ndeten gesucht habt, dann wird es zu sp�t sein. Die Digger werden immer mehr und mehr Kaol abbauen, sie werden damit das Geflecht sch�digen, dieses gigantische, unbegreifliche Lebewesen, das ganz Enwor durchzieht - <emphasis>das Geflecht ist Enwor!�</emphasis></p><p>�Du �bertreibst...�</p><p>�Ich �bertreibe keinesfalls.� Skars Stimme zitterte. Ein Gef�hl eisigen, ungl�ubigen Entsetzens hatte von ihm Besitz ergriffen, dem sich offenbar auch Marna nicht vollst�ndig entziehen konnte. �Es hat sich in un�berschaubaren Ver�stlungen in alles eingegraben, ob wir das nun wahrhaben wollen oder nicht - es ist mit Pflanzen, Gestein, dem Boden, auf dem wir stehen und den Geb�uden, in denen wir leben, eine Einheit eingegangen und hat in Einzelf�llen sogar vor Menschen nicht Halt gemacht! Doch wenn es fr�her plump war in dem Versuch sich Menschen gef�gig zu machen, wenn es dicke schwarze F�den waren, die sich in sie gew�hlt haben - und meist sehr schnell t�teten -, dann hat es vor etwa dreihundert Jahren eine weitaus elegantere Methode entdeckt, um Menschen in seinen Bann zu ziehen: �ber Kaol. Das Kaol sind die Zentren dieses gewaltigen, Enwor umspannenden Netzes. Wenn es in Ma�en abgebaut wird, w�chst es nach. Doch jetzt hat das <emphasis>Khta�m </emphasis>den Prozess angeheizt und die Digger breiten sich wie eine Seuche �ber Enwor aus: Sie bauen so viel Kaol ab, dass sie das Geflecht sch�digen und auf Dauer vernichten werden. Stirbt das Geflecht, verenden seine Abermillionen Ver�stelungen - und das, was mit ihm verbunden ist, bricht in sich zusammen, zerbr�selt im wahrsten Sinne des Wortes, bis Enwor schlie�lich vollkommen in sich zusammenf�llt - und schlie�lich sterben auch wir ...�</p><p>�Du interpretierst das <emphasis>Elfte Buch </emphasis>in einer Art und Weise, die ich nicht billigen kann�, unterbrach ihn Marna schroff. �Ich verbiete dir diese Freiheit!�</p><p>�Nein, <emphasis>Skarissa.� </emphasis>Skars Stimme klang kalt wie Eis und selbst die h�fliche Wahl seiner Worte klang wie eine Herausforderung. �Ich nehme mir nicht die Freiheit zu interpretieren: Ich habe die Wahrheit gesp�rt, ich habe sie in meinem Innersten die ganze Zeit �ber gewusst - sp�testens seitdem ich an dem Fall von Ninga an Land gesp�lt wurde, vielleicht sogar schon fr�her. In den letzten Tagen habe ich sie die ganze Zeit �ber vor Augen gehabt. Aber ich habe sie gleich dir nicht sehen wollen. Erst das <emphasis>Elfte Buch </emphasis>hat mir die Augen ge�ffnet.�</p><p>�Du redest irre.� Marnas Stimme war scharf wie ein Peitschenhieb - und doch klang darin auch etwas anderes mit, Angst, Entsetzen und Wut, die jederzeit wie eine flammende Eruption aufbrechen konnten. �Es sind die Quorrl, die das Gef�ge gef�hrden. Es sind die Quorrl, die Vernichtung �ber Enwor bringen - und nicht die Digger!�</p><p>�Ihr t�uscht Euch, <emphasis>Skarissa </emphasis>Marna�, sagte Skar dumpf. Er sp�rte ihren Widerstand, die Wahrheit - auch nur ansatzweise - begreifen zu wollen. Konnte sie denn immer noch nicht sp�ren, wie Enwor starb, St�ck f�r St�ck und unaufhaltsam? War sie denn nicht willens zumindest in Erw�gung zu ziehen, dass sie und die Satai aufs falsche Pferd gesetzt hatten? �Ganz gleich, wie Euer Kampf endet�, f�gte er bitter hinzu, �Enwor wird hinterher nicht mehr sein, was es vorher war. Wenn ihr die Quorrl vernichtet, wird es der letzte Kampf sein, der je von Menschen ausgefochten wurde. Wenn aber die Quorrl gewinnen - dann werden nicht nur die Digger und unz�hlige unschuldige Menschen get�tet, sondern auch die Satai vernichtend geschlagen. Wollt Ihr das eine oder das andere?�</p><p>�Dazu wird es nicht kommen�, sagte Marna scharf. �Wir werden die Quorrl zur�ckschlagen - und SIEGEN! Wir werden die heilige Ordnung wieder aufbauen ...�</p><p>�Wann?�, preschte Skar voller Gewalt dazwischen.</p><p>�Wenn die Natur aus dem Gleichgewicht gekommen ist, wenn die Vegetation verendet, wenn unsere St�dte einst�rzen, wenn Sturmfluten gegen die K�sten anbranden?�</p><p><emphasis>�Nemesis�, </emphasis>fl�sterte Marna und einen Moment lang wirkte sie wie von einem Dutzend widerstrebender Gef�hle �berrannt. Doch dann sch�ttelte sie w�tend den Kopf. �Es ergibt keinen Sinn. �berhaupt keinen. Du willst mich wissentlich t�uschen - oder bist verblendet von Dingen, die �ber dich Macht gewonnen haben, um nicht nur dich, sondern auch uns zu verderben.�</p><p>Skar zuckte zusammen. Das Schlimme war, dass Marna in gewisser Weise sogar Recht hatte. Das <emphasis>Khta�m </emphasis>hatte versucht von ihm Besitz zu ergreifen, ihn Dinge tun zu lassen, die wider seine Natur waren; es hatte ihn dazu gebracht, die beiden Nahrak in den Schlund zu st�rzen - als er dem Grauen ganz nah gewesen war, hatte es kurzfristig, vielleicht blo� f�r ein paar Sekundenbruchteile, von ihm Besitz ergriffen. Aber irgendetwas war schief und verkehrt und stimmte nicht an diesem Gedanken und er glaubte sogar jetzt seinen Einfluss in sich einsickern zu f�hlen. Wie lange konnte er noch dagegen ank�mpfen, was immer es auch war? Wie viel war schon von dem Gift in ihn eingedrungen, das ihn selber zum Werkzeug der Vernichtung Enwors machen wollte?</p><p>�Ist die Quelle deiner unsinnig sprudelnden Worte versiegt, Skar?�, h�hnte Marna. �Hast du eingesehen, dass du mich mit deiner Verblendung nicht t�uschen kannst?� Sie machte eine rasche Handbewegung. �Gleichwohl. Bringen wir es hinter uns.�</p><p>Skar sch�ttelte verzweifelt den Kopf. Ein entsetzlicher Verdacht begann in ihm Gestalt anzunehmen - und gleichzeitig die Furcht ihn Marna nicht mehr rechtzeitig mitteilen zu k�nnen. �Das <emphasis>Khta�m </emphasis>hat sich viel Zeit gelassen, um seinen Angriff zu planen�, sagte er voller Hast und tief empfundenem Entsetzen. �Und es hat sich �berall Verb�ndete geschaffen. Ich gebe Euch den Rat: Schaut Euch genau an, mit wem Ihr in die Schlacht gegen die Quorrl zu ziehen gedenkt. Nehmt Euch einen Augenblick Zeit zu �berlegen, warum Eure Verb�ndeten sich Euch angediehen haben - und unter welchen Bedingungen. Und �berzeugt Euch davon, dass sie nicht das Zeichen der gleichen Kriegerkaste tragen wie die Quorrl, die mich und meinen Begleiter Del vor unendlichen Zeiten in der Nonakesh-W�ste angriffen und verfolgt haben.�</p><p>�Deine alten <emphasis>Heldentaten </emphasis>sollen etwas mit mir zu tun haben?�, spuckte ihm Marna voller Abscheu entgegen. �Das ist - grotesk!�</p><p>�Das <emphasis>Khta�m </emphasis>ist das, was hinter den Dingen steht�, stie� Skar erregt hervor. �Es ist der Schlund, es ist die Finsternis, es ist die Sturmflut, die das Land auszul�schen und unter sich zu begraben sucht. Aber gleichzeitig ist es wie das Geflecht - und vielleicht ist es ja Bestandteil von ihm, vielleicht ist es ja ein Bruderkampf, vielleicht ist es in Wirklichkeit nur ein anderer Bestandteil von ihm, der die endg�ltige Kontrolle zu erlangen versucht.�</p><p>Marna schnaubte. �Was soll das alles? Was hat das mit meinen Verb�ndeten zu tun?�</p><p>Ein Zittern durchlief Skar. �Die Quorrl, die mich und Del durch die W�ste hetzten und uns zu t�ten suchten, ohne dass wir einen Grund dazu gegeben hatten - sie haben das Zeichen der blauen Kriegerkaste getragen.� Seine Stimme sank zu einem Fl�stern herab, das so leise war, dass ihn Marna kaum noch verstehen konnte. �Sie waren schon damals von dem <emphasis>Khta�m </emphasis>ausersehen mich zu t�ten - um einen potenziell gef�hrlichen Gegner aus dem Weg zu r�umen. <emphasis>Quorrl der blauen Kriegerkaste.�</emphasis></p><p>�Schweig!�, donnerte Marna mit unerwarteter Energie, aber auch mit einem Entsetzen, das vielleicht - HOFFENTLICH! - bedeutete, dass sie begriffen hatte: Ihre Quorrl-Leibwache trug das Zeichen der blauen Kriegerkaste! �Deine Zeit ist um.�</p><p>Skar wollte aus dem ersten Impuls heraus widersprechen, Marna entgegenschleudern, dass es ihr nicht helfen w�rde, wenn sie die Wahrheit verleugnete, dass sie w�rde begreifen <emphasis>m�ssen, </emphasis>dass Wegschauen und Leugnen keine Strategie war, um das Unbegreifliche zu besiegen, das sich unter dem Namen <emphasis>Khta�m </emphasis>verbarg. Er wollte ihr begreiflich machen, dass sie sich dem Kampf stellen musste, solange sie noch konnte, dass es die Digger aufzuhalten galt und dass es verkehrt war, ausgerechnet die Quorrl, die nicht wie ihre eigenen Verb�ndeten vom Vernichtungswillen des <emphasis>Khta�m </emphasis>besessen waren, auszul�schen oder in ein Reservat zu stecken - all das und noch viel mehr wollte er ihr entgegenschreien ...</p><p>Aber dann begriff er. Es war irgendetwas an ihrer Haltung, das ihn an eine andere Zeit erinnerte. Als <emphasis>Hoher Satai </emphasis>hatte er sich im Angesicht unvorstellbarer Neuigkeiten nicht anders verhalten als sie jetzt. Er hatte versucht das Grauen zu begrenzen, die Zahl der Eingeweihten zu minimieren und Gespr�che, die �ber die Grenzen des Vorstellbaren gingen, nicht vor zu vielen Augen und Ohren zu f�hren - und er h�tte gar nicht anders handeln k�nnen, wenn er von Quorrl umgeben gewesen w�re, denen er von einem Schlag auf den anderen h�tte misstrauen m�ssen.</p><p>�Es ist alles erstunken und erlogen�, fuhr Marna voller Abscheu fort, die teilweise echt und teilweise gespielt sein mochte. �Es ist besch�mend zu sehen, wie ein Mann in Satai-Kleidung mir L�gen ins Gesicht schleudert, nur um sein Leben und das seiner jungen Gef�hrtin zu retten.� F�r den Bruchteil einer Sekunde hatte Skar die schreckliche Vorstellung, dass ihn Marna ohne weiteres Federlesen umbringen lassen w�rde, obwohl - oder vielleicht gerade <emphasis>weil - </emphasis>sie ihm glaubte. Aber dann gab Marna einen befehlenden Wink mit der Hand.</p><p>�F�hrt die beiden ab�, sagte sie. �Der Verr�ter soll nicht im Kleid eines Satais sterben. Gebt ihm andere Kleidung und bringt ihn dann zum Verh�r in meine Gem�cher in der Siedlung vor den H�geln - aber in Ketten.�</p><p>Skar erhob sich langsam und vorsichtig, kam aus der Hocke hoch und stand schlie�lich vor Marna, w�hrend die beiden Klingen der Satai nach wie vor auf seine Kehle und sein Herz zielten. Er h�tte alles darum gegeben, einen Blick hinter die goldene Wolfsmaske zu werfen, um festzustellen, was hinter Marnas Stirn vorging. Ihre Art gleichzeitig impulsiv und �berlegen zu handeln, verwirrte ihn und er w�re nicht in der Lage gewesen zu sagen, was Schauspiel war und was Ernst.</p><p>Vielleicht hatte er in Marna eine Verb�ndete gefunden. Vielleicht war sie aber auch der Todesengel Enwors.</p><p>Die Zukunft w�rde es erweisen.</p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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